1864_Lewald_Geschlecht.html




        
                                  Fanny Lewald
                          Von Geschlecht zu Geschlecht
                                 Erste Abteilung
                                  Der Freiherr
                                   Erstes Buch
                                 Erstes Kapitel
Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie und
die Freiherren von Arten denen sie gehörte eines der ältesten Geschlechter des
inländischen Adels Sie waren am Hofe wohlgelitten in der Provinz in welcher
ihre Besitzungen lagen geachtet und beliebt und jene ruhige Vornehmheit
welche die alten Geschlechter kennzeichnete hatte in den Freiherren von Arten
stets ihre würdigsten Vertreter gefunden
    Es war damals aber auch das goldene Zeitalter für den Adel Die
Standesunterschiede wurden in der Gesellschaft noch aufrecht erhalten und
hatten doch aufgehört eine Schranke für den Edelmann zu sein wenn er geneigt
war sich gelegentlich über dieselbe fortzusetzen Sie schützten ihn ohne ihn
zu hindern Die Vorrechte des Adels waren groß im Staate seine Pflichten und
Lasten für das Allgemeine sehr gering Der Grundbesitz war fast ausschließlich
in seinen Händen und man hatte trotzdem bereits angefangen die Güter
gewerblich zu benutzen und ihren Ertrag dadurch zu erhöhen In den
Fürstenschlössern in den RichterKollegien in der Verwaltung und im Militär
überall herrschte der Adel vor und daneben hatte er sich vielfach eine Bildung
erworben die zu besitzen er stolz war Er hatte sich den Gelehrten den
Schriftstellern den Künstlern und Dichtern genähert und befreundet da er
selbst bedeutende Menschen und schöne Talente in seinen Reihen zählte und
während man sich auf diese Art völlige Freiheit für jedes Streben und Tun zu
sichern verstand wagten die bürgerlichen Klassen es noch nicht dem Adel die
Vorrechte streitig zu machen welche er sich angeeignet hatte und nun seit
Jahrhunderten besaß
    Kamen diese Glücksgüter und Privilegien rohen Naturen in die Hände so boten
die eigene Gerichtsbarkeit und die teilweise noch zu Recht bestehende
Leibeigenschaft den Gutsherren die Mittel zu einer Tyrannei unter welcher das
Land und die Leute schwer zu leiden hatten und Selbstsucht und Willkür auf der
einen Seite erzeugten dann auf der anderen einen Hass und eine Aufsässigkeit die
um so erbitterter wurden und um so tiefer wurzelten je weniger sie sich kund zu
geben vermochten Gelangten aber wohlwollende und gebildete Edelleute zu dem
Gebrauch solcher aristokratischen Rechte und Macht so bildete sich durch ihren
vorsorglichen und mäßigen Gebrauch zwischen der Gutsherrschaft und ihren Hörigen
ein Verhältnis des Schutzes und der anhänglichen Dankbarkeit heran welches in
den Edelleuten das Gefühl einer gewissen Souverainetät entstehen ließ und ihnen
neben dem Bewusstsein ihrer großen persönlichen Freiheit eine würdevolle
Herablassung verlieh die sie beliebt und dadurch liebenswürdig machte
    Der Freiherr Franz von Arten welcher die Herrschaft Richten zu Ende der
achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert besaß war in diesem Sinne das Musterbild
eines Edelmannes Er hatte eine vortreffliche Erziehung genossen hatte viele
Jahre seiner Jugend auf Reisen zugebracht lange und mit großem Erfolge an den
verschiedenen Höfen von Europa verweilt und sich dadurch jene weltmännische
Gewandtheit zu eigen gemacht welche ihm den Anspruch gab unter seinen
Standesgenossen für einen vollkommenen Kavalier zu gelten Aber neben den
leichten gefälligen Formen hatte er wie die Richtung jener Zeit es eben mit
sich brachte sich auch eine schönwissenschaftliche und künstlerische Bildung
erworben und Schloss Richten das von seiner mäßigen Höhe weithin über das
rundum flache Land bis zu den fernen Gebirgen hinabsah zeigte in seinem Äußern
wie in seiner inneren Einrichtung dass es von einem eben so prachtliebenden als
gebildeten Edelmanne bewohnt werde
    So lange sein Vater lebte hatte der Baron sich trotz aller Vorstellungen
desselben nicht zur Ehe überreden lassen Er fühlte sich nach den Erfahrungen
welche er bei den Frauen gemacht hatte nicht geneigt seine Zufriedenheit und
seine Zukunft weiblichen Händen dauernd anzuvertrauen und erst das Ableben
seines Vaters das den Baron als den letzten Arten von der Linie Richten antraf
brachte ihm mit der Pflicht für das Fortbestehen seines Stammes zu sorgen den
Entschluss sich zu vermählen
    Der Baron war damals in der Mitte seiner vierziger Jahre und ein schöner
Mann Hätte er bis dahin weniger Erfolg bei den Frauen gehabt so würde er
vielleicht in diesem Alter noch das Verlangen gefühlt haben eine Heirat zu
schließen an welcher das Herz lebhaften Anteil genommen Er hatte aber viel
geliebt und zweifelte gar nicht daran Neigung zu erwecken wo er solche
anzuregen und zu gewinnen wünschte Er schritt daher sehr kaltblütig zu einer
Wahl und hielt sich bei derselben nicht eben lange auf
    Nächst den Freiherren von Arten waren die Grafen Berka das angesehenste
Geschlecht der Provinz Die Ahnenreihe der Herren von Arten reichte allerdings
weiter in die Vergangenheit zurück dafür hatten aber die Grafen Berka dem Lande
in dem letzten Jahrhundert einen seiner bedeutendsten Feldherren und einige
einflussreiche Staatsmänner gegeben und reich waren die Häuser eines wie das
andere Nur ein wesentlicher Unterschied waltete zwischen ihnen ob Die Grafen
Berka waren wie der ganze Adel der Provinz und wie das ganze Landvolk
protestantisch die Herren von Arten hingegen hatten in den Heeren des deutschen
Kaisers gefochten bis zum Ende des dreissigjährigen Krieges und waren Katholiken
geblieben für und für
    Indes der Adel war im Allgemeinen in jenen Tagen von denen wir erzählen
nicht ortodox und Baron Franz fand in sich kein Bedenken gegen eine Ehe mit
einer nichtkatolischen Frau Die Frauen des Berkaschen Geschlechtes waren
zudem fast alle schön es umgab sie der Ruf strengen Wandels und die Verehrung
welche sie genossen hatte ihnen jene Ruhe und Sicherheit in der äußeren
Erscheinung gegeben welche den Frauen des hohen Adels so viel anmutige
Freiheit verleiht
    Mit einer Gräfin Berka glaubte der Baron am wenigsten zu wagen Die einzige
Tochter des Hauses zeigte sich ihm nach kurzer Bewerbung geneigt die Eltern
gaben mit Freuden ihre Einwilligung noch ehe der Herbst herankam wurde die
Zeit der Hochzeit festgesetzt und der erste Nachtreif ruhte auf dem Lande als
man in Berka eines Abends den Ehevertrag des Barons mit Komtesse Angelika
unterzeichnete
    Der Baron befand sich dabei in der angenehmsten Verfassung Die
zurückhaltende Zärtlichkeit seiner Braut hatte einen eigentümlichen Reiz für
ihn die Aussicht das schöne Mädchen bald sein eigen zu nennen regte ihn
angenehm auf Er war von den mancherlei Festen hingenommen welche man zu Ehren
der Verlobten in den beiderseitigen Familien auf den verschiedenen Besitzungen
derselben veranstaltete und dazwischen beschäftigten ihn die Vorkehrungen die
er in seinem Schloss traf um es vor der Ankunft seiner jungen Gattin in einer
Weise einrichten zu lassen die ihrer und seiner Bequemlichkeit ihrem und
seinem Geschmacke genügen konnte
    Etwa vierzehn Tage vor seiner Hochzeit befand er sich eines Mittags in dem
für seine Frau bestimmten Wohnzimmer Sein Kaplan war bei ihm und sie
überlegten gemeinschaftlich ob man die beiden antiken Statuen des Amor und der
Venus welchen man neue Postamente gegeben hatte neben dem Kamine oder in den
Ecken des Zimmers aufstellen lassen solle Als der Baron sich eben für das
Letztere entschieden hatte weil Kunstwerke wenn sie neben dem Kamin stehen
die Aufmerksamkeit welche den Lebenden welche der Gesellschaft zukommt auf
sich zu lenken pflegten brachte der Diener ihm einen Brief
    Der Freiherr blickte das Schreiben an steckte es ohne es zu öffnen in die
Tasche und versetzte kurz Sag Er ich sei beschäftigt
    Dem Diener schien diese Abfertigung des Briefes nicht aufzufallen der Baron
war offenbar in seiner heiteren Stimmung gestört worden Er trat noch ein paar
Mal hieher und dorthin die Wirkung der Statuen zu beurteilen dann entließ er
die Diener welche dabei behilflich gewesen waren und ging langsam im Zimmer
auf und nieder als wolle er den Eindruck prüfen welchen es auf den Beschauer
bei einem ersten Anblicke machen würde
    Er war mit seiner Einrichtung zufrieden Die gediegene Pracht tat der
Wohnlichkeit keinen Abbruch es stimmte Alles zusammen und was die Schönheit
des Raumes noch erhöhte das war der unbegrenzte Blick in die Ferne den das
Zimmer aus seinen hohen Bogenfenstern darbot
    Der Tag war sonnig die Luft so fein dass sie dem Blicke nirgend ein
Hindernis entgegenstellte Auf dem Rasenplatze vor dem Schloss lag stellenweise
noch der weiße Reif unter welchem das Gras sommerlich grün und frisch
hervorsah Die weithin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buchsbaum die
scharf zugespitzten Obelisken und TaxusPyramiden hatten durch die späte
Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren Sie entsprachen auch
jetzt noch der architektonischen Absicht die herrschaftliche Wohnung über die
Grenze des Hauses hinaus in das Freie fortzusetzen und am Ende des Gartens
hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor majestätische Kiefern
deren braunrote Stämme wie die Pinien breite grüne Kronen trugen und
prächtige Eichen noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten
Laube
    Der Baron ging an das eine dann an das andere Fenster Er hatte Neigung
genug für seine Braut gewonnen um sich von ihrer Zufriedenheit Genuss zu
versprechen und es freute ihn seiner edlen Gattin diese Heimat bieten zu
können War es Zufall oder Absicht sein Blick fiel in den Spiegel als er sich
zurück ins Zimmer wendete und ohne daran zu denken richtete er sich dabei mit
Selbstgefühl empor
    Er war ein Mann der gefallen konnte gefallen musste Die große
breitbrüstige Gestalt entsprach dem stolzen Kopfe vollkommen Der prächtige
Haarbeutel fiel vornehm über den kräftigen Nacken auf den niedrigen Kragen des
gestickten breitschössigen Tuchrockes herab die fein gepuderten Seitenlocken
machten die Gesichtsfarbe noch brauner und frischer die dunkeln Augen noch
lebendiger aussehen und als der Baron sich nach dieser unwillkürlichen
Musterung der persönlichen Vorzüge die er seiner Erwählten darzubieten hatte
auf dem Kanapee niederließ hätte Jeder ihn in der besten Stimmung glauben
müssen der ihn weniger lange kannte weniger genau zu beobachten gewohnt war
als sein Kaplan
    Nur um einige Jahre älter als der Baron war er einst als Erzieher desselben
in das von Artensche Haus gekommen und hatte später den jungen Freiherrn als
Gouverneur auf dessen erster großer Reise begleitet Er war es denn auch
gewesen der den Geschmack des jungen Edelmannes für die schönen Wissenschaften
und für die Künste entwickelt und gepflegt hatte Was aber den gebildeten und
ehrgeizigen jungen Geistlichen später bewogen sein Leben ganz dem Dienste des
freiherrlichen Hauses zu weihen statt an irgend einem Kollegium oder in der
Kirche die Laufbahn zu verfolgen für die er sich vorbereitet hatte und welche
seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechend gewesen wäre das war eigentlich
selbst der freiherrlichen Familie ein Rätsel geblieben Indes sie hatte zu
benutzen gewusst was sich ihr dargeboten hatte Der Freiherr besaß in seinem
Kaplan neben einem sehr formvollen und gelehrten Gesellschafter zugleich einen
Bibliotekar und Archivar und die Familie von Arten hatte in ihm einen
geistigen Berater dessen Treue dessen umsichtige Verlässlichkeit sich bei den
verschiedensten Gelegenheiten eben so tröstend als klug vermittelnd und
versöhnend bewährt hatte
    Gemeinsame Jugenderinnerungen und ein langes gemeinsames Leben hatten den
Baron und den Kaplan zu Freunden gemacht so weit Herr und Diener so weit ein
auf seine Standesvorrechte stolzer Edelmann und ein auf seine Würde achtsam
haltender Geistlicher so weit ein freier Lebemann und ein Mann von
Selbstbeherrschung und von dem strengsten Lebenswandel Freunde sein konnten
    Der Baron war ein Freidenker in Bezug auf die Dogmen der Religion aber er
hatte eine lebhafte Phantasie und während er die biblischen Wunder leugnete
war er sehr geneigt nach der Weise seiner Zeit an das Wunderbare zu glauben
Der Kaplan seinerseits war ebenfalls nicht streng ortodox indes er war ein
eifriger und treuer Bekenner seiner Kirche und hielt für seine Person
unwandelbar an dem Moral und Sittengesetze derselben fest Er hatte Anfangs die
Verbindung des Barons mit einer Protestantin so weit es an ihm lag zu
verhindern gesucht Als er dann aber gesehen dass der Entschluss desselben einmal
gefasst sei hatte er sich durch die vortrefflichen Eigenschaften der jungen
Gräfin mit der Absicht des Freiherrn ausgesöhnt und zufrieden dass derselbe
überhaupt zur Ehe schreite das Weitere vertrauensvoll der Zukunft überlassen
    Wenn der Baron sich dem Geistlichen überlegen fühlte weil er sich das Recht
zuerkannte sein Leben nach seinem Ermessen zu führen und zu genießen so gaben
dem Kaplan seine makellosen Sitten und seine gründliche Gelehrsamkeit ein
moralisches Übergewicht über den Baron das um so schwerer in die Wage fiel
als ruhige Menschenbeobachtung und Welterfahrung den Geistlichen milde und
nachsichtig für fremde Schwäche gemacht hatten Da nun der Baron von weichem
Herzen war und das Gute liebte und tat sofern es ihm keine großen Opfer
kostete und da er in seinem Leben auf äußern Anstand hielt so hatte der Kaplan
unter dem Schutze seines Herrn vielfach nützlich wirken viel Gutes fördern
manches Unrecht verhindern oder vergüten können und beide waren in der Regel
mit einander auch wohl zufrieden gewesen Der Kaplan wusste viel Lobenswertes an
seinem Herrn zu würdigen der Baron rühmte sich einen verlässlichen Freund und
einen wahren Schatz an Jenem zu besitzen und eben diesen Morgen hatten sie bei
Aufstellung der Statuen wieder eine recht angenehme Stunde mitsammen zugebracht
    Auch jetzt als der Baron dem Kaplan gegenüber Platz genommen hatte sagte
er noch einmal nach den beiden Ecken des Gemaches hinblickend als habe ihn bis
dahin nichts Anderes beschäftigt
    Die beiden Figürchen behaupten sich doch überall Sie werden denke ich
meiner Frau in diesem Zimmer Vergnügen machen wenn schon ich freilich an eine
Frau nicht dachte als ich sie damals in Neapel erstand
    Gewiss sie nehmen sich hier noch besser aus als in der Bibliothek Die
halbe Lebensgröße schrumpfte in dem hohen Saale zu sehr zusammen bestätigte der
Kaplan der schon früher mehrmals vorgeschlagen hatte die Statuen aus dem
Biblioteksaale zu entfernen und hier aufzustellen
    Eine kleine Weile saßen die beiden Männer schweigend sich gegenüber Des
Barons Blicke glitten von einem Gegenstande auf den anderen selbst seine
Stellung wechselte er ungewöhnlich oft Dem Kaplan entging das nicht Er lehnte
gelassen in seinem Sessel Den Kopf auf die Hand gestützt sah er dem Spiele der
Flammen im Kamine zu es ruhig erwartend was der Baron ihm mitzuteilen haben
werde Denn dass dieser ihm eine Eröffnung zu machen gedenke davon hielt er sich
überzeugt
    Wissen Sie lieber Freund nahm der Baron denn auch mit einem Male das Wort
ich fange an mit einer Art von Vergnügen an die Ehe zu denken so schwer mir
der Entschluss dazu Anfangs auch geworden ist Ja ich habe Stunden in denen ich
es bedauern könnte mich nicht früher verheiratet zu haben
    Dieses Bedauern ist vielversprechend für die Zufriedenheit Ihrer Zukunft
gnädiger Herr versetzte der Kaplan verbindlich
    Ich glaube das selbst fuhr der Baron fort Wäre es freilich nach meinem
verstorbenen Vater und nach Ihnen gegangen so hätte ich mich schon vor zwanzig
Jahren verheiraten müssen und es mag vielleicht recht gut sein wenn man sich
in der Jugend mit aller Schwärmerei der ersten Liebe zur Ehe entschließt Sie
hat uns dann für das Opfer für das nicht hoch genug anzuschlagende Opfer
unserer Freiheit neue Genüsse und große Entzückungen zu bieten die sie uns
später wenn wir die Frauen kennen und den Wert der Ungebundenheit erst völlig
schätzen lernten nicht mehr zu gewähren hat Ein fertiger Mann befindet sich
einem jungen Mädchen gegenüber doch immer in der Lage ohne alle eigenen
Illusionen großen Illusionen entsprechen zu sollen und Sie müssen mir zugeben
dass dies seine bedenkliche Seite hat
    Der Kaplan blickte mit dem Ausdrucke einer gewissen Verwunderung den
Sprechenden an dessen Worte etwas ganz Anderes aussagten als die Einleitung
hatte vermuten lassen Der Freiherr bemerkte dies und schnell einlenkend
sprach er Trotz dieser Einsicht die sich ein Mann wie ich nicht
fortphilosophiren kann ist meine bevorstehende Gebundenheit mir erwünscht Auch
die Lust an der Freiheit an der Selbstbefriedigung erschöpft sich und ich
stelle es mir angenehm vor das Glück eines jungen Wesens zu machen das mir
vertrauensvoll sein Leben in die Hand gibt Es mag in solchem Gefühle sich das
herannahende Alter verkünden aber in der Tat ich empfinde so
    Ein kaum merkliches Lächeln in seinen Mienen widersprach jedoch dieser
Behauptung über sein alter und der Kaplan wusste zudem dass der Freiherr es
niemals ernstlich meinte wenn er desselben erwähnte ja dass er in solchen
Fällen immer auf einen Widerspruch rechnete Aber diesmal fand der Kaplan es
nicht angemessen ihm die Genugtuung eines solchen Widerspruches zu gewähren
Er bemerkte daher nur dass die junge Gräfin liebreich und liebebedürftig
erscheine dass der Baron also darauf rechnen könne für seine beabsichtigte
Hingebung durch eine schöne Zärtlichkeit belohnt zu werden und dass überdies
seine reife Erfahrung ihm neben der jungen Frau die Möglichkeit gewähren werde
dieselbe nach seinen Wünschen und Bedürfnissen zu erziehen
    Gewiss gewiss rief der Baron mit einer Ungeduld die bei dem ruhigen Gange
dieser Unterhaltung nicht berechtigt schien aber grade mit dem Erziehen ist es
ein eigenes Ding
    Er brach davon ab und sprach dann nach einer Pause mit sichtlicher
Überwindung Sie wissen dass ich nichts halb zu tun liebe Ich bin also
genötigt  er stand auf rückte ein Bild an der gegenüber liegenden Wand
zurecht und sagte darauf mit einer gewissen Heftigkeit als wollte er sich
zwingen es auszusprechen Ich muss den Handel in Rotenfeld zu Ende bringen
Pauline muss fort
    Es war ihm lieb dies ausgesprochen zu haben es kam ihm damit festgestellt
und also halb geschehen vor Er nahm eine Prise aus der goldenen Dose auf
welcher das Bild seiner Braut gemalt war und bot sie darauf dem Kaplan dar
    Dieser griff behutsam hinein und während er den feinen Taback mit
gespitzten Fingern langsam zur Nase führte sagte er den Kopf beim Schnupfen
senkend dass er den Freiherrn nicht anzublicken brauchte Das wird allerdings
eben so unerlässlich als zweckmäßige sein Er säuberte darauf leichthin das
schwarze eng anliegende Gewand von dem Taback der etwa darauf verschüttet sein
konnte knipste mit den feinen Fingern die paar Körnchen hinunter welche auf
dem seidenen Beinkleide liegen geblieben waren und sah mit seinem klaren
ernsten Auge dem Freiherrn nach der im Zimmer hin und wieder ging
    Seit vollen sechs Jahren war der Name Pauline zum ersten Male zwischen ihnen
genannt worden und es dünkte dem Baron als sei er durch das bloße Aussprechen
dieses Namens dem alten Freunde näher gebracht als seit langer Zeit denn ein
Lebensgenosse dem wir geflissentlich vorenthalten was uns beschäftigt rückt
uns in demselben Grade fern und ferner in welchem der Gegenstand unserer
verborgenen Teilnahme uns näher tritt
    Weil der Baron aber die ihm peinliche Mitteilung baldmöglichst abgetan zu
haben wünschte sagte er So verschieden unsere Ansichten in Manchem und eben
auch in diesen Dingen sind so werden Sie mir doch zugeben müssen mein Freund
dass über dem Menschen eine Unfreiheit liegt gegen die er  mögen Sie dieselbe
Geschick Schicksal Verhängnis Vorsehung oder wie Sie immer wollen nennen 
ohnmächtig ist Das macht es mir so entmutigend in die Vergangenheit
zurückzublicken Unser Wollen und unser Vollbringen decken sich so selten
unsere Absichten und unsere Taten entsprechen einander oftmals so wenig Und
dabei bilden fremdes Empfinden und der Zufall noch so unabweisliche Faktoren in
jedem Menschenleben dass man oft fragen möchte Was war Tat und was Erleiden
Was war Schicksal und was freier Wille Wo endet das Verdienst wo beginnt die
Schuld Wo haben wir zu sühnen wo uns selber zu bewahren Denn die Moral
welche Kirche und Staat als Kanon aufstellen kann nur äußere Entscheidungen und
Entschlüsse hervorrufen den inneren Zwiespalt lösen ihre Gesetze nicht
    Mich dünkt aber hob der Kaplan an welcher dem Baron bis dahin mit
Achtsamkeit gefolgt war und der den Seelenzustand desselben deutlich übersah 
mich dünkt aber der Fall dessen Sie gedenken ist nichts weniger als
verwickelt wenn schon er 
    Und wieder ließ der Baron ihn nicht vollenden Urteilen Sie nicht lieber
Freund und vor Allem verdammen Sie nicht ehe Sie nicht die Reihe von
besonderen Tatsachen und die einander widerstrebenden Empfindungen kennen die
hier mitwirken und mich peinigen sprach er jede Einwendung des Geistlichen im
Voraus abwehrend Denn bedrängt wie er sich fühlte wünschte er doch Herr des
Gespräches zu bleiben und mit seinem Vertrauen vorzugehen oder einzuhalten wie
es ihm im Augenblicke passend scheinen würde Es war auf eine
Herzenserleichterung und allenfalls auf Beistand nicht auf eine Selbstanklage
oder eine Ermahnung von ihm abgesehen welche der Kaplan in früheren Jahren als
der Baron sich noch bisweilen zu den kirchlichen Zeremonien entschlossen ihm
nicht erspart hatte
    An und für sich als nackte Tatsache betrachtet fuhr der Baron mit
absichtlich zur Schau getragener Leichtigkeit fort ist die Sache im Grunde der
einfachsten eine Der unverheiratete Gutsherr hat die Tochter seines Jägers
hat ein Mädchen von seinen Gütern zur Geliebten gehabt und denkt dasselbe
aufzugeben es abzufinden weil er sich verheiraten will verheiraten muss Das
kommt wie Sie mein Freund es von Ihrem Standpunkte aus auch tadeln mögen
doch alle Tage vor und ist etwas so Gewöhnliches dass es in der Tat kaum die
Rede darüber wert wäre Und doch  können Sie es Sich denken habe ich mir den
Entschluss zu meiner Heirat förmlich abringen müssen Doch habe ich es auch noch
bis heute wo meine Hochzeit vor der Türe steht nicht über mich gewinnen
können dem armen Geschöpfe zu sagen Nimm dein Kind und geh  Abrahams
Handlungsweise gegen Hagar ist mir stets als eine rohe Grausamkeit erschienen
    Der Kaplan ließ eine kleine Weile in Schweigen verstreichen dann versetzte
er bestimmt und gemessen wie immer Ich kann mir wohl vorstellen wie eben Sie
Sich schwer zu einem solchen Schritte entschließen können Hier aber wo ein
beklagenswertes Ereignis unabänderlich feststeht wo eine zwingende
Notwendigkeit zur Entscheidung drängt gilt es allein um jeden Preis ein neues
und größeres Übel zu verhüten Mich dünkt Herr Baron Sie haben gar keine Wahl
in diesem Augenblicke
    Keine Wahl Wie meinen Sie das fragte der Freiherr mit jener halben
Zerstreutheit der Vornehmen die selten achtsame Zuhörer sind und mit ihren
Gedanken umherzuschweifen beginnen sobald sie selbst nicht sprechen Keine
Wahl Wie meinen Sie das
    Ich meine dass Ihre Verheiratung für Sie eine Notwendigkeit geworden ist
Ihre Wahl ist eine in jedem Betrachte glückliche und vortreffliche zu nennen
Die künftige Frau Baronin hat neben ihren anderen seltenen Vorzügen ein weiches
Herz und eine schöne reine Seele Sie hat für diese eine eben so reine
Lebensatmosphäre zu verlangen und Paulinens Nähe würde diese ohne alle Frage
bald beeinträchtigen Ganz abgesehen davon dass für den verheirateten Mann 
    Ich weiß das ich weiß das Ich habe mir das alles längst und selbst gesagt
rief der Baron mit schnell erwachter Ungeduld lebhaft aus Sie sehen ja auch
mein Entschluss steht fest Ich habe im Leben ähnliche Händel ich habe tiefere
Herzensverbindungen sonst auch mit raschem Entschlusse mit fester Hand
zerrissen und mich damit beruhigt dass Selbsterhaltung eine gebietende Pflicht
und jeder Mann in der Lage sei für sein Wohlbefinden selbst zu sorgen Ja ich
bekenne Ihnen ich finde es eigentlich eine unbegreifliche Schwäche von mir dass
es mir so widerstrebt das Natürliche das Sittlichgebotene zu tun und wenn
ich mein innerstes Herz befrage so ist es außer der wirklichen Zuneigung
welche ich für das Mädchen und für den Knaben hege eine Art von Aberglauben
der mich an Paulinen festhalten eine unheimliche Ahnung die mich zögern macht
die Arme von hier fortzuschicken
    Diesen letzten Einflüssen Herr Baron hätte ich Sie in der Tat nicht mehr
und am wenigsten in diesem Falle unterworfen geglaubt bemerkte der Kaplan mit
vieldeutigem Lächeln
    Der Baron beachtete das kaum er hing schweigend seinen Gedanken nach Ich
habe sie einst als ein Pfand des Glückes angesehen habe im Geiste meinen Stern
an den ihrigen geknüpft als sie noch ein hilflos Kind gewesen ist sagte er
nach einer Pause gleichsam in sich selbst hineinredend und fuhr er dann nach
einem neuen kurzen Schweigen lebhafter fort Sie können sich in der Tat nicht
denken lieber Freund in welcher Verfassung ich nach meinem zweiten Aufenthalte
in Dresden in die Heimat zurückkehrte Die traurige Angelegenheit mit der
Gräfin das unglückliche Duell mit ihrem Manne lagen mir auf der Seele Mein
Herz war verzagt mein Sinn beschwert mein Ehrgefühl durch den herzlosen
Leichtsinn der Gräfin die mich über dem Sarge ihres Gatten einem jungen Laffen
aufopferte empfindlich gekränkt Ich glaubte der großen Welt der Höfe der
Frauen müde zu sein Ich fühlte einen Widerwillen gegen die Unnatur aller der
Verhältnisse die wir uns als Konvenienzen auferlegen und als ich von der Höhe
der Berge Schloss Richten erblickte als ich so einsam dahinfuhr und die Bäche
rieseln die Halme sich im Morgenwinde wiegen sah als die Bäume unserer Wälder
mir ihren Schatten spendeten und ihren Willkomm zuflüsterten da erwachte in mir
eine nie gefühlte Freude an der Natur und ich gelobte mich in der Stille meines
Herzens ihr und ihren einfachen Freuden und Pflichten an Es war eine Stunde
deren ich mich lebenslang als einer schönen feierlichen erinnern werde
    Und doch war gerade jener Zeitpunkt einer der traurigsten für diese Gegend
wendete der Geistliche ein Wenigstens haben Alle die ihn hier durchlebten ihn
schwer genug empfunden Die Berichte welche man der verstorbenen Frau Baronin
nach Italien sandte klangen obschon man gewiss sich in denselben vorsichtig
geäußert hatte untröstlich genug
    Mir in meiner Stimmung entgegnete der Baron kam das allgemeine Unglück nur
wie ein Mahnruf für mich selber vor Die Seuche welche die Provinz heimsuchte
hatte auch bei uns große Verheerungen angerichtet Ganze Familien waren dem
Typhus erlegen ganze Häuser ausgestorben und leer Selbst in unserm Hause fand
ich fast ein neues Dienstpersonal vor und gerade am Tage meiner Ankunft war die
Frau meines Jägers ihrem Manne in das Grab gefolgt
    Sie war wie man uns bei unserer Rückkehr sagte die letzte Person welche
im Schloss starb bemerkte der Kaplan
    Sie war überhaupt die letzte Person die auf unseren Gütern starb
bestätigte der Baron und tief aufatmend fügte er hinzu Und eben daran knüpft
sich für mich das Verhängnissvolle  Er blieb stehen setzte sich dann wieder
vor dem Kamine nieder und sagte Sie waren mit meiner Mutter und Schwester
abwesend und mein Vater nicht geneigt sich irgendwie auszusetzen Die Angst
vor der Ansteckung war also maßlos geworden als ich nach Hause kam Man hatte
in der letzten Woche Not gehabt die Leichen unter die Erde zu bringen oder
den Kranken auch nur die notdürftigste Pflege und Wartung zu verschaffen Als
die Frau des Jägers nun auch gestorben war wollte mein Vater das ebenfalls
erkrankte Kind derselben nicht mehr im Hause leiden und überall weigerte man
sich das kleine kranke Geschöpf aufzunehmen In einer Stimmung wie die meine
damals war und mit siebenundzwanzig Jahren schlägt man das Leben nicht eben
hoch an Es fiel mir also nicht sonderlich schwer ein gutes Beispiel zu geben
Trotz aller Bitten und Warnungen meines Vaters half ich die Frau bestatten fuhr
ich selbst das kranke Kind dem der Arzt das Leben abgesprochen hatte zu meiner
Amme die damals noch eine rüstige unverzagte Frau war und sich mir zu Liebe
seiner Pflege zu unterziehen versprach
    Der Baron hielt einen Augenblick inne dann sagte er an seinen früheren
Ausspruch anknüpfend Diese Tat war Freiheit was ihr folgte möchte ich
Verhängnis nennen Denn als ich mit dem kranken Kinde durch den Wald fuhr und es
so elend in seinen Kissen auf dem Rücksitze des Wagens vor mir liegen sah schoss
mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf wenn das Kind wider alles Erwarten
genese wenn es mir die tödtliche Krankheit nicht übertrage so solle mir das
ein Zeichen sein dass mir noch Freude und Wirksamkeit hienieden bestimmt sei
und wie ein Pfand meines Glückes wolle ich dann die Kleine ansehen und in meiner
Nähe behalten
    Der Baron hatte das alles in eigenem Rückerinnern gesprochen Jetzt blickte
er dem Kaplan fest ins Auge als wolle er dessen innerste Meinung erforschen
ohne dass er um dieselbe zu fragen oder sie anzuhören brauchte und sagte Ich
weiß was Sie über solch ein Würfelspielen mit dem Zufalle denken Sie nennen es
unchristlich ich nenne es töricht und doch übte es damals übt es noch in
dieser Stunde seinen Einfluss auf mich aus  Um des Beispiels willen so sagte
ich mir damals in der Tat jedoch mehr um mein Schicksal zu erproben fuhr ich
im Laufe der nächsten Woche häufiger nach Rotenfeld hinüber um nach dem Kinde
zu sehen Was der Mensch aber zu beobachten anfängt darauf richtet er seine
Neigung und hatte ich doch ohnehin meine eigene Zukunft in meiner Phantasie an
dieses Kind geknüpft Ich sorgte mich um dasselbe sein Ergehen beschäftigte
mich lebhafter als ich es für möglich gehalten hätte ja ich empfand eine große
Freude und Beruhigung als die Kleine sich zu erholen begann und endlich
vollständig genas Ich glaubte von jenem Zeitpunkte ab wieder an die Zukunft
ich hoffte für mich wieder etwas von der Zukunft
    Ihre Teilnahme an dem Kinde hatte als wir von Venedig heimkehrten für die
verstorbene Frau Baronin und auch für mich allerdings etwas Auffallendes Wir
wussten uns Ihr Verhalten nicht zu enträtseln und fanden Sie überhaupt ganz
ungemein verändert Indes die Mitteilungen welche Sie mir eben zu machen
belieben erklären mir jene Teilnahme wie jene Veränderung bemerkte der
Kaplan der immer nur dann sich in die Rede des Freiherrn mischte wenn er
befürchtete dass sie ins Stocken geraten und die Angelegenheit um welche es
sich handelte dadurch nicht zu ihrem Ende geführt werden möchte
    Die Wandlung in meinem Wesen war natürlich genug meinte der Baron Der
Wechsel der Umgebungen und der Zustände war für mich sehr grell gewesen In
Dresden ein Leben des Genusses welches mir das Herz zerrissen hier Not und
Elend an denen ich mich aufgerichtet hatte Nun kamen Sie mit meiner Mutter von
dem Sterbebette meiner Schwester aus Venedig heim 
    Ja fiel der Kaplan ihm mit einer Weise in die Rede als wünsche er bei
dieser Erinnerung nicht zu verweilen der Verlust welchen die Frau Baronin
welchen das Haus erlitten hatte machte dieselbe nur geneigter sich der
Unglücklichen auf den Gütern anzunehmen Das kam Ihrem Schützlinge damals sehr
zu Statten
    Gewiss Auch verlor ich Pauline so lange meine Mutter lebte mehr und mehr
aus den Augen sprach der Baron der sich von dem Kaplan schnell wieder zu
seiner Erzählung zurückgeführt fand Mein Sinn hatte sich allmählich erheitert
ich überließ mich wieder den Neigungen meines damaligen Alters Ich wechselte
öfter den Aufenthalt und wenn ich dazwischen die Kleine einmal wiedersah so
freute ich mich ihres Gedeihens sah mit Vergnügen wie hübsch sie sei und ließ
mir von meiner Mutter und von der alten Margarete erzählen dass das Kind mich
wie seinen Herrgott verehre und liebe während ich selbst es nicht vergessen
konnte dass ich es einst als Glückspfand betrachtet hatte  Jahre gingen so
hin Man schickte Pauline in die Schule in der freilich wenig genug zu lernen
war aber sie ließ sich gut an und als man sie dann nach dem Tode meiner Mutter
confirmirte  ich lebte eben wieder im Auslande  fragte man mich ob man sie
jetzt in fremde Dienste tun oder versuchen solle sie im Schloss unter die
Dienstboten einzureihen Um der Anfragen ledig zu werden bestimmte ich dass sie
bei Margarete bleiben solle und vor der Wohnung meiner Amme unter ihrer Türe
sitzend sah ich Pauline eines Abends zum ersten Male wieder als ich nach
längerer Abwesenheit von Hause einmal nach Rotenfeld hinüberritt meine Amme zu
besuchen Mein Vetter Waldern begleitete mich auf diesem Ritte Mich erblicken
auf mich zustürzen meine Hände küssen war für Pauline sobald ich vom Pferde
gestiegen das Werk eines Augenblickes Es überraschte mich sie so erwachsen zu
sehen wie meinen Vetter der ganze Vorgang überraschte Um ihn aufzuklären
sagte ich dass ich das Mädchen hätte erziehen lassen Für sich fragte er
lächelnd und ich ließ die Frage unbeachtet weil sie mir zuwider war
Gutsherrliche Liebschaften waren niemals mein Geschmack und meine Sinne haben
mich nie beherrscht ohne die Mitwirkung meines Herzens Trotzdem aber wurde ich
das Bild des schönen Geschöpfes das in seiner feurigen Dankbarkeit mir nur noch
reizender erschien nicht wieder los und ich musste mir bald sagen dass es so
gar leicht für mich sei es zu besitzen um mich in dem Vorsatze das Mädchen zu
meiden aufrecht zu erhalten Hätte Paulinens Zuneigung sie mir nicht immer
wieder in den Weg geführt ich würde meinem Vorsatze treu geblieben sein
    Der Kaplan wurde von dieser Äußerung betroffen Der Baron musste sehr
erregt sehr erschüttert sein dass er sich vor sich selbst in solcher Weise zu
rechtfertigen suchte dass er es nicht fühlte wie nahe es an das Gebiet des
Komischen grenzte wenn er der erfahrene herzenskundige Lebemann es
unternahm sich halbwegs als durch die Liebe eines Kindes verleitet
darzustellen Er mochte wohl auch etwas von dieser Verwunderung in den Mienen
des Kaplans bemerken denn er brach plötzlich ab und sagte dann Was soll ich
Ihnen erzählen wie ein unerwartetes Begegnen in einsamer Stunde einmal meine
Sinne anfachte wie des Mädchens Hingebung es mir in die Arme warf
    Er erhob sich nach diesen Worten und begann wieder im Zimmer umherzugehen
Dem Genuße folgte die Reue auf dem Fuße sagte er kurz und schnell als wolle
er bald beenden was ihm zu erzählen noch übrig blieb Das Mädchen war mein
Schützling gewesen ich konnte das nicht vergessen Unzufrieden mit mir selbst
dachte ich dem Handel keine weitere Folge zu geben Ich hatte fest beschlossen
Pauline sogleich zu entfernen und suchte nur nach einem Orte nach dem ich sie
schaffen oder nach einem Manne ihres Standes mit dem ich sie verheiraten und
von welchem ich eine gute Behandlung des armen Geschöpfes erwarten konnte denn
ich wollte ihr in jedem Falle ein möglichst gutes Loos bereiten Aber die
Leidenschaft des Mädchens hatte etwas Dämonisches Sie hing sich mit einer
Gewalt der Liebe an mich die ich in ihrem Alter und in ihrem Stande nicht für
möglich gehalten hätte Wie an meine Schritte gebannt folgte sie mir mit einer
Art von Instinkt Sie schien meine Gedanken meine Absichten im Voraus zu
erraten wohin ich kam fand ich sie wo ich sie nicht vermuten konnte
erschien sie plötzlich Sie wurde mir eine Art von psychologischem Rätsel Wir
wissen ja so wenig von der verborgenen Macht welche die Wesen aneinander
kettet Ich konnte mich der Vorstellung nicht erwehren dass ein geheimnisvoller
Zusammenhang dieses Mädchen mir verbinde aus Mitleid aus einer
menschenfreundlichen Grille und ich mag mich Ihnen nicht besser darstellen als
ich bin aus Genusssucht endlich behielt ich sie
    Ich verbot ihr jedoch mir zu folgen oder jemals nach Richten zu kommen ich
versprach sie aufzusuchen Ihre Freude war groß ihr Gehorsam unbedingt und
bald war mir das Idyll bald war sie selbst mir in das Herz gewachsen Ich
unterhielt mich damit ihren Verstand zu entwickeln ich wollte sehen was
Erziehung aus einem Naturkinde zu machen vermöge Ich wollte einmal eine
ungekünstelte ungeheuchelte Liebe genießen mich an der reinen einfachen Natur
erfreuen Ich wies den neuen und tüchtigen Schullehrer an ihren früh
abgebrochenen Unterricht wieder aufzunehmen Paulinens Wissbegier durch das
Verlangen mir näher zu rücken gesteigert war so unermüdlich als ihr Fleiß
Ihre Fortschritte überraschten mich Neben den geistreichsten Frauen hat mich
oftmals das Gefühl einer Ermüdung beschlichen neben Pauline habe ich das nie
empfunden Ihre Ursprünglichkeit machte sie mir immer reizend sie ist durchaus
eigenartig Ich habe viel Freude an ihr gehabt
    Der Kaplan hatte durch sein Schweigen dem Freiherrn die Genugtuung vollen
Aussprechens gewähren wollen um danach zu berechnen was geschehen müsse ein
getanes Unrecht möglichst zu sühnen und neue weiter fortgeführte Sünde zu
verhüten Nun da der Baron anfing sich in die Erinnerungen zu versenken
welche ihn an Pauline fesselten dünkte es dem Geistlichen an der Zeit diesen
Erinnerungen ein Ziel zu stecken und er fragte plötzlich nach Paulinens Alter
    Sie war siebenzehn Jahre als ich sie einrichtete und neunzehn als sie den
Knaben gebar der nun im sechsten Jahre steht antwortete er Die Frage des
Kaplans hatte den Baron aber unbehaglich aufgeschreckt er setzte seinen Weg
durch das Zimmer eine Weile lautlos fort
    Auch an dem Knaben hänge ich sagte er dann mit einem Male Er erschreckt
mich oft durch seine Ähnlichkeit mit meinem Vater und mit mir Dazu ist er an
meinem Geburtstage wie Pauline an dem Geburtstage meiner Mutter geboren deren
Namen sie ja auch trägt fügte er mit unverkennbarer Zärtlichkeit hinzu
    Und weiß sie es bereits dass Sie sie entfernen wollen entfernen müssen
fragte der Kaplan um den Baron von der Betrachtung dessen abzulenken was er
als das Dämonische anzusehen liebte
    Ja sie weiß es Als sie durch mich zuerst von meiner bevorstehenden
Verheiratung erfuhr nahm sie die Nachricht mit anscheinender Fassung auf und
weil ich sie verständig zu finden wünschte hoffte ich dass sie es sei und dass
sie mir keine Schwierigkeiten bereiten würde Ich belobte sie ich sagte ihr
dass sie mir eine Beruhigung gewähre mir einen Beistand leiste dass ihre Zukunft
mir sehr am Herzen liege dass ich für den Knaben in jedem Betrachte sorgen
würde und ich verließ sie sehr zufrieden sie so fügsam gefunden zu haben Ja
ich war ihr dankbar recht eigentlich dankbar dafür dass sie mir erleichterte
was mir selber so schwer fiel Ich hatte aber nicht berechnet dass sie nicht
über den Augenblick hinaus zu denken pflegte wenn ich bei ihr war
    Der Baron wollte die ihn drückende Angelegenheit gern wie ein Geschäft
behandeln und zum Abschluss bringen Aber wie sehr er sich auch dazu zwang der
Zwiespalt zwischen seiner Vernunft und seiner Empfindung zwischen seinen
Absichten und seinem Gewissen verriet sich immerfort und er hatte Pauline
vielleicht nie zärtlicher im Herzen getragen als in dieser Stunde in der er
sich für immer von ihr loszumachen strebte
    Paulinens Knabe ist natürlich protestantisch wie die Mutter bemerkte der
Kaplan der den Baron bei den Tatsachen festzuhalten wünschte und der es damit
verriet dass er von den Vorgängen in Rotenfeld wohl unterrichtet sei
    Ja sprach der Baron aber ich bekenne Ihnen ehrlich ich wünschte dass es
anders wäre denn der Katholizismus kommt mit seinen Lehren dem Bedürfnisse der
Schwachen der Leidenden doch weit mehr ich möchte sagen sichtbarer fassbarer
zu Hilfe als der Protestantismus es tut Und auch hier trage ich eine Schuld
Es hätte mich nur ein Wort gekostet den Knaben unserer Kirche zu übergeben
aber die Mutter würde ohne Zweifel dem Kinde dann nachgefolgt sein Ich habe
dies zu tun versäumt und jetzt gäbe ich doch viel darum wenn die arme Pauline
unserer Kirche angehörte
    Ist sie denn überhaupt eine religiöse Natur fragte der Geistliche
    Sie war es ganz unstreitig Indes die zelotische Strenge des Neudorfer
Pfarrers hatte sie so beängstigt dass ich sie um sie zu beruhigen nur leider
von der Kirche entwöhnen musste Das ist jetzt in der Tat ein großes Unglück für
sie und für mich Wenn Pauline Katolikin wäre wenn sie einer Kirche
vertrauensvoll angehörte wenn sie sich aussprechen beichten Rat und Trost
finden ja selbst büßen könnte so würde das in diesem Augenblicke eine
Wohltat es würde die größte Hilfe es würde eine Rettung für sie sein  Und
ihr zu helfen mir zu helfen das ist es was ich jetzt von Ihnen zu fordern
genötigt bin mein alter Freund schloss der Baron im Tone bittender
Herzlichkeit
    Der Kaplan zögerte zu antworten er ging offenbar mit sich zu Rate Und was
verlangen Sie von mir Was wünschen Sie dass ich für Pauline tue fragte er
danach
    Gehen Sie zu ihr mein Freund Zeigen Sie ihr dass Sie Alles wissen suchen
Sie ihr Vertrauen zu gewinnen Seit die alte Margarete tot ist hat sie
Niemand mehr gehabt der Teil an ihr genommen hat sagte der Freiherr Der
Vorzug den ich ihr einräumte  Sie kennen ja die Menschen  machte sie
unbeliebt Man missgönnte ihr denselben von der einen Seite und warf von der
anderen den Stein auf sie Man misstraute ihr und beneidete sie Sie war also
mehr als gut ist auf mich allein angewiesen Stellen Sie ihr die Dinge vor wie
sie liegen Machen Sie ihr meine und ihre Lage klar Was Sie ihr sagen wird
uneigennütziger milder scheinen als meine Vorstellungen und wird darum
eindringlicher wirken Sagen Sie ihr dass sie schon um ihrem Knaben eine gute
Zukunft zu bereiten sich früh mit ihm von hier entfernen müsse Mit einem
Worte bester Freund er ging auf den Kaplan zu ergriff seine Hände und sagte
mit einer Bewegung die er nicht mehr bemeistern konnte Ich kenne Ihre
Grundsätze aber ich kenne auch Ihre Anhänglichkeit Ihre Freundschaft für mich
Ich habe Ihre Gewandtheit und Rechtlichkeit vielfach schätzen zu lernen Ursache
gehabt und hier handelt es sich nicht einzig und allein um mich Ein armes
unglückliches Weib hat Ihren erbarmungsvollen Beistand nötig und Pauline liegt
mir mehr am Herzen als mir lieb ist Beruhigen Sie sie um meiner Ruhe willen 
Und vor allen Dingen machen Sie dass sie sich entfernt denn ich bin das zu tun
nicht im Stande  und fort muss sie
    Er wandte sich danach schnell ab verließ das Zimmer und der Kaplan blieb
allein zurück
    Er sah dem Freiherrn gedankenvoll nach Immer der Alte sagte er endlich
indem er eine Prise nahm seinem Herzen wie seinen Sinnen und seinen Phantasmen
untertan Eben so leicht geneigt sich die Zügel schießen zu lassen als sich
dessen anzuklagen und sich davon freizusprechen Wann wird die Stunde endlich
für ihn schlagen
    Er blieb wie in Gedanken vor den Bildern stehen welche die Hauptwand des
Zimmers schmückten Sie stellten die Eltern und die verstorbene Schwester des
Freiherrn vor Er betrachtete das Portrait der Letzteren lange und liebevoll
    Nur Etwas von ihrem klaren festen Sinne und welch ein Anderer wäre auch er
geworden rief er aus Dann entfernte er sich ebenfalls und nur die hellen
Sonnenstrahlen belebten das schöne würdige Gemach
    
 
                                Zweites Kapitel
Noch an demselben Abende ließ der Kaplan sich den kleinen Wagen anspannen der
ihm seit langen Jahren zu seinem Privatgebrauche überwiesen worden war und fuhr
nach dem fast eine Stunde entlegenen Dorfe Rotenfeld hinüber die Geliebte des
Freiherrn aufzusuchen
    Vor dem Dorfe stieg er aus Er wollte den Wagen nicht vor Paulinens Tür
stehen lassen Das kleine Haus lag am Eingange des Dorfes Es hatte seit
Pauline die Geliebte des Barons geworden war einige Veränderungen erhalten die
es so gering dieselben auch waren doch vorteilhaft von den andern Häusern des
Dorfes unterschieden Es war sauber getüncht die Fenster höher ausgebrochen
hatte grüne Läden vor denselben und ein Gärtchen in welchem noch einzelne
Stockrosen farbig über ihre bereits braun gewordenen Blätter emporragten Auch
noch jetzt im Herbste und trotz des vielen abgefallenen Laubes verriet es eine
liebevolle Pflege
    Die Haustüre stand offen der kleine Vorplatz war sauber mit Sand bestreut
das Feuer auf dem Heerde brannte hell Es beleuchtete die Reihen weiß und blauer
FayenceTeller und blanker Zinngerätschaften auf dem Simse und in den Borden
Eine ganz junge Magd spann bei seinem Scheine Als der Schritt des Kaplans auf
dem knisternden Sande der Schwelle hörbar wurde öffnete sich die Stubentüre
und Pauline kam heraus Aber kaum hatte sie den Geistlichen erkannt so trat sie
erschreckend zurück und mit einer Miene in der sich ihre Enttäuschung
aussprach sagte sie Herr Kaplan Sie sind es Herr Kaplan Sie hier Sie fasste
sich jedoch schnell und nötigte ihn mit feiner Handbewegung zum Eintritt
    Das Zimmer war bescheiden und freundlich wie das Haus Ein Kanapé mit grünem
Rasch überzogen ein Lehnstuhl daneben Tische Stühle und Schränke von
Nussbaumholz mit weitgeschweiften Füßen und ein kleiner Spiegel in zinnernem
vielgeschnörkeltem Rahmen gaben ihm eine hübsche Behaglichkeit Auf dem Tische
stand sauberes Kaffeegerät neben dem Nähkästchen von welchem die Arbeit
niedergeglitten war Trockene Eicheln und Kastanien in Häufchen gesondert
bedeckten den andern Teil des Tisches Sie machten das Spielzeug des Knaben
aus der auf einem Stuhle knieend den ungewohnten Gast mit neugierigen Blicken
betrachtete
    Sie hier Hochwürden wiederholte Pauline Was ist dem gnädigen Herrn
zugestoßen
    Sie erwarteten also den Herrn Baron fragte der Geistliche und ließ sich auf
den großen Lehnstuhl nieder den sie ihm trotz ihrer Verwirrung mit guter Manier
angeboten hatte
    Ich dachte  ich hatte heute Morgen an den gnädigen Herrn geschrieben  und
ich hoffte also immer noch  sprach sie unentschlossen was sie sagen solle
und sich deshalb selbst fortwährend unterbrechend Dann nahm sie sich plötzlich
zusammen und sagte sehr bestimmt Hochwürden was ich hören soll das sagen Sie
mir gleich und grade heraus Sie sind zu mir nicht bloß von ungefähr gekommen
    Sie hob dabei den Knaben vom Stuhle herunter und hieß ihn in die Küche zu
dem Mädchen gehen Als er sich entfernt hatte setzte sie sich vor ihre Arbeit
hin die Hände auf den Tisch gelegt und offenbar auf eine schwere Mitteilung
gefasst
    Der Kaplan hatte sie nicht in der Nähe gesehen und nicht gesprochen seit
sie nicht mehr nach Richten und in das Schloss gekommen war Er fand sie daher in
jedem Betrachte verändert Sie hatte die Kleidung der Landleute abgelegt und
trug sich wie die städtischen Frauen bürgerlichen Standes Das enganliegende
Leibchen des grossblumigen Kattunrockes das weiße Busentuch das Nacken und
Kehle freiliess die kleine Dormeusenhaube die ihr auf dem Hinterkopfe sitzend
die Fülle ihres braunen Haares nicht zu fassen vermochte kleideten sie
vortrefflich Sie war wirklich schön zu nennen ihre Züge waren rein und sehr
weiblich nur die kleine Stirn mit den nahe zusammengewachsenen und
scharfgezeichneten Brauen gab dem Kopfe etwas Finsteres und Hartes und erklärte
dem Kaplan die Gewalt welche Pauline über den Baron besaß und die
geheimnisvolle Macht durch die er sich an das Mädchen gebunden glaubte
    Der Kaplan hatte es sich auf der Fahrt nach Rotenfeld ruhig zurecht gelegt
was er ihr sagen und wie er sie behandeln wolle aber wie es auch den
Gescheutesten manchmal zu begegnen pflegt dass sie ihr einstiges Wissen und ihre
Vorstellungen von den Personen festhalten wenn diese längst nicht mehr
dieselben sind so hatte er trotz seiner sonstigen Lebensklugheit es außer Acht
gelassen dass er die jetzige Pauline gar nicht kannte dass der natürliche
Verlauf der Zeit dass der langjährige vertraute Umgang mit dem Freiherrn sie
verändert haben mussten Als er sie denn jetzt plötzlich vor sich sah fand er
dass Alles was er ihr vorzuhalten beabsichtigt hatte für sie und ihren
gegenwärtigen Zustand nicht mehr passte Es war ihm daher recht erwünscht dass
ihre lebhafte Besorgnis ihm die Mühe ersparte sie auf seine Mitteilungen
vorzubereiten und dass sie ihn ohne sein Zutun als den Boten übler Kunde ansah
    Ich komme allerdings nicht zufällig hieher sagte er aber dem Herrn Baron
ist kein Unglück zugestoßen Er befindet sich wohl und wird morgen in aller
Frühe auf einige Tage nach der Stadt reisen jedoch noch einmal hieher
zurückkommen
    Das war immer sein Vornehmen versetzte sie und weil ich das wusste schrieb
ich eben heute  Beide sprachen dabei das Wort von der Vermählung des Barons
geflissentlich nicht aus
    Was machte Sie also eine üble Nachricht vermuten als ich kam fragte der
Kaplan
    Sie sah ihn mit raschem Blicke forschend an als wolle sie erspähen was sie
etwa von ihm zu erwarten habe dann zuckte sie leise mit den Schultern und
meinte seufzend Sie werden das wohl wissen Hochwürden dass mir jetzt vom
Schloss nichts Gutes mehr kommt Sie sind ja auch niemals hier gewesen seit
ich hier allein im Hause wohne
    Sie wurde rot als sie diese Worte sprach und der Kaplan hätte die
Äußerung für seine Zwecke nicht besser wünschen können Das ist leider wahr und
sehr erklärlich sagte er Als die verstorbene Frau Baronin noch am Leben war
und Sie im Schloss noch ausund eingingen war es freilich anders und die
gnädige Frau hat sicherlich nicht erwartet was hernach geschehen ist
    Hochwürden rief Pauline und hob die Hände unwillkürlich bittend zu ihm
empor sprechen Sie davon nicht jetzt nicht Seit neun Tagen ist der Herr Baron
nicht mehr hier gewesen obschon er auf dem Schloss war die ganze lange Zeit
seit neun Tagen ist mein Leben ein einziges Warten gewesen Tag und Nacht Ich
weiß vor Angst und Qual nicht mehr wie mir zu Mute ist ich habe genug auf dem
Herzen auch ohne dass ich an die selige Frau Baronin denke
    Und hoffen Sie denn dass Sie hier in Rotenfeld so lange Sie in der Nähe
des Schlosses leben jemals zur Ruhe kommen werden fragte er nachdrücklich
    Sie war bis dahin äußerlich gefasst und ruhig gewesen bei dieser Frage aber
fuhr sie augenblicklich leidenschaftlich empor So lange ich in der Nähe des
Schlosses bin Wo soll ich denn anders sein als hier als hier wo ich geboren
bin und hingehöre Ich gehe auch nicht fort von hier gewiss und bestimmt nicht
Ich habe ihm das selbst gesagt seit all den Wochen und Wochen und wenn Sie nur
deshalb hergekommen sind Hochwürden so  Sie vermochte seinem ruhigen
Blicke gegenüber das trotzige Wort nicht zu vollenden und plötzlich abbrechend
rief sie Alles alles was er will  nur nicht fort von hier
    Sie nannte den Namen des Barons auch jetzt wieder nicht indes die Art in
welcher sie ihn bezeichnete gab deutlich das Verhältnis kund in dem sie seit
Jahren zu ihm gestanden und das Gefühl der Berechtigung dass sie dadurch neben
ihm gewonnen hatte Sie dauerte den Kaplan er sah sie an um in ihrem
gramerfüllten und doch stolzen Antlitz die Züge des einst so freundlichen und
heiteren Kindes wiederzufinden und unwillkürlich gab er ihr schweigend die
Hand Das machte einen erschütternden Eindruck auf sie Sie schlug die Augen
nieder und schien sich ihrer Heftigkeit zu schämen
    Es tut mir leid sagte er dass ich Sie so wiederfinde und dass ich mit
solchem Auftrage wie der meine zu Ihnen kommen muss denn allerdings ist es die
Notwendigkeit Ihrer Entfernung die ich Ihnen begreiflich zu machen wünsche 
Er hielt inne sein Blick lag fortdauernd mit demselben ruhigen Ernste über ihr
Sie waren solch ein gutes Kind solch braves Mädchen sagte er nach einer Weile
    Ein Zug von Schmerz flog über ihre Mienen sie antwortete und regte sich
nicht
    Als ich es dem Herrn Baron verhieß zu Ihnen zu gehen und mit Ihnen zu
sprechen fuhr der Kaplan fort brachte ich ein Opfer damit Jetzt freut es
mich dass ich gekommen bin denn ich hoffe auch Ihnen soll es zu Gute kommen
    Mir Was können Sie mir helfen wenn Sie es auch wollten unterbrach sie
ihn Der gnädige Herr allein 
    Der Kaplan ließ sie nicht weiter sprechen Es ist fern von mir fuhr er
fort Ihnen Vorstellungen Vorwürfe zu machen welche Ihr eigenes Gewissen Ihnen
in ruhigen Stunden sicherlich nicht erspart Es ist eben so fern von mir Ihnen
den Weg nennen zu wollen auf dem Sie bisher gegangen sind Sie haben Verstand
Sie haben ein Herz Sie müssen also den Unsegen Ihrer Lage selbst empfunden
haben und Ihr Kind wird den Makel seiner Geburt durch sein ganzes Leben tragen
Aber Sie waren jung als Sie den ersten Schritt zur Sünde taten und 
    Sünde wiederholte sie indem sie sich aufrichtete was habe ich denn
gesündigt
    Pauline rief der Geistliche mit Strenge wen wollen Sie jetzt täuschen
sich oder mich
    Nicht Sie nicht mich entgegnete sie fest und mit einer Sicherheit welche
ihrem Wesen einen großen Adel verlieh Es ist wahr ich bin seit Jahren die
Geliebte des gnädigen Herrn Soll das mein Verbrechen sein  Wer sich einen
Baum groß zieht dem gehört der Baum der kann damit schalten und walten wies
ihm gutdünkt und wenn der Baum von sich wüsste wie ein Mensch so müssts ihm
recht und lieb sein wenn sein Herr sich an ihm freut Als ich klein war fuhr
sie mit wachsender Lebhaftigkeit und Freiheit fort kleiner und hülfloser als
jetzt sein Kind da hat er sein Leben daran gesetzt mir das meine zu erhalten
Obdach und Nahrung Kleidung und Wartung Pflege und Lehre habe ich gehabt und
Alles durch ihn und habe keinen andern Menschen auf der Welt gehabt als ihn
Was er mich hat tun heißen das habe ich getan von Kindesbeinen an Als ich
groß geworden war hat er mir gesagt dass er mich liebte und dass er mich nie
verlassen würde und ich habe ihm das geglaubt denn ich habe an ihm gehangen
seit ich denken kann und was er mir versprochen hat das hat er auch immer
gehalten Es hat mir mein Gewissen auch nicht beschwert als das Kind gekommen
ist und hat mich mit seines Vaters Augen angesehen Gar nicht  Ja wenn ich
eine Dame gewesen wäre  Aber mich konnte der gnädige Herr ja doch nicht
heiraten
    Sie schwieg als müsse dieser letzte Grund den Geistlichen selbst ohne
Weiteres überzeugen und erstaunt über die besondere Richtung welche diese
Natur genommen hatte fragte dieser So hat Ihr Gewissen Ihnen nie gesagt dass
Sie auf falschem Wege gingen
    Niemals antwortete sie bestimmt Ich habe getan was ich nicht anders
konnte Er hat mir immer versichert dass er nicht heiraten würde dass ich immer
bei ihm bleiben solle und dass er nicht von mir lassen werde Wenn es dann
manchmal auch geheißen hat dass er eine Frau nehmen würde und ich mir darüber
Sorgen und Gedanken gemacht habe so ist das immer eine unnötige Sorge gewesen
Und ich bin ja auch immer glücklich und wie im Himmel gewesen bis  bis nun in
diesem Sommer Sie konnte das Wort von der Verlobung des Barons nicht über ihre
Lippen bringen
    Und der Pfarrer der Pfarrer von Neudorf bei dem Sie ja eingepfarrt sind
hat er Sie nie zur Rede gestellt Sie nie gewarnt
    Hochwürden weshalb wollen Sie das wissen fragte sie misstrauisch
    Weil ich finde dass Ihnen ein ehrlicher wahrhaftiger Freund gefehlt hat
erwiderte er mit immer steigendem Anteile an dem jungen Weibe
    Sie meinen also der Herr Pastor hätte als solch ein Freund an mir handeln
sollen
    Es würde das wenigstens seine Pflicht und eine Wohltat für Sie gewesen
sein
    Nun rief sie mit einem Anflug von Spott dann hat er seine Pflicht nicht
gut verstanden Und eine Wohltat für mich hätte es sein sollen Das heißt doch
nicht wohltun wenn man einem das Herz im Leibe bricht und einem sagt dass man
diesseits und jenseits verdammt und verloren sei weil man getan hat was man
nicht anders konnte was man  Sie stockte wollte weiter sprechen besann
sich wieder und sagte endlich Was hätte er denn auch mit mir machen sollen
    Er hätte Sie wenigstens darauf aufmerksam machen sollen dass nichts Bestand
hat was wider Gottes Gebot und wider die Sitte der Menschen ist antwortete der
Kaplan ihr sanft und ernstaft Sie würden es dann dess bin ich gewiss weit
weniger schwer gefunden haben sich jetzt in das Notwendige zu schicken und
würden nicht so ratlos und verzweifelt sein als ich Sie leider finde
    Sie blieb ruhig sitzen seufzte leise und sah ihn nachdenklich an Er fragte
sie was sie beschäftige
    Ich denke darüber nach dass es besser wäre Sie wären gar nicht hergekommen
entgegnete sie ihm
    Und doch kam ich in der besten Absicht bedeutete er sie
    Sie sagte davon sei sie überzeugt aber statt sich dadurch gekräftigt zu
fühlen rief sie plötzlich mit der ihr eigentümlichen unterdrückten Heftigkeit
Sehen Sie mich nicht so an Hochwürden ich halte das nicht aus
    Sind Sie der menschlichen Teilnahme der wohlgemeinten Sorge denn so sehr
entwöhnt fragte er mit großer Weiche des Tones und der ganzen Milde seines
Herzens
    Ja sehr entwöhnt wiederholte sie klanglos und mit hervorquellenden
Tränen rief sie Ach Hochwürden machen Sie mir das Herz nicht weich dann
kann ich mir gar nicht mehr helfen und weiß jetzt erst recht nicht was aus mir
werden soll
    Sie wollte aufstehen er nahm sie bei der Hand und nötigte sie dadurch
sich niederzusetzen widerstrebend gab sie nach
    Weine nur Pauline sprach der Kaplan dem sie mehr und mehr beklagenswert
erschien und der sie in dem Gedanken an ihre Vereinsamung zum ersten Male wieder
wie in den Tagen ihrer Kindheit Du und mit ihrem Namen anredete Weine Dich aus
Es mag lange her sein dass Du nicht von Herzen um Dich selbst geweint hast 
Sie regte sich nicht nur ihre Tränen brachen neu hervor  Das Weinen wird Dir
das Herz erleichtern und Du musst viel gelitten haben ehe Du Dich so gegen die
Stimme Gottes die Jeder in seinem Gewissen in sich trägt verhärtet hast fuhr
der Kaplan fort
    Sie weinte bitterlich Mit Einem Male jedoch trocknete sie ihre Tränen und
sich auflehnend gegen die Wirkung welche sein Zuspruch auf sie übte rief sie
Wenn Gott es zulassen kann dass ich so ohne Grund und ohne meine Schuld
verstoßen werde so gibt es keinen gerechten keinen barmherzigen Gott mehr in
der Welt  Aber kaum hatte sie diese wilden Worte ausgesprochen so schlug sie
die Hände vor dem Gesichte zusammen und der Klageruf Es wird mich noch von
Sinnen bringen rang sich aus ihrem gequälten und verzweifelnden Herzen hervor
    Armes Weib sagte der Kaplan ergriffen von ihrem Schmerze und sich ihm
plötzlich zu Füßen werfend flehte sie Helfen Sie mir Ach helfen Sie mir
Hochwürden Auf Sie hört er zu Ihnen hat er Vertrauen er hat das hundert und
aber hundert Mal gesagt Sie können das Alles durchsetzen bei dem Herrn Baron
Wenn Sie nur wollten Sie könnten mir helfen
    Er ließ sie absichtlich auf ihren Knieen vor sich liegen denn dem
herzbeladenen Menschen tut es wohl sich vor demjenigen zu beugen und zu
demjenigen empor zu sehen von dem er Beistand erwartet und mit tiefem Erbarmen
fragte er sie was sie wünsche und was sie denn verlange
    Hier bleiben will ich sagte sie mit einem Tone der so leise er war doch
unheimlich wie der Wahnsinn klang hier bleiben will ich weiter nichts
    Der Kaplan war sehr erschüttert Er sah mit Schrecken wie gut der Freiherr
den Charakter und den Seelenzustand seiner Geliebten beurteilt hatte und wie
gründlich er Paulinens religiöses Bewusstsein untergraben als sie durch die
Vorstellungen des Pfarrers angeregt über ihr Verhältnis zu dem Baron unsicher
geworden war und Reue gefühlt haben mochte Jetzt da derselbe sie wenn auch
mit Bedauern zu entfernen beabsichtigte wünschte er allerdings sie gläubig
und unter dem Einflusse sittlicher Begriffe zu finden um sie auf einen höheren
Trost und eine innere Belohnung verweisen zu dürfen aber der Geistliche kannte
das Menschenherz genugsam um ihm irgend eine Sammlung oder Erhebung zuzumuten
wenn es sich so bedrängt und so im Aufruhr befindet Alles was er daher in
diesem Augenblicke anstreben konnte war Pauline über denselben fortzuhelfen
und sie zu der Entfernung zu bestimmen die ihm für alle Teile unerlässlich
schien War das erreicht so konnte man nachher versuchen ein neues Leben in
der Verlassenen aufzuerbauen und sie auf den Weg zu leiten auf welchem nach der
Überzeugung des Geistlichen allein Heil und Trost für sie zu finden war
    Du willst hier bleiben Pauline sprach er und ich begreife es dass Du
dieses wünschest Aber hast Du Dir auch bedacht was Dir hier bevorsteht Er
machte eine kurze Pause und sagte danach im Tone ruhiger Erzählung Heute in
vierzehn Tagen in drei Wochen wird vielleicht die Frau Baronin an der Seite
des Herrn Barons durch das Dorf fahren und er wird ihr sagen wer in diesem und
wer in jenem Hause wohnt und er wird sie dann bitten seinen Untertanen eine
gütige Herrin den Kindern des Dorfes eine Mutter zu sein wie die selige
gnädige Frau es Dir und allen Andern auch gewesen ist  Und wieder schwieg er
einen Moment da er merkte wie achtsam und gespannt sie seinen Worten folgte
Wenn der Herr Baron dann an Dein Haus kommen wird fuhr er fort indem er sie
scharf dabei ansah was soll er ihr dann sagen Wenn sie Deinen Knaben sieht
was wird er von seiner Frau für denselben erbitten können mit welchem Herzen
wird er ihn in Zukunft betrachten Und Du selbst Pauline Wünschest Du der Frau
Baronin zu begegnen Oder lüstets Dich Dich zu verbergen wenn sie mit ihrem
Manne hier vorüberkommen wird  Willst Du es hinter den Vorhängen Deines
Fensters mit ansehen wie der Baron vor Deiner Tür das Auge niederschlägt und
den Blick abwendet wenn Dein Sohn ihm in den Weg tritt  Willst Du den Knaben
lehren den Herrn Baron zu meiden dem er jetzt zutrauensvoll seine Arme
entgegenstreckt Und was soll Dein Sohn der Frau Baronin antworten wenn sie ihn
einmal fragen wird wer er sei und wem er angehöre
    Pauline war schon lange von ihren Knieen aufgestanden Bleicher und bleicher
werdend das Auge finster und starr auf den Fußboden gerichtet hatte sie den
Worten des Geistlichen zugehört Das leise Zucken ihrer Lippen das
Zusammenziehen ihrer Augenbrauen verrieten was in ihr vorging
    Überlege es Dir wohl Pauline hob er noch einmal an überlege es Dir wohl
was Dein Verlangen hier zu bleiben Dir eintragen wird Furcht Schrecken
Eifersucht Verzweiflung für Dich Heuchelei und Lüge für den Knaben Verachtung
für Euch Beide das ist es was Du Dir hier bereiten willst was Dein Teil sein
wird bis der Kummer und die gerechte Forderung der Frau Baronin Dich früher
oder später doch von hier forttreiben werden
    Nein nein das ist unmöglich rief sie Sie ist ja auch ein Weib Wenn sie
ein Herz hat wird sie muss sie Mitleid mit mir haben  Und es schien als gehe
der Unglücklichen mit diesem Gedanken ein neuer Stern der Hoffnung auf
    Der Kaplan schüttelte verneinend das Haupt Du irrst Dich sagte er sie
wird Deine Nähe fürchten und was wir fürchten das bemitleiden wir nicht das
beklagen wir nicht das hassen wir viel eher
    O ich hasse sie auch stieß Pauline leidenschaftlich hervor und ihre Augen
funkelten in wildem Feuer
    Wie solltest Du nicht da Du nur Dich im Auge hast da Du nach Recht und
Unrecht nach Schuld und Unschuld nicht mehr fragst sprach der Geistliche
einen neuen Weg zu Paulinens Verstand und Herz versuchend
    Hochwürden rief Pauline flehend
    Beharre in der Härtigkeit Deines Herzens fuhr er fort ohne ihren Ausruf zu
beachten weide Dich daran das Leben der jungen schuldlosen Gutsherrin zu
beunruhigen zwinge den Baron sich immer wieder daran zu erinnern was er gegen
Dich und mit Dir gesündigt hat verbittere ihm den Frieden der Ehe die er
eingehen will Aber sage dann nicht dass Du jemals Dankbarkeit dass Du Liebe für
ihn empfunden hast dass etwas Anderes als Dein eigenes Gelüsten und Deine
Selbstsucht Dich ihm angeeignet haben Der Zeitpunkt verlass Dich darauf wird
dann nicht lange auf sich warten lassen in welchem er mit Schrecken an Dich
denken und Selbstsucht gegen Selbstsucht setzend sich berechtigt fühlen wird
auch ohne Deine Zustimmung Dich von hier fortzuschicken
    Und wenn ich gehe fragte sie nach langem Schweigen wenn ich gehe  und
vergessen werde  Sie barg ihr Gesicht in ihre Hände der Schmerz gewann wieder
eine wohltätige Herrschaft über die Erbitterung in ihr
    Du wirst nicht vergessen werden kannst nicht vergessen werden tröstete der
Kaplan Reue und Bedauern werden den Baron an Dich erinnern Dank für den
Frieden welchen Deine Entfernung allein ihm in seiner Ehe möglich macht
Neigung und Sorge für den Knaben werden ihn Dir dauernd verbunden halten und Du
ganz allein sollst über Deine Zukunft zu entscheiden haben in welcher Reue und
Busse auch Dich hoffentlich zur Einkehr in Dich selbst zum Frieden führen
werden
    Aber Pauline hatte in ihrer Herzenszerrissenheit seine letzten Worte wieder
nicht beachtet und sich immer nur an das Nächste haltend rief sie Meine
Zukunft Was kümmert mich die  und abermals versank sie in ihr Brüten
    Der Kaplan sah je länger er mit ihr sprach es immer deutlicher ein dass
hier mit Einem Schlage nichts auszurichten sei und dass man ihr Zeit lassen
müsse sich durch Aufregen und Nachdenken zu erweichen und zu ermüden denn er
hielt sie für einen der Charaktere welche nur dann zum Nachgeben bewogen werden
können wenn ihre Kraft erschöpft ist Er erhob sich also um zu gehen
    Ich habe Dir die beiden Wege gezeigt zwischen denen Du zu wählen hast
sagte er eindringlich Deine Entfernung ist notwendig und darum unabänderlich
beschlossen An Dir ist es zu wählen wozu sie sich für Dich gestalten soll zu
einer Busse und Erhebung oder zu einer Strafe und neuen Pein An Dir ist es zu
wählen von Dir allein wird es abhangen wie der Herr Baron in Zukunft Deiner
gedenken soll Überlege Dir das wohl ehe Du entscheidest
    Er gab ihr die Hand und ging der Türe zu Als er dieselbe bereits geöffnet
hatte fragte Pauline schnell und unerwartet Hochwürden ist die Gräfin schön
ist sie sehr schön
    Hast Du nichts Anderes zu denken versetzte er von dieser Wendung ihres
Sinnes überrascht
    Ist sie schön Liebt er sie denn sehr wiederholte sie dringend
    Der Kaplan sah dass er ihr diese Fragen beantworten müsse Die Komtesse ist
jung und schön und edel sagte er sie verdient die Neigung welche der Herr
Baron ihr zugewendet hat in vollem Masse
    Pauline schwieg darauf Der Kaplan wusste nicht was in ihr vorging was er
von ihr denken sollte Er stand zögernd an der Türe still sie stützte sich mit
der Hand auf den Tisch
    Willst Du sonst nichts weiter fragte er nach einem längeren Abwarten
    Nein Nichts
    So lebe wohl
    Leben Sie wohl Hochwürden erwiderte sie ihm mit anscheinender Ruhe aber
gleich darauf wallte das Herz ihr auf und mit einer Innigkeit des Tones welche
sehr abstach gegen ihre letzten Worte sagte sie Hochwürden kommen Sie wieder
Mein Unglück ist so groß so grenzenlos groß dass ich es nicht begreifen kann
    Sie hielt als schwindle ihr die Hände gegen den Kopf und setzte sich
nieder Der Kaplan versprach ihr sie bald wiederzusehen ermahnte sie nochmals
zum Nachdenken und verließ sie weit besorgter als er gekommen war
    Nun er Pauline kannte hielt er ihre Entfernung erst vollends für
unerlässlich Bei der Schwäche des Barons bei der Gewohnheit welche ihn an sie
kettete war Alles für das Glück seiner Ehe und für den Frieden der jungen Frau
zu fürchten wenn Pauline blieb Und doch sah er noch nicht ein wie man sie auf
dem Wege der Güte in so wenig Tagen zur Abreise werde bestimmen können während
er wusste dass der Baron vor jeder offenen Gewalttätigkeit und Härte
zurückschrecken würde wennschon er es sonst eben nicht scheute Andere leiden
zu machen sofern ihm selbst nur das persönliche Einschreiten und der Anblick
des von ihm erzeugten Leidens erspart blieben
    Bei der Abendtafel saßen der Freiherr und der Kaplan sich allein gegenüber
denn es waren keine Gäste im Schloss weil des Freiherrn Abreise so nahe
bevorstand Der Freiherr sprach von lauter äußerlichen Dingen obgleich es ihm
nicht entging dass der Kaplan sich ernster und stiller zeigte als gewöhnlich
Indes er war nicht eilig die Ursache von dem Nachdenken desselben zu erfahren
und erst als die Dienerschaft sich entfernt hatte und auch jener sich
zurückziehen wollte fragte der Baron ganz beiläufig ob der Kaplan vielleicht
schon in Rotenfeld gewesen sei Dieser bejahte es
    Nun und wie haben Sie Pauline gefunden fuhr der Baron in der früheren
leichten Unterhaltungsweise fort Sie war außer sich nicht wahr Ich kenne das
an ihr und eben darum wünschte ich dass grade Sie mit ihr verhandeln sollten
Haben Sie etwas ausgerichtet
    Der Kaplan versetzte Pauline sei allerdings sehr aufgeregt gewesen wie das
bei einer solchen ersten Unterredung mit einem Manne der ihr in diesem Falle
ein Fremder sei nicht fehlen könne Es lasse sich aber eben darum von diesem
Zusammentreffen nichts Bestimmtes sagen man müsse Geduld haben und weiter
zusehen Er hoffe und wünsche dass man zu einem verständigen Übereinkommen
gelangen werde weil man kein Mittel sparen dürfe ein solches zu erreichen
    Er sprach dabei nichts Bestimmtes aus der Baron war auch sehr zufrieden
damit nichts Näheres hören zu müssen Er war stets bereit seine Last auf die
Schultern seiner Untergebenen zu laden und ihnen ihre Mühewaltung als eine
Ehrensache anzurechnen Er versicherte daher dem Kaplan dass er volles Zutrauen
zu seiner Einsicht und zu seiner Freundschaft hege dass er zu jeder Forderung
welche Pauline für ihre äußeren Umstände mache im Voraus seine Bewilligung
erteile und dass er also die ganze Leitung und Läuterung der peinlichen
Verhältnisse dem Freunde überlasse
    Ich habe Ihnen heute den höchsten Beweis von Vertrauen gegeben lieber
Freund den ein Mann dem andern zu geben im Stande ist sagte er Ich habe Sie
gebeten in einer mir äußerst wichtigen und schmerzlichen Angelegenheit statt
meiner zu handeln Was Sie für nötig erachten werde ich unbedenklich tun was
geschehen wird wird allein Ihr Werk sein 
    Er betonte dieses Letztere als gebe er im Voraus seinen Dank zu erkennen
aber der Kaplan wusste dass der Baron sich dieser Wendung ohne Zweifel sehr wohl
erinnern würde wenn es etwa darauf ankommen sollte dem Vermittler die ganze
Verantwortlichkeit für ein Misslingen oder für irgend eine unangenehme
Verwicklung zuzuwenden und als wolle er ihm gar nicht Zeit zu irgend einer
Entgegnung einräumen fügte der Baron mit wiedergekehrtem Gleichmute
leichtfertig hinzu Nur das Eine halten Sie fest dass der Gedanke an das arme
Geschöpf mir wehe tut weil es mich in der Tat mehr liebt als Männer meiner
Art eigentlich in ähnlichen Verbindungen geliebt zu werden wünschen
    Darauf gab er einige Aufträge die er hier im Schloss während seines
Aufenthaltes in der Stadt vollzogen zu sehen wünschte und empfahl dieselben dem
Kaplan eben so angelegentlich als er ihm Pauline empfohlen hatte Seine
Wiederkehr und die Abreise zur Hochzeit wurden auf Tag und Stunde festgesetzt
und in aller Frühe des nächsten Morgens brach der Freiherr von seinem Schloss
auf
    Es war noch nicht völlig hell als er durch Rotenfeld fuhr und an
Paulinens Haus vorüberkam Er bog aus Gewohnheit den Kopf ein wenig hervor die
Haustüre die Fensterladen waren noch geschlossen Er hatte in ihrem Schutze
manche Stunde voll Genuss durchlebt Die Erinnerung daran bewegte ihn aber in
einer Weise als läge die Zeit in der es geschehen war ein halbes
Menschenleben hinter ihm Er hatte jetzt nur die nächsten Tage nur die
Verbindung mit Gräfin Angelika im Sinne Mit der Vergangenheit hatte er sich
gestern abgefunden als er dem Kaplan davon ausführlich gesprochen hatte
Pauline zu befriedigen und zu trösten war nun dessen Sache
    Als der Wagen um die Ecke bog sah der Baron das Haus noch einmal von der
andern Seite vor sich Es fiel ihm ein dass es wenn Alles nach seinen Wünschen
gehe bei seiner Heimkehr bereits verlassen sein werde und noch einmal
überschlich ihn die Wehmut die ihn gestern zu den Mitteilungen an den Kaplan
bewogen hatte Aber er verscheuchte sie schnell mit dem erfreulichen Gedanken
dass er für sein Alter doch noch eine große Frische der Empfindung besitze Als
feiner Egoist verstand er es vortrefflich sich selbst seinen Schmerz in eine
gewisse Befriedigung zu verwandeln und wie er sich am gestrigen Tage im
Hinblicke auf seine junge Verlobte seiner Wohlgestalt gefreut hatte so
erfreute es ihn jetzt dass die Trennung von einer Geliebten ihn noch wirklich im
Gemüte leiden mache Seine Braut konnte sich nach seiner Meinung des Besten zu
einem Manne versehen der neben den Erfahrungen der reifen Jahre alle Vorzüge
der Jugend bewahrt hatte
    Was aber Pauline anbetraf so gestand er es sich im Vertrauen dass sie an
Anziehungskraft für ihn verloren habe dass sie nicht mehr dieselbe sei als vor
fünf Jahren Was sie an Entwicklung gewonnen das hatte sie an Ursprünglichkeit
eingebüßt und es war im Grunde nicht übel dass seine Heirat ihm die Pflicht
auflegte sich von ihr zu trennen Dass es ewig währen könne zwischen ihr und
ihm hatte sie ja selbst nicht glauben können Aber er wollte in jeder Weise für
sie sorgen für sie und für sein Kind und wenn er das tat so war ihr doch
immer ein ganz anderes Loos gefallen als ihr ohne sein Dazwischentreten jemals
hätte zu Teil werden können Er war also beruhigt und durchaus mit sich
zufrieden
 
                                Drittes Kapitel
Die Hälfte der Zeit welche der Baron für seine Abwesenheit angesetzt hatte war
bereits verflossen ohne dass der Kaplan zu einem befriedigenden Abschlusse mit
Pauline hätte gelangen können Denn mit dem Eigensinn des Herzens welchen die
Halbbildung sich als Charakterstärke auslegt wies sie Alles von sich was ihrem
Empfinden widersprach hielt sie an ihren Vorstellungen fest und alle diese
Vorstellungen kamen ihr von dem Baron nur dass in seiner Geliebten sich zu einem
Ganzen gestaltet hatte was in ihm unverbunden neben einander herging und dass
in ihr zur Glaubenssache geworden was in ihm stets mehr oder weniger ein Spiel
und die Wirkung zufälliger Stimmungen geblieben war
    Der Baron war kein Wüstling kein gewöhnlicher Lebemann kein herzloser
Aristokrat kein schwärmender Phantast Er hatte aber von allen diesen Arten
einzelne Züge in seinem Charakter und dabei eine Eitelkeit welche seine
Herzensgüte seinen Verstand beeinflusste und es ihm zu einem Bedürfnisse machte
immerdar Etwas vorzustellen und dafür mindestens von sich selbst Bewunderung
einzuernten
    In der großen Welt hatte er früher durch seine Prachtliebe und durch seine
Abenteuer geglänzt im Felde oder im Staatsdienste würde seine Eitelkeit ihn
vielleicht zu Anstrengungen getrieben haben die ihm Ehre gebracht und Ruhm
erworben hätten In der Stille des Landlebens konnte es ihm geschehen dass er
sich wenn es sich eben so fügte aus der Erziehung eines schönen Waisenkindes
ein Bewusstsein machte dass die Anbetung welche dasselbe ihm zollte ihm für
eine Zeit lang genügte und dass er sich von einem solchen Mädchen ganz und gar
gefesselt fühlte weil er es gänzlich als sein Geschöpf betrachten durfte Er
hatte mit voller Wahrheit gegen den Kaplan behaupten können Pauline sei das
einzige Frauenzimmer neben welchem er nie Langeweile gefühlt habe denn Alles
was sie wusste und sprach kam ihr von ihm oder durch ihn und war daher sicher
ihm immer zu gefallen
    Einige Jahre hindurch hatte er Pauline gegenüber die Wirkung seiner Großmut
oder seines Geistes genossen wenn sie sich verständig und immer fortschreitend
bewies und sich daneben lächelnd ihrer Einfalt und seiner Überlegenheit
gefreut so oft die Schranke ihrer Natur und ihres Wesens ihm bemerklich wurde
Diese Zeit jedoch war jetzt vorüber Pauline hatte sich an ihren Platz neben dem
Baron gewöhnt sie hatte seine Schwächen kennen und um ihn in guter Stimmung zu
erhalten dieselben benutzen und ihn dadurch beherrschen lernen Sie hing an ihm
noch immer mit leidenschaftlicher Liebe sie vergaß es auch niemals was sie ihm
schuldete aber weil sie die geistige Kluft nicht ermessen konnte welche den
Freiherrn von ihr trennte hatte sie sich mehr und mehr in seinem Besitze sicher
gefühlt und die von ihm oft wiederholte Äußerung dass ihr Leben dem seinigen
in rätselhafter Weise verbunden sei hatte sie in dem Glauben bestärkt dass der
Baron sie nie verlassen könne dass sie notwendig zu seinem Leben zu seinem
Glücke gehöre
    Sie war daher wie vernichtet gewesen als sie die Nachricht von seiner
bevorstehenden Verheiratung erhalten hatte Der Baron selbst hatte sie ihr
mitgeteilt ohne deshalb nach den leichten Grundsätzen seiner Zeit gleich
Anfangs an die Notwendigkeit ihrer Entfernung zu denken Erst ihr
leidenschaftlicher Schmerz und die heftigen Ausbrüche ihres Zornes erst ihre
Drohung dass sie seine Heirat zu hintertreiben wissen werde hatten ihm
gezeigt dass er sie nicht in Rotenfeld behalten könne und hatten ihn gegen sie
verstimmt Indes schwach und nachgiebig gegen sie wie gegen sich selbst hatte
er mit der Entscheidung gezögert bis der Tag seiner Hochzeit heran nahte bis
er sich der Aussicht auf die schöne junge Gattin zu erfreuen und sich über den
Verlust seiner Geliebten mit dem ihm schmeichelnden Gedanken fortzuhelfen
begann dass er seinem Gewissen und seiner Verlobten ein großes Opfer bringe und
dass er als Edelmann die Pflicht habe für sein edles Geschlecht ein würdiges
Familienleben in seinem Hause aufzubauen
    Er war mit sich auf diese Weise leicht genug fertig geworden Der Kaplan
hatte dafür mit Pauline einen um so schwereren Stand Sie misstraute ihm als
katolischem Geistlichen als Abgesandten des Barons und verlangte doch nach
seiner Nähe weil sie sich verlassen fühlte und weil sie mit ihm von demjenigen
sprechen konnte was ihr allein am Herzen lag
    So oft er zu ihr kam musste er sich von ihr die einfache Geschichte ihres
Lebens erzählen lassen Sie wiederholte ihm jene Grundsätze eines Naturrechts
auf das der Baron sie verwiesen als er sie durch die Ermahnungen des Pfarrers
beunruhigt gesehen hatte Sie gab ihm ihre Eifersucht und Verzweiflung zu
erkennen und der Gedanke an die baldige Anwesenheit der künftigen Baronin den
der Kaplan ihr so eindringlich vorgehalten hatte wirkte nun unablässig in ihr
nach Sie verlangte Rat von ihm und verwarf denselben sie verlangte Trost und
Hilfe aber sie wendete sich ab sobald er sie auf einen Trost verweisen wollte
den sie in ihrem eigenen Innern sich zu bereiten habe Sie wollte weder von
kirchlichen noch von staatlichen Geboten reden hören aus Furcht daran erinnert
zu werden dass sie dieselben übertreten habe und dass sie diese Übertretung
sühnen und büßen müsse Mehr oder weniger gebildet und aufgeklärt würde sie
leichter zu bestimmen gewesen sein als jetzt und es waren schließlich nicht
die Vorstellungen ihres Beraters nicht seine Moral und seine Vernunftgründe
welche Eindruck auf Pauline machten Es waren seine Geduld mit ihr und seine
Milde die ihr das Gemüt bewegten und sie allmählig dahin brachten dass ihr
Zorn und ihre Verzweiflung dem reinen Schmerze wichen der nicht mehr sich zu
rächen sondern nur noch sich selbst zu helfen trachtet
    Eines Morgens als der Kaplan wieder zu ihr kam fand er sie vor ihrer
großen NussbaumKommode sitzen Um sie her lagen verschiedene Kleidungsstücke
ausgebreitet daneben Bänder Zieraten Nähbestecke und viele jener
Kleinigkeiten mit denen man die Frauen zu beschenken pflegt deren eigentliche
Bedürfnisse ohnehin befriedigt werden Sie schien Musterung zu halten und der
Kaplan fragte sie weshalb sie dieses tue
    Weshalb ich das tue wiederholte sie Ja wenn ich das wüsste Hochwürden
Ich kann nicht sagen wie ich darauf verfiel die Schubladen aufzumachen und die
Sachen zu besehen  Die Kommode ist mein Lieblingsstück bemerkte sie nach
einer Weile während sie die Sachen forträumte die auf derselben gelegen
hatten Sehen Sie einmal das Geäder in dem Nussbaume Es sieht wie Bäume aus und
dann der schwere Messingbeschlag und die großen Griffe Ich weiß den Tag an
welchem ich die Kommode bekommen habe Die alte Margarete gönnte sie mir gar
nicht und ich habe zuerst viel bittere Worte darüber hören müssen und manche
Träne darüber vergossen
    Sie erzählte darauf wie schwer die Alte ihr bisweilen das Leben gemacht
habe und in die Art und Weise mit welcher sie ihre Schätze wieder an Ort und
Stelle brachte mischte sich der Stolz auf den Besitz derselben mit einer
unverkennbar wehmütigen Erinnerung Der Kaplan ließ sie ruhig gewähren
    Wenn ich das Alles so vor mir sehe sagte sie mit einem Male ists mir
grade als ob ich die ganzen vergangenen Jahre wieder vor mir hätte Von jedem
Stücke kann ich sagen wann er es mir geschenkt hat wann ich es zuerst getragen
und gebraucht und wie Alles damals gewesen ist Manches liegt noch ganz neu da
Manches ist nicht mehr zu gebrauchen und ich könnte es doch nicht fortgeben
Sie bückte sich bei den letzten Worten nahm aus der untersten Lade eine Jacke
von Kattun hervor hielt sie dem Kaplan hin und sagte Sehen Sie Hochwürden
das war der erste Anzug den er mir nach seiner Rückkehr kaufte Ich war damals
noch nicht ausgewachsen und so mager Aber ich hätte es nicht mit ansehen
können dass ein Anderer mir nachgetragen was er mir einmal gegeben hat
    Der Kaplan warf einen Blick auf das bezeichnete Kleidungsstück und machte
die Bemerkung dass es ihr auch künftig an Nichts fehlen und der Baron für alle
ihre Bedürfnisse auch künftig sorgen lassen werde
    Sie hörte nicht darauf denn sie war viel zu sehr mit sich und der
Vergangenheit beschäftigt So oft er nach der Stadt fuhr brachte er mir Etwas
mit nahm sie wieder das Wort Zuletzt dieses große rote Umschlagetuch Ich
sollte mich darüber freuen ich sollte sehen wie schön es sei Schön genug war
es aber freuen konnte ich mich nicht mehr darüber Ich wusste ja schon was hier
bevorstand
    Die Freude an Deinem Hab und Gut wird wiederkommen sagte der Kaplan wenn
Du erst wieder in Ruhe und unter Menschen sein wirst denen Du Deine Sachen
zeigen kannst
    Sie schüttelte verneinend das Haupt Wer so unglücklich gemacht werden soll
wie ich den freut Nichts mehr und aus dem Unglück darf man nicht zurückdenken
an die guten Tage wenns einem das Herz nicht brechen soll Ich wollte ich
hätte die Kommode gar nicht aufgemacht
    Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen schloss die sämtlichen vier
Schubladen zu und steckte die Schlüssel in die Tasche von weißem Piqué die sie
unter ihrem Kattunrocke trug
    Der Kaplan stand auf das schien sie zuerst auf den Gedanken zu bringen dass
sie mit dem Aufräumen in seiner Gegenwart etwas Ungehöriges getan hätte Sie
bat ihn deshalb um Entschuldigung Aber fügte sie hinzu wenn Sie nur ein
einziges Mal erfahren hätten wie einem Menschen zu Mute ist dem so wie mir
der Todesstoss gegeben wird so würden Sie wissen auf was man da Alles verfällt
Elend muss man kennen damit mans versteht
    Die Worte kamen ihr von Herzensgrund und rührten den Kaplan durch den
Ausdruck mit welchem sie gesprochen wurden Er seufzte unwillkürlich sah
Pauline an zögerte einen Augenblick und sagte dann mit ganz verändertem Tone
Und wenn ich es nun verstände was Elend ist wenn ich es wüsste wie Dir Armen
zu Mute ist
    Sie richtete ihre dunkeln Augen forschend auf seine Miene Hochwürden was
soll das sagen fragte sie danach Sie sollten wissen wie mir zu Mute ist So
wie Sie Hochwürden sieht man nicht aus so still und ruhig nicht wenn man so
zerschmettert worden ist und sein Alles verloren hat wie ich
    So still und ruhig wird man kann man werden wenn man sich vorhält dass
Alles was wir leiden uns von Gott kommt und dass der Heiland selbst sein Kreuz
getragen dass Christus selbst den Kelch des Leidens ausgekostet hat bis auf den
letzten Tropfen entgegnete er ihr
    Pauline schwieg als stände sie an geweihter Stätte als sei ein Vorhang vor
ihr aufgezogen der ihr ein Allerheiligstes offenbarte Sie faltete die Hände
ihr Blick hing mit einer ganz neuen liebevollen Empfindung an dem milden
Antlitze des geistlichen Herrn und näher zu ihm tretend während sich ihre
Wangen röteten von der Scheu mit welcher sie die Frage an ihn richtete sprach
sie leise Hochwürden sind Sie denn auch verlassen und verstoßen worden
    Nein entgegnete er
    Was ist Ihnen denn geschehen forschte sie weiter und ihre Stimme wurde
weicher ihr Blick von Teilnahme gesänftigt
    Er nahm sie bei der Hand setzte sich und nötigte sie damit sich ebenfalls
niederzulassen dann sagte er ruhig Ich habe mich überwunden
    Freiwillig rief sie aus
    Freiwillig wiederholte er und sie schwiegen Beide Pauline war wie
umgewandelt sie vergaß sich selbst in diesem Augenblicke Das Vertrauen des
Kaplans hatte sie erhoben Ihn aber hatte es eine neue große Überwindung
gekostet vor Pauline von seinem eigenen Geschicke zu sprechen indes er hatte
richtig erkannt dass man auf diese Frau nur wirken könne indem man ihre
Teilnahme auf einen Anderen richte und ihr ein Beispiel aus dem Bereiche
vorhielt den sie kannte und übersah Das Verlangen mehr von dem Schicksale des
Geistlichen zu hören ließ ihr nun keine Ruhe Sie wollte vergleichen können
und doch band die Ehrfurcht ihr die Zunge bis sie endlich die Frage wagte Und
jetzt Hochwürden sind Sie denn jetzt nicht mehr unglücklich haben Sie
verschmerzt was Sie gelitten was Sie geopfert haben
    Ja ich habe es verschmerzt Ich habe wieder Freude an dem Leben ich habe
Menschen deren Wohl und Wehe mir sehr am Herzen liegt 
    Und Sie können also wirklich wieder glücklich sein fragte sie noch einmal
    Ich bin freudig in meiner Arbeit in der Erfüllung meiner Pflicht Mit einem
Worte ich lebe gern versetzte er  und ich habe doch keinen Sohn für den ich
leben könnte
    Sie fasste den Gedanken offenbar bereitwillig auf Ja sagte sie es ist ein
gutes Kind und Sie glauben nicht wie klug er ist Weit über seine Jahre klug
Er merkt Alles und weiß Alles ohne dass man es ihm sagt Wenn er mich traurig
findet sieht er mich an dass man denkt es sei eine Sünde ihn merken zu
lassen was man aussteht Er lässt dann keinen Blick von mir und seine Augen
sind ganz wie die des Vaters Sie sprach darauf von der Absicht des Barons den
Knaben früh einer männlichen Leitung zu übergeben und klagte sich an dass sie
denselben bisher nicht genug geliebt habe  Ich habe immer und immer nur an den
Vater gedacht sagte sie der Knabe würde mich bald vergessen nähme man ihn
fort von mir und der Vater wird mich noch schneller vergessen setzte sie mit
erneuter Klage hinzu
    Der Kaplan mochte es ihr nicht bemerken dass sie damit zum ersten Male ihre
indirecte Zustimmung zu den Absichten des Barons kundgegeben hatte aber die
Tatsache war ihm wichtig und obschon er bei Paulinens schnell wechselnden
Stimmungen auf diese plötzliche Sinnesänderung nicht allzu viel vertraute fing
er doch an mit ihr von einem der nächstgelegenen Städtchen und von dem Leben in
demselben zu sprechen Pauline wusste es dass der Baron sie dorthin senden
wollte Sie fragte wie weit der Ort von Richten entfernt sei und wie viel Zeit
man brauche um von dort nach der Hauptstadt der Provinz zu kommen in welcher
nach dem oftmals ausgesprochenen Plane seines Vaters der Knabe später erzogen
werden sollte Dann erkundigte sie sich ob ihrem Sohne seine Geburt bei der
Aufnahme in eine Erziehungsanstalt keine Hindernisse in den Weg stellen würde
wie sie einmal gehört zu haben glaubte und sie blieb überhaupt nur mit der
Zukunft des Knaben beschäftigt bis der Kaplan sich entfernte Es war aber
ersichtlich dass ihr Etwas auf dem Herzen lag für das sie den Ausdruck oder den
Moment nicht zu finden wusste und der Geistliche hielt schon den Drücker der
Türe in der Hand als sie sich ihm näherte und schüchterner als es ihre Art
war die Frage aufwarf Sie haben sich überwunden sich aufgeopfert Hochwürden
hat Ihnen das gute Frucht gebracht Haben sie es Ihnen gedankt diejenigen für
welche Sie sich geopfert haben
    Ein Opfer für das man Lohn erwartet ist kein Opfer mehr entgegnete er
ihr
    Sie verstummte darauf und ließ ihn gehen Aber er war ihr menschlich näher
getreten seit sie wusste dass auch er gelitten und verzichtet habe und es
gelang ihm nach einigen Tagen endlich ihre Einwilligung zu der Übersiedelung
nach der Stadt zu erhalten Sie erklärte jedoch dass sie den Baron noch einmal
sehen wolle ehe sie Richten verlasse Sie müsse aus seinem eigenen Munde das
Versprechen erhalten dass er sie besuchen werde wenn er nach ihrem künftigen
Wohnorte komme dass er selbst über den Lebensweg ihres Sohnes wachen wolle und
der Kaplan ging so weit er es vermochte auf alle ihre Wünsche ein
    Neben diesen Stunden voll ruhiger Überlegung gab es aber auch viele andere
in welchen sie sich nur mit der Hochzeit des Barons und der künftigen Baronin
beschäftigte und in denen sie völlig wieder in ihren Schmerz versank Sie
beteuerte dann unaufhörlich dass sie ja verzichten möchte dass sie es aber
nicht könne und dass es über ihre Kräfte gehe Es war ein Auf und Nieder in
ihren Empfindungen dem schwer zu folgen dessen Ursachen oft nicht zu erspähen
waren und oftmals wenn die Vorstellungen und Gespräche des Kaplans sie so weit
gebracht hatten dass ein Schuldbewusstsein und der Gedanke dass man ein
Verschulden büßen müsse in ihr rege wurden warf sie mit der ihr
eigentümlichen Plötzlichkeit gewisse Äußerungen über die ihr einzig
angemessene Art von Busse hin welche er aufs Neue zu bekämpfen hatte
    Am Freitag Abend ging er nochmals zu ihr Man erwartete in der Nacht die
Ankunft des Barons der sich am Sonntag in aller Frühe zu seiner Braut begeben
wollte Der Kaplan wünschte ihm bei seiner Heimkehr sagen zu können dass er
Alles geordnet habe und dass Pauline in ihr Schicksal ergeben sei Er war daher
sehr zufrieden als er Abends da er zu ihr kam sie damit beschäftigt fand die
Kleider und das Spielzeug ihres Sohnes in einen kleinen Koffer zusammen zu
packen Sie sprachen fortdauernd von der Reise und von der Stadt
    Als der Kaplan sie fragte für welche Zeit er ihr die Pferde bestellen
solle gab sie den Sonntagmorgen an und wünschte dass der alte Kämmerer bewogen
werden möge sie zu begleiten Sie habe Richten nie verlassen und es bange ihr
vor der Fremde Der Kaplan versprach ihr dies zu vermitteln und Alles nach
ihrem Wunsche einzurichten Nur als sie auf die begehrte Unterredung mit dem
Baron zurückkam und auf dieselbe bestand erklärte er ihr er zweifle dass
derselbe geneigt sein werde sie in diesem Augenblicke wiederzusehen Von ihrer
Forderung zu Bitten übergehend flehte sie zuletzt den Kaplan mit Tränen ihr
diese einzige Gunst zu erwirken und er sagte ihr zu dem Baron ihren Wunsch
mitzuteilen
    Indes gleich die erste Begegnung mit demselben ließ ihn erkennen dass er
hier auf Widerstand stoßen werde und dass für die Erfüllung von Paulinens Bitte
Nichts zu hoffen sei Der Baron war sehr aufgeräumt und in der Tat auch viel
beschäftigt Er fragte Anfangs gar nicht nach Pauline und da er es später tat
geschah es in einer Weise die kaum eine Antwort zu verlangen schien Dennoch
und obschon der Kaplan selbst eine Unterredung oder einen Abschied zwischen dem
Baron und Pauline für zwecklos ansah sprach er dem Ersteren davon um seiner
Zusage nachzukommen indes der Baron lehnte den Vorschlag entschieden ab
    Ich kenne des guten Geschöpfes Liebe und Leidenschaft sagte er und ich
kenne auch meine Schwäche Es ist nicht Fühllosigkeit oder Härte gegen das arme
Weib das ich meinen Verhältnissen und meiner sittlichen Überzeugung opfern
muss es ist die unerlässliche Notwehr gegen mich selbst wenn ich mir in dem
Augenblicke der Abreise zu meiner Braut eine Szene erspare die mir sie mag
ausfallen wie sie immer wolle das Herz zerreißen wird ohne nach der andern
Seite hin irgend etwas zu nützen
    Es fiel dem Kaplan auf dass der Baron auch dieses Mal Paulinens Namen
auszusprechen vermied und sich mit anderer Bezeichnung dafür behalf Er kannte
das an seinem Herrn und wusste was es zu bedeuten habe So kam er denn auch
nicht mehr auf den Wunsch Paulinens zurück aber der Baron erbot sich später
aus freiem Antriebe ihr noch einmal zu schreiben was der Kaplan für zweckmäßige
erachtete Auch schrieb er ihr noch in derselben Stunde und sandte den Brief
sogleich durch einen Boten ab
    »Ich danke Dir« lauteten die Zeilen »dass Du Dich entschlossen hast in die
Stadt zu ziehen Du kennst mich genugsam um zu wissen dass ich Dir dies lohnen
werde Es soll Dir dort darauf kannst Du Dich verlassen ein ganz sorgenfreies
Leben bereitet werden und Paul wird nicht aufhören ein Gegenstand meiner
treuen Sorgfalt zu sein Der hochwürdige Herr Kaplan der sich in diesen Tagen
Deiner so gütig und väterlich angenommen hat wird auf meine Bitte Dir auch
ferner mit seinem Rate zur Seite stehen und dafür sorgen dass Du Dich nach
Deinem Ermessen einrichten kannst Dass ich nicht zu Dir komme geschieht aus
Rücksicht für Dich sowohl als auch für mich Wozu ein Wiedersehen wenn man
vergessen will Und vergessen lernen musst Du Folge in Allem ganz dem Rate und
den Anordnungen des verehrten Herrn Kaplans Was Du in Zukunft etwa von mir
wünschest was ich von Dir erfahren soll teile ihm mit An mich selbst
schreibe nicht Meine Teilnahme und mein Schutz werden Dir und Paul nie
entgehen und ich werde mich Dir verpflichtet fühlen wenn Du Dich mir in diesen
Anordnungen pünktlich fügsam zeigst Somit lebe denn wohl Sei Gott mit Dir und
möge er uns Allen in seiner Gnade eine ruhige Zukunft verleihen«
    Pauline empfing den Brief gegen Mittag aus den Händen des damit beauftragten
Reitknechtes Sie hieß ihn warten und durchflog das Schreiben Aber es schien
als könne sie den Inhalt nicht gleich fassen Ihre Augen ihr Herz suchten nach
einem freundlichen Worte suchten endlich nur nach der Anrede mit ihrem Namen
nach irgend einem Zeichen der Bewegung in der Seele dessen der diesen Brief
geschrieben hatte Es war vergebens Als sie das Blatt zum zweiten Male beendet
hatte ließ ihre bebenden Hände es zur Erde fallen
    Ihr Knabe der dabei stand glaubte ein Zufall habe das Papier den Händen
der Mutter entgleiten machen und bückte sich es ihr zu reichen Sie hielt ihn
davon zurück Rühre das Blatt nicht an sagte sie mit befehlendem Tone rühre es
nicht an
    Der Knabe war erschrocken er lehnte sich auf den Schoss der Mutter die
sich niedergesetzt hatte weil die Kniee ihr versagten Sie küsste ihm den
lockigen Kopf ihre Tränen flossen auf ihn nieder Er wollte bei dem Unbehagen
das ihn peinigte gern Etwas tun es los zu werden wusste aber nicht was und
fragte also ob der Ludwig der den Brief gebracht habe fortgehen solle Sie
bejahte das und der Knabe brachte dem Diener die Weisung
    Ist nichts zu bestellen Mamsell fragte der Reitknecht die Tür öffnend
    Nichts antwortete sie fest und er ging davon Der Knabe drängte sich an
sie Du weinst immer sagte er und da sie ihm nicht antwortete setzte er nach
einer Weile hinzu Weine nicht ich kanns nicht leiden wenn Du weinst  Die
Worte klangen herrisch in dem Munde eines Kindes aber der Kleine schmiegte sich
zärtlich an ihr Knie während er sprach
    Dieses Mal indes machte die Liebkosung des Sohnes keinen Eindruck auf die
Mutter Sie schob ihn leise von sich Lehne Dich nicht immer an mich Lerne
allein stehen Du wirsts nötig haben sagte sie finster und streng
    Das verdross den Knaben Ich bin Dir nicht gut Mutter schmollte er
    Du hast auch keinen Grund dazu entgegnete sie ihm Ihre finstere Weise
machte Paul bange Es wurde ihm unheimlich bei der Mutter und in der Stube und
er lief zur Magd hinaus
    Als Pauline allein war fing sie laut und heftig zu weinen an Das währte
eine geraume Zeit Bisweilen war es als wolle sie sich besänftigen aber dann
nahm sie den Brief wieder vor den sie nach der Entfernung des Kindes von dem
Boden aufgehoben hatte und ihre Tränen flossen aufs Neue
    Sie ließ beim Mittagessen die Speisen unberührt war aber mit dem Knaben
freundlich und legte ihm reichlich zu essen vor Nach der Mahlzeit ging sie
wieder daran verschiedene Sachen einzupacken indes sie kam damit nur langsam
vorwärts denn sie setzte sich oftmals nieder ihre Hände gegen die Stirn
pressend weil der Kopf sie schmerzte Nach einer Weile stellte sie die Arbeit
gänzlich ein und blieb wohl eine Stunde hindurch ruhig aufgestützt am Fenster
sitzen Dann stand sie auf zog sich zum Ausgehen an hieß den Knaben seine
Mütze nehmen und verließ mit ihm das Haus
    Gleich am Eingange des Dorfes bog sie von der großen Fahrstrasse ab und
schlug einen Feldweg ein Er führte durch den Wald in den Park des Schlosses
Durch eine Hecke trat sie in denselben ein Es war hell unter den großen Bäumen
aber die Luft wehte stark und die Blätter rauschten mit leisem Klingen sofern
sie noch an den Bäumen hielten Der ganze Boden war mit welkem vielfarbigem
Laube wie mit einem dichten Teppiche bedeckt dass die Schritte bald unhörbar
darüber hinglitten bald es raschelnd nach sich zogen je nachdem es trocken
oder feucht war Hier und da flog ein Vogel auf hier und da kamen ein Hirsch
oder ein paar Rehe aus dem Unterholze hervor und streckten zutraulich die feinen
Köpfe mit den klaren neugierigen Augen aus der leichten Umzäunung hervor Die
Mutter hatte dem Knaben oft von den schönen schlanken Rehen und von den
Hirschen mit ihren großen Geweihen erzählt aber er hatte sie niemals gesehen
und seine Freude an den Tieren war sehr lebhaft Er hatte den Rest seines
Vesperbrodes in der Tasche und wollte sie füttern Die Mutter gab es nicht zu
    Lass es gut sein sagte sie das ist Nichts für Dich hier werden andere
Kinder die Rehe füttern  Sie hielt ihn an der Hand fest um schneller mit ihm
vorwärts zu kommen und zeigte ihm im Vorübergehen die Statuen im Garten welche
große Blumenkörbe und schwere Füllhörner in den Armen trugen Ein Ende weiter
standen auf den Postamenten Knabenund Mädchengestalten aus Stein gehauen
welche die Flöte bliesen und Guitarre spielten Es war das Alles neu für Paul
und machte ihm Freude aber seine Freude konnte nicht aufkommen vor dem finsteren
Ernst der Mutter Er fragte mehrmals Wem gehören die Rehe Wem gehören die
Hirsche Wem gehört das Alles Sie antwortete ihm kurz Dir nicht
    In der Nähe des Schlosses sah sie der Gärtner der die Orangeriehäuser zur
Nacht decken ließ Er blickte ihr verwundert nach weil sie seit Jahren nicht im
Schlossgarten gewesen war bot ihr den Guten Abend sagte aber Nichts So kam sie
bis zu der Stelle an welcher der kleine Fluss sich durch die Ausgrabungen zu
einem großen Teiche verbreiterte und von wo sich das Schloss auf seiner Terrasse
am stolzesten ausnahm Die Sonne war schon zum Sinken geneigt sie spiegelte
sich in den Fenstern dass sie leuchteten als wäre Feuer dahinter Auf den
Terrassen standen wie in Paulinens Garten auch noch einige Stockrosen die
der Nachtfrost verschont hatte und die dem Knaben als etwas Bekanntes Vergnügen
gewährten Aber obschon die Terrasse durch das Schloss vor dem Winde geschützt
war waren auch hier die Bäume schon entlaubt Die letzten acht Tage hatten sie
sehr mitgenommen ihre Blätter schwammen auf dem Wasser von dem der Nebel
aufzusteigen begann denn die Luft war klar und kalt
    Die vielen Schornsteine des Schlosses die sich drei vier
aneinandergelehnt emporhoben fielen dem Knaben auf
    Zähle die Schornsteine und merke Dir Alles denn hier wohnt Dein Vater Das
ist Deines Vaters Haus sagte die Mutter mit dem kurzen nachdrücklichen Tone
der alle ihre Worte auf diesem Wege dem Kinde auffallend und eindringlich
machte ohne dass es wusste weshalb ihm Alles so besonders klang
    Zähle die Schornsteine wiederholte sie und zähle wie viel blanke Fenster
das Schloss hat und wie viel große Tore und Türen Hinter den blanken
Fenstern in denen die Sonne sich so golden spiegelt werden glückliche Kinder
wohnen und spielen aber Du wirst nicht hineinkommen in das Haus Merke es Dir
gut Das ist Schloss Richten Hörst Du Paul Das ist Schloss Richten das gehört
dem Baron von Arten dem Onkel Baron und der Onkel Baron ist Dein Vater Der
Baron von Arten ist Dein Vater Paul
    Sie sah den Knaben an sein ernstes Gesicht in dem sich ein großer
Scharfsinn kundgab befriedigte sie Weißt Dus jetzt fragte sie
    Ja das ist Schloss Richten das gehört dem Onkel Baron und der Baron von
Arten ist mein Vater sprach der Kleine ihr halb verwundert und halb im
Schrecken nach
    Merk Dirs Dein Vater heißt Herr Baron von Arten wiederholte sie Sage
das noch einmal nach
    Mein Vater heißt Herr Baron von Arten sprach das Kind und ich komme nie
hinein setzte er aus freiem Antriebe hinzu denn es tat ihm leid dass er nicht
hinein sollte in das schöne Schloss zu den glücklichen Kindern die einst hinter
den goldenen Fenstern spielen würden
    Mache dass Du hineinkommst rief die Mutter mit unterdrückter Stimme denn
Dir kommt es zu dort in dem Schloss zu wohnen Dir kommt es zu Hörst Du Dir
Du bist der älteste Sohn Dir kommt es zu dieses Schloss
    In dem Augenblicke hörte sie Schritte Sie fuhr zusammen fasste ihres Sohnes
Hand und als sie sich umwendete stand der Kaplan vor ihr Er hatte sie aus dem
Fenster seines Zimmers auf der Terrasse gesehen und kam besorgt herab sie zu
fragen was sie hierher geführt habe
    Paul soll doch wenigstens einmal sehen wo sein Vater wohnt antwortete sie
trocken Da er den Park und das Schloss nie hat betreten dürfen so lange wir
hier lebten soll er es sich genau betrachten ehe wir von hier scheiden
    Der Kaplan machte keine Einwendungen dagegen Er sprach ihr und dem Kinde
freundlich zu aber er suchte sie indem er vorwärts ging von der Terrasse auf
welche auch die Fenster von dem Zimmer des Barons hinaussahn fortzubringen
und weil die Achtsamkeit des Knaben sich auf die Schwäne unten im Fluße
hinwendete gelang es Jenem leicht Mutter und Sohn dorthin zu leiten Am Fluße
blieb Pauline stehen Die Sonne war herunter das Wasser sah schon ganz finster
und schwarz aus die Schwäne zogen mit ihren weißen gehobenen Flügeln langsam
darauf hin
    Sieh wie breit der Fluss hier ist sagte Pauline der geht durch das ganze
Land und ist tief sehr tief Noch ein paar Wochen dann wird er gefroren sein
Vergiss das nicht Paul Oben liegt das große helle Schloss und unten fließt das
tiefe finstere Wasser Wirst Du das behalten
    Ja versicherte der Knabe
    Nun dann können wir gehen rief die Mutter blieb aber doch noch einmal
stehen um noch einen Blick auf das Schloss zu werfen und sagte Da oben ist
auch Alles leer all die Stuben von der seligen gnädigen Frau und von dem
gnädigen Fräulein Die haben auch Platz machen müssen
    Sie seufzte wollte noch Etwas sagen unterließ es jedoch und wünschte dem
Kaplan eine gute Nacht wobei sie ihm dankte dass er so viel Geduld und
Nachsicht mit ihr gehabt habe und dass er sie und den Knaben hier nicht gestört
Er versuchte mit ihr von ihrer Reise von ihrer Einrichtung in der Stadt zu
sprechen und geleitete sie während dessen bis zum Parke hinaus An der Pforte
desselben bat er sie sie möge das Wort halten das sie ihm neulich gegeben den
Baron nicht weiter zu beunruhigen
    Was ich versprochen habe das habe ich versprochen und das werde ich halten
Was der Herr Baron von mir noch hören soll das erfährt er durch Sie
Hochwürden beteuerte sie
    Der Kaplan lobte das sie boten sich nochmals gute Nacht und Pauline
schritt mit ihrem Sohne durch die hereinbrechende Dunkelheit gen Rotenfeld nach
Hause
 
                                Viertes Kapitel
Als der Geistliche in das Schloss zurückkehrte sagte man ihm dass der Baron nach
ihm gefragt habe und er verfügte sich nach dessen Zimmer
    Ein freundliches Licht eine behagliche Wärme strömten ihm entgegen als er
in dasselbe eintrat Im Kamine knisterte und flackerte das Feuer und warf seine
Streiflichter nach den Genien von Marmor empor die von der hochgegiebelten
Spitze desselben Kränze und Palmenzweige herniederreichten An dem großen
SchreibBureau oben gegen das Fenster hin saß der Baron Bei dem klaren
Lichte der Wachskerzen die auf den silbernen Armleuchtern brannten ordnete er
verschiedene Briefschaften und Papiere und die im Kamine auffliegenden leichten
Feuerflocken verrieten dass er auch Papiere verbrannt haben musste
    Als er den Kaplan gewahrte stand er auf und ging ihm ein paar Schritte
entgegen Es ist gut dass Sie da sind Bester sagte er dann mir wurde
allmählig bange vor diesem Schreibtische Alte Papiere durchzusehen ist mir
beinahe noch quälender als auf einem Kirchhofe umher zu wandeln Der Kirchhof
so traurig seine Mahnung an unsere Vergänglichkeit ist zeigt sich uns doch
immer als die Ruhestätte für manches Leiden und wir selber empfinden uns auf
demselben mit Behagen als die Lebenden wir sind für den Augenblick wenigstens
noch die Bevorzugten Aber vor solchen Papieren  er wies mit der Hand darauf
hin  fühlen wir selbst uns schon in gewissem Sinne als Vergangene Wir kennen
uns selbst nicht in den durchlebten Zuständen wieder wir belächeln das was uns
einst wichtig schien wir sehen auf uns selbst wie auf etwas Fremdes zurück und
daneben wälzt sich uns die ganze Masse von Irrtümern und Verschuldungen auf
die man sich nicht ableugnen kann und mit denen man sich selbst und Andere
leiden machte Die vergangenen Freuden sind uns keine rechten Freuden mehr die
Menschen die vor uns auftauchen sind teils wirklich tot teils tot für
uns und weil wir auf so viel Vergangenes blicken verlieren wir das Zutrauen zu
demjenigen was wir jetzt wünschen und erstreben Der grüne Rasen des Kirchhofes
ist lange nicht so melancholisch als solche Päcke vergilbter Papiere Sie
müssten uns alle Lust am Leben nehmen wären wir nicht wie die Kinder geneigt
uns das Kommende das Unbekannte trotz aller unserer Erfahrungen doch immer
wieder schöner und verlässiger als das Bekannte vorzustellen Wer seines Lebens
froh werden will muss eigentlich gar keine Zeugnisse seiner Vergangenheit
aufbewahren denn damit allein gewinnt man die Möglichkeit sich nur dessen zu
erinnern was man festzuhalten wünscht und Alles zu vergessen was man
vergessen möchte
    Der Kaplan widersprach dieser Ansicht Wer das Bestreben der
Selbstvollendung hat meinte er muss sich vor sich selbst als Einheit
aufzurichten wünschen und hat als Grundlage für seinen eigenen Fortschritt den
genauen klaren Überblick über seine ganze Vergangenheit nötig Mich dünkt
sagte er ein jeder Irrtum aus dem wir belehrt hervorgegangen sind wird uns
zu einem Antriebe weiter in dem Streben nach Wahrheit fortzuschreiten jede
Versuchung jede üble Neigung die wir besiegten ist eine Ermutigung für uns
jedes Unterliegen eine Mahnung zum Misstrauen gegen uns selbst und wenn ich auf
meine ganze Vergangenheit zurückschaue so möchte ich nicht eine Stunde
derselben vermissen
    Der Baron war von der Äußerung überrascht Ich kenne Sie doch nun über ein
Vierteljahrhundert sagte er aber für so glücklich hätte ich Sie nicht
gehalten Nach Ihren Äußerungen müssen Sie von dem Leben von den Menschen
keine Enttäuschungen erlitten haben dann freilich wären Sie zu beneiden wären
Sie glücklicher als ich gewesen bin aber ich habe das nicht geglaubt
    Er brach damit plötzlich das Thema ab als sei es völlig erschöpft wenn er
seine Ansicht darüber ausgesprochen habe und der Kaplan hatte keine Neigung und
keinen Grund es weiter fortzusetzen Aber der Baron war aufgeregt und warf mit
einer gewissen Heftigkeit noch einige Päcke Papiere in das Feuer die hell
aufflammten und bald als ein Häufchen Asche zwischen den großen Holzbränden
versanken
    Das wäre abgetan sagte er und als sei mit diesen schriftlichen Zeichen
entschwundener Jahre auch all dasjenige vernichtet was der Baron nicht erlebt
und gelebt zu haben wünschte so erleichtert wandte er sich von dem Feuer ab Er
ging an sein Bureau schloss eines der Fächer desselben auf nahm einen
Schmuckkasten von violettem Samt heraus der auf seinem Deckel das Wappen der
Familie Arten trug und zeigte den Kasten öffnend seinem Freunde den darin
entaltenen Schmuck
    Sehen Sie einmal sagte er was Fassung tut Sie kennen ja unsern
Familienschmuck aber wie viel schöner sieht er in seiner jetzigen Fassung aus
als in der früheren in welcher meine Mutter ihn trug Er hielt ihn dabei gegen
das Licht dass die Flamme der Kerzen sich tausendfach in den schön facettirten
Brillanten spiegelte und schien große Freude an ihrem Glanze zu haben
    Mich dünkt der Schmuck ist größer und reicher als ich ihn früher gesehen
habe meinte der Kaplan
    Das ist er auch Sie wissen ja dass es ein Übereinkommen oder vielmehr eine
Sitte unter uns ist bei jeder neuen Übertragung des Schmuckes auf eine neue
Frau von Arten den Schmuck zu vergrößern Ich habe die fünf Solitaire welche
die Mitte des Kolliers bilden dazu gekauft und die ganze Aigrette ist neu Ich
denke dass sie Gräfin Angelika vortrefflich kleiden wird Die fünf Steine
welche durch meinen Ankauf an der hinteren Seite des Halsbandes übrig geworden
sind habe ich als Pendeloques für die BrustAgraffe fassen lassen und so schön
die Steine an und für sich sind muss man es dem Juwelier dem Jakob Flies doch
lassen dass er ihnen durch die Art der Zusammenstellung einen ganz besonderen
Glanz gegeben hat Er ist fraglos einer der geschicktesten Juweliere und der
honneteste Jude der mir vorgekommen ist
    Er blieb mit der Betrachtung des Schmuckes beschäftigt nahm die einzelnen
Teile mit einer fast weiblichen Genugtuung aus dem Etui heraus hielt sie
gegen das Licht und rief endlich Keine Königin dürfte sich dieses Schmuckes
schämen Dann legte er Alles in dem Etui zurecht deckte das wattirte weiße
Atlaskissen über die Brillanten und schloss das Kästchen mit dem goldenen
Schlüssel wieder behutsam zu Ehe er es aber in das Bureau setzte ließ er den
Kaplan noch einmal die Arbeit des Etuis betrachten welche sehr geschickt das
alte jetzt zu klein gewordene Schmuckkästchen nachahmte und mit dem doppelten
Behagen des Kenners und des Besitzers holte er noch vier fünf ältere
Schmuckkasten herbei welche die Vorgänger des jetzigen gewesen waren
    Man hatte durch alle Generationen die Form und Zeichnung des ersten
Schmuckkästchens festgehalten das einst einer der Herren von Arten seiner Braut
als Hochzeitsgabe dargebracht hatte Es machte sich also von selbst dass der
Baron dabei seiner Mutter und Großmutter seiner Vorfahren überhaupt gedachte
und er der sich eben noch gegen alle und jede persönliche Rückerinnerungen
ausgesprochen hatte fand sich bald in das liebevollste Gedenken an seine
Eltern in den stolzesten Rückblick auf sein Geschlecht versenkt Er sprach von
seiner Mutter von seinem Vater er verglich die Eigenschaften und den Charakter
seiner verstorbenen Schwester mit denen seiner Braut er entwarf Lebensplane für
die Zukunft und war wie sanguinische Menschen bei einem neuen Abschnitte in
ihrem Leben es pflegen voll guten Glaubens und voll guter Vorsätze
    Er kam darauf noch einmal als er dem Kaplan die Trauringe zeigte auf den
jüdischen Juwelier zurück Ich kenne ihn seit langen Jahren mein Vater bediente
sich seines Vaters schon sagte er aber ich habe mir niemals die Mühe genommen
mich weiter mit ihm einzulassen als unser eigentliches Geschäft es nötig
machte Jetzt da ich ausführlicher mit ihm zu verhandeln hatte habe ich ihn
näher kennen lernen und ich finde nun vollkommen bestätigt was man mir von ihm
gerühmt hat Er ist ein anständiger Mann und von einer Bildung die ich bei
Leuten seines Gleichen in der Tat nicht vorausgesetzt haben würde
    Ich hatte Ihnen das immer gesagt bemerkte der Kaplan Verwandte von mir
die vor Jahren in seinem Hause wohnten hielten einen gewissen Verkehr mit ihm
und ich habe dadurch bei meinen früheren Besuchen in der Stadt die Gelegenheit
gehabt ihn und seine Frau kennen zu lernen Es sind äußerst brave und recht
gebildete Leute
    Mich freut es diese Bestätigung Ihrer Ansicht durch meine eigene Erfahrung
gewonnen zu haben erklärte der Baron denn ich hege nicht üble Lust den Mann
als meinen Agenten in der Stadt zu benutzen Er hat Waarenkenntniss aller Art und
viel Geschmack Er ist daneben klug umsichtig ein sehr gewandter
Geschäftsmann und die Weise in welcher er seine Frau und seine einzige
beiläufig sehr schöne Tochter behandelte gefiel mir sehr Discret scheint er
mir auch zu sein
    Der Kaplan hatte Anfangs nicht recht einsehen können was den Baron bewogen
grade jetzt wo seine Zeit beschränkt war die nähere Bekanntschaft des
Juweliers zu machen noch weniger konnte er begreifen wozu er eines Agenten in
der Stadt bedürfe und weshalb er sich zu einem solchen eben einen Juden
ausersehe Indes die letzten Worte welche der Verschwiegenheit des Herrn Flies
gedachten klärten für den Kaplan den Vorgang alsbald auf Die ganze Maßregel
konnte sich nur auf Pauline oder auf den Knaben beziehen den der Freiherr dem
Schutze und Rate des Juweliers anzuvertrauen beabsichtigen mochte weil er mit
demselben auf sehr leichte und unverfängliche Weise im Zusammenhange bleiben
konnte Da der Baron aber mit keinem Worte Paulinens gedachte hielt der Kaplan
es für angemessen ihrer ebenfalls nicht zu erwähnen und der Abend ging mit
ruhigen meist heiteren Gesprächen hin als säße nicht eine halbe Stunde von
ihnen ein unglückliches verlassenes Weib in all seinem Jammer da die langsam
dahingleitenden Minuten mit seinen Herzschlägen qualvoll durchmessend
    Am andern Morgen kam der künftige Schwager des Barons ein junger Militär
nach Richten um den Bräutigam seiner Schwester zur Hochzeit zu begleiten Er
diente in einem KavallerieRegimente dessen eine Schwadron unfern in Garnison
lag Es war ein prächtiger Tag Das Pferd des Kornets wieherte vor Freude als
es dampfend von dem scharfen Ritte durch den kalten klaren Morgen das Schloss
erreichte dessen wohlversorgte Ställe ihm bekannt und lockend winkten Die
beiden ihn begleitenden langhaarigen Windhunde sprangen in großen Sätzen vor ihm
her als ahnten sie in der klaren Herbstluft die nahe Jagd
    Der Kornet war pünktlich gewesen um keinen Aufenthalt in der Abreise zu
verursachen und kaum hatte ein Diener sein Pferd weggeführt so trat gleich ein
zweiter heran dem Reitknechte des jungen Grafen das Gepäck abzunehmen welches
dieser für seinen Herrn auf dem Pferde hatte Denn die Reisewagen waren bereits
zum Anspannen fertig und man hatte nur noch die Mantelsäcke des jungen Grafen
unterzubringen
    Der Baron hatte am Fenster stehend schon eine ganze Weile nach seinem
Schwager ausgesehen Er hatte vortrefflich geschlafen war heiter erwacht und am
Morgen unter verschiedenen Vorwänden durch das ganze Schloss gegangen das ihm
heute zum ersten Male so leer erschien als habe die Gefährtin die er zu holen
beabsichtigte es schon lange mit ihm bewohnt und ihn eben jetzt erst verlassen
Er sah daran wie viel er in dieser Zeit an sie gedacht hatte wie sehr er sich
ihres nahen Besitzes freute und wie sehr er sie bereits in sein Leben
aufgenommen habe Er begrüßte und umarmte dann den Jüngling der ihn mit den
schönen Augen seiner Schwester anlachte mit der größten Freude aber er war so
eilig fortzukommen dass er trotz seiner Gastlichkeit noch während der Kornet
beim Frühstück saß den Befehl zum Anspannen der Wagen erteilte
    Der Kornet wollte davon nichts hören Er hatte sich vor Tagesanbruch auf den
Weg gemacht nun verlangte er Zeit sich auszuruhen denn er wollte sein Haar
das von dem mehrstündigen Ritte in Unordnung geraten war frisch frisiren und
pudern lassen um am Abende sich in seiner Familie gebührend präsentiren zu
können Er neckte daher den Baron mit aller kecken Laune eines jungen Militärs
und mit allem Übermute eines verwöhnten Günstlings über die große Eile mit
welcher derselbe zur Abreise trieb Der Baron ließ sich das von dem Bruder
seiner Braut mit Heiterkeit gefallen ja er willigte endlich darein dem jungen
Grafen noch die ganze neue Einrichtung des Schlosses zu zeigen und es vergingen
damit nahezu zwei Stunden die man in der angenehmsten und behaglichsten Weise
verbrachte
    Endlich fuhren die beiden Reisewagen vor das Schloss Den einen sollten bei
der Heimkehr die Vermählten den anderen der Kornet und der Kaplan benutzen Die
Dienerschaft stand vor der Türe der Haushofmeister sah dienstbeflissen noch
einmal die Taschen des Wagens nach sich zu überzeugen dass die mitgegebenen
Vorräte wohl untergebracht wären der Kammerdiener legte die Fusssäcke und
Pelzdecken zur Vorsicht in den Wagen und nahm dem Gärtner die Schachtel ab in
welcher das Bouquet von Orangenblüten das der Baron seiner Braut als
Willkommsgabe aus seiner Orangerie mitzubringen wünschte vorsichtig in Moos
verpackt war
    In dem Augenblicke trat der Baron mit seinen beiden Begleitern aus dem
Portal des Schlosses heraus und der Kornet machte unwillkürlich die Bemerkung
wie schön sein Schwager in dem violetten mit Goldschnüren besetzten
Sammetüberrocke aussehe Mit klarem Auge selbstzufrieden umherschauend drückte
der Baron den flachen gleichfalls mit Goldschnüren verzierten dreieckigen Hut
auf das Haupt und wollte eben den Wagen besteigen als sich unten am Fluße eine
unruhige Bewegung zeigte Der Gärtner mit seinen Burschen und einige Arbeiter
waren am Wasser beschäftigt man holte Stangen herbei und der Gärtner bestieg
das Boot mit dem man nach dem Schwanenhäuschen überzufahren pflegte
    Was gibts da unten fragte der Freiherr
    Man wusste es in seiner Umgebung nicht und schickte hinunter es zu erkunden
    Aber noch ehe der Bote zurückkam brachte der Gärtnerbursche dem Kaplan
einen Brief
    Was geht da vor wiederholte der Freiherr
    Gnädiger Herr sagte der Bursche es hat sich Einer ins Wasser gestürzt
    Wer Wann rief der Freiherr mit einem Schrecken der aus irgend einer
furchtbaren Ahnung hervorgehen musste
    Ich weiß nicht antwortete der Gärtnerbursche auf ein Zeichen des Kaplans
von dessen Wangen alles Blut gewichen war
    Der Freiherr wollte die Terrasse hinuntereilen der Kaplan hielt ihn zurück
Bleiben Sie bleiben Sie Es ist vergebens es ist zu spät sagte er eilig und
selbst nach Fassung ringend
    Den Brief den Brief drängte darauf der Baron und entriss dem
Widerstrebenden das Papier Es enthielt die folgenden kurzen Zeilen
    »Was ich von Dir erfahren soll das teile dem Herrn Kaplan mit hat er mir
geschrieben  Sagen Sie ihm also Hochwürden dass ich nicht anders konnte Ich
habe fortgehen wollen nun der Tag da ist gehts über meine Kräfte Ich will
ihn ja nicht stören in seinem Glücke aber hier bleiben muss ich Wenn er
heruntersieht auf das Wasser werde ich ihm wohl einfallen und er wird dann
auch wohl an den Paul denken der nun keinen Menschen mehr auf der Welt hat als
ihn Sagen Sie ihm das Hochwürden  Wenns Tag wird und Sie den Brief
bekommen dann ists lange mit mir vorbei«
    Das war Alles Der Brief war kurz und ohne alle Weichheit wie Paulinens
Charakter in sich abgeschlossen und ihr Entschluss schnell gewesen war Sie
hatte nicht einmal ihren Namen unterschrieben
    Während der Baron las hatte seine ganze Dienerschaft erfahren was
geschehen war Die Blicke seiner Leute waren auf ihn gerichtet er beachtete es
nicht Seine Hand zitterte seine Kniee versagten ihm den Dienst er musste sich
auf einer der Bänke vor dem Schloss niedersetzen und im furchtbaren Schmerze
schloss er die Augen Es war eine vollkommene Untätigkeit in seine Umgebung
gekommen Niemand schien zu wissen was er tun solle
    Mit einem Mal richtete er sich auf Abspannen befahl er und wollte sich in
das Schloss begeben In dem Augenblick kam aber der Kornet zurück welcher mit
der Lebhaftigkeit seines Alters bei der ersten Kunde von dem Unfalle nach dem
Wasser hinuntergegangen war
    Es hat sich ein Frauenzimmer aus dem Dorfe ertränkt sagte er gleichgültig
und sie meinen es müsse schon viele Stunden her sein denn der Mantel und die
Schuhe die man auf dem Rasen gefunden hat waren schon festgefroren als Ihr
Gärtner sie bemerkte Unter den Schuhen soll ein Brief an den Herrn Kaplan
gelegen haben  Ah Sie haben den Brief schon rief er als er das Blatt in den
Händen seines Schwagers und zugleich mit dessen Verstörung es bemerkte dass der
Kammerdiener die Pelzdecken wieder aus dem Wagen herausnahm
    Was haben Sie Baron Sie lassen ausspannen fragte er verwundert Fahren
wir denn nicht
    Ja bald gleich erwiderte der Baron sich gewaltsam beherrschend Ich muss
nur erst sehen 
    Ob Sie Tote lebendig machen können rief der Kornet Wenn wir darauf warten
sollen wird Angelika heute eine schlaflose Nacht haben und sich Sorgen um uns
machen wobei Sie natürlich für zwei zählen und ich für Nichts Vor Abend kommen
wir jetzt ohnehin nicht mehr nach Berka und der Kaplan ist ja unten
Überlassen Sie ihm doch den Rettungsversuch das ist sein Amt und  fügte er
übermütig hinzu  wer weiß ob der hochwürdige Herr an den der Brief gerichtet
war nicht am Ende ohnehin mehr von der Sache weiß
    Er lachte über seinen Einfall der Baron hatte nichts von diesen frechen
Worten des jungen Mannes gehört aber er kam allmählig aus seiner Versunkenheit
zurück fuhr sich mit der Hand mehrmals über die Stirn und als er sich dann
umsah waren seine Mienen wieder ruhig geworden
    Sie haben Recht sprach er ich kann hier in der Tat Nichts helfen und
Ihre Schwester soll nicht ohne Grund beunruhigt werden Kommen Sie lieber
Gerhard lassen Sie uns einsteigen  Während der junge Graf sich dem Wagen
näherte winkte der Baron den Haushofmeister heran und sagte Ich lasse den
Herrn Kaplan ersuchen alles Nötige verstehen Sie mich alles Nötige zu
besorgen und mir baldmöglichst nachzukommen Und dass ich hier Alles finde wie
ichs angeordnet habe
    Der Haushofmeister verneigte sich die Dienerschaft welche eben so bestürzt
gewesen war als ihr Gebieter trat beflissen hinzu und der Baron stieg ein
Als der Kornet sich zu ihm niedersetzte und der Kammerdiener ihnen die Decken
von schwarzem Bärenpelz über die Kniee gebreitet hatte lehnte der Baron sich in
die Ecke zurück wie einer der zu schlafen beabsichtigt
    Sie werden heute keinen unterhaltenden Gesellschafter an mir haben sprach
er zu dem jungen Manne Freude und Erregung haben mich die Nacht nicht schlafen
lassen und nun ist der Schrecken mir auf die Nerven gefallen dass ich einen
Ansatz von Migraine fühle den ich mir wegschlafen möchte um Ihre Schwester
heiter und frei umarmen zu können
    Kannten Sie das Frauenzimmer das sich ertränkt hat fragte gleichgültig der
junge Mann
    Ja versetzte der Baron und es überlief ihn eiskalt dass er
zusammenschauerte und sein Begleiter ihn aufmerksam werdend betrachtete Dem
Baron entging das nicht und die Achtsamkeit seines Schwagers von dem rechten
Pfade abzulenken sagte er Mit aller seiner Philosophie kann man sich des
Aberglaubens in entscheidenden Momenten doch recht schwer erwehren Dass solch
ein Unglück vor meinen Augen geschah grade als ich den Wagen besteigen wollte
um an das Ziel meiner Wünsche zu gelangen hat mir einen äußerst peinlichen
Eindruck gemacht und ich möchte um Alles in der Welt nicht dass Ihre Schwester
Etwas davon erführe
    O bewahre Wozu auch erwiderte der Bruder aber dass Sie sich so Etwas
derart zu Herzen nehmen könnten hätte ich mir nicht gedacht Mich lässt
dergleichen völlig ruhig Wer sich das Leben nimmt tut es zu seinem eigenen
Schaden
    Er machte dazu ein ganz ernsthaftes Gesicht lehnte sich ebenfalls zurück
wickelte sich fest in seinen Reitermantel ein und war da er mit Tagesanbruch
ausgeritten bald eingeschlafen während der Baron von Schmerz und
Gewissensbissen gefoltert von Sorgen und Unglücksahnungen gepeinigt mit
Schrecken daran dachte dass er am Abend seine Braut begrüßen und sie bald als
seine Gattin in sein Haus führen sollte vor dessen Fenster das dahin fliessende
Wasser ihn ewig an den Untergang Paulinens mahnen musste
 
                                Fünftes Kapitel
Die ganze gräfliche Familie war bereits im Schloss beisammen als der Baron in
Berka eintraf Der Schwiegervater die neuen Vettern kamen ihm bis in die Halle
entgegen Bei dem Scheine der Windleuchter welche die geschäftige Dienerschaft
herbeigetragen hieß man ihn mit aller Feierlichkeit willkommen und dem Baron
war jeder Aufenthalt war Alles erwünscht was ihm die Veranlassung zum eignen
Handeln ersparte was die erste Begegnung mit seiner Braut wenn auch nur für
Minuten hinausschob
    Oben in seinen Zimmern in die man ihn geführt hatte um ihm Zeit für seine
Umkleidung zu geben warf er sich erschöpft auf das Kanapé und die
Herzbeklemmung die er den ganzen Tag ertragen und überwunden hatte machte sich
in Tränen Luft
    Gut geschult verließ sein Kammerdiener ihn sobald er die Gemütsbewegung
seines Herrn gewahrte und es dauerte eine Weile ehe der Baron demselben
schellte um sich ankleiden zu lassen Er war sonst äußerst sorgsam für seine
Toilette heute blieb dieselbe gänzlich dem Kammerdiener überlassen
    Der Baron beachtete es nicht in welcher Weise jener ihm die vollen
Seitenlocken puderte er sprach kein Wort während der Diener ihm das Haar
flocht und die Schleifen des breiten Bandes an dem Haarbeutel befestigte Er
merkte es kaum als er ihm das kleine goldene Messer reichte den Puder von der
Stirne fortzubringen und wäre der Diener nicht selbst stolz gewesen auf die
vornehme Erscheinung seines Herrn so hätten die weissseidenen Strümpfe sich
ziehen können wie sie mochten und weder die kantenbesetzte weiße Halsbinde
noch das Jabot und die Spitzenmanschetten würden die rechten vollen vornehmen
Falten geworfen haben Erst als der Baron das Zimmer verlassen wollte um sich
zu seiner Braut zu verfügen und der Diener ihm den ParfümerieKasten
hinreichte damit er für sein Taschentuch den Parfüm nach Wohlgefallen wählen
könne erlaubte sich derselbe die Anfrage ob der gnädige Herr nicht in den
Spiegel sehen wolle und sein zufriedenes Lächeln schien von diesem Vorschlage
Erheiterung für den Baron zu erwarten Indes der Blick desselben wendete sich
kalt von dem Spiegel ab nachdem er ihn flüchtig darauf gerichtet hatte und mit
einem Seufzer den er nicht zu unterdrücken vermochte verließ er das Zimmer
    Er hatte keine Sylbe gesprochen er hatte es nicht einmal für nötig
gehalten dem Diener Verschwiegenheit zu befehlen Er kannte sich und seine
Leute Er wusste dass sie treue Diener waren weil er sie immer empfinden ließ
dass er ihr Herr sei
    Langsam und schwerer als es seine Art war schritt er die Treppe hinab
durch die Vorzimmer an der teils wartenden teils beschäftigten Dienerschaft
vorbei bis die Flügeltür des Saales vor ihm geöffnet wurde Aber das Licht
das helle Licht welches ihm aus demselben entgegenstrahlte war ihm unangenehm
Es blendete ihn heute zum ersten Male in seinem Leben und erinnerte ihn damit
wie heiße Tränen er geweint hatte Indes es blieb ihm keine Zeit an sich zu
denken Er hatte seine Braut zu begrüßen er musste ihr sagen was er in diesem
Augenblicke leider ganz und gar nicht empfand dass er glücklich sei sie
wiederzusehen
    Wie hold sie ist hörte er ausrufen als Gräfin Angelika ihm mit
unverhehlter Freude und Zärtlichkeit entgegenkam
    Die schlanke Gestalt sah so leicht aus in dem Kleide von rosenfarbener
Seide Das schöne Haar nur von einem rosa Bande gehalten puffte sich hoch über
ihrer schmalen Stirne empor und fiel hinter beiden Ohren in langen Locken weich
und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab
    In jedem anderen Momente würden ihre Jugend und ihre Schönheit dem Baron
eine Entzückung bereitet haben heute bewegten sie ihn nicht obschon er sie
gewahrte Er küsste Angelikas Hand und umarmte sie aber sie musste die Begrüßung
nicht gefunden haben wie sie dieselbe erwartet hatte denn es legte sich ein
Schatten über ihr Gesicht und ihr Auge blieb ängstlich auf den Baron gerichtet
als man sich nach kurzer Zeit in den Speisesaal verfügte
    Die Unterhaltung belebte sich an der Tafel schnell Man befand sich noch in
den Zeiten in welchen Männer und Frauen es kein Hehl hatten dass sie in die
Gesellschaft gingen um einander zu treffen und dass sie einander zu gefallen
wünschten Die Geselligkeit die Unterhaltung wurden noch als eine Kunst
betrachtet in welcher geübt und geschickt zu sein für einen Gebildeten als eine
Ehrensache galt Der Baron als trefflicher Gesellschafter gerühmt hatte seinen
Ruf aufrecht zu erhalten und hätte ihn selbst in seiner gegenwärtigen Stimmung
in dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner Braut nicht
einbüßen mögen Er nahm sich also zusammen und da man für den Moment durch
Überreizung seiner Kräfte ihre Abspannung am leichtesten besiegt und verbirgt
so steigerte er sich allmählich zu einer Lebhaftigkeit welche die allgemeine
Aufmerksamkeit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des ganzen Kreises
machte
    Er kam aus der Stadt war vor nicht langer Zeit in Berlin gewesen und hatte
viel Gutes von den Freunden zu erzählen welche er an beiden Orten gesehen Er
konnte weil ihm die hervorragendsten Persönlichkeiten des Hofes und der
Diplomatie bekannt waren genaue Auskunft über den Stand der Weltändel geben
welche damals noch nicht so offen und so schnell vor aller Leute Augen gebracht
wurden als in unsern Tagen und was die Literatur anbelangte an der man zu
jener Zeit in der guten Gesellschaft weit mehr Anteil nahm als heute so führte
er als das Neueste und Bedeutendste in seinem Reisewagen außer Goethes
Geschwistern noch die ersten veröffentlichten Bruchstücke des Don Karlos mit
sich Er musste vom Könige erzählen von der Gräfin Lichtenau deren Charakter
und deren Tun und Treiben seit der neuerdings erfolgten Tronbesteigung
Friedrich Wilhelms des Zweiten eine noch größere Wichtigkeit bekommen hatten
und wie sehr er die Abneigung seiner Zuhörerinnen gegen die königliche Maitresse
auch berücksichtigte und schonte konnte er doch nicht umhin sie als eine Frau
von Geist von Geschmack und von Kunstsinn zu bezeichnen Hier und da verriet
ein Blick ein Wort es den Männern dass er noch mancherlei Besonderes
zurückbehalte was den Vertrautesten mitzuteilen sich wohl eine gute Stunde
finden lassen werde und selbst die Frage der Damen nach den neuen Moden in
Kleidung und Wohnungseinrichtung freundlich zu befriedigen ließ der Baron sich
gefällig herbei bis alle Anwesenden voll von seinem Lobe waren bis er selbst
sich fortgehoben hatte über seinen verstörten Sinn Er hatte die Gesellschaft
für sich eingenommen und sich durch die Betrachtung erheitert wie viel
Herrschaft er über sich habe und über welche Mittel er gebiete sich die Neigung
und Bewunderung der Menschen zu gewinnen das genügte ihm für den Augenblick und
half ihm vorwärts
    Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine Zufriedenheit und
den allgemeinen Frohsinn nicht zu teilen nur Komtesse Angelika blieb ernst und
schweigsam Das fiel dem Baron auf und besorgt und ein wenig empfindlich
zugleich fragte er sie Fehlt Ihnen etwas meine Beste oder was ist geschehen
das Lächeln von Ihrem lieben Antlitze zu verscheuchen
    Da richteten sich ihre sanften Augen ruhig forschend auf die seinen und mit
leiser Klage sagte sie Sie erzählen so viel Schönes aber Sie sagen mir Nichts
    Der Scharfblick des jungen Mädchens erschreckte der Vorwurf traf ihn indes
schnell gefasst neigte er sich zu ihr und sprach flüsternd Wollen Sie dass ich
hier inmitten der Familie und der Gäste die Selbstbeherrschung verliere die mir
Ihnen gegenüber Süsseste zu behaupten so schwer wird dass ich um Herr über
mich zu bleiben mich mit Plaudern beschwichtigen muss Was soll ich Ihnen sagen
das Sie nicht wüssten meine holde Braut
    Sie lächelte und errötete ohne jedoch durch seine Schmeichelrede beruhigt
zu werden Sagen Sie mir dass Sie sich freuen bei mir zu sein dass ich Ihnen
gefalle bat sie mit einem Tone der scherzend sein sollte der aber ihre
Besorgnis nicht verbergen konnte
    Angelika rief der Baron und sah sie mit einem Blicke an vor dem sie
erglühend die Augen senkte bestes teuerstes Mädchen was ficht Sie an wie
kommt Ihnen dieser Zweifel Ich begreife Sie nicht
    Sie lächelte verwirrt sie schalt sich selbst ein verwöhntes Kind sie bat
ihren Verlobten ihr zu verzeihen und reichte ihm die Hand hin die er zärtlich
drückte aber er wusste jetzt dass er sich vor Angelika zu hüten habe und seine
Stimmung ließ ihm heute nur Einen Weg auf dem er sich behaupten konnte
    Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen Zurückhaltung behandelt
welche Reinheit und Unschuld von dem Manne zu fordern berechtigt sind Jetzt da
er im Innersten erschüttert und bedrängt keiner freien Empfindung mächtig
seine Braut beunruhigt und zum Argwohn geneigt sah jetzt musste der Schein der
Leidenschaft und des Verlangens ersetzen was Angelika an ihm vermisste und es
fiel dem erfahrenen Frauenkenner nicht schwer das Herz des jungen Mädchens
lebhaft zu beschäftigen In den folgenden Tagen gab es der Zerstreuungen welche
ihm zu Hilfe kamen auch mancherlei denn die große Familie welche jetzt im
Schloss zusammen lebte nahm beide Verlobten sehr in Anspruch Das neue
Eintreffen des einen oder des anderen noch fehlenden Gastes brachte immer neue
Zwischenfälle welche dem Freiherrn seine Haltung wesentlich erleichterten und
da Angelika aus ihrer friedlichen Ruhe aufgeschreckt das Alleinsein mit ihm
zwar suchte aber es eben so schnell wieder floh so verfloss die ganze Woche
ohne besondere Störungen Die Männer zogen in der Frühe auf die Jagd man
speisthe gemeinsam und am Abend vereinigten Unterhaltung und Spiel die
Gesellschaft in verschiedenen Gruppen während die Jüngeren hier und da zum
Tanze ihre Zuflucht nahmen
    Am Vorabende der Hochzeit hatte man länger als gewöhnlich bei der
Mittagstafel verweilt und sich dann in das Nebenzimmer begeben um dort den
Kaffee einzunehmen Der Baron stand den Rücken gegen die Stubentüre gekehrt
die kleine Tasse von meissener Porzellan in der Hand mit einigen Herren in
lebhafter Unterhaltung an dem Kamine Man sprach von Diesem und Jenem man
neckte den Baron damit dass er zerstreut sei weil die bevorstehende Hochzeit
ihm im Sinne liege und der Gedanke an dieselbe führte die Männer welche zum
Teil Jugendfreunde und Lebensgenossen des Freiherrn waren auf die Erinnerungen
an ihre eigenen Hochzeiten und auf manches gemeinsame Erlebnis zurück Es fehlte
dabei nicht an einer Menge jener kleinen Züge welche man einander vorsichtig
nach den Frauen hinüber schauend mit Lächeln und Flüstern erzählte und wie das
zu geschehen pflegte waren die Männer welche am ruhigsten das friedliche Joch
ihrer Ehe ertrugen unter denjenigen die am eifrigsten gegen den Zwang der
Beständigkeit protestirten und sich am dreistesten des Übermutes berühmten
mit dem sie die Tage ihrer Freiheit und Ehelosigkeit genossen haben wollten
    Sie waren der Klügste von uns Allen Baron sagte einer seiner Verwandten
der mit ihm gleichen Alters war Sie haben sich Ihre Freiheit nach Gebühr zu
Nutze gemacht und nun da ich armer Tor bereits meines Sohnes Erstgebornen aus
der Taufe gehoben habe nun führen Sie als ob das eben so sein müsste das
schönste Mädchen des Landes heim um das die ganze Schaar unserer jungen
Edelleute sich vergebens bemühte Ihre Frau wird großes Aufsehen machen wenn
Sie sie am Hofe präsentiren
    Das könnte sein versetzte der Baron ich habe aber nicht die Absicht an
den Hof zu gehen und meine Braut hat vollends keine Neigung für das Leben in
der Residenz
    Weil sie es nicht kennt meinte einer der jüngeren Männer denn ich halte es
für unmöglich sich nicht von dem schwungvollen Sinne von dem Geiste und von
der Bildung gefesselt zu fühlen welche sich dort zur Verschönerung des Lebens
und zum Genuss desselben verbinden
    Schon die große Zahl von Franzosen und Engländern von Fremden überhaupt
machen den Hof jetzt anziehender als er seit lange gewesen ist bemerkte der
Edelmann der zuerst gesprochen hatte und sich zu dem Freiherrn wendend sagte
er und nicht allein Fremde erscheinen dort auch Geister lassen sich sehen Was
haben Sie denn über die Sache erfahren
    Sie meinen die Erscheinung des Grafen von der Mark welche man dem Könige
bereitet hat fragte der Freiherr
    Eben diese versetzte der Andere und der Freiherr berichtete was er davon
gehört und wie sehr der König sich durch den Anblick dieses von ihm geliebten
und als Kind verstorbenen Sohnes erschüttert gefühlt haben sollte
    Einige der Männer feste alte Voltairianer zuckten mitleidig und
verächtlich die Achseln als die Unterhaltung sich nach dieser Seite wendete
Indes die Geisterseherei war Mode geworden Jeder hatte seine Meinung über ihre
Möglichkeit und die Frauen deren weichem Herzen der Tod ja fast immer als eine
Grausamkeit erscheint sprachen sich zum Teil sehr lebhaft für eine Ansicht
aus welche ihnen einen fortdauernden Zusammenhang mit ihren dahingegangenen
Lieben in Aussicht zu stellen versprach
    Der Baron dessen Meinung man zu verschiedenen Malen herausgefordert hatte
vermied es sie zu äußern Er war zurückhaltender als er es sonst über ähnliche
Materien zu sein pflegte und weil sich Niemand in der Gesellschaft befand der
die Unterhaltung verständig leitete und beherrschte verlor sich dieselbe je
mehr die Dämmerung hereinbrach immer tiefer in das Gebiet des Geheimnisvollen
und Sentimentalen Man erzählte die Erfahrungen die man selbst von dem
Übergreifen der Geisterwelt in den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren gemacht
zu haben glaubte man erinnerte an die damals vielbesprochene Geschichte der
jungen Schauspielerin der ihr verratener Geliebter sich auf die wundersamste
Weise kundgegeben haben sollte
    Das Für und Wider äußerte sich noch einmal und noch lebhafter als zuvor
bis einer der älteren Edelleute welchem diese weichlich mysteriöse Unterhaltung
nicht behagen mochte ihr mit einem Scherze ein Ende zu machen beschloss
    Man könnte sich es schon gefallen lassen sagte er einer ungetreuen Schönen
zu einem allgegenwärtigen und unvermeidlichen Memento mori zu werden wenn man
nur vor Repressalien sicher wäre Stellen Sie sich doch aber vor meine Herren
was sollte aus uns Ehemännern und aus dem Frieden unseres Hauses werden wenn
jedes hübsche Lärvchen das uns einmal das Herz gerührt hat so ganz ad libitum
in unserem häuslichen Kreise erscheinen und unsere eheliche Eintracht stören
könnte Unsere Damen die jetzt so sehr für diese neue Weltanschauung schwärmen
würden ja die Ersten sein um Gottes willen gegen einen solchen sichtbaren
Zusammenhang mit der Geisterwelt zu protestiren
    Man lachte man belobte hier und da den gesunden heiteren Einfall des alten
Herrn man sagte dass der rechte Frohsinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden
sei und stachelte damit den Ehrgeiz des jungen Grafen Gerhard auf den Witz und
die Heiterkeit der Jugend kund zu tun Unglücklicher Weise waren aber Maß
halten und ruhiges Überlegen nicht eben seine Sache Der reichlich genossene
Wein hatten ihn heute noch unbesonnener und kecker als gewöhnlich gemacht und
sich an seinen Schwager wendend dessen Ernst und dessen Schweigen ihm
aufgefallen sein mochten rief er Der Onkel Kammerherr hat wahrhaftig Recht
Stellen Sie sich doch vor Baron was aus Ihnen werden sollte und was Angelika
sagen würde wenn alle die Frauen denen Sie um Angelikas willen das Herz
gebrochen Ihnen erscheinen sollten Stellen Sie sich vor wenn  er wies mit
dem Kopfe nach dem Eingange des Zimmers und der Baron und die Anderen folgten
unwillkürlich seinem Winke  wenn dort sich zum Beispiel plötzlich die Tür
öffnete und 
    Ein Schauer durchflog die Glieder des Barons denn die Türe tat sich
wirklich wie mit Einem Schlage plötzlich auf ein blendendes Licht strömte
herein und mit krampfhafter Bewegung den Arm des ihm Nächststehenden
ergreifend sank der Baron auf den Sessel am Kamine nieder
    Aber nur wenige wurden das gewahr denn die Diener brachten eben jetzt die
vielarmigen Leuchter in das Zimmer deren helles Licht die Mehrzahl der
Anwesenden blendete und der Eintritt des Kaplans dessen Ankunft man kurz
vorher gemeldet hatte nahm die Anderen in Anspruch Der Graf und die Damen des
Hauses bewillkommten den neuen Gast und der Baron gewann inzwischen Zeit sich
zu sammeln und sich zu erholen Dennoch neckte man ihn mit seiner Überraschung
mit seinem Schrecken man wollte wissen welche Erscheinung er gehabt habe
indes der Baron entzog sich mit guter Art und großer Selbstbeherrschung allen
darauf zielenden Fragen und Neckereien und mitten in der allgemeinen
Unterhaltung zu der er sich genötigt fand fragte er als der Kaplan an ihn
herangetreten war denselben leise und beklommen Hat man sie gefunden
    Alle Mühe war vergeblich antwortete jener ebenso
    Und Paul fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit
    
    Ist fürs Erste wohl aufgehoben in der Stadt
    Wer brachte ihn dorthin
    Ich selbst versetzte der Kaplan
    Der Baron drückte ihm schweigend die Hand andere Personen traten mit
Ansprache und Bewillkommung dazwischen der Abend verging in bewegter
Geselligkeit und der Baron fand sich erst wieder mit seinem Hausgenossen
zusammen als dieser ihn am späten Abende noch in seinen Gemächern besuchte Er
traf den Baron der sonst noch vor dem Schlafengehen lange in seinem Zimmer zu
lesen pflegte bereits im Bette
    Wundern Sie sich nicht dass ich mich schon niedergelegt habe redete der
Baron den eintretenden Kaplan an ich bin sehr müde Der Stand eines Bräutigams
ist an und für sich eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf Wenn
ein fertiger Mann ein Mädchen zur Frau begehrt so sollte man es ihm geben und
ihn mit der Erwählten ziehen lassen Was soll dieses wartende Verlangen von der
einen und von der anderen Seite Es ist so viel Zwang und Heuchelei darin ja
es liegt im Brautstande wenn man von einer Gesellschaft umgeben ist wie die
hier im Schloss versammelte sogar eine Art von Cynismus der mich beleidigt
Ich wollte wir wären zwei Tage weiter und fort von hier  Er machte eine
kleine Pause und warf dann die Bemerkung hin Ich schlafe auch schlecht Am Tage
Ermüdung in der Nacht wenig Schlaf und während desselben quälende Träume
Wahrhaftig man könnte  er vollendete den Satz nicht fuhr mit der Hand wie
es seine Gewohnheit war ein paar Mal über Stirn und Gesicht und stieß dann ein
Ach hervor in welchem sich sein ganzer Zustand offenbarte
    Der Kaplan fand ihn übel aussehend auch die Stimmung des Barons kam ihm
bedenklich vor Weil es spät war und er die Weise seines Freundes kannte sich
möglichst lange auf Umwegen von dem Gegenstande fern zu halten den zu erörtern
er Scheu trug kam er ihm zuvor indem er ohne Vorbereitung davon zu sprechen
begann
    Sie fragten mich heute hob er an wo Paul sich befinde und ich sagte
Ihnen dass ich selbst ihn nach der Stadt gebracht habe Da es an dem Morgen
nicht gelang die Mutter aufzufinden so machte ich mich noch am Abende mit dem
Knaben auf den Weg weil ich ihn nach dem Vorgegangenen nicht eine Stunde
unnötig in Rotenfeld verweilen lassen wollte Unentschieden wo ich ihn
unterbringen solle da er bei seinem Alter noch für kein öffentliches Pensionat
geeignet ist fiel es mir ein mich weil ich keine Zeit zu verlieren hatte an
Herrn Flies zu wenden
    Und Sie sagten ihm wem der Knabe gehöre unterbrach ihn der Baron
    Ich hatte das nicht nötig obschon er Anfangs mit der Zurückhaltung welche
Sie an ihm rühmten nicht merken ließ was der erste Anblick des Knaben ihm
verraten hatte
    Also Sie finden auch dass der Knabe mir so ähnlich sieht fragte der Baron
in einer Weise die schwer erkennen ließ welcher Empfindung sie entsprossen
war und ohne des Kaplans Antwort abzuwarten wollte er wissen ob sein Sohn
sich jetzt bei dem Juwelier befinde
    Nein entgegnete der Andere ihn dauernd in einer jüdischen Familie zu
lassen wäre doch nicht wohl tunlich gewesen und ich zweifle auch dass Herr
Flies sich dazu verstanden haben würde ihn aufzunehmen da 
    Und Ihr Vetter der früher in dem Fliesschen Hause wohnte unterbrach ihn
der Baron ich habe an Ihren Vetter und dessen Frau gedacht 
    Die Leute sind kinderlos bemerkte der Kaplan
    Eben deshalb meinte jener lebhaft
    Meine Verwandten sind so sehr an eine ruhige Häuslichkeit gewöhnt dass eine
Störung derselben ihnen durch Nichts aufgewogen werden könnte sagte der Kaplan
ablehnend
    Der Baron verstand ihn das bewies das unwillkürliche Zusammenpressen seiner
Lippen der Kaplan ließ ihm aber zu seiner Missempfindung nicht lange Zeit denn
er berichtete wie der Juwelier Rat geschafft und ihn an die Familie gewiesen
habe welche jetzt den dritten Stock seines Hauses als Mieter bewohnte
    Wer sind die Leute fragte der Baron dazwischen der sich im Bette
aufgerichtet und den Kopf auf die weiße wohlgepflegte Hand gestützt hatte die
vornehm aus den Spitzenmanschetten des weitärmeligen Nachtemdes hervorsah
    Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie wie meine Verwandten Die Frau
zeigte sich ohne Weiteres bereit auf den Vorschlag einzugehen da das Gehalt
des Kriegsrates nur beschränkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande
genötigt ist Eine Vermehrung der Einnahmen schien ihr also sehr erwünscht Der
Kriegsrat hatte Bedenken sie wurden aber von der Gewandtheit des Juweliers
ohne all mein Zutun besiegt
    Bedenken wiederholte der Baron mit einem Anfluge jenes empfindlichen
Stolzes der sich wundert wenn sich Jemand seinen Wünschen nicht gefügig zeigt
    Sie galten der Herkunft des Knaben der möglichen Ungelegenheit welche
dieselbe verursachen könnte und endlich auch der Sicherheit der
Pensionszahlungen für die Herr Flies sich dann natürlich alsobald verbürgte
während er zugleich auf die Förderung hindeutete welche dem Kriegsrate durch
Ihre Vermittlung zu Teil werden könnte
    Sie glauben also dass der Knabe dort gut aufgehoben ist fragte der Baron
über die Antwort des Kaplans leicht hinweggehend
    Der Juwelier versicherte es mir und eilig wie ich war fand ich es am
besten ihn in dem Hause zu lassen da Herr Flies und seine Frau ein Auge auf
ihn zu haben versprachen
    Der Baron nickte zustimmend Ich danke Ihnen sagte er Sie haben mir einen
Dienst geleistet ich bin über den Knaben beruhigt wenn Flies ihn in seiner
Nähe und Aufsicht behält Wollte Gott ich könnte mich auch sonst beruhigen Man
hätte vielleicht der Unglücklichen Zeit lassen Sie hätten ihr nachgeben ihr
gestatten sollen den Winter oder wenigstens noch einige Wochen in Rotenfeld zu
bleiben Ich beurteilte Pauline richtiger als Sie
    Der Kaplan war wie er den Baron kannte darauf vorbereitet gewesen dass er
es zu seiner Selbstberuhigung versuchen würde dem Freunde einen gewissen
Anteil an dem Unheile aufzubürden welches er selber angerichtet hatte Er ließ
also diese Äußerungen absichtlich unbeachtet und dadurch genötigt sich
weiter kund zu geben sagte der Baron von dem Tatsächlichen der traurigen
Angelegenheit abbrechend
    Gewisse Erfahrungen muss man an sich selber machen und so teuer man sie
erkauft bezahlt man sie doch wahrscheinlich nicht zu hoch Sie werden sich
künftig mein werter Freund über mich nicht mehr zu beklagen haben
    Der Kaplan bat um eine Erklärung dieser Worte
    O versetzte jener mich dünkt darüber könnten Sie nicht in Zweifel sein
Ich habe wohl sonst Ihre strengen Morallehren als unnatürliche Beschränkungen
Ihre ganze Weltanschauung und Lebensführung als die Frucht eines furchtsamen
Aberglaubens angesehen und Sie in meinem Innern beklagt dass Sie sich in Folge
Ihrer Gelübde nicht zu genießen erlaubten was uns zum Genuße ladet und für
denselben geschaffen ist In den letzten Tagen sagte er mit einem schweren
Seufzer habe ich mich aber oftmals des Gedankens nicht erwehren können dass Sie
jetzt der Glücklichere von uns beiden sind Ja ich habe Sie recht eigentlich um
Ihre Gemütsruhe um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft gedacht dass man schon
aus Selbstsucht und Berechnung ein einfaches reines Leben führen müsste Wenn
ich daher in meiner Ehe mit Gräfin Angelika Kinder haben sollte so will ich sie
Ihnen und Ihrer Führung ausschließlich anvertrauen und Sie sollen mich an diese
Stunde erinnern lieber Freund wenn ich gegen dieses Versprechen handle Es ist
sicher ein köstlich Ding um ein unbeflecktes Gewissen und um die Möglichkeit des
Glaubens und des Gebetes
    Der Geistliche sah ihn prüfend an Er wusste welcher schnell wechselnden
Ansichten der Baron fähig war und pflegte deshalb auf seine Äußerungen sofern
sie aus einer ungewöhnlichen Stimmung hervorgingen kein großes Gewicht zu
legen Es däuchte ihm aber als sei es Pflicht des Christen und vor Allen des
Geistlichen einem Schwerbeladenen und Niedergebeugten und ein solcher war der
Freiherr jetzt in jedem Betrachte in der Stunde der Not die Hand zu reichen
und ihm den Trost zu bieten an welchem man sich in der eigenen Ohnmacht
gehalten und an dem man sich aufgerichtet hat
    Haben Sie es denn versucht fragte er ihn deshalb sanft und ernst sich
einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben darzulegen Haben Sie es versucht
recht in sich zu gehen und sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns
Rechenschaft über dasselbe zu geben als wäre diese Rechenschaft von einer Macht
gefordert die den Zusammenhang der Dinge besser kennt als wir Haben Sie sich
denn in letzter Zeit wohl jemals der Religion mit dem Bedürfnis um Erlösung
zugewendet
    Sie wissen bester Freund sagte der Baron zögernd und mit Bedauern dass
dies leider nicht geschehen ist Bei meinem lebhaften Sinne und einem starken
Selbstgefühle ist mir die Religion seit lange nur als eine Stütze und ein
Heilmittel erschienen deren der Gesunde und Kräftige entraten und nach denen
mich persönlich niemals verlangen könne Indes die Erfahrungen welche ich jetzt
an mir und in dem Leben überhaupt gemacht und ein Eindruck eine rätselhafte
Erscheinung die ich gehabt eben heute gehabt habe  Er brach ab und sagte Ich
wiederhole Ihnen ich wollte ich könnte heute glauben und beten wie Sie mein
Freund und mir damit das Herz entlasten
    Und was hindert Sie daran fragte der Kaplan ihm fest ins Auge blickend
    Mir fehlt die Zuversicht der Glaube dass Gebet mich trösten könne dass für
mich auf diesem Wege die begehrte Hilfe zu finden sei wendete der Freiherr mit
einer Weise ein die sehr von jener Leichtigkeit abwich mit welcher er solche
Materien sonst zu behandeln gewohnt war
    Der Kaplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken versunken dann sprach er
ernstaft und bewegt wie man eine tiefe Überzeugung eine an sich selbst
erprobte Erfahrung kund gibt Mich müsste Alles trügen oder Sie stehen auf
einem jener Wendepunkte des Lebens Herr Baron auf welche der Mensch nach
meiner festen Überzeugung nur dann gestellt wird wenn das Einschlagen eines
völlig neuen Weges für ihn das einzige Rettungsmittel geworden ist  Er machte
danach wieder eine Pause und sagte endlich als habe er lange nach der Form
gesucht in welcher er seinen Glauben dem Freiherrn zugänglich machen könne Sie
haben vor nicht langer Zeit selbst gegen mich über die mystische Grenze
gesprochen welche in unseren Handlungen das freie Wollen von dem Müssen und
Erleiden scheidet und ich erinnere Sie an diese Ihre eigene Ansicht um in
derselben Ihnen ein Gleichniss und in gewissem Sinne auch die Erklärung für Ihren
jetzigen Zustand zu bieten Ist irgendwo eine solche mystische Grenze zwischen
der Freiheit des Menschen und der Führung des Höchsten vorhanden so offenbart
sich dieselbe wenn wir Ihr Leben einheitlich überschauen an Ihnen Alles was
Sie unternahmen sich eine höchste Befriedigung im weltlichen Sinne zu schaffen
erfüllte den Zweck nicht Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen Da fallen
Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe aber auch ihm liegt ein weltliches
Element zu Grunde Sie machen ein Geschöpf Gottes das Ihnen durch eine
Verknüpfung von Umständen zur Pflege zugeführt wird nicht zu einem Gegenstande
Ihrer selbstlosen Sorgfalt sondern zu einem Spiele Ihrer Phantasie zu einem
Glückspfande und nur zu bald wird das arme Wesen Ihr Opfer wird durch Sie um
Unschuld Glauben und Hoffnung gebracht Jetzt kommt der Augenblick in welchem
Sie selbst das Bedürfnis fühlen sich ein neues und geläutertes Leben in Ihrem
Hause aufzuerbauen und nun erwächst Ihnen aus Ihrer Vergangenheit aus früherem
Verschulden ein Unheil das Sie selbst wie einen Fluch empfinden vor dessen
Anmahnung Sie sich nicht zu bergen gegen dessen Last Sie sich nicht zu wehren
und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen von dem Sie auch nirgends
Rettung und Erlösung finden werden als an der Quelle aus welcher alle Erlösung
und alle Gnade quillt 
    Er machte eine Pause Der Baron hatte noch immer das Haupt auf den Arm
gestützt und sah in tiefes Sinnen versunken vor sich nieder Der Kaplan
wartete ob Jener zu sprechen beginnen würde indes nur die Traurigkeit und
Weichheit seiner Mienen verriet was in seinem Herzen vorging und der Kaplan
hielt es für seine Pflicht dem Bereuenden weiter entgegen zu kommen
    Sie sind in diesem Augenblicke sagte er wie der verlorene Sohn wie der
Sohn der im Übermute seiner Kraft es verlernt hat sich als Kind in seines
Vaters Arme zurück zu flüchten Sie wissen Sie kennen den Weg der Sie an das
Ziel Ihrer Sehnsucht führen kann aber Sie scheuen sich ihn zu betreten weil
Sie verlernt haben ihn zu gehen Sie möchten beten können heißt das nicht
beten Sie möchten sich zu Gott zu Ihrem Erlöser wenden heißt das nicht zu ihm
gewendet zurückgekehrt sein zu ihm Sie verlangen nach Hilfe nach Beistand
nach Gnade  aber die göttliche Gnade ist so unerschöpflich dass das bloße
brünstige Verlangen nach ihr wenn es ein fortgesetzter Zustand der Seele wird
schon die Bürgschaft für ihre Gewährung in sich trägt denn der Allhelfer fehlt
dem Menschen niemals wenn es von ihm ist dass man Hilfe und Erlösung erwartet
    Der Freiherr hatte den Kopf erhoben er sah den Kaplan forschend an und mit
dem unverkennbaren Verlangen eine Widerlegung seines noch nicht überwundenen
Zweifels zu erhalten fragte er Könnte Unglauben so rasch zum Glauben werden
    Moses schlug voll Glaubens gegen den Fels und aus dem harten
verschlossenen Gestein sprang die helle Flut des Lebens hervor sein ganzes Volk
zu erquicken  Der Kaplan rückte bei diesen Worten seinen Sessel nahe an den
Baron heran neigte sich zu ihm und sagte indem er mit sichtlich bewegtem
Herzen die Hand desselben ergriff O könnte ich Ihnen doch klar und
eindringlich machen was als feste erhebende Überzeugung in mir lebt Der
Glaube der Ihren Vater Ihre Mutter durch das Leben leitete der Ihre verklärte
Schwester in einer Weise sterben machte welche ihrem Leben erst die volle Weihe
verlieh dieser Glaube hatte Sie verlassen und so nahe wir beide durch alle die
Jahre neben einander lebten Herr Baron wir standen einander ferner als es
zwischen so alten Lebensgenossen hätte sein sollen Aber glauben Sie mir mein
Freund wie gering der Anteil auch gewesen ist den Sie mir bisher an Ihrem
Seelenleben gönnten ich habe nicht aufgehört um dasselbe zu sorgen ich habe
nicht aufgehört zu hoffen dass der Erlöser Sie zu finden wissen werde Und nun
da das Entsetzliche hereinbrach habe ich mit Ihnen gelitten Tag für Tag ich
habe für Sie gedacht für Sie in meinem Herzen gebetet und in die Zukunft zu
blicken gestrebt nach Beruhigung für Sie Da ist mir der Gedanke an die
wunderbaren Wege und Fügungen des Himmels tröstlich zu Hilfe gekommen Wer von
uns will es ermessen ob Gott nicht das junge Weib ob er nicht Pauline die das
Opfer Ihrer Sinnlichkeit geworden war sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu
Ihrer Bekehrung Ob nicht Pauline sterben musste das eigene Vergehen zu büßen
und Sie hinzuführen an die Gnadenquelle aus der das Geschlecht welches
fortzupflanzen Sie morgen Ihre Ehe schließen sich erquicken und erstarken soll
zu neuem Glauben zu neuem Wandel auf dem rechten Wege
    Der Baron hatte dem Freunde mit steigender Erschütterung zugehört
Weichherzig wie er war hatten schon die tiefe und ernste Bewegung die fromme
Liebe und die feste Treue des alten Lebensgenossen ihn gerührt und aufgerichtet
aber bei des Kaplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons sich
wundersam Der zuversichtliche Glaube an die rätselhaften Wege einer allweisen
Vorsehung welcher dem Kaplan den Gedanken eingegeben hatte dass Pauline nach
Gottes Ratschluss habe sterben müssen um den Freiherrn und sein Haus dem
Glauben wiederzugeben trug für den Letzteren schon eine halbe Erlösung in sich
und leuchtete ihm ein da er seiner persönlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf
sein Geschlecht plötzlich in der erwünschtesten Weise entgegenkam Er war nach
solcher Annahme von den Fügungen des Himmels nicht mehr völlig und
ausschließlich verantwortlich für seine Tat und ihre schwere Folge Er war
nicht mehr der allein Schuldige der Frevler welcher Pauline in den Tod
gestürzt Nur ein Werkzeug war er gewesen wie sie in der starken Hand des
Herrn Nicht mehr ein Sünder war er der sich demütigen musste um die
Verdammung von sich abzuwenden er war ein Auserwählter ein Begnadigter denn
Gott hatte das Leben eines armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer für
ihn und sein Geschlecht und erleichterten Herzens und nach Beruhigung dürstend
fragte er Und hegen Sie den Glauben dass Reue ganz versöhnt
    Ja ich hege diese Zuversicht rief der Kaplan mit festem innig
vertrauendem Glauben Ja ich hege die Zuversicht dass Reue dass büssende und
zugleich fruchtbar tätige Reue eine Erlösung in sich verbürgt Wollten Sie sich
in dumpfem Schmerze der Erinnerung an das von Ihnen verschuldete Unglück
überlassen so würde damit sicher Nichts geholfen Nichts gebessert sein Aber
wenn Sie die Möglichkeit der erlösenden Versöhnung nicht nur auf sich selbst
beziehen wenn Sie dieselbe zugleich als eine Aussöhnung mit dem eigenen
Bewusstsein betrachten wenn Sie sich sagten ein Mädchen das mich liebte ist
untergegangen durch mich dafür soll das Weib das ich mir erwählte um so
glücklicher werden wenn Sie mit Selbstvergessenheit für die Frau für die
Familie zu leben versuchten welche sich um Sie her bilden wird wenn Sie die
Seelen welche die Vorsehung Ihnen anvertraut im Glauben und in Heiligung
erziehen  mich dünkt mein Freund das würde so viel Licht über Ihr Dasein
ausbreiten dass davor die Schatten welche jetzt Ihr Leben umdüstern allmählich
weichen können Gebet und Reue sind erlösend wenn sie eine Selbsterkenntnis und
ein Gelöbnis zugleich demütig und mutig sind
    Der Kaplan hielt inne denn der Baron hatte sonst immer eine große Ungeduld
bewiesen wenn sein geistlicher Freund ähnliche Gespräche oder ähnliche
Erörterungen herbeizuführen gesucht hatte Heute war das anders Es tat ihm
wohl die Stimme des Freundes und seinen ermutigenden Zuspruch zu hören denn
sie waren milder als sein eigenes Gewissen und fast bittend sagte er Sie sind
nicht zu Ende enthalten Sie mir Nichts vor mein Freund
    Was könnte ich noch hinzufügen entgegnete der Kaplan das nicht in dem
Gesagten schon enthalten wäre das Ihr eigenes Herz Ihnen nicht kund gibt Jede
Sünde ist eine Verfehlung gegen das Gute und gegen das Recht Machen Sie sich
von diesen Verfehlungen frei stellen Sie sich als Sünder Ihrem Schöpfer als
tadelloses Familienoberhaupt als tadelloser Gutsherr den Menschen gegenüber
und ich zweifle nicht dass sich zwischen diesen beiden Polen für Sie der Weg und
die Mittel zu einer Befreiung Ihres Herzens und Ihres Gewissens finden lassen
werden dass Sie eines Glückes teilhaftig und einer dauernden Zufriedenheit
fähig werden können von der Ihre Vergangenheit Ihnen noch kein Bild gegeben
hat
    Der Freiherr atmete auf Er richtete sich empor er sah die Möglichkeit vor
sich wieder erhobenen Hauptes zu leben da er den Vorsatz hegte sein Haus im
Geiste des Christentumes aufzubauen Er konnte in diesem Augenblicke selbst an
Pauline wieder denken ohne die herzzerreissenden Gewissensbisse zu empfinden
welche ihm seit ihrem Tode keine Ruhe mehr gelassen hatten Er versank noch
einmal in ein tiefes Sinnen Der Kaplan dessen innere Wahrhaftigkeit in diesem
Falle die Selbsttäuschungen des Freiherrn nicht voraussah saß ihm seinen
eigenen ernsten Betrachtungen nachhangend schweigsam gegenüber Seine ganze
Seele war Gebet Endlich reichte der Baron dem Geistlichen die Hand
    Ich danke Ihnen sagte er ich danke Ihnen von Herzen und Sie haben Recht
Ja Sie haben Recht Es ist eine große Wohltat des Himmels er brauchte diesen
Ausdruck mit Selbstgenuss es ist ein Segen von Gott einen Freund wie Sie in
der Nähe zu haben sich mit einem Freunde wie Sie recht von Herzen aussprechen
zu können und wie selten habe ich mir in der Zerstreutheit der vergangenen
Jahre diese Befriedigung gewährt  Er bog sich ein wenig nach hinten über
dehnte Brust und Rücken und meinte Ich glaube in der Tat diese Nacht werde
ich schlafen können Ich fühle mich ruhiger freier als in den verwichenen
Tagen Nur der Gedanke an Richten quält mich unaufhörlich und ich gäbe viel
darum wenn ich es jetzt noch nicht wiederzusehen es noch nicht mit meiner Frau
wiederzusehen brauchte
    Und gibt es dafür keinen Ausweg fragte der Kaplan dem die Beruhigung
seines Freundes von welcher er sich die sittliche Erhebung desselben versprach
lebhaft am Herzen lag Sie haben ja das Haus welches Fräulein Ester Ihnen
hinterlassen hat eigentlich noch gar nicht bewohnt Wie wäre es 
    Wenn wir nach der Residenz gingen fiel der Baron ihm in die Rede daran
habe ich selber schon gedacht nur dass Alles wie Sie wissen auf unsern
Aufenthalt in Richten angelegt und angeordnet war und dass in der Stadt gar
Nichts für unsere Aufnahme vorbereitet ist Ich habe das Haus meiner Tante als
ich es bei meinem letzten Aufenthalte in der Residenz übernahm doch recht
vernachlässigt und traurig gefunden und man würde es vollständig erneuern
müssen um es angenehm und uns angemessen zu machen Indes davon zu reden wird
morgen Zeit sein mein lieber Freund Für heute wünsche ich gesammelt zu bleiben
und noch eine Weile mit mir allein zu sein Schlafen Sie wohl Gewiss ich hoffe
auch endlich wieder eine gute Nacht zu haben
    Er gab dem Geistlichen nochmals die Hand und dieser verließ ihn mit dem
beruhigenden Bewusstsein getan zu haben was ihm oblag Er hatte den
Zerknirschten nicht mit harter Verdammung niedergeschmettert sondern ihn
aufzurichten gesucht da er seine Erhebung anstrebte und ersehnte und es
eröffnete sich ihm jetzt dafür die Aussicht der Kirche ein ihr entfremdetes
Glied das Haupt einer einflussreichen und vornehmen Familie dem Glauben und der
Sitte einen Menschen von vielen Gaben und von einem an sich guten Herzen wieder
zuzuführen während ihm selbst der Freund zurückgegeben zu werden schien an dem
er immer mit warmer Neigung gehangen hatte seit der Baron einst sein Zögling
gewesen war
    Der Kaplan betete also an dem Abende noch länger und noch inniger als sonst
und der Freiherr schlief seit Paulinens Tode in dieser Nacht den ersten
traumlosen und ruhigen Schlaf Das setzte ihn wieder völlig in den Gebrauch
seiner Kräfte ein Er fühlte sich erfrischt und befreit er erschien sich
verjüngt als er sich im Spiegel betrachtete und er sah mit wachsender Spannung
und freudiger Bewegung der bevorstehenden Zeremonie entgegen
    Am Mittage wurde die Trauung des Barons mit der Gräfin Angelika wie es in
den Ehepacten festgesetzt worden war nach katolischem Ritus vollzogen Der
Baron hatte am Morgen noch eine lange Unterredung mit dem Kaplan gehabt und
beide waren bemüht gewesen sich auf dem Wege zu erhalten auf welchem der
Freiherr gestern die erste trostreiche Beruhigung gefunden Er hatte dem Kaplan
die feierliche Zusage gegeben dahin zu wirken dass auch seine Töchter falls er
deren haben sollte in der katholischen Kirche auferzogen würden und er war
danach während der Trauung ernster und feierlicher gestimmt als die
Gesellschaft welche ihn im Schloss umgab es von ihm erwartet hatte Die
Eltern der Braut erfreuten sich dessen als einer Bürgschaft für das Glück der
Tochter die junge Gräfin selber war gegenüber der Innigkeit mit welcher ihr
Gatte sich gegen sie bezeigte voll demutsvoller Zärtlichkeit und Liebe und es
war sicherlich Niemand unter den anwesenden Gästen welcher diesem von dem
Schicksal so vielfach bevorzugten schönen Paare nicht eine glückliche Zukunft
vorausgesagt hätte
    Bei der Tafel als eine der Tanten den Schmuck bewunderte mit welchem der
Baron seine Braut zur Hochzeit beschenkt hatte erklärte dieser dass er seiner
Frau noch ein anderes Angebinde oder vielmehr noch eine Überraschung
vorbereitet habe welche ihr wie er hoffe willkommen sein werde Er bat sie
zu erraten was er für sie im Sinne führe aber sie traf das Rechte nicht und
endlich fragte er wie würde es Dir gefallen meine Beste wenn wir morgen
statt unsern Weg nach Richten einzuschlagen uns nach der entgegengesetzten
Seite wenden und nach der Residenz begeben würden um dort den Winter
zuzubringen
    Der Vorschlag erregte bei Allen ein großes Erstaunen denn seit der
Verlobung hatte man es festgesetzt gehabt dass die Neuvermählten das erste Jahr
ihrer Ehe in Richten verleben sollten Alle Plane des Barons waren darauf
begründet alle seine Briefe voll gewesen von der Schilderung der
Annehmlichkeiten welche er sich von dieser Einrichtung versprochen hatte Nun
sollte das plötzlich Alles anders werden Man wusste sich nicht gleich in eine so
unerwartete Veränderung hineinzudenken wusste sich ihre Ursache nicht zu deuten
und besonders Angelika vermochte bei diesem Vorschlage des Barons der ihren
Neigungen und Hoffnungen gleichmäßig widersprach vollends keine Freude zu
empfinden
    Die gräflich Berkasche Familie gehörte zu jenen alten guten
Adelsgeschlechtern welche das Leben im eigenen Hause und auf eigenem Grund und
Boden als die einem Edelmanne am meisten zuständige Lebensweise erachteten Nur
einmal und nur für eine kurze Zeit hatte Angelika in der Stadt verweilt als
eine Krankheit der Mutter die Beratung eines dortigen berühmten Arztes
notwendig gemacht hatte In der Residenz war sie niemals gewesen und an ein
ruhiges Dasein an eine einförmige Folge der Tage gewöhnt reizte das Neue sie
weniger als das Fremde sie beunruhigte Alle die idyllischen Hoffnungen welche
sie für ihre nächste Zukunft gehegt sanken vor dem neuen Plane ihres Gatten in
Nichts zusammen und rasche Übergänge aus einem Gedanken und
Vorstellungskreise in den andern zu machen war ihr nicht gegeben Ihre Mienen
verrieten daher nichts weniger als Freude bei der Eröffnung des Barons und als
er ihr im Besondern die Frage vorlegte ob er ihrer Neigung mit seiner Absicht
begegnet sei verneinte sie es mit der Bemerkung es schmerze sie dass ihr auf
diese Weise das erste ruhige Beisammensein mit ihm verkümmert und ihr die
Gelegenheit genommen werde sich ihm in der neuen Heimat als Hausfrau angenehm
und lieb zu machen
    Er suchte ihr das auszureden er bemühte sich ihr begreiflich zu machen
dass sie in gewissem Betrachte in der Residenz weit mehr auf einander angewiesen
sein würden als in Richten wo Familienbesuche sie vielfach beansprucht und
ihnen die Zeit einsamen Verkehrs beschränkt haben würden und sie ließ das
endlich gelten Aber der Baron hatte bei diesen Auseinandersetzungen zum ersten
Male Gelegenheit sich zu überzeugen dass seine Frau zwar ihre liebsten
Hoffnungen freundlich seinen Wünschen unterzuordnen wusste dass es jedoch nicht
leicht sei sie ihren Sinn ändern zu machen oder ihr fremde Gedanken
unterzuschieben
    Man speiste lange man tanzte nachher Die Braut fand allmählig ihre
Heiterkeit wieder sie war lieblicher und anmutiger als je zuvor und der
Baron sah schön aus in der freudigen Erregung die ihn durchglühte Die Töne der
Gavotte und der Quadrille à la Reine erklangen noch immer nachdem er schon
lange seine junge Gattin in den stilleren Teil des Schlosses entführt hatte in
welchem die Zimmer für die Neuvermählten eingerichtet worden waren
    Ihre Abreise sollte am nächsten Mittage vor sich gehen Nach der Gewohnheit
des Hauses frühstückten die Gäste auf ihren Zimmern In dem Wohngemache der
gräflichen Hausherrin war das neue Ehepaar mit den Eltern und dem Grafen
Gerhard dem jüngsten Bruder der Braut beisammen der ältere Bruder und
Majoratserbe befand sich bei einer Gesandtschaft außer Landes Man wünschte
sich der scheidenden Tochter noch einmal in Ruhe zu erfreuen
    Der Graf sah es mit Vergnügen wie zärtlich sein Schwiegersohn der jungen
Frau begegnete wie er vor Entzücken aufflammte wenn sein Auge sich auf die
schöne Gattin richtete Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig er war
dadurch mit der Gräfin auch liebevoll und zärtlich und er verargte es derselben
ganz entschieden dass ihre Blicke so ängstlich und so fragend auf die Tochter
geheftet blieben Er verargte es der Tochter dass sie so schweigend da saß dass
sie die liebevolle Zuvorkommenheit ihres Mannes nicht wärmer aufnahm sie nicht
ein einziges Mal erwiderte
    Sie ist nicht wie ihre Mutter dachte der Graf und in seinem Innern sagte
er ihr jene völlige Herrschaft über den Baron voraus welche kalte Frauen über
warmherzige Männer stets gewinnen Aber er hatte Angelika nicht für so kalt
gehalten er hatte erwartet sie am ersten Tage ihrer Ehe eben so heiter und
zärtlich zu finden als der Baron sich bezeigte
    Je näher der Augenblick der Trennung kam je weniger verbarg sich die
Schwermut der beiden Frauen Keine von ihnen sprach sich über ihre Empfindungen
aus indes die Mutter hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen
dass sie wusste der trübe Ernst in dem Auge derselben die festgeschlossenen
Lippen müssten noch etwas Anderes zu verbergen haben als den Schmerz des
Scheidens von dem Vaterhause den einzugestehen Kindespflicht und Dankbarkeit
ihr fast geboten Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer Mutter
nicht um sich von ihr verstanden zu fühlen Was geschehen sei vermochte die
Gräfin nicht zu enträtseln nur das stand für sie fest ihre Tochter sah anders
aus wenn Glück und Zuversicht aus ihren Mienen lächelten
    Endlich schlug die zur Abreise angesetzte Stunde Mitten aus dem Kreise der
nächsten Familie und der männlichen Gäste welche der Tochter des Hauses bis
hinab auf die Rampe das Geleite gaben hob der Baron seine Frau in den Wagen
Noch ein letzter Blick von dem Auge der Mutter noch ein Zuruf von Vater und
Bruder noch Grüße und Grüße von der alten treuen Dienerschaft noch ein
Peitschenknall durch die frische Luft ein kräftiger Ansatz der vier feurigen
Rosse und das Vaterhaus war verlassen für immer Die Baronin von Arten hatte
fortan auf eigenen Wegen zu gehen Angelika hatte sich eine Heimat in dem Hause
und in dem Herzen ihres Mannes zu errichten
    Aber still und traurig wie sie den ganzen Morgen hindurch gewesen war saß
sie in dem Reisewagen an der Seite ihres Gatten und all seine Zärtlichkeit all
seine Beteuerungen dass er für sie leben dass er sein Glück darin suchen wolle
sie glücklich zu machen waren nicht im Stande die Schwermut von ihrer Stirne
zu bannen oder den Zug des Schmerzes von ihrem Munde zu vertilgen Es war
umsonst dass der Baron sich damit tröstete die Trauer einer Tochter bei dem
Abschiede von den Eltern sei natürlich umsonst dass er sich sagte diese starke
Liebe für die Eltern verspreche ihm Gutes Es beschlich ihn eine Unruhe es
bemeisterte sich seiner eine Ungeduld die ihn allmählig verstimmten und als am
Nachmittage die Sonne sank und der Abend sein bleiches Grau über die weiten
kahlen Flächen des Landes auszubreiten begann war das Herz ihm beklommen und
sein niedergedrückter Geist hatte Mühe sich von den Erinnerungen fern zu
halten denen er seit der Unterredung mit dem Kaplan entfliehen zu können
gehofft hatte
    Eine geraume Zeit war vergangen in welcher weder der Baron noch Angelika
ein Wort gesprochen hatten als diese ganz plötzlich mit anscheinender Ruhe die
Frage tat Heißt Jemand Pauline unter den Frauen die Du kennst
    Den Baron traf es wie ein Stich durchs Herz das Rätsel begann sich ihm in
erschreckender Weise zu lösen Pauline wiederholte er den Schauer
niederkämpfend der ihn beim Aussprechen dieses Namens überfiel wie kommst Du
zu der Frage Geliebteste
    Angelika war unsicher ob sie antworten solle endlich sagte sie Weil Du
mich mehrmals so genannt hast
    Es war ein Glück dass die Laternen des Wagens noch nicht angezündet waren
und dass Angelika die Blässe und den Ausdruck seines Gesichtes nicht sehen
konnte als er sich bemühte sie an einen Irrtum an ein Misshören von ihrer
Seite glauben zu machen Aber obschon sie schwieg war er gewiss sie nicht
überzeugt zu haben und in die Notwendigkeit versetzt ähnlichen Möglichkeiten
vorzubeugen sagte er Es kann wohl sein dass ich den Namen ausgesprochen habe
denn eine Frau die ihn trug ist mir einst wert gewesen und es ist leicht
möglich dass in Deiner lieben Nähe die Erinnerung an sie mich unwillkürlich
überschlich Aber Du hast von dieser Erinnerung nichts mehr zu fürchten fügte
er mit einem schweren Seufzer hinzu und Du meine Angelika bist zu vernünftig
bist zu klug als dass Du hättest hoffen können die Gedächtnisstafeln eines
Mannes so rein und unbeschrieben zu finden als die Deinen es zu meiner Freude
sind Du süßes Weib
    Die Baronin sah ihn an der Schein der Laternen die man inzwischen mit
Licht versehen hatte zeigte ihr seine Mienen ruhig und gefasst Und wer ist
diese Pauline wo lebt sie fragte sie um Beruhigung bittend
    Sie lebt nicht mehr antwortete der Baron und wieder überflog der Schauer
des Entsetzens seine Glieder Sie lebt nicht mehr lass Dir das genügen Meine
Zukunft ist Dein Dein ausschließlich das gelobe ich Dir so wahr ein Gott über
uns waltet Die Vergangenheit die nicht Dein war ist nicht mehr und es ruht
allein in Deiner lieben Hand sie mich völlig vergessen zu machen
    Er sprach das mit großer Aufrichtigkeit mit fester Zuversicht indes er
sah dass er Angelika nicht befriedigt hatte und es war ihm ein ungewohntes und
peinliches Gefühl sich für alle Zeiten gebunden zu denken sich eingestehen zu
müssen dass in der Tat das Glück und der Friede seiner kommenden Jahre von dem
Willen und den Eigenschaften einer jungen Frau abhingen von welcher man bis
dahin kaum die Wahl der eigenen Kleidung und sicherlich keine ihrer eigenen
Handlungen abhängig gemacht hatte Ohne dass er es verriet drückte ihn der
erste Ring der Fessel mit welcher er sich gebunden hatte Es wäre ihm sehr
erwünscht gewesen jetzt ein freundliches Wort von der Baronin zu vernehmen und
daneben verdross ihn die Bemerkung dass er eben auf ein gutes Wort zu warten sich
genötigt fand Angelika jedoch blieb in sich gekehrt in ihrer Ecke sitzen und
weil sie dabei so gar traurig aussah nahm er sie in seine Arme schloss sie an
sein Herz und fragte sie ob sie ihm denn nicht glaube nicht vertraue
    Ja versetzte sie o ja ich glaube Dir aber 
    Aber wiederholte er besorgt
    Sie wollte sprechen und fand den Ausdruck nicht bis sie in Tränen
ausbrechend und in Scham erglühend mit einer ihr fremden Hast die Worte
hervorstiess Sie stehen zwischen mir und Dir diese unglückseligen Erinnerungen
und ich kann und kann es nicht vergessen wenn Du mich in Deine Arme an Dein
Herz nimmst dass schon Andere an Deiner Brust geruht an welcher ich meines
Lebens heilige Zufluchtsstätte zu finden hoffte
    Sie schien sich in diesem Augenblicke wirklich so unglücklich zu fühlen dass
sie dem Baron Mitleid einflößte Er bedauerte sie er bedauerte auch sich selbst
und dachte mit aufrichtiger Reue an seine Vergangenheit zurück aber vor Allem
machte der Vorgang ihn doch verdrießlich Die reine Seele seiner Frau und ihre
Wahrhaftigkeit waren ihm achtungswert und erfreulich nur mussten sie ihn nicht
belästigen und wie er es auch vorhatte ein gewissenhafter Ehemann zu werden
so war ihm die Aussicht dass Angelika zur Eifersucht geneigt sein könne
vollends unbehaglich
    Er hatte Ruhe Frieden Erheiterung Zerstreuung nötig hatte sie von
dieser Reise mit seiner jungen Frau erwartet und sollte nun als Angeschuldigter
da sitzen sollte sich rechtfertigen Trost sprechen und Vernunft predigen Das
dünkte ihn bald widerwärtig und bald lächerlich Er fühlte sich in einzelnen
Augenblicken zu dem Wunsche den er sich selbst als einen lästerlichen
bezeichnete veranlasst dass er eine weniger sittenstrenge Gattin besitzen möge
vorausgesetzt dass sie nur leichtlebiger und fröhlicher sei denn als der Baron
sich zu verheiraten beschloss hoffte er nicht nur zufrieden gestellt zu
werden sondern auch zufrieden zu stellen und er hatte nach seiner Meinung ein
Recht dies als eine notwendige Ausgleichung für seine aufgegebene
Ungebundenheit und Freiheit zu begehren
    Er schwankte ob er sich gegen Angelika erzürnt zeigen oder ob er sie
besänftigen solle aber die ernsten und guten Vorsätze welche er für seine Ehe
gefasst hatte trugen den Sieg davon Er machte seiner Frau einige von jenen
allgemeinen unbestimmten Bekenntnissen über seine Vergangenheit welche Nichts
verrieten und doch hinreichten einer liebevollen und sittenreinen jungen Frau
Gelegenheit zum Beklagen des Schuldigen zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu
bieten und als das unerfahrene liebende Herz der Baronin den geliebten Mann
nur beklagen und ihm verzeihen und eine zärtliche Versöhnung mit ihm genießen
konnte war es für den Augenblick gar leicht beschwichtigt und über seine
Zweifel fortgetragen
 
                                Sechstes Kapitel
Die Erfahrung welche der Baron an dem ersten Tage seiner Ehe gemacht hatte
ward ihm eine Anmahnung zur Selbstbeherrschung aber grade die Notwendigkeit
derselben ließ ihn erkennen wie sehr er durch Paulinens Tod erschüttert war
und während die anmutigste und liebenswürdigste Frau an seiner Seite saß von
deren Tugend und Bildung er selbst sich ein reines Glück erhoffte konnte er das
Bild des unglücklichen Geschöpfes nicht verscheuchen das ihm in willenloser
Leidenschaft in ausschliesslicher Liebe zu eigen gewesen war und durch ihn
selbst von jedem andern Anhalte losgelöst keinen Ausweg für sich gefunden
hatte als den Tod da er sich von ihr abgewendet
    Der Wagen führte ihn vorwärts aber alle seine Gedanken gingen nach Richten
und in die Vergangenheit zurück und obschon er mit großer Anstrengung die
Heiterkeit und Zufriedenheit zur Schau trug welche jeder herzensfreie Mann an
der Seite Angelikas empfunden haben würde die sich wieder zutrauensvoll und
fröhlich an ihn zu schließen begann hätte er bisweilen viel darum gegeben eine
Stunde des Alleinseins eine Stunde zwanglosen Leidens und Ausruhens genießen zu
können So drückend ihm der Gedanke an die Rückkehr nach Richten Anfangs auch
gewesen war er fand dass er nicht klug getan habe indem er sich in seiner
gegenwärtigen Stimmung zu dem unausgesetzten Beisammensein mit seiner Frau
verdammt hatte und er erschrak doch vor sich selber als er sich eben dieser
Empfindung bewusst ward
    Dazu hatte er die Fahrt nach der Residenz auf kurze Tagereisen anlegen
müssen um dem vorausgesandten Kammerdiener Zeit zu den unerlässlichsten
Vorkehrungen in dem Hause von Fräulein Ester zu lassen und obgleich die Tage
noch sehr hell und freundlich blieben war die Jahreszeit doch schon weit
vorgerückt Die Abende waren lang die Orte in denen man zu rasten hatte boten
keine Zerstreuungen die Gastöfe nicht einmal eine gewisse Behaglichkeit dar
Ohne die Anspruchslosigkeit und den jugendlichen Sinn der Baronin die niemals
gereist war und die daher in manchen Dingen noch einen Reiz und eine Belustigung
zu finden vermochte welche ihrem Gatten nur als Unbequemlichkeiten erschienen
wäre diese Fahrt nach ihrem neuen Aufentaltsorte nicht danach angetan gewesen
der jungen Frau als eine ihr von ihrem Gatten gewährte Überraschung oder
Vergünstigung zu erscheinen
    In der Regel aber steigert sich die Erwartung mit welcher wir einem
unbekannten Zustande entgegen gehen durch die Dauer der Zeit wie durch die
Mühe mit welcher wir zu demselben zu gelangen haben und besonders die Jugend
welche noch an ein notwendiges Gleichgewicht zwischen Mühe und Erfolg glaubt
hält sich berechtigt ihre Hoffnungen und Ansprüche je nach der Zeit des Wartens
höher zu spannen Die erste Ankunft in der Residenz war jedoch nicht dazu
geeignet den Vorstellungen zu entsprechen mit welchen die Baronin ihr in den
letzten Tagen und Stunden entgegen gesehen hatte
    Es war ein unfreundlicher Nachmittag an welchem der Reisewagen des Barons
durch das Frankfurter Tor in Berlin einfuhr und nach langem Wege vor dem Hause
von Fräulein Ester Halt machte Nach mehreren Wochen des schönsten hellsten
Wetters hatten Regen und Nebel des Herbstes sich ganz plötzlich eingestellt und
fielen deshalb um so widerwärtiger auf Das Haus lag in einer Straße welche zu
den vornehmsten gezählt hatte ehe die Erweiterung der Stadt hier wie überall
die schöne Welt nach dem Westende übersiedeln machte und die dunkeln Mauern
sahen bei der trüben nassen Luft noch grauer als gewöhnlich aus
    Breit für seine Höhe auf weitem Hofe hingestreckt mit eisernem Gitter
gegen die Straße abgeschlossen und von den Bäumen des Gartens überragt übte das
Haus auf die Baronin eine überraschende Wirkung aus indes der Verfall desselben
drängte sich ihr trotz der beginnenden Dämmerung deutlich auf und das Innere
des Gebäudes entsprach dem Äußern nur zu sehr
    Die öde mit schwarzen Fliesen ausgelegte Eintrittshalle die breiten
Steintreppen mit den altersgeschwärzten Eisengallerien die hohen mit
stumpffarbigen Seidenstoffen und gepresstem Leder tapezierten Gemächer der
Hausrat dem man es ansah dass er seit gar langen Jahren nicht erneuert worden
war hatten etwas Trauriges Die Brocatüberzüge der Möbel die Gardinen und
Türvorhänge waren farblos die reichen Vergoldungen ohne Glanz die prächtigen
Spiegelgläser waren blind geworden Die gestickten Tischdecken die Teppiche und
Polster sahen fahl aus und von den Oelgemälden und Pastellbildnissen deren
sich eine große Anzahl in den Zimmern verteilt befanden waren die Farben
ebenfalls verblichen dass sie blass und gespenstisch auf die Eintretenden
herniederschauten
    Zwar brannten in den herabhängenden altmodischen MessingLaternen der Halle
die Lichter und in den Räumen welche man zu ebener Erde auf die ganz
unerwartete Nachricht von der bevorstehenden Ankunft des Barons geöffnet und für
ihn hergerichtet hatte flammten die Feuer lustig in den großen Kaminen aber
trotz der Mühewaltung des vorausgesandten Dieners war und blieb der
melancholische Hauch der über dem Hause lag unzerstörbar
    Das widerwillige Bellen der beiden alten Hunde welche den fremden
Eindringlingen den Eingang verwehren zu wollen schienen erschreckte die
Baronin und die steifen Verbeugungen und Knixe der in dem Hause waltenden
Kammerfrau von Fräulein Ester die mit kaltem Auge ohne eine Miene zu
verziehen ohne ein Wort des herzlichen Willkomms zu äußern ehrerbietig und
feierlich wie der Aufseher eines Grabgewölbes Zimmertüre um Zimmertüre
öffnete waren vollends niederschlagend
    Dem Baron war selbst dabei nicht wohl zu Mute Das Hôtel kam ihm fremd und
wie verwandelt vor da er es jetzt mit dem Auge seines jungen Weibes und als
dessen nächsten Aufenthalt betrachtete Er war des Hauses und seiner ganzen
Einrichtung von seiner ersten Kindheit an gewohnt gewesen seitdem hatte sich
nichts in demselben verändert und er hatte daher wenn er Tante Ester sonst
aufgewartet kaum noch auf ihre Umgebung geachtet Alles hatte so wie es da
war mit der blassen stolzen Greisin zusammengehört Allem hatte das alte
Fräulein seinen Charakter aufgeprägt und so einheitlich lebte Esters Bild mit
diesem Hause in dem Geiste ihres Neffen fort dass er immer meinte wenn er den
Kopf zurückwende werde Tante Ester in dem steifen schwarzen Kleide mit dem
schwarzen Spitzentuche über der turmhohen Frisur wieder an dem Kamine sitzen
unwillig darüber dass der Baron sich unterfangen habe die fremde junge Frau
ohne ihre besondere Erlaubnis hierher zu führen und dass er daran denke in dem
Hause seiner Tante Anordnungen zu treffen ehe er deren Meinung darüber
eingeholt Es fehlte nicht viel so hätte er Angelika gebeten sich von dem
Sessel am Kamine zu erheben weil die Tante es niemals geduldet hatte dass
Jemand anders sich ihres Armstuhles bediente oder sich auf einem der Plätze
niederließ auf denen sie gewöhnlich zu sitzen pflegte
    Jetzt erst da er in der Residenz zu leben und das Haus nach seinen
Bedürfnissen umzugestalten dachte wurde ihm die Herrschaft der Verstorbenen
die ihm bis dahin nur in komischem Lichte erschienen war drückend und lästig
Er hatte nichts dagegen dass sie ihrem Erben die Verwertung dieses Hauses
welches mit seinen Gärten in der aufblühenden Stadt ein bedeutendes Vermögen
darstellte durch ihr Testament wesentlich erschwert hatte Er war reich und
hatte den Sinn des Edelmannes dem der liegende Besitz das eigentliche Haben
neben dem Genießen die Hauptsache ist Aber der Eigenwille der alten Dame
welche nicht nur ihrer Kammerfrau sondern auch ihren Hunden und Katzen ein
fortdauerndes Asyl in ihrem Hause gesichert hatte ohne seinem jetzigen Besitzer
auch nur die Möglichkeit einer Ablösung dieser Last zu gestatten sofern er sie
nicht nach Richten übersiedelte empörte ihn und die Verpflichtung die alten
Bilder und gewisse Zimmer und Möbel für immer unverändert zu belassen so lange
das Haus in seinem Besitze blieb hemmte daneben den Baron bei den Planen für
die Umgestaltung desselben mehr als er es erwartet hatte Es war in dem Hause
Alles stets so ausschließlich auf Fräulein Ester und auf deren Bedürfnisse und
Gewohnheiten berechnet gewesen dass der Bann den ihre Willkür bei ihrer Lebzeit
um sie her verbreitet hatte auch jetzt noch auf dem Hause lastete nachdem sie
selbst es bereits mit der stillen Ahnengruft ihrer Familie in dem Garten von
Schloss Richten hatte vertauschen müssen
    Der Baron befand sich in einer sehr unangenehmen Lage Seit Monaten hatte er
sich damit beschäftigt das schöne Stammschloss seiner Familie zu würdiger
Aufnahme der jungen schönen Herrin einzurichten Mündlich und schriftlich war
zwischen ihm und seiner Braut vielfach darüber verhandelt worden und obschon er
ihr die Art der Einrichtung mehrfach geschildert hatte er doch gehofft sie
durch den heitern Glanz der kunstgeschmückten Räume in welchen sie künftig zu
leben hatte angenehm zu überraschen Statt dessen hatte er sie in die Residenz
gebracht und er begriff es jetzt kaum wie der vorsichtige und kluge Freund ihm
diesen Vorschlag habe machen und wie er selbst darauf habe eingehen mögen
    Wo er Freude zu erregen beabsichtigte rief er unabweislich eine trübe
Stimmung hervor Statt in breitem Behagen sorgenfrei und leicht mit seiner
jungen Frau zu leben sollte und musste sie jetzt notwendig mancherlei Mühen und
Arbeiten übernehmen und statt des Dankes den er von ihr zu ernten gewünscht
hatte er wegen einer plötzlichen Abänderung des festgestellten Planes für die
sich nicht der geringste haltbare Grund anführen ließ Entschuldigungen zu
machen und um Vergebung zu bitten
    Er konnte nicht aufhören sich diese Übelstände zu wiederholen und doch
vermochte er es nicht einmal völlig zu ermessen wie sehr Angelika von ihrer
neuen Umgebung litt und wie der Hauch der Vergänglichkeit der hier Alles
umwitterte auf die Phantasie einer jungen Frau wirken musste die mitten in
ihren Glücksträumen ihren ersten großen Schmerz ihre erste bittere Erfahrung in
sich zu überwinden gehabt hatte
    Angelika fühlte sich in dem Hause wie in der Verbannung wie in der
Gefangenschaft Es war das ihrige geworden ohne dass sie sich gewöhnen konnte
es als solches zu betrachten denn überall in welches Zimmer sie kam fand sie
entweder das Bild der Tante mit dem verschleierten weltabgeschlossenen Blicke
oder eines jener verblichenen Portraits von Esters Freunden die nach der
TestamentsVorschrift an ihren Plätzen verbleiben mussten Verliess sie diese
Zimmer so begegnete ihr auf der Treppe bald die schleichende Katze bald das
altersgraue Windspiel bald der schwerfällige Mops des verstorbenen Fräuleins
oder es kam ihr gar Mamsell Marianne entgegen die in das obere Stockwerk des
Seitenflügels verwiesen aus demselben nur herunterstieg um hier und da mit
missvergnügten Blicken die beginnende neue Einrichtung und das erneute Leben im
Hause zu betrachten und krittelnd zu mustern
    Angelika konnte sich eines Schreckens nicht erwehren wenn Mamsell Marianne
die es abgelehnt hatte in die Dienste der neuen Haushaltung zu treten
plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand Dieses Wesen das nicht
Herr nicht Diener war das kein Mitlebender sein wollte und das man doch nicht
verbannen konnte verleidete der Baronin das Haus nur noch in höherem Grade
während die neue Dienerschaft eine wirkliche Furcht vor Mamsell Marianne empfand
und von dem Glauben nicht abzubringen war dass es überhaupt in dem Hause nicht
richtig sei und dass Fräulein Ester allnächtlich ja selbst bis zum hellen
Tage in demselben umgehe Der Eine wollte es gesehen haben wie das Fräulein
noch im Morgengrauen auf dem Lehnstuhle am Kamine gesessen und ihre Hunde und
Katzen um sich gehabt habe ein Anderer wollte ihr begegnet sein wie sie mühsam
atmend um Mitternacht nach der Stube von Mamsell Marianne hinaufgestiegen war
und dass es ihre Bilder wie mit unsichtbaren Händen an den Mauern festgehalten
als man sie habe abnehmen wollen um sie nur zu säubern das ließ sämtliche
Arbeiter und Dienstboten sich nicht ausreden
    Angelika schämte und schalt sich wenn sie solchen Gerüchten Gehör gab Aber
sie selbst konnte ihr Auge nicht von den verschiedenen Bildern der Tante
abwenden und je öfter sie auf denselben verweilte um so lebendiger erschienen
sie ihr Es war ihr als ob das Bild ihr mit seinen großen schwarzen Augen
folgte es ließ ihr selbst im Schlafe keine Ruhe Sie konnte sich des Gedankens
nicht erwehren dass die Tante noch in ihrem Hause weile und dass sie mehr
Herrschaft in demselben besitze als Angelika und ihr Gemahl
    Indes diese unheimlichen Empfindungen begannen teilweise zu weichen je
weiter die Erneuerung der Einrichtung gedieh und Angelika und der Baron
beeilten sich sie zu vollenden Diese Beschäftigung war den Eheleuten heilsam
Die kleinen gemeinsamen Sorgen und Mühen für ihren Haushalt führten sie auf die
natürlichste Weise zusammen Der Baron konnte dabei die angenehme Erfahrung
machen dass es seiner Frau an Umsicht und Gewandtheit nicht gebreche Der
sichere Besitz die berechtigte Liebe zeigten sich ihm bald als etwas sehr
Bequemes und die Jugend und Schönheit seiner Frau erfreuten ihn doppelt da man
sie nach ihrem Eintritte in die Gesellschaft und in die große Welt auch in
dieser auszeichnete und bewunderte Sein Herz sein Verstand sein Ehrgeiz und
seine Eitelkeit fanden sich in gleichem Masse durch seine Frau befriedigt er
gefiel sich darin sich der Wahl zu rühmen die er getroffen hatte und sich ein
Verdienst aus den Eigenschaften seiner Erwählten zu machen
    Dazu kam er hier in der Residenz in eine Gesellschaft die ihm vertraut und
lieb war und in der er lange mit Erfolg gelebt hatte Der Menschenkreis der
sich am Hofe und um den Hof bewegte war ihm bekannt Wie in einer zweiten
Heimat empfingen ihn dort die Genossen seiner früheren Jahre so männliche als
weibliche mit Vergnügen und dass er eben jetzt noch zu dem eigenen reichen
Besitze das ansehnliche Vermögen und Haus seiner Tante ererbt hatte in welchem
seine junge Frau die Wirtin machen sollte gereichte ihm bei seinen Freunden
nur zum Vorteil
    Der Baron hatte ausgebreitete Verbindungen in allen Kreisen der
Gesellschaft er fand in jedem derselben etwas das einer oder der andern Seite
seines Wesens entsprechend war und Angelika sah sich dadurch bald in eine
endlose Reihe von Zerstreuungen gezogen die ihr jedoch nachdem der erste
Rausch der Überraschung vorüber war schon darum keinen Genuss gewährten weil
dieselben sie von ihrem Manne fern hielten auch wenn sie beide daran Anteil
nahmen Sie war überhaupt in ihren Anlagen und Neigungen eigentlich der völlige
Gegensatz von dem Wesen ihres Gatten Sie war weder eitel noch
vergnügungssüchtig sondern eine ganz innerliche zum Ernst und Nachdenken
geneigte Natur Für ein abgeschlossenes Leben in der Familie erzogen und durch
geistige Bildung für die Genüsse einer beschaulichen Zurückgezogenheit
vorbereitet war es eben die Bildung des Barons gewesen welche das junge
Mädchen zuerst an ihm schätzen lernte und als Angelika seine Braut geworden
war hatte sie nach dem Ausspruche ihres Verlobten eine häusliche Ehe wie die
ihrer Eltern mit ihm zu führen gehofft Von dem Allem wurde ihr das Gegenteil
geboten und ihre Liebe für ihren Mann ließ sie dies als einen Nachteil
betrachten
    Die Menschen unter denen sie zu leben hatte waren ihr kein Ersatz für den
stillen Verkehr mit ihrem Gatten sie waren und blieben ihr fremd und der unter
ihnen herrschende Ton war nicht danach angetan einem jungen reinen Weibe
Beifall abzugewinnen Wenn sie ihr Missfallen an den freien Sitten äußerte von
denen sie sich umgeben sah wenn sie es als eine Demütigung und eine
Unwürdigkeit empfand wie man sich vor den beiden erklärten Maitressen des
Königs beugte und die Frauen welche die gleiche Stellung ohne diesen Titel
einnahmen mit besonderem Eifer suchte und mit besonderer Zuvorkommenheit
behandelte so stimmte der Baron ihr darin bei aber er gab ihr daneben zu
bedenken dass die Welt nicht überall ihrem Vaterhause gleichen könne dass man
nicht überall die strengen Grundsätze desselben voraussetzen und als Maßstab
nehmen dürfe Er forderte Duldsamkeit von Angelika und er vergaß dass die
Jugend nicht duldsam sein kann weil nur die Erfahrung jene Nachsicht mit der
Schwäche des Menschen und jene Weltklugheit erzeugt die in den meisten Fällen
schon ein Abweichen von dem Moralgesetze in sich schließt Angelika hätte von
sich selbst abzufallen geglaubt wenn sie duldsam gegen das Unrecht gewesen
wäre und sie konnte nicht aufhören sich die Frage vorzulegen was ihren Gatten
bewogen haben möge eben jetzt da sie seine Frau geworden war mit ihr eine
Gesellschaft aufzusuchen deren Sittenlosigkeit so offenkundig war und in
welcher keine ihr bekannte Ursache sein Verweilen forderte Er büsste dadurch in
ihren Augen einen Teil der Würdigkeit ein unter welcher er ihr bisher
erschienen war und sie wusste es ihm keinen Dank dass er sie ruhig der galanten
Bewerbung der Männer überließ dass er ihr im Vertrauen auf ihre Jugend große
Freiheit für ihr Handeln gewährte ja es schien ihr dies eine Gleichgültigkeit
zu verraten welche sie betrübte
    Was man daneben in der zur Gewohnheit gewordenen Leichtfertigkeit jener
Tage selbst im Beisein der jungen Frau von dem früheren Leben und von den
Abenteuern des Barons bald erzählte bald erraten ließ verstimmte oder
verletzte sie eben so sehr Sie sah dass er auch jetzt noch um die Frauen bemüht
war dass sie seine Huldigungen mit Vergnügen aufnahmen dass sie ihm mit
Zuvorkommenheit begegneten und dass er sich daran erfreute und sie hatte leider
Niemanden in ihrer Nähe der es ihr begreiflich gemacht hätte wie viel dem
älteren Manne ganz abgesehen von seiner angeborenen Neigung zur Galanterie
daran gelegen sein musste seinem jüngeren Weibe dazutun dass er auch anderen
Frauen noch zu gefallen und überall noch Beifall zu erringen vermöge
    Indes jedes Alter trägt seine Bedingungen in sich und der glänzenden
Erscheinung welche der Baron noch immer in der Gesellschaft machte stand die
unausbleibliche Abspannung in der Ruhe des Hauses bedenklich gegenüber In
Gegenwart von Fremden stets heiter angeregt überfiel ihn oft plötzlich eine
tiefe Niedergeschlagenheit wenn er sich mit Angelika allein befand und
mehrmals wenn er sich von ihr unbeachtet glaubte nahm sie einen Ausdruck von
Kummer und Schmerz in seinen Mienen wahr vor dem sie erschrak Mit all der
Liebe welche sie für ihn hegte bemühte sie sich den Grund dieses Wechsels zu
erkennen aber dieses gutgemeinte Bestreben verbesserte den Zustand nicht
sondern machte den Baron in der Regel nur noch trüber ja es beunruhigte ihn
offenbar Er zwang sich dann zu einer Heiterkeit welche ihn ermüdete ohne
Angelika zu täuschen und wie sehr sie es sich wegzuleugnen wünschte konnte sie
es sich nicht verbergen dass sie nicht den ihr gebührenden vollen Anteil an dem
Leben ihres Mannes besitze Sie sah dass er einen Kummer hatte den er ihr
verschwieg ihn erheiterten Vergnügungen für welche ihr der Sinn gebrach ihn
zogen Menschen an von denen sie sich zurückgestoßen fühlte er suchte
Gesellschaft sie wünschte ihn für sich allein zu haben und der Gedanke dass
sie ihm jetzt ferner stehe als vor ihrer Hochzeit drängte sich ihr oftmals
entmutigend auf
    Sie wurde dadurch irre an sich selbst Sie beneidete die Frauen welche er
ihr als seine früheren Bekannten bezeichnete welche es so trefflich verstanden
ihn bei guter Laune zu erhalten und doch missfielen sie ihr doch missfiel ihr
selbst die spielende Weise in welcher ihr Gatte mit ihnen verkehrte Eine
Abneigung gegen den Hof gegen die große Welt und gegen die Frauen in derselben
erfüllte Angelikas Herz Sie waren es davon hielt sie sich überzeugt welche
zwischen ihr und ihrem Manne standen auf sie auf Eine von ihnen mussten sich
die Erinnerungen und das Geheimnis beziehen die den Freiherrn bedrückten und
die Frage ob eine der Damen dieser Gesellschaft und welche von ihnen Pauline
heiße oder eine Verwandte dieses Namens habe war stets die erste die ihr bei
jeder neuen Begegnung mit fremden Frauen in den Sinn kam
    Der Baron bemerkte die Veränderung welche sich in Angelikas Seele
vollzogen hatte aber er fand es nicht geraten sich gegen sie darüber zu
äußern An ein Übel dem man keine Abhülfe zu bringen im Stande ist müsse man
meinte er nicht rühren und da er sich ohnedem der Hoffnung hingeben durfte
dass die Zeit ihm für seine Reue Linderung bringen dass er allmählich aufhören
werde daran zu denken wie Pauline umgekommen sei und dass Angelika ihn dann
gleichmässiger finden und die alte volle Hingebung sich zwischen ihnen wieder
feststellen werde so war er nur darauf bedacht seiner jungen Gemahlin so wenig
Zeit als möglich für ihr einsames Brüten und Grübeln frei zu lassen
    Die Residenz war damals voll von Fremden denn der König liebte das
Vergnügen und war nichts weniger als schwierig in der Wahl desselben An einem
Hofe aber an welchem die größte Unsittlichkeit und ein phantastischer
Wunderglaube sich die Hand reichten an dem jeder ernste Gedanke gemieden und
jedes Spiel mit dem Geheimnisvollen eifrig aufgesucht wurde konnte es nicht
fehlen dass ein betäubender hastiger Lebensgenuss als die höchste Aufgabe der
Gesellschaft angesehen wurde Feste folgten den Festen kleine vertraute
Zusammenkünfte füllten die Pausen aus und innerhalb der großen bunt durch
einander wirbelnden Gesellschaft die sich um den König gebildet hatte trugen
die verschiedenen engeren Zirkel jeder ein besonderes Gepräge je nach der
Person die in ihnen hervorragte
    Ein solcher kleiner Zirkel in welchem der Baron seit langen Jahren heimisch
war kam an jedem Dinstage bei einer seiner entfernten Verwandten der immer
noch schönen Frau von Uttbrecht zusammen Sie hatte viele Reisen gemacht
sprach fremde Sprachen mit großer Leichtigkeit und galt bei aller Welt für eine
ausgezeichnete geistvolle und dabei höchst liebenswürdige Frau weil sie ganz
ohne eigene Ansichten ganz ohne bestimmten Charakter und darum im Stande war
sich der Meinung eines Jeden gefällig anzupassen Freigeistig und devot
leichtfertig und splitterrichterisch je nach der Stimmung derer mit welchen
sie eben verkehrte hatte sie sich in den letzten Jahren wie sie es nannte
einer Beschäftigung mit ernsten Dingen hingegeben und der große Gedanke von
einer notwendigen Wiedergeburt des Menschen zu seiner eigenen Erlösung und zur
Veredlung der ganzen Menschheit welcher damals angefangen hatte die Geister
edelgesinnter Menschen zu bewegen war auch in den Sälen der Frau von Uttbrecht
auf das Register der beliebten Unterhaltungen gesetzt worden Da man aber sehr
gesellig war und da Frau von Uttbrecht vollends das Alleinsein nicht ertragen
konnte so dachte man sich auch die Selbsterlösung nicht als eine Tat die der
Mensch an sich allein und allmählich zu vollziehen habe sondern man verband
sich zu Gemeinschaften man legte einander seine Schwächen und Fehler so weit
man es für gut befand in schriftlichen Bekenntnissen vor man vereinte sich
wenn sich eben ein begeistertes Gemüt in dem Kreise befand zu Gebeten für den
Irrenden und man umarmte sich in gerührter Erhebung wenn man des überirdischen
Glückes gedachte dessen die befreiten Seelen einst teilhaftig werden müssten
Man war viel zu aufgeklärt um nicht gegen die Rosenkreuzer und Illuminaten
viel zu gut protestantisch um nicht gegen die Jesuiten und wenn keine
Katholiken in der Gesellschaft waren auch gegen den Katholizismus zu eifern
Man glaubte aber an den Mesmerismus man war wie der Baron selber von der
geheimnisvollen Wechselwirkung der Menschen auf einander überzeugt und fast
Jeder versicherte mancherlei Erfahrungen in dem eigenen Leben und in dem Leben
seiner Freunde gemacht zu haben die auf geheimnisvolle Kräfte in der
Menschenseele schließen ließ und vor denen man sich respectvoll einer Prüfung
enthielt da sie wie man behauptete keine befriedigenden Erfolge gewähren
konnte
    Angelika liebte Frau von Uttbrecht nicht Die Gefühlserregteit die
unablässige Beobachtung aller seelischen Zustände wie dieselbe sie an den Tag
legte kamen ihr zu absichtlich und deshalb beängstigend vor Sie war von aller
Überspannung von allem Aberglauben frei und bei dem gesunden Sinne ihres
Vaterhauses waren ihr religiöse Zweifel eben so fremd geblieben als
überschwängliche Gefühlsseligkeit und Mysticismus Man hatte auf Schloss Berka in
herzlicher Liebe und Eintracht ein ruhiges Leben geführt hatte die Pflichten
gegen einander ohne darüber viel nachzudenken in Freundlichkeit geübt an
jedem Tage das Notwendige vollbracht hatte sich daneben an den Werken der
großen Dichter deren hell leuchtendes Doppelgestirn damals strahlend an dem
Horizonte Deutschlands aufgegangen war mit dankbarer Erhebung erfreut und wenn
man sich dann am Ende der Woche sagen konnte dass man in der Familie das Seinige
geleistet habe und dass den Bewohnern der Güter wie den Dienstleuten des Hauses
das Zukömmliche nicht gefehlt so war man an den Sonnund Feiertagen heiter und
zufrieden und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche gegangen Der
wöchentliche Gottesdienst hatte einen Teil des gewöhnlichen Familienlebens
ausgemacht wie die würdige Haushaltung wie die ausgebreitete Gastfreundschaft
und die stattliche Repräsentation die man eben auch als etwas sich von selbst
Verstehendes zu betrachten gewohnt war
    Angelika hörte es daher nur mit Widerstreben an als Frau von Uttbrecht
nachdem man eines Abends an welchem man ebenfalls bei ihr versammelt war eine
Weile von den gleichgültigsten Dingen gesprochen hatte plötzlich von der
Erbauung zu reden anfing welche sie in dem einsamen Gebete finde
    Wenn ich dem Heilande alle Falten meines Herzens eröffne sagte sie damit
er klar hineinschauen kann wenn ich mir alle meine Fehler deutlich mache und
ihn anflehe mich von ihnen zu erlösen so erwächst mir daraus eine wahrhaft
himmlische Ruhe Nach solchen Momenten habe ich die beglückendsten Träume Fast
immer sehe ich dann meine gute Mutter vor mir aber nicht hinfällig und krank
wie sie in den letzten Jahren unter uns geweilt hat sondern jung und schön und
doch ohne alle Erdenschwere ohne die starke Farbe welche in der Sinnenwelt den
Dingen anhaftet Ich sehe sie auch nicht eigentlich mit dem körperlichen Auge
Es ist eine feinere edlere Art der Wahrnehmung Der Geist berührt den Geist
und wäre es nicht zu kühn so würde ich sagen so müssen die Jünger den Heiland
erkannt haben als er nach seiner Auferstehung wieder unter ihnen zu wandeln
begann
    Und spricht sie zu Ihnen fragte einer der Anwesenden
    Ja Gottlob rief Frau von Uttbrecht und hob die schönen reich beringten
Hände andächtig gefaltet empor während ihre seelenvollen Augen sich dankbar gen
Himmel richteten Ja Gottlob sie spricht zu mir aber ihre Rede ist mir oft im
ersten Augenblicke nicht deutlich Später erst habe ich es bisweilen an meinen
Erlebnissen erkannt dass es Worte der Verkündigung gewesen sind die sie zu mir
geredet hatte Wenn aber meine Seele sich nicht ganz frei gerungen hat so
vermag ich die Selige nicht zu erschauen und nur in einer Ahnung in gewissen
unbeschreiblichen Gefühlen kann ich dann empfinden dass sie auch ungesehen in
Liebe neben mir verweilt
    Man pries Frau von Uttbrecht glücklich solch feiner Empfänglichkeit fähig
zu sein Jeder gab danach seine geheimnisvollen Beobachtungen zum Besten nur
der Baron schwieg bis man ihn ausdrücklich aufforderte sich über seine Ansicht
von diesen Materien auszusprechen
    Er wich Anfangs einer bestimmten Antwort aus Ich finde es auffallend sagte
er dass Sie fast Alle diese besonderen Wahrnehmungen den allgemeinen
Wahrnehmungen als etwas davon ganz Verschiedenes oder gar als etwas
Übernatürliches entgegensetzen
    Und sind sie das nicht Sind sie nicht etwas von unserem gewöhnlichen Leben
völlig Getrenntes etwas durchaus Übernatürliches fragte eine der Damen
    Gewiss nicht erwiderte der Baron Der Kurzsichtige könnte die Beobachtungen
des Fernsichtigen mit dem gleichen Rechte als übernatürliche Wahrnehmungen
bezeichnen Wenn das Wort Übernatürlich nur bekunden soll dass ein bestimmtes
Etwas über das Maß der Fähigkeit einer bestimmten Menschennatur hinausgeht so
gibt es unzählige übernatürliche Dinge für den Einzelnen Wollen Sie mit jenem
Worte aber andeuten dass es wahrnehmbare Erscheinungen gibt welche der
Menschennatur im Allgemeinen nicht zugänglich sind so müssen wir uns vor Allem
dahin verständigen dass es keine allgemeine keine abstracte Menschennatur
gibt wohl aber Menschen von den verschiedensten Begabungen denen also auch
ein sehr verschiedener Grad der Wahrnehmungen zuzuerkennen sein wird
    Das Gespräch bewegte sich in dieser teoretischen Weise eine Weile fort
Alle Anwesenden beteiligten sich daran und da man sich zwischen lauter
Lehrsätzen und Problemen hielt ohne einander feste Anhaltspunkte zu bieten so
blieb es jedem überlassen sich die Lehren auf seine Weise auszudeuten
    Angelika allein hatte nichts zu sagen nichts mitzuteilen Der Baron
bemerkte das und weil ein Schweigender in der Mitte einer Gesellschaft von
Erzählenden sich in doppeltem Sinne im Nachteile befindet so lenkte er aus dem
Bereiche der Geisterwelt geschickt in das Alltagsleben ein und hatte bald das
Gespräch auf die völlige Umwandelung gebracht die er genötigt gewesen sei in
dem von seiner Tante ererbten Hause vorzunehmen Er wollte seiner Frau damit die
Gelegenheit geben sich geltend zu machen und aus der Vereinsamung
hervorzugehen Weil sie sich aber in einer ihr ganz fremden Atmosphäre befand
fühlte sie sich verwirrt und befangen und wusste sich nicht gleich zurecht zu
setzen Frau von Uttbrecht gewann dadurch Zeit die Bemerkung zu machen sie
wundere sich dass der Baron und seine Frau die beide doch fein organisirte
Menschen wären es über sich gewonnen hätten die Heimat einer Gestorbenen so
schnell und so gewaltsam zu verändern und sie damit für die Gestorbene zur
Fremde zu machen
    Angelika wurde stutzig Sie wusste wie großen Wert ihr Gatte auf das
Urteil ihrer Wirtin legte und wünschte also nicht ihr offen zu
widersprechen sie wollte dieselbe auch nicht gern an ihrer feinen Organisation
und Empfindung irre werden lassen und bemerkte also nur freundlich es sei doch
sehr natürlich dass man es sich bei aller Liebe und Ehrfurcht für seine
Vorfahren in den vier Wänden behaglich zu machen suche in denen man zu leben
habe
    O natürlich ists gewiss versetzte Frau von Uttbrecht darauf indem sie
sich langsam fächelte und mit ihren halbgeschlossenen Augen träumerisch
umhersah natürlich ists gewiss in so fern als die Natur grausam und
unbarmherzig ist Der Mensch aber der denkende und empfindende Mensch der es
weiß dass er selbst sterblich ist sollte nicht so grausam sein wie die Natur
sollte nicht so unbarmherzig gegen seine Toten sein wie jene Ich könnte nicht
in diesen Räumen leben wüsste ich dass meine verklärte Mutter sich hier in ihrem
Hause nicht mehr heimisch fühlte
    Der Baron nahm diese Äußerung nicht gut auf Unbarmherzigkeit und Egoismus
das sind zwei schlimme Fehler sagte er und wir die wir uns derselben nach
Ihrer Meinung jetzt schuldig gemacht haben müssten versuchen uns gegen Ihre
Anschuldigung zu verteidigen wenn ich mich nicht überzeugt hielte Kousine
dass es mit Ihrem Ausspruche so ernstlich nicht gemeint war
    Sie irren sich bester Vetter es war mein völliger auf innerste
Überzeugung gegründeter Ernst entgegnete Frau von Uttbrecht und ich bin
gewiss dass einst eine Stunde kommen wird in der Sie mir beipflichten und Ihre
Härte selbst bereuen werden
    Aber von welcher Härte sprechen Sie liebe Kousine fragte Angelika mehr
und mehr betroffen von dem Ernste mit welchem Frau von Uttbrecht ihre
Behauptung aufrecht erhielt
    Von der Härte welche Sie und Ihr Herr Gemahl gegen die arme Tante Ester
begangen haben indem Sie dieselbe so gewaltsam der irdischen Fortdauer
beraubten die sie sich in einem richtigen Drange ihrer armen Seele dort wo
sie gelebt hat zu sichern gewünscht Jung und lebensfrisch wie Sie es sind
beste Angelika hätten Sie der armen alten Verwandten wohl die Zeit vergönnen
mögen sich allmählich von dem Orte loszulösen mit welchem lange Gewohnheit und
innige Vorliebe sie verbunden hatten Wäre mir das Haus der Tante zugefallen
nicht einen Stuhl hätte ich verrücken lassen Ich hätte mich beschieden ihr
Gast zu sein bis irgend ein Zeichen es mir kund gegeben hätte dass ihr Geist
sich von dem Hause abgewendet habe und dass mir damit ein freies Schalten in
demselben wohl verstattet sei
    Sie sprach das völlig wie einen Vorwurf und einen Tadel aus Angelika viel
jünger als ihre Wirtin wagte nicht ihr entgegen zu treten und wartete
darauf ob der Baron es nicht für sie tun werde Indes zu ihrem größten
Erstaunen sagte er
    Es bestimmt zu leugnen dass die menschliche Seele sich nur allmählich von
dem Körper und von der Körperwelt loslöse möchte unmöglich sein Und ohne mich
zu der Zahl unserer modernen Geisterseher zu rechnen räume ich ein dass ein
Reich der Mitte dass ein über den Tod fortgesetzter Zusammenhang der
Geschiedenen mit den Lebendigen denkbar ist aber 
    Das glaubst Du das glaubst Du lieber Franz rief Angelika mit
erschreckendem Erstaunen
    Ich habe ganz unleugbare Beweise dafür in meinem Leben gehabt antwortete er
ihr mit großer Sicherheit und Bestimmtheit
    Angelika verstummte denn sie stellte ihren Mann hoch über sich und war es
nicht gewohnt ihm entgegen zu treten wo er so bestimmt eine Meinung geäußert
hatte Frau von Uttbrecht aber fragte ob der Freiherr seine Erfahrungen nicht
mitteilen könne
    Unmöglich versetzte er und es kam Angelika vor als überlaufe ihn ein
Schauer denn er zuckte zusammen bei seinen eigenen Worten Die Anwesenden
mussten das auch bemerkt haben es entstand eine Pause die Gespräche nahmen eine
andere Richtung und man ging zeitig auseinander ohne noch einmal auf die
vorher angeregten Gegenstände zurückgekommen zu sein
 
                               Siebentes Kapitel
Wären Äußerungen wie diejenigen welche Angelika bei Frau von Uttbrecht
vernommen in dem Hause ihrer Eltern in den Tagen ihrer glücklichen
Unbefangenheit an sie herangekommen so würde sie dieselben nicht sonderlich
beachtet oder sie als die Erzeugnisse einer törichten Phantastik von sich
abgewiesen haben Jetzt aber in einer auf das Romantische und Phantastische
gerichteten Umgebung wirkten sie beängstigend auf sie ein und als sie vollends
aus dem Munde ihres Gatten eine Annahme bestätigen hörte die sie noch vor
Kurzem als Ausgeburt des Aberglaubens verspottet haben würde war es ihr als
lege sich ein unsichtbares Netz um sie Sie hätte den Baron um Auskunft um
Erklärung bitten mögen und wagte nicht es zu tun Sie wollte nichts wissen
was sie beirren nichts hören was sie an der vorurteilsfreien Einsicht ihres
Gatten zweifeln machen konnte Sie wollte an keine Wunder glauben weil ihr dies
als eine Folge des Katholizismus erschien den sie zwar respectirte da es der
Glaube ihres Mannes war den sie aber für ihr Teil nicht zu bekennen sich
innerlich vorgenommen hatte denn sie war fest entschlossen ihren
protestantischen Glauben und die Aufklärung ihres Vaterhauses in sich zu
erhalten Und doch überlief es sie eiskalt doch blickte sie ängstlich um sich
als sie bei der Heimkehr den Fuß in das Gemach setzte in welchem Fräulein
Ester sich gewöhnlich aufgehalten hatte und das jetzt Angelikas Wohnzimmer
geworden war
    Sie war froh dass sie an diesem Abende nicht mehr lange in demselben zu
verweilen brauchte denn es war Zeit sich zur Ruhe zu begeben Sie war müde und
benommen von dem Halblichte und von den starken Wohlgerüchen welche immer in
den Zimmern der Frau von Uttbrecht herrschten und an die Unterhaltung denkend
die sie bei der Kousine vernommen hatte schlief sie ein
    Es war mitten in der Nacht als ein herzzerreissender Schrei von den Lippen
ihres Gatten sie erweckte Sie fuhr auf rief ihn beim Namen ergriff seine
Hand aber der Traum musste ihn sehr fest umfangen denn er stieß sie von sich
und rief mit dem Tone des äußersten Entsetzens Fort fort Klammere Dich nicht
so an mich Komm nicht herauf  Die starren Augen Die starren Augen
    Angelika klopfte das Herz in furchtbarer Angst ihre Glieder bebten Sie
neigte sich zu ihm sie rief ihn nochmals dringend an da richtete er sich
empor sah verwirrt umher fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und sagte
endlich als habe er Mühe sich ihre Anwesenheit zu erklären und sich zu fassen
Habe ich Dich erschreckt Vergieb Ich hatte einen bösen Traum
    War es Tante Ester fragte sie leise
    Nein entgegnete er ihr nein Denke nicht weiter daran mein Kind Es war
nichts Die heutige Unterhaltung hat mich nur aufgeregt man sollte in der
Gesellschaft solche Gespräche vermeiden
    Er legte sich darauf abermals zur Ruhe nieder aber Angelika konnte nicht
schlafen und bei dem Scheine der Lampe sah sie dass auch der Baron noch lange
wach blieb und dass er einmal seine Augen trocknete
    Von ihren Gedanken gepeinigt lag die junge Frau auf ihrem Lager Das Haus
war todtenstill ihr Gatte endlich wieder ruhig eingeschlafen Sie hörte seine
leisen Atemzüge sie konnte das Heben und Senken seiner Brust bemerken Er sah
milder aus als sie ihn je gesehen hatte aber sehr traurig Ihr Auge verweilte
mit großer Liebe auf seinem Angesichte Sie fasste zum ersten Male den Gedanken
an die ganze ihr fremde Vergangenheit ihres Mannes als ein Feststehendes auf
sie hielt sich überzeugt dass irgend eine traurige Erinnerung aus den Tagen der
Vergangenheit ihn noch belaste und ohne zu wissen welch einen Schritt sie
damit auf dem Wege der Entsagung vorwärts tat beklagte sie es so jung und
unerfahren zu sein dass sie ihm nicht helfen konnte Sie sehnte sich nach
Jemand der ihr raten ihr sagen möchte was sie tun müsse ihrem Manne die
frühere Ruhe und seine alte gleichmäßige Selbstzufriedenheit wieder zu
verschaffen die er neben ihr verloren hatte Sie hatte schon oftmals den
Vorschlag gemacht den Kaplan in die Stadt kommen zu lassen oder auf das Land
hinaus zu gehen damit der Baron seinen gewohnten Gesellschafter nicht länger zu
entbehren brauche aber Beides hatte der Freiherr abgelehnt Wie des Menschen
Ideen und Gedanken aber ihre wunderlichen Wege nehmen wenn sie sich in das
Unbestimmte verlieren so fiel ihr plötzlich ein es wäre am Ende gar nicht so
schlimm gewesen wenn Fräulein Ester noch hier im Hause gelebt hätte wenn sie
und der Baron von Anfang an nicht so allein in dem Hause gewesen wären
    Kaum aber hatte sie das gedacht als sie plötzlich einen starken
Lavendelgeruch zu spüren glaubte Sie richtete sich auf blickte umher die
Türen waren geschlossen die Damastvorhänge vor denselben herabgelassen es
regte sich kein Lüftchen im Zimmer die Nachtlampe brannte ohne alle Bewegung
Sie legte sich also wieder in die Kissen zurück und abermals strömte der
Lavendelgeruch den Fräulein Ester vorzugsweise geliebt hatte und den man noch
vielfach in den Schränken und Schubladen bemerken konnte über Angelikas
Antlitz hin Sie überlegte woher der Duft jetzt eben kommen könne und als sie
im Zimmer umhersah bemerkte sie dass von der großen BronceVase welche auf dem
Kamine stand der Deckel verschoben war Das fiel ihr auf denn sie hatte nie
gesehen dass die Vase zu öffnen sei sondern sie für eine jener altertümlichen
Zieraten von Bronce gehalten die eben nur als Zierat dienen Behutsam stand
sie auf warf ihr Morgengewand über und ging an den Kamin um den Inhalt der
Vase kennen zu lernen Als sie den Deckel abhob fand sie auf einer dicken
weich wattirten Unterlage die mit welken Lavendelblättern überstreut war ein
uraltes kleines katolisches Gebetbuch in Samt gebunden ein elfenbeinernes
Kruzifix und einen Rosenkranz von emaillirten Goldkugeln der an einem kostbaren
antiken Betringe befestigt war
    Wie man diese Gegenstände hier habe unbeachtet liegen lassen können wenn
sie Fräulein Ester im Gebrauch gehabt hatte konnte Angelika sich nicht
erklären Sie trat an die Lampe heran zu sehen ob sich vielleicht ein Name
oder ein Wappen auf dem Ringe befinde es war aber nichts der Art vorhanden Nur
in dem Gebetbuche standen unter dem Bilde des Heilandes in kaum leserlicher
Schrift als habe ein Kranker sie mit zitternder Hand geschrieben die Worte
»Mein Freund in der Not Der Stab der mich hielt da ich schwankte die
Stütze an der ich mich erhob das Licht dessen Leuchten mir einst die lange
Nacht erhellen wird Möge es zu rechter Stunde in die rechten Hände fallen und
Segen bringen wie es mir Segen gebracht hat Das ist das kostbarste
Vermächtnis das ich zu hinterlassen habe Mein Gebet wird bei Dir sein in der
Stunde Deiner höchsten Not bete auch Du für meine Seele wenn ich nicht mehr
bin«
    Angelika las die Worte wieder und wieder sie erschütterten sie durch ihre
einfache und innerliche Kraft Sie hatte nie zuvor ein Kruzifix und einen
Rosenkranz in Händen gehalten Unwillkürlich legte sie ihre Hände zum Gebet
zusammen und es bewegte ihr das Herz dass sie mit ihrem Glauben nicht zu ihrem
Manne gehörte
    Sie musste immerfort an Ester denken und das Bild der Verstorbenen welches
ihr bisher durch seinen kalten Ausdruck so unheimlich gewesen war übte
plötzlich eine solche Anziehungskraft auf Angelika aus dass sie ein lebhaftes
Bedauern darüber fühlte die Tante nicht gekannt zu haben dass sie Verlangen
trug von ihr zu hören und zu wissen
    Sie konnte den Morgen kaum erwarten um dem Baron ihre Entdeckung
mitzuteilen Auch er war überrascht Es war ihm auffallend dass er diese
wertvollen Gegenstände bei Lebzeiten seiner Tante nie gesehen dass er nie von
ihnen gehört hatte Angelika fragte ob es Esters Handschrift sei der Baron
verneinte es Er glaubte eher die Handschrift seiner Schwester darin zu
erkennen aber die Züge waren so weit ausgedehnt die Buchstaben durch das
Zittern der Hand entstellt und wie diese Sachen hierher gekommen waren wenn
sie seiner Schwester angehört war ihm eben so unklar da seine Mutter Alles
was Amanda besessen wie Heiligtümer aufgehoben hatte
    Man ließ also Mamsell Marianne rufen man befragte sie und diese kannte die
Gegenstände allerdings aber sie schien selbst überrascht sie wieder einmal zu
sehen und wusste auch nichts Näheres darüber anzugeben Mein gnädiges Fräulein
sagte sie hat sie freilich einmal vor sich liegen gehabt als ich in das Zimmer
getreten bin das ist aber viele Jahre her und ich habe die Sachen seitdem
niemals wieder zu Gesicht bekommen Dazu werden der gnädige Herr sich auch
erinnern dass das Fräulein Tante nicht gefragt zu werden liebten wenn sie nicht
von selber sprachen Benutzt hat mein Fräulein den Rosenkranz und das Kruzifix
niemals Sie hat immer nur mit dem kleinen goldenen Kruzifix gebetet das sie
schon auf der Brust getragen hat als ich vor dreißig Jahren zu ihr kam und das
hat sie auch in der Hand gehalten an dem Morgen an welchem wir sie
eingeschlafen gefunden haben
    Aber warum machten Sie mich nicht aufmerksam darauf dass diese wertvollen
Andenken in der Vase lägen fragte die Baronin
    Mamsell Marianne entgegnete sie habe das selbst gar nicht gewusst Ich habe
die Vase ja alltäglich beim Abstäuben in der Hand gehabt obschon sie schwer
genug zu rücken ist fügte sie hinzu aber ich habe nie gehört dass sich irgend
etwas darin bewegte Den Deckel aufzumachen dessen Feder sich schwer öffnete
hatte ich natürlich keinen Grund eben weil ich sie für leer hielt
    So musst Du Liebe gestern beim Auskleiden als Du an dem Kamine beschäftigt
warst zufällig die Feder des Schlosses aufgedrückt haben sagte der Baron
gleichmütig indem er den Rosenkranz betrachtete und die schöne Arbeit des
Betringes mit Kennerblick besah Der Ursprung dieser Kostbarkeiten blieb trotz
alles Untersuchens auch ferner in ein Dunkel gehüllt das Angelikas Phantasie
lebhaft beschäftigte während der Freiherr bald den Vorgang vergessen zu haben
schien Als Angelika später das Verlangen äußerte den Fund zu besitzen
bewilligte ihr Gatte ihr denselben ohne Weiteres Sie legte den Rosenkranz und
das Kruzifix in einen besonderen Kasten und schloss diesen bei ihren
wertvollsten Angedenken ein denn das Auffallende des Vorganges weit entfernt
sie zu beunruhigen gab ihr ein tröstliches Gefühl Sie kam sich nicht mehr so
fremd in dem Hause vor in welchem der Zufall ihr in einer schweren Stunde so
wunderbar günstig gewesen war Es freute sie etwas Besonderes erlebt zu haben
das doch wieder mit dem Hause und seiner verstorbenen Bewohnerin in einem nahen
und geheimnisvollen Zusammenhange zu stehen schien und wenn sie bisher eine
Scheu vor der Erinnerung an Fräulein Ester getragen hatte so dachte sie jetzt
mit immer wachsender Neigung an die Tante bis sich die Vorstellung in ihr
festsetzte dass die Selige ihr mit jenem Funde ein Zeichen ihrer Teilnahme
ihrer Wünsche habe geben wollen dass Ester ihr mit diesem Rosenkranze und
diesem Kruzifixe die Weisung erteilt habe auf welchem Wege für Angelika die
volle Übereinstimmung mit ihrem Gatten nach welcher sie sich sehnte zu finden
sei
    Mit ihrer Scheu vor Fräulein Ester verschwand auch das geheime Abmahnen
welches sie gegen Mamsell Marianne gehegt hatte und diese begann sich
allmählich der neuen Herrin des Hauses zu nähern und zu fügen seit sie von
derselben öfter und immer anteilvoller um Auskunft über Fräulein Ester
angegangen wurde Sie kam freilich Anfangs nur auf besonderen Befehl zu der
Baronin herab indes sie fing doch an dienstbarer und hülfreicher zu werden je
länger die junge Baronin in dem Hause weilte und da die Letztere bald nach
Neujahr unpässlich wurde und das Haus und ihr Zimmer nicht verlassen durfte
erwies Mamsell Marianne sich plötzlich als eine so unermüdliche und erfahrene
Pflegerin dass es sich für die Baronin erklärte wie unschätzbar die treue
Dienerin für das oft kränkelnde Fräulein Ester gewesen sein müsse
    Nun war Mamsell Marianne plötzlich wieder an ihrer rechten Stelle Sie hatte
sich alt werden lassen so lange sie einer alten Dame gedient hatte jetzt
schien sie sich zu verjüngen um der jungen Baronin nicht unbehülflich zu
dünken und je mehr man ihr Herrschaft über die andere Dienerschaft einräumte
und zugestand um so hingebender bewies sie sich gegen diejenigen welche sie
als ihre Herren erkannte und denen sich unterzuordnen sie als ihre wahre Ehre
ansah
    Die Baronin gewahrte es mit Erstaunen dass Mamsell Marianne die alten
steifen Hauben ablegte welche sie auf Befehl von Fräulein Ester die ganzen
dreißig Jahre lang getragen während welcher sie in deren Dienst gestanden
hatte sie konnte es kaum glauben dass Marianne noch nicht fünfzig Jahre alt
sei und es war auch in der Tat nicht leicht in der jetzt so rührigen
Aufseherin und Pflegerin die alte steife wort und blicklose Kastellanin
wiederzuerkennen als welche sich dieselbe der Baronin bei ihrer ersten Ankunft
dargestellt hatte
    Inzwischen hatten die Festlichkeiten des Karnevals in der Residenz ihren
Anfang genommen und da sich der Baron der ihm zusagenden zerstreuenden
Geselligkeit desselben nicht gern entziehen wollte machte er jetzt selbst den
Vorschlag den Kaplan zu einem Besuche in der Stadt aufzufordern
    Angelika begrüßte die Ankunft des bewährten Mannes mit Freude Seine Ruhe
und sein Ernst seine Milde und seine Duldsamkeit hatten ihr bei den früheren
Begegnungen Zutrauen zu ihm eingeflößt und sie konnte nicht umhin von seiner
Anwesenheit sich Gutes für sich und ihren Gatten zu versprechen
    Der Kaplan war denn auch noch nicht zwei Tage in der Stadt als er es
bemerkte wie die Stimmung des Freiherrn verändert und dass die junge Frau nicht
glücklich sei ja es dünkte ihn bald der Baron bereue es seine Gegenwart
gefordert zu haben Er war schon wieder über die Verfassung hinweg in welcher
er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit und nach dem Tode Paulinens befunden
hatte Er dachte nicht mehr daran eine neue Lebensrichtung einzuschlagen Er
fühlte kein Bedürfnis mehr zu sühnen und zu büßen er hatte wenn ihn seine
bösen Träume auch noch öfter quälten die Hoffnung gewonnen vergessen zu
können und wie er in den Stunden seiner Zerknirschung das Alleinsein mit dem
alten Freunde gesucht so vermied er es jetzt geflissentlich Er fragte auch gar
nicht nach dem Ergehen des Knaben dessen Versorgung ihm doch vor wenig Monaten
so sehr am Herzen gelegen hatte indes man hatte nicht nötig den Freiherrn so
lange zu kennen als dies bei dem Kaplan der Fall war um zu sehen dass im
Grunde sein Inneres nicht geheilt war und dass er sich nur zu übertäuben suchte
    Was ihn von der Baronin entfernte was dieser den Frieden genommen hatte
war nicht minder leicht zu ergründen Aber schonend und vorsichtig klug und
erfahren zugleich hütete der Kaplan sich wohl diese Einsicht die er gewonnen
hatte irgend kund zu geben Er ließ den Freiherrn unbehindert seinen Weg
verfolgen er hielt sich bei Angelika auf so oft sie es begehrte und war man
bei den Mahlzeiten oder in den frühen Abendstunden bei der Baronin zu Dreien
zusammen so wusste er dem Gespräche freundlich die Wendung zu geben welche die
Eheleute von sich selber abzog und es ihnen nicht fühlbar machte wie weit sie
von einander entfernt worden waren
    Eines Abends als Sturm Schnee und Hagel das Haus recht winterlich
umsausten erschien der Baron zu einem HofKoncerte gekleidet früher als
gewöhnlich bei seiner Gattin Man hatte die Türe um die Baronin gegen den
Zugwind zu schützen mit Schirmen verstellt auf denen nach dem Geschmacke
jener Tage langzöpfige Chinesen mit ihren Schönen unter Palmen und wunderlichen
Türmen einherspazierten während Diener ihnen mit großen Fächern Kühlung
zuwehten und buntes reich gefiedertes Gevögel sich in goldenen Ringen unter den
Zweigen der Bäume schaukelte
    Schnell und sich die Hände reibend trat der Baron in Angelikas Zimmer ein
Er fragte nach ihrem Befinden und auf die Antwort dass es ihr nicht übel gehe
versetzte er Nun wenn Du Dich sonst leidlich fühlst so kann man Dich heute um
die Ruhe und um die freundliche Wärme Deiner Zimmer beneiden denn es ist ein
Wetter das mir einmal wieder recht lebhaft die nie erloschene Sehnsucht nach
dem Süden wachruft
    Er erinnerte darauf den Kaplan wie wenig diesen zu Anfang der Charakter des
Südens angemutet habe rühmte sich der Einsicht mit welcher er gleich bei dem
Eintritt in Italien die richtige Schätzung des Landes und des Volkes besessen
und kam dadurch auf das Thema von der Gewalt und der Bedeutung der ersten
Eindrücke zu sprechen auf die er wie seine Zuhörer es wussten ein großes
Gewicht legte Er pries dabei seine Menschenkenntnis nannte dieselbe eines der
schätzenswertesten Güter welche das reife Alter vor der Jugend der Mann in
der Regel vor der Frau voraus habe und schloss diese Bemerkung mit dem
Geständnisse dass er diese Menschenkenntnis den Besitz Angelikas verdanke denn
Sie lieber Kaplan fügte er hinzu Sie können es nicht leugnen Sie haben die
Baronin Anfangs nicht mit dem günstigen Vorurteile angesehen wie ich
    Der Kaplan lächelte und mit jener Würde und Sicherheit die es weiß dass
sie solchen Anschuldigungen die Stirne bieten kann sagte er Den Wert der Frau
Baronin zu unterschätzen konnte mir wohl nicht begegnen mein Bedenken gegen
Ihre Wahl lag auf einer anderen Seite Herr Baron
    Angelika wusste was damit gemeint sei Sie wurde verlegen und wie man in
solchen Augenblicken leicht etwas Ungehöriges tut um nur von sich selber
abzukommen sprach sie lächelnd Man darf aber doch in keinem Falle den ersten
Eindrücken zu viel Bedeutung einräumen denn hätte ich das getan so wäre ich
jetzt auch nicht hier
    Nicht hier fragte der Freiherr was meinst Du damit meine Liebe
    Ich meine dass ich dann nicht Deine Frau geworden sein würde Denn ich
entsinne mich ganz deutlich dass als ich Dich lieber Franz zuerst gesehen
habe mir Deine Erscheinung zwar sehr imponirte dass ich aber doch eine Art von
Unbehagen von Scheu von innerem Abmahnen Dir gegenüber fühlte
    Der Baron wurde ernstaft Hätte ich eine Ahnung davon gehabt so würde ich
Dich gemieden haben sagte er
    Bester rief die Baronin erschrocken aus wie kannst Du das nur denken wie
kannst Du das nur sagen
    Warum nicht fragte der Baron sehr ernstaft Es handelt sich hier ganz
abgesehen von uns um ein Prinzip um eine Erfahrungs oder Überzeugungssache
Der Mensch hat das ist keine Frage nichts so sehr zu beachten auf nichts so
zuversichtlich zu bauen als auf die Stimme seines Innern auf diesen
geheimnisvollen weisen ahnungsvollen Ratgeber der ihn nach meinen
Erfahrungen fast niemals trügt
    Lieber Mann rief die junge Frau noch einmal und erhob bittend ihre Hände zu
ihm strafe mich nicht so hart für das törichte Aussprechen einer kindischen
Empfindung
    Ich Dich strafen entgegnete er wie käme ich dazu Wie käme ich dazu eben
jetzt da mich die Sorge erfüllt dass ich Dir doch noch Unheil bringen könne
    Der Kaplan machte eine abwehrende Bewegung mit dem Haupte Wie oft gnädiger
Herr sagte er haben Sie auch schon die gegenteilige Erfahrung an sich selbst
zu machen die Veranlassung gehabt dass der geheime Zug der Menschen auf
einander hinzuweisen oder sie von einander fern zu halten schien Sie täuschte
    Die habe ich niemals gemacht versicherte der Baron der nur auf Widerspruch
zu stoßen brauchte um sich in einer Vorstellung zu befestigen
    Niemals fragte der Kaplan mit Bedeutung
    Niemals wiederholte der Freiherr sehr bestimmt
    So waren Sie glücklicher als ich es glaubte bemerkte der Geistliche
gelassen
    Vielleicht war ich nur achtsamer meinte der Freiherr denn man hat sich
sehr davor zu hüten nicht irgend eine augenblickliche Aufwallung oder einen
sinnlichen Anreiz für jenen wundervollen Zug der Sympatie zu halten den schon
die Alten kannten und verehrten
    Er brach damit plötzlich ab wendete sich freundlich zu der Baronin und
fragte indem er ihre Hand ergriff Und was hattest Du denn eigentlich gegen
mich Du Kind
    O weshalb willst Du das wissen versetzte die Baronin Es hieße ja nur
einen Irrtum eingestehen und seiner Irrtümer hat man sich zu schämen
    Der Kaplan wünschte diese Unterhaltung nicht weiter fortsetzen zu lassen
weil er wusste wie leicht die Eitelkeit des Freiherrn zu kränken und wie sehr er
dann geneigt war das Unschuldigste zu missdeuten Er nahm also die letzten Worte
Angelikas auf und sagte In solch scherzhaften Dingen ist das Eingestehen oder
Verschweigen eines Irrtums an und für sich etwas ganz Gleichgültiges bei
ernstaften Anlässen ist es aber ein Anderes Einen Irrtum vor Anderen
eingestehen heißt erst ihn förmlich von sich abtun ihn förmlich überwinden
denn das gesprochene Wort hat eine loslösende und befreiende Kraft Ein Irrtum
den Sie schweigend und ohne Eingeständnis an einen Andern in sich bekämpfen
bleibt immer noch mit Ihnen im ausschliesslichen Zusammenhange bleibt immer noch
Ihr Irrtum Sobald Sie ihn aber vor einem Andern ausgesprochen haben und dieser
Unbeteiligte Ihnen in der Erkenntnis und Beurteilung Ihres Irrtums beistimmt
so ist eine Rückkehr in denselben Irrtum für Sie nicht mehr leicht möglich
wenn Sie eine solche nicht absichtlich ausführen wollen was doch zu den
Seltenheiten gehört
    Gewiss sagte der Baron auf diese Wahrheit von der befreienden Kraft des
Wortes gründet sich die Taktik aller der Menschen welche sich vor Andern ihrer
Fehler anklagen weil sie sich dadurch auf eine bequeme Weise ihres sie
drückenden Bewusstseins zu entäussern hoffen
    Alles Vertrauen überhaupt bemerkte der Geistliche lässt sich auf die jedem
Menschen bewusst oder unbewusst innewohnende Überzeugung von der befreienden
Kraft des gesprochenen Wortes zurückführen und als komme ihm das zufällig in
den Sinn fügte er noch hinzu Darauf beruht ja auch die erlösende Kraft der
Beichte in unserer Kirche welche der Protestantismus ohne alle Kenntnis des
menschlichen Herzens ohne Mitleid für den Schuldbeladenen den Bedrückten und
den Irrenden einem abstracten Prinzip dem Misstrauen gegen die Gewalt und den
Einfluss der Geistlichkeit zum Opfer gebracht hat
    Er ging aber auch über diese Äußerung schnell hinweg denn er wusste dass
ein sicher gestreutes Samenkorn wenn es auf den rechten Boden fällt seine
Frucht trägt und es war ihm daher unlieb dass der Baron sich mit diesen
Erörterungen nicht genügen ließ sondern noch einmal auf den Ausgangspunkt der
Unterhaltung zurückkam und nun bestimmt die Frage tat was seine Frau für ein
Abmahnen gegen ihn gefühlt habe
    Sie wehrte sich abermals es zu bekennen und erst als er mit Bitten und mit
scherzendem Zureden in sie drang sagte sie Es war als ich Dich zum ersten
Male sah von irgend welchen eben geschehenen Wundern die Rede deren Wahrheit
Du aufrecht erhieltest ich konnte mir nun gar nicht denken dass ein Mann wie Du
an Wunder zu glauben vermöge und 
    Und fragte der Freiherr
    Und so hielt ich Dich halbwegs für einen Heuchler ohne begreifen zu können
weshalb Du heucheln solltest sagte sie schnell als wolle sie damit fertig
sein
    Sie hatte erwartet einen Scherz oder einen Tadel zur Antwort zu bekommen
aber keines von beiden traf zu Der Baron blieb ernstaft und ruhig und fragte
nur was sie unter dem Worte Wunder verstanden haben wolle
    Nun zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fortdauer der Verstorbenen
sagte Angelika von welcher man auch bei Frau von Uttbrecht als von einer
Tatsache zu reden liebt und an die man doch nicht im Ernste glauben kann
    Du irrst sprach der Freiherr mit großer Bestimmtheit und es ist also wie
ich sehe noch ein wesentlicher Überzeugungssatz zwischen uns unaufgeklärt was
mir wirklich leid ist Ich glaube an die wahrnehmbare Fortdauer der Geschiedenen
so gewiss als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an unsere persönliche
Fortdauer nach dem Tode glaube Nur ein unlogischer Kopf so dünkt mich kann
auf den Einfall geraten dass eine Wesenheit die sich von ihrem ersten Keime an
in strenger Folgerichtigkeit zur Individualität entwickelt plötzlich und mit
Einem Schlage als Individualität zu sein aufhören könne Abgesehen aber davon
so hat ja Christus uns die persönliche Fortdauer ja die Auferstehung des
Fleisches verheißen und der Kaplan wird Dir nachweisen können dass in alter und
neuer Zeit bevorzugte Menschen der unwiderleglichsten Offenbarungen Ermahnungen
und Tröstungen durch das Erscheinen Verstorbener gewürdigt worden sind
    An der Unsterblichkeit unserer Seele zweifle ich gewiss nicht beteuerte
Angelika eingeschüchtert durch den Ernst des Freiherrn Ihr protestantisches
Bewusstsein ließ sich jedoch so leicht nicht zur Ruhe bringen und wenn auch
zaghaft fragte sie dennoch was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer
Unsterblichkeit gemein
    Der Baron blickte sie an als komme ihm eine solche Frage sehr auffallend
vor dann entgegnete er belehrend Allmähliches Werden und Vergehen ist das
Gesetz aller Organismen Es tritt nichts plötzlich in die Erscheinung es
verschwindet nichts plötzlich aus ihr und wie der Mensch im Schoss seiner
Mutter allmählich werdend zum sichtbaren Dasein erwächst so verschwindet er
das ist mir zweifellos auch nur allmählich von der Erde von der Stätte die er
geliebt und aus dem Gesichtskreise derjenigen in deren Leben er seine
eigentliche Heimat gehabt hat Erst wenn diese Loslösung die sich je nach den
verschiedenen Persönlichkeiten in längerer oder kürzerer Zeit vollzieht ganz
und gar beendet ist kann vernunftgemäss der Läuterungsprocess der Seele beginnen
den unsere Kirche als ein Dogma aufstellt und der die Seele endlich für die
reine Atmosphäre der ewigen Seligkeit vorbereitet
    Er sprach das mit der Bestimmtheit aus mit welcher ein Matematiker seine
Formel hinstellt Sicherheit aber hat wenn wir ihr bei einem Menschen begegnen
dem wir sonst Bedeutung zugestehen immer etwas Bannendes und Beherrschendes Er
erwartete auch offenbar Glauben bei Angelika zu finden und nur als gebe er
noch eine ganz überflüssige Notiz fügte er hinzu dieser Glaube von dem
allmählichen Verschwinden des Menschen aus dem Bereiche der Sichtbarkeit liegt
ja übrigens wie alle großen und unumstösslichen Wahrheiten als ein Eingeborenes
in dem menschlichen Geiste Die Spur davon findet sich bei den rohesten wie bei
den cultivirtesten Völkern aller Weltteile und aller Zeiten Von Zoroaster bis
zu Plato von den ältesten jüdischen Traditionen bis zu Origines von dem wüsten
Heidentume der Wilden bis zu den erhabensten Vorstellungen unserer Kirche geht
derselbe Zug derselbe Glaube an ein vermittelndes Zwischenreich und selbst
Euer Martin Luther so sehr er aller feineren geistigen Erkenntnis durch seine
grobsinnliche Organisation verschlossen war konnte sich jener Einsicht nicht
ganz entziehen wenn er bei seiner bäuerisch plumpen Natur auch nichts Anderes
zu erkennen vermocht als die Erscheinung eines ihn plagenden Teufels
    Der Baron erhob sich bei den Worten mit der Selbstzufriedenheit eines
Professors der sein Kollegium beendet hat und dass seine Zuhörer beide
schwiegen steigerte seine Genugtuung Er sah nach der Uhr es war Zeit für
ihn sich zu entfernen Er schellte dem Kammerdiener befahl den Wagen vorfahren
zu lassen und als er dann das Zimmer seiner Frau verließ die ganz gedankenvoll
geworden war sagte er zu dem Geistlichen gewendet Sie müssen die Baronin
durchaus gewöhnen lieber Freund recht scharf über geistige Dinge nachzudenken
Es ist bei ihr  und das liegt in ihrer Jugend die ein großer Vorzug ist  noch
Alles Gefühl noch Alles Empfindung aber es kommt ja für sie hoffentlich bald
die Zeit in welcher sie Andern Rechenschaft über ihr Denken geben Andern ein
Führer werden muss und ich möchte dass diese Zukunft sie einig mit sich selbst
und recht im Einklange mit mir finden möge Trachte danach Geliebteste diesen
Standpunkt zu erreichen
    Er umarmte hierauf seine Frau küsste ihr die Hand gab auch dem Kaplan die
Hand und verfügte sich in bester Laune an den Hof dem Koncerte beizuwohnen
 
                                 Achtes Kapitel
Es war eine eigentümliche Lage in welcher der Kaplan sich jetzt gegenüber der
freiherrlichen Familie befand Er glich dem Manne welchen man zu einem
Gastmahle eingeladen hat und der bei seinem Eintritte in das Zimmer an dem
Qualm und Rauch die ihm entgegenströmen den nahen Ausbruch eines im
Verborgenen glimmenden Brandes erkennt Es galt hier zu helfen nicht zu
genießen und Hilfe zu leisten war ja sein Beruf
    Er fand Angelika unzufrieden mit sich selbst beunruhigt durch die Stimmung
ihres Gatten durch den Einfluss den Frau von Uttbrecht und ihr Mysticismus über
ihn gewonnen hatten und fand sie selbst auf das lebhafteste beschäftigt durch
eine Menge von religiösen und mystischen Eindrücken welche sie eben um ihrer
Fremdheit willen bald anzogen bald abstiessen und ihr den Frieden raubten Sie
sehnte sich nach einem Menschen dem sie ihr Herz erschließen den sie zu Rate
ziehen konnte Sich ihrer Mutter zu entdecken hielt die Liebe für ihren Gatten
sie ab Die Gräfin würde ihre Tochter für unglücklich ihren Schwiegersohn für
schuldig gehalten haben und unglücklich fühlte die Baronin sich nicht Sie
wusste nur nicht was sie tun solle um wieder zu der Ruhe zu gelangen die sie
bis zu ihrem Hochzeitstage stets beseelt um sich wieder in dem Einklange mit
dem Freiherrn zu befinden von dem sie beide das Heil ihrer Ehe und ihrer
Zukunft erhofft hatten Sie konnte sich nicht recht klar machen was eigentlich
geschehen sei was zwischen ihr und ihrem Gatten stehe aber es war anders
geworden als sie es erwartet hatte es war geworden wie es nicht hätte sein
sollen wie sie nicht geglaubt hatte dass es jemals werden könne
    Die Worte des alten aufgefundenen Gebetbuches tönten immer in ihrem Herzen
Ihr fehlte ein Stab der sie stützte ein Licht das ihr das Dunkel erhellte
Sie musste oftmals an dasjenige denken was der Baron was der Kaplan ihr von der
befreienden Kraft des Wortes gesagt hatten Es lag so fern ihr die Vorstellung
sonst gewesen war jetzt für sie etwas Verlockendes in dem Vertrauen in der
Zurechtweisung und Belehrung welche man in der Beichte gewährt und empfängt
Sie fühlte bisweilen ein wahrhaftes Verlangen danach dem Kaplan Alles zu sagen
was sie drückte von ihm Rat zu begehren und es hätte nur einer Ermutigung
von seiner Seite bedurft ihr den Mund zu erschließen aber er gewährte ihr
diese nicht Er wollte reifen lassen was er emporkeimen sah und die Frucht
nicht vorzeitig brechen so sehr er sich ihrer erfreute
    Es war nicht lange nach jenem KonzertAbende als er in den Händen der
Baronin ein Kästchen erblickte das sie mit einer gewissen Hast verschloss und
auf die Seite stellte da er bei ihr erschien Sie sah dass er es bemerkt hatte
dass er darüber lächelte und plötzlich zu einem Entschlusse gelangt fragte sie
ihn ganz unumwunden ob er den Glauben teile den sie im Hause der Frau von
Uttbrecht häufig aussprechen hören den Glauben dass die Gottheit noch in
unseren Tagen dem Menschen sichtbare Zeichen gebe wenn er ihres Beistandes
bedürfe oder sich sonst in ungewöhnlichen Lebenslagen befinde
    Gewiss sagte der Kaplan davon bin ich überzeugt Es ist kein Wandel in dem
Unwandelbaren und was Gott einst in seinem Erbarmen für die Menschheit getan
hat das kann und muss sich bei dem gleichen Anlasse immer wiederholen
    Angelika sah ihn ernstaft an Sie glauben also an wunderbare Ereignisse an
wunderbare Zeichen forschte sie weiter
    Unbedenklich versicherte er ihr Aber was bewegt Sie zu diesen Fragen
meine gnädige Frau
    Sie antwortete ihm nicht darauf sie wollte jedoch wissen ob er je etwas
der Art erlebt ob er irgend eine Erfahrung gemacht habe welche seine Aussage
bestätigen oder einen Beweis für die Lehren von dem geistigen Zusammenhange der
Toten mit den Lebenden gewähren könne
    Er zögerte eine Weile indes er sah die Spannung mit welcher sie an seinem
Mund hing und mit feierlichem Ernste sagte er Es begegnet des bin ich sicher
nicht eben oftmals dass die Gottheit es für nötig findet dem Menschen durch
ein sichtbares Zeichen ihrer Vorsehung und Allgegenwärtigkeit zu Hilfe zu
kommen wo es aber geschieht da hat man es als die höchste Gnade anzusehen und
wem es begegnet dem legt es die doppelte Pflicht der eigenen Heiligung und der
Werktätigkeit für Andere auf Mir ist diese Gnade einst geworden als ich auf
dem Wege war sie weniger denn jemals zu verdienen
    Die Gehobenheit mit welcher er sprach umleuchtete sein edles Antlitz und
seine ganze würdige Gestalt dass Angelika der Raum des Zimmers durch sein bloßes
Dasein wie geweiht schien Es wurde ihr feierlich zu Mute als befinde sie sich
in der Kirche und es war nicht Neugierde sondern ein heißes Verlangen nach
Wahrheit dass sie zu der Bitte antrieb der Kaplan möge ihr wenn er das könne
mitteilen was ihm einst widerfahren sei
    Ja versetzte er nach kurzem Schweigen das will ich tun Sie sollen
vernehmen was bisher Niemand von mir gehört hat und wovon jetzt kein Lebender
außer mir noch Zeugnis geben kann Ich will es tun so schwer es mir auch
ankommt von den Verirrungen meiner Jugend zu sprechen Nur im büssenden Gebete
hatte ich seit langen Jahren jener Zeiten noch gedacht und ich hatte nicht
gemeint dass jemals wieder über meine Lippen kommen würde was ich einst in
bitterer Reue dem verschwiegenen Ohre meines Seelsorgers und Beichtvaters
anvertraut um durch ihn Vergebung für eine Sünde zu erlangen welche für mich
für den geweihten Priester unseres Gottes schwerer als für einen Andern in die
Wage des Gerichtes fiel Aber es erscheint mir als eine Mahnung des Herrn dass
ich veranlasst werde noch einmal vor einem Andern mich meiner Schuld zu zeihen
Gott will ich soll sie nicht begraben in meines Herzens stillem Schrein ich
soll mich zu meiner Schuld bekennen vor denen mit denen ich lebe sie sollen
mich kennen in meiner ganzen menschlichen Gebrechlichkeit damit sie es immerdar
empfinden dass es der Herr ist und nicht ich der in mir wirkt und schafft wenn
ich sie zu erheben trachte Und  die Wege des Allweisen sind so unerforschlich
Wer will es sagen zu welchem Zwecke er jene schmerzlichen Erinnerungen wieder
so lebhaft in den Vorgrund meiner Seele drängt Weshalb mir der Glaube so
gebieterisch das Herz erfasst ich müsse eben zu Ihnen und eben zu dieser Stunde
davon reden  Er hielt inne als bedürfe er der Sammlung und fing dann mit
unverkennbarer Selbstüberwindung seine Erzählung also an
    Ich hatte eben die priesterlichen Weihen erhalten als ich in das
freiherrliche Haus in das Vaterhaus Ihres Herrn Gemahls eintrat Aus der
Abgeschiedenheit des Kollegiums aus der Stille und Zurückgezogenheit an die
ich gewohnt war sah ich mich in einen viel bewegten glänzenden Haushalt
versetzt Ich hatte bis dahin nur zu lernen und zu gehorchen gehabt jetzt
sollte ich Lehrer Führer und Leiter eines lebhaften Jünglings werden der mir
an Jahren nur wenig untergeordnet an Lebenserfahrungen aller Art mir weit
vorauf war Wollte ich leisten was man von mir erwartete so bedurfte es des
festen Willens von meiner Seite und des festen Glaubens dass wir von der
Vorsehung an keinen Platz gestellt werden den auszufüllen über unsere Macht
geht Der Wille und der Glaube fehlten mir nicht ich arbeitete an mir selbst
ich erzog mich um ein Erzieher zu werden und die Familie der ich diente war
mit mir zufrieden zufrieden wie ich selbst es mit mir war Man bewies mir ein
ehrenvolles Vertrauen die Eltern meines Zöglings behandelten mich wie einen
Anverwandten seine Schwester war für mich selbst wie eine Schwester freundlich
 Er machte eine Pause und die Baronin glaubte zu bemerken dass eine Röte das
Antlitz des würdigen Mannes überflog als er seine Erzählung wieder aufnahm
    Sie haben das Bild von Fräulein Amanda in Ihrem Zimmer gnädige Frau So wie
der Maler sie dort geschildert hat so sah sie aus als ich sie zuerst
erblickte so edel und so ernst so sanft und so mild Sie war achtzehn Jahre
alt Man hatte sie den sämtlichen Unterricht ihres nur um ein Jahr jüngeren
Bruders teilen lassen und man vergönnte mir auch ihr Lehrer zu werden aber
mehr als das wir wurden  oder wir glaubten Freunde zu werden Um ihr Neues zu
bieten um ihren Anteil zu gewinnen wurde ich eifriger als je in meinen
Studien Ein leidenschaftliches Verlangen und ein Durst nach Wissen und nach
Erkenntnis der Wahrheit bemächtigten sich meiner ich wollte dem genügen was
Fräulein Amanda von sich selber verlangte was sie in mir voraussetzte Es gibt
nichts Großes nichts Heiliges das uns nicht bewegte nichts Edles nach dem
wir nicht strebten Wir fühlten uns frei einander gegenüber und wir trennten
uns wie Freunde und Geschwister sich trennen als der junge Freiherr seine
Reisen antrat auf denen ich ihn begleiten sollte
    Es war ausgemacht worden dass ich dem Fräulein schreiben dürfe Niemand
hatte ein Arg daran am wenigstens wir selber Ich wusste dass alle meine Briefe
von der Mutter gelesen wurden ich vermutete dass sie auch die Antworten ihrer
Tochter an mich las und doch blühten auf der offenen Heerstraße dieses
Briefwechsels die Blumen auf deren Duft uns den Sinn verwirrte deren Ranken
uns umstrickten
    Der junge Baron und ich wir blieben zwei Jahre im Auslande Voll Freude und
Zuversicht kehrten wir in die Heimat zurück aber es war vorüber mit dem
friedensvollen Glücke das ich vor der Reise in dem freiherrlichen Hause
genossen Ich hatte nicht mehr das Herz dem Fräulein wie sonst zu begegnen ihr
fehlte der Mut mir zu nahen wir vermieden einander Ich fragte mich nicht
was geschehen sei jeder Atemzug sagte es mir Die Trennung von ihr hatte eine
wilde Leidenschaft in mir angeregt eine Leidenschaft die in doppeltem Sinne
für mich eine Sünde in sich schloss In heißen Kämpfen in brünstigen Gebeten
rang ich nach Frieden Er wollte mir nicht kommen Ich musste die Ursache meiner
Leiden fliehen Ich forderte meine Entlassung Baron Franz bedurfte meiner
Begleitung auch ferner in der Tat nicht mehr
    In den Tagen fand sich ein Bewerber um des Fräuleins Hand Amanda bewies
sich demselben nicht geneigt Ahnungslos nur an das Zutrauen denkend das die
Tochter mir gewährte wandten die Eltern welche diese Verbindung wünschten
sich an mich Ich sollte Amanda bestimmen dem Verlangen ihrer Eltern
nachzugeben und ich beschloss da ich selbst den Mann hoch schätzte der das
Fräulein zur Frau begehrte die schwere Pflicht die man mir auferlegte als
erste Busse über mich zu nehmen Ich betete auf meinen Knieen um die Kraft der
Selbstbeherrschung und Gott schenkte sie mir Ich bezwang mein Herz ich konnte
Amanda sagen was man von ihr verlangte und was zu Gunsten ihres Bewerbers
sprach Ich riet ihr dem Wunsche ihrer Eltern nachzukommen ich riet ihr den
Weg zu gehen auf den die Vorsehung sie führen zu wollen schien
    Sie hörte mich an still aber entsetzt als spräche ich eine Gotteslästerung
aus Ihre Augen füllten sich mit Tränen und die Hände vor der Brust faltend
fragte sie mich mit strafendem Tone Das verlangen Sie grade Sie von mir Das
wagen Sie mir als Tugend als Pflichterfüllung vorzuzeichnen Und als ich
verwirrt und sprachlos vor ihr stand hob sie ihre gefalteten Hände gegen mich
empor und fragte schluchzend Gibt es denn keinen Ausweg aus dem unheilvollen
Labyrinthe keinen Ausweg als den Meineid an dem der Mensch zeitlich und ewig
zu Grunde gehen muss
    Und wieder schwieg der Kaplan Angelika reichte ihm die Hand er drückte sie
ihr leise und fuhr dann fort Der Stunde folgte eine Zeit voll schwerer
Verblendung voll großer Not voll tiefer Verwirrung Als Selbstüberwinder
wenn auch herzzerrissen gingen wir beide daraus hervor Ich verließ das Haus
Amanda verlangte in ein Kloster einzutreten Die Zärtlichkeit der Eltern die
Vorsicht des Arztes wollten davon nicht hören denn ihr Körper war dem
Seelenleiden nicht gewachsen sie verzehrte sich in ihrem Schmerze  Niemand
wusste was ihr fehle wir hatten einander ewige Trennung und ewiges Schweigen
gelobt Ich hörte nichts von ihr als in den seltenen Fällen in denen Baron
Franz mir schrieb und ihrer Erwähnung tat Aber er lebte damals nicht im
Vaterhause und hatte auch nur brieflich Nachricht von der Schwester
    Drei Jahre waren so hingegangen fuhr der Kaplan fort ich kehrte von einer
Missionsreise aus dem Innern von Südamerika zurück als ich von Amandas Vater
die Anfrage erhielt ob ich mich entschließen könne seine Frau und Tochter auf
einer Reise zu begleiten Ein furchtbarer Schrecken kam über mich Ich wusste
wie es stand da Amanda mich zu sich rief Ich fuhr Tag und Nacht Es war früher
Morgen als ich in dem Schloss eintraf Alles schlief Ich befand mich wieder
in ihrer Nähe ich wagte nicht nach ihr zu fragen Als man sich im Hause
erhoben hatte ließ die Baronin mich rufen Ihre ersten Worte bestätigten mir
was ich bereits wusste Sie werden mein armes Kind verändert finden sehr
verändert sagte die Baronin indes Gott ist ja allmächtig und kann Wunder tun
Die Ärzte vertrösten uns auf die Luft des Südens Meine Tochter teilt unsere
Hoffnungen für ihre Genesung nicht aber sie wünschte Ihre belehrende
Begleitung und wir waren sicher dass Sie uns nicht fehlen würden da wir Ihrer
nötig hatten
    Eine Stunde später führte man mich zu Amanda Welch ein Wiedersehen war das
 Die Reise wurde nach wenig Tagen angetreten Noch vor dem Beginne des Herbstes
erreichten wir Italien ließ wir uns in Venedig nieder Ich war immer bei ihr
Niemand wehrte es uns Sie war freien Geistes sie fing an wieder Mut zu
fassen und es schien eine Weile als kehre das schwindende Leben wirklich noch
einmal in sie zurück als könne das Leiden sich noch besiegen lassen Aber diese
Hoffnung schwach wie sie war stürzte meine Seele in den alten Kampf zurück
Die Angst die Verzweiflung welche mich bei dem Gedanken an ihren nahen Tod
erfüllt hatten die auftauchende Möglichkeit sie gerettet zu sehen die Frage
was dann aus uns werden solle machten mich fast sinnlos Meiner selbst nicht
mächtig brach ich das Gelöbnis des Schweigens das ich ihr einst gegeben hatte
und bekannte ihr dass es mir nicht möglich sei in ihrer Nähe zu weilen ohne
zurückzufallen in die sündhafte Verwirrung der ich mich einst kaum zu entziehen
vermocht hatte
    Er fuhr sich mit den Händen über die Augen Dann seufzte er und sagte Sie
hielt eine weiße Rose in ihrer Hand in jener Stunde Die Rose sank entblättert
zur Erde nieder als ich vernichtet von Amandens Tränen um Vergebung
flehend ihre Hand ergriff Amanda sah trauernd auf mich hin und schwieg aber
sie blieb ruhig und tränenlos Sie hätten der Rose die paar armen Lebensstunden
nicht zerstören sollen sagte sie dann endlich Denken Sie an diese Rose wenn
ich nicht mehr sein werde  und das wird nicht lange auf sich warten lassen
    Sie hatte in den letzten Wochen nicht mehr von ihrem Tode gesprochen ich
beschwor sie diese düstern Vorstellungen zu verbannen sie wollte nicht dass
ich dieselben düster nannte
    Der Tod ist für uns kein Leid er ist ein Engel des Friedens für uns der
uns Erlösung bringt sprach sie Sie müssen mit mir den Himmel dafür danken dass
er mich bald abberufen wird Wir haben schöne schöne Tage hier miteinander
gelebt wir werden uns einst rein und geläutert wiedersehen um unzertrennlich
bei einander zu bleiben Die Spanne Zeit die noch dazwischen liegt was ist sie
neben der Ewigkeit die uns erwartet
    Mein Sinn war verdüstert meine Leidenschaft band mich an die Erde ich
konnte mich zu ihrer Entsagung nicht erheben Ich konnte meinem Schmerze meinen
Tränen nicht gebieten ich weinte bitterlich Sie sah mich lange an Weinen Sie
nicht sagte sie ich werde Sie nicht verlassen ich werde immer bei Ihnen sein
mein Freund
    Was hilft mir das wenn ich Sie nicht sehe rief ich in der Wildheit meines
Herzens
    Oh versetzte sie und ihr Ton klang mild wie keines andern Menschen Stimme
Sie sollen mich auch sehen wenn Gott es zulässt dass wir den Lebenden
erscheinen Heiligen Sie Ihr Leben Leben Sie es im Dienste Gottes und vergessen
Sie der weißen Rose nicht Sie soll Ihnen ewig eine Mahnung an die menschliche
Schwachheit und ein Zeichen meiner Nähe sein Sind Sie das zufrieden
    Ich hatte keine Antwort als meinen stummen Schmerz Sie ließ mich
versprechen dass ich ihr die Augen schließen und täglich für sie beten dass ich
ihre Mutter nicht verlassen dass ich über ihren Bruder wachen und ihm ein Bruder
bleiben wolle Sie trug mir auf ihre Asche nach Richten zu schaffen und weiße
Rosen pflanzen zu lassen vor der Türe der FamilienGruft
    Von der Stunde ab war ich Herr geworden über mich für alle Zeit sagte der
Erschütterte mit Ergebung
    Im Frühjahr neigte sich ihr Leben zur Ruhe Der Mai war zu Ende als sie
starb Ihr Wille geschah Wir brachten ihr Sterbliches nach der Heimat ich
habe die Rosenbüsche selbst gepflanzt ich habe auch ihrer Mutter das Auge
geschlossen und bin ein Hüter des Grabes geworden das sie deckt All mein
Wünschen war am Ende und der Ehrgeiz das Verlangen nach weltlichem Ansehen und
nach weltlicher Macht die mich sonst zuweilen beseelt waren damit für immer in
mir erloschen An dem Orte zu weilen wo sie gelebt hatte zu wirken wo ihre
Milde gewaltet das war Alles was ich begehrte und mit inbrünstigem Verlangen
mit täglichem Gebet erwartete ich es ob sie mir kein Zeichen geben würde  So
kam der Jahrestag ihres Todes heran Ich hatte an seinem Vorabende lange im
Gebet gewacht am Morgen eingeschlummert weckt mich ein Klopfen an der Türe
Ich rufe herein ein Knabe aus dem Dorfe kommt in mein Zimmer und das Erste
was ich erblicke ist ein Strauss von weißen Rosen der mir in seiner Hand
entgegenwinkt
    Er schwieg von seiner Empfindung überwältigt und blieb lange in seinen
Erinnerungen versunken Dann richtete er sich empor und sagte mit sanfter
Rührung die weiße Rose hat mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet Im
Wachen und im Traume ist sie mir plötzlich entgegengebracht worden wenn mein
Sinn verdüstert war Sie hat mich ermahnt und erhoben und es wird sich ja wohl
Jemand finden sie auch mir einst auf den Sarg zu legen und sie auch auf mein
Grab zu pflanzen
    Er erhob sich und trat an den Kamin die Lichter zurecht zu rücken Mit
feuchtem Auge unfähig den Empfindungen die sie bewegten Worte zu leihen sah
Angelika ihm nach Sie hatte in den ernsten stillen Zügen des Kaplans diese
Vergangenheit nie gelesen sie wusste jetzt was ihn an der Artenschen Familie
festgehalten was ihn bewogen hatte in Richten zu bleiben ihn dem eine
größere Wirksamkeit nicht hätte fehlen können wäre er gegangen sie auf
weiterem Felde zu suchen
    Von einer Vorstellung zu der anderen von einem Gedanken zu dem anderen
schreitend fragte sie nach langem Schweigen plötzlich Und wer war der Knabe
woher brachte er Ihnen jene ersten weißen Rosen
    Er war der Sohn einer Witwe den Fräulein Ester aus der Taufe gehoben hatte
und den ich auf ihren Wunsch in einer gewissen Aufsicht hielt
    So war es Fräulein Ester welche ihnen jene Rosen sendete
    Durchaus nicht Die Mutter des Knaben die ich in einer Krankheit hier und
da besucht schickte sie mir als Erstlinge des Jahres
    Und wieder schwieg die Baronin eine Weile dann sagte sie Sie erwähnten der
Tante Ester haben Sie dieselbe näher gekannt
    Ja versetzte der Kaplan Sie hatte für ihre Nichte die größte Zärtlichkeit
und Amanda hing an ihr mehr noch als an der eigenen Mutter Auch war sie die
Einzige welcher Amanda ohne dass ichs ahnte in früher Zeit ihr Geheimnis
anvertraut hatte und fest und treu hat sie es ihr bewahrt
    So wusste Tante Ester also auch von der Verheißung der weißen Rose
    Sie hat nie davon gehört versicherte der Kaplan ich selbst habe mich davon
überzeugt
    Angelika war betroffen Sie hatte noch während der Erzählung des Kaplans
mehrmals nach dem Kästchen geblickt das sie bei seinem Eintreten in der Hand
gehabt Jetzt nahm sie es hervor schloss es auf und dem Kaplan den Rosenkranz
hinreichend den sie in der Vase in Esters Zimmer gefunden hatte fragte sie
ihn ob er denselben vielleicht jemals bei der Tante gesehen habe
    Gott im Himmel und grade heute Heute grade da die Geschichte jener Tage
zum ersten Mal über meine Lippen kommt Heute muss ich dieses Pfand in meinen
Händen halten rief der Kaplan und blickte mit Rührung auf die Perlen nieder
    Die Baronin wiederholte die Frage Sie wollte wissen von wem die
Gegenstände stammten sie zeigte das Kruzifix und das Gebetbuch vor der Kaplan
betrachtete beides lange und still
    Dass die Sachen uns so überleben sagte er nach einer Weile Amanda hatte das
Gebetbuch mit Rosenkranz und Kruzifix von einem der armenischen Mönche auf San
Lazzaro bei Venedig zum Geschenk erhalten Sie fand eine große Erhebung in dem
Gedanken dass schon seit Hunderten von Jahren gläubige Herzen ihr Gebet daran
geknüpft und sie starb mit diesem Rosenkranze in der Hand mit diesem Kruzifix
auf ihrer Brust Die Worte in dem Buche hat sie selbst geschrieben mit letzter
Kraft und bebender Hand als sie mir auftrug Alles dies nach ihrem Tode ihrer
Tante zu senden Ich würde hätte ichs nicht mit angesehen ihre klare feine
Schrift sonst nicht in diesen schwankenden Zügen wieder zu erkennen vermögen 
Er hielt das Buch lange in seiner Hand Dann legte er es nieder und sagte
gedankenvoll Und grade Sie Frau Baronin mussten diese Heiligtümer finden
Grade heute musste ich dieselben wiedersehen  O wie können Sie zweifeln dass
Gott denen die er seiner Gnade würdigt wundervolle Zeichen schickt
    Er sprach nicht weiter die Baronin fragte nicht weiter Aber sie löste den
kleinen Ring von dem Rosenkranze ab und steckte ihn an ihre Hand die sie dem
Kaplan reichte Denken Sie mein Freund sagte sie wenn Sie dieses Zeichen an
meiner Hand erblicken dass zwei edle Herzen dass Amanda und Ester mir es
zugewendet dass sie mich Ihrer Gunst damit empfohlen haben und stehen Sie mir
bei wenn ich einmal  sie sprach die Worte mit tiefer Erschütterung  wie jene
geprüften und bewährten Seelen einen Stab brauche mich darauf zu stützen und
ein Licht mir zu leuchten durch das Dunkel
    Ja das will ich versetzte der Kaplan aber Sie bedürfen meiner nicht Wer
ihn suchet den Erlöser der findet ihn wer nach seinem Lichte ruft dem
erhellt er den Pfad Er hat Sie bereits zu sich gerufen geben Sie sich ihm zu
eigen und sein Friede wird über Sie kommen hier und dort
    Er legte seine Hände segnend auf ihr Haupt und ließ sie zurück in stillem
eifrigem Gebet
 
                                Neuntes Kapitel
Der Winter entschwand auf diese Weise ohne dass der Baron an die Rückkehr auf
das Land gedachte Er fand Behagen an der Residenz an der Folge immer neuer
Zerstreuungen und Alles was er sich noch vor wenig Monaten von seiner Ehe von
seiner Häuslichkeit auf Schloss Richten versprochen hatte ja Schloss Richten
selbst trat davor so sehr in den Hintergrund dass es Angelika oftmals bedünken
wollte als mache es ihn unmutig wenn man ihn daran erinnere Ein Mann der
wie der Baron sein Leben hindurch auf äußere augenblickliche Erfolge gestellt
gewesen findet sich auf die Länge nicht leicht durch die Ruhe in seiner Ehe und
in seinem Hause befriedigt auch wenn er nicht Zerstreuung bedarf um
Vergessenheit dadurch zu erlangen
    Endlich als die Mehrzahl der adeligen Gesellschaft in der Residenz sich
anschickte aus ihrem städtischen Winteraufentalte wieder auf die Landsitze
zurückzukehren wurden auch in dem freiherrlichen Hause die Anstalten zur
Abreise getroffen Indes der Baron fand immer noch einen Grund einen Tag und
wieder einen Tag zu zögern und die Ungeduld seiner Gattin die sich in die
Stille ihres Schlosses hinaussehnte steigerte sich daran bis zu einem
krankhaften Verlangen nach der freien Natur Als dann aber die Stunde der
Abreise herankam bemerkte der Baron dass seine Gattin sich mit Wehmut von dem
Hause trennte in das sie mit Widerstreben eingetreten war Sie fühlte nicht
mehr die Zuversicht zum Leben sie hatte nicht mehr die volle Hoffnung auf
Glück welche sie an ihrem Hochzeitstage beseelte und seit sie dahin gekommen
war an ihren Brautstand und an ihre Jugend wie an eine glücklichere
Vergangenheit zurück zu denken flößte das ererbte Haus in welchem Alles von
einer Vergangenheit sprach ihr keine sie befremdende Empfindung mehr ein Zudem
war ihr Gutes und Heilsames in dem Hause widerfahren Sie hatte tiefer in ihr
eigenes Innere blicken und sich an einen Helfer wenden lernen der stärker war
als sie Sie hatte in dem Kaplan einen väterlichen Freund und Berater gefunden
und den Glauben gewonnen dass die verstorbenen Lieben den Lebenden verbunden und
nahe bleiben Das waren so viele Quellen neuen Hoffens dass sie Mut für ihre
Zukunft daraus schöpfte Und als sie dann endlich sah mit wie ungeheuchelter
Betrübnis Mamsell Marianne von ihr Abschied nahm als sie dieser immer noch
einmal versprechen musste sie holen zu lassen wenn die Baronin ihrer Pflege
bedürfe so schied sie endlich selbst nur mit Tränen und mit dem festen
Vorsatze häufiger Wiederkehr von Tante Esters Haus und von den Bildern
derselben die so manchen stillen Seufzer von ihren Lippen gehört so manche
heimlich geweinte Träne aus ihren Augen hatten fließen lassen
    Indes die Frühlingssonne will im Freien genossen sein und der Baronin die
von Kindheit an sich in Garten Feld und Wald bewegt ging das Herz auf als die
Tore der Residenz endlich hinter ihr lagen und ihr Auge nicht mehr von den
Häuserreihen beschränkt sich in weiter Ferne ergehen konnte Je näher sie auf
ihrer Reise der Heimat ihres Gatten kamen um so leichter wurde ihr zu Sinn
ja sie empfand es in ihrer fröhlichen Erregung kaum dass die Zufriedenheit
ihres Mannes nur eine geteilte war und dass er sich ihrer beginnenden Heiterkeit
zwar erfreute dass die frische offene Zärtlichkeit welche sie ihm lange nicht
zu zeigen vermocht hatte ihm zwar Vergnügen bereitete aber dass er sie im
Grunde seines Herzens nicht mit ihr teilte wie sie es erwartete Er war nicht
mehr derselbe der er als Bräutigam gewesen war
    Gegen den Abend des sechsten Tages erreichten sie die Grenze der Herrschaft
Richten Der Baron machte Angelika darauf aufmerksam und da sie ihn liebevoll
und gerührt umarmte bewegte es auch ihn
    Die Schulzen der Dörfer die Schullehrer mit der ganzen Kinderschaar hatten
sich unter einem für den Empfang der Gutsherrschaft errichteten Ehrenbogen
aufgestellt und der greise Pfarrer selbst war herbeigekommen der jungen
Gutsherrin mit ernster und freundlicher Ansprache an das Herz zu legen was man
von ihr für die Güter und ihre Bewohner erwarte und hoffe Der Baron obschon
seinen Insassen und Untergebenen ein lässlicher Herr hatte von jeher solche Akte
und Feierlichkeiten als herkömmliche Huldigungen mit einer eben so herkömmlichen
Herablassung hingenommen und was sich etwa bei derlei Anlässen in seinem
Gemüte menschlich geregt damit hatte er bisher leicht fertig zu werden gewusst
Heute war das anders Er bemerkte die tiefe Bewegung seiner Frau er sah ihre
Freude darüber dass sie in Richten war wo sie weit sicherer heimisch zu werden
hoffte als in der Residenz es fiel ihm ein dass diese Kinder um ihn her die
ihn und Angelika hier an der Grenze seiner Herrschaft willkommen hießen einst
den Sohn zum Herrn haben würden den er von seiner Gemahlin erwartete und heute
hörte er mit anderem Ohr und anderem Herzen zu als sonst Er war selbst gerührt
er hielt die Hand seines jungen Weibes fest und zärtlich gefasst er dachte seit
langer Zeit zum ersten Male wieder daran welch ein reines Herz welch einen
Schatz von Liebe und Güte er in Angelika besitze ja er begriff es kaum
weshalb er alle diese Monate in einer Umgebung mit ihr zugebracht habe die ihr
nicht erwünscht gewesen und durch die sie ihm selbst entzogen worden war Er
fühlte Lust ihr dies zu sagen aber er stand davon ab weil es geheißen hätte
ihr einen Irrtum einzugestehen Indes er versprach sich diesen Irrtum gut zu
machen er war glücklich dass dies noch in seiner Macht stand und in die
Zärtlichkeit mit welcher er Angelika an seine Brust drückte mischte sich ein
stolzes Gefühl als man bald darauf nachdem der Wagen das geschmückte Dorf
passiert hatte Schloss Richten auf seiner Höhe vor sich liegen sah
    Die Tage waren schon wieder lang die Sonne noch nicht untergegangen und
die blasse Sichel des Neumondes schimmerte von ihr erhellt silbern und leicht
an dem blauen Himmel Alles war klar und eintönig in der Natur nichts stach
besonders beleuchtet hervor Das nackte Erdreich der Heide die brach liegenden
Felder die kahlen Weiden am Bache und die lange Linie des großen sich weithin
erstreckenden Waldes hatten alle denselben rötlichbraunen Ton über den der
bläuliche Nebel sich zu verbreiten anfing und doch zeichneten sich die
Gegenstände in der leichten Luft noch so bestimmt und deutlich dass das Auge
seine Freude daran hatte dass die sanfte Einförmigkeit der Landschaft den Sinn
beruhigte und man es sich gern vorstellen mochte wie der vorschreitende
Frühling hier bald schalten und walten und Alles mit seiner reichen Fülle
schmücken und verschönen werde
    Die Baronin war von dem Anblicke des Schlosses überrascht als hätte sie es
nicht zuvor gesehen Es übertraf an Stattlichkeit noch bei Weitem das Bild das
sie in ihrer Vorstellung davon bewahrt hatte und dass der Bau in seiner
Unregelmässigkeit die Spur des Bedürfnisses oder der Laune an sich trug welche
die Herren von Arten von Geschlecht zu Geschlecht bewogen hatten ihn zusetzend
umzugestalten das gab ihm den Charakter des Historischen gab ihm sein feudales
Ansehen indem es den Glauben an die Selbsterrlichkeit seiner Besitzer
verstärkte
    Von der uralten auf steiler Höhe rechts über dem Schloss liegenden
Stammburg welche einst die Ebene und den Fluss beherrscht und reichen Zoll von
der Schifffahrt auf demselben gezogen hatte waren nur noch die Hälfte der
Aussenmauern und die beiden Türme erhalten die sich breit und verbunden mit
einer von vielen Fenstern durchbrochenen Zwischenmauer unverkennbar als ein
Bauwerk aus der Zeit der deutschen Ritter darstellten Diese Burg war aber schon
zur Zeit der Reformation verlassen worden und man konnte es an der Architektur
des jetzigen Schlosses noch deutlich wahrnehmen dass die Herren von Arten als
sie aus ihrer Burg in das Tal hinabstiegen weder die Macht jener Vorfahren
gehabt hatten welche einst die Burg gegründet noch den Reichtum mit welchem
der Großvater des jetzigen Besitzers das Schloss im Style der Renaissance
vergrößert und verschönert hatte Die lange Hauptfronte desselben mit dem
turmartigen Aufsatze in der Mitte den der Vater des Barons sich für seine
astronomischen Liebhabereien hatte errichten lassen daneben die beiden
Seitenflügel welche sich weitgreifend wie vorgestreckte Arme zur Rechten und
zur Linken ausbreiteten und den großen mit alten Bäumen umgebenen Rasenplatz
umfassten machten einen schönen Eindruck
    Hier werde ich glücklich sein rief die Baronin aus hier wo nichts mich
von Dir trennt wo nicht kalte gleichgültige und genusssüchtige Menschen sich
zwischen uns stellen Hier wirst Du mich lehren was ich tun muss Dir zu
gefallen Dir zu genügen und Dich zu beglücken Hier wo Du und Deine Vorfahren
als Kinder spielten hier ist unsere Heimat hier gehören wir hin und hier 
    Sie verbarg ihr erglühendes Gesicht verschämt an ihres Gatten Brust aber
ihre Worte ergänzend fügte er mit gehobener Stimmung hinzu Hier sollen Deine
Kinder unsere Kinder und Kindeskinder ihre Heimat haben und das Geschlecht
aufrecht erhalten das nun schon über vierhundert Jahre seinen Wohnsitz auf
diesem Grunde und Boden hat
    Das walte Gott sprach Angelika aus vollem gläubigem Herzen und bog im
nächsten Augenblicke den Kopf zum Fenster hinaus als sie in das zweite Dorf der
Herrschaft einfuhren
    Das ist Rotenfeld sagte der Baron und wie ein Schleier zog es über seine
Mienen
    Es war vorbei mit der frohen Erhebung die ihn noch eben erfüllte Er hätte
die Augen schließen mögen um nicht den Weg zu sehen den er so oft gekommen
war er hätte es nicht sehen mögen das kleine Haus am Ende des Dorfes dessen
schmuckes Ansehen der Baronin auffiel und dessen geschlossene Laden ihrem Manne
das Blut aus den Wangen weichen machten als Angelika die Frage aufwarf wem das
Haus gehöre und warum es nicht bewohnt sei
    Mein Amme hat darin gelebt antwortete der Baron und mit plötzlichem
Entschlusse setzte er hinzu Aber es ist baufällig ich muss es niederreissen
lassen
    Angelika war zu sehr beschäftigt um dies auffallend zu finden denn die
einzelnen Teile des Schlosses traten immer deutlicher hervor Der Baron wies
ihr die Fenster der Zimmer die für sie bestimmt waren die Grenze des Parkes
wurde erreicht und man langte noch zeitig genug im Schloss an um die Reihe
der Gemächer bei Tageslicht zu durchwandern um die junge Herrin die Aussicht
aus dem Wohnzimmer genießen zu lassen das der Baron ihr mit den antiken
Statuetten ausgeschmückt hatte um ihr lebhafte Äußerungen der Freude über ihre
neue Heimat und über die Landschaft um sie her zu entlocken
 
                                Zehntes Kapitel
Zu einer Wirksamkeit auf ihre Umgebung gehört für eine Frau ein besonderer Sinn
Gaben des Geistes und Güte des Herzens tun es nicht allein Es ist dazu eine
Beobachtung nötig welche das Bedürfen der Andern versteht und errät und
jener selbstlose gute Wille der das eigene Bedürfen im Verhältnisse zu dem
fremden nicht überschätzt Angelika war von einer Mutter erzogen welche diese
Eigenschaften in hohem Grade besaß und welche es verstand ihren Gutsinsassen
eine hülfreiche Herrin zu sein wie sie ihren Kindern eine treffliche Mutter
war So hatte Angelika es früh gelernt für Andere zu sorgen und jetzt da sich
ihr in Richten ein eigener Wirkungskreis eröffnete wie ihn ihre Mutter von je
gehabt hatte fing sie erst an sich recht als Hausfrau und als Herrin zu
empfinden
    Die alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als die Lakaien welche
der Baron für die Dauer ihres Aufenthaltes in der Hauptstadt angenommen hatte
die großen hellen Säle die man teilweise in ihrer altertümlichen Pracht
belassen die wohlerhaltenen schweren und geschnitzten Eichenmöbeln derselben
waren ihr noch lieber als die Zimmer welche man modisch erneuert und sie
sprach es bald nach ihrer Ankunft in Richten zuversichtlich aus dass sie sich
hier nie einsam fühlen könne Es sei ihr als lebten alle die verehrten
Vorfahren mit ihr die hier in ununterbrochener Reihenfolge geschafft und
gewaltet um ihr den Wohnsitz zu bereiten auf den sie stolz sei und den für die
Zukunft zu erhalten und zu schmücken ihr wie ein Priesterdienst erscheine Sie
besaß jenen lebendigen historischen Sinn der eine große Stütze für den
Menschen und den ererbter Besitz in bevorzugten Naturen zu entwickeln geeignet
ist
    Es verging daher nur kurze Zeit bis sie die Lebensverhältnisse der Leute
kannte welche ihr dienten bis sie wusste was geschehen müsse sie zufrieden zu
stellen und was im weiteren Kreise in der Herrschaft ihres Mannes für das Wohl
ihrer Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei Es war das nicht Folge
neugieriger gewaltsamer Fragen nicht absichtliches Erforschen Weil sie
teilnehmend war kam ihr überall das Vertrauen entgegen und der Kaplan stand
ihr mit Rat und Aufschluss überall zur Seite Die ersten Tage in Richten flogen
ihr auf solche Weise wie Stunden schnell dahin und das schöne Frühlingswetter
erhöhte ihr Behagen
    Der Baron der es seit dem Tode seiner Mutter entbehrt hatte eine Hausfrau
im Schloss walten zu sehen hatte Freude an der stillen Tätigkeit seiner
jungen Gattin ja er gestand ihr dass sie hier erst recht an ihrem Platze sei
dass sie ihm nie zuvor besser gefallen habe als hier in seinem Schloss Er
verließ sie auch wenig sein Auge folgte ihr überall aber es kam Angelika
bisweilen vor als ziehe oft plötzlich ein schwermütiger Ernst durch sein
Gesicht wenn er sie betrachte als sei es nicht nur seine Liebe für sie welche
ihn in ihrer Nähe festalte sondern als bewache er sie und die Personen welche
sie bedienten mit einer ihr unerklärlichen Achtsamkeit Sie neckte ihn damit
er ließ es gelten indessen von Tag zu Tag fiel es der Baronin mehr und mehr
auf dass in dem Betragen ihres Mannes auch hier in Richten ein fortdauernder
Wechsel herrschte dass er oft sehr reizbar oft noch schwermütiger war als in
der Stadt ja dass er recht eigentlich launenhaft geworden und eine Unruhe über
ihn gekommen sei welche sie früher nicht an ihm wahrgenommen hatte
    Er machte im Hause Anordnungen für welche sich kein Grund absehen ließ Er
fand die ganze Einteilung der Zimmer welche er vor seiner Verheiratung selbst
veranlasst hatte unzweckmässig Bald wurde Dieses geändert bald Jenes und man
war noch nicht vierzehn Tage im Schloss als der Baron seine nach der Terrasse
und dem Fluße hinaussehenden Gemächer ein für alle Mal verließ und ein paar
andere Zimmer für sich auswählte welche nach der entgegengesetzten Seite
gelegen waren
    Jede Frage welche Angelika in diesem Betrachte an ihn richtete
verschlimmerte seine Stimmung so dass sie sich in ihrer Sorge an den Kaplan
wendete um von seiner Erfahrung sich Rat zu erholen Der aber schob die
Veränderung welche mit dem Freiherrn vorgegangen sei leichthin auf eine
Hypochondrie mit der man Nachsicht haben müsse und ersuchte die Baronin es
ihren Gatten nicht merken zu lassen dass man seine gesteigerte Reizbarkeit und
seine Unruhe bemerke und beobachte Geduld und Zeit würden Alles wieder heilen
    Angelika ließ sich die Trostgründe des Kaplans gefallen und der treue
herzenskundige Mann wusste sie so vielfach zu beschäftigen so zuversichtlich auf
bessere Tage hinzuweisen dass seine Nähe ihr mehr und mehr zum Bedürfnis wurde
Auch der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jetzt in Richten
nicht entbehren zu können War er allein in seinem Zimmer so forderte er fast
immer die Anwesenheit des Kaplans und selbst wenn er sich bei der Baronin
befand zog er ihn meistens als Dritten hinzu
    Seine Lust an Geselligkeit an Zerstreuungen schien er in der Residenz
völlig gesättigt zu haben denn er verließ das Schloss sehr selten und selbst
die notwendigen Besuche in der Nachbarschaft von denen häufig die Rede war
wurden immer noch hinausgeschoben Der Baronin fiel es nicht auf wie einsam und
still man in dem sonst so gastlichen Schloss lebte Sie war hingenommen von den
neuen Verhältnissen in denen sie sich bewegte von der Sorge um ihren Gatten
von der Hoffnung auf ihr Kind und der Verkehr mit den beiden Männern gab ihrem
Herzen und ihrem Geiste reiche Nahrung aller Art
    Es waren bald literarische bald künstlerische Gegenstände welche die
Unterhaltung bildeten aber vor Allem liebte der Freiherr es jetzt die großen
Grundsätze der sittlichen Weltordnung in den Bereich des Gespräches zu ziehen
Etische und dogmatische Fragen die angeborene Sündhaftigkeit des Menschen und
die Notwendigkeit seiner sittlichen Erhebung lagen ihm offenbar sehr am Herzen
während der Gedanke an den Tod an die Unsterblichkeit und an die Art der
Fortdauer welche dem Menschen gegeben sei ihn jetzt nicht minder lebhaft als
in Berlin wennschon in weniger phantastischer Weise beschäftigte Aber auch das
Nächstliegende wurde erwogen Angelika und der Kaplan fanden nach solchen
Gesprächen den Gutsherrn meist geneigt Verbesserungen in der Lage seiner Leute
zu bewilligen und manchen vorhandenen Missständen Abhülfe zu bereiten
    Es war seit Monaten festgesetzt worden dass die gräfliche Familie von Berka
zu dem Osterfeste das diesmal spät im Jahre fiel ihren ersten Besuch bei der
Tochter machen sollte und man fing bei Zeiten an sich darauf vorzubereiten
Der Baron dessen Stimmung sich nicht bessern wollte ließ seiner Gattin in
allen ihren Vorkehrungen freie Hand ja er willigte endlich sogar darein die
lange verschobenen Antrittsbesuche zu machen damit es seinen Schwiegereltern
bei ihrer Anwesenheit nicht an Gesellschaft fehlen möge Indes er ließ sich zu
allen diesen Dingen nur bestimmen er hatte wie es schien für den Augenblick
alle Lust und Kraft zu irgend welchem selbstständigen Entschlusse verloren Wo
aber der Hausherr krank wo das Oberhaupt der Familie selbst der Schonung
bedürftig ist muss die Hausfrau notwendig an seine Stelle treten und Angelika
fand sich unter des Kaplans Beistand schnell und leicht in diese Pflicht
    Je näher die Ankunft der Ihrigen herankam um so freudiger sah sie ihr
entgegen Sie wünschte vor ihrer Familie Ehre mit den Besitzungen ihres Mannes
einzulegen als deren Teilnehmerin sie sich jetzt fühlte und sie hatte eben
die lange Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten als sie
sich zu ihrem Manne begab um ihn zu einer gleichen Besichtigung aufzufordern
Bei dem Freiherrn eintretend fand sie ihn aber mit dem Kaplan in einem
Gespräche das plötzlich abgebrochen wurde Der Kaplan steckte einen Brief in
seine Tasche der Baron wendete sich flüchtig ab Jener verließ das Zimmer und
voll Bestürzung fragte Angelika ob etwas Unangenehmes gemeldet etwas Schlimmes
vorgefallen sei
    Der Freiherr versicherte dass dies nicht der Fall sei sie ersuchte ihn ihr
zu sagen wovon er eben jetzt mit dem Kaplan gesprochen habe und dies zu tun
schlug er ihr ab Weil sie aber grade heiter und guten Mutes war wollte sie
ihren Willen durchsetzen Sie bat sie schmeichelte sie umarmte ihren Mann es
half ihr nicht und wie man denn eben wenn man in guter Laune ist eine
abschlägige Antwort oft um so schwerer fühlt rief sie plötzlich betrübt und
gegen ihre Gewohnheit heftig werdend die Worte aus Es ist aber wirklich als
sollte ich mich nie mehr recht von Herzen freuen
    Ihr Ton ihre Mienen waren noch bezeichnender für ihre Traurigkeit als ihre
Worte Der Freiherr wurde davon gerührt Er ging an sie heran nahm ihre beiden
Hände sah ihr lange und prüfend in die Augen und fragte dann mit einem
Ausdruck ernster Trauer Siehst Du wohl dass Deine Ahnung Dich nicht betrogen
dass Dein erstes Empfinden bei dem Begegnen mit mir Dich nicht getäuscht hat
    Sie war auf solche Frage nicht vorbereitet und dieselbe fand sie daher
fassungslos Was musste seither in dem Herzen des Freiherrn vorgegangen sein dass
er diese Frage an sie richten konnte Sie hätte ihm mit einem Worte sagen mögen
was sie fühlte aber das war mit einem Worte nicht auszusprechen Hatte er denn
nicht gesehen wie sie ihn liebte nicht gemerkt wie sie sich um ihn sorgte
Beachtete er denn nur ihr äußeres Tun Der Gedanke dass er vielleicht seit
langer Zeit zum ersten Male an ihr Empfinden denke überwältigte sie und
verstummend lehnte sie den Kopf an seine Brust
    Er zog sie an sich und küsste ihre Stirne Armes Weib sagte er ja Du
hättest ein heiteres Loos einen anderen Mann verdient
    Angelika erschrak vor dieser Gedankenfolge des Barons und beide Arme um
seinen Hals schlingend rief sie Franz Um Gotteswillen das sage das denke
nicht Was fehlt mir denn als nur Dich wieder heiter zu sehen Was peinigt mich
denn als die Sorge Dich von einem Kummer beherrscht zu wissen den Du mich
nicht teilen lässt Ich sehe dass Dich etwas drückt dass Du mir etwas verbirgst
dass auf Deinem Leben etwas lastet und ich darf Niemanden fragen was es ist da
Du es mir verschweigst Oft ist es mir als wisse es ein Jeder außer mir als
könne als müsse ich es erfahren es ablesen können von diesen Wänden es
geschrieben finden in den Mienen derer die mir nahen und ich verzage dann an
mir selbst an meinem Herzen an meinem Verstande an meiner Liebe zu Dir denn
ich meine die Liebe müsse mich seherisch machen  aber es ist Alles umsonst Du
bist und bleibst unglücklich seit wir hier sind und ich ahne nicht wodurch
    Die Tränen traten ihr in die Augen der Baron sah finster aus und war sehr
bleich geworden Kaum bemerkte sie das so fielen ihr die Ratschläge des
Kaplans ein Sie nahm sich zusammen warf scherzend den Kopf zurück zerdrückte
die Tränen in ihren Augen und sagte mit lächelndem Munde Aber wie komme ich
mir denn vor Ich wollte Dir erzählen wie glücklich und wie stolz ich bin die
Eltern übermorgen hier in unserem Schloss zu empfangen und ich weine weil Du
es mir verweigerst mir einen Brief zu zeigen der mich sicherlich nichts
angeht Vergieb mir geliebter Mann und sei wieder gut
    Sie reichte ihm ihren Mund zum Kusse er drückte ihr ernst die Hand Armes
Weib wiederholte er Du duldest was Du nicht verschuldet hast und wir
sprechen von einer himmlischen Gerechtigkeit
    Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell Ratlos blickte sie ihm
nach Die Ahnung dass irgend eine schwere Verschuldung das Gewissen ihres Mannes
belaste regte sich wieder in ihr Aber was konnte es sein Was war geschehen
Wann war es geschehen
    Sie wollte ihm nacheilen ihn auf ihren Knieen beschwören ihr zu vertrauen
Jung wie sie war fühlte sie die Kraft Alles mit dem Manne zu tragen den sie
liebte indes die Gewohnheit der Achtung hielt sie ab ihrem Gatten
auszusprechen dass sie ihm ein Schuldbewusstsein zuerkenne und selbst dem Kaplan
wagte sie nicht zu entdecken was sie beschäftigte und bekümmerte
    Die Nacht verging ihr ohne Ruhe und da die Jugend vor langen
unausgesetzten Qualen zurückschreckt fing sie am andern Morgen wieder an die
Gedanken auf die Ankunft der Ihrigen hinzuwenden Das erschloss ihr das Herz Sie
suchte Gründe hervor sich zu beweisen dass sie zu schwarz gesehen habe sie
wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen um den Ihrigen ein heiteres Angesicht zu
zeigen
    Am Mittage als es warm und schön war trat die Baronin aus dem großen Saale
des Erdgeschosses auf die Terrasse hinaus und blieb eine Weile unter der Türe
stehen sich des Anblicks zu erfreuen Leer und weit wie die Terrasse ohne den
Schmuck der Orangenbäume sich ausnahm hatte sie in ihrer Anlage doch etwas
Grossartiges das auch in solchem Zustande gefallen und imponiren konnte Die
Hermen mit den Köpfen der griechischen und römischen Dichter standen feierlich
auf der Höhe und sahen ernstaft auf den Beschauer hin aber rund um sie her
waren die Bäume noch kahl und der Blick schweifte durch die Freiheit in die
Ferne gelockt bald von den Steingebilden zu dem Lebendigen hinüber das sich in
der Natur zu regen begann
    Während die Baronin die Treppe hinabstieg hielt sie sich mehrmals damit
auf die Sträuche und Büsche zu beiden Seiten derselben zu betrachten denn
überall färbten die Stengel sich schon rötlich oder grün überall waren die
Knospen geschwellt dass man meinte gleich heute müsse der warme Sonnenstrahl
sie zum Aufbrechen bringen gleich heute müssten die Blätter sich entfalten und
den ersten wunderbaren Duft des frischen Grüns durch die Lüfte strömen
    Unten an der BuchsbaumEinfassung der sternförmig sich wie ein Teppich
ausbreitenden Beete schimmerten weiße Köpfchen hervor Die Schneeglöckchen
hatten sich in der Frühe herausgemacht und Angelika bückte sich die
halberblühten zu brechen um sie zu schnellerem Erschliessen in ihre Zimmer
mitzunehmen und sie dann ihrem Gatten zu bringen wie sie seit ihrer ersten
Kindheit alljährlich den kleinen Strauss von Schneeglöckchen der Mutter als
Liebesgabe als erstes Zeichen des Frühlings zu bringen gewohnt gewesen war Das
bewegte ihr im Innersten das Herz das ohnehin von all dem quellenden Werden um
sie her bei dem Gedanken an das junge Leben das sie ihrem Manne nun bald selbst
als Erstlingsgabe ihrer Ehe in die Arme legen werde in schnelleren Schlägen
pochte Ihre ganze Seele war ein Gebet Sie war voll Dank gegen den Schöpfer
der ihr Lebensloos bestimmt und geleitet voll Liebe für die Eltern voll Sorge
und Zärtlichkeit für ihren Gatten und voll der seligsten Freude bei der Hoffnung
auf ihr Kind
    Alles was sie umgab hatte jetzt dreifachen Wert für sie Alles was sie
liebte ward in ihrem Geiste neben einander nur noch enger verbunden durch das
ersehnte Kind Sie sah es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen
Plätzen unter dem Schatten der Bäume der hier Geschlecht nach Geschlecht
beschirmt es dünkte ihr unmöglich dass der Sinn des Vaters sich nicht an seinem
Kinde erheitern sollte Hoffnung und Zuversicht reichten sich in ihrem Herzen
die Hand dass die Freude ihre Schritte beflügelte und sie weiter und weiter am
Ufer des Flusses vorwärts ging mit sich selbst beschäftigt und doch fortgelockt
von jedem neuen Anreize den der Frühling darbot
    Hart am Wasser wo das dichte Gebüsch den Sonnenstrahlen wehrte lag am
Rande noch eine leichte Eisschicht als Zeichen dass die Nacht noch kalt gewesen
sei Bedächtige Dohlen hüpften prüfend darüber hin wendeten die Köpfe mit den
klugen Augen vorsichtig nach allen Seiten tranken kräftig schluckend ein wenig
und schwangen sich dann in die Höhe um bald darauf an anderer Stelle
niederzufallen und das gleiche Treiben zu wiederholen Aber mitten in dem
befreiten Wasser da wo die Sonne es erwärmte und vergoldete schossen schon
pfeilschnell die kleinen Fische aus der Tiefe herauf sich zu sonnen und der
neuen Wärme zu genießen während die neuangekommenen Schwalben mit schnellem
Flügelschlage sich bis tief auf die Flut herabsinken ließ und im Streifzuge
über das Wasser wieder die erste Jagd versuchten
    Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu Mit einem Male schien es ihr
als hinge an der Wurzel einer Weide die sich weithin in das Wasser erstreckte
etwas das sich hin und her bewegte ohne doch von der Stelle zu kommen Sie
betrachtete es genauer es dünkte sie ein Stück Zeug zu sein das sich von dem
Wasser aufblähte und bald kam es ihr vor als sähe sie unter der Hülle und
unter dem Wasser die Formen einer menschlichen Gestalt Sie ging erschrocken
vorwärts nach der Brücke wo der Gärtner beschäftigt war und machte ihn
aufmerksam Er blickte hin erschrak gleichfalls und sagte es werde wohl
irgend ein alter Lumpen sein den man Gott weiß wo in das Wasser geworfen und
den der aufgehende Strom bis hierher mit sich geführt habe dabei versuchte er
aber indem er sich nach der anderen Seite wendete die Baronin zum Mitgehen und
zum Verlassen des Platzes zu bewegen indes diese ließ sich so leicht nicht
bestimmen wo sie ihrem Auge trauen zu können glaubte Sie hieß den Gärtner ihr
zu folgen es waren inzwischen auch ein paar der Frauen welche die Wege für die
erwartete Ankunft der Gäste reinigten und harkten bis an das Ufer angelangt
und als die Baronin mit dem Gärtner zum zweiten Male die Stelle am Fluße
erreichte hatten schon die Frauen sich hinabgebückt und zogen mühsam den
Leichnam eines Weibes aus dem Wasser der kaum noch menschliche Züge verriet
    Um Gottes willen gnädige Frau Baronin kommen Sie fort von hier das ist
nichts für Sie rief der Gärtner dringend
    Aber Angelika obschon sie vor Entsetzen schauderte meinte sich überwinden
zu müssen
    Ist hier denn Jemand ertrunken fragte sie
    Der Gärtner verneinte es Wer weiß von wo die Leiche herabgekommen ist
sagte er und auch die Frauen schwiegen vorsichtig Aber ein kleines Mädchen
die Tochter eines Gartenarbeiters das von der anderen Seite neugierig
herbeigelaufen war als es den ungewöhnlichen Vorgang bemerkte sagte ganz
verwundert Kennt Er denn die Pauline nicht mehr Herr Weisshold Das ist ja die
Pauline aus Rotenfeld die sich ins Wasser gestürzt hat den Morgen wie der
Herr Baron zur Hochzeit gefahren ist
    Unsinn Unsinn rief der Gärtner und schob das Kind mit heftigem Stosse auf
die Seite
    Aber die Baronin welche keine Sylbe von den Worten der Kleinen verloren
hatte hielt sie zurück und bleich mit erstarrenden Zügen fragte sie Aus
Rotenfeld ist diese Tote
    Ja wohl aus dem Hause das jetzt eingerissen wird versetzte das Kind mit
aller Bestimmtheit welche Kinder in ihre Rede zu legen wissen wenn man
dieselbe bezweifelt Ja wohl es ist die Mamsell aus Rotenfeld
    Und Pauline heißt sie wiederholte die Baronin aber es waren die letzten
Worte welche sie sagen konnte Sie griff mit der Hand nach dem Gärtner als
suche sie eine Stütze und sank ohne Laut besinnungslos zusammen
    Man trug die Ohnmächtige in das Schloss der Schrecken die Aufregung waren
allgemein In wenigen Minuten wusste die ganze Dienerschaft was vorgegangen war
Die Sorge um die junge Herrin das Mitleid mit ihr ließ sich vernehmen wo
zwei Menschen beisammenstanden Ein reitender Bote ward zum Arzte in die nächste
Stadt geschickt man spannte den Wagen an der jenem folgen sollte Die
Kammerfrau und der Kaplan waren um die Leidende beschäftigt der Baron stand
ein Bild der Vernichtung an ihrem Lager
    Es währte lange ehe ein leiser Seufzer den Geängstigten verriet dass
Angelika dem Leben wiedergegeben sei Als sie erwachte fielen ihre ersten
Blicke auf den Baron Er hatte sich zu ihr geneigt und küsste niederknieend
leise ihre Hände Sie wehrte es ihm nicht aber ihr Auge ruhte mit einem
Ausdruck der Trauer auf ihm der ihm das Herz durchbohrte Er wagte kaum zu
fragen wie sie sich fühle denn ihre Klage wäre eine Anklage für ihn gewesen
und gleichsam um sie zu beruhigen sagte er ihr dass nach dem Arzte gesendet sei
und dass er sicher nicht auf sich warten lassen werde
    Sie bewegte leise verneinend das Haupt Ich bedarf des Arztes nicht
entgegnete sie Das ist der Arzt den wir brauchen und er wird uns nicht
verlassen  Sie reichte dabei dem Kaplan die Hand er legte sie in die ihres
Gatten so blieben sie eine Weile schweigend beisammen Es war ein
Unabänderliches geschehen man musste versuchen zu sich selber zu kommen und
die Baronin war es welche sich zuerst ermannte Sie hatte kein Urteil über die
Zeit welche seit ihrer Ohnmacht verflossen war und fragte danach Man sagte
ihr dass es Mittag sei
    Morgen um diese Stunde werden sie kommen meinte sie ihrer Eltern
gedenkend Dann richtete sie sich auf und verlangte sich zu erheben Der Baron
wünschte sie davon zurück zu halten auch der Kaplan und ihre Kammerfrau machten
Einwendungen sie wollte nicht darauf hören
    Ich muss wohl sein wenn meine Eltern kommen sagte sie und ich habe auch
keine Schmerzen Lasst nicht mehr davon die Rede sein aber ich habe Ruhe nötig
ich möchte allein bleiben für einige Stunden
    Man fügte sich ihrem Wunsche Als der Kaplan und ihre Kammerfrau sich
entfernt hatten trat der Baron an sie heran um ihr die Hand zu geben und ihr
zuzusprechen ehe er sie verließ aber sie nahm die dargebotene Hand nicht an
    Es hat keinen Segen gebracht sagte sie dass wir uns die Hände reichten und
wenn es wieder geschieht so muss es in einem anderen Sinne und in einem anderen
Geiste sein Auf dem alten Wege kann ich nicht weiter gehen 
    Höre mich Angelika bat der Baron
    Nein jetzt nicht versetzte sie mit großer Festigkeit Überlege auch Du
was uns beiden frommt Ich hatte mir geschworen mich ganz und überall Deiner
Führung zu überlassen als ich Dir Treue gelobte Den ersten Eid kann ich nicht
mehr halten den zweiten werde ich halten und Gott wird mir helfen und mir
sagen auf welche Weise ich es tun auf welche Weise ich Dir meine Treue
bezeugen soll Lass mich mit mir und meinem Gott allein 
    Der Baron blieb vor ihr stehen es überkam ihn die Ahnung dass in dieser
jungen Frau eine Stärke des Willens und des Charakters verborgen liege die er
nicht in ihr vermutet hatte und in die widersprechenden Gefühle die ihn
erschütterten in das Entsetzen welches das Auftauchen der Leiche in ihm
hervorgerufen in den Schmerz und in die Sorge welche die Ohnmacht seiner
Gattin ihm verursacht hatte in das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe in das
Widerstreben endlich mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen der
gräflichen Familie gedachte mischten sich eine Scheu und ein Widerwille gegen
die Herrschaft welche Angelika über ihn erlangen zu wollen schien
    Bedenke was Du tust sagte er nachdrücklich bedenke dass Verzeihen und
Trösten die schönsten Vorrechte des Weibes sind und dass man Geschehenes zum
Guten wenden muss da es unmöglich ist es ungeschehen zu machen Hilf mir in dem
Zwiespalt der mich bedrängt und es wird mich glücklich machen es Dir zu
danken
    Er war bewegt als er das aussprach in Angelikas Mienen regte sich kein
Zug Ja Gott gebe dass ich uns helfen kann so Dir wie mir sagte sie seufzend
ihre Augen mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet aber keine
Träne milderte ihren Ernst Das peinigte den Baron Er versuchte sie zum
Sprechen zu bringen ihr Erklärungen zu geben  es war umsonst sie wollte ihn
nicht hören ehe sie sich gesammelt hatte und er musste endlich darein willigen
von ihr zu gehen so ungern er sie sich selber überließ Er fürchtete Angelika
das konnte er sich nicht verbergen und eine Frau welche er auch nur einen
Augenblick gefürchtet hat die liebt ein Mann wie der Baron nicht mehr
    Als Angelika sich allein in ihrem Zimmer fand rang sich ein Aufschrei der
Verzweiflung und des Jammers aus ihrer Brust hervor Sie hätte beten mögen aber
sie vermochte es nicht Das Herz in der Brust war ihr wie gelähmt Sie hing an
dem Baron stärker leidenschaftlicher als es ihr gegeben war dies äußern zu
können Sie war sein Weib geworden in der reinsten Hingebung mit dem Gefühle
des Glückes und er hatte sie an sein Herz geschlossen einer Anderen
Paulinens gedenkend die eben in jenem Augenblicke der Heirat des Barons
fluchend sich den Tod gegeben hatte
    Diese Vorstellung erdrückte die Baronin Sie fühlte sich entwürdigt und
misshandelt ihre Ehe wurde ihr dem eigenen Gatten gegenüber zu einer Schmach
Der Baron zu dem sie einst mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte stand
als ein Schuldbeladener vor ihr und wie ihr Herz sie auch drängte und mahnte
sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden wie es sie auch zog Hilfe gegen all das
Elend bei ihm selbst zu suchen ein unüberwindliches Entsetzen hielt sie davon
zurück Wohin sie das Auge richtete woran sie auch dachte Paulinens Schatten
stieg überall vor ihr empor Jetzt begriff sie es warum der Baron die Zimmer
gewechselt hatte warum er es nicht hatte ertragen können auf den Fluss hinab zu
schauen Bangte es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen Zimmer dass
sie nicht wagte an das Fenster zu treten aus Furcht zu sehen was sie nicht
glaubte ertragen zu können Das Alleinsein ängstigte sie aber sie konnte sich
nicht entschließen ihre Bedienung zurück zu rufen Es wusste ja ein Jeder was
in diesem Hause vorgegangen und auf welche Weise über wessen Leiche sie als
Herrin in dasselbe eingezogen war
    Beten beten rief sie immerfort indes das Gebet wollte ihrem Herzen nicht
entströmen sie vermochte ihren Geist nicht aus seiner Niedergeschlagenheit zu
erheben Sie kam sich selbst als eine schwere Sünderin vor und doch wollte sie
beten nicht nur für sich sondern auch für ihren Gatten und die Tote Sie
fühlte als habe sie eine ihr unerreichbare Höhe zu erklimmen sie sehnte sich
nach einer hülfreichen Hand sie empor zu führen ihr das Tor des Himmels zu
öffnen in den sie ihre Gebete zu schicken wünschte da fiel ihr Auge auf
Amandas Betring den sie am Finger trug und wie ein Labsal ertönten die Worte
»Mein Freund in der Not der Stab der mich hielt da ich schwankte die
Stütze an der ich mich erhob das Licht dessen Leuchten mir die lange Nacht
erhellen wird« in ihrem Herzen plötzlich wieder
    Du sollst mein Beispiel sein Du Heilige und Reine rief sie aus
Selbstüberwindung und Entsagung das ists  Sie sank auf ihre Kniee nieder
und ein heißes Gebet um Hilfe und Erlösung befreite ihr das Herz
    Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer Als sie dann aus demselben
hervorkam begab sie sich graden Weges zu dem Baron Er ging ihr schweren
Herzens entgegen weil er nicht wusste was er von ihr zu erwarten habe und weil
er Mitleid mit ihr fühlte Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte sie Trage
keine Sorge um mich es ist mir besser als in den Tagen angstvoller
Ungewissheit Ich weiß jetzt was mein Beruf ist und so gewiss als ich Dich
liebe ich werde trachten ihn nach besten Kräften zu erfüllen
    Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen ihres Versprechens und da sie nicht
weniger gerührt war als er selbst schloss er sie in seine Arme Sie wehrte ihm
das nicht ja es wollte ihn bedünken als sei ihre Hingebung weicher und freier
als seit langer Zeit Er leitete sie zu einem Sessel und kniete an ihrer Seite
nieder sie sanft umfassend Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und da
sie in sein ernstes Antlitz in seine Augen blickte die so fragend und
schmerzlich auf sie gerichtet waren fing sie noch einmal zu weinen an
    Siehst Du es wohl dass Du ein besseres Loos einen andern Mann verdient
hättest als eben mich wiederholte er in der Erinnerung an ihr gestriges
Gespräch
    Sie schüttelte leise das Haupt Mir fehlte nichts als Dein Vertrauen Dein
volles ganzes Vertrauen beteuerte sie O wenn Du es gewusst hättest wie
bitter es mir oftmals ankam mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fühlen
während ich doch Dein Weib war Wenn Du ahnen könntest   Sie brach plötzlich
ab und fragte leise Wer war die Tote wer war sie das muss ich wissen
    Es kam dem Freiherrn hart an das erste Wort zu sprechen aber da er es
getan hatte erleichterte es ihm das Herz Er erzählte ihr Alles Alles was er
einst dem geistlichen Freunde gestanden hatte Angelika hörte schweigend zu Die
Dämmerung brach allmählig herein des Freiherrn Mitteilungen wurden dadurch
begünstigt Er konnte nicht sehen welche Wirkung sie auf seine Gattin übten
Mit lebhaften Worten schilderte er ihr den Zustand den Zwiespalt in welchem er
sich in den Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte
    Was ich in jenen Augenblicken auch an Dir verschuldet wie sehr meine
Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag sagte er mein Leiden war noch
unerträglicher Ich konnte meine Gedanken nicht sondern ich war ein
Verzweifelnder umhergerissen zwischen den widersprechendsten Empfindungen Wenn
ich Dich sah in Deiner Liebe in Deiner Unschuld und in Deinem Vertrauen so
rief es in mir Du bist ein Mörder und verdienst sie nicht Wenn der Schmerz um
Pauline mir das Herz vergiftete so lockte es mich in Deine Nähe und ich
dachte ihre Liebe wird dich erlösen bei ihr wohnt Friede bei ihr werde ich
vergessen an ihr werde ich sühnen was ich dort verschuldet habe Ich war
meiner selbst nicht mächtig Nur dass ich unglücklich war und dass ich Dich
glücklich zu machen wünschte das stand fest in mir  Da an dem Abende vor
unserer Hochzeit als man im grauen Saale den Kaffee eingenommen hatte kam man
auf die körperliche Erscheinung der Verstorbenen zu sprechen Man wusste nicht
was man mir tat als man meine Ansicht darüber zu hören verlangte Ich
vermochte mich nicht zu überwinden nicht auf die Scherze Deines Bruders
einzugehen als er mich neckend anrief aber unwillkürlich sah ich nach der
Stelle auf die er zeigte und als man die Türe öffnete als das Licht in den
Saal einströmte da sah ich unwiderleglich und völlig klar Pauline auf dem
Hintergrunde dieses Lichtes vor mir das Auge finster und klagend auf mich
gerichtet
    Er hielt inne und mit leisem melancholischem Tone fuhr er nach längerem
Schweigen fort So habe ich sie gesehen fast alltäglich in der Einsamkeit
meiner Zimmer so hat sie sich oft emporgerichtet zwischen mir und Dir Nur
unter dem Menschengewühl nur in der völligen Zerstreuung war ich sicher vor
ihr Keine innere Kraft schützte mich gegen sie Das war es was mich in der
Residenz von Dir entfernte was mich die Gesellschaft als eine Befreiung suchen
ließ das war es was mich hier bestimmte die Zimmer zu verlassen die mich mit
dem Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten das ist es was mich zur
Verzweiflung bringt Ich habe sie mehr geliebt als ich es ahnte und wusste ich
liebe Dich Angelika Dich Du reines edles Weib mehr als Du es ermessen
kannst Ich kann sie nicht vergessen Dich nicht entbehren sie habe ich in den
Tod getrieben Dein Leben habe ich vergällt  Ich hatte immer gemeint einen
starken Geist zu haben ich habe mich über mich selbst getäuscht Schwach wie
ich mich fühle möchte ich mich im Glauben erheben und sühnen und büßen aber
der Glaube versagt sich mir Was bleibt mir übrig Sage selbst  was bleibt mir
übrig
    Angelika hörte den Ton seiner tiefen verzweifelnden Verzagteit sie sah in
dem letzten Scheine des Dämmerlichtes der durch die Fenster drang die
Versunkenheit in der ihr Gatte das Haupt auf seine Hände fallen ließ und Alles
vergessend außer dem Leiden des Mannes dem sie Treue gelobt für gute und für
böse Stunden rief sie Dir bleibt die Barmherzigkeit Gottes die büssende und
sühnende Reue und die Liebe  Ja die Liebe wiederholte sie und schloss ihn
an ihre Brust die Liebe die mit Dir leiden und büßen und sühnen will was Du
verschuldet hast um ihretwillen Komm richte Dich auf Ich bin bei Dir Franz
ich will bei Dir sein in jedem Augenblicke und mit Dir beten um Beruhigung und
Frieden und Gott wird uns helfen Er hat mir den Weg gezeigt Nicht umsonst ist
die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen nicht umsonst ist Amandas
Angedenken in meine Hand gelegt worden Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet es
soll uns überall gegenwärtig sein Wir haben einander wir haben in dem Kaplan
einen treuen Freund und Führer und unser Erlöser ist ja auch für uns gestorben
In seinem Namen reiche mir aufs Neue Deine Hand in seinem Namen lass uns
vorwärts gehen Komm komm mein Freund komm und richte Dich auf
    Sie schlossen einander in die Arme der Baron sah zu ihr wie zu einer
Heiligen empor Er kniete vor ihr nieder er küsste ihre Hände voll inbrünstigen
Dankes er gelobte sich ihrer Führung für alle Zukunft an So innig verbunden
waren sie einander nie gewesen Angelika erhob sich zuerst Sie hing sich an
ihres Gatten Arm und ihn mit sich fortziehend führte sie ihn in das
erleuchtete Nebengemach in welchem das helle Licht ihnen zu Hilfe kam die
Aufregung ihrer Herzen allmählich zu besiegen und sich äußerlich in das Geleise
des alltäglichen Lebens zurückzufinden während die Feier der verwichenen Stunde
noch in ihrem Herzen nachzitterte
 
                                 Elftes Kapitel
Am folgenden Morgen ganz in der Frühe begrub man Pauline fern von den anderen
Toten in einer Ecke an der Mauer auf dem Kirchhofe von Neudorf Am Vormittage
fuhr der große Reisewagen der gräflich Berkaschen Familie auf den Hof des
freiherrlichen Schlosses
    Die Baronin weinte vor Freude als sie die Eltern wiedersah aber man fand
dass sie wohl aussehe dass sie etwas über ihre Jahre Ernstes und eine gebietende
Haltung gewonnen habe Mit großer Genugtuung führte sie ihre Eltern in dem
Schloss in dem Parke umher und sie verweilte am Mittage mit ihren Gästen
lange auf der Terrasse damit den Leuten aus dem Dorfe wenn sie die Eltern
ihrer Herrschaft sehen wollten die Zeit und die Gelegenheit dazu nicht fehle
    Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen Ende der Terrasse ein
Frühstück aufgetragen Die Diener in ihrer GalaLivrée standen bereit es umher
zu geben während die Herrschaften noch auf und nieder gingen Sie waren schön
anzusehen die vier hohen stolzen heiteren Gestalten Der Graf und der Baron
in ihren Sammetröcken die goldbesetzten dreieckigen Hüte auf den wohlfrisirten
Köpfen die feinen blanken GalaDegen an der Seite die Baronin an dem Arme der
Mutter so freundlich plaudernd die Mutter so voll Zärtlichkeit für ihre
Tochter Die seidenen Schleppkleider schimmerten in so hellen Farben die
kleinen Federhüte saßen so fröhlich auf den hochgetragenen Häuptern Sie wussten
die Fächer so schön zu handhaben dass die Flittern in der Sonne glänzten Es sah
an ihnen Alles anders aus als an anderen Leuten und selbst das kleine
Schoosshündchen der Baronin und der dicke Mops der Gräfin gingen hinter den
Frauen so bedächtig einher als wären sie eigens dazu angelernt
    Die Gräfin lobte ihre Tochter dass sie die Rücksicht für die Leute nehme
ihnen ihre Eltern gleich zu zeigen Der Graf sagte seinem Schwiegersohne er
müsse seinen Leuten wohl ein guter Herr sein dass sie so begierig wären seine
Schwiegereltern kennen zu lernen Es kam allmählich das halbe Dorf zusammen Die
Leute standen unten am Parke nicht weit vom Fluße Näher ließ der Gärtner sie
nicht heran
    Sollts Einer denken sagte er zum Kämmerer wie die gnädige Frau hier
gestern erst gelegen hat und was gestern hier passiert ist
    Der Kämmerer zuckte die Schultern Ihre Schuld wars nicht meinte er und
was soll sie machen Es hängt Keiner gern seinen Schandfleck vor die Türe
    Das ist schon wahr rief die Gärtnersfrau aber dass sie so vergnügt aussehen
allesammt der gnädige Herr sowohl als unsere gnädige Frau die doch sonst so
gut ist Keine ruhige Stunde könnt ich auf der Welt mehr haben hätt ich so
etwas auf dem Gewissen
    Es ist ja kein vornehm Fräulein gewesen sagte der Jäger und lachte
spöttisch und bitter s war ja nur des Jägers Kind Was macht das solch nem
Herrn und gar der gnädigen Frau Die wird froh sein dass sie die Pauline los
ist Ob Unsereiner umkommt oder lebt wen kümmert das
    Der Gärtner hieß ihn still sein Der Jäger ging mit einem Fluche davon Sie
sagten er habe selber ein Auge auf die Pauline gehabt ehe der Baron sie
genommen
    Es kommt Ihnen doch einmal zu Haus und Dach wandte Einer ein der des
Jägers Freund war
    Verbrennt Euch den Mund nicht warnte drohend der Gärtner Seine Frau aber
meinte so reich und so vornehm zu sein und Alles vollauf zu haben ohne dass man
seine Finger rühre das sei doch das wahre Glück
    Und auch der Graf und seine Frau priesen in ihrem Innern das Loos ihrer
Kinder wennschon es ihnen als ein ganz natürliches erschien Der Graf dachte
dass er sich nicht getäuscht habe als er seiner Tochter die Herrschaft in der
Ehe vorausgesagt die Gräfin gestand sich mit Genugtuung dass die Besorgnis
welche sie für Angelikas Zukunft bei deren Abreise aus der Heimat gehegt
hatte eine ungegründete gewesen sei Die Anhänglichkeit die Zärtlichkeit der
Eheleute ließ nichts zu wünschen übrig der Baron zeigte eine wahre Anbetung für
seine Frau Man sah es ihm allerdings noch an dass seine Gesundheit gelitten
hatte aber er und Angelika versicherten beide dass er sich auf dem Wege
völliger Genesung befinde und seine freundliche Zuvorkommenheit seine
sichtliche Zufriedenheit bestätigten die Aussage
    Man machte und empfing viele Besuche das alte Leben kehrte nach Schloss
Richten wieder zurück Dass die Baronin sich Abends bisweilen früher als die
Anderen in ihre Zimmer verfügte dass sie am Morgen stets eine Stunde mit dem
Kaplan allein blieb war dabei nicht auffallend Eine Herrschaft wie Richten
legt ihren Besitzern mancherlei Sorgen und Verpflichtungen auf das wussten
Angelikas Eltern und sie freuten sich daran wie sehr die junge Herrin ihrem
Berufe entsprach wie ruhig und klar sie aussah wenn sie von der Arbeit kam
wie achtungsvoll und väterlich zugleich der Freund des Hauses der Kaplan der
offenbar ihr Helfer und ihr Beistand war sich gegen sie bezeigte Nur Eines
machte die Eltern Angelikas besorgt es war die Hinneigung zum Katholizismus
welche man an ihr zu bemerken glaubte Aber man mochte dies nicht gegen sie
aussprechen um nicht in ihr wach zu rufen und zum Bewusstsein zu bringen was
man zu verhindern wünschte und Graf und Gräfin Berka verließen nach einem
vierzehntägigen Besuche ihre Tochter mit dem festen Glauben dass das Glück
derselben ein wohlbegründetes sei und auch ein dauerndes zu bleiben verspreche
    Der Baron begleitete seine Schwiegereltern zu Pferde bis an die Grenze
seiner Besitzungen Es war seit langer Zeit das erste Mal dass er ein Pferd
bestieg Angelika stand in ihrem Zimmer am Fenster und sah ihnen nach der
Kaplan war bei ihr Als der letzte Wagen um die Ecke gebogen war wendete sie
sich zu dem Geistlichen in das Zimmer zurück
    Das ist vollbracht sagte sie nun helfen Sie mir weiter Sie setzte sich
dabei nieder als wenn sie müde sehr müde sei
    Gott hat bis hieher geholfen Gott wird weiter helfen ermutigte der
Kaplan
    Ja das hat er und das wird er rief die Baronin Und ernte ich nicht schon
jetzt die Früchte der Selbstüberwindung in der Ruhe die aus meines Gatten
Mienen zu mir spricht Fühle ich nicht schon jetzt die Befreiung die mir
geworden ist seit ich Ihnen mein ganzes Herz enthüllte seit Sie mir klar
gemacht haben auf welchem Leidenspfade Gott mich suchen gekommen ist und dass
er den züchtigt mit seiner strengen Hand den er einst zu sich zu rufen und zu
erlösen gedenkt durch seine Gnade
    Der Kaplan hörte ihr ernst und schweigend zu Es ist ein großes Glück sagte
er endlich einen Irrenden auf den rechten Pfad zu leiten Man nennt dies
Christenpflicht und sollte es eine Gnade Gottes heißen die uns zu Teil wird
Ich danke ihm dass er sie mir vergönnt hat Und nun ich Sie meine Freundin auf
dem Wege sehe der Sie zu Ihrem Ziele führen wird nun lassen Sie uns darauf
sinnen wie wir dem Freiherrn zu der völligen Beruhigung verhelfen deren er
benötigt ist Seine Phantasie ist immer noch erregt er bedarf der Ableitung
von dem was ihn gepeinigt hat er bedarf einer neuen Idee die ihn beschäftigt
Die Erinnerung an die Unglückliche muss ihm von außen her lebendig vor Augen
gehalten werden um ihre Schrecken für seinen Geist zu verlieren In seiner
inneren Zerrissenheit und Verzagteit hat er das kleine Haus abbrechen lassen
welches sie einst bewohnte Das war nicht wohlgetan Es hätte erhalten aber
einer anderen Bestimmung gewidmet werden müssen Man hätte dort 
    Eine Kapelle gründen sollen rief die Baronin und das müsste man noch tun
Dort eine Kapelle zu erbauen das würde dem Sinne des Barons entsprechen würde
seine Tätigkeit in Anspruch nehmen 
    Der Kaplan unterbrach sie Sie vergessen gnädige Frau dass die Provinz
nicht mehr zu den katholischen gehört dass wir uns in einer protestantischen
Provinz unter einem protestantischen Volke in ecclesia pressa befinden Die
Freiherren von Arten haben sich deshalb seit die Reformation die Gotteshäuser
unserer Kirche hier in der Provinz zerstörte stets nur mit einer Kapelle in
ihrem Schloss genügen lassen um keinen Anstoß zu erregen
    Anstoß fragte Angelika die jung genug war alle Hindernisse und Bedenken
gering zu schätzen wo es von ihr auf eine geistige Befriedigung abgesehen war
Haben die Leute doch ihren Gottesdienst ihre Kirchen nach ihrer Lehre und nach
ihrem Glauben Wer kann uns hindern Gott anzubeten nach unserer Weise und ihm
eine Kapelle zu erbauen in der wir ihm dienen können nach unserer Überzeugung
    Wir fragte der Kaplan Sie sind nicht katholisch Frau Baronin und mich
will bedünken als würden ihre Eltern als würden der Herr Graf und die Frau
Gräfin einem Wechsel Ihres Glaubensbekenntnisses nicht ruhigen Herzens zuzusehen
vermögen
    Angelika zögerte zu antworten Dann sagte sie Was Sie mir einwenden ist
richtig mein verehrter Freund Meine Mutter und mein Vater haben Andeutungen
gegen mich fallen lassen die mir wennschon sehr vorsichtig ihre Besorgnis in
dem Punkte verrieten Aber die Schicksale der Menschen sind verschieden Gott
hat meiner Eltern Leben so geführt dass sie nicht Gelegenheit hatten ihre
Unzulänglichkeit und die Schwäche unserer Natur kennen zu lernen Sie hatten ihm
nur zu danken für seine Huld und Gnade und ich will hoffen dass er es ihnen so
vergönnen werde bis er sie einst abruft Mir ist das nicht zu Teil geworden
    Sie machte eine Pause ihre Lippen zitterten leise von unterdrücktem
Schmerze aber sie überwand sich und fuhr gefasst und ruhig also zu sprechen
fort Gott hat mich einem von mir sehr geliebten Manne zur Gattin gegeben
dessen Leben nicht frei von Irrtum und von Schuld geblieben dessen Sinn vom
Glauben zum Aberglauben abgeirrt dessen Gewissen schwer belastet ist und der
fast die Kraft verloren hatte zu der Umkehr die ihm Genesung seines Herzens
bringen soll Er bedarf meiner ich muss Eins mit ihm werden auch im Glauben
denn Mann und Weib sollen Eins sein und schwach und sündhaft wie wir Irrenden
es sind haben wir nach meiner festesten Überzeugung eines sichtbaren
Vermittlers einer sichtbaren Kirche haben wir der Zeichen und Symbole nötig
uns täglich daran zu mahnen was zu tun uns obliegt Dass Sie Hochwürden das
tiefste Innere unserer Herzen kennen Sie dessen Verschwiegenheit
unverbrüchlich ist Sie den kein anderes Interesse an uns bindet als die
Liebe deren Verkünder Sie sind dass Sie uns raten uns zurechtweisen das ist
ein Bedürfnis für uns Es ist ein Bedürfnis für uns körperlich und geistig uns
zu demütigen uns Bussen aufzuerlegen denn das zerknirschte Herz verlangt seine
Strafe um sich mit dem Bewusstsein gelitten zu haben weil es leiden machte
wieder erheben zu können Und dass ich weiß durch sichtbare Zeichen weiß und es
erfahren habe wie die edelsten der Frauen unseres Hauses wie meines Gatten
früh verklärte Schwester und die fromme Tante Ester mir im Geiste nahe wie sie
meine Fürbitterinnen und Helferinnen sind bei dem Werke der Bekehrung das mir
an mir selbst und an meinem Gatten zu vollziehen obliegt das ist mein Trost und
meine Hoffnung Ich 
    In dem Augenblicke hörte man das Pferd des Freiherrn in dem Hofe Angelika
trat an das Fenster grüßte ihren Gatten freundlich mit der Hand und sich dann
zu dem Geistlichen wendend sagte sie schneller als sie vorhin gesprochen Ich
gehöre zu meinem Manne ich gehöre in dieses Haus Die Freiherren von Arten sind
katholisch und sollen es bleiben durch alle Zeit denn der Katholizismus bietet
uns die göttliche durch den Priester vermittelte Hilfe in unserer
Sündhaftigkeit in unserem Streben nach Erhebung viel erfasslicher und
tröstlicher als ich es bisher gekannt habe Der Mensch hat des sichtbaren
Helfers nötig um zu seinem unsichtbaren Helfer und Erlöser durchzudringen In
wenig Tagen hoffe ich mein Glaubensbekenntnis in Ihre Hände ablegen zu können
und so Gott will werden mein Mann und ich vereint in nicht ferner Zeit unsere
Gebete um Vergebung an derselben Stelle zum Himmel emporschicken an welcher so
Schweres verschuldet und gelitten worden ist
    Das walte Gott sagte der Kaplan Angelika kniete vor ihm nieder er
segnete sie Die Saat die er behutsam und liebevoll aus fester Überzeugung
ausgestreut war durch die Gunst der Verhältnisse weit schneller und weit
vollständiger zur Reife gekommen als er es hatte hoffen und erwarten können Er
fühlte sich dadurch erhoben stark und mächtig Er genoss den Lohn für die
Beschränkung in welcher er sein Leben zugebracht hatte er empfand den Segen
der einst Geliebten die er in seinem Herzen als Heilige und als seinen
Schutzgeist ehrte als sein unverlierbares Glück
    Der Baron fand Angelika noch auf ihren Knieen Bei seinem Eintritte erhob
sie sich und warf sich an seine Brust
    Du Teurer rief sie ich danke Dir dass Du meinen Eltern so gute schöne
herzerquickende Stunden in unserem Hause bereitet hast Und nun wir Eins sind
nun wir einander ganz und ungeteilt besitzen nun lass uns vorwärts gehen auf
dem Wege den unser Freund sie reichte dem Kaplan ihre Hand uns führen wird
Er hat es ausgesprochen Es gibt nichts was nicht durch tätige Reue zu sühnen
wäre nichts wofür die Kirche aus dem reichen Schatze ihrer Gnade nicht die
Vergebung spenden könne Wir wollen sie erringen erringen mit einander und

    Wie verdiene ich Dich rief der Baron und schloss sie mit Zärtlichkeit und
Freude an sein Herz Wie verdiene ich Dich
    Sehen Sie den Besitz dieses schönen Herzens sagte der Kaplan mit
feierlichem Ernste als ein Geschenk des Himmels als ein Pfand der Gnade an
und überlassen Sie sich ihm damit Sie und Ihr Haus sich im wahren und im neuen
Sinne auferbauen
    Das will das werde ich beteuerte der Baron und sein Auge leuchtete
heller sein Kopf hob sich freier und leichter als es seit langer Zeit
geschehen war
    Und nicht nur im Innern wollen wir uns auferbauen rief Angelika auch ein
äußeres Zeichen unserer inneren Bekehrung ein Zeichen der Reue der Busse der
Versöhnung muss errichtet und hingestellt werden für alle Zeit Daran hängt mein
Herz darauf richten sich meine schönsten Hoffnungen Versprich mir dass Du mir
gewähren willst was ich von Dir erbitte
    Sie strahlte in wahrer Begeisterung bei den Worten Der Freiherr blickte sie
mit Bewunderung an Sage was Du begehrst Geliebte es soll Alles Alles
geschehen sprach er zärtlich und bestimmt
    Angelikas Mienen wurden ernstaft und ruhiger als vorher sagte sie Du
hast das Haus in Rotenfeld zerstören und niederreissen lassen als Du noch
glaubtest Dir selbst entfliehen zu können Nun Du einkehrst in Dich selber nun
wir gemeinsam die Einkehr in das Vaterhaus im Himmel suchen richte dort in
Rotenfeld eine Kapelle auf in der wir uns erinnern mögen dass der Mensch ein
Sünder und dass Gott dem Sünder gnädig ist Dort will ich mit Dir knieen mit
Dir beten und dort wollen wir einst bei einander ruhen wenn der Herr uns
abruft
    Es lag etwas Unwiderstehliches in ihren Worten in ihrer ganzen Erscheinung
denn Selbstüberwindung und Liebe haben eine verklärende Gewalt Sie umleuchten
den Menschen wie ein Heiligenschein Der Freiherr war hingerissen von der
Seelengrösse von der Liebe seiner Frau der Kaplan selbst war durch sie gerührt
So verschieden die drei Menschen waren so verschieden sie auch in diesem
Augenblicke empfanden sie fühlten sich eng verbunden in einer gemeinsamen Idee
und grade die Hindernisse und Schwierigkeiten welche der Gründung einer
katholischen Kapelle mitten in dem protestantischen Lande im Wege stehen
konnten reizten den Baron zunächst Es begann mit diesem Plane ein neues Leben
für ihn weil sich ihm mit demselben wenigstens für einige Zeit eine lebhafte
und vielseitige Tätigkeit darbot
    Die Bedenken der Behörden die bittenden Einwendungen seines
protestantischen Pastors regten seine angeborene Herrschsucht auf und es galt
endlich vor Allem dem Zorne und der Betrübnis seiner Schwiegereltern zu
widerstehen die von einem Religionswechsel ihrer Tochter nicht reden hören
wollten Aber alle diese Hindernisse führten Mann und Frau nur näher zu einander
und steigerten den Eifer der Neubekehrten Angelika war eine starke
entusiastische Natur Sie wuchs mit jedem Tage mächtiger zur Selbstbestimmung
heran sie stand bald neben ihrem Gatten als wäre sie ihm gleich an Jahren und
Erfahrung und ihr fester Sinn fing an ihn zu beherrschen ohne dass er es
gewahrte ohne dass sie sich dessen klar bewusst war
    In Tätigkeit in Liebe in religiösen Übungen kam der Herbst heran und
mit ihm der Jahrestag ihrer Hochzeit der von dem Freiherrn und von Angelika zu
einer dreifachen Feier ausersehen war
    Der Baron hatte die Wochen vor demselben teils in der Hauptstadt teils in
der Kreisstadt der angrenzenden katholischen Provinz in welcher der
Fürstbischof residirte zugebracht Er kehrte mit der frohen Nachricht heim dass
der Bau der Kapelle zugestanden sei und dass der Fürstbischof selbst sich habe
bereit finden lassen der Weihung des Platzes und der Grundsteinlegung
beizuwohnen Weil man es wusste wie wenig die Gutsleute dem Kapellenbaue geneigt
waren hatte der Freiherr für die Einsenkung des Grundsteins einen Maurer mit
seinen Gehülfen aus der Stadt nach Richten beordert
    Der Freiherr hatte viel zu melden von seinen Mühen und Erlebnissen der
Kaplan wies mit Freude die Documente vor welche man in das Fundament der
Kapelle zu versenken beabsichtigte Es waren die Geschlechtstafeln der Herren
von Arten und eine Chronik über das Geschlecht die er während des Sommers
ausgearbeitet hatte Man beschäftigte sich lange damit Angelika war von ganzer
Seele dabei
    Und hast Du mir nichts Neues mitzuteilen fragte er endlich die Baronin
nachdem die Männer ihre Angelegenheiten durchgesprochen hatten
    Nichts als diesen Brief und die Versicherung dass ich ruhig bin in meinem
Gewissen wie in meinem Herzen
    Sie reichte ihm den Brief er war von dem Grafen ihrem Vater und von ihrer
Mutter geschrieben Die Mutter beschwor die Tochter noch einmal mit den
dringendsten Bitten und Vorstellungen nicht abzufallen von dem rechten Glauben
Was die Mutterliebe Zärtliches was die religiöse Überzeugung Eifriges und
Flehendes einem Kinde sagen konnten war in dem Briefe enthalten Der Graf hatte
nichts als seinen Zorn Er drohte der Tochter mit völliger Verstossung er
erklärte ihr soweit als möglich ihr Erbe entziehen zu wollen wenn sie sich
beikommen lasse sich von dem protestantischen Bekenntnisse abzuwenden Er wolle
seine Enkel nicht als Pfaffenknechte sehen schrieb er er habe das Vermögen
seines Hauses davor zu wahren dass es durch sie nicht etwa einmal ein Raub der
ultramontanen Kirche werde Er sei ein Protestant er könne nur eine
Protestantin seine Tochter nennen die Katolikin sei sein Kind nicht mehr
    Der Freiherr las das Schreiben und blickte Angelika voll Besorgnis an Er
wusste mit welcher Liebe sie an ihren Eltern gehangen hatte und war also
bekümmert um den Eindruck welchen das Schreiben auf sie gemacht haben würde
Aber sie ließ seiner Sorge keinen Raum
    Sei ohne Furcht für mich sagte sie Es steht geschrieben das Weib soll
Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen Meine Eltern haben mich Dir
gegeben dass ich Dir folge in Deine irdische vergängliche Heimat wie sollte
ich anstehen Dir in die wahre ewige Heimat zu folgen Und habe ich nicht
Vater nicht Mutter mehr auf dieser Welt  ihre Stimme zitterte in ihren Augen
perlten Tränen  so habe ich Dich und habe unsern Heiland und werde so Gott
will auch bald das Kind haben es zu ihm hinzuführen Ich bin nicht allein
nicht verzagt ich bin glücklicher als ich je zu werden glauben konnte
 
                                Zwölftes Kapitel
Am Morgen des Hochzeitstages schien die Herbstsonne hell über das Tal und über
Schloss Richten Es waren viele Gäste im Hause Der Fürstbischof war gekommen
von seinen Vicaren begleitet und auch die beiden Agnaten des Freiherrn waren
gekommen der Feier beizuwohnen Es waren zwei alte unvermählte Herren Das
Geschlecht stand in diesem Augenblicke nur auf sechs Augen die Geburt eines
Erben wurde sehr ersehnt
    Angelika war die Heldin des Festes Liebe Verehrung Freundschaft und
Teilnahme umgaben sie wohin sie blickte Ganz früh in der Stille ihres
Gemaches hatte sie eine lange Unterredung mit dem Kaplan gehabt Er hatte ihr
nachdem sie ihm gedankt für die Belehrung und die Stütze die er ihr gewährt
für die tragende Freundschaft die er ihrem Manne bewiesen einen peinlichen
Auftrag auszurichten Er sollte ihr die Absichten ihres Gatten in Bezug auf
Paul den Sohn Paulinens mitteilen und ihr die Erfüllung der Wünsche des
Barons an das Herz legen Der Freiherr wünschte den Knaben unter seinen Augen im
Schloss erziehen ihn ebenfalls zum Katholizismus übertreten zu lassen und ihn
der Kirche zu weihen
    Bereitwillig wie sich Angelika seither den Bedürfnissen und Verlangnissen
ihres Mannes gezeigt hatte lehnte sie doch diesen Vorschlag gleich und sehr
entschieden ab Es dürfe sagte sie im Hause ihres Gatten nicht ein Zeugnis
seines Fehltrittes ein Zeugnis seiner Schuld erhalten bleiben das in seinen
rechtmäßigen Kindern die unbedingte Verehrung für den Vater beeinträchtigen
könne Sie bat den Kaplan ihren Mann dahin zu bestimmen dass für des Knaben
Zukunft gewissenhaft gesorgt und seine Erziehung einem bewährten Manne übergeben
werde aber sie wies jede Gemeinschaft mit dem Kinde ein für alle Mal von sich
ab und der Kaplan der ohnehin ihrer Ansicht gewesen war versprach ihr die
Zustimmung des Freiherrn für ihre Wünsche zu gewinnen noch ehe man zu der
heiligen Handlung schreiten werde
    Die Kapelle des Schlosses war auf das reichste mit Blumen geschmückt Die
Decken welche die verstorbene Mutter und die Schwester des Freiherrn mit
eigener Hand gearbeitet hatten zierten den Altar Trotz des hellen Tages
brannten die Kerzen auf den silbernen Leuchtern als um zehn Uhr der Bischof
gefolgt von seinen beiden Vicaren in die Kapelle eintrat Gleich darauf führte
der Freiherr seine Gattin herein Sie war weiß gekleidet und trug einen Strauss
von weißen Rosen vor der Brust Amandas Rosenkranz und Kruzifix hingen an ihrem
Arme Sie hatte das Gebetbuch das ihr zu ihrer Erweckung geholfen hatte in der
Hand
    In tiefer Andacht verrichtete sie ihr Gebet der Kaplan als
Hausgeistlicher las die Messe der Fürstbischof selbst fungirte bei den
Zeremonien in Bezug auf die Neubekehrte welche ernst und bleich das schönste
Bild einer jungfräulichen Mutter die geweihte Kerze aus der Hand des Bischofs
empfing Sie erhielt die Firmung das Chrisma die weiße Stirnbinde welche das
heilige Tauföl vor der entweihenden Berührung der Hände bewahrt wurde ihr
umgelegt der Kaplan dankte in einer Rede welche für den Freiherrn und seine
Frau noch eine besondere nur ihnen verständliche Bedeutung hatte dem Herrn des
Himmels und der Erde für die Gnade welche dem freiherrlichen Hause durch die
Bekehrung der Freifrau widerfahren sei und Angelikas Lippen bebten nur leise
als sie sich mit einem Eide von ihren bisherigen Glaubensgenossen für immer
schied
    Aufgelöst in begeisterter Erhebung empfing sie gemeinsam mit dem Freiherrn
die Absolution und das Abendmahl und als sie sich so weit gesammelt hatten um
Herr über ihre Haltung zu werden begab man sich nach Rotenfeld um den
Grundstein zu dem Gotteshause zu legen und einzuweihen
    Alles war schon am Tage vorher dafür vorbereitet worden Die Maurer hatten
ihr Werk getan der Platz war vom Schlossgärtner mit jungen Bäumen abgesteckt
mit Blumen verziert Aber die Gutsleute und die Bauern hielten sich fern Sie
sahen wie der Zug in den vier Wagen durch das Dorf fuhr Neugierig standen
einige Frauen und die herzu gelaufenen Kinder und starrten das bischöfliche
Kreuz und den Bischof in seinem Ornate und die Vicare und den Kaplan und den
Messner und die Chorknaben an welche hier auf offener Straße die silbernen
Weihrauchfässer schwangen und die lateinischen Gesänge und Gebete ertönen
ließ Es war Niemandem in den Dörfern wohl dabei zu Mute
    Der Freiherr und seine Frau und der Kaplan kamen den Leuten in der fremden
Umgebung auch wie Fremde vor und dem Freiherrn selber gefielen an dem Tage die
Blicke nicht mit denen man an ihm vorüberging Aber er hatte nicht viel Zeit
daran zu denken die Anerkennung welche die geistlichen Herrschaften ihm
zollten die sichtliche religiöse Befriedigung Angelikas und die innere
Genugtuung welche er bei diesem Acte der Selbsterrlichkeit empfand nahmen
ihn völlig dahin
    Man speiste nach der Grundsteinlegung in dem großen Saale des Schlosses der
nur bei besonderen Festen geöffnet wurde Noch während der Tafel musste die
Baronin sich erheben Sie befand sich übel ihre Stunde war gekommen ihr
höchster Wunsch erfüllte sich früher als sie geglaubt hatte
    An demselben Tage an welchem sie in die Gemeinschaft der katholischen
Kirche aufgenommen ward an dem sie sich im Glauben ihrem Manne neu verbunden
hatte und der Grundstein zu der Kirche gelegt worden war gebar sie ihm den
Sohn den er ersehnt hatte
    Jetzt ist der letzte Schmerz von mir genommen rief der Baron am Lager
seiner Gattin niederknieend jetzt sehe ich dass mir verziehen ist Ich bin neu
geboren durch Dich und Deine Liebe ich bin erlöst durch Dich Dieses Kind ist
mir das Pfand dafür  und Renatus Salvator soll er uns heißen
    Noch ehe der Bischof Schloss Richten verließ ward an dem Neugebornen das
Sakrament der heiligen Taufe vollzogen und mit stolzer Freude blickte der
Freiherr auf den Sohn auf den Erben seiner Güter und seines Namens nieder
    Was konnte ihm neben diesem Kinde neben dem jungen Freiherrn von
ArtenRichten neben dem Erstgebornen seiner Angelika jetzt noch der Knabe sein
der fern von ihm mit fremdem Namen aufwuchs und an dessen Mutter er nicht mehr
zu denken hoffte
    Das Kind welches hinter den goldenen Fenstern des stolzen Schlosses
spielen das hier seine Heimat und seine Zukunft haben sollte schlummerte in
seiner Wiege wohl gebettet wohl versorgt Der Knabe Paul hatte seinen eigenen
Weg zu suchen in der Welt die nirgends eine Heimatstätte nirgends ein
Vaterhaus für ihn umschloss
    Die Bekehrung und der Übertritt der Baronin von Arten bildeten nachdem man
dieselben erfahren hatte eine Weile den Gegenstand der Unterhaltung in den
Kreisen welchen die Familien von Berka und von Arten angehörten aber die Zeit
war zu bewegt die Menschen waren zu mächtig von den großen Ereignissen welche
sich jenseit des Rheines immer deutlicher und entschiedener entwickelten
erschüttert und hingenommen als dass die Vorgänge in einer einzelnen Familie
wie angesehen dieselbe auch in ihrer Heimat sein mochte nicht darüber hätten
in den Hintergrund treten und bald vergessen werden sollen
    Was man in der nächsten Umgebung auf den Gütern des Freiherrn davon dachte
wie die Gutsleute die Bekehrung der Baronin und den beabsichtigten Kapellenbau
ansahen darüber erfuhr man im Schloss nichts Gewisses und man kümmerte sich
auch zuerst nicht viel darum Allerdings hieß es dass der protestantische
Pfarrer in Neudorf dessen Patron der Freiherr war gegen seine vorgesetzte
Behörde des beklagenswerten Ereignisses Erwähnung getan und die Weisung
erhalten habe nur um so eifriger für das Seelenheil der ihm anvertrauten
Gemeinde zu sorgen aber wenn er sich dessen auch gegen seine benachbarten
Amtsbrüder und gegen den Amtmann der seinen Wohnsitz in Rotenfeld hatte
vielleicht auch gegen den Schulzen berühmte so fand sich doch Niemand der sich
berufen gehalten hätte diese Nachricht auf das Schloss zu bringen und von den
Tagen in welchen Eisenbahnen und pfeilschnelle Telegraphen die Vorgänge aus den
entlegensten Gegenden in die Zeitungen und mittelst derselben durch die ganze
Welt verbreiten war man damals noch weit entfernt Die Zeitungen beschäftigten
sich in jenen Tagen fast ausschließlich mit den Angelegenheiten der Potentaten
mit den eigentlichen Staatsactionen Sie erschienen nur ein Paar Mal in der
Woche wurden von der Post nur ein Mal in der Woche nach der Kreisstadt
befördert aus welcher der reitende Bote des Freiherrn sie nach Richten abholte
und hatte man sie im Schloss gelesen so wanderten die kleinen
Löschpapierblätter durch die Wohlgeneigteit des Gutsherrn zu dem Pfarrer und zu
dem Amtmann kamen danach in die Hände des Schullehrers des Schulzen und des
Krügers um endlich in das Schloss zurückzukehren wo sie nach Jahrgängen wohl
geordnet in dem Nebenzimmer des prächtigen Biblioteksaales unter andern
zurückgestellten Drucksachen ihre Ruhestätte fanden Mochte man also auf den
Gütern denken was man wollte im Schloss ging Alles seinen ruhigen und
würdigen Gang seit die Gemütsverfassung des Barons sich wieder gefestigt und
die Baronin ihr Kindbett überstanden hatte
    Der Winter welcher im verwichenen Jahre die Eheleute ohne inneren Einklang
in dem Hause von Fräulein Ester gefunden hatte sah sie diesmal in jener
Vereinigung und Lebensweise welche der Baron für sich gehofft hatte als er die
Zusage von Angelikas Hand erhalten und die Besitzesfreude welche sich in ihm
und in seiner Frau geregt als sie in der Erwartung eines Erben von der Residenz
auf ihre Güter zurückgekehrt waren hatte jetzt da der Knabe trefflich gedieh
erst ihre volle Kraft für beide Eltern gewonnen eine Kraft die sie zu rüstigem
Schaffen zum Säen Bauen und Erhalten antrieb
    Alles was man bisher geplant und gewünscht hatte nahm man jetzt in Angriff
und wollte man schnell vollenden Man bedurfte jener Entsagung nicht mit
welcher der Besitzlose sein Tagewerk bewältigt weil seine Vernunft ihm sagt
dass die Leistung eine für das Allgemeine und darum auch für ihn selber
geforderte sei wennschon er vielleicht nicht dazu berufen ist ihre Frucht
ausgiebig zu genießen Man befand sich in der glücklichen Lage mit dem Herzen
schaffen sich und den Seinen da eine Genugtuung einen Erfolg eine
Glücksvermehrung sichern zu können wo der weniger Begünstigte eine Pflicht
erfüllt und bei Allem was man vornahm erhöhte der Gedanke dass es Renatus und
seinen Kindern einst zu Gute kommen werde den Eifer und den Aufwand mit
welchem man zu Werke ging
    Vor Allem war es natürlich die Gründung des Gotteshauses welche der Baronin
am Herzen lag und da man an der Schwelle des Winters den Bau nicht mehr hatte
in Angriff nehmen können so beschäftigte man sich an den langen Abenden nur
noch mehr mit den Planen für denselben Dem Freiherrn erwuchs daraus eine
vielseitige Anregung und Beschäftigung Kunstliebend und prachtliebend wie er
war wollte er nicht nur einen dauerhaften Bau hinstellen sondern zugleich in
dieser Kapelle etwas Ansehnliches und Schönes schaffen und auch die Baronin
wünschte dass das katholische Gotteshaus welches man auf den Gütern begründete
schon in seiner äußeren Erscheinung jenen zugleich Ehrfurcht erweckenden und
freundlich entgegenkommenden Charakter an sich tragen sollte welchen sie in dem
Geiste des Katholizismus für sich so beglückend kennen gelernt hatte Man zog
Baumeister Bildhauer und Maler zu Rate ließ Zeichnungen und Kupferstiche
kommen änderte bald Dies bald Jenes an dem ersten Plane bis über dem vielen
Sehen und Vergleichen des Bedeutendsten und Schönsten der erste Entwurf welcher
auf eine hübsche Kapelle auf ein mässiges Gotteshaus angelegt gewesen war mehr
und mehr zusammenzuschrumpfen und den Erbauern kleinlich zu dünken begann
    Erst hatte man sich gesagt dass man weil man keinen Turm zu errichten
beabsichtigte die Kapelle mit einer würdigen Fronte ausstatten dass man ihr
eine angemessene Größe geben sie mit einigen Säulen und einer Statue von außen
schmücken müsse und dass man ihr innen die Zierde eines guten Bildes über dem
Altare nicht versagen dürfe Nach einiger Zeit kam man zu der Ansicht dass mit
diesen Ornamenten auch ein größerer Bau ansehnlich zu verzieren sein würde und
da die Baronin sich an dem Gedanken zu erfreuen schien so überraschte der
Freiherr sie am Weihnachtsabende an welchem sie die Trennung von ihren Eltern
schmerzlicher als sonst empfinden musste mit dem Anerbieten den ersten Bauplan
völlig aufzugeben und statt der Anfangs beabsichtigten Kapelle lieber gleich
eine Kirche zu errichten deren Turm weithin sichtbar und durch Jahrhunderte
ein Zeuge für die Bedeutung des Geschlechtes werden sollte das ihn aufgerichtet
hatte Freilich musste man sich daran erinnern dass eine Kirche eine Gemeinde
fordere und dass eine solche unter den protestantischen Landleuten nicht
vorhanden sei Aber da man es überhaupt nicht auf ein gemeinnütziges Werk
sondern lediglich und ausschließlich auf eine Selbstbefriedigung abgesehen
hatte so ließ man sich durch den Gedanken an die einsame Kirche nicht
abschrecken Die Baronin sah im Gegenteil eine Hoffnung aus dem Baue
emporkeimen der sie sich als Neubekehrte willig überließ und sie wurde nicht
müde es sich vorzustellen wie das goldene Kreuz des Turmes einst zum Ernste
mahnend über der Gegend leuchten und wie die zur Messe rufenden Glockenklänge
dann heimatlich und ladend durch das Land ertönen würden
    Natürlich galt es nun sich mit dem Architekten in ein neues Einvernehmen zu
setzen Es mussten ein neuer Plan neue Kostenanschläge gemacht werden und diese
letzteren stiegen nach dem neuen Entwurfe fast um das Sechsfache aber bei den
Mitteln über welche der Freiherr gebot brauchte man davor eben nicht zu
erschrecken Wenn man die Summe auf die sechs Jahre verteilte welche der
Architekt zur Vollendung des Baues gefordert hatte so war es kaum nötig sich
irgend welche wesentliche Beschränkungen aufzulegen und der Freiherr hob dies
gegen Angelika ganz besonders hervor weil er eben in diesem Augenblicke eine
Veranlassung zu ausgedehnter Gastfreiheit zu haben glaubte
    Es war zu Ende des Januar an einem scharfen kalten Winterabende als man
dem Baron unter den Zeitungen und Postsachen welche der Bote aus der Stadt
abgeholt hatte einen Brief überbrachte dessen Handschrift und Wappen er zu
kennen schien Auf der Adresse stand die Weisung dass der Brief durch einen
Expressen nach Schloss Richten zu bestellen sei und der Baron musste die
Schreiberin des Briefes  denn derselbe stammte offenbar von einer Frauenhand 
wert und in Ehren halten weil es ihn so unmutig machte dass man trotz der
ausdrücklichen Anweisung zu besonderer Beförderung derselben nicht Folge
geleistet und den Brief mehr als vierundzwanzig Stunden hatte liegen lassen Er
stampfte ärgerlich mit dem Fuße und noch ehe er das Siegel eröffnete schellte
er seinem Schreiber gab ihm in kurzen Worten den Befehl den Postmeister sofort
bei seiner Behörde zu belangen und rief als der Schreiber sich entfernte ihm
noch ausdrücklich nach es dem Postmeister anzuzeigen dass man eine Klage gegen
ihn eingereicht habe Er war es eben nicht gewohnt auf Unpünktlichkeit und
Versäumnis zu stoßen wo er zu befehlen hatte
    Dann ließ er sich an dem kleinen Marmortische nieder welcher vor dem Kamine
stand erbrach das Schreiben und Angelika welche mit einer Filetarbeit
beschäftigt an der entgegengesetzten Seite des Tisches saß bemerkte an den
Mienen ihres Gatten dass der Inhalt des Briefes ihm nahe ging und offenbar seine
ganze Teilnahme in Anspruch nahm Er schüttelte während des Lesens ein paar Mal
leise das Haupt seufzte danach und reichte endlich nachdem er ihn beendet
hatte den Brief mit dem Ausrufe Die arme Frau der Baronin hin
    Von wem sprichst Du fragte Angelika
    Von der Herzogin entgegnete der Baron aber lies nur selbst denn die
ruhige würdevolle Fassung ihres Briefes wird Dir ich weiß es den gleichen
Eindruck machen wie mir
    Der Brief war in französischer Sprache geschrieben
    »Mein teurer Baron« hieß es in demselben »Trotz der langen Zeit welche
seit unseren letzten Spaziergängen in den friedlichen Gärten meines schattigen
Vaudricour verflossen ist haben wir sicherlich beide nicht aufgehört mit jener
Freundschaft und jener Achtung an einander zu denken welche zu den
unschätzbaren Gütern gehören die kein äußeres Ereignis uns zu rauben vermag
und Sie werden wenn Sie sich meiner erinnerten sicherlich nicht geglaubt
haben dass ich in einem Lande geblieben sein könne welches in den Grundvesten
seiner religiösen seiner politischen und seiner moralischen Existenz so
gewaltig erschüttert so völlig vernichtet worden ist wie mein unglückliches
Vaterland
    Ich habe Frankreich seit fast zwei Jahren verlassen habe weil ich den
Ereignissen welche nicht ermangeln können sich in Frankreich zu vollziehen
nahe zu bleiben wünschte zuerst in Koblenz dann in Hannover und in Dresden
gelebt Aber die Zeit des Wartens wie kurz oder lang sie sein mag ist immer
traurig und schwer zu tragen und wennschon ich überzeugt bin dass von
Deutschland her unserem unglücklichen Könige jetzt endlich Hilfe und Befreiung
unserem Vaterlande Erlösung aus den Händen jener Rotte von gottlosen Empörern
kommen wird und muss welche es nicht scheuen ihre Hand zerstörend an das
Heiligste zu legen so macht das Zögern mit dieser Hilfe mich doch sorgenvoll
und oftmals so verzagt dass ich mich nach der Nähe eines Freundes sehne dessen
Teilnahme mich trösten dessen gleiche Weltanschauung mich im Hoffen und
Ausharren ermutigen kann
    Graf Veuilletot der das Vergnügen gehabt hat Sie im vorigen Jahre zu
sehen sagte mir in Dresden dass Sie sich in Berlin niedergelassen dass Sie sich
verheiratet und an der Seite Ihrer jungen und edelen Gattin ein seltenes Glück
gefunden hätten Das gab mir zuerst den Gedanken Sie und Ihre Nähe aufzusuchen
und mit Ihrem Rate nach irgend einem Asyle auszuspähen in welchem ich mit
meinem Bruder  denn der Marquis hat mich natürlich nicht verlassen  die Zeit
bis zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit in Frankreich in einsamer
Zurückgezogenheit erwarten kann
    Ich verließ also Dresden um Sie wieder zu sehen In Berlin erfuhr ich aber
dass Sie des Stadtlebens bald müde geworden Ihren Aufenthalt wieder auf Ihren
Gütern genommen hätten und wie sehr es mich auch schmerzte Sie nicht in der
Residenz zu finden so freute ich mich doch an dem Gedanken dass die Baronin
trotz ihrer Jugend zu jenen Ausnahmenaturen gehöre welche das zurückgezogene
Leben an der Seite eines verehrten Gatten den Zerstreuungen und dem Geräusche
der großen Welt vorzuziehen wissen
    Eine solche Frau wird einer Verwandten einer alten Freundin ihres Mannes
seine Freundschaft wird einer aus ihrer Heimat Vertriebenen das Weilen in der
Stille seines Schlosses nicht missgönnen Eine Frau wie die Baronin wird es
fühlen wie man sich nach einem langen Wanderleben auf ein Ausruhen unter einem
friedlichen Dache sehnt und ich frage daher ohne Weiteres bei Ihnen an mein
teurer Freund und Vetter ob Sie mir und dem Marquis Ihre Gastfreundschaft
gewähren wollen bis wir in Ihrer Nähe in ländlicher Stille eine zeitweilige
Heimat für uns gefunden haben werden  Freilich bin ich nicht mehr die
lebensfrohe Margarete die Sie einst in Vaudricour gekannt haben Das Unglück
hat mich schnell und früh gealtert aber ich bringe Ihnen doch ein Herz mit das
noch nicht verlernt hat sich an fremdem Glücke zu erfreuen
    Alles wonach ich jetzt verlange ist Ruhe Desshalb sende ich Ihnen meinen
Brief durch einen Expressen und erwarte Ihre Antwort sobald als möglich Haben
Sie ein Obdach für mich und meinen Bruder und ist die Baronin nicht unwillig
die Verwandten ihres Gatten kennen zu lernen so folgen wir Ihrer Zusage auf dem
Fuße und wie Sorge und Kummer und Jahre mich auch verändert haben mögen so
werden Sie hoffentlich in mir stets wieder erkennen Ihre Freundin und Kousine
                                                 Margarete Herzogin von Duras
                                                           geborene von Lauzun«
Angelika faltete den Brief nachdem sie ihn gelesen hatte wieder zusammen
steckte ihn in sein Kouvert und sagte indem sie ihn dem Freiherrn hinreichte
Welch ein Schicksal heimatlos zu werden mit einem der schönsten Namen
Frankreichs
    Und heimatlos zu werden fügte der Freiherr hinzu wenn man in dem
anmutigsten der Schlösser unter dem sonnig milden Himmel des südlichen
Frankreichs gelebt hat Ich vermag mir die Herzogin in ihrer jetzigen Lage kaum
vorzustellen so sehr ist ihr Bild in meiner Erinnerung mit der ganzen edelen
und schönen Umgebung verschmolzen in welcher ich sie sonst gesehen habe
    Er öffnete den Brief noch einmal sah nochmals nach dem Datum desselben und
bemerkte darauf Wer mir es gesagt hätte dass ich Margarete von Duras hier in
Richten als eine Flüchtige als eine Heimatlose aufzunehmen haben würde oder
wer es unserm Urgroßvater hätte prophezeien wollen dass eine Enkelin seiner
Erdmut deren Verbindung mit den Duras ihn so sehr erfreute einst nach
Deutschland kommen würde um Schutz zu suchen unter dem Dache ihres mütterlichen
Geschlechtes
    Er versank in Schweigen auch die Baronin war innerlich bewegt Sie kannte
die Herzogin nicht aber sie hatte von ihr bisweilen sprechen hören wenn der
Baron sich seiner ersten Reisen erinnerte oder wenn gelegentlich von den
Familienbeziehungen des Artenschen Geschlechtes die Rede gewesen war Sie
wusste dass eine Grosstante ihres Mannes einen Herzog von Duras geheiratet der
einst in außerordentlicher Mission an einem der deutschen Höfe gelebt und das
schöne Freifräulein in einem deutschen Badeorte kennen gelernt hatte Ihr
Nachkomme der Herzog Edmund hatte ein Fräulein von Lauzun geheiratet war
kurz nach seiner Hochzeit gestorben und hatte die Herzogin Margarete als eine
junge und kinderlose Wittwe zurückgelassen die klug genug gewesen war die
Vorzüge ihrer Stellung zu würdigen und sie vorsichtig zu benutzen
    Als Baron Franz seine erste Reise gemacht hatte und auf dieser nach
Frankreich gelangt war hatte er von seinem Vater die Weisung erhalten sich
dort auch der verschwägerten herzoglichen Familie vorzustellen und da man von
beiden Seiten gern bereit war eine Verwandtschaft anzuerkennen von der man
keinerlei unbequeme Ansprüche zu befahren hatte während das verwandtschaftliche
Verhältnis mancherlei Erleichterungen für den Verkehr darbot so hatte die
Herzogin sich den jungen deutschen Vetter gern gefallen lassen ohne zu
berechnen in wie fernem Grade er zu ihr gehörte Der Baron aber war entzückt
gewesen bei seiner Kousine eine so freundliche Aufnahme zu finden ohne daran
zu denken dass mit dem Tode des jungen kinderlosen Herzogs der Zusammenhang der
Herren von Arten mit den Herzogen von Duras eigentlich völlig erloschen war Er
hatte danach in seiner ersten Jugend einige sehr genussreiche Wochen in dem
Schloss der Herzogin zugebracht man hatte sich auch später als er abermals
nach Paris gekommen war in der Hauptstadt und am Hofe wiedergesehen und
gelegentlich einen Brief mit einander gewechselt Aber dieser Verkehr war
allmählich seltener geworden und hatte endlich völlig aufgehört obschon der
Freiherr sich stets mit Vergnügen und mit Anteil der Herzogin erinnerte Er
liebte es zu erzählen wie sie fast immer Vaudricour bewohnt habe wie selten
sie nach Paris gekommen sei obschon ihr einer DurasLauzun die beste Aufnahme
und eine einflussreiche Stellung sicher gewesen wären und wie sie es verstanden
habe ihr Schloss zu dem Sammelplatze alles dessen zu machen was damals in
Frankreich auf Jugend und Geist auf Rang und Bildung Anspruch erheben dürfen
    Auch jetzt wieder war es eine Erinnerung an die Vergangenheit welcher der
Freiherr zuerst Worte gab Die Herzogin war neunzehn Jahre sagte er als ich
sie zum ersten Male sah und schon damals geizte man nach dem Ruhme ein Gast
der Herrin von Vaudricour zu sein Ich weiß 
    War die Herzogin schön unterbrach ihn die Baronin
    Nein entgegnete der Freiherr aber sie war mehr als das sie hatte in ihrer
ganzen Erscheinung den Adel ihrer Geburt und die sichere Anmut welche dieser
ihr verlieh Sie war eine Fürstin im vollsten Sinne des Wortes
    Und Du bist Willens sie zu uns einzuladen fragte Angelika
    Der Freiherr schien durch diese Frage überrascht Es fiel ihm etwas auf im
Tone seiner Frau aber er wollte das nicht beachten und erwiderte nur Hast Du
für möglich gehalten es nicht zu tun
    Nein versetzte Angelika Ihr Schicksal würde ihr einen bestimmten Anspruch
an unsere Gastlichkeit geben auch wenn sie keine Verwandte unseres Hauses wäre
aber die Schilderung welche Du mir stets von ihr und ihrem Vaudricour gemacht
hast beunruhigt mich mein teurer Franz Ich fürchte Deine Verwandte wird
erwarten was sie hier nicht finden kann und wie warm und bereitwillig wir sie
auch willkommen heißen wir werden ihr den leichten Frohsinn ihres Volkes und
den schönen Himmel ihrer Heimat nicht ersetzen können
    Der Freiherr lächelte Deine Jugend macht Dich den Verlauf der Zeit
vergessen sagte er Die Herzogin ist nicht mehr die junge Chatelaine von
Vaudricour und die Zeit war ernstaft genug auch ihre Heiterkeit in Ernst zu
verwandeln Ich höre in jedem Worte ihres Briefes den Ton einer tiefen
Traurigkeit und wer sollte diese in ihrer Lage nicht empfinden Lass uns darauf
denken Beste wie wir ihr beweisen dass wir sie schätzen und ihr Unglück ehren
Ich möchte sie würde es recht gewahr dass sie hier in ihrer Familie von
Freunden und Gesinnungsgenossen empfangen wird und ich werde Dir es danken
wenn Du ihr hier bei uns vergiltst was sie mir einst in ihrer Heimat gewährt
hat fügte er abschliessend hinzu
    Angelika versprach ihr Bestes mit Freuden zu tun Ein Aufruf an ihre
Großmut war immer sicher eine gute Statt bei ihr zu finden und man kam daher
überein dass der Freiherr um die Versäumnis des Postalters möglichst
auszugleichen noch an diesem Abende einen Boten mit dem Antwortschreiben nach
der Poststation senden solle damit der Brief dann so schnell als möglich seine
Weiterbeförderung finde Der Freiherr welcher in allen Dingen sich großer
Pünktlichkeit befleissigte rechnete es genau aus wann die Herzogin auf diese
Weise seine Antwort erhalten könne Er gestand ihr die schickliche Zeit zum
Aufbruch zu er gab ihr auf das Genaueste den Weg die Stationen die Orte an
welche sie zu passieren hatte und an welchen sie übernachten sollte er schrieb
an die Gastofsbesitzer bei denen er abzusteigen gewohnt war um für seine
Kousine die Frau Herzogin von Duras das Quartier im Voraus zu bestellen
meldete ihr dass sie für die letzte Tagereise an den geeigneten Orten
Relaispferde aus seinen Stallungen finden werde und schließlich bat er sie mit
einnehmender Wendung sie möge sich von dem Augenblicke ab in welchem sie die
Residenz verlasse als seinen Gast und überhaupt als ein Familienmitglied
ansehen so lange sie ihm die Ehre erzeige unter seinem Dache zu verweilen
    Mit einer Empfindung die aus Rührung und Selbstzufriedenheit gemischt war
durchflog er den Brief und las ihn dann Angelika vor die auf seinen Wunsch noch
einige Worte herzlicher Einladung dazu schrieb und sich im Voraus der
Freundschaft ihres künftigen Gastes empfahl
    Beide der Freiherr sowohl als Angelika empfanden indem sie einer
Flüchtigen ihr Haus anboten das Glück welches sie in ihren wohlbegründeten und
unangetasteten Verhältnissen besaßen In das Mitleid welches die gegenwärtige
Lage der erwarteten Gäste ihnen einflößte mischte sich unmerklich eine gewisse
Eitelkeit der es erwünscht war eine Herzogin zur Verwandten zu haben und diese
Verwandte beschützen zu können und der zornige Widerwille gegen diejenigen
welche in Frankreich die Herrschaft des Königs gebrochen und einen Teil des
Adels dahin gebracht hatten seinen Besitzungen und seinem Vaterlande den Rücken
zu kehren war von dem Freiherrn und von Angelika niemals mit so viel
persönlicher Bitterkeit empfunden worden als jetzt Je mehr man aber mit der
Welt unzufrieden war um so besser war man mit sich selbst zufrieden und in
diesem Wohlgefühle war man sehr geneigt sich von der Anwesenheit der Gäste die
mannigfachsten Genugtuungen zu versprechen
 
                              Dreizehntes Kapitel
Entschlüsse welche man unter dem Einflusse einer augenblicklichen
Gefühlserregung fasst sind bei den meisten Menschen wie ein Rausch dem eine
abspannende Ernüchterung folgt und nachdem man am andern Morgen die Zimmer
ausgewählt und eingerichtet hatte welche die Herzogin mit ihrem Bruder bewohnen
solle begann sich in dem Baron wie in Angelika ohne dass sie es einander
eingestanden eine gewisse Besorgnis in Bezug auf die am verwichenen Abende mit
so froher Zuversicht erwarteten Hausgenossen zu regen
    Der Baron welcher die Herzogin seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte
dachte unwillkürlich an die Veränderung die durch einen solchen Zeitraum in
ihrem wie in seinem Äußern hervorgebracht sein musste und ihm bangte vor dem
Spiegel welchen ihr Altwerden ihm entgegen halten konnte Er erinnerte sich mit
Vergnügen an den heitern Ton leichter Galanterie in welchem er mit ihr zu
verkehren pflegte aber er musste sich sagen dass Angelika für denselben kein
Verständnis besitze dass ihr derselbe missfallen habe wo immer sie ihm begegnet
war Er hingegen dachte noch gern an jenes Federballspiel des Geistes und des
Witzes in welchem die französische Gesellschaft Meister gewesen war er fand
noch jetzt Vergnügen daran und es fiel ihm plötzlich auf dass er einen Teil
seiner Fähigkeiten zu brauchen aufgehört dass er an jener Liebenswürdigkeit die
man sonst an ihm bewundert Abbruch gelitten habe seit er sich der Führung des
Kaplans und der ernsten Richtung seiner jungen Frau überlassen hatte Er ward
dadurch verstimmt denn er mochte sich nicht eingestehen dass er die große Welt
und ihre erheiternde Gesellschaft vermisse und während er sich selbst in seiner
jetzigen Gestalt wie ein Fremder erschien tat es ihm weh sich auch die
Herzogin als eine gebrochene und gewandelte Frau denken zu müssen
    Von dem Marquis hatte er nun vollends keine Vorstellung Er war vor fünfzehn
Jahren ein hübscher junger Mensch gewesen mit aller Keckheit und Frühreife
eines Provençalen ein wenig prahlerisch ziemlich unbesonnen und sehr verliebt
und obschon der Baron trotz seiner Hinwendung zur Kirche in seinen Urteilen
nachsichtig genug gegen diejenigen zu sein pflegte welche auf dem von ihm
neuerdings verlassenen Wege gingen so war ihm doch die Aussicht einen jüngeren
Mann von leichten Sitten dem mancherlei Vorzüge nicht fehlen konnten zum
Hausgenossen zu bekommen nicht eben erwünscht Freilich zweifelte er durchaus
nicht an der Tugend seiner Gattin aber an der weiblichen Natur und Kraft im
Allgemeinen Weil er oft genug den Widerstand weiblicher Strenge besiegt hatte
machten seine eigenen Erfolge ihn vor den Erfolgen Anderer bange und er litt
jetzt unter dem Gedanken an früheres Glück unter dem allgemeinen Missgeschick
der Lebemänner
    Nicht minder bedenklich als ihr Gatte fühlte sich Angelika Sie war zur
Eifersucht geneigt war sich dessen bewusst und der Blick der sich ihr in die
Vergangenheit ihres Mannes eröffnet war nicht danach angetan ihr dieselbe
wert zu machen Sie hatte sich in die Anschauungen eingelebt dass Gott sie mit
ihrem Gatten zusammengeführt habe damit er sich mit ihr vereint zu einem reinen
und heiligen Leben erhebe und in einer makellosen und würdigen Zukunft seine
Jugendsünden und die Fehltritte seines Mannesalters sühne Sie hatte sich der
Hoffnung hingegeben dass er selbst jetzt mit Widerstreben in seine Vergangenheit
zurückblicke dass er abgeschlossen habe mit den Tagen welche vor ihrer Ehe mit
ihm lagen und sie fand nun plötzlich dass dem nicht so sei sondern dass er sich
ihrer und aller ihrer kleinen Einzelheiten mit einer Wärme erinnerte welche
eine noch ungebrochene Jugendlichkeit und Schnellkraft der Empfindung
voraussetzen ließ
    Das beunruhigte Angelika Sie fing an es sich zum Vorwurfe zu machen dass
sie so schnell und so ohne weitere Überlegung in die Aufnahme der fremden Frau
gewilligt hatte Es fiel ihr ein wie natürlich es gewesen wäre der Herzogin
das Haus in der Residenz wenigstens für die Dauer des Winters zum Aufenthalte
anzubieten Dann hätte man sie später zu einem Besuche in Richten auffordern
hätte sich gegenseitig kennen lernen mögen und wenn es sich auf solche Art
erwiesen dass man zu einander passe so wäre es ja dann noch immer an der Zeit
gewesen sie zu einem verlängerten Aufenthalte einzuladen den man ihr jetzt in
gewissem Sinne wie eine Wohltat zugestand Indes Angelika verschwieg dem
Freiherrn ihre Bedenken Auch er hielt zurück was sich Zweifelndes in ihm
regte und nur an den Kaplan wendete sich die Baronin um von ihm zu erfahren
was er von der Herzogin dachte und wusste
    Alles was er von ihr berichten konnte stammte aber aus der Zeit in
welcher der Kaplan noch Reisebegleiter des jungen Freiherrn gewesen war Er
rühmte an der Herzogin ihre sichere Haltung bei völliger Freiheit des Betragens
ihre zuvorkommende Rücksichtnahme auf Andere bei einer entschiedenen Neigung zur
Selbstbestimmung und bei einer gewissen Herrschsucht welche mit ihrer
Fröhlichkeit in Widerspruch zu stehen geschienen hätten Er erzählte mit
Wohlgefallen wie einnehmend sie gewesen sei und wie sehr sie es verstanden
habe ihre Gäste an sich zu fesseln obschon sie ihnen volle Freiheit gegönnt
Das klang Alles äußerst bestechend machte aber der Baronin doch kein
sonderliches Vergnügen und auch der Kaplan schien nicht grade erfreut über die
Aussicht auf den bevorstehenden Besuch
    Er kannte noch besser als sie selbst den leicht beweglichen Sinn des
Freiherrn und die Ansprüche welche Angelika an die Gesinnungstreue der Menschen
machte Er dachte des schweren Zerwürfnisses welches zwischen den Eheleuten
Statt gefunden und das kaum noch Zeit gehabt hatte auszuheilen und obgleich er
sich sagte dass es sein Bedenkliches habe wenn zwei sehr ungleiche Charaktere
lange ausschließlich auf einander angewiesen blieben und dass die Gegenwart
zwischen ihnen stehender Personen oftmals einen Zusammenstoß verhindere der
sonst nicht wohl ausbleiben könne so war es ihm wenn er an das freiherrliche
Ehepaar gedachte doch zweifelhaft ob eben die Herzogin dazu geeignet und wie
weit ihr Bruder dazu gemacht sein würde diese wohltätige Wirkung auszuüben
    Indes auch er behielt seine Besorgnis vorsichtig für sich und da sowohl der
Freiherr als Angelika hülfreichen Herzens waren so schämten beide sich
innerlich der halben Abgeneigteit gegen die erwarteten Gäste Ja sie zeigten
sich eben deshalb doppelt bemüht es an keiner Vorsorge und Rücksicht für sie
fehlen zu lassen und für ihren Empfang und Aufenthalt Alles in einer Weise
vorzubereiten welche den eigenen Wohlstand und Rang den Geschmack der
Hausfrau die dankbare Erinnerung des Barons und zugleich die Verehrung und den
Anteil ausdrücken sollte welche man für die unglücklichen und sich selbst
getreuen Standesgenossen hegte Man war alltäglich mit der Vorsorge für sie
beschäftigt Der Baron und Angelika wussten immer noch irgend eine kleine
Bequemlichkeit eine Zierat in die Gemächer zu schaffen die man schon jetzt
als die Zimmer der Herzogin bezeichnete bis man sich an dem Tage an welchem
die Fremden zu erwarten standen sagen durfte dass man jetzt das Mögliche mit
bestem Willen für sie getan habe
    Die ganze Woche hindurch hatte es sehr scharf gefroren am Morgen war nach
langer Zeit wieder einmal Schnee gefallen und gegen den Abend hatte ein
scharfer Nordwind der eisig über die Felder und durch die Wälder hinsauste die
Wolken verjagt so dass die Sterne an dem Himmel flimmerten und man trotz der
Dunkelheit es aus den Fenstern sehen konnte wie die weiße Fläche sich weithin
ausbreitete und die mächtige LindenAllee welche zum Schloss führte ihre
gewaltigen beschneiten Äste zum Himmel erhob
    Draußen wurde der Wind immer heftiger Bald zog er in langsamem Stöhnen über
die Gegend hin bald rang sich aus dem Stöhnen ein plötzlicher Sturmstoss hervor
unter dessen Wucht die Äste der Bäume knarrten die Wetterfahnen auf dem
Schloss sich kreischend auf ihren Stangen herumdrehten und die Krähen welche
sich zur Nachtruhe darauf niedergelassen hatten erschreckt aufflogen und
krächzend eine neue Ruhestätte suchten Einmal schlug eine Türe zu die man in
dem Seitenflügel des Schlosses in dem sich die Wirtschaftsräume befanden
offen gelassen hatte dann hörte man wie mühsam bei dem Froste das Rad am
Ziehbrunnen sich bewegte und wie der Russ in den Kaminen und Schloten leise
klingend herniederrieselte
    Es mochte sieben Uhr sein Um diese Zeit konnte die Herzogin eintreffen und
schon seit einer halben Stunde hatte man am Anfange der Allee die Pechtonnen
angezündet deren Feuer dem Gaste ein erstes Willkommen in die Ferne zurufen und
die Nähe der befreundeten Wohnung anzeigen sollten Unten in der Halle und auf
den Treppen und Gängen war Alles festlich erleuchtet Die Dienerschaft hatte
ihre Galalivreen angelegt Windlichter standen bereit um bei dem ersten
Peitschenknalle des Kutschers der Herzogin entgegengebracht zu werden und oben
in ihrem Wohnzimmer ging die Baronin auf und nieder hier in müßiger Unruhe ein
Buch zurecht legend dort ein Bild grade richtend bis sie sich ermüdet an dem
Kamine niederließ von dem sie sich bald wieder erhob um an das Fenster zu
treten und in die dunkle Nacht hinauszuschauen
    Der Baron hingegen saß ruhig lesend an dem Tische der mitten in dem Zimmer
stand Nur von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Angelika wenn sie eben an
ihm vorüberkam und sah nach der Uhr hinüber die in großem vielschnörkligem
Gehäuse auf dem Simse des Kamines stand hell von den Kerzen der schweren
Armleuchter beschienen
    Das verdross Angelika denn die Aufgeregte fühlte sich durch die Ruhe ihres
Mannes getadelt und als sie wieder eine Weile am Fenster gestanden hatte
wendete sie sich um und sagte Ich fürchte wir jagen der Herzogin einen Schreck
mit unserm Freudenfeuer ein Der Sturm erstickt es wieder und wieder und der
Qualm allein wird ihr entgegenkommen Ich gäbe viel darum wenn sie einen
freundlicheren Abend für ihre Ankunft getroffen hätte
    Ja versetzte der Freiherr das Wetter ist sehr rau und nach der
Fensterseite blickend fügte er hinzu Die Feuer scheinen aber doch eben jetzt
erträglich zu brennen Dann wendete er sich gelassen zu seinem Buche
    Indes Angelika mochte des Schweigens müde sein denn sie bemerkte fremd
wie der Norden der Herzogin sei müsse dieselbe doppelt widerwärtig von der
Kälte berührt werden Der Freiherr entgegnete dass auch in der Provence heftige
Winterstürme wüteten und dass die Herzogin doch bereits zwei deutsche Winter
durchlebt habe Und wieder herrschte eine Weile das frühere Schweigen und
wieder ging Angelika auf und nieder bis sie nicht ohne einen Anflug von übler
Laune die Frage aufwarf ob der Freiherr sich etwa vorgenommen habe das Buch
mit welchem er sich beschäftige noch vor der Ankunft ihres Gastes zu beenden
    Nein o nein antwortete der Freiherr indem er sich erhob und das Buch
zusammenlegte ich liebe es nur nicht mich unnötig in den Zustand eines
Wartenden zu versetzen
    Als ob man das in seiner Gewalt hätte wendete Angelika ein
    Ich wüsste wirklich nicht meinte der Baron was so völlig von uns selber
abhängt nichts was uns so schmählich um die Zeit betrügt als jenes Warten
das mit seiner Ungeduld das Herankommen eines bevorstehenden Ereignisses
beschleunigen möchte Man verwandelt auf diese Art einen Zustand in welchem wir
uns notwendig leidend verhalten müssen in einen gewisser Massen tätigen und
man wird durch diese fruchtlose Anstrengung die sich von Minute zu Minute
steigert so gequält dass man dem erwarteten Ereignis oder der erwarteten
Person eben um deshalb meist überreizt oder abgespannt also jedenfalls nicht
in wünschenswerter Verfassung entgegentritt
    Kann es denn Jemanden verletzen fragte Angelika ungeduldig und lebhaft
erwartet worden zu sein
    Gewiss meine Beste denn es ist nicht angenehm zu erfahren wie man seinen
Wirten ein Unbehagen verursacht habe und noch weniger angenehm es gleich zum
Willkommen beteuern zu müssen dass man die Schuld der verzögerten Ankunft nicht
trage In allen Lebensverhältnissen sind ein gemächliches Gehenlassen und eine
gewisse anspruchslose Gleichgültigkeit vortreffliche Unterlagen für ein
behagliches Zusammenleben
    Soll das eine Anmahnung für mich sein fragte die Baronin
    Ja entgegnete er eine Anmahnung für Dich an die Du mich erinnern sollst
wenn Du sie mir nötig findest denn in rechter Weise Gastfreundschaft zu üben
ist eine schwere Kunst ist eine Selbstprüfung der nur wenige Familien
gewachsen sind Und ich würde angestanden haben 
    Angelika blickte betroffen zu ihm empor aber es blieb ihnen keine weitere
Zeit für diese Erörterungen
    Das sind sie rief der Baron als fern im Dorfe ein Hund anschlug
    In demselben Augenblicke meldete ein Diener dass die Herrschaften kämen man
könne bereits das Licht in den Wagenlaternen blinken sehen
    Angelika trat an das Fenster es war im Hofe plötzlich lebendig geworden
Das Bellen der Hunde das Zurückschlagen der großen eisernen Gittertüren die
Stimme des Haushofmeisters ließ sich vernehmen Im unteren Korridore öffnete
man hier und dort ein Zimmer der Kammerdiener des Barons hatte ihm den Hut und
den pelzverbrämten Sammetrock herbeigeholt und stand wartend an der Türe
    Angelika und ihr Gatte sahen zum Fenster hinaus Er hatte den Arm um ihren
Leib geschlungen ihre Hand ruhte auf seiner Schulter und sie sprachen beide
nicht Endlich hörte man das Knallen der Peitschen der Vorreiter den man den
Gästen des Schneefalles wegen bis zur nächsten Station entgegengesandt hatte
ritt in den Hof und der Baron trat in das Zimmer zurück um seinen Pelz
anzulegen und der Herzogin entgegen zu gehen
    Da fasste Angelika schnell seine Hand Franz sagte sie mich überfällt
plötzlich eine kindische Angst
    Vor der Herzogin fragte der Baron lächelnd und wollte dem Diener folgen
der sich eben entfernt hatte
    O lache nicht rief sie so wie jetzt ist mir in meinem Leben nicht
gewesen und könnte ich mit den schwersten Opfern es verhindern dass die Fremden
mit uns leben ich wollte diese Opfer bringen  Die Tränen kamen ihr dabei in
die Augen und ihre Aufregung war unverkennbar
    Der Freiherr war erschrocken aber es war keine Zeit zu verlieren
    Ich beschwöre Dich Kind verbanne diese Gedanken bat er dringend Komm
gib mir die Hand sind wir doch Eins waren wir doch Eins in der Überzeugung
dass wir der befreundeten fürstlichen Frau hier eine Zufluchtsstätte bereiten
müssten  woher also diese Aufregung Woher dieses törichte törichte Bangen
Du liebes zaghaftes Weib
    Er nahm sie in seine Arme er küsste sie und er liebte Angelika weil sie
ihn oft schwach gesehen hatte stets am meisten wenn sie sich hülfsbedürftig an
ihn lehnte Weine nicht sei schön und heiter bat er als er dann eilig von ihr
ging Aber die Heiterkeit wollte ihr nicht kommen und bangen Herzens schaute
sie in den Hof hinunter in welchen eben jetzt die Kutsche einfuhr
    Wenn jetzt ein Stern herniederschiesst sagte sie plötzlich in die Höhe
blickend so soll mir das ein Zeichen sein dass ich guten Mutes sein darf und
dass es Freunde sind die mir nahen
    Sie schaute empor zur Rechten zur Linken  es blieb Alles dunkel Das
bedrückte ihr das Herz und eben wollte sie sich vom Fenster entfernen um die
Herzogin zu empfangen da wandte sie den Kopf noch einmal zurück und hell und
strahlend schoss ein Lichtstreifen vom Zenit quer zum Horizont hinab Gottlob
rief Angelika und mit hellem Auge und freudiger Bewegung eilte sie auf die
Herzogin zu welche eben jetzt am Arme des Barons in das Zimmer eintrat
 
                              Vierzehntes Kapitel
Mitternacht war vorüber als Angelika selbst die Herzogin nach ihren Gemächern
geleitete und von dieser mit einer Umarmung entlassen wurde
    Nun Angelika fragte der Freiherr als seine Gattin zu ihm zurückkehrte
wie gefällt Dir unser Gast
    Wie kann von Gefallen die Rede sein rief die Baronin mit einer ihr
ungewöhnlichen Lebhaftigkeit aus wo man sich wie von einem Zauber umfangen
fühlt Ich hatte mir die Herzogin nach Deinen und des Kaplans Schilderungen
nicht schön gedacht und schön ist sie auch nicht wenigstens nicht in dem
Sinne den die Menge mit dem Worte verbindet aber ich meine wenn man einmal in
diese sanften blauen Augen geblickt hat so kann man nicht mehr aufhören sich
nach ihnen hinzuwenden sie sind so klug und dabei so mild dass es mir leid
tat wenn sie die Lider senkte und der dunkle Vorhang ihrer Wimpern mir die
hellen freundlichen Sterne entzog
    Der Freiherr lächelte Du wirst dichterisch begeistert meinte er und ich
habe Dich in der Tat noch nie für Jemanden so schnell und so entschieden
günstig eingenommen gesehen Übrigens hat die Herzogin sich wirklich gut
erhalten Das ist ein Vorzug dieser feinen kleinen Gestalten und der hellen
Blondinen Ihr Haar ist noch schön selbst unter dem Puder und der Kontrast
desselben mit den schwarzen Wimpern der ihre Physiognomie reizend machte als
sie jung war wirkt noch anziehend
    Und wie kleidet sie sich wie spricht sie rief Angelika mit der früheren
Erregung Es ist Alles Harmonie an ihr Das schöne weiche Haar welches an
ihrer Stirne herabfällt und das weiche graue Schleppkleid und ihr leises
sanftes Sprechen Alles stimmt zusammen Dieser Frau muss sich das Herz der
Menschen öffnen wie dem Frühlingslichte diese Frau werde ich lieben das fühle
ich
    Der Freiherr hörte das mit Verwunderung Er selbst war bewegt worden durch
das Wiedersehen Margaretens Ihre edle Bildung ihre einfache Würde hatten ihm
jetzt in ihrem Unglücke einen erhöhten Eindruck gemacht aber er war
weltgewohnter hatte in sich doch immer den Vergleich zwischen der jetzigen und
der früheren Erscheinung seiner Freundin zu machen und da er überhaupt in
seinen Urteilen zurückhaltend war wenn nicht eine leidenschaftliche Erregung
seinen Sinn bewegte so machte die außerordentliche Bewunderung welche Angelika
für die ihr noch fremde Frau an den Tag legte eine entgegengesetzte Wirkung auf
ihn Er hätte nicht sagen können weshalb ihm die Begeisterung Angelikas
missfiel aber er glaubte sie bekämpfen oder ihr doch wenigstens Schranken setzen
zu müssen und während er die Baronin bisher stets für die Herzogin zu gewinnen
und einzunehmen gesucht hatte erinnerte er sie jetzt daran dass es nicht weise
sei in ein neues Verhältnis mit hochgespannten Erwartungen einzutreten weil
man damit nicht nur sich selbst Enttäuschungen vorbereite sondern auch
demjenigen Unrecht tue von dem man Außerordentliches erwarte ohne zu wissen
in wie weit er gewillt und fähig sei ein solches zu leisten
    Diese Mahnung betrübte die Baronin Du weißt sagte sie mit einem Anfluge
von Empfindlichkeit wie gern ich bereit bin mich Deiner mir überlegenen
Erfahrung unterzuordnen aber mich dünkt bisweilen wäre es großmütiger von
Dir mich den Irrtümern meines Alters zu überlassen Es ist ein solches Glück
eine recht volle große Bewunderung zu fühlen und dass die Herzogin mir Gutes
bringt dafür habe ich ein Zeichen
    Der Freiherr wollte wissen worin dieses Zeichen bestehe Angelika
verweigerte neckend es zu sagen da sie bemerkt hatte dass ihre nicht
absichtslose Erwähnung des Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrem Manne
diesem nicht angenehm gewesen war und als er dann ebenfalls scherzend mit
Bitten in sie drang legte sie die Arme über einander blickte ihm in die Augen
und sagte O frage mich nicht
    Sie hatte dabei Bewegung und Ton der Herzogin nachgeahmt und das stand ihr
vortrefflich denn Frauen von ernstem Sinne die immer nur in der Wahrheit
leben immer nur sie selbst sind bekommen leicht etwas Strenges in ihrer
Physiognomie und Haltung und das war Angelikas Fall Sie verschmähte den
Schein in jedem Betrachte und doch ist der schöne Schein die eigentliche Form
in welcher der Mensch sein Wesen kund zu geben hat wenn es nachhaltig
wohltuend und in jedem Augenblicke erfreulich auf Andere wirken soll Auch das
Höchste und Erhabenste kann der schönen der durch Bildung und Achtsamkeit zur
Natur gewordenen Form nicht entbehren und es entzückte den Freiherrn als er
plötzlich gewahr wurde dass Angelika bestochen von der Anmut der Herzogin
sich selber nicht mehr genügte dass sie in neuer Weise ihm zu gefallen bemüht
war weil sie selbst ein lebhaftes Wohlgefallen empfunden hatte
    Er sagte ihr verbindlich dass die kleine Koquetterie sie reizend mache sie
versicherte dass er das Vergnügen sie reizend zu finden der Herzogin verdanke
und von Wort zu Wort von Scherz zu Scherz fortgetragen fanden die Eheleute
sich in eine Art der Unterhaltung und in eine geistreiche Heiterkeit versetzt
wie sie nie zuvor zwischen ihnen Statt gefunden hatte Als Braut war Angelika zu
schüchtern dafür gewesen und nach ihrer Verheiratung zu kummervoll Dann hatte
die Richtung auf das Religiöse sie gefangen genommen und obschon der Baron sich
in diese Richtung hineinziehen lassen ja zu Zeiten selbst Trost und Beruhigung
aus ihr geschöpft hatte so waren doch die alte Gewohnheit und Neigung des Welt
und Lebemannes nicht in ihm erloschen und der Gedanke dass Angelika zu ernst
zu streng zu unjugendlich sei war in ihm häufig aufgestiegen
    Er kam sich selbst verjüngt vor und er schien auch Angelika jünger und
liebenswürdiger als sonst da er sich in dem ihm natürlichen Tone freier
Heiterkeit bewegen durfte so dass er ihr aussprach wie ihr Frohsinn ihn nicht
nur um seinetwillen sondern auch um ihres Knaben wegen freue
    Ich habe wirklich oftmals besorgt sagte er Deine ausschliessliche
Hinwendung auf das Ernste und Erhabene könne unserem armen Renatus wenn er uns
heranwächst sein junges Leben trüben und wenn ich mir vorstellte dass mein
Sohn dass ein Arten ohne Freiheit ohne Heiterkeit ohne ein wenig Übermut und
Tollheit ohne die es nun einmal bei Unsereinem nichts werden kann erzogen
werden sollte so habe ich wohl bisweilen den sündhaften Wunsch gehegt Du
möchtest unbedeutender und harmloser sein und daran gedacht den Kaplan zu
entfernen wie hart mir das auch angekommen wäre Denn 
    Denn Renatus geht Dir über Alles schaltete Angelika ein welche in der
Stimmung war selbst solche Äußerungen ihres Mannes da sie mit lachender Lippe
und zärtlichem Auge gesprochen wurden unbefangen aufzunehmen
    Ja wiederholte der Baron Renatus geht mir über Alles Ist er nicht der
Träger unseres Hauses und Dein Sohn
    Sie waren damit in das Nebengemach gegangen in welchem das Kind in seiner
Wiege schlief und als die Wärterin die Gardine zurückschlug damit die Eltern
wie sie es an jedem Abende taten den Kleinen noch einmal betrachten konnten
neigte sich die Mutter zu ihm hernieder küsste sein Händchen das auf der
seidenen Decke lag und sagte Also Dir und Deinem Vater Du lieber Engel ist
die gute Herzogin auch zu Hilfe gekommen Nun dafür wollen wir sie aber auch
von Herzen lieben
    Sie hatte auch das wieder mit jenem ihr neuen Tone scherzender Koquetterie
gesprochen und sie gefiel sich darin selber Noch ehe sie sich in das
Schlafgemach zurückzog gab sie ihrer Kammerfrau die Weisung ihr für den
Morgenanzug verschiedene Zieraten und Bänder zu beliebiger Auswahl bereit zu
legen Auch das war eine Neuerung Die Huldigung und die Bewunderung welche die
Männer in der Residenz und am Hofe ihr gezollt hatten sie völlig kalt gelassen
die bloße Erscheinung der Herzogin regte sie auf denn sie gehörte zu jenen
Frauen die weniger durch die Neigung für den Mann als durch die
Nebenbuhlerschaft mit ihrem eigenen Geschlechte in Bewegung gesetzt und geleitet
werden weil sie nicht einem Andern sondern sich selbst genügen wollen und die
nicht lieben können ohne rückblickenden Vergleich auf sich ja die oft ohne es
zu wissen sogar auf die Bewunderung eifersüchtig sind welche sie einer Andern
zollen
    Über dem Anteile den man an der Herzogin nahm hatte man ihres Bruders
beinahe vergessen obschon sich in dem Marquis das Bestreben zu gefallen und
die Aufmerksamkeit und Teilnahme der Andern auf sich zu ziehen unverkennbar
kund gab Gelang ihm dies so war er lebhaft und voll guter Laune beschäftigte
man sich nicht mit ihm so versank er in eine Zerstreutheit in eine
Gleichgültigkeit die es klar verrieten dass er wohl die Rücksicht auf Andere
aber nie die eigene Befriedigung aus den Augen setzen könne
    Er war dreißig Jahre alt und sah noch jünger aus Seine mittelgrosse Gestalt
war leicht und fein sein Schritt vorsichtig wie der eines Hofmannes und auf
eine Laufbahn am Hofe hatte er es ursprünglich auch wohl abgesehen Er sah ein
wenig bleich ein wenig ermüdet aus aber er trug den Degen den kleinen
Haarbeutel und den seidenen Strumpf mit so viel Zierlichkeit er scherzte und
bewegte sich so heiter dass man Mühe hatte an seine Kränklichkeit zu glauben
von welcher die Herzogin stets sprach oder ihre Sorgfalt für ihn so notwendig
zu glauben als sie dieselbe darzustellen liebte
    Seine Befriedigung und sein augenblickliches Behagen waren ihm unverkennbar
das Wichtigste auf der Welt Selbst der politische Zustand seines Vaterlandes
schien ihm bisher nicht viel Kummer gemacht zu haben Er hatte als der jüngste
von mehreren Brüdern kein Vermögen die Herzogin hatte für ihn gesorgt und er
überließ ihr diese Sorge auch jetzt und für die Zukunft Freilich war es eine
selbstsüchtige Liebe welche sie für den Bruder hegte denn sie wünschte sich in
ihm einen Gesellschafter zu erhalten der ihr angehörte und ihr doch völlige
Freiheit ließ aber sie musste es wenigstens verstanden haben ihm die Bande
leicht und die Abhängigkeit lieb zu machen in denen sie ihn gefesselt hielt
    Er war ausgewandert weil die Herzogin es so gewollt hatte und diese war
umsichtig genug gewesen die Auswanderung rechtzeitig vorzubereiten Bald nach
dem Ausbruche der Revolution hatte sie bedeutende Kapitalien flüssig gemacht und
in sicheren Händen außer Landes niedergelegt Weil man aber nach der Flucht aus
Frankreich auf eine schnelle Rückkehr in die Heimat gerechnet so hatte die
Herzogin Anfangs auch in Deutschland das ihr gewohnte breite und fürstliche
Leben fortgeführt und der Augenblick war denn da man an die Heimkehr nicht
denken konnte schnell genug gekommen in welchem es sich absehen ließ wann sie
mit ihrem Bruder sich mittellos wie so viele ihrer französischen
Standesgenossen aller Not der Verbannung und Entbehrung anheimgegeben finden
würde
    Da hatte sie zum ersten Male eine große Verzagteit überfallen und in ihren
eigenen Verhältnissen und Verbindungen umherschauend hatten ihre Gedanken sich
auf den Freiherrn von Arten gerichtet Dass sie bei diesem Manne sich keiner
abschlägigen Antwort versehen durfte wenn sie im Namen ihrer
Stammesverwandtschaft seine Gastlichkeit und seinen Beistand in Anspruch nahm
davon hielt sie sich überzeugt und ihre Erwartung hatte sie nicht getäuscht
ja sie hatte dieselbe bei ihrem Empfange noch weit hinaus übertroffen gefunden
Nur in Einem Betrachte hatte die Herzogin sich geirrt sie hatte die Bedeutung
der Baronin unterschätzt und nachdem sie dieselbe mit scharfem Blicke schnell
erkannt sich nicht der Hingebung versehen welche Angelika ihr seit der Stunde
ihrer Ankunft entgegenbrachte
    Die Baronin hatte den guten Geschmack ihren Gästen nicht gleich in den
ersten Tagen die Bekanntschaft der benachbarten Adelsfamilien mit denen man
seit der Baron verheiratet war ohnehin nur geringen Verkehr unterhalten hatte
anzubieten oder besondere Zerstreuungen und Unterhaltungen für sie
vorzubereiten Denn wem man das Gute das man besitzt alles auf einmal und
gleich bei seiner Ankunft darbringt dem gibt man damit unwillkürlich zu
verstehen dass man ein langes Verweilen nicht von ihm erwarte wem man aber die
Zeit lässt sich erst heimisch in dem Hause zu machen dessen Gast er sein soll
wen man vor allen Dingen erst sich zu einem Hausgenossen einleben lässt dem
gewährt man die Möglichkeit sich allmählich anzueignen was ihm von dem
Nächstliegenden wünschenswert ist und sich selbst nach demjenigen umzuschauen
was ihn von fern her lockend oder angenehm bedünkt
    Das Leben im Schloss gewann nun auf diese Weise plötzlich einen neuen
Mittelpunkt und das Alltägliche in demselben eine veränderte Bedeutung weil man
es mit dem Hinblicke auf die Gäste ansah und bedachte und weil durch das
Zusammensein einer größeren Menschenzahl dem schöpferischen Walten des Zufalls
mehr Raum geboten wurde als bisher Der Freiherr und seine Gattin und der
Kaplan kannten einander so genau Jeder wusste mit nie irrender Zuversicht was
er im gegebenen Falle von dem Anderen zu erwarten hatte Was man besaß hatte
man genossen und da man sich außerdem in der Lage befand der Sorgen für des
Lebens Notdurft enthoben zu sein so hatte man in der letzten Zeit im Schloss
wenn nicht von Außen sich Anregungen boten in einem Zustande der Ruhe gelebt
dessen Vorzüge man zwar zu würdigen wusste der aber in seiner Einförmigkeit doch
auch seine Gefahren barg
    Bei Personen von Bildung wie die Schlossherrschaft und ihre Gäste bei
Menschen die sich selbst zu achten verstanden konnte es natürlich nicht leicht
und nicht schnell zu jenen Mitteilungen über die eigenen Angelegenheiten
kommen welche bei Leuten denen der Sinn für das Allgemeine abgeht den
eigentlichen Boden des gegenseitigen Anteilnehmens ausmachen Aber da man die
gleichen Ansichten über den Kampf hatte der in Frankreich von dem Bürgerstande
gegen den Adel und das von diesem getragene und ihn schützende Königtum
ausgefochten wurde da von dem Siege des Letzteren die Erhaltung der eigenen
Vorrechte abhing während durch seinen Sturz die eigene bisherige Existenz in
Frage gestellt ward so besaß man in diesen gemeinsamen Sorgen und Befürchtungen
die erste sichere Annäherung und Verständigung wenngleich der Freiherr und
seine Gattin noch keinen Anlass gefunden hatten an eine ihnen und ihrem
Vaterlande drohende Gefahr zu glauben
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Neben diesen Befürchtungen und Hoffnungen für die Monarchien und den Adel im
Allgemeinen war es der Kirchenbau welcher bald ein Gegenstand gemeinsamer
Beratungen wurde und auch in Bezug auf diesen fehlte es an Sorgen und an
Hoffnungen nicht Denn wie schon die erste Absicht dieses Unternehmens in der
Herrschaft nicht mit gutem Auge angesehen worden war so war die Abneigung gegen
dasselbe nur gestiegen seit man die Vorkehrungen dafür zu treffen angefangen
hatte
    Seit mehr als einem Menschenalter und darüber hinaus waren in Richten keine
Bauten ausgeführt worden zu denen man genötigt gewesen wäre Fremde
herbeizurufen Die protestantische Kirche in Neudorf stand fest gegründet und
wohl gefügt seit mehr als hundertundfünfzig Jahren der Schlossbau war so wie er
sich gegenwärtig darstellte auch schon vor der Geburt seines jetzigen Besitzers
vollendet worden und was man sonst an Baulichkeiten für das Beamtenpersonal an
Wirtschaftsgebäuden und an gelegentlichen Reparaturen nötig gehabt das hatte
der in Rotenfeld ansässige Maurer teils allein und nach eigener Einsicht mit
den Gutsleuten teils unter Anleitung und Aufsicht des Meisters aus der
Kreisstadt mit dessen Arbeitern ausgeführt Nun sollte endlich wieder einmal ein
bedeutendes Bauwerk in Angriff genommen werden und die Leute hatten sich so
wenig sie sich auch der Gründung einer katholischen Kirche erfreuten doch der
Hoffnung hingegeben dass dabei ein Gewinn für sie nicht fehlen könne wenn sie
der Herrschaft auch zu bestimmten Tagesleistungen deren Zahl nicht gering war
verpflichtet waren
    Aber gleich bei der Grundsteinlegung in Rotenfeld hatten sie die Erfahrung
gemacht dass es nicht bei dem guten Alten bleiben solle Denn es waren Briefe
nach auswärts geschrieben worden und nach den Antworten welche auf diese
Briefe gekommen waren hatte nicht der Maurer aus Rotenfeld der das doch gewiss
verstand sondern der Meister aus der Kreisstadt die Arbeit verrichten müssen
    Die Missstimmung war seitdem eine allgemeine gewesen Sogar diejenigen
welche bei dem Baue selbst nichts zu leisten hatten fanden eine angenehme
Beschäftigung darin die Beteiligten in dem Gedanken der Ehrenkränkung und in
der Erbitterung über dieselbe zu bestärken und zu befestigen Sie wollten doch
wissen wie die Betroffenen sich dabei benehmen würden wenn ihnen so etwas
geboten werde denn in dem Aufstacheln und Hetzen in dem eifrigen Zusprechen
und in dem schlauen Besänftigen war eine Tätigkeit verborgen durch die man
sich unterhielt und in welcher man für seine Freunde und für die Gutsherrschaft
zugleich zu einer wichtigen Person wurde ohne dass man selbst Kosten hatte oder
Gefahr dabei lief und sich ohne alle Gefahr zu einer wichtigen Person zu
machen ist den meisten Menschen ein Vergnügen
    Den Winter hindurch lag das Alles wie die Saat in der Erde still und
verborgen Als aber das Frühjahr heraufzog und man daran denken konnte an den
Bau zu gehen dessen Beginn die Baronin kaum zu erwarten vermochte änderte sich
die Sache
    Es war im Anfang des Maimonats als der fremde Baumeister in Schloss Richten
erwartet wurde Man hatte ihm einen Wagen bis in die nächste Stadt
entgegengesendet im Schloss waren zwei Zimmer für ihn hergerichtet worden und
obschon man wusste dass der Baron den Bau einem jungen Manne übertragen hatte
dessen Vater einen tüchtigen Maler er zur Zeit seiner ersten Reisen in Italien
kennen gelernt und der dann später auch in Richten die Eltern und die Schwester
des Barons gemalt hatte so fand man dennoch dass um eines bloßen Baumeisters
und noch dazu um eines so jungen Menschen willen viel zu viel Aufhebens gemacht
werde
    Als dann an dem festgesetzten Tage der Wagen welcher den Architekten
brachte durch Neudorf fuhr bemerkte die Pfarrerin die den ganzen Nachmittag
als ob es Sonntag wäre mit dem Strickzeug am Fenster gesessen hatte dass der
junge Herr sich das Verdeck der Kalesche habe zurückschlagen lassen
    Er machts wie der Herr Baron wenn er von Reisen kommt sagte sie spöttisch
lächelnd Er gönnt uns das Vergnügen gleich sein Antlitz anzuschauen Ach und
er ist so höflich gleich zu grüßen bemerkte sie in demselben Tone während sie
jedoch nicht unterließ mit der freundlichsten Miene zu danken und dabei die
rechte Hand wie die gute Sitte es mit sich brachte an die unterste Krampe des
Fensters zu legen als stehe sie auf dem Punkte es zu öffnen und den
Vorüberfahrenden zur Einkehr aufzufordern
    Der Pfarrer der sich nicht leicht von seinem Stuhle vor dem Studirtische
fortlocken ließ hob sich doch von seinem Sitze empor und hatte offenbar die
Absicht auf die Bemerkung seiner Frau an das Fenster zu treten Aber das Gefühl
seiner Würde trug es über seine Neugier schnell davon und ruhig sitzen bleibend
sagte er Was lässt sich denn Anderes als Selbstverblendung erwarten von einem
jungen Manne der durch die Gnade Gottes in einer rechtschaffenen
protestantischen Familie geboren worden ist und sich dazu hergibt dem Ball
Tempel zu erbauen Ich hoffe er wird nicht die Stirne haben sich in ein
ehrbares protestantisches Pfarrhaus einzuführen Ich mag nichts zu schaffen
haben mit solchen Abtrünnigen
    Man wird ihn aber doch im Schloss treffen wenn man an den Feiertagen zur
Mittagstafel eingeladen wird wendete die Pfarrerin ein die stets überlegt und
vorsichtig an die Zukunft dachte und dabei nicht abgeneigt war von dem
Architekten auch einmal etwas Neues aus der Welt zu vernehmen
    Dann wird man ihn nach Gebühr zu behandeln wissen erwiderte der Pfarrer
und schlimm genug dass er nicht der einzige Abtrünnige ist dem man jetzt auf
dem Schloss zu begegnen hat
    Mann Aber um Gottes willen lieber Mann rief die Pfarrerin der solche
Äußerungen ihres gestrengen Eheherrn immer die Kälte durch alle Glieder jagten
und die sich vorsichtig umsah ob nicht etwa die Türe nach der Küche offen sei
Bedenke doch dass unseres Gottolds ganze Zukunft von der Herrschaft abhängt
und dass 
    Mag er durch die Lande gehen wie ich vielleicht es auch noch tun werde
und wie mancher Bessere als ich wie ja auch der fromme Paul Gerhard es einst
getan hat Besser Hunger und Durst und Frost und Hitze tragen als abfallen von
der heiligen reinen Lehre auf die wir getauft sind und die zu verkünden wir
geschworen haben
    Er stand bei diesen Worten endlich von seinem Platze auf und ging in der
Stube auf und nieder in so ernste Gedanken versenkt dass die gutmütige und
ängstliche Frau die zu ihrem Gatten wie zu dem Urquell aller Weisheit
emporschaute und zu ihm als zu einem Muster gewissenhafter Redlichkeit aufsehen
durfte ihn nicht mehr unterbrach und schweigend überlegte wie es hier noch
werden und was ihr und ihrem Manne und ihrem Sohne noch für Unglück beschieden
sein könne
    Während dessen fuhr der junge Mann welcher ohne es zu wissen den Anlass zu
dem Kummer der Pfarrerin gegeben hatte in fröhlichster Stimmung durch das Dorf
Er freute sich des Sonnenscheins und der Wärme er sah die weißen Wölkchen an
dem hellen Himmel mit dem träumerischen Wohlgefallen eines Kindes über sich
hingleiten er warf als er durch Rotenfeld kam einen freundlichen Gruß nach
dem Amtshause hinüber aus dessen offenem Fenster die hübsche Schwester des
jungen Amtmannes neugierig nach dem Fremden hinausguckte und er gewahrte dann
mit Behagen wie das Schloss sich immer deutlicher vor seinen Augen entfaltete
    Seine Gedanken gewannen dadurch eine bestimmte Richtung das hindämmernde
Wohlgefühl machte ernsteren Überlegungen Platz Er erkannte nach den
Zeichnungen die man an ihm übersendet hatte die Stelle welche für den
Kirchenbau bestimmt war und die Überzeugung die er schon brieflich mehrfach
ausgesprochen dass der geweihte Ort nicht der rechte Platz sei dass die Kirche
von dem Punkte aus lange nicht die Wirkung machen würde die sie haben könnte
wenn man sie auf der kleinen Höhe aufrichtete welche sich am Ende des Parkes
fast dem Schloss gegenüber erhob stellte sich ihm jetzt als eine Gewissheit
dar
    Dazu sah er dass man ihm auch über das Terrain nicht mit der nötigen
Sachkenntniss berichtet habe Der Boden in Rotenfeld war keineswegs so trocken
als man ihn geschildert hatte und wie er sich an der Oberfläche zeigte
Überall selbst ganz in der Nähe des Bauplatzes kamen Quellen zum Vorschein
und wenn man auch bei der Grundsteinlegung für die Kapelle nicht auf Wasser
gestoßen war so konnte es nicht fehlen dass man jetzt da man für den
Kirchenbau ein ganz anderes Fundament zu legen und deshalb viel tiefer zu graben
hatte notwendig auf Wasser kommen musste das zu beseitigen jedenfalls
Schwierigkeiten und unnötige und bedeutende Kosten veranlassen konnte
    Wer es mit einer Arbeit einem Gewerbe oder Geschäfte zu tun hat das
seiner Natur nach die beständige Anwendung des streng urteilenden Verstandes
erfordert und in dem sich das Abweichen von dem Gesetze und der Regel stets
augenblicklich und ersichtlich rächt der gewöhnt sich die Unterordnung unter
das Vernünftige und Zweckmässige deren er sich zu befleissigen hat auch bei
anderen Menschen vorauszusetzen Er wird wie groß sein Gemütsleben und sein
Schönheitssinn daneben auch sein mögen vor allen Dingen ein praktischer Mensch
und kann es sich nicht erklären dass Andere sich mit launenhafter persönlicher
Willkür gegen das von der Vernunft und Notwendigkeit Gebotene auflehnen mögen
So hatte denn Herbert das Schloss noch nicht erreicht als es bei ihm feststand
dass man die Kirche nicht in Rotenfeld sondern auf der Höhe in Richten erbauen
müsse Er erwog daher im Geiste nur die Aenderungen welche sein Entwurf durch
die ihm unerlässlich dünkende Verlegung der Kirche zu erleiden haben würde und
fuhr mit dem heiteren Bewusstsein dem Baron zweckmässige und darum willkommene
Vorschläge machen zu können in den Schlosshof ein
    Der Diener welcher ihm sein Zimmer anwies bemerkte ihm dass man um ein Uhr
speise dass die Herrschaft ihn zur Tafel erwarte und es blieb Herbert daher nur
eben die Zeit sich für sein erstes Erscheinen in der Familie des Freiherrn
angemessen umzukleiden Er war achtundzwanzig Jahre alt und ein schlanker
braunäugiger Mann voll heiterer Sicherheit im Betragen Er war im Wohlstande
aufgewachsen hatte zu seiner künstlerischen Ausbildung Italien England und
Frankreich bereist und war da er ein hübsches Vermögen durch seinen Vater für
sich erworben wusste durchaus darauf gestellt seinen Platz in der Welt nach
seinem Sinne auszufüllen und zu behaupten
    Verschiedene Bauten die er trotz seiner Jugend in seiner Vaterstadt und in
deren Umgebung bereits ausgeführt hatten ihm einen guten Namen gemacht so dass
sein Vater ihn mit Fug und Recht dem Freiherrn hatte empfehlen können als
dieser bei dem alten Freunde um einen Architekten für seinen Kapellenbau
nachgefragt Man hatte sich dann schriftlich in Verbindung gesetzt und Bauherr
und Architekt waren mit dem gegenseitigen Verhalten so wohl zufrieden gewesen
dass Herbert sich der bevorstehenden persönlichen Bekanntschaft mit dem
Freiherrn von dem er seit er denken konnte hatte sprechen und Gutes sagen
hören lebhaft erfreute Er war bereits selbstständig und Weltmann genug um
sich von der Begegnung mit vornehmen Leuten keine besondere Vorstellung zu
machen und doch noch in dem Alter in welchem die Aussicht mit einem
gebildeten Edelmanne täglich zu verkehren und für eine längere Zeit der
Hausgenosse der schönen Schlossherrin zu werden ihn reizte und beschäftigte So
ging er denn nicht ohne Achtsamsamkeit daran sich für die bevorstehende
Zusammenkunft zu kleiden Sein ungepudertes Haar wallte ihm frei um den Nacken
das erbsenfarbene Beinkleid und die niedrigen Klappstiefel zeigten wie gut er
gewachsen sei der braune weit vom Halse abfallende Frack ließ mit seinen
langen schmalen Schössen den ganzen Vorderkörper frei die Weste schlug in
breiten spitzen Rabatten auf der Brust zurück das weiße Halstuch das große
Jabot die dunkle Kamee in demselben und die Uhrkette mit den vielen Berloques
würden von jedem Incroyable in Paris als tadellos befunden worden sein Auch
gestand Herbert es sich mit unschuldiger Selbstgefälligkeit dass er sich wohl
sehen lassen dürfe
    Herzlich guten Mutes folgte er dem Diener der ihn zur Tafel rufen kam und
es gefiel ihm dass er auf diese Weise nicht erst jenes Examen des
gesellschaftlichen Verkehrs zu bestehen haben sollte welches vornehme Herren
mit Jedem anzustellen sich für verpflichtet halten dessen Kräfte sie irgendwie
in ihrem Dienste verwenden dessen Arbeit sie bezahlen
 
                              Sechzehntes Kapitel
Die breite Stiege hinauf geleitete der voranschreitende Diener den jungen
Baumeister über den weiten Flur und durch ein Vorgemach nach dem Zimmer der
Baronin dann öffnete er ihm die Türe desselben um ihn eintreten zu lassen
    Der Baron stand auf als er Herbert erblickte ging ihm freundlich entgegen
und sagte indem er ihm die Hand reichte Willkommen lieber junger Mann und
doppelt willkommen denn ich begrüsse in Ihnen den Sohn eines werten
Jugendgefährten und zugleich den Mitarbeiter an einem Werke dessen Ausführung
mir und der Baronin eine Gewissenssache ist Je eifriger Sie sich daran halten
es seiner Vollendung entgegen zu führen um so mehr werden die Baronin und ich
es Ihnen danken  Er führte ihn damit Angelika zu die ihn ebenfalls willkommen
hieß aber ihren Worten und ihren Mienen fehlte der Ausdruck der Freundlichkeit
die der Baron ihm bewiesen hatte und wie ein erkältender Hauch fuhr ihm der
Gedanke durch den Sinn dieser Frau missfalle ich
    Wie dies geschehen könne da er kaum noch ein Wort gesprochen und da er
gewohnt war durch seine Erscheinung sonst ein günstiges Vorurteil für sich zu
erwecken das begriff er allerdings nicht indes er war sicher sich in seiner
Voraussetzung nicht zu irren Der beobachtende Blick mit welchem Angelika ihn
betrachtete dünkte ihm mit einem spottenden Zuge um ihre Lippen in Verbindung
zu stehen und obschon er sich es nicht leugnen konnte dass sie schön sei
fühlte er sich dennoch von ihr eher abgestoßen als angezogen Die heitere
Zuversicht mit der er ihr genaht war ging ihm dadurch verloren er sagte sich
dass man mit dieser Frau auf seiner Hut sein müsse und er nahm sich vor ihrem
adeligen Stolze sein unabhängiges bürgerliches Wesen und sein freies
Künstlerbewusstsein mit fester Entschiedenheit entgegenzusetzen
    Der Baron fragte ihn nach seinem Vater erinnerte daran wie dieser als er
aus Italien zurückgekehrt hier im Schloss die Eltern und die Schwester des
Freiherrn gemalt und dieselben Zimmer bewohnt habe welche man Herbert jetzt
angewiesen hatte Er machte ihn dabei auf die erwähnten vortrefflichen Portraits
aufmerksam welche an den Wänden hingen und da der Sohn Gelegenheit fand des
Vaters Arbeit von Herzen zu bewundern würde er bei der Zuvorkommenheit mit
welcher der Baron ihn behandelte sich sehr behaglich gefühlt haben hätte nur
die Baronin aufhören wollen ihn zu betrachten oder sich entschließen mögen an
dem Gespräche irgend einen Anteil zu nehmen
    Es war ihm daher wirklich eine Erleichterung als endlich ein leises Lächeln
über ihre Mienen flog und sie gegen ihren Gatten gewendet die Frage tat ob
Monsieur Herbert geraden Weges von Paris komme
    Der junge Mann den es schon verdross dass die Baronin diese Frage die ihm
auffallen musste da er alle seine Briefe an den Baron aus seiner Vaterstadt
geschrieben hatte nicht an ihn selber richtete übernahm eben deshalb die
Antwort selbst und sagte ihr dass er schon über Jahr und Tag wieder in der
Heimat gewesen sei
    So kleidet man sich also auch bei uns schon nach der neuen Sitte der
revolutionären Franzosen bemerkte sie weiter und der Ausdruck ihres Missfallens
trat nun deutlich und bestimmt hervor
    Herbert musste ihn beachten aber eben weil er das tat entgegnete er Die
Mode gnädige Frau Baronin ist bei uns von den aus Frankreich entflohenen
Edelleuten eingeführt worden welche in dieser bürgerlichen Tracht über die
Grenze zu uns gekommen sind Und wenn sie es dann nachher auch für gut befunden
haben den Haarbeutel und den seidenen Strumpf wieder anzulegen so sind für uns
geringere Leute für uns die wir arbeiten müssen das unfrisirte Haar und der
Stiefel weit angemessener als der Zopf und die Escarpins die uns sogar zu
Sklaven des Friseurs und der Witterung machen
    Er hatte das absichtlich mit ziemlicher Schärfe gesprochen und erwartete
daher eine Antwort zu erhalten welche möglicher Weise jeden Zusammenhang
zwischen ihm und den Herrschaften für immer zerstören konnte Indes die Baronin
hatte Rücksichtnehmen von Jugend auf gelernt und war stolz genug bei den
Personen welche sie nicht als Ihresgleichen ansah nur dasjenige zu hören und
zu verstehen was ihr genehm war Sie war als echte Aristokratin bisweilen
nachsichtig aus Hochmut und wo es ihr passte trotz ihrer Jugend duldsam aus
Berechnung Da sie nun obenein bemerkte dass ihr Gatte mit dem Empfange welchen
sie dem Architekten bereitete unzufrieden war und da sie selbst es bedauern
mochte einen jungen Mann auf dessen gute Dienste sie sich Rechnung gemacht
hatte gegen sich aufgebracht zu haben so lenkte sie nun plötzlich ein und
meinte Sie haben Recht mein Herr und ich habe mich geirrt Verzeihen Sie dass
ich Ihren besonderen Fall nicht bedacht und Ihnen meine Überraschung über die
neue Mode die ich zum ersten Male in der Wirklichkeit vor Augen sehe
ausgesprochen habe Ich leugne es nicht ich hege gegen diese Kleidung eine
gewisse Abneigung seit man uns neulich aus der Hauptstadt die Bilder der Männer
zur Ansicht geschickt hat welche sich in Paris als Vaterlandsfreuude und als
Helden geberden während sie doch Empörer und Rebellen sind Zudem lebt eine
verehrte Freundin eine Verwandte von uns die Frau Herzogin von Duras in
unserem Hause welche genötigt gewesen ist aus ihrem unglücklichen Vaterlande
zu entfliehen und ich stellte mir vor wie unangenehm der Anblick einer
Kleidung sie berühren müsse die in ihren und auch in meinen Augen zu einem
Symbol der  der Zustände geworden ist vor denen Gott uns gnädig bewahren
wolle
    Sie hatte die letzte Wendung offenbar beschönigend gewählt denn der Ton
ihrer Stimme verriet dass sie einen stärkeren und härteren Ausdruck
zurückhalte und weit davon entfernt eine versöhnliche Wirkung auf Herbert
hervorzubringen erhöhte die Art von herablassender Schonung die sie ihm
angedeihen ließ nur das Missfallen das Angelika ihm einflößte Er war fest
entschlossen dieser Frau nicht nachzugeben und er schickte sich eben zu einer
wie es ihm schien gebührenden Antwort an als der Freiherr den unangenehmen
kleinen Vorfall damit zu beenden versuchte dass er ihn in das Scherzhafte zog
    Es wird also sagte er lächelnd unserem jungen Baumeister wenn er sich
anders Deiner Zustimmung und der Gnade der Frau Herzogin erfreuen will nichts
Anderes übrig bleiben als ein habit habillé anzulegen wenn er ein solches mit
sich führt und sich die Dienste meines Kammerdieners gefallen zu lassen
    Wenn die Gunst der Frau Baronin und der Frau Herzogin einzig durch einen
solchen Kleidungswechsel zu erlangen ist so bin ich leider in der übelen Lage
auf diese Gnade verzichten zu müssen entgegnete der junge Mann gleichfalls im
Tone des Scherzes obschon er sich zu einem solchen nicht aufgelegt fühlte Mit
dem habit habillé mit dem Puder und dem Zopfe habe ich ein für alle Mal
gebrochen
    Die Baronin entschloss sich diese Erklärung mit anscheinender Heiterkeit
hinzunehmen und dem jungen Manne zu wiederholen dass er für sich und von seinem
Standpunkte aus sicherlich das Rechte tue Aber er missfiel ihr mehr und mehr
ja er missfiel ihr ganz besonders deshalb weil sie sichs eingestehen musste
dass er ein schöner Mann und in dem Vollbesitze derjenigen Vorzüge sei welche
sie sich gewöhnt hatte als ein besonderes Erbteil des Adels zu betrachten
Seine Haltung war vornehm seine Redeweise besser als die der meisten ihrer
Standesgenossen welche das Deutsche nur fehlerhaft zu sprechen wussten und sie
hatte im Grunde an ihm nichts auszusetzen als dass er der gekommen war ihrem
Hause bezahlte Dienste zu leisten sich ihr als einen Ebenbürtigen und Freien
gegenüber stellte Und wie Herbert Anfangs sich gesagt hatte dieser Frau
missfalle ich so sagte er sich jetzt dass ihm niemals eine Frau so sehr
missfallen habe als Angelika
    Es war gut für alle Teile dass die Herzogin und ihr Bruder sich zu ihnen
fanden und der Diener die Meldung machte dass die Mahlzeit aufgetragen sei Der
Baron stellte Herbert seinen Gästen und dem Kaplan vor der sich inzwischen auch
zu ihnen gesellt hatte und wenn die Herzogin und der Marquis auch nicht
sonderlich auf den jungen Baumeister achteten so lag doch wenigstens nicht die
abweisende Kälte in ihrer Begrüßung mit der Angelika ihn aufgenommen hatte
    Beide die Herzogin sowohl als der Marquis waren es durch die Erfahrungen
der letzten Jahre gewohnt worden ihre Haltung nach den Umständen einzurichten
sich in der Fremde in der sie lebten mancherlei Annährungen und Ansprüche
gefallen zu lassen und zeitweise wenn es sein musste auf eine
Ausschliesslichkeit zu verzichten die sich in ihrer jetzigen Lage nicht wohl
behaupten ließ Dadurch machte sich die Unterhaltung leichter Der Freiherr
hatte obenein die Absicht zu vergüten was seine Gattin dem jungen Manne zu
Leide getan sie selbst fand sich genötigt ihm bei Tische die hausfrauliche
Zuvorkommenheit zu beweisen die ihr zur Gewohnheit geworden war bis Herbert
allmählich der Zurückhaltung zu vergessen begann welche er zu behaupten sich
vorgenommen hatte Der Baron kam absichtlich in Gegenwart der Herzogin noch
einmal auf den Vater des Baumeisters zurück welchen auch der Kaplan in hohen
Ehren hielt das schloss dem jungen Manne das Herz auf und noch während man bei
Tafel war fing man an von der Angelegenheit zu sprechen für welche man
Herbert hergerufen hatte
    Darauf hatte er aber nur gewartet denn wo ein Sachverständiger vor Laien
von seinem Fache sprechen kann ist er der Meister und der Herr ist er dem
Vornehmsten ebenbürtig wenn nicht überlegen und so erklärte der junge Mann
denn ganz unumwunden dass Alles was er im Vorüberfahren gesehen ihn in seiner
bereits früher geäusserten Überzeugung bestärkt hätte und dass man einen großen
Fehler begehen würde wenn man die Kirche auf dem Platze erbaute auf welchem
man den Grundstein für die ursprünglich beabsichtigte Kapelle eingeweiht habe
Er entwickelte darauf mit einer Klarheit die jeden Vorurteilslosen für ihn
einnehmen musste alle die Übelstände mit denen ein Bau in Rotenfeld zu
kämpfen haben würde und stellte dagegen die Vorzüge auf welche die Verlegung
der Kirche nach der Höhe darbieten konnte Er hielt den Herrschaften die größere
Bequemlichkeit für sie selbst er hielt ihnen auch die harmonische Wirkung vor
welche die Kirche machen musste wenn man sie auf dem Hügel jenseit des Parkes
aufführte wo sie dann von der Westseite des Schlosses einen eben so schönen
Anblick gewähren konnte als ihn auf der Ostseite die Burgruine darbot Er
sprach von den bedeutend größeren Ausgaben welche ein so ungünstiger Boden wie
der in Rotenfeld erheischen würde und weil er von der Richtigkeit seiner
Angaben zweifellos überzeugt war meinte er in dem Schweigen der Anderen ein
Zeichen dafür zu finden dass er sie ihres Irrtums überführt und des Besseren
belehrt habe
    Aber Herbert verstand und kannte sein Fach doch noch besser als er die
Menschen kannte obschon er sich vielfach und von früh auf in den
verschiedensten Lagen zu bewegen gelernt hatte Er wusste noch nicht dass
diejenigen welche von Kindheit auf das Befehlen gewohnt sind es nicht lieben
sich eines Irrtums überführen zu lassen und er bedachte nicht dass es einen
Jeden schmerzlich ist einen Plan auf dessen Verwirklichung er seinen Sinn
lange Zeit hindurch gerichtet hat plötzlich und für immer aufgeben zu sollen
Er sah dass der Freiherr ihm Gehör schenkte er merkte an den Fragen welche
bald dieser bald der Kaplan während seiner Auseinandersetzungen an ihn
richteten dass seine Gründe ihnen einleuchteten und sie bedenklich machten und
er glaubte also auf dem besten Wege zu dem von ihm ins Auge gefassten Ziele zu
sein als der Baron ihm nachdenklich einräumte dass die Sache allerdings noch
einmal gründlich erwogen werden müsse und dass die frühzeitige Ankunft Herberts
ihm also doppelt erwünscht sei
    Da nahm Angelika die bis dahin schweigend zugehört hatte plötzlich das
Wort Ich weiß nicht Bester sagte sie zu dem Baron gewendet wie in diesem
Falle noch von Überlegung und Erwägung die Rede sein kann Mich dünkt davon
dürfe man nur sprechen wo man noch eine freie Wahl hat und wo es sich um die
Befriedigung eines persönlichen Bedürfnisses handelt Wo man aber ein Gelübde zu
erfüllen hat ist ja eine Erwägung und Abänderung wie mir scheint unmöglich
    Der Ton mit welchem sie diese Behauptung aussprach war so scharf dass er
Herbert auffiel und sein früheres Misstrauen gegen sie schnell wieder wach rief
Wie kommt diese junge Frau dazu dem älteren Gatten in solcher Weise zu
entgegnen fragte er sich unwillkürlich und sein Erstaunen wuchs als nicht der
Freiherr sondern der Kaplan die Antwort übernahm
    Sie haben sicher Recht Frau Baronin sagte der Geistliche mit der
vermittelnden Weise welche aus seiner innersten Natur hervorging Sie haben
Recht dass allzu ängstliche Erwägung überall die Tat verhindert und dass man am
wenigsten in den Fällen zaghaft sein sollte wo man ein Großes und Heiliges
vollbringen will Mut und Begeisterung helfen über manche Schwierigkeit hinweg
aber 
    Mut und Begeisterung fiel der Freiherr ihm in die Rede als finde er es
jetzt da der Kaplan vorangegangen leichter seine Meinung auszusprechen Mut
und Begeisterung sind etwas sehr Erhabenes und es ist eine schöne Eigenschaft
der Frauen dass sie derselben in so hohem Grade fähig sind Indes oftmals  und
dieses Mal beste Angelika befindest Du Dich wohl in solchem Falle  haben die
Frauen es leichter als wir ihren Mut und ihre Begeisterung zu behaupten weil
die Unkenntnis der technischen und materiellen Hindernisse ihnen das
Mutigbleiben sehr erleichtert
    Das mag wohl wahr sein versetzte die Baronin anscheinend gelassen aber von
einem Mute und einer Begeisterung welche den Menschen über die Schranken
verständiger Erwägung fortreißen könnten ist ja in unserm Falle wie mich
dünkt nicht die Rede Wir haben ich muss das wiederholen ein Gelöbnis eine
heilige Pflicht zu erfüllen das ist eben so unabweislich und unabweislicher
als sein Wort einzulösen wenn man es in einer Ehrensache einmal verpfändet hat
    Gewiss rief der Freiherr auch handelt es sich nicht um den Bau sondern nur
um den zweckmässigsten Platz für denselben
    Und der Kaplan welcher eben so wie der Freiherr von Anfang an aus doppelten
Gründen gegen den Kirchenbau in Rotenfeld und ganz besonders gegen den Bau auf
der Stätte von Paulinens Hause gewesen war ergriff diese Gelegenheit sich
lebhaft zu Gunsten der Bauverlegung auszusprechen Da der Baron es aber weder
jetzt noch früher bekennen mochte dass es ihm quälend dünke künftig zum
Gottesdienst nach Rotenfeld zu fahren welches er jetzt geflissentlich vermied
und da der Kaplan mit seinen oft wiederholten Ermahnungen nicht eben dort die
Stätte weihen zu lassen bei der Baronin nie Gehör gefunden hatte so bewegte
die ganze Beratung sich in halben Andeutungen welche den Architekten die wahre
Lage der Sache nicht erkennen und ihn sowohl als die Herzogin und den Marquis
doch vermuten ließ man müsse hierbei irgend etwas im Sinne haben was man
verbergen wolle Das machte Herbert ungeduldig und weil er ohnehin entschlossen
war seine Stellung zu behaupten so sagte er plötzlich Es gibt nur Einen
Fall in welchem der Platz in Rotenfeld nicht aufgegeben werden müsste
    Und welcher wäre das fragte die Baronin
    Wenn sich eben dort dasjenige ereignet hätte welches die Herrschaften zu
dem Gelöbnis des Kirchenbaues bestimmt hat antwortete er
    Des Freiherrn ganze Züge veränderten sich plötzlich und die Baronin deren
Gesicht von einer flammenden Röte überzogen wurde sagte mit unverkennbarer
Selbstüberwindung Sie haben das Richtige getroffen mein Herr und Sie werden
es also begreifen dass hier von bloßen Schönheits und
ZweckmässigkeitsRücksichten nicht die Rede sein darf  Sie hielt danach inne
als müsse sie sich erholen als habe sie Alles geleistet was in ihren Kräften
gestanden Die ganze Tischgesellschaft verstummte Der Freiherr schien in
unbegreiflicher Weise verletzt auch dem Kaplan konnte man es ansehen dass die
gewissensstrenge Äußerung der jungen Herrin ihm wenigstens in diesem
Augenblicke nicht angemessen däuchte und trotz ihrer Weltgewandteit wagte die
Herzogin selbst es nicht die Unterhaltung mit einem gleichgültigen Worte wieder
in Gang zu bringen weil eben die Gemütsbewegung der Eheleute gar zu
unverkennbar war Es hatte sie schon oft bedünken wollen als habe die große
Gewalt Angelikas über den Baron noch andere Gründe als die Macht welche ihre
Schönheit und ihre übrigen Vorzüge ihr über ihren Gatten natürlich sichern
mussten und klug und herzenskundig begriff die Herzogin dass sie eben jetzt vor
dem Punkte stehe der ihr in dem Leben ihrer Gastfreunde bisher ein Rätsel
geblieben war
    Während sie noch mit sich zu Rate ging ob es klüger sei ihnen in der
augenblicklichen Verlegenheit zu Hilfe zu kommen oder nicht hatte die Baronin
ihren Entschluss bereits gefasst und sich gegen ihren Gatten wendend sagte sie
indem sie ihm die Hand reichte und in völlig verändertem Tone zu ihm sprach
Gewiss Bester Du wirst mich noch böse machen und es dahin bringen dass man mich
für eigensinnig hält Aber Du weißt es ja wie meine ganze Seele an der
Erfüllung unseres Gelöbnisses hängt und wie sehnlich ich danach verlange mich
dereinst im Gebet in unserer Kirche vor dem Allmächtigen zu demütigen der auch
mich zu finden gewusst hat Ich werde nicht eher ruhig sein bis dort die ewige
Lampe über dem Altare brennt und die Messen dort gelesen werden Wie kannst Du
Deine Stirn denn verdüstern lassen durch den Hinweis auf eine Mehrausgabe die
nicht unerschwinglich und auf Schwierigkeiten und Mühen die nicht unbesiegbar
sein können Und auch Sie Hochwürden fügte sie hinzu wie können Sie mich
grade in diesem Falle im Stiche lassen
    Sie hob mit diesen freundlich gesprochenen Worten die Tafel auf Der Baron
sehr zufrieden von dem Gespräche loszukommen begab sich mit dem Marquis in das
Billardzimmer und lud Herbert ein ihnen dahin zu folgen Indes diesem war die
Lust an der freiherrlichen Gesellschaft vergangen Er sprach davon das schöne
Wetter benutzen zu wollen und der Baron schlug ihm darauf vor einen Ritt durch
die Gegend zu machen was Herbert dankbar annahm
 
                              Siebzehntes Kapitel
Mehrere Tage waren in Verhandlungen und Beratungen vergangen ohne dass man zu
einem Abschlusse gelangt wäre Da saßen an einem Nachmittage als man sich eben
auch wieder von der Tafel erhoben hatte und die Herren ihr Billard spielten die
Damen allein in dem Wohnzimmer der Gräfin Sie hatten dem Fenster gegenüber
Platz genommen und eine Weile über das zeitige Beginnen des Frühlings
gesprochen welches dem kleinen Renatus den seine Wärterin unten auf der
Terrasse im warmen Sonnenscheine umhertrug so wohl zu Statten komme Indes die
Unterhaltung wollte nicht gedeihen Es währte nicht lange so saß Angelika
schweigend an dem Stickrahmen auf welchem sie eine Altardecke für die Kirche
arbeitete Die Herzogin parfilirte ein Stück golddurchwirkten Seidenzeuges und
legte die ausgezogenen Fäden so vorsichtig und gleichmäßig neben einander als
gälte es wirklich eine Arbeit und nicht einen müßigen Zeitvertreib dabei sah
sie unter ihren dunklen Wimpern von Zeit zu Zeit nach Angelika hinüber als
erwarte sie dass diese zu sprechen beginnen werde Endlich da sie bemerkte dass
die junge Frau leise seufzend den Kopf emporhob sagte sie mit heiterem Tone
Was haben Sie Beste Sie seufzen Und unseres Volkes Sprüchwort sagt »Ein
Herz das seufzt hat nicht was es wünscht« Mich dünkt das Seufzen sollten
Sie uns alten Frauen überlassen
    Es war das erste Mal dass die Herzogin sich im Gespräche als eine alte Frau
bezeichnete und sie hatte in der Tat nicht Grund dazu Angelika würde ihr dies
in jedem anderen Augenblicke auch gesagt haben sie war aber so verstimmt dass
sie sich unfähig fühlte auf den Ton des Scherzes einzugehen den die Herzogin
angeschlagen hatte
    Ach sagte sie ich wollte ich wäre älter als ich bin
    Das ist ein Wunsch den wenig junge Frauen mit Ihnen teilen werden meinte
die Herzogin lächelnd und es müssen besondere Verhältnisse obwalten wenn ein
solcher Wunsch nicht Sünde sein soll die  sie hielt inne und nahm ihren
Goldbrocat wieder in die Hand
    Ihr plötzliches Abbrechen und Verstummen tat seine beabsichtigte Wirkung
Sie hatte stets gefühlt dass Angelika die an den Umgang mit ihrer Mutter
gewohnt gewesen war und diesen jetzt entbehren musste sich nicht selbst zu
genügen vermochte indes sie wollte sich ihr nicht zur Vertrauten anbieten denn
sie wusste dass man nur das schätzt was man sich selbst erworben hat oder doch
erworben zu haben meint
    Während die Herzogin sich also wieder an das Parfiliren machte ließ die
Baronin ihre Nadel ruhen und mit ihren ernsten Augen die Herzogin anblickend
fragte sie Sie brachen so plötzlich in Ihrer Rede ab meine teure Herzogin
weshalb vollendeten Sie nicht
    Weil ich mir das Recht nicht zuerkenne Ihnen einen Vorwurf zu machen liebe
Angelika  und auch Angelika hatte die Herzogin sie nie zuvor genannt
    O ich versichere Sie es kann mir Niemand härtere Vorwürfe machen als ich
selbst Aber ich habe so wenig Menschenkenntnis
    Worauf beziehen Sie das fragte Jene verwundert denn sie war auf nichts
weniger als auf diese Wendung gefasst gewesen
    Ich hätte es mir denken können sagte die Baronin dass von einem Manne der
selbst kein eigentlich religiöses Empfinden hat der wie dieser junge
Architekt nicht einmal unserer Kirche angehört für unsere Zwecke nicht das
richtige Verständnis zu erwarten sei und ich hätte es von dem Baron verlangen
müssen dass er einen anderen Baumeister einen Katholiken für unsern Bau
gewählt Ich kann nicht sagen wie dieser junge Mann mir missfällt Sein
selbstbestimmtes herausforderndes Wesen sein Beharren auf seiner Meinung sein
ganzer Ton ja selbst seine Kleidung und sein Blick beleidigen mich so dass ich
im Stande wäre aus bloßem Widerwillen gegen seine Anmassung auf meinem Vorsatze
zu beharren selbst wenn unser Gelübde uns in dieser Beziehung nicht zur
Beharrlichkeit verpflichtete
    Sie hatte das sehr lebhaft ausgesprochen die Herzogin wusste nicht recht
was sie von Angelikas Worten denken sollte und weil sie noch nicht
entschlossen war ob sie dies der Baronin sagen sollte oder nicht schüttelte
sie nur leise ihr Haupt
    Angelika fragte was der Herzogin auffallend oder bedenklich an ihrer
Äußerung erschienen sei
    Auffallend ist mir nichts in Ihren Worten erschienen bedenklich Manches
entgegnete die Herzogin mit feinem Lächeln und ihr anmutig mit dem Finger
drohend sagte sie scherzend Seien Sie auf Ihrer Hut liebe Freundin
    Auf meiner Hut Und weshalb Wogegen
    Gegen Ihr allzu zorniges Herz bedeutete die Französin noch immer im Tone
des Scherzes obschon eine plötzlich auftauchende Idee sie zu beschäftigen und
ihre Phantasie zu erregen begann
    Gegen mein Herz Was hat denn das Alles mit meinem Herzen zu schaffen
fragte Angelika die sich in ihrer Strenge durch den leichten Ton und den Blick
der Herzogin verletzt fühlte
    Aber die Herzogin legte ihre Hand freundlich auf Angelikas Arm und mit
plötzlichem Entschlusse zu einem gewissen Ernste übergehend sprach sie Ich
habe Sie heute nicht umsonst daran erinnert dass ich im Vergleich zu Ihnen eine
alte Frau bin meine teure Angelika und dass ich also das traurige Vorrecht
mannigfacher Erfahrung vor Ihnen voraus besitze Ich habe viel geirrt viel
gefehlt viel geliebt und viel gelitten Ich habe viel verloren und nur Eines
gewonnen  ich habe sehen gelernt wo ich mit dem Herzen sehe
    Sie bog sich bei den Worten zu der Baronin hinüber und sie zärtlich
anblickend sagte sie Wenn der gute Wille zu vermitteln auszugleichen und zu
raten Ihnen und meinem teuren Vetter denen ich so tausendfach verpflichtet
bin für Dank gelten kann so bin ich dankbar Sie haben Recht teure Angelika
Sie sind sehr jung und  ich fühle das  Sie haben nie geliebt Sie sind nicht
glücklich armes Kind Darum seien Sie auf Ihrer Hut Ein so heftiger Zorn wie
Sie ihn gegen den Architekten fühlen ist oft die Knospe in welcher ganz andere
Empfindungen sich verbergen Denken Sie daran
    Sie küsste die Baronin auf die Stirn und verließ das Zimmer
    Angelika aber blieb zurück ohne recht zu wissen was ihr geschehen war
Alle ihre Vorstellungen alle ihre Gedanken waren unklar und drängten sich wirr
durch einander Sie fragte sich was sie denn gesagt habe um die Herzogin zu
solchen Äußerungen zu ermächtigen Sie besann sich ob sie jemals etwas über
ihre Erlebnisse ausgesprochen oder von wem die Herzogin etwas über jene Vorgänge
erfahren haben könne welche ihren Übertritt zur katholischen Kirche veranlasst
hatten Indes sie fand keinen Anhalt zu einem Vorwurfe gegen sich keinen Anhalt
für den Rat und die Ermahnung welche ihr geworden war Daneben klangen ihr
immer wieder die Worte in den Ohren »Sie sind nicht glücklich Sie haben nie
geliebt« und ein plötzlicher bitterer Schmerz in ihrer Seele gab diesen Worten
Recht
    Ja sie hatte im Grunde nie geliebt Das Wohlgefallen die Bewunderung die
dankbare Zärtlichkeit und die erwachende Sinnlichkeit welche sie ihrem Gatten
gegenüber gefühlt und die sie in ihrer Unschuld damals für Liebe gehalten hatte
das Alles hatte den Namen der Liebe nicht verdient Jetzt wusste sie es lange
schon dass sie wohl einer anderen Liebe fähig gewesen wäre Aber der Gedanke
dass in ihrem Herzen in der Brust der verheirateten Frau noch einmal jene
große starke Liebe wie sie die Dichter schilderten und deren Darstellung sie
immer bis zu Tränen rührte und entzückte erwachen für einen Andern erwachen
könne  dieser Gedanke hatte ihr völlig fern gelegen und sie erschrak vor der
Vorstellung welche die Herzogin in ihr heraufbeschwor
    Sie tröstete sich damit dass es ein Scherz der Herzogin gewesen und dass sie
eine Törin sei demselben irgend eine Bedeutung einzuräumen Sie wollte darüber
lachen sich darüber erzürnen sie wollte sich verspotten und musste sich doch
immer wieder fragen wie die Herzogin denn auf den Einfall geraten sei ihr
eben Herbert gegenüber eine solche Warnung zu erteilen Sie fühlte sich
aufgeregt und wusste sich ihr Empfinden nicht zu deuten Eine schmerzliche
Sehnsucht wachte in ihr auf und unwillkürlich drängten sich ihr die Worte auf
die Lippen Wenn ich meine Jugend wieder hätte
    Da fiel ihr Auge auf das Bild Amandas und auf Amandens Ring den sie am
Finger trug und sie richtete sich empor War es denn nicht Gottes Fügung
gewesen die sie zu dem Baron geführt hatte War es nicht Gottes Fügung gewesen
die sie und ihn der heiligen Mutter Kirche wiedergegeben Wie durfte sie sich
unglücklich fühlen während sie das Werkzeug einer höheren Macht gewesen war
deren Einwirkung sie ja unablässig anerkannt und empfunden hatte Und war es
vielleicht der Wille dieser höchsten Fügung dass eben jetzt in jenem jungen
Manne in Herbert eine Versuchung an sie herantrat Wollte der Himmel sie
prüfen sie kämpfen sie unterliegen oder siegen lassen
    Wie sehr sie sich dagegen sträubte immerfort sah sie ihn vor sich hoch
aufgerichtet stolz und schön und trotzig Und was hatte er denn im Grunde
genommen verbrochen Er hatte eine Meinung geäußert die abzugeben er als
Fachmann verpflichtet war Man bezahlte ihm sein bestes Wissen er musste es also
für diejenigen nutzen denen zu dienen er sich anheischig gemacht hatte Sie
aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbigkeit widersprochen ihn beleidigend
behandelt nur weil ihr seine Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt oder
weil sie gefürchtet hatte in ihren Gästen durch dieselbe unangenehme
Erinnerungen erzeugt zu sehen Sie fing an sich vor sich selbst zu schämen Sie
gestand sichs ein dass sie dem Architekten ein Unrecht zu vergüten habe Aber
mitten in der Überlegung wie sie das anstellen solle mitten in der Frage was
sie tun und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen würde
erfasste sie der Gedanke Woher kommt es dass du dich so viel mit ihm
beschäftigst Ist das nicht schon jenes Gefühl das jetzt Sünde für dich ist
Beginnt die Prüfung welche der Himmel dir auferlegt hat schon jetzt  Und sie
schlug an ihre Brust und gelobte sich fest und stark zu bleiben und es der
Herzogin nie zu vergessen dass dieselbe sie wie eine Mutter treu gewarnt Jetzt
wusste sie es jetzt wusste sie es zuversichtlich dass die Sterne ihr nicht
gelogen als sie ihr in der Herzogin eine Freundin verheißen hatten
                              Achtzehntes Kapitel
In den Augenblicken in welchen Angelika sich also mit ihrem Gewissen beriet
und zweifelnd und bange auf ihr ganzes Dasein blickte fühlte sich die Frau
welche die Baronin geneigt war als ihre mütterliche Freundin zu verehren so
heiter wie sie es in Richten noch nicht gewesen war Denn ein Zufall hatte ihr
ganz plötzlich dargeboten was sie bisher vergebens gesucht hatte eine Handhabe
zur Herrschaft über ihre jetzige Umgebung eine Beschäftigung für ihre leere
Zeit
    Das kühle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin war zum Herrschen
geschaffen und sie hatte wie jeder Mensch das Bedürfnis die Fähigkeiten zu
brauchen welche sie besaß Während ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer
Verhältnisse sie zerstreut die Sorge sie gelegentlich gefangen genommen Nun
hatte das aufgehört die Tage in dem Schloss erschienen ihr sehr lang und sie
musste sich doch sagen dass es für sie geraten sei sich in demselben möglichst
festzusetzen Indes sie hatte bisher keinen Boden für die Ausführung dieser
Absicht entdecken können so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer Gastfreunde
auch erschien Sie sah den Freiherrn den sie als einen Lebemann gekannt völlig
unter der Herrschaft einer jungen Frau die sich kaum die Mühe gab ihm zu
gefallen oder ihre Vorzüge geltend zu machen Sie hörte Angelika häufig von
ihrem und ihres Gatten Gelöbnisse reden und neulich als sich bei der Tafel das
Gespräch zufällig darauf gerichtet hatte der Baron der in seinem früheren
Leben sich in mancher Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten seine
Fassung ganz und gar verloren Nicht er nein Angelika hatte es übernommen die
unangenehme Szene zu beenden Die junge Baronin fühlte sich also offenbar den
Ereignissen dem Geschehenen gegenüber freier als ihr Gatte und unwiderleglich
hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewissheit festgesetzt wie irgend
ein Unrecht gegen das was Angelika die Heiligkeit der Ehe nannte den Anlass zu
dem Gelöbnis und der Baronin die Herrschaft über ihren Mann gegeben hatte
    Die Herzogin hatte sich des Lachens kaum erwehren können als dieser Gedanke
sich ihr aufgedrängt Der Baron erschien ihr gegenüber der religiöspedantischen
Sittenstrenge seiner jungen Gemahlin beklagenswert und komisch zugleich Wie
viele Kirchen hätte er gründen müssen dachte sie wenn er jede Gunst deren er
genossen mit einem ähnlichen Gelöbnisse hätte bezahlen sollen Wäre er noch der
Alte gewesen hätte in seinem Hause der Ton geherrscht nach welchem er und die
Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt so würde sie nicht
angestanden haben ihm augenblicklich dieses scherzende Wort zu sagen Aber sie
befanden sich in Deutschland Angelika war wie die Herzogin es nannte eine
fromme deutsche Schwärmerin und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch des
Hauses schon aus Rücksichten der Klugheit so lange zu schonen  bis es ihr
gelang sie allmählich nach ihrem Bedürfnisse und nach ihrem Geschmacke
umzuwandeln wozu sie sehr entschlossen war Noch ehe man sich an jenem Tage von
der Tafel erhob hatte sie beschlossen dem Baron zu Hilfe zu kommen und ihren
alten Freund den liebenswürdigen frohen Genossen mancher schönen Tage und
Stunden aus der Knechtschaft seines Ehejoches zu befreien
    Sie war noch immer mit sich zu Rate gegangen wie dies zu machen sei bis
in dem stillen Beisammensein mit der Baronin die widerwilligen Äußerungen
welche diese über den Baumeister aussprach die Herzogin auf den Einfall
brachten gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu gewöhnen denn
nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung vor Herbert ausgesprochen Erst die
Bestürzung und das Erschrecken Angelikas erinnerten die achtsame Französin
daran wie viel damit getan sei wenn man einen Menschen in seinem Glauben an
sich selbst erschüttert wie schnell man in der Regel an das Ziel gelangt wenn
man die Personen auf die man wirken will selbst zu Werkzeugen und zu
unbewussten Gehülfen für dasjenige macht was mit ihnen und an ihnen getan
werden soll
    Noch während sie Angelika umarmte und küsste hatte sie über dieselbe in das
Freie hinausschauend bemerkt dass der Baron den Billardsaal bereits verlassen
und sich auf die Terrasse hinaus begeben hatte In der Nähe der Baronin war für
den Augenblick nichts mehr zu tun Die Herzogin drängte es also den Freiherrn
zu sehen und zu erfahren in wie weit bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt
sein möchten
    Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemächer durch den langen Korridor
stieg dann die Treppe welche aus dem Seitenflügel auf die Terrasse führte
hinunter als käme sie graden Weges aus ihren Zimmern und trat an den Baron mit
der Frage heran wo ihr Bruder sei
    Der Baron welcher seinen Knaben auf dem Arme hatte gab ihr Bescheid und
wollte das Kind der Wärterin reichen aber die Herzogin hinderte ihn daran
Nicht doch nicht doch rief sie ihm zu Sie sehen prächtig mit dem Kinde aus
lieber Freund Der schöne kleine René kleidet Sie vortrefflich  Sie kam mit
diesen Worten leicht auf ihren kleinen Absatzschuhen einherschreitend an den
Freiherrn heran nahm ihm den Kleinen ab drückte ihn an das Herz und meinte Es
ist sonderbar ich liebe die Kinder ich liebe sie sehr und doch habe ich es
nie bedauert kinderlos zu sein
    Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes meinte der Baron
    Durchaus nicht mein Lieber Es ist nur ein Beweis dafür dass ich mich und
mein Herz wohl kannte Ich war nicht edel nicht tugendhaft genug um glücklich
zu werden durch eine Selbstverleugnung ohne Ende um mein Leben lang immer eine
gute Mutter zu sein
    Und doch erzogen Sie nach dem frühen Tode Ihrer Mutter den Marquis wandte
der Freiherr ein
    O das war etwas Anderes das war nur ein Bruder das verpflichtete zu
nichts den konnte man aufgeben wie jeden Anderen wenn man seiner überdrüssig
war Aber ein Kind das bleibt das ist unser eigen das hat unabweisliche
Forderungen an uns und ist eine bindende Fessel gewiss eine süße aber auch eine
schwere Fessel  gerade wie die Ehe rief sie und fügte lachend hinzu Ihnen
darf man das freilich nicht mehr sagen denn Sie sind auch tugendhaft und
ernstaft geworden sehr tugendhaft sehr ernstaft und ich allein bin die Alte
geblieben das alte Kind einer jüngeren und fröhlicheren Zeit  Sie wiegte
dabei den Knaben tändelnd in ihren Armen und reichte ihn danach der Wärterin
Geh geh du reizendes kleines Memento mori sagte sie und erinnere uns
nicht mit deinen hellen Augen daran dass du den Frühling noch schauen wirst
wenn uns längst sein grüner Teppich deckt
    Dann nahm sie den Arm des Barons der sie mit Überraschung betrachtete und
fing an langsam mit ihm auf der Terrasse umher zu wandeln während sie das
schwarze Spitzencapuchon ihres Entredeux über die Frisur zog dass die Kanten auf
ihr leichtgepudertes Gelock herniederfielen Sie rühmte die anmutige Lage des
Schlosses die gute Luft dieser Gegend und pries ihr Wohlbefinden in derselben
Sie sprach von ihrer Heimat von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Bekannten
und schien es lange gar nicht zu bemerken dass sie allein die Unterhaltung
führte Auch der Baron beachtete es nicht er hatte seine eigenen Gedanken
    Wie er so neben ihr einherging in aller seiner Stattlichkeit die kleine
feine Gestalt am Arme führend war es ihm als komme mit der Berührung dieses
Armes der sich so weich und leicht dem seinen anschmiegte ihm eine
langvergangene Zeit zurück eine Zeit in der er voll Feuer voll Hoffnung voll
jugendlicher Wünsche und zugleich mit einer Freiheit in das Leben getreten war
die ihm  wie er sich dagegen auch sträubte  jetzt noch reizend und
begehrenswert erschien Er sehnte sich nach den Empfindungen der
Leichtlebigkeit die er in der letzten Zeit in sich zu bekämpfen gestrebt und
er konnte nicht anders er musste in seinem Innern der Herzogin darin Recht
geben die Ehe wie notwendig ihre strenge Beschränkung auch sein mochte war
eine Fessel die wohl drücken konnte
    Was denken Sie fragte die Herzogin ihn endlich
    Der Baron nahm sich zusammen Ich freue mich daran wie wenig Gewalt die
Zeit über Sie und Ihren Geist gehabt hat gab er ihr zur Antwort Sie sind noch
heute ganz dieselbe die Sie in Vaudricour gewesen sind
    Und Sie Cousin
    Können Sie mich das fragen erwiderte er und die Herzogin hütete sich ihm
schnell eine Entgegnung darauf zu machen Sie schritt jetzt nur als sei sie des
Auf und Niedergehens müde die breite Treppe der Terrasse hinunter und wendete
sich dann einer der Alleen zu welche vom Schloss aus den ganzen Park in langen
Linien durchschnitten
    Die Bäume waren noch blätterlos aber die Knospen hatten sich bereits stark
gefärbt und begannen zu platzen und sich zu entfalten dass es wie ein farbiger
Duft hier bräunlich rot dort gelblich und daneben auf den anderen Gipfeln wie
ein leichter grüner Schleier anzusehen war Die Sonne schien warm nur hie und
da wehte ein leichter kühler Hauch durch die Luft und wohin das Auge sich
wendete verkündete der helle frische Rasen das neue Werden der Natur
    Die Herzogin ging wie in stillem Genießen versenkt langsam fort und fort
Erst als sie sich eine Strecke vom Schloss entfernt hatten hob sie den Kopf zu
ihrem Begleiter empor sah ihm mit ihren sanften Augen aus welchen der Frohsinn
ganz entschwunden schien prüfend in das Antlitz und sagte Sie haben Recht
mein Freund und einem Manne der so viel Philosophie besitzt wie Sie kann man
das wohl aussprechen ohne ihn damit zu verletzen Sie sind allerdings älter
geworden als Ihre Jahre welche auch die meinen sind es nötig machen Ich
komme mir jünger vor als Sie aber mich dünkt Sie tragen daran selbst die
Schuld
    Von einem Anderen die Bestätigung eines Gedankens zu erhalten der uns nicht
angenehm ist und den man sich wegleugnen möchte ist immer eine sehr peinliche
Sache Aber der Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen als die
Herzogin ihn nannte und er fragte sie deshalb mit anscheinendem Gleichmute in
wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld an seiner Wandlung tragen könne
    Ich weiß nicht meinte die Herzogin ob ich mich irre Es ist indes mit uns
Menschen wie mit den Pflanzen Jedwede fordert ihr eigenes Erdreich ihre eigene
ihr angemessene Wärme und Behandlung und auch wir sind nicht überall hin zu
versetzen nicht für jede Umgebung gemacht Ich meine Sie hätten sich nicht aus
der großen Welt zurückziehen sollen
    Der Baron zuckte die Achseln Ich war ihrer müde geworden meinte er und
die Baronin 
    Die Baronin ist ein Engel fiel die Herzogin ihm in die Rede ein Engel an
Güte und an Tugend Sie besitzt in der Tat alle die Vorzüge welche ein Mann
wie Sie von einer Frau nur fordern kann aber  denn eine alte Freundin darf ja
wohl aufrichtig zu Ihnen sprechen 
    Aber rief der Freiherr in einem Tone der nicht eben ermutigend klang den
jedoch die Herzogin nicht zu beachten für gut fand
    Aber sagte sie mich dünkt für Sie eben für Sie Cousin war sie
vielleicht nicht die glücklichste Wahl Sie sind lebhaft lebenslustig
beweglich ein wenig eitel und ziemlich egoistisch Solche Männer sind in der
Regel nicht darauf gestellt immerfort das Gleiche zu empfinden Solche Männer
wollen auch bewundert werden wollen etwas zu erringen haben und an dem
Vollendeten bleibt ihm nichts zu erringen nichts zu tun übrig als fortdauernd
zu bewundern und zu verehren Die Baronin ist vielleicht zu gut für Sie
    Sie sprach das in einer Weise die es ihm anheimstellte ob er ihre Worte
ernstaft oder scherzhaft nehmen wollte Auch zögerte der Baron ihr zu
antworten und erst nach einer kleinen Pause erwiderte er In gewissem Sinne
könnten Sie Recht haben Die Verehrung ist nicht immer ein Beförderer der Liebe
und Nachsicht finden Nachsicht gewähren Verzeihen und Verzeihung erhalten
kann sehr süß sein kann die Herzen sehr nahe zusammenführen sie sehr dauernd
verbinden
    Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung gesagt Die Herzogin wusste
jetzt woran sie war aber sie wollte auch hier nicht absichtlich nicht
zudringlich erscheinen und sie beherzigte bei sich dass man um zu herrschen
nicht eilig sein dass man verstehen müsse zu warten um sicher vorwärts zu
kommen Mit jenem spielenden Lächeln das selten von ihren Lippen wich und das
ihren feinen Zügen so wohl anstand ging sie völlig wieder zum Scherze über
Nun rief sie in diesem Falle mein Cousin sind Sie durch reichliche Erfahrung
competent Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anlass gegeben und  ich rühme
Ihnen das nach  Sie waren liebenswürdig wenn man Ihnen Nachsicht zeigte
    Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich teure Herzogin fragte der
Baron dem mit diesem Lächeln und diesem Tone seiner Begleiterin eine
Vergangenheit wach wurde deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenüber
nicht gewagt hatte Die Treue 
    Treue Wer spricht davon Ich habe das Wort nie leiden mögen
    Weil Sie sich nie entschlossen es zu einer Wahrheit zu machen
    Als ob es Ihnen Vorteil gebracht hätte wäre ich treu gewesen wie die
Heldinnen der Fabliaux Treu sein heißt beschränkt sein Nichts weiter In
Einem Menschen sein ganzes Leben lang die ganze Welt sehen das heißt ja sich
Augen und Ohren verbinden und Herz und Geist ertödten Treue ist ein halber
Selbstmord Warum denn von Treue sprechen in einer Welt in welcher Alles
wechselt 
    Und Alles eigentlich so schön ist unterbrach sie der Baron der sich mehr
und mehr erheiterte Der Frühling hat seine Blüten der Sommer seine Blumen und
seine heiße Glut 
    Und der Herbst fragte sie indem sie ihm mit einem langen Blicke dessen
Wirkung sie früher oft genug erprobt in die Augen schaute und der Herbst
    O rief der Freiherr der Herbst hat seine klare heitere Wärme der Herbst
hat oft das Licht des Frühjahres und den Duft des Sommers und darüber hinaus
die süße erquickende Traube des Weines dessen Feuer beständig ist und dessen
Wert sich steigert mit der Zeit
    Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen und  war es der
magische Glanz des hellen Sonnenlichtes das seinen glühenden Schein über das
Gesicht der Herzogin ergoss oder war es der Reflex des dunkelroten kleinen
Fächers mit dem sie ihre Augen überschattete  sie kam dem Baron noch jung vor
und er fand sie noch reizend Freilich sah er die Fältchen in ihren
Augenwinkeln aber sie erhöhten nur die Freundlichkeit ihres Blickes Er sah
auch die feinen Furchen auf ihrer Stirn und die tieferen Züge welche die
Leidenschaft und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten aber er sah sie nur mit
dem Bedauern dass auch diese einst so anmutvolle Bildung der Vergänglichkeit
zum Raube fallen müsse und obschon weit davon entfernt jetzt noch ein Gefühl
der Liebe für die Herzogin zu fühlen wie er es einst vorübergehend auch für sie
gehegt hatte er sie doch nie höher gehalten als eben in dieser Stunde
    Sie war ihm wert unschätzbar wert Er sprach ihr das aus Er gestand ihr
dass er in diesem Augenblicke in welchem er finde was er so lange entbehrt
erst inne werde wie schwer er einen Menschen eine Freundin vermisst habe die
seine Erinnerungen mit ihm teile die durch Menschenkenntnis durch
Welterfahrung ihm nahe stehe die in sich selbst die Schwäche des Herzens und
der menschlichen Natur erfahren habe die ihm helfen könne den zu ernsten Sinn
Angelikas zu erheitern ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben Und so
schloss er ich bin glücklich teure Herzogin dass ich in Ihnen meine Freundin
jene Jugend des Geistes und des Herzens wiedergefunden habe die auch mir noch
nicht entschwunden ist und die in meiner Angelika zu beleben mir sicherlich
gelingen wird wenn Sie teure Margarete mir die Hand dazu bieten
    Er hielt ihr die Hand hin sie reichte ihm die kleine zierliche Rechte
deren reichberingte Finger blendend aus dem schwarzen Halbhandschuh von Filet
hervorsahn und er führte sie an seine Lippen Sie gefielen einander gar wohl
in dieser Lage denn sie betrachteten einander mit den Augen früherer Tage und
in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie stillschweigend die einstige kurze
Liebe mit ein
    Wie segne ich die Stunde sagte der Baron in welcher Sie sich entschlossen
uns hier aufzusuchen
    Machen Sie mir den Aufenthalt durch Ihre Freundschaft nicht zu wert das
Exil wird mir zu schwer und zu hart danach erscheinen
    O rief der Freiherr das muss feststehen zwischen uns Kousine dass Sie uns
nicht verlassen bis wir selbst Sie nach Vaudricour zurückgeleiten können Ihr
Wort darauf
    Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen die obenein wetterwendisch
ist wie alle alten Frauen meinte sie mit guter Laune während sie umlenkte um
den Rückweg nach dem Schloss anzutreten
    Nun denn so appellire ich an die Vergangenheit um mir die Zukunft zu
sichern meinte der Baron Wir haben es uns einst versprochen Freunde zu
bleiben und einander nicht zu fehlen wo wir einander nützen können Denken Sie
noch daran Margarete
    Ich denke daran erwiderte sie anscheinend gerührt denn ich erinnerte mich
dieses Versprechens in der Stunde der Sorge und ich kam zu Ihnen
    Wohlan denn Herzogin an der Seite meiner jungen Frau fehlte mir immer
meine alte Freundin Margarete Ich verlange von ihr dass sie nicht von mir
geht ehe ich sie entbehren kann Wird sie mir das versagen
    Nein o nein gewiss nicht mein alter teurer Freund mein lieber Vetter
rief die Herzogin als überwältigten sie das Zartgefühl und die Großmut des
Barons aber gewähren auch Sie mir eine Bitte
    Befehlen Sie teure Freundin Ihnen einen Wunsch zu erfüllen wird mich
glücklich machen
    Nun denn Baron gönnen Sie es mir die Vermittlerin zwischen Ihnen und den
Wünschen unserer lieben Angelika zu machen Die fromme Seele hat ihr Herz einmal
an den Bau der Kirche in Rotenfeld gehängt geben Sie ihr darin nach Sie
wünschen die Gute ein wenig leichtlebiger ein wenig fügsamer zu finden gehen
Sie ihr mit gutem Beispiele voran und fordern Sie Nachgiebigkeit um
Nachgiebigkeit
    Wie gern meinte der Baron nur dass wir eines schönen Effectes entbehren
wenn wir den Vorteil nicht benutzen welchen der Bau auf der Höhe uns bieten
würde
    O Cousin das ist Monsieur Herberts Sache Sie rühmen sein Genie seine
Erfindungsgabe er wird einen anderen Vorschlag machen er wird da oben eine
Kapelle ein Kreuz errichten und wenn die gute Angelika sich in ihrem heiligen
Eifer genug getan hat nun so wird sie allmählich auch ihren Sinn mehr den
Freuden des Lebens und ihres Alters zuwenden und das beschämende Gefühl von
unseren Häuptern nehmen dass wir jünger o weit jünger sind als unsere liebe
junge Schwärmerin
    Sie lachte und wandte ihr Haupt ab ihr Nacken und ihr Ohr waren noch
zierlich und sehr hübsch Wie haben Sie es gemacht Kousine so jung zu bleiben
fragte der Baron
    Ich habe meine Freiheit nicht darangegeben nachdem ich sie durch den Tod
des Herzogs einmal wiedergewonnen hatte entgegnete sie
    Der Baron antwortete ihr nicht darauf aber sie glaubte ihn seufzen zu
hören
    Am Abende erklärte der Freiherr seiner jungen Gattin dass er sich
hinsichtlich des Baues ihren Ansichten und Wünschen füge Sie war davon gerührt
und überrascht Aber sie ahnte nicht dass sie die Gewährung ihres Verlangens
einer fremden Frau verdankte die wohl wusste was sie damit getan als sie dem
Freiherrn seinen und seiner Gattin Lebenswege als zwei von einander abweichende
Pfade bezeichnet hatte
 
                                  Zweites Buch
                                 Erstes Kapitel
In dem grünen Parke von Schloss Richten hatten die zahmen Rehe und Hirsche sich
bereits gewöhnt das Brod aus den Händen des kleinen Renatus zu nehmen wenn die
Wärterin ihn an das Gitter des Geheges führte und in Rotenfeld stieg die
Kirche schon stattlich aus der Tiefe hervor als die Kriegstrommel durch das
Land rasselte weil der Feldzug mit welchem man dem bedrängten Könige von
Frankreich zu Hilfe kommen wollte nun eine beschlossene Sache war
    Überall im Lande gab es Truppenmärsche in allen Häusern hatte man
Einquartierung auch das große schön gelegene Haus des Juweliers Flies war
natürlich nicht davon verschont Angenehme Gäste waren diese von Werbern aus
allen vier Weltgegenden zusammengebrachten Truppen diese Söldlinge welche nur
mit Gewalt bei der Fahne erhalten werden konnten eben nicht und der Kriegsrat
Weissenbach hatte es von dem Juwelier Flies als einen Freundschaftsdienst
gefordert dass dieser die auf das Haus gewiesenen Gemeinen in sein Quartier nahm
und dem Kriegsrate die beiden Offiziere überließ mit denen doch ein Verkehr
und ein anderes Auskommen möglich war
    Der Kriegsrat dem der Kaplan vor einigen Jahren auf den Vorschlag des
Juweliers den Sohn Paulinens übergeben hatte stand aber auch mit seinem
Hausherrn immer auf dem besten Fuße Herr Weissenbach war ein Mann der seine
Ruhe liebte der seine festen Gewohnheiten hatte und der für das Muster eines
ruhigen und fleißigen Beamten galt An jedem Morgen ging er um die bestimmte
Stunde in sein Bureau an jedem Mittage kehrte er um die gleiche Stunde heim
und eben so regelmäßig pflegte er dann in den Laden des Juweliers zu treten der
schon lange neben seinem Gold und Juwelenhandel ansehnliche Bankgeschäfte
machte und von dem Gouverneur der Provinz wie von dem hohen Adel mit
mannigfachen GeldOperationen beauftragt wurde Dadurch war er meist wohl
unterrichtet über alles was in den Familien des Adels und des Bürgerstandes
vorging Der Kriegsrat seinerseits obschon er sehr gewissenhaft über seinen
Amtseid dachte wusste doch immer Dies und Jenes von den Maßregeln der Regierung
zu erzählen was er freilich nur als Mutmaßungen bezeichnete was aber dem
scharfsichtigen und gut zusammenreimenden Kaufmanne gelegentlich doch zu Nutz
und Frommen gereichte und da man auf diese Weise für einander zugleich
unterhaltend und förderlich war so liebten beide Männer es alltäglich ein
Viertelstündchen zusammen zu verplaudern Sie sprachen daneben vor Fremden auch
günstig von einander und befestigten und steigerten auf diese Weise gegenseitig
ihren guten Ruf und ihren Kredit ohne dass sie deshalb einen eigentlichen
gesellschaftlichen Verkehr unterhalten hätten Denn die Fliessche Familie zu
sich einzuladen fand die Kriegsrätin nicht passend aber sie verschmähte es
deshalb nicht sie hier und da einmal allein zu besuchen von ihr jeden Dienst
zu fordern und anzunehmen welchen dieselbe zu leisten nur irgend geneigt und im
Stande schien und beide Teile glaubten nicht sich damit etwas zu vergeben
Der Kriegsrat wie weit er auch von der höchsten Stufe der Macht entfernt war
fühlte sich doch als einen Teil der Beamtenwelt die in des Königs Namen das
Land regierte und der Juwelier welcher seinen Schwerpunkt in seinem wachsenden
Vermögen hatte gönnte dem Kriegsrat seinen Beamtenstolz und sein gemessenes
feierliches Wesen Konnte er doch berechnen wie weit diese Vornehmheit ungefähr
zu gehen vermochte
    Selbst die bewegten Zeiten änderten in diesem gegenseitigen Verhältnisse
nichts Denn wie abweichend der Hausherr und sein Mieter auch über die Dinge
dachten welche in Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt
geschahen so waren beide doch vorsichtig genug die obwaltende
Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch nur ernst zu
berühren Der Kriegsrat wünschte es mit einem Manne nicht zu verderben der
nachzusehen wusste wenn die Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten
ließ Auch um Pauls willen musste man mit Herrn Flies in gutem Vernehmen zu
bleiben suchen und dieser Letztere hielt beharrlich an der Erfahrung fest dass
man jeden Menschen einmal brauchen könne und also Niemanden unnötig von sich
weisen dürfe
    Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrate das Abkommen wegen des
Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben mit welcher er alle seine Geschäfte
abzumachen liebte und er hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt Einmal hatte
er gewünscht sich dem Freiherrn von Arten gefällig zu erzeigen der ihm ein
guter Kunde war und zweitens hatte er geglaubt es könne ihm in jedem Betrachte
nur vorteilhaft sein wenn die Einnahmen seines Mieters sich um eine Summe
steigerten welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr als den
Betrag des Mietzinses ausmachte Aber erst als sie das Kind bereits im Hause
hatte war die Kriegsrätin auf die Frage gekommen in welcher Weise sie
dasselbe vor den Leuten aufzuführen haben werde Eingestehen dass sie den
Bastard eines Edelmannes bei sich aufnehme das mochte sie nicht gern und ein
Kind von solcher Herkunft für den Sohn eines seiner Verwandten auszugeben
verweigerte der Kriegsrat Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel den Knaben
als eine Waise darzustellen deren man sich angenommen habe und damit schienen
die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf einmal gelöst
    Man hatte eine Form in welcher man den kleinen Paul den zahlreichen
Bekannten und Freunden des Hauses vorstellen konnte es war gerechtfertigt wenn
man den Knaben in allen Dingen sparsam hielt es gab für die Großmut und
Herzensgüte der Pflegeeltern ein schönes Zeugnis und es erzog wie die
Kriegsrätin sagte ihren Pflegling auf die einfachste Weise zu der Fügsamkeit
die für ihn am angemessensten schien weil seines Gleichen doch in der Regel
keinen glatten Lebensweg zu haben pflegten
    Die Kriegsrätin war überhaupt eine gescheite und daneben eine hübsche Frau
die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem älteren Manne zusammenstimmte Er
war ein wenig trocken und pedantisch sie nannte sich gefühlvoll und poetisch
Er liebte die Arbeit sie die Musse er hielt auf seine Gewohnheiten sie sehnte
sich nach Wechsel und nach Neuem ihm genügten sein Amt und seine Lebenslage
sie besaß den Ehrgeiz für ihren Mann ein höheres Amt für sich eine glänzendere
gesellschaftliche Stellung zu begehren und sie war der Meinung dass eine
hübsche gescheite Frau ihrem Manne vielfach nützen könne Es war ja nicht das
Verdienst allein dass man im Staate belohnte nicht allein die Kenntnisse und
die Tüchtigkeit welche den Beamten vorwärts brachten Vornehme Verwandtschaften
und einflussreiche Bekanntschaften fielen ganz anders in die Wagschale und Frau
Weissenbach welche sich eine Pflicht und eine Ehrensache daraus machte ihrem
Manne solche Bekanntschaften zu vermitteln hatte sich eben deshalb auch so
schnell bereit erklärt das Kind des angesehenen Freiherrn von Arten bei sich
aufzunehmen Denn auf die förderliche Gunst eines Mannes dem man ein Geheimnis
bewahrte meinte sie rechnen zu dürfen
    Wenn man aber mit einflussreichen Leuten in Berührung zu kommen wünschte so
musste man wie die Kriegsrätin behauptete einen gewissen äußern Anstand
zeigen weil sich mit einer Familie einzulassen von welcher man in jedem
Augenblicke irgend einer Anforderung gewärtig sein muss der Angesehene und
Vielvermögende der wie jeder Andere um seiner selbst willen aufgesucht sein
mag überall Bedenken trägt und der äußere Anstand war auch gar so schwer nicht
zu behaupten Eine gute Einrichtung wenn sie einmal angeschafft ist hält lange
vor und eine gebildete Frau weiß ihre Kleidung so zu tragen dass alles an ihr
einen besonderen Anstrich erhält Es war auch gar nicht nötig dass der
Kriegsrat sich viel in der Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe störte
Sah man die Frau nur im Theater wenn die Schauspielertruppe sich am Orte
aufhielt traf man sie nur in dem Kaffeegarten in welchem die angesehenen und
gebildeten Familien der Stadt sich zusammenfanden so konnte der Mann in Gottes
Namen bei seiner Arbeit bleiben Hier und da ein Abendbrot zu geben oder einige
Personen zum Spiel bei sich zu sehen das konnte man leicht ermöglichen Man
schränkte sich dafür in der Familie ein wenig ein und ließ die Ausgaben und
Einnahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche setzen so verstand Laura es
vortrefflich den mahnenden Handwerkern mit dem Hinweise auf ihres Mannes
einflussreiche Stellung Geduld zu predigen und sie auf die mancherlei
Lieferungen zu vertrösten welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da
eine oder die andere ihnen auch zu Teil ward
    Auf solche Art geschah es dass die Kriegsrätin ihre Handwerker und diese
die Weissenbachsche Familie lobten dass Herr Weissenbach mit seiner Laura sehr
zufrieden war dass Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämtlichen
Angelegenheiten leitete und dass man die Familie Weissenbach durchaus als eine
sehr achtungswerte bezeichnete Wem die Menschen aber sei es mit Grund oder
ohne Grund einmal wohlwollen dem legen sie das Gute doppelt und dreifach als
ein solches aus und Frau Weissenbach hatte selbst nicht voraussehen können
welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen sollte da man einmal
günstig für sie gestimmt war
    Die Leute welche sich nur an die materiellen Verhältnisse hielten meinten
dass verständige Personen sich nur dann die Sorge für eine Waise aufladen wenn
ihnen dies ein Leichtes sei Die weichen Seelen rühmten das liebevolle Herz der
Kriegsrätin welches sich in der Hingebung an ihren Gatten noch nicht genug zu
tun wisse und kam dem Kriegsrat inzwischen doch einmal die Frage wie seine
Laura es nur anfange mit seinen Mitteln so weit auszureichen so wusste diese
seit Paul in ihrem Hause war Alles auf die für ihn bezahlte Pension zu
übertragen und es deutlich zu beweisen was sich leisten und bestreiten lasse
wenn neben der ausreichenden Summe für das Unerlässliche noch eine sichere
Einnahme zur Beschaffung des Überflüssigen und Angenehmen vorhanden sei  Es
machten sich also wie gesagt die Dinge alle ganz vortrefflich und Jedermann
war recht zufrieden bis auf den Knaben der in dem Weissenbachschen Hause seine
Heimat haben sollte und der es deutlich genug empfand dass er von der
Kriegsrätin die sich seine Mutter nannte nur geduldet nicht geliebt ward
dass sie ihn entfernte wenn sie konnte dass sie ihn ängstlich bewachte wenn man
mit ihm sprach und dass sie ihn zum Schweigen verwies sobald er von seiner
wahren Mutter und von seinen Erinnerungen zu reden begann
    Dieses Letztere währte jedoch gar nicht lange denn er hatte des Neuen in
der Stadt so viel zu sehen dass es die alten Eindrücke zurückdrängte und
nachdem der Knabe in den ersten Wochen täglich nach seiner Mutter verlangt
hatte sprach er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und Tag
völlig vergessen zu haben dass er je eine andere Heimat gehabt hatte Aber mit
seinen ersten Erinnerungen hatte Paul auch seine kindliche Fröhlichkeit
verloren Er war ein ernsthafter still beobachtender Knabe geworden der sich
in den Willen und die Weise der Personen von denen er abhängig war früh zu
schicken lernte
    Morgens wenn der Kriegsrat sich in sein Bureau verfügte und der alte
reiche Herr Präsident der schönen Laura seine alltägliche Morgenvisite machte
ging Paul bald ganz von selbst hinaus Er hatte es ja auch schon so oft gesehen
wie der alte Herr der Pflegemutter zärtlich die vollen weißen Hände küsste und
ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fingern den frischen Strauss oder
die gefüllte Bonbonnière überreichte in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein
zierlich gefaltetes Briefchen oder ein kleines wertvolles Geschenk sich
verbargen Abends hingegen wenn die Herren Offiziere und die geputzten Damen
mit den hohen Flatteusen auf dem Kopfe zum Spiele kamen dann sollte Paul
freilich in der Gesellschaft bleiben aber er musste es dann stets aufs Neue
rühmen hören wie gut wie großmütig seine Pflegemutter und wie sie zu
beklagen sei dass ihr Pflegesohn nicht freundlicher nicht fröhlicher dass er
trotz seiner schönen Augen und seines lebhaften Gesichtes ein so
verschlossener ein so wenig liebenswürdiger Knabe sei
    Er war herzlich froh wenn er endlich die Weisung erhielt das Zimmer zu
verlassen wenn er aus den lichten Räumen sich über den Korridor in die letzte
Stube der Wohnung flüchten konnte in welcher der Kriegsrat zwischen
Actenstössen vergraben bei seiner Arbeit saß oder wenn er hinuntergehen durfte
zu dem Hauswirte in die große Stube welche an den Laden anstieß
    Unten bei Herrn Flies da kamen Morgens keine besonderen Besuche zu der
Hausfrau und Abends war keine Gesellschaft zum Spiele dort Da hieß man ihn
nicht reden und nicht schweigen da ließ man ihn nicht hart an ohne dass er
wusste was er verbrochen habe da küsste und lobte man ihn nicht vor Fremden
ohne dass er einsah womit er dies verdient hätte Herr Flies saß auch Abends
niemals so wie der Kriegsrat ganz allein in einer stillen dunkeln
Arbeitsstube
    Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu tun von früh bis spät aber sein
Tun war lustiger als das des Kriegsrates es war nicht einsam und nicht immer
dasselbe Denn vorn im Laden der nach der Straße hinaussah da standen die
spiegelhellen Silbervasen auf denen allerlei Figuren Menschen Tiere und
Pflanzen nachgebildet waren vor dem Fenster Da führte der silberne Mohr mit
goldenem Schurz den schneeweißen Elephanten an goldener Kette da ringelten sich
goldene Schlangen um silberne Palmbäume da gab es in kostbaren Geschmeiden die
roten Korallen und die schimmernden Perlen welche man wie ihm Herr Flies
sagte aus der Tiefe des Meeres hervorholte und daneben funkelte der rote
Rubin und leuchtete der blaue Saphir über dem strahlenwerfenden Diamanten und
dem glänzenden Smaragd die man in jenen Gegenden finden konnte in denen die
Schlange sich um den Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und der
Hindu und der Löwe zu Hause waren die Paul am Fuße eines großen Tafelaufsatzes
zu bewundern liebte
    Alles gefiel ihm in dem Laden Er hatte immerfort etwas zu betrachten Er
hörte es gern wenn Herr Flies den Käufern die Schönheit seiner Waren rühmte
er sah ihm gern zu wenn er das eingenommene Geld im Zählen so blitzschnell aus
der Rechten in die Linke gleiten ließ um es dann in gleichmäßigen Haufen neben
einander aufzustapeln oder wenn die Leute kamen denen man Geld zu zahlen
hatte und der Kassirer es im Komptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem
Betrage auf den Zahltisch hinschiessen machte Die Handlungsgehülfen an den
Stehpulten hinter den hölzernen Gittern welche in den großen schweren Büchern
schrieben der Hausknecht der Päcke von Waren nach der Post trug oder Säcke
voll harter blanker Taler in das Haus brachte das alles beschäftigte des
Knaben Phantasie das alles liebte er zu sehen Mehr aber noch als alles das
liebte er Seba und Seba war es wert dass man sie liebte
    Sie war das einzige Kind des Juweliers Seinen größten Schatz nannte sie der
Vater einen wahren Edelstein nannte sie die Mutter die schöne Seba Flies die
schöne Jüdin hieß man sie in der Stadt Des Vaters namhaftes Vermögen war für
sie erworben was Liebe gewähren Geld erkaufen konnte Pflege und Unterricht
aller Art waren ihr zu Teil geworden In der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr
Herz entfaltet durch Bildung ihr Geist sich entwickelt sie wusste was sie
wert war und gerade darum lasteten die Verhältnisse in denen sie geboren war
und lebte so schwer auf ihr
    Was half es ihr dass sie weit schöner war als die meisten der reichen
Bürger und Kaufmannstöchter und selbst als die Edelfrauen und Fräulein welche
in ihres Vaters Laden den Schmuck für ihre Feste und den Trauring für ihre
Hochzeit kauften Was half es ihr dass sie nur zu sprechen nur zu wollen
brauchte um die Edelsteine zu besitzen welche ihr begehrenswert erschienen
Keiner der Männer für welche jene Frauen sich schmückten war für die Jüdin
vorhanden keines von all den Festen auf denen Jene sich vergnügten öffnete
seine Türen für Seba und sich zu schmücken und zu putzen für die Gesellschaft
ihrer Stammes und Standesgenossen machte ihr keine Freude Die Verachtung die
Zurücksetzung welche auf den Juden lasteten drückten sie Mit unerbittlicher
Klarheit sah sie die Schwächen und Widrigkeiten welche den von der
Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten und schon oftmals war ihr der
Gedanke durch die Seele gegangen dass Bildung und Erziehung zum Schönen und zum
Edelen für denjenigen keine Wohltat sein könnten dem es nicht vergönnt sei
sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen
    Eine heimliche Unzufriedenheit die auszusprechen schon die Zärtlichkeit und
Liebe für ihre Eltern sie abgehalten haben würde arbeitete seit sie
herangewachsen war in ihrem Innern fort und ihre phantastische Hoffnung auf
einen Wechsel ihrer Lebensverhältnisse auf eine Änderung der allgemeinen
Zustände sog ihre Nahrung aus der großen gesellschaftlichen Umgestaltung die
sich jenseit des Rheines durch die Revolution vollzog und auf welche auch ihr
Vater sein Auge und seine Erwartungen gerichtet hielt Denn wie Herr Flies auch
gelegentlich zu schweigen wusste wenn man sich mit Entrüstung über die
Revolutionäre in Frankreich äußerte welche weder vor göttlichen noch vor
menschlichen Gesetzen Achtung hegten  in seines Herzens Innerem dachte er
anders und er hatte dessen vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein
Hehl
 
                                Zweites Kapitel
Im Fliesschen Hause erregten der bevorstehende Krieg gegen Frankreich und das
Einrücken der Truppen welche bestimmt waren der revolutionären Bewegung in
Frankreich wo möglich ein baldiges Ende zu machen also keine Freude denn man
hatte allen Grund der Sache den Sieg zu wünschen die zu bekämpfen das Heer
entsendet wurde und es war dem Juwelier recht erwünscht dass der Kriegsrat die
Offiziere bei sich ins Quartier nahm Brauchte Herr Flies es nun doch nicht mit
anzuhören wie verächtlich die jungen Edelleute von den Franzosen sprachen wie
sie die in Paris verkündigte Anerkennung der Menschenrechte verspotteten und mit
welchen Schmähungen sie die Namen der großen Männer begleiteten welche in
Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Standesvorrechte ausgesprochen
hatten
    Es waren aber schöne junge Männer vornehme Offiziere die oben bei der
Kriegsrätin die großen Vorderstuben bewohnten Sie gingen täglich vielmals
durch das Haus und grüßten dabei Seba immer sehr verbindlich Nur auf einige
Tage hatte man die Einquartierung angemeldet aber sie blieb und blieb und wie
man überall auch vom Kriege und von seinen Schrecken sprach die Offiziere
schienen ihn wie eine Vergnügung anzusehen Das Leben das man jetzt im Orte
führte war auch lustig genug Die Offiziere stolzirten prächtig durch die
Straßen wurden gehegt und gepflegt ritten und fuhren umher und saßen und
scherzten mit den Frauen und Mädchen die sich gar keine besseren Gesellschafter
wünschen konnten und sich schmückten als wären es lauter Feiertage Auch die
Kriegsrätin trug jetzt immer ihre guten Kleider und war von früh bis spät in
bester Laune wenn die Offiziere so nannte sie den Hauptmann und den Grafen
bei ihr im Zimmer waren Abends gab es noch häufiger Besuch als sonst man
spielte oftmals man tanzte auch bisweilen und selbst der Kriegsrat schloss
sich jetzt von der Gesellschaft selten aus denn des Grafen Onkel war der
KriegsMinister von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrates ganze Zukunft
abhing Am Morgen fuhren die beiden jungen Edelleute die Kriegsrätin bisweilen
spazieren und nach einer solchen Ausfahrt war es dass die schöne Laura eines
Tages mit dem Grafen in den Laden des Juweliers hineinkam als Seba dem Vater
eben eine Schnur wertvoller Perlen wiederbrachte die er ihr aufzureihen
gegeben hatte
    Herr Flies fragte womit er dienen könne weil er annahm der Graf wünsche
irgend einen Kauf zu machen aber die Kriegsrätin sagte sie komme nur um Paul
zu suchen der doch gewiss hier unten bei seiner Seba sein werde Sie lächelte
dabei sehr freundlich und auch Seba lachte denn der Knabe hatte wirklich
wieder bei ihr unter den Wallnussbäumen im Garten gespielt unter deren jungem
Laube es am Mittage sehr schattig war
    Die Kriegsrätin ging über den Hof in den Garten hinaus den Knaben zu
holen Seba begleitete sie und der Graf folgte ihnen nach Madame Flies saß
draußen und pflückte Rosenblätter und Lavendelblüten zum Aufbewahren in einen
Topf Paul half ihr dabei und obschon die Kriegsrätin ihm sagte dass er
hinaufkommen solle und dass sie gehen müsse weil es bald Mittag sei ließ sie
sich doch auf der Bank unter den Bäumen nieder und schickte Paul ins Gartenhaus
für den Herrn Grafen einen Stuhl zu holen
    Der Graf fand den Garten äußerst angenehm Er rühmte den Rasen und den
Schatten und die Blumen er sagte dass es in seines Vaters Park nicht frischer
sei und er fragte die Kriegsrätin weshalb sie ihre Gäste bei diesem schönen
Wetter nicht lieber in dem Gartenhause als oben in ihren Zimmern bewirte
    Wir haben die Benutzung des Gartens nicht Herr Graf bedeutete die
Kriegsrätin
    Er steht ja immer zu Ihrer Verfügung verehrte Frau Kriegsrätin
versicherte dienstbeflissen und zuvorkommend die Hausfrau
    Die Eine dankte die Andere meinte es bedürfe des Dankes nicht und dabei
überhörten sie beide was der Graf zu Seba sagte Es musste aber etwas Angenehmes
und nichts Gewöhnliches sein denn Seba ward rot obschon sie lächelte und
blickte den Grafen an nachdem sie sich hatte abwenden wollen Es lohnte auch
der Mühe ihn anzusehen denn er war schön der schlanke junge Mann mit seiner
zuversichtlichen Miene und den stolz geschwellten Lippen
    Die Kriegsrätin und der Graf blieben nicht lange im Garten und doch war es
Seba da Jene sich entfernten als hätte sie viel erlebt als sei etwas ganz
Besonderes geschehen Sie überlegte was der Graf zu ihr gesprochen was sie ihm
geantwortet habe Sie hätte wissen mögen wie sie ihm erschienen sei und ob ihre
Redeweise ihr Betragen ihre Haltung die richtigen gewesen wären Sie war so
unsicher über sich selbst sie genügte sich plötzlich nicht Das war ihr sonst
niemals geschehen
    Am Nachmittage kam Paul herunter
    Seba sagte er sieh mich doch einmal an
    Wozu das fragte sie
    Ich will nur sehen ob Du schön bist
    Wie kommst Du darauf entgegnete sie
    Der Graf hat es gesagt versetzte Paul weit entfernt zu ahnen was er
seiner Freundin damit tat
    Sie hätte sich den Anschein geben mögen als achte sie nicht auf des Knaben
Worte aber sie konnte das Wohlgefühl das sie durchströmte nicht verbergen
Sie umfasste Paul sie drückte ihn an ihr Herz sie küsste ihn wieder und wieder
So lieb wie heute hatte sie ihn nie gehabt
    Sie sang und lachte wo sie ging und stand Nie zuvor war sie an einem Tage
so oftmals an den Spiegel getreten nie zuvor hatte ihre Schönheit sie so
erfreut Noch spät am Abend ehe sie sich zur Ruhe legte schlang sie bald
dieses bald jenes Band durch ihre Locken hing sie bald dieses bald jenes
Geschmeide um Hals und Arme Sie wollte erproben was ihr am besten stände um
es morgen anzulegen und sie dachte mit einer Wonne an den nächsten Morgen an
den nächsten Tag dass sie den Schlaf darüber lange gar nicht finden konnte
    Morgen sagte sie sich als die Nebelgebilde des Traumes ihren Sinn zu
umfangen begannen morgen Was wird morgen sein  Und der Traum bemächtigte
sich der heimlichen Gedanken und Hoffnungen die sich in ihr regten und spann
sie aus und stellte sie ihr dar und machte ihr deutlich was sie fühlte denn
der Traum ist der verführerische Gefährte der aufdämmernden Liebe der schneller
und kühner als sie ihr stets voraus ist und sie verlockt ihm in Gebiete zu
folgen in die ihr Ahnen und Wünschen sich noch nicht gewagt hat und von denen
sie nicht mehr zurückkehrt wenn sie sich erst darin verloren hat
    Und Seba hatte sich am folgenden Tage nicht vergebens geschmückt und die
Mutter hatte nicht vergebens der Kriegsrätin den Garten zur Verfügung gestellt
denn sie begann ihn fleißig mit ihren Gästen zu benutzen Morgens spazierte sie
mit dem Hauptmanne in den Alleen umher Mittags suchte man unter seinen Bäumen
den Schatten auf Abends kam man noch hinunter die Kühlung zu genießen und der
Graf war immer dabei
    Das ging Tag für Tag so fort Die Kriegsrätin und Madame Flies wurden immer
bessere Freundinnen da sie sich näher kennen lernten und Jene beteuerte dass
sie es sich gar nicht vergeben könne so manche Jahre mit Madame Flies und mit
der guten Seba unter einem Dache gelebt zu haben ohne zu begreifen welche
Hausgenossen sie an ihnen besitze Sie mochte sich von Seba kaum noch trennen
Sie versicherte dass sie dieselbe wie eine jüngere Schwester wie eine Tochter
liebe sie erzählte im Vertrauen wie der Hauptmann und vor Allen der Graf die
schöne Seba bewunderten und es war im Grunde gar nicht nötig dass sie ihr das
sagte denn der Graf hatte es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt und
Seba dachte schon lange an nichts mehr als an ihn
    Dem Vater kam das Alles nicht gelegen Er kannte die Edelleute und er kannte
auch die Kriegsrätin Er glaubte nicht an die plötzlichen Wandlungen und war
klug genug wo eine solche sich vor seinen Augen vollzog nach der Ursache des
Wunders zu fragen Hier aber reichten der Name des Grafen und die sichtliche
Bewunderung welche derselbe für Seba an den Tag legte vollkommen hin dem
Juwelier die Gefälligkeit der Kriegsrätin zu erklären und weder diese noch der
Graf wurden ihm dadurch lieber Er hätte der ganzen Sache gern ein Ende gemacht
indes Seba hatte solche Freude an der Geselligkeit in welche sie durch die
Kriegsrätin gezogen ward und sie war ja klug genug die Kluft zu ermessen
welche die Tochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte Mochte sie also
die kurze Freude genießen sich von einem Grafen bewundert zu sehen da es ja
obenein möglich war dass sich aus den gegenwärtigen Verhältnissen zu der
Weissenbachschen Familie für Seba ein Umgang entwickelte wie sie ihn sich lange
ersehnt hatte wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch beanspruchen durften
    Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche welche sie bei der
Kriegsrätin machte auch Paul ihr kleiner Freund hatte seine Lust daran denn
sie sah gar zu schön aus wenn sie Abends in ihren weißen Kleidern zur
Gesellschaft herauf kam
    Einmal am Geburtstage der Kriegsrätin hatte man noch mehr Gäste geladen
als gewöhnlich und zum ersten Male waren auch Herr Flies und seine Frau dabei
Seba hatte rote Korallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen und man lachte
und scherzte und tanzte und unter all den schönen Mädchen und Frauen war Seba
bei Weitem die Schönste Das sah Paul ganz deutlich das sagte auch Jedermann
und das sagte ihr auch der Graf dem die Uniform so straff saß dem die
Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gar nicht von Sebas
Seite wich
    Paul konnte das nicht leiden Er konnte den Grafen überhaupt nicht leiden
denn Seba beachtete den Knaben nicht wenn Jener in ihrer Nähe war ja sie
schien Paul überhaupt beinahe vergessen zu haben Nachdenklich stand der Kleine
in der Ecke und sah dem Grafen nach wie dieser Seba in seinem Arme hielt und
wie die beiden sich leise und sanft in den weichen Schwingungen des Schleifers
durch den Saal bewegten Niemand kümmerte sich um Paul und Niemand wusste wie
sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien den man mit Guirlanden und Kränzen
aufgeputzt hatte und der wie nie zuvor voll Menschen war Die Hitze der Geruch
der Blumen das Blinken der Uniformen das Drehen und Wenden der Tanzenden
verwirrten ihm den Blick und den Sinn und doch musste er immerfort nach Seba und
nach dem Grafen Berka hinsehen musste er immerfort den Namen Graf Berka Graf
Berka in sich wiederholen Seit Monaten hatte er diesen Namen täglich nennen
hören und nun mit einem Male wie er neben dem Gewühl der Tanzenden unter dem
Klange der Musik unter all dem Sprechen und Tönen und Duften so in seiner Ecke
stand meinte er den Namen Berka habe er schon lange gekannt Indes er wusste
nicht wo er ihn gehört hatte und er wusste auch nicht was ihm dabei einfiel
Aber es tauchte etwas vor ihm auf es kam ihm vor als habe er einmal etwas
gewusst als sei einmal etwas geschehen woran er lange nicht mehr gedacht habe
und immer wieder kam er dabei auf den Namen Berka zurück den er doch nicht
liebte
    Er war froh als der Tanz zu Ende war und das Drehen um ihn her ihn nicht
mehr quälte Er sah wie Seba in das Kabinet ging welches an den Saal anstieß
und er folgte ihr nach Sie hatte auf einem Sessel neben dem Ecktische Platz
genommen die Kriegsrätin die ganz entzückt von ihr zu sein schien hielt sie
bei der Hand und der Graf saß an ihrer Seite Das Kabinet war voll Menschen
denn man hatte im Saale die Fenster geöffnet weil die Nacht trotz der frühen
Jahreszeit so heiß war Wein wurde umhergegeben und mit den Gläsern angeklungen
Auf das Wohl der Kriegsrätin tranken sie und auf das Wohl der schönen Frauen
und auf Sieg und baldige Heimkehr für die Truppen vor Allem aber auf ein frohes
Wiedersehen
    Sie sprachen oft Alle durch einander dass Paul gar nicht recht verstehen
konnte was sie meinten Einer freute sich darauf in Frankreich Ruhe zu
schaffen ein Anderer auf das unruhige Kriegsleben das ihnen bevorstand und in
jedem Augenblicke beginnen konnte und Graf Berka erzählte lachend wie man ihn
von Hause nur mit Tränen habe scheiden lassen als gäbe es aus dem Kriege keine
Wiederkehr
    Ja sagte der Hauptmann auch bei uns gab es als wir aus der Garnison
aufbrachen eine Rührung die uns hätte eitel machen können
    Und dazu meinte Graf Berka haben Sie sich noch das Vergnügen gegönnt
vorher in der ganzen Provinz umher zu reisen um die Abschiedstränen Ihrer
sämtlichen Frau Tanten und Ihrer sämtlichen Kousinen einzuernten wobei Sie
gewiss nicht zu kurz gekommen sind
    Paul wusste nicht was das heißen sollte und weshalb das Alle so komisch
fanden denn ihm gefiel die Rede nicht weil Seba darüber nicht lachte wie die
Andern Sie hatte ihre Augen auf den Grafen gerichtet und ihre Augen waren so
ernst und still Der Knabe wurde traurig und immer trauriger Er kam sich so
vergessen so verlassen vor dass ers endlich nicht mehr ertragen konnte Er
trat hervor aus seiner Ecke ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen
auf ihren Schoss
    Und er hörte immerfort wie sie sprachen und lachten und lachten und
sprachen immer schneller immer lauter Alle durch einander und dabei musste er
immerfort nachsinnen und wusste noch nicht worüber und immerfort an etwas
denken und wusste doch nicht woran Er ward müde und betäubt von all dem
Treiben Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort wie ein Ton aus der Ferne
stärker vernehmlicher an sein Ohr und mit einem Male hörte er dass der
Hauptmann sagte Graf Berka Sie sind doch gewiss auch noch bei Ihrem Schwager
bei dem Baron von Arten in Richten gewesen
    Da fuhr der Knabe auf als falle ihm ein was er bis dahin vergebens gesucht
hatte und sich emporrichtend rief er laut und deutlich dass Jedermann es hören
musste Das ist Schloss Richten das gehört dem Baron von Arten der Baron von
Arten ist mein Vater  und meine Mutter liegt im Teich 
    Alles verstummte Alles sah nach dem Knaben hin Sein Aufschrei der ganze
Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die Gesellschaft gefahren Paul hatte
erschreckt von seinem eignen Tun seine Arme um Sebas Hals geschlungen die
noch mehr verwirrt als die Übrigen ihn fortzuführen suchte Sebas Mutter und
die Kriegsrätin und der Kriegsrat folgten ihnen nach die Betroffenheit war
allgemein
    Man fragte was es mit dem Kinde auf sich habe das man bis dahin
bereitwillig für eine Waise gehalten hatte Man drang in den Juwelier der
inzwischen herbeigekommen war um eine Erklärung man wendete sich an den
Grafen neugierig zu sehen wie er den Vorfall aufgenommen habe und obschon
Herr Flies und der Kriegsrat der bald zurückgekehrt war die Sache so gut es
gehen wollte in das Gleiche zu bringen suchten war die Heiterkeit der
Gesellschaft doch ins Stocken geraten Die Verstimmung des jungen Grafen war
gar zu unverkennbar und wie sehr er sich auch mühte sie zu verbergen es
gelang ihm nicht denn auch in ihm waren Erinnerungen aufgestiegen
Erinnerungen die er gern gemieden hätte
    Er stand mit einem Male deutlich vor ihm der klare Herbstmorgen an welchem
er sich vor Jahren mit dem Freiherrn auf der Terrasse von Schloss Richten
befunden hatte um zur Hochzeit nach Berka zu fahren Er erinnerte sich ganz
genau wie man in jener Stunde unten am Fluße nach einer Ertrunkenen gesucht
hatte Eine Menge von kleinen Tatsachen welche sich auf das damalige Verhalten
seines Schwagers auf die ersten Monate von Angelikas Ehe auf manche ihrer
brieflichen Äußerungen in jener Zeit auf ihren Übertritt zum Katholizismus
und auf das Zerwürfnis mit ihrer Familie bezogen und an die er bisher immer nur
wie an unzusammenhängende Ereignisse gedacht hatte fingen an sich in seinem
Geiste zu einem Ganzen zu gestalten von dem er seinen Sinn nicht abwenden
konnte Er übersah dasselbe nicht vollständig nicht ganz klar aber es erfüllte
ihn mit Mitleid für die Schwester es weckte seine Sehnsucht nach ihr auf und
er dachte mit erhöhtem Zorn an ihren Gatten
    Jetzt wusste er es plötzlich was ihn so bekannt und doch so befremdlich aus
Pauls Augen angesehen hatte und weshalb der Knabe ihm so unheimlich gewesen
war Er begriff nicht dass ihm die Ähnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich
deutlich gewesen sei Es waren seine Augen seine hohe gewölbte Stirn sein
festgeformter Mund Selbst den Nacken und den Kopf trug der Knabe so stolz wie
der Freiherr und weil der Graf seinen Schwager in diesem Augenblicke hasste so
hasste er auch dessen Bastardsohn
    Indes dem Grafen vor allen Anderen musste daran gelegen sein über den
peinlichen Eindruck fortzukommen die Szene vergessen zu machen welche man eben
erlebt hatte und seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu Hilfe
Er lachte über sein Erschrecken über die Bestürzung der Gesellschaft und wie
er die Worte des Kindes verlachte und verspottete so lachte er mit seinen
Kameraden auch über die Familie des Kriegsrats in welcher man den Knaben so
geheimnisvoll erzog Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft Was focht
es ihn an was man in derselben vermutete und meinte Er hatte oft genug mit
seinen Kameraden Epigramme über diesen Kriegsrat gemacht der in seiner
rechtschaffenen Beschränktheit die ganze Welt für rechtschaffen und für eben so
blind hielt als er selber war Es belustigte den Grafen in diesem Augenblicke
dass die Kriegsrätin ihm den Weg zu Seba gebahnt hatte und dass sie so zufrieden
und glücklich die Galanterien und Beteuerungen des Hauptmanns annahm den er
ihr als Lockspeise dargeboten hatte um sich selber von ihr frei zu machen Sie
war ihm lächerlich diese Kriegsrätin und sie war ihm komisch diese Madame
Flies die sich gar viel damit wusste dass die vornehmen Kavaliere ihre Seba so
schön fanden dass ein Graf Berka mit ihrer Tochter an deren Erziehung man
nichts gespart hatte die feinsten und erhabensten Unterhaltungen führte
    Auch über den klugen Kopf über den Vater musste er lachen der Allem und
Jedem vorsichtig misstraute und dessen Vertrauen in die Tochter doch so groß
war als habe das schöne Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner
mädchenhaften Sehnsucht und aller seiner törichten Schwäche in der Brust
    Er hätte auch gern über Seba lachen mögen die eben jetzt in das Zimmer
zurückkehrte und deren Augen ihn suchten ihn allein aber über sie vermochte er
niemals zu lachen  und sie war doch nichts als eine Jüdin und er war der Graf
von Berka der schöne Gerhard von Berka  eben er
    Er ging ihr entgegen sie mit einem Scherze anzureden doch konnte er das
Wort nicht dazu finden Sie sah ihn so fragend und so ängstlich an dass er
Mitleid mit ihr fühlte Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe heiliger tiefer
Ernst das wusste er
    Süßes Herz sagte er von ihrem Blicke überwältigt und nahm sie bei der
Hand Mehr bedurfte sie nicht Sie meinte er müsse verstehen was eben jetzt in
ihrer Seele vorging und seine Zärtlichkeit wolle ihre Sorge beschwichtigen Sie
lächelte ihm freundlich zu und leise den Druck seiner Hand erwiedernd sprach
sie O ich bin nicht traurig sorge nicht
    Ihr Ton drang ihm zu Herzen es war ihm lieb dass man aufs Neue zum Tanzen
rief dass er sie in seine Arme schließen sie nahe haben konnte Er tanzte nur
mit ihr er hätte sie keinem Andern gegönnt
    Es war spät in der Nacht als man sich trennte aber schlafen konnte Seba
nicht Wort für Wort wiederholte sie sich die Liebesschwüre welche der Graf ihr
seit Wochen getan und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte
Jede Stunde jede Minute die sie mit ihm durchlebt wusste sie sich
vorzustellen Sie erinnerte sich dass er sich einmal im Vergleiche zu seinem
ältesten Bruder dem Erben seines reichen Stammbesitzes einen Mittellosen
genannt hatte und sie freute sich ihres Reichtums um seinetwillen Sie hielt
sich alle die Schranken und die Hindernisse vor welche sie von dem Grafen
trennten um sie im nächsten Augenblicke mit den Schwingen der Liebeshoffnung
spielend zu überfliegen Vom Wahrscheinlichen zum Unwahrscheinlichsten war für
sie der Weg nicht weit und zwischen Hoffen und Wünschen Fürchten Sorgen und
Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen ihre Liebe für den Grafen ihr
Vertrauen zu seinen Schwüren und zu seinem Versprechen dass er um sie werben und
sie heimführen wolle aller Welt zum Trotze
    Mitten aus ihren wachen Träumen schreckte sie empor Die Trommeln rasselten
durch die Gassen und auf den Plätzen an den verschiedenen Häusern wurden die
Türglocken heftig gezogen Alles geriet in Aufregung der Generalmarsch
wirbelte durch die graue Morgenfrühe die Regimenter hatten die lang erwartete
Marschordre erhalten
    In allen Häusern war man wach Die Türen und Portale wurden geöffnet die
Soldaten mussten zum Appel
    Damit hatte nun Seba freilich nichts zu tun aber sie stand am Fenster und
sah hinab auf die Straße wie sie herauskamen die Soldaten hüben und drüben
aus den Häusern und wie sie fortzogen eilig eilig mit Sack und Pack
    Auch in ihrem Hause rüsteten sie sich und im Stalle sattelte man die
Pferde Der Hauptmann welcher im Zwischenstocke wohnte war schon fort Nun kam
es von oben die Treppe hinunter Den Tritt kannte sie Es musste an ihrer Türe
vorüber
    Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten indes er wusste wo es lag Sie
lauschte bange Sie meinte heute müsse er stehen bleiben heute müsse er
zaudern an ihrer Türe aber mit dem gleichmäßigen Schritt der Ruhe ging er
vorüber und sie eilte an das Fenster um ihm nachzuschauen um zu sehen wie er
aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der Stätte an der sie weilte
Auch diese Hoffnung täuschte sie und müde und traurig blickte sie nach dem
Himmel empor der zwischen den Reihen der Häuser grau und kaum noch
lichtdurchhaucht herniedersah Die Sterne waren untergegangen und die Sonne
wollte noch nicht kommen Wenn Gerhard mich vergessen könnte seufzte sie
    Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt Seba blieb am Fenster sitzen
Schlafen hätte sie doch nicht können sie wollte seine Rückkehr abwarten denn
heute war er noch da heute konnte sie ihn doch noch sehen
    Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben den der Graf auf
sie geübt Seine Schönheit sein fröhlich gebieterisches Wesen hatten sie
entzückt Er war ihr nicht genaht wie mancher ihrer Glaubensgenossen mit
vorsichtiger Bewerbung die ihr Zeit zum Überlegen ließ Wie ein Göttersohn
wie die biblischen Könige der Magd aus ihrem Volke so war er Seba erschienen
gebieterisch Liebe fordernd weil er sie begehrte und sie hatte ihm ihr Herz zu
eigen und ihren Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt Wird er dir
halten was er dir gelobt und wie kann das enden zwischen dir und ihm
    Aber jetzt da die Trennungsstunde vor der Türe stand jetzt drängte sich
mit dieser Frage der Zweifel an sie heran und bange stand sie am Fenster und
sah in die dunkle Nacht hinaus nach der Seite hin von wo die Sonne kommen
musste Die Dunkelheit beängstigte sie
    Der Tag dämmerte bereits als die Truppen vom Appel wiederkehrten Seba zog
den Vorhang am Fenster zu es sollte Niemand sehen dass sie wachte dass sie nach
ihm ausschaute Nur verstohlen gönnte sie es sich auf den Geliebten hinzusehen
Sein Brauner tanzte leicht die Straße hinab leicht und gewandt schwang der Graf
sich aus dem Sattel Als der Reitknecht ihm den Zügel abnahm hob der Graf den
Kopf empor zu ihrem Fenster
    Ob er es ahnt dass ich hier warte und nach ihm spähe fragte sie sich Sie
trug das größte Verlangen ihm irgend ein Zeichen zu geben dass sie wache
seiner denke sie hatte ihm so viel zu sagen sie sehnte sich so sehr nach einem
letzten vertrauten Worte mit ihm aber sie konnte sich nicht entschließen sie
zögerte Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer Erschreckt erfreut
eilte sie nach der Türe und blieb doch auf halbem Wege regungslos stehen
    Es klopfte noch einmal Seba öffne ich bins flüsterte eine Stimme die
ihr das Herz bewegte
    Sie faltete die Hände über ihre Brust sie hoffte er werde vorübergehen und
doch lauschte sie ängstlich und sehnsüchtig auf noch einen Ton auf noch ein
Wort von außen und sie ließ nicht lange auf sich warten
    Seba bat es noch einmal Seba ich bin es
    Sie konnte dem Tone nicht widerstehen Sie trat an die Türe öffnete und
mit dem Ausrufe Wie habe ich Dich erwartet und ersehnt reichte sie ihm ihre
Hände entgegen
    Aber er breitete nicht wie sonst wenn sie sich im Garten oder bei der
Kriegsrätin allein gesehen hatten die Arme aus sie zu umfangen und fast
spöttisch sagte er Erwartung und Sehnsucht haben Dich wie es scheint doch
ruhig schlafen lassen Ich bin schon lange an Deiner Türe
    Schlafen lassen wiederholte sie schmerzlich wie könnte ich schlafen in
dieser Nacht Ich stand am Fenster und wartete auf Dich ich sah Dich kommen
und fügte sie leise hinzu das Auge schüchtern senkend ich hörte Dich gleich
    Du hörtest mich und Du öffnetest mir nicht da Du doch wusstest dass wir
scheiden müssen
    Seba war ihrer selbst nicht Herr Die Kälte des Grafen und der sonderbare
Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie Sie konnte es sich nicht deuten weshalb
er gekommen war wenn er ihr nicht wie sonst die zärtlichen Worte seiner Liebe
aussprechen oder ihr sagen wollte was er für sie auf dem Herzen hatte Nur sein
Blick ruhte auf ihr unverwandt und es dünkte sie als freue als weide er sich
an ihrer Verwirrung und an ihrer Pein Es wurde ihr immer beklommener um das
Herz endlich konnte sie die Stille nicht ertragen es nicht ertragen dass
Gerhard so gebieterisch ihr gegenüber stand
    Ach rief sie als müsse sie wider ihren Willen ihm die Wahrheit sagen ich
fürchtete mich ich wagte es nicht
    Seba rief er vorwurfsvoll als kränke ihn das Wort während doch ein Strahl
unheimlicher Freude über sein Gesicht flog dass es ihr trotz seiner Schönheit
wie verwandelt erschien Aber er fasste sich schnell und mit dem kühlen
spöttischen Lächeln das ihr so quälend war fügte er hinzu Du bist sehr
vorsichtig und klug liebe Seba das rechte Kind Deines Volkes Aber Du hast
Recht und vielleicht habe grade ich Dir am meisten dafür zu danken dass Du
überlegen konntest wo mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen
Ich will auch gehen
    Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder Sie wollte sprechen sich
verteidigen er ließ sie nicht dazu kommen Lebe denn wohl sagte er die Zeit
drängt und mögest Du bald den Mann finden dem Du mehr vertraust als mir Nur
von Liebe hättest Du nicht sprechen sollen Kind einem Manne nicht sprechen
sollen der bereit war Dir Alles zu opfern und dessen letztes Wort Dein Name
sein wird Deine Kälte Dein ruhig überlegender Verstand bringen auch mich zum
Überlegen Lebe denn wohl  und lass uns scheiden Du hast Recht
    Er wandte sich von ihr sie warf sich ihm zu Füßen Nicht über diese
Schwelle rief sie indem sie seine Hände erfasste nicht über diese Schwelle
ehe Du mich nicht gehört mir nicht verziehen hast  Er tat als wolle er sich
von ihr frei machen sie hing sich nur fester an ihn Nicht Dir misstraute ich
rief sie nicht Dir
    Sie war außer sich sie konnte vor Weinen und vor Erregung nichts weiter
sprechen Reizender hatte er sie nie gesehen solcher Leidenschaft hatte er das
schöne junge Geschöpf nicht für fähig gehalten Dieser Flamme dieser
hingebenden Liebe gegenüber bedurfte es seines berechneten Schürens nicht
    Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden er war nahe daran zu
glauben was er ihr sagte und gelobte und beschwor und der Tag mit seinem Leben
war schon emporgekommen als sie endlich schieden
 
                                Drittes Kapitel
Der Abmarsch der Truppen die erst zu einem Feldzuge gegen Russland
zusammengezogen und dann als Reserven für den Krieg in Frankreich bestimmt den
ganzen Winter und das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren
verursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr Herr Flies hatte
in seinem Komptoir mit Wechselgeschäften vollauf zu tun die Mutter welche
sonst derlei Hilfe schon seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte hatte heute
wieder einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen denn manch ein Ring und
manch ein Andenken wurden noch erhandelt
    Die Haustüre stand nicht still die Türklingel kam nicht viel zur Ruhe
Auch auf der Treppe war beständige Bewegung Seba sah den Grafen mehrmals gehen
und wiederkehren Jetzt wird er kommen jetzt ist er da jetzt muss es sein
sagte sie sich jedes Mal zusammenschreckend wenn er sich ihrem Zimmer näherte
aber wieder ging er vorüber und das angstvolle Hoffen und das Horchen und das
Sinnen und das Grübeln begannen aufs Neue
    Draußen schien die Sonne strahlend hell aber Seba vermochte sich nicht
daran zu erfreuen Es war ihr als leuchte die Sonne heute so unerbittlich in
ihr Herz dass es sich ihr in der Brust krampfhaft zusammenzog Sie hätte die
Augen gern von sich selber abgewendet
    Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein nicht Vater nicht Mutter
fragten heut nach ihr Erst um elf Uhr als die Kinder aus der Schule
heimkehrten kam Paul zu ihr und verlangte bei ihr zu bleiben da die
Kriegsrätin ausgegangen sei den Abmarsch der Soldaten anzusehen
    Ja entgegnete Seba bleibe bei mir Aber er verlor beinahe die Lust dazu
denn ihr Gesicht war traurig und noch ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt
hatte trat der Graf zu ihnen ein Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten fiel
Seba dem Grafen um den Hals indes auch dieser sah nicht so heiter und so
selbstzufrieden aus als sonst
    Er umarmte Seba er küsste sie und küsste sie immer wieder Er sprach leise
mit ihr dass Paul es nicht verstand und endlich riss er sich aus Sebas Armen
los und Seba weinte bitterlich und laut
    Als der Graf schon auf der Schwelle stand schrie Seba auf Es schnitt dem
Knaben durch das Herz Gerhard rief sie Gerhard so kannst Du von mir gehen
    Sie eilte ihm nach sie klammerte sich an ihn als wollte sie ihn ewig
halten und küsste ihn unter Tränen Er war erschüttert er bat sie sich zu
beruhigen sich zu fassen auf ihn zu bauen Indes sein Wort war eilig sein Ton
war kälter als sein Wort und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht
    Da als er sich entfernen wollte fasste sie seine Hand und mit einer Kraft
die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam sagte sie Gerhard Du weißt es ich
liebe Dich sehr sehr und  fügte sie klanglos und bebend hinzu  es ist
furchtbar aber mir ist heute als fühlten wir beide jetzt nicht dasselbe Wenn
Du mich vergessen mich verlassen könntest O nur das nicht nur das nicht
rief sie flehend aus indem sie ihre Hände ängstlich wie zum Gebet faltete
    Der Graf blickte sie an es zuckte durch sein Antlitz er drückte sie noch
einmal an sein Herz und ohne ein Wort zu sprechen eilte er von dannen
    Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen Sie hörte wie er fortging
die Treppe hinunter wie er die Haustüre öffnete sie hörte den Vater und die
Mutter mit ihm sprechen sie hörte den Hufschlag seines Pferdes und hörte
denselben weiter und weiter verhallen Horchend als hinge ihr Leben an dem
Schalle hatte sie die Augen geschlossen die Arme hingen ihr schlaff herab
    Das missfiel dem Knaben Er ging zu ihr ergriff und schüttelte ihren Arm und
sagte Seba mach doch die Augen auf Der Graf ist ja fort
    Sie folgte dem Worte unwillkürlich und wie sie um sich her blickte wie sie
sich mit dem Knaben allein fand dessen dunkle Augen unverwandt in ihren Mienen
zu lesen suchten da fasste sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und entfloh
aus dem Gemache Sie konnte an dieser Stätte nicht mehr bleiben sie konnte das
Geräusch und das Pferdegetrappel und das Rollen der Wagen nicht aushalten die
sich von der Straße vernehmen ließ sie konnte die Sonne und das Licht des
Tages nicht ertragen
    Paul hingegen sah zum Fenster hinaus und das bunte Leben und Treiben
belustigte ihn es war kaum durchzukommen vor dem Hause Die Packpferde welche
die Zelte und die Betten und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere
trugen die schweren FeldEquipagen welche den älteren Officieren nachgefahren
wurden die Fourgons und alles was zum Train gehörte kam zum Vorschein und
machte sich breit aber von den Truppen war noch nichts zu sehen
    Seit dem frühen Morgen standen die Soldaten auf dem Paradeplatze von
unbarmherziger Disziplin zusammengehalten dass kein Glied sich regte keine
Miene sich verzog wie auch die Sonne ihnen senkrecht auf den Scheitel brannte
und die Zunge ihnen am Gaumen klebte Aber nur die Gemeinen hatten es so übel
die Herren Officiere waren besser daran
    Schöne Frauen trippelten auf ihren Absatzschuhen unter den Bäumen umher
welche den Platz umgaben und manches zärtliche Wort ward noch gewechselt
mancher heimlich geleistete Eidschwur heimlich wiederholt denn sie hatten recht
fröhlich und recht vertraut mit einander verkehrt die fremden Herren Officiere
und die Frauen und Mädchen der Stadt und sie hatten dess kaum ein Hehl
    Die Officiere rechneten es sich zur Ehre an eine so schöne Begleitung zu
haben die Frauen waren stolz auf ihre vornehmen und prächtigen Verehrer Wie zu
einem Spiele zogen die jungen Herren aus wie zu einer Lustreise gingen sie in
den Krieg gegen die elende Rotte von Empörern jenseits des deutschen Rheines
Sie erbaten und erhielten Aufträge für Paris das auch diese Herresabteilung
früher oder später zu erreichen hoffte
    Die Kriegsrätin schärfte es ihrem Freunde dem Hauptmanne noch besonders
ein den Grafen Berka an den goldenen Chignonkamm zu erinnern den er ihr aus
Paris mitzubringen versprochen hatte und sie tat sicherlich wohl mit dieser
Mahnung denn der Graf der auf der anderen Seite des Platzes eben vor seiner
Schwadron hielt sah nicht danach aus als ob er an solchen Auftrag in diesem
Augenblicke dächte
    Er hatte die Kriegsrätin gar nicht bemerkt als sie dem Vorüberreitenden
ihren Gruß zugewinkt er bemerkte überhaupt nicht viel von dem was um ihn
vorging Nur zwei Augen sah er  zwei große dunkle Augen schwebten ihm vor der
Seele die sich tränenschwer zu ihm erhoben und zwei Arme streckten sich
flehend gegen ihn aus und er hörte den bangen Aufschrei eines verzweifelnden
Herzens
    Er hätte sie gern vergessen mögen diese Augen und diesen Ton Er hätte
lachen mögen über die Scherze seiner Kameraden die ihn fragten warum er keine
Begleitung habe und wie es mit der Wette von neulich stehe Aber so leicht sein
Sinn auch war das Lachen und Scherzen gelang ihm heute nicht und seine
Gedanken wollten ihm nicht gehorchen Sie kehrten wie er sich auch vorwärts
wendete in jenes stille Gemach zurück zurück zu eines armen Weibes Schmerz
    Er atmete erst auf als er die Stadt verlassen hatte als das Tor schon
lange hinter ihm lag und die Landstraße sich vor ihm in weiter Ferne auftat
Seine Kameraden hatten ihn nie so finster und so still gesehen und finster sah
heute manche Stirne aus still war es heut in manchem Hause
    Die ganze Stadt kam ihren Bewohnern nach dem Abzuge der Truppen recht
verödet vor Mit den Festtagskleidern die man zu Ehren der kriegerischen Gäste
getragen legte man bald auch die Leichtlebigkeit ab in der man sich die Zeit
her bewegt hatte Die Rührigsten schienen müde zu sein und ruhten unwillkürlich
aus ohne Freude an der Ruhe zu haben Die Einen hatten mehr Kräfte die Anderen
mehr Zeit und mehr Geld aufgewendet als sie gemerkt und gewollt und in gar
vielen Häusern in denen man noch vor wenigen Tagen fröhlich als ob die
Heiterkeit gar kein Ende haben könnte beisammen gewesen war weilten jetzt die
Frauen einsam in ihren Stuben ohne Lust ihre Freundinnen aufzusuchen und ohne
Neigung sich es vom Gesichte ablesen zu lassen wie ihnen eigentlich an diesem
Aschermittwoch nach dem militärischen Karneval zu Mute war
    Die Zeit wurde den Frauen lang nun sie nicht mehr so heiter unterhalten
wurden aber Seba wurde die Zeit nicht lang wenn schon die Tage und die Stunden
auf ihr lasteten dass sie fast davon erdrückt ward Finster und schweigend saß
sie in ihrer Stube oder auf dem gewohnten Platze der Mutter gegenüber die
Lippen zusammengepresst den Kopf brennend und schwer von einem Denken das ohne
Ausweg sich mit zermalmender Schärfe immerfort im Kreise drehte von zagender
Hoffnung von zweifelndem Vertrauen und schwerem Bangen umhergetrieben
    Im Hause und in des Vaters Geschäften ging Alles den gewohnten Gang Die
Eltern sahen es wohl dass Seba niedergeschlagen war aber sie hofften da nun
des Grafen Besuche und Galanterien ein Ende hatten werde sie ihn bald vergessen
und sich mit ihrem guten Verstande den ganzen kleinen Liebeshandel aus dem Sinne
schlagen Man dachte darauf sie einmal durch eine schon lange geplante Reise zu
zerstreuen und der Vater ergriff jetzt doppelt gern jede Gelegenheit seine
Tochter mit Fremden in Berührung zu bringen von deren Unterhaltung er sich ein
Vergnügen für sie versprechen konnte
    Eines Morgens es war nur wenige Wochen nach dem Abmarsch der Truppen kam
gegen den Mittag hin der Architekt zu ihm der nun schon seit Jahr und Tag im
Orte wohnte Denn seit Herbert den Kirchenbau in Richten übernommen hatte waren
ihm auch andere Bauten in der Provinz übertragen worden und in jedem Betrachte
noch frei und ledig hatte er sich aus seiner rheinischen Heimat in diese
entlegene Provinz übergesiedelt um seine mannigfachen Arbeiten auf diese Weise
sicher leiten und beaufsichtigen zu können
    Weil nun der Freiherr von Arten seine Geldgeschäfte alle dem Herrn Flies
überantwortete war Herbert mit demselben bereits hier und da im Auftrage des
Freiherrn in Berührung gekommen und einem Auftrage des Barons galt auch sein
heutiger Besuch
    Es war nämlich neuerdings in Richten mehrmals von einem mittelaltrigen
Waschgeräte gesprochen worden welches die Herzogin in Vaudricour hatte
zurücklassen müssen und dessen Verlust sie stets beklagte Der Freiherr hatte
es da es ein FamilienErbstück und ein hochgehaltenes Meisterwerk aus dem
fünfzehnten Jahrhundert war seiner Zeit in Vaudricour bewundert und der
Marquis bei der Unterhaltung eine ungefähre Zeichnung davon entworfen die von
dem Architekten vervollkommnet und unter dem Beirate der Herzogin so lange
umgemodelt worden war bis sie zu ihrer Freude einen völlig richtigen Abriss des
ihr werten Gegenstandes vor sich zu haben erklärte Aber eben das Betrachten
der Zeichnung machte an jenem Abende das Bedauern der Herzogin über den Verlust
und die wahrscheinliche Zerstörung des schönen Gerätes erst recht lebhaft Auch
die Baronin äußerte ihr Wohlgefallen an den edelen Formen und den sinnreichen
Verzierungen und so entstand in dem Freiherrn der es liebte den Personen
seiner Umgebung Freude und eine Überraschung zu bereiten der Gedanke heimlich
zwei solcher Waschgerätschaften anfertigen zu lassen das eine für die
Herzogin das andere bei welchem an die Stelle des Durasschen Wappens das
Artensche angebracht werden sollte für die Baronin Aber das Artensche Wappen
ließ sich seiner Gestalt nach nicht so leicht als das Durassche in die auf
dasselbe berechneten Formen der Gerätschaften einfügen und eben deshalb hatte
der Baron der nicht leicht einen Einfall aufzugeben pflegte von dem er sich
eine Genugtuung versprach sich schriftlich an Herbert gewendet und ihn um
eine genaue Besprechung der Arbeit mit dem Juwelier gebeten
    Der Auftrag war in künstlerischer Hinsicht anziehend und in seinem
Geldwerte sehr bedeutend Die beiden Sachverständigen ließ sich also Zeit bei
ihrer Unterredung und Madame Flies kam ihren Mann an die Mittagsstunde zu
erinnern ehe man noch zu einem völligen Abschlusse über die Arbeit gelangt war
Abbrechen mochte man die Unterhaltung nicht und da man sie eben so gut bei
Tische beenden konnte taten die gastfreien Eltern deren Haus in letzter Zeit
sich noch häufiger als früher unerwarteten Gästen aus den verschiedensten
Lebenskreisen geöffnet hatte dem Architekten den Vorschlag ihre Mahlzeit zu
teilen
    Der Baumeister hatte Madame Flies und Seba noch nicht gesehen Die Schönheit
der Tochter zog ihn an die etwas dringliche Gastlichkeit der Mutter fiel ihm
komisch auf ohne ihm jedoch unangenehm zu werden und da sich ohnehin beim
Essen und bei einem guten Glase Wein manches Ungefüge schneller fügt so war man
bald mit den Verabredungen über die Gefäße und Gerätschaften im Klaren Herbert
versuchte es also Seba welche an diesem Tage sich grade wieder doppelt
unglücklich fühlte weil die wöchentliche Post ihr noch immer keine Kunde von
dem Geliebten gebracht hatte in eine lebhaftere Unterhaltung zu ziehen aber
Herr Flies kam ihm mit einer Frage nach dem näheren Ergehen der freiherrlichen
Familie und nach dem Leben der Herrschaften auf Schloss Richten unwillkürlich
hindernd in den Weg
    Herbert wusste davon gar Mancherlei zu melden Er schilderte die glänzende
Geselligkeit welche dort herrschte und den heiteren Ton der durch die
Herzogin in Richten eingeführt sei Weil sie selbst sich in der Gegend und unter
dem dortigen Adel wohlbefand hatten sich auf ihren Rat in den benachbarten
Städtchen verschiedene ihrer ebenfalls flüchtigen Landsleute niedergelassen und
diese ganze ausländische Gesellschaft hatte wie Herbert erzählte allmählich
Richten und den Salon der Herzogin zu ihrem Mittelpunkte gemacht
    Sie sprechen von dem Salon der Frau Herzogin bemerkte Sebas Mutter als ob
sie die Herrin von Schloss Richten wäre
    Nun meinte Herbert lächelnd in gewissem Sinne ist sie das in der Tat Sie
bestimmt und befiehlt dort ziemlich unumschränkt und wenn der heimische Adel
jetzt viel mehr als vor zwei drei Jahren nach Richten eingeladen und in Richten
gesehen wird so geschieht dies glaube ich gleichfalls nur auf den Antrieb der
Frau Herzogin damit die französische Einwanderung dort nicht gar zu auffallend
erscheine und das Hofhalten der Herzogin ein wenig verdeckt werde
    Herr Flies schüttelte missbilligend das Haupt Wäre es nicht eine so gute
Sache dass die Franzosen den verrotteten Zuständen in Frankreich zu Leibe gehen
und solch ein Glück für die ganze Welt wenn sie in ihrem Lande eine vernünftige
Staatsform begründeten deren Rückwirkung auch auf uns nicht ausbleiben würde
sagte er so möchte man wirklich wünschen die deutsche Koalition könnte diese
ganze EmigrantenGesellschaft wieder über den Rhein zurückführen nur damit wir
sie los würden und zwar je eher je lieber
    Herbert bemerkte dass die EmigrantenGesellschaft welche sich im Schloss
zusammenfinde den Freiherrn gewiss große Summen kosten müsse denn man führe
jetzt dort ein wahrhaft fürstliches Leben
    Ja versetzte der Juwelier in seiner kurzen und stets bestimmten Weise der
Herr Baron von Arten braucht jetzt viel sehr viel
    Und was sagt die Frau Baronin dazu fragte Madame Flies die sich nach
Frauenweise augenblicklich in die Lage der Hausfrau versetzte deren Rechte ihr
bedroht erschienen
    Die Frau Baronin ist schwer zu beurteilen antwortete Herbert
zurückhaltend und sowohl der Juwelier als seine Frau bemerkten dass er eine
nähere Erklärung vermeiden wolle Indes Herr Flies musste Gründe haben das
Gegenteil zu wünschen und den Architekten bei dem Gegenstande festhaltend
rief er Warum schwer zu beurteilen Die Berkas sind solide Leute Leute die
so viel ich von ihnen weiß auf ihre Art still man könnte sagen bürgerlich in
Berka leben Einer Frau die so erzogen ist kann glaube ich der Train nicht
recht gefallen der jetzt in Richten geführt wird Das französische Wesen ist
nebenher auch nicht der Berkas Sache Wir haben das ja bemerkte er sich gegen
Frau und Tochter wendend an dem jungen Grafen hier gesehen Und für Herbert
fügte er erklärend hinzu Wir hatten hier im Hause den zweiten Bruder der Frau
Baronin den jüngsten Grafen Berka im Quartier Einen schönen Menschen Etwas
obenaus wie all die jungen Herren aber sonst ein artiger junger Mann
    Seba hätte vergehen mögen  Ihr Vater ihr guter vertrauensvoller Vater
rühmte den Grafen
    Herbert jedoch legte wie es schien auf dieses Lob des jungen Edelmannes
kein Gewicht Ja ich kenne ihn sagte er flüchtig er ist ein schöner Offizier
Schön sehr schön ist seine Schwester auch aber sie besitzen beide den
Adelstolz und Hochmut der ja wie ich höre hier zu Lande von den Berkas
sprüchwörtlich sein soll
    Nun doch mit Ausnahme doch sehr mit Ausnahme wendete die Mutter wohl und
selbstgefällig ein Von dem Herrn Grafen Felix dem Majoratsherrn der manchmal
bei uns im Laden gewesen ist und von den alten Herrschaften mag das wahr sein
aber von dem jüngsten Herrn Grafen der oben bei dem Kriegsrat im Quartier war
konnte man das nicht sagen Er ist viel bei uns aus und eingegangen ein
liebenswürdiger junger Mann und wie mein Mann schon sagte wirklich gar nicht
stolz im Gegenteil man hätte sagen können 
    Lass es gut sein fiel der Vater ihr in die Rede und ein bitteres Lächeln
spielte um seinen fein geschnittenen Mund Man kennt diese Herablassung der
Herren Edelleute und vielleicht haben der Herr Architekt auch schon
gelegentlich etwas davon erfahren oder bekommen noch einmal davon zu reden Ich
habe Dir und Seba Euer Vergnügen an der Gesellschaft des Herrn Grafen und der
anderen jungen Herren nicht stören mögen  warum sollte ich das auch Aber es
ist gut dass Ihr nicht nötig gehabt habt ihn auf die Probe zu stellen und zu
sehen ob er je vergessen hat wer er ist und wer wir sind
    Und dem Vater gegenüber saß seine Tochter saß die arme Seba die jedes
dieser Worte wie ein Dolchstoss traf
    Sie haben Recht Herr Flies mein Mann ist der Graf Berka auch nicht rief
der Architekt Ich habe ihn vor Wochen als ich hier in einem Speisehause
zufällig mit Bekannten in seiner Nähe saß in einer Weise von den Frauen und von
seinen Eroberungen reden und in der Weinlaune Wetten über den von ihm zu
erreichenden Besitz eines jungen Mädchens eingehen hören wie nur ein ganz
frecher Wüstling sie zu machen vermag Ob er daneben  Herbert hielt inne eine
plötzliche Ideenverbindung machte ihn verstummen Auch die Eltern wurden
achtsam denn Seba wechselte die Farbe und fuhr matt mit ihren Händen nach der
Brust
    Sie ertrug es nicht länger Der Tag das Licht das Leben ängstigte sie
heute wieder so wie an jenem Morgen Das Dasein tat ihr wehe Es fasste nach
ihrem Herzen nach ihrem Hirn von allen Seiten drang es auf sie ein  spottende
Blicke höhnisches Lachen und die ganze eigene Unseligkeit
    Sie wollte fliehen das Zimmer verlassen aber die Glieder versagten sich
dem Dienste der Kopf schwindelte ihr Sie stand auf und sich mühsam aufrecht
erhaltend eilte sie davon
 
                                Viertes Kapitel
Es waren durch alle die Jahre hindurch immer sehr gemischte Empfindungen mit
denen Herbert nach Schloss Richten kam Seine Bauarbeit versprach ein schönes
Gelingen aber sie schritt nicht so schnell vorwärts als er es wünschte weil
die Schwierigkeiten alle zugetroffen waren auf welche er gleich Anfangs
aufmerksam gemacht hatte und weil man ihm von Seiten der Gutsherrschaft nicht
immer mit den zugesagten Arbeitskräften und Mitteln zur Seite stand da sich die
Kosten des Baues wie Herbert es gleichfalls vorausgesagt hatte eben durch die
Ungunst des Terrains weit bedeutender gesteigert hatten als der Freiherr es
erwartet haben mochte Indes derselbe beschwerte sich darüber in keiner Weise
die wachsende Geldausgabe regte in ihm vielmehr nur das Verlangen an nun auch
etwas vollständig Gelungenes und Bedeutendes zu schaffen und da er bei Beginn
des Unternehmens von dem Baumeister einmal auf die gute Wirkung hingewiesen
worden war welche ein Bauwerk vom Schloss und von der Terrasse aus gesehen
auf der Höhe machen würde so kam er immer wieder darauf zurück dort oben
irgend ein Monument als Aussichtspunkt zu errichten bis er endlich auf den
Gedanken geriet da man nun die Kirche in Rotenfeld erbaute die zuerst
beabsichtigte Kapelle auf der Höhe im Parke aufzuführen Es war dabei von ihm
nur auf einen kleinen aber mit seinem Kreuze weithin sichtbaren Bau abgesehen
dennoch stieß der Freiherr auch in diesem Falle auf ein abmahnendes Widerstreben
bei Angelika
    Ob die Baronin nicht zu übersehen vermochte welchen den Gesammteindruck
krönenden Abschluss man mit dem Kapellenbau erzielen könnte ob es richtige
ökonomische Bedenken waren oder ob irgend ein anderer Grund sie bestimmte sich
gegen den Plan auszusprechen das konnte Herbert nicht ergründen Er konnte
überhaupt über diese Frau und namentlich über ihr Verhalten gegen ihn selbst
durch all die Jahre nicht in das Reine kommen Wenn er sich zu ihr hingezogen
von ihrer Teilnahme ihrer Güte und Schönheit gefesselt ja beherrscht fühlte
so stieß sie ihn im nächsten Augenblicke wieder einmal gewaltsam ab und grade
diese Ungleichheit ihres Betragens trug dazu bei seine Phantasie mit ihrem
Bilde zu beschäftigen Er konnte ihr nur zürnen wenn sie ihm gegenüberstand
wenn ihr kaltes Wort ihr stolzer Blick ihn einmal trafen war er fern von ihr
so erschien sie ihm stets in dem sanften Schimmer ihrer Schönheit er freute
sich darauf sie bald einmal wiederzusehen er hatte eine Genugtuung daran
etwas für ihren Dienst zu übernehmen und wenn er sie auch fortdauernd im
Vollbesitze aller Glücksgüter sah ertappte er sich oft darauf dass er sie in
seinem Geiste immer nur die arme Baronin nannte und dass er ihrer mit Hingebung
gedachte weil sie ihm er wusste selber kaum weshalb beklagenswert erschien
    Anders verhielt es sich mit dem Baron Er war völlig wieder der frühere
selbstgewisse Herr geworden und hatte es kein Hehl dass er diese günstige
Stimmung der Gesellschaft seiner Freundin der Herzogin verdanke deren
leichtlebiger Gleichmut ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe welche
Quellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze der weise genug sei sich den
Sinn frei zu erhalten sich nicht von Zufällen beunruhigen und sich nicht vor
der Zeit altern zu lassen Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der
Vergangenheit hatte er vollkommen abgeschlossen ja er begriff es Dank dem
Zuspruche der Herzogin kaum noch wie sie ihn jemals in so sinnverwirrender
Weise hatten peinigen können War es denn seine Schuld dass der gewaltsame
Starrsinn Paulinens sie verhindert hatte sich nach hergebrachter Weise in das
Vernünftige und Notwendige zu fügen dass sie ihrer Leidenschaftlichkeit mehr
als der Vernunft Gehör gegeben Oder was konnte er dafür dass ein unglücklicher
Zufall seiner Gattin ein Geheimnis enthüllt hatte welches ihr besser verborgen
geblieben wäre
    Er hatte Stunden in denen er mit seiner Gattin um ihres Ernstes willen
recht unzufrieden war und wenn er auch von dieser Unzufriedenheit welche sich
nicht nur auf Angelika sondern auch auf den Kaplan erstreckte der sich mehr
und mehr von der im Schloss herrschenden Geselligkeit zurückzog nicht viel
merken ließ so kamen doch die Augenblicke immer häufiger in denen die Herzogin
ihm das Geständnis derselben abzulocken wusste Das gute Einvernehmen zwischen
den beiden alten Freunden knüpfte sich dadurch fest und fester und wie Herbert
es bezeichnet hatte die Herzogin bestimmte und leitete das Leben im Schloss
fast ausschließlich
    Es war ein herrlicher Sommertag an welchem der Baumeister nach jenem
Mittage im Fliesschen Hause wieder in Richten eintraf Die Fenster des unteren
Geschosses welche bis zum Boden herniedergingen waren geöffnet die Luft regte
sich nicht die Wolken schwebten wie flüssiges durchsichtiges Silber an dem
blauen Himmel Überall hörte man Vogelsang überall spielten aufsteigend und
sich in sich selber drehend zahllose Mückenschwärme im warmen Sonnenscheine
Oben auf der First des alten Turmes sah die junge Storchfamilie nach den
heranfliegenden Alten aus und aus dem fetten Grün des Rasens wuchsen von der
Wärme gelockt die Butterblumen die Kampanula die Scabiosen und eine Fülle
farbiger Gräser hervor Aus den Volièren auf der Terrasse tönte das Gezwitscher
und das Singen ihrer gefiederten Bewohner und die großen Windspiele des Barons
sprangen in langen Sätzen neben einander her ohne auf den kleinen Mops der
Herzogin zu achten der ruhig in der warmen Sonne da lag leise und träge mit
den großen schwarzen Augen blinzelnd wenn eines der Windspiele in raschem
Sprunge über ihn fortsetzte
    Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel gespeist und seine
kurze geschäftliche Unterhaltung mit dem Freiherrn gehabt ehe dieser sich
zurückzog Nun war die Zeit der Mittagsruhe vorüber die Wärme fing an
nachzulassen und der Kaffee sollte deshalb im Freien eingenommen werden Eine
chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet um gegen die Feuchtigkeit
zu schützen welche von dem Gewitterregen des frühen Morgens etwa noch im
Erdreiche zurückgeblieben sein konnte
    Die Herzogin welche nur selten einmal geneigt war sich Bewegung zu machen
saß ruhig im Sessel und drehte die kleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde
der Königin Marie Antoinette in der Hand während die Diener mit den silbernen
Teebrettern herbeikamen um den Kaffee in kleinen Tassen von SèvresPorzellan
herumzugeben Sie war heller gekleidet als gewöhnlich und als der Freiherr ihr
die Bemerkung machte dass ihr dies vorteilhafter stehe meinte sie man müsse
es dem Wetter nachtun das jetzt so freundlich sei und es sei ihr hier ja auch
so heiter so völlig heimisch zu Sinne dass sie es aus Dankbarkeit darauf
angelegt habe ihm zu gefallen
    Der Baron machte ihr das Kompliment welches diese Äußerung verlangte man
begann zu scherzen und obschon Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten
entfernt gewesen war fiel es ihm doch wieder auf wie das Leben und das Behaben
seiner Bewohner sich immer mehr verändert hatten seit er zum ersten Male
dorthin gekommen war
    Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und mit dem Kaplan seine
Muttersprache geredet jetzt sprach er wo dies irgend tunlich war das
Deutsche nicht während der Marquis der sichtlich bemüht war es zu erlernen
Herberts Anwesenheit mit welchem er fast gleichen Alters war zur Übung in
der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen liebte Sie waren auf diese Weise
in eine Art von näherer Bekanntschaft geraten und auch an dem Nachmittage auf
der Terrasse plaudernd umhergeschlendert bis ein Zufall sie in das geöffnete
Billardzimmer führte in welchem man die Rapiere die Fleurets und überhaupt die
Gerätschaften bewahrte deren man zu körperlichen Übungen bedurfte Der
Marquis welcher ein Meister in denselben war forderte den Architekten auf ein
paar Gänge zu machen und nachdem man sich damit genug getan hatte nahm der
bewegliche Franzose schnell ein Racket in die Hand Herbert zum Federballspiele
einladend
    Jeder Müssige nimmt ohne es zu wollen an der Beschäftigung Teil welche er
vor seinem Auge ausüben sieht und bald hatte die Sicherheit der Spielenden die
Zuschauer so lebhaft gefesselt dass deren Unterhaltung sich nur noch auf sie
bezog
    Herbert schlägt den Ball so sicher wie er den Zirkel und das Richtmass
führt bemerkte der Freiherr indem er dem Diener seine geleerte Tasse reichte
    Ja meinte die Herzogin welche kurzsichtig war und das Glas vor die Augen
genommen hatte er ist Meister in dem Spiele er übertrifft selbst den Marquis
den man sonst dafür bewunderte und der es ich kenne diese kleine Eitelkeit an
ihm auch sicher nur in Vorschlag gebracht hat um die gewohnte Bewunderung zu
ernten
    Kaum irgend eine andere Übung ist so geeignet die Schönheit und Anmut der
Gestalt zu zeigen als eben dieses Spiel hob der Freiherr nach einer Weile in
welcher man ihnen schweigend zugesehen hatte wieder an und Herbert ist in der
Tat ein ungewöhnlich wohlgestalteter Mann Sehen Sie wie schlank der
Oberkörper an den Hüften einsetzt und wie frei der kräftige Nacken sich auf den
breiten Schultern bewegt Er gleicht seinem Vater ungemein der selbst in
Italien in dem Lande der schönen Mannesgestalten noch durch seine Wohlgestalt
Aufsehen erregte Dazu hat er viel Verstand und ein schickliches Betragen
    Gewiss bekräftigte die Herzogin die sich seit langer Zeit darin gefiel
Herberts Beschützerin zu machen und seine Vorzüge an das Licht zu bringen
Finden Sie nicht liebe Angelika dass er wirklich die Tournüre eines Mannes aus
unserer Gesellschaft besitzt Und er hat mehr Geist mehr Herz mehr Schwung
als Mancher der Unserigen
    Die Baronin hatte bis dahin schweigend da gesessen und offenbar der ganzen
Unterhaltung nicht zugehört denn erst als man ihr die Frage wiederholte fuhr
sie wie aus tiefem Sinnen auf und bejahte sie flüchtig
    Die Herzogin wollte wissen was sie beschäftigt hätte sie vermochte es aber
nicht zu sagen Sie meinte das Werden des Frühjahres und die Herrlichkeiten des
Sommers hätten sie stets gerührt und ergriffen sie dieses Mal so gewaltig dass
sie sich versucht fühle eine Ahnung darin zu erkennen Man redete ihr das aus
der Baron pries ihr gutes Aussehen ihre blühende Farbe und die Herzogin rief
Es ist zu viel Gesundheit zu viel Lebensfülle lieber Freund die unsere
Angelika so schwermütig machen Gewiss meine Teure Sie dürfen um meinetwillen
Ihre Jahre nicht vergessen Sie haben starke Spaziergänge Sie haben Bewegung
nötig
    Ich promenire täglich versicherte die Baronin
    Ja Sie promeniren so viel als meine Bequemlichkeit es zulässt und begehrt
meinte die Herzogin Aber fragen Sie Ihren Mann wie leichtfüssig ich war wie
schnell zu Pferde wie schnell zu jedem Spiel als ich Ihr Alter hatte Allons
meine schöne Kousine dort ist ein Mittel Ihre Schwermut los zu werden
Schnell ein Racket meine Herren die Frau Baronin wünscht von der Partie zu
sein
    Die Spielenden wendeten sich bei dem Anrufe zu ihnen der Marquis welcher
sich alle die Jahre hindurch vergebens bemüht hatte der kalten Deutschen wie
er die Baronin nannte eine wirkliche Teilnahme abzugewinnen eilte in den
Saal das Racket zu holen und obschon widerstrebend ließ Angelika sich endlich
von den Bitten der beiden jungen Männer und von dem Zureden des Freiherrn
bestimmen sich als Dritte zu den Spielenden zu gesellen
    Es war lange her dass sie sich einem solchen Vergnügen überlassen hatte Die
lebhafte Bewegung der fröhliche Zuruf des Marquis erheiterten sie die große
Geschicklichkeit und die vollendete Anmut Herberts reizten sie es ihm gleich
zu tun und der Beifall der Herzogin das zustimmende Lachen ihres Mannes
regten ihren Ehrgeiz auf Sie wollte der Herzogin beweisen dass auch eine
Deutsche der Sicherheit und Grazie nicht entbehre und wie sie sich in dem
leichten wallenden Gewande hinbewegte wie die blassblauen Bänder von ihrem
schlanken Leibe niederflossen und vom Luftauche bewegt in ihren blonden Locken
spielten sah sie so schön aus dass ihr aus dem entzückten Auge Herberts der
sich mit der Freude eines Künstlers und mit der heißen Seele eines jungen Mannes
an ihrer Schönheit ergötzte ein gewisses fröhliches Siegesgefühl durch das Herz
zog
    Sie vergaß es wie schwermütig sie sich eben erst gefühlt hatte sie
vergaß dass es ein Sterben gäbe so voll Leben klopfte es in ihren Adern
    Immer rascher flogen die Bälle von Einem zum Andern immer lebhafter wurden
die Wendungen mit denen man ihnen begegnen musste da als die Lust der
Spielenden ihnen Allen Flügel geliehen zu haben schien rief plötzlich die
Herzogin dass nun die Reihe der Vergnügungen auch an sie käme und dass man sie
über das Ballspiel nicht vergessen möge
    Sie war gewohnt seit sie in Richten lebte Nachmittags ihr Whist zu
spielen Der Baron und der Marquis machten dann ihre Partner und wie dieser
sich auch dagegen sträubte wie jener auch für die Jugend sprach da die
Fröhlichkeit seiner Gattin ihm Freude gewährte die Herzogin bestand mit
scherzendem Eigensinne auf ihrem Willen Der Spieltisch wurde in einem der
Zimmer aufgestellt der Baron führte sie hinein und als der Marquis mit
komischem Seufzer sein Racket aus der Hand legte wollten auch die Baronin und
Herbert ihr Spiel beenden aber die Herzogin gab das nicht zu Sie behauptete
auf ihre Kartenpartie verzichten zu müssen wenn Angelika sich dadurch in ihrer
Unterhaltung und im Genuße des schönen Tages stören lasse und da auch der
Baron seine Frau aufforderte noch im Freien zu bleiben so gab sie nach
    Indes sie war durch die Unterbrechung wie sie meinte aus dem rechten Zuge
gekommen und das musste auch bei Herbert der Fall sein denn nun sie ohne den
Marquis und ohne ihre Zuschauer auf einander angewiesen waren wollte es mit dem
Spiele nicht mehr gehen Die Baronin schlug nicht weit genug der Ball verfehlte
sein Ziel sie fing ihn auch nicht immer so sicher obschon Herbert sein Bestes
tat und nach verschiedenen Versuchen sich wieder in den früheren Gang zu
bringen reichte sie das Netz und ihren Ball dem Architekten hin weil sie zu
müde sei das Spiel noch fortzuführen
    Sie wollte sich niedersetzen Herbert warnte sie davor da sie sich erhitzt
hatte und nachdem sie eine Weile in mannigfach wechselndem Gespräche auf und
nieder gegangen waren kam Herbert als sie die Höhe im Lichte der sinkenden
Sonne vor sich liegen sahen natürlich auf den Kapellenbau zu sprechen Da dem
Baumeister die Ausführung seines Planes vor allen Dingen am Herzen lag so erbat
er sich von der Baronin die Gunst sie durch den Park noch einmal auf die Höhe
und an den für die Kapelle bestimmten Platz hinaufgeleiten zu dürfen weil er es
seiner Beredtsamkeit zutraute sie für das Vorhaben an Ort und Stelle gewinnen
zu können Sie zeigte sich jedoch Anfangs nicht geneigt dazu da er aber seine
Bitte wiederholte und der Freiherr selbst schon bei der Mahlzeit diese
Besichtigung vorgeschlagen hatte so willigte sie ein und sie machten sich auf
den Weg
    Wie sie nun so durch den Garten hinschritten ging Herbert gleich daran der
Baronin die Sache noch einmal vorzutragen und sein Plan war so wohl erwogen er
setzte ihn so beredt und mit so viel Schönheitsgefühl auseinander dass es fast
unmöglich war sich nicht dafür einnehmen zu lassen Auch begriff Angelika ihn
gar wohl das verrieten die Zwischenfragen welche sie tat Da aber jedes
Verstehen und jedes Verstandenwerden eine Befriedigung in sich tragen so wurde
je weiter man kam sein Erklären wärmer ihr Eingehen auf dasselbe lebhafter
und mit der geistigen Erregung der Beiden steigerte sich die Schnelligkeit ihres
Ganges bis Angelika als man sich etwa auf der halben Höhe des Hügels befand
plötzlich stehen blieb und tief aufatmend eine kurze Rast verlangte
    Sie lehnte sich an den Stamm einer jungen Birke und wie die lang
herniederhangenden Zweige derselben an denen die warmen duftigen Blätter mit
ihrem hellfunkelnden Grün sich wie geflügelt an ihren Stengeln wiegten das
rosige vom raschen Gange leicht gefärbte Antlitz der Baronin umspielten
gestand sich Herbert dass er niemals eine schönere Frau gesehen habe Er hätte
es ihr gern sagen mögen der Ausruf der Freude drängte sich ihm auf die Lippen
indes er hielt ihn vor der hochgebornen Frau zurück aber er hätte in dem
Augenblicke viel darum gegeben ihr aussprechen zu dürfen wie ihr Anblick ihm
das Herz entzücke
    Es musste davon etwas in seinen Mienen zu lesen sein denn Angelika lächelte
ohne zu wissen weshalb Wie ihm ihre Schönheit wieder einmal so beseligend
aufgefallen war so fiel es ihr in demselben Momente plötzlich ein dass sie ohne
Begleitung mit ihm fortgegangen sei und sie sagte diesem Gedanken folgend
Kommen Sie wir sind weit vom Schloss und haben noch eine Strecke zu steigen
Es könnte dunkel werden wenn wir uns nicht beeilen
    Er ahnte ihre Befangenheit wie sie seine Bewunderung erraten hatte und
das brachte sie ihm näher Er fragte ob sie ihm erlauben wolle ihr seinen Arm
anzubieten Sie wagte nicht seinen Beistand auszuschlagen eben weil sie
besorgte er könne darin entweder eine Geringschätzung sehen die sie dem
jungen von ihrem Manne hochgeschätzten und liebenswürdigen Künstler nicht
antun mochte oder er könne etwa gar auf den Einfall geraten dass sie das
Alleinsein mit ihm unsicher mache und diese Möglichkeit widerstrebte ihr noch
mehr Sie gab ihm also den Arm und wie er nun das schöne Weib an seiner Seite
fühlte wie ihr Schritt mit dem seinen rhytmisch zusammenfiel ihr flatterndes
Haar da er sich zu ihr wendete seine Wange ihre Schulter die seine berührte
da vergaß er Alles außer dem Vollgefühle seiner Jugend und seiner Kraft Die
Luft das Licht der Duft welcher aus der frisch aufquellenden Erde und aus den
tausend Blätterknospen strömte der Vogelsang der von allen Enden sich hören
ließ und die eigene Lebensfülle und der Wiederschein des Himmels aus Angelikas
strahlenden Augen machten ihn von Herzen froh Er ging schneller und schneller
aber Angelika beschwerte sich nicht darüber denn auch ihr war der Fuß beflügelt
und die Brust erweitert Es schien ihr als hebe er sie mit sich empor es
freute sie sich von seiner Kraft getragen zu fühlen und gleichen Schritt mit
seiner Rüstigkeit halten zu können
    Sie hatten schon lange nicht mehr mit einander gesprochen als sie die Höhe
erreichten und doch war ihnen beiden ganz anders zu Mute als da sie ihren Weg
begonnen und als in dem Augenblicke in welchem sie gerastet hatten Sie
befanden sich nun auf dem Punkte auf den Herbert sie zu führen verlangt hatte
Die Sonne war schon im Sinken oben auf der Höhe wehte die Luft frischer Die
Baronin blieb eine Weile in Betrachtung versunken stehen Sie dachte nicht
daran dass ihr Arm noch auf dem Arme des jungen Mannes ruhe und er hütete sich
sie daran zu erinnern Mit dem Weben der Natur mit dem Hinblick in die Ferne
war eine Reihe von Gedanken in ihm rege geworden und der schwungvollen Freude
folgte ihre Schwester die Wehmut Es war ohnehin das erste Mal dass er
Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und jugendlich froh gesehen hatte
und dass dieser Frohsinn so schnell entschwand dass sich über ihr Antlitz schon
wieder der Schleier der Melancholie herniedersenkte das vermehrte seine
elegische Bewegteit
    Wir sind an der Stelle hier müsste die Kapelle stehen sagte er endlich
aber er konnte sich nicht überwinden ihr hier die früheren Erklärungen zu
wiederholen Es kam ihm Alles so gering vor neben dem was er empfand was auch
Angelika  er zweifelte nicht daran  empfinden musste denn auch sie stand in
sich versunken da Als sie emporblickte schaute sie ihn an es däuchte ihr als
sähe er traurig aus Sie machte sich von ihm los aber sie wagte die Frage
nicht weshalb er nicht mehr heiter sei und er ließ ihr dazu auch nicht die
Zeit Dass wir so vergänglich sind rief er aus wir und der Frühling und die
Jugend und die Schönheit So vergänglich während das Unbeseelte dauert
    Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben und er bewegte sie aber sie
nahm sich zusammen und entgegnete Und doch wollen wir hier einen Bau errichten
der Dauer haben soll
    Ja rief er indem er in die Ferne hinabwies wo die Mauern der Kirche
mächtig emporstiegen ja Dauer Dauer so lange als möglich Seit Jahren weilt
mein Sinn an diesen Orten noch Jahre lang wird er sich hierher wenden All mein
Können und Wissen ist diesen Stätten geweiht Und wenn dann der Tag kommen wird
an welchem das goldene Kreuz drüben von dem Turme und hier von der Höhe in die
Ferne leuchtet wenn diese Bauten vollendet sein werden dann  werde ich gehen
um nicht wiederzukehren dann ist meines Weilens hier nicht mehr 
    Es war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in seiner Arbeit es war
die alte Klage dass der Mensch vergänglicher ist als das von ihm Geschaffene
welche ihm durch den Sinn zog und in der Jugend überrascht uns die grausame
Notwendigkeit des Untergehens des Sterbenmüssens immer wieder auf das Neue
    Er hielt inne nachdem er gesprochen hatte fasste Angelikas Hand und fuhr
fort Aber früh und spät Sommer und Winter wird Ihr klares Auge sich hierher
richten wenn Sie an Ihr Fenster treten hier werden Sie knieen im Gebet O
möge nie die Stunde kommen in welcher Sie hier Trost suchen müssten in dem
Kummer Ihres Herzens  denn der Schönheit soll der Schmerz nicht nahen
    Angelika war wie verzaubert Das hatte sie nicht erwartet Einen Ton des
Herzens wie er aus den Worten dieses Mannes erklang hatte sie nie vernommen
und er erweckte in ihrer Seele ein Etwas das noch nie in ihr so klar gesprochen
hatte Glück und Erschrecken Freude und Pein ein stolzes Aufjauchzen eine
herzbeklemmende Angst bestürmten sie auf einmal Es kam ihr vor als fühle sie
eben jetzt zum ersten Male dass sie lebe und welcher Seligkeit sie fähig sei Es
zog sie mit süßer mächtiger Gewalt zu Herbert und doch scheute sie diese
Gewalt Sie sehnte sich seinen Blick zu genießen und wendete sich von ihm ab
und wie sie sich von ihm wendete da sah sie hinunter in das Tal und weithin
zogen sie sich die langen Windungen des schnellen tiefen Flusses der so hell
und so heiter dahinschoss durch das Land und sie waren eben so hingeflossen über
Paulinens Leichnam und hatten ihn an das Ufer gespült an das Ufer hier unten
im Park vor ihren eigenen Augen
    Schrecklicher furchtbarer als jemals stand das Bild jener Stunde vor ihrem
Geiste und heute zum ersten Male mischte sich in ihr Entsetzen und in ihre
Verzweiflung über jenes Ereignis eine zornige Empörung gegen ihren Gatten eine
Auflehnung gegen ihr Geschick gegen die Vorsehung
    Warum war er in ihr Leben getreten der ältere Mann mit der schuldbefleckten
Vergangenheit dem die Herzogin im Grunde mehr galt und näher stand als sie
Warum hatte der Himmel es ihr auferlegt ein Verbrechen büßen zu helfen das sie
nicht begangen und das denjenigen der es verübt hatte jetzt lange nicht mehr
so schwer bedrückte als sie die Schuldlose Warum hatte Gott ihr das Glück
versagt die reine die erste heiße Liebe eines edelen Jünglings zu genießen und
freien Herzens die Empfindung zu fühlen die jetzt plötzlich wie ein belebendes
Feuer ihr ganzes Wesen durchglühte
    Es war das Alles kein langsames Denken keine Folge von Überlegungen es
war jenes plötzliche allumfassende Erkennen das in einzelnen entscheidenden
Momenten dem Menschen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit
verleiht Über sich hinausgehoben durch die Erregung des Augenblickes
überblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten Zusammenhange und
begreift seine Zukunft mit einer seherischen Klarheit die ihm das Ziel und das
Ende derselben die ihm sein künftiges Schicksal wie in einem untrüglichen
Spiegelbilde darstellt
    Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Flut der Gedanken und
Empfindungen welche sie überfiel Mit einem unterdrückten Ausrufe des Schmerzes
ließ sie sich ihr Gesicht in ihre Hände verbergend auf die Steinbank
niedersinken und unaufhaltsame Tränen entströmten ihren Augen
    Wie außer sich warf der junge Mann sich ihr zu Füßen Um Gottes willen rief
er was ist geschehen Reden Sie reden Sie Was habe ich getan Was habe ich
denn gesagt
    Er hatte ihre Hände ergriffen Sie wollte ihn nicht sehen lassen dass sie
weinte und wendete das Antlitz von ihm indem sie sich erhob Aber der Ausdruck
des Schmerzes in ihren Zügen nahm ihm alle Herrschaft über sich Er schlang
seine Arme um sie und fragte das Schicksal anklagend Muss sie muss dieser
Engel weinen 
    Das war mehr als sie ertragen konnte denn es sprach sympatetisch ihre
eigenen Gedanken aus Sie ließ ihr Haupt auf seine Schulter niedersinken und
weinte an seinem Herzen heißer schmerzlicher als sie je zuvor geweint Er
hielt sie umfangen er wusste selber nicht wie ihm geschah Er fühlte sich wie
berauscht aber er wagte es nicht den Kuss auf ihr Haupt zu drücken das seine
Lippen berührten ihr Unglück machte sie ihm heilig
    Als sie sich endlich emporrichtete war sie erschöpft und bleich Die Sonne
war nun völlig untergesunken die Dämmerung spannte leise webend ihre duftigen
Schleier über die Gegend aus Langsam begann die Mondessichel die im Nebel des
Abends schwamm aus ihm heraufzusteigen sich aus dem Purpur seiner Dünste zu
erheben und zum reinen hellen Lichte zu verklären Kein Laut regte sich kein
Vogel sang selbst das leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört
Die Einsamkeit die Stille waren vollkommen es ward dem jungen Manne
märchenhaft zu Mute
    Unten im Schloss zündete man die Lichter in den Sälen an Dorthin gehörte
sie dorthin musste sie wiederkehren dorthin musste er sie geleiten dorthin
musste sie gehen
    Sie hielt sich das vor aber sie sagte sich innerlich Hier auf dieser
Stelle lasse ich meine Seele zurück Hier wo sie zum ersten Male aufgelodert in
dem Feuer einer Liebe die eine Sünde für mich ist
    Sie hatten beide keine Worte mehr sie standen fern von einander und hätten
doch ewig hier weilen mögen hätten vergessen mögen dass es noch eine Welt und
Menschen gäbe außer dieser Stelle und außer ihnen Beiden Keiner fühlte den
Mut das Wort zu sprechen das sie von diesem Platze scheiden hieß Endlich
machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte ihr Ihre Glieder ihre
Bewegungen waren kraftlos er bot ihr schweigend seinen Arm und schweigend nahm
sie ihn wieder an So ging sie neben ihm her in stiller
glücklichunglückseliger Feier voll Schmerz und ohne Hoffnung und doch eine
Flamme eine Glut in ihrem Herzen die sie erwärmte die sie vertröstete und
sie in die Ferne in die Zukunft hinauszuweisen schien damit sie den Augenblick
nur überstände
    Als sie hinunterkamen in den Park wo das Unterholz und die Gebüsche dicht
belaubt waren schlang Herbert seinen Arm wieder um den Leib Angelikas und sie
wehrte es ihm nicht Ihr Auge hing an seinen Blicken sie sah im Mondlichte wie
verklärt aus In den Hecken schlugen die Nachtigallen der süße flötende Ton
löste ihnen die Seelen auf er nahm ihre Hand und küsste sie wieder und wieder
    Wie schön ist die Welt wie schön die Nacht sagte er endlich
    Ja für die Glücklichen fügte sie seufzend hinzu  aber sie ist lang lang
und finster wenn man sie durchweint
    So kamen sie vor das Schloss Sie werden doch nicht in den Saal gehen fragte
er und es war ihm eine süße Empfindung dass er für sie sorgte und ihr riet
dass er ein Geheimnis mit ihr hatte
    Nein ich kann nicht antwortete sie sagen Sie die Abendkühle habe mich
unwohl gemacht
    Die Diener hatten sie kommen sehen und öffneten die Türe Angelika reichte
Herbert die Hand Er küsste sie ihr wie Abschied nehmend und da er sich vor ihr
neigte sprach sie nur ihm hörbar Da oben dürfen wir keine Kapelle bauen
 
                                Fünftes Kapitel
Margarete sagte der Marquis als er an dem Abende an welchem Herbert und die
Baronin auf dem Hügel jenseit des Parkes gewesen waren sich in den Zimmern
seiner Schwester mit ihr allein zusammen fand Margarete was hat denn dieser
Baumeister heute gehabt dass er so gesprächig und so witzig war
    Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Pudermantel gehüllt auf
ihrer Bergère Sie ließ sich von Mademoiselle Lise die Puffen und das Chignon
ihres Haarbaues auflösen und für die Nachtruhe ordnen während sie den
OrangenblütenTee trank der die Nerven beruhigen und dem Teint seine Frische
erhalten sollte
    Sie gab dem Bruder keine Antwort er schien ihrer auch nicht zu bedürfen
denn er lächelte nahm das emaillirte Pudermesser welches auf dem Tische lag
trat damit an den Spiegel dessen Lichter angezündet waren und sagte indem er
sich behutsam die Schläfen säuberte Und Madame die sich zurückzieht Sie ist
sehr belustigend diese verräterische Unschuld
    Weil ich sie kenne diese Deutschen meinte die Herzogin riet ich Dir auf
Deiner Hut zu sein Ihre Poeten haben sie verdorben sie sind schwerfällig und
empfindsam selbst in ihrer Freude und sie verstehen das Genießen nicht
    Eine so schöne Schülerin verdiente aber dass man sie des Besseren belehrte
rief der Marquis der sich der Schwester gegenüber in einen Sessel
niedergeworfen hatte
    Ein flüchtiger Blick den die Herzogin nach ihrer Dienerin richtete legte
dem Bruder Schweigen auf aber das Lächeln welches um seine Lippen spielte
konnte er nicht unterdrücken und während er mit der feinen Hand die Nadel in
seinem Halstuche anders zu stecken versuchte sagte er Nur unter seines
Gleichen kann man fröhlich leben und es war Zeit dass diese keusche Erhabenheit
zu uns herniederstieg Man könnte den Seladon beneiden wenn seine strahlende
Freude nicht auf die bisherige Armut seines Lebens schließen ließe Man könnte
ihn beneiden diesen armen Burschen
    Und beneidenswert kam Herbert sich auch vor als er in der Stille der Nacht
an seinem Fenster stand  Er glaubte sie noch zu fühlen die schlanke volle
Gestalt die er in seinen Armen an seiner Brust gehalten hatte Sein Herz
klopfte sein Sinn war aufgeregt aber hell und klar Er erinnerte sich jeder
ihrer Mienen jedes ihrer Worte er fühlte sich von frischem Leben durchdrungen
wie über sich und seine ganze Vergangenheit erhoben Er hätte es laut ausrufen
mögen wie voll Freude und voll Wonne er sei
    Das große hohe Zimmer war ihm zu eng er konnte nicht auf einem Flecke
nicht ruhig bleiben Er musste in das Freie auf die Terrasse hinaus Mit
schneller Hand öffnete er die Flügeltüren die frische Luft strömte ihm voll
entgegen es war hell wie am Tage Der Mond stand hoch am Himmel Wölkchen so
klar dass sie kaum die funkelnden Sterne verdeckten zogen langsam schwebend
vorüber Der Sang der Nachtigallen lockte in weichen herzlösenden Tönen aus den
vollbegrünten Büschen Herbert war es als sei das Alles nur um seinetwillen da
    Mit dem stolzen frohen Empfinden das der Besitz verleiht ging er auf der
Terrasse umher Es schlief Alles im Schloss Niemand teilte mit ihm die Wonne
dieser Stunde dieser Nacht sie war ganz sein So allein so einsam hatte er
vor wenig Jahren die Nächte durchlebt wenn es ihn nicht ruhen lassen am leise
rauschenden Meeresstrande zu Neapel und zu Bajä so einsam war es gewesen auf
den steinernen Sitzen des Kolosseums zu Rom und doch es war ihm jetzt noch
anders zu Sinne als damals Denn wie sich in der Stunde des Schmerzes alles
Leid vergangener Jahre unabweislich an uns herandrängt so nahen sich uns in dem
Augenblicke der uns günstig ist wie von magnetischer Kraft herbeigelockt die
schönsten Erinnerungen unseres Lebens dass wir unsere Vergangenheit und unsere
Gegenwart als Eines als ein großes ganzes Glück empfinden und wer solche von
guten Geistern umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat der geht arm aus der
Welt und aus dem Leben
    An seinen Vater dachte Herbert und wie der ihn eingeführt in das erhabene
und doch so offenbare Reich der Schönheit und der Kunst seine Mutter hatte er
neben sich und sie erzählte ihm dem einzigen Kinde wie da oben hinter den
weissgeflügelten Wölkchen die unsichtbaren Englein im goldenen Himmelslichte sich
wiegten und den guten Kindern rosige Träume herabträufelten mit dem Taue der
Nacht Und die Lieder seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Töne
lösten sich auf und gestalteten sich neu bis sie in jenen wunderbaren Melodien
verklangen in welchen die Gondoliere auf den Kanälen von Venedig die Stanzen
ihres Tasso singen Und dann wieder umstrickte ihn die Stille der Nacht so
sanft dass kein Gedanke Form und Gestalt annehmen konnte und er nichts empfand
als ein liebevolles Glück als die Wonne zu leben und zu atmen inmitten der
Natur
    Vor einem der Gartentische blieb er stehen Sein Auge heftete sich an das
FederballSpiel welches auf demselben liegen geblieben war Er nahm das Racket
in die Hand dessen Angelika sich bedient hatte Der rote Sammetreif umspannte
das Netz von goldenen Schnüren der Tau hatte es mit seinen Perlen übergossen
Das war der Zauberstab der ihm den heutigen Abend der ihm diese selige Stunde
heraufbeschworen Der gefiederte Ball lag noch darauf er warf ihn fast
absichtslos ein wenig in die Höhe und fing ihn mühelos wieder auf So war es ihm
heute überhaupt gegangen so war ihm das wundervolle Abenteuer das süße
Erlebnis fast ohne sein Zutun von der Stunde Gunst beschieden worden und es
dünkte ihm darum noch lieblicher und zauberischer
    Aber sie irrten beide der Marquis und dessen Schwester Herbert war kein
solcher Neuling im Leben und er liebte die Baronin nicht Es war kein
Liebesrausch keine Verblendung durch ein eitles Hoffen gewesen die ihn an dem
Abende so gesprächig und so witzig gemacht wie der Marquis die Erregteit des
Baumeisters bezeichnet hatte Es war ein zärtliches Mitleid eine großmütige
Sorge die er für Angelika in seinem Herzen trug und leise aber doch erkennbar
genoss er die Genugtuung den Stolz dieser vornehmen Frau der ihn manchmal
beleidigt und verletzt hatte so hingeschmolzen und sie trostsuchend an seiner
Brust gesehen zu haben Er erinnerte sich des Augenblickes da er mit freier
Seele vor sie hingetreten war und sie ihm das Bewusstsein aufgedrängt hatte dass
er ihr missfalle Jetzt dess war er sicher dachte sie anders über ihn aber wenn
er sich auch fragte was Angelika bestimmen mögen einen Mann den sie nicht
geringschätzen konnte alle die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu
behandeln so war er sich seines Wertes doch zu sehr bewusst und zu sehr gerührt
von den Tränen der schönen Frau als dass sich in sein befriedigtes Selbstgefühl
und in seine Teilnahme für die Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt
hätte
    Er wollte versuchen ihr näher zu treten ihr Vertrauen zu gewinnen Er
stellte sich vor dass sie gegen ihren Willen des weit älteren Mannes Frau
geworden sei dass man sie gezwungen habe einer früheren Liebe zu entsagen So
wie mit ihm mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch die duftende
Dämmerung des Frühlings gewandelt sein so mochte sie mit einem Geliebten von
milder Höhe hinabgesehen haben in ein stilles Tal und nun hatte Herbert ihr
die Erinnerung an verlorenes Glück an dauerndes Entbehren wach gerufen Sie
hatte dem Entfernten dem Vermissten nachgeweint Tränen der Erinnerung waren es
sicherlich gewesen welche sie an seiner Brust vergossen hatte und wie er sich
mehr und mehr in diese Vorstellung versenkte so standen auch jene Frauen vor
ihm denen er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens Neigung und Liebe und
Leidenschaft entgegengebracht hatte Die schöne Empfindung jener wechselnden
Stunden erwärmte und durchglühte ihn und er liebte seine Erinnerungen und die
Frauen und das Lieben und wenn er sich seiner fröhlichen Vergangenheit und
seines Glückes freute so dachte er dazwischen doch immer wieder der Baronin
die solchen Glückes Fülle sicher nicht gekannt hatte und der Vorsatz ihr
beizustehen ihr nahe zu bleiben entzückte ihn weil die Liebe ihn so
entzückte
    Der Tag kam herauf als er endlich in sein Zimmer zurückkehrte um sich zur
Ruhe zu legen aber er konnte nicht mehr schlafen und hätte er es vermocht es
wäre ihm nicht viel Zeit dafür vergönnt gewesen Er musste früh hinaus da er mit
dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte der noch innerhalb der
Herrschaft aber doch mehr als zwei Meilen von Richten entfernt lag und dessen
Material man für den Bau zu verwenden gedachte
    Durch den frischen Morgen ritt er über den weiten Hof an den die große und
lange Allee von Lerchenund EbereschenBäumen sich anschloss Die taufrischen
Blätter und Spitzen der Zweige nickten von dem leisesten Luftauche bewegt und
sprühten ihre Tautröpfchen auf den Reiter herab Zu beiden Seiten wogte das
dichte kurze Grün der lang sich hinstreckenden Hafer und Gerstenfelder dass es
wie ein wallendes glänzendes Wasser anzusehen war wenn die Sonne sich in dem
Taue bespiegelte Aus dem Walde von Ähren schossen die Lerchen empor und
schwangen sich mit schwirrendem Flügel zum Himmel auf die kleinen Kehlen in
schmetterndem Gesange bewegend An dem Rande der Gräben an den Rainen blühte
die Kornblume nickte der rote Mohn und über die Dornhecken und die blühende
wilde Rose schlang die Winde sich weithin spannend ihre Ranken Wohin man
blickte war Alles voll Leben voll Bewegung voll Klang und Sang Die Biene
der Käfer der Schmetterling und der Vogel jeder tat sich was zu Gute in dem
warmen Sonnenscheine und selbst die Hunde vor den Häusern sprangen heraus
kläfften und bellten liefen dem Pferde nach liefen ihm voraus und wendeten
wieder um und man konnte es den klugen Tieren wohl anmerken dass sie das Pferd
und den Reiter nicht anzuhalten dachten sondern nur ihr Spiel haben wollten
    Nach der sanften Feier des letzten Abends nach der magischen Stille der
Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens dem jungen Manne ein doppeltes
Vergnügen und mit seinen strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend ließ
er das Pferd weit ausgreifen und atmete mit tiefem Behagen den Luftstrom ein
der ihm entgegenkam
    Da wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser stand der nach Rotenfeld
wies blickte Herbert nach dem Schloss zurück Die grünen Fensterladen waren
noch überall geschlossen Der Baron und Angelika der Marquis und die Herzogin
Alles lag sicher noch im tiefen Schlafe und samt und sonders taten sie ihm
leid Es war ihm so wohl er hätte überhaupt mit Niemandem tauschen mögen und
selbst Angelikas leise Mahnung »Da oben bauen wir keine Kapelle« machte ihm
keine Sorge War es keine Kapelle so konnte man irgend einen Tempel einen
FreundschaftsTempel da oben errichten und zu einem solchen Angelikas
Zustimmung zu gewinnen hoffte er zuversichtlich weil er ihre Freundschaft zu
erwerben trachtete
    Wohlgemut ritt er durch das Tor des Amtshofes ein Er war ein gern
gesehener Gast auf demselben und es behagte ihm dort immer wenn er von dem
Schloss kam Denn wie das Stattliche und Schöne ihn erfreute das Vornehme im
Leben und in der Kunst ihm einen großen Eindruck machten so hatte er daneben
doch eine angeborene Freude an dem Nützlichen und Notwendigen und nach der
breiten Terrasse des Schlosses nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern
desselben nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen ihm der
Wirtschaftshof mit seinem Röhrbrunnen an welchem die große Heerde getränkt
ward das schwerfällige alte Haus mit der niedrigen Türe und der breiten
Rampe über der sich die Äste der Lindenbäume von beiden Seiten her dicht in
einander verschlungen hatten immer ganz besonders wohl
    Man sah es den dicken Mauern auch an dass das Haus im Winter warm im Sommer
kühl sein müsse Gleich vor der Türe luden die breiten Bänke und der große
steinerne Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein und die Blumenstöcke welche
auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne genossen die Rabatten des kleinen
Gartens aus deren fetter brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die
glänzenden vielblätterigen Nelken hervorhoben waren so wohlgepflegt der
gefleckte Jagdhund auf der Schwelle der aufsprang als der Reiter in den Hof
ritt und die gelbe Katze welche nur blinzelnd die schläfrigen Augen öffnete
und den dicken Kopf dann langsam niedersenkte um die sonnenerwärmte Stelle
wieder einzunehmen waren so rund und so blank dass man es merkte hier leide
Niemand Mangel
    Auch dem Hausherrn dem jungen Amtmanne konnte man das ansehen Er war fast
gleichen Alters mit dem Baumeister und auf dem Gute geboren und erzogen Schon
sein Urgroßvater hatte die Artenschen Güter bewirtschaftet und von Vater auf
Sohn hatte sich das Amt und mit ihm die Liebe für den Grund und Boden und die
Anhänglichkeit an die Herrschaft vererbt Die Steinerts waren hier zu Hause und
angesehen beinahe wie die Herren von Arten selbst In der ganzen Umgegend
hatten sie Verwandte überallhin waren sie durch die Heiraten ihrer Töchter und
Söhne mit den Amtleuten den Gutsbesitzern den Pfarrern und Förstern
verschwägert und wer im Lande Rat und Tat bedurfte der ging zum Amtmanne
nach Rotenfeld denn die Steinerts waren Landwirte wie es wenige gab und
der jetzige Amtmann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen dass er einmal sehen
möchte was aus dem Herrn werden würde wenn man im Amtshause nicht das Auge auf
Alles hätte und gelegentlich die Hand auf Manches legte was nicht angetastet
werden dürfte ohne dass dem ersten Kapitalangriffe der zweite nachfolgen müsse
    Ein treuer Diener muss auch widersetzlich sein wos Not tut hatte der
Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt und sie lag so zu sagen den Steinerts
im Blute diese treue ehrliche Widersetzlichkeit Man brauchte die Männer nur
anzusehen Sie waren ein großes starkes vollblütiges Geschlecht die Männer
wie die Frauen und der junge Amtmann und seine Schwester machten keine Ausnahme
davon wie er denn auch Adam hieß gleich seinem Vater und Großvater und gleich
denen die vorhergegangen waren Weil aber Adam der einzige Sohn gewesen und
erst neun Jahre nach ihm ein Mädchen in das Haus geboren worden war so hatte
der Vater gemeint wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe so
müsse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen und Adam und Eva waren
auch die einzigen Kinder geblieben waren mit einander groß geworden hatten von
Vater und Mutter den tüchtigen Sinn geerbt die Arbeit und die Wirtschaft
erlernt und befanden sich so wohl mit einander dass noch keiner von ihnen an das
Heiraten gedacht hatte obschon der Amtmann dreiunddreissig Jahre alt war und
die Eva auch schon in den ersten Zwanzigen stand
    Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester Beide waren sie groß
beide stark von Bau und von frischer Farbe mit hellen blauen Augen Des
Amtmanns Krauskopf war eben so blond wie das dicke gewellte Haar welches Evas
Schläfen umgab und beide sahen jung und lachend wie der Morgen aus als sie bei
Herberts Ankunft vor die Türe und auf die Rampe hinaustraten
    Die grüne breitschoossige Pekesche mit den blanken Knöpfen die gelbe
Lederhose und die faltigen Reitstiefel saßen dem Amtmanne wie aufgegossen Man
sah dass er etwas auf sich hielt dass er etwas auf sich wenden konnte und
obschon er sein Haar nicht mehr puderte weil es damit wie auch Herbert der
Baronin bedeutet hatte in Wind und Wetter nichts war so hatte er es doch noch
mit einem schönen Bande in breitem Haarbeutel zusammengebunden grade wie der
Herr Baron und der kleine dreieckige Hut saß ihm keck auf dem Kopfe und warf
seinen Schatten über seine starke feste Stirne
    Willkommen wertester Herr Baumeister rief er dem Reiter entgegen als
dieser vor der Türe hielt Sie sind ein Mann von Wort Er zog die Uhr mit der
schön gefleckten Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin Halb sieben Uhr
auf den Punkt Damit trat er an das Pferd heran und er und Herbert schüttelten
einander die Hände
    Man ist ja in dem Wetter froh versetzte dieser wenn man herauskommt und
den Mann möchte ich sehen dens schlafen ließe wenn er weiß dass Mamsell Eva
die Langschläfer nicht leiden mag  Er nahm den Hut grüßend vom Kopfe Eva
nickte ihm freundlich zu und meinte sie könne gar Vieles nicht leiden zum
Beispiel das Warten nicht
    Haben Sie denn auf mich gewartet fragte er
    Gott bewahre Mosje Herbert dazu habe ich Morgens keine Zeit aber ich
warte jetzt auf Sie
    Auf mich  wie das
    Mit dem Frühstücke entgegnete sie
    Herbert meinte es solle gleich fortgehen indes der Amtmann und Eva wollten
davon nichts hören
    Sie werden doch nicht der Erste sein wollen Herr Architekt meinte der
Amtmann der um die Frühstücksstunde hier ohne Imbiss fortgeht Und Eva sagte
Sie können immer einmal die gnädigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade
allein einnehmen lassen und mit unser Einem frühstücken Wenn man gute
Gesellschaft am Morgen hat gibts immer einen guten Tag denn daran glaube ich
ganz fest Gutes und Böses kommen nie allein
    Schönen Dank Mamsell dass Sie mich für etwas Gutes halten rief Herbert
während er vom Pferde stieg der Amtmann hatte einen Knecht herbeigewinkt der
ihm das Pferd abnahm und die beiden Männer folgten Eva in den Hausflur in
welchem auf dem großen Eichentische Brod und geräuchertes Fleisch aufgetragen
waren neben denen der zinnerne Bierkrug und die feine Flasche mit
Kirschbranntwein nicht fehlten
    Den Hausflur hatte Herbert gar so gern Die großen altersgeschwärzten
Eichenschränke welche auf ihren massiven Kugelfüssen die beiden Seitenwände des
Flures einnahmen der schwere Tisch in der Mitte die alte große Hausuhr
welche einen Monat ging und die seit mehr als fünfzig Jahren auf dieser Stelle
stand ohne je einer Reparatur bedurft zu haben die handfesten Stühle und die
dreifachen Reihen von Erntekronen und Erntekränzen die an den Wänden hingen und
deren Bänder zum größten Teile schon ganz verblichen waren das Alles zeugte
von Dauerhaftigkeit und dazu warf das Sonnenlicht welches durch die Blätter
der Linden in den Flur hineinfiel und um die welken Aehrenkränze spielte dass
sie ganz frisch darunter aussahen eben seine hellsten Strahlen auf das goldene
Haar von Eva welche am Tische stehend den Rücken der Haustüre zugewandt die
beiden sitzenden Männer bediente
    Sie haben übrigens Recht Mamsell Eva nahm Herbert das Wort wieder auf ich
finde auch dass das Glück niemals allein kommt Denn ich habe eine köstliche
Nacht verlebt und der Morgen beginnt mir eben so günstig und schön  Er
verneigte sich dabei um ihr das Kompliment anzueignen Sie beachtete es aber
nicht sondern fragte Was haben Sie denn die Nacht getan
    O ich habe sie fast ganz im Freien durchwacht sie war so still und schön
 Eva sah ihn an als erwarte sie eine Fortsetzung seines Berichtes und da er
nichts hinzufügte fragte sie Und das war Alles Weiter nichts
    Der Amtmann lachte Herbert musste mitlachen Evas unbefriedigter Blick und
der Ton ihrer Stimme forderten dazu heraus aber Herbert war dabei doch nicht
wohl zu Mute Es verdross ihn dass Eva komisch finden konnte was ihn so hoch
entzückt hatte und dabei wusste er kaum ob er mit dem Mädchen oder mit sich
selber nicht zufrieden wäre Sie scheinen auch das Wachen also nicht zu lieben
meinte er und er sagte das mit absichtlichem Spotte
    Sie nahm es aber nicht so auf sondern antwortete ruhig Nein gar nicht
wenn es zu nichts führt In guter Gesellschaft und wenns einen Tanz gibt oder
wenn es bei einem Kranken nötig ist  ja dann ists etwas Anderes Aber sonst
 sie hielt inne und sagte als könne sie den rechten Ausdruck nicht finden und
müsse sich auf andere Weise helfen Nachts ohne alle Ursache wachen und am Tage
schlafen wies im Schloss oft geschieht das wäre mir grade als sollte ich
den rechten Handschuh auf die linke Hand ziehen Das geht mir wider den Strich
    Sie wandte sich dabei von den Männern fort um aus dem einen Schranke noch
ein Messer herbeizuholen Als Herbert ihr nachsah fand er ihre kräftige große
Gestalt in dem aufgeschürzten blauen Zitzkleide mit dem sauber gefalteten Tuche
um Brust und Schultern außerordentlich schön und die Röte des Nackens und der
Oberarme sah so gesund aus dass er unwillkürlich den Ausruf tat Ich glaube
Sie könnten gar nicht anders als Eva heißen
    Der Bruder welcher seine Freude an dem Mädchen hatte verstand was Jener
meinte und gab ihm Recht Eva aber stützte sich mit den Händen vor ihnen auf
den Tisch und sagte Mosje Herbert ich glaube für Sie ists auch Zeit dass der
Bau bald fertig wird und dass Sie aus dem Verkehr mit dem lächerlichen Herrn
Marquis fortkommen der hier zuweilen wie eine Bombe einfällt Sie lernen ihm
nur seine Redensarten ab Das mit dem Eva heißen habe ich nun schon zweimal
hören müssen und man möchte doch auch einmal etwas Neues haben
    Sie nahm dabei eine schmollende Miene an die sie vollends reizend machte
und Herbert fühlte so großes Vergnügen in ihrer Gesellschaft dass der Amtmann
ihn an den Aufbruch mahnen musste Herbert dankte also für die genossene
Gastfreundschaft Eva entgegnete wenn es ihm gefallen und geschmeckt habe so
möge er bald und vor allen Dingen zum Erntefeste wiederkommen Er reichte ihr
die Hand zum Abschiede und als er schon im Fortgehen war fragte sie was denn
die gnädige Frau mache und ob sie wohl sei Er berichtete dass die Baronin sich
am Abende nicht gut befunden habe Eva machte ein ernsthaftes Gesicht dazu und
schüttelte bedenklich den Kopf
    Die wird auch nie mehr ganz gesund sie hats nie verwunden sagte sie
seufzend und mitleidsvoll und ich möchte auch nicht an ihrer Stelle sein
Herbert wollte wissen weshalb nicht Sie antwortete nur indem sie ohne eine
Erklärung zu geben mit einem O nein gewiss nicht ihre vorige Äußerung
bekräftigte und da inzwischen die Pferde vorgeführt worden waren so trennte
man sich ohne dass Herbert eine Antwort von dem Mädchen erhalten hatte
    Während des Rittes bot sich Herbert keine rechte Gelegenheit zu weiteren
Fragen dar obschon Evas Äußerung ihm nicht aus dem Sinne wollte Die Gegend
durch welche sie kamen war Herbert neu und der Amtmann hatte seine Genugtuung
daran den Fremden mit allen Vorzügen des Bodens bekannt und auf alle die
Vorteile aufmerksam zu machen welche eine sorgfältige Kultur diesem Boden
abzugewinnen verstanden hatte Dafür aber verlangte er dann auch von Herbert zu
hören wie es sonst in der Provinz und in der Welt aussähe auf deren Händel und
Entwickelungen das Auge des jungen Landwirtes wie das eines jeden Mannes in
jenen Tagen gerichtet war Indes so lange man zu Pferde blieb war an ein
rechtes zusammenhängendes Sprechen nicht zu denken aber als man in der Nähe des
Steinbruches wo der Boden aufstieg und das Tal sich verengte absteigen musste
um den Rest des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen ward die Gelegenheit zur
Unterhaltung günstig Man ließ die Pferde an dem Hause eines der Steinbrecher
zurück und wie man nun in dem kühlen Tale vorwärts ging richtete der Amtmann
seine Fragen auf sein Lieblingstema auf die Männer und die Ereignisse von
denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten und noch berichteten Herbert
sollte ihm von den Helden der französischen Revolution erzählen bei deren
Beginn der Baumeister sich noch in Paris befunden hatte und deren
wahrscheinlicher Ausgang jetzt alle Geister beschäftigte
    Er sollte Mirabeau beschreiben und schildern wie Kamille Desmoulins
aussehe die er gesehen er sollte erklären wie ein Volksaufstand sich mache
und während der Amtmann mit leidenschaftlicher Spannung an seinen Berichten
hing erwärmte sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten bis beide
junge Männer sich wieder einmal lebhaft für die Gleichheit der Stände wider
alle Vorrechte und wider jede Art von Vorurteilen ausgesprochen hatten die
ihnen in ihrem Leben bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie
später eine Beeinträchtigung fürchten konnten wie verschieden ihre
Berufstätigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren
    Herbert welcher in der Schlossgesellschaft beständige Rücksichten zu nehmen
hatte fand es angenehm sich frei gehen lassen zu können und einen so dankbaren
Zuhörer zu haben Der Amtmann der sich nach seinen Kenntnissen seiner
Tüchtigkeit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edelleute überlegen
wusste die in der Nachbarschaft und zu Zeiten auch im Schloss die großen Herren
spielten und vor denen er sich wie gering er sie auch schätzte zu demütigen
und zu beugen genötigt war fühlte sich stets gehoben in dem Verkehre und in
der Unterhaltung des Architekten welchen der Freiherr als seinen Gastfreund und
Hausgenossen ehrte während dieser sich als ein Gleicher neben den Amtmann
stellte und da die Jugend überhaupt zu geselligem Anschliessen geneigt ist
fanden die beiden sich bald in einem Zwiegespräch begriffen das ihnen recht von
Herzen kam
    Man war von den Mitteilungen über Frankreich und die Revolution auf die
Emigranten im Allgemeinen zu reden gekommen und dadurch auch auf die Gäste im
Schloss geführt und der Amtmann meinte Es muss solchen Herrschaften spanisch
vorkommen wenn für sie das Befehlen und Besitzen auch einmal ein Ende hat Wenn
man aber hört wie sies dort getrieben haben und weiß wies auch hier herum
vieler Orten zugeht so kann man sich denken dass sie drüben kein groß Mitleiden
mit ihnen fühlen Ich wollte nicht sehen was hier passirte wenns auch hier
einmal zum Klappen käme
    Glauben Sie denn dass hier zu Lande das Material für eine Revolution
vorhanden ist fragte der Baumeister
    Der Amtmann besann sich ehe er antwortete die Vorsicht des Bauers steckte
auch ihm im Blute Es kommt darauf an sagte er dann nach reiflichem Überlegen
was man Revolution nennt
    Nun versetzte Herbert mich dünkt das wäre klar Ist man hier unzufrieden
Hat man große Beschwerden gegen den König und sein Regiment
    Gegen den König und sein Regiment wiederholte der Amtmann das könnte ich
nicht sagen An den König denken sie hier nicht viel dh sie denken an ihn
nur wie an den lieben Herrgott der ebenfalls weit weg ist und von dem sie auch
nicht wissen ob er sie hört oder nicht hört Die Leute hier sehen nicht über
die Feldmark hinaus Jeder hat hier sein Teil Plage für sich und steht also
meist auch nur für sich Er hats mit mir zu tun der ich hier befehle und mit
der Herrschaft für die ich befehle Was er zu fürchten und zu hoffen hat seine
Anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit das liegt Alles hier Alles dicht neben
einander wie sein Haus und sein Grab Darüber hinaus hat er sich sonst nicht
leicht um etwas gekümmert und wenns ihm nicht allzu schlecht gegangen ist ist
er zufrieden gewesen
    Und jetzt ists jetzt anders
    Der Amtmann besann sich wieder eine Weile dann sagte er sehr bestimmt Ja
anders als vor fünf und vor zehn Jahren als zu den Zeiten da ich von der
Schule und von der Universität kam denn mein Vater hat mich anderthalb Jahre
auf die Universität geschickt schaltete er mit Selbstgefühl in seine Rede ein
anders ists jetzt hier allerdings Es ist als obs in der Luft läge Sie
pariren nicht wie sonst sie raisonniren viel
    Aber worüber
    Über Alles
    Also zum Beispiel fragte Herbert
    Über die Frohnen über die Hand und Spanndienste über Alles Und wie das
geht da sie immer zusammenstecken hetzt Einer den Andern auf und was der Eine
nicht ausheckt das klaubt der Andere hervor Man wird bald Not haben sie zur
Arbeit zu bekommen denn um Ausreden sind sie ohnehin niemals verlegen
    So etwas pflegte aber doch überall einen Ausgangspunkt zu haben oder es
pflegte irgend Jemand da zu sein der den Anführer macht Ist vielleicht ein
bestimmter Anlass zu der Unzufriedenheit gegeben worden ist irgend Einem ein
besonderes Unrecht zugefügt
    Sie gingen als Herbert diese Frage tat über die lange und schmale aus
Knüppeln und Rasen gemachte Brücke welche hier den Fluss überspannend auf die
Seite desselben leitete auf welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag und
da Herbert seiner Freude an dem Schönen und Lieblichen in der Natur wo er
diesem begegnen mochte nachgab so blieb er stehen und betrachtete wie die
weichen Binsen und das Schilf sich nickend in dem Wasser spiegelten dass es zu
Zeiten aussah als hingen die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an
den schwankenden grünen Halmen Er pflückte eine kleine breitblättrige Farre
die in dem Moose auf der Brücke gewachsen war steckte sie an seinen Hut und
folgte dann dem Andern der ihn drüben am Ufer erwartete
    Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand der offenbar mit der
Frage seines Begleiters beschäftigt geblieben war sagte Jener Eine Ursache und
einen Anfang muss freilich Alles haben aber die Dinge haben meist mehr als Eine
Ursache und hier die Veränderung unter den Leuten hat deren viele Und wieder
brach er zögernd ab bis der Baumeister ihn mit erneuter Frage zum
Weitersprechen nötigte
    Sehen Sie Herr Baumeister fing nun der Amtmann an als sei er nun zu dem
Entschlusse gekommen herauszusagen was er eigentlich dachte sehen Sie unser
Herr Baron ist ein guter Reiter und wer ein guter Reiter ist und es weiß dass
kein Pferd ruhig bleibt wenn mans heute gehen lässt wies eben mag und morgen
scharf zusammennimmt ohne dass es was verfehlt hat wers aus Erfahrung weiß
dass man das beste frommste Tier im Handumdrehen verreiten und stöckisch machen
kann der meine ich sollte das auch auf den Menschen appliciren Es ist schwer
auskommen mit dem Herrn Baron Mein Vater hats schon immer gesagt es war
besser unter dem seligen Herrn
    Herbert bemerkte dass der Freiherr ihm weder streng noch hart erscheine dass
er im Gegenteil nur wohlwollende und menschenfreundliche Äußerungen von ihm
vernommen habe
    Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe Das ists eben
meinte er Streng und hart ist gar nicht das Schlimmste dabei kann Alles gehen
denn der Mensch gewöhnt sich allmählich an das was gleichmäßig geschieht und
besonders denkt der Bauer in solchem Falle es könne denn eben nicht anders
sein Wäre der Herr Baron nur immer streng und machte er es wie sein Vater und
sein Großvater die sich um gar nichts kümmerten als ums Verzehren und
Genießen so ständen wir Alle uns besser Aber er ist leider Gottes
menschenfreundlich und hat ein weiches Gemüt und dazu mag er im Grunde seines
Herzens selbst zuweilen denken dass es wohl nicht immer so auf der Welt bleiben
werde wie bisher Da kommts denn dass er heute nachgibt was er morgen
verweigert dass er dem Einen erlaubt was er dem Andern verbietet Das macht
böses Blut Die Einen denken wenn er das zugesteht kann er auch mehr
zugestehen die Andern sind ihm aufsässig weil sie ihre Forderung nicht
durchgesetzt haben und zuletzt bade ich es aus denn zuletzt muss ich vor den
Riss treten und mit mir macht ers dann auch nicht besser Man weiß nicht wie
man mit ihm daran ist Seit er geheiratet und die Pauline sich ertränkt hat
ist das Alles schlimmer geworden und seit wir nun gar den  verzeihen Sie dass
ich es einmal sage  verwünschten Kirchenbau hier haben ist vollends der Teufel
los
    Der Amtmann sagte das offenbar mit fester Überzeugung Indes obschon dies
Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft beschäftigte so erregte doch die
Erwähnung eines Frauenzimmers das sich ertränkt haben sollte und das offenbar
in einem nahen Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben musste um der
Baronin willen vor allem Andern seine Neugier Er fragte nach den näheren
Umständen erfuhr den ganzen Hergang der Sache und alle ihre Einzelheiten wie
man sie eben in der Umgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte
und betrachtete
    Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen denn jetzt
glaubte er plötzlich den Schlüssel für alles dasjenige zu haben was ihm gestern
überhaupt in dem Wesen und in dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen
war Das arme arme Weib rief er unwillkürlich aus als der Amtmann geendet
hatte
    Der Amtmann stimmte ihm bei denn er glaubte Herbert spreche von Pauline
und er rühmte deren Schönheit und gute Eigenschaften
    Herbert aber dachte nur an die Baronin Er bedauerte dass er dies Alles
nicht schon gestern gewusst habe er fürchtete der Baronin nicht verständnissvoll
genug begegnet zu sein und machte sich Vorwürfe darüber dass er durch seine
Äußerung ihr wundes Herz getroffen oder dass sie gar in derselben eine
unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden haben könne
    Während er mit dem Amtmann den Bruchstein besah und Farbe und Gehalt
desselben prüfte während man mit dem Aufseher und dem Meister überlegte
welcher Art von Bearbeitung und Polirung der Stein fähig sei und in wie viel
Zeit man die geforderten Quadern und Säulen herstellen und beschaffen könne
blieb das Bild der Baronin ihm immer gegenwärtig und die Vorstellung dass er
mit seinem Baue ihrem innersten Herzensbedürfnisse genüge dass er ihr dazu
helfe ein Gelübde zu erfüllen eine Busse zu üben von der sie sich eine
Befreiung ihrer Seele versprach wurde ihm ganz besonders wert
    Es fiel dem Amtmann auf dass Herbert während der Verhandlungen so dringend
wurde dass er die Termine welche er am Anfange der Unterredung und der
Besichtigung leichthin als die früheste Ablieferungszeit bezeichnet hatte bald
als die letzte angesehen haben wollte und er erinnerte ihn also daran dass er
ja selbst sechs Jahre für den Bau beansprucht dass man also noch eine geraume
Zeit vor sich habe Auch der Baron habe wie der Amtmann bestimmt wisse bei
seinen Geldmitteln und Geldbewilligungen mindestens an eine sechsjährige Dauer
des Baues gedacht und auf die gleichmäßige Verteilung der für denselben
bestimmten Summe während dieser sechs Jahre gerechnet Endlich meinte er
hätten um die Wahrheit zu sagen diese ersten vier Jahre die ganze ursprünglich
festgesetzte Summe verschlungen so dass ein Innehalten und Zögern sehr geboten
sei Herbert hingegen machte geltend dass er vor dem Baue der Kirche in
Rotenfeld eben der Kosten wegen gewarnt habe und dass man um der auswärtigen
Arbeiter willen nicht innehalten und nicht feiern dürfe
    Das musste der Amtmann halbwegs zugeben und nach mannigfachem Hin und Wider
und nachdem Herbert einige Proben des Gesteins hatte abschlagen lassen die er
versuchsweise nach der Stadt mitnehmen wollte um dort mit Sachkundigen über
ihre Behandlung sich noch zu besprechen trat man den Rückweg an Indes der
Amtmann fand Herbert nicht so gesprächig als vorher Er schob dies auf die eben
gehabte Erörterung auf die Wärme des Tages und sie schlenderten dann auch nur
hier und da ein paar Worte mit einander wechselnd langsam durch das Tal bis
sie zu der Stelle kamen an welcher des Steinmetzen Bube mit den Pferden ihrer
wartete Hier mussten sie sich trennen Der Amtmann welcher noch vor dem Mittage
in den Forst zu reiten dachte lud den Baumeister ein ihn zu begleiten weil es
dort im Nadelholze schattig und kühl sei Herbert meinte jedoch dass der
Freiherr eine Auskunft von ihm erwarten könne und wollte deshalb bei guter Zeit
wieder in Richten eintreffen
    Er stieg also auf der Amtmann tat desgleichen als dieser jedoch den Fuß
in den Bügel setzte und sich aufschwingen wollte bemerkte er dass sein Sattel
nicht fest saß und stieg ab um den Sattelgurt fester zu schnallen Und während
er sich dazu bückte sagte er Französisch sprechend wie er das gelegentlich
gern tat um seine gute Erziehung zu beweisen Ich darf wohl darauf rechnen
dass Alles was wir heute durchgesprochen haben unter uns bleibt
    Herbert versicherte dass sich das von selbst verstände und Jener fügte
lächelnd hinzu Es ist hier doch im Grunde immer noch so gut wie rund herum
und wer die Herrschaften kennt hängt ihnen an Aber lieber Gott sie sind
einmal wie sie sind Chien de chasse chasse de race Die Männer wollen leben
und die Frauen wissen sich denn auch auf eine oder die andere Art zu trösten
    Er lachte dazu denn er kam sich offenbar bei dieser Äußerung wie ein
Weltmann vor und mit guter Manier den kleinen dreieckigen Hut zum
Abschiedsgrusse bewegend während er dem Architekten ein à revoir Monsieur
Herbert zurief sprengte er davon
 
                                Sechstes Kapitel
Langsam und zerstreut ritt Herbert die Straße zurück welche er am Morgen in so
heiterer Stimmung durchmessen hatte Er dachte an den Bau und an gewisse
Berechnungen welche er dem Freiherrn aufzumachen hatte aber er rechnete
schwer er verrechnete sich öfter die Zahlen die Masse wirrten sich ihm in
einander und dann ertappte er sich bisweilen auf jener Zerstreutheit in
welcher es uns scheint als sei in unserem Denken ein Stillstand eine Leere
eingetreten und in der wir uns fragen Was habe ich denn eigentlich gedacht 
weil die Reihe unserer Vorstellungen so blitzschnell an uns vorüber zieht dass
wir sie nicht festzuhalten im Stande sind und uns nur man möchte sagen des
unwillkürlichen Erleidens einer unwillkürlichen Tätigkeit bewusst werden Das
ist ein quälender Zustand und auch unsere Sinne werden in der Regel von
demselben ergriffen denn was wir in solchen Augenblicken sehen und vernehmen
gleitet anscheinend auch unerfasst an uns vorbei und doch kann es geschehen dass
man sich nach Monaten nach Jahren irgend eines Eindruckes bewusst wird den man
in solcher Stunde empfangen hat
    Das Pferd welches fühlte dass es sich selber überlassen sei machte sich
das zu Nutze Der Tag war so drückend heiß und den Schatten der Bäume suchend
ging das Tier in gleichmäßig ruhigem Schritte der wohlbekannten Heimat zu
Herbert hing nachlässig im Sattel Die Sonne brannte hernieder aber er schien
sie nicht zu fühlen Er dachte an den linden Abend und an die frische Kühle der
letzten Nacht oder vielmehr er dachte nicht an sie sondern er empfand sie
noch erquickend Es war ihm als träume er aber als träume er einen schönen
glücklichen Traum und er wusste doch nicht was dieser ihm bringe oder biete
Alles war nebelhaft Alles warm und beseligend Er hätte nur immerfort so weiter
reiten mögen immerfort immerfort
    Da mit einem Male wehte es ihn kühler und erfrischend an Eine Wolke war
über die Sonne hingezogen sie verhüllte ihr Licht Der ganze Himmel hatte
angefangen sich zu bedecken ein leiser trockener Wind erhob sich Herbert sah
umher er war nicht weit mehr von Richten er konnte das Schloss deutlich in
allen seinen Einzelheiten unterscheiden Grade so hatte er es damals erblickt
als er vor Jahren zuerst des Weges gekommen war Damals
    Es dünkte ihn sehr lange her zu sein jener Tag denn damals war Alles
anders gewesen als jetzt Alles anders Noch gestern war es anders gewesen 
noch heute früh
    Was hatte er denn gedacht seit gestern Weshalb hatte er denn die Nacht so
wundersam verträumt und was hatte ihn so umgewandelt seit einer Stunde
    Das Blut schoss ihm zu Kopfe er fuhr auf Das Pferd durch einen straffen
Zügelgriff aus seiner freien Lässigkeit aufgeschreckt sprang sich bäumend in
die Höhe Der Widerstand kam Herbert eben recht und mit scharfem Spornstoss das
Tier zusammennehmend trieb er es vorwärts dass es weit ausgriff und ihn
gestreckten Laufes leicht dahintrug
    Zu ihr das war die ganze Antwort welche er sich zu geben wusste
    Ein leidenschaftliches Verlangen brannte in seinem Blute er musste lachen
wenn er sich erinnerte welche Rolle er gestern neben Angelika gespielt hatte
Er war sehr entschlossen nicht wieder als ein blöder Schäfer vor der vornehmen
Dame zu erscheinen welche sich über das Unglück ihrer Ehe zu trösten begehrte
Er musste darüber lachen dass er dies nicht selbst gesehen hatte dass ihm die
Hingebung nicht auffallend gewesen war mit welcher Angelika sich seiner
Tröstung sich seinem Schutze überlassen hatte und so wechselnd ist der Sinn
des Menschen so leicht bestimmbar die heiße Phantasie der Jugend er der
gestern in reinster verehrender Liebe sein Herz der unglücklichen Frau
zugewendet hatte er versprach sich jetzt mit leidenschaftlichem Feuer es der
schönen Baronin zu beweisen dass er nicht mit sich spielen lasse und dass er der
Mann sei zu begehren und zu gewinnen was ihre Hingebung ihm zu verheißen
geschienen
    Im Schloss angelangt konnte er die Stunde nicht erwarten da er sie
wiedersehen sollte Der Freiherr welcher von seiner Rückkehr unterrichtet
worden war ließ ihn rufen um von ihm zu hören wie er mit dem Steine und der
Bearbeitung desselben durch seine Neudorfer Leute zufrieden gewesen sei Herbert
musste Auskunft geben aber er hatte Mühe dies mit der nötigen Ruhe zu tun
denn es war öfter vorgekommen dass Angelika sich solchen Besprechungen in dem
Zimmer ihres Gatten unerwartet zugesellt hatte und er meinte von Minute zu
Minute den Schritt der Baronin das Rauschen ihrer Gewänder zu vernehmen Indes
sie kam nicht Das verdross den jungen Mann Er wünschte sie zu sehen weshalb
gewährte sie ihm die Freude nicht
    Als er von dem Freiherrn entlassen wurde fragte er nach dem Ergehen der
gnädigen Frau Baronin und sprach die Hoffnung aus dass der Gang nach der Höhe
ihr nicht geschadet haben werde Der Freiherr nahm die Sache leicht Es ist
glücklicher Weise nur eine kleine Übermüdung bei dem Spiel sonst nichts sagte
er und ich bin sicher dass wir die Baronin heute wieder unter uns sehen werden
denn sie befand sich diesen Morgen wohl
    Das hatte Herbert nur hören wollen und er fing nun an sich auf den Mittag
zu vertrösten Aber der Mittag kam die Hausgenossen fanden sich zusammen und
die Baronin fehlte Was soll das bedeuten fragte er sich
    Er hatte seinen Platz wenn sonst keine Gesellschaft vorhanden war zwischen
dem Marquis und dem Kaplan Er erkundigte sich bei diesem Letzteren nach dem
Grunde der die Baronin von der Tafel entfernt halte und erhielt den Bescheid
dass Renatus sich nicht wohl befände und Muttersorge Angelika bei dem Kinde
festalte
    Herbert musste seine Enttäuschung nicht gut verborgen haben denn der Marquis
sah ihn mit einem nicht misszuverstehenden Lächeln an von welchem Jenem das Blut
in die Wangen stieg Der Amtmann hatte sich also nicht geirrt auch der Marquis
dachte von Angelika nicht anders als von den anderen Frauen seines Standes
    Um der Baronin willen die sich von dem Kinde nicht trennen mochte blieb
man nach dem Mittagbrode nicht beisammen auch der Abend und der ganze folgende
Tag verstrichen ohne dass Herbert sie sah Er fragte im Laufe desselben den
Kammerdiener nach dem Knaben der schien aber gar nicht daran zu denken dass dem
Kleinen etwas fehle denn er sagte gleichgültig der junge Herr spiele und sei
munter
    Herbert glaubte zu bemerken dass der Freiherr missmutig sei es kam ihm auch
vor als beobachte die Herzogin ihn mehr als sonst indes er war selbst zu
aufgeregt sehr darauf zu achten denn jetzt erfuhr er es ja selbst auch
Angelika war nur eine herzlose Koquette die wie diese Frauen alle ihre Freude
daran hatte seine Sehnsucht durch ihre berechnete Entfernung anzufachen und zu
steigern
    Der nächste Tag brachte den Sonntag an welchem nach beendeter Roggenernte
das kirchliche Dankfest für dieselbe gefeiert werden sollte Da man seit der
Bekehrung der Baronin auch strenger als früher auf die Kirchlichkeit der
protestantischen Dienerschaft hielt so hatte man Morgens die Dienstleute
welche man irgend entbehren konnte in die Kirche nach Neudorf geschickt und
oben in der Schlosscapelle hielt der Kaplan für die Herrschaften den gewöhnlichen
Gottesdienst
    Es war dadurch sehr still im Schloss und Herbert fühlte sich allein und
innerlich gequält Er sehnte sich noch immer nach einem Zusammensein mit der
Baronin und sann doch darüber nach wie er ihr die Pein vergelten wolle die er
eben um sie duldete Er wusste nicht ob er sie liebe oder hasse und solches
inneren Zwiespaltes ungewohnt schalt er sich unmännlich weil er sich aus
demselben nicht sogleich befreite
    Unzufrieden mit sich selbst stand er am Fenster und beobachtete wie vom
Hofe die Leute nach der Kirche gingen wie sie sich in Paaren in Gruppen
zusammenfanden Jeder mit seinem Nächsten seinem Freunde und er war hier
allein Sein Zimmer die altertümlichen Möbel die alten Oelgemälde sahen ihn
so düster an sein Aufenthalt in dem Schloss ward ihm zuwider Er war hier
nicht heimisch man brauchte ihn eben nur es kam ihm eine Sehnsucht nach
Zuständen an in die er hineingehörte nach Menschen mit denen er frei
verkehren konnte und schnell wie man sich im Missmute zu entschließen pflegt
setzte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn ihn für die nächsten
Tage gnädigst zu beurlauben da er ein wenig in der Umgegend umherzustreifen und
sie kennen zu lernen wünsche Der Besuch der Steinbrüche habe ihn dazu verlockt
und er werde nicht ermangeln sich nach ein paar Tagen wieder einzustellen
    Das Schreiben übergab er dem Kammerdiener des Barons hing eine leichte
Tasche über die Schulter und trat mit lachendem Selbstbewusstsein den Weg nach
dem Amtause an entzückt über seinen schnellen Entschluss erfreut über die
Kränkung welche er nun seinerseits der Baronin zuzufügen hoffte und angenehm
bewegt von der Aussicht auf den guten Empfang und die einfach frohen Stunden
die ihm im Amtause nicht fehlen konnten Musste er sich doch ohnehin bei den
Geschwistern die das Haus voll Gäste hatten entschuldigen weil er von seiner
Aufregung hingenommen ihrer Einladung zum Erntefeste ganz vergessen hatte
    Im Schloss nahm man nach dem Gottesdienste das Frühstück ein als der
Kammerdiener dem Freiherrn das Schreiben des Architekten brachte Er las es und
legte es bei Seite aber da auf dem Lande ein Brief zu unerwarteter Stunde immer
ein Ereignis ist fragte Angelika was es gebe
    Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme sagte der Baron scherzend Herbert
hat neben manchen anderen guten und tüchtigen Eigenschaften von seinem Vater
offenbar auch die Anfälle von plötzlicher Wanderlust geerbt Erinnern Sie sich
lieber Kaplan wie sein Vater uns in Italien bisweilen plötzlich zu verschwinden
pflegte
    Ist Monsieur Herbert abgereist fragte der Marquis Ich habe ihn in der
Frühe gesprochen und er hat an Reisen so viel ich merken konnte nicht
gedacht
    Er schreibt mir dass er sich in der Umgegend umsehen wolle und bittet mich
ihn für ein paar Tage zu beurlauben
    Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nicht zu achten aber sie wurde
rot als der Marquis sie ansah und die Herzogin beobachtete dass sie nach
einiger Zeit das Billet in die Hand nahm es las und es dann auf die Seite
legte Sie war sehr zerstreut und der Marquis dessen gute Laune sich daran
steigerte war eifrig um sie bemüht Seine feinsten Komplimente und seine
witzigsten Einfälle vermochten sie jedoch nicht zu fesseln und als der Baron
einen Besuch in der Nachbarschaft vorschlug wünschte Angelika sich von
demselben auszuschliessen obschon ihr Gatte ihre Sorge um den Knaben eine völlig
aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte Wie sie aber bei ihrem
Vorsatze beharrte ließ es sich die Herzogin nicht ausreden ihr Gesellschaft zu
leisten und eine Meisterin in der Unterhaltung musste sie heute die Kosten
derselben als sie sich mit der Baronin dann allein fand fast ausschließlich
tragen denn Angelika war und blieb zerstreut
    Die Herzogin erzählte von ihrer Heimat von ihren Freunden von deren
Schicksalen und Herzenserfahrungen und kam so endlich auf sich selbst und auf
ihre Jugendzeit zu sprechen Indes auf diesen Punkt gelangt hielt sie mit einem
Male inne als gewahre sie erst jetzt dass die Baronin ihr nicht folge Es
entstand also eine Pause Angelika durch dieselbe auf ihre Zerstreutheit
aufmerksam gemacht rückte um ihre Unhöflichkeit zu verbergen ihren Sessel an
den Lehnstuhl der Herzogin heran und fragte weshalb sie ihre Mitteilungen so
plötzlich unterbreche
    Die Herzogin reichte ihr die Hand so dass Angelika genötigt wurde sich ihr
vollends zu nähern schlug den Arm um den Hals der jungen Frau und sagte Ich
dachte an Sie meine Teure denn meine eigenen Erinnerungen geben mir den
Maßstab für das was Sie bewegt Armes Kind wenn Sie Vertrauen zu mir hätten
Sie die ich Einsame wie eine Tochter liebe Wenn Sie das Vertrauen teilen
könnten welches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu verdienen weiß
    Angelika war von dieser Wendung des Gespräches überrascht Vertrauen rief
sie o gewiss meine Freundin ich vertraue Ihnen Aber was bestimmt Sie zu der
Frage
    Sie wollte von innerer Unruhe getrieben sich erheben die Herzogin hielt
sie davon zurück Der Zustand in welchem ich Sie sehe meine teure Angelika
die Gemütsbewegung in der Sie sich unverkennbar befinden sagte sie und brach
abermals in ihrer Rede ab denn sie wollte der Aufregung in die sie Angelika
versetzt hatte Zeit zum Wachsen lassen und abwarten wozu diese selbst sich
entschließen würde Aber die Baronin war strenger gegen sich als Jene erwartet
hatte Sie schien sprechen zu wollen schwieg dann wieder und sagte endlich mit
einer Fassung die ihr offenbar schwer wurde ihrem edelen Wesen aber sehr wohl
anstand Ich glaube an die Freundschaft teure Herzogin die Sie für uns hegen
gewiss ich glaube fest daran Es gibt jedoch Dinge die man nur mit sich
selbst mit sich selbst und mit seinem Gotte zu beraten und abzumachen hat und
was mich bewegt gehört eben in den Bereich solcher Dinge Denken Sie also nicht
übel von mir und halten Sie mich nicht für undankbar wenn ich die Hilfe welche
Sie mir bieten in diesem Augenblicke nicht benutze
    Sie drückte dabei der Herzogin zum Zeichen des Dankes die Hand aber sie
erhob sich Die Herzogin welche es Jemandem nicht leicht verzieh wenn er ihren
Voraussetzungen nicht entsprach presste unmerklich die schmalen feinen Lippen
zusammen und unter den halbgeschlossenen Augenlidern schoss ein Blick hervor
der gewillt schien nicht von dem Gegenstande abzulassen welchen er sich zur
Beute ausersehen hatte In ihren Sessel zurückgelehnt den Kopf gegen seine
Kissen gestützt so dass sie Gelegenheit hatte den noch immer schönen Fuß weit
von sich gestreckt unter dem Falbalas ihres Kleides hervorsehen zu lassen nahm
sie aus dem Strausse der in der chinesischen Vase an ihrer Seite stand eine
volle Rose hervor die sie bald gegen ihr Gesicht drückte als kühle sie sich
damit die Stirne und atme den Duft ein und bald an der Spitze des Stengels
zwischen ihren Fingern auf und nieder bewegte wie Jemand der an sein äußeres
Tun nicht denkt
    So verging eine geraume Zeit Angelika die sich nicht hatte entfernen
wollen um nicht den Schein des Missmutes auf sich zu laden saß wieder vor
ihrem Stickrahmen aber ihre Gedanken arbeiteten schneller als ihre Hand und
sie mussten weitab von dieser Stelle gewesen sein denn sie erschrak als die
Herzogin sie sanft mit ihrem Namen anrief
    Angelika wollen Sie mir erlauben mich zu rechtfertigen fragte sie Die
Baronin versicherte dass es keiner Rechtfertigung bedürfe aber die Herzogin
beharrte bei ihrer Absicht Denn sagte sie ich bin gezwungen aus Neigung und
Dankbarkeit gezwungen meine teure Angelika mich in das Vertrauen zu drängen
das Sie mir verweigern Ich habe wenn auch nicht im Auftrage so doch in Bezug
auf Ihren Gatten mit Ihnen zu sprechen Der Baron hat mir vor längerer Zeit es
einmal mitgeteilt 
    Die Baronin wollte sie unterbrechen aber die Herzogin wiederholte schnell
und bestimmt Der Baron hat mir einmal mitgeteilt in wie grausamer Weise der
Friede und die Heiterkeit Ihrer Flitterwochen getrübt worden sind mein liebes
armes Kind und ich weiß Alles was zwischen Ihnen damals vorgegangen ist 
    Ich bitte Sie rief die Baronin der das Rot des Zornes und der Scham die
Wangen färbte ich bitte Frau Herzogin schonen Sie mein Empfinden  Sie stand
abermals auf um nun wirklich das Zimmer zu verlassen aber auch die Herzogin
hatte sich erhoben und die junge Frau bei der Hand nehmend sprach sie mit
leisem ernstem Tone Nicht um die Schonung eines augenblicklichen Empfindens es
handelt sich um die Zufriedenheit des Mannes dessen Namen Sie tragen um seine
und Ihre Zukunft wenn Sie es nicht lernen sich zu fassen sich zu beherrschen
und der Welt zu verbergen was ihr verborgen bleiben muss
    Nichts ist so leicht zu zerstören als die Willensfreiheit eines edelen
Herzens welches sich schuldig weiß oder schuldig glaubt Bestürzung Schrecken
Zorn machten die Baronin stumm Erst als ihre Gefährtin inne hielt vermochte
sie die Frage vorzubringen Und mir dies zu sagen Frau Herzogin hat der
Freiherr Sie ersucht
    Aber auf solche natürliche Frage war die kluge Herzogin gefasst gewesen
Nein versetzte sie nein mein Kind er hat mich nicht dazu beauftragt aber
ich glaube dass Gott uns immer dahin stellt wo wir zu nützen berufen sind und
ich möchte die Freundschaft verdienen deren Segen ich hier genieße  Sie
schwieg eine Weile und sagte darauf Verzeihen Sie einer alten Freundin Ihres
Mannes einer Verwandten den Mut ihrer Freundschaft Sie sind jung mein
teures Kind Sie sind unerfahren das macht Sie unvorsichtig Man vergibt uns
viel man forscht nicht nach wenn wir unsere Geheimnisse bewahren und ehren
man verzeiht uns nichts man bürdet uns alles Ersinnliche auf wenn wir sie
unvorsichtig Preis geben  und dies meine Beste tun Sie
    Die Zuversicht der Herzogin trug den Sieg davon Angelika ließ sich müde auf
das Sopha sinken die Herzogin setzte sich an ihre Seite und als stände ihr ein
mütterliches Recht zu sprach sie Sie haben beim Beginne Ihrer Ehe eine jener
schmerzlichen Erfahrungen gemacht welche das Leben uns Frauen oftmals
auferlegt aber statt sie schweigend zu tragen statt durch Ihre Güte und
Liebenswürdigkeit den Baron vergessen zu machen dass er eine Vergangenheit
gehabt hat die Ihnen nicht gehörte hat Ihre Strenge seinen innern Kummer
gesteigert dass er ihm fast unterlegen wäre und Ihr Übertritt zu unserer
Kirche und der Kirchenbau  wie sehr ich beide segne  haben die Menschen doch
tiefer in das Wesen Ihrer Ehe blicken lassen als gut gewesen ist Es hätte ja
das Alles ein wenig später ein wenig gelegener geschehen können und Sie hätten
den Baron und sich deshalb nicht für eine lange Zeit zur Einsamkeit verdammen
dürfen
    Die Höflichkeit die Rücksicht auf die ältere Frau welche Angelika bewogen
schweigend auszuharren fingen an ihre Frucht zu tragen Ihr Zorn legte sich
denn es war etwas in den Reden der Herzogin dessen Wahrheit sie nicht leugnen
konnte Sie stützte den Kopf in die Hand man sah ihr an dass ihre ehrliche
Natur mit sich zu Rate ging
    Der Baron ist ein edler ein grossherziger er ist noch ein schöner ein
liebenswerter Mann nahm die Herzogin nach einer Weile wieder das Wort aber
freilich er könnte Ihr Vater sein und wie willig Sie sich ihm verbanden Sie
konnten ihn nicht lieben wie die Jugend die Jugend liebt Die Baronin fuhr
leise zusammen Sie konnten noch weniger für ihn die Nachsicht haben welche wir
Aelteren unsern Altersgenossen und der Jugend beweisen Gewiss liebe Angelika
sagte sie mit jener weichen Stimme deren Klang wenn sie es wollte
unwiderstehlich zum Herzen dringen konnte Sie waren nicht gütig nicht
nachsichtig genug mit dem Baron Sie sind auch jetzt nicht genug bemüht ihm zu
gefallen denn wäre es möglich dass ich die Freundschaft Ihres Gatten in solchem
Grade besäße teure Angelika wenn Sie sich ihm so jung und liebenswürdig
zeigten als Sie sind  Und die Hände der Baronin noch einmal in die ihren
nehmend und sich mit besorgter Zärtlichkeit zu ihr neigend sprach sie Oder
wäre es denn möglich dass Sie Ihr Herz an einen Andern an einen Mann ganz ohne
Rang und Namen verlieren könnten wenn Sie 
    Aber sie konnte den Satz nicht vollenden Um aller Heiligen willen woher
wissen Sie das rief die Baronin während sie unter hervorbrechenden Tränen ihr
Antlitz mit ihren Händen verhüllte Die Herzogin schloss sie in ihre Arme ohne
ihr zu antworten Sie legte das Haupt der Weinenden an ihre Brust und sie leise
küssend bat sie Mut Mut mein teures Kind Nur ein wenig Vertrauen und es
ist nichts geschehen
    Angelika weinte still Nach einer Weile richtete sie sich empor Was soll
ich tun rief sie 
    Die Herzogin antwortete ihr nicht denn sie wünschte ihr keinen
unwillkommenen Rat zu geben Was wird er von mir denken In welchem Lichte muss
ich ihm erscheinen hub die Baronin nach kurzem Schweigen wieder an
    Sie war aufgestanden und ging nachsinnend in dem Gemache umher Die Herzogin
betrachtete sie mit einer Zufriedenheit in die sich Mitleid und Erstaunen
mischten Aufgewachsen in einer Welt in welcher man den Ehebruch so leicht
nahm als man sich der Gewalt der Leidenschaft überließ glaubte sie aus dem
Schmerze der Baronin auf deren tatsächliche Untreue gegen ihren Gatten und auf
ein Verhältnis zu dem Architekten schließen zu dürfen das schon lange bestanden
haben musste Aber Angelika verlor dadurch in ihren Augen nicht sie gewann
vielmehr erst eine rechte Bedeutung für sie denn jetzt wurde die Herzogin der
Baronin unentbehrlich jetzt hatte die Herzogin sie auf dem Punkte auf dem sie
sie einst anzutreffen gehofft auf den sie selbst die Arglose hingeleitet hatte
    Plötzlich kniete die Baronin vor der älteren Freundin nieder umschlang sie
mit ihren Armen und bat mit gerührter Stimme Helfen Sie mir raten Sie mir
Kousine Was soll ich tun mich aus diesem Wirrsal meines Herzens zu befreien
    Sie sollen vertrauen sprach die Herzogin sie sanft an ihren Busen ziehend
einem Mutterherzen sollen Sie vertrauen das Sie warnte Sie in der ersten
Stunde warnte da die Gefahr an Sie herantrat und das Sie verstand und Ihnen
folgte auch ohne dass Sie sprachen teures Kind Oder glauben Sie ich hätte es
nie erfahren wie gegen unsern Willen unsere Gedanken zu dem geliebten
Gegenstande hingezogen werden den sie meiden wollen Glauben Sie ich hätte sie
nie gekannt die abmahnende Scheu die wie ein trüber Morgennebel der hell
aufflammenden Leidenschaft vorangeht  O mein teures Kind auch mir ist es
nicht erspart geblieben das ernste Kämpfen das lange Zagen und das Unterliegen
des armen gequälten Herzens Und ich sollte Sie verkennen Sie verdammen Sie
verlassen teures teures Kind
    Sie umarmte Angelika aufs Neue Mit feurig beredtem Worte sprach sie aus
was Angelika sich selber keusch verschwiegen ja was zu denken sie sich nie
gestattet haben würde Aber es waren selige Tränen mit welchen sie endlich
von der Herzogin weit und weiter fortgerissen derselben rückhaltlos bekannte
was sie sich in solcher Weise nie eingestanden hatte dass sie Herbert liebe
schon lange liebe dass sie für ihn fühle was sie nie für den Baron gefühlt
habe und dass um den geliebten Mann zu leiden ihr noch eine Wonne ein Genuss
sei
    Die Herzogin lächelte und tröstete wie ein Engel mild Sie warnte und sprach
ihr Mut ein sie ermahnte zur Entsagung und gab Hoffnung auf Glück wie
Angelikas wechselnde Bewegung es begehrte Volle Nachsicht mit ihrer Schwäche
hätte die Gewissenhaftigkeit der Baronin misstrauisch gegen die Beraterin
gemacht volle Strenge sie zu ernstem Kampfe gedrängt oder ihr wohl gar den Mund
verschlossen und nicht um den Frieden nur um das Vertrauen Angelikas und um
die Herrschaft über sie und ihre Zukunft war es der Herzogin von Anfang an zu
tun gewesen
    Angelika fand sich von dem wechselnden Zuspruche ihrer einzigen Vertrauten
wundersam beruhigt Sie konnte endlich selbst die Frage aufwerfen was sie tun
solle
    Wenden Sie sich offen an den Baron riet ihr die Herzogin um sich den
Schein der strengen Verlässlichkeit zu geben und um in einem Notfalle sich vor
dem Freiherrn dieses Ratschlages berühmen zu können Wenden Sie sich an den
Baron bekennen Sie ihm 
    Nein nimmermehr rief Angelika mit lebhafter Abwehr
    Die Herzogin schien nachzusinnen Wie Sie auch fühlen und empfinden mögen
teure Angelika sprach sie dann nach längerem Schweigen Sie werden mir
einräumen müssen dass Ihnen nichts übrig bleibt als von dem Freiherrn die
Entfernung Herberts die Entfernung des jungen Mannes zu begehren der von
Ihrer Nachsicht dreist gemacht die Achtung und Verehrung welche er Ihnen der
Frau des Freiherrn von Arten schuldet so ganz und gar vergessen der Sie
hinreißen konnte 
    Die Baronin ließ sie nicht vollenden Sie ahnte den Kunstgriff mit welchem
die Herzogin ihr zu Hilfe zu kommen und Herbert anzuklagen wünschte und
wahrhaft und offen rief sie Herbert ist nicht schuldig nicht schuldiger o
lange so schuldig nicht als ich  denn er ist frei
    Die Herzogin schloss die Augen Ein Mann ist immer schuldig wenn wir ihm uns
und unsere Überzeugungen zum Opfer bringen sprach sie Aber gleichviel der
junge Mann muss fort
    Ja er muss fort wiederholte Angelika mit leiser Stimme Denn unglücklich
über die Liebe die mich fortriss macht die Liebe die ich einflösse mich nicht
glücklich und das Bewusstsein von der reinen Höhe hinabgestiegen zu sein auf
welche seine Liebe mich stellte steigert meine Qual und meinen Schmerz Aber
wie kann ich seine Entfernung fordern da ihn sein Beruf bei uns festhält wie
soll ich fordern dass er vergesse was ich nie vergessen kann
    Törichtes Kind lächelte die Herzogin wer mutet Ihnen denn ein so
Unmögliches ein so Gewaltsames zu Wer verlangt denn dass Sie aus Ihrem Herzen
reißen was Sie dort als schmerzliche oder als köstliche Erinnerung zu bergen
wünschen Sie sollen nur zu vergessen scheinen was Sie vergessen zu machen
wünschen
    Angelika sah sie fragend an sie verstand sie nicht Die Herzogin musste sich
deutlicher erklären Wer will Sie daran erinnern dass Ihre Liebe Ihre Schwäche
Sie einen kurzen Augenblick übermannten wenn Sie sich daran nicht mehr zu
erinnern scheinen sprach sie Aus Ihrer Nähe von seinem Glauben an Ihre Liebe
nicht von seiner Arbeit muss der junge Mann entfernt werden Ihm zu begegnen
dürfen Sie nicht einmal vermeiden Sie müssen ihn wiedersehen bald wiedersehen
aber im Beisein Ihres Gatten mit freier Stirn mit hellem Auge  Und seien Sie
sicher er wird bald glauben geträumt zu haben was Sie ihn ohne sein Verdienst
erleben ließ während Ihr Schuldbewusstsein Sie hoffentlich künftig
nachsichtiger und auch ein wenig gefälliger gegen den guten Freiherrn machen
wird Sind es zuletzt doch immer unsere Männer denen die Schwächen und die
Irrtümer unserer armen Herzen zu Gute kommen und die in unserer Demut die
Frucht unserer Reue genießen Nur Mut nur Zuversicht mein liebes Kind
    Aber der Zuspruch der Herzogin wirkte nur langsam auf Angelika Sie wusste
sich nicht zu entschließen so viel Verwirrendes und Verführerisches auch in den
Ratschlägen der Herzogin verborgen lag Angelika hatte weder den Mut sich
ihrem Gatten anzuvertrauen noch wie sie es eine Weile vorgehabt sich gegen
Herbert auszusprechen und von ihm selber seine Entfernung zu verlangen Sie
kannte jetzt die Schwäche ihres Herzens und vor dem Mittel welches die
Herzogin ihr an die Hand gab schreckten ihre Liebe und ihr grader Sinn
gleichmäßig zurück Aber auch hier kam die Herzogin ihr zu Hilfe indem sie ihr
einen Ausweg zeigte der annähernd zu dem Ziele führen konnte das Angelika
erstrebte und der auch den wahren Absichten der Herzogin als der gelegenste
erschien
    Sprachen Sie nicht von einem Feste welches Sie im Laufe der nächsten Wochen
geben wollten fragte sie und für das Sie auch Monsieur Herberts Zimmer zur
Unterbringung Ihrer Gäste brauchen würden
    Die Baronin schöpfte Atem
    Mich dünkt es war selbst in des jungen Mannes Beisein schon davon die Rede
dass er für eine Weile seine Zimmer würde räumen müssen sagte die Herzogin und
in diesem Augenblicke fremde Menschen zu sehen für Andere Aufmerksamkeit haben
zu müssen würde Sie von sich selber abziehen teure Freundin und Ihnen eine
Zerstreuung von den Gedanken sein mit denen Ihre schöne Gewissenhaftigkeit Sie
peinigt
    Ja ja das kann geschehen rief die Baronin und warf sich ihrer Freundin an
die Brust O Sie sind mein guter Engel teure Margarete
    So lassen Sie mich für Sie wachen meine teure Seele antwortete ihr die
Herzogin und gehen Sie zur Ruh denn es ist spät und Ihre Wangen brennen In
so heftiger Erregung soll der Freiherr Sie nicht sehen Gehen Sie zur Ruhe ich
will ihn darauf vorbereiten dass wir diese Woche unser Fest begehen ich werde
unseren Ungetreuen hier erwarten Ich wache für Sie Alle für Sie Alle
    Spät am Abende als der Freiherr und der Marquis nach Hause kamen fanden
sie die Herzogin wider deren Gewohnheit noch im Gartensaale lesend Der Marquis
berichtete von ihrem Ausfluge der Freiherr erkundigte sich wie die Damen ihren
Abend zugebracht hätten
    Wie können Sie das fragen scherzte die Herzogin Natürlich in Unterhaltung
über die Abwesenden denn es ist nicht wahr dass die Abwesenden immer Unrecht
haben da ja Abwesenheit allein die Sehnsucht erzeugt
    Sie werden uns eitel machen meine Freundin entgegnete der Freiherr
welcher für jede Schmeichelei wenn sie sich anmutig in der Form bewies
empfänglich war
    Eitel meinte die Herzogin Sie eitel machen Cousin Aber Sie sind es ja
schon jetzt Cousin Waren Sie denn ganz allein von Hause fort War nicht mein
Bruder war nicht Monsieur Herbert abwesend so gut wie Sie
    Sie vermissten also den Marquis fragte der Freiherr
    Als ob man einen Bruder vermissen könnte wenn er über Land geht bedeutete
die Herzogin
    Also war es Monsieur Herbert der Ihnen fehlte dessen Abwesenheit Ihre
Sehnsucht wach rief scherzte der Freiherr
    Aber mein teurer Baron neckte die Herzogin ich war ja nicht allein zu
Hause oder glauben Sie dass die Gedanken der Baronin unwandelbar wie die
Magnetnadel nur an Ihnen hangen Könnte nicht unsere liebe Angelika Jemand
anders als Sie vermissen Ist der Marquis nicht liebenswürdig Versichern und
beweisen Sie uns nicht alltäglich dass Ihr Architekt ein geistreicher ein
schöner Mann sei Wie wäre es wenn wir Ihnen endlich Glauben schenkten wenn
wir nur aus Unterwürfigkeit gegen Ihre bessere Einsicht uns endlich überzeugen
ließ
    Der Freiherr küsste ihr die Hand Sie sind aufgeräumt sagte er Sie haben
sich also wohl unterhalten und ich muss mir daher Ihren Scherz gefallen lassen
Doch kann ich von mir sagen was ein junger deutscher Dichter in seinem schönen
Trauerspiele den König Philipp von Spanien sagen lässt Wo ich zu fürchten
angefangen hab ich zu fürchten aufgehört  Beruhigen Sie sich also meine
schöne Freundin  zur Eifersucht bin ich nicht gemacht sie ist die Leidenschaft
der niederen Stände der Menschen ohne Selbstgefühl sie ist unter unserer Würde
    Und doch hatten die neckenden Äußerungen der Herzogin ihn verletzt und
doch tadelte er sich innerlich zum ersten Male darüber dass er den Architekten
so viel und so ungehindert mit Angelika verkehren lasse denn Herbert war in der
Tat ein schöner Mann und der Freiherr kannte die Beweglichkeit des
Frauenherzens
 
                               Siebentes Kapitel
Herbert hatte seinen Vorsatz graden Weges nach dem Amtause zu gehen nicht
ausgeführt Er war von dem schönen Tage verlockt eine tüchtige Strecke in der
Gegend umhergerannt und die Sonne stand beinahe schon im Mittag als er nach
dem Amtofe kam
    Dort war der Feiertag schon von Weitem zu erkennen Die Arbeitswagen die
Eggen und Pflüge standen wohlgeordnet vor den großen Scheunen ein paar
Stadtkinder kletterten auf den Deichseln herum und genossen die
Feiertagsfreiheit Der Hof war sauber gekehrt wie eine Tenne Langsam zogen im
Teiche die Enten umher während am grasigen Ufer der glänzend gefiederte Hahn
unter seinen Hühnern umherstolzirte und selbst eifrig die Körner aufpickte
welche heute die Hand der fremden Kinder und Mädchen dem Federvieh
verschwenderisch gestreut hatte
    Unten vor der Türe saßen trotz der frühen Stunde die Männer schon beim
Tarockspiel Es waren städtische Freunde des verstorbenen Amtmanns und daneben
der Herr Oberförster und der Herr Pfarrer von Neudorf welcher nach der Kirche
zum Essen mit hinübergekommen war weil am Nachmittage sein Neffe aus der Stadt
für ihn die Predigt hielt Sie achteten auf Herberts Ankunft nicht War doch so
viel junges Volk über den Hof und durch das Haus gegangen seit sie hier die
Erntefeste feiern halfen War es doch auch allmählich älter geworden hatte
seine Kinder hergeschickt und war zum Teil gestorben Das kam und ging und
ging und kam Wer konnte die Menschen alle kennen
    Aber die große zinnerne Kanne in der das Bier frisch vom Fasse auf den
Tisch kam und den zinnernen Leuchter und den FidibusBecher von Zinn die neben
dem Tabackskasten standen die kannten die Männer wie sie einander kannten die
waren mit ihnen alt geworden und hatten sich nicht verändert
    Es ist auch immer noch das gute alte Bier und der gute gelbe Knaster
bemerkte einer der Städter der Adam hält auf seines Vaters Art
    Ei warum sollte er denn nicht meinte der Förster Er ist in der Welt
herumgewesen weiß zu leben und ist wohl auf Er ist der Mann für den Platz
    Der Pfarrer welcher immer erst bedächtig den Dampf aus der holländischen
Kalkpfeife blies ehe er vor einer so gemischten Gesellschaft eine Meinung
abgab nickte dem Oberförster beistimmend zu Ja sprach er ja Herr
Oberförster sie sind gut eingeschlagen alle beide unseres werten seligen
Amtmanns Kinder Selbst meine Frau die das nicht von einer Jeden sagt weil sie
es genau mit solchen Dingen nimmt nennt die Eva eine Wirtin welche es mit
mancher älteren aufnehmen könne und was man hier davon im Hause sieht und was
gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt das lässt nichts zu wünschen gar
nichts zu wünschen übrig Wir halten viel auf sie ich und meine Frau und auch
mein Sohn hält in der Stadt und trotz seiner Studien die alten Spielgenossen
wert Wollte nur unser Herrgott es wäre auch sonst hier Alles noch so bei dem
guten Alten geblieben
    Er seufzte der Oberförster schien ihn zu verstehen aber sie mochten vor
den Fremden mit der Sprache nicht weiter heraus und hätten sie es auch gewollt
sie hätten ihre eigenen Worte kaum noch vernehmen und verstehen können vor dem
Lärmen um sie her
    Denn kaum war man oben in der Giebelstube wo Evas Gäste die jungen
Mädchen wohnten des Architekten ansichtig geworden so war auf Evas Anschlag
auch schon ein Plan gefasst Auf den Fußspitzen liefen sie die Treppe hinunter
damit man das Klappen der Stelzchen nicht höre zur Hintertüre schlichen sie
hinaus ins Freie und durch das große Hoftor kamen sie wieder herein und ehe
sich Herbert dessen versah waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren
losgelösten bunten Bändern ihn umschlungen und wenn er den einen Arm frei
machte sich der Einen zu erwehren so umwand die Andere ihm den anderen Arm
und eine Dritte versuchte ihm das Band um die Augen zu winden und ihn haschend
und sich befreiend und sich wehrend und ihn verfolgend und lachend und
schäkernd rannten sie rechts und links um den Teich und über den ganzen Hof dass
die Enten welche sich aus dem Teiche herausgemacht hatten sich überstürzend in
das Wasser flüchteten die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Höhe
schwangen die Hühner mit gespreizten Flügeln das Weite suchten und die Hunde
aus allen Ecken und Enden bellend dazwischen fuhren
    Gefangen gebunden rief es hier und dort um ihn dafür zu strafen dass er
nicht schon gestern gekommen war als man den letzten Wagen in die Scheune
gefahren hatte Es war ein Lärmen und ein Lachen ein Laufen und ein Jubeln Und
die helle Sonne funkelte auf all den blühenden Gesichtern und brannte auf die
entblößten Arme und Nacken und auf die lockigen Scheitel der fröhlichen Mädchen
Gefangen gebunden bestraft schallte es immer wieder bis Adam mit seinen
Freunden herbeikam die Partei für Herbert nahmen bis die hübschen Kinder
atemlos sich der Verfolgung der Männer nicht mehr entziehen konnten und
Herbert nun er es nicht mehr mit Allen auf einmal zu tun hatte Evas als der
Anführerin habhaft wurde
    Gefangen gebunden rief jetzt auch er und umschlang sie trotz ihres
Sträubens und hielt sie fest und küsste sie nach Herzenslust auf die heißen
roten Lippen Das wirkte ansteckend die Andern taten es ihm bei den
eingefangenen Mädchen nach und sich von Herbert losmachend rief Eva Nun haben
wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nachträglich gebunden nun kommt er auch
nicht fort so lange ihr Alle bei uns seid
    Aber wer sagt denn dass ich gehen will Ich kam ja um zu bleiben Sie
Gewalttätige versicherte Herbert indem er sie aufs Neue in seine Arme zu
schließen suchte und es wollte ihn dünken als widerstrebe sie ihm nicht sehr
Herbert war recht von Herzen vergnügt Selbst die Männer am Tarocktische wie
sie auch schmählten dass man sie aus ihrer Ruhe aufgeschreckt habe sahen nicht
böse drein Es glitt ein helles Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen
lächelnd um die Lippen Sie hatten wohl auch an manche fröhliche Stunde zu
denken die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen noch zu kommen hatte
    Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem genügten Allem waren jung
mit den Jungen und alt mit den Alten Das ging den ganzen Tag so fort
    Wenn ich nur wüsste meinte Herbert am Abende warum ich nicht alle Tage
hergekommen bin
    Das will ich Ihnen sagen entgegnete Eva und flüsterte ihm etwas in das Ohr
Er wollte nicht wahr haben was sie sagte aber die Mädchen behaupteten er sei
rot geworden und er möge sich in Acht nehmen sie wüssten um was es sich
handle es sei nicht geheuer in den Schlössern
    Freilich freilich bekräftigte Eva es steckt noch immer etwas von der
alten Burg darin
    Die Andern fragten was das heiße O rief sie ihr wissts ja Da oben sind
vor jenen Jahren die Herren von Arten Raubritter gewesen und nun ists damit
wie in der verkehrten Welt Sonst raubten die Ritter den andern Leuten ihre
Frauen jetzt halten die vornehmen Damen die Männer gefangen
    Man lachte über den Einfall sie neckten Eva und einer der jungen Leute
meinte Sorgen Sie nicht Mamsell Eva Monsieur Herbert sieht nicht aus wie
einer der so leicht zu fangen wäre
    Wer denkt denn jetzt an Mosje Herbert warf sie schnippisch und doch
verlegen hin
    Ich bin geduldig und werde warten sagte er sich mit scherzender Demut vor
ihr neigend
    Sie tat als höre sie seine Worte gar nicht mehr und sie hatte ja auch
alle Hände voll zu tun Das blankste Leinen die besten Teller selbst das
Silberzeug musste heute und in den folgenden Tagen auf den Tisch Alles sollte
reichlich Alles vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause da man so
liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder einmal in den Scheunen
hatte
    Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im Amtofe nicht viel zu
merken Aber der Pfarrer selber drückte ein Auge zu Er hatte seine Absichten
mit Eva und sie gefiel ihm wenn sie sich in Haus und Küche also regte und
bewegte Auch Herbert fand sie immer reizender in ihrer fröhlichen
Geschäftigkeit Er bot ihr seine Dienste an sie wusste dieselben zu nutzen und
des Befehlens wohl gewohnt ihn immer neben sich fest und immer in so guter
Laune zu erhalten dass er gar nichts sah und gar nichts denken konnte als nur
sie den lieben langen Tag Ihm war das aber recht und lieb er verlangte es gar
nicht besser
    Nur Abends als er allein war in der nächtlichen Stille da kehrte es
wieder wundersam
    Da sah er sie plötzlich vor sich die schöne hehre Gestalt da sah er es
wieder das sanft betränte Antlitz und es zog ihn fort es rief ihn von
dannen dass er nicht wusste wie er hier verweilen könne wie es ihm möglich
gewesen sei von dem Orte zu scheiden an dem er ihr begegnen sie sehen ihr
nahen konnte wie es ihm möglich gewesen sei ungleich und gering von ihr zu
denken von ihr
    Die Aufregung in welche Evas Reize und ihre natürliche Gefallsucht ihn
versetzten ließ ihn nur mit gesteigertem Verlangen an die Baronin denken und
die Feindin der Wahrheit die Entfernung verwirrte seine Phantasie bis die
Bilder der beiden Frauenzimmer wie unähnlich sie einander auch waren sich zu
mischen und Einzelheiten von einander zu entlehnen begannen dass er Mühe hatte
es aus einander zu halten was er mit der Einen was er mit der Andern erlebt
was er der Einen was er der Andern von seinen Eindrücken und Empfindungen
verdankte und zollte Aber alles Gute alles Schöne wendete sich immer auf
Angelikas Seite und wie er sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte so fühlte
er sich jetzt wieder schuldig gegen sie je länger je mehr
    Als sich ihm der zweite Tag in Rotenfeld zu Ende neigte und das junge Volk
welches in der nächsten Frühe das Amtaus verlassen und in die Stadt
zurückkehren sollte in seiner Fröhlichkeit nur immer weiter ging als müsse nun
in den letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden als man bei
der Abendtafel trotz des warmen Wetters die Punschterrine auftrug und Eva mit
lachenden Augen und mit ihren flinken Händen die Gläser immer aufs Neue füllte
bis die Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den Jungen sangen und
selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die Polonaise welche man in Vorschlag
brachte mittanzten durch die Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus wo
der Amtmann endlich auf dem grünen Platze vor dem Hause die Kousine im Schleifer
zu drehen begann  da bemächtigte sich Herberts eine große Traurigkeit Er
konnte sich nicht helfen er wusste sich nicht zu finden nicht zu raten
    Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr die ihm mit ehrlicher Zuversicht in
das Auge blickte und er sagte sich Wie schlecht bin ich dieses liebe Geschöpf
nur als Zeitvertreib zu brauchen Wie schlecht war es von mir dass ich hieher
ging dass ich mich von ihr von jener schönen edlen Frau entfernte die nicht
so glücklich ach lange nicht so glücklich ist als diese guten Menschen hier
    Er fühlte eine wahre Sehnsucht wieder in Richten zu sein Was mochte die
Baronin von ihm denken dass er sie mied da sie sich ihm zugeneigt hatte Was
sollte er ihr sagen wenn sie ihn deshalb befragte Wie es tragen wenn sie ihm
zürnte
    Seine Vorstellungen wechselten schnell seine Zerstreutheit fiel zuletzt
seiner Tänzerin auf und es ging ihr wie Jedem der von einem Gedanken
vollständig beherrscht ist sie setzte denselben auch bei dem Andern voraus
    Sehen Sie doch nicht traurig aus rief sie plötzlich und arglos wir bleiben
ja hier beisammen Sie reisen ja nicht wie die Andern fort
    Er hätte sich darüber freuen mögen aber er konnte es nicht Er besorgte
weiter gegangen zu sein als er sich dessen bewusst war Wünsche und Hoffnungen
erregt zu haben die er in diesem Augenblicke durchaus nicht teilte Seine
Ehrenhaftigkeit schreckte davor zurück Er sagte dass ja auch seines Bleibens
hier nicht sei und dass auch er nicht eben lange mehr in dieser Gegend verweilen
werde
    Um so besser meinte sie so hat man sich auf das Wiedersehen zu freuen
denn Sie kommen ja doch wieder
    Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor was er noch vor wenig
Tagen selbst gewesen war So gesund so frisch so zuversichtlich hatte er in
die Ferne geblickt jetzt konnte er sich nicht klar machen was er fühlte was
er wünschte und was der nächste Tag ihm bringen würde Er wusste kaum noch
weshalb er von Richten fort weshalb er hieher gegangen sei Es war Alles
verwirrt in ihm
    Er schlief schlecht in der Nacht und als er sich mit der Sonne erhob rief
er ein Gottlob als stehe er am Ende einer Trübsal und vor der Türe eines
Glückes und doch war und blieb er unruhig und gequält wie nie zuvor
    Die andern Gäste brachen ebenfalls in der Frühe auf sie wollten teils vor
der Mittagshitze teils vor Abend in ihrer Heimat sein Ihn nötigten die
beiden Geschwister noch zum Verweilen Der Amtmann sagte er müsse gegen zehn
Uhr nach dem Schloss und sie könnten mitsammen hinaufreiten Es sei Zeit genug
da der Baron nicht früh aufstehe und vor dem Frühstücke niemals ein Geschäft
abmache Aber Herbert war nicht zu halten und als Eva ihm dies übel nahm und
mit ihm schmollte und ihn kalt entließ war ihm das lieber als die Zuversicht
mit welcher sie sich gestern an ihn gewendet hatte
 
                                 Achtes Kapitel
Es war noch Alles still da er nach Richten kam Er ging die große Mittelallee
hinauf die durch den ganzen Park führte und bog erst in einen Seitenweg ab
als er meinte vom Schloss aus gesehen werden zu können Er hätte gern
vergessen machen mögen dass er fort gewesen sei weil er selbst die Ursache
seines Fortgehens zu vergessen wünschte Wie er nun durch die sauber gehaltenen
Wege wandelte durch deren blühende Büsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen
goldenen Lichtstreifen warfen kam ihm die Stille kam ihm die Einsamkeit so
wonnig entgegen Noch hatte er den Kopf voll von den Menuetten den Anglaisen
und den Schleifern welche die Mädchen gestern wohl oder übel auf dem Spinett
gespielt und nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte Er
freute sich dass die Baronin dies nicht gesehen hatte und er schämte sich
dessen sogar Es erschien ihm hier in Richten noch viel unbegreiflicher dass er
gestern tanzen  sich mit Anderen hatte vergnügen können während Angelikas
Bild in seinem Herzen wohnte und während sie  es konnte gar nicht anders sein 
an ihn gedachte dem sie ihren Schmerz gezeigt auf dessen Teilnahme sie
vielleicht ihre Hoffnung ihren Trost gebaut mit dem sie selbst sich durch die
Worte Dort oben dürfen wir keine Kapelle bauen zu einem innigen Geheimnisse
verbunden hatte
    Wie war es zugegangen dass er dies Alles vergessen wie hatte die natürliche
Zurückhaltung einer reinen schönen Seele wie hatten die dreisten Äußerungen
des Amtmannes der in seiner Derbheit die Worte niemals ängstlich abwog ihn
irre machen können an seinem eigenen Empfinden und irre machen können selbst an
ihr der hehrsten Frauengestalt die ihm noch je begegnet der er je genaht war

    So trat er in das Schloss und in sein Zimmer Die Dienerschaft empfing ihn
wie Einen der hier heimisch war Herbert erkundigte sich ob die Herrschaft
etwa nach ihm gefragt habe Man verneinte es und er gab die Weisung dem Herrn
Baron zu sagen dass er zurückgekehrt wäre und seine Befehle erwarte
    Das Zimmer welches die Baronin bewohnte lag über dem seinen Er hörte oben
die Fenster öffnen die Sommerladen schließen die Tische rücken Er dachte ob
sie schon wach sein möge und auf jedes leise Geräusch achtend fühlte er sich
ihr nahe und durch diese Nähe weich gestimmt Sich zu beruhigen setzte er sich
vor dem Tische nieder auf welchem seine Zeichnungen und Plane ausgebreitet
lagen denn für Angelika und ihre Absichten arbeiten hieß ja auch bei ihr sein
und eben hatte er sich gelobt dass nichts ihn so leicht wieder von ihr und ihrem
Dienste abwendig machen solle als einer der Diener ihn ersuchen kam sich in
das Frühstückszimmer hinauf zu bemühen da die Herrschaft ihn zu sprechen
wünsche
    Herbert war nicht sicher wer ihn hatte rufen lassen und mochte doch nicht
danach fragen Bewegt stieg er die Treppe hinauf er wünschte und hoffte die
Baronin vielleicht allein zu treffen aber nicht sie sondern der Freiherr war
es der ihn erwartete
    Er hieß ihn willkommen fragte ob er sich gehörig in der Gegend umgesehen
habe und ließ ihm dann obschon er ihm mit gewohnter Güte begegnete doch nicht
zur Antwort Zeit sondern ging gleich zu der Angelegenheit über wegen welcher
er ihn hatte kommen lassen
    Mit unserem Kapellenbau ist es nichts mein lieber Herbert sagte er heiter
als habe er gar niemals irgend einen Wert auf diesen Plan gelegt und nicht von
dem Architekten bereits die eingehendsten und ausführlichsten Arbeiten dafür
beansprucht Die Baronin will davon nichts hören und da guter Rat über Nacht
kommt so habe ich den Gedanken selber aufgegeben ohne deshalb auf eine
Verzierung der Höhe zu verzichten die Sie mir provisorisch vielleicht noch in
diesem Herbste zu Stande bringen müssen Ich denke da oben nämlich einen
Pavillon zu errichten
    Einen Pavillon fragte Herbert überrascht
    Ja mein Lieber einen Pavillon etwa in Tempelform der eine schöne
Aussicht bietet Man könnte ihn der Flora der Pomona der Freundschaft weihen 
das findet sich Entwerfen Sie mir einmal eine Zeichnung dazu Sie können die
Sache so viel als möglich Ihren früheren Absichten annähern um die Harmonie mit
dem Style der Kirche aufrecht zu erhalten die wir herzustellen wünschten nur
muss das Ganze natürlich auf den bestmöglichen Effect berechnet werden
    Herbert wagte es nicht die Frage zu tun welche ihm in diesem Augenblicke
vor allem Anderen am Herzen lag die Frage ob es Angelika gewesen sei welche
den Vorschlag zu dem Pavillonbau getan hatte Er glaubte nur sie allein könne
seinem eigenen Gedanken in solcher Übereinstimmung begegnet sein und während
sie so gleich mit ihm gefühlt während sie darauf gesonnen hatte ihn in so
schöner und lieber Weise neben sich zu beschäftigen hatte er sie gemieden sie
in seinem Herzen angeklagt und verdammt
    Beschämt und gerührt wollte Herbert fragen ob die Frau Baronin mit der
neuen Anordnung einverstanden sei als sie selber mit der Herzogin in das Zimmer
eintrat
    Der Freiherr ging den Frauen ein paar Schritte entgegen aber Angelika
welche sonst sehr gemessen in ihrer ganzen Haltung war eilte auf ihren Gatten
zu und umarmte und küsste ihn Dann begrüßte sie Herbert mit dem heiteren
Vorwurf dass er so plötzlich fortgegangen sei und sie und seine Arbeit im Stiche
gelassen habe um im Amtause eine ihm zusagendere und angenehmere Geselligkeit
aufzusuchen Das war Alles völlig gegen ihre sonstige Art
    Herbert hatte das Bedürfnis gefühlt sobald als möglich der Baronin zu
gestehen wie tolle Ungeduld und sträflicher Zweifel an ihr ihn aus ihrer
ersehnten Nähe fortgetrieben hätten wie er bereuend wiedergekehrt sei und nun
sollte er sich scherzend wegen einer kleinen Formlosigkeit entschuldigen welche
man ihm leichter verzieh als er es wünschen konnte Er stand vor der Baronin
wie vor einem unheimlichen Rätsel Er kannte diese Miene diese Stimme und
kannte sie auch nicht Es war Angelika und sie war es doch auch nicht Dass sie
ihn täuschte eine Rolle spielte das war seine ganze Hoffnung Aber weshalb
tat sie das Woher ihre Heiterkeit woher ihre auffallende Zärtlichkeit gegen
ihren Gatten Zürnte sie Herbert Wollte sie ihn strafen weil er ihr durch
seine Entfernung wehe getan so musste er das tragen ja er hatte sich dessen
zu freuen Wie jedoch vermochte sie es seiner zu spotten in Gegenwart des
Mannes an dessen Seite sie nicht glücklich war wie konnte sie es vergessen
dass sie in Herberts Armen über diesen Mann geweint
    Ihre Worte ihr Ton schnitten ihm in das Herz und beleidigten ihn um so
tiefer je weniger er sich in der Lage befand eine Erklärung ihres veränderten
Betragens zu begehren Ihr Scherzen zu erwidern war gegen sein Gefühl und sich
mit raschem Entschlusse auf den Boden zurückziehend auf welchem er sich mit
Sicherheit behaupten konnte sagte er sich zur Ruhe zwingend Ich glaubte hier
nicht vermisst zu werden ehe die Herrschaften sich völlig über ihre Wünsche
entschieden hatten und 
    Angelika ließ ihn aber grade wie der Freiherr nach Art der Vornehmen wenn
sie ihren Willen durchsetzen wollen seine Antwort gar nicht erst vollenden So
haben Sie also schon gehört dass ich unnachgiebig auf meinem Sinn beharre fiel
sie ein
    Herbert verneigte sich Sie sprachen es mir ja neulich als ich die Ehre
hatte Sie gnädige Frau nach der Birkenhöhe hinauf zu führen bereits aus dass
da oben keine Kapelle erbaut werden dürfe antwortete er während sein Blick auf
ihr mit so ernstem Ausdrucke ruhte dass sie ihr Auge verwirrt zu Boden senkte
vor der Erinnerung welche er ihr damit wachrief und Ihre Absicht statt der
Kapelle einen 
    Aber er konnte den Satz abermals nicht vollenden denn der Baron gab ihm
lebhaft und heimlich ein Zeichen zu schweigen und er bemerkte an den Mienen
Angelikas dass sie nicht wusste weshalb man ihm Schweigen auferlegte Sie also
hatte den Vorschlag zu dem Tempelbau nicht gemacht Seine Hoffnung hatte ihn
getäuscht Wie aber war der Freiherr denn auf den Bau dieses
FreundschaftsTempels gekommen
    Es entstand eine Pause und die Herzogin welche bis dahin sich gar nicht in
die Unterhaltung gemischt hatte kam Allen zu Hilfe indem sie plötzlich von dem
Feste zu reden anhub das zu veranstalten man in den letzten Tagen beschlossen
habe und für welches man sich vielfach auf die Hilfe des Baumeisters angewiesen
hielt
    Herbert hatte bisher davon kein Wort vernommen der Plan musste also
vermutlich eben so wie der neue Bauplan in den beiden letzten Tagen entstanden
sein und die Verhältnisse wurden ihm immer unbegreiflicher Man sprach von den
verschiedenen Vorkehrungen für das Fest der Marquis welcher inzwischen auch
dazu gekommen war erkundigte sich bei Herbert um Kostume und Decorationen man
sagte zuversichtlich Herbert werde dieses schaffen jenes tun ein Drittes
besorgen müssen und Niemand fragte ihn ob er geneigt sei die Dienste zu
leisten welche man von ihm begehrte Selbst Angelika bestimmte anscheinend ohne
alles Bedenken über ihn und wie sie bei der ganzen Begegnung auch empfinden
mochte die Gewohnheit der Vornehmen über jede Kraft zu verfügen die sich
ihnen nicht gradezu entzieht und der Glaube dass sie eine Gunst gewähren wenn
sie Dienste für sich fordern lagen auch ihr im Blute
    Aber Herbert war nicht der Mann seine Kraft wider seinen Willen verbrauchen
zu lassen noch eine solche Rücksichtslosigkeit geduldig hinzunehmen Man schien
offenbar geneigt ihm plötzlich die Stellung zu bestreiten welche man ihm
bisher eingeräumt hatte und welche zu behaupten er eben deshalb als sein Recht
ansah Man stellte an ihn bestimmte Forderungen für ein Unternehmen über das
man mit sich selbst noch nicht im Klaren war Die Baronin sprach von Gästen
welche man laden wolle Es war die Rede davon dass man für den betreffenden Fall
das ganze linke Erdgeschoss zum Unterbringen der Fremden brauchen würde aber
eben in dieser linken Seite des Erdgeschosses wohnte Herbert und mit einem Male
tauchte der Gedanke in ihm auf dass die Baronin es bereue sich ihm auch nur
einen Moment mit ihrem Herzen zugeneigt zu haben und dass sie ihn aus ihrer Nähe
zu entfernen wünsche Das wies ihn vollends auf sich selbst zurück
    Ich fürchte dass ich mich nicht in der Lage befinden werde sagte er
höflich aber fest den Herrschaften wie sie es wünschen meine Dienste widmen
zu können
    Wie rief die Baronin die über ihre sonstige formelle Weise hinausgetrieben
wurde da sie eine Freiheit und Heiterkeit zur Schau zu tragen hatte die sie zu
fühlen weit entfernt war  wie mein Herr Sie wollen sich unserem Dienste
entziehen da wir gerade jetzt uns zu einem künstlerischen Unternehmen rüsten
    Ich habe hier immer länger verweilt entgegnete er von dem Tone ihrer
Stimme wie von ihrem Blicke wieder schnell beherrscht als ich es im Grunde vor
meinen anderen Unternehmungen verantworten konnte und ich 
    Und Sie bedauern das wie es scheint und wollen sich in Zukunft davor
wahren das ist in der Ordnung sprach Angelika während sie die schönen Lippen
spöttisch aufwarf
    Dem Freiherrn welcher seine Gattin mit Befremdung beobachtete schien ihr
Verhalten zu missfallen denn er sagte mit entschiedener Kälte Du darfst nicht
vergessen Beste dass unser junger Freund nicht zu seiner oder unserer
Unterhaltung sondern des Baues wegen hergekommen ist
    Das traf Herbert wie ein Schlag obschon es wie eine Rechtfertigung für ihn
gesprochen worden war und sich verneigend sagte er Daran dachte ich eben
Herr Baron und ich wollte mir um deshalb die Erlaubnis erbitten nach
Rotenfeld hinüberzuziehen um an Ort und Stelle die Arbeit zu überwachen so
lange ich hier verweile und so oft ich in die Gegend wiederkehre
    Das Herz schlug ihm als er so sprach und wider seinen Willen hegte er doch
im Innersten die heimliche Hoffnung dass man ihn nicht gehen lassen werde Er
sah dass Angelika die Farbe wechselte aber weit entfernt ihn für die Kränkung
zu entschädigen welche ihre herausfordernde Weise ihm von dem Freiherrn
zugezogen hatte sagte sie Ja freilich Ihr Beruf und Ihre Arbeit gehen vor
denn es haben ja Andere an Sie die gleichen Ansprüche wie wir  Sie gab damit
ihre Zustimmung zu seinem Scheiden ebenfalls zu erkennen und erinnerte ihn wie
er glaubte ebenfalls daran in welchem Verhältnisse er sich neben ihr befinde
Herbert der dies nie vergessen hatte der sich bewusst war eine solche
Erinnerung nicht zu verdienen empfand sie schwer und sich zusammenfassend
sagte er mit möglichster Ruhe So gestatten Sie gnädigste Frau dass ich diese
Bemerkung als das Zeichen meiner Beurlaubung betrachte und mich jetzt gleich
nach Rotenfeld begebe
    Sie entgegnete ihm nichts nur der Baron sagte leichthin aber mit gewohnter
Freundlichkeit während er schon der Herzogin den Arm bot und der Marquis sich
der Baronin näherte um sie zum Frühstücke zu führen Machen Sie das lieber
Herbert wie Sie wollen ganz wie Sie wollen Lieber  aber er forderte ihn
nicht wie sonst auf ihnen wenigstens jetzt noch zum Frühstücke zu folgen
sondern schritt ohne Weiteres dem kleinen Speisezimmer zu Alles Blut strömte
Herbert nach dem Herzen zurück Er verbeugte sich und verließ bleich vor Zorn
und unterdrückter Bewegung das Gemach
    Gehen Sie nicht fort ehe ich Sie nicht noch über die bewusste Angelegenheit
gesprochen habe lieber Herbert hörte er den Freiherrn ihm nachrufen aber er
beachtete es nicht obschon er die Worte vernahm
    Draußen im Vorsaale begegnete ihm der Kaplan welcher sich zum Frühstück
begab Was ist geschehen fragte dieser als er die Verstörung des jungen Mannes
sah
    Ich habe eine Lehre erhalten die mir nötig war gab Herbert ihm zur
Antwort
    Der Kaplan wollte ihn so nicht gehen lassen wollte ihn zum Sprechen
bringen Herbert wies ihn zurück Ein Diener kam nach dem Kaplan sehen den man
beim Frühstück vermisste
    Gehen Sie gehen Sie Hochwürden rief Herbert Sie müssen ja gehorchen Ich
aber bin noch frei und bei Gott ich denke es auch zu bleiben
 
                                Neuntes Kapitel
In einer Stunde war sein Gepäck gemacht eine halbe Stunde später war er auf dem
Wege nach Rotenfeld Als er dort ankam war der Amtmann im Felde Eva empfing
ihn mit heller Freude Er gab die nötige Auskunft über den äußeren Anlass seiner
Wiederkehr und bat um Nachsicht wenn er ihr freundliches Willkommen nicht wie
er müsse anerkenne
    Sie blickte ihn an wurde plötzlich ernstaft und sagte indem sie ihm die
Hände reichte Mosje Herbert Ihnen ist ein Unglück geschehen Vertrauen Sie es
mir denn ich werde keine Ruhe haben ehe ich es weiß
    Er sagte er habe nur etwas Sammlung nötig um einen Brief zu schreiben
und wenn er das getan so werde er wieder munter sein
    Sie drang darauf nicht weiter in ihn und führte ihn in das Zimmer welches
er während der beiden letzten Tage inne gehabt hatte Mit leiser eilender Hand
zog sie die Vorhänge auf und rückte die Möbel zurecht wie er es brauchte Sie
war so natürlich in dieser Dienstbarkeit dass er dieselbe wie ein
Selbstverständliches ohne Danken hinnahm Sie half ihm den Mantelsack öffnen und
legte ihm die Papiere welche er herausnahm behutsam an Ort und Stelle Dann
verließ sie ihn aber man hätte in ihrer sorgenvollen Miene nicht das lachende
Mädchen wiedererkannt das es noch am verwichenen Tage allen andern an
Munterkeit und Übermut vorausgetan hatte Noch unter der Türe wendete sie
sich nach ihm um Sie sah wie er im Zimmer auf und nieder ging und wollte zu
ihm zurückkehren da er sie jedoch gar nicht beachtete zog sie die Türe leise
zu und ging traurig von dannen und an ihre Arbeit
    Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder aber wie er seinen Brief
beginnen wollte wurde er gewahr dass er innerlich fassungslos und also nicht zu
schreiben im Stande sei Er konnte das Erlebte nicht verstehen obschon er sich
jedes gesprochenen Wortes jeder Miene und Wendung der verschiedenen Personen
deutlich erinnerte Es kam ihm Alles unglaublich vor weil er es mit der
Vergangenheit in keinen deutlichen Zusammenhang zu bringen wusste
    Das Eine stand fest er hatte eine schwere Beleidigung empfangen eine
Beleidigung für welche er Rechenschaft zu fordern hatte indes die Art der
Genugtuung nach welcher er verlangte konnte er der bürgerliche Baumeister
von dem Freiherrn von Arten nicht begehren weil er wusste dass man sie ihm mit
Lachen verweigern würde Herbert war von seinem Vater der eine ansehnliche
Kundschaft unter dem Adel besaß und manchen Gönner unter ihm zählte in der
Achtung vor dem Adel auferzogen worden Aber er hatte in seiner bürgerlich
gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich eben nicht viel
um die Vorrechte des Adels gekümmert oder wenn dies doch geschehen war bisher
nicht Ursache gehabt sie ihm zu neiden Jetzt stand er zum ersten Male vor den
Schranken welche den Bürgerlichen in seinem öffentlichen und in seinem privaten
Leben von dem Edelmanne trennen und er fand sie hoch genug obschon man sie ihn
bis auf diesen Tag nicht fühlen lassen Er erinnerte sich mit welcher
verehrenden von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit für das freiherrlich
von Artensche Haus er nach Richten gekommen und wie gütig man ihm von Anfang
begegnet war Man hatte ihn als einen Gast des Hauses als den Sohn eines
Freundes behandelt man hatte ihn zu fesseln gesucht hatte seine Neigung
gewonnen  und was hatte er denn getan jetzt plötzlich eine so schnöde
Behandlung zu erleiden Wie war es möglich geworden dass die Baronin sich
derselben nicht nur nicht widersetzt sondern recht eigentlich die Veranlassung
dazu geboten hatte
    Er hatte Angelika bewundert ja er hatte sie zu lieben geglaubt Aber war
das ein Verbrechen da er auf solche Neigung und Bewunderung keinen Anspruch
gründete Nur ihr eigenes Betragen nur ihre eigene Hingebung hatten ihn
ermutigt ihr sein verehrendes Gefühl kund zu geben Nur eines Wortes nur
eines Winkes von ihr hätte es bedurft ihn schweigen zu machen und den Ausdruck
der reinen liebevollen Teilnahme zurückzuhalten mit der er ihr an jenem
Abende genaht war Wodurch also verdiente er ihren Zorn Wodurch hatte er die
Verhöhnung verdient die sie sie allein ihm bereitet Je länger er darüber
nachdachte desto zorniger wurde er und doch fühlte er dabei immer wie wert
diese Menschen ihm geworden waren die ihn so absichtlich zurückgestoßen hatten
und wie schwer es ihm fiel Böses von ihnen zu denken von denen er sich bisher
nur des Besten versehen
    Er hegte ein widerwilliges Bestreben sie zu rechtfertigen weil es ihm zu
schmerzlich war von ihnen beleidigt zu sein Er stellte sich vor dass irgend
ein Zufall irgend ein unbemerkter Zeuge dem Freiherrn verraten habe was
zwischen Herbert und der Baronin vorgefallen sei und er fand eine Genugtuung
darin sich selbst eine Schuld anzudichten an welche er im Innern seines
Herzens doch wieder nicht glaubte nur um das Verhalten des Freiherrn und
Angelikas weniger hart und ungerecht nennen zu dürfen Er hielt sich vor dass
er die Eifersucht des Freiherrn erregt dass ein Zerwürfnis und eine Versöhnung
zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben müsse weil er sich daraus die
Zärtlichkeit Angelikas für ihren Gatten herzuleiten wünschte Aber wie sollte
er diese wieder zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise mit
welcher sie ihm entgegengetreten war Keine seiner Voraussetzungen bot eine
völlig genügende Erklärung dar keine seiner Empfindungen war rein alle waren
sie gebrochen und empört gegen den Freiherrn gegen Angelika und gegen sich
selber rief er endlich aus Sie haben mir sogar den Zorn genommen und den Hass
    Bald wollte er der Baronin schreiben bald dem Baron um von ihnen eine
Aufklärung zu heischen und sich über die Herzens und Ehrenkränkung zu
beschweren die man ihm zugefügt hatte aber wo man sich mit den Personen mit
denen man zu tun hat nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden befindet
wird selbst das Zugeständnis einer begehrten Gerechtigkeit zu einer freiwilligen
Gunstbezeigung und eine solche von dem Freiherrn anzunehmen war ihm das
Widerstrebendste Dazu band ihn sein Kontract den er nicht ohne Wortbruch lösen
konnte an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn der Bau stieg edel und schön
empor und Herbert war Künstler genug ein begonnenes und so bedeutendes Werk
nur mit höchstem Widerstreben zu verlassen indes die Aussicht eben um dieses
Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen Vorgängen doch in
fortgesetzter Berührung bleiben zu sollen war ihm so quälend dass sich von
dieser Abhängigkeit zu befreien ihm für den Augenblick als das Notwendigste
erschien In dieser Stimmung ergriff er die Feder auf das Neue
    »Hochgeborener Herr Baron«  schrieb er  »Eure Gnaden haben mich heute mit
Recht und sehr zur Zeit daran erinnert dass ich nur um einer Arbeit willen und
als Künstler nach Richten gekommen bin Diese Arbeit zu vollenden mit ihr den
gerechten Ansprüchen und Erwartungen Eurer Gnaden nach besten Kräften zu
entsprechen ist mir eine Ehren und Gewissenssache gewesen und die huldvolle
Güte wie die Zufriedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Mut und
Aufmunterung gegeben Zu meinem großen Bedauern habe ich aber die Bemerkung
machen müssen dass Sie mir Ihre Zufriedenheit entzogen haben und ich möchte
Ihnen weder mit meinen Diensten noch mit meiner Person beschwerlich fallen wenn
beide aufgehört haben Ihnen genehm zu sein Erlauben Eure Gnaden mir also die
Versicherung dass ich bereit bin Ihnen alle von mir gemachten Pläne und
Detailzeichnungen zur Verfügung zu stellen falls es Ihnen aus irgend einem
Grunde wünschenswert sein sollte den Bau durch einen anderen Baumeister
fortführen und vollenden zu lassen Ich wage wohl keine vergebene Bitte wenn
ich Eure Gnaden ersuche mich Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen«
    Er siegelte den Brief und bat Eva ihm einen Boten zu schaffen der
denselben nach dem Schloss trage Als er das Schreiben unterwegs wusste wurde
ihm leichter um das Herz Weil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung getan
hatte glaubte er schon frei zu sein und nun erst loderte sein Zorn gegen
Angelika und den Freiherrn rein und hell empor Jetzt da er sich nicht mehr um
das Wesshalb der erlittenen Beleidigung kümmerte sondern sich nur der Tatsache
gegenüberstellte erwachte in ihm das Selbstgefühl welches überall verloren
geht wo man sich mit den Andern mehr als sie verdienen zu schaffen macht
    Er verließ sein Zimmer und ging ohne bestimmte Absicht hinunter in das
Haus Der Amtmann war zurückgekehrt Eva rüstete in dem kühlen Hausflur den
Mittagstisch Sie hatte den Bruder von Herberts Ankunft schon in Kenntnis
gesetzt und dieser trat ihm mit der Frage entgegen was es gegeben habe
    Herbert fühlte keinen Beruf ihm die ganze Wahrheit mitzuteilen Es
widerstrebte ihm dem Amtmann die Schwere des ihm geschehenen Unrechtes
einzugestehen da er es ohne Vergeltung hinzunehmen hatte und eben so wenig
konnte und durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen wie es um ihn und um sein
neuliches Erlebnis mit der Baronin stand Er berichtigte also nur dass man ihn
gegen die frühere Weise kalt ja dass man ihn ungebührlich behandelt habe und
dass und was er dem Baron geschrieben
    Der Amtmann hörte ihm ruhig zu und sagte dann mit einem Lächeln das seinem
gescheiten Gesichte einen noch größeren Ausdruck von Klugheit gab Ich hätte es
Ihnen voraussagen können wie es mit Ihnen kommen würde Herr Baumeister Es ist
ein ordinäres Sprüchwort aber wahr ists darum nicht minder »Es ist nicht gut
mit den großen Herren Kirschen essen« Und fügte er hinzu um wieder einmal vor
dem Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen ich habs oft zur Eva
gesagt es ist wie mit den Granatäpfeln in der Mythologie man muss nichts von
den Herrschaften geschenkt nehmen wenn man mit ihnen durchkommen und frei
bleiben will
    Das sagen Sie dessen Familie dem freiherrlichen Hause seit Menschenaltern
dient wendete Herbert ein
    Das sage ich Ihnen eben deshalb denn wir haben unsere Manier probat
gefunden von Vater auf Sohn Seine Schuldigkeit tun seinen Lohn empfangen
nichts darunter nichts darüber und Herr und Diener sein rein weg
    Herbert fragte ob denn der Freiherr oder die Baronin dem Amtmann ebenfalls
Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben hätten
    Nicht dass ichs sagen könnte meinte dieser Aber das hat sich bei uns so
fortgeerbt von Einem auf den Andern es ist unsere Bauernweisheit Wir kennen
hierlandes den Grund und Boden und die Leute und wir kennen auch unsere
Herrschaft und den Adel rund herum Sie sind Einer wie der Andere
    Eva meinte die Herrschaften könnten aber doch sehr freundlich sein und
hätten sich ja auch gegen den Bruder und gegen sie stets so gezeigt
    O ja rief der Amtmann aber es würde bald damit aus gewesen sein hätte ich
mich darauf eingelassen wie sies mit Dir und mir versuchten Heute hieß es
weil ich denn doch dies oder jenes mehr gelernt hätte als es sonst hier im Amte
zu geschehen pflegte so könnte ich dem Herrn Baron wohl bei der oder jener
Arbeit helfen nicht als Diener Gott bewahre nur weil er mich leiden und mich
um sich haben möchte Und morgen meinten sie die Eva sähe gut aus und hätte
recht anständige Manieren sie könnte also wenn sie wollte bisweilen auf das
Schloss kommen und der Frau Baronin etwas vorlesen und mancherlei im Schloss
annehmen und lernen Aber wir kennen das Für einen Finger den sie uns reichen
wenn sie Lust und Langeweile haben verlangen sie gelegentlich die ganze Hand
von uns und will man sich dann dafür auch einmal an ihrer Hand halten so
wirds ihnen gleich zu viel und sie ziehen die Hand zurück und nehmens uns
noch übel dass wir ihnen die Mühe machen uns abzustossen  Er lachte dabei und
sagte zuversichtlich Nichts da Die vornehmen Nücken kennen wir Sie dort und
wir hier Guter Dienst und gutes Recht Wir sind uns hier selber genug
    Herbert hörte ihm mit einer heimlichen Beschämung zu Es war als sprächen
sein eingeschläfertes Gewissen seine heimliche Einsicht selbst zu ihm und zu
seiner eigenen Beruhigung sagte er Ich sehne mich eigentlich auch danach
dieses Kontractes und des ganzen Verhältnisses an das ich mit so gutem Glauben
gegangen bin erst wieder ledig zu werden
    Der Amtmann schüttelte mit verneinendem Lächeln den Kopf Herbert fragte ob
er an der Wahrheit dieser Worte zweifle Nein versetzte Jener dass Sie es in
diesem Augenblick wünschen daran zweifle ich nicht aber Sie kommen nicht los
Der Freiherr ist ein Mann von Wort das muss man ihm lassen und wie er selbst
sein Wort hält so besteht er darauf dass ihm Wort gehalten werde Freiwillig
entlässt er Sie Ihres Kontractes nicht und contractbrüchig werden Sie doch
schließlich auch nicht heißen und nicht werden wollen
    Sie sprachen hin und her der Baumeister verriet nichts von dem was ihm
widerfahren war aber der Amtmann welcher gut zu fragen und zu hören wusste kam
durch einzelne Äußerungen Herberts ziemlich auf die rechte Spur und was er
von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte seine Worte trugen doch alle das
Gepräge der Abneigung welche er gegen die Herrschaften hier in der Gegend wie
er den Adel nannte in sich hegte Selbst in Eva sprach sich die gleiche
Gesinnung aus und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine hielt so wusste
Eva so viel kleine Züge von der Selbstsucht und dem Stolze den Galanterieen und
den Liebesabenteuern der adeligen Damen zu erzählen wie sie als Gerüchte von
einem Amtause in das andere getragen wurden dass Herbert den letzten Rest des
sanften Zaubers schwinden fühlte in welchem sein Verhältnis zu dem
freiherrlichen Hause und zu Angelika ihm erschienen war Er begann sich in
seinem Innern einen eitelen Toren einen schwachherzigen Neuling zu schelten Er
malte es sich aus wie man ihn im Schloss jetzt geringschätzig verlachen möge
und während der Amtmann und seine Schwester mit Vergnügen davon sprachen dass
sie Herbert nun bei sich behalten würden während sie ihm vorschlugen wie er es
sich bei ihnen bequem machen könne dachte er nur daran überhaupt aus der
Gegend fortzukommen Evas zuversichtliche Beteuerung dass er bleiben werde
weil ihr Bruder gesagt habe dass er bleiben müsse steigerte seine Sehnsucht
sich loszureißen Er konnte den Augenblick bis zur Rückkehr des Boten kaum
erwarten und mitten in dem Plaudern von Eva und trotz der Unterhaltung mit dem
Amtmanne war er innerlich nur damit beschäftigt sich die Art und Weise
vorzustellen in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Kontractes willigen
und ihm seine Entlassung zugestehen werde
    Es fiel ihm schwer bei Eva vor der Türe sitzen zu bleiben als er den
Knecht am Nachmittag über den Hof kommen sah selbst Eva wurde unruhig über die
Langsamkeit mit welcher derselbe die Weste aufknöpfte unter der er das
Schreiben des Barons welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche
umwickelt hatte hervorzog Aber schon der Anblick dieses Schreibens machte
Herbert betroffen Es war ein kleines Blättchen leicht zusammengelegt wie man
es einem Untergebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet und
wie sein Äußeres war auch der Ton in dem es gehalten
    »Machen Sie sich keine Sorge« schrieb der Baron »Ich bin durchaus nicht
unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistungen im Gegenteil Ich pflege auch nicht
aufzugeben was ich unternehme und erwarte das Gleiche von jedem Manne der
sich zu respectiren weiß Bleiben Sie also ruhig in Rotenfeld das ist Ihrem
Werke sicher förderlich besonders da Sie Steinert zur Hand haben Wegen meines
anderen Vorhabens sprechen wir bald das Nähere Ich werde Sie in den nächsten
Tagen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen«
    Das war Alles Der Brief trug keine Anrede und keine Unterschrift als das
mit langem Zuge versehene A mit welchem der Freiherr wie ein König die Erlasse
an den Amtmann zu unterzeichnen pflegte Er behandelte Herbert als sei gar
nichts vorgegangen als habe nie eine andere als die geschäftliche Beziehung
zwischen diesem und dem freiherrlichen Hause Statt gefunden als könne des
jungen Mannes Wunsch sich von der ihm aufgetragenen Arbeit zurückzuziehen gar
keine andere Ursache haben als seine Besorgnis dass der Freiherr mit seinen
Leistungen nicht zufrieden sei Eine Zurechtweisung eine Anmahnung zur
Pflichterfüllung enthielt das Schreiben kein Wort der Begütigung wie die
Einleitung von Herberts Brief sie forderte wenn man ihn festzuhalten wünschte
und ihn nicht hatte kränken wollen Er las den Brief noch einmal und noch
einmal Es war die schwerste Demütigung welche er empfangen hatte Eva die
ihn während des Lesens genau beobachtete hatte bemerkt dass er blass geworden
war Ihre großen Augen hingen ernst an seinen Mienen
    Nun fragte sie da er das Schreiben schweigend in die Tasche steckte
    Ich bleibe hier gab er ihr zur Antwort
    Ihr Gesicht erhellte sich sie hob die Hände empor um sie vor Vergnügen
zusammen zu schlagen ließ sie aber als sie in sein verstörtes Antlitz blickte
eben so schnell wieder sinken und meinte kleinlaut Das tut mir leid wenn es
Ihnen so hart ankommt
    Die Worte mehr noch der Ausdruck mit welchem sie dieselben sprach
bewegten ihn Er wollte sie um Vergebung bitten ihr eine Freundlichkeit
erwidern indes er konnte es in diesem Augenblicke nicht Sie sind recht gut
Eva sagte er indem er ihr die Hand gab
    Was nützt das wenn ich Ihnen nicht helfen kann entgegnete sie indem sie
sich von ihm losmachte und sich entfernte Es war bei ihr immer in Fröhlichkeit
und Betrübnis derselbe gute und werktätige Sinn aber es war Herbert doch
erwünscht allein zu sein Er konnte eben jetzt keine Hilfe und keine
Gesellschaft brauchen
    Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit denn arbeiten vorwärts kommen
hieß jetzt für ihn seiner Freiheit näher rücken Aber wie er den Sinn auch auf
die Verknüpfung der Linien und Zahlen richtete es brannte immer in seinem
Innern Sie haben dich weil sie dich nicht für ihres Gleichen halten nicht
nach deiner Ehre sie haben dich wie eine Sache behandelt die man aufnimmt oder
liegen lässt je nach Belieben  Und je länger er das dachte um so öfter
richtete sein Blick sich nach Frankreich hinüber und er fragte sich Wann wird
denn die Stunde schlagen die auch hier den Hochmütigen den Nacken beugt 
    Sie standen ihm dabei immer vor Augen die kleine vornehm lächelnde
Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende Marquis beide flüchtig beide
das Gnadenbrod der Fremde essend und beide so ungebeugt so sicher in dem
Glauben an die unvergängliche Überlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes dass
der Hass gegen dieses alte Blut in Herbert entbrannte und es ihm vorkam als
könne er dieses Blut kalten Auges vergießen sehen als könne er sie sterben
sehen sie Alle mit einander den hochgemuteten Freiherrn die zarte Herzogin
den fröhlichen Marquis und auch sie die schöne lächelnde Baronin wenn er
ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen vermochte wie sie ihn geflissentlich
beleidigt wie gedemütigt er von ihnen gegangen war Er hasste sie nicht nur für
dasjenige was sie ihm zugefügt sondern mehr noch deshalb weil ers ertragen
hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten musste um seiner Pflicht
nachzukommen welche jenen gegenüber seine einzige Ehre war Er hasste sie
 
                                Zehntes Kapitel
Der Feldzug zu welchem die Regimenter so fröhlich aus der Hauptstadt
ausmarschirt waren hatte nicht lange gewährt und war ein fruchtloses ja ein
unheilvolles Unternehmen gewesen sowohl für diejenigen denen er helfen und
dienen als auch für jene Anderen welche die Hilfe hatten bringen sollen Die
Revolution war in Frankreich immer energischer und siegreich vorwärts
geschritten und kleinlaut waren die Truppen der Koalition in ihre
Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt
    Graf Gerhard dem es an persönlichem Mute nicht gebrach und dem seine
kräftige Gesundheit zu Statten gekommen wo viele seiner Kameraden Krankheit und
Tod gefunden war als Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne
heimgekehrt Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in der
Hauptstadt der Provinz verweilt aber der Graf hatte gleich nach dem Einrücken
Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern nach Berka begeben Er hatte die
Familie Flies nicht aufgesucht auch zu der Kriegsrätin war er nicht gegangen
Seba erfuhr das gleich obschon sie ihren Verkehr mit derselben bedeutend
eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch weniger als sonst Behagen an
der Freundschaft zu finden schien welche die Mutter noch immer mit der Frau
seines Mieters unterhielt
    Gott soll mich bewahren dass ich Sie anklage teuerste Frau Kriegsrätin
sagte Madame Flies eines Nachmittags als diese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer
Wirtin gekommen war  Gott soll mich bewahren dass ich Sie verkenne Sie haben
es sehr gut mit uns gemeint aber der Mensch denkt und Gott lenkt
    Es ist mir freilich immer derselbe Kummer meinte Laura indem sie
wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirtin in der Hand wog der
doppelt so schwer war als die ihrigen dass ich die unschuldige Veranlassung zu
Sebas Liebe für den Grafen gewesen bin aber es geht ja wieder besser mit ihr
Sie ist wirklich schöner als je und sie schlägt es sich ja endlich auch wieder
aus dem Sinne
    Die Mutter zuckte die Schultern Glauben Sie das nicht liebe Frau
Kriegsrätin Seba hat des Vaters Kopf Die vergisst nicht was sie einmal
gewollt hat und wenn sie auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie
auch schön ist wie sonst  Sie sollten sie nur sehen wenn sie sich unbeachtet
glaubt Seba hat ihre Taubenaugen ihre sanften Kinderaugen nicht mehr
    Wie traurig ist das rief die Andere mit jenem kühlen Bedauern der
Gleichgültigkeit das der Leidende als eine schwere Beleidigung empfinden würde
wäre er nicht in der Regel zu sehr in sich versunken um darauf zu achten Die
Kriegsrätin aber glaubte der Teilnahme die man von ihr fordern konnte mit
jenem Ausruf vollauf genügt zu haben und da man der fremden Klage am
leichtesten ledig wird wenn man selbst zu klagen beginnt wiederholte sie mit
einem Seufzer ihr Wie traurig und fügte dann eilig und lebhaft hinzu Aber es
trägt ja Jedermann von uns sein Teil liebste Flies und was Sie leiden leiden
Sie mit Ihrem eigenen Kinde das ja jung und schön ist und da Sie reich sind
und ihm Alles gewähren können auch früher oder später glücklich werden wird
Nehmen Sie dagegen mich und unsern Paul Was habe ich nicht Alles für den Knaben
schon getan und Alles das umsonst Nur an Seba hängt er und an meinem Manne
als wäre ich gar nicht da  und im Grunde ist das noch das Wenigste
    Sie machte eine Pause wollte verschweigen was sie drückte konnte dann
aber doch nach Frauenart der Lust nicht widerstehen einmal ihr Herz recht
gründlich auszuschütten Es trifft Alles so schlimm zusammen  sagte sie fast
gegen ihren Willen  so schlimm als sollte mir grade jetzt von allen Seiten
Verdruss und Sorge bereitet werden Nicht genug dass der Knabe immer
verschlossener wird dass ich mir Sebas Kummer zu Herzen nehme habe ich mich
eben in diesen Tagen auch mit unserem alten guten Freunde und Gönner dem
Präsidenten erzürnen müssen
    Mit dem Herrn Präsidenten fragte näher rückend Madame Flies die seit der
ganzen Reihe von Jahren gewohnt war den alten Herrn täglich zu seiner Freundin
gehen zu sehen Wie ist das denn zugegangen
    Weiß ichs rief die Kriegsrätin und knüpfte weil ihr warm wurde das Band
auf mit welchem ihre Flatteuse unter dem Kinn zugebunden und das mit einem
Liebesknoten an dem Brustlatze befestigt war Elf runde Jahre ist er bei uns ein
und aus gegangen wir waren so an einander gewöhnt er mein Mann und ich wir
wussten wie wir einander zu nehmen und wie weit wir auf einander zu rechnen
hatten da bringt ein unglücklicher Zufall dem guten Präsidenten ein Billet in
die Hände 
    Ein Billet  ja was denn für ein Billet forschte die Andere deren Augen
vor Ungeduld und Neugier zu funkeln begannen
    Ach ein Billet des Hauptmannes  ein Billet das er mir am Tage nach der
Rückkehr schrieb  die Kriegsrätin lächelte und wendete den Kopf nach dem
Spiegel der zwischen den beiden Fenstern hing  ein Billet wie jede halbwegs
angenehme Frau deren unzählige erhält Ein paar Verse wie er sie mir seit er
damals hier war bisweilen schickte reine Poesie Ich hatte sie nicht beachtet
sie vergessen sie lagen in meinem Nähtischchen da fand sie der Präsident 
    Da fand sie der Herr Präsident wiederholte Madame Flies
    Ja rief Laura die in ihrem Verdrusse die verwunderte Frage der Anderen gar
nicht beachtete und stellen Sie sich vor aus diesem ganz gleichgültigen Briefe
macht er mir ein Verbrechen Er erlaubte sich mich zu beschuldigen verlangte
Erklärungen als wäre ich ein Kind und nicht eine Frau die weiß was sie zu
tun hat
    Madame Flies wurde stutzig In Bezug auf die eheliche Treue verstand sie
keinen Spaß Aber wie kamen denn der Herr Präsident darauf und was sagen der
Herr Kriegsrat dazu fragte sie bedenklich
    O der ahnt davon noch gar nichts der würde mir es nicht vergeben
    Hören Sie brach nun Madame Flies plötzlich aus hören Sie liebe gute
Frau das kann ich ihm auch nicht verdenken Sie wissen wie viel ich von Ihnen
halte liebe Frau Kriegsrätin aber Verse heimliche jahrelange Verse an eine
verheiratete Frau  Sie brach ab schüttelte das Haupt dass die echten
Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn niederfielen und reichte als
wolle sie gut machen was sie notgedrungen hatte sagen müssen ihrer Freundin
obschon dieselbe sich eben erst bedient noch einmal die silberne Zuckerschale
mit einem freundlichen Ists gefällig hin
    Die schöne Laura lachte plötzlich ganz hell auf und sie sah wirklich noch
sehr hübsch aus wenn sie lachend die weißen Zähne und die tiefen Grübchen in
den vollen Wangen sichtbar werden ließ Sie meinen um die Verse kümmere sich
mein Mann Gott bewahre das hat ja gar nichts auf sich Verse an seine Frau
die werden doch einen verständigen Mann nicht in Harnisch bringen auf die muss
jeder Mann gefasst sein der sich eine junge und passabel hübsche Frau genommen
hat Aber dass ich unsern Präsidenten nicht zu menagiren nicht nach seiner Weise
zu behandeln wusste das wird mein Mann mir nicht vergeben  und ich vergebe mir
es selber nicht
    Der Herr Präsident sind des Herrn Kriegsrates Chef bemerkte Madame Flies
um doch etwas zu sagen da die Heiterkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel
    Ja freilich das ists ja eben bekräftigte Laura sich besinnend mit ganz
verändertem Tone da sie die zweifelhafte Miene ihrer Hauswirtin bemerkte Das
ist es eben wir sind abhängig von ihm Sie machte eine Pause als sinne sie
über diese ihre bedenkliche Lage nach bis sie seufzend ausrief Und wir haben
kein Vermögen  Sie hielt abermals inne sah ihre Freundin prüfend an und sagte
dann ernst und niedergeschlagen Sie die Sie reich sind die Sie freie Hand in
Ihres Mannes Kasse haben Sie können gar nicht wissen wie schwer in diesen
Zeiten das Auskommen für den Beamten ist Jedes zu Ende gehende Quartal hat
seine Notwendigkeiten jedes beginnende macht seine Ansprüche die Rechnungen
kommen die täglichen Ausgaben laufen fort man muss nach außen anständig
auftreten wie man sich in seinem Hause auch beschränkt die Miete ist zu
zahlen  Sie glauben nicht welche Verlegenheiten das bereitet
    Madame Flies versicherte und erinnerte sie dass es mit der letzteren nicht
eile dass ihr Mann ja immer gern gewartet habe
    Gewiss gewiss rief Laura der Kriegsrat besitzt ja einen wahren Schatz an
Ihres Mannes Freundschaft Aber was hilft mir das Sie wissen gar nicht wie
ängstlich wie genau der Kriegsrat ist Jede Kocarde jede Falbala jedes
Teaterbillet und jedes Biscuit muss verzeichnet werden und wird bekrittelt wenn
es verzeichnet ist Da half denn des Präsidenten Galanterie gelegentlich ein
wenig aus  versteht sich nur leihweise  für Tage nur  nur um den lieben
Hausfrieden nicht zu stören Und da muss mir nun nach elf Jahren der Präsident
die gute Laune ohne allen Grund verlieren Ich habe schon gedacht ob Sie liebe
Madame Flies 
    Sie brach plötzlich ab und sagte nicht was sie gedacht hatte denn das
Gesicht ihrer Wirtin verriet ihr dass sie sich wahrscheinlich eine unnütze
Blöße gegeben hatte Das Kaffeezeug war fortgeräumt die Hausfrau erhob sich um
den süßen Wein und das Konfect zu holen die den Imbiss vervollständigen sollten
aber wie mild und glatt der alte Malaga die Kehle auch hinabglitt die
Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluss geraten
    Die gute Meinung welche Madame Flies von ihrer Freundin gehegt hatte einen
schweren Stoß erlitten und die Kriegsrätin hatte auch besser von ihrer Wirtin
gedacht Nach der sorglosen Weise in welcher sie Seba früher ihren Weg gehen
lassen hatte sie die Mutter nicht für so spiessbürgerlich und namentlich nicht
für so sittlich engherzig gehalten Sie waren beide verstimmt und beide begannen
wieder von Seba zu sprechen über deren Seelenzustand sich freilich beide eine
falsche Vorstellung machten
    Sebas erstes Empfinden nach jenem unheilvollen Morgen und nach den Tagen
welche ihr die Überzeugung aufgedrängt dass sie gewissenlos von einem Elenden
verraten und verlassen sei war der Drang gewesen sich Vater und Mutter zu
Füßen zu werfen und ihnen Alles zu gestehen Aber es war genug dass ihr eigenes
Herz gefoltert ward dass sie sich selbst verloren hatte dass sie elend geworden
war dass sie sich verachtete und nicht mehr vorwärts nicht mehr rückwärts zu
blicken wagte Ihr war Alles entrissen was bis dahin ihr Leben ausgemacht nur
Eine Gewissheit und nur Ein Gefühl waren unverändert in ihr geblieben sie wusste
dass sie das Glück ihrer Eltern war und sie liebte ihre Eltern Daran musste sie
sich halten
    Es wäre ihr eine Befreiung gewesen sich anzuschuldigen ein Trost sich zu
demütigen denn es ist für ein rechtschaffenes Herz leichter verdienten Tadel
als unverdientes Lob zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen
deren es sich nicht mehr würdig glaubt Aber was sie selber auch empfand wie
hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie verurteilten wie tief sie sich
erniedrigt fühlte den Eltern musste und wollte sie zu bleiben suchen was sie
ihnen gewesen war ihr Stolz und ihre Freude Sie musste schweigen sie musste die
Wiederkehr einer Ruhe heucheln nach der sie vergebens rang mit der sie die
Eltern doch nicht völlig täuschte und Heucheln fiel ihr schwer Sie sah es dass
die feinen Furchen um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden
waren seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in vergangenen Tagen
entgegen kam Es entging ihr nicht wie sorglich die Blicke der Mutter auf ihr
ruhten wie ängstlich die Eltern danach spähten einen Strahl der alten
Lebenslust in der Seele ihres Kindes zu entdecken sie hätte sie selber suchen
finden mögen neuen Mut und neues Wollen und Streben aber woher sollten sie
ihr kommen in dem Gefühle ihrer Erniedrigung und Herzgebrochenheit
    Traurig den Kopf auf die schmale weiße Hand gestützt saß sie eines Abends
an dem Fenster ihrer Stube Draußen war das Wetter schlecht Es war noch früh im
Jahre ein kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf ihn
klatschend zur Erde In den großen Lachen spiegelten sich die Lichter der
Laternen welche die Leute die unter ihren Schirmen in das Theater gingen sich
vortragen ließ Es war eine SchauspielerGesellschaft angekommen welche für
einige Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der
Aufführung von Schillers »Fiesco« begonnen hatte Kein Gebildeter hatte bei
diesem Anlass fehlen dürfen auch Seba hatte der Darstellung beigewohnt und
Verrinas »Was tat jener eisgraue Römer als man seine Tochter auch so  wie
nenn ichs nur  auch so artig fand« lag noch schwer auf ihrer Seele
    Sie war von Herzen traurig sie konnte nicht deutlich denken nur dass sie
müde bis zum Tode leidensmüde sei das fühlte sie mit dumpfer Schwere Sie
hatte keinen religiösen Glauben an dem sie sich erheben keine Kirche in der
sie beten konnte denn der Cultus dem sie durch ihre Geburt angehörte war ihr
fremd geblieben sie hatte keinen verschwiegenen Beichtvater dem sie sich
anvertrauen konnte sie hatte keinen Erlöser an den sie sich wenden konnte Sie
war ganz allein ohne eine Stütze ohne einen anderen Halt allein mit der
unverbrüchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens die ihr sagte dass sie
gefehlt dass sie sich entehrt habe vor den Menschen und mehr noch vor sich
selber und dass kein fremder Trost und keine fremde Hilfe von ihr nehmen könne
was sie selber auf sich geladen hatte
    Paul der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter gekommen war um
seine Freundin zu besuchen hatte sich allmählich daran gewöhnt ihr schweigend
Gesellschaft zu leisten Eine geraume Zeit sah der große schlanke Knabe
geduldig zu wie auf der Straße die Lichter flackerten und wie die Leute mit dem
Winde kämpften Endlich mochte er dessen überdrüssig sein denn sich zu Seba
wendend bat er Sprich doch mit mir
    Sie überhörte es Er wartete wieder eine Weile ob sie sich nicht mit ihm
beschäftigen würde dann sagte er ganz plötzlich Seba Du wirst Dich gewiss auch
noch einmal ins Wasser stürzen
    Sie fuhr entsetzt empor Wer hat Dir das gesagt rief sie indem sie ihn bei
den Händen erfasste
    Ihre Stimme klang ihm fremd und so gewaltsam hatte sie ihn niemals
angefasst Er fürchtete sich vor ihr Lass mich los rief er erschreckend lass
mich los
    Sie beachtete es nicht Wer hat Dir das gesagt wiederholte sie
    Ich sehe es ja gab er ihr zur Antwort
    Was denn Was siehst Du denn drängte ihn Seba der das Herz fast hörbar
klopfte denn das schweigende Leiden unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft
und schwarze unklare Gedanken waren in ihr aufgetaucht als unten in der Straße
das Wasser in den Lachen so gezittert und geglänzt Eine schmerzliche Sehnsucht
hatte sie ergriffen und an ihrem Herzen gezogen Sie hätte fortgehen mögen fort
von Vater und Mutter weit fort um einmal in einsamer Ferne ihre bitteren
Tränen laut zu weinen und dann endlich nichts mehr fühlen zu dürfen und all des
Elendes ledig zu werden mit Einem Male für immerdar
    Was siehst Du wiederholte Seba noch einmal und ihre milder gewordene
Stimme löste des erschreckten Knaben Lippen
    Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter sagte er und weinst immer
wie sie Du wirst Dich auch noch wie sie ins Wasser stürzen
    Seba schlug die Hände vor dem Gesichte zusammen sie erschrak vor sich und
ihren eigenen Gedanken des Knaben Worte hatten sie zur Besinnung gebracht Ein
heißes Mitleid für die Tote mischte sich in Sebas Schmerz um das eigene
Geschick und Mitleid ist Befreiung denn wer Teilnahme für einen Andern zu
empfinden vermag reicht wenigstens in dem Momente über die eigene Not hinaus
Die Tränen schossen ihr in die Augen indes diese Tränen taten ihr nicht so
wehe als die unzähligen andern welche sie seit der Unglücksstunde bis auf
diesen Tag vergossen Und mitten in ihrer Hülfslosigkeit zuckte zum ersten Male
der Gedanke in ihr auf dass sie sich erlösen müsse wenn sie nicht ihr Leben
enden wolle dass sie wählen müsse zwischen Selbstvernichtung und Selbsterhaltung
durch ein klar bewusstes Tun durch Selbsterhebung und durch Selbsterlösung
    Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen sie konnte ihre reine
schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken sie konnte Paulinen nicht mehr
helfen aber sich selber konnte sie helfen und Paulinens Sohn war da Sie und
dieser Knabe Seba und Paul sie gehörten zu einander das war die Vorstellung
die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte Er war ein Verstossener einer
Verstossenen und Verlassenen Sohn und war sie doch auch entehrt und verraten
und wie seine Mutter verlassen worden
    Sie hatte es bisher stets vermieden mit ihm von seiner Mutter und von
seinen Erinnerungen zu sprechen Heute fragte sie ihn was er von seiner Mutter
wisse  Er hatte ein klares Gedächtnis von dem letzten Gange mit ihr bewahrt
er erinnerte sich ihres Hauses seiner Heimat des Wagens in welchem der Baron
zu kommen gewohnt war und er wusste dass der Baron von Arten sein Vater sei
Aber mit der Festigkeit welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet hatte er
nachdem der Zufall ihm einmal einen Teil seines Wissens entlockt wieder
geschwiegen bis auf diese Stunde Auch des Augenblickes entsann er sich da er
die Kunde von dem Tode seiner Mutter erhalten hatte
    Ich weiß es noch sehr gut sagte er wie ich aufwachte und die Stube voller
Menschen war Sie schrien alle die Mutter sei ins Wasser gestürzt und die
Magd welche bei uns diente hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe
in der Hand und weinte
    Seba schauerte zusammen Was sollte aus ihr werden wenn sie es nicht
vermochte mit sich selber fertig zu werden mit ihrer Schuld mit ihrem
Unglücke Wenn sie sich in grübelnder Verzweiflung auf dem Wege gehen ließ auf
welchem sie sich eben angetroffen Was sollte aus ihren Eltern werden wenn die
Leute einmal in ihr Zimmer träten ihnen des einzigen Kindes Tuch und Schuhe
vorzuzeigen
    Nein nein niemals rief sie voll Entsetzen aus und umschlang den Knaben
als müsse sie sich an sein blühendes Leben halten um sicher vor dem Tode zu
sein Ich will nicht untergehen ich will und werde nicht zu Grunde gehen Ich
will leben bleiben Paul Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern bei meinen
guten armen Eltern lieber Paul
    Sie weinte bitterlich und weinte lange Paul wie alle Kinder von der
Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt weinte mit ihr Er hielt sie mit
seinen Armen umfasst und es war ihr als löse sich das pressende Band von ihrer
Stirn als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durchziehe eine milde
Wärme ihre Brust Ihre Tränen hörten zu fließen auf auch sie umfasste den
Knaben zärtlich und ihn an sich drückend sagte sie Paul habe mich doch lieb
    Ja antwortete er ihr ernstaft
    Und wir wollen recht gut sein Paul
    Ja entgegnete er ihr wieder
    Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen Hörst Du rechte Freude
Paul Und hier in meiner Stube wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen
und Du musst recht brav werden Paul Ich will Dich auch so lieb haben wie Deine
Mutter ich will Deine Mutter sein Paul rief sie und es kamen Kraft und
Freude in ihre Stimme bei den Worten Ich will Deine Mutter sein Paul und Du
sollst mein Sohn sein das heilige Vermächtnis Deiner armen Mutter wiederholte
sie
    Kommen wir dann auch in das Schloss und in den Park fiel ihr der Knabe in
die Rede der sich nach Kinderweise schnell erheiterte und dadurch auf die
angenehmen Vorstellungen verfiel welche ihn im Stillen oftmals beschäftigt
haben mochten
    Nein entgegnete sie indem sie traurig auf ihn niederblickte nie Wir
kommen beide nicht hinein nicht Du nicht ich Aber leben wollen wir bleiben
leben will ich bleiben für die Eltern und für Dich  Leben rief sie noch
einmal tief Atem schöpfend indem sie sich emporrichtete leben und lieben
helfen und retten und auch mich selbst erretten will ich
 
                                Elftes Kapitel
Das Zerwürfnis zwischen dem Präsidenten und seiner Freundin war ein unheilbares
geblieben aber die Kriegsrätin hörte als eine kluge Frau bald auf dies zu
beklagen Sie behauptete in ihres Mannes Freundschaft Ersatz zu finden und die
Leute waren geneigt ihr dies zu glauben Sie erschien nicht mehr so oft allein
in der Gesellschaft und an öffentlichen Orten Herr Weissenbach verlegte sein
Arbeitszimmer neben ihre Wohnstube und wenn er sich gegen Herrn Flies auch
häufig darüber beschwerte dass es ihm gar zu viel Zeit und Geld koste beständig
den Begleiter seiner Frau zu machen so musste er doch seine Gründe haben sie
nicht mehr wie früher sich selber zu überlassen
    Im Übrigen änderte das Fortbleiben des Präsidenten in der Lebensweise der
Familie nichts bis kurz vor dem Herannahen eines neuen Jahres der Kriegsrat
einmal eine lange und geheime Unterredung mit seinem Hausherrn gepflogen hatte
Was dabei verhandelt worden war darüber sprachen beide nicht es fiel aber den
Freunden der Kriegsrätin auf dass sie von Neujahr ab ein paar Zimmer ihrer
Wohnung an den Architekten überließ den sie in der Familie ihres Wirtes kennen
gelernt hatte
    Jeder der es von ihr hören wollte konnte jetzt von der Kriegsrätin
vernehmen wie erwünscht die Gesellschaft eines Mannes von Herberts Namen und
Bildung ihr für ihre stille Häuslichkeit dünke aber sie war jetzt eben so wenig
als früher in der Lage sich den Anforderungen ihrer weit verbreiteten
Geselligkeit zu entziehen und Herbert hatte es auch nicht auf den Umgang mit
der schönen Laura abgesehen als er sich für die Wohnung entschied welche sie
zu vermieten wünschte
    Seit er bei seinem ersten Verweilen in der Familie Flies Sebas
Zusammenbrechen bei der Erwähnung der sündhaften Wette des Grafen Berka erlebt
hatte sich Herbert überzeugt gehalten dass sie selbst der unglückliche
Gegenstand jener Wette gewesen sei Er war bald wieder in das Haus gekommen
sich wie die Höflichkeit es forderte nach ihrem Ergehen zu erkundigen und ihr
tiefes stilles Seelenleid hatte ihr sein männliches Mitleid gewonnen Fern von
jener Neugier die für den Leidenden so quälend ist weil sie für ihn die
Notwendigkeit der Selbstbeherrschung steigert behandelte er sie mit der
Voraussetzung dass sie unglücklich sei und die vorsichtige Weise mit der er
ihrem trüben Sinne hier und da eine freundliche Vorstellung unterzuschieben
wusste bot ihr durch eine lange Zeit das einzige Labsal für das sie empfänglich
war Er mutete ihr nicht zu sich des eigenen Daseins zu erfreuen er verlangte
niemals dass sie von sich spreche aber er erzählte ihr von seinen Reisen von
seinen Erlebnissen von seinem Aufenthalte auf Schloss Richten und in Rotenfeld
und herzenskundig durch den eigenen Schmerz erriet sie was er ihr nur
zögernd anvertraute den Zwiespalt unter dem er sich zwischen der Gräfin und
Eva bewegt die Kränkung welche er erfahren hatte und die Überwindung die es
ihn jetzt kostete so oft er nach Richten gehen musste Dass er nicht völlig mit
sich einig dass auch er noch ein in seiner Entwicklung Begriffener war machte
ihn Seba nur noch werter Wenn sie ihn ermutigte sprach sie sich selber damit
Mut ein wenn sie sich gelegentlich zu erheitern strebte erheiterte dieses
Bestreben sie selbst und wenn sie erhoben von dem Gedanken dass sie einem
Andern einem edlen jungen Manne doch noch etwas zu leisten und zu sein vermöge
sich einmal freier gehen ließ so ward er für seinen selbstlosen Anteil an ihr
durch den Einblick in ein liebevolles reiches Herz belohnt das glücklich zu
sein verdiente und sich doch des Rechtes es jemals zu werden für verlustig
hielt
    Wie man nach langer schwerer Krankheit mit Rührung aufs Neue ins Leben
tritt und mit zagendem Erstaunen wieder die ersten Schritte wagt so bewegt
fühlte sich Seba nachdem sie zu dem Entschlusse gelangt war sich aufzurichten
um ihrer Eltern um des fremden Knaben willen Alles erschien ihr neu Die
Zärtlichkeit ihrer Eltern dünkte ihr größer als je zuvor denn sie nannte sie
ein unverdientes Glück dessen sie sich würdig machen müsse Sie erschrak vor
der langen Reihe von Tagen die sie in ihrem dumpfen Schmerze verloren sie
hatte sie den Eltern entzogen und musste diese dafür entschädigen Jede Stunde
wurde ihr wert jeder Tag kostbar denn es galt eine Schuld der Dankbarkeit zu
zahlen Liebespflichten zu erfüllen und dem Lebenszwecke zu genügen den sie
sich in der Erziehung Pauls gestellt hatte
    Wenn die Mutter ihre Freude darüber aussprach dass der Blick der Tochter
sich erhelle wenn der Vater es mit Genugtuung bemerkte dass sie sich wieder
mit erhöhtem Eifer ihren früheren Beschäftigungen und Studien überließ und wenn
beide geneigt waren diese glückliche Wandlung auf Herberts Einfluss zu
schieben so pflegte Seba Paul an sich heranzuziehen und mit ihrem
schwermütigen Lächeln freundlich zu sagen Ich weiß wohl wie viel Ermunterung
ich Herbert schulde aber dass ich für dieselbe empfänglich geworden bin das
danke ich dem Paul Ich habe ihn an Kindesstatt angenommen und er muss doch ein
gutes Beispiel an mir haben Man nahm das für einen Scherz freute sich dass
Seba wieder scherzen mochte und hinderte sie nicht den Knaben so viel als
möglich in ihrer Nähe zu haben der still und ernstaft wie er sich von Anfang
an erwiesen zwischen seiner Beschützerin und ihrem Freunde Herbert heranwuchs
    Er war keines der Kinder die durch geistreiche Einfälle überraschen durch
lebhafte Gefühlsäusserungen für sich einnehmen aber er beobachtete scharf und
weil er in dem Hause seiner Pflegeeltern niemals eine besondere Anregung zum
Aussprechen seiner Gedanken erhalten hatte er schweigen sich beherrschen und
seine Eindrücke in sich festhalten gelernt Ohne ein Wort davon kund zu geben
ohne danach zu fragen hatte er sich auf seine Art eine eigene Vorstellung davon
gebildet dass eine Ähnlichkeit zwischen dem Schicksale seiner Mutter und dem
Schicksale Sebas obwalte dass Graf Berka Seba eben so unglücklich gemacht habe
als der Freiherr von Arten seine Mutter und wenn er auch nicht völlig verstand
was seine Beschützerin damit meinte dass sie ihm ihre Wiederherstellung
verdanke so wusste er doch dass seine Liebe ihr wohltue dass er die Macht habe
ihr Freude zu bereiten und dass er Niemanden lieber habe als sie
    Er war fleißig weil Seba ihn dann belobte er lernte die lebenden Sprachen
gern und schnell weil sie ihn darin unterrichtete und unmerklich wie unser
ganzes Denken und Tun auf die Kinderseelen einwirkt prägten sich ihm die
Vorstellungen und die Anschauungsweise der Personen ein denen er seine Liebe
zugewendet hatte
    Er hörte in der jüdischen Familie über die Vorurteile klagen welche die
Menschen von einander halten er hörte den Hochmut und die Anmassungen des
Adels die hohlen Ansprüche der Beamtenwelt die Unduldsamkeit der verschiedenen
Culte gegen einander bald bedauern bald tadeln und verspotten und seine
eigenen kleinen Erlebnisse boten ihm Beweise und Erklärungen für die Grundsätze
welche er ohne das vielleicht nicht verstanden haben würde Der Kriegsrat und
seine Frau wie freundlich sie der Fliesschen Familie begegneten sprachen doch
immer mit einer gewissen Geringschätzung von ihrem Wirte weil er ein Jude und
nur ein Kaufmann war aber was der Knabe sah und hörte fiel Alles zu Gunsten
dieses Juden und seiner Familie aus Oben bei seinen Pflegeeltern hatte Alles
ein doppeltes Gesicht unten bei den Juden blieben die Dinge sich immer gleich
Der Kriegsrat und Laura waren im Beisein dritter Personen lauter Güte und
Freundlichkeit mit einander befanden sie sich allein so sprach Herr Weissenbach
nur selten mit seiner Frau und es gab Misshelligkeiten und Verdruss von allen
Arten Weil man vor den Leuten den Aufwand zeigen wollte der einer angesehenen
Beamtenfamilie zukam sparte und geizte man wo Andere es nicht sahen und
während man überall von Menschenpflichten und christlicher Liebe sprach war man
für die Aufrechtaltung des äußeren Anstandes jedes Talers und Groschens so
benötigt dass man dem Notleidenden beizuspringen sich versagen musste
    Der Kriegsrat litt von diesen Zuständen ganz unverkennbar Er klagte dass
Alles teurer werde ohne dass die Einnahmen des Beamten sich vergrösserten er
wollte dass sich Laura die gewohnten Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten
versagte und doch sah er selber es nicht gern wenn sie weniger wohl gekleidet
weniger heiter schien wenn den Standesgenossen und Kollegen nicht die frühere
Gastfreiheit bewiesen wurde Was sollten sie von seiner Lage denken wenn er bei
gleichen äußeren Umständen nicht die gleichen Lebensgewohnheiten aufrecht
erhielt Paul hörte ihn oftmals sagen dass derjenige glücklich sei welcher nur
nach seinem eigenen Ermessen leben könne der nicht zu überlegen brauche wie
Vorgesetzte und Kollegen sein Tun und Treiben ansähen und unwillkürlich wenn
der Kriegsrat dem Knaben Mitleid mit seinen Sorgen einflößte dachte der Knabe
dass er niemals ein Beamter werden wolle um tun und lassen zu können was er
wolle und sich um Niemanden kehren zu dürfen wie Herr Flies
    Unfähig in seinem Urteile das Besondere von dem Allgemeinen verständig zu
sondern fasste er doch seine Meinung über die üble Lage der Beamten und über das
beneidenswerte Loos des Kaufmanns denn in gleichem Grade wie bei seinen
Pflegeeltern die heimlichen Verlegenheiten und Entbehrungen wuchsen gedieh
durch die Handelsspeculationen des Vaters Alles in dem Fliesschen Hause
    Das Notwendige war im Überfluss vorhanden alles Erwünschte konnte man sich
bereiten und schaffen Die liebevolle Sorgfalt mit welcher die Eheleute
einander begegneten wurde nur von der Hingebung der Tochter für die Eltern
übertroffen Die alten Dienstboten die KomptoirGehülfen waren wohl gehalten
kein Armer kein Hülfsbedürftiger ging ungetröstet von dannen und doch waren
diese Menschen die das Gute taten wo sie irgend konnten keine guten
Protestanten keine Christen wie seine Pflegeeltern doch hatten sie kein Amt
kein Ansehen vor der Welt trotzdem die Personen welche als Freunde ihr Haus
besuchten sie achteten und liebten und Viele die er in herablassender
Vornehmheit von Herrn Flies sprechen hören sich heimlich Rat und Hilfe suchend
an denselben wendeten
    Bei seinen Pflegeeltern urteilte man wegwerfend über die Juden misstrauisch
und widerwillig über die Katholiken und bei seinen Freunden lächelte man über
die Wunder welche der Knabe in der Schule als Glaubenssätze hinzunehmen hatte
Niemand ließ es sich besonders angelegen sein in ihm die dem Menschengeiste
innewohnende Folgerichtigkeit des Denkens und Schliessens zu Gunsten der uralten
Myten und der phantastischen Überlieferungen zu beschränken oder zu verwirren
aus denen sich das äußere Gewand aller positiven Religionen zusammensetzt Er
hörte dass sein Vater katholisch sei auch der Herr Kaplan der sich im Verlaufe
der Jahre ein paar Mal nach ihm erkundigen gekommen war ein Katholik seine
Pflegeeltern waren Protestanten die ihm liebsten Menschen Seba und ihre
Eltern waren Juden und Einer wie der Andere sprach geringschätzend von dem
Glauben zu dem er sich nicht selbst bekannte Das zerstörte in dem Knaben
unmerklich aber sicher das eigentliche Glaubensvermögen und die hingeworfene
Äußerung der Kriegsrätin dass der Herr Kaplan wohl daran denken möge Paul
einmal katholisch zu machen da er ja auch die Frau Baronin bekehrt habe
brachte diesem frühzeitig den Begriff bei dass die Religion dem Menschen nicht
angeboren nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei sondern dass man sie wählen
oder wechseln könne Sie däuchte ihm wie ein Stand wie ein Beruf zu sein den
man sich erwähle und da Kinder leicht von den Zufälligkeiten des einzelnen
Falles allgemeine Folgerungen ziehen überraschte Paul eines Tages Seba und
ihren Freund mit der plötzlich ausgesprochenen Erklärung dass er nicht
katholisch sondern ein Jude werden wolle
    Man sah ihn verwundert an und lachte über ihn wie man über Kinder zu lachen
pflegt wenn man sich nicht die Mühe nehmen will ihren Äußerungen
nachzudenken aber Paul wiederholte seine Erklärung so bestimmt dass Herbert
der um Sebas willen sich ihm zugewendet hatte die Frage an ihn richtete wie
er darauf komme
    Sie sagen ja dass Sie wieder nach Richten fahren werden da sollen Sie es
dem Herrn Kaplan bestellen dass ich nicht katholisch werden will erklärte der
Knabe
    Aber weshalb denn nicht fragte Herbert scherzend
    Paul besann sich Weil  hob er an brach dann ab und sagte als finde er
nicht für gut seine Gründe anzugeben kurz und trocken Ich will ein Kaufmann
werden wie Dein Vater Seba Der ist gut zu Deiner Mutter und behält Dich bei
sich
    Herbert und Seba verstanden beide die lange Gedankenreihe welche sich
hinter den Worten des Knaben verbarg und in der sich Richtiges und Falsches
scharfe Schlüsse und auffallende Begriffsverwechslungen mit einander nach
Kinderart vermischten aber Herbert meinte es sei nicht der übelste Gedanke
auf welchen der Knabe verfalle wenn er Kaufmann werden wolle Seba wendete ein
dass der Herr Kaplan einmal geäußert Paul solle wenn er erwachsen sei die
Rechte studieren da man ihn für den Staatsdienst bestimme Herbert jedoch legte
darauf kein Gewicht
    Der Herr Kaplan wird nicht ewig leben sagte er und was dann
    Seba antwortete ihm leise auch Herberts Gegenrede wurde so leise gegeben
dass der Knabe fühlte man wolle sie ihm entziehen indes er hatte doch einzelne
Worte vernommen und diese reichten hin ihn in der Voraussetzung zu bestärken
dass sein Vater sich nicht eben um ihn sorge da in Schloss Richten Jedermann
vollauf mit sich selbst zu tun habe
    Am nämlichen Abende als Seba sich mit dem Knaben allein befand fragte er
sie was sie wohl tun würde wenn ihr Vater sie nicht mehr liebte
    Ich würde mich bemühen seine Liebe zu verdienen gab sie ihm zur Antwort
    Ja wenn Du bei ihm wärest meinte er aber wenn man nicht bei seinem Vater
ist
    Dann würde ich suchen mich so tüchtig und so brav zu machen dass er stolz
auf mich werden und mich zu sich rufen müsste
    Der Knabe hatte jedoch offenbar einen anderen Bescheid erwartet denn er
blickte sie unbefriedigt an als wisse er sich nicht zu helfen bis er nach
einer Weile sichtlich beruhigt durch die Lösung welche er in sich gefunden
hatte achselzuckend sagte Freilich Du bist auch nur ein Mädchen Du kannst
nicht in die weite Welt gehen
    Sie mochte das absichtlich gar nicht weiter berühren denn je mehr Paul
heranwuchs um so lebhafter entwickelte sich seine Phantasie und was diese
erschaffen hatte dessen bemächtigte sich die schweigende Beharrlichkeit des
Knaben und spann es aus und hielt es fest bis man bei irgend einem zufälligen
Anlasse es gewahrte dass er wieder eine neue und feste Vorstellung gewonnen
einen eigenen Gedanken gefasst habe Jeder selbstgewonnene Gedanke ist aber eine
Stufe zu der Selbständigkeit durch welche das Kind sich von seinem Ursprunge
ablöst um sich als gesonderte Persönlichkeit in die Gesammteit einzureihen und
in derselben zu behaupten
    Es ist schwer zu bemerken dieses allmähliche Aufsteigen zur
Selbständigkeit schwerer noch anzugeben durch welche unscheinbaren Mittel und
Anstösse es gefördert und geleitet wird Es waltet auch hier wie über allem
Werden ein Geheimnis das sich in dem Einen langsam in dem Andern plötzlich
enthüllt so dass wir bisweilen staunend da stehen und uns fragen Ist dies
dasselbe Wesen das wir kannten Ist dies der Knabe der Jüngling der noch
gestern vor uns stand Wir glauben ein Wunder zu sehen weil wir nicht
beobachtet nicht verstanden haben was geschah und nicht nur an Anderen auch
an sich selber glaubt man solche Rätsel solche Wunder zu erleben wenn man aus
irgend einem Grunde sein Herz nicht prüfen wenn man nicht untersuchen mag was
man fühlt und denkt
 
                                Zwölftes Kapitel
In der Lage eine ernste Selbstprüfung zu scheuen befand die Baronin von Arten
sich seit langer Zeit Sie war nicht wieder Herr über sich selbst geworden seit
sie es sich und der Herzogin eingestanden dass sie Herbert liebe und seit
dieser vollends durch ihre Schuld das Schloss verlassen hatte konnte sie nicht
mehr zur Ruhe kommen
    Geteilt zwischen ihrem Pflichtgefühl und zwischen der Leidenschaft einer
ersten Liebe die um so stärker in ihr brannte als sie nicht in dem blöden
Herzen eines Mädchens sondern in der vollbewussten Seele einer reifen Frau
entstanden war eben so bange vor der Hoffnung geliebt zu werden als vor der
Besorgnis ihre Liebe nicht erwidert zu finden suchte sie Anfangs Trost in dem
Rate des bewährten Freundes des Kaplans aber ihr eigener aufgeregter Sinn und
der Einfluss der Herzogin hatten auch Angelikas Verhältnis zu ihrem Beichtiger
angetastet und getrübt
    Wenn der Kaplan ihr bewies dass die Entfernung Herberts notwendig gewesen
sei sofern sie nicht habe eidbrüchig werden wollen so konnte er bemerken wie
sich statt der Reue über ihre Liebe eine Empörung gegen ihre Ehe in ihr erhob
und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Vergangenheit und der
Abenteuer ihres Gatten erinnerte um in ihnen eine Beschönigung für ihr eigenes
schwankendes Herz zu finden Alles was der Geistliche ihr zu bedenken gab
wurde mit der Herzogin durchgesprochen und da die Frauen trotz der großen
Verschwiegenheit deren sie fähig sind in ihrem Vertrauen keine Grenze kennen
wenn sie den ersten Verrat an ihrem eigenen Geheimnis begangen so erfuhr die
Herzogin nicht nur Alles was Angelika wollte und wünschte hoffte und
fürchtete sondern auch Alles was zwischen ihr und ihrem Beichtiger geschehen
war und geschah Selbst das stille heilige Geheimnis seines Herzens welches er
der Baronin einst als Zeichen seines Glaubens an sie enthüllt wurde der
Herzogin Preis gegeben und von ihr gegen den Kaplan benutzt
    Sie tadelte ihn nicht im Gegenteil sie lobte sie bewunderte seine
Entsagung aber sie beklagte es dass sein Leben nicht reicher seine Erfahrung
nicht ausgebreiteter gewesen dass er immer in den engen Kreis der freiherrlichen
Familie gebannt geblieben sei Sie nannte es ein Unglück dass er auf diese Weise
nicht habe begreifen lernen wie es nicht Jedem gegeben sei seinen Frieden auf
die gleiche Weise zu finden auf die gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen und
sie erinnerte daran dass es leichter sei sich von einer sterbenden Heiligen
loszureißen deren achtender Liebe man sich sicher fühle als von einem Manne
dem man in der Absicht sich selbst zu erretten eine Beleidigung zugefügt habe
    Für einen irregeleiteten Sinn gibt es aber nichts Gefährlicheres als einen
falschen Freund der ausspricht was man sich nicht einzugestehen wagt der
vorschlägt was man heimlich ersehnt und der dadurch in demselben Grade an
Herrschaft über den verblendeten Menschen gewinnt wie dieser sie über sich
verliert Der Einfluss der Herzogin gründete sich auf Angelikas Liebe an deren
Entstehung jene weit mehr Anteil hatte als die Baronin es für möglich erachtet
haben würde Diese Liebe und das aus ihr entspringende Schuldbewusstsein mussten
also erhalten mussten gesteigert werden wollte die Herzogin ihre Herrschaft
bewahren Sie wurde überflüssig wenn Angelika zum Frieden mit sich selbst
gelangte ihre Macht in der freiherrlichen Familie wurde größer wenn es ihr
gelang Angelika und Herbert einander näher zu bringen und dem Freiherrn auch
nur den leisesten Zweifel an der unverbrüchlichen Tugend seiner Gattin
einzuflößen
    Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt dass Angelika die Härte
bedauerte mit welcher sie Herbert von sich aus und aus ihrer Gesellschaft
entfernt und dass sie ihn wiederzusehen ihm die Kränkung zu vergüten wünschte
die sie ihm zugefügt so war sie auch schnell bereit den Fehler ungeschehen zu
machen den sie mit ihrem ersten Ratschlusse begangen zu haben fühlte Sie
gestand der Baronin dass sie sich über die Stärke ihrer Leidenschaft getäuscht
dass sie gehofft habe eine kurze Entfernung werde genügen das Bild des jungen
Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu lassen und wie sie derselben
jetzt keinen anderen Weg zu raten wisse als sich nun durch ein völliges und
rückhaltloses Aussprechen mit Herbert wozu ihr bei der nächsten Anwesenheit des
jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen könne die notwendige Befreiung
ihres Herzens zu bereiten
    Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche der liebenden
Frau und die Aussicht Herbert wiederzusehen nahm ihre ganze Seele gefangen
Indes Angelika war es noch nicht gewohnt sich in Zwiespalt mit sich und ihrem
Gewissen zu finden und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres Herzens
ausgemalt hatte was sie alles Herbert sagen was sie dabei empfinden was er
ihr antworten werde so warf ein Blick auf ihren Sohn sie in die lebhafteste
Reue zurück und sie fühlte sich unfähig ihrem Gatten zu begegnen oder ihre
Stirne vor dem sanften sorgenvollen Auge ihres geistlichen Beraters zu erheben
    Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe und Herbert zögerte zu
kommen In jeder Woche an jedem Tage durfte man auf seine Ankunft rechnen denn
die Zeit der Arbeitseinstellung nahte für dieses Jahr heran und auch der
Amtmann hatte Gründe dieselbe lebhaft zu ersehnen
    Endlich gegen das Ende des Oktober traf Herbert an einem Morgen im
Amtause ein und ritt am Nachmittage als er den Bau in allen seinen Teilen
besichtigt nach Richten hinüber Es war eine sehr quälende Empfindung mit
welcher er das Schloss betrat Man sagte ihm dass Besuch im Hause sei er ließ
sich melden wurde angenommen und heiter und zutraulich wie in den besten Tagen
kam der Freiherr ihm entgegen Er hatte ein paar Edelleute bei sich denen er
Herbert als einen sehr verdienten jungen Künstler vorstellte als den Sohn eines
Freundes an dem er also doppelt Teil nehme
    Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmännischen Manieren an den Tag
die ihn so vortrefflich kleideten aber sie machten auf Herbert nicht mehr den
wohltuenden Eindruck wie sonst sie beleidigten ihn vielmehr Er fühlte dass
diese liebenswürdige Herablassung nur eine Schaustellung sei in welcher der
Freiherr sich vor seinen Gästen gefiel und er sagte sich dass er ihn selbst mit
seiner Freundlichkeit beleidige da er indem er sich es erlaube ihn nach
seiner jedesmaligen Neigung zu behandeln das Rechtsverhältniss zwischen ihnen
aufhebe nach welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen mit denen er
verkehrt vor allen Dingen die ihm gebührende gleichmäßige Behandlung zu
verlangen habe
    Der Freiherr führte Herbert darauf in sein ArbeitsKabinet das
Geschäftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt es war auch
gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Tempels wieder die Rede und
Herbert der jetzt eben so viel Scheu davor trug der Baronin zu begegnen als
er in früheren Tagen Verlangen gehegt sie in dieses Zimmer treten zu sehen
wusste den Gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen Mehrmals glaubte er
jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen welches ihm sonst das Herz
bewegt hatte Aber Niemand erschien und als er auf des Freiherrn Worte dass er
ihn morgen wiederzusehen hoffe dass er ihn morgen zur Mittagstafel erwarte
notwendige Geschäfte vorgab die ihn in der nächsten Frühe abzureisen
nötigten nahm Jener das an ohne ihm für den gegenwärtigen Tag eine Einladung
zu machen und entließ ihn freundlich aber eilig
    Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz als er das Portal des Schlosses
hinter sich hatte und als er durch den kalten windigen Nachmittag den
wohlbekannten Weg nach Rotenfeld zurückreitend die Rauchsäule aus dem breiten
Schornstein des Amtauses über die dasselbe umgebenden Bäume emporwirbeln sah
    Die Sonne war im Untergehen als er den Hof erreichte Einer der Knechte
nahm ihm das Pferd ab Als er zu ebener Erde in die bereits geheizte Stube trat
fand er sie leer Er setzte sich an das Fenster in welches die helle Glut des
Abendrotes hineinstrahlte Draußen fuhr ein vierspänniger Wagen mit einem
gewaltigen Eichenstamme beladen langsam in den Hof während die letzten Schläge
der Dreschenden auf der Tenne verklangen und die Krähen in wählerisch
kreisendem Fluge ihr Nachtquartier auf den Dächern der Scheunen und Ställe
aufsuchten Er sah wie man die Pferde von dem Wagen abspannte wie man sie in
die Ställe führte wie die Türen der Scheunen geschlossen wurden wie die
Arbeiter einer nach dem andern sich entfernten und wie die Glut und
Farbenpracht des Himmels erloschen und in die Dämmerung versanken Das milde
Zwielicht die Wärme des Zimmers das bekannte Ticken der alten Uhr das vom
Flur hereintönte waren ihm äußerst angenehm Er wusste dass seines Bleibens auch
hier nicht sei aber er fühlte seinen aufgeregten Sinn von dieser Umgebung in
welcher Alles von der ruhigen Dauer eingewohnter Zustände Kunde gab angenehm
besänftigt
    Was denken Sie fragte ihn Eva als sie das große Schlüsselbund am Gürtel
in das Zimmer trat und in der Nähe des Ofens die Hände gegen einander rieb die
ihr beim Schaffen in Küche und Kammer kalt geworden waren
    Ich denke wie heimisch ich hier bin
    Heimisch wiederholte sie und das fällt Ihnen heute ein da Sie eben so
lange von uns fort gewesen sind
    Ja eben deshalb denn es ist mir als sei ich endlich wieder nach Hause
gekommen Ich bin so gern hier
    Er sagte das ohne jede Galanterie und sie nahm es eben so einfach auf ohne
sich in ihrer häuslichen Tätigkeit stören zu lassen Sie langte einen
Fruchtkorb aus dem großen Glasschranke herunter füllte ihn mit den
frischduftenden Aepfeln und Pflaumen welche eine Magd ihr zutrug zündete
darauf die Lichter an und setzte sich Herbert gegenüber an das Fenster
    Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden fragte sie nach einer Weile Er hat
arbeiten lassen so viel er irgend konnte und mir scheint auch als wäre man im
Innern mit dem Baue tüchtig vorwärts gekommen
    Waren Sie dort liebe Eva
    Ja alle Tage versetzte sie und ich habe den Bruder recht darum gequält
dass er hübsch viel Leute anstellen sollte fügte sie hinzu aber Sie glauben gar
nicht wie er von allen Ecken und Enden geplagt wird Sie gönnen ihm jetzt keine
Stunde Ruhe und es wäre bald nötig dass er und ich Alles mit eigenen Händen
täten Denn wo ein Knecht oder eine Magd nur irgend anstellig ist da werden
sie jetzt zur Aushülfe aufs Schloss und zu den neuen Anlagen in den Treibhäusern
befohlen und alles Andere mag sehen wie es fertig wird Auch nach Ihnen haben
sie in den letzten Wochen schon einige Male gefragt
    Der Freiherr wusste ja bedeutete der Architekt dass ich vor Ende dieses
Monates nicht zu kommen brauchte
    Das hatte er längst vergessen meinte Eva denn er hat jetzt an ganz andere
Leute und an ganz andere Dinge zu denken als an Sie und Ihren Bau Meine Mutter
pflegte schon immer zu sagen Die Herrschaften haben ein gehorsames Gedächtnis
Was sie nicht eben selbst angeht was ihnen nicht nötig oder unterhaltend ist
das vergessen sie
    Eva hob dabei den Kopf mit einer kleinen wegwerfenden Miene in die Höhe und
Herbert schwieg Er hatte Gelegenheit gehabt ähnliche Erfahrungen zu machen
aber er mochte nicht davon sprechen sondern verlangte zu hören wie es Eva
während seiner Abwesenheit ergangen sei
    O meinte sie davon ist mancherlei zu erzählen Ich habe hier zuweilen sehr
vornehmen Besuch gehabt Die Frau Baronin ist selbst mehrmals bei uns gewesen
und hat bei mir nachgefragt ob wir die Herbstlieferungen auch zur rechten Zeit
und gehörig besorgen würden
    Sie sprach das mit unverkennbarem Spotte und Herbert fragte über die
Tatsache erstaunt ob denn die Baronin eine Landwirtin sei
    O nein rief Eva sie wusste auch eigentlich gar nicht was sie sagen oder
wonach sie fragen sollte
    War sie denn nie zuvor im Amte
    Ja einmal vor Jahren als sie mit dem gnädigen Herrn in Richten
eingetroffen war und damit half sie sich auch als sie jetzt zum ersten Male
hieher kam Sie sagte sie wolle das Haus sehen ich sollte es ihr zeigen aber
das ganze Haus Ich musste also auch Ihr Zimmer aufschließen Mosje Herbert denn
sie verlangte ausdrücklich zu wissen wo Sie hier untergebracht wären und als
ich dann die Laden oben bei Ihnen aufgemacht hatte setzte sie sich eine Weile
auf Ihren Stuhl an das alte Bureau an dem Sie schreiben sah da zum Fenster
hinaus und rief immer Welch schöne Aussicht Welch liebliche Aussicht Aber
von hier sieht man ja das Schloss nicht Hat Sie denn kein Zimmer Mamsell Eva
das nach dem Schloss hinaussieht Das hätte Sie dem Herrn Architekten geben
sollen  Ich musste ihr darauf auch die Hinterstuben öffnen denn sie wollte
nicht glauben dass man hier vom Amte das Schloss gar nicht sehen könne
    War der Baron mit ihr fragte Herbert und es fiel ihm auf wie gleichgültig
er sich nach der Frau erkundigen konnte an die er einst mit so
leidenschaftlicher Verehrung und Hingebung gedacht hatte
    Nein sie kam ganz allein entgegnete ihm Eva Sonst freilich als sie noch
öfter nach den Leuten nach den Armen und Kranken sehen fuhr da pflegte der
Herr Kaplan sie bei ihren Ausfahrten zu begleiten Seit aber die Frau Herzogin
immer mit ihr ist haben die Krankenbesuche fast ganz aufgehört und hierher 
nun hier wollte sie wohl die Herzogin nicht bei sich haben
    Herbert meinte das sei also der eine Besuch gewesen was die Baronin denn
bei den anderen Besuchen gewollt habe
    O gar nichts entgegnete Eva Die anderen Male ließ sie nur hier halten und
erkundigte sich wann Sie kämen weil sie gern ein paar Zeichnungen für die
Betschemel in ihrer Kirche von Ihnen gemacht haben wollte Vorgestern aber stieg
sie aus das Wetter war sehr schön und weil sie Durst hatte befahl sie dass
ich ihr ein Glas frische Milch in den Garten bringen sollte Als ich sie dorthin
geführt hatte und rasch nach dem Milchkeller laufen wollte rief sie mich zurück
und sagte sie hätte damals oben in Ihrer Stube ihr Notizbuch liegen lassen
wegen dessen sei sie eigentlich gekommen und ich sollte ihr das holen
    Hatten Sie es denn nicht gefunden fragte Herbert dem die Erzählung immer
auffallender wurde
    Gott bewahre Ich sagte das auch gleich aber die Frau Baronin meinte es
müsse da sein und als ich wiederholte dass ich selbst eben erst das Zimmer in
Ordnung gebracht weil wir Sie jetzt alle Tage erwarteten bestand sie darauf
selbst nachzusehen weil ihr an dem Notizbuche in das sie sich notwendige
Sachen eingeschrieben gar zu viel gelegen sei Es müsse auf dem Bureau liegen
geblieben sein behauptete sie Sie ging denn auch gleich gerades Weges an das
Bureau schob die paar Bücher welche Sie zurückgelassen hatten hin und her 
als ob ich das nicht selbst beim Abstäuben getan hätte  zog die große
Schieblade auf was nun erst ganz überflüssig war und 
    Und fragte Herbert lebhaft gespannt
    Und als sie dann natürlich nichts gefunden hatte da ging sie gerade so
fort wie sie gekommen war und ich musste sie noch daran erinnern dass sie so
starken Durst gehabt und Milch befohlen hatte
    Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden Weise ab in welcher
sie ihn begonnen hatte Herbert ließ es auch dabei bewenden Das war Eva aber
offenbar nicht recht Sie sah ihn an als wolle sie in seinen Mienen lesen ihn
zum Sprechen auffordern und da er dies nicht zu bemerken schien rief sie
plötzlich Dass Ihnen all diese Besuche nicht einmal auffallen Mosje Herbert
und dass Sie sie ganz natürlich finden würden das hätte ich nicht gedacht 
Nein das hätte ich wirklich nicht gedacht  von Ihnen nicht gedacht
wiederholte sie mit einer Stimme der man den unterdrückten Zorn anhörte und
ging hastig von dannen ohne darauf zu achten dass Herbert ihr folgte und sie zu
bleiben bat
    Da sie sich in die Mägdestube zu den Spinnenden begab in deren Gegenwart er
sie doch nicht sprechen konnte nahm er sein Licht und ging auf sein Zimmer
Hier also war Angelika gewesen
    Herbert blickte umher als suche er eine Spur von Angelikas Anwesenheit
aber er fühlte kein Vergnügen dabei Ihn überkam ein Misstrauen und eine Unruhe
die er nicht mehr empfunden seit er sich von Richten entfernt hatte und vor
Allem verdross es ihn dass er Eva unzufrieden wusste denn er hatte sie lieb und
war sicher dass auch er ihr teuer sei Es lagen so viel Unschuld und
Wahrhaftigkeit in der Weise in welcher sie ihm ihre Neigung kund gab und die
ganzen Verhältnisse waren auch so natürlich zwischen ihm und ihr dass er fühlte
wie es für ihn im Grunde nur seiner einfachen Anfrage bedürfe damit er in Eva
eine Frau gewinne wie sein Vater sie ihm schon lange zu geben gewünscht und wie
er sie zuweilen auch ersehnt hatte wenn er von seinen Geschäftsreisen
heimkehrend sich einsam in sein einsames Zimmer begeben müssen War es ihm doch
gerade heute bei seiner Ankunft in Rotenfeld so erquicklich gewesen von Evas
freundlichem Blicke von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden so
erquicklich dass er sich kaum enthalten können sie in seiner Freude als gehöre
sie schon lange zu ihm an das Herz zu drücken
    Er setzte sich an das Bureau nieder Das Zimmer war auf das vorsorglichste
für ihn bereitet trotz der späten Jahreszeit stand noch ein frischer Strauss auf
der Kommode unter dem Spiegel und ein zweiter wie er es liebte auf seinem
Bureau Er wusste Eva für dieses Eingehen auf seine kleinen Neigungen von Herzen
Dank und er hatte sie dafür noch lieber Indem zog er die große Schieblade auf
um etwas aus seinen Papieren herauszusuchen Als er die oberen Lagen derselben
aufgehoben hatte hielt er plötzlich betroffen inne Zwischen den Papieren
welche er dort aufbewahrt weil sie sich auf den Bau bezogen lag ein
versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen im Petschaft aber er zweifelte
nicht von wem er käme und ihn hastig eröffnend las er die Herderschen Worte
Leichter ist es der Seele die schwersten Schmerzen zu dulden
Als dem Auge sich selbst einem Geliebten entziehn
Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn Er konnte seine Augen nicht von dem
Blatte und von den Worten abwenden Wenn es wahr wäre Wenn sie dich dennoch
liebte und hätte nur ihr eigenes Herz verkannt Und hätte dich nur von sich
gewiesen um den Argwohn ihres Gatten zu beschwichtigen dachte er
    Er fühlte sich aufgeregt er fühlte eine freudige Genugtuung aber das
währte nur einen kurzen Augenblick und machte bald einer entgegengesetzten
Empfindung Platz Sein Ehrgefühl schreckte vor einem solchen Liebeshandel
zurück und die Frau welche daran denken konnte ihn einzugehen war nicht mehr
jene reine schuldlose und unglückliche Seele zu der er einst mit so
verehrender Liebe emporgesehen hatte Er wollte nicht wieder der Spielball
seiner eigenen Empfindungen oder gar das Spielzeug in den Händen einer Frau
werden die sich gerade wie ihr Gatte das Recht zuzuerkennen schien ihn nach
ihrem Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustossen und der Gedanke
was Eva empfunden haben würde hätte ein Zufall oder ihre eigene zärtliche
Neugier ihr dieses Papier in die Hände gespielt nahm ihn noch entschiedener
gegen die Baronin ein
    Er dachte daran ihr dieses Blättchen zurückzusenden aber er war Mannes
genug eine Frau unter keinen Verhältnissen blosszustellen und mit raschem
Entschlusse zerriss er das Papier um der Baronin in der Weise zu antworten die
seiner Neigung für Eva entsprach und die ihn für immer des Schwankens enteben
musste in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden Frauen bewegt
    Auf dem Punkte sein Zimmer zu verlassen und die bindende Entscheidung zu
treffen mit welcher er ein für alle Mal seiner Freiheit entsagte überkam ihn
jedoch jene Unsicherheit welche fast jeder Mann in solcher Lage fühlen muss Er
war entschlossen Angelikas nicht mehr zu gedenken indes noch war er Herr es
zu tun und er sah sie eben jetzt so deutlich vor Augen Sie erschien ihm nur
schöner nur reizender wenn er sie sich hier in diesem schlichten Raume
vorstellte wenn er es sich ausmalte wie eine Frau gleich ihr am Heerde eines
geliebten Mannes walten möge und ohne dass er es beabsichtigte versank er in
Träume eines Glückes das ihn schwindeln machte und das weit ablag von dem
Vorsatze den er eben noch gehegt
    Der Hufschlag eines Pferdes riss ihn in die Wirklichkeit zurück Der Amtmann
kehrte heim Herbert fuhr sich mit der Hand über die Stirne es war ihm
erwünscht dass man ihn weckte dass er mit seinen törichten Phantasien nicht
länger allein blieb Er versprach sich dass sie ihm nicht wiederkommen sollten
    Als er die Wohnstube betrat sah er beim ersten Blicke dass der Amtmann
nicht gut aufgelegt war auch Eva zeigte sich missmutig und ging ihm aus dem
Wege Man setzte sich zum Essen nieder aber es wollte mit der Unterhaltung
nicht gehen Der Amtmann tat einige kurze Fragen an seine Wirtschafter die
mit zu Tische saßen Eva gab die Speise umher man sättigte sich aber es ward
kein gemeinsames Mahl und nach jedem Versuche die obwaltende Verstimmung zu
verbergen oder zu besiegen fühlte man sie nur schwerer auf sich lasten
    Als die Wirtschafter sich erhoben erkundigte sich der Amtmann wie ein
Befehlender sich das angewöhnt ob in seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sei
das des Berichtens bedürfe
    Nein versetzte der älteste der jungen Männer nichts Denn dass der Herr
Marquis hier war wissen ja der Herr Amtmann wohl
    Ja entgegnete dieser aber Herbert sah dass die Stirne des Amtmanns sich
rötete dass Evas Wangen ebenfalls erglühten und auch ihm stieg es heiß vom
Herzen in die Höhe Indes keiner von ihnen sprach ein Wort Erst als die
Wirtschafter hinaus gegangen waren fragte der Amtmann als könne er es nun
nicht länger zurückhalten Warum habe ich das nicht erfahren Eva
    Weil ich Dir ansah dass Du selbst Verdruss gehabt hast gab sie ihm zur
Antwort und auf ihren beiden Gesichtern sprach sich eine Bitterkeit aus welche
Herbert früher nie in ihnen wahrgenommen hatte Eva räumte wie immer die
Gerätschaften fort der Amtmann ging in seine Schreibstube die Schwester
folgte ihm bald nach Er hörte den Amtmann mit ihr sprechen der Ton verriet
dass es keine ruhige Unterhaltung sei und er setzte sich wieder an der
entgegengesetzten Seite des Zimmers in die Fensterbrüstung um nicht zu
vernehmen was vielleicht nicht für ihn bestimmt sein mochte Noch vor wenig
Stunden hatte er sich hier so zufrieden so heimisch gefühlt jetzt empfand er
mit mannigfach erregtem Sinne dass er doch noch als ein Fremder zwischen diesen
ihm so lieb gewordenen Menschen betrachtet werde
    Indem kam Eva heraus und gesellte sich zu ihm Sie sahen beide schweigend
zum Fenster hinaus Der Mond war emporgestiegen man konnte den Hof mit allen
seinen Einzelheiten unterscheiden auch auf Evas Stirne fiel ein heller Schein
Sie pflegte sonst gern ihr Haupt auf die Hand zu stützen wenn sie einmal müßig
war  heute hatte sie obschon die Wärme des Zimmers es nicht nötig machte
ihre Arme fest in ihre Schürze gewickelt und über einander geschlagen Sie war
noch immer verstimmt und Herbert der sich und ihr darüber fortelfen wollte
sagte scherzend Wesshalb machen Sie sich so unnahbar liebe Eva
    Sie antwortete ihm nicht Er kam auf die Vermutung dass sie mit ihm um der
Baronin willen schmolle und da er eben aus einer Stimmung in die andere
geworfen also selbst nicht ruhig war sagte er mit jenem gebieterischen Tone
den fast jeder Mann sich gegen das Mädchen erlaubt von dem er sich geliebt weiß
und das er sich zum Weibe ausersehen hat Ich hasse das stumme Schmollen Eva
    Als ob ich daran dächte und als ob ich es liebte entgegnete sie und er
hörte wie das unterdrückte Weinen ihr die Stimme zusammenpresste Indes ehe er
sie noch fragen konnte was geschehen sei hatte eine der Mägde sie abgerufen
und rasch entschlossen stand er auf und begab sich nach des Amtmanns Stube Er
musste wissen was hier vorging
    Adam stand am Pulte bei seinen Rechnungsbüchern und Herbert äußerte um die
Unterhaltung anzufangen sein Befremden darüber dass jener sich noch so spät an
die Arbeit gemacht habe und sich nicht Ruhe gönne aber der Amtmann sagte
achselzuckend Arbeit ist ein Sorgenbrecher und billiger als Wein den man
sonst den Sorgenbrecher nennt Ich weiß mir nichts besseres als Arbeit wenn
mir der Kopf recht voll ist und wenn ich auf die Weise an den eigentlichen
Gegenstand meiner Sorge gar nicht denke kommt mir in der Regel der beste Rat
    Der Amtmann hatte damit seinen Platz am Pulte verlassen und angefangen im
Zimmer auf und nieder zu gehen Da legte Herbert seine Hand auf Adams Arm und
fragte Sollte sich denn guter Rat nicht auch im Aussprechen mit einem Freunde
finden lassen Ich sehe dass hier nicht mehr Alles bei dem Alten steht und ich
mochte nicht fragen was geschehen sei weil ich es allmählich zu erfahren
hoffte Nun aber mag ich nicht auf meine eigene Einsicht warten und bitte Sie
lieber Freund sagen Sie mir was Sie und Ihre Schwester drückt und ob ich es
Ihnen nicht tragen helfen nicht erleichtern kann
    Er hatte das mit so herzlicher Wahrhaftigkeit gesprochen dass Adam ihm
dankbar die Hand dafür drückte Aber meinte er Hilfe und Beistand kann man nur
für ein bestimmtes Vorhaben benutzen und ich weiß noch nicht was ich tun soll
und kann sondern nur was ich nicht mag und was ich möchte  Er hielt ein
wenig inne und sagte darauf Ich mag nicht verwirtschaften sehen was wir hier
seit Menschenaltern schaffen halfen ich mag nicht in Unfrieden leben wo wir
mit Herrschaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden haben ich mag
auch die Eva hier nicht länger lassen und darum möchte ich selber fort von
hier
    Sie Steinert Sie möchten fort von hier
    Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal durch das krause Haar wie
er es zu tun pflegte wenn ihm etwas nicht nach seinem Sinne ging Hart
ankommen würde es mir entgegnete er aber es wird doch das Ende vom Liede sein
Es ist als ob sie gar kein Einsehen mehr hätten als ob sie es noch nie bemerkt
hätten dass Roggen Weizen Kartoffeln und Rüben hierlands nicht wie im
Paradiese bloß auf Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen dass die Bäume sich
nicht von selber pflanzen und fällen dass man nicht erntet wo man nicht gesäet
hat und dass man kein Geld schaffen kann wenn man nicht zur rechten Zeit zu
verkaufen im Stande ist Man hat kaum Hände genug jetzt wo die Kälte und das
schlechte Wetter vor der Türe stehen an jedem Tage das Nötigste zu leisten
und muss Menschen und Pferde nach allen Ecken und Enden herumsprengen als ob man
die Jahreszeit aufschieben könnte wie eine zu gebende Gesellschaft
    Was haben sie denn eben jetzt auf dem Schloss vor fragte Herbert dem des
Amtmanns Äußerung über Eva im Sinne lag und der ihn gern von den Beschwerden
über die allgemeinen Übelstände zu bestimmten Mitteilungen bringen wollte
    Weiß ichs rief Steinert in ärgerlicher Achtlosigkeit sie haben ja alle
Tage etwas Anderes Bald ists ein Maskenfest bald ein Schäferspiel wie sie es
in Trianon gefeiert ehe die Hirtentänze in den Tanz übergingen den sie ihnen
dort mit der Karmagnole aufspielten Dann wieder sinds die Jagden zu denen
Gesellschaft geladen wird Sie können ja nicht ruhen  Und sich dann besinnend
fügte er hinzu Jetzt nun ists wie alljährlich der Hochzeitstag Und Gott
weiß ob ein Mensch lebt der sich über diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat
    Er ging unruhig auf und nieder Aber was hat Eva mit dem Allem zu tun
fragte der Architekt weil ihm das am meisten am Herzen lag
    Indes der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt um
sich durch eine Zwischenfrage von ihnen abbringen zu lassen Mir ist manchmal zu
Mute sagte er als stände ich vor einem Kleefelde in das der Teufelszwirn
sich eingenistet hat Man sieht wie das Unwesen um sich greift man legt auch
wohl die Hand an es an einer Stelle zu bewältigen aber ehe man sichs
versieht ists an zehn anderen Stellen da und die ganze Aussaat und Arbeit ist
verloren Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die Hände Heute wie ich
nach Hause komme finde ich eine Anweisung des gnädigen Herrn in der nächsten
Woche viertausend Taler auf einen Wechsel an Flies zu zahlen als ob ich hier
die Gelder der königlichen Bank im Vorrat liegen hätte und wer diese angenehme
Anweisung gebracht hat ist nicht wie sichs gebührt der Secretair oder der
Diener einer sondern wieder einmal der Herr Marquis welcher immer verdammt
dienstfertig ist und immer gerade vorbeireitet wenn es hier herum etwas zu
bestellen gibt
    Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust das Blut stieg ihm bis zum
Halse empor So muss Eva gleich morgen mit mir gehen rief er lebhaft aus
    Mit Ihnen gehen fragte der Amtmann Was soll das heißen
    In dem Augenblicke trat Eva ein und ohne die Frage ihres Bruders zu
beachten nahm der Baumeister sie bei der Hand Sie haben vorhin mit mir
geschmollt Eva sprach er und sind so rasch davongegangen dass ich Ihnen gar
nicht sagen konnte was mir heute seit ich Sie wiedergesehen immer auf dem
Herzen gelegen hat Wissen Sie was es ist
    Sie lächelte und sah ihm treuherzig in das Auge während die helle Röte
mädchenhafter Scheu sie überflog Liebe Eva und was antworten Sie mir fragte
er indem er auch ihre andere Hand ergriff
    Das würden Sie mich nicht fragen wenn Sie es nicht wüssten entgegnete sie
ihm Und noch ehe sie das freudestrahlende Auge zu ihm erhob hatte Herbert den
bräutlichen Kuss auf ihren Mund gedrückt und ihre Arme seinen Nacken umschlungen
So hielt er sie eine kurze Weile umfangen
    Es war still im Zimmer die alte Uhr welche in diesem Hause zu so manchem
Ereignisse die Stunde geschlagen schickte als Zeichen ihrer Gegenwart ihren
klaren Pendelschlag zu ihnen hinein der Bruder blickte bewegt und schweigend
auf die Liebenden Und wie lebhaft Herberts Herz auch klopfte fühlte er doch
eine ihm fremde ernste Ruhe über sich gekommen seit des lieben Mädchens Kopf
vertrauensvoll an seinem Herzen lag denn in seiner Seele regte sich mit der
Liebe für das erwählte gute und schöne Weib auch jene vorsorgende Zärtlichkeit
welche sich für die Zukunft der Geliebten verantwortlich fühlt und ein Vorbild
der Vaterliebe und Vatersorge in sich schließt
    Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hälfte gefühlt um dies
schnell vergessen zu können Sie machte sich aus des Geliebten Umarmung los
warf sich an des Bruders Hals und rief in Tränen ausbrechend Adam sei nicht
böse ich konnte aber doch nicht anders
    Nein Du solltest auch nicht anders entgegnete er heiter indem er Herbert
die dargebotene Rechte schüttelte aber die Augen waren ihm doch feucht
geworden denn er wusste dass er diese Schwester dass er dieses selbstgewisse
tätige und frohe Wesen schwer vermissen werde Gleich in der Frühe reite ich
aufs Schloss
    Herbert wollte wissen was dieses Vorhaben dieser Ritt nach dem Schloss
mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu schaffen habe und der Amtmann
sagte ihm dass der Freiherr Evas Vormund sei und dass man also dessen
Einwilligung begehren müsse Herbert nahm das leicht hin aber Eva wurde
nachdenklich Es machte sie besorgt dass ihr Bruder heute von dem Freiherrn
nicht in gewohnter Weise entlassen worden war dass es eben heute
Verdrießlichkeiten gegeben habe und da sie sich immer gern an die Aussprüche
ihrer verstorbenen Mutter hielt meinte sie von einem Unmutigen müsse man
nichts begehren denn der suche gern seinen Unmut auf Andere zu wälzen Zudem
konnte von dem ersten Einfalle Herberts Eva gleich von Rotenfeld zu
entfernen in keinem Falle die Rede sein und Herbert sagte sich dies selbst
nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehrgefühls besänftigt war
    Der Amtmann konnte bei der vielverzweigten Wirtschaft die Hausfrau nicht
entbehren ein Ersatz für Eva war nicht leicht nicht gleich zu finden und wie
lästig ihr die gelegentlichen Besuche des Marquis auch sein mochten fand Eva
selbst in ihnen jetzt da sie verlobt war noch weniger als früher irgend eine
Gefahr oder auch nur ein Bedenken Aber die Anfrage bei dem Freiherrn
beunruhigte sie ohne dass sie Gründe dafür angab und da Herbert sie ohnehin am
nächsten Tage verlassen musste wünschte sie dass dieser selbst in einem Briefe
die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Einwilligung zu ihrer Heirat
fordern möge
 
                              Dreizehntes Kapitel
Die Gäste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der Baronin als man am
nächsten Tage dem Freiherrn den Brief des Architekten überbrachte Er kannte die
Handschrift steckte das Schreiben in die Brusttasche und befahl da er eine
Geschäftsanfrage vermuten mochte den Boten anzuweisen dass er die Antwort
erwarten solle
    Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen Gästen erheitert
von dem glücklichen Witzworte welches einer derselben gesprochen kehrte er in
das Zimmer der Baronin zurück in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem
Frühstücke begeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war
    Die Herzogin und Angelika saßen am Kamine einander gegenüber der Marquis
und Renatus ließ das Hündchen der Baronin auf den Hinterfüssen tanzen oder
warfen einen Ball durch das Zimmer dem das kleine schnellfüssige Tier dann mit
großen Sätzen eifrig folgte und der Kaplan hörte den Rücken gegen das Fenster
gelehnt mit jenem Wohlgefallen das gute Menschen an der Fröhlichkeit der
Kinder finden dem hellen Lachen und dem Jubel zu mit welchem der hübsche Knabe
jeden Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchens begleitete
    Auch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seines Sohnes aber er hatte
nicht mehr Jugend genug sie durch persönliche Teilnahme an dem Spiele zu
erhöhen und nachdem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock geküsst
setzte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken dass er Herberts Brief beinahe
vergessen hätte das Schreiben zur Hand welches er mit einem Lächeln
zusammenfaltete nachdem er es gelesen
    Angelikas Auge hing mit Spannung an den Mienen ihres Gatten Die Herzogin
wie immer bereit den Wünschen der Baronin zuvorzukommen übernahm es mit ihrer
gewohnten Gelassenheit die Frage zu tun was das Lächeln des Barons bedeute
    Wenn Sie sich herbeigelassen hätten unsere Sprache zu lernen liebe
Freundin antwortete der Freiherr so würde ich sagen lesen und entscheiden
Sie Denn die Sache gehört im Grunde vor Ihr Gericht vor das Gericht der Damen
Es sind Herzensbekenntnisse ein kleiner Roman
    Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel ihm auf dass sie
die Farbe plötzlich wechselte Er fragte ob sie sich nicht wohl befände sie
versicherte das Gegenteil aber während er der Herzogin erzählte dass der
Baumeister um des Amtmanns Schwester um die hübsche Eva werbe die sein Mündel
sei erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb wie von einem Schwindel
erfasst plötzlich stehen sich mit geschlossenen Augen an dem weit
vorspringenden Simse des Kamins haltend
    Der Freiherr die Herzogin der Geistliche eilten herbei auch der Knabe
drängte sich an das Knie der Mutter da er die Erwachsenen um sie besorgt sah
Die Baronin nahm sich jedoch schnell zusammen Es ist mein altes Herzweh weiter
nichts sagte sie ich bitte achtet nicht darauf
    Sie trat an das Fenster welches man für sie öffnete schöpfte mehrmals tief
Atem und kehrte dann den Knaben an der Hand haltend zu den Übrigen zurück
obschon die Blässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar Mühe
hatte ihre Fassung zu behaupten
    Es war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis dahin so heitere
Stimmung der Anwesenden gekommen Der Freiherr wusste dass seine Gattin vor
Paulinens Leiche zum ersten Male von diesem Herzkrampfe befallen worden welcher
seitdem bei heftigen Gemütsbewegungen mehrmals wiedergekehrt war und das
machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich Was der Baronin in diesem Augenblicke
einen Anfall zugezogen haben konnte war ihm unbegreiflich indes er mochte in
Gegenwart dritter Personen nicht darum fragen und bemüht den Vorgang vergessen
zu machen sagte er auf den letzten Gegenstand der Unterhaltung eingehend
Herbert drückt sich sehr gut aus man sieht dass er seine Dichter nicht umsonst
gelesen hat Er ist für Eva eine sehr schickliche Partie Er ist tüchtig in
seinem Fache und da er das Mädchen wie er sagt seit lange im Herzen trägt und

    Um Gottes willen sehen Sie die Baronin rief der Marquis und mit einem
leisen Aechzen die Hände auf das Herz gepresst sank Angelika ohnmächtig zurück
    Man rief ihrer Kammerfrau sie wurde aus dem Zimmer entfernt die Herzogin
folgte ihr Herberts Brief blieb an der Erde liegen Niemand dachte jetzt an
seine Angelegenheiten
    Erst am Nachmittage als man wegen Angelikas nicht mehr in augenblicklicher
Sorge zu schweben brauchte und der Baron seine Freundin in ihrem Zimmer
aufgesucht hatte kam sein Kammerdiener fragen ob der Bote aus Rotenfeld noch
länger warten solle Berechtigt wie sie war verdross die Mahnung den Baron
    Nein schicke Er ihn fort Ich würde die Antwort senden sagte er Der
Kammerdiener verließ mit dem Bescheide das Zimmer Der Freiherr setzte seine
Unterhaltung mit der Herzogin fort indes er war zerstreut es lag ihm Etwas im
Sinne dem er nicht Gehör geben wollte aber er konnte den Blick den
flüchtigen lächelnden Blick nicht vergessen den der Marquis der Herzogin
zugeworfen hatte als Angelika zusammengebrochen war Und was hatte es bedeutet
dass die Herzogin mit zärtlicher Stimme der Leidenden zugeflüstert sich zu
fassen sich um Gottes willen zu beherrschen
    Er wollte die Empfindung die Aufregung welche ihn peinigten in sich zum
Schweigen bringen aber sie ließ ihm keine Ruhe Er hörte was die Herzogin
sprach indes er konnte dem Sinne ihrer Erzählungen nicht folgen Ihre Worte
berührten zum ersten Male nur sein Ohr Sie bemerkte das auch bald denn leise
ihre Hand auf die seinige legend sagte sie im Tone sanftester Begütigung
    Sie sind wirklich zu ängstlich um den Anfall unserer teuren Angelika Sie
machen sich überhaupt unnötig Sorge und begehen in der Tat ein Unrecht mein
teurer Cousin
    Der Baron fuhr jäh empor Was soll das heißen fragte er und seine Stirne
erglühte in stolzem Zorn Von wem sprechen Sie
    Wesshalb zögern Sie fuhr sie einlenkend und bittend fort dem Architekten
die Zustimmung zu geben der er sicherlich voll Ungeduld entgegen sieht
    Der Freiherr atmete auf aber damit war der Herzogin nicht gedient darauf
hatte sie es nicht abgesehen und ihm keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer
Entgegnung gönnend sprach sie
    Was hat er denn verbrochen dieser arme Herbert Hat er denn nicht schnell
begriffen was ihm ziemte Hat er da er das Unglück hatte Ihnen zu missfallen
sich nicht selber die verdiente Strafe und Busse auferlegt indem er sich
freiwillig aus Ihrer Nähe und aus Ihrem Hause verbannte
    Die Vorbitte der Herzogin musste dem Freiherrn auffallen Es lag daneben in
ihrem Tone in ihren Worten etwas das ihn in seiner Unruhe nur noch bestärkte
obschon er sich bemühte es nicht zu hören Selbst der freundliche Blick der
Herzogin peinigte ihn und sich erhebend um nur der Nähe dieses eindringlichen
Blickes zu entgehen sprach er
    Ich wusste nicht dass Sie so viel Anteil an meinem Architekten nehmen meine
Freundin und Herbert selber war sich dessen sicher nicht vermutend
    Die Herzogin lächelte Anteil an Ihrem Architekten wiederholte sie Was
ist mir dieser Herbert Was kann ein Mensch wie er uns sein Aber ich kann es
nicht verstehen mein Freund weshalb Sie eben Sie Baron ihn hindern wollen
sich seiner Freiheit ein für alle Mal zu entäussern weshalb Sie ihn hindern
wollen sein zärtliches Herz für die Zukunft der Schwester Ihres Amtmannes zu
überantworten Mich dünkt dazu hätten Sie mein Freund doch wirklich keinen
Grund und es ist ja so süß ein paar Glückliche zu schaffen wenn die
Gelegenheit sich wie hier dazu so günstig zeigt
    Sie sprach dies mit der völligsten Heiterkeit und Freiheit mit gänzlicher
Gelassenheit aber sie folterte den Freiherrn mit ihrer Ruhe Er hörte er
fühlte dass sie ihm etwas hinterhielt dass sie ihn etwas erraten lassen ihm
eine Mitteilung machen möchte deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von
irgend einem Menschen aussprechen zu hören er doch um jeden Preis vermeiden
wollte Zwei Wege lagen vor ihm offen seine Aufregung drängte ihn zu dem einen
hin  aber er zauderte ihn zu betreten Nur eines Augenblickes Überlegung
bedurfte er dann war sein Entschluss gefasst Er musste der Herr bleiben auf jedem
Wege den er gehen sollte und heiter und frei wie die Herzogin selbst reichte
er ihr die Hand
    Ich danke Ihnen rief er Sie sind immer besser immer gütiger als wir
Anderen meine Freundin Sie haben mich zur rechten Zeit daran erinnert dass
meine selbstsüchtige Sorge um die Baronin mich grausam gegen ein junges Pärchen
machte grausam gegen einen Mann mit dem ich in jedem Betrachte wohl zufrieden
bin Erlauben Sie dass ich mich entferne um mein Unrecht zu vergüten
    Ja gehen Sie gehen Sie rief die Herzogin als freue sie sich ihn
umgestimmt zu haben aber sie kannte ihren Freund sie erriet seine Absicht und
sie hatte sich auch dieses Mal nicht geirrt
    Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron er wandte sich geraden Weges nach
dem Zimmer seiner Frau Er musste wissen ein für alle Mal wissen woran er mit
ihr war
    Angelika sah müde und niedergeschlagen aus als er bei ihr eintrat Die
Erscheinung des Freiherrn der sie nicht lange erst verlassen hatte kam ihr
unerwartet seine Haltung seine Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt
Er hatte sich ihr immer mit jener rücksichtsvollen Ergebenheit genaht welche
die ritterliche Sitte dem vornehmen Manne selbst da als Pflicht gegen eine Frau
auferlegt wo er zu gebieten hat So schmerzlich manche Verhandlungen zwischen
ihm und seiner Gattin so schwer und quälend sie namentlich in früheren Zeiten
oft gewesen waren nie hatte er den Gebieter nie den Herrn gegen sie
herausgekehrt und niemals hatte sein Ton sie streng erfasst
    Ohne ein Wort zu sprechen sah er ob die Türen welche in die Nebenzimmer
gingen geschlossen waren Dann ließ er die Portièren nieder und nahm auf einem
Sessel der Baronin gegenüber Platz Sein Schweigen seine Ruhe steigerten ihre
Besorgnis es fröstelte sie und auch der Freiherr sah bleich und kalt aus
    Ich frage Dich nicht wie Du Dich befindest Angelika und Du fragst mich
nicht weshalb ich wiederkomme hob er nachdem er tief Atem geschöpft hatte
mit fester Stimme an das beweist für uns beide was uns zu wissen Not tut
    Da er sah dass sie ihm antworten wollte legte er seine Hand auf ihren Arm
und hielt sie davon zurück Nur eine kleine Geduld bat er was ich Dir zu sagen
habe wird kurz sein Er schwieg einen Augenblick dann fuhr er fort Ich habe
Dir keine Vorwürfe zu machen im Gegenteil Du wirst Dich immer in der Lage
befinden mir sagen zu können dass Du mit mir das Glück nicht gefunden hast
welches Du Dir mit Recht von der Ehe erhoffen durftest
    Höre mich fiel die Baronin welche den Worten ihres Mannes mit wachsender
Bewegung folgte und auf diese Art der Unterredung in keiner Weise vorbereitet
gewesen war ihm angstvoll in die Rede
    Nein lass mich vollenden entgegnete er Erinnere Dich wie ich Dir einmal
sagte hätte ich die abmahnende Stimme gekannt die Dich bei unserer ersten
Begegnung von mir zurückhielt so würde ich nie um Dich geworben haben Denn es
ist wahr unsere Neigungen unsere Ansichten gehen vielfach aus einander Du
bist nicht glücklich mit mir geworden Du hast mir auch viel verzeihen viel mit
mir ertragen müssen in den ersten Jahren unserer Ehe aber was Du mir nach
Deiner Meinung zu verzeihen hattest  dieses Eine gestehe mir wenigstens zu 
das lag Alles hinter der Zeit in welcher Du Dich mir verbunden Oder welcher
Untreue könntest Du mich zeihen seit ich Dir mein Wort verpfändet
    Angelika war wie gelähmt vor Schrecken und vor Schmerz Was sie innerlich
auch empfunden hatte diesen Ton diese Sprache verdiente sie nicht Sie war
gewissenhaft und demütig bereit gewesen sich eines Unrechtes anzuklagen sich
einer Gedankensünde zu zeihen aber gegenüber den Vorwürfen welche ihr Gatte
ihr machen zu wollen schien empörte sich ihr gerechtes Bewusstsein verstockte
sich ihr Herz
    Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete wiederholte er sie mit
dem Zusatze dass er eine einfache Antwort erwarte Das steigerte in ihr das
Gefühl der Kränkung und kalt wie der Freiherr zu ihr sprach sagte sie Ich
habe mich über gar nichts zu beklagen im Gegenteil
    Was soll das heißen fragte der Baron
    Da bemächtigte seiner Gattin sich eine jener wilden Anwandlungen des
Schmerzes denen die sanfteste Natur nur schwer widersteht War es doch genug
was sie leiden musste war es doch genug was sie an innerer selbstanklagender
Pein an Herzenskränkung zu ertragen hatte Sie wollte nicht allein unglücklich
sein nicht allein die Schmerzen der verschmähten Liebe fühlen Es sollten
Andere unglücklich sein wie sie und vor Allem sollte der Mann sich nicht
ungestraft als ihr Richter vor sie stellen um den sie ihre Jugend ihren
Frieden ihr Vaterhaus ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte
    Mit jener Wollust des Rachegefühls die dem Beleidigten ein wilder
berauschender Genuss ist sagte sie Du hattest sicherlich kein Recht zu dem Tone
dieser Unterredung wenn Du mit Deinen Voraussetzungen Unrecht hattest Aber Du
hast Dich nicht geirrt  Sie zögerte es stieg noch einmal wie in solchen
Augenblicken immer ein Abmahnen in ihrem Herzen ein letztes Besinnen in ihr
auf indes ihr Zorn wollte sich genugtun und fest und bestimmt sagte sie Ich
liebe Herbert Das war es was mir heute das Herz zu brechen drohte
    Angelika rief der Baron und schloss die Augen während seine Hand krampfhaft
die Lehne seines Sessels ergriff
    Es war still im Zimmer Beide Eheleute vermochten nicht zu fassen nicht zu
glauben was geschehen war Beide litten beide kämpften schweigend in ihren
Herzen Jedem von ihnen mochte die Ahnung kommen dass es jetzt vielleicht noch
Zeit sei jedem von ihnen mochte die heiße Aufwallung durch die Seele gehen
jetzt schnell noch die Hand zu bieten um die Wunde zu heilen die sie einander
geschlagen hatten und die unheilbar werden musste wenn man sie nicht
augenblicklich schloss Aber wie ein Dämon stand zwischen ihnen jene Selbstsucht
die man als gerechten Stolz als Ehrgefühl bezeichnet und statt einander
helfend zu befreien dachten beide nur daran sich würdig gegen einander zu
behaupten
    Des Freiherrn Züge waren völlig ruhig als Angelika endlich ihren Blick zu
ihm erhob Weiß Herbert dass Du ihn liebst fragte er bestimmt
    Ja entgegnete sie eben so und es freute sie zu sehen wie schwer es ihrem
Gatten wurde seine Ruhe aufrecht zu erhalten
    Weiß er es durch Dich
    Ja wiederholte sie
    Und die Herzogin  sie weiß es auch
    Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben sollte kam wie mit
Einem Schlage das Bewusstsein der Herzensverblendung über sie die sie
fortgerissen und in der die Herzogin sie gehen lassen sie bestärkt und weiter
geführt hatte Sie sprang auf warf sich ihrem Gatten zu Füßen und flehte
Franz Franz rette mich vor mir selber Es war ein Wahnsinn der mich ergriffen
hatte Ich bin nicht schuldig nicht so schuldig als Du wähnst Glaube mir
selber nicht den Worten nicht die ich vorhin gesprochen die der Zorn mir
entrissen Deine Strenge Deine Kälte brachten mich außer mir Nur mein Herz war
Dir nicht treu nur meine Phantasie konnte sich vergessen Ich bin ja Dein Dein
allein wie ich es stets gewesen Komm mir zu Hilfe Franz Komm der Mutter
Deines Sohnes zu Hilfe  dass sie sich wiederfinde in der Liebe zu Dir und ihm
Komm mir zu Hilfe Franz durch Deine Liebe Deine Nachsicht wie  ich Dir
einst durch meine Liebe und Geduld zu Hilfe gekommen bin
    Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben Jetzt da sie sich in seine
Arme werfen wollte nahm er sie bei der Hand und nötigte sie sich
niederzusetzen Sein Herz seine Ehre seine Eitelkeit hatten eine Kränkung
erfahren die er nie vergessen konnte Er hatte Angelika niemals
leidenschaftlich geliebt aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau
Jetzt da er zu erkennen glaubte dass er sie überschätzt jetzt da sie sich
selber eines Treubruches anzuklagen hatte auf dessen Möglichkeit manche
Äußerungen der Herzogin wie er jetzt nachträglich begriff ihn schon öfter
behutsam hingewiesen hatten jetzt erinnerte Angelika ihn daran wie er sich vor
ihr gedemütigt wie sie sich in ihrem Selbstgefühle hoch über ihn erhoben und
zu unglücklicher Stunde fiel es ihm ein dass es einst einen Tag gegeben an dem
er diese Frau und ihre strenge makellose Reinheit beinahe gefürchtet hatte
    Was er in diesem Augenblicke verlor konnte keine Zukunft ihm wiederbringen
aber Eines konnte er erretten  Eines konnte er gewinnen und er war
entschlossen diesen Vorteil nicht aufzugeben Er konnte seine Ehre wahren und
seine Gewalt und Herrschaft über die Baronin neu und ein für alle Mal begründen
    Fasse Dich Angelika sagte er mit anscheinender Ruhe und sei unbesorgt Du
hast es mit mir mit einem Edelmanne  er betonte das Wort sehr scharf und sie
verstand seine Meinung  mit einem Edelmanne zu tun der nie vergessen kann
was er Dir und was er sich selber schuldet Was ich Dir zu sagen hätte das wird
Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparen denn ich wiederhole Dir ich habe das
Wort als Mann gehalten das ich Dir einst verpfändet Du hingegen 
    Franz fiel die Baronin ihm in die Rede indem die Tränen ihr aus den Augen
stürzten muss ich Dir es wiederholen muss ich es noch einmal aussprechen das
Bekenntnis dass nur mein Herz nur meine Phantasie Dir untreu waren
    Der Baron presste in heftigem Schmerze seine Lippen zusammen Dafür habe ich
sicherlich nicht Dir allein zu danken entgegnete er und es tat ihm wohl wie
seine Gattin unter diesem Worte händeringend ihr Gesicht verbarg Bald aber
erhob sie wieder ihr Haupt Ich verlangte mich zu rechtfertigen ich wünschte
ich konnte es jetzt nach diesem Worte vermag ich es nicht mehr rief sie und
die Klage rang sich wie ein Schrei aus ihrer Brust
    Still Angelika still sprach der Freiherr indem er ihre Hand fest
drückte Oder willst Du uns zum Gespötte unserer Leute machen  Er schwieg sie
weinte mit unterdrückter Stimme
    Bist Du gefasst genug mich jetzt zu hören fragte er nach einer Pause in
welcher er langsam auf dem weichen Teppiche umhergegangen war Sie bejahte es
    Nun denn ich wiederhole Dir ich mache Dir keinen Vorwurf Es ist schwer
der Stimme des Herzens zu gebieten  ich habe sie auch einst gehört und bin ihr
gefolgt wie Du Vielleicht irrte ich als ich Dich die Du meine Tochter sein
konntest zur Gattin wählte vielleicht irrte ich als ich Dich zu sehr Dir
selber überließ aber für beides wirst Du mich nicht tadeln Ich irrte im
Vertrauen im festen höchsten Vertrauen auf Dich und Deinen Adel Ich verlange
kein Geständnis von Dir ich will nicht wissen was zwischen Dir und jenem Manne
vorgegangen ist der sein Auge nicht zu der Gemahlin des Freiherrn von Arten
erheben konnte wenn sie selbst ihm nicht dazu ein Recht gab 
    Er brach mitten in seiner Rede ab und sagte dann von seiner Aufwallung
zurückkommend Ich will auch nicht erfahren ob und was Deine rücksichtslose
Verblendung der Herzogin etwa verraten oder was des Architekten allerdings nur
zu berechtigte Eitelkeit dem Marquis Preis gegeben haben mag denn man kennt die
Indiscretion der Leute seines Standes  Alles was ich verlange ist dass ein
Schleier gebreitet werde über das Geschehene dicht genug auch dem schärfsten
Auge zu verbergen dass mit dem Augenblicke in welchem ich den Glauben an mein
Weib verlor   das Band für immerdar zerrissen ist das mich ihm verbunden
    Die Lippe bebte ihm als er die Worte sprach aber er stand hoch
aufgerichtet und gebieterisch vor ihr und sie fühlte dass es ihm eine grausame
Lust war sie zu demütigen Da begann aufs Neue in ihr jener unheilvolle Kampf
zwischen ihrem besseren Selbst und ihrem Stolze aber der grausam triumphirende
Blick des Freiherrn fachte auch in ihrer Seele die gleiche Empfindung an und
bleich und kalt wie er versetzte sie Du hast zu befehlen ich gehorche
    Die Herzogin hat mir heute angedeutet sagte er dass ich eben ich keinen
Grund hätte mich der Heirat Herberts zu widersetzen und ihn zu hindern seine
Freiheit aufzugeben  Er hielt inne Ich muss ihr zeigen dass ich keinen Grund
habe Herberts Gebundenheit zu wünschen Ich werde die Einwilligung zu Evas
Verheiratung nicht geben Bedenkzeit fordern und wenn Herbert wieder hieher
zurückkehrt wird er unser Gast im Schloss sein und Du wirst ihn sehen und
empfangen wie zuvor
    Unmöglich rief Angelika die Herzogin weiß Alles
    Der Baron verstummte Er schien unentschlossen was er tun solle Mit Einem
Male besann er sich So soll sie die Versöhnungsrolle spielen sagte er Höre es
wohl Angelika ich sage spielen Denn Du und ich wir sind für immerdar
getrennt
    Da warf Angelika sich ihm noch einmal zu Füßen Um Renatus willen höre mich
Gehe nicht zur Herzogin sprich nicht mit ihr Sprich mit dem Kaplan Er soll
Dir Alles Alles offenbaren Wort für Wort was ich ihm anvertraut im heiligen
Vertrauen Er wird Dir sagen dass ich Deiner nicht unwert bin Dir sagen dass
Du mir verzeihen kannst Sprich mit ihm ach sprich mit ihm Ihm wirst Du
glauben wenn Du mir nicht glaubst
    Sie konnte nicht weiter sprechen Das ganze Gewicht des Unheils welches sie
auf sich und ihr Haus herabgezogen indem sie der Aufwallung ihres gekränkten
Stolzes nachgegeben lastete auf ihr Sie erkannte mit Schrecken was sie
getan aber sie hielt es für unmöglich dass sie ihren Gatten nicht überzeugen
mit ihren Tränen ihrer Reue nicht überzeugen können sollte wie sie seiner
Achtung seiner Verzeihung seiner Neigung nicht unwert sei
    Indes des Freiherrn frühere Erfahrungen standen mit seinem gegenwärtigen
Schmerze und Zorne im Bunde Weit entfernt ihn zu besänftigen beleidigte ihn
der Gedanke dass auch der Geistliche um ein Geheimnis wisse welches der
Freiherr um jeden Preis verborgen haben wollte und mit einem Ausdrucke des
Widerwillens rief er Es fehlte nur noch dass Du Deine Leute zu Zeugen für Dich
aufrufst
    Die Baronin zuckte zusammen dann erhob sie sich Ich wollte Du hättest das
nicht gesagt sprach sie mit einer Ruhe die beängstigend gegen ihre bisherige
Aufregung abstach und sich von ihm wendend schritt sie der Türe des
Nebenzimmers zu Der Freiherr stand mitten im Gemach Als sie die Portière
aufhob hinter der sie seinem Blicke entschwinden musste fühlte er eine
Anwandlung von Mitleid mit seiner Frau und fast unwillkürlich rief er
Angelika wir sind allein 
    Nein unterbrach sie ihn nein Was ich gefürchtet und geahnt noch ehe sie
kam was ich mir zu meinem und Deinem Unheile weggeleugnet habe wie mein Herz
mich auch lange davor gewarnt  wir sind nicht allein  die Herzogin steht
zwischen uns
    Der Freiherr lachte hell und höhnisch auf Er hörte einen Vorwurf wo er die
Hand zu großmütiger Hilfe und Erhebung zu bieten sich nicht abgeneigt gefühlt
hatte Das hatte er am wenigsten erwartet und mit dem Ausrufe Die alte Taktik
verließ er zornig das Gemach
                              Vierzehntes Kapitel
Im Amtause unterhielt man sich mit jenen Gesprächen und Erwägungen welche
überall dieselben bleiben wo ein Menschenpaar daran geht einen neuen
Hausstand eine Familie zu begründen
    Herbert hatte an Eva da er sie jetzt als sein künftiges Eigentum
betrachtete ein ganz neues und höheres Gefallen Er fand sie klug und
verständig in allem Praktischen warmherzig ihm gegenüber und anmutig wie ein
Kind wenn sie sich ihrem angeborenen Frohsinne überließ Sie schalt Herbert
einen Leichtsinnigen einen Unbesonnenen dass er nur daran habe denken können
sie ihrem Bruder gleich frischweg fortzunehmen und wenn sie ernstaft erwogen
hatte wo Adam einen Ersatz für sie finden werde falls er sich nicht selbst zur
Ehe entschliesse so ging sie scherzend die ganze Reihe ihrer weiblichen
Bekannten durch pries deren Eigenschaften um die eigenen noch höher zu
stellen und versicherte Herbert dass es doch von den allen keine so gut habe
und haben werde als sie der Herbert gleich gefallen habe als er ihr bei der
ersten Fahrt durch das Dorf die ganz unverantwortliche Kusshand zugeworfen
    Indes trotz all ihrer Munterkeit konnte man ihr doch anmerken dass sich
ihrer allmählich eine heimliche Sorge zu bemeistern begann weil die Antwort des
Freiherrn sich so lange erwarten ließ Sie sah verstohlen immer öfter nach der
Uhr je länger der Bote ausblieb und als der Mittag da war bemächtigte sich
die Ungeduld allmählich auch der Männer Man überlegte ob man einen zweiten
Boten nachsenden sollte um zu hören was aus dem ersten geworden sei Herbert
war unruhig weil die Stunde in der er abreisen musste um einer
Geschäftsbesprechung nachzukommen längst vorüber war Eva nannte es
unverantwortlich dass man ihr den schönen ersten Tag ihres Brautstandes so
unnötig verbittere und Adam der sich am wenigsten vernehmen ließ war im
Innern der Gereizteste
    Es war vier Uhr Nachmittags als der Bote endlich wiederkehrte Nun rief
ihm Eva entgegen welche ihn zu empfangen die Tür geöffnet hatte und die Hand
ausstreckte ihm das Schreiben abzunehmen
    Der Knecht zog den Hut vom Kopfe drehte ihn in den beiden Händen herum und
sagte Herr Amtmann ich kann nichts dafür ich habe gewartet und gewartet die
ganze ausgeschlagene Zeit 
    Schon gut rief Eva aber den Brief
    Der Knecht sah sie an nen Brief Ich hab keinen Brief Mamsell sagte er
    Inzwischen waren auch die Männer hinzugekommen und der Amtmann fragte den
Knecht scharf betrachtend Du bringst keinen Brief
    Nein Herr Amtmann Der gnädige Herr wird Antwort schicken
    Wann herrschte der Amtmann dem das Blut zu Kopfe stieg
    Wann das kann ich nicht sagen Herr Amtmann Das ist mir nicht bestellt
Herr Amtmann
    Der Amtmann sagte er könne gehen und rief ihn dann doch noch einmal
zurück um sich zu erkundigen ob der Herr Baron vielleicht ausgefahren sei Der
Knecht verneinte das auf das bestimmteste und sichtlich betroffen standen das
Brautpaar und Adam nach des Knechtes Entfernung einander gegenüber
    Was bedeutet das fragte Herbert
    Der Amtmann lachte bitter Was es bedeutet Man hat Sie früher auf dem
Schloss verwöhnt Herr Schwager weil man es so für gut fand und beweist Ihnen
jetzt dass man es nicht nötig gehabt hätte Sie also zu verwöhnen
    Evas Antlitz hatte sich verdüstert Du irrst entgegnete sie das ist keine
bloße Laune
    Keine Laune wiederholte der Amtmann nun wenns keine Laune ist dann
ists was sie sich am wenigsten versagen und was eigentlich ihr Hauptvergnügen
ist dann ists reine Willkür Seit sie das vertriebene Franzosenpack im
Schloss haben sind sie wie darauf versessen es in jedem Augenblicke zu
beweisen dass sie hier noch nach Belieben schalten und walten können Aber man
bekommt das endlich satt
    Antwort schicken Was das heißen soll Antwort kann man heute schicken oder
morgen oder übers Jahr fiel ihm Herbert verdrießlich in das Wort  und nun
weinen Sie vollends darüber liebe Eva
    Der Bruder schalt sie dafür O rief sie wenn es nichts als des Freiherrn
Willkür wäre wollte ich ja nicht weinen aber dahinter steckt die gnädige Frau
Sie gönnt ihn mir nicht das weiß ja Herbert auch
    Der Amtmann traute seinen Ohren nicht Er fragte Eva erzählte was sie mit
der gnädigen Frau erlebt und was sie selbst dem Bruder bis dahin mit
eifersüchtiger Verschwiegenheit vorenthalten und da dieser in Herbert drang
gestand der letztere es endlich ein dass er allerdings oben in seinem
Schreibtische ein paar Zeilen gefunden die  wenn Eva sie nicht hineingelegt 
ihm wohl von der Baronin gekommen sein konnten Er versicherte jene Zeilen
hätten ihn auf das höchste überrascht obschon er Angelika früher bewundert und
weil er sie nicht für glücklich gehalten sie auch beklagt und ihr dies einmal
ausgesprochen habe Indes sei eben seine Werbung um die geliebte Eva die Antwort
gewesen welche er der Baronin auf die von ihr geschriebenen Verse gegeben habe
und 
    Geben Sie mir Ihr Wort darauf rief Eva ihn unterbrechend Ihr Ehrenwort
dass Sie diese arglistige Frau nicht wiedersehen wollen
    Er konnte ihr dieses Versprechen nicht leisten denn er war nicht sicher es
halten zu können und da er nicht umhin gekonnt das Geheimnis der Baronin
teilweise Preis zu geben bemühte er sich doppelt es den Andern dazutun wie
nach seiner Kenntnis ihrer Natur Angelika an einer kleinlichen Rache keinen
Gefallen und in derselben keine Befriedigung finden könne
    Der Amtmann lächelte Ich habe Ihnen schon einmal gesagt meinte er dass Sie
die vornehmen Herrschaften nicht kennen und wenn Sie wahrscheinlich besser von
der Baronin denken als solche Damen es zu verdienen pflegen so kann ich Sie
auch nicht darum schelten Gegen den Windstoß der Einem eine reife Frucht in
den Schoss wirft hat im Grunde Niemand etwas einzuwenden auch wenn er sie
nicht genießt 
    Das Wort verriet die ganze Erbitterung des Amtmanns und verletzte Herbert
aber er vermochte die Baronin eben so wenig zu verteidigen als zu verdammen
Geschmeichelte Eitelkeit getäuschte Erwartungen unbestimmte Besorgnisse und
das unangenehme Bewusstsein seine Braut verstimmt und in einer ihr peinlichen
Lage zurückzulassen bedrängten ihn gleichzeitig und erschwerten ihm das
Scheiden das doch endlich nicht weiter hinausgeschoben werden durfte
    Herbert musste die Nacht zu Hilfe nehmen um am nächsten Morgen rechtzeitig
an Ort und Stelle zu sein und wie ihn die Bilder einer beglückenden Zukunft
wie ihn die lieblichen Erinnerungen der beiden letzten Tage und unruhige
Gedanken mancher Art nicht zum Schlafe kommen ließ so fanden auch Eva und der
Amtmann keine Rast
    Man war übereingekommen des Freiherrn Bestimmung bis gegen den nächsten
Mittag hin gelassen zu erwarten Hatte man sie dann noch nicht erhalten so
wollte Adam auf das Schloss gehen und selber darum bitten Am Morgen machte er
sich früher noch als er sonst pflegte an seine Arbeit Er verwies Eva zur
Ruhe da ihre aufgeregte Empfindung sich in lebhaften Äußerungen erging und
vermied es danach geflissentlich mit ihr zusammen zu sein
    Als er um die Frühstückszeit vom Felde nach Hause kam fragte er Ist etwas
vom Schloss da  Eva die still war wie nur große Unruhe sie es werden ließ
verneinte es So soll der Kutscher anspannen
    Du willst fahren lieber Bruder
    Ja Das Reiten macht mich warm entgegnete er und verließ sie ohne weiter
mit ihr zu sprechen
    Als er wiederkehrte hatte er sich gekleidet wie ein Mann seines Standes es
für eine feierliche Handlung zu tun pflegte auch seine ernste zusammengefasste
Haltung war einer solchen entsprechend Während er den Wagen erwartete trat Eva
an ihn heran und ihre Hand auf seine Schulter legend sagte sie Es tut mir
recht leid Bruder dass ich Dir Ungelegenheiten veranlasse
    Mach Dir keine Sorgen darum wer weiß wozu es gut ist versetzte er
    Eva rückte ihm die Schleife am Halstuche zurecht bürstete ihm den sauberen
Tuchrock noch einmal ab und machte sich immer wieder etwas mit ihm zu schaffen
aber sie sprachen nicht mit einander
    Der Amtmann hielt sich innerlich vor was er dem Freiherrn vorzustellen
gedachte Eva hätte dem Bruder gern sagen mögen was sie vor dem Freiherrn
gesagt zu haben wünschte aber sie traute sich nicht dem Bruder vorzuschreiben
und so begleitete sie ihn vor die Türe hinaus wo der Einspänner ihn erwartete
Du kommst doch geraden Weges nach Hause fragte sie
    Geraden Wegs versetzte er und befahl dem Kutscher zuzufahren
    Wer den Freiherrn sprechen wollte musste gegen zwölf Uhr kommen Das war nun
freilich für seine Leute besonders für diejenigen welche nicht in Richten
sondern in Neudorf oder wie der Amtmann gar in Rotenfeld wohnten nicht die
bequemste Stunde denn es war ihre Mittagszeit aber gerade deshalb hatte der
Großvater des Barons es also eingeführt und man hatte es beibehalten von Vater
auf Sohn damit man nicht ohne gewichtigen Grund in Anspruch genommen und nicht
unnötig von den Leuten aufgehalten werden konnte
    Der Freiherr welcher auf seine Wohlgestalt immer großen Wert gelegt
neigte seit einiger Zeit zum Fettwerden und hatte deshalb angefangen sich viel
Bewegung zu machen Als man ihm den Amtmann meldete ging er eben in
Gesellschaft des Marquis in dem großen Saale des Erdgeschosses auf und nieder
in welchem man zur Winterzeit einen Teil der immergrünen Gewächse aufzustellen
pflegte und da die Sonne warm und hell durch die geöffneten Türen
hineinschien so dass es dem Freiherrn in der Luft behagte befahl er den
Amtmann hieher zu senden
    Vermutlich ein Liebesbote aber freilich ein etwas robuster bemerkte
lächelnd der Marquis nachdem der Kammerdiener sich entfernt hatte Ich hoffe
Herr Baron die Fürbitte Ihrer Frau Gemahlin wird Sie erweicht haben Und sich
auf ein damals übliches Madrigal beziehend sang er mit seiner schönen Stimme
Es ist so süß so süß zu beglücken
    Der Freiherr welcher den ganzen Morgen obschon er sich sehr gleichmütig
zeigte doch nicht gut aufgelegt gewesen war lächelte flüchtig und bemerkte
Sie werden es trotzdem bei Zeiten lernen müssen sich den Wünschen der Damen zu
widersetzen
    So wollen Sie wirklich die kleine Eva dem Architekten noch nicht bewilligen
fragte der Marquis während ein kaum merkliches Lächeln um seine feinen
sarkastischen Lippen spielte
    Ich pflege von meinen wohl begründeten Vorsätzen nicht zurückzukommen mein
lieber Marquis
    Der Marquis verneigte sich leicht Gewiss nicht rief er und als komme ihm
eben erst der Gedanke fügte er hinzu Übrigens haben Sie glaube ich durchaus
Recht mein verehrter Freund wenn Sie diesem Herrn Herbert in einem gewissen
Punkte den man freilich nicht zu schwer nehmen darf nicht so unbedingt
vertrauen als die Frau Baronin und der würdige Kaplan denn im Übrigen mag
sicherlich nichts gegen Ihren Architekten einzuwenden sein
    Der Freiherr antwortete darauf nicht sogleich Es lag im Allgemeinen nicht
in seiner Art solche Einflüsterungen zu beachten Indes gegen seine Gewohnheit
fragte er nach einer Weile Marquis was wissen Sie von dem Architekten
    Nur Gerüchte wenn ichs recht bedenke versetzte dieser zurückhaltend
nachdem die Frage an ihn getan worden
    Und welche wenn ich bitten darf
    Ich hörte sie neulich als ich in der Stadt war Man nannte ihn den
Liebhaber von Mademoiselle Flies von der Tochter Ihres Juweliers die er
freilich nicht heiraten kann 
    Und weshalb nicht
    Ach eine Jüdin meinte der Marquis
    Mich dünkt entgegnete der Freiherr es haben in der Hauptstadt jetzt ganz
andere Leute als mein Architekt die Töchter reicher Juden zu Frauen genommen
und es ist seit Jahren in der Welt mehr Auffallendes geschehen als das Reich
genug ist Flies und Sie sagen ja schön sei das Mädchen auch geworden
    Sich verdammen zu lassen um sie rief der Marquis und erging sich in der
Beschreibung von Sebas Reizen Der Freiherr hörte nicht darauf Es ist mir
lieb dies zu wissen war Alles was er sagte als eben der Diener anzeigte dass
der Amtmann warte
    Als Adam in die Gallerie trat war er unangenehm durch die Gegenwart des
Marquis überrascht obschon dieser sich zurückgezogen hatte und anscheinend mit
einem Buche beschäftigt an dem Postamente einer der Statuen lehnte deren sich
mehrere zu beiden Seiten aufgestellt befanden Der Freiherr blieb mitten im
Saale stehen und ohne dem Amtmanne Zeit zu dem Wunsche eines guten Morgens zu
lassen sagte er Es ist mir lieb Steinert dass Er kommt ich hätte Ihn sonst
heute oder morgen rufen lassen Mit der Eva und dem Baumeister ist es nichts
die Eva muss sichs aus dem Sinne schlagen
    Die kurze rasche Weise in welcher der Baron von einer Angelegenheit
sprach die für Adams Schwester und durch diese für ihn selbst von der größten
Wichtigkeit war und dass er ihn in der Anwesenheit des Marquis in solcher Weise
abzufertigen meinte verdrossen den Amtmann auf das höchste Er war gekommen
eine Familiensache ernstaft mit dem Vormunde seiner Schwester zu beraten und
wurde wie ein Lakai dem man einen Urlaub abschlägt stehenden Fußes abgefertigt
und abgewiesen Obschon er gewohnt war als Untergebener vor eines Herrn Willkür
Stand zu halten hatte er doch Mühe ruhig zu bleiben denn hier handelte es
sich nicht um seinen Dienst und um kein Amtsverhältniss Er trat einen Schritt
näher an den Baron heran und sagte die Stimme senkend Ich würde es dem Herrn
Baron sehr danken wenn er die Gnade haben wollte mich in seinem Kabinette
anzuhören Er blickte dabei nach dem Marquis hinüber der Freiherr verstand ihn
auch
    Der Herr Marquis versteht das Deutsche nicht entgegnete er
    Ich habe Beweise vom Gegenteile gnädiger Herr bemerkte Adam bittend
    Die Einrede machte den Freiherrn ärgerlich dessen seit der gestrigen
Unterredung mit der Baronin schmerzlich aufgeregter Sinn sich nur schwer
beherrschen lassen und nur auf einen Anlass gewartet hatte um sich in einem
Ausbruche heftiger Leidenschaft genug zu tun Gleichviel rief der Freiherr
die Sache ist ja kein Geheimnis sag Er was Er will
    Der Amtmann welcher nicht ahnen konnte was im Schloss vorgegangen und
der wie selbsterrisch der Baron auch immer war doch eine so grundlos
herrische Behandlung sonst von ihm nicht erfahren hatte wollte das Anliegen
seiner Schwester nicht unnötig einer übelen Stimmung ihres Vormundes zum Opfer
werden lassen und mit mehr Ergebenheit als in seinem Innern war sagte er
Wenn ich vielleicht jetzt ungelegen komme Herr Baron so will ich warten  oder
wiederkehren
    Der Baron sah aber in dem bescheiden getanen Vorschlage nichts als eine
Widersetzlichkeit und eine solche wollte er in Gegenwart des Marquis nicht ohne
Rüge lassen da dieser wie der Freiherr es wohl wusste des Deutschen im Laufe
der Jahre allerdings mächtig genug geworden war um vollkommen zu verstehen was
hier vorging
    Wiederkommen  weshalb das Die Sache ist ja kurz genug und ich werde Ihm
schon sagen wenn Er mir ungelegen kommt rief der Baron Der Baumeister will
die Eva heiraten und da ist Er wie die Andern alle Wenns ans Heiraten gehen
soll läuft ihnen der Verstand weg Kennt Er den Architekten Was weiß Er von
ihm
    Gnädiger Herr ich kenne Herrn Herbert nun seit fünf vollen Jahren
versetzte der Amtmann dem die Worte des Barons das Herz aufwallen machten Er
ist mein Freund geworden ich kenne ihn als einen Ehrenmann und der gnädige
Herr und die Frau Baronin selber haben ihn ja ihrer Gesellschaft auch nicht für
unwert angesehen
    Das war mochte er sie absichtlich oder unabsichtlich gewählt haben
sicherlich die unglücklichste Beweisführung welcher sich Adam bedienen konnte
denn gegen seine Gewohnheit heftig auffahrend rief der Baron Lass Er meine und
meines Hauses Handlungsweise ein für alle Mal aus dem Bereiche Seiner
Betrachtungen Hört Er merk Er sich das Damit Er aber weiß woran Er ist und
damit Er es der Eva sagen kann woran sie sich zu halten hat so melde Er ihr
dass einer ein guter Baumeister sein und zum Ehemanne nicht taugen könne Der
Herbert steht mir nicht an ich traue ihm nicht und dabei bleibts
    Er wendete sich ab und wollte sich entfernen Aber auch Adams Geduld war
jetzt am Ende Er konnte es nicht ertragen sich und Herbert für den er eine
herzliche Freundschaft fühlte im Beisein des von ihm missachteten Marquis so
unwürdig behandeln zu lassen und sich hoch aufrichtend sagte er Um Vergebung
gnädiger Herr aber dabei kanns unmöglich sein Bewenden haben Der Herr Baron
müssten mich selber für keinen Mann von Ehre halten ließ ich das auf meinem
Freunde auf dem Manne sitzen den ich nun einmal als meiner Schwester Bräutigam
ansehe Der gnädige Herr selber haben uns den Baumeister in das Haus geschickt

    Doch nicht damit die Eva sich gleich auf gut Glück in eine Liebschaft mit
ihm einlässt
    Gnädiger Herr fuhr der Amtmann auf und seine großen Augen blitzten  meine
Schwester 
    Sein Vater fiel ihm der Freiherr in die Rede da er fühlen mochte dass er
zu weit gegangen sei Sein Vater hat mir das Mädchen anvertraut ich habe darauf
zu halten dass kein leichtsinniger kein unzuverlässiger Mann es bekommt ich
habe des Mädchens Ruf Glück und Zukunft zu bedenken und das tue ich
    So sollten doch der gnädige Herr vor Allem solchen Leuten das Handwerk
verbieten und uns solche Leute nicht ins Haus schicken die der Eva geraden
Weges Fallstricke legen fuhr der Amtmann dem die Galle überlief heraus denn
unumwunden gnädiger Herr dem Herrn Marquis weis ich die Tür wenn er sich
noch einmal in meinem Hause blicken lässt
    Er und der Baron wendeten sich dabei gleichzeitig nach der Seite um an
welcher der Marquis sich vorhin befunden indes sie gewahrten dass er den Saal
verlassen hatte und leidenschaftlicher als der Amtmann seinen Herrn jemals
gesehen rief dieser Stecken Ihm auch die aufsässigen Gedanken im Sinne
Vergisst Er dass ich Sein Herr bin Wo ist Sein Haus Er Unverschämter
    Aber grade die Masslosigkeit des Barons brachte Adam zur Besinnung und sich
gewaltsam fassend sagte er Ich vergesse nicht dass ich in den Diensten des
gnädigen Herrn bin aber ich bin nicht sein Knecht nicht sein Höriger Ich bin
ein freier Mann gnädiger Herr Wo ich und meine Väter mit Ehren seit langen
Jahren Haus gehalten haben da ist mein Haus und ich müsste kein Mann von Ehre
sein wenn ich da nicht Jedermann die Türe wiese der mit Unehren sich an meine
Schwester wagt
    Er war blass geworden während er so sprach auch der Freiherr hatte die
Farbe gewechselt Nun denn rief er Hausrecht wider Hausrecht Ich will Ihm
zeigen wer hier Herr ist da Ers zu vergessen scheint Er verlässt mein Haus
und meinen Dienst
    Das traf den Amtmann aber auch dem Freiherrn war nicht wohl zu Mute da er
das Wort gesprochen Einen Augenblick fühlte Adam als sinke er in das Leere
indes den Freiherrn wollte er das nicht merken lassen und sich zusammennehmend
sagte er ohne eine Miene zu verziehen Der Herr Baron haben zu befehlen Aber
gleich heute oder morgen kann ich nicht von hier fort  wie viel Zeit wollen der
Herr Baron mir lassen
    Die anscheinende Ruhe seines Untergebenen reizte den Baron und sein Zorn
gegen die männliche Fassung Adams in welcher jener nur die jetzige ihm so
verhasste Auflehnung des bürgerlichen Standes gegen die über ihm stehende Klasse
des Adels sah verhärtete seinen Sinn
    Mach Er das mit sich selber ab gab er dem Amtmanne kurz zur Antwort
kehrte ihm den Rücken und entfernte sich durch die Seitentür durch welche der
Marquis vorhin gegangen war Der Amtmann stand eine Minute lang regungslos auf
seinem Platze dann ging er langsam durch den Haupteingang von dannen
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Es war ein schwerer gewichtiger Schritt mit dem der Amtmann durch die breiten
Gänge durch die hohe Eintrittshalle und über die weit hingelagerte Rampe
hinabschritt aber das Herz war ihm noch schwerer Was er jetzt erlebt hatte
was ihm eben jetzt widerfahren war keine Kleinigkeit Siebenundzwanzig Jahre
hatte sein Urgroßvater die Artenschen Güter verwaltet achtundvierzig Jahre
sein Großvater Zu seines Vaters Zeiten hatte Baron Franz die hundertjährige
Dienstzeit der Steinerts auf Schloss Richten feierlich begangen Der
reichverzierte silberne Pokal den der Freiherr damals seinem Amtmanne verehrt
stand noch mit dem Eichenkranze der freilich welk geworden war voran im großen
Glasschranke Seit acht Jahren seit seines Vaters Tode wirtschaftete Adam nun
für den Baron und als er die Stelle angetreten war er mit dem guten festen
Glauben darangegangen hier zu leben und zu schaffen und zu sterben wie die
Amtleute vor ihm wie sein Vater und dessen Vater auch
    Allerdings hatten seitdem die Zeiten und die Zustände sich sehr verändert
Er konnte nicht mehr wie sein Vater es getan am Neujahrstage es dem Herrn
vermelden dass und welchen Überschuss die Güter eingetragen Es war seit den
acht Jahren immer mehr aufgegangen als man eingenommen hatte der Kirchenbau
die Unterstützung der vielen Flüchtlinge das breite keinen Zeitverhältnissen
sich unterordnende Gesellschaftsleben und die große Prachtliebe des Barons
welche von der Herzogin genährt ward hatten in wenig Jahren nicht nur die
angesammelten Kapitalien aufgezehrt sondern da man in den letzten Jahren oft
schnell das Geld gebraucht mannigfache Anleihen nötig gemacht für die man bei
den unruhigen Zeiten ungewöhnlich hohe Zinsen zahlen müssen die man nicht immer
gleich zu decken im Stande gewesen war und welche neue Anleihen erfordert
hatten Freilich waren diese Verlegenheiten durch Aufnahme einer Hypothek auf
Rotenfeld in welcher Adam um keine fremden Hände an das Gut heranzulassen
durch Herrn Flies sein und Evas Vermögen angelegt für den Augenblick beseitigt
worden und wenn Adam sich auch Sorge darüber machte dass schon wieder neue
Wechsel für den Freiherrn zu zahlen waren so hatte er auch wieder besser als
ein Anderer die Hülfsquellen der Artenschen Besitzungen gekannt und sich damit
beruhigt dass Alles noch auszugleichen und herzustellen sei wenn man einmal mit
dem unnützen Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flüchtlinge ledig geworden
sein würde Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechnungen seine Plane angelegt
all sein Sinnen all seine Kraft und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser
Güter geknüpft Von früh auf durch eine hundertjährige Vergangenheit durch
alle seine FamilienErinnerungen gewöhnt das Schicksal der Steinerts mit dem
der Herren von Arten denen sie dienten unzertrennlich verbunden zu denken war
ihm erst in den allerletzten Zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommen dass es
so nicht immer gehen dass Verhältnisse eintreten könnten unter denen er nicht
im Stande sein würde die Herrschaft weiter zu bewirtschaften Es hatten ihm
das jedoch so entfernte Möglichkeiten gedünkt dass er sich nie lange nie
ernstlich mit ihnen beschäftigt und dass er einer von den Steinerts einer von
den Amtleuten die wie Lehnsleute in dem Hause in Rotenfeld gesessen von einem
der Freiherren von seinem Freiherrn mit Schimpf und Schande von Haus und Hof
getrieben werden könne daran hatte er in keiner Stunde seines Lebens noch
gedacht Um so härter trat das Ereignis vor ihn hin um so fester musste er sich
ihm gegenüberstellen und er tat das auch War er doch nicht der erste Mensch
dessen Schicksal eine plötzliche Umwälzung erfuhr war er doch nicht hilflos
wenn er diese Güter nicht mehr bewirtschaftete Die Steinerts hatten ein
hübsches Vermögen zusammengebracht im ehrlichen Dienste der Herren von Arten
und es stand ja in der Bibel dass denen die der Herr liebt Alles zum Guten
gereichen müsse Wer weiß wozu es gut war dass es hier mit Einem Male mit ihnen
zu Ende ging Stand es doch nicht in den Sternen geschrieben dass die Steinerts
immer nur Amtleute der Freiherren von Arten bleiben sollten Sie konnten
Gutsbesitzer werden sich auf eigene Füße stellen besser als hundert Andere
denn sie hatten die Kenntnisse und das Kapital dazu
    Es half aber nichts dass Adam sich dies Alles vorhielt und dass dies Alles
seine volle Richtigkeit hatte Der Mensch reißt sich nicht mit Einem Schlage von
seiner Vergangenheit los und wo ers tun muss blutet die Wunde noch lange
nach
    Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und mit dem vertrauten Auge über
die Gegend hinsah fand er sich mit Allem durch seine Sorgfalt dafür verknüpft
Er kannte jeden Baum jeden Strauch Für jeden Acker hatte er gesorgt jeden Weg
bessern jeden Zaun erhalten die meisten Hecken in den letzten Jahren pflanzen
lassen Die Pferde welche der Knecht zum Eggen hinausritt hatte Adam auf dem
letzten Markte gekauft der Knecht war auf dem Hofe in Rotenfeld geboren und
erwachsen Zu der Schafheerde welche der Hirt nun der Mittag vorüber war noch
einmal auf die Stoppeln hinausführte hatte Adams Großvater den Stamm gekauft
und Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in Sachsen gewesen
von dort her eine edlere Race einzuführen
    In wessen Hände das nun kommen wird dachte Adam Es wirds nicht leicht
einer so gut halten wie wir getan Es wird Manches drunter und drüber gehen
wenn einer darüber gerät ders nicht zu übersehen und zusammenzuhalten weiß
Und gar  wenn ein Unredlicher darüber käme
    Er schüttelte nachdenklich den Kopf Wie war es denn gekommen das arge
Zerwürfnis Was war denn eigentlich geschehen Und war es denn nicht zu
vermeiden gewesen Er konnte es noch nicht begreifen  Mit großem Bedachte ging
er den ganzen Lauf der Unterredung durch Wort für Wort wiederholte er sich
Alles Er brachte die Anwesenheit des Marquis die Gemütsart des Barons sein
gebieterisches Wesen und selbst die Art von väterlicher Herrschaft in Anschlag
die der Herr über ihn geübt weil er ihn von Kindesbeinen aufwachsen sehen Er
erwog Alles bis auf den Ton bis auf die Mienen mit welchen er zu dem Herrn
gesprochen aber er konnte sich keinen Vorwurf machen Sein Mannesgefühl und
sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen der bloßen launenhaften
Willkür brauchte er sich nicht zu unterwerfen Er konnte mit seiner einzigen
Schwester Zufriedenheit und Glück nicht also spielen lassen denn es war klar
aus welchem Grunde immer der Freiherr hatte ihn absichtlich demütigen und
kränken wollen und glücklicher Weise befand er sich nicht in der Lage dies
hinnehmen und ertragen zu müssen Es war also gut ganz gut so wie es gekommen
war
    An dieser Meinung richtete er sich fest empor und schon glaubte er
vollständig Meister über den erlittenen Eindruck geworden zu sein als sein
Wagen in das Tor des Amtofes einfuhr Wie es so da lag breit und stattlich
unter den mächtigen Bäumen das gute alte Haus so hatte sein Urgroßvater es
erbaut Die Bäume aber waren weit älter Über diese Treppe war sein Vater als
Bräutigam mit seiner Mutter eingezogen über diese Treppe hatten sie Vater und
Mutter zur letzten Rast getragen Hier hatte er gespielt hier an der Treppe
hatte er gewartet als sie mit der Eva zur Taufe nach der Kirche gefahren waren
Alle seine Erinnerungen knüpften sich an diesen Fleck Erde an dieses alte Haus
alle seine Hoffnungen hatte er im Geiste damit in Verbindung gesetzt und es
tat ihm im Herzen weh als eben da er vor seiner Türe anlangte der Gärtner
ein überschüssiges Gesträuch entwurzelte und über den Zaun hinauswarf
    Entwurzelt murmelte er unwillkürlich und es lief ihm kalt durch die
starken Glieder Aber der Mensch ist kein Gewächs sagte er sich zum Troste
denn eines Trostes fühlte er sich bedürftig
    Nun rief ihm Eva entgegen sobald er den Fuß auf den Boden gesetzt
    Geduld versetzte er lass mich nur erst in die Stube hinein  Sie sah dass
etwas ganz Unerwartetes geschehen sein musste ließ ihn vorangehen und folgte
ihm
    Der Amtmann hing den Hut an den Nagel legte die Handschuhe zur Seite und
wandte sich nach seiner Stube um seine Kleider zu wechseln Es drängte ihn
nicht das Schwere auszusprechen er scheute sich vielmehr davor Aber die
Schwester ertrug es nicht länger Sie trat behutsam an ihn heran legte den Arm
auf seine Schulter und sagte Du bringst nichts Gutes Bruder Du hast um
meinetwillen Unannehmlichkeit gehabt
    Nicht um Deinetwillen gab er ihr zur Antwort
    Aber dennoch Unannehmlichkeiten  Er bejahte es kurz  So billigt der
Baron die Heirat nicht fragte sie kleinlaut
    Adam sah sie an als komme ihm diese Angelegenheit erst jetzt wieder in den
Sinn und in dem Augenblicke nur an sich selber denkend sagte er Ach das ist
ja das Wenigste
    Das Wenigste Aber was ist denn sonst geschehen rief Eva der des Bruders
sichtliche Erschütterung allmählich immer klarer wurde um Gottes willen was
ist denn geschehen
    Er setzte sich hin und zog sie neben sich Mach Dich bereit Schwester
sprach er etwas recht Unerwartetes zu hören es hat mich auch gefasst als ichs
vernahm  Er hielt inne und sagte dann Es ist aus zwischen uns und ihnen  wir
gehen fort von hier
    Adam rief das Mädchen Adam das ist ja gar nicht möglich Wir wir sollen
fort von hier von hier
    Ihr Ton erweckte den eigenen Schmerz aufs Neue Du wärst ja doch bald
fortgegangen sagte er um sie und sich zu trösten
    Aber Du Du brach Eva hervor und umschlang ihn mit ihren Armen und ihre
Tränen fielen nieder auf seine Brust und das Herz ward ihm so weich dass er
keines Wortes mächtig war Draußen tickte die große englische Stehuhr ihren
altgewohnten Pendelschlag im Hofe plätscherte das Wasser des Rohrbrunnens in
das weite Becken
    Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen Das Wasser werde ich nicht
lange mehr fallen hören dachte er und er hatte Not die eigenen Tränen
zurückzuhalten deren er sich schämte
    Mit tiefem Atemzuge stand er auf Jetzt da Eva es wusste hatte er
überwunden Sei verständig Mädchen sagte er und mach uns beiden das Herz
nicht unnütz schwer Richten und Rotenfeld sind nicht die Welt und ich denke
wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben der uns befehlen kann  und
bald Gott dafür danken dass wir frei sind Du und ich Lass den Christian
satteln er soll heute bis Feldheim reiten so erfährt Herbert morgen Mittag in
Kerben was geschehen ist und Du musstest es ja auch erfahren  Komm zu mir
wenn Du den Befehl gegeben hast
 
                              Sechszehntes Kapitel
Dem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums Herz Er hatte zu viel
Ehrgefühl und Stolz um es nicht schwer zu empfinden wenn er sich sagen musste
dass er einem seiner Untergebenen ein Unrecht getan und in diesem Falle befand
er sich jetzt seinem Amtmanne gegenüber Dazu hing er am Hergebrachten am
Gewohnten mehr als er es sich selber eingestand und die Herren von Arten hatten
sich immer etwas damit gewusst seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlecht
in ihren Diensten zu haben Alte treue Diener gehörten nach der richtigen
Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz und noch war er niemals in
der Lage gewesen sich eines Teils desselben zu entäussern Es wäre ihm hart
angekommen sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Geräte zu
trennen sich von einem Menschen loszusagen dessen Familie so lange mit den
Erinnerungen seines Hauses verbunden gewesen war kam ihm noch schwerer an Und
er hatte den Adam er hatte beide Geschwister gern Es waren das konnte und
mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen tüchtige und brave
Menschen Einen treueren Beamten als den Adam konnte er nicht finden
    Er ging mit sich lange und ernstaft zu Rate Wären die Zeiten gewesen wie
früher so würde er vielleicht nicht angestanden haben am nächsten Tage den
Amtmann kommen zu lassen ihm der im Grunde ja noch ein junger Mensch war den
Kopf tüchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen dass er ihm vergeben ihn
in seinem Dienste behalten wolle und Adam würde das dankbar angenommen haben
Aber die Zeiten hatten sich gewaltig geändert seit die Revolution in Frankreich
ausgebrochen war seit man dort den edelen unglücklichen König entauptet und
eine Staatsverfassung eine Republik eingeführt hatte in der Gewerbtreibende
und Gelehrte Leute ohne Geburt und Rang am Ruder waren die den Adel seines
angestammten Besitzes seiner angeerbten Vorrechte beraubt und das Blut der
edelsten Geschlechter in Strömen vergossen hatten In Adams Worten Ich bin ein
freier Mann hatte der Freiherr vernommen was jetzt seit sie in Frankreich die
Menschenrechte verkündet all diesen Leuten im Kopfe spukte und das war es
gewesen was ihn so erbittert hatte was ihm auch jetzt ein verzeihendes
Einlenken als völlig untunlich erscheinen ließ denn undenkbar war es nicht
dass der Amtmann wie die Welt jetzt aussah es verschmähte die dargebotene
Begnadigung anzunehmen Er hatte zu fest zu strack vor ihm gestanden Adam war
auch ganz der Mann danach mit seinem ansehnlichen Vermögen lieber selbst den
Gutsherrn machen zu wollen  und was dann
    Der Freiherr konnte durfte nach seiner Überzeugung nicht widerrufen was
er ausgesprochen Allerdings hatte er damit eine Menge von Unbequemlichkeiten
und Sorgen über sich genommen aber es blieb ihm nichts übrig als den Sohn des
braven Steinert mit einer gerechten Beschwerde über seinen Herrn von dannen
gehen zu lassen Denn gegen Herbert und Eva war er tatsächlich nicht gerecht
gewesen und an Allem dem trug wenn ers recht bedachte auch Angelika wieder
die Schuld
    Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brust Da brannte er ihn
immerfort der Schmerz Angelika liebte Herbert sie selbst hatte es ihm
gestanden fast ohne sein Zutun freiwillig gestanden Er war sehr unglücklich
 Der Kaplan die Herzogin wussten es ja  und was das Schlimmste war es wusste
es auch der Marquis
    Er hatte diesen niemals gern gesehen Die große Leichtfertigkeit desselben
seine Lust an kleinlichen Erfolgen selbst die Weise in welcher er sich über
seines Königshauses seines Vaterlandes und über sein eigenes Schicksal
fortzusetzen wusste däuchten dem Freiherrn eines Edelmannes nicht würdig Dass
der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte seinen Gast von dem Amtmanne von
einem seiner Diener anklagen zu hören dass der Marquis ihn dazu zwang ihm
Vorstellungen zu machen war ihm widerwärtig  und ernstliche Vorstellungen
musste er ihm machen denn es waren bereits mehrfach ähnlich klagende Berichte zu
des Freiherrn Ohr gedrungen
    Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen Seine Nerven waren
abgespannt sein ganzes Wesen bedrückt und das nasse bleifarbige Gewölk das
keinen Sonnenstrahl hindurchliess die unbewegte schwere Luft des schwülen
Herbsttages waren nicht geeignet ihn zu befreien oder zu beleben Die
Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorüber gegangen der Baron
äußerst mäßig in Speise und Trank hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein
getrunken um zu vergessen was ihn drückte oder um sich wenigstens über die
ihm jetzt lästige Stunde des Beisammenseins mit seinen Hausgenossen hinweg zu
helfen Während man speiste bestellte er sein Pferd um auszureiten indes der
Nebel welcher den ganzen Tag beherrscht hatte sich endlich in einen jener
Regen verwandelt denen man es ansieht dass sie lange währen und weil er Luft
und Bewegung nötig hatte nahm er wieder zu der Gallerie  so nannte man jenen
Saal im Erdgeschosse  seine Zuflucht Dorthin folgte ihm wie gewöhnlich der
Marquis Es war dem Freiherrn eben recht
    Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals schweigend in dem
Zimmer auf und nieder gegangen waren sagte der Freiherr Haben Sie vielleicht
davon gehört Marquis dass ich meinen Amtmann entlasse
    Nein versetzte der Marquis aber Sie tun sicherlich sehr wohl daran
    Wesshalb Was wissen Sie davon fragte der Freiherr
    O der Mensch hat einen Ton Manieren Er spielt den bourgeois gentilhomme
Er ist sicherlich einer von denen die auch bei Ihnen gerades Weges auf die
sogenannte Freiheit und Gleichheit lossteuern würden wenn man sie nicht im
Zügel hielte Er wusste ja gar nicht mehr was ihm geziemte und wer er war rief
der Marquis in dem sicheren Glauben sich dem Freiherrn damit angenehm zu
machen
    Aber er verfehlte seine Wirkung Es verdross den Baron seinen Amtmann von
dem Fremden tadeln es sich dabei gleichsam vorwerfen zu lassen dass er ein
Ungebührliches unter seinen Leuten geduldet habe und mit der ihm
eigentümlichen stolzen Würde sprach er So sollten wir in unseren Tagen um so
ernstlicher darauf denken es nicht zu vergessen wer wir sind und was uns
ziemt
    Der Marquis blieb stehen Er hatte in seiner gegenwärtigen Abhängigkeit
jenes Ehrgefühl nicht verloren an welches der Freiherr seine Mahnung erhob es
hatte sich im Gegenteil durch seine jetzige Lage steigern müssen da es mit
seiner anmutigen Person das Einzige war was ihm von den Umständen nicht
genommen werden konnte und den feingepuderten Kopf hochfahrend zurückgeworfen
um sich damit der hohen Stattlichkeit seines Beschützers wenigstens im Äußern
so viel als möglich gleich zu stellen sagte er So ziemt es mir sicher auch zu
erfahren Herr Baron womit ich diese Anmahnung verschuldet
    Es war seit gestern das zweite Mal dass ein jüngerer von ihm abhängiger
Mann ein Mann dem der Baron sich in jeder Rücksicht überlegen wusste sich ihm
herausfordernd und auf sein Recht pochend entgegenstellte und unwillkürlich
sagte er sich wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei der den Marquis
ermutigt habe Das brachte des Freiherrn erhitztes Blut in Wallung und lebhaft
auffahrend rief er Vor allen Dingen hätte es Ihnen wohl geziemt es mir zu
ersparen dass meine Leute sich bei mir über den Leichtsinn und die Sitten meines
Gastes beklagen müssen Sie haben die Tochter meines Reitknechtes verführt mein
Unterförster hat sich über Sie zu beschweren gehabt der Amtmann 
    Aber der Zorn des Barons brachte auf den jungen Franzosen entweder weil er
diese Art von Vorwürfen nicht eben erwartet haben mochte wirklich eine komische
Wirkung hervor oder er hoffte sich mit einem Scherze am leichtesten der
Verlegenheit entziehen zu können denn er rief lachend Parbleu mein Herr
Baron eine Hofdame eine Prinzessin wäre mir allerdings lieber gewesen aber
weshalb wollen Sie einem jungen Manne einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib
gleich zum Verbrechen machen Irre ich mich nicht so haben auch Sie sich seiner
Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl zu bescheiden verstanden Herr
Baron
    Der Freiherr ballte die Hand zusammen die er vornehm in den Falten seines
Jabots hielt Wir sprechen von Ihnen nicht von mir Marquis sagte er mit
scharfer Betonung Der Amtmann hat gedroht vorkommenden Falles sein Hausrecht
wider Sie zu brauchen und ich wüsste nicht wie ichs ihm wehren könnte
    Der Marquis sprang einen Schritt zurück seine Wange erbleichte Ich war
lange Zeit ihr Gast Herr Baron rief er
    Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich noch in die Lage
bringen einen Edelmann als Gast an meinem Tische zu sehen an den einer meiner
Leute seine Hand gelegt hat
    Sicher nicht Herr Baron denn ich werde Sie sofort der Möglichkeit
enteben Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre gegen mich in solcher Weise
geltend zu machen sagte der Marquis und verließ mit einer förmlichen und
gemessenen Verbeugung die Gallerie
    Der Baron konnte nach seiner letzten Äußerung nichts Anderes von dem
Marquis erwartet haben und doch stand er mit einer quälenden Empfindung still
als er den Tritt desselben in dem Nebenzimmer verhallen hörte Nicht dass eben
der Marquis sich entfernte berührte den Freiherrn so unangenehm denn dieser
war ihm grade heute wieder sehr missfällig gewesen aber er selber fand sich wie
verwandelt und das wars was ihn peinigte Er der sein ganzes Wesen zu einem
würdevollen Gleichmasse herangebildet der eine Aufgabe und eine Befriedigung
darin gefunden hatte dies in allen Lebenslagen und allen Personen gegenüber zu
behaupten er fand sich in einer Stimmung in einer Verfassung welche ihn
dieses Gleichgewichts beraubte welche ihn zu Handlungen hintrieb die er selbst
als ungehörige bezeichnen musste und die ihn zu immer neuen widerwärtigen
Erörterungen drängten in deren Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach
    Es gibt solche Augenblicke ich habe solche Zeiten schon erlebt sagte er
sich zu beschwichtigen während er mit festem stolzem Schritte als bedürfte er
dieses Zeichens seiner selbsterrlichen Kraft langsam in der Gallerie
umherwanderte Solch ein Zeitpunkt wars ja auch in welchem ich vor Jahren mich
von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dann Pauline die arme Pauline als
ein Glückspfand in mein Leben aufnahm Er seufzte als er sich daran erinnerte
Er hatte lange nicht an sie gedacht nur seit gestern war ihr Bild ihm wieder
lebendig vor die Seele getreten und er konnte es jetzt betrachten ohne den
schmerzenden Stachel der Reue die ihn sonst gequält hatte Pauline hatte ihm
allein angehört mit ihrem Herzen sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod sie
hatte keinen Anderen geliebt als ihn
    Er presste die Lippen gewaltsam auf einander Das war es Das war es was ihm
seine Ruhe seine Fassung raubte was ihn kein Auge hatte schließen lassen in
der Nacht
    Es war ein Bruch in sein Leben gekommen Er fühlte sich in seiner Ehre
angetastet und der Mann der ihn die Liebe seiner Gattin gekostet hatte stand
so tief unter ihm dass er die erfahrene Beleidigung nicht einmal wie es unter
Edelleuten üblich hätte rächen können auch wenn er dies gewollt hätte
Angelikas Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt nie wahrhaft beglückt aber das
Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grundbedingungen seines Daseins gehört und
nicht mehr auf dieselbe rechnen und bauen zu können war ein schwerer Verlust
für ihn Er hatte sich in ihr geirrt sich betrogen und er konnte dies weder
sich selber noch denjenigen Personen verbergen welche die Vertrauten des
unglücklichen Geheimnisses geworden waren Es konnte nicht fehlen dass er die
Frau welche ihm diese Wunde geschlagen hatte bald als die alleinige Ursache
aller seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah
    Es war sein innerer Kummer es war sein unterdrückter Schmerz und Grimm die
ihn sich selbst entfremdeten und die ihn im Zorne weit über seine sonstige
Weise fast bis zur Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten Es war Angelika
deren Schuld den Bruch mit Adam veranlasst auch der verdrießliche Handel mit dem
Marquis der ihn die Gesellschaft seiner Freundin kosten und die Herzogin der
Zufluchtsstätte berauben konnte welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude
und eine Ehrensache gewesen war ließ sich schließlich auf Angelikas Schuld
zurückführen und doch musste er sie wenn er sich nicht selber Preis geben
wollte um seiner eigenen Ehre willen nach wie vor zu lieben scheinen während
eine kalte Abneigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte
    Aber um Angelikas willen sollte die Herzogin nicht scheiden Das wenigstens
musste er zu verhindern suchen Hatte sie doch gleich Anfangs den Eintritt der
flüchtigen Verwandten in ihr Haus mit Misstrauen begrüßt und eben in diesen Tagen
ihn vor der Herzogin gewarnt der sie doch ihr volles Vertrauen zugewendet Er
durchschaute das Spiel welches Angelika wie er meinte zu spielen gewillt war
aber er versprach sich dass sie es nicht gewinnen nicht auf seine und seiner
Freundin Kosten als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte
 
                              Siebzehntes Kapitel
Einen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schloss nie erlebt Die
Herzogin speiste auf ihrem Zimmer der Marquis leistete ihr Gesellschaft Der
Freiherr aß gar nicht zu Nacht und im Speisesaale hatten der Kaplan und die
Baronin die aufgetragenen Schüsseln kaum berührt
    Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der Diener die Koffer des
Marquis Der zweite Kutscher hatte Befehl bekommen die leichte Reisekalesche
fertig zu halten ein Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach
der Stadt geschickt worden
    Man fragte den Diener des Marquis was denn geschehen sei dass sein Herr so
plötzlich nach der Residenz aufbreche Er konnte das nicht sagen Man wollte
erfahren ob denn die Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe Auch das wusste er
nicht und die Kammerfrau der Herzogin von der man Auskunft erwarten durfte
ließ sich gar nicht sehen Des Vermutens des Fragens des Meinens und des
Prophezeiens war auf den Treppen in den Vorsälen und in den Domestikenzimmern
gar kein Ende und doch brachte mans zu keinem festen Abschlusse Nur das Eine
wusste man sicher die Kammerfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend
einen Auftrag der Secretair behauptete sogar einen Brief gebracht
    Die Herzogin lässt auch packen sagte der Diener welcher nach der Mahlzeit
die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen gehabt hatte und als ich eben fortging
kam der Herr Baron den Korridor entlang und ging zu ihr
    Es geschah sonst niemals dass der Freiherr die Herzogin in ihrer Wohnung
aufsuchte ohne sich bei ihr vorher förmlich anmelden zu lassen denn er
wünschte ihr auch in seinem Schloss das Gefühl zu erhalten dass sie Herrin bei
sich sei Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Türe Die Kammerfrau öffnete
ihm und ließ ihn ein aber die Herzogin war nicht anwesend Erst als er nach ihr
fragte trat sie aus dem Nebenzimmer hervor
    Ihre Haltung ihr Blick waren noch ruhiger noch würdevoller als gewöhnlich
und ohne abzuwarten was er ihr zu sagen habe reichte sie ihm die Hand entgegen
und sprach mit sanfter Freundlichkeit Sehen Sie mein Cousin da stehen wir
wieder einmal vor einem jener Ereignisse von denen ich Ihnen oft gesprochen
habe vor einem jener Zufälle die uns unerwartet daran mahnen dass nichts in
unserem Leben Dauer hat und die uns davor warnen uns keiner friedensvollen
Sicherheit zu überlassen
    Sie hatte sich mit den Worten auf das Kanapee gesetzt und während der
Freiherr ihr zur Seite auf einem Sessel Platz nahm wies sie mit einer leichten
Bewegung ihn um Entschuldigung dafür bittend dass sie in seinem Beisein eine
solche Anordnung treffe ihre Kammerfrau an die Schreibgerätschaften welche
auf dem Tische standen in ihre Schatulle einzupacken
    Als die Dienerin sich entfernt hatte sagte der Freiherr indem er sich
bittend gegen die Herzogin neigte Lassen Sie uns nicht dem Schicksale
aufbürden was in unserer Hand liegt meine Freundin Gönnen wir einem Zufalle
gönnen wir der Unüberlegteit und dem heißen Temperamente eines jungen Mannes
nicht die Macht dasjenige zu zerstören was wir durch ein Leben lang heilig
gehalten haben unsere Freundschaft und uns dessen zu berauben was mir
wenigstens ein Unersetzliches ist Gehen Sie nicht von uns Herzogin ich bitte
Sie darum
    Sein Ton war weich seine Gebärde mild und traurig denn er hatte in diesen
letzten Tagen innerlich viel durchgemacht Er liebte es mit grossmütigem Herzen
die Menschen welche in seiner Nähe lebten zu beglücken und wohin er in diesem
Augenblicke sah wusste er dass man seiner mit Unzufriedenheit gedachte Das
Schloss das Amtaus Alles stand in düsterm Lichte vor ihm Alles versagte sich
ihm Alles verließ ihn worauf er sich gestützt hatte und nun wollte auch sie
die bewährte Freundin von ihm gehen die ihn mit seiner Jugendzeit verknüpfte
der er gewähren konnte was sie sonst nirgends fand eine Heimat und eine
Sorgenfreiheit die sie von ihm dem Blutsverwandten dem alten Freunde ohne
das Gefühl erniedrigender Wohltat anzunehmen vermochte Die Herzogin in
Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen wäre ihm ein Schmerz und nach
seiner Anschauungsweise eine neue und schwere Kränkung seiner Ehre seiner
Standes und Familienehre gewesen Sie kannte ihn auch genugsam um seine
Empfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu beurteilen und sie
hatte sich auf dieselben mit Zuversicht verlassen
    Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und dem Marquis gegeben
Sie befand sich nicht mehr in der Lage in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge
jede Grille durchgehen lassen und jeder seiner Torheiten mit ihrem Vermögen und
Einflusse begegnen konnte Sie hatte es mit widerstrebendem Herzen gelernt sich
in die Verhältnisse zu schicken und sich beschieden für ihre verlorene
Lebensfreiheit so weit als möglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen welche
sie über diejenigen ausübte von denen sich abhängig zu wissen ihr Stolz nur
schwer ertrug denn es ist das Glück der Herrschsüchtigen dass sie in dem
Herrschen an und für sich einen Genuss empfinden und dass ihre Befriedigung nur
bis zu einem gewissen Grade von dem Gegenstande über den sie herrschen
abhängig ist Sie konnte hier in Richten wie die Verhältnisse jetzt lagen
zusehen abwarten geschehen lassen ohne Langeweile dabei zu empfinden sie
brauchte nur wie ein geübter Schachspieler die Figuren welche man von beiden
Seiten in das Spiel und in Bewegung brachte im Auge zu behalten um den rechten
Moment nicht zu verfehlen in welchem ein geschickter Eingriff die ihr
erwünschte Lösung bringen musste Sie hatte sich ihre Stellung in Schloss Richten
zu gewinnen und zu behaupten gewusst und sie war ihr lieb und lieber geworden
je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Verhältnisse sich durch den
Fortgang der französischen Revolution gezeigt hatte
    Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war
und Hof gehalten hatte in ihrer Weise so hatte sie sich allmählich in diesem
entlegenen Teile Deutschlands festgesetzt und das Zartgefühl der Baronin die
Großmut des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet Allen ihren Bedürfnissen
ward im Voraus begegnet ja der Freiherr hatte es in der schonendsten und
liebenswürdigsten Art dahin gebracht ihr allmählich in Form eines Darlehens ein
Nadelgeld auszusetzen groß genug auch den Marquis zu versorgen und wenn die
Herzogin auch über die Summen welche sie empfing jedes Mal einen Schuldschein
zu unterzeichnen verlangte so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht dass die
Summen in den Büchern nicht auf ihren sondern auf des Freiherrn Namen
eingetragen wurden und dass dieser die Quittungen welche sie ausstellte stets
selbst vernichtete damit sie niemals auch nicht etwa von seinen Erben gegen
die Herzogin geltend gemacht werden konnten
    Aus diesem Zustande dem wünschenswertesten welcher sich augenblicklich
für sie denken ließ hatte der Leichtsinn des Marquis sie aufgeschreckt und
wenn dieser seinerseits in der Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten
Ehrgefühls auch an nichts weiter denken konnte und mochte als den Anforderungen
des letzteren genug zu tun so sah die Herzogin mit jener schnell arbeitenden
Phantasie welche die unentbehrliche und unzertrennliche Gefährtin eines
scharfen Verstandes ist sofort über den Augenblick zu dessen Folgen hinüber
und sie konnte nicht zweifelhaft sein was hier geschehen könne was ihr zu tun
obliege
    Dass der Marquis nicht bleiben wenigstens für jetzt nicht in Richten bleiben
könne verstand sich von selbst Aber eben weil er gehen musste war sie zu
bleiben genötigt denn nur auf diese Weise konnte sie ihm die Mittel zu seinem
Unterhalte schaffen indes freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht da sie ihren
Bruder als den Beleidigten darzustellen wünschte und nach den ersten lebhaften
Erörterungen zwischen ihr und dem Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben
dass sie sich zu ihrem Schmerze und wie sie hoffe auch zu seinem und dem
Bedauern der Baronin in die traurige Notwendigkeit versetzt finde auf seine
großmütige Gastfreundschaft verzichten und in eine ihr so leere und fremde Welt
zurückkehren zu müssen gegen deren Öde und Schrecken sie unter seinem Dache
an seinem Heerde unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnenschlosses eine so
friedliche und beglückende Zuflucht gefunden habe Alles um was sie sich
erlaube ihn noch zu bitten sei dass er ihr die VierteljahrsZahlung noch
einmal anweisen lasse und dass er ihr vergönnen möge sich seines Wagens und
seiner Pferde bis zu der Stadt zu bedienen in welcher sie zuerst zu übernachten
denke und in der sie Postpferde für ihr weiteres Fortkommen finden könne
    Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet welchen solch ein Schreiben
eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn machen würde und sie hatte sich
nicht darin getäuscht Es war in der Voraussicht seines Besuches gewesen dass
sie Befehl gegeben hatte hier und da einen der Gegenstände und der
Gerätschaften deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der Freiherr an
ihrem bestimmten Platze zu sehen gewohnt war aus dem Gemache zu entfernen und
in der Tat bedünkte ihn diese kleine Zerstörung der ihm in einer bestimmten
Form vertraut gewordenen Umgebung unheimlich
    Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte das Schloss nicht zu verlassen nur
mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer Mienen antwortete sprach er nach kurzem
Schweigen Hören Sie meine Freundin wie draußen der Wind die starren Äste der
Bäume schüttelt das Jahr geht abwärts das Wetter ist schlecht Er hielt inne
nahm dann ihre Hand und sagte Auch unser Leben Margarete wie wir uns gegen
diese Erkenntnis in günstiger Stunde auch zu betäuben suchen ist kein
aufsteigendes mehr der Weg wird übersichtlich welcher noch vor uns liegt und
was wir auf demselben an Glück noch etwa finden könnten das sollten wir
freiwillig nicht vermindern
    Wir nahm die Herzogin das Wort wir Wie dürfen Sie Ihr Schicksal dem
meinigen vergleichen teurer Freund Sie haben Renatus den Sohn der Ihnen
fröhlich und gesund heranwächst Sie stehen inmitten Ihrer Heimat Sie besitzen
die Liebe einer jungen edelen Frau  Aber was fehlt Ihnen mein Freund rief
sie sich plötzlich unterbrechend Was habe ich denn gesagt das sie betrübt
Oder ist es nur der flackernde Schein der Kerzen der mir Ihr Gesicht so bleich
erscheinen macht
    Der Freiherr zögerte ihr zu antworten weil er zum ersten Male die
Unwahrheit der Herzogin erkannte Was bedeutete es dass sie ihn auf die Liebe
seiner Gemahlin hinwies sie der Angelika das unglückliche Geheimnis ihrer
Liebe zu dem Architekten anvertraut hatte Es widerstrebte ihm sich der
Täuschung hinzugeben die sie ihm schmeichlerisch bereiten zu wollen schien es
widerstand ihm eben so ihr zu bekennen dass er ihre Absicht durchschaute aber
sie ließ ihm zum Überlegen keine Zeit denn mit größter Wärme seine Hände
ergreifend rief sie O mein Freund wäre ich so unglücklich gewesen eine
schmerzhafte Saite in Ihrem Leben zu berühren Wüssten Sie etwa was ich Ihrer
Kenntnis vorenthalten zu sehen hoffte dass selbst diese schöne edle Natur 
    Der Freiherr machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand Lassen Sie das
lassen Sie das meine Freundin sagte er Es ist nicht weise von einem
Unwiederbringlichen zu sprechen und seine Gedanken damit zu beschäftigen
besonders wenn man sich nicht mehr mit neuen Täuschungen über eine erlittene
Täuschung fortzuhelfen vermag und ich darf es leider sagen meine letzte
Täuschung liegt jetzt hinter mir  Er seufzte unterdrückte was er noch sagen
zu wollen schien und sie schwiegen beide
    Sie könnten mich tadeln nahm nach einer Weile die Herzogin das Wort dass
ich Sie nicht benachrichtigt dass ich überhaupt das Vertrauen der armen Angelika
angenommen habe Aber das erregte Herz verlangt sich auszusprechen und da mir
der Eindruck welchen jener junge Mann auf die Baronin seit dem ersten Tage
seiner Ankunft gemacht hatte nicht entgangen war wusste ich keine besseren
Hände für die Bewahrung des traurigen Geheimnisses als die meinigen Ich
brachte sie dahin sich mitzuteilen ich selbst enthüllte ihr was in ihrer
Seele vorging damit sie sich dem Zuge nicht blindlings und ahnungslos überließ
ich tat was in meinen Kräften stand sie zu zerstreuen O es war nicht
meinetwegen dass ich Sie immer wieder antrieb neue Gäste einzuladen auf neue
Vergnügungen zu sinnen Und es ist wahr die Baronin hat mit sich gekämpft mit
sich gerungen lange Zeit aber Sie kennen das Frauenherz und seinen zärtlichen
Eigensinn Sie kennen die unbezwingliche Gewalt der Leidenschaft  Sie brach
plötzlich in ihrer Rede ab
    Ja ich kenne sie sprach der Freiherr dumpf ich kenne sie  Er erhob sich
und trat an das Fenster Die Nacht war sehr finster Eine Weile ließ die
Herzogin ihn stehen dann näherte sie sich ihm legte ihren Arm leise auf den
seinigen und sagte Es tut Ihnen nicht gut mein Freund so schweigend in das
Dunkel hinaus zu sehen Richten Sie sich auf mein Freund Es gibt kein Übel
das unheilbar wäre wenn man es ernstlich zu heilen wünscht
    Sie irren meine Freundin entgegnete der Freiherr
    O rief sie ich glaube an das Eisen das die Wunde heilen kann welche es
geschlagen
    Eine Fabel eine Fabel wie so vieles Andere an das wir auch geglaubt
haben bedeutete er mit trübem Lächeln
    Lassen Sie es mich wenigstens versuchen mein Cousin bat die Herzogin
    Des Freiherrn Züge belebten sich Heißt das dass Sie nicht von uns gehen
Margarete
    Könnte ich Sie und unsere arme Angelika sich in solchem Zustande einander
überlassen rief sie Muss ich denn nicht bleiben um von Ihnen zu erlangen was
Sie mir gewähren gleich jetzt gewähren müssen
    Sprechen Sie sprechen Sie meine teure Margarete sagte der Freiherr
    Ich verlange nichts für mich und doch ist es die höchste Beruhigung für
mein Herz die ich begehre sagte sie Ich verlange dass mein Freund der selbst
im Leben viel geirrt und viel gefehlt hat und mancher Vergebung benötigt
gewesen ist seiner Gattin verzeihe und dass ich es sei der den Verzeihenden
den Versöhnten noch an diesem Abende wieder zu ihr führt
    Der Freiherr antwortete nicht  Ich kann nicht verzeihen was erlitten zu
haben ich nicht vergessen kann entgegnete er endlich und die frühere
Düsterkeit lagerte sich wieder über sein Antlitz
    So beruhigen Sie wenigstens die Frau welche Ihnen Ihren Sohn geboren hat
befreien Sie ihr den Sinn damit das Kind nicht weiter von ihrer Schwermut
leide und lassen sie die Zeit walten und mich versuchen was die Freundschaft
kann bat sie aufs Neue und noch dringender als zuvor
    Sie sind der gute Engel unseres Hauses rief der Freiherr
    Nicht doch nur eine verlässliche alte Frau entgegnete ihm die Herzogin nur
eine Frau der es die höchste Befriedigung gewähren würde Ihnen endlich einmal
zu irgend etwas nütze sein zu können
    Sie reichte dem Baron die Hand er küsste sie ihr und ihren Arm in den
seinen legend gingen sie ohne zu sprechen mehrmals in dem Gemache auf und ab
bis der Freiherr das Wort nahm und sie bat ihr Vermittleramt nun auch zwischen
ihm und dem Marquis zu üben da er sie nicht der Gesellschaft ihres Bruders zu
berauben und ihr den Aufenthalt in diesem Schloss dadurch für die Zukunft nicht
weniger angenehm zu machen wünsche
    Aber davon wollte sie nicht hören Es sei nötig sagte sie ihrem von ihr
verwöhnten Bruder zu beweisen was er hier in der großmütigen Gastfreundschaft
des Freiherrn besessen und leichtsinnig verscherzt habe nötiger noch dass er
strebe sich eine ihm angemessene Tätigkeit im Heere oder sonst im Dienste des
Königs zu suchen bei welcher sein lebhafter Sinn sich genug tue seine Anlagen
und Kenntnisse ihre entsprechende Verwertung finden könnten Ihr Bruder sei zu
jung um dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden auf das zu
verzichten sie ein großes Opfer gekostet haben würde und da der Freiherr ihre
Meinung teilte verstand es sich von selbst dass er sich erbot den Scheidenden
mit den Empfehlungen und Anweisungen auszurüsten deren er für die Erreichung
seiner Zwecke bedürftig sein konnte Er sagte sodann dass er ihr sofort die
Summe senden werde um welche sie ihn gebeten hatte und ersuchte sie selbst
ihm darüber den gewohnten Schuldschein auszufertigen
    Sie schellte ihrer Kammerfrau Packen Sie mein Schreibzeug wieder aus und
bringen Sie es her befahl sie
    Das Gespräch zwischen ihr und dem Freiherrn beschäftigte sich ausschließlich
mit dem Marquis Während sie dann den Schuldschein unterzeichnete sagte sie mit
einem tiefen Seufzer Das wird hinreichen seine Bedürfnisse zu decken bis er
eine Anstellung erhält
    Nicht doch nicht doch rief der Freiherr welcher ihr einen Beweis zu geben
wünschte wie lieb es ihm sei sie bei sich behalten zu können diese Summe muss
Ihnen bleiben Sie können sich deren nicht entäussern Teuerste Den Marquis zu
versorgen bis er dies selber tun kann dies teure Freundin ist meine Sache
Die Ihrige ists ihn zu vermögen dass er die Vorsorge Ihres alten Freundes
nicht von sich weist weil dieser sich einmal in der übelen Lage befunden hat
ihm einige kleine nicht angenehme Vorstellungen zu machen Ich schicke ihm
morgen eine Anweisung auf meinen Banquier Und damit gute Nacht teure
Herzogin gute Nacht meine teure treue Freundin
    Er wollte sich entfernen ihr die Notwendigkeit des Dankes zu ersparen sie
aber hielt ihn zurück Und Angelika fragte sie
    Morgen morgen entgegnete er ihr Lassen Sie mir Zeit mich zu fassen mich
zu überwinden lassen Sie der Baronin die Zeit zu überdenken was sie getan
hat Sie bleiben ja mit uns
 
                              Achtzehntes Kapitel
Herbert war kaum in die Stadt zurückgekehrt als er zu Seba hinunterging ihr
die Nachricht von seiner Verlobung zu bringen Sie kannte seine Erwählte nicht
aber sie kannte den Amtmann und die einfache Tüchtigkeit desselben und das
Gute welches er bei seinen verschiedenen Geschäftsbesuchen im Fliesschen Hause
von der Schwester gerühmt hatten sie für das Mädchen eingenommen und sie
Herberts wachsendes Wohlgefallen an Eva lange mit Freude bemerken lassen Sie
hatte von je gehofft dass es Evas Gradheit gelingen werde den beunruhigenden
Einfluss zu brechen den die Baronin auf Herbert übte und als er ihr jetzt mit
Lebhaftigkeit von Evas klarem nur auf das Nächste gestellten Sinne von ihrer
schlichten Wahrhaftigkeit von der unverhohlenen Wärme sprach mit welcher sie
ihm ihre Neigung immer kund gegeben da füllten sich Sebas Augen schnell mit
Tränen und ihre Hände auf seine Schultern legend sagte sie mit freudiger
Bewegung O Gott segne Sie Gott segne Sie und all Ihr Glück
    Einfach wie ihr Ausruf und ihre Bewegung waren ergriffen sie den Freund
Werde ich Ihnen denn einen solchen Segenswunsch nicht einst erwidern können
fragte er indem er ihre Hände küsste
    Sie schüttelte verneinend das schöne Haupt Sie sind so gut so edel sagte
er Sie müssen Liebe finden denn Sie verdienen sie Sie müssen lieben können
wie wenig andere Frauen
    Ja versetzte sie das habe ich Alles einstmals selbst geglaubt aber 
    Sie wollte nicht weiter sprechen er nötigte sie jedoch dazu Da glitt
jenes melancholische Lächeln das lange Zeiten hindurch nicht von ihrem Antlitze
gewichen war wieder einmal über ihre Mienen und mit einem Tone der den
Schmerz ihrer Seele nicht zu verbergen wusste obschon sie bemüht war ihn zu
unterdrücken sagte sie Damals als ich glaubte ich müsse glücklich werden
können weil ich es zu werden wünschte kannte ich die Einrichtung der Welt noch
nicht Damals wusste ich noch nicht dass man auf seinem Posten bleiben und
geduldig und bescheiden sein muss um nicht in wilder Hast an seinem Ziele
vorüber zu eilen Damals sah ich es auch noch nicht ein dass wir nicht alle die
gleiche Rolle im Leben spielen können und dass es auch Zuschauer für das Glück
der Andern geben muss Sie und Ihre Eva Sie sind an Ihrem rechten Platz
geblieben Sie sind zwei Glückliche Ich  ich verkannte meinen Platz ich
konnte mich nicht bescheiden ich verstand nicht zu warten ich stürzte mich
mit blinder Hast ins Leben  ich habe meine Rolle schlecht begriffen schlecht
gespielt und muss sehr froh sein dass ich Ihnen zusehen und mich an Ihrem Glücke
erfreuen kann Spielen Sie das Stück recht schön zu Ende und Sie sollen es
erleben welche Genugtuung Sie mir damit gewähren
    Herbert wollte sich damit nicht beruhigen Als Evas Verlobter fühlte er
sich Seba gegenüber freier aber sie wollte nun von sich selber nicht mehr
sprechen hören Nur von Herbert sollte die Rede sein und da inzwischen auch
ihre Eltern hinzugekommen waren und Herbert erzählt hatte wie seine
Angelegenheiten ständen sagte er gegen Herrn Flies gewendet Raten Sie mir
was soll ich tun
    Was hat Ihr Herr Vater Ihnen zu tun geraten fragte der Juwelier
    Ich habe ihm noch gar Nichts von meinem Verlöbnis geschrieben um ihm nicht
von der Weigerung des Freiherrn sprechen zu müssen den er immer für seinen
Gönner seinen Freund gehalten hat Und mein Vater ist in einem Alter in
welchem man den Verlust eines Freundes nicht mehr leicht verschmerzt
    Man muss jung und gut sein meinte Herr Flies um also von dem Alter zu
denken das vielmehr den traurigen Vorzug hat von solchen Verlusten nicht mehr
überrascht zu werden Trotzdem haben Sie in jedem Falle Recht wenn Sie Ihrem
Vater eine Unannehmlichkeit ersparen da Sie ohnehin in dieser Sache gar nichts
tun können als 
    Nun was denn fragten Herbert und Seba wie aus Einem Munde
    Nichts als abwarten sagte der Juwelier
    Bis der Sinn des Freiherrn sich etwa ändert rief mit sichtlichem Verdrusse
der Architekt welcher auf einen ganz anderen Rat gerechnet zu haben schien
    Bis für Sie an des Freiherrn gutem Willen nichts mehr gelegen ist bedeutete
der Andere Wenn Herr Steinert aus seinem bisherigen Verhältnis zu dem Freiherrn
austritt 
    Würden Sie dies billigen und wünschen lieber Vater fiel ihm Seba in die
Rede
    Ja wenn er der Mann ist für den ich ihn halte und wenn er so empfindet
wie er an den Herrn Architekten schreibt meinte Herr Flies Denn es soll
Niemand dienen der die Möglichkeit hat auf eigenen Füßen zu stehen
    Aber wie lange soll denn Herbert warten meinte Seba die es in der
lebhaften Teilnahme für ihren Freund schon wieder vergessen zu haben schien
dass sie ruhiges Abwarten eben erst für eine Tugend angesehen hatte Wie lange
sollen Eva und ihr Bräutigam denn warten wiederholte sie
    Bis die Umstände ihnen entgegenkommen antwortete Herr Flies Es gehen so
viele Wege durch das Leben von irgend einem Wege kommt das Rechte seiner Zeit
wenn wir ihm dann nur Tor und Türe öffnen Warten Sie es ab lieber junger
Freund was sie dort in Richten tun werden und was dort geschieht warten Sie
das ab
    Es lag in der ruhigen und zurückhaltenden Redeweise welche der vorsichtige
Geschäftsmann sich in seinem langen Verkehre mit Menschen der verschiedensten
Stände angeeignet hatte etwas sehr Beruhigendes selbst dann wenn er wie eben
jetzt seine Meinung nicht ganz kund gab Alle fühlten dass er etwas
verschweige was auf die getane Frage nicht ohne Einfluss sei indes sie kannten
ihn darauf dass man ihm nicht entlocken könne was er nicht freiwillig gewähre
und er selber gab dem Gespräche mit der Frage wie viel Zeit die Vollendung des
Kirchenbaues in Rotenfeld noch fordern würde eine andere Wendung
    Herbert meinte dass man im nächsten Sommer nicht fertig werden könne wenn
man nicht die Mittel fände den Bau mehr zu fördern als es in den beiden
letzten Jahren eben der nicht ausreichend bewilligten Mittel wegen möglich
gewesen sei Herr Flies wollte die Summe kennen deren man noch für den Bau
bedurfte und er fand sie groß da Jener sie ihm nannte Herbert begann sich zu
verteidigen aber Herr Flies ließ es dazu nicht kommen Verstehen Sie mich
recht sagte er ich beurteile nicht den Bau und seine Erfordernisse denn ich
habe davon keine genauen Kenntnisse
    
    Und doch nannten Sie die Summe groß
    Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron gab er zur Antwort Er ist
freigebig zu freigebig vielleicht und freigebig gegen Personen die nicht
bedenklich sind von seiner Freigebigkeit den ausgedehntesten Gebrauch zu
machen Nun jeder Stand hat seine eigene Ehre und unsere Herren vom Adel hier
scheinen noch nicht zu merken was um sie her geschieht scheinen noch zu
glauben dass hier Alles beim Alten bleiben könne und werde wenn rund um uns her
das Bestehende längst gewandelt und in seinen Grundlagen vernichtet ist
    Einer seiner KomptoirGehülfen welcher ihm ein Packet Briefe aushändigte
unterbrach seine Bemerkungen Er betrachtete die Briefe der Reihe nach bevor er
sie eröffnete sah sie flüchtig durch und gab sie dem Gehülfen zurück nur zwei
davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Aufmerksamkeit Nachdem
er den einen gefaltet und in seine Brusttasche gesteckt hatte sagte er Es
freut mich dass ich mich in dem Manne nicht getäuscht habe Ihr künftiger
Schwager nimmt seine Sache wie er muss und was an mir ist werde ich ihm
helfen Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Steinert für Sie dabei in
welchem dann freilich von anderen Dingen als von Geschäften die Rede sein wird

    Es war das erste Schreiben das Herbert nach der Sendung durch den Boten von
seiner Braut empfing Sie meldete ihm die Abreise des Marquis welche sie
natürlich als ein Zugeständnis an ihres Bruders Beschwerde ansah sie sprach von
einem Besuche den der Kaplan bei ihnen gemacht habe und schilderte wie er den
Bruder habe überreden wollen sich dem Freiherrn zu nähern und Vergebung für
seine Heftigkeit von ihm zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern über
dieselbe auszusprechen Aber berichtete sie der Bruder ist wie umgewandelt
seit dem Tage und sein ganzes Dichten und Trachten ist nur darauf gestellt so
bald als möglich von hier fortzukommen
    Und so war es in der Tat Der Amtmann gehörte zu den Menschen die mit
Geduld eine lange Zeit hindurch Unbequemlichkeiten Störnisse und
Widerwärtigkeiten ertragen und sich damit beruhigen können dass dies mit ihren
Verhältnissen zusammenhange Er hatte mancher unbilligen Anforderung des
Freiherrn zu genügen gesucht und sich gesagt die Herren wären das einmal von
Alters her gewohnt Er hatte sich manchen Tadel gefallen lassen weil der
Freiherr ihn von klein auf gekannt weil wie er wusste den Herren von Arten das
befehlshaberische Wesen einmal im Blute lag und weil es als der Amtmann seinen
ererbten Posten angetreten doch im Grunde nur Geringfügiges gewesen war um das
es sich bei den gelegentlichen Streitigkeiten gehandelt hatte Seit den letzten
Jahren aber war das anders geworden
    Adam hatte sich nicht mehr wohl in seiner Wirtschaft gefühlt aus welcher
so viel als irgend möglich für unfruchtbare Ausgaben herausgezogen wurde ohne
dass die nötigen Mittel zur Unterhaltung und Weiterförderung der Kultur zur Hand
geblieben wären Seine Vorstellungen hatte der Freiherr immer ruhig angehört
ohne ihnen jedoch Folge zu geben Von einem Jahre hatte er die wirtschaftlichen
Verlangnisse seines Amtmannes auf das andere hinausgeschoben notwendige
Arbeiten hatten unterbleiben müssen weil Wälder für den Verkauf gefällt werden
sollten notwendige Bauten waren ausgesetzt worden dem Kirchenbau zu Liebe und
wie Adam sich auch anstrengen mochte dem Verfalle der Güter entgegen zu
arbeiten so konnte er sich am wenigsten dagegen verblenden dass sie in sich an
Wert verloren wesentlich verloren hatten und dass wenig Aussicht vorhanden
war sie in den nächsten Jahren wieder empor zu bringen und damit ihr weiteres
Herunterkommen zu verhüten
    Sich in solcher vergeblichen Arbeit abzumühen war dem Amtmanne schon lange
schwer geworden und oftmals hatte sich in ihm der Gedanke geregt was er mit
seinem Fleiße mit seinen Kenntnissen zu schaffen im Stande sein würde wo er
allein zu bestimmen wo er allein das Gleichgewicht zwischen den Ausgaben und
Einnahmen zu erhalten hätte Aber wer mit seiner Arbeit wie der Landmann nicht
auf den Erwerb des Tages und auf den augenblicklichen Erfolg seines Schaffens
gestellt ist dessen Wesen nimmt etwas von der langsam wirkenden Tätigkeit
seines Berufes an Adam hätte sicherlich viel Zeit gebraucht aus freiem
Antriebe zu einem selbständigen Entschlusse zu gelangen jetzt durch einen
äußeren Anlass zu demselben hingedrängt ergriff er ihn mit Lebhaftigkeit und
hielt ihn kräftig aufrecht
    Mit dem Momente in welchem er vor dem Freiherrn zum ersten Male einer
blinden Willkür gegenüber gestanden hatte war seine Abhängigkeit von diesem ihm
wie eine Schmach erschienen und all das erlittene kleine Unrecht alle die
erduldeten Widerwärtigkeiten alle seine gehabten Sorgen und seine unfruchtbaren
Mühen hatten sich zwischen ihn und seine Vergangenheit zwischen ihn und seinen
bisherigen Herrn gestellt und ihn von demselben abgetrennt
    Es war eine schwere Stunde gewesen als der Freiherr ihm den Dienst
gekündigt Es war eine schwere Stunde gewesen in der sich Adam im Geiste von
der Heimat seiner Väter losgesagt hatte aber nun der Kampf gekämpft war
fühlte er sich als einen anderen Menschen Er war glücklich in dem Gefühle
seiner Kraft in dem Besitze seiner Kenntnisse und seines ererbten und durch
seinen Fleiß vermehrten Kapitals Er wusste seinen Vorfahren für dasselbe Dank
aber es genügte ihm nicht mehr was ihn sonst befriedigt hatte in ihre
Fußstapfen zu treten Nicht mehr ein treuer Diener wie sie ein freier Herr auf
eigenem Grund und Boden wollte er werden und sein und wie er im Geiste das Joch
der Dienstbarkeit von seinem starken Nacken warf hob er den Kopf mit schönem
schnell erwachtem Ehrgeize hoch empor und sein starkes Selbstbewusstsein machte
ihn geduldig Grade wie der Juwelier verwies er Evas und ihres Verlobten
Ungeduld auf die nicht allzu ferne Zeit in welcher seine Schwester ihre
Volljährigkeit erreicht und er den Dienst des Freiherrn verlassen haben würde
Er wollte nicht zum zweiten Male als ein vergebens Bittender vor einem Herrn
stehen nicht Gewährung fordern wo er bald selber zu gewähren im Stande sein
konnte und nicht nur in dem Amtmanne auch in seiner Schwester hatte die
erfahrene Unbill das eigene Selbstgefühl und die Abneigung gegen die fremde
Willkür gestärkt und aufgeregt
    Darüber glitten die Tage hin Der Winter kam voll herauf Herberts
praktische Arbeiten ruhten aber er war mit neuen Entwürfen mannigfach
beschäftigt und wie langsam auch in jenen Zeiten und in jenen Gegenden die
Postverbindungen noch waren wurde doch zwischen dem Amtofe und dem Fliesschen
Hause ein lebhafter Briefverkehr erhalten an dem sich bald nicht nur Seba
sondern auch Herr Flies beteiligte
    Im Amtofe ging Alles seinen ruhigen Gang obschon es feststand dass der
Amtmann den freiherrlichen Dienst verlassen würde An jedem Tage wurde das
Notwendige mit Voraussicht auf die Zukunft getan und wenn die Geschwister es
dabei auch fortwährend inne wurden dass ihre Zukunft von der Zukunft des
Freiherrn und der Artenschen Güter fortan geschieden wären so halfen die lange
Gewohnheit dessen was zu leisten war und die Plane und Aussichten mit denen
Adam sowohl als Eva für sich selbst beschäftigt waren ihnen über den Zwiespalt
fort welcher sich etwa in ihnen bei ihrer Arbeit hätte erzeugen können
    Um so größeres Aufsehen machte es in den Dörfern dass der Amtmann dass einer
der Steinerts den Dienst der Herren von Arten zu verlassen dachte Die
Reiseknechte welche in die nächsten Marktflecken geschickt wurden die
Wirtschafter welche mit den gedroschenen Saaten in die Kreisstadt fuhren
wussten nichts Wichtigeres zu erzählen Die Viehhändler die Hausirer die nach
den Gütern kamen wurden mit der Nachricht empfangen trugen sie weiter fort
und bald wussten sie alle Landwirte und Gewerbtreibende der ganzen Provinz Wo
immer man sie aber erfuhr erregte sie Erstaunen Denn dass die Steinerts
Rotenfeld nicht ohne Grund verlassen würden davon war Jeder der sie kannte
überzeugt und es währte nicht lange so sagte man es auch schon hier und dort
dass die Steinerts achtsame und vorsichtige Leute wären die gleich den klugen
Ratten ein baufälliges Haus zur rechten Zeit verließen
    Wesshalb man das alte gute Haus nicht mehr für baufest halten mochte das
hätten diejenigen Anfangs kaum zu sagen gewusst welche diese Meinung äußerten
aber die plötzliche Abreise des Marquis die gleich darauf bekannt gewordene
Nachricht dass der Amtmann aus dem Dienste des Freiherrn scheide waren viel zu
auffallend gewesen als dass man nicht die Frage nach dem Grunde der Ereignisse
hätte aufwerfen sollen und wie das oft geschieht fand die einfache Wahrheit
schwerer Glauben als das phantastische Gewebe welches halbes Wissen und
übelwollendes Vermuten zusammenspannen Niemand glaubte es dass der Freiherr
nicht in die Verlobung Evas und Herberts gewilligt habe denn gegen diese war
ja gar nichts einzuwenden man glaubte auch nicht dass der Freiherr den Marquis
entfernt habe weil der Franzose den Frauen und Mädchen zu sehr nachgestellt und
schließlich der Amtmann sich darüber beschwert hatte Wegen solcher Dinge
schickte wie man meinte hierlands kein Edelmann und am wenigsten der Freiherr
von Arten seinen Gastfreund fort und deswegen ging auch kein verständiger
Mensch wie Adam Steinert aus einem Dienste in welchem seine Familie seit
hundert Jahren gelebt hatte und reich geworden war Die Sache verhielt sich
vielmehr wenn man es sich recht überlegte wahrscheinlich ganz anders Nicht
auf Mamsell Eva musste der Marquis es mit seinen Besuchen im Amtause abgesehen
haben sondern auf Zusammenkünfte mit der Baronin die in der letzten Zeit erst
wieder mehrmals im Amtause gewesen war Um der Baronin willen hatte der
Freiherr wahrscheinlich den windigen Franzosen weggeschickt wegen der
Rendezvous im Amtofe hatte es vermutlich Streit mit dem Amtmanne gegeben
deshalb war Adam auch entlassen worden und dass der Freiherr dann im Ärger
seine Zustimmung zu Evas Verheiratung versagt hatte das konnte möglich sein
obschon er wie alle Welt es auf den Gütern wusste sonst auf den Architekten
gerade viel gehalten hatte
    Was man hier und da durch die Hülfsarbeiter und Hülfsarbeiterinnen erfuhr
welche gelegentlich im Schloss verwendet wurden und die bisweilen einzelne
Reden und Bemerkungen der Dienerschaft vernahmen das bestätigte Alles nur die
Vermutung dass zwischen dem Freiherrn und seiner Frau etwas vorgefallen sei
obschon sie es nicht merken lassen wollten denn die Baronin hatte den Tag vor
der Abreise des Marquis einen ihrer Anfälle von Herzkrampf gehabt und kränkelte
immerfort
    Damals als die Baronin nach der Auffindung von Paulinens Leiche auch so
lange gekränkelt und im Schloss auch so zerstörte Verhältnisse obgewaltet
hatten da hatte man Mitleid mit ihr gehegt jetzt war das anders Trug sie doch
ganz allein die Schuld des Kirchenbaues an den vorher kein Mensch gedacht und
von dem alle Welt zu leiden hatte und wer weiß ob sie nicht doch noch davon
abgestanden haben würde ohne die französische Herzogin und ohne alle die
Franzosen welche sich im Schloss und in der Umgegend wie die Kuckucke in
fremde Nester eingenistet hatten Man dachte nur mit Unwillen an das ganze
Schloss und an seine sämtlichen Bewohner und es war auch Niemandem im Schloss
wohl zu Mute außer der einen Frau gegen welche die Abneigung der Leute sich
am entschiedensten aussprach außer der Herzogin Aber die Plane der Herzogin
waren so vorsichtig angelegt und ihre Karten so geschickt gemischt dass Alles
was sich in dem Schloss ereignen mochte sich immer zu ihrem Besten wenden
musste
 
                              Neunzehntes Kapitel
Einige Tage nach der Abreise des Marquis saß der Kaplan tief in seine Gedanken
versunken den Kopf auf die Hand gestützt an dem Fenster seines Zimmers und sah
dem bleichen winterlichen Sonnenuntergange zu Es war etwas in diesem Anblicke
das ihm das Herz bewegte
    Wie feurig wie strahlend stieg sie in der Frühe am Horizont empor rief er
unwillkürlich aus und eben so unwillkürlich glitt sein Auge hinüber nach der
Wand an welcher von dem letzten scheidenden Tageslichte getroffen ein Bild
des Freiherrn hing
    Aber der Seufzer welcher der Brust des Sinnenden entquoll galt nicht
allein dem Freunde er galt dem eigenen Geschicke denn immer häufiger drängte
sich dem Geistlichen die Frage auf ob er nicht den rechten Weg für sich
verfehlt ob er nicht geirrt habe als er der Bitte einer Sterbenden und dem
eigenen erschütterten Gemüte folgend sein Leben einer Aufgabe gewidmet die er
zu leisten nicht vermocht hatte Friede und Heiligkeit hatte er diesem Hause
bringen und erhalten wollen aber sie waren nicht für lange Zeit in demselben
heimisch gewesen Nur draußen erhob sich ein neuer stolzer Bau ein Gotteshaus
von kaltem Stein der Gott der Liebe dem er diente hatte den Tempel den der
Kaplan in den Herzen der Menschen aufzurichten gestrebt nicht darin gefunden 
und doch hatten diese ihm so teuren Menschen eine Einkehr in sich selbst eine
Versöhnung unter einander eben jetzt nötiger als jemals
    Er war in diesen letzten Tagen ohne dazu von dem Freiherrn ermächtigt zu
sein im Amtofe gewesen um Adam zu einer Annäherung an den Herrn zu vermögen
Er hatte sich an den Pastor in Neudorf gewandt damit dieser in gleichem Sinne
mit ihm auf die Geschwister wirke und es in Aussicht gestellt dass es
vielleicht nur einer Vorstellung des Amtmanns bedürfe den Freiherrn sein Wort
zurücknehmen zu machen der ja im Grunde gütiger Gemütsart sei und in der
rechten Stimmung auch wohl allmählich in die Heirat Evas willigen werde Indes
er hatte schon lange weder im Amtause noch in der Pfarre das frühere Gehör für
sich gefunden und erkannte die Gründe welche die Herzen ihrer Untergebenen
allmählich von der Herrschaft und damit auch von ihm und seinem Mittleramte
abgewendet hatten Was aber konnte geschehen diesem Übel zu begegnen
    Wie würde Allwissenheit über die menschliche Kraft hinausreichen da
dasjenige was ich über die Verhältnisse der wenigen mir anvertrauten Menschen
weiß mir so schwer zu tragen wird dachte der Kaplan und blieb in ernster
Selbstprüfung und Selbstbetrachtung still auf seinem Platze am Fenster sitzen
obschon die frühe Nacht bereits die Gegend zu verhüllen begonnen hatte
    Als der Diener die Kerzen in das Zimmer brachte übergab er dem Geistlichen
ein Billet und dieser erkannte auf demselben die Handschrift der Herzogin
welche da sie eine Meisterin des Briefstyls war die müßige Gewohnheit hatte
selbst ihre kleinen Bestellungen und Anfragen innerhalb des Schlosses nicht
mündlich durch die Dienerschaft sondern schriftlich auszurichten aber der
Kaplan war bisher in all den Jahren noch keiner solchen Botschaft von ihr
gewürdigt worden
    Was will sie mir rief er unmutig als er das Billet eröffnete Es enthielt
nur wenige Zeilen
    »Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus hochwürdiger Herr« schrieb sie
»wenn ich mich Ihnen einmal als Mitarbeiterin bei Ihrer heiligen Mission
anbiete Es gibt Gefahren in welchen Jedermann die Hand zur Rettung anlegen
muss und unsere Kirche erkennt ja in dringenden Fällen auch dem Laien eine
priesterliche Kraft zu Lassen Sie uns gemeinsam handeln um das Unheil zu
verhüten das über den Häuptern von Personen schwebt deren Schicksal und deren
Gewissensruhe Ihnen nicht teurer sein können als mir Was ich Ihnen zu sagen
habe müssen Sie je eher je besser erfahren Ihr Besuch wird mir also zu jeder
Stunde ein erwünschter sein«
    Sie kann nicht ruhen nicht rasten rief er aus und warf das Blatt auf
seinen Tisch Dann nahm er es wieder auf las es noch einmal verschloss es und
verließ das Zimmer
    Aber nicht zur Herzogin begab er sich sondern grades Weges zu dem
Freiherrn obschon dieser darauf hielt dass keiner seiner Hausgenossen ihn ohne
die dringendste Not aufsuchte wenn er ihn nicht zu sich entboten hatte Als
der Kaplan nach geschehener Meldung bei dem Freiherrn eintrat fand er diesen
lesend am Kamine sitzen und er empfing ihn mit der Frage was denn geschehen
sei
    Nichts Ungewöhnliches entgegnete der Kaplan ich wünschte nur Sie einmal
wie in früheren Zeiten ungestört zu sprechen Herr Baron und dazu fehlt mir
seit lange die Gelegenheit wenn ich sie nicht wie jetzt eben suche
    Der Freiherr war einen Augenblick unentschlossen wie er den unerwarteten
Besuch und diese Anrede aufnehmen solle in deren Ton eine gewisse Feierlichkeit
nicht zu verkennen war aber er traf schnell seine Wahl und sagte mit der
vornehmen Sorglosigkeit die ihm immer so wohl anstand Was wollen Sie mein
Freund Bin ich doch in den letzten Monaten kaum selber eine Stunde allein
gewesen so voll von Besuchen haben wir das Haus gehabt Ich weiß das ist nicht
Ihr Geschmack und Ihnen war es früher in unserem Junggesellenleben hier im
Schloss wohler Aber warten Sie nur ich habe meine Maßregeln im Geiste bereits
getroffen und ich denke Sie sollen künftig mit meinen Anordnungen zufrieden
sein
    Der Kaplan hatte auf ein Zeichen des Freiherrn Platz genommen indes er
verstand nicht gleich worauf derselbe hinaus wollte und sagte Ich kam nicht
hieher für mich selber etwas zu begehren Herr Baron
    Darauf kenne ich Sie mein alter Freund rief der Freiherr aber um so mehr
ist es an mir die Sorge für Ihr Wohlbefinden zu übernehmen und verlassen Sie
sich darauf ich werde dieses nicht aus dem Auge verlieren
    Der Kaplan sah jetzt dass der Baron es wusste weshalb er gekommen sei und
dass er es ihm unmöglich machen wolle davon zu sprechen er sagte also ruhig
aber sehr bestimmt Ich suchte Sie auf Herr Baron weil ich in Sorgen bin in
Sorgen als ein alter Freund Ihres Hauses in Sorgen als der geistliche Berater
der gnädigen Frau
    Der Baron erhob sich und während er noch mit sich kämpfte ob und in
welcher Weise er seinem Missfallen an den Worten des Kaplans Ausdruck geben
sollte fuhr dieser fort Es ist freilich eine lange Reihe von Jahren her Herr
Baron dass Sie mir in den schweren Stunden welche Ihrer Hochzeit vorangingen
das Recht zugestanden Sie an eben diese Stunden und die unheilvollen Ereignisse
zu mahnen deren Folge sie waren wenn ich dies jemals nötig finden sollte
    Und Sie glauben der Augenblick sei jetzt gekommen dieser Augenblick sei
der rechte mir es in das Gedächtnis zu rufen fiel der Baron ihm plötzlich
seine Haltung ändernd in die Rede mit welchen Hoffnungen mit welchem völligen
Vertrauen ich mein ganzes Schicksal den Händen der Baronin übergab  Ein
leises bitteres Lachen tönte von seinen Lippen In der Tat mein Freund heute
werde ich zum ersten Male an Ihrer Menschenkenntnis ja selbst an Ihrem
richtigen Empfinden irre
    Der Kaplan beachtete den Vorwurf nicht Nicht allein um glücklich zu werden
Herr Baron auch um zu beglücken nahmen Sie damals die Hand der Gräfin Berka in
die Ihrige sagte er Dann machte er eine kleine Pause und sprach danach mit
sanfter Eindringlichkeit Es war viel geschehen das Gemüt eines so jungen
Wesens zu beunruhigen die junge Frau hatte viel zu vergessen viel zu tragen
und sie hat das redlich getan Sie hat sich mit Liebe und mit Hingebung an ihre
Pflicht an ihren Gatten geklammert sie hat ihre Familie aufgegeben um mit ihm
in seinem Glauben Eins zu werden aber leider blieben Sie und die Frau Baronin
nicht allein und 
    Der Freiherr hatte eine gewisse Rührung bei der Erinnerung an jene ersten
Zeiten seiner Ehe nicht bemeistern können bei den letzten Worten des
Geistlichen fuhr er aber auf Mahnen Sie mich daran nicht ich bitte Sie darum
Ich mag nicht daran denken
    Der Kaplan ließ sich nicht beirren Ich kenne das Herz der Frau Baronin
besser als sie selbst es kennt ihre Seele ist schuldlos ihr Tun ist ohne
Makel sagte er bestimmt eine unbestimmte Sehnsucht ihres reinen Herzens 
    Sie nennen ihr Herz rein Und ich selbst ich selbst Kaplan unterbrach ihn
der Baron habe von ihrem Munde ohne all mein Zutun ja fast ohne meine
Frage hören müssen  er trat an den Geistlichen heran und sagte leise seinen
Zorn gewaltsam niederkämpfend  dass sie diesen Herbert liebe dass sie ihn
geliebt habe seit er in mein Haus getreten dass Herbert und Sie und die
Herzogin und wer sonst noch diese schmähliche Verirrung kennen  Und das nennen
Sie reines Herzens sein Das nennen Sie schuldlos und ohne Makel sein  Sie
sind sehr nachsichtig mein Freund Ihre Moral ist wenigstens nicht
unerbittlich
    Er ging heftig im Zimmer umher Des Kaplans Miene wurde immer sanfter sein
Ton noch milder Es war nicht der junge Mann auf den ich hinwies sagte er als
ich die Überzeugung aussprach es wäre diesem Hause besser gewesen wäre kein
Fremder zwischen Sie und Ihre Frau getreten es war die Frau Herzogin an die
ich dabei dachte
    Der Baron blieb vor ihm stehen Die Frau Herzogin wiederholte er Sehen
Sie wie Ihre Voreingenommenheiten Sie bis zur Ungerechtigkeit verblenden Die
Herzogin ist es gewesen die mir Nachsicht mit der Baronin anempfohlen die 
    Die die Frau Baronin gelehrt hat nahm der Kaplan das Wort Nachsicht mit
der flüchtigen Aufwallung ihres Herzens zu haben als jene den ersten Kampf mit
einer augenblicklichen Verirrung ihrer Phantasie mit Strenge gegen sich selbst
zu kämpfen dachte O mein verehrter Freund rief der Geistliche indem er sich
erhob und an den Freiherrn herantrat nur dieses Eine Mal hören Sie mich mich
allein und glauben Sie mir  Ich bin ein einsamer Mann Kein Band der
Blutsverwandtschaft kein persönliches Verlangen kein Ehrgeiz kein Begehren
knüpft mich an die Welt Mein Wünschen habe ich früh begraben All mein Wollen
und Hoffen hatte ich an Ihr Haus geknüpft und es gab eine Zeit in welcher ich
mit froher Zuversicht auf dessen Gedeihen und Bestehen blicken konnte denn
diejenigen die es trugen und stützten hatten sich in Liebe vereinigt und
standen fest zusammen Jetzt wo der Geist einer wilden neuen Zeit überall
drohend seine Hand gegen das Bestehende erhebt wo die alten Geschlechter durch
Würde und Selbstvollendung das andringende neue Geschlecht mit sich versöhnen
wo ihr innerer Adel es dartun müsste dass sie die Vorzüge verdienen welche man
ihnen missgönnt und streitig macht jetzt wo das ganze Leben des deutschen Adels
darauf hin gerichtet sein müsste es dazutun wie er nichts gemein hat mit
jener französischen Adelskaste deren Sittenlosigkeit und Hochmut sie ihrem
Volke mit Recht verächtlich gemacht haben und wo das Bestreben aller
Wohlmeinenden das Band zu erhalten trachten sollte das die alten eingeborenen
Familien mit dem Bürgerstande und den Insassen der Güter verbindet jetzt muss
ich hier von allem dem das Gegenteil erfolgen sehen und es ist Niemand da
Niemand außer mir allein der Ihnen zuruft halten Sie ein versöhnen Sie
stellen Sie her um jeden Preis  da es noch Zeit ist
    Des Freiherrn Aufregung hatte einem tiefen Nachdenken Platz gemacht Er ging
gesenkten Hauptes die Hände auf den Rücken gelegt mit langsamem Schritte in
dem großen Zimmer auf und nieder Dieses Nachdenken ermutigte den Geistlichen
Denken Sie des Abends sprach er da Sie mir hier an derselben Stelle den
Schmuck zeigten den Sie der Frau Baronin zur Morgengabe bestimmten Es ist
Sitte unter uns dass für jede neue Baronin von Arten der Schmuck vergrößert
werde sagten Sie mir damals und ich dachte in meinem Innern das ist in der
Ordnung sind doch auch das Ansehen und die Liebe welche das Geschlecht derer
von Arten hier im Lande genießt von Geschlecht zu Geschlecht gewachsen  Und
mit welchem Zutrauen mit welcher Liebe empfing man Sie und die Frau Baronin
hier bei Ihrem ersten Kommen Keinem Königspaare wurde mehr verehrende Neigung
entgegen gebracht  keine Frau der Welt war mehr geeignet mehr gewillt diese
Liebe zu verdienen  bis  Er hielt inne und zuckte die Schultern
    Sprechen Sie es aus rief der Freiherr da ich ja doch weiß was Sie denken
    Aber der Kaplan gab dieser Aufforderung nicht Folge Er wusste dass nicht
immer der nächste Weg der beste ist und sich vorläufig von dem Gegenstande der
ihn hieher geführt anscheinend zurückziehend sprach er Ich habe Sie oftmals
und mit Recht über jenes Verlangen nach Neuerungen klagen hören das jetzt in
den Geistern rege ist Sie aber Herr Baron befinden sich ja in der glücklichen
Lage dass man von Ihnen nur die Erhaltung der früheren Zustände begehrt Es ist
gut dass ein mir unbekannter Anlass den Herrn Marquis entfernte die Leute freuen
sich darüber und wären gern bereit es als eine ihnen gewährte Gunst zu
betrachten wenn Sie daneben nur den Amtmann in seiner Stelle lassen wollten
Die Steinerts gehören für die Vorstellung der Leute hier zum Grund und Boden Es
ist ihnen also als ob der Boden unter ihnen wanke seit es heißt dass Steinert
fort soll und da im Laufe der Jahre im Schloss einige der Domestiken durch
Franzosen ersetzt worden sind so fürchten die Leute 
    Die Leute und immer die Leute fuhr der Freiherr auf das ists ja eben Was
kümmert es die Leute wem ich die Verwaltung meiner Güter überantworte Was
kümmert es die Leute wenn ich es vorziehe mich lieber von gewandten Franzosen
da der Zufall sie mir bietet bedienen zu lassen statt erst mühsam die hiesigen
tölpischen Burschen zu ungeschickten Domestiken auszubilden Sie werden mich
ungeduldig mich misstrauisch machen mit Ihrem beständigen Hinweis auf das Wollen
und Nichtwollen der Leute lieber Kaplan Haben die Gedanken der Neuerer auch
Sie ergriffen Haben die in Frankreich gemachten und zu machenden Erfahrungen
auch Sie noch nicht belehrt dass man mit Nachgiebigkeit nur seine gefährliche
Schwäche verrät  Hätte ich auch damals nachgeben sollen mein lieber Kaplan
als die Leute bei der Grundsteinlegung zu unserer Kirche sich so widerwillig
zeigten
    Er hatte diese Worte mit einer spöttischen Herausforderung gesprochen aber
er war sichtlich überrascht als der Kaplan ohne ein Zeichen von Missmut ruhig
sagte Vielleicht wäre es weiser gewesen den Bau zu unterlassen vielleicht
irrte ich als ich damals mein augenblickliches Bedenken gegen denselben
unterdrückte und ich hätte vielleicht mehr im Sinne und im Geiste meines Amtes
gehandelt wenn es mir gelungen wäre Sie und die gnädige Frau von dieser
äußerlichen Befriedigung einer religiösen Empfindung zurückzuhalten und Sie
dafür um so lebhafter auf jene innerliche Auferbauung hinzuweisen in deren
Heiligtum kein Zweifel einzudringen vermocht haben würde Aber das ist jetzt
nicht mehr zu ändern
    Und wieder blieb der Freiherr vor ihm stehen Sie würden also das sehe ich
sich in Frankreich auch zu den Geistlichen gehalten haben die den Eid auf die
Verfassung leisteten rief er vorwurfsvoll
    Ganz gewiss entgegnete der Kaplan
    So hatte die Herzogin doch Recht sprach der Freiherr wie zu sich selbst
aber die Worte entgingen dem Ohre des Geistlichen nicht und sie klärten ihn über
die Wege auf welche die Herzogin eingeschlagen hatte um ihm den Freiherrn
abgeneigt zu machen auch ließ dieser ihn darüber nicht im Ungewissen
    Es bewegt mich sonderbar nahm der Baron nach kurzem Schweigen im Tone
ruhigster Unterhaltung und Betrachtung wieder das Wort zu sehen wie wenige
Naturen sich dem mächtigen Strome der Zeit entgegensetzen wie Wenige sich ihrem
umgestaltenden Einflusse entziehen Sie nannten sich vorher einen einsamen Mann
 Sie sind nicht einsam in der Welt die uns umgibt mein lieber Freund denn
Sie haben die große Menge für sich die überall zusammenhält überall für sich
Zugeständnisse begehrt überall zum leicht errungenen Gemeingut machen möchte
was unser altes wohl erworbenes Erbe ist Ich tadle Sie nicht hob er nach
flüchtiger Unterbrechung seiner Rede wieder an wenn Sie in sich die Kraft nicht
fühlen gegen einen solchen wilden Strom zu schwimmen und sich seinem
fortreissenden Zuge zu widersetzen Aber haben Sie sich wohl jemals gefragt
wohin dieses Nachgeben Sie führen wird oder haben Sie geglaubt bis hieher bis
zu uns könnten die Fluten des Unheils nicht dringen welche in dem
unglücklichen Frankreich Thron und Kirche das Leben des edelsten Königspaares
und das Leben all der Tausende von Märtyrern der guten Sache in sich begraben
haben Es ist gar zu verlockend für die rohen Massen zügellos zu sein und keine
Gewalt über sich anzuerkennen als die eigene blinde Willkür Sie haben den
König ermordet den Adel seines Besitzes seiner Rechte beraubt und das Blut
vergossen dessen erhabene Herkunft sie auch damit nicht zu vernichten
vermochten sie haben die Kirche aufgehoben und sich bis zum Wahnsinne der
Gottesleugnung erhoben 
    Und die Kirche erhebt sich wieder unter dem Schutze Gottes und das eigene
Bedürfnis wird die von ihrem Hochmut Verblendeten wieder Rettung vor sich
selber suchend zu den Füßen des Gekreuzigten führen Es geht nichts unter was
unsterblich ist und wandelbar in seiner Form erhält das Ewige sich
unwandelbar rief der Kaplan während die Innigkeit seiner Überzeugung sein
würdiges Antlitz erleuchtete Nicht uns dem Strome widersetzen können wir denn
er ist mächtiger als der Wille des Einzelnen und mächtiger als das
Zusammenhalten und Entgegenstemmen Vieler Aber zu einander stehen sollen wir
Alle dennoch in Liebe damit wir uns erhalten in der Zeit der Not damit wir
eine Gemeinschaft bilden in welcher der rechte Sinn lebendig bleibt und die
versöhnend und gewinnend und überzeugend die Kräfte wieder sammelt und zur
Einheit bindet wenn der Kampf der blinden Selbstsucht sie bald genug vereinzelt
haben wird Liebe und Friede in jeder Gemeinschaft das ist es was uns jetzt
Not tut und um dieser Notwendigkeit um der Selbsterhaltung willen zur
Beruhigung derjenigen welche seit Hunderten von Jahren zu Ihrem Hause
emporgesehen und demselben in Liebe angehangen haben beschwöre ich Sie Herr
Baron machen Sie Frieden mit denen mit allen denen die zu Ihnen gehören und
die ich versichere Ihnen es aus voller Überzeugung Ihnen in Ergebenheit und
Liebe eigen sind selbst wo sie ein Schwanken zu sehen einen Zweifel erheben zu
müssen glauben  Er war damit wieder auf den Ausgang der Unterhaltung
zurückgekehrt und hoffte jetzt besseres Gehör zu finden da er dem Freiherrn
bereits Gelegenheit gegeben hatte sich vielfach auszusprechen
    Der Baron war sehr erregt Bald ging er lebhaft bald langsamer in dem
Gemache umher bald blieb er stehen er schien nicht mit sich fertig werden den
Kampf nicht zum Abschlusse bringen zu können der offenbar in seiner Seele vor
sich ging und plötzlich aus seinen Sinnen auffahrend fragte er Was denken Sie
sich unter diesem Friedenmachen
    Versuchen Sie es nur einmal wieder eine kurze Zeit eine ganz kurze Zeit
ohne alle andere Gesellschaft an der Seite der Frau Baronin zu leben bat der
Geistliche dringend Hören Sie ihre Geständnisse mit dem Glauben an ihre reine
Seele an Glauben Sie auch mir auch mir dem sein Beruf nicht heiliger ist als
Ihre Ehre Herr Baron dass es die gewissenhafte Ängstlichkeit eines
unschuldigen aber irregeleiteten Herzens war die sich vor Ihnen durch Ihren
Zorn gereizt zu einer Untreue bekannte welche nichts nichts als eine
flüchtige durch fremde Schuld erregte Gedankensünde war Hören Sie sonst
Niemanden fragen Sie Niemanden um Rat als Ihre eigene Menschenkenntnis als
Ihr eigenes Herz und Sie werden nicht lange an der Mutter Ihres Sohnes
zweifeln Sie werden den Stein nicht werfen können auf eine Frau die rein und
edel nur Ihres Glaubens und Ihrer Liebe nötig hat um wieder fest und
unwandelbar zu Ihnen zu stehen in guten und bösen Tagen
    Der Freiherr hatte wieder auf dem Sessel Platz genommen aber er erwiderte
dem Geistlichen nichts So blieben sie lange einander gegenüber sitzen Als die
Glocke der großen Pendeluhr auf dem Simse des Kamins die siebente Stunde schlug
richtete der Baron sich auf Ich danke Ihnen sagte er dass Sie Ihrem Gewissen
Ihrer Überzeugung folgten Sie haben Ihre Pflicht gegen mich Sie haben
überhaupt in edelster Weise Ihre Pflicht erfüllt Denn wie peinvoll mir diese
Unterredung auch gewesen ist hat sie mir doch wohlgetan und mich veranlasst
unerbittlich gegen mich selbst noch einmal in mein Inneres zu blicken Ich
danke Ihnen dafür mein teurer Kaplan  Er reichte ihm die Hand der
Geistliche ergriff dieselbe mit Wärme die Haltung die Redeweise des Freiherrn
schienen ihm Gutes zu verkünden und doch hatte er sich so sicher er ihn zu
kennen meinte zum ersten Male über dasjenige getäuscht was in dem Freiherrn
vorging Aber er sollte nicht lange im Dunkeln bleiben denn Jener fing von
selber zu sprechen an
    Wir beide mein Freund Sie und ich sind eben verschieden geartete
Menschen und Sie kennen meinen Glauben in diesen Dingen wir müssen unserer
Naturbestimmung folgen Sie hätte Ihr Charakter in welchem Stande Sie auch
geboren worden wären zur Kirche und innerhalb derselben zur Entsagung und zu
ausgleichender Vermittlung geführt ich hätte unter allen Verhältnissen nicht
entsagen mich nicht bescheiden nicht vermitteln können Ich verlange nach
einer Ganzheit nach einem vollen Genügen ich kann nicht vermitteln zwischen
Recht und Unrecht ich bin absolut  und muss und will das bleiben nach allen
Seiten und in jeglichem Betracht
    Er erhob sich bei den Worten und stellte sich den Arm auf die hohe Brüstung
gelehnt sei es zufällig oder absichtlich in solcher Weise neben dem Kamine
hin dass er von Zeit zu Zeit seines eigenen Antlitzes in dem hellen Spiegelglase
ansichtig werden musste Als ich mich mit der Baronin verband war ich kein
Jüngling und kein Schwärmer mehr sagte er Wäre ich meiner Neigung meiner
innersten Überzeugung gefolgt so würde ich mich niemals verheiratet haben
denn darüber habe ich mich nie getäuscht die arme Pauline an die ein
dämonisches Geschick mich band  und heute noch bindet  ist wie ich es mir
später auch wegläugnen wollte die einzige Liebe meines Lebens und das einzige
Weib von unabänderlicher Herzenstreue gewesen das ich je gekannt habe Das
Geschlecht ist schwach
    Aber Herr Baron wendete der Geistliche mit wachsendem Erstaunen ein Indes
der Freiherr ließ ihn nicht zu Worte kommen Kein Aber mein Freund rief er
Sie sollen mich bis zu Ende hören damit wir über diesen Gegenstand ein Mal und
ein für alle Mal in das Klare und zu Ende kommen  Als ich mich aus
Standesrücksichten aus Rücksicht auf das Fortbestehen meines Hauses dann zur
Ehe entschloss wünschte ich in der Baronin eine Mutter für meine Kinder eine
Frau für mein Haus zu finden und ich würde zufrieden gewesen sein hätte sie
mir nur ein achtungsvolles Vertrauen mitgebracht Die Baronin glaubte mich zu
lieben obschon sie wie sie es mir ja selbst in Ihrem Beisein einst gestanden
Anfangs ein lebhaftes Abmahnen gegen mich gefühlt hat und da diese anscheinende
Liebe nach dem schmerzlichen Zwiespalte in welchen der Untergang der armen
Pauline mich geworfen die Neigung der Baronin nicht von mir wandte so nahm ich
die Liebe meiner Frau dankbaren und vertrauensvollen Herzens auf und schätzte
sie um so höher als ich  bemerken Sie das wohl mein Freund  diese Liebe
nicht erwartet nicht gefordert hatte Ich genoss sie als eine frei gewährte
Gunst und ich habe auch den Übertritt zu unserer Kirche nie von meiner Frau
begehrt ich habe es nicht verlangt dass sie um meinetwillen mit ihrem ganzen
Hause breche  ich bin Sie wissen das ja selbst nicht ortodox und eigentlich
nicht einmal kirchlich Was ich mit mir mit meinen Erinnerungen abzumachen
hatte das würde ich allein oder mit Ihrem Beistande in meinem Herzen
abgeschlossen und zu versöhnen getrachtet haben Ich bedurfte der sichtbaren
Versöhnung der Busse der Opfer der Auferbauung nicht Sie selber legen ja
auch wie Sie mir heute bewiesen nicht grade den höchsten Wert darauf Der
Übertritt der Baronin zu unserer Kirche war ihr ein Bedürfnis der Kirchenbau
und obenein der Bau in Rotenfeld das ich gern meide war aber ein selbst in
materieller Hinsicht sehr schweres Zugeständnis an meine Frau
    Er hatte das bestimmt und lebhaft gesprochen nun hielt er plötzlich inne
Sagen Sie selbst rief er habe ich mich in dieser Darstellung beschönigt
    Nicht eigentlich entgegnete der Kaplan nur möchte ich Sie daran erinnern

    Das nachher Das nachher mein Freund fiel der Freiherr ein Lassen Sie
mich vollenden Es genügt mir dass Sie mir gerecht sind  Er sammelte sich
darauf abermals und fuhr fort Wir leben allerdings in einer schweren Zeit in
welcher wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten der Adel die Pflicht hat sich
in seiner ganzen angestammten Würdigkeit zu behaupten Dieser Pflicht zu
genügen öffnete und bot ich einer flüchtigen und edelen Verwandten mein Haus und
meinen Beistand aber auch bei uns ist das Unheil ist der Übermut der unteren
Klassen so weit gediehen dass selbst meine Diener urteilen wo sie zu gehorchen
hätten und sich Vorstellungen erlauben die über ihre Befugnisse hinausgehen
Der Amtmann welcher sich als Herrn fühlt weil unsere Nachsicht seinen
Voreltern die Möglichkeit gegeben hat sich in unserem Dienste zu bereichern
unterfängt sich seit einiger Zeit mir Vorhaltungen wegen meiner Ausgaben zu
machen  während ich seine Einnahmen nicht controlire  und fühlt sich
beleidigt wird aufsässig wie das ganze Volk weil ich nicht darein willige
seine Schwester mit einem jungen Manne zu verheiraten der ebenfalls in meinen
Diensten frech genug war  er unterbrach sich und sprach dann schnell und
bitter  sein Auge und seine Wünsche bis zu der Baronin von Arten zu erheben
und von dem die Baronin welche mich einst ohne dass ich es begehrte und
vielleicht mehr als ichs verdiente liebte jetzt nach achtjähriger Ehe nach
acht Jahren eines vollen unbedingten Zutrauens in ihre Ehre und Tugend mir
eingesteht dass sie ihn liebe ihn schon lange geliebt habe und dass ich
ziemlich der Einzige sei der dieses noch nicht wisse
    Er ging wieder umher die Lust sich im Spiegel zu betrachten musste ihn
verlassen haben Er schöpfte tief Atem nahm die Dose heraus und hielt sie
mechanisch in der Hand ohne sie zu öffnen Als er die Dose wieder eingesteckt
hatte sagte er Solchen Ereignissen gegenüber gibt es für einen Mann wie ich
nur Einen Weg  Ich habe der Baronin nichts zu verzeihen denn ich kann sie
nicht dafür verantwortlich machen dass sie nicht stärker ist als ihr
Geschlecht und dass ich töricht genug war sie für eine Ausnahme zu halten
Aber erinnern Sie sich was ich Ihnen oftmals sagte meine Sinne haben mich
niemals beherrscht wo mein Herz mit ihnen nicht im Bunde war und mein Herz hat
sich der Baronin abgewendet 
    Um Gottes willen Herr Baron wie ist das möglich Wie darf ein flüchtiger
Irrtum das Vertrauen die Neigung die Liebe langer Jahre unwiederbringlich
vernichten Wie dürfen Sie in solcher Weise richten Herr Baron
    Lassen Sie das mein Freund Ich richte ich verdamme nicht aber Sie kennen
das Geheimnisvolle in der Liebe nicht Sie haben nie ein Weib geliebt niemals
Ihr Herz einem Weibe anvertraut entgegnete der Baron mit dem Tone der
Empfindung und so beschäftigt und hingenommen war er von sich selbst dass er
das sanfte traurige Lächeln nicht bemerkte welches wie ein Schein des
Abendlichtes über des Kaplans mildes Antlitz glitt Es gibt keine Wiederkehr in
der Liebe fuhr der Freiherr fort oder glauben Sie ich könnte es vergessen
was die Baronin mir gestanden hat Würde nicht so oft sie mir von Liebe
spricht jenes ich liebe Herbert ich die verheiratete Frau die Gattin des
Freiherrn von Arten liebe diesen Herbert  mir in das Ohr klingen
    Er ergriff abermals des Kaplans Hand und mit zusammengepresster Stimme
sprach er Das ist nicht die Eitelkeit des älteren Mannes Freund die es nicht
ertragen kann neben einem geliebteren Manne zurückzustehen Es ist das nicht zu
besänftigende Ehrgefühl des Edelmannes und die Baronin kennt meinen Entschluss
Unsere Kirche welche stets die Schwäche und Hülfsbedürftigkeit des Menschen im
Auge behält hat uns auch für den Fall in dem ich mich befinde das Mittel an
die Hand gegeben Erkennt sie doch in dringendem Falle auch dem Laien eine
priesterliche Machtvollkommenheit zu
    Ach Herr Baron rief der Kaplan erschreckt und schmerzlich Sie haben sich
der Herzogin vertraut Sie sprachen mit der Herzogin davon
    Der Baron stutzte Was soll der Ausruf
    Sie bitten Sie beschwören dies nicht zu tun Entfernen Sie die Herzogin
nur wenig Wochen nur wenig Tage Um alles Guten um Ihrer und Ihres Sohnes
willen flehe ich Sie darum an
    Nicht doch mein Freund Wozu sollte das führen versetzte der Freiherr ich
bin fest entschlossen und mir völlig klar Ich habe mein Leben von dem der
Baronin in meinem Herzen ein für alle Mal geschieden Sie weiß das seit diesem
Abende und ich habe ihr gesagt dass ich Sie mein Freund und die Frau
Herzogin die das Geheimnis kennen dess zu Zeugen nehme im Übrigen soll kein
Mensch davon erfahren  Und wie ich hier getan was dem Manne und dem
Edelmanne gebührt so denke ich überhaupt mein Recht zu wahren  Es bleibt
dabei dass Adam fortgeht Ich kann keine Beamten brauchen welche es vergessen
dass ich hier zu gebieten habe dass ich der Herr bin und es ist mir ganz recht
dass ich dieses Exempel an dem ersten dem obersten meiner Leute statuiren kann
Die Anderen werden sich um so besser danach zu richten wissen Ich dränge ihn
nicht fortzugehen er mag seine und meine Angelegenheiten in Ruhe abwickeln
Ist dies getan so soll er gehen
    Der Kaplan neigte das Haupt Dann freilich habe ich nichts mehr zu sagen
sprach er und stand auf um sich zurückzuziehen Der Freiherr hielt ihn nicht
zurück
    Erst als jener der Türe zuschritt sagte er Nur Mut mein alter Freund
man muss den Kopf hoch tragen wenn man ihn in diesen Tagen des Missgeschickes
überhaupt oben auf seinem Rumpf behalten will Sie taten was Ihres Amtes ist
ich tue das Meinige Geschieht das überall weicht Niemand von seinem Platze
vergibt man nichts von seiner Würde von seinem Rechte zeigt man sich
unerschütterlich wer und was sollte uns da erschüttern  Ich habe leider nach
einer Seite kein Glück gehabt lassen Sie mich also an meiner alten Überzeugung
um so fester halten dass ich Glück in der Freundschaft habe dass ich mich zu den
nicht eben zahlreichen Personen rechnen darf die es verstehen die Freundschaft
zu ehren und zu pflegen Und glauben Sie mir die Frau Herzogin teilt meine
Freundschaft ja meine Sorge für und um Sie Nur Geduld bis in den Sommer bis
wir die Kirche fertig haben und die Steinerts fort sind dann schaffe ich Ihnen
ein eigenes Haus ein Asyl in dem es Ihnen wohler sein soll als hier unter
uns die wir ja leider einmal Weltkinder sind und bleiben
    O ich kenne den Anteil den die Frau Herzogin an mir nimmt sagte der
Kaplan während ein schmerzliches Lächeln um seine Lippen spielte Aber der
Freiherr schien dies nicht zu bemerken und die Bedeutung nicht zu verstehen
welche der Geistliche in seine Worte legte Er reichte ihm mit freiem Anstande
freundlich die Hand und begleitete ihn bis gegen die Türe hin obschon jener
die ihm zum Abschiede dargebotene Rechte zum ersten Male nicht ergriffen hatte
 
                                  Drittes Buch
                                 Erstes Kapitel
Die Tage waren mild und ohne Wind So weit das Auge reichte bedeckte wieder der
Schnee das Land Auf dem Amtofe in Rotenfeld ertönte laut der Schall der
Arbeit Der Takt der Dreschflegel die Axt des Holzhauers das Knarren des
Brunnenrades das Brüllen und Blöcken der Haustiere das aus den weiten
Stallungen herübertönte unterbrachen die Stille und das Tun der Menschen ihr
Kommen und Gehen belebte mit der sich alljährlich wiederholenden notwendigen
Beschäftigung in gewohnter Weise die Einsamkeit Es war Alles wie es im vorigen
Winter in allen ihm vorangegangenen gewesen war obschon es der letzte sein
sollte welchen die Bewohner des Amtauses in demselben zubrachten
    Im Schloss zu Richten war es anders Dort hörte man nichts von der
wohltätig wiederkehrenden Gleichmässigkeit der Arbeit und der Winter ist sehr
lautlos auf dem Lande Die großen Portale waren geschlossen um der Kälte den
Eingang zu wehren auf weichen Teppichen bewegte die Dienerschaft sich
geräuschlos in den Gängen und auf den Treppen umher und nur wenn man an die
Fenster trat sah man in weiter Ferne gelegentlich einen Schlitten wie einen
flüchtigen Schatten halb verschleiert von dem feinen Dufte der die ganze Luft
erfüllte über die weite Ebene gleiten Was unter der weißen Hülle im Schoss
der Erde arbeitete was in den heimlichen Nestern und Schlupfwinkeln geschah in
die das Leben der Feldtiere der Vögel und der Insecten sich zurückgezogen
hatte das verbarg sich dem Auge des oberflächlichen Beobachters und wer
flüchtig an dem Schloss vorüberging in dessen weiten Gärten und auf dessen
prächtigem Hofe die lustigen Spatzen und die immer rührigen Krähen ihr Wesen
trieben oder wer nur als Gast in das Schloss kam und die glänzende und würdige
Gastfreiheit der Schlossherrschaft genoss der hätte meinen müssen es sei auch
hier im Schloss Alles noch so wie es in dem vorigen und in den ihm zunächst
vorangegangenen Jahren gewesen war Aber auch über das Leben der
Schlossherrschaft lag wie draußen die kühle weiße Decke des Schnees der
verhüllende Mantel der formvollen Gewohnheit und der feinen Sitte gebreitet und
entzog dem Auge was sich unter ihm verbarg
    Es war ein Schweigen über die Menschen gekommen Angelika kränkelte und sah
noch übler aus als ihre seltenen Klagen über ihr Befinden es rechtfertigten
Der Freiherr hatte weil er spät zu wachen liebte und weil Angelika wie er
sagte Ruhe haben sollte ihre Zimmer verlassen und die Wohnung bezogen welche
er vor seiner Verheiratung inne gehabt hatte und alle einzelnen Personen
hielten sich mehr als je bisher in ihren besonderen Gemächern auf Die Herzogin
erschien sehr niedergeschlagen Man glaubte dass sie den Marquis vermisse und
dass sie Langeweile fühle denn sie ließ den Kaplan öfter zu sich bitten hatte
lange Gespräche mit demselben und doch sah man nicht dass sich eine wirkliche
Annäherung zwischen den beiden Personen gebildet hätte oder auch nur allmählich
bildete Was sich allein und immer gleich blieb war die Freundschaft welche
der Freiherr für die Herzogin an den Tag legte und die rücksichtslose
Freigebigkeit und Zuvorkommenheit mit welcher er allen ihren Neigungen
begegnete Der Freiherr zeigte sich immer ruhig Angelika sanft aber
zurückhaltend und man hätte fast meinen sollen es läge nur an der Verstimmung
der Herzogin dass die Anderen sich nicht in der früheren geistigen Freiheit
bewegten es bedürfe nur ihres guten Willens um Alles wieder in das alte
Geleise zu bringen denn dass nicht mehr Alles in dem guten alten Geleise stehe
dass etwas Besonderes dass noch etwas Anderes als der Streit mit dem Amtmanne
und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei daran zweifelte in der
Herrschaft bald Niemand mehr Aller der Leute die wie ihre Eltern auf den
Gütern geboren und erzogen ihre Welt in diesem engen Kreise hatten begann sich
dadurch eine Unsicherheit zu bemächtigen Sie hatten stets den Glauben gehegt
dass sich bei ihnen in Richten nichts ändern könne und dürfe und dass sich etwas
geändert hatte ohne dass sie sich zu erklären wussten was sich geändert habe
steigerte ihr Unbehagen
    Aber grade die Frau welche an den mannigfachen Wandlungen in Schloss Richten
und in dem Leben seiner Besitzer einen so großen und unheilvollen Anteil hatte
grade die Herzogin war am meisten betroffen über die Wendung welche die
Gedanken und Entschlüsse des Freiherrn genommen hatten und wenn sie davon auch
nicht im Gemüte angegriffen wurde so nahm sie es doch mit einer Art von
Schrecken wahr dass die von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknüpften
Fäden nicht das Gewebe bildeten auf das sie es abgesehen weil sie nicht
genugsam in Betracht gezogen hatte dass es sich mit Menschen nicht so sicher als
mit toten Zahlen rechnen lasse und dass die Personen welche sie als ihre
Werkzeuge zu betrachten sich gewöhnt hatte sich plötzlich erheben und sich zu
einer Entscheidung aufraffen könnten stark genug alle Berechnungen und
Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage zu durchkreuzen
    Das habe ich nicht gewollt sagte sich die Herzogin als der Freiherr ihr
vertraut hatte was er in sich beschlossen und mit diesem Ausrufe wälzte sie
alle Verantwortung und Schuld von ihren Schultern auf die seinigen Sie brauchte
nicht einzustehen für das was sie nicht bezweckt hatte Sie hatte sich
zerstreuen sich unterhalten ein wenig Einfluss auf ihre Freunde gewinnen
wollen sagte sie sich sie hatte die Baronin von ihrer deutschen
Schwerlebigkeit zu heilen den Freiherrn von der Herrschaft seiner allzu
strengen Gattin zu befreien gewünscht sich selber und seinen alten fröhlichen
Gewohnheiten hatte sie ihn wiedergeben wollen indem sie nebenbei sich und ihrem
Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut es ging erheiterte und plötzlich
hatte die stolze Überspannteit des Freiherrn alles Maß und Ziel so völlig
überschritten dass die Herzogin sich mit einem Male zur Zeugin und zur
Vertrauten eines ehelichen Zwiespaltes auserkoren fand der schwer und tief
genug war um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Erschrecken zu erfüllen Sie
konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen denn er ganz allein und Niemand sonst
trug nach ihrer Meinung die Schuld des Unheils Sie nannte es unverantwortlich
von ihm dass er der Baronin nicht die Hand bot um über eine Schwäche über
einen kleinen verzeihlichen Herzensirrscham fortzukommen und wie natürlich
wendete ihre ganze Teilnahme sich unter diesen Verhältnissen der Verkannten
der Leidenden der Baronin zu
    Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine andere Wahl wenn sie
sich nicht der ihr zur anderen Natur gewordenen Einmischung in fremde
Angelegenheiten für die nächste Zeit enthalten wollte und der Kaplan hatte
Recht gehabt mit seinem Worte sie kann nicht rasten und nicht ruhen  Die
müßige Herrschsucht das eitle Bedürfnis nach immer neuer scheinbarer
Tätigkeit die Lust sich an fremden Empfindungen zu ergötzen waren
unersättlich und ohne Rast in der kalten selbstsüchtigen mit unruhiger
Phantasie begabten Frau und sie wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge
übertroffen mit dem sie sich in eine neue Rolle zu versetzen wusste so oft die
alte ihr beschwerlich oder unhaltbar für sie zu werden anfing
    Seit Jahren hatte sie den Kaplan gemieden weil er der Missbilligung kein
Hehl gehabt hatte mit der er ihr Treiben und ihren Einfluss auf den Freiherrn
und auf Angelika verfolgte und sie war seit lange bestrebt gewesen ihn in der
guten Meinung des freiherrlichen Paares zu entwurzeln ja ihn zu entfernen
Jetzt schien sie dies völlig vergessen zu haben Sogar der Gedanke dass der
würdige Mann sie und ihr frevelhaftes Spiel mit der Wohlfahrt ihrer Gastfreunde
durchschaut habe und dass er es verdamme hielt sie nicht ab sich an ihn und
seinen Beistand zu wenden sobald sie seiner zu bedürfen glaubte denn wie alle
Selbstsüchtigen besaß sie das festeste Vertrauen in die Selbstlosigkeit der
Anderen und jenen Hochmut der für alles getane Übel schnelle Vergessenheit
für jeden neuen Einfall Zustimmung und Beistand zu finden erwartet wenn
demselben nur der Anschein eines edelen Zweckes anzudichten ist
    Der Kaplan erkannte und durchschaute dies Alles aber in der Gefahr in
welcher seine Freunde sich befanden glaubte er sich jedes Mittels bediene zu
müssen das eine Hilfe zu bieten schien obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen
und sein Glaube an die Möglichkeit die Ehe des Freiherrn herzustellen nur
gering waren
    Angelika war keine tatkräftige und war doch dabei eine stolze Natur So
lange sie sich berechtigt geglaubt hatte mit ihrer ungeteilten Liebe die Liebe
ihres Gatten die er ihr zugeschworen zu verdienen so lange ihr reines
Gewissen seine volle Achtung fordern konnte hatte sie den Mut gehabt dem
Freiherrn in den Zeiten seiner geistigen Bedrängnis zu Hilfe zu kommen und es
hatte sie über sich selbst hinausgehoben dass sie zu trösten zu verzeihen dass
sie herzustellen vermochte Seit sie sich schuldig glaubte sich schuldiger
fühlte als sie war hatte eine Verzagteit sie erfasst gegen welche der Kaplan
vergebens angekämpft da er andererseits genötigt gewesen war Angelika mit
ernster Strenge vor der Nachgiebigkeit gegen ihre Schwäche zu warnen welche in
den Lehren und Unterhaltungen der Herzogin immer neue Nahrung und Beschönigung
gefunden hatte Wer aber wie Angelika wahrhaften Sinnes und also eigentlich
nicht geneigt ist sich zu betrügen wer sich selber seine Fehler zu Herzen
nimmt und sie sich schwer verzeiht weil er den Anspruch der Würdigkeit an sich
macht der fühlt auch die Verzeihung der Andern nicht als eine Wohltat sondern
als eine Demütigung unter deren Last er sich nicht leicht erhebt und wie
furchtbar das übereilte VerdammungsUrteil ihres Gatten Angelika auch traf es
lag darin ein Etwas das ihr willkommen war das ihrem eigenen Empfinden ihrem
in diesem Falle übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl entsprach
    Hätte der Freiherr sich dazu verstanden sie über ihre Neigung für Herbert
aufzuklären hätte er sie liebevoll zu sich gezogen so würde sie sich bestrebt
haben zu vergessen und bemüht gewesen sein die Liebe und das Wohlgefallen
ihres Gatten wieder zu erringen Aber der Freiherr hatte die Wahrheit
gesprochen als er gegen den Kaplan behauptet dass er eigentlich niemals eine
wirkliche Liebe für Angelika gefühlt habe und er hatte es für sich eingenommen
wie er war ihr durch alle die Jahre nicht vergessen dass sie ihn schwach
gesehen und dass sie ihm einmal in Gegenwart des Geistlichen ihr einstiges
inneres Missfallen an seiner Person erklärt hatte
    Jetzt sich von Angelika im Angesichte der Herzogin einen jüngeren einen
Mann geringeren Standes vorgezogen zu sehen von seinem Weibe das Geständnis
hören zu müssen dass sie einen Anderen liebe das waren Kränkungen gewesen die
er nicht verzeihen und von denen er sich nur durch eine Tat befreien konnte
mit welcher er seine Selbsterrlichkeit vor sich selber vor Angelika und vor
den Augen der Herzogin ein für alle Mal feststellte
    Er hatte dabei keinen großen Widerstand in sich zu überwinden denn wo der
Stolz und die Eitelkeit in einem Menschen die Oberhand behaupten werden vor
denselben alle anderen Empfindungen und Rücksichten leicht zum Schweigen
gebracht und der unausgesetzte Verkehr mit der älteren ihm beständig
schmeichelnden und der Baronin geistig überlegenen Freundin hatte ihn seit lange
gleichgültiger gegen Angelika und selbst gegen ihre körperliche Schönheit
gemacht als er es sonst wahrscheinlich geworden sein würde Er brachte also
kein schweres Opfer er gab keine ihm unentbehrlich gewordene Gemeinschaft auf
als er sich von Angelika entfernte und er fand mit dieser Entsagung dasjenige
für sich wieder was ein Mann von seiner Art am wenigsten entbehren kann was er
am höchsten schätzte persönliche Befriedigung und das Wohlgefallen an sich
selbst und an seiner Machtvollkommenheit
    
    Anders jedoch stand es um die Baronin Der gewaltsame Entschluss ihres
Gemahls gab ihr ein Recht sich unglücklich zu fühlen und da sie wie Jeder
das Verlangen in sich trug eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Erleiden und
ihrem Verschulden zu entdecken so überließ sie sich unwillkürlich ihren
Gedanken an die entbehrte Liebe und ihrem Schmerze um Herbert mit solcher
Heftigkeit dass sich eben an dieser heftigen Leidenschaft ihr krankhaftes
Schuldbewusstsein bis zu jener Höhe steigerte welche sich bereitwillig zu jeder
Busse zeigt und eine schwärmerische Wollust in dem Leiden in dem völligen
Verzichten findet
    An der Selbstzufriedenheit des Freiherrn an der Wollust mit welcher seine
Gattin sich verdammte scheiterten die Versuche welche der Kaplan zu der
Vereinigung der Getrennten unternahm Der Freiherr gefiel sich überaus darin
den Geistlichen sowohl als die Herzogin von der Festigkeit seiner Entschlüsse
und seines Charakters wie von seinem strengen Ehrbegriffe zu überzeugen Aus der
Mühe welche sich der Eine und die Andere jeder auf seine Weise mit seiner
Bekehrung gaben ersah er mit Vergnügen die Wichtigkeit die sie ihm und seinem
Schicksale beilegten und die Notwendigkeit in den oft und in verschiedenster
Weise wiederkehrenden Gesprächen über diesen Gegenstand seine Gründe den Gründen
seiner Freunde entgegen zu stellen bestärkte ihn in seinen Überzeugungen wie
in seinem Vorsatze Hochgehobenen Hauptes und heiterer Stirn aufzutreten wenn
er Alles um sich her gebeugt sah war ihm ein durch nichts Anderes zu
ersetzender Genuss und mit einem Lächeln der Überlegenheit ermahnte er die
Baronin wie seine Freunde innere Erlebnisse nicht zur Schau zu tragen ihre
Mienen und ihre Stimmung nicht zu Verrätern an sich werden zu lassen und den
Lauf des ruhigen täglichen Lebens nicht zu unterbrechen weil man mit sich
selber etwas abzumachen habe
    Überlassen wir es den Steinerts sagte er gelegentlich von sich von ihrem
Schicksale und von Evas Herzensgeschichte auf zehn Meilen in der Runde sprechen
und sich loben oder tadeln und beklagen zu lassen je nach dem Belieben Anderer
Man muss sich unnahbar machen wenn man unangetastet bleiben will und mich
dünkt mit sehr geringer Selbstbeherrschung könnte die Baronin mit etwas
Achtung vor meinem berechtigten Verlangen könnte der Kaplan und könnten Sie
meine teure Margarete das Vergangene wie ich auf sich beruhen lassen und
mir die Unannehmlichkeit ersparen mein und meines Hauses Leben von der Neugier
meiner Leute unnötig berührt zu sehen
    Das waren Empfindungen und ein Stolz welche die Herzogin vollkommen begriff
und würdigte Sie stimmte mit der Ansicht des Freiherrn überein dass es für den
Adel jetzt doppelt geboten sei sich in ungebrochener Würdigkeit im Vollbesitze
aller seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen Volke zu behaupten und
sie konnte bei der unverhohlenen Kälte und Entfremdung mit welcher Angelika ihr
seit den letzten Ereignissen begegnete überhaupt nicht lange im Zweifel darüber
bleiben nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden müsse
    Lange Zeit die Rolle der Trösterin der Versöhnerin zu spielen während die
Baronin sich ihrem Troste unzugänglich zeigte und der Freiherr gegenüber ihren
vermittelnden Bestrebungen seine Überzeugung aufrecht erhielt wäre dem auf
Erfolg gestellten Wesen der Herzogin ohnehin nicht möglich gewesen Eine
Ausgleichung aber ein Verständnis können sich nicht herstellen wo
eigenwilliger Stolz in dem Menschen mächtiger als die verständnissvolle Liebe ist
und wo eine wahrhafte Annäherung schon durch das absichtliche Dazwischentreten
übelwollender Personen nicht zu Stande kommen kann Von gleichem Stolze beseelt
und fortgerissen wie ihr Gatte gewann es daher die Baronin auch endlich über
sich es seinem Auge zu verbergen wie unglücklich sie sei wie unglücklich es
sie mache sich von ihm verstoßen zu wissen Sie gewann es über sich jene Ruhe
an den Tag zu legen in welcher der Freiherr sich zeigte in der er seine ganze
Umgebung zu sehen begehrte eine Ruhe die sie zu fühlen weit entfernt war und
deren Anschein obschon er sichs nicht eingestand den Freiherrn nur noch
fester in dem Glauben werden ließ dass er sich in Angelika getäuscht dass sie
ihn nie geliebt und dass er in ihr nie das Herz besessen habe welches ihn zu
beglücken ihm zu genügen fähig gewesen wäre
    Allen weiteren Belästigungen und Erörterungen zu entgehen hatte der
Freiherr bald nach seiner heimlichen Trennung von Angelika eine Einladung zu den
großen Jagden angenommen welche einer der Prinzen auf seinen Gütern um diese
Zeit veranstaltete und war erst kurz vor den Weihnachtstagen und zwar in
Begleitung verschiedener Gäste wieder in das Schloss zurückgekehrt
    Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und Gastlichkeit
begangen die Gäste sollten bis über das Neujahr im Schloss verweilen
    Befehlen der gnädige Herr dass morgen der große Saal geöffnet und die Leute
angenommen werden sollen erkundigte sich am Sylvestertage der Haushofmeister
als der Freiherr ihn rufen lassen um ihm einen Auftrag zu erteilen
    Wie anders antwortete dieser Der Haushofmeister verneigte sich und ging
davon Es war das erste Mal dass er diese Frage für nötig erachtet hatte das
erste Mal auch dass der Freiherr sich den Glückwünschen seiner Leute gern
entzogen hätte Aber es befanden sich im Schloss unter den Gästen mehrere
Personen welche in manchem früheren Jahre Zeugen dieser herrschaftlichen
Zeremonie gewesen waren und der Freiherr hielt es für angemessen von einem
alten Herkommen nicht abzulassen
    Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schöner Raum In den beiden großen
Kaminen an seinem oberen und unteren Ende brannten am Neujahrsmorgen helle
Feuer und die Sonne welche draußen den Schnee funkeln und die dicken Fransen
des Rauhreifs an den Ästen der Bäume glitzern machte schien so hell in den
Saal hinein als wolle sie die brennenden Feuer unsichtbar machen und beschämen
    Die lange Reihe der Ahnenbilder war sorgfältig abgestäubt worden man hatte
die Teppiche vor den gradlehnigen Kanapees über den Fußboden gebreitet der
Haushofmeister ließ auf dem schweren Marmortische die altertümlichen
Gerätschaften auftragen deren man sich seit die Baronin Angelika im Schloss
lebte am Neujahrstage zu bedienen pflegte Man nannte diesen Empfang im
Ahnensaale das FamilienFrühstück weil man dann die Mahlzeit beim Beginne des
neuen Jahres gleichsam unter den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes
einnahm und die sämtlichen Beamten der Herrschaft mit einem Imbiss bewirtete
Während der Haushofmeister die silbernen Kuchenschalen und die Flaschen des
süßen spanischen Weines kunstgerecht ordnete kam des Freiherrn Secretär dazu
    Seht nur zum Rechten sagte er der Herr ist heute übler Laune  Der Andere
meinte das sei jetzt nichts Seltenes Doch mit Unterschied bemerkte der
Secretär heute ists besonders schlimm 
    Als der Haushofmeister zu wissen wünschte was denn vorgefallen sei ließ
der Secretär sich erst eine Weile nötigen dann sagte er Es sind heute unter
den Sachen die der Bote von der Post geholt hat Briefe gekommen die haben es
getan Der Jude welcher des Herrn Geldgeschäfte macht kündigt ihm die
vierzigtausend Taler auf Rotenfeld und es muss auch mit dem vertrackten
Marquis wieder etwas vorgefallen sein was mit den Geldangelegenheiten
zusammenhängt Ich sah große Zahlen und Berechnungen in dem Briefe obschon der
Herr ihn seitwärts hielt Als er ihn zweimal gelesen hatte steckte er ihn ein
aber seine üble Laune hatte er weg denn  von Flies zu fordern haben wir schon
lange nichts mehr
    Und dazu wieder die großen silbernen Toiletten welche jetzt zu Weihnachten
nach dem Muster der alten Waschgerätschaften die vor ein paar Jahren
angeschafft wurden für unsere gnädige Frau und für die Herzogin gemacht worden
und angekommen sind bemerkte kopfschüttelnd der Haushofmeister Mich solls
wundern wann die Herzogin einmal zu wünschen aufhören wird Ewig kann das ja
nicht dauern
    Freilich Es geht Alles einmal zu Grunde in dieser wandelbaren Welt aber
après nous le déluge Und wenns denn nur immer bei dem après nous bleiben
wollte versetzte der Secretär welcher sich die Schlagworte angeeignet hatte
deren er die Herrschaften sich bedienen hörte Er fuhr indes erschrocken zurück
als in dem Augenblicke der Kammerdiener die Türvorhänge aufhob und die ganze
Gesellschaft voran der Freiherr die Herzogin am Arme in den Saal eintrat Sie
hatten beide das Wort gehört und unwillkürlich sagte der Freiherr zu sich
selbst Welch ein Anruf ist das  Auch Angelika deren übles Aussehen Allen
auffiel sah nach dem Secretär hinüber und ihre Mienen zuckten leise zusammen
Ihre Schwäche fing an ihr oftmals die Herrschaft über sich zu rauben
    Die Frauen nahmen auf dem Kanapee ihre Plätze die Männer der Freiherr in
ihrer Mitte standen in einer Gruppe in ihrer Nähe als man meldete dass der
Pfarrer mit seiner Frau der Amtmann mit seiner Schwester angekommen wären Der
Freiherr ging dem Geistlichen ein paar Schritte entgegen reichte ihm und der
Pfarrerin die Hand und hieß sie willkommen als sie ihm ihre Glückwünsche
aussprachen Er schien Adam und seine Schwester nicht zu sehen und doch hatten
sie ihr Bestes getan sich heute bemerklich zu machen und es zu beweisen dass
sie nicht in Sorgen sondern guten Mutes in das neue Jahr hinübergingen
    Der Amtmann hatte den Haarbeutel abgelegt und sich wie Herbert das schon
lange getan nach der neuen französischen Mode gekleidet Auch Eva hatte die
ländliche Dormeuse abgenommen und trug ihr schönes braunes Haar wie Herbert
dieses liebte frei um Gesicht und Rücken niederfliessend Sie sah auffallend
hübsch aus und die Blicke der männlichen Gäste richteten sich auf sie als sie
sich der Baronin näherte ihr die Hand zu küssen während der Amtmann noch immer
da stand erwartend ob der Freiherr es endlich für angemessen finden werde
seine Gegenwart zu bemerken ob er endlich die geflissentliche und sehr gnädige
Unterhaltung mit dem Pfarrer unterbrechen werde
    Adam fand den Freiherrn in den letzten Monaten wesentlich älter geworden
und wie er so von ihm hinaufsah nach dem verstorbenen Herrn und dann zu Renatus
hin der zwischen den Knieen des Kaplans stand konnte er sich eines Seufzers
nicht erwehren aber dieser Seufzer galt nicht dem eigenen Geschicke Wer wird
künftig für sie schaffen wie wirs getan dachte er und er fühlte den Groll
den er seit seinem Zusammenstosse mit dem Freiherrn gegen ihn gehegt in seinem
treuen festen Herzen schwinden da er sich baldiger Freiheit sicher und seinen
Stern im Steigen wusste während die Sorge seinem bisherigen Herrn immer näher
rückte dass er sie kaum noch von sich weisen konnte
    Plötzlich als habe der Seufzer des Amtmanns ihn erst aufmerksam auf ihn
gemacht wendete er sich zu ihm und sagte Ich dachte Er wäre aufs Güterkaufen
aus
    Diese Anrede hatte Adam nicht erwartet aber da er den Freiherrn kannte
erschreckte sie ihn mehr als sie ihn kränkte Was muss ihm geschehen sein dass er
sich so vergessen kann dachte er und gutherzig und nachsichtig wie ein
Glücklicher sagte er Da ich nach meinem Abkommen mit dem gnädigen Herrn noch
bis zum Herbste in seinem Dienste bleibe konnte ich ja nicht ohne Urlaub fort
und hätte mich nicht unterfangen den Herrschaften am letzten Neujahr meinen
Glückwunsch schuldig zu bleiben Möge es den Herrschaften so wohl gehen als wir
es von je mit ihnen und ihrem Dienste gemeint
    Adam war bewegt und der Freiherr hörte das Aber da er verstimmt und
gereizt war klang selbst der gute Wunsch ihm wie ein Vorwurf und fast
widerwillig sprach er sein kurzes Ich danke ich danke Ihm zu seinem
Untergebenen aus der dies nicht lange mehr bleiben sollte Er konnte den Ton
gegen ihn nicht mehr finden seit er Adam nicht mehr ganz zu ihm gehörend wusste
und er zwang sich zu der Frage was Adam denn für Plane habe weil diese Frage
eine Verzeihung und ein Anerkenntniss in sich schloss
    Ich habe ein Angebot auf Marienau getan Ich kenne das Gut genau und der
Besitzer kann es nicht mehr halten sagte Adam
    Ich weiß ich weiß rief der Freiherr und wendete sich kurz und hastig von
dem Amtmanne ab Die Vorstellung einen alten Lebensgenossen aus seiner Nähe
scheiden einen alten Edelmann von dessen Hause auswandern zu sehen und dafür
einen Menschen niederen Standes ja seinen eigenen Amtmann zum Grenznachbar zu
bekommen die Steinerts sich einnisten zu sehen wo die Herren von Raven seit
langen Jahren fest und wohl gesessen hatten war dem Freiherrn gar zu
widerwärtig Es kamen ihm seit diesem Morgen nichts als unangenehme Neuigkeiten
zu
    Aber noch empfindlicher als der Freiherr durch das Zusammentreffen mit dem
Bruder fühlte sich Angelika durch die Begegnung mit der Schwester berührt Sie
hatte Eva nicht wiedergesehen seit dem Tage an welchem sie die Verse in
Herberts Pult gelegt und die heiße Röte der Scham übergoss ihr bleiches
Antlitz als sie Eva vor sich hintreten sah
    Das war also das Mädchen welches der Mann sich erwählt hatte den sie
liebte um dessentwillen sie mit sich selbst und mit ihren Pflichten zerfallen
war das Mädchen welches Herbert ihr der Gräfin Berka der Baronin von Arten
der hochgebornen edlen Frau vorgezogen hatte Und mitten in der Pein dieser
qualvollen Empfindung erkannte die Baronin in dem großen Medaillon mit welchem
Eva ihr weißes Busentuch über der Brust zusammengenestelt hatte Herberts
sprechend ähnliches Portrait welches eben heute anzulegen sie sich trotz der
Abmahnung des Bruders nicht hatte versagen mögen
    Eva sah die Bewegung der Baronin und ein Lächeln der befriedigten Eitelkeit
flog über ihre vollen Lippen als sie sich niederbückte um wie sie das sonst
getan die Hand der Gutsherrin zu küssen Aber jenes siegreiche Lächeln war
Angelika nicht entgangen sie zog die Hand zurück und mit einer Härte und
Bitterkeit die Niemand je von ihr gehört hatte sagte sie Lass Sie es gut
sein ich kann die Heuchelei nicht leiden und ich kann Ihr nicht helfen
    Der Zorn der Baronin zeigte dem jungen Mädchen wie mit hellem Lichte sein
ganzes Glück in vollem Glanze und mit dem Worte schnell wie immer bei der Hand
während sie sich auch von Eifersucht ergriffen fühlte entgegnete sie der
unverdienten Abweisung mit Freuden trotzend Ich verlangte ja nichts ich habe
ja Alles was ich wünsche gnädige Frau
    Unverschämte stieß die Baronin hervor und wendete ihr bebend vor Zorn den
Rücken Niemand hatte die Worte gehört welche die Baronin mit der Schwester
ihres Amtmanns gewechselt aber der Zorn der Ersteren das Siegesgefühl in den
strahlenden Augen der Letzteren blieben nicht unbemerkt und die Herzogin sowohl
als der Freiherr und Adam wussten sich den Vorgang zu erklären der wie
verschieden die Lebenslage der beiden Frauen auch war hier das Weib dem Weibe
in seiner natürlichen Leidenschaft gegenüber gestellt hatte
    Es war der erste Neujahrsmorgen an dem es dem Freiherrn und seiner Gattin
nicht wohl in ihrem Hause wurde nicht frei unter ihren Leuten zu Mute war und
an dem sie in den Mienen ihrer Umgebung spähten weil sie nicht mehr die alte
unbedingte Sicherheit besaßen nur auf Liebe und auf freie verehrende
Ergebenheit zu stoßen Dem Baron war die Nähe des Amtmanns der sich schon als
eigener Herr fühlte lästig und die brieflichen Mitteilungen des Juweliers
lagen ihm schwer im Sinne Angelika fand sich durch Evas Anwesenheit beleidigt
und erniedrigt durch das Bewusstsein sich vor ihr verraten sich ihr
gleichgestellt zu haben während beiden Gatten die unverkennbar neugierige
Aufmerksamkeit ihrer Dienerschaft eben so wie die ängstliche Zurückhaltung des
Pfarrers und der übrigen Beamten auffiel
    Die Leute wagten sich nicht wie sonst heran sie sprachen ihre Wünsche nicht
so herzlich und offen wie früher aus und der Pfarrer hatte nicht mehr seine
altgewohnte Anrede vernehmen lassen dass Alles hier zu Lande bleiben möge wie
es bisher gewesen weil es so am besten sei Er und die Pfarrerin blickten immer
nur ängstlich nach dem Amtmanne und nach dessen Schwester auch die
Wirtschafter und der Justitiarius hielten sich zu den Steinerts so gut sie
konnten Die Amtskinder wie man Adam und Eva in ihrer Jugend genannt hatte
waren der Gegenstand der allgemeinen Teilnahme auf die Herrschaften sah man in
der Besorgnis was sie den Steinerts tun würden was es mit diesen geben könne
und selbst aus den Worten der ergebenen Gratulation glaubte der Freiherr einen
Vorwurf gegen sich und ein Misstrauen in die Zusicherung des Wohlwollens und der
Geneigteit herauszuhören welche er nach alter Sitte und Gewohnheit den im
Dienste Befindlichen und Verbleibenden versprach Was half diese Zusage des
Freiherrn ihnen auch im Grunde Man wusste nicht wer an Adams Stelle kommen
würde und das Wohlbehagen und Wohlergehen jedes Einzelnen hing vor Allem von
dem guten Willen und der Rechtschaffenheit des Amtmanns ab Was man an den
Steinerts gehabt hatte das war Jedermann bekannt was kommen konnte war nicht
zu berechnen und das versicherten die Verwalter und Wirtschafter jetzt Jedem
der es hören wollte wie sie es sich unter einander längst gesagt hatten wenn
jetzt nicht ein eben so tüchtiger und rechtschaffener Amtmann in die Herrschaft
käme wie Adam Steinert es gewesen so wäre kein Durchhalten möglich und man
würde etwas erleben auch wenn sie selber wie bisher gewissenhaft das Ihrige
täten
    Das Misstrauen die Unzufriedenheit der Zweifel schwebten wie eine
ansteckende Krankheit in der Luft Niemand sah sie Jeder fühlte sich von ihrem
beängstigenden Hauche ergriffen und wie lustig lodernd die Feuer in dem Saale
auch brannten und wie hell die Sonne auch die lange Reihe der Ahnenbilder
beleuchtete es wurde Niemandem wohl bei diesem NeujahrsFrühstücke selbst
Renatus machte die Bemerkung dass die Grosseltern und die Urgrosseltern auf den
Bildern wenn die Sonne so darauf scheine ganz verdrießlich auf die Menschen
niederblickten
    Der Wein schmeckte heute den Leuten lange nicht so gut als sonst und die
Pfarrerin fand dass die Kuchen welche Eva zum Feste in die Pfarre gesandt
hatte weit besser wären als die im Schloss aufgetragenen Ihr Mann bemerkte
dass der Herr Kaplan gealtert sehr gealtert habe dass auch der Freiherr obschon
er stärker werde nicht mehr so gut aussehe als noch vor wenig Monaten und nun
gar die Frau Baronin  Er schüttelte den Kopf und faltete die Hände Was der am
Herzen nagte darüber konnte man ja nicht im Zweifel sein Wie mochte die sich
an einem solchen Feiertage manchmal nach dem reinen Worte Gottes und nach den
Eltern und Geschwistern sehnen
    Es war Allen leichter um das Herz nachdem dieses NeujahrsFrühstück erst
vorüber war Sonst hatte man sich darauf gefreut heute hatte man es gefürchtet
und selbst der Freiherr nannte es heute in seinem Herzen eine leere lästige
Zeremonie die er künftig abzustellen meinte
    Es war die erste Gewohnheit das erste Herkommen seines Hauses auf das zu
verzichten er sich selbst gedrungen fühlte
 
                                Zweites Kapitel
Das Jahr welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien angebrochen war
bewies sich in seinem Fortschreiten diesen üblen Anzeichen entsprechend Der
Winter war lang und sehr hart das Frühjahr kalt und nass Man konnte also die
Arbeiten erst spät beginnen und die spärlich und ungleich aufgehenden Saaten
versprachen nicht den gewohnten und gehofften Ertrag
    Der Freiherr welcher sich niemals um die Bestellung des Landes gekümmert
hatte und kein Landwirt war fing jetzt da er bald der Zuversicht und
Sicherheit in das alte ihm dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte
plötzlich nach dem Seinigen zu sehen an und mit der Unkenntnis des Neulings
meinte er die übelen ErnteAussichten einer verminderten Sorgfalt des Amtmanns
zur Last legen zu dürfen Der Verdacht dass er seine Schuldigkeit nicht tue
beleidigte Adam Er verteidigte sich lebhaft gegen denselben aber in dieser
gerechten Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur den
Hochmut des Emporkömmlings sehen und beugen zu müssen und er verlor überhaupt
mehr und mehr seine heitere selbstgewisse Ruhe weil er seine bis dahin
unumschränkte Herrschaft über seine Untergebenen und die unbedingte Geltung
deren er vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher gewusst
hatte nun wohin er blickte angezweifelt wähnte Das machte die Zustände nicht
besser wohl aber ihm und seinen Leuten das Leben bitter und schwer und vor
allen Andern hatten die Geschwister im Amtofe zum Schluße ihres Aufenthaltes
in der alten Heimat böse Tage denn die Geldverlegenheiten des Freiherrn hatten
sich in unerwarteter Weise gesteigert
    Mit dem Vertrauen des Ehrenmannes und des Edelmannes in die Ehrenhaftigkeit
seines Standesgenossen und mit dem Bewusstsein sich von dem Marquis für die ihm
erwiesenen mannigfachen Guttaten des Besten versehen zu dürfen hatte der
Freiherr demselben um der Herzogin seinen fortdauernden guten Willen für ihren
Bruder zu beweisen sowohl bei Herrn Flies als bei einem Banquier in der
Residenz ausgedehnte Credite eröffnet und die Herzogin hatte diese Briefe für
ihren Bruder mit der Versicherung angenommen dass derselbe natürlich nur den
beschränktesten Gebrauch davon zu machen denke Sie hatte es entweder vergessen
wie oft und mit wie großen Opfern sie dem Marquis zu Hilfe kommen müssen so
lange sie selbst ihm zu helfen im Stande gewesen war oder sie mochte erwarten
dass die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen alten
verschwenderischen Gewohnheiten zurückgebracht haben würden indes diese
Hoffnung traf nicht zu Denn nur wenig Tage hatte der Marquis in der Stadt
verweilt als er sich von einem Kreise von Emigranten umringt und schnell
versucht fand sich vor ihnen deren üble Lage ihn dazu aufforderte als den
Beschützer als den Freigebigen als den großen Herrn von ehemals zu zeigen Die
Anerkennung der lebhafte Dank die er geerntet waren verführerisch für ihn
geworden Seit langer Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er
selbst endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage gefühlt und
fröhlich und leichterzig gemacht durch die sichtliche Zufriedenheit die er um
sich her zu verbreiten im Falle war hatte er des Geldes nicht geschont hatte
er gegeben und geholfen und erfreut wo sich ihm die Gelegenheit dazu geboten
Er hatte niemals gerechnet und gezählt die Herzogin hatte dies immer für ihn
übernommen und sorglos die flüchtigen Tage und das flüchtige Geld hingleiten
lassend war er plötzlich doch betroffen worden durch die Summen die er in
liebenswürdigen Gefälligkeiten in Hülfsleistungen aufgewendet hatte die seinem
Herzen Ehre gemacht haben würden hätte er sie aus eigenen Mitteln zu leisten
vermocht Er wünschte einzuhalten ja mehr als das er wünschte zu vergüten zu
ersetzen und an das Spiel von Jugend auf gewohnt hatten ihm die
verführerischen Gunstbezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg
aus seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen Aber das Spiel war ihm
niemals besonders günstig gewesen und versagte sich ihm auch jetzt Von einem
Tage zum andern hoffend immer leidenschaftlicher wagend je weniger diese
Wagnisse ihm einschlugen und je tiefer sie ihn in die Verlegenheit verwickelten
der er sich zu entziehen wünschte hatte er allmählich Summen erhoben welche
die Auszahler stutzig werden ließ und welche endlich Herrn Flies bewogen jene
Anfrage und jene Berichte zu machen die der Freiherr eben am Neujahrstage
erhalten und die ihn genötigt hatten auf eine augenblickliche Deckung dieser
bedeutenden Posten zu denken Adam sollte Rat schaffen und Herr Flies sollte
Geld schaffen aber guter Rat war teuer und Geld war es noch mehr
    Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg die von Frankreich
aus immer weiter um sich griffen machten alle Kapitalisten in der Anlage ihres
Geldes vorsichtig und schwierig In den Gegenden in welchen sich revolutionäre
Gesinnungen kund gaben suchten ängstliche Besitzer sich ihrer liegenden Gründe
zu entäussern und wie der Wert des Grundbesitzes sank stieg der Wert des
baaren Geldes Dem Amtmanne kam das sehr zu Statten Er hatte seinen Handel
wegen des schönen Gutes Marienau bereits lange abgeschlossen ehe der Freiherr
das neue Darlehn auf Rotenfeld und die Kapitalien gefunden hatte deren er
bedurfte um die Wechsel des Marquis zu decken und um endlich den Bau der Kirche
vollenden zu lassen der im letzten Jahre nur wenig vorgeschritten war Dem
Freiherrn selber war freilich dieser Kirchenbau niemals eine persönliche
Herzensangelegenheit gewesen jetzt war er ihm aus mehr als einem Grunde lästig
und er würde ihn in diesem Augenblicke mit Freuden unterbrochen die Kirche
vorläufig unvollendet stehen gelassen haben hätte er nicht fürchten müssen
eben dadurch den nachteiligen Gerüchten Nahrung zu geben die es ihm ohnehin so
wesentlich erschwerten Geld zu finden selbst wenn er es mit hohem Zins
bezahlte
    Mit Wirtschaftsbeamten zu verhandeln welche die Stelle des Amtmannes
ersetzen sollten sich selbst um die Aufbringung von Geldern zu bemühen und das
Geld welches ihm bisher nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke und zur
Befriedigung seiner Wünsche gewesen war als Selbstzweck zu betrachten fiel dem
Freiherrn schwer Er dachte daran Einschränkungen zu machen aber er wusste
nicht wie er das anfangen oder wem er sie auferlegen sollte denn in der
sorglosen Freiheit des Verbrauches erwachsen war der Überfluss ihm zur
Gewohnheit geworden und er glaubte nur das Notwendige zu haben wenn er alles
Dasjenige besaß was ihm irgend wünschenswert erschien Sich etwas zu versagen
das verstand er nicht die Herzogin zu beschränken hätte ihm ungastlich und
grade nach dem unangenehmen Vorfalle mit dem Marquis ungrossmütig gedünkt Die
Bedürfnisse der Baronin waren immer mäßig gewesen und ihr auch nur ein kleines
Ersparnis vorzuschlagen würde er in dem Verhältnisse in welchem er jetzt zu
ihr stand als unehrenhaft und unanständig betrachtet haben
    Unglücklicher Weise hatte der Mann welcher dazu ausersehen war vom
Späterbste ab die Stelle des Amtmannes zu verwalten den Freiherrn dadurch für
sich einzunehmen gewusst dass er ihm bemerklich gemacht hatte es ließ sich
große Summen ersparen wenn man den Insassen der Güter nicht so viel Freiheit
ließe wie die Steinerts es getan und namentlich bei dem Kirchenbaue könne man
auch jetzt noch sehr beträchtliche Ausgaben vermeiden wenn man nur die Insassen
und Kätner wie es sich gehörte zur Arbeit heranzöge und verwendete Das
sollte nun Adam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausführung bringen
    Vergebens bewies dieser dass man die Leute in dem letzten Winter wo man
einen Wald verkauft und völlig ausgeschlagen sehr stark in Anspruch genommen
habe dass man ihnen bei der drängenden Arbeit in dem späten Frühjahre kaum die
Zeit habe gönnen können ihr Stück Garten und Feld zu bestellen und dass man sie
im Winter zu ernähren haben würde wenn man sie jetzt nicht so viel als nötig
für sich selber sorgen ließe Der Freiherr wollte davon nichts hören Er war in
eine Lage und in eine Stimmung versetzt in welcher er immer nur der nächsten
Belästigung enthoben sein wollte und vor Allem schien es ihm darauf anzukommen
Herberts ein für alle Mal ledig zu werden der trotz seines Verlangens mit
Eva zusammen zu sein nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und sich
bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jüngeren Gehülfen vertreten ließ
    Es blieb also Adam gar nichts übrig als sich zu fügen und unter einer
Bevölkerung unter welcher seine Familie seit mehr als hundert Jahren in Liebe
und Frieden gelebt hatte schließlich wider seinen Willen den Frohnvogt zu
machen Er musste die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen sie rundweg
abweisen wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten welche man ihnen sonst
ohne große Opfer hatte bewilligen können Das gab böses Blut Wo die Leute
beisammen waren konnte man es sagen hören dass es eine Sünde und Schande sei
Christenmenschen in das Joch zu spannen um eine Kirche aufzubauen mit der sie
nichts zu schaffen hätten und um im Schloss fremdes Volk zu füttern Alle
Arbeit wurde widerwillig getan Vorwände mit welchen die Leute sich derselben
zu entziehen suchten gaben Anlass zu Untersuchungen und Strafen und diese
Strafen machten das Übel ärger Heute hatte man Händel und Schlägereien zu
schlichten wenn einer von den Leuten sich bei den Arbeitsforderungen zu stark
herangezogen oder einen Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begünstigt
glaubte und morgen gab es lose Reden und freche Ausfälle gegen die Herrschaft
vor Gericht zu ziehen Es war als sei der gute Geist entwichen der hier bisher
gewaltet hatte Des Zankens Anschuldigens Strafens war gar kein Ende mehr
Hätte der Amtmann wie der Freiherr es verlangte alle diejenigen zur
Rechenschaft fordern wollen die sich widerspänstig zeigten und diejenigen
eingesperrt welche grundlos Händel anzettelten so hätte er noch beträchtlich
an Arbeitskräften eingebüßt Er musste also ein Auge zudrücken Mancherlei nicht
hören Vielerlei stillschweigend mit ansehen um nur durchzukommen und noch war
der Sommer nicht da als auf den Gütern auf welchen bis dahin eine für jene
Zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht hatte jener Zustand eingetreten war
der nirgends ausbleibt wo die Befehlenden weil sie Ungerechtes und
Übermässiges heischen Ungesetzliches und Massloses geschehen lassen müssen um
sich von einem Tage zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrösten
dass auch übermorgen und nach übermorgen gehen werde was gestern und vorgestern
eben noch gegangen sei
    Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gräuel Wie jeder der das Land bebaut
hatte er frühzeitig begriffen dass in der eigenen Lebensführung wie in der
Leitung eines Gemeinwesens mag dies nun groß oder klein sein Voraussicht und
mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind und wenn er selber auch die
Folgen des jetzigen Verfahrens nicht mehr zu tragen haben sollte so peinigten
ihn doch der gegenwärtige Zustand und die Gewissheit dass die übelen Früchte
desselben nicht ausbleiben könnten Die Schullehrer klagten bereits dass die
Kinder weil sie zu Hause die Arbeit der zum Dienste befohlenen Erwachsenen
verrichten mussten die Schule versäumten der Pfarrer beschwerte sich dass die
Leute weil ihnen gar keine Zeit für ihre eigene Arbeit mehr gelassen würde
Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten dass er das Wort Gottes vor leeren
Bänken predigen müsse während die große katholische Kirche in der Niemand
außer der Herrschaft und den Fremden seine Andacht halten und seinen
Gottesdienst begehen könne sich der Vollendung nähere
    Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in seiner sorglosen und
heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren Jetzt fragte er danach fragte weil
er dies nicht gewohnt war nicht immer an der rechten Quelle und glaubte da er
häufig falsch berichtet ward es mit einem Geiste des Aufruhrs zu tun zu haben
den er unterdrücken und zwar mit Gewalt unterdrücken müsse während er und sein
Tun und Gebieten ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkeit erzeugten
die er dem bösen von Frankreich kommenden Zeitgeiste entsprungen wähnte
    So viel stellte sich indes an Einsicht für ihn bald heraus dass er um dem
neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen zu können auch die drückendsten
Geldverlegenheiten beseitigt haben müsse und da bisher die schriftlich oder
durch Dritte geführten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden
Abschlusse gelangen wollten beschloss der Freiherr persönlich einen Versuch zu
einem Übereinkommen mit ihm zu machen
    Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen die Herzogin welche von
seinem Vorsatze sprechen hörte nannte einen solchen kleinen zeitweiligen
Ortswechsel angenehm und da Renatus ein großes Verlangen zeigte mitgenommen zu
werden war der Freiherr schnell bereit aus einer Geschäftsreise die er
antreten wollen um sich aus Geldverlegenheiten zu befreien eine
Vergnügungsreise mit seiner ganzen Familie zu machen welche bei der damaligen
Art zu reisen nicht ohne einen ansehnlichen Aufwand zu bestreiten war
    Die Baronin deren Gesundheit immer schwankender und deren Brustbeklemmungen
immer häufiger geworden waren hatte Anfangs eine Scheu vor dieser Reise
getragen da sie die zunehmende Wärme der Jahreszeit und die Unbequemlichkeit
der Nachtquartiere fürchtete aber der Freiherr hatte auf ihr Mitgehen
gerechnet Renatus bat ebenfalls die Mutter möge doch nicht zu Hause bleiben
und die Baronin gab endlich gegen ihr richtiges Gefühl dem Verlangen der Ihrigen
nach weil sie für sich keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgnis
hegte
    So fuhren denn an einem frühen Morgen die großen vierspännigen Reisewagen
vor das Portal In dem einen wollte der Freiherr mit den beiden Frauen in dem
anderen sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammerjungfer
seiner Mutter fahren die während der kurzen Reise den Dienst bei den beiden
Damen zu versehen hatte aber schon am ersten Reisetage zeigte es sich dass die
Baronin es nicht ertragen konnte Tag über in der Gesellschaft der lebhaften
Herzogin zuzubringen und man musste für den nächsten Morgen die Einrichtung
treffen sie den einen Wagen allein mit ihrer Kammerjungfer einnehmen zu lassen
um ihr die nötige Ruhe zu gönnen
    Es war am Mittage des dritten Tages nachdem man Richten verlassen hatte
als man dem Freiherrn der das ganze erste Stockwerk des Gastauses für sich in
Beschlag genommen hatte die Nachricht brachte Herr Flies den er zu sich
bitten lassen sei gekommen Der Freiherr befahl ihn herein zu führen und
setzte sich auf das Sopha den Besuch zu erwarten damit er nicht nötig hatte
ihm etwa entgegen zu gehen denn nun er an der Schwelle der mündlichen
Verhandlung stand dünkte ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein
    Als Herr Flies eintrat hieß der Freiherr ihn mit den Worten Sie sind
pünktlich lieber Flies willkommen
    Ich bin ein Geschäftsmann entgegnete dieser höflich Aber der Freiherr
konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem Anblicke des Juweliers nicht
erwehren Er kam ihm größer ansehnlicher vor denn er trug sich aufgerichteter
als früher seine Kleidung war einfach indes nach der Mode und von den besten
Stoffen Er hatte eine gewisse demütige Weise gewisse tiefe Verbeugungen und
gewisse Manieren die er sonst als Stammesgewohnheiten unwillkürlich zur Schau
getragen völlig abgelegt und dafür eine ruhige Haltung gewonnen welche ihn dem
Freiherrn wie einen Fremden erscheinen machte Er hatte vorgehabt ohne Weiteres
mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durchsprechen wegen derer er ihn rufen
lassen nun er den Kaufmann vor sich hatte dessen Augen klug und forschend auf
ihm ruhten wusste er nicht gleich von welchem Punkte er die Sache in Angriff
nehmen sollte und wie alle vom Glücke Verwöhnten vor jeder Unbequemlichkeit
zaghaft und zaudernd sagte er Wie geht es Ihnen lieber Flies Ich habe Sie
lange nicht gesehen ich war lange nicht hier aber ich wollte meinem Sohne doch
einmal eine Stadt zeigen und muss auch einen der hiesigen Ärzte wegen der
Baronin zu Rate ziehen
    So sind die Frau Baronin leidend fragte Flies
    Recht sehr recht sehr antwortete der Freiherr mit sichtlicher
Zerstreutheit ich denke der Doctor muss bald kommen
    Er hatte noch immer nicht den Mut dasjenige zu verlangen was er mit
Leichtigkeit gefordert haben würde als er sich noch im Vollbesitze seines
Vermögens und seines Ansehens gewusst hatte und Herr Flies welcher den Zustand
des Freiherrn wohl erkannte fand es daher angemessen ihm mit der Bemerkung
entgegen zu kommen dass es ihm da er den Arzt erwarte wahrscheinlich erwünscht
sein werde die Geschäfte schnell zu beenden und dass er ihm einen wie er
glaube sehr annehmbaren Vorschlag für dieselben zu machen habe
    Der Freiherr sehr zufrieden dass er nicht derjenige zu sein brauchte der
die Verhandlungen in Gang brachte und doch zugleich verdrießlich darüber dass
Flies sich so heiter und frei zu fühlen schien während er selbst sich von
dessen gutem Willen mehr als ihm lieb war abhängig wusste verlangte den
Vorschlag zu hören
    Herr Flies zog die Briefe welche er von dem Freiherrn erhalten hatte aus
seiner Brusttasche hervor und sagte Verstehe ich die Meinung Ihres letzten
Briefes recht Herr Baron so wünschen Sie außer der Summe welche auf
Rotenfeld jetzt aufgenommen war eine zweite Hypothek in gleichem Betrage auf
Rotenfeld und eine eben so große auf Neudorf eintragen zu lassen
    Der Freiherr bejahte das Flies machte ein nachdenkliches Gesicht Es war
dem Freiherrn als säße er angeklagt vor seinem Richter
    Die Posten sind stark hob nach kurzem Schweigen der Kaufmann an und Geld
ist teuer Es wird Ihnen große Zinsen kosten Herr Baron Zinsen die kaum
aufzubringen sein werden wenn wir einmal ein Missjahr haben wie eben jetzt und
vollends wenn der Krieg 
    Der Freiherr wurde ungeduldig Das sind Vorstellungen und keine Vorschläge
mein lieber Flies rief er ihn unterbrechend Die ersteren habe ich mir selber
längst gemacht wollen Sie mich die anderen hören lassen
    Ich weiß nicht ob sie dem Herrn Baron passen werden hob jener an Ich
denke mein Geschäft mit Nächstem einmal aufzugeben
    Natürlich Sie sind ein reicher Mann rief der Freiherr dem die
Gemächlichkeit des Kaufmannes unerträglich dünkte
    Nun ich habe allenfalls zu leben entgegnete dieser mit Gelassenheit und
ich fühle dass es mir nicht mehr bekommt die ganzen Tage im Laden und im
Komptoir zu stehen Fünfunddreissig Jahre solcher Arbeit lasten auf dem Menschen
und meine Frau hat auch ihre Ruhe verdient Meine Tochter 
    Liebster Flies unterbrach ihn der Freiherr Sie dürfen glauben dass Ihr
Wohlergehen mich freut aber die Vorschläge welche Sie mir zu machen hatten

    Hangen damit eben zusammen Herr Baron versicherte der Kaufmann Wer sich
zur Ruhe setzen will muss vorsichtiger werden als der Geschäftsmann darf nicht
Alles auf eine Karte auf einen Wurf setzen und muss sich für den Fall dass die
Ruhe ihm doch nicht zusagt immer ein Kapital zur Hand halten mit dem sich
allenfalls einmal wieder etwas anfangen lässt Ich wäre nicht abgeneigt Geld auf
Rotenfeld herzugeben es ist ein schönes Gut auch Neudorf ist ein schönes Gut
und es würde sich auch wohl auf Neudorf ein Kapital beschaffen lassen aber die
zweite Hypothek auf Rotenfeld würde mir nicht conveniren Herr Baron und
deshalb wollte ich Ihnen den Vorschlag machen ob Sie nicht etwas von Ihrem
liegenden Besitze verkaufen wollten
    Der Freiherr fuhr auf Verkaufen  Sie werden doch nicht glauben dass ich
eines meiner Güter zu verkaufen denke Sie denken doch nicht daran dass ich
Neudorf oder gar Rotenfeld wo ich eben jetzt die Kirche baue verkaufen soll
    Herr Flies lächelte kaum merkbar und mit einem Blicke seiner klugen Augen
den ein Achtsamer nicht missverstehen konnte sagte er Wie sollte ich adelige
Güter kaufen wollen Herr Baron und vollends die neue Kirche was sollte mir
die  Nein Herr Baron ich dachte an Ihre Güter nicht aber wie wäre es mit
dem Hause das der Herr Baron von der Fräulein Tante in Berlin ererbten Es
steht leer wie ich gesehen habe
    Der Freiherr schwieg denn obschon der Vorschlag der ihm am leichtesten aus
den Verlegenheiten helfen konnte ihm sofort einleuchtete widerstrebte ihm doch
der Gedanke sich irgend eines Besjetztumes zu entschlagen auf das äußerste
Während er sonst seines Hauses in der Residenz mit großer Gleichgültigkeit
gedachte stand es ihm jetzt in seiner ganzen Würdigkeit vor Augen und er
fühlte sich mit mannigfachen Banden und Erinnerungen an dasselbe gefesselt Was
wollen Sie denn mit einem solchen Hause tun fragte er endlich
    Herr Flies lächelte abermals und so dass der Baron es sehen musste Was ich
damit machen will  Ich war im vorigen Jahre mit Frau und Tochter in der
Residenz und es hat den beiden dort gefallen Meine Tochter liebt Musik liebt
das Theater und ich habe nur das eine Kind Ich denke deshalb nach der Residenz
zu ziehen und das Haus der Fräulein Tante ist mit seinem großen Garten recht
wie meine Tochter es sich wünscht
    Der Freiherr biss sich unwillkürlich auf die Lippe Er hatte den Mann zu
schonen den er brauchte aber es fiel ihm schwer ihm nicht zu sagen dass und
wie sehr dieser Vorschlag ihm ungeeignet scheine ja wie sehr er ihn beleidige
In seinem Hause in dem Hause an welchem seit sein Großvater es erbaut das
stolze Artensche Familienwappen prangte sollten Handel und Gewerbe künftig ihr
Wesen treiben Wo Fräulein Ester den Besuch des großen Friedrich empfangen
sollten Judenfrauen ihren Kaffee trinken Nimmermehr Er stieß den Gedanken weit
zurück der Kaufmann fügte sich augenblicklich aber er wollte nun auch von dem
anderen Darlehn nichts wissen weil er so lange er nicht nach der Residenz
übersiedele seine hiesigen Geschäfte für die er seine ganzen Kapitalien
brauche fortzuführen denke und da der Freiherr beleidigt durch den Zwang den
Flies ihm antun zu wollen schien sich weder zum Nachgeben noch zu einem
eingehenden Verhandeln geneigt bewies so empfahl sich jener die ganze
Angelegenheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn überlassend
 
                                Drittes Kapitel
Einige Tage waren seit diesem Gespräche vergangen und der Freiherr hatte sie
nicht angenehm verlebt Die Baronin fuhr zwar täglich aus um ihrem Sohne die
Stadt und deren Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben zu
ergötzen aber die ungewohnte Lebensweise regte sie auf die Luft in den
enggebauten Straßen schien ihr sehr drückend und der Ausspruch des zu Rate
gezogenen Arztes hatte auch nicht tröstlich gelautet obschon er keine bestimmte
Erklärung von sich gegeben Es war für den Winter von einem Aufenthalte in einem
milden Klima die Rede gewesen Italien an das man dabei dachte konnte jedoch
unter den obwaltenden politischen Verhältnissen nicht wohl zum Aufenthalte einer
Leidenden gewählt werden Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen und
Bedenken des Geldaufwandes welchen einst die italienische Reise seiner Mutter
und seiner verstorbenen Schwester erfordert hatte und sollte er auch die
Gattin wie die Schwester über die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren
sehen
    Er liebte Angelika nicht mehr aber die Vorstellung die junge schöne Frau
vor sich sterben zu sehen ging ihm doch nahe und dabei wollten seine
Geldangelegenheiten sich durchaus nicht wie er es wünschte ordnen lassen Die
Kaufleute denen es bekannt war dass die Herren von Arten bisher alle ihre
Geschäfte mit dem Hause Flies gemacht hatten und die es wussten wie dieses wohl
im Stande wäre das anscheinend so sichere Darlehn zu leisten wurden
misstrauisch eben weil man ihnen das Geschäft anbot Denn der bisherige Banquier
der Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen Grunde
zurückgewiesen haben Sie zögerten machten Schwierigkeiten verlangten wie
Herr Flies es dem Baron vorausgesagt hatte Zinsen die ihn zu neuen Anleihen
nötigen mussten und da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die
alte Erfahrung bestätigt fand dass Geld und Kredit für denjenigen der sie
braucht stets schwer zu haben sind so sah er sich immer wieder auf den
Hausverkauf hingewiesen
    Die Notwendigkeit hat eine überzeugende und verführerische Beredsamkeit Je
länger er ihr gegenüberstand um so mehr räumte es sich der Freiherr ein dass er
eigentlich niemals Freude an dem Hause in der Residenz gehabt und dass Keiner der
Seinigen dort gern oder glücklich gelebt habe Seit es erbaut worden hatte es
mit Ausnahme kurzer Besuche welche die Familie in der Stadt gemacht fast immer
leer gestanden bis Fräulein Ester es bezogen und weder die Erinnerungen an
sie noch jene welche sich an die sechs Monate knüpften die der Freiherr mit
Angelika nach seiner Verheiratung in der Residenz zugebracht hatte waren von
der Art ihn an das Haus zu fesseln Auffallen konnte es Niemandem dass er es
verkaufte da er es nicht benutzte Die Schwierigkeiten mit denen die
grillenhafte Besitzerin die Abtretung des Grundstückes an einen Anderen belastet
hatte waren nicht unüberwindlich und dass Herr Flies den er als einen bequemen
Geschäftsmann kannte sich nicht kleinlich zeigen würde wo er für sich und
seine Familie etwas Angenehmes zu erreichen wünschte darauf meinte der Freiherr
rechnen zu dürfen
    Die Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe sie beschäftigte ihn am Tage sie
quälte ihn in der Nacht In seinen Träumen ging er mit seinem Sohne in dem alten
Hause umher und von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und
verfolgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast dass er sich und das
Kind nicht vor ihnen zu retten wusste Wenn er angstvoll die Türe und das Portal
des Hofes erreicht hatte so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte
ihm den Ausgang und jenseit des Gitters türmten sich dichte Wolken auf aus
denen der Juwelier mit seinem zufriedenen Lächeln auf ihn herniedersah und ihn
fragte Was wollen Sie mit dem alten Hause Herr Baron Es ist darin für Sie
nicht mehr geheuer
    Am Morgen nach einer solchen Nacht beschloss er ein Ende damit zu machen
nur um der lästigen Gedanken los zu werden aber der Mittag kam heran ehe er
sich dazu bringen konnte den darauf bezüglichen Brief zu schreiben
    Herr Flies saß in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau und Tochter in dem
Garten hinter seinem Hause als ihm das Schreiben des Freiherrn zu Händen kam
und da die Kriegsrätin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land
gefahren war verstand es sich von selbst dass Paul den freien Tag bei seinen
Freunden und Beschützern zubrachte
    Von dem Herrn Baron von Arten sagte der Diener als er Herrn Flies den
Brief übergab Die Mutter warf dem Vater einen Blick des Einverständnisses zu
den er nicht beachtete Er las das kurze Schreiben sagte dass er nicht
ermangeln werde sich morgen in der Frühe einzustellen und entließ den Diener
Die Mutter fragte nichts Herr Flies sprach auch nicht von der Sache da sie
aber Alle wussten um was es sich handelte konnten sie sich denken was der
Brief bedeute und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber als
wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage zu lesen die er
nicht zu tun wagte Er vermochte nicht bei dem Buche zu bleiben mit dem er
beschäftigt gewesen war er stand auf ging fort kam wieder  man war nicht
gewohnt ihn so unstät zu sehen
    Endlich als Seba sich erhob um einen Auftrag für die Mutter auszurichten
folgte er ihr nach und seinen Arm in den ihrigen legend  denn der
vierzehnjährige Knabe war fast so groß als sie  sagte er während eine dunkle
Röte sein schönes kräftiges Gesicht überzog Seba ist denn mein Vater hier
    Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen und sie drückte ihm
beruhigend die Hand als sie seine Frage bejahte
    Warum sagtest Du mirs nicht
    Was konnte es Dir helfen gab sie ihm zur Antwort
    Er schwieg einen Augenblick dann fragte er Ob er sich wohl nach mir
erkundigt hat
    Sie entgegnete dass sie es nicht wisse aber sie stellte ihn nicht damit
zufrieden
    Du würdest es wissen wenn es geschehen wäre sagte er und ich bin kein
Kind mehr dem man mit Unwahrheiten ein Vergnügen macht Er hat nicht nach mir
gefragt
    Er seufzte als er diese Worte sprach Sie waren inzwischen zu den Anderen
zurückgekehrt und es konnte nicht weiter die Rede davon sein Indes Seba sah
dass in seinem Innern die Aufregung nicht vorüber war und als er sich später
wieder eine Weile mit ihr allein befand verlangte er zu erfahren wo sein Vater
wohne
    Seba erschrak Wesshalb fragst Du mich das sagte sie
    Er antwortete ihr nicht gleich wie das seine Weise war wenn er seine
Rührung zu besiegen strebte und sagte dann sich gewaltsam zusammennehmend
während seine Lippen bebten Ich möchte ihn doch wenigstens einmal sehen meinen
Vater  Aber seine Bewegung war mächtiger als sein Wille die Tränen traten
ihm in die Augen er schüttelte zornig und unzufrieden mit sich selbst den Kopf
und eilte aus dem Garten fort in das Haus
    Dass der Knabe nicht leicht von einer Sache abliess die er sich in den Sinn
gesetzt hatte war eine Eigentümlichkeit an ihm welche Alle kannten die mit
ihm zu tun hatten und Seba fand es daher für nötig als Pauls Pflegeeltern
am Abend von ihrer Ausfahrt wiederkehrten sie von seinem Verlangen und von dem
ganzen Vorgange zu unterrichten Dass man ihn davon zurückhalten müsse seinen
Vater aufsuchen zu gehen darin stimmten Alle überein Madame Flies und der
Kriegsrat waren nur der Ansicht dass man ihn vertrösten ihn beschwichtigen
solle bis der Freiherr abgereist sei die Kriegsrätin hingegen dachte es ihm
gradezu und entschieden zu verbieten ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen
aber wie immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an
    Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes sagte der Erstere und man soll
auch von einem Knaben seines Alters blinden Gehorsam fordern wenn man die
Aussicht hat ihn vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können Er muss völlig
aufgeklärt werden über die Lage in welche seine Geburt ihn versetzt hat Er
ahnt sie ohne ihre bürgerlichen Folgen zu begreifen und wie überall so hat
auch hier das halbe Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes für den
Verstand etwas Aufregendes Was er aber zu hören hat wird er am besten von Seba
erfahren da sie die Einzige ist mit welcher er über diese Angelegenheit
gesprochen hat und bittere Kunde muss man wo möglich mit freundlichem Munde
versüßen
    Er hielt es darauf der Tochter vor was sie dem Knaben zu sagen habe und
man verabredete dass man ihn unter irgend einem Vorwande in der Frühe ehe er in
die Schule gehe zu Seba senden solle Indes die Kriegsrätin war keine Frau
die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen und Aufwallungen zu
gebieten vermochte und sie misstraute der rücksichtsvollen Schonung die man
Paul zu gewähren wünschte Sie hatte seit sie von der Ankunft des Freiherrn
erfahren sich der Hoffnung hingegeben dass er sich nach Paul erkundigen dass er
schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und nach seinem Ergehen und
Verhalten fragen werde und sie hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die
Zufriedenheit des Freiherrn gebaut denn nichts ist erfinderischer im Hoffen
als der sinkende Wohlstand und im Sinken waren die Lebensaussichten der
Kriegsrätin nun lange schon begriffen
    Der Präsident welcher sonst im täglichen Verkehre mit dem Kriegsrate es
eben nicht gewahrt hatte dass dieser dem allgemeinen Menschenloose des Alterns
nicht entgehe und der sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles
eigenen Urteils entaltende regelmäßige Arbeiten dieses Beamten einen
besonderen Wert gelegt hatte glaubte jetzt zu erkennen dass eine
maschinenmässige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht förderlich sei und dass man von
einem alternden Manne keinen geistigen Fortschritt und keine Änderung seiner
Gewohnheiten mehr zu gewärtigen habe Von einer Beförderung des Kriegsrates
auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura hoffen lassen konnte also
jetzt nicht mehr die Rede sein Es waren demselben bereits mehrfach jüngere
selbstdenkende Kollegen vorgeschoben worden die solche Auszeichnung durch
Enthüllung jedes kleinen Mangels der sich in der Amtsführung ihres älteren
Kollegen etwa nachweisen ließ rechtfertigen zu müssen glaubten und sich aus
einem bevorzugten Mitgliede eines Kollegiums plötzlich zu einem überwachten und
getadelten herabsinken zu sehen das war eine Kränkung welche auch einen
festeren Charakter als den des Kriegsrates überwältigen und einen Stärkeren als
ihn dahin bringen konnte sich widerstandslos der Entmutigung zu überlassen
    Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben natürlich denn auch
nicht lange aus Seit man nicht mehr mit Sicherheit darauf bauen konnte den
einflussreichen Präsidenten immer in dem Freundeskreise des Kriegsrates zu
finden legte man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen und da man
bald bemerkte dass der Präsident es nicht wie früher erwartete überall wohin
er kam den Kriegsrat mit seiner Frau zu finden unterließ man es öfter
dieselben zu den Gesellschaften aufzufordern Beide Eheleute empfanden das sehr
bitter aber wenn Herr Weissenbach geneigt war sein Schicksal über sich zu
nehmen so war Laura anderer Ansicht Was sie entbehren musste gewann einen
doppelten Reiz für sie und das Verlangen wiederzugewinnen was sie einst
besessen hatte die galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf
begründete gesellschaftliche Geltung regte sie zu neuen Anstrengungen und
Unternehmungen auf Sich zurückzuziehen weil das Glück sich von ihr wendete
war nach ihrer Meinung eine Schwäche deren eine gescheite Frau sich nicht
schuldig machen durfte Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freundschaft
des Präsidenten wichtig scheinen konnte so musste man suchen ihnen das Haus in
anderer Weise angenehm zu machen und mit etwas mehr Aufwand als man bisher
getrieben hatte ließ sich das wohl bewerkstelligen Freilich wohnte man seit
Herbert einen Teil der Zimmer inne hatte nicht mehr so gut und bequem als
früher und auch die Handwerker ließ sich nicht mehr so leicht als sonst mit
Versprechungen vertrösten Aber man musste nur Mut haben nur gewisse tägliche
Gewohnheiten ablegen auf deren Entbehrung es ja für Menschen die einen
bestimmten Zweck im Auge hatten nicht ankommen konnte man musste nur zeigen
dass man immer noch wohlauf dass man aus eigenen Mitteln unabhängig sei um seine
alte Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen dass es kein
Eigennutz sondern Freundschaft reine Freundschaft sei wenn man nicht aufhöre
eine Annäherung an ihn zu suchen und sich Mühe gebe die alten Beziehungen
wieder anzuknüpfen
    Laura hatte übrigens mit dem Kriegsrate jetzt ein leichtes Spiel Ein Mann
der sein Selbstgefühl aus der Anerkennung gezogen welche Andere ihm zollten
wird haltlos wenn ihm diese fehlt und unfähig in sich selber zu beruhen wird
er leicht dahin gebracht sich fremdem Willen untertan zu machen wenn er durch
diesen hoffen kann die ihm entschwundenen Vorteile wiederzugewinnen Der
Kriegsrat war ein bedächtiger Mann ein überlegender Haushalter gewesen so
lange er sich in seinem Amte geachtet wusste und so lange er seine Einnahmen und
Ausgaben in strengem Gleichgewichte zu erhalten vermocht Jetzt da dies nicht
immer gelingen da die Abschlüsse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie
seine amtlichen KassenAbschlüsse gestalten wollten konnte er den Anblick
seines Haushaltsbuches nicht mehr ertragen und weil ihn die Gewissheit peinigte
dass er mehr verbrauchte als er sollte hatte er es allmählich aufgegeben seine
Ausgaben zu verzeichnen und seine Rechnungen zu machen Heimliche Angst
drückende Zweifel konnte er ertragen aber Zahlen waren sein Leben lang ihm
Freude und Genuss gewesen Zahlen als Ankläger vor sich zu sehen das ging über
seine Kräfte und sich wieder mit den Zahlen seiner Bücher auszusöhnen war
Alles wonach er trachtete Er war zu jeden Entbehrungen er war sogar bereit
seiner Laura wie sie es verlangte die Verwaltung seines Einkommens zeitweilig
ganz zu überlassen nur mit seinen Zahlen sollte sie ihn versöhnen denn die
Zahlen standen vor ihm auf in regelrechter Reihe und starrten ihn an und riefen
nach Ausgleichung und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen wie auch
die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen Wangen röteten Die Summe der
einen Seite wuchs immer weiter über die Summe der anderen Seite hinaus und
weder Lauras Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoffnungen
vermochten das zu ändern
    Seit Jahr und Tag hatte sie ihn darauf hingewiesen dass ihnen einmal von dem
Freiherrn eine nachhaltige Hilfe und Befreiung kommen müsse Allerdings war die
Teilnahme welche derselbe für seinen Sohn bezeigte niemals eine persönliche
und keine lebhafte gewesen Er hatte niemals selbst nach Paul gefragt in allen
den Verhandlungen welche der Kaplan mit der Kriegsrätin gepflogen war des
Freiherrn Name nie erwähnt und es war für Paul auch außer der durch den Kaplan
regelmäßig besorgten Pensionszahlung weiter nichts getan worden Sie hatten die
Schulzeugnisse des Knaben dem Kaplan eingeschickt hatten von diesem die immer
wiederholte Weisung erhalten ihn streng und einfach zu erziehen und wohl darauf
zu achten zu welchem Berufe Pauls Anlagen und Neigungen ihn führen könnten da
er für sich selber einzustehen haben werde Nichts desto weniger war wie Laura
es ihrem Manne aus einander setzte der Freiherr ihnen die sie ihm sein
Geheimnis so wohl bewahrten ganz entschieden hoch verpflichtet und dass endlich
in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens einmal für den Knaben
sprechen dass er endlich doch einmal kommen werde selbst nach ihm zu sehen dass
der Anblick des ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen dass er ihnen danken werde
was sie für Paul getan das war für Laura über jeden Zweifel sicher Man musste
nur warten es nur mit Anstand durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke dann
konnten die Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen dann
musste der Kriegsrat die reichen Früchte ihrer Guttat ernten und dann würde er
auch eine neue Bestätigung ihrer Behauptung erhalten dass er sich immer am
besten stehe wenn er dem Rate seiner klugen und voraussichtigen Laura folge
    Die Nachricht dass der Freiherr in der Stadt sei hatte Laura natürlich in
eine große Aufregung versetzt Alle die Plane welche sie gehegt standen jetzt
an der Grenze ihrer Verwirklichung
    In jedem Augenblicke erwartete sie eine Benachrichtigung von dem Freiherrn
zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich eintreten zu sehen Sie ließ ihre Zimmer
in besondere Ordnung bringen sie kleidete sich zeitiger an als sie sonst
pflegte um nicht bei einer etwaigen Überraschung in unangemessener Weise
erscheinen zu müssen und immer wieder ging sie an den Spiegel um zu sehen wie
die Miene zurückhaltenden Verständnisses sie kleide mit welcher sie dem
Freiherrn entgegen zu treten dachte
    Sie hatte sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht gemacht Sie
musste als Erzieherin des Knaben der sittlichen Würde nicht ermangeln sie durfte
aber auch nicht eine übertriebene Sittenstrenge an den Tag legen um den Vater
nicht zu verletzen Leichtlebig und doch ernstaft vornehm und doch
zuvorkommend selbstständig und fügsam musste sie sich darstellen um die
Freundschaft des Freiherrn erwerben und ihm das Anerbieten nahe legen zu können
welches sie ihm zu machen wünschte das Anerbieten seinen Sohn an Kindesstatt
zu adoptiren um ihm mit dem Namen Weissenbach mit dem Namen eines angesehenen
Beamten eine Stellung in der Welt und in der Gesellschaft zu eröffnen die sich
ihm mit dem völlig unbekannten Namen Mannert nicht so leicht erschließen dürfte
Natürlich mussten sie und der Kriegsrat sich dann in einer Lage befinden welche
ihnen ein solches Opfer möglich machte aber sie in diese Lage zu versetzen
konnte einem Manne von den Mitteln und dem Einflusse des Freiherrn gar nicht
schwer sein Sie lächelte wenn sie sich die Wendung im Geiste wiederholte mit
der sie ihm den Vorschlag tun wollte sie sah die gütige zufriedene Miene sie
fühlte den freundschaftlichen Händedruck durch welchen der Freiherr ihr seinen
Dank bezeigte und sie hatte auch Nichts dagegen wenn er es etwa angemessener
finden sollte ihrem Gatten einen besseren Posten in der Residenz zu schaffen
Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jetzt müde denn eine Mittelstadt
war für eine Frau wie sie doch eigentlich niemals der rechte Wirkungskreis
gewesen
    Es passte Alles so vortrefflich zusammen wie sie es sich ausgedacht hatte
es konnte nicht fehlschlagen wenn nur der Freiherr kam und kommen musste er
weil sie sich sonst ja nicht zu helfen wusste Wie sollte sich nicht fügen was
für sie so unerlässlich schien
    Da brachte plötzlich der Einfall des unseligen Knaben einen Stillstand in
ihre mutig vorwärts gehenden Gedanken Wenn Paul seinen Vorsatz ausführte wenn
er ohne dazu ermächtigt zu sein den Freiherrn aufsuchte wenn dieser glauben
konnte dass man Paul geflissentlich von der Anwesenheit seines Vaters
benachrichtigt ihn vielleicht dazu verleitet habe sich dem Freiherrn zu nahen
so war Alles verloren Und dem Zufalle der Laune eines Kindes dem Verstande
und der Beredsamkeit eines unerfahrenen Mädchens alle ihre Aussichten
anzuvertrauen das wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen deren sich nur ihr stets
zuwartender gelassener Mann oder Leute wie ihre Wirte schuldig machen konnten
die es gar nicht mehr zu wissen schienen dass man fremden Beistandes bedürfen
könne
    Wollte sie nicht die Mühe langer Jahre vergebens getragen haben nicht mit
all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hafens scheitern so musste sie ihre
Maßregeln treffen so musste sie mit dem Knaben sprechen und das sogleich denn
sie fühlte sich eben in der richtigen Verfassung für den Zweck Sie wollte wenn
etwa der Freiherr am nächsten Tage käme Herr über alle ihre Mittel sein Ihr
durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht nicht rauben für Paul hatte es keine
Not denn  Kinder schlafen immer
 
                                Viertes Kapitel
Paul war noch nicht zu Bette gegangen als seine Pflegeeltern nach Hause kamen
Er stand am offenen Fenster und sah in die Straße hinaus Gegenüber in dem
Gasthofe brannte das Licht in vielen Fenstern aber es war nicht das vornehmste
Hotel das lag mehr zur Seite und sein Vater konnte doch nur in dem vornehmsten
Gasthofe wohnen der immer noch lange nicht so schön und prächtig war als
Schloss Richten mitten in dem großen Parke
    Schloss Richten lebte in den glänzendsten Farben in dem Geiste des Knaben
Alles was er Großes und Erhabenes von den Prachtbauten der verschiedensten
Zeiten gehört Alles was er den Schilderungen der Märchenwelt entlehnt das
hatte seine lebhafte Phantasie allmählich auf Schloss Richten übertragen Je
älter er geworden war um so fester hatte sich in ihm das Verlangen ausgebildet
dieses Ideal seiner Gedanken wiederzusehen und wie er das in mannigfachen
Erzählungen gelesen einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu
werden Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel gerichtet Und nicht
wie der verlorene Sohn in der Bibel nicht als ein Bettler als ein
Hülfesuchender wollte er vor seines Vaters Türe treten Gut und brav und geehrt
wollte er sein so gut so brav so geehrt dass seine arme Mutter noch im Grabe
stolz auf ihn sein durfte dass er Lob und Liebe von des Vaters Munde hören
musste wie sie Seba der er diese ganze Sinnesrichtung dankte stets von ihren
Eltern zu Teil ward
    Wie kam es aber dass sein Vater ihn nicht suchte Er hatte ihn ja so oft auf
seinen Knieen geschaukelt als Paul noch ein Kind gewesen war und niemals daran
gedacht hatte dass es etwas Schönes sei geliebt zu werden Und damals hatte er
seine Mutter noch gehabt Wesshalb liebte sein Vater ihn jetzt nicht mehr da er
keine Mutter mehr hatte die ihn an ihr Herz schloss da er wusste wie elend
seine Mutter umgekommen war und da ihn außer Seba Niemand liebte Alle Eltern
liebten ihre Kinder alle Väter hatten ihre Kinder bei sich alle Väter freuten
sich an ihren Kindern Warum freute sein Vater sich nicht an ihm Was hatte er
verschuldet dass sein Vater ihn nicht liebte dass er ihn nicht sehen mochte da
er doch in seiner Nähe weilte
    Seit Jahren hatte er darüber nachgesonnen ohne dass er sich die Sache zu
erklären gewusst hätte aber sie drückte ihn nur desto schwerer Es ängstigte
ihn wenn seine Kameraden sich nach seiner Heimat nach seinen Eltern nach
seinen Aussichten erkundigten und gerade ihn so meinte er gingen sie immer
mit solchen Fragen an Er mochte nicht sagen seine Mutter habe sich ertränkt
er mochte es Niemanden wissen lassen dass sein Vater sich um ihn nicht kümmere
und Kinder verstehen es noch nicht jene halben Antworten zu geben mit denen
Erwachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumutung zu schützen wissen Aber
eben die Befangenheit die Verlegenheit welche er nicht verbergen konnte
reizte die grausame Neugier seiner Genossen weil sie ihnen ein ungewohntes
Schauspiel bot und Kinder sind wie die Fliegen die sich stets auf wunde
Stellen setzen
    Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und in die Straße
geschaut Einstmals hatte die Mutter ihm befohlen Zähle die Fenster des
Schlosses Heute hatte er die Fenster der beiden Gastöfe gezählt und zugesehen
wie die Lichter hinter denselben kamen und verschwanden und sich gefragt und
wieder gefragt Wo mag denn meines Vaters Zimmer sein Wo mögen denn wohl die
glücklichen Kinder schlafen welche die Rehe hinter dem Gitter füttern und die
hinter den goldenen Scheiben des schönen Schlosses wohnen
    Eine große Traurigkeit hatte ihn dabei überfallen Er mochte nicht essen und
mochte auch kein Licht haben Was sollte er auf der Welt in der er nicht
Eltern nicht Geschwister hatte in der Niemand nach ihm fragte Wohin er seine
Gedanken wendete es freute es reizte ihn nichts Wozu sollte er lernen wozu
sich auszeichnen Wer kümmerte sich um ihn Was kam darauf an ob etwas aus ihm
wurde  Er hätte gern weinen mögen hätte ers nur gekonnt Die Augen waren ihm
so müde und so schwer wie das Herz er konnte sie kaum erheben sie sanken ihm
immer wieder nieder als hätte er etwas Böses getan und dürfe sie nicht
aufschlagen
    Es tat ihm wehe als plötzlich der helle Lichtschein ihn berührte als die
Kriegsrätin in das Zimmer trat und ihn fragte weshalb er hier im Dunkeln
sitze Aber er hatte es nicht nötig sich zu entschuldigen denn sie nannte es
gut dass er noch wach sei nahm ihren Hut und Shawl ab zog ihre langen
Handschuhe aus und setzte sich dann dem Lichte gegenüber auf das Sopha Ihr Hals
und ihre Wangen sahen von der Erhitzung des Tages noch ganz rot aus Sie hatte
die entblößten Arme über einander geschlagen und sich weit nach hinten gelehnt
Das tat sie immer wenn sie mit dem Kriegsrate oder mit Paul zu schelten
gedachte Es ließ auch nicht lange auf sich warten
    Paul rief sie ihn mit ihrer trockenen Stimme an die immer hart klang wenn
sie dieselbe nicht geflissentlich und schmeichelnd sänftigte Komm einmal her
Paul ich habe noch mit Dir zu sprechen
    Eine unbestimmte Ahnung durchzitterte ihn und mit einer Bangigkeit wie er
sie nie zuvor empfunden fragte er ihren Mitteilungen voraneilend Von meinem
Vater
    Wie kommst Du darauf rief sie vorwurfsvoll obschon seine Lebhaftigkeit ihr
die Mühe einer Einleitung ersparte und ihr also recht erwünscht war
    Mein Vater ist ja hier sagte er schüchtern
    Dein Vater Dein Vater wiederholte sie im Tone des Tadels hat er Dir
gesagt dass er danach verlangt Dein Vater zu sein Hat er Dir gesagt dass Du
sein Sohn bist
    Paul sah die Kriegsrätin erschrocken an er verstand nicht was sie meinte
    Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir jemals gesagt dass Du
sein Sohn bist
    Nein versetzte er leise denn jedes Wort das die Kriegsrätin zu ihm
sprach schmerzte ihn mehr als ein Schlag
    Woher bildest Du es Dir denn ein Woher kommst Du auf den Einfall
    Meine Mutter hat es mir gesagt entgegnete er gepresst
    Ach Deine Mutter rief die Kriegsrätin Deine Mutter hätte auch etwas
Klügeres und Besseres tun können als Dir solche Dinge in den Kopf zu setzen
sie wusste ja am besten wie es mit Dir stand
    Der Knabe regte sich nicht aber seine Mienen drückten eine solche Angst
aus dass der Kriegsrätin bange davor wurde und mit dem Gedanken dass sie ein
Ende machen und allen Torheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen müsse sagte sie
schnell und fest Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen dass Deine Mutter
keine Baronin war und nicht in dem Schloss bei Deinem Vater wohnte
    Er antwortete ihr nicht Siehst Du also fuhr sie fort wie gedankenlos Du
immer bist Wenn Du es Dir nur ein wenig hättest überlegen wollen würdest Du
Dir Alles selber haben sagen können Deine Mutter war ja gar nicht die Frau des
Herrn Barons war nur von niederem Stande ein Bauermädchen oder so etwas und
gar nicht mit dem Herrn Baron getraut Das ist aber eine Sünde und eine Schande
und darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben Er mochte Dich nicht bei sich
haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte lassen an welchem alle Welt es
wusste wo Du herstammtest und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande
gereichen musste Was willst Du also von dem Herrn Baron
    Sie hätte noch lange so fortsprechen können ohne dass der fassungslose Knabe
sie unterbrochen sie hätte ihn noch oftmals fragen können ohne dass er ihr
geantwortet haben würde Er hörte Alles als klinge es aus weiter weiter Ferne
dumpf und unverständlich zu ihm herüber und doch traf ihn Alles bis ins Herz
Es war ihm als höbe man ihn von dem Boden empor auf dem er stehe und drehe
ihn in der Luft umher und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang sich
von den Qualen zu befreien die man ihn erdulden ließ sich loszureißen
fortzulaufen die Hand zum Schlage zu erheben und dem Zorne der beängstigenden
Scham und der Verzweiflung Luft zu machen die ihn fast erstickten die ihn
lähmten Einmal in seinem Leben war ihm eben so beinahe eben so zu Mute
gewesen auf dem Balle bei welchem der Graf Berka von dem Freiherrn von Arten
gesprochen hatte und wo ihm eingefallen war was seine Mutter ihm gesagt hatte
aber die Pein welche er jetzt eben litt war weit größer war noch weit
schwerer Er konnte sie nicht fassen obschon er sie ertrug
    Nun Paul sagte die Kriegsrätin endlich mit milderem Tone da sein starres
Schweigen ihr lästig ward nun weißt Du woran Du bist und Du bist alt und klug
genug dass man es Dir sagen konnte Du bist nur ein unehelicher Sohn des Herrn
Barons und er braucht sich wenn Du eingesegnet bist gar nicht weiter um Dich
zu kümmern Sei also ordentlich und vernünftig und beweise ihm durch Deinen
Gehorsam dass Du die großen Wohltaten die er Dir getan hat verdienst Er
hätte gar nicht nötig gehabt Dich hier als unsern Sohn erziehen zu lassen
aber wenn Du ihm gehorchst wenn Du ihn nicht ohne seine Erlaubnis an Dich
erinnerst wird er gewiss seine Hand nicht von Dir abwenden Ich will sehen was
ich für Dich bei ihm zu erwirken und ob ich es nicht vielleicht für Dich
durchzusetzen vermag dass wir Dich an Kindesstatt annehmen dass Du immer bei uns
bleiben und dass Du doch auf diese Weise einen Namen bekommen kannst mit dem Du
Dich in der Welt und vor den Leuten sehen lassen darfst Und nun geh und
schlafe Dich aus und sei vernünftig
    Nein nein rief der Knabe so laut und plötzlich dass die Kriegsrätin davor
zusammenschreckte
    Du willst nicht gehen fragte sie und nahm ihn bei der Hand
    Er zog seine Hand aus der ihrigen Ich will keinen anderen Namen haben ich
will meinen Namen behalten ich will Paul Mannert heißen und nicht anders
    Die Kriegsrätin schüttelte ärgerlich das Haupt und schob ihn fort Heisse
wie Du willst sagte sie und geh zu Bett Das aber bitte ich mir aus dass Du
keine Dummheit machst und Dir nicht etwa beikommen lässt den Herrn Baron
belästigen zu gehen
    Sie nahm das Licht und verließ ihn Paul blieb allein im Dunkeln zurück
aber das Dunkel genügte ihm nicht es war ihm nicht undurchdringlich genug Er
eilte fort in seine Kammer warf sich in seinen Kleidern auf sein Lager und
hüllte das Gesicht in die Kissen Er wollte nichts sehen nichts hören es
sollte ihn auch Niemand sehen Niemand etwas von ihm hören
    Sterben sterben ich will sterben rief es immer in seinem armen jungen
Herzen und die bittere Scham brannte in seinem Gehirn dass die Tränen ihm
davon versiegten
    Sünde und Schande hatte die Kriegsrätin gesagt Sünde und Schande sagte
er sich immerfort hörte er es immerfort um sich erklingen Sünde und Schande
waren es gewesen die seine Mutter in den Tod getrieben hatten Eine Sünde war
es dass er auf der Welt war die Schande heftete sich an ihn und ihr konnte er
nicht entfliehen  Nun wusste er weshalb seine Kameraden ihn immer um seine
Eltern fragten warum sie immer wissen wollten wo er zu Hause sei Sie hatten
alle Mütter die getraut mit ihren Männern waren sie hatten alle Väter die
sich ihrer nicht zu schämen brauchten sie hatten ein Vaterhaus in das sie
hineingehörten Er hatte nichts nicht Vater nicht Mutter und nicht Heimat
Nichts war sein eigen als die Schande die mit ihm geboren war und nicht einmal
seinen Namen wollte man ihm lassen auch seinen Namen wollte die Kriegsrätin
ihm nehmen die ihn so gemartert hatte dass er auch in seiner Herzensangst nicht
mehr weinen konnte Das war es gewesen was ihn zum Aufschreien gezwungen das
war es gewesen weshalb er so ängstlich sein Nein Nein gerufen Sein Name war
das Einzige das ihm gehörte Er hatte nichts nichts auf der Welt als diesen
seinen Namen den sollte man ihm nicht nehmen nur den Namen nicht
    Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und weinte endlich bitterlich
Aber schmerzlich wie die Tränen ihm entquollen befreiten sie ihn dennoch von
der dumpfen erdrückenden Angst die auf ihm gelegen hatte und er konnte wieder
etwas Anderes denken als die Worte Sünde und Schande obschon seine Gedanken
aus derselben Wurzel stammten
    Er sagte sich dass jetzt Alles anders sei anders werden müsse Es kam ihm
vor als sei der gestrige Tag schon lange lange vergangen so lange vergangen
wie die Zeit in der er als kleines Kind mit der Mutter vor dem Schloss
gestanden hatte denn gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen und jetzt
war er das nicht mehr O nein nicht mehr
    Er seufzte als er sich dies sagte und hätte doch nicht zu erklären
vermocht was in ihm vorgegangen sei Er wusste nicht dass er kein Kind mehr sei
weil das Leben ihn also zu seufzen gelehrt weil der Schleier plötzlich vor ihm
zerrissen worden war der die Kindheit von dem Leben abtrennt und weil an
dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren Gefährten dem
Kummer und dem Schmerze vor ihm gestanden hatten
    Er konnte nicht schlafen Wirre Vorstellungen trieben sich in seinem Kopfe
umher dass der Kopf ihn schmerzte und die Unruhe ihn nicht rasten ließ Die
Finsternis welche er erst gesucht hatte fing ihn zu ängstigen an aber das
frühe Tageslicht minderte den Zustand nicht bis er endlich als die Sonne schon
drüben an den Dachfenstern des Nachbarhauses golden wieder zu scheinen anfing
müde und frierend einschlief
    Gegen die Gewohnheit musste man ihn mehrmals wecken Die Magd welcher dies
oblag und die ihm sein Frühstück gab sagte ihm er möge ehe er zur Schule
gehe noch bei Mamsell Seba vorsprechen Er hörte es aber heute mochte er nicht
zu Seba gehen Sie wusste es ja auch
    Auf der Straße traf er wie immer mit einigen von seinen Kameraden zusammen
das war ihm unlieb Er achtete nicht auf ihre Unterhaltungen er konnte auch in
der Schule sich nicht zwingen dem Unterrichte zu folgen Man kannte ihn nicht
wieder Lehrer und Schüler fragten ihn ob er krank und weshalb er so traurig
sei Er versicherte dass ihm nichts fehle Er wollte auch gern lachen und munter
sein wie sonst aber es wollte ihm nicht gelingen Es freute ihn nichts Was
sollte er auch hören was sollte er sehen was kümmerte ihn denn auf der Welt
als die eine verzweiflungsvolle Frage wissen sie es denn wer weiß es denn 
Es wurde ihm ärger und ärger zu Sinne es zerriss ihm fast das Herz denn er
hatte es mit einem Male an sich selbst erfahren was Unglück sei und wie es
schmerze
    Aber während der arme Paul also die erste schwere Last des Lebens auf sich
wuchten fühlte  und jungen ungewohnten Schultern fällt sie zehnfach schwerer
als wir es ermessen  rühmte sich die Kriegsrätin gegen ihren Mann dass sie es
vorgezogen habe sicher zu gehen weil sie es nicht liebe sich in wichtigen
Angelegenheiten auf fremde Einsicht und Gewandtheit zu verlassen Da sie
zufällig Paul gestern noch am Fenster gefunden habe sie ihm lieber gleich
gesagt was er früher oder später doch erfahren müssen und sie habe es ihm kurz
und rund heraus gesagt denn das Vertuschen und Verweichlichen könne sie nicht
leiden der Mensch müsse bei Zeiten daran gewöhnt werden die nackte Wahrheit zu
ertragen
    Und wie hat Paul die Mitteilungen aufgenommen fragte der Kriegsrat mit
sichtlicher Besorgnis
    Wie soll er sie aufgenommen haben entgegnete die Frau Du kennst ihn ja Er
machte die großen Augen noch weit größer auf und starrte mich an wie das seine
Art ist hinter der Du und die Fliessche Familie Gott weiß welche Eigenschaften
verborgen glaubt und die mir von jeher einfältig und frech erschienen ist Den
Schlaf hat es ihm nicht geraubt denn man hat ihn kaum erwecken können
    Der Kriegsrat gab sich damit wie jetzt überhaupt mit allem Übrigen
zufrieden aber er ging dennoch zu Madame Flies ehe er sich in sein Bureau
verfügte um sie zu benachrichtigen dass seine Frau mit Paul gesprochen habe und
dass Seba es also nicht zu tun brauche wenn der Knabe dies nicht selbst
veranlasse Denn sagte er meine Frau glaubt das zwar nicht aber ich weiß der
Junge hat Ehrgefühl und Herz es wird ihn wurmen und er wirds nicht leicht
verwinden
 
                                Fünftes Kapitel
Wie befindest Du Dich heute fragte der Freiherr seine Gattin als sie sich an
dem Tage von der Tafel erhoben hatten
    Sie antwortete ihm dass es ihr nicht übel gehe
    Aber Mama sagte Renatus Du hast ja Blut gespieen
    Der Freiherr ward achtsam denn das war nie zuvor geschehen und er
erkundigte sich lebhaft ob der Arzt davon benachrichtigt worden sei
    Angelika beruhigte ihn darüber Sie sagte wie der Doctor ihr versichert
dass dies gar Nichts auf sich habe wenn sie sich nur vor heftigen
Gemütsbewegungen und vor Erhitzung hüte Nur so bald als möglich auf das Land
zurückzukehren habe er ihr geraten und sie selber trage auch danach
Verlangen denn sie habe sich in den Städten niemals wohl befunden
    Der Freiherr meinte sie sähe eben jetzt erhitzt aus indes sie wiederholte
dass sie sich erleichtert ja freier fühle als seit langer Zeit und nachdem er
eine Weile etwas zu überlegen geschienen sagte er sich zu ihr wendend
    Da Du Dich nach Richten sehnst meine Liebe ist es mir recht erwünscht dass
ich meine Geschäfte hier beendet habe und dass unserer Abreise von meiner Seite
jetzt nichts mehr im Wege steht Selbst Deine Aussage dass Du Dich in der Stadt
niemals so wohl befunden als in Richten ist mir sehr erfreulich  wie sich
denn mitunter Alles leicht und geschickt fügt während manchmal Alles uns zu
widerstreben scheint
    Angelika verstand nicht was der Freiherr meinte oder worauf diese letzte
Äußerung sich beziehen konnte aber seine Zutraulichkeit sein ruhiges Eingehen
auf die Unterhaltung überraschten sie denn sein Verkehr mit ihr war seit ihrem
Zerwürfnis so kurz und so ganz äußerlich gewesen dass sie sich nicht erinnern
konnte irgend eine allgemeine Bemerkung von seinen Lippen gehört zu haben wenn
sie sich mit ihm allein befunden hatte Sie fragte ihn was ihn zu jener
Betrachtung veranlasst habe und er antwortete
    Ich meinte damit dass uns oftmals wenn wir mit irgend einem Entschlusse
nicht zu Stande kommen können ein sogenannter Zufall über alle Schwierigkeiten
fortilft Geben wir ihm verständig nach folgen wir seiner Weisung so werden
wir es plötzlich gewahr dass alle unsere Bedenken auf falschem Boden erwuchsen
und welche Vorteile es uns bringt welche Erleichterungen sich uns bereiten
wenn wir uns entschließen diesen falschen Standpunkt aufzugeben und zu
verlassen Er hielt ein wenig inne und sprach dann da er die Augen Angelikas
mit einer Art von Besorgnis auf sich gerichtet sah zögernd aber doch mit
anscheinendem Gleichmute Ich habe mich seit Jahren mit der unnötigen Sorge um
das Haus der Tante Ester getragen Jedes Frühjahr jeder Herbst haben
Reparaturen darin nötig gemacht und es ist ein Kapital völlig unbenutzt und
ungenossen geblieben nur damit ein paar alte und zum Teil mürrische
Domestiken einige alte Bilder und ein paar alte Kläffer nicht von ihrer Stelle
gerückt zu werden brauchen Die Sorge bin ich endlich los
    Du bist der Sorge los und wie das fragte die Baronin
    Ich habe heute das Haus verkauft entgegnete er und erhob sich um ein
Notizbuch von einem Seitentische zu holen Angelika konnte sein Gesicht nicht
sehen er mochte sie auch nicht anblicken und es war ihm unlieb dass sie
schwieg
    Das gute alte Haus sagte sie nach einer Weile
    Du hast es nie geliebt entgegnete er ihr wie kannst Du es beklagen
    Ich dachte nur wie Alles doch so wandelbar und so vergänglich ist gab sie
ihm zur Antwort  Er blätterte in dem Notizbuche sie ließ ihn gewähren bis
sie endlich mit der Schüchternheit welche sie dem Freiherrn gegenüber jetzt
niemals mehr verließ leise die Frage aufwarf Musstest Du das Haus verkaufen
war es denn nicht zu vermeiden Franz
    Aber er misskannte den Ton der Betrübnis und der Sorge der aus ihren Worten
sprach und ihn für einen Vorwurf haltend sagte er Der Kirchenbau in dem
unseligen Rotenfeld hat zu viel Geld verschlungen und die durch Herbert nötig
gewordene Entlassung Adams macht mir große Schwierigkeiten Es blieb mir keine
Wahl
    Er wusste was er ihr mit diesem Ausspruche tat und er bereute ihn sofort
denn wenn sie auch nicht mehr mit einander zu verkehren vermochten ohne sich
gegenseitig zu verletzen oder doch verletzt zu glauben nötigte der Zustand der
Baronin ihm dennoch Teilnahme und Rücksicht ab Er versuchte es also sie mit
seinen Worten und mit dem Ereignis auszusöhnen indem er leichthin von gewissen
Einzelheiten der Gutsverwaltung und seiner Geschäftsverhältnisse zu reden anhob
deren er sonst niemals gegen sie erwähnte Aber weit entfernt sie zu beruhigen
erhöhten die Mitteilungen nur ihre Besorgnisse Er ließ sie bemerken dass sie
in Mamsell Marianne die er nach den Anordnungen von Fräulein Ester jetzt nach
Richten nehmen müsse eine Pflegerin erhalten werde wie sie dieselbe schon
lange nötig gehabt habe mitten in diesen Auseinandersetzungen unterbrach ihn
jedoch Angelika plötzlich mit dem Ausrufe Weiß es die Herzogin
    Nein entgegnete der Freiherr von der Frage nicht angenehm berührt und ich
wünschte auch dass ihr die Sache wenigstens vorläufig noch verborgen bleibe
    O gewiss rief die Baronin und beide der Freiherr sowohl als Angelika
fühlten sich wenn auch aus verschiedenen Gründen eben durch die Erinnerung an
die Herzogin verstimmter und gedrückter als zuvor Die Unterhaltung geriet
völlig ins Stocken Endlich sah der Freiherr nach der Uhr und sagte dann auf
den früheren Gegenstand des Gespräches zurückkehrend Wie es mir überhaupt
willkommen ist von dem Besitze des Hauses frei zu werden so ist mir es auch
angenehm dass grade Flies es kaufte Er hat sich wie immer als einen bequemen
Geschäftsmann hinsichtlich des Kaufpreises auch nicht kleinlich bewiesen und
da er sein hiesiges Geschäft nun aufzugeben denkt hat er mir freiwillig das
Anerbieten getan Dich Dein Schlüsselgeld  denn ein solches kommt Dir zu  aus
seinem Magazine wählen zu lassen wobei er Dich sicher nicht beschränken wird
Es sind Leuchter silberne Schalen Kelche dort die trefflich für unsern Altar
passen und Dir und dem Kaplan sicherlich Freude machen würden Hat der Arzt Dir
auszufahren gestattet und fühlst Du Dich dazu geneigt so möchten wir da die
Herzogin auch Luft zu schöpfen wünscht vielleicht noch heute diesen kleinen
Einkauf abtun und wir könnten dann auf morgen Mittag unsere Rückreise
festsetzen
    Angelika die sich von jeher gefällig den Anordnungen ihres Gatten gefügt
ließ sich dies jetzt immer doppelt angelegen sein Sie erklärte sich also gleich
bereit die vorgeschlagene Fahrt zu unternehmen aber es kostete sie eine große
Überwindung denn im sichern Reichtum in den geordnetsten Verhältnissen
erwachsen und auferzogen in dem Glauben an die Unantastbarkeit des ererbten
Besitzes war sie von der Nachricht welche sie eben jetzt erhalten hatte sehr
erschüttert worden Nur die entschiedenste Notwendigkeit konnte ihren Gatten
wie sie glaubte bewogen haben das Haus in fremde Hände übergehen zu lassen
hatte er doch oftmals es ausgesprochen wie er es für einen Mann in seiner
Stellung geboten finde in der Residenz ansässig zu sein und dort ein festes
Domicil zu haben Sie hätte ihn gründlich fragen mögen was denn geschehen sei
sie hätte völlige Auskunft fordern mögen die Weise mit welcher der Freiherr
die ganze Angelegenheit behandelte zeigte ihr aber dass er keine Erörterungen
wünsche und sie wollte ihm nicht beschwerlich fallen da eine innere Stimme ihr
verriet dass es ihm nicht leicht sei den Gleichmut zu behaupten den er zu
zeigen für angemessen hielt
    Schweigend Unruhe zu ertragen muss man gesund sein und Angelika war krank
Ihre Kammerfrau sah sie bedenklich an als sie ihren Hut und ihren Shawl
verlangte um auszufahren auch die Herzogin welche man benachrichtigt hatte
und die gekommen war die Ausfahrt mitzumachen warnte davor indes auf den
Ausspruch des Arztes gestützt der sie freilich in ihrer gegenwärtigen Erregung
nicht gesehen hatte ließ sich die Baronin von ihrem Vorhaben nicht abbringen
und dem Freiherrn war daran gelegen sie und sich selber zu zerstreuen
    Es war um die vierte Nachmittagsstunde als sein Wagen vor dem Fliesschen
Hause hielt und wie immer wenn er die Artensche Familie erkannte kam der
Juwelier heraus sie zu empfangen und sie selbst in seinen Laden einzuführen
Angelika hatte das stets völlig in der Ordnung gedünkt heute missfiel ihr die
Zuvorkommenheit des Mannes Sie konnte sich überhaupt einer Abneigung gegen ihn
nicht erwehren Seine Höflichkeit däuchte ihr unwahr däuchte ihr spöttisch zu
sein Was mochte er in diesem Augenblicke denken Wie stolz mochte er sich
fühlen und weshalb kam die Frau herein die künftig in dem Hause wohnen sollte
das Angelika bisher gehört hatte das ihrem Renatus einst gehören sollte
    So wie jetzt in diesem Momente war der Baronin noch nie zu Mute gewesen
Es kränkte es beleidigte sie Alles selbst der freigebige Gleichmut mit
welchem Herr Flies sie zwischen den wertvollen Gegenständen die er vor ihr
aufstellen ließ zu wählen ersuchte Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie im
Verkehr mit den Personen von denen sie bedient ward daran gedacht dass sie
vornehm sei niemals hatte sie sich gefragt ob man ihr die ihr gebührende
Ehrerbietung zolle niemals hatte sie darauf geachtet wie ihr Gatte sich
benehme Heute dachte sie daran heute achtete sie darauf Denn sie meinte es
dem Juwelier dartun zu müssen dass sie die Freifrau von Arten sei und bleibe
auch wenn er das Haus besitze das ihr Geschlecht erbaut hatte sie hielt es für
nötig ihn zu überzeugen dass sie gleichgültig sei gegen die Wertgegenstände
welche er ihr darbot und als teile der Freiherr ihre Gedanken fehlte auch ihm
heute die bequeme Leutseligkeit die ihm sonst überall wo er erschien eine so
freudige Zuvorkommenheit erweckte
    Die Herzogin welche mit kleinen Einkäufen für sich beschäftigt war und
daneben von Angelika bei ihrer Wahl zu Rate gezogen wurde wusste nicht was das
veränderte Betragen der Baronin und die Art und Weise bedeuten solle mit
welcher der Freiherr dem Juwelier begegnete für den er sonst immer ein großes
Wohlwollen geäußert hatte Sie meinte es auf das Übelbefinden auf die
Reizbarkeit Angelikas oder auf irgend eine Misshelligkeit zwischen ihr und ihrem
Gatten schieben zu müssen zu welcher vielleicht diese Anschaffung der
AltarGerätschaften den Anlass gegeben habe Herr Flies hingegen erklärte sich
die Erscheinung leicht wenn er auch keine Ursache hatte sie unbeachtet
hinzunehmen Er blieb geduldig wie es dem Verkäufer ziemt er zeigte sich
gefällig obschon Angelika eine Lust daran zu haben schien ihn und seine Leute
zu bemühen aber sein Ton ward kälter sein klarer Blick senkte sich forschend
und fest in die von Erregung leuchtenden Augen der Baronin und die
Überzeugung dass dieser Mann errate was in ihr vorgehe dass er wisse wie es
nicht mehr so wohl stehe um das Haus des Freiherrn von Arten und wie sie zum
ersten Male schwere Sorge trage um die Zukunft ihres Gatten ihres Sohnes ihres
Geschlechtes empörten das stolze Herz der kranken Frau
    Sie ist eine Berka und weiß wie ihre Sachen stehen dachte der Juwelier
Nun es kann ihr auch nicht schaden wenn ihr Stolz gebeugt wird  Und er hatte
Recht Heute eben jetzt da ihr Stolz gekränkt ward fühlte die Baronin es mit
schmerzlichem Genuße dass sie stolz sei Es befriedigte sie dem reichen Juden
ihren Stolz zu zeigen sie hätte viel darum gegeben wenn auch der Freiherr sich
noch kälter gegen den Juwelier bewiesen wenn Renatus nicht so freundlich mit
der Frau desselben geplaudert hätte wenn die Herzogin nicht dabei gewesen wäre
denn Angelika war zorniger erbitterter als sie sich je gekannt hatte und doch
fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und er tat ihr selber wehe
furchtbar wehe  Das Herz klopfte ihr beängstigend die Stirn schmerzte sie
die Pulse flogen ihr wie im Fieber Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden
sie spielte mit Bewusstsein eine Rolle in der sie sich missfiel Und Alles Alles
missfiel ihr heute die Gerätschaften für die sie sich endlich ausgesprochen
hatte der Verkäufer und ihr Gatte das Leben und die Welt
    Komm Renatus rief sie endlich als Herr Flies sich verbeugend die
gewählten Gegenstände in das Hotel zu schicken versprach komm Renatus wir
sind fertig lass uns gehen
    Als sie sich aber mit diesen in unmutiger Eile ausgesprochenen Worten zu
ihrem Sohne wandte erblickte sie plötzlich einen anderen älteren Knaben neben
diesem stehend Er war groß schien breitschulterig werden zu wollen und sein
dunkles schönes Antlitz mit den mächtigen Augen und den hochgeschwungenen
Brauen sein voller stolzer Mund sahen noch kräftiger neben dem blonden und
sehr zart gebauten jungen Freiherrn aus Das ganze Äußere des fremden Knaben
der feste und doch angstvolle Blick mit dem seine Augen an dem Freiherrn
hingen fielen ihr auf Sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt sie war ihn
überhaupt nicht gewahr geworden bis eben jetzt aber ein rätselhaftes Etwas in
des Knaben Wesen und Erscheinung erfasste sie mit plötzlicher Gewalt Auch der
Freiherr schien seiner erst in diesem Momente ansichtig zu werden Angelika sah
zu ihrem Gatten sah zu dem Knaben hinüber Da begegneten sich auch die Blicke
des Freiherrn mit dem Blicke des fremden Knaben und Angelika täuschte sich
nicht der Freiherr wurde bleich während eine dunkle Röte die Wangen des
kleinen Fremden überzog
    Sie sah es wie der Freiherr sich finster von ihm wandte sie sah wie des
Knaben Brauen sich düster zusammenzogen sie fühlte den scharfen stechenden
Blick den er auf den Freiherrn auf Renatus warf Sie wollte ihren Sohn
entfernen aber auch dieser schien von den dunklen Augen des fremden Knaben
festgehalten zu werden und ihm nahe tretend rief er Aber der Knabe da sieht
ja ganz wie Du aus lieber Vater leibhaftig wie Dein Bild im Ahnensaal
    Der Ausruf von Renatus machte auch die Herzogin auf den Vorgang aufmerksam
Sie wandte sich nach dem kleinen Fremden hin Pauls Ähnlichkeit mit seinem
Vater musste Jeden überraschen
    Des Freiherrn Auge war über den Sohn Paulinens schnell und flüchtig
fortgeglitten Er hatte sich entfernt und Renatus mit hinaus geführt Der
Juwelier gab Paul ein Zeichen das Zimmer zu verlassen aber der Knabe blieb wie
angewurzelt auf derselben Stelle stehen und sein Blick sein finster glühender
Blick mit aller seiner Not und Pein traf nur noch die Baronin traf nur noch
sie bis mitten in das Herz Sie konnte den Blick nicht ertragen
    Auch das noch auch das noch heute rief sie und brach zusammen während ein
heißer Blutstrom ihren Lippen entquoll
 
                                Sechstes Kapitel
Es war Alles still im Hause aber Niemand schlief Schrecken und Sorge hielten
Jedermann wach
    Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt herbeigekommen war
hatte er es für unmöglich oder doch für höchst gefährlich erklärt sie in diesem
Zustande nach ihrem Hotel bringen zu lassen in welchem ohnehin kaum die für
eine solche Kranke unerlässliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren und
Herr und Madame Flies hatten augenblicklich mit der größten Bereitwilligkeit dem
Freiherrn ihre ganze Wohnung und ihre Dienste zur Verfügung gestellt die man
unter diesen Verhältnissen annehmen zu müssen geglaubt hatte
    Vorsichtig hinaufgetragen lag Angelika in dem besten Zimmer des Hauses das
in den Garten hinaussah wohl gebettet vor dem Schimmer der Nachtlampe
geschützt und hörte schlaflos die leisen Pendelschläge der Uhr aus dem
Nebenzimmer an ihr Ohr klingen die sich langsamer ach viel langsamer
bewegten als der fiebernde Schlag ihres müden Herzens Ihre Kammerfrau befand
sich an ihrem Lager hinter dem Bettschirme wachte geräuschlos Madame Flies
    Nebenan in ihrer Stube saß Seba an dem offenen Fenster Sie hatte sich nicht
ausgekleidet Sie musste etwas erwarten denn sie sah in kurzen Zwischenräumen
immer wieder auf die Straße hinaus und es war nicht die milde Schönheit der
warmen Sommernacht die sie dazu verlockte Paul war verschwunden und man
suchte ihn
    Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war hatte er einen prächtigen
Wagen einen reich geschmückten Jäger vor der Türe des Hauses stehen sehen
Ganz hingenommen von einem einzigen Gedanken war er wie er das oftmals tat
in das Komptoir gegangen um zu fragen wem die schöne Equipage zugehöre
    Dem Freiherrn von Arten sagte ihm der Lehrling Paul starrte ihn bei den
Worten so erschrocken an dass der junge Mensch nicht wusste was dem Knaben
beigekommen sei und ihm den Namen des Freiherrn mit der Frage wiederholte ob
Paul ihn nicht verstanden habe
    Ja ich habe ihn verstanden antwortete er und ging hinaus indes er wusste
nicht wohin er gehen sollte Er lief die Treppe hinauf sich oben zu verbergen
Aber wovor sollte wovor hatte er sich zu verbergen Ich habe ja nichts
verbrochen dachte er und doch war ihm so bange doch war er so verwirrt Er
konnte es nicht mehr aushalten oben in seinem Stübchen sein Vater war ja unten
    Er wartete eine kleine Weile er meinte der Freiherr werde da er nun im
Hause sei zu seinen Pflegeeltern kommen und ihn rufen lassen Er horchte ob
die Türe nicht aufgehe ob Niemand die Treppe emporsteige ob der Wagen
fortfahre Es blieb Alles still Mit Einem Male sagte er sich Wenn der Wagen
fortfährt dann ist es zu spät dann ist Er auch fort  und wie ein Pfeil schoss
er die Treppen hinunter Er öffnete die Stube welche an den Laden anstieß es
war Niemand darin Er suchte Seba er hätte sie etwas fragen mögen aber er
mochte sich nicht noch einmal entfernen Die Türe nach dem Laden war nur
angelehnt er drückte sie behutsam weiter auf Nun konnte er die Stimmen
unterscheiden und hören was man sprach aber nur Herr Flies und eine Dame
redeten Sollte mein Vater schon fortgegangen sein fragte er sich und das
Verlangen sich zu überzeugen trieb ihn vorwärts Wenigstens sehen wollte er
seinen Vater doch Er trat in den Laden hinein man bemerkte es nicht und doch
musste er mit beiden Händen den Tisch anfassen um nicht aufzuschreien
    Ja das war er Nun kannte er ihn Das war sein Vater sein lieber Vater
Nun besann er sich auf Alles Wie oft hatte er ihn in die Höhe gehoben wie oft
hatte er ihn geküsst sein Vater der Onkel Baron Auf seinen Knieen hatte er ihn
reiten lassen auf dem Stuhle hinter dem Onkel Baron hatte er gestanden und
seine kleinen Arme um dessen Hals geschlungen bis der Onkel ihn zu sich gezogen
und ihm die Geschichte erzählt hatte die Geschichte  auf die er sich nicht
mehr recht besinnen konnte und die ihm doch noch immer in den Sinn kam  Sein
ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen Onkel Baron lieber Vater wollte er
rufen im vollen Glücksgefühle  aber er ist ja nicht Dein Onkel sagte er sich
und Vater darfst Du ihn nicht rufen denn er will nichts von Dir wissen weil Du
in Sünde und in Schande geboren bist  Er schauderte zusammen er fühlte es wie
einen Fluch über sich liegen
    Er blickte den Freiherrn an er blickte die schöne schlanke Dame an er
stand dicht neben dem blonden Knaben er kannte sie alle
    Das war sein Vater das war seines Vaters Frau das war sein kleiner Bruder
der Bruder welcher hinter den goldenen Fenstern des schönen Schlosses wohnte
und der die Rehe und die Hirsche hinter dem Gitter füttern durfte Er hätte ihm
die Hand geben mögen wenigstens mit dem Bruder hätte er sprechen und wissen
mögen wie er heiße Er ging an ihn heran indes in dem Augenblicke bemerkte ihn
Madame Flies und dringend und leise befahl sie ihm Geh geh lieber Paul
Geschwind mach dass Du fortkommst Kind
    Aber diese Anweisung bewirkte gerade das Gegenteil obwohl er ihre
Bedeutung ganz und gar verstand Die Rührung die Sehnsucht welche er gefühlt
machten einer trotzigen Empfindung Platz Er wollte nicht gehorchen nicht
hinausgehen er wollte bleiben er wollte sehen was denn daraus werden würde
Endlich musste der Freiherr sich doch umdrehen endlich musste er ihn doch
erkennen denn er war ja sein Sohn und wenn er ihn erkannte 
    Da drehten sie sich Alle um da schlug die Bemerkung seines Bruders der
Aufschrei der Baronin an sein Ohr Er sah wie sein Vater sich kalten Auges von
ihm wendete wie man die Baronin als eine Sterbende davontrug er fühlte wie
Madame Flies ihn heftig zurückstiess und als falle es mit klingenden
Hammerschlägen auf ihn nieder so tönte es immerfort in seinem Kopfe Mache dass
Du fortkommst Sie waren Alle hinausgegangen Er blieb ganz allein in dem Laden
zurück
    Was gehe ich sie auch an Was gehen sie mich an dachte er und doch fiel
ihm die Einsamkeit sehr schwer Er sah sich in dem Laden um als müsse er sich
Alles recht einprägen damit er es nicht vergesse Den Laden sehe ich auch nicht
wieder sagte er sich und dabei merkte er erst dass er beschlossen habe
fortzugehen Er hatte schon die ganze Nacht daran gedacht Er konnte es nicht
aushalten hier zu bleiben wo Jedermann es wusste dass er in Sünde und in
Schande geboren sei Er wollte seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten
denn er liebte den Vater nicht mehr er wollte von ihm nichts mehr wissen
nichts mehr hören nichts mehr haben gar nichts mehr haben
    Trotz und Verzagteit Liebe und Hass erwachtes Ehrgefühl und erlittene
Kränkung stürmten wild durch einander auf ihn ein und dazwischen tauchte das
Bild seiner Mutter wie er es sich gestaltet hatte vor seiner Seele auf und er
erinnerte sich wie sie geendet wie die Verzweiflung sie aus der Welt und in
den Tod getrieben hatte Er wusste auch nicht was er hier sollte er mochte
Niemanden sehen von Niemandem gesehen werden und am wenigsten von seinem
Vater der sich von ihm abgewendet und von der Kriegsrätin die ihm gesagt
hatte dass er in Sünde und Schande geboren sei und dass ein Schimpf auf ihm ruhen
werde all sein Leben lang Das wollte er nie wieder von eines Menschen Munde
vernehmen er wollte hin wo Niemand ihm das sagen konnte wo Niemand es wusste
Niemand ihn kannte  fort Er nahm seine Mütze und ging 
    In der Unruhe und Aufregung welche das Erkranken der Baronin veranlasst
hatte beachtete man es nicht dass Paul nicht um die gewohnte Stunde zum
Vesperbrode kam Als die Kriegsrätin ihn später vermisste meinte sie dass
Schrecken und Furcht vor einer Strafe ihn abhalten möchten vor ihr zu
erscheinen da sie ihm verboten sich seinem Vater in den Weg zu stellen und da
er jetzt erlebt habe welch ein Unheil er damit angerichtet Indes es war nicht
seine Weise ohne Erlaubnis fortzugehen oder sich feige einer Strafe zu
entziehen und als eine Stunde um die andere verging als der Abend hereinbrach
als die Dämmerung der Nacht zu weichen begann fing man unruhig zu werden an
und vor Allen zeigte sich Seba besorgt
    Man hatte Pauls Büchertasche unten auf dem Zahltische liegen gefunden der
Lehrling hatte ihn eine Weile im Laden stehen und dann fortgehen sehen Man
schickte zu den Knaben mit denen er Verkehr hielt er war aber bei keinem von
ihnen gewesen man fragte in der Straße ob man ihn bemerkt aber Niemand wusste
sich dessen zu erinnern und wer achtet auch an einem schönen Sommerabende an
dem die Leute alle draußen sind auf das Kommen und Gehen eines Knaben
    Um elf Uhr als Angelika ruhiger geworden war und als der Freiherr das Haus
verlassen wollte um sich in seinem Gasthofe zur Ruhe zu begeben trat er in die
Wohnstube der Fliesschen Familie ein Er fand nur Seba in derselben und
nachdem er gebeten ihn augenblicklich zu benachrichtigen wenn der Zustand der
Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte fragte er Wer war der Knabe
Mademoiselle der sich in Ihrem Laden aufhielt als die Baronin von dem üblen
Anfalle betroffen ward
    Wie er das fragen kann dachte Seba Sie hätte ihm sagen mögen Es ist Ihr
Sohn und Sie wissen das Indes sie überwand sich und antwortete Es ist der
Pflegesohn des Kriegsrats Weissenbach der hier im Hause wohnt
    Sein Name
    Paul Mannert sprach sie nachdrücklich und wie fest das Auge Sebas auch
auf den Freiherrn gerichtet war sie konnte keine Veränderung in seinem ernsten
Gesichte lesen Das empörte sie und hingerissen von der Angst um ihren
Schützling voll Abscheu vor der Ruhe seines Vaters die mit ihrer Sorge in so
grellem Widerspruche stand rief sie Er ist aber nicht mehr da der Knabe Er
ist fort der Paul und wir suchen ihn vergebens Gott gebe dass er in seiner
Verzweiflung nicht wie seine Mutter geendet hat
    Wie ein Blitz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn es zitterte in
seinen Mienen und mit bebender Lippe fragte er Was wissen Sie von ihm
Mademoiselle
    Er musste sich niedersetzen Seba war über ihr eigenes Tun erschrocken aber
der Grimm gegen diese vornehmen Männer die Alles unter die Füße treten zu
können glaubten die Empörung über die Herzenskälte des Freiherrn die
Erinnerung an die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie über sich hinaus und
kalt und stolz wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden hatte sagte sie
Ich weiß wer der Knabe ist weiß dass seine Mutter in Verzweiflung ihren Tod im
Wasser gesucht und Gott gebe dass er ihrs nicht nachgetan hat denn er fühlte
sich verstoßen
    Der Freiherr fuhr auf Er wollte die unberechtigte Anmassung dieses
Judenmädchens zurückweisen aber das harte Wort erstarb ihm auf der Lippe und
wie im Schmerze schloss er die zornfunkelnden Augen Das währte indes nicht
lange dann hatte er seine Wahl getroffen seine Entscheidung schnell gefasst
und während Seba in ihrem Herzen noch darüber triumphirte dass es ihr gelungen
war einen dieser Edelleute den Freiherrn von Arten der seines Kindes
vergessen konnte der Herbert beleidigt der Adam gekränkt der kein Herz hatte
so wenig Graf Gerhard ein Herz gehabt unter ihrem Blicke zusammenbrechen und
vor ihrem Worte zittern und leiden zu sehen erhob der Freiherr sich und sagte
mit schonender Herablassung Ihre Aufregung macht Ihrem guten Herzen Ehre
Mademoiselle Flies und der Unerfahrenheit muss man selbst den Mangel an der
nötigen Delicatesse nachsehen Ich hoffe dass man nichts versäumt den Knaben
aufzufinden an dem Sie so viel Anteil nehmen Der Vorsicht wegen will ich
selbst dafür Schritte tun lassen Leben Sie wohl Mademoiselle
    Seba stand und blickte ihm nach Sie biss die Zähne auf einander um die
laute Verwünschung zurückzudrängen welche ihr aus dem Herzen auf die Lippen
stieg Sie hörte wie der Baron leise mit ihrem Vater sprach dem er im Hause
begegnete und zornig das Haupt schüttelnd rief sie Es gibt keine
Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden wenn nicht einst der Tag der Vergeltung
für sie Alle kommt wenn sie nicht ernten müssen was sie säeten
    Aber es blieb ihr nicht lange Zeit für ihre Gedanken Ihr Vater der
Kriegsrat und die Kriegsrätin kamen herbei sie sollte noch einmal Alles
erzählen was sie gestern von Paul gehört was sie mit ihm gesprochen und
während sie im Grunde nur wenig zu sagen hatte während sie gar keine Vermutung
hegte die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht hätte wurde die Kriegsrätin
nicht müde es immer zu wiederholen mit welcher Voraussicht und Sorgfalt sie
gehandelt wie sie allein daran gedacht habe dem geschehenen Unheil
vorzubeugen und wie nur der widerspänstige Charakter des Knaben den er von
seiner Mutter habe sie um die Früchte jahrelanger Opfer gebracht alle ihre
Plane zerstört die Baronin von Arten auf das Krankenlager geworfen und dem
Freiherrn die übelsten Begriffe von der Erziehung gegeben haben müsse welche
Paul genossen Sie verlangte Anerkennung Trost und Zuspruch von ihrem Manne und
von den Andern zu erhalten und nicht ein einziges Mal fiel es ihr ein welchen
Anteil sie an der traurigen Gemütsverfassung des armen Knaben hatte und kein
Vorwurf in ihrem Innern sagte ihr dass sie und ihre unheilvollen Aufklärungen
ihn aus dem Hause getrieben in welchem sie die Trostbegehrende nie eine
Aufwallung der Liebe nie ein Herz für ihn gehabt hatte
    Während sich bei Seba und bei den Männern mit den fortschreitenden Stunden
die Hoffnung dass Paul freiwillig wiederkehren werde verminderte und die
Sorge dass er ein unglückliches Ende genommen habe sich steigerte gab die
Kriegsrätin als sie sich ermüdet zu fühlen begann immer zuversichtlicher sich
der Erwartung hin Paul werde nach KinderArt von selbst nach Hause kommen wenn
Hunger und Müdigkeit ihn dazu trieben und wenn man nur aufhören wolle so
ängstlich auf seine Wiederkehr zu achten Er sei fraglos ganz in der Nähe er
warte nur auf die Gelegenheit sich unbemerkt in seine Schlafkammer zu
schleichen Und stets bereit die Umstände so anzusehen wie es mit ihren
Wünschen am besten zusammenstimmte nannte sie es das Geratenste die Ruhe zu
suchen und nicht um eines Knabenstreiches willen das Haus die Nachbarschaft
oder gar wie es in Folge eines Schreibens das der Freiherr dem Kriegsrate für
den PolizeiDirector übergeben geschehen war die Stadtbehörden in Bewegung zu
setzen Indes weder der Schlaf dem die Einen sich überließen noch die
Herzensangst mit welcher Seba in ihrem Zimmer wachte änderten das Geschehene
 Paul blieb aus
    Gegen den nächsten Mittag als die Kammerjungfer der Baronin sich entfernt
hatte um aus dem Hotel verschiedene Gegenstände herbeizuholen deren man für
die Kranke bedurfte hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingenommen
    Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein durch die geöffneten und leicht
verhängten Fenster stieg der Duft der Reseda aus dem Garten in das Gemach Man
hörte das leise Säuseln der Blätter der linde Windhauch bewegte die Vorhänge
und hier und da schlich sich ein gedämpfter Sonnenstrahl hinein seinen Schimmer
über Angelikas bleiche Stirn und über ihr goldblondes Haar verstreuend Es
waren schwere Stunden gewesen der Tag und die Nacht die hinter ihr lagen Sie
hatte kein Auge geschlossen
    Als sie am verwichenen Nachmittage von ihrer Erschöpfung zu sich gekommen
war hatten ihre ersten Worte Paul gegolten
    Unfreiwillig habe ich seine Mutter getötet unfreiwillig gibt er mir den
Tod sagte sie zum Freiherrn der düster brütend an ihrem Lager weilte Sie
verlangte nach Paul sie wollte ihn sehen man stellte ihr die Anordnung des
Arztes dagegen auf und sie verzichtete auf die Erfüllung ihrer Forderung Aber
ihre Gedanken blieben mit ihm beschäftigt und selbst als die verwirrenden Nebel
des Fiebers ihren Sinn überwältigten sah sie ihn vor Augen Bald rief sie dass
er sie ergreife dass er sie morde bald klagte sie sich an dass sie ihm die
Mutter nicht ersetzt habe und gelobte ihm es künftig zu tun Dann wieder
musste sie ihn im Kampfe mit Renatus wähnen denn sie schrie auf und beschwor den
fremden Knaben ihres Sohnes zu schonen der schuldlos an all dem Unheil sei
Noch am Mittage als Seba an ihr Lager gekommen war hatte sie gewacht und erst
unter Sebas Obhut die mit so brennenden Erinnerungen an ihrer Seite saß hatte
sie Schlaf und Ruhe finden können
    Seba hatte die Baronin zuerst gesehen als man sie eine Bewusstlose in
dieses Zimmer brachte Sie hatte es bis dahin geflissentlich vermieden ihr zu
begegnen aber sie kannte dieses Antlitz Sie kannte diese hohe weiße Stirn
diese schmale feine Nase den kleinen Mund mit seinen weichen vollen Lippen
Gerade so zogen an der Schläfe sich die blauen Adern unter der durchsichtigen
Haut des Grafen hin gerade so bogen seine leichten Brauen sich in der Mitte
ihrer Wölbung aufwärts Jeder Zug dieses schönen Antlitzes war ihr vertraut und
sein Anblick wendete ihr das Herz im Busen um
    Alles was sie seit Jahren durchlebt und durchlitten es drängte sich in ihr
in diese Stunde zusammen Sie musste es noch einmal erleben und erleiden sie
konnte kaum der Hast ihrer eigenen Gedanken der wilden wechselnden Gewalt ihrer
Empfindungen folgen Gerhards Schwester lag in ihrem Vaterhause eine zum Tode
Erkrankte vor ihren Augen da Es war des Grafen Schwester über der sie wachte
von deren Schlummer sie jede Störung fern zu halten strebte  und Jahre lang
hatte sie die Nächte im grimmen Schmerze durchwacht in Verzweiflung durchweint
in Scham durchseufzt  um Gerhards willen Mit welcher Stirn würde er da
stehen wenn die Baronin einst Sebas Namen vor ihm nennen würde den Namen des
vertrauensvollen Mädchens dessen Glück und Liebe er so frevelhaft gemordet
Wenn er er selber es wäre wenn er so daläge hilflos mir hingegeben dachte
sie
    Tödtlicher Hass und das heiße Verlangen sich zu rächen schwelgende
Erinnerungen und Erbarmen mit dem eigenen Leide bedrängten sie und es dünkte
sie ein Fluch dass sie den Hass kennen lernen dass die Verachtung statt der Liebe
in ihr lebendig geworden war Dann wieder fühlte sie sich plötzlich über alle
Trübsale fortgetragen leicht und frei Sie konnte auf ihre Vergangenheit
zurückblicken wie auf eine abgelegte Hülle die ihr fern lag sie fühlte sich
durch ihr Denken und Tun weit über sie hinausgehoben und doch blutete ihr das
Herz doch schwammen ihre Augen in Tränen denn wie sie auch danach rang sich
neu aufzuerbauen  es blieben ihr doch unwiederbringlich jene unschätzbaren
Güter verloren ohne welche das Menschenleben trübe wird wie ein Tag dem die
Sonne bei seinem Aufgange und Niedergange nicht leuchtet die freudige
Erinnerung an die eigene Jugend und der Glaube an das Glück der Zukunft
    Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinnerungen und dem Schmerze
nachgegeben dann fiel der arme Paul ihr armer Paul ihr ein Wo mochte er
weilen wo konnte er sein Sie hätte hinauslaufen mögen ihn zu suchen aber
wohin sollte sie sich wenden Warum war er nicht zu ihr gekommen der er doch
vertraute die er liebte die ihn in ihr Herz geschlossen als dieses Herz sich
an Liebe und an Freude ganz verarmt geglaubt Was musste ihm geschehen sein was
musste man ihm getan haben dass er ihrer nicht gedacht dass er sie vergessen
hatte Es war ihr als müsse sie ihn rufen als könne er gar nicht ausbleiben
wenn sie ihn nur riefe aber hier an diesem Lager durfte sie ihn nicht rufen
nicht seinen Namen nennen denn hier in ihrem Schutze sollte die Gräfin Berka
die schöne Frau des Freiherrn von Arten Ruhe finden die Frau um deretwillen
die Mutter Pauls die sonnige Erde verlassen und sich begraben hatte in des
Wassers kalte dunkle Tiefe
    Wie aber wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der Erde weilte dachte
sie wenn auch seinen schönen jungen Leib die Wellen verschlungen hätten wenn
seine Augen in deren hoffnungsreiche Fröhlichkeit sie sich so gern versenkt
gebrochen wären wenn die Flut ihn jetzt schon mit sich trüge weit hinaus
hinaus ins Meer Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugendlichen Schönheit 
ihr graute vor dem Tode Und schwebte nicht vielleicht auch über dem stolzen
blonden Haupte das hier vor ihren Augen schlummerte schon des Todes Sichel
War denn jetzt Alles dem Untergange geweiht
    Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder um zu hören ob sie atme
da schlug Angelika matt die Augen auf und blieb mit dem träumerischen Blicke an
Seba haften Sie konnte sich nicht besinnen wo sie war sie schaute Seba mit
Befremdung an aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher und beide Hände
faltend bewegte sie leise ihre Lippen
    Seba kniete nieder um ihre Worte zu verstehen Die Baronin schien das mit
Überraschung zu gewahren Sie fasste nach Sebas Hand ein leises Ach entfloh
ihrem Munde da sie dieselbe berührte und mit schmerzlicher Klage sagte sie
Ich lebe also noch
    Ja Gott sei Dank Sie leben rief Seba Gott sei Dank Sie leben
wiederholte sie von einer Rührung ergriffen die sie nicht bemeistern konnte
und Sie werden leben bleiben
    Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das Haupt der Knieenden
Ich bin sehr müde seufzte sie und die Augen schließend während sie Sebas
Hand in der ihrigen hielt bat sie Gehen Sie nicht von mir es ist mir wohl in
Ihrem Schutze
    Teure teure Frau rief Seba indem sie die Hand der Kranken an ihre
Lippen presste und heiße Tränen ihre Augen füllten
    Was haben Sie fragte die Kranke ängstlich Aber Seba nahm sich schnell
zusammen Nichts nichts sagte sie Ich bin so glücklich dass Sie Ruhe finden
dass Sie mich um sich haben mögen
    Angelika drückte ihr die Hand und aufs Neue nahm der Schlummer der
Ermattung sie gefangen
    Seba aber saß still und regungslos an ihrem Lager Sie dachte des Übels
nicht mehr das der Bruder dieser Frau ihr getan weil sie jetzt der Schwester
liebend beistand sie vergaß des eigenen Unglücks über dem Leiden dieser Frau
und wie Wolken sich bilden und vergehen sich formen und ihre Formen wechseln
dass man nicht weiß wofür man sie zu halten und wie man sie zu deuten hat
während doch das Auge und der Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermögen so
zogen an ihrem Geiste die Gestalten des Grafen und des Freiherrn Angelikas und
Herberts und der Geschwister aus dem Amtause vorüber und dazwischen dachte
sie des Knaben dem sie so viel verdankte und dem sie von ganzem Herzen zu
vergelten gewünscht
    Wie komme ich eben ich denn gerade in diesen Menschenkreis Wesshalb laufen
alle diese Schicksalsfäden in dem Bereiche zusammen den ich übersehe Und was
kann was soll ich tun inmitten dieser Menschen Ich die ich selbst
unglücklich und ohne alle Hoffnung bin fragte sie sich immer und immer wieder
    Da quoll es warm in ihrem Herzen empor jenes beseligende Lieben um des
Liebens willen das dem Menschen noch Glück bereitet wenn er sich alles
Wünschens und Wollens für sich selbst entschlagen hat und mit überwallender
Empfindung rief sie sich zu Ich kann lieben hoffen helfen und trösten Ich
will hoffen für den armen Paul und vor allem Dich trösten und Dir helfen Du
schöne kranke Frau
 
                               Siebentes Kapitel
Alle Bemühungen bewiesen sich fruchtlos Paul kam nicht wieder Ein Arbeiter
hatte spät am Abende einen Knaben auf den die Beschreibungen des Vermissten
passten am Aussenhafen gesehen aber wohin er gegangen oder wo er geblieben war
das hatte er nicht bemerkt Die Polizei die man in Bewegung gesetzt hatte war
ungeübt und lässig und man kannte damals jene wundervollen Erfindungen noch
nicht welche Zeit und Raum überwindend dem Menschen fast eine
Allgegenwärtigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten unserer
Freude unseres Schmerzes unserer Sorge machen Man musste abwarten und hoffen
oder sich bescheiden das Schlimmste zu erfahren und in diesem Falle war die
Liebe verzagter als der Eigennutz
    Die Kriegsrätin welche ohne das ansehnliche Kostgeld ihres Pflegesohnes
gar nicht auszukommen wusste rechnete zuverlässig auf dessen Wiederkehr Seba
betrauerte seinen Verlust Sie allein hatte die leidenschaftliche Natur des
Knaben die starken tiefen Empfindungen gekannt deren er fähig war und die
ihn in einem Augenblick vernichtender Enttäuschung leicht zu einem Äußersten
getrieben haben konnten Wohin sie sich wendete fehlte ihr Paul vermisste sie
ihren jungen Gefährten dessen zuversichtliche Liebe ihr ein Bedürfnis geworden
war und mit dessen Zukunft sie sich zu beschäftigen liebte wenn ihr der Mut
gebrach der eigenen Zukunft zu gedenken und wie sie sich auch dagegen wehrte
drängte sich ihr doch oftmals die entmutigende Vorstellung auf dass Paul besser
daran gewesen sein würde wenn er sich ihr nicht angeschlossen und sich im
Verkehr mit ihr nicht über seine Jahre hinaus entwickelt hätte
    Es war gut für Seba dass die Familie von Arten noch immer in der Stadt war
die Baronin noch immer in dem Fliesschen Hause verweilen musste denn es gab
Seba eine Beschäftigung welche sie von dem Schmerze um den Knaben abzog
    Der Arzt hatte es selbst als die dringendste Gefahr vorüber war
entschieden widerraten die Kranke in den Gasthof bringen zu lassen und Madame
Flies wollte davon auch gar nicht sprechen hören Ihr gutes Herz und ihre
bürgerliche Eitelkeit fanden eine große Befriedigung darin eine solche Dame zu
bedienen und zu pflegen mit ihr beständig zu verkehren ihren Umgangsgenossen
von diesem Verkehr zu erzählen und daneben dachte sie in dem romantischen
Glauben an die wunderbaren Wege der Vorsehung von welchem nur wenige Frauen
frei sind man könne doch nicht wissen wozu es gut sei dass die Schwester des
Grafen Gerhard eben in ihrem Hause erkranken müsse und dass sie ihre Seba und die
ganzen Verhältnisse der Familie nun so unerwartet kennen lerne In der Residenz
hatten schon Grafen und Prinzen sich mit Jüdinnen verheiratet und was Einer
Jüdin widerfahren war konnte der andern auch begegnen besonders wenn dieses
ihre Seba war
    Weniger angenehm war es dem Freiherrn seine Gemahlin noch immer in der
Obhut der Familie Flies zu wissen und sich von dieser eben in diesem Augenblicke
Verbindlichkeiten auferlegen zu lassen die er nicht bezahlen nicht gleich
vergelten konnte Sein Geist war ohnehin verdüstert sein Gemüt beschwert Das
plötzliche Wiedersehen seines Sohnes an dem er einst gehangen das eben so
plötzliche Verschwinden desselben hatten einen furchtbaren Eindruck auf ihn
gemacht Trotz des flüchtigen Blickes den er auf Paul geworfen hatten die
Schönheit des Knaben die auffallende Ähnlichkeit mit dem von Artenschen
Geschlechte ihn erschüttert und es war eine wundersame Freude gewesen mit der
er Pauls unleugbare Überlegenheit über Renatus anerkannt Auch jetzt konnte er
des Zwiespaltes in seinem Innern nicht Meister werden Er ließ die eifrigsten
Nachforschungen nach Paul anstellen so widerwärtig das dadurch gemachte
Aufsehen und die unvermeidliche Besprechung aller seiner persönlichen
Verhältnisse ihm auch waren Er litt unter dem Gedanken an den immer
wahrscheinlicher werdenden Untergang des Knaben und er trug doch kein Verlangen
danach ihn wieder vor sich zu sehen aber auch Renatus mochte er nicht um sich
haben und vor Allem vermied er es Seba zu begegnen deren herbe Wahrhaftigkeit
ihn schwer beleidigt hatte
    Selbst die Gesellschaft der Herzogin war ihm nicht willkommen Ihre leichte
Unterhaltungsgabe vermochte nicht ihn zu zerstreuen ihr Bestreben ihn von
sich abzuziehen tat ihm jetzt nicht wohl Er fühlte sich allein und von jedem
Anspruche an ihn belästigt Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden dass
auf ihm ein schweres ein besonderes Schicksal laste dass eine dämonische
Gewalt mächtiger als sein Wille nicht aufgehört habe ihn seit er sich von
Pauline getrennt und mit der Baronin verbunden habe zu verfolgen begann er
seine Fassung wieder zu finden Er kam sich eben durch diese Besonderheit seines
Looses ausgezeichnet und wie durch seine Geburt und die Bedeutung seiner Person
von den ihn umgebenden Menschen geschieden und über sie erhaben vor War es doch
etwas so Gewöhnliches glücklich zu sein Ein Jude wie Flies konnte das Glück
für sich haben auf allen seinen Wegen denn das Glück wohnt und waltet auf jener
breiten Heerstraße des Lebens auf der sich die Mittelmässigkeit und die
Niedrigkeit berechnend und schwachherzig bewegen Ein Mann der wie der Freiherr
seinem inneren Bedürfen seinem Glauben an ein Ideales der einzig den
großmütigen Regungen seines Herzens folgte der seinen Ehrbegriffen und den
unabweislichen Pflichten seines Standes nachzuleben hatte der wandelte auf
einem anderen Pfade der hatte wenig Aussicht auf seinem einsam erhabenen Wege
dem Glücke zu begegnen Was war es denn gewesen als Großmut dass er einst sein
Leben an das Leben eines armen Kindes gesetzt Was war es gewesen als sein
Glaube an ein Ideales der ihn bewogen dieses Mädchen zu bilden Seinen
Standespflichten zu genügen seinem alten Stamme zur Ehre hatte er das geliebte
Geschöpf von sich entfernt und sich mit Angelika verbunden Aus Achtung vor
seiner Ehe und um Angelika seinen guten Willen zu beweisen hatte er darauf
verzichtet Paulinens Sohn unter seinen Augen aufwachsen zu lassen  und beide
Pauline und ihren Sohn hatte der Tod ereilt beide hatte er Angelika geopfert
der Frau geopfert die ihn für einen Mann vergessen können dem er großmütig
und vertrauend wie er Angelika vertraut sein Haus geöffnet Großmut und das
Gefühl der Standesehre hatten ihn bewogen die Herzogin und den Marquis gastlich
bei sich aufzunehmen Sein eigenes Ehrgefühl hatte ihn veranlasst sich auf das
Ehrgefühl des Marquis zu verlassen und wie hatte dieser ihm die Rücksicht für
die Herzogin wie hatte er ihm das Zutrauen gedankt das er ihm bewiesen 
Großmut war es gewesen die ihn zu dem Bau der Kirche getrieben als er
Angelika nach einer äußeren Befriedigung ihres religiösen Sinnes trachten sehen
deren er für sein Teil nicht bedurfte und all diese hohen Empfindungen all
sein edles Wollen hatten ihm keine beglückende Frucht getragen hatten ihm die
Liebe der Menschen nicht zugewendet ja waren von ihnen kaum erkannt geschweige
denn gewürdigt worden Sogar sein ältester Lebensgenosse der Kaplan ward ihm
nicht mehr gerecht hielt nicht mehr zu ihm wie er es erwarten durfte und auch
die Herzogin hatte es nicht ganz begriffen dass ein Mann wie er mit seinem
Glauben mit seinem Vertrauen und mit seiner Neigung nicht unterhandeln dass er
keine Gemeinschaft mehr mit seiner Gattin haben könne wenn deren Hingabe für
ihn nicht mehr eine volle und unbedingte war Auch die Herzogin verstand ihn
nicht vollkommen nicht wie ers bedurfte Er stand allein ganz allein in
seiner Umgebung unter seinen Standesgenossen weil ihnen allen der rechte Sinn
des Adels verloren gegangen war Aber das Bewusstsein dieser Einsamkeit warf ihn
nicht nieder sondern hob ihn in seinen Augen über die Andern hoch empor denn »
fortis in adversis« »Mut in Widerwärtigkeiten« war der Wahlspruch seines
Hauses Mochte die Gunst des Lebens sich von ihm wenden und das Glück sich ihm
entziehen  den stolzen Herzschlag seines edelen Blutes den frei über die
Reihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwingenden Sinn seines alten
adeligen Geschlechtes den konnte ihm nichts rauben und diese Vorzüge immer und
gegen Jedermann mit Entschiedenheit geltend zu machen das däuchte ihm in diesen
Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe die wahre Aufgabe des
Edelmannes zu sein
    Madame Flies jedoch die in ihrer schlichten Güte wenig Ahnung von solchen
idealen Lebensaufgaben hatte weil sie sich immer an das Nächste und an das
Natürliche hielt sah es mit Erstaunen wie ruhig und sicher der Freiherr
einherschritt wie das Verschwinden des Knaben wie die Krankheit seiner
Gemahlin wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und alle jene
Sorgen von denen eine einzige zu tragen ihr schwer gefallen sein würde ihn gar
nicht anzufechten schienen Sie wusste nicht sollte sie ihn bewundern und loben
oder ihn verabscheuen und tadeln aber sie konnte sich wenn sie den Freiherrn
am Krankenbette der Baronin sah es wohl erklären warum dieselbe seufzte
sobald er sie verließ warum sie ihr und vor Allem ihrer Seba so freundlich die
weiße schmale Hand entgegen reichte so oft sie sich ihr nahten
    Die Kranke hatte nach dem Kaplan verlangt und der Freiherr sogleich eine
Staffette zu ihm gesendet indes es mussten Tage um Tage vergehen ehe man auf
sein Eintreffen rechnen durfte und der Arzt sah da er jede Aufregung für die
Baronin scheute die notwendig verzögerte Ankunft des Geistlichen nicht ungern
Angelika hingegen fragte an jedem Morgen ob der Kaplan noch nicht angekommen
sei schien aber sonst kaum ein Bedürfnis nach Mitteilung zu haben Sie lag
meist still und in sich gekehrt mit gefalteten Händen da und verlangte wenig
wenn sie im Laufe des Tages ihren Sohn einmal gesehen hatte dem sie mit ernster
Zärtlichkeit begegnete Seba die ihr unverkennbar die liebste Pflegerin war
verließ sie selten Einstmals als sie wieder an ihrem Bette weilte und das
Sonnenlicht sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Angelikas
umfloss blieb diese lange in ihrem Anschauen versunken dann reichte sie ihr die
Hand und sagte So wie in diesem Augenblicke hatte ich Sie in Ihrem weißen
Kleide vor mir als ich aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend den
ich unter Ihrer Hut genossen Sie für meinen Schutzgeist hielt Sie blickten so
liebevoll so traurig auf mich nieder Sie sind gewiss sehr gut Und dass man
Ihnen ansieht wie sanft wie glücklich Ihr Lebensweg gewesen und wie Sie reinen
Herzens sind das macht mir Ihre liebe Nähe so erquicklich
    Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Sebas Brust Alles Blut entwich aus
ihren Wangen ihre Lippen zuckten und mit dem Ausrufe Und das sagen Sie eben
Sie sank sie vor dem Lager der Baronin auf die Kniee das Gesicht in ihren
Händen bergend Aber in dem nämlichen Augenblicke kam ihr auch der Gedanke dass
sie Angelika erschreckt habe dass sie sie nicht beunruhigen dürfe und gewaltsam
die Herrschaft über sich gewinnend richtete sie sich empor Ihre Wangen waren
noch bleich indes ihr Mund konnte wieder lächeln und Angelikas Hände sanft in
die ihren schließend sprach sie freundlich Wie mich das freut dass meine
Dienste Ihnen angenehm und meine Nähe Ihnen lieb ist Nur danken nur loben
müssen Sie mich nicht ich verdiene das nicht
    Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat wird feinfühlig für
fremden Schmerz Angelika hörte dass in Sebas Worten mehr als jene höfliche
Ablehnung eines Dankes verborgen war mit der die gesellschaftliche Sitte sich
ihr Dankescapital auf Zinsen legen lässt darum wagte sie keine Frage zu tun
aber die Frage was ihrer sanften Pflegerin begegnet sein was sie erfahren und
erlitten haben könne beschäftigte sie fort und fort Sie wünschte von ihr zu
hören sie wünschte zu wissen ob ihre Teilnahme für Seba Wert besitzen könne
und sie hatte als ihre Kräfte sich wieder hoben keine große Mühe Madame Flies
von ihrem einzigen Kinde von ihrer Seba sprechen zu machen
    Mit größter Genugtuung erzählte dieselbe der Baronin wie jedem Anderen von
der fröhlichen Kindheit von der ersten blühenden Jugend ihrer Tochter von den
zahlreichen Bewerbern welche sie zurückgewiesen und wie sie jetzt mit ihren
bleicheren Wangen und ihrem ernsten stillen Blicke so schön sie sei doch
lange nicht mehr so herrlich aussehe als vordem
    Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert War sie krank oder was ist ihr
geschehen fragte die Baronin die abgesehen von ihrer Teilnahme für Seba
immer mehr von der Fremdheit der Lebensverhältnisse welche sie umgaben
angezogen wurde
    Madame Flies schöpfte Atem Also endlich war er doch gekommen der
Augenblick auf den sie so lange gehofft auf den sie sich vorbereitet hatte
seit die Baronin in ihrem Hause darniederlag endlich war er gekommen endlich
war er da Sie rückte näher an das Bett heran sah vorsichtig hinter den grünen
Schirm der das Lager der Baronin umgab schob sich die Kantenhaube zurecht und
sagte mit klopfendem Herzen während sie vertraulich ihre Hand auf den Arm der
Kranken legte Aufrichtig gnädige Frau Baronin wissen Sie denn gar nichts von
uns Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprochen
    Angelika verstand sie nicht Was soll ich denn von Ihnen wissen meine
Beste
    Nicht von mir Gott bewahre nicht von mir denn was wir getan haben war
unsere Schuldigkeit und wir haben es sehr gern getan Nur von meiner Seba
meinte ich bedeutete die Mutter
    Von Seba  wer sollte mir wohl von ihr gesprochen haben fragte Angelika
    Ich dachte der Herr Graf  Aber freilich der Herr Graf sind gerade 
Sie wollte sagen wie der Herr Baron indes sie unterdrückte das Wort und
Angelika fiel ihr mit der Frage Von welchem Grafen sprechen Sie auch lebhaft
in die Rede
    Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick Sie wusste dass sie auf dem
Punkte stand ein Unrecht gegen die Ruhe der ihr anvertrauten Kranken zu
begehen und dass Seba ihr sicherlich nicht danken würde was sie unternahm aber
die Selbstsucht und die anmassende Gewalttätigkeit von denen die Liebe so
vieler Mütter nicht frei ist trugen es über jede Rücksicht davon und auf die
wiederholte Frage Angelikas welchen Grafen sie denn meine antwortete sie
schnell als wolle sie es sich unmöglich machen sich eines Besseren zu
besinnen Wen denn anders als den Herrn Grafen Berka den Grafen Gerhard der
im Quartiere bei uns lag
    Die Baronin schwieg Es war lange her dass Jemand ihr von ihrem Bruder
gesprochen hatte In der Welt in welcher sie lebte wusste Jedermann dass sie
mit ihrer Familie zerfallen war und man hütete sich sie daran zu erinnern
aber sie hatte in den bangen Stunden in welchen sie zu sterben geglaubt sich
lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutter gesehnt und hier in diesem
Hause in dem sie fremd unter Fremden einer Liebe teilhaftig wurde welche
sie an ihr Vaterhaus gemahnte hier plötzlich von ihrem Bruder reden zu hören
kam ihr wie ein Gruß aus fernen Tagen wie ein Gruß der Ihrigen vor
    Sie kennen meinen Bruder fragte sie endlich
    Ob ich ihn kenne rief Madame Flies und erging sich in einer Schilderung
des Grafen in einer weitläufigen Erzählung der kleinen Erlebnisse die man hier
im Hause zur Zeit seines Aufenthaltes mit ihm gehabt um dabei der Bewunderung
gedenken zu können welche er ihrer Tochter gezollt und es mit lebhaftem
Kopfschütteln völlig unbegreiflich zu finden dass er ihres Hauses und ihrer Seba
niemals gegen die Schwester Erwähnung getan habe
    Angelika schwankte unentschlossen Jene Schamhaftigkeit der Seele welche
die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr wirklicher Würde ist machte sie
davor zurückschrecken einer Frau welcher eben diese Eigenschaft fehlte ein
Vertrauen zu beweisen das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war aber
sie mochte auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen lassen
denen sie sich selbst zu so großem Danke verpflichtet fühlte und die Rücksicht
auf Andere trug es bei ihr über ihr eigenes Empfinden fort Ich habe meinen
Bruder seit Jahren nicht gesehen sagte sie nach langem Zögern leise und
begütigend
    Indes sie hatte selbst diese Äußerung zu bereuen denn nun der Damm der
strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen war überstürzte Madame Flies die
Kranke mit den Fragen ihres beschränkten Erstaunens ihrer scharfsichtigen
Neugier und wie man sich von der harmlosen und doch quälenden Zudringlichkeit
eines Kindes nur um der Beunruhigung zu entgehen oftmals mehr entlocken lässt
als man ihm irgend zuzugestehen dachte so fand Angelika als Madame Flies sich
zurückzog dass sie solcher anmassenden Herzlichkeit in ihrer Umgebung nicht
gewohnt der Fragenden mehr weit mehr anvertraut als sie irgend beabsichtigt
hatte Aber auch sie meinte erfahren zu haben was ihr bisher nicht deutlich
gewesen war Sie meinte jetzt zu wissen weshalb Seba sich nicht verheiratet
hatte weshalb ihre dunkeln Augen oft so traurig und forschend auf ihr ruhten
ja weshalb ihre Zärtlichkeit sie so warm umfing und Seba wurde ihr nur
werter seit die Baronin sich sagen konnte auch sie liebte hoffnungslos auch
ihr traten die Schranken entgegen welche die Stände von einander halten auch
sie hat es gekannt das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen und sie
ist besser als Du denn keine Pflicht verbot ihr frei über ihre Liebe zu
verfügen und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl
    In dem einsamen Sinnen des Tages in dem schlaflosen Brüten der Nächte hatte
Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten sich Bekenntnisse gemacht wie
man sie nie vor einem Andern wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen
vermag denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen
das er nicht Preis geben kann ohne das geheime Band zu zerreißen welches die
Elemente seines Wesens zusammenhält ohne sich des freien Willens zu entäussern
der ihn zu einem selbstständigen Menschen eben zu dem Menschen macht als
welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet Jedes
Bekenntnis welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt ist daher immer
ein bedingtes Die Persönlichkeit die Meinung der Glaube dessen vor dem wir
sprechen wirken auf uns zurück und hüllenlos schrankenlos wahr vermag der
Mensch nur gegen sich selbst zu sein wenn Geständnis und Urteil aus gleicher
Quelle entspringend in Eins zusammenfallen
    So lange sie sich in der Nähe und unter der geistigen Obhut des Kaplans
befunden hatten sein religiöser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem
Schwanken bewahrt Sie hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glücke
eine Sünde in ihrer Brust gescholten Das Beispiel des Kaplans hatte sie zur
Entsagung ermahnt und wie der Freiherr es auf seine Weise tat hatte auch sie
danach gestrebt sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung mit
der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trösten und von dem
Schicksale damit abgefunden zu glauben
    Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehören ihm nur an wie die
Frucht dem Samenkorn angehört Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen
Entwickelung wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äußeren Umstände
bedingt und seit Angelika nicht mehr im Schloss weilte seit sie nicht mehr
ausschließlich von ihren Standesgenossen umringt nicht mehr von der
Unterwürfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward fing die Welt an ihr
verwandelt zu dünken weil der Blick sich änderte mit dem sie in ihr Inneres
und in das Leben schaute
    Von dem Tage ab an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war hatte die
Ruhe sie geflohen Schwere Enttäuschungen Sorge um seinen Gemütszustand
Gewissenszweifel religiöse Kämpfe und Familienzerwürfnisse hatten ihre Seele
nicht zum Frieden gelangen lassen ehe die Herzogin ein Gast des freiherrlichen
Hauses geworden war und seit dem Erscheinen dieser Frau war Angelika nicht nur
sich selber sondern war ihr auch der Mann verloren gegangen dessen Namen sie
trug und dem sie sich für gute und für böse Tage unauflöslich verbunden hatte
    Jetzt da sie nicht mehr täglich auf die Unternehmungen und auf die
Handlungsweise der Herzogin zu achten hatte da die Anforderungen
augenblicklicher Notwehr sie nicht mehr in Beschlag nahmen und sie mit
nachdenkender Prüfung auf die vergangenen Jahre zurückblicken konnte wurden
ihre Erlebnisse ihr klar und rätselhaft deutlich und fast unbegreiflich zu
gleicher Zeit Sie konnte sich die Liebe nicht wegläugnen welche sie für
Herbert hegte aber sie vermochte sich es jetzt völlig darzulegen mit welcher
berechneten Arglist die Herzogin sie dahin gebracht hatte sich eine Neigung für
den jungen Architekten zuzutrauen und wie schlau und geflissentlich sie
dieselbe in ihr zu nähren ja selbst durch ihr Abmahnen anzufeuern verstanden
habe Sie erinnerte sich mit welchem Erschrecken es sie erfüllt als die
Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe für Herbert vor das Auge
geführt sie durfte sich sagen dass sie redlich dagegen angekämpft habe und
wenn sie daneben auf die Verwicklungen auf das Unglück blickte das über sie
gekommen war das ihrem ganzen Hause drohte so vermochte sie sich nicht wie
der Freiherr fest auf sich selbst zurückzuziehen sondern sie fragte sich
Warum ward mir dieses Schicksal Warum legte Gott mir Prüfungen auf die zu
bestehen er mich zu schwach gemacht hat Grade jetzt wo sie des festen
gottvertrauenden Glaubens nötiger als jemals hatte versagte er sich ihr und
ihr Verlangen nach der beruhigenden Nähe des Kaplans steigerte sich an ihrem
Trostbedürfnisse obschon sie eben in ihrem gegenwärtigen Leiden die Führung und
Fügung einer höheren sie erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt
war
    Krank und im höchsten Grade hülfsbedürftig hatte sie sich in einem
bürgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden Familie angewiesen gefunden
Keine Verwandtschaft keine gemeinsame Erinnerung keine Gleichheit der
Gesinnungen nicht einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen Man
hatte die Baronin von Jugend auf gelehrt die Bürgerlichen gering zu schätzen
die Juden zu verachten ihre Wirte ihre Pflegerinnen die das wussten ließ
sie es nicht entgelten sondern umgaben sie mit einer Liebe die ihr das Herz
erwärmte und es ihr dartat was der Mensch dem Menschen über alle
Verschiedenheit des Glaubens der Meinung und der Bildung hinaus zu sein vermag
Sie hörte es gar nicht mehr was ihr Anfangs in der Sprache des jüdischen
Kaufmanns auffällig gewesen war sie merkte die Verstösse gegen die gute Form
nicht mehr welche Madame Flies sich in ihrem Eifer häufig zu Schulden kommen
ließ Sie sah nur das uneigennützige Wohlwollen mit welchem man sie bediente
nur den Eifer mit dem man ihre Wünsche zu erraten strebte sie fühlte nur die
Güte von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward und oftmals meinte sie sich
ihrer allmählichen Genesung nur darum zu erfreuen weil ihre Pflegerinnen sich
über dieselbe so glücklich bezeigten Sie vergaß es fast dass sie vornehm sei
so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirte Nur der Dank der Kranken
der jungen Frau gegen die ältere mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig
wenn Madame Flies sich neben ihr bemühte und die Baronin hatte es bald genug
erlernt wie die Stunde der Not die Schranken niederwirft welche die Stände
von einander halten sie lernte es in ihrer Hinfälligkeit wie erhebend es sei
bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner erbarmender
Menschenliebe zu begegnen
    Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht dass die Familie Flies
künftig das Haus von Fräulein Ester das von Artensche Haus in der Residenz
bewohnen werde die Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt jetzt konnte sie
mit völliger Ruhe daran denken Denn obschon ihr Befinden sich besserte sagte
ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung dass ihr Lebensziel ihr nicht allzu
fern gesteckt sei und vor dem Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die
Vorstellung von der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer
mehr ihre Schrecken für sie bis sie ihr als eine Notwendigkeit ja fast als
eine Wohltat zu dünken begannen Wie den Freiherrn der Gedanke an die
Wandelbarkeit und Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung
seines Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte so machte die gleiche
Erkenntnis seine Gattin mild und weich denn das Gleiche wirkt verschieden je
nach dem Boden auf den es fällt je nach den Elementen mit denen es sich
vermischt
    Muss ich doch meinen eigenen Leib meines Geistes Haus in Staub zerfallen
lassen sagte sich Angelika wie dürfte michs betrüben dass ein Haus von Stein
und Mörtel nicht auf ewige Zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt deren Väter
es errichteten Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von
Gott empfangen mag er sich auch gleich seinen Ahnen sein eigenes Haus
erbauen und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden Hause weilten und von
seinen Bewohnern Gutes erfuhren Liebe gewannen so mag die schöne Seba in
Gottes Namen in dem Hause leben das wir unser eigen nannten und das ich einst
bewohnte nur  fügte sie seufzend hinzu  möge sie dort glücklicher werden als
ich
 
                                 Achtes Kapitel
Sie haben sich lange erwarten lassen sagte der Freiherr als an einem Abende
der Kaplan bei ihm eintrat und fast wäre Ihre Gegenwart hier nicht mehr
gefordert denn ich kann Sie mit der erfreulichen Kunde empfangen dass die
Baronin ihrer Genesung entgegengeht Wir sind also hoffentlich zum Längsten hier
gewesen und werden die Schwüle der Stadt bald mit unserer frischen Luft
vertauschen können nach der auch unsere Kranke zu verlangen anfängt Aber was
bringen Sie uns lieber Freund der Sie von Hause kommen
    Zuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Eintreffens
    Lassen Sie das lassen Sie das Unser ruhiges Leben hat Ihnen die Gewohnheit
schnellen Aufbrechens genommen ich kenne das und im Grunde war das niemals
Ihre Sache rief der Freiherr anscheinend in der besten Stimmung Ich hoffe
nur dass nicht ein Unwohlsein Sie zurückgehalten hat
    Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können dem Rufe der Frau Baronin
und meiner Pflicht zu folgen sagte der Geistliche mit einer ernsten
Zurückhaltung die den Freiherrn zu der Frage veranlasste Sie hatten also andere
Gründe die Sie zum Verweilen zwangen
    Ja Herr Baron und sie waren nicht so erfreulich als die angenehme Kunde
mit der ich hier empfangen werde Da aber in allem Unglück sich immer noch etwas
findet was man zu segnen hat so möchte ichs ein Glück nennen dass die Frau
Baronin und die Frau Herzogin eben jetzt von Hause fern gewesen sind
    Der Freiherr sah den Geistlichen fest an und sagte Sie lassen mich sehr
langsam erfahren was Sie mir zu sagen haben es ist also sicher etwas recht
Verdriessliches geschehen
    Leider mehr als das sprach der Kaplan Am Mittwoch vor Pfingsten langte
der Wagen in Richten an den man zum Abholen des Standbildes nach der Stadt
gesandt hatte und der Verabredung gemäß wurde es gleich nach Rotenfeld
gebracht um dort vor der Kirche abgeladen und ausgepackt zu werden Da die
Vorbereitungen für die Aufstellung im Voraus getroffen waren gab der Bauführer
denn auch die Weisung mit der Errichtung der Gruppe sofort zu beginnen
    Und durch die Ungeschicklichkeit unserer Arbeiter ist sie beschädigt worden
rief der Freiherr
    Nein Herr Baron Der Bildhauer selbst hat sie wie er übernommen
herausgebracht und auch die Auspackung besorgt
    Und die Arbeit wie ist sie ausgefallen unterbrach der Freiherr den
Geistlichen noch einmal
    Es war eine lobenswerte Arbeit die Gestalt des Christus recht edel der
Kopf voll Ausdruck und auch die Figur der büssenden Magdalena nahm sich schön
und charakteristisch aus
    Sie sagen es war eine schöne Arbeit die Figur nahm sich gut aus  was soll
das heißen fragte der Freiherr
    Das Standbild ist zerstört berichtete der Geistliche und sein Ton und
seine Miene verrieten die Empfindung welcher er das Wort nicht gab
    Zerstört Und wie durch wen rief der Freiherr lebhaft
    Durch geflissentlich erregten Glaubenshass antwortete der Kaplan mit jener
Selbstbeherrschung welche ihm zur Natur geworden war
    Den Freiherrn jedoch verließ in diesem Falle seine Fassung und mit dem Fuße
stampfend rief er heftig Unerhört Das ist ganz unerhört Sind denn jetzt alle
Teufel los  Aber er bereute diese Aufwallung eben so schnell und sich
niedersetzend während er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies sprach er
Man sollte sich eigentlich in diesen Zeiten über nichts mehr wundern und auf
jede Art von Ausschreitungen vorbereitet sein dennoch überrascht uns wenn uns
widerfährt was wir Andere in gleicher Weise erleben sahen Verzeihen Sie meine
Aufwallung und fahren Sie fort Halten Sie mir nichts zurück mein Freund ich
bin jetzt vollkommen vorbereitet
    Am Mittwoch fuhr der Kaplan fort war wie gesagt die Gruppe angekommen
Samstags als die Feierstunde nahte hatte man die Arbeit des Aufstellens
beendet ich fuhr also nach Rotenfeld das Geleistete zu betrachten Die Gruppe
gereichte dem ganzen Baue zur Zierde man konnte in jeder Weise seine Freude
daran haben Man hatte keine Schwierigkeiten keine Störungen irgend welcher Art
bei der Aufrichtung gehabt Die Arbeiter welche niemals ein Kunstwerk gesehen
hatten es angestaunt nun standen die Kinder draußen an dem Gitter und
betrachteten es neugierig Des Försters Sohn ein aufgeweckter Knabe fragte
mich ob das die Mutter Maria sei die an dem Kreuze kniee Als ich ihm Bescheid
gab ging der Kandidat vorüber Er war wie immer zum Pfingstbesuch zu seinen
Eltern nach Neudorf gekommen aber er hatte sich was er doch sonst zu tun
pflegte bei mir nicht sehen lassen
    Der Bursche war mir stets zuwider bemerkte der Freiherr den Erzähler
unterbrechend und er weiß es dass seine ehrgeizige Scheinheiligkeit wie man
diese Richtung von oben her jetzt auch beschützt bei mir ihre Wirkung verfehlt
    Um so größer und unheilvoller war aber die Wirkung welche er auf die
Gemeinde übte berichtete der Geistliche der sich geflissentlich jedes Urteils
enthielt und sich nur auf die Mitteilung der Tatsachen beschränkte In der
Absicht die Leute an ihn zu gewöhnen hatte der Pfarrer seinen Sohn wie seit
Jahren auch jetzt wieder am zweiten Feiertage für sich die Predigt halten
lassen und der Kandidat mochte die Abwesenheit der Herrschaften für den
geeigneten Zeitpunkt angesehen haben in welchem er seinem Zorne gegen unsere
Kirche einmal Luft machen und bei seinen Vorgesetzten sich damit eine geneigte
Anerkennung verdienen könne Die Aufstellung des Standbildes meine zufällige
Unterredung mit dem Knaben deren Zeuge der Kandidat eben so zufällig geworden
war boten ihm dazu den erwünschtesten Stoff und Anlass und er hat sich denn in
den heftigsten Ausdrücken in jenen landläufigen Redensarten gegen den
Baalsdienst gegen die Götzenanbetung gegen die heimliche Verführung zu
derselben und gegen unsere Kirche überhaupt so lange gehen lassen bis er es
der Gemeinde endlich förmlich an das Herz gelegt sich über die Gewalt zu
beschweren die man ihr mit dem Baue der Kirche angetan habe und die
Errichtung von Götzenbildern in dem Lande der reinen Lehre nicht zu dulden
    Die Frechheit kennt nicht Maß nicht Ziel rief der Freiherr sich von
seinem Sessel erhebend Und die Leute wie verhielten sie sich Was taten sie
    Es traf sich übel dass ihrer Aufregung eine Gelegenheit sich zu bekunden
dargeboten wurde Missgestimmt waren sie seit langer Zeit und die Menge liebt es
ja Alles worunter sie zu leiden hat oder wovon sie sich beeinträchtigt glaubt
auf eine und dieselbe Ursache und Quelle zurückzuführen Als die Leute von
Neudorf aus der Kirche nach Rotenfeld zurückkehrten machten die Kammerjungfer
der Frau Herzogin und der Koch eben ihren FeiertagsSpaziergang Aus ihrer
Heimat des Anblicks gewohnt den das Standbild ihnen darbot warfen ihr
religiöses Gefühl und ihre Rührung bei dem Gedanken an das verlassene
unglückliche Vaterland sie betend zu den Füßen des Heilandes nieder  Sie
knieend im Gebet erblicken an ihrer Andacht Ärgernis nehmen und diesem Ärger
Ausdruck geben war bei den vorübergehenden Leuten Eines Wir wollen unseren
Sabbat nicht durch Götzendiener schänden lassen rief eine Stimme und als
hätte es nur dieses Anstoßes bedurft so erhob sich von allen Seiten der Ruf
Nieder mit dem Götzenbilde Nieder mit den Götzendienern Jagt das fremde Pack
zum Lande hinaus
    Weiter weiter drängte der Freiherr
    Im Begriffe mich hieher zu Ihnen zu begeben kam ich mit meinem Wagen durch
Rotenfeld Schon beim Einfahren in das Dorf sah ich dass etwas Ungewöhnliches
vor sich gehen müsse und das wüste Durcheinander lärmender Stimmen zeigte mir
den Weg  Der Kaplan hielt einen Augenblick inne dann sagte er Erlassen Sie
es mir Ihnen die Szene zu schildern die ich auf dem Kirchhofe erleben musste
Die Leute kannten sich nicht in ihrer Aufregung Alt und Jung Männer und Weiber
waren über die beiden Unglücklichen hergefallen Man machte ihnen die Flucht
unmöglich man steinigte sie buchstäblich während die kräftigsten unter den
Männern das Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhieben Das
Flehen der Angstschrei der beiden Gemarterten übertönten das Geschrei und Toben
der Wütenden
    Aber war denn Niemand da der Einhalt tat fragte der Freiherr atemlos
vor zorniger Erregung Wo war der Pfarrer Wo war Steinert Wo war der
Justitiarius Und Sie selbst Kaplan 
    Sie vergessen Herr Baron dass der unselige Vorfall sich nicht in Neudorf
sondern in Rotenfeld ereignete dass der Pfarrer also nichts davon erfuhr bis
Alles vorüber war  und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen
sein Steinert war über Land gefahren und der Justitiarius der sich unter den
Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich herzukam hatte wie ich vollauf
zu tun die beiden Verwundeten 
    Verwundet  die Unglücklichen sind verwundet Aber doch nicht ernstlich es
hat doch mit ihnen keine Gefahr Kaplan
    Der Kaplan zuckte die Schultern Die Verwundung des Kochs war unbedeutend
er ist völlig davon hergestellt Mademoiselle Lise aber die ein Steinwurf an
die Schläfe traf  ist tot
    Der Geistliche hielt inne der Freiherr schloss unwillkürlich die Augen Er
sprach kein Wort Die Hände auf dem Rücken ging er mit schwerem Schritte im
Zimmer auf und nieder Ein Mord sagte er endlich tonlos ein Mord an einem
schwachen wehrlosen Weibe  entsetzlich  Und die Herzogin  wie wird sie es
vernehmen  Und wieder fing er an umherzuschreiten
    Nach einer Weile hob der Kaplan noch einmal an Auch mich hatte ein Stein am
Hinterkopfe verletzt 
    Sie Sie mein Freund rief der Freiherr in der Sorge um den altbewährten
Lebensgenossen alles Andere vergessend und an den Geistlichen herantretend
dessen Hände er in lebhafter Bewegung ergriff Darum also fiel mir Ihr übles
Aussehen auf aber freilich solch einen Anlass solch einen Grund war ich mir
nicht vermutend Und jetzt wie fühlen Sie sich jetzt
    Denken Sie nicht an mich sprach der Kaplan die Wunde war nicht schwer und
 fügte er mit seiner sanften Stimme begütigend hinzu  der sie mir schlug des
Hirten armer schwachsinniger Bube wusste in Wahrheit kaum was er getan hatte
    Der Freiherr atmete schwer auf drückte dem Geistlichen tief ergriffen die
Hand und wandte sich ab Es widerstand ihm seine Erschütterung zu zeigen Er
trat an das Fenster das auf den Markt hinaussah aber er gewahrte nichts von
dem was draußen vor seinen Augen vorging Er war einzig mit dem so eben
Gehörten beschäftigt ganz in seine Gedanken versunken So verging eine geraume
Zeit Beide Männer hielten vor einander zurück was doch ausgesprochen werden
musste und beiden ward das Schweigen drückender je länger es sich fortsetzte
    Endlich raffte der Freiherr sich zusammen Lassen Sie uns zu Ende kommen
sagte er finster und gepresst Wie verlief die Sache und wie verließen Sie die
Dinge
    Es war als ob der Unfall den ich erlitten hatte sie zur Besinnung
brächte Ein paar Frauen in meiner Nähe riefen meinen Namen sprangen mir bei
versuchten mich zu schützen Ich redete ihnen zu verlangte ihre Hilfe für die
Unglückliche der Anblick der Sterbenden erschreckte die Sinnlosen und brachte
einen Stillstand in ihre wilde Aufregung Diesen benutzte der Justitiarius Er
nannte sie Verbrecher und verlangte die Auslieferung des Mörders Sie hatten
nicht daran gedacht dass sie ein Verbrechen begangen dass sie einen Mord verübt
hatten sie schwankten ob sie dieses Bewusstsein durch neue Untat in sich
übertäuben ob sie sich durch neue Wildheit über ihr Erschrecken fortelfen oder
sich aus Furcht zerstreuen sollten
    Da haben Sie das Volk rief der Freiherr mit bitterem Hohne da haben Sie
das Volk dessen Menschenrechte man anerkennen dem man Freiheit und Gleichheit
zugestehen dem man Anteil an der Regierung des Landes zuerkennen soll Rohe
wilde Bestien nur durch Zwang zu bändigen durch Strenge und Gewalt in den
Schranken der Menschlichkeit zu erhalten  Das sind die Freiheitshelden die
jenseit des Rheines ihr Wesen getrieben haben  Kirchenschänder und Mörder Aber
so wahr Gott lebt ich denke es ihnen gründlich zu verleiden
    Ja sagte der Kaplan sie bedürfen der Zucht sie können der Führung der
Leitung nicht entbehren und werden dies jemals schwerlich können Aber soll das
Messer für die Tat einstehen die man mit ihm verübt Soll die bildungslose
Masse dafür einstehen dass man also die freie Gleichberechtigung der Culte
ausübt Soll ein armer irregeleiteter Bauernbursche es entgelten wenn man von
den Kanzeln des Landes unsere heilige Kirche schmähen darf Soll es ihm
hingehen dem unreifen jungen Manne dem lutherischen Kandidaten dass er sich
auflehnte gegen das Gesetz seines Landes gegen den Willen seines Königs der
unsere Gewissensfreiheit und unsere freie Religionsübung so gut wie die der
Andersglaubenden zu schützen hat Wollen Sie es dulden dass dieser freche
anmassende Mensch Ihren Entschließungen Ihrem freien Willen auf der Kanzel Ihrer
eigenen Kirche entgegentritt dass er Ihre Leute zur Beurteilung Ihrer
Handlungen aufreizt dass er sie zu Ihren Richtern macht  Ich für meinen Teil
habe gleich getan was meines Amtes war Ich habe noch an demselben Tage dem
Fürstbischof einen Bericht der Vorgänge eingesandt Ich habe ihn aufgefordert
bei der Regierung Beschwerde über den Angriff zu führen der durch den
Kandidaten gegen unsere freie Religionsübung vollführt ist und es müsste keine
Gerechtigkeit im Lande mehr zu finden sein wenn uns unser Recht und dem
Gottard nicht das seinige werden sollte
    Es war selten dass der Kaplan sich also lebhaft äußerte und dem Freiherrn
fiel es daher auf Er hatte in dem ruhigen Laufe der Zeiten es fast vergessen
dass sein alter Lebensgenosse noch etwas Anderes als nur sein Hausgeistlicher
dass er ein Mitglied jenes großen Klerus jenes wundervollen Organismus sei
dessen Mitglieder aus allen Schichten des Volkes hervorgehend über die ganze
Welt zerstreut in sich vereinigt und losgelöst von allen Banden der Familie
in Einem der Ihrigen gipfeln der sich die höchste irdische und geistliche
Machtvollkommenheit zuerkennt von welcher ein Teil auch dem geringsten
Angehörigen dieses Bundes übertragen wird so dass ein jeder zur Befestigung und
Stärkung des großen Ganzen mitwirkt während er sich von demselben getragen
gehoben und beschützt weiß Aber es war dem Freiherrn nicht willkommen dass der
Kaplan ihn in diesem Augenblicke an seinen Zusammenhang mit seiner Kirche
mahnte dass er für seinen Teil Maßregeln getroffen und selbstständige Schritte
getan hatte Er sah dies als einen Übergriff in seine Rechte an und er war
eben jetzt noch weniger als sonst gewillt seinen Rechten etwas zu vergeben
    Ohne daher auf die Anmahnungen des Kaplans weiter einzugehen sprach er kalt
und ernst Ehe wir daran denken dürfen die Freiheit unseres Cultus zu
vertreten scheint es mir notwendig dass den Verbrechern ihre Strafe dass
Justiz geübt werde wo gegen das Gesetz gefrevelt ward  Was hat der
Justitiarius getan
    Der Kaplan der sich zurückgewiesen sah und dies für sich und mehr noch für
die heilige Sache der er diente schwer empfand ließ den Freiherrn seine
Antwort eine kleine Zeit erwarten Dann sagte er Bei dem wüsten Angriffe den
man auf unsere unglücklichen Glaubensgenossen richtete bei der Plötzlichkeit
und Wildheit mit der Alle zugleich über die Beklagenswerten herfielen war es
nicht zu sagen wer die Tat verübt Jeder konnte Niemand wollte der Mörder
sein und noch hatte der Justitiarius nichts entschieden als Steinert von
seinem Ausfluge zurückkam Mit Einem Blicke übersah er was geschehen war mit
Einem Satze war er vom Pferde und rasch den Stephan aus Neudorf bei der Brust
fassend rief er Wers getan hat das weiß in diesem Augenblicke Gott allein
aber sein Teil Schuld wird dieser hier an all dem Unheil haben denn ich habe
sie oft genug von ihm gehört die Redensarten gegen den Kirchenbau und gegen die
Fremden und die Franzosen Er wird auch jetzt wieder der Anführer gewesen sein
Führt diesen hier vor allen Dingen weg und dann wollen wir weiter sehen das
Übrige wird sich finden
    Und was dann fragte der Freiherr dessen Miene sich belebte da er hörte
dass eine entschlossene Hand über die Aufrührischen gekommen war
    Steinert selbst übergab dann Stephan den beiden Amtsboten in dem Bestreben
sich zu rechtfertigen zieh der Verhaftete Andere der Schuld und auch diese hat
man festgenommen es sitzen ihrer acht Murrend und drohend gingen die Männer
weinend und schreiend gingen die Weiber aus einander Steinert eilte nach
Neudorf in die Pfarre Ich war nicht im Stande meine Reise an dem Nachmittage
fortzusetzen und hätte ich es vermocht so wäre es doch nicht zulässig gewesen
Ich musste bleiben um die Stelle zu weihen wo die Erschlagene ruhen sollte und
um sie zu bestatten und in Beidem habe ich keine Störungen erlitten Ich habe
ihr Grab in der Nähe des zertrümmerten Standbildes graben lassen damit die
Leute es auf ihrem täglichen Wege vor den Augen haben
    Der Kaplan schwieg der Freiherr hatte sich niedergelassen und den Kopf auf
die Hand gestützt Er schauderte zusammen aber er sagte nicht was ihn bewegte
bis er sich plötzlich mit dem Ausrufe Gleich morgen muss ich hin gleich morgen
von seinem Sessel erhob
    Um Ihre Rückkehr zu bitten hatten sowohl Steinert als der Justitiarius mir
auch aufgetragen meldete der Kaplan indem er gleichfalls aufstand
    Und weshalb das fragte der Freiherr
    Um zu begnadigen wo jene nur Gerechtigkeit zu üben hätten
    Der Freiherr blieb vor ihm stehen Und Sie würden mir raten dem Gesetze
vorzugreifen Sie würden der Meinung sein dass ich durch schwache Nachgiebigkeit
ähnlichen Freveln Tür und Tor öffne
    Ich würde die höchste Strenge für den bewussten Urheber des Frevels fordern
und Gnade üben 
    Der Freiherr fuhr auf Strenge fordern wo ich nicht zu richten habe und
freveln lassen wo ich Herr bin  Nein Kaplan Ich gehe nach Hause morgen 
aber sie sollen sich meiner Rückkehr nicht zu freuen haben sie sollen sehen
dass ich der Herr bin
    Der Kaplan versuchte Einspruch zu tun des Freiherrn Ansicht umzustimmen
aber es gelang ihm nicht
    Überzeugung gegen Überzeugung sagte der Freiherr Sie folgten Ihrem
Gewissen als Sie sich an den Fürstbischof wandten ich folge dem meinigen
indem ich mich meines Rechtes bediene mir selber Recht schaffe und ich muss der
verruchten Rotte zeigen was sie vor meinem Willen und Belieben gilt Aber vor
allen Dingen muss ich die Herzogin sehen  Und der Türe zuschreitend sprach er
zu sich selber Das ist ein schwerer schwerer Gang
 
                                Neuntes Kapitel
Der Tod und das gewaltsame Ende ihrer Kammerjungfer erschütterten die Herzogin
nicht in dem Grade in welchem der Freiherr es gefürchtet hatte Die Revolution
mit ihrer Schreckensherrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewöhnt und
die Herzogin hatte mehr verloren hatte unter dem Beile der Guillotine
zahlreiche Opfer fallen sehen die einen anderen Anspruch an ihr Herz und an ihr
Mitgefühl gehabt als ihre Dienerin wie sehr dieselbe ihr auch ergeben und
bequem gewesen war Hätte die Herzogin sich in Richten befunden hätte sie heute
die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen entbehren morgen
mühsam einen Ersatz für sie suchen müssen so würde sie ihren Verlust
schmerzlicher bedauert haben und von dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein
So aber übte die Entfernung ihre abschwächende Kraft Die Herzogin hatte daneben
die Bemerkung gemacht dass die junge Kammerjungfer der Baronin eben so brauchbar
und weniger launenhaft als die alte Mademoiselle Lise sei und die Herzogin
machte niemals einen unnützen Gefühlsaufwand wo sie nicht etwas Bestimmtes
damit zu erreichen dachte Sie nannte die Tote ein Opfer ihres frommen
Glaubens eine arme Martyrin und kaum hatte sie diese Bezeichnung für sie
gefunden als sie dieselbe mit so viel Leichtigkeit handhabte als wäre es der
Eigenname der Erschlagenen gewesen Sie war mit jedem Ereignisse fertig sobald
sie die Form gefunden hatte in der sie es betrachten und den Anderen darstellen
wollte und wichtiger als alles Übrige war ihr jetzt die Frage ob sie den
Freiherrn nach Richten begleiten oder in der Stadt zurückbleiben solle um erst
mit Angelika nach deren erfolgter Herstellung auf das Land zu gehen
    Dass man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen müsse verstand sich
von selbst Indes für die plötzlich beschlossene Abreise des Freiherrn musste man
ihr doch Gründe angeben und während man überlegte was man ihr sagen sollte
ging die Herzogin mit sich selbst zu Rate Angelika hatte seit ihrem Erkranken
sich weniger als sonst die Mühe genommen den Anschein eines guten Einvernehmens
zwischen sich und ihrem Gaste aufrecht zu erhalten Die Frauen sahen sich oft in
mehreren Tagen nicht wenn die Herzogin sich entfernte wurde also in ihrem
Verhältnisse zur Baronin nicht eben viel verändert Sie hatte neben ihr nicht zu
gewinnen und nicht zu verlieren aber dem Freiherrn konnte sie ihre Freundschaft
beweisen wenn sie sich erbot ihn in einem Augenblicke zu begleiten in welchem
widerwärtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in Anspruch nahmen
    Während er es noch mit gewohnter Rücksicht überdachte wie er in seiner
Abwesenheit am besten für das Behagen der Herzogin sorgen könne hatte diese
ihren Entschluss gefasst und sanft ihre Hand auf seinen Arm legend sagte sie
Heute mein Freund behandeln Sie mich nicht nach meiner Würde denn nicht nur
in der Ehe auch in der Freundschaft verbindet man sich für gute und für üble
Tage Sie können nicht glauben dass ich hier verweilen werde wo ich Niemandem
von Nutzen bin und dass ich Sie allein nach Richten gehen lasse wo es mir
vielleicht doch hier und da gelingt Ihnen mit meinem Geplauder über eine
verdrießliche Stunde fortzuhelfen und wo Sie an mir wenigstens eine
verständnissvolle Zuhörerin besitzen wenn Sie sich zu irgend welchen
Mitteilungen aufgelegt fühlen Das muss feststehen unter uns dass ich Sie jetzt
begleite und ich meine auch unsere Kranke wird den Kaplan ruhiger bei sich
behalten wenn sie weiß dass Sie mein Freund deshalb nicht ohne Gesellschaft
bleiben müssen
    Der Freiherr der wie gar viele Menschen jedes Opfer welches ihm die
Seinigen brachten als selbstverständlich ansah aber die geringste
Gefälligkeit welche ihm von Fremden bewiesen ward hoch anzuschlagen liebte
weil er darin eine doppelte Befriedigung seiner Eitelkeit fand nahm das
Anerbieten der Herzogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an und nachdem man
sich über diesen einen Punkt verständigt hatte legte alles Übrige sich leicht
zurecht Man sagte der Baronin dass eine schwere Krankheit von Mademoiselle Lise
den Kaplan so lange in Richten zurückgehalten habe dass die Kranke nach der
Herzogin verlange und dass diese sich bewogen fühle den Wunsch ihrer
vieljährigen Dienerin zu erfüllen Allein reisen konnte man die Herzogin nicht
lassen und da der Kaplan eben erst angekommen der Freiherr aber lange von
Richten entfernt war so lag es nahe dass der Letztere die Herzogin nach Hause
geleitete und dass er den Vorschlag tat auch Renatus mit sich zu nehmen für
welchen man den Aufenthalt in der Stadt bei der heißen Jahreszeit nicht
vorteilhaft glaubte
    Die Baronin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden ja sie selber
machte den Vorschlag der Herzogin ihre Kammerjungfer ein für alle Mal
abzutreten da sie sich künftig von Mamsell Marianne bedienen zu lassen dachte
und Seba hatte kaum davon gehört als sie sich erbot die Pflege und Wartung der
Baronin ausschließlich über sich zu nehmen bis Marianne die man sogleich
benachrichtigen wollte aus der Residenz bei ihrer Herrin eintreffen würde
Indes dem Freiherrn wollte das nicht gefallen Er war gerecht genug die Dienste
zu schätzen welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte aber er konnte den
Zusammenstoß nicht vergessen den er um Pauls willen mit Seba gehabt
Allerdings hatte ihr ruhiges und gleichmässiges Betragen ihm später keinen Grund
zum Missfallen gegeben und wenn er die Angelegenheit nur von Seiten der
Bequemlichkeit betrachtete so konnte er es gar nicht besser wünschen Beide
Frauen die Herzogin und Angelika wurden zufrieden gestellt beide wusste er
bedient wie sie es bedurften die Abreise brauchte durch die Wahl einer
Kammerjungfer für die Herzogin nicht um eine Stunde verzögert zu werden und man
hatte für die Zukunft eine angemessene Verwendung für Marianne gefunden während
man den Aufwand für die Bedienung der Baronin sparte Aber mit der
fortschreitenden Erholung seiner Frau regte sich in dem Freiherrn ein immer
lebhafteres Bedenken dagegen sie überhaupt in dem Hause des Juweliers zu
lassen weil Herbert in demselben wohnte
    Er hatte augenblicklich daran gedacht als die Baronin erkrankte aber er
hatte Herbert abwesend gewusst und sich damit beruhigt dass Angelika das Haus
verlassen haben werde ehe jener in dasselbe wiederkehre Nun da er seine
Gattin allein zurücklassen sollte musste er sich fragen ob sie von jenem
Umstande Kenntnis habe ob und in wie weit Seba von den obwaltenden
Verhältnissen unterrichtet sei und in wie fern er sich auf ihre Zurückhaltung
verlassen könne Mit Angelika jetzt von Herbert zu sprechen hielt er nicht für
ratsam gegen die Fliessche Familie irgend eine Abmahnung zu äußern hätte ihm
eine Beleidigung seiner eigenen Ehre gedünkt und nachdem er in seinem Geiste
das Für und Wider schnell erwogen gab ein Blick auf die Gestalt Angelikas für
seine Entscheidung den Ausschlag
    Er hatte immer nur von der baldigen und völligen Herstellung seiner Frau
gesprochen weil es ihm töricht dünkte sich unabweisliche Trübsal im Voraus zu
vergegenwärtigen aber jetzt da er seine Entschlüsse danach zu fassen hatte
verbarg er sich es nicht was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen Angelika
hatte keine völlige Herstellung zu erwarten er hatte von der Zukunft dieser
Frau nicht viel zu hoffen nichts mehr zu befahren Er konnte und musste ihr zu
seiner eigenen Genugtuung gewähren was sie wünschte was sie freute Er gönnte
ihr also auch die Gesellschaft Sebas er gönnte ihr den Aufenthalt im
Fliesschen Hause in dem man zu größerer Beruhigung der Scheidenden auch dem
Kaplan ein Unterkommen anbot und zufrieden sich allen Teilen gefällig zeigen
zu können durfte der Freiherr sich das Zeugnis geben dass er unter diesen
Umständen das Richtige tue wenn er Angelika der Pflege Sebas überlasse und
sich getrösten dass er auch in Richten das Notwendige und Rechte zu tun nicht
versäumen werde
    Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn nun schnell
gemacht und da die Baronin zuversichtlich hoffte dass sie in nicht zu ferner
Zeit den Scheidenden werde folgen können trennte sie sich von ihrem Gatten und
selbst von ihrem Sohne weniger schwer als man es für sie gefürchtet hatte
    Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren die Ereignisse traurig
genug welche ihre Abreise aus der Stadt veranlassten und doch atmeten beide
freier auf als sie sich auf dem Wege fanden Keiner von ihnen vermisste die arme
Kranke jeder von ihnen fühlte sich fern von ihr erleichtert Der Freiherr hatte
doch gar manche Stunden in denen er es sich nicht wegleugnen konnte dass er
von aufgestachelter Eifersucht verblendet eine schwere Ungerechtigkeit gegen
seine Frau begangen habe welche sie mit einer Ergebung trug die ihm dieses
Unrecht beständig ins Gedächtnis rief Es kamen Augenblicke in welchen er die
Trennung die er freiwillig und vermessen über sich und seine Frau verhängt
hatte als einen unheilvollen Schritt beklagte und in denen Gewohnheit und
aufwallende Neigung ihn zu ihr ziehen wollten aber wo in einer Ehe
selbstsüchtiger Stolz einmal die Alles umfassende und tragende Liebe
zurückgedrängt hat wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist da
flüchtet die kleinste Misshelligkeit sich in den Riss nistet sich ein schlägt
Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen Misshelligkeit zusammen
bis sie stark genug werden den Riss zu erweitern und der Bruch wird vollends
unheilbar wenn wie in dem freiherrlichen Hause ein scharfes Auge und eine
geschickte Hand bereit sind dem natürlichen Lauf der Dinge arglistig
nachzuhelfen Der Freiherr wusste dass seine Gattin unglücklich war er fühlte
sich auch nicht glücklich aber die Herzogin verstand es jede der Baronin
günstige Stimmung in dem Freiherrn entweder zu verbittern oder zu unterdrücken
und was im Beginne nur ein müssiges Spiel für sie gewesen war ihr allmählich zum
Lebenszweck geworden
    Sie hatte am Anfange weder für den Freiherrn noch für Angelika eine
besondere Vorliebe gefühlt aber die Leichtigkeit mit welcher dieser sich für
ihre selbstsüchtigen Zwecke benutzen und ausbeuten ließ und das heimliche
Widerstreben gegen ihren Einfluss das zu allen Zeiten immer wieder in der
Baronin rege geworden war bis es sich zu einem entschiedenen Misstrauen und
einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die Herzogin gesteigert hatten auch
die Empfindungen der letzteren bestimmt und sie fand ein Wohlgefallen daran es
sich auszusprechen dass sie ihrem guten Vetter dem Freiherrn eben so ergeben
sei als sie dessen kränkelnde empfindsame und für ihn in keiner Weise passende
Gemahlin hasse Ja dieser Hass war ihr zum eigentlichen Genuße geworden weil
er eine starke mächtige sie immer belebende und antreibende Empfindung war
Sie liebte sie pflegte diesen Hass in sich
    Es versetzte sie in die beste Laune nun einmal aller Rücksichtnahme für
Angelika enthoben zu sein und auch der Freiherr fand es leichter und
angenehmer die geistreiche witzige mit allen Dingen leicht und schnell
fertige Herzogin zu unterhalten als eine Kranke neben sich zu haben deren
kummervolles Herz deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen
ließ mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren
    Das Wetter war schön die Gegend durch die man fuhr zeigte sich im
günstigsten Lichte die Unbequemlichkeiten welche das Reisen in jenen Tagen
immer noch mit sich brachte wurden bei der guten Jahreszeit wenig fühlbar und
die Herzogin hatte in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und
Entbehrungen ertragen lernen dass diese Reise an des Freiherrn Seite ihr in der
Tat Vergnügen bereitete Seine Zuvorkommenheit und ihre Dankbarkeit seine
Galanterie und die heitere Gefallsucht die geistvollen Frauen nie verloren geht
und sie selbst im späten Alter den Männern noch zu erwünschten
Gesellschafterinnen macht steigerten sich an einander und ihre
Gleichaltrigkeit ließ sie beide immer leicht vergessen dass die Tage der Jugend
so fern hinter ihnen lugen Der Freiherr betraf sich mehrmals bei dem Bedauern
dass er der Herzogin nicht vor zwanzig vor fünfundzwanzig Jahren so nahe
gestanden habe als jetzt auch sie selber dachte daran dass es sich mit einem
Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätte leben lassen wenn er ihr
wie ihr Gatte einen Herzogstitel zu bieten gehabt hätte und wie die Kindheit
es liebt sich spielend in das Alter der Erwachsenen hinein zu denken so
gefielen die Reisenden sich darin von ihren Erinnerungen die hellen Farben der
Jugend zu entlehnen um sich mit ihnen vor sich selbst zu schmücken Sie
spielten mit einander Jugend wie die Kinder Alter spielen und auf das beste
unterhalten durch den Selbstbetrug einander noch mehr angenähert als je zuvor
schwanden die Reisetage ihnen so anmutig dahin dass der Freiherr fast des
Anlasses vergaß der ihn in die Heimat zurückgerufen hatte
    Indes mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er sich der Gedanken die
er gern geflohen doch nicht mehr entschlagen und die Herzogin bemerkte wie er
still und stiller wurde Es war spät am Nachmittage als sie den Wald
erreichten der sich von der Grenze bis nach Neudorf hinzog Die Hitze war
während der letzten Wochen sehr groß gewesen die Sonne stand noch hoch Wie mit
rotem Golde übergossen glühten die braunen Stämme der Kiefern und über ihren
breiten grünen Dächern auf ihren leuchtenden Wipfeln flammte das heiße Licht
Kein Luftauch störte die Stille in dem weiten Walde dessen mächtige schlanke
von ihren reichen Kronen überwölbte Stämme sich wie die Hallen eines Tempels
weithin vor den Reisenden ausdehnten Man meinte es zu sehen wie die brütende
Hitze den harzigen Stämmen ihren balsamischen Duft entlockte und wie aus den
einzelnen moorigen Wiesen die sich zwischen dem Walde hinzogen die letzte
Feuchtigkeit entwich Lautlos flogen die Vögel von Zweig zu Zweig nur die Käfer
summten und langsam wie beladen mit zu schwerer Bürde flogen einzelne Bienen
über den Wagen hin während hellfarbige Schmetterlinge ihm in gaukelndem Fluge
paarweise folgten
    Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäftig den Wagen
zurückgeschlagen und in dem Walde umherschauend sagte der Freiherr indem er
sich mit leichter Hand die Stirn trocknete Ah endlich auf eigenem Grund und
Boden endlich in freier heimischer Natur
    Die Herzogin sah ihn an als wolle sie sich überzeugen ob er ernstaft
spreche und sagte dann lächelnd Gewisse Dinge kann ich auch meinen ältesten
und besten Freunden immer nur mit Mühe glauben und dass Sie mein Cousin sich
wirklich an der rohen Natur erfreuen können dass es Ihnen Vergnügen macht das
Gras auf einer Wiese und das Wasser in einem Bache zu betrachten davon werden
Sie mich nicht überreden Überlassen wir das den Leuten die wie der Apostel
der Uncultur wie der grillenhafte unerzogene Rousseau in der Gesellschaft
ihren Platz nicht zu behaupten und mit ihres Gleichen nicht zu leben verstehen
Wir die wir in unserer Väter Schlössern geboren wurden dünkt mich sind nicht
dazu gemacht die Neigungen der gefiederten Waldbewohner und der in Hütten
Geborenen zu teilen Die Bewunderung der Natur ist mir ein zu bürgerliches
Vergnügen ist revolutionärer als es scheint und ich für meinen Teil  ich
fühle sie nicht
    Der Freiherr bei welchem solche Einfälle der Herzogin sonst einen schnellen
Wiederhall fanden nahm diesen nicht mit der erwarteten Bereitwilligkeit auf
Das verdross sie sie lehnte sich in die Wagenecke zurück in der Gewissheit dass
ihr Reisegefährte seine Unachtsamkeit bald zu vergüten streben werde Aber ihre
Voraussetzungen täuschten sie und von der Wärme ermüdet von der sanften
Bewegung des Wagens gewiegt ließ sie die Augenlider sinken und bald hatte der
Schlummer sie überwältigt
    Dem Freiherrn kam das sehr gelegen Seine Freude an dem eigenen Grund und
Boden währte dieses Mal nicht lange Schon als er nach der Stadt gefahren hatte
er mit Missvergnügen gesehen wie stark die Waldungen mitgenommen waren Grade
die mächtigsten Stämme die Zierden und der Stolz des Waldes waren mit diesem
Teile der Waldungen der unbarmherzigen Axt erlegen und jetzt wo er von der
andern Seite kommend in die Ferne sah fand er die Gegend so verändert dass sie
ihm fast wie fremd erschien Gleich am Eingange des Waldes konnte man die
Neudorfer Kirche welche sonst erst am Ausgange desselben sichtbar gewesen war
erblicken Es nahm sich nicht übel aus es mochte auch vorteilhaft sein dass
man das große Terrain zur Seite des Weges gerodet hatte denn es war schwerer
Boden der nach gehöriger Behandlung guten Ertrag versprach Aber alle diese
Aenderungen waren nicht freiwillig gemacht sie waren von einer Notwendigkeit
geboten worden und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen
Besitzers mit dem der Freiherr auf den weiten schönen Teil des Waldes
blickte der nach den abgeschlossenen Kontracten im nächsten Herbste auf Betrieb
des Käufers fallen musste Er genoss diese Natur nicht mehr rein er berechnete
ihren Ertrag
    Er konnte sich nicht verbergen dass er eine völlige Änderung in seiner
Lebensführung eintreten lassen müsse wenn er erhalten wollte was noch sein
war wenn er auf Renatus vererben wollte was er überkommen hatte Aber wie er
auch darüber sann er fand nicht dass er ein Ungehöriges getan er hatte immer
nur das von seinen Verhältnissen Geforderte geleistet und er war so völlig mit
seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen dass ihm eine wirkliche
Einschränkung unmöglich dünkte Dass ein Edelmann von Haus und Hof vertrieben
wie seine Freundin heimatlos und flüchtig werden könne das begriff er und
fast däuchte ihm dieses Loos erträglicher als inmitten seiner Standes und
Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen oder eine Stufe von der Höhe
hinunter zu steigen auf welcher die Herren von Arten sich hierlands seit
Generationen behauptet hatten Er wiederholte es sich dass er in seinem vollen
Rechte sei er versuchte endlich sich es klar zu machen dass im Grunde gar
nichts geschehen sei ihn zu beunruhigen denn was war es denn so Wichtiges dass
man ein altes unbehagliches Haus verkaufte oder dass man Wälder ausschlagen
ließ um die Mittel für einen großartigen Bau und für neue Cultivirungen zu
schaffen Man konnte in der Residenz wenn man es wollte ein schöneres
bequemeres Haus erbauen und die Herrschaft hatte des Waldes von allen Arten
noch genug Indes wie oft er sich dies Alles auch wiederholte es wollte ihm das
Wohlgefühl nicht wiedergeben mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes
ihn erfüllt und es waren lauter unerfreuliche Bilder lauter trübe
Vorstellungen die sich in seinem Geiste entwickelten
    Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor Er wurde achtsam
die Sonne schien nicht mehr durch das Laub Er hörte den Ton des Regenpfeifers
und nicht fern vom Wege klopfte und hämmerte der Specht Das Wetter hatte sich
geändert während sie durch den Wald gefahren waren Es überlief den Freiherrn
fröstelnd Auch in seiner Seele klopfte und mahnte es heute gar vernehmlich und
sich in seinen leichten weißen Reisemantel hüllend sagte er halblaut und
seufzend zu sich selber Es ändert sich eben Alles es währt hienieden nichts 
Aber er unterdrückte die Gedankenreihe welcher der Ausruf entsprungen war wie
jene welche sich an ihn knüpfen wollte
    Von dem Luftwechsel erwachte die Herzogin Man hatte das freie Feld
erreicht einzelne Dohlen schwangen sich mit versuchendem Flügelschlage von dem
Boden auf hoben die Köpfe als wollten sie sehen woher der Wind komme und
flogen dann dem Walde zu Krächzend und mit schallendem Flattern folgte ihnen
die ganze Schaar Wir bekommen ein Gewitter sagte der Freiherr die Krähen
suchen Schutz Aber ich hoffe dass wir Richten noch erreichen bevor das Wetter
aufkommt
    Die Kutscher trieben die Pferde an man fuhr schnell an den Gegenständen und
an den Menschen vorüber Auf den Wiesen war Alles in voller Tätigkeit man war
in der HeuErnte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter wenigstens die
wartenden Wagen noch voll zu laden um sie womöglich trocken unter Dach zu
bringen Trotzdem erregte das Erscheinen der beiden Reisewagen ein großes
Erstaunen Niemand war von der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen und
man hielt erschrocken mit der drängenden Arbeit inne Die Mützen flogen bei dem
Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Untertänigkeit von den Köpfen aber die
Gesichter lachten nicht so freudig wie sonst wenn der Freiherr nach längerer
Abwesenheit heimzukehren pflegte Man fragte einander was diese unerwartete
Ankunft zu bedeuten habe aber man war nicht begierig die Antwort des Befragten
zu vernehmen und dass die Herzogin bei dem Freiherrn saß während die Baronin
nicht mitgekommen war das steigerte die unheimliche Angst von welcher die
Leute sich in der Erinnerung an ihre Missetat ergriffen fühlten
    Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommen werden sondern trat
lieber hinter seinen Nebenmann zurück denn sie dachten wen der Herr ins Auge
fasse auf den richte sich sein Verdacht so wie sein Zorn So geschah es dass
die Leute Alt und Jung zurückwichen wo des Freiherrn Wagen vorüberfuhr und
sein scharfes Auge bemerkte das und wusste es zu deuten Man fürchtete in ihm den
Richter das sollte und musste so sein Er war nach Hause gekommen um strenges
Gericht zu üben aber nichts desto weniger kam es ihm bitter an denn er fühlte
sich dadurch von den Leuten geschieden die er bis dahin gewissermaßen mit sich
Eins gewusst hatte und ihre scheuen misstrauischen Blicke missfielen ihm
    Im Pfarrhause saß die Pfarrerin wie immer am Fenster in dem großen
Lehnstuhle sie sah hinaus als sie die Wagen kommen hörte aber sie fuhr
schnell mit dem Kopfe zurück und als man an dem Hause vorüberkam war sie
verschwunden
    Jetzt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Rückkehr unterrichtet bemerkte die
Herzogin und er wird keine Hymne singen wenn er sie erfährt
    Gewiss nicht entgegnete der Freiherr aber ich finde es unangenehm
Schrecken zu erregen und Furcht einzuflößen
    Trösten Sie sich mit dem Sturme der über das Land fährt  Er erschreckt
uns auch aber wir beugen uns seiner Gewalt und er befreit die Luft damit wir
ungehindert und frei in ihr atmen
    Er antwortete ihr nicht Man hatte den Wagen und die Fenster schließen
müssen Wie Binsen bogen sich die jungen Bäume zu beiden Seiten der Landstraße
unter dem schweren Drucke des Sturmes der Himmel verdüsterte sich mehr und
mehr die dunklen Wolkenmassen rückten einander nach jedem Windstosse näher
ballten sich zusammen senkten sich tiefer hinab und wirbelnd flogen die hohen
Staubsäulen empor wo der Wind den ausgedörrten Boden berührte Bisweilen hörte
man fernen Donner rollen und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft dass man
nicht wusste ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen Weg durch die Wolken
gefunden oder ob es der Blitz sei der die Gegend erhelle Das Wetter drohte
sehr schwer zu werden und Jedermann hat es auf dem offenen Lande zu fürchten
wenn das Gewölk sich grünlich färbt als berge es den zerschmetternden und
vernichtenden Hagel in seinem Schoss
    Vor der Kirche in Rotenfeld ließ der Freiherr das Fenster herunter Ein
Blick ließ ihn Alles übersehen Vorn dicht an dem eisernen Gitter erhob sich
der Grabhügel welcher die Reste von Mamsell Lise umschloss Von dem Kruzifixe
war der rechte Flügel mit dem Arme des Heilandes heruntergeschlagen ohne Kopf
die Hände verstümmelt kniete die Büsserin zu seinen Füßen Der Freiherr mochte
den Gräuel nicht sehen die Herzogin war blass geworden und biss die Lippen
zusammen Sie sprachen beide nicht
    Im Amte liefen ein paar Knechte umher die Fensterladen und Torflügel
festzuhaken während der Hirt die eilende Schafheerde in den Hof trieb Oben in
ihrer Stube schloss Eva das Fenster aber sie konnte es nicht gewältigen und es
bog sich ein Mann heraus ihr Hilfe dabei zu leisten Der Freiherr erkannte ihn
es war Herbert Der Kaplan hatte ihm nichts von dessen Anwesenheit berichtet er
mochte vielleicht auch erst nach der Abreise des Geistlichen in Rotenfeld
eingetroffen sein und es war natürlich ja sogar gefordert dass er sich hier
aufhielt dass er im Amte wohnte Der Freiherr würde unzufrieden gewesen sein
hätte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden und er war nun eben so
unzufrieden ja noch unwilliger darüber als er ihn eben da erblickte wo er
hin gehörte Es war für den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Missmute
und aus den Verdrießlichkeiten und ärgerlich sagte er zu sich selber Mag er
sein wo er will heiraten soll er nicht ehe er seine Arbeit hier vollendet
hat und so lange die Steinerts in meinem Dienste stehen
    Je mehr er an innerer Ruhe verlor je mehr er sich aus seinem gewohnten
Gleichmasse herausgerissen fühlte um so reizender wurden ihm die Macht und die
Gewalt über die er zu verfügen hatte und während ihm noch vor einer halben
Stunde die Scheu mit welcher man ihn empfing einen betrübenden Eindruck
erzeugt hatte fing er jetzt mit einem ihm bis dahin völlig fremden Vergnügen zu
überlegen an wie er die Missetäter strafen wie er sie entgelten lassen wolle
dass sie sich gegen seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt hatten an das
Heiligtum das er errichtet
    Der Regen strömte vom Himmel es blitzte nicht aber ein elektrisches Feuer
flammte zitternd durch die ganze Luft als die beiden Reisewagen in das große
eiserne Gattertor einfuhren rasch die Allee durchflogen und auf der Rampe vor
dem Portal hielten Die Diener sprangen von ihren Sitzen triefend und mit
nassen Händen hoben sie Renatus aus dem Wagen die Bonne und die Kammerjungfer
folgten und vorsichtig half der Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und
die Stufen zu überschreiten welche der wolkenbruchartige Regen schnell unter
Wasser gesetzt hatte
    Im Schloss war Alles in der größten Bestürzung Es war noch niemals
vorgekommen dass der Freiherr in solcher Weise ohne sich anzumelden nach Hause
zurückgekehrt war In den Zimmern hatte man weil man Hagel besorgte der
Vorsicht wegen die Läden geschlossen die Möbel waren während der Abwesenheit
der Herrschaft mit Decken verhüllt die Dienerschaft hatte es sich in ihren
Räumen bequem gemacht und musste erst zusammengeholt werden Es waren natürlich
gar keine Vorkehrungen für die gewohnte Bequemlichkeit der Herrschaften
getroffen und während Alles durch einander lief und Jedermann sich hastete um
zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben und die Zimmer wohnlich
herzustellen hielt man doch die aus der Stadt zurückkommende Dienerschaft wo
man ihrer habhaft werden konnte fest um in aller Eile zu erfahren was es
bedeute dass die Baronin nicht mitgekommen sei um zu fragen wie der Freiherr
die Nachrichten aus Rotenfeld und Neudorf aufgenommen und um es mit
ungläubigem Erstaunen zu vernehmen dass die kranke Baronin noch immer bei den
Juden wohne bei denen der Unfall sie betroffen dass die Tochter dieser Juden
ihre Pflegerin und ihre Herzensfreundin sei dass der Freiherr sein Haus in der
Residenz verkauft habe und dass die alte spukhafte Mamsell Marianne zur
Bedienung der Baronin nach Richten berufen worden weil die Kammerjungfer jetzt
die Stelle der französischen Mamsell bei der Herzogin vertreten solle was ihr
auch nicht an der Wiege vorgesungen sei Dazwischen ließ man ahnen dass es die
Baronin sicherlich nicht weit in Jahren bringen werde Der Kammerdiener
vertraute dem Secretär dass der Doctor sie eigentlich aufgegeben habe und wenn
die Frau Baronin ihre Augen schließe dann wolle er nicht hinsehen
    Der Secretär fragte ob er es denn für möglich halte dass der Freiherr 
er sagte nicht zu Ende was er dachte
    Der Kammerdiener antwortete man müsse sie kennen wie er sie sei falsch
und schlau wie kein Mensch es sich nur denken könne Auch er nannte keinen
Namen und doch meinte nach einer halben Stunde Einer wie der Andere im
Schloss nur davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren und das werde der
Freiherr auch nicht tun 
    Draußen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit aber selbst die
alte schreckhafte Beschliesserin welche es sonst nicht leicht versäumte bei
solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr Vaterunser zu beten merkte heute gar
nicht was um sie her geschah Die überraschenden Neuigkeiten das Verwundern
das Vermuten und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar in Beschlag denn
wie allen Menschen von beschränktem Gesichts und Gedankenkreise verschwand
ihnen vor dem Nächsten das sie beschäftigte die ganze übrige Welt und es
hätte eines Erdbebens bedurft um das Hauspersonal von dem Erstaunen über die
plötzliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage was denn nun kommen und
geschehen werde abzuziehen
 
                                Zehntes Kapitel
Einsam und verdüstert ging der Freiherr in seinen Gemächern umher Er hatte die
weiten Räume sonst immer gern gehabt heute waren sie ihm zuwider Sie kamen ihm
leer vor Er begab sich nach dem Flügel den seine Frau bewohnte dort war noch
Alles zugeschlossen Er kehrte also wieder um er wusste auch selbst kaum was er
dort gewollt Im Vorübergehen trat er bei Renatus ein Der Knabe war ganz von
dem Wiedersehen seines Hundes hingenommen hatte seine Spielgerätschaften
ausgekramt und achtete wenig auf den Vater Der Freiherr verweilte nur kurze
Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in seinen Zimmern allein
    Es überfiel ihn eine marternde Unruhe Sein Schloss schien ihm wie
ausgestorben Er hatte geglaubt allen Zusammenhang mit der Baronin verloren zu
haben jetzt fehlte ihm die unsichtbare Fürsorge mit der sie ihn umgab ohne
dass er ihr Eingreifen und Tun gewahrte ihm fehlte eben so die Nähe des
Kaplans so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Vertrauen gesehen es
fehlte ihm eben Alles selbst der Pendelschlag der Uhren den er zu hören
gewohnt war Sie waren alle abgelaufen Er ging sie selber aufzuziehen Es war
eine Mühe die er sich sonst nie zuvor gegeben aber er musste etwas tun um das
unheimliche Gefühl der Vereinsamung zu überwinden Er kam sich wie ein irres
über den Ruinen seines eigenen Daseins wandelndes Gespenst vor und plötzlich
dachte er mit Grauen der Tage in denen einst Paulinens Gestalt ihn in diesen
Zimmern spukhaft umschwebt hatte Dann wieder sah er die bleiche hinsinkende
Angelika und den Knaben vor sich der ihn mit so starrem angstvoll flammenden
Blicke angesehen
    Es war ihm als presse die Luft in diesen Räumen die ihm eben noch so leer
gedäucht ihm Kopf und Brust zusammen er musste die Fenster öffnen Es regnete
noch immer auch das Gewitter war noch nicht vorüber Die feuchte Kühlung
welche herein drang erfrischte ihn aber sie vermochte seine Ungeduld nicht zu
besänftigen Er verlangte nach einer Ableitung für dieselbe und rasch seine
Hand erhebend schellte er dem Diener Es soll sogleich ein Bote nach Neudorf
reiten befahl er und den Pfarrer zu mir rufen
    Es ist sechs Uhr vorüber gnädiger Herr bemerkte der Diener
    Und fragte der Freiherr indem er ihn gebieterisch anblickte
    Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend Ehe der Reitknecht
sattelte und nach Neudorf kam ehe der Pfarrer anspannen ließ und in Richten
sein konnte musste es halb neun Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode
sein
    Er ist wie ausgetauscht dachte der Diener während er die Treppe
hinunterstieg und es widerstrebte ihm den Befehl zu überbringen denn es war
sonst nie des Freiherrn Art gewesen seine Untergebenen zur Unzeit zu bemühen
oder sie in ihren Feierstunden zu stören und eben seine rücksichtsvolle
Menschlichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe und
Verehrung erworben
    Er hatte den Diener auch kaum entlassen als er sich selber die Berechnung
machte wie er sich ein lästiges Erwarten einer lästigen Besprechung auferlegt
indes er liebte es nicht seine Befehle zu widerrufen und um die langsam
schleichenden Stunden zu bewältigen setzte er sich endlich an seinen
Schreibtisch nieder die Postsendung zu mustern welche für ihn nach der Abreise
des Kaplans in Richten angekommen war
    Aber er hatte die Tasche kaum geöffnet als er die Zeitung und alles Übrige
zur Seite legte um ein Kouvert zu betrachten dessen Handschrift ihn in eine
lebhafte Überraschung versetzte Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und
doch war sie ihm vertraut genug Mit einer Hast die gegen seine sonstige
Gemessenheit sehr abstach erbrach er das Siegel auf dem mit festem Drucke das
gräflich Berkasche Wappen ausgeprägt war um den Brief zu lesen den ersten
Brief welchen sein Schwiegervater seit dem Familienzerwürfniss an ihn richtete
    »Ich bin lange mit mir zu Rate gegangen« schrieb der Graf »ob ich Ihnen
schreiben oder mich auf den Weg machen sollte Sie aufzusuchen und nun ich
mich zu dem ersteren entschlossen da ich Sie nicht zu überraschen und durch die
Gewalt des Augenblickes zu bestimmen wünschte weiß ich kaum noch mit welchem
Namen ich Sie nennen soll Wo sich nach einer langen ungetrübten
Lebensgemeinschaft die man von beiden Seiten als einen Vorzug zu schätzen
wusste ein Bruch auftut der durch viele Jahre offen bleibt verändert die
Zeit die uns in unserem eigensten Wesen umgestaltet auch notwendig die
beiderseitigen Verhältnisse und kein Erfahrener kann an die Möglichkeit
glauben das alte Band und die früheren Zustände wieder zu finden oder wieder
herzustellen Trotzdem mag es zwischen uns wo die nächsten und heiligsten Bande
des Blutes ihre Ansprüche geltend machen vielleicht gelingen sich in neuer
Weise und auf neuem Boden zu vereinigen und ich biete Ihnen die Hand lieber
Arten um diesen Versuch zu machen
    Ich verhehle Ihnen nicht dass ein bestimmtes Ereignis mir den nächsten Anlass
zu diesem Briefe gegeben und den Entschluss Ihnen eine Versöhnung vorzuschlagen
in mir zur Reife gebracht hat Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag begangen
und vorwärts blickend auf die Jahre die mir noch gegönnt sein können
zurückschauend auf den Weg den ich gegangen bin wird Alles einheitlicher
sieht Alles sich milder und weniger ungewöhnlich an
    Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können glaubte den Abfall
von der Lehre in der sie mit uns vereinigt war und ihren Übertritt zur
römischen Kirche das habe ich als eine Tatsache hinnehmen lernen wofern sie
ihr Glück und ihren Frieden in ihrem neuen Bekenntnisse findet »In meines
Vaters Hause sind viel Kämmerlein«  mag sie weilen wo ihr die Sonne am
wärmsten scheint Sie ist um ihret nicht um meinetwillen in der Welt sie ist
uns eine gute Tochter gewesen sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gattin
geworden Glaubte sie dazu der kirchlichen Gemeinschaft mit Ihnen nötig zu
haben so tat sie vielleicht wohl dieselbe zu suchen und Gott wird ihr mit
seinem Troste nahe geblieben sein in welcher Form sie sich auch zu ihm gewendet
hat sofern nur ihr Streben ein Gott wohlgefälliges gewesen ist
    Ich habe unsere Angelika ich habe meine Tochter schwer vermisst als ich
gestern ein Decennium meines Lebens abschloss und auch Angelikas Gedanken
werden bei mir gewesen sein Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut mit der
wir sie von uns gewiesen unser täglicher Segenswunsch hat das
VerdammungsUrteil längst entkräftet das wir einst gegen sie gefällt und ihr
eigenes Mutterherz wird sie gelehrt haben dass die Elternliebe zwar beleidigt
aber nicht zerstört werden dass sie irren aber auch bereuen kann
    Man sagt mir Angelika sei krank Sie hätten sie nach der Stadt gebracht
einen der dortigen Ärzte zu Rate zu ziehen Hat sie nicht verlangt uns zu
sehen Hat sie nicht daran gedacht uns Kunde von sich zu geben Und wollen Sie
uns dieselbe zukommen lassen wenn Sie dieses Schreiben empfangen haben werden
Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge um sie
    Unsere Glaubensstrenge hat den Bruch veranlasst der uns mein teurer Arten
so lange von unserem Kinde und von Ihnen mein alter werter Freund entfernt
gehalten hat An uns die wir die Trennung verschuldeten ist es daher eben so
offen und unumwunden die Versöhnung zu versuchen und mich dünkt diese
Erklärung kann und muss allen Ihren Anforderungen und Bedenken Genüge tun Es
ist ein Freund der von Ihnen die alte Freundschaft es sind Eltern die von
Ihnen ihre Tochter wieder zu erhalten wünschen Grosseltern die sich danach
sehnen Ihrem Renatus die segnende Hand auf das Haupt zu legen wir haben
Angelikas Sohn noch nicht gesehen
    Meinem ältesten Sohn ist nach zwei Töchtern vor wenig Wochen der Erbe
geboren der ihm und meinem Hause fehlte Wir haben ihn an meinem Geburtstage
taufen lassen die ganze Familie ist bei mir versammelt Wollen Sie kommen den
Kreis vollzählig zu machen in dem wir Sie entbehren Oder verlangen Sie es
fordert es Ihr Gefühl erheischt es Angelikas Befinden dass wir Sie in Ihrer
Heimat suchen kommen  Ich überlasse Ihnen die Entscheidung
    Für unsere Tochter füge ich von mir und ihrer Mutter nichts hinzu Es gibt
Dinge die über das Wort erhaben weil sie selbstverständlich sind Unsere
besten Wünsche unsere Liebe unser Segen sind mit ihr und mit Ihnen Allen Und
so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusammenstehen wie wir einst
zusammenstanden als Verwandte und Freunde in Neigung und in anerkennender
Achtung«
    Der Freiherr las den Brief noch einmal nachdem er ihn beendet hatte und es
wäre schwer gewesen aus seinen Mienen die Wirkung zu erkennen welche er auf
ihn machte denn er konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben Freude
war es nicht was er empfand
    Die Dinge müssen zur rechten Zeit kommen um uns angenehm zu sein rief er
endlich im Selbstgespräche aus während er sich von seinem Platze am
Schreibtische erhob und den Brief aus den Händen legte
    Wäre dem Freiherrn ein solches Schreiben ein solches Eingeständnis und eine
solche Aufforderung zur Versöhnung bald nach dem Zerwürfnis dargeboten worden
so würde er sie ohne alle Frage bereitwillig und mit Freuden aufgenommen haben
und damals sehr zufrieden gewesen sein in dem alten gewohnten Geleise mit so
viel Zugeständnissen und Nachsichten wie jedes Familienleben sie erheischt
weiter fortzugehen Aber das Zusammenleben innerhalb der Familie hat weil es
kein sittlich frei gewähltes sondern ein zufällig bestimmtes ist als erstes
Bedingniss die ununterbrochene Dauer die duldsam machende und den Blick
beschränkende Gewalt der langen Gewohnheit für sich nötig Werden diese
vermittelnden Elemente einmal zerstört ist der Zauber gebrochen der uns über
Charakterverschiedenheit ungleiche Lebensansichten und Überzeugungen der uns
über Alles dasjenige leicht fortsehen machte was uns an den uns angeborenen
Menschen störte und von ihnen im Grunde trennte so ist auch die Schranke
aufgehoben welche alle Teile innerhalb eines gewissen Gleichmasses zusammen und
einzelne derselben eben deshalb in ihrer freien und völligen Entwicklung  im
Guten wie im Schlimmen  zurückgehalten hatte Jeder nimmt dann frei den Weg
den er bedarf bildet sich persönlicher eigenartiger aus macht man später
einmal wieder den Versuch das Ungleichartige in die alten Bande und
Verhältnisse zurückzuführen so ist dies eigentlich in Wahrheit niemals möglich
und der alte Ausspruch dass man über seinen Zorn die Sonne nicht untergehen
lassen solle beweist sich als eine tiefe Weisheit wofern man überhaupt eine
Herstellung der früheren Verbindungen ersehnt
    Alle Eingeständnisse und Zugeständnisse welche Graf Berka seinem
Schwiegersohne und alten Freunde in diesem Versöhnungsbriefe machte hatten für
den Freiherrn nur etwas Peinigendes Er war der Berkaschen Familie nun einmal
entwöhnt Es hatte in derselben bei großen Vorzügen die er auch jetzt noch
anerkannte immer eine gewisse Familienbeschränkteit geherrscht man hatte dem
Ergehen und Tun des Einzelnen eine viel zu große Bedeutung beigelegt und damit
geringfügige Ereignisse zum Gegenstande weitläufiger Besprechungen und
unverdienter Teilnahme gemacht Das war ihm auffällig erschienen so lange er
außerhalb der Familie gestanden hatte war ihm als Angelikas Verlobter ein
wenig lästig gewesen und er hatte sich aus dieser übertriebenen Familienliebe
später die Züge in Angelikas Charakter erklärt die er als Empfindsamkeit und
als zu große Ansprüche an die Leistungen und Empfindungen der Anderen zu
bekämpfen für nötig gehalten
    Jetzt  er fuhr sich unmutig mit der Hand über die Stirn  jetzt kam diese
Versöhnung ihm sehr ungelegen und zurückweisen konnte durfte er sie nicht
wollte er nicht gegen Angelika die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte
sie zu wünschen ein Unrecht begehen wollte er der Kranken nicht einen ihr
erwünschten Trost entziehen Und selbst um der Meinung seiner Umgangsgenossen
willen musste er die dargebotene Hand seines Schwiegervaters freundlich zu
ergreifen scheinen Aber je länger er darüber nachsann um so schwerer und
unwillkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung
    Er wusste wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin und ihre Ansprüche und
Gewohnheiten mit denen der Berkaschen Familie zusammenstimmten Es kam ihm
daneben nicht willkommen die Berkas so nahe in seine Verhältnisse blicken zu
lassen Er konnte sich denken mit welchen Augen sie den Kirchenbau
betrachteten welche Fragen der Graf der in der eigenen Bewirtschaftung seiner
Güter große Befriedigung fand und glänzende Erfolge erzielte wegen der
Ausschlagung der Wälder und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richten
würde Es beunruhigte ihn dass seine Schwiegereltern gerüchtweise von seinen
augenblicklichen Geldverlegenheiten von dem Verkaufe des Hauses erfahren haben
könnten und vor Allem dachte er mit Schrecken daran wie sie die Tochter die
er einst so blühend und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten jetzt
wiederfinden mussten
    Er nahm den Brief noch einmal auf aber er konnte sich nicht überwinden ihn
noch einmal zu lesen und ihn auf den Tisch schleudernd rief er ärgerlich Ich
wollte sie hätten mich mit ihrer späten Versöhnlichkeit verschont
    Trotzdem musste er zu einem Entschlusse kommen und rasch wie man etwas
Lästiges abzutun sucht warf er mit fester Hand die folgenden Zeilen auf das
Papier
    »Empfangen Sie teurer Freund meinen nachträglichen Glückwunsch zu Ihrem
Geburtstage den wir doppelt zu segnen haben da er Sie zu einer für uns so
erwünschten Einsicht und Entschließung geführt hat Ich nehme die Versöhnung
welche Sie mir bieten ohne alles weitere Erörtern an und meine Frau wird
glücklich sein ihren verehrten Eltern die Hand küssen und ihren Segen wieder
empfangen zu können  Leider war ich genötigt da Geschäfte mich hieher
riefen sie unter der Obhut des Kaplans noch in der Stadt zurückzulassen Ein
Brustübel dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres Sohnes zeigten und
in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar machten hat sich plötzlich entschieden
ausgebildet und sie vor wenig Wochen mir zu rauben gedroht Auf dem Wege der
Genesung ist sie der größten Schonung bedürftig und ich bin eben deshalb noch
nicht im Stande Ihnen teurer Graf und der Gräfin die ich meiner
aufrichtigen Ergebenheit zu versichern bitte anzugeben wie und wann ich meiner
Frau die Mitteilung Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise wir
unser Wiedersehen mit Ihnen einzurichten haben damit es auf die Kranke nicht zu
erschütternd wirke Ich hoffe dass ich Angelika in acht Tagen ihre Reise nach
Richten antreten lassen darf und ich will noch heute den Kaplan von Ihrem
Briefe in Kenntnis setzen oder besser ihm Ihr Schreiben übermachen damit
dieser erfahrene und bewährte Freund der mein und Angelikas Vertrauen ganz und
gar besitzt vorsichtig den Augenblick wähle in welchem wir meiner Frau die von
ihr sicherlich ersehnte sie aber eben so gewiss sehr erschütternde Kunde
zugänglich machen dürfen
    Meinen Sohn habe ich aus der Stadt mit mir hieher genommen Er sieht seiner
Mutter völlig gleich und wird wie ich hoffe Ihre Liebe gewinnen da er ja das
älteste Ihrer Enkelkinder ist In der Erwartung Sie bester Graf und die
Gräfin bald persönlich zu begrüßen
                                                                    der Ihrige«
Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen ohne recht damit zufrieden zu
sein Er wollte nicht entgegenkommen er wollte sich nicht ablehnend zeigen und
er ersah an der Art und Weise seines Erwägens wie fremd die Familie seiner Frau
ihm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in seinem Innern gewurzelt
hatte Jetzt da sie ihm wie er es nannte grundlos eine Versöhnung
aufnötigten nachdem sie sich einst eben so grundlos von ihm und von ihrer
Tochter losgesagt weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten
angeschlossen fühlte er sich fast erbitterter gegen sie als zuvor und dass er
dieser Erbitterung nicht Worte geben durfte dass er gezwungen war sich aus
Rücksicht auf Angelika und auf die Welt einer fremden Willkür hinzugeben
verdüsterte seine Seele nur noch mehr Hätte er mit einem Federstriche Alles
was ihn umgab vernichten können er würde ihn getan haben auf die Gefahr
selbst dabei zu Grunde zu gehen und mitten in seinem zornigen Grimme dünkte ihm
eben dieser doch wieder seiner und seiner Natur so unangemessen dass er grade
davon am allermeisten litt Er konnte das ideale Bild welches er von sich
selber stets vor Augen gehabt und im Herzen getragen hatte nie mehr in seiner
Reinheit wiederfinden das heißt er wusste dass er ein für alle Mal sich selbst
verloren hatte
    Grade als der Freiherr den Brief an den Kaplan beendete meldete man ihm
den Pfarrer
    Er soll kommen befahl er kurz und übergab dem Diener die Briefe an den
Grafen und an den Kaplan mit der Anweisung sie sofort nach der Stadt zu senden
damit die am nächsten Morgen durchpassirende Post sie noch mitnehmen könne
    Mit raschem Schritte ging er dem eintretenden Geistlichen entgegen Der
Pfarrer hatte sich auf eine harte Stunde vorbereitet Er war nicht unterrichtet
gewesen von dem Vorhaben seines Sohnes er beklagte und verdammte von Grund der
Seele die in Rotenfeld geschehenen Freveltaten und Verbrechen denn er besaß
nicht des Kandidaten wilden Glaubenseifer er war duldsam und gelassen und er
hatte sich als er zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden
war fest gelobt dass er seine Würde und seine Überzeugung wahrend dennoch
versuchen wolle den gerechten Zorn des Gutsherrn zu besänftigen Aber der
Empfang welcher ihm zu Teil ward ließ ihn das Äußerste befürchten
    Ohne ihm wie er es sonst stets getan die Hand zum Gruße zu bieten ohne
ihm einen Sessel anzuweisen sagte der Freiherr während er den Greis inmitten
des Zimmers stehen bleiben ließ Ich habe Sie gleich kommen lassen weil ich
zuvor mit Ihnen im Klaren sein wollte ehe ich weiter gehe und weil Sie
Pastor Sie ganz allein mir für all den Schaden und für all das Unheil
verantwortlich sind die hier angerichtet worden Wer hieß Sie den frechen
Burschen meine Kanzel besteigen zu lassen Wer hieß Sie 
    Gnädiger Herr fuhr der Pastor auf den sein Vaterherz wie seine gekränkte
Amtsehre alle seine Vorsätze vergessen machten  gnädiger Herr Sie sprechen zu
einem Vater von seinem Sohne Sie sprechen zu einem Geistlichen zu dem
bestallten Pfarrer dieser christlichen Gemeinde der ohne Frage die Befugnis
hat sich von seinem Sohne von einem unbescholtenen jungen Manne einem
geprüften Kandidatus teologiae in seinem Amte vertreten zu lassen wenn er
dieses nötig findet
    Ja allerdings das ist es grade Ich spreche zu dem Vater betonte der
Freiherr scharf eben weil er mir als Vater einzustehen hat für die Frechheit
seines Sohnes Ich spreche zu dem von mir erwählten und eingesetzten Pfarrer
weil er sich unterfangen hat gegen meinen Glauben gegen die Religion zu der
ich und mein Haus uns bekennen in meiner Kirche und von meiner Kanzel herab
freveln zu lassen
    Der Pfarrer machte eine abweisende Handbewegung Die Kirche ist des Herrn
die Kanzel ist ihm heilig und der Wahrheit Herr Baron auf die wir getauft
sind auf die wir unser Bekenntnis abgelegt und die rein und lauter zu verkünden
wir mit unserem Amtseide beschworen haben rief der Pfarrer und seine Stimme
und seine Haltung hoben sich je länger er vor dem Freiherrn stand Freilich
steht es geschrieben Es soll Friede sein auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen Und so weit es an mir gewesen habe ich Frieden zu halten
gestrebt obschon es meinen Augen kein Wohlgefallen gewesen ist hier mitten in
unserer lutherischen Gemeinde die katholische Kirche sich erheben und ihre
Heiligenbilder aufrichten zu sehen Aber Herr Baron es steht eben so
geschrieben Ich bringe euch nicht den Frieden sondern den Krieg Und wie ich
für mein Teil danach getrachtet habe den Frieden hier zu Lande nicht zu
stören so vermag ich vor meinem Gewissen den jüngeren Streiter nicht darob zu
tadeln dass er von heiliger Stätte die Gemeinde warnte dass er ihr die Gefahren
zeigte welche ihr drohen dass er verkündet hat was ihm sein Herz geboten Es
kommt für Jeden einmal der Tag an dem er mit unserem Martin Luther rufen muss
Hier stehe ich Ich kann nicht anders Gott helfe mir Amen
    Der Pfarrer hatte die Hände gefaltet er war sehr gerührt Seit Jahren hatte
er sich mit dem Gedanken getragen dass es ihm einmal beschieden sein könne nach
dem Vorbilde des herrlichen Paul Gerhard von Heimat und Amt vertrieben zu
werden jetzt fühlte er sich dem Augenblicke nahe und seine Erschütterung würde
zu jeder anderen Stunde auf seinen Patron ihre Wirkung nicht verfehlt haben
denn des Freiherrn Herz war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten
waren ihm bei seiner religiösen Gleichgültigkeit im Grunde sehr verhasst Aber er
sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auflehnung gegen seine
gutsherrliche Macht und bitter wie sein Ton es gegen den Pfarrer heute von
Anfang an gewesen war sagte er Lassen Sie die Beispiele und die BibelCitate
Was ich mit Ihnen abzumachen habe dazu finde ich den Ausdruck in mir selbst
und wenn denn einmal durchaus die Bibel die Belege liefern soll so mag das Wort
Ihnen und der Gemeinde zur Richtschnur dienen dass Jedermann der Obrigkeit
untertan sein soll die Gewalt über ihn hat 
    Er machte eine kurze Pause und sprach danach Ich bin Herr auf Richten in
Rotenfeld und in Neudorf Die Kirche in Neudorf ist mein Sie haben Ihr Amt von
mir Sie wohnen in meinem Hause auf meinem Grund und Boden unter meiner
Jurisdiction die Leute welche Ihre Gemeinde bilden sind von mir abhängig zum
großen Teile mir hörig  bedenken Sie das wohl  Ich hindere Sie in Ihrem
lutherischen Bekenntnisse nicht beten Sie singen Sie predigen Sie wie Sie
wollen  das ist Ihnen und meinen Leuten von den Staatsgesetzen gewährleistet
Aber merken Sie es sich wo Sie es sich beikommen lassen etwa auch einmal als
Glaubensstreiter von Ihrem Gewissen getrieben meine religiöse Freiheit auf
meinem Grund und Boden anzutasten da hört Ihre religiöse Freiheit auf da
beginnt meine gutsherrliche Machtvollkommenheit und  der Freiherr wurde rot
vor Zorn  dass der Gottard sich nicht unterfängt sich jemals wieder innerhalb
meiner Grenzen blicken zu lassen 
    Herr Baron fiel der Pastor ihm in die Rede Herr Baron  Die Stimme
versagte ihm und wie der Zorn des Freiherrn Wange gerötet hatte der Schrecken
das Antlitz des Greises entfärbt Aber er nahm sich zusammen und mit ruhiger
Würde an den Freiherrn herantretend sagte er Es ist ein Amt des Friedens das
der Herr in meine Hand gelegt hat Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem
Wissen und Gewissen und ich hatte fest gehofft in demselben fortarbeiten zu
können bis an meinen Tod Indes Gott hat es anders beschlossen  Er hielt aufs
Neue inne und mit bebender Stimme aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend
sprach er Menschenfurcht soll die letzten Tage meines Lebens nicht entehren
Ich werde meinen Sohn nicht abweisen von der Tür seines Vaterhauses auch wenn
er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu weit geführt hat ich werde ihm und mir
nicht Schweigen auferlegen wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen
scheint und  bin ich doch der Einzige nicht dessen Bleiben hier fürder nicht
mehr ist
    Er verneigte sich tief und wollte sich zum Gehen wenden Der Freiherr hielt
ihn nicht zurück
    Tun Sie ganz nach Ihrer Überzeugung sprach er aber verlassen Sie sich
darauf dass ich mir hier Ordnung und Gehorsam schaffen werde
    Der Pfarrer ging still hinweg Der Freiherr sah ihm mit kaltem Auge nach
Meine Lässlichkeit hat es verschuldet sie fühlen sich alle hier als Herren Es
war Zeit ein Ende damit zu machen und die Zügel in die eigene Hand zu nehmen
sagte er zu sich selber während er nach der Uhr sah Dann klingelte er und
befahl das Abendbrot herzurichten und die Frau Herzogin zu benachrichtigen
wenn es geschehen sein würde
    Der Pfarrer aber fuhr als er vom Schloss kam im Amtofe vor Er wollte
Fassung gewinnen ehe er seine greise Lebensgefährtin wiedersah er musste auch
einen Menschen haben zu dem er sprechen konnte denn in sich zu verschließen
was ihn bestürmte und bedrängte bis er nach Neudorf kam das fürchtete er
würde über seine Kräfte gehen Und der Adam hatte es ja auch erlebt
    Und offene Arme offene Herzen und ein volles Mitgefühl empfingen den
schwer gekränkten Mann Man hatte die Heimkehr des Freiherrn gescheut man hatte
es mit Besorgnis angesehen dass er so plötzlich und unangemeldet eingetroffen
und doch kam Allen unerwartet was geschehen war Sie waren im Amte dem Gottard
eben nicht freund sie gönnten es ihm dass sein Hochmut eine gründliche Lection
erhielt aber den Pfarrer den Greis den sie zu verehren gelernt von
Kindesbeinen an so herzzerrissen zu sehen das betraf sie selber tief Sie
mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurückkehren lassen denn allerdings der
Amtmann wusste was es heißt die Schwelle eines heimatlichen Hauses zu
betreten das man bald für immer meiden soll Man ließ den Knecht welcher den
Pastor gefahren zu Fuße gehen man rückte zusammen und Alle fuhren sie so
spät es war mit dem Pastor der Amtmann die Eva und der Architekt
    Die Pfarrerin hatte die Minuten zählend am Fenster gestanden seit ihr
Mann durch die Botschaft des Freiherrn abgerufen worden war Sie wusste nicht
was sie denken sollte als der Wagen voll Gäste vor ihrer Türe hielt sie
konnte nicht fassen was geschehen war als man es ihr meldete Sie weinte sie
klagte sie schalt den Sohn sie tadelte ihren Gatten dass sie sich nicht
fügsamer gezeigt und nannte doch gleich darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens
Stolz und Freude und dankte Gott dass er ihrem Manne Kraft verliehen als sein
Streiter auszuharren bis zum Ende
    Der Pfarrer setzte sich nieder seine Gedanken zu sammeln Er wollte dem
Sohne schreiben seine Meldung an das Konsistorium machen aber ihm fehlte noch
die Ruhe für solch ein Tun und Adam hielt ihn auch davon zurück
    Warten Sie Herr Pfarrer warten Sie bis morgen bat er Es war ein Anderes
zwischen dem Freiherrn und zwischen mir ich stand für mich allein Sie stehen
für Ihr Amt ich konnte gehen Sie müssen zu bleiben trachten oder wollen Sie
sich freiwillig einen Nachfolger hieher setzen lassen der sich dem Willen der
Herrschaft besser fügt der Herrendienst dem Gottesdienst voranstellt
    Die Pfarrerin trat schnell auf Adams Seite Sie hoffte der Freiherr werde
in sich gehen die gütige Baronin werde wiederkehren und vermitteln sie meinte
Gottard könne auch ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben sich einlenkend an
den Freiherrn wenden Sie wollte von dem Amtmanne von Herbert von Eva und von
ihrem Manne Zuspruch haben aber sie hatten sich alle über den Freiherrn zu
beschweren und wie vermochte man ihm beizukommen was hatte man noch weiter mit
ihm zu befahren
    Man konnte zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen und es war schon
spät als man sich trennte
    Das Gewitter war vorüber die Wolken hatten sich zerteilt der Mond stand
hell am Himmel und goss sein volles Licht über die blühenden und duftenden
Lindenbäume vor des Pfarrers Türe von denen unter dem leisen Windhauche die
Regentropfen niederfielen Die Nachtigall welche in den Büschen rechts vom
Hause nistete lockte und flötete in langen Tönen durch die stille Nacht man
sah die Falter langsam schweben die Mondesstrahlen glänzten und zitterten in
dem leicht bewegten Teiche von dem der Nebel silbern in die Höhe stieg
    Der Pfarrer und seine Frau begleiteten ihre Gäste vor das Haus hinaus Nach
dem Unwetter und neben ihrer Aufregung wirkte die friedensvolle Schönheit der
Natur doppelt stark auf sie Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her Dann
nahm er sein Käppchen von dem weißen Haar und seiner Frau Hand in seine
gefalteten Hände schließend sprach er an die Dichtung seines Vorbildes Paul
Gerhard denkend fromm und gläubig während es feucht in seinen Augen
schimmerte
Der Sonne Mond und Winden
Weist ihre eigne Bahn
Der wird auch Wege finden
Da mein Fuß wandeln kann
 
                                Elftes Kapitel
Wie es herumgekommen das wäre nicht leicht zu sagen gewesen aber am folgenden
Morgen um die Frühstückszeit wussten sie es in allen drei Dörfern was geschehen
war und wer es etwa noch nicht erfahren hatte der konnte doch an den finsteren
und sorgenvollen Mienen der Leute sehen dass sich etwas Schlimmes ereignet hatte
und Schlimmes zu befürchten war
    Es hatte den Freiherrn nicht schlafen lassen in der Nacht und wider seine
Gewohnheit war er früh am Morgen nicht zur Herzogin gegangen sondern hatte sich
gleich an die Geschäfte gemacht Der Justitiarius war lange bei ihm gewesen und
dann in das Amt gegangen Er wollte dem Adam erzählen dass der Freiherr selbst
der Gerichtsverhandlung beizuwohnen denke was er sonst nie getan und dass er
die Sitzung schon auf morgen anberaumt habe Sie schüttelten beide die Köpfe
dazu aber sie sprachen wenig es ging ihnen zu nahe
    Während dessen war der Freiherr nach Rotenfeld gefahren um jetzt bei
ruhigem Wetter den dort angerichteten Schaden in Augenschein zu nehmen Er
wollte die Statue hergestellt haben ehe die Berkas kämen und wünschte diesen
Besuch auch nicht allzu weit hinausgeschoben zu sehen eben weil er ihm lästig
war Es drängte sich so Vieles zusammen was geordnet und abgetan werden musste
und wie er sich auch vorsetzte sich davon nicht beunruhigen zu lassen gab es
ihm doch etwas Hastiges das seinen Leuten auffiel und das mit seiner schönen
würdigen Gestalt gar nicht zusammenstimmte
    Als er in Rotenfeld vor der Kirche seinen Wagen verließ sah er Herbert mit
dessen jungem Gehülfen aus dem Portale derselben heraustreten Dieses zufällige
Zusammentreffen war grade wie er es sich wünschte und leicht den Hut lüftend
während die beiden ihm entgegen kamen sagte er Sehen Sie diesen Vandalismus
Ich erwarte in Nächstem die Baronin zurück habe auf den Besuch ihrer Familie zu
rechnen und mag der Heimkehrenden und den Gästen den Anblick dieser wüsten
Zerstörung nicht bereiten Wie ist da Rat zu schaffen
    Herbert welcher wie der Freiherr auch erst am vorigen Tage und zwar wie
dieser kurz vor dem Ausbruche des Unwetters in Rotenfeld eingetroffen war
hatte gleich am Morgen noch ehe er die Arbeit in der Kirche in Augenschein
genommen die Gruppe besichtigt und die Stücke welche man abgeschlagen
hereinbringen lassen um zu untersuchen ob man sie anzupassen und so die Gruppe
herzustellen hoffen dürfe Glücklicher Weise hatte Adam gleich nach geschehener
Tat die abgeschlagenen Stücke bis auf die Splitter zusammensuchen lassen und
da Herbert sich aus Neigung viel mit plastischen Entwürfen beschäftigt hatte und
obenein der Modelleur noch anwesend war welcher die Stuckverzierungen über dem
Altare angebracht so waren noch ehe der Freiherr gekommen schon die nötigen
Verabredungen getroffen worden und dieser durfte sich also der Aussicht
hingeben wenigstens diesen Schaden so gut als möglich ausgeglichen zu sehen
    Das heiterte ihn auf er nahm selbst die Fragmente zur Hand passte sie an
einander erteilte Ratschläge wegen der Politur der Stellen an denen die
Restaurationen gemacht werden mussten trat dann in die Kirche ein und ihr
Anblick befriedigte ihn ja er übertraf seine Erwartungen
    Man hatte innen wie außen die letzten Gerüste fortgenommen der weite hohe
Raum zeigte sich frei und schön Die Pfeiler strebten kräftig und doch leicht in
die Höhe und trugen das Dach dessen fein gegliederte Wölbung dem Auge ohne es
zu drücken eine wohltätige Schranke setzte Überall waren die Verhältnisse so
richtig eingehalten das gebotene Material so geschickt benutzt dass des
Freiherrn Kennerblick sich mit sichtlichem Vergnügen in dem bis auf unbedeutende
Ausschmückungen nun fast vollendeten Baue erging
    Schön sehr schön rief er mehrmals aus ich muss Sie loben Herbert Sie
verstehen Ihr Fach ich bin zufrieden  Nun nur schnell die letzte Hand ans
Werk gelegt Wann meinen Sie dass wir die Kirche weihen können
    Wenn der Holzschnitzer uns den Beichtstuhl liefert wie er versprochen hat
und die übrigen Arbeiter ihre Zeit einhalten so denke ich Ihnen heute in drei
Wochen die Schlüssel des Baues überliefern zu können sagte Herbert nach kurzem
Besinnen
    Gut gut rief der Freiherr abermals und plötzlich nachdenkend fügte er
hinzu Wir haben heute den zehnten des Monats In drei Wochen wollen Sie fertig
sein Lassen Sie uns den störenden Zufälligkeiten ihren Raum gewährend die
Übergabe des Baues der Sicherheit wegen erst am Schluße der vierten Woche
erwarten so sind wir dem dreizehnten des Juli nicht allzu fern und mögen die
Weihung der Kirche auf diesen Tag verlegend  welcher der Namenstag der
Herzogin der MargaretaTag ist  unserem Gäste eine Ehre damit erweisen und
ihr Andenken dauernd mit unserem Baue verknüpfen
    Er sah sich danach noch einmal in allen Teilen der Kirche um betrachtete
den Taufstein in der Sacristei ließ sich das Gewölbe öffnen welches man zur
Familiengruft bestimmt stieg die Treppe zum Turme hinauf und oben um sich
schauend sagte er als er den auf der Birkenhöhe errichteten
Freundschaftstempel ebenfalls vollendet sah Sehr brav In der Tat Herbert
Sie haben sich wacker daran gehalten
    Die Freude ein großes Unternehmen so wohlgelungen seinem Ende nahe zu
sehen ließ ihn vergessen mit welchen Opfern dies erkauft war und gab ihm
plötzlich seine freie vornehme Sorglosigkeit zurück Er hatte sonst nichts so
sehr geliebt als heitere Gesichter um sich zu haben und Zufriedenheit um sich
her zu verbreiten Diese alte schöne Neigung wallte auch jetzt wieder in ihm
auf Es fiel ihm ein dass er ein Mittel habe Herbert wie er es wünschte zu
vergelten ja dass er ein Unrecht eine Übereilung und was ihm schlimmer als
dies Alles dünkte einen Verstoss gegen die Klugheit ungeschehen machen könne
wenn er sich dieses Mittels richtig zu bedienen wisse Er ging von einer Seite
des Turmes nach der anderen bis er abermals der Birkenhöhe gegenüber stand
und dorthin schauend wiederholte er Sehr gut sehr gut Sie haben mich in der
Tat durchaus befriedigt und fügte er mit leichtem Lächeln hinzu es wird mir
lieb sein Sie gleichfalls zufrieden zu stellen
    Herbert verneigte sich und sagte ablehnend Herr Baron ich habe nur getan
was meine Pflicht war was jeder Andere an meiner Stelle auch getan hätte
    Wie bescheiden scherzte der Freiherr aber wir sprechen mehr davon Sie
können mich heute um fünf Uhr dort drüben erwarten wo ich Sie hoffentlich wie
hier zu loben haben werde
    Herbert der nicht gewillt war sich von dem Manne welcher ihm so schwer zu
nahe getreten als Gunst gewähren zu lassen was Evas freier Wille ihm in wenig
Monaten zugestehen konnte bedauerte dass er auf die Ehre verzichten müsse den
Freiherrn auf die Höhe zu begleiten und erst jetzt schien dieser es zu
bemerken wie kühl der Baumeister seine Lobsprüche aufgenommen wie gemessen und
wortkarg er ihm geantwortet hatte Er sah ihn mit schnellem und prüfendem Blicke
an und fragte dann Was hindert Sie mich drüben im Tempel zu erwarten
    Ich reise noch vor Mittag ab gnädiger Herr
    Sie gehen nach der Stadt
    Nein Herr Baron
    Der Freiherr zauderte dann sagte er mit schlecht verhehltem Argwohn Sie
haben doch von der Krankheit der Baronin und von ihrem Aufenthalte im
Fliesschen Hause Nachricht
    Ja Herr Baron und eben deshalb habe ich meine Zimmer dem Herrn Kaplan zur
Verfügung gestellt da ich so lange er dort weilt nicht dahin zurückzukehren
gedenke
    Der Freiherr verstand ihn Wie ein Kavalier gehandelt dachte er aber es
war ihm unangenehm Herbert dieses Zugeständnis nicht versagen zu können und
noch widerwärtiger war ihm die Vorstellung dass jener es für nötig erachtete
die Baronin durch seine Zurückhaltung vor dem eifersüchtigen Verdachte ihres
Gatten zu schützen Überall wohin er blickte gewahrte er jene Annäherung des
bürgerlichen Standes an den Adel die sich nicht mehr zurückdrängen ließ weil
die fortgeschrittene Bildung die Kluft bereits ausgefüllt hatte welche sonst
die Stände von einander geschieden Nur um es nicht erraten zu lassen dass ihm
in Herberts Antworten etwas missfallen habe verlangte er zu wissen wohin er
gehe
    Herbert versetzte dass er bis morgen in Marienau beschäftigt sei
    Das gefiel dem Freiherrn auch nicht Was machen Sie dort rief er spöttisch
Hat Steinert in dem Schloss denn nicht Platz genug
    Im Gegenteil er findet es wie die meisten Schlösser weit größer als das
Gut es tragen kann gab Herbert der seinen Unmut und seinen beleidigten Stolz
vor dem Freiherrn immer nur mühsam in Schranken hielt ihm in gleichem Tone zur
Antwort Wir haben die Flügel des ruinenhaften Schlosses eingerissen um einen
Schafstall und eine Brennerei daraus zu bauen
    Herbert sagte das mit sichtlichem Vergnügen weil er wusste dass es seinem
Hörer nicht genehm war Und schon wieder hatte dieser es vor Augen wie der
Bürgerstand sich in den Rittergütern einnistete wie das Gewerbe sich
ausbreitete wo sonst ein Edelmann frei und stolz auf seinem Erbe saß und wie
Herbert sich mit voller Sicherheit schon zu den Steinerts rechnete
    Um des Freiherrn gute Laune war es nun getan Er wiederholte kurz
zusammenfassend seine Anordnungen und Befehle hieß den Gehülfen sich am
Nachmittage nach der Höhe begeben und schied von Herbert mit der Bemerkung dass
er ihn bei der Abnahme des Baues noch sehen werde
    Als er in das Schloss zurückkehrte sagte man ihm dass der Amtmann da sei
nach des Herrn Befehlen zu fragen Es war das immer so gehalten worden wenn der
Freiherr längere Zeit von Richten entfernt gewesen war aber dieses Mal handelte
es sich um mehr als eine alte Sitte
    Was bringt Er rief der Freiherr dem Amtmanne entgegen da dieser die Anrede
desselben abgewartet hatte
    Adam trat näher an ihn heran und sagte mit einem sorgenvollen Ausdrucke Ich
habe nichts Neues zu bringen gnädiger Herr denn was hier geschehen ist haben
Sie durch den Herrn Kaplan erfahren und es ist nicht der Art dass man es
wiederholen mag Aber  er zögerte schien die rechte Form nicht gleich zu
finden und sagte dann mit Überwindung Ich komme mit einer Bitte gnädiger
Herr
    Ah rief der Freiherr dem die demütige Haltung des sonst so straffen
Mannes nicht entging sie haben Ihn abgesandt
    Der Amtmann schüttelte das Haupt Es hat mich Niemand abgesendet und Niemand
weiß davon Ich komme auch nicht um meinetwillen aber ich wollte Sie bitten
gnädiger Herr  halten Sie morgen nicht selbst Gericht
    Es war ihm sauer geworden dies auszusprechen der Freiherr hatte offenbar
auch eine ganz andere Bitte zu hören erwartet Ratschläge und nun gar
unerbetene Ratschläge von seinen Untergebenen anzunehmen war niemals seine
Sache gewesen und der Gedanke dass Adam sich die Freiheit ihn unaufgefordert
zu beraten nur gestatte weil er bald aus seinem Dienste scheide machte ihm
die Warnung denn auf eine solche hatte Adam es ja abgesehen nicht willkommen
Er war eben daran sie hart zurückzuweisen aber der Ausdruck von anhänglicher
Sorge mit welchem der Amtmann auf ihn blickte ließ den Freiherrn innehalten
und erst nach einer Weile warf er die Frage auf Wie kommt Er auf den Einfall
mir abzuraten
    Die bloße Frage gab dem Amtmanne Zuversicht und aus fester Überzeugung
sprechend sagte er Das ist kein Einfall gnädiger Herr denn ich würde mir
nicht erlauben Ihnen mit meinen bloßen Einfällen beschwerlich zu fallen Aber
der gnädige Herr kommen nicht so unter die Leute wie ich und können nicht
wissen wie es unter ihnen aussieht und was in ihren Köpfen spukt
    Nun mich dünkt davon hätten sie mir jetzt den schlagendsten Beweis
geliefert rief der Freiherr und eben deshalb sollen sie dieses Mal die
verdiente Antwort von mir selber haben
    Tun Sie das nicht gnädiger Herr bat Adam dringender Sie gnädiger Herr
sind besser als unser Einer unterrichtet von dem was draußen in der Welt
geschieht aber es ist als ob es durch die Luft verbreitet würde denn dem
ärmsten Kätner und Einlieger geht es im Kopfe herum dass es anders und besser
für ihn werden müsse Er weiß dass die Hörigkeit vieler Orten aufgehoben wird 
er hat von Ablösungen und hat auch von schlimmen Dingen gehört die auf einigen
Gütern geschehen sind 
    Und die Elenden würden geneigt sein sich ein Beispiel daran zu nehmen
meint Er  Nun versuch Ers  halte Er ihnen das gute Beispiel vor
    Dem Amtmanne stieg das Blut zu Kopfe aber er biss die Zähne zusammen damit
das Wort des Zornes nicht über seine Lippen ginge und mit erzwungener
Gelassenheit sprach er Wir Steinerts sind geringe Leute gewesen gnädiger Herr
als der Herr Baron Erasmus Einen von uns zu seinem Verwalter gemacht hat und
wir sind auf dieser Herrschaft zu Etwas geworden und auf unsere Weise vorwärts
gekommen Das dürfen und werden wir nie vergessen Darum eben habe ich meine
Dankespflicht erfüllen und  fügte er mit einer Weichheit hinzu die dem
kräftigen Manne sehr wohl anstand  meine Anhänglichkeit an den gnädigen Herrn
die auch nicht gleich zu Ende ist weil man von einander geht beweisen wollen
als ich heute herkam Ich gnädiger Herr habe hier nichts mehr zu gewinnen oder
zu verlieren als Ihre gute Meinung und nichts zu tun als dass ich mein
Gewissen wahre
    Die Rechtschaffenheit die Treue und Herzensgüte des Amtmanns sprachen so
unverkennbar aus jedem Worte dass selbst die Voreingenommenheit des Freiherrn
davor nicht Stich hielt und wider seinen Willen bewegt sagte er Ich will es
glauben Er meint es gut
    Ja bei Gott ich meine es gut und wir Alle haben es immer gut gemeint
rief Adam Aber gerade darum gerade darum bitte ich Sie lassen Sie es hier
beim Alten Es ist ein Segen wenn der Arbeiter auf dem die Lasten schwerer
liegen als es gut ist sich sagen kann Wenn der Herr es wüsste  er würde
helfen Es ist ein anderer Segen wenn der Missetäter dem das Gesetz gerecht
wird die Hoffnung hegen mag der Herr werde Gnade walten lassen wo der Richter
nur die Strenge des Gesetzes auszuüben hat Der Justitiarius und ich hatten uns
schon erlaubt dem Herrn Kaplan ans Herz zu legen dass er um Gnade für die
Leute bitten möge Zwischen dem Herrn der die Macht hat und dem Arbeiter und
Hörigen der die Lasten trägt muss eine Schutzwehr sein für beide Teile und
dazu sind wir da Auf uns auf den Justitiarius und auf den Amtmann sind seit
allen Zeiten die Klagen und Beschwerden gefallen und wir konnten sie tragen
denn wir forderten richteten und straften nicht für uns Wir hatten an den
Herren einen Rückhalt die Herren hatten in unserer Strenge und
Gewissenhaftigkeit eine Entschuldigung wenn man sich beschwerte und die Leute
hatten ihre Hoffnung auf der Herren Nachsicht und gnädiges Gewähren So ist es
gegangen all die Jahre her wir sind fertig geworden mit den Leuten und die
Leute haben in Liebe zu den Herrschaften hinaufgesehen fast wie zum lieben
Herrgott denn wie zu diesem konnten sie zu jenen persönlich nicht so leicht
heran Lassen Sie es dabei gnädiger Herr stellen Sie sich nicht den Leuten
selber gegenüber es ist nicht gut für alle Teile und wie die Leute nun hier
einmal wider die neue Kirche und auch sonsten aufgeregt sind  Er brach ab
und sagte kurz Tun Sie es nicht gnädiger Herr es kann ein Unglück geben
    Adam hatte nie zuvor seine Meinung in solcher Weise vor seinem Herrn
auszusprechen gewagt und dieser nie eine ähnliche Auseinandersetzung von einem
seiner Untergebenen angehört Er ließ Adam eine Weile ohne ihm zu antworten
stehen sei es dass dessen Worte doch mehr Eindruck auf ihn gemacht hatten als
er zu zeigen für gut befand oder dass er mit sich nur über den Bescheid zu Rate
ging den er Adam geben wollte dann sagte er Er hat mir Seine Ergebenheit
beweisen wollen und das lobe ich Ich danke Ihm dafür und wenn Er mich künftig
einmal brauchen sollte werde auch ich mich daran erinnern dass die Steinerts
lange in unseren Diensten gewesen sind Im Übrigen beurteilt Er die Dinge wie
Er sie versteht und Er hats ja selber eingestanden dass ich sie besser
verstehen und also anders ansehen muss als Er Eben dass die Leute immer von
Einem an den Anderen appellirten hat das ganze Regiment gelockert Es hat Jeder
drein geredet  zuletzt sogar der Gottard Habe ich das Regiment und ich denke
es in die Hand zu nehmen ganz und gar da hats mit dem Hin und Her ein Ende
und das tut endlich Not
    Er setzte sich nach diesen Worten an den Schreibtisch nieder so dass er Adam
den Rücken zudrehte wandte sich dann noch einmal zu ihm zurück um ihm einen
Auftrag an den Gärtner zu geben der auf dem Kirchenplatze einige Aenderungen
machen sollte fragte nach dem Ertrage der Heuernte und ob Adam im Stande sein
würde zu einem bestimmten Zeitpunkte gewisse Zahlungen zu leisten dann entließ
er ihn
    Sie wollen nicht hören sie wollen sich nicht helfen lassen dachte Adam
aber es tat ihm wohl dass er sich das Herz erleichtert und das Seinige getan
hatte Von dem Pfarrer zu reden für ihn eine Fürbitte um der Gemeinde willen
einzulegen wie er es vorgehabt hatte dazu war er gar nicht gekommen Indes wie
Alle die ein gutes Ziel im Auge haben gab er seine Hoffnung nicht leicht auf
und es war nun die Ankunft des Kaplans auf die er sich vertröstete Konnte der
auch nichts ausrichten ließ der Freiherr sich gar nicht bedeuten dem greisen
Pfarrer den Weg der einlenkenden Verständigung zu eröffnen mussten die alten
Leute wirklich von Neudorf fort nun so hatte Eva Recht so gab es in dem Hause
zu Marienau Raum genug den greisen Freunden der verstorbenen Eltern ein warmes
Plätzchen zu bereiten und die alten Leute durchzuhalten bis Gottard sie einmal
in seine Pfarre führte Für den Adam Steinert auf Marienau war das eben keine
große Sache
 
                                Zwölftes Kapitel
Wie seine Dienerschaft und seine Beamten den Freiherrn verändert gefunden
hatten so ward der Kaplan als man ihn nach seiner Ankunft zu der Baronin
führte durch ihren Anblick in Erstaunen gesetzt wennschon er es verstand ihr
diesen Eindruck zu verbergen Aber es war nicht allein ihre körperliche
Schwäche die ihn überraschte es war etwas Fremdes in sie gekommen das er sich
nicht gleich zu deuten wusste Während es ihm bedünken wollte als habe sie jenen
ihr schon als junges Mädchen eigentümlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit
verloren hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmtheit in ihren Äußerungen
gewonnen und er vermisste an ihr die freiwillige Unterordnung mit welcher sie
ihm sonst genaht war
    Nach dem Briefe welchen der Kaplan von dem Freiherrn erhalten hatte er
nicht anders glauben können als dass es der Baronin um seinen geistigen und
geistlichen Beistand zu tun sei dass sie zu beichten und das Abendmahl aus
seiner Hand zu empfangen begehre Indes wie erfreut sie sich über seine Ankunft
auch bezeigte sagte sie ihm dennoch dass sein Ausbleiben ihr wohl getan habe
und dass sie glaube ihr Alleinsein in diesem fremden Hause sei ihrem Seelenheile
förderlich gewesen
    Als der Kaplan zu wissen begehrte wie sie dies meine und in welcher Weise
der Umgang mit ihren Pflegern ihren Sinn gewandelt habe versetzte sie Auf die
einfachste Weise von der Welt Hätte ich Sie mein Freund hier gehabt da ich
zu sterben glaubte so hätte ich mich Ihnen wie immer mit allen meinen
Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und nur an mein eigenes Heil an meinen
Trost gedacht und Sie würden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir
nicht gesagt haben dass auch in dem Verlangen nach geistiger Erhebung und
Vervollkommnung sich die Selbstsucht des hochmütigen Menschenherzens verbergen
kann Hier aber habe ich unter Menschen gelebt von denen wie ich glaube sich
keiner mit der eigentlichen Sorge um sein Seelenheil beschäftigt Herr Flies und
seine Frau haben bis in ihre jetzigen Jahre hinein so viel Notwendiges zu tun
gehabt dass ihnen keine Zeit geblieben ist über sich selbst nachzudenken und
Seba lebt so ausschließlich für die Befriedigung der Anderen dass sie die eigene
darüber ganz vergisst oder dass sie dahin gekommen ist ihre Zufriedenheit in dem
Wohlbefinden Anderer zu genießen
    Der Kaplan wandte ihr ein dass sie in Gefahr stehe Gleichgültigkeit gegen
das geistige Leben mit Seelenfrieden und Gewissensfreudigkeit zu verwechseln
aber sie wollte dies nicht zugestehen
    Ich habe Herrn Flies einmal gefragt sagte sie wie er es angefangen habe
sich seine beschauliche Ruhe und Klarheit anzueignen
    Und was hat er Ihnen geantwortet erkundigte sich der Geistliche dem daran
gelegen sein musste die Leitung über das Herz der durch ihn bekehrten Frau nicht
zu verlieren
    Ich habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schuldigkeit getan hat er
mir gesagt und habe also immer die Zuversicht in mir getragen auf dem
richtigen Wege zu sein
    Der Kaplan machte eine Bewegung mit dem Kopfe die es kund gab dass er diese
Antwort vorausgesehen hatte und meinte danach Darin verbirgt sich die
Selbstzufriedenheit aller derer welche glauben durch ihre eigene Kraft zur
Seligkeit gelangen welche meinen mit guten Werken die in der Religion der
Juden eine große Rolle spielen den Himmel erwerben zu können Aber es ist nicht
nur das Tun das selig macht es ist 
    Zum ersten Male ließ Angelika ihren geistlichen Freund seinen Ausspruch
nicht vollenden und lebhafter als er es von ihr gewohnt war rief sie Nein es
ist gewiss und allein das Tun und nicht das Streben das Vollbringen und nicht
das Wollen die uns glücklich die uns selig machen Ich habe das hier in meiner
Einsamkeit und in meinem Leiden tief empfunden Was habe ich nicht Alles gedacht
und wie Weniges getan Mit den großen Fragen und Geheimnissen habe ich mich
beschäftigt in welche wir kurzlebigen Geschöpfe uns hineingebannt fühlen wenn
wir über die enge Schranke unseres Daseins hinauszublicken wagen von meinen
widerstrebenden Gefühlen hin und her getrieben habe ich mich nur um mein
Empfinden um mein Seelenheil gesorgt und es darüber ganz und gar versäumt für
das Heil derjenigen zu sorgen die Gott in meinen Lebensweg gestellt hat oder
etwas zu leisten was mich hätte in der Erinnerung trösten und aufrichten
können Und an Niemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt als an
dem Knaben den wir jetzt vergebens suchen
    Das Schicksal Pauls von dessen bisherigem Leben und von dessen
Verschwinden sie sich durch Seba ausführliche Kunde verschafft hatte das
weltliche Ergehen ihrer Familie lagen ihr vor allem Anderen am Herzen und
namentlich beschwerte die Erinnerung an Paul ihr das Gewissen
    Sie nannte es einen schweren Fehler dass sie immer nur dasjenige zu lieben
vermocht habe was ihr eigen gewesen sei was sie durch ihre Selbstsucht mit
ihrem Herzen vermitteln können während ihr jetzt von Fremden die
uneigennützigste Menschenliebe zu Teil geworden sei  von Fremden die sie um
ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief unter sich gewähnt Und an
Niemandem wiederholte sie hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt als
an dem armen Knaben welchen wir jetzt vergebens suchen Ich habe es in meiner
Eifersucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutter dieses Knaben
einst hochmütig verschmäht ihm die Stelle in dem Hause meines Gatten
einzuräumen die ihm gebührte die sein Vater ihm gewähren wollte Das hat sich
nun gestraft sein bloßer Anblick hat mich gedemütigt wie ichs verdiente
Damit ein Kind so vollständig die Züge seines Vaters wiedergibt so völlig
seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabe muss viel Liebe zwischen den
Eltern desselben geherrscht haben mehr Liebe mehr Hingebung als der Freiherr
und ich für einander in der Zeit empfanden welche unserem Sohne das Leben gab
Wenn ich unseren Renatus betrachte der seinem Vater so wenig ähnlich sieht
kommt er mir neben jenem Sohne meines Gatten wie ein Enterbter komme ich selbst
mir neben der unglücklichen Mutter Pauls wie die Unglücklichere vor denn sie
besaß sicherlich die Neigung des Barons weit mehr als ich Paul ist im wahren
Sinne des Wortes ein Kind der Liebe und er wird wiederkommen Sein keckes
stolzes Antlitz verbürgt ihm das Glück das solchen Kindern eigen sein soll
    Der Kaplan hatte nicht im entferntesten voraussehen können ein Urteil wie
dieses von der Baronin zu vernehmen weniger noch dass sie diese Verhältnisse in
Sebas Anwesenheit besprechen würde Ausschliesslich wie die Kaste in welcher
sie geboren war hatte Angelika früher Alles was ihre und der Ihrigen
Lebensverhältnisse betraf der Kenntnis und dem Urteile dritter Personen zu
entziehen gestrebt jetzt nannte sie diese Art der Zurückhaltung eine Maskerade
vor sich selbst Denn sagte sie ich täuschte damit nur mich und ich habe hier
erfahren dass Fremde wussten was ich vor mir selbst verbarg Ich habe eine
schwere Lehrzeit durchgemacht aber sie ist nicht an mir verloren gewesen
Obschon ich schwach bin gehe ich doch gekräftigt aus ihr hervor Der Ausspruch
Wen der Herr liebt den züchtigt er der mir sonst immer hart und darum der
göttlichen Liebe nicht angemessen erschienen ist hat sich mir zu einer Wahrheit
erhoben Dafür danke ich Gott und ich werde auch von Ihnen mein teurer
Freund künftig nicht mehr fordern was Sie mir nicht gewähren können was man
sich selbst erringen oder entbehren muss
    Und was hätten Sie derart gefordert fragte der Kaplan der immer
vorsichtiger und achtsamer wurde je weniger er im ersten Augenblicke den
Gemütszustand der Baronin zu beurteilen vermochte Welches Verlangen hätten
Sie gestellt das Ihnen aus der Gnadenfülle unserer trostesreichen Kirche nicht
befriedigt werden können
    Ich verlangte  Sie hielt inne schien zu überlegen und sagte danach als
wolle sie ihrem Berater keinen Zweifel über sich lassen Ich verlangte
Vergessenheit  und ich habe sie nicht gefunden
    Der Kaplan lächelte als sähe er ein Kind seine Händchen begehrlich nach der
Mondessichel erheben Freilich sagte er der Letestrom ergießt seine Wellen
nicht durch die christliche Welt er ist versiegt Aber fügte er mit ganz
verändertem Tone und mit gehobener Haltung hinzu aber flösse er auch reich und
voll vor unseren Lippen wie dürften wir begehren daraus zu trinken Wie
dürften wir Vergessenheit verlangen für irgend etwas das Gottes Ratschluss uns
erleben ließ Ich erkenne Sie und Ihren gottergebenen Sinn in diesem Wunsche
nicht wieder meine teure gnädige Frau
    Der Kaplan verstand die Kunst die Menschen sprechen und schweigen zu
machen und die Baronin fühlte diese seine Macht Ohne noch ermessen zu können
ob es der Einfluss ihrer nichtchristlichen Umgebung ob es ein Erwachen ihrer
protestantischen Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grübelei
sei welche die Baronin zu einem von seiner Führung unabhängigen Gedankengange
verleitet hatten hielt er es für angemessen sie wenigstens von dem Aussprechen
ihrer Gedanken abzuhalten denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete ist
lebendig und tritt uns selber bannend für und wider uns auf Und wie es wahr
ist dass nur derjenige frei bleibt der zu schweigen versteht so ist es eben so
wahr dass man den Menschen hindern muss sich seine Gedanken festzustellen wenn
man die Herrschaft über ihn mit Leichtigkeit behaupten will
    Er ließ eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen dann fragte er als
falle es ihm unmöglich sich in die Vorstellung der Baronin hinein zu versetzen
Und was war es denn eigentlich das Sie so dringend zu vergessen wünschten
    Angelika hatte in ihren Ruhesessel zurückgelehnt in stiller Betrachtung
vor sich niedergesehen aber bei der Frage des Kaplans richtete sie das Haupt
empor und entgegnete Es ist mir wunderbar ganz wunderbar zu Mute Ich fühle
als wären wir lange lange getrennt gewesen Eine Krankheit wie die meinige in
der man vom Leben zu scheiden glaubt bildet einen tiefen Abschnitt in unserem
Dasein sondert uns von unserer Vergangenheit hebt uns über sie und über uns
selbst hinaus  Ich weiß Ihnen das Alles kaum zu erklären weiß es mir selber
kaum zu deuten und stehe doch vor lauter Erfahrungen die ich mir nicht
wegleugnen kann  auch wenn ich es wollte Es sieht mich Alles fremd an wenn
ich auf die letzten Jahre meines Lebens zurückblicke es kommt mir Alles selbst
kürzlich erst Erlebtes unwahrscheinlich ja unmöglich vor Ich sehe die Dinge
die Menschen anders als bisher und warum sollte ich es Ihnen verschweigen
selbst Sie selbst Ihre Stimme selbst Ihre Worte klingen meinem Ohre so fremd
dass ich Mühe habe mich darein zu finden auch Ihre Frage befremdet mich
    Des Kaplans Miene wurde ernster und strenger Sein milder Sinn sein
nachsichtiges Herz hatten es doch früh gelernt die Herrschaft über die Geister
als eine Befriedigung zu empfinden und er war zu sehr von der wohltätigen
Wirkung überzeugt welche die den Geist beschränkende Zucht seiner Kirche über
die Menschen ausübt um die Herrschaft welche er gewonnen und besessen wieder
aus der Hand geben zu mögen Der Frevel gegen das Heiligenbild und der in
Richten an einer schuldlosen Bekennerin des katholischen Glaubens von den
Luteranern verübte Todtschlag selbst die Art und Weise mit welcher der
Freiherr das Ereignis aufgenommen hatten des Kaplans Seele doch mehr erbittert
als er sich dessen bewusst war und die Art von Auflehnung gegen seine Führung
mit der die bis dahin so fügsame Baronin ihm entgegentrat erinnerte ihn zur
rechten Zeit daran dass Herrschaft um wirksam zu sein keine Unterbrechung
erleiden darf
    Ich glaube es wohl sagte er dass meine Stimme Ihnen fremd geworden ist dass
meine Frage Sie befremdet  Denn es müssen verlockende Weisen gewesen sein mit
denen Sie Ihrem Herzen schmeichelten bis es zu solcher Selbstzufriedenheit
gelangen bis Sie glauben konnten der leitenden Hand fortan entbehren zu
können der Disziplin entwachsen zu sein  Er schüttelte mitleidig das Haupt
Sie wähnten auf sich selbst bauen zu können und haben es verlernt sich selbst
zu prüfen sich selbst die notwendigsten Fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft
zu beantworten Desshalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte Frage deshalb
auch gnädige Frau klingt Ihnen meine Stimme die Stimme der Wahrheit jetzt
wie eine fremde deshalb weichen Sie der Antwort aus Aber ich bin im Stande
mir diese Antwort selbst zu geben Sie haben 
    Angelika wollte ihn unterbrechen der Kaplan gab es nicht zu Sie sind
krank meine arme teure Freundin sagte er eine lebhafte Gereiztheit steigert
Ihre Ausdrücke dass auch Sie mir wie verwandelt scheinen und ich möchte Sie
hindern von sich auszusagen was Sie reuen könnte Lassen Sie mich Ihnen ein
Bild Ihres Seelenzustandes geben wie er mir erscheint und es soll Ihnen nicht
benommen sein mich des Irrtums zu überführen wo ich ihn begehe
    Er rückte an den Sessel der Baronin heran legte seine Hand auf die Lehne
auf welcher sie die ihrige ruhen ließ und sprach mit dem Tone eines ruhigen
Berichterstatters Sie sind in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben
durchgegangen haben sich und Andern  die Baronin schüttelte verneinend das
Haupt und der Kaplan ersah mit Befriedigung daraus dass er es nur mit ihr zu
tun habe  haben sich Ihre Schicksale zergliedert und haben sich gesagt ich
war nicht glücklich wie ich es erwarten durfte mir ward ein schweres Loos zu
Teil ein Loos das groß und würdig zu tragen über meine Kräfte ging Wie
durfte die göttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen ohne dass die
göttliche Gerechtigkeit dadurch beeinträchtigt wurde 
    Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin zu entfernen die
lautlos vor sich niedersah während ihre Wangen sich röteten und ihr Atem sich
schneller hob Die Hand langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren
Arm legend fuhr er immer mit derselben Ruhe fort Sie hatten hier eine
anscheinend glückliche Familie um sich Sie erfreuten sich ihrer Hilfe 
Familienliebe dünkte Sie in Ihrer augenblicklichen Hülfsbedürftigkeit als das
höchste das erstrebenswerteste Gut  und Sie sind durch Gottes Sie
erleuchtenden Ratschluss von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden ohne in
dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Sinne für Familienleben und Familienliebe
zu begegnen nach denen es Sie verlangte Darin erblickten Sie einen Mangel an
göttlicher Gerechtigkeit 
    Nein o nein rief die Baronin nicht darin 
    Hören Sie mich zu Ende begehrte der Kaplan Ich weiß es nicht darin allein
glaubten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit zu erblicken Aber dass Sie
früh dazu bestimmt waren die Schuld und die Versündigung des Freiherrn teilend
tragen zu müssen dass Sie der Liebe zu einem gleichaltrigen Manne entbehrend
die ganze Kraft Ihres Herzens erst kennen lernten als es für Sie nicht mehr
gestattet war über Ihr Herz zu verfügen dass Ihre Neigung sich einem Manne
zugewendet hat der sie nicht erwiderte einem Manne dem Sie nie angehören
konnten auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit Ihrer Jugend begegnet wären 
dass Sie kämpften sich besiegten ohne die Frucht Ihres Sieges in dem Frieden
Ihrer Ehe zu genießen dass Sie schuldig schienen ohne es zu sein dass des
Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertraute dass sein beleidigter Stolz keine
Versöhnung zwischen Ihnen zuließ wie Ihr Herz sich auch in Reue vor ihm
demütigte  das Alles machte Sie zweifeln an der allweisen Gerechtigkeit des
Herrn  Und fuhr er fort während sein Auge zu leuchten begann hier auf dem
einsamen Lager verlassen von dem Beistande der religiösen Tröstung den zu
entbehren Ihr Herz noch viel zu schwach war hier in dem Hause nach welchem
Ihre irrende Empfindung sich oft mit sträflicher Liebe hingesehnt weil der Mann
hier weilte dem Sie Ihre Liebe zugewendet hatten hier trat die Versuchung
abermals an Sie heran und von ihr verleitet haben Sie sich gesagt Ich habe
gelitten nicht gefehlt Ich bin unglücklich gewesen und nicht schuldig Ich
habe vergessen wollen und es nicht vermocht Ich bin also nicht verantwortlich
für das was über meine Kräfte geht All mein Streben nach Vollendung hat mich
nicht beglückt und diejenigen nicht beglückt die zu beglücken ich gewünscht
habe Hier sind zufriedene Menschen die nicht über sich denken und hinleben in
gleichgültiger Gedankenlosigkeit ich will hingehen und werden wie sie Ich will
werktätig werden wie sie und meine geheimen Neigungen nicht prüfen ich will
den Menschen wohltun dem Tage leben der Zeitlichkeit leben wie diese Familie
hier und wenn dann meine Stunde schlägt so will ich hintreten vor den Thron
des Herrn und ihm sagen Du hast mich geschaffen mit meiner Schwäche und
Sündhaftigkeit du hast die Versuchung in meinen Weg gestellt ohne mir die
Kraft des freudigen Siegens zu geben dein ist meine Schuld nicht mein  ich
wasche meine Hände in Unschuld
    Er hätte noch lange so fortsprechen können ohne dass die Baronin ihn
unterbrochen haben würde Sie hatte ihre Hände auf ihren Knieen gefaltet ihr
Haupt ruhte auf ihren Händen Wie die Stimme des Gerichtes tönten die langsam
und gewichtig gesprochenen Worte des Geistlichen auf sie hernieder sie glaubte
eine Offenbarung zu vernehmen ein Wunder zu erleben denn dies Alles eben dies
Alles hatte sie sich gesagt diese Zweifel hatten ihr Herz bewegt zu diesen
Schlüssen hatte es sie gedrängt Wie ein Erleuchteter ein Seher erschien ihr
der Mann der also ihre innerste Seele erkannte Sie war wieder völlig willenlos
in seine Hand gegeben Freilich hatte er ihr Nichts gesagt als was sie ihm seit
Jahren immer und immer wieder in ihren Bekenntnissen anvertraut und doch traf
es sie wie mit einem Zauber denn der Mensch wie oft er sich auch seine eigene
Seele zergliedert und enthüllt ist sich neu und überraschend wenn ein Anderer
ihm das Bild entrollt das er diesem selbst geliefert hat und in der
Überraschung vergisst er dass er dies getan
    Der Kaplan hatte seinen Sitz verlassen Hoch und ruhig auf die Gebeugte
niederblickend hütete er sich sie zu erheben Er wusste dass er sie zu schonen
hatte und die Baronin war ihm teuer aber auch jetzt wieder empfand er was er
sich als einem der Glieder jener großen hierarchischen Verbrüderung schuldig
sei die sich die Herrschaft über den Menschengeist als ihr angestammtes Erbe
und Recht zuerkennt
    Es war nicht sein persönliches Belieben und Empfinden es war nicht nur das
Wohl und Wehe nicht nur die Unterwerfung dieser einen am Abhange ihres Lebens
stehenden Frau mit denen er es zu tun hatte In dieser Frau hatte er das
Geschlecht derer von Arten an der Kirche und in der Kirche festzuhalten aus
ihrer Hand musste und konnte er am sichersten die Machtvollkommenheit über den
Knaben gewinnen der bestimmt war den stolzen Namen fortzupflanzen und wäre
das auch nicht gewesen  er schuldete es sich und seiner Kirche eine Seele in
ihren Banden festzuhalten die ihr einmal gewonnen worden war und deren
Bekehrung seiner Zeit viel von sich sprechen machen
    Es war still in dem Zimmer der Kaplan stand sinnend an der Seite der
Baronin Da er sie also in sich versunken sah reichte er ihr die Hand Es ist
jetzt an Ihnen meine arme Freundin sprach er mich meines Irrtums wie ich
Sie bat zu zeihen wenn ich mir einen solchen zu Schulden kommen ließ
    Sie hob ihr Antlitz in die Höhe es war von Tränen überströmt O
Vergebung Vergebung war Alles was sie sagen konnte denn ein krampfhaftes
Weinen unterdrückte ihre Worte
    Seba die sich während dieser Unterredung im Nebenzimmer aufgehalten trat
ohne eine Aufforderung abzuwarten in die Türe Der Ton der Weinenden gab ihr
nach ihrer Meinung ein Anrecht dazu denn sie hatte einzustehen für das Befinden
der ihr anvertrauten Kranken
    Um Gottes willen was ist geschehen rief sie unbeirrt durch die gebietende
Erscheinung des Kaplans indem sie auf die Baronin zueilte und an ihrem Sessel
niederknieete
    Nichts nichts entgegnete Angelika mit sanfter Abwehr
    Nichts wiederholte Seba während ihre klugen Augen sich von der Kranken zu
dem Geistlichen und von diesem zu der Kranken wandten Nichts  und Sie weinen
dass es Ihnen den Atem versetzt und Ihre Hände sind so kalt  Sie wollte
auffahren in ihrer zornigen Besorgnis aber sie überwand sich und mit schneller
Überlegung sich an den Geistlichen wendend sagte sie Herr Kaplan wir haben
die Ehre Sie unsern Gast zu nennen und sind sehr glücklich darüber da man
aber mit seinen Gästen doch in Frieden und Freundschaft leben soll lassen Sie
uns ein Abkommen mit einander treffen
    Dem Kaplan der mit erprobtem Scharfblicke in der ganzen Haltung Sebas die
Entschlossenheit eines festen Herzens erkannte und der von der Baronin bereits
erfahren hatte wie sehr diese für ihre Pflegerin eingenommen war kam es darauf
an in Angelika keine Art von Misstrauen gegen ihn aufkommen zu lassen Er hielt
sie wieder fest in seiner Hand und er war wie immer gern bereit ihr so viel
Freiheit der Bewegung zu vergönnen als er ihrem Heile angemessen glaubte Es
war sonst nicht in seiner Art ähnlichen Aufrufen wie Seba an ihn richtete mit
Leichtigkeit zu begegnen Die Sprache der Galanterie die er mit seiner Würde
unvereinbar fand hatte seinem Ernste ohnehin nie zugesagt und lag ihm jetzt
noch ferner aber er ging von einer plötzlichen Überlegenheit bestimmt auf
Sebas Forderung freundlich ein und versicherte dass er sehr bereit sei jeden
von ihr gemachten Vorschlag anzunehmen wofern er ihm entsprechen könne
    O gewiss rief sie Sie können es nur ein wenig Güte und ein wenig
Selbstverleugnung sind dazu vonnöten  Sie kauerte neben Angelikas Sessel auf
einem Schemel nieder und sagte lächelnd Aber ich muss weit sehr weit ausholen
dürfen
    Und wie weit fragte der Kaplan dem die Achtsamkeit nicht entging mit
welcher die scherzende Seba in den Mienen der Baronin zu lesen trachtete
    Von der Schöpfungsgeschichte an entgegnete sie denn wie Juden und Christen
in ihren religiösen Meinungen und Vorstellungen auch aus einander gehen die
Erzählung von der Reihenfolge in welcher Gott die Welt erschaffen hat die
haben sie gemein und 
    Und wiederholte der Kaplan dem Sebas geflissentlich spielendes Plaudern
nur einen erhöhten Begriff von ihrer willensstarken Klugheit gab
    Und sprach sie sichtlich zufrieden mit sich und mit dem Eindrucke den sie
auf den Kaplan machte und es steht geschrieben erst als Gott der Herr den
Körper Adams in Kraft und Schönheit vor sich sah hauchte er ihm den Odem
seines Geistes ein
    Der Kaplan konnte seine Überraschung über diese Wendung nicht verbergen Er
verneigte sich vor Seba mit der Versicherung dass er sich diese Aufklärung zu
Nutze machen werde Sie tat als höre sie nicht dass er sie verspotte und sich
von ihrem Schemel aufrichtend rief sie mit einem Tone leichtfertiger
Zuversicht Tun Sie das beherzigen Sie mein Gleichniss hochwürdiger Herr denn
ich mache sonst von dem Rechte Gebrauch das mir der Freiherr und der Arzt
einräumten als sie die Frau Baronin mir und meiner Pflege übergaben ich lasse
Niemanden zu ihr ein der ihr irgend eine Aufregung verursacht
    Sie haben starke Begriffe von Autorität ich achte das entgegnete der
Kaplan dem der Charakter dieses Mädchens immer bedeutender erschien und Sie
sind geneigt Ihre zufällige Herrschaft zu gebrauchen wie mir scheint
    Die Baronin wollte einlenken weil sie fürchtete Seba könne dem Kaplan
missfallen aber diese war gewohnt sich selbst zu helfen  Wollen Sie mich
tadeln wenn ich zu genießen suche was noch mein nur noch wenige Tage mein
ist fragte sie Bis Mademoiselle Marianne eintrifft gehört die Frau Baronin
mir und ich habe für ihr Wohlbefinden einzustehen Es wird nicht lange dauern
und  die Augen wurden ihr feucht obschon sie lächelte  mein Regiment ist aus
Dann Herr Kaplan dann tun Sie Alles was Ihnen geboten scheint nur unter
meiner Obhut nur hier soll meine Kranke heiter sein soll die Frau Baronin
nicht so weinen
    Sie weinte aber selbst während sie diese Worte sprach Die Baronin hatte
ihr die Hand gereicht Seba drückte sie an ihre Lippen Der Kaplan war jeder
Bewegung jeder Miene Sebas gefolgt Er sah die Zärtlichkeit mit welcher die
Baronin an ihrem Munde hing die Sorge mit der sie auf den Eindruck achtete
den des Mädchens dreister Freimut auf ihn machen würde und er war zu klug um
sich in einen Kampf einzulassen den er vermeiden konnte ohne dadurch zu
verlieren Denn einen Streit mit einem nicht ebenbürtigen Gegner aufnehmen
heißt diesen erheben indem man sich erniedrigt und der Kaplan besaß die
vorsichtige Selbstbeherrschung des Klerus dem er angehörte Er verstand zu
warten aber er verstand mehr als das er kannte die Menschen und hatte früh
gelernt sie zu beobachten
    Er hatte Seba gesehen da sie eben in das jungfräuliche Alter getreten war
und ihr sanftes schüchternes Wesen hatte damals nicht erraten lassen zu
welcher Kraft und Entschlossenheit sie sich entwickeln würde Es mussten
besondere Umstände mitgewirkt haben ihr dieses Charaktergepräge aufzudrücken
und sie in solcher Weise über ihre Jahre und ihre Lebensverhältnisse zu erheben
Sie hatte nicht jene Weichheit welche das Mädchen zu kennzeichnen pflegte sie
besaß die ganze Sicherheit einer vom Leben geprüften und durch dasselbe
gereiften Frau Sich unterordnend und liebevoll dienend war sie doch die
Herrschende in ihrem Vaterhause und auch ihr Einfluss auf Angelika war
unverkennbar Wie aber war sie zu der Selbstbeherrschung gelangt welche ihr die
Macht über Andere sicherte Denn nur derjenige welcher seiner selbst gewiss ist
erlangt eine Gewalt über die Anderen
    Fast gegen seinen Vorsatz hatte er sein klares Auge scharf auf sie
gerichtet und sie ertrug und erwiderte seinen Blick mit Festigkeit Nur ihre
Wangen färbten sich und der Mund jener schwer zu beherrschende Verräter
unserer Gedanken zuckte leise wie in stolzem Trotze Der Kaplan glaubte genug
gesehen zu haben und senkte mild die Lider während er sich mit freundlichem
Worte für diesen besonderen Fall als von ihrer besseren Einsicht und größeren
Sorgfalt überwunden nannte Ja er ging noch weiter er erbot sich um jede
angreifende Unterhaltung zu vermeiden die Baronin so lange sie in Sebas Obhut
sei nur in deren Beisein zu sprechen denn er wisse wie hoch ein
gewissenhaftes Herz übernommene Verpflichtungen halte und wie liebevoll man
über ein Leben wache das man mit Mühe und Aufopferung in einem geliebten
Menschen zu erhalten gestrebt habe Die Baronin reichte ihm dankbar die Hand
sie hatte gefürchtet dass der Kaplan sich erzürnen dass er sich gegen Seba
aussprechen könne und sie liebte Seba
    Niemals war eine Freundschaftsversicherung niemals ein Geständnis
gegenseitiger Zuneigung zwischen den beiden Frauen ausgesprochen worden sie
hatten einander auch nicht um ihre Schicksale befragt sich ihre Erlebnisse
nicht besonders anvertraut wie Frauen dies so leicht und gern tun aber
Bedürfnis Hülfsleistung und Dankbarkeit hatten eine Neigung und endlich eine
Liebe zwischen ihnen erzeugt die so natürlich entstanden war dass beide ihr
rasches Wachstum kaum gewahrten Seba freute sich in jedem Augenblicke an der
formvollen Güte der Baronin die Baronin genoss unablässig ihrer Pflegerin
bereitwillige Hingebung Sie rühmte dem Geistlichen welch glückliche Tage sie
verlebe seit sie alle Dienste deren sie bedürfe von der Hand einer Freundin
empfange und seit sie gelernt habe wie süß es sei zu fordern wo man mit der
Möglichkeit des Gewährens dem Andern eine Freude zu bereiten sicher sei
    Der Kaplan widersprach ihr nicht Im Gegenteil er erkannte Sebas Vorzüge
unbedenklich an nur einmal warf er die Frage auf ob die Baronin irgend etwas
über den Weg erfahren habe welchen die Charakterbildung ihrer Freundin
genommen ob sie irgend welche Kenntnis von deren sittlichen und religiösen
Anschauungen habe Sie verneinte Beides tat danach aber doch die Äußerung
dass sie vermute Seba sei unvermählt geblieben weil sie eine unglückliche
Liebe im Herzen trage Der Kaplan nannte dies unwahrscheinlich da das Mädchen
Eigenschaften und Vorzüge besitze welche auch einem anspruchsvollen Manne
genügen müssten Die Baronin schwieg eine Weile indes ein ihr in der Beichte zur
Gewohnheit gewordenes Vertrauen in den Kaplan und das Verlangen ihre Seba nicht
als eine Verschmähte erscheinen zu lassen trugen über ihre Verschwiegenheit den
Sieg davon und zögernd als bekenne sie eine eigene Erfahrung sagte sie dass
ihrer Freundin Liebe wie sie glaube einem Manne gegolten von welchem nicht
nur ihre Religion sondern auch sein Stand sie geschieden habe
    Sie kennen seinen Namen fragte der Kaplan da die Baronin die Antwort nicht
augenblicklich gab ließ er jedoch selbst die Frage fallen und erst nach einer
Weile sagte er wie man eine flüchtige Bemerkung hinwirft Ich würde mich
wundern wenn Mademoiselle Flies sich hätte leicht entmutigen lassen denn an
Willenskraft hat sie offenbar nicht Mangel und Standesvorurteile lassen sich
gar oft besiegen wenn nur die kirchlichen die religiösen Hindernisse zu
besiegen sind Wie anders aber würde dieses Mädchens Wesen sich entfaltet haben
wenn seine übergrosse Selbstgewissheit durch die Erkenntnis jener göttlichen Liebe
gemildert worden wäre von welcher alle irdische Liebe nur der Abglanz eines
schwachen Strahles ist
    Er brach dann diese Unterhaltung ab sicher dass sie in der Baronin
nachwirken würde und er hatte sich darin nicht getäuscht Sie war unverkennbar
bemüht Seba in die Nähe des Kaplans und diesen zu Erörterungen über religiöse
Fragen zu bringen wenn Seba irgend auf solche einzugehen geneigt war Aber
nachdem die Baronin auf ihren Wunsch an einem der folgenden Tage gebeichtet und
das Abendmahl empfangen hatte hielt grade der Kaplan sich fest an sein
gegebenes Versprechen und schien jeder angreifenden Unterhaltung geflissentlich
ausweichend es nur auf die Pflege und Erheiterung der Kranken abgesehen zu
haben
 
                              Dreizehntes Kapitel
Der Freiherr hatte sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen er hatte
selbst zu Gericht gesessen über die Angeklagten und Schuldigen Aber auf den
Besitzungen des Freiherrn wie überall auf dem Lande hing und hängt der niedere
Mann an dem Hergebrachten Aus dem Hergebrachten schöpft er seine Einsicht nach
dem Hergebrachten richtet er seine Folgerungen auf das Hergebrachte stellt er
sich wenn er mit seinen Erwartungen sich an die Zukunft wendet und was ihn von
diesem Boden entfernt flösst ihm ohne Weiteres Misstrauen ein
    Mancher von den Insassen der Güter war wegen kleinerer oder größerer
Vergehen in den letzten Jahren zur Verantwortung gezogen worden indes er hatte
es dann wie Adam sehr richtig bemerkt gleich seinen Vordern auf den Amtmann
und den Justitiarius geschoben und alle Teile hatten einander gekannt hatten
mit einander zu verkehren gewusst und ungefähr voraussehen können worauf sie
sich gefasst zu machen hätten Jetzt da der Freiherr selbst Gericht halten
wollte war es ein Anderes
    Es waren Frevel geschehen wie sie bis dahin nicht vorgekommen waren nicht
hatten vorkommen können und da sich in den Köpfen der unaufgeklärten und
kurzsichtigen Menge die Begriffe wunderlich kaleidoskopisch zusammensetzen und
gestalten hatte sich weil die erschlagene Kammerjungfer und der gemisshandelte
Koch Fremde gewesen und weil der verwundete Geistliche ein Katholik war die
Vorstellung der Leute bemächtigt sie sollten nicht von ihrem rechtschaffenen
protestantischen Herrn Justitiar nach ihrem alten Rechte und Herkommen gerichtet
werden sondern nach fremden und katholischen Gesetzen die eben deshalb der
gnädige Herr der ja auch katholisch war selbst handhaben wolle Dagegen habe
der Herr Pfarrer Einspruch getan und der gnädige Herr ihm die Pfarre zur Strafe
abgenommen Nun werde der Kaplan an seine Stelle kommen und allem wahren
christlichen Wesen in der Gemeinde mit Schrecken ein Ende gemacht werden
    Wo hier und da eine derartig verwirrte Vorstellung dem Amtmanne oder dem
Justitiarius zu Ohren gekommen war hatten sie dieselbe zu bekämpfen versucht
aber es ist ein Kennzeichen der Unvernunft dass sie sich nicht überzeugen lassen
mag und wenn es dann doch gelungen war einen oder den andern von den Männern
zu beruhigen so kamen die Frauen welche sich weinend und wehklagend bei der
Pfarrerin Rats erholen gingen mit beängstigenden Voraussichten mit dem
Glauben an die schlimmsten Möglichkeiten in ihre Wohnungen zurück und die
misstrauische Angst wuchs nur noch höher empor
    Unglücklicher Weise wichen die Anordnungen des Freiherrn nun auch von dem
Hergebrachten ab Sonst hatte man die Termine in der Gerichtsstube in Rotenfeld
abgehalten die Angeschuldigten waren auf wohlbekanntem Wege nach der
Gerichtsstube gegangen oder gebracht worden hatten sich an den Häusern
zwischen den Gärten hin gedrückt und in der Gerichtsstube den Justitiarius den
Schreiber den Schulzen in der gewohnten ihnen allen bekannten Alltagstracht
gefunden und die Angelegenheit war wie schlimm sie für den Betroffenen auch
sein mochte doch ohne besonderen Schrecken für ihn abgegangen Diesmal war das
anders Diesmal hatte man die Angeklagten in das Schloss beschieden und
Jedermann machte sich nun auf das Äußerste gefasst Denn warum ließ mans nicht
beim Alten wenn man nicht besondere Absichten hegte Schon der Weg über den
großen Schlosshof den die Angeklagten in Begleitung der beiden Büttel vor aller
Welt Augen zurücklegen müssen war eine schwere Pein und eine Strafe für sie
gewesen Als sich das Gitter der Mauer die den Hof umgab dann hinter ihnen
geschlossen hatte als ihre Weiber und Angehörigen die hingekommen waren sie
zu sehen ihnen nicht in den Schlosshof folgen dürfen war ihnen die Angst
vollends zu Kopfe gestiegen und nun gar da zu stehen in dem großen hohen Zimmer
des Erdgeschosses durch dessen Bogenfenster der Tag so hell hineinschien da zu
stehen vor der langen grünen Tafel an welcher der Justitiarius und der
Schreiber beide schwarz und feierlich gekleidet weil sie vor dem Freiherrn zu
erscheinen hatten dessen Eintritt erwarteten das hatte die Leute in dem
Glauben bestärkt dass man es auf sie abgesehen habe und dass ihnen zugefügt
werden solle was noch Keinem von ihnen hier zugefügt worden und was überhaupt
noch nicht dagewesen sei
    Hoch aufgerichtet und mit finsterem Blicke über die Angeklagten
hinstreifend war der Freiherr in den Saal getreten hatte sich an dem oberen
Ende des Tisches niedergesetzt und dem Justitiarius ein Zeichen gegeben das
Verhör zu beginnen Dieser der es allerdings wusste dass der Freiherr ein
warnendes Exempel zu statuiren und den Leuten seine Gewalt fühlbar zu machen
wünschte kannte aus vieljähriger Erfahrung nichts desto weniger die dem
Landmanne eigentümliche zögernde Hartnäckigkeit und das stumpfe Leugnen eines
Schuldigen genugsam um sich von seinem ruhig fortschreitenden Verhöre nicht
abbringen zu lassen Aber der Freiherr hatte niemals einer solchen
Gerichtssitzung beigewohnt und die Menschen mit denen er es hier zu tun
hatte waren ihm in ihrem Charakter und in ihrer Art und Weise fast völlig
fremd Wenn seine Untertanen sonst einmal vor ihm selbst erschienen waren
hatte er sie als Bittsteller vor sich gehabt und wer sich einer Schuld bewusst
gewesen war hatte sich gehütet in seinen Bereich zu kommen Selbst die
eigentliche Angst und Not denen man meist so gut es gegangen abgeholfen
waren nicht leicht bis zu ihm gedrungen und heute wo er Angst und Not und
Schuld und scheues Misstrauen Alles auf einmal vor Augen hatte empörten sie
ihn
    Die düstern Mienen der stumpfe Ausdruck das abwartende und hinhaltende
Zögern das Schweigen auf bestimmt vorgelegte Fragen das geflissentliche
Umgehen und Leugnen der feststehenden Tatsachen regten seine Ungeduld auf und
machten ihm die Leute vollends verächtlich Er sah eine Auflehnung gegen sich
und sein bestimmtes Wissen von dem Vorgefallenen darin wenn die Schuldigen sich
bestrebten sich womöglich aus der Schlinge und Gefahr zu ziehen und während
der Justitiarius gelassen den Leugnenden einen Fuß breit nach dem andern von dem
Boden streitig zu machen suchte auf dem sie sich behaupten wollten war der
Freiherr müde des frechen Lügens und des unverschämten Trotzens aufgefahren
und hatte befohlen von den Leuten mit Gewalt das Eingeständnis der
feststehenden Tatsachen zu erzwingen
    Es war ein schlimmer Augenblick als man mit Stockschlägen gegen die
Angeklagten verfuhr denn es war das nicht vorgekommen seit Menschengedenken
Wohl hatte man zu allen Zeiten jugendliche Missetäter mit dem Stocke gestraft
aber man hatte nicht Geständnisse mit dem Stocke erpresst und es kam dem
Justitiarius hart an als der Freiherr den Befehl erteilte Leise bittend
versuchte er davon abzumahnen indes der Freiherr gab ihm kein Gehör Er fühlte
einen Widerwillen gegen die vor ihm stehenden Übeltäter er kam sich wie
erniedrigt dadurch vor dass er in ihrer Nähe sein ihren Anblick ertragen die
Schliche und Winkelzüge ihrer engen Köpfe verfolgen den Ausflüchten und Listen
nachspüren sollte mit denen sie sich zu retten strebten und er vergaß dass
nichts als sein eigenes Gelüsten ihnen seine Oberherrlichkeit klar zu machen
ihn zu dem Amte gezwungen hatte das verwalten zu müssen er wie eine Schmach
empfand
    Ungerührt und nur angewidert von dem Anblicke der sich im Schmerze windenden
und demütigenden Schuld ließ er die erlangten Geständnisse zu Protokoll
nehmen und stehenden Fußes sprach er seine Willensmeinung aus Das Recht über
den des Todtschlags Eingeständigen stand nicht dem Freiherrn sondern dem Staate
zu Es wurde also der Befehl erteilt ihn noch in dieser Stunde in Ketten
geschlossen an das Gericht der Kreisstadt abzuliefern Auch die Strafen gegen
die übrigen Angeklagten wurden sofort verhängt und fielen härter und strenger
aus als man es des Landes hier gewohnt war Der Freiherr schien sich an dem
Leiden Anderer für die Pein entschädigen zu wollen welche dieser Morgen ihm
bereitete
    Mit eigener Hand unterschrieb er das Verhör und den Bericht die nach der
Kreisstadt mitgegeben wurden eigenhändig unterzeichnete er das Urteil seiner
Leute und finsterer noch als er gekommen war schritt er ohne sie und ihr
niedergeworfenes Flehen eines Blickes zu würdigen an ihnen vorüber und zum
Saale hinaus
    Er hatte die Angelegenheit erledigt haben wollen ehe die Baronin
wiederkehrte ehe die gräflich Berkasche Familie auf das Schloss kam Nun hatte
er sie abgetan und doch fühlte er sich nicht leichter Es war ein Misston in
sein Inneres gekommen den er sich selber nicht zu deuten wusste aber er hörte
ihn immerfort peinlich in sich erklingen er konnte ihn nicht verstummen machen
Das Wohlwollen welches er gegen seine Untertanen sonst gefühlt hatte war wie
aus seiner Brust gerissen er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk
herab und ein bitteres Hohnlachen war die Antwort die er sich gab als er
seine gegenwärtigen Erfahrungen und seine jetzige Stimmung mit den
philantropischen Bestrebungen und Ansichten seiner jungen Jahre verglich
    Er hatte früher sich oftmals darüber ausgesprochen dass ein Edelmann seine
Würde nirgends so völlig behaupten könne als auf seinem Grund und Boden dass er
einen großen und schönen Teil seiner Standesvorrechte opfere wenn er sich
hinter die Mauern der Städte zurückziehe und in die Nähe der Höfe begebe und
obschon er von Natur gesellig war hatte sein Hang zu völliger selbstbestimmter
Freiheit ihn das gesonderte Leben auf dem eigenen Hofe immer als einen Vorzug
betrachten machen Jetzt dünkte es ihm angenehm der Nähe und der Berührung mit
der stumpfen Masse des niederen Volkes möglichst enthoben zu sein und sein
ästetischer Widerwille gegen dessen Rohheit schlug ohne dass er sich dessen
klar bewusst war in jene auf das bessere Blut begründete aristokratische
Geringschätzung des Volkes um das ihm gehörte und aus dessen Arbeitskraft er
die Möglichkeit zu seiner freien edelmännischen Selbstbestimmteit und Willkür
schöpfte
    Er war unzufrieden mit Allem was ihn umgab er meinte immer und immer aufs
Neue zu erkennen dass er sich auf falschem Wege befunden dass er nicht genug
Zucht gehandhabt dass er in gütiger Lässigkeit überall zu viel freies Belieben
um sich her bestehen lassen denn das freie Belieben des ungebildeten und
unreifen Menschen begann ihm je schärfer er die Verhältnisse ins Auge fasste
immer entschiedener als die Quelle alles Übels zu dünken und während er in
seiner warmherzigen und glückverlangenden Jugend daraus den Schluss gezogen haben
würde dass man mit allen möglichen Mitteln danach streben müsse der Unbildung
durch Verbreitung von Aufklärung ein Ende zu machen meinte er jetzt
verdüsterten Sinnes aus seinen eigenen Erfahrungen zu erkennen dass der einzelne
Mensch und vor Allem die große Masse durch Güte nicht zu gewinnen und der
bildenden Erziehung nicht zugänglich sei dass man ihr also keine Freiheit
verstatten dürfe wenn man sich und sie selber nicht der Gefahr eines
gefährlichen Missbrauchs dieser Freiheit aussetzen wolle
    Immer geneigt in Allem was ihn persönlich betraf an eine gewissermaßen
sichtbare Einwirkung der Vorsehung zu glauben schien es ihm ein Fingerzeig des
Himmels zu sein dass diese Erkenntnis sich ihm eben durch einen gegen seinen
Kirchenbau verübten Frevel neu bestätigte Er war gegen denselben in den letzten
Jahren gleichgültig geworden er hatte selbst oft gewünscht ihn nicht begonnen
zu haben nun da der Bau sich so stattlich erhob dass er seine künstlerische
Lust neben der Besitzesfreude daran hatte nun wurde er durch ein von der wüsten
Rohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt dass die Masse des Zügels und der
Zucht nicht entbehren könne und dass diese ihr unerlässliche Zügelung ihr von dem
protestantischen Pfarrer nicht angelegt worden sei dafür meinte er die Beweise
jetzt zur Genüge erhalten zu haben
    Während er eben so erbittert als schwermütig im Laufe des Tages und noch
spät am Abende im vertrauten Gespräche mit der Herzogin seine Seele von ihrem
Kummer zu entlasten strebte brannten und brüteten der Zorn und der Hass gegen
ihn in den Gemütern seiner Hörigen Nicht nur die Familien der Schuldigen und
Bestraften waren in ihren Herzen gegen ihn empört auch die völlig Schuldlosen
auch die besten und ihm bis dahin anhänglichsten unter seinen Leuten waren ihm
aufsässig und verwünschten mit seiner Harterzigkeit auch sein Herrenrecht Sie
hätten es nicht zu sagen gewusst was sich in ihnen und in ihrem Verhältnis zu
ihrem Herrn geändert hatte aber der Amtmann und der Justitiarius erkannten was
geschehen war und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in richtigem
Verständnis des Volkscharakters und des Menschenherzens den Freiherrn von
persönlichem Einschreiten in der eigenen Sache fern zu halten gewünscht
    Es war nicht die Härte der Strafe ja nicht einmal die Art in der man die
Schuldigen zum Geständnis gezwungen gegen welche das Bewusstsein der Leute sich
auflehnte Es hatte seit die erste Aufregung in den Pfingsttagen vorüber
gewesen war kaum einen Menschen auf den Gütern gegeben der das Geschehene
nicht bedauerte und der nicht der vollen Meinung gewesen wäre dass es bestraft
werden schwer bestraft werden und die Strafe hingenommen werden müsse Hätte
der Herr Justitiarius den des Todtschlags schuldigen Stephan in Ketten nach der
Stadt geschickt hätte er den Stellmacher der nach der Aussage des Kochs diesen
niedergeworfen und misshandelt hatte schließen ihn bei Wasser und Brod wie der
Freiherr es getan in das seit Jahren nicht mehr benutzte sogenannte Verliess
einsperren und den blödsinnigen Burschen der den Herrn Kaplan verwundet von
dem Büttel peitschen lassen sie würden es hingenommen haben ohne mehr denn
gewöhnlich zu murren und zu klagen denn der Justitiarius war dazu da auf das
Recht zu sehen Er handelte nicht für das Seinige er war dem Herrn
verantwortlich und ward dafür bezahlt auf des Herrn Vorteil und Zukommen zu
achten so gut wie der Amtmann Er konnte nichts verzeihen er konnte nichts
schenken er konnte und durfte nicht Gnade für Recht ergehen lassen Aber der
Herr konnte es dem Herrn hatte Niemand zu befehlen er war Niemandem
verantwortlich er konnte Erbarmen haben  und er hatte kein Erbarmen gehabt
    Ein Wunder war das wie die Leute meinten und es zu einander sagten
freilich nicht denn was wissen die Reichen und Vornehmen von der Not und der
Sorge des Armen Ob der Freiherr da war ob er lebte oder starb seine Frau und
sein Sohn wohnten in dem Schloss Wald und Feld Wiese und Höhe gehörten ihnen
Seit Menschengedenken war es ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen Ohne dass
sie die Hand rührten und den Arm bewegten war ihnen Alles in den Mund gewachsen
und sie hatten nach Keinem zu fragen gehabt und getan und gelassen was ihnen
wohlgefallen Wer hatte denn den gnädigen Herrn zur Rechenschaft gezogen als
die Pauline in das Wasser gesprungen war Ob man einem Menschen in der Hitze des
Augenblicks das Leben nimmt oder ob man ihn langsam dahin bringt dass er es
sich vor Verzweiflung selber nehmen muss das sei wohl das Nämliche ja das
Letztere sei im Grunde schlimmer Denn die fremde Kammerjungfer hatte ihr
ehrliches Begräbnis gehabt und die arme Pauline die guter Leute Kind gewesen
war wie nur Eine war ohne Sang und Klang als ekler Leichnam auf einem
unbezeichneten Platze in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden hatte mit
ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherzt und selbst das Haus hatte
man niedergerissen worin sie einst gewohnt Wenn das nicht eine Sünde und ein
Verbrechen gewesen war dann war nichts Sünde aber freilich dem Armen sieht
man auf die Finger und dem Reichen durch die Finger und dem armen gedrückten
und geplagten Menschen wird das Herz zuletzt so voll gemacht dass er sehen muss
wie er sichs befreit wenn für ihn nicht Erbarmen zu finden ist wo er es zu
suchen hat
    Den ganzen Tag hindurch standen die Türen im Amte und in der Pfarre nicht
still Die Leute kamen um vor Leidensgefährten sich auszusprechen Sie wussten
gut genug dass der Amtmann und seine Schwester sich über die Herrschaften zu
beschweren hatten sie wussten dass es dem Pfarrer und seiner Frau hart ankommen
würde die Pfarre zu verlassen sie hofften von der Unzufriedenheit der
Gekränkten Aufmunterung für ihre eigene Erbitterung und ihren Hass zu finden und
wenn sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden gingen sie mit erhöhtem
Widerwillen und neuem Grolle von dannen denn sie sagten sich Was schierts im
Grunde den Amtmann und den Pfarrer was aus uns wird Der Amtmann hat sein
Schäfchen in das Trockene gebracht und zu leben hat der Pfarrer auch Sie sind
Einer wie der Andere es hat keiner ein Herz im Leibe für des Armen Not Sie
treten Alle Alle auf den Armen Aber auch der Wurm krümmt sich und sticht wenn
ers vermag er muss nur den rechten Fleck und den rechten Augenblick abzupassen
wissen
    Es sah übel aus in der Herrschaft Das alte patriarchalische Verhältnis auf
welches der Freiherr so stolz gewesen war nach allen Seiten hin bis auf den
Grund zerstört Er fühlte sich geschieden von seinen Leuten er hatte das
Bewusstsein ihre Liebe und Verehrung eingebüßt ihren Hass auf sich geladen zu
haben und sie waren ihm verhasst geworden Der Amtmann begann die Tage zu
zählen die er in dem ihm jetzt so lästigen Dienste noch zu verleben hatte Eva
konnte es kaum erwarten sich und Herbert und den Bruder von jedem Zusammenhange
mit den Herrschaften frei zu sehen der Justitiarius seinerseits fand sich durch
das persönliche Einschreiten des Freiherrn in seiner Amtswürde beeinträchtigt
und in der Pfarre war man eigentlich am niedergeschlagensten denn nicht allein
für sich nein für die ganze Gemeinde fürchtete man dort das Äußerste
 
                              Vierzehntes Kapitel
Während dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage in Gesellschaft ihrer
Freundin und ihres geistlichen Beraters Man hatte ihr im Garten unter den
großen Bäumen ein leichtes Zeltdach aufschlagen lassen in welchem sie vom
Morgen bis zum Abend weilte Die Nähe der bevorstehenden Trennung machte die
Freundinnen nur des Glückes bewusster welches sie jetzt genossen und doch
meinte Seba zu fühlen dass Angelika sie in einer ihr sonst nicht eigentümlichen
Weise beobachte dass sie ihr etwas sagen wolle etwas auf dem Herzen habe und
es fiel ihr auf dass sie seit der Kaplan im Hause war das Gespräch so häufig
auf religiöse Fragen und Gegenstände richtete die sie sonst geflissentlich
vermieden hatte Auch von ihren Familienverhältnissen sprach sie jetzt noch
öfter und noch rückhaltloser als sei ihr daran gelegen der Freundin ein
Zeichen ihres Vertrauens zu geben und es wollte Seba überhaupt bedünken als
suche die Baronin jetzt geflissentlich ihr nahe und näher zu treten als walte
neben dem natürlichen Zuge ihres Herzens noch eine Absicht in ihr vor Es war
wie gesagt regelmäßig der Kaplan welcher die Unterhaltung ablenkte wenn die
Baronin in seinem Beisein der geistigen Wandlungen gedachte die sie erlebt
wenn sie des Trostes erwähnte den sie in dem Anlehnen an einen unsichtbaren
Helfer und in dem Beistande eines treuen welterfahrenen und verschwiegenen
Beraters gefunden habe und Seba wusste ihm dies Dank Auch hatte er sich trotz
seiner Zurückhaltung bald genug in das Leben der Fliesschen Familie
hineingefunden und das Zutrauen der Eltern und der Tochter eben durch seine
Zurückhaltung gewonnen
    Er besaß alte Bekannte und Freunde in der Stadt hatte mit seinen
geistlichen Amtsgenossen deren es mehrere an der katholischen Kirche des Ortes
gab von Alters her Verkehr und da er außerdem in den Morgenstunden die
Bibliotheken zu besuchen pflegte während auch die noch immer nicht aufgegebenen
Nachforschungen nach Paul einen Teil seiner Zeit beanspruchten waren Seba und
die Baronin nach den ersten Morgenstunden in welchen Angelika mit dem Kaplan
die gewohnten religiösen Betrachtungen wieder aufgenommen hatte sich bis zum
Mittag selber überlassen
    Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter lange und ruhig
plaudernd bei einander gesessen Man erwartete am folgenden Tage das Eintreffen
von Mamsell Marianne und die Heimkehr der Baronin sollte dann in kleinen
Tagereisen vor sich gehen Die Freundinnen hatten die Möglichkeit eines
Wiedersehens besprochen das durch den Umzug der Fliesschen Familie nach der
Residenz gar sehr erschwert ward ein ausführlicher Briefwechsel war verabredet
worden als die Baronin sich erhob um auf Sebas Arm gestützt in den Gängen
des Gartens umher zu wandeln Man konnte dabei einige der Nachbarhäuser sehen
die Baronin wollte wissen wem sie gehörten und plötzlich den Kopf nach dem
Fliesschen Hause zurückwendend fragte sie ob Herberts Zimmer nach der Seite
des Gartens gelegen wären
    Herberts Zimmer Also Sie wussten es dass er in unserem Hause wohnt rief
Seba und wurde rot als habe sie sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue
sie den Ausruf
    Zweifeltest Du daran entgegnete die Baronin sieh da bin ich
scharfsichtiger gewesen Ich erkannte grade an der Sorgfalt mit welcher Ihr es
vermiedet Herberts vor mir zu gedenken dass Ihr Alle wusstet was ich für ihn
empfunden habe und ich hatte mir vorgenommen es Dir zu sagen  denn weshalb
sollte ich es Dir verschweigen da ich Dich wie eine Schwester liebe
    Sie verlangte sich niederzusetzen und Seba meinte sie nie schöner als in
diesem Augenblicke gesehen zu haben Ihre Augen glänzten obschon die Lider sie
verschämt bedeckten ihr Mund lächelte während der Schmerz ihn leise umspielte
und es lagen in ihrer Stimme wie in ihrem ganzen Ausdrucke eine Unschuld und
Wahrhaftigkeit die etwas Überwältigendes für Seba hatten
    Ich habe viel gelitten liebe Seba nahm die Baronin das Wort denn schön
wie die Empfindung war die mich zu Herbert zog war sie mir nicht mehr erlaubt
 Sie hielt wieder inne und sagte dann Es war sein Mitleid mit mir das mich
rührte es waren seine Jugend und seine Warmherzigkeit die mich zu ihm zogen
Ich trug eine Sehnsucht nach Liebe in der Brust und ich vergaß dass Gott nicht
jedem Menschen die Erfüllung seiner Wünsche für zuträglich erkennt Ich wollte
glücklich sein nach meinem Ermessen nicht das Glück erkennen welches Gottes
Ratschluss mir zuerteilt hat und ich habe noch immer Stunden in denen ich
ohne den Beistand meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen
könnte obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in seiner Nähe mit
neuen Augen sieht Ich habe viel recht viel gelernt als ich mich ihm verfallen
glaubte und ich habe mit Gottes Beistand noch Vieles zu vergüten in der Welt
Auch Herbert habe ich Unrecht getan und will versuchen es ihn vergessen zu
machen Sage ihm das Liebste wenn Du ihn wiedersiehst und  fügte sie mit
tiefer Traurigkeit hinzu  Du sollst es wissen Du ganz allein ich fürchte ich
werde daran sterben dass ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht mit
einander zu vereinen dass ich mir nicht genügen zu lassen wusste
    Seba hätte ihr Mut einsprechen mögen aber sie vermochte es nicht Eine
Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost erhaben zu sein und die Baronin
hatte es auf einen solchen auch nicht abgesehen denn sie ergriff Sebas Hand
schloss sie in die ihrige und sagte Ich wollte Dir das gern sagen liebe Seba
damit Du siehst wie sehr ich Dir vertraue wie ich Dich liebe und kein
Geheimnis vor Dir haben will Aber  und sie schlang ihren Arm mit mädchenhafter
Zärtlichkeit um Sebas Nacken  auch von Dir Liebe weiß ich mehr als Du mir
anvertraut hast und auch das wollte ich Dir eigentlich sagen ehe Marianne
morgen kommt und ehe wir von einander gehen
    Seba bog sich zurück dass sie sich von dem Arme Angelikas freimachte sah
sie mit starrem Auge an und sprach kalt und tonlos Sie wissen Nichts
    Doch Liebe ich weiß sagte jene die nicht fassen konnte was mit Seba
vorging
    Aber diese ergriff die Hand der erschreckten Frau und sie eben so schnell
als sie dieselbe erfasst hatte wieder von sich stossend rief sie hart und fest
So vergessen Sie was Sie wissen
    Die Baronin verstummte Seba sah finster brütend vor sich nieder Sie hatte
es wohl vernommen wie Angelika ihr unaufgefordert zum ersten Male das
schwesterliche Du gegönnt sie hatte sich dessen gefreut sie war gerührt worden
von der Hingebung mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt hatte um
das ihrige zu erhalten Nie hatte ihr Herz sich mehr befriedigt nie hatte sie
sich glücklicher als in der Liebe dieser Frau gefühlt und eben durch das
flüchtige Glück heraufbeschworen trat das Schrecken ihrer Vergangenheit
plötzlich wieder dämonisch vor sie hin Sie kämpfte einen bitteren schweren
Kampf Das menschlich berechtigte Verlangen einmal in ihrem Leben ihr Herz zu
entlasten die Scheu es auszusprechen was sie erlitten und gefehlt hatten und
vor Allem die Sorge der kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz
aufzuladen welche für sie für Gerhards Schwester schwerer als für jeden
Andern zu tragen sein mussten stritten in Sebas Inneren mit wechselnder Gewalt
aber die Liebe für Angelika trug über jedes selbstsüchtige Verlangen den Sieg
davon und matt und wie erschöpft von ihrem stillen Ringen und Selbstüberwinden
sagte sie Die Stunde ist nun da vor der mir oft gebangt hat und in der ich auf
Deine Liebe verzichten oder fordern muss was nur große Liebe gewähren kann
Glaube dass ich nicht unwert bin der Liebe und des Vertrauens deren Du mich
würdigst glaube dass sie mein Glück mein höchstes Gut sind  aber frage mich
Nichts
    In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin sitzen Angelika war
auf einen solchen Ausgang nicht gefasst gewesen In ihr Mitleid mit der Freundin
mischte sich ein Gefühl der Kränkung Sie war es nicht gewohnt sich
zurückgewiesen zu sehen und was konnte was musste zwischen ihrem Bruder und
Seba vorgegangen sein dass diese vor der Erinnerung mit so kranker Scheu
zurückwich Sie mochte die Gedanken nicht verfolgen welche sich ihr
aufdrängten und beiden Frauen kam das Dazwischentreten des Kaplans gelegen
der eben heimgekehrt gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten des
Freiherrn auch ein Schreiben der Gräfin Berka erhalten und diese nun beide der
Baronin zugänglich zu machen hatte
    Angelika war sehr ergriffen als sie zum ersten Male wieder ein direktes
Lebens und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt Und ich sollte meine Leiden nicht
segnen ich sollte nicht erkennen dass die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat
und dass sie uns für unsere Schmerzen himmlische Belohnungen zu bereiten weiß
rief sie während ihre bebenden Hände die Briefe ihrer Eltern an ihre Lippen
drückten und ihre Augen in Freudentränen glänzten Ja gewiss es gibt
wunderbare Ausgleichungen und Herzenstrost wenn man desselben eben nötig hat

    Sie mochte kaum bedenken wie wehe sie Seba mit diesen Worten tat denn die
ganze Rücksichtslosigkeit des Glückes war über sie gekommen aber der Kaplan sah
die Niedergeschlagenheit in des Mädchens Mienen und es entging ihm eben so
wenig dass die Baronin den Ausdruck ihrer Freude nicht so ausschließlich wie
sonst an ihre Freundin richtete Es musste etwas zwischen ihnen vorgefallen sein
es musste sich ein Zwiespalt zwischen ihnen aufgetan haben und dem Geistlichen
kam dies nicht unerwünscht denn die Gesellschaft eines Freidenkenden eines
Zweiflers hat selbst wenn er seine Meinungsäusserung zurückhält immer ihre
Gefahren für die Ruhe eines Herzens das man in den Banden des zweifellosen
Glaubens und in den geistigen Schranken festzuhalten wünscht in welche der
kirchliche Zwang die Seelen bannen muss um seine Gewalt über sie nicht zu
verlieren und ohne den Anschein der Neugier auf sich zu laden hatte der Kaplan
dennoch in den verschiedenen Unterhaltungen mit Madame Flies und mit der
Kriegsrätin den Namen des Mannes erfahren welchen Seba geliebt hatte Er war
wie Sebas Wesen sich ihm kund gab für sein Teil überzeugt dass sie dem Grafen
näher gestanden als ihre Eltern und ihre Freunde wussten dass sie ihre Unschuld
an ihn verloren habe und dass eine Festigkeit und Abgeschlossenheit wie die
ihrige nicht aus einem jungfräulich unentweihten Herzen erwachsen konnten
    Aber weit mehr als die kleine Verstimmung welche die Freundinnen gegen
einander augenblicklich hegten seinen Absichten entsprach war die Versöhnung
mit ihrer Familie ihm für Angelika bedenklich und er fragte sich ob in diesem
Falle es nicht geboten sei die Freundschaft und den Zusammenhang seines
Beichtkindes mit Seba zu begünstigen um in dieser ein Gegengewicht gegen den
Einfluss zu gewinnen den der erneute Verkehr mit ihrer Familie auf die Baronin
auszuüben nicht verfehlen konnte Er hielt es für wahrscheinlich dass die Gräfin
Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter ihres Juweliers sehr
auffallend finden und nicht billigen würde er sah es voraus dass bei dem Grade
von Selbstständigkeit den die Baronin eben jetzt gewonnen hatte ein
Widerspruch ihrer Familie sie nur fester an Seba binden müsse und er hielt es
für gut und heilsam wenn sich gleich Anfangs irgend ein trennendes Element
zwischen sein Beichtkind und dessen protestantische Angehörige stellte wenn dem
Herzen der Baronin auch von dieser Seite kein volles Genügen geboten wenn ihr
vielmehr Hindernisse und Beunruhigungen in den Weg gestellt wurden welche zu
beseitigen zu beschwichtigen und tragen zu helfen sie ihres religiösen
Glaubens und seines Beistandes nötig haben musste
    Da der Freiherr es von dem Ermessen des Kaplans und von den Wünschen der
Baronin abhängig gemacht hatte in welcher Weise das Wiedersehen mit ihren
Eltern ausgeführt werden sollte erklärte Angelika sich sofort bereit auf den
Vorschlag ihrer Mutter einzugehen die sich erboten hatte die Tochter holen zu
kommen und sie selber nach Richten zu geleiten wo der Vater sie erwarten und
wohin die übrigen Familienmitglieder sich erst begeben sollten wenn das
Befinden der Baronin ohne Nachteil den Verkehr mit einem größeren
Menschenkreise zulassen würde
    Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und das Anerbieten der
Gräfin überbracht und sollte den Bescheid der Tochter mit zurück nach Berka
nehmen Der Graf hatte ihm einen zweiten Boten nachgesandt der die Wiederkehr
des ersten auf halbem Wege erwarten sollte um dann mit dem Relaispferde den
ersehnten Brief der Tochter so schnell als möglich in die Hände der Eltern zu
bringen Am Abende des nächsten Tages konnte er in Berka am Morgen des fünften
Tages konnte die Gräfin in den Armen ihrer Tochter sein
    Die erste Freude kennt nicht Raum nicht Zeit sie überflügelt beide um
dann in sehnsüchtiger Ermüdung das unerbittlich gleichmäßige Fortschreiten der
Sekunden desto schwerer zu empfinden Sie kennt Nichts als ihr Ziel und
vergisst mit erbarmungsloser Gleichgültigkeit was hinter ihr liegt was sie noch
von ihrem Ziele trennt und was sie opfern muss es zu erreichen Nur Ein Gedanke
nur Eine Empfindung waren in der Baronin mächtig das Glück über die ihr
bevorstehende Vereinigung mit ihren Eltern und Geschwistern
    Dass sie sich von ihren Pflegern trennen dass sie Seba verlassen musste
schien ihr völlig zu entfallen sie schien sich nicht zu erinnern wie ihr vor
dem Abschiede gebangt wie sie noch vor wenig Stunden alle ihre Hoffnung darauf
gerichtet hatte sich den Zusammenhang mit der Freundin zu erhalten vor der
kein Geheimnis zu haben ihr eine Herzensbefriedigung gewesen war Selbst der
Zurückweisung die sie erfahren gedachte sie in diesem Augenblicke nicht und
Seba liebte sie zu sehr um sie an sich zu mahnen und die Freude der Baronin
durch ein Zeichen ihres eigenen Schmerzes beeinträchtigen zu mögen
    Angelika hatte beabsichtigt in ihren Zimmern Nichts rühren und Nichts
einpacken zu lassen bis Marianne dies tun könnte jetzt ließ die Ungeduld sie
nicht rasten Sie hatte ihren Eltern selbst geschrieben und den Kaplan
beauftragt den Freiherrn mit genauer Angabe der getroffenen Verabredungen von
ihrem Entschlusse in Kenntnis zu setzen Mit dem Kalender in der Hand hatte sie
die Tage gezählt welche bis zu ihrer Ankunft in Richten noch verfliessen mussten
Man hatte die Nachtquartiere ausgewählt und die Maßregeln so getroffen dass mit
der Estafette die man dem Freiherrn sandte auch die Benachrichtigungen an die
verschiedenen Gastausbesitzer mitbefördert wurden und kaum waren diese
Geschäfte abgetan so verlangte die Baronin selbst Hand an das Einpacken
wenigstens der kleinen Gerätschaften zu legen deren sie sich zu bedienen
pflegte
    Da sie zu schwach war sich längere Zeit stehend zu erhalten und in den
Stuben umher zu gehen trug Seba ihr die Schatullen und Kästchen zu holte die
verschiedenen Gegenstände welche Angelika nicht mehr nötig zu haben glaubte
herbei und die Baronin bat und forderte bestimmte und begehrte wickelte ein
und packte und war so von ihrer Arbeit hingenommen dass sie es gar nicht
bemerkte wie Seba still geworden war und welche Traurigkeit sich über sie
gelagert hatte
    Auf den Wunsch der Baronin musste der Kaplan hinuntergehen um Herrn Flies
und seine Frau von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen Sie kamen beide
herauf es wurde Alles noch einmal besprochen das sichtliche Bedauern ihrer
Wirte sie bald scheiden zu sehen rührte die Baronin und erweckte ihre ganze
Dankbarkeit Sie war gut und herzlich gegen Sebas Eltern sie sprach auch
dieser zu aber es war etwas Rasches Flüchtiges in ihrer Weise es war der Ton
nicht mehr den Seba kannte der aus dem tiefsten Herzen kam und mit
aufsteigendem Zweifel fragte sie sich Hätte ich auch sie vergebens geliebt
    Am anderen Tage kam Mamsell Marianne Man hatte sie zu der Baronin
beschieden ohne sie von dem geschehenen Verkaufe des Hauses in welchem sie ihr
ganzes Leben zugebracht in Kenntnis zu setzen und es kostete Mühe sie zu
beruhigen als sie es erfuhr Die Baronin behielt sie bei sich nahm
augenblicklich ihre Dienste an um ihr durch die Gewissheit dass sie ihrer Herrin
notwendig sei die Trennung von der alten und den Übergang in die neue Heimat
zu ersetzen Marianne tat ihr Bestes aber für sie war der Abstand welcher die
Nichte ihres Fräulein Ester die Freifrau von ArtenRichten von den Personen
trennte in deren Hause sie ihre Frau Baronin zufällig antraf ein gar zu
großer Sie konnte sich nicht darin finden die gnädige Frau ohne ihre
Dienerschaft zu sehen es kränkte sie wenn nicht ein Kammerdiener sondern Seba
der Baronin den Tisch bereitete und die Speisen zutrug und es beleidigte alle
ihre Vorstellungen wenn Angelika was sie jetzt immer tat die Freundin Du
hieß und ihr mit Schmeichelnamen und mit den freundlichsten Worten für ihre
Dienste dankte Unter dem Vorwande ihr die Mühe abzunehmen strebte Marianne
danach Seba von diesem Tun zurückzuhalten und die Baronin selbst ersuchte die
Freundin aus Rücksicht für Marianne die alte Dienerin walten zu lassen Seba
erkannte und ehrte die Beweggründe Angelikas aber mit den feinen Sinnen eines
zärtlichen Herzens empfand sie wie mit dem Hinzukommen von Mamsell Marianne
eine fremde Welt zwischen sie und Angelika getreten sei Sie musste eine stumme
Zuhörerin machen wenn Marianne von den zahlreichen Verwandten und Bekannten der
Häuser von Arten und von Berka erzählte die in der Residenz ansässig waren
wenn sie von der Herrschaft sprach die zu ihres Fräuleins Zeiten in das Haus
gekommen oder die Gäste der Baronin gewesen waren als diese die Residenz
bewohnte Sogar die feierlich unterwürfige Art in der sie zu der Baronin redete
und mit der sie sie bediente fiel Seba auf und während sie sich bis dahin des
Gedankens erfreut hatte dass Angelika es in ihrem Hause und in ihrer Pflege so
gut als möglich gehabt habe fing es sie zu beunruhigen an dass sie doch
Mancherlei entbehrt haben könne und das tat ihr wehe Sie kam sich arm vor
weil sie fürchtete dass sie nicht Alles zu schaffen und zu gewähren vermocht
habe was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem von der weniger Verwöhnten
nicht gekannten und also auch nicht vorausgesehenen Bedürfnis gemacht Der Dank
Angelikas den sie bis dahin mit gutem Glauben aufgenommen hatte begann sie zu
ängstigen aber die Baronin die sonst mit höchstem Verständnis jeder Regung in
dem Herzen der Freundin zu folgen pflegte hatte jetzt keinen anderen Gedanken
als den an ihre Mutter
    Es war schon spät am Abend als die Gräfin Berka an dem festgesetzten Tage
vor dem Fliesschen Hause vorfuhr Man hatte Angelika willfahren und ihr das
Wiedersehen der Mutter gleich nach deren Ankunft gestatten müssen um der sie
aufregenden Spannung und Erwartung ein Ende zu machen Seba hatte die Gräfin zu
ihrer Tochter hinaufbegleitet sie hatte gesehen wie sie einander in die Arme
gesunken waren dann hatte sie sich entfernt Mehr als eine Stunde war
vergangen ehe die Baronin durch Mamsell Marianne den Kaplan zu sich bescheiden
und dann auch Seba und ihre Eltern bitten ließ sich zu ihr zu bemühen
    Die Gräfin kannte Herrn Flies und seine Frau Sie hatte manche Bestellung
manchen Einkauf bei ihnen gemacht und sie immer für rechtschaffene Leute
gehalten Sie erinnerte sich dass Graf Gerhard einmal in ihrem Hause gewohnt
habe und wusste es ihnen recht sehr Dank dass sie sich der Baronin so eifrig
angenommen Aber es dünkte ihr so natürlich dass eine Familie wie die Fliessche
sich eine Pflicht und eine Ehre daraus machte der Baronin von Arten
beizustehen sie fand es so selbstverständlich dass Seba sich glücklich fühlen
müssen ihrer Tochter ihrer Angelika helfen und dienen zu dürfen und es waren
nicht Sebas Hingebung und Liebe die sie schätzte und anerkannte sondern der
richtige Tact mit welchem diese sich zurückzog seit die Gräfin ihre Stelle
neben der Tochter wieder einnahm
    Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelähmt Sie fühlte es wie
die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter ihre Gastfreunde und vor Allen
Seba kränken musste sie hörte so gut wie diese das Abfindende und
Verabschiedende in dem Dankesworte der Gräfin aber sie mochte die Mutter nicht
tadeln von der sie so lange getrennt gewesen war sie wagte nicht ihr in
diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu erklären welch lebhafte Neigung
welche Freundschaft sie für Seba fühlte und Sebas Verschlossenheit hatte sie
in ihrem eigenen Empfinden irre gemacht
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Die Nacht verging der Baronin nicht gut Die Freude hatte sie zu sehr aufgeregt
die Erinnerungen langer Jahre hatten sie zu mächtig bestürmt die Nähe ihrer
Mutter hatte ihr nach dem ersten Aufwallen der Freude und der Rührung es fühlbar
gemacht welche Wandlungen in und mit ihr vorgegangen waren und was der
Freiherr durch rasches Nachdenken in sich zum Bewusstsein gebracht hatte jene
Einsicht dass lange Trennungen eine Rückkehr in die früheren Verhältnisse
unmöglich machen das bewies sich für die Baronin durch das Zusammensein mit
ihrer Mutter
    Der Kaplan fand sie als er am Morgen zu ihr kam in einer
Niedergeschlagenheit die sehr gegen die freudige Erwartung der vergangenen Tage
abstach und ohne dass er sie darum zu befragen brauchte schilderte sie ihm den
Kampf in ihrem Herzen Trotz der Herrschaft welche ihr Gatte über sie ausgeübt
hatten die Jahre und die natürlichen Verhältnisse sie an eine Selbstbestimmung
gewöhnt in welcher sie sich durch die Gräfin in jedem Augenblicke beschränkt
fand Weil sie mit ihrer Mutter seit sie ihr Vaterhaus verlassen nur einmal
und wenige Tage beisammen gewesen war und weil diesem flüchtigen Beisammensein
eine durch lange Jahre fortgesetzte Trennung gefolgt war hatte sich Angelikas
Bild in dem Herzen ihrer Mutter nur in ihrer mädchenhaften Gestalt nur in dem
töchterlichen Verhältnisse erhalten und mit der Tochter wieder vereint hatte
die Gräfin da ohnehin die Krankheit Angelikas dazu verlockte sich der
Bestimmung über sie wie eines ihr unter allen Umständen gebührenden Rechtes
bemächtigt Wer aber einmal der Zucht und Leitung entwachsen ist fühlt sich von
ihr beengt und am schwersten wenn sie sich auf Kleinigkeiten und auf die freie
Bewegung innerhalb gleichgültiger Dinge erstreckt Es ängstigte Angelika wenn
die Mutter ihr Dieses riet und Jenes gebot sie Dieses tun und Jenes lassen
hieß während sie wahrscheinlich aus freiem Antriebe das Gleiche getan haben
würde Sie fand sich zu einem Widerspruche geneigt den sie sich zum Vorwurf
machte und zwang sich zu einer Fügsamkeit die ihr schwer fiel weil sie sich
sagte dass ohnehin eine Trennung zwischen ihr und ihrer Mutter obwalte über die
kein guter Wille ihnen hinweghelfen könne und die schmerzlich anzudeuten die
Gräfin nicht unterlassen hatte
    Angelika hatte es deutlich gesehen dass ihre Mutter sich verletzt gefühlt
als jene sie gebeten erst um elf Uhr zu ihr zu kommen da sie die Gewohnheit
und das Bedürfnis habe die Stunde von zehn bis elf Uhr mit dem Kaplan
zuzubringen und eben so hatte die Gräfin es nicht zurückhalten können dass ihre
Tochter in dem Ausdrucke ihrer Dankbarkeit und Freundschaft gegen die Fliessche
Familie ihr zu weit zu gehen scheine Das Alles hatte Angelika verstimmt und
auch über Seba beschwerte sie sich endlich
    Der Kaplan hatte ihr ruhig zugehört Als sie ihre Mitteilungen abbrach
sagte er Erkennen Sie in dieser neuen Erfahrung meine teure gnädige Frau wie
häufig der Mensch in seinem Wünschen irrt wie wenig es seinen Erwartungen
entspricht und seinem Glücke dient wenn die ersehnte Erfüllung ihm gewährt
wird Ich fürchtete es dass jene ausschliessliche Mutterliebe die ihr Kind
allein besitzen die es selbst mit seinem Gotte nicht teilen mag Sie
beunruhigen würde und es ist gekommen wie ich es voraussah Nehmen Sie diese
Erfahrung als eine Erkenntnis hin die der Himmel Ihnen darbietet und fügen Sie
sich der Frau Gräfin in dem Gleichgültigen in dem Unwesentlichen um desto
fester Ihre selbsterworbene und selbständig betätigte religiöse Überzeugung zu
behaupten Verbergen Sie sich vor der Frau Gräfin weder mit Ihren abweichenden
Meinungen noch mit jenen religiösen Übungen welche unsere Kirche uns
auferlegt und auch in Bezug auf Ihre Freundin tun Sie Ihrem Empfinden keinen
Zwang an Die Dankbarkeit ist eine heilige Pflicht aber eine noch erhabenere
Aufgabe ist es dem Irrenden die Hand zu reichen und dem Menschen dessen Auge
verdunkelt ist dass er sich selber nicht zu erkennen vermag ein Führer und eine
Stütze zu sein Ich billige und lobe es dass Sie sich Seba in Ihrer Weise
näherten dass Sie sie an sich zogen und ihr Vertrauen zeigten um Vertrauen zu
gewinnen nur vergessen dürfen Sie es nicht dass dieses reichbegabte Mädchen von
Jugend auf sich selber überlassen war dass ihr der geistige der göttliche
Anhalt fehlte dessen wir uns rühmen und getrösten und dass sie also leichter
als viele Andere vom rechten Pfade sich verirren konnte
    Eine dunkle Röte ein Erschrecken flogen über die Baronin hin Halten Sie
es für möglich  rief sie und wagte nicht dem Gedanken Worte zu geben den
der Geistliche in ihr erweckt
    Er zuckte die Schultern Wir sind Alle fehlbar sagte er mild Ihre Freundin
Seba ist zu großer Liebe zu großer Hingebung geneigt und unsere jungen
Edelleute  einen jungen Kavalier bezeichneten Sie mir ja aber als den
Gegenstand von Sebas Neigung  unserer jungen Edelleute Sitten sind nicht
streng Wer kann es wissen ob es dem armen Mädchen nicht unmöglich ist Ihr
Vertrauen zu erwidern ob es sich nicht verbirgt aus Furcht Ihrer Liebe
verlustig zu gehen Haben Sie Geduld mit ihr und weisen Sie sie um ihres
Schweigens willen nicht zurück
    Die Baronin hatte die Hände unwillkürlich gefaltet Sie konnte sich in die
Anschauung des Geistlichen nicht gleich finden denn sie hatte Seba immer weit
über sich gestellt hatte in ihr das Urbild weiblicher Herzensreinheit geliebt
und verehrt und sollte sie jetzt plötzlich schuldig sollte sie sich in einem
sträflichen Zusammenhange mit ihrem Bruder denken Sie wollte diese Vorstellung
von sich weisen den Kaplan eines unbegründeten Verdachtes zeihen aber es
stimmte so Vieles zusammen es erklärten sich mit dieser Voraussetzung für die
Baronin plötzlich einzelne auffallende Erlebnisse die sie mit Seba gehabt
hatte sie konnte den in ihr erweckten Zweifel an der Unschuld ihrer Freundin
nicht mehr unterdrücken Weit entfernt jedoch sich dadurch von ihr losgetrennt
zu fühlen stieg ein sie überwältigendes Mitleid für Seba in ihr empor und
erhöhte und erhob die Liebe welche sie bisher für sie gehegt hatte
    Der Kaplan störte sie in diesem Empfinden nicht Er hatte ohnehin ihre
Achtsamkeit auf andere Vorgänge zu lenken denn man durfte der Baronin die
Nachricht von den in Richten geschehenen Ereignissen nicht länger vorenthalten
wenn man sie nicht gleich nach ihrer Ankunft einer Erschütterung durch irgend
eine zufällige Mitteilung derselben aussetzen und wenn man worauf es dem
Freiherrn besonders ankam den gräflichen Eltern die Kenntnis gewisser
Verhältnisse entziehen wollte
    Alles was sie hören und erfahren musste steigerte mit den Sorgen der
Baronin ihr Verlangen bald wieder in ihrer Heimat zu sein Sie hoffte
ausgleichen vermitteln zu können die Aufregung in welcher sie sich befand
täuschte sie über das Maß ihrer Kräfte Sie entwarf Plane für eine völlig neue
Lebensführung sie traute es sich zu ihren Gatten allmählich zu einer solchen
überreden zu können sie wünschte vor allen Dingen die Entfernung des Pfarrers
zu verhüten und wie sie noch vor wenig Tagen die Ankunft ihrer Mutter ersehnt
hatte so wünschte sie jetzt grade wie bei dem ersten Besuche welchen ihre
Eltern ihr in Richten gemacht dass die Anwesenheit derselben erst vorüber und
sie in der Lage sein möchte die von ihr jetzt für unerlässlich gehaltene
Einwirkung auf ihren Gatten zu versuchen
    Die Gräfin bemerkte es dass Angelika zerstreut war wollte den Grund davon
entdecken und zeigte sich unzufrieden als ihr dieses nicht gelang Die beiden
Frauen wie sehr sie einander auch liebten kamen sich nicht von Herzen nahe
sie hatten an einander vielerlei zu schonen und Angelika sprach es gegen den
Kaplan noch an demselben Abende aus wie sie fühle dass eine Frau selbst wenn
ihre Ehe dem Ideale einer solchen nicht entspräche ihre Heimat doch
ausschließlich in dem Hause ihres Gatten in der mit ihm begründeten Familie
habe und dass es sicherlich nicht leicht für sie sein werde die Ansprüche ihrer
angeborenen Verwandten zu befriedigen den alten Pflichten zu genügen ohne die
neuen zu beeinträchtigen
    Der Kaplan gab ihr dies zu Er sah dass er von dem Einflusse der Berkaschen
Familie nichts mehr zu befürchten habe und er war es also der die Baronin
abermals ermahnte sich ihrer Mutter so weit als möglich fügsam zu beweisen der
die Gräfin ersuchte sich die Freundschaft welche die Baronin für die Tochter
ihrer Wirte hege ohne Einspruch gefallen zu lassen  Es handelt sich um wenig
Stunden gnädige Gräfin sagte er um etwas Gefälligkeit gegen die
schwärmerische Empfindungsweise der Frau Baronin und es ist schön wenn die
Jugend ihre Gefühle für dauernd für unendlich hält
    So ging der letzte Tag vorüber den Angelika im Fliesschen Hause zu erleben
hatte Es gab vielerlei zu tun die schöne Zierlichkeit welche Seba in den von
der Baronin bewohnten Zimmern zu erhalten gewusst selbst während die
Krankenpflege dem Hindernisse in den Weg gestellt musste jetzt allmählich
zerstört werden Die Gräfin war beständig an der Seite ihrer Tochter Mamsell
Marianne und der Kammerdiener der Gräfin ließ die Koffer auf den im Hofe
stehenden Reisewagen schnallen die Baronin hielt sich ruhig auf ihrem Sessel
Sie schien jetzt mehr als während ihrer ganzen Krankheit darauf bedacht sich zu
schonen und ihre Kräfte zusammen zu halten Nur ihre Blicke wanderten umher sie
suchten Seba und folgten ihr und einmal als die Baronin sich erhoben hatte und
die Freundinnen sich in dem Nebenzimmer zufällig allein befanden schlang die
Baronin ihre beiden Arme um Sebas Hals und sie an sich drückend sagte sie
Lass uns einander nicht verloren gehen glaube an mich wie ich an Dich und lass
mich hoffen  lass mich hoffen dass wir uns einst so wie in Liebe auch im Glauben
noch zusammenfinden O dass Du es kenntest das selige Gefühl sich durch die
Gnade eines Mittlers dem Throne des Höchsten zu nähern und all seine Sünden
all seine Leiden und Schmerzen durch das Vertrauen auf den himmlischen Erlöser
von sich genommen zu fühlen Denke an mich so oft Du betest Seba und so oft
ich mich in Demut vor dem Heilande beuge soll Dein Name auf meinen Lippen
sein und ich will beten zu ihm beten dass er Dich zu sich rufe und dass wir
einst zusammen auf unseren Knieen unsere Herzen zu ihm erheben
    Sie sah schön und verklärt aus als sie also sprach Seba betrachtete sie
mit Rührung Du bist sehr gut meinst es sehr gut mit mir Angelika sagte sie
indem sie ihre Hände gefasst hielt und ihr tief ins Auge blickte und ich werde
Dich nie vergessen Denn Du hast mir mehr gegeben bist mir mehr geworden als
Du ahnen kannst Lass Dir das genügen lass es Dir genügen und liebe mich immer
immer Was auch kommen möge liebe mich
    Sie ging von dannen die Baronin schaute ihr gedankenvoll nach dann kniete
sie nieder nahm das Kruzifix Amandas welches sie immer am Halse trug in ihre
Hände und betete lange und still Sie nahm Abschied von diesen Räumen und flehte
Gottes Segen auf das gastliche Haus ihrer Freunde auf das ungläubige und der
Erleuchtung und des Trostes so bedürftige Herz ihrer Freundin herab
    Am folgenden Morgen um elf Uhr so hatte man es verabredet sollte die
Baronin in dem Reisewagen nach dem Gasthofe fahren in welchem die Gräfin
abgestiegen war mit dieser noch ein Frühstück einnehmen und dann für die erste
absichtlich sehr kurz bestimmte Tagereise aufbrechen Von den Segenswünschen
ihrer Gastfreunde begleitet wollte die Baronin das Haus verlassen aber die
Trennung von Seba fiel ihr gar zu schwer und voll Verlangen keinen der wenigen
ihnen noch gegönnten Augenblicke zu verlieren vermochte sie endlich Seba dahin
sie zur Gräfin zu begleiten und bis zu ihrer Abreise noch bei ihr zu verweilen
Als man in den Gasthof kam fand man in dem Zimmer der Gräfin den Tisch bereits
gedeckt Der Kaplan hatte noch einen Besuch bei dem Propste machen wollen und
sein Kommen wurde erst nach dem Frühstücke erwartet
    Die Gräfin war in ungewöhnlich guter Laune sie rühmte das Aussehen ihrer
Tochter zeigte sich auch gegen Seba obschon sie dieselbe nicht erwartet hatte
freundlicher und herzlicher und erkundigte sich dazwischen doch wieder mit
solcher Geflissenheit nach dem Befinden der Baronin und ob sie sich auch recht
frisch recht kräftig fühle so dass Angelika endlich die Frage aufwarf ob sie
denn heute etwas Besonderes zu leisten habe weil die Mutter sich so ängstlich
um den Zustand ihrer Kräfte sorge
    Die Gräfin lächelte Der Zufall hat Dir eine Überraschung zugedacht sagte
sie fühlst Du Dich im Stande sie zu genießen
    Ach mein Vater rief Angelika indem sie sich erhob
    Nein nicht der Vater entgegnete die Gräfin während auf ein leises von
ihr gegebenes Zeichen die Türe des Nebenzimmers sich öffnete und in aller
seiner stolzen Schönheit Graf Gerhard in das Zimmer trat
    Mit einem Ausrufe der Freude warf die Baronin sich ihm an die Brust aber
fast in demselben Augenblicke wendete sie sich um und ihrer Bewegung folgend
sah der Graf jetzt plötzlich Seba vor sich stehen
    Bleich wie der Tod und keines Wortes mächtig trat er zurück Seba hatte die
Ecke des Marmortisches erfasst an dem sie stand sie musste sich halten um nicht
umzufallen Die Baronin war auf den nächsten Stuhl gesunken die Gräfin stand
mitten in dem Gemache und sah ohne den Vorgang zu begreifen mit Schrecken auf
ihre Kinder und um sich her
    Was ist das Redet redet Was bedeutet das rief sie während sie sich zur
Tochter wendete
    Frage nicht o frage nicht rief diese Indessen die Lebhaftigkeit der
Mutter überhörte es und sich gebieterisch zu ihrem Sohne wendend sprach sie
Kennst Du dieses Mädchen Rede rede Gerhard Was ist Dir dieses Mädchen
    Aber kein Ton von des Grafen Lippen gab ihr Antwort Wie von einem Banne
befangen hingen seine Augen an Sebas starrem bleichem Antlitze an ihrem
zuckenden Munde Er hätte fliehen mögen aber er konnte die Stelle nicht
verlassen er hätte sprechen mögen aber Sebas brennendes Auge schloss ihm den
Mund und noch immer wartete die Gräfin auf eine Antwort
    Da richtete Seba sich empor wie Einer der mit Aufbietung aller seiner Kraft
gewaltsam seine Fesseln sprengt und schön wie eine Judit in ihrem wilden Zorn
flammend in ihrem Rachegefühl rief sie Was ich ihm war  Sie lachte dass es
den Andern Mark und Bein durchschauerte  was ich ihm war  Ein Zeitvertreib
für eine müßige Stunde ein billiger Triumph noch im Moment des Scheidens
weiter nichts weiter nichts  Gewettet hatte er beim Wein in seiner Kameraden
lustiger Gesellschaft dass er mich besitzen würde und  hier vor seiner Mutter
hier vor seiner Schwester vor Dir Angelika will ich es bekennen  meine Liebe
hat ihm das Gewinnen leicht gemacht denn  sie hielt inne der Atem
versagte ihr die verhaltenen Tränen drohten sie zu ersticken und plötzlich in
ein Weinen ausbrechend das aus den Tiefen ihres gequälten Herzens kam fügte
sie hinzu  denn ich habe den Elenden geliebt mit aller Inbrunst eines reinen
Herzens mehr als mich selbst mehr als Vater und Mutter mehr als Alles auf der
Welt
    Sie hatte ihre Kraft erschöpft sie musste sich niedersetzen und den Kopf
auf ihre Arme legend die sie auf dem Tische ausgebreitet weinte sie mit
verborgenem Gesichte
    Auch die Gräfin hatte sich setzen müssen nur Gerhard stand wie ein
Gerichteter zwischen den drei Frauen da Plötzlich erhob sich die Baronin ging
mit raschem Schritte zu ihrem Bruder und seine Hand ergreifend während sie ihn
zu Seba hinzuziehen suchte rief sie O vergüte Vergüte mein Bruder Sühne
was Du an ihrem edelen Herzen gesündigt hast Lass sie die Deinige werden sie
die ich wie eine Schwester liebe
    Aber der Graf wehrte seiner Schwester und fast tonlos so dass nur das
Schweigen der Frauen seine Worte hörbar machte sprach er Und wenn ich es
wollte  es kann nicht sein
    Da hob Seba den Kopf in die Höhe und ihn mit kaltem Auge messend sagte
sie während den Andern zum Erstaunen ihren Zügen und ihrer Stimme die Ruhe
wiederkehrte Und wenn Du es wolltest und wenn Du es dürftest  Du vermöchtest
es nicht Denn wie könntest Du mir die vertrauensvolle Liebe wiedergeben die
ich einst für Dich gehegt habe Wie könnten Dein Rang und Dein Name mich damit
versöhnen Dein Weib das Weib  eines Ehrlosen zu werden den ich verachte wie
ich ihn einst geliebt
    Seba flehte Angelika flehte die Gräfin
    Halte ein rief der Graf indem er zusammenbrechend sich zu den Füßen seiner
Mutter warf die sich unwillkürlich von ihm wendete
    Seba regte sich nicht Mit eisigem Blicke sah sie auf den Grafen hin die
Stille war entsetzlich sie konnten einander atmen hören Mit einem Male stand
sie auf sah um sich her und schien etwas zu suchen
    Die Baronin erhob sich ebenfalls sie erriet was jene vorhatte und nahm
ihre Hand um sie zurückzuhalten
    Ich will fort sagte Seba matt meines Bleibens ist hier nicht  Sie ging
nach ihrem Hut und Shawl
    Du darfst Du kannst nicht gehen versicherte Angelika die sich selber kaum
aufrecht zu erhalten wusste
    Sorge nicht ich habe ertragen gelernt gab Seba ihr zur Antwort
    Sie setzte achtlos den Hut auf nahm den Shawl um ihre Schultern und wollte
sich entfernen Da warf Angelika sich vor ihr nieder und die Hände flehend zu
ihr erhoben bat sie Denke meiner nicht mit Hass
    Deiner Deiner Wie könnte ich versetzte Seba indem sie Jene in ihre Arme
schloss und noch standen sie ihre heißen Tränen mit einander mischend Brust
an Brust gelehnt als die Gräfin zu ihnen herantrat
    Seien Sie barmherzig bat sie vergeben Sie und Gott wird auch Ihnen seine
Vergebung angedeihen lassen
    Seba schüttelte schweigend das Haupt Ich habe mich vor mir selbst
gedemütigt bis zur Zerknirschung und mich in mir selbst erhoben sagte sie
ich habe durch Liebe zu sühnen gesucht was ich aus blinder Leidenschaft
gesündigt ich bedarf keiner anderen Vergebung Ich habe mir selbst verziehen 
Mag er wenn er es kann das Gleiche tun
    Und ohne den Grafen weiter eines Blickes zu würdigen verließ sie das Zimmer
und das Haus
 
                              Sechszehntes Kapitel
Es war eine traurige Reise welche die beiden Frauen zurückzulegen hatten Graf
Gerhard der von der Hochzeit eines Kameraden kommend zufällig mit seiner
Mutter in dem Gasthofe zusammengetroffen war hatte die Stadt noch in der
nämlichen Stunde verlassen die Abreise der Frauen hatte wegen der Erschöpfung
der Baronin bis zum Nachmittage hinausgeschoben werden müssen
    Die Gräfin war tief erschüttert Angelika völlig herzzerrissen und
fassungslos Sie hatte der Mutter mit einem Eide geloben müssen dass kein Wort
über diesen furchtbaren Vorgang jemals von ihren Lippen kommen solle und die
Gräfin hatte von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd ihm das gleiche
unverbrüchliche Schweigen zugesagt Der Gedanke dass ihres Sohnes Ehre der Welt
gegenüber also nicht angetastet werden würde das war der Trost an dem sie sich
emporrichtete wenn das vernichtende Urteil welches Seba über ihn gesprochen
in seiner unerbittlichen Strenge in dem Herzen der Gräfin nachklang
    Der Kaplan dem es nicht hatte verborgen bleiben können dass Seba die
Baronin nach dem Gasthofe begleitet und dass sie dort mit dem Grafen Gerhard
zusammengetroffen war hatte keine Mühe sich das Geschehene zu deuten und die
Stimmung der beiden Frauen deren Begleiter er war zu erklären Er richtete
keine Frage an Angelika aber er verstand es weshalb sie mehr als je zuvor von
der Sorge um die Erziehung und Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien
und er suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten
    Da man um der Baronin willen immer erst spät am Morgen aufbrechen konnte
war es schon gegen Abend als man auf der Herrschaft anlangte und Angelikas
Traurigkeit ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht
vermindert Der Anblick des Pfarrhauses des Amtofes des frischen Grabes auf
dem katholischen Kirchhofe riefen ihr keine tröstlichen Erinnerungen und
Vorstellungen in das Gedächtnis Als sie an der schönen neuen Kirche
vorüberfuhren wagte sie nicht die Mutter auf dieselbe aufmerksam zu machen
und die Gräfin äußerte sich nicht darüber
    Es wurde der armen Angelika immer banger um das Herz Mit Einem Male rief
sie Um Gottes willen was ist das
    Man sah zum Wagen hinaus das ganze Gehöft welches zwischen Rotenfeld und
Richten gelegen aus zwei kleinen Wohnhäusern und einer Gruppe von Ställen und
Scheunen bestanden hatte war in einen Trümmerhaufen verwandelt Die nackten
Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus dem sie umgebenden
Schuttaufen hervor die dicken schweren Rauchsäulen qualmten mit ihrem
erstickenden Geruche zu dem blauen leuchtenden Himmel hinauf
    Einer der Wirtschafter welcher bei dem Auseinanderlegen und Löschen der
noch brennenden und schwelenden Balken die Aufsicht führte kam auf einen Anruf
an den Wagen heran Er meldete dass das Feuer mitten in der Nacht in beiden
Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und wie es sich herausgestellt
wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne des Hirten den man gestern mit
einer Prügelstrafe zum Abschiede aus der Haft entlassen hatte angelegt worden
sei Die Bewohner der beiden Häuser hatten nur ihr Leben retten können die
ganze Heuernte war verbrannt der Verlust selbst die Baulichkeiten abgerechnet
sehr empfindlich Man hatte nun abermals ein neues Verbrechen gegen das
Eigentum des Gutsherrn zu bestrafen
    Und ich bin so schwach seufzte Angelika Sie fühlte dass ihr mehr zu tragen
auferlegt war als ihre Kräfte ihr gestatteten
    Man mochte es machen wie man wollte die Gräfin erfuhr schon jetzt von den
auf den Gütern obwaltenden Verhältnissen mehr als ihre Tochter wünschte Sie
versuchte Angelika damit zu beruhigen dass solche Ereignisse ja öfter vorkämen
dass man vor dergleichen Böswilligkeiten nirgends sicher sei und die Baronin gab
sich diesem Troste so gut sie konnte hin
    Als man vor dem Schloss vorfuhr waren seine Bewohner heruntergekommen die
heimkehrende Herrin und deren Mutter zu begrüßen aber man fand sich allseitig
nicht wohl aussehen Der Freiherr und der Graf welche die Nacht hindurch von
dem Brande wach erhalten worden waren und beide in den Jahren standen in denen
Anstrengungen Schrecken und Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend
überwinden lassen sahen ermüdet aus Den Grafen betrübte dazu die Hinfälligkeit
seiner Tochter der Freiherr bemühte sich seiner Schwiegermutter die frühere
freie Herzlichkeit zu zeigen indes er war verdüsterten Sinnes er musste sich
zur heiteren Rücksichtnahme für seine Gäste zwingen und der Gräfin Herz war
ebenfalls beschwert nicht dazu angetan ihm seine Aufgabe zu erleichtern Nur
die Herzogin besaß sich ganz und gar und kam durch ihre kluge Haltung Allen
wesentlich zu Hilfe
    Sie hatte sich völlig matronenhaft gekleidet und Angelika konnte nicht
umhin so genau sie die Herzogin kannte sie doch mit Verwunderung zu beobachten
und zu betrachten Ihre Stirn war ernst geworden ihr Blick hatte den
schmelzenden Ausdruck verloren ihr Mund sein anmutiges Lächeln Jeder der die
Herzogin jetzt zum ersten Male sah musste sich sagen diese Frau habe ein
schweres Schicksal mit Ergebung getragen und überwunden Bescheiden jede
Rücksichtnahme für sich zurückweisend wusste sie alle ihre Sorgfalt als auf die
Baronin gerichtet darzustellen und wie bei jeder solchen Täuschung wie bei
jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die Dreistigkeit
derselben diejenige zum Schweigen welche sich von ihr beleidigt und abgestoßen
fühlen musste
    Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen dass die Herzogin sie unglücklich
gemacht dass sie ihr ihres Gatten Liebe entzogen ihre Ehe zerstört ihren
Seelenfrieden vernichtet habe denn wie bei dem ersten Besuche welchen Graf
Berka und seine Frau der Tochter abgestattet hatte diese die Ehre ihres Mannes
und ihres Hauses vor den Eltern zu vertreten und es wollte sie bedünken als
sähen ihre Eltern schärfer als sie wünschte als wären sie über gewisse Dinge
und Verhältnisse besser unterrichtet als ihr lieb war
    In Erinnerung an die frühere Anwesenheit des gräflichen Ehepaares bei
welcher man das erste Frühstück auf der nach dem Parke gelegenen Terrasse
eingenommen hatte damit die Leute aus den Dörfern die Eltern ihrer Herrschaft
sehen könnten hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rückkehr der Baronin
der ein Sonntag war am Nachmittage den Park geöffnet und ein Vesperbrod im
Freien aufgetragen Ganz wie damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der
Terrasse vor dem chinesischen Häuschen hergerichtet Wie damals standen die
Diener in ihrer GalaLivree bereit es zu präsentiren die Baronin ging nur
nicht mehr so freundlich plaudernd und so schön an dem Arme der Gräfin einher
der Graf und der Freiherr trugen nicht mehr die stattlichen Röcke aus farbigem
Sammt auch sie hatten allmählich die goldbesetzten dreieckigen Hüte und die
wohlfrisirten Perrücken abgelegt Aber die runde breitkrämpige Kopfbedeckung
die weiten schmucklosen Tuchröcke die breitklappigen Westen die dicken
Halstücher machten immer noch einen fremden Eindruck an ihnen und sie schienen
den Degen an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen
    Ausgestreckt auf ihrem Ruhebette in ihren weißen Kleidern mit dem weißen
Schleier über dem blonden Haare sah die Baronin einer Nonne gleich Sie war
nicht mehr die hohe gebietende Gestalt deren Schleppkleid einst so prächtig
ihren gemessenen Bewegungen gefolgt war sie und die Gräfin hatten nicht mehr
die kleinen Federhütchen auf und es war auch Niemand aus den Dörfern gekommen
sich an der Schönheit und Stattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen Die Leute
waren nicht begierig dem Freiherrn unter die Augen zu treten und noch weniger
begierig ihn zu sehen Die Gartenarbeiter welche im Vorübergehen verstohlen
nach den Herrschaften hinaufsahn meinten dass die Diener sich jetzt besser als
die Herren ausnähmen Die Zeiten hatten sich eben geändert und die Menschen mit
ihnen
    Die Gräfin saß mit ihrem Sonnenschirme an der Seite ihrer Tochter und hielt
ihr das zu grelle Licht ab die Herzogin mit einer Filetarbeit beschäftigt
leistete ihnen Gesellschaft Den Enkelsohn an der Hand haltend spazierte der
Graf mit seinem Schwiegersohne umher aber es waren nicht die sie zunächst
umgebenden Dinge nicht die leuchtende Pracht des Abends nicht die Schönheit
des Parkes welche sie beschäftigten Der Krieg hatte die Grenzen Frankreichs
lange schon überschritten große Ereignisse große Gefahren standen an dem
Horizonte die Welt ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritte
entgegen und es fragte sich ob man darauf hoffen dürfe sich in ihr zu
behaupten wenn man ihr Schranken zu setzen versuchte oder ob man sich ihr
fügen müsse um nicht in ihr unterzugehen
    Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr verschieden sie
verständigten sich nicht wie sonst und weil sie entschlossen waren das kaum
hergestellte gute Einvernehmen zwischen sich aufrecht zu erhalten sprach keiner
von ihnen seine letzte Überzeugung aus Man gab von beiden Seiten mit
vorsichtiger Zurückhaltung nach man überwand sich man schwieg man beobachtete
einander man suchte zu erraten was der Andere meinte sich ihm gefällig zu
zeigen ohne der eigenen Ansicht etwas zu vergeben Ein solcher Verkehr ist aber
eine schwere Arbeit und kein Genuss und die Männer wendeten sich bald wieder der
Gesellschaft der Frauen zu in welcher die Unterhaltungsgabe der Herzogin die
Fremden zu fesseln und von allem Störenden mit kluger Berechnung abzulenken
wusste
    Inzwischen sann der Freiherr über die Weise nach in der er der Fliesschen
Familie seine Erkenntlichkeit für die der Baronin geleisteten großen Dienste
bezeigen möchte und bei dem Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine
leichte Sache Man konnte nicht daran denken Herrn Flies eine Entschädigung für
die gehabten Kosten anzubieten eines jener Geschenke von Wertgegenständen
denen man den Charakter eines Andenkens verleiht war in diesem Falle auch nicht
angebracht denn die Frau und die Tochter des Juweliers hatten unter seinen
Vorräten nur zu wählen und weil der Freiherr glaubte dass er sowohl den
Wünschen seiner Frau als dem Gefühle ihrer Pflegerin gleichzeitig am besten
begegnen könne wenn er sich zu einer jener Liebesgaben erbötig zeigte die man
sonst nur mit seines Gleichen austauscht tat er der Baronin den Vorschlag
Seba mit der Kopie ihres bald nach ihrer Verheiratung in der Residenz gemalten
MiniaturBildes zu beschenken Man hatte diese Kopie damals gleich nach der
Vollendung des Originals nehmen lassen um sie der Gräfin zum Weihnachtsfeste zu
bescheren Das Familienzerwürfniss hatte diese Absicht vereitelt jetzt mochte
man auf eben diese Gabe für die Gräfin aus begreiflichem Grunde nicht
zurückkommen und einfach in einen emaillirten Goldreif als Medaillon gefasst
schien das Portrait vor allem Andern geeignet den Dank des Freiherrn und die
Freundschaft der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen
    Indes wider sein Erwarten fand der Freiherr bei Angelika nicht gleich die
freudige Zustimmung auf welche er gerechnet hatte Sie war verlegen ihre
Blicke richteten sich nach ihrer Mutter als sei sie unsicher ob diese eine
solche Liebesgabe billigen würde aber grade dieses Letztere bestimmte den
Freiherrn seinen Vorschlag geltend zu machen und Angelika zeigte sich dann
auch schnell und völlig mit der Absicht einverstanden Der Freiherr selber
schrieb den Brief denn er selbst wollte der Geber des Angedenkens sein und in
einer über jedes Abwägen hinausgehenden Weise sich mit der Fliesschen Familie
abgefunden haben aber er ermächtigte Angelika ihren Dank hinzuzufügen
    Das bedingte sowohl was sie schreiben als die Art in welcher sie
schreiben konnte sie musste sich an Allgemeines halten Nur am Ende ihres
Briefes wiederholte sie den von ihrem Gatten gebrauchten Ausdruck dass es ihr
eine große Freude sein würde den ihr so teuer gewordenen Freunden jemals
dienstlich sein zu können und sie fügte dieser Versicherung den für Seba völlig
verständlichen Nachsatz hinzu »Glaube mir dass der Gedanke an Dich und an unser
letztes Beisammensein mich nie verlassen dass mein Herz für Dich beten wird wie
für mich selbst und dass Du mir die höchste Liebe erweisen würdest wenn Du es
mir sagen wolltest ob ich irgend etwas für Dich für Dein Glück und für den
Frieden Deiner Zukunft tun kann«
    Der Freiherr sah es wie Angelika eine Locke ihres Haares abschnitt und in
die Rückseite des Medaillons einlegte Er las die von ihr geschriebenen Zeilen
ohne eine Bemerkung darüber zu machen Die Ausdrucksweise jener Zeit war eine
conventionell gesteigerte man bediente sich großer Worte für die lebhaften
Empfindungen die man geflissentlich in sich nährte und dass es an
Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba nicht gefehlt haben würde darauf
war der Freiherr gefasst gewesen Es gefiel ihm freilich nicht besonders dass
seine Frau das Judenmädchen mit Du ansprach er tadelte es auch gegen seine
sonstige Weise im Beisein der Gräfin und diese gab ihm Recht Sie äußerte sich
überhaupt nicht beifällig über Seba Angelika wagte es nicht sie zu
verteidigen man konnte es jedoch in ihren Mienen lesen dass diese abfälligen
Urteile sie betrübten
    Im Übrigen gingen die Tage im Schloss ruhig hin Nach der Ermüdung durch
die Reise musste man der Baronin Zeit zur Erholung gönnen durfte man nicht daran
denken Gesellschaft zu sehen und da der Besuch der Eltern ohnehin nicht eben
lange währen sollte wünschten sie sich der Tochter ohne Störung zu widmen
Alles was man unternahm wurde mit Rücksicht auf die Kranke getan Man konnte
sich nicht darüber täuschen dass für sie keine Herstellung zu hoffen sei und dass
nur Schonung und Ruhe ihr Dasein noch zu fristen vermöchten Jedes Gespräch das
sie erregen konnte wurde vermieden sie selber schien vor allen Erörterungen
über ihr Leben über den Freiherrn über die Herzogin über die Plane welche
sie für die Erziehung ihres Sohnes hegte Scheu zu tragen Auf die missbilligende
Bemerkung ihres Vaters dass man im Schloss fast nur noch Franzosen im Dienste
habe entgegnete sie die Not dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf
die Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht sich ihrer zu bedienen Und
fügte sie mit einer gewissen Überwindung hinzu wenngleich ich selbst für
Renatus die alten uns angestammten deutschen Diener lieber gehabt hätte so ist
es doch andererseits viel wert dass er jetzt nur Personen um sich findet die
ihn in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren Kinder haben des völligen
Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nötigsten
    Die Eltern ließ diese Unterhaltung fallen aber es gab der Gegenstände in
Schloss Richten gar zu viele die man nicht berühren mochte Der Graf der schon
aus der Ferne von den schwankenden Vermögensverhältnissen seines Schwiegersohnes
Kunde gehabt hatte überzeugte sich dass der Schade tiefer gehe als er
geglaubt und versuchte da er viel praktische Umsicht besaß dem Freiherrn
unter der Hand zu raten wie man mit dem Verkaufe eines Teiles der Güter den
andern sichern und dauernd erhalten möge Der Freiherr wies jedoch jede
Mitteilung und jeden Rat zurück Man war und blieb also beisammen ohne mit
einander zu leben Man hätte einander lieben mögen brachte es aber nicht
weiter als bis zu einer gegenseitigen nachsichtigen und mitleidigen
Duldsamkeit Wie die Eltern auch an der hinsiechenden Tochter hingen wie schwer
die Trennung ihnen werden musste sie sprachen nicht davon ihren Besuch über die
festgesetzte Zeit zu verlängern und weder der Freiherr noch Angelika vermochten
sie dazu aufzufordern denn die Einweihung der Kirche stand nahe bevor es gab
für diese noch mancherlei zu ordnen und man durfte nicht wünschen den Grafen
und seine Gattin zu Zeugen derselben zu haben
    Der zweite Besuch welchen ihre Eltern der Baronin in Richten machten war
dem ersten in vieler Beziehung ähnlich und Angelika erfuhr an sich selber wie
wundersam oftmals in unserem Leben entfernte Zeitpunkte einander gleichen wie
sich zu wiederholen scheint was wir erleben während wir selbst uns gewandelt
finden und Alles um uns her gewandelt ist
    Weil man sich vor dem Scheiden gefürchtet hatte fühlte man sich leichter
als es überstanden war und wie nach der ersten Abreise ihrer Eltern wurden auch
dieses Mal der Freiherr und Angelika durch eine äußerliche Tätigkeit in
Anspruch genommen
 
                              Siebzehntes Kapitel
Die Beschwerden welche der Kaplan bei seinem Bischofe und die Meldung welche
der Pastor bei der Regierung gemacht hatte hatten ihre Früchte getragen Mit
dem Bischof durfte man sich leicht zu verständigen hoffen denn die Entfernung
des Pastors war bei dem Freiherrn selbst wenn er genötigt sein sollte ihn zu
pensioniren eine beschlossene Sache und die Errichtung eines Pfarramtes in
Rotenfeld für welches natürlich der Kaplan ins Auge gefasst war stimmte den
Bischof für alle Massnahmen des Freiherrn im Voraus günstig Einmal von seinen
drückenden Verlegenheiten befreit bewegte dieser Letztere sich in seiner alten
Weise und da er was er unternahm vollständig zu tun was er besaß
vollkommen zu besitzen liebte wollte er nun der Bau beendigt war die Kirche
auch mit einem vollständigen Personal versehen Der ansehnliche Vorrat von
Kirchengerätschaften den man in der alten Kapelle im Schloss seit zwei
Jahrhunderten gesammelt und der mit den neuerworbenen Stücken schon einen
hübschen Kirchenschatz begründete sollte seinen Sacristan bekommen man musste
einen Glöckner haben der den Kirchendiener machte und vor Allem wünschte der
Freiherr der ein großer Freund des Kirchengesanges war die Einweihung der
Kirche nicht ohne einen solchen zu vollziehen
    Von diesem Verlangen bis zu dem Gedanken sich dauernd ein Quartett von
Knabenstimmen für die Kirche zu sichern war es für den Freiherrn nicht weit
Angelika erhob ihre wirtschaftlichen Bedenken dagegen indes der Freiherr wusste
sie über dieselben zu beruhigen und fand den Weg sie für seine Wünsche zu
gewinnen Er meinte da man nur eine kleine katholische Gemeinde für die Kirche
habe müsse man eine wohltätige Stiftung mit der Kirche in Verbindung setzen
und dies sei ohne große Opfer auszuführen Wenn man einen jungen Geistlichen zum
Sacristan ernenne der des Orgelspieles mächtig und im Stande sei einigen
Knaben außer dem Unterrichte der Musik den gewöhnlichen Schulunterricht zu
erteilen so könnte man neben der Kirche eine kleine katholische Schule
errichten und sich wenn man die heranwachsenden Knaben immer zu den
Lebensberufen anleitete für welche sie Anlage oder Neigung betätigen
allmählich eine Anzahl wohlerzogener katholischer Handwerker oder Beamten
heranbilden die zugleich den Stock für die Ausbreitung der Kirche innerhalb der
Herrschaft abgeben würden Vier Knaben aus armen und wohlgesitteten Familien zu
erziehen war sicherlich ein gutes Werk und eine solche kleine Kolonie auf den
Gütern zu erhalten keine Aufgabe welche irgendwie die Kräfte des Gutes
überschritt
    Für ein solches wohltätiges Unternehmen durfte man natürlich sicher sein
die Zustimmung der Baronin schnell zu erlangen und der Bischof dem so
unerwartet die Möglichkeit geboten wurde einen jungen Geistlichen anzustellen
ein paar Leute als Glöckner und Kirchendiener zu versorgen und einigen
strenggläubigen Familien durch Unterbringung ihrer Söhne seine Zufriedenheit
auszudrücken stimmte dem ganzen Vorhaben mit großer Anerkennung bei
    Aber auch den Wünschen des Kaplans kam die Absicht des Freiherrn entgegen
In der entsagenden und begeisterten Liebe seiner Jugend hatte er sich von der
Welt zurückgezogen und auf eine weitgreifende Tätigkeit innerhalb der Kirche
ja selbst auf das Walten in einer Gemeinde verzichtet um dem Andenken einer
Geschiedenen zu leben um ihrem Bruder nahe zu sein und sich selber
aufzuerbauen Indes eine Jugendliebe wirft nur bleiche Strahlen auf das spätere
Leben und wenn der Kaplan sich auch sagen durfte dass er Angelika der Kirche
gewonnen habe war doch grade mit den fortschreitenden Jahren oft der
schmerzliche Gedanke über ihn gekommen dass er das reiche Maß seiner Kräfte
nicht genug gebraucht dass er nicht genug gewirkt für die Verbreitung und den
Ruhm der Kirche der er angehörte und eben die letzten traurigen Ereignisse in
Rotenfeld hatten ihm wie eine Mahnung gedäucht die ihm noch vergönnten
Lebenstage eifriger zu benutzen
    Es schien ihm ein Wink des Himmels ein sichtbares Eingreifen des Höchsten
zu sein dass Gott der neugegründeten Kirche wie in den ersten Tagen des
Christentums gleich ihren Blutzeugen zugesellt und die Vorstellung dass dies
Alles habe geschehen müssen um ihm eine Mahnung und ein Sporn zu sein ward
immer mächtiger in ihm Er hatte mit ruhiger Erhebung einst der Grundsteinlegung
zu der Kirche beigewohnt ihren sehr verzögerten Bau gelassen fortschreiten
sehen nun zählte er die Tage welche bis zu ihrer Einweihung vergehen mussten
    Seit seinen jungen Jahren hatte er die Kanzel nicht betreten nicht unter
der erhabenen Wölbung eines Gotteshauses gepredigt nicht vor dem Altare einer
Kirche die Messe celebrirt Viele Hoffnungen waren ihm verloren gegangen auf
Manches hatte er verzichten lernen Er begann zu fühlen dass er älter werde
weil der Kreis seiner Wünsche Plane und Erwartungen sich verengte Neues
Streben und damit neue Hoffnung in sich aufnehmen heißt aber sich eine neue
Jugend schaffen und wie sollte man diesem Reize widerstehen auf diese
Möglichkeit verzichten so lange man noch die Kraft dazu empfindet Es war die
Sehnsucht nach verlängertem Leben ohne welche der Mensch dem Tode noch früher
verfallen würde es war das halb unbewusste Verlangen nach Lebenslust die in dem
einst so entsagungsfähigen Manne noch im hohen Mannesalter den Ehrgeiz weckten
    Er und der Freiherr teilten jetzt den Verdruss den sie Seitens der
protestantischen Kirche zu tragen hatten und fanden sich in der Tätigkeit für
die Einweihung der Kirche mit Genugtuung zusammen Man hatte schon lange eines
der zum Amte gehörenden aber außerhalb des Amtofes und sehr nahe bei der
Kirche gelegenen Gebäude zur Kirchenwohnung ersehen Bisher hatten die
Wirtschafter sie inne gehabt nun da man dem künftigen Amtmanne überhaupt kein
so breites Leben wie den Steinerts einzuräumen dachte sollten die Wirtschafter
im Amtause ihr Unterkommen finden und der Sacristan mit den vier Knaben welche
der Freiherr zu Assistenten bei dem Gottesdienste zu haben wünschte ihre
Wohnung bei der Kirche erhalten Es war dabei auf einen verheirateten Glöckner
abgesehen der die Beköstigung des Sacristans und seiner Schüler übernehmen
könne
    Eine Zeit lang hatte der Freiherr von der Herzogin beeinflusst wohl die
Absicht gehegt auch den Kaplan nach Rotenfeld übersiedeln zu lassen aber er
hatte dessen Anwesenheit während jener mit der Baronin in der Stadt gewesen
war doch mehr vermisst als er erwartet haben mochte und grade der Hinblick auf
Angelika machte es ihm wünschenswert den ihr so werten Mann in ihrer Nähe und
auch in der Nähe des Knaben zu lassen dem die Aufsicht und der Unterricht des
Kaplans mit jedem Tage nötiger werden mussten
    Während man in nächtlicher Stille die Särge aus dem bisherigen
Erbbegräbnisse in die Marmorgruft der neuen Kirche brachte und der Kaplan die
weißen Rosenbüsche an der Eingangstür derselben pflanzen ließ während die
Kanzel ihre letzten Verzierungen erhielt der aus der Stadt angelangte
Beichtstuhl aufgestellt ward und der Freiherr sich mit dem Fürstbischof ins
Einvernehmen setzte damit dieser der den Grundstein eingeweiht auch am
Margaretentage die Einsegnung des fertigen Baues übernähme ward er es nicht
sonderlich gewahr dass die Herzogin ungewöhnlich viel Briefe erhielt und
schrieb dass sie öfter teilnahmslos erschien und seit der Graf und die Gräfin
Berka das Schloss verlassen hatten von Reiseplanen sprach die ihr neuerdings
gekommen sein mussten denn es war nie davon zuvor die Rede gewesen Sie zeigte
sich jetzt weniger als sonst bemüht den Freiherrn zu unterhalten bewies der
Kranken wirklich jene Sorgfalt deren Anschein sie während des Besuchs der
Berkaschen Familie angenommen hatte und trotz ihrer Abneigung gegen die
Herzogin konnte Angelika es nicht übersehen dass eine Veränderung mit derselben
vorgegangen war und dass sie jetzt wieder mehr als in den verwichenen Jahren dem
Bilde entsprach welches Angelika in den ersten Tagen sich von ihr gemacht
hatte
    Als der Postbote wieder einmal nach der Stadt geritten war um die
Posttasche abzuholen brachte er in dieser neben dem eigenhändigen Schreiben des
Fürstbischofs das seine Zusage enthielt auch ein großes aus der Residenz
kommendes mit mehreren Siegeln verschlossenes Paket für die Herzogin sowie die
Antwort Sebas auf die Sendung und die Briefe des Freiherrn und Angelikas
    Seba dankte dem Freiherrn in einem kurzen Schreiben dessen formvolle
Haltung er rühmend anerkannte für die Freude die er ihr bereitet für die
gütige Weise in welcher er ihren geheimen Wunsch erraten und befriedigt habe
Auch der Brief an die Baronin war nicht eben lang Seba schickte ihr da sie
augenblicklich über kein anderes Bild von sich verfügen konnte ein kleines in
Pastell gemaltes Portrait das sie in ihrem sechszehnten Jahre darstellte Es
war kurz vor der Zeit gemacht worden in welcher sie den Grafen hatte kennen
lernen und der ganze Zauber seelenvoller Kindlichkeit und Unschuld lag in dem
Bilde noch über dem edlen holden Antlitze ausgebreitet Die Baronin hatte
dieses sie rührende Bild das in der Stube des Vaters hing nie zuvor gesehen
    »Sei um mich nicht in Sorge« schloss Seba ihren Brief an die Baronin »Es
ist mir wohler und freier um das Herz als seit gar langer Zeit Nicht alle
Naturen können die gleiche Straße gehen und jede muss ihre Befreiung und
Befriedigung auf ihre eigene Weise suchen Da ich Dich liebe tut es mir wohl
Dich in Deinem Glauben und in Deinem Anlehnen an Deine Kirche glücklich zu
denken gönne Du mir da Du mich liebst die Erhebung und Auferbauung meiner
Seele und meiner Zukunft auf meine Weise Du erwartest die Gerechtigkeit aus der
Hand des Höchsten der mit seiner Vorsehung Dein Leben lenkte ich entbehre
dieses Glaubens ohne der Überzeugung und des Trostes zu entbehren dass unsere
selbstbestimmten Taten in unseren Leiden und Freuden ihre Folgerichtigkeit
haben und Deine Liebe und die letzten Augenblicke die ich mit Dir verlebte
haben mir dies wieder vollgültig dargetan Die Genugtuung deren ich bedurfte
ist mir jetzt geworden
    Der Herr Baron und Du meine Angelika legen es mir beide nahe eine Bitte
der Gewährung sicher an ihn zu richten Sie soll denn wenn auch nicht
eigentlich für mich gesprochen werden Herbert der jetzt seine Aufgabe im
Dienste des Herrn Barons vollendet hat ist mir sehr wert und mir in manchen
schweren Stunden ein Freund gewesen Er sehnt sich seine Eva in das Haus zu
führen das Du mit uns bewohnt hast und das er in diesen Tagen von meinem Vater
für sich kaufte Lege das Glück meines Freundes dem Herrn Baron ans Herz
Herbert und Eva sind zwei so einfache so schuldlose Naturen dass es wie ich
mir denke auch Dich erfreuen müsste sie bald vereinigt zu sehen Herbert hat
seine Aufgabe zu des Herrn Barons Zufriedenheit beendet möge dieser seinen
Baumeister dafür in der Weise belohnen die ihn am meisten beglücken wird  Ich
spreche diese Bitte ohne Herberts Wissen aus Sollte es Dir wie ich es für
möglich halte angemessener scheinen sie als Deinen Wunsch zu bezeichnen so
nenne mich nicht und lass uns wie in Liebe so in dem stillen verschwiegenen
Wirken für das Glück der Anderen stets verbunden bleiben«
 
                              Achtzehntes Kapitel
In Rotenfeld und in Richten im Amtofe wie im Schloss hatte man vollauf zu
tun Der Glöckner mit Frau und Kindern der Sacristan mit seinen vier Schülern
waren eingetroffen Eva hatte auf Anweisung des Freiherrn das Haus für sie
eingerichtet die Vorräte für den ersten Bedarf des neuen Hausstandes
herbeigeschaft und wie leicht der Freiherr dies auch veranschlagte fiel es
für die Verwaltung doch immer in das Gewicht denn der Unterhalt für zehn
Personen will erworben sein
    Im Schloss langte um die festgesetzte Stunde der Fürstbischof wie zur
Grundsteinlegung mit seinen Vicaren und Kaplänen an und Angelika obschon sie
sich danach zurückzog um ihre Kräfte für den nächsten Tag zu Rate zu halten
ließ es sich nicht nehmen ihm bis an die Schwelle ihres Hauses entgegen zu
gehen Sie wollte die erste sein welche des verehrten Greises Segen für sich
und ihren Sohn erbat
    Im Laufe des Tages hatte der Bischof verschiedene besondere Unterredungen
mit dem Freiherrn und mit dem Kaplan auch mit der Herzogin wanderte er im
letzten Sonnenscheine noch auf der Terrasse umher Renatus an dem sie ohne auf
ihn zu achten mehrmals vorübergegangen waren hörte dass sie von Italien
sprachen und fragte am Abende die Mutter weshalb sie nicht auch einmal nach
Italien reisten wenn es dort so schön sei
    Herbert war schon seit zwei Tagen im Amtause Er hatte dem Freiherrn am
bestimmten Termine den Bau übergeben die Schlüssel ausgeliefert und dieser
hatte es an Lob und Anerkennung für den Architekten auch jetzt nicht fehlen
lassen Eine Einladung in das Schloss zu kommen war an Herbert nicht ergangen
aber der Freiherr hatte ihn aufgefordert am Abende des Festtages sich zu der
Mahlzeit auf der Birkenhöhe einzustellen und er hatte dies schicklicher Weise
nicht ablehnen dürfen obschon ihm jede Begegnung mit den Schlossbewohnern
peinlich war
    Die ganze Nacht hindurch hatte der Gärtner mit seinen Gehülfen Kränze und
Guirlanden zu den Ehrenbogen geflochten die den Eingang der Kirche den Altar
wie die Kanzel zieren sollten Als der Morgen in seiner Herrlichkeit heraufzog
waren der Gehülfe und Herbert schon auf den Füßen um die Ausschmückung für die
Kirchenfeier zu überwachen und zu leiten
    Es hatte in der Nacht stark getaut nun dehnten und wiegten sich unter dem
heißen entfaltenden Sonnenstrahle die feuchtglänzenden Blätter und Gräser Kein
Wölkchen stand am Himmel Über die Getreidefelder wehte der Morgenwind dass die
Halme sich neigten und hoben und die noch weiß schimmernde Aehrenfülle des
Weizens und der Gerste sich unter dem leisen Luftzuge wie die zitternden Wellen
eines glänzenden Wasserspiegels schillernd bewegten Die Vögel stiegen überall
aus Feld und Busch empor und schwangen sich mit jubelndem Gesange hoch hinweg
über das goldene Kreuz des Kirchturmes welches wie Angelika es einst ersehnt
hatte jetzt weithin leuchtend in die Ferne strahlte
    Früh um neun Uhr ging der Glöckner zum ersten Male an sein Amt
    Angelika stand an dem Fenster ihres Zimmers sie sah gedankenvoll in die
Gegend hinaus Ich habe einen sonderbaren Traum geträumt sagte sie zu Marianne
Ich ging allein vor euch Allen in die Kirche es war ein prächtiger Tag und
ich fühlte mich so leicht dass ich die Erde gar nicht berührte Ich wandelte
ruhigen Schrittes durch die Luft ohne mich darüber zu verwundern Nur Eines
fiel mir auf die Tannenbäume welche vom Gitter nach der Kirche führen standen
in voller Blüte und trugen statt der Zapfen die schönsten weißen Rosen Ich
freute mich so darüber
    Indem sie diese Worte sprach ertönten die ersten Schwingungen der Glocken
durch die Weite Angelikas Herz wallte auf sie hielt in ihrer Erzählung inne
und kniete nieder
    Es drängte sie dem Herrn dafür zu danken dass er sie die Erfüllung ihres
Gelöbnisses erreichen lassen dass sie den Tag erlebte an welchem die Glocken
ihrer Kirche fernhin mahnend zu ihr hinüber schallten und sie dachte nicht
daran dass es andere ganz andere Gefühle waren welche dieser fremde Klang in
den Herzen ihrer Untertanen weckte
    Nach kurzem inbrünstigem Gebete richtete sie sich auf Sie musste ihren
Gatten sehen
    Du hier rief er als sie bei ihm eintrat und ihre Hand ergreifend hieß er
sie willkommen während er sie zu einem Sessel geleitete Die Glocken der Kirche
tönten fort und fort Der Freiherr und Angelika waren beide sehr bewegt Sie
fühlten sich durch ein gemeinsam Gewolltes und Erreichtes sie fühlten sich
durch die heiligsten Bande durch die schmerzlichsten Erinnerungen durch Leiden
und Freuden durch die Hoffnungen und Sorgen für ihres Sohnes Zukunft verbunden
und zu einander gehörend Niemals waren sie in ihrem Denken und Empfinden mehr
im Einklange gewesen als unter dem ersten feierlichen Läuten dieser Glocken
und doch hatten sie es verlernt sich einander vertrauend hinzugeben Vereinsamt
und zagend standen sie sich gegenüber das Herz tat beiden wehe weil jeder von
ihnen seine Aufwallung zurückhielt
    Endlich überwand der Freiherr sich Wir sind am Ziele sagte er und wie man
auf der Höhe eines Berges der Mühen mit denen man ihn erstieg leicht vergisst
um sich der herrlichen Fernsicht zu erfreuen so dürfen auch wir der Opfer die
wir bringen müssen fortan nicht mehr gedenkend uns des Geschaffenen erfreuen
das denen die nach uns kommen werden von uns Kunde geben und unsere Namen in
eine ferne Zukunft tragen wird Lass uns einander Glück dazu wünschen
    Er küsste sie mit Feierlichkeit auf die Stirne und unfähig ihre
Erschütterung zu verbergen zu scheu sich ihm in die Arme zu werfen küsste sie
ihm die Hand Das fuhr ihm wie ein Stich durchs Herz
    Angelika Beste was tust Du rief er erschrocken aus Aber sie sah ruhig
zu ihm empor und sagte Lass es geschehen Es hat mir wohlgetan lieber Franz
Dich so mild gestimmt zu finden und ich gewinne dadurch den Mut eine Bitte an
Dich zu richten
    Er setzte sich an ihre Seite sie blieb eine Weile in schweigendem
Nachdenken versunken dann sagte sie Ich möchte mich dazu des Bildes bedienen
das Du eben jetzt gebrauchtest Lieber Man sieht vom erreichten Ziele die Dinge
freier an und  Du wirst Dich darüber so wenig zu täuschen vermögen als ich 
auch mein Ziel wird bald erreicht sein Da möchte ich den Personen denen ich
genaht bin so weit es möglich ist gern freundliche Erinnerungen hinterlassen
    Der Freiherr unterbrach sie Sie hatte bisher niemals von der
Wahrscheinlichkeit ihres frühen Todes zu ihm gesprochen Er versuchte ihre
Ahnung zu bekämpfen er wollte sich selber die Wehmut verscheuchen es gelang
ihm Beides nicht
    Was uns auferlegt ist werden wir erwarten und tragen müssen sagte Angelika
ergeben aber erfülle meinen Wunsch Lege noch heute Evas Hand in Herberts
Hand Es würde mich schmerzen wenn er der uns so schön gedient und der 
jetzt wirst Du mir es glauben  rein und ehrenhaft Dir gegenüber dasteht
unserer mit Abneigung gedenken sollte
    Der Freiherr schloss wie unter einer schmerzlichen Berührung unwillkürlich
die Augen seine Brauen seine Lippen pressten sich zusammen Angelika blieb
ruhig und gelassen Das Erlebte lag weit hinter ihr
    Der Tag ist uns die wir den Bau begründet haben ein hohes Fest sprach
sie Du wünschest ihn der Herzogin zu einem Ehrentage zu machen Lass ihn für
Herbert für Eva und für ihren Bruder gleichfalls zu einem Tage freudiger
Erinnerung werden und auch mein Herz wird ihn dann als einen doppelt gesegneten
empfinden denn ich werde Deine Verzeihung in der Gewährung meiner Bitte
empfangen zu haben glauben
    Lass die Vergangenheit begraben sein lass uns auf die Zukunft blicken sagte
der Freiherr mit milder Abwehr und sei es wie Dus wünschest Noch heute will
ich Eva meine Zustimmung verkünden
    Angelika dankte ihm dafür Sie wollte Zeit und Stunde wissen ihr Gatte bat
ihm dies zu überlassen er wollte sich wie immer die Freiheit augenblicklicher
Entschließung vorbehalten
    Inzwischen war es Zeit geworden sich nach der Kirche zu begeben Wie vor
acht Jahren fuhr man in vier Wagen durch das Dorf weniger noch als damals
ließ die Gutsinsassen sich blicken Es war Sonntag sie waren vollzählig zu
ihrem Pfarrer in die Kirche gegangen Die Pfarrerin hatte diesen mit Bitten und
mit Tränen davon abzuhalten gestrebt dass er eben an dem heutigen Tage ein
Ärgernis gäbe aber der Pastor ließ es sich nicht nehmen grade heute mit
feurigem Worte sein Herz vor der Gemeinde auszuschütten und sie zu warnen dass
sie sich nicht durch äußeren Glanz und äußeren Vorteil verführen lassen sollte
    Der Amtmann und Eva fehlten in der Kirche Wie sehr sie ihren alten Pfarrer
auch verehrten sie hatten zu viel Freude an dem Ehrentage Herberts sie waren
dem Baue durch alle seine Stufen mit zu großer Teilnahme gefolgt als dass sie
es sich und Herbert hätten versagen mögen das schöne Bauwerk in seinem ersten
Schmucke zu sehen die ersten Orgeltöne in diesem Gotteshause erklingen zu
hören
    Die Wagen machten außerhalb des Kirchhofes Halt Der Freiherr seine Gattin
am Arme seinen Sohn an der Hand durchmass den mit Blumen bestreuten Weg Da er
und Angelika sich in der Vorhalle mit dem geweihten Wasser netzten war es
ihnen als hätten sie dies nie zuvor getan und es durchschauerte sie
feierlich
    Von der Herzogin begleitet begaben sie sich in die herrschaftliche der
Kanzel gegenüber gelegene Loge Die katholische Dienerschaft aus dem Schloss
hatte unten in den Bänken Platz genommen Unter dem Portale empfing der Kaplan
als Pfarrer der neuen Kirche den Fürstbischof und sein Gefolge In vollen
jubelnden Klängen ließ die schöne Orgel ihr Halleluja ertönen die Chorknaben
schwangen die silbernen Weihrauchgefässe und das große bischöfliche Kreuz
voraufgetragen schritt der Bischof mit seinem Gefolge dem Altare zu die erste
Messe in der Kirche zu lesen
    Dann bestieg der Pfarrer seine Kanzel und Angelika wie der Freiherr
glaubten ein Wunder vor sich zu sehen Wie verjüngt strahlte sein Antlitz mit
fremdem mächtig ergreifendem Tone schallte seine Stimme von der hohen Wölbung
der Kuppel zurück Er fühlte die Begeisterung das Feuer und den Eifer seiner
jungen Jahre in sich wiederkehren die rückwirkende Kraft der Gemeinde erwies
sich an ihm mächtig und er kannte die Herzen derer zu denen er zu sprechen
hatte genau genug um die Worte zu finden mit denen er sie bewegen konnte Er
wusste was dem Hause derer von Arten fehlte er war diesem Hause durch ein
langes Leben so eng verbunden gewesen der Freiherr und Angelika waren seinem
Herzen jeder auf seine Weise so nahe verwandt dass es keiner Kunst bedurfte dass
er nur der eigenen Eingebung zu folgen brauchte um sie mit sich zu erheben
    Mit stolzem Selbstgefühle verließ der Freiherr nach beendigtem Gottesdienste
seinen Sitz Er ließ Herbert herbeirufen um ihn dem Fürstbischof vorzustellen
Angelika sah ihn in diesem Augenblicke zum ersten Male wieder Als auch sie ihm
dankte und ihm ihre Hand hinreichte wagte er es sie an seine Lippen zu ziehen
und sie sah Tränen in seinem Auge die sie sich zu deuten wusste
    Ja sprach sie ich bin recht krank aber heute mag ich nicht daran denken
heute ist es auf lauter Freude abgesehen und ich hoffe Sie am Abende noch zu
begrüßen
    Die Herrschaften und der Bischof nahmen die Kirche und die Kirchenwohnung in
Augenschein sie belobten Alle den Baumeister Herbert hatte heute ein großes
Wohlgefallen an der Anerkennung denn Eva und ihr Bruder hörten sein Lob und
waren stolz auf ihn aber der Anblick der Baronin ließ in ihren guten Herzen
keine wahre Freude aufgehen
    In demselben Zuge in welchem man sich nach der Kirche begeben hatte
verließ man sie Angelika schien keine Ermüdung zu empfinden Sie machte bei dem
Mittagbrode das man dem Bischofe zu Ehren veranstaltet hatte mit
Freundlichkeit die Wirtin sie empfing die zahlreichen Gäste aus der
Nachbarschaft welche man für den Abend eingeladen hatte das Namensfest der
Herzogin zu begehen
    Der schöne Tag machte dem mildesten Abende Platz Man brachte die letzten
Stunden des Nachmittags auf der Terrasse zu Als die Sonne sank fuhren die
Wagen vor um diejenigen welche wie Angelika die Mühen des Weges zu scheuen
hatten nach der Birkenhöhe hinauf zu bringen Der Justitiarius der Amtmann und
Eva hatten Einladungen zu dem Abendbrode erhalten das man oben einzunehmen
dachte Herbert und der Gehülfe wie das ganze Gefolge des Bischofs befanden
sich selbstverständlich unter der Gesellschaft Bei einem im Freien
veranstalteten Feste brauchte man mit den Einladungen nicht so ängstlich zu
sein
    Der Park war belebt wie in den glänzendsten Tagen des Hauses der Freiherr
recht eigentlich in seinem Elemente Der Fürstbischof die geistlichen Herren
seines Gefolges die Herzogin die adeligen Familien der Nachbarschaft bildeten
eine stattliche Versammlung
    
    Als man oben auf der Höhe anlangte fand man den neuerbauten kleinen Tempel
in allen seinen hervorragenden Linien mit Blumenguirlanden geschmückt »Der
Freundschaft« war mit goldenen Buchstaben über der Eingangstüre zu lesen Man
hatte die Marmortafel welche diese Inschrift trug erst während des Tages
angebracht Eine sanfte Musik ertönte aus dem Innern des Baues die Türen
öffneten sich das Bild der Herzogin welches während ihres Aufenthaltes in der
Stadt im Auftrage des Freiherrn von einem geschickten Maler ausgeführt worden
war hing reich bekränzt dem Eingange gegenüber Man hatte davor eine Art von
Altar aufgerichtet auf welchem Blumen und Feldfrüchte Garten und
FeldarbeitsGerätschaften wie in einem Tempel der Ceres und der Flora
aufgestellt waren Von dem Sacristan wohl eingeübt sang das Quartett der Knaben
ein Loblied auf die Herzogin das von dem Freiherrn selber dem Schillerschen
»Mädchen aus der Fremde« nachgedichtet worden war
    Bei der Strophe
Sie teilte jedem eine Gabe
Dem Früchte jenem Blumen aus
Der Jüngling und der Greis am Stabe
Ein jeder ging beschenkt nach Haus 
führte der Freiherr die Gefeierte vor den Altar Unter den dort aufgestellten
Gerätschaften befanden sich verschiedene kleine Körbe in denen auf und unter
blühenden Blumen mit den Namen der anwesenden Personen bezeichnet die
mannigfachsten Geschenke vorbereitet lagen Er händigte ihr das erste dieser
Körbchen aus und bat sie als Schützerin dieses Tempels der fortan ihren Namen
tragen sollte den versammelten Freunden ein Andenken an sich zu hinterlassen
    Die Herzogin solcher Darstellung im höchsten Grade mächtig unterzog sich
mit vollendeter Anmut ihrer Aufgabe und eine gewisse Rührung eine ihr sonst
fremde Weichheit verliehen den Geschenken die sie auszuteilen hatte und die
dem Range der Herzogin wie dem Ansehen der Empfänger angemessen waren einen
erhöhten Wert
    Schweigend und in sich selbst versunken wohnte Angelika dem Schauspiele bei
Sie schien es kaum zu bemerken Ihr Auge sah durch die offenen Bogenfenster in
das Tal hinaus Auch Herbert hatte wenig Sinn für die gegenwärtige
Feierlichkeit Er ahnte was in dem Herzen der Baronin vorging
    So im sinkenden Tagesscheine hatte er einst mit ihr auf dieser Höhe
gestanden hier auf dieser Stätte war sie ihm als das Urbild edler Schönheit
erschienen hier hatte ihre Trauer ihm das Unglück ihres Lebens enthüllt hier
hatte er sich ihr in selbstloser Freundschaft zu eigen geloben wollen  und
schon damals hätte ihr Ausruf »Hier oben dürfen wir keine Kirche bauen« ihm
verraten können was später ihm so verwirrend und so schmerzlich klar geworden
war
    Ihr der Reinen der erhabenen Seele hätte er hier einen Tempel der
Erinnerung errichten mögen und man weihte diese Stätte dem Andenken jener
fremden Frau deren selbstsüchtige Arglist Angelikas Glück untergraben und
zerstören geholfen Er konnte die Augen nicht von der Baronin wenden auch Eva
dachte nur an sie
    Man schämt sich seines Glückes wenn man auf sie blickt sagte sie zu
Herbert der sich zwanglos an ihrer Seite hielt
    Der Freiherr wies den einzelnen Gästen mit leichter Handbewegung die
Reihenfolge an in welcher sie sich der Herzogin zu nähern hatten Die gute
Stimmung wuchs von Minute zu Minute Zwischen den einzelnen Strophen des
Gedichtes waren kleinere die Verteilung begleitende und sich in raschem
Rhythmus und in heiterer Melodie leicht bewegende Verse eingelegt So ging es
fort bis die geladenen Gäste alle ihre Gaben empfangen hatten und auf ein
Zeichen des Freiherrn der Architekt an den Altar beschieden wurde
    Als er sich demselben näherte erhob sich Angelika von ihrem Platze winkte
Eva zu sich heran und während sie selbst das überraschte Mädchen an Herberts
Seite geleitete sangen die Knaben die Schlussverse des Gedichtes
Doch nahte sich ein liebend Paar
Dem reichte sie der Gaben beste
Der Blumen allerschönste dar
und Evas und Herberts Hände in einander legend sagte Angelika leise dass nur
die beiden es vernehmen konnten Seid glücklicher als ich und denkt meiner
wenn ich nicht mehr bin
    Herbert und Eva sanken ihr zu Füßen die Gesellschaft rief ihren Beifall und
ihre Glückwünsche aus Man merkte es nicht dass Angelika noch blässer geworden
war und leise ihre Tränen trocknete Herbert und Eva waren ein so schönes Paar
    Die ganze Erfindung und Überraschung war vollkommen im Sinne der
Gesellschaft und man hatte auch mehr zu tun denn draußen waren inzwischen die
Lampen angezündet der Tempel die Höhe der Garten die Terrasse das Schloss
strahlten im Lichtglanze der Illumination und während von den dem Tempel
gegenüber gelegenen Ruinen des alten Schlosses die ersten Garben des Feuerwerks
in die Höhe stiegen brachte der Fürstbischof selber in dem schäumenden
Champagner den die Diener zu credenzen begannen den ersten Toast auf das
Bestehen Wachsen und Gedeihen des von Artenschen Geschlechtes aus
 
                              Neunzehntes Kapitel
Die Gäste hatten das Schloss verlassen der Tag war bewölkt die Baronin hütete
das Lager weil sie sich mehr zugemutet als ihre Kräfte leisten konnten auch
der Freiherr und die Herzogin waren ermüdet und hielten sich in ihren Gemächern
Der Herr Pfarrer wie die Kirchenbeamten und der Sacristan den Kaplan jetzt
nannten beantwortete in des Freiherrn Namen die Vorstellungen welche diesem
von Seiten des Superintendenten auf die Beschwerden des Pastors gemacht worden
waren Der neue Pfarrer allein war zu einer großen Tätigkeit aufgelegt während
der Freiherr jene Erschlaffung und jene Leere fühlte welche nach der Vollendung
einer großen Arbeit eines großen Unternehmens sich immer einzustellen pflegen
    Gegen den Abend machte die Herzogin ihm den Vorschlag einen Spaziergang
nach der MargaretenHöhe so nannte man den Hügel jetzt zu unternehmen In
ruhigem Gespräche durchwanderten sie den Park stiegen sie den Hügel hinauf
Oben angelangt setzten sie sich auf einer der nach antikem Vorbilde
gearbeiteten Steinbänke nieder welche man dort aufgestellt hatte Trotz des
schönen Abends machten der Platz und der Tempel heute keinen guten Eindruck Die
Blumenguirlanden waren welk geworden das Gras des Rasenplatzes hier und da
zertreten Die Lampen hingen trüb und fahl in den Drähten des Lattenwerkes auch
das Innere des Tempels war noch nicht wieder hergestellt worden und das Bild
der Herzogin sah in dem matten Lichte wie verschleiert aus
    Wir hätten heute nicht hierher gehen sollen bemerkte der Freiherr denn
jedes Fest wirft einen Schatten auf den ihm folgenden Tag
    Und doch wünschte ich gerade heute hierher zu kommen und mich an dem Orte
dem Sie so liebenswürdig meinen Namen verliehen an welchem Sie mein teurer
Vetter mich so hoch geehrt haben mit Ihnen über eine Angelegenheit zu
besprechen die ich ohne Ihren Beirat zu ordnen genötigt gewesen bin denn
Ihre Freundschaft würde mich ich fühle das verhindert haben die Entscheidung
zu treffen zu welcher ich selbst mich schwer genug entschloss
    Sie hielt inne der Freiherr bat sie sich zu erklären
    Ich bin nicht wortbrüchig mein Freund sagte sie und ich habe es nicht
vergessen wie Ihre Großmut mir einst das Versprechen abgenommen hat dass ich
von Ihrer gastlichen Schwelle nicht scheiden würde bis Sie selbst mich wieder
in die Hallen meines schönen Vaudricourt zurückgeleiten könnten
    Und dieses Versprechen ist Ihnen leid geworden fragte der Freiherr von
einer unangenehmen Ahnung erfasst
    Sie schüttelte wehmütig das Haupt Nein o nein versetzte sie und es
wird glauben Sie es mir teurer Vetter zu den erhebendsten Erinnerungen
meines Lebens gehören dass Sie es einst von mir gefordert haben dass ich Sie
auch heute noch geneigt weiß mir fort und fort das Gastrecht zu gewähren
welches Sie mir mit jener Forderung verhiessen Aber jedes Versprechen das wir
leisten wird in einem bestimmten Glauben unter gewissen Voraussetzungen getan

    Sie wollen von uns scheiden rief der Freiherr tiefer getroffen als er es
selbst in diesem Augenblicke wusste Sie wollen jetzt eben jetzt von uns gehen
wo wenn nicht ein Wunder geschieht auf das zu hoffen der Mensch kein Anrecht
hat meinem Hause ein schwerer Verlust und eine einsame ernste Zeit bevorsteht
    Die Herzogin seufzte Ich habe mir das selbst gesagt habe Alles schmerzlich
in mir erwogen und doch bleibt mir keine Wahl Jedes Versprechen das wir
leisten wiederholte sie absichtlich wird in einem bestimmten Glauben unter
gewissen Voraussetzungen getan Als ich Ihnen einst gelobte nicht eher von
Richten zu scheiden bis Sie mich nach Vaudricourt geleiten könnten glaubte ich
an eine Wandlung an eine nicht ferne Rückkehr zu Ordnung und Gesetz in meiner
Heimat hoffte ich den Thron seines rechtmäßigen Herrschers in Frankreich bald
wieder aufgerichtet zu sehen Diese Hoffnung habe ich für jetzt verloren
    Und was bewegt Sie also zu dem Entschlusse mit dem Sie uns bedrohen wandte
der Freiherr mehr und mehr verwundert ein
    Die Herzogin wich der Antwort aus Sie kennen die Huld und Gnade sagte sie
mit welcher die Gemahlin des Grafen von Provence mich von je her beglückte
Durch die Verhältnisse unseres Vaterlandes an den Hof ihres königlichen Vaters
zurückgeführt wünscht sie mich in ihre Nähe zu ziehen Die Oberhofmeisterin
Ihrer Majestät der Königin ist gestorben man bietet mir ihre Stelle an und

    Der Freiherr neigte mit vornehmer Bewegung zustimmend das Haupt Und Sie
finden es ehrenvoller und angenehmer die Oberhofmeisterin einer Königin zu
sein als einem Landedelmanne in seinem Schloss fürder die Freude und die Ehre
Ihrer Gegenwart zu gönnen Ich begreife das  und ich gebe Ihnen Recht
vollkommen Recht fügte er schnell gefasst hinzu
    Es entstand eine Pause Die Herzogin wusste vollkommen welche Kränkung sie
dem Freiherrn bereitete Aber einer Beobachterin wie ihr waren die sich
ändernden Glücksumstände des Freiherrn nicht verborgen geblieben und sie hatte
seit lange daran gedacht das Schloss und den Freiherrn zu verlassen Es
widerstrebte ihrem Ehrgefühle Opfer anzunehmen sobald man anfangen konnte sie
als solche zu empfinden es widerstrebte noch mehr ihrer Neigung an dem
Krankenlager einer Sterbenden langsam schleichende Tage hinzuleben und in dem
freiherrlichen Schloss die unvermeidliche Einsamkeit des Trauerjahres über sich
zu nehmen Das glänzende Turin das Leben an dem üppigen Hofe von Savoyen der
Einfluss einer Stellung wie sie ihr geboten ward konnten sie nicht schwanken
lassen über das was ihr zu tun oblag und den Freiherrn mit erkünstelter
Unbefangenheit bei seinem Worte nehmend sagte sie Ich wusste dass Sie mich
billigen dass Ihre selbstlose Freundschaft mir den Schritt der mich so viel
Überwindung kostet nicht erschweren würde und  sagte sie mit einem neuen
Seufzer  vielleicht bin ich so glücklich Sie mein teurer Freund in meiner
neuen Heimat wiederzusehen wenn der Schlag gefallen sein wird der Sie
bedroht wenn es Ihnen zu schwer fallen sollte hier in dem verwaisten Hause zu
verweilen
    Der Freiherr antwortete ihr nicht Sie erhob sich trat in den Tempel und
sagte ihr Tuch an ihre Augen drückend Wie mich es gestern erschütterte als
Sie ahnungslos mich Angedenken an die werten Menschen verteilen ließ die
ich Alle nun nicht wiedersehen werde denn der Befehl der Königin bedrängt mich
und bindet mich zugleich
    Sie haben zu befehlen Herzogin versicherte der Freiherr
    Sie lächelte Morgen gehe ich noch nicht auch übermorgen nicht
    Er sagte ihr dass er jeden Tag ihrer Anwesenheit als einen Gewinn betrachten
würde aber sein Ton war kalt und schweigend traten sie den Heimweg an
    Die bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in der ganzen Herrschaft Alles
in Erstaunen Der Freiherr versuchte nicht sie zu halten sie fühlte jetzt kein
Verlangen mehr zu bleiben
    Als Adam davon hörte nickte er traurig mit dem Kopfe Wenn ein Haus den
Einsturz droht sagte er gehen die klugen Ratten hinaus
    Der Freiherr ließ es der Herzogin an keiner Bequemlichkeit fehlen Er war
sich das nach seinem Empfinden schuldig Für den vierten Tag wurden die Pferde
bereit gehalten und vorausgeschickt und ehe die letzten Kränze des
Freundschaftsfestes auf der MargaretenHöhe abgenommen waren hatte die
Herzogin das Schloss und die Gegend verlassen
    Es trat damit eine große Lücke in des Freiherrn Leben ein Er hatte ihr
durch eine lange Reihe von Jahren seine Freundschaft sein Vertrauen geschenkt
sie hatte ihn beschäftigt ihn gefesselt und bestimmt nun war er völlig auf
sich selber angewiesen und er hatte Niemanden dem er bekennen durfte was er
fühlte was ihn kränkte Er wusste dass der Kaplan die Entfernung der Herzogin
stets gewünscht dass Angelika sie heiß ersehnt hatte und Angelika konnte ihr
Lager nicht mehr verlassen Wie hätte er auch daran denken dürfen ihr die er
mit so viel Härte von sich gewiesen der die Herzogin so schweres Leid gebracht
es einzugestehen dass und wie sehr er diese vermisse
    Schweigend in sich zurückgezogen ließ er die Tage an sich vorübergehen und
sie brachten keinen erfreulichen Wechsel mit sich Er hatte Verdrießlichkeiten
mit den Behörden auf den Gütern wuchsen die Widersetzlichkeiten Die Einweihung
der Kirche ihre Dotirung die Einführung und Einrichtung der Kirchenbeamten
das Fest auf der MargaretenHöhe und die Abreise der Herzogin hatten viele
Ausgaben verursacht Sie waren nach der Weise des Freiherrn alle unerlässlich
gewesen aber sie hatten doch seinen Baarvorrat weit überstiegen und er war
aufs Neue genötigt worden Geld gegen Wechsel aufzunehmen
    Wie das Jahr zu sinken begann sanken die Kräfte Angelikas mit ihm In
guten Stunden trug man sie auf die Terrasse hinaus der Pfarrer die treue
Marianne ihr Sohn durften sie wenig verlassen Die Sorge für Renatus
beschäftigte sie ganz und gar
    Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht beschwor sie den Pfarrer machen Sie
dass er in seinem Herzen in seinem Geiste die Richtschnur finde die ihn
hindert von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuweichen machen Sie dass er
unnachsichtig gegen seine Neigungen werde dass sein Gewissen unbestechlich von
seinen Leidenschaften sei  Sie sprach es nicht aus dass sie wünsche er möge
seinem Vater und ihrem Bruder nicht ähnlich werden aber es war unschwer zu
ersehen wohin ihre Plane für die Erziehung ihres Sohnes gingen und der Pfarrer
verstand sie wohl
    Als die Ernte vollendet war zog der Amtmann von der Herrschaft ab Es war
große Betrübnis unter den Leuten und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe
Adam hingegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet Sein Haus in Marienau
stand wohlgefügt die Hochzeit seiner Schwester sollte es einweihen und er
hatte jetzt bereits im Stillen sein Auge auf eines Gutsbesitzers hübsche Tochter
fallen lassen die ihm ein Ersatz für Eva zu werden versprach
    Im Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner großen Familie in dem
Hause das die Steinerts über ein Jahrhundert inne gehabt hatten Da er nicht
des Landes sondern aus einem fernen Teile Deutschlands gekommen war hatte er
ohne Weiteres die Meinung wider sich Er hielt es wie der Freiherr mit einem
strengen Regiment und ein solches musste er auch üben wenn er die Verheißungen
wahr zu machen dachte mit denen er den Freiherrn für sich eingenommen
    Der Herbst war ungewöhnlich hell und mild das Jahr schien lächelnd
verscheiden zu wollen und lächelnd fand man eines Morgens die Baronin auf ihrem
Lager liegend Sanft lächelnd Amandas Rosenkranz der sie nie verlassen in
ihrer Hand war sie wie unter dem Eindrucke eines milden Traumes eingeschlafen
    Es war auch ein heller klarer Herbstmorgen an welchem man die Leiche der
Schlossherrin zu ihrer Ruhestätte in der neuen von ihr gelobten Kirche führte
Von nah und fern war der benachbarte Adel herbeigekommen ihr das letzte Geleite
nach der prächtigen Familiengruft zu geben
    Der erste Reif lag auf dem Rasenplatze vor dem Schloss und auf dem
Kirchhofe als der von sechs Pferden gezogene Leichenwagen sie überschritt Wie
weiße Rosen hingen die leicht geballten Flocken des Rauhreifs in den
Tannenbäumen des Kirchhofes Die Freifrau Angelika von ArtenRichten war die
Erste des jetzt lebenden Geschlechtes welche zu den Ahnen ihres Mannes in die
Gruft herniederstieg die Erste welche dieses Weges ging Der Traum den sie am
Morgen der Kirchweihe geträumt fand seine Erfüllung Sie war die Erste über
deren Asche der Pfarrer ihrer Kirche die Seelenmesse las
    Als die Beerdigung vorüber war und die Fremden das Haus verlassen hatten
befanden der Freiherr und der Pfarrer sich allein in dem Wohnzimmer der
verstorbenen Baronin Der Freiherr in tiefer Trauerkleidung ging langsam auf
und nieder Er trat an das eine er trat an das andere Fenster Die weithin sich
erstreckenden gradlinigen Hecken von Buxbaum die scharf zugespitzten Obelisken
und TaxusPyramiden hatten auch in diesem Herbste durch die späte Jahreszeit
noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren Am Ende des Gartens hoben sich
die Bäume des sogenannten Bosquets empor majestätische Kiefern deren
braunrote Stämme wie die Pinien breite grüne Kronen trugen und prächtige
Eichen noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube Sie
waren immer noch gewachsen In dem Kamine brannte ein helles Feuer Sein Schein
streifte bald die Portraits der freiherrlichen Eltern bald die schönen Bilder
Amandas und Angelikas die an den Wänden hingen Dann wieder beleuchtete er
die antiken Statuen der Venus und des Amor die in den Ecken des Zimmers
standen
    Eine Erinnerung zuckte in dem Freiherrn auf Ein schöner Herbsttag wie
dieser war es sprach er indem er vor dem Pfarrer stehen blieb der traurig an
dem Kamine saß ein Tag wie dieser war es an dem wir einst diese beiden Statuen
hier aufgestellt haben Und wieder wie damals stehen wir hier allein
    Ich habe auch daran gedacht entgegnete der Pfarrer während der Freiherr
abermals umherzugehen begann bis er wieder vor dem Pfarrer stehen blieb
    Was ist seitdem geschehen Welche Umwälzungen hat die Zeit gebracht die
Welt erfahren und ich selber was habe ich erlitten und erlebt 
    Er setzte sich nieder und fuhr sich mit der Hand über die Augen Aber er
schien sich dessen wie einer Schwäche zu schämen denn er erhob sich
augenblicklich wieder und dem Pfarrer die Hand reichend sprach er Und doch
muss man sich sagen was ich damals erstrebte ist erreicht und mehr als das In
Renatus wächst mir der Erbe meines Hauses der Erhalter unseres Geschlechtes
gesund empor Ich habe meinem Hause und unserer Kirche hier in der Gegend eine
schöne eine erhabene Zukunft gesichert Arbeiten Sie mit mir gemeinsam daran
mein Freund dass mein Geschlecht in meinem Sohne einen würdigen Vertreter und
unsere Kirche hier zu Lande die Verbreitung finde welche sie gewinnen muss um
dem aufrührerischen Geiste um dem törichten Verlangen nach Freiheit zu
begegnen die jetzt die Zeit beherrschen Der Einzelne muss dem Leben seinen
Tribut bezahlen das Blut und der Sinn des wahren Adels erben sich fort Und
wenn auch ich einst die dunkle Straße gegangen sein werde auf der wir heute
unsere teure Tote zu geleiten hatten wird der Name derer von Arten fortleben
von Geschlecht zu Geschlecht
    Lassen Sie uns darauf hoffen versetzte der Pfarrer denn Sie haben Ihr
Andenken mit unserer Kirche mit der Verbreitung des allein selig machenden
Glaubens in unserer Provinz verbunden und wie die Zeit auch in ihrem Wechsel
kreist der Geist unserer Kirche ist unwandelbar und wenigstens ihr Bestehen ist
dauernd
    Von der Kirche herüber ertönte bei der hereinbrechenden Dämmerung der Gruß
welcher aus der fernen Vorzeit die Geschlechter der Menschen überlebend
allabendlich durch die katholische Christenheit erklingt Die Glocken läuteten
das Ave Maria
    Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide Es war still in dem
Gemache Die Nacht sank nieder ohne dass sie es gewahrten Sie hofften in ihrem
Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen was ihnen wert und heilig war und
vergaßen dass es nichts Dauerndes gibt dass Alles sich wandelt und vergeht
 
                               Zweite Abteilung
                               Der Emporkömmling
                                   Erstes Buch
                                 Erstes Kapitel
Eine Reihe von Jahren war entschwunden seit man die Leiche der Baronin von
Arten in dem Erbbegräbnisse der neuen katholischen Kirche in Rotenfeld zur Ruhe
bestattet hatte und schwere blutige Zeiten waren seitdem über die Erde
hingegangen Aus dem schöpferischen Chaos der französischen Revolution hatte
sich die finstere gewaltige Gestalt Napoleons des Ersten emporgehoben dessen
unersättlicher Ehrgeiz die Kriegsfackel über Europa schwang während Zerstörung
Blut und Tränen den Weg bezeichneten den sein Fuß von Sieg zu Sieg von
Eroberung zu Eroberung fortschreitend betrat
    Vom fernsten Westen Europas bis hin an Deutschlands und Preußens östliche
Grenzen waren die Wogen des Krieges das Bestehende umgestaltend oder
verschlingend über die Länder gerollt Staaten waren untergegangen Könige und
Fürsten enttront neue Reiche gebildet und neue Herrscher und Könige ernannt
worden Im Schloss wie in der Hütte hatte man die überall nachzitternde Kraft
der ungeheuren Bewegung empfunden und wie die Verhältnisse der Länder und ihrer
Beherrscher sich geändert so hatten sich mit diesen Wandlungen auch im
Gesammtleben der Menschen wie in den einzelnen Ständen und in ihren Beziehungen
zu einander große Veränderungen zugetragen
    Von jener Freiheit welche die Franzosen zu erringen gewünscht als sie den
Thron der Bourbonen gestürzt die Republik erklärt den König und die Königin
hingerichtet und das Blut derjenigen vergossen hatten welche sie als Feinde der
Freiheit betrachteten war ihnen unter der tyrannischen Herrschaft ihres ersten
Kaisers nichts mehr übrig geblieben aber die in der Revolution zur Geltung
gekommene Erkenntnis der menschlichen und bürgerlichen Gleichheit hatte in den
Geistern eine zu tiefe Wurzel geschlagen um so schnell wie die politische
Freiheit vernichtet werden zu können Der Zauber welcher die alten adeligen
Geschlechter umgeben war in jener Zeit für das scharfe Auge des Bürgerstandes
in Frankreich erloschen und weder die von Napoleon ernannten Fürsten und
Herzoge noch jener Teil des alten französischen Adels der sich an den Thron
des neuen Kaisers herandrängte weil er im Dienen gleichviel wem er diente
seinen Vorteil und seine Ehre fand waren dazu angetan die frühere Geltung
des Adels wieder zu erzeugen Von einer abtrennenden Gliederung der
Staatsangehörigen in drei Stände konnte ebenfalls nicht wohl die Rede sein
nachdem der sogenannte dritte Stand das Ruder des Staates jahrelang in seinen
Händen gehabt hatte und seit der Sohn eines corsicanischen Advokaten der Welt
Gesetze vorschrieb Die Verehrung des angestammten historischen Adels war in
eine Verehrung der Macht übergegangen und wenn damit der sittliche Gehalt der
Menschen und der Zeit auch nicht eigentlich gehoben wurde so waren der
Verehrung doch weitere Grenzen gesteckt seit dem Verehrenden sich die Aussicht
eröffnete auf den mannigfachsten Wegen sich selbst zu einem Machtaber und
damit zu einem Gegenstande der Verehrung zu erheben Das militärische Genie der
Gelehrte der Künstler der Gewerbtreibende fanden dabei gleichmäßig ihre
Rechnung und was für Napoleon in den Herzen des Volkes das er unterjochte
dessen Steuerkräfte er übermäßig in Anspruch nahm und dessen Söhne er
unaufhörlich zur Schlachtbank führte am allermeisten sprach das war die
Erinnerung wie er selber aus den Reihen des Bürgerstandes hervorgegangen
Kinder des Volkes zu Königen und Fürsten erhoben hatte und wie er in seiner
Person die Verkörperung dessen darstellte was der Ehrgeiz des Genies zu
erreichen wünschen musste und jetzt zu erreichen hoffen konnte
    Eben so groß als der Wechsel der Zustände der sich in Frankreich innerlich
und äußerlich ereignet war die Wandlung gewesen welche sich in Deutschland
durch die Nachwirkung jener ungeheuren französischen Revolution im Bewusstsein
und in der Empfindungsweise der Menschen vollzogen hatte Seit mehr als
anderthalb hundert Jahren blind der Bewunderung des französischen Geistes
knechtisch der Nachahmung französischer Sitte und Mode untertan war schon vor
dem Beginne der französischen Revolution mit dem Auftreten Lessings Goethes
und Schillers der Mahnruf an die Deutschen ergangen sich ihrer eigenen Macht
und Bedeutung sich ihrer eigenen Abstammung und Größe zu erinnern und was die
Kraft was die befreiende Erhabenheit dieser Heroen begonnen das vollendete die
napoleonische Tyrannei deren eiserne Schwere sich stärker und stärker auf
Deutschland herabsenkte In Blut und Tränen unter dem Drucke der
Fremdherrschaft in der willkürlich über ihm verhängten Zersplitterung in der
Knechtschaft und in den Banden Napoleons war Deutschland frei geworden von
jener französischen Sklaverei zu welcher es sich so lange selbst verdammt
hatte Französische Sprache französische Mode und französische Sitten waren dem
vor der Revolution flüchtig gewordenen Adel entgegen gekommen wo immer er sich
in Deutschland hingewendet Eine Begeisterung für die in Frankreich
durchgesetzte Neugestaltung der Staatsverhältnisse hatte von vielen Seiten die
ersten republikanischen Siege der Neu diesseit des Rheines begrüßt aber auch
diese Zeiten waren vorübergegangen Der deutsche Geist war zum Selbstgefühl
erwacht an dem Hasse gegen den Übermut der fremden Vergewaltiger hatte sich
die lange niedergehaltene Liebe für die Muttersprache und für das gemeinsame
Vaterland entzündet
    Überall wo deutsche Herzen schlugen wo deutsche Hände die Saat auf den
Feldern des Landes ausstreuten und deutscher Fleiß sich in Gewerb und Handel
bewegte hatte man das Unheil der französischen Herrschaft zu tragen Die
Kriegszüge welche sich vom fernen Westen und vom Süden Europas bis an die
östlichsten und nördlichsten Grenzen Deutschlands ausdehnten sie hatten überall
Not und Elend im Gefolge gehabt aber eben die gemeinsame Not hatte die
Menschen näher zusammengeführt Die Vernichtung die Entbehrung äußerer Güter
hatte erkennen gelehrt was Jeder in sich selbst besitze und welche Quellen der
Erhebung und des tröstenden Genusses dem Menschen aus der Beschäftigung mit dem
Gedanken erwachsen können und wie es bei solch völliger Umgestaltung der
Verhältnisse nicht anders zu erwarten war hatte eine neue Verteilung des
allgemeinen Vermögens sich vorbereitet und war teilweise schon ausgeführt
    Das Geld war selten geworden und im Werte gestiegen Wer Geld besaß konnte
viel damit erwerben wer Geld bedurfte musste es unverhältnissmässig hoch
bezahlen während also das Vermögen des Kaufmannes in den Städten mitunter in
überraschenden Verhältnissen emporstieg ward der Wohlstand des Landmannes des
Gutsbesitzers eben so oft verringert oder gar vernichtet wo die großen
Heeresmassen des Eroberers sich über die Länder wälzten
    Preußen vor allen anderen Ländern hatte die Gewalt der Ereignisse fühlen
müssen Erst nach mehrjährigem Aufenthalte in den fernen OstseeProvinzen war
der flüchtig gewordene König wieder mit seiner Familie in seine Hauptstadt
zurückgekehrt aber die ganz zerstückelte Monarchie stand nichts desto weniger
tatsächlich noch völlig in Napoleons Gewalt Die ungeheure Kriegsschuld die
von Napoleon verhängte Kontinentalsperre wie die durch ganz Europa so weit es
ihm gehorchte angeordneten großen Rüstungen brachten Not und Drangsale aller
Art hervor indes sie hinderten die Völker nicht zur Selbsterkenntnis zu
erwachen Der König wie jener bessere Teil des Adels der das Unglück der Jahre
achtzehnhundert und sechs und achtzehnhundert und sieben nicht mit herbeigeführt
und sich fern gehalten hatte von der Erniedrigung vor dem Eroberer vor Allen
aber der gebildete Bürgerstand hatten begreifen gelernt was Jedem im Einzelnen
fehle was Allen gemeinsam Not tue und die Besten des Landes Männer so wie
Frauen hatten sich vereinigt um durch Selbsterziehung und Selbsterhebung jene
allgemeine Auferbauung zu beginnen deren Unerlässlichkeit Jedweder ahnte oder
empfand
    Eben in jener Zeit im Herbste des Jahres achtzehnhundert und elf saßen in
Berlin in dem Gartensaale eines großen Hauses zwei Frauenzimmer bei einander
Die Türen des Gemaches standen offen obschon ein großes Feuer in dem Kamine
brannte dessen Flamme mit ihrem flackernden Scheine bald die chinesischen
Malereien an den noch von der Sonne beschienenen Wänden bald die wunderlichen
langgeschwänzten Vogelbilder an der Decke beleuchtete über die sich schon der
Schatten des Abends auszubreiten anfing
    Es mussten reiche Leute sein denen dieses Haus gehörte denn es standen
lauter silberne Teegerätschaften auf dem Tische und das Silber war jetzt
schwer besteuert auch der Tee selbst war durch die Kontinentalsperre zu einem
sehr kostbaren LuxusArtikel geworden Das jüngere der beiden Frauenzimmer ein
eben erst der Kindheit entwachsenes Mädchen mit dem Zubereiten des Tees
beschäftigt setzte behutsam einen kleinen Schirm von chinesischem Lack zum
Schutze gegen den Luftzug vor die Flamme die unter dem Teekessel brannte als
die Aeltere einen Strauss von Herbstblumen den sie eben gebunden aus der Hand
legte und sich von ihrem Sitze erhob
    Komm mein Kind sagte sie wir wollen die Blumen nach dem Denkmal tragen
    Sie schlug bei den Worten einen der unter dem Directorium in Mode gekommenen
türkischen Shawls um ihre Schultern reichte dem jungen Mädchen eine Pelerine zu
gleichem Zwecke hin und während dieses sich an den Arm der älteren Freundin
hing gingen sie über den Mittelweg des großen Gartens nach einer Gruppe von
Bäumen aus deren Schatten von üppigem Gebüsch umwuchert eine mäßig hohe
Sandsteinsäule hervorsah Die Vase welche sie trug hatte die Inschrift »Den
Hingegangenen« und so lange die Jahreszeit ihrem Garten Grün und Blumen
verlieh unterließ es die Besitzerin desselben niemals das kleine Monument mit
frischem Strausse zu schmücken
    Fräulein Ester von Arten denn es war der Garten des ehemaligen von
Artenschen Hauses in der Residenz in welchem die Frauenzimmer sich ergingen
Fräulein Ester hatte das Denkmal einst in dem schönen Sinne einer gefühlvollen
Zeit errichten lassen um sich alltäglich ihrer Toten zu erinnern Nun war sie
gleichfalls schon lange hingegangen auch die schöne Baronin Angelika von Arten
welche nach ihr dieses Haus besessen deckte seit Jahren und Jahren das Grab
aber ihr Andenken lebte in aller ihrer Anmut und Güte in dem Herzen ihrer
Freundin Seba fort und es war dieser eine Genugtuung die Liebespflicht zu
üben welche Angelika einst über sich genommen nachdem sich ihre Scheu vor dem
Andenken an Fräulein Ester in liebende Erinnerung umgewandelt Hatten doch auch
Seba und ihr Vater den Hingang einer ihnen teuren Person zu beklagen da durch
eine plötzliche Krankheit ihnen die Mutter bald nach der Übersiedelung in die
Residenz und in dieses Haus entrissen worden war
    Allabendlich wenn die Sonne zu sinken begann pflegte Seba den frischen
Strauss auf das Denkmal zu legen und ihre junge Gefährtin ließ es sich dann
nicht nehmen die Blumen des vorigen Tages in den Strom zu werfen der langsam
an dem unteren Teile des Gartens hinfloss und langsam den welken Strauss mit sich
davon trug bis das ihm folgende Auge ihn nicht mehr ersah
    Auch heute wendeten die Frauen sich wieder dem festen Kieswege zu der das
Ufer bildete und von dem man über den Fluss hinweg die schönen Bäume eines auf
der anderen Seite des Wassers gelegenen Gartens vor sich hatte die eben jetzt
im Sonnenuntergange erglühten
    Wenn der Vater nicht bald hinauskommt wird er es heute nicht sehen wie die
Bäume drüben ihr flammendes Lichtbad genießen sagte Seba Seit den zwölf
Jahren die wir hier in diesem Hause leben bin ich dieses Schauspiels noch
nicht satt geworden und selbst auf Reisen entbehre ich den Anblick
    Auf Reisen wiederholte das junge Mädchen kopfschüttelnd nein da habe ich
niemals oder doch nur selten hierher gedacht Da hat man ja Anderes Neues zu
betrachten
    Ja wenn man jung ist meinte die ältere Freundin und das Neue uns noch
reizt Indes und es mag das vielleicht wie manches Andere in einer gewissen
Abgeschlossenheit und Beschränkung meines Wesens begründet sein fügte sie halb
wie zu sich selber sprechend hinzu mir offenbaren sich die Schönheiten der
Natur der Wechsel der Tageszeiten der Jahreszeiten des Lichtes und der Luft
am deutlichsten und schönsten gerade an den Gegenständen welche meine Neugier
gar nicht reizen sondern die mir in allen Einzelheiten recht vertraut sind Ein
Sonnenuntergang am Niagara würde mich sicherlich weniger erfreuen als der
Anblick den ich hier genieße Das Licht auf eben diesen Bäumen denen ich die
belebende Wärme gönne und wünsche weil ich sehe wie sie sich mit jedem Jahre
neu belauben wie sie wachsend immer mächtiger werden entzückt mich wie das
freudige Lächeln auf einem bekannten und geliebten Antlitze Was könnte mir auch
die strahlendste Freude einer fremden Schönheit gelten gegen die Zufriedenheit
in Deinen guten Augen
    Und doch möchte ich schön sein rief das junge Mädchen lebhaft aus
    Seine Gefährtin blickte es freundlich an Kennst Du nicht die Worte Davide
die wir neulich in dem »Landprediger von Wakefield« gemeinsam lasen Schön ist
wer schön handelt
    Da musst Du also sehr schön gehandelt haben entgegnete das junge Mädchen
ganz vergnügt über die Logik welche sein liebevolles Herz ihm plötzlich eingab
    Törichtes Kind entgegnete Seba dem Schmeichelworte des Mädchens wehrend
das Sebas Hand an seine Lippen drückte und von ihr mit einer Umarmung belohnt
ward ehe sie ihm den Auftrag gab nach dem Hause zu gehen um nachzuhören wo
der Vater gar so lange weile
    Als Davide sich entfernte blickte Seba ihr mit lächelndem Behagen nach
denn Davide war ihre Kousine und ihr Pflegekind und es war eine Lust diese
junge schlanke Gestalt zu betrachten wie sie sich mit unbewusster Anmut so
leicht und schnell bewegte
    Eben an jenem verhängnisvollen Tage an welchem Seba einst im Beisein der
alten Gräfin Berka und Angelikas mit dem Grafen Eberhard zusammengetroffen und
in der furchtbarsten Aufregung in ihr Vaterhaus zurückgekehrt war hatte ein
Brief ihren Eltern die Kunde gebracht dass eine verwittwete Schwester ihrer
Mutter auf den Tod liege und nach derselben verlange um dieser ihr einziges
Kind zu übergeben Noch an demselben Abende war Madame Flies in Sebas
Begleitung aufgebrochen und vierundzwanzig Stunden später hatten sie an dem
Bette der Sterbenden gestanden
    Nimm mich hatte die kleine kaum dreijährige Davide wie alle Kinder von
der Schönheit angezogen ausgerufen als Seba an das Krankenlager herangetreten
war und wie einst Paul sie in der Stunde schwerer Seelenpein dem Leben und der
Hoffnung durch seinen liebevoll besorgten Zuruf wiedergewonnen so hatte das
Zutrauen eines Kindes sie zum zweiten Male aus der Dumpfheit des Schmerzes
wachgerufen in welche die bittere Erfahrung sie versenkt hatte dass es
Selbstbefriedigungen und Siege gibt an denen man zu Grunde gehen kann
    Lass mir das Kind hatte Seba gebeten als die Sterbende es der Schwester
übergeben wollte Lass es mein Kind sein Tante  es soll gut es soll besser und
glücklicher werden als ich hatte sie leise hinzugefügt und von dem Herzen der
sterbenden Mutter hatte sie Davide an ihr Herz genommen
    Von dem Tage ab hatte Sebas Leben einen Halt gewonnen Sie hatte sich seit
Paul verschwunden und trotz aller Nachforschungen nicht zu finden gewesen war
wenn ihre Tätigkeit nicht wie in der Krankheit der Baronin durch einen
augenblicklichen Liebesdienst in Anspruch genommen ward sehr überflüssig in der
Welt gefühlt und in der Entmutigung eines verletzten und hoffnungslosen
Herzens auch nicht daran gedacht einst in ihrer eigenen Entwicklung und
Selbstvollendung Trost zu suchen denn liebevolle Seelen leisten ihr Höchstes
nur im Hinblicke auf die Gegenstände ihrer Liebe Nun war das plötzlich anders
geworden Sie hatte jetzt ein festes Ziel gehabt sie hatte sich da der Mensch
je hülfsbedürftiger und ratloser er sich fühlt um so lieber an eine höhere
Hilfe oder an geheimnisvolle Zeichen glaubt die Vorstellung gebildet dass das
Schicksal sie ausersehen habe die Mutter der Verwaisten zu sein dass es ihr
wie einst Paul so jetzt Davide zugewiesen habe und mit dem Augenblicke in
welchem sie die Sorge für dieses Kind über sich genommen war auch die Hoffnung
dass der ihr so teure Knabe wie Angelika es prophezeit noch wiederkehren
könne wiederkehren werde obschon alle Spur von ihm verloren blieb aufs Neue
in ihr rege geworden
    Die Übersiedlung in die Residenz war dem Lebensplane zu Hilfe gekommen den
Seba sich vorgezeichnet hatte Auf alle die Vorrechte und Ansprüche verzichtend
welche ihre noch immer jugendliche Schönheit der Fünfundzwanzigjährigen gaben
hatte sie angefangen ihre Kenntnisse zu prüfen und sie oberflächlich gefunden
Alles was sie gelernt war ihr ungründlich ihr ganzes Denken und Tun
unzusammenhängend erschienen Sie hatte also von Grund auf neu zu lernen sie
hatte in ernsterer Weise zu denken begonnen weil sie in sich das geistige
Kapital erwerben und ansammeln wollte von dessen Zinsen ihr Pflegekind sein
tägliches Leben haben sollte und da sich demjenigen der genau weiß was er
will und sich dabei in seinem Wollen zu beschränken weiß das ihm Nötige fast
wie von selber bietet so hatte das ernste Bemühen des schönen geistbegabten
Mädchens ihm die Teilnahme bedeutender Männer und Frauen zugewandt und bei dem
Reichtume und der Gastfreiheit ihrer Eltern hatte Seba sich in der Lage
befunden diesen ihr werten Bekannten an jedem Tage in ihrem Vaterhause einen
Versammlungspunkt und einen herzlichen Empfang bereiten zu können
    Das war zu jener Zeit in welcher der Krieg und die Fremdherrschaft die
meisten Familien zu großen Einschränkungen und Entbehrungen nötigten nichts
Gewöhnliches gewesen Man hatte das sich Darbietende gern benutzt und seit im
Beginne des Jahrhunderts Madame Flies gestorben war hatte Seba als Hausfrau in
dem alten von Artenschen Hause geschaltet bis sie allmählich zu dem geistigen
Mittelpunkte eines Kreises geworden war der wie es zu jener Zeit in welcher
die gemeinsame Not und gemeinsames Hoffen und Streben die Herzen und die
Geister über die trennende Kluft der Standesunterschiede forttrug gar oft
geschah die verschiedensten geselligen Elemente schön und förderlich in sich
vereinigte
    Die Rückkehr Davidens erwartend ging Seba im Genuße des hellen Abends
langsam am Wasser auf und nieder Bald blickte sie nach dem Parke hinüber als
wolle sie das Abendrot nicht scheiden lassen ehe der Vater sich nicht auch
daran gefreut bald sah sie nach dem Hause hin und fast gedankenlos blieb ihr
Auge an der Stelle haften an welcher einst über der großen Türe des
Gartensaales wie über dem Portale des Hauses das von Artensche Wappen geprangt
hatte Die Steinschilde waren auf den Wunsch des Freiherrn abgenommen worden
als er das Haus verkaufte Sie schmückten nun die Gruft der Rotenfelder Kirche
und nichts als einige Stücke Möbel erinnerten jetzt in dem Fliesschen Hause an
seine früheren Eigentümer denn der Freiherr hatte es seiner Zeit verweigert
das ganze Mobiliar des Hauses gleichfalls in den Besitz des Käufers übergehen zu
lassen und es vorgezogen es in Versteigerungen weit unter seinem Werte
fortzugeben
    Er hatte auch obschon er in der Residenz gewesen war das verkaufte Haus
nicht wieder betreten aber seinen Sohn der seit einigen Monaten von dem
Regimente bei welchem er bis dahin in der Provinz gestanden nach der
Hauptstadt versetzt war hatte er an Herrn Flies gewiesen mit dem er noch immer
in Geschäftsverbindung war und die freundliche Erinnerung welche Renatus aus
seiner Kindheit an das Fliessche Haus bewahrte wie der anteilvolle Empfang
den Seba ihm um seiner Mutter willen bereitete hatten den jungen Edelmann bald
zu einem der oft wiederkehrenden Gäste desselben gemacht seit die Fliessche
Familie von der Reise heimgekehrt war die sie sich in keinem Jahre zu versagen
pflegte
    Es war also kein ungewöhnliches Ereignis als Davide in des jungen Herrn von
Arten Begleitung aus dem Hause wiederkehrte
    Der Onkel kann nicht kommen sagte sie er hat Geschäfte er muss fortgehen
Wir sollen ihn nicht erwarten sondern den Tee mit Herrn von Arten trinken
aber 
    Aber wiederholte Seba als Davide zögernd inne hielt
    Ich möchte auch gern fortgehen sagte das junge Mädchen bittend
    Das ist nicht schmeichelhaft für mich meinte Renatus
    Ich dachte nicht an Sie und Sie sind ja auch nicht mein Gast erwiderte
sie indem sie ihn mit ihren großen braunen Augen ehrlich ansah
    Er wollte ihr offenbar eine verbindliche Entgegnung machen aber Seba ließ
es nicht dazu kommen Sie erteilte Daviden als sie erfahren dass es sich um
eine eben erhaltene Aufforderung handle die Erlaubnis ihre Freundin zu
besuchen und nachdem das junge Mädchen die beiden Andern verlassen hatte
folgte Renatus seiner Wirtin in den Gartensaal in welchem der Imbiss ihrer
wartete
 
                                Zweites Kapitel
Während Seba ihrem jungen Gaste den Tee hinreichte und sich selber bediente
fragte sie ihn ob er Nachrichten von Hause erhalten habe und wie es den
Seinigen ergehe
    Ich habe mit der letzten Post einen Brief von Vittoria empfangen entgegnete
er Sie ist wohl und auch meinem kleinen Bruder geht es gut indes wenn
Vittoria so lange Briefe schreibt ist es immer kein günstiges Zeichen Wenn sie
recht heiter und zufrieden ist so schreibt sie nicht
    Da Sie gern Nachricht von Ihrer Stiefmutter erhalten meinte Seba müssen
Sie auf diese Weise in einen beständigen Zwiespalt geraten Sie sehnen Sich
nach den Briefen Ihrer Stiefmutter weil Sie sie lieben und dürfen Sich der
Ankunft dieser Briefe eben weil Sie sie lieben doch nicht freuen
    Gewiss so ist es auch versetzte Renatus aber es ist das nicht der einzige
Zwiespalt in dem ich lebe Sie wissen es ich hange an Vittoria sehr nicht wie
an einer Mutter denn dazu ist sie viel zu jung aber auch nicht wie an einer
Schwester oder gar wie an einem Freunde Ich liebe sie eigentlich am meisten
von allen Menschen die ich kenne und ich weiß Niemanden den ich so gern
glücklich sähe als sie oder in dessen Nähe ich mich so völlig zufrieden fühle
als in der ihrigen Alles an ihr ist Schönheit Heiterkeit und Frohsinn und
mein kleiner Bruder ist ganz und gar ihr Ebenbild
    Und doch sprachen Sie eben jetzt und auch sonst schon öfter von den
wechselnden Stimmungen Ihrer Stiefmutter nahm Seba nach einigem Bedenken das
Wort Sie werden es also natürlich finden wenn ich die Frage an Sie richte
worin dieselben ihre Ursache haben
    Renatus sah ernstaft vor sich nieder Wenn Sie Vittoria meine Stiefmutter
oder gar die Baronin nennen begann er nach einer kleinen Pause so ist damit
eigentlich Alles gesagt denn Vittoria gehörte nicht in unseren Norden Sie
leidet von demselben der Winter macht sie unglücklich Sie ist so fremd bei uns
 so fremd wiederholte er schmerzlich wie die Granatblüten in unseren
Treibhäusern die mich nie recht freuen weil ich ihnen anzusehen meine wie
viel schöner sie in ihrem Vaterlande sein müssen Und doch klagt Vittoria
niemals doch hat außer mir und ihrer Dienerin wohl Niemand eine Ahnung davon
dass sie nicht immer heiter ist dass sie auch traurig sein kann
    Niemand wiederholte Seba Sollte der Freiherr sich über die
Gemütsverfassung seiner Gattin der er an Jahren und an Erfahrungen so
überlegen ist wohl täuschen können
    Es entstand eine Pause Der junge Mann schien sich nur mit Mühe von einer
Antwort von weiteren Mitteilungen zurückzuhalten und Seba die schon öfter
bemerkt hatte wie sehr er Neigung fühlte ihr sein Herz zu erschließen trug
doch Bedenken ihn dazu zu ermuntern weil sie es nur allzu wohl wusste dass man
im Leben nichts häufiger bereut als unnötig bewiesenes Vertrauen auch wenn
man es würdigen Personen gewährt hat bei denen es wohl aufgehoben scheinen
durfte denn man gibt mit seinem Vertrauen immer einen Teil seiner künftigen
freien Entschließungen hinweg Andererseits wusste sie aber genugsam welch ein
Genuss und welche Erleichterung es zu Zeiten für den Menschen sein kann von sich
und von denjenigen Personen sprechen zu dürfen mit denen er sich verbunden
fühlt und Renatus es völlig überlassend was er tun wolle bemerkte sie also
nur dass sie Vittoria nicht gesehen habe als der Freiherr mit ihr aus Italien
heimgekehrt sei dass Herr Flies sich damals aber sehr gewundert habe sie so
überaus jung und der verstorbenen Baronin Angelika so völlig ungleich zu finden
    Es ist mir gerade so gegangen sagte Renatus indes meine Überraschung war
eine sehr angenehme denn Sie können sich gar nicht vorstellen wie traurig
meine Kindheit und meine Jugend gewesen sind ehe Vittoria nach Richten kam und
wie bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte
    Er hielt abermals inne und hob dann als sei er mit sich zu Rate gegangen
ob er schweigen oder reden solle und habe sich nun zu dem Letzteren
entschlossen in jenem ruhig ausholenden Tone zu sprechen an mit welchem man
sich zu einer längeren Erzählung anschickt
    Wie Sie wissen war ich erst acht Jahre alt als meine arme Mutter starb
aber ich hatte doch bereits Verstand genug die Größe eines solchen Verlustes zu
begreifen und zu empfinden und auch von ihrem traurigen Loose von der
unglücklichen Ehe meiner Eltern von dem übelen Einflusse den die Herzogin von
Duras in unserem Hause ausgeübt hatte ich sehr früh eine Ahnung gehabt Meine
Mutter jemals recht heiter meinen Vater herzlich mit ihr oder fröhlich mit mir
gesehen zu haben kann ich mich kaum erinnern Die Schwermut meiner Mutter warf
ihren Schatten denn auch bald auf mich ich war nicht gern bei ihr nicht gern
bei meinem Vater und noch weniger mochte ich in der Nähe der Herzogin sein Ich
fürchtete mich vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise und als
dann meine Mutter starb sehnte ich mich  dass ich es Ihnen ehrlich gestehe 
recht nach Ihnen
    Nach mir fragte Seba mit der Teilnahme die sich in guten Herzen
augenblicklich für denjenigen erzeugt dem sie etwas leisten zu können glauben
    Ja nach Ihnen wiederholte Renatus Sie hatten meine Mutter sehr geliebt
waren immer freundlich mit mir ich war in Ihrem Hause immer fröhlich gewesen
und bei uns in Richten war es in dem Herbste äußerst traurig Mein Vater hielt
es dort auch nicht lange aus Er vermisste die Herzogin meine Mutter fehlte ihm
wohl auch der kurze Beileidsbesuch den mein Großvater der Graf Berka ihm
machte entfernte die beiden Männer nur noch weiter von einander und die
Streitigkeiten in die mein Vater sich durch unsern alten Neudorfer Pastor mit
dem protestantischen Konsistorium und mit der Regierung verwickelt fand
verleideten ihm das Leben auf unseren Gütern vollends Dazu schrieb die Herzogin
beständig wie glücklich sie sich am sardinischen Hofe fühle und da mein Vater
der Ansicht war dass er eine zweckmässige ökonomische Maßregel treffe wenn er
wie er sich ausdrückte als schlichter Privatmann nur von seinem Kammerdiener
begleitet für einige Zeit ins Ausland gehe so riet der Pfarrer  Sie wissen
ich meine damit unseren guten trefflichen Kaplan der Pfarrer geworden war sei
er unsere Kirche in Rotenfeld verwaltete  meinem Vater selbst dazu seiner neu
erwachten Reiselust zu folgen Man dachte dabei so viel ich mich erinnere von
beiden Seiten nur an einen Winteraufentalt im Süden und an die Rückkunft wein
das Frühjahr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck verliehen haben würde
aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende gingen zu Ende ohne dass auch nur
von der Heimkelr meines Vaters die Rede gewesen wäre
    Und hielt Ihr Herr Vater sich während desser beständig am sardinischen Hofe
auf fragte Seba
    Nein entgegnete Renatus er blieb allerdings den ganzen ersten Winter dort
kehrte auch immer wieder an derselben zurück indes seine Beziehungen zu der
Herzogin waren doch nicht mehr die alten  Der junge Mann unterbrach sich
selber sah wie in eigenem Rückerinnern vor sich nieder und meinte dann Sie
haben ja die Herzogin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vater kennen lernen
als wir alle eigentlich in Ihres Vaters Hause lebten Mein Vater hatte Freude an
der Gesellschaft der Herzogin aber ich glaube noch mehr Freude an der
ausschliesslichen Achtsamkeit welche die Herzogin ihm zu gewähren damals für gut
befand denn ihr war es wie ich mir ihr Bild aus der Erinnerung ausgestaltet
habe nur um Herrschaft und Erreichung ihrer Absichten zu tun In Italien hielt
ihr Hofamt sie beschäftigt sie hatte neue Plane für sich und für ihren Bruder
der ihr nach dem Süden gefolgt war und wenn sie auch klug und tactvoll genug
war meinem Vater immer die gebührende Rücksicht zu beweisen so sah sie es
gewiss nicht ungern als er empfindlich darüber nicht mehr der alleinige
Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu sein gegen das erste Frühjahr hin den
sardinischen Hof verließ um sich nach Florenz zu begeben
    Und in Florenz also hat Ihr Vater sich so lange aufgehalten erkundigte sich
Seba die eben mit diesen kleinen Unterbrechungen dem jungen Manne ein Zeichen
ihrer Teilnahme und eine Ermunterung gewähren wollte in seinen Mitteilungen
nach seines Herzens Bedürfen fortzufahren
    Er ließ sich wenigstens am toskanischen Hofe für einige Jahre nieder
antwortete Renatus Schon sein Aufenthalt am sardinischen Hofe hatte ihn von dem
Vorhaben abgebracht mit dem er Richten verlassen Es war auch für einen Mann
unseres Standes und von seiner persönlichen Bedeutung nicht wohl möglich als
Privatmann aufzutreten Er mietete also in Florenz ein Haus möblirte es legte
sich Dienerschaft zu 
    Aber welche Ausgaben musste ihm das verursachen rief Seba  und Sie haben
mir gesagt dass der Freiherr auf und mit dieser Reise Ersparnisse zu machen
wünschte
    Renatus zuckte die Schultern und sagte mit einem Ernste und mit einer
Gewichtigkeit die ihn bei seiner Jugend fast komisch erscheinen ließ
Ersparnisse zu machen ist eben nicht in allen Lebenslagen möglich liebste
Flies Unser Rang legt uns Pflichten gegen uns selbst und gegen die Gesellschaft
auf deren wir uns nicht entschlagen können Allerdings hörte ich es meinen
Erzieher und den neuen Amtmann welcher Adam Steinert bei uns ersetzt hatte
beklagen dass meines Vaters Aufenthalt in der Fremde so kostbar sei aber das
Reiseleben muss doch wohl etwas sehr Bestrickendes haben
    Gewiss versetzte Seba denn es täuscht uns mit dem Wechsel unserer Umgebung
über jenen andern Wechsel der sich an und in uns selber vollzieht Wer immer an
demselben Orte immer in demselben Menschenkreise lebt wird diesem zur
Gewohnheit und wie man diese Gewohnheit des Beisammenseins auch lieben und
hochhalten mag entzieht sie uns doch den Reiz den das Fremde immer für die
Menschen hat und den man als ein Fremder auf Fremde als ein Kommender und
Gehender auf diejenigen ausübt denen wir wert sind und denen unsere
Anwesenheit erfreulich ist Wo wir erscheinen werden wir als etwas Neues
begrüßt kein Altersgenosse kein Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch
sein Altern durch seine wankenden Kräfte daran dass auch an uns die Jahre nicht
spurlos vorübergehen und ich glaube dass man in solchem Wanderleben seinen
Lebensabend erreichen kann ohne es wenn man sonst leidlich bei Kräften ist
gewahr zu werden dass man sich dem Niedergange nähert
    Ach rief Renatus wenn Sie meinen Vater heute sehen würden so würden Sie
ihn doch gealtert finden Freilich hat er noch immer seine gebietende Gestalt
sein Auge hat auch noch immer etwas Mächtiges seine kräftige Farbe bildet sogar
einen anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare aber als er damals aus
Italien wiederkehrte war er doch noch ein Anderer Er schien mir völlig wie
verjüngt Die lästigen Geschäfte hatten ihn dort nicht gedrückt die leichtere
freiere Lebensweise der Südländer die man ja von allen Seiten rühmt hatte ihm
immer eben so sehr zugesagt als das Licht und die Luft Italiens und wenn mein
Vater während seiner langen Abwesenheit auch so oft der Frühling kam oder wenn
der Herbst sich nahte von seiner Heimkehr gesprochen hatte so hatte die Scheu
vor unserem rauen Klima und vor unserem einsamen Schloss ihn doch immer wieder
in Italien festgehalten
    Aber hat er sich denn nicht nach Ihnen nach seinem Sohne gesehnt
erkundigte sich Seba
    Renatus gab ihr keine Antwort Indes sie bemerkte dass seine Stirn sich
verdüsterte und dass sein Auge den schwermütigen Ausdruck annahm der so lange
sie seine Mutter gekannt das Antlitz derselben fast niemals verlassen hatte Er
glich überhaupt vollständig der verstorbenen Baronin und gerade das gewann ihm
Sebas Gunst Nichts in des jungen Mannes Gestalt und Wesen erinnerte an seinen
Vater und es rührte Seba als er mit seinem melancholischen Blicke die
Bemerkung hinwarf der Freiherr sei wohl nicht im Stande sein Herz an Kinder zu
hängen wie manche andere Männer es bisweilen täten und obendrein sei er
leider seinem Vater nicht nach dessen Sinne
    Noch als meine Mutter lebte äußerte mein Vater oftmals ich sei nicht
fröhlich genug ich sei zu ernstaft Hätte mein Vater mehrere Söhne gehabt ich
glaube er würde mich dem Dienste der Kirche gewidmet haben sagte der junge
Mann Und es ist traurig zu sagen mein kleiner Bruder der voller Leben und
Schalkheit ist trägt Scheu vor unserem Vater so dass dieser ihn deshalb nicht
gern um sich leidet und mir Valerios Zärtlichkeit missgönnt
    Renatus hielt abermals inne Er kämpfte offenbar eine peinliche Empfindung
in sich nieder und Seba bedauerte es dass der Tod seiner Mutter ihn frühzeitig
so ernst gemacht habe
    Daran trägt wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte wohl vor Allem die
Abgeschiedenheit Schuld in der ich von meinem achten Jahre bis zur
Wiederverheiratung meines Vaters erzogen worden bin Denken Sie nur dass der
Kaplan meine einzige Gesellschaft und  Renatus lächelte was ihn sehr hübsch
erscheinen ließ  und Mamsell Marianne mit ihren feierlichen Mienen und
altväterischen Knixen das einzige weibliche Geschöpf gewesen ist mit dem ich
Jahr aus Jahr ein zu verkehren hatte Weil mein Vater so lange in Italien blieb
entließ mein Erzieher der zugleich sein Bevollmächtigter war die ganze
französische Dienerschaft und überhaupt alle entbehrlichen Leute und da ich
schwächlich war und der Arzt für mich ein einfaches und regelmässiges Leben
verordnet hatte ging es bei uns wie in einem Kloster zu Ich hatte viel
Unterricht war nie eine Stunde ohne Aufsicht genoss weil mir jede Gelegenheit
einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu tun entzogen war die volle
Zufriedenheit der beiden trefflichen alten Leute und kannte nur zwei Arten von
Belohnungen die darin bestanden dass ich mit dem Jäger reiten oder schießen
durfte und dass Mamsell Marianne mich in unserem Ahnensaale von den Taten den
Eigenschaften und den FamilienVerbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen
unterhielt da sie sich im Dienste meiner Grosstante Ester zu einer wahren
FamilienChronik ausgebildet hatte
    Besuchten Sie denn Ihre mütterlichen Grosseltern in der Abwesenheit Ihres
Vaters nicht
    Nein sie kamen nie nach Richten ich wurde jedoch in jedem Jahre einmal auf
wenige Tage in ihr Haus geführt Indes ich war so schüchtern dass ich mich nicht
wohl in der Gesellschaft meiner jungen Vettern fühlte Dazu scheute ich mich
auch vor all den Fragen die man über meinen Glauben  Sie wissen meine
Grosseltern gehören nicht zu unserer Kirche  stets an mich zu richten pflegte
und heitere Tage habe ich in meiner Kindheit nur im Hause der guten Gräfin
Rhoden und in der Gesellschaft ihrer beiden Töchter genossen und erlebt
 
                                Drittes Kapitel
Die Dazwischenkunft eines eintretenden Besuches unterbrach den jungen Mann in
den Mitteilungen aus seiner Kindheit
    Es war ein Maler welcher von seiner Studienreise wiederkehrte Er brachte
der Freundin seine Mappen mit damit sie sich mit ihm an der reichlichen
Ausbeute seiner Arbeit erfreue und Renatus zeigte den lebhaftesten Anteil
daran da er selber eine recht hübsche Anlage für das Zeichnen hatte und ohne
besonderen Unterricht erhalten zu haben im Treffen der Ähnlichkeit wie in dem
Wiedergeben landschaftlicher Natur recht glücklich war
    Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der Skizzen und Studien
beschäftigt und als der Maler sich dann entfernte meinte Renatus dass er sich
kaum ein schöneres Loos als das des Künstlers zu denken vermöge ja wie er
da ihm auch für Musik die Begabung nicht versagt sei sich oftmals auf dem
Gedanken ertappt habe dass er als ausübender Künstler seine höchste Befriedigung
gefunden haben würde
    So hätten Sie Künstler werden sollen bedeutete ihn Seba
    Ich fragte Renatus mit einem Tone als werde ihm etwas ganz Unmögliches
angemutet Wie hätte ich das anfangen sollen
    Wie jeder Andere dem es darum Ernst ist entgegnete ihm Seba
    Aber der Jüngling war von dieser Antwort nicht befriedigt sie schien ihn
sogar zu kränken denn leicht errötend versetzte er Sie vergessen liebe Seba
dass ich ein Edelmann bin
    Seba lächelte Soll das heißen sagte sie mit leichtem Spotte dass es unter
Ihrer Würde ist Sich mit dem Schönen zu beschäftigen
    Nein es ist nicht unter unserer Würde uns mit dem Schönen zu beschäftigen
entgegnete sehr ernstaft der junge Edelmann der sich sofort als ein Glied der
großen Körperschaft empfand der er angehörte es ist nicht unter unserer Würde
uns mit dem Schönen als Geniessende zu beschäftigen nur Vorteil können wir aus
unserer Beschäftigung mit demselben nicht wohl ziehen Wäre ich in bürgerlichem
Stande geboren so wäre ich sicherlich ein Künstler geworden jetzt würde mir
das übel anstehen Denken Sie doch Beste wenn ein Freiherr von Arten Bilder
verkaufen oder für Geld Musik machen wollte O unmöglich ganz unmöglich
    Er lachte bei der bloßen Vorstellung und es half nicht dass Seba ihn daran
erinnerte wie viele der französischen Flüchtlinge ihr Brod durch Übung weit
geringerer Fertigkeiten zu gewinnen genötigt worden wären Er erblickte darin
eben nur die Bestätigung dass allein die Not den Edelmann bewegen dürfe sich
einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie und Kunst zu überlassen und seine
Wirtin fand ihn wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten jeder
vernünftigen Überzeugung unzugänglich wo diese sich gegen eines der
Vorurteile richtete deren er weit mehr als sein Vater als der Freiherr hegte
    Indes es lag darin nichts was Seba nach ihrer Kenntnis der Verhältnisse
überraschen konnte und sie war einsichtsvoll genug es sich zu deuten wie der
Kaplan einen so verschiedenen Einfluss auf den Vater und auf den Sohn zu üben
vermocht habe
    Als Erzieher und Reisebegleiter des Freiherrn Franz hatte der Kaplan sich es
einst angelegen sein lassen diesen für das Studium der schönen Wissenschaften
zu gewinnen und ihm jene humanistische Bildung anzueignen welche den Freiherrn
seiner Zeit so liebenswürdig und so duldsam gemacht hatte Aber die Folge mochte
dem Kaplan nach seiner Ansicht den Beweis geliefert haben dass die Duldsamkeit
gegen Andere auch sehr duldsam gegen die eigene Schwäche und Willkür werden
lasse und wie die Aufklärung welche den Menschen auf sich selbst verweise die
Gefahr in sich schließe dass er sich von der Zucht der Kirche frei weder durch
ihre Gebote noch durch ihre Strafen gebunden glaube Mit bewusster Absicht hatte
der Kaplan also bei der Erziehung von Renatus den Weg verlassen auf welchen er
den Vater desselben einst geführt Er hatte für ihn das unabweisliche Gesetz der
Religion an die Stelle des eigenen Erwägens aufgestellt der Freiheit seines
grübelnden Verstandes Grenzen gezogen seiner nach Schönheit suchenden Phantasie
nur mäßig ja dürftig Nahrung geboten und es war ihm auf diese Weise auch
gelungen den von Natur fügsamen Knaben zu einem unbedingten Gehorsam gegen
seinen Erzieher und zu einem eben so unbedingten Glauben an die von ihm
aufgestellten Lehren und Grundsätze zu gewöhnen Wer aber in geistiger
Gefangenschaft erwächst in wem der Trieb nach freier prüfender Forschung nicht
lebendig ist dem werden seine Vorurteile gar bald eben so zu einer Schranke
seines Denkens wie zu einer Stütze für seine Unselbständigkeit und die
Zuversicht der Eigensinn die Heftigkeit mit welcher der Befangene sich in der
Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhält sind nur ein Zeichen seiner
Haltlosigkeit und seiner inneren Schwäche
    Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen durch den Maler in seinem
Zwiegespräche mit der Freundin seiner Mutter unterbrochen worden zu sein und da
er durch zu ausschliessliche Beachtung in seiner Kindheit verwöhnt sich trotz
seiner Bescheidenheit eine große Bedeutung beilegte hatte sich bei des Malers
Ankunft eine übellaunige Verstimmung seiner bemeistert die erst in dem Verkehr
mit demselben und in der Kunstbetrachtung wieder allmählich gewichen war Nach
Sebas spottender Bemerkung schien diese Gereiztheit sich abermals kundgeben zu
wollen und Seba fühlte Lust ihn um dieser Unart willen zur Rede zu stellen
aber der Jüngling stand ihr dazu noch zu fern und halb aus Neugier halb aus
nachgiebiger Güte gegen den Sohn ihrer Angelika fragte sie um ihm die
Möglichkeit weiteren Vertrauens zu eröffnen an ihre frühere Unterhaltung
anknüpfend welchen Eindruck denn auf ihn in seiner Kindheit die Kunde von der
neuen Verheiratung seines Vaters hervorgebracht habe
    Einen weit geringeren und sicherlich einen anderen als Sie erwarten mögen
entgegnete der Jüngling Ich hatte durchaus keinen Kummer darüber und dachte
nicht im entferntesten daran dass und in welcher Weise meine Zukunft dadurch
benachteiligt werden könne Auch erfuhren wir die Heirat meines Vaters erst
als sie schon vollzogen war Und als falle ihm plötzlich etwas ein zog Renatus
seine Brieftasche aus der Uniform hervor öffnete sie suchte unter den
verschiedenen Papieren die sie enthielt und sagte dann seiner Zuhörerin ein
zusammengefaltetes Schreiben vorhaltend Sehen Sie das ist der Brief in
welchem mein Vater dem Kaplan von seinem Entschlusse Kenntnis gab Ich habe ihn
als ich ihn vor ein paar Jahren nach vielem Bitten von dem Kaplan erlangte
immer als eine Art von Andenken und als eine Erinnerung bei mir getragen weil
mit diesem Briefe in gar vieler Rücksicht ein neues Dasein für mich begonnen
hat  Er reichte Seba den Brief der aus Venedig datirt war
    »Da Sie mich kennen mein alter Freund« hatte der Freiherr an den Kaplan
geschrieben »so werden Sie es natürlich finden dass ich Sie erst nachdem ich
mit mir selbst völlig einig bin von einem Schritte in Kenntnis setze den ich
bereits getan haben werde wenn Sie diesen Brief empfangen
    Der Himmel der meinem Leben von Jugend auf seine besonderen Wege und seine
eigentümlichen Schicksale vorgezeichnet hat mir ein großes Glück eine
wundersame Verjüngung an jener letzten Grenze des reifen Mannesalters
vorbehalten in welchem weniger bevorzugte Naturen für die höchsten Empfindungen
und Freuden des Daseins oft nicht mehr empfänglich sind
    Was ich in frühen Jahren besessen die volle ganze rückhaltlose Liebe
eines jungen Herzens das ist mir abermals zu Teil geworden und wenn damals
trennende Lebensverhältnisse mich verhinderten meines Glückes mich offen zu
erfreuen so ist es mir jetzt eine Genugtuung und eine Ehrensache meiner
künftigen Gattin eine ihrer Geburt und ihren Vorzügen angemessene Stellung zu
bereiten
    In wenig Tagen wird hier in Venedig meine Trauung mit Vittoria Giustiniani
vollzogen werden in wenig Wochen denke ich sie in ihre neue Heimat und in mein
Haus zu führen Ich wünsche die schöne Jahreszeit zu benutzen damit die Teure
unsere Gegend im besten Lichte und in ihrem schönsten Schmucke sehe Ich bitte
Sie also mein Freund Alles für meine Wiederkehr anordnen zu lassen und ich
rechne dabei wie immer auf Ihre Freundschaft für mich die darauf bedacht sein
wird meiner teuren Vittoria einen wohltuenden Eindruck vorzubereiten
    Sie werden in ihr eine ganz ursprüngliche Natur und eine vollendete
Künstlerin finden und da ich selbst mich jung fühle in der Liebe dieses
holdseligen Wesens so freut es mich auch dass fortan in meinem Hause eine junge
Frau walten wird welche meinem Sohne in Jahren näher steht als Sie und ich
und die hoffentlich dazu beitragen wird ihn jugendlicher und fröhlicher zu
machen als er mir nach seinen Briefen zu sein scheint in denen sich die
schwerlebige Berkasche Gemütsart von der ich so viel gelitten habe mehr als
mir erwünscht ist kundgibt Teilen Sie ihm meine bevorstehende Verheiratung
mit und sorgen Sie dafür dass er seiner Stiefmutter ein vertrauendes Herz
entgegenbringe«
    Seba las den Brief mit großem Anteile aber er tat ihr für das Andenken
ihrer Angelika und für Renatus weh denn des Freiherrn geringe Liebe für den
Sohn und seine Abneigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus
    Als sie dem Jünglinge den Brief zurückgab sagte er Ich habe Ihnen dieses
Blatt das kein fremdes Auge je gesehen hat unbedenklich anvertraut denn Ihnen
wird es keine Neuigkeiten und keine Geheimnisse verraten haben Und doch sehen
Sie jetzt gerade so betrübt aus als ich nach Ankunft jenes Briefes meine ganze
Umgebung erblickte Ich kam offenbar aller Welt beklagenswert vor Die Gräfin
Rhoden umarmte mich unter Tränen als wir sie zum ersten Male wieder besuchten
meine kleinen Freundinnen hofften dass meine Stiefmutter mich nicht schlecht
behandeln werde der Kaplan welcher im Schloss Alles erneuern ließ was etwa
der Erneuerung bedurfte schien gleichfalls niedergeschlagen Mamsell Marianne
aber blieb in einer beständigen still unterdrückten Wut
    Die Bilder meiner Mutter und meiner verstorbenen Tante Amanda wurden aus dem
Wohnzimmer in den Ahnensaal gebracht und während die Übrigen alle der Ankunft
meines Vaters mit sehr ungünstigen Erwartungen entgegen sahen unterhielten mich
schon die bloßen Vorkehrungen für seine Rückkehr so angenehm dass ich mich des
Allerbesten von derselben versah Der bloße Gedanke dass noch andere Personen
als der Kaplan und Mamsell Marianne dass mein Vater und eine junge Frau im
Schloss leben würden entzückte mich
    Wenige Wochen nach meiner Konfirmation recht mitten in der Rosenzeit traf
dann mein Vater bei uns ein Der Kaplan hatte angeordnet dass ich den Freiherrn
im Schloss erwarten sollte da dieser sich den Empfang wie er meiner Mutter an
unserer Grenze zu Teil geworden und wie er sich für die Gutsherrschaft
gebührte verbeten hatte Die Ungeduld litt mich aber nicht im Schloss Ich
wusste damals noch nicht sagte er  und wieder ging Angelikas schwermütiges
Lächeln über seine Züge  was ich später wohl ahnte und was sich mir in diesem
Briefe meines Vaters an den Kaplan leider bestätigte dass sein Verlangen nach
mir nicht eben lebhaft war und den ersten großen Ungehorsam gegen den Befehl
meines Mentors begehend ließ ich mir heimlich mein Pferd satteln um den
sehnlich Erwarteten so bald als möglich zu begrüßen
    Mein Vater erkannte mich im ersten Augenblicke nicht als ich in den Bereich
des Wagens kam Er hatte mich als ein Kind verlassen mich nur als Kind gedacht
und Vittoria hatte nach meines Vaters Äußerungen auch nicht darauf gerechnet
einen fast erwachsenen jungen Menschen in mir zu finden Sie rief mir in ihrer
Muttersprache etwas zu was ich nicht verstand da sie dies merkte grüßte sie
mich mit einer jener Handbewegungen welche keine Nordländerin nachzuahmen
vermag und ich war bei ihrem Anblicke wie geblendet von ihrer Erscheinung
    Sie können sich kaum vorstellen rief er sich unterbrechend wie schön
Vittoria damals war aber noch auffallender als ihre Schönheit war auch mir
ihre große Jugend Als sie vor dem Schloss ausstieg als mein Vater mich ihr
wie sichs gebührte feierlich als ihren Stiefsohn vorstellte und sie mich
umarmte war ich vollends verwundert sie kleiner als mich sie überhaupt so
klein zu finden denn meine Mutter war sehr groß gewesen und ich musste mich
schon damals bücken meinen Mund dem Munde Vittorias nahe zu bringen sagte er
errötend
    Sprach Ihre Stiefmutter nur das Italienische fragte Seba
    O nein ich sagte es Ihnen ja bereits sie war auch des Französischen
mächtig und mit dem fremdartigen venetianischen Accente der mir sehr lieblich
in ihrem Munde klang französisch zu mir sprechend sagte sie »Da ich zu jung
bin Deine Mutter zu sein und eine große Verehrung von Dir zu fordern so
entschliesse Dich mein Freund mich zu lieben Ich will das Gleiche tun sei
dess ganz gewiss«
    Und hat die Baronin das gehalten lieber Arten
    Ich habe keinen besseren Freund als sie beteuerte der Jüngling Dann
hielt er inne und ließ seiner Wirtin damit zu der Frage Zeit ob Vittorias
Eltern noch am Leben wären und wo und wie sein Vater sie kennen gelernt habe
    Vittoria war eine Waise berichtete Renatus Sie selbst hat mir als ich
erwachsen war ihre Jugendgeschichte erzählt Das Geschlecht der Giustiniani
dem sie angehört ist sehr alt und weit verzweigt aber der Zweig von dem sie
stammt war mittellos und man hatte Vittoria da ihre Eltern früh gestorben
waren zur Erziehung in ein Kloster getan in welchem man sie später den
Schleier nehmen lassen wollte Ich weiß nicht ob ich sagen soll zu ihrem
Glücke brachen die Blattern in dem Kloster aus als sie auf dem Punkte stand
ihr Noviciat antreten zu müssen und man sendete also zeitweilig alle Pensionäre
zu deren Familien zurück So kam Vittoria in das Haus der Marchesa Moncenigo
ihrer Tante die damals während des Sommers eine Villa am Ufer der Brenta
bewohnte aber man zog sie nicht in die Gesellschaft die sich dort zur
Villeggiatur versammelt hatte und zu der auch mein Vater gehörte Man brachte
das junge weltfremde Mädchen mit einer Dienerin in einem verlassenen Kasino im
entlegensten Teile der Besitzung unter da man nicht geneigt war die
mittellose Waise die Reize der Gesellschaft kosten zu lassen in die einzutreten
sie nicht bestimmt war Ihre Rückkehr in die Mauern des Klosters stand ihr nahe
bevor als mein Vater bei einem einsamen Morgenspaziergange Vittoria an dem
Fenster ihres Kasino sah und sie unbemerkt von ihr eine jener alten
KirchenKantaten singen hörte die Niemand glaube ich schöner als sie zu
singen versteht Mein Vater war von ihrer Schönheit wie von ihrer Stimme
hingerissen Er kehrte öfter wieder die Dienerin welche man Vittoria
zugesellt hatte es bald herausgebracht wer der Fremde sei und dass er ihrer
jungen Herrin eine glänzende Zukunft zu bieten habe Vittoria war ein Kind sie
sehnte sich aus dem Kloster fortzukommen wünschte in das Leben einzutreten
und wie hätte auf sie der noch kein Mann genaht war eine so einnehmende
Persönlichkeit wie die meines Vaters ihren Eindruck verfehlen können Die
Bewunderung die sie ihm bezeigte steigerte natürlich seine Leidenschaft für
sie ihre Verlassenheit rührte ihn seine Großmut sprach für sie in seinem
Herzen und als er dann von seinen Gastfreunden Vittorias Hand begehrte war
man natürlich eben so überrascht über die unerwartete Aussicht welche sich der
armen verabsäumten Verwandten darbot als bereit sie eine solche Verbindung
schließen zu lassen Vittoria Giustiniani wurde also mit Freuden Baronin von
Arten wurde meines Vaters Frau und doch fügte er seufzend hinzu kann ich wie
der Prinz in Schillers »Don Karlos« von mir sagen »Ich habe kein Glück mit
meinen Müttern«
    Er erhob sich bei den Worten sah nach der Uhr und entschuldigte sich dass
er Sebas Zeit so lange und so selbstsüchtig für sich in Anspruch genommen habe
Als diese ihn aufforderte bis zur Rückkehr ihres Vaters und ihrer Nichte bei
ihr zu bleiben um dann mit ihnen zusammen zu Nacht zu essen lehnte er es ab
weil er in jeder Woche an dem gleichen Abende bei der Gräfin Rhoden sei der er
außerdem heute noch einen Auftrag der Signorina zu überbringen habe
    Meinen Sie mit dieser Bezeichnung Ihre Stiefmutter erkundigte sich Seba
    Renatus wurde verlegen und rot Ja sagte er entschuldigen Sie die üble
Angewohnheit denn eine solche ist es in der Tat und ich habe sie zu meiner
Schande noch obendrein von Mamsell Marianne angenommen die sich immer nicht
entschließen kann die junge Frau mit dem Titel meiner verstorbenen Mutter
anzureden Sie nannte sie deshalb wie die mitgebrachte Dienerin es tat
beständig die Signora  Mir aber klang das fremde Wort so schön Und weil
Vittoria in ihrer Weise für mich ein Unvergleichliches war freute es mich für
sie auch eine Bezeichnung zu haben die keiner anderen Frau gegeben ward Meine
Jugendgespielinnen die Töchter der Gräfin Rhoden die gleich mir schnell eine
große Neigung für Vittoria fassten nannten sie bald auch nur die Signorina Sie
haben das vielleicht selbst schon von ihnen gehört und von den Bekannten
unseres Hauses heißt jetzt kaum Jemand sie anders wenn er von Vittoria spricht
    Der junge Offizier hatte während dieser letzten Worte seinen Säbel umgehakt
und seinen Hut genommen Seba fragte ob er sonst Neuigkeiten aus der Heimat
habe ob er wisse wie es den Marienfelder Steinerts ergehe  Er hatte aber
nichts Näheres von ihnen gehört da Adam Steinert in gar keinem Zusammenhange
mit seinem früheren Herrn stand und nur gelegentlich hatte er erfahren dass es
Steinerts unermüdlicher Ausdauer gelungen sei sich durch die Not der
Kriegsjahre verhältnismäßig gut durchzubringen
    Das ist einer von den Ungebeugten meinte Seba denen die Kraft zu hoffen
und in dieser Hoffnung zu schaffen in den trübsten Stunden aus dem Herzen
quillt
    Hoffnung muss nur einen Anhalt haben wendete Renatus ein und woran kann sie
sich knüpfen in einer Zeit in welcher wie eben jetzt nach kaum überstandenem
furchtbarem Kriege und unheilvollem Frieden rund umher neue Rüstungen befohlen
werden deren Zweck nicht zweifelhaft ist Worauf soll der einzelne ohnmächtige
Mensch seine Hoffnung richten sein Bestreben lenken da einem gewaltigen
dämonischen Willen nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse wie einer Geissel
des Gerichtes über die Erde Macht gegeben ist
    Seba hatte sich auch von ihrem Sitze erhoben und war mit ihrem jungen Gaste
bis an die Türe des Gartensaales gegangen Als sie dieselbe öffnete hatten sie
in aller seiner strahlenden Herrlichkeit den prächtigen Kometen vor ihren Augen
der in diesem ganzen Sommer am Horizonte gestanden und die Herzen der ohnehin
gewaltig aufgeregten Menschen mit banger Sorge und unheimlichen Befürchtungen
erfüllt hatte
    Wie blendend er ist rief Renatus aus und wie gewaltig in seiner fast den
ganzen Horizont durchmessenden Größe
    Da fasste Seba des Jünglings Hand und sagte leise und eindringlich Aber auch
er wird vorübergehen und seine Zeit ist nahe Sehen Sie hin sein Licht ist im
Erlöschen er neigt sich dem Untergange zu Noch eine kurze Frist und an dem
befreiten Himmel werden die alten schönen Sternbilder in aller ihrer Klarheit
leuchten und man wird vergebens nach dem Phänomen suchen dessen wilde Grossheit
jetzt die schwachen Seelen entmutigt und geknechtet hat Nur eine kurze Geduld
nur Mut und Hoffnung
    Der junge Mann sah sie betroffen an Ihre Augen leuchteten in schöner
Erhebung es lag in ihren Worten etwas Geheimnisvolles das ihn unwillkürlich
ergriff indes er konnte sich nicht entschließen sie um die Deutung zu bitten
und ohne eine weitere Erklärung ließ sie ihn mit dem Auftrage die Gräfin Rhoden
von ihr zu grüßen von sich gehen
    Arme Angelika seufzte sie als er sich entfernt hatte arme Angelika warum
musstest du so früh von uns scheiden Dein Sohn würde mich verstanden haben
hättest du ihn auferzogen
 
                                Viertes Kapitel
Als Renatus die Linden hinabging um sich nach dem entlegenen Teile der
Wilhelmsstrasse zu begeben in welchem die Gräfin Rhoden sich seit sie Berlin
bewohnte niedergelassen hatte sah er aus dem Eckfenster eines an der
Friedrichsstrasse gelegenen Hauses ein helles Licht erglänzen und da die Uhr an
dem AkademieGebäude ihn belehrt hatte dass es noch ein wenig zu früh sei zu
der Gräfin zu gehen wendete er sich jenem Hause zu stieg die Treppe bis zum
ersten Stockwerke in die Höhe und fragte als eine den höheren Ständen
angehörige Frau ihm dort die Türe öffnete ob sein Onkel zu Hause und zu
sprechen sei
    Zu Hause ist der Herr Graf entgegnete die Frau welche ihn eingelassen
hatte aber er hat einen Besuch und der Kammerdiener ist fortgeschickt Wenn
Sie es wünschen will ich Sie melden indes ich hörte immer schon mit den
Stühlen rücken und umhergehen  wenn Sie vielleicht verziehen wollten 
    Er sagte dass er nicht lange bleiben könne dass er jedoch versuchen wolle
ob sein Onkel bis dahin für ihn frei sein werde und nahm den Sessel an den die
Frau ihm an der Seite ihres Sophas darbot Renatus war schon oftmals durch
dieses Zimmer gegangen aber mit der Achtlosigkeit des im Reichtume geborenen
und im eigenen Hause erwachsenen Mannes hatte er es nie eines Blickes gewürdigt
denn die verschwenderische Ausstattung desselben hatte für ihn keinen Reiz Eben
so wenig hatte er die Frau betrachtet der er auch früher schon in diesem
Gemache begegnet war oder sie gefragt welche Stelle sie in dem Haushalte
seines Onkels ausfüllen möge
    Heute da er sich genötigt fand in ihrer Nähe zu verweilen bemerkte er
dass sie offenbar den Fünfzigen nahe war und sie missfiel ihm obwohl sie einmal
eine hübsche Frau gewesen sein konnte Sie trug jene großen goldenen Ringe in
den Ohren die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Josephine in Aufnahme
gebracht und nach ihr Creolen genannt worden waren Ihre Taille war noch kürzer
gegürtet ihr Busen noch höher hinaufgeschnürt als die Mode es mit sich
brachte und aus dem mädchenhaften Fanchontuche das sie über den à la Titus
frisirten Kopf geknüpft hatte sahen die geschminkten Wangen und das runde
Doppelkinn voll und coquet hervor Dazu hatte sie die Finger reichlich mit
Ringen besteckt und sie musste entweder auf diese Ringe oder auf ihre allerdings
noch hübschen Hände großen Wert legen denn sie war sehr bemüht des Jünglings
Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen indem sie die Hände leise gegen einander
rieb und sich beklagte dass es nach dem heißen Sommer und bei den warmen Tagen
Abends doch schon so kalt sei und dass ihre Hände die raue Luft gar nicht
vertragen könnten
    Renatus ließ diese Bemerkung schweigend an sich vorübergehen damit war aber
die Entschlossenheit der Redseligen ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln
nicht zurückgeschlagen und beide Arme auf den Tisch legend während sie sich
weithin über dieselben nach vorn bog so dass sie sich dem jungen Manne dadurch
beträchtlich näher brachte sagte sie mit leisem Kopfschütteln Ich sehe recht
wie die Zeit vergeht Sie kennen mich gar nicht mehr Herr Baron Sie haben ganz
vergessen dass Sie mich früher schon gesehen haben
    Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jünglinge dessen reiner Sinn vor
allem Niedrigen zurückschreckte nur noch widerwärtiger und kurz abweisend
sagte er dass er sich wohl erinnere wie sie auch sonst schon die Güte gehabt
hätte ihn einzulassen
    In dem Augenblicke ward die Türe des Nebenzimmers geöffnet Graf Gerhard
Berka trat mit einem Fremden einem Franzosen in das Vorzimmer hinaus sie
schüttelten einander die Hände nahmen eine Verabredung für den nächsten Tag
der Graf rief seinem Neffen da er ihn gewahrte einen freundlichen Guten Abend
zu machte scherzend die Bemerkung dass man vom Wolfe nur zu sprechen brauche
damit er erscheine was jedoch in diesem Falle ohne allen anzüglichen Vergleich
gemeint sein solle und stellte darauf dem Fremden den er Baron und seinen
lieben Kastigni nannte den jungen Freiherrn als den Neffen vor dessen er so
eben gegen ihn gedacht habe
    Nach einer sehr verbindlichen Begrüßung empfahl sich Herr von Kastigni dem
Grafen wie Renatus und mit einem Zeichen dass sie dem Scheidenden das Geleit zu
geben habe sagte der Graf Leuchten Sie liebe Kriegsrätin Dann nahm er
seinen Neffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurück
    Bist Du abergläubisch oder wundergläubig mein Freund fragte er Renatus mit
leichtem Tone nachdem sie sich dort niedergelassen hatten
    Renatus entgegnete dass es darauf ankomme was man unter abergläubisch und
wundergläubig verstehe aber Jener ließ ihm zu keiner weiteren Erklärung Zeit
sondern sagte Nun Aberglaube oder Unglaube was tut uns das Es ist gut dass
Du überhaupt wieder in Berlin und sehr gut dass Du eben jetzt zu mir gekommen
bist Wir wollen das als eines der guten Zeichen ansehen an die zu glauben
immer Zuversicht und Mut gibt Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir
die Rede als Du kamst
    Von mir Und in wie fern wenn ich dies fragen darf sagte der Neffe
    Wärst Du geneigt den preußischen Dienst zu verlassen erkundigte sich der
Graf
    Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt
    Aber es war soviel ich davon weiß nicht eben Dein Wille der Dich bewog
die Uniform zu nehmen bedeutete Jener
    Renatus wurde rot bis unter die Wurzel seines hellen Haares und mit einem
leichten Zusammenziehen seiner Augenbrauen welches seine innere
Selbstüberwindung kund gab versetzte er Ich würde allerdings das Leben eines
unabhängigen Edelmannes wie wir Artens es von je geführt überhaupt jedem
Dienste vorgezogen haben da die Umstände mir dies nicht verstatteten da mein
Vater mich in die Armee eintreten lassen und der König mir das Patent gegeben
hat scheint es mir Ehrensache auch im Dienste zu bleiben bis ich dieses mein
Patent mit der Tat verdient und meinen Eid im Kampfe besiegelt habe 
    Sehr gut sehr schön gesagt rief der Graf mit einem leichten Anfluge von
Spott während er sich weit in das Sopha zurücklehnte  nur nicht sehr
einsichtsvoll mein lieber Freund Das soll mich jedoch durchaus nicht abhalten
es mit Dir besser zu meinen als Du es verstehst Lass uns ins Klare kommen Von
welchem Kampfe sprichst Du
    Renatus hob sein Auge zu seinem Oheim empor und wendete es eben so schnell
wieder von ihm ab Es lag etwas Unheimliches in dem beständigen Lächeln des
Grafen und mehr noch in seinem scharfen und lauernden Blicke der mit jenem
Lächeln in grellem Widerspruche stand Er war noch immer ein auffallend schöner
Mann aber der preußische Offizier war in ihm nicht mehr zu erkennen Sein
glänzendes blondes Haar war in einer großen Locke mitten auf der Stirn
zusammengekräuselt sein tief in die Wangen hineingehender Bart seine hohe
weiße Halsbinde wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach französischem
Vorbilde gemodelt und wenn er nicht geradezu wie er dies meistens tat
Französisch sprach so brauchte er selbst im Deutschen so viele Fremdwörter und
schob so viele französische Sätze in das Deutsche hinein dass man dieses
Gebahren als ein absichtliches erkennen musste
    Er hatte als nach dem Friedensschlusse von Tilsit sein Regiment aufgelöst
worden war wie Hunderte von anderen Officieren sich zu seinen Eltern auf das
Land begeben aber das Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen
Dazu war  man wusste in der Familie nicht wodurch  des Grafen Verhältnis zu
seiner Mutter seit Jahren schon getrübt Von beiden Seiten gab sich eine fast
krankhafte Empfindlichkeit gegen einander kund und man hatte ihn also nicht
davon abgehalten als er nach kurzem Verweilen wieder nach der Hauptstadt
zurückzukehren gewünscht hatte Freilich hatte der alte Graf dem Sohne zu
bedenken gegeben dass er jetzt bedrängt durch die allgemeine Not und Drangsal
nicht mehr wie früher im Stande sei dessen mannigfachen und großen Ansprüchen
mit der alten Freigebigkeit zu begegnen das hatte jedoch den Grafen Gerhard
wenig angefochten Die Summe welche man ihm für das erste Halbjahr zuwies war
nicht unbedeutend und über den Tag über das Verlangen und Gelüsten oder
Bedürfen des Augenblickes dachte er nicht leicht hinaus
    Aber das Berlin in welches Graf Gerhard zurückkehrte war nicht mehr die
Stadt die er vor dem unglücklichen Feldzuge des Jahres achtzehnhundert und
sechs verlassen hatte Seine Kameraden und Umgangsgenossen lebten fern und
zerstreut Die Einen warteten hoffenden Sinnes in Einsamkeit der Zeiten welche
sie wieder zu neuer Tätigkeit berufen würden die Ungeduldigen hatten sich nach
Österreich nach Spanien und nach Russland gewandt wo der Tag eines neuen
Kampfes früher anzubrechen versprach als in dem ganz zerstückelten und
zertretenen Vaterlande
    Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher Empörung während der Wille
der französischen Machtaber eine glänzende Geselligkeit in Berlin erzwang
deren Üppigkeit die Leichtgesinnten und Genusssüchtigen verlockend mit sich
fortriss welche über die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und über die
feinen Formen französischer Gesellschaft und Sitte die bittere Not des
Vaterlandes und die Knechtschaft vergaßen unter denen man lebte Allerdings war
es für denjenigen der nicht die Möglichkeit besaß sich fern von den Städten
auf irgend einem zufällig von Einquartierung verschonten Hofe oder Gute dem
Verkehre mit den Unterdrückern zu entziehen äußerst schwer den Umgang mit
ihnen zu vermeiden aber die Zahl derjenigen war leider nicht gering die diesen
Umgang in eigennütziger Absicht suchten und die Fremdherrschaft fand ihren
Vorteil darin solche Überläufer bereitwillig in ihre Reihen aufzunehmen
    Ein Edelmann von dem alten und schönen Namen der Grafen Berka ein früherer
preußischer Offizier mit den persönlichen Vorzügen des Grafen Gerhard der sich
geneigt finden ließ sich der damals in Berlin den Ton angebenden französischen
Gesellschaft anzuschließen durfte sich von ihr des zuvorkommendsten Empfanges
sicher fühlen und des schwermütigen Ernstes von Herzen müde der in dem Kreise
seiner Familie geherrscht seit das Unglück über das Vaterland hereingebrochen
war hatte Graf Gerhard sich bei seiner Rückkehr von Berka mit vollen Atemzügen
in das ihn anmutende Leben der Hauptstadt in die Gesellschaft der Franzosen
gestürzt die reich an Kriegsbeute schnell und verschwenderisch zu genießen
suchten was zu genießen ein eben so schneller Tod auf irgend einem der
Schlachtfelder zu welchen der Kaiser sie führte ihnen bald unmöglich machen
konnte
    Man hatte den Grafen überreden wollen in französische Kriegsdienste zu
treten aber dessen hatte er sich geweigert denn es gibt herkömmliche
Ehrbegriffe von denen Männer wie der Graf sich nicht leicht freimachen obschon
jene Ehrbegriffe mit dem wahren Ehrgefühl das in jedem Menschen nur die höchste
Blüte einer vollkommenen sittlichen Bildung ist eben bloß den äußeren Anschein
gemeinsam haben
    Weil Graf Gerhard es nicht nach seiner Neigung weil er es nicht
unterhaltend fand in der Zurückgezogenheit zu leben nannte er es unverständig
sich der herrschenden Gewalt ohnmächtig zu widersetzen Weil Nachgiebigkeit ihm
in diesem Falle bequemer dünkte als Zurückhaltung nannte er es gebotene
Rücksicht sich der Gesellschaft der Fremden anzuschließen und er bezeichnete
es als eine Ehrensache sich standesmässig in ihr zu behaupten Es dünkte ihm
eben so eine Ehrensache vor den Emporkömmlingen aus denen sie sich zum großen
Teil zusammensetzte die vornehme Leichtlebigkeit des alten Edelmannes
dazutun und er hatte keine Ahnung davon wie die frische und gewaltige Kraft
dieser neu und wild entstandenen Gesellschaft ihn bemeisterte wie er dem
Anspruche des Augenblickes gehorchend mit seinen Vorurteilen und
Überzeugungen auch sich selber hingab und wie die trotz ihrer genusssüchtigen
Üppigkeit vom Leben geschulten in Geschäften versuchten Fremden mit denen er
verkehrte sich seiner bemächtigten weil sie ihn brauchen zu können glaubten
Denn Fremdherrschaft muss tyrannisch sein und die Tyrannei kann der heimlichen
Verbündeten nicht entraten Sie muss wissen was in dem unterworfenen Lande und
Volke geschieht sie muss Einfluss haben auch wo sie selber nicht hinzudringen
vermag Sie muss sich Diener schaffen und Dienste empfangen ohne dass diejenigen
welche sie bedienen sich dessen bewusst sind und Graf Gerhard war auf solche
Weise schnell noch ehe er es ahnte zu einem Werkzeuge in den Händen seiner
französischen Umgangsgenossen geworden Freilich hatte man von ihm niemals eine
Leistung gegen welche seine Ehrbegriffe sich sträuben konnten gefordert aber
man hatte gelegentlich seine vermittelnde Sprachkenntniss bei Einführung in
gewisse Kreise als Gefälligkeit in Anspruch genommen manche Auskunft über
Personen und Dinge beiläufig von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend
einer Reise als Freundschaftsdienst begehrt Man hatte auch nicht daran gedacht
ihm diese Dienste oder diese Opfer an Zeit zu lohnen sein Ehrbegriff würde ihn
bewogen haben sich dessen unbedingt zu weigern Aber er hatte kein Bedenken
getragen als seine standesmässigen Ausgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehr
bestreiten ließ die freiwillig und in schicklichster bequemster Weise
angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmen und die Größe dieser
Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt denn die glücklichen Sieger hatten reiche
Mittel zu ihrer Verfügung und waren des ängstlichen Rechnens mit ihren Freunden
nicht gewohnt
    Auch in der Unterredung welche Graf Gerhard mit seinem Freunde eben als
Renatus bei ihm vorsprach gehabt hatte war nur ganz zufällig von der
phantastischen und schwärmerischen Stimmung gesprochen worden welche sich in
der deutschen Jugend zu regen beginne und Herr von Kastigni der wie der Graf
einem alten Adelsgeschlechte angehörte hatte dabei die Äußerung hingeworfen
wie viel seiner Regierung daran gelegen sei dieser unglücklichen Richtung
entgegen zu arbeiten wie sehr man den Anschluss des jungen Adels an das
Gouvernement begünstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Männern
eröffnen könnten die sich geneigt zeigen würden sich bei den verschiedenen
kaiserlichen Gesandtschaften in Deutschland wenn auch vorläufig nur als
zeitweilige Attachés verwenden zu lassen
    Als Renatus daher seinem Oheim auf dessen Frage die Antwort zu geben
zögerte nahm jener selbst das Wort
    Du willst Deine Sporen verdienen sagte er und ich wiederhole Dir mein
Lieber das ist gut und schön Aber wo willst Du den Kampfplatz suchen wo den
Tummelplatz für Deine Taten finden Die Zeiten in denen unsere Vorfahren sich
unter dem großen Könige ihre Lorbeern erfochten sind für immerdar vorüber
    Onkel rief Renatus mit abwehrendem Erstaunen
    Der Graf zuckte die Schultern Ich verstehe Dich sagte er und ich weiß
was dieser Ausruf sagen will aber ich sprach eben mit Herrn von Kastigni davon
Es ist töricht sich gegen eine historische Tatsache auflehnen zu wollen
töricht seine Wünsche für Möglichkeiten anzusehen und verbrecherisch wenn
reife Männer die Jugend in ihren müßigen ideologischen Träumen bestärken statt
sie zu kräftigem Mitwirken in den vorliegenden Lebensbedingungen anzuhalten
    Und welcher müßigen Träume halten Sie mich schuldig zu welcher Arbeit
wollen Sie mich berufen fragte der junge Baron durch die Aussprüche seines
Oheims immer mehr betroffen
    Ihr jungen Leute seid übel daran hob Jener der bestimmten Antwort
ausweichend auf das Neue an Man hat Eure Kindheit Eure Jugend mit dem
Gedanken der Vaterlandsliebe genährt und hat Euch als den würdigen Gegenstand
einer solchen Liebe das Preußen des großen Friedrich den von einem großen
Könige gegen alle natürlichen Bedingungen zusammengebrachten und nur durch sein
Genie durch seine Herrscher und Feldherrnkraft erhaltenen Staat hingestellt
Aber die gewaltsame Schöpfung eines Genius ist jetzt durch den größeren Genius
naturgemäß und eben so gewaltsam zerstört Vor der Gewalt und Größe eines
Napoleon konnte die junge Monarchie des alten Fritz vor dem weltumfassenden
Blicke vor dem weltumgestaltenden Geiste und Willen dieses titanischen Kaisers
kann die alte Weltordnung nicht bestehen und wie unter den Stürmen des
Frühlings die letzten Blätter an den alten Bäumen verstieben damit Raum werde
für die neue Schöpfung eines neuen Jahres so müssen die bisherigen
Staatsverhältnisse zu Grunde gehen damit der riesige durch alle Zeiten
wiedergekehrte und endlich sich seiner Verwirklichung nahende Gedanke eines
Weltreiches einer UniversalMonarchie wie Alexander und Cäsar und Karl der
Große sie vorahnend gedacht haben zur Wahrheit werde Sich mit
Gefühlsüberspannung an das Untergehende anzuklammern mag dem zukunftslosen
Alter ziemen die Jugend hat sich dem Neuen dem Werdenden anzuschließen und
wer Leben wer Tatkraft in sich fühlt wer sich eine Zukunft zu eröffnen hat
muss sich dienend dem siegenden Prinzipe unterordnen
    Der Graf hatte sich in Feuer gesprochen wie dies kalterzigen und
gesinnungslosen Menschen leicht geschieht die wenn sie Andere überreden
wollen vor Allem sich selber überreden müssen und also beständig einen
doppelten Zweck zu erfüllen einen doppelten Kraftaufwand zu machen haben Er
war weder geistreich noch tiefsinnig aber er hatte Phantasie und Bildung genug
sich fremde Meinungen sobald es ihm gefiel anzueignen und es waren die
Gedanken des Gastes der ihn eben erst verlassen hatte es war die
Anschauungsweise der französischen Gesellschaft in welcher Graf Gerhard sich
bewegte die er seinem Neffen zur Beherzigung empfahl
    Renatus bildete jedoch fast in allen Stücken den Gegensatz zu seinem Oheim
und ihn zu verwirren war nicht leicht Seine Phantasie war nicht lebhaft indes
innerhalb des nicht weiten Kreises den er überschaute sah er klar genug und
seine Schüchternheit im Verkehr mit Anderen machte ihn vorsichtig wie sein
Misstrauen gegen seine eigene Einsicht ihn gewissenhaft gegen sich selber sein
ließ
    Es war nicht das erste Mal dass der junge Baron die Ansichten welche der
Graf an den Tag legte von einem Preußen aussprechen hörte Man konnte sie von
allen denjenigen vernehmen die auf den Pfaden des Grafen gehend ihrer zur
Selbstentschuldigung bedurften Sie verfehlten an sich also einen Eindruck auf
den Jüngling zu machen aber es ergriff ihn dass sein Onkel sie teilte und mit
jener Schwermut die einen Hauptzug seines Charakters ausmachte rief er
Lieber untergehen als untreu werden Was sollte mir eine Zukunft auf den
Trümmern meines Vaterlandes Wie könnte ich an ein Glück denken in der Fremde
unter Fremden während  Er brach ab schien seine warme Aufwallung zu
bereuen und sagte Gewiss mein Onkel Sie sprachen nicht im Ernste zu mir Sie
wollten mich prüfen seien Sie unbesorgt Kein Vorteil der Welt soll mich
verlocken von meinem Könige abzufallen oder meinen Eid zu brechen Ich bin ein
Preuße ich bin ein Edelmann unserem Könige untertan und sein Soldat so will
ich leben und muss es sein auch sterben
    Der Graf nickte beifällig als habe er den Vorwurf in seines Neffen Worten
nicht gemerkt und wiederholte seine frühere Äußerung dass dies Alles sehr gut
sehr schön sei nur praktisch sei es nicht Bedenke sprach er was Du Deinem
Vater schuldig bist
    Er machte danach eine kleine Pause und setzte in ruhig erklärender Weise
hinzu Du siehst die ungeheuren Rüstungen welche der Kaiser durch ganz Europa
anstellen lässt Niemand kann zweifelhaft darüber sein gegen wen sie gerichtet
sind Wir stehen einem großen einem gewaltigen Feldzuge näher als Du glaubst
und Du bist der einzige Erbe Deines Vaters der Letzte Deines Hauses
    Und mein Bruder wendete Renatus ein
    Der Graf lächelte Vittorias Sohn wird wenn er einst erwächst
voraussichtlich auf Dich und Deine Großmut angewiesen sein denn Dein Vater ist
bejahrt und sein Besitz hat sich wie Du weißt um ein Bedeutendes verringert
    Wir haben allerdings unter dem Kriege schwer gelitten entschuldigte
Renatus den jede Miene und jedes Wort des Grafen kränkte
    Nicht mehr als Andere meinte dieser aber Dein Vater und meine gute
romantische Schwester hatten kostspielige Liebhabereien bauten Kirchen hielten
Sängerchöre ließ die Amtleute und Pächter gewähren Das war ideologisch war
falscher Idealismus Das ist unpraktisch
    Er sah nach der Uhr erhob sich ging an den Spiegel zu dessen beiden
Seiten Armleuchter an den Wänden brannten besah sich in dem Glase kämmte die
große Locke auf der Stirn über die untergehaltene Hand zurecht und sagte ohne
den beleidigten Renatus der hinter ihm sitzen geblieben war anzusehen Glaube
mir mein Lieber früher oder später wirst Du genötigt sein Dein eigenes
Schicksal zu spielen und das Loos und das Vermögen Deines Hauses neu zu
begründen Nur deshalb und nur dazu wollte ich Dir die Mittel und die Wege
zeigen und eröffnen die ich Dir heute vorschlug
    Er klingelte sein Kammerdiener trat ein  Warum erinnern Sie mich nicht
dass es Zeit ist mich anzukleiden fragte er Der Diener entgegnete dass Alles
bereit liege und ward mit dem Bemerken fortgeschickt dass der Graf gleich
kommen werde und dass der Diener das Eisen heiß machen könne ihm Haar und Bart
aufs Neue zu kräuseln
    Wir haben heute eine Soirée bei dem französischen Gesandten Das ist ein
Haus in das Du Dich einführen lassen solltest und ich bin bereit Dich
vorzustellen sagte er Es ist die Rede davon einige junge Deutsche von Familie
als Kavaliere als Kammerherren an den Hof des Königs von Westfalen zu ziehen
junge Männer die des Französischen mächtig sind Ich hatte dabei an Dich
gedacht König Jerome ist jung ist geistreich ist äußerst liebenswürdig und
freigebig geneigt für die Personen die ihm wohlgefallen viel zu tun Indes
Du willst es nicht Nun Du wirst wissen was Dir frommt ich hatte es gut mit
Dir im Sinne
    Er sprach das Alles während er aus einer reichverzierten Büchse seine
goldene Dose mit frischem Taback füllte Renatus hatte sich erhoben Er sagte
dass er seinen Oheim nicht stören nicht länger aufhalten wolle Der Graf
erkundigte sich wo er seinen Abend zubringen werde und als er hörte dass
Renatus die Gräfin Rhoden zu besuchen denke meinte er es sei schade dass sie
fromm geworden sei und dass sie ihre Töchter in gleicher Überspannung
auferzogen habe sie sei früher eine angenehme Frau gewesen die gewusst habe
was sie sich schuldig sei
    Man hatte sie bei uns fuhr er fort da sie eine Verwandte von uns ist
Deinem Vater eigentlich zur zweiten Frau bestimmt und sie hat sich eben weil
sie kein Vermögen besaß wohl selber doppelt mit dem Gedanken getragen Ich bin
sicher sie zog nur deshalb in Eure Gegend und ihre Freundschaft für Dich wird
wohl aus derselben Quelle entsprungen sein Aber der Bekehrungseifer Eures
Kaplans hatte sie uns entfremdet noch ehe die Heirat Deines Vaters mit der
Giustiniani im Werke war und hätte sie diese Heirat vorhersehen können so
würde der Kaplan vielleicht weniger Erfolg bei ihr gehabt haben Jetzt indessen
glaube ich ist sie ja selbst mit Bekehrungen beschäftigt Sie hat es
wahrscheinlich auf die Tochter des alten Flies abgesehen denn das allein kann
mir die Freundschaft der Gräfin für die Flies erklären
    Renatus dem jede Äußerung des Grafen empfindlich und zuwider war
erinnerte daran dass Seba auch eine Freundin seiner Mutter gewesen sei dass er
selbst von seinem Vater an den alten Geschäftsfreund ihres Hauses empfohlen
worden und fragte ob der Graf die Familie und namentlich ob er Seba kenne
    Er bejahte es Ich war vor dem Feldzuge nach der Champagne bei ihnen im
Quartier sagte er gleichgültig Seba war damals eine Schönheit aber sie war
schon damals eine sentimentale Schwärmerin Nimm Dich mit ihr in Acht Die
Gräfin Rhoden und Seba und all die schönen Geister und die Professoren und
Gelehrten mit denen sie zusammenhangen sind törichte Ideologen Phantasten
die gegen den Lauf der Welt ankämpfen vergangene Zeiten lebendig machen
möchten Man hat ein Auge auf dieses Treiben obschon man es gewähren lässt
Vernünftige Aussichten werden sich Dir dort nicht öffnen darauf verlass Dich
und sich unnötig verdächtig zu machen sich einer unnötigen Beaufsichtigung
auszusetzen ist nicht anständig für Unsereinen
    Er reichte ihm dabei freundlich die Hand zum Abschiede und sagte als sein
Neffe sich ihm empfahl Ehe ich es vergesse mein Lieber Seit ich mir hier
selbst eine Wohnung eingerichtet und die Kriegsrätin zu mir genommen habe
speise ich in der Regel zu Hause Sie ist eine Köchin um die man mich beneidet
Für eine oder zwei Personen ist immer das Kouvert bereit Willst Du es auf gut
Glück mit mir versuchen so weißt Du dass Du willkommen bist und wir tauschen
dann unsere Meinungen und Neuigkeiten mit einander aus Beiläufig lass Dich von
den Rhodens nicht einfangen Das sind keine Partieen die sich für Dich
schicken
    Er gab ihm nochmals die Hand riet ihm sich die Kasseler Angelegenheit
ruhig und reiflich zu überlegen und entließ ihn danach um sich ankleiden zu
gehen
 
                                Fünftes Kapitel
Später als er es sonst pflegte langte Renatus an dem Abende bei der Gräfin
Rhoden an und fast bereute er es dass er gekommen war denn die friedliche
Stille in welcher er die Frauen antraf ließ ihn seine Aufregung erst recht
deutlich empfinden Es war ihm zu Mute als habe er in der letzten Stunde eine
Gegend und die Menschen in ihr durch ein verzerrendes Glas betrachtet Alle
Bilder die er in der Seele trug dünkten ihm verändert und entstellt und doch
kam ihm unwillkürlich immer wieder die Frage Wie aber wenn Du Dich wirklich
bisher getäuscht hättest Wie aber wenn der Oheim Recht hätte mit den
Urteilen die er über die Personen und Zustände deren er erwähnte gegen Dich
ausgesprochen hat
    Er erinnerte sich genau wie kurze Zeit nach dem Tode seiner Mutter die
Rhodens zu ihren Verwandten nach Lichtenforst gezogen und wie sie das erste Mal
nach Richten zum Besuche gekommen waren Die Gräfin war wie sein Vater in
Trauerkleidern gewesen obgleich sie ihren Gatten schon zwei Jahre vorher
verloren und der Freiherr hatte sie und ihre Töchter sehr willkommen geheißen
Als er dann nach Italien gegangen war hatte er die Gräfin gebeten sich seines
Knaben anzunehmen und sie hatte Renatus darauf an sich gedrückt hatte gesagt
der Himmel habe ihr leider einen Sohn versagt sie wolle also Renatus lieben als
wäre er ihr eigen Kind und ihre Töchter Hildegard und Cäcilie sollten ihm dem
Schwesterlosen Schwestern sein
    Renatus hatte sich auch in ihrer und ihrer Töchter Nähe stets wie in einer
Heimat wie in seiner Familie gefühlt obschon die Verwandtschaft zwischen den
Berkas und den Rhodens sehr entfernt war er konnte es sich als sehr
wahrscheinlich denken dass seine Grosseltern ihm die Gräfin einst zur Stiefmutter
zu geben gewünscht hatten ehe der Kaplan die Bekehrung der Gräfin unternommen
Es war aber ein schöner Tag und ein erhebender Anblick gewesen als die Gräfin
mit den beiden kleinen Töchtern in der Kirche von Rotenfeld zum Katholizismus
übergetreten war Der heimliche Anschluss der Familie von Wedderau an die
katholische Kirche war bald danach gefolgt und die kleine Gemeinde hatte unter
des Kaplans Leitung sehr zusammengehalten Alljährlich hatte man danach den
Todestag der Baronin Angelika in welcher man die eigentliche Urheberin des
Kirchenbaues verehrte mit einer besonderen Feier begangen und wenn die Gräfin
wirklich beabsichtigt hatte einmal die Stelle der Verstorbenen einzunehmen so
war es schön von ihr gewesen dass sie ihre getäuschte Erwartung weder Vittoria
noch Renatus hatte entgelten lassen
    
    Sie zuerst hatte sich der fremden jungen Frau mütterlich freundlich
genähert als man des Verwunderns über die unerwartete und auffallende Heirat
des Freiherrn kein Ende finden konnte Sie war der Fremden stets mit Rat und
Ermunterung zur Hand gewesen Tage und Nächte hatte sie an dem Bette Vittorias
zugebracht als diese vor drei Jahren im Nervenfieber mit dem Tode so schwer
gerungen dass man hatte fürchten müssen mit ihr auch das Leben ihres zu
erwartenden Kindes zu verlieren Renatus konnte ihr das nie vergessen Er liebte
die Gräfin dafür wie eine Mutter und er hing auch mit so naturwüchsiger Neigung
an ihren beiden Töchtern als wenn sie nicht nur seine Spielgenossen sondern
als wenn sie wirklich seine Schwestern wären
    Neben der ausgesuchten Behaglichkeit in Sebas Gartensaal neben der
auffallend modischen und glänzenden Einrichtung seines Oheims erschien dem
jungen Manne die Wohnung der Gräfin heute zum ersten Male ärmlich Er sah was
ihn bisher nicht angefochten hatte dass ihre Zimmer nur schlicht getüncht dass
ihre Möbel alt und abgenutzt waren dass nur zwei Kerzen den Raum erhellten Sie
leuchteten jedoch genugsam das schöne über dem Sopha hängende Bild der jung
verstorbenen allgeliebten Königin Louise zu erkennen das diese selbst der
Gräfin einst geschenkt hatte sie reichten hin die Büste des bei Saalfeld
gebliebenen geistreichen Prinzen Louis Ferdinand betrachten zu lassen der ein
Freund des Grafen und Cäciliens Pate gewesen war und der ihr zur Erinnerung an
die Schutzheilige der Musik der Kunst die er mit Meisterschaft beherrschte
eben den Namen Cäcilie gegeben hatte und sie hatten Licht genug das edle in
weiße Schleier gehüllte Antlitz der Mutter und das schöne blonde Haar der
beiden Töchter mild zu umspielen
    Innerlich verwirrt war Renatus vor dem Hause angelangt aber er wurde
ruhiger in dem trauten Kreise in dem gewohnten lieben Raume Die halbe
Dämmerung die weißen Fenstervorhänge durch die der Mond hinein schien dass
sein Schimmer den ganzen Fußboden streifenweise erhellte der Duft des Reseda
von den wohlgepflegten Stöcken am Fenster taten ihm wohl
    Ach bei Ihnen ists gut sagte er unwillkürlich aus tiefer Brust
aufatmend als er der Gräfin die Hand geküsst und zwischen den beiden Schwestern
seinen gewohnten Platz am Tische eingenommen hatte Man lachte über diesen
Ausruf er sollte sagen wie er darauf gekommen sei ihn eben in dieser fast
feierlichen Weise zu tun und er ward dabei inne dass ihm heute ganz anders als
sonst in der Gegenwart dieser Frauen zu Mute sei
    Es kam ihm vor als sei er wer weiß wie lange von diesem Raume und von
diesen lieben Menschen entfernt gewesen als habe er sie nie so gut gekannt als
eben jetzt und doch wieder als habe er ihnen ein Unrecht abzubitten
    Die würdige Erscheinung der Gräfin ihre keusche matronenhafte Tracht 
Renatus hatte sie seit er sie kannte nie anders als in weißer oder schwarzer
Kleidung gesehen  dünkten ihm so schön da er eben erst neben der geschminkten
Haushälterin seines Oheims gesessen hatte Die Bilder der königlichen Familie
sprachen ihn wie Schutzgötter des Hauses an und es freute ihn dass er sein Auge
frei zu ihnen erheben durfte dass keiner seiner Gedanken sich durch die
verführerischen Auseinandersetzungen seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste
hatte abwendig machen lassen Nur an der Gräfin und an diesen Mädchen hatte er
sich versündigt Sie hatte er so eben noch selbstsüchtiger Absichten
berechneter Plane fähig gehalten denn die von seinem Oheim in ihm erweckte
Vorstellung dass die Mutter oder Hildegard selber darauf ausgegangen sein
könnten ihn unmerklich zu einer Heirat mit der Letzteren zu bewegen hatte ihn
widerwärtig berührt und ihm einen Schatten auf das reine herzliche Verhältnis
geworfen in welchem er seit er sich zurückerinnern konnte zu diesen ihm so
teuren Freunden gestanden hatte
    Jetzt schämte er sich seines Zweifels an ihnen und daneben dachte er zum
ersten Male daran wie im Grunde gar nichts natürlicher sei ja wie es sich
eigentlich von selbst verstehe dass er die Gefährtin seiner Kindheit dass er
Hildegard einst zu seiner Gattin wähle Sie hatten oft genug als Kinder Mann und
Frau gespielt sich immer auf das beste vertragen sie waren nur um anderthalb
Jahre die Hildegard vor ihm voraus hatte im Alter von einander getrennt Ihr
Name ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbürtig sie war
katholisch wie er Vittoria hatte die Rhodens gern ein künftiges
Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keine Schwierigkeiten und 
darin hatte sein Onkel Recht  das einst so blühende Artensche Geschlecht war
jetzt wirklich nur auf ihn und seinen kleinen Bruder gestellt Es war
notwendig es war unerlässlich dass Renatus sich früh verheiratete
    Je mehr er darüber nachdachte um so wahrscheinlicher dünkte es ihn dass
auch seinem Vater eine Verbindung zwischen ihm und Hildegard willkommen sein
würde denn sowohl der Freiherr als der Kaplan hatten ihn beständig zu dem
Umgange mit den Rhodens angehalten und nun er sich im Geiste die Sache
überlegt fand er dass ihm selbst wenn er sich seine Zukunft und seine einstige
Ehe vorgestellt immer mehr oder weniger deutlich Hildegardens Bild vor der
Seele geschwebt hatte
    Die Missstimmung in welcher er bei den Freunden angelangt war schwand vor
diesen Gedanken völlig hin eine außerordentlich sanfte Empfindung trat an ihre
Stelle Er fühlte kein leidenschaftliches Verlangen er hegte keinen neuen
lebhaften Wunsch er sehnte die Zukunft und eine Änderung der jetzigen
Verhältnisse nicht einmal herbei Er war zufrieden wie Einer der einen wohl
begründeten gesicherten Besitz in ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht
aber er rückte unwillkürlich seinen Stuhl näher an Hildegard heran als er es
sonst getan hatte und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt beugte er
sich zu ihr hinüber ihren fleißigen Händen zuzusehen wie sie mit sicherem
Finger die Blumen in den weißen Musselin einstickte welcher zum
Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte Er hatte ihr selbst das Muster
dazu aufgezeichnet
    Hildegard von seinem Atem warm berührt wendete sich nach ihm hin und wie
sie die Augen zu ihm erhob wie ihre Blicke sich so nahe begegneten und trafen
fuhr ihm ein elektrischer Strahl durch den ganzen Körper Das Blut wallte wie
nie zuvor im Leben heiß in ihm auf stieg ihm in schnellem Fluge in die Wangen
und er wusste zuversichtlich dass es Hildegard gerade so empfinden müsse dass
sie obschon sie ihr Haupt gleich wieder auf ihre Arbeit niedersenkte erglühe
und erbebe wie er selbst Er hatte Mühe ihre rötlichen Locken die ihr über
den schlanken Rücken bis zum Gürtel niederflossen und die er ohne dass sie es
bemerkte mit vorsichtiger Hand berühren konnte nicht an seine Lippen zu
drücken er hielt sich jedoch zurück Es war ihm so glücklich und so still ums
Herz wie in einem der Träume in denen wir Wunder erleben ohne uns über sie zu
wundern in denen wir unser märchenhaftes Glück ganz natürlich finden und in
denen eine dunkle Ahnung uns doch von jedem selbstständigen Wollen und Tun
zurückhält weil wir durch jedes Regen oder Handeln den wohltätigen Zauber der
uns umfängt zu zerstören befürchten
    Er hörte es wie die Gräfin der jüngeren Tochter die Weisung gab ihr das
Buch von ihrem Arbeitstische zu holen er sah wie das vierzehnjährige rosige
Mädchen sich erhob und er kannte das Buch in seinem Einbande von blassblauem
Moirée Es waren Novalis Gedichte seine Hymnen an die Nacht Des früh
verstorbenen Dichters Mutter eine nahe Anverwandte der Gräfin hatte sie ihr
verehrt sie gehörten zu den Lieblingspoesien des Hauses
    Man war von jeher gewohnt gewesen etwas zu lesen wenn Renatus kam Eine
Reihe von erhabenen Dichtwerken von schönen Gedanken war auf diese Weise ihm
und Hildegard gemeinsam zu eigen geworden und jetzt da man das Bekannte
abermals mit einander durchging um es der jüngeren Schwester zugänglich zu
machen genoss man es aufs Neue mit steigender Erkenntnis
    Aber heute hatte Cäcilie schon eine geraume Zeit gelesen ohne dass Renatus
mehr als den sanften Schall ihrer Stimme vernommen hätte Endlich trafen auch
die Worte sein Ohr »Du Nachtbegeistrung Schlummer des Himmels kamst über
mich« so las sie »Die Gegend hob sich sacht empor über der Gegend schwebte
mein entbundener neugeborener Geist Zur Staubwolke wurde der Hügel durch die
Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten In ihren Augen ruhte die
Ewigkeit ich fasste ihre Hände und die Tränen wurden ein funkelndes
unzerreissliches Band Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne wie Ungewitter
An ihrem Halse weint ich dem neuen Leben entzückende Tränen Es war der erste
einzige Traum und erst seitdem fühl ich ewigen unwandelbaren Glauben an den
Himmel der Nacht und sein Licht die Geliebte«
    Renatus konnte die Fülle seiner Empfindung nicht bemeistern Er stand auf
und trat an das Fenster »Unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein
Licht die Geliebte« wiederhallte es in seiner Seele
    Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das helle Gewölk der Jüngling
meinte noch keine solche Nacht erlebt zu haben Auch Hildegard hatte sich
erhoben und sich zu ihm gesellt Sie fragte ihn wonach er ausschaue Aber statt
der Antwort legte er seine Hand auf die ihrige die auf dem Fensterkissen ruhte
So blieben sie stehen in stillem Glücke bis Cäcilie ihnen zurief ob sie denn
nicht wiederkommen würden und die Gräfin ihnen den Vorschlag machte etwas zu
singen wenn sie nicht mehr lesen möchten
    Sie waren dazu bereit denn ihre Stimmen passten wohl zusammen und waren mit
einander eingeübt Hildegard öffnete das Klavier Renatus suchte das Notenheft
aus und wählte ein Mattissonsches Lied Die Gräfin übernahm die Begleitung des
zweistimmigen Gesanges
    Hildegard hub an
Auf ewig dein Wenn Berg und Meere trennen
Wenn Stürme dräun
Wenn Weste säuseln oder Wüsten brennen
Auf ewig dein
fiel die schöne kräftige Stimme des Jünglings ein 
Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale
Beim Silberschein
Des Abendmonds im stillen Hirtentale
Auf ewig dein
Senkt einst mein Genius die Fackel nieder
Mich zu befrein
Dann hallts noch im gebrochnen Herzen wieder
Auf ewig dein
Sie hatten das Lied schon oft gesungen und doch erschien es beiden heute so
neu als hätte der Augenblick es eben erst in ihnen selbst erzeugt auch die
Gräfin rührte es mehr als sonst und sie belobte die Beiden
    Inzwischen war es spät geworden und Renatus sagte dass er gehen müsse
Cäcilie wollte ihn zu bleiben bewegen aber er ließ sich nicht zum längeren
Verweilen bestimmen und Hildegard nötigte ihn auch nicht dazu Ihre Herzen
waren voll zum Überfliessen
    Als sie ihm das Geleite gab küsste er ihr die Hand Er hatte sie sonst
oftmals umarmt und sie hatte es ihm nie verwehrt Heute hätte er das nicht
vermocht denn heute hatte er es empfunden er liebte Hildegard
 
                                Sechstes Kapitel
Die Jahreszeit des Gartensaales war lange vorüber und selbst der Besuch des
Denkmals hatte seit Monaten aufgehört Der Nordwind schüttelte die großen
Tannen die das Monument umstanden dass der Schnee von ihren breiten Ästen in
schweren verstiebenden Flocken herniederfiel und es war noch nicht lange nach
vier Uhr als Seba von dem Fenster ihres Wohnzimmers schon den Sonnenuntergang
über ihren Lieblingsbäumen am Parke des andern Ufers betrachten konnte deren
kahle Kronen sich scharf und klar gegen das helle Gelbrot des kalten
Winterhimmels abzeichneten Aber sie hatte heute keine rechte Ruhe Sie stand
von Zeit zu Zeit von ihrem Sessel auf sah zu ob das Feuer in dem Ofen des
Nebenzimmers brenne dann wieder trat sie von dem fernen Rollen eines Wagens
gelockt in der vorderen Stube an das Fenster bis ihr Auge auf den Zeiger der
Uhr fiel und sie belehrte dass ihre ungeduldige Erwartung eine vorzeitige und
ihr Wünschen nicht im Stande sei den Lauf der Stunden zu beflügeln
    Davide saß schreibend an dem Tische an welchem sich endlich auch Seba mit
einem Buche niederließ indes sie merkte bald dass ihre Gedanken sich nicht
sammeln lassen wollten Sie legte das Buch also wieder zur Seite und nahm eine
Näharbeit zur Hand Aber selbst diese Beschäftigung erwies sich heute zu ihrer
Beruhigung nicht wirksam und die klaren klugen Augen auf sie gerichtet
blickte Davide die Tante wie sie ihre Kousine bei dem zwischen ihnen
obwaltenden Altersunterschiede zu nennen gewohnt war eine Weile mit sinnendem
Lächeln an Als Seba das gewahrte fragte sie was Davide denke
    Das junge Mädchen antwortete nicht gleich sondern zeichnete spielend
allerlei Figuren auf ein Blatt Papier das vor ihr lag und erst als Seba ihre
Frage wiederholte erwiderte sie zögernd und verlegen Ich möchte nur wissen
liebe Tante ob Du auch so ungeduldig sein würdest wenn Du meine Ankunft zu
erwarten hättest
    Zweifelst Du daran
    Davide legte die Feder nieder stützte den hübschen Kopf mit beiden Händen
und sagte darauf Ja das tue ich
    So muss ich Dir wiederholen was ich Dir neulich schon bemerkte dass Du
Anlage zur Eifersucht hast und dass Eifersucht die Schwester des Neides und eine
hässliche Gewohnheit ist
    Seba hatte das scherzend gesprochen aber Davide nahm es nicht so auf Sie
wurde vielmehr ganz ernstaft und versicherte mit einer unverkennbaren
Selbstüberwindung dass die Tante ihr Unrecht tue Es ist nicht meinte sie dass
ich Andern Deine Liebe nicht gönne sondern nur dass ich gleich wie eine Fremde
wie eine Ausgestossene bin wenn Ihr beisammen seid Du hast ja sonst keine
Geheimnisse mit andern Leuten Du sprichst mit ihnen offen und unumwunden auch
wenn ich dabei bin fragst sie nach ihren Eltern und Geschwistern und nur mit
ihm wird eine Ausnahme gemacht Er ist wie ein Kind vom Hause der Onkel und Du
Ihr liebt ihn als gehörte er zu Euch Ihr nennt ihn Du er nennt Dich eben so
und er ist doch kein Verwandter von uns sondern nur ein Fremder Er geht mit
mir gleich seit er zum ersten Male zu uns kam wie ein älterer Bruder um er
lobt mich und tadelt mich als hätte er ein Recht dazu  Du findest das auch
ganz in der Ordnung und ich habe gewiss nichts dagegen denn er ist ja so klug
und so gut Aber so oft ich seit ich über dergleichen Dinge nachdenke ihn oder
Dich in den letzten Jahren gefragt habe wo er denn eigentlich her ist wer
seine Eltern sind wie wir mit einander zusammen hangen seid Ihr mir beide
ausgewichen
    Keineswegs Ich habe Dir vielmehr sehr bestimmt gesagt erinnerte Seba dass
Du ihn an seine Kindheit nicht erinnern mögest weil sie nicht glücklich gewesen
ist und dass Du ihn aus demselben Grunde nicht um seine Familienverhältnisse
befragen sollst Er hat seine Mutter früh verloren
    So ist es ja auch mir ergangen wendete Davide mit jener dreisten
Beharrlichkeit ein welche der Jugend niemals fehlt wo sie durch Erforschung
eines ihr verborgen Gehaltenen ihren Willen durchzusetzen und sich das Recht
einer Mitwissenschaft zu erkaufen für nötig hält Ich habe meine arme Mutter
auch früh verloren aber ich habe es eben deshalb gern wenn Du mir von ihr
erzählst oder wenn sonst Jemand der sie gekannt hat zu mir von ihr redet Mit
Baron Renatus ist es eben so nur mit diesem Herrn Tremann soll es anders sein
nur mit ihm machst Du eine Ausnahme und statt dass ich mich freuen sollte wenn
er kommt denke ich also immer nur daran dass Ihr mich noch wie ein kleines Kind
behandelt und dass ich nicht einmal weiß woher er stammt den Du doch von allen
Menschen den Vater ausgenommen am liebsten hast
    Der gereizte Ton in ihren Worten befremdete Seba Es war das erste Mal dass
sie ihn an ihrer Pflegetochter zu beobachten hatte und sie wusste sich die
Quelle aus welcher er entspringen konnte nicht gleich zu erklären Blosse
Neugier konnte es nicht sein die würde sich leichter und heiterer geäußert
haben an die Eifersucht mit welcher sie Davide so eben geneckt hatte glaubte
Seba eben so wenig ernstaft aber wie man an einem reinen Spiegel keine Trübung
dulden mag lag es ihr daran in des jungen Mädchens Seele keinen Zweifel und
kein Misstrauen aufkommen zu lassen und sanft wie es ihre Weise war sagte sie
Du bist nicht offen mit mir Davide Du sprichst dich in einen Zorn hinein den
Du vernünftiger Weise gar nicht fühlen kannst und zeigst mir ein Misstrauen das
noch weit törichter ist als jener Zorn Du machst mir den Vorwurf Dir etwas
zu hinterhalten was ich Dir möglicher Weise hinterhalten muss weil ich nicht
Herr darüber bin während Du mir Deine wahre Meinung und die wahren Gründe der
Aufregung verbirgst in der Du Dich befindest So sollte es zwischen mir und Dir
nicht sein
    Da sprang Davide plötzlich von ihrem Sessel auf fiel vor Seba auf die
Kniee und ihr Gesicht in ihrem Schoss verbergend während sie den Leib der
Tante mit beiden Armen umschlang fing sie zu weinen an
    Was soll das Kind was soll das rief Seba während sie das junge Mädchen
zu sich empor zu ziehen versuchte Aber dieses blieb in seiner gebückten
Stellung vor ihr liegen und sagte schluchzend Vergib mir vergib mir Ich hätte
Dir es ja lange sagen müssen dass ich Alles Alles weiß Ach Du ahnst es nicht
wie unglücklich ich darüber war Ich 
    Sie konnte vor Schluchzen nicht sprechen ihr Zustand wurde für Seba immer
rätselhafter und im Innersten beunruhigt fragte sie lebhaft Worüber bist Du
unglücklich was fehlt Dir Was hast Du Kind
    Ich konnte Dich eine Zeit lang gar nicht mehr lieben Ich  Sie warf sich
der Tante mit beiden Armen um den Hals und ihr Gesicht an Sebas Busen lehnend
sagte sie kaum hörbar Ich verachtete Dich 
    Seba zuckte erschreckend zusammen das Wort versagte sich ihr Du
verachtetest mich fragte sie endlich langsam als falle es ihr schwer den
ganzen Vorgang zu verstehen
    Weil Paul Dein Sohn ist entgegnete Davide und sank sich von der Brust der
Tante aufrichtend auf einen der Sessel nieder die am Tische standen ihr
Antlitz in ihren Händen verbergend
    Seba blieb ruhig stehen Ein schwerer Schmerz ging durch ihre in Leid wie in
Geduld geprüfte Seele und fand seinen Ausdruck in dem stillen Seufzer der über
ihre Lippen glitt Sie begriff nicht was ihre Pflegetochter eben zu dieser
Vermutung gebracht oder wer ihre Phantasie auf diesen Weg gewiesen haben
konnte Aber es war ihr zu Mute wie dem Wanderer dem sich an einem völlig
hellen Tage plötzlich die Sonne verhüllt Aus ferner Zeit stieg die Erinnerung
wie ein dunkles Gewölk unheimlich vor ihr auf und warf ihren düstern Schatten
über die ruhige Sicherheit in welcher sie sich seit Jahren bewegte Es
fröstelte sie sie fühlte sich krank sie hätte weinen mögen indes die Tränen
sind wie falsche Freunde sie versagen dem plötzlichen dem überwältigenden
Schmerze ihre Hilfe und ihren Trost und wie immer gewann die Liebe für die
Andern in Sebas Brust den Sieg Nicht an sich durfte sie denken nicht an ihr
Empfinden Sie hatte Davide zu beruhigen sie hatte das Kind zu trösten das in
ihr seine Mutter liebte das irre geworden war an ihr  und wie durfte eine
wenn auch noch so späte und unerwartete Folge ihres eigenen Tuns sie
überraschen und ihr als eine unverdiente Härte erscheinen
    Sie trat leise an Davide heran legte ihre Hand auf des jungen Mädchens
Schulter und sagte Beruhige Dich mein Kind denn Du irrtest Paul ist nicht
mein Sohn Aber wer brachte Dich auf die Vermutung
    Davide blickte die Tante mit einem Ausdrucke an der die ganze Verwirrung
ihrer Empfindungen verriet und diese musste ihre Frage wiederholen ehe sie
abgebrochen und leise die Worte hervorstiess Als ich noch ganz klein war hat
meine Wärterin es einmal zu Deiner damaligen Jungfer gesagt
    Was hat sie gesagt Besinne Dich forschte Seba ernstaft um nur die
Gedanken der Aufgeregten zu sammeln
    Deine Jungfer wunderte sich dass Du Dich nicht verheiratet hättest und

    Und wiederholte Seba da Jene wieder in das Stocken geriet
    Und die Wärterin sagte Du hättest schlimme Erfahrungen gemacht Du hättest
einen vornehmen Herrn geliebt 
    Sie hielt aufs Neue inne und fing wieder zu weinen an Da nahm Seba ihre
Hand und sprach mit der ganzen Bestimmtheit deren ihre ernste Seele fähig war
Wenn Du den Mut hattest mir in Deinem Herzen auf das unbestimmte Wort einer
Dienerin hin zu misstrauen und mich wie Du sagtest zu verachten so wirst Du
Dich auch überwinden müssen vor mir auszusprechen was ich wissen will und muss
Nimm Dich zusammen und antworte  was hast Du gehört Was glaubst Du von mir
    Davide wurde bleich Sie kannte diesen Ton in der Stimme ihrer Tante und war
gewöhnt worden ihm unbedingt zu gehorchen denn Seba war der Ansicht dass
strenge Unterordnung unter einen fremden Willen das Kind am leichtesten zur
einstigen Selbstbeherrschung vorbereitet dass derjenige welcher von je her
gewöhnt wird unbedingt zu gehorchen sich auf einen augenblicklichen
bestimmten Befehl schnell zu überwinden später auch dahin gelangt sich selber
zu bemeistern wenn es Not tut  und sie konnte an ihrer Pflegetochter eben in
dieser Stunde die Richtigkeit ihrer Meinung erproben
    Bewegt aber dem befehlenden Anrufe nachgebend sprach sie Sie sagten ein
vornehmer Herr hätte Dich verführt und Dich verlassen und als dann Paul mit
Einem Male hieher kam als ich sah wie Du ihn liebtest da 
    Nun fragte Seba
    Da dachte ich mir er sei Dein Sohn
    Es entstand eine kurze Pause Seba verzog keine Miene Davide hörte ihr
eigenes Herz klopfen Es wäre ihr eine Wohltat gewesen hätte sie jetzt das
Rollen eines Wagens vernommen wäre Paul jetzt eingetreten Es blieb aber Alles
still auf der Straße in dem Hause in der Stube und wie schwere Schläge fielen
die Worte Sebas Und nun hieltest Du Dich berechtigt mich zu verachten in des
jungen Mädchens Seele
    Sie wollte sich abermals vor der Tante niederwerfen diese hinderte sie
jedoch daran und sich leise mit der Hand nach dem Herzen fahrend sprach sie
Man hat Dir die Wahrheit gesagt  ich habe einen vornehmen Mann geliebt und bin
von ihm verraten worden
    Ich bitte ich beschwöre Dich sprich nicht weiter rief Davide mit
flehender Gebärde  vergib mir o vergib mir dass ich Dich daran mahnte und
schweige
    Seba beachtete ihre Bitte nicht Da Du Dich zu meinem Ankläger und Richter
aufgeworfen hast sagte sie mit einer schmerzlichen Kälte so wirst Du mich auch
wohl hören müssen Ich weiß nicht wie Deine Wärterin zur Kenntnis jenes
unglücklichen Ereignisses gekommen sein kann darauf kommt es auch nicht an Das
Leben ist wie ein Strom unsere Vergangenheit unsere Taten sinken in ihm
unter dass wir sie selbst dem eigenen Blicke für immerdar entschwunden meinen
und plötzlich bringt ein unvorhergesehenes Ereignis sie aus der Tiefe wieder vor
unserem Auge als ernste Mahnung an das Licht  Sie hielt inne seufzte und
sprach danach Lass es Dir eine solche Mahnung sein eine Mahnung den größten
und reinsten Empfindungen Deines Herzens zu misstrauen wo sie mit dem Gesetze
und der Sitte in Widerstreit geraten denn wie rein unser Selbstgefühl auch
sein mag es schützt uns nicht gegen die Schmerzen die fremder Tadel uns
zufügt und es bewahrt uns nicht davor  Du hast es eben selbst erlebt  von
denen gelegentlich misskannt ja selbst verachtet zu werden denen wir durch ein
ganzes Leben unsere Liebe zugewendet und deren achtendes Vertrauen wir gewonnen
und verdient zu haben glauben Das ist für mich eine bittere für Dich eine
heilsame Erfahrung
    Die Stimme bebte ihr sie stand auf und ging nach dem Nebenzimmer Davide
wollte ihr folgen indes sie gab ihr ein Zeichen zurück zu bleiben und noch
einmal lagerte sich die frühere bange Stille über diese Räume Davidens Tränen
waren versiegt Es ging etwas in ihr vor das sie sich nicht zu erklären wusste
und doch fühlte sie die Veränderung Es dünkte sie als sei sie älter geworden
als sei ihr ein Amt zuerteilt als habe sie eine Pflicht übernommen Sie dachte
mit einer ganz neuen Empfindung mit einer ihr bis dahin völlig fremden Art von
Liebe an die Tante Sie sorgte sich um dieselbe sie hätte sie auf ihren Händen
tragen mögen wie ein Kind und doch zog es sie ihr Abbitte zu leisten und ihre
Vergebung zu erhalten Aber auch dabei blieben ihre Gedanken nicht haften sie
nahmen eine Richtung in welcher sie sich nie vorher bewegt hatten Was ist die
Tugend fragte sie sich wenn die Tante dieses reinste dieses edelste der
Herzen eine Tat begehen konnte welche die Religion das Gesetz und die Sitte
verdammen Wie war es möglich dass ich jemals an ihr irre werden konnte deren
selbstverläugnende Güte mir beständig als ein unerreichbares Vorbild vor Augen
schwebte und wo fand ich den Mut die Härte die Undankbarkeit und die
Grausamkeit vor ihr auszusprechen was wie ich sicher wusste sie notwendig
verwunden doppelt verwunden musste da ich es war die sich gegen sie erhob
    Davide hatte sich bisher in unbefangenem Selbstvertrauen für gut gehalten
sich ohne Bedenken die besten Eigenschaften zuerkannt weil die übelen
Leidenschaften der menschlichen Natur in ihr noch nicht zur Anregung gekommen
waren und erschreckt und gedemütigt stand sie in dem Augenblicke in welchem
sie sich zum Ankläger ihrer Pflegemutter ihrer Seba machte vor sich selber da
Es war der erste Schritt den sie auf dem schweren Pfade der Selbsterkenntnis
machte der erste Einblick in die Selbstsucht des menschlichen Herzens
überhaupt das erste Mal dass in ihr die Ahnung auftauchte wie leicht es sei
nach überkommenen Gesetzen blindlings abzuurteilen wie schwer die Umstände
erwägend das Wesen eines Menschen und seinen Lebensgang zu verstehen und selbst
in seinen Irrtümern zu begreifen
    Sie verlangte nach der Wiederkehr der Tante und scheute sich doch ihr unter
die Augen zu treten So verging eine geraume Zeit und sie ward der Einsamen
lang genug
    Als Seba endlich wieder in das Zimmer trat war jede Spur von Bewegung aus
ihren Mienen verschwunden Sie gab Davide die Hand schloss sie da sie sich an
sie lehnte um ihr Gesicht in den Armen der Tante zu verbergen sanft an ihre
Brust und sagte Sei weiser und werde glücklicher als ich das soll mein Trost
das soll mein Lohn sein Kind  Und als die Erschütterte ihr mit neuen Tränen
darauf Antwort geben wollte hinderte Seba sie daran
    Wir müssen gefasst sein um des lieben Gastes willen den wir erwarten Nur so
viel für diesen Augenblick da dein Sinn nach Aufklärung verlangt Paul ist
eines Edelmannes unrechtmässiger Sohn und seine Mutter gab sich in der
Verzweiflung ihres Herzens selbst den Tod Ein Zusammentreffen von Umständen
brachte ihn früh in meine Nähe ein anderes Zusammenwirken von Ereignissen bewog
ihn da er dem Knabenalter kaum entwachsen war aus dem Hause zu entfliehen in
welchem er erzogen wurde Du hast bereits davon gehört Du sollst mehr davon
erfahren für heute lass Dir dies genügen
 
                               Siebentes Kapitel
Der lang ersehnte Ton des Postorns ließ sich in dem Augenblicke vernehmen er
klang näher und näher das Rollen des Wagens der Hufschlag der Pferde schallten
herauf Seba richtete sich freudig empor
    Komm rief sie Davide bei der Hand ergreifend komm wir wollen ihm
entgegen gehen
    Das junge Mädchen blieb zögernd stehen Ich kann nicht sagte es beklommen
und als Seba es mit sanft ermutigendem Zuspruch mit sich fortzuziehen strebte
machte Davide ihre Hand mit dem klagenden Ausrufe Ach ich verdiene es nicht
von Seba los und wollte sich eben durch das Seitenzimmer entfernen als die
Türe des Wohnzimmers schnell geöffnet ward und die Wildschur und die
pelzverbrämte Mütze von sich werfend ein großer schöner Mann in das Zimmer
eintrat
    Da bin ich wieder einmal meine liebe Seba rief er indem er sie umfasste
und sie während er sie küsste mit den kräftigen Armen ein wenig in die Höhe
hob dass sie sich plötzlich befreiten Herzens in lachender Abwehr dagegen
sträubte Da bin ich wieder einmal und herzlich froh bei Euch zu sein denn ich
versichere Euch dass in dieser Kälte der Reisewagen und die russischen
Schneefelder lange nicht so behaglich sind als dieses Zimmer hier Aber ich
sehe den Vater nicht er ist doch nicht krank  Und sich umschauend fügte er
hinzu indem er Daviden die Hand reichte und auch sie flüchtig umarmte Wie Du
in den drei Monaten wieder gewachsen bist Davide Du kannst Dir etwas darauf
einbilden Du wirst unserer Seba immer ähnlicher
    Der Ton seiner Stimme hatte jenen frischen Klang den man nur aus der Brust
eines völlig gesunden Mannes ertönen hört und der an und für sich erfreulich und
belebend wirkt aber auch die ganze übrige Erscheinung war ein strahlendes Bild
jugendlicher Männlichkeit und es dünkte dem liebevollen Herzen Sebas als sei
mit seinem bloßen Eintreten Licht und Wärme als sei Frühling und Sonnenschein
in dem Zimmer angebrochen und über sie gekommen Er war wie seine früheste
Kindheit es hatte voraussehen lassen das vollständige Ebenbild seines Vaters
geworden Es war dieselbe große gebieterische Gestalt es war die breite Brust
des Freiherrn Wie dieser trug er den kräftigen Nacken hoch und stolz und jeden
Zug seines Antlitzes ja sogar jene anscheinend zufälligen Mienen jene
kleinen plötzlichen Gebärden die man gemeinhin als durch die Nachahmung im
täglichen Beisammensein sich vom Vater auf den Sohn forterbende
Eigentümlichkeiten zu bezeichnen liebt hatte Paul mit dem Freiherrn wie eine
Stammeseigenschaft gemein nur dass alle seine Bewegungen freier schneller
leichter waren als der Freiherr sie bei seinem frühen Bestreben nach
würdevoller Gemessenheit in sich auszubilden im Stande gewesen war
    Seba selber geleitete den lieben Gast in das für ihn bereitete Zimmer sie
ließ es sich nicht nehmen ihm selbst das Licht vorzutragen während der Diener
sich seines Pelzes und seines übrigen Gepäckes bemächtigte und abermals schlang
Paul voll Zärtlichkeit während sie neben einander hergingen seinen Arm um sie
und bedeckte ihre Hand mit seinen Küssen Man konnte es ihnen ansehen wie sehr
sie an einander hingen
    Eine Stunde später saß Paul in dem Kabinette welches an das Komptoir des
Hauses anstieß mit Herrn Flies und Seba in ernstem Gespräche beisammen Es war
Posttag und in dem Komptoir arbeiteten die Gehülfen noch still und schweigend an
ihren Pulten obschon es später als gewöhnlich war Die Reitpost welche zweimal
in der Woche den Briefverkehr nach Osten besorgte ging früh am anderen Morgen
ab und den großen Handlungshäusern die in dem Postbureau ihre laufenden
Rechnungen hatten war es vergönnt ihre Briefe noch über die allgemeine
Schlussstunde der Briefannahme zur Beförderung auf die Post zu senden
    Paul hatte ein Notizbuch in der Hand ein Kopieheft und eine Anzahl Briefe
lagen neben ihm Er wünschte Herrn Flies Auskunft über die Erfolge einer
gemachten Geschäftsreise zu geben sofern dieselben nicht aus seinen früheren
Briefen ersichtlich waren und Seba hörte schweigend zu obschon sie einsichtig
und unterrichtet genug war um an dieser Unterhaltung einen lebhaften Anteil zu
nehmen auch wenn es nicht ihr Vater und Paul gewesen wären welche sie führten
Es freute sie eben so die scharfe Klarheit mit der ihr Vater alle seine Fragen
stellte als die sichere Bestimmtheit mit welcher Paul sie beantwortete denn
Sachkundige sich auf einem Gebiete bewegen zu sehen das sie voll und ganz
beherrschen gewährt an und für sich immer eine Genugtuung weil es uns
gleichviel von welcher Seite einen Einblick in das große aus den
verschiedensten Bestandteilen sich zusammensetzende Getriebe des jedesmaligen
Culturzustandes vergönnt während es uns zugleich  und dieses Letztere genoss
Seba in dem Falle mit besonderer Befriedigung  Achtung vor dem menschlichen
Wollen und Vollbringen einflößt
    Herr Flies schien wohl zufrieden zu sein mit allem was der junge Mann
berichtete Paul musste danach Auskunft über seine Erlebnisse während dieser
Abwesenheit geben und als man endlich von dem Besonderen und Persönlichen zu
dem Allgemeinen überging als man des furchtbaren Druckes gedachte den die
Napoleonische Herrschaft auf ganz Europa ausübte fragte Seba wie Paul die
Stimmung gegen Napoleon in Russland gefunden habe
    Paul sah sich vorsichtig um machte die Türe welche nach dem Nebenzimmer
führte noch besonders zu und sagte darauf Wie wir es nur wünschen können Der
Hass gegen ihn ist dort vollkommen so stark und so feurig als hier bei uns und
es sind dort Männer welche die Glut zu erhalten und zu schüren wissen Ich
habe Briefe des Freiherrn vom Stein an den Staatskanzler mitgebracht
    Du Und wie kamst Du zu solchen Briefen fragte Herr Flies
    Paul nannte den Namen eines großen englischen Banquiers in dessen Hause er
den Freiherrn gesehen hatte und ihm vorgestellt worden war Der Freiherr sagte
er hat von mir da ich gerades Weges von Deutschland kam Auskunft mancher Art
verlangt die ich ihm geben konnte und als er hörte dass ich mich von
Petersburg eben so geraden Weges hierher begeben würde hat er mich gefragt ob
ich mich entschließen könne Briefe von ihm nach Deutschland mitzunehmen
    Und Du fragte Seba ängstlich da ein solcher Dienst für jenen Geächteten
gefährlich genug war
    Nun ich habe mich natürlich nicht besonnen entgegnete Paul ich war
glücklich genug den Mann zu sehen stolz darauf etwas für ihn leisten zu
können und noch heute will ich die Papiere in die Hände des Staatskanzlers
überliefern
    Er nahm während er das sagte die Pelzmütze die er auf der Reise getragen
von dem Seitentische auf dem er sie liegen hatte zog ein kleines Messer hervor
und fing an den breiten Zobelbesatz der sie umgab mit schneller Hand herunter
zu trennen und die Briefe welche unter demselben verborgen gewesen waren
sorgfältig zu glätten
    Welch ein Zustand rief Seba in dem die Bewohner eines ganzen Weltteiles
unter der Tyrannei eines Einzigen ihres Lebens nicht mehr sicher sind in dem
jede persönliche Freiheit wie die allgemeine Freiheit gleichmäßig bedroht in
dem jede selbstbestimmte Tat gefährlich wird 
    Bis fiel Paul ihr in das Wort und seine großen Augen funkelten in schönem
Feuer bis alle die Einzelnen sich zu einer großen selbstbestimmten Tat
vereinen und dieser ersehnte Augenblick wird nicht lange auf sich warten
lassen  Er hatte das mit mehr Lebhaftigkeit gesprochen als er bisher gezeigt
aber seine Stimme zu leiser vertraulicher Mitteilung senkend fuhr er fort
Man erwartet in Russland den von Napoleon beabsichtigten Angriff mit eiserner
gewaltiger Entschlossenheit und würde selbst der Kaiser Alexander schwankend
so ist er von Männern umgeben die ihn um jeden Preis festzuhalten wissen
werden Aber mehr noch als der teoretische Hass gegen die Tyrannei wird die
Notwendigkeit die Völker zwingen sich gegen dieselbe zu erheben Wenn man
einem Menschen die Lebensadern unterbindet muss er die Bande sprengen sofern er
nicht ersticken will Für unsere ideale Überzeugung ist unser Vorteil der
stärkste Bundesgenosse der Handel kann die Kontinentalsperre nicht länger
ertragen das Gewerbe liegt überall darnieder das Land durch welches ich
gekommen bin ist soweit der Krieg es getroffen furchtbar mitgenommen und
Niemand kann wagen neue Kapitalien neue Arbeit an seine Herstellung zu wenden
da neuer Krieg am Horizonte dieses Jahres steht Und eben deshalb lieber Vater
habe ich ein Ansuchen an Sie
    Es lag in dem Tone mit welchem er diese letzten Worte sprach eine gewisse
Bewegung welche Seba sich nicht gleich zu deuten wusste aber Paul ließ ihr
nicht Zeit darüber lange nachzusinnen
    Als ich vor drei Jahren nach Europa zurückkam boten Sie lieber Vater mir
großmütig an mich als Teilnehmer in Ihr Haus aufzunehmen
    Und Du lehntest es ab bemerkte Herr Flies ihm in die Rede fallend
    Ich lehnte es ab entgegnete Paul weil Sie meiner in keiner Weise nötig
hatten und weil ich zu erproben wünschte was ich selber für mich tun könnte 
Er hielt ein wenig inne und sagte dann mit einer Bescheidenheit die seiner
stolzen Gestalt sehr wohl anstand Die Umstände Sie wissen es sind mir günstig
gewesen Ich habe mir mit den Mitteln die ich herüber gebracht in Hamburg ein
eigenes Geschäft ein eigenes Haus und ein gewisses Vermögen geschaffen Wollen
Sie mir jetzt noch die Möglichkeit gewähren mich mit diesem Kapitale in Ihrem
Hause arbeiten zu lassen so würden Sie mir eine große Gunst erzeigen
    Herr Flies zögerte zu antworten aber sein Blick ruhte mit wohlwollendem
Nachdenken auf dem jungen Manne
    Du wolltest nicht mit leeren Händen kommen sagte er
    Missbilligen Sie das entgegnete der junge Mann
    Nein mein Sohn ich lobe es vielmehr Jedermann soll und muss erproben was
er sich selber wert ist aber Du hattest dies bereits getan als Du nach
Europa wiederkehrtest und ich kann nicht absehen was Dich in diesem
Augenblicke dazu bestimmt Deine Geschäfte die sich sehr gut angelassen haben
aufzulösen um mit mir zu arbeiten denn was das Brauchen und Nötighaben
anbetrifft walten heute genau dieselben Verhältnisse wie vor drei Jahren ob
Ich bin dem Himmel sei Dank dafür noch rüstig und Du kannst immerhin da Du
einmal auf eigenen Füßen zu stehen gewohnt bist noch eine Weile für Dich allein
fortarbeiten Ich werde Dich rufen wenn ich Deiner zu bedürfen glaube
    Sie halten mich für selbstloser als ich bin meinte Paul Ich bitte um
meiner eigenen Sicherheit um meines Vorteiles willen jetzt als schweigender
Partner bei Ihnen eintreten zu dürfen Meine Vorräte sind Dank der
unheilvollen Handelspolitik Napoleons über all mein Erwarten vorteilhaft
verwertet Die Reise welche ich eben beendet hat mir vollauf bewiesen dass
auf dem Landwege kein Ersatz für die gehemmte Einfuhr zur See zu hoffen ist von
dem man sich wesentliche Erfolge versprechen darf und die Truppenmärsche die
seit Monaten aus dem fernsten Süden und Westen sich langsam gegen Osten bewegen
schneiden vorläufig die letzte Aussicht auf andere als auf solche Unternehmungen
ab welche die Versorgung der Armeen oder den Handel mit der Ware die jetzt
die begehrteste ist den Handel mit dem Gelde selbst zur Grundlage haben
    Lieferungen für die Franzosen kannst Du nicht unternehmen fiel Seba ihm in
die Rede
    Gewiss nicht beteuerte Paul aber gerade darum möchte ich meine Kapitalien
frei zur Hand haben denn die Rüstungen von dieser Seite werden Rüstungen von
der anderen hervorrufen und mehr als das Es kommt doch hoffentlich der Tag an
welchem wir selber einzustehen haben werden für unser Recht Ist dann mein
Vermögen in Ihren Händen teuerster Vater so wird es sicher auf die beste
Weise benutzt und angewendet  und ich bin frei
    Seba reichte ihm ihre Hand er ergriff sie und küsste sie herzlich Herr
Flies war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder Er war gewohnt sich
die Dinge von allen Seiten zu betrachten ehe er seine Meinung aussprach
Während dessen brachte einer der Handlungsgehülfen ihm die Briefe welche an dem
Abende noch abgehen sollten zur Unterschrift Er sah sie mit schnellem Blicke
durch unterzeichnete sie und sich an Paul wendend nachdem der Gehülfe das
Kabinet verlassen hatte sprach er an das Unterzeichnen der Briefe denkend Das
wirst Du mir also einmal in Zukunft abnehmen und ich werde auch an den Posttagen
mein Whist haben können Die politischen Ereignisse für welche Du Deine
Freiheit sicher zu stellen wünschest scheinen mir unwahrscheinlich oder
mindestens so sehr in weitem Felde dass man darauf hin noch keine Plane zu
machen braucht denn wer seine Herrschaft auf so ungeheuren Grundlagen baute
wie Napoleon Bonaparte den entwurzelt man nicht wieder fügte er mit jener
Bewunderung des Erfolges hinzu die man bei Kaufleuten häufig antrifft weil sie
leicht dazu verführt werden ihre eigene persönliche Bedeutung an ihren Erfolgen
abzumessen
    Er machte darauf eine kleine Pause und sagte danach Im Übrigen aber
abgesehen von allen Deinen politischen Erwartungen und patriotischen Hoffnungen
gefällt mir Dein Vorschlag Tue immer die nötigen Schritte zu seiner
Ausführung Wir sprechen mehr davon Jetzt sieh zu dass Du Dich Deiner
mitgebrachten Briefe bald entledigst Es ist spät der Weg bis zum Palais des
Staatskanzlers ist weit und ich möchte Dich bei Tische haben
    Paul sah nach der Uhr und entfernte sich mit der Zusage so bald als möglich
wieder zurück zu sein Herr Flies blickte ihm durch die Glastüre nach wie er
leichten Schrittes durch das Komptoir hinging
    Wie schön er geworden ist sagte Seba mit einer wahrhaft mütterlichen
Zärtlichkeit
    Ja er ist ein ordentlicher Mensch bekräftigte der Vater
 
                                 Achtes Kapitel
Es war nahezu Mitternacht Herr Flies hatte sich zurückgezogen auch Davide die
sonst gern mit Seba wach blieb war zur Ruhe gegangen und diese saß nur noch
mit Paul in einsamem Gespräche beisammen
    Sie wollte wissen wie er den Vater aussehend fände denn Herr Flies war
allgemach in die Jahre gekommen in denen die sorgsame Liebe ängstlich auf jedes
Zeichen von Schwäche oder von der notwendig beginnenden Abnahme der Kräfte
achtet weil man auf deren Neubelebung nicht mehr zu rechnen hat aber Paul
versicherte ihr dass er keinen Wechsel weder in ihres Vaters körperlicher
Rüstigkeit noch in seiner geistigen Frische und Festigkeit bemerke und er
erinnerte sie daran dass Herr Flies während des Abendessens von weitgreifenden
kaufmännischen Planen gesprochen habe was man im Greisenalter immer als das
beste Zeichen einer gesunden Kraft betrachten müsse weil ein hinfälliger Mann
im Gefühle seiner Ohnmacht sich nicht leicht zu solchen Gedanken verleitet
fühle Dagegen meinte er dass mit Davide eine große Wandlung vorgegangen sei
    Als ich vor vier Monaten hier war sagte er dünkte sie mir noch völlig ein
Kind zu sein Ihre unruhige Neugier ihre oft unbegreifliche Verlegenheit und
daneben das oft eben so unbegreifliche Zutrauen mit dem sie Fragen tun und
Erörterungen veranlassen konnte die sonst Niemand herbeigeführt haben würde
hatten noch etwas völlig Kindisches Sie hatte für mich nur Bedeutung weil Du
sie liebst weil sie zu Deinem Lebensglücke gehört ich für mein Teil hätte sie
Tage lang um mich haben können ohne dass es mich gefreut oder gestört hätte
Heute finde ich plötzlich dass sie anziehend geworden ist Ihr Blick ist
stätiger ihre Stimme weicher und das knabenhaft Herbe das mir an ihr missfiel
scheint sich auch verloren zu haben Sie hat etwas Demütiges bekommen etwas
Mädchenhaftes das ihr sehr wohl ansteht
    Seba nickte zustimmend Du irrst Dich nicht entgegnete sie aber diese
Wandlung ist der neuesten eine Sie hat sich heute eben in diesen Stunden erst
vollzogen und Du hast mehr Anteil daran als Du es weißt Was Du für
mädchenhafte Demut hältst ist ein Schuldbewusstsein eine Art von Reue und
diese wird vielleicht dazu dienen die herbe Sprödigkeit in Davidens Wesen die
an und für sich mir immer als ein Zeichen innerer Gesundheit an ihr erschienen
ist zu brechen
    Wie soll ich das verstehen fragte Paul
    Seba setzte ihm danach auseinander was vorgegangen war er hörte ihr
achtsam zu und meinte das junge Mädchen sei in seinem Rechte gewesen als es
Aufklärung über die Verhältnisse gefordert die ihm auffallend und
unverständlich gewesen wären Es könne sich kein denkendes Wesen zwischen
Rätseln wohl befinden und es gefalle ihm von Daviden dass sie den Mut
gefunden habe Aufklärung zu fordern
    Seba fragte ihn was sie ihr über seine Jugend und Vergangenheit sagen
solle Er besann sich eine kleine Weile und meinte sodann dass es nicht nötig
sei ihr den Namen seines Vaters zu nennen
    Seba bemerkte sie sei dazu ohnehin nicht geneigt gewesen da Renatus jetzt
wie er wisse öfter in ihrem Hause sei und sie knüpfte daran das Bedenken ob
es Paul nicht unerwünscht sein würde den jungen Freiherrn gelegentlich bei ihr
zu treffen
    Mir fragte der Erstere indem er sie mit einer gewissen Befremdung ansah
Ich wüsste nicht dass ich die Begegnung mit irgend Jemandem am wenigsten eine
solche mit diesem jungen Manne zu scheuen hätte und auch ihm obschon ich nicht
die mindeste Ursache habe auf seine Empfindungen Rücksicht zu nehmen wird es
wie ich mir denke sehr gleichgültig sein mit mir zusammen zu kommen Ich und
er haben nichts mit einander gemein am wenigsten aber wahrscheinlich in unseren
Anschauungen und wer weiß es ob er mich überhaupt erkennt oder in wie weit
seine Erinnerungen an seine Kindheit und an den Tag an welchem wir uns gesehen
haben in ihm lebendig geblieben sind
    Es war darüber spät geworden und die Ermüdung fing an sich dem jungen
Manne fühlbar zu machen da er seit mehreren Nächten in kein Bett gekommen war
Er küsste Sebas Hand als er ihr eine Gute Nacht wünschte sie umarmte ihn wie
einen Sohn Die Aussicht dass sie künftig an demselben Orte in demselben Hause
leben würden hatte für Beide einen großen Reiz und Paul gefiel sich darin es
der älteren Freundin auszumalen wie er sie hegen und pflegen wolle und wie gut
er es neben ihr haben würde Sie hörte ihm mit stillem glücklichem Lächeln zu
aber ihr Haupt sorgenvoll wiegend meinte sie Was aber liegt noch alles
zwischen dieser Stunde und der freudevollen Ruhe die Du mir versprichst Es
müssen noch Wunder geschehen ehe wir sie genießen können
    Wunder Was sind Wunder rief Paul mit Heiterkeit Alles ist ein Wunder und
nichts ist ein Wunder Ists denn nicht auch ein Wunder dass ich jetzt hier in
Deiner Nähe bin  dass ich armer Junge mich auf dem besten Wege befinde ein
reicher Mann zu werden  dass der Stein den die Bauleute verworfen haben
vielleicht noch einmal zum Eckstein wird
    Die alte Wunde in Dir ist nicht vernarbt bemerkte Seba warnend
    Vernarbt bis auf die letzte Spur versicherte der junge Mann und sie
schmerzt bei keinem Wetterwechsel Bringt mich der Zufall einmal dazu die
Stelle zu betrachten an der sie sitzt so sehe ich die Narbe nur um mich
darüber zu freuen dass ich stark und gesund genug zu solcher Heilung war dass
ich Niemandem dafür zu danken habe und dass die Einzigen gegen die ich ein
Unrecht begangen eben Du und Dein Vater sind die es mir so schön verziehen
haben Gute Nacht Du Liebe rief er ihr noch einmal zu und da sie ein Gefallen
daran hatte sich seinem Rate unterzuordnen fragte sie ihn noch einmal was
sie mit Davide machen solle
    Gib ihr die rote Brieftasche meinte er im Grunde hat es auch Nichts auf
sich wenn sie die ganze Wahrheit weiß wenn sie den Namen meines Vaters ahnt
Mich dünkt sie kann den ganzen Inhalt lesen und geringfügig wie er ist wird
er ausreichen sie zwischen uns wieder festzusetzen Denn fest sitzen und fest
stehen wo man sich befindet das ist die Hauptsache wenn man in sich zu etwas
kommen soll
 
                                Neuntes Kapitel
Am andern Morgen arbeiteten Herr Flies und Paul schon zeitig mit einander Seba
fuhr früher aus als sie pflegte ohne zu sagen wohin sie sich begebe und
Davide saß einsam in dem kleinen Stübchen das man ihr seit ihrem letzten
Geburtstage zu alleiniger Benutzung eingeräumt hatte Sie hielt eine alte große
Brieftasche deren fahl gewordenes rotes Leder deren plumpe Form es deutlich
zeigten dass sie geringen Leuten angehört haben musste und von diesen viel
gebraucht worden war in ihren Händen Indes das junge Mädchen blickte darauf
wie auf ein Heiligtum hin und scheu und ehrfurchtsvoll wie man an ein solches
herangeht öffnete sie dieses alte ihr anvertraute Familienstück
    Es lagen nur vergilbte Briefe und Documente in der Brieftasche Der
Taufschein eines Hans Christian Mannert der vor sechsundsiebenzig Jahren
geboren worden der Taufschein einer Louise Maria Wendinn die um acht Jahre
jünger war und der Trauschein dieser beiden Dann fand sich ein Taufschein der
Pauline Louise Mannert des Jägers Mannert Tochter unter deren Taufzeugen sich
die gnädige und hochgeborene Frau Baronin Pauline Amanda von ArtenRichten
aufgeführt fand und endlich das Taufzeugniss eines Paul Franz Mannert der
Pauline Mannert unehelich geborenen Sohnes die alle samt und sonders in der
Kirche zu Neudorf die Taufe empfangen hatten Daran reihte sich ein Attest
welches die Aufnahme des neunjährigen Paul Mannert in das Gymnasium
bescheinigte eine Anzahl von Schulzeugnissen schloss sich diesem an Das letzte
von diesen war in dem vierzehnten Jahre des Schülers ausgestellt und ein
Zeitraum von mehr als fünf Jahren trennte es von dem ersten der in der Mappe
vorhandenen Briefe der nur aus wenig Linien bestand
    Er war mit einer festen kaufmännischen Hand geschrieben an Mademoiselle
Seba Flies nach deren Vaterstadt adressirt und enthielt nichts als die folgende
Anfrage »Dein früherer Schützling liebe Seba den das Andenken an Deine Güte
für ihn nie verlassen hat möchte Dir Kunde von sich geben wenn Du ihm seine
Flucht verzeihen und von ihm hören willst Es geht ihm sehr wohl und er hat
nichts zu bereuen und zu bedauern als dass seine Entfernung aus dem Vaterlande
das ihm keine Heimat ist ihn auch aus Deiner Nähe entfernte Denkst Du seiner
noch willst Du von ihm hören und ihn sehr erfreuen so schreibe ihm und sage
ihm wie es Dir wie es Deinem guten Vater Deiner Mutter und dem Herrn
Kriegsrat geht Unter dem Namen Paul Tremann treffen ihn alle Briefe die an
das Handlungshaus von Samuell Willway Gebrüder NewYork gerichtet werden«
    Ein zweiter offenbar als Entgegnung auf Sebas Antwort geschriebener Brief
schilderte Pauls Erlebnisse seit seiner Flucht
    »Ich weiß es Dir nicht auszusprechen« hieß es in demselben »meine teure
geliebte Seba wie mir zu Mute war als ich vor zwei Tagen Deinen Brief in
meinen Händen hielt Ein ganz neues Gefühl ist über mich gekommen ich habe
Heimweh empfunden Heimweh nach Dir die Du das Einzige bist was mich an Europa
und an meine sogenannte Heimat fesselt Der Gedanke dass Du gestorben sein
könntest dass ich Dich nicht wiedersehen würde hat mich oft gequält und ich
kann daran ermessen wie schwer der Tod Deiner Mutter auf Dich und auf Deinen
Vater eingewirkt haben muss Ich möchte da gewesen sein Dich zu trösten ich
möchte überhaupt bei Dir sein können um Dir Freude zu machen Dir eine Stütze
zu werden wenn einmal auch Dein Vater hingehen wird  und während ich das
schreibe sage ich mir es werde Dich dies anmasslich und befremdlich dünken da
ich in Deiner Erinnerung nur als ein Knabe lebe der sich selber nicht zu helfen
wusste bis eine gewaltsame Empfindung ihn zu einem gewaltsamen Entschlusse
brachte
    Da Du mich nicht vergessen hast wirst Du Dich auch erinnern wie der
Gedanke meinen Vater in meiner Nähe zu wissen mich bewegte Ich hatte im
Herzen ein Bild von ihm bewahrt ich dachte an ihn wie an den schönsten Mann
ich wusste dass er mich geliebt dass ich auf seinen Knieen gesessen dass er mich
geküsst hatte dass er mir freundlich gewesen war
    Im täglichen Leben fiel mir das nur selten ein aber seit ich älter geworden
war träumte ich bisweilen davon und ich hegte damals noch die Zuversicht dass
meine Träume sich doch einmal verwirklichen müssten Es war meine Märchenwelt
und mein Vater war es der sie beherrschte
    Als ich dann plötzlich erfuhr dass mein Vater in der Stadt sei ließ es mir
keine Ruhe Ich hatte ein Verlangen zu ihm zu gehen bei ihm zu sein aber die
Furcht nicht wohl empfangen oder gar abgewiesen zu werden hielt mich von der
Ausführung meiner Wünsche zurück und in mein Planen und einsames Sinnen fiel
wie ein vernichtender Wetterstrahl die eilige und harte Erklärung der
Kriegsrätin dass mein Vater sich meines Daseins schäme dass meine Geburt mich
mit unauslöschlicher Schande brandmarke dass ich es als ein Glück und eine Gnade
anzusehen hätte wenn eine andere Familie wenn sie und der Kriegsrat sich
entschlössen mit ihrem Namen die Schande meiner Abkunft großmütig zu
verdecken
    Ich müsste viel Zeit darauf verwenden wollte ich Dir deutlich machen was in
der Einen Nacht in meinem Innern vorging und was ich in mir erlebte als am
nächsten Tage mein Vater den ich mit klopfendem Herzen wiedersah und der mich
auch erkannte sein Auge von mir wendete da ich ihm im Laden gegenüber stand
    Ich konnte nicht bleiben Wie sollte ich so rief es immerfort in mir einem
andern Menschen frei unter das Auge treten da meines Vaters Auge sich von mir
abgewendet hatte Ich fürchtete ich scheute mich vor Jedem der mich kannte
die Scham trieb mich von dannen
    Ich lief nach dem Hafen hinaus Ich war stets gern im Hafen gewesen das
Kommen und Gehen der Schiffe die Namen der Orte von denen sie kamen hatten
mich oft beschäftigt meine Gedanken oft in die weite Ferne gelockt aber als
ich an dem Bollwerke des Ufers auf und nieder ging ohne zu wissen wohin ich
mich wenden sollte gewann das Wasser selbst eine Gewalt über mich Es zog mich
an Ich dachte so müsse es meiner Mutter auch gewesen sein und ich müsse es
machen wie sie als auch ihr das Leben und die Schande zu viel und zu schwer
geworden waren Ich stellte mir mit Vergnügen vor wie die Kriegsrätin die mir
so weh getan hatte erschrecken würde wenn man ihr meine Leiche brächte ich
hoffte auch meinem Vater werde es Kummer machen und Reue einflößen und so voll
Bitterkeit und Hass war meine Seele dass ich Deiner kaum dabei gedachte Ich
wollte mir das Leben nehmen um der Schande los zu werden und mich an denen zu
rächen die mir alle diese Qual bereitet hatten
    So ging ich immer weiter bis ich zur Stadt hinaus und an den letzten
Ladeplatz des Aussenhafens gelangt war an welchem die Schiffe den Ballast
einzunehmen pflegen Ich hatte dort oft gespielt Den Tag über trieb ich mich in
den Dünenhügeln umher Ich wollte für meine Tat den Abend abwarten wenn es
einsam und still am Strande geworden sein würde und Niemand mir zu Hilfe kommen
könnte aber als der Abend kam als das helle Blau des Wassers dunkel zu werden
begann als die Nacht sich darüber ausbreitete graute mir vor dem Wasser und
vor dem Tode Ich war sehr müde das machte mich zu meinem Glücke verzagt indes
nicht umzukehren blieb ich doch entschlossen und ich war jetzt auch auf einen
andern Ausweg verfallen
    An der Landungsbrücke lag eine amerikanische Brigg Ich hatte gesehen dass
sie zum Auslaufen bereit war hatte die Arbeiter sagen hören dass sie am
nächsten Morgen absegeln würde Darauf gründete ich meinen Plan und meine
Hoffnung Beim Tagesgrauen brachte ein Bursche noch einen Korb voll frischen
Brodes nach dem Schiffe Er hatte offenbar noch andere Schiffe zu versorgen
denn er war sehr beladen ließ mir einige Brödchen ab und war es gern zufrieden
dass ich ihm bei dem Tragen half So kam ich auf das Deck als man schon die
Anker lichtete und in der Eile und der Hast der Arbeit ward man es nicht
gewahr dass ich nicht wie jener Bursche das Schiff verließ sondern mich die
Treppe hinabstahl und in einem der untersten Räume eine Zuflucht suchte
    Nie wieder habe ich ein solches Gefühl von Zufriedenheit von Glück und von
Freiheit gehabt als in dem Augenblicke da die Anker völlig aufgewunden das
Boot das uns hinaus bugsiren sollte niedergelassen worden war und als dann
endlich der frische Wind der in unsere Segel blies uns vorwärts trieb Ich
hatte Mühe unten in der Finsternis des Raumes auszuhalten Ich wünschte es zu
sehen wie wir die Stadt verließen mich zu überzeugen dass wir sie nicht mehr
sehen konnten aber die Besorgnis dass man mich zurückschicken könne wenn wir
einem einlaufenden Schiffe begegneten hielt mich in meinem Versteck gefangen
bis spät am Tage der immer lebhafter werdende Durst und das neugierige Verlangen
nach der Entscheidung meines Schicksals mir den Mut gaben mich hinauf zu
wagen
    Während ich mich in diesem Augenblicke zum ersten Male im Zusammenhange
jenes Tages und meiner Erlebnisse erinnere fällt mir die Zeit ein in welcher
ich mit Dir den Robinson und jene spätere Zeit kurz vor meiner Flucht in
welcher wir den Don Quixote gelesen haben Es hat eben Jeder von uns einen Zug
zum Abenteuerlichen in seiner Seele und darauf gründet sich wohl auch die ewige
Wirksamkeit jener Bücher die uns zum Vorbilde und zum Spiegel werden wie die
Ritterbücher dem guten Helden von der Mancha
    Ich hatte mir es in meinem Verstecke reiflich ausgemalt wie der Kapitän
mich empfangen was ich ihm sagen würde Einen ganzen kleinen Roman hatte ich
mir ausgedacht nur Eines hatte ich übersehen dass ich des Englischen nicht
mächtig war und als ich dann auf das Verdeck kam als man mich mit Erstaunen
gewahrte als der Kapitän und die Matrosen mit Fragen auf mich einstürmten die
ich nicht verstand bis der zweite Steuermann ein DeutschAmerikaner
herbeigerufen ward mich zu vernehmen da sagte ich von allem was ich mir zu
sagen vorgenommen nicht ein einziges Wort sondern die nackte Wahrheit und mit
dieser fand ich Glauben weil sie über die gewöhnlichen Erfindungen eines Knaben
weit hinaus lag Nur meinen Namen suchte ich zu verbergen Ich nannte mich
seine Buchstaben umstellend wie wir es spielend oft getan Tremann
    Ich weiß nicht was geschehen wäre hätte sich an dem Tage dem Kapitän die
Möglichkeit gezeigt mich zu entfernen Aber der starke Ostwind der uns
begünstigte hielt die nach unserer Heimat bestimmten Schiffe von unserem Curse
völlig fern und einmal im großen Ozean hatte Niemand mehr ein Interesse daran
an die Rücksendung eines Jungen zu denken an dessen Gegenwart Alle sich schnell
gewöhnten und der wenn man ihn nur bleiben ließ sich Jedem zu jedem Dienste
willig zeigte
    Als wir an dem Orte unserer Bestimmung landeten war es bei meinem
Beschützer als welcher der UnterSteuermann sich von Anfang an gezeigt
beschlossene Sache dass ich bei ihm bleiben solle Seine Frau betrieb einen
kleinen Handel in NewYork mit allerlei Waren die er von seinen Reisen
importirte und wie unvollkommen meine Kenntnisse nach allen Seiten damals auch
noch waren hatte ich vor meinem Steuermanne und seiner Frau doch in dieser
Beziehung einen großen Vorsprung Ich wusste wie sie es nannten mit der Feder
gut Bescheid ich konnte Dank Deiner Nachhülfe leidlich Französisch sprechen
und ich war also vollkommen geeignet in dem kleinen Laden im Hafen mit meinen
Kenntnissen mich nützlich zu machen da ich während der Reise das Englische
einigermaßen zu verstehen und zu sprechen begonnen hatte
    Einmal an Ort und Stelle erging es mir wie Jedem der schwimmen muss wenn
er nicht ertrinken will Notwendigkeit und Lebenslust hielten mich über Wasser
Anfangs beunruhigte mich bisweilen noch die törichte Besorgnis dass man
Nachfrage nach mir anstellen mich entdecken mich zurückführen könne indes ich
blieb unangefochten und das war alles dessen ich bedurfte obgleich der Weg
vom Ladendiener eines kleinen Krames im Hafen bis zum Geschäftsführer von
Samuell Willway Gebrüder nicht eben leicht nicht eben glatt gewesen ist
    Ich habe manche Stunde gehabt in welcher ich an Dich und an Dein Zimmer an
Deine Eltern und an die guten Tage bei Euch zurückgedacht habe denn es ist
mancherlei Elend und Not an mich herangekommen aber es hat keine Stunde
gegeben in der ich es bereut hätte mich auf die eigenen Füße gestellt mich
auf die eigene Kraft verlassen und danach gestrebt zu haben mir einen eigenen
Namen zu machen da meine Geburt und mein Vater mir den Namen versagt haben auf
den ich angewiesen war Es klingt für Unsereinen den die Bande der
Familienliebe nicht umfangen und befangen wunderlich genug dass man die nicht
in der kirchlich und staatlich anerkannten Ehe erzeugten Kinder natürliche
Kinder nennt und grade ihnen den natürlichen Anspruch auf den Namen ihres
Vaters aberkennt Aber ich beschwere mich darüber nicht denn es ist ein Sporn
für mich gewesen
    Noch bedeutet der Name Tremann nichts doch brauche ich mich seiner nicht zu
schämen Ich bin dem Hause dem ich diene etwas wert man hat Zutrauen zu mir
meine Kollegen schätzen mich und ich suche in meiner Bildung nachzuholen was
ich durch meine Flucht eingebüßt habe Wird mir wie ich hoffe der Auftrag zu
Teil mit welchem unser Haus einen seiner Leute nach Europa zu senden
beabsichtigt so komme ich wieder in Deine Nähe und will danach trachten dass
ich Dir nicht Schande mache denn Du und Dein Vater Ihr seid die Einzigen
denen ich mich für die Liebe verantwortlich fühle welche Ihr dem fremden Knaben
in Eurer Großmut zugewendet habt Dir danke ich die Neigung mich zu
unterrichten Deinem Vater die Vorliebe für den Beruf den ich erwählt habe und
der Tag soll sicherlich nicht ausbleiben an welchem der Name Tremann an den
Börsen einen so guten Klang wie der seine und mein Wort eine Geltung haben
soll«
    Er erkundigte sich weiterhin nach dem Ergehen der wenigen Personen deren
Andenken ihm aus seiner Kindheit lebendig geblieben war meldete dass er seit
einem Jahr seine ersten Ersparnisse habe machen können und gab Seba Auskunft
über dasjenige was er für seine Bildung getan habe wie über das was ihm
fehle und was er noch zu erreichen wünsche Der Ton der schlichten
Wahrhaftigkeit wie die Liebe und Dankbarkeit für Seba bildeten eine schöne
Grundlage für das starke Selbstgefühl des Schreibers und diese Empfindungsweise
blieb sich in der ganzen Reihe von Briefen gleich welche von da ab einander in
ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen folgten Er zeigte in denselben seinen
Freunden seine nun wirklich bevorstehende Reise nach Europa an berichtete über
die Vorteile welche ihm aus derselben erwachsen würden und von Stufe zu Stufe
sich erhebend gaben diese Briefe das Bild eines Mannes der mutig und von
Hindernissen nicht erschreckt mit hellem Blicke ein festes Ziel im Auge seinen
Weg zu suchen und zu finden weiß
    Die Verbindungen des großen amerikanischen Hauses dem er gedient hatte die
Empfehlungen und der Kredit des Fliesschen Hauses selbst Sebas gesellige
Bekanntschaft und ihre Freundschaft mit den bedeutendsten Personen der Residenz
waren dem jungen Manne in hohem Grade zu Statten gekommen Um aber von solchen
fremden Errungenschaften Vorteile ziehen zu können muss man die Fähigkeit und
die Kraft haben sie sich anzueignen und in sich zu verarbeiten denn wer
ererbten oder ihm zufällig durch Schicksalsgunst zugewendeten Besitz nicht zu
einem Fussgestell für sich zu machen und sich darauf emporzuschwingen weiß dem
wird er zu einer Last die er auf seinen Schultern tragen muss und die ihn
niederdrückt 
    Davide las den ganzen Morgen hindurch Wenn sie die Briefe beendet zu haben
glaubte stieß ihr immer wieder ein neuer Zweifel auf Es blieb so Vieles
ungesagt was sie zu hören wünschte Sie bewunderte Paul dass er so wenig von
seinen einzelnen Erlebnissen berichtete und sie war ihm doch böse darum denn
sie hätte Alles wissen über jeden Tag und jede Stunde über jeden Kummer den
er getragen hatte und über jede Freude die ihm zu Teil geworden war genaue
Kunde haben mögen Sie forschte in den Briefen nach ob denn von ihr gar nicht
darin die Rede sei aber heute verargte sie es der Tante zum ersten Male nicht
dass sie Paul dass sie den tapfern Paul so vorzugsweise liebte
 
                                Zehntes Kapitel
Die Auflösung von Pauls kaufmännischem Geschäfte die Übertragung seines
Vermögens in das Fliessche Haus wurden augenblicklich in Angriff genommen
nachdem man über die Art und Weise in welcher jene Auflösung erfolgen wie über
die Bedingungen einig geworden war unter denen Paul in das Fliessche Haus
eintreten konnte ohne die Verhältnisse zu seinen früheren Chefs mit denen er
noch für verschiedene gemeinsame Unternehmungen verbunden war unzweckmässig
lösen zu müssen
    Er war dadurch zu mannigfachen Reisen genötigt und sein Kommen und Gehen
bildeten für Seba die Abschnitte an welchen sie in dem ohnehin durch die
äußeren Ereignisse viel bewegten Winter die Zeit abmass Sie hatte ihm in den
Räumen welche zwischen dem Komptoir und dem Gartensaale gelegen waren eine
Wohnung eingerichtet weil alle freien Zimmer des oberen Geschosses bereits
wieder von einer französischen Einquartierung eingenommen waren und da man
diese Letztere nicht wohl von der Geselligkeit des Hauses fern halten konnte
hatte man sich gewöhnt mit denjenigen Personen mit denen man vertraulich zu
verkehren wünschte vor der Gesellschaftsstunde in Sebas kleinem Kabinette
zusammen zu kommen zu welchem sie sonst Anderen den Zutritt nicht gern
gestattet hatte
    Draußen heulte der Wind und trieb den Schnee in wildem Wirbel durch die mit
Glatteis bedeckten Straßen Das Frühjahr begann mit argen Stürmen Herr Flies
war mit Davide in das Opernhaus gefahren in welchem man dem Geschmacke der
Franzosen nachgebend eine neue Cherubinische Oper aufführte und er hatte
sich gern oder ungern die Begleitung des Herrn von Kastigni gefallen lassen
müssen der sich seit einigen Tagen unter dem Vorwande dem dort wohnenden
General beigegeben zu sein in das Fliessche Haus einquartieren zu lassen
gewusst hatte
    Am Morgen war Paul wieder einmal angekommen Nun brannte in seinem Zimmer
Licht und trotz des Wetters Ungunst hatte er die Laden desselben nicht
geschlossen Der helle Lichtschein fiel auf die einsamen Wege des Gartens
hinaus welche der alte Gärtner der schon zu Fräulein Esters Zeiten im
Dienste gestanden hatte in diesem Winter täglich säuberte und fegte weil wie
er sagte Mamsell Seba ihren freien Gang nach dem Monumente doch auch im Winter
haben sollte Aber es war nicht Seba es war überhaupt kein Frauenzimmer das in
der vorgerückten Abendstunde unten am Wasser durch die Seitentüre in den Garten
eintrat und sich unter dem Schatten der Gartenmauer mit raschem Schritte dem
Hause näherte
    
    Der Gärtner der ihn eingelassen hatte sich gleich darauf entfernt Der
Kommende musste jedoch von Paul erwartet worden sein denn die Türe des
Gartensaales ward von innen geöffnet als Jener sich demselben nahte und gleich
darauf wurden die Laden in Pauls Stube zugemacht
    Der Fremde war ein Mann in gewählter bürgerlicher Kleidung Er warf den
weiten Mantel der seine ganze Gestalt verhüllte von seinen Schultern
schüttelte Paul die Hand und sagte während er ein Packet Briefe aus seiner
Brusttasche hervorzog Nehmen Sie das vor allen Dingen Es ist vermutlich das
letzte Mal dass wir Sie bemühen
    Wie das fragte Paul überrascht
    Man ist auf Sie aufmerksam geworden glaubt Sie um Ihrer amerikanischen
Verbindungen und Ihrer wiederholten Reisen nach Russland willen auch mit England
in Geschäftsverbindung hegt die Vermutung dass Sie dem über Russland gehenden
englischen Schleichhandel nicht fremd sind und die geflissentlich vermittelte
Einquartierung des Barons von Kastigni in das Fliessche Haus gilt wesentlich
Ihnen Es dürfte also nicht mehr geraten sein Ihrer Gefälligkeit die Briefe
anzuvertrauen die man gegenwärtig unter kaufmännischen Adressen freilich am
sichersten befördert Indes wenn Sie sich der Besorgung dieses Mal noch
unterziehen wollten so würden Sie uns sehr verbinden
    Paul hatte dem Redenden achtsam zugehört dann sagte er Ich danke Ihnen für
die Warnung die ich durch Sie erhalte Sie kommt mir nicht unerwartet denn
Mademoiselle Flies hatte mir schon Ähnliches mitgeteilt Dass ich mit dem
Schleichhandel nichts zu tun habe brauche ich Ihnen nicht zu versichern
obschon gegen die rohe Gewalt mir jedes Mittel erlaubt dünkt Hätte ich die
Möglichkeit gesehen eine große regelmäßige Einfuhr überseeischer Produkte über
Russland zu bewerkstelligen so würde ich sie benutzt haben der Schleichhandel
aber leistet dem Lande keinen wesentlichen Dienst und seine Gefahr steht für den
Unternehmer außer allem Vergleiche mit seinem wahrscheinlichen Gewinne während
er das Leben elender armer Leute auf das Spiel setzt die er obenein
entsittlicht und verwildert Von der Seite also habe ich nichts zu fürchten Es
sind reine Geldgeschäfte die ich in Russland habe und die mich auch in den
nächsten Tagen wieder dorthin führen werden
    Wissen Sie dass Napoleon jetzt die Zustimmung zu einer Versammlung in
Dresden erhalten hat in welcher alle unsere Monarchen wie zu seiner
persönlichen Huldigung erscheinen werden
    Nein entgegnete Paul ich wusste das nicht Ich habe in den französischen
Zeitungen nur von dem schönen Familienleben des Kaisers und von dem Frieden
gelesen den er ersehnt um die Welt nach seinen großen Planen zu beglücken
fügte er spöttisch dazu
    Und ganz Europa steht auf seinen Befehl jetzt unter Waffen sagte der
Andere Zweimalhunderttausend Deutsche die ausziehen um sich als Nation selber
vernichten zu helfen Unsere Lage ist furchtbar Wir gestatten dem ganzen
französischen Heere den Durchzug vor den Toren der Residenz ist unsere Festung
den Franzosen übergeben Die Residenz des Königs steht unter französischem
Kommando zwanzigtausend Mann ziehen mit ihnen gegen Russland  es ist einer
völligen Unterwerfung unter die Tyrannei dieses Korsen gleich Es ist schlimmer
weit schlimmer als alles was wir achtzehnhundertsechs und sieben erlitten
denn wir tun anscheinend freiwillig was wir damals unter dem Zwange der
Notwendigkeit ertrugen Damals verließ der König seine Hauptstadt jetzt ist
sie auch in Feindes Hand und der König selber wird gehen unsern Unterdrücker
in Dresden zu begrüßen  Er ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und nieder
dabei verrieten seine Haltung und sein Gang den Soldaten Paul betrachtete die
Briefe welche jener ihm ausgehändigt hatte Plötzlich blieb der Fremde vor ihm
stehen
    Wann denken Sie abzureisen fragte er
    In zwei drei Tagen spätestens
    Pflegten Sie allein zu reisen
    Ich habe das letzte Mal einen Diener mit mir gehabt
    Und jetzt
    Ich beabsichtige ihn wieder mit mir zu nehmen
    Würden Sie Sich meine Bedienung statt der seinen gefallen lassen forschte
der Fremde während ein Lächeln um seine Lippen spielte
    Sie wollen in russische Dienste treten
    Ich halte es hier nicht aus rief der Andere Seit unser Regiment aufgelöst
ward seit die Schmach dieser Zeit auf uns lastet habe ich keinen freien
Atemzug mehr getan Was hilft es mir dass ich in dem Bureau des Staatskanzlers
beschäftigt werde dass er selbst mich gütig damit vertröstet ich könne auch als
Beamter meinem Vaterlande nützlich werden Wozu haben alle diese Schreibereien
und Verhandlungen geführt als uns noch tiefer hinabzudrücken Nur Eines hilft
uns nur Eines rettet uns  der freie offene Kampf
    Er unterbrach sich und fragte Warum schweigen Sie Tremann
    Weil Sie ohnehin wissen lieber Werben dass ich Ihre Ansicht teile mich
dünkt wir haben uns darüber ausgesprochen als ich zum ersten Male Sr
Excellenz die Briefe überbrachte die man mir für ihn in Petersburg gegeben
hatte
    An dreihundert unserer Officiere nahm jener wieder das Wort sind
allmählich nach Österreich und Russland gegangen Mein Vater kann mir das fühle
ich in seiner Stellung die Erlaubnis dazu nicht geben so wenig er mich
aufrichtig tadeln kann wenn ich ohne dieselbe meiner Überzeugung folge
Willigen Sie in meinen Plan so sende ich morgen Ihren Diener mit einer
Botschaft zu meiner Mutter die ihn auf dem Gute behalten soll bis Sie ihn
zurückverlangen und Sie bringen mich an seiner Statt über die Grenze nach
Russland hinüber
    Das kann geschehen sagte Paul nach kurzer Überlegung
    Und Sie selbst Tremann Sie der Sie doch jenseit des Oceans freie Luft
geatmet haben der Sie frei und durch nichts gebunden sind denken Sie wieder
in diese Kerkerluft zurückzukehren freiwillig noch länger in der Knechtschaft
zu verharren in welcher fast ganz Europa schmachtet
    Ich bin nicht frei ich habe mit meiner Person für fremdes mir anvertrautes
Gut zu stehen und mein Vermögen zu bewahren auf dem meine persönliche
Unabhängigkeit beruht entgegnete Paul Aber alle Schritte sind getan mich von
den Verpflichtungen zu lösen mit denen ich Anderen verhaftet bin und ich
hoffe zu rechter Zeit über mich verfügen zu können
    Er stand mit den Worten auf ging an seinen Schreibtisch schrieb in mehrere
einzelne Blätter immer nur wenige Worte und benutzte diese Blätter zu Umschlägen
über die Briefe welche Herr von Werben ihm ausgehändigt hatte Dann adressirte
er sie nach verschiedenen Orten und wollte dem Komptoirdiener schellen der sie
fortbringen sollte aber er besann sich eines Anderen
    Kommen Sie zu Seba hinauf fragte er
    Nein ich glaube es ist geratener wenn ichs unterlasse da Sie nun den
Freunden mitteilen können was Sie von mir gehört haben Nur dass ich mit Ihnen
gehe lassen Sie nicht verlauten Nichtwissen macht unverantwortlich
    So will ich Sie gleich nach dem Gartensaale führen antwortete Paul und die
Briefe danach selbst zur Post besorgen Es weiß dann außer dem Gärtner auf den
man sich unbedingt verlassen kann Niemand dass ich einen Besuch gehabt habe 
und unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft des Generals uns
jetzt wie ich glaube in der Tat
    Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein Paul geleitete ihn
durch das Nebenzimmer bis an die Türe des Gartensaales Sie schüttelten
einander herzlich die Hand und Jener verließ das Haus und den Garten auf dem
Wege den er gekommen war
    Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Sebas Kabinet trat fand er
einen kleinen Kreis von Männern und Frauen unter ihnen die Gräfin Rhoden bei
ihr versammelt Man hatte sich seit die patriotischen Vorlesungen vor Männern
und Frauen gehalten worden in denen Seba auch mit der Gräfin Rhoden bekannt
geworden war an bestimmten Abenden im Fliesschen Hause vereinigt um sich im
gemeinsamen Lesen und in Besprechung des Gehörten aufzuerbauen aber die
Versuche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen sich in diesen
Kreis Eingang zu verschaffen nötigten die Teilnehmer sich gegenwärtig der
regelmäßigen Zusammenkünfte zu enthalten und sich mit gelegentlichen
Verabredungen zu behelfen
    Paul war den Freunden bereits bei einer seiner früheren Anwesenheiten in der
Residenz zugeführt worden und seit er nach jener ersten russischen Reise mit
Briefen des Freiherrn von Stein an den Staatskanzler betraut worden war hatte
das Zutrauen des Kreises zu ihm und seiner Tüchtigkeit sich gesteigert so dass
er einer über seine Jahre großen Geltung in demselben genoss Die anwesenden
Männer empfingen ihn mit freundlichem Handschlage die Frauen hießen ihn
willkommen nur die Gräfin Rhoden die er früher noch nicht gesehen weil
Krankheit sie längere Zeit zurückgehalten hatte schien von seinem Anblicke
befremdet zu werden und unwillkürlich blieben ihre Blicke auf ihn geheftet als
er sich nach geschehener Vorstellung von ihr zu den ihm bekannten Personen
wendete
    Ein Beamter aus dem KriegsMinisterium welcher schon früher angekommen war
hatte die Nachricht von dem Dresdener Kongresse die Paul als Neuigkeit
mitbrachte bereits vor ihm verkündet und die Trauer über diese Kunde war
unverkennbar Man beklagte den König man fand einen Trost darin dass der Kaiser
von Österreich sich zu dergleichen Anerkennung und Huldigung habe herbeilassen
müssen und bedauerte das Loos derjenigen preußischen Truppen welche bestimmt
waren den feindlichen Eroberer auf seinem Zuge nach Russland zu begleiten Fast
jeder der Anwesenden hatte einen oder den anderen Bekannten in diesen
Regimentern und die Gräfin erwähnte wie bitter ihr junger Vetter der
Lieutenant von Arten dies Schicksal finde
    So soll er sich vor demselben wahren meinte Paul
    »Wenn er Das könnte« seufzte die Gräfin
    Er brauchte ja nur seinen Abschied zu nehmen als man das neue Bündnis zur
Reife kommen sah das Preußen zu seiner Selbstvernichtung eingegangen ist
    Während er diese Worte aussprach klopfte es an die Türe und ohne von dem
Diener gemeldet zu werden der es wusste welchen Personen er den Zutritt
gestatten durfte trat der junge Freiherr in das Kabinet
    Sie kommen eben recht lieber Renatus rief ihm die Gräfin freundlich
entgegen sich wider einen Angriff zu verteidigen
    Einen Angriff wiederholte der Lieutenant indem er mit einem Blicke
umhersah der es aussprach dass er dergleichen nicht gewohnt sei Und darf ich
fragen wer mich in meiner Abwesenheit anzugreifen für notwendig hielt
    Seba hatte eine leise Bewegung bei dem lange und von ihr mit peinlicher
Besorgnis erwarteten Zusammentreffen der beiden jungen Männer nicht verbergen
können und die Art und Weise in welcher es sich jetzt gestaltete war nicht
geeignet sie zu beruhigen denn Paul erhob sich und sagte mit der ihm
eigentümlichen festen Bestimmtheit Ich Herr von Arten habe Sie nach der
Meinung der Frau Gräfin angegriffen obschon meine geäusserte Ansicht sich nicht
auf Sie allein sondern auf alle diejenigen Herren Officiere bezog welche
widerwillig den Fahnen des corsicanischen Tyrannen folgen
    Es war notwendig die beiden jungen Männer die noch ehe sie sich kannten
feindlich zusammenstiessen einander vorzustellen Und als Paul sich zu der
geforderten Begrüßung abermals von seinem Platze erhob und sie nun aufrecht vor
einander standen fiel die große Verschiedenheit in ihrem Äußeren den
sämtlichen Anwesenden auf Paul überragte den feingebauten schlanken Renatus
um eines Kopfes Höhe und seine breitbrustige Gestalt wie die Kraft der Jahre
welche er vor Renatus voraus hatte ließ diesen in seiner knappen Uniform
neben dem nach englischer Mode bequem und los gekleideten Bürger fast
schwächlich erscheinen Dazu erging es dem Freiherrn wie es der Gräfin ergangen
war Pauls Ähnlichkeit mit seinem Vater die namentlich im Klange der Stimme
eine vollständige war verwirrte ihn und von der plötzlich in ihm aufsteigenden
Erinnerung an sein einstiges in der Knabenzeit erfolgtes Zusammentreffen mit
diesem Manne unwillkürlich ergriffen sagte er kurz und trocken So habe ich als
ein Mitglied des Officiercorps wohl ein Recht Sie um die Wiederholung jener
Meinung oder Ansicht zu ersuchen
    Ich stehe mit Vergnügen zu Diensten entgegnete Paul Ich war der Meinung
dass es die Pflicht jedes preußischen Offiziers gewesen sein würde zur Zeit des
neuen französischen Bündnisses seinen Abschied zu nehmen wenn er die
tyrannische Fremdherrschaft verachtet
    Den Abschied im Beginne eines Krieges zu begehren gestattet die
militärische Ehre nicht und uns dem Befehle unseres Königs zu widersetzen
verbietet uns sowohl der Eid den wir geschworen haben als unsere angeborene
Untertanenpflicht antwortete Renatus mit jener hochfahrenden Sicherheit die
immer hervortrat wo er die Vorrechte seiner Kaste und seines Standes
angegriffen glaubte
    Paul verneigte sich als lasse er diese Gründe gelten und die kräftigen
Lippen stolz aufwerfend sprach er So hat die Frau Gräfin unbedenklich Recht
wenn sie das Loos der preußischen Officiere bedauert und ich habe mich
glücklich zu preisen dass ich als ein Bürger des freien Amerika keinem Herrn
einen Eid geschworen habe und keinen anderen Ehrengesetzen als denen meiner
Überzeugung nachzuleben brauche
    Seba und die Gräfin versuchten sich in das Mittel zu legen die gute und
schöne Stimmung welche in diesem auf das erhabene Ziel der Selbsterziehung und
der Veredlung gestellten Kreise herrschte kam ihnen dabei zu Hilfe Die älteren
Männer traten ausgleichend zwischen die Streitenden und Paul war auch bald
bereit sein Verhalten gegen den jungen Offizier als ein Unrecht anzuerkennen
Er gestand ein dass man die obwaltenden Verhältnisse nicht aus den Augen setzen
dürfe dass nicht Jeder sich in der unabhängigen Lage wie er befände und als er
sah wie schwer es Renatus fiel seine Gereiztheit zu besiegen und zu einem
Gleichmasse zu gelangen bemächtigte sich seiner jene Reue des Mitleids die sich
einen Vorwurf daraus macht seine überlegene Kraft gegen einen schwächeren
Gegner angewendet zu haben Aber die Unterhaltung kam nicht wieder in den
gewohnten Fluss man nahm also zu gemeinsamem Lesen seine Zuflucht und auch
hierbei traten die beiden jungen Männer einander bald wieder feindlich entgegen
als in dem vorgelesenen Werke die Liebe zum Vaterlande als die stärkste
Triebfeder für die Handlungen des Mannes angegeben wurde
    Paul wollte das nicht gelten lassen er nannte die Vaterlandsliebe ein
beschränktes Gefühl eine Art von bewusstlosem Instinkt
    Renatus der wie alle reizbaren Menschen eine von der seinen abweichende
Meinung leicht als einen persönlichen Angriff auffasste fuhr mit der Frage
dazwischen Aber was kümmert Sie denn Europa was kümmert Sie Preußen wenn Sie
es nicht als Ihr Vaterland lieben Wesshalb hassen Sie Napoleon dessen Größe Sie
nicht leugnen werden wenn Sie in ihm nicht den Unterdrücker Ihres Vaterlandes
hassen
    Ich hasse in ihm den Tyrannen den Wortbrüchigen den Unterdrücker der
Freiheit überhaupt entgegnete Paul ich leugne auch seine Größe denn sie ist
nicht so groß als sein Glück als die Gunst der Umstände die ihn auf den
Schultern und über die Köpfe einer entsittlichten Gesellschaft einer
verrotteten Monarchie emporgetragen hat und fügte er da Sebas Augen ihn mit
bittendem Blicke zur Vorsicht mahnten in leichterem Tone hinzu vielleicht sind
es auch meine kaufmännischen Angelegenheiten die mich die gegenwärtigen
Zustände als unerträgliche und darum unhaltbare ansehen machen Unter dieser
Gewalterrschaft können Handel und Wandel nicht bestehen kann das Kapital sich
nicht frei bewegen leidet Jeder auf seine Weise
    Die Gräfin welche befürchtete Renatus möchte diese Entgegnung als neuen
Spott empfinden behauptete sie könne jene letzten Gründe unmöglich als die für
Paul bestimmenden betrachten aber er blieb bei seinem Worte und während sein
schönes Gesicht sich wieder ganz und gar erhellte rief er Rechnen Sie denn die
Habsucht und die Selbstsucht nicht überall zu den großen die Welt bewegenden
und erneuenden Kräften Sollen sie nur in Bonaparte ihre Geltung haben Es ist
ganz einfach wie ichs sagte Ich hasse Bonaparte weil er mich in meinem
Erwerbe stört Tut das ein Jeder an seinem Platze so kommt Hass genug zusammen
ihn von seiner angemassten Höhe hinab zu stürzen und wenn es auch nicht groß
nicht idealistisch klingt seinen Erwerb in die erste Reihe zu stellen so ist
doch Idealismus genug darin verborgen denn auf meinem Erwerbe ruht mein Hab und
Gut ruht mein Vermögen das heißt die Unabhängigkeit und Freiheit meines ganzen
Tuns und Lassens
    Solche Ansichten lagen eigentlich außerhalb der Meinungen und Gesinnungen
dieses Kreises Seba hatte jene Gleichgültigkeit gegen den Besitz welche man
häufig bei bevorzugten Naturen findet wenn sie im Reichtume erwachsen
niemals eine Entbehrung kennen gelernt und sich gewöhnt haben ihren Zustand der
Wohlhabenheit wie eine Naturnotwendigkeit anzusehen Die Gräfin hingegen und
die anderen Genossen hatten mehr oder weniger unter der Not der letzten Jahre
gelitten Sie hatten sich beschränken sich viel versagen auf manches von ihnen
bis dahin für unentbehrlich Gehaltene verzichten müssen ohne dass sie sich in
ihrem inneren Werte und in dem Aufschwunge ihres Geistes dadurch beeinträchtigt
fühlten und die Freunde waren deshalb in diesem Augenblicke eher dazu geneigt
die Bedeutung und den Wert der äußeren Glücksgüter zu unterschätzen da sie
sich mit ihren Gedanken und Hoffnungen aus der beengenden Gegenwart in den
Bereich einer schönen und befreiten Zukunft erhoben Trotzdem ließ man die
Äußerungen des in den amerikanischen Freistaaten erwachsenen und durch die dort
waltenden Anschauungen gebildeten Mannes endlich gelten weil man sich zu seinem
frischen selbstgewissen und freien Wesen des Besten versehen zu können glaubte
und während Renatus sich mit Geflissenheit von dem weiteren Gespräche fern
hielt fühlte die Gräfin sich von ihrer anteilvollen Neugierde getrieben sich
fast ausschließlich mit Paul zu beschäftigen bis man den Wagen des Hausherrn
vor der Türe halten hörte und die ganze kleine Gesellschaft sich in das
Wohnzimmer begab den Vater und die Hausfreunde und Gäste zu erwarten welche
sich häufig noch nach dem Theater einzufinden pflegten
 
                                Elftes Kapitel
Renatus langte an dem Abende in lebhafter Aufregung in seiner Wohnung an Er
hatte seit er die Familie Flies besuchte öfters von dem jungen Freunde Sebas
von dem Kaufmann Paul Tremann und von dessen bevorstehendem Eintritte in das
Fliessche Geschäft reden hören da er jedoch sehr auf sich und seine
Angelegenheiten gestellt war hatte er wenig Achtsamkeit auf dasjenige was ihn
nicht persönlich anging und der schlichte Name eines bürgerlichen Kaufmanns zog
ihn nicht besonders an Der Name irgend eines Edelmanns irgend ein bedeutender
Titel würden ihm weniger leicht entgangen sein
    Nun hatte das Zusammentreffen mit Paul ihn erschüttert und erschreckt
zugleich Nur eines Augenblickes hatte Renatus bedurft um alle seine
Erinnerungen wachzurufen und sie mit dem gegenwärtigen Eindrucke in Verbindung
zu bringen Er konnte nicht daran zweifeln der Fremde der mit so stolzer
selbstgewisser Haltung vor ihm gestanden hatte war jener Knabe den er einst in
dem Fliesschen Laden gesehen war derselbe dessen völlige Ähnlichkeit mit
seinem Vater ihm schon damals aufgefallen war dessen Anblick seine Mutter auf
das Krankenlager geworfen hatte von dem sie nur für kurze Zeit erstanden war
Dieser junge Kaufmann war seines Vaters Sohn der Sohn jenes Frauenzimmers das
sich in eifersüchtiger Verzweiflung das Leben genommen und an dessen
eingesunkenem Grabe in der Ecke des Neudorfer Friedhofes Renatus einmal in
seiner Knabenzeit von dem Jäger der einst selbst ein Auge auf Pauline gehabt
hatte den ganzen Vorgang und Zusammenhang erfahren Der Jäger hatte den Sohn
Paulinens wohl gekannt und hatte es bedauert dass der arme Schelm wie seine
Mutter ums Leben gekommen sei und nun stand jener Todtgeglaubte plötzlich vor
dem jungen Freiherrn ganz unverkennbar seines Vaters Sohn
    Renatus konnte sich nicht erklären was ihm das bloße Dasein dieses Mannes
so widerwärtig machte Es drohte seinen Rechten seinem Besitze seiner Stellung
durch den Bastard seines Vaters nicht die mindeste Gefahr Er hatte es durchaus
in seiner Macht die Begegnung mit Tremann zu vermeiden oder ihn nicht zu
beachten wenn der Zufall sie zusammenführte aber trotz seiner Abneigung gegen
Paul verlangte ihn danach aufs Neue mit ihm zusammenzutreffen weil ein
unabweisliches Gefühl ihm sagte dass er neben jenem nicht zu seinem Vorteil
erschienen sei Er wünschte durch die Überraschung nicht mehr befangen und
Herr über sich und seine Mittel sich abermals mit Paul messen zu können um ihm
seine Überlegenheit fühlbar zu machen
    Wie das geschehen sollte davon hatte er freilich keine rechte Vorstellung
aber das eben peinigte ihn und regte ihn auf Es war ihm zuwider dass Paul ihn
an Stattlichkeit des Äußern so weit übertraf dass er seinem Vater so ähnlich
sah Der vorzügliche Geschmack mit welchem Paul sich kleidete die sorglose
Leichtigkeit in der er sich bewegte die Freiheit und Bestimmtheit mit denen
er sich äußerte die Geltung deren er genoss und vor Allem die spielende
freundliche Heiterkeit mit welcher der junge Kaufmann seinem beginnenden
Streite mit dem Freiherrn vorzubeugen getrachtet hatte verdrossen den
Letzteren wie ihn selten etwas verdrossen hatte Er wollte nicht geschont sein
von diesem Manne am wenigsten geschont sein Und wie er sich auch in einzelnen
Augenblicken das Törichte dieser Abneigung klar zu machen suchte er konnte
nicht Herr über seine Missstimmung und über seine Aufregung werden
    Es war schon spät gewesen als er nach Hause gekommen war denn die
Gesellschaft war bei Seba lange zusammengeblieben und es dünkte Renatus als
habe er Davide nie so reizend als eben an diesem Abende gesehen Er hatte sie
immer schön gefunden aber die Freundschaft welche er für seine Jugendgenossen
für die Gräfinnen Hildegard und Cäcilie hegte hatte ihn im Ganzen wenig
empfänglich für die Reize anderer Schönheiten gemacht und seit er sich in
seinem Herzen eingestanden dass er Hildegard liebe seit er in sich beschlossen
dass sie einst seine Gattin werden solle hatte er andere Mädchen kaum noch
beachtet
    Er würde wahrscheinlich auch an diesem Tage sich wie immer mehr zu Seba
und zu den älteren Frauen gehalten haben wäre ihm nicht die schüchterne
Freundlichkeit aufgefallen mit welcher Davide Paul begegnete Er hatte es sonst
nicht ohne Erstaunen gesehen wie dieses junge Mädchen sich seiner Schönheit
bewusst war wie es den Eindruck kannte den es auf die Männer machte wie es Alt
und Jung in der ihm angemessen dünkenden Entfernung zu halten und sich mit
großer Sicherheit seine Freiheit vor jedem ihm nicht erwünschten Anspruche zu
bewahren verstand Niemand hatte sich rühmen können von Davide eine besondere
Beachtung zu erhalten und war es Renatus je einmal vorgekommen als beweise sie
sich gegen einen Andern freundlicher denn gegen ihn so hatte er dabei kein Arg
und keine unangenehme Empfindung gehabt denn man entbehrt nicht was man
niemals begehrte An diesem Abende jedoch war es ein Anderes gewesen
    Gleich als man aus Sebas Kabinet in die große Stube gekommen war Davide
ohne sich um die Übrigen zu kümmern auf Paul zugegangen hatte ihm die Hand
gereicht ihm von dem Theater von ihrer Freude an der Musik und von ihrem
Vergnügen ihn zu Hause zu finden gesprochen und dieser hatte das hingenommen
als komme ihm das zu als sei Davide eben noch das Kind als welches sie sich
gegen ihn bezeigte und als tue er ihr einen Gefallen wenn er ihrem
freundlichen Geplauder sein Ohr nicht versage
    Renatus hatte sich darüber geärgert das schöne Mädchen hatte ihm leid
getan Er hatte es durch seine Höflichkeit und Achtsamkeit für Pauls
Vernachlässigung entschädigen wollen Aber Davide musste ein solches Verhalten
von dem Amerikaner wohl gewohnt sein und in der Ordnung finden denn sie nahm
die geflissentliche Annäherung des jungen Freiherrn gleichgültig auf und verließ
ihn mitten in der Unterhaltung um für Paul unaufgefordert die Zeitung zu
suchen nach der er im Gespräche mit andern Männern den Diener gefragt hatte
der den Tee herumgab 
    Die Uhr schlug Stunde auf Stunde der junge Freiherr konnte keine Ruhe
finden kein Schlaf wollte ihm kommen Er wurde die Vorstellung nicht los dass
er von Paul beleidigt worden sei dass er von Davide eine Kränkung erfahren habe
und je länger er an diese dachte um so anziehender dünkte sie ihn um so mehr
wünschte er sich von ihr ausgezeichnet und dadurch zugleich an Paul gerächt zu
sehen Er ging im Geiste alle die einzelnen Äußerungen durch die er an dem
Abende von Davide gehört hatte und sein Missmut wich davor Er musste bei sich
selber über die kecken Abfertigungen lachen mit denen sie Herrn von Kastignis
gedrechselte Komplimente aus dem Felde geschlagen hatte er konnte sie sich
deutlich vorstellen alle ihre artigen Kopfbewegungen und das anmutige Spiel
ihrer schönen Hände die sie nach Art der Jüdinnen bei dem Sprechen mehr als
die deutschen Frauen brauchte und bewegte Als der Tag herankam und er endlich
müde zu werden begann ertappte er sich darauf dass er ihr eine dieser
Handbewegungen nachzumachen versuchte und als er dann weil dieser Versuch ihn
töricht dünkte seine Gedanken wie er das zu tun gewohnt war vor dem
Einschlafen auf die Geliebte richten wollte von der zu träumen ihn sonst so
glücklich machte konnte er Hildegards Bild aus seinem Innern nicht erzeugen
Alle Anstrengungen halfen ihm nichts es waren immer nur Davide oder Paul die
er vor Augen hatte und selbst im Schlafe gaben diese beiden ihn nicht frei
    Unerquickt erwachte er am Morgen erst als es Zeit für ihn war sich zur
Parade ankleiden zu lassen Während dessen brachte ihm der Diener des Grafen
Gerhard eine Einladung mit demselben zu Mittag zu speisen Sie kam dem
Freiherrn sehr gelegen obschon er sonst nicht viel Verkehr mit seinem Onkel
hielt ja ihn eigentlich so viel er konnte zu vermeiden suchte Aber er
fühlte eine Neigung sich gegen Jemanden über sein unerwartetes Zusammentreffen
mit Paul auszusprechen und in seiner Schlaflosigkeit hatte er dabei wiederholt
an seinen Onkel gedacht der wie er mit Sicherheit annehmen zu können meinte
um alle jene Ereignisse und Verhältnisse wissen musste so dass Renatus sich
keinen Mangel an Verschwiegenheit vorzuwerfen brauchte wenn er dem Grafen von
dem gehabten Erlebnisse Kunde gab
    Er war froh als die Stunde der Parade vorüber war und er sich nach
derselben wie er seit dem Herbste pflegte zu der Gräfin begeben konnte da
diese aber mit der jüngsten Tochter ausgegangen und er Hildegard ihn erwartend
und allein fand war es ihm nicht recht Er fragte weshalb sie die Mutter nicht
begleitet habe sie antwortete ihm wie sie es vorgezogen unter einem leichten
Vorwande zurückzubleiben um ihn zu erwarten und das war ihm noch weniger
genehm Er meinte so zuversichtlich erwartet zu werden habe für ihn etwas
Beängstigendes und lege ihm einen peinlichen Zwang auf Sie entgegnete dass sie
ja nicht böse sei wenn er einmal nicht kommen könne und dass es ihr doch in
jedem Falle Vergnügen mache sich den ganzen Morgen mit einer angenehmen
Hoffnung zu tragen
    Sie blickte ihn dabei freundlich an und mochte dafür ein begütigendes ein
zärtliches Wort von ihm erwarten er blieb aber eine Weile still sitzen und
äußerte danach es sei für ihn übel genug dass er ohne Neigung zum
Soldatenstande durch seines Vaters Willen an des Dienstes immer gleich
gestellte Uhr gebannt sei wie es im Dichter heiße und weil er nach der einen
Seite also völlig gebunden sei müsse er nach der andern Seite müsse er in
seinem übrigen Leben durchaus seine Freiheit bewahren denn ohne Freiheit
erlahme der Mann Er habe ohnehin immer zu wenig Freiheit gehabt er sei zu
Hause unter der Aufsicht des Kaplans wie ein Gefangener gehalten worden sein
Vater habe in dem Alter in welchem er sich jetzt befinde halb Europa
durchreist und Welt und Menschen gekannt er hingegen habe noch nichts gesehen
nichts erlebt und wie unerwünscht es ihm auch sei mit dem französischen Heere
gegen Russland zu kämpfen so freue er sich eigentlich doch auf diesen Feldzug
weil er ihn aus dem Gleichmasse der Tage herauszureissen und in das offene
bewegte Meer des Lebens zu bringen verspreche
    Hildegard hörte ihm mit stummer Verwunderung zu Sie konnte nicht begreifen
was mit ihm geschehen war Nie zuvor in seinem Leben hatte er ein solches
Verlangen nach Freiheit ausgesprochen er war auch mit seinem Loose nie
unzufrieden gewesen und dass er jetzt den Krieg ersehnte nur weil er ihn in die
Welt und von ihr fortführen sollte das kam ihr so unerwartet tat ihrem
zärtlichen Herzen so weh dass sie sich still auf ihre Arbeit niederbeugte damit
er es nicht sehen sollte wie sich ihr die Tränen in die Augen drängten
Trotzdem gewahrte er es indes statt ihn zu rühren war ihr Weinen ihm
verdrießlich Er hatte mit sich selbst genug zu tun und fühlte nicht Lust sich
als den Tröster der Geliebten zu betätigen Aber während er dieses dachte fiel
es ihm ein dass er ja überhaupt noch keine bestimmte Verpflichtung gegen dieses
Mädchen habe Er hatte sich niemals entschieden gegen Hildegard erklärt niemals
von seiner Liebe zu ihr gesprochen und dass die unschuldigen Zärtlichkeiten an
die sie sich von Kindheit auf gewöhnt hatten in der letzten Zeit einen wärmeren
Charakter angenommen das hatte Hildegard eben so wohl zu verantworten als er
Er konnte es sich in dem Augenblicke nicht einmal recht deutlich machen wie er
mit seiner Jugendfreundin eigentlich auf den gefühlvollen Ton gekommen sei um
so bestimmter erinnerte er sich daran dass Graf Gerhard ihm geraten sich vor
einer Verbindung mit den Rhodens in Acht zu nehmen und dass eine solche für ihn
nicht vorteilhaft sei das musste er sich in seiner jetzigen Stimmung selber
sagen
    Gestern als der Amerikaner wie Renatus in seinem Innern Paul beständig
nannte seinen Erwerb und seinen Vorteil mit so dreister Sicherheit als
Beweggrund für sein ganzes Tun aufgestellt hatte war Renatus dadurch im
höchsten Grade abgestoßen worden Indes schon während seiner nächtlichen
Überlegungen war ihm die Sache in einem milderen Lichte erschienen Paul
missfiel ihm deshalb um nichts weniger er konnte sich jedoch der Einsicht nicht
verschließen dass unabhängiger Besitz Freiheit verleihe Er dachte jetzt daran
wie königlich frei sein Vater durch den früheren Reichtum seines Hauses gewesen
sei um es zum ersten Male mit einer Art von Bitterkeit zu beklagen dass ihm bei
Weitem nicht mehr das gleiche Vermögen und damit auch nicht mehr die schöne
Selbsterrlichkeit wie seinem Vater zu Gebote stehe
    Hildegard sann während dessen schweigend darüber nach was sie denn getan
oder gesagt habe den Geliebten zu verstimmen Sie konnte jedoch nichts
auffinden was irgend einen vernünftigen Anhalt oder einen Grund für die üble
Laune desselben darbot und sie fing an zu glauben dass ihm durch Dritte oder
durch ein ihr unbekanntes Erlebnis Verdruss bereitet worden sei Mit geduldiger
Freundlichkeit fragte sie ihn also was er heute getan wie er sich am
gestrigen Abende im Fliesschen Hause unterhalten habe und da sie immer nur
einsilbige ablehnende Antworten erhielt erzählte sie um sich über einige
Minuten fortzuhelfen dass die Mutter den jungen Freund von Seba Flies sehr schön
und sehr anziehend genannt und dass sie gemeint habe die Flies hätten ihn gewiss
für Davide zum Manne bestimmt weil der alte Herr Flies ihn in sein Geschäft
aufnehme
    Unmöglich ganz unmöglich rief Renatus mit einer Heftigkeit die Hildegard
noch unbegreiflicher als sein ganzes bisheriges Betragen erschien
    Wesshalb denn unmöglich Die Mutter hielt es für das Natürlichste
    Mich dünkt ein Mädchen von Davidens Schönheit das einst neben ihrem
Vermögen voraussichtlich auch noch das ganze Fliessche Vermögen erbt hat
andere Ansprüche zu machen und kann einen besseren Mann bekommen als einen
Menschen ohne Familie einen Abenteurer 
    Renatus rief Hildegard ihr Erschrecken unter einem erzwungenen Lachen
verbergend  Du tust ja wirklich als ob Davide unter einer Schaar von
Edelleuten und Grafen nur zu wählen hätte Du vergissest wohl dass sie eine
Jüdin ist
    Durchaus nicht Sie würde nicht die erste Jüdin sein die einen Edelmann
geheiratet hat entgegnete er ihr
    Nun vielleicht entschliessest Du Dich selbst dazu sagte Hildegard mit
bitterem Spotte da sie ihre Bewegung nicht mehr bemeistern konnte und
zuversichtlich glaubte es bedürfe eben nur eines solchen Wortes um Renatus
dem der Gedanke an eine nicht standesmässige Heirat gar nicht kommen konnte zur
Besinnung zu bringen Aber sie verfehlte ihren Zweck denn Renatus der seit
gestern Abend nur darauf gewartet hatte einen Ableiter für seinen Unmut zu
finden und der wie alle in der Kindheit verwöhnten Menschen selbstsüchtig
genug war auch Andere leiden sehen zu wollen wenn er selber litt sagte
gleichmütig Es wäre vielleicht das Gescheiteste was ich tun könnte und
Davide ist schön genug dazu
    Kaum war das Wort aber von seinen Lippen entflohen so bereute er es denn
Hildegard brach in Tränen aus und wendete sich von ihm ab Das konnte er nicht
gut ertragen Sie hatten als Kinder und auch später wohl bisweilen einen Streit
mit einander gehabt indes Hildegard hatte dann immer mit der Bemerkung dass sie
die Aeltere und Verständigere sei eingelenkt und nachgegeben Er dachte sie
solle das auch heute tun und er war bereit sie dann um Verzeihung zu bitten
und zu versöhnen Er vergaß nur dass sie jetzt in einem andern Verhältnisse zu
einander standen dass die einstige Jugendfreundin sich jetzt als seine Erwählte
betrachtete und dass die Liebe oft weniger nachsichtig als die Freundschaft ist
    Er wartete eine Weile er rief Hildegard bittend bei ihrem Namen sie
achtete aber nicht darauf Sie wollte ihn gründlich fühlen lassen was er ihr
getan hatte sie wollte sich auch satt weinen denn sie musste sich eingestehen
dass er sie absichtlich quäle und verwunde
    Renatus seinerseits stand am Fenster trommelte mit den Fingern leise auf
dem Fensterbrette und überlegte wie lange er warten solle Das dauerte eine
kleine Zeit sie dünkte ihn jedoch lange und als er sich eben anschicken
wollte fort zu gehen weil er Hildegard nicht daran gewöhnen mochte mit ihm
die Unversöhnliche zu spielen und zu schmollen trat sie an ihn heran und legte
ihre Hand auf seine Schulter Er wendete sich um und blieb betroffen stehen 
Hildegard sah hässlich aus wenn sie weinte
    Sie war überhaupt nicht regelmäßig schön sie hatte nur schöne Farben und
den Jugendreiz der blonden Mädchen eigen ist Aber wie bei allen Blondinen
vertrugen ihre Züge das Weinen nicht Ihre feine Haut erschien fleckig ihre
Augenlider gerötet und ihre Gesichtszüge zeigten sich durch die Betrübnis so
erschlafft dass Renatus sich nicht darein finden konnte Es tat ihm leid dass
sie sich entstellte er sagte ihr dass sie Unrecht habe so empfindlich zu sein
und einen Scherz so übel aufzunehmen aber er konnte sich nicht entschließen
sie mit einem Kusse wie er wohl sonst getan hatte zu versöhnen Sie kam ihm
alt vor und sie war ja auch älter als er
    Weil sie ihn sonst stets nachgiebig und weich gesehen hatte hielt sie sich
jetzt zurück sie glaubte sich dies schuldig zu sein Renatus aber fand sich
durch diese geflissentliche Zurückhaltung in seiner Unzufriedenheit mit der
Geliebten nur bestärkt Er blickte sie noch einmal an  ihr schmollender Mund
missfiel ihm mehr und mehr er begriff nicht wie er sie jemals hübsch gefunden
haben könne nicht was er bisher neben ihr gefühlt hatte Er war sich
rätselhaft Das peinigte ihn Er wendete sich ab nahm Hut und Säbel und sagte
dass er gehen müsse Sie hielt ihn nicht zurück Er reichte ihr kühl die Hand
sagte ihr kühl ein Lebewohl und war verschwunden ehe sie noch recht wusste was
geschehen sei
    Sie wollte ihm nacheilen als er das Zimmer verlassen hatte er erwartete
das auch sah sich nach ihr um und war doch froh als er sie nicht erblickte
Sie ging ans Fenster aber heute wählte er nicht die entgegengesetzte Seite der
Straße wie er sonst zu tun pflegte um von ihr noch einen Gruß noch einen
Blick zu erhalten Sie sah hinaus es kam ihr alles so leer vor und es lag ihr
alles was geschehen war so fern so weit ab von gestern so weit ab von diesem
Augenblicke Auch ihr war es als sei sie viel älter geworden als habe sie viel
erlebt viel erfahren als sei Renatus schon sehr lange fort Sie seufzte
faltete die Hände und erschrak als der Ausruf Er ist ein Mann und Dulden ist
des Weibes Loos über ihre Lippen glitt Wie kam sie zu diesem Ausrufe zu
diesem Gedanken  Sie weinte bitterlich
    Renatus hingegen war froh als er sich auf der Straße fand Hildegards
Gefühlsweichheit und ihre Tränen hatten ihm Angst gemacht Er wünschte nicht
dergleichen öfter zu erleben er freute sich dass er sich so fest gezeigt hatte
Es ward ihm ganz leicht ums Herz als der frische Wind ihm durch die Locken
wehte Die Luft in den Zimmern der Gräfin war ihm heute durch die Resedatöpfe
und den Potpourri so beklemmend gewesen 
    Sporenklirrenden Trittes einherschreitend ließ er den Schleppsäbel
geflissentlich auf dem Pflaster anschlagen er zog im Gehen den Säbel spielend
halb aus der Scheide und stieß ihn wieder hinein Jede Bewegung dünkte ihn eine
Lust und mit einer wahrhaften Genugtuung sagte er sich dass ihn nichts auf der
Welt verpflichte sich um Hildegards Empfindlichkeit und Empfindsamkeit zu
kümmern da er ja noch völlig frei noch völlig ungebunden sei
    Freiheit und Ungebundenheit hatten seit gestern er wusste selbst nicht
wodurch einen hohen Reiz und Wert für ihn gewonnen und er konnte sich es
nicht verhehlen sein Oheim hatte Recht gehabt es lag etwas Bedenkliches in
seiner Freundschaft mit den Rhodens etwas wovor er sich zu hüten hatte Er war
im Allgemeinen weit entfernt die Ansichten des Grafen Gerhard zu teilen nur
das Eine musste er ihm zugestehen  ein Menschenkenner war der Graf und
Welterfahrung hatte er
 
                                Zwölftes Kapitel
Fast um dieselbe Zeit in welcher Renatus die Wohnung der Gräfin verließ stand
Paul vor der niedrigen Türe eines Zimmers das in einem Hinterhause derselben
Straße im dritten Stockwerke gelegen war Auf sein Klopfen rief man Herein und
ein mittelgrosser sehr schmächtiger Mann erhob sich von dem Tische an welchem
er schreibend gesessen hatte
    Er trug einen hechtgrauen altmodischen Überrock eine Kniehose und Weste
von schwarzem Tuche und selbst den Puder und den kleinen steifen Zopf der ihm
fest und gerade am Hinterkopfe saß hatte er gegen die veränderte Sitte
beibehalten Alles an ihm und in seinem Stübchen trug das Gepräge peinlicher
Genauigkeit und Ordnungsliebe Lineal und Papierscheere Federn und Bleistift
lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf dem Tische das Wasserglas war mit
einem rundgeschnittenen Papier bedeckt Um den Käfig des Hänflings der reich
mit frischem Vogelkraut behängt war fanden sich Papierstreifen durch das Gitter
gezogen damit der Vogel das Futter nicht verstreuen könne selbst unter die
kleine irdene Vase in der einige Weidenzweige mit ihren grauen Blütenkätzchen
sich im Sonnenscheine entfalteten war ein zierlich zurecht geschnittenes
Papierblatt gebreitet und Paul bemerkte mit Vergnügen dass das Gesicht des
schon bejahrten Mannes der ihn empfing eben so ruhig und friedlich aussah wie
das Stübchen welches er bewohnte
    Auf seine Frage wie es ihm ergehe antwortete der Greis Gut gut lieber
Herr Tremann Wie sollte es mir anders ergehen da Sie so gütig für mich sorgen
Ich habe ja alles was ich brauche und das müssen Sie sagen ein so hübsches
sonniges Zimmer habe ich nicht gehabt selbst nicht als wir das Stockwerk im
Fliesschen Hause noch ganz allein bewohnten
    Er schob bei den Worten für Paul einen Stuhl an das Fenster machte ihn
aufmerksam wie der Schnee in der letzten Nacht geschmolzen sei wie in den
Gärten auf die er aus seiner Wohnung hinunter sah sich an einzelnen Stellen
schon der Rasen über dem befreiten braunen Boden neu zu färben beginne und
sagte dann Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf nach dem Himmel
und habe solch einen schönen weiten Horizont vor Augen so denke ich immer nur
mit Schrecken an die Arbeitsstube in der ich in meinen sogenannten guten Zeiten
meine Tage hingebracht habe und ich frage mich wie ich sündiger Mensch jetzt
nur ein so ruhiges Leben und es in meinen alten Tagen noch so gar gut auf Erden
haben kann
    Denken Sie dass Sie es durch Ihre Güte für mich verdient haben meinte Paul
    Ja freilich das muss ich mir denken wenn mich nicht drücken soll was Sie
für mich tun  Er schwieg einen Augenblick und sagte dann Ich weiß nicht was
aus mir geworden wäre hätte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen
Helfer in der Not gesendet Nicht wissen wo man sein Haupt zur Ruhe legen
soll und nicht wagen sich mit seinem grauen Kopfe vor den Menschen die man
gekannt hat sehen zu lassen weil man es mit Schimpf und Schande beladen weil
man im Zuchtause gesessen hat  das ist gar zu schrecklich gar zu schrecklich
lieber Paul
    Er senkte dabei sein Gesicht in seine Hände aber als der Andere ihn
ermahnte diese trüben Gedanken von sich fern zu halten meinte der Alte es
tue ihm gut sich einmal aussprechen zu dürfen
    Sehen Sie rief er indem er sich erhob und aus der Schublade seines Tisches
ein in schwarzes Leder gebundenes Büchelchen hervornahm ich denke immer an Sie
und weil ich sonst gar nichts für Sie tun kann und immer nur von Ihnen
anzunehmen habe so schreibe ich hier in das Buch das ich mir eigens dazu habe
binden lassen alle die guten Lehren ein die ich mir aus meiner verkehrten
Handlungsweise abgenommen habe und das soll einmal Ihr Erbe sein obschon Sie
meiner guten Lehren wahrlich nicht bedürfen Es will doch aber Jeder gern etwas
zu geben und zu hinterlassen haben
    Er hielt Paul das Buch hin es hatte einen vergoldeten Schnitt der Titel
war wie eine Festgabe in schönster Frakturschrift geschrieben und trug unter der
reichverzierten Überschrift »Erfahrungssätze und Sinnsprüche« auf der ersten
Seite als erste Lehre die Worte »Gib nie einem Weibe Gewalt über Dich denn des
Weibes Herz ist verkehrt und sein Tun und Treiben eitel«
    Herr Weissenbach schien großes Gewicht auf diesen Ausspruch zu legen Wenn
Sie wüssten sagte er wie oft ich mir das in meinem Unglücke vor die Seele
gehalten habe Und ich war nicht am unglücklichsten als das Geheimnis meiner
Verschuldigung entdeckt als die Untersuchung gegen mich eingeleitet und mein
Urteil erst gesprochen war als ich die Untreue mit welcher ich die mir
anvertraute Kasse angegriffen hatte im Gefängnisse büsste  Er blätterte in
seinem Buche zeigte dann mit dem Finger auf die betreffende Stelle und rief
Sehen Sie da steht es »Ehre annehmen mit dem Bewusstsein sie nicht zu
verdienen tut einem Rechtschaffenen sehr wehe«  Und ich kann mir das sagen
und Sie werden mir das bezeugen lieber Tremann ich war ein rechtschaffener
Mann Ich bedurfte nicht viel ich war zufrieden wenn ich ruhig bei meinen
Acten saß wenn ich meine Pflicht tat aber ich hatte einem Weibe Gewalt über
mich gegeben einem jungen einem schönen Weibe als ich kein Jüngling mehr war
und ich traute einer Delila Ich traute ich folgte ihr und ihren
verführerischen Ratschlägen weil ich ihrem klugen Kopfe und ihren beredten
Worten mehr als meiner Einsicht und meinem warnenden Gewissen glaubte Das soll
man nicht tun soll man nicht tun
    Paul hatte viel Nachsicht mit dem alten Manne aber er fand es endlich doch
nötig seinen Erzählungen und Herzensergiessungen ein Ende zu machen indem er
ihn bat sich der Gedanken an seine Schuld an seine Kassation und an seine Frau
zu entschlagen
    Der Alte versicherte dass er dies auch tue Nur wenn sie hier war setzte
er hinzu wenn sie einmal wieder hier war dann wurmt und brennts mich wieder
dann wacht Alles wieder auf  und heute ist sie dagewesen
    Was wollte sie fragte Paul
    Nichts nichts lieber Herr Tremann Seit sie bei dem Grafen ist hat sie
nichts von mir verlangt sie hats ja nun bei dem vollauf
    Aber weshalb kam sie denn sie pflegte doch nichts ohne Absicht nichts
umsonst zu tun meinte Paul der seine Abneigung gegen die Kriegsrätin nicht
verhehlte
    Der Alte sah sich schüchtern um und sagte Dass ich die Wahrheit sage sie
kam Ihretwegen
    Meinetwegen  und wie das Was will sie von mir
    Gewiss lieber Paul ich wollte sagen lieber Herr Tremann versicherte der
Kriegsrat dieses Mal hatte sie keine Absichten dieses Mal meinte sie es gut
Sie fragte ob ich noch immer Arbeit hätte ob Sie mir noch das Monatsgeld
gäben woher ich die Arbeit hätte was ich für Sie schriebe Ich zeigte ihr die
Auszüge die ich für Sie aus den Zeitungen machen muss sie besah sich das alles
denn sie versteht sich auf dergleichen und als sie schon im Fortgehen war
drehte sie sich noch einmal um und sagte »Der Paul hat uns zwar schmählich
verlassen und ist eigentlich an Allem schuld denn wenn er bei uns geblieben
wäre würde Alles anders geworden und wir nie in die Verlegenheit geraten sein
Da er Dich aber in Deiner Not und in Deinem Alter wenigstens nicht verlässt 
denn ich brauche ihn nicht ich weiß mir selbst zu helfen  und da ich Dir
seinen Beistand auch nicht entzogen sehen mag so sage ihm er solle machen dass
er von hier fortkomme und zwar je eher desto lieber Sag ihm das und ich
verlangte keinen Dank für meinen guten Rat«
    Und damit ließ Sie sich genügen Sie erkundigten sich nicht was diese
Weisung diese Warnung zu bedeuten habe worauf sie sich beziehe
    Der Alte sah ihn verlegen an Sie wissen was meine Laura nicht sagen will

    Er brach ab Paul drang nicht weiter in den alten Kriegsrat Er stand
vielmehr auf händigte dem Greise die Pension die er ihm seit dessen
Freilassung zahlte für den nächsten Monat aus sagte dass er sich dieselbe aus
dem Fliesschen Komptoir für die nächsten Monate holen möge und wie er in dem
Bureau des Staatskanzlers von einem der Sekretäre die Zusage erhalten habe dass
man Herrn Weissenbach auch ferner mit KopistenArbeit beschäftigen werde Dann
nahm er seinen Hut und wollte sich entfernen aber der Kriegsrat hielt ihn
zurück Er hatte offenbar noch etwas auf dem Herzen das er sich zu sagen
scheute und Paul ermunterte ihn dazu mit der Frage ob er noch irgend etwas
wünsche
    Der Alte sah ihn scheu und bittend an Sie haben so viel für mich getan
lieber Herr Tremann sprach er endlich und ich danke Ihnen dass Sie sich so für
mich verwenden ich tue mein Möglichstes Ihrer Fürsprache Ehre zu machen aber

    Nun was denn
    Aber könnten Sie mir nicht etwas zu rechnen schaffen rief der Alte und er
sah so hell dabei aus wie ein Liebender der endlich sein lange beabsichtigtes
Geständnis anzubringen vermochte
    Etwas zu rechnen Aber was soll das sein Wesshalb eben etwas zu rechnen Sie
haben ja Arbeit genug
    Ja Arbeit aber kein Vergnügen keine Freude rief der Alte Solch ein
Blatt das ich abschreibe steht vor mir und rückt und rührt sich nicht es ist
mein Herr ich bin sein Sklave ich darf nichts zu nichts abtun jeder
Buchstabe ist mein Meister Aber Zahlen die commandire ich die füge ich
zusammen die vermehre und vermindere die verbinde und teile ich die sind
meine Geschöpfe Und wie schön sieht es aus solch ein Kassabuch wie stattlich
wie majestätisch wenn die Stellen unten sich auf jeder Seite mehren wenn es in
die Tausende in die Hunderttausende geht  Er hielt ein wenig inne als schäme
er sich dieser Aufwallung und sagte dann ganz leise und bewegt Ich war sehr
glücklich damals als in meinem Hauptbuche das Soll und das Haben sich noch wohl
vertrugen als ich noch mit ruhigem Stolze auf die langen schlanken
Zahlenreihen blicken konnte und  ich würde hier in dieser schönen stillen
Stube recht glücklich sein wenn ich wieder etwas zu rechnen wenn ich wieder
die schönen Zahlenreihen zur Gesellschaft und vor Augen hätte Es ist das
Einzige was mir zu meinem Glücke und zu meiner Zufriedenheit fehlt
    Paul konnte nur mühsam sein mitleidiges Lächeln verbergen er versprach dem
Alten an seinen Wunsch zu denken und als dieser ihm die Tür öffnete um ihn
hinaus zu lassen fragte er Wer geht denn bei dem Grafen Berka ein und aus
Wissen Sie das zufällig
    Meistenteils Franzosen entgegnete der Kriegsrat Ein Baron von Kastigni
kommt alle Tage Meine Laura sagt es sei ein verbindlicher und feiner Mann
Aber auch von den Würtembergern und Westfalen besuchen ihn viele Officiere und
in den letzten Monaten ist auch der junge Freiherr von Arten öfter bei dem Herrn
Grafen zu Tische gewesen Heute isst er glaube ich allein mit ihm
    Paul hörte das ohne Entgegnung an und schied von dem Alten mit dem
wiederholten Versprechen an die Erfüllung seiner Wünsche denken zu wollen aber
die Frage was die Warnung der Kriegsrätin zu bedeuten habe beschäftigte ihn
doch mehr als er es dem Greise zu zeigen für angemessen fand denn sie traf mit
den Bemerkungen zusammen welche auch Herr von Werben ihm in dieser Beziehung
gemacht hatte Da er nicht dazu neigte seine Person und seine Tätigkeit höher
als es recht war anzuschlagen fiel es ihm auf dass man überhaupt von
französischer Seite auf ihn aufmerksam geworden war Seine Geschäfte waren nicht
größer nicht bedeutender gewesen als die mancher anderer Kaufleute seine
Reisen hatten an und für sich auch nichts Auffallendes und der Verkehr welchen
er zwischen den heimischen und den im Auslande lebenden Vaterlandsfreunden
vermittelt hatte war mit solcher Vorsicht behandelt worden dass er nicht wohl
verraten sein konnte Den Grafen Gerhard über dessen Verhältnis zu Seba er
nicht im Zweifel war hatte er seit seiner Kindheit nicht wieder gesehen Er
trug auch kein Verlangen danach dem von ihm in jeder Beziehung verachteten
Manne aufs Neue zu begegnen und mit dem Herrn von Kastigni mit dem er jetzt im
Fliesschen Hause freilich beständig zusammentraf hatte er keine
Unannehmlichkeit gehabt Die einzige peinliche Berührung hatte gestern zwischen
ihm und Renatus Statt gefunden damit konnte aber die Warnung der Kriegsrätin
die ohnehin von älterem Datum war nichts gemein haben und es blieb ihm auf
diese Weise also kein Anhalt für seine Vermutungen Da man sich jedoch unter
der obwaltenden französischen Gewalterrschaft auf jede Art von Spionage und
Angeberei gefasst halten musste so war es ihm erwünscht mit seinen
Angelegenheiten so weit vorgeschritten zu sein dass seiner Abreise nicht mehr
viel im Wege stand
 
                              Dreizehntes Kapitel
Während dessen war Renatus bei seinem Onkel angelangt und da der Graf es
liebte sich noch zu den jungen Leuten zu zählen von ihm mit einer fast
kameradschaftlichen Heiterkeit empfangen worden Er wusste bereits von Kastigni
der in der Frühe bei ihm gewesen war dass sein Neffe den letzten Abend im
Fliesschen Hause zugebracht hatte und warf lächelnd die Frage hin wie ihm
denn der Günstling dieses Hauses der sogenannte Tremann gefallen habe
    Sie kennen ihn also auch fuhr Renatus auf während das Blut ihm zu Kopfe
stieg
    Der Graf bejahte dies in einer Weise die darauf berechnet war sich
dasjenige was er wusste abfragen zu lassen und er erreichte auch seine
Absicht denn Renatus fiel ihm mit dem Ausrufe in die Rede So sagen Sie mir
Onkel wo war der Mensch bis jetzt und wie kommt er in das Haus
    Der Graf zuckte die Schultern Hast Du noch nicht bemerkt mein Lieber wie
zufällig die Gesellschaft sich bei solchen Leuten die um jeden Preis ein Haus
zu machen wünschen zusammensetzt Ich könnte Dich mit gleichem Rechte fragen
Wie kommst Du dorthin wüsste ich nicht dass Flies von Alters her der
Geschäftsmann Deines Vaters war und Dein Vater hat seine eigentümlichen Wege
die zu kreuzen nicht meines Amtes ist
    Er tat als wolle er von dem Gegenstande abbrechen indes Renatus war damit
nicht gedient und da er geneigt war sich der Einsicht seines Onkels heute mehr
als sonst zu fügen weil er heute einen Beweis von der Menschenkenntnis
desselben gewonnen zu haben meinte sagte er Sie selber haben ja früher die
Flies gekannt und es dünkt mich fügte er in einer ihm fremden leichtfertigen
Weise hinzu mit der er sich dem gewöhnlichen Tone des Grafen anzupassen suchte
und es dünkt mich Sie müssen in dem Fliesschen Hause mehr als nur eine
Einquartierung gewesen sein denn Seba weicht stets aus wenn ich von Ihnen
spreche In welchem Verhältnisse standen Sie zu ihr
    Der Graf lachte hell auf Renatus machte ihm in seiner steifen
Leichtfertigkeit einen komischen Eindruck aber er ließ ihn nicht merken dass
dieses Lachen nicht der Frage sondern dem Frager galt und entgegnete In dem
einzigen Verhältnisse in welchem Unsereiner zu einem Judenmädchen stehen kann
Um ihre Bekehrung zum Christentume das sagst Du Dir wohl selber war mirs
nicht wesentlich zu tun
    Renatus hatte bei der Art seiner Frage auf eine solche Antwort gefasst sein
müssen doch war sie ihm widerwärtig Er fand nicht gleich die Entgegnung die
er zu geben für nötig hielt der Graf ließ ihm auch nicht die Zeit sie erst
lange zu suchen
    Ein eigener Gedanke Dich in das Haus zu schicken Eine wunderliche Weise
in welcher man Dich überhaupt für den Feldzug für das Leben vorbereitet hat für
diesen Krieg Aller wider Alle sagte er plötzlich Aber das vergessen sie in
ihrer Weisheit Sie lassen Euch in die Welt gehen ohne Euch die Gefahren zu
zeigen die Euch drohen ohne Euch vorsichtig zu machen mit nichts ausgestattet
als mit Eurer Unschuld und Begehrlichkeit und dann wundern sie sich wenn Ihr
wie die Drosseln in der ersten Schlinge und an der ersten roten reifen Beere
hängen bleibt die Euch in den Weg kommt Arme Gräfinnen und reiche Juden das
ist alles Eins feine Vogelsteller die ihre Vögel kennen und ihr Garn zu legen
wissen jeder auf seine Art  und Ihr fallt dann auch hinein  Jeder auf seine
Art
    Ja leider rief Renatus unwillkürlich
    Leider Was weißt Du davon fragte der Graf der bis dahin im Zimmer
umhergegangen war vor seinem Neffen Fuß fassend
    Renatus zögerte zu antworten Er wusste dass der Graf nicht der Mann war die
Neigung zu würdigen welche ihn mit seiner Jugendgespielin verbunden und der er
sich in der letzten Zeit mit so viel Hingebung und Wärme überlassen hatte Er
wusste eben so gut dass er heute absichtlich ein Unrecht gegen Hildegard begangen
habe und dass er dieses steigere indem er den Grafen in das Vertrauen ziehe
aber er konnte mit Zuversicht darauf rechnen von demselben wegen dieses
Unrechtes nicht getadelt zu werden er durfte vielmehr hoffen Aufmunterung zu
erhalten wo er selber sich Vorwürfe machte und weil er in jedem Betrachte
unzufrieden mit sich war verlangte sein abhängiges Wesen nach Lob gleichviel
von wem ihm dieses komme oder worauf es sich beziehe Trotzdem fand er es
schwerer als er sichs gedacht hatte von seinen guten Gewohnheiten von den
Ehr und Anstandsbegriffen zu lassen in denen er erzogen und aufgewachsen war
und dem scharfen Auge seines Onkels ausweichend entgegnete er um Zeit zu
gewinnen O von mir ist nicht die Rede und Sie Onkel Sie können derartige
Erfahrungen doch nicht gemacht haben Ihr Glück bei den Frauen ist ja noch
sprüchwörtlich im Regimente
    Der Graf nahm eine ernste Miene an Ich habe mich sagte er über die Frauen
nicht zu beklagen gehabt weil ich frei zu bleiben und zu schweigen verstand und
weil ich dasjenige zu vergessen weiß woran ich nicht erinnert zu sein wünsche
Gehe hin und tue ein Gleiches fügte er lächelnd hinzu und sie werden wenn
sie nicht Deines Lobes voll sind doch ausweichen wenn man von Dir spricht
    Wie Seba fiel Renatus der sich erinnerte wie er sich vorher eben dieses
Ausdruckes bedient hatte dem Oheim als habe er eine Erleuchtung erhalten
lebhaft in die Rede Wie Seba tut wenn man von Ihnen spricht
    Der Graf ließ den Ausruf unbeantwortet Erst nach einer geraumen Pause sagte
er Wenn die Frauen ihre Vergangenheit so ganz und gar vergessen geben sie uns
das Recht wieder derselben zu gedenken Es ist belustigend zu hören wie
geläufig die großen Worte Deutschtum Jungfräulichkeit und Tugend dieser
Gesellschaft und allen diesen Frauen geworden sind wie sie einander stützen und
tragen weil die meisten von ihnen auf schwachen Füßen stehen und wie alle doch
nur den Einen Zweck der Selbstsucht verfolgen einen Mann zu bekommen oder die
Ihrigen an den Mann zu bringen Nur schade dass mans merkt  Ich sagte Dir
neulich Nimm Dich mit den Rhodens in Acht Die Warnung war vielleicht vom
Überfluss denn auf die blonde schmachtende Unschuld hast Dus wohl nicht
abgesehen Ich sage Dir heute vielleicht mit größerem Rechte Sieh Dich mit
den Flies mit Seba vor Sie könnte für Davide zu erlangen wünschen was ich ihr
zu gewähren trotz ihrer Zuvorkommenheit nicht für angemessen fand und sie
gehört zu denen die vielleicht großes Spiel für Andere zu spielen lieben
nachdem sie die Partie für sich verloren haben
    Er ging an seinen Schreibschrank setzte sich vor demselben nieder und
suchte anscheinend etwas unter seinen papieren Renatus war es äußerst
unbehaglich zu Mute Er wusste seinem Oheim für diese Mitteilungen keinen Dank
obschon er selber sie hervorgerufen hatte dennoch reizten ihn die Andeutungen
die halben Aufschlüsse welche derselbe ihm machte Weil er sich selber tadelte
gefiel es ihm die Andern auch nicht verehrenswert zu finden und doch stieß
ihn der Gedanke zurück dass er sich bisher mit Wohlgefallen in einem Kreise
bewegt haben sollte der dieses Wohlgefallen der die Achtung nicht verdiente
mit welcher Renatus den einzelnen Personen desselben sich angeschlossen hatte
    Er hätte mehr erfahren mehr wissen mögen und scheute sich doch davor Er
ärgerte sich darüber dass er sich der innerlichen Betrachtungen nicht
entschlagen konnte er fand es lächerlich dass er sich Sorgen und Vorwürfe über
sein Verhalten gegen Hildegard machte dass es ihm weh tat von Seba von Davide
geringschätzig zu denken Er wünschte sich den leichten Sinn ja den Leichtsinn
seines Onkels Was nutzten ihm seine strengen Grundsätze in einer Welt und in
einer Gesellschaft welche nicht auf solche Grundsätze erbaut war Er hatte
sich wie er meinte in der Tat über die klösterliche Erziehung die man ihm
gegeben zu beschweren er passte durch sie nicht einmal mit seinen Kameraden
zusammen gegen deren fröhliche auf den Genuss gestellte Sorglosigkeit er sich
bisher so verständig erschienen war Was sollten ihm eine Tugend eine
Sittlichkeit die ihn nur schwerfällig die ihn pedantisch erscheinen ließ und
die es ihm doch nicht ersparten mit sich selbst in Zwiespalt zu geraten und
Andern wehe zu tun Er hätte nicht anders sein mögen als seine Kameraden er
hätte ein glücklicher Verführer wie sein Onkel sein und sich in der Wärme
seiner Erinnerungen sonnen mögen Aber man wird nicht mit Einem Male lasterhaft
wie man nicht mit Einem Male tugendhaft wird Jedes Ding will gelernt und geübt
sein und mitten in dem Verlangen einen Liebeshandel mit Davide anzuknüpfen und
den Amerikaner aus dem Felde zu schlagen überkam Renatus der Gedanke was die
arme Hildegard dazu sagen davon denken würde Er seufzte um Hildegard und
trachtete zugleich nach der Eroberung der schönen Jüdin und nach Triumphen auf
dem Felde der Liebe Daneben ärgerte er sich wieder über dieses haltlose
Schwanken über dieses Wollen und Nichtwollen und unwillkürlich diesem Ärger
Worte leihend rief er halb für sich aus Herkules am Scheidewege ist doch eine
alberne Figur
    Der Graf wendete sich nach ihm um und als habe er ihn nicht verstanden
fragte er was er wünsche
    O rief Renatus unsere ganze Unterhaltung ging mir durch den Kopf und ich
musste mir sagen dass die symbolische Figur des Herkules am Scheidewege albern
sei
    Sehr albern wiederholte der Graf während er sich von seinem Platze erhob 
und um so alberner als die Dinge welche man Tugend und Laster nennt gar nicht
so bestimmt zu trennen und weit näher mit einander verbunden sind als man uns
in der Jugend glauben machen möchte Was ist Tugend Wo hört sie auf Wo fängt
das Laster an  Hirngespinnste und Ammenmärchen zum Besten einiger Wenigen
erfunden  Er nahm eine Prise ging auf dem weichen Teppiche des Zimmers auf
und nieder und trat dann an das Fenster durch dessen Scheiben er in die Straße
hinaussah
    Er hatte noch nicht lange so gestanden als sich sein Neffe zu ihm gesellte
Der Graf hatte das erwartet tat aber als beachte er es nicht So ging eine
Weile hin Endlich klopfte er dem Jüngling auf die Schulter und sagte mit
einladender Zutraulichkeit Nun heraus damit Was hats gegeben Denn geschehen
ist etwas wobei Deine Weisheit und Tugend sich nicht zu helfen wissen
    Renatus fuhr aus seinem Brüten auf und innerlich von dem Einen Gedanken
hingenommen der ihn seit gestern nicht verlassen hatte rief er durch die
plötzliche Anrede aufgeschreckt und überrascht Beantworten Sie mir Eine Frage
Onkel ist dieser Tremann meines Vaters Sohn
    So gewiss als Du selbst es bist entgegnete der Graf gelassen der freilich
irgend eine andere Anforderung erwartet hatte
    Der junge Freiherr biss sich in die Lippe seine Nasenflügel blähten sich im
Stolz Aber woher diese außerordentliche Freundschaft mit den Flies Woher das
große Aufheben das sie mit diesem  Menschen machen
    Spekulation lachte der Graf
    Aber worauf worauf
    Worauf Auf die Gunst des Zufalls auf den diese Leute denen es von ihren
trödelhaften Anfängen inne wohnt sich auf glückliche Zufälle zu verlassen nie
zu rechnen verlernen Der Graf hatte seinen Platz am Fenster verlassen und sich
behaglich an dem Feuer niedergesetzt Er war müßig und gut aufgelegt es
unterhielt ihn die Aufregung seines Neffen nach Belieben zu erhöhen und zu
dämpfen
    Es ist übrigens ein eigenes Ding um dasjenige was wir Zufall nennen hob er
nach einer anscheinenden Überlegung an Man sollte ihm bisweilen eine
Folgerichtigkeit einen inneren Zusammenhang zutrauen an gewisse
Vorherbestimmungen glauben wenn man überhaupt zum Glauben und damit zum
Aberglauben Neigung hat Ich zum Beispiel stehe anscheinend in einem
geheimnisvollen Zusammenhange mit diesem Monsieur Tremann  oder Mannert wie er
eigentlich heißt Er wird mir immer wieder in den Weg geführt und es wird wohl
schließlich meines Amtes sein ihn  aus dem Wege zu schaffen auf dem er nun
auch Dich behindern zu wollen scheint
    Renatus war sehr ernst geworden Er nahm neben dem Grafen Platz und sagte
Wenn man an eine Vorherbestimmung glaubt wie ich es nach den Lehren unserer
Kirche und aus fester Überzeugung tue so kann und darf man nichts in der Welt
als ein bloßes Spiel des Zufalls ansehen Es berührt mich daher sehr
eigentümlich dass mir eben heute die Notwendigkeit aufgedrängt wird mich mit
diesem Sohne meines Vaters zu beschäftigen und auf die Vergangenheit meiner
Eltern zurückzublicken die  ich weiß das wohl  leider keine glückliche
gewesen ist Aber in welcher Verbindung stehen Sie mit jenen Ereignissen deren
man gegen mich nie mit Offenheit erwähnte die ich nur aus einzelnen Äußerungen
kennen und aneinanderreihen lernte Sie würden mir einen Dienst leisten Onkel
wenn Sie mir alles mitteilen wollten was Sie von jenen Verhältnissen wissen
die für mich ja von so entschiedener Bedeutung sind
    Die ganze Artensche Pedanterie die ganze Empfindsamkeit der guten
Angelika rief der Graf Nur schade dass es nicht mit wenig Worten zu sagen ist
wie ich mit jenen Vorgängen zusammenhänge Gefühlvolle Seelen können etwas
Verhängnissvolles etwas Romantisches in der sehr prosaischen Geschichte finden
die nur durch die Überspannung Deiner Eltern zu einer Art von Wichtigkeit
erhoben wurde Du wirst davon gehört haben dass Dein Vater einer Jägerstochter
die ihm diesen Monsieur Mannert geboren hat aus philantropischer Laune eine
Art von Erziehung hatte geben lassen Sie dankte ihm dieselbe indem sie sich an
dem Morgen an welchem er zu seiner Hochzeit fuhr ertränkte
    Ich weiß das bemerkte Renatus mit einem Seufzer
    Es war allerdings ein lästiges Zusammentreffen aber Dein Vater nahm die
Sache unbegreiflich schwer noch schwerer nahm sie Deine Mutter Es ist am Ende
Jeder nur für die berechenbaren Folgen seiner Handlungen nicht für das
Unberechenbare verantwortlich was sie in Unvernünftigen erzeugen Dein Vater
empfand Gewissensbisse machte sich Vorwürfe Deine Mutter fand es nötig sie
mit ihm zu tragen und zu teilen Euer vortrefflicher Kaplan wusste solche
Stimmungen zu benutzen Man gelobte den Bau einer katholischen Kirche weil eine
Jägerstochter die Geliebte ihres Herrn gewesen war und weil eine luterische
Magd sich das Leben genommen hatte machte Deine Mutter machte eine Gräfin
Berka sich zur Katolikin  Ich war damals sehr jung und Zeuge davon wie man
die Ertrunkene suchte und ich verstand die Logik der darauf folgenden
Ereignisse nicht aber ich bekenne Dir dass ich sie auch heute noch nicht
verstehe Begreife Du sie wenn Du kannst
    Deine Mutter wollte den Bastard nicht in ihrer Nähe wissen man vertraute
ihn also meiner jetzigen Haushälterin der Kriegsrätin zur Erziehung an die
im Fliesschen Hause wohnte und ein neuer Zufall brachte mich in demselben
Hause ins Quartier Ich war es der auch mit einer ganz zufälligen Äußerung in
dem Knaben die Erinnerung an seine Mutter an seinen Vater weckte und wie des
Burschen Ähnlichkeit mit Deinem Vater mir seine Abkunft augenblicklich
verraten hatte so machte die übertriebene Zärtlichkeit die man für den
fremden Knaben im Fliesschen Hause an den Tag legte mir bald klar dass man
gesonnen war sich das Geheimnis welches man Deinem Vater bewahrte
gelegentlich bezahlen zu lassen Seba vor Allen schien eine ganz besondere Liebe
für den Knaben zu haben der beständig um sie war und das machte ihn mir nicht
lieber denn Seba war damals jung und schön ehrgeizig und phantastisch
abenteuerlich und zärtlich  und leichtgläubig wie die Weiber alle
    Er hielt inne lächelte und sagte dann die Augen fest auf seinen jungen
Gast gerichtet Du hast vorhin mit einer Erkenntnis die ich Dir gar nicht
zugetraut habe die Fabel vom Herkules am Scheidewege eine Albernheit genannt
Die meisten dieser Myten sind Albernheiten auch die Fabel vom Tantalus ist
eine solche Keine reife Frucht entzieht sich der durstenden Lippe aber tausend
reife Früchte welken weil sich Niemand findet der sie bricht Es ist
lächerlich von verführten Weibern zu sprechen Sie unterliegen immer nur der
eigenen Begehrlichkeit der eigenen Phantasie Wie reife Früchte warten sie am
Baume sehnsüchtig auf den Durst des vorübergehenden Wanderers um bei der
leisesten Berührung ihm in die Hand zu fallen Nun ich ging vorüber mit dem
Durste der heißen Jugend und  die schöne Seba fiel mir ohne all mein Zutun in
die Hand
    Onkel rief Renatus mit nicht zu verbergendem Widerwillen weil seine
Reinheit und Rechtschaffenheit vor solcher geflissentlich zur Schau getragenen
Sittenlosigkeit zurückschreckten Aber der Graf gehörte zu jenen Wüstlingen die
es belustigend finden Andere erröten zu machen wenn sie selber zu erröten
verlernten und als habe er den abwehrenden Ruf des jungen Mannes nicht
vernommen fuhr er gleichmütig zu erzählen fort
    Wir rückten an demselben Tage an welchem Seba sich mir ergeben hatte in
das Feld Ich erhielt einige Briefe klagend bittend drohend und beschwörend
wie eine Jede sie schreibt Ich beantwortete sie nicht Jahre vergingen ich
glaubte die Schöne längst getröstet wähnte das Abenteuer längst begraben und
vergessen aber ich hatte die eigensinnige Beharrlichkeit der Juden nicht in
Anschlag gebracht die wie gesagt jeden Zufall zu benutzen weiß und der kein
Umweg zu weit ist wenn er nur früher oder später zum Ziele zu führen
verspricht Mich zu rühren hatte Seba nicht vermocht mich zu bestimmen hatten
sie und die Ihrigen keine Möglichkeit aber mich überlisten und durch
Überraschung gewinnen zu können hatten sie nicht aufgegeben Sie wussten von
unseren und von den Verhältnissen Deiner Eltern durch den Architekten der Euch
die Kirche baute durch Euren Amtmann dem Flies die Mittel an die Hand gab
sich die Verlegenheiten Deines Vaters zu Nutze zu machen was sie zu wissen
wünschten und mehr als das Arglistig stellte man Deiner armen kranken Mutter
den ihr verhassten Bastard gegenüber und als die Aermste zusammenbrach da war
der Menschenliebe und der Dienstfertigkeit der Rücksicht und der Hingebung für
sie kein Ende Unter dem Scheine der höchsten Uneigennützigkeit erschlich sich
Seba die Freundschaft und das Zutrauen Deiner Mutter Als ihre einzige als ihre
beste Freundin führte Angelika als ich eben zu einem Wiedersehen mit den
Meinigen angekommen war die edle Seba bei meiner Mutter ein und diesen
Augenblick benutzte die schöne erhabene Seele ihre Geständnisse zu machen und
von mir die Herstellung ihrer Ehre zu verlangen die sie mir sehr freiwillig
geopfert hatte
    Renatus konnte diesen Ton nicht ertragen Es schnürte ihm die Brust zu es
klopfte ihm in allen Adern er erhob sich wie im Schrecken Er hätte das Fenster
öffnen mögen obschon der Wind der sich inzwischen erhoben hatte die Scheiben
klirren machte Auch der Graf hatte sich erhoben aber er ging gemächlich auf
und nieder und pfiff leise das damals sehr beliebte Lied vom schönen Dunois
durch die Zähne
    Jeder Mann sagte er nach einer Weile spielt zwischen drei Frauenzimmern in
einer solchen Lage eine abgeschmackte Rolle Die arme sterbende Angelika
schwamm in Tränen und hätte mir am liebsten die schöne Seba sofort angetraut
meine Mutter wollte Seba überreden mir zu verzeihen was sie mir gar nicht zu
verzeihen hatte  und ich tat das Einzige was mir bei einer derartigen Szene
und Überrumpelung zu tun übrig blieb ich ließ sie alle gewähren  Ich gönnte
Deiner Mutter die Zeit sich auszuweinen und das Vertrauen und die Freundschaft
zu bedauern welche sie Seba gewährt hatte Ich ließ meiner Mutter die Zeit zu
begreifen dass sie überlistet worden sei und Seba Zeit und Freiheit sich zu
entfernen was sie denn auch schließlich tat  Aber rief er mit fester Stimme
und mit einer Erbitterung welche gegen die spöttische Leichtigkeit sehr
abstach in der er bis dahin gesprochen hatte  aber ich habe es ihr nicht
vergessen dass sie mich gezwungen hat vor meiner Mutter und meiner Schwester
als ein Angeklagter da zu stehen Ich habe es ihr nicht vergessen und vergeben
dass sie meine Mutter die Gräfin Berka dahin brachte sich mit einer Bitte vor
ihr zu erniedrigen  und sie hat es mir sie hat es uns allen eben so wenig
vergessen und vergeben dass sie ihre Geständnisse unnötig und vergebens vor uns
abgelegt hat Durch Dich und Deine Unschuld hofft sie zu erreichen hofft sie
uns zu vergelten was sie sich was sie uns schuldig zu sein meint Daher die
große Freundschaft welche man Dir im Fliesschen Hause beweist daher die
Annäherung an die Rhodens mit der sie sich das Ansehen einer gesellschaftlichen
Stellung zu geben suchen die Dich sicher machen soll daher die lächerliche
Deutschtümelei mit der sie ihr Judentum maskiren Darum musste der Bastard
Deines Vaters der so gescheit gewesen war sich aus dem Staube zu machen
zurückberufen und Dir als ein Bewerber um Davide in den Weg gestellt werden Auf
Deine Unerfahrenheit auf Deines Vaters Lage ist dabei gebaut Ich durchschaue
den ganzen Plan so weit und vorsichtig er auch angelegt ist und wie wenig die
Meinigen und Dein Vater dies von mir zu fordern haben ich werde für sie für
Dich für uns alle handeln Die nötigen Schritte dazu sind bereits getan Man
weiß es dass dieser Tremann unter falschem Namen hier ist dass er nach allen
Seiten Verbindungen hat die ihn verdächtigen sein Eintritt in die Geschäfte
des alten Wucherers des Flies verdächtigt diesen ebenfalls Man ist aufmerksam
auf alles was in dem Hause vorgeht Und da sie sich so geflissentlich in den
Vordergrund drängen da dieser Tremann sich uns so unberufen in den Weg stellt
fühle ich mich wie ich Dir vorhin sagte auch berufen sie mit ihrem neuen
Günstlinge samt und sonders aus dem Wege zu schaffen und unschädlich zu machen
Dann ist Davide frei und 
    Der Graf hielt plötzlich inne denn der Diener öffnete einladend die Türe
des Nebenzimmers in welchem die Mahlzeit den Grafen und seinen Gast erwartete
Als hätten sie bis dahin die heiterste Unterhaltung gepflogen so leicht und
freundlich bot der Oheim seinem Neffen den Arm aber Renatus konnte sich nicht
überwinden sich auf ihn zu lehnen er tat als bemerke er es nicht
    Zorn Scham Empörung und Niedergeschlagenheit wechselten ihre Herrschaft in
dem jungen Manne ab und ließ ihn zu keinem festen Gedanken zu keinen klaren
Vorstellungen kommen Er kannte mit einem Male die Welt nicht wieder in der er
lebte Sie starrte ihm unheimlich entgegen wie eine liebe heimisch vertraute
Landschaft welche man plötzlich durch grell gefärbte entstellende Gläser
betrachtet Er wusste dass die Mitteilungen die ihm durch diesen Erzähler
aufgedrungen wurden keine zuverlässigen und keine reinen sein konnten aber er
vermochte nicht zu unterscheiden was Wirklichkeit was Täuschung was
unabsichtliche was geflissentliche Entstellung sei und nur die Ansicht setzte
sich unabweislich in seiner Seele fest dass sein Vater nicht wohlgetan habe
ihn mit der Fliesschen Familie in Berührung zu bringen und ihn dadurch mit
Personen zusammen zu führen deren Stand und Gewerbe sie zu vielerlei
Nachgiebigkeiten und Lässlichkeiten nötigten und deren Sitten Rechts und
Ehrbegriffe also weit von denen eines Edelmannes abliegen mussten Es kränkte
ihn dass diese Leute von seinen Familienverhältnissen in vieler Beziehung besser
unterrichtet waren als er selbst er schämte sich bei dem Gedanken dass er sich
zu Seba so hingezogen gefühlt dass er sie die Entehrte die sich seiner Familie
aufdringen wollen seine Freundin genannt habe dass sie die Freundin seiner
Mutter gewesen sei Sein Name seiner Eltern Ehe sein Vaterhaus Alles schien
ihm wie von einem Gifte angehaucht zu sein und während gestern die bürgerliche
Freiheit seines Bastardbruders ihm ein unbestimmtes Verlangen nach
Ungebundenheit eingeflößt hatte während er noch am Vormittage ein Verlangen
nach ungewöhnlichen und abenteuerlichen Erlebnissen in sich gehegt sehnte er
sich nun plötzlich in den Kreis jener reinen Empfindungen zurück in welchen er
bis dahin so friedlich und so unbeirrt geatmet und gelebt hatte
    Die Tagesereignisse die Stadtneuigkeiten die Erzählungen aus der
Gesellschaft der französischen Hauptstadt mit denen der Graf sich und ihn bei
Tische unterhielt fesselten die Teilnahme seines Neffen nicht Die gewählten
Speisen die feurigen und feinen Weine reizten des Jünglings Gaumen nicht Er
war schweigsam und ernstaft in sich versunken denn das Bild das er am Morgen
als eine Albernheit verspottet hatte das Bild des Herkules am Scheidewege
drängte sich ihm abermals und jetzt in einem anderen Lichte auf Auch er stand
auf der Grenze zwischen zwei Welten an einem Scheidewege auch er hatte eine
Wahl zu treffen zwischen den Verlockungen des Lebens und den Überzeugungen und
Ehrbegriffen in denen er erzogen und erwachsen war und die für alle Zeit die
Handlungen eines wahren Edelmannes leiten mussten Und noch ehe man sich von dem
verschwenderischen Mahle erhob war seine Wahl getroffen
    Statt ihn zu verführen hatte die Charakterlosigkeit des Grafen ihn zur
Besinnung und zu sich selbst gebracht Renatus bereute was er seit gestern
gedacht getan er war entschlossen sich für immer von einem Kreise
loszusagen in welchem so niedrige Elemente sich verbergen konnten und er hätte
viel darum gegeben hätte er auf den Lebensweg seines Vaters mit derselben
Zufriedenheit zurückblicken können wie auf denjenigen den er bis gestern
selbst zurückgelegt hatte Es war nie ein unedler Gedanke in sein Herz gekommen
und  er wollte seine Seele rein erhalten Er war stolz auf seine Sittenreinheit
wie auf seinen alten Adel er wollte durch seinen Edelmut die Schwäche seines
Vaters sühnen und vergessen machen er wollte in sich das vollkommene Vorbild
eines Edelmannes darstellen und weil die Jugend ihr augenblickliches Wollen
sich gern als eine Tat anrechnet sah er bald mit einem mitleidigen
Selbstgefühle ja endlich mit stolzer Verachtung auf seinen Oheim auf den Mann
herab dessen Menschen und Weltkenntnis ihm vor wenig Stunden noch beneidens
und bewundernswert erschienen waren
    Renatus Haltung hob sich an seinen guten Vorsätzen er gewann seine Fassung
wieder Er nannte es in seinem Innern gut und nützlich die Nachtseiten des
Lebens in solcher Weise kennen gelernt und einen Blick in die verborgen
gehaltenen Geheimnisse seiner Familie und seines Hauses getan zu haben den er
sich zu Nutze zu machen beschloss Dass er Seba nicht wiedersehen das Fliessche
Haus nicht wieder betreten die Gräfin Rhoden bestimmen müsse mit Seba zu
brechen um Hildegard vor jeder Berührung mit derselben ein für alle Mal zu
sichern das verstand sich ganz von selbst Er fühlte sich plötzlich berufen
die Zügel in die Hand zu nehmen und für Alle die ihm nahe standen einzutreten
War er doch der Freiherr von Arten auf dessen Schultern die Verantwortung für
die Ehre dieses Namens schon jetzt und in der Zukunft ruhte Und er war jung
genug an die Dauer des Augenblickes zu glauben und mit der Kraft einer
augenblicklichen Erhebung und Begeisterung Vergangenheit und Zukunft umfassen
und umgestalten zu wollen
    Er sann darüber nach wie er noch ehe er sich heute von seinem Onkel
trennen würde diesem die Entschlüsse kund geben könne die er gefasst wie er
ihm ohne ihn zu beleidigen deutlich machen könne dass sie beide auf einem
völlig verschiedenen Standpunkte ständen dass sein Versuch sich den
Anschauungen seines Onkels zu nähern ein vergeblicher gewesen sei und dass es
also für sie in Zukunft geraten sein dürfte einander zu vermeiden Aber der
Widerspruch zwischen den Erzählungen des Grafen und den Gedanken und
Empfindungen welche sie in Renatus erzeugten fing diesen allmählich poetisch
zu dünken an Es reizte ihn sich in solcher Weise geistig von seiner zufälligen
Umgebung befreien seine Seele bis zu religiösen Empfindungen erheben zu können
während er die nötigen Entgegnungen auf die ganz weltlichen Reden und Fragen
seines Onkels nicht schuldig blieb und er war mitten in diesem poetischen
Selbstgenusse als die Meldung von der Ankunft des Herrn von Kastigni ihn
störte der als ein vertrauter Freund des Hauses dem Diener auf dem Fuße folgte
    Wichtige Nachrichten ich bringe wichtige Nachrichten rief er dem Grafen
zu während dieser den Franzosen nötigte an der kleinen Tafel Platz zu nehmen
und der Diener ihm ein Glas hinsetzte  Rüsten Sie Sich zum Aufbruche mein
Herr Baron Non più andrai far fallone amoroso wie viel Tränen es auch kosten
mag fügte er scherzend hinzu Der Marschbefehl für die preußischen Truppen ist
erteilt und Mademoiselle Davide wird sich mit uns armen Civilisten genügen
lassen müssen bis die jungen Helden wiederkehren um der Schönen ihre Lorbeeren
aufs Neue zu Füßen zu legen
    Er durfte nach dieser Äußerung eine eben so leichte Entgegnung erwarten und
sah Renatus deshalb verwundert an als derselbe mit einer gewissen
Empfindlichkeit die Bemerkung machte dass Mademoiselle Davide ihn weder Tränen
kosten noch Tränen um ihn weinen könne da sie gar kein Interesse an einander
nähmen Dann erhob der Jüngling sich von der Tafel wozu die Nachricht von der
Marschordre ihm die erwünschte Veranlassung lieferte
    Der Graf welcher es sich leicht gedacht hatte Renatus für sich zu gewinnen
und ihn zu einem Werkzeuge seiner Rache zu machen ahnte dass er sich darin
betrogen habe und war der Zerstreutheit seines Neffen ohnehin müde geworden Er
versuchte also nicht ihn zurückzuhalten Das Gespräch bewegte sich noch eine
kurze Zeit um die Tagesnachricht Renatus sprach die Hoffnung aus auf dem
Marsche auch zu seinem Vater nach Richten kommen zu können und der Graf gab ihm
dann mit scherzenden guten Lehren das Geleit
    Als sie die Türe des Nebenzimmers erreichten so dass Kastigni ihre Worte
nicht mehr vernehmen konnte sagte Renatus ernst und feierlich indem er stehen
blieb Ich habe noch etwas auf dem Herzen ehe ich scheide Sie haben vorhin
feindliche Gesinnungen gegen den Kaufmann Tremann ausgesprochen Ich bitte Sie
Onkel geben Sie dieser Abneigung die ich übrigens mit Ihnen teile keine
Folge Es dünkt mich unserer nicht würdig uns mit diesem Manne zu beschäftigen
Es ist nicht seine Schuld dass er existiert und Ehre ist für Unsereinen von
seines Gleichen nicht zu holen Ich für meinen Teil bin fertig mit ihm und
seinem ganzen Anhange da der Feldzug es mir möglich macht mich ohne Aufsehen
von Bekanntschaften zurückzuziehen in die ich niemals geraten sein würde
hätte man sich früher die Mühe genommen mich zur rechten Zeit über jene
Personen aufzuklären Ich danke Ihnen dass Sie dieses heute getan haben Meiner
Verschwiegenheit sind Sie gewiss und somit Onkel leben Sie wohl
    Der Graf nahm die ernste Anrede leichthin auf und Renatus eilte von dannen
zufrieden dass er mit dieser Fürsprache für Tremann die ersten Schritte auf dem
Wege getan hatte von dem fortan nicht wieder zu weichen er sich heute ein für
alle Mal gelobt hatte
 
                              Vierzehntes Kapitel
Als Renatus seine Wohnung betrat fand er seinen Burschen bereits damit
beschäftigt die für den Feldzug bestimmten Effecten auszusondern und zu packen
Renatus freute sich dessen denn er sehnte sich fortzukommen Wie man die
erhitzen müden Glieder in eine frische kühle Flut zu tauchen begehrt so
wünschte er die Erfahrungen der letzten vierundzwanzig Stunden in frischen
ermutigenden Erlebnissen zu vergessen und mit wahrer Sehnsucht richteten seine
Gedanken sich in die Zukunft in eine Zukunft die er selber sich rein und schön
und frei zu gestalten hoffte
    Nicht in der Todesstunde seiner Mutter da sie ihn mit frommem Wunsche
gesegnet nicht an dem Tage an welchem der Freiherr von ihm bei dem Abschiede
aus dem Vaterhause das Gelöbnis gefordert hatte dass er sich seines Namens und
Hauses würdig machen wolle hatte Renatus sich so ernst und in sich gefestet
empfunden als heute aber es war die Weihe jener Momente welche in ihm
nachwirkte und ihn sich selbst versprechen ließ was er denjenigen gelobt hatte
die er freilich jetzt nicht mehr als seine Vorbilder zu betrachten vermochte Er
beklagte seine Mutter er bedauerte die Charakterschwäche seines Vaters er
pries sich glücklich den Kaplan zum Lehrer und Führer gehabt zu haben er
segnete die einsame sittenstrenge Erziehung die ihm zu Teil geworden und die
er noch wenig Stunden vorher als ein Unglück anzusehen geneigt gewesen war und
es fiel ihm gar nicht ein wie schnell eben im Laufe des letzten Tages seine
Empfindungen und Gedanken sich gewandelt und mit einander gewechselt hatten Er
hielt eben noch immer jede seiner Stimmungen für die Folge einer neu gewonnenen
Erkenntnis und jede solche Erkenntnis für die einzig richtige und abschliessende
das ist eine Eigenschaft der Jugend welche beschränkten Geistern aber
lebenslang eigen bleibt und es ihnen möglich macht alle ihre Irrtümer im
besten Glauben an die Unumstösslichkeit ihres Rechtes zu begehen
    Der Freiherr hatte im Geiste der Zeit welcher er angehörte sich selbst
genügen und von dem Momente ab in welchem er die Rechte seines Standes
angefochten sah sich in diesen Rechten in seinem Ansehen und in seiner äußern
Würdigkeit behaupten wollen Das erkannte und begriff der Sohn aber seine
Erziehung hatte ihm wie er meinte ein höheres ein idealeres Ziel vor Augen
gehalten und nie hatte ihm dies heller entgegen geleuchtet als eben jetzt
Nicht allein um die äußere Würdigkeit war es ihm zu tun er wollte in seiner
Person in seiner Handlungsweise es bestätigen dass der Edelmann in sich den
Begriff der Ehre reiner bewahre und darstelle als die anderen Stände dass er
eine edlere Kaste sei welche eben deshalb sich einer strengen
Ausschliesslichkeit befleissigen müsse Das hatte wie Renatus meinte sein Vater
außer Acht gelassen das hatte auch seine Mutter nicht genug beherzigt und eben
deshalb hatte auch er jetzt auf dem Punkte gestanden in unpassenden
Verbindungen zu unangemessenen Handlungen verleitet zu werden Ein Schreckbild
war ihm in der Gestalt des Grafen zur rechten Stunde entgegen getreten Er
dankte seinem Schutzgeiste dafür dass es einzulenken noch Zeit für ihn noch
nicht zu spät war dass er sich noch vorwurfslos aus Umgebungen befreien konnte
in denen sein Name nicht an seinem Platze gewesen wäre in denen seine Seele
hätte Schaden leiden können und er wies den Ausdruck Anfangs von sich aber er
drängte sich ihm ihm immer wieder auf in denen er in Gefahr gewesen war sich
zu erniedrigen
    Wie er sich auf den stolzen Schwingen seiner guten Vorsätze über seine
Eltern erhob so sah er von seiner neu erklommenen Höhe auf alle seine
bisherigen Verhältnisse herab und wie fern er sich auch von der bürgerlichen
Gesellschaft fortan zu halten entschlossen war wollte er doch nicht dass irgend
Jemand sich über ihn zu beklagen oder ihn der Versäumnis einer
gesellschaftlichen Form zu zeihen haben sollte An ihm an einem Freiherrn von
Arten sollte so weit er es verhindern konnte kein gerechter Vorwurf haften
    Er hatte bis zum nächsten Mittage noch vollauf Musse alles was ihm oblag
zu ordnen und abzutun Er sendete seinen Burschen fort einige Rechnungen zu
bezahlen verschiedene kleine Besorgungen zu machen dann suchte er die Bücher
zusammen welche er im Laufe der Zeit von Seba entliehen hatte packte sie
sorgfältig ein und setzte sich nieder ihr zu schreiben indes er konnte die
Form dafür nicht finden Er wünschte sich einfach zu verabschieden aber es kam
ein vornehmer feierlicher Ton in seine Worte der ihm selbst fremd und dann
auch kränkend für Seba erschien bis er nach mehreren vergeblichen Versuchen
ein förmliches und doch freundliches Billet zu Stande zu bringen sich sagte
dass er ein Unrecht begehe wenn er sich zu einer Vertraulichkeit zwinge die er
nicht mehr fühle und dass es demjenigen der sich zu einem Charakter zu erziehen
wünsche weil er die Kraft eines solchen in sich trage wohl anstehe auch in
Kleinigkeiten den Mut seiner Meinung zu haben Er las sein Schreiben mehrmals
durch es gefiel ihm allmählich immer besser und als er das freiherrlich von
Artensche Siegel mit seinem »Fortis in adversis« darauf drückte hatte er eine
Genugtuung als ob er eine gute Tat vollbracht oder eine schwierige Arbeit
beendet hätte
    Er ließ die Koffer zuschnallen die Kisten vernageln in denen alles was
nicht zu seiner Feldausrüstung gehörte in Berlin zurückbleiben sollte Die
Gräfin Rhoden hatte sich erboten ihm diese Sachen aufzuheben Es tat ihm leid
dass er sie deren Wohnung sehr eng war damit beschweren musste und er dachte an
die großen weiten Räume an die Fluren Zimmer Galerien und Remisen im
Fliesschen Hause um dabei die Betrachtung anzustellen wie gut sein Vater es
in seiner Jugend gehabt habe als dieses Haus noch in Tante Esters Händen
gewesen war und um es zu beklagen dass ein so schicklicher Besitz für seine
Familie verloren gegangen sei Er hatte das nie vergessen können wenn er bei
Seba gewesen war und schon deshalb war es ihm lieb mit den Eigentümern jenes
Hauses künftighin nicht mehr in Verkehr zu bleiben
    Es dunkelte schon als die bestellten Träger sich mit seinen Sachen auf den
Weg machten und es war ziemlich spät als der heimkehrende Diener ihm ein
Briefchen der Gräfin einhändigte in welchem diese die Erwartung aussprach dass
sie ihn heute noch sehen werde da sein letzter Abend in Berlin falls er nicht
mit jüngeren Genossen eine Verabredung getroffen habe notwendig seinen
ältesten Freunden zugehören müsse
    Er sah aus den wenigen Zeilen dass Hildegard der Mutter ihren heutigen
Streit mit ihm verschwiegen hatte denn die Gräfin würde desselben sonst in
einer oder der anderen Weise erwähnt oder unter den obwaltenden Umständen es
vielleicht vermieden haben den Jüngling der ihr Haus im Missmute verlassen
hatte zur Wiederkehr aufzufordern Renatus fand sich dadurch aber in
Verlegenheit gesetzt und da er nun begonnen hatte sein Tun und Handeln wie
er es nannte einem strengen Urteile zu unterwerfen dünkte ihn sein ganzes
Verhalten gegen seine mütterliche Freundin gegen die Gräfin Rhoden die ihm
zutrauensvoll den freiesten Verkehr mit ihren Töchtern gestattet hatte noch
weniger tadellos als sein Betragen gegen Hildegard
    Beiden war er eine Erklärung schuldig aber um sie zu machen bedurfte er
einer genauen Prüfung seines Herzens und er war nicht ruhig genug eine solche
anzustellen Die Fragen seines Dieners die mancherlei Anordnungen welche er zu
treffen hatte unterbrachen und zerstreuten ihn wenn er sich zu sammeln
strebte nur dass er vor sehr ernsten Entscheidungen stehe fühlte er deutlich
und immerfort
    Es war kein Tanz zu dem er morgen auszog Seit die Geschichte die Taten
der Menschen aufgezeichnet hatte war kein so gewaltiger Heereszug unternommen
worden Die ungeheuren Vorbereitungen welche Napoleon getroffen hatte ließ
auf die Schwierigkeiten und auf den furchtbaren Widerstand schließen den er
selbst erwartete Glänzende Erfolge waren für den Teilnehmer an diesem Kriege
eben so möglich als das größte Unheil und Elend Renatus konnte ruhmgekrönt er
konnte siech und verstümmelt wiederkehren der Abschied den er heute von dem
Mädchen nahm das er seit einiger Zeit als seine Geliebte und künftige Gattin im
Herzen getragen hatte konnte ein ewiger sein Aber eben das machte ihn nur
bedenklicher Versprechungen zu leisten oder zu begehren und dazwischen
wunderte er sich dass die Aussicht von Hildegard zu scheiden ihn nicht mehr
erschüttere dass er weit weniger an sie als an die bevorstehenden wechselnden
Ereignisse und Abenteuer seines Kriegerlebens denke dass ihn die Hoffnung
Vittoria wahrscheinlich wiederzusehen weit lebhafter beschäftigte als die
Notwendigkeit sich von Hildegard zu trennen
    Er nahm ein Etui heraus in welchem sich eine Silhouette von ihm befand die
er in Erwartung des Feldzuges für die Gräfin Rhoden zum Andenken hatte machen
lassen Später als er seine Wünsche auf Hildegard gerichtet hatte er dieser
das kleine Bildnis bestimmt und jetzt war er unsicher ob er es überhaupt einer
der Frauen anbieten dürfe und solle Von jener Leidenschaft welche die Dichter
besingen von jener überwältigenden Liebe deren Feuer die Jugend so durchglüht
und umleuchtet dass ein ganzes Leben davon bis in seine fernsten Tage erwärmt
und verschönt wird fühlte er nichts in sich Von dem unwiderstehlichen Zuge
von dem naturgewaltigen Müssen die zwei Menschen zwingen sich einander zu
eigen zu geben empfand er keine Spur Er liebte Hildegard also nicht
eigentlich er hatte sich über seine Empfindung für sie getäuscht hatte die
Freundschaft das Wohlgefallen mit denen er an ihr hing für ein wärmeres
Gefühl gehalten und wie peinlich diese Erkenntnis und die aus ihr folgenden
Schritte für ihn in diesem Augenblicke auch sein mochten durfte er es doch
immer als ein Glück bezeichnen dass er seines falschen Wahnes rechtzeitig inne
geworden und vor dem Loose bewahrt worden war sich im Herzensirrtume
unwiderruflich an ein Mädchen zu binden dem er keine wahre Liebe
entgegenbrachte und mit dem er also eben so wenig glücklich werden als er es
mit seiner unvollständigen Liebe glücklich machen konnte Er hatte Erinnerung
genug an seine Kindheit um eine unglückliche Ehe sehr zu fürchten aber eben so
schreckte er vor der Notwendigkeit zurück Hildegard seinen Selbstbetrug
einzugestehen und von ihr wie von ihrer Mutter seine Vergebung zu fordern
    Alle seine Geschäfte waren abgetan er stand allein in dem jetzt leer
aussehenden Zimmer und blickte zerstreut auf die Straße hinaus Von Minute zu
Minute verschob er es sich zu entschließen Es war dunkel der Wind hatte sich
gelegt Renatus fand keinen festen Anhaltspunkt für seine Vorstellungen
    Wie manchen Marsch in dunkler Nacht wie manchen dunkeln Weg werde ich zu
gehen haben und wer weiß auf welcher dunkeln Straße mir mein Todesloos
geworfen wird sagte er mit einem Male zu sich selbst und es ergriff ihn dass
ihm eben eine solche Idee gekommen war Sollte das eine Ahnung sein
    Er wurde immer trauriger Er konnte es sich nicht verhehlen seiner
Kindheit seinem ganzen Dasein hatte der rechte heitere Glanz gefehlt und wie
er in dem Lebensherbste seines Vaters geboren worden war jetzt auch der Stern
seines Hauses über die Mittagshöhe hinaus und nicht mehr im Steigen Von früh
auf hatte man ihn auf den Wahlspruch seines Wappens auf das »Fortis in adversis
« verwiesen das er noch vorhin mit so viel Selbstbefriedigung betrachtet Er
hatte die Worte auch oft im Munde geführt aber er hatte dabei immer an große
plötzliche Unglücksfälle gedacht denen gegenüber man sich mit entschlossener
Tat schnell und mutig zu bewähren hätte Die Widerwärtigkeiten die inneren
Hindernisse und Zweifel mit denen zu kämpfen ihm beschieden war hatte er
damals noch nicht gekannt und Ehre und Ruhm wie sie ihm begeisternd vor der
Seele schwebten  wo sollte er sie erringen In dem Kriege zu welchem das Volk
das Heer des großen Friedrich jetzt unter dem Adler seines Unterdrückers auszog
waren sie für einen preußischen Edelmann nicht zu suchen und zu finden
    Er hielt inne als er in seinen Gedanken auf diesen Punkt gekommen war denn
das eben das hatte ja Tremann gestern ausgesprochen Es war nicht anders
Tremann hatte Recht gehabt und mit allen seinen Vorsätzen und Entschlüssen kam
Renatus nicht über die Schranke hinaus in welche er durch seine Verhältnisse
gebannt war die Gesetze der Standesehre zwangen ihn wider seine Neigung ja
gegen seine Überzeugung zu handeln
    Wohin er sich auch wendete nirgends hatte er einen klaren freien Ausblick
nirgends sah er einen leichten Weg für sich offen und doch war er durch seine
Geburt auf die Höhen des Lebens gestellt und über die große Menge hinausgehoben
 Er wusste sich nicht zu helfen in seiner stolzen Verzagteit und weil ihm
Alles nur schwerer und trüber erschien je länger er darüber nachsann fasste er
sich endlich gewaltsam zusammen um das Nötigste abzutun und sich wenigstens
nach der einen Seite Luft und Freiheit zu verschaffen
    Renatus hatte von seinem Hause bis zu der Wohnung der Gräfin ziemlich weit
zu gehen und also hinlängliche Musse sich zu überlegen und zu wiederholen wie
er sein Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen versuchen solle Weil er die
regelmäßigen Gewohnheiten seiner Freunde kannte fiel es ihm leicht sich die
Lage in welcher er sie antreffen werde vorzustellen sich den Gang auszumalen
den das Gespräch wohl nehmen würde und sich danach die Form zurechtzulegen in
welcher er von der Unterhaltung über seine äußeren Angelegenheiten auf seine
Empfindungen und innerlichen Erlebnisse überleiten könne und er hatte eine
gewisse Fassung und Haltung gewonnen noch ehe er vor der Türe der Gräfin
anlangte
    Er sah zu ihren Fenstern hinauf das Licht schimmerte durch die Vorhänge
die beiden großen Myrtenstöcke warfen ihren Schatten gegen dieselben Die Gräfin
hatte diese beiden Myrten bei der Geburt ihrer Töchter nach der Sitte ihres
Hauses selbst gepflanzt es waren unter ihrer sorglichen Hand zwei schöne
Stöcke geworden sie sollten einst die Kränze für ihre Töchter liefern Renatus
hatte vor Hildegards Myrte manch lieblichen Traum geträumt jetzt fiel ihm bei
dem Anblicke das Non più andrai far fallone amoroso ein das Herr von Kastigni
ihm vor wenig Stunden zugerufen hatte Die Zeit der Liebeständelei die Zeit der
Jugend waren für ihn vorüber
    Oben angelangt dünkte es ihn als müsse er lange warten bis das Mädchen
ihn angemeldet hatte und ihm die Türe zum Eintritte öffnete Es war in den
Zimmern Alles wie sonst Die Gräfin saß ruhig wie immer auf ihrem gewohnten
Platze Cäcilie am unteren Hildegard am oberen Ende des Tisches Er hätte sich
nicht gewundert hätte er sich selber zwischen den beiden Schwestern an der
freien Seite der Gräfin gegenüber sitzen sehen Das sollte nun ein Ende haben
    Das Herz wurde ihm schwer und fing ihm stark zu klopfen an als er den
Frauen den guten Abend bot denn ihre Traurigkeit war unverkennbar Er sagte
sich dass er Mut für sie alle werde haben müssen und dass es nötig sei sich
nicht erweichen zu lassen Mit festem Schritte und noch festeren Vorsätzen ging
er zu der Gräfin ihr wie immer die Hand zu küssen dann reichte er Cäcilien
die Hand und wollte sich eben der älteren Schwester in gleicher Absicht nähern
als diese sich schnell erhob ihm beide Hände entgegenreichte und mit warmer
Empfindung die Worte hervorstiess Vergib mir  ach vergib mir
    Dass Hildegard ihn in Gegenwart der Mutter ohne all sein Zutun um
Vergebung bitten könne darauf allein hatte er nicht gerechnet Es erschreckte
ihn also wie es ihn rührte und weil es ihn unvorbereitet traf wusste er nicht
gleich das rechte mit seinen Absichten vereinbare Wort zu finden
    Liebe Hildegard sagte er aber sein zögernder Ton bestärkte sie in dem
Glauben dass er ihr noch zürne und ihres Schmerzes bei dem Gedanken an die
bevorstehende Trennung nicht länger Meister hingerissen von ihrer Liebe warf
sie sich mit erhobenen Armen um seinen Hals und klagte Ich sterbe Renatus
wenn Du im Zorne von mir gehst
    Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter er fühlte das Schlagen ihres Herzens an
dem seinigen er hielt sie umfangen er erwiderte ihre Küsse er kniete mit
ihr zu den Füßen ihrer Mutter die sie unter Tränen segnete
    Er hatte das so oft geträumt dass es ihm auch jetzt war als träumte er es
wieder nur dass er im Schlafe sehr natürlich gefunden hatte was ihm jetzt fast
unglaublich däuchte und dass statt der unklaren Furcht vor dem Erwachen die ihn
sonst in seinem Glücke gestört hatte jetzt wie ein kühler unheimlicher
Schatten das Bewusstsein über ihm lag dass kein Erwachen das Geschehene
ungeschehen machen werde Seine Gefühle und Gedanken trieben in einem solchen
Wirbel durcheinander dass er keinen von ihnen festzuhalten wusste und allmählich
von ihnen fortgerissen wurde Hildegards überwältigende alle mädchenhafte
Scheu besiegende Liebe schmeichelte seiner Eitelkeit ihre Zärtlichkeit
entflammte aufgeregt wie er es ohnehin war seine Sinne Er hielt sich
berechtigt seine Braut  denn das war Hildegard ihm jetzt  im Beisein ihrer
Mutter fester und inniger zu umarmen als je zuvor und die Phantasie des
Mädchens war der seinigen seit langer Zeit vorausgeeilt denn Mädchen reifen
immer schneller als der Jüngling In dem Bestreben ihrer Mutter zu erklären
dass sie nicht anders habe handeln können und dass sie ihrem Herzen habe folgen
müssen erzählte Hildegard mit frohem liebevollem Rückerinnern wie Alles sich
in den letzten Monaten zwischen ihr und dem Geliebten begeben habe und Renatus
eigenes Herz wurde davon erweicht und entflammt Er fragte sich wie er das
alles habe vergessen können er sagte sich daneben dass ein Edelmann der mit
einer Dame seines Standes so weit gegangen sei sich auch ohne eine bestimmte
Erklärung an sie gebunden habe und es fiel ihm nicht ein dass er mit diesem
bloßen Gedanken seine Verlobung als eine nicht frei gewollte Tat anerkannte
dass er es stillschweigend beklagte seine Freiheit verloren zu haben Er hatte
auch zu solchen Überlegungen die äußere Ruhe nicht
    Die Gräfin sprach es ihm mit ihrer sanften Würde offen aus dass seine Liebe
für Hildegard ihr kein Geheimnis gewesen sei und ihr den liebsten Wunsch ihres
Herzens erfülle dass sie aber fürchte der Freiherr werde anderer Ansicht sein
und eine mittellose Schwiegertochter nicht willkommen heißen Sie klagte sich
an in ihrer Rührung voreilig ein Bündnis gesegnet zu haben für welches Renatus
die Zustimmung seines Vaters noch fehle sie hielt ihm seine Jugend die
Gefahren des bevorstehenden Krieges vor sie ersparte ihm keines der Bedenken
die er sich selbst entgegengehalten hatte  und ohne dass sie es wollte oder auch
an eine solche Möglichkeit dachte half sie ihm damit sich in seiner neuen Lage
festzusetzen
    Die Notwendigkeit die Gräfin zu überreden zwang ihn nach Gründen zu
suchen welche sie widerlegen konnten und welche also auch seine früher gehegten
Besorgnisse widerlegten Der Hinweis auf seine Jugend auf seine Abhängigkeit
von seinem Vater regte sein männliches Selbstgefühl auf und da er wenig gewohnt
war auf Widerstand zu stoßen trieb ein solcher ihn nur an es dazutun wie
er ihn zu besiegen wisse Die berechnetste Absichtlichkeit hätte für Hildegards
Wünsche und gegen die früher gefassten Vorsätze des jungen Freiherrn nicht
wirksamer eintreten können als die edle Gewissenhaftigkeit der Gräfin
    Kein Mann mag vor den Augen eines Weibes das ihm nur irgend eine Art von
Teilnahme eingeflößt hat als ein Abhängiger ein Unfreier erscheinen am
wenigsten konnte Renatus dies ertragen Er sagte dass er die Hoffnung hege von
seinem Vater die Wahl gebilligt zu sehen welche sein Herz getroffen habe aber
er beteuerte zugleich dass er Mannes genug sei auch wider seines Vaters Willen
sein Recht auf freie Selbstbestimmung zu behaupten Hildegards strahlendes
Antlitz ihr fester Händedruck die Bewunderung mit welcher die liebliche
Cäcilie auf den Geliebten ihrer Schwester blickte der sanfte Beifall den er in
der Mutter Augen las steigerten seine Selbstgewissheit wie sein Feuer Er
versicherte dass er nicht von dieser Stelle scheiden werde ohne die feste
Zusage von Hildegards Hand erhalten zu haben Er ging so weit ihr und der
Mutter zu bekennen wie er sich alle jene Einwendungen selbst gemacht habe wie
er Willens gewesen sei zu schweigen und ohne das beseligende Bewusstsein dass
die Geliebte für ihn bete und ihm mit ihrem Geiste nahe sei in den Kampf zu
ziehen und wie unmöglich er das gefunden habe als er Hildegard ins Auge
geschaut als ihr süßer Mund von ihm Vergebung gefordert habe wo er er ganz
allein der Schuldige ihrer Verzeihung bedürftig gewesen sei
    Er lag dabei vor ihr auf den Knieen er hatte sich von Allem überredet was
er sagte Hildegards Hände hoben sein blondes Haupt empor er blickte trunken
und beseligt in ihr Antlitz Es war ihm völlig entschwunden dass er sie am
Morgen unschön gefunden hatte Er nannte sie seinen Engel seine schöne blonde
Heilige und sie sah auch schön aus in ihrem Glücke Wie hätte die Mutter ihren
Kindern diese erste Seligkeit des Zueinandergehörens trüben oder stören mögen
wie hätte sie nicht mit ihren Kindern hoffen sollen dass Alles sich zum Guten
wenden werde
    Es war weit über die gewohnte Stunde als sie den Jüngling daran erinnerte
dass es Zeit zum Aufbruch sei dass er Hildegard verlassen müsse
    Auf morgen sagte er als er die Braut umarmte
    Aber dann aber dann rief sie in Vorahnung der langen schweren Trennung
die ihnen drohte Auch ihm krampfte es das Herz zusammen Er küsste sie wieder
und wieder er trank die Tränen von ihren Augen und jetzt dachte er wieder an
die für Hildegard bestimmte Silhouette Die Zweifel die ganze Stimmung mit
welcher er das Portrait am Abende in Händen gehalten und betrachtet hatte waren
wie aus seiner Erinnerung weggelöscht Der glückliche Augenblick verscheuchte
und verhüllte wie ein mächtiger Zauber alles was seiner Herrschaft in der
Vergangenheit und in der Zukunft im Wege stand
    Hildegard drückte das Bild an ihre Lippen dann rief sie dass man ihr
folgen dass man ihr leuchten solle und schnellen Schrittes eilte sie den Andern
voran in ihr Schlafgemach
    Renatus hatte den stillen Raum nie zuvor betreten Über dem keuschen
weißen Lager der Geliebten hing das Kruzifix und das Weihwasserbecken ein
kleines Bild das die Gräfin als Braut darstellte hing darunter Hildegard nahm
es von der Wand und befestigte die Silhouette an der Stelle
    Ihm musst Du weichen Mutter das ist jetzt sein Platz rief sie indem sie
die Gräfin umarmte und sich zu Renatus wendend sagte sie mit einer Erhebung
die ihr sehr wohl anstand Denke hierher Geliebter Hier wird meine Seele für
Dich beten hier werde ich auf meinen Knieen liegen früh und spät und Gottes
Schutz und Segen herniederflehen auf Dein geliebtes Haupt und hier  ihre
Stimme ging in Tränen unter  wird mein letzter Seufzer Dir gehören wenn Gott
es anders über Dich und mich beschlossen hat
    Die Verlobten sanken sich tief erschüttert in die Arme die Gräfin und
Cäcilie waren nicht weniger gerührt sie umarmten den Jüngling gleichfalls und
die schlanke Cäcilie konnte sich in ihren Tränen kaum von seinem Halse trennen
Er musste sie endlich mit sanfter Gewalt von sich entfernen sie war des
Schmerzes noch ganz ungewohnt
    Als ein verwandelter Mensch kehrte Renatus in seine Wohnung zurück Wie
verdiene ich dieses Glück wie verdiene ich ihre Liebe fragte er sich  ich
der ich mich so schwer gegen dieses reine seltene Herz versündigt habe
    Hildegards Frömmigkeit wirkte in ihm nach Er betete ernster inbrünstiger
als seit langer Zeit und mit voller Überzeugung wiederholte er sich alle die
Gelöbnisse die er sich getan hatte und fügte den Schwur hinzu dass
Hildegards Glück ihm heilig wie seine Ehre und seine Ehe mit ihr ein
Musterbild adeliger Würdigkeit und Sitte werden solle
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Es waren ein paar schmerzlich schöne Stunden die Renatus am Morgen noch mit
seiner Braut verlebte Die Aufregung des vorigen Abends hatte einer milden
weichen Stimmung Platz gemacht Hand in Hand bei einander sitzend besprachen
die Liebenden in dem Beisein der Gräfin ihre Plane und Aussichten für die
nächste Zeit und für die Zukunft und man suchte es darüber wenigstens für
diesen Augenblick zu vergessen dass Renatus scheiden musste und welchen Gefahren
er entgegenging Er gab der Braut Anweisungen darüber wie sie ihm ihre Briefe
durch Vermittlung der Behörden zuzusenden habe verhieß ihr zu schreiben so
oft sich ihm die Gelegenheit dazu bieten würde und als der Zeiger der Uhr sich
der Trennungsstunde nahte als man noch eilig alles zu sagen zu fragen zu
hören und zu besprechen strebte was man für einander auf dem Herzen hatte als
Jedem immer noch etwas einfiel was er vergessen zu haben meinte und Allen der
Trennungsschmerz schon die Brust belastete dass die Stimmen weich wurden und die
Augen sich mit feuchtem Schimmer füllten sagte Renatus dass er noch eine Bitte
an die Gräfin habe mit deren Gewährung sie ihm eine Beruhigung bereiten könne
Er wünsche dass Hildegard das Fliessche Haus nicht mehr besuche und dass ihr
Verkehr mit Davide ein Ende haben möge
    Man hatte auf jedes andere Verlangen eher als auf diese Forderung gerechnet
und weil sie gar so auffällig erschien begehrte die Gräfin dass er erklären
solle worauf sie sich begründe Er antwortete es sei ihm nicht möglich dies
auseinander zu setzen am wenigsten könne er das in den wenigen Minuten tun
die zu weilen ihm noch vergönnt sei man möge aber zu seinem Herzen und zu
seinem Ehrgefühle das Zutrauen haben dass er eine solche Warnung gegen eine
Familie und gegen Personen deren Gastfreundschaft er selbst angenommen und die
seine Mutter ihrer Teilnahme wert geachtet habe nicht auszusprechen wagen
würde wenn ihn nicht die entschiedensten Gründe dazu nötigten
    Die Gräfin war sehr geneigt ihm in allen seinen Wünschen zu willfahren
denn sie hatte ihn von jeher lieb gehabt und hatte Vertrauen in seine
Rechtschaffenheit dennoch machte sie Einwendungen die auf ihrer persönlichen
Kenntnis und ihrem persönlichen Wissen von Seba beruhten Allein sie machte
damit weder auf Renatus noch auf ihre Tochter den gehofften Eindruck Der
Jüngling beschied sich zwar auf die Entschließungen der Gräfin keinen Einfluss
zu üben aber von seiner Braut meinte er Nachgiebigkeit und Gehorsam gegen seine
Ansichten fordern zu dürfen und Hildegard war mit der unheilvollen
Ausschliesslichkeit der Liebe augenblicklich bereit ihm zu gehorchen
    Du und ich ich und Du rief sie das ist fortan unsere Welt Was kümmern
uns die Andern Kehrst Du mir wieder so brauche ich Niemanden sonst und ohne
Dich  werde ich überhaupt nichts mehr bedürfen
    Die Äußerung erschreckte und verletzte die Gräfin Sie erinnerte die
Tochter daran dass Renatus mit solcher Ausschliesslichkeit schwerlich
einverstanden sein werde da er große Zärtlichkeit für seinen Vater für
Vittoria und für seinen kleinen Bruder hege aber Hildegards Seele hatte immer
nur für eine Empfindung ihr Geist immer nur für einen Gedanken Raum und sie
hatte in jenen Worten mit denen sie ihre Liebe auszudrücken wünschte ihren
Zustand völlig richtig bezeichnet Sie zog daher von jener Mahnung auch keinen
Schluss auf die berechtigten Ansprüche der Mutterliebe sie schien eben so
vergessen zu haben dass sie bisher in ihrer Verehrung vor Seba in ihrer
Zuneigung und in ihrem Umgange mit Davide eine Genugtuung gefunden hatte
Renatus aber war zu jung und viel zu unerfahren um nicht durch den Gehorsam
seiner Verlobten sehr befriedigt zu werden um in ihrer hingebenden
Willfährigkeit neben ihrer Liebe auch die ganze rücksichtslose Härte einer
beschränkten und engherzigen Natur vorahnend zu erkennen und zu schauen und als
sie überwältigt von ihrem Schmerze im Augenblicke der Trennung als könne sie
sich nicht genug tun mit ihrem Leiden und mit ihren Tränen eine ihrer langen
blonden Locken abschnitt damit er sie zu ihrem Gedenken auf dem Herzen trage
presste er die Geliebte noch einmal mit stolzer seliger Freude an seine Brust
und verließ sie und das Haus ihrer Mutter und die Stadt in dem Gefühle dass so
viel Liebe von Gott gesegnet und unvergänglich ewig sein müsse
    Er hatte zu lange bei der Braut verweilt um seinen Onkel den Grafen
Gerhard noch aufzusuchen er fühlte sich auch nicht dazu geneigt denn er hatte
nur einen einzigen Gedanken und diesen zu verschweigen wäre ihm eben so schwer
geworden als ihn vor seinem Oheim auszusprechen Er hätte eben so gern die
geweihte Hostie den heiligen Leib des Herrn von unreinen Händen berührt
gesehen Dazu hatte die Gräfin verlangt dass Hildegard und Renatus ihre Liebe
geheim halten sollten bis sie sich der Einwilligung des Freiherrn sicher
wüssten und des Jünglings reine Seele fand einen keuschen Genuss in seinem
stillen innerlichen Liebesglücke
    Als er mit seinem Regimente an dem Fliesschen Hause vorüberkam blickte er
aus Gewohnheit hinauf aber es war Niemand von der Familie an den Fenstern
sichtbar nur Herr von Kastigni winkte ihm seinen Gruß zu
    Mein Billet ist verstanden worden sagte sich Renatus mit Zufriedenheit
gleich darauf kam es ihm jedoch in das Gedächtnis dass Seba neulich
ausgesprochen sie denke es nicht mit anzusehen wie die Kinder des Vaterlandes
von einem fremden Tyrannen für eine ungerechte Sache an das Messer geliefert
würden Er hätte das gern vergessen mögen aber es fiel ihm immer wieder ein
noch vor dem Hause in welchem sein Oheim wohnte dachte er daran
    Es war lebhaft in der Straße obschon Truppenmärsche seit Jahren eine
alltägliche Sache geworden waren Freunde und Verwandte der Ausmarschirenden
Müssige und Neugierige standen zu beiden Seiten des Weges den das Regiment zu
machen hatte Die Kriegsrätin die noch immer ihre Freude an schönen Uniformen
und an schönen Männern hatte saß seit dem frühen Morgen wohl frisirt und
sorgfältig geschminkt am Fenster Sie hatte um sich in dem vorderen Eckzimmer
aufhalten zu können den Grafen gefragt ob sie nicht aufpassen und ihn
benachrichtigen solle wenn das Regiment des jungen Herrn Baron vorüberkomme
und obschon es noch früh im Jahre und nicht eben warm war öffnete sie die
Fensterflügel und legte sich weit hinaus als das Schmettern der Trompeten sich
vernehmen ließ und die stolzen Reihen der GardeDragoner sichtbar wurden
    Auf den Ruf seiner Haushälterin trat Graf Gerhard gleichfalls an das
Fenster aber es hätte ihres Rufes nicht bedurft Er kannte sie diese
Trompeten er kannte ihren Klang und dieses Regiment Sein Großvater hatte es in
der Schlacht von Hohenfriedberg geführt in der es zur Entscheidung des Sieges
beigetragen sein Vater hatte darin gedient und auch der Graf selber hatte
zuerst bei demselben gestanden Es lebten ihm zahlreiche Kameraden und Genossen
froher Stunden in seinen Reihen
    Die Kriegsrätin kannte auch von früher her verschiedene der Herren
Offiziere und winkte wie man das in gar vielen Häusern tat den Scheidenden
ihre Abschiedsgrüsse zu indes man musste es nicht gewahren oder es nicht beachten
wollen Die Blicke welche das Fenster streiften an welchem jene Beiden
standen glitten schnell über sie hinweg ihr Gruß ward nicht erwidert
    Ob Graf Gerhard das bemerkte Die Kriegsrätin hätte das nicht sagen können
Er stand hoch aufgerichtet da die Arme über die Brust gekreuzt wie es durch
Napoleons Gewohnheit zur Mode geworden war und sah anscheinend gleichmütig
auf die Vorüberziehenden hinab Aber mit ihnen zog die ganze würdige
Vergangenheit seiner Väter an ihm vorüber seine Stirn verdüsterte sich es
zuckte ein paar Mal unheimlich in seinen Mienen und um seine Lippen indes er
sprach kein Wort und Escadron nach Escadron ritten sie vorbei und immer noch
drangen die bekannten Klänge wie vorwurfsvolle Fragen an sein Ohr
    Der Hohenfriedberger Marsch sagte er endlich unwillkürlich und das Blut
wich aus seinen Wangen es fasste kalt nach seinem Herzen So elend hatte er sich
nie gefühlt auch nicht in jener Stunde als er gedemütigt vor den Augen seiner
Mutter zusammengebrochen war Sein Gewissen war wider ihn aufgestanden Er sah
sich in dem Spiegelbilde welches sein innerstes Bewusstsein ihm ohne Erbarmen
vorhielt er schämte sich vor sich selbst In bitterem Grimme trat er in das
Zimmer zurück
    Der junge Herr Baron rief die Kriegsrätin und nötigte den Grafen damit
wieder an das Fenster zu kommen Renatus neigte zum Zeichen des Abschiedsgrusses
seinen Säbel vor dem Onkel und noch einmal sagte sich dieser Und dazu blasen
sie den Marsch von Hohenfriedberg Unwillkürlich fragte er sich was seine
Schwester Angelika empfinden würde sähe sie den Sohn beim Klange dieser Musik
unter französischer Aegide in das Feld ziehen aber der heitere Blick der
lächelnde Mund und die vollendete Anmut mit denen er des Neffen Gruß
erwiderte ließ nicht erraten was eben erst in der Seele des Grafen
vorgegangen war und sich von seinem Gewissen mehr als einen Augenblick
beunruhigen oder sich mehr als flüchtig von seiner Erinnerung rühren zu lassen
war er nicht gewohnt Im Gegenteil der Zorn den er gegen sich selbst gefühlt
hatte wendete sich gegen diejenige welche er sich gewöhnt hatte als die
Ursache und Urheberin seines Abfalls von sich selbst wie von der Sache seines
Vaterlandes zu betrachten und der Anblick von Renatus erinnerte ihn nur daran
dass dieser sich seinen Absichten und Planen nicht geliehen hatte
    Ein hübscher junger Herr sagte die Kriegsrätin ein ganz Berkasches
Gesicht Man könnte ihn für den Sohn des Herrn Grafen halten nur dass der Herr
Graf viel männlicher und schon viel gebietender aussahen als Sie des Herrn
Lieutenants Jahre hatten Dem Herrn Vater sieht er gar nicht ähnlich
    Der Graf ließ die ihm schmeichelnde Bemerkung der Kriegsrätin unerwiedert
fallen und sagte Dafür sieht Ihr ehemaliger Pflegesohn ihm um so ähnlicher
    Nun war die Reihe des Nichtbeachtens an der Kriegsrätin Sie wusste nicht
wo der Graf mit der Bemerkung die er nicht zufällig gemacht haben konnte
hinauswollte und da sie sich als Schmeichlerin der Männer von jeher eine
scharfe Beobachtungsgabe angeeignet hatte sah sie dass Graf Gerhard sich in
einer Laune befinde in der sie ihn zu schonen habe
    Auch schien er keine Antwort zu erwarten denn er ging sobald Renatus aus
dem Bereiche des Fensters war nach dem Nebenzimmer und erst unter der Türe
desselben sagte er Sie waren ja wie ich meine gestern oder vorgestern bei
Ihrem Manne was hat er denn beständig für Tremann zu copiren Haben Sies
vielleicht gesehen
    Die Kriegsrätin bejahte es aber sie meinte sie hätte sich aus den
Papieren nicht vollständig vernehmen können Es wären Auszüge aus Reisebüchern
Handelsberichte aus Zeitungen die ihr Mann zu machen habe
    Briefe und Actenstücke oder dergleichen copirt er nicht fragte der Graf
    Sie antwortete dass sie sich nicht erinnere Derartiges gesehen zu haben
übrigens werde Paul Berlin bald für längere Zeit verlassen
    Der Graf warf die Bemerkung hin er wisse durch Herrn von Kastigni dass
Tremann noch an diesem Abende reisen werde Das bezweifelte die Kriegsrätin
nach den Aussagen ihres Mannes der seine Arbeit erst an einem der folgenden
Tage abzuliefern habe Der Graf entgegnete darauf nichts Er blieb jedoch noch
in dem Zimmer sah wie die Menge sich in den Straßen allmählich verlief nun
das militärische Schauspiel vorüber war und erkundigte sich nach verschiedenen
Kleinigkeiten die er seiner Haushälterin zur Besorgung aufgetragen hatte
Dazwischen warf er ganz beiläufig die Frage hin ob Tremann nie bei ihr gewesen
seit er wiedergekommen sei
    Sie zuckte mit den Schultern Um sich wie Sie Herr Graf seiner Bekannten
in ihrem Unglücke anzunehmen muss man großmütiger sein als Paul es bei Seba
und bei ihrem Vater lernen kann Ich vermag mich nicht so wie mein Mann zu
demütigen und Paul sowohl als Seba haben es ganz und gar vergessen wie
glücklich diese gewesen ist als ich ihr zuerst erlaubte zu mir zu kommen und
wie ich mich ihrer angenommen habe um sie nur erst für den Verkehr mit
gebildeten Männern und guter Gesellschaft zuzustutzen Seit man den Juden so
viel Freiheiten gewährt sind sie hochmütig und noch schlechter geworden als
sie stets gewesen sind Erst gestern früh als ich von meinem Manne kam ist
Seba in einem prachtvollen echten Shawl wie keine Königin ihn schöner haben
kann an mir in ihrer neuen Equipage mit einem Stolze vorübergefahren mit einem
Stolze  Sie unterbrach sich da sie ihrer Redseligkeit sonst in ihres Herrn
Gegenwart nicht die Zügel schießen lassen durfte indes ihre Empörung war so
groß dass sie sich nicht enthalten konnte den Nachsatz hinzuzufügen Aber ich
werde es ihr gedenken Hochmut kommt vor dem Falle und es wird mit Seba und
mit Paul wahr und wahrhaftig auch noch einmal ein schlechtes Ende nehmen
    Wohl möglich meinte gleichmütig der Graf der sie wider seine Gewohnheit
nach Belieben hatte sprechen lassen Wenn Sie übrigens zufällig erfahren ob
Tremann heute oder erst in einigen Tagen abreist so sagen Sie es mir Die Sache
kümmert mich freilich nicht ich möchte jedoch um Herrn von Kastignis willen
wissen ob man ihn in dem Hause geflissentlich hintergeht wozu man denn doch
Gründe haben müsste die für jenen bedenklich sein könnten
    Sie sagte dies zu erfahren werde ihr ein Leichtes sein und obschon der
Graf ihr wiederholte dass es damit keine Eile habe hatte er sich kaum entfernt
als die Kriegsrätin schnell ihre nötigsten Geschäfte besorgte und sich zum
Ausgehen ankleidete Wesshalb dem Grafen so viel daran gelegen war den Reisetag
des jungen Kaufmannes genau zu wissen das konnte sie sich nicht erklären Nur
dass es auf keinen Liebesdienst für Seba oder ihren Vater damit abgesehen sei
davon durfte sie sich überzeugt halten und das genügte ihr Was kümmerte es sie
im Grunde auch ob der Kriegsrat von jenen und von Paul unterstützt wurde oder
nicht Sie hatte für sich zu sorgen sich dem Grafen gefällig zu beweisen
Mochte der Kriegsrat sehen wie er fertig wurde
    Jeder für sich und Gott für uns Alle sagte sie als sie ihren Weg antrat
und sie hatte dabei das Bewusstsein dass sie weltklug und erfahren sei das Leben
mutig nähme wie es sich ihr biete und sich mit Ergebung in das Unerwartete
und Notwendige zu schicken wisse
 
                              Sechszehntes Kapitel
An demselben Tage an welchem die preußischen Truppen ihren Marsch nach Russland
angetreten hatten versammelte sich in den prächtigen Sälen eines der
preußischen ArmeeLieferanten der in den letzten Jahren ein großes Vermögen
erworben hatte und ein glänzendes Haus machte eine zahlreiche Gesellschaft zu
einem Balle Die Gesellschaft war sowohl den Nationalitäten als den
Berufsklassen und Ständen nach eine sehr vielfarbige und es befanden sich in
ihr Personen genug welche den Augenblick nicht für günstig gewählt zu einem
Feste hielten Aber man durfte sich wenn man nicht Verdacht oder Verfolgung auf
sich laden wollte der Geselligkeit in welcher das französische Militär und die
kaiserlichen Civilbeamten eine große Rolle spielten nicht entziehen und schon
am Mittage hatte Herr von Kastigni sich danach erkundigt ob er das Vergnügen
haben werde der Familie Flies und Herrn Tremann auf dem Balle zu begegnen
    Abends um die Stunde in welcher man in die Gesellschaft zu fahren pflegte
saßen Seba und Davide in Balltoilette in dem Wohnzimmer aber ihre ernsten
Mienen passten nicht zu dem glänzenden Schmucke den sie angelegt hatten Man
konnte die unruhige Spannung unschwer in ihren Mienen lesen Bei dem leisesten
Geräusche blickten beide Frauenzimmer nach der Gegend hin von der es kam und
nachdem Erwartung und Täuschung sich zu verschiedenen Malen wiederholt hatten
sagte Davide endlich ich möchte wohl wissen wie den Menschen zu Mute gewesen
ist als man noch ein ruhiges Leben geführt und sich auf irgend etwas recht von
Herzen in voller Sicherheit zu freuen vermocht hat Seit ich mich erinnern kann
ist die Welt immer voll Schrecken und voll Unruhe gewesen Schon als kleines
Kind habe ich obschon man es vor mir zu verbergen gestrebt hat es doch immer
empfunden dass man in Sorgen und Nöten vor Krieg und Feinden und Krankheiten
und in Angst um seine Freunde gewesen ist und jetzt 
    Nun jetzt fragte Seba aber es blieb Daviden keine Zeit zum Antworten
denn Paul gleichfalls für den Ball gekleidet trat in das Zimmer und Seba
empfing ihn mit der besorgten Frage was der Kriegsrat zu so später und
ungewohnter Stunde noch gewollt habe
    Nichts für sich wie Du denken kannst entgegnete Paul und natürlich ists
nichts Gutes was den Alten bewogen hat mich aufzusuchen Es sind unerträgliche
Zustände in denen wir leben wir werden wie Verbrecher beaufsichtigt wir sind
in unseren Häusern nicht mehr sicher vor Verrat und müssen die Verräter als
gefeierte Gäste an unserem Tische sitzen sehen Das kann nicht dauern es kann
nicht dauern Das Tischtuch muss endlich zerschnitten werden zwischen uns und
ihnen Der berechtigte Hass verlangt seinen freien Weg und wie grauenhaft Dir
das neulich auch erschien als ich es in meiner Empörung gegen Dich äußerte
eine sicilianische Vesper dünkt mich berechtigt in den Zuständen in denen wir
uns befinden und in denen jede Faser die an uns gut und edel ist nach Rache
und nach Vernichtung unserer Unterdrücker schreit
    Es geschah selten dass seine leidenschaftliche Natur in solcher Weise die
Schranken der Selbstbeherrschung durchbrach in die er sie zu bannen gelernt
hatte und er war offenbar auch unzufrieden mit sich weil er sich von seinem
Zorne hatte übermannen lassen denn er nahm sich plötzlich zusammen und sagte
ruhiger Der Kriegsrat kam um mir zu sagen dass die Frau ganz gegen ihre
sonstige Weise heute schon wieder bei ihm gewesen sei Sie war unter dem
Vorwande gekommen ihm im Namen ihres Herrn der sich nach Weissenbach erkundigt
haben sollte eine Flasche alten Weines zur Stärkung zu bringen indes wie
leicht der Kriegsrat sonst auch zu täuschen ist war er dieses Mal doch nicht
leichtgläubig genug ihr zu vertrauen und er merkte denn auch dass die
Erkundigungen des Grafen nicht ihm sondern mir und meiner Abreise gegolten
hatten Auch Kastigni hat meinen Diener deshalb ausgefragt hat sich bei diesem
durch seine Leute sorgfältig über all mein Tun über die Personen welche mich
besuchen über Tag und Stunde meiner Abreise zu unterrichten gestrebt und die
Kriegsrätin hat unter dem Vorgeben dass der Graf ihrem Manne eine Stelle zu
schaffen denke vorher aber seine Handschrift sehen und mit ihm selber sprechen
wolle den Alten zu überreden getrachtet dass er ihr die Arbeiten ausliefere
die er für mich augenblicklich unter Händen hat
    Und er hat sie ihr gegeben unterbrach ihn Seba mit sorgenvollem
Erschrecken
    Paul verneinte es Der Alte ist gerade so brav und gut als sein Verstand
und seine Schwäche es ihm erlauben und ich könnte beinahe wünschen er hätte
der Frau nicht widerstanden denn alles was er für mich arbeitet bezieht sich
auf nationalökonomische und commercielle Studien aber 
    Paul rief Seba warte nicht bis morgen reise gleich heute ab
    Wo denkst Du hin entgegnete er während sein Gesicht schon wieder die
gewohnte fröhliche Sicherheit zeigte ich muss doch mit Davide den besprochenen
ersten Walzer und den Kehraus tanzen
    Ach reisen Sie lieber Paul bat Davide indem sie ihre Hände bittend
faltete
    Unmöglich dazu sehen Sie viel zu reizend aus Davide Ja hätten Sie die
weißen Hyacinten nicht in Ihren schwarzen Locken so ließe sich eher davon
reden
    Aber er hatte kaum die Worte ausgesprochen als Davide mit hastiger Hand
nach ihrem Haupte fuhr die Blumen aus ihren Locken und Flechten nahm und
siegesgewiss die Worte ausrief Jetzt müssen Sie gehen und wir bleiben nun zu
Hause
    Liebes entschlossenes Kind sagte Paul während er sie mit freudigem
Erstaunen betrachtete aber es wäre nicht wohlgetan blieben wir von dem Balle
fort Im Gegenteile ich muss ja dort sein muss Ihr Tänzer sein um Sie vor den
Bewerbungen Ihres Verehrers Kastigni möglichst zu bewahren Oder wollen Sie
lieber ihn als mich zum Tänzer haben
    Es war unverkennbar dass er großes Wohlgefallen an dem schönen Mädchen
hatte die freundliche Weise in welcher er heute mit ihr scherzte tat Daviden
aber wehe Sie wendete sich von ihm trat an den Spiegel und steckte da Seba
der gleichen Ansicht wie Tremann war dass man den Ball besuchen müsse auf deren
Geheiß die Blumen wieder gehorsam in das Haar sie sprach jedoch kein Wort und
auch Seba war niedergeschlagener als sie es zeigte
    Der erste Walzer war schon in vollem Gange als Herr Flies und Paul mit den
beiden Frauen in die Säle eintraten und Paul nahm nach den Begrüßungen mit
Freunden und Bekannten sogleich mit Daviden seinen Platz in den Reihen der
Tanzenden ein Civilisten und deutsche und französische Offiziere waren in ihnen
bunt gemischt aber zwischen all den glänzenden Uniformen blieb Paul noch immer
eine hervorragende Erscheinung durch seine schöne mächtige Gestalt und den
festen Ausdruck seines charaktervollen Gesichtes
    Paul sieht gut aus sagte Herr Flies zu Seba als das tanzende Paar an ihnen
vorüberkam und in der Tat standen die weißen KasimirEscarpins und der blaue
Frack ihm sehr wohl an Aber Seba die sonst so stolz auf ihres jungen Freundes
Schönheit war als hätte sie selber ihn geboren vermochte sich heute seiner
nicht zu freuen weil die Sorge um ihn sie peinigte Jene erratende Kraft des
Herzens die oft scharfsichtiger ist als der schärfste Verstand ließ sie nicht
bezweifeln was den Grafen antreibe Paul zu verfolgen und wenn sie ihre eigene
Seele prüfte musste sie sich gestehen dass für den Grafen eine Wollust darin
liegen müsse sich an ihr zu rächen da sie sich die gleiche Befriedigung einst
nicht hatte versagen mögen Sie zählte die Stunden die noch bis zu Pauls
Abreise vergehen müssten die Tage innerhalb derer er die Grenze erreichen
konnte Dass Graf Gerhard jeder Unwürdigkeit fähig sei wenn sie seinen Wünschen
und Absichten diene das wusste sie und er besaß das Ohr und das Vertrauen der
französischen Behörden Es konnte den Grafen nicht viel kosten Paul und mit ihm
ihren Vater wie sie selber zu verderben denn das Misstrauen der napoleonischen
Regierung war grenzenlos und wessen man sich von ihren Dienern zu versehen
habe das war durch die Gewalttaten an dem Buchhändler Palm und an Lord
Baturst hinlänglich erwiesen
    Sie überlegte ob es nicht geraten sei Paul an diesem Abende gar nicht
mehr nach Hause zurückkehren sondern in irgend einer befreundeten Familie
übernachten zu lassen aber eben dadurch konnte man den Argwohn welcher ihn
offenbar umgab nur steigern Dann kam ihr der Gedanke dass man irgend einen der
Gehülfen ihres Vaters in Pauls Wagen mit seinem Diener und mit einem
scheinbaren Auftrage den geraden Weg nach der russischen Grenze schicken könne
während Paul auf Umwegen zu entkommen suchen müsse indes überall trat ihr die
Sorge um ihren greisen Vater entgegen und selbst mit diesem oder gar mit Paul
ein vertrauliches Wort zu reden ward ihr nicht gegönnt denn sie meinte zu
bemerken dass Herr von Kastigni Paul und Davide nicht aus dem Auge lasse Das
konnte seine Ursache in der Bewerbung haben mit welcher der Franzose Daviden
umgab aber wer viel zu verlieren hat ist ängstlich und die lange
Fremdherrschaft hatte alle Patrioten genugsam an Zurückhaltung und Vorsicht
gewöhnt
    Der Vater hatte sich zum Spiele niedergesetzt Davide tanzte Herr von
Kastigni nahm sie völlig in Beschlag wenn Paul sie frei ließ und dieser
welcher sonst kein leidenschaftlicher Tänzer war sondern meist die Gesellschaft
der älteren Männer und Frauen suchte hielt sich heute ganz zur Jugend Er
machte so oft es sich tun ließ Davidens Gegenüber und obschon sie voll
Sorgen war dachte Seba daran dass Paul möglicher Weise doch mehr Anteil an
ihrer Nichte nähme als sie bisher geglaubt dass Davidens unverkennbare Neigung
für ihn die sich heute erst wieder so lebhaft verraten hatte ihren Eindruck
auf den jungen Mann nicht verfehlt habe und sie nannte es in ihrem Herzen einen
echt weiblichen Zug dass Davide eben heute sich Herrn von Kastigni freundlicher
als sonst bewies dass sie Paul vernachlässigte da dieser sie zum ersten Male
ganz entschieden suchte Sollte Davide im Stande sein zu so kleinlichen Mitteln
der Vergeltung zu greifen fragte sie sich sollte sie in der Liebe irgend einer
Berechnung fähig sein und einem geliebten Manne gegenüber irgend etwas Anderes
empfinden können als das Verlangen ihm ihre Liebe kund zu geben und Freude
oder Trauer je nachdem er sie erwidert oder nicht erwidert
    Sie wurde förmlich irre an dem Mädchen das sie doch so genau zu kennen
meinte Davide sprach so laut lachte so viel suchte so unverkennbar die
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen Seba wusste nicht was sie davon denken
sollte Aber es musste auch Paul missfallen denn sie sah ihn den Saal verlassen
und im Nebenzimmer an den Tisch treten an welchem alte und junge Männer
Civilisten und Militärs ein hohes Pharo spielten Sie wollte zu ihm gehen und
mochte doch zum ersten Male Davide nicht ohne Aufsicht lassen denn der Ballsaal
hatte sich nach dem Schluße des Theaters noch mehr gefüllt der Lichtglanz die
Wärme der Tanz und der Wein hatten die Tänzer die Männer wie die Mädchen und
die Frauen aufgeregt und auch Davidens Augen flammten ihre Wangen brannten
als sie von Kastignis Arm umschlungen zum vierten und fünften Male die Tour
um den Saal zurücklegte die man sonst immer mit drei Ronden beendigte Das Haar
flog ihr um die Schläfen die junge Brust hob und senkte sich gewaltsam als der
Franzose sie endlich dicht vor ihrem Platze aus seinem Arme ließ und einen
leidenschaftlichen Kuss auf ihre Hand drückend ihr versicherte dass er sie nie
so schön gesehen habe wie eben heute eben jetzt Aber von dem wilden Tanze
erschöpft trat er zurück um im Nebenzimmer eine Erfrischung zu suchen auch
Davide hatte sich neben Seba in einen Sessel geworfen und sich rasch
umblickend als fürchte sie gehört zu werden flüsterte sie leise und atemlos
die Worte Er ist fort
    Seba wendete sich um sie sah Davide an und das Wort des Tadels das auf
ihren Lippen schwebte verstummte Mit einem Blicke verstand sie von wem die
Rede sei
    Woher weißt Du es fragte Seba
    Ich sah ihn gehen antwortete Davide
    Eben jetzt
    Nein gleich nachdem wir zur Quadrille angetreten sind
    Und er hat Dir gesagt dass er sich entfernen wolle
    Nichts gar nichts entgegnete Davide eben so kurz denn schon trat ihr
Bewunderer wieder an sie heran und urplötzlich leuchtete die strahlende
Heiterkeit wieder um ihre schönen Wangen tönte das silberhelle Lachen wieder
von ihren Lippen und an der Hand ihres Tänzers stand sie wieder in den Reihen
    Seba sah ihr sprachlos aber mit Freude nach
    Sie konnte nicht erraten was Paul beabsichtige was Davide davon wisse
nur das war ihr klar dass hier die Liebe ein Mädchen schnell zum Weibe gereift
habe und dass man ein junges Herz welches aus Liebe solcher Herrschaft über sich
fähig sei wie Davide sie eben jetzt bewiesen hatte sich selber überlassen
könne
    Beide Frauenzimmer konnten das Ende des Balles kaum erwarten und trugen doch
Bedenken das Fest eher als die Mehrzahl der Gäste zu verlassen Sie blieben im
Gegenteile mit unter den Letzten um auch Herrn von Kastigni von der Rückkehr
in ihre Wohnung abzuhalten
    Er hatte von Davidens Gunst entzückt Tremanns fast vergessen und es war
Seba welche ihre Nichte geflissentlich befragte wo Paul geblieben sei Diese
versetzte ruhig sie wisse es nicht er sei verdrießlich gewesen und in das
Nebenzimmer gegangen Als man ihn dort nicht fand äußerte Davide die Erwartung
dass er zum Kehraus für den sie mit ihm engagirt sei schon wiederkommen werde
und da er sich auch zu diesem nicht einstellte und Seba sich in Kastignis
Beisein durch Pauls Entfernung beunruhigt zeigte ließ Davide es erraten dass
sie einen kleinen Streit mit ihm gehabt habe dass er missmutig gewesen sei und
wohl vom Balle fortgegangen sein möge weil er sie damit zu strafen geglaubt
habe Aber sie wisse sich zu trösten und an einem Tänzer fügte sie mit einem
lächelnden Blicke auf Kastigni hinzu wird es mir hoffentlich doch nicht fehlen
    Inzwischen hatte auch Herr Flies seinen jungen Kompagnon vermisst und kam
sich nach ihm zu erkundigen da Paul als er eine Weile neben Herrn Flies
zusehend am Spieltische gesessen sich über Kopfweh beklagt hatte Seba konnte
erkennen dass ihr Vater eben so wenig als sie von Pauls Vorhaben unterrichtet
gewesen sei und es blieb unmöglich sich auf dem Balle von Daviden eine
Aufklärung zu verschaffen Es war schon gegen den Morgen hin als man von dem
Feste kommend das Haus erreichte und selbst während der Fahrt war keine
Verständigung möglich gewesen da man es nicht hatte vermeiden können Herrn von
Kastignis Begleitung anzunehmen indem er wie er sagte im Vertrauen auf die
Güte seiner Wirte seinen Wagen einem Freunde angeboten und überlassen habe
    Als der Hauswart die Tür öffnete fragte Herr Flies zu Sebas und Davidens
Erschrecken ob Herr Tremann schon zu Hause sei und die beiden Frauenzimmer
blickten einander verwundert an als der Bescheid erfolgte Herr Tremann sei ja
schon gegen Mitternacht heimgekehrt und werde wohl noch wach sein denn er habe
frische Kerzen befohlen weil er noch arbeiten wolle
    Man trennte sich oben an der Türe der Wohnzimmer Herr von Kastigni stieg
wohlgelaunt den Kopf voll froher Erinnerungen und noch freudigerer Aussichten
die Treppe zu seiner Wohnung hinauf und ihre Nichte bei der Hand nehmend und
rasch mit ihr in die Stube hineintretend rief Seba Du hast Dich also geirrt
Paul ist hier
    Gewiss nicht entgegnete das junge Mädchen mit großer Bestimmtheit und
während Herr Flies sich noch erkundigte um was es sich handle hatte Seba schon
einen der Leuchter ergriffen und eilte durch den Glascorridor und die innere
Treppe welche Fräulein Ester einst zu ihrer Bequemlichkeit hatte erbauen
lassen und die gerades Weges aus dem großen Saale des ersten Stockwerks in das
Gartenzimmer führte nach Pauls Wohnung hinunter
    Sie klopfte an es blieb Alles still Die Türe war unverschlossen sie trat
also ein es war Niemand in dem Zimmer Die Kerzen brannten auf dem
Schreibtische die Schlüssel steckten in den Schubladen und Schränken Alles lag
und stand wie immer nur die Schreibmappe fehlte Sie ging in die Nebenstube und
öffnete den Kleiderschrank da hing der Anzug den er auf dem Balle getragen
hatte Er war also wirklich nach Hause gekommen was Seba schon zu bezweifeln
angefangen hatte und schnell wie sie die Treppe herunter geeilt war stieg sie
dieselbe wieder hinauf um sich mit den Ihrigen zu besprechen und zu beraten
    Man wollte von Davide Auskunft haben aber diese hatte nichts oder doch nur
wenig zu berichten Sie habe bemerkt sagte sie dass Paul öfter nach seiner Uhr
gesehen was er sonst nicht zu tun pflege Er sei dazu so ungewöhnlich
aufgeräumt gewesen habe fortwährend mit ihr gescherzt sich auch um die anderen
Damen mehr als sonst bemüht und während sie darüber nachgesonnen was ihn in
eine ihm so fremde Laune versetzt haben möge habe er wieder plötzlich nach der
Uhr gesehen und sei dann mit Einem Male fortgegangen und verschwunden
    Seba wendete ihr ein dass in diesen Dingen nichts gelegen habe was Davide
irgend zu der Vermutung habe berechtigen können dass Paul früher als er es
vorgehabt seine Reise antreten sie gleichsam als Flucht antreten werde und
Davide versuchte einen Augenblick ihre frühere Erzählung durch Hinzufügung
verschiedener kleiner Äußerungen zu verdeutlichen Indes plötzlich schien sie
anderen Sinnes zu werden und sich in ihrer ganzen stattlichen Höhe aufrichtend
sprach sie während ihre Wangen erglühten und ihre Augen die sie auf den Onkel
und auf Seba zu richten versuchte sich unwillkürlich senkten Ich wills Euch
sagen und Ihr könnts mir glauben denn ich bin ja nicht eitel und bilde mir
nichts ein Und da sie es nun sagen wollte stockte ihr das Wort auf den Lippen
in holdseliger Scham und sie musste sich zwingen es auszusprechen Paul sagte
sie hat mich immer wie ein Kind behandelt oder wie ein Spielzeug denn so
machen sie es ja Alle mit uns Auch heute Abend tat er das Du hast es ja
gehört liebe Seba Aber als wir tanzten und als er immer wieder nach seiner Uhr
sah da blickte er mich an als wüsste er dass ich mich um ihn sorgte Er war
ernstaft wenn man ihn nicht beachtete und als er dann plötzlich aufbrach da
 da drückte er mir die Hand wie man es nur beim Abschiede tut wenn man
sieht dass der Abschied  einem Anderen schwer wird
    Ihr Ton war immer leiser geworden sie nahm sich zusammen um ihre Bewegung
und die Tränen zu bemeistern die sich ihr in die Augen drängen wollten
    Seba fühlte sich ergriffen von ihres Pflegekindes Schönheit und freimütiger
Selbstüberwindung und wie ein warmer Frühling verkündender Sonnenschein zog
eine neue selbstlose Hoffnung in ihre Brust aber sie sowohl als ihr Vater
hüteten sich es auszusprechen wie hoch sie Davide in dieser Sunde hielten und
wie sie beide ihre Wünsche und Hoffnungen teilten Man nahm ihr Bekenntnis wie
eine sich von selbst verstehende Sache hin und als Seba die Absicht äußerte
den Portier zu befragen oder den Gärtner kommen zu lassen ob und wann und auf
welchem Wege Paul das Haus verlassen habe gab ihr Vater das nicht zu
    Er sagte da Paul einmal verdächtigt worden sei habe er wie immer richtig
gehandelt indem er Berlin so bald als möglich und heimlich verlassen habe Es
entziehe dieses Letztere sie Alle für den schlimmsten Fall jeder
Verantwortlichkeit und wolle die französische Regierung seiner habhaft werden
lasse man ihn selbst verfolgen so sei mit jeder Stunde Vorsprung ein
Wesentliches gewonnen Da die Leute im Hause ihn noch in der Nacht arbeitend
glaubten und Herr von Kastigni dies gehört habe werde man es nicht auffallend
finden wenn Paul nicht um die gewohnte Morgenstunde im Hause und im Komptoir
erscheine und es sei wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden dass Herr von Kastigni
früher als am Vormittage von der Abreise Pauls benachrichtigt werde Er traue
es dem Letzteren zu dass er seine Maßregeln zweckmäßige und umsichtig getroffen
haben werde und wenn es ihm nur gelungen sei unbehindert aus der Stadt zu
kommen so hoffe er das Beste
    Das Land ist freilich überschwemmt von Truppen aber gerade das erleichtert
es ihm vielleicht unbeachtet zu bleiben denn man hat überall mit sich vollauf
zu tun und seine Papiere wird er in Ordnung haben tröstete Herr Flies um die
Seinigen zu beruhigen Kann Paul jenseit der Oder oder Weichsel wie ich
vermute noch mit Schlitten reisen so ist er geborgen und wir hören bald von
ihm
    Aber bis dahin fragten ängstlich Seba und Davide wie aus Einem Munde
    Bis dahin müssen wir uns gedulden meine lieben Kinder und uns vorbehalten
dass man nicht zu beklagen ist so lange man für die Seinigen noch fürchten und
hoffen kann
    Welch ein Unglück rief Seba niedergeworfen von der Sorge um den so lange
Entbehrten und endlich Wiedergefundenen aus
    Ja sagte Herr Flies es sind böse böse Zeiten aber unglücklich ist man
erst wenn man nicht mehr hoffen kann Behaltet guten Mut zeigt morgen ein
heiteres Gesicht denn wir sind Gefangene in unseren eigenen Häusern und Sklaven
der Fremden in unserem Vaterlande und obschon wir nicht Verbannte sind könnten
wir singen wie es in den Psalmen heißt »Wir saßen an den Wassern und
weineten«
    Er seufzte küsste die Tochter und Nichte auf die Stirn hieß sie sich zur
Ruhe begeben und bald war es still und dunkel in dem ganzen Hause nur in
Pauls einsamem Zimmer brannten die Kerzen fort bis sie am Morgen in sich
selbst erloschen
 
                              Siebzehntes Kapitel
Drei Tage und fast drei Nächte waren seitdem vergangen Ein feiner trockener
Schnee fiel dicht und leuchtend hernieder Von durchsichtigem Gewölke leicht
verhüllt stand der Mond am Himmel als ein offener Schlitten von zwei kleinen
raschen Pferden pfeilschnell fortgezogen über die Nehrung über jene Landenge
fuhr die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen Haff hinzieht
    Zwei Männer in Pelze eingewickelt saßen in dem Schlitten Ein polnischer
Jude ebenfalls in seinen Pelz gehüllt die spitze verbrämte Sammetmütze tief
auf die gedrehten Seitenlocken heruntergezogen machte ihren Kutscher Die Nacht
war kalt Schwer und langsam schlugen die Wogen des Meeres an das Ufer das sich
mit seiner Schneedecke hellschimmernd von der weiten dunklen Fläche abhob
    Ein Königsberger Kaufmann hatte den Juden der in Russland zu Hause war
gedungen die beiden Fremden über die Nehrung nach der Grenze zu bringen aber
wie sehr der Jude sich auch bemühte er hatte es nicht ermitteln können wer sie
wären und was sie in Russland zu suchen hätten
    Dass sie nicht Herr und Diener seien als welche ihre Kleidung sie
bezeichnete und als welche sie sich ausgaben das hatte der Schlaue bald
bemerkt denn überall war es der sogenannte Herr gewesen der wo es Not tat
die rasche Hand angelegt während der Diener sich immer erst nachträglich dazu
entschlossen hatte Deutsche waren sie nach des Juden Meinung nicht denn er
hatte so genau er auch darauf merkte noch kein deutsches Wort von ihren Lippen
vernommen Franzosen aber waren nicht so gelassen Für gewöhnliche Reisende war
in dieser Jahreszeit die Nehrung nicht die Straße für Kaufleute die Geschäfte
in Russland machen also länger dort verweilen wollten hatten die Fremden ihm
nicht genug Gepäck bei sich und französische Emissäre konnten sie vollends
nicht sein denn diese würden bis zur Grenze die Beförderung durch die Post
gefordert haben Er kam also je mehr er darüber nachsann immer wieder auf den
Gedanken zurück dass seine Passagiere obschon sie Französisch mit einander
redeten Engländer sein müssten und dass sie auf diesem wenig besuchten Wege nach
der Grenze gingen um zu sehen auf welche Weise sich englische Waren über
Russland nach Deutschland bringen ließ Dadurch aber stiegen sie nur in seiner
Wertschätzung denn von einem Handelsverkehre wie er ihn bei den Reisenden
vorauszusetzen für angemessen fand pflegte für die vermittelnden Juden immer
ein kleinerer oder größerer Gewinn abzufallen und »Leben und leben lassen« ist
ein alter Grundsatz
    Es war eine schnelle lautlose Fahrt Von Zeit zu Zeit sah der eine oder
andere der beiden Reisenden in die Gegend hinaus und wenn sie gewahrten dass
sie einsam auf der überschneiten Düne blieben schien ihnen das erwünscht zu
sein Sie redeten dann auch eine Weile mit einander aber so leise dass der Jude
nicht ermitteln konnte um was es sich dabei handle obschon er in der langen
Zeit des Krieges und der Franzosenherrschaft genug von der Sprache der Fremden
erlernt hatte um sie verstehen und sich in ihr halbwegs verständlich machen zu
können
    Eine geraume Zeit war auf diese Weise seit dem letzten Anhalten hingegangen
als der Diener sich bei dem Kutscher erkundigte wie lange man bis zur Grenze
noch zu fahren habe
    Der Jude froh der Anrede weil sich ihm mit derselben doch eine Möglichkeit
eröffnete seine redselige Neugier zu befriedigen meinte wenn er so zufahre
wie bisher und seine Pferde es aushielten so könne man bald nach Tagesanbruch
auf der Grenze sein
    Muss man die Stadt passieren um an die Grenze zu gelangen fragte der Diener
ihn abermals
    Wenn die gnädigen Herren nichts haben zu tun in der Stadt entgegnete der
Jude so müssen die Herren nicht aber ich muss halten in der Stadt oder muss noch
einmal machen eine Station hinter der Stadt von wegen meiner Pferde
    Er hatte die Tiere während er dieses sagte sich selber überlassen sie
fingen also langsamer zu gehen an und der Diener ermahnte den Juden mit Zusage
einer besonderen Belohnung sie aufs Neue anzutreiben
    Will das sein ein Bedienter dachte der Jude und nimmt seinem Herrn das
Wort vorweg  Er schlug nichts desto weniger mit lautem ermutigendem Schrei
anscheinend unbarmherzig auf seine Tiere los wusste den Hieb jedoch so
geschickt zu führen dass er sie gar nicht traf Der andere Reisende dessen
schweigender Achtsamkeit sich nicht das Geringste entzog bemerkte diese List
    Lassen Sie ihn nicht merken mein Freund sagte er zu seinem Gefährten wie
sehr wir die Grenze zu erreichen wünschen Er könnte sonst leicht auf den
Gedanken kommen sich zaudernd eine größere Belohnung zu verdienen und wir sind
in seiner Hand
    Die Nähe des Zieles macht ungeduldig und Sie kennen sicher so gut wie ich
die abergläubische Furcht vor dem Scheitern im Angesichte des Hafens entgegnete
der Zurechtgewiesene mit diesen Worten sich gleichsam rechtfertigend
    O ja Es gab eine Zeit versetzte Paul in welcher ich diesen Eindrücken
sehr unterworfen war seit ich aber nicht mehr sonderlich an dasjenige glaube
was man als Glück bezeichnet habe ich auch die Furcht vor seinen Launen
verloren
    Sie würden es also nicht als ein Glück erachten wenn wir ungehindert unser
Ziel erreichten und es nicht ein Unglück nennen würden wir daran verhindert
    Nein entgegnete der Andere Ich habe für den Fall dass man es wirklich auf
meine Person abgesehen hätte mit Ihrer Hilfe nach bestem Wissen meine
Vorsichtsmassregeln genommen Täuscht uns die Wirksamkeit derselben nicht so ist
das unser Verdienst und kein besonderes Glück Misslingt unser Unternehmen so
unterliegen wir nur einem Naturgesetze der Macht des Stärkeren denn zwischen
uns und unseren Feinden ist die Partie nicht gleich
    Er brach ab und diesmal war er es der mit scharfem Auge um sich blickte
denn das Wetter fing an sich bedenklich zu verändern Die leichten
Wolkenstreifen hatten sich zusammengezogen und verdichtet der Mond verschwand
bisweilen plötzlich hinter ihnen dann kam er eben so plötzlich aus dem
schweren schwarzblauen Gewölke hervor das Meer beleuchtend dessen Wogen sich
immer höher hoben während ein dumpfes Grollen aus seinen Tiefen dem klagenden
Weherufe des Windes Antwort gab Licht und Schatten wechselten schnell und
phantastisch mit einander ab aber das Durchbrechen des Lichtes wurde seltener
die Dunkelheit immer tiefer Nur bisweilen meinten sie noch den Gischt der
aufgebäumten Welle zu gewahren wenn sie unter dem Stosse des heulenden Windes
niederdonnerte und hinzischend auf dem eisigen Ufer zerfloss
    Je länger sie fuhren je stärker erhob sich der Sturm Er trieb ihnen den
stechenden Schnee entgegen dass es ihnen den Atem versetzte und sie die Augen
kaum noch öffnen konnten aber sie beklagten sich nicht darüber und das
bestärkte den Juden nur in seinen Vermutungen über sie Die sinds gewohnt wie
ich dachte er und er wollte versuchen ob sich aus der Lage in welcher sich
nach seiner Meinung die Reisenden befanden nicht ein Vorteil für ihn ziehen
ließe
    Gnädiger Herr hob er an sich auf seinem Sitze halb umwendend gnädiger
Herr Der Herr Bedienter haben mich vorhin zu fragen beliebt ob man kann an die
Grenze kommen ohne zu fahren durch die Stadt Wenn der gnädige Herr mir geben
will fünfunddreissig Rubel mehr dass ich meine Pferdchen kann nachher rasten
lassen will ich den gnädigen Herrn über die Grenze bringen ohne dass er soll zu
sehen bekommen einen GrenzKosaken oder einen Beamten von dem Zoll
    Und wer soll mir denn den Pass visiren fragte Paul
    Der Herr haben also einen Pass forschte der Jude ungläubig
    Wie anders entgegnete Paul und wickelte sich fester in seinen Pelz ein
    Der Jude war aber so leicht nicht abzuweisen Ich bin drüben gleich hinter
unserer Grenze zu Hause fuhr er fort und habe meine Tochter diesseits
verheiratet im letzten Kruge Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn
Leutnant von der Wache und den Herrn Inspector von dem Zoll und sie kennen mich
auch Wenn vielleicht Er hielt überlegend inne ob er so weit gehen sollte
und wagte es endlich dennoch seine pfiffige Vermutung auszusprechen  wenn
vielleicht der Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Pass  die Pässe
werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger
    Schlimm für Dich der Du heimlich über die Grenze gehen willst falls wir
Dich verhindern Deine Kontrebande in der Stadt oder draußen bei Deinem
Tochtermanne abzulegen bis Du sie Dir gelegentlich herüberholen kannst Und nun
fahr zu rief Paul befehlend allen Vermutungen Vorschlägen und Planen des
Juden damit ein Ende machend wie sehr dieser sich auch hoch und teuer
verschwor dass er gar keine Ware bei sich habe dass er ein ehrlicher Mann und
ganz ausschließlich nur auf der gnädigen Herren Vorteil bedacht gewesen sei
Aber die Besorgnis dass es doch vielleicht französische mit heimlicher
Beaufsichtigung der Grenze betraute Beamte sein könnten die er fahre lähmte
endlich des Juden Zunge und Jeder in seine Gedanken versenkt sahen die beiden
Reisenden schweigend in die Nacht hinaus während die Sekunden kamen und
entschwanden während Woge um Woge gleichmäßig auf das Eis des Ufers rollte
während der Sturm die Wolken die er zusammengefegt hatte in wildem Laufe vor
sich her trieb bis hier ein Stern durchblitzte und dort ein zweiter und bis
endlich hoch am Horizonte der Nordstern wieder hell strahlend aus dem
Siebengestirn herniedersah
    Paul begrüßte ihn wie einen alten Freund Seine frühesten Erinnerungen
knüpften sich an dieses Gestirn In dem kleinen Hause seiner Mutter hatte er auf
seines Vaters Knie gesessen als dieser ihm das Gestirn gezeigt aus dem Fenster
der Kriegsrätin aus Sebas Stube hatte er es gesehen Es hatte ihm geleuchtet
in der Schmerzensnacht die ihn aus der Heimat fortgetrieben es hatte ihn
nicht verlassen als er ein flüchtig gewordener Knabe über das weite Weltmeer
gefahren war und es war bei ihm gewesen wie der einzige Gefährte aus der
Heimat als er in dem fremden Weltteile nichts sein eigen genannt hatte als
sein nacktes Leben
    Eine Rührung die ihm fremd war bemächtigte sich seiner Hingenommen von
seiner rastlosen Tätigkeit war ihm durch alle die Jahre wenig Zeit zum
Nachsinnen geblieben Wie man im raschen Fluge des Karoussels mit scharfem
Blicke und sicherer Hand den Ring absticht hatte er im eiligen Wechsel der
Ereignisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen die
Überzeugungen und Grundsätze bilden müssen nach denen er sein Leben regelte
Von der flüchtigen Minute hatte er Belehrung fordern in die freie Minute sein
Empfinden zusammenpressen müssen und des glücklich Erreichten hatte er sich
kaum erfreuen dürfen weil immer ein neues notwendig noch zu Erreichendes
schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte
    Nun freilich hatte er was er zuerst erstrebt Er hatte einen eigenen und
einen guten Namen den ihm nicht sein stolzer Vater vererbt und nicht seine arme
Mutter hinterlassen hatte sondern einen Namen den er sich selbst geschaffen
wie seinen ganzen nicht unbedeutenden Besitz Aber wozu das alles fragte er
sich auch in dieser Stunde Wer bedarf des Besitzes den Du Dir erworben hast
Wen freut es wenn Dein Fleiß ihn wachsen macht Wer sorgt sich darum wenn er
Dir verloren geht Für wen bist Du eine Notwendigkeit in dieser weiten Welt
    Und während diese Gedanken in ihm aufstiegen nannte er selbst sie ein
Unrecht gegen die Frau welche die Beschützerin seiner Kindheit und das Ideal
seiner Jugend gewesen war Er liebte Seba auch heute noch wärmer zärtlicher
begeisterter als der Sohn die Mutter liebt denn seine Liebe war freier als
die Kindesliebe war nicht naturbestimmt sondern Erkenntnis und frei Wahl und
überall steht das Freigewählte hoch über allem Angeborenen
    Aber Seba war nicht jung wie er sie bedurfte seiner nicht sie war nicht
ausschließlich sein eigen Es änderte sich in ihrem Loose in ihrem Leben
nichts was auch aus ihm werden mochte und doch dünkte es ihn als gleiche er
immer nur dem Blatte das der Wind umhertreibt als fasse er nicht feste Wurzel
in dem Leben so lange er sich nicht notwendig nicht unentbehrlich für ein
anderes Menschenwesen wisse so lange er der keine Heimat und keine Familie
für sich vorgefunden hatte sich nicht seine Heimat selbst geschaffen habe in
der Familie die er selbst begründet so lange er sich in seinen Kindern nicht
eine Fortdauer über seinen Tod gesichert habe
    Ein scharfer Luftstrom streifte über Pauls Stirn und entriss ihn seinem
weichen Sinnen Die Nacht war im Entschwinden Wie am ersten Schöpfungstage
begannen Luft und Wasser sich vor seinem Auge zu scheiden der Blick wurde
wieder Herr der Welt und langsam durchdringend und sich Bahn machend durch das
schwebende und wallende Gewölk das sie mit ihrem Purpur färbte stieg endlich
in flammender Herrlichkeit die Sonne mächtig in ihrer Leben bringenden Kraft
aus den dunkeln kalten Wogen an dem klar gewordenen Winterhimmel empor
    Der Morgen rau und kalt wie er war erfrischte Paul und gab ihn sich
selber wieder Er wusste was ihm das Herz so weich gemacht hatte aber er
scheuchte den Gedanken wie einen entnervenden Traum weit von sich fort denn
Ungeduld und Unzufriedenheit mit dem selbstgeschaffenen Loose erschienen ihm als
eine Unmännlichkeit und Schwäche Erst das Vaterland und dann das Haus erst die
Freiheit und dann das Glück rief er laut sich selber zu und ohne zu wissen
worauf dieser Wahlspruch sich bezog stimmte Herr von Werben von Herzen in
denselben ein
    Dem Juden der inzwischen nicht aufgehört hatte seine Passagiere heimlich
zu beobachten entging weder die sichtliche Zufriedenheit mit welcher sie den
Tag begrüßten noch ihr wachsendes Verlangen an die Grenze zu kommen und er
gab die Hoffnung noch nicht auf von ihrer guten Stimmung zu erlangen was ihre
Verschlossenheit ihm abgeschlagen hatte Dass seine Passagiere keine gewöhnliche
Leute seien und dass er unter ihrem Schutze wenn sie nur wollten mit seinen
Waren die Grenze gut passieren könne das hatte sich in den Stunden einsamen
Sinnens für ihn als letzte Überzeugung festgestellt Es kam daher für ihn wie
er meinte nur Alles darauf an ihr Zutrauen und ihren guten Willen für sich zu
gewinnen und er ließ es an den Zeichen einer sorglosen Heiterkeit nicht fehlen
    Er rückte seine Spitzmütze vergnüglich weit aus der Stirn zurück er
schnalzte mit der Zunge knallte mit der Peitsche schlug sich zu erwärmen mit
den Beinen gegen seinen elenden Sitz dass die Stiefel gegen das Holz klapperten
Aber was er auch tat die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen es
schlug alles fehl denn Paul war Kaufmann genug um den Begehrenden an sich
herankommen zu lassen Endlich als über der weiten Fläche die Türme der
Hafenstadt sich schon erhoben hielt der Jude seine Pferde mitten in ihrem Laufe
an und sagte sich mit dem pfiffigen und zugleich ängstlichen Blicke seines
Volkes zu den Reisenden wendend während er mit dem Stiele seiner zerbrochenen
Peitsche vorwärts zeigte Der gnädige Herr sehen ich habe gehalten mein Wort
und meine Zeit Was soll ich haben wenn ich die Herren gerades Weges nach der
Grenze fahre
    Das wird sich an der Grenze finden gab ihm Paul zur Antwort dessen sich
nun er sich dem Ziele so nahe wusste das Verlangen es zu erreichen mit einer
wahren Leidenschaft bemächtigte und noch ehe der Jude sich besinnen konnte
hatte Paul um seiner Sache sicher zu sein sich an seine Seite gesetzt und ihm
mit dem Befehle ihm die nächste Straße nach der Grenze anzugeben Zügel und
Peitsche aus der Hand genommen
    Der Jude sobald er merkte dass es Ernst und dass kein Auflehnen gegen den
fremden Willen möglich sei ließ zwar Alles geschehen denn auch er war
schneller Berechnung fähig und hoffte seinen Vorteil von seiner Nachgiebigkeit
zu ziehen Aber er schrie und klagte über die Gewalttat die Paul an ihm
beging Er jammerte über sein Missgeschick er nahm Gott zum Zeugen dass er ein
rechtlicher Mann sei und klagte Gott an dass er ihm diese Passagiere
zugesendet Er verwünschte sich und sie und seine Not und seine Armut bis er
endlich den kutschirenden Paul der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar
nicht achtete beschwor wenigstens den Pferden in dem einsamen Kruge aus
dessen Schornstein man den weissgrauen Rauch aufsteigen sah eine kleine Rast zu
gönnen
    Wenn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Branntwein werdens die armen
Tiere nicht halten aus und die gnädigen Herren werden liegen bleiben wenn sie
nicht hier anhalten bei dem Abraham der ein ehrlicher Mann ist und mein
Tochtermann Es ist noch eine geschlagene Stunde bis zur Grenze und ohne
Fütterung können die Pferdchen nicht weiter fort
    Paul konnte es sich nicht verhehlen dass der Jude hierin die Wahrheit
redete Die abgetriebenen Pferde stolperten vor Mattigkeit und die Peitsche und
sein Zuruf machten keinen Eindruck mehr auf sie
    Als sie vor dem einsamen an der Straße liegenden Gehöfte des Wirtshauses
vorfuhren trat der Krüger ebenfalls ein polnischer Jude vor die Türe hinaus
und erkannte und begrüßte seinen Schwiegervater der ihm in einer den Reisenden
unverständlichen Sprache gleich einige Worte entgegenrief
    Wie weit ists von hier zur Grenze fragte Paul den Krüger
    Eine halbe Stunde gnädige Herren antwortete ihm dieser weil er dadurch
Zeit für die Rast zu gewinnen meinte Aber sein Schwiegervater fiel ihm in die
Rede
    Eine halbe Stunde sagst Du Wie kannst Du sagen eine halbe Stunde Eine
Stunde ists und eine gute Stunde und die Pferde 
    Genug versetzte Paul der am Ende dem Juden in seinem Erwerbe wie dieser
auch geartet war kein unnötiges Hindernis und keine Gefahr bereiten wollte
denn er hatte sie gut bedient und Paul und sein Gefährte hatten ihm eine
Belohnung zugedacht Genug wiederholte er zog die Uhr aus der Tasche und hielt
sie dem Juden vor das Gesicht Du sollst zwölf Minuten Zeit haben Deine Pferde
zu erfrischen wenn Du uns danach in einer halben Stunde über die Grenze
bringst
    Der Jude versprach es und die Reisenden stiegen einen Augenblick vom
Schlitten ab Eine tragbare Krippe ward rasch herbeigeholt und vor die
triefenden Pferde hingestellt denen ihr Besitzer ein paar alte Decken überwarf
während die hungrigen Tiere das in Stücke geschnittene mit Branntwein
getränkte Brod gierig verschlangen
    Inzwischen waren des Krügers Frau und Kinder herbeigekommen welche hastig
die Kissen von dem Schlitten nahmen sie mit anderen eben so elenden Sitzkissen
vertauschten und verschiedene Päcke und Rollen unter dem Stroh hervorzogen das
der Fuhrmann unter seinen Füßen liegen gehabt hatte Zu wiederholten Malen
nötigte der Wirt die Fremden einzutreten um ein Glas Branntwein am warmen
Ofen zu sich zu nehmen aber er konnte sie nicht dazu bewegen Die Uhr in der
Hand fragte ihn Paul ob neuerdings viel Verkehr von Fremden in seinem Hause
gewesen sei Der Krüger verneinte es hoffte aber es werde bald besser für
seine Wirtschaft kommen wenn erst der Kriegszug des großen Kaisers begonnen
haben werde von dessen Bevorstehen ihm der französische Gensdarme Kunde
gebracht habe der erst gestern wieder bei ihm angesprochen
    Es kommen ihrer jetzt öfter solche zu mir reiten außer den preußischen sie
vigiliren scharf auf die Herren die da passieren wollen über die Grenze setzte
er mit bedeutendem und listigem Blicke und Augenzwinkern hinzu Aber das beredte
Wort erstarb ihm auf der Zunge als er sah dass Paul das TaschenFernrohr mit
dem er nach der Seite von welcher er hergekommen war ausgespäht hatte rasch
zusammenschob und nachdem er einige Worte auf Englisch zu seinem Gefährten
gesprochen hatte dem Fuhrmanne den Befehl gab augenblicklich aufzubrechen Er
selbst und Werben legten eilig den Pferden die abgenommenen Zügel wieder an
dann sprangen sie in den Schlitten zwangen den jammernden und lamentirenden
Juden mit ihnen einzusteigen und nachdem Paul dem Wirte noch ein Geldstück
als Bezahlung zugeworfen hatte ging es fort so schnell die unvollständig
erquickten Pferde zu laufen vermochten
    Sie waren noch keine Viertelstunde gefahren als Paul wiederum sein Fernrohr
auf die beiden Punkte richtete deren Gewahrung vorher den Entschluss des
plötzlichen Aufbruches in ihm veranlasst hatte Er hielt es lange am Auge
während sein Freund die Zügel in die Hand nahm und fragte dann als er es
absetzte auf die abgejagten Tiere und den in Todesangst zitternden Kutscher
blickend Was halten Sie von der Sache Herr von Werben
    Werben blickte ebenfalls zurück zuckte die Schultern und sagte Es hilft
uns nichts Ihre Pferde sind frisch  sie holen uns ein noch ehe wir die Grenze
erreichen
    So ists besser wir machen es gleich ab meinte Paul Sie hatten auch diese
Worte wieder englisch gesprochen Herr von Werben überließ dem Juden wieder die
Zügel seiner Pferde die beiden Reisenden nahmen auf dem hinteren Sitze ihre
alten Plätze ein und Paul sagte sich an den Juden wendend Fahre langsam
    Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen und die Pferde fielen gleich in
Schritt als man eben in das beschneite Fichtenholz einfuhr an dessen anderem
Ende wie der Jude angab die Grenze sich hinziehe
    Was gedenken Sie zu tun Tremann fragte Herr von Werben seinen Gefährten
indem er ein Paar fein gearbeitete DoppelPistolen aus der Manteltasche nahm und
Paul die Steine seiner Pistolen mit seinem schweren Einschlagemesser aufs Neue
schärfte und frisches Zündkraut auf die Pfannen schüttete
    Das kommt darauf an Sind es Preußen so haben wir unsere geschriebenen
Pässe die in Ordnung sind wenn es dagegen Franzosen sind nun so  er
lächelte mit einem Ausdrucke grimmiger Entschlossenheit den Herr von Werben nie
bisher an ihm bemerkt hatte  so haben wir diese geladenen Pässe die nun auch
in Ordnung sind
    Während die Reisenden ihre Waffen in der Hand langsam vorwärts fuhren
hielten an dem elenden Kruge den sie kurz zuvor verlassen hatten zwei Reiter
Der eine derselben in halb militärischer Tracht war augenscheinlich ein
Franzose der andere ein preußischer Gensdarme welcher jenem als Führer
mitgegeben zu sein schien Sie waren beschäftigt den Wirt des Kruges zu
verhören und die Auskunft welche sie auf ihre Erkundigungen erhielten schien
ganz nach dem Wunsche des Franzosen auszufallen
    Wir erreichen sie noch vor der Grenze rief der Franzose seinem Begleiter
zu und wenn es die sind die wir suchen setzte er leise für sich hinzu so ist
mein Glück gemacht Vorwärts Kamerad  Sie gaben ihren Pferden die Sporen und
sprengten nach der Richtung fort welche die Reisenden genommen hatten
    Es währte nicht lange bis sie den langsam durch das Gestrüpp dahinfahrenden
Schlitten vor sich erblickten Sie waren noch ungefähr einige Hundert Schritte
von demselben entfernt als der preußische Gensdarme gegen seinen Begleiter
bemerkte Das sind schwerlich Leute die es eilig haben Herr Kommissar denn
sie fahren Schritt obschon sie uns bereits seit längerer Zeit gesehen haben
müssen und die Grenze ist keine Viertelstunde mehr entfernt Die müssen ein
gutes Gewissen haben
    Aber der Andere antwortete auf diese Bemerkung nur durch ein drohendes Halt
welches er den Fahrenden zurief während er im vollen Laufe an den ruhig weiter
fahrenden Schlitten heransprengte Kopfschüttelnd und sichtbar unzufrieden
folgte ihm langsam der Gensdarme Er traf seinen Begleiter bereits in heftigem
Wortwechsel mit den beiden Reisenden
    Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Pässe schrie der Franzose in welchem
Paul augenblicklich einen der französischen Beamten erkannte die er täglich bei
Herrn von Kastigni ein und ausgehen gesehen hatte Sie sind allerdings Herr
Tremann ich glaube das meinen Augen nicht Ihrem Passe aber der andere Herr
ist eben so wenig Ihr Bedienter als ich es bin Sie müssen beide mit mir
umkehren ich habe Sie nach der nächsten Kreisstadt abzuliefern
    Sehen Sie Sich vor was Sie tun rief Paul ihm zu Sie sind kein Beamter
unseres Königs Sie haben keine Vollmacht Sie haben kein Recht friedliche
Reisende aufzuhalten die sich durch ihre Pässe ausweisen können
    Sehen Sie selbst Sich vor Monsieur Tremann versetzte hohnlachend der
Franzose Sie sind der Spionage verdächtig und der Bundesgenosse und Herr Ihres
Königs der Kaiser Napoleon pflegt mit Spionen keinen langen Prozess zu machen
    Ich rufe Sie zum Zeugen an wendete sich Paul da Herr von Werben sich in
der Rolle des Bedienten wenn auch mit großer Selbstüberwindung schweigend und
zuwartend verhalten musste an den preußischen Gensdarmen der inzwischen ruhig
die Pässe der Reisenden durchgesehen hatte  ich rufe Sie zum Zeugen an dass
hier die Majestät Ihres Königs und Herrn beleidigt wird Sie sind ein
preußischer Untertan und Soldat wollen Sie das geschehen lassen
    Der Angeredete war sichtlich bewegt Er versuchte sich in das Mittel zu
legen aber es war vergebens dass er dem Franzosen bemerklich machte dass die
Papiere der Reisenden völlig in Ordnung seien und dass also gar kein Grund
vorliege dieselben weiter aufzuhalten
    Kein Grund rief der Franzose Aber wenn ich Ihnen nun sage dass dieser
Bediente ein Offizier ein preußischer Offizier dass es der Hauptmann von Werben
ist den ich hiermit als Deserteur verhafte
    Wie ein Blitz zuckte es über das Gesicht des Gensdarmen als Herr von
Werben nun er sich entdeckt sah der Verstellung ohnehin längst müde die Mütze
zurückschlug welche sein Antlitz verborgen hatte und Jener ihn erkannte Herr
Hauptmann mein Herr Hauptmann Sind Sie es denn wirklich rief er in freudiger
Bewegung aus
    Ja ich bin es entgegnete Werben indem er aus seiner Brieftasche ein
Papier hervorzog  aber ich bin kein Deserteur Hier ist mein Abschied von
Seiner Majestät unserem Könige unterzeichnet Ich bin frei zu gehen wohin ich
will und Gott der Allmächtige weiß es setzte er knirschend hinzu warum ein
preußischer Soldat und Edelmann gezwungen ist heimlich zu tun was er offen zu
tun berechtigt ist Willst Du Deinen Hauptmann an die Franzosen verraten
Wendland 
    Er hatte den Schlitten verlassen und war mit dem Gensdarmen ein wenig
seitwärts an den Rand des Gehölzes getreten als plötzlich dicht hinter ihnen
ein Pistolenschuss fiel dem auf der Stelle ein zweiter folgte Sie blickten
zurück der Franzose durch den Kopf geschossen stürzte von dem Pferde das
davon aufgeschreckt zurück jagte Paul stand aufrecht im Schlitten die
abgefeuerte Waffe in der Hand
    Er hat es gewollt sagte er finster  der Elende hat seinen Lohn Er schoss
zuerst fügte er hinzu indem er mit der Hand nach der linken Schulter fuhr und
sie blutig zurückzog Sein Blut komme über ihn Und jetzt vorwärts Herr von
Werben Wir sind jetzt Zwei gegen Einen
    Gott bewahre wir sind unserer Drei rief der Gensdarme denn wo mein Herr
Hauptmann bleibt da bleib ich auch Mag der Teufel noch länger preußischer
Gensdarme in französischen Diensten sein Ich gehe mit Ihnen zu den Russen und
über die Grenze
 
                                  Zweites Buch
                                 Erstes Kapitel
Das Regiment in welchem Renatus stand hatte seine vorgezeichnete Straße über
die freiherrlichen Güter zu nehmen und sollte dort ein paar Rasttage halten Der
Kommandeur bot es also dem jungen Freiherrn an als Quartiermacher
vorauszugehen um auf diese Weise ein längeres Verweilen in seinem Vaterhause zu
gewinnen und Renatus machte mit Freuden davon Gebrauch Während des langsamen
und in der frühen Jahreszeit noch beschwerlichen Marsches waren seine Gedanken
ihm ohnehin oft genug in die Heimat vorausgeeilt Er hatte die Seinigen seit
zwei Jahren nicht gesehen und er hatte ihnen mitzuteilen was jetzt
ausschließlich seine Seele erfüllte er hatte von seinem Vater die Zustimmung
und den Segen zu seiner Verlobung zu erbitten
    Von seinen Kameraden mit der Versicherung entlassen dass man sich danach
sehne ihm bald nachzukommen um sich in Richten für die gehabten
Unbequemlichkeiten und Strapazen zu entschädigen und für die vorauszusehenden
Entbehrungen und Anstrengungen zu stärken machte der junge Offizier sich auf
den Weg
    Der Freiherr von Arten galt immer noch für einen reichen Mann seine
Gastlichkeit war weit und breit berühmt Renatus selber hatte ihrer oft gegen
seine Kameraden gedacht unter denen sich auch Blutsverwandte und Befreundete
des Hauses befanden und er hatte ihnen mit gutem Glauben die beste Aufnahme bei
seinem Vater verheißen können Freilich wusste er dass TruppenDurchmärsche für
den Gutsbesitzer eine schwere Last seien Er hatte es mit erlebt wie furchtbar
die Franzosen im Lande gehaust und wie die Italiener durch viele Monate in
Richten im Quartier gelegen hatten Aber Masslosigkeiten und Gewalttaten wie
man sie von den Franzosen erdulden müssen waren von den Landsleuten und unter
der strengen preußischen strengen Mannszucht nicht zu befahren und wenn der
lange Aufenthalt der Italiener auch große Summen gekostet hatte so erinnerte
sich Renatus doch sehr deutlich in welch gutem Einvernehmen man mit ihnen
gestanden wie sein Vater für den Grafen Mariani eingenommen gewesen war der
die Reiterei befehligte und wie bitterlich Vittoria seinen Tod betrauert hatte
als man später einmal die Nachricht erhalten dass der schöne junge Mann auf
einem der Schlachtfelder des österreichischen Feldzuges seinen frühen Tod
gefunden habe
    Je weiter Renatus aber auf seinem Wege vorwärts kam um so mehr wurde er von
den Erinnerungen an die Vergangenheit abgezogen denn der Anblick welcher sich
ihm überall darbot war kein freundlicher Seit Monaten hatten die
TruppenDurchmärsche auf dieser Straße nicht aufgehört und überall waren die
Spuren davon in trauriger Weise bemerkbar In den Krügen in denen er füttern
ließ auf dem Gute auf welchem er übernachtete waren die Klagen groß der
wirkliche Notstand unverkennbar und die Sorge wie er es in Richten finden
werde fing an sich des jungen Freiherrn immer ernstlicher zu bemächtigen Dazu
gesellte sich jenes Bangen das man stets empfindet wenn man sich einem
ersehnten Wiedersehen naht Renatus fing zu berechnen an seit wann er keine
Nachrichten aus der Heimat empfangen hatte Er überlegte dass er seinen Vater
nun seit zwei Jahren nicht gesehen habe dass sein Vater bei Jahren sei dass die
letzten Monate wohl auch für seines Vaters Güter große Lasten mit sich gebracht
haben müssten und er sagte sich jetzt zum ersten Male dass es im Grunde doch
eine üble Nachricht sei zu deren Überbringer er sich habe machen lassen
    Am letzten Tage war für die frühe Jahreszeit das Wetter schwül In der Ferne
zog ein Gewitter vorüber das seine Regenwolken über das ganze Land ausbreitete
Renatus war nach der Hauptstadt des Kreises gekommen in welchem seine
väterlichen Güter gelegen waren Er hatte dort der Behörde die Anzeige des
bevorstehenden TruppenDurchmarsches zu machen die nötigen Vorkehrungen zu
besprechen und es war ihm sonderbar dabei zu Mute dass er hier etwas Anderes
als seine eigenen Geschäfte zu besorgen hatte Als er seinen Auftrag
ausgerichtet rastete er bei dem Wirte in dessen Gasthause der Freiherr
einzukehren und zu dem man die Vorlegepferde hinzubestellen gewohnt war wenn
sich Jemand von der Familie auf Reisen befand oder wenn man Besuche erwartete
Der Wirt sagte dass der reitende Bote aus Richten heute in der Stadt gewesen
sei die Postsendung zu holen dass der Herr Baron sich lange nicht hätten sehen
lassen und dass er die Zeit nicht denken könne seit welcher die Frau Baronin
zuletzt durch den Ort gekommen sei die freilich im Winter zu reisen nicht
liebe
    Er hegte nach Art seiner Standesgenossen offenbar Neigung mit dem jungen
Freiherrn zu verkehren klagte über die schweren Zeiten von denen hier Jeder
mehr als anderswo gelitten habe und durch die man auf den Gütern noch weit
schwerer als in den Städten getroffen worden sei Er meinte der junge Herr
Baron werde ja wohl von Hause auch davon vernommen haben und nun selber sehen
wie es Alles stehe Aber Renatus schenkte ihm nicht recht Gehör Er war zu sehr
mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt um Verlangen nach gleichgültigem
Gespräche zu tragen und gerade weil er viel darum gegeben hätte den
Zwischenraum überfliegen und die Stunden abkürzen zu können die ihn noch von
seinem Ziele trennten hatte er eine Scheu vor jenen zufälligen Nachrichten aus
der Heimat wie sie dem Entferntgewesenen entgegen gebracht zu werden pflegen
    Er hatte Anfangs das Aufhören des Regens abwarten wollen aber der Wunsch
vorwärts zu kommen und bei den Seinigen zu sein wurde mit jeder Stunde
lebhafter und es ward ihm er wusste selber nicht weshalb je länger desto
unheimlicher zu Sinne Er ging selbst nach dem Stalle zu sehen ob man mit den
Pferden noch nicht wieder aufbrechen könne er trat mehrmals vor die Türe
hinaus nach dem Wetter auszuspähen das sah aber gar nicht danach aus als ob
man ein baldiges Aufhellen erwarten dürfe Der Wirt unterhielt ihn davon wie
viel Mann Einquartierung er voraussichtlich bekommen werde berechnete wie viel
Mann auf seine Nachbarn fallen würden und Renatus dachte dass er heute zum
ersten Male bei seiner Heimkehr in das Vaterhaus hier nicht den Wagen und die
Dienerschaft seines Vaters fände Es ging das freilich mit natürlichen Dingen
zu indes es war ihm deshalb nicht weniger unangenehm Mit einem nicht zu
überwindenden Missgefühle setzte er den Czacko auf und blieb dann neben dem
Wirte unter dem Vordache des Hauses stehen um zu warten bis sein Bursche die
Pferde gesattelt haben werde Er konnte es in der geheizten mit Tabacksdampf
erfüllten Gaststube vor Ungeduld nicht mehr ertragen
    Als sie so vor der Türe standen sahen sie durch den Regen einen
verdeckten leichten Korbwagen herankommen den zwei starke Braune zogen
    Das ist der Steinert aus Marienfelde sagte der Wirt dem können der Herr
Baron nur auch gleich sagen was ihm bevorsteht denn leer ausgehen wird der
auch nicht
    Er trat mit diesen Worten an den Wagen heran weil er meinte dass Steinert
einkehren werde Dieser hatte es jedoch nur auf ein kurzes Anhalten abgesehen
denn er war nicht weit gefahren hatte kaum noch eine Stunde bis nach Hause und
wollte nur noch hören ob und was es etwa Neues gäbe
    So wie er den Kopf zum Verdeck hervorbog erkannte er den jungen Edelmann
obschon er ihn seit Jahren nicht gesehen hatte und mit jener Freude die jeder
Gutgeartete über das schöne Heranwachsen eines Menschen empfindet den er als
Kind gekannt hat rief er Renatus ein herzliches Willkommen und die Frage zu
was er denn Gutes aus der Ferne bringe Aber Renatus vermochte ihm nicht in
gleicher Weise zu erwidern Es verdross ihn dass ihn Steinert nicht wie in
früheren Jahren seinen Vater und die anderen Edelleute als den gnädigen Herrn
ansprach sondern ihn schlechtweg Herr Lieutenant nannte Es dünkte ihm eine
verkehrte Welt zu sein in welcher Adam Steinert behaglich und trocken in seinem
Wagen einherfuhr während er der Freiherr Renatus von ArtenRichten als
Quartiermacher in Regen und Nebel durch das Land zog und obschon er
gleichzeitig diese Empfindungen und die Empfindlichkeit zu der sie sich in ihm
verwandelten törichte und zu bekämpfende nannte fühlte er sie doch in einem
solchen Grade dass sie ihm alle Freiheit des Behabens nahmen
    Es dünkte Renatus also doppelt lästig dass der Wirt sofort wieder von der
Einquartierung zu sprechen anfing da der Lieutenant sie wirklich auch für
Marienfelde anzumelden hatte Steinert verließ sobald er davon hörte seinen
Wagen und wie er nun in seiner bestimmten Weise von dem jungen Offizier genaue
Auskunft forderte wie er Fragen stellte welche Renatus ihm zu beantworten
verpflichtet war da kam noch einmal und noch stärker der Gedanke über diesen
dass die Welt sich umgewandelt habe Er besaß im Allgemeinen wenig Leichtigkeit
und das Missbehagen nahm ihm diese vollends Er gab Steinert kurz und trocken die
Zahl der Leute der Pferde den Tag ihrer Ankunft in Marienfelde und die Dauer
ihres Aufenthaltes an Steinert der die kalte abweisende Haltung des jungen
Mannes nach der Freundlichkeit mit welcher er ihm entgegen gekommen war mit
Recht als einen Hochmut und eine Unhöflichkeit betrachtete verzeichnete die
Angaben in seinem Taschenbuche dankte für die Mitteilung und bemerkte sich zu
dem Wirte wendend er sei in diesen Zeiten immer recht von Herzen froh darüber
dass er gleich ein tüchtiges Stück von dem Schloss abgebrochen habe nachdem er
sein Gut gekauft denn große Schlösser seien jetzt ein wahres Verderben für den
Gutsbesitzer der in ihnen immer die ganze Generalität zu beherbergen und zu
ernähren bekomme während er schon Not genug habe sich mit den Seinigen
durchzubringen
    Renatus hörte darauf wie Steinert sich des zeitigen Frühjahres freute und
es günstig für die Arbeit nannte und wie der Wirt ihm kopfschüttelnd
entgegnete Was hilft uns das wenn sie uns die aufgegangenen Saaten wieder vom
Felde in die Raufen schleppen und das reife Korn zu Schüttstroh nehmen wie vor
Jahren Man möchte die Arme am liebsten über einander schlagen und die Felder
brach liegen lassen da hätte man wenigstens nicht den Ärger über die ganze
vergebliche Mühe
    Ja nichts tun oder arbeiten was die Knochen halten wollen versetzte
Steinert das ist die Frage um die es sich jetzt handelt Rasch schaffen Alles
zu Gelde machen wenig brauchen das Geld sichern und abwarten bis man wieder
mit Zuversicht an ein Unternehmen gehen kann  so habe ichs die ganzen Jahre
her gehalten Wo sie nichts finden können sie nichts nehmen und meiner Haut
wehre ich mich noch Es werden Viele zu Grunde gehen in dieser Zeit denn es
sieht bedenklich auf den meisten Gütern aus und wer den letzten Taler in der
Tasche haben wird der wird einmal was machen können
    Er trank das Glas Bier aus das er gefordert hatte und ging nach seinem
Wagen als der Bursche des jungen Freiherrn diesem sein Pferd vorführte
Steinert sah wie der Wirt dem jungen Offizier den regenschweren Mantel
reichte wie Renatus ihn um seine Schultern hing Da kam eine jener
Rückerinnerungen welche dem jungen Edelmanne vorhin seine gute Laune genommen
hatten auch über Steinert aber sie hatte jenen hart und ungerecht gemacht und
dieser ward durch sie besänftigt Wollen Sie mit mir fahren Herr Baron fragte
er Es kommt mir auf einen Umweg nicht an meine Pferde sind frisch wir binden
Ihren Schimmel an ich fahre Sie bis Rotenfeld und bis dahin lässt der Regen
vielleicht nach
    Er stand an seinem Wagen und schlug das Spritzleder einladend zurück aber
Renatus konnte sich nicht überwinden der wohlgemeinten Aufforderung zu folgen
Er dankte ihm für seine gute Absicht
    Nun denn rief Steinert so leben Sie wohl und kehren Sie Ihrem Vater dem
Freiherrn aus Russland wohlbehalten wieder Es wird ihm nahe gehen Sie im Felde
zu wissen und er ist kein Jüngling mehr Sie werden überhaupt hier zu Lande
mancherlei verändert finden
    Damit fuhr er fort auch Renatus stieg zu Pferde aber das ganze
Zusammentreffen mit Steinert hatte ihm einen peinlichen Eindruck hinterlassen
und die letzten Worte desselben waren ihm schwer auf das Herz gefallen Was
hatte er damit andeuten wollen Was war geschehen 
    Der schlimmste Reisegefährte die unbestimmte Sorge hatte sich dem jungen
Manne zugesellt und wollte nicht von ihm weichen wie er sie auch zu bannen
versuchte Es war das erste Mal dass er sich der Heimat nicht freien Herzens
näherte dass seine Gedanken sich ernstlich mit den Umständen und
Vermögensverhältnissen seines Hauses beschäftigten
    Der Freiherr hatte es dem Sohne niemals fehlen lassen und obschon dieser
weder ausschweifende Neigungen noch übertriebene Bedürfnisse besaß war er doch
gewohnt jeden seiner Wünsche zu befriedigen Er wusste dass sein Vater kein
guter Rechner kein umsichtiger Landwirt sei und viel verbrauche Das war aber
wie Renatus meinte bei einem Edelmanne sehr erklärlich und man hatte es nur zu
bedauern dass der Freiherr bisher niemals passenden Ersatz für Steinert hatte
finden können denn gerade die besten Landwirte hatten mit Renatus oft davon
gesprochen dass man die Hülfsquellen seiner väterlichen Besitzungen nicht nach
Gebühr benutze dass man aus den Gütern nicht mache was sie werden könnten dass
man nicht die nötigen Kapitalien in sie hineinstecke um sie im Grund und Boden
wuchern und Zinsen tragen zu lassen Allein eben das flüssige Kapital fehlte
seinem Vater und dieser hatte dem Sohne in guten Stunden wohl den Rat gegeben
sich bei Zeiten nach einer reichen Erbin zur Gattin für sich umzusehen damit
man wieder in größerer Freiheit des eigenen Grundbesitzes froh werden möge Wie
würde der Freiherr nun die Nachricht aufnehmen dass Renatus die völlig
Mittellose in das Haus zu führen denke
    Bei dem Regenwetter dunkelte es früh und der Sinn des jungen Mannes wurde
dadurch eben auch nicht heiterer Der Nebel stieg aus dem Boden der sumpfigen
Wiesen empor und zog in langen schwebenden Streifen langsam neben und um ihn
her Er ritt mit wachsender Ungeduld in schnellem Trabe vorwärts er wollte das
Schloss noch erreichen ehe es Nacht ward Es dünkte ihn als sei der Weg weit
länger geworden als komme er nicht von der Stelle und wie er den Weg nicht
bewältigen zu können glaubte so kam er auch mit seinen Gedanken nicht vom
Flecke Wenn er sich es vorstellen wollte wie er seinem Vater sein Herz
enthüllen und was Vittoria zu seiner Verlobung sagen werde sah er Adam Steinert
vor sich stehen und es klang ihm das Wort vom letzten Taler und von dem
Unsegen der jetzt auf den großen Schlössern laste in den Ohren Er war froh
als er endlich aus den Wiesen heraus war als aus dem Nebel der Kirchturm von
Rotenfeld hervortrat und der Anblick der allbekannten ihm engvertrauten
Umgebung ihn von seinem Grübeln abzog Er schwankte ob er in der Pfarre
vorsprechen und seinem greisen Lehrer seine Ankunft melden solle aber seine
Ungeduld sträubte sich dagegen und auch sein Schimmel schien sich der Nähe des
Stalles zu erinnern in welchem er auferzogen worden war denn er griff ohne
dass sein Herr ihn dazu antrieb mit Einem Male lustig aus so dass Renatus in
wenigen Minuten die große EichenAllee zu erreichen hoffen durfte die sich von
dem letzten Vorwerke bis zur Rampe des Schlosses hin erstreckte Aber er ritt
und ritt die Allee wollte noch nicht kommen Er drückte dem Pferde die Sporen
in die Seite es sprang empor und ging mit raschem Satze vorwärts  aber sie kam
nicht die Allee
    Was ist das fragte Renatus sich und es fuhr ihm kalt über den Rücken Er
sah um sich weil er meinte nur der Nebel verhülle ihm die Bäume und der Nebel
sei es auch der ihn so erkälte indes der Nebel hatte sich verzogen er konnte
an einzelnen Stellen sogar die Sterne durch die Wolken schimmern sehen und es
war auch nicht der Nebel der ihm das Herz in der Brust erstarren machte und ihm
den Hals zusammenschnürte Denn nun lag es ja vor ihm das Schloss seiner Väter
er sah das Licht aus dem Fenster über dem Portale schimmern das die riesigen
alten Bäume jetzt nicht mehr verdeckten Schon breitete der Hofraum sich weit
und öde vor ihm aus aber es war nicht mehr wie es gewesen war es war nicht
mehr die alte Heimat Das Schloss seiner Väter war seines schönsten Schmuckes
beraubt der Stolz der Herren von ArtenRichten die prächtige uralte
EichenAllee war niedergeschlagen bis auf den letzten Baum Jetzt wusste er was
die Worte Steinerts bedeutet hatten  und die Tränen stürzten ihm aus den
Augen
    Oben in dem Zimmer des Freiherrn brannte das Feuer im Kamin Der reitende
Bote welcher zweimal in der Woche die Briefe für den Freiherrn aus der
Kreisstadt abholte war um die bestimmte Stunde nach dem Schloss zurückgekehrt
und fast gleichzeitig mit ihm war der Kaplan bei dem Freiherrn angelangt Er kam
trotz seiner vorgerückten Jahre und seiner schwachen Gesundheit regelmäßig an
den Abenden von Rotenfeld wohin er gezogen war bald nachdem Renatus zum
ersten Male das Vaterhaus verlassen hatte nach Richten herüber um dem
Freiherrn dessen Augen in der letzten Zeit gelitten zur Hand zu sein falls er
sich eines Vorlesers bedürftig fühlte oder Briefe zu beantworten hatte denn der
Sekretär des Freiherrn war noch während des ersten Krieges in die Dienste eines
französischen Generals getreten und man hatte seine Stelle nicht wieder
besetzt
    Die Lichte waren bereits angezündet aber es waren nicht die vielarmigen
Leuchter deren der Freiherr sich in früheren Jahren bedient hatte als er am
Abende noch selbst zu lesen und zu schreiben pflegte Der große Raum war also
nicht vollständig erhellt und das Sopha auf welchem Vittoria die beiden Arme
mit der anmutigen Lässigkeit eines Kindes unter das Haupt gelegt in stillem
Hindämmern zu ruhen schien war ganz in Schatten gehüllt An dem Tische auf
welchem die eingegangenen Briefe und die Zeitungen der letzten Woche lagen saß
der Kaplan und der Freiherr ging dem Vorlesenden zuhörend langsam in dem
Zimmer auf und nieder wie es seine Gewohnheit war Mit Einem Male blieb er
stehen
    Es wird immer nutzloser diese Blätter kommen zu lassen sagte er indem er
den Kaplan unterbrach Man müsste sich mitten im tiefsten Frieden glauben wenn
man keine anderen Nachrichten empfinge als diejenigen welche die Zeitungen uns
verkünden Nur von den friedlichen Gesinnungen Napoleons nur von seinen
Dekreten in der Gesetzgebung und für das Theater ist heute wieder die Rede und
dazu haben die TruppenDurchmärsche bei uns nicht aufgehört dazu meint man so
oft man zu unerwarteter Stunde ein Geräusch vernimmt dass wieder irgend ein
neuer Quartiermeister oder Fourier im Schloss anlangt um uns neue unerbetene
Gäste anzumelden
    Er hatte aber diese Worte noch nicht vollendet als man den Hufschlag eines
Pferdes auf der großen Rampe hörte Da sehen Sie mein Freund wir leben gerade
wie im Schauspiele meinte der Freiherr Man braucht von den Dingen nur zu
sprechen um sie eintreffen zu machen  Er ging nach dem Fenster auch der
Kaplan erhob sich um hinunter zu sehen Man konnte jedoch in der Dunkelheit
nicht erkennen wer der angekommene Reiter sei und der Freiherr war eben auf
dem Wege die Klingel zu ziehen um sich danach zu erkundigen aber er stand
dann wieder davon ab Es hatte sonst nicht in seiner Art gelegen den
Ereignissen entgegen zu gehen und er machte sich innerlich einen Vorwurf
daraus dass er die Ruhe verloren habe sie an sich herankommen zu lassen Er
wendete sich mit einer anscheinenden Gelassenheit wieder in das Zimmer zurück
legte die Hände wieder über dem Rücken in einander um bei dem Herumgehen die
Brust zu dehnen und wollte eben den Kaplan ersuchen mit dem Lesen
fortzufahren als man eilige Schritte auf der Treppe und im Vorsaale hörte und
der Diener in der Türe erschien
    Was gibt es fragte der Freiherr froh des Zwanges ledig zu sein den er
sich angetan hatte
    Ein Offizier gnädiger Herr ein Offizier ist angekommen von den Unserigen
einer antwortete der Diener und ehe der Freiherr noch sein Missfallen über
diese unruhige Meldung äußern konnte war Renatus schon in das Zimmer
eingetreten und hatte sich erschüttert an des Vaters Brust geworfen
    Auch der Freiherr war sichtlich ergriffen Mein Sohn mein lieber Sohn rief
er aus als Renatus sich niederbeugte des Vaters Hand zu küssen und er die
Tränen in des jungen Mannes Augen gewahrte Was bewegt Dich so Renatus Fasse
Dich mein Sohn
    Aber die Stimme seines Vaters weit davon entfernt ihn zu besänftigen
rührte den Sohn noch mehr denn sie klang ihm fremd Es war nicht mehr der alte
volle Ton und unfähig sich zu beherrschen rief er Wo ist unsere Allee
geblieben Vater
    Des Freiherrn Brauen zuckten zusammen er ließ die Hand des Sohnes fahren
denn er meinte einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen und nach des Freiherrn
Begriffen von dem Familienrechte und von dem Erbrechte hatte der Sohn dem Vater
eine solche Frage auch zu stellen aber dass er sie in der Stunde der Ankunft
dass er sie in dem Augenblicke tat in welchem er den Vater nach längerer
Abwesenheit zum ersten Male umarmte dass er sie im Beisein des Kaplans im
Beisein Vittorias und gar in Anwesenheit des Dieners tat das kränkte des
Vaters Herz das beleidigte das Ehrgefühl des Edelmannes und des Hausherrn
    Die Franzosen hatten auf ihrem Durchmarsche Lücken in die Allee geschlagen
Der Anblick war mir unerträglich machte mir die Allee zuwider und ich fand es
für angemessen zu nutzen was ein nächster Durchmarsch ganz zerstören konnte
entgegnete der Freiherr schnell und abgebrochen sprechend Aber weshalb
zeigtest Du Deine Ankunft nicht im Voraus an Du weißt dass ich die
Überraschungen nicht liebe Was führt Dich hieher
    Ich komme als Vorbote meines Regimentes sagte Renatus durch die Worte
seines Vaters und mehr noch durch ihren strengen Ton nun eben so beleidigt und
verletzt als der Freiherr sich erwies
    Also Einquartierung  schon wieder Einquartierung
    Der Stab unseres Regimentes kommt übermorgen in Richten an und wird drei
Tage im Schloss bleiben das Regiment zwölfhundert Mann stark ist auf unsere
Dörfer verteilt der Train bleibt in Marienfelde berichtete Renatus als mache
er die Meldung vor einem fremden Manne aber es kam ihm hart an denn er sah
wie unwillkommen sie dem Freiherrn war wie schwer sie ihn bedrückte und er
fand ihn ohnehin nicht wie er ihn verlassen nicht wie des Vaters Bild ihm in
der Erinnerung vorgestanden hatte
    Die beiden letzten Jahre hatten dem Kaplan weit weniger angehabt als seinem
freiherrlichen Freunde Da der Kaplan niemals stark gewesen war fiel es an ihm
nicht wesentlich auf dass er magerer geworden Sein Haar hatte die Farbe nicht
merklich geändert nur dünner war es geworden so dass die Tonsur sich nicht mehr
kenntlich machte Aber er hielt sich noch aufrecht wie in seinen besten Tagen
sein Gesicht hatte seinen alten friedlichen und milden Ausdruck bewahrt sein
Auge war noch hell und seine Soutane jenes priesterliche Gewand auf das die
Mode keinen Einfluss übte umgab noch mit der alten Sauberkeit mit der es einst
den Leib des Jünglings bekleidet hatte auch die Gestalt des Greises
    Der Freiherr hingegen hatte sich sehr verändert Weil er auf der Höhe des
Mannesalters an Fülle sehr zugenommen ließ die danach eingetretene Verminderung
derselben seine Haut welk und schlaff erscheinen Die einst so schönen
hochgeschwungenen Augenbrauen waren buschiger geworden und hingen tief herunter
alle Züge des Gesichtes hatten sich scharf ausgeprägt man sah dass starke
Leidenschaften sie gezeichnet hatten Wer den Freiherrn einst in der
Stattlichkeit der altfranzösischen Tracht gekannt hatte dem konnte es nicht
entgehen dass sein Schritt jetzt in dem Klappenstiefel nicht mehr so wohl
gemessen war als in dem seidenen Strumpfe und in dem Schnallenschuh und selbst
das hohe weiße Halstuch das den Nacken des Freiherrn vielmals umgab und sein
Kinn wie die Mode es mit sich brachte hoch empor hob konnte es nicht
verbergen dass er sein Haupt nicht mehr so stolz trug nicht mehr so frei
bewegte als in alter Zeit
    Der Freiherr hatte die Anzeige schweigend hingenommen Erst nach einer Weile
sagte er Und Du beeiltest Dich Dich zum Überbringer dieser angenehmen
Neuigkeit zu machen das ist ein sonderbarer Einfall ein sonderbar Gelüsten 
Er schüttelte das Haupt und lächelte dazu spöttisch Renatus regte sich nicht
    So entstand eine lange Pause und wo eine solche sich in den ersten
Augenblicken eines Wiedersehens zwischen Menschen die eng zu einander gehören
einstellt ist es eben so ein Zeichen als der Vorbote irgend welcher
Missverhältnisse Der wohlgeschulte Diener war still hinausgegangen da er sah
dass man ihm für jetzt keine Befehle zu geben habe um nicht anzuhören was man
ihn sicherlich nicht hören zu lassen wünschte auch Vittoria hatte nachdem sie
bei dem unerwarteten Eintritt ihres Stiefsohnes in freudiger Überraschung aus
ihrer Ruhe aufgesprungen war sich entfernt Sie war es nicht gewohnt von
Renatus nicht gleich mit Zärtlichkeit begrüßt von dem Freiherrn nicht
berücksichtigt zu werden und ernstaften Verhandlungen geschäftlichen
Erörterungen oder gar einem Streite beizuwohnen widerstrebte ihrer innersten
Natur Und doch bedurften der Freiherr und sein Sohn eines Vermittlers dessen
leise Hand ihnen über den Zwiespalt fortalf der sich zwischen ihnen auftat
und der unausfüllbar werden konnte wenn man ihm nicht in dieser ersten Stunde
Schranken setzte
    Es war der Kaplan der ihnen diesen Dienst zu leisten unternahm denn er
wusste was es zu bedeuten hatte wenn der Freiherr seinen Kopf so langsam in die
Höhe hob wenn seine Lippen sich so fest zusammenpressten und was Renatus
fühlte wenn er so die Augen senkte
    Mit jener ruhigen Bewegung die von jeher eine der schönen Eigenschaften des
Geistlichen gewesen war ging er obschon auch ihm Renatus noch die Begrüßung
schuldete auf diesen zu und sprach indem er ihn in seine Arme schloss Du
wünschtest Deinem Vater offenbar die üble Nachricht weniger empfindlich zu
machen indem Du Dich zu ihrem Boten hergabst denn Du hattest Dir es selbst
gesagt dass es der schweren Belästigungen und der noch schwereren Sorgen für den
Herrn Baron bereits mehr als zu viel gegeben habe und Du bist vorausgekommen
um zu sehen ob Du nicht Deinen Anteil davon tragen könntest Das macht Deinem
Herzen und Deiner Einsicht Ehre daran erkenne ich Dich und Deinen guten Willen
    Die Worte welche den Vater wie den Sohn behutsam aber entschieden auf ihren
rechten Standpunkt wiesen beschämten beide und befreiten sie doch zugleich Sie
warfen weit mehr als der Kaplan es ahnen konnte dem Sohne vor dass er in jeder
Beziehung nur an sich und sein Bedürfen gedacht habe sie erinnerten den Vater
daran dass der Sohn sicherlich in freundlicher Absicht gekommen sei und geboten
dem Sohne Schonung für den Vater dem Vater Rücksicht und Anerkennung für den
Sohn Aber man findet sich nicht gleich zurecht wenn man einmal von der
richtigen Straße abgekommen ist und die Gegenstände und die Menschen von einer
falschen Seite angesehen hat
    Renatus erwartete dass der Freiherr wie das früher in ähnlichen Fällen
geschehen war nach kurzem Überlegen mit der Angelegenheit fertig sein dass er
dem Amtmanne durch einen Boten noch heute seine Befehle senden oder ihn in der
Frühe des nächsten Morgens kommen lassen werde um mit wenigen Worten die Sache
durchzusprechen und dass von derselben danach nicht mehr die Rede sein werde
bis zur Ankunft der Einquartierung Statt dessen nahm der Freiherr eine Brille
zur Hand setzte sich am Schreibtische nieder verzeichnete die Namen und den
Rang der Offiziere die man im Schloss unterzubringen hatte ließ sich vom
Kaplan aus der Registratur die er seit Steinert aus seinem Dienste geschieden
war von Rotenfeld nach dem Archive in Richten und in eigene Verwahrung
genommen hatte verschiedene Acten und Papiere herbeiholen und machte sich
daran die Verteilung auf die einzelnen Häuser eben nach jenen Papieren und
Acten selbst auszurechnen und festzusetzen Renatus sah mit Verwunderung wie
genau der Freiherr jetzt von der Lage und von den Verhältnissen der einzelnen
Gutsinsassen unterrichtet war aber eben so setzte ihn die harterzige Strenge
in Erstaunen die sich bei dem Freiherrn gegen alle jene Leute aussprach welche
seit Jahrhunderten Hörige seiner Familie gewesen und nun in Folge der neuen
Gesetzgebung freie Bauern und freie Arbeiter geworden waren Der Kaplan hatte
beständig Nachsicht für sie von dem Freiherrn zu fordern und es kamen dabei so
traurige Schilderungen ihrer Not zur Sprache Renatus erfuhr durch die
Entgegnungen des Freiherrn so viel von den Lasten welche dieser bereits zu
tragen gehabt hatte sein Vater äußerte sich so unumwunden über den Mangel an
Lebensmitteln der auf den Gütern herrsche und über die Schwierigkeit welche
man haben werde das Geld zur Beschaffung der für die Aufnahme des Stabes
notwendigen Bedürfnisse aufzutreiben dass Renatus sich abermals die Frage
aufwarf in welcher Welt er denn lebe und ob er ob sein Vater noch dieselben
Freiherren von ArtenRichten wären die sonst in stolzer Sorgenfreiheit in
diesem Schloss gleichsam Hof gehalten hatten
    Er musste es als ein Zeichen des Vertrauens der Verzeihung ansehen dass sein
Vater ihm ein paar Blätter hinreichte damit er sie mit ihm zusammen abstimme
aber er kannte seinen Vater in der Beschäftigung nicht wieder Er fragte sich
wie ist es möglich dass er in der Stunde meiner Ankunft an nichts Anderes als
an diese Geschäfte denkt und er sah es ein wie dieses nicht der Augenblick und
nicht der Zeitpunkt sei in welchem er seinem Vater mit der Nachricht dass er
sich versprochen habe und eine eigene Familie in Schloss Richten zu begründen
wünsche eine Freude machen könne
    Es war ihm schwer ums Herz er bemitleidete seinen Vater Der Freiherr und
die Zeiten hatten sich so sehr verändert Wie weit hatten sich sonst Tür und
Tor jedem Gaste geöffnet wie hatte man sich als seine Mutter noch gelebt zu
jeder Stunde beeilt den Ankommenden zu bewirten und zu erquicken Jetzt nahmen
Sorgen des Vaters Sinn durchaus gefangen jetzt dachte Niemand daran dass
Renatus weit geritten dass er durch Regen und Nebel gekommen war dass der Sohn
des Hauses eine Erfrischung und Stärkung nötig haben könne und so traurig so
erschreckt so niedergeschlagen und so fremd fühlte er sich dass er sich nicht
entschließen konnte sie zu fordern Die baumlose kahle Fläche vor dem Schloss
schwebte ihm immer vor den Augen das Wort von dem letzten Taler lag ihm immer
noch im Sinne
    Es half ihm nicht dass er sich vorhielt wie natürlich es sei dass sein
Vater der Geschäfte denke wie töricht er selber handle dass er nicht verlange
was er nötig habe Er fand endlich eine Art von düsterer Genugtuung darin
sich die Wandlung recht empfindlich zu machen die hier vorgegangen war und
weil er niemals rechnen und erwägen gelernt hatte so unterschätzte er jetzt die
Lage in welcher sein Vater und seine Familie sich befanden wie er sie bisher
zu überschätzen gewohnt gewesen war Es ängstigte ihn dass seine Vorgesetzten
seine Kameraden einen Einblick in die veränderten Verhältnisse seines Hauses
tun konnten er dachte mit Schrecken daran wie gleich die niedergehauene Allee
es Jedem verkünden müsse dass die Axt auch an den Wohlstand seines Stammes
bereits gelegt sei Er kam sich wie ein Heimatloser wie ein Bettler vor  und
Hildegard erwartete von ihm das Glück ihres Lebens eine schöne reiche Zukunft
 
                                Zweites Kapitel
Man hatte sich mühsam durch den Abend hingebracht und der nächste Morgen ließ
sich auch nicht besser an Es regnete noch immer fort Nirgends war ein
Durchbruch der Wolken zu bemerken der auf eine baldige Änderung des Wetters
hätte schließen lassen Auf dem Lande aber hat ein lange anhaltender Regen etwas
Einbannendes das ihn weit lästiger macht als in der Stadt
    Der Freiherr hatte früh den Amtmann rufen lassen weiterhin gegen Mittag
kamen ungefordert die Schulzen und verschiedene Bauern in das Schloss um bei dem
Freiherrn ihre Beschwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung
anzubringen Renatus sah daraus dass sein Vater die Verwaltung seiner Güter fast
ganz in seine Hand genommen hatte aber er konnte sich nicht daran gewöhnen dass
die schweren Schritte der Bauern auf den Treppen und Gängen des Schlosses
erschallten dass ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer des Freiherrn
betrat und sein Vater tat ihm leid wenn er ihn Geschäfte verhandeln ihn um
Kleinigkeiten dingen und feilschen sehen musste an welche zu denken er in
früheren Jahren weit unter seiner Würde gehalten haben würde Es war still im
Schloss aber nicht so ruhig wie dereinst
    In dem Zimmer welches das Wohngemach der Baronin Angelika gewesen waren
die Fenster alle geschlossen obschon trotz des Regens die Luft sehr mild war
Im Kamine brannte das Feuer Vittoria lag auf einem türkischen Polster Renatus
saß ihr gegenüber Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf und Schultern
geschlagen als ob sie trotz der großen Wärme welche in dem Zimmer herrschte
an Kälte leide und bewegte im Gegensatz dazu mechanisch und zerstreut den mit
Edelsteinen besetzten Fächer in ihrer Hand als müsse sie sich Kühlung fächeln
Renatus sah wie ihre schwarzen Locken an ihren Schläfen niederfielen wie ihr
kleiner Fuß unter dem gelbseidenen MorgenGewande hervorblickte wie ihre langen
Wimpern einen Schatten auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied seinem
Auge zu begegnen so geflissentlich er das ihrige suchte
    Eine geraume Zeit verging auf diese Weise Mitunter machte der junge Mann
eine Bewegung als ob er sich erheben und das Zimmer verlassen wolle dann
folgte ihm der Blick Vittorias schnell und unmerklich aber er stand immer
wieder von seinem Vorhaben ab obschon es ihn Überwindung kostete zu bleiben
und wenn sie sich seines Verweilens aufs Neue sicher wusste senkte sich das
Auge seiner Stiefmutter wieder auf den Boden nieder als gäbe es gar nichts was
ihre Teilnahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig machen
könnte
    Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt eine jener
Unterredungen die von dem völligsten Vertrauen ausgegangen sie plötzlich zu
einem Punkte gelangen lassen auf dem sie sich getrennt empfunden hatten Im
Erstaunen über diese Möglichkeit im Erschrecken über sie war von der einen wie
von der andern Seite manches Wort gefallen das man gesprochen ohne es sprechen
zu wollen Worte die man bereute und die man doch nicht zurückzunehmen
vermochte weil sie zu tief in die Seele des Andern eingedrungen waren Renatus
hatte seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt sie hatte ihn undankbar
genannt Er hatte ihr vorgeworfen dass sie nie empfunden habe was Liebe sei
sie hatte ihn daran erinnert dass es dem Sohne seines Vaters übel anstehe es
ihr in das Gedächtnis zu rufen was ihre Ehe ihr versagt habe und bei jedem
Tadel bei jedem Vorwurfe mit dem sie einander entgegentraten schärfte der
Gedanke dass es eben Vittoria dass es eben Renatus sei der sich also
ausspreche den Stachel mit dem sie einander verwundeten Denn Niemand kann uns
so tief verletzen als die Hand eines sehr Geliebten
    Wie man von einer Höhe hinuntereilend durch die eigene Schwere und Bewegung
über sein Wollen hinausgetrieben wird bis man endlich gewaltsam einhaltend
mit Erschrecken wahrnimmt dass man hart am Rande eines Abgrundes steht so saßen
Renatus und Vittoria einander gegenüber Das Herz war beiden schwer beiden tat
die Bitterkeit wehe die sie gegen den Andern empfanden Jeder von ihnen hätte
einlenken mögen aber sie konnten den Weg dazu nicht finden und selbst die
urprüngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hindernis zwischen ihnen
obschon beide des Französischen völlig mächtig waren das ihnen von jeher zur
Vermittlerin gedient hatte
    Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe wie regungslos Vittoria zu Boden
blickte mit welch maschinenmässiger Sicherheit sie ihren Fächer handhabte Er
hoffte sie werde ihn einmal fallen lassen er wünschte ihn aufheben ihn ihr
reichen irgend eine Veranlassung finden zu können die es ihm nötig oder auch
nur möglich machte ein Wort zu ihr zu sprechen einen Blick von ihr zu
erhaschen ihren Dank zu vernehmen Es war ihm zu Mute als habe man ihm ein
lang besessenes Gut entrissen als habe man ihm mit einer teuren Erinnerung ein
Stück seines Lebens genommen als habe er etwas Unschätzbares vergessen als
habe auch Vittoria ihn vergessen Er lebte wie unter einem Zauberbanne und er
meinte Ein Wort das erste beste gleichgültige Wort müsse diese unselige
Verzauberung lösen müsse ihm und seiner Stiefmutter das Gedächtnis wiedergeben
können das Gedächtnis all der langen Freundschaft all der heiteren
überströmenden Neigung die sie für einander in der Brust getragen bis auf diese
Stunde Er wollte immer sagen Besinne Dich Vittoria ich bins Er sagte sich
innerlich fortwährend Es ist ja Vittoria  Aber der Bann der harten
unglückseligen Worte lag über ihm und zwischen ihnen und wuchtete immer schwerer
und machte ihn immer unfähiger sich zu befreien Und dazwischen dachte er mit
Missmut und mit Sorge an Hildegard welche die unschuldige Ursache all seines
Schmerzes war
    Endlich erhob Vittoria das Haupt Renatus hätte ihr schon dafür danken
mögen Sie sah ihn an flüchtig mit ihrem dunklen Auge an ihm vorüberstreifend
sah in die Flammen als gewahre sie erst jetzt dass diese im Erlöschen seien
blickte dann in das Freie hinaus wie wenn sie den langsamen Fall der feinen
dichten Regentropfen betrachtete und sprach zusammenschauernd die Worte mit
denen Dante seinen Eintritt in den dritten Höllenkreis bezeichnet
I sono al terzo cerchio della piova
Eterna maledetta fredda e greve1
O mag es regnen rief Renatus indem er sich schon durch den Klang ihrer
Stimme erfreut zu ihr hinüberneigte und ihr seine Hand entgegenreichte mag es
doch regnen wenn Du nur wieder mit mir sprichst  Aber sie nahm seine
dargebotene Rechte nicht an Er hatte also die Kränkung sie zurückziehen zu
müssen und doch ließ er sich dadurch nicht entmutigen
    Mit ihr von dem Gegenstande zu reden der sie so weit von einander entfernt
hatte noch einmal die Unterredung in diesem Augenblicke auf seine Verlobung
zurückzuwenden konnte und mochte er nicht wagen da ihm an einer Versöhnung mit
Vittoria gelegen war und sich selbst verleugnend indem er zu dem
Aeusserlichsten zu dem Gleichgültigsten seine Zuflucht nahm bat er Habe Geduld
mit diesem Wetter Geduld mit unserem Klima Aber er konnte nicht von sich
selber los und mit bewegter Stimme fügte er hinzu Muss ich doch jetzt mich auch
gedulden bis Du mich ruhiger hören bis Du wieder die rechte Vittoria meine
Vittoria sein willst Nur ein paar Tage noch und die Sonne und der Frühling
sind wieder einmal da
    Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen was wir den größten
Teil des Jahres hindurch entbehren müssen entgegnete sie ihm sich nur an
seine letzten Worte haltend Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an
eines der Fenster heran Renatus folgte ihr dahin nach Sie stützte die Stirn
gegen die Scheiben schaute eine Weile lautlos auf die Terrasse und in den Park
hinunter dessen kahle Bäume gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahn
während der aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu treiben
anfing
    Heute feiern sie in unserem Kloster hob sie dann mit einem Male wie aus
langem Rückerinnern an den Namenstag unserer Äbtissin der guten Mutter
Benedicta Wie blühte da Alles in unserem Lande wie schwamm der Klostergarten
in Licht und Duft Wie freuten wir uns auf alle die Gäste welche kamen der
Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen Hätte der Himmel mir statt meines Valerio
eine Tochter beschieden ich hätte sie in das Kloster gesendet Ich war sehr
glücklich in dem Kloster
    Des jungen Mannes Mienen verdüsterten sich auf das Neue aber begütigend
wie seine ganze Haltung gegen die Baronin war sprach er Vergiss nicht Liebe
wie oft Du mir erzähltest dass Du Dich aus dem Kloster in die Welt hinaus
gesehnt hast
    Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte als ich mein Kloster
zum ersten Male verließ Was wusste ich von der Welt Ich war ein Kind Wie
konnte ich begehren was ich gar nicht kannte Und was hat sie mir geboten
diese Welt in der ich lebe
    Renatus fuhr mit langsamer Hand über seine Augen Es war das eine der
Bewegungen die er von seinem Vater ererbt hatte und die ihn demselben in
einzelnen Augenblicken ähnlich machten so wenig er ihm sonst auch glich Er
wollte seiner Stiefmutter verbergen wie sie ihn verletzte und sich
zusammennehmend fragte er sie mit sanfter Stimme Und bin ich Dir denn nichts
Vittoria gar nichts mehr
    Sie schüttelte das Haupt Man lebt nicht mit einem halben Herzen und man
liebt nicht mit einem geteilten Herzen gab sie ihm abweisend zur Antwort und
wieder trat die frühere Stille ein und wieder sahen sie beide schweigend in den
kahlen nassen Garten hinab und zu den schweren grauen Wolken empor die sich
nicht zerteilen zu wollen schienen
    Endlich raffte sich Renatus auf Du bist sehr ungerecht Vittoria sprach
er und er musste innerlich wohl an die Unterredung gedacht haben welche er vor
wenig Wochen mit Seba über seine Stiefmutter gepflogen denn er wiederholte die
Worte deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte Ich habe kein Glück
mit meinen Müttern
    Kein Glück sprach Vittoria ihm nach kein Glück Und wer hat denn Glück
Habe ich es Habe ich es je gehabt  Sie wendete sich zu ihm nahm ihn bei der
Hand und zog ihn neben sich auf das Polster nieder auf dem sie vorhin gelegen
hatte Es war eine finstere Leidenschaft in ihrem Blicke in ihrer Stimme
selbst in der Kraft mit welcher sie seine Hand ergriff und festhielt Er hatte
diese zarte Gestalt er hatte die heitere Natur Vittorias einer solchen
Leidenschaft gar nicht für fähig gehalten so gut er sie zu kennen gewähnt
hatte
    Weißt Du was es heißt fuhr sie in derselben Erregung fort die um so
heftiger erschien als sie sich bis dahin gewaltsam zur Ruhe gezwungen hatte
weißt Du was es heißt wenn einem Menschen seine letzte Freude seine letzte
Zuversicht entrissen wird Weißt Du was es heißt keine Hoffnung mehr zu haben
    Vittoria wie magst Du also reden mahnte der junge Mann der sich nicht
erklären konnte was in ihrer Seele vorging
    Sie lachte Freilich rief sie schweigen immerfort schweigen lachen
singen immerfort lachen und singen und scherzen wäre besser gewesen Es ist ja
so bequem an das Glück der Menschen zu glauben so angenehm sich zu sagen
Vittoria ist und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glücklich Es ist
ja so bequem Dank zu ernten von einem Herzen das zu großmütig ist sein Wehe
laut auszuschreien und die Hand anzuklagen die es aus dem Boden seines
Vaterlandes riss ohne ihm eine neue Heimat in der Fremde bereiten zu können Du
sagst mir ich hätte nie geliebt  Sie lachte wieder mit jenem bitteren Lachen
das ihm in das Herz schnitt  Und was ists fuhr sie fort was Du von der
Liebe weißt Glaubst Du die blasse Empfindung welche man seit Jahren in Dir
grossgezogen und die man zu benutzen verstanden hat als man sie für reif hielt
das sei Liebe Ist diese blutund phantasielose Hildegard die älter ist als
Du die nie jung gewesen ist in der Jugend des Herzens ist sie ein Weib das
lieben kann das man lieben kann Ist sie in Dein Leben getreten so
überraschend so blendend so überwältigend wie die Sonne wenn sie plötzlich um
Mitternacht über Deinem Horizonte aufginge und es fiele wie Schuppen von Deinen
Augen und Du müsstest Dir sagen Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde nun
bin ich erwacht und ich lebe
    Vittoria rief Renatus noch einmal mit bittender Abwehr denn ihm bangte vor
dem Geständnisse das er zu hören fürchten musste Aber sie gab auf seine Mahnung
nichts und wie sich selber zur Genugtuung sprach sie Hast Du es je empfunden
das Glück der Leidenschaft das so groß ist dass es kein Gestern hat und an kein
Morgen denkt weil der Augenblick ihm die Welt und das ganze Dasein aufwiegt 
das so groß ist dass Recht und Unrecht Tugend und Sünde davor wie leere Schemen
in sich selbst zerfallen  so groß dass nur ein Schmerz daneben denkbar bleibt
ein einziger der Schmerz der Endlichkeit Kennst Du solch ein Glück
    Er antwortete ihr nicht  Und wenn sie nun kommt die Trennungsstunde wenn
nun Alles vorüber ist und nichts mehr bleibt als die Hoffnung eines
Wiedersehens und es kommt der Tag der es verkündet es gibt kein Wiedersehen
keines keines Denn die Erde gibt nicht wieder was sie verschlungen hat
    Sie brach in lautes Weinen aus Renatus lag zu ihren Füßen und presste ihre
Hände in die seinigen Er wusste nicht was er ihr sagen oder was er tun solle
ihre Aufregung zu besänftigen Er dachte gar nicht mehr an sich Jetzt erfuhr
er was Vittoria seit Jahren so verändert hatte und warum sie ihm bisweilen so
fremd und unbegreiflich erschienen war Sie war ihm auch fremd in ihrer
Leidenschaft Es kam mit einer heißen Angst der Gedanke über ihn dass es seine
Stiefmutter dass es die Gattin seines Vaters sei die also zu ihm spreche aber
er hatte das Herz nicht sie zu verdammen Er fühlte ein unaussprechliches
Mitleiden mit ihr indes er fragte sie um nichts und sie sagte ihm nichts
weiter Er blieb auf seinen Knieen vor ihr liegen sie schien ihn fast vergessen
zu haben Erst nach einer langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken
    Sieh sprach sie wenn ich manchmal am Tage um mich sah und die Welt mir so
leer war und ich mir sagte dass ich jung sei und noch lange leben müsse und dass
ich Niemanden hätte Niemanden der mich liebte 
    Vittoria sagte Renatus schüchtern mein Vater liebt Dich 
    Wie den Vogel den er eingefangen hat und den er im vergoldeten Käfig nährt
damit sein Gesang ihn im Winter glauben mache dass es Frühling sei Ist das
Liebe
    Aber Du nahmst seine Hand an obschon Du es sehen musstest dass sein
Lebenswinter nahe sei
    Singe ich denn nicht sieht er mich traurig glaubt er mich nicht glücklich
gab sie ihm zur Antwort
    Du hast auch Valerio erinnerte er sie
    Sie sah ihn an und schwieg Ja sagte sie danach ich bin Deines Vaters Frau
und ich habe einen Sohn Ich lebe für sie Wer aber lebt für mich Valerio ist
ein Kind und mein Gatte ist ein Greis  Und wieder schwieg sie
    Bin ich Dir denn nichts nichts mehr Vittoria fragte er wie am Anfange
ihrer Unterredung
    Sie schüttelte verneinend das Haupt Hildegard liebt nicht zu teilen
sprach sie und Hildegard hat Recht Es wohnen nicht zwei Gefühle verträglich in
einem Herzen bei einander Sie und Du  Du und sie das ist Deine Zukunft Was
kümmert Dich die meine
    Renatus verstummte Er hatte seit er sich ein selbständiges Urteil über
seine Stiefmutter zu bilden im Stande gewesen war ihre Neigung zur Eifersucht
gekannt und sie als einen Zug ihres NationalCharakters angesehen aber dass
dieselbe sich auch auf ihn erstrecken könne hatte er nicht erwartet und doch
war es nicht diese Erfahrung die ihn ratlos machte
    Wer war der Mann den Vittoria geliebt hatte Wann hatte sie ihn gekannt
Wusste sein Vater davon und was sollte er selber gegenüber den Geständnissen
tun die ihm zu machen Vittoria sich hatte hinreißen lassen
    Er erschrak als sein Vater eintrat und doch war es ihm sehr willkommen
als derselbe ihn aufforderte ihn auf einer Fahrt zu begleiten die er
unternehmen wollte um sich zu überzeugen wie man in Rotenfeld und in Neudorf
die Vorbereitungen zur Unterbringung des Regimentes treffe Vittoria war
aufgestanden als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer vernommen und
hatte sich an das Fenster gestellt Als sie den Kopf zurückwendete war jede
Spur der Leidenschaft der Aufregung aus ihren Mienen verschwunden das dunkle
Auge glänzte als hätte es nie eine Träne gekannt der schöne Mund lächelte
als hätte er nicht eben erst die Worte eines hoffnungslosen Unglücks
ausgesprochen
    Sie verlangte mitzufahren Der Freiherr der nicht gewohnt war ihr etwas
abzuschlagen machte sie auf des Wetters Ungunst aufmerksam aber sie bestand
auf ihrem Sinne und bittend und schmeichelnd und scherzend versuchte sie wenn
auch vergebens die Weigerung ihres Gatten zu bekämpfen und ihren Willen
durchzusetzen Renatus war dabei nicht wohl zu Mute Die Zärtlichkeit welche
sein Vater dieser Frau bewies die Freude mit der er sie betrachtete die
Befriedigung mit welcher er jeder ihrer Bewegungen folgte taten dem Sohne
eben so wehe als die Heiterkeit Vittorias Er glaubte zu bemerken dass sie ihn
ängstlich beobachte und von Minute zu Minute schwebte ihm der Ausruf auf der
Lippe Sprich nicht mit ihr mein Vater denn sie liebt Dich nicht Sprich nicht
mit ihr denn sie hat Dich verraten  Aber durfte er dem Vater dessen
veränderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher machte als an dem
verwichenen Abende den Glauben an Vittoria rauben ihm das Glück zerstören das
er in ihr besaß Hatte er ein Recht ihr unseliges Geheimnis zu verraten
Durfte er vergessen dass er sie selbst beklagenswert gefunden hatte und dass sie
ihm nur Gutes erwiesen hatte bis auf diesen Tag
    Was er erlebte kam ihm fast unmöglich vor Es waren die Gestalten die er
kannte und sie waren es auch wieder nicht Er liebte sie und hatte doch das
alte Verhältnis nicht mehr zu ihnen Er wollte sprechen und musste schweigen Er
sah Alles in einem neuen Lichte und konnte doch nichts deutlich unterscheiden
Nie im Leben hatte er eine größere Qual empfunden
    Er glaubte zu bemerken dass Vittorias Augen ihm mit Sorge folgten dass sie
ihn in dieser Verfassung mit dem Vater nicht allein zu lassen wünsche er selber
hätte sich der Notwendigkeit eben jetzt mit seinem Vater allein zu sein
entziehen mögen und doch rührte ihn Vittorias banger Blick doch übten auch in
dieser quälenden Stunde der Ton ihrer Stimme und der Zauber ihres Wesens die
alte durch lange Gewohnheit gesteigerte Gewalt über ihn aus
    Er war froh als der Wagen endlich vorfuhr aber das Alleinsein mit seinem
Vater erleichterte ihn nicht Weil der Freiherr den Sohn immer in einer
ehrfurchtsvollen Entfernung von sich zu halten bemüht gewesen war weil er an
den Spielen des Kindes an den Beschäftigungen des Knaben an den täglichen
Erlebnissen des Jünglings keinen tätigen Anteil genommen und den Sohn bisher
geflissentlich von allen ernsten Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten
hatte fehlte es ihnen an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und
Berührungspunkten durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter und der
Jugend herstellt und die für den geistigen Zusammenhang so unentbehrlich sind
wie die Scheidemünze für den täglichen Verkehr Dazu war Alles seit gestern so
völlig anders gekommen als er es erwartet hatte die Menschen die Verhältnisse
verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich dass er Scheu vor seinem
eigenen Worte trug weil er meinte auch das Wort könne sich verwandeln auf
seiner Lippe und was er heute spreche könne nicht zum Heile führen
    So waren sie schweigend nach Rotenfeld gelangt Der Freiherr stieg aus und
besah in Begleitung des Amtmannes die Stuben und die Stallungen in welchen die
betreffende Einquartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte Er
wendete sich dabei mit mannigfachen Erklärungen an seinen Sohn gab ihm
ungefragt Auskunft über die Verhältnisse des Dorfes und Renatus begann sich an
dem Gedanken dass sein Vater ihn auf die einstige Übernahme der Güter
vorzubereiten strebe zu erfreuen Es zeugte ihm sogar für die feine Empfindung
des Freiherrn dass er eben den Augenblick des Abmarsches zu dem Anfange dieser
Vorbereitung wähle als wolle er zu erkennen geben wie zuversichtlich er auf
seines Sohnes glückliche Heimkehr baue und Renatus war bemüht den Freiherrn
über seine anteilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu lassen als dieser in
das Haus seines Justitiarius ging um sich zu erkundigen ob er seine Befehle
ausgerichtet und ob man den Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht
erhalten habe Der Justitiarius sagte die nötigen Schritte seien von ihm
getan und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage in Richten verweile so
würde man Alles in Richtigkeit bringen können da die Verfügung in jeder Stunde
ankommen könne
    Renatus fragte wovon die Rede sei  Von Deiner MündigkeitsErklärung gab
sein Vater ihm zur Antwort Der Sohn der dies mit der Art und Weise in
Verbindung brachte in welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der
Geschäftsverwaltung auf den Gütern sprach glaubte daran zu erkennen wie sein
Vater sich altern fühle und das machte ihn traurig Aber da jeder Mensch bei
den Ereignissen die ihm begegnen mit Naturnotwendigkeit zuerst an sich und an
die Wirkung denken muss welche sie auf ihn und seine Zustände üben werden so
freute sich Renatus der Absicht seines Vaters weil er sich sagte dem Sohne
den er mündig sprechen lasse könne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl
seiner Lebensgefährtin um so weniger versagen als Renatus mit seiner
Volljährigkeit den unbeschränkten Besitz seines allerdings nicht eben großen
mütterlichen Erbes antrat
    Gerade diese Betrachtung legte jedoch seinem rechtschaffenen Herzen wie er
meinte die Verpflichtung auf dem Vater seine Verlobung mit Hildegard
anzuzeigen noch ehe derselbe ihn aus der väterlichen Gewalt entlassen habe und
er schickte sich sobald sie wieder im Wagen neben einander saßen zu seinen
Mitteilungen an als der Freiherr ihm zuvorkommend das Wort nahm
    Er sagte dass die Ankunft seines Sohnes ihm sehr willkommen gewesen sei
weil er die Angelegenheiten seines Hauses zu ordnen beabsichtige und er
wünsche dass für den Fall seines Todes Renatus sich in der Lage befinde
unabhängig von irgend einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhältnisse
in die Hand nehmen zu können Er sprach das mit der Kraft und Ruhe welche ihn
in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten Renatus gab sich also wieder der
Hoffnung hin dass er sich getäuscht habe als er seinen Vater so verändert
geglaubt Er versicherte den Freiherrn wie zuversichtlich er darauf rechne ihn
noch lange leben und sich seines Besitzes und Daseins erfreuen zu sehen Der
Freiherr drückte ihm die Hand
    Deine Gesinnung kenne ich sprach er sie ist gut und ich habe eben im
Hinblicke auf sie meine Maßregeln genommen Es glitt ein Schatten über des
Freiherrn Züge er schien der Überwindung nötig zu haben um in seiner Rede
fortzufahren Deine Gesinnung ist gut wiederholte er und ich weiß dass es Dir
eine Genugtuung sein wird mir eine Erleichterung in den mannigfachen
Verlegenheiten zu bereiten mit denen ich seit Jahren und Jahren nun zu kämpfen
habe Er hielt abermals inne Renatus hing mit liebevoller Sorge an seinem
Antlitze
    Du wünschest mir sprach der Freiherr dass ich mich noch lange meines
Besitzes meines Daseins erfreuen möge und Du kannst es selber kaum ermessen
denn Du hast es nicht empfunden wie erfreulich das Dasein dem Manne ist wenn
er der Herr ist innerhalb seines Besitzes Indes die Zeiten in welchen das der
Fall war sind vorüber Man hat unsere alten Rechte angetastet uns neue
Pflichten aufgelegt und uns die Mittel entzogen ihnen zu entsprechen indem man
unseren Besitz und unsere Vorrechte geschmälert hat Ich bin nicht mehr Herr auf
meinen Gütern seit man die Leute die mir gehörten freigegeben hat seit die
Willkür des Königs ihnen Ansprüche an mein Eigentum zuerkannt hat seit ich es
nicht mehr bin der mein Verhältnis zu ihnen nach meiner Einsicht und nach
meinem Ermessen ordnet Es ist nicht erfreulich mit denjenigen rechten zu
sollen die nicht unseres Gleichen sind und noch weniger erfreulich am Fuße
seines alten Stammes ein Geschlecht heranwachsen zu sehen das wie die Schwämme
wuchert und sich breit macht
    Seine Stirn hatte sich gerunzelt seine buschigen Augenbrauen hingen ihm
tief herab Er versenkte sich eine Weile in seine eigenen Gedanken der Sohn
wagte es nicht ihn darin zu stören
    Wir sind nicht mehr die Herren hob er nach einer Weile abermals an Nicht
die Herren in unserem Lande nicht Herren auf unseren Gütern mehr Der gewaltige
Napoleon hat seinen Fuß auf den Nacken der Könige gestellt und sich zu ihrem
Gebieter gemacht und der Geist des Umsturzes dessen Verkörperung er ist ist
auch in unsere neue Gesetzgebung eingedrungen und hat sie verdorben bis in ihre
Tiefe Wir sind rechtlos geworden Das Wort »Stehe auf damit ich mich setze«
ist der Grundsatz der jetzt die Welt beherrscht Jeder für sich und Niemand für
den Andern
    Er nahm eine Prise und öffnete das Wagenfenster sich Luft zu verschaffen
denn von diesen Angelegenheiten konnte er nicht sprechen ohne dass es ihm das
Blut zu Kopfe trieb Renatus der ihn eben deshalb von dem Gegenstande
abzuleiten wünschte erlaubte sich die Bemerkung dass die Zeit vielleicht eine
Ausgleichung der augenblicklichen Übelstände mit sich bringen werde und wie er
diese Zuversicht von verschiedenen Seiten habe äußern hören
    Ausgleichungen bringen fuhr der Freiherr lebhaft auf  wie soll das
zugehen wo von beiden Seiten die Kräfte so überspannt werden müssen dass sie
sich erschöpfen Er war ja so glücklich gewählt der Augenblick für die neue
Gesetzgebung setzte er spottend hinzu so glücklich gewählt am Ende eines
schweren Krieges in Tagen in denen die ganze Welt in Flammen stand Frage die
sogenannten freien Leute ob sie jetzt besser daran sind als zu jenen Zeiten
da sie mir gehörten Frage sie ob sie nicht heute wo die schwere Last der
Einquartierung wieder auf uns niederzufallen droht lieber meine Leibeigenen und
Hörigen sein wollten ob sie besser daran sind wenn man ihnen jetzt das Brod
aus dem Hause und die Kuh aus dem Stalle nimmt Und was uns anbetrifft  unser
Besitz hat schwer gelitten unser Vermögen ist sehr zusammengeschmolzen
    Er warf einen schnellen prüfenden Blick auf seinen Sohn aber obschon die
Niedergeschlagenheit in dessen Zügen nicht zu verkennen war schien der Freiherr
durch die Haltung desselben sich beruhigter zu fühlen Dennoch gewann er es nur
mit großer Mühe über sich dem Sohne von seinen Angelegenheiten weiter Auskunft
zu erteilen Er sagte wie der Krieg und die ihm folgenden fast
unerschwinglichen Kriegssteuern ihn genötigt hätten die Güter eines nach dem
andern mit Hypotheken zu belasten wie die allgemeine Geldnot den Wert des
Geldes von Jahr zu Jahr gesteigert und den Zinsfuss so erhöht habe dass es immer
schwerer geworden sei den Gläubigern gerecht zu werden wie er sich oftmals und
gerade dann in peinlichen Geldverlegenheiten befunden habe wenn es darauf
angekommen sei die Würde des Hauses zu behaupten und nicht durch eine zur Schau
getragene falsche Sparsamkeit den unentbehrlichen Kredit zu schwächen Er
erzählte das mit jener Klarheit welche aus einer genauen Übersicht der
Verhältnisse entspringt aber er hatte nicht mehr die leicht abfertigende Weise
die ihm sonst allen Geschäften gegenüber eigentümlich gewesen war Nur die
Unlust des großen Herrn der sich widerwillig dazu bequemt den obwaltenden
Zuständen sein freies Belieben unterzuordnen war noch die alte in ihm und
Renatus fühlte ihm diese in ihrem ganzen Umfange nach
    Wenn Sie es wüssten mein Vater rief er was ich dabei empfinde Sie unter
dem Drucke so unwürdiger Sorgen zu sehen
    Ich weiß es ich weiß es fiel ihm der Freiherr mit scheuer Hastigkeit in
die Rede und eben deshalb habe ich beschlossen Dich mündig sprechen zu lassen
denn Du erhältst dadurch die Möglichkeit mir in einer vorübergehenden
Verlegenheit zu helfen
    Er hielt inne und schien von seinem Sohne eine Antwort zu erwarten aber
Renatus war so betroffen es stürmten so verschiedene Gedanken und Empfindungen
auf einmal auf ihn ein dass er nicht im Stande war gleich den Ausdruck für sie
zu finden Seines Vaters Lage musste sehr übel sein wenn er sich herbei ließ
Beistand von seinem Sohne zu verlangen selbst auf Kosten der Herrschaft und
Gewalt über denselben auf die er stets so eifersüchtig gewesen war Renatus
wagte es nicht das Auge zu erheben er mochte nicht sehen wie sein Vater in
dem Momente aussah Des Freiherrn leise bebende Stimme durchschnitt des Sohnes
Herz und ohne sich zu fragen was er damit für die eigene Zukunft aus den
Händen gebe und auf sich nehme sagte er Wenn mein mütterliches Erbe Sie aus
einer Verlegenheit befreien kann so werde ich glücklich sein mein Vater wenn
Sie darüber ganz verfügen wollen«
    Der Freiherr holte tief Atem aber er erwiderte nichts Sie hatten Beide
die Farbe gewechselt denn ohne dass sie es aussprachen fühlten sie es dass ihr
Verhältnis zu einander von diesem Augenblicke ab nicht mehr dasselbe sei
Renatus hatte gerührt von seines greisen Vaters Anblick und Verlegenheit nach
seinem inneren Bedürfen nach seiner Kindesliebe und seinem Ehrgefühle
gehandelt aber er hatte das Anerbieten kaum gemacht als er sich sagte dass er
selber Verpflichtungen eingegangen sei denen zu genügen ihm jetzt vielleicht
nicht möglich sein werde wenn er seines mütterlichen Erbes auf irgend eine Art
verlustig gehen sollte Er fühlte dass er der Geschäftskenntniss der Sparsamkeit
und selbst der Gewissenhaftigkeit seines Vaters nicht unbedingt vertraute und
er schämte sich doch wieder solchen Gedankens Er hätte es seinem Vater
abbitten sich ihm in die Arme werfen mögen indes ihm fehlte das Herz dazu
denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes missverstehen Er hätte dem
Vater von Hildegard sprechen mögen um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und
dem Vater die Genugtuung zu bereiten dass er seinem Sohne gegenüber immer noch
der Herr und der Gewährende sei Wie aber wenn der Freiherr in der Verfassung
in welcher er sich eben jetzt befand des Sohnes Absichten und Wünschen sich
nicht geneigt erwies oder wenn er glauben könnte der Sohn rechne darauf dass
der Vater ihm der eben jetzt ein großes Opfer gebracht habe in allen Fällen zu
Willen sein müsse
    Er konnte zu keinem Entschlusse kommen Das Mein und Dein war zwischen ihn
und seinen Vater getreten und machte ihn unfrei eben jetzt da sein Vater ihm
anscheinend Freiheit zu geben beabsichtigte
    Es war jedoch als errate der Freiherr was in seinem Sohne vorging denn
er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich sehr beruhigt Es freut mich dass ich
mich in Dir nicht irrte Art lässt nicht von Art und es soll meine Sorge sein
dass Dir Nichts entzogen wird Ich werde Dein mütterliches Vermögen auf Richten
eintragen lassen das am wenigsten belastet ist und dessen wir uns sicherlich
nicht entäussern werden Die Zinsen sollen Dir regelmäßig zugehen und das
Jahrgeld welches ich Dir bis jetzt gegeben habe Dir nicht vorenthalten werden
Mit unserem Namen mit Deinen persönlichen Vorzügen hast Du unter den ersten
Familien des Landes zu wählen und es wird Deine Sache sein wenn Du was der
Himmel fügen wolle uns aus dem Felde wohlbehalten heimkommst eine Frau in
unser Haus zu führen deren Vermögen Dir einst die Mittel an die Hand gibt den
Schaden herzustellen welchen die Not und Ungunst der letzten Jahre unserem
Besitze gebracht haben Möge Dir in Deiner Gattin einst ein Glück beschieden
werden wie es mir in dem schönen fröhlichen Herzen Vittorias zu Teil
geworden ist
    Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung aller der Vorzüge
seiner Gattin erwähnte dass er sein Testament zu machen beabsichtige sobald
Renatus mündig gesprochen sei weil er über Vittorias und ihres Sohnes Zukunft
sich beruhigt fühlen dürfe wenn er sie in die Hände von Renatus lege und er
war allmählich von diesen ernstaften Erörterungen wieder zu den Ansprüchen
zurückgekehrt welche die Erfordernisse der nächsten Tage an ihn und seine
Mittel machten ohne dass sein Sohn es anders als mit einzelnen Worten kund
gegeben hatte dass er den Mitteilungen seines Vaters achtsam folge
    Renatus befand sich in jenem Zustande in welchem wir gleichsam ein
doppeltes Denken haben Er hörte alles was der Freiherr zu ihm sprach er nahm
es mit dem Sinne auf mit welchem sein Vater die Dinge und Zustände entweder
selbst ansah oder sie ihn doch ansehen zu machen wünschte Er war unter dem
Einflusse den die angeborene und anerzogene Ehrfurcht vor seinem Vater auf ihn
übte und doch hatte er die Überzeugung sein Vater täusche ihn und sich mit
bewusster Absicht über die Vermögensverhältnisse des Hauses er sei weit weniger
ruhig weit weniger unbesorgt über dieselben als er sich zeige und doch wusste
er die Liebe welche der Freiherr für Vittoria hegte betrüge denselben und
seine Zuversicht sei verraten Er dachte unablässig an sich und an seinen Vater
auf einmal Jeder seiner Gedanken jede seiner Empfindungen wurde von einem
widersprechenden Gedanken von einer widersprechenden Empfindung gekreuzt Er
fühlte sich eben so beängstigt als unglücklich
    Er ahnte obwohl er der Geschäfte nicht sonderlich kundig war dass auch
Richten bereits mit schweren Schulden beladen sein müsse und dass sein Vater nur
darum sich zu seiner Mündigsprechung entschlossen haben werde weil er es
unmöglich gefunden habe in den gegenwärtigen Zeiten selbst zu den höchsten
Zinsen ein Darlehen für eine dritte oder vierte Hypotekenstelle zu erhalten
Dass er sein Vermögen hergeben müsse darüber war er keine Minute in Zweifel
gewesen Er war das seinem Vater schuldig und es musste fraglos auch geschehen
wenn er es nicht zu einem Äußersten kommen lassen wenn er sich und seinem
Geschlechte den angestammten Grundbesitz erhalten wollte Aber wer bürgte ihm
dafür dass damit wirklich den Notständen abgeholfen war und was sollte aus ihm
selber werden wenn seines Vaters Verhältnisse sich immer mehr verschlechterten
wenn man gezwungen wurde wie das in den letzten Jahren manchem Edelmanne
begegnet war die Güter zu verkaufen und wenn der Kaufpreis nicht hoch genug
sein sollte sein auf Richten einzutragendes Vermögen zu decken
    Er selber  nun er selber so meinte er mit der Zuversicht des
Reichgeborenen der es nie bedacht hat wie vieles Überflüssige ihm durch
Gewohnheit zum Bedürfnisse geworden ist und der es nie erfahren wie schwer es
für den Ungeübten ist sich auch nur des Lebens Notdurft zu erwerben  er werde
mit sich und seinem Schicksal wohl fertig werden können aber was sollte er
beginnen nun er sich gebunden hatte Was sollte er mit Weib und Kind beginnen
wenn sein Vermögen ihm verloren ging 
    Alle jene Bedenken welche er eben an dem Tage vor seiner Verlobung gegen
dieselbe gehegt hatte stiegen jetzt in erhöhtem Masse vor ihm auf und das
Herzeleid Vittorias die Täuschung in welcher sein Vater von ihr gehalten
ward das ganze Unglück seiner Eltern wurden für ihn zu dem dunkeln
Hintergrunde auf welchem er sich und seinen Zustand wie in einem Spiegelbilde
betrachten konnte Aber er sah sich in demselben nicht mehr als den sorglosen
und glücklichen Jüngling als welchen er sich bisher betrachtet hatte Seine
Jugend lag mit Einem Male weit hinter ihm sein Glück zerrann wie Nebel vor
seinem Auge Er war ein Mann geworden von welchem um der Selbsterhaltung um
der Ehre seines Hauses willen ein schweres Opfer gefordert ward Er trat
plötzlich in die vordere Reihe seines Geschlechtes er übernahm dessen Sorgen
Lasten und Pflichten da die Schultern seines Vaters müde geworden waren und
nicht sein persönliches Wünschen die Ehre seines Hauses musste jetzt sein erstes
und sein höchstes Ziel sein
    Er trug ein großes Verlangen den Kaplan allein zu sehen sein Herz im
Gespräche mit dem treuen Freunde zu befreien aber er konnte an dem Tage nicht
dazu kommen Der Freiherr hielt ihn beständig in seiner Nähe Er sah auch
Vittoria nicht anders als in Gegenwart der Andern und wie überall wo es tiefe
Missstände in einer Familie gibt war man es seit lange gewohnt sich in der
Unterhaltung an der Außenseite der Dinge zu halten Es war von dem Vorhaben des
Freiherrn in Bezug auf Renatus mehrfach die Rede indes man gedachte desselben
nur als einer ehrenvollen Anerkennung die der Freiherr dem Sohne zu gewähren
für gut befand und dieser ward dadurch genötigt des bevorstehenden
Ereignisses ebenfalls nur mit Heiterkeit zu erwähnen
    Vittoria hatte sich mit Wahl gekleidet und zeigte sich so fröhlich dass die
Schatten von des Freiherrn Stirn davor verschwanden wie draußen die Wolken vor
des Frühlings ersten mächtigen Sonnenstrahlen Renatus wusste nicht ob er sie
bewundern und beklagen ob er sie verachten und hassen solle Sie erschien ihm
wie ein unheimliches Rätsel eben deshalb nahm sie jedoch seine Phantasie
gefangen und während ihre eigenartige Schönheit ihren alten Zauber auf ihn
übte betrachtete er sie mit einer ihm noch völlig neuen Empfindung wenn er
sich sagte dass der Freiherr ihn zum Schützer dieser Frau ersehen und dass er
einzustehen habe für des Knaben Zukunft der ihr in seiner Schönheit und in
seiner fremdartigen Anmut so völlig ähnlich war dass eben diese Ähnlichkeit
des älteren Bruders Herz bestrickte
    Er musste es sich immer wiederholen dass er im Vaterhause sei so verändert
fand er Alles und so hatte sich seine Ansicht über die Seinigen und seine
Stellung zu ihnen verwandelt Er konnte zu keinem klaren Bilde von seiner
Zukunft gelangen Seine Gedanken schweiften hastig von einem Äußersten zum
andern bis endlich die treue Gefährtin jedes Leides die wohltätige Ermüdung
ihn in ihre Arme nahm und der Schlaf in seinen Träumen alle Widersprüche löste
und das Unvereinbarste zusammenführte
                                Drittes Kapitel
Früh ehe der Freiherr noch aufgestanden war ritt Renatus nach Rotenfeld
hinüber um sich bei seinem greisen Lehrer und Erzieher Rat zu holen
    Er fand ihn mit seinem Gehülfen der inzwischen auch nicht jünger geworden
war bei der Morgensuppe sitzen denn der Kaplan war der Ersten einer gewesen
welcher bei der Teuerung der Kolonialwaaren sich bereit erwiesen hatte auf
ihren Gebrauch zu verzichten obschon er durch ein langes Leben an den Kaffe
gewöhnt gewesen und bei seiner großen Mäßigkeit eigentlich auf denselben als auf
ein ihm notwendiges Reizmittel angewiesen war Wie Renatus ihn in dem hellen
Sonnenlichte vor sich sah bemerkte er dass seine Schläfen tief eingesunken
waren Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Freiherrn trotz
ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein und man hatte in der Pfarrwohnung
obschon der älteste Diener und treueste Freund der Artenschen Familie sie
bewohnte die Verwüstungen welche die Einquartierten während der ersten
Franzosenzeit in derselben angerichtet hatten kaum auf das Notdürftigste
hergestellt Die Fensterläden waren erneut aber immer noch nicht angestrichen
die Wände noch eben so verräuchert als Renatus sie vor zwei Jahren verlassen
der Kachelofen hatte zwar die nötigen Ersatzsteine erhalten aber sie passten
nicht zu demselben Es war Alles in Verfall geraten nur die Blumentöpfe des
Greises blühten wohlgepflegt am Fenster und sein Antlitz sah noch eben so edel
und so zufrieden aus als in den Tagen in welchen die vorsorgliche Freundschaft
der Baronin Angelika in Schloss Richten allen seinen Bedürfnissen schon im voraus
begegnet war
    Sobald Renatus sich mit dem Kaplan allein befand erzählte er ihm was vor
seinem Abmarsche aus der Hauptstadt vorgegangen war Er verhehlte ihm nichts
weder die Stimmung in welcher er sich befunden als er sich seiner Neigung für
seine Jugendgespielin bewusst geworden war noch die Zweifel die ihn nachdem
befallen hatten auch nicht die Umstände unter denen er sich Hildegard
angelobt ehe er noch seines Vaters Meinung eingeholt und dessen Billigung
erhalten hatte Er berichtete darauf was am gestrigen Tage zwischen ihm und
seinem Vater verhandelt worden war und sagte dann Nie in meinem Leben habe ich
mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden Es drückt mich mit einem
solchen Geheimnisse vor meinem Vater zu stehen und von ihm Ratschläge und
Wünsche für meine Zukunft aussprechen zu hören die keine Bedeutung mehr für
mich haben Es drückt mich eben so dass ich nicht den Mut besitze meiner Liebe
und meiner Braut gerecht zu werden indem ich meinem Vater sage dass ich bereits
gewählt und mich gebunden habe Aber kann ich meinem Vater den ich sehr
gealtert finde und sehr gebeugt sehe unter den obwaltenden Umständen ein
Zugeständnis abfordern das er mir wie ich jetzt weiß nur widerstrebend geben
würde Meine Ergebenheit für meinen Vater mein Ehrgefühl ja selbst meine
Liebe für Hildegard sträuben sich dagegen Sie ist kein Mädchen das einer
Familie aufgedrungen werden darf und doch liegt mir Alles daran sie auch von
meinem Vater als meine künftige Gattin anerkannt zu wissen Ich ziehe in das
Feld und da ich jetzt in den Besitz meines mütterlichen Vermögens treten soll
möchte ich für den Fall meines Todes zu ihren Gunsten über dasselbe verfügen
denn Hildegard wird keinem anderen Manne angehören wenn ich sterbe Darauf
kenne ich ihr Herz
    Der Kaplan hatte ihn mit keiner Frage mit keiner Bemerkung unterbrochen da
Renatus nicht zu den in sich befangenen Naturen gehörte denen man zu Hilfe
kommen muss damit sie sich überwinden und erschließen Er war vielmehr wo er
vertraute zu überströmender Mitteilung geneigt wurde sich in derselben
gegenständlich rührte und tröstete sich nach eigenem Bedürfen sobald er nur
erst dahin gekommen war sich auszusprechen und der Kaplan hatte also keine
große Mühe den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen wennschon
er es nicht für angemessen fand ihn über denselben sofort aufzuklären Er hatte
niemals den Grundsatz dass der Zweck die Mittel heilige zu dem seinigen
gemacht aber er war wie so Mancher unter dessen Augen sich viele
Lebensschicksale abgewickelt haben zu der Ansicht gelangt dass in dem Dasein
der Menschen wie in der Natur überhaupt das Geringere dem Stärkeren dienen
müsse Da er ohne persönliche Wünsche und also ohne persönliche Hoffnungen war
hatte er weil kein Mensch eines bestimmten Zieles entbehren kann ohne in
seiner Tätigkeit zu erlahmen das Wohlergehen und Gedeihen des Artenschen
Geschlechtes und der von demselben gegründeten katholischen Gemeinde zu seiner
Herzenssache gemacht und beharrlich wie die Kirche der er angehörte suchte er
in dem Sohne und durch den Sohn dasjenige fortzuführen was der Vater begonnen
hatte und was durch die Not des Tages beeinträchtigt und gefährdet ward
    Jedes Wort das Renatus zu ihm gesprochen hatte den scharfblickenden
Geistlichen davon überzeugt dass der junge Freiherr stolz auf den Rang den
sein Geschlecht seit langen Jahren unter dem Adel des Landes eingenommen hatte
augenblicklich mehr mit der Sorge um dessen würdiges Fortbestehen als mit
seinen persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt und dass von einer
eigentlichen Liebe oder Leidenschaft für seine erwählte Braut für Hildegard
bei Renatus nicht die Rede war
    Aber der Kaplan hütete sich ihm dieses bemerklich zu machen Er wollte ein
mild erwärmendes und reinigendes Feuer nicht durch den scharfen Hauch des
Widerspruches zu einer Flamme anfachen die man nicht leicht wieder dämpfen und
erdrücken konnte wenn man dies zu tun etwa nötig finden sollte Der Kaplan
war es im Gegenteile nach den schweren Erfahrungen welche das von
Leidenschaften stürmisch bewegte Leben des alten Freiherrn ihn hatte machen
lassen sehr wohl zufrieden dass Renatus sein unschuldiges Herz einem edelen
jungen Mädchen zugewendet hatte dessen Bild ihn begleiten und ihn vor den
Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen seiner Sinne bewahren konnte
Aber dass Renatus sich mit einem armen Mädchen verheiratete lag eben so
außerhalb seiner als außerhalb des Freiherrn Ansichten
    Schon seit Jahren hatte der Kaplan aus den Mitteln welche der Freiherr
seiner Zeit für den Pfarrer seiner katholischen Kirche bestimmt den Sakristan
und die vier Chorschüler unterhalten denn es war da der Freiherr sich nach dem
Tode der Baronin auf Reisen begeben und viel Geld gebraucht hatte nicht zu der
Feststellung eines Kapitals für die kirchlichen Zwecke gekommen und auch die
Hoffnung dass man in den Chorschülern sich brauchbare Handwerker und eine
katholische Gemeinde erziehen werde hatte sich nicht verwirklicht Weil man für
die Knaben auf den Dörfern keine guten Lehrmeister finden konnte und man wenn
einmal ein solcher vorhanden war bei ihm auf die Weigerung stieß einen
Katholiken in sein Haus aufzunehmen war man stets genötigt die Chorschüler
sobald sie herangewachsen waren in die Lehre nach der Stadt zu schicken und
die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wanderschaft und erlangter
Meisterschaft mehr ihrem Vorteile angemessen ihr Gewerbe in den großen
Städten als auf den Gütern des Freiherrn zu betreiben auf denen obenein die
Abneigung und das Misstrauen der protestantischen Bevölkerung ihnen hindernd
entgegentraten Man musste also immer aufs Neue katholische Knaben heranzuziehen
suchen und wenn es an und für sich auch ein gutes Werk war diesen eine
wohlgeleitete Erziehung zu geben so ward das Unternehmen weil es in sich nicht
fortwirkte sondern sich fast ganz unfruchtbar erwies doch kostspieliger als
man erwartet hatte und der Freiherr hatte schon bei seiner Rückkehr aus Italien
alle Teilnahme dafür verloren Er hatte es kein Hehl dass er den Kirchenbau
bereute er kam auch selten in die Kirche obschon Vittoria oft zur Messe fuhr
und wenn er gelegentlich auf den Sakristan und auf die Sänger zu sprechen kam
fragte er nicht wie sie unterhalten würden nachdem er einmal die Erfahrung
gemacht hatte dass der Kaplan für sie Sorge trug
    Hatte man des Quartettes einmal nötig wenn Vittoria sich vor der
Gesellschaft im geistlichen Gesange hören lassen wollte so berief man den
Sakristan mit seinen Schülern der Freiherr wusste sich dann etwas mit dieser Art
von Kapelle zeigte sich ihr gnädig lobte und tadelte als ein Kenner und ließ
es an einem Gnadengeschenke auch nicht fehlen Im Übrigen beruhigte er sich
damit dass der Kaplan in den langen Jahren welche er dem Artenschen Hause
angehört hatte ein hübsches Vermögen erworben haben müsse dessen er nicht
bedurfte und es schien dem Freiherrn so natürlich wenn der Geistliche der
durch die Gründung der Pfarre lebenslang versorgt war seinen im Artenschen
Dienste zusammengebrachten Besitz auch zum Nutzen und zur Ehre des Hauses die
hier zugleich die Ehre Gottes und der Kirche war verwendete dass er es nie für
nötig gefunden hatte darüber auch nur eine Sylbe gegen den Kaplan zu
verlieren Er war in seinem Verhältnisse zu Allen die ihm dienten nach wie vor
derselbe
    Aber der Kaplan war auch sich selber treu geblieben und wie der Freiherr an
dem würdigen Fortbestehen seines Geschlechtes so hing der Geistliche an der
Erhaltung des Gotteshauses das unter seinen Augen entstanden war und an der
Hoffnung das katholische Bekenntnis in diesem Teile des Landes endlich Wurzel
fassen und sich ausbreiten zu sehen Indes die Erhaltung der Kirche für die
katholische Konfession wurde zweifelhaft wenn Renatus jemals gezwungen werden
sollte sich des väterlichen Besitzes zu entäussern da derselbe dann leicht in
nichtkatolische Hände übergehen und es in einem solchen Falle nicht allzu
schwer halten konnte das Gotteshaus den Evangelischen zusprechen zu lassen Dem
Kaplan war also eben so wie dem Freiherrn daran gelegen Renatus mit einer
reichen Erbin aus den katholischen Provinzen sich verbinden zu sehen und weil
er dieses wünschte und es im Augenblicke nicht zu erreichen war tat er
wenigstens so viel an ihm lag dem jungen Baron für die Zukunft die mögliche
Freiheit bewahren zu helfen
    Er nannte die Neigung welche Renatus für Hildegard empfand edel und
berechtigt er pries die Eigenschaften der jungen Gräfin und das Glück
derjenigen deren reine Seelen sich in keuscher Neigung früh zusammenfinden
aber er gab es dem Jünglinge zu überlegen ob unter den Bedenken die sich in
ihm gegen diese Verlobung erhoben hatten nicht eines oder das andere begründet
sein sollte Er fragte ihn ob er überzeugt sei dass er niemals eine stärkere
Empfindung hegen werde ob er glaube dass Hildegard dem Ideale entspreche
welches jeder reine Jüngling von dem Weibe das er lieben solle im Herzen
trage Er erinnerte ihn daran dass er an der Ehe seiner Eltern das Beispiel vor
sich habe wie unglücklich eine nicht völlige Zusammengehörigkeit die Gatten
machen könne und er sprach sich da er Renatus nachdenklich werden sah endlich
dahin aus dass er es für alle Teile heilsam glaube wenn man vorläufig das
Herzensbündniss der Liebenden noch als ein Geheimnis bewahre
    Du mein teurer Renatus sagte er wirst dadurch der Notwendigkeit
enthoben Deinem richtigen Zartgefühle entgegen eben jetzt von Deinem Vater ein
sicherlich widerwillig gegebenes Zugeständnis zu fordern Du und auch die teure
Hildegard Ihr gewinnt beide die Zeit in der Trennung Eure Herzen und die
Beständigkeit und Stärke Eurer Neigung zu erkennen und zu prüfen und kehrst Du
uns wie wir alle sehnlich hoffen unter dem Schutze des Höchsten aus dem Kriege
heim hellt unser politischer Gesichtskreis sich so weit wieder auf dass Gewerbe
und Handel sich wieder frei bewegen können dass der Grundbesitz seinen wahren
Wert zurückerlangt nun so wird Dein Vater keine Ursache mehr haben Dir
irgend eine Beschränkung bei Deiner Wahl aufzuerlegen und er wird dann
diejenige mit Freunden in seine Arme schließen der er heute nur widerwillig
seinen Segen geben würde
    Renatus hatte den Kopf in die Hand gestützt den Auseinandersetzungen
seines geistlichen Freundes ohne eine Erwiderung zugehört Auch als derselbe
geendet hatte regte der junge Mann sich nicht Der Kaplan kannte das an ihm und
es galt ihm als ein gutes Zeichen Wenn Renatus nach einem Meinungsaustausche
auf solche Weise in sich selbst versank war er in der Regel damit beschäftigt
wie er die fremde Ansicht mit der seinigen so verbinden könne dass dasjenige als
freie Entschließung erschien was er auf Zureden eines Anderen tat Denn
obschon er die stolze Selbsterrlichkeit seines Vaters nicht besaß hatte er
doch die Eitelkeit in den geringfügigsten wie in den wichtigsten Dingen seine
Meinung und seine freie Entschließung kundgeben und behaupten zu wollen ja er
war im Stande seine eigene Überzeugung wenn ein Anderer dieselbe
ausgesprochen hatte zu verleugnen und ihr entgegen zu handeln nur um den
Verdacht der Unselbständigkeit von sich abzuwehren Hier aber wo der Rat
seines Lehrers mit seinem geheimsten Wollen zusammentraf verlangte es ihn
vielleicht ohne dass er sich dessen klar bewusst war danach sich auch im voraus
gegen die Vorwürfe zu sichern die er oder Andere ihm später über seine
Handlungsweise machen konnten Er wollte Herr über seine Entschlüsse bleiben und
doch die Möglichkeit haben die Verantwortlichkeit für dieselben im Notfalle
auf fremde Schultern wälzen zu können und der Kaplan war es als ein Diener
seiner Kirche gewohnt wo es der Förderung ihrer Zwecke galt schwerere Lasten
und Verantwortungen über sich zu nehmen als Renatus ihm in diesem Falle zu
tragen auferlegen konnte
    Woran denkst Du lieber Renatus fragte er endlich da der junge Mann alle
Anregung ja selbst die Aufforderung sich zu erklären diesmal von seinem
alten Freunde zu erwarten schien
    Muss ich Ihnen das erst sagen Was wird Hildegard was die Gräfin von mir
denken wenn ich die Forderung an sie stellen muss unsere Verlobung geheim zu
halten Denn ich darf ihnen nicht auseinander setzen dass die augenblickliche
Stimmung und die gegenwärtigen Verhältnisse meines Vaters es mir fast wie eine
Entweihung erscheinen lassen wollte ich ihm jetzt enthüllen und Preis geben
was mir nächst meiner Ehre das Teuerste und Heiligste ist
    Er schwieg um sich eine ihm zu Hilfe kommende Einwendung machen zu lassen
da der Kaplan sie ihm aus gutem Grunde vorentielt sprach er selber nach
einigem Überlegen Wenn ich sicher wäre dass Hildegard meiner Liebe meinem
Worte so voll vertraute wie ich ihr 
    Mein Sohn unterbrach ihn der Kaplan versündige Dich nicht an Hildegard
sie gibt ihr Herz nicht wo sie nicht vertraut
    Aber die Gräfin wendete Renatus ein
    Der Kaplan legte seine Hand auf des jungen Mannes Schulter und sagte Gräfin
Rhoden ist eine welterfahrene Frau und eine vorsorgliche Mutter die Dich und
ihre Tochter kennt aber sicherlich auch auf des Lebens Wechsel und
Möglichkeiten denkt Sie weiß dass Deine Liebe und Dein Wort ihrer Tochter
angehören wenn Du heimkehrst indes  Er hielt inne und sagte dann mit
vorsichtiger Missbilligung den feinen Kopf wiegend Es war vielleicht nicht
wohlgetan im Angesichte eines solchen Krieges um die Hand eines jungen
Mädchens zu werben Ich bin sicher dass es der Frau Gräfin nicht willkommen war
und es wäre großmütiger von Dir gewesen Dich zu überwinden und zu schweigen
denn es ist traurig ein junges Mädchen zur Wittwe werden zu sehen ehe es noch
das Glück der Ehe kennen gelernt hat
    Renatus war gegen den leisesten Tadel empfindlich Hildegards Herz hätte in
jedem Falle um mich getrauert meinte er wenn die Würfel des Todes mir fallen
sollten
    Gewiss aber man betrauert einen im Verschwiegenen geliebten Mann mit anderer
Empfindung als einen dem man sich heimlich anverlobte oder gar als einen
erklärten Bräutigam Das Mitwissen Anderer steigert für die meisten Menschen den
Schmerz und zwingt oder veranlasst sie oftmals ihn in sich noch aufrecht zu
erhalten wenn sie bereits in der Verfassung wären ihn zu überwinden Und wo
man nicht sicher ist Glück und Freude bereiten zu können soll man trachten
mögliches Leid und Unglück zu verhüten
    Renatus erhob sich denn es bemächtigte sich seiner eine große Unruhe Er
konnte den Ansichten des Kaplans nichts entgegensetzen sofern sie auf eine noch
zu begehende Handlung angewendet werden sollten aber er ahnte ihren Zweck für
diesen besonderen Fall und er verhehlte sich nicht dass seine Neigung für
Hildegard keineswegs eine unüberwindliche gewesen war dass er eine Übereilung
begangen habe und dass er leicht in die Lage kommen könne ja dass er sich
eigentlich bereits in der Lage befinde diese Übereilung zu bereuen
    Er ging hastig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder blieb dann plötzlich
vor dem Geistlichen stehen und fragte kurz und heftig Was soll ich denn tun
Was wollen Sie denn dass ich tue
    Dasjenige was Du zu tun ohnehin entschlossen warst sprach der Geistliche
gelassen
    Sie raten mir also gegen meinen Vater von der ganzen Angelegenheit zu
schweigen
    Unbedenklich
    Und Hildegard  die Gräfin  wie soll ich vor ihnen dieses Verhalten
rechtfertigen Wie kann ich ihnen meine Handlungsweise erklären rief er noch
einmal
    Der Kaplan hob sein Auge zu ihm empor und blickte ihn ruhig an Überlasse
es mir mein teurer Sohn Deine Rechtfertigung zu übernehmen sagte er Und er
wusste dass Renatus diese Antwort von ihm erwartet hatte Renatus zögerte auch
nicht sich dieselbe zu Nutzen zu machen
    Aber fragte er was soll ich Hildegarden schreiben
    Das fragst Du mich entgegnete der Kaplan Nun Du wirst Hildegarden alles
sagen was Dein Herz Dir eingibt und das Übrige vergönne mir der Frau Gräfin
auseinander zu setzen Ich gebe die Verhältnisse des Freiherrn sicherlich nicht
Preis und da ich die Ansichten der Frau Gräfin aus langjährigem Vertrauen
kenne hoffe ich Gehör bei ihr und die Billigung Deiner Handlungsweise von ihr
zu erlangen Jetzt aber  er trat ans Fenster und sah zu dem Kirchturme empor
 jetzt ists wohl an der Zeit auf Deine Rückkehr zu denken denn der Freiherr
wird Dich erwarten
    Renatus zog die Uhr hervor und gab dem Kaplan Recht Er sagte dass er ihm
eine große Beruhigung verdanke dass er nun wieder mit freiem Herzen an die
Geliebte denken könne und dass er nur bedauere Vittoria in das Vertrauen
gezogen zu haben Indes er nahm das alles leicht da er für jetzt der
Rücksprache mit dem Freiherrn enthoben war vor der er sich mehr als er sich
selbst gestehen mochte gefürchtet hatte
    Im Schloss fand er da von dem Freiherrn alle vorbereitenden Schritte
bereits vor einigen Wochen geschehen waren die richterlichen Beamten vor denen
der besprochene Akt seiner Mündigkeitserklärung vollzogen und durch welche die
Eintragung von Renatus Vermögen auf Richten bewerkstelligt werden sollte schon
angelangt Erst bei diesen Verhandlungen erfuhr der junge Freiherr dass seine
Befürchtungen wegen seines Vermögens nicht ohne Grund gewesen waren Sein
Kapital stand wenn man die Nähe des Krieges und die mit ihm zusammenhängenden
Möglichkeiten in Betracht zog keineswegs sicher auf dem Gute und die vor ihm
eingetragenen Gläubiger erhielten unverhältnissmässig höhere Zinsen als der
Freiherr sie seinem Sohne festzusetzen für angemessen fand Auch sah der
Freiherr wohl dass Renatus die Farbe wechselte als er das betreffende
Schriftstück unterzeichnete indes der Vater behandelte nur die
MündigkeitsErklärung des Sohnes als ein ernstes Ereignis an das er mit aller
Würde und Feierlichkeit heranging
    Er umarmte den Sohn nannte ihn vor allen Zeugen einen fertigen Mann einen
Mann von wahrer Ehre und seinen Freund und gab dann auf die Regelung der
Geldangelegenheit anscheinend nur wenig Acht Er erklärte sie für eine bloße
Form da zwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht die Rede sein
könne meinte dann dass Renatus erst jetzt wahrhaft in den Besitz seines
mütterlichen Erbteiles trete wo er es in dem Grunde und Boden des
Familiengutes anlege und als dann im Laufe des Nachmittages der militärische
Chef des jungen Freiherrn mit seinem Stabe eintraf war von den abgetanen
Geschäften natürlich keine Rede mehr
    Der Freiherr hätte sich ein Gewissen daraus gemacht es seinen militärischen
Gästen es einer solchen Gesellschaft von Edelleuten aus allen Provinzen des
Landes in seinem Schloss an irgend etwas fehlen zu lassen was zu bieten er im
Stande war und Renatus hielt wo möglich noch mehr darauf dass der Empfang
seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause Ehre mache
    Er hatte sonst es nicht leicht gewagt dem Freiherrn gegenüber Verlangnisse
zu äußern und Vorschläge zu tun aber er war nun grossjährig gesprochen er
hatte auch sein ganzes persönliches Vermögen hergegeben seinem Vater eine
Erleichterung zu bereiten und man konnte es doch in der Tat nicht wissen ob
es nicht das letzte Mal sei dass er im Vaterhause weile Er hatte nie gefühlt
was es mit der hastigen und feurigen Lebenslust des Soldaten auf sich habe
Jetzt erwachte sie in ihm Er wollte froh sein er wollte genießen und Andere
mitgeniessen lassen was er besaß Er blieb in beständiger Bewegung und
Aufregung erhielt alle Andern in derselben und noch niemals hatte er seinem
Vater so wohlgefallen noch nie hatte der Freiherr es wie eben jetzt erkannt
dass sein Sohn ihm doch sehr ähnlich sei Er gab jetzt allen Wünschen desselben
unbedingte Folge Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt die Säle
die Zimmer die Fluren und Treppen waren wieder einmal belebt wie in den Tagen
deren Renatus sich aus seiner Kindheit zu erinnern wusste Wo die jetzt
beschränkte Dienerschaft des Hauses nicht ausreichte half die militärische
Bedienung der Einquartierten aus die man für die wenigen Stunden in denen man
ihrer bedurfte in die Livréen des Hauses steckte es waren deren noch mehrere
von früher her vorhanden
    Allerdings durfte Renatus nicht nach der Schlosstorseite an das Fenster
treten ohne dass es ihm durch das Herz schnitt wenn die Allee die prächtige
Allee ihm fehlte wenn er so weit hinaus die große Fläche übersehen konnte Sie
kam ihm wie ein Schlachtfeld vor es schwebten traurige Schatten Unheil
verkündende Geister über ihr Aber Niemand von seinen Kameraden vermisste die
alten Bäume es vermisste auch Niemand die schweren silbernen Tafelaufsätze und
PrachtGerätschaften die sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafel geziert
und den großen alten Schenktisch geschmückt hatten Es waren während des Krieges
viele Alleen niedergeschlagen worden und viele Gutsbesitzer hatten in den harten
Zeiten ihr Silber eingeschmolzen oder es in den großen Städten in
verhältnissmässige Sicherheit zu bringen gesucht Renatus fragte nicht darum er
nahm ohne Weiteres das Letztere an Man ritt man jagte in den schönen Revieren
der Herrschaft Alles wurde besehen Alles bewundert der Ahnensaal im Schloss
und die Kirche in Rotenfeld und die prächtige Familiengruft in welcher die
Baronin Angelika neben den anderen Toten ihres Hauses ihre Ruhestätte gefunden
hatte
    Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden ohne dass Renatus zur Besinnung
kam Er sah seinen Vater angeregt und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren
nicht Vittoria schien auch neu belebt zu sein die Anwesenheit so vieler
Männer der Eindruck den sie auf dieselben machte die Bewunderung welche sie
durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen Wesens erregte
zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem Gatten Renatus konnte es nicht
über sich gewinnen noch einmal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und
die seltene Zufriedenheit zu stören die ihn umgab Es ward von Hildegard gar
nicht mehr gesprochen Nur mit Mühe fand er die Musse seiner Braut zu schreiben
oder ihrer in Ruhe zu gedenken
    Am Abende vor dem Abmarsche hatte man noch einmal die Gesellschaft aus der
ganzen Umgegend zusammengebeten Man tanzte noch einmal und man spielte Spät
als die Dunkelheit schon lange über der Erde und über dem ersten Knospen des
Frühlings ausgebreitet lag flammte oben auf der MargaretenHöhe ein Feuerwerk
empor und an dem Giebelfelde des Freundschaftstempels glänzte in farbigem Licht
das Wort »Victoria«
    Es war eine Überraschung mit welcher der Chef des Regiments seinen Wirten
den Dank für ihre verschwenderische Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte
denn wie das Wort die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach so
huldigte es auch der schönen Schlossherrin und es kam dabei nicht in Betracht
dass der Freundschaftstempel sehr verfallen war dass man alte Gerätschaften und
Reisig in dem Raume aufbewahrte der einst das Bild der Herzogin Margarete
umschlossen hatte und ihrem Andenken gewidmet worden war Das glänzende Licht
des Feuerwerks wie vergänglich es auch war machte alles Andere vergessen und
als es erloschen war dachte man des Tempels und der MargaretenHöhe überhaupt
nicht mehr
    Renatus schrieb wie er sich ausdrückte mit dem Fuße im Bügel noch an
seine Braut Der Kaplan übernahm die Besorgung dieses Briefes
    Die Regimentsmusik schmetterte auf dem großen Schlosshofe schon ihre
mutigsten Weisen als der Freiherr den Sohn in die Arme schloss als Renatus
mit Tränen und von des Vaters Segenswünschen begleitet aus seinen Armen
schied Sie hatten sich nie so nahe gestanden waren einander nie so lieb
gewesen als in diesem Beisammensein und noch im letzten Augenblicke legte der
Freiherr seine Gattin und Valerio an seines Sohnes Herz und sagte sehr
erschüttert obschon die Fremden es sehen und hören konnten Kehre mir wieder
mein teurer teurer Sohn und sei ihre Stütze wenn ich nicht mehr bin wie Du
mein Freund und meine Freude bist 
    Er weinte und schämte sich der Tränen nicht Der Mensch der Vater trugen
in ihm den Sieg über die Formen der Gesellschaft davon die überall aufrecht zu
erhalten er sonst als seine Aufgabe angesehen hatte Die Ereignisse waren
stärker als er und seine schwindende Kraft und sie wuchsen mit jedem Tage an
Gewaltigkeit an Furchtbarkeit und an Erhabenheit über ihn hinaus
 
                                Viertes Kapitel
Was die Abergläubisschen bei dem Erscheinen des großen Kometen gefürchtet und
vorausgesagt was Seba einst hoffend ausgesprochen als sie mit Renatus in der
Türe ihres Gartensaales stehend das prächtige Phänomen betrachtet es hatte
sich Alles über jedes Erwarten schnell erfüllt
    Es war ein verheerendes Kriegsunglück über die Welt gekommen das größte
Kriegsheer das die Menschheit seit unvordenklicher Zeit gesehen war vernichtet
worden Die Russen selbst hatten die heilige Hauptstadt ihres Reiches zerstört
Zu Hunderttausenden waren die Kinder eines glücklicheren Klimas waren die
Söhne Frankreichs und Italiens waren Portugiesen und Spanier Deutsche und
Polen unter dem Schnee der russischen Eisgefilde umgekommen und ein Flüchtiger
ein Geschlagener und Überwundener war der bis dahin für unbesiegbar gehaltene
Kaiser von Frankreich mitten durch das von ihm unterjochte und geknechtete
Europa seiner Hauptstadt zugeeilt um ein niedergeworfener Riese aus dem Boden
seiner Heimat neue Kraft zu schöpfen
    Not und Elend hatten den Weg bezeichnet auf welchem das französische Heer
nach Russland gezogen war Elend Krankheit Tod und Leichen bezeichneten die
Straße auf der die Trümmer dieses für unüberwindlich gehaltenen Heeres bald in
kleineren bald in größeren Massen bald vereinzelt als jammervoll Verstümmelte
als in Lumpen gehüllte Bettler durch das Land zogen und es gab in den
preußischen Ostprovinzen sicherlich nicht Eine Stadt nicht Ein Dorf ja nicht
Ein Haus dem die Teilnahme an dem Entsetzen erspart worden wäre welches das
geschlagene Heer mit sich durch aller Herren Länder trug Je größer die
Ortschaften waren je eher man hoffen durfte in ihnen Aufnahme oder Erquickung
ja oft nur ein ruhiges Sterbekissen zu finden um so massenhafter drängten die
Fliehenden sich dorthin und die Herrschaft Richten mit dem Kirchturme von
Neudorf mit dem weithin in die Ferne ragenden goldenen Kreuze der Rotenfelder
Kirche zogen immer aufs Neue ganze Scharen von Flüchtigen in ihren Bereich
    Die Kirchen beide lagen voll von Kranken und Sterbenden Der protestantische
Pfarrer der des alten Pastors Nachfolger geworden war der Kaplan und sein
Sakristan rasteten nicht Nacht nicht Tag Die leibliche Not und das geistige
Leiden der im fremden Lande fern von den Ihrigen Hinsterbenden nahmen die
Geistlichen der beiden Gemeinden gleichmäßig und ganz in Anspruch Wollte man
den Mut der Dorfbewohner nicht völlig sinken lassen wollte man nur die Leichen
unter die Erde bringen so durften diese Männer sich nicht schonen und keiner
von ihnen dachte an sich und an die eigene Gefahr Der Kaplan ging Allen voran
in hingebender Tätigkeit und Selbstaufopferung und er rechnete sich dies nicht
zum Verdienste Seine Tage waren gezählt er hatte nichts woran seine Seele
gefesselt war er dankte seinem Gotte dass er ihm die Kraft gelassen habe zu
helfen zu trösten bis an sein Lebensende und fernsehend mit dem Auge seines
Geistes gab er sich gläubig an die Hoffnung der Vaterlandsbefreiung hin die am
Horizonte des neuen Jahres emporzusteigen begann
    Der Freiherr teilte diese Hoffnung nicht Er hatte Napoleon verabscheut
als er noch General und Konsul gewesen war aber die Gesinnungen des Freiherrn
hatten eine Änderung erlitten seit der Konsul sich die Krone aufgesetzt und
mit eiserner Hand der Volksherrschaft in Frankreich ein Ende gemacht hatte Der
Kaiser dessen Tyrannei die Franzosen wie der Freiherr es nannte für das
Freiheitsgelüsten geisselte in welchem sie ihren König ermordet den Adel des
Landes unter das Messer der Guillotine geliefert und in die Verbannung zu gehen
gezwungen hatten erschien ihm wie eine sittliche Notwendigkeit in der
Weltordnung Er sah das Unglück das Napoleons schrankenlose Eroberungssucht
über ganz Europa brachte als die gerechte Strafe dafür an dass die Fürsten und
Völker dem angestammten französischen Herrscherhause und den gut gesinnten
Franzosen nicht ihren vollen Beistand zur Niederwerfung der Revolution geliehen
hatten und wenn er in sein Inneres blickte fühlte er für den Kaiser der sein
willkürliches Belieben zum Gesetze eines Weltteils machte jetzt mehr
Vertrauen mehr Teilnahme und Bewunderung als für irgend einen der deutschen
Fürsten die in widerwilligem Gehorsam und zum Teil in knechtischer
Schmeichelei und Selbsterniedrigung zu des Eroberers Füßen lagen oder gar zu
seinem Landesherrn und zu dessen Regierung welche gegen die Herrschaft des
großen Genius des RevolutionsBesiegers ankämpfen zu können glaubten indem sie
in dem eigenen Lande die Gemüter des niederen Volkes selbst in Aufregung
versetzten die Hand an geheiligte alte Rechte legten den Adel beraubten und
von sich entfernten ohne damit das Volk erheben und zufriedenstellen zu können
Er hatte den Ausspruch des vierzehnten Ludwig »Ich bin der Staat« immer
verstanden und bewundert Er bewunderte auch Napoleon der sich als den Willen
und das Gesetz für seine Zeit hinstellte und der Gedanke einer von Napoleon
begründeten Welterrschaft stimmte mit den Ansichten des Freiherrn wohl
zusammen seit der Kaiser sich geneigt erwies dem alten Adel seine Hand zu
bieten und ihn in viele seiner Rechte wieder einzusetzen
    Es war mit seiner vollen Zustimmung geschehen es hatte sich kein
Widerstreben in ihm geregt als sein Sohn den Fahnen Frankreichs nach Russland
hatte folgen müssen Der jähe Glückswechsel der den Kaiser traf erschreckte
den Freiherrn also höchlich und warf ihn fast mehr darnieder als einst das
Unglück seines Vaterlandes Er wurde irre an der Folgerichtigkeit der Dinge wie
er sie verstand und die Ohnmacht auch des gewaltigsten Einzelwillens das
endliche Unterliegen auch der größten Kraft des Einzelnen erschütterten ihn und
ließ ihn Schlüsse machen die er endlich gegen seine eigenen Überzeugungen zu
richten sich notgedrungen sah
    Er wollte nichts wissen von der Verbindung welche schon lange im Lande
tätig war und alle Stände zu einmütiger Erhebung gegen die Tyrannei der
Fremdherrschaft wachzurufen trachtete Er wendete sich von den Mitgliedern des
alten Adels mit Beschämung ab wenn sie es als ein erstrebenswertes Ziel
bezeichneten mit ihren Bauern und Insassen in gleicher Reihe und gleichem
Gliede zu fechten Er mochte nichts hören von den Verhandlungen durch welche
deutsche und vor Allem die preußischen Vaterlandsfreunde den Anschluss an Russland
vorzubereiten strebten und er vermied es den eigenen Sohn zu sehen als
dieser mit dem Yorkschen Korps aus Russland wiederkehrend von der allgemeinen
Stimmung über sich hinausgehoben voll Begeisterung dem nahen Freiheitskampfe
entgegen zu gehen hoffte
    Der eisige Winter hatte den Greis in seinem Schloss gefangen gehalten Auch
das erwachende Jahr lockte ihn wenig hinaus Er war nicht begierig die
Verwüstungen anzusehen welche die fliehenden Franzosen und die sie verfolgenden
Russen innerhalb seiner Besitzungen angerichtet hatten Das Recht des Stärkeren
die Unerbittlichkeit der Not hatten überall gewaltet der gegenwärtige Amtmann
war nicht der Mann gewesen sich dem Äußersten zu widersetzen der Freiherr
hatte nicht mehr die Kraft nicht mehr die Mittel besessen mit großen Opfern
größere Übel zu verhindern Es sah übel auf der Herrschaft aus als im Beginne
des Frühlings der König von Preußen den Aufruf an sein Volk erliess der Jeden
welcher die Waffen tragen konnte zu den Fahnen forderte um mit Gott unter des
Königs Führung für die Freiheit des Vaterlandes zu kämpfen
    Der Freiherr hatte den Aufruf wieder und wieder gelesen und ihn dann zu dem
Kaplan geschickt den die Pflege seiner Verwundeten und Kranken jetzt in
Rotenfeld zurückhielt und der schon seit vielen Wochen nicht nach Richten
gekommen war um das pestartige LazaretFieber das sich aus den Spitälern in
den beiden Kirchen nach den Dörfern verbreitet hatte nicht auch in das Schloss
zu übertragen Aber der Freiherr vermisste ihn sehr das Herz war ihm beladen
und Vittoria war nicht die Frau vor der er es entlasten konnte
    Es waren ihre Schönheit ihre Weltunerfahrenheit gewesen die ihn einst an
der kaum der Kindheit entwachsenen Jungfrau bezaubert hatten und er hatte von
Vittoria liebevoll alles ferngehalten was ihr diesen Reiz zerstören konnte Sie
war heute noch schön fast schöner als sie je gewesen sie war heute noch fremd
in der Welt Händeln und in den Nöten und Bedürfnissen des täglichen Lebens
sofern diese letzteren nicht sie selbst betrafen aber seit er ihrer Schönheit
nicht mehr genießen konnte wie sonst rührte sie ihn statt ihn zu erfreuen und
die Selbstsucht mit welcher Vittoria wie ein wahres Kind nur an ihr eigenes
Wollen und Bedürfen dachte quälte ihn jetzt bisweilen eben so wie sie ihn
sonst belustigt hatte Er dachte jetzt oft gar oft an die Baronin Angelika
zurück indessen er wusste daneben auch nach welcher Seite das Herz seiner
ersten Gattin sich in diesen Zeiten hingewendet haben würde
    Wenige Tage nachdem der königliche Aufruf in die Provinz und in das Schloss
gelangt war brachte einer der Chorsänger aus Rotenfeld dem Freiherrn einen
Brief des Kaplans Der Freiherr der in seinen jungen Jahren der verheerenden
Seuche welche auf den Gütern geherrscht hatte mutig entgegengetreten war
zeigte sich jetzt ängstlich gegen Krankheit und Ansteckung und vermied es also
den Boten vor sich zu lassen Er empfing den Brief durch seines Dieners Hand
ließ sich die Brille reichen deren er sich weil es ihn an eine Altersschwäche
mahnte nur ungern bediente und trat an das Fenster um das Schreiben zu lesen
Es war jedoch als ob er seinen Augen nicht traute denn er nahm die Brille ab
putzte mit vorsichtiger Hand die feinen Gläser las den Brief noch einmal und
sagte danach dass er die Antwort senden werde
    Als der Diener sich entfernt hatte ging der Freiherr eine Weile langsam in
dem Zimmer auf und nieder Der Kaplan schrieb ihm dass die sämtlichen vier
Chorschüler nach der Kreisstadt zu gehen dächten um in die Landwehr
einzutreten dass er sie übermorgen da die Kirche voll Kranker liege zu diesem
Schritte in seiner Wohnung vorzubereiten und einzusegnen wünsche und dass er den
Freiherrn anfrage ob es ihm möglich sei den jungen Leuten das Geld zu ihrer
Ausrüstung zu geben widrigenfalls er ihn ersuche ihm einen Teil seines
rückständigen Gehaltes auszahlen zu lassen damit er so viel an ihm sei für
die Bewaffnung seiner bisherigen Zöglinge sorge Er meldete zugleich dass aus
allen drei Dörfern eine Anzahl von Arbeitern und von Bauernsöhnen sich dem
Könige stellen dass sie unter Adam Steinerts Führung der gleichfalls in das
Feld ziehe sich auf den Weg machen würden und dass der Pastor in Neudorf
deshalb auch eine religiöse Vorbereitung und Einsegnung auf dem Kirchhofe
veranstalten werde
    Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit sich zu fassen Die Welt wurde ihm
fremd Die Worte Volkserhebung Volkskrieg Volkswille die ihm von Frankreich
her oft genug aus der Ferne entgegengeklungen wurden von dem ältesten Genossen
seines Lebens anerkennend gebraucht wurden jetzt unter seinen Augen wenn auch
in veränderter Gestalt zu einer Wahrheit und sie erschreckten ihn
    Er sah um sich her ein Geschlecht eine Zeit eine Welt erstehen in welcher
er besorgen musste seine bevorzugte Stellung nicht mehr aufrecht erhalten zu
können und ein Traum den er einst gehabt kam ihm plötzlich in die Erinnerung
zurück Er hatte einmal geträumt dass er an einem Sommertage schlafend in einem
Saatfelde gelegen und die Saat war gewachsen und in Ähren geschossen und die
Halme waren hoch und immer höher geworden bis sie über ihm zusammenschlugen wie
ein wallendes Meer aus dem er sich mit Herzensangst zu erretten strebte und das
ihn endlich doch in seinen Wellen begrub Jetzt schoss eine solche Saat empor und
ihre Halme schlugen über ihm zusammen
    Er fühlte sich vereinsamt und gebeugt aber er durfte dem Freunde nicht
verweigern was dieser mit Recht begehren konnte und er musste sich mit
Widerstreben eingestehen dass er diese Volkserhebung der er sich im tiefsten
Innern abgeneigt fühlte dass er diesem Kriegsunternehmen welches er als ein
unglückliches und hoffnungsloses ansah seinen Beistand leihen dass er sich dem
allgemeinen Wollen der allgemeinen Stimmung und Meinung unterordnen und zur
Ausrüstung der Freiwilligen wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen müsse
wenn er nicht dazu gezwungen werden wenn er nicht auf die Achtung fast aller
seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle
    Er hatte wenig baares Geld im Vorrate und es war überall nicht leicht in
diesem Augenblicke Geld herbeizuschaffen Nachdenklich stand er vor dem
Schranke in welchem er die Wertgegenstände des Hauses aufbewahrte Er sah die
Schmuckkästchen an welche den Frauen des Geschlechtes von Arten angehört
hatten und nahm dasjenige in die Hand das einst zur Hochzeit für die Gräfin
Angelika angefertigt worden war Ohne recht zu wissen was er damit wollte
öffnete er es Der ganze prächtige Schmuck lag noch darin er sah ihn
wohlgefällig an die Brillanten funkelten im Sonnenlichte Sie sprachen zu ihm
von fernen Tagen Es war ihm zu Mute wie einem Gläubigen vor einem
Heiligenschreine und doch überkam ihn eine Art von Unruhe von Angst vor seinem
Denken und vor seinem Wollen Er hielt den Kasten gegen das Fenster um der
Schönheit des Schmuckes recht inne zu werden Es fehlt kein Stein sagte er und
das Etui vorsichtig verschliessend setzte er es an die gewohnte Stelle zurück
und ging Vittoria aufzusuchen
    Er mochte nicht mit sich allein sein er war auch nicht in der Verfassung
jetzt dem Kaplan die Antwort zukommen zu lassen
    Vittoria war nicht in ihrem Zimmer Der warme Sonnenschein hatte sie mit
ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt Die Wärterin meinte die Frau Baronin
müsse bald wiederkehren da die Mittagszeit Valerios nahe sei Der Freiherr
schickte sie fort ihre Herrin und das Kind zu holen und setzte sich auf das
Sopha nieder Es war Vittorias gewöhnlicher Platz Er wusste nicht recht was er
dachte aber es lag eine tiefe Traurigkeit über seiner Seele Er wünschte
Vittoria zu sehen er wollte sie bitten ihm etwas vorzusingen er hatte Lust
den Knaben bei sich zu haben  und sie blieben aus Freilich hatte die Wärterin
sie erst suchen zu gehen und sie wusste nicht nach welcher Seite sie gegangen
waren indes das Warten machte ihn doch ungeduldig Er griff nach einem Buche
das auf dem kleinen Lackschränkchen zur Seite des Sophas lag Vittoria hatte
ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem Schränkchen aufbewahrt sie
hing an diesem kleinen Besitze mit großer Liebe es durfte Niemand daran rühren
sie trug den kleinen Schlüssel stets an einem Kettchen auf der Brust Heute
jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen der Entschluss
auszugehen mochte ihr wohl plötzlich gekommen sein und sie musste in ihrer
Lebhaftigkeit des Schlüssels vergessen haben
    Der Freiherr in müssigem Warten wollte statt ihrer das Schränkchen
zuschliessen indes es widerstand etwas darin Er öffnete die Türe einige
Blätter Papier waren aus dem oberen Fache herabgeglitten Als er sie auf die
Seite schieben wollte fiel ihm eine goldene Kapsel auf die er nie bei Vittoria
gesehen hatte Arglos nahm er sie zur Hand und blieb regungslos vor dem kleinen
Schranke stehen
    Eine reiche schwarze Locke nahm die eine Seite der Kapsel ein »Der Seele
meiner Seele« war in italienischer Sprache in den kleinen Mittelraum
hineingeschrieben Die andere Seite wies das Bildnis eines schönen Mannes in
militärischer Kleidung  und der Freiherr kannte diesen Mann Es war Graf
Mariano der Oberst der italienischen Nobelgarde der nach dem ersten Kriege
Monate lang als Verwundeter im Schloss und dem Freiherrn ein willkommener
Gesellschafter und Gast gewesen war
    Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich der Brust des Greises Er raffte
eilig zusammen was er von Papieren vor sich liegen fand und verließ das
Gemach Im Vorsaale kam ihm Vittoria entgegen und der Knabe lief auf ihren
Antrieb auf ihn zu Er stieß ihn von sich dass das Kind zur Erde fiel
    Was ist geschehen  im Namen Gottes was ist geschehen rief Vittoria da
sie die Verstörteit ihres Gatten bemerkte aber er antwortete ihr nicht Die
Papiere und die Kapsel welche sie in seiner Hand sah sagten ihr Alles
    Die erschrockene Wärterin führte Valerio fort Vittoria blieb mitten in dem
Vorgemache stehen Ihr Kopf hob sich stolz in die Höhe ihre Brust atmete tief
trotz ihrer kleinen Gestalt sah sie mächtig aus mächtig und entschlossen und
wie von einer schweren Last befreit rief sie Endlich Jetzt endlich bin ich
frei
 
                                Fünftes Kapitel
An dem Sonntage welcher diesen Ereignissen folgte segnete der Kaplan in seinem
Zimmer seine Chorsänger und einen katholischen Diener des Freiherrn für ihren
Feldzug ein und erteilte ihnen das Abendmahl Man betete auch für den jungen
Freiherrn und für das ganze freiherrliche Haus aber es war Niemand vom Schloss
dabei zugegen Der Freiherr hatte dem Kaplan einen Teil seines Gehaltes und die
gewünschte Beisteuer gesendet die Baronin war eines Tages ganz plötzlich in die
Pfarre nach Rotenfeld gekommen und am anderen Tage trotz ihrer Scheu vor der
im Dorfe verbreiteten Krankheit noch einmal wieder dahin zurückgekehrt Den
Freiherrn sah man nicht Es hieß die Schlaflosigkeit an der er vor langen
Jahren schon einmal gelitten habe ihn wieder befallen aber er verweigere
ärztliche Hilfe zu nehmen obschon er krank aussehe und stundenlang in den Sälen
des Schlosses oder wenn es dunkele in den Gängen des Parkes umherwandere
    Die Einsegnung der evangelischen Freiwilligen fand weil auch in Neudorf die
Kirche voller Kranken lag auf dem Kirchhofe unter freiem Himmel Statt Aus
allen Kirchspielen und Dörfern der Umgegend waren sie gekommen Männer jedes
Alters und Standes die Frau an ihres Gatten Seite der Bräutigam am Arme seiner
Braut die Eltern mit ihrem kaum zum Jünglinge herangereiften Sohne Die Einen
waren schon vollständig bewaffnet den Andern fehlte die Waffe noch aber das
Feuer der Begeisterung und der opferfreudigen und todesmutigen Entschlossenheit
war Allen gemeinsam dem Manne wie dem Weibe den Greisen wie den Jünglingen
den Fortziehenden wie den Zurückbleibenden Jeder wusste dass er das Seinige tun
müsse in der großen Zeit und die beiden Männer der Hauptmann und der
Lieutenant der Landwehr welche in dieser Gegend die Erhebung geleitet und die
gemeinsame Einsegnung veranlasst hatten sahen in ihren OffiziersUniformen nicht
am wenigsten gefestet aus
    Es war am späten Nachmittage und der Schatten der Eingesegneten die sich
still und feierlich entfernten fiel schon lang über den frisch ergrünenden
Rasen hin als der ältere der beiden Offiziere ein großer starker Mann das
Landwehrkreuz an seiner Mütze sich nach dem Ausgange des Kirchhofes wendete Er
mochte der Mitte der Fünfziger nahe sein ein sechszehnjähriger gleichfalls
bewaffneter Sohn ging an seiner Seite einen heranwachsenden Knaben führte seine
Frau an ihrer Hand seine Tochter hing an seinem Arme Die Leute traten von
allen Seiten an ihn heran ihm zum Abschiede die Hand zu geben
    Leben Sie wohl Herr Amtmann sagten die Alten die ihn noch im Dienste des
Freiherrn gekannt hatten Leben Sie wohl Herr Steinert riefen die Jungen
kommen Sie uns gesund wieder nach Hause Gott erhalte Sie Gott erhalte Ihnen
auch den jungen Herrn
    Er schüttelte dem Einen die Hand er klopfte dem Andern auf die Schultern
Auf Wiedersehen auf Wiedersehen entgegnete er und wenn in Marienfelde etwas
vorfallen sollte meine Frau weiß sich wohl zu helfen  aber springt doch zu
    Verlassen Sie Sich darauf Sie haben ja auch die Zeit her immer zu uns
gehalten und wir zu Ihnen Verlassen Sie Sich darauf Herr Steinert erscholl
es wie aus Einem Munde Die Frau hob die Augen auf und wollte lächeln aber ihr
Schmerz war doch noch größer als ihr opferfreudiger Wille Die Tränen rollten
ihr über das noch blühende Gesicht und sie bewegte im Unwillen gegen ihre
Schwäche das Haupt die schweren Tropfen unmerklich abzuschütteln
    Herr Amtmann sagte ein alter Bauer die Mütze in der Hand wenn Einem von
den Unseren hier  Sie kennen sie ja alle  was Menschliches begegnet  meine
zwei Söhne und mein Schwestersohn und mein Knecht sind auch dabei  Er konnte
nicht weiter sprechen
    Ich behalte sie alle im Auge so gut wie meinen Jungen da versicherte
Steinert Ich melde Euch wie es mit uns Allen steht geht nur zu meiner Frau
da werdet Ihrs erfahren Und nun lebt wohl Wir stehen überall in Gottes Hand
 Lebt wohl
    Er hatte Mühe sich loszumachen und mit Frau und Kindern seinen am
Kirchhoftore wartenden Wagen zu erreichen Als er einsteigen wollte blickte er
noch einmal zurück Es lagen in dem Erbbegräbnisse der Steinerts nahe am
Eingange des Kirchhofes unter den beiden von Adam neu gepflanzten Linden  denn
die uralten Bäume hatten die Russen niedergehauen  Steinerts Vater und Mutter
und sein ganzes ihm vorangegangenes Geschlecht in Frieden unter dem grünen
Rasen beisammen  Werden ich und mein Sohn auch hier ruhen oder wo wird uns
die Todesstunde schlagen fragte er sich unwillkürlich Aber er sprach es nicht
aus und obschon die Seinigen ihn errieten und Aller Augen sich feuchteten
hielten Alle sich still und aufrecht sie durften einander die Herzen nicht
erweichen
    Kommt denn der Herr Hauptmann nicht zurück fragte die Frau als sie
bemerkte dass der Bursche dem man des Hauptmanns Pferd zu halten gegeben hatte
es noch am Zügel führte und es war eine Selbstüberwindung für sie dass sie an
etwas Anderes und an einen Andern dachte als an ihren Mann und ihren Sohn und
ihren Schmerz
    Der Hauptmann wird uns nachkommen lasst ihn gehen entgegnete Steinert und
sie fuhren von dannen während der Mann von dem sie gesprochen hatten sich
nach der anderen Seite des Kirchhofes wendete und mit ruhigem Schritte die
mächtige Gestalt hoch aufgerichtet langsam über den Rasen herging
    Jahr und Tag war er von Deutschland entfernt gewesen und es hatte ihn nicht
danach gelüstet in das Vaterland zurückzukehren so lange die
Franzosenherrschaft im Lande noch mächtig gewesen war Er hatte es auch nicht
wagen dürfen denn der Blutbann schwebte über ihm seit er bei dem Übergange
über die russische Grenze den französischen Kommissär erschossen hatte
    Aber ihn dünkte als läge dieses Ereignis weit sehr weit hinter ihm denn
er hatte viel erlebt in dieser Zeit und viel gelernt und viel gewirkt
    In der Nähe der nach Russland geflüchteten deutschen Vaterlandsfreunde und
unter ihrer Leitung mitwirkend für die Beförderung ihrer Zwecke hatte er in der
vielbewegten Zeit die Gelegenheit wahrnehmen und benutzen können seine und des
Fliesschen Hauses Kapitalien im Handelsverkehre sich bewegen und wachsen zu
machen und während er selbst seinen Besitz vergrößerte seine Anschauungen
erweiterte den Kreis seiner Bekanntschaften ausdehnte hatte er unter des
Hauptmanns von Werben Leitung der wie viele andere deutsche Offiziere in
russische Dienste getreten war sich diejenigen militairischen Kenntnisse
anzueignen gesucht die ihn befähigen konnten bei dem sich bietenden Anlasse
für die Befreiung des deutschen Landes wirksam einzutreten
    Mit den ersten Russen war er über die Grenze gekommen und bei der großen
den Krieg vorbereitenden Tätigkeit welche in der Hauptstadt Preußens sich fast
noch unter den Augen der Franzosen zu regen begann und in welcher das Bestreben
der gesammten Bürger mit dem selbstständigen Beschliessen aller Behörden so
einmütig und ruhmwürdig zusammenfiel dass sie endlich die zagende
Unentschlossenheit des Königs mit sich auf dem Strome ihrer Begeisterung
fortrissen waren die unermüdliche Arbeitskraft und die schnelle Übersicht
eines geschäftskundigen Mannes recht an ihrem Platze gewesen
    Wo man seiner bedurfte bei den Ankäufen für die Ausrüstung bei der
Kontrole der eingehenden Beiträge bei der Beschaffung der nötigen Kapitalien
überall war Paul zu uneigennütziger Hilfe bereit und als man schließlich daran
ging die Landwehr aufzubieten war er wieder der Ersten Einer gewesen die das
bürgerliche Kleid mit dem Soldatenrocke die Feder mit dem Degen vertauscht und
das Kreuz an ihre Mütze geheftet hatten um in dem ihm von den oberen Behörden
angewiesenen Kreise im Verein mit Steinert der zu den treuesten und eifrigsten
Vaterlandsfreunden zählte das Zusammentreten die Ausrüstung die erste
Einübung und den Abmarsch der Freiwilligen bewerkstelligen zu helfen
    Es war nicht Pauls Wahl gewesen dass er eben in diesen Teil der Provinz
gekommen war an den sich keine erfreulichen Erinnerungen für ihn knüpften
Indes er war es nicht gewohnt seinen widerstrebenden Empfindungen nachzugeben
wo es eine Pflichterfüllung galt und die Arbeit welche auf ihm und Steinert
lag war so gewaltig der Augenblick nahm die ganze Kraft der Menschen so sehr
in Anspruch jeder Morgen brachte so viel neue Anforderungen stellte so viel
neue Notwendigkeiten heraus denen rasch begegnet werden musste dass Paul
während aller der Tage die er unter Adams Dach verweilte nicht viel an sich
selber denken konnte
    Und doch wachte mit dem Klange der Namen Neudorf Rotenfeld und Richten
doch wachte bei der Nennung des Freiherrn von Arten eine eigene Wehmut in
seinem vom Leben geprüften Herzen auf gegen die er sich vergeblich sträubte Es
half ihm nicht dass er sein Verlangen die Stätten wiederzusehen die sein Fuß
als Kind betreten hatte eine müßige Neugier schalt Er wusste dass keine Spur
mehr vorhanden sei von dem Hause in welchem er geboren worden war in welchem
er mit seiner Mutter gelebt hatte Es rief ihn keines Menschen Liebe keiner
Eltern Zärtlichkeit kein Bruder kein Jugendgespiele nach der Heimat seiner
Kindheit zurück Er trug auch kein Verlangen den stolzen Bau zu sehen den sein
Vater über der Stätte aufgerichtet hatte auf welcher seiner armen Mutter das
Herz gebrochen worden war aber es bewegte ihm doch die Seele als er an dem
schönen Frühlingstage an der Spitze der kleinen kampfbereiten Schaar in Neudorf
einritt als er auf demselben Kirchhofe der seiner Mutter Reste in sich schloss
zu dem ernsten Gange auf Leben und Tod die Weihe und den Segen über sich und
seine Gefährten aussprechen hörte
    Der Kirchhof war nicht groß er hatte nicht weit zu gehen bis zu der Ecke
in welcher fern von den Gräbern der Glücklicheren oder der Mutigen und
Geduldigen die armen Ausgestossenen gebettet lagen die das Leben von sich
geworfen hatten weil es ihnen zu schwer geworden war Die Hügel waren
eingesunken Kaum dass man noch die Wellungen im Erdreiche unterschied Ein paar
kleine Holztafeln ragten nur wenig über dem Boden hervor die Kosaken hatten vor
einigen Wochen mit ihren Pferden auf dem Kirchhofe campirt es war Alles
niedergetreten nur ein paar eisenumgitterte Erbbegräbnisse wie das der
Steinerts waren erhalten worden
    Er bückte sich nieder um zu sehen ob auf den kleinen Tafeln vielleicht ein
Name erkennbar sei aber der Regen hatte sie weiß gewaschen die Hufe der Pferde
sie zerschlagen sie waren überhaupt nur übrig geblieben weil die Kosaken die
paar elenden Splitter des Auflesens nicht wert geachtet haben mochten wo sie
Bäume umzuschlagen gefunden hatten
    Sinnend die Arme über die Brust gekreuzt das Haupt gesenkt schaute Paul
auf die kleine Scholle Erde nieder Er fühlte ein tiefes Mitleid mit der Frau
die ihm einst das Leben gegeben hatte er hätte sie neben sich haben sie
lächeln sehen und ihr alle die Leiden die sie gelitten in Freuden verwandeln
durch Glück vergelten mögen
    Arme arme Mutter rief er unwillkürlich  und wie das Wort das er seit
langen Jahren nicht mehr ausgesprochen sein Ohr berührte fühlte er was das
Leben ihm und ihr versagt hatte und ein paar große schwere Tropfen fielen aus
seinen dunklen Augen auf den Boden nieder Es war das einzige Liebesopfer das
er der Mutter darzubringen vermochte
    Als er aufblickte stand der alte Bauer vor ihm der seine Kinder dem
scheidenden Steinert anempfohlen hatte Er war dem fremden Offizier aus der
Ferne gefolgt und hatte ihn schweigend beobachtet Paul in seine Gedanken
versunken wollte an dem Alten vorübergehen aber dieser der nicht wusste wohin
er mit der eigenen ihm ungewohnten Rührung sollte hielt ihn zurück
    Die Pferde sind darüber weggegangen und über manches Christen Grab werden
sie noch fortgehen dass man seine Spur nicht findet sagte er mit jener
Feierlichkeit die allen denen eigen ist welche den Ausdruck für ihre Gefühle
einzig aus der Bibel schöpfen
    Paul blieb stehen es tat ihm wohl auf ein Zeichen des Mitgefühls zu
stoßen Er erkundigte sich bei dem Alten ob er hier zu Hause sei Als dieser es
bejahte fragte er ob er ihm sagen könne wo man vor Jahren des Jägers Mannert
Tochter hier begraben habe
    Der Bauer besann sich eine Weile dann fing er zu zählen an Hier sprach er
darauf indem er auf einen der schwachen Hügel hinwies hier dieses ists es
war das fünfte Grab hier von der Mauer
    Paul blickte hin es war keine Bezeichnung irgend einer Art daran
erkenntlich Er wollte eine Frage tun unterdrückte sie und konnte dem
Verlangen endlich doch nicht widerstehen Hatte das Grab denn kein Kreuz fragte
er weil es ihn zu wissen gelüstete ob sein Vater der Mutter wenigstens diesen
letzten Liebesdienst geleistet habe
    Ein Kreuz wiederholte der Bauer offenbar verwundert sie hat sich ja ins
Wasser gestürzt Ein Kreuz konnte sie nicht bekommen und eine Tafel  wer hätte
ihr die setzen lassen sollen  Sie hatte nicht Vater nicht Mutter nicht
Bruder nicht Schwester sie hatte gar keine Freundschaft hier zu Lande und der
gnädige Herr  der Bauer zuckte sich unterbrechend die Schultern  damals
freilich stand es noch sehr gut mit ihm Aber als die Pauline sich ins Wasser
stürzte reiste er gerade zu seiner ersten Hochzeit ab und hernach wie sie im
Garten aufgefischt wurde waren die Eltern der gnädigen Frau die Herrschaften
von Berka just im Schloss Es wird nun an die zweiundzwanzig Jahre her sein
Da hatte man nur zu tun dass die nichts davon erfuhren und dass der Leichnam im
Stillen unter die Erde kam Wem ging sie auch was an 
    Arme Mutter arme arme Mutter rief Paul in seinem Innern und noch einmal
drängten die Tränen sich in seine Augen Sich leise niederbeugend legte er
ohne zu wissen weshalb ers tat die Hand auf das junge grüne Gras das über
seiner Mutter Asche neu emporwuchs Dann wendete er sich ab Er hatte Abschied
genommen von der Toten nun konnte er gehen Der Bauer sah ihm verwundert zu
Er hatte so etwas noch nicht erlebt aber man konnte jetzt vielerlei geschehen
sehen was vorher nicht dagewesen war Mit Einem Male wie er so neben dem
Offizier her ging schien ihm ein Gedanke zu kommen Er sah zu ihm empor und
wollte eine Frage tun aber gerade in dem Augenblicke richtete auch Paul sein
Auge noch einmal auf seinen Begleiter und es war in dem festen strengen Blicke
etwas das die unerbetene Frage laut zu werden hinderte etwas dem der Alte von
früher Jugend auf gehorsamt hatte
    Er zog den Hut ab und blieb voll Überraschung stehen Der Offizier grüßte
ihn und ging mit einem Dankesworte von dannen
    Sein ganzer Gang sagte kopfschüttelnd der Alte dem plötzlich die Bedeutung
seines Erlebnisses klar zu werden anfing Sein ganzes Gesicht setzte er hinzu
da Paul nachdem er zu Pferde gestiegen war das Haupt noch einmal rückwärts
wendete sein ganzes Gesicht
    Paul hatte gerades Weges nach Hause reiten wollen aber das eingesunkene
verlassene Grab seiner Mutter hatte ihm das Herz erschüttert Er meinte sich
ihrer plötzlich auf das deutlichste zu erinnern er meinte sie vor sich zu
sehen wie sie an dem letzten Abende ihres Lebens neben ihm gestanden Er
glaubte den Ton der Stimme zu vernehmen mit welcher sie zu ihm gesprochen
hatte und das Verlangen das fast jedem Menschen inne wohnt das Verlangen
sich mit seinen Anfängen im Zusammenhange zu erhalten ward in ihm so mächtig
dass er sein Pferd zur Rechten lenkte und die Straße einschlug auf welcher die
große Rotenfelder Kirche ihm als Wegweiser diente
    Er kannte nicht Weg nicht Steg Das Dorf war ihm fremd fremd auch die
Menschen die es bewohnten und fremd war er Allen die hier lebten Hier und da
standen ein paar Leute vor den Türen und sahen zu dem Vorüberreitenden empor
Sie mochten seine Mutter wohl gekannt haben von ihm wussten sie nichts An einem
Fenster nähte ein junges Weib So hatte seine Mutter wohl auch am Fenster
gesessen und auf den Weg hinausgesehen auf dem der Freiherr zu ihr zu kommen
pflegte Vor den Türen spielten Kinder Hatte er auch einst so gespielt und wo
waren sie geblieben seine Spielgenossen Wer waren sie gewesen Er wusste sich
keines solchen zu erinnern
    Die Häuser sahen zum Teil verfallen aus auch die Leute schienen ihm
armselig und verkommen wenn er sie mit dem frischen kräftigen Landvolke
verglich das er in Amerika durch lange Jahre vor sich gesehen hatte nur die
Kirche ragte stolz empor Er wusste dass sie bereits zum zweiten Male als
Lazaret benutzt ward und er dachte dass sie auf diese Weise doch einem
anderen einem allgemeineren Zwecke diene als der unfruchtbaren
Selbstbefriedigung zu welcher man sie einst errichtet hatte
    Er kannte durch Seba und durch Herbert die Familiengeschichte des Freiherrn
von Arten durch Steinert und durch die Geschäfte des Fliesschen Hauses die
verwickelten Verhältnisse in denen derselbe sich befand Er hätte Hand anlegen
helfen mögen dass so großer so schöner Besitz nicht zu Grunde gerichtet dass
durch Fleiß und Vorsorge Wohlstand und Gedeihen geschaffen würde wo törichte
Verschwendung wo Unkenntnis und Sorglosigkeit den Untergang heraufbeschworen
Er begriff sich selber nicht so schnell wechselten die Empfindungen und
Gedanken in ihm ab Er schalt sich über die Rührung die ihn unwillkürlich
überfiel er tadelte sich dass er sich der Vorstellung nicht entschlagen konnte
was er an dieser Stelle schaffen und leisten würde Er hatte gewähnt mit allen
Gedanken an seinen Ursprung fertig zu sein er hatte sich oft mit stolzer
Zufriedenheit gesagt wie es ein Glück für ihn gewesen sei dass er losgerissen
worden von dem trägen Stamme des Artenschen Geschlechtes dass er sie nicht
eingezogen die Vorurteile dieser alten Welt und doch fühlte er heute den
ganzen schmerzlichen Zorn in sich lebendig werden der einst aus den Worten
seiner Mutter in ihn übergegangen war als sie mit ihm zum ersten und letzten
Male vor dem Schloss seines Vaters gestanden hatte doch brannte heute die
herbe schmerzliche Leidenschaft wieder in ihm auf die er einst empfunden als
seines Vaters Blick sich kalt und lieblos von ihm abgewendet jene zornige
Leidenschaft die ihn in die Welt hinausgetrieben hatte Wer hatte dem Freiherrn
das Recht gegeben seine Mutter zu verlassen Wer hatte ihm das Recht gegeben
seinen erstgeborenen Sohn von sich zu stoßen und ihn seines Namens seiner
Heimat seines Erbes zu berauben
    Torheit Torheit rief Paul sich selber zu als er diese Fragen auf
welche die ganze wirkliche Welt und sein Wissen von ihr ihm die Antwort gaben
wie Gebilde eines wachen Traumes in sich aufsteigen fühlte Er wollte nicht
weiter vorwärts er sagte sich dass er nichts zu suchen habe auf diesem Grund
und Boden und nichts mehr gemein mit dem Geschlechte dem derselbe angehörte
Freiwillig hatte er sich einst von allem Zusammenhange mit dem Manne der vor
den Leuten nicht sein Vater sein mögen losgerissen und er dachte nicht im
entferntesten daran die möglichen Beziehungen jetzt zu erneuen Aber es war
als sei ein Dämon aus dem Grabe seiner Mutter aufgestiegen als habe ein Zauber
ihm den festen Sinn verwirrt Er konnte es nicht lassen  er musste es
wiedersehen einmal musste er es wiedersehen das Schloss von Richten und den
weiten Park der es umgab
    Der Weg war nicht schwer zu finden der Freundschaftstempel auf der
Margaretenhöhe zeigte ihn deutlich an Ein Knabe der dem stattlichen
LandwehrOffizier mit staunendem Blicke nachsah war schnell herbeigewinkt das
Pferd zu halten als Paul am Parke abstieg Die breite HauptAllee tat sich
einladend vor ihm auf
    Die Sonne war schon im Sinken wie an dem Abende da er diesen Park zum
ersten Male betreten hatte Die Gehege welche ihn an dieser Seite einst umgeben
hatten waren zum Teil noch vorhanden indes die bunt gefleckten Hirsche mit
den herrlichen Geweihen die zierlichen Rehe mit ihren klugen Augen guckten
nicht mehr aus den Drahtgittern hervor Das Unterholz war stark zugewachsen man
sah selbst durch die unbelaubten Zweige nicht weit hinein
    Der Himmel war klar aber seine Farben waren wie im Herbst kalt und
herbstlich raschelte auch das im vorigen Jahre liegen gebliebene welke Laub am
Boden in dem wenig gepflegten Parke Es war Alles still in der Natur nur hier
und da wenn der aufsteigende Abendwind sie bewegte knackte es leise in den
Wipfeln der Bäume um die das letzte Glühen der Sonne seine spielenden Flammen
leuchten ließ Gerade so war es gewesen als er mit der Mutter einst diesen Weg
gekommen war Mit raschen Schritten ging er vorwärts Ihm klopfte das Herz er
wollte mit sich fertig werden es abgetan haben Er hatte keine Erinnerung
gehabt an die Gegend an die Ortschaften welche er an diesem Nachmittage
durchritten hier kannte er jeden Schritt und wie aus einem Zauberspiegel
tauchten die alten Bilder aus seiner frühesten Jugend vor ihm auf
    Wie an jenem Abende ganz wie an jenem Abende so lag es vor ihm auf der
Terrasse die sich über dem Fluße erhob das stolze Herrenschloss der Freiherren
von ArtenRichten Die untergehende Sonne funkelte in seinen hohen Fenstern dass
sie golden erglänzten als feiere man hinter ihnen ein fröhliches Fest die
Schornsteine stiegen vom Abendrote angestrahlt hoch in die Höhe nur unten
auf dem Fluße dunkelte es schon und des Nebels graue Wellen fingen an sich
über dem Wasser zu kräuseln wie an jenem Abende
    Wie an jenem Abende Er meinte sie noch zu fühlen die Hand welche ihn
damals so fest gehalten dass es ihn geschmerzt hatte er meinte sie noch zu
hören die Stimme seiner Mutter die so streng und rau geklungen an jenem
Abende dass er sich vor ihr gefürchtet
    »Das ist Schloss Richten« hatte sie gesagt »das gehört dem Freiherrn von
Arten dem Onkel Baron und der Onkel Baron ist Dein Vater«  Er hatte Mühe
sich selber die Worte nicht nachzusprechen wie einst seiner Mutter Wie damals
zählte er die Fenster wie damals zählte er die Schornsteine Er wunderte sich
fast dass er kein Kind mehr sei aber es hätte ihn nicht gewundert hätte seine
Mutter plötzlich wieder an seiner Seite gestanden wäre aus dem Abendscheine
wie damals ein Mann hervorgetreten
    Er hielt in seinen Gedanken inne er traute seinen Augen nicht Was das auch
nur ein Gebilde seiner aufgeregten Phantasie oder wer war es der da drüben
gebeugten Hauptes in einen weiten Mantel eingehüllt langsam am Ufer herabkam
und plötzlich nicht ferne von ihm stehen blieb
    Er ging nach jener Seite hin auch die Gestalt bewegte sich vorwärts Nur
wenige Augenblicke und sie standen einander gegenüber Paul trat sprachlos
zurück Es war kein Zweifel möglich es war der Freiherr Aber die Veränderung
in seines Vaters Zügen und Erscheinung presste Paul das Herz zusammen Er hätte
alles Andere vergessend das einst so stolze Haupt wieder aufgerichtet den
müden schweren Schritt des Greises wieder so rasch und fest wie früher sehen
mögen Er hatte eben erst im Geiste den Jammer seiner jung gestorbenen Mutter
durchlebt jetzt erfasste ihn der Schmerz um seines Vaters Alter Er kam sich so
glücklich so mächtig vor in dem Vollgefühle seiner Kraft im Hinblicke auf
seinen emporsteigenden Lebensweg dass er ein Erbarmen fühlte mit der
Hinfälligkeit des Menschen und mit aller seiner Schwachheit als ob er selber
ihnen niemals unterworfen sein würde Nichts als Mitleid nichts als liebevolles
Rückerinnern als das Verlangen diesen müden Mann zu stützen war in des Sohnes
Herzen rege als der Freiherr ihn mit dem gebietenden Tone anrief der ihm auch
jetzt noch eigen war
    Wer sind Sie herrschte er
    Es wallte heiß auf in des Sohnes Brust als er diese Stimme nach so langen
langen Jahren wieder an sein Ohr schlagen hörte Es drängte ihn sich zu nennen
es kostete ihn Überwindung nicht zu sagen Müder Vater ich bin Dein Sohn und
ich bin jung und glücklich  Aber er fürchtete den Greis zu erschrecken und
sich zusammennehmend sagte er Ich bin wie Sie es sehen ein Landwehrmann der
zu des Königs Heere zieht
    Von woher kommen Sie erkundigte sich der Freiherr der sich wie die Fürsten
und Vornehmen die Freiheit des Fragens zuerkannte und doppelt wenn er wie in
diesem Falle dazu berechtigt war
    Ich bin mit der russischen Armee ins Land gekommen entgegnete Paul
zufrieden den Freiherrn im Gespräche festzuhalten
    Aber Sie sind kein Russe
    Nein
    Was führte Sie in diese Gegend
    Der Auftrag die hiesigen Freiwilligen zu versammeln und einzuüben und 
Er zauderte und schwieg
    Und fragte der Freiherr dem ein Etwas in des stattlichen Fremden Wesen
wunderbar und doch vertraut entgegentrat dass er sein Auge nicht von des Mannes
schönem Antlitze abziehen konnte Und 
    Da hielt sich Paul nicht länger Die ihn selber überraschende Zuneigung zu
dem greisen Freiherrn der Wunsch es dazutun was er aus eigener Kraft aus
sich gemacht auch ohne dass seines Vaters Namen und Hilfe ihm zu Teil geworden
waren das Verlangen als ein Rächer seiner Mutter Andenken in dem Freiherrn zu
erwecken das alles stürmte in raschem Wechsel auf ihn ein und die mächtigen
Augen auf den Freiherrn gerichtet sagte er mit festem und doch schmerzlichem
Tone Ich wollte die Stelle wiedersehen an welcher meine Mutter mir meines
Vaters Haus gezeigt hat ehe sie in den Wellen dieses Flusses Ruhe für sich
suchte
    Der Freiherr trat einen Schritt zurück Seine Augenlider hoben sich rasch
empor er schaute dem Sprechenden mit starrem Blicke ins Antlitz Ich selber
ich selber rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand
    Sie blieben schweigend vor einander stehen Was der Freiherr sich oft
gesagt was er nie bitterer empfunden hatte als an dem Tage an welchem
Vittorias Verrat ihm plötzlich klar geworden war das brannte in diesem
Augenblicke als ein verzehrender Schmerz in seinem Innern Nur Ein Weib hatte
ihn treu hatte ihn allein und ausschließlich geliebt  die Niedriggeborene der
er nicht seinen Rang nicht seinen Namen gegeben wie der Tochter der Grafen
Berka wie der Tochter des Hauses Giustiniani Nur Ein Weib nur Pauline hatte
nicht zu leben vermocht ohne ihn und seine Liebe und er hatte weil sie nicht
seines Standes gewesen war sich berechtigt gehalten sie von sich zu weisen
als er dies für seine Zwecke nötig gefunden und er hatte sie in den Tod
getrieben Sie allein hatte sein Wesen so in sich aufgenommen dass es ihm jetzt
von ihrem treuen Schoss geboren wie sein eigenes Bild entgegentrat wie sein
eigener Schatten vor dem er zitterte weil dieser Doppelgänger seiner eigenen
Jugend sich stolz und selbständig wider ihn erhob 
    Er konnte nicht fassen was er eben jetzt erlebte er konnte seine Gedanken
nicht ordnen nicht sammeln Er war also nicht tot der Todtgeglaubte dessen
plötzliches Erscheinen einst Angelika den Tod gegeben hatte der jetzt auch ihm
selber er fühlte es den kalten Stachel in das ohnehin so müde Herz drückte Wo
war er gewesen Wo kam er her eben jetzt Eben jetzt da der Freiherr sich
niedergebeugt fühlte von der Schmach welche Vittoria ihm angetan da er sich
gedemütigt fühlte bis ins Tiefste seiner Seele weil er seines Hauses Namen
auch dem Sohne Vittorias einem Bastard hinterlassen musste wenn er seine
eigene Schande nicht verkünden wollte  seines Hauses alten Namen
    Und hier stand er vor ihm der Ausgestossene sein Bastardsohn  in jedem
Zuge sein Fleisch und Blut  in jedem Blicke und Tone sein eigener Sohn für ihn
verloren sollte er nicht sein ganzes Leben eine Lüge strafen für ihn verloren
auf immerdar sollte er nicht was er stets gemieden hatte die Welt
geflissentlich zum Mitwisser und zum Richter seines Tuns und Lassens machen
    Die Vorstellungen lösten wie vorhin in seines Sohnes Geiste einander mit
Blitzschnelle in ihm ab Nur Eines blieb unwandelbar er fürchtete den
Heimgekehrten Und in seines Alters Kraftlosigkeit dieser deutlichsten
Empfindung die Herrschaft über sich lassend machte er eine abwehrende Bewegung
gegen den regungslos ihm gegenüber Stehenden
    Sie wirkte wie ein Schlag auf Paul sie erkältete ihm die Seele Er wollte
nicht von hinnen Seine Brauen zogen sich finster zusammen
    Der Freiherr kannte diese Miene Es war Paulinens dunkler Blick er übte
auch jetzt auch aus ihres Sohnes Auge den alten bannenden Zauber über ihn aus
Er meinte Pauline vor sich zu sehen eben emporgestiegen aus dem wallenden
Nebel dieses dunkeln Wassers Er konnte sie kaum noch auseinander halten sein
eigenes Dasein und dieses Mannes Erscheinung und Paulinens schattenhaftes Bild
Es war wie ein Spuk der ihn umgab dem er sich mit Gewalt zu entziehen suchen
musste sollte er an ihm nicht augenblicks zu Grunde gehen
    Was willst Du von mir rief er sprich was willst Du
    Nichts entgegnete Paul und richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe
empor dass er die gebeugte Gestalt seines Vaters fast um eines Hauptes Höhe
überragte
    So verlass mich sprach der Freiherr seiner angstvollen Beklemmung folgend
und wie vor dem eigenen grausamen Worte erschrocken schauderte er zusammen und
wendete sich den Mantel fest um seine Schultern schlagend von dem Sohne ab
mit schwankendem Schritt den Rückweg nehmend
    Paul blieb wie angewurzelt stehen  Sie war verschwunden die aufwallende
Kindesliebe nur eine erbarmende Sorge um den Greis regte sich noch in ihm Er
sah ihm achtsam und unverwandten Blickes nach bis die Hecke auf der Terrasse
und die Dämmerung den Freiherrn seinem Auge entzogen bis er ihn unter dem
Schutze seines Hauses in der Nähe seiner Leute wusste Er liebte er hasste den
Vater nicht er bemitleidete ihn Tief aufatmend in sich gefasster als je
zuvor und um eine Erfahrung und um welche reicher ging er von dem Fluße
fort
    Am Rande des Waldes wendete er sich um Nur die Umrisse des mächtigen Baues
waren noch zu erkennen Das Schloss sah wie ein riesiges Grabmal aus es machte
ihm einen melancholischen Eindruck Er hatte einst die glücklichen Kinder
beneidet die hinter den goldenen Fenstern dieses Schlosses spielen würden
Heute beneidete er die Besitzer dieses Schlosses nicht mehr heute fühlte er
kein Verlangen mehr sein Loos gegen das des jungen Freiherrn zu vertauschen
    Ihr Stern war im Sinken der seine stieg empor und er hatte sie nicht mit
sich fortzutragen durch das Leben die Herz und Sinn verengenden
Überlieferungen die hemmenden und herabziehenden Vorurteile dieses Hauses er
konnte frei und ungehindert seiner Einsicht seiner Überzeugung und seinem
Bedürfen folgen Er freute sich dass keine Verpflichtung irgend einer Art ihn an
die Vergangenheit knüpfte sein Alleinstehen dünkte ihn ein Glück Und seinem
Pferde die Sporen gebend ritt er mit dem Rufe Vorwärts in das nächtliche
Dunkel hinein das ihn umgab  sicher seinen Weg zu finden und seines Zieles
nicht zu fehlen
 
                                Sechstes Kapitel
In heftiger Erregung kehrte der Freiherr in das Schloss zurück und kaum in
seinem Zimmer angelangt sank er in völliger Erschöpfung auf sein Lager nieder
Der Kammerdiener den des Herrn kurzer Atem und sein starrer Blick
erschreckten wollte ihm Hilfe leisten die Baronin rufen den Kaplan
herbeiholen lassen aber der Freiherr verwehrte es ihm
    Er blieb auch nur kurze Zeit auf seinem Bette liegen dann erhob er sich
und ging wie er es in heftigen Gemütsbewegungen stets zu tun pflegte in
seinen Zimmern auf und nieder Er wies jede Erfrischung die sein Diener ihm
aufzunötigen versuchte schweigend von sich und es war bereits über
Mitternacht hinaus als er sich plötzlich an seinen Schreibtisch niedersetzte
und dem Diener befahl neue Kerzen hinzustellen und sich dann zur Ruhe zu
begeben
    Am Morgen fand der Diener die Kerzen tief herabgebrannt und den Freiherrn in
seinen Kleidern auf dem Ruhebette in seinem Arbeitszimmer eingeschlafen Das
war so lange der Diener ihn kannte nie geschehen und er hatte doch schon vor
der ersten Verheiratung des Freiherrn seine Stelle angetreten und viel mit
seinem Herrn durchgelebt Was konnte vorgegangen sein das den Herrn bewogen
hatte von seinen strengen regelmäßigen Gewohnheiten abzuweichen
    Es war kein Fremder im Schloss gewesen kein Brief angekommen der Freiherr
hatte auch die Baronin nicht gesprochen Der Diener ging in den Zimmern des
Freiherrn suchend umher es war nichts aufzufinden was ihn auf irgend eine Spur
hinweisen konnte nur im Kamine lagen die noch unzerstäubten Überbleibsel
verbrannter Papiere auf den erloschenen Kohlen Da der Diener sich niederbückte
sie aufzunehmen zerfielen sie in Asche
    Als der Freiherr erwachte ließ er sich ankleiden und sein Frühstück
bringen aber obschon es ein heller schöner Tag war ging er nicht aus Stunden
lang stand er am Fenster und sah in den Park hinunter dann wieder saß er
schreibend an seinem Arbeitstische und ein paar Mal bemerkte der Diener dass er
das Geschriebene zerriss und die Stücke wieder in das Feuer warf Bisweilen nahm
er ein Buch zur Hand aber er legte es stets nach wenigen Augenblicken wieder
von sich Er konnte seine Gedanken nicht von sich selber nicht von der
Erinnerung an Paul abziehen Er konnte sich der Vorstellung nicht entschlagen
dass Paul dazu ausersehen sei als ein Rächer seiner Mutter auch für ihn wie
einst für die Baronin Angelika der Todesbote zu sein und die Schwermut
welche ihn nach dem Selbstmorde seiner Geliebten befallen hatte ward jetzt in
verstärktem Grade abermals über ihn Meister Er meinte ihn immer noch vor sich
zu sehen den Doppelgänger der ihm sein eigenes und doch so gewandeltes Bild
vor Augen gestellt hatte und weit davon entfernt sich zu dem ihm so ähnlichen
Sohne hingezogen zu fühlen hegte er einen bitteren Groll ja einen hassenden
Widerwillen gegen ihn Er konnte es nicht verschmerzen dass er nicht mehr die
männliche Schönheit und die Jugend besaß deren jener sich erfreute er meinte
seines sinkenden Lebens seiner geschwundenen Kraft sich erst jetzt bewusst zu
werden da sein Sohn ihm vorgehalten hatte was er einst gewesen war Und in den
bitteren Schmerz um seine eigene Vergänglichkeit mischte sich die düstere Sorge
um das Fortbestehen seines Hauses dem er Pauline hingeopfert hatte Das
Geschlecht derer von ArtenRichten stand wenn er einst starb und sein Tod war
ihm wie er sich überzeugt hielt nahe nur noch auf zwei Augen nur noch auf
Renatus über dessen Leben jetzt in jeder Stunde die Todeswürfel fallen konnten
    Es war ein furchtbarer Kampf den der Greis in diesen Tagen in sich
durchzuringen hatte denn er vermochte nicht darüber mit sich einig zu werden
ob er verpflichtet sei dem Fortbestehen seines Geschlechtes Alles selbst seine
beleidigte Ehre und sein empörtes Gefühl zum Opfer zu bringen oder ob er sich
selber genugtuend die Aufrechterhaltung seines Namens dem Zufalle überlassen
dürfe
    Er hatte Stunden in denen er Vittoria und Valerio von sich stoßen Renatus
Alles enthüllen ihn zurückberufen und ihn schnell zu einer Ehe überreden
wollte um sich durch ihn eine Nachkommenschaft zu sichern andere Stunden in
welchen der Gedanke Paul anzuerkennen falls Renatus in dem Kriege umkommen
oder ohne Kinder sterben sollte ihm nahe trat aber wenn er eine dieser
Absichten zu Papier gebracht hatte flößte das Niedergeschriebene ihm beim
Durchlesen ein Erschrecken ein und weder zu dem einen noch zu dem andern
Schritte vermochte sein Stolz sich zu entschließen
    Er konnte sich nicht überwinden durch die Verstossung Vittorias und durch
die gerichtliche und damit öffentliche Verläugnung ihres Sohnes der Welt das
Eingeständnis des Irrtums zu machen den er begangen als er im letzten
Mannesalter das junge Mädchen zu seiner Gattin erwählt hatte und eben so wenig
konnte sein Adelsstolz sich an die Vorstellung gewöhnen dass Paul der Sohn
einer Hörigen einst dazu berufen sein solle den Namen derer von Arten
fortzupflanzen dass das Blut einer Magd wie teuer sie dem Freiherrn auch
gewesen war in den Adern eines Mannes mit dem Namen derer von Arten fließen
könne die auf die Reinheit ihres Geschlechtes und auf die Bedeutung aller ihrer
geschlossenen Verbindungen von jeher den höchsten Wert gelegt hatten Pauls
Anerkennung einzuleiten so lange Renatus noch am Leben war daran dachte der
Freiherr natürlich nicht aber wer konnte es ihm zusichern dass er selbst noch
leben und im Stande sein würde Verfügungen zu treffen wenn in den nächsten
Monaten einmal die Nachricht von Renatus Tode nach Richten anlangte Und wie
war es in diesem letzteren Falle zu verhindern dass das von Artensche Erbe an
Valerio an den Sohn der Ehebrecherin fiel Wie war es zu machen dass sein Blut
sein Name nicht untergingen  Tage und Tage verstrichen und seine Qualen
minderten sich nicht
    Rastlos wie ein irrer Geist wandelte der Freiherr in seinen Gemächern umher
angstvoll den Ereignissen des Krieges folgend immer bange vor der Möglichkeit
den Tod seines Sohnes und Erben zu erfahren und doch ohne die eigentliche
Vaterliebe für diesen Sohn auf dessen Erhaltung seine teuersten Hoffnungen
gerichtet waren und ohne alle freudige Teilnahme an den beginnenden Erfolgen
und Siegen des Volkes in dessen Mitte und für dessen Befreiung die beiden Erben
seines Blutes ihr Leben in die Schanze schlugen
    Mit jedem Fortschritte den die Waffen der Verbündeten erfochten mit der
aufjauchzenden Freude des Landes und des Volkes über die ersten Siege derselben
wuchs die innere Vereinsamung des Greises Er hatte nichts gemein mit den
Gefühlen der Verbrüderung und der Erkenntnis der menschlichen Gleichheit welche
die Zeit der Not in dem Volke begründet und die Gemeinsamkeit des Kampfes und
der Gefahr in den Herzen der Edelsten wenigstens für diesen Augenblick
festgestellt hatten Er gehörte nicht zu denen welche die Neuerungen gut
hießen die der König und seine Regierung vor dem Ausbruche des Krieges
unternommen hatten und deren Ausdehnung und Entwicklung verheißen worden und
nach erfolgtem Siege erwartet wurden Wie auch die Würfel des Krieges fallen
mochten er sah kein Heil in der Zukunft und doch hing er am Leben doch wollte
er mit seinem Willen bestimmend in die Zukunft hinüberreichen
    Es war schon im Beginne des Sommers und die Spuren des furchtbaren
französischen Rückzuges aus Russland fingen in den preußischen Ostprovinzen sich
zu vermindern an als man in Rotenfeld endlich daran denken konnte die Kirche
welche durch viele Monate zum Hospitale gedient hatte zu reinigen und dem
Gottesdienste wiederzugeben Aber als die letzten Kranken sie verlassen hatten
wurde man erst recht gewahr wie schwer sie gelitten hatte und dass man einer für
die gegenwärtigen Verhältnisse nicht unbedeutenden Summe bedürfen würde sie nur
einigermaßen herzustellen Es konnte nicht die Rede davon sein die
Silbergerätschaften zu erneuern welche von den ersten durchziehenden Franzosen
mitgenommen worden waren oder den schönen Beichtstuhl und die kunstreich
geschnitzte Kanzel herstellen zu lassen welche die durchmarschirenden Hessen
zerschlagen und zur Feuerung benutzt hatten Nur die Tünchung der Wände nur die
Ausbesserung des Fussbodens wünschte der Kaplan denn es hatten als die Armee
nach Russland gegangen war durch viele Tage die Pferde in dem Gotteshaufe
gestanden so dass der Boden zerstampft und überall wo man die Krippen
angebracht hatte die Löcher von den eingeschlagenen Eisen in den Wänden und an
den Pfeilern sichtbar waren
    Der Kaplan war lange nicht im Schloss gewesen aber es war ihm nicht
verborgen geblieben was dort geschehen Die Bekenntnisse Vittorias hatten ihm
Alles enthüllt Er hatte vergebens danach gestrebt den Freiherrn persönlich zu
sprechen um ihm die Hilfe zu leisten welche ihm bieten zu können er sich fähig
glaubte Der Freiherr hatte seine Besorgnis vor der Übertragung des
Lazaretfiebers zum Vorwande benutzt den Besuch des Kaplans abzulehnen und als
dieser es bei Anlass der KirchenReparatur unternommen sich dem alten
Lebensgenossen schriftlich zu nähern um ihm der sich sonst gern mündlich und
brieflich mitzuteilen und auszusprechen geliebt hatte eine Befreiung auf
solchem Wege darzubieten hatte derselbe sich nur an den geschäftlichen Teil
des Briefes gehalten und die Fragen um sein Befinden und Ergehen völlig ohne
Erwiderung gelassen
    In schwerer Bekümmernis um den Freund und um das Schicksal des Geschlechtes
an das er sein eigenes Schicksal geknüpft hatte verließ der Kaplan an einem
heißen Sommerabende sein Haus Er wollte sich überzeugen wie weit die Arbeiter
an dem Tage in der Kirche mit ihrem Werke vorgeschritten wären Die Sonne war
schon im Sinken der Himmel hing voll Wolken und ihre Schwere erhöhte für die
Phantasie den Druck den die Schwüle der Luft auf alles was lebte und atmete
ausübte Kein Vogel sang kein Grashalm und kein Blatt bewegten sich
    Langsamen Schrittes war er über den Kirchhof gegangen hatte in der noch
offenstehenden Kirche die Arbeiten in Augenschein genommen und trat eben wieder
ins Freie hinaus um nachzusehen wie die weißen Rosenstöcke gediehen die er
nach Säuberung der Gruft aufs Neue mit eigenen Händen vor derselben angepflanzt
hatte Vorsorglich die Stämme untersuchend nahm er von ihnen die Raupen und die
Käfer ab welche sich um die Stengel und zwischen den Blättern eingenistet
hatten und es war eine wehmütige Freude mit der er diese Rosen die er aus
Ablegern der hier zuerst gesetzten Stöcke in seinem Garten groß gezogen hatte
nun wieder vor der Grabstätte der ihm vorangegangenen geliebten Menschen Knospen
tragen und erblühen sah
    Das ewige Werden sagte er zu sich selbst und bückte sich um nachzufühlen
ob das Erdreich nicht zu trocken sei Da er sich aufrichtete und sich umsah ob
er nicht Jemanden herbeiwinken könne der ihm Wasser holen gehe stand der
Freiherr vor ihm Der Kaplan war auf das äußerste betroffen Der Freiherr hatte
von Jugend auf den Gedanken an den Tod gescheut den Besuch der Kirchhöfe
gemieden und seit der Beisetzung der Baronin Angelika die Familiengruft nie mehr
besucht
    Sie hier gnädiger Herr rief er und seine Freude den alten Lebensgenossen
wiederzusehen war eben so lebhaft als sein Erschrecken über den
außerordentlichen Verfall den er an seinem Freunde wahrnahm Was führt Sie
hieher verehrter Freund rief er noch einmal und obenein in dieser heißen
Schwüle die Ihrem Befinden gewiss nicht heilsam ist
    Der Freiherr lächelte aber es war nicht mehr der frühere gewinnende
Ausdruck in diesem Lächeln Seine Abspannung und seine Gebrochenheit sprachen
aus jedem Zuge und aus jeder seiner Mienen
    Eben die heiße Schwüle entgegnete der Freiherr und eben mein Befinden das
viel zu wünschen übrig lässt Ich schlafe schlecht fühle mich niedergeschlagen
und das heutige Wetter lastet wie Blei auf mir So wollte ich versuchen mir mit
einem weiteren Gange als ich ihn in den letzten Monaten unternommen habe über
die Abspannung fortzuhelfen und mir Schlaf zu schaffen für die Nacht Unterwegs
kam mir der Gedanke meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen Wir
haben uns lange nicht gesehen
    Sehr lange nicht entgegnete der Geistliche und seine Sorge um den
Freiherrn wuchs da er den gebrochenen Ton seiner Stimme vernahm
    Sie haben viel durchgemacht viel durchgemacht nahm der Freiherr wieder das
Wort und hielt unentschlossen ob er weiter sprechen solle inne bis er mit
einem Ausdrucke tiefer Schwermut hinzufügte Aber auch an mir wenngleich ich
Ihre Gefahren und Arbeiten nicht teilte sind diese Zeiten nicht spurlos
vorübergegangen Er seufzte dabei und schritt sich abwendend dem
Familienbegräbniss zu Die Türe der Gruft war geöffnet als er hineingehen
wollte hielt der Kaplan ihn davon zurück
    Es ist kalt in der Gruft warnte er Sie sind vom Gehen warm und es ist
alles in dem Gewölbe wie es vorher gewesen ist
    Die Särge sind also wenigstens nicht angetastet worden fragte der Freiherr
    Ganz und gar nicht nur die Vorhalle war stark mitgenommen Die Ruhe unserer
Toten wurde nicht gestört
    Der Freiherr antwortete nicht Der Gruft gegenüber lag ein starker
gefällter Baumstamm an der Erde der hier auf dem Kirchhofe zu neuen Latten für
die Umzäunung zerschnitten werden sollte Auf diesen Baumstamm ließ der Freiherr
sich nieder und den Stock in seinen Händen das Haupt auf die Hände gesenkt
blickte er lange schweigend nach der Gruft
    Niemand hatte es erlebt dass er sich in solcher Weise auf offener Straße
seinem Empfinden überließ und vielerfahren wie der Geistliche es war konnte
er sich doch des tiefsten Mitleidens mit dem Freiherrn nicht erwehren Er trat
an ihn heran und forderte ihn auf sich zu erheben und den Schatten aufzusuchen
da die Wolken sich zerteilten und die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen in
voller Kraft über das Erdreich ausbreitete
    Aber der Freiherr verweigerte es Lassen Sie mich hier verweilen sagte er
Die Sonne ist mir erfreulich und es tut mir wohl zu denken dass selbst solche
Kriege wie sie über uns hinweggegangen sind die Ruhe der Toten nicht gestört
haben So weiß man doch wo man Ruhe für sich zu erhoffen hat  und es will mich
oft bedünken als würde ich sie bald hier suchen kommen Denn wenn die
Todtgeglaubten wiederkehren müssen die Lebenden von dannen gehen fügte er
hinzu
    Sie haben Paul gesehen rief der Kaplan
    Der Freiherr neigte schweigend das Haupt Was wissen Sie von ihm fragte er
darauf
    Der Kaplan sagte dass er durch Renatus die erste Kunde von dem so lange
verschollen Gewesenen erhalten habe Da Paul aber seinen Namen gewechselt und
sich geflissentlich von dem freiherrlichen Hause fern gehalten habe so habe
auch er es für angemessen gehalten des Wiedergekehrten gegen den Freiherrn
nicht besonders zu erwähnen Jetzt sei in den Dörfern durch den Bauer der Paul
zu dem Grabe seiner Mutter hingeleitet habe die Kunde von seinem Leben und von
seiner Heimkunft als ein Gerücht verbreitet und er habe demselben nicht
widersprochen da ohnehin die Familie Steinert in welcher Paul durch mehrere
Wochen gewohnt habe in das Geheimnis seines Namenswechsels eingeweiht und mit
ihm und seinen Verhältnissen bekannt sei weil Adam Steinert mit dem Hause
Flies dem Tremann angehöre in beständiger Geschäftsverbindung stehe
    Der Freiherr hörte dem Berichte ohne eine unterbrechende Frage zu Dann
sprach er als ob er mit sich selber rede Wie das emporsteigt wie sich das
zusammenfindet die Flies die Steinerts und nun gar Paul Wie die Flut eines
Meeres erhebt er sich um uns dieser Stand der Bürger und man hat die Dämme
freventlich zerstört die uns vor seinem Andrange sicher stellten Er schüttelte
das Haupt und versank in seine Gedanken Nach einer Weile richtete er sich auf
und sagte Ich sehe trübe sehr trübe in die Zukunft unseres Vaterlandes mein
alter Freund und ich werde mich nicht beklagen wenn ich nicht mehr Zeuge der
Entwicklung sein sollte welche dieser Volkskrieg gegen Frankreich vorbereitet
Ich habe ohnehin nichts mehr was mich freut nichts mehr worauf ich
zuversichtlich hoffe Ich bin müde wie Einer der die eigene Zeit zu Grabe
trägt und oftmals möchte ich mich fragen wofür habe ich gelebt  Wer kann es
sagen ob diese weißen Rosen die Sie hier mit stillem Sinne pflanzten mit
stiller Liebe pflegen Ihnen nicht mehr Befriedigung gewähren und länger dauern
als alles was ich zu meines Hauses Ehre plante hoffte und erschuf
    Die Lippen bebten ihm seine Stimme zitterte leise als er diese Worte
sprechend von dem Baumstamme aufstand
    Der Kaplan war nicht weniger niedergeschlagen als sein Freund Der Trost
mit welchem sein gläubiger Sinn und sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht
hielten war für den Freiherrn nicht vorhanden denn er war keine religiöse
Natur und sein Verhältnis zu der Kirche und zu ihren Lehren war immer nur ein
äusserliches gewesen Nur in Stunden höchster Ratlosigkeit hatte er sich ihr und
seinem Beichtiger und Freunde in die Arme geworfen und sein Zustand war in
diesem Augenblicke von der Art dass der Kaplan vor allen Dingen daran denken
musste ihm körperliche Hilfe zu leisten Denn als der Freiherr sich erhoben
hatte schien ein Schwindel ihn zu befallen Er schloss die Augen griff mit der
Hand tastend nach des Freundes Arm und sagte während dieser ihn umschlang um
ihn zu unterstützen Rufen Sie Jemanden herbei ich befinde mich sehr übel
    Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehört Die Feierstunde
war angebrochen die Handwerker hatten ihre Arbeit bereits verlassen die Leute
waren schon vom Felde nach ihren Wohnungen zurückgekehrt Der Kaplan und der
Freiherr waren auf dem Kirchhofe ganz allein und unfähig den
Zusammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten ließ der Kaplan ihn
langsam zur Erde niedergleiten dass er mit dem Rücken gegen das Standbild
lehnte welches einst Anlass zu dem Tode der Kammerjungfer gegeben hatte
    Mein Freund mein teurer Freund rief der Kaplan indem er die Hände des
mühsam Atmenden erfasste und ihm die Halsbinde zu lösen versuchte Aber der
Freiherr antwortete dem Rufe nicht mehr Sein Auge hob sich schwer und suchend
zu der Kirche empor als wolle er sich noch mit dem letzten Blicke an dem
Denkmale halten das er sich und seinem Geschlechte aufgerichtet hatte dann
streifte es an dem Antlitze des alten Freundes hin und senkte sich um sich
nicht wieder zu erheben
    So schnell seine wankenden Füße ihn trugen eilte der Kaplan nach seinem
Hause Beistand herbeizuholen aber alle Mittel die man anzuwenden wusste
erwiesen sich als unfruchtbar Der Freiherr Franz von ArtenRichten hatte zu
leben aufgehört
    Einsam auf grünem Rasen unter freiem Himmel war das stolze müde Herz
gebrochen während das Kreuz auf dem Kirchturme im Golde des Sonnenunterganges
flammte und über der MargaretenHöhe leicht und fröhlich die hellen rosigen
Sommerwölkchen im Lichte schimmernd vorüberzogen
    Auf die Nachricht von dem Unglücksfalle strömten aus allen Häusern die Leute
herbei
    Es hat ihn hieher gezogen sagte eine der Frauen Es hat ihm schon lange
keine Ruhe mehr gelassen meinte eine andere Niemand klagte um ihn
    Schrecken und Neugier das waren die Empfindungen mit denen sie die Leiche
des Gutsherrn umstanden Er war ihnen lange fremd geworden sie hatten nicht
mehr die Liebe zu ihm wie ihre Eltern und Grosseltern sie für die Herrschaft
einst gefühlt hatten Kein Auge weinte über ihn
    Nur von den greisen Wimpern des Kaplans tropften die Tränen nieder als er
das Zeichen des Kreuzes über dem Entseelten machte Einst war er des Jünglings
Führer auf dem Lebenswege gewesen nun hatte er ihn auf seinem letzten Gange zu
geleiten und rückblickend auf das geendete Dasein seines Freundes wie in sein
eigenes Herz betete er Herr gehe nicht ins Gericht mit uns und vergib uns
unsere Schuld
    Der Justitiarius fuhr eilig in das Schloss dort die Todesbotschaft zu
verkünden Es dunkelte schon als man die Leiche des Freiherrn auf einer Bahre
nach Richten trug und leise verhallend riefen die letzten Klänge des Ave Maria
auch dem Gestorbenen ihr »Ruhe in Frieden« nach
 
                               Siebentes Kapitel
Die Bestattung des Freiherrn fand in aller Stille und nur im Beisein der
Edelleute Statt welche sich von den benachbarten Gütern zu derselben
eingestellt hatten Da man in der Mitte des Sommers war hatte man die
Beerdigung nicht hinausschieben dürfen bis man die nächsten Verwandten des
Hauses herbeirufen können und ihre Zahl war auch nicht eben groß
    Es lebte außer Renatus und dem kleinen Valerio jetzt Niemand mehr der den
Namen von ArtenRichten trug Die beiden alten Vettern welche einst der
Grundsteinlegung zur Kirche und der Geburt von Renatus beigewohnt hatten waren
lange tot Auch der Schwiegervater des Freiherrn der Graf von Berka war
gestorben Der jetzige Majoratsherr des gräflichen Hauses stand noch bei dem
Regimente in das er für die Befreiungskriege eingetreten war und Graf Gerhard
mit dem der verstorbene Freiherr wie die Berkasche Familie selbst in einem
wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte befand sich immer noch in des Landes
Hauptstadt von wo man ihn der Entfernung wegen nicht zur Leichenfeier hatte
einladen können
    Niemals war das Schloss dem Kaplan größer und würdiger niemals so einsam
erschienen als an dem Mittage an welchem er von der Beerdigung seines Herrn
und Freundes kommend es vor sich auf der Terrasse liegen sah Er konnte sich
deutlich des Tages erinnern an dem er vor vollen fünfzig Jahren in Richten
eingetroffen war Damals hatte der Freiherr neunzehn Jahre gezählt In ihrer
ganzen Schönheit hatte seine Schwester an des herrlichen Jünglings Seite
gestanden und vor ihnen allen hatte das Leben wie eine lachende Ebene sich in
unendlicher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen für die
kühnsten Hoffnungen für den stolzesten Ehrgeiz Nun waren sie alle dahin die
Eltern des Freiherrn und Fräulein Ester die den jungen Geistlichen damals so
vornehm freundlich willkommen geheißen hatte der Freiherr und seine Schwester
Amanda und die schöne Baronin Angelika Sie alle hatte der Kaplan zu Grabe
geleitet er war der einzig Übrige von dem ganzen damaligen Geschlechte und
was hatte sich verwirklicht und erhalten von dem schönen und zuversichtlichen
Erwarten und Wollen jener Jugendzeit
    Es stand noch da das Schloss aber die Selbsterrlichkeit seiner Bewohner
war nicht mehr die alte Die Zeit hatte sich gewandelt Die Anerkennung der
Menschenrechte welche der Leibeigenschaft notwendig früher oder später überall
ein Ende machen musste hatte ihre Wirkung gegen die Vorrechte des Adels lange
schon geübt Er hatte manche derselben eingebüßt er war in seinem Besitze
angegriffen seiner Reichsunmittelbarkeit wo eine solche vorhanden gewesen war
fast überall beraubt und wie er einerseits hauptsächlich noch durch den Glauben
an sich selbst bestand so musste er sich stärker als zuvor an den Thron zu
lehnen suchen zu dessen vermeintlicher Stütze er sich machte um sich mit jenem
gemeinsam zu erhalten Er musste der Diener der Monarchen werden weil er
aufgehört hatte der Herr seiner eigenen Leute und Untertanen zu sein Die Zeit
seiner Freiheit seiner Herrschaft war vorüber  und es verhielt sich nicht viel
anders mit der Kirche
    In seine ernsten Betrachtungen vertieft betrat der Geistliche die
Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnensaale in welchem die
Leiche des Freiherrn der alten Familiensitte gemäß aufgestellt gewesen war
Die Bilder sahen unter ihren Verzierungen von schwarzem Flor die man in
Trauerzeiten darüber anzubringen gewohnt war schwermütig auf den leeren
Katafalk hernieder Alle Türen nach der Terrasse waren geöffnet die
Gärtnerburschen trugen die Pflanzen hinaus welche man bei der feierlichen
Ausschmückung des Saales verwendet hatte Jeder war mit seiner Arbeit
beschäftigt man räumte emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort das
noch vor Kurzem das so lange Jahre hindurch als bewegender Mittelpunkt alles
Lebens in diesen Räumen gewaltet hatte  Mit einem Seufzer wollte der Kaplan
das Gemach verlassen als er in einer Ecke desselben Valerio gewahrte
    Die Schönheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augenblicke wieder
überraschend auf Er saß in einem der alten Prachtsessel von vergoldetem Leder
hatte beide Füße auf den Stuhl gezogen ein kleines Brett das dem Sarge
irgendwie zur Unterlage gedient haben mochte gegen die Kniee gestützt und
zeichnete wie es seine Art war ein Liedchen summend mit einem Bleistifte auf
das Holz
    Was machst Du hier fragte ihn der Geistliche indem er näher an ihn
herantrat
    Valerio hob den Kopf empor Er hatte die Augen seiner Mutter aber nicht
ihren ernsten Blick Eine Fülle von Lebenslust war über sein ganzes Antlitz
ausgegossen seine vollen Lippen seine offene Stirn waren der Sitz einer
fortwährenden Heiterkeit Die schwarzen Kleider die man ihm angelegt hatte
bildeten für ihn nur einen Hintergrund auf dem seine blühenden Farben sich noch
glänzender hervorhoben
    Was machst Du hier fragte der Kaplan ihn noch einmal da Valerio ihn
anschaute ohne ihm zu antworten
    Sie sehens ja Hochwürden ich zeichne mir die Ahnen ab
    Und das musst Du gerade heute tun warf der Kaplan der sich bei dem
Anblicke dieses fröhlichen Knaben einer schmerzlichen Empfindung nicht entziehen
konnte ihm tadelnd ein
    Freilich der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen antwortete der Knabe
gleichmütig während er seinen Bleistift wieder in Bewegung setzte
    Er war schon gestern und vorgestern als der gnädige Herr noch hier standen
gar nicht aus dem Saale fortzubringen sagte der inzwischen herbeigekommene
Diener Der Junker ist kein Kind wie andere Kinder Nicht Eine Träne hat er um
den seligen gnädigen Herrn geweint Wenn der Junker nur fingen und zeichnen
kann so kümmert ihn nichts weiter
    Valerio hatte das alles mit angehört ohne sich in seiner Arbeit stören zu
lassen Mit Einem Male sah er den Kaplan mit seinen großen Augen zutraulich an
und sagte Hochwürden wenn ich groß bin werde ich den Vater malen damit er
auch ein Ahne wird Ich übe mich schon ein Sehen Sie so werde ich ihn malen
    Er hielt dem Kaplan die kleine Tafel hin das Bild des ersten Freiherrn war
auf derselben von dem Knaben ähnlich genug abgezeichnet worden und die Tafel
umwendend erblickte der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit
den ihn umgebenden Leuchtern Blumen und sonstigen Verzierungen
    Valerio hing aufmerksam an dem Gesichte des Beschauers Ists so richtig
fragte er gespannt Der Kaplan nannte es gut genug und Valerio sagte Ich hätte
auch die Mutter gern gezeichnet wie sie da stand und am Sarge weinte Es sah
schön bei den Lichtern aus Aber sie blieb nicht stehen und wie sie
fortgegangen war brachte ich es nicht heraus
    Da hören Sie es Hochwürden rief der Diener den Junker den rührt nichts
Er hat nur seine Spielerei im Sinne Da war der Freiherr Renatus doch ein
anderes Kind
    Lassen Sie den Knaben gehen bedeutete der Geistliche den treuen Diener
Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht und wer will es sagen was er
mit diesem Kinde und mit dessen Zukunft vorhat Lassen Sie ihn zeichnen und
stören Sie ihn nicht so lange er kein Unrecht tut Es verlangt ja jede Kraft
nach ihrer Übung und eine Kraft wohnt diesem Kinde inne  Komm mein Sohn
sprach er indem er ihn bei der Hand nahm und mit sich fortführte und die
flüchtige Abneigung die er gegen Valerio empfunden hatte wich der Liebe mit
welcher der fromme Greis jetzt den längst geahnten göttlichen Funken einer
künstlerischen Begabung in dem Kinde unverkennbar wahrnahm Komm mein Sohn
wiederholte er Du sollst andere Bilder nachzumalen haben komm Dann zu sich
selbst und in sich hineinsprechend sagte er Wie wenig auch aufgegangen ist von
den Saaten die ich streute ich will des Säens und des Jätens doch nicht müde
werden damit ich vor Ihm bestehen kann der mir so lange Zeit zur Arbeit gönnt
Komm mein liebes Kind
    Valerio verstand weder die Rührung des Geistlichen noch den Sinn seiner
Worte aber ihr freundlicher Ton tat ihm wohl und sich an ihn schmiegend
folgte er dem Kaplan willig der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie
hinausgeleitete während er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn
verfügte in welchem er zur Eröffnung des freiherrlichen Testaments erwartet
wurde
    Der Freiherr hatte nämlich bald nach seiner Verheiratung mit Vittoria durch
seinen Justitiarius seinen letzten Willen aufsetzen lassen und das Dokument in
dessen Hände niedergelegt Indes ein paar Wochen vor seinem Tode hatte er es
zurückgefordert es im Beisein des Justitiarius vernichtet und demselben ein
neues ganz von des Freiherrn eigener Hand geschriebenes Testament zur
Aufbewahrung in dem Archive übergeben Die Aufschrift bestimmte dass es noch an
seinem Begräbnisstage in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und
dem Justitiarius eröffnet werden und falls der Freiherr Renatus von
ArtenRichten nicht im Schloss anwesend sei demselben eine Abschrift des
Testaments sofort zugesendet werden sollte
    Der Justitiarius war schon vor dem Kaplan im Schloss eingetroffen Als der
Letztere in das Arbeitszimmer des verstorbenen Freiherrn trat fand er jenen
bereits dort warten und auf eine Benachrichtigung gesellte die verwittwete
Freifrau sich zu ihnen
    Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine große Veränderung
vorgegangen eine Veränderung welche heute selbst den beiden Männern auffiel
die sie doch eben jetzt zum Oefteren gesehen hatten Sie erschien ihnen älter
aber noch schöner als sonst Die langen schleppenden Trauerkleider machten sie
größer aussehen ihre Züge welche bisher meist einen weichen spielenden
Ausdruck zur Schau getragen hatten zeigten sich stolz zusammengefasst man
meinte ihr anzumerken dass sie auf einen Urteilsspruch gefasst sei dem sie
Stand zu halten denke
    Als ob sie sich vor einer großen Versammlung darzustellen habe so gemessen
trat sie in das Zimmer ließ sich ohne ein Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder
und forderte den Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der Hand
zur Entsiegelung des Testamentes auf Der Freiherr hatte dasselbe in Form eines
Briefes an seinen Sohn Renatus gerichtet Mit einer Umsicht welche er wie er
sich ausdrückte leider zu spät gewonnen habe setzte er dem Sohne die
Vermögensverhältnisse auseinander und ermahnte ihn alle seine Kraft zu ihrer
Hebung aufzuwenden und wie der Freiherr es getan seine Ehre in der
Aufrechterhaltung ihres alten Namens und Ansehens zu suchen Von Valerio von
Vittoria war in dem ganzen Testamente bis zu dem letzten Abschnitte keine Rede
und in diesem hieß es »Wenn die Baronin Vittoria von Arten mich überlebt so
sollen ihr die Zinsen von dem ihr gebührenden Pflichtanteile an meinem Vermögen
durch Dich meinen Sohn den Freiherrn Renatus von ArtenRichten in
regelmäßigen Zahlungen zugewendet werden Es soll ihr auch falls es mit Deinen
Wünschen und Absichten in Übereinstimmung ist der dauernde Aufenthalt in
unserem Schloss zu Richten nicht versagt werden wenn sie es nicht ihrer Lage
angemessener findet in das Kloster zurückzukehren in dem sie ihre erste
Jugendzeit verlebte um dort in Sammlung und in Einsamkeit für ihr Seelenheil zu
sorgen In jedem Falle aber wirst Du mein Sohn über die Erziehung ihres Sohnes
Valerio zu wachen haben damit er dem Namen den er führt damit er unserem Namen
keine Schande mache Doch verpflichte ich Dich zu keiner Sorge für ihn welche
über die Zeit seiner Grossjährigkeit hinausgeht und vielleicht würde es auch für
ihn das Entsprechendste sein ihm in einem der oberitalienischen Klöster in
welchen die Giustinianische Familie noch von Einfluss ist seine Bildung geben
zu lassen um ihm dem Vermögenslosen die Neigung für eine Laufbahn in dem
Dienste der Kirche einzuflößen  Wenn was ich jedoch nicht erwarte die
Baronin Vittoria sich mit diesen meinen Anordnungen nicht einverstanden erklären
und etwa für sich oder für ihren Sohn mehr beanspruchen sollte als mein Wille
ihnen zuerkennt so ermächtige ich Dich die Papiere welche diesem Testamente
beigefügt sind zu eröffnen und von denselben gegen die Verlangnisse der Baronin
den gebotenen Gebrauch zu machen Im andern Falle sollen die Papiere uneröffnet
und in ihrem Beisein sofort vernichtet werden« Das Testament schloss danach mit
einem Segenswunsche für den Sohn und für das Fortbestehen des Geschlechtes
    Die Baronin hatte während der Verlesung des Schriftstückes keine Miene
verändert aber sie war sehr blass geworden und es vergingen ein paar Minuten
ehe sie sich zum Sprechen sammeln konnte Dann schien sie ihren Entschluss gefasst
zu haben denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit Melden Sie dem Freiherrn
Renatus meinem Stiefsohne dass ich mich den Anordnungen meines Gatten seines
Vaters unterwerfe Das ist alles dünkt mich was ich heute zu erklären nötig
habe Was weiter zwischen ihm und mir über meine und Valerios Zukunft
festzusetzen ist mag unentschieden bleiben bis ich es mit meinem Stiefsohne
selbst beraten kann
    Sie verneigte sich darauf vor dem Justitiarius und vor dem Kaplan wie vor
ihr völlig fremden Männern und verließ das Gemach in derselben feierlichen
Weise in welcher sie es betreten hatte
    Der Justitiarius und der Kaplan blieben weil ihre Geschäfte es erheischten
an dem Tage ganz im Schloss aber Vittoria kam nicht wieder zum Vorscheine
Erst spät am Abende ließ sie den Geistlichen zu sich entbieten
    Er fand sie auf ihrem Ruhebette sie erhob sich jedoch bei seinem Eintritte
nötigte ihn Platz zu nehmen und sagte Es drängt mich mit Ihnen zu sprechen
Hochwürden aber ich benachrichtige Sie im voraus dass ich von Ihnen keine
Vermittlung zu meinen oder meines Sohnes Gunsten zu begehren denke Ich habe
meine weltlichen Angelegenheiten nur mit meinem Stiefsohne zu ordnen  sie
bezeichnete was sie sonst stets vermieden hatte Renatus heute immer nur mit
diesem Namen  und da ich die Bestimmungen des Freiherrn angenommen habe ist
eigentlich Alles getan denn meine Zusage ist mir heilig
    Der Kaplan welcher nicht voraussehen konnte was diese befremdliche
Einleitung bedeuten sollte hielt sich an ihre letzten Worte und ihr ernstaft
in das Auge blickend sprach er Wollte der Himmel dass Sie damit die Wahrheit
redeten wollte der Himmel Sie hätten Ihre Zusage stets so heilig gehalten als
es Ihre Pflicht gewesen wäre so hätte es des Freiherrn 
    Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen Ich weiß was Sie sagen wollen rief
sie lebhaft und eben deshalb habe ich Sie gebeten mich noch heute zu besuchen
Sie hielt einen kleinen Augenblick inne dann hob sie wieder an Ich habe die
Demütigung die Busse welche der Freiherr mir aufzulegen für gut befunden hat
gelassen hingenommen Es war eine sehr bittere Stunde Indes ich hatte wie ich
den Freiherrn kannte irgend etwas der Art erwarten müssen und mich darauf
vorbereitet Er hat mich schwer dafür bestraft dass ich mit achtzehn Jahren dass
ich aus dem Kloster kommend nicht mehr Einsicht in meine eigene Natur nicht
mehr Lebenserfahrung besessen habe als der welt und herzenskundige Mann der
mich in sein herbstliches Leben wie ein Spielzeug aufnahm
    Sie sprach das so lebhaft dass ihre Wangen sich röteten und die Fülle ihrer
schwarzen Locken ihr weit über die Stirn und die Wangen herabfiel Mit schneller
Handbewegung warf sie das Haar zurück und mit stolzem Tone sprach sie Sie haben
mir oftmals meine Sünde vorgehalten aber haben Sie es auch dem Freiherrn eben
so oft vorgehalten Hochwürden dass er ein Unrecht ein schweres Unrecht an mir
begangen hat als er meine blinde Urteilslosigkeit und mein noch völlig
schlafendes Herz benutzte um mich zu der Seinigen zu machen Nicht eine Stunde
aber nicht eine Stunde bin ich glücklich gewesen in diesem Lande in diesem
Hause bis zu dem Tage an dem ich  wie Sie es nennen und wie das Gesetz es
nennt  zur Sünderin geworden bin
    Frau Baronin sagte der Kaplan es ist meines Amtes in der Beichte Ihre
Geständnisse ganz so anzuhören wie Ihr Herz Sie zwingt sie vor mir
niederzulegen und ich habe mich Ihrem Vertrauen so schmerzlich es mir gewesen
ist nicht entzogen Ich habe ihm nach meinem besten Wissen nach meiner
heiligsten Überzeugung zu begegnen und Sie immer wieder auf den Pfad der
Pflichterfüllung hinzuweisen gesucht Zum Vertrauten Ihrer verbrecherischen
Phantasien fühle ich mich nicht berufen
    Er erhob sich bei den Worten und wollte sie verlassen Indes sein strenger
Blick seine abweisende Bewegung schreckten sie nicht zurück
    Nun denn rief sie ich stehe an einem Scheidewege meines Lebens ich habe
zu brechen mit einer langen Vergangenheit voll schmerzlicher Verstellung voll
martervoller Lüge so hören Sie denn als Beichtiger meine Beichte da Sie mir
nicht als Berater zur Seite stehen wollen Hören Sie meine Beichte Herr
Kaplan
    Sie stand auf trat an einen Seitentisch heran trank sich zu beruhigen
schnell ein Glas Wasser aus und vor dem Geistlichen niederknieend der sich in
stillem Gebete zu sammeln getrachtet hatte wollte sie selber ein Gebet
beginnen aber nur ihre Hände fanden sich in die altvertraute Form ihr Sinn
wollte sich nicht beugen und sich eben so schnell emporrichtend als sie sich
niedergeworfen hatte rief sie Das ists das ists was ich Ihnen zu sagen
habe und was früher oder später doch einmal ausgesprochen werden muss ich glaube
nicht mehr ich glaube nichts nichts gar nichts mehr Die Welt der Himmel
Alles ist mir entgöttert nur Eines ist mir heilig Eines  und das ist dahin
    In Tränen aufgelöst wie in einem Krampfe weinend warf sie sich auf das
Lager nieder der Kaplan stand sprachlos vor ihr Er musste dem wilden Anfalle
Zeit lassen vorüberzugehen aber es waren wundersame Gedanken die ihn
bewegten und noch vermochte er nicht völlig auf den Grund des Herzens zu sehen
das sich ihm in so gewaltsamer Weise enthüllen zu müssen meinte Was hatte er in
diesem Hause alles erleben sehen und mit erlebt Die Sünde ihres Gatten tragen
und büßen zu helfen hatte das liebende Herz der im protestantischen
Bekenntnisse und in voller religiöser Freiheit aufgewachsenen Baronin Angelika
sich der katholischen Kirche und ihrer Gnade in die Arme geworfen Ihr zartes
Gewissen hatte sich eine flüchtig aufwallende Empfindung zum Verbrechen
gestempelt und weil sie sich selber zu vergeben nicht den Mut gefühlt hatte
sie sich mit aller Inbrunst ihrer Seele zu der höheren Macht gewendet von der
sie Vergebung ihrer Sünden erflehen und erwarten konnte
    Und jetzt stand Vittoria vor ihm Trotz bietend allen Überlieferungen ihres
Vaterlandes dem Glauben in dem sie geboren und erzogen war der klösterlichen
Zucht in der sie so lange gelebt hatte ja allen Grundsätzen der Kirche und des
Staates und nichts anerkennend als das blinde Müssen ihres von Leidenschaft
hinweggerissenen Herzens
    Er konnte sie in diesem Zustande nicht sich selber überlassen er durfte sie
in diesem Herzenswahnsinne nicht Beichte hören Er musste sich zu ihrem Arzte
machen ehe er wieder ihr Seelsorger zu sein vermochte aber es kam dem Greise
schwer an denn seine Kraft war sehr erschöpft und seine Seele zum Tode traurig
Ohne eine Sylbe zu sprechen ihre Hand fest in der seinigen haltend saß er an
ihrer Seite Sein Blick folgte dem unruhigen Zucken ihrer Mienen sein Auge
suchte das ihrige zu erfassen um es festzuhalten indes es verging eine lange
Zeit ehe die Aufgeregte sich zu besänftigen begann ehe er daran denken konnte
ihr mit seinem Zuspruche zu nahen und erst mit der völligen Erschöpfung ihrer
Kräfte kam endlich so viel Ruhe über sie dass er sie der Pflege ihrer Dienerin
anvertrauen konnte
    Morgen morgen sprach er als Vittoria versuchen wollte ihm die Erklärung
ihres Zustandes zu geben aber als er sie mit Hilfe ihrer Kammerfrau nach dem
Schlafzimmer geleitete musste er ihr die Zusage geben sie nicht zu verlassen
sondern die Nacht im Schloss in der Nähe ihrer Zimmer zuzubringen
 
                                 Achtes Kapitel
Vittoria hatte die kräftige Gesundheit des Volkes dem sie angehörte Der Gram
vermochte sie nicht zu zerstören nur die eigene Leidenschaft drohte ihr Gefahr
und konnte sie überwältigen Sie erwachte erst spät aber sie war völlig von
ihrem Anfalle hergestellt und als der Kaplan gegen den Mittag zu ihr kam fand
er sie hellen Aussehens und auch hellen Geistes
    Verzeihen Sie mir Hochwürden begann sie dass ich Sie gestern erschreckte
man ist bisweilen nicht Meister über sich Was ich Jahre hindurch gewaltsam in
mir verschließen musste das stürmte nachdem ich mir eine große Überwindung
zugemutet hatte alles auf einmal über mich ein und durchbrach die Schranken
meiner Kraft Ich war außer mir verzeihen Sie mir das
    Er sicherte ihr dieses zu sie schien sich damit zu beruhigen und nicht
wieder auf den Boden jener Unterredung zurückkehren zu wollen aber der Kaplan
gestattete ihr dies nicht
    Sie haben mir gestern den Zustand Ihrer Seele zu enthüllen gewünscht sprach
er und ich musste es Ihnen versagen sich diese Erleichterung zu gewähren weil
ich Sie nicht in der Verfassung fand in welcher allein es dem Menschen vergönnt
werden darf sich dem Throne der höchsten Wahrheit zu nahen Heute fordere ich
Sie im Namen des mir durch Gottes Gnade gewordenen Amtes und Berufes heute
fordere ich Sie mit dem Anrechte das ich als Ihr Seelsorger an Sie habe dazu
auf Sich auszusprechen mit der vollen ungeteilten Wahrheit die Sie mir die
Sie Sich selber schulden und ohne welche für den Menschen kein Heil keine
Selbsterkenntnis und keine Erlösung möglich sind
    Vittoria hörte ihm sehr gesammelt zu Es lag in der starken Überzeugung des
Greises in dem mächtigen Gefühle seiner unantastbaren Würde eine Kraft welcher
sich Niemand leicht entzog besonders wenn er wie die Baronin ihrem Einflusse
einmal unterworfen gewesen war Aber sie zögerte dennoch seiner Mahnung
nachzukommen und erst nach einer längeren Überlegung sprach sie Es wird nicht
kurz sein was ich Ihnen mitzuteilen habe denn es umfasst Jahre voll langer
Leiden voll schwerer Seelenkämpfe und ich zweifle dass Sie mir die Hilfe
bieten können die Sie mir zu leisten wünschen denn das ahne ich ein
verlorener Glaube findet sich nicht wieder Aber hören sollen Sie mich und
jetzt gelobe ich Ihnen die ganze volle Wahrheit die Sie von mir erheischen
wennschon ich sicher bin damit vor Ihnen keine Gnade zu gewinnen
    Sie schwieg eine Weile stützte das Haupt auf ihren Arm als suchte sie nach
der Weise in welcher sie beginnen könne dann sagte sie Ich habe nicht nötig
Ihnen die Geschichte meines Herzens zu erzählen Sie kennen sie Sie wissen wie
meine Liebe verlangende Natur an meines greisen Gatten Seite einsam blieb wie
nahe wie sehr nahe ich daran gewesen bin für meinen Stiefsohn die Empfindungen
zu hegen die sein Vater in mir nicht mehr zu erwecken vermochte und Sie
selbst Hochwürden haben mir das Zeugnis gegeben dass ich meinem Gatten zu
leisten und zu sein bestrebt gewesen bin was er von mir begehrte Sie können
mir auch das Zeugnis nicht versagen dass ich meines Stiefsohnes jugendlich mir
entgegenwallendes Gefühl mit Selbstverläugnung in Zügel und in Schranken
gehalten habe und dass er von mir ohne eine Ahnung der Gefahr an der Klippe
vorübergeleitet worden ist die mir und ihm den Untergang bereiten konnte
    Die Guttat die Pflichterfüllung wendete der Kaplan ein hat Ihnen reichen
Lohn getragen Die Freundschaft die Ergebenheit welche Baron Renatus für Sie
hegt sind wahr und tief
    Ich weiß das Herr Kaplan ich bin mir meines Einflusses auf ihn vollauf
bewusst Ich weiß es dass ich auf ihn zählen kann obschon er es in neuester Zeit
und durch mich selbst erfahren hat dass meine Liebe niemals seinem Vater
angehörte dass ich nur Einen Einen Mann geliebt und dass derselbe nicht mehr
ist O rief sie indem sie ihren schwarzen Trauerschleier mit beiden Händen an
ihre Lippen drückte o wenn Sie ahnen könnten wie frei und glücklich ich mich
in diesen Trauerkleidern fühle wie meine Seele nach den schwarzen Gewändern
verlangt hat Niemals Niemals werde ich sie wieder von mir legen Ich werde sie
tragen bis zu meinem letzten Atemzuge als Erinnerung an die große Liebe die
Sie mir zur Sünde machen und die vor Gott kein Verbrechen sein kann weil mein
schöner Valerio ihr sein fröhliches Dasein verdankt
    Sie hatte über den Gedanken an ihre Liebe über die Wonne von derselben
jetzt in Freiheit sprechen zu dürfen abermals die religiösen Bekenntnisse
vergessen welche sie dem Geistlichen zu machen entschlossen gewesen war und
der Kaplan hatte große Mühe sie auf dieselben zurückzuführen Die
Freisinnigkeit ihres verstorbenen Gatten die völlige Glaubenslosigkeit ihres
Geliebten hatten ihren eigenen Glauben erschüttert und die unklaren religiösen
Begriffe die kindlichen Überlieferungen welche aus ihrem Klosterleben in ihr
haften geblieben waren hatten nur dazu beigetragen ihren Sinn vollends zum
Zweifel und zum Unglauben hinzulenken
    Sie war in ihrem Kloster in der Lehre von der Vorherbestimmung auferzogen
worden und ohne sich von den Einwendungen des Kaplans im mindesten beirren zu
lassen hatte sie ihr Zusammentreffen mit Mariano von Anfang an als ein ihr von
Gott vorherbestimmtes Schicksal ihre Liebe für ihn als eine Naturnotwendigkeit
angesehen der sich zu entziehen nicht in ihrer Macht gelegen habe
    Sie selbst sprach sie Sie selbst Hochwürden haben mir oft genug
wiederholt dass kein Zufall in der Weltordnung eines allweisen Gottes möglich
oder auch nur denkbar sei Noch als ich ein Kind war hat man mich gelehrt dass
kein Sperling vom Dache fällt ohne dass der Allwissende es wolle und ich sollte
hierher gekommen sein weit ab von den Meinigen und meiner Heimat in dieses
unwirtliche kalte Land ohne Gottes Fügung Hierher in den fernen grauen
Norden sollte Mariano von des Krieges Wogen geschleudert worden sein ohne
Gottes ausdrücklichen Ratschluss Unmöglich unmöglich Entweder es lebt kein
Gott es ist Alles Alles Zufall und wir des Zufalls blindes Spiel oder was ich
erlebte litt und tat war mir von Gott bestimmt ich tat was er mich tun
lassen wollte  und was Sie mir als Sünde anrechnen war mein vorherbestimmtes
Müssen ich musste sündigen
    Mit jener grausamen und bis zur Selbstvernichtung rücksichtslosen
Freiheitslust des Sklaven dessen Fesseln gebrochen worden sind bekannte sie
sich zu ihrem Unglauben zu ihrem Abfalle von allen Überzeugungen die sie
einst gehegt hatte Der Kaplan verhinderte sie nicht daran Er wollte die Tiefe
der Wunde untersuchen und sie ausbluten lassen ehe er sie zu schließen und zu
heilen unternahm Er hörte sie schweigend an als sie ihm eingestand wie sie
ihn in der Beichte getäuscht wie sie kein Abmahnen dagegen und keine Reue in
sich empfunden habe über ihre Liebe und ihren Ehebruch und wie sie auf diese
Weise auch von dem ihr in dem Kloster eingeimpften Wahne zurückgekommen sei dass
eine unvollständige eine unwahre Beichte eine der schwersten aller Sünden dass
zeitliches und ewiges Verderben ihre sichere Folge sei
    Aehnlich wie es einst die Baronin Angelika getan hatte und wie die
überwältigende Leidenschaft es mit sich bringt stützte sie sich immer wieder
auf ihr inneres Müssen und Nichtanderskönnen als auf ein Zeichen der
Vorherbestimmung nur dass Angelikas sanfte Seele in Demut und Zerschlagenheit
vom Himmel Kraft und Trost begehrte wo Vittorias stolzer Sinn völlig in seinem
Rechte zu sein behauptete Selbst als der Kaplan ihr zu bedenken gab dass Gott
innerhalb seiner Vorherbestimmung dem Menschen ein gemessenes Teil von Freiheit
zugestehe an welchem er seine Kraft und Tugend zu prüfen und zu üben habe und
dass er es ihm in seiner Gnade an Zeichen und Mahnungen nicht fehlen lasse wenn
er von dem rechten Wege abgeirrt sei machte sie das in ihren Überzeugungen
nicht wankend in ihrem Selbstgefühle nicht ungewiss
    Ich habe viele Nächte durchwacht sprach sie viele Tage durchweint und in
Leid durchwachte Nächte und im Schmerze durchweinte Tage währen lange Ich bin
einsam gewesen in diesem Schloss ich hätte nicht einsamer mich fühlen können
im Bergesgeklüft in verlassener Kartause Es hat mir an Musse nicht gemangelt
zum Denken und zum Prüfen Was blieb mir denn auch übrig wenn ich gelächelt und
gesungen hatte den Freiherrn zu vergnügen was blieb mir übrig als zu denken
immerfort zu denken und zu sinnen Ich habe Zeiten gehabt in denen ich mich
überreden wollte dass ich fehle dass ich eine schlechte Gattin sei  meine
innerste Empfindung hat dem widersprochen Ich bin dem Freiherrn vollständig
gewesen was er in mir gesucht von mir begehrt hat Ich habe sein Vertrauen
seine Achtung nie besessen er hat die Liebe die ich noch nicht kannte als ich
mich ihm vermählte und die er mich nicht kennen lehrte nie von mir verlangt
Nicht Einen Tag hat er an mir gezweifelt nicht Eine Stunde habe ich ihm Anlass
gegeben sich von mir versäumt zu glauben Ja als ich es fühlte was die Liebe
sei als ich glücklich geworden war durch sie habe ich das Bestreben gehabt
auch ihn noch glücklicher zu machen da er es gewesen ist der mich nach Gottes
Vorbestimmung dem mir Auserwählten entgegenführen musste Und wie ich mich in
dankbarer Glückseligkeit der mir zugedachten Liebe überließ habe ich schweigend
die Dornenkrone des Schmerzes mir in die Stirn gedrückt und keine Träne kein
Seufzer hat es dem Freiherrn je verraten was ich litt Ich bin ihm eine gute
Gattin gewesen ich fühle mich nicht schuldig gegen ihn Es war Gottes Wille
der ihm ohne all mein Zutun mein Geheimnis offenbarte um mir endlich meine
Freiheit zu vergönnen und um vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten
was er einst an der Baronin Angelika gesündigt hat Mein Herz ist völlig mit
sich einig meine Seele ist in vollem Frieden
    Und Sie haben nie gefürchtet dass die Hand des Höchsten sich über Ihnen
mächtig zeigen dass er Ihr verirrtes ihm verschlossenes Herz mit schweren
Schlägen zu eröffnen wissen werde fragte sie der Kaplan um sie zu weiterem
Sprechen zu bewegen
    Ich würde irre werden an der göttlichen Gerechtigkeit rief Vittoria wenn
mir mehr auferlegt würde als ich getragen habe Nein fügte sie hinzu und ihre
Züge wurden weich und mild Gott wusste was mir fehlte Hatte ich doch der
Eltern und der Geschwisterliebe ganz entbehrt hatte er selber mich doch in das
freudenleere abgeblühte Leben meines Gatten verpflanzt Gott versagt der
kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl der sie erblühen und reifen macht dem
geringsten seiner Geschöpfe nicht die Nahrung ohne die es nicht bestehen kann
Er hat auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegönnt Und wenn er ihn mir
auch sehr bald ach so gar bald entzogen hat so weiß ich es jetzt doch dass
ich einmal lebte und ich kann weiter leben so lange es mir beschieden ist Ich
habe meinen Sonnenstrahl gehabt  O rief sie indem sie ihre Hände inbrünstig
in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum Himmel emporhob o ich
würde Gott zu lästern glauben ich würde irre werden an seiner Gerechtigkeit und
seiner Liebe wenn ich als Schuld erkennen müsste was mein zugewiesen Teil
mein Recht gewesen ist Hüten Sie Sich Hochwürden mir diesen Glauben
aufzudringen Sie würden mich zur Gottesläugnung treiben
    Sie versank in ein Schweigen und mit schmerzlichem Sinnen blickte der
Kaplan vor sich auf den Boden nieder Vittoria fühlte sich in ihrem Gewissen
frei er aber fühlte sich gedemütigt wie nie zuvor denn er wurde irre an der
Macht welche des einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuüben vermag
er wurde irre an seiner Kraft und Befähigung für sein Amt und zum ersten Male
fragte er sich welche Bedeutung seine Kirche welche Bedeutung das Priesteramt
in der Zukunft haben würden haben könnten
    Freilich war die katholische Kirche in Richten auferbaut worden aber man
hatte sich in der Erwartung getäuscht eine Gemeinde für sie heranbilden und in
dem protestantischen Lande neue Anhänger für die alte katholische Lehre gewinnen
zu können Das Verlangen nach prüfungsloser Hingabe an eine leitende Hand war in
der Menschheit kein allgemeines mehr Nur in vereinzelten Gemütern war noch das
Bedürfnis rege sich dem bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen in
ihrem Priester die Verkörperung des eigenen Gewissens zu verehren in ihm einen
Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen Die Aufklärung welche die
Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet hatten wirkte in immer
weiteren Kreisen nach und die Verbindung welche das Oberhaupt der katholischen
Kirche mit dem aus dem Volke emporgestiegenen französischen Kaiser um der
Selbsterhaltung willen eingehen müssen hatte die päpstliche Krone ihres
Anspruchs auf einen überirdischen Ursprung beraubt Wie der Adel so musste auch
die Kirche sich jetzt bereits an die Throne lehnen deren Verteilerin sie einst
gewesen war denn auch die Kirche darüber hatte der Kaplan sich nie verblenden
können hatte ihre freie unangefochtene Herrschaft durch die Revolution und die
ihr folgenden Jahrzehnde der napoleonischen Tyrannei für immerdar eingebüßt
    Man hatte in Frankreich Priester der katholischen Kirche sich von ihren
alten Lehren und Gesetzen lossagen neue Bekenntnisse verkünden sie verlassen
und die Abtrünnigen zu ihren ersten Lehrsätzen und Aemtern wieder zurückkehren
sehen und die Kirche hatte sie als Bereuende wieder in sich aufgenommen Damit
war die Revolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden damit war das Amt
des Priesters vor den Augen der Gläubigen seiner Unfehlbarkeit seines
göttlichen Ursprunges entkleidet worden Der Priester war von seiner Höhe in die
Reihen der irrenden Menschheit hinabgestiegen er hatte sein Anrecht auf sein
Mittleramt zwischen dem Höchsten und dem sündigen Menschen verscherzt Nur ein
persönliches Vertrauen konnte der Seelsorger der Geistliche von seiner Gemeinde
noch begehren und dieses persönliche Vertrauen  der Kaplan schlug voll
Zerknirschung an seine Brust und an seinen greisen Wimpern zitterte die Träne
 dieses persönliche Vertrauen verdiente er nicht mehr denn er hatte die Sünde
nicht abzuwehren vermocht von denen die ihm übergeben worden waren und den
Zweifel mächtig werden lassen in den Seelen die er hätte hüten sollen
    Er fühlte sich wie vernichtet er sah auf sein ganzes langes Leben als auf
ein verfehltes zurück und aus seiner an sich selbst verzagenden Seele rangen
sich wie ein Notschrei die Worte hervor Herr Herr gehe nicht mit mir in das
Gericht 
    Er wollte sich erheben und das Zimmer verlassen aber er konnte es nicht Er
musste sich niedersetzen und durch die bebenden Hände die er vor sein Antlitz
schlug flossen seine heißen Tränen nieder
    Da war es als wenn ein Riss geschähe in dem stolzen Herzen der Trauernden
Was seine Worte nicht an ihr vermocht hatten das wirkte sein Beispiel jetzt an
ihr Sein flehendes Gebet erzitterte in ihrem Innern Sie wusste selber nicht
wie ihr geschah Sie meinte sich an diesem Greise versündigt zu haben sie sagte
sich ich bin es um die er diese Tränen weint mir mir gilt sein flehender
Ausruf Herr gehe nicht in das Gericht mit mir  Denn wessen hätte er sich
anzuklagen gehabt dessen ganzes Leben Demut und Reinheit und
selbstverläugnende Liebe gewesen war  Und von einer gewaltigen Empfindung die
sie sich selber nicht zu deuten wusste hingerissen warf sie sich vor dem Greise
nieder und wiederholte während auch ihre Augen überströmten Herr gehe nicht
in das Gericht mit mir
    Langsam aber mit einem Blicke himmlischer Verklärung richtete der Kaplan
sein Antlitz empor und seine Hände falteten sich aufs Neue zum Gebete Vergib
uns unsere Schuld sprach er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach
wie wir vergeben unseren Schuldigern tönte es kaum hörbar von seinen Lippen
    Wie wir vergeben unseren Schuldigern wiederholte die Erschütterte mit
erhobener Stimme und barg ihr Antlitz auf des Greises Kniee dessen Hände
segnend niedersanken auf ihr Haupt
    So blieb sie eine Weile liegen Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein
ein leiser Luftauch zog erfrischend vorüber Es war Alles still um sie her und
still war es auch geworden in ihrer Brust Da bedünkte sie es als drücke die
segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder Sie hob ihr
Haupt zu ihm in die Höhe die Hände des Kaplans sanken bewegungslos herab
    Herr Kaplan rief sie Herr Kaplan  und die Stimme versagte der
Erschrockenen ihren Dienst Sie umfasste ihn mit beiden Armen er regte sich
nicht aber sein Antlitz lächelte in himmlischem Frieden nur die Augenlider
waren ihm zugesunken Er war betend eingeschlummert
    Sanft wie sein Leben gewesen war hatte der Kaplan sein letztes frommes
Werk getan  Vittoria hatte den Segen eines Sterbenden erhalten Seine tiefe
Demut hatte die Empörung ihres stolzen Herzens überwunden sein letzter
Atemzug hatte dem Dienste seiner Kirche angehört
                                Neuntes Kapitel
Die Schlachten an der Katzbach und von Grossbeeren waren eben geschlagen worden
Renatus stand mit seinem Regimente unfern dem rechten Elbufer als er die
Nachricht von dem Tode seines Vaters erhielt und weil er weichherzig war und im
Ganzen der Schicksalsschläge ungewohnt war sein Schmerz im ersten Augenblicke
äußerst lebhaft Er hatte allerdings bei den vorgerückten Jahren seines Vaters
und weil er ihn bei seiner letzten Anwesenheit in Richten sehr verändert
gefunden hatte wohl daran gedacht dass er ihn möglicher Weise nicht
wiedersehen dass der Abschied den er von ihm nahm ein ewiger werden könne
Aber die Plötzlichkeit die ganze Art in welcher der Freiherr geendet hatten
für die Phantasie des Sohnes im ersten Augenblicke etwas Überwältigendes etwas
ganz besonders Schmerzliches und Renatus konnte nicht müde werden sich immer
auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem Kirchhofe sterbenden
Vaters vor die Seele zu halten
    Indes gerade die beständige Wiederholung der gleichen Vorstellung stumpfte
den Eindruck ab und es bewährte sich an Renatus die alte Erfahrung dass
diejenigen welche bei dem Erleben eines traurigen Ereignisses gar keines andern
Gedankens fähig und immer nur mit dem einen Gegenstande beschäftigt sind das
Geschehene am leichtesten überwinden und verschmerzen Es dauerte gar nicht
lange bis Renatus wenn er an den Tod seines Vaters dachte sich unwillkürlich
aller der Tausende erinnerte die neben ihm und um ihn her auf blutgetränkter
von Rossen zerstampfter Erde an ihren Wunden verblutend ihr Leben ausgehaucht
hatten ohne dass eine liebende Hand ihr brechendes Auge geschlossen hätte ohne
dass ihr letzter Blick auf das Antlitz eines Freundes gefallen wäre Was ihm in
den ersten Stunden oder Tagen so schrecklich erschienen war die Plötzlichkeit
mit welcher der Tod seinen Vater überrascht hatte das fing er bald an als eine
Wohltat der Natur und als ein Glück zu betrachten und in seinem an den Kaplan
und an Vittoria gerichteten Antwortschreiben pries er das Loos seines Vaters
dem es vergönnt worden war in den Armen seines treuesten Freundes mit dem
Hinblicke auf die von ihm geschaffene schöne Kirche von der Erde Abschied zu
nehmen
    Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zärtlichkeit erfahren welche das
Leben der Kinder eng mit dem der Eltern verknüpft Einen entscheidenden Einfluss
auf die Erziehung seines Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht geübt und in
den letzten Jahren war Renatus nur selten und immer nur auf kurze Zeit in
Richten gewesen Es entstand daher in seinem Herzen durch seines Vaters Tod
keine wesentliche Lücke aber seine Verhältnisse erlitten durch denselben eine
bedeutende Umgestaltung Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und
Verpflichtungen an ihn heran denen zu begegnen sein bisheriges Leben ihn in
keiner Weise vorbereitet hatte denen er persönlich zu genügen jetzt auch völlig
außer Stande war Er konnte nicht daran denken inmitten dieses heiligen Krieges
einen Urlaub zu begehren und da ihm zuerst nur die Nachricht von dem Tode
seines Vaters zugekommen war beruhigte er sich mit der Überlegung dass der
Kaplan und der Justitiarius doch am Orte wären und dass er sich ihres Eifers wie
ihrer Einsicht versichert halten dürfe
    Er schrieb Vittorien schrieb sofort auch seiner Braut und machte dieser den
Vorschlag sich mit ihrer Mutter und Schwester baldmöglichst nach Schloss Richten
zu begeben um der vereinsamten Vittoria eine Gesellschaft zu sein Er erwähnte
dabei dass es ihm wohltun würde die Gegenstände seiner Liebe in dieser
unruhigen Zeit an einem und demselben Orte unter dem Schutze seines Hauses
vereinigt zu wissen und weil er entschlossen war sich jetzt ernsthafter als
bisher mit den VermögensAngelegenheiten seiner Familie zu beschäftigen
bemerkte er gegen die Gräfin dass es nach den Opfern welche der Krieg auch ihr
auferlegt habe ihr vielleicht geraten scheinen dürfte ihre Häuslichkeit in
der Hauptstadt aufzulösen und seine Gastfreundschaft anzunehmen bis Hildegard
selbst sie ihr in Richten anzubieten haben werde
    Bald darauf rückte sein Regiment vorwärts es wechselte die Standquartiere
oft und erst am Tage vor der Leipziger Schlacht kam der zweite Brief aus
Richten welcher ihm mit dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem
Ableben des Kaplans überbrachte durch die Feldpost dem jungen Freiherrn in die
Hände
    Der Dienst hatte ihn bis gegen den Abend hin in Anspruch genommen Müde und
erschöpft stieg er vor dem einsamen Bauernhofe in welchem er im Quartiere lag
vom Pferde und trat in die niedrige Stube welche er mit fünf anderen Offizieren
teilte Draußen war es herbstlich und feucht aber trotz der geöffneten Fenster
lag eine schwüle heiße Luft über dem niederen Raume Zwei seiner Kameraden
hatten sich die Tornister unter den Köpfen auf den Estrich des Bodens
niedergeworfen und waren wie ihr tiefes schnarchendes Atemholen verriet
obschon es noch ganz hell war vor Ermüdung eingeschlafen Der Kapitän ein
verheirateter Mann schrieb an der Ecke des Tisches an welchem die Andern mit
jugendlicher Esslust ihr geringes Abendbrot verzehrten Sie achteten kaum auf das
Eintreten ihres Kameraden nur der Hauptmann wendete sich flüchtig nach ihm um
und sagte Herr von Arten es sind auch für Sie ein Brief und ein Packet
angekommen sie liegen dort auf dem Simse  Dann fuhr er still zu schreiben
fort
    Es war kein Platz mehr an dem Tische und auch kein Platz zum Sitzen in der
Stube Renatus nahm seine Briefschaften und ging damit hinaus Draußen vor dem
Hause war ein Stückchen Erde eingehegt Er und seine Kameraden hatten das
Gärtchen in diesen Tagen vor der Zerstörung bewahrt Es stand ein Kirschbaum
darin und aus dem noch grünen Grase wuchsen einige Stockrosen hervor die noch
in Blüte standen Die untergehende Sonne beschien sie matt Er warf sich auf
eine kleine Bank unter dem Baume nieder steckte den Brief auf dem er
Hildegards Handschrift erkannte in die Brust und öffnete zunächst das von
Richten kommende Packet aber er suchte darin vergebens nach einem Worte seines
greisen Lehrers oder nach einem Briefe Vittorias Nur der Justitiarius hatte
geschrieben Das fiel Renatus auf denn noch nie war eine Sendung von Richten
ohne ein begleitendes Blatt des Kaplans an ihn gekommen seit er im Felde stand
und er nahm daher das Schreiben des Justitiarius mit Besorgnis in die Hand
Indes die Nachricht welche ihm durch dasselbe wurde hatte er doch nicht
vermutet
    In der gemessenen Weise eines Geschäftsmannes meldete der Beamte dass der
hochwürdige Herr Kaplan ihm gleich nach dem Tode des verstorbenen Herrn Barons
sehr angegriffen und verändert erschienen sei Trotzdem habe derselbe es sich
nicht nehmen lassen seine Amtspflichten zu erfüllen und der von dem Verluste
ihres Gemahls äußerst erschütterten Frau Baronin zur Seite zu stehen Er habe
dabei offenbar seine Kräfte erschöpft und wenn man sich auch hätte denken
mögen dass er seinen Herrn und Freund nicht lange überleben würde da sie so eng
in einander verwachsen gewesen wären und das Alter das Zerreissen solcher alten
Lebensbande nicht wohl vertrage so habe doch das plötzliche Hinscheiden des
verehrten Greises sie Alle schwer betroffen und werde auch den Freiherrn
sicherlich sehr überraschen Er berichtete demselben danach dass er den
unbedeutenden Nachlass des Kaplans versiegelt dass er die Meldung von seinem
Ableben bei den betreffenden Behörden gemacht habe und fragte an wie der
Freiherr es nun hinsichtlich der Verwaltung des Richtener Pfarramtes zu halten
gewillt sei
    Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen Händen Es war nichts
Ungewöhnliches was er erlebte es lag im Laufe der Natur dass der betagte Mann
gestorben war aber er hatte ihn so lieb gehabt Wie der Schutzgeist von
Richten ja wie sein eigener Schutzgeist war der Kaplan ihm stets erschienen
Jetzt erst kam seine Heimat ihm verlassen und verwaist vor und sein Gemüt
besaß in diesem Augenblicke noch nicht die Kraft sich Schloss und Herrschaft
unter einer ganz veränderten Umgebung als sein Eigentum zu denken und sie doch
zu lieben Ohne den Kaplan war ihm Richten nicht mehr die alte teure Heimat
    Indes es war kein Tag an welchem man sich seinen Empfindungen lange
überlassen durfte Jedermann wusste es dass am nächsten Morgen eine große
Schlacht bevorstand und wer noch etwas für dieses Leben zu beschicken hatte
tat dazu es nicht hinauszuschieben Renatus hatte sich auf die Vorsorge des
Kaplans mehr als auf sich selbst verlassen Jetzt war er dieser Stütze beraubt
die kommende Tagesfrühe konnte über sein Leben entscheiden und er hinterließ
eine Stiefmutter einen Bruder eine Braut Er hatte für das Wohlergehen dieser
Lieben noch nicht Sorge getragen wie er wünschte und jetzt war es vielleicht
zu spät dazu wenn die Voraussicht seines Vaters nicht in dem Testamente die
Vorkehrungen auch auf den Fall getroffen hatte dass Renatus nicht aus dem Felde
wiederkehren sollte
    Er öffnete und las das Testament Es war nicht dazu gemacht ihn zu
beruhigen und zu erheben Sein Besitz war weit mehr verschuldet als er es für
möglich gehalten hatte Obschon seine wirtschaftlichen Kenntnisse höchst
unbedeutend waren ahnte er doch dass sich ihm große fast unübersteigliche
Hindernisse in der Verwaltung und Erhaltung der drei großen noch
zusammengehörenden Güter in den Weg stellen würden und mehr noch als diese
Erkenntnis erschütterte ihn der Teil des Testamentes welcher Vittoria und
ihren Sohn betraf Es überflog ihn eine heiße Scham das Herz presste sich ihm
zusammen Seinem Vater war also das Geheimnis Vittorias nicht verborgen
geblieben Der Greis hatte den Schmerz erduldet sich verraten zu wissen Wie
musste ihn dies niedergeworfen was musste er davon gelitten haben Die reine
wahrhafte Natur des Sohnes empörte sich gegen Vittoria er dachte mit
widerwilligem Zorn an sie und an Valerio und Beides Beides tat ihm weh denn
er liebte Vittoria und er liebte auch den Knaben den er obschon er um
Vittorias Leidenschaft für einen Andern wusste bis jetzt doch als seinen Bruder
angesehen hatte
    Bricht denn Alles Alles unter meiner Hand zusammen fragte er sich
schmerzlich und der alte Gedanke dass er nicht zum Glücke geboren sei
bemächtigte sich seiner wieder mit erneuter Macht Er hatte bisher immer viel
Mitleid mit Vittoria gehabt ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm
stets als eine große Entsagung für sie erschienen Jetzt beklagte er nur seinen
Vater Weil er nicht wusste dass der Freiherr erst ganz kurze Zeit vor seinem
Tode den Verrat Vittorias erfahren hatte bewunderte er dessen stolze
Zurückhaltung und die großmütige Nachsicht mit der er Vittoria behandelt
hatte Er machte sich selbst einen Vorwurf daraus dass er der Verräterin so
viel von seiner Liebe so viel Freundschaft zugewendet er hätte seinen Vater
wiederhaben mögen um es ihm abzubitten dass er nicht genug Zärtlichkeit für ihn
gefühlt habe um ihn aufs Neue und mehr und verständnissvoller als bisher zu
lieben
    Er wusste in einzelnen Augenblicken nicht was er tun ja nicht einmal
woran er zuerst denken solle Man erwartete von ihm Bestimmungen über seine
Angelegenheiten aber er verstand von ihnen wenig er hatte keine wirkliche
Geschäftskenntniss Der Freiherr hatte nach dem Abgange von Steinert mehrmals mit
seinen Amtsleuten gewechselt Renatus wusste aus des Vaters eigenem Munde dass er
auch dem gegenwärtigen Amtmanne nicht vertraue und dass er eben deshalb zum
Oefteren an eine Verpachtung der Güter gedacht habe nur dass er sich nicht
entschließen können damit einen Teil seiner persönlichen unmittelbaren
Einwirkung über sein Eigentum aufzugeben Der Justitiarius erwähnte in einer
dem Testamente beiliegenden Auseinandersetzung dieser Absicht des Freiherrn
denn der Kontract des Amtmanns ging mit dem nächsten Frühjahre zu Ende und
Renatus musste jetzt entscheiden ob der Kontract wie es festgesetzt war dann
auf drei neue Jahre verlängert werden sollte oder nicht Der Justitiarius sprach
von einem Pächter der sich gemeldet habe und dessen Bedingungen wenn man die
Zeitverhältnisse in Erwägung zog nicht ungünstig genannt werden konnten aber
es ward die Bedingung daran geknüpft dass ihm das lebende Inventarium welches
durch den Krieg auf das Äußerste heruntergebracht worden war vollständig und
ausreichend ersetzt werden und die Pachtung ihm auf zwölf Jahre zugesichert
werden solle Für die Beschaffung des Inventariums musste man abermals Kapital
aufnehmen das jetzt schwer und nur zu hohen Zinsen zu haben war und die jetzt
während des Krieges gebotenen Pachtpreise auf zwölf Jahre im voraus gelten zu
lassen fand selbst Renatus nicht für möglich Er musste also die Dinge gehen
lassen wie sie eben gingen aber die Sorge um seinen Besitz wälzte sich wie
eine Last auf ihn und dazu fing er an es schwer zu bereuen dass er die Gräfin
Rhoden zu der Übersiedelung nach Richten aufgefordert hatte denn es war ihm
jetzt eine äußerst widerwärtige Vorstellung sich seine Braut in der Nähe
Vittorias und in deren täglicher Gesellschaft vorzustellen
    Ohne dass er sich bestimmte Gründe dafür anzugeben wusste hegte er weil er
es eben wünschte die bestimmte Hoffnung dass die Gräfin seinen Vorschlag nicht
angenommen haben werde und nachdem er mit einem Seufzer die
TestamentsAbschrift und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag
geschoben hatte nahm er zuerst den Brief der Gräfin aus dem zweiten Kouverte
hervor weil er sich den Brief seiner Braut auf zuletzt versparen wollte um den
schweren Tag doch mindestens mit einem tröstlichen Eindrucke abzuschließen
    Aber seine Hoffnung und Voraussicht hatten ihn dieses Mal getäuscht Die
Gräfin schrieb ihm dass sie Anfangs Bedenken gegen seine Plane gehegt habe Sie
sei zweifelhaft gewesen ob es angemessen sei gleich nach dem Tode des
Freiherrn sich in dessen Hause einzurichten Sie habe da Renatus Verlobung mit
ihrer Tochter vor der Welt noch ein Geheimnis sei die Besorgnis gefühlt dass
man ihr die Absicht zur Last legen werde eben diese Verlobung herbeiführen zu
wollen indes Hildegard sei anderer Ansicht gewesen und da diese ohnehin einer
Erholung bedürftig sei weil sie sich in der Pflege der Verwundeten deren Zahl
nach der Schlacht von Grossbeeren in den Berliner Hospitälern so furchtbar
angewachsen Anstrengungen zugemutet habe die weit über ihre Kräfte gegangen
wären so habe die Gräfin sich nach reiflicher Überlegung zum Nachgeben
entschlossen und die nötigen Schritte zur Auflösung ihrer Verhältnisse in der
Residenz getan wobei ihr Graf Gerhard mit gewohnter Zuvorkommenheit seine
Dienste angeboten habe Sie fügte dann noch hinzu dass sie wenn sie ihre
ökonomischen Verhältnisse in das Auge fasse Renatus für sein Anerbieten doppelt
Dank zu sagen habe da ihr die Zinsen ihres geringen Vermögens jetzt nicht
regelmäßig eingingen und die Zweifel welche sie um die Sicherheit ihres
kleinen Kapitals aussprach waren auch nicht dazu angetan dem neuen Besitzer
der von Artenschen Güter das Herz zu erleichtern Noch hatte er nicht Frau
nicht Kind und schon lag er mochte es ansehen wie er wollte die Sorge für
eine große Familie auf seinen Schultern Denn an wen hatten sich Vittoria und
Valerio zu halten als an ihn Auf wen als auf ihn fiel einmal die Sorge für
Hildegards Mutter und Schwester Und diese Einsicht musste er gewinnen an dem
Vorabende einer großen Schlacht  Sich zu trösten sich die Seele zu befreien
eröffnete er Hildegards Brief
    »Mein ewig Geliebter« schrieb sie ihm »es soll Ja und Amen heißen zu
Allem was Du wünschest und angeordnet hast für jetzt und für alle Zeit Was
könnte Deiner Braut in diesen Tagen in denen sie Deine Seele von Trauer beladen
weiß ohne dass sie zu Dir eilen kann sie Dir tragen zu helfen Heilsameres
begegnen als an der Stelle zu weilen an der Du geboren bist als an dem Orte
zu leben der künftig auch ihre Heimat sein wird und an welcher sie mit Dir
vereint das Andenken Deines edelen Vaters heilig in sich pflegen will
    O mein Renatus Lieben Glauben Hoffen das ist alles was uns übrig
bleibt in den Tagen der Prüfung in denen wir leben Ich habe Stunden gehabt in
denen ich mich mit Zweifeln plagte mit Zweifeln ob Dein Vater mich jemals gern
willkommen heißen würde mit immer neuen Zweifeln sogar an Dir denn ich meinte
wäre Deine Liebe der meinigen gleich so hätte keine Rücksicht der Welt Dich
bewegen können mich durch Verheimlichung unserer Liebe und unserer Verlobung
fern von Dir zu halten Und nun das überwunden ist nun Du Herr bist über unser
Schicksal nun Dein Wille mich einführt in Deiner Väter Haus auch jetzt noch
darf ich die bräutliche Myrtenkrone nicht in meine Locken drücken und jede
jede Stunde kann für ewig den Schleier nicht endender Trauer über meine ganze
Zukunft werfen Weiß ich es denn ob es nicht schon geschehen ist Weiß ich es
denn ob des Todes Pfeil Dich nicht bereits ereilte ob Dein brechendes Auge
sich nicht vergebens nach Deiner Geliebten sehnte ob Dein letzter Seufzer nicht
vergebens ihren Namen rief  Ich habe so manches Sterbenden letztes Wort
vernommen  Gott Gott wenn Du  aber ich kann ich mag es nicht denken Ich
will hoffen hoffen und beten weil ich Dich liebe
    Du hast das Richtige für mich gewählt Ich habe Ruhe und Stille nötig und
ich gehöre zu den Trauernden Wie verlangt es mich unsere schöne Signorina
wiederzusehen Deinen kleinen Bruder zu umarmen Ich werde mit unserer Signorina
von Dir sprechen in Deines Bruders liebem Antlitz Deine Züge suchen wir werden
nur in Dir nur für Dich leben bis Du wiederkehrst und was diese Jahre der
Trübsal Jedem von uns auch auferlegen  Gott hat sie gesendet um mit schweren
Leiden an die Herzen derer zu klopfen die sich abgewendet hatten von sich
selber und von ihm Denn wie Viele uns der Tod auch entrissen das Leben hat uns
manchen verloren Geglaubten wiedergegeben und sollten wir nicht mit unserem
Heilande sagen Es wird mehr Freude im Himmel sein über einen Sünder der Busse
tut denn über hundert Gerechte
    Du weißt es mein Geliebter von wem ich rede Es ist eine große eine
erhebende Wandlung mit ihm vorgegangen und lass es mich bekennen ich meine
oftmals mein brünstig flehendes Gebet habe dazu mitgewirkt Ich konnte o ich
konnte den Gedanken nicht ertragen dass der Deinen Einer dass Deiner edelen
Mutter Bruder der heiligen Sache des Vaterlandes und uns Allen für immerdar
verloren sein sollte  nein ich konnte es nicht
    Dein Oheim weiß es wie Dein und mein Herz sich gefunden haben er gönnt uns
unser Glück er segnet es und ich glaube oftmals zu bemerken dass seine Augen
mit Rührung auf mir weilen Ach muss es ihn nicht schmerzen dass er in einer
Zeit herangewachsen ist in der das heilige Feuer der Vaterterlandsliebe in den
Seelen der Menschen erloschen war Ist er denn nicht beklagenswert dass seinem
Leben wie er mir das einst gestanden niemals der milde Stern einer reinen
Liebe aufgegangen ist
    Er hat uns in diesen Tagen der Trauer um Deinen teuren Vater gütevoll zur
Seite gestanden er hat mir geholfen die Mutter zur Übersiedelung in unsere
künftige Heimat zu bestimmen Frei und unabhängig wie er ist bietet er Dir
seine Dienste an und es müsste mein ganzes Empfinden mich betrügen oder Du
könntest was Du von weltlichen Dingen anzuordnen hast keinem verlässlicheren
Freunde anvertrauen
    Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut und Du meine einzige Habe mein
höchstes Gut bist mir fern bist in täglicher Gefahr O denke wo Du auch
immer weilest denke dass ich an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem
Bilde unter Deinen Augen meine Gebete für Dich zum Himmel sende denke dass
mein Leben beschlossen ist wenn es dem Herrn über Leben und Tod gefallen
sollte das Deinige als ein Opfer auf dem Altare des Vaterlandes zu begehren«
    Sie hatte ein paar Myrtenblätter auf den Rand des Briefes festgenäht und ein
Herz darum gezeichnet »Hier haben meine Lippen Dein gedenkend dieses Blatt
berührt« hatte sie darunter geschrieben und die Spur ihrer Tränen war auf dem
Papier sichtbar die Worte waren halb verlöscht Aber der ganze Brief und vor
Allem diese Weichheit des Schlusses brachten keine gute Wirkung auf ihren jungen
Verlobten hervor
    Renatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen seit er vor seinem Abmarsche
zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr genommen hatte Die
Heeresabteilung bei welcher er stand hatte bei dem Ausbruch des
Befreiungskrieges ihre Marschroute nach Deutschland im Norden von Berlin gehabt
Seit mehr als einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner
Verlobten angewiesen gewesen und ein solcher hat immer sein Bedenkliches wo es
sich nicht um völlig gefestete und klar bestimmte Verhältnisse handelt Dass
Renatus es nicht zulässig gefunden seinen Vater von der Wahl in Kenntnis zu
setzen welche er getroffen hatte war gleich Anfangs ein Anlass zur Verstimmung
zwischen ihm und seiner Verlobten geworden Hildegard hatte ihn der Schwäche
angeklagt ihm vorgehalten dass er seines Vaters Ruhe mehr als ihren Frieden
liebe und da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschränktheit nicht
von sich selber abzusehen und keinen Anspruch außer dem ihrigen für berechtigt
anzuerkennen vermochte hatte Renatus ihr mit Grund den Vorwurf der Eigensucht
gemacht Von ihm um dessen Leben sie sorgte auf den alle ihre Gedanken
gerichtet waren getadelt zu werden das hatte sie nicht ertragen können und
von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbstbeschuldigungen
übergehend um ihn wieder zu versöhnen war sie im Laufe der Zeit allmählich in
eine Sprache der gefühlsseligen Leidenschaft geraten die sich noch gesteigert
hatte seit der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs Empfindungsund
Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die großen Aufregungen bis zur
Übertreibung gesteigert hatte
    Renatus hatte sich von dieser Gefühlsrichtung seiner Braut nie wohltätig
berührt gefunden Er liebte ein frisches kräftiges Wesen vielleicht gerade
weil er dessen selbst ermangelte und das Leben des Soldaten auf dem Marsche und
im Felde war wider sein eigenes Vermuten sehr nach seinem Geschmack Er hatte
sich auf dem russischen Feldzuge in Entbehrungen und Anstrengungen erproben
lernen er hatte den großen Augenblick mit erlebt in welchem sein General das
ihm anvertraute Korps von der Bundesgenossenschaft mit dem Landesfeinde
losgerissen hatte und von dem erhabenen Schwunge der begeisterten Volksbewegung
weit über sich selbst hinausgetragen hatte auch Renatus endlich aus der
Hoffnung auf die Befreiung seines Vaterlandes sein höchstes Ziel gemacht ohne
dass seine Liebe für Hildegard dadurch beeinträchtigt worden wäre aber sie
verstand es nicht sich seinen Stimmungen und Zuständen wie er es begehrte
anzupassen Mitten in der stolzen Aufregung des Kampfes von Tag zu Tag auf
wildem Kriegspfade fortschreitend immer nur des nächsten Augenblickes und oft
selbst dieses nicht sicher sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines
tapferen Herzens Wie jeder Jüngling zum Helden geworden war so wollte er ein
Heldenweilb in der Geliebten finden und Hildegard war zu einem solchen nicht
geschaffen
    Es half Renatus nicht dass er sich vorhielt wie mutig sie in den Reihen
der anderen Frauen und Jungfrauen sich der Pflege der Kranken und Verwundeten
unterzogen hatte So oft er einen Brief von ihr erhielt peinigten ihn die
klagende Liebe die fromme Verzagteit ja selbst die entsagende
Gottergebenheit ihres Wesens die es doch allesammt nicht hinderten dass sie
feste Plane für ihre eheliche Zukunft entwarf und eine Art von Herrschaft über
seine Empfindungen auszuüben strebte welche ihn stets daran erinnerte dass er
sich doch eigentlich sehr früh gebunden habe
    Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch niemals ein anderer
gewesen Es lähmte ihm jeden Aufschwung es verdüsterte ihm den ohnehin trübe
genug gestimmten Sinn von Hildegard wie er es in seinem Innern nannte im
voraus die Todtenklage um sich anstimmen zu hören Es schien ihm eine üble
Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein Er hätte so viel lieber ein
fröhliches Glückauf einen siegesgewissen zukunftssicheren Ruf von ihr
vernommen und vollends die enge Freundschaft in welche die Frauen zu dem
Grafen Gerhard getreten waren und deren Entstehen und Wachsen er seit vielen
Monaten bemerkt und immer ungern gesehen hatte gereichte ihm heute zu
besonderem Verdrusse
    Er konnte es in dem eingezäunten Gärtchen nicht mehr aushalten er kam sich
ohnehin wie an Händen und Füßen gebunden vor Er stand auf und verließ den engen
Raum
    Das ganze Dorf lag voll von Truppen Es war viel Landwehr dabei und der
Dialekt seiner Heimat schlug mehrmals an sein Ohr Er meinte er müsse irgendwo
bekannte Gesichter erblicken eine Anrede erfahren und sie wäre ihm willkommen
gewesen Aber Niemand achtete auf ihn es hatte Jeder mit sich selbst genug zu
tun
    An den abgeschirrten Batterien an den Reihen aufgestellter Bayonnette
vorüber schritt er zum Dorfe hinaus Es war dort wie hier Überall Hast und
Lärmen überall Gehen und Kommen überall das Dröhnen der Schritte von neu
heranziehenden Truppen und das Rollen der Geschütze und der Munitionswagen
Dazwischen Gruppen von ermüdeten am Boden liegenden Ankömmlingen die schlafend
fast mitten im Wege dalagen und jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen
werden konnten
    Die Sonne war schon untergegangen der Himmel bewölkte sich mehr und mehr
es dunkelte früh Aus den Wiesen und Wassern stiegen die Nebel auf und drückten
den Rauch von den zahllosen Beiwachtfeuern nieder an denen die Soldaten sich
ihr Abendbrot und für wie viele unter ihnen musste es das letzte Abendbrot sein
bereiteten
    In der Ferne ertönte Trommelwirbel von verschiedenen Seiten erschallte in
Zwischenräumen die Signaltrompete Weit hinten am Horizonte stiegen zwei weiße
Leuchtkugeln in die Höhe Was bedeuteten sie
    Er ging zwecklos vorwärts er hatte mitunter keinen festen Gedanken so
Vielerlei so Schweres zog ihm durch den Sinn und dazwischen fragte er sich
immer wieder was bedeuten die beiden weißen Leuchtkugeln
    Den Tod für Viele ganz gewiss gab er sich endlich selbst zur Antwort und
wie er denn so einsam dahinzog auf der weiten weiten nachtbedeckten Ebene
einsam unter den Hunderttausenden die morgen das blutige Spiel beginnen mussten
über die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden sollte wie er hier an
einem Schlafenden vorüberkam dort fröhliches Lachen und Singen vernahm dachte
er Wer von Euch wird morgen noch singen und scherzen Wer von uns wird schlafen
gehen für immer  und es kam ihm gar nicht furchtbar vor zu diesen Letzteren
zu gehören
    Was blühte ihm denn in der Zukunft Was hatte er von ihr zu erwarten
Quälende Verhältnisse wohin er sich auch wendete Verpflichtungen und Sorgen
aller Art Und wofür das Hatte er den Verfall seines Familienbesitzes und
Vermögens verschuldet Hatte er Vittoria in das von Artensche Haus geführt Er
mochte gar nicht an sie denken  Und Hildegard Nun Hildegard hatte sich in
ihre künftige Trauer so hineingelebt dass sie wohl vorbereitet sein musste ihr
Schicksal zu tragen wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten
    Die Briefe hatten lange Zeit gebraucht bis sie an ihn gelangt waren Jetzt
dachte er sich mussten sie Alle schon in Richten beisammen sein Er sah sie
deutlich vor sich Vittoria mit ihrem Sohne der nicht mehr sein Bruder sein
sollte und die Gräfin und Hildegard und ihre Schwester Er sehnte sich nicht
dorthin Ihm bangte vor dem verwaisten Schloss und je länger seine Gedanken
dort verweilten um so schmerzlicher drängte sich ihm der immer wiederkehrende
Frageruf in die Seele Vittoria warum hast Du mir das angetan  Er fühlte
sich allem Anderen gewachsen nur Vittoria verachten zu müssen in Valerio nicht
mehr einen Bruder zu besitzen heimliche Unehre eingedrungen zu sehen in das
würdige Haus seiner Väter das zerriss ihm das Herz und die Zornestränen in den
Augen zerdrückend sagte er sich Ich bin also der Letzte unseres Hauses
unseres Namens Falle ich morgen so ist unser altes Geschlecht erloschen und
dahin
    Aus seiner Entmutigung riss diese Vorstellung ihn empor Er wollte nicht
mehr untergehen Er war es denen schuldig die vor ihm gewesen waren ihr
Geschlecht und ihren Namen aufrecht zu erhalten für die Zukunft er schuldete
sich seinen Ahnen Er wollte leben bleiben Morgen wollte er die Frage an die
geheimnisvollen Mächte tun welche das Schicksal der Menschengeschlechter
lenken Verschonte ihn dieses Mal die Schlacht so sollte ihm das ein Zeichen
sein dass Gott das Fortbestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in
seiner Weisheit angeordnet habe Der morgende Tag sollte ihm zu einer
Entscheidung auch für sich selber werden
    Gefasster als er es verlassen hatte kehrte er in sein Quartier zurück Er
fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder um nach Hause zu schreiben
denn die Anfragen des Justitiarius bedurften einer Antwort als er sich aber
anschickte sie zu geben fiel es ihm erst ein wie in seines Vaters
letztwilligen Anordnungen gar keine Rücksicht auf den doch so möglichen Fall
genommen war dass Renatus bei seines Vaters Tode nicht mehr am Leben gewesen
wäre und obschon diese Zuversicht des Freiherrn auf des Sohnes Stern für diesen
eben so erhebend als rührend war sagte er sich doch dass es eine Gewissenssache
für ihn sei eine Entscheidung zu treffen eine Entschließung zu fassen
    Der Freiherr hatte mit seinem Testamente den ihm untergeschobenen Sohn eines
Fremden offenbar von dem Anteile an dem von Artenschen Erbe ausschließen
wollen so weit er dies vermochte ohne die ihm und seiner Ehre angetane
Kränkung kundzugeben Dass er seinem Sohne erster Ehe den möglichst vollständigen
Besitz des Hauses zu erhalten suchte da die Artenschen Güter kein Majorat
waren konnte an und für sich selbst in den Kreisen in welchen die Familie
lebte keinen Verdacht gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerios
erregen die trotz der freiherrlichen Verfügung noch immer günstiger zu stehen
kamen als es bei der Vererbung eines Majorates für sie der Fall gewesen sein
würde Der Freiherr hatte also nach seines Sohnes Meinung den Erbantritt
Valerios nicht völlig ausschließen wollen Das Fortbestehen seines Namens und
Geschlechtes hatte ihm höher gestanden als die Befriedigung seiner beleidigten
Ehre Starb Renatus kinderlos so fiel wenn auf Valerio nicht Bedacht genommen
wurde was jedoch geschehen musste so lange seine unrechtmässige Geburt nicht
gerichtlich festgestellt worden war der Artensche Besitz an die nächsten Erben
und Anverwandten von Renatus an die Brüder seiner Mutter und mit Einem Male
schoss es dem jungen Manne wie ein Strahl durch das Gehirn was die Annäherung an
ihn die Graf Gerhard seit Jahren mit einer gewissen Beflissenheit betrieben
hatte was die Freundschaft welche der Graf für die Braut seines Neffen
gegenwärtig kundgab zu bedeuten haben könnten dabei kam ihm wie mit einem
Zauberschlage eine Äußerung in das Gedächtnis welche Graf Gerhard einmal
gegen ihn getan hatte als er ihn zum Eintritte in die Dienste des Königs von
Westfalen überreden wollen Er hatte Renatus damals um ihn vom Kriegsdienste
abzuhalten den einzigen Erben seines Familiennamens genannt und als dieser ihn
an seinen Bruder Valerio erinnert hatte der Graf mit einem bösen Lächeln ihm
entgegnet »Vittorias Sohn wird einmal auf Deine Großmut angewiesen sein«
Renatus hatte das lange nicht vergessen können dann hatten die Ereignisse der
letzten Jahre jene Äußerung aus seiner Erinnerung verwischt und jetzt trat sie
wieder mit voller Klarheit in sein Bewusstsein zurück
    Es überlief ihn heiß und kalt Graf Gerhard wusste also um Vittorias Untreue
und er rechnete auf sie denn dass er der seine eigene wahre Ehre nicht
geachtet hatte kein Bedenken haben würde fremde Ehre Preis zu geben wo sein
Vorteil es erheischte darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl zu kennen
Wie der flammensprühende Krater eines mit Vernichtung drohenden Vulkans tat es
sich vor seinen Blicken auf Ihm graute davor und doch konnte er sein Auge
nicht davon losreißen Je länger er darüber nachsann desto weniger wusste er
sich Rat
    Er dachte daran sein Testament zu machen und Valerio ganz ausdrücklich zu
seinem Erben zu ernennen denn immer wieder fühlte er es er liebte diesen
Knaben brüderlich Aber sein Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich
gewollt und auch in Renatus sträubte sich das Artensche Blut dagegen ganz
abgesehen davon dass die Einsetzung Valerios ohne Frage einen Erbschaftsstreit
und mit ihm die Enthüllung von Vittorias Ehebruch heraufbeschwören konnte den
der Freiherr vor der Welt zu verbergen beabsichtigt hatte Dann wieder fand
Renatus sich geneigt Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen Indes der Name
seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten Die Freundschaft welche Graf
Gerhard für die mittellose junge Gräfin hegte konnte gegenüber der Erbin des
Artenschen Besitzes leicht in eine wärmere Empfindung übergehen und Renatus
hielt es gar nicht für unmöglich dass Hildegard um ihr Werk der vermeintlichen
Bekehrung an dem Grafen Gerhard zu vervollständigen sich selbst zum Opfer
bringen könne Er hatte heute ein unaussprechlich bitteres Gefühl so oft er an
sie dachte Er wusste nicht war es Misstrauen war es Eifersucht was ihn also
quälte aber er vermochte das letztere nicht recht zu glauben denn heute konnte
er es sich nicht verbergen er liebte sie eigentlich nicht er hatte sie niemals
wahrhaft geliebt Es war eine Aufwallung eine Übereilung gewesen dass er sich
ihr anverlobt hatte ihr ganzes Wesen sagte ihm immer weniger zu und wie ein
Angstschrei rang sich ohne dass er es wusste aus seinem beklommenen geänstigten
Herzen der laute Ausruf Freiheit Freiheit empor
    Er erschrak als er ihn getan hatte Seine Kameraden die noch plaudernd
beisammen saßen  die beiden Schläfer waren während seines einsamen Ganges auch
wieder munter geworden  wendeten sich nach ihm um
    Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher außer Ihnen rufen lieber Arten
sagte der Hauptmann und frei werden wir werden auf die eine oder die andere
Art wenn Jeder von uns morgen Alles an Alles setzt fügte er hinzu
    Die Unterhaltung der Anderen geriet dadurch ins Stocken sie waren samt
und sonders ernstaft geworden Der Hauptmann zog einen Brief aus der
Brusttasche und sprach Es wird morgen eine Schlacht geschlagen werden wie die
Weltgeschichte noch keine aufzuweisen hat Wer sie von uns überleben wird das
steht in des Allmächtigen Hand Lassen Sie uns einander das Versprechen leisten
dass die Überlebenden Kunde von den Toten in die Heimat senden
    Er hielt einen Augenblick inne zeigte den Anderen den Brief den er danach
wieder in die Brusttasche steckte und setzte mit weicher Stimme hinzu Ich habe
eine Frau und zwei Kinder zu Hause Falle ich und Sie können meiner Leiche
habhaft werden so schicken Sie diesen Brief an meine Frau Gehe ich verloren in
der Masse nun so meldet wohl Einer von Ihnen ihr das Geschehene damit es ihr
menschlicher und früher als durch die Todtenliste zukommt Ich stehe soweit es
nötig und mir möglich ist Jedem von Ihnen zu dem traurigen Gegendienste
bereit
    Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu Die Lieutenants waren
junge Edelleute und gleich Renatus unverheiratet Der Hauptmann war
bürgerlicher Herkunft Er war bedeutend älter als die Anderen und hatte in dem
Regimente von der Pike auf gedient Renatus wusste dass er ohne Vermögen sei dass
er seiner Familie nichts weiter zu vererben habe als seinen unbescholtenen
Namen und die Erinnerung an seine Liebe und an seine Treue aber wie schwer dem
Hauptmanne das Herz auch sein mochte Renatus beneidete ihn weil so einfache
natürliche Verhältnisse ihn an das Leben fesselten Denn wie er sich dagegen
auch innerlich verteidigte es bemächtigte sich seiner aufs Neue der dumpfe
Lebensüberdruss der ihn heute schon zu verschiedenen Malen überfallen hatte und
unfähig irgend einen festen Entschluss zu fassen warf er sich mit den Anderen
zum Schlafe auf den Boden nieder
    Der morgende Tag sollte entscheiden Auch über ihn und seine persönlichen
Angelegenheiten sollte er entscheiden
 
                                Zehntes Kapitel
Und sie war gefallen diese Entscheidung so erhaben und so glorreich für das
deutsche Vaterland als die kühnste Einbildungskraft es nur hatte erhoffen
können
    Das Dorf durch welches Renatus an dem Vorabende der Schlacht gegangen war
lag in rauchenden Trümmern Es war der Schauplatz eines mörderischen Kampfes
gewesen Von den Offizieren die in jenem Bauernhause bei einander gesessen
hatten waren nach den drei großen Tagen nur noch Renatus und ein noch jüngerer
Edelmann am Leben Es waren Wunder der Tapferkeit getan worden
    Im Verein mit den Ostpreussen hatte das Regiment in dem Renatus diente
Gehöft um Gehöft nachdem der Feind Herr des Ortes geworden war wie eben so
viele Festungen wiedererobern müssen und seiner Kompagnie voranstürmend war
der Hauptmann an Renatus Seite von einer Kartätschenkugel niedergeschmettert
worden Lautlos war er zusammengesunken und trotz des Kampfes wilder Hast sich
zu ihm niederbeugend um sein Wort zu lösen hatte der junge Freiherr die
Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich genommen aber diese
Pflichterfüllung hatte ihm selber fast den Tod gebracht denn wie Renatus sich
emporrichten wollte stolperte sein Fuß über die Leiche eines eben erstochenen
Soldaten Ein Kolbenschlag dem der wankende Renatus nicht widerstehen konnte
verwundete ihn und warf ihn nieder auch über seiner Brust blitzten schon die
Bayonnette der Franzosen die sich aus einem der in Brand geratenen Gehöfte in
wildem Durcheinander den Stürmenden entgegenstürzten
    Da warf sich plötzlich eine hohe kräftige Mannesgestalt an der Spitze
einiger ihr folgenden Landwehrmänner mit raschem Entschlusse den Andringenden
in den Weg
    Auf auf Herr von Arten rief er während er die Feinde welche den
Hingesunkenen bedrohten mit ungewöhnlicher Kraft und höchster eigener Gefahr so
lange aufzuhalten wusste bis Renatus wieder Meister über sich geworden war und
Zeit gefunden hatte sich zu erheben um sich in dem grausen Handgemenge das
wie die stürzenden Wellen des Meeres auf und nieder wogte selber wieder zu
behaupten
    Es waren nur flüchtige Sekunden gewesen die sein Erretter neben ihm
verweilte Auf auf Herr von Arten hatte er noch einmal gerufen dann hatte die
nächste Kampfeswelle sie weit von einander fortgerissen und doch hatte Renatus
ihn erkannt doch war selbst in jener verhängnisvollen Minute das wundersam
unheimliche Gefühl durch sein Inneres gezogen das er stets empfunden hatte so
oft er in dieses Mannes Nähe gekommen war so oft er seiner nur gedachte
    Durch seine Verwundung für die nächsten Tage dienstunfähig gemacht in Folge
der über seine Kräfte gehenden Anstrengungen erschöpft lag Renatus neben andern
Kranken und Verwundeten leise fiebernd in einem der Zimmer des
Bürgerhospitals Sein Gehirn war frei nur bisweilen trübten sich seine
Vorstellungen und er wusste dann nicht zu unterscheiden was wirklich geschehen
war und was er in dem Halbschlafe des Fiebers träumend durchgemacht hatte Ein
paar Mal fuhr er in die Höhe Er meinte dann sich wieder im Kampfesgewühle zu
befinden er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust gezückt er hörte wieder
das kräftig drängende »Auf auf Herr von Arten« und wie in jenem Augenblicke
ertönte es ihm als ein Mahnwort von seines Vaters Munde der ihn zur
Selbsterhaltung um des Hauses willen aufrief
    Wenn er dann aber in seinen Träumen in die Höhe schaute um in seines Vaters
Schatten seinen Schutzgeist zu erblicken stand Paul Tremann wieder vor ihm
jede Sehne der prachtvollen Gestalt gespannt das schöne Antlitz voll
kaltblütiger Entschlossenheit  und ein eisiger Frostschauer beschlich des
Kranken Herz Er wachte unzufrieden und erschreckend auf Er konnte seines
Lebensretters nicht mit Liebe nicht mit Freuden denken Er glaubte sich sagen
zu dürfen dass er Paul den gleichen Dienst geleistet haben würde Es war nur
Menschenpflicht einander im Kampfe beizustehen und doch drückte doch
widerstrebte es ihm dass Paul ihm mit eigener Gefahr zu Hilfe gekommen war dass
er eben ihm eben diesem Manne sein Leben zu verdanken haben sollte
    Indes Renatus hatte von seinem Vater mit dem fatalistischen Aberglauben
desselben auch die Fähigkeit geerbt sich die Dinge nach seinem inneren Bedürfen
zurecht zu legen und zu deuten und wie seine Kräfte ihm allmählich
wiederkehrten begann er das ihm beunruhigende und peinigende Erscheinen und
Dazwischentreten seines Bastardbruders für jenes Zeichen anzusehen das er in
seiner Entmutigung am Vorabende vor der Schlacht von dem Geschicke gefordert
hatte
    Er zweifelte jetzt nicht mehr daran dass seinem Hause ein Fortbestehen
sicher sei und der schöne Erfolg den er persönlich errungen hatte als er noch
am letzten Tage der Schlacht zum Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen
Hauptmanns ernannt worden war hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht auf
seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben
    Ohne eigentliche kriegerische Neigung war er in das Heer getreten und
widerstrebend in den russischen Krieg gezogen Aber wie wenig er der
französischen Sache auch geneigt gewesen war so hatte er doch die begeisterte
Vaterlandsliebe nicht gehegt die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich
hatte erwachen fühlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war seit
er in ihrem Dienste Blut und Leben eingesetzt Jetzt war mit seinem Erfolge auch
sein Ehrgeiz angefacht und wie sein Blick sich vorwärts auf neue Siege neue
Ehren auf eine große militärische Laufbahn richtete minderten sich die Sorgen
mit denen er nach der letzten Kunde von den Seinigen an die Heimat
zurückgedacht hatte
    Er konnte wie er sich richtig sagte bei seiner bisherigen Unkenntnis von
allem was die Guts und VermögensVerwaltung anbetraf aus der Ferne keine
großen umgestaltenden Maßregeln treffen Es war das Geratenste bis zur
Beendigung des Krieges die Dinge gehen zu lassen wie sie einmal eingeleitet
waren Er wies also als er endlich wieder im Stande war seine Angelegenheiten
vorzunehmen den Justitiarius an den Kontract mit dem Amtmanne zu erneuern die
Wirtschaft desselben so weit es möglich sei zu überwachen die Inventarien
so gut es tunlich allmählich herzustellen die Ausgaben auf jede Weise
einzuschränken und im Übrigen wie bisher mit gewissenhafter Treue für ihn und
seinen Besitz Sorge zu tragen
    Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas kam ihm nach dem eben
erst Erlebten der Gedanke an die Möglichkeit seines eigenen Todes doch wieder
mit verstärkter Macht und er sagte sich dass er notwendig für diesen Fall da
sein Vater es nicht getan hatte in Bezug auf Vittoria und vor allen Dingen in
Bezug auf Valerio seine Massnahmen zu treffen habe Es war notwendig einen
Vormund für Valerio einen männlichen Beistand für die Baronin einen Curator
für die ganze Vermögens und BesitzVerwaltung zu ernennen und Renatus wusste
lange keine ihn befriedigende Wahl zu treffen
    Er kannte die Verwandten seiner Mutter wenig aber er würde dem
Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertrauen seine ganzen Angelegenheiten
übergeben haben denn die Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit desselben war über
jeden Zweifel erhaben indes Graf Felix stand wie Renatus selbst im Felde und
den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenämtern zu betrauen daran wagte Renatus nicht
zu denken Allerdings beurteilte er weil er überhaupt zu dauernder Strenge und
Entschiedenheit im Urteile seiner ganzen Natur nach nicht geneigt war den
Grafen jetzt in manchem Betrachte milder als an dem Tage da er den letzten
Brief über ihn von Hildegard erhalten hatte Er war sich während seines kurzen
Krankenlagers der verhältnissmässigen Wandlungen bewusst geworden welche er selber
in den letzten beiden Jahren in sich erfahren hatte und es gab für ihn manche
Stunden in denen er es zu entschuldigen fand dass Graf Gerhard sich früher der
französischen Sache und der kaiserlichen Fahne angeschlossen hatte Waren doch
auch in seinem eigenen Vaterhause französische Sitte und Sprache lange genug
alleinherrschend gewesen und seiner großen Bewunderung für den Kaiser hatte
sein Vater der verstorbene Freiherr selber niemals Hehl gehabt Es war also
denkbar es war möglich man konnte es vielleicht entschuldigen wie Graf
Gerhard es jetzt selber tat dass dieser sich als ein junger lebhafter und
dabei nicht eben reicher Mann einst für seine Tätigkeit in französischen
Diensten ein Feld eröffnet hatte Es war auch nicht unglaublich dass die
wachsende Tyrannei die nicht endende Kriegslust des Kaisers dem deutschen
Edelmanne endlich die Augen über seinen Irrtum geöffnet hatten und dass er in
der Reue über seine Verblendung sich mit doppeltem Eifer und doppelter
Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hingegeben hatte Aber wenn das
wie Graf Gerhard es von sich behauptete der Fall war weshalb focht er jetzt
nicht in den Reihen seines Volkes seiner Standesgenossen seiner Brüder 
Wesshalb setzt er nicht wie wir alle sein Leben für die Sache des Vaterlandes
ein fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschätzung und sein persönliches
Misstrauen gegen seinen Oheim wurde dadurch immer wieder aufs Neue erweckt und
verstärkt
    Indes eine Wahl musste er treffen und wie er die Reihe der Edelleute
durchdachte die seinem Vater und seinem Hause verbunden gewesen waren stieß er
auf eine Schwierigkeit die er bis dahin nicht in das Auge gefasst hatte Ein
jeder Bevollmächtigte musste wenn er das Testament des Freiherrn sah in welchem
Valerio immer und ausdrücklich nur als der Sohn Vittorias nie als des
Freiherrn Sohn bezeichnet war die Verhältnisse des Hauses in einer Weise
erkennen lernen wie sie Andern Fremden bekannt werden zu lassen der
verstorbene Freiherr eben zu vermeiden gewünscht hatte und hin und her
erwägend wie es vielleicht auch nicht einmal ratsam sei einem befreundeten
Standesgenossen die volle Einsicht in seine verwickelte und schwierige Lage zu
vergönnen bedauerte Renatus es in tiefster Seele dass es nicht mehr Adam
Steinert sei der an der Spitze der freiherrlichen Güter stehe
    Er hatte Adam wenig gekannt aber alles was er jemals von dem verstorbenen
Kaplan und andern Personen über ihn vernommen hatte entschieden zu des Mannes
Gunsten gelautet Wäre Adam noch als oberster Verwalter auf den Gütern und im
Dienste des freiherrlichen Hauses oder wäre er nur auf Marienfelde und nicht im
Heere gewesen so würde Renatus allem FamilienHerkommen entgegen ihn zu dem
Vormunde von Valerio und überhaupt zu seinem Vertrauensmanne ausersehen haben
und dass Adam sich trotz alles Vorgefallenen hätte geehrt fühlen müssen von
einem Freiherrn von Arten ein solches Amt zu übernehmen daran zu zweifeln fiel
dem jungen in standesmässigem Hochmute auferzogenen Manne gar nicht ein Er
erinnerte sich dass selbst der alte Flies der mit seinem Lobe zu kargen gewohnt
war den Adam Steinert als einen der ausgezeichnetsten Landwirte und als einen
höchst umsichtigen Geschäftsmann bezeichnet hatte und während Renatus diesen
Ausspruch noch in sich erwog fiel es ihm ein wie der alte Flies seit länger
als einem Menschenalter mit allen Unternehmungen und auch mit den wachsenden
Verlegenheiten des verstorbenen Freiherrn wohl bekannt gewesen sei und wie es
also vielleicht das Geratenste sein dürfte ihn auf dessen Verschwiegenheit
der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen hatte und an dessen Meinung dem
jungen Edelmanne im Grunde nicht viel gelegen war dem Justitiarius
beizugesellen und ihnen gemeinsam die Vorsorge für die väterliche
Verlassenschaft wie für die in Richten Hinterbliebenen zu überantworten
    Eine abschlägige Antwort fürchtete Renatus von Herrn Flies noch weniger als
er sie von Steinert erwartet haben würde denn einerseits hatte der Banquier
bedeutende Hypotheken auf Neudorf und auf Rotenfelde anderseits hatte er aber
auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Händen die für dessen Erben in
jedem Augenblicke unbequem und gefährlich werden konnten wenn Herr Flies sich
einmal versucht fühlen sollte sie nicht mehr zu verlängern Es lag also in dem
beiderseitigen Vorteile in gutem Einvernehmen zu verbleiben Dem Herrn Flies
musste es notwendig gerade darum zu tun sein die Sachverhältnisse genau zu
kennen und  Renatus schämte sich halbwegs vor sich selber als er sich dieses
Bestimmungsgrundes bediente  wenn Herr Flies auf solche Weise auch tiefer als
Jener es begehrte in das von Artensche Familienleben hineinsah nun so konnte
man sich immer noch auf Sebas Freundschaft für die verstorbene Baronin Angelika
verlassen und schlimmsten Falles nach den vertraulichen Mitteilungen des
Grafen Gerhard von Herrn Flies um Sebas willen Verschwiegenheit gegen
Verschwiegenheit beanspruchen
    Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen letzten Erwägungen
und Betrachtungen zu Mute Er würde nie darauf gekommen sein sie gegenüber
einer adeligen Familie anzustellen aber mit einer bürgerlichen und vollends mit
einer JudenFamilie war das etwas ganz Verschiedenes Er stand mit ihnen welche
Rechte die neuere Zeit und die neue Gesetzgebung ihnen auch einräumten durchaus
nicht auf demselben Boden sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen Ihre
und seine Ehrbegriffe konnten gar nicht dieselben sein ihre Welt war nicht die
seine und es blieb ja immer seinem Ermessen überlassen sobald die
Zeitverhältnisse es ihm gestatteten eine Verbindung zu lösen einen
Zusammenhang aufzugeben die eben nur durch die zwingende Gewalt der Umstände
für ihn zu einer augenblicklichen Notwendigkeit geworden waren
    Dazu drängten ihn seine Marschordre wie sein eigenes Verlangen so bald als
möglich seinem Regimente zu folgen dem Befehl über die Kompagnie den er in den
beiden letzten Tagen der Schlacht aus eigener Machtvollkommenheit geführt hatte
nun als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu übernehmen und selbst die
Rücksicht dass Paul ein Teilnehmer des Fliesschen Handlungshauses sei änderte
schließlich in des jungen Freiherrn Vorhaben nichts sie bestärkte ihn nur noch
in demselben Eine persönliche Berührung mit jenem wurde für Renatus vorläufig
dadurch keineswegs notwendig Bei Geschäften wie das Haus Flies sie seit
langen Jahren mit seiner Familie gemacht hatte fielen aber dem Kaufmanne immer
wesentliche Vorteile zu und sagte Renatus sich mit selbstgefälliger
Herablassung Paul war doch einmal seines Vaters Sohn Es stand also wie der
junge Freiherr meinte den Erben seines Vaters gar wohl an dem nicht
rechtmäßigen Sohne desselben wenn es sich so fügte einen Vorteil zuzuwenden
und ihn verdienen zu lassen was sonst einem Fremden zufiel Er war mit dieser
Schlussfolgerung von großer Niedergeschlagenheit ausgehend doch schnell wieder
dahin gelangt sich und seine Verhältnisse zu überschätzen weil es ihm zu
quälend war sie lange in ihrem richtigen Lichte zu betrachten und wie er sich
nun aufs Neue nach seinem selbstgeschaffenen Maßstabe auferbaut hatte legte er
denselben auch an die Andern an so dass er sich bald in gutem Glauben zu der
Ausführung seiner Absichten entschloss
    Er schrieb dem Justitiarius also wie er es gehalten haben wolle er schrieb
auch an Herrn Flies wie jenes Vertrauen welches die Freiherren von Arten sein
Großvater wie der verstorbene Freiherr Franz zu Herrn Flies und zu dessen
Einsicht und Rechtschaffenheit stets gehegt hätten es ihm sehr wünschenswert
machten wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vormundschaft über den jungen
Freiherrn Valerio unterziehe wenn er der verwittweten Freifrau von Arten wie
dem Justitiarius zur Seite stehe und Renatus berief sich dabei ausdrücklich auf
die früheren persönlichen Beziehungen welche zwischen ihm selbst und dem
Fliesschen Hause obgewaltet hätten Er meldete es dass er Hauptmann geworden
sei erwähnte dass er in der Schlacht von Möckern in Todesgefahr geschwebt habe
aber er unterließ es hinzuzufügen wem er seine Rettung zu verdanken habe Dass
er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Gräfin Rhoden aufgefordert jeden Umgang
mit Seba abzubrechen dass das bloße Wort des Grafen Gerhard dem er in seinen
persönlichen Beziehungen ganz und gar misstraute hingereicht hatte ihn den Stab
über Seba über die Freundin seiner Mutter brechen zu lassen das alles
erwähnte er freilich nicht Er hegte die feste Ansicht dass es einem Manne wie
ihm anstehe und erlaubt sei sich der ihm nicht ebenbürtigen Menschen wie der
Werkzeuge zu bedienen die man aufnehme und liegen lasse je nachdem man sich
ihrer benötigt finde Es war das keine Sache der Überlegung bei ihm es lag
ihm im Blute war ihm ein angezeugter angeerbter Glaube und er hatte über
dasjenige was ihn nicht selbst betraf niemals ernstaft nachgedacht obschon
es ihm wo er ihn anzuwenden für gut befand an Scharfsinn nicht gebrach
    Der verstorbene Freiherr hatte sich wie Renatus wusste des Herrn Flies
bedient als es sich um die Unterbringung und Erziehung Pauls gehandelt man
hatte die Baronin im Fliesschen Hause ihr Krankenlager halten lassen ohne
dadurch sich irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie verpflichtet
zu glauben und Renatus war überzeugt dass auch für ihn angemessen und auch
jetzt noch möglich sei was seine Eltern einst für sich angemessen und möglich
gefunden hatten Er haftete überhaupt und wie sollte und konnte es anders sein
mit seinem ganzen Sinne auf dem Boden der Überlieferungen Die Ehre wie er sie
verstand erschien ihm immer noch als ein Vorrecht als ein ganz
ausschliesslicher Besitz des Adels Nur der Rückblick auf eine Ahnenreihe konnte
den Begriff der wahren Ehre wie er meinte in dem Menschen entwickeln Nur wer
sein Tun und Handeln in jedem Augenblicke der Würde aller derjenigen anzupassen
hatte die vor ihm den Familienschatz der Familienehre angesammelt hatten
konnte die verantwortlich machende Selbstachtung besitzen ohne welche die wahre
Ehre nicht bestehen kann jene Ehre und jene Ehren die den mittellosesten und
geistig geringsten Edelmann als Mitglied einer besonderen Kaste und einer
besonderen Race über alle Nichtadeligen erheben welcher geistigen oder
äußerlichen Mittel und Vorzüge diese sich auch zu rühmen haben mögen
    Es war nicht allein der Tod seines Vaters es war mehr noch das Bewusstsein
der eigenen im Felde bewiesenen Tapferkeit welche in Renatus den alten
Adelsstolz seines Hauses jetzt aufs Neue und stärker als je zuvor belebte Dass
um ihn her Tausende und aber Tausende von Nichtadeligen das Gleiche wie er
getan hatten und taten das verminderte seine Selbstzufriedenheit nicht im
geringsten Wie es Sitte unter denen von Arten war den Familienschmuck der
Frauen bei der Verheiratung des Stammhauptes zu vergrößern so gehörte es sich
dass jeder Herr von Arten den Stammesschatz der Familienehren zu erhöhen suchte
Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche in Richten gebaut Renatus
dachte dem Hause in seinem Namen neue Ehren kriegerische Ehren zuzuführen da
die Bahn des Krieges vor ihm ausgebreitet lag und nun er sich durch seine
neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses überhaupt versichert glaubte
waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht über ihn gekommen die ihm sonst nicht
eigen gewesen waren
    Nur an Hildegard konnte er nicht mit freiem Herzen denken und es kam ihm
schwer an ihr zu schreiben Als er sich aber dazu erst überwunden hatte
beschloss er es mit aller der Wahrhaftigkeit zu tun die einem Edelmanne seiner
künftigen Gattin gegenüber zieme
    Er sagte ihr dass er sich mit ihrer Gefühlsweise oftmals gar nicht in
Übereinstimmung finde dass er sich jetzt wo er dem Tode nur mit genauer Not
nur wie durch ein Wunder entgangen sei in seinem Innern reiflich geprüft und
es erkannt habe wie seinem Verlöbnis mit ihr nicht jene Alles umfassende Liebe
zum Grunde gelegen habe welche die Verbindung zwischen Mann und Weib zu einer
Naturnotwendigkeit mache aber dass er sie wert halte dass er entschlossen sei
sein Wort wie es einem Edelmanne gebühre einzulösen ja wie er sich überzeugt
fühle dass Hildegard ihn beglücken dass er sie auf das wärmste lieben werde
wenn sie aus dem Bereiche der Schwärmerei in die Wirklichkeit hinabsteigen und
die fröhliche Zuversicht zum Leben fassen wolle die ihm gerade mitten in
Todesnot und Gefahren gekommen sei Er riet ihr dann gegen den Grafen Gerhard
trotz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut zu sein teilte ihr mit dass er
Herrn Flies und nicht seinem Oheim die FamilienAngelegenheiten übergeben habe
und bat Hildegard danach sich es mit den Ihrigen in seinem Schloss gefallen zu
lassen und sich von jetzt ab als die Herrin desselben betrachten zu wollen an
deren Seite er in nicht zu ferner Zeit von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe
Um sich aber ihren Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefällig
anzupassen kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurück deren Begebnisse er
ihr ausführlich schilderte und seine späteren Träume mit den Erlebnissen und
Eindrücken der Wirklichkeit willkürlich und ganz bewusst vermischend stellte er
es ihr mit allem poetischen Schwunge über den er verfügte ausführlich dar wie
er seines Vaters Stimme plötzlich mitten im Gewühle des Kampfes zu vernehmen
geglaubt habe wie er die Augen emporhebend die Augen seines Vaters über sich
leuchten gesehen und wie er sich überzeugt halte dass Gott selbst ihm diesen
Beistand diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe um ihm
damit Mut und Hoffnung in seiner Trauer um den Vater und ein Zeichen für das
lange dauernde Fortbestehen des Hauses derer von Arten zu gewähren
    »Zünde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche an und denke meiner
so oft Du Dich in unserem Gotteshause betend niederwirfst« so schloss er  Wer
aber der Mutige gewesen war der ihn gerettet hatte das schrieb er auch
Hildegarden nicht
    Er besorgte für ihr Herz das ganze Ereignis seines geweihten Eindrucks und
seines dichterischen Zaubers zu entkleiden wenn er ihr sagte dass es ein
gewöhnlicher Sterblicher dass es Paul Tremann sei dem er sein Leben zu
verdanken habe
 
                                  Drittes Buch
                                 Erstes Kapitel
Europa zitterte noch unter dem Nachdröhnen der Ereignisse welche über den
Weltteil hingegangen waren Zwei blutige Kriege hatten die Herrschaft
Napoleons vernichtet Kometengleich wie er Alles überstrahlend am Horizonte
der Zeit emporgestiegen war er von demselben verschwunden Zum zweiten Male war
das zum Herrschen unfähig gewordene Geschlecht der Bourbonen in seine Heimat
zurückgeführt worden zum zweiten Male standen die vereinigten Heere in der
Hauptstadt Frankreichs während Napoleon Bonaparte der dieses Frankreich durch
ein halbes Menschenleben zur Beherrscherin der Welt gemacht hatte als ein
Verbannter auf dem Rücken des »Bellerophon« einsam durch die Fluten des
Weltmeeres zog das ihn für immer von dem Schauplatze seiner Taten trennen
sollte
    Es war in der Mitte des Sommers Paris war nie glänzender erschienen als
eben jetzt wo die vertrieben gewesene Königsfamilie wo die zurückgekehrten
Edelleute der alten Geschlechter und alle die Tausende von sieggekrönten Fremden
sich für schwere Entbehrungen und Leiden für blutige Kämpfe und für Wunden in
den Genüssen entschädigen wollten die keine andere Stadt der Welt in so
verführerischer Anmut darzubieten versteht als das immer wieder jugendliche
das glänzende bei all seiner Majestät und Pracht so liebliche Paris
    Der Tuileriengarten war voll Menschen Von dem mittleren Pavillon des
Schlosses vom Pavillon de LHorloge hing die weiße Fahne schlaff hernieder
Über den Rasenplätzen über den im altfranzösischen Geschmacke angelegten
Blumenbeeten über den alten Kastanienbäumen brütete die heiße Sommersonne In
den weiten Wasserbehältern aus denen die Springbrunnen so hoch gegen den blauen
Himmel aufstiegen dass die fallenden Tropfen in der Höhe wie flüssige Diamanten
erglänzten zogen die Schwäne langsam umher Soldaten aller Grade Soldaten aus
aller Herren Ländern gingen in den breiten mit großem Sinne angelegten Wegen auf
und nieder während Schaaren von Kindern überall ihr Wesen trieben und die
Schönen aller Stände ihren Spaziergang in den Alleen machten oder in Gruppen auf
den zur Miete feil gebotenen Stühlen saßen um der Militärmusik zuzuhören
welche hier um Sonnenuntergang das Publikum alltäglich eine Stunde unterhielt
    Weiter ab nach dem Ausgange des Gartens hin wo die umschliessende Terrasse
sich nach dem großen Platze öffnet dass man fern hinaussieht über die
elysäischen Felder hinweg bis zu dem gigantischen marmornen Triumphbogen den
der gefallene Titan sich und seinen Siegen zum stolzen Gedächtnis aufzurichten
begonnen hatte saßen auf einer der steinernen Bänke vier preußische Offiziere
bei einander Drei von ihnen der junge Lieutenant der Hauptmann ein kräftiger
Fünfziger und der schöne Major der den linken Arm in einer leichten Binde
trug gehörten der Landwehr an Der Oberst war von den Linientruppen
    Er und der Lieutenant über dessen Lippe der blonde Schnurrbart sich eben
erst zu kräuseln begann schienen viel Gefallen an dem bewegten Leben zu finden
das sie umgab Der Hauptmann und der Major auf dessen breiter Brust das Eiserne
Kreuz und der russische AnnenOrden sich würdig ausnahmen beachteten es nicht
sonderlich und der Letztere hatte schon eine geraume Zeit gedankenvoll in die
Ferne geblickt als der Oberst die Beiden mit der Frage anrief Sagen Sie mir
meine Freunde worüber denken Sie so ernstaft nach dass Sie darüber diese
liebe lustige Welt die sich hier so vergnüglich sonnt und sich ihres Lebens
freut wie der Fisch im Wasser und wie der Vogel in der Luft fast zu vergessen
scheinen Es bleibt mir nichts als die plumpe Frage übrig wenn ich Sie nicht
ganz und gar in sich selber versinken lassen will
    Der Hauptmann hob sein kluges treuherziges Auge zu dem Fragenden empor und
sagte Ich dachte darüber nach ob sie bei mir zu Hause auch so gutes trockenes
Wetter haben mögen die Weizenernte muss jetzt im vollen Gange sein Es ist jetzt
das dritte Jahr fügte er mit unterdrücktem Seufzer hinzu dass ich nicht mehr
daheim bin Ich fange an mich sehr nach Weib und Kind nach Haus und Hof zu
sehnen und obschon meine Frau und mein Verwalter tapfer durchgeschlagen haben
ists doch Zeit dass ich nach Hause komme Es ist keine Kleinigkeit um eine
Wirtschaft der des Herrn Auge fehlt Ich habe hier keine Ruhe mehr
    Da gehts Dir wie mir mein Freund rief der Major seit ich aus dem
Lazaret bin lässts auch mich hier nicht mehr rasten Die Ruhe macht mich
unruhig und da der Friede jetzt eine ausgemachte Sache ist bin ich gestern um
meinen Abschied eingekommen
    Um Ihren Abschied fragten der Oberst und der Lieutenant wie aus Einem
Munde Das ist nicht Ihr Ernst
    Haben Sie denn vergessen meine Freunde dass ich Kaufmann bin dass mein
greiser Freund und Kompagnon jetzt seit mehr als vier Jahren alle Sorgen des
Geschäftes allein getragen hat und dass es eine Ehrensache für mich ist ihm so
bald als möglich die schwere Last von seinen Schultern zu nehmen
    Aber nach den Erfolgen die Sie gehabt haben lieber Tremann nach dem
militärischen Range den Sie einnehmen nach den Auszeichnungen die Sie
erworben haben  er wies auf die Orden welche Paul auf seiner Brust trug  und
vor Allem nach der Tapferkeit und dem militärischen Talente welche Sie
bewiesen sind Sie für Ihren jetzigen Stand wie geschaffen meinte der Oberst
Ich fürchte das ruhige Leben des Geschäftsmannes wird Ihnen jetzt nicht mehr
wie sonst behagen ganz abgesehen davon dass sich Ihnen in dem Heere doch eine
andere eine vorteilhaftere und schönere Laufbahn dargeboten hat
    Paul lächelte Kennen Sie mich so wenig lieber Werben sagte er Ich bin zu
sehr auf Tätigkeit gestellt um jemals im Frieden einen guten Soldaten
abzugeben und viel zu sehr an Unabhängigkeit gewöhnt um ohne zwingende
Notwendigkeit auf dieselbe zu verzichten Im Kriege war das etwas Anderes Da
verlangte jeder Tag den ganzen Menschen da brachte jeder Tag neue Aufregungen
forderte rasche selbstständige Entscheidung man gelangte immer und immer
wieder wie der Kaufmann das gewohnt wird zu dem Bewusstwerden aller seiner
Kräfte und seines Einflusses auf Andere man genoss in jedem Augenblicke die
Genugtuung irgend eines Erfolges wie wir deren in unseren wohlberechneten und
darum wohlgelingenden Geschäften haben Jetzt seit den drei Wochen seit denen
man mich aus dem Hospitale entlassen hat werde ich meiner nicht mehr froh Ja
ich war in der Tat im Lazarete fügte er scherzend hinzu für mein Gefühl weit
besser daran als jetzt da ich wieder zu den Geheilten und Gesunden zähle denn
das Kranksein das Schmerzertragenmüssen war doch immer noch eine Art von
Arbeit eine Art von Leistung Und was die vorteilhafte Laufbahn anbetrifft so
wüsste ich keinen Rang und keine Stellung in der Welt die mich wünschenswerter
dünkte als die eines völlig freien unabhängigen Mannes
    Es entstand eine kleine Pause Der schlanke Lieutenant der seit seinem
Ausmarsche aus der Heimat noch ein tüchtig Stück gewachsen war und dem das
Leben in den großen Städten eben so wohl gefiel als er sich selber in der
Uniform sah verlegen vor sich hin Er hatte von seinem Vater in den letzten
Tagen sehr ähnliche Einwendungen hören müssen als er seinen Wunsch geäußert
hatte ganz im Kriegsdienste zu bleiben während es Adam Steinert nicht zu Sinne
wollte dass sein Aeltester ein anderes Gewerbe treiben sollte als den Landbau
bei dem die Familie hergekommen und gediehen war seit lieber langer Zeit Auch
der Oberst von Werben fand kein besonderes Behagen an seines Freundes
Äußerungen Er hatte allerdings nach dem ersten unglücklichen Kriege durch eine
Reihe von Jahren das bürgerliche Kleid getragen und zu der Zeit in welcher der
Kampf gegen Napoleon sich vorbereitete es oft genug ausgesprochen wie die
Kraft eines Volkes nicht in einem stehenden Heere sondern in dem Selbstgefühle
und in dem Freiheitsbedürfnisse jedes Einzelnen im Volke beruhe aber er war ein
geborener Edelmann sein Vater und seine Voreltern hatten den Königen gedient
auch er war mit sechszehn Jahren in das Heer getreten und die erfochtenen
Siege wie groß die Mitwirkung der Landwehr an ihnen auch gewesen war hatten
dem Berufssoldaten doch einen neuen Einfluss und eine neue Macht gesichert Der
Oberst konnte sich also in das Selbstgefühl seines Freundes nicht mehr so völlig
finden als in den Tagen in denen er ein aus dem Dienste entlassener Offizier
in dem zerschlagenen Vaterlande vergebens nach Rettung für dasselbe ausgespäht
hatte
    Über eines Menschen Neigung und Beruf ist nicht mit ihm zu streiten sagte
er und man konnte ihm die Empfindlichkeit anhören mit der er Paul den Stand
des Kaufmanns gegen den seinigen erheben hörte Ich bin auch weit entfernt die
Macht des Geldes zu unterschätzen nur glaube ich dass es noch ein Höheres gibt
als den Besitz und Sie selbst lieber Tremann waren dieser Ansicht ebenfalls
als Sie Hab und Gut im Stiche ließ um dem Vaterlande Ihre Kraft zu weihen um
sich wie Sie es damals nannten Ihr Bürgerrecht in der früh verlassenen Heimat
zu erwerben
    Nun mich dünkt das habe ich getan entgegnete Paul und maß den Obersten
mit einem so festen stolzen Blicke dass Steinert und dessen Sohn so genau sie
ihn zu kennen glaubten von seiner Haltung sich betroffen fühlten und der
Oberst der im Grunde durchaus nicht die Absicht gehabt hatte ihn zu verletzen
sich in seine Aufwallung nicht finden konnte
    Paul wurde auch schnell wieder Herr über sich und einlenkend sprach er
Wohl uns dass jeder von uns mit seinem eigentlichen Berufe so wohl zufrieden ist
und groß von ihm denkt Die Gesammteit kann es besser nicht verlangen Indes
damit Sie über mich in keinem Zweifel bleiben können gestehe ich Ihnen dass ich
den Besitz als Mittel zum Zwecke als bewegende Kraft als Grundlage aller
Zivilisation und Freiheit über Alles schätze und dass es mir für Jeden dessen
Anwesenheit im Heere jetzt nicht mehr eine Notwendigkeit ist geboten scheint
nach Hause zu gehen und so viel an ihm ist an der Wiederbelebung unseres
Wohlstandes zu arbeiten Der Boden lechzt nach den Armen und Händen die ihn
pflügen und bauen und das Kapital so weit es vorhanden ist nach den Kräften
die es in Bewegung setzen um es zu vermehren denn reicher geworden sind in
diesen letzten Zeiten gewiss nur Wenige von uns Aber wo Handel und Gewerbe so
lange gestört worden sind ist dafür in den nächsten Jahren ohne Frage auch eine
erfolgreiche Tätigkeit für denjenigen zu finden der es begreift wo sie zu
suchen ist
    Er erhob sich bei den Worten auch die Anderen standen auf denn es traten
Bekannte hinzu welche die Unterhaltung unterbrachen und man trennte sich bald
danach
    Paul und der Hauptmann schlugen den Weg nach dem jenseitigen Seineufer ein
um noch einen ruhigen Abendspaziergang zu machen die Anderen gingen in größerer
Gesellschaft nach dem Palais Royal in welchem sich in jener Zeit gegen den
Abend hin vor den Kaffeehäusern und in den Speisehäusern die Fremden
zusammenfanden
    Du hast vorhin eine Äußerung getan sagte Steinert nachdem er schweigend
eine Strecke neben Tremann einhergegangen war mit dem die Waffenbrüderschaft
und die gemeinsam geteilten Gefahren ihn eng verbunden hatten die mich
beunruhigt Ich fürchte Ihr gehört zu denen welche durch die Kriegsjahre
Verluste erlitten haben
    Paul stellte das nicht in Abrede Er gestand dem Freunde vielmehr dass der
Fall großer russischer Häuser mit denen er und sein Kompagnon gemeinsam
gearbeitet und für die sie demgemäss Verpflichtungen übernommen hätten sie stark
angegriffen habe Es blieb uns in dem Augenblicke da der Krieg ausbrach eben
nur die Wahl uns selbst gleichfalls für zahlungsunfähig zu erklären sagte er
oder mit Hintansetzung jeder anderen Rücksicht unsern Gläubigern gerecht zu
werden Das Letztere ist geschehen Unser Vermögen ist dabei aber in dem Grade
zusammengeschmolzen in welchem unser Kredit gewachsen ist
    Er sprach das mit großer Gelassenheit obschon seine freie Stirn sich etwas
verdüsterte Der Hauptmann wollte wissen wann Tremann die Nachricht erhalten
und warum er nie davon gesprochen habe
    Ich erhielt die Nachricht am Tage vor der Schlacht an der Katzbach
entgegnete Paul und den Arm in seines Freundes Arm legend sagte er Wir
standen einander damals noch nicht so nahe dass ich Dir es hätte sagen mögen
und ich bin es auch gewohnt dergleichen mit mir selber abzumachen Ich
versichere Dich aber ich habe oft mitten im Gewühle des Kampfes mitten in den
blutigen Gefechten mit Sorge ja mit Angst an die Möglichkeit meines Todes
gedacht und es wird Dir eben so gewesen sein denn den Tod nicht fürchten den
Tod verachten kann nur derjenige dessen Leben für keinen anderen Menschen Wert
hat
    Wem sagst Du das rief Steinert aus und seine Augen feuchteten sich bei der
Erinnerung wie oft seine Gedanken im Gefechte sich zu Weib und Kind gewendet
hatten
    Paul ließ sich jedoch nicht unterbrechen Das Prahlen mit der
Todesverachtung ist mir immer als eine elende Lüge oder als das unwillkürliche
Zugeständnis großer Unfähigkeit und großer Selbstsucht erschienen fuhr er fort
Wir sind jetzt hier Alle in der Lage gewesen unser Leben für die Befreiung
unseres Vaterlandes in die Schanze zu schlagen das hat mich aber nicht
gehindert es stets zu wünschen dass das meinige aufgespart bleiben möge denn
es liegt viel auf mir und ich habe Pflichten gegen geliebte Menschen zu
erfüllen Die russischen Geschäfte sind von unserm Hause auf meinen Antrieb
unternommen worden und haben große Vorteile gebracht bis sie dann plötzlich
weit mehr als die Hälfte unseres Vermögens verschlungen haben Seba ist an
Reichtum gewöhnt Davide in demselben ohne dass sie eigenes Vermögen hätte
aufgewachsen und der alte Flies hat ein langes Leben damit zugebracht seinen
Besitz und seine kaufmännische Stellung zu begründen Sie sind samt und sonders
wohltätig und mitteilsam sich zu beschränken würde ihnen allen schwer
fallen und es war auch bis jetzt noch keine Veranlassung dazu Wo Kredit
Arbeitskraft und Einsicht in die Verhältnisse der Zeit vorhanden sind braucht
man nicht ängstlich zu sein sie sind Vermögen und übertragen oder verwandeln
sich mehr oder weniger schnell auch wieder in greifbaren Besitz Unser Kredit
hat sich weil wir alle diese Krisen überstanden haben wie gesagt erhalten
aber mit siebzig Jahren hat man die rasche Entschlossenheit den sicheren
schnellen Überblick nicht mehr deren der Kaufmann nicht entraten kann und
ein Kaufmann im großen Style war mein alter Wohltäter niemals  Er machte eine
kleine Pause und fügte dann hinzu Du siehst also dass ich nach Hause gehen muss
und es scheint mir nicht als ob man uns Freiwilligen dabei große
Schwierigkeiten in den Weg zu legen denke
    Steinert wollte wissen auf welche Weise Jener um seinen Abschied
eingekommen sei Paul sagte er habe vorläufig nur einen Urlaub auf drei Monate
begehrt nach Verlauf derselben werde man voraussichtlich so weit mit den
Friedensverhandlungen vorgeschritten sein dass man die Landwehr in die Heimat
entlassen werde und dann gehöre ohnehin Jeder wieder sich und seinem
bürgerlichen Berufe Steinert sah das als richtig ein und beschloss das gleiche
Verfahren für sich einzuschlagen nur wegen seines Sohnes konnte er zu keinem
Entschlusse kommen Aber auch hier gab Paul den Ausschlag Er riet den
Jüngling vorläufig noch im Heere zu lassen namentlich wenn das Regiment wie es
den Anschein hatte in Paris verbleiben sollte Dein Sohn sagte er wird hier
des Französischen vollständig mächtig lernt die Welt die Menschen kennen und
sieht und hört was ihm später auf Eurem Dorfe nie geboten werden kann Lass ihn
bis zum völligen Frieden im Regimente und dann übergieb ihn mir
    Meinst Du dass er Kaufmann werden soll fragte Steinert mit einer gewissen
Ängstlichkeit
    Paul lachte trotz des Ernstes ihrer Unterhaltung hell auf Und Du willst
Dich über die Vorurteile des Adels beklagen rief er während Dir selbst der
Kastengeist so tief im Blute steckt dass der bloße Gedanke ein Adam Steinert
könne etwas Anderes werden als ein Landwirt oder etwas Anderes tun als in
Eurer Provinz den Boden bauen Dich schon unheimlich berührt Ihr kommt noch
dahin Euch Adam Steinert der Vierundvierzigste zu nennen wie unsere kleinen
Fürsten wenn Ihr so fortfahrt wie bisher Aber sei unbesorgt er soll den
Acker bauen wie Du selbst nur vorläufig nicht den Eurigen
    Steinert antwortete nicht gleich denn kein älterer Mann erträgt es willig
sich von der besseren Einsicht eines jüngeren zurecht gewiesen zu sehen Indes
Paul besaß die auf Erfahrung und auf verständiges Selbstvertrauen gegründete
Kraft die Menschen leicht von dem Richtigen zu überzeugen und weil er immer
Herr über sich selber war auch ohne dass er es suchte und wollte Herrschaft
über Andere zu gewinnen So währte es denn nicht lange bis Steinert den
kleinen Unmut überwindend die Frage aufwarf Und was willst Du mit ihm machen
    Ihn nach Amerika hinüberwerfen
    Zu welchem Zwecke
    Damit er vor allen Dingen das Gehorchen verlernt
    Steinert verstand nicht was Tremann damit sagen wolle dieser war also
genötigt sich deutlicher zu erklären
    Es ist mir an Deinem Sohne aufgefallen sagte er dass er bei unverkennbar
guten Anlagen unselbständig ist und das ist nicht seine sondern seines
Lebensweges Schuld Du bist ihm ein wackerer Vater gewesen hast ihn streng zum
Gehorsam erzogen und das erste Kindesalter hat das nötig denn in ihm muss der
vernünftige fremde Wille die eigene mangelnde Vernunft ersetzen Aber Eure
Schulen wie sie jetzt sind fordern ebenfalls unbedingten Gehorsam von dem
Knaben Alles ist vorausbestimmte Regel Alles vorausgesehen der ganze Weg von
der Kindheit bis zum reiferen Jünglingsalter für Alle derselbe für Alle
unwandelbar festgestellt das schadet der freien Entwicklung der Persönlichkeit
Nun ist er aus der Vormundschaft des Vaterhauses und der Schule noch in das Heer
getreten wo abermals fremder Wille seine Schritte vorgezeichnet hat und
Gehorsam seine erste Pflicht gewesen ist Er kennt also noch gar nichts
Besseres als pünktliches Unterordnen unter einen fremden Willen und eben darum
fühlt er auch die Neigung in einer lebenslänglichen Unfreiheit und
Dienstbarkeit zu bleiben wo diese wie im Heere mit einem gewissen äußern
Glanze und in die Augen fallenden Auszeichnungen verbunden sind Gönne ihm denn
die Zeit einmal gelegentlich den Druck der Abhängigkeit zu empfinden gönne
seiner Jugend auch den Triumph mit unsern Truppen den feierlichen Siegeseinzug
in die Heimat zu teilen und dann wollen wir weiter von der Sache sprechen und
sehen ob wir ihm die Lust am Dienen nicht abgewöhnen können
    Wir Steinerts haben so lange gedient meinte der Vater dass 
    Dass es endlich Zeit war sich frei zu machen fiel ihm der Andere in die
Rede weil er befürchtete dass Adams Empfindlichkeit noch nicht völlig
überwunden sei und dass Dein Sohn sehr unrecht tun würde freiwillig auf die
Vorteile zu verzichten die Deine rüstige Entschlossenheit ihm bereitet hat Er
weiß dass ich im Vereine mit dem englischamerikanischen Hause in dem ich
früher gearbeitet habe Landankäufe in Amerika gemacht habe und noch zu machen
denke die verwertet werden sollen dabei können wir junge Leute die wie Dein
Sohn in der Landwirtschaft aufgewachsen und bei ihr hergekommen sind
verwenden und er kann indem er unseren Absichten dient sich die Grundlagen
eines selbständigen Vermögens erschaffen mit dem er sich dann später in der
neuen oder in der alten Welt auf die eigenen Füße stellen mag auf denen jeder
Mann denn doch am besten steht Diese Aussicht will ich ihm eröffnen ehe ich
gehe vorausgesetzt dass sie Deinen Ansichten nicht widerspricht und ich müsste
mich in dem braven Burschen irren wenn nicht endlich in ihm das Verlangen nach
Selbständigkeit den Sieg über die Freude an den blanken Epaulettes davontragen
sollte
    Steinert drückte dem Freunde die Hand Du bist sehr gut sagte er denn
selbst mit Sorgen beladen sorgst Du Dich um Andere und während Du eigene
schwere Vermögensverluste zu ersetzen hast denkst Du daran das Vermögen
Dritter zu begründen Wie soll ich Dir das danken
    Danken wiederholte Paul davon kann ja in dieser einfachen Angelegenheit
gar nicht die Rede sein Sieh fuhr er dann nachdem sie eine Weile schweigend
neben einander hergegangen waren in seiner Rede fort sieh das dünkt mich so
schön am Leben dass für denjenigen der geneigt ist die Verhältnisse einfach zu
nehmen sich Alles einfach macht oder doch mit leichter Mühe zurechtlegen lässt
wenn der Mensch nur erst begriffen hat dass sein Vorteil und der Vorteil aller
Anderen gleichbedeutend sind Zu dieser Einsicht gelangt aber Niemand so leicht
und so sicher als der Kaufmann der durch tägliche Erfahrung darüber belehrt
wird wie sein Wohlstand auf den Wohlstand Anderer begründet ist und wie er den
seinen nicht vermehren kann wenn er das allgemeine Kapital des auf der Erde
vorhandenen Besitzes nicht vergrößern hilft Es ist für mich schon lange eine
Überzeugungssache dass klug und gut in gewissem Sinne gleichbedeutend sind und
dass man immer das Gute tut wenn man das von den praktischen Verhältnissen
Gebotene befördert Im großen Sinne ein Kaufmann zu sein ohne seinen sittlichen
Wert dadurch zu erheben scheint mir fast unmöglich
    Man sollte an die Richtigkeit dieses Satzes glauben meinte der Andere wenn
man Dich vor Augen hat und doch dass ich Dir es ehrlich gestehe haben der
Glückswechsel und die Unsicherheit der Zustände wie sie sich im Handel
kundgeben und wie Du sie an Dir selber jetzt erfahren müssen etwas das mich
gegen den Handel einnimmt und mich wie ich einmal geartet bin unfähig gemacht
haben würde ihn zu betreiben Von einem Tage zum andern neue Plane zu
schmieden beständig über Erfolg und Misslingen im Ungewissen fortwährend mit
seinem Sinne auf die Verhältnisse der ganzen Welt gerichtet zu sein wäre meine
Sache nicht Ich muss den festen Grund und Boden unter meinen Füßen fühlen ich
will es nur mit ihm und mit den natürlichen Ereignissen die Gott uns schickt
zu tun haben will der Erde abgewinnen was sie mir zu bieten hat und mit
langsamer Beharrlichkeit die Hindernisse überwinden die sich mir
entgegenstellen die Wunden heilen die mir wie Dir und Andern durch diesen
Krieg geschlagen worden sind Zum Kaufmanne muss man geboren sein in unserem
Blute liegt es nicht
    Als ob es in dem Blute läge aus dem ich stamme als ob ich von dem
Freiherrn von Arten oder von meiner armen Mutter die Einsicht und die
Überzeugungen vererbt erhalten hätte aus denen ich lebe hätte Paul entgegnen
mögen Aber er hielt den Ausruf vorsichtig zurück Er wusste dass er hier an der
Grenze stehe über welche hinaus der Andere ihm nicht zu folgen vermochte weil
er aufgewachsen in den Überlieferungen eines alten Familiengeistes und nicht
vollständig gebildet nicht fähig war aus dem Kreise herauszutreten in dem er
sich rüstig zu bewegen gewohnt war und eben so unfähig sich über sich selber
zu erheben und von sich absehend sich in der Allgemeinheit wiederzuerkennen
    Sie hatten während dessen Pauls Quartier erreicht und Adam verließ den
Freund weil dieser wie er es nannte noch seine Post zu besorgen das heißt
die Briefe zu schreiben hatte mit denen er seit er nach dem zweiten Einzuge
der Alliirten in Paris wieder zu einer gewissen Ruhe gelangt war die Verbindung
zwischen sich und seinem Handelshause und seinen Geschäftsfreunden unterhielt
um auch aus der Ferne den Betrieb der von ihm eingeleiteten neuen Unternehmungen
zu fördern
 
                                Zweites Kapitel
Es war spät am Abende als Paul das Siegel auf den letzten seiner Briefe
drückte Ein Kourier welchen der Feldmarschall in der Frühe des nächsten
Morgens in die Heimat entsenden wollte hatte die Beförderung dieser Briefe
zugesagt und Paul hatte eben seine Feldmütze aufgesetzt um das Packet der
Sicherheit wegen selbst in die Kanzlei des Feldmarschalls zu tragen als ihm
unten vor der Türe seiner Behausung der Postbote ein Schreiben aushändigte das
durch eine Estafette für ihn aus Berlin angekommen war
    Er trat in das Haus zurück um den Brief zu lesen Er war von Seba
geschrieben und enthielt nichts als die Worte »Unser teurer Vater ist von
einem Schlaganfalle getroffen man gibt wenig Hoffnung für seine Erhaltung Er
äußert so weit er sich verständlich machen kann das Verlangen Dich zu sehen
Ist es möglich so kehre heim wenn auch nur um wieder fortzugehen Davide und
ich sind wohl«
    Paul las den Brief noch einmal durch dann steckte er ihn ein warf sich in
den ersten Wagen dessen er habhaft werden konnte und befahl ihn zu dem
Kommandirenden seines Regiments zu fahren Aber weder sein General noch sein
Adjutant waren in ihrer Behausung anzutreffen und Paul wollte abreisen gleich
abreisen und doch nicht ohne Urlaub seine Fahne verlassen Einen Augenblick
stand er unentschlossen da dann hieß er den Kutscher ihn nach dem Schloss
hinzufahren in welchem der König von Preußen Quartier genommen hatte
    Es war wie er wusste ein großer Empfang bei dem Könige angesagt alle
anwesenden Fürsten waren eingeladen der Feldmarschall konnte dort nicht fehlen
Seine Uniform und sein Rang bahnten Paul den Weg Er wendete sich an einen der
diensttuenden Offiziere und verlangte in dringenden Geschäften mit dem Fürsten
Feldmarschall persönlich zu sprechen Man führte ihn durch verschiedene
Galerieen und Säle und hieß ihn warten
    Der ganze vordere Flügel des Schlosses schimmerte in dem Lichtglanze des
Festes Er sah durch die geöffneten Türen in der Ferne eine große Gesellschaft
sich bewegen reiche Uniformen prächtig geschmückte Frauen gingen hin und
wieder fröhliche Musik schlug in grellem Gegensatze zu seiner Stimmung an sein
Ohr Die Sekunden die Minuten dehnten sich ihm furchtbar aus und doch war es
nichts Unerwartetes was er erfahren hatte nichts was ihn unvorbereitet fand
    Er hatte sich es oft gesagt dass sein alter Freund dem Ziele des Daseins
nahe sei ja er hatte bei den neuen Unternehmungen in welche er sich
eingelassen stets darauf gerechnet dass er allein sie durchzuführen haben
werde In mancher einsamen Stunde an manchem Bivouakfeuer hatte die Sorge ihn
beunruhigt wie die Geschäftsführung möglich sein würde sollte Herr Flies vom
Tode fortgerafft werden ehe der Krieg beendet und er selber seiner eigentlichen
Tätigkeit zurückgegeben sein werde Und doch war es nicht das was ihn so
ängstlich den Zeiger der Uhr verfolgen ließ Nicht um Geld und Gut nicht um
Handel und Erwerb war es ihm zu tun in diesem Augenblicke er wollte sein Teil
haben an Sebas Schmerz an Davidens Kummer er wollte sie mit ihnen gemein
haben den letzten Blick und das letzte Wort des Mannes den auch er wie einen
Vater liebte
    Mitternacht war vorüber als der Feldmarschall rasch und mit festem
Schritte gefolgt von einem Adjutanten in den Saal trat Er hatte beim Spiele
gesessen als man gekommen war ihn abzurufen und seine zusammengezogenen
buschigen Brauen zeigten den Unmut über die unwillkommene Störung Wer sind
Sie was wollen Sie fuhr er den Wartenden an während er ihn mit dem scharfen
Blicke seiner grauen Augen musterte
    Mein Name ist Tremann ich bin Teilnehmer des Eurer Durchlaucht
wahrscheinlich bekannten Handlungshauses Flies und habe seit dem Frühjahre
achtzehnhundertdreizehn als Freiwilliger unsere Feldzüge mitgemacht
    Ich weiß ich weiß unterbrach ihn sich erinnernd der Fürst und durch den
Anblick des Eisernen Kreuzes günstiger für den Sprechenden gestimmt fügte er
hinzu Sie haben Ihr Kreuz bei Bar sur Aube erhalten Sie waren verwundet Was
haben Sie zu melden
    Nichts als dass ich mir den Zutritt zu Eurer Durchlaucht mit einer
Unwahrheit verschafte weil ich eine Vergünstigung zu fordern habe
    Herr Reitet Sie denn der Teufel dass Sie mich dazu um Mitternacht aus des
Königs Sälen rufen lassen fuhr der Alte auf und wollte sich mit einem neuen und
noch derberen Fluche entfernen aber Pauls Anruf hielt ihn zurück
    Ich muss Eure Durchlaucht bitten mich zu hören sagte er mit solcher
Festigkeit dass der Feldmarschall sich aufs Neue zu ihm wendete Notwendige
Geschäfte in der Heimat hatten mich schon vor einigen Tagen bestimmt um einen
dreimonatlichen Urlaub nachzusuchen Er ist mir noch nicht erteilt worden und
ich erhalte in diesem Augenblicke die Nachricht von der tötlichen Erkrankung
meines Kompagnons Meinen RegimentsChef habe ich nicht finden können und ich
muss fort noch in dieser Nacht fort denn man verlangt meine Rückkehr und ich
erkenne sie als dringend nötig Geben Sie mir den Urlaub dessen ich bedarf
    Ist nicht meine Sache rief der Fürst Sehen Sie zu wie Sie Sich selber
helfen  und abermals wollte er sich entfernen
    Das wird schnell getan sein entgegnete Paul sich leicht verneigend nur
werden Eure Durchlaucht morgen den Namen des preußischen Majors der aus Ihrer
eigenen Hand sein Eisernes Kreuz als Ehrenzeichen empfangen hat als den Namen
eines Deserteurs am Schandpfahle lesen können denn ich gehe noch vor
Tagesanbruch fort
    Der Feldmarschall wendete sich zu ihm zurück Er war der Mann jede Art von
Entschlossenheit zu schätzen Und wenn ich Sie verhaften lasse fragte er indem
er Paul wie es seine Weise war mit seiner starkknochigen Hand am Rockknopfe
fasste und nahe an ihn herantrat
    So werden Durchlaucht schuld daran sein wenn ich meinen persönlichen
Verpflichtungen nicht eben so wie meinen Pflichten gegen den König und das
Vaterland genügen kann entgegnete er und ohne dem Feldmarschall Zeit zu einer
Antwort zu lassen fügte er hinzu Der Lieutenant von der Marwell geht in drei
Stunden als Eurer Durchlaucht Kourier von hier ab Geben Sie mir den Urlaub den
ich brauche und dem Lieutenant die Weisung mich mit sich zu nehmen Ich bin
des KourierReisens aus früheren Zeiten wohl gewohnt
    Der Feldmarschall schien in seinen Erinnerungen nachzuspähen Tremann
Tremann wiederholte er ich habe den Namen schon vorher gehört Sind Sie der
Tremann durch dessen Hände vor dem Kriege ein Teil unserer Briefe nach Russland
gegangen ist
    Derselbe Eure Durchlaucht
    Da muss man ihm das Desertiren doch unmöglich machen sagte der Fürst sich
lächelnd zu seinem Adjutanten wendend denn der wäre capabel und beginge solchen
Streich Ist ein Stück Papier zur Hand
    Der Adjutant zog seine Brieftasche hervor und riss ein Blatt aus derselben
Der Fürst setzte in die unterste Ecke desselben mit Bleistift seinen Namen und
reichte es dem Adjutanten Schreiben Sie ihm darüber was er haben will und der
Marwell soll ihn mir vom Halse schaffen damit er mir nicht wieder die Partie
verdirbt
    Er ging mit freundlichem Gruße an Paul vorüber Drei Stunden später hatte
dieser das glänzende Paris verlassen und fuhr an der Seite des preußischen
Kouriers durch die warme Sommernacht der deutschen Grenze zu
    Er hatte Berlin nicht wiedergesehen seit er heimlich mit Herrn von Werben
aus der Stadt geflohen war Der Truppenteil welchem er angehörte hatte im
ersten Feldzuge die Hauptstadt nicht berührt und war achtzehnhundertvierzehn
noch am Rheine gewesen als man die Landwehren auf das Neue zu den Fahnen
gerufen hatte weil Napoleon von Elba zurückgekehrt war und noch einmal die
Brandfackel des Krieges über dem kaum beruhigten Weltteile angezündet hatte
    Je näher Paul der Heimat kam um so banger bewegten Furcht und Hoffnung ihm
das Herz Werde ich ihn noch finden fragte er sich immer wieder wenn seine
Gedanken eine Weile eine andere Richtung genommen hatten und es kamen
Augenblicke in denen er dem Schicksal grollte dass es ihn so eben so zu den
Seinigen wiederkehren lasse Er war noch jung genug um ungern und schwer von
seinen Hoffnungen zu scheiden und er hatte an den Tag an welchem er inmitten
der Landwehr an der Spitze des Zuges den er in mancher Schlacht geführt in
die Hauptstadt einziehen würde oft mit freudigem Vorgefühle gedacht Dann hatte
er sich beschieden darauf Verzicht zu leisten aber dass er in solcher Sorge
unter der Pein einer solchen Ungewissheit aus dem Felde wiederkehren solle
dünkte ihn doch hart
    Es war früh am Morgen als der Feldjäger den leichten Reisewagen vor der
Türe des Fliesschen Hauses halten ließ Das Schlafzimmer des Hausherrn lag
nach der Straße hinaus  die Vorhänge waren heruntergelassen die Fenster offen
Was bedeutete das War Alles vorüber oder war der Kranke so weit genesen dass
man ihm wieder die Wohltat der sommerlichen Luft und Wärme zukommen lassen
durfte während man ihn vor dem grellen Lichte noch zu hüten hatte  Das Herz
klopfte ihm als stände er wieder vor dem Feinde und er stand ja auch vor ihm
vor dem Feinde alles Lebens vor dem Tode
    Mit raschem Griffe nahm er das wenige Gepäck welches er mit sich führte
von dem Wagen herunter und eilte in das Haus Die schwarze Kleidung des Dieners
sagte ihm Alles Er fragte nach den Frauen Man wies ihn nach dem Gartensaale
    Seba und Davide saßen bei dem Frühstücke Als Paul in die Türe trat fuhren
sie beide erschreckend auf Man hatte ihn so früh nicht zurückerwarten können
Mehr als drei Jahre waren vergangen seit sie einander nicht gesehen hatten
Mitten in der Lust eines Festes war er von ihnen gegangen nun fand er sie im
Hause des Todes in tiefer Trauerkleidung wieder
    Ich komme zu spät  das war alles was er sagte Seba gab ihm nur mit
leiser Neigung des Hauptes Antwort Ihr fehlte die Kraft zum ruhigen Worte und
sie wollte ihren Schmerz durch lauten Aufschrei nicht entweihen Er nahm sie an
sein Herz er küsste ihre Stirn ihren Mund er ließ sie weinen und sie weinte
so sanft so still als wisse sie sich nun sicher und geborgen vor allem Unheil
Als sie sich seine beiden Hände zuversichtlich drückend emporrichtete trat er
an Davide heran und jetzt erst da er aus Davidens hellen Augen die Tränen
auf die Wangen niederrollen sah fingen auch die seinigen zu fließen an
    Liebe Davide rief er leise aber es bebte eine unaussprechliche Bewegung
durch sein Herz und ein beseligendes Feuer durchströmte sein ganzes Wesen Er
hatte ihre Hände ergriffen und blieb schweigend in ihren Anblick versunken vor
ihr stehen Wie oft wie oft hatte er an sie gedacht wie oft hatte er sie vor
sich gesehen wie an dem Abende an dem er sich auf dem Balle von ihr getrennt
hatte Nun war er wieder da und sie stand vor ihm  dieselbe wie sonst und
doch so anders und so viel schöner als er sie je gedacht
    Liebe Davide wiederholte er noch einmal und sie lehnte sich freiwillig an
seine Brust und er fühlte wie ihre Lippen leise das Eiserne Kreuz berührten
das er auf derselben trug Mit einer Glücksempfindung deren er das Menschenherz
nicht für fähig gehalten hatte schaute er in ihr Antlitz in die Augen die
sich voll sehnsüchtiger Liebe zu ihm erhoben aber war es die Achtung vor dem
Schmerze Sebas war es ein Zartgefühl welches ihn hinderte sich in dem Hause
der Trauer einer Freude hinzugeben oder war es das Bewusstsein dass dieses
schöne Wesen aufhören werde für sich selber zu bestehen sobald er es sich
angeeignet habe er vermochte nicht es in seine Arme zu schließen Er war
befriedigt durch Davidens bloßen Anblick beruhigt durch ihre lang entbehrte
Nähe und voll großer Freude durch die feste Überzeugung dass zwischen ihr und
ihm gar nichts zu sagen sei dass lautere Klarheit zwischen ihnen herrsche und
Einer sich der Liebe des Andern obschon nie ein Wort davon gesprochen worden
so völlig sicher fühle wie der unzerstörbaren Gemeinsamkeit ihrer ganzen
Zukunft Er drückte und küsste ihre Hand dann gehörte er wieder Seba an und
Davide verstand ihn ohne Worte
    Es verging eine geraume Zeit ehe sie zum rechten Sprechen kommen konnten
Sie mussten sich erst darein finden dass sie nicht mehr zu Vieren dass sie nur
ihrer Drei in diesem Saale an diesem Tische bei einander waren Die
verheerendsten Kriege der Tod von Millionen Menschen der Sturz der Mächtigen
und der Sieg der Gebeugten hatten nichts geändert in diesem stillen Raume Die
chinesischen Blumen auf der Tapete hatten ihre Farben voll bewahrt die
fremdartigen gemalten Vögel guckten mit ihren starren Augen noch gerade so wie
vor dem Kriege von der Decke des Gartensaales herab Das silberne Teegerät
die Tassen von sächsischem Porzellan sie waren für Paul wie für Davide mit
ihren schönen Frucht und BlumenZierraten in ihrer Kindheit Gegenstände der
höchsten Bewunderung gewesen standen wie seit Jahren und Jahren auf der weißen
Damastdecke und doch war das alles nicht mehr dasselbe Denn des Vaters große
Tasse nahm nicht mehr die alte Stelle in der Mitte der Gerätschaften ein man
hatte sie fortgetragen wohl verwahrt weil der Vater sie nicht mehr brauchte
weil der Vater nicht mehr da war weil zwei gute Augen sich geschlossen hatten
für immerdar
    Kommt rief Seba endlich sich zum Frühstückstische wendend kommt Paul hat
es nötig etwas zu genießen  Aber es fehlte das Gedeck für ihn Gib ihm des
Vaters Tasse sagte Seba
    Davide holte sie aus dem Eckschranke herbei Dem Hausherrn stand darauf
    Dem Hausherrn sagte Seba kaum hörbar während sie mit bebender Hand die
Tasse vor dem Heimgekehrten niedersetzte und allen Dreien stürzten bei dem
Anblicke dieses unscheinbaren Gerätes die Tränen aus den Augen und in allen
Dreien stieg sie noch einmal empor die uralte Klage dass des Menschen Dasein
dahinfährt wie ein Traum und ein Schlaf dass des Menschen Leben vergänglicher
ist als die vergänglichen Dinge und die zerbrechlichen Gerätschaften die er
geschaffen und deren er sich bediente
    Es kam Paul vor als sei erst jetzt sein alter Freund gestorben da man für
ihn die Tasse reichte aus welcher so lange Jener gelebt nie ein Anderer
getrunken hatte Er fühlte es in diesem kleinen Zeichen sinnlicher deutlicher
als in all den Tagen dass er jetzt das Haupt der Familie sei in welcher er
Schutz und Liebe gefunden seit er denken konnte und mit einem schmerzlichen
aber ihn doch erhebenden Gefühle schloss er die beiden Frauen noch einmal an sein
Herz
    Er war kein Heimatloser mehr er stand nicht mehr einsam in der Welt Sein
Leben ward ihm noch wichtiger er ward sich selbst mehr wert weil er sich für
das Glück der Menschen die ihm die Teuersten waren als notwendig fühlte
    Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorübergegangen Sie hatte sich
viel gesorgt viel durchgemacht denn es hatte der Arbeit und der Anstrengungen
für sie wie für alle die Frauen der Hauptstadt und des Landes mehr als genug
gegeben welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger in den
überfüllten Hospitälern über sich genommen hatten Die Fältchen an den
Augenwinkeln die leisen Furchen auf ihrer schönen Stirn hatte Paul früher nicht
an ihr bemerkt und wie das Sonnenlicht nun von der Seite über ihren Scheitel
fiel sah er dass hier und da ein silberweisser Faden auf ihrem schwarzen Haar
erglänzte Er konnte sich des Erschreckens nicht erwehren Wie lange war es denn
her dass er Seba an jenem BallAbende an dem des Grafen Gerhard Worte ihn
zuerst wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt hatten in aller
Schönheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatte Und nun ergraute schon ihr Haar
nun kam die Reihe bald an sie
    Es tat ihm in der Seele weh denn wo der Tod in einen eng verbundenen
Menschenkreis getreten ist wird man so ängstlich Jeder möchte in dem Antlitze
des Andern lesen können auf wie lange er ihm noch gegönnt ist man möchte
zusammenrücken um sich selber die entstandene Lücke zu verbergen man möchte
sich fester man möchte sich für immer an einander schließen und man kann sich
es bei allem besten Willen nicht vergessen machen dass kein menschliches
Verhältnis unzerstörbar dass Alles dem Vergehen unterworfen Alles nur im
Augenblicke unser ist und dass unser sicherer Besitz einzig in der Benutzung
dieses Augenblickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht
    Dieses Augenblickes wollte man genießen man wollte sich gemeinsam der
gehabten Ereignisse erinnern Hatte man doch so tausendfältig oft gewünscht O
dass er hier wäre dass ich sie jetzt bei mir hätte Und wie man nun beisammen
saß hatte man sich nichts zu sagen weil Jeder nur das Notwendige und Rechte
getan zu haben meinte und das Notwendige und Rechte sich einfach und
unauffällig in das allgemeine Tun einfügt
    Paul hatte die Feldzüge mitgemacht aber das hatten Hunderttausende getan
er hatte sich tapfer und mutig erwiesen Andere waren darin nicht hinter ihm
zurückgeblieben Seba hatte mit Selbstverläugnung pflegend und helfend in den
Hospitälern gearbeitet das war nur natürlich gewesen Ihr Vater war gestorben
ihr Vermögen teilweise verloren gegangen indes es weinten unzählige Familien
in wahrer Not um ihre Väter und Versorger und die kleinen Begegnungen die
wechselnden Ereignisse deren man sich zu erinnern hatte kamen in diesen
ernsten Stunden des Wiedersehens neben den großen Erschütterungen und
Erfahrungen welche man durchgemacht hatte und in sich nachzittern fühlte einem
Jeden zu geringfügig vor um ihrer zu gedenken und ihrer zu erwähnen
    Man war stiller als jemals bei einander bis Paul sich erhob um sich wie
er sagte umkleiden und im Komptoir seine Ankunft melden zu gehen
    Es war ein eigenes Gefühl mit dem er aus dem Gartensaale in die Zimmer
eintrat welche er neben demselben früher bewohnt hatte Alles lag und stand
wie er es verlassen hatte Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und
das Vaterland hatte unter der Knechtschaft fremder Tyrannei geseufzt und jetzt
leuchtete die helle Sommersonne durch die im Luftauche spielenden Blätter und
Deutschland war frei und sich selber wiedergegeben worden Aber so warm Pauls
Herz auch schlug wenn er Davidens und der Zukunft an ihrer Seite dachte kam
er sich doch plötzlich viel älter geworden vor
    Er hatte den Krieg immer als ein Unglück als ein furchtbares wenn auch in
diesem Falle unvermeidliches Übel betrachtet und den Frieden oft sehnlich
herbeigewünscht der ihn seinem Berufe und seinem Geschäfte wiedergeben sollte
Jetzt aber war es ihm unheimlich in den stillen nach dem Hofe hin gelegenen
Räumen des Komptoirs es erschreckte ihn als er den Geschäftsführer mit seiner
unerschütterlichen Gleichmütigkeit genau auf demselben Platze und in derselben
gebückten Stellung wie vor drei Jahren die eingegangenen Briefe durchsehend
vor sich erblickte als er den alten Kassirer gerade so wie er es vor drei
Jahren und vor jenen zwanzig Jahren getan die Geldrollen über den Zahltisch
werfend und die Banknoten musternd wiederfand
    Ein Chronometer den Seba ihm bald nach seiner Rückkunft aus Amerika
geschenkt hatte stand auf seinem Tische Er war wie der Datumzeiger es
auswies wenig Tage nachdem Paul Berlin verlassen hatte abgelaufen Damals war
er achtundzwanzig Jahre alt gewesen jetzt stand er im einunddreissigsten
    Er trat an den Spiegel und betrachtete sich Das war sonst nicht seine
Sache obschon er wusste dass er ein schöner Mann sei Die Uniform dünkte ihm
etwas sehr Bequemes zu sein Er fand sie einfach zweckmäßige und kleidsam Sie
gefiel ihm heute sehr und er gefiel sich auch in ihr
    Der treue ehrliche Rock sagte er zu sich selber während er das Eiserne
Kreuz von demselben losmachte um es zu verschließen und den Rock ablegte um
ihn nicht wieder anzuziehen Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die
Freiheit seines kaufmännischen Standes im Gegensatze zu der Abhängigkeit des
militärischen Dienstes hoch erhoben und Steinert es zugesagt dass er dessen
Sohn in die Bahn des bürgerlichen Lebens zurückführen werde und jetzt überfiel
ihn selber eine Angst vor der Ruhe und Stille eine Scheu vor der
Gleichmässigkeit der täglich sich wiederholenden bürgerlichen Arbeit
    Vorhin als Davide sich ihm an das Herz gelegt hatte ihn die Ahnung
ergriffen wie das Weib sich selber in der Liebe verloren gehe nun schreckte
sein dem Menschen eingeborenes Verlangen sich in seiner Eigenheit und Freiheit
zu erhalten vor der Aussicht und vor der Notwendigkeit zurück sich künftig
nicht mehr als nur für sich selber bestehend betrachten zu dürfen künftig
leisten und tun zu müssen was er im Grunde bisher nur freiwillig getan hatte
künftig keine Freiheit des Wollens und des Dürfens mehr vor sich zu haben wenn
er einmal aus einem allein stehenden Manne sich zum Gatten einer Frau zum
Begründer und Beschützer einer Familie gemacht haben werde
    Als hätte ein Zauber sie heraufbeschworen so deutlich traten urplötzlich
alle die anmutigen Begegnungen alle die hübschen kleinen Abenteuer und
artigen Erlebnisse ihm vor die Seele welche er als Junggeselle auf seinen
vielen Reisen und während seiner Feldzüge gehabt hatte und er konnte sich eines
Seufzers nicht erwehren wenn er dachte dass dies nun für ihn zu Ende sein dass
für ihn zum Unrecht werden solle was ihm bisher eine so reizende Unterhaltung
gewesen war Freilich er liebte Davide aber es war keine jener heftigen
unwiderstehlichen Leidenschaften die er für sie fühlte Er hegte für sie die
zuversichtliche Neigung die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch
die Erkenntnis bildet dass man in allen Fällen auf einander zählen könne Jung
wie er Davide verlassen hatte er doch schon ihre Selbstbeherrschung ihre
Festigkeit und ihre Güte bei den verschiedensten Anlässen erprobt und die
Wahrhaftigkeit ihres Herzens die Unschuld mit der sie ihm ihre Liebe kund gab
ohne dass er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte machten sie ihm eben
so teuer als ihre Schönheit sie ihm begehrenswert erscheinen ließ Seit
Jahren hatte er sich gesagt dass Davide einst seine Gattin werden müsse er
hatte sich darauf gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles wie
auf eine letzte Lebenserfüllung Nun er sich derselben nahe glauben durfte
bangte ihm vor der schwersten aller Aufgaben vor dem Ausharrenmüssen und er
konnte des beklemmenden Gefühles nicht gleich Meister werden das ein Jeglicher
empfindet wenn er nach einem viel bewegten wechselvollen Dasein plötzlich in
alte fest begründete Lebensverhältnisse einzugehen und zurückzutreten hat
    Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun vorüber rief er und es
war als ob das unwillkürlich ausgesprochene Wort ihn auch von der
augenblicklichen Verwirrung befreie die ihn befangen hielt Denn er richtete
sich in seiner schönen Kräftigkeit empor und fügte mit plötzlich erheiterter
Stirn und gewandeltem Sinne hinzu So lange hat man für sich selbst gelebt es
ist Zeit nun für die Andern zu leben Lass uns sehen was man für sie wert ist
und vermag
    Er hatte inzwischen seine bürgerliche Kleidung angelegt und trat an das
Fenster Heisser Sonnenschein warmer Blumenduft strömten ihm entgegen Er blieb
einen Augenblick am Fenster stehen und sah in den Garten hinaus In der Ferne
gingen die beiden Frauen vorüber
    Sie tragen den Kranz nach dem Monumente dachte Paul und er der sich so
eben noch vor dem Gleichmasse der Tage und vor allem was sich mit unausgesetzter
Regelmäßigkeit zu wiederholen hatte gescheut fühlte sich von der beharrlichen
Treue gerührt mit welcher Seba die freiwillig übernommene Liebespflicht
erfüllte Es ist eine geringfügige Handlung sagte er sich einmal einen
Blumenstrauß auf einen Denkstein niederzulegen aber durch ein halbes
Menschenleben dem Andenken der Hingegangenen die gleiche Erinnerung zu weihen
während man den Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich genügt an jedem
Tage den gleichen Weg zu gehen immer dieselbe kleine Sorge zu tragen das macht
die an sich geringfügige Tat zu einem das Herz befriedigenden Cultus Und es
sollte nicht dasselbe mit aller unserer Arbeit sein wenn wir sie von ihrer
Notwendigkeit wie von ihrem Nutzen überzeugt mit Liebe und für geliebte
Menschen tun
    Er schaute den beiden schönen Gestalten mit Vergnügen nach wie sie langsam
durch die Wege gingen Es freute ihn dass er sie wieder sehen konnte dass er sie
heute morgen immer wieder sehen würde Selbst als die Gebüsche unter den
Tannen die Frauen seinem Auge entzogen hatten verweilte er noch an dem Fenster
Die Stille die über dem Garten ausgebreitet lag war ihm etwas Neues geworden
und erquickte ihn Er hatte auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie
tönten noch unvergessen in sein Ohr der Donner des Geschützes der Weheruf der
Verwundeten das Röcheln all der Sterbenden die in fremder Erde unter
ungeschmückten Gräbern ruhten
    Friede Friede rief er und schlug die Hände unwillkürlich wie beim Gebet
in seinen Kindertagen in einander Friede und Beharren und Bleiben hier bei den
geliebten Menschen und leben und schaffen mit ihnen und für sie
    Freien und gehobenen Sinnes verließ er seine Zimmer um gleich an diesem
Morgen gleich in dieser Stunde seine Arbeit zu beginnen An der Türe des
Komptoirs wendete er sich noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster
nach dem Garten hinaus Seba und Davide saßen vor dem Gartensaale mit Nähterei
beschäftigt bei einander Aber Paul ging nicht zu ihnen Er konnte es ja später
tun denn er blieb jetzt hier und sie waren ihm zu eigen
    Was war gegen eine solche Gewissheit aller überraschende Reiz des Zufalles
Er wiegte sich in dem beglückenden Gefühle dieser Sicherheit und ihrer wie
seiner selbst gewiss kehrte er ein reifer Mann aus dem Felde zu seinem
bürgerlichen Berufe zurück
 
                                Drittes Kapitel
Arbeit unausgesetzte ernste Arbeit das war es was es jetzt galt aber Paul
war des Arbeitens von Jugend auf zu sehr gewöhnt um sich in der Arbeit sobald
er ihr nur wiedergegeben wurde nicht schnell wieder einzuleben und heimisch zu
fühlen
    Er fand die Verhältnisse des Handlungshauses dessen alleiniger Inhaber er
jetzt war besser und schlechter als er es erwartet hatte Das Fliessche
Vermögen obschon es durch die während der letzten Krisen gebrachten Opfer
bedeutend zusammengeschmolzen war blieb noch immer beträchtlich genug um Seba
über jede Nahrungssorge zu erheben und ihr der Alleinstehenden die gewohnte
breite und reichliche Lebensweise zu gestatten aber die Erfahrungen der letzten
Jahre hatten den Vater ängstlich gemacht und sein Testament setzte also fest
Erstens dass Sebas Vermögen ganz und gar aus dem Geschäfte gezogen und in
Hypotheken angelegt werden sollte zweitens dass es falls Seba sich nicht etwa
noch zur Eingehung einer Ehe entschliesse nach ihrem Tode an mildtätige
Stiftungen übergehen solle damit in ihnen des Vaters Name und sein Andenken
erhalten bliebe wenn sie nicht durch die Erben seines Blutes in die Zukunft
übertragen und fortgepflanzt würden
    Es war gegen diese letztwilligen Verfügungen nichts zu sagen Sie
entsprachen dem vorsichtigen und vorsorglichen Charakter des Gestorbenen und
sie waren durchaus im Sinne des Judentums das Fortpflanzung des Namens durch
die Nachkommenschaft für eine der größten Segnungen erkennt Nichts desto
weniger trafen diese Bestimmungen alle Beteiligten recht schwer Seba sah sich
durch dieselben in der freien Verfügung über das Vermögen beschränkt Sie konnte
es nicht verschmerzen dass ihr die Möglichkeit entzogen worden Davide die sie
als ihr Kind betrachtete und liebte einst auch zu ihrer Erbin einzusetzen und
für Paul wurde die Fortführung eines auf große eigene Hülfsquellen begründeten
Geschäftes äußerst schwierig da diese ihm eben in einer Zeit entzogen wurden
in welcher bei der Seltenheit des Geldes eben mit Geld wie Paul es seinem
Freunde auseinander gesetzt hatte mehr als sonst zu machen und zu leisten war
Auch schwankte er einen Augenblick was er beginnen sollte
    Wollte er sich das Leben erleichtern und sich bescheiden so musste er auf
seine großen Plane für lange ja wahrscheinlich für immerdar verzichten denn
was jetzt noch möglich war konnte nach wenig Monaten schon weit schwerer nach
Jahren völlig unausführbar sein Er musste sich damit begnügen langsamer für
sich und die Seinigen ein mehr oder weniger ausreichendes Einkommen zu schaffen
und im engeren Handelsverkehre ein nützliches Mitglied sich nur in kleinerem
Kreise bewegen oder er musste was er von eigenem Vermögen noch besaß
darangeben seine Zahlungsfähigkeit in auffälliger Weise bei der Regulirung des
Fliesschen Vermögens dazutun und den daraus entspringenden Kredit benutzend
seine ganze Kraft aufbieten um mit den fremden Kapitalien so viel zu erwerben
dass er den Darleihern ihr Darlehen wohl verzinsen durch den GewinnÜberschuss
sich ein neues eigenes Vermögen schaffen und sich wieder in die Höhe bringen
konnte und er stand nicht lange an welchen Weg er einzuschlagen habe
    Er hatte mit seinem väterlichen Blute die Neigung zu herrschen ererbt aber
auch von dem dienstbaren Sinne seines mütterlichen Geschlechtes war viel auf ihn
übergegangen und eben deshalb fand er in dem von ihm gewählten Berufe auch
jetzt wieder seine vollkommenste Befriedigung Denn keinem anderen Stande ist es
wie dem Kaufmanne gegeben eine große Herrschaft auszuüben und weithin in die
Ferne und in die Zukunft wirksam und bestimmend einzugreifen während er sich
für Andere nützlich macht Paul hatte sich in dem großen amerikanischen Hause
in welchem er gearbeitet hatte früh daran gewöhnt die Bedürfnisse und
Aussichten der ganzen Welt in das Auge zu fassen die Jahre vor dem Kriege
hatten ihn in Europa mit verschiedenen Männern bekannt gemacht welche als
Diplomaten die Vermittlung und Ausgleichung zwischen den verschiedenen Völkern
und den verschiedenen Fürsten zu ihrer Aufgabe hatten und sein von Natur auf
das Große gerichteter Sinn hatte dadurch den Überblick und die Verbindungskraft
gewonnen die zu durchschauen vermochten wie und wo der Vorteil Aller Vorteil
für den Einzelnen verspricht und wie der Einzelne es anzufangen habe der
Gesammteit zu dienen indem er seinen eigenen Vorteil und Nutzen wahrnimmt
    Überall war in Europa Geld notwendig Man brauchte Geld um die aus Mangel
an Bestellungen wie aus Mangel an Arbeitskräften während des Krieges ins
Stocken geratenen Fabriken wieder in Gang zu bringen man brauchte Geld um das
Inventarium auf den zum Teil völlig ausgeraubten Gütern zu erneuern man
brauchte Geld an allen Ecken und Enden und Geld zu schaffen den Regierungen
wie den Privatpersonen Geld zu schaffen ihnen die Unterbringung ihrer Anleihen
möglich zu machen war eine der unerlässlichsten Notwendigkeiten wenn der
Friede die Mittel haben sollte herzustellen was der Krieg vernichtet hatte
Die großen Bankhäuser die unternehmenden Kaufleute mussten ihre Hände dazu
bieten das Geld in den fernsten Gegenden flüssig zu machen und es dahin zu
leiten wo es in diesem Augenblicke am dringendsten gebraucht ward und weil das
Geld sich in dieser Weise am höchsten verwerten ließ wurden in anderen
Gegenden mancherlei Unternehmungen unterlassen oder eingestellt für deren
Fortführung später das Geld wieder nach seinen Ausgangspunkten zurückgeleitet
werden musste Darauf hatte Paul sein Auge gerichtet und seine Plane angelegt
und darauf hin hatte er schon seinen Freund Steinert verwiesen als dieser ihn
über die Zukunft seines Sohnes zu Rate gezogen hatte
    Niemals hatte Paul von seinem Berufe größer gedacht als jetzt und niemals
hatte er die schweren Sorgen und Aufregungen desselben lebhafter zu empfinden
gehabt als in dem nächsten Winter in dem er Sebas Vermögen aus dem Geschäfte
herauszuziehen und nach dem Willen ihres Vaters der Paul mit dieser Aufgabe
betraut hatte festzustellen hatte während er seinen Kredit bis auf das
Äußerste anspannen musste um die Unternehmungen möglich zu machen die er nach
den verschiedensten Seiten hin in Angriff nahm Die Tage vergingen ihm in
Arbeit die Nächte oft in Sinnen und in Sorgen Er bemerkte es nicht dass seine
Stirne ihre Heiterkeit dass seine Augen ihren hellen Glanz verloren er hatte
nicht Zeit an sich zu denken und auf sich zu achten nur Seba sah es und Davide
sah es und ihr ängstlich liebevoller Blick war der Lohn seiner Arbeit sein
Trost und seine Freude wenn er nach des Tages Last und Plage sich am späten
Abende ein Ausruhen bei den Seinen gönnte
    Als der Herbst und der Winter herangekommen waren bewegte sich in der
Hauptstadt überall wo man nicht um Gefallene zu trauern hatte eine glänzende
Geselligkeit Man schien sich des für Europa wiedergekehrten Friedens erfreuen
der ausgestandenen Leidensjahre in Zerstreuungen vergessen zu wollen aber in
dem Fliesschen Hause gingen die Tage ihren stillen regelmäßigen Gang Seba
die mit ihren vierzig Jahren noch immer schön zu nennen war weil ihre Schönheit
nicht nur in dem Reize der Jugend und der Farben sondern in dem Adel der Formen
und dem durchgeisteten Ausdrucke ihres Antlitzes bestanden hatte war um ihres
Vaters willen immer nur wenig in Gesellschaften gegangen und während des
Krieges hatte auch Daviden nicht danach verlangt da sie mit ihrer stillen Liebe
und mit den Sorgen um den entfernten Geliebten beschäftigt gewesen war Jetzt
vollends trugen beide Frauen nach zerstreuendem Menschenverkehre noch weit
weniger Verlangen Es kam aber dadurch in dem häuslichen Beisammensein bald ein
Friede über die drei eng verbundenen Mensachen dass es ihnen war als hätten sie
von Anbeginn so mit einander gelebt ja dass selbst die gewaltigen Ereignisse
die an ihnen vorübergegangen waren und in denen sie so viel an Jedem von ihnen
gewesen mitgewirkt hatten davor weit in die Ferne zurücktraten Sie erfuhren
was man nach großen Eindrücken immer an sich wahrnimmt dass unser Verhältnis zu
den Aussendingen und Ereignissen man möchte sagen unser perspectivisches
Verhältnis zu ihnen ein wunderbar wechselndes ist Die ersten Tage nach einem
großen Erlebnisse nach einem großen Verluste dehnen sich für uns in
unbegreiflicher Weise aus die Wochen und Monate welche diesen ersten Tagen
folgen verschwinden uns in eben so unbegreiflicher Weise
    Erst vierzehn Tage ist es her hatten die Zurückgebliebenen nach des Vaters
Tode sich gefragt  Schon acht Monate ist es her seit wir in Paris einzogen
Schon vier Monate seit der Vater tot ist und ich wieder zu Euch heimgekommen
bin rief Paul oft mit Verwunderung aus als der Herbst mit seinen Regentagen
angebrochen war und die ersten Schneestürme von dem Garten her um die Fenster
des Zimmers sausten in welchem sie die letzten Abendstunden bei einander zu
sitzen pflegten
    Davide hatte sich Paul bald nach seiner Rückkehr anverlobt aber auch dieses
Erlebnis war ohne besondere Szenen ohne besondere Aufregungen an den Dreien
vorübergegangen Seba hatte seit Paul wieder in Europa lebte immer den
heimlichen Wunsch gehegt diese beiden ihr teuren Menschen verbunden zu sehen
und ihre Herzen hatten sich denn auch in ruhiger Liebe in sicherstem Vertrauen
zu einander gefunden Selbst dass Davide noch Jüdin war kam nicht störend in
Betracht Von der Abneigung von dem angestammten oder vielmehr anerzogenen
Widerwillen welche die meisten anderen Völker gegen die Juden hegen konnte bei
Paul gar nicht die Rede sein denn er war frei von dem Ballast angeerbter
Vorurteile Wahre Güte und Liebe waren ihm in seiner Kindheit von Niemandem als
von einer Judenfamilie zu Teil geworden Ihr dankte er seine erste Erziehung
ihr jene Aufklärung seiner Gedanken die bei jedem Menschen in der ersten Jugend
vorgenommen werden muss um nachhaltig wirksam zu sein Das Haus dieser
Judenfamilie hatte der Heimatlose durch sein ganzes Leben als den Hafen vor
Augen gehabt zu dem er wünschend und hoffend seine Blicke hingewendet hatte
Sein langer Aufenthalt in Amerika war dann zu einer Schule der Duldsamkeit für
jede Art von religiöser Überzeugung für ihn geworden und er hatte um so
weniger ein religiöses Bedenken irgend einer Art in seinem Innern zu bekämpfen
da er ohne jedes kirchliche Bekenntnis aufgewachsen war Was er vor seiner
Flucht aus Europa in der Schule von der biblischen Geschichte erlernt was er
damals von den Dogmen des Christentums und von den Erzählungen der Evangelisten
gewusst hatte war für ihn nicht weniger mytisch wenn auch weniger lebendig
gewesen als die Erinnerungen an die alte Götterwelt der Griechen und der Römer
    Da er zur Zeit in welcher er aus Europa entfloh über seine Jahre groß und
kräftig gewesen war hatte man ihn für älter gehalten als er war und Niemand
hatte sich jemals die Mühe genommen daran zu denken ob er in irgend einer
Religion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubensbekenntnis
abgelegt habe oder nicht Mit der Neugier der Jugend war er wenn man ihm in
Amerika am Sonntage seine Stunden für den Kirchenbesuch frei gegeben hatte bald
in diese bald in jene Kirche gegangen hatte dem Gottesdienste der
verschiedensten Culte zugesehen bis er dieses Anschauens müde den
Kirchenbesuch zu dem er im Weissenbachschen Hause ohnehin nicht angehalten
worden war und den er Seba niemals üben sehen endlich ganz und gar aufgegeben
hatte Er war nicht confirmirt worden er hatte nie das Abendmahl genossen er
hätte nicht zu sagen vermocht welchem Bekenntnisse er angehöre hätte sein
Taufschein es nicht ausgewiesen dass er in die christlich evangelische
Kirchengemeinschaft aufgenommen sei und mit Davide war es ziemlich derselbe
Fall Denn wie die religiösen Verhältnisse sich in unsern Zeiten ausgebildet
haben wählt der Mensch seine Religion nur in den seltensten Fällen frei und
selbstständig er wird in ihr geboren und nimmt sie als FamilienÜberlieferung
in sein eigenes Leben mit hinüber
    Davide hatte mit dem Judentume nicht mehr Zusammenhang als ihr Verlobter
mit dem Christentume aber ihre Begriffe von Recht und Unrecht ihr Streben
nach dem Guten ihre Verehrung vor dem Großen und Erhabenen ja alle ihre
moralischen Anschauungen und sittlichen Überzeugungen waren ihnen Beiden
frühzeitig von derselben Hand und aus derselben lautern Quelle zugekommen und
das öftere und längere Zusammenleben in den Jahren welche dem Kriege
vorausgegangen waren hatten dazu gedient den Einklang zwischen Seba und ihren
beiden Pflegekindern wie sie Paul und Davide zu nennen liebte vollständig
herauszubilden Sie waren durch und mit einander unablässig in ihrer Entwicklung
vorgeschritten Die weitreichenden socialen Ansichten welche Paul erworben
hatten Seba vielfach aufgeklärt ihre inneren Erfahrungen waren ihm so weit ein
Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen nützen kann zu Gute gekommen und
zwischen ihnen Beiden war Davide in einer Atmosphäre der Wahrheit und der
Verständigkeit so unangefochten aufgewachsen dass sie die Möglichkeit besessen
hatte sich zu dem Gleichmass und zu der ruhigen Seelenschönheit zu entfalten
welche Seba einst an der Baronin Angelika bewundert und für sich selbst in jenen
Tagen so unnachahmlich gefunden hatte
    Weil Seba noch um ihren Vater trauerte verzichtete das junge Paar darauf
seine Verlobung den Freunden bekannt zu machen und man benutzte diese Zeit
Davidens Übertritt zur christlichen Kirche ohne welchen ihre Ehe mit Paul eine
Unmöglichkeit gewesen sein würde einzuleiten Die Zeit war aufgeklärt denn die
Freiheitskriege in denen Männer und Jünglinge aller Bekenntnisse einmütig in
Reih und Glied gestanden hatten um das Joch der Fremdherrschaft von dem
Vaterlande abzuwerfen hatte selbst den Beschränkten und Kurzsichtigen
wenigstens für den Augenblick die Erkenntnis gegeben dass man die gleiche
Vaterlandsliebe hegen die gleiche Ansicht über die Ziele der Menschen haben
könne ohne den Glauben an die kirchlichen Lehrsätze mit einander zu teilen
und es hatte also in der Stadt in welcher ein Fichte seine Reden an das
deutsche Volk und Schleiermacher seine moralphilosophischen Predigten gehalten
hatte keine Schwierigkeit einen Geistlichen zu finden der sich willig zeigte
der jungen in den Grundsätzen einer reinen Moral und einer liebevollen
Hingebung an das Ideale auferzogenen Jüdin die Aufnahme in die christliche
Gemeinschaft zu bewilligen wenngleich sie Manches das die
protestantischevangelische Kirche zum Glaubenssatz erhoben hat nur als
geschichtlichen Mytus anzusehen vermochte
    Weder Davide noch einer der beiden ihr verbundenen Menschen hatten dabei
Kämpfe in sich zu bestehen oder große äußere Hindernisse zu überwinden denn wo
die Grundanlage in der Natur eines Menschen gesund ist wo die Verhältnisse in
denen er sich bewegt auf Wahrheit gegründet sind und wo sein Tun und Streben
sich im richtigen Zusammenhange mit der Zeit befinden der er angehört da
vollziehen alle Wandlungen sich sehr einfach und unmerklich da geschehen seine
eigene Entwicklung und das Wachsen seiner äußeren Glücksumstände meist so
allmählich und so still wie die Entfaltung eines Keimes zu seiner Blüte und zu
seiner Frucht Nicht das täglich Werdende nur das Gewordene stellt in solchen
gesunden und natur und zeitgemässen Verhältnissen sich dem beobachtenden Blicke
dar und es hat immer seine Bedenklichkeiten wenn das Leben eines Menschen oder
einer Familie viel von sich sprechen macht oder die Aufmerksamkeit der
Außenwelt durch ungewöhnliche Vorgänge auf sich zieht
    Es war nicht zum Verwundern dass Seba sich in diesem Jahre so einsam hielt
nicht zum Verwundern dass Paul früher als die Anderen alle aus dem Feldzuge heim
kam und zu seinen Geschäften wiederkehrte Man hatte immer erwartet dass Davide
Christin dass sie die Gattin Tremanns werden würde Dass dieser an einen
größeren weiteren Handelsverkehr gewöhnt die Geschäfte des Hauses ausdehnen
und in neue Bahnen leiten würde das hatte man mit derselben Sicherheit
vorausgesehen Wie schwer er aber arbeitete mit welchen Sorgen er zu kämpfen
hatte darüber sich zu äußern oder gar sich zu beklagen das war nicht seine
Sache Man sah ihn immer gleichmäßig ruhig in selbstgewisser Zusammengefassteit
und das gemessene Vertrauen das er in sich selber setzte gab auch Anderen das
Zutrauen zu ihm und seinen Unternehmungen ohne welches diese letzteren eine
Unmöglichkeit geworden wären
 
                                Viertes Kapitel
Paul Tremann war schon lange seinen Geschäften wiedergegeben und der Friede war
längst geschlossen als der Justitiarius des freiherrlich von Artenschen Hauses
noch immer vergebens die Rückkehr des jungen Freiherrn forderte für den es
unter den obwaltenden Umständen nicht schwer gewesen sein würde sich einen
Urlaub zu verschaffen oder da er bei einem der Regimenter stand die zur
Sicherung des neu aufgerichteten Königstrones der Bourbonen und zur Eintreibung
der KriegsKontribution in Frankreich zurückgelassen wurden seine Versetzung zu
einem der heimkehrenden Regimenter zu erlangen Aber das Glück dessen die
Freiherren von Arten sich in früheren Zeiten sprüchwörtlich zu rühmen geliebt
hatten war während dieser Kriege auch dem jungen Freiherrn treu geblieben
    Strahlend in Siegesfreude durch die Anstrengungen des Krieges abgehärtet
und gekräftigt hatte Renatus inmitten der vereinigten Heere an der Spitze
seiner Kompagnie an dem zweiten Einzuge der Verbündeten in Frankreichs
Hauptstadt Teil genommen und die Reize dieser anmutsvollsten unter allen
Städten welche er zum ersten Male kennen lernte hatten auf den jungen
Hauptmann der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Neuling in dem Leben
einer solchen Weltstadt war und dem die Gelegenheit sie zu genießen auf jede
Art geboten wurde ihre bezaubernde Wirkung nicht verfehlt
    Allerdings sah die große Menge der Franzosen widerwillig und mit
schweigender Empörung auf die fremden Krieger hin welche ihnen die
unwillkommene Herrschaft der Bourbonen aufgezwungen und was dem Volke
vielleicht noch verhasster war auch die alten ausgewanderten Adelsgeschlechter
und das ganze Priesterregiment wieder in das Land zurückgeführt hatten Aber
dafür standen den deutschen russischen und englischen Offizieren in dem neu
belebten Faubourg Saint Germain in welchem die alte französische Aristokratie
die in ihren stillen Höfen und Gärten gelegenen Paläste wieder bezogen hatte
Tor und Türe offen und das Hotel der Herzogin von Duras war eines der ersten
das gleich nach der ersten Rückkehr der Bourbonen die alte gute Sitte
regelmäßigen Empfanges wieder aufnahm denn die Herzogin wollte sich in ihrem
Greisenalter endlich für alle die mannigfachen Entbehrungen schadlos halten
denen sie durch lange Jahre unterworfen gewesen war Wie sie eine der Ersten
Frankreich verlassen hatte so war sie nun als der Ersten eine mit der
wiedereingesetzten Königsfamilie in die Hauptstadt zurückgekehrt und die
unbegrenzte Freigebigkeit welche die Bourbonen von jeher ihren Anhängern
angedeihen lassen war natürlich der Herzogin die sich seit dem Ende des
vorigen Jahrhunderts immer in der Nähe und im Dienste des Hofes befunden hatte
vor allen Anderen zugewendet worden
    Die Wiedererlangung ihres durch seine Gastlichkeit früher so berühmten
Schlosses Vaudricourt war nicht mehr ihr Wunsch gewesen Man wird die Greisin
nicht besuchen kommen wie die junge Schlossherrin hatte sie sich gesagt und
der König der an dem Hofe seines Schwiegervaters ihrer Gesellschaft gewohnt
geworden war hatte dieselbe auch in der wiedergewonnenen Heimat nicht
entbehren mögen
    Die Herzogin war nicht mehr im Dienste aber sie lebte im engsten Vertrauen
des Hofes und sie verstand den Einfluss den sie besaß eben so wohl zu nutzen
als die Unterordnung und die Zuvorkommenheit aller derjenigen Personen welche
durch Vermittlung der Herzogin von dem neuen Hofe Gewährung ihrer alten
Ansprüche und Forderungen zu erlangen wünschten
    Es war nur wenig Tage nach seiner Ankunft in Paris als der junge Freiherr
in einer der eben ausgegebenen Zeitungen in den Hofberichten die Mitteilung
las dass die Frau Herzogin von Duras am verwichenen Abende ein Fest gegeben
habe welches von dem Könige und der ganzen königlichen Familie mit ihrem
Besuche beehrt worden sei
    Sie ist also hier sie ist in Paris rief Renatus unwillkürlich aus und
eben so plötzlich als ihm diese Kunde geworden war beschloss er die alte
Freundin seines Vaters aufzusuchen Er dachte freilich daran welch einen
unheilvollen Einfluss die Herzogin Margarete auf das Schicksal seiner Mutter
ausgeübt hatte aber diese Vergangenheit lag weit hinter der Gegenwart zurück
und er wusste auch wenig Bestimmtes über alle jene Vorgänge Seine Neugier die
Herzogin wiederzusehen deren Bild ihm auch nur schattenhaft in der Erinnerung
geblieben war trug daher ohne große Mühe über die flüchtigen Bedenken seiner
Kindesliebe den Sieg davon und er hatte obenein eine schwere doppelte
Versäumnis nachzuholen Er hatte der Herzogin in der Unruhe seines damaligen
Lebens den Tod seines Vaters nicht gemeldet Er schuldete es ihr daher sowohl
wie dem Andenken seines Vaters die Unterlassung gut zu machen und gerades
Weges aus dem Kaffeehause in sein Quartier zurückkehrend schrieb er der
Herzogin dass sein Vater gestorben dass er selber in Paris sei und dass er sie um
die Erlaubnis bitte sich ihr vorstellen zu dürfen
    Noch an dem nämlichen Abende fand er von einem Gange wiederkehrend eine
Antwort der Herzogin vor
    »Sie sind in Paris lieber René« schrieb sie ihm »und nicht in meinem
Hause  Wie ist das möglich  Ein Sohn der einen Vater wie den Freiherrn
verloren hat ist immer beklagenswert und hat des Trostes nötig welches auch
seine Aussichten im Leben sein mögen Wenn Sie mich nicht wissen lassen dass es
mit Ihren Verhältnissen und Wünschen unvereinbar ist mein Gast zu sein so wird
morgen Mittag mein Wagen vor Ihrer Türe stehen um Ihre Übersiedlung in mein
Haus zu bewerkstelligen Kommen Sie wenn es Ihre Dienstpflichten nicht
unmöglich machen mein junger Freund Bereiten Sie mir die Genugtuung mit
Ihnen von Ihrem Vater meinem unvergesslichen Freunde zu reden und Ihnen einen
geringen Teil der großen Dankesschuld zu entrichten die nur seine Freundschaft
mir leicht zu tragen machen konnte Auch ich habe einen teuren Toten zu
beklagen aber Sie sind jung das Leben liegt vor Ihnen und auch neben mir
blüht ein junges Leben auf Sie sollen von dem Trübsinne des Alters nicht bei
mir zu leiden haben Somit auf Wiedersehen mein junger Freund«
    Es war die alte Anmut welche allen Briefen der Herzogin von jeher eigen
gewesen war und Renatus wurde es nicht müde die Zeilen immer aufs Neue zu
lesen Die Schrift das Papier der Duft desselben hatten etwas Reizendes für
ihn Er musste sich förmlich daran erinnern dass es eine Greisin sei von welcher
diese Zeilen ihm gekommen waren denn er fühlte sich von ihnen erheitert und
aufgeregt Sie hatten ihn trotz der Mahnung an seines Vaters Tod über den nun
freilich schon zwei Jahre hingegangen waren in eine so fröhliche Spannung
versetzt als stände er an der Schwelle eines Abenteuers als erwarte ihn irgend
ein ganz unverhofftes Glück
    Er eilte zu seinem Chef mit dem er auf dem besten Fuße stand ihm von dem
Anerbieten der Herzogin und von seinem Wunsche es zu benutzen Anzeige zu
machen und er fand von Seiten des Obersten da das ganze Regiment an dem linken
Seineufer untergebracht war keine Schwierigkeiten für seine Absicht
    Da er von seinem Chef es zufällig erfuhr dass eben an diesem Tage ein
Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimat gehe nahm Renatus die Gelegenheit
wahr seiner Braut die Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen Er legte um
sich einen Teil des Briefschreibens zu ersparen das Billet der Herzogin für
Hildegard bei Er dachte es könne nebenher nicht schaden wenn diese sehe dass
eine Greisin noch solcher bezaubernden Anmut fähig sei und wenn sie selbst
sich daran ein Beispiel für sich und ihre eigenen Briefe nähme deren
schwärmerischer Ernst ja selbst deren feste große Handschrift ihn eigentlich
je länger desto unschöner bedünkten
    Hildegard wird allerdings verdrießlich darüber sein sagte er sich Aber
mochte sie es auch einmal empfinden wie es tue von einem Briefe aus der Ferne
keine Freude zu empfangen Er hielt es für die höchste Zeit an Hildegards
Erziehung zu gehen eben da nun ein dauernder Friede vor der Türe stand und er
an seine Heimkehr und an seine Heirat denken durfte
    Aus dem Geräusche der volksbelebten Straßen aus der Glut der Mittagshitze
brachte am nächsten Tage der Wagen der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte
Hotel der Herzoge von Duras Hohe Mauern schlossen es nach Landessitte von der
Straße ab ein weiter Garten dehnte sich hinter dem im edelsten Style des
siebenzehnten Jahrhunderts errichteten Gebäude aus Durch das geöffnete Portal
des Hauses zeigten sich frische Rasenplätze von großen Bäumen überschattet
    Die Frau Herzogin lassen den Herrn Baron ersuchen sich in seinen Zimmern
einzurichten sagte der Haushofmeister sie erwarten ihn danach im Gartensaale
    Renatus war in den Gewohnheiten des Reichtums in einer würdigen Heimat
aufgewachsen aber die letzten Eindrücke welche er empfangen hatte als er mit
seinem Regimente vor dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen
war hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurückgelassen und seit vollen drei
Jahren war er im Felde in den wechselnden und oft widerwärtigsten Umgebungen
gewesen Das erhöhte das Wohlgefallen welches er bei dem Anblicke dieses
Palastes dieser edelen Räume ja selbst bei den Hülfsleistungen genoss deren er
von seinem Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen jetzt die Dienerschaft
der Herzogin sich sorgfältig um ihn bemühte
    Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem linken Flügel des Hauses
geführt in dessen erstem Stocke man ihm seine Wohnung eingerichtet hatte
Nachdem er sich umgekleidet geleitete der Kammerdiener der Herzogin ihn die
breite marmorne Prachttreppe hinab nach dem Saale in welchem er die Herzogin
wiedersehen sollte
    Es war ein großer hoher Raum dessen Türen nach dem Garten zu geöffnet
waren Dunkelrote Vorhänge brachen das Licht der Sonne an den Fenstern die
Türen waren von außen mit Marquisen verschattet Nahe an dem einen Fenster lag
in einem Lehnstuhle die Füße mit einem weichen Polster unterstützt die
Herzogin an dem Schreibtische der nicht fern von ihr stand saß eine
jugendliche Frauengestalt
    Als Renatus eintrat richtete die Herzogin sich mit lebhafter Bewegung in
die Höhe und ihm die Hand entgegenreichend die heute noch wie vor jenen
Jahren mit dem zierlichen Handschuh von schwarzer Seide halb bedeckt war rief
sie Willkommen in Frankreich mein junger lieber Freund und doppelt
willkommen in meinem Hause mein lieber René Ich danke es Ihnen dass Sie
gekommen sind eine alte Freundin Ihres Vaters aufzusuchen Der arme Baron dass
er so zeitig von uns gehen musste Aber das Leben ist nur ein Darlehen des
launenhaften Schicksals und nichts mehr Sie wissen es auch mein teurer Bruder
ist schon längst gestorben jung gestorben und wir betrauern ihn noch heute
ich und seine Tochter
    Indes von dieser Trauer war weder in den feinen Zügen der Greisin noch in
dem strahlenden Antlitze ihrer Nichte eine Spur zu finden als diese auf ein
Wort ihrer Tante sich zu ihnen wendete um die Vorstellung des Freiherrn von
ArtenRichten zu empfangen
    Renatus konnte während dessen mit sich nicht darüber einig werden ob er gar
kein Bild von der Herzogin in seinem Gedächtnisse bewahrt gehabt oder ob sie
sich wirklich so wenig verändert hatte dass nichts an ihr ihm störend oder
fremd sondern Alles vertraut und angenehm erschien Ihre weiße Morgenkleidung
das Spitzentuch welches sie über die zierliche Haube gebunden trug die
zahlreichen schneeweißen Löckchen die ihre Stirn und ihre Wangen umgaben
machten ein so feines in sich abgeschlossenes Bild dass man meinte es müsse
eben so es könne niemals anders gewesen sein und dass man eben deshalb auch
bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte besonders da die
allerdings tief eingesunkenen Augen der Greisin ihren einschmeichelnden Blick
und ihr beredter Mund trotz der schmal gewordenen Lippen sein feines Lächeln
noch nicht verloren hatten
    Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin als verschiedene Besuche
angemeldet wurden Es waren jüngere und ältere Männer zwei Geistliche unter
ihnen Alle aber trugen sie große Namen alle waren sie unter einander bekannt
und im Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen deren in
solcher Vollendung nicht Herr zu sein Renatus sich heute zum ersten Male bewusst
ward
    Wohin er bis dahin auch gekommen war überall hatten sein Name sein gutes
Äußeres und später selbst seine Uniform ihm eine Beachtung zugesichert Hier
trugen alle Männer das bürgerliche Kleid und die Nennung seines Familiennamens
glitt an den Anwesenden spurlos vorüber Erst als die Herzogin erwähnte dass sie
in den Tagen der Verbannung eine sehr liebenswürdige Aufnahme bei dem Vater des
jungen Barons gefunden habe wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerksam aber es
war als ob die Zeit der Auswanderung seit langen langen Jahren hinter ihnen
läge Sie schienen es fast vergessen zu haben dass sie Frankreich jemals
verlassen hatten Paris der Hof die Verhältnisse in welche sie zurückgekehrt
waren für sie so ausschließlich die Welt dass alles was nicht in diese Welt
hinein gehörte kaum für sie vorhanden war
    Freilich erboten sich die jüngeren Männer den jungen Freiherrn mit dem
Pariser Leben bekannt zu machen man besprach auch seine Vorstellung bei Hofe
Renatus konnte es sich indessen nicht verbergen dass er unter diesen Marquis
Grafen und Prinzen eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen haben werde und
während ihn dieses verdross fühlte er sich doch von der ihn umgebenden
Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt
    Alle diese Männer waren an den meisten Höfen von Europa heimisch Man redete
von den fürstlichen Familien von England von Sardinien von Russland und von
Holland und von den Beherrschern der deutschen Länder mit einer Art von
Vertraulichkeit welche für Renatus etwas Überraschendes hatte Nur wenn sich
das Gespräch auf den Hof und die königliche Familie von Frankreich wendete
änderte und steigerte sich der Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit und die
Herzogin die immer noch Meisterin darin war die Unterhaltung auf die
Gegenstände zu lenken von denen sie gesprochen haben wollte wusste an dem Ohre
ihres jungen Gastes auf diese Weise eine Reihe von Tatsachen vorüber zu führen
die ihn beschäftigten ohne sich zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden zu
lassen und die ihm unablässig und immer wieder das unbehagliche Gefühl
aufnötigten dass er nur ein zufälliges und nur ein unbedeutendes Mitglied in
diesem Kreise sei
    Will sich die Herzogin an mir für die Dienste rächen welche mein Vater ihr
und ihrem Bruder geleistet hat fragte Renatus sich einmal unwillkürlich Aber
sein guter Sinn stieß diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine
Unwürdigkeit von sich und doch lag diese Voraussetzung der Wahrheit näher als
er es zu glauben vermochte
    Renatus wusste es noch nicht dass man edelen Herzens und liebevollen Gemütes
sein muss um die Dankbarkeit nicht als eine schwere Last zu empfinden indes der
stolze Sinn der Herzogin hatte die Stunde nie vergessen in welcher sie sich
genötigt gefunden hatte von dem Freiherrn für sich und ihren Bruder unter
Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandtschaft eine Zuflucht und Hilfe zu
begehren In wie großmütiger Weise der Freiherr sie auch empfangen und
unterhalten hatte das Brod der Fremde das Gnadenbrod wie sie es oft mit
herbem Ausdrucke in ihrem Innern genannt hatte nie aufgehört ihr hart und
bitter zu bedünken Sie mochte sich der Zeiten nicht gern erinnern in denen sie
in Richten gelebt hatte sie dachte auch an den Freiherrn weder oft noch gern
und doch hatte sie eine lebhafte Freude empfunden als sie den Brief seines
Sohnes empfangen eine Freude wie sie der mehr als siebenzigjährigen Frau nicht
mehr oft zu Teil ward sie konnte abbezahlen was ihr geleistet worden war sie
konnte sich dem jungen Freiherrn in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer
wiedergewonnen Würden und Ehren zeigen und es ihn fühlen lehren dass es eine
Ehre für seinen Vater gewesen sei die Herzogin von Duras die Freundin und
Vertraute der königlichen Familie von Frankreich seinen Gast zu nennen Sie
konnte den jungen Freiherrn einsehen lassen dass was man auch für sie und für
ihren Bruder getan haben mochte sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei
    Ihre Güte ihre Freundlichkeit für Renatus trugen in jedem Worte den Stempel
jener freiwilligen Herablassung die so schmeichelhaft sie sich im Augenblicke
demjenigen dem sie zu Teil wird auch erweisen mag ihn doch herunterdrückt
und ihn seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig macht Renatus empfand es
dass er sich nicht geben konnte geben durfte wie er war aber die völlige
Zusammengehörigkeit der Personen welchen er an diesem ersten Morgen in dem
Saale der Herzogin begegnete die Übereinstimmung zwischen ihnen und allem was
sie hier umgab hinderten ihn zu erkennen worin jener ihn befangende Zauber
bestehe oder wer es sei der denselben über ihn ausübe
    Mitunter wenn sein Auge eine Weile mit entzücktem Erstaunen auf der Nichte
der Herzogin haften geblieben war meinte er dass es ihre Schönheit sei welche
ihn so seltsam beherrsche ihn so wunderbar sich selbst entfremde und die junge
Gräfin war ganz dazu gemacht einem Manne die Empfindung anbetenden Staunens
aufzudringen Renatus gestand sich niemals eine so vollkommene Schönheit
gesehen zu haben denn Eleonorens auffallend große und üppige Gestalt die
siegesgewisse Ruhe auf ihrer weißen Stirn von welcher das goldig schimmernde
Haar sich wie bei den antiken Statuen in welliger Fülle weit zurückbog um sich
in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu vereinen gaben ihr trotz ihrer großen
Jugend etwas Gebietendes und Mächtiges
    Ihr Vater der Marquis von Lauzun welcher der Herzogin gleich gefolgt war
nachdem diese in Turin in die Dienste der königlichen Familie getreten war
hatte durch seine Wohlgestalt und durch die geschickte Vermittlung seiner
vorsorglichen Schwester die Hand einer der reichsten englischen Erbinnen
gewonnen welche sich eben damals unter dem Schutze ihrer mütterlichen
Verwandten am sardinischen Hofe aufgehalten hatte Eleonore Haughton war wie
der englische Sprachgebrauch es bezeichnet eine Erbin durch ihr eigenes Recht
gewesen Die großen Besitzungen der Name und die Pairie ihres Hauses waren nach
dem Tode ihrer Eltern und ihres Bruders auf sie übergegangen aber sie hatte
sich dieser Vorzüge nur kurze Zeit erfreuen können Die Geburt ihres ersten
Kindes hatte ihr das Leben gekostet und mit dem Tauf und Familiennamen ihrer
Mutter waren der Tochter des Marquis die Adelstitel die Pairswürde und der
Reichtum der Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an als
ausschliessliches Erbe zugefallen
    Nach der ausdrücklichen letztwilligen Verordnung ihrer Mutter war eine
Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kindes von ihr bestimmt worden
Bei dem Einflusse welchen die Herzogin aber von jeher über ihren Bruder
ausgeübt hatte sie es durchzusetzen gewusst dass ihr die Oberaufsicht über
dessen Tochter zugewiesen worden als der Marquis ebenfalls frühzeitig vom Leben
geschieden war und Fräulein Arabella Warwell hatte also mit ihrer
Pflegebefohlenen unter dem Schutze und in dem Hause der Herzogin gelebt bis
diese die Erziehung der jungen Gräfin für vollendet erklärt und Fräulein
Arabella von ihrem Zöglinge entfernt hatte Die besten Lehrer hatten Eleonore
vielseitig unterrichtet und wie man ihr in der Taufe zur Erinnerung an das
Meisterwerk einer großen Dichterin neben dem Namen ihrer Mutter den Namen
Korinna beigelegt hatte war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden sie
diesem bedeutungsvollen Namen anzupassen
    Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen ihrer beiden Eltern
wie des Italienischen völlig mächtig Sie drückte sich in ihnen mit einer
Sicherheit und Entschiedenheit aus die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben
und sie älter erscheinen ließ als sie war Wer sie in diesem Kreise von
Männern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah sie ihre kurzen Fragen
stellen jede Anrede schnell erwidern jedem ihrer Gedanken lebhaft und
rückhaltlos Äußerung geben hörte der musste sich eingestehen dass er hier ein
ungewöhnliches Wesen vor sich habe wenn es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte
ob man dieses Mädchen lieben könne oder nicht Was aber dem flüchtigsten
Beobachter nicht entgehen konnte war die Vorsicht mit welcher die Herzogin
ihre Nichte behandelte und die geflissentliche Weise mit welcher diese ihre
stolze Unabhängigkeit zur Schau trug Sie trat fortwährend wie ein strahlendes
Licht wie ein mächtiger Ton aus der gleichmäßigen Stimmung dieser in feinen
Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor und Renatus fragte sich schon in der
ersten halben Stunde Wie kommt sie hierher wie konnte sie in dieser Welt sich
so entfalten wie konnte sie ihre stolze Naturwüchsigkeit in dieser Luft
bewahren
    Man hatte eine geraume Zeit hindurch die Vorkommnisse des Hoflebens bis in
ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und alle Anwesenden hatten sich in den
Ausdrücken ihrer Verehrung und Ergebenheit für das zum zweiten Male
wiedergekehrte bourbonische Königshaus überboten als Eleonore sich zu Renatus
wendend plötzlich ausrief Und Sie Herr Baron Sie schweigen Sie sagen nichts
zum Lobe der heimgekehrten Dynastie für die Sie doch bei Ligny und bei Waterloo
mit Ihren und meinen Landsleuten gefochten haben während diese Herren friedlich
in der Nähe ihres Königs weilten
    Eleonore rief tadelnd die Herzogin was soll hier diese Frage
    Mich aufklären liebe Tante weiter nichts entgegnete die Gräfin ohne sich
durch die Missbilligung der Herzogin im geringsten beirren zu lassen
    Man war es gewohnt der Gräfin viel nachzusehen und man hatte auch keine
andere Wahl wenn man das Haus der Herzogin das man zum Teil um Eleonorens
willen suchte nicht eben ihretwegen meiden wollte indes der ernste Ton mit
welchem sie die dreiste Frage getan hatte ließ diesmal eine scherzhafte
Deutung nicht wohl zu
    Es war daher Allen sehr erwünscht als der alte und vertraute Freund der
Herzogin der Prinz von Chimay dessen grauem Haare die gemessene Ruhe seiner
Sprache und Bewegungen sehr wohl anstand sich in das Mittel legte und den
Kampf auf das Gebiet seiner schönen Gegnerin hinüberspielend die Bemerkung
machte Sie sprechen von unserem Königshause Gräfin und von Ihren Landsleuten
als ob Sie nicht Französin als ob Sie nicht unsere Landsmännin wären Bedenken
Sie dass wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten wollen
So lange ein Fremder Sie uns nicht entführt sind Sie die Unsere und wir werden
Alles tun Sie in der Heimat und in Ihrem Vaterlande festzuhalten
    Vaterland und Heimat wiederholte die Gräfin Sie nennen das zusammen mein
Fürst als ob es nicht verschiedene Dinge wären Frankreich ist allerdings
meines Vaters Geburtsland ist mein Vaterland aber meine Heimat ist es nicht
Meine Heimat ist jenseit des Kanals in Haughton Kastle wo ich so glücklich
war Sie bereits zu sehen und wo ich Sie wieder zu begrüßen hoffe wenn ich
erst ganz dort leben werde fügte sie mit einer Verneigung hinzu die
verbindlich die versöhnend wirken sollte während die stolze Siegesgewissheit
abermals über ihre Mienen glitt Und als wolle sie diese Unterhaltung nicht
fortgesetzt sehen wendete sie sich zu Renatus um auch ihn für die Zukunft nach
ihrem Schloss einzuladen Sie werde stolz und glücklich sein sagte sie ihm
wenn er ihr Gast zu sein verspreche nachdem ihr Vater durch so viele Jahre
seines Hauses Gast gewesen sei dabei reichte sie ihm nach Art ihrer englischen
Landsleute die Rechte hin dass er einschlagen und ihr sein Versprechen geben
solle und ihm die Hand mit festem Drucke schüttelnd während sie ihm frei und
aufrecht in das Auge sah rief sie Wir wollen gute Freunde werden nicht wahr
recht gute Freunde Herr von Arten
    Renatus wusste sich nicht zu erklären welcher Stimmung des schönen Mädchens
er diese unerwartete und auffallende Gunstbezeigung zu verdanken habe welche
ihm sehr leicht die Abneigung der andern jungen Edelleute zuziehen konnte aber
er fühlte sich deshalb nicht weniger von Eleonorens sonnigem Auge erwärmt er
vermochte ihrer kräftigen und frischen Stimme den Zugang zu seinem Herzen nicht
zu verschließen und im Innersten seines Wesens geschmeichelt sprach er Sie
eröffnen mir eine Aussicht gnädige Gräfin die mich hoch erhebt und zeigen mir
ein Ziel nach dem zu streben mir um so mehr ein Glück sein wird da ich die
Freundschaft die Sie mich hoffen lassen zunächst doch nur meinem Vater zu
verdanken habe
    Wie er seinem Vater ähnlich sieht rief die Herzogin sich an den alten
Fürsten wendend nicht wahr mein Fürst Sie waren in Vaudricourt als der
Freiherr von Arten mich zum ersten Male besuchte und Sie erinnern Sich des
Freiherrn noch
    Aber der Fürst versicherte dass er den Freiherrn nie gesehen habe und die
Herzogin wusste das eben so genau als dass Renatus seinem Vater ganz und gar
nicht glich Sie hatte nur der Unterhaltung eine andere Richtung geben nur
Eleonorens Launen in den Weg treten einer unangenehmen Szene ein Ende machen
wollen und von allen Seiten war man sofort bereit über die kleine Störung
leicht hinweg zu gehen um der Herzogin über deren Absicht Niemand in Zweifel
war geschickten Beistand zu gewähren
    Der Fürst rühmte die Reize von Haughton Kastle während die Herzogin das
Klima des hoch gelegenen Ortes tadelte man sprach von der Jagd die dort
ergiebig sei von dem Besuche welchen der PrinzRegent im vorigen Jahre als
die Herzogin es während der Sommermonate mit ihrer Nichte bewohnte in dem
Schloss gemacht hatte und Eleonore hörte der ganzen Unterhaltung schweigend
zu Als habe sie sich jetzt genug getan ließ sie ihre dunkeln Augen langsam
von Einem zu dem Andern gleiten und nur wenn ihr Blick auf den Fürsten oder auf
die Herzogin fiel meinte Renatus zu bemerken dass ein spöttisches Lächeln um
den Mund der jungen Schönen spiele und dass ein Gefühl des Triumphes ihre
kräftigen Nasenflügel schwelle
    Niemand machte ihn empfinden dass er wenn auch ohne sein Verschulden den
Anlass zu der Kränkung geboten hatte welche die Gräfin den Gästen und Freunden
ihrer Tante zugefügt hatte Renatus ließ es sich also doppelt angelegen sein
sich durch anspruchslose Freundlichkeit mit dem Menschenkreise in den er
eingetreten war in ein günstiges Verhältnis zu setzen und es gelang ihm dieses
auch nach Wunsch denn als die Besucher sich empfahlen weil die Stunde gekommen
war in welcher die Herzogin ihre tägliche Ausfahrt in das Gehölz von Boulogne
zu machen pflegte schied man in einer so heiteren Weise als ob gar nichts
Störendes vorgefallen wäre oder als ob überhaupt niemals etwas Störendes
zwischen die Glieder dieses Kreises treten könnte
 
                                Fünftes Kapitel
Der Gartensaal der Herzogin lag wie bei all den Schlössern welche dem Anfange
des achtzehnten Jahrhunderts ihre Entstehung verdanken an einer mächtigen
Terrasse Am Abende des Tages an welchem sie Renatus bei sich aufgenommen
hatte waren die Türen des Gartensaales weit geöffnet Das helle Licht der
Kerzen mischte sich mit dem sanften Glanze des Mondes und ließ innen wie außen
alle Gegenstände klar erkennen
    Mitten im Saale saß die Herzogin mit ihrem Freunde dem Prinzen und noch
zwei andern Personen beim Kartenspiele draußen ging Renatus an der Gräfin Seite
auf und nieder während ein Mann von reifem Alter und ein junger schlanker
Geistlicher die am andern Ende des Zimmers Platz genommen hatten in eifriger
Unterhaltung begriffen zu sein schienen obschon keiner von beiden die auf der
Terrasse Lustwandelnden aus dem Auge verlor
    Von Zeit zu Zeit warf auch die Gräfin ihre Blicke in den Saal dann aber
wendete sie sich gleich wieder dem Freiherrn zu und obschon ihre Unterhaltung
sich ausschließlich in jenen Fragen und Mitteilungen bewegte mit denen man
sich der äußerlichen Verhältnisse eines neuen Bekannten zu bemächtigen und ihn
in der fremden Umgebung heimisch zu machen versucht fühlte Renatus sich doch
von einer Unruhe ergriffen für welche er sich keine Ursache anzugeben wusste
    Ohne es zu wollen musste er den Blicken Eleonorens folgen ohne zu wissen
weshalb betrachtete er die Gesellschaft die er in dem Zimmer vor sich sah mit
einer misstrauischen Besorgnis Er hörte achtsam auf alles was Eleonore zu ihm
sprach und er fühlte sich trotzdem überzeugt dass sie an etwas Anderes denke
ja es kam ihm endlich vor als sei sie mit ihm unzufrieden als werde sie
ungeduldig aber er konnte es sich nicht erklären wie er ihr Anlass zu irgend
einer Unzufriedenheit gegeben haben könne Nie zuvor war ihm so sonderbar zu
Sinne gewesen Die Empfindung dass die Gräfin ihn geflissentlich auf die
Terrasse hinausgeführt habe dass jetzt etwas geschehen etwas getan werden
müsse wurde immer lebhafter und unabweislicher in ihm Das Herz klopfte ihm in
der Brust er hatte eine Art von Furcht vor seiner schönen Gefährtin und wie
das dämmernde Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller umgoss
kam sie ihm zwar wie eine Armide verführerisch und schön aber so oft der
strenge Blick ihres großen Auges ihn berührte auch wie eine solche unheimlich
und dämonisch vor
    Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehört das konnte er nicht
ertragen und um sich aus der Befangenheit und Verwirrung deren er sich
schämte herauszureissen sagte er plötzlich Sie haben mir heute gnädige
Gräfin im Andenken an Ihren und meinen Vater Ihre Freundschaft angeboten und
ich glaube dass es Ihnen Ernst damit gewesen ist Darf ich diese Freundschaft
heute schon zu einem Dienste für mich in Anspruch nehmen
    Eleonore blieb stehen Renatus hörte dass sie tief aufatmete als werde
eine Spannung von ihr genommen und ohne sich zu besinnen entgegnete sie ihm
Unbedenklich wenn Sie mir vorher gestattet haben werden Ihnen zu erklären was
mich bewogen hat Ihnen diese Freundschaft so schnell und so gewaltsam
aufzudrängen
    Renatus wollte ihr entgegnen dass sie ihn mit ihrem Vertrauen glücklich
mache aber sie ließ ihn dieses nicht vollenden Keine Worte Herr von Arten
rief sie mit ihrer stolzen gebieterischen Weise Sie müssen es heute schon
gesehen haben es fehlt mir nicht an Männern die mir schmeicheln weil sie
glauben dass auch ich nichts Höheres kenne als mich durch die Schmeicheleien
eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit berauben zu lassen die man mir
missgönnt Aber eben deshalb bin ich in der Lage meine Tante täglich daran zu
erinnern dass ich Dank dem Testamente meiner Mutter freier Herr über alle
meine Entschließungen bin und eben deshalb bot ich Ihnen heute so unberufen
meine Freundschaft an um es meiner Tante dazutun dass ichs nicht liebe wenn
man selbst die heiligste aller Pflichten die Dankbarkeit nur zu einem
Piedestal für sich und zu einer Last für denjenigen zu machen sucht dem man
sie zu entrichten hat Nun die Herzogin hat ja lange Jahre in Ihres Vaters
Hause gelebt  Sie werden sie also kennen so gut wie ich
    Der Zorn der aus jedem ihrer Worte sprach gab ihrer tiefen Stimme nur
einen höheren Reiz und doch erschreckte ihr Wesen den jungen Freiherrn auch in
diesem Augenblicke wieder weil es völlig von allen den Vorstellungen abwich
unter denen er bisher das Bild eines jungen Mädchens zu denken gewohnt gewesen
war Selbst die rückhaltlose Härte mit welcher Eleonore über ihre greise Tante
gegen einen Fremden ihr Urteil aussprach beleidigte sein
Schicklichkeitsgefühl und immer geneigt sich desjenigen anzunehmen dem nach
seiner Meinung ein Unrecht zugefügt wurde sagte er dass er von der Herzogin
zwar ein lebhaftes Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe dass er aber zur Zeit
ihres Aufenthaltes in Richten zu jung gewesen sei irgend ein selbständiges
Urteil über sie zu besitzen
    Und abermals blieb Eleonore stehen während sie trotz des Halblichtes in
seinem Antlitze zu lesen versuchte Sonderbar sprach sie Ihnen fehlte also
jener Instinkt den das Kind doch mit dem Tiere gemein hat Sie hatten also
kein inneres Widerstreben gegen die Herzogin Sie hatten kein Abmahnen gegen die
selbstische die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen Natur
    Nein versetzte Renatus nach einigem Besinnen Ich glaubte nur dass sie die
Kinder nicht eben gern habe und da meine teure Mutter ihr weniger als mein
Vater nahe stand so hatte ich damals so viel ich mich entsinne allerdings
keine besondere Liebe für die Frau Herzogin aber ich könnte eben so wenig
sagen dass ich sie gefürchtet hätte
    Ich habe sie gefürchtet seit ich zu denken vermochte fuhr Eleonore heraus
und jetzt  jetzt kenne ich sie fügte sie mit schneidender Bitterkeit leise
hinzu als der Edelmann welcher bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte
man nannte ihn um ihn von seinem Vater dem Fürsten von Chimay zu
unterscheiden mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor zu den Beiden
heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen Paares damit ein Ende
machte
    Eleonore verließ die Terrasse und Renatus der dem Prinzen schon am Mittage
bei der Fahrt im Gehölze vorgestellt worden war blieb allein mit ihm zurück
Der Prinz mochte über fünfzig Jahre alt sein aber sein hellblondes Haar seine
schlanke Gestalt und seine schöne Haltung machten ihn bei der großen Sorgfalt
mit welcher er gekleidet war noch vortrefflich aussehen Renatus wusste dass er
des alten Fürsten einziger Sohn und Erbe sei und dass er mit seinem Vater während
der ganzen Zeit der Verbannung am Hofe zu Petersburg gelebt habe Bei der
Herzogin stand er offenbar in großer Gunst Sie hatte nachdem man ihm am Morgen
begegnet war den jungen Freiherrn aufmerksam darauf gemacht wie er in dem
Prinzen Polydor das Muster eines französischen Edelmannes vor sich sehe und
dann gleichsam im Selbstgespräche hinzugefügt Und doch war seiner Mutter Blut
dem seines Vaters nicht an Reinheit gleich
    Als Renatus sie darauf fragend angesehen hatte sie sich in ihren
Mitteilungen plötzlich unterbrochen und nur flüchtig die Bemerkung hingeworfen
dass es sich dabei um ein sehr romantisches Ereignis handle von welchem man
nicht eben spreche obschon es dem alten Fürsten eigentlich zur höchsten Ehre
angerechnet werden müsse wie der König dies denn auch durch sein Verhalten
gegen den Vater und den Sohn getan habe Und es war danach der Einbildungskraft
des jungen Freiherrn vorläufig noch überlassen geblieben unter welcher Gestalt
er sich die romantischen Erlebnisse des alten Fürsten vorstellen mochte und
konnte
    Nach einigen Tagen aber kam die Herzogin als sich am Abende ihre gewohnten
Gäste bereits entfernt hatten unter dem Vorgeben dass sie Renatus recht bald
und recht schnell unter ihren Umgangsgenossen bekannt zu machen wünsche
abermals auf den Fürsten und seinen Sohn zurück und bei diesem Anlasse erfuhr
Renatus was die Herzogin ihm am ersten Morgen nur anzudeuten für gut befunden
hatte
    Der alte Fürst von Chimay so erzählte die Herzogin war in seiner Jugend
ohne alle Frage der schönste Mann der vollendetste Kavalier des Hofes und wir
lebten damals noch in einer Zeit in welcher man es einem Manne weit mehr als
jetzt zum Verdienste anzurechnen verstand wenn er der Welt in sich selbst ein
vollkommenes Bild edelmännischer oder fürstlicher Würdigkeit darzubieten wusste
Er hatte in früher Jugend bedeutende Reisen gemacht überall war ihm der
ehrenvollste Empfang zu Teil geworden der Ruf seines Geistes und seiner
Liebenswürdigkeit stand über jeden Zweifel fest die Gunst der Frauen kam ihm
bereitwillig entgegen aber der Fürst war nicht nur schön wie ein Adonis er war
auch spröde wie ein solcher und das Gerücht das ihn unbesieglich nannte
steigerte nur das Verlangen der Frauen ihn zu überwinden und zu fesseln
    Die Herzogin lehnte sich in ihrer Erzählung innehaltend in ihren
Polsterstuhl zurück Es ist die alte EvaNatur sagte sie lächelnd alles was
ihnen versagt ist was sich ihnen entzieht das reizt die Frauen Machen Sie
sich daraus Ihren Schluss mein junger Freund und sich langsam mit einem der
kleinen dunkelroten Fächer deren Renatus sich noch aus seiner Kindheit zu
erinnern meinte Kühlung zuwehend fuhr sie nach einer kurzen Pause also in
ihrer Erzählung fort Ich lebte damals fern vom Hofe an meines verehrten Gatten
Seite in unserem Schloss Wir sahen den Fürsten der uns sehr befreundet war
immer nur für einzelne Wochen und in Zwischenräumen bei uns da die Gesellschaft
des Hofes ihn uns streitig machte Es war oftmals von seiner Verheiratung die
Rede gewesen öfter noch von Herzensverhältnissen in die er verstrickt sein
sollte aber alle diese Gerüchte erwiesen sich stets als unbegründet und man
gewöhnte sich bereits daran den Fürsten als einen Weiberfeind zu betrachten
als sich ganz unerwartet und zum höchsten Erstaunen aller Welt die Nachricht
verbreitete der Fürst habe sich mit einem jungen im Kloster erzogenen einer
geringen und armen Adelsfamilie angehörenden Mädchen verehelicht das ihm einen
Sohn geboren habe und sei da die junge Mutter von einem unheilbaren
Brustleiden ergriffen worden zu ihrer Erhaltung mit Frau und Sohn ins Ausland
in den Süden ich meine nach Sizilien gegangen
    Die Kunde setzte den Hof die Stadt den ganzen Adel des Landes in Bewegung
Niemand wollte es glauben Niemand hatte dem Fürsten eine so phantastische
Leidenschaft zugetraut Niemand es für möglich gehalten dass eben der Fürst von
Chimay es vergessen könne was er sich selber schuldig sei Man fragte sich Wer
ist die Zauberin die den bisher Unbesiegten nicht nur zu besiegen sondern sich
selber abwendig zu machen verstanden hat Man forschte nach ihrem Namen man war
begierig sie zu sehen man glaubte an jedem Tage irgend eine Lösung dieses
Rätsels zu erhalten die wo möglich noch geheimnisvoller und auffallender als
das Ereignis selber sein sollte indes man erfuhr nichts gar nichts über den
Gegenstand dieser unbegreiflichen Leidenschaft Der Fürst kehrte denn auch
nicht wie man es doch erwartet hatte mit der schönen Jahreszeit nach
Frankreich und an den Hof zurück er legte vielmehr das Amt eines Kammerherrn
das er bekleidet hatte nieder und alles was man ermitteln konnte war dass
die Trauung in der kleinen Kirche des Klosters vollzogen worden war in welchem
die Braut bis dahin gelebt hatte und dass sie an ihrem Hochzeitstage eben so
schön als krank ausgesehen habe
    Ich befand mich im Auslande auf einer Badereise als dieser Roman die
Gesellschaft in Aufruhr setzte und alle Briefe welche ich erhielt sprachen
mir nur von unserem Freunde Indes er selber gab mir keine Kunde von sich und
nachdem man des Verwunderns von allen Seiten müde geworden war fingen die Einen
den Prinzen zu vergessen die Andern auf ihn zu verzichten an Man sagte sich
dass er wiederkehren und seine alte Stelle unter uns einnehmen werde wenn er
seiner romanhaften Grille genug getan habe oder wenn die fabelhafte Prinzessin
gestorben sein würde Aber als handele es sich wirklich um ein Märchen so
geschahen auch hier jetzt Wunder und zwar gerade diejenigen welche man am
wenigsten erwartet hatte
    Die Herzogin unterbrach sich abermals und Renatus den die Tatsachen
dieser Erzählung eben so anzogen als ihn die meisterhafte Weise fesselte in
welcher die Greisin sie berichtete bemerkte dass Eleonore das Buch in welchem
sie bis dahin gelesen hatte zur Seite legte und die Arme über die Brust
gekreuzt ebenfalls auf die Fortsetzung der Erzählung achten zu wollen schien
Auch der Herzogin entging die plötzliche Aufmerksamkeit keineswegs Sie fragte
ob Eleonore ihr Buch beendet habe
    Nein versetzte diese Ihre Erzählung ist mir aber weit wichtiger als das
Buch und ich bin begierig liebe Tante den Ausgang derselben über den ich
sonst schon sprechen hörte gerade aus Ihrem Munde zu vernehmen Nicht wahr die
Fürstin bewies sich den schönen Frauen des Hofes nicht so gefällig als sie es
wünschten und erwartet hatten die Fürstin blieb am Leben und was noch
schlimmer war der Fürst weit davon entfernt ihr dieses zu verargen gewöhnte
sich an sie und liebte sie so dass er darüber des Hofes und seiner schönen
Frauen ganz und gar vergaß
    Es schoss ein scharfer schneidender Blick aus den eingesunkenen Augen der
Herzogin zu ihrer Nichte herüber als diese ihre Fragen im Tone der
Unwiderleglichkeit spöttisch über ihre Lippen gleiten ließ und Renatus wusste
nicht welche von den Beiden ob die Greisin oder das junge Mädchen ihm in
diesem Augenblicke mehr missfiel Aber das Antlitz der Herzogin gewann gleich
wieder seine Ruhe und mit der freundlichen Gelassenheit die sie äußerlich fast
immer zu bewahren wusste fragte sie Und wer ist es dem Du diese Mitteilungen
dankst
    Dem Herrn Abbé von Montmerie entgegnete die junge Gräfin mit einer so
geflissentlichen Deutlichkeit und Langsamkeit als wolle sie damit etwas
Besonderes sagen oder erraten lassen Die Herzogin ging jedoch während ihr
Gast sich von dem ihm unverständlichen Vorgange wie von der unverkennbaren
Feindseligkeit welche zwischen den beiden Frauen herrschte unheimlich berührt
fand leicht darüber fort
    Da sehen Sie die Ungeduld und auch den Unbedacht der Jugend mein lieber
René sagte sie Wir alten Leute sind nicht schnell wie sie Wir müssen uns
langsam in unsere Erinnerungen versenken wir spinnen sie mühsam zu einem Ganzen
zusammen und wenn wir unser kleines Kunstwerk zu vollenden denken fährt irgend
eine unvorsichtige junge Hand dazwischen und zerreißt und verwirrt uns unsern
Faden dass wir ihn nicht wiederfinden können
    Sie legte ihren Fächer aus der Hand zog die kleine mit Brillanten besetzte
Tabacksdose aus der Tasche nahm mit gespjetztem Finger eine Prise und schellte
damit der Diener ihr zu ihrem Zimmer leuchte
    Es war vergebens dass Renatus sie ersuchte ihm den Schluss der Erzählung
nicht zu entziehen Sie vertröstete ihn auf einen anderen Tag wiederholte dass
sie nicht mehr in der Fülle ihrer geistigen Mittel lebe dass sie Rücksicht und
Schonung nötig habe und forderte obgleich sie sich noch immer mit voller
Freiheit bewegte den Arm Eleonorens sich darauf zu stützen als sie ihrem
jungen Gaste unter ihres Hauses Dach eine angenehme Ruhe und gute Träume
wünschend den Saal verließ
    Es währte jedoch lange ehe der Freiherr die ihm gewünschte Ruhe finden
konnte Die Menge der Eindrücke welche er heute in seiner nächsten Umgebung
erhalten hatte hielt ihn wach Er konnte nicht aufhören darüber nachzudenken
wie in einem Mädchen von Eleonorens Alter bei einer so bevorzugten Lebenslage
sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln können und wodurch in das Verhältnis
zwischen ihr und ihrer Tante jene Bitterkeit gekommen sei die Eleonore selbst
vor dem fremden Manne entweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen
vermochte Aber der rechte Aufschluss bot sich ihm nicht dar und in jener
Aufregung welche uns immer befällt wenn wir nicht wissen ob wir die Personen
die uns anziehen lieben oder hassen sollen schlief er endlich überreizt und
sehr ermüdet ein auch im Traume noch von wirren unzusammenhängenden
Vorstellungen und Gebilden hin und her geworfen
    Am folgenden Morgen sah er die Frauen des Hauses nicht da der Dienst ihn
auswärts beschäftigt hielt Später als er sie aufzusuchen kam vermied die
Gräfin ihn eben so absichtlich als sie ihm Anfangs entgegengekommen war Nicht
einmal die Möglichkeit vergönnte sie ihm sie um die Gründe ihrer veränderten
Haltung zu befragen Sie schien überhaupt wenig Gefallen an der Geselligkeit zu
haben denn sie zog sich wenn die Empfangsstunde der Herzogin gekommen war
häufig aus dem Saale in ihre eigenen Zimmer zurück und ihre Tante versuchte es
dann auch nicht sie neben sich und in der Gesellschaft festzuhalten
    Renatus wusste nicht was er tun sollte Bisweilen fühlte er das Bedürfnis
der Gräfin zu schreiben und sich zu erkundigen womit er ihre gute Meinung
verscherzt habe dann wieder schalt er sich eitel und töricht dass er
Eleonorens Fortbleiben überhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen
wagte Wenn er sich schuldig glaubte dachte er mit Bewunderung ja mit
Entzücken an die Gräfin wenn er die Kälte welche sie ihm bewies auf Rechnung
ihrer launenhaften Selbstwilligkeit stellte zürnte und grollte er ihr aber
immer blieb sein Sinn mit ihr beschäftigt wie das neue Leben das er führte
seit er in das Haus der Herzogin gekommen war ihn auch gefangen nahm und von
allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünschen abzuziehen geeignet war
    Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und noch kein weibliches Wesen
gekannt das mit der Gräfin Haughton zu vergleichen gewesen wäre Das Erfahren
und Erleben wurde für ihn fast überwältigend und doch sagte er sich an jedem
Tage dass er jetzt erst zu leben anfange dass ihm jetzt erst eine Jugend
aufgehe wie sein Vater sie genossen habe wie sie eines Mannes von seinem
Stande würdig und wie sie ihm durch die Ungunst der Verhältnisse viel zu lange
vorenthalten worden sei
    Da er in den Stürmen der Revolutionszeit geboren und erwachsen war hatte
man ihn mit dem Hinweise auf die Unbeständigkeit aller irdischen Macht und
Güter zu einer gewissen Selbstbeschränkung erzogen und es waren ohne dass man
es beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte doch viele der Anschauungen an
ihn herangekommen welche als ein neues MenschheitsEvangelium die Welt
umzugestalten begonnen hatten Nun befand er sich mit Einem Male auf einem Boden
und inmitten einer Nation in welchen die Lehren von der Freiheit und
Gleichberechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das
Volksbewusstsein eingedrungen und von Wirkungen und Taten so zerstörender und
durchgreifender Art gefolgt gewesen waren dass man die erneute Herrschaft der
früheren Weltanschauung und die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und
Zustände für immer unmöglich hätte halten müssen Trotzdem tronte der
achtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen doch waren den vertriebenen und
wieder heimgekehrten Adelsgeschlechtern doch waren der katholischen
Geistlichkeit ihre Titel und Würden und Besitztümer zurückerstattet worden und
von den Beamten des Kaisertums wie von den einstigen Republikanern drängten
sich große Massen an die neue Gnadensonne heran und gar viele von den Bekennern
der VernunftReligion füllten jetzt wieder die Kirchen in denen man die
DankesHymnen für die Niederwerfung der Revolution und für die Besiegung des
Bonapartismus ertönen ließ
    Konnte es da befremden wenn ein werdender ein in sich noch in keiner Weise
gefestigter Charakter sich der seinen eigenen Anschauungen nahe verwandten
Meinung der Gesellschaft anschloss in der er sich bewegte Und was hatte Renatus
aus seinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen einzuwenden
wenn die Herzogin und ihre Freunde den Ausspruch des Kaisers Alexander auch zu
dem ihrigen machten wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreißig Jahre
als einen wilden Strom betrachteten dessen Wassern man nur die Zeit zum
Verlaufen habe gönnen müssen damit das Dauernde das allein Würdige die
Herrschaft des Adels und der Kirche in ungetrübter Ruhe wieder zur Erscheinung
und zu ihrer Geltung habe kommen können
    Der junge Freiherr hatte bisher mit Stolz daran gedacht dass auch er so
viel an ihm gewesen sei zum Sturze Napoleons und der Napoleoniden zur
Wiederherstellung der alten legitimen Herrscher beigetragen habe aber der Ton
die Art und Weise in welcher man in der französischen Hofgesellschaft von dem
Überwundenen sprach verleidete ihm allmählich seine Siegesfreude Nicht die
Niederwerfung des Eroberers war das Verdienst das man hier schätzte sondern
die zuversichtliche Treue mit welcher man auf den endlichen Untergang
Bonapartes und auf den Sieg des angestammten Königshauses wie auf eine
Naturnotwendigkeit gerechnet und gewartet hatte Nicht die Tat war es die man
hier ehrte sondern der Glaube und das Erdulden und für dieses Letztere sich zu
entschädigen war alles worauf man jetzt noch dachte
    Feste folgten den Festen die Verbindungen des jungen Freiherrn dehnten sich
bei denselben immer weiter aus und seine Bewunderung der französischen
Gesellschaft sein Geschmack an dem Hofleben wuchsen je mehr er in demselben
heimisch wurde Weil er von frühester Kindheit an zu einer strengen
Unterwürfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den Willen seines Vaters
und Erziehers angehalten worden war hatte er sich gewöhnt sich selbst und
seinen Wert nach dem Maßstabe zu messen der ihm von Andern gleichsam von
außen her dargeboten wurde Er fand sich also sehr leicht darein ja es dünkte
ihn eigentlich nur natürlich dass die Gesellschaft in die er jetzt eingetreten
war einander nach der Bedeutung schätzte welche der König und die königliche
Familie den einzelnen Personen zuerkannten und er stand sich gar wohl bei
dieser neuen Ansicht denn man nahm ihn um seiner Beschützerin willen am
königlichen Hofe günstig auf
    Er war ein schöner Mann geworden er tanzte den Walzer den die Fremden in
Frankreich eingeführt hatten mit Meisterschaft seine jugendliche
Genussfähigkeit selbst seine Schüchternheit empfahlen ihn den Frauen Dazu war
er ein trefflicher Reiter wusste die Waffen wohl zu brauchen und weil er sich
der ihn umgebenden Meinung gefügig zeigte gewann er sich auch die Gunst der
Männer Es währte also gar nicht lange bis man der Herzogin von vielen Seiten
das Lob ihres jungen Schützlings wiederholte und diese blieb nur sich selbst
getreu wenn sie Renatus den sie in ganz eigensüchtiger Absicht bei sich
aufgenommen hatte wert zu halten und auszuzeichnen anfing sobald er eine
vorteilhafte Erwerbung für ihre besondere Hofhaltung zu werden versprach
    Kein Tag verstrich an welchem sie sich nicht eine Weile in einsamem
Zwiegespräche mit ihm beschäftigte Sie machte sich eine Pflicht daraus seine
Ausdrucksweise in der fremden Sprache zu verbessern sie wies ihn an wie er
sich gegen die verschiedenen Personen mit welchen sie ihn in Berührung brachte
zu verhalten habe und wenn er sich ihr dankbar und allen ihren Anordnungen
gehorsam erwies rief die Herzogin oft seufzend aus Ach warum hat der Himmel
mir es versagt in meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden Warum ist es mir
auferlegt kaltem Starrsinne zu begegnen wo ich so viel Liebe säete und für die
letzten Tage meines Lebens Liebe zu ernten hoffte
    Sie hielt ihrem neuen Schützlinge dann ihre Hände hin sie drückte einmal
sogar einen Kuss auf sein schönes blondes Haar da er sich neigte ihre Hand an
seine Lippen zu ziehen und gerade dass er sich sagen musste wie hart und
ungerecht er von Eleonoren dazu verleitet an dem ersten Tage die Herzogin zu
beurteilen geneigt gewesen war gerade das befestigte seine Ergebenheit für die
Greisin und wendete seine Empfindung von Eleonoren ab so oft er die eisige
Zurückweisung bemerkte mit welcher die Gräfin die Freundlichkeit der Herzogin
vergalt
 
                                Sechstes Kapitel
Tage reihten sich an Tage Wochen wurden zu Wochen und vieles was Renatus in
seiner neuen Umgebung im Anfange nicht verständlich gewesen war klärte sich ihm
von selber auf Er sah dass die Freundschaft und Huldigung welche der alte
Fürst der Gräfin Eleonore entgegenbrachte ihren Ursprung nicht nur in seiner
vieljährigen Verbindung mit ihrer Tante hatten sondern auf Rechnung der
Bewerbung zu setzen waren mit welcher der Prinz sein Sohn sich um die schöne
Erbin bemühte Auch über die Absichten der beiden Geistlichen welche zu den
täglichen Gästen der Herzogin gehörten konnte Renatus auf die Länge nicht in
Zweifel bleiben
    Er fand es jedoch sehr natürlich dass ein Mann von den Vorzügen des Prinzen
sich noch die Fähigkeit zutraue die Liebe eines jungen Weibes zu erwerben es
däuchte ihm durchaus berechtigt dass die katholische Kirche sich die in jedem
Betrachte ausgezeichnete Gräfin die nach dem Glauben ihrer Mutter der
englischprotestantischen Kirche angehörte anzueignen strebte denn für Beides
hatte er die Beispiele in seinem eigenen Hause vorgefunden Allerdings waren die
Ehen welche der verstorbene Freiherr in reifem und in vorgerücktem Alter mit
bedeutend jüngeren Frauen eingegangen war nicht glücklich ausgefallen Aber
seine protestantische Mutter hatte doch Glück und Frieden im Schoss der
römischen Kirche gefunden und obschon sich bei Renatus die Gewohnheit der
kirchlichen Unterordnung wie das Bedürfnis nach religiösem Anhalte seit er das
Vaterhaus verlassen und namentlich jetzt in den Jahren des Krieges sehr
vermindert hatten hegte er doch den Glauben dass für ein so stolzes Herz wie
das der Gräfin die Sorge und Pflege durch einen ihr überlegenen geistlichen
Berater nur heilsam sein könne Niemand aber musste zu einer solchen Aufgabe
geeigneter erscheinen als der Abbé von Montmerie als der jüngere der beiden
geistlichen Herren welche in dem Hause der Herzogin fast an keinem Tage
fehlten
    Die Herzogin hatte den Abbé schon in Italien gekannt Seine Hingebung an die
Kirche und seine umfassende Gelehrsamkeit hatten ihn früh zu einem Gegenstande
der Aufmerksamkeit für seine Vorgesetzten gemacht seine weltmännischen Manieren
empfahlen ihn der vornehmen Gesellschaft welcher er durch seine Geburt
angehörte Von Jugend auf kannte er aus den Erzählungen seiner Anverwandten alle
die geheimen Fäden durch welche diese schöne Welt unter einander zusammenhing
und da er das scharfe Auge eines Beobachters hatte war es ihm als der Hof und
mit ihm auch der Adel und der Abbé selber in ihre französische Heimat
zurückkehrten nicht schwer gefallen in den Reihen dieses Hofes den Platz für
sich zu finden welchen er als den angemessensten für sich erachtete Er hatte
sich nicht wie viele Andere in den Beichtstuhl gedrängt denn es hatte ihn
nicht danach gelüstet die Bekenntnisse dieses oder jenes beängstigten Herzens
zu vernehmen und hier eingreifend dort beratend in kleinen Verhältnissen
einen Einfluss zu gewinnen der sich nur allmählich ausdehnen nur langsam von
Bedeutung werden konnte Man hätte sagen mögen er weise das Vertrauen zurück
das man ihm entgegenbrachte so wenig zeigte er sich geneigt sich um fremde
Angelegenheiten zu bekümmern und was ihn selber und seine Zukunft anging das
schien ihm vollends keine große Sorge zu erregen
    Seine gründlichen Studien in den klassischen Sprachen die ihn zu einem der
hervorragendsten Lehrer an dem Kollegium gemacht dem er angehörte hatten ihn
auch der Beachtung des Königs empfohlen Ließ man ihm von gewisser Seite merken
dass seine andauernde Beschäftigung mit dem heidnischen Altertume seiner
Hingebung an das Christentum Abbruch zu tun drohe so versicherte er dass er
ein eben so ortodoxer Christ sei als Seine Majestät wennschon er sich nicht
rühmen dürfe in der heidnischen Vorzeit so völlig heimisch zu sein als sein
König und Herr und der Abbé von Montmerie wusste es sehr genau dass eine solche
Wendung alle Aussicht hatte an rechter Stelle wiederholt und von Ludwig dem
Achtzehnten mit geneigtem Ohre aufgenommen zu werden
    Seine Amtsbrüder nannten den Abbé mit schlecht verhehltem Spotte einen
schönen Geist der König hatte ihn als einen feinen Geist bezeichnet und die
Frauen ihn nach dem Beispiele der Herzogin als einen liebenswürdigen Geist und
als einen jener Männer anerkannt die überall vermittelnd wirken weil sie für
sich selber nichts zu erstreben scheinen Es gab Niemanden der wie der Abbé ein
Missverständnis unter Freunden behutsam auszugleichen wusste Niemanden der sich
mit größerer Freude dazu erbot der Überbringer einer willkommenen Botschaft zu
sein und der wie er eine unangenehme Eröffnung in milde Formen einzukleiden
sich geschickt erwies Wollte man ihm danken so nannte er sich als den
Verpflichteten weil man ihm die Gelegenheit gegeben habe seinem innersten
Wesen zu genügen und im Sinne seines Amtes zu handeln und der König war noch
nicht lange in sein Reich zurückgekehrt als man bereits mit Sicherheit
behauptete dass in den langen besonderen Gesprächen mit welchen Seine Majestät
den jungen gelehrten Geistlichen begnadigte auch von anderen als von jenen
philologischen Gegenständen die der König als sein besonderes Fach ansah die
Rede sei und dass die Verbindungen des Geistlichen eben so weit verzweigt als
mächtig wären
    Die Freundschaft deren die Herzogin sich von des Königs Seite zu erfreuen
hatte fesselte den Abbé an sie Auch zwischen der Gräfin Haughton und ihrer
Tante hatte er Anfangs seine Kunst im Vermitteln geltend zu machen versucht
aber es war ihm nicht gelungen Eleonore den Planen der Herzogin geneigt zu
machen ja er hatte das Misstrauen nicht besiegen können mit dem die Gräfin
ihrer Mutterkirche treu jeden katholischen Geistlichen betrachtete
    Nur wenige Tage vor der Ankunft des jungen Freiherrn hatte der Abbé sich in
dem Saale der Herzogin im Beisein Eleonorens mit großer Wärme und mit der
schwunghaften Weise die ihm sehr wohl anstand über das erhebende Gefühl
ausgesprochen welches für den Einzelnen aus der Zusammengehörigkeit mit einer
großen Gemeinde erwachse Man hatte seit Jahren wieder zum ersten Male den Tag
von Mariä Himmelfahrt mit einer Procession gefeiert bei welcher die Prinzen und
Prinzessinnen des Königshauses selber die Kerze getragen und die Herzogin hatte
es sich trotz ihrer hohen Jahre nicht nehmen lassen sich dem Zuge so weit ihre
Kräfte es ihr gestatteten anzuschließen
    Die ganze alte legitimistische Gesellschaft fühlte sich wie verjüngt durch
diesen Akt weil er ihr die Tage ihrer frühesten Jugend in das Gedächtnis rief
und man gefiel sich darin die politische Genugtuung welche man sich und der
Kirche bereitet hatte und die Freude die man über diesen Sieg empfand als
eine innere Beseligung und Erhebung zu bezeichnen von welcher die Gräfin
Haughton ausgeschlossen zu sehen der Abbé beklagte
    Er stand während er ihr dieses mit seiner gewohnten edelen Weise aussprach
mit Eleonoren in der tiefen Brüstung eines Fensters ganz allein Das Licht fiel
hell auf ihn nieder jede Miene seines Antlitzes bestätigte die Wahrheit und den
Ernst seiner Worte Die Gräfin ließ ihr Auge nicht von ihm Sie liebte es ihn
sprechen zu hören ihn zu beobachten denn er zog sie an obschon sie ihm
misstraute und ohne von seinen Schilderungen irgendwie ergriffen zu sein sagte
sie Ich zweifle nicht an dem Glücke dessen Sie alle heute teilhaftig geworden
sind und ich sehe es ja wie völlig die große Gemeinschaft deren Sie gedenken
den Einzelnen in sich aufnimmt und mit sich fortträgt Aber bemühen Sie Sich
nicht um mich ich bin der Anstrengung nicht wert Ich kann weder glauben noch
lieben auf eines Anderen Geheiß weder beten noch mich verheiraten wo es mich
selber nicht dazu drängt und was kümmert es Sie woran ich jenseit des Kanales
glauben oder meine Tante an wessen Seite ich dort leben werde Denn dass ich
Frankreich und dieses Haus verlasse sobald ich die mir zustehende Freiheit dazu
erlange daran Herr Abbé zweifeln Sie wohl selber nicht
    Und wer sagt Ihnen Gräfin fragte er sie dass ich es ersehne Sie als die
Gattin des Prinzen Polydor zu sehen wennschon ich Ihnen nie verhehlte dass ich
mich glücklich schätzen würde eine so mächtige und freie Seele wie die Ihrige
zu den Unsrigen zählen zu dürfen
    Die Gräfin war überrascht Nie zuvor hatte der Abbé mit ihr über die Plane
des Prinzen Polydor gesprochen aber sie fasste sich schnell und jene Andeutung
ganz unbeachtet lassend sagte sie Sie nennen meine Seele mächtig und frei Was
kann die Macht und die Freiheit einer Seele ihrer Kirche nutzen die blinden
Gehorsam gegenüber ihrer unumschränkten Herrschaft fordert
    Wer herrschen will bedarf der Menschen die zum Herrschen fähig sind gab
er ihr zur Antwort Zum Gehorchen sind Viele berufen zum Herrschen werden
einige Wenige erwählt
    Und Sie gehören zu diesen Letzteren nicht so Herr Abbé meinte Eleonore
mit gewohnter Keckheit
    Der Abbé folgte jetzt dem Beispiele das sie selber ihm gegeben hatte Er
überhörte geflissentlich den Ton mit welchem sie diese Frage an ihn richtete
Ich hoffe mich durch Unterordnung unter die Weisheit der Herrschenden zum
Herrschen geschickt zu machen Gräfin gab er ihr zur Antwort
    Sie halten also Herrschaft für ein Glück
    Ich halte die Herrschaft für die höchste Befriedigung die dem Menschen zu
genießen verliehen ist und ich erachte es als die höchste Tugend wenn ein zum
Herrschen geborener Mann durch die Schule der Selbstbeherrschung und der
Unterordnung sich dazu befähigt für gute und edle Zwecke für die höchsten
Ziele die Herrschaft über jene ungeheure und ungeschulte Masse zu gewinnen
die sich selber überlassen zu jedem Irrtume zu jeder Ausschweifung zu
jeglichem Verbrechen zu verführen ist Oder ersehnt Ihr Herz die Vorgänge und
die Zeiten wieder welche vor unserer endlichen Rückkehr dieses arme Frankreich
heimgesucht haben
    Der Abbé wusste wem er die Reize der Herrschaft anpries Auch hatte die
Gräfin ihm mit tiefem Ernste zugehört
    Sie sprechen von Zielen wie sie dem Manne winken Wo ist uns Frauen die
Möglichkeit zu jenem Tun eröffnet das Sie als die höchste irdische
Befriedigung bezeichnen versetzte sie darauf
    Der Abbé schwieg als ob er sich scheue ihr seine Meinung auszusprechen
endlich sagte er Ihre Kirche gnädige Gräfin erkennt auch der hochbegabtesten
Frau wenn sie nicht zufällig auf einem Thron geboren ist freilich kein anderes
Regiment als das in ihrem engen Hause zu Die katholische Kirche in der die
jungfräuliche Mutter Gottes der Gegenstand der heiligsten Verehrung ist hat
aber zu allen Zeiten die hervorragenden Frauen auszuzeichnen an ihren Platz zu
stellen und große Gewalt in ihre Hände zu legen getrachtet und verstanden Ich
weiß es Sie kennen die Frau Äbtissin der heiligen Schwestern zum Herzen Jesu
Glauben Sie dass diese fürstliche Frau sich entschließen könnte die Würde die
sie in unserer erhabenen Kirche einnimmt die Macht welche in ihre Hände gelegt
ist den Einfluss und die hohe Verehrung deren sie genießt mit irgend einem
Verhältnisse wie die weltliche Gesellschaft ihr es bieten möchte zu
vertauschen
    Selbst wenn ich Katolikin wäre würde das Kloster mich nicht locken würde
die Macht innerhalb der höchsten Beschränkung die Herrschaft in den Banden des
Zwanges und der Abhängigkeit mir keine Genugtuung bereiten versicherte die
Gräfin Herr zu sein über mich selbst Herr zu sein in jeder Stunde über jede
meiner Entschließungen das allein ist es wonach ich trachte und 
    Und was Sie sicher nicht erreichen werden gnädige Gräfin fiel der
Geistliche ihr in das Wort wenn Sie Sich dem Willen der Frau Herzogin fügend
den Prinzen Polydor zu Ihrem Gatten wählen
    Er war mit dieser Wendung wieder auf den Ausgangspunkt ihrer Unterredung
zurückgekehrt und ihn mit fragendem Erstaunen anblickend zögerte die Gräfin
ihm eine Antwort zu geben
    Der Abbé störte sie in ihrem Überlegen nicht Er wusste dass von der
Fürstentochter bis herab zur niedrig geborenen Magd nicht leicht eine Frau der
Versuchung widersteht sich über ihre Herzensangelegenheiten und
Ehestandsaussichten mit einem bedeutenden Manne zu besprechen wenn dieser in
denselben nicht beteiligt ist und er hatte mit Sicherheit Eleonorens Frage
erwartet womit sie den Anteil verdiene den er ihr beweise
    Aber auch er ließ sie seine Antwort jetzt erwarten und erst nach längerer
Zeit in der er mit sich zu Rate gegangen zu sein schien sagte er Sie sind so
jung gnädige Gräfin dass man sich immer wieder auf dem Fehler ertappt an Sie
die Massstäbe anzulegen nach welchen man die Mehrzahl der Frauen die
gewöhnlichen Jungfrauen in Ihrem Alter zu messen gewohnt ist Diesen Fehler habe
ich lange Zeit begangen und Sie haben ihn mir mit einem Misstrauen vergolten
das ich mit Beschämung als ein verdientes anerkennen muss Wollen Sie mir diesen
Fehler verzeihen wollen Sie mir vergönnen Ihnen ruhig auseinander zu setzen
in welcher Lage ich mich Ihnen gegenüber befinde so werde ich Ihnen für das
Erstere von Herzen danken und bin ich zu dem Letzteren bereit
    Der Abbé hatte bis dahin vor Eleonoren gestanden Jetzt als sei er ihrer
Zustimmung gewiss rückte er einen Lehnstuhl für sie herbei nahm einen Sessel
ihr gegenüber ein und er sah dabei mit besonderer Genugtuung wie die Mienen
der Gräfin sich geändert hatten wie sie mit Spannung in seinem Antlitze zu
lesen strebte was er ihr zu sagen haben könne
    Es würde mir und meinem Amte übel anstehen hob er nach kurzem Überlegen
an wenn ich Ihnen aussprechen wollte was die Gesellschaft der Sie umgebenden
Männer Ihnen täglich und unablässig wiederholt dass Sie an Schönheit die anderen
Frauen überragen dass der Mann glücklich zu preisen sein würde dem es gelänge
Ihre Liebe und mit dieser den Besitz Ihrer Person zu gewinnen Aber ich trage
daneben kein Bedenken Ihnen zuzugeben was Ihnen ich weiß es von Seiten Ihrer
früheren Erzieherin und Ihres geistlichen Beraters ebenfalls oft genug
wiederholt werden mag dass eine junge Frau von Ihrer ungewöhnlichen Begabung
von Ihrer Selbständigkeit und von Ihrem großen und unabhängigen Vermögen der
Beachtung unserer Kirche nicht entgehen konnte Wer überzeugt ist die Wahrheit
zu kennen und zu besitzen muss wenn er kein Elender ist sie mitzuteilen und
vor Allem diejenigen derselben teilhaftig zu machen wünschen von denen er
erwarten darf dass sie starke Zeugen für die Wahrheit werden können Wer die
Herrschaft als ein ihm von Gott verliehenes Recht ansieht muss nach den Mitteln
trachten welche ihm das Herrschen möglich machen und ich bin viel zu sehr von
dem heiligen Rechte unserer Kirche überzeugt viel zu sehr von ihrer
alleinseligmachenden Kraft durchdrungen und von der erhabenen Aufgabe beglückt
die mein Amt mir auferlegt als dass ich anstehen sollte Ihnen zu bekennen wie
es mein heißer Wunsch mein heißer Wunsch gewesen ist eine Frau von Ihrer hohen
und eigenartigen Begabung von Ihrem fürstlichen Vermögen  denn weltlicher
Besitz gibt Macht  in die Reihen unserer Bekenner eintreten und Sie wo irgend
möglich früher oder später Sich zu der kleinen Schar der Auserwählten gesellen
zu sehen welche die Welt regieren weil sie wissen was der menschlichen
Schwäche angemessen ist und wohltut
    Er hielt inne und sagte dann mit einem leisen Seufzer der seiner männlichen
Schönheit sehr wohl anstand Ich habe wie ich mit Beschämung erkenne denn
eines Irrtums hat der reife Mann sich stets zu schämen mich mit einer falschen
Hoffnung getragen ich habe Sie nicht richtig beurteilt Ihr Sinn ist weniger
groß als ich mirs vorgestellt hatte er verlangt nicht nach Herrschaft er
scheut nur vor persönlicher Abhängigkeit zurück und einer solchen würden Sie in
der Ehe mit dem Prinzen nicht entgehen denn der Prinz hat trotz seiner
gewinnenden Umgangsformen die ganze Herrschsucht seiner Mutter
    Es entstand eine Pause der Abbé war anscheinend von dem Gegenstande seiner
letzten Erörterungen abgekommen als er die Rede noch einmal auf Eleonorens
Verbindung mit dem Prinzen lenkte Aber sie beachtete das nicht Man konnte
sehen dass ihre Gedanken mit irgend einem Gegenstande lebhaft beschäftigt waren
denn sie schaute schweigend vor sich hin ohne ihre Blicke auf ihrer Umgebung
haften zu lassen und erst nach einer Weile während welcher der Abbé sie sich
selber überlassen hatte fragte sie als komme sie auf diesen Punkt nur zufällig
zurück oder als benutze sie die Frage nur um den eigentlichen Boden der
Unterhaltung zu vermeiden Sie haben also die Mutter des Prinzen auch gekannt
    Welche Frage Gräfin entgegnete der Geistliche indem er sie mit
forschendem Blicke ansah
    Eleonore besann sich Freilich freilich rief sie der Prinz ist älter
sehr viel älter als Sie und die Fürstin von Chimay ist noch jung gestorben
    Der frühe Tod der Frau Fürstin meinte der Abbé bedeutsam hinderte mich
nicht die Mutter des Prinzen Polydor zu kennen und Sie selber Gräfin 
    Er hielt inne Eleonore sah ihn forschend an  Ich verstehe Sie nicht Herr
Abbé sagte sie aber ich bemerke dass Sie mir eine Mitteilung zu machen
denken auf die Sie mich langsam vorzubereiten suchen oder dass Sie Sich
überzeugen möchten ob ich von irgend welchen Verhältnissen unterrichtet bin
die Sie vielleicht als ein Geheimnis kennen gelernt haben In beiden Fällen
muss ich Sie bitten Sich bestimmter auszusprechen denn ich wiederhole es Ihnen
ich verstehe Sie nicht
    Der Abbé lächelte Sie wollen mich glauben machen Gräfin sprach er dass
Ihnen Ihnen allein die Beziehungen verborgen geblieben sein sollten in welchen
Prinz Polydor zu diesem Hause und dadurch auch zu Ihnen steht und doch konnte
nur Ihre Kenntnis dieser Umstände mir es bisher erklären was Sie bewog der
Bewerbung des Prinzen wenn Sie überhaupt gewillt sind Sich zu vermählen kein
Gehör zu schenken
    Eleonore hatte die Farbe gewechselt sie presste die Lippen fest zusammen
wollte eine Frage tun unterdrückte sie aber und sagte dann Ich befinde mich
in diesem Augenblicke Ihnen gegenüber in einer Lage die mich demütigt und
beschämt Ich habe es Ihnen nie verborgen Herr Abbé dass Ihr Amt dass die
Tracht des Ordens die Sie tragen mir ein Vorurteil ein Misstrauen gegen Sie
gegeben haben wie mir dieselben seit meiner frühesten Jugend eingeflößt worden
sind Jetzt beweisen Sie mir einen Anteil den ich mir erklären könnte hätte
ich Ihnen nicht meine entschiedene Abneigung gegen Ihre Kirche ausgesprochen
und ohne dass diese Abneigung oder jenes Misstrauen im geringsten nur verändert
wären bin ich genötigt Sie mit einer Bitte anzugehen und von Ihnen
Aufschlüsse zu begehren Wollen Sie mir damit ich dieses tun kann eine Frage
aufrichtig beantworten
    Der Abbé erwiderte dass sie zu befehlen habe und dass sie auf seine
Wahrhaftigkeit vertrauen könne
    Nun denn sprach sie so sagen Sie mir unumwunden was veranlasst Sie Sich
um mein Schicksal zu bekümmern da und nachdem ich Ihnen ausgesprochen habe dass
Sie nicht darauf rechnen dürfen mich zu Ihrer Kirche zu bekehren Was liegt
Ihnen daran was aus mir wird oder wem ich mich verbinde sofern ich nicht
katholisch werde und mich Ihren Ansichten und Hoffnungen nicht füge Was bin ich
Ihnen Herr Abbé
    Der Abbé richtete seine dunkeln Augen deren schönen Glanz die langen
Wimpern nur erhöhten ruhig auf die ihrigen und sagte Ihre Frage erheischt von
mir eine Antwort die ich Ihnen nicht geben dürfte wenn ich meiner nicht so
völlig sicher wäre Was Sie mir sind  Er schwieg und betrachtete sie
unverwandt dann sagte er Fragen Sie jeden Mann der sich Ihnen naht was Sie
ihm sind  Und abermals hielt er inne Sie wollten mich herausfordern Gräfin
sprach er dann indem er sich hoch und stolzer hob und sein mitleidiges Lächeln
glitt strafend über sie hinweg Sie wollten mich herausfordern Gräfin Sie
wollten Sich die Genugtuung bereiten einen Geistlichen der von Ihnen
missachteten Kirche sich und seinem Eide untreu und zu Ihrem Sklaven werden zu
sehen schade nur dass ich Ihnen diese Genugtuung nicht zu bereiten vermag
    Eleonore zuckte zusammen ihre Wangen erglühten in der dunkeln Röte der
Scham sie versuchte ihre Blicke seinem Worte trotzend zu dem Geistlichen zu
erheben aber sie vermochte es nicht Er ließ sie eine geraume Zeit unter dem
Drucke der ersten Demütigung die sie erfuhr Als er sah wie tief sein Vorwurf
und diese Erfahrung sie getroffen hatten nahm er ihre Hand und sagte wie in
erbarmendem Vertrauen Ich habe Ihnen die Wahrheit eine volle Wahrheit
verheißen und ich habe keinen Grund Ihnen irgend etwas von demjenigen
vorzuentalten was Sie zu wissen begehren Ich wiederhole es Ihnen also ohne
jegliches Bedenken Ihre vollkommene Schönheit Ihre stolze Unabhängigkeit haben
auch auf mich ihres Eindruckes nicht verfehlt Der Eid der uns von allem
Begehrendürfen und Verlangen abtrennt verbietet und verhindert das Sehen das
Erstaunen das Bewundern nicht aber wer aus voller Überzeugung sich einem
großen Gedanken einem die Welt umfassenden und über das Leben hinausgehenden
Zwecke hingegeben hat der findet keinen Raum in sich für persönliches Wünschen
der erlernt es auch das Schönste und Begehrenswerteste nur als ein Mittel für
den einen großen Zweck zu betrachten und alles was ich meiner Phantasie
verstattet was ich meinem Herzen zugestanden habe als ich Sie in Ihrer von
Gott begnadigten Erscheinung mit Ihrem für das Große geschaffenen Sinne vor
meinen Augen Sich entfalten sah war der Wunsch der heiße Wunsch Sie diese
großen Gaben nicht auf kleinliche und Ihrer selber unwürdige Weise verwenden und
verschwenden zu sehen Eine Eleonore Haughton ist für die Gewöhnlichkeit des
Frauenlooses nicht geschaffen
    Er hatte ihre Hand nach festem männlichem Drucke freigegeben als habe er
ihr nun alles gesagt was ihr zu wissen nötig sei Er sah sich nach seinem Hute
um auch Eleonore hatte sich erhoben Als der Abbé sich von ihr wendete ließ
sie ihr Auge über seine Gestalt hingleiten und sie gestand sich dass er schön
ja dass er unter den Männern die sie kannte vielleicht der schönste sei Wie
ein Lichtstrahl hell und flüchtig zuckte der Gedanke durch ihren Geist warum
ist er nicht frei warum trennt der Glaube ihn von mir  Und in dieses Bedauern
mischte sich zum ersten Male in ihrem Leben ein Mitleid mit sich selbst Sie
fühlte es dass sie schon lange ihrer Erzieherin überlegen dass sie stets sich
selber überlassen gewesen sei Sie kam sich plötzlich einsam und des Rates sehr
bedürftig vor und als der Abbé sich von ihr entfernen wollte sagte sie sich
dass sie diesen Augenblick nicht vorübergehen den Geistlichen nicht mit dem
Glauben scheiden lassen dürfe dass sie kleiner und geringer sei als er sie
geschätzt habe
    Herr Abbé hob sie an eine Unterredung wie die welche wir eben gehabt
haben ist sicherlich keine gewöhnliche zwischen einem Geistlichen Ihres Alters
und einem Mädchen von meinen Jahren das Sie als eine Ketzerin betrachten  Sie
versuchte zu lächeln aber sie war viel zu erschüttert irgend etwas scheinen
oder darstellen zu können was sie nicht empfand Dem Abbé entging das nicht er
behielt den Hut in der Hand und stützte sich auf die Lehne des Sessels der sie
von einander trennte während er sein Haupt leise neigte um sie mit seinem
Blicke in ihren Mitteilungen nicht zu hindern
    Sie wartete auf irgend eine Entgegnung von seiner Seite da er eine solche
unterließ sprach sie Ich will Ihre Voraussetzungen gelten lassen will nach
Ihrem Worte von mir annehmen was ich oft in mir gefühlt zu haben glaube dass
mein Sinn nicht unwert wäre sich auf ein großes Ziel zu richten Sind Sie
überzeugt dass mir eine große eine wirksame Tätigkeit dass mir Macht und
Einfluss und Befriedigung in dem Bereiche des Lebens nicht geboten werden können
in welchen meine Geburt und mein Besitz mich stellen
    Das wird wie ich Ihnen teure Gräfin schon vorhin bemerkte einzig und
allein von Ihrer einstigen Entscheidung über Sich selbst abhangen entgegnete er
ihr bestimmt und wieder entstand eine Pause die zu beenden der Abbé sich
weislich hütete Er kannte den heftigen Charakter die leidenschaftliche Natur
der Gräfin und wusste dass Niemand von einem fremden Willen so schnell vorwärts
so über sein eigentliches Ziel hinausgetrieben wird als von der Ungeduld des
eigenen an Warten und Ertragen nicht gewöhnten Herzens und er hatte sich auch
diesmal in seinen Voraussetzungen nicht getäuscht Denn mit einer Miene in
welcher ihre Selbstüberwindung und ihre feste Entschlossenheit sich verrieten
sprach sie plötzlich Sie haben mir eine Aufrichtigkeit gegönnt die mich stolz
macht und mich Ihnen zu Dank verpflichtet Herr Abbé Ich räume Ihnen ein dass
Sie meine Natur besser erkannt haben als die Andern alle aber die Straße die
Sie mich führen möchten werde ich nicht gehen Hindert Sie das mir die Hand zu
bieten und mir beizustehen auf dem Wege den ich mir erwähle Ich habe der
Verehrer seit ich in die Gesellschaft eintrat nicht entbehrt einen Mann der
sich beschieden hätte mir ein Freund zu sein habe ich nicht gefunden Können
wollen Sie mir ein Freund ein Berater werden Ich brauche einen solchen und 
ich vertraue Ihnen fügte sie mit einer Miene und einem Tone hinzu die selbst
auf den Abbé so ruhig und mit so viel Selbstbefriedigung er sie betrachtete
ihre Wirkung nicht verfehlten weil die ganze Überwindung die sie in sich
vollzogen hatte sich in ihnen kund gab
    Sie hielt ihm die Hand hin er ergriff sie aufs Neue mit einem festen
Drucke als habe er es mit einem Manne zu tun Ich danke Ihnen Gräfin
befehlen Sie über mich  Das war alles was er ihr zur Antwort gab Aber
Eleonore ward von seinen Worten tief erschüttert Sie konnte sich nicht
erklären was sie so bewegte sie musste sich sammeln sich zusammennehmen und
es war endlich nur das Bestreben von sich selber loszukommen und Herr über ihre
innere Aufregung zu werden welches sie bestimmte die Frage nach der Mutter des
Prinzen zu wiederholen
    Sie setzen mich gleich auf eine schwere Probe meine junge Freundin sagte
der Abbé denn ich laufe Gefahr das eben von Ihnen erlangte Zutrauen zu
verlieren wenn ich Ihnen mitteile was ich allerdings nicht als ein Geheimnis
sondern aus der Mitwissenschaft der Zeitgenossen über jene Verhältnisse erfahren
habe Prinz Polydor steht Ihnen näher als Sie wissen oder ahnen meine teure
Gräfin und eben das ließ mich nach den Begriffen unserer Kirche vor dem
Gedanken dass Sie ihm verbunden werden könnten Bedenken tragen ja erschrecken
    Sie verhiessen mir die Wahrheit und sprechen in Rätseln zu mir beklagte
sich Eleonore wie soll ich Sie verstehen
    Der Abbé sah auf den breiträndigen zusammengeschlagenen Hut hernieder den
er in seinen Händen hielt Es sind traurige Ereignisse es ist eine schwere
Sünde von denen Sie Kunde begehren sagte er und doch müssen Sie erfahren was
Sie nur zu nahe angeht und was außer Ihnen kaum für Jemanden ein Geheimnis ist
Es hat durch lange Jahre noch bei Lebzeiten des Herrn Herzogs von Duras ein
Liebesverhältniss eine heftige Leidenschaft zwischen der Herzogin und dem
Fürsten von Chimay bestanden welche eine stillschweigende Trennung der
herzoglichen Ehe veranlasst hatte lange ehe die Frau Herzogin ihres ersten und
einzigen Kindes genas Der Herzog hatte also vollen Grund dieses Kind nicht als
das seinige anzuerkennen der Fürst hingegen wünschte sich den Sohn der
geliebten Frau anzueignen und diese verlangte für ihren Sohn nach einer
Stellung wie seine Abstammung sie ihm gesichert hätte wäre seine Geburt eine
rechtmäßige gewesen Man kam also auf das Auskunftsmittel den Neugeborenen
einer Anderen einer Fremden unterzuschieben Freunde der Frau Herzogin und des
Fürsten fanden in der schönen brustkranken Tochter einer herabgekommenen
Familie die Person und die Willfährigkeit deren man bedurfte Die Herzogin
gebar in einer kleinen schweizerischen Stadt den Prinzen Polydor Fräulein von
Merrieux wurde dem Fürsten von Chimay hier in der KarmeliterKirche angetraut
der Fürst sicherte ihren Eltern ein namhaftes Vermögen zu das fürstliche
Ehepaar begab sich nach der Schweiz den Sohn der Herzogin persönlich in Empfang
zu nehmen und diese mochte sich darauf Rechnung gemacht haben nach dem
voraussichtlichen Tode der jungen Fürstin sich ihren Sohn als Pflegesohn
aneignen zu können  Der Abbé hatte diese Tatsachen nackt und trocken
hingestellt Jetzt machte er eine kleine Pause und ruhig und nachdenklich hob
er dann aufs Neue zu erzählen an Des Menschen Gedanken und des Herrn Wege sind
gar oft verschieden sagte er und auch in diesem Falle bewährte sich die
allwaltende Gerechtigkeit des Herrn Wider alles menschliche Voraussehen stellte
Gott die Gesundheit der Fürstin die sich für die Ihrigen geopfert hatte völlig
wieder her und er wendete ihr auch die ganze Neigung ihres Gatten die volle
Liebe ihres Pflegesohnes zu Der Fürst vergaß in den Armen seiner edelen
Gemahlin auf welche Weise er sie erwählt hatte Ihre Frömmigkeit suchte durch
Busse sein Vergehen zu sühnen und als wenig Jahre danach der Herzog von Duras
das Zeitliche verließ fand die Frau Herzogin sich von dem Genossen ihrer Sünde
wenn nicht vergessen so doch aufgegeben Erst nach dem Tode der gottergebenen
Frau Fürstin stellte die alte Freundschaft zwischen Ihrer Frau Tante und dem
Fürsten von Chimay sich allmählich wieder her und Sie werden es da Sie die
Frau Herzogin ja kennen nur begreiflich finden wie viel ihr daran gelegen sein
muss Sie die Sie ihre rechtmäßige und einzige Erbin sind mit dem Prinzen
Polydor mit ihrem Sohne zu verbinden
    Eleonore war dem Berichte des Geistlichen mit höchster Spannung mit großer
Aufregung gefolgt Nun da er seine Erzählung beendet hatte leuchtete eine
unheimliche Freude aus ihren Augen
    Ja Sie sind mein Freund rief sie triumphierend aus Sie sind mein wahrer
mein einziger Freund und Sie sollen es sehen dass ich Ihres Vertrauens nicht
unwert bin Herr Abbé Aber mich brauchen lassen wie Fräulein von Merrieux
Mich brauchen lassen um Ihren Fehltritt gut zu machen und Ihrem Sohne sein Erbe
zuzuwenden  nimmermehr Frau Herzogin nimmermehr Dazu ist Eleonore Haughton
nicht gemacht  Noch einmal meinen Dank mein Freund mein edler mein
großmütiger Freund wiederholte sie dem Abbé und sich dann plötzlich von ihm
wendend verließ sie das Gemach
    Der Abbé sah ihr schweigend nach Er war mit sich zufrieden und wie ein
sieggewohnter Mann das Gelungene erwägend dasjenige was jetzt zu leisten war
bedenkend ging auch er von dannen um ruhig und in sich gefasst wie immer der
Frau Herzogin seine gewohnte Aufwartung zu machen
 
                               Siebentes Kapitel
Renatus hatte seit er der Gast der Herzogin und am Hofe empfangen worden war
nur selten und nur flüchtige Briefe in die Heimat gesendet und er schlug sich
die Nachrichten welche ihm von dort mit Regelmäßigkeit gegeben wurden gern aus
dem Sinne
    Hildegard kam in jedem ihrer Briefe darauf zurück dass die Signorina wie
sie Vittoria noch immer zu nennen liebte sich in unbegreiflicher Weise
verändert habe Sie sei heftig und herrisch geworden könne sich nicht darein
finden nicht mehr die ausschliessliche Neigung ihres Stiefsohnes zu besitzen
sie missgönne Hildegarden die Liebe ihres Verlobten und an den Gedanken künftig
nicht mehr die Herrin des Hauses zu sein könne oder wolle sie sich entschieden
nicht gewöhnen
    Die Schreiberin versicherte dabei dass sowohl sie als ihre Mutter alles
Mögliche täten das gute alte Verhältnis zwischen ihnen und der Signorina
aufrecht zu erhalten Dies sei aber gar nicht leicht und es gelinge eigentlich
nur Cäcilien die noch immer dasselbe harmlose Kind geblieben sei Vittorien zu
gefallen und zufrieden zu stellen
    Dazu bemerkte Hildegard es falle ihr auf wie die gleichen Ereignisse auf
die verschiedenen Charaktere verschieden wirkten Was sie beträfe so habe der
Ernst der Zeiten sie gereift und ihren Sinn mehr und mehr dem äußeren Scheine
abgewendet Sie preise sich deshalb glücklich dass sie berufen sei künftig an
ihres geliebten Renatus Seite auf dem Lande in edler und ernster
Zurückgezogenheit ihre Tage hinzubringen Sie habe in diesem Betrachte durchaus
den Sinn und die Anschauungsweise ihrer Mutter geerbt Cäcilie hingegen trage
ein Verlangen nach der Welt in dem sie von der Signorina welche die Welt
freilich noch weniger als ihre Schwester kenne bestärkt werde und die Mutter
sei der Meinung dass man den Beiden keine Hindernisse in den Weg legen dürfe
sondern ihnen so bald als möglich die Gelegenheit eröffnen müsse sich selber
durch die Gehaltlosigkeit der sogenannten Zerstreuungen von dem Werte einer
ernsten Lebensführung zu überzeugen Sie habe eben deshalb einen Plan entworfen
den sie Renatus bei seiner Rückkehr vorzulegen denke und dessen Ausführung
hoffentlich das Wohlbehagen Aller sichern werde während er zugleich die Mittel
für eine zweckmässige Erziehung Valerios darzubieten verspreche der hier im
Schloss unter der schwachen Hand und bei dem launenhaften Sinne seiner Mutter
völlig sich selber und seiner eigenen Phantastik überlassen sei
    Sie erwähnte dann noch dass man ab und zu Besuche aus der Nachbarschaft
empfange dass sie und die Mutter sich darin um des lieben Friedens willen den
beiden lebenslustigen Freundinnen gern fügten und dass neulich auch Graf Gerhard
wieder für einige Tage von Berka kommend im Schloss ihr Gast gewesen sei Da
Renatus keine Zuversicht zu der Sinnesänderung seines Oheims besitze und ihrem
und ihrer Mutter Auge nicht vertraue enthalte sie sich ihrem Verlobten zu
berichten wie wohltuend des Grafen männliche Haltung auf Vittoria eingewirkt
habe und wie eine einzige geheime Unterredung die er mit derselben gehabt habe
die Baronin zu einem Nachdenken ja zu einem Ernste gebracht hätte welchen der
jetzige Geistliche in Vittoria hervorzurufen leider nicht verstehe Auch mit dem
Amtmann und mit dem Justitiarius habe der Graf der sich in den letzten Jahren
in Berka vielfach mit der Landwirtschaft beschäftigt gelegentliche Rücksprache
genommen und danach ihr und der Mutter es an das Herz gelegt Renatus zur
Ernennung eines der Gutsverwaltung und der Landwirtschaft kundigen
Generalbevollmächtigten zu bestimmen falls er nicht bald zurückkommen und die
allerdings schwierige Verwaltung seiner Güter wie die eben so wenig leichte
Ordnung seiner Vermögensverhältnisse selber zu übernehmen entschlossen sein
sollte
    Je weniger der Inhalt dieser Briefe mit dem fröhlichen Leben
zusammenstimmte in welchem Renatus sich bewegte um so unangenehmer wirkten sie
auf ihn und auch die Briefe welche er seit Herr Flies gestorben und Paul der
Inhaber des Fliesschen Geschäftes geworden war aus der Residenz erhielt waren
nicht erfreulich
    Als ihm die Anzeige von dem Ableben des Kaufmanns Flies durch das allgemeine
Rundschreiben der Firma auf dem Umwege über Richten zugegangen war hatte
Renatus mit einem gewissen Erschrecken aus demselben Briefe ersehen dass der
jetzige Inhaber des Geschäftes aus dem Heere in sein Haus zurückgekehrt sei und
den Angelegenheiten desselben nunmehr wieder in Person seine Tätigkeit widme
    Dem Sohne seines Vaters mittelbar wenn es sich so fügte einen Vorteil
zuzuwenden hatte dem jungen Freiherrn angemessen und wohlanständig gedünkt
aber er mochte sich dagegen sträuben und sich dagegen vorhalten wie und was er
wollte dieser Bastardbruder der ihm als sei es das Recht seiner Erstgeburt
die Züge seines Vaters der ihm das Antlitz und die Haltung der Herren von Arten
entwendet zu haben schien war ihm immer eine unheimliche Gestalt gewesen Seit
nun vollends Renatus es den Seinigen verschwiegen dass es eben Paul gewesen sei
dem er die Errettung aus Todesgefahr zu danken habe hatte das Bewusstsein eine
Undankbarkeit begangen zu haben seine unbestimmte Abneigung gegen seinen
Halbbruder noch gesteigert denn es liegt in der Natur der meisten Menschen dass
sie demjenigen zürnen dem sie ein Unrecht zugefügt haben
    Er bereute es jetzt die Verbindung mit dem alten Flies nicht gleich nach
dem Tode des Freiherrn abgebrochen zu haben er ging mit sich zu Rate ob und
wie er diese Versäumnis jetzt unschädlich machen könne aber die Sache hatte
besonders da er in Paris zu bleiben wünschte ihre großen Schwierigkeiten ja
sie dünkte ihn in den gegenwärtigen Zeitläuften und Umständen ohne Gefahr für
seine Angelegenheiten gar nicht ausführbar Wenn er dem neuen Geschäftsinhaber
des Fliesschen Hauses ein kränkendes Misstrauen zeigte konnte derselbe sich
leicht versucht fühlen Gleiches mit Gleichem zu vergelten und die Fliesschen
Kapitalien zu kündigen die seit langen Jahren auf Neudorf und Rotenfeld
eingetragen jetzt ohne Frage höher zu verwerten waren als in jenen
Hypotheken Dazu wusste Renatus der sich bisher in der Heimat nur unter seinen
Kameraden und inmitten der seiner Familie befreundeten adeligen Gesellschaft
bewegt hatte ganz und gar nicht wie und in wem er einen Ersatz für die alten
Geschäftsfreunde seines Hauses zu suchen habe oder wen er an Stelle des alten
Flies zum Curator Vittorias und Valerios ernennen lassen solle Und nachdem er
im Geiste lange suchend um sich her gesehen hatte meinte er plötzlich doch
eben in Paul den Mann gefunden zu haben dessen er bedurfte
    Der Mann der mich mit eigener Lebensgefahr beschützte der also meinen
Untergang nicht wünschte kann nicht im Stande sein so sagte er sich mich
irgendwie geflissentlich zu schädigen Und dieser auf das menschliche
natürliche Gefühl richtig gebaute Schluss fand nachdem er ihn einmal gezogen
hatte in dem Adelsstolze des jungen Freiherrn sofort noch eine unvorhergesehene
Bekräftigung denn obschon Renatus dies nur anerkannte wenn es ihm eben für
seine Zwecke passte es floss doch immer Artensches Blut in Tremanns Adern und
dieses konnte sich nicht in Paul verleugnen mit solchem Blute war man keiner
niederen keiner schlechten Handlung fähig
    Er war einen Augenblick nahe daran es Tremann unumwunden auszusprechen wie
er in der Beziehung in welcher sie zu einander ständen und in der
Selbstaufopferung mit welcher Paul ihm vor Möckern beigestanden habe die beste
Bürgschaft dafür zu besitzen glaube dass er die Familien und
GeschäftsAngelegenheiten des Hauses von ArtenRichten keiner zuverlässigeren
Kontrole als der seinigen übergeben könne Indes Renatus war von früh auf dazu
angehalten worden bei allem seinem Tun es reiflich zu überlegen ob er sich
und seinem Stande damit auch nichts vergebe und dieses ewige Erwägen hatte ihm
allmählich die Fähigkeit eines schnellen Entschlusses und jede Möglichkeit eines
Handelns nach freien plötzlichen Eingebungen ein für alle Mal genommen Seine
Erziehung hatte ihn wie einen Fürsten ängstlich und scheu hatte ihn
misstrauisch gegen Andere und gegen seine eigenen besten Empfindungen gemacht
    Er bedachte also auch in diesem Falle wieder dass ein solches Aussprechen
seines Vertrauens ihm für spätere Zeiten unbequeme bindende Verpflichtungen
auferlegen könne dass es den scharfsichtigen Kaufmann leicht auf ein
vorhergegangenes Misstrauen schließen lassen dürfte und als er dann endlich die
Feder in die Hand nahm um Paul mit nötiger Behutsamkeit seine Zugeständnisse
und Vorschläge zu machen deutete er es ihm also ganz gegen seine erste
Absicht in keiner Weise an dass er wisse in welchem Verhältnisse Paul zu
seinem Vater gestanden habe Er erwähnte es auch mit keinem Worte dass er seinen
Erretter in der Schlacht erkannt Er erklärte ihm nur ohne Weiteres wie er ihn
als den Nachfolger des Herrn Flies mit welchem die Familie von Arten seit
langen Jahren alle ihre Geschäfte zu machen gewohnt gewesen sei auch ferner mit
denselben ganz und gar zu betrauen wünsche Sollte Paul jedoch aus irgend einem
Grunde zu der Übernahme dieses Auftrages nicht geneigt sein so müsse er ihn
trotzdem jedenfalls ersuchen sich der bisherigen Mühewaltung wenigstens so
lange zu unterziehen bis Renatus in die Heimat zurückkehren und sich sofern
dies nötig würde nach einem andern Handlungshause für seine Zwecke umsehen
könne Er sprach danach in guter Form die Hoffnung aus dass die alte
Geschäftsverbindung keine Störung zu erleiden brauche knüpfte daran den Wunsch
dass sie beiden Teilen erspriesslich werden oder bleiben möge und als er den
Brief dann noch einmal gelesen und gesiegelt hatte hielt er sich überzeugt als
ein sich selbst achtender Mann nach reiflicher Überlegung und mit einem
Vertrauen gehandelt zu haben das mancher Andere in ähnlicher Lage Paul nicht
bewiesen haben würde und das anzuerkennen derselbe sicherlich nicht ermangeln
könne Ja er machte sich endlich geradezu darauf gefasst sich von dem
geschmeichelten Ehrgefühle seines Bastardbruders jetzt für alle Zeit jedes
Besten versehen zu dürfen Er rechnete sich wie gar Mancher seine Aufwallungen
von guter Empfindung auch wenn er es wie eben jetzt für recht befunden hatte
sie schnell wieder zu unterdrücken als gute Taten an deren Anerkennung und
Belohnung ihm von dem Leben nicht vorenthalten werden dürfe und er gewann damit
nichts als die Möglichkeit sich über das Leben und über die Menschen zu
beklagen wenn sie ihm für das Nichtgeschehene nicht zu danken vermochten und
ihn nicht schätzten wie er selbst sich beurteilte und hochhielt 
    Es verging eine geraume Zeit ehe Paul von dem jungen Freiherrn die lange
ausgebliebene Antwort auf die Todesanzeige des Herrn Flies erhielt Da Renatus
dieselbe nicht wie es sich eigentlich gebührte an die Firma sondern im Style
und Tone eines halben Vertrauens an Paul persönlich gerichtet hatte ließ dieser
den Brief sofort verzeichnen aber er behielt ihn auf seinem Pulte liegen denn
er war nicht mit sich einig was er tun und wofür er sich entscheiden sollte
Ein paar Tage lang erwog er diese Angelegenheit still mit sich allein dann trug
er sie als er sich in einer ruhigen Abendstunde mit Seba und Daviden
zusammenfand gegen seine Gewohnheit den beiden Frauen vor
    Es begegnet mir selten sagte er mit seinem schlichten Ernste nachdem er
ihnen das Schreiben von Renatus vorgelesen hatte dass ich mir über meine
Gedanken und Empfindungen keine rechte klare Rechenschaft zu geben vermag und
wo dieses der Fall ist zögere ich mit meinen Entschlüssen Ich hatte Anfangs
die Absicht das sogenannte Vertrauen des Freiherrn ohne Weiteres
zurückzuweisen weil er mit der geflissentlichen Rückhaltigkeit der Kaste
welcher er angehört sich Dank von mir verdienen möchte wo er mir viel Mühe und
mannichfache Verantwortungen auferlegt Ich wollte seiner halben Wahrheit mit
dem ganzen Geständnisse entgegentreten dass es mir nicht wünschenswert sei in
das Vertrauen eben seines Hauses gezogen zu werden weil ich selbst in dessen
geheime Geschichte verwickelt bin Damit ich dann aber auch völlig des äußeren
Zusammenhanges mit der freiherrlichen Familie ledig würde beabsichtigte ich
Deine Kapitalien liebe Seba von Rotenfeld und Neudorf zurückzuziehen und sie
hier unter meinen Augen anderweit unterzubringen Aber 
    Hältst Du sie auf den Gütern irgendwie gefährdet unterbrach ihn Seba
    Paul verneinte dies da es erste Hypotheken wären und der bloße Bodenwert
der Güter sehr bedeutend sei
    So lass das Geld dort stehen bat die Freundin Renatus ist der Sohn meiner
teuersten Freundin meiner unvergesslichen Angelika Man soll nicht glauben 
    Sie hielt inne und da Paul sie darauf fragend ansah sprach sie Es lebt
doch eine Anzahl von Personen die um Deine Herkunft wissen Ich möchte nicht
dass irgend Jemand Dir den Vorwurf machen könnte Du habest aus persönlichem
Übelwollen die ohnehin nicht günstige Lage der Artenschen Familie noch
verschlimmert Und wenn Du in Dir selber ungewiss gewesen bist wie Du handeln
solltest so bitte ich Dich da mir obenein nach Deiner Meinung kein Nachteil
daraus erwächst ändere nichts in den bis jetzt bestandenen Verhältnissen
    Paul gab ihr darin Recht Ich hatte mich in Bezug auf die Hypothek sagte
er bereits in Deinem Sinne entschieden denn wenn es überall töricht ist sich
unnötig einer übelen Nachrede auszusetzen so hat der Kaufmann doppelt Ursache
sich vor einer solchen zu bewahren Seine Unternehmungen wie seine Erfolge sind
vielfach auf das Vertrauen begründet dessen er genießt und es ist nicht der
Nachteil sondern der Vorteil den wir unseren Geschäftsverbündeten bereiten
welcher uns den eigenen dauernden Gewinn verbürgt Darüber also dass Dein
Kapital auf Rotenfeld verbleiben soll war ich selbst nicht mehr in Zweifel
nur ob ich wohl daran tun würde das Amt zu übernehmen welches Renatus Deinem
Vater übertragen hatte und das er nun auf meine Schultern legen möchte das habe
ich mir noch nicht klar gemacht
    Du meinst hob Seba an es stehe Dir nicht zu Dich zum Berater und
Vertrauten eben der Artenschen Familie herzugeben weil man vermuten könnte
Du seist in ihren Angelegenheiten nicht völlig unparteiisch Aber wenn Du
wirklich Teil an ihnen nimmst und Renatus die Zuversicht zu Dir hat dass Du ihm
helfen könntest so weiß ich nicht warum Du dieser nicht entsprechen solltest
Du pflegtest doch vor dem Urteile der Unverständigen nicht leicht Scheu zu
tragen
    Paul hatte sie ruhig sprechen lassen Als sie geendet hatte sagte er Ich
mache da ich Dich Liebe reden hörte eine Erfahrung die sich mir oft
bestätigt hat und die sich mir jetzt eben deutlich wiederholt Man braucht
mitunter einen unrichtigen Gedanken den man selbst gehegt hat nur von einem
Andern aussprechen zu hören um seine Unrichtigkeit sofort zu erkennen und auch
die trübe Quelle zu entdecken aus der er stammt Ich habe mich wie ich eben
merke bisher wirklich mit den Vorstellungen herumgeschlagen deren Du gedenkst
Nun sehe ich dass es lauter leere Schemen sind die man nur fest ins Auge zu
fassen braucht damit sie in ihr Nichts verschwinden und ich frage mich mit
Erstaunen wie ich mich also an falsche Begriffe verlieren konnte Denn legte
ich auf die Verwandtschaft auf die Zusammengehörigkeit mit dem Artenschen
Hause irgend einen Wert nun so täte ich vielleicht recht und klug daran die
mir gebotene Handhabe zu ergreifen Gebe ich aber wie dies der Fall ist nichts
auf meine Abstammung von ihnen so ist wie Du mit Recht behauptest vollends
kein Grund vorhanden weshalb ich ein an und für sich gutes Zutrauen von mir
weisen sollte Und wenn ich daneben mein inneres Widerstreben immer wieder
fühle so frage ich mich mit Fug und Recht Was habe ich mit diesen Artens denn
gemein dass ich befürchten müsste für oder wider sie in einem Grade eingenommen
zu sein der mein Tun und Lassen bis zu einer ungerechtfertigten Handlungsweise
beeinflussen könnte
    Seba blickte ihn mit Überraschung an und auch Davide hob ihre sanften
klugen Augen fragend zu ihm empor als die Erstere die Worte aussprach Was Du
gemein mit ihnen hast  Der Freiherr von Arten war Dein Vater
    Der Freiherr von Arten war mein Erzeuger weiter nichts Ein Vater hat er
mir nicht sein wollen ist er mir nicht gewesen entgegnete Paul bestimmt Und
fügte er hinzu die Zeit die Knabenzeit in welcher ich dieses Letztere als ein
Unglück für mich empfand liegt sehr fern hinter mir Der Baron von Arten lebte
und handelte nach sehr falschen sehr verwerflichen Begriffen als er das
verwaiste nicht zu seiner Kaste gehörende Mädchen je nach seiner Laune und nach
seinem Bedürfen an sich kettete und von sich stieß als er es zu dem Opfer
seiner Wollust machte und es dann später seiner Ehe auch zum Opfer brachte Aber
er handelte darin nicht besser und nicht schlechter wie unzählige Andere auch
Mein Dasein hat ihn sicherlich nur bis zu dem Augenblicke gefreut in welchem er
meine Mutter von sich zu entfernen wünschte  ich habe ihm für dasselbe also
keinen besonderen Dank zu zollen denn die höchsten Vaterrechte und die wahre
Kindesliebe werden für den denkenden Menschen nicht angeboren sondern durch die
dem Kinde gespendete Liebe erworben Der Freiherr hat meine Liebe nicht begehrt
und als ich nach der seinigen Verlangen trug ist sie mir nicht zu Teil
geworden Den Tod meiner Mutter hat er dess bin ich gewiss eben so wenig
gewollt als ich die kranke Baronin zu erschrecken und zu gefährden
beabsichtigte da ich in Deines Vaters Laden vor sie hintrat Mit seinem kalten
Blicke hat er mich in die Welt hinausgetrieben weil mein früh erwachtes und von
Dir gepflegtes Selbstgefühl es nicht ertragen konnte Wohltaten von demjenigen
anzunehmen der uns zu verleugnen nötig findet Und ich bin dann in einer
Anwandlung von Empfindsamkeit der nachzugeben ich nicht wohlgetan habe ihm
vor dem Kriege einmal in Richten in einer Weise gegenüber getreten die ihn
quälte und mich nicht erfreute Der Freiherr Franz von Arten und ich wir waren
also völlig mit einander quitt
    Seba schüttelte leise verneinend das Haupt Wissentlich oder nicht  ich
glaube Du täuschest Dich über Dich selbst bemerkte sie  Du grollst dem
Freiherrn noch
    Nein beteuerte er wie könnte ich das da ich meine Flucht aus Europa
schon zeitig als ein Glück für mich erkennen lernte Hat sie allein mich doch zu
der inneren und äußeren Selbständigkeit geführt die ich im Weissenbachschen
Hause und in der Abhängigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder doch weit
später erst errungen haben würde Muss ich Dir heute noch versichern dass ich mit
meinem Lebensgange und Lebensloose ganz und gar zufrieden bin weil sie mir für
alle meine Fähigkeiten die Möglichkeit einer vollständigen Entwicklung für all
mein Wollen und Tun eine völlige Freiheit gewähren Was hat das Leben mir denn
versagt Was könnte ich wünschen das ich mir nicht zu erringen vermöchte Oder
was besitzt Renatus des Freiherrn Erbe um das ich ihn zu beneiden hätte  Und
vollends seit Du mir gewiss bist seit Dir Du Geliebte zu Gute kommen soll was
ich schaffe und bin fügte er zärtlich hinzu Davide in seine Arme schließend 
was könnte ich noch verlangen
    Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht für überwunden Der Unterschied
den Du zwischen einem Erzeuger und einem Vater machst widerstrebt meinem ganzen
Empfinden sagte sie Der Mensch hängt wie ich es fühle unzertrennbar mit
denen zusammen denen er sein Dasein schuldet Er kann sich nicht denken ohne
an sie zu denken  sie sind seine Voraussetzung Und war es denn nicht ein
Gefühl der brüderlichen Zusammengehörigkeit mit welchem Du Renatus erkennend
ihm trotz eigener Gefahr zu Hilfe eiltest
    Du irrst Liebe In jenem Augenblicke dachte ich gewiss an nichts und an
Niemanden weniger als an irgend eine Verwandtschaft mit dem Herrn von Arten
Ich eilte einem Angegriffenen einem Kameraden zu Hilfe und erkannte in ihm den
jungen Freiherrn Welchem Bedrängten hätte ich hätte jeder Andere nicht das
Nämliche getan
    Was aber kann Dich also zögern machen den Auftrag von Renatus anzunehmen
und seinem bittenden Wunsche zu entsprechen Du würdest keinem Andern an seiner
Stelle diesen Dienst verweigern wie mich dünkt
    Nein gewiss nicht entgegnete ihr Paul und das eben ist es was mich die
Tage hier innerlich belästigt hat Ich wiederhole es mir dass ich keinen
ausreichenden Grund habe mich dieses Dienstes zu weigern dass ich ihn dem
Freiherrn wenigstens bis zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann
ohne ihm zu Vermutungen über mich Ursache zu geben die jedes Anhaltes
entbehren und doch wollte ich ich fände einen Anlass mich von dem Anspruche
wie von der Leistung zu befreien
    Paul stand auf ging an das Fenster und blickte eine Weile schweigend
hinaus Da trat Davide zu ihm legte ihren Arm in den seinigen und fragte
Besorgst Du denn irgend welche Unannehmlichkeiten für Dich wenn Du das
Verlangen des Barons erfüllst
    Paul besann sich Einen eigentlichen Nachteil für mich befürchte ich nicht
gab er ihr zur Antwort Aber fügte er hinzu und die Frauen erkannten an seinem
Tone dass der Unmut in ihm rege wurde aber an Unannehmlichkeiten würde es
dabei für mich nicht fehlen denn Ihr kennt meine Unlust an allem halben Tun
und meine Abneigung mich mit den Angelegenheiten einer Kaste zu befassen
welche sich schon durch ihre bloße Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und
über sie erhaben glaubt Ihr wisst ich habe die im Ganzen stets kleinlichen
Geschäfte welche der Vater mit dem Adel des Landes zu machen pflegte nach und
nach völlig von uns abgewiesen Sie sagten mir nicht zu und ich ziehe es
ohnehin vor mit meines Gleichen in Geschäftsverkehr zu stehen
    Seba schwieg noch einen Augenblick um seiner Stimmung zum Ausklingen die
Zeit lassen dann sagte sie Du tadelst uns und stets mit Recht wenn Du uns in
einem Vorurteile befangen findest Ist Deine Abneigung gegen den Adel im
Allgemeinen denn nicht auch ein Vorurteil wie jedes im Allgemeinen über einen
ganzen Stand gefällte Urteil
    Nein versetzte Paul und es überrascht mich in Dir einen heimlichen
Bundesgenossen des jungen Freiherrn ja eine Art von Vorliebe für den Adel zu
entdecken die ich ich möchte sagen in Deinem Tone mehr noch als in Deinen
Worten höre Deine bittende entschuldigende Stimme spricht für sie und  Er
hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer Bitterkeit Du weißt es dünkt
mich es waren nicht die Herren von Arten die zuerst den Widerwillen gegen die
Adelskaste in mein Herz gedrückt haben
    Es entstand eine Pause Seba war bleich geworden Paul der sich nur selten
zu einer Härte hinreißen ließ besonders wo diese einem geliebten Menschen
schmerzlich werden konnte bereute seine Übereilung auch sofort Und wie er
eben jetzt von dem Allgemeinen zu einem Persönlichen übergegangen war versuchte
er nun von diesem zu jenem seinen Rückweg zu finden
    Von einem wirklichen Vorurteile hob er an kann wie mich dünkt überhaupt
nur da die Rede sein wo es sich um bloße Meinungen um Vermutungen um
unbestimmte Abneigungen nicht aber wo es sich um ganz entschiedene Tatsachen
und um sehr wesentliche Vorrechte handelt welche noch in jedem Augenblicke von
einem bis jetzt vielfach bevorzugten Teile der Staatsangehörigen gegen alle
übrigen Staatsbürger geltend gemacht werden können So lange es noch
Gesellschaften gibt die sich einem Bürgerlichen bloß um seines Blutes willen
verschließen Würden und Aemter die man ihm aus gleichem Grunde vorentält so
lange die Heirat eines Edelmannes mit der edelsten Tochter einer ehrenhaften
bürgerlichen Familie mag des Adeligen Charakter noch so elend sein Ruf noch so
zweifelhaft sein von seines Gleichen als eine Missheirat angesehen wird die in
gewissen Fällen der Staat als eine solche gesetzlich anzuerkennen nicht Bedenken
trägt ja so lange selbst die Arbeit die ich tue der Handel auf dem mein
Wohlstand und mein Stolz wie der ganze große Weltverkehr beruhen als ein dem
Adeligen nicht anstehendes Tun erachtet wird so lange fühle ich mich nicht
berufen die Hand dazu zu bieten dass diesen alten Geschlechtern neben ihren
ererbten Vorrechten auch noch ihr ererbter Besitz trotz ihres oft hochmütigen
und müssiggängerischen Leichtsinnes erhalten bleibe
    Der Stolz auf ihr Blut vergiss das nicht ist in ihnen völlig unabhängig von
ihrem Besitze wendete Seba ein
    Aber die Besitzlosigkeit zwingt sie sich in Arbeit und Gewerbe aller Art zu
uns zu gesellen und damit ihren Ansprüchen auf eine Ausnahmestellung so
notwendig zu entsagen als sie genötigt gewesen sind aus ihren einsamen
Burgen und Raubnestern in die Städte und in das flache Land hinunter zu ziehen
Ausnahmestellungen verschlechtern den der sie inne hat wie sie auch jenem zu
nahe treten gegen den sie sich richten
    Willst Du es geflissentlich verkennen fragte Seba deren hoher Sinn es sich
zur Aufgabe gemacht hatte selbst da gerecht und mild zu sein wo sie am meisten
Anlass zur Strenge und zur Verdammung hatte willst Du es verkennen dass die
letzten Jahrzehnde viel sehr viel in jenen Zuständen geändert haben deren Du
gedenkst Haben wir uns nicht lange vor den Freiheitskriegen in dem gemeinsamen
Bestreben für die Erhebung des Vaterlandes zu wirken mit Personen aller
Stände mit den Mitgliedern des ältesten Adels in nie zu vergessender
Begeisterung und Einigkeit zusammengefunden Habt ihr nicht Mann an Mann in
Reihe und Glied gestanden der Bürger wie der Edelmann
    Ja entgegnete Paul und es ging ein düsterer Schatten über seine festen
ernsten Züge ja so lange Not am Manne war so lange der Mann seinen Mann zu
stehen hatte und man die Landwehr brauchte sich des Feindes zu erwehren  Er
hielt wie im Nachdenken eine kleine Weile inne Dann sprach er mit ernstem
Gewichte Die Spanne Zeit die seitdem verflossen ist kurz genug aber blicke
um Dich und frage heute nach und Du wirst erfahren was Dich nicht erfreut Wo
ist die Freundschaft der Gräfin Rhoden geblieben die zur Zeit des Tugendbundes
ohne Dich kaum leben zu können behauptete Wo zeigt sich noch die große
Verehrung welche Hildegard für Dich hatte Seit der Freiherr von Arten ihnen
ein Asyl in seinem Schloss angeboten hat seit die alte Ordnung der Dinge
wieder hergestellt ist jene Freundschaft sehr schweigsam geworden und von
Hildegards Verehrung ist auch nichts mehr zu hören Und vollends nun im Heere
Wir Landwehrmänner sind wie es sich gebührt zu unserem Herde zu unserer
Arbeit zu einer schaffenden Tätigkeit zurückgekehrt Die Wunden welche der
Krieg dem Lande geschlagen verlangen ihre Heilung Die Junker aber stehen und
bleiben in der Armee nach wie vor auch im tiefsten Frieden in Reihe und Glied
beisammen und schon jetzt wieder fühlen sie sich als die alte Kaste Nur noch
eine kleine Geduld und sie werden es vergessen haben dass es nicht eine dass es
sicherlich nicht ihre Kaste allein gewesen ist welche das Joch der
Fremdherrschaft von uns genommen hat sondern dass der König seinen Thron und wir
unsere Befreiung der großen ganzen Masse des Bürgerstandes zu verdanken haben
der sich mit seiner überwiegenden Zahl und Kraft in den Kampf gestürzt und
geholfen hat ihn glorreich auszufechten
    Er stand auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf und nieder Da gesellte
sich Davide abermals zu ihm und ihren Arm wieder in den seinigen legend fragte
sie Du bist also entschlossen das Verlangen des Freiherrn nicht zu erfüllen
    Ja denn es ist sicherlich das Klügste was ich tun kann
    Die beiden Frauen schwiegen aber Paul konnte bemerken dass es ihm dieses
Mal nicht gelungen war sie zu seiner Meinung hinüberzuziehen und er wollte
eben das Gemach verlassen um dem Freiherrn zu melden dass er dessen Wünschen
nicht entsprechen könne als Seba ihn mit der Bitte anging ihr zu Liebe von
seinem Vorsatze abzustehen Sie behauptete man dürfe im besonderen Falle und
er dürfe gerade in diesem besonderen Falle es den Einzelnen nicht entgelten
lassen was man gegen die Gesammteit welcher jener zufällig angehöre
einzuwenden habe Wer sich geistiger Freiheit rühmen könne habe vielmehr die
sittliche Aufgabe die weniger Freien so viel als möglich an sich heranzuziehen
um ihnen den Weg zu richtigeren Anschauungen zu eröffnen und als Paul darauf
den Einwand machte dass ihre Güte sie zu falschen Schlüssen und Urteilen
verleite erklärte sie dass wie sie auch irren möge sie sich doch von dem
guten Herzen und der guten Sinnesart des jungen Freiherrn völlig überzeugt
halte Schon dass Renatus sich eben an Paul wende verbürge ihr wie die
Erfahrungen der letzten Jahre für Renatus Frucht getragen hätten Es könne ihm
ja in seiner Familie unter seiner Bekanntschaft nicht an Personen fehlen die
ein solches Vertrauensamt zu übernehmen nicht anstehen würden Wenn er trotzdem
es eben Paul zu übertragen wünsche dessen Abstammung von dem verstorbenen
Freiherrn Franz für Renatus kein Geheimnis sei wenn er einen Bürgerlichen
dessen auf Freiheit gegründete Gesinnungen er kenne wenn er endlich einen
Kaufmann zum Berater und Vertrauensmanne der Familie zu machen sich
entschliesse von dessen weitgreifender Tätigkeit von dessen energischer
Handlungsweise er vielfach durch sie selber habe sprechen hören so leiste
dieses alles dafür Bürgschaft dass Renatus von der gegenwärtigen Zeit und von
dem was ihm selber Not tue mehr weit mehr begriffen habe als Paul
anzunehmen scheine Sie wiederholte darauf ihre Bitte mit dem Zusatze dass Paul
nach ihrem Empfinden ein entschiedenes Unrecht tun würde einen Rat und
Beistandsuchenden der Paul möge sagen was er wolle doch immer seines Vaters
Sohn sein Halbbruder sei ohne alle bestimmten Gründe von sich zu stoßen und
als hätte sie in des jungen Edelmannes Seele gelesen bemerkte sie wie es
vielleicht gerade diese Zusammengehörigkeit wie es wohl das Zutrauen zu dem
Sohne seines Vaters sein möge welches Renatus zu Paul hingeführt habe und ihn
seine Hoffnung auf denselben setzen lasse
    Aber gerade diese letzte Mutmaßung fand vor dem Verstande Pauls nicht
Gnade Ich begehre eines solchen ererbten und auf keine vernünftigen Gründe
zurückzuleitenden Vertrauens nicht am wenigsten wo ichs nicht teile
versetzte er kurz
    Als dann aber auch Davide in ihn drang den Bitten der Kousine nachzugeben
als sie ihm versicherte dass es sie glücklich machen und dass sie stolz darauf
sein würde wenn er der Artenschen Familie mit großmütiger Freiheit des Sinnes
beistehen wolle wenn sie ihn auch bei diesem wie bei jedem anderen Anlasse um
seiner hülfreichen Selbstlosigkeit willen verehren dürfe sagte er Alle Eure
Vorstellungen beweisen mir nur dass auch in Euch die in Europa leider noch so
verbreitete Voreingenommenheit für die alten Familien und die alten Namen tiefer
wurzelt als ich nach meinen und Euren Erfahrungen zu vermuten Ursache hatte
Aber sei es drum vielleicht erhaltet Ihr einen neuen Beitrag zur
Menschenkenntnis und zur Kenntnis des Adels der Euch aufklärt Ihr sollt Euren
Willen haben Und es wird nicht an mir liegen wenn sich Dein Begehren liebe
Seba dass ich dem Sohne Deiner Freundin nützlich werden möchte nicht erfüllt
wie Du es wünschest
    Ohne ihre Antwort abzuwarten verließ er sie Aber noch in derselben Stunde
schrieb er dem jungen Freiherrn dass er bereit sei sich der Oberaufsicht über
seine Angelegenheiten und wenn die gerichtlichen Schritte deshalb getan sein
würden auch der Vormundschaft über den Knaben Valerio bis zu Renatus Rückkehr
zu unterziehen Doch werde es ihm im Hinblicke auf die eigenen ihn vollauf in
Anspruch nehmenden Geschäfte sehr erwünscht sein die Heimkehr des Freiherrn
nicht in zu ferne Zeit hinausgeschoben zu sehen
 
                                 Achtes Kapitel
Der Herbst welcher im Norden sich nur selten und nie auf lange Zeit als ein
freundlicher Vermittler zwischen dem Sommer und dem Winter zeigt entlehnt in
den glücklicheren Himmelsstrichen dem Sommer seine Wärme dem Winter seine
Klarheit und niemals hatte er schöner und beständiger auf die Erde und auf das
ohnehin so freundliche Paris hinabgeblickt als in dem warmen schönen Jahre von
achtzehnhundert und siebzehn
    Die Blätter waren bereits lange von den Bäumen abgefallen die Sonne ging
schon früh zur Ruhe aber die Mittage waren noch hell und warm wie in der besten
Jahreszeit und die Herzogin machte noch alltäglich ihre Fahrten in das Freie
obschon eine gewisse Veränderung mit ihr vorgegangen war Nicht dass ihre
Körperkräfte abgenommen hätten Sie war immer noch um die gewohnten Stunden
sichtbar schrieb Briefe empfing Besuche fuhr zu den kleinen Zirkeln des
Königs an den Hof aber wer wie Renatus Gelegenheit hatte sie genauer zu
beobachten dem konnte es nicht entgehen dass sie nicht mehr die volle
Herrschaft über sich besaß dass es ihr oft schwer fiel den Anschein der
gleichmäßigen Ruhe zu behaupten die sonst nie von ihr gewichen war und dass
irgend etwas sie innerlich aufrege und ungeduldig mache
    Trotz der schmeichlerischen Nachgiebigkeit mit welcher sie Eleonoren
begegnete deren zurückweisende Kälte sich beständig gleich blieb sah Renatus
es wie unablässig die Herzogin ihre Nichte beobachtete und so oft die Letztere
mit ihm im Besonderen gesprochen hatte musste er sich auf irgend welche
Erörterungen und Fragen gefasst halten die sich stets auf Eleonoren bezogen und
denen zu stehen seinem Ehrgefühle allmählich so lästig ward dass er trotz des
Wohlgefallens welches er an der Gesellschaft der Herzogin hegte sich oftmals
versucht fühlte auf ihre Gastfreundschaft Verzicht zu leisten So oft er es
jedoch am Abende unerfreulich gefunden hatte zwischen den beiden einander
misstrauenden Frauenzimmern zu leben und so oft er es sich vorgenommen hatte am
andern Morgen der Herzogin zu sagen dass sein Dienst ihn nötige ihr Haus zu
verlassen und eine Wohnung in der Nähe seines Chefs zu suchen so fehlte ihm
wenn er das Wort aussprechen sollte der Mut dazu
    Volle zwei Jahre hatte er jetzt im Hause seiner Beschützerin gelebt und es
lag in den äußerlich ruhigen und glatten Lebensgewohnheiten dieses Hauses etwas
Verführerisches etwas das ihm die Seele einspann und gefangen nahm Er konnte
sich es gar nicht mehr denken dass er nicht morgen oder übermorgen und heute
eben so wie gestern diese breite und gelinde Treppe hinabsteigen dass er morgen
die Herzogin nicht bei guter Zeit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie in ihrer
anmutigen Weise die Vorgänge des Tages und die Ereignisse am Hofe besprechen
oder sie von den Zeiten erzählen hören werde in denen man seines Lebens anders
und besser froh zu werden verstanden habe als jetzt
    Wenn er erwachte fragte er sich Wie wird die Gräfin heute aussehen Was
wird sie heute vorhaben und unternehmen Wenn er in die Gemächer der Herzogin
trat suchte sein Auge Eleonoren und es kam ihm vor als beginne sein
eigentliches Tagewerk mit der Minute in welcher er ihrer ansichtig ward in
welcher seine Blicke sich auf der vollendeten Schönheit ihrer Gestalt und ihres
Antlitzes ergingen Sein militärischer Dienst ward ihm jetzt lästig Der Umgang
mit seinen männlichen Altersgenossen alles was ihn bei dem ersten Eintritte in
Paris und in diese Gesellschaft gefesselt hatte dünkte ihm nicht mehr wichtig
nicht mehr reizend wenn es ihn von Hause fern hielt Eleonore zu betrachten zu
sehen wie die verschiedenen Gemütsbewegungen sich in ihrem Angesichte malten
zu erraten was sie denke sich vorzustellen was sie sagen werde sich zu
freuen wenn seine Voraussicht ihn nicht betrogen hatte und er sich also rühmen
durfte dass er sich in Übereinstimmung mit ihr befunden habe das waren ihm
Genüsse und Freuden gegen welche alles Andere für ihn verblasste
    Er merkte es nicht dass wieder ein Sommer entschwunden war dass wieder ein
Herbst vorüberging und der Winter seine Herrschaft geltend machte Er lebte wie
in einer besonderen Welt wie unter dem Einflusse eines Zaubers und so groß war
die Gewalt desselben dass er sich über den Zustand gar nicht wunderte in
welchem er sich befand sondern dass er ihm als der natürliche als der einzig
mögliche erschien Er war heiter und es war ihm wohl Das war alles was er
fühlte was er dachte wenn nicht Briefe aus der Heimat ihn in seinem Frieden
stören kamen
    Eleonorens Herbigkeit hörte allmählich auf ihn zu verletzen Er war es
gewohnt worden dass sie ihrer Tante kalt begegnete Der Stolz die Herbigkeit
passten so vollkommen zu ihrer eigenartigen Schönheit und er selber hatte ja
seit der Stunde ihres ersten Begegnens sich niemals über sie beklagen dürfen
Wie ihm ihre Weise so war auch der Gräfin seine Gesellschaft mit der Zeit lieb
und vertraut geworden Sie fragte ihn um die Stunden welche sein Dienst
beanspruchte sie ließ sich von ihm berichten was er erlebt hatte wenn er
außer dem Hause gewesen war er konnte darauf rechnen dass sie ihn immer auch
in der bewegtesten Gesellschaft mit Vergnügen in ihre Nähe kommen sah und wie
eine Fürstin gestand sie sich das Recht zu stets über ihn zu verfügen sei es
dass sie ihn aufforderte sie zu Pferde bei ihren Spazierritten zu begleiten
oder dass sie sich ihm im voraus für die Tänze zusagte für welche sie ihn bei
einem bevorstehenden Feste zu ihrem Partner zu haben wünschte Selbst über seine
Anhänglichkeit an ihre Tante rechtete sie nicht mehr mit ihm weil seine
Aufmerksamkeit für die Greisin sie mancher Verpflichtungen und jener kindlichen
Dienstleistungen entob denen sie sich immer nur widerstrebend unterzogen
hatte
    Aber nicht allein Eleonore hatte dem deutschen Edelmanne ihre Gunst
zugewendet der Abbé war ihr darin zuvorgekommen und es hatte sich zwischen
diesen drei einander durch ihre Lebenslage so unähnlichen Personen eine
Freundschaft herausgebildet welche Niemandem entging und welche die ungeduldige
Aufregung der Herzogin veranlasste Denn diese Freundschaft konnte ihr darüber
täuschte sie sich nicht so gefährlich als nützlich werden konnte ihren Planen
dienen oder sie durchkreuzen und die Fäden durch welche diese drei Menschen
zusammenhingen waren so eigentümlich verschlungen berührten die Wünsche der
Herzogin so mannigfach dass sie Anstand nahm Hand daran zu legen während sie
es für nötig hielt beständig ihr Auge auf dieselben gerichtet zu halten
    Seit ihre Nichte herangewachsen war die Verbindung derselben mit dem
Prinzen Polydor der vorherrschende Gedanke der Herzogin gewesen und seit man
nach Frankreich zurückgekehrt hatte sie selber den Abbè mit der gegen diesen
offen ausgesprochenen Absicht in ihr Haus gezogen dass er die Bekehrung
Eleonorens welche ohnehin dem strenggläubigen und äußerst kirchlichen Hofe ein
wohlgefälliges Ereignis sein musste unternehmen möge Sie hatte sich dabei
sorgfältig gehütet es dem Abbé zu vertrauen welche Hoffnungen sie auf
Eleonorens Übertritt zur katholischen Kirche baue und der gewandte Weltmann
hatte zu viel Umsicht und zu viel gute Erziehung besessen um erraten zu
lassen dass ihm klar sei was man ihm zu verbergen noch für angemessen fand Nur
von Eleonorens Seelenheil war zwischen ihm und der Herzogin die Rede gewesen
nur im Hinblick auf dieses hatte die Herzogin die Besorgnis ausgesprochen dass
ihr und des Abbés Einfluss auf Eleonore sich notwendig jetzt verringern dürfte
da Eleonore mit ihrem letzten Geburtststage ihre gesetzliche Volljährigkeit
erreicht habe nach welcher es allein von ihrem Ermessen abhing ob sie noch in
Frankreich ob sie in dem Hause ihrer Tante bleiben oder dasselbe verlassen
wolle um ihren Wohnsitz in ihrem englischen Stammschlosse oder wo sonst immer
aufzuschlagen
    Indes der Tag ihrer Volljährigkeit war zu Ende des Jahres achtzehnhundert
und siebzehn vorübergegangen und die Gräfin welche diesen Tag sonst so lebhaft
herbeigesehnt hatte verweilte noch in Frankreich verweilte noch im Palast
Duras Sie schien jetzt den Aufenthalt in demselben nicht mehr so drückend zu
finden als sonst Aber wie sehr die Herzogin auch gewünscht hätte vermochte
sie dennoch nicht diese Sinnesänderung auf ihre Rechnung zu schreiben oder als
eine ihren Absichten günstige zu deuten Selbst ein weniger scharfes Auge und
eine Frau die weniger herzenskundig gewesen wäre als sie konnte sich nicht
darüber täuschen was Eleonore in ihrem Hause festhielt und doch konnte sie
trotz der Besorgnisse welche sie erfüllten gar nichts tun dieselben zu
vermindern Sie hatte sich selbst die Hände gebunden und sich mit gebundenen
Händen an eine Kraft und an eine Energie überantwortet welche die ihrige um ein
Großes übertrafen
    Wenn die Herzogin ihre Nichte darauf aufmerksam zu machen versuchte dass
deren Gesinnungen in Bezug auf die katholische Kirche und ihr Misstrauen gegen
den katholischen Klerus sich wesentlich geändert hätten so entgegnete Eleonore
ihr dass sie mit ganzem Herzen an ihrem alten Bekenntnisse festalte Sie
versicherte dass zwischen ihr und dem Abbé von religiösen oder gar von
kirchlichen Fragen äußerst selten die Rede sei und dass sie keinen Anlass habe
von dem Klerus dessen Tun und Treiben ihr verdächtig und unheilvoll erscheine
eine bessere Meinung zu fassen weil ihr das seltene Glück zu Teil geworden
sei unter demselben einem Manne zu begegnen dessen tiefe Bildung und
Gelehrsamkeit sie fördere und dessen weiter freier Blick sich über die engen
Schranken zu erheben wisse in welche der Beruf den er vielleicht zu frühzeitig
und ohne genaue Kenntnis seiner eigenen Begabung und Natur erwählt habe ihn zu
bannen strebe Rühmte man in Eleonorens Beisein wie man es überhaupt zu tun
gewohnt war die strengen Gesinnungen und den kirchlichen Eifer des Abbé so
schien seine junge Anhängerin dies nicht zu hören und die Herzogin der nichts
entging hatte es bei den mannigfachsten Anlässen wahrgenommen wie der schnelle
und leuchtende Blick ihrer Nichte dann das Auge des Geistlichen suchte und von
ihm mit einem verständnissvollen Lächeln begrüßt und aufgenommen wurde
    Eleonore hatte es auch durchaus kein Hehl wie sie den Abbé hochschätze und
verehre Sie rühmte es von ihm und auch von sich dass die völlige
Verschiedenheit ihrer religiösen Überzeugungen dass die Ungleichheit ihres
Alters und ihrer Lebensverhältnisse sie nicht gehindert habe Freunde zu werden
weil sie beide selbstgewisse und ein Ziel verfolgende Charaktere seien und wenn
die Herzogin ihr warnend zu überlegen gab wie eine solche Freundschaft ihre
Gefahren für beide Teile habe so antwortete die Gräfin mit der
Entschiedenheit welche ihr angeboren und in den letzten Jahren unter der
Leitung ihres neuen Freundes noch sehr gewachsen war sie zweifle nicht dass
eine solche Erinnerung für die meisten Fälle sehr berechtigt wäre sie aber
kenne den Abbé und dieser kenne sie Man möge sie gewähren lassen wenn man sie
nicht zwingen wolle sich durch eine Übersiedelung in ihre Heimat jeder
lästigen Beeinflussung für immer zu entziehen und ihre Freunde denn auch Herr
von Arten sei ihr ein werter Freund geworden in der ihr wünschenswerten
Unabhängigkeit und Freiheit in Haughton Kastle zu empfangen
    Je länger diese Verhältnisse bestanden um so beunruhigender wurden sie für
die Herzogin Sie musste sich sagen dass ihre Nichte nur deshalb noch in ihrem
Hause lebe weil sie voraussehe dass der Abbé sich nicht leicht entschließen
würde den Hof zu verlassen und auf die Vorteile zu verzichten welche die
stets wachsende Gunst des Königs ihn und durch ihn seine Kirche hoffen ließ
Wollte die Herzogin ihre alten Plane noch zur Ausführung bringen so musste sie
jetzt mehr als jemals darauf denken den Abbé selber zu ihrem Werkzeuge zu
machen Dieses zu ermöglichen gab es aber nur noch Einen Weg und sie beschloss
ihn einzuschlagen
                                Neuntes Kapitel
Das Leben am Hofe hatte seit der Rückkehr der Bourbonen eine völlige Umwandlung
erlitten Die körperliche Unbehülflichkeit des Königs und die mannigfachen
Beschwerden welche ihn im Winter heimzusuchen pflegten hatten ihn einer spät
dauernden Geselligkeit abhold und die großen Feste in seiner persönlichen
Hofhaltung allmählich seltener gemacht
    Wir sind eine Gesellschaft alt gewordener junger Leute welche versäumte
Freuden nachzuholen haben konnte man den König wenn er sich leidlich wohl und
in guter Stimmung befand bisweilen gegen seine Zeitgenossen und Günstlinge
äußern hören aber es schienen vorzüglich die Freuden der Tafel zu sein welche
der König damit meinte und wer Gelegenheit hatte ihn bei denselben zu
beobachten konnte sich versucht fühlen seine Behauptung wahr zu finden
obschon es fast lauter Greise und Matronen waren welche die Tafelrunde des
alten Königs bildeten
    Eines Abends als man sich im kleinen Speisesaale von der Mahlzeit erhoben
und sich in das angrenzende Gemach begeben hatte in welchem man den Kaffee
einzunehmen pflegte schien der König der eben in der letzten Zeit viel von der
Gicht zu leiden gehabt hatte sich schmerzensfrei zu fühlen und deshalb
besonders gut gestimmt zu sein Die Lakaien welche ihn in seinem Rollsessel aus
dem Speisesaale an den Kamin des Nebenzimmers gefahren hatten waren
zurückgetreten und die diensttuenden Kammerherren hielten sich in seiner Nähe
um diejenigen Personen denen der König die Gnade seiner Unterhaltung angedeihen
lassen wollte sofort herbeizurufen
    Schon hatte der König Diesen und Jenen zu sich entboten und noch immer
stand die Herzogin der Anstrengung solches Dienstes von frühe her gewohnt fest
und aufrecht da als ob die Last der Jahre sie nicht beugen als ob keine
körperliche Schwäche sie anfechten könne wenn die Gnadensonne der Majestät sie
anstrahle und erwärme Sie kannte die Weise des Königs sich zuerst diejenigen
Personen vorführen zu lassen welche er mit wenig Worten abzufertigen gedachte
um sich dann in behaglichem Geplauder mit den bevorzugteren Gästen und mit
seinen Günstlingen zu ergehen Einen nach dem Andern sah die Herzogin vortreten
und entlassen ohne dass ihr feines Lächeln von ihren schmalen Lippen wich ohne
dass ihre welke Hand den Fächer auch nur in einem Augenblicke lebhafter bewegte
als die schöne Form es erheischte oder ihre Haltung ermüdeter geworden wäre
    Endlich erteilte der König selber mit einer auffordernden Frage ihr die
Erlaubnis sich ihm zu nahen und auf ein leises Zeichen schob der diensttuende
Edelmann ihr das Tabouret herbei das am Hofe der Bourbonen zu allen Zeiten der
Ehrgeiz und das Vorrecht der Herzoginnen gewesen war
    Würdevoll wie es ihrem Range wie es ihrem Alter ziemte und doch mit einer
Leichtigkeit welche es kund gab dass es hier nicht auf ein langes Verweilen
abgesehen sei hatte die Herzogin das ihr zustehende Tabouret eingenommen Der
König fragte gnädig nach ihrem Ergehen aber noch ehe sie ihm darauf die Antwort
geben können nannte er jene Frage selber eine müßige
    Man braucht Sie nur zu sehen sagte er um sich zu überzeugen wie sehr Sie
Sich getreu geblieben sind Immer noch unwiderstehlich in Ihrer
Liebenswürdigkeit wissen Sie der Zeit zu widerstehen wie Sie einst den
Huldigungen der Männer widerstanden haben Die Unwiderstehlichkeit ist erblich
unter den Frauen Ihres Hauses das tut uns Ihre schöne Nichte dar
    Die Herzogin nahm die Gnade des Königs wie es sich gebührte auf und sie
war selbst zu sehr eine Künstlerin in der Unterhaltung um nicht wirklich eine
Freude an der epigrammatischen Form zu haben in welcher der König sich
ausgedrückt hatte Aber während sie sich in warmen Dankesbezeigungen erging
vergaß sie es nicht seufzend hinzuzufügen dass es FamilienEigentümlichkeiten
gebe die man nicht wünschen dürfe fortgeerbt zu sehen
    Ich hoffe dass Sie zu diesen Gaben nicht die Schönheit nicht die ewig
jugendliche Anmut des Geistes zählen warnte sie der König Bedenken Sie dass
es nicht süßer ist die Schönheit zu besiegen als sich von ihrer Macht besiegt
zu fühlen
    Wie schön rief die Herzogin indem sie beistimmend ihr Haupt neigte Man
muss wie Eure Majestät die klassische Bildung mit französischem Geiste einen
um diese Wendungen zu finden Aber fügte sie seufzend hinzu wenn Schönheit
ohne Gnade ist so hört sie auf ein Gegenstand der Liebe der Verehrung zu
sein und sie wird furchtbar
    Oh rief der König den diese Weise der Unterhaltung wie sie in den Tagen
seiner Jugend Mode gewesen war immer noch erheiterte weil er sich in ihr jung
erschien und sich seiner mannigfachen geselligen Vorzüge angenehm bewusst ward
eine solche Schönheit ohne Gnade würde auch vor unseren Augen keine Gnade
finden Aber ich fürchte es ist mehr als ein allgemeiner Satz den Sie hier
ausgesprochen haben und ich errate wer die schöne Unerbittliche ist an die
Sie dabei dachten
    Niemand als der König konnte die Antwort der Herzogin vernehmen Niemand
hörte was er ihr entgegnete aber Aller Augen waren auf sie gerichtet denn die
Unterredung währte noch eine Weile fort und keinem von allen seinen Gästen
hatte der König ein so langes Zwiegespräch gegönnt
    Wovon konnten sie sprechen Wesshalb lächelte der König so anmutig Woher
glänzten die Augen der Herzogin in einem Feuer das ihrer Jahre spottete als
sie sich endlich von ihrem Sitze erhob und dem Könige mit tiefer Verbeugung
welche kunstreich zu machen Niemand besser als sie verstand ihren heißen Dank
aussprach 
    Der König ließ sich langsam durch den Saal fahren um jedem der Anwesenden
die jetzt wie es sich gebührte wieder im Kreise umherstanden ein Wort zu
sagen Als die Reihe an die Herzogin kam lächelte er wieder eben so freundlich
als vorhin und so laut dass es Keinem entgehen konnte sprach er Verlassen Sie
Sich auf mich Ich mache Ihre Sache zu der meinigen verlassen Sie Sich auf
mich
    Dann trat der OberZeremonienMeister vor der König winkte den Anwesenden
mit einer Neigung des Hauptes und der Hand seinen Abschiedsgruss zu und langsam
den Rollsessel fortbewegend fuhren die Kammerdiener den Monarchen durch die
lange Reihe der Gemächer nach seinen Wohnzimmern während die besondere Gnade
deren die Herzogin genoss und die geheimnisvollen Worte welche er ihr zugerufen
hatte und die auf ein völliges Einverständnis schließen ließ die Hofleute
samt und sonders in Aufregung und Verwirrung setzten
    Die wundersamsten Vermutungen wurden ausgesprochen und fanden Glauben Dass
die Herzogin durch die Gnade des Königs ohne all ihr Zutun wieder in den
Besitz von Vaudricourt gekommen war und dass der König ihr zugesagt hatte
sobald er im Stande sein werde die Reise durch die Provinzen anzutreten in
Vaudricourt bei ihr zu rasten das hatte schon lange festgestanden aber man
hatte kein sonderliches Gewicht darauf gelegt da man wusste dass der König zwar
von Reisen sprach dass er aber ihre Unbequemlichkeit scheute Was also hatte er
ihr verheißen Was hatte sie begehren können Was konnte ihr so sehr am Herzen
liegen dass sie Seine Majestät damit zu behelligen wagte
    Persönlicher Ehrgeiz konnte die hochbetagte Frau nicht antreiben dem Könige
beschwerlich zu fallen wo jedoch Viele sich zu gleichem Zwecke vereinen
braucht man an dem Erfolge nicht zu verzweifeln und noch hatten die letzten
Gäste des Königs das Schloss der Tuilerieen nicht verlassen als der
diensttuende Kammerherr sich erinnerte wie Seine Majestät zu Anfang jener
Unterredung von einer unbesieglichen Schönheit gesprochen habe und man kannte
den unternehmenden Geist der Herzogin genugsam um ihr ein Wagnis zuzutrauen
wenn sie nur durch ein solches an ihr Ziel gelangen konnte Von Mund zu Mund
sprach sich die Überzeugung aus dass der König es der Herzogin zugesagt habe
den Freiwerber des Prinzen Polydor bei der Gräfin Haughton zu machen und als an
einem der folgenden Tage der König einen jener Tagbälle ansagen ließ welche
unter seiner Herrschaft am Hofe bisweilen abgehalten wurden brachte man
denselben mit dem Ereignisse in Verbindung das den ganzen Hof beschäftigte und
von dem man selbst in den stillen Sälen des erzbischöflichen Palastes reden
hören konnte
    Es war gegen den Abend hin als der Abbé im Vorsaale des Erzbischofs auf den
Augenblick wartete in welchem er den Zutritt zu demselben erhalten konnte Ein
eigenes Handbillet des Kirchenfürsten hatte ihn aufgefordert sich bei ihm
einzustellen und ruhig wie seine ganze Haltung es immer war saß der Abbé an
einem der hohen Fenster und las bei dem letzten Scheine des Tages in seinem
Brevier
    Eine Viertelstunde mochte so hingegangen sein als ein Ordensgeistlicher das
Empfangszimmer Seiner Eminenz verließ und der Kammerdiener dem Abbé die Kunde
brachte dass er jetzt erwartet werde
    Es ist lange her Herr Abbé redete der Erzbischof ihn an dass ich Sie nicht
bei mir gesehen habe und ich hatte Ihren Besuch seit einiger Zeit erwartet
weil ich eine Nachricht von Ihnen zu erhalten hoffte an welcher man nicht
allein von unserer Seite Teil nimmt Sie haben ich weiß es gestern wieder die
Gnade genossen von Seiner Majestät im Besonderen empfangen zu werden Wovon hat
Seine Majestät zu Ihnen gesprochen
    Der Erzbischof war schon ein Mann bei Jahren Das Licht einer von der Decke
herabhängenden doppelarmigen Lampe beleuchtete seine hohe Stirn und ließ jeden
seiner feinen und scharfen Züge erkennen wie er in seinem hochlehnigen Sessel
fest und aufrecht da saß während seine Hand an welcher der Fischerring
erglänzte auf der breiten Seitenlehne ruhte Auf dem Tische vor ihm lagen
Briefschaften Papiere Akten Druckschriften und Bücher aller Art teils in
Päcken sorgfältig gesondert teils zur Unterzeichnung vorgelegt und
ausgebreitet Es war ein edler Raum einfach und doch fürstlich ausgestattet
Der Abbé war in demselben wohl zu Hause
    Als sein Auge über den Schreibtisch des Erzbischofs hinglitt entdeckte sein
sicherer Blick trotz dieser Schnelle auf einem der Briefe die zur Rechten des
Erzbischofs lagen eine schöne freie weibliche Handschrift die ihm sehr genau
bekannt war und die hier zu sehen ihn wie gut er sich auch zu beherrschen
gelernt hatte doch erschreckte
    Da Eurer Eminenz nicht daran gelegen sein kann hob er sich schnell
fassend an von mir Auskunft über die philologischen Fragen zu erhalten mit
denen Seine Majestät sich zu beschäftigen geruhten so darf ich wohl ohne
Weiteres berichten dass Seine Majestät sich über dieselbe Angelegenheit geäußert
haben die mir wie ich vermute die Ehre zugewendet hat heute von Eurer
Eminenz hierher beschieden und empfangen zu werden
    Sie haben das Richtige gefunden Herr Abbé sprach der Erzbischof mit einer
kaum merklichen Neigung seines Hauptes Dann wies er den Abbé an sich zu
setzen und sagte Es sind jetzt drei Jahre her dass die Frau Herzogin von Duras
gegen mich das natürliche und fromme Verlangen äußerte ihre Nichte die einzige
ihr lebende Blutsverwandte zu unserer Kirche zurückgeführt zu sehen und wenn
ihr auch der Vorwurf nicht zu ersparen war dass sie ihrer Zeit sehr übel daran
getan hatte die Verbindung ihres verstorbenen Bruders mit einer
Nichtkatolikin zu betreiben so war ich es doch wohl zufrieden als sie das
fromme Werk in Ihre Hand gelegt zu wissen begehrte zu dem wir selber uns des
Besten versehen zu können meinten Woran liegt es dass die Gräfin Haughton sich
noch immer den ihr zugedachten Segnungen entzieht
    Der Abbé schwieg einen Augenblick dann sagte er Die Frage welche Eure
Eminenz mir vorlegen und die Art in welcher Sie mir dieselbe vorlegen beweist
mir dass Sie nicht an meinem Eifer zweifeln und macht es mir möglich mich
einfach zu erkären Wie die Frau Herzogin durch ihre Neigung Ehen zu stiften
einst den Marquis von Lauzun zu der Ehe mit einer Protestantin hintrieb so
hindert ihr Verlangen die Gräfin Haughton mit dem Prinzen von Chimay zu
vermählen den Übertritt derselben Hätte die Frau Herzogin die Klugheit und
die Mäßigung besessen ihrer Nichte die Plane welche sie hegte zu verbergen
so würde sicherlich schon lange geschehen sein was wir wünschen und für das
Seelenheil der Gräfin hoffen müssen
    Der Erzbischof ließ die Antwort gelten
    Sie wissen dass Seine Majestät sich für die gedachte Heirat ausgesprochen
hat sagte er
    Seine Majestät haben wie ich vorhin die Ehre hatte Eurer Eminenz zu sagen
die Gnade gehabt sich auch gegen mich dahin zu äußern
    Was haben Sie darauf geantwortet
    Der Abbé richtete sich hoch auf und mit einem Tone dessen Festigkeit sehr
gegen die Unterordnung abstach die er bis dahin gegen seinen Vorgesetzten kund
gegeben hatte sprach er Ich habe geantwortet was meine Pflicht und mein
Gewissen mir geboten Ich habe geantwortet dass ich die Bekehrung der
hochbegabten jungen Gräfin als eine mir von Gott zugewiesene heilige Aufgabe
betrachte dass ich mit allen meinen Kräften danach strebe ihrem Auge das Licht
der Wahrheit ihrer Seele die Gnade zuzuführen aber dass ich meine Hand nicht
dazu bieten könne die Gräfin in ein Eheband zu verstricken das durch die Nähe
ihrer Blutsverwandtschaft mit dem Prinzen ein verbotenes das in den Augen
unserer Kirche ein Incest ist
    Es entstand eine Pause der Erzbischof befand sich in einer unangenehmen
Verlegenheit und er wusste dass sein Untergebener klug und umsichtig genug war
die schwierige Lage vollauf ermessen zu haben in welche er ihn mit dieser
Wendung der Angelegenheit versetzt hatte
    Als Fürst und Diener der Kirche hatte der Erzbischof es zu loben wenn ein
Diener der Kirche das Gebot derselben über den Willen des Staatsoberhauptes
stellte Er sah es auch nicht ungern wenn der König dieser Glaubenstreue oder
diesem hierarchischen Gehorsam in seiner Nähe begegnete und doch hatte man
zugleich allen Grund die besonderen Wünsche und Meinungen des Königs zu schonen
und sie zu fördern weil er seinerseits sich der Kirche in jedem Punkte
großmütig und ergeben zeigte
    Wer nötigte Sie zu wissen was man der Welt geflissentlich verborgen hat
fragte endlich der Erzbischof die mildeste Form erwählend in welcher er seine
Ansicht von der Sache und zugleich seine Unzufriedenheit mit der Handlungsweise
des Abbés zu äußern vermochte
    Ich kannte diese Verhältnisse von Jugend auf und mein Gewissen ließ mein
Gedächtnis nicht zum Schweigen bringen entgegnete der Abbé
    Der Erzbischof hatte sich erhoben der Abbé war seinem Beispiele gefolgt
Sie standen einander gegenüber beide hoch aufgerichtet beide voll festen
Willens voll verschwiegener Entschlossenheit sich gegenseitig beobachtend und
beide mit dem Bewusstsein wie sie bei der wundervoll berechneten Gliederung und
Einrichtung der hierarchischen Herrschaft Einer in des Andern Schicksal
einzugreifen Einer des Andern Zukunft zu fördern oder zu beeinträchtigen
vermochten
    Genießen Sie das Vertrauen der Gräfin erkundigte sich der Greis
    Im ausgedehntesten Masse gab der Abbé zur Antwort und sein Ton und seine
Haltung nahmen wieder die frühere Unterwürfigkeit an
    Hoffen Sie die Gräfin von ihrem Irrglauben überzeugen zu können
    Mit Gottes Hilfe zuversichtlich
    Welchen Weg denken Sie dabei einzuschlagen
    Der Abbé schien nachzudenken dann sagte er Es steht bei Eurer Eminenz
mich von der Aufgabe abzuberufen zu der Sie mich auf den ausdrücklichen Wunsch
der Frau Herzogin erwählten Sprechen Sie das Wort aus und ich werde ohne
Murren gehen und ohne mich zu beklagen einen Anderen ernten sehen was ich mit
Vorsicht säete mit Ausdauer zeitigte Fehlt mir die Gewissheit dass das
Vertrauen Eurer Eminenz mit meinem Werke ist so geht mir auch die Kraft
verloren welche der Einzelne aus dem Gedanken an die große heilige
Gemeinschaft zieht der er angehört und der er dient Mein Tun wird fortan ohne
Segen sein und ich werde Eure Eminenz dann nur um die Vergünstigung zu bitten
haben mich mit einer anderen Aufgabe fern von hier betrauen zu wollen
    Der Erzbischof blickte den jüngeren Geistlichen mit festem Auge an Er
wusste dass der Abbé Paris nicht zu verlassen wünschen konnte Eben deshalb aber
fragte er sich was denselben bewegen könne ein so gewagtes Spiel zu spielen
und die gleiche Taktik befolgend sagte er Die junge Gräfin Haughton ist schön
und Sie sind jung Herr Abbé Sind Sie Ihrer selbst gewiss Sind Sie sicher dass
sich in Ihnen keine Abneigung irgend welcher Art gegen eine Verheiratung der
Gräfin regt
    Ich war um ein paar Jahre jünger und die Schönheit der Gräfin stand schon in
ihrer vollen Blüte als Eminenz keiner solchen Frage keiner solchen Warnung
mir gegenüber nötig zu haben glaubten Ich bin gezwungen Sie um Aufschluss
darüber zu bitten wer oder was mich einem solchen Verdachte unterwerfen könnte
erwiderte der Abbé während der ganze Stolz des Priesters und des Edelmannes in
seinem Antlitze sichtbar ward
    Der Erzbischof ließ sein Auge unverwandt auf dem vor ihm Stehenden haften
Die Frau Herzogin sagte er nachdrücklich lebt des Glaubens dass die  die
Freundschaft welche die Gräfin Ihnen entgegenbringt sie hindere den
Bewerbungen des Prinzen ihr Gehör zu leihen und dass es diese Freundschaft sei
die Sie Herr Abbé gegen die Verbindung eingenommen habe welcher nicht nur die
Frau Herzogin sondern Seine Majestät der König selber günstig ist
    Zum ersten Male röteten sich des jüngeren Priesters Stirn und Wangen aber
es wäre nicht leicht gewesen zu sagen welche Bewegung sein Blut in Wallung
brachte und sich schnell bemeisternd sprach er Des Menschen Schlüsse stammen
und bemessen sich aus seinem eigenen Charakter und seinen eigenen Erfahrungen
ich habe mich also über die Frau Herzogin nicht zu beschweren wennschon ich sie
beklage Aber wäre und empfände ich wie sie voraussetzt so könnte ich nichts
Besseres verlangen als die Gräfin eine Ehe schließen zu machen in der sie
weil sie die Jüngere und an Kraft wie an Begabung in jedem Betrachte dem Prinzen
überlegen ist bald Herr und Meister sein und bleiben würde eine Ehe bei der
ich nicht zu fürchten hätte auf  er zögerte bei dem Worte gerade so
geflissentlich wie der Erzbischof es vorhin getan hatte  auf die Freundschaft
verzichten zu müssen deren der trübe Sinn der Herzogin mich zeiht Und fügte
er hinzu ist der Prinz denn der Mann der wenn die religiösen Bedenken der
Gräfin überwunden sind die religiösen Überzeugungen in ihr zu würdigen und zu
erhalten verstehen würde Eine Natur wie die der Gräfin Haughton wird durch
einen Mann wie Prinz Polydor nicht überwunden nicht von ihrem stolzen
Selbstgefühle geheilt Sie wird so weit ich sie beurteilen kann überhaupt
nicht leicht zur Liebe hingerissen und durch die Liebe auch nicht gewandelt
werden Sie muss in ihrer jetzigen Wesenheit vernichtet werden wenn sie
neugeboren werden soll
    Er hatte diese letzten Worte kalt und unerbittlich wie ein
Verdammungsurteil ausgesprochen aber sie beschwichtigten das Misstrauen des
Erzbischofs keineswegs sie halfen ihm auch nicht aus der Verlegenheit heraus
in welcher er sich befand Indes der Abbé war jetzt gewarnt Der Erzbischof
hatte ihn daran erinnert dass das wachsame Auge seiner Vorgesetzten dass ihre
gewaltige Hand über ihm sei und mit der weisen Umsicht der weltklugen
katholischen Kirche welche es versteht die nutzbaren Kräfte zusammenzuhalten
und sich dieselben dienstbar zu machen beschloss er den kühnen und
eigenwilligen jungen Geistlichen vorläufig gewähren und ihn selber den Weg und
die Weise suchen zu lassen auf denen er die Zwecke der Kirche die Wünsche des
Königs und seine eigenen Absichten gleichzeitig zu fördern für möglich erachten
würde Er wendete sich von ihm und trat an seinen Schreibtisch zurück von dem
er als komme es ihm zufällig in die Hand ein Blatt Papier aufnahm das er
zuerst mit den Augen überflog und dann sorgfältig zu lesen schien
    Der Abbé stand ruhig wartend da bis der Erzbischof das Papier
zusammengefaltet und an seine alte Stelle gelegt hatte Dann verneigte er sich
kaum merklich und fragte ob Eminenz ihm noch weitere Befehle zu geben habe
    Dem Erzbischof war diese Frage willkommen und weil er dies erwartet hatte
der Abbé sie getan Auch war der Ausdruck des Erzbischofs plötzlich ein
veränderter
    Sie haben Sich auf das Vertrauen berufen sagte er das man Ihnen vor vielen
Anderen und schon in jungen Jahren angedeihen lassen weil man Ihnen die
Gelegenheit bereiten wollte die Menschen kennen und Ihre eigenen Kräfte
ermessen zu lernen Sie glauben offenbar auch jetzt noch der Aufgabe der Sie
Sich unterzogen haben gewachsen zu sein und Sie scheinen nach einem
vorbedachten Plane zu Werke zu gehen
    Der Abbé wollte eine Erklärung eine Bemerkung machen der Erzbischof ließ
es nicht dazu kommen Ich verlange von Ihnen vorläufig keine Auskunft über den
Weg welchen Sie zur Bekehrung der Gräfin Haughton bis jetzt genommen haben und
weiterhin zu nehmen denken Der Erfolg oder das Misslingen soll Ihnen Ihnen
allein Herr Abbé zugeschrieben werden merken Sie es wohl Ihnen ganz allein
Doch gebe ich Ihnen zu bedenken dass man dem milden und uns geneigten Sinne
Seiner Majestät des Königs sofern es mit dem Seelenheile der Gräfin zu vereinen
ist nicht entgegentreten darf und Seine Majestät haben es wie ich erfahren
der Frau Herzogin zugesagt bei der Gräfin Eleonore des Prinzen Freiwerber zu
sein
    Das war auch mir bekannt bestätigte der Abbé und ich war Willens die
Gräfin noch heute darauf vorzubereiten als Eurer Eminenz Befehl mich hierher
rief
    Der Erzbischof wollte offenbar eine Bemerkung machen er unterdrückte sie
jedoch und nach einigen auf die allgemeinen Ereignisse innerhalb der Kirche
bezüglichen Worten war die Unterredung beendet Als der Abbé sich bereits
entfernen wollte fragte der Erzbischof plötzlich Und der junge deutsche
Edelmann der Freiherr von Arten welcher seit dem Einzuge der Fremden in dem
Hotel der Frau Herzogin verweilt und den die Gräfin ebenfalls ihrer Freundschaft
würdigt  sollte er es vielleicht sein der den Ansprüchen des Prinzen
entgegensteht
    Der Freiherr von Arten ist seit Jahren heimlich verlobt antwortete der
Abbé
    Heimlich verlobt wiederholte der Erzbischof Davon besitzt die Frau
Herzogin keine Kunde Ist die Gräfin davon unterrichtet
    Der Abbé verneinte es Der Erzbischof fragte wie Jener die Kenntnis dieses
Umstandes gewonnen habe ob er der Beichtiger des Freiherrn sei
    Nein Eminenz ich habe es abgelehnt ihn Beichte zu hören als er mir sein
Vertrauen zuzuwenden wünschte Ich wollte mir die Freiheit des Handelns nicht
beschränken mir nicht eine Mitwissenschaft und damit zugleich die Pflicht
aufdrängen lassen es nötigenfalls zu verschweigen was der Freiherr seinen
Freunden bis jetzt vorenthalten hat dass er noch bei dem Leben seines Vaters
einer ihm ebenbürtigen Dame ein Eheversprechen geleistet hat
    Und welche Gründe können ihn bewegen das Verhältnis auch jetzt auch nach
dem Tode seines Vaters noch nicht zu einem bindenden zu machen
    Ich glaube nicht zu irren wenn ich voraussetze dass die Neigung des Herrn
von Arten für die Entfernte erkaltet und dass sein tägliches Beisammensein mit
der Gräfin auf diese Änderung seines Sinnes nicht ohne Einfluss gewesen ist
    Woher haben Sie die Auskunft über das Verlöbnis des jungen Edelmannes
    Von dem Pfarrer der Kirche die des Freiherrn Vater auf seinem Stammgute
gegründet hat Die Verlobte des Barons lebt mit ihrer Schwester und mit ihrer
Mutter in dem freiherrlichen Schloss
    Als der Erzbischof den Abbé so wohl unterrichtet fand erkundigte er sich
wo die Erzieherin der Gräfin geblieben sei welche er früher mit ihr bei der
Herzogin gesehen habe
    Die Gräfin ist es müde geworden die täglichen Vorstellungen ihrer
Erzieherin zu hören sich täglich gegen das Vertrauen warnen zu lassen mit dem
sie mich beehrt Miss Arabella ist in ihre Heimat zurückgekehrt
    Nach Haughton Kastle fragte der Erzbischof
    Nein die Damen haben sich nicht als Freundinnen getrennt jede Verbindung
zwischen ihnen hat aufgehört berichtete der Abbé
    Man konnte an den Mienen des Erzbischofs sehen dass er mit dieser Kunde wohl
zufrieden war Freundlicher als er sich ihm bis dahin gezeigt hatte reichte er
dem Abbé die Hand der sich neigte und sie küsste Der Erzbischof segnete ihn mit
leichter Berührung seines Hauptes
    Leben Sie wohl mein lieber Abbé sprach er und ermüden Sie nicht in Ihrem
Werke nicht in der Strenge gegen Sich selbst Es sind der Wege viele auf denen
der Herr die Verirrten zu sich zurückzuführen weiß und den Irrenden auf den
rechten Pfad zu weisen ist eines der guten Werke denen der Gläubige sich zu
unterziehen hat Leben Sie wohl Sie werden mir in einigen Tagen die Kunde
bringen welche Wendung diese Angelegenheit genommen hat
 
                                Zehntes Kapitel
Der Mond stand schon hell am Himmel als der Abbé von dem erzbischöflichen
Palaste kommend über die Brücke ging und sich dem schönen Uferwege zuwendete
an welchem das Palais der Herzogin gelegen war Er hatte zu jeder Stunde des
Tages Zutritt zu demselben und auch jetzt befand er sich bereits vor dem großen
Portale aber als er die Schelle ziehen wollte hielt er die Hand zurück Er
mochte Eleonore jetzt nicht sehen er mochte Niemanden sehen er musste mit sich
allein sein
    Er schlug den langen schwarzen Mantel fest um sich und entfernte sich von
dem Palaste Bald langsam bald in heftiger Bewegung ging er an der Seite des
Flusses auf und nieder Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an
den dichten und kahlen Ästen der Bäume zu hängen die sich in vielfachen Reihen
an dem Ufer hinziehen Der Mond goss sein volles Licht über die prächtigen
Gebäude aus deren Fenster zum Teile hell erglänzten Es war die Stunde in
welcher die vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt Vor den einzelnen Häusern
fuhren die Wagen vor hier und dort öffneten sich gastlich die Flügel der
Einfahrtstüren Die Stadt erschien so weit man sie deutlich übersehen konnte
heiter und glänzend und fern ab zeichneten sich die Spitzen der Kirchen
unbestimmt und schattenhaft an dem nächtlich klaren Himmel ab
    Aber was jedem Anderen an dieser Stelle das Auge erfreut und den Sinn
erheitert haben würde was auch ihn sonst mit Wohlgefallen erfüllt hatte heute
sah der Abbé es nicht Ein gewaltiger Kampf durchwühlte seine Seele in
raschestem Wechsel zogen abenteuerliche Plane wilde Vorsätze und Entschlüsse
durch sein Gehirn und aus der glühenden Leidenschaft die in ihm brannte
loderten in einzelnen Augenblicken zuckend die Flammen der Verzweiflung in ihm
empor Und doch war es ihm nichts Neues was er in sich wahrnahm Er hatte auch
nichts Unerwartetes erlebt Warum traf es ihn denn so furchtbar was er lange
hatte kommen sehen Warum zerriss sie ihm denn das Herz die Entscheidung die er
längst getroffen hatte
    Seit er Eleonore gesehen war er nie über die Empfindung im Zweifel oder im
Unklaren gewesen die sie in ihm wachgerufen hatte Von früh auf zur strengsten
Selbstprüfung gewöhnt hatte er sich nicht darüber täuschen können dass er sie
mit glühendem Verlangen begehrte dass er sie leidenschaftlich liebte aber sein
stolzer Sinn hatte sich nicht entschließen mögen die Gefahr zu meiden er hatte
seinen geistigen Ruhm darein gesetzt sich zu besiegen und wie er bis dahin auf
der Welt nichts Höheres gekannt hatte als seine Kirche und ihre Macht so hatte
er sich gelobt seine Aufgabe in ihrem Dienste zu lösen und ihr mit Verleugnung
und Überwindung seiner selbst die starke Seele und das reiche Erbe Eleonorens
zuzuführen und zu gewinnen
    Tage und Nächte hatte er mit sich gerungen in wildem Schmerze in brünstigem
Gebete Er wusste was Eleonore sich nie deutlich gemacht hatte dass es nur eines
Wortes von ihm bedurfte um sie ihm anzueignen ganz und gar und heute zum
ersten Male fühlte er sich nicht sicher dass er dieses Wort nicht sprechen dass
sein Blick ihr nicht verraten würde was in seiner Seele vorging
    Er sah sie als er so umherwandelte mit seines Geistes Augen deutlich vor
sich wie sie auf das Geständnis seiner Liebe in seine Arme sinken er kannte
sie darauf dass sie nicht zurückschrecken würde mit ihm zu fliehen um in
irgend einem fernen Winkel der Erde sein Weib zu werden das Weib des geweihten
Priesters des Meineidigen Weib  Aber wer hinderte ihn sich mit Offenheit von
diesem Eide loszusagen Wer hinderte ihn einem Glauben zu entsagen der seinem
Menschenrechte seiner Manneskraft und Würde unnatürliche Schranken setzte
unwürdige Gewalt antat Wer hinderte ihn zu tun was vor zweihundert Jahren
in den Zeiten der großen kirchlichen Umwälzung Tausende von Priestern vor ihm
getan hatten Was hielt Eleonoren ab einem durch sie bekehrten Manne ihre Hand
zu geben Sie war unabhängig und reich genug in Haughton Kastle in ihrem
freien Vaterlande von dem Gesetze unangefochten und die öffentliche Meinung
stolz verachtend glücklich mit ihm zu sein
    Die Stirn brannte ihm wie im Fieber alle seine Pulse klopften Trotz der
winterlichen Kälte riss er den Mantel auf entblößte er sein Haupt Er fühlte
seine ganze ungebrochene Kraft in seinen Adern er sah jetzt auch mit Einem
Male die glänzende Anmut der Stadt und der Gegend er empfand die Schönheit
dieser milden Winternacht Unwillkürlich breitete er seine Arme aus als wolle
er sich mit der Natur vereinen und ein Seufzer der wie ein unterdrückter
Aufschrei klang riss sich aus seinem Busen los
    Es war vorüber  Müde wie einer der aus einem ihn erschöpfenden Traume
erwacht ließ er sich auf eine der Bänke fallen die unter den Bäumen stehen Er
stützte den Kopf in die Hand sein Haupt sank schwer hernieder schwer und still
fielen ein paar glühende Tropfen aus seinen Augen auf die Wangen herab
    Nicht zum ersten Male hatte er den Kampf gekämpft aus dem er jetzt wieder
als Überwinder hervorging nicht zum ersten Male hatte sein Gewissen seine
Phantasie bemeistert aber noch nie zuvor hatte er so lebhaft wie heute den
Wunsch gehegt sich nicht gebunden zu haben oder jene ungebrochene Willenskraft
jene mutige Rücksichtslosigkeit der Menschen zu besitzen die sich selbst als
den Mittelpunkt der Schöpfung ihr Wohlbefinden als den letzten Zweck derselben
ansehen Er  Er konnte nicht vergessen dass er von früher Jugend an gelernt
hatte sich als einen mitwirkenden Teil der großen Gemeinschaft anzusehen
welche sich das Recht der Herrschaft über die Geister zuerkennt welche die
Anwartschaft zu diesem Rechte aus Gottes Hand empfangen zu haben behauptet aus
der Hand des Gottes dessen Anerkennung und Verehrung zu predigen die Aufgabe
der katholischen Kirche ist Wohin hatten sein Geist seine Phantasie sich
verirrt dass er wachend in Träume verfallen konnte die ein Verbrechen für ihn
waren Und was konnte andererseits die Kirche ihm denn bieten und gewähren ihn
schadlos zu halten für die furchtbare Entsagung die er über sich genommen
hatte
    Er schauderte zusammen als er sich mit seinen Gedanken wieder auf demselben
Wege wieder auf denselben Bildern fand von denen er sich gewaltsam abzuwenden
beschlossen hatte Er stand an dem Abgrunde an welchem Mächtige gestanden
hatten und zu Grunde gegangen waren er erlebte und erlitt was er selber über
sich heraufbeschworen als er sich die Kraft die Festigkeit und den Glauben
zugetraut hatte die ihm alle jetzt versagten
    Immer wieder hatte er sich in diesen letzten Jahren wiederholt dass er nicht
zu der großen Masse jener entsagenden demütigen Seelen gehöre die in frommem
Glauben in nicht wankender Hingebung an ein stilles Tun ihres Geistes
Befriedigung ihres Herzens Beseligung genießen Von früher Jugend auf hatten
seine Lehrer und Meister ihm in der Schule und in in den Seminarien ein weites
ein hohes Ziel gesteckt Er hatte Herrschaft gewonnen wo immer er mit Anderen
in Gemeinschaft gewesen war Herrschaft hatte ihm das höchste Glück Herrschaft
im Dienste der Kirche die ihn trug so lange er sie stützen half das höchste
erstrebenswerteste Ziel gedünkt und Herrschaft Herrschaft über die Anderen
das hatte er immer gefühlt war das Einzige das Ersatz zu bieten vermochte für
Selbstbefriedigung für Liebe und für Glück
    Er kannte die Kirche und den Klerus denen er angehörte Er wusste was der
Abtrünnige von der Kirche zu erwarten hat Er selber hatte in verschiedenen
Fällen dazu mitgewirkt dem Verirrten wie einem gehetzten Wilde die Wege zu
verstellen bis er müde und verblutend an dem Altare niedergesunken war von dem
er sich hatte entfernen wollen Er fühlte sich nicht dazu geschaffen solcher
Verfolgung Stand zu halten er konnte sich nicht vor sich selbst erniedrigen
durch den nicht endenden Kampf in welchen er sich unrettbar verstrickte wenn
er sich nicht überwand Für ihn gab es nur Freiheit innerhalb des Bannes und des
Eides die er freiwillig und mit stolzem Ehrgeize über sich genommen hatte und
der bloße Gedanke dass er als ein Büssender als ein unwirksam Befundener als
ein Ausgestossener vor denen stehen solle die in ihm eine Kraft geehrt in ihm
einen künftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten und über die er sich einst zu
erheben gehofft ward endlich sein Erretter aus dem Zwiespalte in dem er sich
in dieser Stunde bewegt und ermattet hatte
    Aber der starke und gesunde Mensch reißt die schönste und gewaltigste seiner
Kräfte die Liebe nicht aus seinem Herzen ohne Schaden an seiner Seele zu
leiden und heute mehr als je zuvor hatte der Abbé es erkannt dass er auf die
Liebe nicht verzichten könne ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht
hinzugeben und dass es ihm nicht erspart sei die Qualen der Eifersucht zu
leiden auch wenn er darauf verzichte für sich selber einen Anspruch an Glück
zu erheben
    Oftmals schon hatte er es durchgekostet wie nahe der Hass und die zum
Entsagen gezwungene Liebe in ihm an einander grenzten oftmals hatte er es mit
dem kühlen Blicke eines Beobachters in sich wahrgenommen wie die Grausamkeit
sich der Seele bemächtigt die keine milde Hoffnung für sich selber hegen darf
Warum sollte er das Weib nicht hassen vor dem alle glückversprechenden
Möglichkeiten offen ausgebreitet lagen während er sich mit unlöslichem Eide von
allen Freuden des Daseins geschieden hatte ehe er vorausgesehen das eine
Eleonore Haughton leben und dass sie ihm der Güter höchstes des Glückes
begehrenswertestes erscheinen würde
    Wenn kein Gebet wenn kein noch so festes Wollen ihm Ruhe zu schaffen
vermocht dann hatte er mit grausamer Wonne daran gedacht dass Eleonore einst
die gleichen Qualen leiden werde wenn er sich unglücklich gefühlt bis in das
Innerste seines Herzens so hatte der Gedanke ihm gelächelt dass auch sie sich
elend fühlen werde die ihn also leiden machte dass auch sie unglücklich sein
werde die ihn herunterzustossen drohte von der Höhe auf die er sich gestellt
hatte und von der er in den Abgrund sinken musste wenn er nicht hoch über seinen
jetzigen Standpunkt emporstieg
    Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen die jetzt an ihn
herangetreten war Er oder sie  Denn sie glücklich zu sehen und zu entsagen
sie glücklich und frei zu denken während er sich seinem Vorgesetzten als
müßiger Knecht mit gebundenen Händen zu überliefern und in dumpfer Unterordnung
enge vorgeschriebene Wege zu gehen hatte das überstieg seine Kräfte Er oder
sie  Es gab kein Drittes 
    Er war schon lange wieder an dem Ufer umhergegangen Die Nacht begann kalt
zu werden der Wind welcher vom Wasser aufstieg strich ihm mit eisigem Hauche
über die Schläfen hin Er zog die Uhr heraus es war später als er es vermutet
hatte Jetzt er wusste es jetzt befand sich Eleonore schon in dem
Empfangszimmer ihrer Tante jetzt erwartete sie ihn sicherlich Er lächelte als
er sich ihr Bild vergegenwärtigte aber wer dieses Lächeln hätte sehen können
hätte sich seines Ausdruckes nicht erfreut
    An der Ecke der Seitenstrasse lag ein bescheidenes Speisehaus Er hatte sonst
nicht die Gewohnheit ähnliche Orte zu besuchen indes die Aufregung machte ihn
da er die Mahlzeit versäumt hatte nach Speise und Trank verlangen Er ließ sich
zu Essen geben trank etwas Wein ordnete mit rascher Hand sein reiches Haar
das durch die schnelle Bewegung seines langen Ganges in Unordnung geraten war
und gefasst und wieder seiner selber Meister kehrte er auf der Straße von der
er gekommen war nach dem Palaste der Herzogin zurück
    Es waren heute noch mehr Besucher als gewöhnlich in ihrem schönen Saale
erschienen Die auffallende Gunst mit welcher der König sie bei der letzten
Mittagsgesellschaft beehrt hatte ihre Freunde eifriger als je gemacht und
jeder derselben schmeichelte sich mit der Hoffnung dass es ihm gelingen werde
den Inhalt jener langen und geheimen Unterhaltung zu erfahren und sich darüber
zu vergewissern was von dem Gerüchte über die Freiwerbung Sr Majestät zu
halten sei Die Gräfin allein schien nicht zu wissen was die Übrigen
beschäftigte Sie saß weit zurückgelehnt so dass die schöne Länge ihres Leibes
ersichtlich war auf einem niedrigen Sopha nahe an einem der beiden Kamine Das
Licht der Kerzen und das Licht des Feuers vereinten sich sie magisch zu
überstrahlen Ihr Haar glänzte wie von einer Aureole umleuchtet und nie meinte
der Abbé sie schöner gesehen zu haben als eben jetzt da sie bei seinem
Eintritte mit schneller Bewegung die Augen zu ihm wendete
    Eine Gruppe von Männern umgab sie der Prinz und der junge deutsche Freiherr
saßen ihr zur Seite Die Unterhaltung war heiter und lebhaft gewesen wie sie es
immer wird wo die Männer zu gefallen wünschen und die Frau mit dem sicheren
Bewusstsein ihrer Schönheit jede ihr dargebrachte Huldigung nur als einen
schuldigen Tribut ohne Dank und ohne besonderen Anreiz aufnimmt Der Prinz
hatte sich im Gefühle eines nahen Sieges freier gehen lassen ohne dass die
Haltung der Gräfin ihm dazu das Recht gegeben hätte und kaum hatte der Abbé
sich der Herzogin vorgestellt so klagte Eleonore dass die Glut des Feuers sie
belästige und erhob sich
    Mitten in dem Saale traf sie mit dem Abbé zusammen Ich habe Sie heute am
Morgen und heute am Mittage vergebens erwartet und Sie kommen spät sagte sie
im Tone des Vorwurfes Es ist Ihr Wort das ich Ihnen zurückgebe Herr Abbé Man
soll uns nicht zur Gewohnheit werden lassen was man nicht sicher oder nicht
geneigt ist uns dauernd zu gewähren
    Wie sie so neben einander standen beide hoch und majestätisch gewachsen
dass Auge in Auge traf beide mit herrischer Miene war es kaum möglich sich ein
Menschenpaar zu denken das mehr für einander geschaffen mehr auf einander
angewiesen zu sein schien sei es dass sie in Liebe oder in Abneigung
zusammentrafen Es war neben Eleonorens vollkommener Schönheit stets ihr Stolz
gewesen der den Abbé angezogen und ihn gereizt hatte ihr seine Herrschaft
aufzudringen und man hätte sagen können dass sie sich im Streite nahe getreten
waren dass sie im Widerstreben gegen einander ihre Herzen und ihren Geist
verstrickt hatten dass Sieg und Niederlage zwischen ihnen stets gewechselt
hatten und beides ihnen zum Genuss geworden war
    Auch jetzt empfand der Abbé den alten Zauber wieder mächtig auf sich
wirkend aber er hatte Grund sich demselben nicht mehr wie sonst zu überlassen
und auf ihre Anrede eingehend versetzte er Schlimm genug für mich dass ich aus
meiner eigenen Erfahrung keinen Nutzen zog dass ich sie nicht zu beherzigen
verstand
    Was soll das heißen fragte sie voll banger Ahnung weil ihr in seinem Wesen
etwas Fremdes entgegentrat
    Wir müssen scheiden Eleonore sprach er tonlos
    Er hatte sie niemals bei diesem Namen genannt er hatte es stets vermieden
sie und sich als Einheit zu bezeichnen und nun da ihr Name von seinen Lippen
ausgesprochen ihr mit unsäglicher Wonne das eigene Herz berührte nun das
beglückende »Wir« ihr von seinem Munde entgegenklang nun sollte sie sich von
ihm trennen  nun
    Scheiden wiederholte sie Und weshalb das  weshalb
    Er blickte mit schnellem Auge um sich her als er sah dass Niemand nahe
genug stand seine Worte zu vernehmen sagte er Ich komme von Seiner Eminenz
dem Erzbischof Auf seinem Tische sah ich einen Brief von Ihrer Hand Es war
offenbar das kleine Billet das Sie mir neulich gesendet und das ich nicht
erhalten hatte Ein Brief der Frau Herzogin lag daneben
    Eleonore erbleichte aber ihre Fassung und ihr Selbstgefühl verließen sie
nicht Ich habe nie ein Wort geschrieben sprach sie das eines Anderen Blick zu
scheuen hätte und von Seiten meiner Tante überrascht mich nichts wennschon
    Auch nicht fiel der Abbé ihr leise in die Rede dass sie gewagt hat Ihnen
Ihnen Eleonore eine Leidenschaft anzudichten deren Mitschuldiger ich sein
sollte und die ein Verbrechen für mich wäre
    Er war selbst blass geworden und die Stimme hatte ihm versagt da er diese
Worte aussprach Sie trafen das Herz des unglücklichen Mädchens wie ein
tödtender Blitz Sie sah sie entdeckte in sich was sie sich bisher mit stolzer
Scham verborgen hatte Sie fühlte die Flamme einer verzehrenden Leidenschaft in
sich auflodern und der Mann der sie in ihr angefacht und genährt hatte stand
ihr kalt gegenüber sprach zu ihr in einer Weise als wäre es undenkbar dass er
jemals etwas für sie empfunden habe etwas für sie fühlen könne
    Ihre Füße wankten sie fasste krampfhaft die Lehne eines Sessels der in
ihrer Nähe stand sie fürchtete sich nicht aufrecht halten zu können aber mehr
noch als Alles peinigte sie der Gedanke dem ungerührten Manne zu verraten was
in ihrer Seele vorging ihn ahnen zu lassen was sie in diesem Augenblicke um
ihn litt Und die bleichen Lippen zu einem Lächeln zwingend das ihr das Herz
zerriss fragte sie ihn Desshalb also will man Sie entfernen
    Der Abbé bejahte es Die Tränen traten der Gräfin vor diesem kalten
nackten Ja ins Auge
    Freilich das Scheiden von einer Freundin  das Scheiden von Eleonore
Haughton  was ist das für Sie sagte sie mit Bitterkeit
    Der Abbé ließ den vollen Strahl seines Auges in die ihrigen fallen aber er
schwieg
    So standen sie sich einige Sekunden gegenüber und es dünkte Eleonore als
durchlebe sie eine lange Leidenszeit denn großer Schmerz und große Freude
rauben uns den wahren Maßstab für den Verlauf der Zeit Es kam ihr vor als sei
der Augenblick lange her in welchem sie das Wort das niederschmetternde Wort
von dem Munde des Geliebten vernommen hatte als sei es lange her dass sie sich
allein gefunden allein mit der verzehrenden Leidenschaft in ihrer Brust
Allein
    Nur das konnte sie nicht ertragen Allein ohne ihn konnte sie nicht leben
Und wie ein Versinkender verzagend und hoffend zugleich nach Rettung ausschaut
fragte sie Und gibt es kein Mittel keines das Sie  mir erhält
    Es war geschehen sie hatte es ihm gesagt aber besorgt dass eben dieses
Wort ihn bestimmen könne sich von ihr zu trennen fügte sie hinzu als wolle
sie ihn vergessen machen ihn über dasjenige täuschen was sie ihm eben
verraten und gestanden hatte Ich weiß es Sie verlassen Paris den Hof nicht
gern Sie haben Hoffnungen an Ihren hiesigen Aufenthalt geknüpft Gibt es kein
Mittel Ihre beabsichtigte Entfernung zu vermeiden  Und wie von einer
plötzlichen Eingebung ergriffen sprach sie Ich will Paris verlassen ich will
in meine Heimat gehen Sie sollen bleiben Ich will gehen
    Das jedoch war es nicht was der Abbé begehrte Er schüttelte verneinend das
Haupt Fassen Sie sich Gräfin man beobachtet Sie und mich sagte er leise
Ihre Entfernung von Paris würde nichts in meiner Lage ändern nichts Aber einen
Ausweg gibt es Einen  Er zögerte als falle es ihm schwer ihr denselben zu
nennen Endlich da sie auf seine Antwort bange harrte sagte er Nehmen Sie die
Hand des Prinzen an für den der König selber morgen um Sie werben wird
    Unmöglich unmöglich rief die Gräfin so laut dass die Anwesenden alle es
vernahmen
    Aber sie und der Abbé schlugen wie auf eine Verabredung ein Lachen auf und
mit lachender Miene fügte Eleonore leise hinzu Soll ich der Herzogin den
Triumph bereiten Soll ich mich der Herrschsucht wider mein Empfinden in die
Arme werfen vor der Sie selbst mich warnten
    So treffen Sie schnell eine andere Wahl Sie sind Herr darüber warf der
Abbé ihr ein
    Aber wen  wen fragte die Gräfin der in der Angst ihres Herzens und in der
Verwirrung dieses Augenblickes jedes Mittel erwünscht kam welches sie vor der
Trennung von dem Abbé bewahren und ihm beweisen konnte dass für ihn kein Opfer
ihr zu schwer sei
    Der Abbé wendete das Haupt in das Zimmer und zu der Gruppe zurück welche
die Gräfin vorhin verlassen hatte Eine Frau wie Sie sagte er wird schwerlich
einen Mann finden der sie verdient aber es müsste mich Alles täuschen oder der
Freiherr von Arten weiß es was Sie wert sind und seine liebende Verehrung
wird mir den Anteil an Ihrer Freundschaft nicht missgönnen Er ist ein Mann von
Ehre und er liebt Sie Gräfin dessen bin ich sicher
    Sie konnte ihm nichts erwidern Der Ausdruck der Verzweiflung und der
Liebe mit dem sie zu ihm emporsah drohte ihn seiner Fassung zu berauben und
sich vor ihr verneigend sagte er so laut dass die Anderen ihn vernehmen
konnten Denken Sie daran Gräfin wir sprechen mehr davon
    Dann wendete er sich zu den Übrigen und auch Eleonore kehrte wie hart ihr
das auch ankam zu ihrer früheren Unterhaltung zurück
 
                                Elftes Kapitel
Man trennte sich an dem Abende zeitig weil einige der Gäste noch anderweitige
Einladungen hatten Im Vorzimmer trafen der Abbé und Renatus zusammen Der Abbé
machte die Bemerkung dass das Wetter köstlich und dass es eigentlich eine Sünde
sei eine Winternacht von so ungewöhnlicher Milde und Schönheit ungenossen zu
lassen und da er Renatus ohne weiteres Vorhaben fand schlug er ihm vor ihn zu
begleiten und gemeinsam eine Strecke Weges zu machen
    Der Freiherr verlangte es nicht besser Er hatte die lange Unterredung
zwischen dem Geistlichen und der Gräfin mit Unruhe betrachtet denn er war von
den obwaltenden Verhältnissen zu genau unterrichtet um nicht zu vermuten was
die unverkennbare Aufregung Eleonorens zu bedeuten und welchen Inhalt dieses
Gespräch der Beiden gehabt haben müsse Auch stand er ihnen nahe genug um
sobald er sich mit dem Geistlichen allein auf der Straße befand ohne Umschweife
die Frage zu tun ob er sich irre wenn er glaube dass der Abbé mit ihrer
gemeinsamen Freundin von dem Heiratsplane gesprochen den der König zu dem
seinigen gemacht habe und dessen nahes Zustandekommen jetzt die große
Angelegenheit des Hofes sei
    Es ist eine traurige Angelegenheit sagte der Abbé und nie mehr als in
diesem Falle habe ich daran gedacht wie verschieden die Wege der Prüfung sind
auf welche der Herr uns führt Er schritt eine Weile schweigend fort dann
sprach er Wenn man das Leben dieses ungewöhnlichen Mädchens sieht seine
gottbegnadigte äußere Erscheinung seine großen geistigen Mittel den
fürstlichen Besitz der ihm von Kindheit an zu eigen war so fühlt man sich zu
dem Gedanken hingeführt dass es dem Himmel gefallen habe hier einmal ein
Menschenwesen mit allen Gütern des Lebens und des Glückes auszustatten um ihm
den vollen edlen Genuss des Daseins zu ermöglichen
    Da er wieder in seiner Rede abbrach meinte Renatus dass die Gräfin doch
auch zu einer hohen und seltenen Reife und Entwicklung gelangt sei und wie ihr
zu ihrem Glücke ja auch nichts fehle als dass sie eben dem Manne begegnete dem
sie ihre Zukunft in liebendem Herzen anvertrauen könne
    Wir sind nicht im Salon mein teurer Freund rief der Abbé mit einer Kälte
welche den Andern in Erstaunen setzte Er fragte was dieser unerwartete Ausruf
bedeuten solle Der Abbé der sonst in seinem ganzen Betragen sich immer äußerst
zurückhaltend bezeigte und sich eben so wenig eine Vertraulichkeit gegen Andere
herausnahm als er sie ihnen gestattete legte seinen Arm in den des jungen
Offiziers und sagte mit einer ihm sonst ebenfalls sehr fremden Lässigkeit Es
gibt gesellschaftliche halbe und ganze Unwahrheiten gegen die man wohltut
sich nicht zu wehren und an die zu rühren auch nicht weise ist weil sie in der
Regel aus einem vernünftigen Grunde hervorgehen sogar wenn die Gesellschaft
sich desselben nicht immer klar bewusst ist Eine solche conventionelle
Unwahrheit ist der Glaube an die sogenannten großen Eigenschaften der Gräfin
Haughton
    Herr Abbé rief der Freiherr als traue er seinen Ohren nicht das sagen
Sie Sie der Freund der vertraute Freund Eleonorens
    Eben deshalb sage ich es kann ich es sagen berichtete ihn der Geistliche
und vielleicht werden Sie mir Glauben schenken wenn ich Ihnen bekenne dass die
Gräfin auch mich eine geraume Zeit geblendet hat dass ich in ihr Eigenschaften
zu sehen wähnte die sie der Bewunderung würdig machten  und in der Tat sie
hat auch solche Eigenschaften Wer wollte und wer könnte dieses leugnen Sie ist
von schnellem Geiste von einem kühnen Fluge der Gedanken sie hat ich zweifle
nicht daran eine männliche Entschlossenheit wo es ihre eigenen persönlichen
Zwecke gilt aber ich habe Niemanden gekannt auf den das Wort der Bibel von dem
tönenden Erz und der klingenden Schelle so anwendbar gewesen wäre als auf sie
»Sie hat der Liebe nicht«  Selbstsüchtiger und herzenskälter habe ich nie ein
Weib gekannt
    Der Freiherr war nicht gleich einer Entgegnung fähig Er erlebte nach seinen
Begriffen einen vollkommenen Verrat und der Mann der ihn beging war ihm bis
auf diese Stunde ein Gegenstand der Hochachtung gewesen Seine Ehrenhaftigkeit
schreckte vor einem solchen Verhalten zurück Er zog unwillkürlich seinen Arm
aus dem seines Gefährten Kennt oder ahnt die Gräfin die Ansicht welche Sie von
ihr hegen fragte er
    Es gibt Wunden entgegnete der Abbé die man nicht sondiren darf ohne sie
tötlich zu machen Ich konnte der Gräfin nicht sagen »Sie haben kein Herz« da
mein ganzes Bestreben darauf gerichtet ist diese Seite ihres Wesens zu erwecken
oder zu beleben Denn was könnte mich dessen Ziele weit ab liegen von dem Boden
dieser leichtlebigen und sich an der Oberfläche der Dinge haltenden
Gesellschaft was könnte mich bewegen der tägliche Gast der Frau Herzogin zu
sein hätte ich es der würdigen Frau nicht zugesagt mich der Bekehrung ihrer
Nichte zu unterziehen hätten meine Vorgesetzten mich nicht selber ermutigt an
dieses Werk zu gehen
    Mehrere Wagen die rasselnd an ihnen vorüberfuhren und die sie bei dem
Übergehen nach einer andern Straße für einige Minuten trennten unterbrachen
die Mitteilung des Geistlichen und ließ dem Freiherrn zu einem Umschwunge
seiner Ansicht Zeit Als sie sich wieder zusammenfanden hob der Abbé aufs Neue
zu sprechen an Es ist ein großes Vertrauen Herr von Arten das ich Ihnen mit
diesem offenen Bekenntnisse gewähre Indes Ihrer Gesinnung bin ich sicher Sie
ist ein schönes Erbe Ihres alten Hauses und Sie selber sind ich weiß es
unserer Kirche aufrichtig ergeben Sie haben in Ihrem Elternhause den Segen und
die Alles ausgleichende und versöhnende Kraft des Glaubens wie ich aus Ihren
eigenen Mitteilungen und aus manchen Andeutungen der trefflichen Frau Herzogin
erfahren kennen lernen Sie gehören nicht zu der Anzahl jener sogenannten
Aufgeklärten die es in ihrer selbstgenügsamen Kurzsichtigkeit dem Gläubigen zum
Vorwurfe machen wenn es ihn drängt die Segnungen deren er sich teilhaftig
fühlt die erhebende Erkenntnis die ihm durch die Gnade Gottes zugänglich
geworden ist nicht als ein todtes Pfund zu vergraben sondern sie auszubreiten
und leuchten zu machen so weit die menschliche Gemeinschaft reicht
    Der Abbé hatte etwas Mächtiges wenn er sich dem freien Zuge seiner
Beredsamkeit überließ und Renatus waren solche Ansichten und Ansprüche von
früher Kindheit an vertraut gewesen Sein unvergessener geliebter Lehrer der
Kaplan hatte ja selber durch Jahre und Jahre in fremden Zonen als ein Bekenner
und Verbreiter der allein seligmachenden Kirche gearbeitet und bis an sein
Lebensende mit Erhebung an jene Wirksamkeit zurückgedacht Läugnen konnte
Renatus es auch nicht dass ihm das herrische Wesen der Gräfin bisweilen
unheimlich und bedenklich erschienen war aber er hatte sie nicht tadeln nicht
verurteilen können sie hatte ihm neben der Bewunderung die er für sie hegte
ein Bedauern eingeflößt und eben jetzt empfand er dieses lebhafter und stärker
als je zuvor
    Sie ist ohne Vater ohne Mutter aufgewachsen sagte er entschuldigend und
mich dünkt die Herzogin war nicht dazu gemacht eine so eigenartige Natur zu
erwärmen und zu bilden Wer mag denn sagen ob die Herzogin selber einer wahren
Liebe fähig ist
    Die Herzogin keiner Liebe fähig rief der Abbé im Tone des höchsten
Erstaunens Aber haben Sie denn vergessen mein teurer Baron mit welcher Treue
die Herzogin in den Zeiten der Verbannung und der Not an ihrem Bruder
festhielt Haben Sie vergessen mit welcher Hingebung die Mittellose auf die
edle sie völlig sicherstellende Gastfreiheit Ihres Herrn Vaters verzichtete
als es galt der königlichen Familie ihre alte Treue zu beweisen Glauben Sie
dass es sie kein Opfer gekostet hat den einzigen Bruder an eine Frau zu
verlieren die nicht zu unserer Kirche gehörte Und wann hat die Herzogin ihre
Nichte es fühlen lassen dass sie die ruhebedürftige Matrone ihr ganzes Behagen
der Lebenslust Eleonorens zum Opfer brachte Oder kennen Sie etwas das
rührender das ehrwürdiger wäre als die schöne Freundschaft welche durch ein
langes Leben die Herzogin und ihren Jugendgenossen den greisen Fürsten von
Chimay unzertrennlich verbunden hat In der Tat mein Freund von Ihnen
weniger als von jedem Andern war ich mir eines Urteils gewärtig das die
Herzogin in so ungerechter Weise anficht denn mich dünkt Sie selber hätten
mannigfach Gelegenheit gehabt die teure Frau von ihren schönsten Seiten
würdigen zu lernen  Beide gingen eine Zeit lang schweigend neben einander her
    Renatus fühlte sich beschämt Er hatte die Undankbarkeit immer als das
Zeichen einer niedrigen Gesinnung angesehen nun zieh man ihn einer solchen und
er konnte es nicht leugnen man tat es nicht ganz mit Unrecht Je länger er
darüber nachsann um so unsicherer wurde er in seinem Urteile Er konnte dem
Abbé nicht völlig widersprechen Er hatte als er in das Haus der Herzogin
gekommen war ja auch für dieselbe und wider die Gräfin Partei genommen und
erst allmählich hatten Eleonorens bestechende und blendende Eigenschaften ihn
anderen Sinnes werden machen Er wünschte guten Herzens kein Unrecht gegen die
Greisin zu begehen aber Eleonore wie der Abbé es tat so schonungslos zu
verdammen und aufzugeben konnte er sich nicht entschließen und mit der
bewussten Absicht einen vermittelnden Ausweg zu wählen sprach er Jede der
beiden Frauen hätte wohl eine weichere und mildere Natur an ihrer Seite haben
müssen um glücklicher zu werden denn wie die Herzogin mir einst gestanden hat
dass sie früh zur Witwe geworden nie die geringste Neigung empfunden habe sich
wieder zu vermählen so hat mir noch neuerdings die Gräfin gesagt dass sie nach
der Ehe kein Verlangen trage ja dass ihr bis jetzt niemals eine Sehnsucht nach
jenem Glücke des Familienlebens gekommen sei welches doch den meisten Menschen
für ihre Befriedigung notwendig erscheint Diese beiden Frauen sind sich eben
selbst genug
    Das ist ein trauriger Vorzug rief der Abbé und Sie werden mir gestehen
dass ich darüber ein vollgültiger Richter bin Der Mensch kann wo es einer
großen Überzeugung gilt sich selbst verleugnen und auf die Liebe auf die
Ehe auf das Glück verzichten sich in seinen Kindern fortleben zu sehen aber
es ist das eine harte Entsagung und das Herz auch des Stärksten hört nicht auf
unter derselben zu leiden und zu bluten Es muss süß sein in früher Jugend sich
einem geliebten Mädchen zu verbinden in jedem Augenblicke zu wissen dass seine
Gedanken seine Gebete uns begleiten sich vorzustellen wenn man von ihm fern
ist wie die Liebe der Erwählten uns ersehnt und sie nach einer Trennung mit
der alten nur gesteigerten und bewährten Treue in die Arme zu schließen
    Er brach ab schwieg eine Weile und sagte danach Es sind das Bilder die
auszudenken man sich hüten muss wenn man gelobt hat nie nach ihrer
Verwirklichung zu streben Aber so oft ich in meinem Amte in ein Haus getreten
bin wo die demütige Liebe einer wahrhaft weiblichen Seele dem Manne das Leben
verschönte habe ich empfunden wo das wahre Glück zu finden sei und die
höchsten Vorzüge eines Mädchens wie die Gräfin haben mich nie von dieser
Erkenntnis abweichen machen Für eine Eleonore Haughton kann ein Jüngling sich
begeistern ein Mann eine sehr lebhafte Freundschaft empfinden Sie würde hätte
ihr Schicksal sie für einen Thron bestimmt vielleicht ihrem Ideale ihrer
Königin Elisabet in herber stolzer Selbstüberhebung ähnlich werden können
für einen Mann der in seinem Weibe ein liebendes Herz zu finden begehrt und der
Herr in seinem Hause bleiben will sind diese Art von Frauen nicht geschaffen
Man macht aus einer Juno einer Minerva niemals das rührende Geschöpf als
dessen erhabenster Ausdruck uns die Madonna die jungfräuliche Mutter erscheint
der sich das Knie des gewaltigsten Mannes in liebender Verehrung beugt Ein
Mannweib zu lieben muss man selbst kein Mann sein Wo ich einen Mann sich ein
recht demütiges Weib erwählen sehe weiß ich immer was er selber wert ist
    Sie waren während dessen bis zu dem Kollegium gekommen in welchem der Abbé
seine Wohnung hatte Er nötigte den Freiherrn leichthin mit ihm hinauf zu
steigen aber Renatus nahm es nicht an und Jener hatte es auch darauf nicht
abgesehen ihn bei sich zu haben Er wünschte allein zu sein So schieden sie
von einander
    Oben angelangt ging der Abbé eine geraume Zeit mit schwerem Schritte in dem
großen saalartigen Raume auf und nieder den er in dem Hause inne hatte Ein
paar wertvolle Bilder einige Abgüsse nach berühmten antiken Büsten schmückten
nach seiner Wahl die Wände Er sah sie nicht an so gern sein Auge sonst auf
ihnen weilte Er blickte auch nicht zu dem Kruzifix empor das in dem
anstoßenden Gemache schön geschnitzt zu Häupten seines Lagers hing Er hatte
manchmal Trost und Beruhigung gefunden wenn er in schwerem Seelenkampfe zu dem
Bilde des Mannes empor geschaut in welchem die Menschheit sich die höchste
Reinheit die höchste Menschenliebe und die vollendetste Selbstverläugnung
verkörpert hat um sich an ihm aufzuerbauen und zu erheben aber nichts
Aeusserliches vermochte den Abbé heute von sich selber abzuziehen Er hatte
getan was seine Pflicht war er war mit Überwindung ein tüchtig Stück auf dem
Pfade zu seinem selbstgesteckten Ziele vorgeschritten und er hatte nicht danach
zu fragen welche Blüten sein Fuß dabei zertrat sei es in der Seele eines
Andern oder in dem eigenen Herzen denn das Ziel ist Alles  Aber das hinderte
nicht dass der Kampf dieser Stunden noch in seiner ganzen grausamen Schwere auf
ihm lastete
    Ein paar Mal blieb er stehen und fasste mit der Hand nach seiner Brust Es
versetzte ihm etwas den Atem War es ein Schmerz war es eine zornige Empörung
Er fragte sich nicht danach er wollte es nicht ergründen es gar nicht wissen
Er knöpfte mit hastiger Hand die Soutane auf Wenigstens atmen atmen wollte
er in voller Freiheit und fre atmen sagte er wie zum Troste zu sich selber
frei atmen kann man in der Menge nicht Frei atmen kann man nur auf einsamer
Höhe hoch über dem Gewühle der Welt
    Er dehnte unwillkürlich seine Brust Er war mit sich zufrieden Ein kaltes
Lächeln spielte um seine Lippen als er sich erinnerte wie die stolze Eleonore
wie der junge Freiherr die beide fest nach eigenen Meinungen zu handeln
glaubten gleich einem weichen Wachse sich unter seiner Hand in die Form gefügt
hatten die er ihnen aufzuzwingen gewünscht Herrisch und meisternd hatte der
Erzbischof ihm heute seine Überlegenheit zu kosten gegeben Er hoffte die
Stunde solle nicht ausbleiben in welcher er ihm dies auf die eine oder auf die
andere Weise würde vergelten können denn auch er fühlte sich aus dem Stoffe
geschaffen aus welchem man die Kirchenfürsten macht Und die Gegenwart hinter
sich zurücklassend von ehrgeizigen Hoffnungen über den Schmerz und den Kampf
des Augenblickes flügelschnell hinweggehoben durch den eben errungenen Erfolg
ermutigt blickte er endlich auf die Zukunft wie auf eine Arena hinaus in
welcher der höchste Preis des Sieges ihm nicht entgehen konnte
    Er ging an seinen Schreibtisch ließ sich in dem Sessel nieder der vor
demselben stand und begann zu schreiben Es war tief in der Nacht als er sich
von seiner Arbeit erhob Die Lampe war im Erlöschen der untergehende Mond warf
sein Licht schräg in das Gemach Mit dem gesiegelten Briefe in der Hand sah der
Abbé lange sinnend in den Garten hinaus der sich unter seinen Fenstern weithin
ausdehnte Dann fiel sein Blick prüfend auf des Briefes Aufschrift Er meinte
etwas in derselben vergessen zu haben aber es war Alles richtig
    Die Aufschrift lautete »An den Pater Provincial des JesuitenKlosters zu
Rom«
    Der Abbé war in diesem Kloster erzogen worden und er hatte bisher den
Hoffnungen durchaus entsprochen welche seine Lehrer und Meister auf ihn bauten
 
                                Zwölftes Kapitel
Der milden Winternacht folgte ein klarer schöner Tag In den prachtvollen
altertümlichen Kaminen des großen königlichen Ballsaales brannten die Feuer
Ihre rote Glut ihre blauen züngelnden Flammen erschienen bei dem hellen
Sonnenlichte dunkel auch die Kleidung und die Schönheit der Frauen hatten bei
den Frühstücksbällen in den Tuilerieen eine wahre Lichtprobe zu bestehen Aber
Niemand ertrug die Prüfung durch das Tageslicht so siegreich als die Gräfin
Haughton obschon ihrem Antlitze heute die ihm sonst so eigentümliche Frische
ihren Augen der gewohnte Glanz gebrachen
    Die ersten Quadrillen waren vorüber Eleonore hätte kaum sagen können wer
ihre Tänzer in denselben gewesen wären Es war ihr zu Mute als sei sie
verwandelt als wohne eine fremde Seele in ihrem Leibe Nur ihre Gestalt war
noch die alte war noch lebendig sie selber die Eleonore als welche sie sich
bis gestern noch empfunden hatte war dahin
    Sie hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen den ganzen Morgen in
marternder Spannung vergebens auf den Besuch des Abbés auf eine Zeile auf ein
Wort von ihm gewartet die ihr hätten zum Troste zur Stütze werden können Was
war geschehen dass er sie also in ihrer Herzensnot verließ Hatte man ihn unter
irgend einem Vorwande gezwungen Paris schon an diesem Morgen zu verlassen
Konnte er sich entfernt haben ohne sie davon in Kenntnis zu setzen Ließ man
ihn nicht aus den Augen und fand er keine Möglichkeit ihr wenn auch nur mit
Einem Worte sich zu nahen
    Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm
    Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr Hirn Ich liebe einen
Mann dem die Liebe ein Verbrechen ist Ich die Protestantin liebe einen
Katholiken einen Priester Ich habe ihm diese Liebe verraten und er will mich
bestimmen einem Anderen einem ungeliebten Manne meine Hand zu reichen um sich
zu retten um seine Plane zu verfolgen Warum vertraute ich einem Katholiken
einem Priester
    Dann wieder wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte wenn der Gedanke
sich und ihre Liebe verschmäht zu sehen sie völlig niederwarf raffte sie sich
mit Gewalt an einer anderen Ansicht ihrer Lage empor War es denn seine Schuld
dass sie ihn liebte Konnte er dafür dass ihre Seele nicht stark nicht rein
genug gewesen war sich an der Freundschaft genügen zu lassen die allein er ihr
zu bieten hatte Wann hatte er je einen Wunsch einen Anspruch an sie erhoben
der über den Anteil an ihrem Seelenheile hinausgegangen war Und wie hatte er
sich selbst in seinem Eifer für dasselbe zu mäßigen sich überall in Schranken
zu halten gewusst Mit keinem Worte hatte er ihr je gestanden was er für sie
fühle Und er liebte sie Sie zweifelte nicht daran er liebte sie Eine Liebe
wie die welche sie für den Abbé empfand konnte keine einseitige sein konnte
nicht unerwiedert bleiben Es war nicht anders möglich er liebte sie er musste
sie lieben
    Aber durfte sie das hoffen Durfte sie es wünschen  Nein nein nur das
nicht rief sie laut dass der Ton ihrer eigenen Stimme sie in der nächtlichen
Einsamkeit erschreckte Und ihr Gesicht in den Händen verbergend warf sie sich
nieder und weinte dass es ihr die Brust zu sprengen drohte
    Es war genug an ihrem Elende an ihrer Verzweiflung er sollte nicht unselig
sein wie sie Er sollte den Trost besitzen dass er rein und makellos den
Lebensweg gegangen sei Er sollte sich ruhig niederwerfen können zu den Füßen
Gottes zu den Füßen der reinen makellosen Jungfrau zu deren Altären er sie
hinzuführen gestrebt hatte in deren Verehrung sie eine unzerstörbare
Gemeinschaft mit ihm haben konnte
    O dass ich ihn besäße den Glauben der ihm Kraft verleiht seufzte sie in
ihrem Schmerze Dass ich es gelernt hätte wie er in früher Jugend zu entsagen
Wenn ich es vermöchte wie er mich an das Kreuz zu schlagen und Trost zu
finden wie er in dem Gedanken dass ich eine Wahrheit erkannt eine Wahrheit zu
verkünden habe dass ich mir nicht selbst gehöre sondern nur ein Diener der
Menschheit bin ein schwaches Werkzeug in des Allmächtigen des Allweisen Hand

    Wörtlich wie ihr Herz sie in sich aufgenommen hatte wiederholte sie sich
die Aussprüche die er oft vor ihr getan hatte Vor wenigen Augenblicken hatte
sie ihm gezürnt nun zürnte sie sich selber Mit der Demut der Liebe klagte sie
sich an dass sie mit ihrer Leidenschaft die schöne Ruhe seines Daseins trübe
Sie sie allein war die Schuldige Ihre Masslosigkeit ihre Ungenügsamkeit
verstrickten ihn in Verwirrungen die er nie zuvor gekannt hatte Sie erinnerte
sich wie man ihr die hohe Sinnesart den reinen Wandel des Abbé gepriesen
hatte Auch sie kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen mit
Begeisterung zugewendet Was mochte er jetzt von ihr denken Was mochte er jetzt
tun
    Sie sah ihn knieen vor dem Muttergottesbilde das er von einem früh
gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je bisweilen wohl gesprochen hatte
Sie zweifelte nicht daran dass er ihrer dachte dass er für sie betete Sie hätte
es vor sich haben mögen das Madonnenbild vor dem er oftmals Trost gefunden
hatte Sie hatte den Trost sehr nötig
    Wenn sie ihn sehen ihm Alles bekennen ihn beraten ihm beichten könnte 
Beichten  Vor einem Madonnenbilde knieen  Wie hatte das alles ihrem Geiste
ihrem Empfinden ja ihrem Verstande sonst widerstrebt als sie noch in stolzem
Selbstgefühle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte Und jetzt
    Aus der Flut der sie überströmenden Liebe tauchte mit Einem Male wieder der
alte Stolz empor und der Trotz mit ihm Sie wollte tun was der Abbé begehrte
sie wollte die Hand des Prinzen annehmen um es den Abbé empfinden zu lassen
was das Herz des Menschen leiden könne Denn sie mit Gleichmut in des Prinzen
Armen zu sehen das konnte auch dem Abbé nicht möglich sein
    Und wieder sagte sie sich dass sie ihn herabziehen würde von seiner Höhe und
wieder wurde die Anbetungslust der Liebe in ihr mächtig die sie hoch hinaushob
über jede menschliche Schwachheit Sie fand ganz plötzlich ein Genügen ja
einen Trost darin dass er nicht ahne was sie dulde dass er ruhig und
selbstgewiss der Liebe wie dem Leiden nicht zugänglich sei
    Von einer Pein zur anderen fortgetrieben ward ihr keine Rast bis ihre
Kraft erschöpft war und die müde Natur nach Ruhe verlangte Die Hände gefaltet
saß sie in einer Art von Betäubung wachend auf ihrem Lager Minute auf Minute
Stunde auf Stunde rannen an ihr vorüber sie gewahrte es nicht Kein tröstender
kein beruhigender Gedanke kühlte ihre heiße Stirn erhob ihr gebeugtes Haupt
Sie kam sich alt sehr alt sie kam sich einsam vor und sehr verlassen Was sind
auch Jugend und Schönheit und Besitz und Macht in der Stunde in der man einer
großen Liebe zu entsagen hat
    Es überraschte sie als der Morgen wie immer in die Höhe kam und das
alltägliche Leben mit ihm Es überraschte sie als ihre Kammerjungfer sie bei
ihrem Namen nannte Sie war ja nicht mehr dieselbe die sie gestern noch gewesen
war Sie wunderte sich dass ihr Haar da jene die haltenden Nadeln desselben
löste noch in seiner goldigen Fülle von ihrem Haupte auf ihren Leib
herniederfloss Was sollte es ihr  Sie hätte es ruhig unter der Scheere fallen
sehen Heute hätte sie mit Freude den sie für ewig verhüllenden Schleier über
ihre Schläfe und ihr Antlitz decken mögen damit Niemand die Tränen gewahre
welche aus ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und auf ihre
Wangen niederflossen Heute begriff sie es dass es eine Wohltat sein könne
fern von der Welt ungesehen und vergessen von ihr seinem Schmerze ganz allein
zu leben
    Sie musste ihre Dienerin entfernen um sich noch einmal recht von Herzen
auszuweinen Und wie sie nun da saß hoffnungslos und an sich selbst
verzweifelnd stieg jener unselige Gedanke der Opferung der schon manches Weib
in gleicher Lage von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt
hat blendend und verführerisch in ihrer Seele empor
    Was war sie sich denn noch Was war an ihr gelegen Er sollte sehen dass
auch sie entsagen dass auch sie sich überwinden konnte wenn es darauf ankam
ihm eine Genugtuung ihm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten in
den ihre schlecht verhehlte Leidenschaft ihn gebracht hatte und den er nicht
verdiente Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach ihrem vollen Werte
geschätzt er sollte der Fürstin von Chimay das Zugeständnis nicht versagen
dürfen dass sie der höchsten Liebe würdig gewesen wäre weil sie die höchste
Liebe ihres Herzens weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen
vermochte
    In dieser Stimmung ließ sie sich zu dem Feste kleiden Sie legte zum ersten
Male den Erbschmuck ihres Hauses an Wie man die Jungfrau die der Welt entsagt
um sich dem himmlischen Bräutigam dem Heilande unauflöslich hinzugeben noch
einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen lässt ehe des Klosters
Pforte sie von der Welt abtrennt so wollte sie sich noch einmal in dem vollen
Glanze ihrer Schönheit betrachten ehe sie diese Schönheit einem ungeliebten
Manne überließ um dem Geliebten damit die ganze Größe der Hingebung zu
beweisen deren sie für ihn und seine Ehre seine Ruhe fähig sei
    Weil sie dahin gekommen war sich auf einen falschen und trügerischen Boden
zu stellen verschoben und verwirrten sich ihr ohne dass sie es bemerkte alle
ihre Ansichten und Begriffe Sie vergaß es dass sie sich dem Prinzen zu
vermählen beschlossen hatte weil sie sich auf diese Weise das Glück zu erkaufen
dachte den Abbé wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Umganges seiner
Freundschaft nach wie vor genießen zu können Sie vergaß auch bald dass eben der
Abbé sie vor der Ehe mit dem Prinzen gewarnt und dass er ihr vorgeschlagen hatte
Renatus zum Gemahl zu wählen Nur einen flüchtigen Gedanken hatte sie auf diesen
hingewendet aber sie hatte zu viel Freundschaft für den jungen Freiherrn sie
wünschte ihm zu ehrlich Glück um sich ihm zur Gattin anzutragen und da sie
einmal auf die Vorstellung der Opferung gekommen war dünkte sie das Opfer nicht
groß genug welches sie in einer Ehe mit Renatus die doch für sie und für ihn
kein Glück zu bringen hatte über sich genommen haben würde Je länger sie
darüber nachsann um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel von
denen sie sich sonst mit Widerstreben ja mit Empörung abgewendet hatte so oft
der Abbé es unternommen ihr jene Gefühlsrichtung eingänglich zu machen welche
in der Selbstverläugnung in der Entsagung in der Opferung eine Tugend ja die
höchste Tugend und eine Gott wohlgefällige Handlung erblickt Dass solche
Handlung auch mitten in dem Leben und Geräusche der Welt vollzogen werden dass
man sich schweigend und ohne Aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie
mit einem eingestandenen Opfer bringen könne das hatte der Abbé oftmals als
seine Überzeugung aufgestellt und eben so hatte er es oft behauptet dass für
Eleonore einmal die Stunde nicht ausbleiben werde in welcher sich ihr
urplötzlich die Erkenntnis und die Wahrheit der Lehren erschließen würden die
er vor ihr ausgesprochen hatte dass die Stunde schlagen würde in der sie sich
mit ihm in denselben Überzeugungen zusammenfinden und vielleicht ohne sie
äußerlich zu bekennen aus innerer Notwendigkeit nach den Grundsätzen der
Mutterkirche handeln werde
    Nun war sie da diese Stunde Und wie Eleonore in dem Königsschlosse die im
Glanze der Diamanten strahlende Grafenkrone in dem blonden Haare an der Seite
der Herzogin durch die Reihen der sie bewundernden Männer und Frauen hinschritt
erschien der Widerspruch zwischen ihrer Erscheinung und ihrem Empfinden ihr so
groß dünkte ihre Lage ihr so einzig dass sie darin eine Auszeichnung des
Himmels dass sie eines jener besonderen Geschicke darin zu erblicken glaubte
wie Gott sie nur seinen Auserwählten nur denjenigen großen Seelen sendet die
er durch besondere Prüfungen zu einer besonderen Gnade heranreifen zu lassen
beschlossen hat Der Stolz des Unglücks bemächtigte sich ihrer Sie fand einen
Genuss in dem Gedanken um des Geliebten willen großes Leid zu tragen so dass sie
endlich mit einer Art von Wollust dem Augenblicke entgegenharrte der ihr das
Opfer für den Mann ihrer Liebe die Entscheidung über ihre ganze Zukunft
auferlegen sollte  Und er ließ nicht auf sich warten
    Der König befand sich seit einigen Tagen ganz vortrefflich Auf seinen Stock
gestützt ging er in der großen Pause des Balles langsam durch die Säle Das
schöne Wetter machte ihn heiter Der Blick aus den hohen Bogenfenstern des
Tanzsaales über den schönen Tuileriengarten weit hinaus bis in die elysäischen
Felder tat ihm wohl Paris war doch unendlich schöner als das enge
weitentlegene Mitau als das melancholische Schloss von Edinburg Und es umgaben
ihn wohin er heute blickte so viel Liebe so viel Verehrung und Bewunderung
Das Schicksal war ihm eine Vergeltung schuldig gewesen aber es gewährte sie ihm
auch Er war sehr zufrieden heute sehr wohl aufgelegt Alle Welt hatte sich
heute des Besten von ihm zu rühmen die Uniformenträger wie die Männer in
geistlicher Tracht deren sich eine große Anzahl in den Reihen der Gäste
vorfand Alt und Jung ward freundlich von dem Könige beachtet und mit
huldvollster Miene trat er an die Herzogin heran an deren Seite ihre Nichte
stand
    Wissen Sie meine schöne Gräfin sprach er dass ich Ihnen zürne ernstlich
zürne
    Eleonore verneigte sich tief und ahnend was ihr jetzt bevorstand nahm sie
sich fest zusammen und sagte lächelnd während alles Blut aus ihren Wangen
schwand dass sie sich nicht bewusst sei durch irgend etwas den Zorn der Majestät
verschuldet zu haben
    Dass Sie es nicht wissen ist ein Verbrechen mehr scherzte der König denn
es leiht Ihrer Schönheit die Ihr Verbrechen ist nur einen höheren Reiz Sie
verderben uns den Charakter Sie lehren uns den Neid und es ist Zeit dass man
Sie aus unserer Nähe dass man Sie für eine Weile von dem Hofe entfernt
    Die Umstehenden zeigten sich entzückt von so viel Gnade von so viel
anmutvollem Scherze Der König für solche Anerkennung immer sehr empfänglich
wendete sich so leicht als seine Schwerfälligkeit es ihm gestattete zu seinem
ersten Kammerherrn dem Prinzen Polydor
    Mein Prinz sprach er Sie wünschten ja schon lange Sich für einige Wochen
auf Ihre Güter zurückzuziehen Der König ergriff Eleonorens Hand Zur Rettung
unserer armen Seele nehmen Sie die Gräfin Haughton mit Sich Unsere besten
Wünsche und der Segen der Frau Herzogin begleiten Sie Im Frühjahre sprechen wir
dann selber bei der schönen Fürstin vor
    Gnädiger geistreicher hatte man Seine Majestät noch nie gefunden besser
hatte er sich nie gefallen Aber in dem Momente in welchem der König Eleonorens
Hand ergriff um sie in die des Prinzen zu legen fiel ihr Auge auf die
Herzogin und der Ausdruck des Triumphes den sie in ihren Mienen las
verwandelte das Herz der Gräfin Sie konnte sich zum Opfer bringen  der
Herzogin diesen Triumph zu bereiten das vermochte sie nicht das wollte sie
nicht Und von ihrem Hasse zu rascher Entschlossenheit getrieben sprach sie
indem sie ihre Hand leise aus der des Königs zog Ich vermag Eurer Majestät
nicht zu gehorchen denn ich bin nicht frei
    Des Königs Brauen zogen sich zusammen es entstand eine Art von Erstarrung
in den Mienen Aller die vernehmen und sehen könnten was geschah Die Herzogin
musste sich auf den Arm der Dame stützen die ihr die nächste war
    Sie sind nicht frei wiederholte der König und sein strenger Blick traf wie
die Gräfin so die Herzogin Sie sind nicht frei
    Ich habe mich gestern dem Freiherrn von Arten zugesagt erklärte Eleonore
rasch entschlossen wennschon mit bebender Stimme während die Röte der Scham
ihr Antlitz übergoss als sie diese Unwahrheit behauptete
    So gehen Sie Ihr Glück in Stille und Einsamkeit genießen aber gehen Sie
und noch heute  die Frau Herzogin wird Sie begleiten herrschte der König Und
sich von ihr wendend ging er nach einer anderen Seite des Kreises hinüber
    Ein panischer Schrecken durchzuckte den Hof Seit Könige in den Tuilerien
wohnten war ein solcher Vorgang nicht erhört worden Nur eine Engländerin nur
ein Mädchen das in so schrankenloser Freiheit auferzogen worden war konnte
eine solche Unwürdigkeit begehen sich solchen Verkennens der Allerhöchsten
Gnade solcher wahrhaften Majestätsbeleidigung schuldig machen Man trat soweit
die Sitte dies erlaubte nahe zusammen es entstand eine Leere neben der Gräfin
und der Herzogin die sich in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler
lehnte Niemand kam ihr zu Hilfe Hatte doch ihre Zudringlichkeit den gnädigen
Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt Welch eine andere Frau
hätte ihre Enkelin so schlecht erzogen so schlecht bewahrt Die Ungnade der
Herzogin war vollauf verdient man konnte man durfte sie nicht beklagen und
wie man sie verdammte und fallen ließ bewunderte man den Prinzen Polydor und
seinen Vater die sobald der Dienst sie freiliess den beiden Verbannten ihren
Arm und ihre Begleitung boten um sie durch die Vorsäle in das Vorgemach zu
führen in welchem die Diener sie erwarteten
    Vom Hofe verbannt  das hieß vernichtet für die Herzogin
    In ihren letzten und höchsten Hoffnungen betrogen starr vor Schrecken dass
die Sprache sich ihr versagte war die Herzogin in ihrem Palaste angelangt
Keiner von ihren Leuten wusste was geschehen war die Bestürzung brachte das
ganze Haus in Aufruhr Aber noch hatte man die Greisin die in heftiger
Beklemmung nach Atem rang in ihren Zimmern der Hofkleidung nicht entledigt
als Eleonore schon den Freiherrn von Arten zu sich bescheiden ließ
    Unglücklicher Weise war er nicht zu Hause Die gestrige Unterhaltung mit dem
Abbé hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und ihn unzufrieden mit sich
selbst zurückgelassen
    Er konnte es sich nicht wegläugnen dass fast alles was sein geistlicher
Freund über die Gräfin und über deren Tante geäußert hatte richtig war Auch in
dem allgemeinen Urteile welches der Abbé über die Frauen und über die
Bedeutung und den Wert einer wahrhaft weiblichen Natur gefällt hatte stimmte
er mit ihm zusammen Schon während jener noch an seiner Seite ging hatte
Renatus unwillkürlich die beiden Gestalten Eleonore und Hildegard einander
gegenüber gestellt und mit einander verglichen Er hatte das schon oft er hatte
es fast an jedem Tage getan und immer war die Entscheidung zu Eleonorens
Gunsten ausgefallen Nun hatte er mit Einem Male zu bemerken geglaubt dass er
gegen seine Verlobte nicht gerecht gewesen sei dass er ihr lange in seinem
Herzen Unrecht getan habe und wie der Abbé ihm mit so viel Wärme von dem
Glücke gesprochen hatte das einem Manne aus der vollen hingebenden Liebe einer
demütigen in engem Kreise sich beschränkenden Frau erwachse hatte Renatus
sich mit einer Beschämung die jedoch ihr Süßes hatte eingestanden dass ihn
dieses Glück erwarte und dass es nur an ihm liege es sich sobald als er wolle
anzueignen
    Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an seine Verlobte nicht
mehr mit Sehnsucht an die Heimat gedacht Als er aber am verwichenen Abende in
seine Wohnung zurückgekehrt war hatte er seit langer Zeit zum ersten Male
wieder Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behälter hervorgenommen in dem er
sie bewahrte Die schöne rötlich blonde Locke welche sie sich in der
Scheidestunde abgeschnitten fiel ihm dabei in die Hand Er hatte sie während
der ganzen Feldzüge auf der Brust getragen erst in Paris hatte er sie von sich
abgelegt
    Nun hielt er sie gegen das Licht sie glänzte hell wie Gold Er ließ sie
durch die Finger gleiten strich sanft mit der Hand darüber hin das Haar war
seidenweich und zärtlich als habe er die Geliebte selber neben sich drückte
er die Locke an die Lippen
    Er war gerührt und fühlte sich schuldig Einen nach dem andern las er die
Briefe durch welche er im Laufe der letzten Jahre von Hildegard erhalten hatte
aber je mehr er sich in sie vertiefte je weniger war er mit sich zufrieden Er
konnte es nicht begreifen wie er diese lieben Briefe so gänzlich missverstehen
können wie er diesen armen guten Briefen so schweres Unrecht habe tun mögen
Die Liebe hatte seine Braut seherisch gemacht und er war blind gewesen
verblendet über sie und über sich
    Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen Sorgen Hatte sie
nicht Recht gehabt mit ihrer Ahnung dass eine Andere ihr die Liebe ihres
Bräutigams entziehe dass er sich nicht mehr nach ihr sehne dass er sie zu
vergessen nahe sei  Und was konnte sie dafür dass die Zustände in Richten
nicht erfreulich waren dass sie ihm von den Schwierigkeiten sprechen musste von
denen sie sich umgeben sah  Arme arme Hildegard rief er aus und er kam sich
treulos und pflichtvergessen gegenüber ihrem treuen Herzen vor
    Er nannte es ein wahres Glück dass er eben heute dem Abbé das Geleit
gegeben dass ihre Unterhaltung eben diese Wendung genommen hatte Es wäre ihm
unmöglich gewesen die Ruhe zu suchen ohne an Hildegard geschrieben zu haben
und einmal auf den Weg der Bekenntnisse geraten fand er eine Lust darin sein
Gewissen zu befreien indem er seiner Verlobten die Gefahr in der er sich
befunden hatte wie die Versuchung der er ausgesetzt gewesen sei mit den
warmen Farben darstellte welche der Gedanke an Eleonorens mächtige und
zauberische Reize in seiner Phantasie hervorrief
    Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Rinaldo in Armidens Zaubergärten
er schilderte Hildegarden die Gräfin in aller ihrer Schönheit um der Entfernten
klar zu machen dass er keiner gewöhnlichen Erscheinung gegenüber gestanden und
um ihr zu beweisen dass nur eine so starke und treue Liebe wie die seinige einer
solchen Zauberin zu widerstehen vermocht habe Und wie er am Abende mit innerer
Beschämung seinen Brief begonnen hatte war er sehr wohl mit sich zufrieden als
er ihn am andern Morgen durchlas und beendigte
    Die Jahre welche er fern von der Heimat und von seiner Braut verlebt
hatte dünkten ihn unbegreiflich lange Er warf es sich vor dass er nicht eher
an seine Heimkehr gedacht dass er die immer wiederholten Mahnungen seiner Braut
die auf das genaueste mit den Vorstellungen Pauls zusammentrafen bisher
unbeachtet gelassen habe Er versprach am Schluße seines Briefes dass er noch
selbigen Tages die nötigen Schritte tun wolle um sich einen längeren Urlaub
zu erwirken verhieß seiner Braut dass ihre Verbindung nun nicht weiter
hinausgeschoben werden sollte und dass sie dann gemeinsam überlegen würden ob
sie mit ihm nach der Weltstadt an der Seine zurückkehren oder ob er darauf
antragen solle in eines der in der Heimat stehenden Regimenter versetzt zu
werden Es fiel ihm dabei gar nicht auf dass er der Möglichkeit in Richten auf
seinen Besitzungen zu leben nicht gedachte obschon alle seine und seiner
Verlobten Plane früher eben darauf berechnet gewesen waren
    Da er um Mittag zur Parade gehen musste nahm er den Brief an Hildegard mit
sich um nachzufragen ob er nicht auf der Gesandtschaft eine Gelegenheit fände
ihn schneller als durch die damals noch sehr langsam gehenden Posten zu
befördern und als ihm dies gelungen war sprach er noch in dem Kollegium vor
weil er den Abbé zu sehen und ihm zu sagen wünschte wie wohltätig und
befreiend seine gestrigen Erklärungen auf ihn gewirkt hätten Aber als er sich
nach demselben erkundigte erhielt er den Bescheid dass der Herr Abbé vor zwei
Stunden mit einem der anderen Herren aus dem Kollegium abgereist sei Auf die
Frage wohin er gegangen wäre ob man die Zeit seiner Wiederkehr bestimmen
könne wusste der Diensttuende keinen Bescheid zu geben und Renatus ließ also
nur seine Karte mit einem Gruße und ein paar Dankesworten für den Abbé zurück
welche diesem verständlich sein konnten ohne einem Dritten irgend etwas
Ungewöhnliches zu sagen
    An Hildegard denkend und dabei immer wieder auf Eleonore zurückgeführt
tadelte er sich endlich dass er sich nicht offener und freier gegen dieselbe
gestellt habe Alles was der Abbé von ihr behauptet das gab Renatus auch jetzt
noch zu hatte mehr oder weniger seine Richtigkeit aber darin schien der Abbé
ihm Unrecht zu tun dass er der Gräfin ihre eigentliche Wesenheit zum Vorwurfe
machte dass er nicht anerkannte wie eine solche Natur sich auf ihre Weise mit
der Welt und mit dem Leben abzufinden habe Es ist sein Stand es ist seine
Ehelosigkeit sagte sich Renatus die unseren Abbé so streng machen und es
gefiel ihm dass er sich eines nachsichtigeren Urteils über die Gräfin bewusst
war Wenn eine Frau wie diese mehr für die Freundschaft als für die Liebe
geschaffen schien so hatte man nach des jungen Freiherrn Ansicht diese
Eigenschaften die sie besaß zu schätzen hatte man anzunehmen was sie zu
bieten gewillt war ihr zu leisten was sie begehrte und der Abbé am wenigsten
durfte sich über Eleonore wie sie nun einmal war beschweren
    Renatus war sich nie so ehrlich wie eben jetzt des gewaltigen Eindruckes
bewusst gewesen den Eleonore auf ihn gemacht hatte Er gestand es sich jetzt
offen ein dass es hauptsächlich sie gewesen sei die ihn an Paris gefesselt und
ihm den Gedanken an seine Heimat und an seine Braut beängstigend gemacht habe
Nun er aber zur Besinnung und zu sich und den eigentlichen Bedingungen seines
Daseins zurückgekehrt war meinte er es eben einer Eleonore auch schuldig zu
sein ihr frei und unumwunden seine Freundschaft anzutragen Er wollte ihr
Vertrauen gewinnen indem er ihr das seinige voll und ganz gewährte Sie sollte
wissen wie nahe er daran gewesen war um ihretwillen sich und seinen Pflichten
ja seiner Ehre untreu zu werden und da seit gestern auf dem Boden seiner neu
gefassten guten Vorsätze das Bild seiner Braut wieder lebendig in ihm emporstieg
so dass es sich ihm in dem Schimmer der Sehnsucht und der Erinnerung immer mehr
verklärte so tauchte gleichzeitig auch das Verlangen in ihm empor die beiden
Jungfrauen welche ihm als die Ideale ihres Geschlechtes als die beiden
weiblichen Wesen erschienen waren denen er sich in Liebe und Freundschaft
hinzugeben wünschte einander nahe zu bringen und wo möglich durch seine
Vermittlung zu verbinden
 
                              Dreizehntes Kapitel
Voll von den angenehmsten Vorstellungen überzeugt dass Eleonore und Hildegard
wenn sie Freundinnen werden könnten die segensreichste Wirkung auf einander
üben müssten und entschlossen gleich heute wenn Eleonore von dem Balle
heimgekehrt sein würde eine Unterredung mit ihr zu suchen langte Renatus in
dem Palaste der Herzogin an und das Erste womit der Türsteher ihn empfing
war die Botschaft dass die Gräfin ihn zu sprechen wünsche Das überraschte ihn
denn er hatte die Damen noch auf dem Feste vermutet Man sagte ihm dass die
Herzogin sich nicht wohl gefühlt und deshalb den Ball verlassen habe und von
dieser Kunde wie von dem Wunsche der Gräfin angetrieben eilte er die Treppe
hinauf und ließ sich bei derselben melden
    Er fand Eleonore allein in ihrem Zimmer Sie hatte ein loses weites
Morgengewand angelegt ihr Haar von dem man die Krone und die Blumen abgenommen
hatte war noch nicht völlig wieder geordnet Sie sah in hohem Grade erregt aus
und Renatus der dies mit dem Erkranken der Herzogin in Verbindung brachte
fragte in lebhafter Teilnahme Wie geht es der Herzogin wie befindet sie sich
    Gut gut entgegnete Eleonore in einer Weise die den Freiherrn erschreckte
denn es lag etwas völlig Verstörtes in der Hast und in dem Tone in denen sie zu
ihm sprach  gut aber davon ist nicht die Rede  und vor Renatus hintretend
indem sie beide Hände fest gegen ihre Brust presste sagte sie während ihre
Wangen glühten und ihre Augen funkelten Herr von Arten ich befinde mich in
einer Lage in der sich wohl nicht leicht eine Frau wie ich vor mir befunden
hat Meine Ehre meine ganze Zukunft stehen auf dem Spiele  ich bin verloren
wenn Sie mich nicht erretten
    Renatus traute seinen Sinnen nicht Die Angst der Gräfin erfasste auch ihn
Er glaubte sie von Wahnsinn ergriffen wie er sie also vor sich sah und das
Entsetzen darüber drohte auch ihn zu verwirren Reden Sie reden Sie Was ist
geschehen Gräfin rief er beklommen aus  was kann was soll ich tun
    Sie müssen mich heiraten stieß Eleonore hervor und sie erbleichte als
sie das Erschrecken des Freiherrn sah
    Die Überzeugung dass er eine Geisteskranke vor sich habe stand in dem
Augenblicke in Renatus fest Er wusste nicht was er sagen was er denken sollte
und unwillkürlich darauf bedacht sich der Unseligen zu bemächtigen ergriff er
ihre Hände und sprach so ruhig als er es vermochte Setzen Sie Sich teure
Gräfin Sie sind sehr erschüttert  setzen Sie Sich nur dann
    Eleonore lachte hell auf Sie halten mich für wahnsinnig und in der Tat
es ist danach angetan mich wahnsinnig zu machen  aber noch habe ich meinen
Verstand noch bin ich ich selbst noch habe ich den festen Glauben dass Ihre
Freundschaft mein Erretter sein wird dass Sie mich nicht zur Lügnerin werden
lassen  und auf meinen Knieen will ichs Ihnen danken
    Der Vorgang wie der Zustand der Gräfin wurden Renatus immer rätselhafter
und gemartert wie er sie gemartert sah rief er Sprechen Sie oh sprechen
Sie damit ich nur erfahre was geschehen ist
    Eleonore hatte ihre Hände frei gemacht und strich mit hastiger Bewegung ihr
Haar zurück das aufgegangen und ihr weit um Stirn und Leib herabgefallen war
    Sie kennen hob sie mit gewaltsamer Selbstbeherrschung zu sprechen an Sie
kennen die Absicht meiner Tante mich mit ihrem Sohne dem Prinzen Polydor zu
verbinden Sie wissen dass ich die Herzogin und ihren
herrschsüchtigheuchlerischen Charakter verabscheue dass ich um keinen Preis die
Bande noch zu verstärken wünschen kann die mich ihr verbinden und Sie wissen
auch dass es mich nicht gelüstet die Gattin des Prinzen eines Mannes zu
werden der mein Vater sein könnte und dessen Ruf als Muster eines Edelmannes
sich zum Teil auf eine Reihe von Abenteuern gründet die ihn mir verächtlich
machen
    Sie hielt inne ihre Aufregung versetzte ihr den Atem Ich habe die
persönlichen Bewerbungen des Prinzen die Vorstellungen meiner Tante nie
beachtet und ich war berechtigt dies zu tun denn ich bin volljährig und Herr
meiner Person und meines Besitzes Aber was man auf geradem Wege von mir nicht
zu erringen vermochte das hoffte man mit List mir abzugewinnen  Und wieder
hielt die Gräfin inne Dann sagte sie Heute auf dem Balle trat der König an
mich heran Man hatte ihn ich wusste es dazu zu überreden vermocht dem Prinzen
meine Hand zuzusagen als ob derselbe ein Anrecht an mich besäße oder als ob
ich eine der Untertaninnen eine Sklavin dieses Königs wäre die ihm blindlings
zu gehorchen hat Mit einem sehr gnädigen Scherze legte der König meine Hand in
die des Prinzen gab er dem Prinzen Urlaub sich mit mir auf seine Güter
zurückzuziehen und 
    Und fragte Renatus und was dann
    Ich war außer mir nahm Eleonore mit wiederkehrender Heftigkeit das Wort
Aller Augen waren auf mich gerichtet Ich sah das mir verhasste Lächeln auf des
Prinzen Lippen ich sah die Zufriedenheit in den Augen der Herzogin Ich sollte
ihre Zufriedenheit mit dem Unglücke meines ganzen Lebens erkaufen  das ging
über meine Kräfte Ich zog meine Hand zurück ich sagte ich bin nicht frei 
Ich weiß nicht warum die Empörung mich keinen andern Ausweg finden ließ wie
das Erschrecken mich vergessen machen konnte dass Niemand ein Recht hat über
mich zu bestimmen als ich selbst Und als der König dann zu wissen forderte
was mich binde da  da  nannte ich Sie
    Sie brach plötzlich ab und schöpfte Atem als sei es ihr leichter nun sie
das Wort gesprochen hatte
    Renatus trat von ihr zurück Mich fragte er Sie nannten mich
    Seine Betroffenheit konnte ihr nicht entgehen ihr alter Stolz entzündete
sich an derselben Mich dünkt sagte sie es ist keine Unehre für Sie wenn ich
vor dem Könige und dem ganzen versammelten Hofe Sie Herr von Arten als den
Mann bezeichnete dem ich meine Zukunft anvertrauen will und den ich mir
erwählte 
    Völlig vergessend wie sie es als ein nicht zu verzeihendes Unrecht
anerkannt hatte dass man ohne ihre Zustimmung über sie hatte entscheiden wollen
hatte sie in Bezug auf den Freiherrn das Nämliche getan und ihre Worte machten
das Übel ärger Renatus war einen Augenblick ohne jede Fassung Es war ihm als
würde er auf einem Rade wild umher getrieben dass er nicht wusste was er
erlebte was er dachte Das schönste Weib welches seine Augen je gesehen eine
Frau um deren Gunst die ausgezeichnetsten Männer sich bis jetzt vergebens
beworben hatten trug sich ihm an Er brauchte nur Ein Wort zu sprechen und er
nannte Eleonoren mit ihrem ganzen fürstlichen Besitze sein Indes sein
Mannesgefühl lehnte sich gegen ihre Gewaltsamkeit auf Er konnte es ihr nicht
vergeben dass sie ihn vor dem Könige und vor dem Hofe in eine Angelegenheit
verwickelt hatte in der er sie blosszustellen oder sich einer übelwilligen
Beurteilung Preis zu geben gezwungen war und wie unheilvoll ihre Lage wie
beklagenswert sie ihn auch dünkte konnte er doch nichts tun sie aus dem
Wirrsale zu befreien in das ihre vorschnelle Entschlossenheit sie gestürzt
hatte So verging eine ganze Zeit Immer noch stand er sprachlos vor ihr aber
jede Sekunde längeren Schweigens änderte sein Empfinden und seine Gedanken Was
ihn zuerst als eine Gewalttätigkeit bedünkt gegen die er sich zu wahren hatte
erschien ihm bald darauf als ein Zeichen des Vertrauens auf das er stolz sein
müsse und dem von seiner Seite bisher nicht entsprochen zu haben er sich bitter
vorwarf Wie hatte die Gräfin ahnen können dass er gebunden war Wie anders
würde diese Stunde für ihn geschlagen haben wäre er frei gewesen hätte er
Eleonoren zu Füßen sinken und ihr danken dürfen dass sie ihm vertraute Eben
erst hatte er ihr zürnen zu müssen geglaubt nun sagte er sich dass sie Grund
habe ihm zu zürnen und wie er in ihr schönes bleiches Antlitz sah dessen
mächtige Augen mit angstvoller Frage an ihm hingen da hielt er sich nicht
länger und von einem Schmerze überwältigt den er sich nicht zu erklären wagte
rief er Eleonore Sie und mich habe ich betrogen und elend gemacht Aber ich
bin elender als Sie  denn ich verliere Sie und Sie werden mich verachten
    Ihre Arme sanken schlaff herab Sie sind vermählt sprach sie klanglos
    Er schüttelte verneinend das Haupt Nein nein rief er aber ich habe mich
seit Jahren meiner Jugendgespielin der Gräfin Rhoden anverlobt
    Ihr Blick blieb lange auf ihm haften als wolle sie zu verstehen suchen wie
eben er sie habe täuschen können Gebrochen wie sie sich fühlte fühlte auch
Renatus sich Sie schwiegen beide bis Eleonore endlich fast tonlos die Frage
hinwarf Ich habe Sie seit zwei Jahren meinen Freund genannt  was bewog Sie
mir Ihre Verlobung zu verschweigen
    Es lag etwas Furchtbares in der Ruhe mit welcher sie zu ihm redete Er
hörte es an ihrem Tone er las es in ihren Mienen dass sie mit ihrem ganzen
Schicksal abgeschlossen habe dass sie nur noch zu verstehen trachte wie Alles
eben so gekommen sei und weil er sich ihre offenbare Verzweiflung nicht anders
zu erklären wusste drängte sich ihm der Glaube auf Eleonore liebe ihn um
seinetwillen habe sie die Hand des Prinzen ausgeschlagen und sein Geständnis
sei es das sie also beuge Das überwältigte ihn und als zerrisse ein Schleier
vor seinen Augen als sähe er sich zum ersten Male im vollen Lichte der
Wahrheit so dass es ihn zwinge auch völlig wahr gegen sich und Andere zu sein
flehte er Hören Sie mich Eleonore Sie sollen Alles wissen  alles alles was
ich mir selber nicht einzugestehen wagte Ja ich bin verlobt  aber diese
Verlobung war eine Übereilung war ein Irrtum den ich oft bereute Ich war
kaum aus dem Vaterhause kaum aus der Aufsicht meines Erziehers gekommen ich
kannte die Welt mich selbst noch nicht Je älter ich wurde je länger ich von
meiner Braut entfernt war je mehr erblasste ihr Bild in meiner Erinnerung und
seit ich Sie sah Eleonore seit ich Sie kennen lernte  Er brach plötzlich
ab überwand sich aber und sagte nach kurzem Schweigen Meine Braut ahnte
fühlte dass ich für sie erkaltet war ihre Briefe peinigten mich ich suchte sie
zu vergessen um nicht in dem Glücke gestört zu werden das ich in Ihrer Nähe
fand und das wie ich meinte nicht lange dauern konnte Ihnen der
Selbstgewissen hätte ich es am wenigsten gestehen mögen dass ich leichtsinnig
über mein Leben entschieden hatte Ich schämte mich vor Ihnen meiner
Unbesonnenheit so oft ich Ihnen davon sprechen wollte ja selbst wenn je
zuweilen der Gedanke in mir rege wurde jenes Band zu lösen und an Ihr Urteil
mich zu wenden ob ich es lösen dürfe sagte ich mir dass Sie den Mann nicht
achten könnten der erst von Ihnen sich sagen lassen müsse ob er verpflichtet
sei das Wort zu halten mit welchem er eines edlen Mädchens Leben an sich
gekettet mit dem er ihm seine Zukunft verpfändet habe
    Eleonore setzte sich nieder und stützte ihre Stirn gegen die
zusammengeballte Hand Renatus stand vor ihr und sah mit unbeschreiblichem
Schmerze auf sie nieder Da sie sich nicht regte fing er noch einmal zu
sprechen an Er schilderte ihr wie eine zufällige Unterhaltung die er gestern
mit dem Abbé gehabt und in welcher dieser das Glück der Ehe und der Häuslichkeit
gepriesen ihm das Herz erweicht wie er seit langer Zeit zum ersten Male
wirklich wieder mit Neigung an seine Braut gedacht wie er ihr dies heute
geschrieben ihr die Empfindung eingestanden habe die er für Eleonore gehegt
wie er seiner Verlobten eben heute zugesagt seine Heimkehr nicht länger zu
verzögern seine Verheiratung mit ihr nicht weiter hinauszuschieben
    Mit Einem Male fiel Eleonore ihm in das Wort Und der Abbé fragte sie in
höchster Spannung  und der Abbé wusste er dass Sie gebunden sind
    Es wusste hier Niemand darum und auch in meiner Heimat ist meine Verlobung
nicht öffentlich ausgesprochen denn ich war sie ehe ich ins Feld zog ohne
dass mein Vater darum wusste eingegangen
    Eleonore hatte nur die ersten Worte seiner Entgegnung beobachtet Es war das
Einzige was sie wissen musste was für sie noch wichtig war Als sie das
vernommen hatte versank sie wieder in ihr früheres Brüten Die Stille konnte
Renatus nicht ertragen
    Er trat an sie heran ergriff ihre herabhängende Rechte und vor ihr
niederknieend bat er Sprechen Sie zu mir Eleonore Sagen Sie mir was soll
ich tun
    Müssen Sie mich das erst fragen entgegnete sie ihm
    Er hatte keine andere Antwort von ihr erwartet aber es gibt Lebenslagen in
denen man es leichter findet sein Urteil von einem Andern als von dem eigenen
Bewusstsein sprechen zu lassen und die seinige war eine solche Es war
vergebens dass er sich sagte wie ein geteiltes Herz wie die Hand eines
Mannes die er einem Weibe widerstrebend reiche dieses nicht glücklich machen
könnten Er hatte sein Wort verpfändet er war ein Edelmann und hatte dieses
Wort zu halten was auch daraus für ihn selber werden und entstehen konnte Es
hatte kein Arten je sein Wort gebrochen
    Er erhob sich und trat an das Fenster Den Kopf gegen die kalten Scheiben
gepresst ließ er seinen schmerzlichen Gedanken freien Lauf Er grollte sich er
grollte Hildegard er grollte der Welt und dem Leben So blieb er eine Weile
stehen bis Eleonore ihn beim Namen rief Er blickte um sich sie stand an
seiner Seite der Schein der untergehenden Sonne umfloss sie mit seinem matten
Lichte Sie sah sehr ermüdet sehr verändert aus
    Wir haben eine schwere Stunde mit einander durchlebt sagte sie und deshalb
werden wir einander nicht vergessen Ich habe Sie um Vergebung zu bitten für
mein Tun ich hatte kein Recht keinen Anspruch an Sie es war ein Wahnsinn
der mich erfasst hatte als ich über Sie verfügte  und ich allein werde die
übelen Folgen davon tragen Wohl Ihnen dass Sie gebunden sind dass Sie Sich nicht
verpflichtet glauben können meine Vermessenheit mit dem Schilde Ihres Namens
Ihrer Ehre zu bedecken
    Eleonore um Gottes willen schweigen Sie demütigen Sie mich nicht flehte
er und die Tränen traten ihm in die Augen
    Nein entgegnete sie Sie sind wenn auch erst in der letzten Stunde wahr
gegen mich gewesen  ich schulde Ihnen das Gleiche Ich liebe Sie nicht habe
Sie nie geliebt und würde Sie nur geheiratet haben um 
    Sie stand auf dem Punkte ihm die volle Wahrheit zu bekennen aber da sie
dieselbe aussprechen wollte hielten die Scham des Herzens und die Besorgnis
dass sie gegen die Absichten des Geliebten handeln dass sie ihn benachteiligen
könne wenn sie ihr Geheimnis dem Freiherrn verriete sie davon zurück  Ich
hätte Sie nur geheiratet sagte sie mit dem Anscheine der vollen Wahrheit um
einer mir verhassten Ehe zu entgehen Das wäre kein Glück für Sie gewesen
sicherlich kein Glück
    Renatus biss die Lippen zusammen die Qual schien kein Ende nehmen zu sollen
    Und was haben Sie zu tun beschlossen fragte er endlich da die Sonne
herabsank und der frühe Abend anbrach
    Ich verlasse Paris noch diese Nacht  ich bin durch des Königs Wort dazu
genötigt Es lüstet mich auch nicht vor dem Hofe als  als eine Lügnerin da zu
stehen
    Ihre Züge zuckten bei den Worten wie in einem Krampfe sie hatte Not sich
zu behaupten sie konnte nicht gleich weiter sprechen
    Kann ich denn nichts gar nichts für Sie sein nichts für Sie tun fragte
Renatus
    Ja gehen Sie zu dem Abbé sagen Sie ihm dass ich ihn zu sprechen wünsche
gleich jetzt zu sprechen wünsche
    Der Abbé ist verreist wendete Renatus ein
    Nein nein unmöglich rief Eleonore
    Renatus sagte dass er selber in dem Kollegium gewesen sei selber dort den
Bescheid von der Abwesenheit ihres gemeinsamen Freundes erhalten habe
    Eleonore schellte mit leidenschaftlicher Erregung Ist kein Brief für mich
gekommen fragte sie den eintretenden Diener
    Eben jetzt hat man diesen hier gebracht erhielt sie zur Antwort Sie nahm
das Schreiben von dem silbernen Teller auf dem man es ihr überreichte und
eilte damit an das Fenster Es war noch hell genug die wenigen Zeilen lesen zu
können
    »Eine Weisung meiner Vorgesetzten« lauteten sie »zwingt mich für einige
Wochen die Hauptstadt zu verlassen Sie kann mich möglicher Weise zu einer
längeren Entfernung nötigen Welche Entscheidung Sie auch treffen teure
Gräfin denken Sie dass meine sorglichsten Wünsche meine Gebete für Ihre
Erleuchtung und für Ihren Frieden Sie immer und überall begleiten«
    Und er sagt mir nicht wohin er geht rief sie während die lange
zurückgehaltenen Tränen ihr über die Wangen rollten Er sagt mir nicht wohin
er geht wiederholte sie im Tone des bittersten Schmerzes und ohne auf Renatus
noch zu achten verließ sie mit raschem Schritte das Gemach
 
                              Vierzehntes Kapitel
Vierundzwanzig Stunden nach dieser Unterredung waren die großen äußeren Türen
des herzoglichen Palastes die gastlich offen standen wenn die Herrschaft
anwesend war geschlossen Die Dienerschaft zog an den Fenstern welche nach dem
vorderen Hofe gelegen und zum Teil in den oberen Stockwerken von der Straße aus
sichtbar waren die Gardinen zu und ließ die hölzernen Vorhänge herunter In dem
stillen nach dem Garten hinaussehenden Schlafzimmer der Herzogin wachte man an
dem Lager der Greisin deren feste Natur diesem Stosse sich doch nicht gewachsen
gezeigt hatte Der Arzt den man herbeigerufen als die Herzogin vom Hofe
gekommen war hatte ihren Anfall für einen Herzkrampf ihren Zustand bei ihren
hohen Jahren für sehr bedenklich erklärt Es konnte von ihrer Abreise die Rede
nicht sein obschon sie darauf bestand dem Könige auch in dem Befehle den er
ihr im Zorne gegeben hatte pünktlich zu gehorsamen Man musste also auf ihre
Anordnung dem Palais wenigstens das Ansehen geben als habe sie es verlassen
und selbst ihrem alten Freunde und dem Prinzen die gekommen waren nach ihr zu
fragen verweigerte man auf ihren ausdrücklichen Befehl den Zutritt zu ihr Sie
mochte sich in der Ungnade die sie getroffen hatte von Niemandem sehen von
Niemandem beklagen lassen Sie versagte Anfangs sogar Arzenei und Speise zu
nehmen man war übel mit ihr daran
    Eleonore war mit Tagesanbruch abgereist Sie hatte noch an dem verwichenen
Abende einen Pass für sich und ihre Bedienung gefordert und da der englische
Gesandte ein Freund ihrer verstorbenen Mutter von dem Vorgange im Schloss
Zeuge gewesen war hatte er sich selbst noch zu ihr begeben und ihr seine
Dienste angeboten falls sie irgend eines Rates oder Schutzes bedürftig sei Er
hatte sich bei der Gelegenheit die Frage erlaubt ob ihr Verlobter ihr bald nach
England folgen werde ob sie ihn später nach Deutschland zu begleiten gedenke
und gleich unfähig sich der Unwahrheit anzuklagen wie eine Äußerung zu tun
die ein falsches Licht auf Renatus werfen konnte hatte sie dem Gesandten ohne
alle Erläuterung erklärt dass von einer Verbindung zwischen ihr und dem
Freiherrn nicht mehr die Rede sei Das hatte ihre Lage noch verschlimmert und
nicht nur in den Sälen des Faubourg Saint Germain sondern auch in den Kreisen
die dem Hofe nahe standen boten die Ungnade in welche die Herzogin von Duras
gefallen war und die Verweisung der bis dahin so gefeierten Gräfin Haughton in
den nächsten Tagen und Wochen den Gegenstand der Unterhaltung den Stoff für die
abenteuerlichsten Vermutungen dar
    Renatus spielte in denselben bald diese bald jene Rolle Die Einen
behaupteten die Gräfin habe in Bezug auf ihn Entdeckungen gemacht die ihm zur
Unehre gereicht und sie bewogen hätten ihre Verlobung mit ihm zu lösen Andere
wollten wissen dass der Freiherr hinter einen Liebeshandel der Gräfin gekommen
sei dem er habe zum Deckmantel dienen sollen und die Zahl derjenigen welche
diese Meinung aufrecht erhielten wuchs mit jedem Tage Man sprach davon dass
sie seit ihrer Kindheit einen Sohn ihrer Amme dem man eine gewisse Erziehung
gegeben hatte zu ihrem Diener gehabt habe Man erinnerte sich dass derselbe ein
schöner Mensch gewesen sei dass die Gräfin ihn immer mit Auszeichnung behandelt
und ihn auch jetzt wieder mit sich genommen habe obschon eben in diesem
Augenblicke ein älterer Diener eine passendere Begleitung für sie gewesen sein
würde Wenn gegen solche Gerüchte sich auch die Stimme der Personen die
Eleonoren nahe gestanden hatten mit Entschiedenheit und mit Entrüstung
auflehnte so gingen doch manche üble Andeutungen über sie durch die Presse in
die Oeffentlichkeit über und es waren sonderbar genug gerade die frömmsten
Matronen die vornehmen Frauen welche denselben geistlichen Berater mit der
Herzogin hatten von denen jene böswilligen Gerüchte ihren Ausgang hatten und
ihre Bestätigung erhielten
    Der Abbé von Montmerie ward bei diesem Anlasse nur in so fern genannt als
man sich wunderte wie ein Mann von seiner Menschenkenntnis sich über den wahren
Wert und über die Bedeutung eines jungen Frauenzimmers wie die Gräfin so völlig
habe täuschen können Als man des Ereignisses einmal zufällig selbst vor dem
Erzbischof erwähnte meinte derselbe dass gerade der hohe und nur auf das Große
gerichtete Sinn des Abbés das Geringe am leichtesten habe übersehen können und
dass eine so erhabene Seele wie die seinige am wenigsten dazu geneigt gewesen
sei das Unedle in Anderen vorauszusetzen Er beklagte den Abbé wegen dieser
übelen Erfahrung freute sich dass derselbe eben jetzt zufällig von Paris
entfernt sei und dass es ihm also erspart werde ein ohnmächtiger Zuschauer bei
so schmerzlichen Ereignissen in dem ihm eng befreundeten Hause zu werden und
als die Anwesenden dem Herrn Erzbischof in dem günstigen Urteile über den Abbé
von Herzen beistimmten als die Frauen sich samt und sonders mit tugendhafter
Entrüstung gegen Eleonore erhoben forderte das milde Herz des Kirchenfürsten
Nachsicht auch für die Verirrte Er gab es zu bedenken dass die Gräfin in einem
unruhigen Reiseleben erzogen sei und dass ihr die Stütze gefehlt habe welche
jeder Mensch nur in dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn überwachende Gewalt
mit Sicherheit zu finden vermöge Das räumte man ihm willig ein Einem Mädchen
das unter der Aufsicht frommer Nonnen im Kloster erzogen worden einem Mädchen
dem der Rat und die Aufsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite
gestanden hätten solche Abenteuer nicht begegnen können Man entschuldigte
endlich Eleonore mit einem niederdrückenden Mitleid und man begann gleichzeitig
die Herzogin zu tadeln die nur auf weltliche Vorteile für sich und ihre
Freunde bedacht es verabsäumt hatte ihre Nichte auf den Weg des Heils und in
die Arme der Kirche zu führen
    Renatus hatte von all diesen Gerüchten einen empfindlichen Rückschlag zu
erleiden Er sah sich von seinen Bekannten und Umgangsgenossen mit einer mehr
oder weniger verhehlten Neugier betrachtet die Näherstehenden wagten
vorsichtige Fragen um wie sie behaupteten den an sie von allen Ecken und
Enden gestellten Erkundigungen entsprechen zu können und die Verwirrung seines
Gemütes machte ihm die Nadelstiche die ihm fortwährend zu Teil werdenden
kleinen Verletzungen und Kränkungen nur empfindlicher ihn nur ungeduldiger in
ihrer Abwehr Alles was sich bis dahin ganz von selbst für ihn zurecht gelegt
ihn ganz natürlich gedünkt hatte wurde ihm nun plötzlich zu einem Gegenstande
der reifliche Erwägung forderte Es war zu bedenken ob er in dem Palais der
Herzogin bleiben könne bleiben solle zu bedenken ob es geratener sei Paris
zu verlassen die Gesellschaft zu meiden und dem Übelwollen das Feld zu räumen
oder sich zu behaupten und zu versuchen in wie weit es möglich sei auch
Eleonoren dabei nützlich zu werden Und bei dem allem lag ihm die Besorgnis dass
man seine Ehre antaste ohne dass er das Geringste tun könne dies zu hindern
schwer auf der Seele
    Hier und da stieß er auf Fragen auf Andeutungen die sein Blut zum Sieden
brachten mehrmals stand er auf dem Punkte die vorsichtig Zudringlichen wie es
sich nach seinen edelmännischen und militärischen Begriffen gebührte zu
blutiger Rechenschaft zu ziehen aber die Besonnenen unter seinen Genossen und
Kameraden wussten die Zerwürfnisse beizulegen und ihn zu beschwichtigen indem
man ihn daran mahnte dass der Ruf der Gräfin durch jedes neue Aufsehen neuen
Gefahren ausgesetzt sei und dass in dem Verhältnisse in welchem die preußischen
Truppen sich in Paris befänden für den Chef derselben nichts ungelegener kommen
könne als ein Duell unter seinen Offizieren oder gar das Duell eines seiner
Offiziere mit einem zum Hofe gehörenden Franzosen
    Trotz ihrer Krankheit verlangte die Herzogin es auch ganz ausdrücklich dass
ihr junger Gast unter ihrem Dache bleiben solle Sie ließ es ihn durch den Arzt
wissen dass es ihr beruhigend sei einen ihr befreundeten Menschen in ihrer Nähe
zu haben für den die Ungunst ihres Königs kein Grund sein könne sich von ihr
zurückzuziehen und dem sie keinen Nachteil zuzufügen fürchten müsse wenn er
sich ihr anhänglich erweise Mit zitternder Hand schrieb sie ihm an einem der
folgenden Tage dass sie ihn noch zu sehen hoffe ehe sie vom Dasein scheide und
da die Freude an der schönen Form in ihr nur mit dem Leben selbst erlöschen
konnte fügte sie den zwei Zeilen am Schluße die Wendung zu da sein Vater ihr
in Leid und Sorge seine Hand gereicht so habe der Himmel wohl die Hand des
Sohnes auserwählt ihr die müden Augen zuzuschliessen
    Renatus blieb also in ihrem Hause Von Seiten seiner Freunde und
Vorgesetzten sah man dies gern Es ließ ihn schuldlos an dem Geschehenen
erscheinen und er selber war zu reinen Sinnes um es der Herzogin zuzutrauen
dass sie ihn gerade deshalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore bei sich
festzuhalten suchte
    Wenige Tage nach der Abreise der Gräfin als Renatus sich eines Abends zu
Hause und einsam in seinem Zimmer befand ward der Abbé ihm angemeldet
    Er sagte dass er eben erst angekommen sei dass er eben erst mit höchster
Bestürzung das Geschehene erfahren habe Mit mehr Lebhaftigkeit als er seinem
Ausdrucke sonst zu geben pflegte beklagte er es dass er nicht im Stande gewesen
sei dem Rufe der Gräfin zu folgen Er beurteilte sie weit weniger streng als
in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn versicherte dass er ihr gleich
heute schreiben werde und billigte es durchaus dass Renatus in der Nähe der
Herzogin geblieben sei Dann ließ er sich bei dieser anmelden und wurde von ihr
trotz der späten Abendstunde angenommen
    Von dem Tage ab kehrte er regelmäßig am Morgen und am Abende wieder und der
Arzt tat keinen Einspruch dagegen Das Übel der Kranken stellte sich als ein
unheilbares heraus und machte raschen Fortschritt Man gönnte ihr also jede
Erquickung und Zerstreuung deren sie begehrte Der Abbé kam und ging Er hatte
es vor Niemandem Hehl dass er an einer Aussöhnung der Herzogin mit ihrer Nichte
arbeite er hatte sogar verschiedene Zusammenkünfte mit dem alten Fürsten von
Chimay den er in das Interesse zu ziehen suchte So lange man auf die
Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet hatte war es zwischen
den Beteiligten als selbstverständlich angesehen worden dass Eleonore die Erbin
der Herzogin wurde und dass auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besitze des
Vermögens gelangte welches die Herzogin ihm zuzuwenden wünschte Jetzt wollte
sie ihrer Nichte natürlich diese Vorteile entziehen und der Fürst seinerseits
wünschte sie zur Abfassung eines Testamentes zu Gunsten seines Sohnes zu
veranlassen aber wider sein Erwarten stieß er auf ein Widerstreben bei der
Herzogin
    Ihr Beichtvater welcher auf den Wunsch ihres alten Freundes mit ihr zuerst
von dieser Angelegenheit gesprochen hatte eben dadurch ihr Misstrauen erregt
und es hatte kaum einer Mühe für den Abbé bedurft um die Herzogin zur
Mitteilung ihrer Sorgen und Bedenken zu veranlassen Sie nannte es eine
unbegreifliche Härte dass man von ihr mit der Erbeinsetzung des Prinzen Polydor
ein Zugeständnis fordere welches sie zu machen durch ihr ganzes Leben
vorsichtig vermieden habe
    Da mir das Loos gefallen ist mit meines Königs Ungnade belastet von der
Welt zu scheiden sagte sie wäre es ein Verbrechen gegen mich selbst wenn ich
meine Hand in meinen letzten Stunden noch selbstmörderisch an meinen Ruf und an
meine Ehre legen sollte  Und der Abbé bestärkte sie in dieser Ansicht
    Er behauptete gegen den alten Fürsten wie gegen den Prinzen Polydor in
deren engstes Vertrauen er sich auf diese Weise plötzlich gezogen fand dass man
die Empfindungen der Sterbenden zu ehren und zu schonen habe und als des Hin
und Herredens und des Verhandelns kein Ende werden wollte tat er endlich einen
Vorschlag auf den Niemand zuvor verfallen war
    Er schilderte dem Prinzen die üble Lage in welche die Gräfin sich versetzt
hatte spielte darauf an dass in dem Wappen der Fürsten von Chimay sich ein
gefesseltes Weib befinde weil der erste Chimay seinen Adel durch eine an einer
Jungfrau geübte großmütige Tat errungen habe und er riet dem Prinzen dem
Beispiele seines Ahnherrn Folge zu leisten
    Glück und Unglück haben verschiedene Massstäbe erzeugen verschiedene
Ansichten sagte er Was man in der Fülle des Glückes in voller freier
Sicherheit zurückweist das ersehnt man in der Stunde der Gefahr Er behauptete
zu wissen dass nicht wirkliche Abneigung gegen den Prinzen sondern nur die
eigensinnige Auflehnung der Gräfin gegen das was sie als eine List der Herzogin
bezeichnete den ganzen beklagenswerten Vorfall veranlasst habe Er sprach den
Glauben aus dass es eben jetzt in der Macht des Prinzen stehe von der
Dankbarkeit und Achtung der Gräfin zu erlangen was seine Liebe bisher vergebens
von ihr erbeten hatte Er schlug dem Prinzen vor sich schriftlich gegen die
Herzogin zu Eleonorens Gunsten auszusprechen ihr zu erklären wie er an dem
Charakteradel und der hohen Sinnesreinheit Eleonorens keinen Zweifel hege und
wie er es beklage wenn seine liebende Ungeduld vielleicht mit dazu beigetragen
haben sollte die unheilvolle Vermittlung Seiner Majestät heraufzubeschwören
Schließlich aber gab der Abbé den beiden Fürsten zu bedenken dass es eine große
eine schöne Handlung sei wenn ein Mann mit dem Schilde seiner unbefleckten Ehre
sich eines Mädchens wie die Gräfin annehme und wie es völlig unmöglich sei dass
ein solches Mädchen der Großmut des sie beschützenden Mannes dauernd
widerstehen könne Er kam immer darauf zurück dass für den Prinzen Alles zu
gewinnen oder Alles zu verlieren sei und dass derselbe der Herzogin seine
Anhänglichkeit besser nicht beweisen könne als indem er gleichviel ob auf
geradem Wege oder auf einem Umwege ihr zur Verwirklichung ihrer Absichten und
Wünsche behilflich werde
    Darüber verlief eine Reihe von Tagen und Renatus hatte gerade sein
Urlaubspatent erhalten als man ihn in der Nacht weckte weil die Herzogin zu
sterben glaube und ihr Testament zu machen vorhabe bei dem sie der Zeugen nicht
entbehren könne
    Es war eine große Aufregung im Hause man hatte in den Korridoren und auf
der Treppe die Lampen in Eile angezündet das Portal war offen Fast
gleichzeitig fuhren die beiden Wagen der Herzogin in dasselbe ein Sie hatte die
Prinzen von Chimay Vater und Sohn und ihren Beichtiger zu sehen verlangt und
man hatte sich beeilt sie herbeizuholen Der Notar und der Arzt waren schon vor
ihnen angelangt Renatus fand sie alle um die Sterbende versammelt
    Die Herzogin saß von ihren Frauen unterstützt trotz ihrer Schwäche
hochaufgerichtet auf ihrem Lager Obschon das Haupt ihr müde herabsank sahen
doch ihre scharfen Augen noch fest umher und sie hatte für Jeden ein Wort ein
Zeichen des Bemerkens wie in ihren guten Tagen
    Als sie alle diejenigen beisammen fand die sie hatte rufen lassen ersuchte
sie den Notar den Anwesenden das Testament vorzulesen wie er es nach ihren
Anordnungen niedergeschrieben hatte Sie hörte weil die Brust ihr sehr gepresst
war nur wenig danach hin während er das Formular vorlas aber sie richtete mit
Anstrengung ihr Haupt in die Höhe und ihr Auge ging von dem greisen Fürsten zu
dem Prinzen und von diesem zu dessen Vater zurück als der Notar die Worte
aussprach
    »Auf den Wunsch und die Fürbitte meiner beiden werten Freunde des Fürsten
August Philipp von Chimay und seines Sohnes des Prinzen Philipp Polydor von
Chimay vermache ich meinen ganzen Besitz er mag Namen haben welchen er wolle
an meine Nichte Eleonore Korinna Marquise von Lauzun Gräfin von Haughton
unter der Voraussicht dass sie sich meinem Wunsche und dem Befehle Seiner
Majestät des Königs in Gehorsam fügen und den Prinzen Polydor nachdem sie ihren
Irrglauben abgeschworen und sich dem alleinseligmachenden Glauben überantwortet
hat in Anerkennung seines verzeihenden Herzens und seiner großmütigen und
edelmännischen Gesinnung zu ihrem Gatten wählen werde Sollte sie sich dessen
weigern sollte sie mir die Genugtuung versagen die ich von ihr zu erwarten
berechtigt bin und welche die letzte ist die ich noch hienieden erhoffen kann
so will ich allem Irdischen mich abwendend nur auf das Heil meiner
unsterblichen Seele bedacht sein Von dem Tage ab an welchem man die Wappen des
Hauses LauzunDuras auf meiner Ruhestätte in der Kirche zu Vaudricourt an der
Seite meines vielgeliebten Gatten des verstorbenen Herrn Herzogs Moriz Alibert
Chlodwig von Duras befestigen wird sollen sofern die Gräfin Haughton die Hand
des Fürsten Polydor nicht annimmt die frommen Väter des JesuitenKlosters zu
Malanche die alleinigen Erben meines ganzen Vermögens und Besitzes werden damit
mein Andenken in Liebe und Verehrung auf der Erde erhalten bleibe und meiner
armen Seele die Gebete und die erlösenden Fürbitten nicht fehlen mögen auf
welche ich in dem Falle von meiner Nichte der Gräfin Haughton nicht zu rechnen
haben würde«
    Der Notar hielt inne Er las danach den Schluss des Formulars man reichte
der Herzogin die Feder hin hielt einen Leuchter so in die Höhe dass sie sehen
und schreiben konnte ohne von dem Lichte geblendet zu werden und erwartete
dass sie jetzt unterzeichnen würde Aber sie zögerte es zu tun
    Langsam und prüfend blickte sie den Prinzen blickte sie den Fürsten noch
einmal an Keiner von beiden man konnte es in ihren Mienen lesen hatte diesen
Schluss des Testaments erwartet Auch der Beichtvater der Herzogin zeigte sich
überrascht auf eine Wendung des Testamentes die Alles von der Entscheidung der
Gräfin abhängig werden ließ hatte er nicht gerechnet
    Es war todtenstill im Zimmer Renatus der auf der linken Seite des Lagers
der Herzogin zunächst stand meinte in ihren erstarrenden Zügen plötzlich noch
einmal jenes überlegene sarkastische Lächeln zu gewahren vor dem er als Knabe
Scheu getragen hatte und das ihm immer unheimlich geblieben war
    Die Herzogin atmete immer schwerer Wie betrübt sie sind sagte sie kaum
hörbar Wie betrübt sie Alle sind Mein Tod macht Niemanden froh und sie werden
Alle Alle lange an mich denken  Die Feder die Feder  Licht schnell das
Licht rief sie mit letzter plötzlicher Kraftanstrengung und die Hand mit
Gewalt fest auf das Papier auflegend dass sich ihre Schwäche nicht verriet
unterzeichnete sie mit klaren Buchstaben ihren vollen Namen Dann ließ sie die
Feder fallen ihr Haupt sank ihr zurück und ehe noch die Zeugen ihre Namen
unter das Testament geschrieben hatten war die Herzogin gestorben
    Jeder von ihnen hatte seine besonderen Rückerinnerungen bei dem Tode dieser
Frau Eine halbe Stunde später war das Zimmer verlassen Der Notar traf die
nötigen gerichtlichen Maßregeln die herrenlose Dienerschaft ging ihrem
Belieben nach
    Am Hofe vernahm man die Kunde von dem Tode der Herzogin ohne besondere
Teilnahme und ohne irgend ein Erstaunen Man fand es natürlich dass des Königs
Ungnade ihr das Herz gebrochen hatte Als aber der Monarch im Angedenken alter
Freundschaft den Befehl gab dass sein Wagen den Leichenzug der Herzogin
eröffnen solle folgten der Hof und die zu ihm gehörende Gesellschaft dieser
Anweisung und die Herzogin wurde mit allen Ehren ihres Standes zur Ruhe
bestattet
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Niedergeschlagen wie Einer den ein schweres Unglück betroffen hat saß Renatus
in dem Reisewagen der ihn von Paris entfernte Als er vor vier Jahren inmitten
eines begeisterten Heeres von Gefecht zu Gefecht von Schlacht zu Schlacht
siegreich fortschreitend durch diese Gegenden zog war ihm anders zu Sinne
gewesen Aus der Fremde nach der Heimat gehend kam er sich wie ein Verbannter
wie ein Flüchtling vor Er war ohne jede bestimmte Hoffnung und völlig
unentschlossen wie er seine Zukunft zu gestalten habe Er war unzufrieden mit
sich unzufrieden mit seinen Verhältnissen unsicher in seinen Überzeugungen
und sein Gewissen war beschwert
    Wenn er sich vorhielt dass er nach Hause zurückkehre um sein Wort gegen
Hildegard zu lösen schien es ihm unnatürlich dass er zu dieser ging die seiner
nicht bedurfte statt Eleonoren nachzueilen die ihn oder doch in jedem Falle
den Beistand eines Freundes nötig haben musste Wenn er sich sagte dass es Zeit
sei sich an die Ordnung seiner Vermögensverhältnisse zu machen wozu Paul ihn
immer dringender ermahnte überkam ihn die drückende Einsicht wie er von diesen
Dingen nichts verstehe und die Abneigung gegen den persönlichen Verkehr mit
Paul verminderte dieses Unbehagen nicht Wohin er seine Gedanken richtete
überall stieß er auf Dinge die ihn beunruhigten
    Der Aufenthalt in Paris war ihm verleidet und peinlich geworden in Berlin
erwarteten ihn lästige Erörterungen und Geschäfte denen er sich nicht gewachsen
wusste während ihm die Möglichkeit vorschwebte dass die Gerüchte welche auf
seine Kosten in Paris in Umlauf gewesen waren ebenso nach Berlin gelangt sein
konnten und die Missverständnisse und Zerwürfnisse zwischen seiner Braut und
seiner Stiefmutter mit deren Schilderung man ihn aus der Ferne schon behelligt
hatte versprachen auch nicht ihm den Aufenthalt in Richten zu erleichtern oder
zu verschönern Wenn er sich das alles aber bis zur Ermüdung vorgehalten hatte
dann bemächtigte sich seiner immer wieder die Erinnerung an Eleonore um ihn
vollends unglücklich zu machen
    In dieser Verfassung langte er an einem der letzten Tage des Februar in der
Hauptstadt seines Vaterlandes an Es war gegen den Abend hin und noch sehr kalt
Bis man seinen Wagen abpackte seine Koffer öffnete verging eine geraume Zeit
und als er eine Mahlzeit eingenommen und sich umgekleidet hatte war es vollends
spät geworden
    Nahezu sechs Jahre waren vergangen seit er Berlin verlassen hatte Damals
war die Stadt voll von Franzosen gewesen und er selber war ihren Fahnen
folgend für Napoleon in den Kampf gezogen für denselben Kaiser der jetzt ein
zum zweiten Male Niedergeworfener auf dem einsamen FelsenEilande inmitten des
Weltmeeres in harter Gefangenschaft seine Tage hinschwinden sah Jetzt
herrschten Ruhe und Friede in dem Lande das Geschlecht der Hohenzollern saß
wieder in voller Sicherheit auf seinem Throne und doch wollte es Renatus als
er von seinem Gasthofe kommend durch die Straßen ging bedünken als sei es
sonst belebter und lustiger in denselben gewesen
    Berlin erschien ihm traurig kleinstädtisch und leer Das schnell flutende
Leben des glänzenden Paris hatte den Maßstab verändert nach welchem der
Freiherr die Dinge maß und mehr noch als der Ort kam er selber sich
verwandelt vor Wo waren all die Wünsche und Hoffnungen wo war die schöne
schmerzliche Sehnsucht wo war die ganze innere Zuversicht geblieben mit
welcher er an jenem hellen kalten Mittage an seines Onkels Haus vorüber in den
russischen Krieg gezogen war
    Als er von seinem Gasthofe ausgehend an das Schauspielhaus kam sah er aus
alter Gewohnheit nach den Fenstern eines Eckhauses hinauf Einer seiner liebsten
Kameraden hatte dort gewohnt Der fröhliche Gesell war in einem der ersten
Gefechte des Freiheitskrieges gefallen auch sein Vetter der Renatus diesen
Todesfall gemeldet hatte war ein Opfer des Krieges geworden Der Bruder lebte
noch und stand bei einem der in Berlin garnisonirenden Regimenter aber er hatte
sich verheiratet und Renatus es versäumt sich um seine Wohnung zu erkundigen
Er dachte an diesen und jenen von seinen früheren Bekannten ohne zu wissen ob
sie in der Stadt und wo sie anzutreffen wären Das ließ ihn nur noch deutlicher
merken wie lange er entfernt gewesen sei wie fremd er in Berlin geworden war
und diese Einsicht verbunden mit jener Scheu welche man wenn man mit sich
selbst nicht einig ist vor jeder Erörterung über sich und seine Zustände
empfindet machte ihn vor dem Zusammentreffen mit den Personen zurückschrecken
die zu sehen er eigentlich gekommen war Wäre er seiner Stimmung gefolgt hätte
er einen Zauberstab besessen er wäre in demselben Augenblicke davongegangen
Aber wohin Es blühten ihm an keinem Orte Freuden
    Unbehaglich ohne eine bestimmte Absicht ging er in den Straßen vorwärts
Endlich fing er an sich seines Zustandes zu schämen und wie einer der lange
zaudernd vor dem kalten Wasser steht bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse
kopfüber hineinstürzt so schlug Renatus mit Einem Male seinen Weg nach dem
Hause ein welches einst das Wappen seines Geschlechtes über dem Portale
getragen hatte
    Als er in die Straße kam in welcher es gelegen war und in die Nähe des
Hauses selbst fand er Alles sehr verändert Der gartenartige Hof der das Haus
nach der Straße und zu beiden Seiten umgeben hatte war verschwunden das
Eisengitter gegen die Straße hin war abgerissen rechts und links waren ein paar
stattliche Wohnhäuser entstanden und Renatus sah an den Wagen die vor dem
ehemaligen Artenschen Hause hielten an dem Diener der den ankommenden Gästen
die Türe des Hauses mit Beflissenheit öffnete wie an der Reihe der
hellerleuchteten Fenster im ersten Stockwerke dass man irgend ein Festgelage in
demselben begehen müsse Er blieb einen Augenblick stehen und blickte hinauf
Ein paar Leute aus dem Volke ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und
betrachteten die Aussteigenden Er hatte eine äußerst unangenehme Empfindung
als er sich also einsam in solcher Gesellschaft vor dem Hause seiner Väter
umhergehend fand und obschon er sich einen Vorwurf daraus machte konnte er
sich nicht überwinden eben jetzt seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und
sagen zu lassen dass er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde
    Unentschlossen wohin er sich wenden solle kehrte er nach den Linden
zurück und weil ihm die Aussicht den Abend einsam in der Stube seines
Gastofes zuzubringen unerträglich fiel beschloss er seinen Oheim aufzusuchen
obschon dieser im Grunde der Letzte war den wiederzusehen er Verlangen trug
Aber Renatus war in einer Verfassung in welcher jede Unterhaltung jede
Gesellschaft ihm willkommener war als des Alleinsein mit den eigenen Gedanken
und er war endlich wirklich froh er kam sich wie geborgen vor als er auf seine
Anfrage den Bescheid erhielt dass der Graf zu Hause sei sich freilich nicht
ganz wohl befinde aber sehr erfreut sein werde den Herrn Baron zu empfangen
Es war noch die Wohnung noch die etwas prunkende Einrichtung die der Graf zur
Zeit des russischen Feldzuges gehabt hatte indes es war mit beiden doch eine
Veränderung vorgenommen worden und am meisten hatte der Graf selbst sich
verändert Wie er sich einst geflissentlich aus einem preußischen Offizier in
einen Napoleonisten verwandelt so hatte er sich jetzt wieder in das Deutsche
zurück übersetzt und er gefiel Renatus in dieser Gestalt gleich bei dem ersten
Anblicke besser obschon er in dem Zeitraume in welchem sie einander nicht
gesehen verhältnismäßig sehr gealtert hatte Sein Haar das er vor Jahren in
der dicken französischen Locke bis tief auf die Stirn herabhängen lassen war am
Vorderhaupte und an den Schläfen weit zurückgewichen und dünn geworden Man
konnte noch nicht sagen dass er kahl sei aber die Stirn war bedenklich hoch
und wenn sein von Natur feines Antlitz dadurch auch noch nicht entstellt ward
so veränderte es seinen Ausdruck doch Dazu war er magerer geworden erschien
also noch größer und die weißen Hände die aus dem weiten seidenen Schlafrocke
auf das sorgfältigste gepflegt hervorsahn hatten nicht mehr den eisenfesten
Druck der sonst den Ankommenden zu begrüßen pflegte
    Die Bilder der französischen Kaiserfamilie welche einst an den Wänden des
Wohnzimmers hingen waren entfernt sie hatten ein paar guten Bildern von des
Grafen Eltern Platz machen müssen An der Stelle des antik gehaltenen
französischen Kanapees stand ein großes weiches Sopha und einige Lehn und
Ruhestühle zeigten dass der Besitzer dieses Raumes es sich behaglich zu machen
liebe und verstehe
    Als Renatus eintrat streckte der Graf ihm die Hände entgegen und sagte Es
ist auf Ehre um einen Menschen abergläubisch zu machen Ein Glück kommt nie
allein Heute Morgen habe ich da die Anzeige erhalten dass Seine Majestät der
König mir eine große Gnade dass er mir  der Graf hob ein mit großem Siegel
versehenes Blatt empor  dass er mir den Orden verliehen den unser Vater auch
getragen hat und jetzt kommt der einzige Sohn unserer Angelika kommst Du
alter Junge uns in die Heimat zurück Nun willkommen zu Hause herzlich
willkommen  Einen Sessel für den Herrn Baron  Du siehst vortrefflich aus 
aber ganz vortrefflich Nimm Platz Renatus nimm Platz Wie wird die gute
Hildegard sich freuen
    Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen ohne seinem Neffen Zeit
zu einer Unterbrechung zu lassen Dann warf er sich auf das Sopha hüstelte
leise wickelte sich wieder fest in seinen Schlafrock ein zog die Beine auf das
Lager und sagte während der alte Diener ihm eine Decke über die Füße legte
Verzeihe mein Bester aber wenn man die erste Jugend hinter sich und sie wie
es sich gebührt genossen hat muss man zum Dank für treu geleistete Dienste mit
seiner Gesundheit seinem Körper rücksichtsvoll und freundlich umgehen um sich
die zweite Jugend möglichst lange zu erhalten Ich dorlottire mich ein wenig
wie Du siehst aber ich befinde mich wohl dabei Wie findest Du mich aussehen
    Renatus versicherte ihm dass er sich sehr gut erhalten habe der Graf nahm
das mit Wohlgefallen auf
    Du wirst auch wenn Du nach Berka kommst den Onkel Felix sehr munter
finden Die Feldzüge haben ihm entschieden gutgetan Er hat das ganze Haus voll
Kinder schöne Kinder Ich war zu Weihnachten mit den Rhodens dort denn 
Hildegard wird Dir das ja wohl geschrieben haben  es war Deine Schwiegermutter
der ich den gegenwärtigen engen Zusammenhang mit den Meinigen verdanke Ich
hatte früher wenig Familiensinn aber ich habe das selbst nicht geglaubt der
Familiensinn findet sich wirklich mit den Jahren
    Er war ganz ausschließlich mit sich und seinen Angelegenheiten beschäftigt
Er erzählte wie er während der Freiheitskriege durch die Gräfin Rhoden die er
jetzt immer nur die Kousine nannte mit der Prinzessin in nähere Beziehung
gekommen sei wie diese ihn dem Könige empfohlen und ihm dann auch neuerdings
die Verleihung jenes Ordens erwirkt hätte der in ferner Zeit als Lohn für
besondere Tugend und Selbstverläugnung gestiftet jetzt zu einer Auszeichnung
für den Adel geworden war
    Es ist eine schöne Decoration sagte er auf das Kästchen weisend in
welchem der Orden vor ihm lag und man musste doch endlich auch etwas für mich
tun In das Militär zurückzutreten fühlte ich keine Neigung mehr und eine
Anerkennung war man mir für die mannigfachen und oft recht peinlichen und
drückenden Vermittlungen die ich während der Franzosenherrschaft über mich
genommen hatte allerdings wohl schuldig Du glaubst nicht wie viel Übles ich
verhütet wie oft ich durch meine Kenntnis der Personen und der Verhältnisse
recht arge und bedenkliche Zusammenstösse verhindert habe und ich hätte
vielleicht sehr recht daran getan wie die Prinzessin mir es vorschlug eines
der zu vergebenden großen Konsulate anzunehmen um mir auf diesem Wege den
Übergang in die diplomatische Laufbahn zu bereiten  Aber was willst Du Ich
bin bequem geworden Ich hänge an meiner Wohnung an meinen Gewohnheiten meinen
Freunden  ich bin ohne Ehrgeiz Tout bonnement ein alter Junggeselle der sich
von seinen Freunden verbrauchen lässt Und ich versichere Dich sie machen sich
das zu Nutze Alle alle samt und sonders selbst Deine Hildegard die ein
Juwel von einem Mädchen ist So klug so umsichtig ein wahrer Schatz Wir sind
große Freunde nun sie hat Dirs ja geschrieben
    Er unterbrach sich endlich selbst da die Verwunderung des Freiherrn diesen
lange nicht zum Sprechen kommen ließ denn Renatus traute seinen Ohren nicht
Wie mussten die Zeiten und die Zustände sich hier geändert haben wenn man den
Grafen für Handlungen belohnen konnte die ihm einst den gerechten Zorn seiner
ganzen Familie und die Missachtung aller rechtschaffenen Vaterlandsfreunde
zugezogen hatten Wie sicher musste der Graf sich fühlen dass er auf gar keine
mögliche Einwendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen nötig fand
Und was war es mit dem Ordenswesen überhaupt wenn ein Gerhard von Berka den
Orden erhalten und zu tragen sich unterfangen konnte der als ein Zeichen
besonderer Sinnesreinheit nur dem Adel verliehen werden durfte Alles was er
hörte und vernahm war dazu angetan den Heimgekehrten zu überraschen denn
weit mehr noch als alle diese Tatsachen setzten die Zustände ihn in
Verwunderung aus denen heraus sie einzig möglich geworden sein konnten
    Dazu berührte die Weise in welcher der Graf bei jedem Anlasse Hildegardens
Lob aussprach den Freiherrn nicht angenehm Er meinte überall herauszufühlen
dass der Onkel das Vertrauen seiner Braut mehr als es nötig sei besitze Es
klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhaltung als müsse Hildegard sich sogar
über ihn über sein langes Ausbleiben ja über seine Beziehungen zu der
Herzogin und zu Eleonoren gegen den Onkel klagend ausgesprochen haben denn der
Eifer mit welchem Graf Gerhard das Deutschtum auf Kosten des Franzosentums
und die edelen Eigenschaften einer deutschen Jungfrau über alle Reize der
Ausländerinnen erhob klangen in seinem Munde so unberechtigt dass er bei
seinem Scharfsinn und bei seiner Klugheit notwendig eine bestimmte Absicht
haben musste um eine solche Ungeschickteit zu begehen
    Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Verlobten zu der er nicht
geneigt war abzukommen wünschte und weil er der in jedem Augenblicke drohenden
direkten Frage nach seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen
wollte brachte er die Rede auf seine Geschäfte Er sagte dass er eben nur so
lange in Berlin zu bleiben vorhabe als dieselben es erheischen würden
erwähnte dass er schon heute zu Tremann habe gehen wollen dass die Auffahrt
einer Gesellschaft ihn aber davon zurückgehalten und dass er morgen gleich in der
Frühe sich zu ihm zu begeben denke
    Der Graf ließ sich das ruhig erzählen schenkte sich und seinem Neffen
sorgfältig den Tee ein welchen der Diener inzwischen aufgetragen hatte wählte
mit Kennerblick für seinen Gast die besten Stücke der kalten Küche aus und
zeigte überhaupt alle jene kleinen Aufmerksamkeiten für ihn durch welche eine
achtsame Hausfrau ihrem Besucher die Freude über seine Anwesenheit auszudrücken
liebt
    Renatus rühmte dies dankbar der Graf nannte es scherzend seine
Hagestolzenkünste und das brachte Jenen auf die Frage ob der Onkel seine
frühere Haushälterin die Kriegsrätin noch bei sich habe
    Der Graf verneinte es Ich habe sie schon vor drei Jahren fortgeschickt
sagte er Sie war eine vortreffliche Köchin überhaupt eine brauchbare Person
aber Eine Kunst ging ihr völlig ab sie verstand nicht alt zu werden Sie wurde
eine lächerliche Figur und eine solche in meinem Vorzimmer zu haben konnte mir
nicht passen
    Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen und Graf Gerhard meinte es
sei ihm unbegreiflich gewesen wie Renatus eben ihn zu seinem Bevollmächtigten
habe wählen mögen Auf die Frage ob der Graf denn Gründe habe Tremann zu
misstrauen versetzte er Und welche Gründe hast Du ihm zu vertrauen
    Es entstand eine kleine Pause ehe der Graf mit dem Ausspruche wieder das
Wort nahm dass er für sein Teil überhaupt keinem Kaufmanne vertraue und dem
tätigen dem unternehmenden am wenigsten Der Besitz sagte er mit einer jener
hochtönenden Phrasen welche der müßige Übermut so leicht erlernt der Besitz
ist für diese Art von Leuten nicht das zu schonende Feld der zu pflegende Baum
von dessen Frucht und Ernte sie leben wollen ruhig leben wollen Nicht der
Besitz erfreut sie sondern der Erwerb Das Jagen nach demselben die rastlose
Arbeit ist ihr eigentlicher Genuss Sie schmieden sich an das ewig rollende Rad
des wechselnden Glückes und jene widerwärtige Spannung zwischen Gewinn und
Verlust die einem gebildeten Geiste wie die Marter eines Ixion bedünken würde
ist die Wollust solcher niedrig geborenen Naturen Nimm Dich mit ihm in Acht
    Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprochene Satz vor Allem
wenn er auf irgend etwas anwendbar ist das mit ihren besonderen Verhältnissen
zusammenhängt Anfangs immer einen bannenden Eindruck und trotz seiner
achtundzwanzig Jahre und seines in der letzten Zeit so mannigfach bewegten
Lebens war Renatus in sich nicht freier nicht von der leichten Bestimmbarkeit
geheilt worden welche als eine Folge seiner Erziehung ihn immer unsicher über
sich selbst und zum Sklaven jeder fremden Meinung machte die ihm mit Sicherheit
entgegentrat Er hatte sich bisher etwas damit gewusst dass er Paul zu seinem
Vertreter und Vertrauensmanne erwählt hatte Es war auch alles was derselbe bis
jetzt für ihn getan soweit Renatus es aus der Ferne hatte übersehen und
beurteilen können durchaus zufriedenstellend gewesen so dass er in seinem
Inneren beständig auf den psychologischen Scharfblick stolz gewesen war den er
bewiesen hatte Jetzt aber kam plötzlich bei des Grafen Worten der böse Genius
aller schwachen Seelen das Misstrauen gegen sich und Andere über den jungen
Freiherrn und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich wem die beiden Häuser
gehörten und wer sie errichtet hätte die neben dem alten von Artenschen Hause
emporgestiegen waren
    Wer anders soll sie erbaut haben als Tremann entgegnete der Graf Es war
eine Spekulation die ihm glaube ich gut eingeschlagen ist und es gibt kein
großes Unternehmen irgend einer Art in dem er nicht die Hände hätte Wo er die
Kapitalien dazu hernimmt ist freilich nicht zu sagen
    Ich denke Flies war reich wendete Renatus ein
    Reich genug Aber der Alte kannte seine Leute lächelte der Graf Nicht ein
Pfennig des Fliesschen Kapitals ist in dem Geschäfte geblieben Tremann muss
andere Quellen haben und Du selbst hast ihm vielleicht mehr als wir übersehen
können damit genutzt als Du ihm Deine Angelegenheiten überantwortet hast Es
war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir und ich bekenne Dir mein Lieber
ich wusste nicht was ich von Dir denken sollte Mein Bruder Felix stand freilich
eben so wie Du im Felde Aber war ich denn nicht da Ich hatte in meiner
unfreiwilligen Musse mir ein gut Teil Geschäftskenntniss erworben und abgesehen
davon Bester so wären dünkt mich Eure immerhin ein wenig delikaten
FamilienAngelegenheiten in Deines Onkels in eines Edelmanns Händen besser als
in denen dieses  dieses Tremann aufgehoben gewesen
    Es ging Renatus wie es ihm mit dem Grafen stets gegangen war Er hatte eine
Abneigung eine Scheu ja ein entschiedenes Misstrauen gegen ihn und fühlte sich
doch von ihm beherrscht Sich dieser Herrschaft zu entziehen oder doch
mindestens sich von dem Vorwurfe eines unbesonnenen Handelns zu befreien den
der Graf ihm machte überwand er sich so weit demselben von seinem Abenteuer in
der Schlacht von Möckern und von der heldenmütigen Aufopferung zu sprechen mit
welcher Tremann für ihn eingetreten war und ihm das Leben gerettet hatte
    Der Graf ließ ihn ruhig erzählen und berichten
    Als er aber geendet hatte schien der Graf ein spöttisches Lächeln länger
nicht verbergen zu können Wie der Vater sagte er  genau wie dein Vater
Verzeihe mir dass ich lachen muss Ich glaube es muss Eure Religion sein die
Euch so gläubig für Zeichen und für Wunder macht Es fehlt nur noch dass Ihr
wie Schillers Wallenstein Euch einen Astrologen haltet und pathetisch Euer
»Und dieses Pferdes Schnelligkeit entriss mich Banniers verfolgenden Dragonern«
deklamirt Ich habe das Stück erst gestern mit angesehen  schade dass Du nicht
dabei warst Es hätte Dir eine Lehre von der Unfehlbarkeit der Zeichen und der
Wunder geben können  Er hielt inne und sagte dann ernstaft und mit
achselzuckender Geringschätzung Du tust wahrhaftig lieber Junge als ob solch
ein Dazwischenspringen im Gefechte etwas auf sich hätte Bedenke doch nur dass
dieser Tremann allen Grund hat Dich und Dein Geschlecht zu hassen Glaubst Du
dass er nicht gern ein Herr von ArtenRichten wäre Glaubst Du dass diese Flies
die ihn erzogen hat sich seiner ohne ganz bestimmte Plane angenommen hätte
Schon vor Jahren habe ich es Dir gesagt sie hassen Dich und mich  und ich
verdenke ihnen das nicht im geringsten Vielleicht machte ich es an ihrer Stelle
eben so Aber daran halte fest der Wahlspruch aller dieser Leute aller samt
und sonders ist »Stehe auf damit ich mich setze«  und wenn man sie nicht
niederwirft sie nicht in ihre alten Schranken mit Entschiedenheit zurückdrängt
so werden wir diese sogenannten Freiheitskriege einst noch gründlich zu
verwünschen haben
    Er war aufgestanden hatte die Serviette von sich geworfen und ging während
des Sprechens lebhaft in dem großen Zimmer auf und nieder Renatus war sehr
nachdenklich geworden Alles was er hier vernahm bedrängte ihn und mit der
schweren Besorgnis dass er einen großen Fehler begangen dessen Folgen er zu
tragen haben werde verließ er endlich den Grafen der ihn aufgefordert hatte
seinen Rat zu benutzen wo und wie er es für nötig finden würde
 
                              Sechszehntes Kapitel
In Pauls Arbeitszimmer brannten in der Frühe des folgenden Morgens noch die
Lichter denn es war nebelig draußen und Paul war zeitig aufgestanden um
einige Entwürfe und Rechnungen durchzusehen die ihm von Dritten zur Prüfung
vorgelegt worden waren Im Komptoir daneben war noch Alles still auch von den
Seinigen wachte noch Niemand Das Fest hatte lange gedauert Seba bedurfte jetzt
bisweilen doch schon der Ruhe Davide aber die es sich sonst nicht nehmen ließ
ihrem Gatten das Frühstück zu bereiten und eine ruhige halbe Stunde mit ihm zu
haben ehe die Geschäfte ihn beanspruchten war durch den Knaben den sie selbst
nährte mehr als gewöhnlich wach erhalten worden und hatte sich von ihrem Manne
bereden lassen sich dafür durch ein paar Stunden Schlaf am Morgen zu
entschädigen
    Als es acht Uhr schlug und Paul eben die Lichter auslöschte weil die Sonne
die Nebel zu durchdringen und durch die Äste der prächtig bereiften Bäume
freundlich in sein Zimmer zu scheinen begann meldete der Diener ihm dass die
Dame die schon gestern dagewesen und die er auf heute beschieden habe
wiedergekommen sei Paul befahl sie einzulassen und sich mit übertriebener
Demut tief verneigend trat eine große noch rüstige Frau in Trauerkleidern in
das Zimmer
    Mit einer Handbewegung wies der Herr des Hauses ihr einen Stuhl in der Nähe
seines Schreibtisches an und fragte dann nach ihrem Begehren
    Ich komme sagte sie Ihnen für all das Gute zu danken das Sie lieber Herr
Tremann meinem geliebten seligen Manne bis an sein Lebensende erwiesen haben
Dass er so sanft seine alten Tage beschließen konnte das dankte er ja Ihnen ganz
allein und noch auf seinem Todtenbette hat er 
    Lassen Sie das ich bitte lassen Sie das unterbrach sie Paul Es hat mich
gefreut den alten Mann ohne Sorgen zu wissen Hat das Geld zu seiner Beerdigung
ausgereicht das ich Ihnen gegeben habe
    Beinahe beinahe ganz entgegnete die Trauernde aber ich wollte nur sagen
noch auf seinem Todtenbette hat der gute Weissenbach den Tag und die Stunde
gesegnet in welcher der Herr Kaplan Sie in unser Haus gebracht hat und er hat
auch mich dafür gesegnet und mir es tausend Mal gedankt dass ich ihn damals
überredete Sie aufzunehmen denn er hat es nicht gewollt  er hat es nicht
gewollt
    Paul hatte sie dieses Mal zu Ende sprechen lassen nun er schwieg befand
sie sich offenbar in einer Verlegenheit und er beeilte sich nicht sie aus
derselben zu befreien Die Kriegsrätin war ihm stets ein Gegenstand der
Abneigung gewesen und ihr jetziges Auftreten war nicht dazu geeignet diese
Abneigung zu vermindern Der Graf hatte mit seinem Worte Recht gehabt die
schöne Laura verstand es nicht mit Anstand alt zu werden Die dicken falschen
Locken die falschen Zähne welche in herausfordernder Weiße aus dem stets
lächelnden Munde hervorsahn die geschminkten Wangen und der schäbige und doch
auffallende Ausputz ihrer Trauerkleider machten sie lächerlich während ihre
schlecht erheuchelte Betrübnis sie Paul noch widerwärtiger erscheinen ließ
    Wünschen Sie noch etwas fragte er sonst bitte ich Sie mir zu sagen wie
viel Sie für das Begräbnis aus Ihrer Tasche hergegeben haben damit ich es Ihnen
wiedererstatte denn ich bin beschäftigt
    Sie zog ein Taschenbuch aus dem großen schwarzen SamtPompadour
blätterte darin herum nahm einen Bleistift zu Hilfe rechnete eine Weile
versicherte danach dass sie im entferntesten nicht darauf gehofft hätte dass
Herr Tremann ihr auch damit noch zu Hilfe kommen wolle wie sie sich aber in
einer Lage befinde in welcher sie benutzen müsse was die Großmut ihrer
gütigen Gönner für sie zu tun geneigt sei und sie schloss endlich mit der
Antwort dass sie fünf Taler und zwölf Groschen zu der Beerdigung zugeschossen
habe
    Paul nahm einen Zehntalerschein aus seiner Kasse Als die Kriegsrätin ihre
Börse hervorholte und Miene machte nach dem Gelde zu suchen welches sie
herauszugeben hatte sagte er ihr sie möge sich nicht bemühen sondern den
Überschuss für etwaige noch nachträgliche Ausgaben behalten Damit hoffte er
indem er ihr ein Lebewohl bot ihrer nun auch ledig zu sein Indes sie erhob
sich zwar von ihrem Sitze aber sie blieb nahe bei dem Pulte stehen sah sich im
Zimmer mehrmals um schien gehen und dann doch wieder nicht gehen zu wollen so
dass Paul obschon er das Erkünstelte in ihrem Betragen klar durchschaute sich
doch veranlasst fand sie zu fragen was sie suche oder was sie sonst noch etwa
wolle und begehre
    Was hätte ich hier zu suchen rief sie mit einem Seufzer oder was könnte
ich Anderes begehren als Ihnen mein verehrter Herr Tremann meine Dankbarkeit
für alle Ihre Wohltaten an meinem lieben seligen Weissenbach zu beweisen Und
ich glaube ich kann das ich kann das wirklich so wie ja die Maus auch dem
Löwen helfen konnte  Sie sah sich nochmals in dem Zimmer um trat dann an das
Pult heran und sprach Ich weiß nicht Herr Tremann in wie weit Sie von der
Liebschaft unterrichtet sind welche die Kousine und Pflegemutter Ihrer Frau
Gemahlin mit dem Grafen Gerhard von Berka seiner Zeit gehabt hat aber 
    Sie hielt inne da Pauls finstere Miene ihr Scheu einflößte Er ließ sie
schweigend stehen denn er war peinlicher berührt als er es ihr zu zeigen für
nötig fand und er ging mit sich zu Rate ob er sie sprechen lassen oder sie
von sich weisen solle Aber obgleich jedes ihrer Worte ihm durch den Ton und die
plötzliche Vertraulichkeit dieser Frau zu einer doppelten Kränkung wurde
entschloss er sich endlich doch sie anzuhören
    Was bringt Sie dazu mir die Frage vorzulegen welche Sie an mich gerichtet
haben fragte er sie
    Meine Dankbarkeit Herr Tremann nur meine Dankbarkeit und setzte sie
hinzu auch die alte Freundschaft für das Fliessche Haus Freilich hat Seba es
jetzt ganz vergessen dass ichs gewesen bin die sie zuerst unter die Menschen
und in die Gesellschaft gebracht hat und dass ich ihre Manieren und ihre Haltung
formirte Ich habe auch was an mir gewesen ist 
    Ich bin sehr beschäftigt unterbrach sie Paul dem die Weise der
Kriegsrätin immer unleidlicher werden musste und der zu merken anfing worauf
es abgesehen war Ich bin sehr beschäftigt haben Sie also die Güte Sich an das
Wesentliche zu halten Frau Kriegsrätin
    Wie Sie wünschen wie Sie wünschen versicherte sie Aber Herr Tremann
erlauben Sie mir nur zu meiner Rechtfertigung noch ein paar Worte Sie sind ein
erfahrener Mann Herr Tremann und Sie haben gewiss die Frauen kennen gelernt
Sie wissen wie die Mädchen sind Seba ließ sich nicht abhalten an den Herrn
Grafen zu schreiben Brief auf Brief und Jahr und Tag Das war sehr unrecht und
ich sagte ihr immer 
    Und diese Briefe fragte Paul der seine Ungeduld nur mühsam unterdrückte
    Die Kriegsrätin schlug die Augen nieder Diese Briefe besitze ich sagte
sie
    Sie besitzen diese Briefe  Sie Wie kommen Sie dazu fuhr Paul auf dem das
Blut in die Wangen stieg obschon er seiner Empörung und seinem Zorne Gewalt
antat Wie kommen Sie Frau Kriegsrätin zu diesen Briefen
    Sie machte eine Bewegung mit beiden Händen als wolle sie andeuten sie
könne sich dessen kaum erinnern Ich fand mich Sie wissen es ja Herr Tremann
als mein armer guter Weissenbach seiner Versuchung unterlegen war genötigt
mir mein Brod zu suchen Da nahm Graf Berka mich als Haushälterin und ich kann
sagen als eine Freundin in sein Haus und 
    Und er Graf Berka also ists der Ihnen diese Briefe übergeben hat fragte
Paul bestimmt
    Die Kriegsrätin schlug voll Demut ihre Blicke nieder Der Herr Graf hatte
keine Geheimnisse vor mir sagte sie Er wusste dass man mir vertrauen könne
und fügte sie hinzu dächte ich nicht dass ich nicht mehr jung bin dass der
Herr mich abberufen und diese Briefe dann einmal in unbedachte Hände fallen
könnten so hätte ich gegen Sie Herr Tremann und gegen Niemanden dieser
Angelegenheit erwähnt Aber Mademoiselle Flies hat mich nicht vorgelassen hat
als ich ihr geschrieben meinen Brief zurückgeschickt  was sollte ich da
machen
    Pauls Verachtung gegen die Kriegsrätin seine Verachtung gegen den Grafen
der solche Briefe aufbewahren und sie wenn man das wenigst Schlimme von ihm
denken wollte so schlecht aufbewahren konnte dass sie einer Person wie dieser
in die Hände fallen mochten schwellten die Adern auf seiner Stirn
    Wo sind die Briefe fragte er kurz und kalt
    Die Kriegsrätin brachte aus ihrem Pompadour ein ansehnliches Packet Papiere
hervor das mit einer Schnur über Kreuz zusammengebunden war
    Hier sagte sie aber sie reichte sie Paul nicht hin sondern hielt sie
fest als fürchte sie dass sie ihr entrissen werden könnten
    Sind das die Briefe alle welche Graf Berka von Mademoiselle Flies erhalten
hat
    Alle so viel ich weiß
    Paul ging mit sich zu Rate die Kriegsrätin verwandte kein Auge von ihm
    Was verlangen Sie für diese Briefe fragte er darauf
    Die Kriegsrätin ließ einen Ausruf der Entrüstung hören Sie beteuerte dass
es ihr nur darauf angekommen sei dem Wohltäter ihres Gatten ihre gute und
anhängliche Gesinnung zu bezeigen um wo möglich seine Geneigteit und das
Zutrauen das er doch einst zu ihr gehabt habe wieder zu erlangen Sie brachte
es endlich bis zu der unter Tränen getanen Erklärung dass sie die Kinderlose
sich immer der Hoffnung hingegeben habe sich in ihrem Pfleglinge einen Sohn zu
erziehen aber Seba habe sie durch ihr Dazwischentreten auch um dieses Glück
gebracht und sie würde in ihren Herzensergüssen kein Ende gefunden haben hätte
Paul sie nicht noch einmal mit der nackten Frage unterbrochen was sie für die
Briefe fordere
    Ihren Beistand  weiter nichts rief die Kriegsrätin sich die Augen
trocknend
    Paul schüttelte verneinend das Haupt Ich bin nicht gewohnt solche Wechsel
in Blanco auszustellen Nennen Sie die Summe
    Sie haben für meinen Mann so viel getan 
    Täuschen Sie Sich nicht Frau Kriegsrätin ich bin nicht im entferntesten
gesonnen auch nur irgendwie ein Ähnliches für Sie zu tun bedeutete er ihr
    Aber hob sie noch einmal an wenn ich diese Briefe 
    Da hielt sich Paul nicht länger Wenn Sie die Unwürdigkeit begehen sollten
von diesen Briefen irgend einen Gebrauch zu machen der Mademoiselle Flies
verletzen könnte so würde ich zunächst den Grafen Gerhard fragen auf welche
Weise Sie in den Besitz derselben gelangt sind sagte er
    So wahr Gott lebt ich habe sie von ihm selbst rief die Kriegsrätin
erschrocken aus
    Dann behalten Sie sie aber ich mache von dieser Stunde ab den Grafen
verantwortlich für jeden Missbrauch den Sie mit denselben treiben Und nun
Adieu Frau Kriegsrätin  Er drehte ihr den Rücken und wollte das Zimmer
verlassen
    Darauf jedoch hatte sie es nicht abgesehen Sie trat rasch hinzu legte die
Briefe auf sein Pult und sagte Sie misstrauen mir Herr Tremann aber wie
unrecht Sie mir auch tun ich will es Ihnen nicht vergelten Da sind die
Briefe Seba soll sehen ob ich ihre Freundin war und bin Da sind die Briefe 
alle Tun Sie nun was Ihnen von Ihrem Herzen und von Ihrer Generosität geboten
wird
    Sie blieb stehen Paul nahm eine Feder in die Hand Was denken Sie jetzt zu
unternehmen da Ihr Mann gestorben ist
    Der Herr Graf hat mir schon längst dazu verhelfen wollen dass ich eine
Koncession erhielte möblirte Zimmer zu vermieten aber um das anzufangen um
die Möbel anzuschaffen 
    Brauchen Sie Geld natürlich Wie groß ist die Summe deren Sie zu bedürfen
glauben
    Ich habe mir das oftmals ausgerechnet dreihundertfünfzig Taler wären doch
das Wenigste  das Allerwenigste meinte sie
    Paul fand diese Summe viel zu hoch Nach einigen kurzen Erklärungen wurden
sie jedoch des Handels einig Er ließ sich von ihr einen Schein unterschreiben
dass sie ihm gegen die von ihm empfangene Summe sämtliche in ihrem Besitze
gewesenen Briefe Sebas an den Grafen Berka ausgehändigt habe so dass falls
noch jemals derartige Briefe zum Vorschein kommen sollten sie als Fälschung
anzusehen wären Und nachdem die Kriegsrätin sich noch verpflichtet hatte sich
niemals mehr weder schriftlich noch mündlich an Seba zu wenden zahlte er
selbst ihr die bedungene Summe aus und entließ sie froh sich ihrer endlich
entledigen zu können
    Als er allein war sah er die von der Kriegsrätin nach ihrem Datum
geordneten Briefe noch einmal flüchtig an Die vergilbten Blätter rührten ihn
Er dachte all der trügerischen Hoffnungen all der verzweifelnden Leidenschaft
mit denen sie geschrieben worden waren aber er hätte ein Heiligtum zu
entweihen geglaubt hätte er gelesen was nicht für ihn bestimmt gewesen war Er
nahm das ganze Päckchen trat an das Feuer des Kamines warf die Blätter hinein
und blieb bei ihnen stehen bis das letzte derselben in Asche zerfiel und
zerstob
    Die Begegnung mit der Kriegsrätin die ganze Angelegenheit hatte ihn
verstimmt indes er war mit derselben noch nicht am Ende denn er hatte seine
Abrechnung noch mit dem Grafen selbst zu halten um Seba wo möglich ein für alle
Mal vor den Verletzungen die ihr von dieser Seite kommen konnten sicher zu
stellen und er beschloss nach kurzem Überlegen dies sofort zu tun
    »Hochgeborener Herr« schrieb er »Ich habe so eben von Ihrer ehemaligen
Haushälterin der verwittweten Kriegsrätin Weissenbach eine Reihe von Briefen
erhalten die eine edle und von mir hochverehrte Frau in dem Vertrauen
jugendlicher Liebe und in dem Glauben an die Ehrenhaftigkeit des von ihr damals
geliebten Mannes geschrieben hat Beides ihre Liebe wie ihr Vertrauen waren
ein Irrtum und ich wünsche sie vor jeder unangenehmen Erinnerung an dieselben
wie sie ihr durch die Weissenbach leicht bereitet werden könnte fortan zu
bewahren Indem ich es unerörtert lassen will auf welche Weise jene Briefe in
die Hände und den Besitz der Kriegsrätin die sie mir gegenüber als einen
Handelsartikel zu betrachten für angemessen hielt gelangt sind erlaube ich
mir bei Ew Hochgeboren anzufragen ob sich vielleicht noch andere Briefe jener
Dame in Ihrem Gewahrsam befinden Sollte das der Fall sein so bin ich nach der
heute gemachten Erfahrung gezwungen Ew Hochgeboren an die Herausgabe dieser
Briefe als an die Erfüllung einer sittlichen Pflicht zu erinnern wogegen ich
Ihnen auf mein Wort versichern kann dass in dem Besitze der betreffenden Dame
nichts gar nichts mehr vorhanden ist was an Sie erinnern könnte Ich habe es
wohl nicht nötig Ew Hochgeboren noch besonders darauf aufmerksam zu machen
dass die Schreiberin jener Briefe von dem Missbrauche der mit denselben getrieben
worden ist nicht Kenntnis hat und nicht Kenntnis erhalten wird Diese
Beleidigung und Kränkung sind von ihr durch mich glücklicher Weise abgehalten
worden Die Angelegenheit ist also zwischen Ew Hochgeboren und mir zu ordnen
und ich habe dabei nur noch zu bemerken dass ich der Kriegsrätin gegenüber
meine Maßregeln in der Art genommen habe dass neue Ansprüche und Erpressungen
auf Anlass ähnlicher Papiere von ihrer Seite künftig nicht mehr zu befürchten
sind Ihrer baldigen Antwort entgegensehend
                                                                  Paul Tremann«
Er hatte diesen Brief eben erst einem Boten zur Besorgung gegeben und wollte
sich in das Komptoir verfügen in welchem inzwischen seine Gehülfen angekommen
und an ihre Arbeit gegangen waren als man ihm den Freiherrn von ArtenRichten
meldete
    Es war seit lange von der Rückkehr desselben die Rede gewesen aber sie kam
Paul doch jetzt völlig unerwartet und weil er voraussah dass die Besprechung
welche er mit Renatus haben musste eine längere Zeit erheischen würde begab er
sich erst zu seinen Leuten um mit ihnen das Nötige zu bereden und ihnen seine
Befehle zu erteilen während er den Freiherrn ersuchen ließ ihn in dem
Privatzimmer in welchem Paul sich bis dahin aufgehalten hatte zu erwarten
    Renatus war der Gang zu diesem Besuche schwer geworden und die Bemerkungen
des Grafen Gerhard hatten nicht dazu beigetragen ihm denselben zu erleichtern
    Er war beunruhigt durch den Gedanken wie Paul im Grunde über ihn und über
jene seine Massnahme urteilen möge nach welcher er ihm vor Jahren seine
Angelegenheiten anvertraute Er für sein Teil war jetzt sehr geneigt diesen
Schritt für eine romantische und großmütige Unbesonnenheit zu halten um
derentwillen er von sich nicht schlechter dachte die er aber doch bereute Der
Graf hatte ihm mit seiner Schilderung der rastlosen Habgier die jedem Kaufmanne
inne wohnen sollte ein widerwärtiges Bild in die Seele gedrückt indes weder
das Haus in das er getreten war noch der Raum in welchen man ihn jetzt
gewiesen hatte stimmten mit des Grafen Voraussetzung zusammen
    Der wohlanständige Hauswart der ernsthafte Diener in schwarzer
bürgerlicher Kleidung die mit Teppichen nach englischer Weise belegten Fluren
und Korridors auf denen der Tritt nicht hörbar war konnten eben so wohl in dem
Hause einer Herzogin ihren Platz finden und dieses Zimmer in welchem Renatus
den Kaufmann zu erwarten hatte trug vollends ein beruhigendes Gepräge Die
dunklen Tapeten die zurückgezogenen dunklen Fenstervorhänge der große
Schreibtisch und die wenigen schweren Armstühle die in dem Zimmer standen
sahen sehr würdig aus Die großen SpecialLandkarten an den Wänden die nicht
unbedeutende Bibliothek welche die eine Seite des Gemaches einnahm und eine
Reihe von Modellen zu Maschinen die auf einem der Tische aufgestellt waren
hätten auch in das Zimmer eines Gelehrten gehören können Renatus der viel
Freude an allem Zusammenstimmenden besaß und durch den Anblick desselben wie
durch eine angenehme Luft sehr leicht besänftigt wurde hätte sich
wahrscheinlich auch jetzt diesem wohltuenden Eindrucke bereitwillig hingegeben
hätte ihm nicht die ihm bevorstehende Unterredung mit ihren unerlässlichen
Erörterungen gar zu schwer auf dem Herzen gelegen und hätte er es verschmerzen
können dass er hier als ein Fremder auf den Herrn eben dieses Hauses warten
musste das einst seiner Familie angehört hatte
    Er hatte auf die Einladung des Dieners in einem der altertümlichen
Lehnstühle Platz genommen die vor dem Kamine standen und wie er von dem
knisternden Feuer zu den Ausschmückungen des Simses hinaufblickte leuchtete ihm
das Artensche Wappen mit seinem fortis in adversis hell von den Flammen
angestrahlt vertraut und doch schmerzlich entgegen Er zweifelte nicht dass
auch diese hochlehnigen Eichensessel dass der schwere schön geschnitzte Tisch
der jetzt den Modellen und Maschinen zum Träger diente dass diese große
altmodische Uhr einst Artenscher Besitz gewesen waren welcher bei der
Versteigerung des Hausrates an die neuen Eigentümer direkt oder indirekt
übergegangen war und ungeduldig den großen langsam fortrückenden Zeiger der
Uhr verfolgend wollte er sich eben erheben als die Türe welche nach dem
Komptoir ging sich lautlos öffnete und eben so lautlos hereintretend der Herr
dieses Hauses vor ihm stand
    Willkommen in Deutschland sagte er und ich bitte um Verzeihung dass ich
Sie warten ließ Ich war dazu genötigt um jetzt völlig zu Ihrer Verfügung zu
sein Seit wann sind Sie zurück
    Renatus antwortete dass er schon gestern gekommen sei aber er konnte sich
in den geschäftsmässigen wennschon sehr verbindlichen Ton des Andern nicht
gleich finden er konnte überhaupt sich noch nicht Rechenschaft von demjenigen
geben was in ihm vorging Das Artensche Gesicht Pauls mit jedem Lebensjahre
wachsende Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Freiherrn verfehlten ihre Wirkung
auch jetzt wieder nicht auf dessen Sohn Aber dieser Mann in der dunkeln
bürgerlichen Tracht auf dessen hoher Stirn die Sorge ihre Spur in leichten
Furchen zurückgelassen hatte und in dessen braunem Gelocke hier und da bereits
ein weißer Silberfaden schimmerte war das noch derselbe Offizier der feurige
Krieger der einst wie ein Sanct Georg mit seinem flammenden Schwerte zwischen
Renatus und den Tod getreten war Auch jenem Jünglinge mit dem der junge
Freiherr einst in Sebas Zimmer so feindselig an einander geraten war glich
Paul jetzt nicht mehr Die frische Farbe seines Antlitzes war bleicher geworden
alle seine Züge hatten sich gefestet Der Mund der Blick der Augen waren
ernster die Stimme selbst dünkte Renatus tiefer geworden zu sein und wie ihm
damals der Schwung und das Feuer des jungen Fremden eine unruhige Eifersucht
eingeflößt hatten so setzte ihn jetzt etwas Mächtiges etwas Gebieterisches in
dem Wesen dieses Mannes in Verwunderung obschon er selbst sich ihm gegenüber
in der glänzenden Uniform in der straffen regelrechten Haltung mit dem Degen
an der Seite entschieden als der Vornehmere als das Mitglied einer höheren
Kaste bedünkte Auch war es ein Ton nachlässiger Vornehmheit mit welchem er
Tremann aufforderte sich gar nicht zu geniren er könne warten denn er habe
Zeit
    So besitzen Sie antwortete Tremann ihm in der früheren freien Weise was
mir in der Regel fehlt und ich denke wir machen uns eben deshalb gleich an
unsere Geschäfte Wollen Sie ablegen Ich bitte
    Renatus der bis dahin nicht ohne Absicht noch immer seinen Säbel an der
Seite und seinen Czako in der Hand behalten hatte hakte den Säbel los stellte
ihn in die Fensterbrüstung stülpte den Czako darüber zog die Handschuhe aus
fuhr sich in den Spiegel blickend der über dem Kamine hing einige Male mit
der feinen Hand durch sein wohlgepflegtes blondes Haar und setzte sich dann mit
einem unterdrückten Seufzer wie Einer der an eine schwere Arbeit geht an dem
Tische nieder an welchem Tremann bereits vor ihm Platz genommen und auf dem er
verschiedene Aktenstücke und Papiere ausgebreitet hatte
    Sie waren eigentümlich anzusehen der schöne kräftige Geschäftsmann der
mit selbstgewisser Sicherheit sich zu seiner Arbeit anschickte und der jüngere
eben so schöne und kräftige Offizier dem sich das Unbehagen an dem Ungewohnten
das er über sich zu nehmen hatte in jedem Zuge ausprägte Mit jener kurzen
Übersichtlichkeit zu welcher es nur ein sehr klarer Kopf bei völliger
Beherrschung seines Stoffes bringt setzte Tremann dem Freiherrn den Zustand aus
einander in welchem dessen Vermögensverhältnisse sich befänden Er wiederholte
ihm und erklärte ihm ausführlicher als es in seinen Briefen geschehen war dass
die allmählich aufgehäufte Schuldenlast und die daraus erfolgenden Zinszahlungen
es jetzt völlig unmöglich machten die Angelegenheiten in der gewohnten Weise
fortzuführen und er kam darauf zurück dass es großer durchgreifender
Entschlüsse bedürfe wenn man zufriedenstellende Erfolge erzielen wolle Er trug
die Summen zusammen welche allmählich auf Rotenfeld und Neudorf aufgenommen
worden waren erinnerte Renatus daran dass man sein mütterliches Kapital
welches der verstorbene Freiherr zur ersten Stelle auf Richten eintragen lassen
noch vor dem Ausbruche des Krieges mit der Zustimmung von Renatus auf eine
zweite Hypothek gestellt habe weil es notwendig gewesen sei neue namhafte
Kapitalien herbeizuschaffen die man gegen dritte Hypotheken nicht habe erhalten
können und schließlich hielt er dann den gegenwärtigen Wert der Güter jener
Schuldenlast gegenüber welcher dieselbe freilich noch immer überstieg aber
doch nicht mehr in solcher Weise überstieg dass es für Renatus möglich gewesen
wäre sich noch als einen reichen Mann zu betrachten
    Die unwiderlegliche Gewalt der Zahlen übte auf Renatus in diesem Falle eine
erschreckende Wirkung Indes er war von Jugend auf gewohnt mit sicheren
Hoffnungen mit dem Glauben an das Fortbestehen seiner ausgezeichneten
Verhältnisse in die Zukunft zu sehen und sich von dem unangenehmen Eindrucke
rasch emporraffend sagte er mit der vornehmen Leichtigkeit die er ebensowohl
als der verstorbene Freiherr wenn es ihm passte anzunehmen wusste Das klingt
allerdings bedenklich und würde auch bedenklich sein wenn man genötigt wäre
in diesen immer noch ungünstigen Zeiten zu dem Verkaufe eines solchen Besitzes
zu schreiten glücklicher Weise ist das nicht der Fall
    Tremann der mit großem Bedachte und reiflichem Ernste seine
Auseinandersetzungen gemacht und sich dabei so schonend als möglich geäußert
hatte weil er gerecht genug war den jungen Freiherrn nicht für die ungünstige
Lage verantwortlich zu machen in welche seine Güter durch die Schuld seines
Vaters gebracht worden waren fühlte sich durch das ganze Betragen und durch die
Leichtfertigkeit des Freiherrn doch bewogen diese Schonung nicht weiter zu
üben und trocken und ohne allen Umschweif sagte er Wie die Weltlage und unsere
industriellen und gewerblichen Verhältnisse sich mir darstellen ist ein rasches
Steigen der Güterpreise nicht vorauszusehen und wenn Sie Sich jetzt nicht
entschließen Neudorf und Rotenfeld so bald als möglich zu verkaufen werden
Sie nach drei Jahren nicht mehr im Stande sein auch nur Richten zu behaupten
    Renatus wurde plötzlich blass Er konnte die frühere leichte Weise solchem
Ausspruche gegenüber nicht mehr aufrecht erhalten und Tremann schien es auch
gar nicht auf eine Gegenäusserung von ihm abgesehen zu haben  Ich musste mich
fuhr er fort als ich mich Ihrem Wunsche gemäß dem Amte unterzog das mein
verstorbener Kompagnon nach Ihres Herrn Vaters Tode von Ihnen übernommen hatte
erst selber genauer über eine Menge von landwirtschaftlichen Fragen und
namentlich über die Zustände in Ihren Provinzen unterrichten da man ohne eine
vollständige Einsicht in diese Dinge nur ein schlechter Berater sein würde und
der ehemalige Amtmann Ihres Herrn Vaters der Gutsbesitzer Steinert ist mir
dabei mit seiner Einsicht und ich darf sagen mit seinem guten Willen Ihnen
behilflich zu sein sehr nützlich gewesen Nach seinen Mitteilungen ist seit
fast dreißig Jahren seit dem Tode Ihres Großvaters wie Steinert es nannte so
gut wie gar nichts in die Güter hineingesteckt wohl aber alles aus ihnen
herausgezogen worden was sie irgend herzugeben vermochten Der Krieg und die
untüchtige Verwaltung des jetzigen Amtmanns mit dem man aus Vorschnelle und
Bequemlichkeit ohne ihn zu kennen auf lange Jahre hinaus einen Vertrag gemacht
hatte der ihn halbwegs wie einen Pächter hinstellt der aber keine Kaution
irgend einer Art geleistet hat sind unheilvoll dazugekommen Die Güter befinden
sich in dem völligsten Verfalle Sie haben allerdings in Richten ein großes
Schloss in Neudorf eine Kirche und ein Pfarrhaus in Rotenfeld die neue
katholische Kirche und daneben sogar noch jene Art von Seminar Das sind
Baulichkeiten genug aber es sind unfruchtbare geldkostende Gebäude und es
fehlt an allem Nötigen  es fehlt an Scheunen und an Ställen es fehlen
Wohnungen für eine größere Anzahl Leute die herbeigezogen werden müssten wenn
man die Verbesserung des Bodens ernstlich betreiben wollte Man müsste vierzig
fünfzig Tausend Taler in die Hand nehmen können um auf den drei Gütern nur die
notwendigsten Gebäude herzustellen Man müsste eine eben so große Summe
anwenden um ein ViehInventar herbeizuschaffen wie es einem solchen
ausgesogenen GüterKomplexe notwendig wäre und müsste die Mittel haben durch
die ersten Jahre nicht nur diesen Viehstand sondern auch die Leute völlig
durchzuhalten bis die Güter selber den Aufwand wieder tragen könnten Wo wollen
Sie diese Kapitalien diese Mittel finden Wie wollen Sie es machen diese neuen
Kapitalien besten Falles aus dem gegenwärtigen Ertrage der Güter neben den
ohnehin laufenden alten Zinsen zu verzinsen
    Er nahm da Renatus keine Antwort darauf zu geben vermochte die Papiere zur
Hand welche den letzten Jahresabschluss des Amtmanns enthielten und jene andern
Berichte die er sich vierteljährlich von ihm hatte senden lassen Der
gegenwärtige Reinertrag der Wirtschaft hatte da Renatus sich allmählich in der
französischen Hofgesellschaft auch an einen größeren Aufwand gewöhnt hatte kaum
die Höhe der Summe erreicht welche er sich in den beiden letzten Jahren als
Zuschuss nach Paris hatte nachsenden lassen und um den Haushalt und die
Bedürfnisse der Baronin und ihrer Gäste zu bestreiten hatte man gelegentlich
von den Kaufleuten in den kleinen den Gütern nahe gelegenen Städten einzelne
Beträge in verschiedener Höhe entnommen die sie weil alle diese kleinen
Kaufleute die Vermögenslage des Freiherrn kannten nur unter den ungünstigsten
Bedingungen hergegeben hatten Sie waren da auch hier sich Zins zu Zins gefügt
zu einer Summe angewachsen die Renatus in Erschrecken versetzte und zum ersten
Male seiner selber nicht mehr Meister rief er sich gegen die Stirn schlagend
Furchtbar furchtbar Da ist ja gar kein Ausweg möglich
    Er war aufgestanden und hatte mit hastiger Hand die Haken und Knöpfe seiner
Uniform geöffnet es wurde ihm angst und bange Wie verkörpert stiegen die
Berechnungen gewaltig vor ihm in die Höhe und drängten auf ihn ein Alle alle
alle gegen den Einen gegen ihn Hier war für ihn kein Durchhauen möglich  und
hier zu unterliegen war nicht wie in einer guten Sache auf dem Schlachtfelde
eine Ehre  hier zu unterliegen war ein Schimpf
    Tremann der ihn seit dem Beginne ihrer Unterredung genau beobachtet hatte
erriet und sah was in dem jungen Freiherrn vorging und wie bei allen
tüchtigen Menschen waren seine Teilnahme und sein Mitleid leicht erregbar wo
er an die Möglichkeit einer nachhaltigen Hilfe glauben konnte
    Nur Mut Herr von Arten rief er die Sache steht allerdings nicht
sonderlich doch ist sie keineswegs verloren noch ist sie zu halten Sie müssen
nur den Mut nicht sinken lassen
    Aber der natürliche und wohlgemeinte Zuspruch brachte auf das jetzt doppelt
verletzbare Gemüt des Freiherrn nicht die beabsichtigte Wirkung hervor denn
die feinen Augenbrauen zusammenziehend sagte er An Mut hat es noch keinem
Arten je gefehlt und wenigstens diese Eigenschaft unseres Hauses geht mir
sicherlich nicht ab
    Tremann ließ diese unberechtigte Gereiztheit völlig unbeachtet Mit einer
beruhigenden Milde die seinem ernsten Antlitze eine Schönheit verlieh gegen
welche Renatus selbst in diesem Momente sein Auge nicht verschließen konnte
sprach er Es konnte mir nicht einfallen Herr von Arten an Ihrem Mute an dem
sogenannten Heldenmute in Ihnen zu zweifeln der im entscheidenden Augenblicke
mit Selbstvergessenheit sein Leben daran zu geben weiß Mich dünkt in dieser
Art von Mut haben wir beide Gelegenheit gehabt unsere Proben abzulegen Er
hielt inne als wolle er dem Andern die Zeit vergönnen sich auszusprechen da
Renatus aber schwieg und sein Antlitz sich nicht erhellte sagte Tremann
nachdrücklich wennschon mit derselben unerschütterlichen Gelassenheit Es gibt
aber einen Mut der weniger leicht zu behaupten ist als jener von der
fortreissenden Macht einer begeisterten Masse oder von der Erregung eines
gewaltigen Augenblickes erzeugte Heldenmut ich meine den moralischen Mut
jenen guten stillen Mut des Mannes der seine Ehre darein setzt sich mit
aller seiner Kraft in verschuldetem oder nicht verschuldetem Missgeschicke zu
behaupten der entschlossen ist mit jahrelang währender Arbeit mit Sorgen und
Mühen die Niemand sieht und die in vielen Fällen Niemand sehen und kennen darf
seinen Verpflichtungen zu genügen und der herstellen und schaffen will was für
ihn und für Andere das Geforderte und Gebotene ist Fühlen Sie von diesem
schweigenden beharrlichen recht eigentlich bürgerlichen Mute etwas in Sich
Herr von Arten  nun so brauchen Sie über Ihre Lage noch keineswegs zu
erschrecken denn ich wiederhole es Ihnen noch ist Hilfe möglich
    Renatus konnte sich gegen die Würdigkeit dieses Mannes nicht verschließen
zugleich aber fühlte er jenen hochmütigen Artenschen Aberglauben noch einmal
in sich rege werden der erst gestern dem Grafen Gerhard Anlass gegeben hatte
ihn zu verspotten Zum zweiten Male stellte dieser Tremann sich zwischen ihn und
eine ihm drohende Gefahr Er hatte ihm im Kampfe der offenen Feldschlacht einst
durch seinen Mut das Leben erhalten weshalb sollte er von dem Schicksal nicht
auch bestimmt sein ihn eben so vor dem andern Untergange zu bewahren der ihm
jetzt zu drohen schien Und von der Bewegung in welche dieser Gedanke ihn
versetzte über seine sonstige enge Schranke des Empfindens fortgerissen rief
er plötzlich Soll ich Ihnen  er wollte hinzusetzen eben Ihnen denn Alles zu
verdanken haben  Aber er unterdrückte diesen Zusatz und obschon Paul das wohl
bemerkte focht es ihn nicht an Im Gegenteil dasjenige was Renatus aufregte
dünkte ihn nur ein ganz Natürliches zu sein Er hatte dem jungen Manne der an
sich völlig schuldlos an allem demjenigen war was in Pauls Schicksal mit den
Schicksalen der Herren von Arten zusammenhing mit Gefahr des eigenen Lebens das
Leben gerettet es erschien ihm also da er sich einmal bereitwillig hatte
finden lassen die Artenschen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen eben
deshalb jetzt nur folgerecht dass er so viel an ihm war auch dazu tat den
Freiherrn auf den Weg zu weisen auf welchem er sein Leben ehrenhaft und würdig
weiter fortzuführen vermochte
    Ich war hob Paul nach kurzer Unterbrechung also wieder an da ich nach fast
vierjähriger Abwesenheit aus dem Felde kam Ihnen will ich es zu Ihrer
Ermutigung bekennen ziemlich in der gleichen Lage in der Sie gegenwärtig
sind Mein Vorgänger hatte mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt zu
halten vermocht wir waren durch seine Schuld in die bedenklichsten Geschäfte
und Unternehmungen verwickelt es waren bereits große Verluste vorgekommen und
da ich ohnehin nach dem Willen des verstorbenen Herrn Flies die Kapitalien
seiner Tochter gänzlich aus dem Geschäfte herauszuziehen hatte fand ich mich
nach meiner Heimkehr eines Tages auf dem Punkte an dem ich um den
augenblicklich auf mich eindringenden Forderungen gerecht zu werden und mit
meinem guten Namen auch meine bürgerliche Ehre und meinen kaufmännischen Kredit
zu erhalten wie ich es Ihnen eben jetzt geraten habe Alles an Alles setzen
musste
    Was heißt das in Ihrem Falle fragte Renatus mit wachsender Spannung
    Das heißt dass ich alles was ich an Fonds an Papieren selbst an
Immobilien besaß unter den ungünstigsten Verhältnissen verkaufen musste um die
auf unsere Firma laufenden Wechsel einlösen und dem Misstrauen begegnen zu
können das sich durch die in meiner Abwesenheit gemachten unglücklichen
Geschäfte und Unternehmungen gegen unser Haus erhoben hatte
    Es kam ein Abend sprach er langsam und nachdrücklich es kam ein Abend an
welchem ich nach Wochen und Monaten voll der schwersten Sorgen voll
schlafloser Nächte mir sagen musste dass ich jetzt fast so pfenniglos da stände
als an dem Tage an welchem ich in die Welt hinausgegangen war und mir fehlten
jetzt die feurige Hoffnung der ersten Jugend und die zwanzig Jahre voll rüstiger
Kraft in denen ich mir meinen Weg geschaffen und mein Vermögen erworben hatte
Ich besaß an jenem Abende setzte er nach einem tiefen Atemzuge mit schwerem
gewichtigem Tone hinzu nicht viel mehr als das Bewusstsein das Rechte getan
zu haben nicht viel mehr als das unbedingte Vertrauen derjenigen mit denen
ich meine Geschäfte gemacht hatte und die Überzeugung dass ich mich auf mich
selbst und auf meine Arbeitskraft verlassen könne Das aber ist ein Großes 
Und wieder entstand eine neue Pause
    Trotz seines starken Herzens hatten die Erinnerungen welche er eben nicht
häufig in sich zu erwecken gewohnt war den ernsten Mann erschüttert während in
Renatus die widersprechendsten Vorstellungen Gedanken und Empfindungen auf und
nieder wogten Bald fühlte er sich geneigt sich Tremann mit Bewunderung in
brüderlicher Verehrung in die Arme zu werfen dann wieder bedünkte es ihn als
dürfe er demselben ohne sich etwas zu vergeben nicht eine Genugtuung
bereiten deren er jetzt ohnehin schon vollauf genießen musste denn dass ein Mann
das Rechte um des Rechten willen tun dass er fördern und Hilfe leisten könne
ohne dabei an sich selbst und an die Wirkung zu gedenken welche diese
Hülfsleistung auf das Gefühl des Geförderten hervorbringt das einzusehen dazu
war die Seele des jungen Freiherrn nicht gemacht Und doch fühlte er dass er
nicht schweigen dürfe dass er Tremann mindestens ein Zeichen seiner dankenden
Anerkenntniss schuldig sei
    Ich bewundere Ihre Entschlossenheit sagte er endlich und ich wünschte ich
befände mich in so einfachen Verhältnissen wie Sie dass ich das Gleiche möglich
machen und mich doch behaupten könnte Unser Standpunkt ist nur wieder sehr
verschieden
    Tremann sah ihn prüfend an Er hörte aus den Worten des Freiherrn was in
dessen Seele vorging aber er gab nichts auf die hochmütige und
vorurteilsvolle Überhebung mit welcher jener seine Zustände als ganz
besondere von denen des bürgerlichen Kaufmanns abzutrennen suchte und wie der
Arzt die Ungebühr des Kranken nur als ein Krankheitszeichen ansieht das ihn
nicht beirren darf sagte Tremann Das ist vielleicht nicht so schwer als es
Sie dünkt und ich bin bereit Ihnen meine Ansicht und meine Plane für Sie
mitzuteilen wenn Sie mir vorher ein paar Fragen beantworten wollen Haben Sie
Liebe für das Landleben Denken Sie Sich auf Ihren Gütern aufzuhalten
    Ich bin auf dem Lande geboren und die Herren von Arten haben stets auf
ihren Besitzungen gelebt es ist ein Herkommen unter uns gab er abermals
ausweichend zur Antwort
    Das fing Paul endlich doch zu verdrießen an Wir haben es hier nicht mit
Ihren FamilienTraditionen Herr von Arten sondern mit Ihren Möglichkeiten zu
tun sagte er schärfer als er bis dahin zu dem Freiherrn gesprochen hatte und
zu der Uhr emporsehend fügte er hinzu dass ihm in einer halben Stunde eine
Geschäftsbesprechung bevorstehe dass er also genötigt sei dem Freiherrn in
großen Umrissen die Möglichkeiten und Massnahmen vorzuzeichnen mittels deren er
es für tunlich halte die Artenschen Verhältnisse zu ordnen und durch Rettung
eines Teiles des Vermögens die Mittel zu einer allmählichen Wiederherstellung
desselben zu gewinnen
    Er riet Neudorf und Rotenfeld sofort zu verkaufen Für Neudorf finde sich
in dem Baurat Herbert der einst die Rotenfelder Kirche aufgeführt und bei der
Gelegenheit den Wert der Neudorfer Steinbrüche habe kennen lernen ein Käufer
da der Baurat mit Andern in Gemeinschaft eine regelmäßige Ausbeutung der Brüche
unternehmen möchte Auch auf Rotenfeld sei ein den Zeitumständen nach recht
günstiges Gebot getan Nach dem Verkaufe dieser Güter werde Renatus die
Möglichkeit besitzen seine Wechselschulden zu tilgen die hoch verzinsten
Hypotheken von Richten teilweise abzulösen und dann Geld von der Landschaft zu
geringeren Zinsen auf Richten zu erhalten Sei dies geschehen so frage er sich
ob der Freiherr es nicht vorziehe im militärischen Dienste zu verbleiben in
welchem er sich eine ehrenvolle Laufbahn eröffnet und den Weg zu weiterem
Vorwärtskommen gebahnt habe Man mache an einen Privatmann welchem Stande er
auch angehöre in einer großen Stadt nicht die Ansprüche die man gewohnt sei
an die Herren von Arten auf ihrem Schloss zu erheben Der Hauptmann von Arten
könne in der Stadt sehr standesgemäss mit dem achten Teile der Summe leben
welche der Freiherr von Arten einst in Richten alljährlich ausgegeben habe
Überantworte man Richten einem rechtschaffenen und vermöglichen Pächter
nachdem man die Bauten hergestellt das Inventarium vervollständigt und somit
die Mittel vorbereitet habe welche zur Verbesserung des Gutes unerlässlich
wären so werde man sich in der Lage befinden jährlich einen Teil der auf
Richten dann noch haftenden Schulden zu tilgen Noch im rüstigsten Mannesalter
aber könne Renatus dann wieder Herr eines Besitzes sein der bei den
Fortschritten welche die Bodenkultur nach den neuen Forschungen und Erfahrungen
der Engländer und Franzosen notwendig auch in Deutschland machen müsse immer
noch ausreichend groß genug sein werde ihm wenn er dann den Abschied nehmen
und nach seinem FamilienHerkommen sich auf seinem Gute niederlassen wolle
auch auf dem Lande ein reichliches Leben möglich zu machen und den Seinen ein
schönes Erbe zu werden Wolle Renatus aber jetzt gleich den Dienst aufgeben um
sich auf sein Stammgut zurückzuziehen nun so bleibe ihm nichts übrig als den
Degen ehrlich mit dem Pfluge zu vertauschen die Landwirtschaft gründlich als
einen Beruf zu erlernen die Bewirtschaftung seines Gutes selbst zu übernehmen
und zu sehen in wie weit es ihm gelinge mit tüchtigen Gehülfen das Gut zu
heben und seine Bedürfnisse mit seinen Einnahmen in das Gleiche zu setzen wobei
denn freilich auch auf die unüberlegten Ausgaben der Baronin Vittoria Rücksicht
genommen und die Erziehung des jungen Freiherrn Valerio in eine andere Richtung
als bisher geleitet werden müsste
    Renatus hatte ihm schweigend zugehört Als Tremann dann geendet hatte
dankte Jener ihm für diese gewiss sehr richtigen und höchst wohlgemeinten
Auseinandersetzungen und für seine Ratschläge aber sagte er ich sehe und
fühle wo der Punkt liegt den Sie bei Ihren Planen für meine Unternehmungen
nicht ins Auge fassen und den ich unberücksichtigt zu lassen nicht im Stande
bin ja den ich selbst wenn ich es über mein Gefühl vermöchte nicht
unberücksichtigt lassen darf Mein Onkel Graf Berka bemerkte mir gestern mit
Recht dem Kaufmanne dem bürgerlichen Gewerbetreibenden Ihnen zum Beispiel
habe alles was Sie erwerben nur seinen wirklichen Wert Alles was Sie
besitzen ist Ihnen Geld ist Ihnen Mittel zum Zwecke Sie geben selbst den
erworbenen liegenden Besitz mit voller Freiheit und ohne jegliches Bedenken
auf sobald es Ihnen passt und es ändert sich in Ihrem Sein damit nicht das
Geringste wenn Sie ein Haus ein Gut kaufen oder es verkaufen und wieder
zurückkaufen wie der Anlass sich eben dazu bietet Wir aber wir befinden uns in
einer solchen Lage nicht Unsere Verhältnisse sind völlig anders Wir sagte er
mit besonderer Betonung wir sind durch langjährigen Besitz Eins geworden mit
unserem Grunde und Boden mit unserem Lande und unseren Schlössern Wir tragen
ihren Namen sie sind unser Unterscheidungszeichen Ein junger Baum  setzen Sie
ihn von seinem heimatlichen Boden fern wohin Sie wollen  er kann auch in der
fremden Erde wachsen und gedeihen Ein Stamm der weithin schattend durch
Jahrhunderte seine mächtigen Wurzeln durch dasselbe Erdreich forterstreckte 
    Geht aus fiel Paul ihm in die Rede wenn er den Boden ausgesogen hat aus
dem er seine Nahrung schöpfte
    Das ist wohl möglich entgegnete Renatus mit einem Ausdrucke von Schwermut
in seiner Stimme die der Andere an ihm noch nicht wahrgenommen hatte das ist
möglich aber es ist sicher wenn Sie es unternehmen ihn zu entwurzeln und ihn
zu verpflanzen Und tief aufatmend setzte er hinzu Sie sprechen zu mir mit
einem Anteile den ich dankbar anerkennen muss Indes Sie haben nur die eine
Seite meiner Verhältnisse im Auge und Sie vermögen die andern in ihrer ganzen
Bedeutung wohl nicht zu ermessen Sie sagen mir verkaufen Sie Neudorf Aber
Neudorf war der erste Besitz unseres Hauses Der Hochmeister Winrich von
Knipprode belehnte im vierzehnten Jahrhundert meinen Ahnherrn nach der Schlacht
von Rudau mit der Feldmark Neudorf Neudorf ist seit nahezu vierhundert Jahren
unser Eigentum Es wäre mir wenn ich Neudorf fortgäbe als zöge ich mir den
Boden unter den eigenen Füßen fort um mich darauf zu verlassen dass ich im
Notfalle fliegen lernen werde Das vermag ich nicht Sie sagen mir verkaufen
Sie Rotenfeld und Sie bedenken nicht dass in der Rotenfelder Kirche die
meine Eltern aufgerichtet haben jetzt die Gebeine meiner Eltern meiner Ahnen
ruhen dass ich von ihnen die fromme Pflicht ererbte in Rotenfeld eben jenes
Stift für katholische Knaben zu erhalten
    Es wird Ihnen das in keinem Falle lange mehr möglich sein warf Paul
abermals dazwischen auch wenn Sie Sich nicht zu der gedachten durchgreifenden
Änderung vermögen
    Und nun vollends Richten verpachten das Haus veröden lassen sagte Renatus
wie zu sich selber das seit mehr als hundertfünfzig Jahren uns von Geschlecht
zu Geschlecht geboren werden und sterben sah Unmöglich ganz unmöglich  es muss
einen anderen Ausweg geben
    Tremann erhob sich seine Geduld war erschöpft seine freie Zeit zu Ende
Ich begreife Ihre schmerzlichen Empfindungen sagte er und ich hatte nicht
erwartet dass Sie Sich leichten Herzens zu den schweren Schritten entschließen
würden Aber täuschen Sie Sich darüber nicht Herr von Arten Sie haben keine
Zeit Sich Ihren Empfindungen zu überlassen Ich sehe und es gibt sicherlich
für Sie keinen anderen Ausweg als den welchen ich Ihnen angedeutet habe Sie
müssen Neudorf und Rotenfeld verkaufen Sie müssen Richten verpachten wenn Sie
Sich nicht zu persönlicher Arbeit bequemen mögen die wie ich fürchte auch
gegen Ihre bisherigen Gewohnheiten und wahrscheinlich ebenfalls gegen die
Überlieferungen Ihres Hauses verstösst Ich habe das Amt mit dem Sie mich
betrauten nur bis zu Ihrer Rückkunft übernommen Wollen Sie Sorge dafür tragen
dass Ihrer Frau Stiefmutter jetzt ein anderer Curator Ihrem Bruder baldigst ein
anderer Vormund gegeben werde und wollen Sie es mir ermöglichen dass ich in
Bälde die Papiere die ich in meiner Obhut habe einem Anderen vielleicht
weniger Beschäftigten überliefern kann so wird das meinen eigenen Arbeiten zu
Gute kommen und ich werde es Ihnen danken
    Renatus hatte sich jetzt auch erhoben Er schnallte den Säbel wieder um
nahm den Czako zur Hand und so aufs Neue in voller Uniform entschuldigte er
sich gegen Tremann dass er ihn also lange aufgehalten ohne von seinen guten
Absichten und Meinungen den von Jenem erwarteten Nutzen gezogen zu haben Er
versprach sobald es ihm irgend tunlich werde Pauls gänzliche Entlastung zu
bewirken verhieß die Artenschen Akten und die VormundschaftsPapiere seines
Bruders in kürzester Zeit an sich zu nehmen und sie trennten sich darauf
höflich aber kalt
    Der Freiherr sprach allerdings dem Kaufmanne seinen Dank und seine
Anerkennung zu wiederholten Malen aus Paul nahm dieselben auch mit seiner
gewohnten guten Weise hin indes sie waren sich durch diese Begegnung um keinen
Schritt näher getreten sie hatten sich nur weiter und entschiedener als je von
einander getrennt empfunden
    Als Paul dann auf der Wendeltreppe die er sich aus seinem Arbeitszimmer
nach Davidens Wohnstube hatte legen lassen hinaufstieg fand er die beiden
Frauen seiner bereits wartend Er umarmte die junge Mutter reichte Seba die
Hand und als sie ihn mit ihren immer noch schönen Augen ruhig und heiter
anblickte umarmte er auch sie Er fühlte eine große Zärtlichkeit für sie weil
es ihm gelungen war von ihrem Herzen eben heute eine Kränkung abzuwenden
    Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide deren Liebe sie hellsehend
machte dennoch dass ihm etwas nicht ganz recht sein oder dass er eine
Unannehmlichkeit zu überwinden gehabt haben müsse und sie fragte um ihm Anlass
zur Mitteilung zu geben weshalb er sie also lange habe auf sich warten lassen
    Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt und zuletzt war Herr von Arten
der gestern von Paris gekommen ist sehr lange bei mir gab er ihr zur Antwort
    Und wie hast Du ihn gefunden rief Seba in welcher die Teilnahme für den
Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich wieder regte
    Er ist ein schöner Mann geworden breitschulterig und kräftig ein sehr
schöner Mann gab er zur Antwort während er sich zum Imbiss niedersetzte
    Und wie ist er sonst geworden fragte Jene noch einmal
    Nicht anders als er gewesen ist Es geht ihm wie dem Herrscherstamme der
Bourbonen von deren Hofe er nach Hause kommt Er hat nichts gelernt und hat
nichts vergessen
    Was will das in seinem Falle besagen erkundigte Davide sich der die
Missstimmung ihres Gatten jetzt erklärlich wurde
    Was das sagen will mein Kind Nun er möchte sein Leben genießen wie sein
Vater und seine Ahnen es genossen haben möchte wie sie die Herrschaften
besitzen und geachtet leben und sterben wie sie Er hat auch recht viel schöne
Empfindungen  nur zur Arbeit hat er keine Lust
    Die Frauen schwiegen Sie mochten sich erinnern dass sie es gewesen waren
die Paul gegen seine Absicht überredet hatten sich mit den Artenschen
Angelegenheiten zu befassen und da er dieses wohl erriet sagte er gleich
darauf bedacht ihnen jede Reue zu ersparen Macht Euch um meinetwillen darüber
keine Sorge meine Lieben Ich erleide durch Renatus keine Enttäuschung habe
obenein in dieser Verwaltung mancherlei erfahren und gelernt das mir
gelegentlich von Nutzen sein wird und auf eine Handvoll Arbeit mehr kommt es
mir glücklicher Weise nicht an
    Und Du glaubst dass er sich nicht raten lassen sich nicht ändern werde
erkundigte sich Seba noch einmal
    Nein denn wie sollten Menschen die sich für eine besondere Abart halten
sich verständig in die der großen Gesammteit gemeinsamen Bedingungen der
Gegenwart zu schicken wissen  Er schüttelte das Haupt und sprach danach sehr
ernstaft Täuscht Euch nicht darin Alles und Jedes hat nur einen zeitweisen
Bestand eine zeitweise Möglichkeit des Bestehens So gewiss als die
fortschreitende Kultur die gemeinschädlichen Tiere in die Einöden zurückdrängen
und endlich völlig ausrotten muss und wird so gewiss muss und wird die
fortschreitende Bildung die in dem Leisten und Schaffen den höchsten Beruf des
Menschen und in der Freiheit und Genuss bereitenden Arbeit ihre höchste Ehre
erkennt über alle die Geschlechter hinweggehen die ohne Nutzen für die
Gesammteit leben und sich von ihr ausschließend sich hinter Vorrechten und
Vorurteilen verschanzen und halten zu können glauben Was wertlos für das
Allgemeine ist muss untergehen und kein Adelsbrief und keine Grosstat irgend
eines Ahnen kann dagegen schützen kann die Allgemeinheit schadlos halten für
unberechtigte Ansprüche und für hochmütige Arbeitsscheu Mögen sie zu Grunde
gehen
    Er hatte dieses Verdammungsurteil dessen letzte Worte in seinem Munde und
in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges und Furchtbares gewannen noch nicht
beendet als die Wärterin ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte Der derbe
Bursche streckte dem Vater die kleinen Arme entgegen und kaum hatte dieser ihn
auf seinen Knieen als der Knabe sich mit allen seinen Kräften aufzurichten
strebte um das Stück Brod zu erlangen das in einiger Entfernung vor dem Vater
auf dem Tische lag Die Frauen lachten über die lebhaften wenn auch noch
ungeschickten Bewegungen des kleinen Menschen und ihm emporhelfend rief der
Vater mit sichtlichem Vergnügen So recht so recht mein Sohn hilf Du Dir
selber zu Deinem Brode  ich habs eben so gemacht  und ich denke das soll uns
wohl bekommen Geh nur gerade darauf los
    Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung in sein Komptoir und
zu seiner täglichen Arbeit zurück
 
                              Siebzehntes Kapitel
Renatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienstgeschäfte und seine geselligen
Verpflichtungen in Anspruch genommen Er hatte sich bei seinen Vorgesetzten
vorzustellen alte Bekannte und Freunde aufzusuchen und überall fand er einen
Empfang der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten Morgenstunde bei
seinem wenig tiefen Sinne leicht vergessen machte Allerdings wurde auch von
seinen Vorgesetzten wie von seinen Freunden die Frage ob er im Dienste bleiben
oder sich auf seine Güter begeben werde mehrfach angeregt aber es geschah in
einer Weise welche deutlich kund gab wie man bei einer solchen Entschließung
an die vollste Freiheit von seiner Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner
künftigen Gattin denn man deutete ihm überall an dass man um sein Verlöbnis mit
der Gräfin Rhoden wisse als einen ihn bestimmenden Einfluss in Betracht bringe
    Wohin er kam begegnete er einer großen Zufriedenheit und den besten
Hoffnungen für die Zukunft des Vaterlandes in welche denn selbstverständlich
die besten Aussichten für den Einzelnen immer mit eingeschlossen waren Man
rühmte sich nicht wie Renatus das in Frankreich erlebt hatte eines gewaltsamen
Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit aber man sprach es in den
militärischen und adeligen Kreisen doch unzweideutig aus wie man froh sei dass
jene Tage einer unnatürlichen Aufregung nun überstanden und überwunden wären in
denen die Masse des Volkes über ihre eigentlichen Grenzen hinausgetrieben und
freilich durch die Notwendigkeit ihrem häuslichen Leben wie ihrem Berufe und
Gewerbe abwendig geworden war Man erkannte mit Zufriedenheit wie der Strom der
Bewegung jetzt aufs Neue richtig eingedämmt in sein altes Bett zurückgeleitet
werde und wie die natürliche Gliederung der Stände sich gleichsam von selber
wieder herstelle seit man in den höchsten Kreisen die schönen würdigen Formen
der Etiquette wieder strenger aufrecht halte Besonders jedoch versprach man
sich von der Verbindung der Königstochter mit dem russischen Tronfolger dessen
Gesinnungen und Charakter man höchlich pries wie von dem engen Anschlusse an
das conservative Österreich dass man nun auch in Preußen schnell den
phantastischen demagogischen Freiheitsgelüsten die einer ruhigen Entwicklung
des Staatslebens im Wege ständen das Ende machen werde Und da man von oben
herab einzelnen hartbedrängten adeligen Grundbesitzern mit großen Darlehen zu
Hilfe gekommen war sah man wenn in Preußen auch nicht die Milliarde von
Franken in Aussicht stand mit welcher man die Ausgewanderten in Frankreich
entschädigt hatte doch für den Adel des Landes sehr beruhigt und hoffnungsreich
in die Zukunft hinaus
    Als Renatus dann am Abende wie er es versprochen hatte seinen Oheim
besuchte und ihm von seinem Tagewerke Rechenschaft geben sollte gestand er
diesem dass er dieses Tagewerk wie er es nannte mit einer Übereilung ja
recht eigentlich mit einer Dummheit angefangen habe
    Der Graf begehrte natürlich zu wissen was das heißen solle und sein Neffe
entgegnete Ich habe gegen die ersten Grundsätze der Kriegführung gesündigt und
dafür eine Schlappe davongetragen Ich habe mir unnötig eine Blöße gegeben die
ich mir hätte sparen können hätte ich wie sichs gebührte erst den Grund und
Boden und die Gegend genau untersucht in die ich jetzt fast als ein Fremder
zurückgekommen bin
    Er erzählte darauf wie er statt sich erst zu seinen Freunden zu begeben
gleich am Morgen zu Tremann gegangen sei wie dieser ihm eine Besorgnis
erregende Rechenschaft über seine Angelegenheiten abgestattet wie er selber sie
im trübsten Lichte angesehen und wirklich an nichts als an den Untergang gedacht
habe Um sich aber wegen dessen was er jetzt als seinen törichten Kleinmut
bezeichnete zu entschuldigen gab er dem Oheim zu bedenken dass er die
Eindrücke seiner Kindheit in welcher er den hohen Adel Frankreichs flüchtig
durch die Welt habe ziehen sehen niemals los geworden sei und dass er sich von
seinem Stammbesitze abgetrennt so elend wie ein Verstümmelter ja wie ein
Mensch ohne seinen natürlichen Schatten erscheinen würde Er berichtete von dem
Drange nach Mitteilung dazu verleitet alles was er von Tremann erfahren
hatte ließ es nicht unerwähnt dass Herbert der dem Grafen dem Namen nach aus
den früheren Zeiten wohl bekannt war auf Neudorf Absichten hege dass auch von
einem Käufer für Rotenfeld die Rede gewesen sei und der Graf hörte ihm ohne
ihn zu unterbrechen geduldig zu
    Dann als jener geendet hatte sprach er Ja sie regen sich gewaltig diese
Herren vom Geldsacke und von der Hacke und man könnte wirklich mitunter meinen
das goldene und das eiserne Zeitalter rückten gleichzeitig und zwar zu unserem
Verderben auf uns heran Glücklicher Weise aber hat es keine Not mit ihnen
Ihre Interessen sind tausendfältig kreuzen und widerstreben einander und die
unseren sind eines  eines und dasselbe durch die ganze Welt Ihre Habgier
trennt sie von einander unser berechtigtes Verlangen das Unserige seien es
Rechte oder Besitztümer zu erhalten zwingt uns zur Einigkeit Wir gipfeln in
dem Throne den wir stützen sie suchen nach einer Gestaltung die Alle auf
gleiche Höhe stellt und sie verflachen und vernichten sich auf diese Weise
während wir uns durch unsere Gliederung und Unterordnung zugleich vertiefen und
erheben Es hat keine Not mit ihnen und mit uns Ich habe sie unter den
Franzosen studiert und kennen lernen diese republikanischen Grafen von
vorgestern und Prinzen von gestern  Er lachte  Du hast ja selber Proben von
ihnen hier bei mir gesehen Schmutziges habgieriges Gesindel das Jeden für
käuflich hielt weil es selber käuflich war
    Renatus hörte dem Grafen nicht ohne Wohlgefallen zu aber er wurde an seinen
eigenen Erinnerungen und Erlebnissen irre Indes wie alles in sich Vollendete
hat auch die vollendete Heuchelei für denjenigen der einer solchen nicht fähig
ist etwas das ihn wenigstens für Augenblicke und oft für lange Zeit
beherrschen und blenden kann besonders wenn ihre Äußerungen den persönlichen
Ansichten und Wünschen dessen begegnen an den sie gerichtet sind und alles
was Renatus von seinem Oheim vernahm war dazu geeignet ihn zu beruhigen
Freilich entsann er sich gar wohl der Vorschläge und Anträge welche der Graf
ihm eben hier in diesem Zimmer zur Zeit der französischen Herrschaft getan
hatte er erinnerte sich auch aller der Gerüchte die über seinen Oheim in
Umlauf gewesen waren und des Tadels und der Unzufriedenheit ja des schweren
Kummers zu welchen derselbe seiner eigenen Familie Anlass gegeben hatte Aber
der Freiherr hatte in Paris eine große Anzahl von Männern kennen lernen von
deren stürmisch durchlebter Jugend von deren auffallenden Sinnesänderungen man
sich ebenfalls das Abenteuerlichste zu erzählen wusste und es hatte das nicht
gehindert dass man ihnen Ehre und Achtung zollte wenn sie endlich zu einer
würdigen Abklärung ihres Lebens zu Überzeugungen durchgedrungen schienen mit
denen man sich einverstanden zu erklären vermochte Wie durfte der Neffe auch an
der ehrlichen Wandlung und sittlichpatriotischen Erhebung seines Oheims
zweifeln wenn der König in dessen unbedingter Verehrung der junge Freiherr
auferzogen und den er gewöhnt worden war als die irdische Verkörperung der
höchsten Gerechtigkeit zu betrachten den Grafen zu Gnaden angenommen und ihn
mit einem seiner höchsten Orden ausgezeichnet hatte Der Autoritätenglaube
welchen er zu den Pflichten seines Standes zählte zwang den Freiherrn das
eigene Urteil der Ansicht seines Königs unterzuordnen und anzuerkennen gelten
zu lassen und zu verehren was dem Landesherrn dessen menschliche
Beschränktheit doch natürlich stets auf fremdes Urteil auf fremde Angaben
zurückzugehen sich genötigt sah von Dritten als ein Ehrenwertes und als der
Anerkennung würdig geschildert worden war
    Sein Vertrauen in des Oheims Einsicht steigerte sich beständig und die
mannigfache Kenntnis welche derselbe von allen praktischen Dingen zu haben
schien überraschte den Neffen Auch über Tremanns Angelegenheiten zeigte der
Graf sich völlig unterrichtet Er erzählte wie Tremann von der Flies das von
Artensche Grundstück in der Hauptstadt an sich gebracht wie er es parzellirt
wie er die Bewilligung erhalten habe hinten im Garten dem Wasser entlang eine
Straße anzulegen und wie er sich dadurch nicht nur aus einer bedenklichen
Verlegenheit gerettet sondern auch ein namhaftes Kapital gewonnen und seinen
großen Kredit aufrecht erhalten habe
    Sie haben sich sagte der Graf zusammengetan wie ich neulich hörte als
ich einmal ausnahmsweise denn ich liebe meine eigene Küche mit einem Bekannten
im Hôtel zu Mittag aß sie haben sich zusammengetan Euer Steinert dieser
Tremann und der Baurat Herbert Sie sind es die ihre Absichten auf Neudorf und
auf Rotenfeld gerichtet haben Sie wollen bei Euch in der Provinz wo der Boden
und der Arbeitslohn noch billiger sind als hier Fabriken anlegen Oelund
Zuckersiedereien und was weiß ich was sonst noch Alles Steinert der
Marienfelde schon besitzt soll so viel als möglich von dem Rohprodukte auf
eigenem den Fabriken gehörendem Boden erzielen Herbert übernimmt die Bauten
Steinerts Sohn haben sie ein Jahr hindurch in England gehabt und nun nach
Amerika hinübergeschickt damit er sich in dem Fabrikwesen umsehen solle und
Tremann der jetzt hier bereits wieder zu den großen Firmen zählt findet für
jede seiner Unternehmungen Teilnehmer und Kapital wobei denn wie sich das
nach Meinung dieser Leute wohl gebührt dem Erfinder der Löwenanteil
anheimfällt Die Kontinentalsperre hat sie alle klug gemacht und was wir
Bonaparte auch nachzutragen haben die Industrie des Festlandes hat er mit einem
Federzuge um Jahrhunderte gefördert
    Der Graf erwähnte darauf noch in derselben abfertigenden Weise verschiedener
anderer Gewerbtreibenden die in kurzer Zeit große Vermögen erworben hatten
aber Renatus hörte es nicht mehr Es war ihm unheimlich zu denken wie Andere
sich bereits Rechnung auf Gewinn von dem Ertrage seiner Güter machten und wie
sich in solcher Lage die Vorstellungen dem Menschen leicht zum Bilde verkörpern
kam er sich wie ein von Jägern vorsichtig umstelltes Wild vor dem zwar die
freie Bewegung innerhalb des Reviers aber kein Entrinnen mehr vergönnt ist Er
sah sich im Geiste schon auf Richten eingebannt von Neudorf und Rotenfeld
qualmte der Rauch aus den Schloten der Oelmühlen und Zuckersiedereien er meinte
den Donner der Minen zu hören mit denen man in den Steinbrüchen hinter Neudorf
die Felsen sprengte und von seinem Missempfinden fortgerissen rief er Wenn ich
mir denke dass diese Kompagnie sich bei uns einzunisten denkt 
    Wo denken sie sich denn nicht einzudrängen erwiderte mit lachendem
Achselzucken der Graf Und vor Allen dieser Monsieur Tremann Da  er stand auf
ging an seinen Schreibschrank schob einige Papiere die auf demselben lagen
mit rascher Hand zur Seite und seinem Neffen ein Blatt hinhaltend fügte er
hinzu Da lies einmal welch eine Epistel ich heute von dem Patron erhalten
habe
    Renatus tat wie Jener begehrte indes die Wirkung des Schreibens war eine
andere als der Graf erwartet haben mochte denn mit sichtlicher Missbilligung
fragte sein Neffe Aber wie konnte das auch geschehen wie konnte die Person zu
diesen Briefen kommen Da Sie ihr dieselben nicht gegeben haben können so muss
sie sie entwendet haben Was werden Sie denn tun
    Was ich tun werde lachte der Graf Nichts Ich werde dem Herrn Tremann die
Zeit vergönnen den LandwehrMajor zu vergessen der ihm noch im Kopfe spukt
und sein Artensches Blut an das er sicherlich auch mit Vergnügen denkt
allmählich zu beruhigen Wenn man als verständiger und gewiegter Mann sich noch
um solche Jugendsünden kümmern sollte da hätte man viel zu tun vorausgesetzt
dass man ein Paar rote Backen besessen und gesunde Glieder in der Uniform gehabt
hat  Aber den Scherz bei Seite Du denkst doch hoffentlich jetzt nicht daran
Deine Angelegenheiten diesem Tremann noch länger zur Ausbeutung zu überlassen
    Renatus sagte wie Tremann selbst gefordert habe dass er ihn davon entbinden
möge
    So tue es je eher desto lieber sprach der Graf Du bist jetzt hier
gehst jetzt nach Hause Sieh Dir an wie die Verhältnisse dort sind und da ja
zwischen heute und morgen nichts entschieden zu werden braucht so kann man
überlegen was zu machen ist Bringe mir die Berichte einmal her vielleicht
vermag ich etwas für Dich zu tun Ich komme im Frühjahre in unsere Provinz Der
RegierungsPräsident der Direktor der Landschaft sind alte Freunde von mir Man
muss die Dinge nur anzufassen höchsten Ortes richtig darzustellen wissen Es
geht Unsereinem nicht gleich an Hals und Kragen und wenn man sich bei Anlass
Deiner Hochzeit an die rechte Stelle wendet so kommt man Dir da Hildegard und
die Mutter sehr geschätzt sind wohl zu Hilfe Sind wir denn Hans und Kunz dass
wir uns nur mit so brutalen Mitteln wie Kreti und Pleti aus der Affäre ziehen
könnten
    Der Graf war bei diesen Auseinandersetzungen äußerst heiter geworden Das
wirkte auf Renatus vorteilhaft zurück Nach kurzer Beratung kamen der Oheim
und der Neffe dahin überein dass der junge Freiherr gleich jetzt an Tremann
schreiben und die sofortige Aushändigung der Geschäftsakten und Dokumente
begehren solle weil Renatus sie mit sich zu nehmen wünsche Das brachte die
Unterhaltung denn auch auf die Abreise des Freiherrn und der Graf riet ihm mit
einer gewissen Dringlichkeit dieselbe zu beschleunigen und auch seine Hochzeit
so bald als möglich zu begehen Da dies seinem Neffen beides auffiel sagte
Jener unumwunden Renatus möge nicht vergessen dass er gegenwärtig der letzte
Arten sei und dass er seinem Hause schulde endlich für die Erhaltung dieses
alten Geschlechtes Sorge zu tragen Nebenher sei Hildegard durch den langen
Brautstand mutlos und an sich selber irre geworden habe ein Misstrauen in
Renatus Zuneigung zu ihr und es sei auch für Renatus selber nötig dass er
sich von dem Gerede frei mache das über ihn im Gange sei
    Der junge Freiherr fuhr auf Er begehrte zu wissen was das sagen wolle
sein Oheim suchte ihn zu beschwichtigen und da Jener in ihn drang meinte der
Graf er selber habe nicht recht dahinter kommen können um was es sich dabei
handle Graf Stammburg der Attaché der preußischen Gesandtschaft welcher
dieser Tage mit PrivatDepeschen von London angekommen sei habe das Gerücht von
einem Liebeshandel einem Bekehrungsplane einer Verführungs oder
Entführungsgeschichte hierhergebracht in welcher der Name eines katholischen
Geistlichen mit Renatus Namen und dem Namen der bekannten Schönheit der Gräfin
Haughton wunderlich verschlungen zu gleicher Zeit genannt worden wären So viel
stehe fest dass die englische Gesellschaft die Gräfin zurückgewiesen dass sie
sich auf ihre Güter begeben habe und in das Ausland zu gehen beabsichtige Käme
sie bei ihrer Reise etwa nach Berlin so sei es was auch immer zwischen ihr und
dem Freiherrn vorgegangen wäre gewiss das Beste wenn derselbe bei ihrer Ankunft
nicht in der Hauptstadt und wo möglich schon vermählt sei um sich damit gegen
seine eigenen Erinnerungen wie gegen die möglichen Ansprüche der Gräfin eine
Schutzwehr zu bereiten
    Renatus war sehr betroffen Er konnte es nicht ertragen von sich und von
Eleonoren in solcher Weise sprechen zu hören oder einen Verdacht gegen seine
Ehre auf sich sitzen zu lassen Um sich zu rechtfertigen erzählte er dem Oheim
seine Erlebnisse bis in ihre kleinsten Einzelheiten und es war lange nach
Mitternacht als die Beiden noch bei einer Flasche Wein beisammen saßen
    Der Graf war ein vortrefflicher Zuhörer Er verstand zu fragen sprechen zu
lassen und zu schweigen Als Renatus aber alle seine Mitteilungen geendet und
dem Grafen selbst sein erkaltetes Empfinden für seine Braut nicht verborgen
hatte riet dieser ihm nur noch entschiedener gleich an einem der nächsten
Tage nach seiner Heimat aufzubrechen Er pries Hildegard in gewohnter Weise auf
das wärmste meinte jedes Feuer erlösche wenn man es zu lange ohne Nahrung
lasse Auch Renatus brauche nur in der Nähe seiner Braut zu sein um die alten
Flammen wieder auflodern zu fühlen Dazu gab er ihm des Königs bekannten
Widerwillen gegen alles was irgend nach einem romantischen Abenteuer aussähe
zu bedenken Es sei nicht ratsam meinte er wenn der König jetzt zum ersten
Male von Renatus gerade auf Anlass eines so vieldeutigen Gerüchtes sprechen
höre ohne dass man durch den Hinweis auf seine nahe Vermählung mit einer ihm von
Jugend auf verlobten Braut jene Verdächtigungen entkräften könne Für die
Herstellung von Renatus Vermögen und Besitz sei des Königs Gunst die erste und
die einzige Bedingung und die Gräfin Rhoden die Mutter wie die Töchter
besässen diese Gunst
    Der Graf kam allmählich auch auf die Baronin Vittoria zu reden erwähnte mit
Bedauern dass sie seinen verstorbenen Schwager wohl manche unangenehme Erfahrung
habe machen lassen und meinte da heute einmal zwischen ihnen Alles wie es
sich zwischen so nahen Blutsverwandten und zwischen Männern zieme welche die
Welt und das Leben kennen gelernt hätten durchgesprochen würde so wolle er
Renatus denn auch vertrauen dass er in Bezug auf dessen Stiefmutter ein sehr
wichtiges Dokument besitze Es sei ein Brief der Brief eines im Felde
gebliebenen italienischen Offiziers an die Baronin Er der Graf sei sonst wie
Renatus es heute gesehen habe eben kein sorgfältiger Aufbewahrer von Papieren
indes dieses sei ihm doch der Mühe wert erschienen und da man nicht wissen
könne wie Alles sich einmal im Leben füge so sei er bereit es Renatus
auszuhändigen
    Die Mitteilung kam dem Freiherrn höchlich unerwünscht Sein Schamgefühl wie
sein Ehrgefühl lehnten sich gegen diese Enthüllung des Verrates auf welchen
Vittoria gegen seinen Vater begangen hatte und dass ein Anderer als eben er und
sein verstorbener Vater sich das Recht zuerkennen durfte seine Stiefmutter zu
verurteilen tat ihm auch um ihretwillen weh Wäre er seiner ersten Eingebung
gefolgt so würde er das Anerbieten von sich gewiesen haben aber die
flüchtigste Überlegung ließ ihn erkennen dass ein Zeugnis gegen die Baronin
gegen die Frau die seines Vaters Gattin gewesen war und seines Hauses Namen
trug nicht in fremden Händen bleiben dürfe und sich überwindend sagte er so
ruhig als er es vermochte dass er es seinem Onkel natürlich nur Dank wissen
könne wenn er ihm den Brief abtreten wolle
    Der Graf holte ihn also sofort herbei Der Zufall spielt oft wunderbar
meinte er Ein Italiener der uns hier zur Zeit des russischen Feldzuges im
Hause erkrankte und am Typhus starb hatte das Blatt an Vittoria in seiner
Brieftasche Die Weissenbach welche des Kranken gewartet und dann später sein
Hab und Gut an sich genommen hat brachte mir das Schreiben
    Es war in der Tat nur ein einzelnes Blatt wie man es aus einer
Schreibtafel herausreisst los zusammengelegt mit Bleistift geschrieben die
Buchstaben und die Zeilen unregelmäßig man musste annehmen dass ein Kranker ein
Sterbender sie hingeworfen hatte Die Aufschrift aber war von einer anderen
Hand Sie trug in festen sichern Lettern Vittorias Namen mit genauer Angabe
ihres Wohnortes und der Stadt in deren Nähe Schloss Richten gelegen war
    Ohne den Neffen anzusehen  und diese Rücksicht wusste Renatus sehr zu
würdigen  reichte er ihm über die Schulter hin das Blatt Wer weiß wie Du es
einmal brauchen kannst Deine Stiefmutter im Zaume zu halten sagte er Ich
habe wie ich Dir bekennen will durch die bloße Andeutung dass ich von dem
Dasein eines solchen Briefes wisse Ruhe und Frieden in Richten geschafft und
die Gräfin und Hildegard haben mich seitdem für einen großen Psychologen ja
für einen halben Zauberer angesehen Du wirst viel zu schlichten und zu schaffen
finden denn auch der Junge ist ein wahrer Satan aber vielleicht auch ein
Genie und wenn Du etwa von dem Briefe einmal Gebrauch zu machen denkst 
    Das werde ich niemals fiel Renatus ihm in die Rede
    Hüte Dich mein Lieber man soll so etwas nicht sagen meinte der Graf Das
Leben nimmt uns oft sonderbar beim Worte
    Es entstand eine Pause Renatus schickte sich zum Fortgehen an Der Graf
fragte ihn wann er nach Hause zu reisen denke und er entgegnete dass er schon
morgen aufbrechen möchte dass er jedoch erst noch einmal zu Tremann gehen und
seine Papiere an sich nehmen müsse Der Graf hingegen meinte dass Renatus
deshalb ja nicht noch einmal mit Tremann zusammen zu kommen brauche sondern dass
diese Sache sich auch schriftlich abtun lasse und nach kurzem Hin und
Widerreden kamen sie überein dass der Graf gleich jetzt zwei Zeilen an Tremann
schreiben solle um dem Neffen ein neues unwillkommenes Begegnen zu ersparen
    Der Graf der es unter der Franzosenherrschaft wohl gelernt hatte rasch und
gewandt mit der Feder umzugehen setzte sich sofort an seinen Schreibtisch
nieder Warte sagte er dabei kann ich ihm gleich auf seinen ritterlichen Brief
von diesem Morgen die ihm gebührende Antwort vergönnen Als er geendet hatte
bot er seinem Neffen das Billet zur Ansicht dar Es lautete
    »Mein Neffe der Freiherr Renatus von ArtenRichten welchen der Wunsch
seine Heimat und seine Braut baldmöglichst wiederzusehen zu beschleunigter
Abreise veranlasst hat mich beauftragt die sämtlichen in Ihrem Gewahrsam
befindlichen ihm zustehenden Papiere und Dokumente von Ihnen zurückzufordern
Ich ersuche Sie also mir dieselben gegen einen von dem Freiherrn
unterzeichneten Empfangsschein zustellen zu lassen Bei dieser Gelegenheit
bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben von heute früh dass es mir gegen die Ehre
und gegen die sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstoßen scheint
entwendete Papiere käuflich an sich zu bringen dass es aber fern von mir ist
Sie deshalb zu einer Rechenschaft zu ziehen da jene mir entwendeten
Briefschaften völlig wertlos für mich sind«
    Der Graf sah dass die letzten Zeilen dieses Briefes nicht nach dem Sinne
seines Neffen waren aber er wusste dem Ausdrucke dieses Missfallens vorzubeugen
Man muss diesen Herren doch gute Sitten lehren sagte er spöttisch und ihnen
zeigen wie ein Kavalier mit Ihresgleichen umzugehen hat Sie möchten sich am
liebsten auch in der Gesellschaft in Reihe und Glied mit Unsereinem stellen
weil sie einmal im Felde neben uns gestanden haben Aber die Tage folgen
einander und gleichen einander nicht wie die Franzosen richtig sagen
    Er ersuchte Renatus darauf ihm den Empfangsschein dessen er für Tremann
benötigt war zu schreiben Sie verabredeten dass sie am nächsten Tage noch
zusammen speisen wollten und Renatus der von der Menge der verschiedensten
Eindrücke aufgeregt war trug jetzt selbst ein Verlangen nach Richten zu
kommen um seine Zustände und Verhältnisse einmal durch eigene Anschauung und
Erfahrung zu prüfen und wo möglich zu einem Abschlusse zu bringen der es ihm
vergönnte sich in Ruhe auf sich selber zu besinnen
 
                                  Viertes Buch
                                 Erstes Kapitel
»Die Tage folgen einander und gleichen einander nicht« wiederholte sich der
Freiherr als er in seiner Reisekalesche einsam durch die tief verschneiten
Haiden gen Osten nach seiner Heimat fuhr
    Er empfand das jetzt noch lebhafter als es sich ihm bei seiner Reise durch
Deutschland dargestellt hatte Gerade sechs Jahre waren es her seit er mit dem
preußischen Kontingente am Ausgange des Winters denselben Weg gegangen war
aber sie waren dahin die jugendlichen Liebes und Ruhmesträume welche ihm
damals die Brust geschwellt hatten Ihm winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen
mit seinem Vater nicht mehr die Aussicht mit seinen fröhlichen Kameraden in
seiner Väter Schloss heitere Tage zu verleben und Vittoria und ihren Sohn in
Freuden zu umarmen Er war noch jung genug indes die großen Ereignisse die
ungewöhnlichen Schicksalswechsel die er an sich hatte vorüberziehen sehen und
in denen er selbst beteiligt gewesen war die Gefahren und Nöten die er
überstanden die Vorgänge in seiner Familie und namentlich die Erfahrungen die
sich ihm in Paris in den letzten Wochen und Monaten aufgedrängt hatten machten
dass er sich älter in der Tat weit älter dünkte Dazu trat die Sorge jetzt nahe
und näher an ihn heran
    So lange er in Frankreich gewesen war hatte er sie wie eine ferne weit
entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten umrissen und nur gelegentlich vor
sich gesehen Jetzt da er sich auf der altbekannten Straße wiederfand da jede
Station ihm eine halbvergessene Erinnerung wachrief tauchte auch die ganze
Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor und er konnte wohin er den
Blick auch wendete es nicht hindern dass sie sich hoch und höher aufzutürmen
schienen bis er sich endlich wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont
von ihnen in einer Weise eingeschlossen fühlte dass es ihm jeden freien Ausblick
hemmte und ihm den Atem einzuengen drohte
    Was ging ihm nicht alles durch den Kopf  In diesem Gasthofe war er
gewesen als er mit seinen Eltern in Begleitung der Herzogin nach der Stadt
gefahren war Er erinnerte sich wie man ihn in den Wagen der Herzogin gebracht
hatte damit die Mutter Ruhe hätte und wie heiter sein Vater an dem Tage
gewesen war Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Rückreise zu trinken geben
lassen und der Krüger hatte nach der Frau Baronin gefragt die unter Sebas
Obhut mit dem Kaplan in der Stadt schwer krank zurückgeblieben war Nun lebten
sie alle nicht mehr nicht sein Vater nicht seine Mutter nicht der Kaplan und
nicht die Herzogin Und wie ihm das auch weh tat sie konnte er nicht beklagen
Das Leben dünkte ihm kein so großes Glück Brauchten sie alle es doch nicht zu
hören was er von Tremann und von dem Grafen hatte hören müssen Er dachte mit
einer zärtlichen Genugtuung daran dass sie mit weniger beschwertem Sinne als
er durch ihr Dasein gegangen waren und dass nur er allein die Erbschaft ihrer
Sorgen auf sich nehmen musste Sie hätten denselben zu stehen nicht mehr
vermocht
    Vor dem Hause vor welchem er auf seinem eiligen Ritte nach dem väterlichen
Schloss damals als er seinem Regimente Quartier bestellen wollte mit Steinert
zusammengetroffen war musste er auch jetzt wieder verweilen Man hatte die
Postalterei dahin verlegt es war die letzte Station auf der er seine Pferde
wechselte Der Postalter der den jungen Freiherrn trotz der sechsjährigen
Entfernung augenblicklich wiedererkannte bewillkommte ihn mit lebhaftem
Zuspruche Wie vor sechs Jahren hatte Renatus jedoch auch jetzt keine Neigung
darauf einzugehen Jetzt wie damals fürchtete er irgend welche ihm
unwillkommene Berichte zu vernehmen denn Gutes war ihm von Hause schon seit
langer Zeit nicht mehr gekommen Und sich wie Einer der geschlafen hat und
weiter zu schlafen denkt tief in die Wagenecke zurücklehnend befahl er sobald
die Pferde vorgelegt waren weiter zu fahren
    Es war noch früh am Morgen als das Schloss sich vor seinen Augen erhob Die
Stattlichkeit desselben freute ihn da er es jetzt zum ersten Male als sein
Eigentum begrüßen sollte aber seine Besitzesfreude war nicht rein Wehmütige
Erinnerungen und schwere Sorgen warfen ihre trüben Schatten über sie
    Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn auf Kufen gesetzt
und die Räder untergebunden denn der Schnee lag hier noch auf dem ganzen Lande
fest Er reichte vor den niedrigen Häusern der Insassen bis an die
halbverstiemten kleinen Fenster hinauf Nun steckten aus den Türen sich hier
der Kopf einer Alten dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken
Pelzmützen hervor als mit dem Schalle des Postorns zugleich das Klingeln der
Schlittenschellen ertönte und der Schlitten von den starken Gäulen
fortgezogen eilig durch das Dorf fuhr
    Die winterliche Einsamkeit das Anschlagen der Hunde das sich von Hof zu
Hof fortsetzte bis es aus dem Bereiche des Schlosses an des Freiherrn Ohr
klang hatten etwas Melancholisches für ihn dem jetzt seit Jahren das belebte
Treiben der heitersten aller Städte zu einer lieben Gewohnheit geworden war Da
er sich in Berlin so plötzlich zum Aufbruche entschlossen und auch seine Abreise
von Paris schneller als er es erwartet hatte gekommen war konnte man hier in
Richten natürlich auf seine Ankunft noch nicht vorbereitet sein
    Das eiserne Gitter in dem Hoftore war geschlossen kein Laden in beiden
Stockwerken geöffnet Man hätte das Schloss für unbewohnt ansehen können wäre
nicht aus den Schloten der Rauch emporgestiegen
    Der Postillon ließ aufs Neue sein Horn erklingen um Einlass zu erhalten
Der Freiherr betrachtete während dessen wie der graue Rauch von der Sonne
erhellt an dem lebhaft gefärbten Himmel in graden sich kräuselnden Säulen in
die Höhe stieg die Gegend das Klima sein Schloss und sein ganzer Zustand kamen
ihm plötzlich so fremd so wenig als zu ihm gehörend vor dass er über die
Gleichgültigkeit erschrak mit der er hier umherschauend auf das Oeffnen
seines Hauses wartete
    Der Bursche der das Tor aufmachte kannte den Freiherrn nicht Er war noch
ein Knabe gewesen als Renatus fortgegangen war Aber der Stallknecht der
hervorkam riss voll freudiger Bestürzung seine Mütze von dem Kopfe und rief
während er sich mit den Händen gegen die Lenden schlug dem Schlitten
nachlaufend Der Herr Herr Jesus unser junger gnädiger Herr ist da der Herr
ist da
    Der Ruf brachte im Hofe Alles schnell in Bewegung Der Kutscher ein Paar
der andern Leute eilten nach der Rampe Die Türe des Schlosses ward rasch
aufgemacht es kamen ein Diener einige Mägde zum Vorschein man umringte
Renatus man küsste ihm die Hände aber es waren lauter fremde Gesichter Nicht
Einer von den Leuten die früher im Schloss gewesen waren fand sich unter den
Begrüssenden so dass es dem Schlossherrn endlich eine wirkliche Erquickung war
als Vittorias italienische Kammerfrau ihr rotseidenes Tuch wie sonst um das
dicke schwarze Haar geschlungen aus einem der unteren Zimmer zum Vorschein
kam
    Wo ist die Signorina fragte Renatus lebhaft und der bloße Klang dieses
einen Wortes erwärmte ihm das Herz
    Hier Signor hier Im Bette Sie schläft noch aber sie wird glücklich sein
über ein solches Erwecktwerden Kommen Sie kommen Sie Herr Baron Wie
glücklich wird meine Signorina sein
    Die treue Seele ließ dem Freiherrn kaum die Zeit sich seines Pelzes und
seiner Reisestiefel zu entledigen dann ihn mit sich fortziehend öffnete sie
die Türe von Vittorias Gemach und meldete mit ihrer starken lauten Stimme
Signora liebe Herrin unser Herr ist da Unser junger Herr unser Herr Baron
    Das Feuer brannte hell im Kamine Gaetana riss die Fensterläden auf dass die
emporkommende Sonne durch die gefrorenen Scheiben blendend hell hineinschien
und von dem grellen Lichte schnell erweckt richtete Vittoria sich auf ihrem
Lager rasch empor sah den Eintretenden mit ihren mächtigen Augen voll Erstaunen
an und rief dann ihm ihre Arme entgegenbreitend Renatus lieber Renatus mein
Sohn mein Freund Aber welche Freude aber welch ein Glück
    Sie konnte sich nicht genug tun Er hatte sich zu ihr niedergebeugt sie
nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küsste ihn wieder und wieder
    Wie Du schön geworden bist wie groß wie stark sagte sie Mal auf Mal und
wenn sie ihn von sich entfernt hatte als könne sie ihn nun besser betrachten
so zog sie ihn wieder zu sich heran um ihn aufs Neue zu umarmen Plötzlich
aber brachen ihre Tränen gewaltsam hervor und die Augen verhüllend sprach
sie Ich glaubte ich sei alt sehr alt Aber nur ein Bisschen Hoffnung nur ein
Sonnenstrahl des Glückes und das Leben und die Jugend sind wieder da  O ich
bin jung wie Du seit ich Dich wiedersehe
    Ehe er es hindern konnte hatte sie in der Freude seines Herzens seine Hand
ergriffen und an ihre Lippen gedrückt Ihre Warmherzigkeit die
Rückhaltlosigkeit mit welcher sie sich an ihre Empfindung hingab bezauberten
Renatus und wie ihr in der lebhaften Bewegung das seidene Tuch vom Haupte
glitt dass die Fülle ihres schwarzen Haares sie und ihr volles marmorfarbiges
Gesicht umfloss übte auch ihre Schönheit den alten lieben Reiz auf ihren
Stiefsohn aus
    Sie fragte nach seinem Ergehen aber sie fragte wie es die Weise ihres
phantastischen Sinnes war bald nach Diesem bald nach Jenem Er sollte
erzählen und doch war sie es die ihm erzählte wie traurig wie verlassen sie
hier im Schloss lebe wie schön Valerio geworden sei wie sie es hier gar nicht
ertragen haben würde hätte sie Valerio und Cäcilie nicht gehabt hätte sie sich
nicht damit getröstet dass Renatus wiederkommen und seiner armen kleinen Mutter
das Leben wieder leicht und lieblich machen werde Nur des Freiherrn ihres
verstorbenen Gatten erwähnte sie mit keinem Worte und Renatus mochte ihre
Freude durch keine schmerzliche Erinnerung stören Es fiel ihr gar nicht ein
dass Jemand der von einer Reise kommt ein Verlangen nach Nahrung oder den
Wunsch hegen könne sich umzukleiden Sie dachte nicht daran dass er von der
mehrtägigen Fahrt ermüdet sein müsse selbst dass sie aufstehen und sich
ankleiden lassen könne kam ihr nicht in den Sinn Sie war froh und glücklich
sie war immer noch die alte Vittoria die im Augenblicke ihre Welt zu finden
wusste und wie sonst riss sie Renatus mit sich fort dass er sich fröhlich und
erquickt in ihrer Nähe fühlte
    Mit einem Male jedoch erhob er sich von dem Sessel auf welchem er vor
Vittorias Lager Platz genommen hatte und sich selber scheltend sprach er
Aber ich sitze hier bei Dir Signorina und ich muss zu meiner Braut zu
Hildegard
    Das ist wahr so geh so eile Sie wird sich freuen die gute Hildegard
Aber sie ist immer unwohl immer unwohl die gute Hildegard entgegnete
Vittoria
    Auf seine Frage was seiner Verlobten fehle fügte die Baronin hinzu
Hildegard habe den Schnupfen immer den Schnupfen sie sei immer erkältet und
leide wie sie sage an den Nerven Sie behaupte die Sehnsucht habe sie krank
gemacht Nun aber sei er ja da nun also werde sie genesen
    Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stiefmutter nicht überhören
indes er mochte sich nicht gleich in dieser Stunde mit den kleinen
Misshelligkeiten und Eifersüchteleien befassen deren Äußerungen er in jedem
Briefe gefunden welchen er von Hause erhalten hatte und schnell die Treppe und
den langen Korridor hinaufgehend folgte er dem Diener der ihn bei der Gräfin
ansagen sollte während er selbst in seine Zimmer zu gehen und sich nach der
langen Fahrt umzukleiden wünschte ehe er vor seiner Braut erschien Er hatte
jedoch den Korridor noch nicht verlassen als eine in Bewegung bebende Stimme
die Worte ausrief Wo ist er Ach wo ist er Und da er diese Stimme erkennend
sich umwendete eilte Hildegard mit ausgebreiteten Armen den Kopf wie in einer
Verzückung erhoben auf ihn zu und drückte ihn stumm und sprachlos als wolle
sie ihn nicht mehr lassen an ihr Herz
    Die Mutter die Schwester waren ihr auf dem Fuße gefolgt der Diener stand
dabei das Kammermädchen welches den Frauen einige Kleidungsstücke zuzutragen
hatte kam ebenfalls den Gang herauf und wenn diese Begegnung in dem kalten
Vorsaale im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft schon nicht nach dem
Wunsche des jungen Freiherrn war so lag in dem Wesen in dem Tone ja selbst
in der gewaltsamen Innigkeit mit welcher seine Braut ihn umarmte etwas das
statt ihn zu erwärmen ihn erkältete weil es ihn unwillkürlich von sich selber
abzog und ihn zum Beobachten nötigte wo er sich einer einfacheren
Ausdrucksweise der Empfindung arglos und willig hingegeben haben würde
    Fasse Dich liebe Hildegard fasse Dich musste er sie zu wiederholten Malen
ermahnen aber sie schüttelte stumm und immer noch sprachlos das Haupt und
Renatus war endlich genötigt sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen
aufzuheben um die Mutter um Cäcilie begrüßen und Hildegard in das Zimmer
geleiten zu können wohin die Andern ihnen folgten
    Die Gräfin hatte sich weil sie in dem fremden Hause so wenig als möglich an
dem Bestehenden zu ändern gewünscht als sie nach Richten gezogen war in dem
sogenannten Fremdenflügel niedergelassen der einst von der Herzogin bewohnt
worden war Hieher hatte sie ihre Möbel bringen lassen und sich so weit dies
möglich war ganz so eingerichtet wie in den Räumen die sie in der Stadt
zuletzt inne gehabt hatte Hier wie dort hingen die weißen schlichten Vorhänge
in langen regelrechten Falten an den Fenstern hernieder Das kleine alte
Klavier das schlichte Sopha die Bilder der Königin und des Prinzen Louis
Ferdinand es stand und hing hier Alles so wie dort auch die strenge
Ordnungsliebe die glänzende Sauberkeit herrschten hier wie dort Renatus kannte
Alles wieder Alles selbst den Myrtenstock am Fenster in dem altertümlichen
gemalten Topfe und doch war es ihm so fremd doch ängstigte es ihn  so wie
Hildegards stumme Liebe wie ihr Blick ihn ängstigte der sich gar nicht von
ihm wendete wie ihre langen Händedrücke ihn beängstigten
    Was war denn mit seiner Braut geschehen Die Mutter fand er wie er sie
verlassen hatte Sie war immer noch die edle stattliche Frau mit den breiten
Wangenflächen mit dem sanften Lächeln und dem guten mütterlichen Ausdrucke
Cäcilie war noch gewachsen war voll stark und hübsch geworden weit hübscher
noch als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen nur Hildegard hatte sich
in einer Weise verändert dass es Renatus schwer fiel ihr zu verbergen wie ihn
dies überrasche
    In ihrem dunkeln engen Morgenrocke mit der fest anliegenden kleinen
weißen Haube über dem glatt gescheitelten Haare sah sie ihm wie eine Nonne wie
eine barmherzige Schwester aus und ihr Behaben ließ ihn vollends an ihr irre
werden Er kam nicht über die Frage hinaus Was stellt das vor was soll das
bedeuten Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren dass er verurteilt sei
in einer Komödie eine ihm aufgedrungene und nicht natürliche Rolle zu spielen
Er missfiel sich in derselben er fand sich lächerlich in ihr aber Hildegard
missfiel ihm noch weit mehr Er war froh wenn die Mutter wenn Cäcilie mit ihm
sprachen er konnte es endlich gradezu nicht mehr ertragen sich von seiner
Braut mit dieser schwermutsvollen Liebe ansehen zu lassen und von einer
plötzlichen Ungeduld ergriffen fragte er sie ob sie krank sei
    Krank O nein glücklich bin ich unaussprechlich glücklich entgegnete sie
ihm so glücklich dass ichs noch nicht fassen noch nicht glauben kann
    Aber diese Antwort machte das Übel ärger und lachend um seine wahre
Empfindung zu verbergen sagte er So will ich mich umkleiden gehen damit Du
Zeit gewinnst Dich zu beruhigen  Und den Anderen freundlich zunickend
verließ er sie
    In seinem Zimmer angelangt warf er seine Kleider von sich und ging mit
heftigen Schritten in dem großen Raume auf und nieder Das Herz war ihm still in
der Brust zum Erschrecken still und seine Gedanken wirbelten mit einer
Schnelle durch seinen Kopf dass er ihnen kaum zu folgen vermochte
    Es war unmöglich er konnte sein Wort nicht halten Dieses Mädchen konnte er
nicht heiraten Dass er Hildegard nicht liebe das hatte er lange das hatte er
eigentlich schon am Tage nach seiner Verlobung gewusst dennoch hatte er es für
möglich gehalten sich mit ihr zu verbinden um seinem Versprechen nachzukommen
und er hatte gemeint auch ohne die eigentliche Liebe glücklich an ihrer Seite
leben zu können Sie war immer schwärmerisch immer überspannt immer von einer
großen Empfindsamkeit gewesen Aber die Schwärmerei welche ihr vor Jahren einen
eigentümlichen Reiz verliehen die Empfindsamkeit die ihn bei dem Abschiede
mit sich fortgerissen hatte kleideten sie jetzt nicht mehr Sie sah so verblüht
aus Bittoria hatte Recht man sah es dass sie beständig kränkelte dass sie
beständig den Schnupfen haben musste und dazu diese Gefühlskomödie dieses
Zurschautragen der Empfindung
    Wie schön wie frei war Vittoria die man mitten aus dem Schlafe erweckt und
die von seiner Ankunft eben so wenig eine Kenntnis gehabt hatte in ihrer Freude
gewesen Wie herzlich hatte ihn die Mutter mit wie fröhlicher Zärtlichkeit
hatte Cäcilie ihn empfangen Er brauchte nicht an Eleonore an dieses
herrlichste der Weiber zu denken um sich zu sagen dass Hildegard nicht für ihn
passe dass er zu jung zu lebensvoll und der flüchtigste Blick in seinen
Spiegel rief es ihm zu ein zu schöner Mann sei um ein Mädchen wie Hildegard an
den Altar und in sein Haus zu führen Es war unmöglich
    Aber was sollte er tun Sollte er es ihr gleich jetzt gleich heute sagen
dass er sie nicht liebe Sollte er warten und die Zeit walten lassen War es
denkbar dass sie ihm bei längerem Beisammensein weniger missfiel Durfte er
darauf rechnen dass sie vielleicht selber einsehen lernen würde wie wenig sie
und er zusammen passten Sollte er ihr schreiben  mit der Mutter sprechen
Sollte er abreisen  Damit war freilich nichts gewonnen  Und doch hätte er es
am liebsten tun mögen hätte er nicht nach dem Seinigen sehen müssen und wäre
Vittoria nicht dagewesen die er liebte die wiederzufinden er so glücklich
gewesen war
    Der Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht ausgepackt als dieser
etwas die Treppe hinaufstürmen hörte und im nächsten Augenblicke warf sich ein
Knabe mit dem Ausrufe Mein Bruder willkommen mein lieber Bruder ihm in die
Arme
    Ein blühenderes ein schöneres Geschöpf war kaum zu denken Weit größer als
seine Jahre es erwarten ließ das braune Gesicht von einer Fülle schwarzen
Haares umlockt die schönen Lippen vom Lachen umspielt die großen Augen vor
Freude funkelnd und leicht und kräftig in jeder Regung und Bewegung entzückte
Valerio den jungen Freiherrn durch sein bloßes Erscheinen und jene Liebe für
die Kindheit welche die Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und
angeborenes Gefühl bezeichnen während die Männer sie oft in ganz gleichem wenn
nicht in einem höheren und edleren Grade besitzen bemächtigte sich urplötzlich
seines Herzens Er konnte nicht satt werden den schlanken Knaben anzusehen Er
hörte es mit unsäglichem Vergnügen wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder
seinen geliebten Bruder nannte wie er sich freute dass der Bruder nun wieder da
sei wie er den Bruder bewunderte der alle die Schlachten gefochten hatte Nie
zuvor waren die Worte »mein Bruder« zärtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen
es hatte Niemand mit so voller kindlich vertrauender Liebe zu ihm emporgesehen
Und diese Zuversicht diese vertrauende Bruderliebe des schönen Knaben den er
hatte geboren werden sehen den er auf seinen Armen getragen hatte sollte er
Lügen strafen sollte er jemals wieder entbehren müssen Nimmermehr  Vittoria
war der Stern seiner Jugend gewesen ihre Liebe und Freundschaft hatten seine
bis dahin einsame und freudlose Kindheit in Glück verwandelt Jetzt konnte er es
ihr vergelten es ihr in ihrem Sohne mit Genuss vergelten und er gelobte sich
es zu tun
    Nur mit Widerstreben nur um ihn nicht in fremder Hand zu lassen hatte er
den Brief der gegen Vittoria Zeugnis gab von dem Grafen Gerhard angenommen
Renatus hatte nicht daran gedacht ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem
Willen seines Vaters entgegen zu handeln Nur darüber war er mit sich nicht eins
gewesen ob er ihn Vittoria übergeben solle oder nicht ob es geraten sei die
alte Wunde aufzureissen und sich zum ausdrücklichen Mitwisser von Valerios
unrechtmässiger Geburt zu machen oder ob er besser tue dasjenige was begraben
sei auch begraben bleiben zu lassen Und wie er heute Vittoria wiedergesehen
hatte wie jetzt Valerio in seiner Schönheit und Liebe vor ihm stand zweifelte
er nicht mehr was hier zu tun ihm zieme Hätte er sich doch am liebsten selbst
vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mögen was diese beiden ihm so teuren
Wesen von ihm trennen konnte und rasch entschlossen nahm er seine Brieftasche
zur Hand suchte aus derselben den bewussten Brief hervor betrachtete ihn
sorgfältig um sich zu überzeugen dass er sich nicht irre und warf das Blatt
dann in das Feuer des Kamins
    Was machst Du da fragte Valerio dessen Neugier alles was der Freiherr
tat beschäftigte
    Ich verbrenne einen Brief
    Wesshalb das
    Weil ich Dich liebe mein Valerio mein lieber lieber Bruder gab Renatus
ihm zur Antwort indem er ihm die Arme entgegenhielt
    Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend Du gibst grade solche
Antworten wie die Mutter
    Der Freiherr fragte ihn was er damit meine
    O versetzte der Knabe solche Antworten bei denen man nicht weiß was sie
will und über die man sich freut auch ohne dass man sie versteht Aber da Du
jetzt zu Hause bist lieber Bruder will ich Dir auch Alles sagen und Dich immer
fragen
    Der Freiherr der es wohl bemerkte wie stolz es den Knaben machte einen
fertigen Mann als seinen Bruder ansprechen und behandeln zu können forderte
ihn von Valerios Weise mehr und mehr gefesselt freundlich auf mit dem Sagen
und Vertrauen nur gleich zu beginnen indes Valerio weigerte sich dessen Noch
sei es nicht an der Zeit noch sei es Winter aber im Frühlinge wenn der Schnee
geschmolzen und Alles wieder grün sei dann werde er es ihm schon sagen
    Er fing darauf während Renatus sich säuberte und kleidete von der Mutter
von der Gräfin und von Hildegard zu erzählen an wie Hildegard ihn in die Stadt
und in die Schule schicken wolle wie er Hildegard nicht leiden könne wie
Cäcilie weit besser aber weit besser sei und wie auch die Mutter Cäcilien viel
lieber habe Renatus ließ ihn immerfort gewähren aber er konnte sich aus dem
planlosen Geplauder des Knaben doch bald überzeugen dass derselbe durch das
beständige Zusammensein mit Erwachsenen eine bedenkliche Frühreife erlangt und
dass man ihm weit mehr als wünschenswert den Zaum und Zügel habe schießen
lassen
    Auf des Bruders Frage was Valerio denn lerne was er treibe entgegnete
dieser der Pfarrer käme Tag um Tag ihm Unterricht zu geben und an den anderen
Tagen lerne er mit der Mutter und mit Cäcilie Italienisch und Französisch
Hätten die keine Zeit so zeichne er oder er spiele Klavier Als Renatus sich
erkundigte wer ihn darin unterweise sagte er sehr bestimmt darin unterweise
ihn Niemand das könne er von selbst und er hatte denn auch gleich ohne um
Erlaubnis zu fragen aus des Freiherrn Taschenbuch den Bleistift herausgenommen
und auf den Rand eines der Papiere die zur Einwicklung von des Freiherrn
Besteck gedient hatten eine Menge von kleinen Figuren in den wunderlichsten
Stellungen und Sprüngen oft nur mit wenig Strichen aber mit so vollkommener
Sicherheit hingeworfen dass Renatus sich des Erstaunens und des Lachens nicht
erwehren konnte Sein Wohlgefallen an Valerio ward immer größer Er meinte nie
eine so reine Freude genossen zu haben als die Liebe für diesen Knaben sie ihm
bereitete und er begriff seinen Oheim nicht der mit solcher Wärme und
Anerkennung von Hildegard sprechen und dieses schönen lebensvollen Knaben kaum
Erwähnung und zwar mit Abneigung hatte Erwähnung tun können
 
                                Zweites Kapitel
Renatus war während der Feldzüge viel umhergeworfen worden Er hatte gelernt
sich in den verschiedensten Verhältnissen schnell zurechtzufinden und auf
verschlungenen Wegen seines Pfades nicht zu fehlen aber eine so absonderliche
Wirtschaft wie die in seinem Schloss war ihm nirgend vorgekommen und es war
ihm leichter überall leichter gewesen sich durch fremde Verkehrteiten
durchzuschlagen als im eigenen Hause und in der eigenen Familie Ordnung zu
schaffen besonders für ihn der Ruhe und Frieden herstellen sollte während er
keinen anderen Gedanken hegte als das einzige in der allgemeinen Uneinigkeit
anscheinend fest bestehende Verhältnis seine Verlobung mit Hildegard so bald
als möglich aufzulösen
    Er kannte das Schloss kaum wieder er konnte in seinem Vaterhause nicht
heimisch werden und nur allmählich vermochte er es einzusehen wie man zu einer
so grillenhaften Benutzung der verschiedenen Räumlichkeiten gelangt war und
weshalb man sich in einer so unbequemen und unzweckmässigen Weise eingerichtet
hatte Allerdings hatte Hildegard ihm davon geschrieben aber die Ungehörigkeit
dieser Lebensweise stellte sich in der Wirklichkeit noch ganz anders als auf dem
Papiere dar und der Eindruck welchen Renatus davon empfing war ein sehr
verdrießlicher
    Vittoria hatte gleich nach dem Tode ihres greisen Gatten die Zimmerreihe
verlassen die sie mit ihm geteilt und die der verstorbene Freiherr auch mit
seiner ersten Frau bewohnt hatte Was sie dazu bestimmt hatte darüber sprach
sie sich nicht aus aber Renatus konnte es sich denken und als er dann eines
Tages neben ihr am Fenster stehend in einer der Scheiben den Namen des Mannes
eingeschnitten fand dessen Brief an Vittoria er vernichtet hatte blieb ihm
kein Zweifel über die Beweggründe durch welche seine Stiefmutter eben zu der
Wahl dieser im Erdgeschosse gelegenen Räume veranlasst worden war Da man diese
Wohnung seit einem halben Jahrhunderte wenig benutzt und während der Feldzüge
die jüngeren Offiziere in dieselben einquartiert hatte waren die altfränkischen
Möbel die Tapeten die Vorhänge in denselben sehr arg mitgenommen Für
dergleichen fehlte jedoch der Baronin das Auge ganz und gar Was sie an diese
Räume fesselte war völlig unabhängig von dem Zustande in dem sie sich
befanden Ihr genügten sie Sie schätzte es daneben dass sie zu ebener Erde
lagen dass sie nicht nötig hatte eine Treppe zu steigen wenn sie während der
schönen Jahreszeit sich im Freien aufzuhalten wünschte und für den Winter hatte
sie sich auch nach ihren eigentümlichen Bedürfnissen eingerichtet Das schöne
große Bett aus ihrem Schlafgemache einige Ruhesessel ein Polsterlager das sie
sich bald nach ihrer Verheiratung hatte machen lassen ihr Flügel und ihre
Musikalienschränke waren in das große Gemach hinuntergebracht in welchem Tag
und Nacht die Feuer in den beiden Kaminen nicht erlöschen durften weil es
Vittoria nie verließ wenn sie nicht zu einem Besuche in die Nachbarschaft fuhr
Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau und obschon es der Letzteren an
Sinn für Ordnung nicht gebrach wollte es ihr jetzt wo die Baronin ganz sich
selber überlassen ihren Neigungen nachgeben konnte nicht gelingen Herr über
die phantastische Unordnung zu werden in welcher Jene sich schon um deshalb
wohlgefiel weil sie den entschiedensten Gegensatz zu den Gewohnheiten der
Gräfin Rhoden bildete
    Wäre Renatus nicht zu nahe dabei beteiligt gewesen so würde der
Weiberkrieg in diesem Schloss ihn belustigt haben Jetzt indessen war das
anders Da Vittoria die eigentliche herrschaftliche Wohnung nie betrat hatte
die Gräfin es auch nicht für angemessen erachtet sich ihrer zu bedienen und
weil Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein am
Flügel musizirte war die Gräfin darauf bedacht gewesen sich vor solcher
Störung ihrer Ruhe zu bewahren Vittoria wohnte also im Erdgeschoss des linken
Flügels die Rhodensche Familie im zweiten Stockwerk der rechten Seite Alle
übrigen Zimmer waren zugeschlossen und man hatte zwei Treppen und die ganze
Flucht der langen Gänge zu durchwandern ehe man aus dem einen feindlichen Lager
in das andere gelangte Das hatte jedoch für die Beteiligten nur wenig auf
sich denn die Gräfin und Hildegard vermieden die Baronin so sehr als es nur
möglich war und Cäcilie deren blühende Gesundheit die Kälte nicht zu scheuen
brauchte focht die Unbequemlichkeit nicht an
    Schon seit Jahren aß man nicht mehr gemeinsam Vittoria liebte es nicht
sich an eine bestimmte Stunde zu binden die Gräfin und Hildegard verlangten
auch in diesem Falle nach einer strengen Pünktlichkeit und wie über die Zeit
so hatten die Frauen sich auch über die Wahl der Speisen nie vereinigen können
Gaetana besorgte die Küche der Baronin die Gräfin hielt mit ihren Dienstboten
nach ihrer Weise Haus Hildegard warf es Vittoria vor dass sie sich mit ihrer
süßen fetten Kost unförmlich stark und träge mache die Baronin hingegen wollte
sich nicht zu einer Ernährung bequemen bei welcher man so wie Hildegard
verfalle und an den Nerven leide und die Folge davon war dass den ganzen Tag im
Schloss des Kochens und des Bratens kein Ende war dass der Amtmann über den
gewaltigen Verbrauch von Brennholz klagte dass die beiden Haushaltungen einander
der unverantwortlichsten Verschwendung ziehen und dass Renatus gleich in den
ersten Stunden von beiden Seiten mit Beschwerden und mit Anschuldigungen mit
Ratschlägen zu einer Änderung und mit Forderungen und Ansprüchen behelligt
wurde die ihm eben weil sie samt und sonders kleinlich waren und den rechten
Punkt des Übels nicht berührten äußerst lästig dünkten Das waren jedoch im
Grunde alles nur sehr unwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt den Renatus in
sich trug gegen dasjenige was er mit sich selber und mit seiner Verlobten
abzumachen hatte
    Der erste Eindruck welchen er von Hildegard empfangen hatte änderte sich
auch im längeren Beisammenbleiben nicht Sie war anderthalb Jahr älter als der
Freiherr und nie schön gewesen Nur die an blonden Mädchen schnell
vorübergehende Frische der Jugend hatte sie diesem einst reizend gemacht Jetzt
wo Renatus auf der Höhe seiner männlichen Kraft und Schönheit stand näherte
Hildegard sich ihrem dreissigsten Jahre und weil sie magerer geworden war
traten die Kleinlichkeit und die Schärfe ihrer Züge unangenehm hervor Dazu
hatte wie jedes Zeitalter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet so
dass nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhängig von dem allgemeinen Typus zu
freien und eigenartigen Persönlichkeiten ausbilden die Stimmung welche vor und
während der Freiheitskriege in Deutschland herrschend gewesen war auch der
jungen Gräfin Rhoden ihren Charakter aufgeprägt Die schweren Sorgen welche
jeder Einzelne zu tragen hatte die Notwendigkeit für das Allgemeine
bedeutende Opfer zu bringen und sich eben deshalb in seinen eigenen Bedürfnissen
zu beschränken die Ergebung in große Unglücksfälle zu der so Viele sich
veranlasst fanden endlich die Selbstverläugnung welche die deutschen Frauen und
Mädchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken über sich genommen hatten
Hildegard vortrefflich erzogen aber ihr auch ein eigentümliches Gepräge
aufgedrückt Sie war sparsam und fleißig anspruchslos in allen ihren
Bedürfnissen großer ausdauernder Treue und Hingebung fähig von einem starken
Pflichtgefühle beseelt und man hätte diese Tugenden vielleicht noch höher
schätzen müssen weil sie dieselben mit vollem Bewusstsein übte und in sich
ausgebildet hatte Grade diese Absichtlichkeit nahm ihr indessen die
Natürlichkeit Die Sanftmut deren sie sich befleissigte und die sie in ihrem
ganzen Wesen kund zu tun strebte wurde in ihrem Mienenspiele zu einem
süsslichen Ausdrucke ihre Hingebung ließ sie empfindsam erscheinen und daneben
machte ihre Strenge gegen sich selbst sie gegen die Anderen unduldsam Mit jener
Unerbittlichkeit und Selbstgenügsamkeit denen man bei beschränkten Menschen so
Männern als Frauen überall begegnet hatte sie sich ein Tugendideal geschaffen
dem sie sich nachzubilden trachtete und ohne den verschiedenen Naturen und
Lebensbedingungen der Anderen irgend eine Rechenschaft zu tragen verwarf sie
Alles und Jeden sofern sie ihrem Ideale nicht entsprachen
    Da sie in all ihrem Tun und Treiben berechnend geworden war hatte sie bei
dem Wiedersehen mit Renatus ihm gleich die ganze Fülle ihrer Liebe und die tiefe
Innerlichkeit derselben dazutun gestrebt Aber sie hatte sich diese Szene so
tausendfältig vorgestellt sich dieselbe so oft und in allen ihren Einzelheiten
so genau und mit so leidenschaftlichen Farben ausgemalt dass die Wirklichkeit
weit hinter der erwarteten Glückseligkeit zurückblieb Hildegard war also trotz
ihrer anscheinenden Versunkenheit völlig im Stande gewesen nicht nur über sich
selbst sondern auch über ihren Verlobten genaue Beobachtungen anzustellen und
sie waren nicht dazu geeignet gewesen sie über ihre Zweifel an seiner Liebe zu
beruhigen Schon dass er nicht zuerst nach ihr verlangt hatte dass er nicht
graden Weges zu ihr gekommen war hatte wie sie es nannte ihrem Herzen wehe
getan und dass er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer und von ihr fern
verweilen können war für ihre Seele noch weit entmutigender gewesen
    Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfüllung Weinend sank sie ihrer
Mutter nachdem Renatus das Zimmer verlassen hatte in die Arme unter Tränen
kleidete sie sich an und diese Tränen trugen nicht dazu bei sie zu
verschönern Es war vergebens dass die Mutter ihr Mut einsprach dass sie
Renatus mit der Ermüdung entschuldigte welche die unausbleibliche Folge einer
langen Winterreise sei Obschon auch der Gräfin das Erschrecken und die Kälte
des Freiherrn sichtbar genug gewesen waren gab sie der verzagten Tochter zu
bedenken dass in jeder langen Trennung der Keim zu gegenseitigem Missverstehen
liege Sie erinnerte Hildegard daran wie schnell wie plötzlich einst ihr
Verlöbnis mit Renatus geschlossen worden sei und wie das wahrhaft bräutliche
Zusammengehören wie ein Zuversicht gebendes Liebesverhältniss sich noch gar
nicht zwischen ihnen habe gestalten können Vor Allem jedoch warnte sie die
Tochter ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verraten Sie beschwor sie sich
zu erheitern sich zu schmücken dem Verlobten unverhohlen die Freude kund zu
geben welche sie empfinde Aber durch die lange Gewohnheit sich in ihren
Gefühlen mit Selbstbeobachtung und mit Selbstbewusstsein darzustellen war
Hildegard völlig unfähig geworden sich zwanglos gehen zu lassen und sie hatte
kaum eingesehen dass die Mutter Recht habe und dass sie wohl tun werde wenn sie
ihr folge als sie sich auch schon in eine neue Rolle hinein versetzte die ihr
freilich noch weniger wohl anstand als die bisher von ihr aufrecht erhaltene
Kundgebung der stummen Liebe
    Sie war jetzt fest entschossen ihren Kummer zu verbannen sie wollte sich
mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen Braut in die glücklich Liebende
verwandeln indes eine Miene welche man durch lange Jahre festgehalten hat
lässt sich nicht leicht verwischen Ihr lächelnder Mund wollte nicht mehr zu dem
schwermütigen Blicke die Art in welcher sie sich hüpfend dem Bräutigam an den
Hals warf nicht zu dem elegischen Tone ihrer Sprache passen und wenn sie bei
dem Eintritte des Geliebten nach fröhlicher Kinder Weise in die Hände klatschte
machte das einen solchen Gegensatz zu der wehmütigen Neigung ihres Hauptes die
ihr zur anderen Natur geworden war dass Valerio der nicht von des Bruders Seite
wich und weder gewohnt war seine Gedanken zu verbergen noch den Ausdruck
seiner Einfälle zurückzuhalten eines Tages bei Hildegards Anblick laut zu
lachen anfing
    Wie kommst Du denn in ein grünes Kleid fragte er und obenein mit solchen
langen Locken Du siehst wie eine vergnügte Trauerweide aus
    Die Gräfin schalt den Knaben Auch Renatus wies ihn mit strengem Wort in
seine Schranken aber Hildegard missfiel auch ihm seit sie zum Aufputze ihre
Zuflucht nahm mehr noch als am ersten Tage und doch vermochte er das trennende
Wort gegen sie nicht auszusprechen Er konnte sich nicht entschließen einem
Weibe das ihm liebend gegenüber stand mit Härte zu begegnen Er fühlte sich
sehr unglücklich ja er betrachtete es als eine Erniedrigung dass er sich
genötigt sah sich der Zärtlichkeit eines ungeliebten Mädchens zu überlassen
welches offenbar entschlossen war seine Kälte nicht zu beachten seine Liebe
durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm nützlich und angenehm zu
machen indem es schon jetzt die Hälfte seiner Mühen und Sorgen auf sich nahm
    Ohne dass er es von ihr begehrte sprach ihm Hildegard ihre Ansicht über
seine Verhältnisse aus von denen sie durch ihre eigenen Beobachtungen und
Erkundigungen weit vollständiger unterrichtet war als Renatus es erwartete Sie
hatte denn auch mit reiflicher Überlegung jene Plane entworfen von denen sie
ihrem Bräutigam in ihren Briefen zum Oefteren gesprochen und sie waren
natürlich ganz auf jene Ausschliesslichkeit des liebenden Beisammenseins
berechnet welchem Hildegard einst in der Stunde der ersten Trennung von dem
Verlobten mit dem Ausrufe Ich und Du  und Du und ich ihren Ausdruck gegeben
hatte
    Ihrem Sinne widerstanden Tremanns Ratschläge von denen sie sich mit ihren
sanften und doch eindringlich bohrenden Fragen bald durch den Freiherrn Kenntnis
zu schaffen wusste keineswegs Denn Vereinfachung der Zustände war gerade
dasjenige worauf ihr Augenmerk gerichtet war Sie stimmte daher der Meinung
Tremanns auch völlig bei dass man Neudorf und Rotenfeld verkaufen solle sie
hoffte mit dem Grafen Gerhard dass der König wenn er sähe wie bedrängt Renatus
sei und wie sehr er und seine Braut entschlossen wären ihre Verhältnisse zu
regeln sich ihrer annehmen würde und sie hatte bereits die genauesten
Berechnungen über die Summe angestellt welche man der Baronin aussetzen müsse
wenn diese mit ihrem Sohne erst an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen
gefunden haben würde Dass die Gräfin Rhoden und Cäcilie sich mit dem kleinen
ihnen eigenen Vermögen nach der Hauptstadt zurückwenden würden nahm Hildegard
als selbstverständlich an und sie erging sich also so oft der Anlass sich ihr
dazu bot in den Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glückes dessen
sie und der Geliebte teilhaftig werden würden wenn sie von Sorgen und
Widerwärtigkeiten nicht belastet hier in Richten einzig auf einander
angewiesen einst nur für einander leben würden
    Es lag in dem Ernst der jungen Gräfin eine zwingende Kraft aber sie hatte
die Unart immer wieder auf denselben Gegenstand zurückzukommen den Freiherrn
an jedem Tage auf die Notwendigkeit einer Entschließung hinzuweisen und dadurch
ihn unablässig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern Er gestand es
sich ein dass sie in gewissem Sinne Recht habe dass sie ein tüchtiger ein
ehrenwerter Charakter sei er ließ sich sogar den Vorwurf von ihr gefallen dass
es ihm an Willensstärke fehle indes die Achtung welche er ihr nicht versagen
durfte fachte die Liebe in ihm nicht wieder an Sein Bedauern über die
Unklugheit ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu haben was er ihr weder
verbergen konnte noch verbergen wollte verminderte sich dadurch nicht und der
Unfriede und die grillenhafte Lebensweise welche in seinem Schloss herrschten
traten ihm trotz alledem als der Übelstand hervor dem zunächst eine Schranke
gezogen werden müsse
    Dass er diese Zustände wie sie sich während seiner Entfernung herausgebildet
hatten dass er namentlich die Doppelwirtschaft nicht fortbestehen lassen könne
erklärte der junge Schlossherr den Frauen gleich am ersten Tage Er ließ die
Wohnung seiner Eltern öffnen richtete sich in seines Vaters Zimmern ein
ordnete an dass man um bestimmte Stunden und gemeinsam speisen solle und wie
diese Einrichtungen ihn des Alleinseins mit Hildegard zum Teil enthoben so
zeigten sämtliche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem Male
seinen Wünschen und Anweisungen fügsamer als er es erwartet hatte
    Vittoria verließ ihr Gemach und stieg zur festgesetzten Zeit die Treppe
bereitwillig hinauf um der Gräfin und Hildegard die Rechte der Hausfrau in dem
Versammlungszimmer und im Speisesaale nicht zu überlassen Diese hinwieder
hielten es für geboten der Liebe und Zärtlichkeit entgegenzuarbeiten welche
Renatus immer noch für seine Stiefmutter hegte und da die Einen wie die Andern
das Bestreben hatten den Heimgekehrten festzuhalten an sich zu fesseln und für
sich einzunehmen mäßigte ein Jeder sich in der Äußerung und Darstellung des
Unrechtes das er erlitten zu haben glaubte hielt Jeder sich mit den Ansprüchen
und Anklagen die er erheben zu müssen für nötig ansah vorläufig noch in
gewissen Schranken zurück Das gab dem Freiherrn Hoffnung und gewährte ihm eine
Genugtuung denn er besaß noch jenen guten Glauben des Unerfahrenen welcher
alles was sich um ihn her gestaltet und vollzieht als sein Werk als die Folge
seiner Anordnungen und Massnahmen anzusehen liebt ohne zu bemerken welchen
Anteil die Plane und Berechnungen der Andern daran haben und ohne es gewahr zu
werden dass er oft nur ein Werkzeug ist wo er sich als den Herrn und Meister
fühlt
    Er zweifelte nicht daran dass er seinen Willen durchgesetzt habe als
Vittoria plötzlich ihren Flügel und ihre Noten wieder in das Empfangszimmer
hinaufbringen ließ er ging mit Behagen in den Sälen umher wenn die Frauen sich
Abends um ihn versammelten wenn Vittoria und Cäcilie und Hildegard bei ihren
musikalischen Leistungen einen förmlichen Wetteifer verrieten wenn die Frauen
alle sich in freundlicher Zuvorkommenheit gegen ihn und gegen einander plötzlich
überboten und keine von ihnen ein anderes Bestreben zu haben schien als das
sich ihm angenehm zu machen und ihn so weit als möglich zufrieden und glücklich
zu sehen
    Die Gräfin deren Liebling ihre älteste Tochter stets gewesen war und welche
jetzt noch mehr als früher wünschen musste das nicht mehr junge Mädchen durch
die noch immer ansehnliche Heirat mit dem Freiherrn zu versorgen tat so viel
an ihr lag einen Jeden zur Fügsamkeit in die Anordnungen des Hausherrn
anzuhalten und Hildegard zu freundlicher Ergebung zu gewinnendem Beharren zu
förderlicher Hülfsleistung zu ermutigen Es hätte jedoch bei einem Charakter
wie dem von Hildegard dieser Ermahnungen kaum bedurft ja sie waren im Grunde
für sie vom Übel denn das Geflissentliche welches sich in dem Wesen der
jungen Gräfin ohnehin mehr als es dem Freiherrn lieb war überall verriet
ward dadurch noch verstärkt Es langweilte Renatus bald beständig auf diese
immer gleiche ernste Ergebenheit zu stoßen und wenn er nach seinen
Unterredungen mit seiner Braut wie Vittoria es nannte aus dem Norden zu ihr in
den Süden hinunterkam fand er sich von seiner Stiefmutter angenehmer und
heiterer unterhalten und in seinen eigenen Anschauungen über Hildegard bestärkt
    Vittoria hatte ihren Stiefsohn immer vor der gefährlichen Sanftmut und vor
der herrschsüchtigen Pflichttreue seiner Braut gewarnt Jetzt klagte sie
dieselbe unumwunden der Arglist und einer niedrigen Gesinnung an Sie nannte es
unschicklich und anmassend dass Hildegard ohne dazu von ihrem Verlobten
ermächtigt worden zu sein mit seinen Beamten verkehrt und von ihnen Auskunft
und Rechenschaft über seine Vermögensumstände gefordert habe Sie bezeichnete es
als einen entschiedenen Verrat dass sie dem Grafen Berka einen Einblick in
Verhältnisse eröffnet den sie selbst sich nur durch ihre Zudringlichkeit
erworben habe Sie beschwerte sich über den herzlosen Hochmut den Hildegard
beweise wenn sie ihr der Wittwe des verstorbenen Freiherrn der Mutter ihres
Verlobten gleichsam den Taler nachrechne dessen sie für ihre kleinen
Bedürfnisse benötigt sei und als Renatus dessen offenem und grossmütigem
Herzen jede Kleinlichkeit fremd und eben deshalb auch in Anderen zuwider war
sich eines unwilligen Wortes bei dieser letzten Mitteilung nicht erwehren
konnte rief Vittoria den Boden ihres Angriffes plötzlich wechselnd Blick
diesem Mädchen doch nur einmal unbefangen in das verblühte jeder Anmut jedes
Liebreizes so beraubte Antlitz Kannst Du an Liebesworte von den schmalen
blassen Lippen glauben auf denen das Lächeln gleich zu Eis gefriert Kannst Du
mit Freuden in solchen Armen ruhen Nein dieses Mädchen ist zur Gattin zur
Mutter nicht geschaffen Ich müsste irre werden an Gott und an der Natur wenn
diesem selbstsüchtigen Herzen die Wonne der Mutterliebe jemals blühen könnte
    Vittoria hatte es oft erfahren dass ihre wilde Beredtsamkeit ihre Wirkung
auf den Stiefsohn nicht verfehlte Wider ihr Erwarten aber blieb er ihr die
Antwort schuldig Das war gegen ihre Absicht denn die Liebe welche sie
wirklich für Renatus hegte und das Bewusstsein dass sie mit ihrer Zukunft zum
größten Teile auf seinen guten Willen angewiesen sei machten sie in der Regel
in ihren Äußerungen vorsichtig Sie würde sich auch nicht unterfangen haben
Hildegard mit solcher Entschiedenheit anzugreifen ohne die Überzeugung dass
sie den geheimsten Gedanken des Freiherrn mit ihren Aussprüchen begegne und sie
irrte darin nicht wenngleich er es nicht für angemessen fand ihr dies
einzuräumen
    Nur Eines hatte Vittoria übersehen dass nämlich in Renatus seit seinem
Aufenthalte in der Heimat und in seinem Schloss sich ein neues Element
entfaltete er begann sich als Oberhaupt einer Familie zu empfinden An die
Unterordnung unter ein solches als an gute adelige Zucht und Sitte von früh auf
streng gewöhnt gefiel er sich darin jetzt für sich in Anspruch zu nehmen was
er früher hatte leisten müssen und die Lage in welcher die Frauen sich ihm
gegenüber befanden erleichterte ihm die ersten Schritte auf dem Wege zur
Herrschsucht den er in dem besten Glauben an ihre Notwendigkeit betrat
    Er hatte am Tage seiner Ankunft den Bruch mit Hildegard beabsichtigt Er
dachte auch jetzt noch an denselben Aber die Vorstellung dass er diesen Schritt
später so gut wie jetzt ausführen könne dass es nur von ihm abhänge in welcher
Weise er sein Schicksal gestalten wolle und vor Allem die ungewohnte
Nachgiebigkeit der er begegnete wohin immer er sich wendete schmeichelten ihm
mehr als er es ahnte Er täuschte sich darüber keinen Augenblick dass Hildegard
ihm mehr als gleichgültig sei ja dass sie ihm missfalle und doch konnte er in
ihrer Nähe nie vergessen was der Abbé ihm über die demütige und hingebende
Frauenliebe ausgesprochen hatte doch musste er wie oft und verführerisch ihm
Eleonorens Bild eben hier in der Zurückgezogenheit erschien sich eingestehen
dass eine stolze gewaltsame Natur wie sie ihn auf die Länge nicht zu beglücken
fähig gewesen sein würde Denn es ging ihm wie allen den Männern die in einem
unklaren aber darum nicht weniger richtigen Bewusstsein ihrer eigenen Schwäche
vor jeder starken Frauenseele Scheu tragen Sie sehen die Kraft als einen Fehler
in den Frauen an weil sie ihnen selber mangelt und eben deshalb schweben sie
beständig in der doppelten Gefahr von der Berechnung der Frauen absichtlich
durch eine zur Schau getragene sogenannte unterwürfige Weiblichkeit getäuscht
oder von der wirklichen Unbedeutendheit gefesselt und beherrscht zu werden
    Selbst die Misshelligkeiten und kleinen Händel auf welche Renatus fast an
jedem Tage so sehr man sie ihm zu verbergen strebte zwischen den einander
jetzt mit erhöhter Genauigkeit beobachtenden Frauen stieß dünkten ihn bald
nicht mehr so unerträglich als in den ersten Tagen und Wochen denn sie gaben
ihm die Gelegenheit sich täglich der Herrschaft bewusst zu werden welche er
über die Personen ausübte die er als seine Familie hielt und ansah Und weil es
ihm wider sein Vermuten und des Grafen Voraussetzungen leicht genug gelungen
war durch sein bloßes Dazwischentreten ein schicklicheres Leben und
Beisammensein in seinem Schloss herzustellen war er bald überzeugt dass seine
Berater dass Tremann und Graf Gerhard der Eine aus Unkenntnis der
landwirtschaftlichen Verhältnisse der Andere weil ihm bei dem beginnenden
Alter die Kraft und Leichtlebigkeit der Jugend nicht mehr zu Gebote ständen ihm
auch von seinen Vermögensverhältnissen ein zu düster gefärbtes und eben darum
kein völlig richtiges Bild entworfen hätten
    Er beschloss also künftig nur seinen eigenen Augen zu vertrauen und sich bei
der Ordnung seiner Angelegenheiten vor allen Dingen von dem Sachverhalte selbst
zu überzeugen ehe er sich auf irgend welche eingehende Besprechungen mit seinen
Beamten einließ oder sich gar in Verhandlungen mit Dritten weiter vorwärts
wagte
 
                                Drittes Kapitel
Der Winter neigte sich stark zu Ende Die Tage wurden schon wieder hell Am
Mittage wenn die Sonne hoch stand war die Luft leicht und warm der Himmel
dunkelblau und der Schnee der den Boden noch bedeckte wenngleich er von den
Dächern und Bäumen weggeschmolzen war funkelte so hell dass man sich belebt
fühlte als ob man im Hochgebirge wäre Auch die lichtfreudige Lerche wirbelte
sich schon wieder in gerader Linie aus ihrer Scholle zum Firmament empor und
ließ aus ihrer kleinen Kehle ihre jubelnde Frühlingsverkündigung vorzeitig über
die Erde hinweg erschallen
    Um wie er es nannte nach dem Seinigen zu sehen hatte Renatus sich
gewöhnt an jedem Mittage auszureiten Hildegard die man um ihrer zarten
Gesundheit willen das Reiten stets vermeiden lassen hatte ihn zum Fahren
überreden wollen um ihn begleiten zu können indes er hatte das Reiten für
bequemer und seinem Zwecke entsprechender erklärt und Anfangs nur Valerio bald
aber auch Cäcilie mit sich genommen deren lebensvoller Körper sich immer nach
starker durchgreifender Bewegung sehnte
    Eines Tages als man um die festgesetzte Stunde auch wieder die Pferde für
die Reiter auf die Rampe geführt hatte kam der Freiherr mit Valerio und
Cäcilien eben aus dem Schloss heraus Er hatte dem Sonnenschein zu Liebe einen
Jagdrock von grünem Samt angezogen den er auf mancher Jagd in Saint Germain
getragen Er sah ungemein gut in demselben aus und Hildegard die in ihren
großen Shawl gehüllt ein kleines Tuch vorsichtig um das Haupt gebunden oben in
ihrem Zimmer an dem geöffneten Fenster stand bemerkte das mit Vergnügen Aber
auch Cäcilie sah es Denn als er diese an ihr Pferd geleitet hatte und ihr seine
Hand hinhielt damit sie aufsteigen und er sie in den Sattel schwingen könne
rief sie Hildegarden die fröhliche Frage zu ob Renatus nicht sehr schön aussähe
oder ob jemals eine Königin einen schöneren Pagen gehabt habe als sie Valerio
der bereits auf seinem kleinen Schimmel saß hatte auch diese Frage kaum
vernommen als er aus voller Brust einige von den Strophen zu singen begann die
Beaumarchais in seinem »Figaro« dem Pagen in den Mund gelegt hat und welche auf
die MarlboroughMelodie übertragen mit den französischen Heeren durch ganz
Europa gewandert waren Valerio sang mit seiner schönen Knabenstimme
Beau page dit la reine
Que mon coeur mon coeur a de peine
Qui vous met à la gêne
Qui vous fait tant pleurer
Qui vous fait tant pleurer
Nous faut le déclarer
Madame et souveraine
Que mon coeur mon coeur a de peine
Javais une marraine
Que toujours adorai
Er wiederholte den letzten Vers zu verschiedenen Malen warf Cäcilien mit
welcher er auf dem besten Fuße stand einen Kuss zu und sprengte singend davon
    Inzwischen war Renatus ebenfalls aufgestiegen Er lenkte seinen Goldfuchs
nach der linken Seite der Reiterin leitete ihr Pferd vorsichtig die etwas
glatte Rampe hinunter und während er unwillkürlich das »Que toujours adorai«
des Knaben nachsang grüßten er und Cäcilie noch einmal nach dem Schloss
hinauf ehe sie Valerio folgten der den Hof bereits verlassen hatte und lustig
in das Freie hinausgeritten war
    Hildegard sah ihnen lange nach Sie vergaß es dass die Mutter sie gewarnt
hatte sich eben heute da sie nicht ganz wohl war der Luft am geöffneten
Fenster auszusetzen die ihr nachteilig werden konnte Das fröhliche Singen des
Knaben hatte sie traurig gemacht Wie die Phantasie des jungen Freiherrn sich an
den letzten Vers geheftet hatte ihre Seele sich der immer wiederkehrenden
Worte »Que mon coeur mon coeur a de peine« bemächtigt und sie wusste sich
nicht zu sagen was ihr eben heute so große Betrübnis so großen Kummer
verursachte
    Es zog ihr so schmerzlich am Herzen es regte sich ein Gedanke in ihr der
ihr früher nicht gekommen war Sonst hatte das Frühjahr sie erheitert dieses
Mal machte sein Herannahen sie wehmütig Was war denn geschehen Was war denn
anders geworden seit im vorigen Jahre die Sonne den Schnee hinweggeschmolzen
und die Lerchen eben so gesungen hatten
    Damals war ihre Seele verwirrt gewesen durch ihre Eifersucht auf die Gräfin
Eleonore damals hatte sie sich nach dem Bräutigam gesehnt und mit banger
Zärtlichkeit die Tage und die Stunden gezählt die bis zu seiner Heimkehr noch
vergehen mussten Jetzt war Renatus da sie sah sie sprach ihn täglich sie
hatte ihm das Geständnis abgenommen dass er die Gräfin Haughton trotz ihrer
verführerischen Reize nie geliebt ja dass er ihre Hand die sie ihm in
selbstgewissem Freimute angeboten zurückgewiesen habe und doch konnte
Hildegard sichs nicht verbergen dass sie in den Tagen jenes bangen und doch so
zuversichtlichen Sehnens glücklicher als jetzt gewesen sei
    Sie beneidete Cäcilie um ihre unausgesetzte gute Laune um ihre gedankenlose
Fröhlichkeit Sie beneidete Renatus der sich mit Valerio und ihrer Schwester
von dem Augenblicke ganz hingenommen an dem bloßen Sonnenscheine erfreuen
konnte Ihr war das nicht gegeben Der frühe Tod ihres Vaters dessen sie sich
mit allen Nebenumständen klar erinnerte die mannigfachen Sorgen die sie mit
ihrer Mutter zeitig schon geteilt hatte ihre heimliche Verlobung und endlich
alle die Erfahrungen welche sie während der Kriegsjahre hatte machen müssen
hatten ihr den glücklichen Leichtsinn der Jugend geraubt Ihr Sinn war von jeher
ernster als der ihres Bräutigams gewesen und wie lieb sie ihn hatte er kam ihr
immer noch nicht fertig vor Sie erschien sie fühlte sich reifer als er ihm
überlegen Als sie das einmal in einer vertraulichen Unterredung gegen den
Grafen Gerhard ausgesprochen hatte dieser ihr lächelnd erwidert sie könne
eben nichts für ihre Berkasche Abstammung Den Berka lägen die Verständigkeit
und die Energie so gewiss im Blute wie den Arten der Leichtsinn und der
Wankelmut und sie sei eben deshalb wie ausersehen mit ihren großen
Eigenschaften den Schwächen seines Neffen zu Hilfe zu kommen Ihr werde
naturgemäß die Herrschaft im Hause und in der Ehe zufallen und sie solle bei
Zeiten darauf denken sich des Einflusses zu bemächtigen welchen sie auf einen
Charakter wie den ihres Bräutigams zu dessen eigenem Heile notwendig erlangen
müsse
    Sie war sich bewusst diesen Ratschlägen mit all ihrer Kraft gefolgt zu
sein aber sie erntete davon die Früchte nicht die sie erhofft hatte Renatus
wie leichtgesinnt er sich auch gab hatte das feinste Gefühl für jede ihrer
Absichten und war nichts weniger als gewillt ihr irgend einen Einfluss auf seine
Massnahmen und Entschließungen einzuräumen Sie hatte es nach den ersten vierzehn
Tagen völlig aufgeben müssen seiner Geschäftsverhältnisse gegen ihn zu
erwähnen Spottend und dann wieder scherzend hatte er sie Schritt für Schritt
von dem Boden zurückgewiesen auf dem sie sich in bester Absicht heimisch
gemacht hatte Was sie ihm leisten ihm sein konnte und wollte das begehrte er
von ihr nicht was er in ihr zu finden wünschte den fröhlichen ihn stets
belustigenden Sinn ihrer um mehr als sechs Jahre jüngeren Schwester den besaß
sie nicht Sie war nicht jung genug dazu sie war überhaupt nicht mehr jung
    Das war es was ihr heute so weh im Herzen tat was ihr das erste
Frühlingsahnen in der Luft so schmerzlich machte und ihr die Tränen in die
Augen presste Der Frühling war jetzt nahe am Wiederkehren aber ihre Jugend war
dahin und kehrte niemals wieder  niemals wieder
    Heute bei dem ersten hellen Sonnenscheine hatte sie es gesehen hatte ihr
Spiegel es ihr unwiderleglich dargetan sie war verblüht Die Fältchen in den
Augenwinkeln die Furchen auf der Stirn die Züge welche sich von ihrem Munde
nach dem Kinn hinuntersenkten wie leise wie wenig sichtbar sie auch waren sie
hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt und sie zweifelte nicht daran
Renatus hatte sie vor ihr wahrgenommen denn er liebte sie nicht mehr und was
das Auge der Liebe übersehen hätte dem Blicke des gleichgültigen Beobachters
war es sicher nicht entgangen
    Sie hatte das Fenster längst geschlossen war längst an ihren Nähtisch
zurückgekehrt Was sollte ihr das helle unverwüstliche Sonnenlicht Es
vermochte ja nur der Erde nicht ihr nicht ihrem Antlitze neue Jugend zu
verleihen Aber war es ihre Schuld dass sie verblüht war dass Renatus sich erst
jetzt zu seiner vollen Kraft zu voller Männlichkeit entfaltete während ihre
schönste Zeit vorüber war Hatte sie es zu verantworten dass er sie erwählt dass
er sie an sich gebunden hatte durch alle die langen Jahre Durch alle die langen
Jahre in denen ein frisches wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe sein
schönes Loos gewesen war und die sie teils in schwerer Pflichterfüllung
teils weil er es also angeordnet hier in der Einsamkeit vertrauert hatte
    Mit keinem Worte hatte er seit er zu Hause war daran gedacht den
Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusetzen Aus mädchenhaftem Zartgefühl aus
Ehrgefühl hatte sie nicht nach demselben fragen nicht auf dieselbe dringen
mögen aber auch der Zustand in dem sie gegenwärtig mit Renatus lebte
beleidigte ihr Zartgefühl trat ihrem Ehrgefühl zu nahe und doch wusste sie
nicht wie sie ihn ändern wie sie sich aus demselben befreien könnte
    Es half ihr nicht dass sie sich schmückte Sie konnte den verlorenen
Jugendreiz damit nicht ersetzen Es half ihr nicht dass sie sich in nicht
endender Gefälligkeit um Renatus Mühe gab Das Zufällige das Vittoria das
Cäcilie ihm leisteten war immer mehr nach seinem Sinne und hatte den Vorzug
ihm weil es unerwartet kam eine Überraschung zu sein Sie hatte es allmählich
aufgegeben ihn zu suchen weil sie bemerken musste wie wenig es ihn freute sie
zu finden und selbst der Mut ihn zu beraten hatte sie verlassen weil er
durch ihre Ratschläge seine Selbständigkeit von ihr angetastet glaubte und oft
sie zweifelte nicht daran gegen seine eigene Überzeugung handelte um ihr
dazutun dass er nicht gewillt sei sich der ihrigen anzuschließen oder gar zu
fügen
    Gestern hatte sie gekränkt von der Sorglosigkeit mit welcher er sie mehr
und mehr sich selber überließ es ihrer Mutter zum ersten Male ausgesprochen
dass sie fühle Renatus wolle sie verlassen er wolle mit ihr brechen und wolle
das Maß seiner selbstsüchtigen Grausamkeit zu füllen sie dazu nötigen die
Trennung zwischen ihnen zu vollziehen
    Die Gräfin hatte dies zu leugnen die Tatsachen in Abrede zu stellen ihre
Tochter zu beruhigen versucht indes Hildegard war jetzt nicht mehr zu täuschen
Sie litt mehr als sie es sagen konnte Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe
mit Renatus begründet gewesen ihre ganze Vergangenheit ihre Zukunft wurden ihr
mit Einem Schlage zertrümmert wenn Renatus sich ihr entzog und für sie war es
gewiss er hatte sich ihr bereits entzogen
    Es verging kein Tag an dem sie nicht Ursache hatte ihm zu zürnen es war
schon mancher Tag gekommen an dem sie sich gesagt hatte dass sie ihn von einer
unmännlichen Charakterschwäche finde Wenn sie seiner dachte und wann dachte
sie nicht an ihn war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen vor der sie selbst
erschrak und die nicht ihm allein galt Sie zürnte ihrer Mutter weil diese sich
einst ihrer heimlichen Verlobung mit Renatus nicht widersetzt hatte Sie klagte
die Gräfin eines Mangels an Menschen und an Weltkenntnis an weil sie nach des
alten Freiherrn Tode nicht gleich auf die eheliche Verbindung der Verlobten
oder auf die Lösung des Verlöbnisses gehalten hatte Denn damals war Hildegard
noch jung noch hübsch noch voller Lebensmut gewesen damals hatte Renatus sie
noch geliebt und damals hätte es ihr im schlimmsten Falle an anderen Bewerbern
nicht gefehlt damals wäre sie noch fähig gewesen sich zu trösten zu vergessen
und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben Aber jetzt
    Mit selbstquälerischer Grausamkeit trat sie an ihren Spiegel heran Sie
strich die Locken die sie seit der Heimkehr ihres Verlobten wieder zu tragen
angefangen weil er sie einst geliebt hatte mit einer heftigen Bewegung von
ihrer Stirn sie riss das Bändchen mit dem kleinen Kreuze das ihr am Halse hing
mit heftiger Hand entzwei Sie wollte sich nicht mehr schmücken Es freute sie
dass die blauen Adern unter ihrer schlaffer gewordenen Haut auf ihrer Stirn in
ihren Schläfen stärker als in jungen Tagen sichtbar waren Es freute sie dass
die Linie auf der sich Hals und Nacken einen jetzt in bräunlicher Farbe scharf
hervortrat Renatus sollte es sehen was sie um ihn gelitten hatte Er sollte es
sehen dass er sie verblühen machen dass er er allein sie um Jugend und um Glück
betrogen hatte Und er musste ja kein Mensch er musste nicht Renatus nicht ihr
Renatus nicht ihr angebeteter Geliebter sein wenn ihr Verfall ihn nicht
rühren wenn er nicht zu ihr wiederkehren sollte ihr Jugend und Schönheit
Hoffnung Glauben und Glück mit einem einzigen Liebesworte mit seiner Liebe
wiederzugeben
    Sie verstummte in bitteren Tränen als sie auf weitem Wege wieder zu dem
alten Ausgangspunkte gelangt war Mitten in dem Weinen erhob sie sich aber und
noch einmal trat sie an ihren Spiegel heran Sie erschrak vor ihrem eigenen
Anblicke So hatte sie so zerstört hatte sie noch niemals ausgesehen Den
Schmerz konnte sie der Mutter den Triumph konnte sie Vittoria nicht bereiten
Sie durfte sie wollte sich nicht sinken lassen sich nicht verloren geben
Sollte Vittoria die Genugtuung genießen sie von dem Schloss gehen zu sehen
Sollte sie sie selbst mit ihren armen weinenden Augen den Tag erleben an
welchem die Mutter in ihren vorgerückten Jahren aus dem Schloss das derselben
zu einer lieben Heimat geworden war aufs Neue hinausziehen und sich in der
kalten fremden Welt eine neue Stätte bereiten solle  Das konnte das durfte
nicht geschehen Um ihrer Mutter willen musste sie ausharren und bleiben musste
sie ihr eigenes Empfinden ihr eigenes Bedürfen opfern
    Und wenn es dann trotzdem geschah wenn Renatus es vergessen konnte was er
ihr schuldig war nun so sollte sein die Schuld sein ganz allein auch das
Verbrechen sein das er damit an ihrer armen Mutter an der edelsten der Frauen
zu begehen sich nicht scheute
    Dass sie selber bei ihren Planen für die Zukunft immer auf die Entfernung
ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet hatte so lange diese Plane noch auf
ein ausschliessliches Liebesglück begründet gewesen waren daran freilich
erinnerte Hildegard sich in dieser Stunde nicht
    Noch weniger machte Renatus sich bei seinem fröhlichen Ritte eine Sorge um
die Gedanken und um die Zweifel mit welchen Cäciliens daheimgebliebene
Schwester sich eben beschäftigte und quälte
    Es war ein strahlend schöner Tag Die drei Reiter hatten ihr Entzücken an
demselben Die frische Luft die sonnebeleuchtete Ebene die sich nach der einen
Seite weit wie der Horizont und nur von ihm begrenzt vor ihnen öffnete hatten
für die Phantasie etwas Verlockendes und sie ritten schnell und schneller wie
man das immer tut wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist
    In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte Renatus noch mit
erneutem schmerzlichem Bedauern die prächtige Allee vor dem Schloss vermisst
deren Verschwinden ihn einst so ergriffen hatte als er in den russischen Krieg
gegangen war Jetzt war er schon völlig daran gewöhnt das Schloss ohne seine
Baumeszierde vor sich zu sehen und selbst den Verfall an den Häusern und an den
andern Baulichkeiten fand er doch nicht so arg als er es nach Tremanns
Darstellungen befürchtet hatte Seine Feldzüge hatten ihn mit dem Anblicke so
entsetzlicher Zerstörungen vertraut werden lassen dass es ihm keinen
bedenklichen Eindruck machte wenn die Dächer der Scheunen und Ställe denen
einst eine schöne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt hatte nur notdürftig
mit Stroh gedeckt waren wo die Ziegel schadhaft geworden waren Er hatte so
viele Häuser ohne Türe und ohne Fenster stehen sehen dass eine eingesunkene
Schwelle und schief hängende Türflügel dass Verschläge von Brettern statt der
Fenster besonders wo es sich um die Wohnung von Leuten handelte die im Grunde
doch zufrieden waren wenn sie unter Dach und Fach nur warm beisammen saßen ihm
nicht als ein Unglück erschienen Und wie man in einer elenden Baracke bei
rauchendem Feuer und auf hartem Boden selbst wenn man an Nahrungsmitteln keinen
Überfluss hatte doch gesund und arbeitsfähig und selbst guten Mutes bleiben
könne das hatte er in seinen Feldzügen an sich selbst mehr als einmal erfahren
    Heute nun vollends wo die Sonne so herrlich schien und der frische Wind im
Walde die Äste der alten Bäume so lustig knarren machte heute wo die Lerche
sang als wisse sie dass es mit dem Winter nun bald zu Ende sein und über der
Furche sich in Kurzem wieder die grünen weichen Halme schützend wölben würden
heute wo die kluge Krähe so bedächtig auf dem letzten Reste des Schnees
umherging als wolle sie mit dem Schnabel ermessen wie hoch er denn noch liege
und wie lange die Sonne wohl noch zu tun habe bis sie mit ihm fertig werden
und die schöne Jahreszeit beginnen könne heute erschien auch dem Freiherrn
seine Lage bereits wieder in ganz anderem Lichte als an dem Morgen an welchem
er in sein Schloss zurückgekehrt war
    Er war in diesen Wochen überall selbst herumgewesen hatte überall selbst
nachgehört und mehr noch als bei diesen Ausflügen hatte er von den Leuten
erfahren und gelernt die weil er ihnen das gestattet hatte zu ihm gekommen
waren ihm ihre Beschwerden und Wünsche vorzutragen Sie hatten allerdings
geklagt aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei seinem Dienste und dann
vollends im Kriege mit dem gemeinen Manne verkehren lernen Er wusste dass
derselbe immer klage und dass er leicht zu trösten dass er mit dem geringsten
Zugeständnisse für den Augenblick zu beschwichtigen ja zufrieden zu stellen
und zu geduldigem Warten wie zu mutigem Hoffen leicht zu bewegen sei
    Der Amtmann war wirklich ein harter Mann der Justitiarius konnte nichts
bewilligen der verstorbene Freiherr hatte mit den Leuten deren schwerfällig
langsames Wesen ihn belästigte deren Kleider selbst wenn sie in ihrem besten
Anzuge vor ihm erschienen nach ihren schlecht gelüfteten Wohnungen übel rochen
nichts zu tun haben mögen Er war ihnen namentlich in den späteren Jahren
seines Lebens als der Bau der katholischen Kirche die Entlassung des Neudorfer
protestantischen Pfarrers und der Todtschlag der französischen Kammerjungfer
böses Blut zwischen der Herrschaft und den Leuten erzeugt hatte nur noch eine
Schreckgestalt gewesen und sie hatten mit ihm gar nichts gemein gehabt Erst
hatte er wie sie sichs noch jetzt erzählten die kleine französische Herzogin
und den hasenfüssigen Marquis ins Land gebracht vor dem kein Frauenzimmer Ruhe
gehabt nachher hatte er sich die schwarze Italienerin geholt mit der auch kein
Christenmensch im Lande in seiner Muttersprache reden konnte und wenn das auch
Niemand laut zu sagen wagte im Stillen waren die Leute samt und sonders doch
der Meinung dass der alte Freiherr es heimlich mit den Franzosen gehalten habe
und nicht dawider gewesen wäre wenn sie heute hier noch im Lande ihr Wesen
getrieben hätten Er hatte ja im Schloss auch meistens nur Französisch parlirt
mit Frau und Kind
    Jetzt mit dem jungen Freiherrn war das wie die Leute sagten ganz was
Anderes Man brauchte ihn nur anzusehen die helle Ehrlichkeit sah ihm aus
seinen großen blauen Augen Der hatte seine Knochen und sein Leben nicht
geschont Der war mitgegangen wie der gemeine Mann als es not getan hatte
Der hatte sein Blut ehrlich vergossen für Gott für König und fürs Vaterland
wie der gemeine Mann Mit dem Wilhelm mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem war
er zusammen in Leipzig im Hospital gewesen und als der Freiherr dessen Wunde
rascher geheilt war als des Wilhelms Bein dann aus dem Lazarete abgegangen
war hatte er dem Wilhelm noch eine Flasche Alten und zwei harte Taler
zurückgelassen dass er sich pflegen und recht zu Kräften bringen solle ehe er
wieder zum Regimente käme Und nun hier zu Hause Das war ein ganz anderes
Wesen
    Der junge Herr hatte es im Kriege gelernt dass ein Mensch des andern
Menschen Kamerad und Bruder sei Keinen auch den ärmsten Einlieger nicht
behandelte er wie der Alte es getan hatte Er sagte zu Niemandem Er er nannte
Jedweden Du und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen war da hatte
er den Wilhelm eigens rufen lassen hatte ihn gefragt Nun Kriegskamerad wie
gehts Dir Und wie er danach weggeritten war hatte er dem Wilhelm die Hand
gegeben und geschüttelt Jeder Mensch konnte zu ihm kommen und nicht bloß auf
die eine bestimmte Stunde wie zum Alten sondern wann er wollte
    Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben lassen die er zum
Verschlage hatte haben wollen und der Backofen war auch in Stand gesetzt mit
dem die Frauen sich alle die Jahre her so hatten quälen müssen Der Amtmann der
ließ jetzt freilich den Kopf hangen nun der Herr über ihn gekommen war aber
das war dem harterzigen Geizhalse recht gesund und wenn es nun wahr wäre dass
sie den Bonaparte fest in Sicherheit gebracht hätten und dass man den Frieden
behielte und der junge Herr zu Hause bleiben konnte dann musste Alles noch ganz
anders werden Dann schaffte der Herr den Amtmann ab dann fing er selber zu
wirtschaften an und dass der Herr dann nicht irgend eine Ausländische in sein
Schloss führen sondern eine Frau von hier zu Lande nehmen würde daran war gar
kein Zweifel Man brauchte ja nur zu sehen wie der junge Herr und die junge
Gräfin einander Augen machten Die im Schloss behaupteten zwar es sei die
blasse Gräfin gegen die man freilich auch nichts sagen konnte denn gut und
barmherzig und mitleidig mit den Kranken war sie auch aber so ein schöner
junger Herr wie der Freiherr der brauchte ja keine Krankenwärterin Der
brauchte ein frisches junges Weib und der jüngsten Gräfin lachte das Leben aus
den Augen und platzte die Gesundheit fast aus den roten Backen heraus
    Die Frauen und die Kinder erzählten es sich in den Dörfern wie der Freiherr
und die rote Gräfin sich mit dem Junker am Sonntage auf der Terrasse lustig mit
Schneeballen geworfen hätten und als sie neulich einmal beim Reiten zu Dreien
das Lied gesungen hatten das der Wilhelm auch immer sang der es aus dem Felde
mitgebracht da hatte das lustige »Juchheirassassa und die Preußen sind da« so
durch die Luft geschmettert dass denen im Walde beim Holzfällen sich das Herz in
der Brust vor Vergnügen ordentlich gehoben hatte
    Die ganze Vorliebe welche das Volk und mit Recht für die Jugend für die
Schönheit für die Gesundheit hegt hatte sich auf Renatus und auf Cäcilie
gewendet in welchen sie dieselben verkörpert fanden und die Leichtlebigkeit
welcher der junge Gutsherr sich halb mit Bewusstsein halb aus Bequemlichkeit
überließ wo er es sich nicht schuldig zu sein glaubte seine Würde besonders
aufrecht zu erhalten machte ihn vollends in den Dörfern und unter seinen Leuten
beliebt Wohin er kam überall begegneten ihm freundliche Gesichter Die Kinder
blieben stehen und grüßten die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen Anruf
an ihm vorüber und sahen ihn mit Cäcilien und dem Bruder niemals kommen ohne
in die Türen zu treten und ihm lange nachzublicken
    Mit jedem Tage längeren Verweilens wuchs diese Anhänglichkeit dem jungen
Freiherrn mehr ins Herz Er hatte bis dahin nur den Grund und Boden geliebt auf
dem er geboren war und der ihm gehörte jetzt begann er die Menschen zu lieben
unter denen er geboren war und die sich als zu ihm gehörend betrachteten Er
fand ein Vergnügen darin ihre rauen und doch so freundlichen Gesichter zu
sehen es war ihm eine Genugtuung wenn er einen Bedrängten so weit als möglich
erleichtert von sich entlassen konnte und mit einem stolzen Selbstgefühle genoss
er das Vertrauen welches man ihm entgegenbrachte noch ehe er es hatte
verdienen können als eines der schönsten Erbteile die er von seinen Vätern
überkommen hatte
    Er fand es ganz begreiflich dass Paul Tremann und dass selbst sein Onkel mit
so leichtem Sinne von dem Kaufe oder von dem Verkaufe eines Gutes sprechen
mochten Sie hatten beide kein Gut ererbt das seit Jahrhunderten von dem Vater
auf den Sohn von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen war sie wussten nicht
was es heißt auf eigenem Grund und Boden leben unter seinen Leuten heimisch
sein
    Die Bäume die konnte man niederschlagen und entwurzeln lassen wenn die
Not es heischte wie sein Vater es getan hatte Sich selbst zu entwurzeln
sich loszureißen von seiner eigentlichen Heimat das war noch etwas Anderes
und ehe Renatus sich dazu entschloss musste seine Lage schlimmer sein als er sie
jetzt vor Augen hatte musste er die Überzeugung gewonnen haben dass ihm gar
kein anderer Ausweg bleibe Noch aber hegte er diese Überzeugung nicht und er
versprach sich nichts zu übereilen sondern sich zu genauem Kennenlernen und
Prüfen zu reiflicher Überlegung die Zeit zu gönnen
 
                                Viertes Kapitel
Darüber kam der Frühling siegreich in das Land An allen Ecken und Enden begann
das Treiben und das Blühen Renatus hatte seit langen Jahren die Güter nicht im
Schmucke der guten Jahreszeit gesehen Die keimenden Saaten die knospenden
Bäume die grünenden Büsche freuten ihn ganz anders als je zuvor jetzt wo er
sie mit dem Auge des Besitzers ansah Wind und Wetter Regen und Sonnenschein
bekamen eine Bedeutung für ihn und die Arbeiten wie die Hoffnungen des
geringsten Mannes wurden ihm wichtig weil sie mit seinen eigenen
Notwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen Es gefiel ihm immer mehr
Grundbesitzer und Hausherr zu sein er fand auch Behagen an dem Verkehr mit dem
Adel der Gegend mit welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war
und da der Mensch so glücklich oder so unglücklich geartet ist dass die
Gewohnheit ihn allmählich auch mit demjenigen versöhnt was ihm Anfangs
unertragbar erschienen ist so war es nicht zu verwundern wenn Renatus dessen
Natur ohnehin allem Gewaltsamen abhold war in Bezug auf Hildegard die Dinge
gehen ließ wie sie eben gingen und von der Zeit eine Entscheidung erwartete
die er zu treffen sich nicht entschließen mochte Kam ihm dann doch bisweilen
der Gedanke dass diese Handlungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht
redlich dass es nicht männlich sei so beschwichtigte er sich mit der
Vorstellung dass es bisweilen edler sei den Schein der Schwäche und der
Unredlichkeit über sich zu nehmen als sich selbst mit einer Grausamkeit gegen
einen Andern und obenein gegen ein Weib eine Genugtuung und einen Abschluss zu
bereiten und Hildegard irrte also in der Voraussetzung keineswegs dass Renatus
von ihr die Lösung ihres Verhältnisses erwarte weil er selber den Mut zu einer
solchen nicht in sich fand
    Mit der bestimmten Absicht sich über die Gutsverwaltung zu unterrichten und
aufzuklären nahm er bei seinem Verkehr mit den benachbarten adeligen
Gutsbesitzern jede Gelegenheit wahr von der Landwirtschaft wie von den
Aussichten für die Zukunft der Provinz zu sprechen und alles was er dabei
hörte und erfuhr stand mit den Ansichten und Massnahmen welche Tremann ihm als
die einzige zweckmässige Handlungsweise vorgezeichnet hatte sehr im
Widerspruche Das hatte indessen seine guten Gründe
    Es ist ein beschwerlicher Beruf einem Manne unangenehme Wahrheiten zu
sagen und vollends Jemanden zu entmutigen der für sein Wünschen und Hoffen
Zuspruch von uns erwartet ist eine unerfreuliche Sache Die älteren Edelleute
die Lebensgenossen und Freunde seines Vaters bei denen der junge Freiherr sich
wegen seiner Angelegenheiten gesprächsweise Rat zu holen suchte gaben ihm zu
verstehen dass die Zeiten für den grundbesitzenden Edelmann allerdings verändert
und nicht zum Vorteil verändert wären seit jeder im Schacher reich gewordene
Bürger Besitzer der alten adeligen Güter werden könne Grade darum aber sei es
Pflicht wenn irgend möglich den adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern
Ehe man die Güter an Schlächter und Brauer an Branntweinbrenner und Fabrikanten
übergehen lasse müsse man diese Gewerbe lieber auf den Gütern selbst betreiben
und mit neuem Erwerbe die alten Familien aufrecht zu erhalten suchen bis man
wieder so weit gekommen sein werde die Oberhand zu haben und die Dinge auf den
guten alten Standpunkt zurückführen zu können Vom Hofe aus werde dieses
Verhalten ganz und gar gebilligt man könne sich von dort her jeder Förderung
getrösten und wenn der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher
Landwirt gewesen und vielleicht ohne streng zu rechnen ein wenig stark ins
Zeug gegangen sei nun so sei Renatus nicht der erste Sohn der solche kleine
väterliche Unterlassungssünden ausgleichen müsse Der und Jener  man nannte die
Namen angesehener Grundbesitzer  habe sich in ganz gleicher Lage befunden und
sich mit einem tüchtigen Inspector oder Amtmann wieder ganz und gar
herausgearbeitet Es komme also hauptsächlich darauf an ob Renatus sich auf
seinen Amtmann verlassen könne und das werde er ja wissen
    Die jüngeren Edelleute fassten die Sachlage noch anders auf Sie hatten davon
gehört dass Angebote auf Neudorf und auf Rotenfeld geschehen wären dass eine
fabrikmässige Ausbeutung der Steinbrüche und der Torflager in Aussicht genommen
sei indes sie hegten wie sie sagten zu Renatus das feste Vertrauen dass er
nicht verkaufen werde Sie läugneten nicht dass die Güter nicht im besten Stande
wären aber das gäbe doch noch keinen Grund sie loszuschlagen Wenn Andere sie
kaufen wollten so sei das nur ein Zeichen dass sie sich große Vorteile davon
versprächen und es sei töricht ihnen aus hastiger Mutlosigkeit in den Schoss
zu werfen was man mit einiger Geduld selbst ernten könne Diejenigen welche
während des Krieges oder gleich nach demselben ihre Güter verkauft hätten
bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen die Ihrigen und es werde
sicherlich Keinem anders damit ergehen Wenn man zugebe dass die Krämer und die
Juden sich hier im Lande auf den Gütern einnisten dürften so werde dem
Edelmanne bald nichts mehr übrig bleiben als das flache Land ganz und gar
aufzugeben und in die Städte zu ziehen denn Umgang Gesellschaft wolle der
Mensch doch haben und mit solchem Volke könne man doch nicht leben könne man
doch seine Frauen und Töchter nicht verkehren lassen
    In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen solchen Ansichten und
Gesprächen dasjenige haften was seinen persönlichen Wünschen am meisten diente
und es lag nicht im Vorteile seines Amtmannes ihn anderen Sinnes werden zu
lassen
    Paul hatte in verständiger Voraussicht der verschiedenen Möglichkeiten den
neuen Kontract mit dem Amtmanne der Art gemacht dass der Freiherr nach seiner
Heimkehr darüber entscheiden konnte ob der Kontract wie bisher immer auf drei
neue Jahre oder wie es eben jetzt geschehen war nur auf ein Jahr verlängert
werden solle und der junge Gutsherr hatte seine Entschließung endlich bis zum
letzten Tage hinausgeschoben auf welchen man die Zulässigkeit einer solchen für
ihn festgesetzt hatte
    Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht auf seinen Gütern
angelangt indes eben weil ihm eine gründliche Kenntnis der Wirtschaft abging
war er leicht dahin gekommen sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen
von den Dingen sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge auf
seinen natürlichen Blick auf seinen gesunden Verstand mit Einem Worte auf
alle jene angeborenen Fähigkeiten zu verlassen in deren Besitz die Unkenntnis
sich beruhigt fühlt und die sich immer als unzulänglich erweisen wo ein
umsichtiges Wissen und ein folgerechtes auf genaue Einsicht und Erfahrung
begründetes Handeln vonnöten sind
    Trotzdem konnte Renatus in der Nacht welche dem entscheidenden Morgen
voranging keine Ruhe finden Alles was er erlebt hatte seit er den deutschen
Boden wieder betreten alles was er innerlich erfahren hatte seit er wieder in
seinem Schloss weilte zog in seinem Geiste an ihm vorüber und wie er sich nun
von Stunde zu Stunde mehr gedrängt fand mit sich ins Klare zu kommen sah er
deutlich ein dass die Maßregel welche er jetzt unabweislich treffen musste ihn
zu einer Erklärung gegen Hildegard nötigen ihn zwingen würde auch mit ihr zu
einem Abschlusse zu gelangen und sie erleichterte ihm dieses nicht
    Wenn er die drei Güter dieses alte Erbe seines Hauses zusammen zu erhalten
suchte wenn er in Richten blieb und die Wirtschaft mit Hilfe eines den
Ansprüchen der neuen Zeit gewachsenen Inspektors der freilich erst noch
gefunden werden musste und bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte
selbst zu führen übernahm so fehlte ihm jeder Grund seine Verheiratung
hinauszuschieben Hildegard war seine Verlobte der Adel der Umgegend erwartete
mit Recht täglich die öffentliche Erklärung seiner Verlobung die Gräfin sprach
beständig von der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares nur
Renatus und Hildegard erwähnten derselben nicht und der Verkehr der beiden war
allmählich ein ganz besonderer geworden
    Hildegard hatte sich nicht vorteilhaft entwickelt indes der Grund ihres
Wesens war ursprünglich rein und edel gewesen und wo sie fehlte und irrte
geschah es in der Regel durch Übertreibung eines an sich Guten und
Lobenswerten Sie besaß in hohem Grade jenes Schamgefühl das der verschmähten
Liebe eigen ist und jene Selbstachtung die sich im Unglücke zu bescheiden
weiß Seit dem Tage aber an welchem sie es sich zum ersten Male deutlich
gemacht hatte dass die Zeit ihrer Jugend vorüber sei dass Renatus sie nicht
liebe dass er daran denken könne sie zu verlassen war eine jener Wandlungen
mit ihr vorgegangen die sich in religiösen Frauennaturen oft mit einer
unerwarteten Plötzlichkeit vollziehen Sie hatte es aufgegeben ihr Schicksal
selbst bestimmen und gestalten zu wollen und mit einer aus Entmutigung und
Frömmigkeit zusammengesetzten Ergebung Alles der Fügung des höchsten Wesens
anheimgestellt dem sie sich in Demut unterzuordnen beschloss Was Gott
zulassen was er bestimmen würde das sollte so hatte sie es sich gesagt auch
ihr erwähltes Teil sein und wie edel und richtig von ihrem religiösen
Standpunkte aus diese Entsagung auch sein mochte war ihr dieselbe doch in ihrem
Verhältnisse zu Renatus nicht förderlich gewesen sondern nur ihm allein zu
Statten gekommen
    Sonst hatte sie seine Zärtlichkeit gesucht und ihm die ihrige mit
unverhehlter Liebe kundgegeben jetzt hielt sie sich zurück obschon das Herz
ihr blutete wenn Renatus ihre Liebesbeweise nicht forderte nicht einmal
vermisste Sie beklagte sich nicht wenn er ihre Gesellschaft nicht verlangte
sie ließ ihn gewähren wenn er sich oft für mehrere Tage entfernte sie setzte
Vittorias Bemühungen um ihn kein Hindernis in den Weg Konnte Renatus seinen
Schwüren untreu werden obschon ers sehen musste dass der Kummer ihre Wange
bleichte konnte Cäciliens beständige und oft so grundlose Fröhlichkeit ihn mehr
befriedigen ihm mehr wert sein als ihr treues Herz nun so hatte er sie nie
geliebt so hatte Gott es zugelassen dass sie ihre Liebe einem Unwürdigen
zugewendet hatte und sie musste in Demut hinnehmen und tragen was ihr von Gott
beschieden war auch wenn sie seine Wege nicht verstehen konnte
    Das Schweigen die Entsagung welchen Hildegard sich überließ täuschten den
Freiherrn denn wo die Blindheit ihnen Vorteil bringt strengen die Wenigsten
ihr Auge zum Sehen an Er meinte sie erkenne es jetzt bereits dass sie nicht
für einander passten und sie wolle es ihm erleichtern sich von ihr loszusagen
ohne deshalb ihr einstiges schönes Jugendverhältniss zu verleugnen Er wusste ihr
Dank für ihre Zurückhaltung Dank dafür dass sie ihn seinen freien Weg und
Willen haben ließ und während er Anfangs sich davor gefürchtet hatte ihr von
seinen Planen zu sprechen begegnete es ihm jetzt bisweilen dass er ihr
erzählte was er zu tun wie er sich einzurichten denke ohne dass bei diesen
Vorsätzen irgendwie von ihr die Rede gewesen wäre Er gewann zu ihr jene
unbedingte Zuversicht welche grausam macht und weil ihr Ehrgefühl sie
hinderte sich zu beklagen überließ er sich bereitwillig dem Glauben dass sie
keinen Schmerz empfinde So begann er sich seine Unentschlossenheit und sein
feiges Zuwarten zum Verdienste und als eine Maßregel milder Klugheit
anzurechnen für welche alle Teile ihn zu loben hätten und er bestärkte sich
an seinem eigenen Verhalten in der Lehre dass man gewaltsame Schritte überall
vermeiden müsse dass man die Dinge nur gehen zu lassen brauche damit sie in die
richtige Bahn und zu einer naturgemässen Entwicklung hingeleitet würden
    Als er sich niedergelegt hatte er sich an dem betreffenden Abende gefragt
Was werde ich mit Hildegard machen wenn ich die Güter behalte  Am Morgen da
er sich erhob stand er noch vor derselben Frage und als sich dann im Laufe des
Vormittags zur anberaumten Stunde sein Amtmann bei ihm einfand war Renatus auch
noch nicht über seine Ungewissheit hinausgekommen Er fand es nach wie vor eben
so unwürdig sein Wort zu brechen als grausam gegen ein Weib zu sein denn von
seinen täglich wiederkehrenden kleinen Grausamkeiten hatte er kein Bewusstsein
und daneben sagte er sich dennoch immer wieder dass ihm gar nichts übrig bleiben
werde als seinem Worte seiner Ehre und seinem Gewissen zuwider zu handeln
wenn er sich nicht gegen sein eigenes Glück versündigen wenn er nicht ein
gealtertes kränkelndes Mädchen zu seiner Gattin zur Mutter seiner Kinder zur
Mutter eines Geschlechtes machen wolle das mit Fug und Recht bisher auf seine
schönen und kräftigen Männer und Frauen so stolz gewesen war
    Jetzt wo die Stunde der Entscheidung da war drohte sein Glaube an die
Weisheit des Abwartens wankend zu werden und doch verließ ihn ein
Selbstbewusstsein nicht das ihn erhob er stand auf seinem Grunde und Boden in
seiner Väter Schloss er war hier der Herr Die Vergangenheit dieses Hauses war
die seinige sich die Zukunft in demselben zu bewahren stand in seiner Macht
Er hegte das volle Herrenbewusstsein jene Überzeugung von der eigenen
Bedeutung welche rücksichtslose Selbsterhaltung und Selbstbefriedigung als ihr
angeborenes Recht betrachtet Er meinte seines Vaters Geist in sich zu fühlen
und er gelobte sich in diesem Geiste auch zu handeln Er durfte er wollte sich
von dem Boden nicht trennen aus dem er ihm erwuchs Nur mit Hildegard musste er
zu einem Abschlusse einem Ende gelangen
    Er war eben von seinem Spaziergange mit Cäcilien heimgekommen als man ihm
den Amtmann meldete Die Jahre hatten diesen wenig angefochten Er war jetzt
allerdings auch kein junger Mann mehr aber er sah besser aus als in früheren
Zeiten denn er war stark geworden und blickte selbstzufrieden und behaglich
lächelnd um sich her Nur aus den kleinen grauen Augen deren schwere Lider
sich beinahe schlossen wenn er den Mund zur Freundlichkeit verzog schoss hier
und da ein Ausdruck achtsamer Schlauheit unheimlich hervor der sonderbar gegen
das offene Wesen abstach dessen der Amtmann sich sonst befleissigte und rühmte
    Demütig und doch nicht ohne Zuversicht trat er bei dem Freiherrn ein Er
sagte dass er gekommen sei die Befehle und die letztlichen Entschließungen des
gnädigen Herrn zu vernehmen und er hoffe dass diese nicht zu seinem Schaden
sein würden Die Herren von Arten hätten ja treue Dienste immer zu würdigen
verstanden und so werde denn ja auch der jetzige Freiherr wohl das Gleiche an
ihm tun
    Renatus hatte den Amtmann seine Anrede ruhig vollenden lassen Dann nötigte
er ihn sich zu setzen und ohne ihm irgend eine Anerkennung auszusprechen oder
ihn zu einer Hoffnung zu ermutigen blieb er selber den Arm auf die Lehne
seines hohen Schreibtisches gestützt vor dem Sitzenden stehen so dass er auf
ihn herniedersah Er genoss in diesem Augenblicke das Bewusstsein seiner
Herrschaft er wollte sie den Amtmann auch empfinden lassen und erst nach
längerem Schweigen sagte er mit jener nur auf das eigene Interesse gerichteten
Weise in welcher die Fürsten gegen ihre Untertanen die Besitzenden gegen die
Nichtbesitzenden in der Regel Meister sind und welche sie oft sogar verhindert
sich die Zeit zu nehmen dem Angeredeten auch nur die Ehre seiner Namensnennung
zu gewähren Ich höre aus Ihren Worten dass Sie die Ansichten kennen welche
mein Bevollmächtigter der Kaufmann Tremann in Bezug auf diese Güter hegt und
ich lasse es vorläufig dahingestellt sein in wie weit er mit denselben Recht
hat Ich war bei meiner Ankunft allerdings der Meinung dass ich hier
durchgreifende Veränderungen machen müsste indes ich mag nichts übereilen und
da wie Sie richtig bemerken wir in unserem Hause es nicht lieben unsere
Beamten und Diener oft zu wechseln so wäre ich in gewissem Sinne nicht
abgeneigt auch mit Ihnen einen neuen Versuch einen neuen Kontract zu machen
obschon ich mich während meines langen Aufenthaltes im Auslande davon
überzeugte dass Ihnen in der Tat darin hat Herr Tremann Recht die Kenntnis
der Fortschritte mangelt welche man in der rationellen Bewirtschaftung und
Verwertung großer Güter in den letzten Jahrzehenden überall gemacht hat
    Er hielt inne nahm eine Feder zur Hand prüfte auf dem Nagel des Daumens
ihre Spitze legte sie dann wieder fort und streifte mit dem Auge über den
Amtmann hin der die Hände über dem Leibe gefaltet andächtig und unbeweglich
als ob er vor der Kanzel säße die Aussprüche des jungen Freiherrn von dessen
landwirtschaftlichen Kenntnissen er hinwiederum auch seine besondere Meinung
hegte über sich ergehen ließ Er fand es weder nötig noch zweckmäßige ihm eine
Antwort zu geben ehe eine solche unvermeidlich war und Renatus sah sich
dadurch also gezwungen seiner ersten Rede die Bemerkung hinzuzufügen dass große
Verbesserungen auf den Gütern wie er sich überzeugt habe unerlässlich wären
und den Amtmann daran zu erinnern wie derselbe es ihm für möglich erklärt habe
die Ameliorationen ohne alle Hilfe von auswärts aus den eigenen Mitteln zu
bewerkstelligen Aber auch hierauf antwortete der Amtmann nur mit einer stummen
Kopfneigung und der Freiherr musste also aufs Neue zu sprechen beginnen
    Da Sie wussten sagte er dass ich heute die Entscheidung treffen muss werden
Sie Sich die Verhältnisse wohl durchdacht haben Erklären Sie Sich also nach
Ihrem besten Wissen und Gewissen darüber ob und wie Sie es für möglich
erachten dass wir ohne zu neuen Geldaufnahmen unsere Zuflucht zu nehmen und
ohne eines der Güter abzutrennen  er vermied das Wort verkaufen
geflissentlich  die Wirtschaft weiter führen und den Schaden ersetzen können
den die Kriege uns getan haben Man hat mir ich verhehle Ihnen das nicht
nicht nur gegen Ihre Einsicht und Ihre Kenntnisse sondern auch gegen Ihre
Person Misstrauen eingeflößt aber ich gestehe Ihnen mit Vergnügen ein dass ich
glaube man habe Ihnen Unrecht getan Ich habe nichts gar nichts wider Sie im
Gegenteil Die Frau Baronin hat mir Ihre gefällige Dienstfertigkeit gerühmt
Sie können also zuversichtlich sprechen und der billigsten Beurteilung der
genauesten Erwägung des Für und Wider Sich versichert halten Ohne eine
zwingende Notwendigkeit entferne ich Sie nicht
    Renatus war äußerst wohl mit sich und mit dieser Rede zufrieden sie war
eben so bestimmt wie er meinte als menschlich und gerecht gewesen und der
Amtmann hatte sie auch mit der tiefsten Ergebenheit vernommen Er hatte nur zu
verschiedenen Malen gewichtig mit dem Kopfe genickt dann wieder hatte er
gelächelt wie einer dem das Gehörte nicht unerwartet kommt und sich zur
Antwort und zum Überlegen bedächtig Zeit lassend sagte er endlich Gnädiger
Herr ich habe mich nicht herangedrängt Ihnen meine Meinung zu sagen ich habe
gedacht Sie sollten Sich nur wie Sie das ja auch getan haben hier zu Lande
umsehen denn die Verantwortung die Unsereiner auf sich nimmt ist gar zu groß
Nun Sie hier Bescheid wissen und wie das in der Ordnung ist überall selber
herumgehört haben was von mir geglaubt und gehalten wird nun sind Sie doch
wenigstens so weit in Ihrem Zutrauen zu mir gekommen dass Sie meine Stimme zu
vernehmen wünschen Gerade heraus also gnädiger Herr es sind die Spekulanten
den Steinert und den Tremann an der Spitze die ihre Augen auf die Güter hier
geworfen haben das ist das ganze Elend Sonst hat es noch keine Not wenn man
nur erst wieder gelassen an die Arbeit gehen kann Verschuldet sind die Güter
schwer verschuldet das ist wahr wer verlangt denn aber dass man morgen oder
übermorgen die Schulden abbezahlt Wer verlangt das anders als die Spekulanten
die am liebsten Alles zu Geld und alles Geld in der Welt flüssig machen möchten
damit es wie bei Tremann alljährlich drei vier Mal durch ihre Hände laufen
und immer etwas davon kleben bleiben kann Im Gutsbesitz im Landbesitz ist es
just das stricte Gegenteil Da will Alles seine Zeit und seine Ruhe haben Und
wenn Sie gnädiger Herr mir ganz allein vertrauen und Sich auf mich allein
verlassen wollten so sollten Sie erleben ob ich mich auf mein Fach verstehe
und ob ich meines Herrn Vorteil mit meiner alten Wirtschaftsmanier nicht
besser wahrzunehmen weiß als die Anderen mit all ihren neuen Künsten
    Der Amtmann gab dem Freiherrn zu bedenken wie leicht es die Steinert seine
Vorgänger im Amte während der langen Friedensjahre gehabt hätten die dem
siebenjährigen Kriege gefolgt waren und unter wie ungünstigen Umständen er die
Verwaltung übernommen habe Er wies den unverhältnissmässigen Geldverbrauch des
Freiherrn Franz nach er erinnerte an die furchtbaren Kriege und Kriegszüge an
den allgemeinen Notstand an die Aufhebung der Leibeigenschaft um zu erklären
wie unmöglich es bisher für ihn gewesen sei an irgend eine Verbesserung auf den
Gütern oder gar an die Erzielung von Überschüssen zur Schuldentilgung denken
zu können Nun sagte er sei noch der völlige Misswachs des vorigen Jahres dazu
gekommen in welchem man das eigene Vieh zu schlachten versucht gewesen sei
weil man nicht gewusst habe wie man es ernähren solle und trotzdem habe er in
diesem Jahre am ersten Quartale allen Verpflichtungen genügen können die auf
den Gütern und auf dem gnädigen Herrn persönlich gehaftet hätten
    Sehen Sie gnädiger Herr rief er und wies in die Landschaft hinaus Gott
der Herr hat doch endlich wieder eine Einsicht Seit man gedenken kann haben
die Saaten nicht so gestanden haben wir kein so frühes Jahr gehabt haben die
Bäume nicht solche Blütenlast getragen Wenn Gott uns weiter gnädig ist gibt
das eine Ernte die manches Loch verstopft Denn die Teurung ist noch immer
ungeheuer und die Preise halten sich notwendig noch bis in das nächste Jahr Es
ist nichts mit den Spekulanten und mit den Fabriken von denen sie immer reden
Aus dem Boden muss man es herausholen mit Egge und Pflug Langsam geht das
freilich dafür jedoch ists sicherer sicherer wie der Dampf mit dem sie jetzt
in England ihr Wesen zu betreiben anfangen und der auch dem Steinert im Kopfe
spukt seit er den Sohn in Amerika da drüben sitzen hat Mit Dampf wollen sie
brennen und brauen in Marienfeld mit Dampf möchten sie Steine schleifen in
Neudorf und dazu sollen die Torfstiche in Rotenfeld die Feuerung liefern Aber
wir können ja selber Torfstiche eröffnen wenn wir nur erst so weit sind die
Bauten in Angriff nehmen neue Häuser aufführen und Leute zur Arbeit
hieherziehen und ernähren zu können Auch die Wege müssen wir erst wieder so
weit im Stande haben dass man den Torf bis zum Wasser bringen kann Machen
können wir das alles nur Geduld müssen wir haben nur Geduld Das Geld wird
sich schon finden wenn man uns nur Zeit lässt Und weil sie das Alles wissen so
gut wie ich darum drängen sie den gnädigen Herrn so gewaltig zum Verkaufen
Diese Spekulanten haben ja ihre Augen überall Wie die Stossvögel hangen sie in
der Luft und ehe mans gewahr wird schießen sie herunter und habens in den
Krallen
    Der Amtmann lachte als er von den Summen hörte welche Tremann für die
Hebung der Güter als unerlässlich bezeichnet hatte Daran allein können der
gnädige Herr ja sehen dass es ihnen bloß darauf ankommt den gnädigen Herrn
abzuschrecken Und das nennen diese Leute Landwirtschaft Kaufen Alles fertig
kaufen Alles baar bezahlen Nichts erschaffen nichts erziehen das ist ihre
neue Weisheit Sie wollen die Ziegel nicht streichen zum Baue und das Tier
nicht austragen lassen im Mutterleibe Stallungen aufrichten im Handumdrehen und
fremde Heerden einführen ohne zu denken ob sie sich hier zu Lande halten
Hunderttausende in die Güter hineinstecken und sie dann verkaufen und das
Doppelte herausziehen Und dann sieh Du zu was nun aus dem Grunde und Boden
wird Spekulanten und Rosstäuscher  die sind Einer wie der Andere Elendes
Gesindel das der Landwirt sich vom Hofe und vom Leibe halten muss
    Der Amtmann hatte sich in Zorn gesprochen denn die Sache ging ihm an das
Leben Er kannte seinen jungen Herrn wenig indes langjähriges Dienen hatte ihn
die Edelleute der Gegend im Allgemeinen kennen gelehrt und er hatte bewusst und
unbewusst den rechten Ton getroffen um auf seinen Herrn zu wirken Renatus
liebte es nicht in denjenigen mit welchen er Geschäfte abzumachen hatte
seines Gleichen oder gar einer Überlegenheit zu begegnen und Tremanns völlig
freie Bildung war ihm eben so unangenehm gewesen als die Leichtigkeit mit der
er sich in allem Geschäftlichen bewegte und die rasche Entschiedenheit welche
er von dem Freiherrn forderte Des Amtmanns Ansichten vom Abwarten stimmten
zudem auf das genaueste mit denen seines Herrn überein und da jede fest
ausgesprochene Meinung ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nie verfehlt verlangte
Renatus dessen Zutrauen zu seinem Beamten sich steigerte von demselben endlich
eine genaue Auseinandersetzung über die Wege welche dieser bei der Ausführung
seiner Plane einzuschlagen denke
    Der Amtmann zuckte die Schultern Gnädiger Herr sagte er ich allein kanns
nicht machen und Einer allein kanns überhaupt nicht Aber wenn der gnädige Herr
selber mit dazu tun wollen so ists keine Hexerei und gar kein Zweifel dass
wir vorwärts und zu Stande kommen
    Renatus befahl ihm sich deutlicher zu erklären der Amtmann ließ sich das
nicht zweimal sagen Es war ihm als er vor seinem Herrn erschienen war nicht
besonders wohl gewesen jetzt aber begann er Mut zu fassen Er knöpfte den
braunen Oberrock auf dass die grossgeblümte wollene Weste in ihrer ganzen
Farbenpracht zu sehen war zog sein blaues Taschentuch hervor und sich die
Stirn und die feisten Wangen trocknend während die kleinen Augen in
freundlicher Zuversicht listig zwinkerten sagte er Was sie dem gnädigen Herrn
auch von den neuen WirtschaftsMetoden und neuen Teorieen gesprochen haben
mögen es gibt zum Vorwärtskommen um in die Höhe zu kommen immer nur die eine
praktische Theorie viel einnehmen und wenig brauchen dass man Überschuss
erzielt So haben sies ja auch gemacht die Steinert und der alte Flies die
ihr Schäfchen so vorsichtig ins Trockene gebracht haben während sie den
seligen Herrn in die Patsche führten Warum solls denn jetzt da es nicht
ihren sondern des gnädigen Herrn Vorteil gilt mit neuen Mitteln angefangen
werden
    Er begann darauf dem Freiherrn die Erträge der Güter und die zunächst
notwendigen Ausgaben vorzurechnen wobei die Verhältnisse sich allerdings weit
günstiger als nach den Annahmen von Tremann auswiesen schilderte darauf aber
die großen Mühen welche man in den kommenden Jahren haben werde die mancherlei
Unsicherheiten denen man immer in der Wirtschaft ausgesetzt sei und nachdem
er Renatus mit jener Menge von Einzelheiten die für den Uneingeweihten stets
etwas Beunruhigendes und Verwirrendes haben ermüdet hatte so dass derselbe
bedenklich zu werden begann trat der Amtmann ganz unerwartet und plötzlich mit
dem Vorschlage hervor die Güter in Pacht zu nehmen falls der Freiherr es unter
den obwaltenden Umständen etwa vorziehen sollte im militärischen Dienste zu
verbleiben wo ihm bei seinen jungen Jahren ein schönes Vorwärtskommen nicht
entgehen könne da jetzt nach dem Kriege viele der älteren Offiziere ihren
Abschied fordern oder erhalten würden
    Renatus stand noch immer an dem Schreibtische aber seine Stirne sah nicht
mehr so heiter und so klar aus Der Vorschlag des Amtmanns beunruhigte ihn sehr
denn auch Tremann hatte ihn darauf hingewiesen dass es geraten für ihn sein
würde in seiner militärischen Laufbahn zu beharren und zu versuchen in wie
weit sich mit dem festen Ertrage eines Pachtzinses seine VermögensUmstände
verbessern ließ Wenn man aber von zwei so verschiedenen Ausgangspunkten wie
die von Tremann und von dem Amtmanne es waren an das gleiche Ziel gelangen
konnte so musste dies ein richtiges sein indes es widerstrebte dem Freiherrn
immer noch an die Verpachtung seiner Güter zu denken
    Er hatte die Feder wieder zur Hand genommen und riss ohne zu wissen was er
tat ihre Fahne in kleinen Stücken herunter bis er den nackten kahlen Kiel
erblickte Stückweise murmelte er kaum hörbar zwischen den Zähnen hin knickte
die Feder um und warf sie mit einer heftigen Bewegung fort
    Der Amtmann beobachtete ihn genau aber er drängte ihn mit keinem Worte zu
einer entscheidenden Antwort hin Er erklärte sich sogar aus freiem Antriebe
bereit das Belieben des gnädigen Herrn noch acht Tage zu erwarten damit
derselbe volle Zeit habe die Sache reiflich zu erwägen Und als man danach auf
die Bürgschaft zu reden kam welche der Amtmann als Pächter der Güter zu leisten
haben würde meinte er bescheiden und vertrauensvoll lächelnd er sei ja nicht
nackt und bloß gewesen als er in den Dienst der Herrschaften getreten sei Er
habe sich in all den schweren Jahren schlicht und recht und kümmerlich wie der
ärmste Mann beholfen habe also immer doch etwas zurückgelegt und wenn der
Freiherr von ihm die Bürgschaft nicht über die Gebühr hoch begehre so hoffe er
mit Gottes Hilfe und mit dem Beistande seiner Freunde wohl im Stande zu sein
sie aufzubringen
    Damit waren fürs Erste diese Verhandlungen beendet aber der Sinn des
Freiherrn blieb mit ihnen immerfort beschäftigt und wie er sichs auch
vorhielt dass es ja noch völlig in seinem Belieben und in seinem Ermessen liege
was er tun wolle kam er sich nicht mehr so frei so selbständig als noch vor
wenigen Stunden vor denn mochte er sich auch gegen die Einsicht sträuben das
erkannte er deutlich er konnte das Leben nicht in der Weise seines Vaters
weiterführen er war heruntergekommen und Alle um ihn her Alle die in seinen
Diensten gearbeitet selbst gearbeitet hatten waren im Wohlstande
fortgeschritten
    Er hatte den Neid niemals gekannt jetzt aber regte sich in ihm eine zornige
Empfindung gegen alle jene Emporkömmlinge und obschon er sich durchaus in der
Lage befand den Wert und die Bedeutung des Geldes schätzen zu lernen dünkte
das Geld ihn an und für sich als etwas Verächtliches weil der gemeine Mann
weil Jedweder es erwerben konnte der eine schwielige Hand nicht scheute der
sich entschließen mochte die Gegenwart um der Zukunft willen daran zu geben
und wie der Amtmann es nannte gleich einem gemeinen Manne zu arbeiten und zu
leben Es lag für des Freiherrn Empfinden auch etwas sehr Gemeines in dem
beständigen Denken an Hab und Gut an Vermehrung des Besitzes Er hatte eine
Erinnerung an die Zeiten in welchen in seinem väterlichen Schloss von Geld und
Besitz niemals die Rede gewesen war weil man ihr Vorhandensein als ein
Selbstverständliches angenommen hatte Damals hatte man sich selbst gelebt man
hatte Musse und Freiheit gehabt sich seinen Neigungen seinen Gefühlen zu
überlassen jetzt trat überall die zwingende Notwendigkeit zwischen ihn und
seine Wünsche und sogar in dem Augenblicke in welchem er sich enger als je
zuvor mit seinem Besitze verwachsen fühlen gelernt trachteten die
Emporkömmlinge ihm von allen Seiten die Überzeugung aufzudrängen dass für ihn
die alten Zustände nicht mehr aufrecht zu halten seien dass er ohne ihren
Beistand notwendig zu Grunde gehen müsse
    Er hatte es durchaus vorgehabt auf seinen Gütern und unter seinen Leuten
die ihm lieb geworden waren zu weilen und zu leben Nun sollte er das
menschliche Verhältnis das sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte
plötzlich wieder zerstören indem er sie einem fremden Willen überließ nun
sollte er wieder von seiner Heimat scheiden und das Erbe seiner Väter einzig
als den Boden behandeln von dessen Frucht er sich ernährte  es wollte ihm
nicht eingehen
    Es war gegen den Mittag hin als der Amtmann sich von dem Freiherrn
verabschiedete Renatus blieb eine Weile an seinem Schreibtische sitzen Das
Haupt auf den Arm gestützt sah er unverwandten Auges auf die Berechnungen
nieder welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte Er zählte die Reihen zusammen
er verglich die verschiedenen Posten es wurde damit nicht viel für ihn
gefördert
    War das aber eine Aufgabe die sich für ihn für einen Edelmann geziemte
Tag für Tag nur dem Erwerbe dem elenden Gelderwerbe leben Heute dem Gewinne
eine kleine Summe hinzufügen morgen sie von den Schulden abstreichen und das
Jahr aus Jahr ein und das Alles ohne die bestimmte Aussicht auf einen sicheren
Erfolg Es dünkte ihn eine sehr untröstliche Beschäftigung Hinter dem Pfluge
herzugehen die Furche in dem fruchtgebenden Boden aufzureissen die goldenen
Samenkörner dem warmen Schoss der Erde anzuvertrauen die reife Frucht des
Feldes einzuernten den Kampf mit des Wetters Ungunst zu bestehen dieses Tun
und Erleiden des gemeinen Mannes däuchten ihm ein Genuss neben dem Zuwarten aus
der Ferne zu welchem der Edelmann zu welchem er selber verdammt war wenn er
sich des persönlichen Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung
seiner Güter mehr noch als bisher begab
    Er konnte zu keinem Entschlusse kommen und von der inneren Ungeduld
hinweggetrieben verließ er sein Gemach Er stieg die Treppen hinunter und ging
in den Garten hinaus Gleich an der rechten Seite wo die große Allee sich
anschloss ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park
    Die Bäume die Büsche hatten schon ihr volles Laub Der Schatten war tief
und erquicklich aber die Stille und die Einsamkeit waren ihm heute nicht
erwünscht Er hätte gestört werden mögen in den Gedanken die auf ihm lasteten
er hätte die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmettern hören mögen
um sich an ihrem mutigen Klange das Herz zu erfrischen Und während er noch vor
wenigen Stunden seinen Besitz als eine Ehrensache angesehen hätte erschien ihm
jetzt der ärmste Soldat der in seinem Degen sein ganzes Erbe besaß und am Tage
den Tag zu leben vermochte bei Weitem als der Glücklichere Warum war es gerade
ihm denn auferlegt einzustehen für die Ehre und das Ansehen einer Reihe von
Altvordern deren Genüsse und Befriedigungen er nicht geteilt und an deren
Irrtümern er doch so schwer zu tragen hatte
    Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes Dasein an
Tätigkeit gewöhnt er verstand das Waffenhandwerk das er bisher getrieben
hatte Auch in seinem Regimente kannte man ihn auch in seinem Regimente
vertraute ihm der gemeine Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem
Grunde und Boden Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimat eine
Bedeutung eine Wirksamkeit und sie waren völlig unabhängig von allem was von
seinen Ahnen als Erbe auf ihn gekommen war sie waren mehr als alles Andere sein
eigen Wesshalb sollte er darauf verzichten Wesshalb sollte er sich auf seine
Güter zurückziehen wenn er sich dazu verdammen musste auf ihnen als ein
Einsiedler und in der halben Abhängigkeit von einem ihm untergebenen geringen
Manne zu leben Welche Verpflichtungen hatte er gegen den Adel der
Nachbarschaft der ihm so dringend vom Verkaufe der Güter abriet Sie waren ihm
im Grunde samt und sonders fremd diese Edelleute In seinem Regimente hatte er
Freunde hatte er die Kameraden mit denen die Erinnerung an Not an Gefahr und
Sieg ihn eng verband Er sehnte sich nach seinem Regimente Dort hatte er seiner
Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken müssen dort hatte er sich jung
gefühlt hier lastete das Leben schwer auf ihm und drückte ihn hernieder Er
wollte seinen Frohsinn seine Freunde wieder haben er wollte sich die schönen
Tage der goldenen Jugend nicht verkümmern lassen Mochte der Ernst beginnen
wenn die Jugend ihm entflohen war
    Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die Rotenfelder
Feldmark Die Kirche lag in stiller Ruhe vor ihm Sie sah sehr mächtig aus mit
ihrem hohen Turme mit dem schönen Eingangstore aber er konnte es sich nicht
verbergen es war für ihre Erbauung keine Notwendigkeit vorhanden gewesen
Seine Eltern hatten damit einem ganz persönlichen Bedürfen und Belieben
nachgegeben und sie hatten wie es ihm heute erschien damit auch Recht gehabt
Es sollte Jeder vor allem Anderen sich selbst genug zu tun trachten Er für
seinen Teil bedurfte dieses Gotteshauses freilich nicht denn des Amtmanns
Vorschlag dass er im Regimente bleiben solle war im Grunde sehr verständig
Wenn er wirklich im Regimente blieb wenn er sich künftig nicht für immer in
seinem Schloss aufhielt brauchte man zB auch die Pfarre fürs Erste nicht
fortbestehen zu lassen Man konnte den Fürstbischof ersuchen den Pfarrer
zurückzuberufen und anderweitig zu verwenden Die Baronin Vittoria konnte so
oft sie es begehrte nach einer der Städte welche eine katholische Kirche
hatten zur Messe fahren und die Gräber zu bewachen war der Sakristan genug
    Je länger Renatus über die Ersparungsvorschläge welche der Amtmann ihm im
Laufe ihrer Unterredung getan hatte nachsann um so mehr leuchteten ihm
dieselben ein Die Entlassung der sämtlichen noch im Schloss vorhandenen
Dienerschaft war verständig nur Gaetana und der alte Kammerdiener sollten bei
der Baronin bleiben Seinen Bruder Valerio welcher der weiblichen Hand durchaus
entwachsen war wollte der junge Freiherr mit sich nehmen um ihn in einer der
militärischen Erziehungsanstalten unterzubringen und wie er in solcher Weise
das Schloss zu entvölkern begann wurde sein eigenes Verlangen es zu verlassen
immer größer
    Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe überrascht welche er für dasselbe
für seine Besitzungen hegte jetzt erschreckte ihn die Gleichgültigkeit beinahe
in welcher er an die teilweise Zerstörung der Verhältnisse denken konnte mit
denen er sich so unauflöslich verbunden geglaubt hatte und wie er tiefer in
sein Herz hineinsah wie er mit dem grübelnden Sinne der ihm von der Mutter
angeboren war sich fragte was ist es das mir die Aussicht in die Ferne
plötzlich so erheitert da blieb er sich die Antwort schuldig denn er sah
Hildegard den kleinen Seitenpfad von der Margaretenhöhe herunterkommen und er
musste gehen sie zu begrüßen
 
                                Fünftes Kapitel
Was nur heute in sie gefahren ist sagte an dem Nachmittage der Kammerdiener
verdrießlich zu Vittorias Dienerin mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine
Freundschaft auf Tod und Leben geschlossen hatte Seit der junge Herr zu Hause
ist hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen aber heute stieben sie aus
einander als hätte der Blitz dazwischengeschlagen Was haben sie denn vor
    Der junge Herr ist fortgeritten bedeutete Gaetana geheimnisvoll
    Freilich ich habe ihm ja das Pferd bestellt versetzte darauf der Diener
    Aber wissen Sie weshalb er fortgeritten ist fragte die Italienerin und
ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten schwarzen Brauen scharf hervor
    Ja er war ärgerlich weil er mit dem Amtmanne nicht zu Stande gekommen ist
sagte der Kammerdiener
    Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand Nein Padrone Ihr
irrt Ihr irrt Euch ganz und gar  Und sich vorsichtig umblickend fügte sie
hinzu Die Gräfin Cäcilie kam blass wie eine Leiche zu meiner Signorina in das
Zimmer Sie schickten den Junker fort sie schickten auch mich hinaus Gleich
darauf sendete die Gräfin ihre Jungfer zu uns und ließ sagen sie und die
älteste Komtesse würden auf ihrem Zimmer speisen Die Gräfin Hildegard reist ab
    Sie konnte ihr Vergnügen bei den Worten nicht verbergen der Kammerdiener
zuckte ungläubig mit den Schultern Sie denkt nicht daran meinte er  die
Herzogin als wir die noch zu des seligen Herrn Zeiten bei uns hatten  ich war
damals noch ein Junge der nur hier und da zur Hand ging  die Herzogin machte
es gerade so wenn sie ihren Willen durchzusetzen dachte Packen werden sie und
Pferde bestellen auch Aber sie werden die Pferde stehen lassen und mit dem
Packen nicht zu Ende kommen bis sie der Herr dabei betrifft und dann 
    Nein sie geht sie geht versicherte ihm Gaetana als die Klingel aus dem
Zimmer der Baronin Vittoria sie von der Unterhaltung abrief und fast
gleichzeitig der Reitknecht eines benachbarten Edelmannes in den Hof geritten
kam
    Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn der den Kammerdiener
anwies ihn heute nicht mehr zu erwarten sondern ihm einen Mantelsack zu packen
und ihm denselben durch einen Boten zu übersenden da er mit seinem
gegenwärtigen Wirte auf einem andern Gute bei andern Freunden noch einen Besuch
zu machen denke
    Nun fragte Gaetana da sie im Auftrage ihrer Herrin eilig durch den Flur
ging
    Sie könnten Recht haben meinte der Kammerdiener es ist etwas passiert Aber
fortgehen Ich glaubs nicht Wo sollen sie denn hin fügte er mit einem
geringschätzigen Zucken des Mundes hinzu
    Er war noch zu den guten Zeiten in die Dienste des verstorbenen Freiherrn
getreten hatte noch die Baronin Angelika in aller ihrer Vornehmheit gekannt
und wie alle Diener reicher Häuser immer eine große Verachtung gegen
unbemittelte Herrschaften gehegt Es war daher gar nicht nach seinem Sinne
gewesen als nach dem Tode des Freiherrn die Gräfin Rhoden mit ihren Töchtern in
das Schloss gekommen war Er hatte es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage
von des jungen Freiherrn Rückkehr hartnäckig geläugnet dass es zwischen seinem
jungen Herrn und der Gräfin Hildegard jemals etwas werden könne Jedem der ihn
darum befragt hatte er geantwortet dass sein Herr der Gräfin Rhoden und ihren
Töchtern in den schweren Zeiten zu Hilfe gekommen sei und sie so mit
durchgehalten habe und das sei schön und recht von ihm gewesen denn der
verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der Frau Herzogin gerade so
gehalten aber heiraten Nein Heiraten sei doch etwas Anderes und an eine
Heirat sei hier nicht zu denken Die Herren von Arten nähmen sich keine Frauen
deren Hab und Gut man in zwei Wagen und ein paar Koffern von der Stadt nach
Richten bringen könne
    Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die äußeren
Zärtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Verlobtsein für die
Schlossinsassen außer Frage stellten hatte der Kammerdiener immer noch den Kopf
geschüttelt und war von seinem verzweifelnden »ich glaubs nicht« nicht
abgegangen denn hatte er zu Gaetana stets gesagt so wie der gnädige Herr die
Gräfin Hildegard anfasst so fasst solch ein junger Herr kein Frauenzimmer an bei
dem ihm warm wird Mit den Beiden wird es nichts
    Ihm machte es also keinen Kummer im Gegenteil er sah es mit der stillen
Genugtuung eines Propheten dessen Vorausverkündigungen sich erfüllen als man
die alten Koffer der Gräfin Rhoden aus der Remise hervorbrachte als die
Kammerjungfer den Sattler vom Hofe herbeiholte die Riemen und die Schnallen
nachzusehen Er tat keine Frage er ließ die Dinge gehen und an sich kommen
    Die Mahlzeit war vorüber Die Baronin Vittoria und der Junker hatten mit
großer Esslust gespeist aus den Zimmern der Gräfin waren die Speisen fast
unberührt nach der Küche zurückgebracht worden und in der Stube der
Dienerschaft saßen der Kammerdiener die beiden Kammerfrauen und der alte
Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode bei welchem die Köchin die Vorschneiderin
machte und eine der Küchenmägde die Speisen zutrug
    Wird denn oben nicht mehr gepackt fragte der Kammerdiener während er sich
zu dem Hammelbraten den die Köchin ihm vorgelegt hatte eine tüchtige Portion
der Spargel geben ließ welche für die Tafel der Gräfin bestimmt gewesen waren
Wird denn oben jetzt nicht mehr gepackt
    Wir machen nur eine kleine Pause entgegnete die Kammerjungfer welche ihre
gute Berliner Sprache wie sie immer sagte hier auf dem Lande nicht verlernen
wollte Meine Komtesse hat sich ein wenig hingelegt sie hat Migräne und es muss
doch auch geschrieben werden
    Was denn geschrieben erkundigte sich der Kutscher es ist ja heut nicht
Posttag
    Sie haben wohl nicht gesehen dass der Reitknecht von Brasteck in den Hof
gekommen ist Der soll den Brief an den Herrn Baron gleich mit sich nehmen
    Der Kammerdiener fragte wer den Brief denn schreibe Mamsell Karoline
entgegnete die Frau Gräfin schriebe ihn
    Da soll sie sich sputen meinte der Kutscher indem er das große Bierglas an
die Lippen setzte denn der Reitknecht hat gefüttert und sattelt wieder
    So sagen Sie ihm gebot die Kammerjungfer dass er warten muss bis meine
Gräfin fertig ist Ich will sie aber avertiren gehen
    Sie stand auf besah sich in dem Spiegel rückte ihre Brilllocken und ihre
schwarze Schürze zurecht und sagte der Köchin sie brauche heute Abend weiter
nichts
    Also Sie gehen mit Mamsell rief der Kutscher Nun da soll mirs ein
Vergnügen sein zu fahren  besonders wenn Sie nicht wiederkommen wollen
brummte er in seinen Bart Aber er hatte es nicht so leise gesprochen um von
den Andern nicht verstanden zu werden wenn schon Mamsell Karoline sich das
Ansehen geben konnte als habe sie nicht gehört was er gesagt und als wisse
sie nicht was das Lachen um sie her bedeute
    Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager Die Vorhänge waren
niedergelassen der Geruch von Äther erfüllte das Gemach Die Gräfin hatte
ihren Brief an den Freiherrn eben beendet Sie wollte ihn der Tochter zu lesen
geben aber Hildegard machte eine matte abwehrende Bewegung Die Mutter
siegelte ihn also und wollte schellen um ihn hinunter zu senden Cäcilie saß
müßig in einem der Lehnstühle Weil sie jedoch wusste wie empfindlich ihre
Schwester während ihrer Anfälle von Kopfweh gegen das geringste Geräusch zu sein
pflegte wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dieners bereitwillig
ersparen
    Sie stand leise auf trat an die Gräfin heran und erbot sich den Brief
selbst hinunter zu tragen Aber wie von einem elektrischen Schlage getroffen
sprang Hildegard die anscheinend mit geschlossenen Augen da gelegen hatte von
ihrem Ruhebette empor und Cäcilie mit so gewaltsamem Griffe um das Handgelenk
fassend dass sie im Schmerze zusammenzuckte rief sie mit funkelnden Augen in
wilder Leidenschaft Du rühre den Brief nicht an Du nicht
    Ganz erschrocken trat Cäcilie zurück Sie wollte antworten die Tränen
stürzten ihr aus den Augen und die Hände entsetzensvoll zusammenschlagend rief
sie Gott im Himmel sie ist wahnsinnig Hilda ist wahnsinnig geworden
    Hildegard lachte hell auf Nein nein rief sie noch bin ichs nicht noch
sehe ich sie ja die heuchlerischen Tränen die Dir über die roten Backen
niederrinnen Aber ich werde es werden wahnsinnig wird es mich machen wenn ich
es sehen muss wenn ich Dich sehen muss  Sie war unfähig den Satz zu
vollenden sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um den Hals und barg ihr
Gesicht an deren Brust Es bricht mir das Herz es nimmt mir den Verstand
wiederholte sie immer und immer wieder Die Gräfin bemühte sich sie zu
besänftigen Cäcilie war neben der Schwester hingeknieet und küsste ihr die
Hände aber Hildegard stieß sie mit Heftigkeit von sich und die Gräfin hieß die
jüngere Tochter endlich sich entfernen
    Weinend und bleich wie Gaetana es dem Kammerdiener geschildert hatte war
Cäcilie in dem Zimmer der Baronin angelangt Atemlos in der höchsten
Aufregung erzählte sie derselben was geschehen war aber wider ihr Erwarten
machte sie auf die ältere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewünschten
Eindruck
    Vittoria hatte sich eben erst dem schönen Wetter zu Liebe ihr Ruhebett bis
hart an die großen Fenstertüren ihres Zimmers tragen lassen und blieb von den
aufgespannten Vorhängen mild beschattet ruhig liegen während sie sich langsam
und ohne jede Unterbrechung fächelte Sie zog Cäcilie neben sich auf die Polster
nieder und mit ihrem Tuche die Tränen von der jungen Gräfin Wangen trocknend
sagte sie mit ihrer weichen tiefen Stimme Weine nicht weine nicht mein Kind
Die Tränen ziehen Furchen und aus den Furchen in eines Weibes Antlitz wächst
kein Glück hervor  Komm sei heiter lächle wieder Sieh mich an
    Sie nahm den Kopf Cäciliens in ihre Hände schaute ihr in das Auge küsste
dann ihre Augenlider und rief Hildegard war nicht für das Glück geschaffen
nicht für das eigene nicht für fremdes ihr Blick ist unheilvoll Wir werden
alle alle glücklich werden wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr
verfolgen
    Cäcilie tröstend und Hildegard anklagend sich ereifernd und dann wieder
schmeichelnd und scherzend ließ Vittoria Cäcilie nicht zu Worte kommen als
diese ihr Erschrecken über den zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn
erfolgten Bruch und ihr Bedauern über Hildegards Schicksal auszusprechen
wünschte Und wenn es immer nicht leicht war sich Vittorias Einfluss zu
entziehen wo sie es mit Absicht darauf anlegte Jemanden für sich und ihre
augenblickliche Stimmung zu gewinnen so fand Cäcilie es heute mehr als je
unmöglich
    Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem traurigen Verhältnisse
zwischen Hildegard und Renatus viel zu leiden gehabt Dass es ein unhaltbares
geworden sei das hatte Cäcilie gleich an dem Tage gefürchtet an welchem sie
den Jugendgespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah Es war
ihr überhaupt mit Renatus sonderbar ergangen Von allen den Erinnerungen ihrer
ersten Jugend von denen Hildegard und auch die Mutter zu erzählen liebten
wusste Cäcilie nichts Sie war um mehr als fünf Jahre jünger denn der junge
Freiherr sie war fast noch ein Kind gewesen als Renatus in den russischen
Feldzug gegangen war aber sie hatte es oft behauptet dass dies eigentlich der
Tag sei dessen sie sich aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne und
dass sie erst von diesem Tage ab völlig klare und zusammenhängende Vorstellungen
von ihren Erlebnissen habe die freilich einfach genug gewesen waren
    Sie hatte ihre Kindheit während und nach der Wittwentrauer ihrer Mutter auf
dem Lande in dem Schloss der ihnen verwandten Familie verlebt von wo aus sie
nach Richten gekommen waren Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der
Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten bis man zu Anfang der
Freiheitskriege wieder auf das Land und nach Schloss Richten gezogen war das die
Mutter und Hildegard nur verlassen hatten als sie zur Pflege der Verwundeten
und Kranken sich in die Stadt begeben hatten Cäcilie die für eine solche
Aufgabe noch zu jung gewesen war unter Vittorias Obhut in Richten geblieben
denn damals hatten die Gräfinnen und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit
einander gelebt Die Zerwürfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hatten sich
erst später erst als Hildegard wie sie das nannte zum Bewusstsein über sich
und über ihre Pflichten und über den Beruf des deutschen Weibes gekommen war
so schroff herausgebildet Und leugnen konnte Cäcilie es nicht das viele
Nachdenken und die große Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswürdiger
gemacht
    Cäcilie war Hildegardens völliges Gegenteil Sie dachte wenig nach Sie
kannte die Welt und die Menschen eigentlich nur aus den Schilderungen ihrer
Mutter und aus den wenigen Büchern welche sie nach der Wahl der Gräfin gelesen
hatte Zwischen die Gefühlsschwärmerei ihrer Schwester und die von
leidenschaftlichen Erinnerungen durchglühte Phantasie Vittorias gestellt hatte
sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach ähnlichen Empfindungen sondern nur die
Neugier bemächtigt ob sie solcher Empfindungen wohl fähig sei und weil sie bei
ihrer sehr zurückgezogenen Lebensweise nur wenig Männern begegnet war  denn
fast die ganze männliche Jugend des Landes stand seit Jahren unter den Waffen 
so hatte sie in alle jene Träume ohne welche kein Mädchen sich entfaltet das
Bild des Jünglings verwebt den sie am besten kannte das Bild des jungen
Freiherrn des Verlobten ihrer Schwester Schlank und schmächtig schüchtern und
ein wenig schweigsam mit den sanften blauen Augen freundlich lächelnd so
hatte sie sein Bild in ihrem Gedächtnisse bewahrt und wie vor einem völlig
Fremden hatte sie am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen Manne gestanden
zu welchem die Jahre die Strapazen des Krieges und das Leben in der bewegtesten
und gewähltesten Gesellschaft von Europa den jungen Freiherrn ausgebildet
hatten
    Sein Haar war dunkler seine Gestalt sehr kräftig sein Blick seine Sprache
waren lebhaft geworden und Cäcilie hatte in freudiger Bewunderung seiner
Schönheit sich gesagt dass ihre Schwester sehr glücklich sein müsse Aber das
Glück das sie an dem liebenden Paare zu sehen erwartete wollte nicht zum
Vorschein kommen
    Cäcilie bemerkte mit steigender Verwunderung die schwermütige Zärtlichkeit
ihrer Schwester und die Verlegenheit mit welcher Renatus dieselbe eher zu
ertragen als zu suchen schien Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester
dachte so musste es gewiss ganz anders sein sagte sie sich denn sie war doch
nicht des jungen Freiherrn Braut sie liebte er nicht und sie liebte ihn auch
nicht aber es war doch Alles Lust und Freude zwischen ihnen wenn sie einmal
beisammen sein konnten ohne dass Hildegards ernsthafte Betrachtungen ihnen in
ihrem Frohsinne Schranken setzten Sie begriff es endlich gar nicht mehr wie
Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermöge sie selbst hatte
Hildegard nie so quälerisch und so mit sich und ihren kleinen Leiden
ausschließlich beschäftigt gesehen als eben jetzt Sie war sonst mit der
Schwester immer einig gewesen oder doch gut mit ihr fertig geworden denn ihre
Neigungen und Gewohnheiten hatten sich eben weil sie so ganz und gar von
einander unterschieden waren nicht gekreuzt aber seit Renatus wieder in der
Heimat lebte hatte auch das gute Verhältnis zwischen den beiden Schwestern
sich mit Einem Male geändert
    Hildegard hatte sich von Anfang an über die laute Fröhlichkeit ihrer
jüngeren Schwester wie über die Rastlosigkeit beschwert mit welcher sie bald
Dies bald Jenes mit Renatus unternehmen wollte und sich vor Allem darüber
beklagt dass sie es ihr so schwer mache ihren Verlobten zu irgend einer
Sammlung zu bewegen oder auch nur ernstaft mit ihm zu verkehren Cäcilie
hingegen war empfindlich darüber geworden dass die Schwester sie wie ein Kind
behandle mit dem oder in dessen Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen
könne Sie hatte geklagt dass Hildegard Alles an ihr tadle von ihrer Art sich
zu kleiden bis zu der Weise in welcher sie mit dem Jugendfreunde mit dem
künftigen Schwager verkehre und als Cäcilie allmählich aus Ungeduld die Nähe
der Schwester zu meiden angefangen hatte Renatus sich zu ihr gesellt um
Hildegard zu zeigen dass er ihr Betragen gegen Cäcilie nicht billige
    Lass ihr doch Zeit über ihre Sorgen nachzudenken hatte Cäcilie übermütig
ausgerufen wenn sie und Valerio den jungen Freiherrn zu irgend einem fröhlichen
Unternehmen zu überreden getrachtet hatten und nachgebend und von der eigenen
Neigung angetrieben hatte Renatus sich mehr und mehr an Cäcilie angeschlossen
deren blühende Frische ihm das Herz erfreute
    Es war ihm ein Vergnügen Cäcilie laufen zu sehen sie hatte die Anmut
eines Rehes Es war ihm ein Vergnügen sie reiten zu sehen das Tier selbst
schien von ihrer Lebenslust beflügelt zu werden und sie mit ihrer hellen Stimme
lachen zu hören war für Renatus vollends ein Genuss Cäcilie aber gehörte nicht
zu denen die sich Sorgen machen die Mutter und die Schwester tatens wie sie
meinte zur Genüge sie war immer guter Dinge
    Sie lachte mit ihrem reizendsten Lachen wenn Renatus sich bei ihr über
seine Braut beklagte Sei nicht böse auf sie sagte sie sie ist ein wenig
altjüngferlich geworden Heirate sie nur bald dann wird sie eine junge Frau
und auch wieder munter und vernünftig werden Sie hat sich gar zu sehr nach Dir
gesehnt
    Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt fragte Renatus sie dann wohl
    Ich Wie käme ich dazu Ich war ja nicht mit Dir verlobt Nur als Du in den
Krieg gegangen bist dachte ich es würde mir das Herz zerbrechen wenn Du
sterben solltest Ich konnte mich damals gar nicht von Dir trennen Aber Du
hasts nicht bemerkt ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind
    Renatus sah sie betroffen an Ganz plötzlich kam es ihm in das Gedächtnis
zurück Wie hatte er das vergessen können  Deutlich aber ganz deutlich
erinnerte er sich jetzt wie die leidenschaftliche Umarmung des kaum
vierzehnjährigen Mädchens ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatte So
hatte Hildegard ihn nie umarmt Er fühlte unwillkürlich ein lebhaftes Verlangen
einer solchen Umarmung noch einmal von Cäcilien noch einmal teilhaftig zu
werden Wie bittend hielt er ihr die Hand hin sie schlug herzhaft ein er
umarmte und küsste sie und sie gab ihm den Kuss mit ihren schwellenden Lippen
fröhlich lachend wieder Wesshalb sollte sie ihrem künftigen Schwager weshalb
sollte sie Renatus auch einen Kuss versagen Sie tat es niemals wenn er sie
darum bat und er küsste sie jetzt oft genug Nur jene erbebende Leidenschaft
die er wieder einmal nur einmal wieder noch zu genießen wünschte jene
Leidenschaft nahm er an ihr nie wieder wahr Es war Alles an und in ihr arglose
auf den Augenblick gestellte Fröhlichkeit und diese war es auch was ihre Nähe
für Vittoria so angenehm machte was Valerio an sie fesselte
    Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Cäcilie einen wahrhaften
Zorn und er war gegen ihre einzige Schwester gerichtet Sie hatte es Vittoria
verschweigen wollen was oben unter der eigenen Mutter Augen zwischen Hildegard
und ihr geschehen war aber der Schwester ungerechtes Misstrauen ihre Härte und
ihre Heftigkeit waren gar zu groß gar zu grausam gewesen Vittoria hatte Recht
Hildegard war nicht zum Glück geschaffen nicht für das eigene nicht für
fremdes Glück Wie hätte sie sonst die Schwester die ihr in mitleidvoller Liebe
zu helfen und zu dienen bemüht gewesen war so herzlos so unnatürlich von sich
stoßen können
    Cäcilie klagte Vittoria hörte ihr ermutigend zu Als jene geendet hatte
sagte die Baronin Und könntest Du jemals so voll Argwohn sein wie Deine
Schwester
    Nein nein ganz gewiss nicht rief Cäcilie Wie kann man auch einem Menschen
ein Übel ein Unrecht zutrauen wenn man 
    Sie hielt inne denn die Gewohnheit der Schwesterliebe  und die
Familienliebe ist ja überhaupt zu einem großen Teile Gewohnheitssache  hielt
sie zurück den Gedanken auszusprechen der ihr eben erst gekommen war aber
Vittoria ergänzte ihn sofort
    Siehst Du es siehst Du es nun mein Kind dass sie voll Arglist ist Weil
sie von Jugend auf mit unermüdlicher Beharrlichkeit ihr Netz gesponnen und
meinen armen Renatus als er fast noch ein Knabe war damit umgarnt hat darum
darum allein hält sie Dich für fähig das Gleiche zu tun darum traut sie Dir
es zu Du könntest arglistig wie sie ihr das Herz des ersehnten Bräutigams
abwendig machen wollen Als ob sie nicht selber alles dazu getan hätte ihn von
sich zu entfernen als ob ein Mann so schön so gut so fröhlich und so gesund
wie mein Renatus dazu geschaffen wäre sie seufzen zu hören und unter ihren
kühlen Blicken zu erfrieren Per bacco Vittoria brauchte wenn sie heiteren
Mutes war wie eben jetzt wohl einmal einen heimatlichen Schwur  per bacco
wir werden Ursache haben diesen Tag zu segnen und mich verlangt danach
Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu umarmen Er wird schön aussehen
wenn er wiederkehrt und seinen Willen hat denn er sehnte sich nach seiner
Freiheit
    Sie war so aufgeregt dass sie sich erhob um einen Gang hinaus in den Garten
zu tun und sie forderte ihren Schützling auf sie zu begleiten Anfangs
weigerte Cäcilie sich dessen Die Stunde war nahe welche man für die Abreise
der Schwester anberaumt hatte sie wollte sie in dieser nicht verlassen ihr
dabei nicht fehlen
    Vittoria nahm sie bei der Hand Lügst Du auch fragte sie oder hast auch Du
kein Blut in Deinen Adern kein Feuer in der Brust das in zorniger Flamme
emporschlägt wenn man Dich beleidigt Schäme Dich Cäcilie ich hatte besser
von Dir gedacht Und ihren Arm in den der jungen Gräfin legend sagte sie
während sie mit ihr die Terrasse entlang und in den Garten hinunter ging Komm
mein Herz es wäre nicht hübsch von Dir Dich an ihrem Schmerze zu weiden denn
leiden  leiden muss man im Verborgenen
    Cäcilie gab endlich nach Sie war selbst aufgeregter und in sich
unentschiedener als je Sie hätte nicht sagen können wie ihr eigentlich zu
Mute sei Sie hörte auch nur halb auf die Schilderung welche Vittoria ihr von
dem ganzen Zusammenhange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte denn
Renatus hatte es der Baronin in seinem Missmute einst anvertraut wie er sich
Hildegarden von ihr dazu angetrieben gerade in dem Augenblicke versprochen
habe in welchem er gekommen war sich von ihr los zu sagen Nur das Eine
entging Cäcilien nicht und die Baronin wiederholte es auch wieder und wieder
Renatus hatte Hildegard niemals geliebt
    Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen sagte Cäcilie sich mit einer
Genugtuung die sie überraschte und gleich darauf fiel ihr die Schwester ein
Sie sah nach der Uhr Jetzt hatte Hildegard das Schloss bereits verlassen
    Wider ihren Willen seufzte Cäcilie tief Sie dachte daran dass auch ihres
Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde und die Tränen traten ihr bei
der Vorstellung in die sonst so fröhlichen Augen Sie hatte das Schloss und die
Baronin Vittoria und Renatus und Valerio so lieb
 
                                Sechstes Kapitel
Graf Gerhard hatte eine Krankheit überstanden Mitten in einer Gesellschaft bei
einem Feste das ein Kreis von alten Junggesellen sich gegeben hatte und bei dem
es fröhlich genug hergegangen war denn die Jugenderinnerungen waren den Herren
bei dem Weine reichlich zugeflossen hatte ein schlimmer Anfall ihn ereilt
    Wie ein Schwindel wie ein plötzliches Vergehen der Sinne war es über ihn
gekommen Man hatte ihn mit dem Beistande eines Arztes nach seiner Wohnung
gebracht dort hatte er sich bald erholt und die Krankheit hatte nicht lange
gewährt Jetzt war sie ganz vorüber Nur eine Schwäche war ihm noch
zurückgeblieben und das Zittern in den Händen das Renatus bei dem Wiedersehen
seines Oheims aufgefallen war hatte zugenommen wenngleich der Graf es mit
großer Geschicklichkeit zu verbergen wusste
    Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet die Wärme des Tages drang voll
herein obschon man mit den heruntergelassenen Markisen das Licht abdämpfte In
den großen Vasen auf den Ecktischen dufteten die schönsten Frühlingsblumen
Früchte welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also aus
Treibhäusern geliefert sein mussten standen auf dem Tische vor dem Sopha und in
seinen seidenen Schlafrock gehüllt genoss der Graf von Polstern bequem
gestützt einer sehr behaglichen Ruhe Bald sah er wie das Sonnenlicht milde
über die Bilder an den Wänden hinglitt dann betrachtete er die Blumen in den
Vasen Ein Schmetterling der sich in das Zimmer verirrt hatte flog von der
einen Vase zu der anderen wiegte sich bald auf dieser bald auf jener Blume und
flatterte dann gaukelnd auf und nieder wo die Sonne ihm am wärmsten schien Der
Graf hätte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flügelchen zusehen können ohne
an etwas Anderes zu denken hätte der Brief den er in seinen Händen hielt ihn
nicht beschäftigt
    Es war ein langer Brief Er hatte ihn schon am verwichenen Tage erhalten und
gelesen aber er wollte ihn noch einmal lesen Der Brief hatte ihn sehr gerührt
der Seelenzustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches für ihn Er klingelte
befahl dem Diener ihm die Brille zu reichen welche er in seinem Schlafzimmer
zurückgelassen hatte ließ sich aus der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade
einschenken und nachdem er getrunken und den goldenen Teelöffel mit weiblicher
Genauigkeit quer über den Rand des Glases gelegt hatte um dem Diener ohne Worte
anzuzeigen dass er das Glas nicht wieder füllen solle zog er den Brief aus
seiner Umhüllung hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen Er war aus
Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben
    »Ich bin unfähig gewesen zu irgend einem Tun« hob der Brief an »das mag
Ihnen erklären mein verehrter Freund weshalb Sie erst heute von mir erfahren
dass ich in Pyrmont bin dass ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin
aufgehalten ohne Sie ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtigen und dass
ich Richten verlassen habe Ach ich habe mehr verlassen als den Ort«
    Der Brief brach an der Stelle plötzlich ab und erst am folgenden Tage war
die Fortsetzung desselben geschrieben worden
    »Es ist eine lange Zeit vergangen« hieß es in derselben »ehe ich die
Fassung gewann mir selbst meine Zustände klar zu machen und gestern als ich
mich stark genug glaubte Sie dessen tröstliche Teilnahme mir seit manchem
Jahre das Hoffen erleichterte in meine entmutigte Seele in mein gebrochenes
Herz blicken zu lassen  gestern übermannte mich die Verzweiflung wieder mit
ihrer ganzen Stärke Jeder meiner Gedanken war wieder nur ein Aufschrei ein
Aufschrei der Klage gegen ihn dessen Namen zu nennen mir jetzt ein Schmerz ist
    Ich habe des Tages nicht vergessen an welchem ich Ihnen als wir in Richten
zum ersten Male nach dem Kriege die Margaretenhöhe hinaufstiegen die einfache
Geschichte meines Lebens die unbewusste Weise schilderte in welcher mein Herz
sich von früher Kindheit an dem schönen verwaisten Knaben zugewendet hatte
Meine Liebe ist stets eine Kraft gewesen die ich nur genoss wenn ich sie im
Dienste für Andere in der Hingebung an Andere verwerten konnte Ich war sein
so lange ich mich meiner selbst erinnern kann und seit sieben langen Jahren hat
jeder meiner Atemzüge ihm gehört Weshalb soll ich noch leben da mein Dasein
ihn nicht mehr beglückt 
    Schatten der Liebe welche den Gegensatz zu ihrem Lichte bilden haben Sie
die bangen Zweifel geheißen von denen meine Seele damals sich beunruhigt
fühlte Ach ich wusste dass mein ahnend Herz mich nicht betrog dass es nicht
vergebens sorgte und erbebte Der Unglückselige hat sein Blut vergossen für des
Vaterlandes Ehre und während ich in brünstigem Gebete jedes Haar seines Hauptes
der Huld des Höchsten anempfahl ist Renatus nicht nur von mir ist er von der
wahren Ehre abgefallen ist er sich selbst verloren gegangen ist er abwendig
geworden der Liebe und der Treue die er mir gelobt hat
    Als er heimkehrte Wie soll ich sie Ihnen aussprechen die Wonne und das
Glück die ich empfand die Seligkeit mit der ich ihn in meine Arme schloss
Aber in jenem ersten Aufzucken meines Herzens fühlte ich es  nur ich war
glücklich er war es nicht
    Was habe ich nicht alles getan ihn wiederzugewinnen was gelitten ihn zu
sich selbst zurückzuführen Es ist Alles vergebens gewesen und meine Kraft ist
erschöpft meine Lebenslust dahin
    Fast fünf Monate sind in diesem stillen Kampfe entschwunden Der Termin für
die neuen Kontracte mit seinen Beamten war gekommen Ich hatte ihn am Morgen
heiterer als sonst gesehen er sprach von seinem Vorsatze auf seinen Gütern zu
leben ich knüpfte wider meinen Willen meine Hoffnungen daran Aber der Mittag
war nahe der Amtmann hatte sich schon lange entfernt und Renatus ließ sich
nicht sehen Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen ich kannte seine
Angelegenheiten besser als er selbst ich hatte mich darauf vorbereitet sie
leiten zu können wenn es ihm nach unserer Verheiratung nicht gefallen hätte
sich mit ihnen zu beschäftigen und eben deshalb hatte ich dem Rate
beigepflichtet dass er die beiden andern Güter verkaufen solle Glücklich mit
ihm zu sein war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Raumes genug
    Den ganzen Morgen hatte ich mich gefragt Was wird er tun wozu wird er
sich entschließen Die Ungewissheit ließ mir endlich keine Ruhe Ich schickte
nach seinem Zimmer er war nicht dort Man sagte er sei in den Park gegangen
Ich konnte nicht anders ich musste ihn sehen Man reißt notgedrungen sein Herz
von dem geliebten Herzen eines Mannes los und verlernt es doch nicht um den zu
sorgen der uns von sich stößt
    Ich ging in den Park hinab ich suchte Renatus in den Wegen welche ihm die
liebsten waren nur seine Fusstapfen sah ich er war nicht dort  Er fand die
Laune spazieren zu gehen und sagte sich nicht mehr Hildegard wird am mich
denken wird um mich sorgen
    Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur Dann ging ich auf die
Margaretenhöhe hinauf und kaum dort angelangt sah ich ihn von dem
Rotenfelder Kirchpfade den Weg in die Höhe kommen Das Herz schlug mir vor
Freude wie ich ihn in seiner Schönheit so leicht einhergehen sah Ich wusste
nicht was ich tat als ich der inneren Stimme folgend so schnell ich konnte
ihm entgegeneilte
    Sonst wenn ich noch ein halbes Kind so im Laufe von der Höhe zu ihm
heruntergeflogen war hatten seine Arme sich mir entgegengebreitet und ich hatte
mich an seine Brust geworfen mit dem Glücksgefühle dass ich im Hafen sei Jetzt
als ich atemlos vor Freude und Erregung vor ihm stand musste ich beschämt die
Augen niederschlagen um es nicht zu sehen wie wenig die unerwartete Begegnung
ihn erfreute
    Wo kommst Du her fragte er mich ohne mir auch nur die Hand zu reichen
    Ich habe Dich gesucht gab ich ihm zur Antwort ich befürchte dass Du keine
gute Verhandlung mit dem Amtmann hattest dass es zu keinem Abschlusse gekommen
ist  Und als ich das ausgesprochen hatte fiel mirs auf das Herz dass
zwischen mir und ihm schon seit lange immer nur von seinen Geschäften die Rede
gewesen war
    Obschon die Mittagssonne heiß herniederbrannte wollte ich über die Wiese
den Rückweg nehmen weil es uns am schnellsten nach dem Schloss gebracht hätte
und ich scheute mich mit ihm allein zu sein weil es mir dann immer am
schmerzlichsten fühlbar wurde wie er mir gar nichts mehr zu sagen hatte
    Wider mein Erwarten äußerte er die Absicht über die Höhe nach Hause zu
gehen Als wir hinaufstiegen bot er mir den Arm Ich wollte fragen mich
erkundigen er hieß mich schweigen meine Brust zu schonen aber auch er sprach
nicht zu mir Die Sonne erwärmte das Laub und die Stämme dass uns aus den dicht
verschatteten Gängen überall ein warmer Blätterduft ntgegenquoll Von Zweig zu
Zweig huschten die Vögel an uns vorüber es sang und zwitscherte rund um uns
her es blühte wohin man sah und dazwischen zuckte und flammte das Sonnenlicht
bald hier bald dort zwischen der dichten Blätterfülle hervor und streute seinen
glühenden Wiederschein über das grasige Erdreich hin dass man wie auf
dunkelroten Blumen ging Mitten in der Traurigkeit die sich während dieses
schweigenden Ganges immer lähmender auf mich herniedersenkte wirkte die
Herrlichkeit des Tages doch noch auf mich ein und um nur die Stille zu
unterbrechen um nur nicht zu merken wie einsam ich an seiner Seite sei sagte
ich Siehst Du denn nicht wie schön es hier ist
    Gewiss entgegnete er mir es wird mir schwer genug werden es wieder zu
entbehren
    Ich war nicht gleich im Stande ihm auszudrücken wie unerwartet mir seine
Antwort kam aber er mochte mein Erstaunen in meinen Mienen lesen und ehe ich
noch ein Wort gesprochen hatte sagte er Mein Urlaub geht zu Ende unser
Regiment kommt in den nächsten Wochen über den Rhein zurück Ich muss es zu
erreichen suchen um meine Kompagnie doch selbst in die Hauptstadt einführen zu
können
    Er sprach das so einfach so natürlich  und welche Grausamkeit wäre einem
treulos gewordenen Herzen nicht natürlich  dass er mich täuschte Ich war es
schon gewohnt worden ihn nur an seine eigenen Wünsche denken zu sehen und das
Verlangen mit den Tapfern in deren Mitte er gekämpft hatte unter unseres
geliebten Königs Augen in die Hauptstadt einzuziehen war ja ein berechtigtes
Ich selbst sehnte mich danach ihn an der Seinen Spitze im Siegesschmucke im
deutschen Eichenkranze zu erblicken Indes ich unterdrückte diesen Wunsch und
nur die Frage tat ich wann er gehen wolle
    Sobald ich hier mit dem Amtmann abgeschlossen habe
    Du denkst also ihn zu behalten erkundigte ich mich
    Ja als Pächter entgegnete er kurz
    Mein Erschrecken war groß indes ich hatte seit lange die Erfahrung gemacht
dass meine Bitten meine Vorstellungen ihn nicht bestimmten Du hast also Deine
Absichten geändert Du willst die Güter nicht selbst bewirtschaften wie Du es
noch vor wenig Tagen vorgehabt hast erkundigte ich mich
    Nein sprach er sehr bestimmt
    Ich wusste mir nicht zu erklären was geschehen sein konnte ich schwieg
also aber das reizte seine Ungeduld und heftiger als es zu verantworten war
rief er Sprich es doch aus was Du denkst und hülle Deine Unzufriedenheit
nicht in dieses Schweigen das mich verdammt weil ich endlich endlich einmal
von den Sorgen freizukommen wünsche die mein Erbteil gewesen sind von Jugend
auf Was habe ich denn bis jetzt von meinem Leben von diesen Gütern anders
gehabt als Sorgen Von unseren übelen Vermögensumständen habe ich den Kaplan
sprechen hören als ich mich ein Knabe noch an Märchen zu ergötzen wünschte
Um unserer Vermögensverhältnisse willen schickte man mich in das Heer in einem
Alter in welchem mein Vater in wahrhaft königlicher Freiheit mit seinem
Erzieher die halbe Welt durchreiste Als ich nach längerer Zeit ins Vaterhaus
zurückkam empfing mich die Kunde dass unsere Lage es für meinen Vater nötig
mache auf mein mütterliches Erbe zurückzugreifen und ich gab es hin Im
Feldlager am Vorabende der größten Schlacht erreichten mich mit der Nachricht
von meines Vaters Tode die Berichte über unseren sich entwertenden Besitz Am
Beiwachtfeuer auf dem Siechbette im Lazaret in den Sälen von Paris bei dem
Wiedersehen des Onkels in dem Bureau von jenem Tremann und hier in meinem Hause
höre ich immer und ewig nur dasselbe alte Lied Und wenn einmal der Schatten
meiner Bäume mich still umfängt wenn ich endlich einmal aufatmen möchte in
Gottes freier Luft spricht Dein schon wieder sorgenvoller Blick Schaffe Rat
schaffe Ordnung so ists nicht zu halten  Nun denn  verzeihen Sie mir mein
edler teurer Freund dass ich den Ausdruck wiederhole den ich mit Beschämung
von seinem Munde hören musste  nun denn so mag zum Teufel gehen was nicht zu
halten ist Ich verkaufe Rotenfeld und Neudorf ich verpachte Richten ich gehe
zu meinem Regiment zurück Ich will wissen woran ich bin ich will nicht länger
die Last auf meinen Schultern fühlen welche die Vergangenheit mir aufgebürdet
hat Ich will die Irrtümer meiner Voreltern und auch die meinigen nicht als
eine mich ewig hemmende Kette durch das Leben schleppen Ich will ein eigenes
neues Leben leben ich will endlich einmal mein eigener Herr endlich einmal
frei endlich frei sein
    Renatus hatte sich erhoben und ging auf dem engen Raume heftig auf und
nieder Noch an dem Morgen dieses Tages hatte er wie ich schon erwähnte davon
gesprochen dass er die Güter selbst bewirtschaften wolle es musste also etwas
geschehen sein das ihn verstimmt das ihn andern Sinnes gemacht hatte Ich
vermochte mir nicht zu denken was es gewesen sein könne und ich wusste mir
keinen Rat Freilich hielt ich die Maßregeln von denen er gesprochen hatte
soweit sie den Verkauf der beiden andern Güter betrafen für richtig aber ein
Entschluss in solcher Verfassung vollzogen musste mir immer als ein unheilvoller
erscheinen und ich wagte nicht ihn zu billigen nicht wider ihn zu sprechen
Dazu kam das unabweisliche Gefühl dass Renatus sich in solcher heftigen in
solcher über das erlaubte Maß hinausgehenden Weise nicht geäußert haben würde
hätte er einen Andern hätte er nicht eben mich zur Seite gehabt Ich glaubte es
zu sehen dass mein Erschrecken meine Angst ihm eine Genugtuung bereiteten ich
hatte in diesen letzten Monaten so viel ach so unaussprechlich viel von ihm
ertragen und keine Sylbe und kein Laut in seiner ganzen Rede dachten meiner
Ich war nicht mehr für ihn vorhanden
    Oft unsäglich oft hatte ich es empfunden dass ich zu seinem Glücke nicht
mehr nötig sei Jetzt traf es mich aus seinen Worten wie ein Schlag und wie
ein Blitz drang die nicht mehr zurückzuweisende Erkenntnis in mein Herz Er
wollte frei sein frei vor allen Dingen frei von dem Worte das ihn an mich
band Ich war es die er fliehen wollte wenn er zum Regimente ging Die Liebe
die er mir geschworen hatte war der Irrtum von dem er loszukommen wünschte
und es kostete ihn nichts sich von dem Erbe seiner Väter loszureißen wenn er
sich damit nur von mir zu trennen vermochte
    Wir waren nahe bei einander Er war stehen geblieben und sah an einen der
starken Stämme angelehnt in den Laubgang hernieder Dieselbe Sonne beschien uns
noch dieselben sanften Töne des lockenden Vogelsang berührten noch unser Ohr
aber es war mir als hätte sich eine Kluft aufgetan zwischen mir und ihm und
als träte er fern und ferner von mir zurück In jedem Augenblicke wollte ich die
Frage tun Drei vier Mal versuchte ich es aber immer fehlte mir dazu das
Wort und mit jeder Sekunde schien er mir fern und ferner zu treten wuchs in
mir die Angst dass mein Ton ihn nicht mehr erreichen könne Ich war meiner Sinne
fast nicht mächtig Nur das Einzige fühlte ich noch klar auch ich musste frei
werden und wenn auch durch den Wahnsinn oder durch den Tod von dieser Stunde
martervoller Pein
    Renatus fragte ich ihn und meine eigene Stimme klang mir wie eine fremde
und die Frage klang mir so fremd als hätte ich nichts mit ihr zu schaffen
Renatus Du sprichst von Deinen Irrtümern von deren Folgen Du frei zu sein
wünschest Siehst Du die Liebe die Du mir geschworen hast auch als einen
Irrtum an Willst Du frei sein auch von den Banden die uns an einander ketten
Sprich es aus
    Renatus fuhr zusammen aber er antwortete mir nicht und die Arme über die
Brust verschränkt den Blick zu Boden gerichtet starrte er finster vor sich
nieder
    Was da in meiner Seele vorging Wie könnte ich Ihnen das beschreiben Ich
hatte mir gesagt dass er mich nicht mehr liebe ich hatte ihm angeboten ihm
seine Freiheit wiederzugeben und denken Sie nicht übel von mir weil ich es
Ihnen eingestehe ich erwartete ihn zu meinen Füßen niedersinken zu sehen und
meine Arme waren wie meine Seele offen ihn liebend und verzeihend zu umfangen
Indes Renatus regte sich nicht und wie von einem inneren Feuer schnell und hoch
emporgetrieben schoss ein Gefühl des Zornes in mir auf Da er mich nicht mehr
liebte sollte er künftig mit Beschämung an mich denken wollte ich den Triumph
genießen ihn zu demütigen und ich hatte es bis dahin nicht geahnt welche
Kräfte der Grimm und die Empörung uns verleihen können
    Ich blieb sehr ruhig sitzen als er vor mir stand Sieh nicht so finster
drein Renatus sagte ich Es ist eine böse Stunde über Dich gekommen aber ich
habe mich Dir ja angelobt für gute und für böse Stunden ich will Dir helfen
über diese hier hinauszukommen Es ist gut dass sie mich nicht unvorbereitet
trifft  Ich musste innehalten denn das Klopfen meines armen Herzens versetzte
mir den Atem und ich brauchte eine kleine Zeit ehe ich wieder meiner Herr
geworden war
    Du willst frei sein sagte ich Du möchtest ein neues Leben leben  Ich
streifte den Ring von meinem Finger den ich seit sieben Jahren seit sieben
langen Jahren nicht von mir gelassen hatte und reichte ihm denselben hin 
Nimm das Pfand zurück das Dich an die Vergangenheit bindet ohne Deine Liebe
begehre ich Dein nicht Ich gebe Dich frei
    Renatus trat mit rascher Bewegung auf mich zu Sein Auge belebte sich aber
ich sah es ich konnte mich nicht darüber täuschen es war kein Schmerz es war
eine aufzuckende Freude die es erglänzen machte  Behalte ihn o behalte den
Ring bat er als ein Andenken an mich und ich will den Deinigen heilig halten
in Bewunderung Deines edlen großen Herzens
    
    Ich konnte ihm nicht antworten ich schüttelte verneinend mein Haupt Ich
hätte es nicht vermocht den Ring wieder an meiner Hand zu tragen Er war mir
einst ein Pfand des Glücks gewesen er wäre mir jetzt eine mahnende Erinnerung
an ein langes Leid geworden Aber ich war es so gewohnt ihn zu tragen meinen
Finger von dem kleinen Reif umspannt zu fühlen es fehlte mir etwas es wurde
mir kalt es fiel mir Alles Alles auseinander da ich ihn fortgegeben da
Renatus ihn zurückgenommen hatte Es war ein Zauberring für mich gewesen nun
war der Bann gelöst und die Entzauberung brach schnell heran
    Ich war mit meinen Gedanken mit meiner Kraft zu Ende Ich sah das Spielen
der Blätter ich fühlte den Sonnenschein ich hörte die Vögel singen es
bedeutete mir nichts mehr Ich atmete das war Alles Nicht einmal mein Leiden
fühlte ich Nur eine Stumpfheit nur eine Leere empfand ich Es war mir Alles
ein Rätsel es war mir Alles klar und doch so unverständlich Ich hätte nicht
sagen können ob ich wache ob ich träume
    So saß ich eine Weile Die Zeit kam mir sehr lang vor Ich wunderte mich
dass die Sonne noch immer schien dass die Vögel noch immer sangen Es war mir
als hätte ich Ewigkeiten durchlitten und durchlebt
    Renatus sprach zu mir Er sagte mir wie er seit Jahren vor der Stunde sich
gefürchtet hätte in welcher der Irrtum unserer Herzen uns deutlich werden
würde Er habe lange gefühlt dass er in jugendlicher Verblendung den Frevel
begangen habe mich an sich zu ketten ehe er sich seines eigenen Wesens recht
bewusst geworden sei Er gestand mir dass er mich nie geliebt dass er sich
vergebens bemüht habe sich mit der Freundschaft der Verehrung der Bewunderung
zu begnügen die er für mich fühle die er mir bewahren werde 
    Ich fühlte ein Verlangen laut aufzulachen aber ich unterdrückte es denn
mit diesem Lachen hätte ich dem Wahnsinne Raum gegeben der mit seinen grauen
verwirrenden Flügeln sich auf mein Haupt herniedersenken wollte
    Ich ließ Renatus sprechen fort und fort Es war der Anfang der Befreiung
die er sich bereitete Mit lebhaften Worten schilderte er mir die Leiden die
Schmerzen die er um mich getragen hatte Er um mich  Ich unterbrach ihn
nicht auch nicht als er es mir ausmalte das Glück das er sich einst mit mir
geträumt das er ersehnte das er von der Zukunft sich erhoffte
    Ach er kannte die Liebe er kannte sie sehr wohl Und angstvoll von Minute
zu Minute harrend strebte ich zu erkennen wer ihn fühlen lehren was er nicht
für mich gefühlt Die Liebe hatte er ertödtet in meiner Brust wie ein böser
Geist stieg aus ihrer Asche die Eifersucht diese niedrigste der Leidenschaften
in mir empor Ich sehnte mich danach den Namen Eleonore von seinem Munde zu
vernehmen denn mich verlangte nach einem Gegenstande für den Hass der in mir
brannte aber ich hatte mich betrogen Er hatte Eleonore Haughton nicht geliebt
Nur seine Phantasie hat sie beherrscht nur seine Eitelkeit hat sie beschäftigt
Sie war für ihn zu mächtig wie meine Liebe für ihn zu mächtig gewesen ist  und
nicht einmal der elende Trost war mir gegönnt das Wesen hassen zu dürfen das
er ich erkannte es in jener unheilvollen Stunde das er liebte und auf das sein
Sinn gerichtet war
    Ich war sehr elend sehr unglücklich mein teurer Freund
    Als Renatus endlich zu sprechen aufhörte schien er eine Antwort zu
erwarten aber was sollte ich ihm sagen Ich erhob mich und wollte gehen Er
hielt mich bei der Hand zurück Das dünkte mir der Gipfel seiner
Herzenshärtigkeit
    Ich zog meine Hand aus der seinigen Du bist jetzt frei was willst Du noch
von mir fragte ich ihn
    Deine Vergebung sagte er und dem bittenden Klange seiner Stimme konnte ich
nicht widerstehen Wie eine leuchtende Flut strömten sie auf mich ein alle die
Erinnerungen jener goldenen Tage der Jugend Die Fülle meines einstigen Glückes
die Gewalt meines Schmerzes überwältigten mich Ich breitete meine Arme aus ich
warf mich an seine Brust und an seinem Herzen an seinem treulosen Herzen
weinte ich um ihn  um mich
    Matt wie eine Sterbende riss ich mich endlich von ihm los Ach er hielt
mich nicht Wo willst Du hin fragte er mich da ich nicht wissend was ich
tat mich nach dem Dorfe wendete Wo willst Du hin
    In die Verbannung gab ich ihm zur Antwort War die Welt mir doch öde und
leer wohin ich immer ging Er bot mir seinen Beistand an er wollte mich
begleiten Die kleinste Hülfsleistung von ihm wäre mir wie eine Schmach
erschienen Ich hieß ihn gehen Er trug Bedenken mich zu verlassen Ich bin des
Alleinseins lange schon gewohnt versicherte ich ihm
    Dir gegenüber habe ich nur zu gehorchen sprach er und mir die Hand noch
einmal reichend die zurückzuweisen ich zu stolz war ging er ohne sich auch
nur noch einmal nach mir umzusehen langsam die Höhe hinab
    Trockenen Auges blickte ich ihm nach Es war mir Alles wertlos Alles
gleichgültig selbst mein eigenes Unglück Nur das Eine fühlte ich ich konnte
mein Haupt unter seinem Dache nicht mehr zur Ruhe legen ich konnte ihn nicht
wiedersehen
    Als ich in das Schloss kam sagte man mir Renatus sei ausgeritten und werde
erst am Abende wiederkehren So sehr war ich an seine rücksichtslose Grausamkeit
gewohnt dass ich es ihm Dank wusste mir Freiheit für den einen Tag geschafft zu
haben Ich konnte Vittoria ich mochte Cäcilie nicht um mich haben Ich bat
meiner Mutter sich mit mir zurückzuziehen ich sagte ihr Alles Alles  Auch
sie begriff es dass ich nicht bleiben konnte auch sie wünschte sich zu
entfernen nur so schnell wie ich es begehrte konnte es für sie und mich und
für Cäcilie nicht ausgeführt werden und ehe ich über diesen Abend hinaus in
seinem Hause geblieben wäre hätte ich mein Haupt auf freiem Felde betten und
des Himmels Sterne mir zum Zelte machen mögen
    Meine Mutter sah meine Angst Es fiel ihr ein Auskunftsmittel ein Am
folgenden Tage sollte wie wir wussten eine meiner näheren Bekannten ihr
Vaterhaus verlassen um nach dem Fräuleinstift zum heiligen Grabe aufzubrechen
in welchem der König ihr eine der freigewordenen Stellen gnädig zuerteilt
hatte Ich konnte ihren Wohnsitz noch vor der Nacht erreichen und sie hatte da
sie nur mit ihrem Mädchen reiste einen Platz für mich in ihrem Wagen sie hatte
es mir sogar angeboten sie zu begleiten falls ich die Hauptstadt und unsere
Freunde wiederzusehen wünschte
    Wie mir zu Mute war als ich das Schloss verließ welches ich mich gewöhnt
hatte als meine Heimat zu betrachten  ich finde keine Worte es Ihnen
auszudrücken Vom Leben scheiden ist für den Gläubigen nicht schwer die
Hoffnung leiht ihm ihre tragenden Schwingen aber sich loszureißen von all
seinem Glauben von seinem Lieben von all seinem Hoffen und in das Leben in
die kalte fremde Welt hinauszugehen das mein teurer Freund das ist sehr
schwer sehr bitter und ich habe es ertragen
    Unsere Reisetage gingen still dahin Ferdinandens Verlobter war auf dem
Schlachtfelde gefallen sie war vereinsamt wie ich und doch die Glücklichere
denn ihr Schmerz war rein Wir fuhren die ganzen Tage wir rasteten die Nächte
sie fühlte keine Neigung und ich hatte nicht die Kraft unsere Freunde in der
Hauptstadt wiederzusehen So langten wir im heiligen Grabe im Stifte an und so
habe ich es nach kurzem Aufenthalte unter dem Schutze einer der Stiftsdamen
wieder verlassen und mich derselben mit Bewilligung meiner Mutter für den Besuch
von Pyrmont angeschlossen Meine Gesundheit die nie stark gewesen ist hat sehr
gelitten der Arzt verlangte für mich den Gebrauch jener Quellen und ich durfte
mich seinem Rate nicht widersetzen denn ich habe eine Mutter die von meinem
Siechtume leiden die mein Tod betrüben würde Ich muss ein Leben zu erhalten
suchen das mir völlig wertlos ist
    Am Beginne jedes Morgens frage ich mich mit schmerzlicher Ermüdung was soll
mir dieser Tag Ich werde mich dies fragen bis an mein Lebensende Die Liebe
wie ich sie fühlte ist eine Blüte die einmal entblättert nicht wieder
blüht und wenn ich zurückblicke in die Vergangenheit und ich finde alles
verwelkt was ich in mir gepflegt um seinetwillen der es nicht verdiente und
wenn ich mich frage wie konnte das geschehen wie durfte er es wagen wie
vermochte er es zu tun so finde ich keine Antwort in mir wie ich kein
Verschulden in mir finde Nur das Lied des Dichters fällt mir immer ein und Tag
und Nacht klingt sein trauriges Wort Musst es eben leiden in meiner Seele
wieder
    Wenn Gott Erbarmen mit mir hat wenn er mein Gebet erhört und mir es nicht
zu fern steckt meines Daseins Ziel dann mein verehrter mein teurer Freund
Sie Einziger der schon seit Jahren meinen Kummer in selbstloser Güte zu teilen
nicht verschmähte und gegen den mein Herz zu erschließen mir jetzt ein trauriger
Genuss ist dann lassen Sie mir diese Worte auf den Grabstein setzen und so
lange der rohen Willkür und dem Leichtsinne eines Mannes noch Gewalt gegeben ist
über eines Weibes liebend Herz wird ihnen der Wiederhall in mancher Brust nicht
fehlen
    Leben Sie wohl mein teurer väterlicher Freund Sie haben mir einst
gestanden dass ich Ihnen den Glauben an die höchsten Güter des Menschen
wiederzugeben so glücklich gewesen bin und Sie haben mir damit einen Trost
gewährt an dem ich mich jetzt oft zu halten genötigt bin wenn mein ganzes
Dasein mir als ein verfehltes vorkommt wenn ich mich frage Wozu habe ich
gelebt und wozu soll ich leben 
    Ihnen mein Freund bin ich doch etwas wert zu etwas gut gewesen und ich
weiß Ihnen für die Ermutigung welche diese Gewissheit mir gewährt nicht besser
zu danken als indem ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe Nehmen Sie
der wie Sie mir selber sagten das Leben von seinen Höhen bis zu seinen Tiefen
kennt und den diese Kenntnis nachsichtig gemacht hat nehmen Sie mich duldsam
auf und denken Sie in irgend einer guten Stunde an die arme Hildegard«
 
                               Siebentes Kapitel
Man soll im Zorn nicht handeln im Zorn keine Entschlüsse fassen so lautet eine
alte Regel aber jede Regel scheint nur um ihrer Ausnahme willen da zu sein und
Jeder erfährt es wohl einmal in seinem Leben dass sein Zorn ihn aus dem trägen
Gange seiner Unentschlossenheit emporgerissen und ihn wie mit einem heftigen
Spornstosse zu einem Ansprunge und in einen neuen Weg getrieben hat den
eingeschlagen zu haben man sich später freut Renatus wenigstens meinte an sich
eine solche Bemerkung machen zu können
    Sieben ganze Jahre hatte er sich in dem völlig unwahren Verhältnisse zu
Hildegard bewegt weil er sich es beständig vorgehalten dass es einem Manne
einem Edelmanne nicht anstehe ein gegebenes Wort zu brechen Nun es geschehen
war nun da er Hildegard er täuschte sich darüber nicht endlich dazu genötigt
hatte ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen nun fühlte er sich so
leicht so frei und trotz seines edelmännischen Bewusstseins so völlig in seinem
Rechte dass er dieses Wohlbehagens nicht wieder verlustig zu werden wünschte
    »Mag zum Teufel gehen was nicht mehr zu halten ist« hatte er in seiner
Entrüstung zu Hildegard gesagt und je mehr er auf seinem Ritte darüber
nachsann um so mehr beschloss er jenen in der Zorneshitze getanen Ausspruch zu
einer Wahrheit zu machen Es war sein beeinträchtigtes Menschenrecht das ihm
jene Worte eingegeben hatte weshalb sollte er anstehen es zu wahren 
    Die Zeiten in welchem der Adel selbsterrlich auf seinen Gütern gesessen
hatte waren in seinem Vaterlande für immer dahin Er hatte keine Untertanen
mehr die von ihm abhingen und über die er zu Gericht saß Er und sie waren
gleichmäßig Bürger des Staates geworden fast in allen Fällen derselben
Gerichtsbarkeit unterworfen aber Einen Weg gab es noch auf welchem der
Edelmann sich der Vorrechte seines Standes denn solche waren freilich noch
genug vorhanden voll bewusst werden konnte es war die militärische Laufbahn
Der Offizierstand war noch eine besondere Kaste der Offizier hatte noch seinen
besonderen Gerichtsstand und je mehr die bürgerliche Gesellschaft seit der
französischen Revolution im Staate an Bedeutung gewonnen um so entschiedener
hatten in Deutschland und namentlich in Preußen die Edelleute sich im Heere
zusammengeschlossen
    Wesshalb sollte Renatus sich mit der Sorge für einen großen ihm zwar Ansehen
verleihenden aber auf lange hinaus keine Vorteile versprechenden Besitz
belasten wenn Ansehen und Ehre ihm schon aus der großen Adelsverbindung im
Heere erwuchsen der er sich auch künftighin nur anzuschließen brauchte um
neben seinen angeborenen Ehren auch noch der ganz besonderen sogenannten
militärischen Ehre teilhaftig zu werden und für sich eine Menge von Rechten und
von Schranken aufgerichtet und benutzbar zu finden die alle darauf berechnet
waren auf künstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu erhalten die
auf natürliche Weise vor dem Urteile der gesunden Vernunft und vor dem
Bewusstsein des Bürgerstandes nicht mehr zu behaupten war
    Sein Vater hatte die Güter mit Schulden belastet hatte des Sohnes
mütterliches Erbe aufgezehrt aber er hatte ihn wie Renatus jetzt erkannte
wahrscheinlich eben deshalb frühzeitig in das Heer als in die ihm angemessene
Laufbahn eingeführt Es war nicht des jungen Freiherrn Schuld wenn seine
Vorfahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen Willkür des
Einzelnen Schranken gesetzt hatten es konnte also auch nicht seine Pflicht
sein herzustellen was er nicht zerstört aufzurichten was er nicht
untergraben hatte Es war genug dass er unter der Verschwendung seines Vaters
litt dass er Fehler büsste die er nicht begangen hatte Und endlich was änderte
sich denn in seiner Stellung wenn er jene Ratschläge befolgte welche ihm von
Erfahrenen gegeben worden waren Er blieb der Freiherr von ArtenRichten
gleichviel ob zu diesem Richten noch Neudorf und noch Rotenfeld gehörten oder
nicht Und wenn es vollends möglich war sich durch Entäusserung der beiden
andern Güter mit weniger Sorgen zu einem größeren Wohlstande als dem
gegenwärtigen emporzuarbeiten so wäre es ja gegen alle Klugheit und Vernunft
gewesen sich nicht dazu entschließen zu wollen
    Er war in heftiger Aufregung von seinem Hofe fortgeritten aber je weiter er
sich von demselben entfernte je mehr ließ er dem Pferde Freiheit seinen
Schritt zu wählen und während er so langsam durch den Wald hinritt gediehen
seine Meinungen und Vorsätze immer mehr zur Reife Auf den Beistand des Königs
auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen und den zu erbitten beide ihm
Hoffnung gemacht hatten durfte er jetzt nicht rechnen Er selbst war dem Könige
ganz unbekannt und sein Vater hatte seit dem Religionswechsel der Baronin
Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers nicht mehr besessen
War dem jungen Freiherrn daran gelegen sie wieder zu erwerben so bot sich ihm
bei der entschiedenen Vorliebe welche der König für den Soldatenstand hegte in
dem Heere die beste Gelegenheit dazu kurz Renatus mochte die Sache ansehen
wie er wollte er konnte nach seiner Ansicht gar nichts Angemesseneres tun als
im Heere bleiben und in diesem Falle war der Verkauf der Nebengüter die
Verpachtung von Richten durch die Umstände geboten und notwendig und das
Notwendige musste er tun gleichviel wer es ihm zuerst als ein solches
dargestellt hatte
    Es war am Abende als der Reitknecht seines Freundes mit dem von Richten
herbeigeholten Mantelsacke des jungen Freiherrn nach Brastnick wiederkehrte Er
brachte ihm ein kurzes Schreiben der Gräfin Rhoden mit Renatus saß in dem
Familienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen als der Diener ihm den Brief
aushändigte Er erkannte die Handschrift und steckte ihn in die Brusttasche
    Ein Billetdoux scherzte der Hausherr
    Durchaus nicht entgegnete Renatus nur irgend eine Nachricht von meines
verstorbenen Vaters alter Freundin von der Gräfin Rhoden
    Erst später in der Nacht als Renatus sich in seinem Zimmer allein befand
die Männer hatten lange beim Weine gesessen öffnete er den Brief der Gräfin Er
enthielt nur die wenigen Reihen
    »Wenn Sie diese Zeilen erhalten wird meine Tochter Richten bereits
verlassen haben Mit welchen Empfindungen ich Ihnen dieses schreibe sage Ihnen
Ihr eigenes Herz Ich habe mir erlaubt meine Tochter in Ihrem Wagen nach
Ramsdorf fahren zu lassen sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten Für
einige Tage bin ich wegen der Ordnung meiner Angelegenheiten noch auf Ihre
Gastfreundschaft angewiesen die mir jetzt nicht leicht zu tragen sein wird und
ist es mit Ihren Geschäften nicht unvereinbar so wäre es vielleicht für uns
Alle eine Erleichterung wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde so lange
ausdehnen wollten bis ich mit meiner jüngeren Tochter Ihr Schloss verlassen
haben werde Ich will dazu tun diesen Zeitpunkt möglichst zu beschleunigen«
    Anrede und Unterschrift waren durchaus förmlich gehalten aber in der
Stimmung in welcher Renatus sich befand focht der Brief ihn wenig an Man
hatte mit ihm über seine in Aussicht stehende Heirat mit der ältesten Gräfin
Rhoden gescherzt und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit der
Versicherung zurückgewiesen dass davon gar nicht die Rede sei Als man derselben
nicht glauben wollen hatte er unumwunden eingestanden dass er vor dem Feldzuge
allerdings eine Anhänglichkeit für sie gehabt habe aber die Gräfin sei ja älter
als er sei kränklich und dass nach seiner Heimkehr von jener blöden
Jugendschwärmerei nicht mehr die Rede gewesen sei könne man am besten daraus
abnehmen dass er sich eben noch völlig frei befinde während ihn doch nichts
abgehalten haben würde sich zu verloben und zu verheiraten hätte er dazu
irgend einen Antrieb in sich verspürt Er rühmte dabei die Mutter als seine
älteste und teuerste Freundin welcher Gastfreundschaft zu gewähren ihm ein
Glück gewesen sei Er sprach von den unschätzbaren Eigenschaften der ältesten
Tochter erwähnte der ihn entzückenden Fröhlichkeit der jüngeren Gräfin sagte
dass er die beiden Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe und
die Aufnahme welche diese Ansprüche bei seinen Genossen fanden ließ ihn
deutlich erkennen dass man im Allgemeinen seine Verheiratung mit Hildegard als
eine unpassende betrachtet haben würde
    Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit sich in der Voraussetzung
getäuscht zu haben dass Renatus sich in der Überzeugung bestärkte das Richtige
und das Berechtigte getan zu haben und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu
dieser und zu jener Heirat anriet ihm diese und jene Tochter aus den Familien
des benachbarten Adels als die für ihn schickliche Frau bezeichnete genoss er
seiner Freiheit mit wirklichem Vergnügen obschon keines der erwähnten Mädchen
den Wunsch es zu besitzen in ihm hervorrief
    Auch am Morgen als er frischen Sinnes erwachte fühlte er keine Reue über
seine Handlungsweise Er beklagte Hildegard als ob er gar nicht an ihrem
Missgeschicke beteiligt wäre und als er dann den kleinen Brief der Gräfin
wieder in die Hand nahm tat es ihm leid dass diese von ihm gehen wollte Er
hatte eine Weile sogar den Gedanken noch an demselben Tage nach Hause zu
reiten um es zu verhindern aber das Wiedersehen nach dem eben Statt gehabten
Bruche und die unvermeidlichen mündlichen Erklärungen mussten notwendig eine
erschütternde Szene herbeiführen eine jener Szenen vor denen Renatus eine
wahre Scheu trug Er beschloss also schriftlich abzumachen was er der Gräfin zu
sagen wünschte und wie sie sich kurz zusammengefasst hatte tat er es auch
    »Meine teure Mutter« schrieb er ihr »denn eine Mutter sind Sie dem
verwaisten Knaben ja gewesen lange ehe er daran denken konnte diesen Namen
durch ein engeres Anschliessen an Sie sich zu verdienen gehen Sie nicht im
Unmute von mir fort Der Bruch der gestern geschehen ist wie plötzlich er
Ihnen auch erschienen sein mag war nach meinem Empfinden längst ein
notwendiger geworden und ich zweifle nicht dass selbst Hildegard und Sie ihn
als einen solchen anerkennen müssen Wenn mich mit Recht der Tadel trifft dass
es mir an Mut gefehlt hat gleich als ich den Irrtum meines Herzens einsah
und das ist lange her ihn auch auszusprechen so trifft Sie teure Mutter
doch auch der Vorwurf dass Sie die Sie des Menschen Herz und die Welt und
meine und Hildegards Unerfahrenheit wohl kannten uns vor sieben Jahren nicht
abgehalten haben ein Bündnis einzugehen das so wenig Aussicht auf eine baldige
Erfüllung darbot Aber wir leiden in diesem Augenblicke Alle gemeinsam wir
dürfen nicht mit einander rechten Lassen Sie uns vielmehr gemeinsam danach
streben dieses notwendige Leid so viel als möglich zu mildern und so viel als
möglich dem Auge der Welt zu entziehen
    Ich werde Richten in kurzer Zeit verlassen Gönnen Sie mir die Gunst Sie
bis dahin in meinem Schloss zu behalten Wir waren Freunde ehe wir Verwandte
zu werden hofften lassen Sie uns Freunde bleiben da jene Hoffnung sich leider
nicht erfüllt und mein Herz wird bemüht sein Sie und die geliebte Cäcilie und
hoffentlich einst auch Hildegard mit mir und meiner Handlungsweise auszusöhnen
Lassen Sie mich Sie in Richten wiederfinden Aber was Sie auch beschließen
rechnen Sie auf mich wie auf Ihren Sohn denn ich werde nicht aufhören mich als
Ihren Sohn zu fühlen«
    Er war mit dem Schreiben sehr wohl zufrieden ein Bote war schnell bei der
Hand und ohne weiteren Aufenthalt machte man sich darauf gegen Mittag zu dem
beabsichtigten Besuche auf den Weg
    Weil die ganze Familie seines Wirtes Teil an dem Ausfluge nehmen sollte
hatte man in dem viersitzigen Wagen nicht Plätze genug man nahm also ein Gig zu
Hilfe dessen Renatus und sein Freund sich bedienten
    Der schöne Sommertag die hübsche Hausfrau die fröhlichen Kinder die aus
dem rasch dahin rollenden Wagen so neugierig und so ungeduldig wie flügge
werdende Vögel aus ihrem Neste in die Welt hinaussahn und mit ihren Anrufen
Zeichen und Winken den Vater aus der Ferne bald auf dieses und bald auf jenes
Wunder aufmerksam machten belustigten Renatus Es lag in der Unschuld dieser
Kinder für ihn der an die kecke Frühreife Valerios gewohnt war und sonst mit
Kindern wenig oder keinen Verkehr gehabt hatte etwas ungemein Reizendes und
nur wenn es ihm einfiel dass Hildegard jetzt unterwegs sei und dass die Gräfin in
Richten nun seine Antwort bald erhalten werde legte sich ein Schatten über
seine Heiterkeit und es fiel ihm Etwas schwer aufs Herz dass er aufatmen und
sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirne fahren musste Indes sein
Gefährte merkte nichts von dem dunkeln Boden über dem die Fröhlichkeit des
jungen Freiherrn aufwuchs und man war im vollen Genuße des schönen Tages des
angenehmen Weges und des erfreulichen Beisammenseins als ein schwerbeladener
Lastwagen der von der Höhe herunterkam den Fahrenden nötigte scharf zur
Rechten auszubiegen Aber der Landweg war nur schmal der Wagen mit Fässern und
Kisten in der Mitte ungewöhnlich breit beladen und wie der neben dem Wagen
gehende Fuhrmann seine Pferde auch nach der linken Seite hinüberzerrte die
Räder des Frachtwagens und des Gig gerieten in einander die Pferde des
Frachtwagens zogen auf des Fuhrmannes Anruf mit scharfem Rucke an  ein Knack
und das leichte schwache Rad des Gig fiel in Stücken von der Achse
    Es war ein unangenehmer Vorfall Man war ein paar Meilen von dem Orte der
Ausfahrt ein paar Meilen von dem Gute entfernt nach dem man sich begeben
wollte Einen besonderen Kutscher hatte man für den kleinen nur zweisitzigen
Wagen nicht innegehabt und den Diener der auf dem Wagen der Frauen und der
Kinder saß mochte man nach der eben gemachten Erfahrung nicht mit dem Pferde
nach Hause senden um ihn für alle Fälle zur Hand zu behalten
    Man fing an sich in der Gegend umzusehen man war kaum eine Viertelstunde
von Marienfelde entfernt und eben als der Besitzer des zerbrochenen Gefähres
darauf dachte sich dorthin zu wenden um seinen Wagen unterzubringen und wo
möglich irgend einen anderen zur Fortsetzung der Fahrt zu borgen ward in der
Entfernung zwischen den Feldern ein Reiter sichtbar der als er die beiden
Wagen auf der Landstraße halten und einen derselben zerbrochen sah mit seinem
tüchtigen Pferde schnell herankam
    Der Mann und sein Pferd sahen wie aus Einem Gusse aus so fest saß er in
seinem Sattel so gut passten der große starke Reiter und sein Schimmelhengst
zusammen Es war ein schönes ein erbeutetes Pferd und der Gutsbesitzer
Steinert wusste sich etwas mit dem feurigem Andalusier in dessen stark
hervortretenden Adern unter der feinen Haut das arabische Blut ganz unverkennbar
war Es kam seiner Pferdezucht zu Statten
    Steinert erkannte seinen adeligen Gutsnachbar schon aus ansehnlicher Ferne
und mit der weithin schallenden Stimme welche in manchem Kampfe ermutigend an
seiner Leute Ohr und in ihr Herz gedrungen war rief er Guten Morgen Herr von
Brinken Haben Sie ein Unglück gehabt
    Steinert war während dessen nahe heran gekommen und erst jetzt erblickte er
auch Renatus der hinter dem Gig gestanden hatte Ohne irgend an die
Zurückweisung zu denken welche er von dem jungen Freiherrn vor Jahren auf der
Landstraße erfahren hatte reichte er ihm die Hand hin und mit einer
Freundlichkeit welche sein dunkel gebräuntes Gesicht angenehm erhellte und
seine Lippen unter dem dicken bereits ergrauenden Schnurrbarte schön umspielte
rief er Willkommen zu Hause Herr von Arten Ich hörte schon dass Sie
zurückgekommen wären
    Renatus konnte nicht anders als die dargebotene Hand ergreifen und den
Handschlag Steinerts erwidern aber es fiel ihm auch jetzt noch auf dass
Steinert ihn völlig als seines Gleichen behandelte Nicht einmal Herr Baron
nannte er ihn sondern Herr von Arten ganz schlechtweg Es war jedoch für
Renatus zu besonderen Betrachtungen in diesem Augenblicke nicht die Zeit Denn
Steinert war vom Pferde gestiegen besah mit Kennerblick den Schaden an dem
Wagen und machte sofort den Herren den Vorschlag mit ihm nach Marienfelde zu
kommen von wo er einen Knecht mit einem Baume zur Unterlage für das Gig
abschicken wolle damit man dasselbe nur erst nach dem Dorfe bringen könne und
später stehe dann den Herren sein Fuhrwerk zum Weiterfortkommen zu Diensten Man
nahm das dankbar an
    Ein scharfer Pfiff den Steinert über die hohlen Hände tat rief einen
seiner Arbeiter vom Felde herbei den man bei dem Fuhrwerke zurückließ der
Wagen den Frau von Brinken und die Kinder inne hatten setzte seinen Weg fort
und den Zügel seines Pferdes über den Arm nehmend führte Steinert die beiden
Edelleute den Weg nach seinem Hause zu
    Es ist hier für uns auf dem Lande nichts mit diesen kleinen zerbrechlichen
Wagen sagte er als Herr von Brinken die Bemerkung machte dass nicht nur das
Rad zerbrochen sei sondern dass auch das Gig selbst bei dem Zusammenstosse eine
Beschädigung erlitten habe welche es nötig machen werde es zur Herstellung
nach der Hauptstadt zu schicken  Soll denn etwas Fremdes bei uns eingebürgert
werden so lasse ich mir noch eher den englischen oder den vlaemischen
zweirädrigen Transportkarren gefallen dessen Räder halten etwas aus und unsere
Pferde sind stark genug ihn selbst die Höhen hinaufzuziehen obschon er für die
Ebene besser passt Ich habe mir als ich aus dem Felde kam ein paar solcher
Karren versuchsweise zusammenschlagen lassen
    Herr von Brinken wünschte sie zu sehen Steinert war bereit sie ihm zu
zeigen Er meinte der Herr von Arten müsse diese Karren zur Genüge gesehen
haben und wie von selbst knüpfte sich daran die Frage ob Renatus während der
Feldzüge wohl Gelegenheit genommen habe auf die verschiedene Art und Weise der
Wirtschaft in den verschiedenen Gegenden und Ländern Acht zu geben
    Der junge Freiherr verneinte das mit der Bemerkung er sei darauf nicht
vorbereitet gewesen
    Schade sagte Steinert Da man denn doch zuletzt jeder Sache eine gute Seite
abgewinnen soll so kann es nicht in Abrede gestellt werden dass es uns und
unsern Leuten vorteilhaft gewesen ist uns auch einmal auf fremdem Boden und in
fremder Wirtschaft umzutun Mir zum Beispiel sollen die mannigfachen
Erfahrungen die ich bei dem Hin und Hermarschiren machen konnte wie ich
denke nicht verloren gehen
    Wie sich das von selbst versteht kamen die beiden Männer von den Feldzügen
im Allgemeinen auf ihre einzelnen eigenen Erlebnisse zu sprechen und man war
mitten in den besten Kriegsgeschichten als man auf dem Hofe in Marienfelde
anlangte
    Von dem einstigen Schloss stand jetzt nur der Mittelbau und selbst der
Turm war von demselben abgebrochen Das Haus sah dadurch eigentlich plump und
unschön aus dafür aber stand links von dem Teiche die große Brennerei Die
Scheunen die Ställe und die Instäuser waren aus guten Ziegeln gebaut und was
der Krieg auch hier zerstört hatte das war wie die vielen neuen Dachsteine
Fensterläden Türen und Zäune verrieten längst wieder vollständig hergestellt
worden
    Es war still auf dem Hofe auch im Hause ließ sich Niemand sehen Erst als
der große Hund hell anschlug guckte ein Mädchenkopf zum Fenster hinaus und den
Vater erblickend trat die Tochter schnell zurück um ihm entgegen zu eilen oder
um der Mutter zu melden dass er Fremde mit nach Hause bringe
    Steinert war unterdessen mit den beiden Gästen in dem Flur seines Hauses
angelangt und Renatus der nie zuvor in diesem Hause gewesen war fühlte sich
mit Überraschung in einer ganz vertrauten Umgebung
    Auch hier in Marienfelde hingen sie rund umher an den Wänden die
Erntekränze jeden Jahres wie Renatus sie in seines Vaters Amtshause hatte
hangen sehen als er noch ein Kind gewesen war hier wie dort stand sie der
Haustüre gegenüber die große englische Stehuhr das Erbstück der
Steinertschen Familie und tickte mit ihrem gewichtigen Pendelschlage von
Sekunde zu Sekunde die Tage und Jahre hinweg Und als dann aus dem Zimmer zur
Linken das große starke kaum siebenzehn Jahre alte Mädchen die blonden Zöpfe
um das Haupt gewunden zum Vorschein kam und sich mit unbefangener
Freundlichkeit vor den Gästen verneigte glaubte Renatus vollends einer
Verzauberung zu unterliegen denn gerade so aber gerade so hatte wie er sich
zu erinnern meinte einst Steinerts Schwester ausgesehen als sie jung gewesen
war
    Und nun willkommen unter meinem Dache mein lieber Herr von Arten und mein
verehrter Herr Nachbar sagte Steinert während er den Beiden die Hüte abnahm
Lassen Sie Sichs bei uns gefallen bis Ihr Wagen herkommt und man Ihnen Ihr
Pferd vor meine Britschka gelegt haben wird treten Sie näher ich bitte Nach
dem Garten hinaus haben wir jetzt Schatten Treten Sie näher  Und sich zur
Tochter wendend fragte er Eveline weiß die Mutter dass ich zurückgekommen
bin
    Eveline hatte nicht zu antworten nötig denn die Hausfrau erschien bereits
in der Türe und der Tochter den Knaben hinreichend den sie um schneller
fortzukommen auf dem Arme getragen hatte bewillkommte auch sie die Gäste mit
guter Art
    Als das Kind des Vaters ansichtig wurde rief es ihn laut an und streckte
sich von der Schwester losmachend die derben Arme nach ihm aus so dass Steinert
ihn zu sich und bei der Hand nahm
    Der Bursche ist ein Nachschössling sagte er lachend während er ihn küsste
und ihn mit Vaterfreude in die Höhe hob Er ist unser ganz besonderes
Friedenspfand und weil er sich gleich bei seiner Geburt als einen tüchtigen
Kerl erwiesen hat habe ich ihm denn auch die allerbesten Namen ausgesucht
    Herr von Brinken selbst ein zärtlicher Vater freute sich des Jungen der
kaum zwei Jahre zählte und auf seinen Beinen schon wie eingewurzelt da stand
    Wie heißt er denn fragte Renatus
    Junge wie heißt Du wiederholte der Vater Sags selber aber deutlich
damit man Ehre mit Dir einlegt
    Gebhard Leberecht Steinert brachte der Kleine zwar noch mit schwerer Zunge
aber mit so dreister Entschlossenheit hervor dass er die Erwachsenen alle lachen
machte und Renatus unwillkürlich ausrief In Dir steckt ja der ganze Husar
    Steinert nickte mit dem Kopfe Ja für den Notfall Herr von Arten Im
Übrigen haben wir des Krieges und ich für mein Teil des Soldatenwesens nun
genug gehabt und ich denke meine Jungen sollen es nicht nötig haben sich
lange mit dem Wehrstande abzugeben sondern im Nährstande und ruhig bei der
Arbeit bleiben können
    Während sie noch sprachen schlug die Uhr im Hausflur die Mittagsstunde und
auf dem Hofe läutete die Glocke Eveline welche bald nach dem Eintritte der
Mutter das Zimmer verlassen hatte kehrte jetzt zurück
    Ist angerichtet fragte Steinert und auf die bejahende Antwort nötigte er
die Fremden es sich auf gut Glück an seinem Tische gefallen zu lassen Man nahm
den Vorschlag dankbar an
    Der Tisch war in dem großen Saale zu ebener Erde gedeckt und seine Größe
und Schwere zeigten dass er hier seine feste Stelle haben musste Glänzendes
selbstgewebtes Leinenzeug bedeckte ihn man hatte den Gästen zu Ehren auch einen
Blumenstrauß auf die Tafel gestellt aber Silberzeug war nicht wie sonst
vorhanden Was man davon besessen hatte und der Vorrat im Hause war ansehnlich
genug gewesen das war beim Ausbruche des Krieges auf den Altar des Vaterlandes
niedergelegt worden und auch jetzt noch brauchte man das Geld zu anderen
Dingen als zum Ankaufe von Wertgegenständen die sich nicht verzinsten
    Die Wirtin welche trotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch wie das Leben
selber aussah und durch die Geburt ihres Leberecht auf den beide Eltern einen
wahren Stolz besaßen eher erfrischt als angegriffen worden war die Wirtin und
Steinert nahmen die Mitte des Tisches ein die beiden Fremden saßen zu ihren
Seiten und außer den Kindern kamen einer nach dem andern noch einige junge
Leute in ihren Arbeitsröcken mit hohen Stiefeln in das Zimmer die sich mit
flüchtigem Gruße auf ihre Plätze setzten Nur Einen von ihnen einen hübschen
kräftigen Mann der von Eveline mit einem Händedrucke begrüßt ward stellte
Steinert ehe Jener sich neben der Tochter niederließ als deren Verlobten vor
für den er sich hier in der Gegend schon seit längerer Zeit nach einem passenden
Ankaufe umsehe
    Renatus wurde es bei der Bemerkung plötzlich heiß Der also ists dachte
er für den sie auf meine Güter spekuliren Und er konnte sich der alten
feindseligen Empfindung nicht erwehren Aber Niemand ahnte was in seiner Seele
vorging sie waren Alle munter und gut aufgelegt
    Die Hausfrau hatte in der Eile noch rasch einen Fisch aus dem Teiche nehmen
und herrichten lassen eine süße Speise war eben so schnell bereitet worden an
Erdbeeren und Kirschen gab es eben jetzt Überfluss und so war denn mit der
tüchtigen alltäglichen Kost des Hauses ein vollständiges Mahl zu Stande
gekommen das Frau Steinert mit freier Gastlichkeit ihren Gästen darbot und
auch der Wein fehlte beim Nachtische nicht
    Eveline selbst war aufgestanden ihn aus dem Wasserkübel herbeizuholen und
als Steinert die erste Flasche entkorkt und den goldig klaren Rheinwein in die
Gläser gefüllt hatte welche die Tochter herumgab erhob er sich und sagte sich
zu Renatus wendend Es ist das erste Mal Herr von Arten dass Einer von Ihnen
auf meinem Grunde und Boden an meinem Tische sitzt und ich freue mich darüber
Wir sind jetzt drei Jahre lang Kriegskameraden gewesen lassen Sie uns nun auch
künftig gute Nachbarn werden und stoßen Sie mit mir darauf an  er hielt das
Glas mit dem funkelnden Weine hoch empor  dass wir hier zu Lande diesen Wein
immer und immerdar für uns allein trinken Es hat Blut genug gekostet ihn uns
wieder zu gewinnen Der freie deutsche Rhein und der Friede 
    Hoch hoch erklang es von allen Seiten Die Mutter der künftige
Tochtermann die Wirtschafter von denen auch zwei in dem letzten Feldzuge
mitgewesen waren erhoben sich und kamen zu dem Hausherrn und zu den Gästen mit
ihnen anzustossen Eveline welche die eigentliche Wärterin des Jüngsten machte
war schnell in die Nebenstube geeilt und hatte den Leberecht herbeigeholt damit
er sein Hoch auch mitrufen und seines Tröpfchens Wein nicht entbehren solle und
als Steinert ihm sein Glas hinhielt tat der Bursche einen langen Zug und
wollte sich zu des Vaters Freude das Glas das er mit beiden Händen fest
umklammert hatte nicht entreißen lassen
    Die Zufriedenheit der Lebensmut die Herzensgüte leuchteten jedem
Mitgliede des Hauses aus den Augen Man musste mit diesen Menschen fröhlich
werden man konnte der kleinen Verstösse gegen die höhere Gesellschaftssitte und
ihren sogenannten Ton gar nicht gedenken Es war Alles anders als Renatus es in
seinem Hause gewohnt war Alles derber naturwüchsiger aber es schien dafür
auch Alles auf eine lange gesunde Dauer angelegt und berechnet zu sein und
während Steinerts männlich schöner Freimut und seine Würdigkeit des jungen
Freiherrn Herz fast wider dessen Willen bewegten und gewannen meinte er
zwischen all dem lauten Sprechen und mitten durch das helle Lachen der Hausfrau
und ihrer Tochter doch immer die schweren Pendelschläge der alten englischen
Uhr zu hören und es klang ihm als riefen sie immerfort Sie kommen empor und
Du herab
    Er suchte den Gedanken zu verscheuchen aber es gelang ihm nicht Das
Landleben die Einsamkeit machen mich schwermütig und Hildegards krankhafte
Melancholie hat mich angesteckt und schwarzsehend gemacht sagte er sich
endlich Es ist Zeit dass ich unter Menschen und in die Welt und in das Leben
zurückkehre  Und doch entging es ihm nicht wie Steinert als man von der
Tafel aufgestanden war und die Wirtschafter sich entfernen wollten sie
zurückhielt mit Jedem von ihnen kurze und bestimmte Abrede nahm wie sie alle
voll Eifer und voll Teilnahme bei der Sache waren und dann still geschäftig
ihres Weges gingen Darin war freilich auch ein Leben und Steinerts Welt war
unter diesen Menschen die er heranbildete während sie seine Angelegenheiten in
seinem Dienste förderten Aber dachte Renatus man muss nichts Höheres kennen
um sich darin zu befriedigen man muss sich nicht als einer bevorzugten Kaste
angehörend empfinden um seine Untergebenen als seines Gleichen behandeln zu
können und man muss als ein Arbeiter geboren sein um vorauszusetzen dass
Jedweder für die Arbeit auf der Welt sei
    Inzwischen war der zerbrochene Wagen des Herrn von Brinken in den Hof
gekommen und Steinert hatte den Befehl gegeben das Pferd wenn man es gefüttert
haben werde vor einen seiner kleinen Wagen vorzulegen Während man noch damit
beschäftigt war erkundigte Steinert sich bei dem jungen Freiherrn was er denn
wegen seiner Wirtschaft beschlossen habe und von dem klugen und ehrlichen
Gesichte des Mannes wie von seiner unverkennbaren Teilnahme doch allmählich
überwunden sagte Renatus Es sind mir Rat und Vorschläge der verschiedensten
Arten zugekommen noch aber bin ich unentschieden Sie kennen ja die Güter
Anfangs der nächsten Woche bin ich bestimmt in Richten Kommen Sie herüber
sehen Sie Sich die Güter und die Wirtschaft einmal an Ich möchte Ihre Meinung
hören ehe ich mich endgültig entscheide
    Steinert lächelte Der verstorbene Freiherr stand ihm in diesem Augenblicke
leibhaftig vor Augen Es war die alte fürstliche Weise des Edelmannes zu
befehlen wo er zu bitten nicht für angemessen fand und sich einzubilden dass
er demjenigen eine Ehre erweise dessen Meinung er zu hören fordere um dann mit
der eigenen weit geringeren Einsicht über jene zu Gericht zu sitzen Aber er
ließ den jungen Mann seine üble Angewohnheit nicht entgelten und von einer
gewissen Anhänglichkeit an das Artensche Geschlecht von der Liebe für die
Güter welchen seine Voreltern und er selber durch so lange Jahre ihre Kraft und
Arbeit zugewendet hatten wie von dem Gedanken an seinen eigenen Vorteil
gleichmäßig bestimmt versprach Steinert dem Freiherrn wenn es seine Zeit
erlaube an einem festgesetzten Tage nach Richten zu kommen obschon wie er
sagte dies kaum nötig sei
    Denn fügte er hinzu ich weiß Sie haben meinen Freund Tremann in der Stadt
gesprochen und seine Ansicht ist auch die meinige Sie haben keine Wahl Herr
von Arten Sie können die Güter nicht wohl mehr halten Verkaufen müssen Sie
Wir wollen aber einmal sehen ob wir über Rotenfeld nicht Handels einig werden
können Das Gut ist groß es ließe sich sehr wohl in zwei hübsche Teile
teilen Den einen Teil möchte mein künftiger Schwiegersohn gern übernehmen
der eigenes Vermögen hat und sich mit Eveline nach dem eigenen Herde sehnt und
auf dem andern könnte man allmählich zu bauen beginnen damit mein Sohn bei
seiner Heimkehr doch auch Dach und Fach vorfindet Die Kinder sind arbeitsam
fortkommen werden sie wenns auch Anfangs Mühe kosten wird und wir behielten
sie doch gern in unserer Nähe
    Der Wagen welcher die Gäste weiterbefördern sollte war nun vorgefahren
Die ganze Familie begleitete sie vor die Türe hinaus Steinert selbst sah nach
ob Alles in Ordnung ob von dem kleinen Gepäck der beiden Edelleute nichts
vergessen worden sei Man sagte ihnen herzlich Lebewohl die Hausfrau bat bald
wieder wo möglich auf der Rückfahrt vorzusprechen auch Leberecht blieb ihnen
sein Adieu und seinen schönen Gruß mit der Hand nicht schuldig und Renatus wie
dem Herrn von Brinken die Rechte schüttelnd rief Steinert ihnen noch ein »Auf
Wiedersehen« nach
    Renatus aber trug jetzt nach demselben kein Begehren mehr Sein eben erst
erwachtes Wohlgefallen an dem früheren Diener seines Hauses war schnell
vorübergegangen Sein Verlangen aus dieser Gegend fortzukommen war lebhafter
als je
    Ein wackerer Mann sagte Herr von Brinken nachdem sie den Hof verlassen
hatten und es war hübsch wie er sich durch Ihren Besuch geehrt fand Ich liebe
es an solchen Leuten wenn sie ihres Ursprunges nicht vergessen und wie er es
tat besonders vor denjenigen welche ihnen dienen daran denken
    Alles Berechnung entgegnete der junge Freiherr mit wegwerfendem Tone Er
speculirt auf Rotenfeld und möchte mein Zutrauen gewinnen
    Er ist übrigens ein tüchtiger Wirt bemerkte darauf Herr von Brinken
    Ja es scheint ihm wohl zu gehen er hat Glück versetzte Renatus während
der Andere sich die kurze Reisepfeife stopfte Der junge Freiherr rauchte nicht
    Herr von Brinken paffte seinen Taback an Er hatte manche bürgerliche
Gewohnheiten angenommen seit er während des Krieges selbst zu wirtschaften
angefangen hatte weil es ihm an Wirtschaftern gemangelt
    Sie fuhren gegen den Wind es dauerte lange bis der Schwamm Feuer fangen
wollte bis die Pfeife brannte und den ersten Zug aus derselben mit sichtlichem
Behagen geniessend wiederholte Herr von Brinken Ein tüchtiger Wirt Wenn Sie
verkaufen wollen Arten so werden Sie mit dem Steinert vielleicht am besten
fahren Denn was aus einem Gute zu machen ist das weiß er daraus zu machen Er
wird nicht leicht zurückgehen wenn er ein Angebot getan hat und wird zahlen
was er kann
    Renatus antwortete darauf nicht Es war auch von der ganzen Angelegenheit
weiter nicht die Rede
 
                                 Achtes Kapitel
Noch vor der von ihm festgesetzten Zeit langte der Freiherr in Richten wieder
an Er hatte nirgends rechte Ruhe
    Vittoria empfing ihn wie immer mit der größten Zärtlichkeit sie und
Valerio hatten es kein Hehl dass sie sich der Entfernung Hildegards erfreuten
und Renatus war zum Oefteren genötigt die übermütige Laune des jungen
Burschen zurückzuweisen der sich darin gefiel Hildegard in allen ersinnlichen
tragikomischen Stellungen zu zeichnen und ihre Mienen wie ihre Ausdrucksweise
mit der Meisterschaft nachzuahmen die ihm von früh auf eigentümlich gewesen
war
    Die Gräfin hatte trotz des Schreibens von Renatus die Vorkehrungen für ihre
Abreise von Richten gemacht indes da dieser eben unerwartet zeitig von seinem
Ausfluge heimkehrte fand er sie und Cäcilie noch im Schloss Er begab sich
sobald er Vittoria begrüßt hatte zu ihr Sie schrieb grade an die entfernte
Tochter Cäcilie saß am Fenster und machte einen Hut zurecht den sie auf der
bevorstehenden Reise zu tragen dachte
    Als Renatus gemeldet wurde entfuhr ihren Lippen ein freudiger Ausruf Sie
stand auf um ihm wie sie das gewohnt war entgegen zu gehen aber ein Blick
der Mutter bannte sie an ihren Platz und hieß sie schweigen
    Renatus bemerkte das im Eintreten Sie tun mir Unrecht liebe Mutter war
alles was er sagte nachdem er ehrerbietig ihre Hand geküsst und sich auf dem
Sessel zu ihrer Seite niedergelassen hatte
    Die Gräfin war eine gefasste und viel erfahrene Frau in diesem Augenblicke
konnte sie jedoch den rechten Ton nicht finden Das Herzeleid ihrer Tochter
hatte sie sehr tief erschüttert und trotz dem Briefe des jungen Freiherrn
drückte es sie dass sie Richten noch nicht hatte verlassen können
    Ich hatte gehofft sagte sie gehofft und gewünscht uns diese Begegnung und
dieses Wiedersehen ersparen zu können indes Sie wissen es ich habe keine
Wohnung in Berlin und ich kann die Antwort meiner Kousine Welding bei der ich
abzusteigen und zu bleiben denke bis ich eine passende Wohnung für uns gefunden
haben werde vor acht bis zehn Tagen nicht erhalten
    Es lag in dieser Mitteilung der Gräfin das stillschweigende Geständnis
ihrer beschränkten Vermögensverhältnisse Obwohl Renatus diese von jeher kannte
kränkte es die Gräfin derselben gerade jetzt gedenken zu müssen und es nahm
sie gegen den jungen Freiherrn ein dass er ihr auch diese Missempfindung
verursachte
    Renatus ließ sich jedoch durch die geflissentliche Kälte und Zurückhaltung
der Gräfin nicht beirren Seine im Grunde gute Natur machte sich in diesem
Falle wie überall wo er sich nicht durch fremde Ansprüche beeinträchtigt und
deshalb zur Abwehr und Verteidigung gezwungen glaubte liebenswürdig geltend
    Sie tun liebe Mutter sprach er als hätten Sie mein Schreiben nicht
erhalten Ist es denn nicht genug dass ich sehen muss wie sehr das
beklagenswerte Erlebnis das uns Allen nicht zu ersparen war Sie angegriffen
hat dass Cäcilie sich von mir wendet Glauben Sie dass ich mit leichtem Herzen
vor Ihnen stehe dass es mich nichts kostet Sie nach Hildegard zu fragen
    Die Augen wurden ihm feucht Er seufzte reichte der Gräfin seine Hand hin
und sagte bittend Bestrafen Sie mich nicht dafür dass ich mit zwanzig Jahren
mich selbst nicht besser kannte nicht weiser war Ich glaubte in jenem
Augenblicke nach innerster Notwendigkeit zu handeln ich handle jetzt nach
reifster Überlegung und  liege ich denn auf Rosen
    Die Gräfin schwieg aber sie entzog ihm ihre Hand nicht Sie hatte den
andern Arm auf die Lehne des Sophas gestützt und verbarg ihr Gesicht in ihrem
Tuche Die zerstörten Hoffnungen ihres ältesten Kindes machten ihre Augen
fließen Die Mutter in Tränen Renatus so unglücklich zu sehen das konnte
Cäcilie nicht ertragen
    Sie stand auf kniete vor der Mutter auf dem Ruhekissen nieder und sagte
während sie zärtlich ihre Arme um sie schlang Liebe Mutter sieh ihn doch nur
an er weint  Und da die Gräfin ihrer Aufforderung nicht gleich entsprach
rief Cäcilie mit jener anmutigen Zuversicht welche die Kinder so
unwiderstehlich macht und welche manche Frauen bis in das Alter nicht verlässt
Komm Renatus komm umarme die Mutter Sieh ihn nur wieder an liebe Mutter es
ist ja unser Renatus Er kann ja nicht dafür wenn er die arme Hildegard nicht
liebt Wenn er nun im Kriege geblieben wäre hätte Hildegard sich doch auch
beruhigen müssen und wir wären noch weit ach weit unglücklicher gewesen  Er
lebt ja doch  Sie wendete sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die
Hände auf seine Schultern Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das
Antlitz
    Du bist sehr gut Cäcilie sagte er während er ihre Hände ergriff und
küsste
    Du auch entgegnete sie indem sie ihn umarmte und ihm ihren Mund darbot
    Liebe liebe Cäcilie wiederholte er und sie küssten einander herzlich
    Wir können ja nicht in Unfrieden von einander gehen rief sie es wird ja
ohnehin schwer genug sein wenn man sich künftig nicht mehr sieht
    Ihr geht nicht fort die Mutter bleibt noch bei mir versicherte der junge
Freiherr
    Ich muss wohl erwiderte die Gräfin aber die Antwort hatte nicht mehr den
fremden gezwungenen Ton mit welchem sie Renatus zuerst empfangen hatte und da
eine Bewegung wie man sie eben durchgemacht nicht lange dauern kann so gewann
man denn jetzt auch bald wieder so viel Ruhe dass der Freiherr die Frage tun
durfte ob Hildegard lange im Stifte zu bleiben denke und ob man schon eine
Nachricht von ihr habe
    Die Gräfin verneinte das Letztere und gab ihm die begehrte Auskunft Eine
Frage eine Antwort knüpfte sich an die andere Da Renatus sich von der
Verpflichtung befreit sah sich mit Hildegard verheiraten zu müssen
beurteilte er sie nachsichtiger als sonst ja er dachte mit sorgendem Mitleid
an sie Es tat ihm leid dass es ihm nicht möglich gewesen war sie glücklich zu
machen alle seine Äußerungen waren mild er klagte nur sich selber an
forderte Nachsicht für sich und obschon die Gräfin entschlossen gewesen war
auch zwischen sich und dem jungen Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten
die zwischen ihm und seiner Braut erfolgt war wurde im Verlaufe des Gespräches
ihr Ton doch völlig umgestimmt Es geschah ihr unwillkürlich dass sie Renatus
wie sie es seit seiner frühesten Kindheit gewohnt gewesen war wieder mit Du
ansprach Sie verbesserte es sofort aber Renatus beschwor sie ihm diese Gunst
nicht zu entziehen
    Wenn über einem Hause sagte er lange ein Unwetter gedroht hat und der
Blitz den man gefürchtet endlich zerstörend niedergefahren ist es dann weise
dass man in der hereingebrochenen Verwirrung blindlings aus einander läuft Oder
ist es nicht besser dass man sich verbindet um den Folgen des geschehenen
Unglücks so weit nur immer möglich ihre Macht zu rauben
    Er erinnerte die Gräfin daran dass sie ihm einst lange ehe er sich mit
Hildegard versprochen einmal zugesagt hatte er solle die Stütze ihres Alters
der Freund und Bruder ihrer Töchter sein Er nahm dies auch jetzt noch als sein
Recht in Anspruch Er bestand darauf dass die Gräfin Richten nicht jetzt gleich
verlassen dürfe er versicherte dass nicht er allein sondern dass auch Vittoria
darüber untröstlich sein würde die mit Liebe an Cäcilien mit Verehrung an der
Gräfin hange und gegen welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefühl
wirklich nicht immer gerecht gewesen sei Er sprach und sagte nur was er in der
Tat empfand und er erreichte damit was die größte Berechnung vielleicht nicht
errungen haben würde
    Die Gräfin hörte ihn ohne jede Unterbrechung an und musste viele seiner
Behauptungen gelten lassen Sie hatte ohnehin ihrem gekränkten Mutterherzen und
ihrem beleidigten Ehrgefühle den ersten vollen und bitteren Ausdruck nicht
gestatten dürfen weil sie sich genötigt fand noch einige Zeit in dem Schloss
zu verweilen wenn sie es nicht auf gut Glück als eine Fliehende verlassen und
den böswilligen Vermutungen einen noch größeren Spielraum vergönnen wollte die
nach jedem ähnlichen Zerwürfnisse wie giftige Schwämme aus der Erde aufschiessen
dass man Mühe hat sie zu zertreten um ihr Wuchern nicht überhand nehmen zu
lassen Wer aber sei es durch was es wolle unfrei ist nimmt an seinem
Rechtsgefühle Schaden ist gezwungen bald hier bald dort ein Zugeständnis zu
machen und kommt dann allmählich dahin sich seine Unfreiheit wegläugnen zu
müssen um als freie Entschließung gelten zu lassen was man von der
Notwendigkeit zu tun getrieben wird Sich frei erhalten ist daher ohne alle
Frage das erste und das höchste Gebot der Sittlichkeit
    Die Gräfin gab den Bitten des Freiherrn nach weil sie es musste aber es kam
ihr hart an Sie ging mit ihm und mit Cäcilien zu Vittoria hinunter sie ließ es
sich gefallen dass man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal
durchsprach sie überwand sich sogar zu einem Danke als die Baronin ihr
versicherte wie glücklich sie sich fühlen würde wenn die Gräfin und Cäcilie
auch nach der Entfernung ihres Sohnes noch bei ihr verweilen wollten
    Die Gräfin war eben eine mittellose Frau und es war eine stillschweigende
Enttronung vor sich gegangen Sie war plötzlich wieder der Heimat beraubt
deren sie sich für ihren Lebensabend sicher geglaubt hatte und die Sorge für
ihre und ihrer Töchter Zukunft drückte sie jetzt weit schwerer als in jenen
Tagen in welchen sie mit ihnen ohne bessere Aussichten als die gegenwärtigen
zu haben in der Residenz gelebt hatte Sie war eine Matrone geworden Hildegard
war nicht mehr jung beide Töchter hatten sich an eine Menge von Bedürfnissen
gewöhnt die zu befriedigen sie künftig keine Aussicht hatten und beide waren
also auf den Glücksfall einer annehmbaren Heirat angewiesen Für Hildegard war
auf eine solche vernünftiger Weise jetzt nicht mehr zu rechnen und wo würde
sich für Cäcilie eine solche bieten Man saß schweigsam und verstimmt beisammen
    Es hatte fast den ganzen Tag geregnet nun am Abende ließ der Regen nach
aber das Erdreich war nass und dampfte im Sonnenuntergange von den Bäumen
tropfte es langsam hernieder Die Luft in dem Zimmer war drückend schwül
Vittoria hatte sich an das Klavier begeben Sie sang mit Selbstgenuss
italienische Stanzen zu welchen sie die Melodieen während des Singens erfand
Weder die Gräfin noch die beiden Andern hörten ihr zu
    Die Gräfin dachte immer auf das Neue darüber nach in welcher Weise sie das
Geschehene ihren Freunden darstellen wie sie vor ihnen ihr gegenwärtiges
Verweilen in dem Schloss rechtfertigen solle Dazwischen beschäftigte sie der
Wunsch für ihre älteste Tochter in einer der fürstlichen Hofhaltungen eine
Aufnahme eine Anstellung zu finden und so dem nicht mehr jungen Mädchen einen
Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu verschaffen
was durch die Gnade welche die Prinzessin für sie hegte nicht unmöglich
schien sobald sich nur eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand
    Renatus und Cäcilie standen an dem Fenster und sahen in den Garten hinaus
Er fragte ob man während seiner Abwesenheit Besuche im Schloss gehabt habe ob
sie mit Valerio ausgeritten sei Die Fragen lagen ihm aber offenbar nicht sehr
am Herzen Cäcilie die ihre Schnellkraft bei der Begegnung zwischen ihrer
Mutter und dem jungen Freiherrn erschöpft hatte gab kurze Antworten und das
Gespräch war allmählich ganz ins Stocken geraten als mit Einem Male die
untergehende Sonne plötzlich aus den Wolken hervorbrach mit ihrem glühenden
Rot die ganze Gegend überstrahlend
    Grade den Fenstern von Vittorias Zimmer gegenüber stand in einer gewissen
Entfernung ganz einsam die schönste Edeltanne des Gartens ein Baum der in der
ganzen Gegend eben so wohl durch seine Höhe als durch seinen regelmäßigen Wuchs
und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Äste berühmt war Wie nun die Sonne
sich tief und tiefer neigte dass sie hinter der Tanne zu stehen kam brachen
sich ihre Strahlen in den Tropfen die an jeder Nadel hingen und schnell wie
durch einen Zauber angefacht schimmerte und funkelte der Baum von seinem
breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem vielfarbigen Glanze von
Myriaden Lichtern Es war ein wundervoller Anblick eines jener Zauberfeste in
welchen die Natur vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht das sie
in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu wiederholen
braucht weil Niemand der es gesehen hat es je vergisst Entzückt von dieser
Herrlichkeit und gleichsam fürchtend die Schönheit wie das im Märchen und im
Traume geschieht mit dem Aussprechen eines Wortes zu zerstören hatte Renatus
schweigend die Hand seiner Gefährtin ergriffen und selbst von dem Lichte des
scheidenden Tages übergossen rief Cäcilie Ach ein Weihnachtsbaum  und am
Johannistage Das muss Glück bedeuten setzte sie hinzu Indes ihr fröhlicher
Ausruf schien wirklich den Zauber aufzuheben denn der Lichtglanz verminderte
sich die Farben wurden blasser die einzelnen Flammen erloschen schnell wie
die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht war entschwand sie auch wieder und
eine graue matte Dämmerung hüllte die ganze Gegend ein noch ehe Cäcilie ihre
Erwartung dass dies sicherlich ein Glück verkünde zum zweiten Male völlig
ausgesprochen hatte
    Glück wiederholte ihr Gefährte und schwermütig geworden fügte er hinzu
Wir könnten es brauchen
    So standen sie noch eine kleine Weile neben einander aber länger hielt es
Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus Komm ins Freie sagte er es liegt mir
wie ein Reifen um das Haupt wie ein Reifen um das Herz Komm hinaus  ich
denke draußen muss mir besser werden
    Er trat in den Garten hinaus Cäcilie folgte ihm Sie gingen neben einander
in den breiten Wegen zwischen den Beeten hin Indes obschon sie die Alleen und
die buschigen Gänge mieden kam keine Erfrischung über sie Die Luft war voller
Elektricität sie lastete schwer auf ihnen selbst sprechen konnte Renatus
nicht Er wusste nicht was ihm war er war aufgeregt und abgespannt zu gleicher
Zeit Nun er mit Cäcilie im Garten war meinte er es sei vorher im Zimmer
besser gewesen aber auch das mochte er ihr nicht sagen und dazwischen fiel es
ihm ein dass es schon dunkle und dass er mit ihr allein sei Er war freilich oft
genug mit ihr Abends einsam umhergegangen ohne daran besonders zu denken indes
damals war sie auch seine Schwägerin gewesen Jetzt war sie das nicht mehr Es
tat ihm leid dass er dieses Anrecht an sie verloren hatte Er stellte sich vor
wie es sein werde wenn die Gräfin und Cäcilie von Richten fortgegangen sein
würden wie sie in der Stadt leben und Cäcilie sich hoffentlich dort
vorteilhaft verheiraten werde denn sie war liebenswürdig und gut und hübsch
sehr hübsch Sie ging auf dem schmaler gewordenen Pfade ihre Kleider mit beiden
Händen in die Höhe hebend um sie vor der Nässe des Weges zu bewahren
schweigend vor ihm her Obschon es dunkelte konnte er doch noch sehen wie fein
der Hals auf ihren Schultern saß wie kräftig ihr Oberleib sich aus den vollen
Hüften hervorhob und wie schön ihr Fuß und ihr Knöchel gebaut waren Sie war
recht ein Mädchen wie ein Mann sich es zum Weibe wünschen musste froh gut und
gesund
    Hätte ich sie statt Hildegards mir erwählt wie Manches wäre nicht
geschehen wie Vieles wäre anders wäre besser geworden dachte er und er wusste
es nicht dass sich ein lautes Ach seiner Brust entrang
    Cäcilie aber hörte es und sich umwendend fragte sie ihn Was fehlt Dir
Renatus
    Ach rief er noch einmal ich sollte es nicht sagen denn es ist unmännlich
es auszusprechen aber ich bin schon lange mit mir selbst zerfallen ich bin
recht unglücklich
    Du Du bist unglücklich  aber weshalb denn jetzt noch erkundigte Cäcilie
sich während sie sich zu ihm gesellte und ihren Arm unaufgefordert in den
seinigen legte
    Er antwortete ihr nicht und so gingen sie mehrmals um den großen Rasenplatz
herum Er fühlte mit Vergnügen ihren schönen entblößten Arm auf dem seinen
ruhen er bog sich zu ihr um ihre Schulter zu berühren und wenn sie den Kopf
zu ihm emporhob und er sich neigte so dass seine Lippen nicht fern über ihrer
Stirn schwebten musste er sich zurückhalten dass er sie nicht küsste Er hatte
bisher diese Empfindung überströmender Zärtlichkeit niemals neben ihr gehegt er
hatte sie oft genug geküsst ohne dabei etwas zu denken ohne dabei besonders
warm zu werden Heute wo er ein wahrhaftes Verlangen danach trug sie zu
umarmen wagte er es nicht und seine Unruhe wurde immer größer Er schlug den
Rückweg nach der Terrasse ein Cäcilie schüttelte missbilligend ihr Haupt
    Hildegard hatte doch Recht sagte sie mit Einem Male Ihr Männer wisst nicht
was ihr wollt und zwar weder im Kleinen noch im Großen Erst konntest Dus im
Zimmer nicht ertragen und wir mussten in den nassen Garten hinaus nun da es
hier draußen aussieht als wollte es frischer werden als könnte der Wind
aufstehen und man könnte Luft schöpfen nun soll man hinein  Sie zuckte mit
den Schultern schien weiter sprechen zu wollen unterdrückte ihr Wort und sagte
dann nach einem längeren Schwanken dennoch Und hast Du es denn mit Dir selbst
nicht eben so gemacht Erst bestandest Du darauf Dich mit Hildegard zu
verloben die für Dich viel zu alt war und so gut sie sonst auch ist nie für
Dich gepasst hat dann als sie Deine Braut war liebtest Du eine Andere
wolltest frei werden  das merkte auch ich Dir an sobald Du den Fuß nur aus dem
Wagen gesetzt hattest  und nun Du frei bist und Dir die Gräfin Eleonore holen
kannst nun bist Du auch nicht glücklich Was willst Du denn eigentlich
    Wie kommst Du auf Eleonore rief Renatus auffahrend Was weißt Du von ihr
    Alles entgegnete Cäcilie von seinem Tone ganz betroffen Hildegard hat ja
der Mutter Alles anvertraut und sie am letzten Tage noch darum gebeten dass sie
jetzt es mir auch sagen sollte
    Daran erkenne ich Hildegard stieß Renatus hervor
    Sie waren während dessen ganz in die Nähe des Schlosses gekommen ohne
weiter mit einander ein Wort zu wechseln Als sie auf dem Punkte standen
einzutreten sagte Cäcilie Siehst Du Renatus Unglück habe ich nicht Du Ich
wollte Dir eine Liebe tun Dich erheitern Dir sagen dass ich mich freuen
würde Dich endlich einmal recht froh recht glücklich und auch recht reich zu
sehen und statt dessen erzürne ich Dich gegen mich Ich mags im Leben machen
wie ich will ich treffe nicht das Rechte Nicht bei der Mutter nicht bei Dir
Ich habe eben kein Glück und kein Geschick
    Es kam ihm vor als bebe ihre Stimme er machte sich einen Vorwurf daraus
dass er ungerecht dass er hart gegen sie verfahren sei und sich zu entschuldigen
und sie aufzuklären sprach er Ich habe Eleonore Haughton nie geliebt Cäcilie
Sie hat mich beschäftigt eine kurze Zeit hindurch sie hat mich verwirrt durch
wenig Stunden aber sie hat mich nie geliebt und ich habe sie nie geliebt 
niemals Cäcilie beteuerte er und Hildegard hat das sehr wohl gewusst
    Aber weshalb hat sie mirs denn sagen lassen rief Cäcilie
    Weißt Dus nicht fragte er und schlang den Arm um ihren Leib
    Sie antwortete ihm nicht er fühlte aber wie das Herz ihr unter seiner Hand
erbebte Sie konnte nicht vorwärts nicht zurück Sie wollte ihn verlassen aber
obschon es ihr ein Leichtes gewesen wäre sich von ihm los zu machen kam sie
nicht von der Stelle
    Weißt Dus nicht fragte er noch einmal und sie fester umschlingend und sie
an sich ziehend sprach er nur für ihr Ohr vernehmbar Wie solltest Du da
ichs ja selbst erst jetzt erkenne
    Ach rief Cäcilie ich war ja so unglücklich als Du ins Feld gegangen
bist
    Damals damals schon hast Du mich geliebt klang es mit unterdrücktem Jubel
aus seiner Brust hervor
    Immer immer das war alles was Cäcilie unter seinen glühenden Küssen
hervorzubringen vermochte
    Er hatte sich in der Nische unter dem Portale die der Regen am Tage nicht
hatte erreichen können und die tief im Schatten lag niedergelassen und Cäcilie
auf sein Knie gezogen sie umfasste ihn mit beiden Armen Der letzte Sang der
Nachtigall der voll emporströmende Duft der Rosen und Levkojen berauschten ihn
und sie immer und immer wieder an sich pressend rief er Komme jetzt was mag
wenn Du mir nur bleibst
    Er musste sich endlich mit Gewalt ermannen um Herr über sich zu bleiben und
mit einer nie gekannten Seligkeit im Herzen umschlang er Cäcilie noch einmal
ehe er mit ihr in das Zimmer trat in welchem Vittoria und die Gräfin beim
Scheine der Lampe ihrer warteten
 
                                Neuntes Kapitel
Nun Signora habe ich richtig prophezeit fragte am nächsten Morgen die treue
Gaetana als sie mit breitem Kamme das noch immer üppige Haar der Baronin
Vittoria schlichtete und ihr dann die reichen Flechten um das schöne Haupt wand
Habe ich richtig prophezeit dass Alles sich zum Guten wenden werde sobald wir
nur die Gräfin mit dem bösen Auge nicht mehr im Schloss haben Ist nicht Alles
wie umgewandelt Ist unser Herr Baron nicht freudestrahlend Jubelt unser
Valerio nicht Ist die teure Signora Cäcilie nicht glückselig und wird nicht
die Frau Gräfin selber es bald erkennen dass erst jetzt die Dinge sich fügen
wie sie sein mussten Nur Geduld nur ein Bisschen Geduld ist nötig habe ich
immer gesagt Jetzt sehen Sie es selbst meine teure Signorina  Geduld ist
nötig das ist Alles
    In der Tat schien es als sei im Schloss ein neues Leben aufgegangen
Renatus empfand wirklich zum ersten Male jene volle Liebesleidenschaft welche
den ganzen Menschen in Bewegung bringt und da ein helles Licht seine Strahlen
überall soweit ihm keine Schranke entgegensteht verbreitet meinte er von
seiner Leidenschaft aufgeklärt auch die Vergangenheit jetzt besser zu
verstehen
    Er erinnerte sich ganz deutlich wie ihm die Heftigkeit und die Inbrunst
aufgefallen waren mit denen die vierzehnjährige Cäcilie ihn umarmt hatte als
er sich vor dem russischen Feldzuge von ihr getrennt Er bewunderte die Kraft
des jungen Kindes die Festigkeit mit welcher Cäcilie durch alle die Jahre
ihrer ganzen Umgebung ihre Liebe verschwiegen hatte und er schätzte sie nur um
so höher wenn sie ihm versicherte sie habe es sich nie eingestanden dass sie
ihn liebe weil das eine Sünde gewesen sein würde so lange er der Verlobte
einer Anderen war Nur beneidet habe ich Hildegard sagte sie offenherzig denn
ihr fiel weil sie die Aeltere war Alles von selber zu erst der Mutter ganz
besondere Liebe und dann auch noch die Deine Was Hildegard nur sagen wie sie
sich verwundern wird wiederholte Cäcilie danach immer auf das Neue Ihr Glück
erschien ihr offenbar durch den Vergleich mit dem Loose ihrer Schwester nur noch
größer und der Gedanke dass es Hildegards Schmerz noch steigern könne sich
durch die eigene Schwester so schnell in dem Herzen des Geliebten ersetzt zu
finden kam in diesen Stunden der Freude bei Cäcilien nicht in Betracht Sie
hatte an Hildegardens Glück stets mit Entsagung gedacht mochte diese jetzt das
Gleiche zu tun versuchen denn vergessen und vergeben konnte Cäcilie es der
Schwester nicht dass dieselbe ihre wohlgemeinten Trostbezeigungen mit Bitterkeit
von sich gestoßen hatte
    Renatus verdiente seinen Namen wie er einmal äußerte jetzt in voller
Wahrheit Er schien sich wirklich neu geboren und ein Anderer geworden zu sein
Alles Unentschiedene alles Schwankende war mit Einem Male von ihm genommen Wie
im Triumphe hatte er am verwichenen Abende Cäcilie zu der Gräfin geführt und
ihr wie der nicht minder überraschten Vittoria seine Liebe für Cäcilie und seine
Absicht sofort seine Verlobung mit ihr bekannt zu machen offenbart
    Die Gräfin hatte Bedenkzeit hatte Ruhe zur Überlegung gefordert aber
alles was sie erlangen können war das Zugeständnis gewesen dass Renatus sich
anheischig gemacht in den ersten achtundvierzig Stunden keinem seiner
Verwandten oder Freunde zu schreiben oder vielmehr nur keinen seiner Briefe
nach der Stadt zu schicken denn dass die Gräfin wirklich einen Einspruch tun
könne dass sie daran denken könne ihm die Hand des begehrten Mädchens zu
verweigern während er bereits die Tage bis zu der Stunde zählte in welcher er
die Geliebte besitzen würde hielt er für unmöglich
    Er war von einer brennenden Ungeduld verzehrt als die Gräfin ihm am Morgen
den gewohnten Spaziergang mit Cäcilie verweigerte als sie es ihm rundweg
abschlug ihn mit der Tochter allein verkehren zu lassen ehe sie ihren
Entschluss gefasst habe Sie hielt es ihm vor wie sie Alle ja eben jetzt noch
unter den Folgen seiner zu schnell und in der Erregung eines Augenblickes
geschlossenen Verlobung zu leiden hätten und wie es also für ihn doppelt
geboten sei sich sorgsam zu prüfen ehe er sich zum zweiten Male binde Auch
sie erinnerte ihn an den Eindruck welchen die Gräfin Haughton auf ihn gemacht
habe an die Gerüchte welche sich über sein Abenteuer mit ihr bis nach Berlin
verbreitet hatten und sie bekannte ihm unumwunden dass sowohl die natürliche
Rücksicht auf das Empfinden ihrer ältesten Tochter als die Sorge um Cäciliens
Zukunft sie anstehen lasse eine Entscheidung zu treffen Sie nannte ihn jedem
neuen Eindrucke zugänglich sie zweifelte ob er treu zu sein vermöge und sie
machte es ihm endlich zu einem Vorwurfe dass er mit seiner Erklärung gegen
Cäcilie mit seiner Werbung nicht gewartet habe bis die Gräfin das Schloss
verlassen hatte und nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Massnahmen
gehindert war
    Trotz der würdigen und festen Haltung mit welcher sie ihm entgegentrat war
sie aber innerlich in einen Kampf mit sich verwickelt der ihr schwerer fiel
als sie verriet Ihr Zutrauen zu Renatus hatte wirklich einen Stoß erlitten
sie misstraute seinem Herzen sie klagte ihn der härtesten Selbstsucht der
Schwäche an und wäre sie reich wäre sie auch nur wohlhabend gewesen so hätte
sie nicht angestanden dem jungen Freiherrn die Hand ihrer zweiten Tochter nach
der Beleidigung welche er der ältesten Tochter zugefügt hatte unbedenklich zu
verweigern Sie sah voraus in welcher Weise man es beurteilen werde und müsse
wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Cäcilie willige sie fürchtete sich
vor dem Zwiespalt in welchen diese Ehe sie mit ihrer ältesten Tochter und diese
mit Cäcilie und Renatus bringen müsse Sie sagte sich dass die geringste
Bürgersfrau sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten Bewerbung
ihre Zustimmung versagen würde aber sie war eben keines schlichten Bürgers
Frau sie war die Gräfin Rhoden sie hatte sich und zwei Töchter zu versorgen
und sie war noch mittelloser als sie es vor dem Kriege gewesen war
    Eine Bürgersfrau konnte daran denken mit ihren Töchtern gemeinsam sich des
Lebens Notdurft zu erwerben Eine Bürgersfrau brauchte vielleicht in solcher
Lage und in solchem Augenblicke auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz
und auf die Empfindung ihrer Töchter Rücksicht zu nehmen denn Bürgermädchen
wenn sie kein Vermögen besitzen werden von Jugend an darauf hingewiesen sich
selbst zu helfen sie können arbeiten um ihrem Ehrgefühle zu entsprechen
arbeiten um ihren Kummer zu übertäuben arbeiten um sich eine getäuschte
Liebeshoffnung aus dem Sinne zu schlagen  aber Hildegard und Cäcilie die
Gräfinnen Rhoden konnten das doch nicht
    Sie hatten eine gute standesmässige Erziehung erhalten dh sie besaßen
wie die wohlhabenden Frauen überhaupt von einer Menge von Dingen von Kunst
von Literatur und Wissenschaft genau so viel Kenntnisse als unerlässlich waren
über die ernstaften Leistungen Anderer falsch und oberflächlich aburteilen zu
können aber sie hatten nichts so gründlich erlernt dass es sie irgendwie
befähigte darauf eine Zukunft zu bauen und sie hatten vor allen Dingen nicht
arbeiten das Leben nicht als eine ernste fortdauernde Arbeitszeit betrachten
lernen
    Die Leistungen welche Hildegard während des Krieges über sich genommen
hatte waren von der Begeisterung des Augenblickes erzeugt und getragen worden
Sie hatte dieselben mit vielen Andern geteilt sie waren eine anerkannte eine
bewunderte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare Tätigkeit für
Andere gewesen Mit der Arbeit um die eigene Existenz um das tägliche Brod war
es nicht dasselbe Das Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen Niemand
bewundert kaum irgend Jemand teilt oder versteht sie in den gesellschaftlichen
Kreisen denen die Gräfinnen angehörten Wenn sich in ihnen auch Männer fanden
welche ihr Einkommen durch die Dienste erwarben die sie dem Fürsten oder dem
Staate leisteten so trat doch das Arbeitenmüssen der Ehre der Frauen nach den
Begriffen ihrer Standesgenossen offenbar zu nahe und dienen konnten Frauen
ihres Ranges nach denselben Anschauungen eben nur den Fürsten welche über ihnen
standen Es war nicht anders die Gräfin mochte es ansehen wie sie wollte sie
musste ihr beleidigtes Herz sie musste ihr Ehrgefühl überwinden weil der
Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit für entehrend erachtete und
Hildegard musste sich darein ergeben ihren früheren Verlobten den Gatten ihrer
Schwester werden zu sehen Die Mutter durfte es nicht hindern dass Cäcilie sich
mit einem Manne verheiratete zu dessen Charakter ihr das rechte Vertrauen
fehlte Ihre Armut zwang sie um der Standesehre willen zu tun und geschehen
zu lassen was allen ihren Gefühlen was ihrer Überzeugung widersprach
    Es kam ihr deshalb sehr gelegen als Vittoria sich zur Vermittlerin zwischen
den Wünschen ihres Stiefsohnes und den Bedenken von Cäciliens Mutter machte
Obschon es ihr weh tat hörte die Gräfin es gern an wenn die Baronin ihr aus
einander setzte wie übel die Gräfin jetzt daran sei Im Tone der Anklage gegen
Renatus stellte Vittoria es ihr vor dass Hildegard durch den langen nicht
öffentlich erklärten Brautstand mit Renatus vorzeitig gealtert habe dass die
Mutter und die Töchter durch ihr langes Verweilen in dem Hause eines
unverheirateten Mannes wenn dieses nicht seine Heirat mit einer der Töchter
zur Entschuldigung habe in einem bedenklichen Lichte erscheinen müssten Sie
erinnerte daran dass man falls sich selbst am Hofe der Prinzessin eine freie
HofdamenStelle finden sollte diese doch meist nur mit jungen und hübschen vor
Allem aber mit recht gesunden Mädchen zu besetzen pflege damit die Herrinnen
ohne jede Rücksicht über ihre dienenden Damen verfügen könnten und schließlich
gab sie der Mutter zu bedenken wie das Zerwürfnis zwischen ihren Töchtern ja
bereits ein altes wie es eben jetzt nur völlig zum Aussprechen gekommen sei
und dass es doch in jedem Falle weiser und ratsamer erscheine die geliebte
Cäcilie auf Kosten der älteren Schwester glücklich werden zu lassen als beide
mit gebrochenem Herzen und ohne Liebe für einander in bedrängter Lebenslage
dauernd neben sich zu behalten
    Einen Menschen von der Notwendigkeit dessen zu überzeugen was zu tun er
innerlich entschlossen ist hält nicht schwer und Cäciliens unter Tränen
lächelnde Augen vereint mit den Vorstellungen der Baronin und den dringenden
Bitten und den festen Beteuerungen des jungen Freiherrn trugen denn auch bald
den Sieg davon
    Weil Renatus sein früheres Verlöbnis geheim gehalten hatte war er und war
die Gräfin jetzt der Meinung dass man die neue Verbindung nicht schnell genug
veröffentlichen könne Aber man musste doch eine Form dafür finden das
Auffallende des Vorganges denjenigen welche die Verhältnisse mehr oder weniger
kannten wenn auch nur einigermaßen zu erklären oder annehmbar zu machen und
die Gräfin welche vor allen Dingen um Hildegard besorgt war hatte schnell
einen Plan entworfen der zu Gunsten dieser letzteren berechnet war Man sollte
so forderte sie aus Cäciliens früher und dauernder Neigung zu Renatus kein
Geheimnis machen man sollte auch eingestehen dass dessen Liebe zu Hildegard
nicht mehr so feurig als früher gewesen und dass er bei der Heimkehr von der
Anmut und von der nicht zu verbergenden Leidenschaft der jüngeren Schwester
gerührt worden sei Dann aber solle man die Dornenkrone der armen Hildegard in
einen Heiligenschein verwandeln und erzählen wie die Großmut und die Entsagung
dieser schönen Seele das Unheil welches hereinzubrechen gedroht durch ihren
heldenmütigen Entschluss verhindert wie sie durch eine Entfernung von welcher
selbst die Mutter nichts gewusst die Verwirrung gelöst und in einem
zurückgelassenen Schreiben den Wunsch ausgesprochen habe die beiden ihr
teuersten Menschen den Geliebten und die Schwester verbunden und so glücklich
zu sehen als es zu werden ihr von Gott nicht beschieden gewesen sei
    Die Gräfin konnte sich in ihrer Rührung der Tränen kaum erwehren als sie
den schnell erfundenen Ausweg vor ihren erstaunten Hörern darlegte Vittoria
die jetzt plötzlich ihr mütterliches Recht auf Renatus und ihre Freundschaft für
Cäcilie geltend machte so dass man sie bei keiner Besprechung und Beratung
übergehen konnte hatte Mühe ernstaft dabei zu bleiben und Cäcilie und
Renatus welche in der Erdichtung der Gräfin keine üble Rolle spielten waren
mit allem zufrieden und einverstanden was sie auch nur eine Stunde früher an
das ersehnte Ziel zu führen verhieß
    Sie waren beide sehr bereit an Hildegard zu schreiben ihre Nachsicht ihre
Verzeihung zu erbitten ihr jede möglichen geschwisterlichen Dienste für die
Zukunft anzubieten und ein treues Zusammenhalten zu geloben aber beide waren so
voll von ihrem Glücke so voll von Lebenslust und Hoffnung dass sie sich in den
Gemütszustand des verlassenen Mädchens gar nicht hineinzuversetzen wussten und
dass die Gräfin es endlich geratener fand die Briefe des Brautpaares an die
Entfernte zu unterdrücken und die Darstellung des Geschehenen allein auf sich zu
nehmen
 
                                Zehntes Kapitel
Die Plane und Vorsätze mit welchen der Freiherr in Bezug auf seine Güter
letztlich umgegangen war erhielten durch seine neue Verlobung eine wesentliche
Befestigung Cäcilie die seit ihrem fünfzehnten Jahre in dem Schloss gelebt
hatte und nur selten nach der Kreisstadt gekommen war hegte wie schon
Hildegard ihm dies stets geschrieben hatte eine Sehnsucht danach die
Hauptstadt die schöne Welt den Hof kennen zu lernen und die Schilderungen
welche Renatus ihr von seinem Pariser Leben machte steigerten jene Sehnsucht zu
einem wahrhaften Verlangen Vittoria ihrerseits welche aus ihrem Kloster grades
Weges nach Richten und in das Ehebett des greisen Mannes gekommen war hatte der
Einsamkeit nun auch die Fülle genossen Sie begehrte nach einer Zerstreuung
wenn die Gesellschaft ihrer Freundin Cäcilie ihr entzogen und Valerio ihr
genommen werden sollte und weil man wenn die Verlobten sich jetzt zwanglos in
Vittorias Zimmer gehen lassen durften sich allseitig so wohl befand so heiter
war so wurde ein solches Beisammensein auch für die Zukunft als das
Erfreulichste und zugleich als das Einfachste ins Auge gefasst
    Man hatte niemals an einen gemeinsamen Haushalt mit Vittoria denken können
so lange noch die Rede von der Heirat mit Hildegard gewesen war Jetzt da es
sich von selbst verstand dass die Mutter mit ihrer ältesten Tochter vereinigt
bleiben würde ward es eben so fraglos dass Vittoria sich an das junge Paar
anschloss und da keiner von diesen Dreien bisher jemals in der Lage gewesen war
sich ein Haus zu begründen fanden sie ein lebhaftes Vergnügen darin mit
einander die Entwürfe für ihre Einrichtung zu machen die Straße auszuwählen in
welcher man sich wenn es möglich sei niederlassen wolle die Zahl der Zimmer
die Art ihrer Verteilung durchzusprechen und die Weise im voraus festzusetzen
nach der man leben wolle
    Renatus hatte den berechtigten Wunsch da er seine Güter verkaufen und im
militärischen Dienste bleiben wollte was beides noch kein Stammhalter seines
Hauses jemals getan hatte durch ein würdiges Auftreten in der Hauptstadt es
dazutun dass seine Umstände immer noch günstig wären wenn er sich auch zu
entschiedenen Schritten für ihre Befestigung und Sicherung bewogen finde Selbst
Tremann der nicht zum Beschönigen derselben geneigt gewesen war hatte es ihm
ausgesprochen dass seine Lage keineswegs eine verzweifelte sondern eine
haltbare und der Verbesserung fähige sei wenn er sich zu den Massnahmen
entschließen könne die er auszuführen jetzt im Begriffe stand
    Renatus empfand ein Zutrauen zu sich und zu seiner Zukunft welche ihm
bisher in den letzten Jahren völlig gemangelt hatte und er dachte mit großer
Heiterkeit an den nicht mehr fernen Zeitpunkt in welchem er aller seiner
Sorgen entladen nur seinem Dienste und seinem Glücke an der Seite einer
geliebten Frau in Gesellschaft seiner Stiefmutter und ihres Sohnes werde leben
können
    Er freute sich auf die Rückkehr zu seinem Regimente er freute sich auf den
Beifall welchen seine Frau bei seinen Kameraden finden werde Er entwarf sich
ein lockendes Bild von dem hübschen Hause das er machen wolle versprach sich
Vittoria und seiner Braut große Genugtuung von der Bewunderung welche die
musikalische Bildung der beiden Frauen denn auch Cäcilie war unter der Baronin
Anleitung eine vortreffliche Sängerin geworden am Hofe erregen musste und weil
bei diesen Planen der Gedanke an das Landleben völlig ausgeschlossen war so
schwand des jungen Freiherrn Widerstreben gegen den Verkauf seines halben
Besitzes endlich ganz und gar
    Ein paar Tage nach seiner Verlobung gleich nachdem er die Meldung derselben
an seine nächsten Anverwandten ausgeführt hatte setzte er sich wohlgemuter
als er es bei solchem Anlasse jemals für möglich gehalten hatte nieder seinem
Amtmanne zu schreiben wie er sich entschlossen habe sobald sich ihm die
Gelegenheit dazu biete die beiden Nebengüter zu verkaufen dass er aber nicht
abgeneigt sei ihm Richten je nachdem man sich darüber einigen könne zur
Verwaltung oder zur Verpachtung zu überlassen Bis über den Verkauf der Güter
entschieden sein werde wünsche er also falls dem Amtmanne dies auch genehm
sei Alles beim Alten zu lassen und es werde sich dann voraussichtlich so
fügen dass der neue Kontract mit ihm statt jetzt im Beginne des dritten
Quartales zu Ende desselben abgeschlossen und mit dem Anfange des letzten
Quartales in Kraft gesetzt werden könne
    In derselben Stunde zeigte er auch Steinert an dass er verkaufen wolle weil
er sich mit der Gräfin Cäcilie Rhoden verlobt habe welche in der Stadt zu leben
wünsche wohin ihn selber die eigene Neigung für den Kriegsdienst und die
Rücksicht auf die Erziehung seines Bruders ziehe Könne er mit Steinert Handels
einig werden und zwar so dass Steinert und der Baurat Herbert der wie er von
dem Amtmanne gehört zu haben glaube den Kauf mit Steinert gemeinsam unternehmen
wolle beide Güter an sich brächten so werde ihm dies um seiner Insassen willen
das Erwünschteste sein Er werde dann die Leute welche seit Hunderten von
Jahren zu seinem Hause gehört hätten in Steinerts Vorsorge der den Leuten
lieb und bekannt sei und ein Herz für sie habe wohl beraten und wohl geborgen
wissen Einer persönlichen Besprechung bedürfe es fürs Erste deshalb nicht und
leider habe er zu dieser von dem Ablaufe seines Urlaubs bedrängt auch nicht
mehr die Zeit Zudem befänden die sämtlichen Akten sich augenblicklich in der
Hauptstadt in seines Oheims Händen Dorthin gehe er und sei bereit auf
Anfrage aus den Akten jede gewünschte Auskunft zu erteilen wie es sich denn
auch von selbst verstehe dass der Amtmann und der Justitiarius den Käufern
Einsicht in die geführten Bücher gewähren würden wenn sie etwa nach Richten
kommen sollten sich die gegenwärtige Sachlage anzusehen
    Er hatte ein angenehmes Selbstgefühl als er diese beiden Schreiben
durchlas Es dünkte ihn als sei er plötzlich ein ganzer Geschäftsmann geworden
und er begriff wie der Freiherr sich an solche Verhandlungen allmählich
gewöhnen und Geschmack an ihnen habe finden können Es beruhigte ihn dass er
sich bei seinen Planen mit Anteil an das Loos seiner Leute erinnert hatte er
dachte dass Steinert sich ohne alle Frage über seine bevorstehende Verheiratung
erfreuen werde und wenn derselbe dann hier im Lande lebend und selbst
arbeitend mehr aus den Gütern herausschlagen konnte als es den Freiherren von
Arten möglich gewesen war nun so war das einmal nicht zu ändern und er wollte
es ihm gönnen dass er vorläufig den Vorteil davon zog wenn er die Güter hob
Vielleicht war es dem nächsten Herrn von Arten vielleicht war es seinem Sohne
einst beschieden die Güter zurückzukaufen wenn Renatus jetzt Ordnung in die
Verhältnisse des Hauses brachte Er selbst freilich musste sich für die
Vergangenheit und für die Zukunft zum Opfer bringen aber in seiner
militärischen Laufbahn an Cäciliens Seite in der Residenz und mit einem immer
noch bedeutenden Grundbesitz als Rückhalt ließ das Leben sich ertragen
    Er fuhr mit leichtem Herzen an dem Tage auf das Gut eines Freundes um dort
begleitet von der Gräfin und von Vittoria mit seiner Braut den ersten Besuch zu
machen und man hatte in dem Hause gute Sitte genug es nicht merken zu lassen
wie überrascht man war nicht Hildegard sondern Cäcilie als des Freiherrn
Erwählte zu empfangen Die Gräfin selbst musste das Gespräch darauf bringen
musste die Frage aufwerfen ob man sich nicht wundere ihre zweite Tochter mit
dem Freiherrn verlobt zu sehen ehe sie ihre romantische Erklärung zu
Hildegards Bestem abgeben konnte und weder Renatus noch Cäcilie wussten ihr
dies Dank
    Die Mutter hat Hildegard immer vorgezogen sagte Cäcilie als sie sich mit
Renatus allein befand Nun müssen wir beide Hildegarden wieder zur Folie dienen
und uns dafür bedanken dass sie vor jenen Jahren Dich mit ihrer Leidenschaft um
Deine vernünftige Überlegung zu bringen und sich mit Dir in dem Augenblicke zu
verloben verstanden hat als Du Dich von ihr loszumachen wünschtest Die Mutter
wirds noch dahin bringen dass ich die Schwester hasse
    Beneidest Du sie Cäcilie fragte Renatus auf dessen schon von Natur
weichen und gütigen Sinn die Erziehung des Kaplans noch verschönend und zur
Nachsicht stimmend eingewirkt hatte während sein Glück sein erstes
Liebesglück ihm das Herz noch mehr erschloss Hast Du Grund sie zu beneiden
    Cäcilie antwortete ihm nicht aber sie umschlang ihn und küsste ihm die Hand
Er war sehr glücklich in dem Besitze dieses Mädchens dem er sich immer
überlegen fühlte und das hinwiederum so liebevoll zu ihm emporsah
 
                                Elftes Kapitel
Niedergeschlagen und mutlos hatte der junge Freiherr vor einigen Monaten die
Hauptstadt verlassen nun kehrte er voll der besten Zuversicht in dieselbe
zurück
    Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten und ward auf das Beste aufgenommen
Man lobte es dass er sich nicht auf seine Besitzungen zurückziehen sondern im
Dienste bleiben wolle denn der König sah es gern wenn die jungen Männer aus
den alten Familien im Heere ihren Weg machten und die Stadt die Straßen sahen
für Renatus jetzt ganz anders aus seit er sie mit dem Hinblicke auf eine
künftige Häuslichkeit betrachtete Obschon er sich vorgenommen hatte sich Zeit
zu lassen und nichts zu übereilen konnte er der Neugier nicht widerstehen in
die verschiedenen Häuser einzutreten in welchen Wohnungen zur Miete ausgeboten
wurden ihre Räumlichkeiten anzusehen um ihren Preis zu fragen und sich Alles
in das Notizbuch zu verzeichnen das er eigens zu dem Zwecke mitgenommen hatte
    Er sprach dann noch in dem Laden eines Goldschmiedes vor um für Cäcilie den
Ring zu kaufen den er ihr als Pfand ihrer Verlobung zu geben wünschte und wie
er nun die einzelnen Kasten mit den Geschmeiden vor sich stehen sah fiel ihm
bei einem Saphirschmucke plötzlich ein wie schön die blauen Steine auf dem
weißen Halse und an den vollen Armen der Geliebten aussehen würden Es ist ein
so natürlicher Wunsch das was man liebt zu schmücken
    Er erkundigte sich nach dem Werte des Geschmeides und er fand ihn hoch
Aber Cäciliens schöner Nacken ihr reizendes kleines Ohr ließ ihm keine Ruhe
Er meinte sie vor sich zu sehen er konnte sich die Freude seiner Geliebten bei
dem Empfange eines solchen Geschenkes lebhaft vorstellen und es fiel ihm ein
dass sie ihm einmal mehrere Wochen vor ihrer Verlobung geklagt hatte wie sie
aber auch gar nichts von Schmuck besitze da die Mutter alles was sie der Art
gehabt schon sehr früh der älteren Schwester gegeben habe Allerdings bekam
Cäcilie einst den ganzen Artenschen Familienschmuck indes das waren schwere
Brillanten wie nur eine Frau sie tragen konnte und jetzt da er daran dachte
kam Renatus erst wieder darauf dass der Freiherr den Familienschmuck seiner Zeit
Vittorien gegeben hatte die berechtigt war ihn wenn sie wollte der Frau
ihres Stiefsohnes durchaus vorzuentalten Es fiel ihm dabei aber auf dass
Vittoria welche in früheren Jahren an diesen Brillanten so viel Wohlgefallen
gehabt und einzelne Stücke des Schmuckes immer getragen hatte sich desselben
gar nicht mehr bediente und er nahm sich vor deshalb einmal Nachfrage zu tun
    Inzwischen jedoch musste Cäcilie durchaus irgend etwas geschenkt bekommen
und der Goldschmied hatte nicht den ersten Liebenden vor sich der zwischen
seines Herzens Lust und seinen vernünftigen Bedenken einen Vermittler zu Gunsten
der ersteren zu finden wünschte Nach kurzem Zureden kurzem Verhandeln erstand
Renatus den Schmuck und befahl ihn mit dem Ringe wohl verpackt nach seinem
Gasthofe zu senden Es war ein Geschenk wie seiner Zeit der verstorbene
Freiherr es der Gräfin Angelika darzubringen vollauf berechtigt gewesen war Für
Renatus jedoch war die Ausgabe viel zu groß und er hielt sich das auch selber
vor aber sagte er sich wenn man im ersten goldenen Sonnenscheine des Glückes
nicht einmal seinem Herzen folgen soll so lohnt es sich ja nicht zu leben
    Froh über die Freude welche er der Braut zu bereiten jetzt gewiss war ging
er nach der Wohnung seines Oheims Er meinte so gut aufgelegt wie er sich
jetzt eben fühlte mit den Vorstellungen und Einwendungen welche derselbe als
Hildegards geschworener Freund und Verehrer ihm sicherlich nicht vorenthalten
werde am leichtesten fertig werden zu können und es war ihm sehr erwünscht
als er auf seine Anfrage die Antwort erhielt dass der Graf zu Hause und ihn zu
empfangen bereit sei
    Der Graf stand mitten im Zimmer als Renatus bei ihm eintrat Er sah nicht
übel aus aber er stützte sich auf einen Stock und wie es dem Neffen schon
auffiel dass er ihm nicht wie sonst entgegenkam dass er ihm nicht die Hand
reichte fiel es ihm noch mehr auf dass der Graf eine sonderbare Art sich zu
bewegen angenommen hatte Er trug sich immer noch sehr gut indes seine Haltung
sah so absichtlich aus und erst als er nach seinem Lehnsessel gegangen war
sich fest niedergesetzt und seine Beine in eine bequeme Lage gebracht hatte
sagte er Nun mein Lieber Du kommst wohl Dir meinen besonderen Glückwunsch zu
Deiner neuen Verlobung abzuholen Seit wann bist Du denn zurückgekehrt
    Es fuhr wie ein kalter Luftzug über den jungen Freiherrn hin Der Anblick
seines Oheims hatte ihn er wusste selbst kaum weshalb erschreckt der
unverkennbare Spott in seinem Tone beleidigte ihn Er hatte sich indessen darauf
gefasst gemacht hier auf Tadel und Missbilligung zu stoßen zu welchen er
läugnete sich das keineswegs seine Handlungsweise Jedem der die Verhältnisse
nicht wie er selber kannte auch ein volles Recht gab Er überwand also seine
Missempfindung und sagte Ich habe Ihnen lieber Onkel denke ich nicht nötig
eine lange Rechtfertigung meines Tuns zu machen Sie sind ein Menschenkenner
und kennen mich und Hildegard  wir passten nicht zu einander Mich dünkt also
wie der Augenblick einer solchen Einsicht auch schmerzlich sein mag man hat
sich immer glücklich zu preisen wenn man sie gewinnt ehe es zu spät ist den
Folgen seines Irrtums vorzubeugen Wir passten wirklich in keiner Weise für
einander selbst die Gräfin Rhoden gibt uns dies jetzt zu
    Er hatte sich einen Sessel genommen ohne dass der Graf der solche Form der
Höflichkeit sonst nie vergaß ihn dazu aufgefordert hatte Nun als Renatus
seine Behauptung wiederholte sagte sein Oheim Eure Unzusammengehörigkeit
streite ich Dir nicht ab mein Lieber wennschon ich Dir damit kein Kompliment
zu machen glaube
    Onkel fuhr Renatus auf Aber der Graf der bis dahin mit voller kräftiger
Stimme gesprochen hatte senkte diese plötzlich und seine kalte Hand auf die
des jungen Freiherrn legend sagte er Gemach mein Lieber und mäßige Dich Du
siehst ich bin noch etwas angegriffen Deine Brust ist stärker als die meine
    Renatus schwieg weil seine gute Erziehung ihn dem älteren Manne gegenüber
Rücksicht nehmen hieß aber er presste die Hand unwillkürlich fest um den Griff
des Säbels zusammen den er zwischen seinen Knieen hielt und er nahm sich vor
sein Herz vor dem kranken Bruder seiner Mutter im Notfalle eben so fest
zusammenzufassen
    Du sagst hob der Graf nach kurzem Schweigen an Ihr hättet nicht für
einander gepasst und ich streite Dir dies ich wiederhole es nicht ab Aber
mein Lieber wer zwang Dich oder vielmehr was berechtigte Dich vor sieben
Jahren als Du noch sehr unfertig und völlig unselbständig warst das Schicksal
eines schon damals sehr reifen und im edelsten Sinne in seiner Bildung
abgeschlossenen Mädchens an Dich zu binden Erinnere Dich dass ich Dich damals
weil ich Deinen leicht beweglichen Artenschen Sinn sehr wohl erkannte vor dem
Umgange mit den Rhodens warnte
    Renatus war keiner Antwort fähig Zum zweiten Male gelang es seinem Oheim
ihn durch die Dreistigkeit seiner Heuchelei und Unwahrheit förmlich zu
erschrecken Er musste erst Herr über sein Erstaunen werden ehe er die Bemerkung
machen konnte dass er sich jener Warnung seines Onkels sehr wohl und sehr oft
erinnert ja dass er sie als eine durchaus berechtigte anerkannt habe denn er
sei damals in der Tat wie der Graf es für ihn besorgt habe ohne selbst recht
zu wissen wie in die Verlobung mit dem älteren und fertigeren Mädchen
hineingezogen worden
    Ohne zu wissen wie sprach der Graf ihm immer in demselben Tone spöttelnden
Tadels nach Mich dünkt mein Lieber dies zu behaupten hättest Du kein Recht
Ein Mädchen von dem Seelenadel Hildegards konnte es nicht glauben dass es nur
auf ein leeres empfindsames Spiel von Dir gemünzt war  Er machte eine jener
berechneten Pausen welche Arglistige so wohl zu benutzen verstehen und fuhr
dann fort Hildegard hat mir geschrieben Ich wusste alles was vorgegangen war
noch ehe ich die seltsame Kunde erhielt dass Du Hildegards Entfernung kaum
abgewartet hattest um Dich mit ihrer leiblichen Schwester zu verloben
Hildegard wird das nie verschmerzen und wirklich mein Lieber es ist keine
Heldentat mit dem Lebensglücke eines reinen edlen Mädchens sein Spiel zu
treiben
    Er hatte sich in eine tugendhafte Entrüstung hineingesprochen in welcher er
sich offenbar sehr wohl gefiel denn er zupfte sich den Hemdkragen und das Jabot
zurecht fuhr sich mit der Hand aus alter Gewohnheit nach dem Haupte und durch
das Haar obschon dieses zu einer solchen seine Fülle ordnenden Bewegung gar
keine Veranlassung mehr bot und lehnte sich behaglich in den Sessel zurück
    Seine letzte wiederholte Behauptung war dem jungen Freiherrn aber doch zu
viel geworden und sich erhebend sagte er die schöne Oberlippe unter dem
blonden Schnurrbarte in die Höhe werfend Diese Bemerkung aus Ihrem Munde
überrascht mich sehr
    Was soll das heißen fragte der Graf kurz und bestimmt
    
    Es soll Sie nur an Seba Flies erinnern entgegnete der Freiherr in derselben
Weise für deren einstige Seelenreinheit für deren Seelenadel mir die
Freundschaft welche meine Mutter für sie hegte ohne alle Frage eine Bürgschaft
sein darf
    Der Graf lachte hell auf Wie man einmal von dem rechten Wege entfernt
sich gleich ganz und gar verliert rief er aus Das ist in der Tat naiv ein
Kavalier und ein Judenmädchen Wer fragt danach  Aber das Verhalten eines
Edelmannes gegenüber einer Dame seines Standes das ist etwas Anderes Das
Judenmädchen konnte ohne die Überspannteit mit der es sich mir völlig in die
Arme warf es gar nicht für möglich halten dass es die Meine werden könne und
hätte Seba es gewollt sie hätte auch nach dem Abenteuer mit mir von dem damals
Niemand etwas wusste unter ihres Gleichen noch Männer genug zur Auswahl haben
können denn sie war schön und reich Aber eine Hildegard eine Gräfin Rhoden
war berechtigt auf das Wort eines Edelmannes zu vertrauen Alle Welt wusste von
Eurer heimlichen Verlobung sieben Jahre ihres Lebens sind Dir geweiht gewesen 
es ist unerhört Verlass Dich aber darauf man wird dies übel sehr übel
vermerken Der König ist gegen solche Handlungsweise äußerst streng Von dem
Darlehen auf Deine Güter ist unter diesen Umständen natürlich keine Rede mehr
Es war dabei sehr wesentlich auf die Gunst gerechnet deren Hildegard genießt
und 
    Der Freiherr konnte es bei aller Selbstbeherrschung länger nicht ertragen
Ich denke weder Sie noch Hildegard in meinen Angelegenheiten zu bemühen sagte
er Ich bedarf des königlichen Darlehens nicht
    Wie das fragte der Graf
    Ich verkaufe Rotenfeld und Neudorf ich verpachte Richten denn ich werde
im Dienste bleiben schon um meiner Familie willen
    So sagte der Graf mit einer leisen Kopfbewegung während Renatus sich nach
seinem Czako umsah
    Er war erbitterter als er sich je gefühlt hatte Sich von einem Wüstlinge
wie der Graf es gewesen war so lange seine Kraft für die Befriedigung seiner
Gelüste ausgereicht hatte sich von einem Verräter des Vaterlandes von einem
Ehrlosen zu Sitte Pflicht und Ehre ermahnen zu lassen empörte den Freiherrn
Er hätte ihm mit Einem Worte seine ganze Verachtung aussprechen ihm sagen
mögen wie er des Grafen Heuchelei verabscheue aber über dieses vollberechtigte
Empfinden des Freiherrn trug Eine Erwägung den Sieg davon und nötigte ihn nach
seiner Meinung zum Schweigen
    Er hatte aus seiner innersten Natur heraus aus jenem warmen und
menschlichen Gefühle dessen er fähig war wo seine Standesvorurteile ihm nicht
den Sinn und das Herz verengten den Grafen an seine Schandtat gegen Seba
gemahnt indes er selber erkannte bei seiner Anschauungsweise sobald sein
Oheim ihn daran erinnerte dass zwischen Seba und der Tochter eines alten
gräflichen Hauses allerdings eine wesentliche Verschiedenheit obwalte In der
Gesellschaft welcher die beiden Männer angehörten wog des Grafen ehrloser
Verrat an Seba sicherlich nicht so schwer als der für Renatus zu einer inneren
Notwendigkeit gewordene Treubruch gegen eine Gräfin Rhoden und die Männer
sowohl als die Frauen seines Standes waren der Mehrzahl nach ohne Frage eher
geneigt den Grafen als seinen Neffen freizusprechen Er hatte also das
verdrießliche Bewusstsein einen Schlag gegen seinen Gegner ausgeführt zu haben
den Jener so geschickt von sich abgewendet hatte dass er sich aus dem
Angegriffenen in einen Angreifenden verwandeln können und Renatus kannte seinen
Oheim darauf dass dieser ihm nicht vergessen nicht verzeihen werde was eben
jetzt zwischen ihnen vorgegangen war Er wusste dass er von jetzt ab den Grafen
als seinen Feind betrachten müsse und er fühlte auch den nie ganz besiegten
Widerwillen gegen denselben in sich so groß geworden dass er gereizt wie er es
war jetzt ein für alle Mal seine Stellung gegen den Oheim zu nehmen beschloss
    Er stand aufrecht vor dem Grafen der seine bequeme Lage nicht verließ und
sagte während er seine Handschuhe anzog in einer Weise welche sein Oheim noch
nie zuvor von ihm vernommen hatte Wir haben wie ich sehe wenig Aussicht uns
zu verständigen und ich wusste das im voraus da ich Ihre Vorliebe für Cäciliens
Schwester kannte Ich kam auch nicht mich wegen meiner Handlungsweise zu
rechtfertigen sondern weil es mir lieb gewesen wäre sie Ihnen dem Bruder
meiner Mutter einsichtlich zu machen und weil ich Sie um die Rückgabe der
Akten ersuchen wollte die in Ihren Händen zurückgeblieben sind
    Da ich von dem Tage Deiner Ankunft nicht unterrichtet war habe ich sie
gestern wohl versiegelt Deinem Chef zur Übergabe an Dich zustellen lassen
denn ich verreise morgen antwortete der Graf mit gleicher Kälte
    Renatus dankte ohne sich nach dem Reiseziele seines Oheims zu erkundigen
und wollte sich entfernen aber der Graf sagte von selbst dass er eine Badekur
beabsichtige
    Renatus fragte also pflichtschuldigst wohin er zu gehen beabsichtige
    Man hat mir zu einem Stahlbade geraten und ich habe mich für Pyrmont
entschieden Ich bleibe etwa sechs Wochen dort Wirst Du bei meiner Rückkehr
hier sein
    Ohne alle Frage
    Du denkst also nicht Dich versetzen zu lassen
    Wie käme ich dazu fragte der Freiherr sichtlich von der Frage überrascht
    Ich meinte dass Deine Vermögensverhältnisse und auch die Rücksicht auf die
arme Hildegard es Dir vielleicht wünschenswert erscheinen ließ nicht in der
Residenz nicht eben hier zu leben
    Durchaus nicht entgegnete der Neffe sehr bestimmt Ich denke vielmehr mich
mit meiner ganzen Familie hier niederzulassen und bin schon heute darauf
ausgegangen eine Wohnung zu suchen in der ich uns und meine Stiefmutter und
meinen Bruder bequem einrichten kann
    So so wiederholte der Graf in dem früheren Tone und eine Prise nehmend
setzte er hinzu Auf Wiedersehen also auf Wiedersehen mein Lieber
    Renatus gab ihm dieses Lebewohl zurück und sie trennten sich ohne sich die
Hand zu geben wie zwei Fremde wie zwei Feinde
 
                                Zwölftes Kapitel
Welch eine Welt ist das rief Renatus innerlich aus als er sich wieder auf der
Straße befand Aber es gilt sich durchzuschlagen fügte er hinzu  und sich
durchzuschlagen war er glücklicher Weise ja gewohnt
    Sein Lebensmut war entschieden im Wachsen Er war in sich beruhigt über die
Haltung welche er gegen seinen Onkel behauptet hatte und wenn er es sich recht
überlegte war es für ihn kein Unglück vielmehr ein Gewinn dass es zu einem
entschiedenen Bruche zwischen ihm und dem Grafen gekommen war
    Der Graf liebte es sich als einen Beschützer darzustellen er hatte in den
Zeiten der Franzosenherrschaft sich an ein zweideutiges Vermittleramt gewöhnt
er war müßig sah viele Leute beobachtete wie alle diejenigen die kein gutes
Gewissen und in ihren eigenen Lebensverhältnissen mancherlei zu verbergen haben
äußerst scharf was konnte also für des jungen Freiherrn Familie aus einem
Zusammenhange mit diesem Manne Heilsames erwachsen
    Den Schutz und Einfluss des Grafen irgendwie in Anspruch nehmen zu wollen
war sein Neffe weit entfernt er sah auch nicht ab dass er jetzt noch in die
Lage kommen könne desselben zu bedürfen Seine Vermögensverhältnisse ordnete er
in der durchgreifendsten Weise selbst mit dem Kommandeur seines Regimentes
hatte er immer auf das beste gestanden und er hatte gleich bei dem ersten
Besuche von demselben erfahren dass wirklich eine große Anzahl von
Dienstentlassungen und von Abschiedsgesuchen im Werke also für das Heraufrücken
der jüngeren Offiziere die günstigsten Aussichten vorhanden seien Wozu konnte
ihm der Oheim denn auch nützen Ihn der Cäcilie nicht freundlich der Vittoria
feindlich gesinnt war der von der inneren Familiengeschichte des Artenschen
Hauses weit mehr als gut war wusste nicht in seiner Familie aufnehmen zu dürfen
dünkte den Freiherrn ein wesentlicher Vorteil zu sein Wendete Hildegard sich
von der Schwester ab schloss die Mutter sich mehr an die ihr bleibende als an
die verheiratete Tochter an so waren das Dinge die eben nicht zu ändern
waren und auf einen recht verträglichen Verkehr zwischen Vittoria und jenen
beiden Frauen hatte Renatus sich ohnehin nicht Rechnung machen dürfen Es war
also am besten wie es sich eben gefügt hatte und er konnte nachdem der Einzug
seines Regimentes vorüber war gleich an seine wichtigsten Geschäfte an die
Vorkehrungen für seine Verheiratung gehen
    Man hatte die Hochzeit um nicht in zu später Jahreszeit reisen zu müssen
auf die ersten Tage des Oktober verlegt Renatus hatte also für seine
Besorgungen keinen weiten Spielraum vor sich Er war froh als er in einer ihm
passenden Gegend eine Wohnung gefunden hatte welche ihm die nötigen
Bequemlichkeiten für alle Beteiligten neben jenen größeren Räumen darbot deren
man für eine schickliche Geselligkeit bedurfte Nur für Valerio wollte sich
wenn man ihm wie seine Mutter es gewünscht hatte einen Erzieher annahm kein
rechtes Unterkommen in dem Hause finden und wie jeder der an neue Verhältnisse
herangeht nach dem alten Sprüchworte oft gezwungen ist aus der Not eine
Tugend zu machen ließ Renatus sich von dem ihm nahe befreundeten Adjutanten
seines RegimentsChefs mit dem er gelegentlich von seinen Planen von seiner
Einrichtung und von seinen kleinen Verlegenheiten sprach dahin überreden dass
es für den durch mütterliche Schwäche in jedem Betrachte verwöhnten Knaben
fraglos das Angemessenste sein würde ihn von Hause zu entfernen und dass
Renatus also mit seiner ursprünglichen Idee ihn einer öffentlichen
ErziehungsAnstalt zu übergeben das Richtige für ihn getroffen habe Die
Kadettenhäuser waren nach den Kriegen in ihren Einrichtungen wesentlich
verbessert worden Valerio zu einem Studium zu überreden welches ihn für den
bürgerlichen Staatsdienst geschickt machen konnte hielt Renatus bei der Art des
Knaben nicht für angebracht und da es in einer neuen jungen Ehe in keinem
Falle bequem war einen solchen frühreifen Burschen zum täglichen Gesellschafter
zu haben machte Renatus seine Stiefmutter und den Knaben mit seiner Absicht
bekannt ihn in eine der militärischen ErziehungsAnstalten zu bringen um ihn
sein Heil einmal im Heere dieser Zufluchtsstätte adeliger Mittellosigkeit und
jüngerer Brüder versuchen zu lassen
    Mitten in diesen Vorkehrungen kamen denn allmählich auch die großen Wagen
voll Hausrat und voll Möbeln an welche Renatus um der neuen Wirtschaft und
dem neuen Hause das alte würdige Gepräge zu geben von dem Schloss nach der
Stadt kommen ließ Renatus wollte die großen Spiegel sofern sie sich in die
kleineren Zimmer des städtischen Hauses einfügen ließ er wollte die schönen
Möbel und Gerätschaften die guten alten niederländischen Landschaften die
italienischen Statuetten und vor Allem die Bilder seiner Eltern und Grosseltern
nicht entbehren er wollte die alten werten Erinnerungen mit sich in die neue
Lebenslage hinübernehmen Er hing an diesen Gegenständen er hatte zudem auch in
dem Palaste der Herzogin erfahren wie wohltuend das Altergebrachte in der
Ausstattung eines Hauses wirke und mochte der neu erworbene Reichtum der
emporgekommenen bürgerlichen Gesellschaft ihr auch jede Art von Luxus zugänglich
machen gegen die Würdigkeit einer solchen überkommenen Einrichtung erschien
alles kalt was der Tapezierer und die Magazine an Neuigkeiten liefern konnten
    Mit wachsendem Behagen sah er aus den leeren Räumen die er gemietet hatte
allmählich die schöne Wohnung entstehen in welcher es ihm mit der Geliebten
wohl werden sollte und es fügte sich eigen dass er eben an dem Tage an welchem
er die letzten Schränke in die Zimmer seiner zukünftigen Frau stellen ließ
einen Brief Cäciliens erhielt in welchem sie ihm erzählte dass sie gestern wo
man zu einer größeren Gesellschaft in die Nachbarschaft gefahren sei zum ersten
Male den Schmuck habe anlegen wollen den er ihr gesendet Er sei jedoch für
alle ihre Kleidungsstücke viel zu prächtig gewesen und sie habe sich also das
Vergnügen vorläufig versagen müssen
    Daran hatte der Bräutigam allerdings nicht gedacht indes nun er darauf
wenn auch sicher absichtslos hingewiesen wurde musste dem Mangel notwendig
abgeholfen werden Renatus hatte sich es ohnedies von der Gräfin erbeten für
Cäcilie die ganze Ausstattung besorgen zu dürfen damit der älteren Schwester
nichts von dem was ihr bestimmt gewesen sei entzogen werde Die
verhältnissmässige Dürftigkeit Cäciliens rührte den Liebenden deshalb nur noch
mehr und da die leeren Schiebladen und Schränke nach einem Inhalte förmlich zu
verlangen schienen machte er sich ein Fest daraus sie in einer Weise
anzufüllen welche der Geliebten nichts zu wünschen übrig lassen und der jungen
Frau von Arten die Möglichkeit gewähren sollte ihrem Stande gemäß in den
Kreisen aufzutreten in denen zu leben sie fortan bestimmt war
    Während er Kleiderstoffe und Spitzen Shawls und Mäntel Federn und Blumen
Fächer und Handschuhe auswählte und mit fast weiblicher Sorgfalt in die Schränke
räumte sah er mit vorgeniessender Freude die Geliebte schon damit bekleidet und
weil er eben daran dachte beschloss er noch an diesem Tage sich um den
Familienschmuck den der Freiherr nach Vittorias Angabe bei dem Ausbruche der
Freiheitskriege in der königlichen Hauptbank niedergelegt haben sollte
erkundigen zu gehen Den Niederlegungsschein hatten die Frauen in Richten nicht
auffinden können es musste aber in der Bank wohl zu ermitteln sein wann der
Schmuck übergeben worden war und Renatus machte sich also dorthin auf den Weg
    Die Bankbeamten nahmen die Anfrage des Offiziers des Mannes mit altem
Namen sehr zuvorkommend auf man fand auch den Niederlegungstag wie es sich
gebührte genau verzeichnet aber der Rücklieferungsschein lag daneben und er
ergab dass auf des Freiherrn eigene handschriftliche Anordnung der Schmuck nach
Jahresfrist dem Hofjuwelier des Königs Behufs einer Umfassung ausgehändigt
worden war Das war kurz vor dem Tode des Freiherrn gewesen und sorglos wie
Vittoria in allen solchen Dingen sich erwies schien es nicht unmöglich wenn
schon es auffallend gewesen wäre dass die Diamanten sich noch in dem Gewahrsam
des Juweliers befinden konnten Indes diese Erwartung zeigte sich als
trügerisch Der Juwelier hatte die Brillanten im Auftrage des Freiherrn
verkauft die Berechnung darüber war vorhanden eben so die Quittung des
Bankhauses an welches man den Erlös nach des Freiherrn Bestimmung ausgezahlt
hatte Der reiche Artensche Familienschmuck dieses Erbe an welchem man von
Geschlecht zu Geschlecht gesammelt hatte war dahin und Renatus durfte sich
nicht einmal mit dem Gedanken trösten dass es wie so mancher andere Schmuck
für die Befreiung seines Vaterlandes hingegeben worden war
    Es war ihm lieb dass sein Dienst ihn an diesem Tage ganz in Anspruch nahm
er mochte an den Schmuck nicht denken und es blieb ja auch nichts übrig als
sich die Angelegenheit aus dem Sinne zu schlagen Er freute sich nur dass er für
Cäcilie die Saphire schon gekauft hatte er würde sonst vielleicht des Mutes
dazu ermangelt haben und ganz ohne Schmuck durfte seine junge Frau in der
Gesellschaft auch nicht auftreten wenngleich in diesen Zeiten sich gar Viele
solcher Zier aus Vaterlandsliebe entäussert hatten
    Mit jedem Tage den Renatus vorwärts ging befestigte sich jetzt seine
Zuversicht dass Alles sich notwendig zum Besten wenden werde und in der Tat
nahten auch die Verhandlungen über den Verkauf der Güter sich einem günstigen
Abschlusse
    Es war noch in der ersten Hälfte des September gewesen als Paul von der
einen Seite und Steinert von der anderen nach der ProvinzialHauptstadt kommend
in dem einstigen Fliesschen Hause eingetroffen waren das der Baurat Herbert
an sich gebracht hatte als Herr Flies nach der Residenz gezogen war Von Hause
aus vermögend und durch Evas väterliches Erbe unterstützt wie durch ihre
Sparsamkeit und Tüchtigkeit gefördert war Herbert von den Zeitereignissen
verhältnismäßig weniger als die beiden anderen Männer in seinen Umständen
bedroht und beeinträchtigt worden Auch die Feldzüge hatte er nicht mitgemacht
Ein unglücklicher Fall den er bei Besichtigung eines Baues einst getan hatte
ihm einen Armbruch und in dessen Folge eine Schwäche des rechten Armes
zugezogen die ihn zwar in seiner Tätigkeit nicht behinderte es ihm aber doch
unmöglich gemacht haben würde die Waffen zu tragen Er und seine Eva hatten
sich also seit ihrer Verheiratung nicht viel getrennt und wenn die
fünfzigjährige Frau den Titel und das Ansehen ihres Mannes auch sehr wohl zu
tragen wusste so war ihr von der frischen Fröhlichkeit des Landmädchens doch
noch genug geblieben um es Jedem wohl und behaglich werden zu lassen der unter
ihrem Dache weilte
    Jetzt besonders wo ihr Aeltester der wie ihres Bruders Sohn kaum dem
Knabenalter entwachsen in das Feld gezogen nun endlich wieder in die Heimat
zurückgekehrt war und wo sie Adam und Tremann zu Gästen hatte war sie recht in
ihrem Elemente Die schönen Augen blickten hell aus den weißen Spitzen ihrer
neuen Haube hervor die breiten rosa Bindebänder umgaben das rundeste Kinn und
die Grübchen in den freilich etwas zu stark gewordenen Wangen blieben den ganzen
Tag sichtbar weil die glückliche Hausfrau aus dem still zufriedenen Lächeln
nicht herauskam Jeder sollte es ganz nach seinen Bedürfnissen und Wünschen bei
ihr haben Der Bruder musste seine Leibgerichte auf dem Tische finden der Sohn
sollte es merken dass es wie schön es in Frankreich in Berlin und in all den
großen Städten und schönen Gegenden auch gewesen sein mochte doch im Vaterhause
stets am besten sei und daneben wollte Eva es dem Herrn Tremann auch beweisen
dass man in der Provinz ebenfalls zu leben wisse
    Die beiden Töchter von denen die ältere auf Evas ausdrückliches Verlangen
den Namen Angelika erhalten hatte und von der man in der Familie immer
behauptete sie sehe der verstorbenen Baronin ähnlich weil Eva vor der Geburt
dieses Kindes immer und immer daran gedacht hatte dass dieses zweite Kind wenn
es ein Mädchen sei den Namen der Baronin führen solle welche einst Evas und
Herberts Hände in einander gelegt hatte  die beiden Töchter gingen in stiller
Geschäftigkeit die Treppe hinauf und hinab Sie trugen das Sonntagsgeräte das
feine Krystall und die eingekochten Früchte auf die Tafel die oben im Saale
schon gedeckt war und unten in der Küche glänzte der Rehrücken welchen
Steinert von Marienfelde mitgebracht hatte schon in bräunlicher Farbe an dem
sich rastlos drehenden Spieße als in dem Arbeitszimmer des Baurats die drei
Freunde noch beratend bei einander saßen
    Die Gutskarten die Akten waren freilich schon bei Seite gelegt die
Bedingungen des Kaufkontraktes die Termine der Übernahme und der Zahlungen
nach des Freiherrn Vorschlägen verabredet worden auch die verschiedenen
Abkommen unter den drei Männern welche die Güter gemeinsam kaufen wollten
waren zum Abschluss gelangt Die Steinbrüche jenseit Rotenfeld der Torfstich
zwischen Rotenfeld und Neudorf sollten ebenso wie die Bewirtschaftung der
Güter und die Errichtung der Fabrik auf gemeinsame Kosten unternommen und
betrieben werden Herbert selbst wollte die Leitung der Steinbrüche und die
Bearbeitung und Verwertung des Materials auf sich nehmen Steinerts künftiger
Schwiegersohn der in einer torfreichen Gegend heimisch und des Torfstiches
kundig war sollte unter Herberts Beistand zunächst die für solches Beginnen
nötigen Kanalarbeiten machen lassen durch welche man dem ohnehin zu feuchten
Boden von Rotenfeld eine zweckmässige Ableitung zu verschaffen hoffte und
sobald als tunlich sollten dann vornehmlich Oelpflanzen auf den Gütern angebaut
werden da es eben auf die Gründung einer Oelfabrik in großem Maßstabe abgesehen
war zu deren Vorstand man Steinerts Sohn bestimmte Tremann lieferte den bei
Weitem größten Teil der Kapitalien für dieses Unternehmen und behielt sich des
kaufmännischen Betriebes in allen Fächern Meister die Oberleitung über dasselbe
aus der Ferne vor während seine Bankgeschäfte in der Hauptstadt ihren
ungestörten Fortgang hatten und ihn nach allen Seiten hin in den
weitverzweigtesten Verbindungen erhielten
    Endlich war man so weit gediehen dass Herbert die sämtlichen Papiere
zusammenlegen konnte die Geschäfte waren abgetan Steinert füllte sich die
kurze Pfeife an die er sich wie mancher Andre im Felde gewöhnt hatte Paul
brannte sich eine der Zigarren an die er von Jugend auf in Amerika hatte
rauchen lernen und deren Gebrauch sich jetzt mehr und mehr auch in Europa zu
verbreiten anfing Nur Herbert rauchte nicht Er hatte eine Flasche Wein
geöffnet schenkte davon in die bereit stehenden Gläser und sagte Auf gutes
Gelingen und dass es uns und den Unserigen wohl werde auf dem neuen Besitztum
    Uns wiederholte Tremann Denken Sie denn Sich selbst nach einem der Güter
überzusiedeln
    Herbert lächelte Ich denke zwar nicht daran sagte er aber Sie wissen es
heißt im Sprichwort was die Frau will das will Gott Und ich werde wie es mir
scheint allmählich aus der Stadt und auf das Land geführt werden Meine Eva ist
die Sehnsucht nach Feld und Flur nie recht los geworden Obschon wir den großen
Garten am Hause beibehalten und ich ihr hier auf dem Hofe die schönsten
Hühnerställe und einen Taubenschlag gebaut ihr auch alle Sorten von Getier
hineingesetzt habe fehlt ihr doch wie sie behauptet die freie Natur Seit nun
von dem Ankaufe von Rotenfeld die Rede war lässts ihr vollends keine Ruhe
mehr und ich denke wenn mein Sohn gut einschlägt wenn er seine Studien
beendet hat und sich Vertrauen erwirbt so mag er hier künftig den Baumeister an
meiner Stelle machen Er soll meine Arbeiten fortführen meine Kundschaft erben
und er mag uns denn als Altenteil das Rotenfelder Amtshaus ausbauen wohin
meiner Eva Gedanken jetzt doch unablässig wandern werden
    Steinert nickte dem Plane Beifall zu Dass dies wahr werde Schwager sagte
er und stieß aufs Neue mit ihm an während er sich mit der Hand den Rauch von
Tremanns Zigarre gegen das Gesicht wehte um ihren Geruch zu prüfen Woher
beziehst Du das Kraut fragte er
    Direkt von der Havannah antwortete Paul Willst Du davon haben so stehen
Dir tausend Stück zu Diensten
    Steinert meinte er wolle ihn nicht berauben Der Andere versicherte dass er
in jedem Monate frische Zufuhr haben könne da er Freunde in der Havannah habe
die ihn wohl versorgten und mit denen er in fortdauernder Verbindung stehe Er
schreibe ihnen ohnehin in wenigen Tagen und wenn Steinerts Sohn wie es ja im
Werke sei seinen Rückweg über die westindischen Inseln einschlage so könne der
am füglichsten eine gute Ladung für die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft
zu besorgen übernehmen
    Der Junge wird sich wundern sagte Steinert und es glitt ein
selbstzufriedenes Lächeln über sein braunes Gesicht wenn er erfährt dass wir
die Güter kaufen Und dass ich es Euch ehrlich eingestehe oft ist es mir selbst
eine Art von Wunder wie die Welt sich um uns her gewandelt hat Ich habe noch
den Großvater des jetzigen Freiherrn gekannt Der saß noch im Vollen und wie ein
Fürst in seinem Schloss Wenn der jetzt aufstehen müsste oder wenn mein Vater
aufstehen könnte
    Ja nahm Herbert als jener mit einem nachdenklichen Kopfschütteln seine
Rede plötzlich abbrach ja nahm Herbert das Wort das Hofhalten verstanden sie
vortrefflich Noch als ich nach Richten kam hatte Alles dort einen schönen und
würdigen Anstrich Man betrachtete es gern und doch hatte man schon damals das
Gefühl dass die Axt geschliffen sei den Baum zu fällen Was man sah waren
schöne Dekorationen vor denen und hinter denen zwei ganz verschiedene Stücke
spielten und eben darin lag etwas was die Phantasie beschäftigte und verwirrte
und dem man sich nur schwer entzog Es war gut für mich dass der Kirchenbau mich
zu Euch nach Rotenfeld hinüberbrachte und in gesunde Luft Mehr Liebe als an
diesen Kirchenbau habe ich sicherlich an keine meiner Aufgaben je gewendet
    Die Erinnerung an seinen Jugendtraum stieg wie ein leuchtendes Gewölk vor
seinem inneren Auge auf indes es zog schnell vorüber und eben Herbert war es
der gleich darauf die Frage aufwarf was man denn jetzt mit der Kirche beginnen
werde
    Steinert meinte das sei selbstverständlich Die protestantische Kirche in
Neudorf sei immer ein jämmerlicher Bau gewesen aus Feldsteinen roh und elend
zusammengefügt der hölzerne Turm seit lange dem Einsturze nahe Innen hätten
die Russen die Kirche arg verwüstet sie sei danach wie die Umstände der
Gutsverwaltung es mit sich brachten kaum auf das Notdürftigste hergestellt
worden Nichts an der ganzen Kirche und an dem Pfarrhause sei niet und
nagelfest Man müsse also die protestantische Pfarre was auch ohnehin bei der
Lage der Dörfer immer das Zweckmässigere gewesen sein würde von Neudorf nach
Rotenfeld zu verlegen suchen Die nötigen Schritte bei der Regierung müsse
Herbert und wenn es etwa bis vor das KultusMinisterium und den König käme
Tremann zu tun übernehmen Die Gemeinde würde sie sicherlich unterstützen denn
ihr die sich eng und ärmlich habe helfen müssen sei die prächtige und leere
katholische Kirche stets ein Dorn im Auge gewesen und es sei da in der ganzen
Gegend jetzt keine zehn Katholiken mehr zu finden wären auch nicht die
geringste Notwendigkeit zur Erhaltung eines besonderen Gotteshauses für
dieselben mehr vorhanden Nur wegen der Artenschen Familiengruft habe es noch
Schwierigkeiten
    In wie fern fragte Paul der diesen Erörterungen bis dahin schweigend
gefolgt war
    Der Freiherr verlangt als eine der Verkaufsbedingungen dass der Zugang zu
der Gruft von der Seite der Kirche vermauert werde und er will dass ihm und
seinen Nachkommen für ewige Zeiten der Besitz dieser Gruft mit dem sie
umgebenden von dem eisernen Gitter eingehegten Garten den die Gutsherrschaft
als Onus unterhalten soll zugesichert werde
    Paul schlug ungeduldig mit der flachen Hand auf den Tisch Sie sind
unverbesserlich aber ganz und gar unverbesserlich rief er aus Sie haben die
Geschichte der letzten dreißig Jahre vor sich und sie können sich das verdammte
Wort »ewig« nicht abgewöhnen als ob sie nicht gerade daran zu Grunde gingen
dass sie sich in den notwendigen Wechsel der Zeiten und der Dinge nicht fügen
wollen Dieser junge Arten sieht es jetzt mit eigenen Augen was es mit den
Dingen ist die man für ewig gegründet zu haben glaubt Sein Vater baute einer
Stimmung zu genügen eine Kirche die für ewige Zeiten dem katholischen Kultus
und den religiösen Bedürfnissen seines Geschlechtes gewidmet sein sollte Noch
kein Menschenalter ist seitdem verflossen und die Kirche wird unser und wir
beraten heute hier in kalter verständiger Überlegung was wir mit dem
Prachtbaue machen sollen in welchem die Aufregung eines Tages sich ein ewiges
Denkmal zu setzen meinte Noch weiß es jedes Kind im Dorfe dass es die Herren
von Arten gewesen sind welche die Kirche auferbauten denn bis heute ist ein
Arten Besitzer derselben gewesen Wer aber wird nach zwanzig nach dreißig
Jahren daran denken davon wissen Ludwig der Sechszehnte und Marie Antoinette
sind guillotinirt die Welt ist umgestaltet ein Advokatensohn Kaiser und
Beherrscher der Herrschenden seine Brüder sind Könige geworden und Alle sind
sie niedergeworfen worden als ihre Zeit vorüber gewesen ist  und dieser junge
Edelmann will ein ewiges Erbbegräbniss für die Gebeine seiner Väter für die
Freiherren von Arten errichtet haben Es ist abgeschmackt  Er stand ärgerlich
auf
    Du meinst also dass man diese Bedingung nicht eingehen soll fragte
Steinert
    Warum nicht Wenn der junge Arten die Unterhaltung der Gruft und des Gartens
übernehmen will Richten liegt dazu nahe genug und die paar Ruten Land können
wir entbehren
    Es ist übrigens keine schwere Last wendete Herbert ein dem begreiflicher
Weise an der Erhaltung alles dessen gelegen war was zur Zierde der Kirche
gereichte und mit ihrem Baue organisch zusammenhing es ist keine schwere Last
welche wir oder die Gemeinde mit der Erhaltung dieses Blumengärtchens auf uns
nehmen würden
    Wir haben aber kein Recht durchaus kein Recht denen die nach uns kommen
werden eine Pflicht wie leicht sie uns auch bedünken mag aufzuerlegen da sie
ihnen doch weniger leicht erscheinen könnte Soll der Garten gepflegt werden so
mags geschehen so lange wir die Herren der Güter sind und ich für meine
Person habe keinen Grund mich dem zu widersetzen Aber was können unsere
Kinder oder was werden diejenigen die vielleicht nach diesen die Güter
erwerben mit den Ewigkeitsgelüsten des Barons Renatus zu schaffen haben Wir
haben kein Recht willkürlich übernommene Gefälligkeiten als Verpflichtungen auf
Dritte zu vererben Mag der Freiherr 
    Du denkst als Kaufmann schon an den Verkauf der Güter ehe wir sie noch
erworben haben fiel Steinert ihm in das Wort der wie ein rechter Landmann fest
an seiner Scholle hing da freilich kann von Dauer oder gar von Ewigkeit auch
nicht die Rede sein da ist nichts ewig
    Paul lachte Adam der Siebenundsiebzigste rief er schnell wieder heiter
geworden den Freund an eine frühere Neckerei erinnernd Aber beruhige Dich
mein alter Freund es gibt ein Ewiges es gibt unumstössliche ewige Wahrheiten
nur dass gerade diejenigen die für ihre Namen und für ihre Geschlechter und
Gebeine so gern auf die Ewigkeit vertrauen von diesen ewigen unumstösslichen
Gesetzen und Wahrheiten meist nicht gern sprechen hören und eben daran
untergehen
    Was meinst Du damit fragte Steinert der trotz seines gesunden Verstandes
immer nur langsam dachte und langsam fasste
    Es ist sicherlich eine ewige Wahrheit dass zweimal zwei vier macht und dass
ich drei von zwei nicht abziehen kann gab Paul ihm mit der früheren
Lebhaftigkeit zur Antwort Ich habe diese unumstössliche und ewige Wahrheit schon
hier in diesem Zimmer einsehen lernen als es noch dem alten Flies zum Laden
diente und die Neger und die Palmen und die Elephanten auf seinen Uhren und
Tafelaufsätzen mir eine kindische Sehnsucht nach den fernen Gegenden und
Weltteilen einflössten in denen ich die Neger und die Palmen und die Elephanten
heimisch wusste Aber was haben diese alten adeligen Geschlechter die gleich den
Herren von Arten arbeitslos den Tag am Tage leben und dafür die Möglichkeit
einer ewigen Dauer erwarten von jener ewig unumstösslichen Grundwahrheit
begriffen  Nichts
    Sie sind sehr streng liebster Tremann bemerkte Herbert der um der Baronin
Angelika willen eine gewisse Vorliebe für ihren Sohn bewahrt hatte welche
Steinert aus anderen Empfindungen und Erinnerungen gleichfalls mit ihm teilte
    Soll ich nachsichtig gegen das Unvernünftige sein entgegnete Paul
    Du siehst nun aber doch dass der junge Freiherr unserm vernünftigen Rate zu
folgen beginnt gab Steinert ihm zu bedenken
    Weil das Wasser ihm bis an die Kehle steigt sagte Paul Er darf nicht
stehen bleiben er muss sich bewegen er muss schwimmen oder untergehen Wohl ihm
wenn er sich oben zu erhalten weiß
    Es entstand eine Unterbrechung in dem Gespräche Nach einer kleinen Weile
meinte Steinert Ein guter Wirt ist der junge Arten freilich auch noch nicht
    Sieh fuhr Paul auf das ists was mich so empört Es ist so einfältig
zwei Taler für dasjenige auszugeben was man für einen erlangen kann es ist
sinnlos sich der Mittel für ein künftiges freies Wollen zu berauben Es ist so
dumm so unverantwortlich dumm ein Verschwender zu sein Jeder Schulbube hat
einem solchen gegenüber mag er sein was er immer wolle das unbestreitbare
Recht ihm sein »Drei von zwei kann ich nicht abziehen« in das Gesicht zu
schleudern Leichtsinnige Verschwendung ist nicht einmal ein Laster Sie ist nur
eine Dummheit die aber den Charakter mit Notwendigkeit verdirbt und die den
Menschen wenn er nicht von ihr ablässt früher oder später ehrlos machen muss
Sie ist mir verächtlich
    Es widersprach ihm Niemand von den Andern Sie waren beide auch Männer
welche die Arbeit kannten und an ihr den Erwerb hatten schätzen lernen Männer
welche es wussten was die innere Freiheit die bürgerliche Unabhängigkeit wert
sei die ihren Stolz darein setzten sie wenn es sein musste auch mit schweren
Entbehrungen zu erkaufen und sie hatten samt und sonders Freude an der Arbeit
selbst wie an ihrem Berufe Steinert vor Allen war von dem seinigen so
eingenommen dass er unbedenklich annahm ein Jeder müsse danach trachten früher
oder später aus den Städten auf das Land in die freie Natur hinaus zu kommen
um wenigstens am Abende seiner Tage wie er es nannte mit dem Herrgott
gemeinsam für des Lebens Notdurft zu arbeiten und um mit der Erde wie mit dem
Himmel ordentliche Bekanntschaft gemacht zu haben ehe man von ihr scheiden muss
Er kam also wie sie nun länger bei einander saßen mit großer Zufriedenheit auf
den Gedanken seines Schwagers sich vielleicht später in Rotenfeld anzusiedeln
zurück und fragte Tremann ob ihn nicht auch bisweilen das Verlangen nach freier
Natur überkomme ob er nicht auch die Neigung hege einmal Grundbesitz zu
erwerben wie 
    Wie meine Altvordern fiel ihm Paul in die Rede der vor diesen beiden
Freunden einen solchen Scherz zu wagen kein Bedenken trug Aber schon im
nächsten Augenblicke sagte er Es ist gewiss etwas Schönes und Erfreuliches
darum wenn wir ein Stück Erde unser eigen nennen können und ich habe mich auch
beeilt sobald es für mich tunlich war mir Haus und Hof für mich und die
Meinigen zu erwerben denn eigenes Haus ist doppelte Heimat Aber es ist
zuletzt doch nicht der Boden sondern es ist vor Allem unser Zusammenhang unser
Zusammenwirken mit den anderen Menschen durch die wir uns den rechten
Mittelpunkt für das eigene Dasein erschaffen Wenn ich mir also auch nicht wie
Du mein alter Freund etwas auf das direkte Zusammenarbeiten mit einem höheren
Wesen das ich mir nun einmal nicht zu denken vermag zu Gute tun kann so
erwächst mir doch aus meinem Berufe eine andere und vielleicht nicht geringere
Genugtuung
    Gewiss bekräftigte Herbert Schon als ich Sie vorhin so beiläufig Ihrer
Verbindungen in der Havannah erwähnen hörte als handle es sich dabei um den
Verkehr mit irgend einer Nachbarschaft trat es mir wieder einmal entgegen wie
farbenreich das Leben eines Kaufmannes sein müsse
    Das Beiwort welches Sie brauchen verrät den Sinn des Künstlers meinte
Paul Indes es ist doch noch etwas Anderes was mich von meinem Berufe so groß
denken und ihn immer aufs Neue lieben macht  Er hielt einen Augenblick inne
und sagte dann Der Handel ist für die Menschheit so notwendig wie die Luft
die wir atmen und wie diese ist er eine große bewegende Kraft Wie ein
geübter Steuermann auf offenem Meere steht der Kaufmann in der Handelswelt fest
auf seinem Platze Die stille Mondnacht die sanft hingleitende Woge dürfen
seine Wachsamkeit nicht einschläfern der Aufruhr der Elemente und das Toben des
Sturmes seinen Sinn nicht verwirren denn nicht allein sein eigenes Wohl und
Wehe das Wohl und Wehe Anderer ist seiner Hand anvertraut Mitten im tobenden
Kampfe mitten im wilden Kriege muss er des Friedens und der Ruhe in der Ruhe an
die Möglichkeit des Kampfes denken Er muss das Bedürfnis des Augenblicks
erkennen das Bedürfnis der Zukunft voraussehen Um die eigene Sicherheit den
eigenen Wohlstand zu begründen muss er jeden vorhandenen Mangel zu erraten
wissen und ihm abzuhelfen trachten Wo ein Überfluss sich zeigt wo eine Not
sich fühlbar macht tritt er ein Nord und Süd Ost und West treffen in seinem
Geiste zusammen erhalten ihre Ausgleichung und ihre Vermittlung durch seinen
unternehmenden Sinn und wie er bei den großen geschichtlichen Ereignissen ihre
Ausführung ermöglichen hilft so begegnet er dem alltäglichen Anspruche in der
entlegensten Hütte Was der grübelnde Forscher entdeckt was der tiefsinnige
Denker ergründet der Kaufmann versucht es für die Allgemeinheit durch seine
Tätigkeit nutzbar zu machen Alles Vorhandene muss ihm dienen weil auch er sich
allem Vorhandenen dienstbar macht und der Handel wird es auch jetzt wieder
sein der Kaufmann wird es sein welcher jenen gewaltigen Erfindungen welcher
der Benutzung der Dampfkraft wie sie in England und Amerika schon jetzt im
Gange ist und wie wir sie in unserer Neudorfer Fabrik bald selbst anwenden
werden jene Ausbreitung über den ganzen Erdball sichert durch welche sich
Zustände und Verhältnisse entwickeln können die wir noch kaum vorauszusehen
vermögen obschon sie vielleicht eine ganz neue Zeit für die Menschheit
heraufzuführen geeignet sind
    Er brach nachsinnend ab aber die beiden Anderen von Pauls Begeisterung
für seinen Beruf mit ihm fortgerissen erwarteten schweigend ob er nicht weiter
sprechen würde Es war selten dass er sich in solcher Weise gehen ließ denn er
war durch seine große Tätigkeit gewohnt sich in der Unterhaltung meist nur auf
das Tatsächliche zu beschränken und es überraschte ihn selbst als er so warm
geworden war
    Es muss wahrhaftig hier in diesem Zimmer liegen rief er wohlgemut als
Herbert seine schöne Wärme pries Als Knabe schwärmte ich hier für eine Zukunft
die mir in nebelhaft wechselnden aber stets sehr phantastischen Bildern vor den
Augen schwebte nun am erreichten Ziele im Mannesalter schwärme ich für meinen
Beruf und sehe in neuen Nebelbildern eine neue Zeit für die ganze Menschheit
erstehen Steinert begnügt sich doch wenigstens mit einem Schöpfer gemeinsame
Sache zu machen ich möchte schaffen aus eigener Gewalt und wer ein Kaufmann in
großem Sinne sein will muss in der Tat ein Stück Allwissenheit für sich zu
erringen trachten denn wir sitzen vor allen Anderen wie es der Dichter singt
auch mit an dem sausenden Webstuhl der Zeit und wirken wenn auch nicht der
Gottheit so doch der Menschheit lebendiges Kleid
 
                              Dreizehntes Kapitel
Am ersten Oktober sollte die Übergabe der beiden Artenschen Güter an ihre neuen
Besitzer vor sich gehen und gleichzeitig auch die Verpachtung von Richten an den
bisherigen Amtmann ihren Anfang nehmen Das veranlasste den jungen Freiherrn von
seiner künftigen Schwiegermutter die Festsetzung des Hochzeitstages in die
dritte Woche des Septembers zu begehren und die Gräfin widersprach diesem
Wunsche nicht
    Sie fand es natürlich dass Renatus noch in der Kirche getraut zu werden
wünschte so lange sie sein eigen war und ihr selbst war daran gelegen so bald
als möglich mit Hildegard zusammenzutreffen die aus dem Bade zurückgekehrt
nicht füglich länger bei ihrer Freundin in dem Stifte verweilen konnte
    Weil man es unter den obwaltenden Umständen in keiner Rücksicht angemessen
fand eine große Feierlichkeit bei der Hochzeit zu veranstalten hatte man keine
besonderen Vorkehrungen für dieselbe zu treffen Renatus hatte seinen ältesten
Oheim den Majoratsherrn Grafen Felix Berka aufgefordert Zeuge seiner
Vermählung zu sein indes derselbe hatte geschrieben dass ein Unwohlsein ihn
daran hindere In früheren Jahren würde Renatus gegen eine solche Angabe keinen
Zweifel gehegt haben jetzt fragte er sich ob sein Oheim wirklich krank sei
oder ob er nur eine Krankheit vorschütze um einem Begegnen mit dem Neffen und
einem Besuche in Richten auszuweichen und leider irrte er sich in dieser
Voraussetzung nicht
    Der Graf war immer ein guter Haushalter gewesen und Erfahrung hatte ihn
klug und noch vorsichtiger gemacht Die Artensche Lebensweise hatte seinem
Sinne nie zugesagt er hatte die zweite späte Heirat seines Schwagers des
Freiherrn Franz eben so missbilligt wie die frühzeitige Verlobung von Renatus
dessen jetzige Handlungsweise er vollends hart beurteilte und eben weil er
gern auf seiner Hut war weil er sich gern berühmte ein tüchtiger Landwirt zu
sein und wie ein solcher auch seinem einfachen Bauernverstande zu folgen hielt
er es für geraten die Hand von einem Wagen loszulassen der von einer Höhe in
das Hinunterrollen gekommen war
    Renatus hatte Tag und Stunde seiner Ankunft festgesetzt Cäcilie und Valerio
waren ihm bis zu dem bekannten letzten Anhaltspunkte entgegengeritten und da
der warme Mittag des sonnigen Herbsttages es ihm möglich gemacht hatte das
Verdeck seines Wagens zurückschlagen zu lassen sah und erkannte er die Geliebte
schon von Weitem Er war glücklich als er die schlanke und doch so volle
Gestalt vom Pferde hob glücklich als er sie nach den Tagen eines schmerzlichen
Entbehrens wieder in seine Arme schloss als er sie neben sich im Wagen hatte und
ihr von den mannigfachen Mühen und kleinen Plagen erzählen konnte welche er für
ihr künftiges Wohlbefinden in der gemeinsamen Heimat getragen hatte
    Indes diese Zufriedenheit verminderte sich als man auf die Artenschen
Güter kam denn unwillkürlich drängte es sich dem jungen Freiherrn in den Sinn
dass dies gleichsam Cäciliens Brautfahrt sei und wie ganz anders sein Vater einst
seine Mutter in Richten eingeführt habe In mancher guten Stunde seiner Kindheit
hatte die Mutter ihm mit gerührter Erinnerung davon erzählt wie die Schulzen
und Schulmeister der Dörfer geführt von dem Neudorfer greisen Pfarrer und von
der ganzen Schaar der Kinder gefolgt sie unter der Ehrenpforte begrüßt die man
an der Grenze der Güter zu ihrem Empfange aufgerichtet hatte Wer aber von den
Bauern und Instleuten machte heute in Neudorf und Rotenfeld Vorbereitungen für
die am nächsten Morgen bevorstehende Hochzeit des jungen Freiherrn Sie wussten
dass die Übergabe der Güter in wenig Tagen vor der Tür stand und wenn sie von
dem jungen Herrn auf ihre Weise auch viel hielten so war es ihnen doch
willkommen den jetzigen Amtmann los zu werden und es künftig wieder mit einem
von den Steinerts zu tun zu haben die auf den Gütern heimisch waren und es
wussten was möglich sei und was einmal nicht möglich sei
    Cäcilie konnte nicht begreifen was ihren Bräutigam so ernstaft stimme was
die weiche wehmütige Zärtlichkeit bedeute mit der er sie umarmte und
behandelte und er liebte sie so sehr dass er ihrs nicht sagte Aber diese
Liebe ward ihm selbst zum Troste und zur Beruhigung denn in ihr in seiner
Reinheit in seinem ungeteilten Empfinden konnte er seiner künftigen Gattin
bieten was sein Vater seiner Mutter nicht hatte gewähren können und er gelobte
es sich fest dass Cäcilie glücklicher als seine Mutter es gewesen dass seine
Ehe eine schöne und würdige werden solle Sein Wille seine Vorsätze waren die
allerbesten
    Er hatte an dem Tage noch eine Menge alter Familienpapiere zu ordnen die er
mit sich nach der Stadt zu nehmen wünschte und Cäcilie vor der er kein
Geheimnis hatte leistete ihm dabei freundlich ihren Beistand Dieses erste
gemeinsame Arbeiten half ihm über das Unbehagen fort das ihn bei dem Eintritte
in die altbekannten Räume zuerst befallen hatte denn eben aus dem Arbeitszimmer
seines Vaters und aus den eigentlichen Wohnzimmern hatte er die Möbel und
Kronleuchter die Bilder und die Zieraten in seine künftige Wohnung hinüber
genommen und die leeren Gemächer starrten ihn mit kalter vorwurfsvoller Öde
an Er war froh als er seine Arbeit beendet als er die notwendigen
Besprechungen mit dem Amtmanne gehabt hatte und als er gegen den Abend hin sein
müdes Haupt in Vittorias Zimmer an den Busen seiner Cäcilie lehnen und an
ihrer Schulter ruhen lassen konnte
    Die Gräfin sah er wenig Sie war den ganzen Nachmittag in ihrer Wohnung
geblieben sie schrieb an Hildegard die Neuvermählten sollten am anderen Tage
die Briefe bis zur Hauptstadt mit sich nehmen
    Die Trauung war gleich auf den nächsten Mittag festgesetzt denn Renatus
hatte nur einen möglichst kurzen Urlaub fordern mögen Der Morgen brach mit
leichtem Nebel an aber die strahlende Freude seiner Braut ersetzte für den
Bräutigam das Licht der Sonne das nicht recht zum Vorschein kam Cäcilie ließ
hier in Richten nichts zurück wonach ihr Herz sich sehnen konnte und ihre
höchsten Wünsche sollten heute in Erfüllung gehen Sie wurde wider all ihr
Hoffen und Erwarten dem Manne verbunden den sie von frühester Jugend an geliebt
hatte und sie kehrte mit der Aussicht auf die erwünschtesten Verhältnisse in
die Stadt zurück nach der ihre heimliche Sehnsucht nie erloschen war Freilich
sah sie den Schatten der sich oft über des Geliebten klare Stirne senkte aber
sie beunruhigte sich darüber nicht Es dünkte sie ganz natürlich dass er der
andere Rückerinnerungen hatte sich dieser eben heute nicht erwehren konnte Sie
glaubte es sei der Gedanke an Hildegard der ihn bewege und sie missgönnte das
der Schwester nicht
    Sie sprach das dem Bräutigam auch aus Er nannte sie ein schönes Herz er
küsste sie er verhieß ihr dass sie dieses Tages stets mit Freude denken solle
aber seine Wehmut wollte doch nicht schwinden
    Ihn zu erheitern schlug sie ihm vor als Brautleute noch einen letzten
Spaziergang zu machen Er zeigte sich bereit dazu Arm in Arm gingen sie aus dem
Parke in das Freie hinaus
    Der Sommer war sehr günstig gewesen Große und lang andauernde Wärme hatte
mit reichlichem Regen abgewechselt und das Wachstum der Bäume wie das Reifen
der Frucht ungewöhnlich gefördert Alles war in diesem Jahre wie der Amtmann es
dem jungen Freiherrn im Frühlinge richtig vorausgesagt hatte mächtig vorwärts
gekommen Alles früh geerntet worden aber weil die Wärme noch im Herbste
fortdauerte und überall noch neues Leben erschuf und das Vorhandene erhielt
merkte man es nicht sonderlich dass die Felder schon kahl waren und das Laub an
den Bäumen sich je nach seiner Weise rot und gelb gefärbt hatte Wo es zur Erde
fiel wuchs noch überall frisches neues Gras empor und verdeckte den
Niederfall so dass die welken Blätter nur wie Blumen aus dem Grün hervorsahn
und das Abgestorbene selbst nur dazu beitrug das Lebendige zu verschönen Über
den grünen Kronen der Eichen und Linden leuchteten die Wipfel schon herbstlich
gelb und feuerrot umgaben die Blätter des wilden Weines mit seinen
langstengligen violetten Trauben den von unzähligen Silberfäden übersponnenen
Schlehdorn der auf den Rainen zwischen den einzelnen Feldern wuchs und grünte
    Der Tag hellte sich selbst gegen den Mittag nicht vollkommen auf aber die
Luft war mild Der feine Nebel der über der ganzen Gegend liegen blieb hatte
noch nichts Herbstliches an sich Nur wie ein vorübergehender Gast zog er durch
die Gegend man fühlte dass er noch nicht schwer und dicht genug sei sich
dauernd in ihr festzusetzen Er zog gewiss in wenig Stunden fort
    Ach auch Renatus zog in wenig Stunden fort und wenn er wiederkehrte  war
dies alles nicht mehr sein
    Wie ihr Weg sich wendete kam der Duft der letzten Heumahd zu ihnen herüber
traf der Geruch des abwelkenden Kartoffelkrautes hier und da den Sinn Auf den
frisch geackerten Feldern streiften Dohlenschwärme hüpfend umher die Nahrung zu
suchen welche Pflug und Egge für sie aus der Tiefe hervorgeholt hatten und
schwangen sich dann rauschend in die Luft im schnellen Fluge einen andern Acker
zu besuchen Hier sprang ein Hase mit gespjetztem Ohr in weiten Sätzen durch ein
Kohlfeld in das Weite dort schoss aus einem Kartoffelfelde dicht vor den Augen
der Frauen welche die Ernte in Säcke einsammelten ein Volk Rebhühner den Hahn
an der Spitze knatternd empor Die Gänse auf dem nahen Stoppelfelde reckten
darüber verwundert die Hälse in die Höhe und bellend folgte ihnen der Hund des
Verwalters der die Aufsicht über die Ernte führte
    Welch prächtige Jagden hatte man zu des verstorbenen Freiherrn Zeiten auf
diesen Feldern gehabt Welch lustige Jagden noch in den Jahren als Renatus mit
seinem Regimente vor dem russischen Kriege nach Richten gekommen war
    Er musste sich heute der rückblickenden Gedanken zu entschlagen suchen sie
taten ihm nicht wohl an den Genuss der Stunde musste er sich zu halten suchen
und sie sahen ja auch so schön aus diese rotblühenden Tabacksfelder sie waren
ihm schon in seiner Kindheit mit den fremdländischen Blättern und Blüten eine
Augenlust gewesen
    Die Vögel sangen noch in den Zweigen aber sie lockten nicht mehr Es war
Alles erreicht Alles gesättigt Es lag die sanfteste Ruhe über der Gegend jene
Ruhe die es erraten lässt dass die Stunde des Schlummers nicht mehr fern ist
und dass er sich bald herniedersenken werde Die schwermütige Empfindung des
Freiherrn wurde immer mächtiger Er hatte stets ein lebhaftes Gefühl für die
Schönheit der Natur gehabt und sie war ihm nirgends lieblicher nirgends
anmutender erschienen als auf dem Boden den er sein eigen genannt hatte bis
auf diesen Tag Jetzt erst gewahrte er wie viel Anteil er in diesem letzten
Sommer mittelbar an den wechselnden Beschäftigungen auf den Gütern genommen
hatte wie viel Freude das Wachsen und Gedeihen dessen was sein gewesen ihm
fast ohne dass er sich dessen bewusst gewesen war bereitet hatte Er musste seiner
Braut den Vorschlag zur Heimkehr machen wenn er sie nicht erkennen lassen
wollte was in ihm vorging  und es war ja ihr Hochzeitstag
    Um zwei Uhr fuhr man nach der Kirche Vorauf der Edelmann mit welchem
Renatus bei Steinert gewesen war und ein anderer seiner näheren Bekannten aus
der Nachbarschaft Sie waren die Trauzeugen des freiherrlichen Paares Dann die
Gräfin und Vittoria mit ihrem Sohne das Brautpaar machte den Schluss
    Sonst hatten die Landleute sich von der katholischen Kirche fern gehalten
heute war sie voll von Menschen Sie waren aus allen drei Dörfern
herbeigekommen der Trauung beizuwohnen den jungen Herrn noch einmal zu sehen
und sie die trotz ihrer verhältnissmässigen Armut sich die lustige Hochzeit
nicht leicht versagten hatten Mitleid mit dem Freiherrn der nicht mehr ihr
Herr war Es war anders gewesen vor jenen Jahren als der Vater und vollends als
der Großvater des jungen Freiherrn geheiratet hatten Es lebten noch alte
Leute die von ihren Eltern davon erzählen hören wie dazumal die Wagen
vorgefahren waren vor das Schloss wie das ganze Schloss und der Park erleuchtet
gewesen waren und die großen Pechtonnen überall gebrannt hatten
    Etwas von diesen Erinnerungen mochte wohl auch in dem Geiste des Bräutigams
wieder lebendig werden Er war sehr ernst das war natürlich aber er war
auffallend bleich Was er dachte Er konnte es in diesem Augenblicke nicht
sagen indes Cäcilie verstand ihn und es ging ihr tief zu Herzen als der
Geistliche sie für die Ehe einsegnete und sie den festen treuen Druck von des
Geliebten Hand empfand
    Auf gute und auf böse Tage für Leben und Tod sollte dieses unauflösliche
Testament sie verbinden und Renatus wusste was er damit übernahm und war in
sich entschlossen es zu halten Seit er zu einem eigenen Urteile gekommen war
hatte er immer groß von der Ehe gedacht und seine Liebe für Cäcilie machte ihm
zum Glücke was er ohnehin als seine Pflicht erkannte
    Durch das hohe Portal des schönen Baues fiel hell die Sonne herein als das
Brautpaar vom Altar kommend in das Freie trat Sie war zum ersten Male an
diesem Tage zum Durchbruche gekommen
    Das soll uns ein gutes Zeichen sein sagte Renatus zärtlich fasse Mut wie
ich wir werden glücklich sein
    Die Worte erschreckten Cäcilie Sie hatte nie an ihrem Glücke gezweifelt
sie war glücklich und es freute sie Alles der Sonnenschein und die Glückwünsche
der beiden sie begleitenden Freunde welche sie Frau Baronin nannten und der
Zudrang der Frauen aus den Dörfern die ihr schönes Hochzeitskleid so nahe als
möglich sehen wollten und das oft wiederholte Leben Sie wohl gnädiger Herr
Leben Sie wohl gnädiger Herr  bei dem die Alten weinten und das dem Freiherrn
fast das Herz zerriss
    Während man noch unter dem Portale stand und der Wagen vorfuhr fielen die
Augen der jungen Frau auf das Gärtchen welches die Gruft umgab Die weißen
Rosen welche der verstorbene Kaplan dort nach dem Kriege neu gepflanzt hatte
und zu deren Füßen er begraben worden war blühten von dem milden Herbste
begünstigt noch in voller Pracht Auch Renatus hatte seine Blicke dorthin
gewendet Sollte dieser kleine Raum doch bald das Einzige sein was ihm von dem
Besitze der beiden großen Güter Neudorf und Rotenfeld verblieb und als errate
seine junge Frau was in seinem Innern vorging sprach sie den Wunsch aus eine
von diesen weißen Rosen zum Andenken mit sich zu nehmen
    Valerio eilte einen Zweig zu brechen und reichte ihn der Schwägerin wie
er Cäcilie mit Selbstbewusstsein nannte als sie die Blume aber an ihrer Brust
befestigen wollte hielt Renatus sie davon zurück Die weiße Rose hatte in dem
Artenschen Geschlechte wie Mamsell Marianne ihm als Knaben erzählt immer eine
traurige Bedeutung für die Frauen gehabt er wollte nicht dass seine Frau sich
heute eben heute mit den weißen Rosen schmücken sollte die vor der
Familiengruft erwachsen waren und ihr die Rose abnehmend steckte er sie in das
Knopfloch seines Rockes Selbst den Schatten einer übelen Vorbedeutung wollte er
von dem Weibe abwenden das er liebte und das sich und seine Wohlfahrt ihm für
die Zukunft anvertraute
    Das Mittagbrod war weil die eigentlichen Empfangszimmer jetzt der gehörigen
Einrichtung entbehrten in dem Ahnensaale hergerichtet worden Man hatte ihn mit
Laub und Blumen freundlich aufgeschmückt aber er war zu groß viel zu groß für
die kleine Tafel für die geringe Anzahl von Personen und Renatus wie seine
beiden Freunde empfanden dieses Missverhältnis lebhaft Die Trinksprüche welche
sie auszubringen für Pflicht erachteten die Erinnerung an die Ahnenreihe die
man eben in diesem Raume bei solchem Anlasse wachzurufen kaum unterlassen
konnte hatten etwas Peinliches für alle Teile und die schlecht verhehlte
Traurigkeit die bei jedem Anlasse hervorbrechenden Tränen der Gräfin waren
auch nicht dazu angetan dem jungen Freiherrn die Seele zu befreien Er wusste
wem vor Allen diese Tränen flossen Das Einzige was ihm das Herz erhob war
Cäciliens ungetrübte Freude war die Hingegebenheit mit welcher sie in seine
Arme sank
    Er war froh als er am andern Tage sein Schloss verlassen hatte als die
Grenzsteine der Artenschen Güter hinter ihm lagen und er mit seinem jungen
Weibe einem eigenen neuen Leben entgegenging Das öde gewordene Schloss hatte
allen heimatlichen Reiz für ihn verloren es war ihm nur noch eine traurige
Mahnung an bessere Tage gewesen und er hatte die Stunde es zu verlassen kaum
erwarten können
    Die jungen Eheleute legten den Weg nach der Residenz so schnell zurück als
die damaligen Verhältnisse es gestatten wollten Cäciliens tüchtige Gesundheit
hatte eine solche Anstrengung nicht zu scheuen und Renatus war nicht mehr sein
eigener Herr Der Dienst nötigte ihn Zeit und Stunde einzuhalten
    Voll der hellsten Erwartungen langte die junge Frau in der Hauptstadt an
und ihres Gatten Liebe hatte all ihr Hoffen zu übertreffen gewusst Gegen das
weite in jedem Sinne unwirtlich gewordene Schloss nahm sich das wohnliche
Stadtaus um so freundlicher aus und selbst den Freiherrn wollte es bedünken
als genieße er die Gegenstände welche er aus Richten hieher verpflanzt hatte
hier mehr als dort weil man sie näher beisammen hatte Cäcilie aber die sich
erst jetzt als die Besitzerin dieser Einrichtung zu denken anfing die nebenher
ihrem Gatten für die vorsorgliche Großmut zu danken hatte mit welcher er allem
ihrem Bedürfen begegnet war kannte in ihrer Freude keine Grenze und das
Bewusstsein hier von jetzt an unumschränkte Herrin zu sein Alles nach eigenem
Gefallen und Ermessen ordnen und bestimmen zu können gab ihr schnell ein
gewisses Selbstgefühl das ihr sehr wohl anstand
    Wohin Renatus mit seiner jungen Gattin in den ersten Tagen kam auf den
Spaziergängen bei den Fahrten im Parke im Theater und in dem zufälligen
Zusammentreffen mit seinen näheren Bekannten sah er es mit Genugtuung wie die
Blicke der Männer ihr wohlgefällig folgten wie die unverhohlene Äußerung ihres
Vergnügens ihr schnell die Neigung aller derjenigen Personen gewann welche sich
an der Natürlichkeit und Ursprünglichkeit eines Andern zu erfreuen vermögen
aber es entging ihm daneben nicht dass die Frauen ihr die gleiche Gunst nicht
angedeihen ließ Ihr selber fiel es auf wie geflissentlich man sich danach
erkundigte ob ihre Mutter auch nach der Hauptstadt kommen werde ob sie der
Trauung beigewohnt habe oder ob dieselbe bei ihrer leidenden Tochter im Stifte
gewesen sei Und ehe Cäcilie noch auf solche Fragen Antwort erteilen konnte
war man in der Regel in eine so übertriebene Lobpreisung der abwesenden
Schwester verfallen dass sie zu einer Kränkung für Cäcilie wurde
    Es ist unerträglich rief Renatus ungeduldig aus als er seine Frau einer
ihrer Anverwandten zugeführt hatte welche OberHofmeisterin und von dem Könige
wohl gelitten war Diese Heiligsprechung Deiner Schwester soll mir und Dir ein
Vorwurf sein und wir danken sie ohne Frage eben so wohl Hildegarden selbst als
Deiner Mutter und meinem Oheim Gerhard Wir werden nötig haben auf unserer Hut
zu sein
    Cäcilie welche die Welt nicht kannte wollte davon nichts hören Sie war in
dem Besitze ihres Gatten so wohlbefriedigt dass sie der Schwester welche solch
ein Glück entbehrte jede Anerkennung dass sie ihr alles was dieselbe nur
irgend erfreuen konnte von ganzem Herzen wünschte und ein förderliches
Ereignis kam dazu Cäciliens unbedingtes Vertrauen in ihre Zukunft zu erhöhen
und zu festigen
    In den Regimentern welche eben jetzt erst aus Frankreich zurückgekehrt
waren fand die erwartete Entlassung der älteren Offiziere Statt und da auch
einige jüngere Offiziere nach dem beendeten Feldzuge den Abschied forderten
erhielt Renatus kurz nach seiner Hochzeit und wenige Tage nachdem die Übergabe
seiner Güter an ihre neuen Eigentümer erfolgt war seine Ernennung zum Major
    Er hatte darauf mit einer gewissen Sicherheit rechnen können dennoch
überraschte ihn das Zutreffen dieser Voraussicht angenehm Er gewann damit eine
neue selbsterworbene Bedeutung in dem Augenblicke in welchem er auf den
größeren Teil seiner ererbten Güter hatte verzichten müssen und der Besitz des
neuen Grades würde ihn noch mehr befriedigt haben wäre durch die Erlangung
desselben nicht seinem Selbstgefühle eine Beschränkung auferlegt worden die er
vielleicht in keinem andern Zeitpunkte als eine solche angesehen haben würde
gegen die er aber eben jetzt empfindlich war
    Er war sehr jung Offizier geworden hatte im Felde die fortschreitenden
Grade und frühzeitig die Schwadron erhalten aber er war der Gesellschaft
gegenüber und überall wo er sich nicht im militärischen Dienste befunden hatte
der Freiherr von Arten geblieben Niemand hatte ihn Lieutenant oder Rittmeister
genannt seine persönliche Bedeutung als ein Edelmann aus altem Hause hatte über
seinem Amte gestanden Er hatte auch seinen Dienst immer nur als eine freiwillig
übernommene Leistung angesehen von der er sich entbinden konnte sobald es ihm
beliebte sich auf seine Güter zurückzuziehen und dort in der vollen
Unabhängigkeit des grundbesitzenden Edelmannes seine Tage zu verleben Das
Gehalt welches er als Offizier bezogen war ihm stets unwesentlich erschienen
neben den standesmässigen Bedürfnissen eines Freiherrn von ArtenRichten und er
hatte sich und Anderen oft den Ausspruch seines Vaters wiederholt dass ein
Edelmann immer dem Könige ein Opfer bringe wenn er fern von seinen Gütern im
Heere dienend auf alle die Annehmlichkeiten verzichte deren er in seinem
Schloss und auf seinem Grund und Boden sicher sei während er in der Stadt zu
einem Geldaufwande genötigt werde welcher in gar keinem Verhältnisse zu seinem
Solde stehe
    Jetzt aber war das alles anders geworden Renatus konnte zwar noch an jedem
Tage den Abschied nehmen um als ein Landedelmann auf seinem Grunde und Boden zu
leben aber die Ausdehnung dieses Grundes und Bodens war nicht mehr die alte er
war kaum noch zum dritten Teile sein eigen und selbst über dieses Dritteil
seines einstigen Besitzes hatte er nicht mehr die Möglichkeit einer völlig
freien Verfügung Nur im Schloss und im Parke konnte er noch nach seinem
Belieben schalten und auch das Schloss war jetzt nicht mehr die alte wohnliche
und prächtige Heimat nach welcher seine Gedanken wo er sich auch befunden
hatte immer gern gewandert waren Die Eindrücke welche er in seiner letzten
Anwesenheit in Richten empfangen hatte waren ihm sehr quälend gewesen Die
bloße Vorstellung durch Neudorf und durch Rotenfeld als ein Fremder hinfahren
zu sollen widerstrebte ihm Er mochte auch mit dem Amtmanne nichts zu tun
haben der für sechs Jahre jetzt in Richten Herr war er würde sich in seinem
Parke wie ein Gefangener erschienen sein da er außerhalb desselben nicht mehr
unumschränkt gebot mit Einem Worte er mochte nicht mehr gern an Richten
denken es hatte aufgehört die Heimat für ihn zu sein und sein Majorsgehalt
war jetzt nicht mehr ein unwesentlicher Teil in seinen Einkünften er war auf
dasselbe mit seinen Bedürfnissen zum Teile angewiesen Die Pferde der Diener
welche der Staat jedem Offizier hält waren ihm jetzt eine Erleichterung die er
nicht wohl entbehren konnte Er musste darauf sehen sich auszuzeichnen wenn er
vorwärts kommen wenn er seine gesellschaftliche Stellung behaupten wollte und
vorwärts kommen hieß jetzt für den Freiherrn im militärischen Dienste Stufe um
Stufe ersteigen Er war mit seiner Zukunft an den Dienst gekettet Er lebte wo
der Dienst es forderte er ging wohin man ihn schickte er tat was man ihm
gebot er trug das Kleid welches der Geschmack des Königs ihm vorzuschreiben
für gut befand er durfte an des Königs Rock nach freier Wahl nichts ändern und
er musste ihn hinwiederum ändern und ihn anlegen wie des Königs Willkür es
bestimmte Er schnitt sein Haar wie es befohlen war und Zeit und Stunde waren
nicht mehr sein Er war in keinem Sinne mehr sein eigener Herr kein freier Mann
mehr nicht mehr der wahre Freiherr von ArtenRichten Er war der Major von
Arten er war ein Diener  wenn auch eines Königs Diener geworden und es lebte
genug von dem alten freiherrlichen Stolze seines Hauses in ihm ihn seine
Abhängigkeit in einzelnen Augenblicken bitter und schwer empfinden zu lassen
    Er konnte es Anfangs nicht verschmerzen dass man ihn nicht mehr als Baron
nicht mehr als Freiherr von Arten ansprach dass man ihn nicht mit seinem Namen
sondern mit seinem Titel anredete um ihm eine Ehre zu erweisen er hätte wie
sein Vater und dessen Väter alle nur er selber nur Herr auf seinem Schloss
sein mögen  aber es war zu spät Er hatte keine Wahl mehr er musste vorwärts
    Vorwärts ging er also und die umgestaltende Überlegung die Trösterin
aller derjenigen welche einer Beschönigung für ihre Verhältnisse bedürfen kam
auch ihm zu Hilfe indem sie ihn antrieb seinen besonderen Fall in dem Lichte
einer allgemeinen Notwendigkeit zu betrachten
    Er sagte sich dass seit Jahrhunderten der Adel in allen europäischen Staaten
sich um die Throne geschaart und in den Dienst der Fürsten begeben habe mit
denen er auf diese Weise ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz und
Trutzbündniss eingegangen sei Die Fürsten und der Adel standen jetzt fast immer
und fast überall für einander ein waren wie Renatus dessen eben erst in
Frankreich Zeuge gewesen war auf einander angewiesen und standen und fielen mit
einander Renatus folgte also gleichsam einem Naturgesetze wenn er sich der
Minderheit so fest als möglich anschloss in welcher er geboren worden war jener
Minderheit die sich das Herrschen als ihr angestammtes Recht zuschrieb und sich
nur erhalten konnte durch Einigkeit in sich und Einigkeit wider alles was sich
ihr widersetzte
    Er war als er sich noch im vollen Besitze aller seiner Güter geglaubt
hatte nur mit Widerstreben in das Heer getreten und die Zeitverhältnisse
hatten ihm in demselben zu bleiben geboten obschon sein Sinn von Natur dem
Kriege eben so wenig als der strengen Disziplin geneigt gewesen war Jetzt aber
waren das Heer der Dienst ihm eine Zuflucht und ein Anhalt jetzt bedurfte er
des königlichen Schutzes der Gnade seines Herrn Er wünschte für sich und die
Seinigen die persönliche Gunst des Königs zu erwerben Er hatte es in Frankreich
kennen gelernt welche Vorteile es gewähren kann sich in dem Kreise der
Gnadensonne zu bewegen und wie er bei dem Beginne seiner Ehe voll der besten
Vorsätze für dieselbe gewesen war so war er bei der Übernahme seines neuen
Amtes auch entschlossen mit Selbstverläugnung ein unbedingt ergebener Diener
seines Herrn und Königs zu sein
 
                                  Fünftes Buch
                                 Erstes Kapitel
Unser Leben würde sehr leicht sein wenn wir uns an dem Tage an welchem wir es
aus Überzeugung oder aus Notwendigkeit umgestalten wollen nicht eben auf
demselben Boden befänden und auf ihm weiter gehen müssten aus welchem unsere
ganze Vergangenheit erwachsen ist es würde gar leicht sein wenn unser neues
Gewand bei dem Fluge mit dem wir uns emporzuschwingen denken nicht hier an den
dürren Ästen eines alten Baumstammes hängen bliebe den vielleicht einer
unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem Wege fortzuräumen
wir verabsäumt haben wenn nicht dort Gestrüpp und Ranken in deren Bereich wir
uns umhergetrieben unsere freie Bewegung hinderten wenn wir es allein mit uns
und mit der Zukunft statt mit der Gesammteit der wir angehören und mit ihrer
und unserer ganzen Vergangenheit zu tun hätten Das sollte der Major von Arten
an sich selbst erfahren
    Allerdings fand er es in keiner Weise schwer sich in seinem Regimente so zu
stellen wie er es beabsichtigte Man hatte ihn immer gern gehabt er besaß
nichts von jener herausfordernden Selbständigkeit welche einen Mann unbequem
für seine Vorgesetzten oder drückend für seine Untergebenen macht und in einer
Zeit in welcher in der Armee der militärische Geist und das Gamaschenwesen im
Gegensatze zu dem bürgerlichen Geiste und dem auf den Universitäten noch nicht
unterdrückten Freiheitssinne mit großer Geflissenheit begünstigt wurden
konnten der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit mit welchen der Major von
Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur Ausführung zu bringen
strebte nicht unbeachtet bleiben Dazu wollte es das Glück dass einer der
königlichen Prinzen Inhaber des Regiments war dass Renatus also seine Tätigkeit
unter dessen Augen entwickeln konnte und dass der Prinz selber ihn dem Könige mit
einem anerkennenden Worte vorzustellen sich geneigt erwies
    Es war schon im Beginne der kalten Jahreszeit als man zu Ehren eines von
seinen Reisen nach Russland zurückkehrenden Grossfürsten noch eine der großen
Paraden abhielt welche sonst in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden
pflegten Die Straßen welche nach den Linden führten waren für den Verkehr
gesperrt und die Fremden welche in ihren eigenen Wagen denn von der Zeit der
Eisenbahnen war man noch weit entfernt während dieser Stunden in der Hauptstadt
eintrafen hatten Not nach den Unter den Linden gelegenen Gastöfen zu
gelangen Sie mussten ihre Fuhrwerke jenseit der abgesperrten Straßen unter
Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg nach den gewählten Häusern zu
Fuß zu finden suchen
    So langte denn während jener großen Parade als die allgemeine
Aufmerksamkeit der Menge sich auf den König und den russischen Gast gewendet
hatte welche von ihrem prächtigen Gefolge begleitet langsam an den regungslos
da stehenden Reihen der Regimenter vorüberritten in dem berühmtesten Gasthofe
jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an Der Diener welcher sie
begleitete forderte zwei herrschaftliche Zimmer und zwei Stuben für die
Dienerschaft nebst einem Unterkommen für den Reisewagen mit dem die Kammerfrau
jenseit des gezogenen Kordons zurückgeblieben war
    Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel eingehüllt ein
tiefgehender Hut ein dichter Schleier verbargen ihr Gesicht aber ihre hohe
Gestalt und ihre gebieterische Haltung kennzeichneten sich trotzdem Sie hörte
der flüchtigen Verhandlung welche ihr Diener mit dem Besitzer des Hauses pflog
schweigend zu und folgte dann dem Wirte der mit sicherem Blicke eine vornehme
Frau in seinem neuen Gaste erkennend ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt
um ihr die von ihr gewünschten Räume anzuweisen
    Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt warf sie noch ehe ihr Diener oder der
Wirt ihr dabei Hilfe leisten konnten Hut und Mantel von sich und sich zu dem
Wirte wendend fragte sie Französisch sprechend ob er ein Verzeichnis der
Fremden besitze welche sich in diesem Augenblicke in der Stadt befänden
    Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer Schönheit die trotz
ihrer Blässe und den Leidensspuren in ihrem Antlitze noch etwas Überwältigendes
hatten bejahte der Wirt die Frage und alle seine andern Anerbietungen von
sich weisend befahl sie ihrem Diener mit dem Wirte hinab zu gehen und ihr
das betreffende Blatt herbei zu schaffen
    Unruhig schritt sie während dessen in dem saalartigen großen Gemache auf
und nieder Sie trat an das Fenster und blickte hinaus aber weder die fremde
Stadt noch das kriegerische Gepränge das sich vor ihren Augen entwickelte
selbst nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch nur für
Sekunden zu fesseln Gleichgültig als hätte sie in eine Öde oder in die
Dunkelheit hineingeschaut wendete sie sich in das Zimmer zurück und nur nach
ihrer Uhr sah sie zu verschiedenen Malen als vergesse sie von einer Minute zu
der andern was sie gesehen habe und als hange doch Alles für sie daran genau
zu wissen wie weit die Stunde vorgeschritten sei
    Mit einer Ungeduld welche sich in jeder ihrer Bewegungen verriet trat sie
ihrem Diener entgegen Sie nahm ihm das Zeitungsblatt aus der Hand und es mit
raschem Auge durchfliegend blieb ihr Blick endlich auf einer Stelle des
Verzeichnisses haften Sie las sie zwei drei Mal als wolle sie sich ihrer
Sache sicher machen als wolle sie die Namen nicht vergessen und das Blatt auf
den Tisch niederlegend befahl sie dem Diener während sie die Notiz in ihr
Taschenbuch verzeichnete ihr den Mantel zu reichen
    Zögernd blieb der Alte stehen Sie wollen wieder fort Mylady fragte er mit
sichtlicher Besorgnis Vier Tage und vier Nächte sind Sie in keinem Bette
gewesen Sie halten es nicht aus Sie haben wahrlich Ruhe nötig Mylady
    Hast Du die Phrase auch gelernt rief sie und ein eisiges Lächeln glitt
über ihr stolzes schönes Antlitz Sei ohne Furcht Du sollst schlafen diese
Nacht jetzt aber komm
    Sie hatte ihren Mantel selbst über ihre Schultern geworfen und der Türe
zuschreitend gebot sie dem Alten einen Lohndiener anzunehmen der sie nach dem
Gasthofe führen könne dessen Namen sie dem Diener angab
    Der Alte aber trat ihr in den Weg Mylady sagte er nur das nicht nur das
tun Sie nicht Ich habe die selige Frau Gräfin noch auf meinem Arme getragen
und das Wappenschild über der Türe befestigt als wir sie verloren haben Was
Sie von mir verlangt haben ich habe es getan Mylady und ich habe mich nicht
unterfangen zu fragen was Sie beabsichtigten denn das war nicht meines Amtes
Aber heute heute beschwöre ich Sie gehen Sie den Weg nicht den Sie jetzt eben
gehen wollen  gehen Sie ihn nicht Es ist Ihr Untergang Mylady
    Sie blieb stehen das gab dem Alten Mut Lassen Sie mich gehen schreiben
Sie Mylady Ich will eilen schneller als Sie jetzt durch die abgesperrten
Straßen und durch die Menschenmenge dringen können 
    Ich kann nicht  kann nicht schreiben rief die Herrin ungeduldig
    So will ich ihm sagen dass Sie hier sind will ihn holen 
    Du  ihn Sie lachte Du  ihn  wenn meine flehenden Bitten meine
verzweifelnden Tränen ihn nicht halten konnten
    Aber was hoffen Sie was wünschen was wollen Sie denn jetzt Mylady
    Sie gab ihm keine Antwort und mit festem Schritte an ihm vorübergehend
verließ sie das Gemach Der Alte folgte ihr mit einem schweren Seufzer nach
    Durch Seitenstrassen auf weiten Umwegen führte der Lohndiener sie nach dem
Gasthofe dessen Namen man ihm aufgegeben hatte Es war gegen den Mittag hin
die Kellner in dem Hause mit Vorbereitungen für die Mahlzeit beschäftigt Das
Kommen der Fremden ward nur von dem Hauswart bemerkt Sie selber erkundigte
sich ob derjenige den sie suchte zu Hause sei Der Hauswart verneinte es
wusste aber dass er zur Mahlzeit wiederkehren werde
    Oeffnen Sie mir sein Zimmer ich werde ihn erwarten befahl die Dame in
einem Tone welcher es deutlich verriet sie sei gewohnt dass man ihr gehorche
Trotzdem zögerte der Hauswart ihr Folge zu leisten und erst die Weisung des
ihm bekannten Lohndieners bestimmte ihn dem Verlangen der Fremden zu
willfahren
    Fest entschlossen wie ihr ganzes Wesen sich kund gab betrat sie das
Gemach Sie schien ruhiger zu werden als sie sich in demselben befand Sie
legte den Mantel und den Hut von sich und setzte sich nieder Sie hatte das noch
nicht getan seit sie ihren Wagen verlassen hatte Ihr Diener und der Führer
entfernten sich auf ihren Wink
    Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war blieb sie jetzt
regungslos auf dem erwählten Platze sitzen So oft ein Fußtritt auf der Treppe
hörbar wurde so oft man sich von außen im Vorübergehen dem Zimmer näherte
schreckte sie zusammen schien sie sich erheben zu wollen indes sie überwand
sich und die Hand auf die Lehne des Sessels gepresst die Lippen fest
geschlossen hielt sie ihr Auge mit höchster Spannung auf die Türe gerichtet
während ihre Wangen noch blässer wurden und ihr Busen sich unter ihrer
wachsenden Aufregung angstvoll hob und senkte Denn abermals kam es die Treppe
hinauf wieder schritt es den Gang entlang wieder näherte sich Jemand mit
raschem Schritte dieser Türe und diesen Schritt den kannte sie
    Mit beiden Händen fuhr sie sich nach dem Kopfe nach dem Herzen als sich
draußen eine Hand auf den Drücker legte Jetzt öffnete die Türe sich jetzt
trat er ein
    Und wie sie sich erhob wie sie hoch aufgerichtet vor ihm stehen blieb da
wich auch aus seinen Wangen ihm das Blut und wider seinen Willen erschreckend
über die Verheerung welche die kurze Spanne Zeit in dieses Weibes hoher
Schönheit angerichtet hatte rief er die Hände wie zur Abwehr gegen sie
erhoben Eleonore  Sie hier
    Indes sein Anblick der Ton seiner Stimme schienen sie zu beruhigen
gleichviel was er auch sagte sie sah sie hörte ihn doch Sie ließ sich auf
den Sessel niederfallen ihre Arme sanken schlaff herab und mit einer
Weichheit welche gegen ihre bisherige Gewaltsamkeit noch auffallender erschien
sagte sie während ihr Auge auf ihm ruhte Und wo soll ich denn sonst sein
    Die furchtbare Wahrheit ihres Tones machte ihn fassungslos Wie er auch
gewohnt war sich zu beherrschen und seine Worte zu erwägen dieses Mal wusste er
nicht was er damit tat als er noch einmal die Frage aufwarf Wie kommen Sie
hierher Was wollen Sie Eleonore
    Was ich will  Dich sehen gab sie ihm zur Antwort und als habe sie jetzt
alles erreicht was sie wünsche und begehre stützte sie das Haupt auf ihre Hand
und blieb schweigend sitzen
    Unentschlossen was er tun solle ging der Abbé in dem engen Raume auf und
nieder Draußen rief der harte lang anhaltende Ton einer Glocke die Gäste des
Hauses zur Tafel auf den Treppen auf den Gängen wurde es lebhaft laute
lachende Stimmen erklangen und verhallten und wurden durch neues Sprechen und
durch fröhliches Lachen ersetzt Innen war es todtenstill
    Endlich schien der Abbé seiner wieder Meister geworden zu sein Er trat an
die Erschöpfte heran nahm sie bei der Hand und sagte Sie sind krank Eleonore
Und dies ist nicht der Ort an dem wir einander wiedersehen einander Rede
stehen können Ermannen Sie Sich ein Wagen soll sofort zu Ihren Diensten sein
Lassen Sie mich Sie nach Ihrer Wohnung hingeleiten dort 
    Sie hob ihre mächtigen Augen zu ihm empor und langsam mit dem Haupte
nickend rief sie Ja ich bin krank sehr krank Wie soll ich auch leben ohne
meine Seele die Du mir entwendet hast Wie soll ich leben wenn Du Dich mir
entziehst der Du mir alles zu ersetzen angelobtest was ich um Dich verloren
und verlassen habe Wollte ich nicht leben um Dich zu sehen ich wäre lange
lange schon gestorben
    Die Tränen welche sie bis dahin mühsam zurückgehalten hatte brachen jetzt
hervor sie verhüllte ihr Antlitz Der Abbé da er sich von ihr nicht beobachtet
sah schloss vom Schmerze überwältigt seine Augen Dann fuhr er sich mit der
Hand flüchtig über die bleich gewordene Stirne und sich zu ihr niedersetzend
bat er indem er ihre Rechte in die seinige nahm dass sie ihn hören möge
    Sie schüttelte verneinend das Haupt Ich habe Dich nur zu oft gehört sagte
sie was kannst Du mir noch sagen das ich zu glauben vermöchte Ich habe Dich
gehört als Du mir vorgehalten Eleonore Haughton sei nicht dazu geschaffen das
Loos des gewöhnlichen Weibes zu teilen Wer war es als Du der mir den Stolz
im stolzen Herzen nährte dass ich nur Einen nur Einen als meines Gleichen
ansah mit dem mich hinwegzusetzen und mit dem hinwegzuschreiten über das Wollen
und Wünschen aller Andern mir als ein verlockendes Ziel erschien Losgetrennt
von der Welt wie Du es bist trenntest Du auch mich von ihr los Festgewurzelt
in Deinem Glauben zerstörtest Du mir den meinen Und als ich verschmäht von
dem Manne auf dessen Liebe Du mich verwiesen hattest obschon Du wusstest dass
ich ein Verbrechen begehen würde in dem Augenblicke da ich sie mir zu eigen
machte als ich ausgestoßen von der Gesellschaft in welcher ich bis dahin
heimisch gewesen war zurückgewiesen von den Edelen des Landes deren Pair ich
bin als ich mich da gedemütigt und verzweifelnd in die Einsamkeit meines
Schlosses zurückzog  wer hieß Dich damals meinem Hülferufe folgen Wer hieß
Dich 
    Ihre Stimme war lauter geworden je länger sie sprach der Abbé versuchte
vergebens sie zu beruhigen beschwor sie vergebens zu bedenken dass man sie in
den Nebenzimmern hören könne Sie beachtete seine Worte seine Vorstellungen
nicht
    Lass mich rief sie Mag die ganze Welt es wissen dass ich elend bin weil
ich mich elend und verlassen fühle  Oder hast Du ihn vergessen den Tag
fragte sie und noch jetzt glitt ein seliges Lächeln über ihre Züge hast Du den
schönen Tag vergessen an dem Du mir gestanden hast dass Du nie geliebt und dass
Du mich liebtest Hast Du vergessen dass ich Dich auf meinen Knieen angefleht
hinzunehmen alles was ich bin und habe mein zu werden als mein Gatte und mein
Herr und dass ich sie gefühlt auf meinem Haupte Deine heißen Tränen dass ich
sie noch fühle Deine heißen Küsse unter denen ich zu vergehen wünschte Hast
Du es vergessen wie Du mich mit heiligem Eide schwören lassen dass ich nie
einem Manne angehören würde weil Du geschworen keines Weibes Mann zu sein
Hast Du das alles alles ganz vergessen Mann
    Der Abbé war aufgestanden und hatte sich von ihr entfernt Er presste seine
Hände gegen seine brennende Stirn auch sein Herz schlug ihm gegen die Brust
dass es ihm den Atem versetzte aber des Mitleids mit sich selbst von Jugend auf
entwöhnt hatte er es auch für Eleonore nicht
    Wir müssen zu Ende kommen sagte er sich mit Gewalt beherrschend wenn wir
nicht Beide Beide untergehen sollen  Er hielt inne und mit jener grausamen
Offenheit die sich nicht scheut Alles zu bekennen weil sie nichts mehr zu
verlieren hat und fürchtet sprach er Es ist wahr wie Du es sagtest Alles
wahr  Ich habe mit dem bestimmten Zwecke Dich der Mutterkirche wiederzugeben
mein Auge über Dir gehabt seit ich Dich kannte Ich habe Dir früh gestanden
dass ich zu Grossem Dich berufen glaubte ich habe danach gestrebt Dein Vertrauen
zu gewinnen Deine Seele zu beherrschen Aber wann hat je die Stunde geschlagen
in welcher ich es Dich vergessen machen gewollt dass ich für mich von Dir nichts
zu begehren hatte Du wusstest wer und was ich war Du sahst das Kleid das mich
von der großen Menge trennte Du wusstest dass ich ein Diener unserer Kirche bin
Habe ich sie je vor Dir verborgen die Dornenkrone der Entsagung die wir tragen
als das Siegeszeichen unserer Selbstüberwindung War ich es der von Liebe zu
Dir gesprochen hat War ich es der die heißen Wünsche Deines Herzens angefacht
Ich hielt Dich für ein Höheres geschaffen Du solltest sie kennen lernen in
ihrer Nichtigkeit die Gunst der Mächtigen die trügerischen Freundschaften der
Welt die urteilslose Gesellschaft Deiner Standesgenossen um zu ermessen was
es heißt in fester Gliederung einer unwandelbaren Einheit anzugehören die ein
geheimnisvolles Wesen der Menschen Schicksale mit kluger Herrschaft lenkt Ja
ich liebte Dich  ich liebe Dich noch das fühle ich an dem Verlangen das ich
hege Dich einzureihen in den Kreis der Herrschenden Aber  Du bist kleiner
als ich Dich geglaubt Du hast sie nicht verstanden jene Liebe die ich für
Dich hege Nicht mein Wille Deine Sinne haben Dich bestrickt dass ich kaum
wusste wie ich Dich und mich erretten sollte aus dem Sturme den Du über uns
heraufbeschworen Mit aller Gewalt musste ich Dich und mich hinflüchten zu den
Füßen des Gottes der für uns gestorben ist um es zu vergessen dass ich ein
Mann bin ein Mensch und Du ein schönes Weib Ich musste Dich meiden um Deiner
selbst willen Denn rein solltest Du niederknieen ein reines Weib zu den Füßen
der unbefleckten Jungfrau der Du Dich angelobt in jener Stunde da ich Dich
aufgenommen in den Schoss der Kirche die jetzt über Dich und mich ihre
schützenden Fittige ausgebreitet hat und zu deren Werkzeug Gott Dich sicher
auserkoren hat Ich habe für Dich getan was ich gemusst was mein Glaube mir
geboten Ich kann nichts weiter für Dich tun  ich gehöre nicht mir selber an
    Hoch und erbarmungslos stand er ihr gegenüber aber er wagte seine Blicke
nicht auf sie zu richten Er wendete sich von ihr ab Sie glaubte dass er sich
entfernen wolle und aufspringend aus der tiefen Versunkenheit mit welcher sie
ihn angehört hatte warf sie sich ihm zu Füßen und mit ihren Armen seine Kniee
umklammernd rief sie Ich sterbe wenn Du von mir gehst
    Er zuckte zusammen vor dem Jammerlaute aber er erhob sie mit fester Hand
und mit einer Ruhe die ihn älter erscheinen machte als er war versetzte er
Jeder von uns muss in sich den Tod erleiden um ein neues Leben zu beginnen und
das wirst auch Du Glaubst Du ich habe sie nie gefühlt diese Schmerzen der
Entsagung Glaubst Du ich habe sie nie gekannt die Angst vor der eigenen
Ohnmacht und die Zweifel an des Höchsten Kraft verleihender Hilfe Glaubst Du
ich habe nicht gesorgt um Dich nicht zu Gott gefleht für Dich Wähnst Du dass
meine Seele nicht bei Dir ist wenn Dein Auge mich nicht sieht  Er hatte ihre
Hände in die seinen genommen jetzt hob er sie in die Höhe und den Blick zum
Himmel gewendet bewegte er seine Lippen in lautlosem Gebet Die Gräfin stand
ihm wie gebrochen gegenüber Als er geendet hatte legte er seine Hände segnend
auf ihr Haupt und machtlos und schweigend sank sie vor ihm nieder seine Kniee
noch einmal in Tränen zu umfassen
    Er ließ sie einen Augenblick gewähren dann führte er sie nach dem Sessel
und ging hinaus Sie war betäubt vor Schmerz Draußen fand der Abbé den Diener
der Gräfin Er befahl ihm einen Wagen herbeizuschaffen der Alte hatte schon
dafür gesorgt
    In das Zimmer zurückgekehrt trug der Abbé selbst dafür Sorge die Gräfin
einzuhüllen Sie ließ es willenlos geschehen Kommen Sie Gräfin sagte er hier
ist Ihres Bleibens nicht  Er nahm ihren Arm in den seinen und mit dem
weltmännischen Anstande dessen Niemand mehr Meister war als er führte er sie
die Treppe hinab und nach ihrem Wagen Sie mochte erwartet haben dass er sie
begleiten werde denn erst als er sie hineingehoben hatte und ihr die Hand
noch einmal reichend von der Türe desselben zurücktreten wollte erwachte sie
aus ihrer Versunkenheit und sich emporrichtend rief sie Wann wann sehe ich
Sie wieder
    Nicht eher bis Sie es verlernten für Sich selbst zu wünschen und zu
hoffen nicht eher bis Sie den Schleier genommen haben der Sie abtrennt von
dem irdischen Verlangen Auf Wiedersehen also in dem ewigen Rom sagte er fest
und feierlich und dem Kutscher das Zeichen gebend dass er fahren solle ging
der Abbé mit ruhigem Schritte und hochgehobenen Hauptes in sein Gemach zurück
Eine Stunde später hatte er die Stadt verlassen und seinen Weg gen Süden
fortgesetzt
 
                                Zweites Kapitel
Renatus hatte als die Parade beendet war sein Pferd dem Reitknechte übergeben
um noch einige Besuche und Gänge abzumachen Er befand sich bereits wieder auf
dem Heimwege als er vor dem Gasthofe in welchem die Gräfin abgestiegen war
einen Mietswagen halten sah mit dem es etwas Besonderes auf sich haben musste
denn der Wirt und die Kellner umgaben ihn mit unverkennbarem Erschrecken Es
kamen die Wirtin und ein anderes Frauenzimmer aus dem Hause herbei man rief
nach einem Sessel nach einem Arzte und mit jener Neugier welche man in einem
müßigen Augenblicke empfindet trat Renatus der zur Zeit seiner Rückkehr aus
Frankreich selbst in dem Hause gewohnt hatte an den Besitzer desselben heran
und fragte was es gäbe
    Ach versetzte dieser eine junge vornehme Dame die vor zwei Stunden bei
uns angekommen ist hat gleich danach zu Fuße das Haus verlassen und wird uns
nun ohnmächtig oder vielleicht gar tot in diesem Wagen nach Hause gebracht Ihr
Diener ist hinauf gegangen ihre Kammerfrau zu holen und wir versuchen eben
wie wir sie am besten von der Stelle bringen
    Er wendete sich dabei wieder zu seinen Leuten und von der Seltsamkeit des
Vorfalles angezogen trat Renatus an die andere Seite des Wagens heran um
hinein zu sehen Kaum aber hatte er die Gestalt erblickt die ganz
zusammengesunken und bleich wie eine Tote mit geschlossenen Augen dalag als er
die Türe des Wagens aufriß und mit dem Ausrufe Eleonore um Gottes willen wie
kommen Sie hieher Was ist geschehen Eleonore in den Wagen sprang und sie in
seinen Armen in die Höhe hob
    Die Umstehenden traten vor Verwunderung zurück nur der Wirt sah es wie
die Fremde vor des Freiherrn lautem Anrufe matt und langsam die Augen aufschlug
und als habe sie ihn erkannt ihr Haupt auf seine Schulter legte
    Niemand wusste was er von dem Vorgange denken solle aber als nun vollends
die Leute der Gräfin herbeigekommen waren als der Diener und die Kammerfrau den
Freiherrn bei seinem Namen nannten als die Letztere Gott dafür dankte dass er
den Baron hieher geführt habe da schien dem Wirte plötzlich die Einsicht in
die obwaltenden Verhältnisse zu kommen und den Kellnern ein Zeichen gebend dass
sie sich entfernen sollten leistete er in Person mit den Leuten Eleonorens
dem Freiherrn den Beistand dessen er bedurfte um die ihrer selbst nicht
Mächtige in das Haus und in ihre Gemächer zu tragen
    Die Kranke war entkleidet war zu Bette gebracht ein Arzt herbeigeschaft
aber von ihr selber konnte man keine Art von Auskunft über ihr Befinden
erhalten Sie vermochte ihre wandernden Gedanken nicht zusammen zu halten
obschon sie Renatus wiedererkannt hatte und nach ihm verlangte wenn sie in
einzelnen Augenblicken ihrer Sinne Herr war
    Er und der alte Diener hatten den Arzt so weit als nötig mit den
obwaltenden Verhältnissen bekannt gemacht und wie derselbe sich auch weigerte
in diesem ersten Augenblicke ein festes Urteil auszusprechen ließ er es doch
erraten dass man es hier mit mehr als einem vorübergehenden Leiden dass man es
allem Anscheine nach mit einer ernsten und schweren Krankheit zu tun haben
werde Er wollte sich nachdem er seine Verordnungen gemacht hatte entfernen
und Renatus schickte sich an ihn zu begleiten aber Eleonore bemerkte es als
der Freiherr seine Hand aus ihrer in Fieberhitze glühenden Rechten zog und ihn
festhaltend rief sie angstvoll Sie dürfen nicht fort Sie nicht Nein Sie
nicht
    Es lag etwas völlig Irres in ihrem Blicke und in ihrem Tone das ihn
entsetzte Er hatte ein unbegrenztes Mitleid mit dem schönen einst so
selbstgewissen Mädchen das er so hilflos vor sich sah aber auch seine eigene
Lage macht ihm Sorge Dass es für ihn nach den vereinzelten Gerüchten welche
über seine Beziehungen zu der Gräfin in Umlauf gekommen waren nicht möglich
sei ihren Krankenpfleger zu machen darüber wäre er mit sich ganz im Klaren
gewesen auch ohne die Anwandlung von Eifersucht mit welcher seine junge Frau
die Gräfin Haughton stets betrachtet hatte
    Er hätte viel darum gegeben wäre er nicht so unvorbereitet so plötzlich in
dieses Abenteuer hineingezogen worden hätten die Leute in dem Gasthofe es nicht
gesehen wie er die Gräfin wie sie ihn wiedererkannt wäre der Arzt nicht Zeuge
gewesen wie Eleonore ihn nicht lassen wollen wie sie sein Bleiben gefordert
hatte als habe sie ein Recht darauf Er konnte es sich nicht verbergen dass er
jedem in die Verhältnisse nicht Eingeweihten als der Mann erscheinen musste dem
Eleonore gefolgt war der an ihrer Krankheit Schuld trug und er hatte eben erst
die langjährige Verlobung mit Hildegard aufgelöst hatte sich eben erst
verheiratet eben erst seine Frau in die Gesellschaft eingeführt deren
Verhalten gegen seine junge Gattin ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war
    Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu überlassen daran dachte er nicht
aber er sann darüber nach wem er sie übergeben wen er in die Lebens und
Herzensverhältnisse der Unglücklichen so weit er selber sie zu beurteilen im
Stande war einweihen dürfe ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen und er
konnte Niemanden finden Die Gräfin Rhoden war nicht in der Stadt Cäcilie wie
sehr er sie auch liebte und ihr vertraute war Eleonoren nicht gewachsen Sie
konnte er unmöglich zur Pflegerin Eleonorens machen von ihr konnte er für diese
keinen Anhalt hoffen er mochte auch den Schatten dieses düsteren Geschickes
nicht auf die ersten schönen Tage seiner Ehe fallen lassen er mochte die
harmlose Fröhlichkeit seines jungen Weibes nicht stören und nicht missen
    Wie er nun so zwischen einer berechtigten Selbstsucht und seinem Mitgefühl
geteilt vor und rückwärts blickte drängte sich ihm unwillkürlich der Gedanke
in die Seele dass seiner Familie von der Annäherung an die verstorbene Herzogin
von Duras nichts als Unheil gekommen sei Er grollte dem Tage an welchem die
Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte er verwünschte es sie in Paris
aufgesucht zu haben Er begriff kaum wie er überhaupt auf den Gedanken
verfallen war Hatte er doch sein Leben lang niemals vergessen können wie
heiter die Herzogin stets gewesen als seine Mutter in dem Fliesschen Hause
schon zum Tode krank darnieder gelegen hatte wie sie an nichts gedacht als an
sich und ihr Behagen während die treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner
Mutter gesessen und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache gehalten
hatte
    Wie Jemand der im Dunkeln seines Weges ungewiss angstvoll umhergetastet
hat plötzlich stehen bleibt und sich zurecht zu finden trachtet wenn ihn aus
der Ferne ein Lichtschein die rechte Straße ahnen lässt so hielt Renatus
plötzlich inne denn jetzt wusste er wo er Hilfe finden könnte Eine Frau wie
Seba tat Eleonoren Not eine Frau wie Seba fehlte an diesem Krankenbette Seba
hatte die volle Einsicht in das Menschenleben welche duldsam und barmherzig
macht Sie hatte die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Busen treu bewahrt seine
Mutter hatte ihres starken Verstandes ihres großen Herzens in den Tagebüchern
oft erwähnt die in den Besitz ihres Sohnes übergegangen waren und die ihn
bestimmt hatten Seba aufzusuchen als er vor neun Jahren zuerst nach der
Hauptstadt gekommen war Aber was lag alles zwischen dem heutigen Tage und jener
fernen Zeit 
    Freilich hatte er nur mit tiefstem Bedauern nur mit innerstem Widerstreben
die Mitteilungen seines Oheims über dessen Liebeshandel mit Seba angehört und
geglaubt indes er hatte sie doch geglaubt Er hatte sie auf das Wort eines
Mannes hin geglaubt dessen Charakterlosigkeit er kannte dessen frevelhaften
Leichtsinn in Bezug auf Frauen ja dessen niedrige Sinnlichkeit ihm immer ein
Gegenstand der Abneigung und des Misstrauens gewesen waren Er hatte Seba von
der er nichts als Gutes wusste und erfahren hatte ohne eine Anfrage an sie ohne
sie zu hören verurteilt Seine Schwiegermutter die sie schätzte seine
damalige Verlobte die an Seba hing hatte er von ihr entfernt sich selber in
schnöder Weise von ihr losgesagt und das alles weil ein Mann mit den leichten
und sichern Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos berühmt
hatte die Gunst dieser Frau besessen zu haben als sie noch ein halbes Kind
gewesen war Als ob es eine Heldentat oder eine große Kunst gewesen wäre das
Vertrauen der Unschuld zu gewinnen und zu missbrauchen Und Seba hatte vielleicht
einst eben so elend eben so verzweifelnd mit sich und mit dem Leben gerungen
wie jetzt die unglückselige Eleonore die in ihren Phantasien bald die heilige
Jungfrau zu ihrem Beistande anrief bald mit flehendem Verlangen den Namen des
Mannes aussprach den sie liebte und von dem sie wie sie immer wiederholte
ihre Seele wiederhaben wollte
    Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher Folge durch sein
aufgeregtes Hirn während er an dem Lager der Kranken saß Der Zeiger der Uhr
welche auf dem Spiegeltische zwischen den beiden Vasen voll künstlicher Blumen
stand rückte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute vorwärts und
jede Minute steigerte mit der Unruhe und der Angst des Freiherrn ein nicht
abzuweisendes lastendes Schuldbewusstsein in seinem Innern Er der meist immer
mit sich wohl zufrieden gewesen war der sich stets mit selbstischer
Leichtigkeit zurechtzusetzen gewusst wenn er sich in irgend welchem inneren
Zwiespalt befunden hatte konnte heute dies Schuldbewusstsein nicht überwinden
und es bezog sich nicht auf eine bestimmte Person oder auf eine bestimmte
Handlung es war eine allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst die sich
seiner bemächtigte
    Er fühlte sich schuldig gegen Seba er war weniger als jemals darüber
beruhigt dass er den Grafen Gerhard einst so nahe an sich herangelassen hatte
Er warf sich seine frühe Verlobung mit Hildegard vor er tadelte sich dass er
Eleonoren von derselben nicht gleich unterrichtet dass er dem Abbé ohne ihn
genau genug zu kennen sein Vertrauen gewährt hatte und er bereute das alles
hauptsächlich weil er der danach getrachtet hatte sich in dem ihm angeborenen
Kreise unter seines Gleichen recht festzusetzen und auszubreiten jetzt da er
einer Leidenden die Hand bieten sie aufrichten und tragen wollte sich es
eingestehen musste dass es ein trügerischer Boden sei auf dem er sich bewege
und dass er Niemanden aber Niemanden in seiner genzen nächsten Umgebung und
Verwandtschaft habe von dem er in einem aussergewöhnlichen Falle auf einen
aussergewöhnlichen Beistand rechnen dürfe
    An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich wenden um Hilfe zu
fordern für eine junge Gräfin Haughton die von der Liebe für einen
katholischen Geistlichen über alle Schranken der gesellschaftlichen Zucht und
Sitte fortgerissen ihren Glauben gegen ihre Überzeugung abgeschworen hatte
und nun in halbem Irrsinne ihren Bekehrer mit ihrer Leidenschaft verfolgte
    Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu angetan jene Frauen
abzustossen welche in die Bewahrung ihres guten Rufes in die strenge
Unterordnung unter die hergebrachte Sitte und in das Beharren innerhalb der
ihnen durch ihren Stand und ihre Geburt angewiesenen Schranken ihre Ehre
setzten Renatus hatte von frühester Jugend an aus voller Überzeugung die engen
und unwandelbaren Formen und Gesetze der sogenannten guten Gesellschaft als ein
Heilsames und Notwendiges anerkannt Er hatte es von den Frauen seines Standes
als ein Unerlässliches gefordert dass sie selbst den geringsten übelen Schein zu
meiden suchen sollten und er würde noch in dieser Stunde jedem auch dem
leisesten Zweifel an einer zu ihm und seinem Hause gehörenden Frau als
Edelmann auf edelmännische Weise zu begegnen für seine Pflicht erachtet haben
    Hier aber lag nun Eleonore dem härtesten Urteile gerechten Anlass bietend
unglücklich und verlassen und doch nicht schuldig
    Immer und immer wieder kam Renatus auf die eine Frage zurück Wen soll ich
rufen ihr beizustehen und mir zu helfen
    Einen Priester seiner Kirche Der Arzt hatte dies eben so entschieden
verboten als die Zulassung eines protestantischen oder englischen Geistlichen
auf welchen die Dienerschaft der Kranken ihre Hoffnung gerichtet hatte  Eine
der älteren Frauen seiner Bekanntschaft Man war gegen ihn selber nicht ohne
Voreingenommenheit wie konnte er hoffen für Eleonore ein gerechtes ein
nachsichtiges Urteil zu gewinnen Wie konnte er erwarten von denen welche
sich für makellos für eine besondere und bevorzugte Menschenklasse
betrachteten das Erbarmen mit den Irrtümern und Fehlern eines Mädchens zu
erlangen das sich eben durch dieselben von dem Herkommen ihres Hauses und ihres
Standes so auffallend entfernte
    Und er selber Nun er hatte es ja auch für Pflicht erachtet selbst den
Schein des Unrechtes von sich fern zu halten weil die Welt berechtigt sei nach
dem Scheine zu urteilen  und der Schein war ganz entschieden gegen ihn Heute
jetzt verstand er es weshalb der Heiland an den er glaubte nicht die
Pharisäer und Schriftgelehrten zu seinen Schülern und Aposteln auserkoren hatte
weshalb er sich mit seiner Lehre von der Liebe und von der Vergebung zu den
Armen hingewendet die der Liebe und der Vergebung sich selber bedürftig gefühlt
hatten heute verstand er zum ersten Male was Christus hingezogen zu der
Sünderin
    Nur Seba konnte ihm helfen und was es ihn auch kostete ihr zu nahen gegen
die er sich versündigt hatte er musste ihren Beistand fordern
    Vorsichtig um Eleonore nicht zu erwecken die in Schlaf versunken war zog
er seine Hand aus der ihrigen und ihren Leuten die notwendigen Weisungen
zurücklassend machte er sich zu Seba auf den Weg
    Es war zwei Uhr vorüber als er an Tremanns Türe den öffnenden Hauswart
fragte ob Fräulein Flies zu Hause sei Die Herrschaft speise gab man ihm zur
Antwort und Herr Tremann habe streng befohlen dass man während der Mahlzeit
Niemanden melden dürfe Der Freiherr schützte dringende Geschäfte vor der
Hauswart blieb bei seiner Weigerung bis die Unruhe welche Renatus nicht
verbergen konnte jenen anderen Sinnes machte Er zog eine Schelle welche in
das Innere des Hauses ging der Diener kam heraus und auf die Erklärung dass
der Herr Major das Fräulein zu sprechen wünsche und sich nicht abweisen lasse
forderte der Diener des Freiherrn Karte nötigte ihn in das Vorzimmer
einzutreten und entfernte sich dann den Bescheid für ihn zu holen
    Wie sie das gelernt haben sagte Renatus unwillkürlich und mit Erstaunen
als ob die Gewöhnung an Bequemlichkeit und an jene häuslichen Einrichtungen
welche vor unwillkommenen Störungen und Ansprüchen bewahren das Vorrecht einer
besonderen Menschenklasse wäre Wie sie das gelernt haben Der alte Flies sprang
noch behende von seinem Tische auf wenn man im Laden schellte  und nun gar für
Unsereinen
    Es blieb ihm jedoch zu diesen Betrachtungen nur kurze Zeit denn der Diener
brachte ihm die Antwort dass die Herrschaft ihn zu empfangen bereit sei und
ging vorauf ihn nach Sebas Zimmer zu geleiten
    Er fand sie seiner bereits wartend aber sie war nicht allein Paul war bei
ihr denn nach den Erfahrungen welche Graf Gerhard ihn bei Anlass von Sebas
Briefen hatte machen lassen und nach der Weise in der Renatus sich von dem
Fliesschen Hause zurückgezogen meinte Paul seine Freundin vor jeder Begegnung
mit diesen beiden Männern so viel an ihm war behüten oder ihr bei einer
solchen doch mindestens zur Seite stehen zu müssen Es lag daher auch wenig
Ermutigendes in seinem Tone als er den Freiherrn fragte welchem Zufalle man
die Ehre seines Besuches zu verdanken habe
    Auf Paul zu treffen wo er darauf gerechnet hatte Seba allein zu finden
war dem Freiherrn nicht willkommen aber er überwand sich weil die
Notwendigkeit ihn dazu zwang und ohne auf eine Entschuldigung zu sinnen sagte
er mit der Sicherheit derjenigen welche es gewohnt sind für sich um ihrer
Stellung und ihrer Persönlichkeit willen schließlich doch immer eine gute
Aufnahme zu finden Sie haben ein Recht diese Frage in solchem Tone an mich zu
richten und ich würde ehe ich es gewagt hätte Fräulein Flies nach einer so
langen Versäumnis aufzusuchen mich sicherlich vor ihr zu rechtfertigen
getrachtet haben wäre der Anlass der mich heute der mich eben jetzt nötigte
und trieb mich an Fräulein Flies zu wenden nicht ein plötzlich eingetretener
und hätte ich Zeit an etwas Anderes zu denken als an die Hilfe die ich von
ihr für eine Unglückliche zu fordern gekommen bin
    Seba hatte ihn genötigt sich niederzusetzen und den Faden seiner
Mitteilungen wieder aufnehmend sagte er Sie werden Sich ich weiß es
wundern dass ich mich eben an Sie wende
    Nein Herr Major fiel Seba ihm mit ihrer sanften Würde in die Rede o nein
Sie sind nicht der Erste meiner Freunde der mich versäumte und mir wiederkam
der mich in seinem Glücke vergaß und sich an mich erinnerte wenn er mich
brauchte Ich habe dies fügte sie mit einem Lächeln hinzu das sie noch immer
sehr schön erscheinen ließ ich habe dies aber immer als mein besonderes
Adelsdiplom betrachtet und Ihr heutiger Besuch Ihr Anspruch an mich sind mir
eine Bestätigung desselben Seien Sie also willkommen   sie hielt ihm ihre
Hand hin  in der Tat willkommen Herr Major Und nun was wünschen Sie von
mir
    Renatus küsste ihr die Hand die sie ihm dargeboten hatte aber das Rot der
Scham trat ihm auf die Stirne denn Paul war Zeuge der freundlich vornehmen
Verzeihung mit der sie ihren einstigen Freund behandelte der Gnade welche
Seba ihm angedeihen ließ Indes Renatus musste dies zu vergessen sich darüber
fortzusetzen suchen und Seba und Paul erleichterten nachdem die Erstere sich
die ihrer würdige aber unerlässliche Genugtuung bereitet hatte ihm dies beide
durch ihre Fragen und durch die Art in welcher sie seiner Mitteilung ihr Ohr
liehen
    So schnell so gedrängt und so schonend als es nur möglich war suchte
Renatus sie von den Verhältnissen der Gräfin von dem was er selber mit ihr
erlebt hatte in Kenntnis zu setzen Er hatte dabei seiner Verheiratung er
hatte Cäciliens wie Vittorias zu gedenken und von dem Eifer seiner
Mitteilungen fortgerissen sagte er Sie werden meine Stiefmutter Sie werden
meine Frau ja kennen lernen Keiner von beiden ich darf das zuversichtlich
sagen würde der gute Wille fehlen der Gräfin beizustehen aber der gute Wille
ersetzt die Kraft die Einsicht die Erfahrung nicht Sie sind meiner teuren
Mutter einst ein solcher Trost gewesen  nehmen Sie Sich der Gräfin Haughton an
    Seba antwortete ihm nicht gleich als er geendet hatte das beunruhigte ihn
    Sie zögern fragte er Sie wollen oder Sie können ihr nicht beistehen
    Ich sinne nur darüber nach entgegnete ihm Seba mit jener Einfachheit deren
nur die höchste Bildung und die höchste Güte fähig machen ich sinne nur darüber
nach wie ich es anfange gleich jetzt mit Ihnen zu Ihrer Kranken hinzufahren
Sie sagen mir dass Sie nach Hause müssen um Frau von Arten nicht zu
beunruhigen und ich habe für den Nachmittag eine andere Verabredung getroffen
    Das ist leicht zu ändern bedeutete ihr Paul der gewohnt das Steuer zu
führen es unwillkürlich und überall bei kleinen wie bei großen Anlässen
ergriff und die Schelle ziehend befahl er dem Diener dass man anspannen
schnell anspannen und ihm aus dem Komptoir einen Boten senden solle Dann
schlug er dem Freiherrn vor die Baronin durch ein paar Zeilen über sein
Ausbleiben zu beruhigen er selber übernahm es Seba von ihrer genommenen Abrede
zu befreien und während diese sich entfernte um sich anzukleiden und Davide
von ihrem Ausgehen zu benachrichtigen blieben Paul und Renatus in Sebas
Wohnzimmer zurück
    Die zwei Worte an die Baronin von Arten waren schnell geschrieben der Bote
damit fortgeschickt und Renatus ward es nun mit einer peinlichen Empfindung
inne dass er sich mit Paul allein befand Indes auch jetzt wieder kam der
Letztere ihm zu Hilfe
    Wie nannten Sie den Namen der jungen Gräfin fragte er um eine Unterhaltung
einzuleiten Ich mochte Sie vorhin in Ihrer Mitteilung nicht unterbrechen und
habe ihn nicht verstanden
    Gräfin Eleonore Haughton antwortete der Freiherr
    Paul besann sich Den Namen habe ich schon gehört meinte er und plötzlich
sich erinnernd sagte er Irre ich nicht so ist die Gräfin bei unserm Hause
accreditirt und uns in dem Creditive warm empfohlen aber ich vermutete in
jener uns zugewiesenen Dame natürlich keine junge Frau noch weniger ein junges
Mädchen und darum fiel mir der Name nicht gleich am Anfange auf
    Renatus erwiderte darauf nichts das Gespräch drohte ins Stocken zu
geraten und doch mochte er sich nicht immer wieder von Tremann vorwärts helfen
lassen mochte er nicht eben diesem Manne gegenüber den Anschein auf sich laden
als fehlten ihm die Leichtigkeit und Sicherheit welche sein Vater in so hohem
Grade besessen hatte oder als fühle er sich in der Gesellschaft Pauls nicht
frei Er suchte nach einer neuen Anknüpfung die lange Parade am Morgen die
erschütternde Begegnung mit der Gräfin das Wiedersehen von Seba kurz alles
was er in den wenigen Stunden durchgemacht und durchempfunden hatte ihn jedoch
ermüdet und zu der unerfreulichen Ahnung dass er durch Eleonorens Ankunft in
den Bereich neuer Verwicklungen getreten sei gesellte sich noch der Gedanke
wie Paul sich jetzt nicht nur im Besitze dieses Hauses sondern zum Teil auch
bereits in dem Besitze der Artenschen Güter befinde Das befing Renatus
vollends Er konnte wie er sich auch mühte keine jener allgemeinen
gleichgültigen Bemerkungen machen mit denen man sonst einem Fremden gegenüber
einige Minuten gemeinsamen Wartens auszufüllen pflegt Aber diese Unbeholfenheit
wurde ihm immer drückender ja sie steigerte sich allmählich bis zum Verdrusse
über sich selbst bis zu einer Angst und als müsse er sich von derselben um
jeden Preis befreien als müsse er es durchaus erklären was ihn beschäftige
sagte er plötzlich mit einer durch die Umstände in keiner Weise gerechtfertigten
Lebhaftigkeit Sie sehen ich habe Ihren Rat befolgt Rotenfeld und Neudorf
sind verkauft
    Paul neigte kaum merklich das Haupt Und Sie sind im Militär geblieben
fügte er hinzu und haben die Frucht dieses Entschlusses wie ich mit Vergnügen
hörte schnell genug geerntet Man hat Ihnen zu gratuliren Sie sind früh Major
geworden
    Er hatte die Absicht gehabt Renatus mit dieser Wendung von den ihm
unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet zu lenken auf welchem ihm
Gutes widerfahren und erwachsen war Über diesen war jedoch mit der ersten
Stunde in welcher er sich zu dem Verbleiben in der militärischen Laufbahn
entschlossen hatte die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes gekommen die
sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag wenn Anderen das Gleiche zu
Teil geworden ist und Tremanns Anerkennung von sich weisend entgegnete
Renatus Ich bin nicht wesentlich früher als Sie im Heere vorwärts gekommen Sie
waren ja auch zu Ende des ersten Feldzuges bereits Major
    Während des Krieges war die Gelegenheit mir günstig bemerkte Paul das
Avancement in der Landwehr machte sich bei den ungeheuren Verlusten die wir
erlitten hatten schnell
    Und wieder hatte trotz der beiderseitigen guten Absicht das Gespräch nach
diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende erreicht Es war als läge eine
unausfüllbare Kluft zwischen ihnen die zu überschreiten keiner von beiden die
Brücke fand Renatus meinte es sei in seinen Verhältnissen geboten seine Würde
mit Zurückhaltung zu behaupten und Paul fand keinen Grund in sich dem
Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit zu beweisen Indes die Unfreiheit
welche auf dem Anderen lag fing Paul dessen ganze Natur auf Freiheit gestellt
war zu belästigen an Das Mitleid welches er mit Renatus hegte konnte ihn
nicht verhindern dieses Beisammensein beschwerlich zu finden Unwillkürlich zog
er die Uhr hervor um zu ermessen ob Seba noch nicht kommen der Wagen noch
nicht fertig sein könne Das entging Renatus nicht und als wolle er wenigstens
in diesem Falle seine gesellschaftliche Überlegenheit behaupten sagte er sich
gewaltsam überwindend um eine neue Unterhaltung anzuknüpfen Sie sprachen als
ich Sie bei meiner Rückkehr hier aufzusuchen veranlasst war von Einbussen und
Verlusten welche Ihr Haus während Ihrer Feldzüge erlitten hätte Derlei stellt
sich wahrscheinlich auch in Ihrer Lage so leicht nicht wieder her Wie ist es
Ihnen ergangen was haben Sie getan seit ich Sie damals sah
    Pauls schönes Antlitz hellte sich auf Es war ihm eine Erleichterung dass
Renatus sich von seiner Befangenheit loszumachen trachtete und da er wie alle
tüchtigen Menschen trotz der Enttäuschungen denen Niemand mehr als eben solche
unterworfen sind doch immer wieder zum Glauben an den Menschen und zum Hoffen
auf das Gute in der Natur desselben geneigt war sprach er freundlich wenn auch
über die Art der Frage unwillkürlich lächelnd Für Unsereinen der mit seinem
Tun und Lassen auf sich selbst gewiesen ist lässt sich eine solche Frage nicht
rundweg nicht mit Einem Worte abtun Indes ich darf wohl sagen ich habe nicht
gefeiert  Dann als besorge er den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide
wieder in das frühere Unbehagen zurückzuwerfen fügte er hinzu Es sind nicht
allein die großen Unternehmungen es sind eben so wohl die kleinen täglichen
Erfolge welche uns vorwärts bringen und das Wachsen das Gedeihen vollzieht
sich überall in der Regel geräuschloser und weniger sichtbar als das Zerstören
und das Zugrundegehen Es liegt für den Dritten für den Zuschauer daher
vielleicht kein besonderes Interesse darin uns auf unserm Wege zu begleiten
unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechselreichen Arbeiten zuzusehen
selbst wenn es wie dies meist der Fall ist mit den allgemeinen
Notwendigkeiten eng genug verbunden ist Wir haben keinen Rang keine äußeren
Anerkennungen als diejenigen welche das Urteil unserer Standesgenossen und
Mitbürger uns zu Teil werden lässt denn jene Titel und Orden welche der König
einem Gewerbtreibenden gelegentlich verleiht zählen nicht vor den Tüchtigen und
Verständigen unter uns Wir schaffen uns unsern Namen unsere Stellung in der
kaufmännischen wie in der bürgerlichen Welt aus eigener Machtvollkommenheit
Unsere tägliche Arbeit wird erst merkbar wenn sie ihre Ernte getragen hat
obgleich wir uns derselben stets bewusst sind und unserer Freude an unsern mit
tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht entbehren Und da es uns
an Sorgen und Hoffnungen dabei durchaus nicht mangelt so brauchen wir nach
Erregungen und Zerstreuungen nicht zu suchen uns Lust und Pein nicht erst zu
schaffen Das hat auch sein Gutes besonders für denjenigen der in der freien
Arbeit an und für sich schon seine wahre Befriedigung genießt
    Er brach ab weil er besorgte mit der Schilderung seiner Zustände wider
seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Freiherrn geboten zu haben und in der
Tat lag in des Kaufmanns stolzer Selbstgenügsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben
und in die Zukunft verborgen um welches der Freiherr ihn beneidete Er konnte
sich jedoch nicht überwinden ihm dies auszusprechen und ohne eine Bemerkung
auf Pauls Auseinandersetzungen hinzuzufügen sagte er Und Sie sind auch
verheiratet Sie haben Kinder
    Ja ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweites Kind Dazu genieße
ich das Glück Fräulein Flies die mir und meiner Frau eine Mutter gewesen und
die ja leider unvermählt geblieben ist in meinem Hause eine Heimat bieten zu
könne und wir befinden uns in einer Lage in welcher wir uns in vollster
Freiheit nach eigenem Bedürfen regen und bewegen können  Er hielt abermals
inne und sagte danach Das ist freilich nichts Besonderes das haben hundert
Andere auch das ist viel und wenig wie man es betrachtet Mir genügt es Ich
könnte also Ihre erste Frage wohl mit dem schlichten Worte beantworten es geht
uns Allen in jedem Sinne wohl
    Nicht so Seba fragte er sich mit seinem hellen Blicke und seiner
volltönenden männlichen Stimme deren bloßer Klang erfrischend wirkte an die
Freundin wendend welche für die Ausfahrt angekleidet eben in das Zimmer trat
    Gewiss entgegnete sie aber weshalb soll ich das besonders erst versichern
    O rief Renatus und eine weiche schmerzliche Empfindung wie er sie diesen
Menschen gegenüber wie er sie in solcher Weise überhaupt noch nie gefühlt
hatte bewegte ihn und drohte ihn zu überwältigen o bereuen Sie diese
Versicherung nicht Es ist ein Segen und es ist sehr selten Glückliche zu
sehen
    Seine Erschütterung überraschte die beiden Anderen und ein Blick des
Einverständnisses zwischen ihnen bezeugte was sie dachten Indes die Meldung
des Dieners dass der Wagen vorgefahren sei trat eben jetzt dazwischen
    Renatus sich schnell ermannend bot Seba seinen Arm Paul begleitete sie
Als sie eingestiegen war wendete Renatus sich zu Jenem und sagte indem er was
er sonst nie getan hatte ihm die Hand reichte und schüttelte Leben Sie wohl
und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit Leben Sie wohl
    Auf Wiedersehen entgegnete Paul ihm den Händedruck vergeltend Und in das
Haus zurückkehrend dachte er Wenn er ein Einsehen hätte  wie gern wollte man
ihm helfen
 
                                Drittes Kapitel
Die Zeit und das Leben waren damals noch nicht so bewegt dass ein Ereignis wie
die Ankunft und Erkrankung einer vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung
begleitenden auffallenden Nebenumständen in der Residenz unbeobachtet und
unbesprochen hätte bleiben können Der und jener Vorüberkommende hatte gesehen
wie man die Kranke aus dem Wagen gehoben wie ein Major in voller Uniform dabei
behilflich gewesen war und die augenblicklichen Mitbewohner des Gastofes
hatten sich bei den Kellnern erkundigt was es mit der Kranken für eine
Bewandtnis habe Die Fragen waren wie das in solchen Fällen stets geschieht
über die ersten Antworten hinausgegangen die nächsten Antwortenden hatten mit
Vermutungen zu ergänzen gestrebt was sie an Wissen entbehrten und schon an
einem der folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter ihren
allgemeinen Berichten die Kunde dass eine vornehme Engländerin die Gräfin E
Hton deren Abenteuer am französischen Hofe wie in der vornehmen Welt ihres
Vaterlandes viel von sich reden machen in der Hauptstadt angekommen sei wohin
ein Herzensverhältniss sie gezogen habe Wider ihr Erwarten habe sie aber den
Mann welchem sie gefolgt sei einen höheren preußischen Offizier bereits
anderweitig verheiratet gefunden und sei aus Verzweiflung darüber wahnsinnig
geworden Der Name des sie behandelnden Arztes schloss diesen Bericht
    Die bürgerliche Gesellschaft las über denselben hinweg wie man im
Allgemeinen über derlei achtlos fortgeht aber in den Kreisen in denen Renatus
lebte und in denen man gewohnt war sich um die Vorgänge an den verschiedenen
Höfen zu bekümmern fiel die Nachricht auf
    Man erinnerte sich dass vor ungefähr drei Viertel Jahren eine junge
Engländerin vom französischen Hofe verwiesen worden war Man entsann sich dass
es die berühmte Schönheit die Gräfin HaughtonLauzun gewesen sei die Nämliche
welche nach den Berichten der englischen Zeitungen in London am Hofe zu der
üblichen Vorstellung nicht zugelassen worden und später zum Katholizismus
übergetreten war Eine der Hofdamen welche mit der gräflich Rhodenschen
Familie verwandt war hatte damals von ihrem bei der preußischen Gesandtschaft
in Paris beschäftigten Bruder die briefliche Mitteilung erhalten dass der
Freiherr von Arten in die Abenteuer der Gräfin Haughton verwickelt dass er einer
ihrer Liebhaber gewesen sei und die in der Zeitung angegebenen Buchstaben
passten auf die Gräfin
    Das machte die Neugier rege Man ließ sich die Fremdenblätter holen unter
den »Eingetroffenen« fand sich zu allgemeiner Genugtuung der Name der Gräfin
Haughton und als die Schwester eben jenes GesandtschaftsSekretärs zufällig bei
ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr sah sie dass man vor und neben dem
betreffenden Gasthofe die Straße um das Rollen der Wagen abzudämpfen weit
hinaus mit Stroh beschüttet hatte
    Abends erzählte die Hofdame der OberHofmeisterin in dem Zimmer ihrer Herrin
von dem romantischen Ereignis und so leise sie auch sprachen hatte die
Prinzessin doch ein Wort davon gehört Sie verlangte zu wissen wovon die Rede
sei Die OberHofmeisterin froh einen Gegenstand der Unterhaltung für die
unbeschäftigte Prinzessin zu haben erzählte was sie wusste
    Die Prinzessin sagte sie habe der Sache schon früher erwähnen hören als
sie im Auftrage des Königs das FräuleinStift zum heiligen Grabe besucht und
dort zu ihrem Erstaunen die Gräfin Hildegard von Rhoden gefunden habe die nach
ihrem Wissen mit dem Freiherrn von Arten seit vielen Jahren versprochen gewesen
sei Sie wunderte sich wie Hildegards Mutter nach der Weise in welcher der
Freiherr sich gegen Hildegard benommen hatte und nach den Gerüchten über ihn
die ihr doch kaum verborgen geblieben sein konnten den Mut besessen habe ihm
die zweite Tochter anzuvertrauen
    Die Hofdame welche mit Hildegard in gleichem Alter und eine Freundin von
ihr war wagte die bescheidene Bemerkung Hildegard habe sich für die Schwester
aufgeopfert als sie deren Leidenschaft für ihren Verlobten wahrgenommen habe
Die Prinzessin ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutterliebe schüttelte
missbilligend das schöne Haupt
    Wie traurig ist es dass selbst ursprünglich edle Naturen denn ich habe
früher nur Günstiges von dem Baron von Arten gehört sich zu solchen Verirrungen
hinreißen lassen können die ihre Strafe in sich selber tragen Die Zeit bleibt
sicherlich nicht aus in welcher die Gräfin Hildegard ihr Schicksal als das
glücklichere zu preisen haben wird Wenn Sie ihr schreiben so sagen Sie ihr
dass ich ihrer denke und dass ich sie zu sehen hoffe wenn sie wiederkehrt
    Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war für die Personen welche zu ihrem
Hofstaate gehörten die Weise vorgezeichnet in welcher man die Angelegenheiten
der Artenschen und der Rhodenschen Familie aufzufassen hatte und da man
einmal auf dem Wege war sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zum Gegenstande
der Unterhaltung zu machen gab es in den nächsten Tagen kaum einen Teetisch
kaum ein Plauderstündchen in welchem sie nicht den Stoff für weit
zurückreichende Erinnerungen für eben so weit gehende Vermutungen und
Voraussichten geboten hätten
    Von der Rhodenschen Familie hatte man wenig zu sagen Das Leben die Ehe
der Gräfin waren einfach und tadellos gewesen um so reicheren Stoff aber boten
die Überlieferungen aus dem Artenschen Hause für die sagenbildende Kraft der
Menschen dar Die Eigenartigkeit des Fräuleins Ester die Schönheit der früh
gestorbenen Amanda von Arten die sich in einer heimlichen Leidenschaft zu einem
Manne niederen Standes verzehrt haben sollte der Tod der Baronin Angelika
welcher ein Liebeshandel das Herz gebrochen den ihr Gatte mit der Herzogin von
Duras unterhalten hatte waren Dem und Jenem aus persönlichen Anschauungen und
Erinnerungen bekannt und man war nicht abgeneigt eine Art von sittlicher
Gerechtigkeit darin zu finden wenn die Nichte der Herzogin an einer
unglücklichen Liebe für den Sohn der Baronin zu Grunde ging ohne dass man diesen
deshalb nachsichtiger beurteilt hätte Selbst die Entschuldigungen welche man
ihm angedeihen ließ dienten nicht zu seinem Segen
    Man beklagte ihn dass er von einem Vater erzogen worden war der obschon er
ein vollkommener Kavalier gewesen sei doch sich selbst nicht zu zügeln
verstanden und noch an der Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus
vornehmem Hause aus dem Kloster entführt hatte Man wusste darüber freilich
nichts Genaues aber man hatte von einem päpstlichen Dispens sprechen hören den
zu erwirken der Freiherr Franz lange Jahre in Italien gelebt hatte und der mit
einem namhaften Teile des Artenschen Vermögens erkauft worden war Die junge
Frau sollte den greisen Gatten leidenschaftlich geliebt und das Gelübde getan
haben fortan die Witwentrauer nicht mehr abzulegen Man war gespannt zu sehen
ob sie diesen Vorsatz auch in der Residenz auch in dem Hause ihres Stiefsohnes
zur Ausführung bringen werde in dem sie wie man berichtete gerade in diesen
Tagen erwartet wurde Und da nun Jeder in dessen Beisein von diesen Gerüchten
die Rede war sich die Lücken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine
Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergänzen strebte so erwuchs um den
Kern von Wahrheit der diesen Behauptungen überall zum Grunde lag eine
Dunstschicht von Einbildungen die sich in dem Bewusstsein der Leute um so fester
setzten je weniger die Personen um welche diese Märchen sich bewegten eine
Ahnung von ihrem Vorhandensein besaßen und in der Lage waren sich gegen diese
Erfindungen zu erheben und zu verteidigen
    Was Renatus anbetrifft so hatte er eben in diesen Tagen vollauf mit der
Wirklichkeit zu tun Cäcilie war doch noch tiefer als er es befürchtet hatte
durch die Ankunft der Gräfin erschüttert worden und wenn es ihm auch gelungen
war sie bald völlig über den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache in ihrem
rechten Lichte erkennen zu machen so fügte es sich doch nicht glücklich dass
gerade jetzt auch Vittoria mit ihrem Sohne von der einen Seite anlangte während
von der anderen die Gräfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf
    Vittoria die in allen praktischen Angelegenheiten unbehülflich wie ein Kind
geblieben war wollte in ihren Zimmern eingerichtet sein und missfiel sich in
ihnen während sie über die ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich
untröstlich zeigte Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dünkte ihr
quälend Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt Die beiden von Renatus mit
Vorsorge für ihren besonderen Gebrauch ausgewählten Zimmer dünkten sie eng und
niedrig denn sie verglich sie unwillkürlich mit den großen hohen Sälen ihres
Klosters und den stattlichen Räumen des Artenschen Schlosses Die ihr fremde
Heizungsweise belästigte sie die Häuserreihen die ihr den Horizont verengten
machten sie traurig sie verlangte mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft
nach Licht und wollte man sie nicht in Tränen ausbrechen sehen und in
schwermütigem Brüten sich selber überlassen so blieb nichts übrig als auf
ihre Zerstreuung zu denken wie denn nach des jungen Freiherrn Ansicht Cäcilie
ebenfalls Zerstreuung nötig hatte
    Weder das Alleinsein mit Vittoria in welchem wie natürlich Eleonore
Haughton den einzigen Gegenstand der Unterhaltung machte noch die Begegnungen
mit der Mutter und der Schwester bei denen derselbe Gegenstand und noch andere
eben so unerfreuliche Erörterungen zur Sprache kommen mussten konnten dem
aufgeregten Gemüte der jungen Frau zu einer Besänftigung gereichen und Renatus
selber fühlte das Bedürfnis sich wenn auch nur für einzelne Stunden von den
peinlichen Eindrücken von den Sorgen abzuziehen die auf ihm lasteten
    Er hatte gehofft Hildegard werde sich wenigstens für die erste Zeit von
seinem Hause fern halten und er hatte dies nicht erst besonders gefordert weil
es ihm das Natürliche gedäucht hatte Aber er kannte weder die Neigung gewisser
Frauen sich und Anderen das Leben möglichst schwer zu machen noch die
furchtbare Berechnung welcher eben solche Frauen fähig sind Er hatte es nicht
vorausgesehen dass Hildegard um die von ihr übernommene Rolle großmütiger
Entsagung aufrecht zu erhalten sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines
unnützen Zusammenkommens auferlegen würde er hatte noch weniger erwartet dass
die Mutter ein solches Verhalten als nötig bezeichnen und also es begünstigen
werde
    Renatus saß von der Parade kommend mit Cäcilien beisammen als die beiden
Frauen von deren Ankunft in der Stadt man noch nicht unterrichtet worden war
sich zum ersten Male in dem neuen Haushalte melden ließ Mit einer
Befangenheit mit einer Bestürzung welche in diesen Verhältnissen sehr
erklärlich waren erhoben die jungen Eheleute sich den Eintretenden entgegen zu
gehen Cäcilie warf sich der Schwester in die Arme und barg in Tränen
ausbrechend ihr Gesicht an Hildegards Brust während Renatus nachdem Cäcilie
sich aufgerichtet hatte die Hand seiner Schwägerin ergriff und sie an seine
Lippen führte
    Sei willkommen in unserm Hause und gönne mir es Dir als ein Bruder zu
vergüten was ich Dir getan Das war alles was er sagte aber obschon er sehr
blass geworden war seine Stimme doch vollkommen fest und ruhig
    Hildegard hatte ebenfalls die Farbe gewechselt indes das Lächeln mit dem
sie in das Zimmer gekommen war wich weder vor Cäciliens Tränen noch vor ihres
Schwagers Worten von ihren Lippen und sich zu der Mutter wendend sprach sie
Hatte ich nicht Recht dass wir ohne sie darauf vorzubereiten hieher gegangen
sind Ihr solltet es gleich sehen dass ich nicht um meinetwillen komme Ihr
solltet nicht darüber in Zweifel sein wie ich für Euch gesonnen bin und dass
die Rücksicht auf Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist als mein
eigenes Empfinden Wer darf Euch tadeln wenn ich für Euch bin Aber wie geht es
Euch Es scheint die Stadtluft tut Euch nicht recht wohl Nicht wahr liebe
Mutter Cäcilie sieht nicht gut aus und Renatus auch nicht
    Sie machte es mit diesem Nachsatze für den Freiherrn zu einer Unmöglichkeit
ihr auf ihre ersten Erklärungen zu antworten und weil Cäcilie sich von der
Herablassung der Schwester von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt
fühlte als der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand beeilte die junge Frau
sich der Unterredung ein Ende zu machen indem sie die Mutter und die Schwester
aufforderte sich in ihrem Hause umzusehen
    Die Wohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und immer noch reich
ausgestattet Sie musste für prächtig gelten wenn man sie mit den Möglichkeiten
der Gräfin Rhoden verglich und die Mutter hielt ihr Wohlgefallen an den
Einrichtungen welche Renatus getroffen hatte und in denen sie ihre Tochter
wiedersah auch nicht zurück so dass Cäciliens unschuldige Besitzesfreude sich
an der Teilnahme der Mutter steigerte und ihr Gatte sich für seine Mühe wohl
belohnt fand
    Nur Hildegard ging langsam hinter den Anderen her und musterte die einzelnen
Gegenstände mit dem Augenglase in der Hand Ach die Lehnsessel aus dem lieben
BilderKabinette rief sie Ach also auch die antiken Statuetten aus der Mutter
Wohnzimmer habt ihr von Richten fortgenommen sprach sie Wie nur die guten
alten Familienbilder sich hier in der Stadt behagen mögen scherzte sie und
jedes ihrer Worte jede ihrer Bemerkungen war ein Nadelstich für den Freiherrn
    Es tat ihm wehe wenn sie erwähnte wie öde die Zimmer jetzt in seinem
Schloss sein müssten es verdross ihn wenn sie die neuen Anschaffungen mit einer
auffälligen Verwunderung bemerkte und das Blut stieg ihm zu Kopfe als sie zum
zweiten Male gegen ihre Mutter den Ausspruch tat dass Cäcilie und Renatus
wirklich ganz artig aber ganz artig eingerichtet wären Schon trat ein Wort des
ausbrechenden Zornes ihm auf die Lippe aber er unterdrückte es wieder Er hatte
jenen edelen Sinn der eine Busse entschlossen auf sich nimmt wo er ein Unrecht
gegen Andere begangen hat und seine Missempfindung gewaltsam überwindend brach
er um nicht in der Rede stecken zu bleiben den begonnenen Satz zu der Frage
um ob Hildegards angeborene Kurzsichtigkeit in dem Grade zugenommen habe dass
sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jetzt selbst im Zimmer nötig mache
    Wundert Dich das entgegnete sie ihm Ich habe viele Nächte durchwacht und
viele Tage durchweint das dient den Augen nicht
    Dann als sie sich überzeugt hatte dass auch diese Bemerkung ihres Eindrucks
auf Renatus auf den einst geliebten und eben deshalb jetzt gehassten Mann nicht
verfehlte reichte sie ihm als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige
Stimmung dartun das Augenglas hin und sagte plötzlich in den Ton
gleichmütigster Unterhaltung übergehend Ich habe jetzt sogar weit stärkere
Gläser nötig und Dein Onkel der sich meiner in Pyrmont mit der größten Güte
angenommen hat mir dieses schöne Lorgnon geschenkt Sein und mein Auge tragen
ganz gleich weit und wir sehen auch geistig die Dinge und die Menschen häufig
unter gleichen Gesichtspunkten an Er ist vorgestern zurück gekommen wir waren
eben bei ihm
    Ihr wart bei ihm fragte Renatus und heute schon Ist denn der Onkel krank
    Nicht eigentlich gab Hildegard zur Antwort er ist schmerzensfrei und
heitern Geistes Das Bad hat ihm sehr wohlgetan nur das Gehen wird ihm schwer
Doch hält der Arzt die leichte Lähmung für vorübergehend und ungefährlich
    Die Lähmung wiederholte der Freiherr seit wann ist der Onkel denn gelähmt
    Wusstest Du das nicht fragte Hildegard statt ihm zu antworten O das ist
nicht hübsch von Dir Das Übel zeigte sich ja gleich nach seinem Anfalle er
suchte nur es zu verbergen weil er die Anderen nicht zu beunruhigen wünschte
Aber man sieht es dass Du Dich um unsern guten Grafen wenig kümmerst und er
nimmt doch so viel Teil an Dir Das Erste wovon der Onkel mit uns sprach war
nicht sein Befinden sondern seine Sorge um Cäcilie und um Dich
    Renatus hob das Haupt empor und der neuen Schwägerin mit einem scharfen
Blicke ins Auge sehend fragte er bestimmt Was soll das heißen Was hat der
Onkel zu besorgen für mich und meine Frau
    Hildegard seufzte und die Stimme senkend sprach sie Die Unüberlegteit
mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist die Rücksichtslosigkeit mit der sie sich
in dem ersten Gasthofe der Stadt unter ihrem eigenen Namen einquartierte
beunruhigen ihn um Euretwillen und 
    Und Du hast hoffentlich fiel Renatus ihr in die heuchlerische Rede da Du
die Wahrheit kennst es dem Onkel gleich gesagt dass Eleonore nicht mir gefolgt
ist dass ich gegenwärtig mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe als in
demjenigen in welchen ein Zufall mich verstrickte ein Zufall den ich nicht
einmal beklagen darf denn Cäcilie ist eben so verständig als meiner Liebe
sicher und die Gräfin Haughton wäre hier sehr verlassen hätte sich Seba Flies
ihrer nicht auf meine Bitte angenommen
    Seba Flies rief Hildegard mit einem allerdings begreiflichen Erstaunen Du
hast Deine alte Bekanntschaft mit der Flies wieder aufgenommen Das ist ja etwas
völlig Neues  Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend sagte sie
Stelle Dir vor Mama Renatus hat sich mit der Flies vor der er mich einst mit
Recht gewarnt hat wieder in Verbindung gesetzt hat ihr die Gräfin Haughton
anempfohlen  Du hast also wohl auch Cäcilie zu ihr hingeführt Das ist
sonderbar
    Renatus war empört über Hildegard denn sie reizte und kränkte ihn mit einer
Art von Wollust weil sie von ihm auf die Schonung und Rücksicht rechnen durfte
die er ihr mehr als jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhältnisse
gezwungen war
    Das ist sonderbar höchst sonderbar wiederholte sie aber Du bist freilich
oftmals unbegreiflich fügte sie hinzu
    Ich finde es nicht unbegreiflich entgegnete Renatus dass man so lange man
jung und unreif ist sich von augenblicklichen Eindrücken zu unbesonnenen
Handlungen fortreißen lässt und nicht sonderbar dass ein Mann wenn er zur
Einsicht in seine Irrtümer gekommen ist ihren nachteiligen Folgen so weit er
es vermag vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut zu machen trachtet Ich
habe Cäcilie noch nicht zu Seba führen können aber ich denke es zu tun sobald
die Gräfin Haughton Sebas Beistand weniger bedürfen wird
    Du bist natürlich Herr zu tun und zu lassen was Dich gut dünkt meinte
Hildegard welche in der Äußerung des Freiherrn über seine jugendlichen
Irrtümer eine für sie kränkende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden
hatte und Du hast Dir ja auch die Freiheit nach Deiner wechselnden Erkenntnis
zu verfahren immer und in allen Lebensverhältnissen unbedenklich zuerkannt Nur
wundern wird man sich über diese Sinnesänderung und der Onkel nicht am
wenigsten
    Sie erschrak als sie diese Worte ausgesprochen hatte denn Renatus überflog
sie mit einem Blicke voll stolzen und triumphirenden Erstaunens vor dem sie
unwillkürlich die Augen niederschlug Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten
und in die Geheimnisse des Onkels sagte er Gleichviel aber ob die Beichte
die er Dir offenbar getan hat seiner von Dir gerühmten Sinnesänderung
vorausgegangen oder ob sie eine Folge der Bekehrung gewesen ist die Du an ihm
gemacht hast in jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger
Geheimnisse nicht zu beneiden Ich für meinen Teil finde solche Geständnisse
empörend und ich würde es einem Manne nie verzeihen der sich unterfinge sie
einer mir in irgend einer Weise angehörenden Frau nach seinem Belieben
aufzudrängen Die Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre für einen Mann
und für eine Frau 
    Die Gräfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten das vernichtende Wort
auszusprechen das auf seinen Lippen schwebte
    Sie hatte bisher anscheinend nur auf Cäciliens Mitteilungen hingehört doch
war ihr nichts von der Unterredung der beiden Andern und von der immer bitterer
werdenden Wendung entgangen welche sie genommen hatte Einzig der Wunsch es zu
keinem öffentlichen Zerwürfnisse in ihrer Familie kommen zu lassen hatte sie
bis dahin abgehalten das unerfreuliche Gespräch zu unterbrechen und eben das
nämliche Verlangen war es jetzt wieder welches sie bestimmte sich mit einer
plötzlichen Frage um das Ergehen Sebas in das Mittel zu legen
    Renatus antwortete darauf wie seine gegenwärtige Gereiztheit es ihm eingab
Er sprach ohne im Grunde viel davon zu wissen von der ausgezeichneten
Verehrung deren Seba genieße von den würdigen Verhältnissen in denen sie sich
bewege Er erwähnte ihrer günstigen Vermögenslage ihres glücklichen
Familienkreises und er hegte bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung dass
es Hildegard zuwider sein dass es sie wo möglich noch mehr verletzen werde als
er Verletzungen von ihr erlitten hatte
    Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Güte auf Sie äußerte ihre
Genugtuung darüber sich in Seba mit der sie zu den Zeiten des Tugendbundes
viel verkehrt hatte nicht getäuscht zu haben sie nannte es sogar einen
glücklichen Gedanken dass Renatus Seba zu der Kranken hingerufen habe da sie
hilfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren ausharren werde bis sie
selber sie und Hildegard die Pflege der Gräfin Haughton übernehmen könnten
wozu sie gleich in den nächsten Tagen wenn sie nur ihre nötigsten
Einrichtungen getroffen haben würden gern erbötig wären
    Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter brachte Renatus für den Augenblick
um seine Fassung obschon es das konnte er nicht leugnen in vielfachem
Betrachte eben so natürlich als zweckentsprechend war Wenn die Mutter und die
Schwester seiner jungen Frau wenn die Gräfin Rhoden deren Charakter über jeden
Zweifel erhaben und deren gesellschaftliche Stellung eine so wohl begründete
war sich der Gräfin Haughton annahmen mussten alle Gerüchte welche über
Eleonore wie über ihre Beziehungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren
davor verstummen und Eleonore hatte für den Fall ihrer Herstellung an der
Gräfin gleich den Anhalt dessen sie bedurfte Er hätte daher den Vorschlag
seiner Schwiegermutter als ein glückliches Ereignis mit tausend Dank begrüßt
wäre Hildegard in demselben nicht beteiligt gewesen und hätte er nicht auf das
unwiderleglichste gefühlt dass die Feindschaft zwischen dieser und zwischen ihm
eine unversöhnliche sei dass Hildegard ihn und Cäcilie hasse dass die Mutter
aus einem sehr erklärlichen Mitgefühle für ihre weniger glückliche Tochter
Partei für diese nehme und dass also auch die Hülfsleistung zu der man sich für
die Gräfin Haughton erbot ohne alle Frage nur dazu benutzt werden würde einen
neuen Heiligenschein für Hildegard daraus zu machen
    Es ist ein unvergesslicher es ist oft ein entscheidender Moment für einen
Menschen wenn er sich zum ersten Male eingestehen muss dass er Feinde
unversöhnliche Feinde habe wenn er es in sich fühlt wie er diejenigen zu
hassen vermag an deren Hass gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann und es war
ein doppelt schmerzlicher Augenblick für den im Grunde seines Wesens guten und
nicht charakterfesten Freiherrn der bisher nur selten auf Widerstand gestoßen
war Er hatte in seiner frühen Jugend keines fremden Menschen Hilfe nötig
gehabt Er war überall gern gesehen worden weil er nichts zu begehren
gebraucht er hatte es also auch nicht gelernt wie man sich mit seinen
berechtigten Ansprüchen denen gegenüber zu behaupten hat die aus irgend einem
Grunde nicht gewillt sind jene Ansprüche anzuerkennen und zu befriedigen Nach
der Lehre seiner Kirche hatte er unwillkürlich an dem Glauben festgehalten dass
wie vor Gott so auch den Menschen gegenüber die Reue genug tue für den
Irrtum und die Busse für den Fehl Er hatte sich über sein Verhalten und über
sein Unrecht gegen Hildegard in keiner Weise verblendet er hatte nur nicht sich
allein nicht sich ausschließlich für den Schuldigen betrachtet sondern
vielmehr erwartet dass auch Hildegard es allmählich einsehen werde in wie weit
sie selber zu ihren schmerzlichen Erlebnissen die Veranlassung geboten habe und
eben deshalb hatte er sich der Hoffnung hingegeben früher oder später zu einer
Ausgleichung mit ihr gelangen zu können über welcher wie auf einem neuen
Unterbau sich ein schönes und friedliches Familienleben errichten lassen würde
Hildegards Güte ihr liebevolles Gemüt ihre Hingebung für Andere ihre
Entsagungs und Opferfähigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie und von
Fremden immerdar bewundert worden sie hatte ihren Verlobten auch beständig und
mit einer Vertrauen fordernden Kraft auf diese ihre Tugenden und Eigenschaften
hingewiesen und er hatte also darauf gerechnet dass sich dieselben auch in
diesem besonderen in seinem besonderen Falle bewähren würden Nun fand er sich
plötzlich in dieser Voraussetzung auf das Unerbittlichste getäuscht
    Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte es ihm
unwiderleglich dargetan dass er in ihr eine Feindin besitze dass sie für ihre
Feindschaft in dem Grafen Gerhard einen Bundesgenossen gewonnen habe und dass
die Gräfin Rhoden trotz ihrer Mutterliebe für Cäcilie sich wie gesagt
verpflichtet halte vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch
unverheirateten der unversorgten Tochter oder wie sie es in der Sprache der
Gesellschaft bezeichnete auf das Empfinden und die Beruhigung ihrer armen
Hildegard Rücksicht zu nehmen die sich nur in Taten der Entsagung und in
Werken der Liebe genug tun konnte
    Er hätte nicht gleich nicht mit Sicherheit anzugeben vermocht was er davon
befürchtete wenn die Gräfin Rhoden und Hildegard sich mit Eleonore in
Verbindung setzten er hatte nur die Überzeugung dass er es zu hindern suchen
und dass er vor allem Andern darauf denken müsse sich in seinen Angelegenheiten
vor jeder Beeinflussung durch die Familie zu bewahren Obschon er bei seinem
Wiedersehen mit Seba dieser von seiner Frau gesprochen hatte er damals nicht
die bestimmte Absicht gehabt ein Umgangsverhältniss zwischen seinem und dem
Tremannschen Hause einzugehen jetzt aber fühlte er sich dazu geneigt denn er
übersah mit jener Klarheit die uns bei entscheidenden Anlässen oft in
ungewöhnlich hohem Grade und plötzlich zu Gebote steht wie er dadurch eine
Scheidewand zwischen sich und seinem Oheim aufrichtete die nicht leicht zu
übersteigen war und dass er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen
werde Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem Hause haben Seine
Frau sollte nicht wie einst seine Mutter von heimlicher Böswilligkeit
beunruhigt werden und weitergehend als es in diesem Augenblicke nötig gewesen
wäre lehnte er den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwägerin
entschieden ab Er sagte dass Eleonore noch auf lange Zeit hinaus vor jedem sie
aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben müsse und dass es eine Undankbarkeit gegen
Sebas Alles vergessende und vergebende Güte sein würde wollte man sie wie
einen Notbehelf behandeln den man beseitige sobald man seiner nicht ganz
unumgänglich bedürfe eine Undankbarkeit deren er sich gegen sie zum zweiten
Male nicht schuldig machen wolle
    Die Gräfin hörte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu wer sie aber näher kannte
den vermochte diese Gelassenheit nicht über ihren Unmut zu täuschen Es war ein
gutgemeinter Vorschlag sagte sie und Du hast sehr Recht mein Sohn ihn
abzulehnen wenn er Deinen Absichten nicht entspricht Ob Du aber meine Tochter
grade jetzt grade in Deinen gegenwärtigen und besonderen Verhältnissen zu Seba
Flies und in das Haus von Tremann führen sollst das meine ich würde doch erst
reiflich zu erwägen sein Ich bekenne Dir ich bin nicht dafür
    Und darf ich fragen was Sie dawider haben erkundigte sich Renatus dem ein
Etwas in dem Tone seiner Schwiegermutter sehr empfindlich auffiel
    Du hattest sonst und ich habe dies nur zu begreiflich gefunden eine
Abneigung dagegen mit diesem Herrn Tremann in Berührung zu kommen entgegnete
sie ihm ihre Worte nachdrücklich bezeichnend
    Renatus fühlte dass er errötete und das bestimmte ihn sich gegen die
verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter aufzulehnen Es musste heute
gleich heute ein für alle Mal entschieden werden wer der Herr in seinem Hause
sein solle und entschlossen nötigenfalls seine ganze Vergangenheit an die
Sicherung seiner Zukunft zu setzen sagte er Es ist nicht gut liebe Mutter
dass Sie mich an alle die Fehler und Irrtümer erinnern die ich mir habe zu
Schulden kommen lassen Schieben Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr
einseitigen Erziehung aber glauben Sie mir dass ich gesonnen bin sie abzulegen
und so viel an mir ist zu vergüten
    Es ist also Dein Vorsatz Dich  sie hielt inne als sträube sich ihre
Empfindung dagegen das Wort auszusprechen  dem Sohne Deines Vaters den Dein
Vater nicht anzuerkennen doch sicherlich seine guten Gründe hatte jetzt
brüderlich zu nähern und meiner Tochter in diesem Abkömmlinge einer Dienstmagd
den Schwager zuzuführen  Darauf war ich wirklich nicht gefasst
    Renatus der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner Mutter geerbt
hatte wurde jetzt eben so bleich als er vorhin mit Röte übergossen worden
war Es ist nicht meine Absicht sagte er vor der Welt ein brüderliches
Verhältnis mit Paul Tremann aufnehmen zu wollen das eben vor ihr einmal nicht
zu Recht besteht Aber es ist mein Vorsatz mein fester Vorsatz einen Mann von
dem ich nur Gutes und Ehrenvolles weiß einen Mann dem ich das Höchste schulde
was ein Mensch dem andern schulden kann und der sich mir ganz abgesehen davon
soweit ich seiner anderweit bedurfte dienstgefällig und mit ehrlichem Rate
bewährt hat künftig nicht mehr bloß um deshalb von mir zu weisen weil er der
uneheliche Sohn meines Vaters ist
    Die Gräfin schüttelte missbilligend das Haupt Wähle Deine Ausdrücke etwas
vorsichtiger lieber Renatus sagte sie meine Töchter sind an solche
Unumwundenheiten Gottlob nicht gewöhnt
    So wird Cäcilie sich daran gewöhnen müssen sie ist eines Soldaten Frau
entgegnete der Freiherr der gleichmäßig von seinem Zorne wie von dem
Bewusstsein fortgetrieben dass er viel weiter gegangen war als er je
beabsichtigt hatte den Anschein einer völligen Geistesfreiheit aufrecht zu
erhalten wünschte
    Cäcilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer bedeutete ihn die
Gräfin indem sie sich erhob
    Hildegard war schon vorher aufgestanden und an das Fenster getreten als die
Unterredung sich auf Paul gewendet hatte Sie machte sich an Cäciliens Nähtisch
mit der Betrachtung ihrer Stickerei zu tun Die junge Frau blickte verlegen und
bittend bald die Mutter bald den Gatten an Sie war beständig dem Weinen nahe
und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus gegen die Gräfin und gegen
Hildegard noch unversöhnlicher
    Die Gräfin sah nach der Uhr Hildegard sagte sie habe die Mutter bereits
daran erinnern wollen dass es Zeit zum Gehen sei weil man mit dem Mittag auf
sie warten werde Cäcilie fragte ob sie nicht zu Hause ässen die Mutter
verneinte es sagte jedoch nicht wohin sie geladen sei und Cäcilie zog es vor
sich danach nicht zu erkundigen
    Das unbehagliche Gespräch war plötzlich und mit einem entschiedenen Misstone
abgebrochen worden man redete nur noch von den allergleichgültigsten Dingen
während der Diener den Damen die Mäntel in das Zimmer brachte Als er sich
entfernt hatte fragte Cäcilie ob ihre Mutter die Baronin Vittoria nicht
begrüßen ob man nicht noch einen Augenblick zu ihr gehen wolle aber Hildegard
bestand darauf dass es zu spät sei dass man sich beeilen müsse
    So gelangte man in das Vorzimmer Mit einem Male blieb die Gräfin stehen Du
wirst also sagte sie sich zu Renatus wendend voraussichtlich in nicht zu
ferner Zeit Cäcilie zu Seba und zu Tremann bringen der sich ja wohl auch
verheiratet hat und es ist ihre Pflicht sich Dir auch wo es ihr schwer
fallen wird durchaus zu fügen Wolltest Du mich aber damit ich diesen in der
Tat für Dich sehr auffallenden Schritt doch zu erklären und vor der
Gesellschaft zu begründen im Stande bin vielleicht wissen lassen welches der
große Dienst oder welches die große Aufopferung ist für die Du Tremann Dich
verpflichtet fühlst so würdest Du mich verbinden und Cäcilien würde Deine
Forderung dann vielleicht auch weniger überraschend dünken
    O rief Renatus für den es in diesem Augenblicke der Überreizung keine
Zurückhaltung mehr gab  o Cäcilie wird wenn es sie anders glücklich macht
mein Weib zu sein gewiss mit Freuden zu dem Manne gehen dem ich meine
Erhaltung dem ich mein Leben zu verdanken habe
    Dein Leben fragten die drei Frauen wie aus einem Munde
    Ja mein Leben wiederholte der Freiherr dem es plötzlich wohler und frei
ums Herz ward als er den ersten Schritt zu der Genugtuung getan hatte
welche er aus Hochmut seinem Retter bisher schuldig geblieben war Ohne
Tremanns männliche Entschlossenheit ohne seinen Mut läge ich begraben unter
den Tausenden die bei Möckern ihren Tod gefunden haben Und er sah meinem
unserem Vater in dem Augenblicke in welchem er mir zu Hilfe eilte so
vollkommen gleich er rief mich so völlig mit meines Vaters Stimme an dass ich
lange wähnte eine Vision gehabt zu haben dass ich erst als ich ihn später als
ich ihn in Ruhe wiedersah zu der Erkenntnis kam dass es ein sterblicher Mensch
wie ich dass es Tremann und nicht mein Schutzgeist in der ehrwürdigen Gestalt
meines damals eben erst dahingegangenen Vaters gewesen war der den Todesstreich
von meinem Haupte abgewendet hatte 
    Es war gesagt Nun war es ausgesprochen und doch hatte Renatus auch jetzt
noch nicht die Kraft besessen sich in voller Wahrheit von dem früheren Märchen
loszureißen er hatte sich einer Unwürdigkeit nicht zeihen mögen
    Es entstand eine Pause Cäcilie hing sich an ihres Gatten Arm die Gräfin
war unentschlossen was sie sagen sollte Hildegards Mienen verrieten ihren
Zweifel an dem Sachverhalte Die Mitteilung war Allen so spät so unerwartet
gekommen dass man nicht wusste wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu
verhalten habe und die kühle Weise mit welcher sie von der Mutter und von
Hildegard aufgenommen wurde lähmte den Aufschwung zu dem die Seele des
Freiherrn sich eben erst erhoben hatte
    Das verändert die Sache freilich meinte die Gräfin endlich das sind
Gründe die man gelten lassen muss und die man anzugeben vermag Hüte Dich aber
dass Deine schöne Dankbarkeit Dich nicht zu weit führt lieber Sohn Sei
vorsichtig auch in diesem Punkte Wir sprechen bald einmal davon recht bald
    Sie umarmte die Tochter umarmte auch den Sohn und man trennte sich mit dem
herkömmlichen »Auf Wiedersehen« 
    Die Frauen hatten aber die Schwelle des Hauses noch nicht überschritten als
Hildegard ihren Arm in den der Mutter legte und sich an sie schmiegend leise
sagte Mama sei ruhig ganz ruhig über Deine Hildegard Du wirst sie nicht mehr
klagen hören nicht mehr weinen sehen Gott hat es wohl mit mir gemeint Das war
nicht der Mann mit dem ich glücklich werden das war nicht das Haus in dem ich
Frieden finden konnte Renatus hat doch im Grunde seines Vaters hat doch den
Artenschen Sinn der sich zu allem demjenigen hingezogen fühlt was unseren
Begriffen von Sitte und von wahrer Würde widerspricht Ich wäre an seiner Seite
zu Grunde gegangen wie die Kousine Angelika an seines Vaters Seite das sehe ich
immer klarer ein Lass uns hoffen Mama dass Cäcilie weniger fein empfindet und
vor allen Dingen liebe Mutter lass uns ihr zur Seite stehen und über ihr
wachen Sie wird das wie ich fürchte nötig haben
 
                                Viertes Kapitel
Die mehr oder weniger großen Kreise von Menschen welche sich als eine durch
gewisse Überzeugungen Sitten oder Lebensgewohnheiten zusammengehörende
Gesellschaft betrachten sind in der Regel sehr geneigt sich von einem ihrer
Mitglieder einen bestimmten Anstoß geben und von diesem in irgend eine beliebige
Bahn hineinschieben zu lassen in der sie dann je nach den Fähigkeiten der
Einzelnen vorwärtsschreiten und die Bewegung zu der sie getrieben worden sind
wie eine von ihnen selbst ausgegangene eifrig fortzusetzen pflegen Denn wie die
Gemeinschaft die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch
belebend auf den Einzelnen zurückwirft so empfängt sie noch häufiger ihre
Gedanken und Meinungen von einer einzelnen Person und es sind leider nicht
immer die Edelsten und Besten nicht immer die Unparteiischen nicht immer die
Selbstlosen welche den Ton angeben und bestimmen Irgend ein Zufall irgend
eine Schicksalsgunst irgend ein das billige Mitleid anregender Unglücksfall
vermögen einem bisher missachteten Charakter nicht nur Verzeihung sondern eine
Anerkennung eine Geltung und einen Einfluss auf seine Umgebung zu verschaffen
die erlangen zu können er sich vielleicht nie träumen ließ und die geschickt zu
nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versteht oder doch sehr bald erlernt
    Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren kaum von ihren
beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurückgekehrt als sie es bemerken
konnten dass sie von ihren Umgangsgenossen mit einer ungewöhnlichen
Zuvorkommenheit empfangen und aufgenommen wurden und dass man ihnen eine
Stellung eine Teilnahme und eine Bedeutung einräumte welche beide in einem
solchen Grade nie zuvor besessen hatten Bei jedem Antrittsbesuche welchen
Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten machte erwähnte man des Wohlwollens
mit welchem die Prinzessin sich nach ihr erkundigt und der großen Billigung
mit der sie Hildegards edles Verhalten aufgenommen habe Man freute sich
Hildegard so gefasst so erholt zu sehen man behandelte sie mit jener
Achtsamkeit und Schonung welche man einer Genesenden entgegenbringt Man
schwieg von Renatus wie das in diesem Falle auch natürlich war und wenn man
gelegentlich einmal seiner jungen Frau gedachte so geschah es nur um die arme
Cäcilie zu bedauern weil das große Opfer welches ihre Schwester ihr gebracht
weil Hildegards edle Entsagung für die arme Cäcilie doch im Grunde eine völlig
fruchtlose ja vielleicht ein Unglück gewesen sei
    Die edle Hildegard und die arme Cäcilie das waren für diesen Augenblick
gleichsam die Stichworte und Erkennungszeichen des gesellschaftlichen Kreises
geworden der sich um die Prinzessin bewegte und wenn Cäcilie auch nicht die
entfernteste Ahnung davon hatte dass man sich dort darin gefalle sie als eine
unglückliche Gattin als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten so fand
doch ihre ältere Schwester sich um so schneller darein die Rolle welche sie
bis dahin nur in der Familie gespielt hatte fortan auch in der Gesellschaft
durchzuführen da der Zufall ihr dies wenn auch auf Kosten ihrer Schwester
möglich machte
    Renatus hatte nach der Art in welcher der erste Besuch seiner Schwägerin in
seinem Hause verlaufen war darauf gerechnet dass ein solcher sich nicht so bald
wiederholen ja dass er vielleicht gar nicht wieder erfolgen würde Er hatte
sich aber in dieser Voraussetzung getäuscht Die Mutter und die Tochter kamen
beide schon an einem der nächsten Tage wieder um die Baronin Vittoria
aufzusuchen Sie wünschten wie Hildegard es ausdrücklich bezeichnete es den
lieben Geschwistern dazutun dass sie die neulichen kleinen Missverständnisse so
leicht genommen hätten wie man dies unter nahen Anverwandten tun müsse und
obschon der Freiherr wusste was er von diesen Versicherungen zu halten habe
bewog ihn seine Rücksicht auf dasjenige was er als den Familienanstand und die
gute Sitte bezeichnete sein inneres Abmahnen zu besiegen und den Schein eines
freundlichen Verhältnisses zwischen seinem und dem Hause seiner Schwiegermutter
aufrecht zu erhalten Das war aber alles was Hildegard für sich und ihre
Absichten bedurfte
    Jeder der es sehen wollte konnte sich jetzt also davon überzeugen dass die
Untreue des Freiherrn und Cäciliens wie man es doch mindestens bezeichnen
musste sehr unschwesterliches und keineswegs edles Betragen auf Hildegards
grossherzige Gesinnung keinen Einfluss geübt hatten Sie behandelte das junge Paar
mit der größten Freundlichkeit sie war es die seine Verteidigung übernahm wo
man Miene machte es anzugreifen sie bestimmte den Grafen Gerhard den
Neuvermählten auf alle Fälle mit einem Besuche zuvorzukommen und wo immer in
Cäciliens Abwesenheit von ihr die Rede war machte die ältere Schwester sich zu
ihrer Lobrednerin und Beschützerin
    Sie gab es den Leuten zu bedenken dass die arme Cäcilie kein leichtes Leben
habe Es sei für eine junge Frau nichts Kleines gleich in den ersten Tagen
ihrer Ehe eine Erfahrung zu machen wie Eleonorens Ankunft sie der armen Cäcilie
auferlegt es sei auch keine geringe Aufgabe mit einer Schwiegermutter wie die
Baronin Vittoria sich in das rechte Verhältnis zu setzen und die Anwesenheit
ihres Sohnes ruhig hinzunehmen
    Fragte man sie was diese letzte Andeutung besagen wolle so brach Hildegard
stets plötzlich ab schien erschrocken über die Äußerung zu sein die ihr
entfahren war und ging mit unverkennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von
Vittorias phantastischen Lebensgewohnheiten über bei deren Ausmalung sie gegen
ihre sonstige schwermütige und elegische Weise eine gute Laune und einen Humor
zu entwickeln verstand welche die Hörer unterhielten und sie zum Wiedererzählen
des Vernommenen verleiten mussten
    Vittoria hatte noch keine Besuche in der Stadt gemacht als über sie bereits
die widersprechendsten Gerüchte im Umlauf waren Man unterhielt sich lachend
davon dass sie sich trotz der vierzehn Jahre seit denen sie im Norden lebe
noch nicht an das Klima habe gewöhnen können dass sie beim Beginne des Winters
am Tage schlafend und in den Nächten wachend sich förmlich in ihren Zimmern
vergrabe um von der schlechten Jahreszeit so wenig als möglich gewahr zu
werden dass sie sich nur von Früchten und von Süßigkeiten nähre dass sie unter
dem Vorgeben um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu trauern beständig
schwarz und zwar in einem nonnenartigen Gewande einher gehe während diese
Schwarze Tracht ihr doch als eine Busse für ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt
worden sei und neben diesen aus missdeuteter Wahrheit und aus absichtlicher
Erfindung zusammengesetzten Erzählungen tauchten hier und da bedenklichere
Gerüchte auf welche sich in anderer Weise mit der Baronin Vittoria zu tun
machten Sie bezogen sich auf ihre eheliche Treue auf ihr früheres und auf ihr
gegenwärtiges Verhältnis zu ihrem Stiefsohne auf ihre Feindschaft gegen
Hildegard auf ihre außerordentliche Freundschaft für ihre Schwiegertochter und
endlich auch auf ihren Sohn der sich jetzt bereits in der großen militärischen
ErziehungsAnstalt befand
    Woher die Gerüchte stammten welche den Ruf und die Ehre Vittorias so
empfindlich antasteten und dem Hause des jungen Freiherrn selbst in jedem
Betrachte zu nahe traten das wusste Niemand zu sagen aber man nahm sie nichts
desto weniger als alte ganz bekannte Tatsachen auf Hildegard und die Gräfin
Rhoden hatten wie man versicherte wohl gelegentlich über Vittorias
Eigenheiten einmal gescherzt indes von ihnen war ein Wort des ernsten Tadels
gegen Cäciliens Schwiegermutter so weit man sich erinnerte nicht ausgegangen
Dass Graf Gerhard der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen so vorsichtig
zu Werke ging nichts wider die Stiefmutter seines Neffen geäußert haben könne
davon waren alle die ihn kannten überzeugt und doch empfanden Renatus und
Cäcilie immer aufs Neue dass man sie mehr und mehr mit einer peinigenden
Neugier beobachtete dass man sich in einer sonderbaren Weise nach der Baronin
Vittoria erkundigte und dass überall und immer die Frage aufgeworfen wurde ob
der Freiherr denn für sich und die Seinigen eine Vorstellung am Hofe
nachzusuchen denke
    Die Lage wurde beiden Gatten unbequem Man tat im Grunde durchaus nichts
Entschiedenes wider sie aber sie trafen nirgends auf einen festen Boden und
überall war es als wachse ein Unkraut unter ihren Schritten auf das sich ihnen
hemmend und hindernd um die Füße legte Wollten sie es nicht weiter wuchern
sich nicht davon völlig umgarnen lassen so mussten sie es mit festem Auftreten
niederzuhalten suchen Es war ohnehin Zeit sich in die große Gesellschaft
einzuführen wenn man überhaupt sich ihr anzuschließen beabsichtigte und
Renatus wünschte wie schon erwähnt sowohl für Cäcilie als für Vittoria einen
sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang Als man jedoch daran gehen wollte
die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten fand es sich dass Vittoria durchaus
nicht für das Leben in der Gesellschaft oder gar am Hofe mit ihrer Toilette
eingerichtet war
    Dem Übelstande musste abgeholfen werden denn Renatus hielt sich den alten
Grundsatz vor dass wer den Zweck wolle auch die Mittel wollen müsse Man ging
also guten Mutes daran eine neue und vollständige Ausstattung für Vittoria zu
beschaffen und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des Freiherrn eine
große Freude daran Weil sie niemals eine Stadt bewohnt niemals das für die
meisten Frauen so verführerische Vergnügen genossen hatte reich versehene
Magazine zu besuchen und sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Bedürfnis zu
versorgen reizte und erfreute sie alles was ihr vor die Augen kam Allerdings
blieb sie ihrem Vorsatze die Trauerfarbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen
treu aber auch für eine solche Tracht war es möglich einen großen Geldaufwand
zu machen und Vittoria besaß wenn er bisher in ihr auch niedergehalten worden
war den Sinn ihres Volkes für das Reiche und das Prächtige das obenein ihrer
besonderen Art von Schönheit sehr entsprechend war
    Sie hatte das Verlangen in der großen Welt zu leben zwar seit dem Tode
ihres Gatten lebhaft gehegt aber sie war es doch nicht gewesen welche die
Veranlassung zu der Ausführung dieses ihres Wunsches gegeben hatte und eben
deshalb sah Renatus es als seine Pflicht an ihr bei ihren jetzigen Ausgaben
keine kleinliche Beschränkung aufzuerlegen Er würde sich geschämt haben die
Witwe seines Vaters die Baronin Vittoria die neben dem Namen seines Hauses den
stolzen Namen der Giustiniani trug nicht ihrem Stande gemäß und nicht nach
ihrer Neigung auftreten zu lassen und er hatte daneben da der Schönheitssinn
seines Vaters auch auf ihn übergegangen war eine wirkliche Freude daran
Vittoria in einer Weise gekleidet und geschmückt zu sehen welche die immer noch
auffallende Schönheit derselben zur rechten Geltung kommen ließ
    Jetzt erst da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte fing auch sie nach
dem Schmuck zu fragen an welchen ihr verstorbener Gatte ihr einst als ihr
Eigentum und als das Erbe des Hauses übergeben hatte und Renatus konnte sich
nicht überwinden ihr oder gar seiner Frau das Geständnis zu machen wie von dem
vielbesprochenen Artenschen Familienschmucke jetzt nicht mehr ein Stein
vorhanden sei Er meinte der Ehre seines Vaters damit zu nahe zu treten und
wie er mit sich in seinem Innern deshalb auch prüfend und überlegend zu Rate
ging es war nicht persönliche Eitelkeit auch nicht einmal der Wunsch seine
Frau und seine Stiefmutter in reichem Schmucke erscheinen zu lassen sondern
ganz eigentlich die Rücksicht auf das Andenken seines Vaters es waren seine
Kindesliebe und ein Gefühl für das was er sich und seinem Hause schuldig sei
die ihn bewogen sowohl für Vittoria als für Cäcilie heimlich Ankäufe von
Schmuck zu machen Sie kamen natürlich den einstigen FamilienDiamanten wie die
Baronin Angelika sie aus ihres Gatten Hand empfangen hatte in keiner Weise
gleich indes Cäcilie hatte die alten Brillanten niemals Vittoria sie seit
langer Zeit nicht mehr gesehen und Renatus hatte also keine große Mühe es den
beiden Frauen glaublich zu machen dass der verstorbene Freiherr während der
Kriegsjahre einige der Wertstücke verkauft und dass er selbst jetzt den übrig
gebliebenen Brillanten Behufs der Teilung zwischen seiner Frau und seiner
Mutter eine neue Fassung habe geben lassen Es gewährte ihm dabei eine Freude
zu sehen wie wenig Vittoria zur Habsucht geneigt war wie bereitwillig sie die
Hälfte des wie sie glauben musste ihr allein zu Recht gehörenden Schmuckes an
die Schwiegertochter abtrat und da nebenher auch Cäcilie ein außerordentliches
Vergnügen über den Besitz dieser Diamanten kund gab so schlug sich Renatus
endlich die Sorge wegen dieser neuen und für seine gegenwärtigen Verhältnisse
viel zu großen Ausgaben aus dem Sinne Er tröstete sich damit dass die
Vorsehung welche ihm so mannigfache unerwartete Hindernisse bereitet und
Prüfungen jeder Art auferlegt habe ihm doch endlich auch auf irgend eine
unvorherzusehende Weise zu Hilfe kommen dass sie es ihm möglich machen müsse
die guten und festen Vorsätze die er schon in früher Jugend für seine einstige
Ehe gehegt hatte zur Ausführung zu bringen damit er sich jenes schöne und
würdige Familienleben aufrichten könne welches ihm von jeher als das Ziel
vorgeschwebt hatte nach welchem vor Allem der wahre Edelmann zu streben habe
Dass ihm für diesen idealen Bau die beiden Hauptbedingungen der feste Boden
gesicherter Vermögensverhältnisse oder die Fähigkeit der zu jeder Entbehrung
bereiten Selbstbeschränkung fehlten daran allerdings dachte der Freiherr
nicht
    Mit seinem Namen mit seinen Verbindungen und bei seiner militärischen
Stellung fand er für seine Vorstellung bei Hofe keine Schwierigkeit dennoch war
der Empfang welcher ihm und seiner Familie in den verschiedenen Hofstaaten zu
Teil ward je nach den in den einzelnen Schlössern herrschenden Gesinnungen
und Lebensgewohnheiten sehr verschieden Dass er von Seiten der Prinzessin
welche sich zu Hildegards Beschützerin gemacht und deren Gunst Graf Gerhard
sich erworben auf keine günstige Stimmung für sich rechnen konnte hatte sich
Renatus im voraus gesagt Aber die Gnade welcher die Gräfin Rhoden sich von
Seiten der Prinzessin von jeher erfreut hatte machte es trotzdem für Cäcilie
und für ihren Gatten zu einer Pflicht der Dankbarkeit die Vorstellung bei der
Prinzessin nachzusuchen und Renatus der in dem Regimente diente dessen Chef
eben der Gemahl der Prinzessin nach dem Kriege geworden war fand sich damit ab
dass er wenigstens doch die Zufriedenheit und Geneigteit dieses Letzteren
besitze und es in seiner Gewalt habe sie durch die strengste Pünktlichkeit im
Dienste in immer höherem Grade zu verdienen
    Diese Pünktlichkeit im Dienste war es auch welche den König auf den jungen
Major von Arten aufmerksam hatte werden lassen In der ganzen Garde gab es bei
den KavallerieRegimentern kaum eine andere Schwadron deren Exercitien so
vollendet in welcher der Mann und sein Pferd so Eins in der die Leute eine so
in einander gefestete Masse und jeder Knopf und jede Schnalle so der strengsten
Dienstvorschrift entsprechend gewesen wären als in der des Majors von Arten
Aber wenn die Armee und ihre äußere Stattlichkeit auch der Stolz des Königs und
die Freude an der regelrechten seelenlosen Front jetzt nach den Kriegen noch
mehr als vor denselben seine eigentliche Liebhaberei geworden war so bestimmte
doch der strenge bis zur Übertreibung gehende Ordnungssinn des Königs aus
welchem der ganze militärische Gamaschendienst entsprang seine Anschauungen und
Ansichten auch nach andern Seiten Er erkannte überall nur mit Widerstreben die
Notwendigkeit oder die Berechtigung zu einer Ausnahme von der festen Regel an
Feste Gesetze für eine möglichst einförmige Menschenmasse das war es was ihm
als Ideal vorschweben mochte Er verabscheute jene Selbständigkeit des
Einzelnen welche sich ihre Lebensverhältnisse nach eigenem Bedürfen zu
gestalten unternimmt und wie er selber einst in seiner Ehe dem Volke nach den
zügellosen Zeiten seines Vaters ein treffliches Vorbild der guten Sitte
geliefert hatte so verlangte er dass auch von seiner Umgebung kein böses
Beispiel gegeben dass der Anstand und die Zucht in den Familien mit
Gewissenhaftigkeit aufrecht und heilig erhalten und überall dasjenige vermieden
werden sollte was von sich sprechen machen was Aufsehen oder gar ein Ärgernis
erregen konnte
    Es waren also nicht eben besondere Anstrengungen dazu nötig den Major von
Arten in der guten Meinung des Königs zu beeinträchtigen Man bedurfte dazu
keiner Künste keiner Verleumdung keiner Unwahrheit die Sache machte sich ganz
von selbst Die Prinzessin welche nach dem frühen Tode seiner Gemahlin dem
Könige nur noch näher getreten war erwähnte nur einmal zufällig und bedauernd
der armen guten Gräfin Rhoden die nun nach so langer Entfernung von der
Hauptstadt unter so traurigen Verhältnissen wieder in dieselbe zurückgekehrt
sei
    Der König dessen nach Fürstenweise wohlgeschultem Gedächtnis nicht leicht
eine Tatsache verloren ging von der er einmal hatte sprechen hören und der
ebenfalls nach Fürstenweise von den Stadt und Familienneuigkeiten unter der
Hand gut unterrichtet zu sein liebte meinte sich zu erinnern dass die Tochter
der Gräfin mit dem jetzigen Major von Arten frühzeitig versprochen worden war
und wie dann eine Frage nun die andere gab erfuhr der König alles was man über
die Familiengeschichte der Freiherren von Arten wusste vermutete und fabelte
Das war aber durchweg danach angetan dem Könige zu missfallen
    Nicht hübsch gar nicht hübsch von dem Major sagte er ein Mädchen Jahre
lang warten und dann sitzen zu lassen Auch von der Schwester nicht hübsch gar
nicht hübsch
    Er belobte die Prinzessin dafür dass sie sich Hildegards angenommen habe
Müssen sehen dem Mädchen eine Versorgung einen andern Mann zu schaffen 
Schade um den Major sonst ein tüchtiger Offizier fügte er in seiner
abgerissenen Redeweise noch hinzu und erkundigte sich dann was denn aus der
Italienerin aus der ehemaligen Nonne geworden sei welche der Vater des Majors
seiner Zeit aus dem Kloster entführt und aus Italien mitgebracht habe
    Man berichtete dem Könige dass die Baronin im Hause ihres Stiefsohnes lebe
dass dieser den Sohn aus seines Vaters zweiter Ehe dem Kadettenhause übergeben
habe und wie von selbst schlossen sich die Erzählungen über die dem Major von
Arten sicherlich sehr unerwartete und unbequeme Ankunft und über das Erkranken
der zum Katholizismus bekehrten Gräfin Haughton an jene Mitteilungen an Der
König der in seiner protestantischen Strenggläubigkeit den Religionswechsel an
sich besonders aber den Übertritt von Protestanten zum Katholizismus ungern
sah schüttelte missbilligend das Haupt
    Könnte auch was Klügeres tun als die Artensche GenieWirtschaft
fortzusetzen Schickt sich nicht schickt sich nicht für einen Offizier
wiederholte er noch einmal indem er sich erhob und das Urteil über die
Artensche Familie war mit diesen Worten für den ganzen Hof nur noch
entschiedener als durch die Prinzessin ausgesprochen Nur Einer ließ sich nicht
davon bestimmen nur auf den ältesten Sohn des Königs auf den jungen
geistreichen und phantastischen Kronprinzen übte diese ganze Unterhaltung eine
gerade entgegengesetzte Wirkung aus
    Er liebte die Künste und die Wissenschaften er war ein Verehrer der alten
italienischen Musik seine Vorliebe für Italien und für die Gebräuche der
katholischen Kirche war schon damals eine entschiedene und es hatte daher eben
nur der Erwähnung bedurft dass die Baronin Vittoria von Arten eine entflohene
Nonne und eine Meisterin im Vortrage der alten italienischen Kirchenmusik sei
um dem Kronprinzen das Verlangen nach ihrer Bekanntschaft einzuflößen Eine
ehemalige Nonne die alten tiefsinnigen Melodieen des fünfzehnten und
sechszehnten Jahrhunderts inmitten der aufgeklärten und zum Teil so nüchternen
Gesellschaft singen zu hören bot für die Phantasie des lebhaften jungen
Prinzen einen reizenden Gegensatz dar und die Erscheinung der verwittweten
Baronin war wie dazu geschaffen die Gerüchte über ihre Vergangenheit zu
bestätigen
    Vittoria selber fühlte sich überrascht als sie sich zum ersten Male in
ihrem Leben in der reichen Tracht erblickte welche die Etiquette bei den großen
Hoffesten den Eingeladenen vorschreibt Das schwere Schleppkleid ließ ihre
Gestalt größer erscheinen als sie war ihre Büste ihr Nacken zeigten noch die
vollendete Schönheit der italienischen Formen und was die Zeit ihrem mächtigen
Antlitze an Frische geraubt hatte das ersetzte der Ausdruck ihrer Augen das
vermisste man nicht wenn die Lebhaftigkeit des Gespräches ihre Wangen mit jener
feinen Röte färbte welche eben auch nur den Südländern eigen ist
    Der Kronprinz der über das Alter Vittorias nicht unterrichtet gewesen war
hatte in ihr wenn auch nicht eine alte so doch eine wesentlich ältere Frau zu
finden erwartet und er war daher erstaunt in ihr noch eine wirkliche Schönheit
zu erblicken Ihre stolze edle Haltung gefiel ihm wohl der weiche tiefe Ton
und die vollendete Reinheit mit welchem sie ihre Muttersprache redete erfreute
sein gebildetes und für jeden Wohlklang sehr empfängliches Ohr und als er dann
am dritten Orte Vittoria einmal mit Cäcilie gemeinschaftlich singen zu hören die
Gelegenheit gehabt hatte er seine Freude über diesen seltenen Genuss so offen
und warmherzig ausgesprochen dass man überall wo man auf die Anwesenheit des
Kronprinzen sich Rechnung machen durfte die Artensche Familie einlud sicher
den Prinzen durch den Gesang der beiden Frauen angenehm zu unterhalten
    Plötzlich und wider sein Erwarten fand Renatus sich also auf diese Weise in
eine Parteistellung gebracht die er nicht gesucht hatte und die er nicht
gewählt haben würde hätte er es in seiner Hand gehabt sie nach seinen Wünschen
zu bestimmen Er hatte seine Plane auf ein Vorwärtskommen im Militairdienste und
auf die Anerkennung und Gunst des Königs gebaut aber diese letztere ward ihm
nicht zu Teil Es hatte bei der einmaligen Einladung mit welcher der König ihn
beehrte sein Bewenden auch an dem Hofe der Prinzessin wurden Renatus und die
Seinen nicht in der Weise wie sie es wünschen mussten aufgenommen dafür aber
empfingen alle diejenigen sie mit offenen Armen welche zu dem näheren
Umgangskreise des Kronprinzen gehörten
    Renatus der sich den vorsichtigen Intriguen seiner Schwägerin und seines
Oheims gegenüber in die Notwendigkeit versetzt sah sich nach einem Stützpunkte
und Anhalte umzutun und der wie alle leicht bestimmbaren Menschen sehr dazu
geeignet war dasjenige als seine freie Entschließung zu betrachten was ihm von
der Gewalt der Umstände abgezwungen oder aufgenötigt ward kam dadurch bald
dahin sich zu überreden wie es für ihn wie es für jeden jungen und vorwärts
strebenden Mann geratener sei sich mit seinen Hoffnungen einem gleichalterigen
Fürsten anzuschließen als deren Erfüllung allein von der augenblicklichen Gunst
eines älteren Mannes abhängig zu machen und die Frauen bestärkten ihn in dieser
Ansicht Sie waren beide in ihrem Innern herzlich froh die Gräfin Rhoden und
mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als möglich zu vermeiden
Ihnen sagte der jüngere lebenslustige Teil der Gesellschaft besser zu als die
ernstaften Unterhaltungen in den Gemächern der Prinzessin und Renatus der es
in den Tuilerieen und in den Sälen der Herzogin von Duras wohl erlernt hatte
sich in den durch Geist und Anmut verfeinerten Umgangsformen eines gebildeten
Hofes mit Leichtigkeit zu bewegen fand sich in der Nähe des jungen immer
angeregten jedem neuen Eindrucke offenen leicht bewegten und die Andern mit
sich fortreissenden Prinzen völlig wie in seinem Elemente
    Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr besonders an dass sein
inneres Zerwürfnis mit seinen und seiner Gattin Anverwandten Niemandem verborgen
war Er suchte die Gesellschaft des Grafen Gerhard und die der Gräfin Rhoden
nicht aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre Anwesenheit in
seinem Hause nicht Es war ihm sogar nicht unwillkommen wenn sie sich
überzeugten dass ihre heimliche Feindschaft ihn nicht beeinträchtigt habe dass
er sich wenn auch nicht in der ihren so doch inmitten der ihm erwünschtesten
Gesellschaft viel begehrt bewege und dass auch ihm die Gunst eines Mächtigen
nicht fehle
    Es freute ihn wenn Hildegard es hörte wie man Cäciliens blühende Frische
ihren kindlichen Frohsinn und ihren Gesang bewunderte es freute ihn wenn er
seinem Oheim und seiner Schwiegermutter sagen konnte dass der Kronprinz am Abend
zum Tee bei ihm erscheinen werde weil man heute eine alte Messe in seinem
Hause singe und dass die Art der Geselligkeit in die Renatus wie er sich sagen
durfte fast ohne all sein Zutun hineingezogen worden war ihn zu einem
größeren Haushalte und zu mannigfachen Ausgaben veranlasste den zu führen und
die über sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen Absichten gelegen hatte
darüber durfte er sich kein Bedenken und keinen Vorwurf machen Er tat ja nur
was von einem Manne in seiner Stellung und in seinen Verhältnissen gebieterisch
gefordert ward er tat nur was die Erfahrensten ihm auf andern Gebieten zu
tun stets geraten hatten Er durfte die Mittel nicht schonen wenn sie dem
richtigen Zwecke galten und wie er Rotenfeld und Neudorf hatte verkaufen
müssen um die Kapitalien für den Betrieb der Richtener Wirtschaft flüssig zu
machen so musste er jetzt kein kleinliches Bedenken dagegen tragen sich ein
paar Tausend Taler deren er für sein breiteres Leben durchaus bedürftig war
auf Wechsel zu verschaffen
    Sich einer solchen geringfügigen Summe wegen aus der Gesellschaft
zurückzuziehen auf die errungenen Vorteile zu verzichten den heimlichen
Gegnern das Feld zu räumen statt ihnen die Stirn zu bieten das hätte gegen
alle Regeln der Kriegskunst arg verstoßen und vollends sich freiwillig aus der
Nähe des Kronprinzen zu verbannen freiwillig allen den Aussichten zu entsagen
welche die beginnende Gunst desselben für die Zukunft verhieß das wäre wie
Renatus meinte eine unverantwortliche Unklugheit gewesen eine Unklugheit
deren er ohne ein Unrecht an seiner Familie zu begehen sich nicht schuldig
machen durfte
    Er konnte sich sagen dass er sich jetzt in völlig geregelten Verhältnissen
befinde Er hatte ein festes Gehalt ein sicheres wenn auch nur allmähliches
Avancement im Heere vor sich sein Gut war den Umständen nach in vorteilhafte
Pacht gegeben seine Einnahmen waren keineswegs unbeträchtlich Nur seine
Ausgaben waren allerdings in diesem letzten halben Jahre über alles Voraussehen
groß gewesen aber man hatte nicht in jedem Jahre sich neu einzurichten nicht
in jedem Jahre die völlige Ausstattung für zwei Frauen und für den Bruder zu
beschaffen nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusetzen und so
lange man sich eine so genaue und strenge Rechnung legte als er es tat hatte
es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Verhältnissen nicht das mindeste
Bedenken denn nur die achtlose die sorglose Wirtschaft war seinem Vater so
gefährlich so verderblich geworden Und es handelte sich ja nur um wenig
Monate Schon im Laufe der nächsten Zeit wenn die Gesellschaft aus einander
ging und namentlich in den Sommermonaten ließ sich sehr leicht Ersparnisse
machen mittels deren das neue kleine Anlehen zu bezahlen war Renatus war
deshalb ganz unbesorgt Er hätte es für eine ganz unnötige Grausamkeit
gehalten seine Frau oder seine Stiefmutter mit der Erwähnung dieser Tatsachen
in dem unschuldigen und fröhlichen Lebensgenusse dem sich beide zum ersten Male
überlassen durften irgendwie zu stören Er hatte sie dazu zu lieb der Beifall
den sie ernteten tat ihm selbst zu wohl und er fühlte sich auch Mann genug
sie ohne dass sie etwas davon ahnten an solchen kleinen Klippen still vorbei zu
führen
    Hätte er über Eleonorens Schicksal nur eben so ruhig sein können
 
                                Fünftes Kapitel
Seba hatte während des Krieges an manchem Krankenbette gewaltet und gewacht sie
hatte dabei manchem Kummer manchem tiefen Schmerze mancher Trauer und schwerem
Herzeleid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen aber eine ähnliche
Verzweiflung wie sie sich in Eleonorens Fieberphantasieen kundgab war nie vor
ihr laut geworden und nur in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend
fand sie die Kraft deren sie an diesem Krankenbette bedurfte
    Viele viele Tage vergingen ohne dass Eleonore zu irgend einem klaren
Bewusstsein gelangte Sie hatte in den letzten Monaten so viel so Gewaltiges
erlebt so große Erschütterungen durchgemacht dass alles was ihr begegnet war
und was ihr augenblicklich begegnete sich bei ihrer Schwäche in ihren Träumen
und Fieberphantasieen durch einander wirrte Bisweilen meinte sie in ihrem
Schloss zu sein und beschwerte sich darüber dass man ihr Zimmer so verändert
habe dann wieder glaubte sie sich in Rom in einer Klosterzelle und als sie
eines Tages in zufälliger Bewegung mit ihren Händen nach dem Haupte fasste und
die Fülle des Haares vermisste das man ihr auf des Arztes Anordnung während
ihrer Krankheit abgeschnitten hatte rang sich der laute Aufschrei »Es ist
vollbracht« aus ihrem Herzen empor und sich weit über ihr Lager hinausbeugend
umschlang sie Sebas Leib mit ihren Armen und ihr Antlitz auf den Knieen ihrer
Pflegerin verbergend weinte sie bitterlich
    Mit der leidenschaftlichsten Sehnsucht rief sie nach dem Abbé und verlangte
doch dass man sie vor ihm beschützen solle Sie beschwor dann Seba mit ihr aus
den engen Mauern dieses Klosters zu entfliehen heimlich mit ihr fortzugehen aus
dem fremden Lande und sie nach ihrer Heimat zu bringen unter den Schatten
ihrer eigenen Bäumen an das Ufer des Flusses der durch ihre Wiesen floss Sie
nannte sich bald eine mächtige Königin bald eine Gefangene
    Wer darf mich halten Wer hat Gewalt über mich wenn ich frei sein will
rief sie in wilder Heftigkeit und flehte im nächsten Augenblicke dass man ihr
ihre Seele wiedergeben solle damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen
umherzuirren brauche Das Fieber war im Abnehmen aber die Vorstellungen der
Kranken blieben verwirrt und die Besorgnis dass eine dauernde Störung der
Denkkraft zurückbleiben könne hielt diejenigen welche an dem Schicksale
Eleonorens Anteil nahmen in angstvoller Spannung
    Paul und Davide sahen es mit Sorge wie Seba in der Frühe das Haus verließ
und erst am Abende spät und ermüdet von der Kranken wiederkehrte aber sie
wussten es dass es vergebens sein würde sie von den Liebeswerken abzuhalten die
sie als ihre Lebensaufgabe betrachtete
    Ihr braucht mich nicht sagte sie mit ihrer sanften Ruhe wenn ihre
Pflegekinder ihr doch bisweilen die Vorstellung zu machen versuchten dass sie
sich ihnen nicht so ganz entziehen dass sie an sich selber denken sich schonen
solle Ihr braucht mich nicht denn Ihr seid glücklich Ihr kennt Euren Weg und
Euer Ziel dort aber ist ein armes völlig verirrtes Geschöpf Wie sollte ich
anstehen ihm die Hand zu bieten damit es nicht verloren geht Wer wie ich sein
eigenes Leben durch seine Schuld nicht zur reinen Schönheit gestalten nicht zu
einem in sich selbständig vollendeten machen konnte der muss es für Andere zu
verwerten und nützlich zu machen suchen und Ihr wisst es ja ich finde darin
ein großes Glück Vielleicht trägt die Natur den Sieg davon vielleicht erhalten
wir Eleonore dem Leben vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben Sie ist
so jung sie ist ohne Liebe auferwachsen und sie ist so schön fügte sie dann
stets hinzu und ging voll hoffender Beharrlichkeit immer wieder an das
Krankenbett zurück
    Das Jahr war fast zu Ende ehe Eleonore auch nur zu fragen anfing wo sie
sich befinde oder wer die Fremde sei die neben ihrer alten englischen Amme an
ihrem Lager weile und noch eine geraume Zeit verging ehe sie zusammenhängend
über sich zu denken ehe sie ihre Gedanken wieder mitzuteilen im Stande war
    Was der Beobachtung Sebas zuerst auffiel war dass Eleonore zwar an jedem
Morgen und an jedem Abende mit tiefer Inbrunst betete dass sie sich aber nie des
Kreuzes dabei bediente welches sie an einer goldenen zugelöteten Kette an
ihrem Halse trug und die Sonne schien schon wieder frühlingswarm auf die Erde
herab als die Genesende sich eines Tages erkundigte ob es ihr geträumt habe
dass der Freiherr von Arten bei ihr gewesen sei als sie erkrankt war
    Man sagte ihr dass ihre Erinnerung sie nicht täusche Sie wollte wissen
weshalb er nicht wiedergekommen sei Als man ihr das Verbot des Arztes irgend
Jemanden zu ihr zu lassen vorhielt erkundigte sie sich ob Seba vielleicht den
Freiherrn kenne
    Er hat mich zu Ihnen geholt mein Kind antwortete ihr diese
    Sind Sie mit ihm verwandt fragte Eleonore
    Nein aber seine Mutter war meine Freundin und als ich jung war wie Sie
jetzt habe ich seine Mutter die auch viel Kummer hatte in meinem Vaterhause
lange gepflegt
    Eleonore gab sich damit zufrieden Matt wie sie es war gehörten nur wenig
Vorstellungen dazu sie eine geraume Zeit zu beschäftigen und erst nach langem
Schweigen richtete sie sich ein wenig in die Höhe und sprach Sie sagten die
Mutter des Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt Sie wissen also
dass ich Kummer habe
    Ihre Worte Ihre unbewussten Klagen haben es mir verraten entgegnete ihr
Seba aber sorgen Sie Sich nicht darum Was ich vernommen habe hat mir Mitleid
mit Ihnen hat mir Liebe für Sie eingeflößt und es ist bei mir wohl aufgehoben
    Sind Sie katholisch forschte Eleonore weiter
    Nein ich bin eine Jüdin antwortete ihr Seba
    Eleonore sah sie ungläubig und wie erschreckend an und als mache sie sich
diesen Blick zum Vorwurfe ergriff sie plötzlich die Hand ihrer Pflegerin und
küsste sie zu wiederholten Malen Seba hinderte sie nicht daran Alles was sie
während Eleonorens langer Krankheit von Renatus über die Vergangenheit dieses
Mädchens erfahren alles was Eleonorens Amme ihr über die Vorgänge in Haughton
Kastle gesagt hatte Seba überzeugt dass Eleonore einer völligen Umgestaltung
ihres ganzen Wesens bedürftig sei wenn sie nicht aus Verzweiflung über sich
selber untergehen solle und wie man ein Kind langsam und allmählich auf die
Begriffe hinführt die man ihm zu geben wünscht wie man es so leitet und führt
dass es sehen muss was man es sehen lassen will so langsam und so vorsichtig
leitete Seba die Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad auf welchem sie
Heilung und Rettung für Eleonore finden zu können hoffte
    Weil sie selber sich gewöhnt hatte das Leben eines Menschen in seinem
ganzen Zusammenhange zu betrachten und Ursache und Wirkung einander gegenüber zu
stellen hatte sie die Kunst erlernt sich es in den meisten Fällen klar zu
machen durch welche Umstände ein Charakter sich eben so und nicht anders
gebildet habe Noch ehe also ihre Kranke im Stande war sich über sich selbst
auszusprechen wusste die feinsinnige Pflegerin was Eleonoren von Jugend auf
gemangelt hatte und sann darüber in stillem Herzen nach wie sie diesem auf den
reichen und prächtigen Höhen des Lebens geborenen und erzogenen Mädchen den
Segen zuwenden könne der in der Hütte des Armen dem Kinde selten fehlt  den
Segen der selbstlosen Liebe die selbstlos lieben lehrt
    Eleonore hatte ihre Mutter nicht gekannt ihr Vater der Marquis von Lauzun
war nicht der Mann gewesen einem Kinde durch seine Hingebung die Mutterliebe zu
ersetzen und Arabella Warwell zu deren strengen Grundsätzen und zu deren
starkem Verstande Eleonorens Mutter mit Recht ein großes Vertrauen gehegt
hatte war selbst eine Waise und in der Erziehung ihres Pfleglings von dem
Gedanken geleitet gewesen dass sie das verwaiste Mädchen vor allen Dingen dahin
gewöhnen und bilden müsse in sich selbst beruhen und den nachteiligen
Einflüssen widerstehen zu lernen welche ihm von Seiten der Herzogin schon frühe
drohten Mit bewusster Absicht hatte ihre Erzieherin die junge Gräfin misstrauisch
gegen ihre Tante und gegen die Freunde derselben gemacht Mit Geflissenheit
hatte sie das ohnehin sehr selbstgewisse Mädchen darauf angewiesen nur seinen
eigenen Eingebungen nur seinem eigenen Verstande zu folgen und die glänzende
Ausnahmestellung in welcher Eleonore sich befand die unausgesetzte Bewunderung
und Huldigung welche ihr von den Männern seit ihrem ersten Auftreten in der
Gesellschaft dargebracht wurden hatten die junge Gräfin mehr und mehr dazu
verleitet nichts zu begehren und zu bedürfen als immer neue Nahrung für ihre
eitle Selbstgenügsamkeit immer neue Befriedigung für ihren ungemessenen Stolz
    Ihre Erzieherin war in Folge einer Herzenstäuschung unvermählt geblieben
und wie sie um sich für den Irrtum ihrer Jugend zu bestrafen sich eben
deshalb zu einer unerbittlich scharfen Beobachterin gemacht hatte war auch
Eleonore durch sie gewöhnt worden an die Menschen und namentlich an die
Männer ideale Massstäbe anzulegen und schonungslos über sie abzuurteilen wo
sie diesen Massstäben nicht entsprachen Fräulein Warwell hatte gewünscht
Eleonore vor dem Missgriffe zu bewahren den sie selber einst begangen als sie
in einem geringen und unbedeutenden Manne die Eigenschaften zu finden geglaubt
hatte die sie in ihrem Gatten sich ersehnte und alles was sie für ihre
Pflegebefohlene damit erreichte war die Erweckung des Glaubens gewesen dass
kaum ein Mann es wert sei von einem edelen reinen Frauenherzen mit voller
Hingebung geliebt zu werden dass nur selten ein Mann es verstehe den Wert
einer großen weiblichen Seele und das Opfer ihrer Hingebung zu würdigen und dass
es das höchste ja das einzige Glück des Weibes sei den Mann zu finden den es
in Bewunderung lieben den es über sich stellen könne während er in jedem
Augenblicke wisse was diese freiwillige Unterordnung des Weibes von ihm fordere
und ihm auferlege Mitten in einer auf den äußern Lebensgenuss auf Befriedigung
ihres weltlichen Ehrgeizes gestellten Gesellschaft hatte Eleonore einsam da
gestanden in hoher Selbstüberschätzung von dem Leben die Gewährung und
Erfüllung ihrer idealen und überspannten Ansprüche erwartend nach Liebe
dürstend und doch in keiner Weise darauf vorbereitet sich an die Liebe liebend
hinzugeben
    So hatte der Abbé sie gefunden und entschlossen sich ihrer für seine
Kirche zu bemächtigen hatte er das traurige Werk ihrer Erzieherin vollendet
Eleonore ganz abzutrennen von dem Zusammenhange mit ihrer Umgebung um sie sich
desto leichter aneignen zu können Dass seine Schönheit seine persönliche
Bedeutung Eleonorens Liebe für ihn erweckten hatte er früh gesehen früh zu
benutzen gewusst selbst die Leidenschaft die in ihm für die Gräfin erwacht war
hatte er seinen Zwecken dienstbar gemacht Es hatte ihm das wollüstige Entzücken
der Herrschsucht und den Genuss gewährt den man empfindet wenn man sich seinem
Ziele nahe sieht als er Eleonore Dank seinen Ratschlägen vom Hofe verwiesen
von dem Freiherrn dem sie sich angetragen verschmäht völlig vereinsamt
gefunden hatte und erst als sie aufgegeben auch von der Gesellschaft ihres
Heimatlandes sich hülferufend an ihn gewendet war er vor ihr erschienen erst
da hatte er das Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzigten vor ihr erhoben und es ihr
als die Zufluchtsstätte dargeboten in der er und sie sich begegnen er und sie
sich in einer ewigen und ausschliesslichen Liebe zusammenfinden konnten
    Nicht aus Überzeugung nur aus Leidenschaft für den Geliebten war Eleonore
zu der katholischen Kirche übergetreten nicht eine Befriedigung ihres Herzens
nicht eine neue Beseligung hatte sie in dem Anschlusse an den Katholizismus
gesucht sondern nur ihn den Geliebten der in diesem Glauben seine Welt zu
haben behauptete ihn der ihr verheißen hatte sich nie von ihr zu trennen
wenn sie ihn zu suchen käme wo er seines Lebens seines Geistes seines Wirkens
Heimat habe Und als sie nun zu seiner Kirche sich hingewendet da hatte er
sich ihr entzogen da hatte er das junge Weib das man gewiegt hatte mit allen
Ansprüchen auf der Erde höchstes Glück und das sich in der Lage wusste es einem
geliebten Manne und sich selbst in jedem Augenblicke bereiten zu können von
sich gestoßen mit der grausamen Lust der Willkür der einzigen Freiheit die
sein Eid ihm gönnte
    Ich muss Dich fliehen denn ich liebe Dich hatte er ihr gesagt Willst du
mich wiedersehen willst Du mich nicht verlieren so musst Du alles daran setzen
was Du hast und bist so musst Du der Welt entsagen wie ich es getan habe und
eines unlöslichen Schwures Schranken müssen aufgerichtet werden zwischen uns
zwischen mir und Dir denn wir sind Menschen
    Eleonore hatte ihm auch diesen Schwur geleistet Was hätte ihre Liebe dem
Abgotte ihres Herzens versagen können so lange er an ihrer Seite war so lange
sein Blick sein Wort sie beherrschten und in ihre Bande schlugen Aber die
Lebenslust in ihr war zu mächtig Ihre Jugend ihre Schönheit in der
Gefangenschaft eines Klosters verblühen zu lassen der Heimat dem
Ahnenschlosse ihrer Väter und vor Allem der königlichen Freiheit zu entsagen
deren sie sich teilhaftig gewusst und gefühlt seit ihrer frühesten Kindheit an
das war über ihre Kräfte gegangen Auf ihren Knieen hatte sie den Abbé
beschworen sie von der Erfüllung des Eides zu entbinden den er ihr auferlegt
mit inbrünstiger Liebe hatte sie von ihm begehrt sich begnügen zu lassen mit
ihrem Gelöbnis dass sie niemals einem Andern angehören wolle und ihr Leiter und
Führer zu bleiben in der Welt und in der Freiheit denen zu entsagen sie sich
nicht entschließen konnte Sie hatte kein Gehör bei ihm gefunden Voll Misstrauen
in die Zulänglichkeit der eigenen Kraft mit dem festesten Glauben an die Gewalt
von Eleonorens Liebe hatte er sie verlassen  sicher dass sie ihm folgen werde
wohin er immer gehe bis er sie hingeführt haben würde zu dem Altare auf dem
sie ihre Zukunft opfern und sich und ihren reichen Besitz der Gemeinschaft
einverleiben sollte der er angehörte und deren Unerbittlichkeit er sich
verfallen wusste wenn er ihren Erwartungen nicht entsprach wie ers verheißen
wie man es von ihm erwartet hatte
    Seine Berechnung hatte ihn auch nicht getäuscht Wie von einer Naturgewalt
gezwungen war Eleonore ihm nach Deutschland nachgeeilt und noch einmal hatte
er sich von ihr entfernt Noch einmal hatte sie erkennen müssen dass keine Gnade
von ihm zu hoffen sei und überwältigt von der Größe ihres inneren Kampfes war
sie zusammengebrochen ihrer selbst nicht länger mächtig
    Es war Herbst gewesen als die Krankheit sie ergriffen das Bewusstsein sie
verlassen hatte nun war es Frühling geworden In einfacher Umgebung
unbewundert von Niemandem beansprucht fremd und in der Fremde hilflos wie ein
Kind so lag sie da und die warmen Sonnenstrahlen die auf den Wänden wie die
rieselnden Wellen eines lichten Stromes hin und wieder flossen waren ihres
Auges stille Freude Sie war zufrieden dass sie dieselben sehen konnte dass sie
noch atmete dass der Erde dunkler Schoss sie noch nicht umfing
    Eines Morgens als die Sonne auch wieder freundlich in ihr Zimmer schien
trat in der Frühe Seba bei ihr ein und legte ein paar Veilchen auf ihr Lager Es
sind die ersten unseres Gartens sagte sie Meiner Pflegetochter Söhnchen hat
sie gepflückt und sendet sie Ihnen mit einem schönen Guten Morgen
    Eleonore nahm die Veilchen in die Hand ihr Duft ihre Form ihr ganzer
Anblick schienen ihr wie neu Sie drückte sie an ihre Lippen und die Tränen
traten ihr in die Augen
    Seba fragte was sie so bewege
    Es rührt mich antwortete ihr Eleonore dass hier in der Fremde Blumen für
mich wachsen und dass ein fremdes Kind sie für mich pflückt Lieben Sie die
Kinder
    Welche Frage rief Seba Wer sollte den Frühling wer sollte die Hoffnung
nicht lieben In tiefster eigener Entmutigung hat die Beschäftigung mit
Kindern mich aufgerichtet und noch heute wenn ich mich niedergeschlagen fühle
brauche ich nur auf die schöne Zuversicht hinzublicken mit welcher die Kinder
in das Leben schauen um zu begreifen dass schon in dem bloßen Wollen Streben
Hoffen ein Glück verborgen liegt Und nun vollends der Gedanke wie leicht man
solch ein Kind erfreuen kann Diesen holden genügsamen Geschöpfen gegenüber
besitzen wir ja eine wahrhaft göttliche Allmacht
    Eleonore seufzte und kaum hörbar sagte sie Ich habe nie ein Kind bei mir
gehabt nie mit einem Kinde gespielt und keinem Kinde je etwas zu Lieb getan
    Armes Mädchen sagte Seba Sie sind eben einsam und ohne Liebe groß
geworden Sie werden viel nachzuholen haben wenn Sie erst genesen sind
    Eleonore schüttelte traurig das schöne bleiche Haupt Seba brach von dem
Gespräche augenblicklich ab indes Eleonore blieb fort und fort mit dem Gedanken
an den Knaben der die Blumen für sie gesendet hatte beschäftigt Sie wollte
wissen wie alt er sei sie wollte dass Seba ihr beschreibe wie er aussehe und
als diese von ihrer Uhrkette die Kapsel loslöste in welcher sie das
Miniaturbild ihres Lieblings trug konnte Eleonore sich an dem blonden
Lockenkopfe und an den hellen braunen Augen des Kindes gar nicht satt sehen
Sie fragte nach des Knaben Mutter nach seinem Vater nach Sebas Verwandtschaft
mit ihnen nach ihrem Tun und Treiben und Seba konnte es bemerken wie die
schlichte Darstellung dieses gesunden und beglückten Familienlebens die junge
Gräfin als etwas ihr völlig Unbekanntes anzog und bewegte
    Am Abende da Seba sie wie immer verlassen wollte hielt Eleonore sie
zurück Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben und Scheu zu hegen es zu
offenbaren Endlich als Seba sich erkundigte ob sie irgend etwas wünsche was
sie ihr gewähren könne fragte die Genesende War meine Krankheit von der Art
dass meine Nähe Andern Nachteil bringen konnte Ist eine Ansteckung für
diejenigen zu befürchten die mich jetzt besuchen
    Seba verneinte es auf das bestimmteste Da richtete sich Eleonore auf
ergriff die Hände ihrer Pflegerin und sagte Sie haben so viel für mich getan
Herr Tremann und seine Frau haben mir so großmütig durch alle diese langen
Monate Ihre Pflege gegönnt bitten Sie sie  Aber es war als halte eine
unbesiegliche Scheu sie von dem Aussprechen des Wortes zurück Sie verstummte
plötzlich und erst als Seba ihre frühere Frage wiederholte sagte Eleonore
während ein flüchtiges Rot ihre eingesunkenen Wangen färbte und ein verschämtes
Lächeln ihren schönen Mund umspielte Wenn es ihm nicht schadet wenn es ihm gar
nicht schadet und wenn seine Eltern ihn mir einmal senden wollen  bringen Sie
mir den Knaben mit
    Man hatte keinen Grund ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu verweigern und
Davide war so stolz auf ihres Knaben Schönheit dass sie sich ein Fest daraus
machte ihn auch von Andern bewundert zu sehen Schon am nächsten Tage also
führte Seba ihn der Kranken zu Der Kleine war keines der Kinder die durch eine
fremde Umgebung befangen werden Wo er nur einen der Seinen bei sich hatte und
man ihn gewähren ließ war er zu Hause oder setzte er sich mit seinen schnellen
und bestimmten Fragen doch sehr bald zurecht
    Eleonore die des Deutschen nur wenig mächtig war verstand den Knaben kaum
der noch unzusammenhängend sprach aber sein bloßes Dasein war ihr eine Freude
Sie vergaß sich völlig wenn sie zusehen konnte wie er sich tummelte sie
strengte sich an zu erraten was er wolle sie ließ aus ihren Koffern
hervorholen was ihn freuen ihn einen Augenblick beschäftigen konnte und wenn
es geschah dass der Knabe sich mit einem Worte mit einem Verlangen an sie
wendete wenn es ihr gelang ihn neben sich festzuhalten so glänzte ein
Ausdruck des Vergnügens in ihren Augen der Seba rührte weil er bei Eleonoren
fast jedes Mal der Vorbote eines Seufzers und jener Schwermut wurde die sie
bis dahin nicht verlassen hatte
    Kein Tag verging seitdem ohne dass man ihr den Knaben brachte bald konnte
auch Davide mit ihm bei Eleonoren verweilen und man konnte daran denken die
Genesende an einem warmen Mittage in den Tremannschen Garten fahren zu lassen
damit sie in Ruhe und Stille sich der Luft erfreue Die verschiedenen
Familienmitglieder leisteten ihr dabei abwechselnd Gesellschaft Man holte ihr
weil sie es wünschte das Töchterchen herbei welches Davide ihrem Manne im
Laufe des Winters geboren hatte und obschon Eleonore noch sehr matt war
verlangte sie dass man ihr den Säugling geben dass man das schlafende Kind auf
ihren Knieen ruhen lassen solle Sie sagte nicht was in ihrem Herzen vorging
aber es war für die sie beobachtende Familie kein Rätsel Man ließ sie still
gewähren sie war Allen bereits wert geworden
    Davide deren Mutterherz sich zu Eleonoren um der Liebe willen hingezogen
fühlte welche diese ihren Kindern entgegenbrachte tat schon nach wenig Tagen
ihrem Gatten und ihrer Pflegemutter den Vorschlag dass man die Gräfin ganz in
ihr Haus übersiedeln möge wo sie besser als in dem Gasthofe aufgehoben sein
würde indes wider ihr Erwarten wies Paul vorläufig diesen Vorschlag noch
zurück und zu noch größerem Erstaunen der jungen Frau stimmte Seba ihm in
seiner Meinung bei dass es noch nicht an der Zeit sei Eleonore von dem
traurigen Gefühle ihrer Vereinsamung zu befreien Sie waren beide der Ansicht
man müsse der Gräfin Zeit zur Einkehr in sich selber lassen Dass sie es bereue
zum Katholizismus übergetreten zu sein dass ihr Freiheitssinn vor dem Eide
zurückschrecke mit dem sie sich vor dem Abbé gebunden hatte und das mit der
beglückenden Empfindung des Genesens ihr Widerwille gegen den Eintritt in ein
Kloster nur gewachsen sei davon hatten verschiedene ganz beiläufige ganz
unwillkürlich getane Äußerungen der jungen Gräfin Seba überzeugt Es gab sich
fast bei jedem Anlass kund wie schwer Eleonore es fühle den alten Anhalt ihres
Daseins verloren und keinen neuen ihr genügenden dafür gefunden zu haben
    Als Seba ihr angeboten Miss Warwell herbeizurufen hatte die Genesende dies
abgelehnt Ich habe mich freiwillig von ihr geschieden sagte sie und ihre in
jedem Betrachte unduldsame Strenge kann und wird mir nicht verzeihen was ich
getan habe Sie ist abhängig von ihren vorgefassten Meinungen abhängig von
Überzeugungen die sie auf Treu und Glauben angenommen hat abhängig auch vor
allen Dingen von der Ansicht und dem Urteile ihrer Umgebung Ich habe mich
losgesagt von ihr mich abgeschworen von ihrer Kirche ihre Gesellschaft hat
mich ausgestoßen ich bin für sie nicht mehr vorhanden Und mit einer
Bitterkeit welche sich oftmals in Eleonorens Worten zeigte setzte sie hinzu
Ich wollte ja frei sein Nun bin ich frei frei wie der Vogel in der Luft Wen
kümmert es wohin er zieht und wo er endet
    Bisweilen fragte sie ob Briefe für sie angekommen wären Aber sie schien
zufrieden wenn man es ihr verneinte Merkte sie dann dass dies ihren neuen
Freunden auffiel so äußerte sie gleichsam sich entschuldigend sie habe Ruhe
nötig sie müsse sich erst wieder daran gewöhnen dass sie weiter leben solle
Und als Paul dessen männliche Bestimmtheit von dem ersten Augenblicke an einen
guten Eindruck auf sie machte sie nach einer solchen Äußerung einmal fragend
ansah sprach sie Ich habe zu sterben geglaubt und war damit zufrieden denn
was soll ich noch im Leben und in einer Welt der nicht mehr anzugehören ich
geschworen habe Und doch liebe ich noch diese Welt doch freut mich noch die
Luft und das Licht doch entzückt mich das Lächeln Ihrer Kinder und ich könnte
weinen über die Güte die Sie Alle mir beweisen vor Schmerz und vor Freude
weinen wenn ich es hier sehe wie glücklich man auf Erden sein kann
    Als ihre Kräfte gewachsen waren verlangte sie nach Renatus Sie wollte ihm
danken für all das Gute welches ihr durch seine Vermittlung während der langen
Leidenszeit zu Teil geworden war aber das Wiedersehen tat weder der jungen
Gräfin noch ihrem Freunde wohl Sie konnten sich nicht in einander finden
    Ist das die strahlende Eleonore Ist dieses Mädchen mit den sanften
hülfesuchenden Augen das königliche Wesen dem meine Huldigung sich kaum zu
nahen wagte fragte Renatus sich in seinem Innern und es war ihm als habe er
die Gräfin in einer ihr feindlichen Verzauberung vor sich da ihr die stolze
Umgebung fehlte in der er sie bisher zu sehen gewohnt gewesen war
    Er hatte Mitleid mit ihr aber er schämte sich fast der anbetenden
Empfindung mit der er einst zu ihr emporgeblickt und sie hinwiederum hatte
ihre gegenwärtige Lage nie schwerer als in des Freiherrn Gegenwart gefühlt Sein
Bedauern tat ihr wehe
    Sie hätte den Freiherrn bitten mögen sie zu meiden hätte sie nicht
gefürchtet den Schein der Undankbarkeit oder den der Feigheit auf sich zu
laden Sie ließ es also geschehen dass Renatus um sich und Eleonore vor den
Missdeutungen der gegen sie erregten übelwollenden Neugier zu bewahren auch
seine Frau und seine Stiefmutter zu ihr brachte Aber auch an dem Beisammensein
mit diesen beiden Frauen fand Eleonore kein Gefallen Sie konnte die Stunde
nicht vergessen in welcher sie sich dem Freiherrn zur Gattin angetragen hatte
Sie nannte es in ihrem Herzen eine durchaus berechtigte Tat dass er sie
zurückgewiesen hatte dennoch vermochte sie die Missempfindung gegen die Frau um
derentwillen sie wie sie glauben musste verschmäht worden war in sich nicht zu
besiegen Die Zuvorkommenheit mit welcher Cäcilie ihr begegnete kam ihr
erkünstelt vor und war es auch zum Teil und die Erzählungen aus der
Gesellschaft durch welche sie und Vittoria die junge Gräfin zu unterhalten
strebten hatten keinen Reiz für diese letztere Eleonore dachte nicht daran an
diesem Hofe zu erscheinen Die Namen der Personen auf deren Gunst oder Ungunst
die Gattin und die Stiefmutter des Majors von Arten Gewicht zu legen hatten
waren für Eleonore Haughton ohne jegliche Bedeutung und schon nach wenigen
Besuchen bei der Kranken brauchte Renatus es seiner jungen Gattin nicht mehr zu
versichern dass er Eleonore zwar bewundert aber nicht geliebt habe dass er sie
niemals hätte lieben können und dass sie überhaupt in ihrer Herzenskälte ihm
nicht für die Liebe nicht für die Ehe geschaffen zu sein scheine Wurde doch
Eleonore selber oftmals an sich irre wenn sie es ihren Pflegern auszusprechen
wünschte was sie für sie fühlte und wenn sich ihr das Wort das sie von früher
Jugend an mit seltener Gewalt bemeistert hatte jetzt versagte wo es sie
drängte sich ihnen zu erschließen und sich ihnen hinzugeben
    Was können wir für sie tun fragte Seba oftmals wenn sie und die Ihren das
innere Ringen und Kämpfen in Eleonorens Seele wahrnahmen Soll man so viel
Schönheit so viel Gaben in Einsamkeit verloren gehen lassen Oder wie soll man
es beginnen sie mit dem Verstande einsehen zu lassen was sie ahnend fühlt dass
sie verloren ist wenn sie ihrer eigensten Natur entgegenhandelt
    Paul hörte diese Klagen in denen Davide mit Seba stets zusammentraf mit
jenem zuversichtlichen Gleichmute an der ihn fast nie verließ Auch er hatte
Teilnahme für Eleonore gewonnen und es waren nicht nur ihre Schönheit ihre
Jugend und ihr Missgeschick welche sie in ihm erregten Sie ist eine Kraft
sagte er einmal aber eine Kraft die sich noch nicht zu würdigen weiß weil sie
sich überschätzt Dem Tode ist sie jetzt entrissen ob sie dem Leben zu gewinnen
ist das steht dahin Ihre Gesundheit ist im Wachsen sie bedarf Eurer nicht
mehr wie sonst überlasst sie jetzt sich selbst
    Und soll es sie ermutigen wenn wir denen sie ihre Neigung zugewendet hat
uns ihr entziehen Soll sie die ohnehin der übelen Erfahrungen so viele schon
gemacht auch an uns irre werden an deren uneigennützige Freundschaft zu
glauben ihr offenbar so wohl tut wendete Davide ein deren sanfte Seele
doppelt für die Gräfin sorgte weil sie neben Eleonorens Vereinsamung ihr
eigenes Familienglück noch lebhafter empfand
    Paul zog die geliebte Frau in seine Arme Kennst Du die Macht der Entbehrung
und der Trennung nicht obschon wir lange Jahre von einander fern gewesen sind
fragte er sie oder soll ich dem ihr es immer vorwarft dass er von den
mannigfachen Wahrheiten die in der Bibel enthalten sind zu wenig weiß Euch an
ihre Lehren mahnen Soll ich Euch erst daran erinnern dass nur dem Bittenden
gegeben nur dem Anklopfenden aufgetan werden soll Sie muss hungern und dursten
nach der wahren Liebe ehe sie derselben mit Segen teilhaft werden kann  Das
Leben hat diesem Mädchen Alles ohne sein Zutun gewährt Es hat des Wünschens
kaum bedurft es hat das Verlangen das Entbehren das Ringen und das Kämpfen um
die Befriedigung eines Bedürfnisses nie gekannt und kein Mensch gedeiht wenn
er den eigentlichen Bedingungen des Daseins in solcher Art entzogen wird Auch
jetzt wieder ist Eleonoren unsere Teilnahme geworden ohne all ihr Zutun ohne
ihr Verdienst
    O rief Davide fühlt sie das denn nicht
    Was will das sagen entgegnete Paul Sie genießt das Gute das sich ihr
bietet aber es dünkt sie natürlich dass mans ihr gewährt dass wir es ihr
leisten Sie ist an mich empfohlen sie ist jung und schön und reich und der
Freiherr von Arten war bei uns noch außerdem ihr Bürge Lasst es sie empfinden
dass es freie Dienste sind die sie empfängt
 
                                Sechstes Kapitel
Bald nach der Ankunft Eleonorens nur wenige Tage nachdem er Sebas Beistand
für sie erbeten hatte Renatus seine Frau und seine Stiefmutter in das
Tremannsche Haus geführt Weil er damit in sich eine Selbstüberwindung
vollzogen und in seiner Frau Familie deshalb Widerstand gefunden hatte war er
des Glaubens gewesen auf Tremann und die Seinigen jedenfalls einen sehr
bedeutenden Eindruck durch seinen förmlichen Besuch hervorbringen und in der Art
des Empfanges die Anerkennung für diese seine Leistung finden zu müssen In
dieser Erwartung hatte er sich jedoch getäuscht
    In dem reichen und angesehenen Kaufmannshause waren Besuche von Fremden an
und für sich kein Ereignis auf das man irgend ein Gewicht legte Pauls frühe
Bekanntschaft mit dem Fürsten Staatskanzler seine Reisen seine
Handelsverbindungen hatten ihm zeitig einen weiten Umgangskreis eröffnet und
weil beständig Leute den verschiedensten Nationen angehörig geschäftlich auf
ihn angewiesen wurden so fanden die Einheimischen an den Fremden und diese an
jenen immer eine Gesellschaft die ihnen Wesentliches zu bieten und in der man
sich einer von dem umsichtigen und weltgewandten Hausherrn trefflich geleiteten
Unterhaltung zu versehen hatte welcher dann durch die Bildung und
Liebenswürdigkeit der beiden Frauen noch ein erhöhter Reiz verliehen ward Das
Tremannsche Haus galt daher mit Recht für das gastlichste der Stadt Kaufleute
Gelehrte Beamte und Künstler trafen in demselben mannigfach zusammen und wenn
man mit dem Hofe selbst auch in keiner Verbindung stand so gab es unter den
Edelleuten welche zu demselben gehörten doch immer einzelne die sich es zur
Ehre rechneten sich frei nach ihrem Gutdünken auch außerhalb der enggezogenen
Schranken der Etiquette zu bewegen und sich einer Gesellschaft anzuschließen in
welcher allein die durch Bildung veredelte Sitte die Gesetze vorschrieb die
Aufnahme bedingte
    In einem Hause in welchem man die Leute um ihrer alten Familiennamen willen
eben so wenig suchte wenn sie sonst keine Eigenschaften hatten als man sie um
ihres Adels willen mied wenn sie in sich mehr besaßen als nur eben ihre alten
Titel konnte man es nicht als eine besondere Ehre ansehen oder sich dadurch
geschmeichelt fühlen wenn der Major von Arten sich in demselben wieder meldete
Es war nur natürlich dass er der eine Kränkung gegen Seba gutzumachen und der
sich noch dazu plötzlich Hilfe suchend bei ihr eingefunden hatte seinen Dank
für die Bereitwilligkeit auszusprechen kam mit der man ihm die geforderte Hilfe
gewährte und wenn Seba und Davide die beiden Baroninnen trotzdem noch
freundlicher als vielleicht manche andere Fremde bei sich aufnahmen so geschah
es in der ganz bewussten Absicht es die Frauen nicht empfinden und nicht
entgelten zu lassen dass man sich früher und bis jetzt mit vollem Rechte über
Renatus zu beschweren gehabt habe
    Während dieser sich nun bemühte seine lange Versäumnis vergessen zu machen
und es kundzugeben dass in seinem Innern eine gewisse Wandlung vorgegangen sei
begegnete Paul ihm mit jener ruhigen Zuvorkommenheit welche dem Gebildeten der
viel mit Fremden zu verkehren hat zur anderen Natur wird Er war nicht gewohnt
die Gäste seines Hauses um irgend etwas zu befragen was ihm mitzuteilen sie
sich nicht veranlasst fühlten er und die Seinigen kannten ohnehin die
Artenschen Familienverhältnisse genau genug und da Renatus sich Paul ohne
dessen Zutun angenähert hatte fand dieser nachdem man darüber einig geworden
war dass Seba das Artensche Haus nicht besuchen würde um die Möglichkeit eines
Zusammentreffens mit dem Grafen Gerhard zu vermeiden keinen Grund mehr in sich
den Freiherrn zurückzuweisen besonders da eben Seba eine Vorliebe für denselben
bewahrt hatte welche sie geneigt machte das Geschehene zu verzeihen und zu
vergessen
    Man hatte also Renatus und die Seinigen zu einem der ersten
Gesellschaftsabende eingeladen Cäcilie und Davide die ziemlich gleichen Alters
waren sagten einander zu und Eleonorens Krankheit hatte dann die Verbindung
langsam fortgeführt Renatus war gelegentlich zu Seba gekommen sich nach dem
Ergehen der jungen Gräfin zu erkundigen man hatte es auch nötig gehabt von
ihm über Eleonorens Verhältnisse unterrichtet zu werden und ohne dass es zu
einem engeren Verkehre zwischen den beiden Familien gekommen wäre waren sie auf
diese Weise doch in einem Zusammenhange geblieben der es den Einen wie den
Anderen möglich machte beständig von den Vorgängen innerhalb der beiden Häuser
bis zu einem gewissen Grade unterrichtet zu sein
    Man wusste es in dem Tremannschen Hause dass Renatus mit seiner
Schwiegermutter und mit Hildegard nicht auf gutem Fuße stehe Davide erfuhr es
von Cäcilien welche Umstände die Missverhältnisse zwischen ihr und den Ihrigen
veranlasst hatten und wie selbst ihres Gatten Oheim wider sie Partei genommen
habe Cäcilie klagte dass er ihnen dadurch mannigfach im Wege stehe dass er sie
großer Vorteile beraube aber man sah den Freiherrn und seine junge Gattin
immer heiter und selbst mit der Baronin Vittoria schienen sie gut zurecht zu
kommen obschon das Leben mit dieser seit sie in die Stadt gezogen nichts
weniger als leicht war
    Vittoria hatte wie sie behauptete keine großen Bedürfnisse sie machte
wie sie beständig sagte nur sehr einfache Ansprüche aber ihrer kleinen
Bedürfnisse und ihrer einfachen Ansprüche waren viele und sie hatte es nicht
gelernt sich die Befriedigung eines augenblicklichen Verlangens zu versagen
oder je zu überlegen ob diese Befriedigung zu dem Kostenaufwande den sie
veranlasste in irgend einem Verhältnisse stehe
    Es war zum Beispiel allerdings nur natürlich dass eine Frau von Vittorias
musikalischer Begabung und Bildung die Oper und die Koncerte zu besuchen
wünschte Es ging ihr damit wie sie es mit Entzücken nannte ein neues
geistiges Leben auf und die schöne sechsunddreissigjährige Frau war auch noch
jung genug es genießen zu wollen und auf eine neue Jugend auf eine höhere
künstlerische Ausbildung für sich denken und hoffen zu dürfen Sie hatte sich
bis dahin nur in alter Kirchenmusik und hier und da im Vortrage von Volksliedern
ihrer Heimat versucht Jetzt seit ihrer Übersiedelung in die Stadt lernte
sie die dramatische Musik die großartigen musikalischen Dichtungen der
Deutschen und der Franzosen kennen und da eine jede Künstlernatur notwendig
das Verlangen hegen muss sich ihrer Kraft bewusst zu werden und zu gestalten und
darzustellen was sie in sich trägt so bemächtigte Vittoria sich schnell und
mit aller Gewalt ihres Talentes des neuen musikalischen Gebietes das sich vor
ihr auftat Vor allem waren es die Mozartschen und die Gluckschen Opern von
denen sie sich ergriffen fühlte aber sie glaubte zu bemerken dass ihr für den
Vortrag derselben eine gewisse Fertigkeit fehle die sie nur durch Übung
erlangen könne und weil in jenen Tagen einer der Hauptträger dieser Opern der
erste Tenor der königlichen Bühne zugleich ein gründlicher Musiker und ein
gebildeter Lebemann war hatte sie bald gewünscht seine Bekanntschaft zu
machen um sich von ihm Rats zu erholen
    Das erstere hatte sich fast ohne ihr Zutun gemacht Der beliebte Sänger war
in der Gesellschaft gern gesehen man traf ihn in den verschiedensten Kreisen
und da unter den Dilettanten der vornehmen Gesellschaft eine zweite Sängerin wie
die Baronin Vittoria nicht zu finden war fügte sich eine Annäherung der beiden
ganz von selbst Der Sänger  die Baronin nannte ihn weil sein deutscher
Familienname ihrem Ohre nicht gefiel nach der Weise ihrer Heimat nur mit
seinem Taufnamen Signor Emilio  machte sich ein Vergnügen daraus eine der
Partieen die er mit Vittoria in einer befreundeten Familie singen sollte
eigens mit ihr zu studieren Sie empfand das als eine große Förderung sie sprach
ihm dies mit Wärme aus und er ließ sich denn auch sehr bald überreden der
schönen reich begabten Frau ausnahmsweise Unterricht zu erteilen
    Niemand hatte daran ein Arg Vittoria selbst war davon entzückt Freilich
vermochte Emilio eben weil er bei dem Theater angestellt und durch seine Proben
und Dienstgeschäfte sehr in Anspruch genommen war die festgesetzten Stunden
nicht immer regelmäßig einzuhalten aber bei einer Frau die so vollkommen frei
über ihre Zeit gebot wie die Baronin hatte das wenig zu bedeuten Sie war
ohnehin dem Zwange der Regelmäßigkeit und jedem Müssen abhold sie mochte auch
nicht immer singen wenn Emilio zur Stunde kam und dem beiderseitigen Hange zur
Ungebundenheit Folge gebend war zwischen ihnen von einem eigentlichen
Unterrichte bald nicht mehr die Rede
    Emilio kam wenn er eben konnte man sang man musicirte wenn man eben
mochte Vittoria versäumte keine Oper und kein Konzert in welchem Emilio
beschäftigt war sie wurde durch ihn mit anderen Musikfreunden und Musikern
bekannt gemacht und in die vielfachen Übungen hineingezogen in denen die
Musikliebhaber der Hauptstadt sich damals schon ergingen So bildete sich für
Vittoria neben der Gesellschaft in welcher sie durch ihre Verhältnisse und
durch Renatus heimisch geworden war noch ein weiterer Umgangskreis in dem sie
wie sie behauptete zum ersten Male ihre wahre Heimat gefunden hatte und in
dem sie um ihres Talentes und auch um ihrer Schönheit willen eine große
Bewunderung erregte einer entusiastischen Aufnahme teilhaftig wurde
    Die Baronin Vittoria von Arten war bald in aller Leute Mund Die
Künstlerinnen und die Hauptstadt war damals reich an großen Sängerinnen waren
von ihr und ihrer Anmut schnell bestochen Sie rühmten die gänzliche
Anspruchslosigkeit mit welcher sie sich ihnen hingab sie waren bereit der
schönen vornehmen Italienerin jeden Dienst zu leisten und es kostete Vittoria
also nur ein Wort die ersten musikalischen Kräfte der Stadt in ihres Sohnes
Hause zu versammeln Der Freiherr fand das Anfangs eben so genussreich als
seinen Absichten entsprechend Um sich ein Ansehen zu geben und um Vittoria eine
Freude zu machen setzte man regelmäßige Empfangsabende fest an denen man
musicirte und deren Gäste zu sein die Prinzen selber nicht verschmähten Aber
man musste den Künstlern auf deren Mitwirkung man sich angewiesen sah doch auch
eine Entschädigung für ihre Mühe eine Erwiderung für ihre Gefälligkeit bieten
und da Renatus nicht große Gesellschaften zu geben wünschte in denen er seine
Standesgenossen und die Künstler in auffälliger Art vereinen oder in einer hier
nicht angebrachten Weise von einander hätte trennen müssen ließ er es wenn
auch mit einem Widerstreben von seiner und seiner Gattin Seite allmählich doch
geschehen dass Vittoria in ihren Zimmern Abends nach eigenem Ermessen ihre
musikalischen Bekannten bei sich sah
    Anfangs war das nur bisweilen vorgekommen und die Zahl ihrer Gäste war nicht
groß gewesen Man war jedoch damals überhaupt noch geselliger als jetzt es
verging daher bald kaum ein Abend an welchem Vittoria ihre Freunde nicht
empfing Eine Weile sah Cäcilie das mit an da sie aber Dank ihrer Erziehung
eine achtsame Haushälterin geworden war fand sie sich bald veranlasst ihrem
Manne die Mitteilung zu machen dass Vittorias Weise ein offenes Haus zu
haben Ausgaben verursache welche sie mit den ihr von Renatus für den gesammten
Haushalt festgesetzten Summen nicht zu decken vermöge
    Renatus dem es Ernst damit war seine Vermögensverhältnisse zu ordnen
erklärte also seiner Stiefmutter dass er sie bitten müsse eine Änderung in
ihrer Lebensweise einzuführen und er gab ihr auch die Mittel und Wege an wie
eine solche ohne alles Aufsehen leicht einzuleiten sein würde wenn sie sich
entschließen wolle ihre Abende gelegentlich außer dem Hause zuzubringen Aber
Vittoria die von ihrem Gatten stets wie ein Kind behandelt worden war auch ein
Kind geblieben Sie weinte wo sie je auf einen Widerstand gegen ihren Willen
stieß sie hielt es Renatus als er auch wieder einmal mit großer Schonung nur
einige Rücksicht für sich forderte in leidenschaftlicher Heftigkeit und jede
Rücksicht vergessend als eine unedle Handlung vor dass er ihr die auf seine
Großmut angewiesen sei das Gnadenbrod welches er ihr reiche zum Vorwurf
mache sie erinnerte ihn an die Liebe die er einst für sie gehegt sie gab ihm
ihre freudlose Jugend zu bedenken sie klagte seinen Vater und ihr Schicksal an
und aufgelöst in Tränen warf sie sich dann Renatus doch wieder in die Arme
der in allen seinen Empfindungen beleidigt sie endlich nur zu beruhigen suchen
musste wollte er die Aufmerksamkeit seiner Leute nicht auf diese Szene ziehen
    Vittoria ließ sich danach zwei Tage lang nicht sehen ihre Dienerin meldete
dass sie krank sei Erst am dritten Tage erhob sie sich aber auf der Herrin
Befehl wies Gaetana die Personen ab welche gekommen waren die Baronin zu
besuchen Nur Emilio wurde vorgelassen und bald war ers allein mit dem
Vittoria fast allabendlich nach dem Theater den Tee in ihren Zimmern einnahm
Auch dagegen musste der Freiherr Einspruch tun So schwer es ihm fiel musste er
es seiner Stiefmutter zu bedenken geben dass eine solche Vertraulichkeit mit
einem Manne der in der Gesellschaft durch seine glücklichen Abenteuer von sich
sprechen mache nicht stattaft sei und er hatte dabei natürlich neuen Tränen
neuen Szenen zu begegnen die ihm mit jedem neuen Anlasse peinlicher und
lästiger werden mussten
    Es kam Renatus hart an aber er konnte sich jetzt der Überzeugung nicht
mehr verschließen dass sein Vater nicht wohl daran getan habe den Fehltritt
Vittorias zu verbergen und ihm die Sorge für eine Frau deren leidenschaftliche
Verirrung er gekannt hatte ihm die Sorge für einen jungen Menschen aufzubürden
der nicht sein Bruder war und der wie seine ganze Entwickelung es verriet mit
der Begabung seiner Mutter auch ihre völlig rücksichtslose Phantastik ererbt
hatte
    Das Selbstvertrauen und die Zuversicht mit denen der Freiherr im Beginne
seiner Ehe auf seinen neu errichteten Hausstand und in das Leben und in seine
Zukunft geblickt hatte hielten vor den oftmals wiederkehrenden
Verdrießlichkeiten mit Vittoria nicht Stand Er wünschte lebhaft dass er sie
nicht von Richten fortgenommen dass er sie nicht zu seiner Hausgenossin gemacht
hätte Nun es aber einmal geschehen war hielt er es doch nicht für geraten
eine Änderung herbeizuführen Da er bereits wie man es wusste mit den nächsten
Anverwandten seiner Frau und mit seinem Oheim dem Grafen Gerhard in keinem
guten Einvernehmen lebte konnte er sich mit der Wittwe seines Vaters nicht wohl
verfeinden ohne die Meinung der Gesellschaft wider sich zu haben welche durch
die blendenden Eigenschaften Vittorias sehr für dieselbe eingenommen war Sie
hatte sich zum Teil auf seine und auf Cäciliens Kosten den Ruf der höchsten
Liebenswürdigkeit gewonnen ihre Weise sich gehen zu lassen hatte etwas so
Natürliches dass man sie überhaupt für einfach und natürlich hielt und Renatus
der eine gerechte Scheu trug die unbesonnene und leidenschaftliche Frau
aufsichtslos sich selber zu überlassen ward auch noch durch andere Rücksichten
abgehalten sich von ihr zu trennen Er musste sich sagen dass eine besondere
Haushaltung für die Baronin ihm noch lästiger werden und ihm noch mehr kosten
würde als ihr Aufenthalt in seiner Familie Er konnte es sich auch nicht
verbergen dass Vittoria wenn er sie nicht mehr bei sich behielt genötigt
ward diese Trennung vor ihren Freunden als eine von ihr gewünschte
darzustellen und ob sie das nicht in einer Weise tun würde welche für ihn und
für Cäcilie nachteilig werden konnte dessen hielt Renatus sich bei ihrer
Unvorsichtigkeit auch nicht versichert
    Seine Güte seine Großmut und seine rücksichtsvolle Schonung für Vittoria
seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen hatten ihm die Hände gebunden Er
konnte seine eigenen freundlichen und liebevollen Urteile über sie nicht
zurücknehmen ohne von denen vor welchen er sie ausgesprochen hatte für einen
Toren gehalten zu werden er konnte auch kaum Glauben für Anschuldigungen zu
finden hoffen welche seinem früheren Lobe entschieden entgegengestanden hätten
und er musste jetzt zusehen wie er mit den Folgen seiner unzeitigen Großmut
fertig werden konnte auf die Vittoria in ihrem Leichtsinne sich zu verlassen
gewohnt worden war Er trug auch in diesem Falle die Folgen eines fremden
Verschuldens es war wieder die Rückwirkung an und für sich guter aber nicht an
rechter Stelle angewendeter Empfindungen und Taten unter welcher er zu leiden
hatte und die ihn misstrauisch nicht nur gegen die Menschen sondern auch gegen
sich selber zu machen begann
    Seine grübelnde Sinnesart sein alter Glaube dass er einmal nicht zum Glücke
geboren sei fingen wieder an sich in ihm zu regen Das rasche bewegte Leben
während des Krieges hatte diesen Grundton seines Wesens übertäubt der ihm wie
er glaubte durch die Schwermut angeboren sein mochte mit welcher seine Mutter
ihn unter ihrem Herzen getragen hatte Nun da er trotz seiner guten Vorsätze
und seiner redlichen Bestrebungen sich ein ruhiges und würdiges Leben zu
errichten immer auf neue Behinderungen stieß tauchte jener melancholische Zug
auf das Neue so stark in ihm empor dass er die Notwendigkeit fühlte sich
dagegen aufzulehnen wenn er durch sein Schwarzsehen nicht Cäciliens ihn
beglückende Heiterkeit zerstören wollte Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets
den Vorwurf dass er in seinen Besorgnissen weiter gehe als es nötig sei Sie
übernahm es gutwillig Vittoria in ihren Ansprüchen allmählich einzuschränken
sie bat ihren Gemahl keine weiteren Erklärungen mit der Stiefmutter
herbeizuführen keine bindenden Versprechungen von ihr zu begehren Sie erbot
sich Vittoria des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Geselligkeit zu
überreden sie verhieß in ihrer Wirtschaft solche Ersparungen zu machen dass
man die Möglichkeit behielte der Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit
zu gestatten und da Vittoria von der jungen Baronin gutem Willen gerührt und
beruhigt sich dieser immer wieder mit der alten Neigung anschloss übernahm
Cäcilie ihr Mittleramt in der Tat mit Zuversicht und Freude
    Sie die zuerst auf Vittorias Unbesonnenheiten warnend hingewiesen hatte
gab es dem Freiherrn doch zu bedenken dass Vittorias Unstätigkeit erst seit
ihrer Trennung von Valerio hervorgetreten sei Sie verlangte also dass man
Valerio so oft als möglich nach Hause kommen lasse Sie setzte es durch dass er
in dem sich auch eine auffallend schöne Stimme herauszubilden begann die
Mutter wenn es sich irgend tun ließ in die Theater begleitete und Mutter und
Sohn verlangten es nicht besser Die Baronin verzichtete wenn sie Valerio bei
sich hatte am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern sie sang mit dem
Sohne dessen musikalisches Gedächtnis ein ganz ungewöhnliches war und selbst
Renatus und Cäcilie hatten ihr Vergnügen daran wenn Valerio mit seiner feurigen
Lebendigkeit ganze Szenen aus den Opern in welche die Mutter ihn an den
Sonntagen zu führen pflegte vor ihnen nachzuspielen und zu singen unternahm
    Seine Vorliebe für das Zeichnen schien dadurch plötzlich in den Hintergrund
zu treten Er hantierte allerdings noch immer mit dem Bleistifte und der Feder
aber es waren nur noch OpernSzenen die er entwarf wenn er nicht Karrikaturen
auf seine Mitschüler und Vorgesetzten zeichnete deren komische Wirkung bei
unverkennbarer Ähnlichkeit in der ganzen Anstalt von sich sprechen machte
    Von Valerios Verhalten in dem Kadettenhause war überhaupt nicht viel zu
rühmen Seine Zeugnisse erkannten zwar seine Begabung an rügten jedoch seinen
Mangel an Ausdauer und wahrer Arbeitslust und kaum eine Woche verging in
welcher es für ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disziplin der Anstalt zu
büßen gegeben hätte Wenn er auf solche Weise an einem Sonntage den Besuch bei
der Mutter verscherzte wusste er das nächste Mal durch verdoppelte
Liebenswürdigkeit seine Bestrafung vergessen zu machen und selbst Renatus der
sich vorgenommen hatte ihn streng zu behandeln fühlte sich oftmals wider
seinen Willen von ihm hingerissen Man musste sich sagen dass ein Knabe der in
so schrankenloser Willkür aufgewachsen sei es schwerer als Andere finden müsse
sich dem strengen Zwange zu fügen sogar unter seinen Lehrern fanden sich Einer
und der Andere die für ihn sprachen die der Ansicht waren dass man mehr als
mit Andern Geduld mit ihm haben und ihm Zeit vergönnen müsse sich allmählich
unterordnen und beherrschen zu lernen wenn man seine ungewöhnliche Lebendigkeit
nicht zu einem Nachteil für ihn selber verkehren und ihn dahin bringen wolle
seinen fröhlichen Freimut hinter der Maske einer erheuchelten Sinnesänderung zu
verbergen die vorzunehmen und aufrecht zu erhalten eben ihm bei seiner Lust
am Darstellen verlockend werden könnte
    Wie dem aber auch sein mochte Valerio war in dem Kadettenhause eben so
schnell der Liebling seiner Mitschüler geworden als seine Mutter die
Gesellschaft für sich gewonnen hatte Seine auffallende fremdartige Schönheit
die Leichtigkeit mit welcher er neben dem Deutschen das Französische und das
Italienische sprach die Bereitwilligkeit mit der er Jedem zeichnete was man
von ihm verlangte und seine erfinderische Phantasie die ihn immer neue Spiele
und neuen Zeitvertreib ersinnen ließ führten ihm die Herzen seiner
Altersgenossen zu während seine ungewöhnliche Frühreife die älteren Kadetten
belustigte In der Einsamkeit seines heimatlichen Schlosses hatte er Dank der
Achtlosigkeit seiner Mutter mehr von dem Leben erfahren als es Knaben seines
Alters sonst geschieht und der freie Gebrauch den er bis zu der Rückkunft
seines Bruders von des verstorbenen Freiherrn reicher Büchersammlung machen
dürfen hatte die romantische und abenteuerliche Geistesrichtung Valerios noch
erhöht
    Es war eine Hauptbelustigung der älteren Zöglinge des Hauses Valerio
erzählen zu machen sei es dass er von seinem Leben auf dem Lande oder von
seinen gegenwärtigen Besuchen in seines Bruders Hause und bei seiner Mutter
plauderte Sein lebhaftes Mienenspiel seine Beobachtungs und Nachahmungsgabe
die Keckheit seiner Bemerkungen gewährten den jungen Leuten einen heitern
Zeitvertreib Sie hielten vor ihm auch nicht wie vor den andern Knaben zurück
Mit Cherubin dem schönen Pagen wie sie ihn hießen brauchte man sich auch
nicht in Acht zu nehmen Er wusste was er sagen und wovon er schweigen sollte
er hatte das in Richten zwischen den beiden feindlichen Haushaltungen früh
erlernt und er hörte es gern wenn man ihn den Pagen hieß
    Er hatte schon in der Heimat seinen Figaro gelesen er hatte das Pagenlied
stets vor allem Andern geliebt und nun vollends seit er mit der Mutter
Mozarts Figaro auf der Bühne gesehen und gehört hatte seit die Mutter und
Emilio es rühmten wie genau er das Mozartsche Pagenlied behalten habe ließ er
sich den Namen im Kadettenhause doppelt gern gefallen Vittoria selber nannte
ihn bald nicht anders und ihren Cherubino Sonntags wenn sie Leute bei sich
hatte das »Voi che sapete« zum Flügel singen ihren Cherubino von der
Gesellschaft bewundern zu lassen das war wenn Renatus es nicht hinderte ein
Genuss den sie sich und ihrem Sohne selten nur versagte
 
                               Siebentes Kapitel
Die Aurikeln blühten schon und die großen Dolden der Fliederbüsche strömten
ihren Duft über die weiten Rasenplätze des alten Gartens von Tante Ester aus
als Seba eines Tages auch wieder ihren Kranz auf das Monument gehängt hatte und
langsam des schönen warmen Frühlingswetters froh durch die breiten Wege nach
dem Zelte vor dem Gartensaale zurückging Die Gräfin Eleonore war an ihrer
Seite
    Die Genesene hatte noch nicht ihre völlige Frische wiedergewonnen aber das
Leben war doch wieder mächtig in ihr und sie bedurfte des stützenden Armes
ihrer Freundin nicht mehr Sie ging frei und festen Schrittes neben ihr her nur
ihr Auge war nicht mehr so strahlend als in den Tagen in welchen Renatus sie
hatte kennen lernen und auch die stolze Zuversicht jener Zeit war nicht mehr in
ihr
    Eine Weile schritt sie schweigend durch die Alleen dann als sie sich schon
dem Zelte genähert hatten unter welchem Davide saß die ihr Töchterchen nährte
während der Knabe mit seinen von der Sonne schon gebräunten Armen sich in dem
großen Garten recht nach Menschenart seinen eigenen Garten zu machen strebte
wendete Eleonore sich in einen der Seitenwege und Sebas Arm in den ihren
legend führte sie sie mit sich fort
    Kommen Sie meine Freundin sagte sie ein wenig will ich Sie noch für mich
besitzen Sind Sie erst wieder in dem Zelte dann gehören Sie mir nicht mehr
allein dann gehören Sie Ihren Kindern und Ihren Enkeln  Eleonore bezeichnete
Tremann und die Seinen gegen Seba stets mit diesem Namen  und nicht nur Adel
wie es das französische Sprüchwort sagt legt uns Verpflichtungen auf auch Güte
verpflichtet Sie müssen gütig zu mir sein weil Sie so gut gegen mich gewesen
sind
    Seba drückte ihr mit freundlichem Worte die Hand und Eleonore meinte nach
einer kurzen Pause Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie tröstlich es mir ist
wenn ich Sie an jedem Tage mit derselben Herzenstreue das gleiche Liebeswerk
verrichten und immer befriedigt von demselben wiederkehren sehe Anfangs ging
ich dazu mit weil ich eben bei Ihnen bleiben Sie begleiten wollte Jetzt denke
ich schon wenn ich zu Ihnen komme dass wir die Blumen pflücken und nach dem
Denkmal tragen müssen und ich glaube wären Sie nicht hier ich täte ohne
Ihre Toten hier gekannt zu haben ganz dasselbe Es ist etwas Schönes um ein
alltäglich Tun es verbindet jeden unserer Tage mit der Vergangenheit und
Zukunft es gibt jedem Tage einen Mittelpunkt Wenn ich   ihre Stimme wurde
weich  wenn ich fern von Ihnen sein werde liebe Seba werde ich zu Ihrem und
der Ihren Angedenken an jedem Tage auch einen solchen Herzenskultus üben und
wie Sie unter den Lebenden der Toten denken werde ich in meiner Einsamkeit mit
noch größerer Liebe  ach und mit welcher Sehnsucht  an Sie Alle die ich
hier verlasse denken
    Sie waren während dieser Worte nach der Seite des Gartens gekommen an
welcher Pauls Arbeitszimmer lagen und dieser der eben sein Tagewerk beendet
hatte trat als er sie gewahrte zu ihnen in den Garten hinaus
    Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern um erkundigte sich
dann nach Eleonorens Ergehen und nannte es einen bequemen Zufall dass sie eben
da sei da er einen Brief für sie erhalten habe Sie fragte woher derselbe sei
    Er ist uns durch einen unserer römischen Geschäftsfreunde vor einer halben
Stunde zugekommen und ich hoffe dass man ihn noch nicht zu Ihnen in das Hôtel
geschickt hat gab er ihr zur Antwort während er hineinging sich nach dem
Briefe umzusehen
    Die Gräfin war bei der Nachricht bleich geworden und die Bewegung mit
welcher sie das Schreiben aus Pauls Hand empfing ließ ihre Freunde nicht
darüber im Ungewissen von wem es ihr kam Auch wollten beide sich entfernen
ihr Zeit und Ruhe zum Lesen zu geben aber wie ein Kind das sich vor dem
Alleinsein fürchtet langte die Gräfin unwillkürlich nach der älteren Freundin
Hand und sich auf die nahe stehende Gartenbank niederlassend bat sie leise
Bleiben Sie
    Es war ein langer Brief Die Gräfin hatte ihn gelesen und noch einmal
gelesen dann ließ sie die Hand mit der sie ihn hielt auf ihre Kniee
niedersinken und sah sinnend vor sich hin Seba saß schweigend an ihrer Seite
Sie kannte die Erlebnisse der Gräfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch
diese selbst und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein Hehl aus
ihnen zu machen gewünscht wennschon sie den Beiden nicht direkt davon
gesprochen hatte Nur von dem Religionswechsel und von ihren religiösen Zweifeln
war zwischen ihr und Paul zum Oefteren die Rede gewesen und er hatte es ihr nie
verborgen wie er über das blinde unbedingte Glauben wie er über den Glauben
an positive Religion wie er über den Gottglauben überhaupt denke und was er von
jener Anschauung halte die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und
Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit erreichen zu können
wähne Aber er hatte diese Gespräche nie geflissentlich gesucht Denn gerade
weil Eleonore durch augenblickliche Entschlüsse durch gewaltsame Eindrücke und
durch die Macht einer ihr Herz beherrschenden mächtigen Leidenschaft zu einem
Abfalle von ihrer wahren Überzeugung und zu einem Handeln gegen die
eigentlichen Bedingungen ihrer Natur verleitet worden war meinte er dass wenn
überhaupt eine Hilfe für sie möglich sei ihr diese nur auf dem Wege der eigenen
Einsicht und der ruhigen sie zur Erkenntnis langsam führenden Erfahrung mit
Erfolg bereitet werden könne
    So ließ denn auch Seba ihr eine Weile Zeit sich zu sammeln und erst als
sie bemerkte dass Eleonore es schwer finde in diesem Augenblicke von sich zu
sprechen sagte sie Sie haben einen Brief von dem Abbé erhalten
    Eleonore bejahte es und was sie nie zuvor getan hatte sie reichte der
Freundin das Schreiben hin
    »Ich komme von einer Reise zurück« also hob es an »die ich im Auftrage
meiner Oberen unternommen und die mich durch den ganzen Winter und das ganze
Frühjahr in den Geschäften unsers Ordens fern im Orient gehalten hat Von den
Ufern des Nil an den heiligen Wassern des Jordan von der Schädelstätte und an
des heiligen Grabes geweihter Schwelle sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen
und ich habe für Sie gebetet Eleonore gebetet dass auch Ihnen der Friede
kommen möge mit dem ich an Sie denke dass Ihre endliche Bekehrung zu der
einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren Sinn erheben möge wie
sie mich hinaushebt über mich selbst und über all mein menschliches Verlangen
und Begehren Ich habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster
nach Trinità di Monte gesendet Zurückgekehrt nach Rom bin ich gegangen Sie in
den heiligen Mauern aufzusuchen in denen ich Sie zu finden glauben musste Aber
Sie waren nicht dort und erst auf Umwegen habe ich erfahren wo Sie weilen und
dass Sie krank gewesen sind
    Wesshalb schrieben Sie mir nicht weshalb riefen Sie mich nicht Ein Wort von
Ihnen das mich hätte ahnen lassen Sie bedürften meines Trostes hätte mich zu
Ihnen geführt Streng wie unsere Gesetze uns binden und unsere Oberen über uns
walten würde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht geweigert haben
Ihnen deren Seele ich dem Lichte gewonnen in den Stunden der Krankheit und der
möglichen Entmutigung meinen Beistand leisten zu dürfen und Sie zu ihm und auf
ihn hinzuweisen der unser Stab und unsere Leuchte unser ewiges Heilmittel und
der Weg zu unserem ewigen Leben ist
    Sie waren dem Tode nahe Sie sind genesen und Sie haben ich weiß es nicht
einmal danach verlangt Sich durch den Genuss des heiligen Abendmahles Sich
durch das erlösende Sakrament der Gemeinschaft anzuschließen der Sie
angehören Sich der Gnade und Vergebung zu versichern die uns den Weg durch
dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige ebnet und erhellt Was soll
ich davon denken Was bedeutet das
    Wäre es möglich dass Ihre Seele wankend geworden ist Wäre es möglich dass
Du sie vergessen könntest die Schwüre mit denen Du Dich mir und meinem Glauben
zugeschworen Dass Du sie vergessen könntest die gesegnete Stunde in der meine
blutigen Tränen und die Angst meines durch Dich gemarterten Herzens Dich und
mich neugeboren haben zu dem ewig unauflöslichen Bündnisse unserer Liebe in
Gott Solltest Du abfallen untreu werden können mir Dir selbst und ihm dem Du
gelobt hast Dein Leben ausschließlich seiner Anbetung zu weihen
    Meine Seele erbebt vor dem Gedanken Ich liege auf meinen Knieen und meine
starke feurige Liebe für Dich ersehnt und erfleht von dem Höchsten Deine Treue
für ihn Ich zähle die Stunden bis mir Kunde kommen wird von Dir die Stunden
bis ich an das Gitter des frommen Hauses tretend mir werde sagen dürfen es
birgt wie ein goldener Heiligenschrein den Schatz den du der heiligen
Gemeinschaft zugeführt es umschließt das edle Herz das du der Kirche zu
gewinnen durch Gottes Gnade würdig befunden bist und es erwächst in dieser
gesegneten Mauern stiller Hut eine jener Frauenseelen für das Herrscheramt
innerhalb der Kirche der die Starken sich mit Anbetung und Wonne neigen
    Komm meine Schwester Komm Du Ersehnte meiner Seele lass mich die Stunde
nicht mehr lange erwarten in welcher unsere Seelen sich als zwei reine Flammen
in der glühenden Begeisterung Eines Liebens Eines Glaubens Eines Hoffens zu
Gott erheben Meine ganze Seele schmachtet nach dem Glücke  Komm denn ich
erwarte Dich«
    Seba faltete ohne ein Wort zu sprechen den Brief zusammen und eben so
lautlos warf Eleonore sich mit beiden Armen der Freundin um den Hals und weinte
bitterlich Seba drückte sie an sich und hielt sie sanft umfasst
    Es war sehr still in dem Garten Davide hatte sich entfernt um das Kind
das an ihrem Busen eingeschlafen war zur Ruhe zu bringen der Knabe war ihr
gefolgt und Paul saß die französischen Zeitungen lesend in dem Schatten der
großen vor dem Gartensaale stehenden Bäume Kein Lüftchen regte sich Man hörte
die Bienen leise summen ehe sie sich in die Kelche der Blumen niedersenkten in
dem dichten Buschwerke sang und lockte die Nachtigall
    Richten Sie Sich auf Eleonore sagte Seba endlich Es ist gut dass dieser
Brief gekommen ist Sie hatten ihn erwartet ich fühlte es Ihnen immer an Was
denken Sie zu antworten Was wollen Sie tun
    Weiß ichs denn selbst entgegnete die Gräfin und nachdem sie noch einmal
in ihr schwermütiges Sinnen versunken war sagte sie plötzlich Es ist mir wie
einem Träumenden zu Mute Was ich am deutlichsten wissen glaubte was mich das
Lebendigste das Notwendigste dünkte Alles worauf ich mich stützen zu können
wähnte zerrinnt mir wie Nebel wenn ich mein Auge darauf richte und es tut
sich mir hinter demselben eine Ferne eine Weite auf die mir fremd ist und in
der ich mich nicht zurecht zu finden weiß Ich möchte wenn es möglich wäre 
sie zögerte und schwieg
    Sie möchten Geschehenes ungeschehen machen können fiel ihr Seba in die
Rede um ihr zu Hilfe zu kommen
    Ja rief Eleonore als habe Seba mit dem bloßen Aussprechen dieses Wortes
eine Fessel von ihr genommen ja Ich wünschte ich hätte mein ganzes Leben
nicht gelebt
    So vergessen Sie es und beginnen Sie ein besseres ein neues
    Kann man das fragte Eleonore Kann man es sich selber vergessen machen was
man empfunden hat
    Seba nahm sie bei der Hand Sehen Sie Eleonore sprach sie sanft seit mehr
als zwanzig Jahren schaue ich dem Leben jener Bäume zu die da drüben jenseit
des Flusses in dem Garten stehen Als ich zum ersten Male im Herbste ihr Laub
erbleichen und zu Boden fallen sah war ich jung wie Sie und unglücklich weit
unglücklicher als Sie denn ich hatte mein Herz mit seiner reinsten Liebe einem
Manne zugewendet den ich verachten musste ich hatte durch meine Schuld mich
selbst verloren und ich sah in jenem Herbste auf die entblätterten Bäume hin
und dachte sie sind dein Bild dein und ihr Frühling deine und ihre
Blütezeit sind hin es ist Winter geworden und Alles ist tot und öde tot
und öde für immer
    Sie hielt inne die Gräfin küsste ihr die Hand Da glitt ein melancholisches
Lächeln über Sebas Antlitz und ihr Haupt mit seinen schönen Augen zu ihrer
jungen Freundin wendend sagte sie mit einem Tone welcher dieser tief ins Herz
drang Und nun blicken Sie hinüber ob ich mich nicht irrte Ob das Leben nicht
viel mächtiger die Welt in ihrem ewig waltenden Werden nicht viel
wundertätiger ist als unser armes Herz in seinem kleinmütigen Verzagen es für
möglich hält Jener Winter ist entschwunden und mancher andere nach ihm und
jeder neue Frühling hat meinen alten Bäumen drüben neues Leben und neues Blühen
gebracht und in allem ihrem Blühen und Vergehen sind sie gewachsen und
gewachsen und der Abfall ihrer Blätter selbst hat dem Boden der sie erzeugte
noch Wärme und noch neue Kraft verliehen Und Sie wollten dem Leben entsagen
weil Sie einmal irrten Sie wollten Sich gebunden glauben durch den Eid den Sie
in einer geflissentlich durch fremden Willen in Ihnen erregten
leidenschaftlichen Überspannung geleistet haben Wie dürfen Sie nur daran
denken einen unfreiwilligen Irrtum Ihres Verstandes eine Übereilung Ihres
Herzens zu einer bewussten Lüge zu machen Nimmermehr Eleonore Das darf das
kann nicht geschehen 
    Sie hatte die letzten Worte unwillkürlich mit erhobener Stimme gesprochen
so dass Paul und Davide die herangekommen waren sie vernommen hatten und Paul
die Frage aufwarf wovon die Rede sei
    Seba gab ihm eine andeutende Antwort aber Eleonore sagte sehr bestimmt Wir
sprachen von einem traurigen Gegenstande von mir und meiner Zukunft und es ist
gut dass Sie meine Freunde jetzt dazugekommen sind denn ich fühle mich halt
und ratlos Ich habe Stunden in denen ich mich in Lebenslust an das Dasein
klammern und Tage an denen ich aus Widerwillen gegen mich selbst mich vor der
Welt verbergen und ein Herz in Einsamkeit begraben möchte das   Sie brach
plötzlich ab und nach kurzem Schweigen heftig auffahrend rief sie Wenn Sie es
wüssten wie man mich umworben hat wenn Sie wüssten wie ich in dem Glauben an
eine große reine Liebe mich mit Stolz zurückgehalten habe von den Spielen des
Herzens in denen die Mehrzahl der Frauen sich gefällt und genügt Rein und ganz
in meinem Empfinden so hatte ich mich und alles was ich habe und bin mit
meiner Liebe einst dem Manne hinzugeben gehofft der mich zu seiner Gattin
nehmen würde Und sich jetzt sagen zu müssen dass ich dies alles dass ich diese
große diese umfassende Liebe dass ich die tiefste Verehrung meines Herzens
einem Manne entgegenbrachte der mit kaltem Auge auf mich herniedersah dem ich
nichts nichts gewesen bin als der Gegenstand einer Berechnung und der als
ich in Liebe zu seinen Füßen niedersank es vielleicht bedachte was mein Besitz
dem Orden wert sei in dessen Dienste er sich meiner zu bemächtigen wünschte
  Sie brach noch einmal ab und sagte dann nach einer Pause wie im
Selbstgespräche Das denkt keines Menschen Seele aus
    Doch rief Paul der ihr achtsam zuhörend gefolgt war doch Und Sebas Hand
ergreifend und schüttelnd sagte er Fragen Sie Seba ob sie es nicht
nachzudenken vermag ob sie nicht Gleiches ob sie nicht Schwereres erduldet
hat Und sie hat sich aufgerichtet in sich selbst dass sie die Stütze und die
Zuflucht aller derer geworden ist die einer starken und geduldigen Liebe für
sich nötig haben Was ist Ihnen denn geschehen was haben Sie denn erlitten und
erlebt
    Die Gräfin sah ihn betroffen ja mit Erstaunen an Es ist wahr fuhr er
fort Sie haben ein großes ein schönes Kapital von Liebe falsch angelegt das
ist aber auch Alles Sie haben Sich in dem Manne betrogen dem Sie es
anvertrauten und nur Sie nicht er tragen die Schuld davon Sie sahen das
Kleid das er trug Sie kannten die Grundsätze der Gemeinschaft der er
angehört Wer hieß Sie der eitelen Verlockung nach Herrschaft nachgeben mit der
er zuerst verführend an Sie herantrat Nicht er Ihr Stolz hat Sie verleitet
die Freiheit deren Sie nach allen Seiten hin genossen gegen die Unfreiheit zu
vertauschen die Ihnen Herrschaft über Andere und die blinde Unterordnung
Anderer als ein Glück vorspiegelte Nicht Ihre Liebe für den Abbé allein Ihr
Hass gegen Ihre Tante ja die ganze müßige selbstsüchtige Abgeschlossenheit in
der Sie wie Sie es mir geschildert haben lebten haben Sie dem Abbé in die
Arme getrieben Und jetzt da Sie ihn kennen jetzt wollen Sie aus falschem
Ehrgefühl hingehen Sich in einem Kloster zu verbergen Sie wollten auch jetzt
noch nach jener hochmütigen Selbstbefriedigung suchen die Sie der Erde und
Ihren Mitmenschen entfremdet Wie können Sie nur daran denken noch länger ein
Dasein zu führen welches in unserer Zeit und bei unseren Erkenntnissen nicht
mehr wert ist dass mans lebt  Er schüttelte missbilligend sein ernstes Haupt
und der Gräfin fest ins Auge schauend sprach er Da wärs besser Sie wären
nicht genesen
    Die Frauen blickten besorgt auf Eleonore hin Sie sah schweigend vor sich
nieder Paul störte sie in ihrem Sinnen nicht Ein paar Mal schien es als ob
sie sprechen wolle aber sie fand das Wort nicht oder sie vermochte sich nicht
von den Vorstellungen loszureißen mit denen sie sich bisher getragen hatte und
Davide welche ihr dies nachempfand und ihr zu Hilfe kommen wollte fragte Aber
was soll Eleonore denn jetzt tun
    Sie soll sich befreien und sich durch Selbstüberwindung selbst wieder
gewinnen wie unser Aller Vorbild wie unsere Seba es getan hat Sie soll dem
Abbé und der Habsucht seines Ordens den Triumph nicht vollenden den sie ihnen
zu bereiten auf bestem Wege war rief Paul
    Er hielt inne Ihr fragt mich was die Gräfin tun soll Erretten soll sie
von dem schlecht angelegten Kapitale ihrer Liebe ihrer Freundschaft was sie
kann Sie soll ihr Herz tapfer in die Hand nehmen sie soll sich mutig ihren
Irrtum ihre Verblendung eingestehen Sich soll sie anklagen nicht die Andern
oder gar ihr Schicksal und sie soll lieben ihre Mitmenschen lieben lernen 
    O rief Eleonore und ihr Antlitz leuchtete in einer Verklärung deren es
früher nie teilhaftig geworden war liebe ich Euch denn nicht Wie eine
zärtliche Mutter wie liebende Geschwister seid Ihr mir gewesen Mutterliebe und
Geschwisterliebe und die Seligkeit welche in der Ehe in dem Lächeln eines
Kindes liegen kann Alles habe ich kennen und empfinden lernen hier bei Euch 
Aber wenn ich von Euch geschieden sein werde 
    Scheiden fiel ihr Davide in das Wort und die Gräfin in ihre Arme
schließend rief sie Wer denkt denn an Scheiden Eleonore Du hast mich ja
selbst Deine Schwester genannt Du bleibst bei uns bei Seba bei Paul bei mir
bei unseren Kindern  Seba Paul sagt es ihr doch dass sie nicht gehen soll
nicht gehen darf dass sie unser unsere Eleonore ist
    Sie konnte nicht weiter sprechen die Gräfin hing an ihrem Halse Seba legte
ihre Hand sanft auf der beiden jungen Frauen Häupter selbst Paul war sehr
erschüttert Die Blumen aber dufteten ruhig fort die Bienen tauchten tief in
ihre Kelche hinein und die Nachtigallen lockten und sangen während in dem
leise aufgestiegenen Winde die Zweige der Bäume sich nickend hin und wieder
bewegten und die Sonne ihre warmen Strahlen funkelnd durch die Blätter
niedersendete
    Als Eleonore ihrer wieder mächtig geworden war hielt sie Paul ihre Hand
hin Er schlug mit festem Schlage ein und schüttelte sie ihr wie einem Manne
Mut Gräfin sprach er mit der vollen Stimme die schon in ihrem bloßen Klange
etwas Ermutigendes hatte Die Welt geht nicht unter wenn ein Stein unter
unseren Füßen fortrollt auf den wir mit Sicherheit treten zu können meinten
Irgendwo findet sich ein Ast an dem man sich halten kann und  er reichte ihr
mit schöner herzgewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin  zur
Not bin ich auch noch da Fragen Sie Seba und Davide ob ich loszulassen
pflege was ich in die Hand genommen habe
    Lieber lieber Freund rief die Gräfin und blickte wie eine Tochter ergeben
und vertrauensvoll zu ihm empor Was soll ich tun Sagen Sies ich folge Ihnen
unbedingt
    Paul machte eine abwehrende Bewegung Kein blindes Gehorchen kein
unbedingtes Vertrauen liebe Gräfin warnte er Ich bin kein Priester Aber ich
würde mich freuen wenn Sie mir den Brief zu lesen geben wollten den Sie dem
Abbé auf seine heutige Zuschrift senden
    Was soll ich ihm sagen fragte sie von dem Gedanken dieser unerlässlichen
Annäherung ergriffen und erschreckt Was soll ich ihm sagen
    Die Wahrheit entgegnete ihr Paul
    Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben Wird er nicht Alles anwenden
sie uns zu entreißen wendete Davide ein
    Gewiss aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem stolzen Haughton
Kastle Sie ist in eines Bürgers Hause sie hat sich ja eben freiwillig als der
Unseren Eine unter meinen Schutz gestellt und wenn wir auch nicht wie sie in
ihrem freieren Vaterlande von uns sagen können »Mein Haus ist meine Burg« so
bin ich doch Herr in meinem Hause und sie soll wie wir alle ruhig leben ruhig
schlafen und sich frei bewegen unter meinem Dache und unter meinem Schutze bis
sie uns nicht mehr braucht bis sie gelernt hat wieder aus eigenem Antriebe
ihren eigenen und ich denke einen schönen neuen Weg zu gehen
 
                                 Achtes Kapitel
Nach großen Stürmen pflegen wie in dem Leben der Völker so auch in dem Leben
der einzelnen Menschen wenn die aufgeregten Wogen sich geebnet haben lange und
tiefe Windstillen einzutreten in denen die Wasser sich beruhigen und allmählich
so sanft hingleiten dass man es leicht vergisst wie es eben noch anders gewesen
ist und was unter der glatten Oberfläche in der Tiefe schlummert Was man
erlebte was man erlitt wird von dem Einzelnen mehr und mehr vergessen von der
Gesammteit überwunden und ausgeglichen Man meint es sei des Erfahrens nun
genug gewesen man hofft der gewonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu können
man sieht rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen und da man ohne
sein besonderes Zutun von dem allgemeinen Elende sein reichlich Teil getragen
so wird man zu der Meinung verführt dass man auch ohne sein besonderes Zutun
des Guten teilhaftig werden müsse das sich um uns her entfaltet hat und dass
das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner Segensfülle zudecken müsse was
der Eine oder der Andere sich nicht gern eingestehen und gern verbergen möchte
    Handel und Wandel standen denn auch nachdem wenig mehr als ein Jahrzehend
seit der Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft verflossen war wieder
in voller Blüte Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge
gekommen von dem man bis dahin in unserem Vaterlande noch kaum eine Vorstellung
gehabt hatte und an der Spitze der bedeutendsten Unternehmungen fand man fast
immer das mit jedem Jahre mächtiger werdende Tremannsche Handlungshaus Paul
war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten Männer der Stadt
und des Landes geworden Sein Einfluss kam nicht nur dem eigenen Schaffen
sondern auch den Angelegenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu
Statten Er selber hatte sich freilich schon von den Fabrik und industriellen
Geschäften zurückgezogen die er bald nach Beendigung des Krieges mit Steinert
und Herbert gemeinsam unternommen hatte um sich gänzlich wieder dem großen
Geldgeschäfte zuzuwenden dafür arbeiteten aber die Söhne und Schwiegersöhne
seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und einander in die
Hände
    Eva war wie sie das gewünscht hatte in dem alten auf das beste
ausgebauten Amtshause in Rotenfeld mit ihrem Herbert angesessen Sie sah in
behaglicher Ruhe ihrem Lebensabende entgegen während der junge Steinert der
seine Kousine Angelika geheiratet hatte und Steinerts Schwiegersohn mit
seiner Eveline der Eine auf dem von Rotenfeld jetzt abgezweigten Vorwerke der
Andere in Neudorf sich tüchtig regten Auf den Gütern deren Ertrag nach dem
Abgange von Adam Steinert in den letzten Lebensjahren des Freiherrn Franz so
tief heruntergekommen war dass er die Bedürfnisse der Herren von Arten nicht
mehr deckte fanden jetzt drei Familien ein reichliches Auskommen und ein immer
wachsendes Gedeihen weil sie selber schufen und erwarben was sie brauchten
weil sie ihre Bedürfnisse und ihre Einnahmen in Einklang erhielten und weil ihre
eigene Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit den Arbeitern um sie her zu einem Antriebe
und zu einer Ermutigung gereichten die den Gutsbesitzern ebenfalls zu Nutze
kamen
    Ein Jahr nachdem Herbert sich in dem Rotenfelder Amtshause niedergelassen
hatte war Seba in der Mitte des Sommers in ihre heimatliche Provinz
zurückgekehrt um ihr altes Vaterhaus einmal wiederzusehen und Herbert auf
seinem Gute zu besuchen und Eleonore hatte sie dabei begleitet Seit die Gräfin
in das Tremannsche Haus gezogen und gleichsam ein Mitglied seiner Familie
geworden war trennte sie sich von Seba nicht Sie waren einander in tiefem
Verständnis nahe getreten
    Du hast so Viele gepflegt und gehegt sagte die Gräfin bisweilen dass es nur
in der Ordnung ist wenn sich endlich Jemand findet der Dich nun hegt und
pflegt Davide hat ihren Mann hat ihre Kinder ich habe Niemanden als Dich und
es kommt Dir zu dass ein Wesen um Dich ist über welches Du ganz verfügen
kannst Wo Du bist da bin ich wo Du hingehst gehe ich mit Dir
    Seba wollte das nicht gelten lassen denn sie wünschte Eleonore in einer
ihr angemessenen Ehe glücklich zu sehen aber es war als hätte das Gemüt der
Gräfin noch ein Ruhen nötig nachdem es ihr in schweren Kämpfen gelungen war
sich mit Hilfe ihrer Freunde völlig von den Banden frei zu machen in denen der
Abbé sie gehalten hatte und Paul bestärkte sie in ihrer Hingebung an Seba
    Lasst sie ungestört gewähren riet er wenn Davide in ihrem Glücke
Heiratsplane für die Freundin machte Für eine Eleonore kommt gewiss der Tag an
welchem die Freundschaft ihr nicht mehr allein genügt lasst uns ihn erwarten
    Sie und Seba hatten in den letzten Jahren verschiedene große Reisen gemacht
sie waren auch einen Sommer in Haughton Kastle gewesen Aber Eleonore hatte in
England nur ihre nächsten Anverwandten aufgesucht und obschon von ihnen jetzt
wieder bereitwillig empfangen hatte sie sich doch nach Deutschland und in das
Haus zurückgesehnt in dem ihr zuerst selbstlose Liebe begegnet war und in dem
sie es erlernt hatte sich im Anschlusse an ihre Umgebung im engverbundenen
Zusammenhange des Familienlebens durch Hingabe zu bereichern durch Unterordnung
zu erheben Man dachte nicht daran sie besonders aufzuklären sie zu erziehen
Die Luft macht eigen und die Luft befreit Man ließ das Leben walten
    Freilich wunderten die Leute vor Allen Renatus und die Seinigen sich
darüber dass die Gräfin Haughton der Aufforderung ihres Gesandten sich bei Hofe
vorstellen zu lassen nicht nachkam dass sie noch immer in Deutschland noch
immer als eine Genossin des Tremannschen Hauses lebte man fand sich jedoch
endlich damit ab es ihr für eine ihrer englischen Grillen auszulegen und des
Freiherrn Angelegenheiten waren nicht der Art ihm eine besondere Teilnahme an
den Seelenzuständen der Personen einzuflößen die nicht im nächsten
Zusammenhange mit ihm lebten
    Renatus mochte es ansehen wie er wollte das Glück wendete sich ihm nicht
wieder zu Während in Pauls Hause eine ganze Schaar von Kindern in Kraft und
Gesundheit heranwuchsen war das einzige Töchterchen welches Cäcilie ihrem
Manne geboren hatte ein schwächliches Kind gewesen das bald gestorben war und
er hatte bisher vergebens auf die Geburt eines Sohnes gehofft der seinen Namen
erben und in die Zukunft tragen sollte Die Aussicht dass Valerio dass der
seinem Vater untergeschobene Sohn vielleicht der einzige Erbe des alten schönen
Namens derer von Arten werden könne widerstand dem Freiherrn bei der
eigenartigen Entwicklung dieses jungen Menschen mit jedem Jahre mehr und etwas
woran er sich recht von Herzen freuen konnte hatte Renatus nirgend
    Allerdings war seine Ehe eine würdige und friedliche aber Vittoria war eine
schwere Last für ihn und seine Frau und auch seine Dienstverhältnisse
gestalteten sich nicht so günstig als er es erwartet hatte Er wurde trotz der
größten Pflichttreue nicht befördert das Avancement im Frieden war sehr
langsam und er konnte sich des Gefühles nicht erwehren dass ein unbekanntes
Etwas dass ein heimliches Übelwollen ihm wohin er sich auch wende hindernd im
Wege stehe Dazu kam er auch mit seinen Vermögensverhältnissen nicht wie er es
gehofft in die Ordnung Der Pächter hatte nicht den Mut seine erarbeiteten
Kapitalien in das fremde Gut zu stecken und der Freiherr keine Kapitalien mit
denen er selber auf dem Gute etwas hätte unternehmen lassen können Das
Pachtgeld welches regelmäßig genug einging blieb immer nicht lange in des
Freiherrn Händen weil er gleich bei seiner Verheiratung eine Summe
aufgenommen die er zu verzinsen hatte und es fanden sich da die
gesellschaftlichen Beziehungen des Freiherrn sich mit jedem Jahre ausdehnten und
das Leben in der Residenz mit dem wachsenden Reichtume ihrer Bewohner auch
glänzender und üppiger wurde mit jedem Jahre irgend welche neue Ausgaben denen
man sich anstandshalber nicht zu entziehen vermochte und die ein Abzahlen des
gemachten Anlehens hinderten
    Hier und da wenn Cäcilie es sah dass Renatus sich in Geldverlegenheit
befand wenn es sie drückte dass man die eingehenden Rechnungen nicht gleich
bezahlen konnte wenn man die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld
angehen musste hatte sie den Vorschlag gemacht Renatus solle sich von der Garde
zu einem der LinienRegimenter versetzen lassen Wenn man indessen von der
Hauptstadt fortging wenn man sich also auch aus den Kreisen des Hofes
entfernte so gab man damit alle die Vorteile auf welche in monarchischen
Staaten dem Staatsdiener aus der persönlichen Bekanntschaft mit seinem Herrn
gelegentlich erwachsen können und die man im Laufe der Jahre zu erreichen eben
bemüht gewesen war Eine Versetzung von der Garde zur Linie eine Übersiedelung
in eine Provinzialstadt ließ sich aber ganz abgesehen davon dass sie dem
Freiherrn wie ein Herabsteigen erschienen wäre ohne einen namhaften Geldaufwand
auch nicht bewerkstelligen den man denn wie die beiden Gatten meinten doch
besser und dem Zwecke entsprechender in der Residenz verwerten konnte
    Man blieb also beständig in einem Zustande des Wollens des Erwägens des
Hoffens und des Sichtröstens wenn wieder einmal wie das mehrmals geschah eine
günstige Aussicht auf deren Erfüllung man zuversichtlich gerechnet hatte
fehlgeschlagen war Renatus mochte es Cäcilien nicht empfinden lassen dass er
Sorgen hatte Cäcilie bemühte sich ihm ihr Unbehagen zu verbergen und mit
ihren gegenseitigen Ermutigungen täuschten sie sich selber und einander
Cäcilie hätte sich ein Gewissen daraus gemacht der Mutter oder gar der
Schwester die sie ohnehin beide nur selten sah einen Einblick in ihre Lage zu
gestatten und die Mutter und die Schwester befragten sie nicht darum Sie waren
zufrieden dass Renatus und Cäcilie sich innerhalb ihrer Mittel mit Anstand zu
erhalten schienen dass die Hilfe und die mannigfachen Förderungen welche die
Gunst der Prinzessin Hildegarden gewährte es dieser möglich machten in jedem
Jahre die Badereise zu unternehmen ohne welche sie bei ihren Nervenleiden nicht
mehr bestehen zu können glaubte und wie denn bei jedem Übel sich meist noch
ein Gutes finden lässt so fügte es sich wie Hildegard sagte doch sehr
glücklich dass sie und Graf Gerhard seit Jahren immer dieselben Badeorte zu
besuchen hatten
    Der Graf war indessen in seiner Gesundheit durch den Gebrauch der Bäder
nicht sonderlich gefördert worden Die Lähmung seiner Glieder nahm im
Gegenteile wenn auch nur sehr allmählich zu und obschon er sich vortrefflich
zu befinden behauptete schüttelten seine Ärzte doch die Köpfe Seine
Zeitgenossen meinten er sei kein junger Mann mehr und er habe viel mitgemacht
diejenigen indessen welche ihn erst in den letzten Jahren hatten kennen lernen
oder die im Stande waren einem Manne um seiner Liebenswürdigkeit willen seine
unwürdige Vergangenheit zu vergessen sagten Graf Gerhard sei wie alter Wein
der durch die Jahre nur feuriger und anregender werde und in der Tat schien er
an Lebhaftigkeit des Geistes zu gewinnen was er an körperlicher Beweglichkeit
verlor
    Weil er sich nicht gern daran erinnern mochte dass er ohne Hilfe sich nur
mühsam aufrecht halten und bewegen konnte ging er wenig aus An jedem Mittage
fuhr er eine Stunde in das Freie gab bei diesem oder jenem Freunde eine Karte
ab sendete der einen Dame ein Buch hinauf schickte der andern ein Billet mit
einer Anfrage zu und da es in jeder großen Stadt und an jedem Hofe eine Anzahl
von Müssigen gibt die froh sind ein Stelldichein zu haben an dem sie eine
ihrer leeren Viertelstunden mit ihres Gleichen gemeinsam unterbringen können so
ward durch den Rest des Tages das Zimmer des Grafen von Besuchern selten leer
In dem Plaudern und Schwatzen erfuhr er was ihm mitgeteilt zu haben man sich
kaum bewusst war und es währte gar nicht lange bis sich der Glaube festgestellt
hatte dass Graf Gerhard einer der am besten unterrichteten Männer des Hofes sei
bei dem man nicht nur sichere Auskunft über alles was im Augenblicke geschehe
sondern auch sehr wesentliche Aufschlüsse über die Vergangenheit im Allgemeinen
erhalten könne
    Es ward Mode mit dem Grafen bekannt zu sein und ihn zu besuchen und da die
fromme Mildtätigkeit der Prinzessin unter den ihrem Hofstaate angehörenden
Frauen auch die Barmherzigkeit zum guten Tone stempelte so fand man es schön
und lobenswert als die Gräfin Hildegard auf eine größere Geselligkeit fast
ganz verzichtend sich freiwillig zur Gesellschafterin ihres alten Freundes
machte der einst bestimmt gewesen war ihr als Oheim noch näher verbunden zu
werden
    Sie und ihre Mutter brachten fast jeden Abend bei dem Onkel wie sie ihn
jetzt beständig nannte zu Sie machte seine Vorleserin sie besorgte seinen
Briefwechsel wenn er sich einmal ermüdet fühlte und einander stützend tragend
und lobpreisend wo sie vor Dritten von einander zu sprechen hatten gelangten
sie dahin sich ein Ansehen und eine Geltung sich eine Anerkennung für ihr
gegenseitiges Verhältnis zu erwerben welche keiner von ihnen für sich allein
jemals gewonnen haben würde ganz abgesehen davon dass der Gräfin durch ihre
täglichen Abendbesuche bei dem Freunde eine ökonomische Erleichterung erwuchs
die sie heimlich doch in Anschlag brachte
    Es war früher einmal die Rede davon gewesen dem Grafen welchen seine
Sprachkenntnisse und seine feinen Umgangsformen sehr wohl zu einem solchen Amte
befähigten zum Kammerherrn der Prinzessin zu ernennen seine Krankheit hatte
aber die Ausführung dieser Absicht verhindert während dieser Krankheitszustand
doch gerade seine Bedürfnisse erhöhte und ein vermehrtes Einkommen für ihn
wünschenswert machte Der Graf besaß allerdings ein mütterliches Vermögen das
ihm spät genug zugefallen war um von ihm vortrefflich angelegt und gut zu Rate
gehalten zu werden indes als jüngerer Sohn war er doch nichts weniger als
reich denn die Berkaschen Güter waren Majorate Er hatte es also doppelt hoch
zu schätzen dass ihm durch die Verwendung der Prinzessin eine jener Präbenden
verliehen wurde welche über die Zeiten der Reformation hinaus zu Gunsten des
Adels erhalten worden sind und deren geistlichen Titel Niemand mit mehr Anstand
und mit besserer Laune zu tragen sich getrauen durfte als Graf Gerhard Berka
    Man war schon wieder mitten im Sommer und der Graf hatte eben eine jener
kleinen Mittagsgesellschaften um sich versammelt gehabt die er seit er Domherr
geworden war scherzend nur noch seine Kapitel nannte als man ihm einen der
russischen Gesandtschaftsräte meldete der ihn persönlich zu sprechen wünsche
Der Graf kannte den Legationsrat aber er hatte kein persönliches
Umgangsverhältniss mit ihm Ein Besuch desselben zu so ungewohnter Stunde musste
also irgend eine besondere Veranlassung haben und der Legationsrat ließ den
Grafen darüber auch nicht lange im Ungewissen
    Es ist uns heute sagte er nach einigen einleitenden Begrüssungsworten mit
dem Petersburger Kourier eine Privatmission zugegangen die der hiesigen
Gesandtschaft ganz ausdrücklich von dem Ministerium anempfohlen worden ist Es
handelt sich um eine Todesnachricht um den Brief eines Verstorbenen an eine
Dame der hiesigen Aristokratie die wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß
Ihnen befreundet ist mit Einem Worte um einen Brief an die Gräfin Hildegard
von Rhoden Wissen Sie zufällig ob die Gräfin irgend eine nähere Beziehung zu
einem Herrn von Kabeniew gehabt hat der zur Zeit des ersten Feldzuges Major
gewesen ist und der danach eben seiner Wunden wegen den Dienst verlassen hat
    Der Graf besann sich eine Weile dann sagte er Ich habe den Namen von der
Gräfin nennen hören dünkt mich
    Und Sie wissen nicht ob Herr von Kabeniew ihr nahe gestanden hat ob man
befürchten müsste ihr mit der Nachricht seines Todes eine Erinnerung zu
erwecken die ihr von fremder Hand nahe gebracht vielleicht peinlich für sie
sein könnte
    Der Graf hatte dem Legationsrate mit jener verbindlichen Achtsamkeit
zugehört welche ein Zeichen guter Erziehung ist Jetzt wurde seine Miene
plötzlich ernst und kalt und mit dem Tone bestimmtester Abwehr sagte er Ich
meine mich zu erinnern dass die Gräfin gegen mich hier und da eines Majors
Kabeniew erwähnte den sie in einem unserer Hospitäler durch eine lange Zeit
gepflegt hat aber wo oder wie sie den Gestorbenen auch kennen gelernt hat so
wird sie sicher das Andenken an ihn nicht zu scheuen haben dessen dürfen Sie
versichert sein mein Herr
    Der Legationsrat machte eine zustimmende Verbeugung Ich war dessen selbst
gewiss Herr Graf beteuerte er Aber was wollen Sie  es waren aufgeregte
Zeiten die Bewegung der Gemüter war eine gewaltige und  er lächelte  nun
wir waren Alle jung jünger vielleicht als unsere Jahre Wo eine Welt in Flammen
steht fasst auch der Einzelne leicht Feuer und es hat dann bisweilen doch sein
Schmerzliches auf eine solche alte Brandstätte zurückgeführt zu werden 
Gerade die außerordentliche Verehrung aber deren die Gräfin genießt machte es
den Gesandten wünschen sie wo möglich vor jeder Erschütterung zu bewahren und
die Auskunft die ich von Ihnen mein Herr Graf zu erhalten die Ehre habe
bestätigt nur eine Vermutung die wir selber hegten Herr von Kabeniew ich
darf Ihnen dies als einem Freunde der Gräfin wohl vertrauen der unvermählt und
ohne nahe Verwandte gestorben ist hat der Gräfin Rhoden sein ganzes äußerst
beträchtliches Baarvermögen hinterlassen das falls sie etwa nicht mehr am
Leben gewesen wäre den hiesigen Hospitälern überwiesen werden sollte Ich will
mich also beeilen noch heute mich des Auftrages meines Gesandten bei der Gräfin
zu entledigen
    Er erhob sich man wechselte noch einige Worte welche sich zum Teil um die
edlen Eigenschaften der Gräfin bewegten und der Legationsrat hatte sich kaum
empfohlen kaum das Haus verlassen als um die gewohnte Stunde die Gräfin und
Hildegard sich bei dem Grafen einstellten Sie fanden ihn erhitzt und aufgeregt
Sein Auge glänzte seine Hände waren kalt und selbst der Ton seiner Stimme
schien seinen Freundinnen ein veränderter zu sein
    Sie fragten was ihm widerfahren sei Er wich der Antwort aus erkundigte
sich nach ihrem Ergehen nach den Vorkommnissen des Tages aber Hildegard sowohl
als ihre Mutter fühlten ihm an dass er zerstreut dass er nicht bei der
Unterhaltung sei und man nahm also zu dem Buche seine Zuflucht mit welchem man
sich schon seit mehreren Abenden beschäftigt hatte Indes auch dieses
Auskunftsmittel wollte heute nicht verschlagen So oft Hildegard welche die
Vorleserin machte ihr Auge von dem Buche aufhob fand sie den Blick des Grafen
in einer Weise auf sich gerichtet die sie beunruhigte und als sie einmal ihre
Linke auf dem Tische ruhen ließ so dass der Graf sie von seinem Platze aus
erreichen konnte ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen
    Das war sonst auch geschehen und doch lag heute etwas Besonderes in des
Grafen Tun etwas Besonderes in dem Seufzer mit dem er sich in seinen Sessel
zurücklehnte und seine Augen mit seiner feinen durchsichtig gewordenen Hand
bedeckte
    Hildegard konnte nicht weiter lesen Sie legte das Buch nieder und sich
über den Tisch zu dem Grafen neigend sprach sie Es ist etwas geschehen lieber
Onkel etwas das Sie betrübt das also auch uns nicht gleichgültig sein kann
Ich fühle es unwiderleglich ich empfinde es wie eine Ahnung und es ängstigt
mich Sagen Sie es sprechen Sie es aus geliebter Onkel was haben Sie was ist
vorgefallen
    Der Graf stützte mit der geschlossenen Hand sein Haupt und es leise und
traurig wiegend sagte er Wir werden nicht mehr oft beisammen sitzen
    Was soll das heißen riefen Mutter und Tochter wie aus Einem Munde
    Aber statt ihnen zu antworten entgegnete der Graf Wie durfte ich darauf
auch rechnen Wie konnte ich nur wähnen dass so viel Anmut Geist und Güte
allein dazu geschaffen wären den Niedergang eines Daseins wie das meinige zu
verschönen Und Hildegardens Hände ergreifend zog er sie näher an sich heran
und nötigte sie damit unmerklich sich von ihrem Platze zu erheben
    Sie begriff nicht was der ganze Vorgang bedeuten konnte indes sie war
stets geneigt bei irgend einer Gefühlsergiessung mitzuwirken und sich auf das
Polster niederlassend das zu des Grafen Füßen lag sagte sie die Mutter
anblickend Mama frage Du den Onkel womit Deine Hildegard es verschuldet hat
dass er ihr mit seinem Zweifel an der Treue ihrer Freundschaft heut so wehe
tut
    Nein rief der Graf schweigen Sie schweigen Sie meine Freundin damit ich
mich fassen mich überwinden kann Ihre Ankunft überraschte mich und ließ mir
nicht die Zeit mich zu sammeln Sie wissen es ja ich bin ein Egoist ich kann
nicht kann nicht selbstlos lieben wie Sie beide wie die teure Hildegard So
eigensüchtig so ganz auf dieses lieben Wesens Nähe ist mein Sinn und meine
Zuversicht gestellt dass selbst sein Glück mich nicht mit dem Gedanken aussöhnt
es künftig es vielleicht bald entbehren zu müssen
    
    Die Worte des Grafen wurden den Frauen immer rätselhafter aber seine
Erregteit teilte sich ihnen mit und die Gräfin welcher der Vorgang doch
bedenklich scheinen musste verlangte endlich eine bestimmte Erklärung desselben
    Der Graf gewährte ihnen dieselbe nur auf seine Weise Er fragte ob er sich
irre wenn er glaube von Hildegard den Namen eines Majors von Kabeniew gehört
zu haben Ob er sich täusche wenn er meine dass der Major ihr seine Hand
angetragen und sie dieselbe wegen ihrer Verlobung mit Renatus ausgeschlagen
habe
    Nein nein rief Hildegard Sie irren nicht Aber was ists mit dem Major
    Da legte der Graf seine Hand auf Hildegards Schulter und sagte Was es mit
ihm ist  Er entreisst mir meines Lebens einziges wahres Glück Er ist
gestorben  und Sie Hildegard  Sie sind seine Erbin Sein Testament liegt auf
der russischen Gesandtschaft man hat sich bei mir erkundigt ob mans Ihnen
unvorbereitet übermachen dürfe Morgen schon wird es in Ihren Händen sein
morgen sind Sie eine reiche Erbin  Und was werde ich Ihnen dann noch sein 
Was kann mein mässiges Vermögen das einst das Ihrige werden sollte Ihnen dann
noch bedeuten
    Es entstand eine lange Pause denn man geht aus großer Beschränkung nicht zu
großer Lebensfreiheit über ohne eine Wandlung eine Erschütterung in sich zu
spüren Hildegard hatte den Reichtum stets ersehnt und ihre verhältnissmässige
Armut war ihr nach der fehlgeschlagenen Hoffnung auf ihre Verheiratung doppelt
drückend gewesen Sie wusste dass Herr von Kabeniew sehr reich gewesen war und
die Aussicht jetzt plötzlich zu einem bedeutenden Vermögen zu gelangen und vor
allen Dingen dadurch unabhängiger reicher freier zu werden als Renatus als
Cäcilie schwellte ihre Brust mit einer nie gekannten Freude Nicht nur ihr
Glück genoss sie sie genoss im voraus auch bereits das Erstaunen und wo möglich
die Demütigung der beiden Menschen die sie tötlich hasste denn sie gehörte zu
den verbitterten Naturen deren Freude der Unterlage eines fremden Schmerzes
nötig hat um voll und ganz zu sein Kein Wort nur ein laut aufgeschrieenes
Ach entrang sich ihrer Brust und beide Arme um der Mutter Nacken werfend
weinte sie als solle es ihr das Herz zersprengen
    Die Gräfin weinte ihre Freudentränen mit ihr Auch ihr fiel eine schwere
Last vom Herzen Graf Gerhard saß in seinem Sessel und wendete sein Auge nicht
von ihnen Endlich als er meinte dass die Frauen sich mit ihren Gefühlsergüssen
genug getan hätten richtete er sich empor die Schelle zu ziehen
    Das lenkte Hildegard von sich selber ab Sie eilte hinzu ihm die Mühe zu
ersparen und erkundigte sich was er wünsche
    Ich will den Diener nach einem Wagen für Sie senden sagte er
    Sollen wir Sie verlassen fragte Hildegard
    Der Graf sah schwermütig zu ihr empor Sie werden zu Hause möglicher Weise
schon die Dokumente finden welche der Legationsrat Ihnen auszuliefern hatte
Es ist natürlich dass Sie dieselben zu lesen dass Sie Sich mit der Mutter zu
besprechen wünschen und ich habe Sie liebe Hildegard ja nun gesehen Fahren
Sie nach Hause teures Kind
    Die Gräfin und Hildegard weigerten sich dessen er bestand jedoch auf seinem
Vorschlage Ich habe ja Freude sprach er wenn ich Ihrer denke und  an das
Alleinsein werde ich mich gewöhnen müssen Er reichte ihr die Hand Als sie sich
zu ihm neigte zog er sie als könne er seiner Empfindung nicht widerstehen auf
das Polster zu seinen Füßen nieder und ihr Haupt in seine beiden Hände fassend
küsste er ihr Haar mit leiser Lippe
    Einmal einmal nur rief er wie seiner selbst nicht mächtig einmal Du
sanfter Engel sollst Du es im Beisein Deiner edlen Mutter von mir hören dass Du
mein Erlöser gewesen bist dass ich der das Leben von seinen höchsten Höhen bis
hinab in seine treulosen Tiefen ausgekostet zu haben wähnte und der an nichts
glaubte auf nichts vertraute in Dir das Ideal gefunden habe das mich bereuen
wünschen glauben hoffen und mich auferbauen lehrte Einmal muss ich es Dir
sagen dass ich Dich liebte seit ich Dich kennen lernte dass ich den törichten
Knaben hasste der Dich und Deine reine Liebe nicht zu würdigen verstand und dass
ich jetzt die Stunde segne in der er Dich von sich stieß denn Du bist jetzt
frei und das Leben wird Dir seine schönsten Kränze nicht versagen
    Er brach ab und hüllte sein Gesicht in seine Hände Hildegard hatte ihr
Haupt an des Grafen Schulter gelehnt sein Arm umfing sie die Gräfin stand
bestürzt an ihrer Seite aber die Verherrlichung des von ihr so vorzugsweise
geliebten Kindes tat ihr wohl Hildegard erschien ihr wieder jung und schön
wie sie jetzt von dem letzten Schimmer des Abendsonnenscheines umflossen vor
dem Grafen kniete dessen gehobene Stimmung den ursprünglichen Adel seiner Züge
trotz seiner Jahre und seiner Krankheit mehr als gewöhnlich hervortreten ließ
    Endlich richtete er das Haupt der jungen Gräfin empor und noch einen Kuss
auf ihre Stirn drückend während er ihrer Mutter die Hand hinüberreichte sprach
er Nun ists gut Nun geh nun geh Du liebes Kind und denk nicht mehr an
mich Leb wohl  Leben Sie wohl Hildegard Leben auch Sie wohl teure
Mutter Wir sehen uns nicht wieder
    Onkel mein Freund mein teurer Freund rief Hildegard was soll das
heißen Nehmen Sie das Wort zurück
    Er schüttelte verneinend das Haupt und gab ihr als könne er nicht sprechen
ein Zeichen sich zu entfernen
    Hildegard blieb vor ihm stehen  Ich komme morgen wieder sagte sie
    Er wendete sich von ihr ab  Nein das geht über meine Kraft Wie soll ich
künftig schweigen da das unselige Geständnis meinen Lippen nun entflohen ist
sprach er dumpf in sich hinein
    Hildegard regte sich nicht der Gräfin begann die Szene peinlich und
bedenklich zu werden Sie nahm die Tochter bei der Hand  Komm komm mein
Kind sagte sie der Onkel ist zu sehr ergriffen und auch Du bist sehr
erschüttert Wir haben Alle Alle Fassung nötig  Sie wollte die Tochter mit
sich fortführen Hildegard wendete ihr Antlitz nach dem Grafen zurück er hatte
das Haupt auf seine Arme niedersinken lassen die auf dem Tische ruhten
    Da machte sich Hildegard von der Mutter los und noch einmal vor dem Grafen
niederknieend rief sie So kann ich ihn doch nicht verlassen Und warum soll
ich denn auch von ihm gehen  Weinen Sie nicht weine nicht mein Freund ich
bleibe Wo soll ich denn auch bleiben als bei Dir der mir beigestanden hat in
meiner größten Not
    Engel des Lichtes sprich es sprich es noch einmal aus dieses Wort das
mich beseligt rief der Graf und es war vergebens dass die Mutter es versuchte
dem Vorgange das Gepräge einer förmlichen Verlobung zu entziehen
    Hildegard lag in des Grafen Armen er küsste ihr Haupt ihre Hände sie
nannte sich glücklich in dem Besitze seiner Liebe und noch einmal genoss der
fünfzigjährige und kranke Mann den Triumph sich eines Weibes zu bemächtigen
dessen er nicht wert war weil die unklare Herzensüberspannteit Hildegards
ihm dazu die Handhabe darbot
    Es dunkelte schon als die Gräfin mit der Tochter sein Haus verließ Er war
sehr mit sich zufrieden Es war ihm ein Meisterstreich gelungen und er hätte
nur gewünscht ihn irgend Jemandem mitteilen zu können Nie zuvor hatte er
daran gedacht Hildegard zu seiner Erbin einzusetzen er hatte sich überhaupt
nie mit seinem Testamente beschäftigt Es war ihm stets zuwider gewesen auf
sein einstiges Ende hinzublicken denn er fühlte in sich noch Lust zu leben
und die Nachricht von der reichen Erbschaft seiner Freundin Hildegard hatte ihm
plötzlich die Aussicht eröffnet sich größere Lebensbequemlichkeit sich noch
größere Lebensfreiheit zu verschaffen als bisher
    Er konnte sich eines Lächelns nicht erwehren als er sich sagen musste er
sei Bräutigam er habe sich verlobt »Ward je in dieser Laun ein Weib gefreit
Ward je in dieser Laun ein Weib gewonnen« fragte er sich selber Shakespeares
Worte brauchend den er anzuführen liebte
    In seine Genugtuung mischte sich jedoch ein Schmerz Die Anspannung seiner
Kräfte hatte ihn erschöpft Es kam wie eine Reue über ihn Er hätte jung er
hätte noch ganz er selber sein mögen Aber er nannte diese rückblickende Wehmut
eine Schwäche eben eine Folge der Anstrengung die er sich zugemutet hatte Er
ließ sich gegen seine Gewohnheit Wein hinstellen trank ein Paar Gläser davon
und als er dann sein Lager aufsuchte und das auf dem Nachttische liegende Buch
aus der Hand legte waren es philosophischreligiöse Fragen Fragen mit denen
sein völliger Unglaube sich zu beschäftigen liebte unter denen ihm endlich das
Bewusstsein schwand und Schlaf und Traum ihn sanft umfingen
 
                                Neuntes Kapitel
Die Gräfin und Hildegard hatten die Ruhe nicht so leicht gefunden Das Erbe
welches der Letzteren zugefallen war noch weit beträchtlicher als man es
erwartet hatte und der Gedanke die Tochter ohne alle Notwendigkeit mit dem
Grafen Gerhard sich verbinden zu sehen dessen Vergangenheit trotz der Gunst
und königlichen Gnade deren er sich gegenwärtig rühmen durfte doch immer eine
bedenkliche blieb und für den eine Herstellung nicht zu hoffen war während man
ein langes furchtbares Siechtum für ihn befürchten musste widerstrebte der
verständigen Einsicht der Mutter auf das höchste Aber ihre Vorstellungen ihre
Bitten ihre Ermahnungen scheiterten an Hildegards Entschlossenheit
    Der Graf hatte sich seit Jahren ihrer Neigung zu bemeistern gewusst er hatte
sich ihr so geschickt und mit so vielem Behagen an der von ihm verübten
Täuschung immer als einen durch sie Bekehrten dargestellt ihre Neugier auf die
Geheimnisse in seiner Vergangenheit war von ihm so unmerklich geweckt und
befriedigt worden seine halben Bekenntnisse hatten ihre Begriffe von Sitte von
des Mannes ihm oft verderblicher Freiheit und von des Weibes großmütig
verzeihender Liebe so verfälscht dass die Gräfin es plötzlich mit Erstaunen
wahrnahm wie der Boden sich verändert hatte auf welchem ihre Tochter stand Es
fiel ihr schwer zu glauben dass Hildegard obschon sie in der Mitte der
Dreissiger war für den um zwanzig Jahre älteren kranken Mann je etwas Anderes
als anteilvolles Mitleiden als eine dankbare Ergebenheit empfunden haben
könne Indes Hildegard hatte sich so fest in den Gedanken eingelebt der
Schutzengel des Grafen zu sein und dieser hatte während ihres ersten
gemeinsamen Aufenthaltes in dem Badeorte die leidenschaftlich erregte Empfindung
und die nicht minder aufgeregte Sinnlichkeit des von Renatus verlassenen
Mädchens von Anfang an so geschickt von Renatus auf sich zu übertragen gewusst
dass Hildegard schon lange an den Grafen gekettet gewesen war ohne sich dessen
bewusst zu sein Trotz aller Vorstellungen der Mutter nannte sie sich entschieden
glücklich dem geliebten Manne dem sie und sie allein den Glauben an alles
Edle und Erhabene wiedergegeben hätte den Abend seines Lebens verschönen zu
können und in seiner reinen sie anbetenden Liebe einen reichen Ersatz für die
Leiden zu finden welche der Leichtsinn des Freiherrn Renatus ihr bereitet
hatte
    Alles was die Gräfin von der Tochter an dem Abende erlangen konnte war das
Zugeständnis dass die Verlobung nicht bekannt gemacht werden solle ehe man
nicht die Prinzessin welche sich Hildegarden stets als eine so gnädige
Beschützerin gezeigt davon in Kenntnis gesetzt und ihren Rat und ihre
Zustimmung dazu erbeten haben würde Aber schon bei ihrem Erwachen begrüßten ein
Brief und eine Sendung des Grafen seine Braut und noch ehe die Stunde gekommen
war in welcher man daran denken konnte die Prinzessin aufzusuchen und bei ihr
vorgelassen zu werden brachte einer ihrer Lakaien Hildegarden ein paar Zeilen
von der Prinzessin eigener Hand mit denen sie ihr zu der Wendung welche ihr
Schicksal genommen habe ihren Glückwunsch aussprach Sie nannte es schön dass
ihr früheres Liebeswerk ihr die Möglichkeit gewähre in Werken der Liebe
fortzufahren und die Prinzessin rühmte dabei die Herzensfeinheit des Grafen
ganz ausdrücklich der ihr vor allen Andern die Mitteilung des geschlossenen
Bundes habe zukommen lassen da er sicher gewesen sei dass sie sich jedes Guten
freuen würde welches Hildegarden von der Vorsehung beschieden sei
    Damit stand nun die Verlobung als eine Tatsache fest Denn der Graf hatte
sich nach seiner früheren Geschäftserfahrung rechtzeitig daran erinnert dass es
Fälle gibt in denen man rasch handeln und den Andern zuvorkommen muss wenn man
seiner Sache sicher sein will und die Genugtuung die er über seine
Entschlossenheit fühlte verlieh ihm wie er meinte wirklich eine neue Kraft
    Es war noch früh am Morgen als er schon bei der Braut erschien und es sah
aus als habe er heute des Dieners auf dessen Arm er sich zu stützen pflegte
kaum noch nötig Hildegard eilte ihm auch gleich entgegen ihm ihren Arm zu
reichen und der Graf hatte es so geschickt erlernt sich mit allerlei kleinen
Künsten von einem Platz zu dem andern fortzuhelfen dass selbst die Gräfin Rhoden
sich es nicht versagte heute der Hoffnung auf seine Herstellung Raum in sich zu
geben
    Die Mutter hatte gewünscht ihrer verheirateten Tochter gleich am Morgen
die Nachricht von Hildegards Erbschaft und Verlobung zukommen zu lassen aber
diese war anderer Meinung Sie beabsichtigte der Schwester die Kunde selbst zu
überbringen und das konnte nicht sogleich geschehen Der frühe Besuch des
Grafen eine Besprechung mit dem Gesandten die gerichtlichen Vollmachten
welche die neue Erbin auszustellen hatte nahmen Zeit in Anspruch Es verstand
sich von selbst dass die Verlobten sich ihrer Beschützerin der Prinzessin
präsentirten und es war natürlich dass die Braut ihre jetzigen Möglichkeiten zu
benutzen und sich für die Vorstellung bei der Prinzessin und eben so für den
Besuch bei ihrer Schwester nach ihren neuen Verhältnissen einzurichten begehrte
    Unter Besorgungen Beratungen und Einkäufen gingen die Stunden hin
Hildegard und der Graf waren beide nicht die Stärksten die ungewohnten
Anstrengungen ermüdeten sie Einer war für den Andern auf Schonung bedacht man
musste etwas Ruhe haben und der späte Nachmittag kam also heran ehe man sich
anschickte zu der Schwester hinzufahren
    Die Stadt war schon leerer geworden der König hatte sich wie alljährlich
in ein böhmisches Bad begeben die übrigen Hofstaaten rüsteten sich ebenfalls
zum Aufbruche und obgleich die Residenz damals noch nicht so groß war dass man
nicht bald vor das Tor gekommen wäre und außerhalb desselben nicht noch Feld
und Wald und Wiesen genug gefunden hätte suchte doch wer es ermöglichen
konnte sich auch damals eine Veränderung des Aufenthaltes zu bereiten Cäcilie
und Vittoria aber weilten in der Stadt denn Renatus war im Beginne des Sommers
längere Zeit zum Ankaufe der RemontePferde auswärts gewesen und war nun wieder
seit einigen Tagen mit seinem Regimente zu den großen Manövern nach einer der
benachbarten Provinzen kommandiert Man konnte seiner Rückkehr erst in einigen
Wochen entgegensehen
    Die Sonne brütete über der Straße und glänzte blendend aus den
gegenüberliegenden Fensterreihen wieder Hier und da wirbelte der Südostwind die
Staubmassen empor dass man sie wie Wolken vorüberziehen sah Vor dem Hause belud
man einen großen Reisewagen mit Koffern und Schachteln Der Wirt ein reicher
Kaufmann der das Erdgeschoss bewohnte ging mit seiner Familie in ein Bad und
wollte die kühlere Nacht für den Beginn seiner Reise benutzen Cäcilie und
Vittoria saßen schon eine geraume Zeit schweigend neben einander Endlich erhob
Cäcilie sich und die Fensterflügel öffnend sagte sie Welch ein staubiger
Brodem auf diesen Straßen liegt
    Ja entgegnete Vittoria ich dachte es eben Was für ein Land und was für
ein Leben ist es in denen man mitten in der besten Jahreszeit sich den
grausigen Winter ersehnt
    Cäcilie setzte sich wieder zu ihr In Richten muss es heute schön sein hob
sie nach einer Weile an
    In dem leeren wüsten Schloss entgegnete die Andere und sich fächelnd
wie es ihre Gewohnheit war rief sie nach längerem Schweigen Wenn man nur
wenigstens eine Stunde in das Freie fahren könnte
    Renatus hat die Pferde verkauft und noch keine ihm passenden gefunden  wir
müssen uns gedulden bis er wiederkommt bedeutete Cäcilie wie entschuldigend
und schloss mit der Bemerkung dass es innen in dem Zimmer erträglicher als
draußen sei das Fenster welches sie eben erst geöffnet hatte
    Sie nahm ein Buch zur Hand und fing zu lesen an aber man konnte sehen dass
sie nicht dabei war Sie blätterte hin und her legte es fort griff nach einem
Zeitungsblatte und schien auch von diesem nicht gefesselt zu werden Vittoria
sah ihr gelangweilt und ermüdet zu
    Die Aussicht einen ganzen Sommer in diesen engen Stuben zu verbringen rief
sie dann mit Einem Male aus ist mir wirklich ganz entsetzlich  Und nach einer
neuen Pause sagte sie ihre eben erst getane Äußerung halbwegs vergessend Ich
wollte Renatus hätte mich wenigstens gelassen wo ich war  was hatte ich hier
in der Stadt zu suchen
    Cäcilie antwortete ihr nicht gleich Sie fühlte sich selbst gedrückt Die
neue Trennung von ihrem Manne ward ihr schwer der ungerechte Vorwurf den die
Stiefmutter ihm machte tat ihr weh
    Renatus hat es gut gemeint sagte sie endlich und mich dünkt Du von uns
Allen hättest die meiste Befriedigung hier in der Stadt gefunden Wenigstens
hast Du oft genug versichert dass Dir hier ein neues Leben aufgegangen sei Du
hast Freunde gefunden der Kronprinz zeichnet Dich aus Du hast Genüsse aller
Art 
    Beklage ich mich denn fiel Vittoria ihr nach der Weise aller Derer in das
Wort die keines zusammenhängenden Denkens gewohnt von jeder in ihnen
angeregten Vorstellung auf einen völlig veränderten Standpunkt geführt werden
Ich beklage mich ja nicht Ich meine ich hätte es von jeher bewiesen dass ich
mich in das Unabänderliche zu fügen und dass ich auch zu schweigen weiß
    Was nennst Du das Unabänderliche fragte Cäcilie
    Glaubst Du entgegnete die Stiefmutter dass es behaglich ist dass es für
eine Frau die wie ich Herrin in ihrem Hause zu sein gewohnt war behaglich
ist abhängig wie eine Klosterschülerin zu sein
    Mich dünkt Du wärst so ziemlich die Herrin in unserem Hause wendete
Cäcilie ein
    Vittoria lachte Nennst Du es Herrin sein wenn mein Sohn wenn Renatus mich
förmlich unter Deine Kontrole stellt Wenn er mir die Weisung hinterlässt dass
ich in seiner Abwesenheit keine Besuche machen Niemanden empfangen soll 
    Vittoria rief die junge Baronin entstelle die Tatsachen nicht Renatus
hat Dich nur gebeten Emilio nicht bei Dir zu sehen weil 
    Weil Emilio Dir den Hof macht warf Vittoria ein
    Cäcilie wurde blass vor Zorn Lass das ich bitte Dich sagte sie sehr fest
Emilios plötzliche Galanterie für mich täuscht weder meinen Mann noch mich Sei
zufrieden wenn wir schweigen  das Schweigen ist nicht immer leicht
    Und schweige ich denn nicht füge ich mich denn nicht in alles was Renatus
fordert meinte Vittoria die von ihrem früheren Klosterleben her ein Vergnügen
in dem kleinlichen Kriege mit ihrer Umgebung fand das sie sich sobald sie
Langeweile hatte nicht versagte
    O ja rief Cäcilie gewiss Du schweigst aber man sieht es Dir an wie
unbehaglich Du Dich fühlst wie widerwillig Du Dich dem unerlässlich Gebotenen
fügst Und glaube mir das lastet so schwer so schwer auf meinem Manne und auch
auf mir fuhr sie wider ihren Willen heftig werdend fort dass wir   Sie
brach plötzlich ab
    Vittoria fragte ob sie nicht vollenden wolle
    Indes die junge Frau hatte sich schon wieder zusammengenommen Sie bereute
ihre Aufwallung denn Renatus wollte durchaus den Frieden in seinem Hause
aufrecht erhalten haben und bemüht dieses Ziel zu erreichen bemüht ihrem
Manne vielleicht durch eine Erörterung mit seiner Stiefmutter das Leben zu
erleichtern sagte sie sich überwindend Du bist wirklich nicht gerecht gegen
uns beste Vittoria Du weißt es glaube ich wirklich nicht wie schwer der
arme Renatus es hat Er tut für Dich und für uns alle was er kann aber  
sie zögerte aufs Neue und sagte dann endlich als müsse es einmal ausgesprochen
werden Er will freilich nicht dass Du darum weißt indes Du kannst ja ohne das
seine Handlungsweise nicht begreifen und ich kenne ja auch Deine Liebe für ihn
und mich wennschon Du manchmal an die unsere für Dich nicht glauben willst 
Sie machte eine Pause dann fuhr sie fort Heute zum Beispiel  wie gern wollte
ich Dir einen Wagen holen lassen Ich führe ja auch selbst gern vor das Tor
hinaus Aber unsere Einkünfte sind nicht groß und das Leben kostet hier so
viel Dazu   sie näherte sich der Stiefmutter nahm ihre Hand und sagte
Versprich mir dass Niemand am wenigsten Renatus darum erfährt und lass es Dich
nicht kränken wenn ich sage dass das ganze Unheil nur von des Vaters falscher
Großmut herrührt  dazu ist Renatus seit den beiden letzten Jahren immer in
großer Geldverlegenheit gewesen Wir haben schon im vorigen und in diesem Winter
überlegt wie wir es machen könnten uns zurückzuziehen ohne ein unangenehmes
Aufsehen zu erregen und nötig wäre es denn Renatus hat von einem
Wechselgläubiger gedrängt sich schon vor anderthalb Jahren entschlossen von
unserem Pächter Vorschüsse zu nehmen Es bleibt ihm in diesem Jahre also nichts
mehr übrig als die auf ihn laufenden unglückseligen Wechsel verlängern zu
lassen was neue größere Kosten machen wird während wir mit unserem Gehalte
beim besten Willen nicht im Stande sind unsere Ausgaben zu bestreiten Hättest
Du ihn je gesehen wie ich wenn die Zahlungstermine nahe kommen  und er hat ja
schon in dem zweiten Jahre unserer Ehe die Hypotekenlast auf Richten noch
erhöhen müssen  Du würdest Dich nicht mehr über ihn beschweren
    Die Stiefmutter hörte ihr ruhig zu aber Cäcilie merkte dass sie mit ihren
Worten nicht den erwarteten Eindruck auf sie machte denn Vittoria sagte
offenbar gelangweilt sie verstehe von diesen Angelegenheiten nichts
    Gewiss hob die junge Baronin weil sie lebhaft wünschte ihrem Manne vor
Vittorias Ansprüchen Ruhe zu schaffen so freundlich als sie konnte noch
einmal an Du verstehst das nicht genau und ich  ich habe ja auch davon nichts
verstanden oder vielmehr nie recht daran gedacht bis ich es Renatus endlich
anmerkte dass ihn etwas drückte Nun ich ihn aber gefragt habe nun er mir Alles
vertraut hat nun ich weiß weshalb Renatus für den Sommer unsere Wagenpferde
verkauft und den Kutscher und den Diener bis zum Winter abgeschafft hat nun
ertrage ich weil es ja dem geliebten Renatus zu Hilfe kommt den heißen
einsamen Sommer hier in unserem Hause auch weit besser Und ich meine auch Du
wirst Dich gedulden um seinetwillen Liebe Er hats gewiss nicht leicht er hat
oft schwere Tage und er ist ein Herr von Arten von dem man in der Gesellschaft
und im Regimente etwas erwartet Er muss doch leben wie es einem Arten zukommt
    Cäcilie fand eine Beruhigung darin dass sie dies endlich ausgesprochen
hatte Sie hoffte durch diesen Beweis ihres unbedingten Vertrauens ihre
Schwiegermutter mit den Einschränkungen auszusöhnen die sich aufzuerlegen sie
ihrem Manne versprochen hatte aber Vittoria fasste es anders auf
    Ich habe Dich nicht unterbrechen mögen Kind sagte sie indes ich begreife
nicht weshalb Du mir solche Mitteilungen machst obenein wenn Renatus Dir
dies verboten hat War ich es die den Eintritt in die Welt begehrte die unsere
Vorstellung am Hofe forderte Oder meinst Du dass mein Luxus Deines Mannes
Geldverlegenheit verschuldete
    Nein nein gewiss nicht besänftigte sie Cäcilie die bereits einzusehen
begann dass sie einen Missgriff getan hatte Aber Du hegtest doch so gut wie ich
die Neigung die Gesellschaft kennen zu lernen und Renatus hielt und hält es
noch für nötig dass wir uns in ihr bewegen
    So muss er auch die Mittel schaffen dass wirs können entgegnete Vittoria
mit großem Gleichmute und er hat Unrecht dass er Dich und mich mit
Angelegenheiten peinigt in denen wir ihm doch nicht helfen können Sein Vater
tat das nie Er machte Alles mit sich selber ab Er war nicht kleinlich
    Renatus weiß davon zu sagen fuhr Cäcilie auf aber sie unterdrückte was
sie noch hatte hinzufügen wollen und schweigend und in sich versunken blieb sie
in dem Zimmer neben ihrer Schwiegermutter sitzen
    Sie war dieses Zusammenlebens mit Vittoria von Herzen müde sie war der
Notwendigkeit des Scheinenmüssens höchlich satt Wäre sie nicht in der Liebe
ihres Mannes so glücklich gewesen hätte sie sich nicht damit getröstet dass er
sich glücklich in seiner Ehe mit ihr fühle sie würde Hildegard oft um das ruhig
bescheidene Leben in ihrer Mutter Hause beneidet haben Bisweilen wenn die
Zahlungstermine für die Wechselschulden ihres Mannes herankamen wenn sie
berechnen konnte wie jedes fortschreitende Halbjahr sie mit wachsender Gewalt
in eine immer tiefere Verwirrung ihrer Verhältnisse hinabzog hatten ihre Sorge
und ihre Liebe für den Gatten ihr die verschiedensten Plane zu seinem Beistande
eingegeben Sie hatte sich an Eleonore an Seba an Tremann an den Kronprinzen
wenden und ihn um ein Darlehen angehen wollen das mäßig zu verzinsen und dann
allmählich abzuzahlen nicht über ihre Kräfte gegangen wäre indes die leiseste
Andeutung einer solchen Möglichkeit hatte stets ihres Gatten Zorn erregt und
sich bescheidend weil sie nichts zu ändern vermochte hatte sie sich gewöhnt
am Tage den Tag zu leben und sich mit den kleineren und größeren Entbehrungen
und Ersparnissen zu beschwichtigen die sie unter annehmbaren Vorwänden sich
aufzuerlegen und den Ihren abzugewinnen geschickt erlernt hatte Ward Renatus
das gewahr so schlug es ihn nieder und seine Zärtlichkeit suchte dann nach
einem Anlass Cäcilie für ihr Opfer freigebig zu entschädigen aber sie hatte die
Sorglosigkeit verloren sich daran zu freuen und auch jetzt war sie in trübe
Befürchtungen versunken als ein Wagen vor ihrer Türe vorfuhr und der Diener
des Grafen ihr seinen Herrn und die Komtesse Rhoden meldete
    Um diese Stunde riefen beide Frauen da der Graf wenn er nicht das Theater
oder ausnahmsweise eine Gesellschaft besuchte gegen den Abend nicht mehr
ausfuhr es blieb ihnen jedoch nicht lange Zeit über den Anlass seines Kommens
nachzudenken denn auf Hildegards Arm gelehnt trat der Graf in das Zimmer ein
und sich auf den Sessel niederlassend den sein Diener ihm schnell herbeiholte
sagte er Um Vergebung meine Freundinnen dass wir Sie zu ungewohnter Stunde
stören aber Glück ist etwas so Seltenes dass ich meinte ein paar Glückliche
müssten zu jeder Zeit willkommen sein Erlauben Sie also fügte er lächelnd
hinzu dass wir uns Ihnen als Verlobte vorstellen
    Als Verlobte wiederholten Cäcilie und Vittoria ihren Ohren kaum
vertrauend und während die Letztere sich noch bemühte ihr Erstaunen über
dieses unerwartete Ereignis in Glückwünschen zu verbergen hatte Hildegard der
Schwester Hände bereits ergriffen und ihr tief in die Augen blickend sprach
sie in ihrem sanftesten Tone Sieh Cäcilie nun ist Alles zwischen Dir und mir
vergessen und Alles wieder wie es war Ich darf wohl sagen wie es geschrieben
steht sie dachten es böse mit mir zu machen aber der Herr hat es wohl gemacht
 Ich bin sehr glücklich so glücklich dass ich Dir Dein Glück von Herzen gönne
Schreibe das Renatus oder ich will es lieber selber tun Nicht wahr geliebter
Gerhard wir wollen an Renatus schreiben Ich denke es soll ihm wohltun und
auch Dir Cäcilie wird es das Herz befreien dass ich glücklich ja dass ich sehr
glücklich bin
    Sie umarmte Cäcilie sie umarmte Vittoria sie war voller Zärtlichkeit
voller Vergebung für die Schwester und doch war jedes ihrer Worte wie darauf
berechnet Cäcilie zu verwunden
    Mit großem Geschicke wusste sie ohne der Gegenstände irgend zu erwähnen die
Schwester auf die neue reiche Kette an der sie ihre Uhr trug auf den feinen
florentiner Hut auf den prächtigen türkischen Shawl aufmerksam zu machen und
von ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit wie von der Badereise zu sprechen die
sie gleich nach der Hochzeit unternehmen würden Nur ganz beiläufig erzählte
sie dass sie einen neuen Reisewagen kaufen werde weil auf des Grafen Wagen für
ihre Kammerjungfer nicht der nötige Platz vorhanden sei und von allen ihren
beabsichtigten Anschaffungen sprechend gelangte sie endlich an das von ihr
ersehnte Ziel der Schwester die Mitteilung von dem reichen Erbe zu machen
welches ihr anheimgefallen war
    Dann erhob sie sich plötzlich mit der Bemerkung dass es Zeit zum Aufbruche
sei und noch im Fortgehen wiederholte sie es der Schwester dass sie und der
Graf dem Freiherrn schreiben würden um ihm Kenntnis von ihrem Glücke zu geben
    Gaetana brachte eben die Lampe in das Zimmer als der Graf mit Hildegard
sich entfernte
    Ist das Vorhaus schon erleuchtet fragte Cäcilie lebhaft
    Die gnädige Frau haben ja befohlen die Lampe in dem Vorhause immer so spät
als möglich anzuzünden wendete die Dienerin ein
    Cäcilie schwieg und biss sich in die Lippe Hildegard wird immer einen gut
erleuchteten Vorsaal wird immer einen Bedienten haben dachte sie in ihrem
Innern und von einer bitteren Empfindung hingenommen verließ sie das Gemach
Sie wollte wenigstens allein sein
 
                                Zehntes Kapitel
Graf Gerhard hatte es im Scherze stets gesagt er halte es mit Montecuculi denn
zum Leben wie zum Kriegführen brauche man Geld und Geld und Geld und er
verstand es in der Tat vortrefflich das große Vermögen seiner Frau mit Anstand
zu benutzen
    Die Hochzeit des Grafen war wenig Wochen nach seiner Verlobung gefeiert
worden die Neuvermählten waren in ein Bad aus diesem zu einem
Winteraufentalte in den Süden gegangen und nach ihrer Rückkehr in die Heimat
hatten sie das inzwischen nach des Grafen Angabe eingerichtete Haus bezogen
welches sie nun bereits seit drei Jahren inne hatten Kein Haus in der ganzen
Stadt war so geschmackvoll und so wohnlich als das des Grafen Berka
ausgestattet Pracht und Bequemlichkeit gingen in demselben Hand in Hand und
wie seine Wohnung so war alles was ihm gehörte auf das Beste ausgewählt
    Er ließ seine Wagen und seine Pferde aus England kommen er hielt sich einen
französischen Koch sein Keller war der bestversehene der Residenz seine
Kleidung von der zweckmässigsten englischen Façon nur seine Gesundheit und seine
Kraft konnte das Vermögen seiner Frau das er seit seiner Rückkehr aus Italien
durch mannigfache Spekulationen sogar noch zu vermehren gewusst hatte ihm nicht
mehr erkaufen
    Aber man bewunderte die Selbstbeherrschung mit der er seine wachsenden
Beschwerden trug den Mut mit dem er gegen seine fortschreitende Lähmung
ankämpfte und vor Allem pries man die schöne Hingebung mit welcher die Gräfin
Berka ihn vergessen zu machen strebte dass ihr an seiner Seite doch eine schwere
Aufgabe zu Teil geworden war
    Es gab nicht leicht ein Ehepaar in der Gesellschaft des hohen Adels das
mehr der allgemeinen Gunst und Teilnahme genoss als Graf Gerhard und die Gräfin
Hildegard man konnte sich auch kein würdigeres Familienverhältniss denken als
das welches zwischen der alten Gräfin Rhoden und den Berkas herrschte bei
denen sie jetzt lebte Die Einigkeit der Mutter und der Tochter die schönen
weltmännischen Manieren des Grafen der Gräfin edler Sinn für Häuslichkeit
machten dass es Jedem wohl ward der über ihre Schwelle trat und da man wegen
der Kränklichkeit des Grafen große Gesellschaften zu geben so viel als möglich
vermeiden musste so hatte Hildegard sich entschlossen Mittags immer ein paar
Plätze für gute Freunde an ihrem Tische bereit zu halten und allabendlich für
dieselben um die Teestunde zu Hause zu sein
    Man rechnete es ihr sehr hoch an dass sie ihrem Gatten zu Liebe auf alle
Geselligkeit außer ihrem Hause verzichtete und selbst die Prinzen und
Prinzessinnen suchten sie dafür zu entschädigen dass sie sichs versagte an den
Hof zu gehen Ihre Beschützerin die alte Prinzessin empfing sie in den
Morgenstunden in denen sie sonst Niemanden anders bei sich sah die jüngeren
Prinzessinnen fuhren gelegentlich bei der guten Gräfin Berka vor die an der
Spitze aller wohltätigen Unternehmungen stand und deren Religiosität obschon
sie eine Katolikin war sich von jeder Ausschliesslichkeit vor aller
Unduldsamkeit fern zu halten wusste Selbst auf ihren Gatten der es mit der
Religion sonst leicht genug genommen hatte wirkte der fromme Sinn der Gräfin
Hildegard mit Segen ein Der Graf fuhr regelmäßig an jedem Sonntage in die
Kirche die der Hof besuchte und das Einzige was seine Frau bedauerte war ihr
einstiger Übertritt zur katholischen Kirche zu welchem sie von der Mutter in
ihrer Kindheit bestimmt worden war und der sie jetzt in gewissem Sinne von ihrem
Gatten und von ihren fürstlichen Beschützern und Freunden trennte
    Es war durchaus angenehm mit den Berkas eng verbunden zu sein und
Hildegard war für ihren Umgang sehr wählerisch geworden Sie hielt es für
notwendig Jeden und Alles zurückzuweisen was den Grafen aufregend oder
störend berühren konnte den man nach des Arztes Ausspruch vor heftigen
Gemütsbewegungen bewahren sollte und sie nannte es gegen ihre vertrauten
Freunde eine Rücksicht auf das Empfinden ihrer Mutter dass sie den Freiherrn von
Arten und seine Familie trotz ihrer sehr verschiedenen Lebensansichten bei sich
sah Denn sagte sie eines Tages zu einer ihrer näheren Freundinnen der Graf
ist mit dem ganzen Tun und Treiben seines Neffen gar nicht einverstanden und
selbst mein Zusammenhang mit meiner armen Schwester ist leider ein sehr
oberflächlicher geworden Ich komme so selten in Cäciliens Haus Sie wissens
ja ich verlasse den Grafen ungern und ich bekenne Ihnen offen die Baronin
Vittoria ist mir nicht sympathisch ist mirs nie gewesen
    Sie lehnte sich mit diesen Worten in ihren Sessel zurück und nahm ihre
Stickerei wieder zur Hand die für eine der WeihnachtsAusstellungen bestimmt
war welche sie alljährlich in den schönen Räumen ihres Hauses abhielt Die
Freundin an welche diese Worte gerichtet wurden war die Mutter von des Königs
Adjudanten Ihr Mann war General gewesen ihr zweiter Sohn bekleidete eine
Instructorstelle im Kadettenhause
    Die Mitteilung der Gräfin Berka hatte sie nicht überrascht Man wusste dass
die beiden Familien wenig Gemeinschaft hielten und eben deshalb konnte die
Generalin die Frage an die Gräfin richten ob sie denn von der Unannehmlichkeit
schon unterrichtet sei die den Major von Arten eben in diesen Tagen betroffen
habe
    Eine Unannehmlichkeit wiederholte Hildegard Was ist denn geschehen Ich
weiß von nichts die Artens waren seit mehr als vierzehn Tagen nicht in unserm
Hause Ich bitte sprechen Sie Sie beunruhigen mich auf das Äußerste Die arme
Cäcilie
    Die Generalin ließ sich nicht lange bitten  Es betrifft glücklicher Weise
sagte sie dieses Mal den Major nicht selbst es ist nur eine widerwärtige Sache
mit dem jüngeren Arten Man hat ihn von der Anstalt fortgewiesen
    Fortgewiesen wiederholte Hildegard und sich zu ihrem Manne wendend meinte
sie Du behältst also auch damit leider wieder Recht lieber Gerhard Also von
der Anstalt fortgewiesen
    Es war unmöglich ihn zu halten versicherte die Generalin Mein Sohn sagte
mir er habe in Rücksicht darauf dass der junge Arten zu Ihrer Familie gehört
das Äußerste getan diese Maßregel zu hindern aber der Leichtsinn des jungen
Menschen sei unverbesserlich gewesen und man habe um der übrigen Kadetten willen
nicht länger Nachsicht üben dürfen
    Der Graf wollte wissen was man Valerio zur Last lege Die Generalin sagte
wie sie von ihrem Sohne erfahren habe sei der junge Arten immer kein
sonderlicher Schüler gewesen und habe seit Jahren vielfachen Anlass zu Klagen
gegeben Einen Liebeshandel mit der Tochter eines der unteren Beamten dem man
vor einigen Monaten auf die Spur gekommen sei habe man vertuscht man habe ihn
oftmals wegen seines Hanges zum Spotte verwarnt die Karikaturen die er
gezeichnet und in der Anstalt in Umlauf gesetzt geflissentlich übersehen bis
man neulich ein getuschtes Blatt in verschiedenen Exemplaren vorgefunden habe
durch welches die Liebhaberei Sr Majestät für das Theater und namentlich für
das Ballet in wahrhaft empörender Weise zum Gegenstande des Spottes zu einer
Karikatur gemacht worden sei
    Und was ist danach geschehen erkundigte sich der Graf
    Die Generalin zuckte die Schultern  Es wäre natürlich meines Sohnes
Pflicht gewesen sagte sie betreffenden Ortes davon Anzeige zu machen aber
eben weil mein Sohn um Ihretwillen auch an dem Major Anteil nimmt hat er davon
abgestanden Er hat den Major sofort von dem Vorfalle benachrichtigt man hat
den jungen Arten in seine Familie zurückgeschickt und der Direktor der Anstalt
hat dem Major den Rat erteilt den jungen Menschen so bald als möglich von
hier fort und in eine andere Lebensbahn zu schaffen da er ohnehin sehr
phantastisch sein soll
    Das kommt von der Mutter meinte der Graf während Hildegard die Gräfin
Rhoden welche hinzugekommen war mit einem Bedauern dem der Ausdruck ihrer
Züge völlig widersprach von dem Geschehenen in Kenntnis setzte
    Die Generalin bemerkte der verstorbene Freiherr Franz sei auch sehr
phantastisch gewesen
    Der Graf fragte was sie mit der Erinnerung sagen wolle
    Die Generalin erwiderte dass leider der Apfel selten weit vom Stamme falle
    Wenn ihn der Baum getragen hat gewiss nicht entgegnete der Graf aber an
wie manchen alten Baumes Stamm findet man Früchte die von außen hinübergeworfen
worden sind und auf die das Sprüchwort also wenig passt
    Die Generalin sah ihn überrascht und neugierig an Hildegard der die
schweren seidenen Kleider und die kleinen weißen Spitzentücher die sie über
ihre noch immer lang herniederfallenden rötlichblonden Locken zu knüpfen
pflegte ein jugendlich matronenhaftes Ansehen gaben hob die Augen mit ihrem
sanftesten Blicke bittend zu ihrem Gatten auf und der Graf versagte es sich
also die Neugier der Generalin zu befriedigen Aber diese gab ihre Erwartung so
leichten Kaufs nicht für verloren
    Nehmen Sie es mir nicht übel rief sie als müsse sie ihr Herz endlich
einmal von einem schweren Zweifel zu befreien suchen ist denn irgend etwas
daran dass die Vergangenheit der Baronin nicht ganz makellos ist und ists denn
wirklich wahr was man sich von der Liaison der Baronin Vittoria mit Emilio
erzählt Ich würde mir darauf kennen Sie mich ja eine solche Frage sicherlich
nicht gestatten wenn ich nicht zuverlässig hoffte von Ihnen zu erfahren dass
man der Baronin Unrecht tue aber  unvorsichtig bleibt es doch dass man Emilio
auch jetzt noch in des Freiherrn Hause sieht
    Die Gräfin Rhoden deren Mutterherz durch den neuen Kummer welcher jetzt
über Cäcilie wieder hereinbrach doch bewegt ward sagte die Generalin irre
wenn sie glaube dass Emilio noch zu den Umgangsgenossen ihrer Kinder zähle Man
empfange ihn seit nahezu einem Jahre nicht mehr
    Es war auch gar nicht möglich länger ein Auge zuzudrücken fügte Hildegard
hinzu als müsse sie diese Erklärung geben denn Emilio trieb seine
Schauspielkunst in meines Schwagers Hause so con amore dass er um sein
Verhältnis zu der Baronin Vittoria zu verbergen nicht übel Lust bezeigte sich
als den Verehrer meiner Schwester darzustellen
    Das wird ihm nicht eben schwer gefallen sein meinte die Generalin denn die
Baronin Cäcilie wird mit jedem Jahre schöner Sie wird Ihnen liebe Rhoden seit
sie voller geworden ist nur immer ähnlicher
    Die Mutter nahm das Lob der Tochter das ihr zugleich schmeichelte
freundlich auf Hildegard sagte Cäcilie werde doch gar zu stark und kaum hatte
die Generalin sich entfernt als Hildegard die Mutter fragte ob sie nicht
anspannen lassen solle und ob sie nicht gemeinsam zu Cäcilie fahren wollten
nachzuhören was dort wieder vorgefallen sei und was man etwa für sie tun
könne  Cäcilie bemitleiden zu gehen war die Gräfin Berka immer bei der Hand
und ihr Mitleid war der Schwester und dem Schwager nicht das Leichteste das sie
zu tragen hatten
    Auch jetzt wieder lasteten ihre Zustände schwer auf diesen Beiden Valerio
war seit dem vorigen Tage in des Freiherrn Hause Es hatte heftige Auftritte und
die unangenehmsten Verhandlungen gegeben Cäcilie sah mit Kummer wie die
Furchen auf ihres Gatten Stirn sich mit jedem neuen Jahre vertieften wie sein
ganzer Sinn sich verdüsterte und seine Reizbarkeit sich krankhaft steigerte
Auch der Vorfall mit Valerio hatte ihn wieder sehr niedergeschlagen während der
Jüngling selber und seine Mutter das Geschehene äußerst leicht zu nehmen
schienen
    Vittoria sagte sie habe immer die Überzeugung gehegt ihr Sohn sei nicht
dazu geschaffen in dem geistlosen Zwange der militärischen Disziplin seine
glänzende Begabung untergehen zu lassen Ihr Blut das Blut eines glücklicheren
Volkes lebe in seinen Adern Die Natur habe ihn bestimmt ein Künstler zu
werden und die Natur lasse sich nicht überwinden sie räche sich wenn man ihr
Gewalt antue Auch Valerio sprach von seinem eigentlichen Berufe von seinem
inneren Müssen Der Freiherr beachtete ihre Worte kaum Der Gedanke dass der
Jüngling den er in großmütiger Liebe als seinen Bruder gelten lassen der
seinen Namen trug dass ein Freiherr von Arten wegen einer unwürdigen Handlung
aus dem Kadettenhause ausgestoßen worden sei brannte als eine Schmach in des
Freiherrn Seele und es hatte ihn eine große Überwindung gekostet sich heute
zur Parade zu begeben Allerdings hatte Niemand mit ihm von dem Vorgange
gesprochen aber der Major zweifelte nicht daran dass er vielen seiner
Nebenoffiziere bereits bekannt gewesen sei Es war gestern ein Sonntag gewesen
die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt in Hunderten von Familien hatte man das
Ereignis gestern fraglos mitgeteilt und Renatus hatte es auf der Parade in den
Mienen seiner Kameraden zu lesen gemeint dass sie sich Gewalt antäten der
Angelegenheit nicht zu erwähnen
    Der Freiherr brachte am Mittage keinen Bissen über seine Lippen Er stand
vom Tische auf weil er es nicht ertragen konnte Vittorias Gleichmut und die
unverminderte Esslust anzusehen mit der Valerio sich Genüge tat
    Als man sich von der Mahlzeit erhob folgte Cäcilie ihrem Gatten in sein
Zimmer Er bemerkte sie kaum Gesenkten Hauptes die Hände auf den Rücken
gelegt ging er auf und nieder So pflegte sein Vater umherzuwandern wenn ihn
Sorgen drückten wenn er etwas mit sich abzumachen hatte aber Renatus war nicht
mehr wie einst der Freiherr in den großen Gemächern des Richtener Schlosses
in denen man seiner Aufregung weit ausschreitend Luft machen konnte und die
Bewegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit statt sie zu mäßigen
Er kam sich wie ein Gefangener vor er meinte die Wände immer näher
zusammenrücken zu sehen es versetzte ihm den Atem und sich rasch umwendend
wie Einer der sich zur Wehre setzen muss schellte er dem Diener
    Cäcilie fragte was er wünsche
    Ich muss mit dem Burschen zu Ende kommen gab er ihr zur Antwort und befahl
dem Diener ihm Valerio zu rufen der auf dem andern Flügel bei der Mutter
wohnte
    Ohne eine Bewegung zu verraten trat derselbe bei ihm ein Er war zu einem
vollendet schönen Jünglinge erwachsen Seine Gestalt war hoch und tadellos der
Italiener war in jedem seiner Züge in seiner ganzen Haltung vor Allem in
seinem Mienenspiele und in seiner Geberdensprache unverkennbar und selbst die
steif machende militärische Schulung hatte den freien Adel seiner Bewegungen
nicht zu unterdrücken vermocht
    
    Du hast mich rufen lassen Bruder fragte er als er bei Renatus eintrat
    Dieser hatte sich niedergesetzt als wolle er sich damit zur Ruhe zwingen
und langsamer sprechend als er sonst pflegte sagte er Ich habe Dich kommen
lassen um von Dir selber zu erfahren welche Vorstellung Du Dir von Deiner
Zukunft machst Dass Du fort musst weißt Du dass Du kein Vermögen hast auf
welches Du Dich irgend stützen dürftest habe ich Dir gesagt als ich Dir den
Rat erteilte in das Heer einzutreten und als die Gnade unseres Königs Dir
die Aufnahme in das Kadettenhaus bewilligte
    Er hielt inne Valerio regte sich nicht Er hatte den Arm auf einen kleinen
Schrank gestützt der dem Spiegel gegenüberstand und Cäcilie die besorgt der
Unterredung folgte konnte sich des Gedankens nicht erwehren dass Valerio auch
in diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schönen Stellung als mit
den Worten seines Bruders beschäftigt sei
    Ich spreche nicht davon hob der Freiherr da Valerio schwieg aufs Neue
an ich spreche nicht davon wie Du Sr Majestät dem Könige die Gnade gedankt
hast die er Dir angedeihen lassen das würde wie Du Dich erwiesen hast eine
vergebene Mühe sein Lass uns also kurz zur Sache kommen Was soll aus Dir
werden Was denkst Du mit Dir anzufangen
    Valerio änderte seine Stellung nicht aber er hob den Kopf den er bis dahin
gesenkt gehalten hatte in die Höhe und sagte Fragst Du mich das im Ernste
Bruder
    Mich dünkt entgegnete der Freiherr bitter Deine Lage ist nicht dazu
angetan mir Lust zum Scherzen einzuflößen
    Nun denn rief Valerio wenn es Dein Ernst ist wenn Du mir jetzt wirklich
endlich die Freiheit geben willst über mich selber eine Meinung zu haben und
über mich zu verfügen so will ich Dir sagen was ich wünsche  Er zögerte als
habe er ein Bedenken es auszusprechen dann aber fasste er sich ein Herz zog
mit rascher Bewegung einen Sessel heran und sich seinem Bruder gegenüber
niederlassend sagte er Du bist immer gut gegen mich gewesen und ich habe Dich
immer lieb gehabt Renatus aber Du hast meine Natur nicht verstanden hast mich
nie aufkommen lassen 
    Du machst Vorwürfe wo Du Dich entschuldigen solltest fiel der Freiherr ihm
in die Rede die Taktik ist nicht neu aber sie ist hier nicht angebracht Ich
habe es heute nicht mit Deinen Bekenntnissen nicht mit Betrachtungen über die
Vergangenheit zu tun die jetzt zu nichts mehr führen Beantworte mir rund und
nackt die Frage Was soll aus Dir werden
    Da hob der junge Mann seinen vollen Blick auf den Freiherrn und meinte Wenn
Du auf mich geachtet hättest brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen Ich
werde zur Bühne gehen
    Valerio rief der Freiherr als traue er seinen Ohren nicht und plötzlich
die stolze Oberlippe aufwerfend dass seine Miene so wenig seine Züge dem Vater
glichen dem Ausdrucke des verstorbenen Freiherrn von Arten äußerst ähnlich
wurde sprach er mit schneidender Kälte Aber freilich Du bist kein Arten
    Er wurde blass als das Wort seinem Munde entflohen war Er hätte viel darum
gegeben es nicht ausgesprochen zu haben sehr viel Denn er erschrak vor dem
wilden Blicke des jungen Mannes der ihm gegenübersass vor dem unheimlichen
Zucken seines schönen Mundes
    Sie schwiegen beide Cäcilie klopfte das Herz dass sie wähnte die Andern
müssten es hören können So entschwanden ein paar Minuten Renatus konnte zu
keinem Entschlusse kommen Einmal stand er auf dem Punkte seinen Ausspruch als
eine bildliche Redeform auszugeben dann wieder meinte er mit der Enthüllung
dieses Geheimnisses einen Zügel gewonnen zu haben durch den er den unruhig
phantastischen Sinn des jungen Mannes wirksam lenken könnte aber Valerios
heißes Blut trieb ihn zu schnelleren Entscheidungen als Renatus sie zu fassen
gewohnt war und sich hoch aufrichtend wie ein tragischer Held denn bei seiner
Künstlernatur war er sich selbst in diesem Augenblicke noch ein Gegenstand der
Darstellung sagte er Ich hoffe meines Vaters Namen wirst Du mir wohl lassen
müssen da er diesen nicht wie seinen Besitz ausschließlich nur auf Dich
vererben konnte Meinen Namen wenigstens danke ich doch Deiner brüderlichen
Gnade nicht
    Nicht rief Renatus der jetzt seiner selbst nicht länger Herr war nicht 
Und er hätte in seiner zornigen Empörung Tausende hinzuwerfen vermocht hätte er
die Beweise von Vittorias Untreue von Valerios unrechtmässiger Geburt dem
Jünglinge unter die Augen halten können der ihm zu trotzen wagte nachdem er
Unehre auf den alten Namen seines Hauses gebracht hatte  Frage Deine Mutter
ob Du ein Arten bist Frage Deine Mutter ob sie und Du nicht meinem Schweigen
meiner Ehrfurcht vor dem Namen meines teuren Vaters die Stellung verdanken die
ihr einnehmt Ein Wort von mir 
    Er brach ab und bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen So weit hatte man
ihn gebracht so weit war er von sich selber und von den Ehrbegriffen seines
Hauses abgefallen dass er dem Leichtsinne eines Jünglings wie Valerio das
Geheimnis anvertraute welches der verstorbene Freiherr der Ehre seines Sohnes
zu hüten gegeben hatte So weit hatte er sich vergessen dass er Vittoria die
Freundin seiner Kindheit und Jugend dass er die Mutter blossstellte vor dem
Urteile ihres Sohnes  eines jungen Menschen dessen Keckheit vor keinem
Äußersten zurückschrak Seine Unzufriedenheit mit sich selber kannte keine
Grenzen er schämte sich vor seinem eigenen Weibe und wie konnte er jetzt noch
darauf hoffen ein irgend erträgliches Verhältnis zwischen Vittoria und Cäcilien
aufrecht zu erhalten da er selber Vittoria als eine Ehebrecherin angeklagt da
er es Cäcilien jetzt verraten was er auch ihr bisher mit ängstlicher
Geflissenheit verborgen und fern gehalten hatte
    Wie ein Wetterstrahl war das unglückselige Wort zwischen sie Alle
niedergefahren Alles zerstörend Alle lähmend Renatus rang nach Fassung aber
es war Valerio der sich zuerst bezwang der sie zuerst erlangte
    Die wilde Aufregung in seinen Mienen hatte nachgelassen seine Stimme klang
weich und in einer Weise welche seine große Erschütterung verriet sagte er
Du hast ein Wort ausgesprochen über das ich ins Klare kommen muss Es zwingt
mich Dir eine Frage vorzulegen War es nur der Zorn der Dich jene Worte
brauchen ließ oder sagtest Du die Wahrheit Bin ich des Freiherrn Sohn oder
bin ichs nicht  Ists deshalb dass ich fast ohne Anteil an unseres Vaters
Erbe blieb obschon unsere Güter nicht Majorate sind  Ists deshalb dass meine
Mutter in einer Weise von Deinem guten Willen abhängt die für die Wittwe
unseres Vaters mir schon seit lange unbegreiflich erschienen ist Bin ich Dein
Bruder bin ichs nicht  Und wieder in seinen Trotz zurückfallend rief er
heftig Ich muss doch wissen wer ich bin Dies wenigstens diese Wahrheit habe
ich von Dir zu fordern
    Der Freiherr maß ihn vom Wirbel bis zur Sohle Das Patetische in des
Jünglings Erscheinung das ihm immer missfällig gewesen war reizte ihn jetzt
doppelt Alles was er seit Jahren und Jahren Lästiges und Schweres um
Vittorias wegen auf sich genommen alle die Opfer die er für sie und auch für
Valerio gebracht die quälenden Eindrücke welche er seit gestern um des
Letzteren willen durchzumachen gehabt hatte und mit denen er noch nicht zu Ende
war belasteten den Freiherrn wie ein einziger gewaltiger Druck Sein ganzes
Leben war von Rücksichten auf seines Vaters Willen auf die Ehre seines Hauses
und Namens geleitet und bestimmt worden und was hatte er damit erreicht Es war
genug der Opfer der Rücksichten auf Andere Nur an sich selber an seine
persönlichen Verhältnisse an die Aufrechterhaltung seines Namens und seiner
Ehre hatte er noch zu denken es war Zeit seine Rechnung mit denen
abzuschließen die ihm dies erschwerten In ihm dessen war er sich bewusst
lebte der wahre Sinn seines Geschlechtes er musste sich und für sich die
Möglichkeit des Fortbestehens zu erhalten suchen Wollte er nicht untergehen
zusammt dem Weibe das sich ihm in Liebe anvertraut so musste er wie bei einem
Schiffbruche endlich Alles von sich stoßen was sich hemmend an ihn klammerte
was sich wider ihn zu erheben drohte und finster wie der Geist der über
dieser Stunde waltete sagte er Was fragst Du mich Lege diese Frage Deiner
Mutter vor
    Valerio erhob sich sein Antlitz war todtenblass geworden auch der Freiherr
war aufgestanden Wo willst Du hin fragte er da Jener sich zur Tür wendete
    Ich gehe meiner Mutter die Frage vorzulegen die  er hielt inne und
sagte dann sehr fest mir Freiheit schaffen soll
    Halt rief der Freiherr vergiss es nicht dass Du unseren Namen trägst und
dass ich Dein Vormund dass ich für Dich verantwortlich bin
    Besorgen Sie nichts Herr von Arten entgegnete der Jüngling mit einer
Entschiedenheit und zugleich mit einem Tone des Spottes der ihn für Renatus und
Cäcilie völlig zu einem Fremden machte  besorgen Sie nichts Aber zum Dienen
bin ich nicht geschaffen Wäre es mir nicht gelungen mich durch jene Zeichnung
von diesem Rocke  er riss die Uniform vom Leibe und trat sie in wild
aufwallender Heftigkeit unter die Füße  von diesem Rocke und von der Sklaverei
zu der er mich verdammte zu befreien so hätte ich mir durch die Flucht
geholfen denn mich des Namens zu entäussern der mir nichts wert ist in der
Laufbahn die ich einzuschlagen denke war ich ohnehin entschlossen  Ich
begehre Ihres Namens nicht
    Renatus trat in rascher Bewegung auf ihn zu seine Hand erhob sich   aber
wie im Entsetzen über sich selber blieb er mitten im Zimmer stehen Geh sagte
er so tonlos dass er seine eigene Stimme nicht erkannte
    Valerio hörte es nicht mehr Er hatte das Gemach bereits verlassen seine
Uniform blieb auf dem Boden liegen
 
                                Elftes Kapitel
Als die Gräfin Berka fast um dieselbe Stunde bei der Schwester vorfuhr wurde
ihr Besuch nicht angenommen und Hildegard erzählte dies ihrem Gatten und der
Mutter mit dem Zusatze dass sowohl Cäcilie als Vittoria zu Hause gewesen wären
denn in ihren beiden Zimmern habe sie Licht gesehen
    Ich habe das Meine getan ihnen meine schwesterliche Teilnahme zu
beweisen sagte sie man muss jetzt abwarten bis sie kommen
    Indes der nächste Morgen brachte nur ein paar Zeilen von Cäcilie in denen
sie der Schwester ihr lebhaftes Bedauern aussprach dass es ihr gestern unmöglich
gewesen sei sie zu empfangen Eine unangenehme Angelegenheit die ihr und ihrem
Manne allerdings nicht unerwartet gekommen sei habe sie hingenommen und gebe
ihnen eben in diesen nächsten Tagen mancherlei zu bedenken und zu ordnen Sei
das geschehen so würden Hildegard und die Mutter die Ersten sein zu denen sie
eile um ihnen Nachricht von der neuen Einrichtung zu geben die sie und Renatus
für sich zu machen beschlossen hätten
    Die Schwestern waren schon seit lange auf den Fuß jener ganz äußerlichen
Rücksicht und Höflichkeit gekommen hinter denen die völlige Entfremdung sich
verbirgt Hildegard lächelte als sie dem Grafen das Billet der Schwester
hinhielt Die Mutter aber hatte Mitleid mit Cäcilien Sie fuhr am Nachmittage zu
ihr
    An dem Zimmer Vittorias vorübergehend bemerkte sie wie man in demselben
einen Koffer packte und sie war kaum bei ihrer Tochter eingetreten als sich
Renatus zu ihnen gesellte
    Obschon er sich auf Cäcilie unbedingt verlassen konnte sah er es doch seit
lange nicht mehr gern wenn sie mit einem der Ihrigen allein beisammen war Er
wusste das Gemüt seiner Frau mannigfach belastet und bedrückt und er besorgte
die Macht der Gewohnheit und der alten Zusammengehörigkeit möchte ihr der Mutter
oder der Schwester gegenüber doch einmal Geständnisse oder Klagen über ihre Lage
entlocken die er laut werden zu lassen nicht wünschen konnte
    Noch ehe die Mutter eine Frage getan hatte dankte der Freiherr ihr dafür
dass sie gekommen sei und sagte sie kenne ja von seinem Vater her die alte
Artensche Maxime Verdrießlichkeiten mit sich selber abzumachen und sie werde
sich also deshalb gestern nicht gewundert haben dass er seine Frau abgehalten
den Besuch der Schwester anzunehmen
    Sie wissen liebe Mutter Cäcilie ist sehr weich es fasst sie daher Alles
mehr als nötig an namentlich wenn sie mich ergriffen sieht und ich war das
gestern in der Tat Wir haben große Unannehmlichkeiten mit Valerio
    Die Gräfin gab sich das Ansehen als wisse sie noch nicht was vorgegangen
sei Sie wollte ihrem Schwiegersohne mit feinem Takte die Freiheit lassen ihr
in der ihm zusagendsten Weise zu berichten was er eben für angemessen hielt
    Dem Freiherrn war das sehr willkommen In leicht hingeworfener Weise
erzählte er wie wenig ernstaft Valerio seine Studien betrieben wie schwer er
sich in die militärische Zucht gefunden und wie nachteilig die an und für sich
edle und schöne Kunstliebe seiner Mutter auf den Jüngling eingewirkt habe Er
erinnerte die Gräfin daran wie Valerio habe Maler werden wollen nun seit
Emilio und Vittoria es ihm in den Kopf gesetzt hätten dass er eine der
seltensten Stimmen besitze sei er auf noch viel verkehrtere Plane gekommen Er
habe nichts als seine törichten Liebhabereien betrieben habe sich in der
Anstalt unmöglich gemacht und nach längeren Beratungen sei man denn gestern
dahin übereingekommen ihn auf eine süddeutsche landwirtschaftliche Akademie zu
senden Valerio verlange durchaus nach einer größeren Freiheit man wolle also
versuchen ob er Neigung für die Landwirtschaft gewinnen könne und müsse dann
zusehen wie man später für ihn ein Fortkommen ermögliche mit dem es nicht so
dränge als man es ihm darstelle denn er sei im Grunde doch erst achtzehn Jahre
alt
    Die Gräfin nahm das ganz so auf wie Renatus es aufgenommen zu sehen
wünschte Sie sagte er tue wohl daran wenn er die Sache nicht so schwer als
Cäcilie auffasse Valerio sei ja nicht der erste junge Mensch der den Seinen
einmal Sorge mache man möge bedenken dass seine Erziehung früher verabsäumt
worden sei dass sie und Hildegard schon lange vor des Freiherrn Heimkehr darauf
gedrungen hätten den lebhaften Knaben einer männlichen Aufsicht zu übergeben
und ihn von der Mutter fortzunehmen Sie und Hildegard hätten sich auch stets
darüber gewundert und Graf Gerhard  sie könne das jetzt wohl sagen  habe es
nie gebilligt dass Renatus es Vittoria erlaubt den Sohn in alle Opern und
Koncerte mitzunehmen und ihn in ihren Soiréen singen zu lassen 
    Sie war bei aller Milde und bei allem Mitleid dennoch auf dem besten Wege
es der Tochter und dem Schwiegersohne zu beweisen dass ihnen nur geschehe was
sie verdienten und verschuldet hätten und weil Cäcilie fürchtete ihr Gatte
könne darauf in seinem Unmute eine die Gräfin verletzende Entgegnung machen
bemerkte sie natürlich trage Vittorias große Schwäche an dem ganzen Unheil
Schuld und die Mutter sei es auch die ihnen gestern die meisten
Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätte
    Ihre Eigenwilligkeit ihre Launen werden wirklich immer störender für uns
unser bester Wille meine größte Nachgiebigkeit vermögen ihr nicht genug zu
tun und Cäcilie konnte ihr Empfinden nicht mehr beherrschen und Herr muss
Renatus in seinem Hause zuletzt doch bleiben fuhr sie unwillkürlich auf
    Dem Freiherrn kam die plötzliche Aufwallung seiner Frau nicht ungelegen
denn sie gab ihm Anlass mit der Tatsache herauszurücken die man der Gräfin vor
allen Dingen mitzuteilen hatte Ruhig ruhig mein Kind sagte er Du weißt
dass Du von Vittorias Grillen nicht lange mehr zu leiden haben wirst
    Die Gräfin sah ihn sah die Tochter fragend an Renatus bemerkte das Ich
muss eine Änderung machen sagte er Cäcilie kommt wirklich neben Vittoria nicht
zur Ruhe Ich habe daher meiner Stiefmutter gestern den Vorschlag gemacht sich
selbständig einzurichten Sobald sie eine ihr zusagende Wohnung gefunden haben
wird verlässt sie unser Haus
    Gottlob rief die Gräfin die in der Tat sich dieses Entschlusses um der
Tochter willen freute aber Renatus hörte darin nur einen Vorwurf den ihm die
Mutter machte und wie alle schwachen und eben deshalb eitlen Menschen stets
geneigt von einer zu der anderen Meinung überzugehen wenn sie ihr eigenes
Ansehen oder ihre eigene Einsicht dadurch aufrecht erhalten zu müssen glauben
erklärte er plötzlich dass die Trennung von seiner Stiefmutter natürlich nicht
heute und nicht morgen vor sich gehen könne und werde Er sagte dass er
Vittoria wie sich das von selbst verstehe nicht drängen dass er ihr Zeit
lassen wolle Alles nach ihrem Belieben einzurichten und dass leicht möglich da
eben jetzt inmitten des Vierteljahres die Zahl der freistehenden Wohnungen
eine beschränkte sei der Winter darüber verstreichen könne
    Die Gräfin nahm das auf wie es ihr von ihrem Schwiegersohne dargestellt
wurde sie überlegte jedoch innerlich dass Renatus vielleicht eben jetzt die
Ausgaben für einen solchen Umzug und für Vittorias besondere Einrichtung zu
machen scheue da die bürgerliche Ausstattung und die Reise Valerios schon
Kosten verursachen mussten und nach Mitteilungen und Fragen von deren
Oberflächlichkeit und innerer Unwahrheit beide Teile überzeugt waren fuhr die
Gräfin wieder fort ohne sich die völlige Zerstörteit in dem Wesen ihres
Schwiegersohnes recht erklären zu können
    Der Vorfall mit Valerio war freilich arg genug aber je mehr die Gräfin
darüber nachsann um so weniger hieß sie es gut wenn durch dieses Ereignis ein
öffentlicher Bruch in dem Artenschen Familienleben herbeigeführt werden sollte
Es war nach ihrer Meinung eine Sache die man möglichst im Stillen abtun um
derentwillen man nicht an die große Glocke schlagen musste Zu Hause wieder
angekommen beklagte sie es dass Renatus und Cäcilie trotz mancher gar
vortrefflichen Eigenschaften so wenig Takt besässen und sie bedauerte es dass
man nicht wagen dürfe ihnen einen unumwundenen Rat zu erteilen weil man
leider nicht mehr wissen könne in wie weit sie ihm nachzukommen im Stande
wären
    Hildegard bemerkte darauf sie danke Gott täglich dafür dass er ihr so
schöne so einfache Lebensverhältnisse zubereitet habe und dass sie hier in ihrem
Hause mit ihrem Gatten und mit der Mutter ein so klares ruhiges Dasein hätten
    Eben darum bat die Gräfin müsse man nachsichtig gegen die arme Cäcilie
sein Man müsse die Hände liebevoll über sie breiten denn sie trage an ihrem
Leben schrecklich schwer
    Der Graf meinte wem nicht zu raten sei dem sei auch nicht zu helfen
Renatus habe ihm nicht folgen wollen als er ihn vor Jahren darauf hingewiesen
dass er wohl daran tun würde sich von der Sorge für Vittoria und Valerio
möglichst zu befreien Nun trage er die Folgen seines falschen Handelns und es
sei keine von seines Neffen kleinsten Torheiten den völlig mittellosen Sohn
Vittorias jetzt auf eine landwirtschaftliche Akademie zu senden Es ist
geradezu unbegreiflich rief der Graf denn ich möchte wissen wessen Güter
Valerio einst verwalten soll
    Während man aber noch in dieser Weise mit den Vorgängen in der Artenschen
Familie beschäftigt war ließ sich durch einen seiner KomptoirBeamten bei
Tremann ein junger Mann melden der ihn zu sprechen wünsche und gleichzeitig
mit dem Diener welcher die Lampe auf den Schreibtisch seines Herrn
niedersetzte trat Valerio bei ihm ein
    Paul hatte ihn nur einmal an einem Gesellschaftsabend im Artenschen Hause
gesehen als der Jüngling mit seiner Mutter und mit Emilio unter großem Beifalle
verschiedene Terzette gesungen hatte Das war aber über anderthalb Jahr her
Valerio war in der Zeit völlig herangewachsen der frühe Bart der Südländer
kräuselte sich bereits voll auf seiner Oberlippe und die bürgerliche Kleidung
veränderte ihn noch mehr so dass Paul ihn mit der Bemerkung empfing dass er ihn
kaum wiedererkenne
    Das darf mich nicht wundern entgegnete der junge Mann denn ich habe ja nur
einmal die Ehre gehabt Sie im Hause des Herrn Majors von Arten zu sehen
trotzdem aber habe ich eine Bitte an Sie zu richten
    Es fiel Paul auf dass Valerio von seinem Bruder in so gezwungener Weise
redete und es lag überhaupt etwas ihn Befremdendes in der ganzen Haltung des
Jünglings Er nötigte ihn also sich zu setzen und ihm zu sagen was er
wünsche
    Ich würde es nicht wagen Sie mit meinen Angelegenheiten zu behelligen hob
Valerio fest und ohne alle Verlegenheit an wären Sie nicht ein paar Jahre lang
mein Vormund gewesen und hätte ich nicht von meiner Mutter es einmal zufällig
erfahren dass Sie auch in Ihrer Jugend aus Verhältnissen entflohen sind die
Ihnen unerträglich geworden waren Ich befinde mich in der gleichen Lage 
    Durchaus nicht fiel ihm Paul in die Rede und da Valerio vor diesem Worte
inne hielt sagte Jener Sie haben eine Mutter am Leben sind unter dem Schutze
eines älteren Bruders in eine gewiesene Laufbahn getreten in welcher Ihr Name
Ihnen von Nutzen ist das sind Vorzüge deren ich mich nicht erfreute Wenn Sie
dieselben augenblicklich etwa nicht hoch anschlagen sollten werden Sie bei der
Laufbahn die Sie erwählten wahrscheinlich später anders darüber denken
    Erlauben Sie mir Ihnen eine Bemerkung zu machen sagte der junge Mann Ich
habe die militärische Laufbahn nicht erwählt ich bin zu ihr durch meine
Mittellosigkeit gezwungen worden Meine ganze Seele war von meiner frühesten
Kindheit an nur auf Ein Ziel auf die Kunst gestellt Als Knabe wollte ich Maler
werden weil ich ein Höheres nicht kannte
    Und was hinderte Sie daran fragte Paul
    O rief Valerio ich war ja ein Herr von Arten Ein Edelmann ein Herr von
Arten kann kein Maler werden er kann malen sagte mir der Major wenn er Zeit
und Lust dazu hat so viel er mag Ein Herr von Arten kann nicht von seiner
Hände Arbeit leben kann nicht um Geld für Kreti und Pleti Bilder malen Ein
Edelmann lebt für sich auf seinen Gütern von seinen Renten oder in seines
Königs Dienst
    Über Pauls Antlitz flog ein leises Lächeln es entging der feinen
Beobachtung des Jünglings nicht und durch dasselbe noch ermutigt sagte er
Das Testament des Freiherrn Franz das mich und meine Mutter ganz von dem guten
Willen seines Sohnes abhängig macht hat Sie wahrscheinlich als Sie es kennen
lernten über Verhältnisse aufgeklärt die mich seit ich darüber nachzudenken
vermochte viel beschäftigten und  er stockte ein wenig setzte jedoch mit
Selbstbeherrschung hinzu die ich seit gestern verstehen gelernt habe Vor sechs
Jahren indessen als wir Richten verließen war ich ein Knabe und hatte zu
gehorchen So wurde ich für den Soldatenstand bestimmt 
    Aber fiel ihm Paul der die Unterredung nicht über die Gebühr verlängert zu
sehen wünschte in die Rede Sie sind nicht in Uniform Was bedeutet das
    Ich bin aus dem Kadettenhause ausgestoßen antwortete Valerio ohne eine
Miene zu verziehen und ich bin überhaupt ein Ausgestossener Ich führe den Namen
der Freiherren von Arten jetzt nicht mehr
    Sie führen den Namen Ihres Vaters nicht mehr Was wollen Sie damit sagen
fragte Paul dem die Festigkeit des Jünglings Wohlgefallen an ihm einzuflößen
anfing
    Valerio zog einen Brief hervor und reichte ihn Tremann hin Er war von
Renatus an Valerio geschrieben Der Freiherr hielt dem jungen Manne in strengen
trockenen Worten noch einmal den Fehltritt vor dessen derselbe sich schuldig
gemacht hatte erwähnte des Streites der gestern zwischen ihnen vorgefallen
war sprach von der Unmöglichkeit dass er Valerio wie dieser und seine Mutter
es forderten seine Einwilligung zu einer KünstlerLaufbahn auf der Bühne geben
könne so lange er den Namen eines Herrn von Arten trage und wies ihn an
reiflich zu überlegen was er jetzt anzufangen denke da der Freiherr sich weder
in der Lage noch veranlasst fände ihn lange und kostspielige Versuche mit
seiner Berufswahl anstellen zu lassen
    Paul fragte weshalb der Freiherr ihm dies geschrieben und nicht gesagt
habe
    Valerio entgegnete er habe des Freiherrn Haus mit Bewilligung seiner Mutter
gleich gestern verlassen um es nicht wieder zu betreten
    Und was beabsichtigen Sie jetzt zunächst erkundigte sich Paul der nun
einsah dass die Sache ernster war als sie ihm zuerst erschienen
    Ich will einen Namen nicht mehr führen sprach Valerio mit einem
Selbstgefühle das seine ohnehin edle Gestalt noch höher adelte den man mich
nur aus Gnade bisher hat tragen lassen Ich habe dem Major geschrieben dass ich
entschlossen sei fortan auf den Namen seines Vaters zu verzichten und mir
meinen Weg zu suchen wo er für mich zu finden ist Mit meiner Stimme mit
meiner musikalischen Begabung und mit meiner Begeisterung für die Kunst kann es
mir nicht fehlen mir als Sänger eine unendlich glänzendere und unabhängigere
Zukunft zu bereiten als sie mir im Heere und im Dienste werden könnte Mein
eigenes Bewusstsein und meines bisherigen Lehrers und Freundes Emilio Ausspruch
sind mir dessen Bürge
    Der junge Mann brach ab als schäme er sich dieses eigenen Lobes Paul
schwieg ebenfalls
    Wie jedem auf sein eigenes Leben achtsamen Menschen war es Paul bisweilen
wohl begegnet dass er in irgend einem bestimmten Augenblicke bei irgend einem
ganz plötzlich eintretenden unvorherzusehenden Ereignisse die Empfindung gehegt
hatte als habe er das schon einmal erlebt oder als habe er gewusst dass und wie
dies eben jetzt geschehen müsse aber nie zuvor war er von diesem Eindrucke so
betroffen worden wie von dem Gegenbilde welches Valerios Vorhaben ihm zu
seinen eigenen Jugenderlebnissen jetzt vor Augen stellte
    Ihm dem unbezweifelten Erben seines Blutes dem Sohne seiner Liebe hatte
der Freiherr Franz einst den Namen derer von Arten aus Standesrücksichten
versagt während er mit eben diesem Namen aus denselben Standesrücksichten den
im Ehebruche von Vittoria erzeugten Knaben zu bedecken sich verpflichtet
gehalten hatte Und vor Paul der einst entflohen war weil sein Vater ihm die
Anerkennung und seinen Namen geweigert hatte stand jetzt eben jener dem
Freiherrn untergeschobene und von ihm doch anerkannte Sohn entschlossen den
Namen Arten von sich abzuwerfen um in Freiheit der ihm angeborenen Begabung zu
entsprechen Schnell wie diese Gedanken in Tremann sich erzeugten und an
einander reihten entstand durch sie doch eine Unterbrechung in dem
Zwiegespräche und mit unruhiger Spannung blickte Valerio zu dem älteren Manne
hinüber bis dieser die Frage an ihn richtete welchen Beistand und welche Hilfe
er von ihm begehre
    Ich habe davon sprechen hören dass Sie Mitbesitzer der Schiffe sind die
zwischen Hamburg und England den Personenverkehr besorgen sagte der Jüngere
Meine Mittel sind beschränkt  Er hielt inne und eine heiße Röte überflog
sein schönes Antlitz er war des Bittens er war es noch nicht gewohnt Hilfe
begehren zu müssen  Ich möchte nach London gehen den Unterricht des dort
lebenden größten Sängers zu genießen Verschaffen Sie mir eine freie Überfahrt
und  in Ihrem Hause lebt die Gräfin Haughton sie hat sicherlich Verbindungen
in England Ich möchte bis ich zur Bühne gehen kann Unterricht zu erteilen
versuchen portraitiren Ich treffe gut
    Seine Festigkeit drohte ihn zu verlassen und er wartete mit sichtbarer
Unruhe auf die Antwort Tremanns als dieser statt derselben die Frage an ihn
richtete ob der Major von Arten von diesen Absichten und von dem Besuche
welchen Valerio ihm jetzt eben mache unterrichtet sei Der Jüngling verneinte
dies
    So erlauben Sie versetzte Paul dass ich mich erst mit dem Herrn Major
verständige ehe ich Ihnen sage ob ich etwas und was ich für Sie tun kann
    Valerio erhob sich Sie weisen mich zurück meinte er und man konnte ihm
den gekränkten Stolz und die schmerzliche Enttäuschung in jeder Miene ansehen
    Nein entgegnete ihm Paul aber Sie sind unmündig Ich muss erst wissen wie
Ihr Vormund über Ihre Plane denkt
    Valerio blieb zögernd stehen er schien etwas sagen zu wollen und den Mut
dazu nicht zu finden Endlich stieß er rasch die Worte hervor Entflohen Sie
denn mit Erlaubnis
    Paul blickte den Jüngling ruhig an und sagte mit seinem schönen ruhigen
Ernste Nein aber ich hatte Niemandem von meinem Vorhaben gesprochen und von
Niemandem Hilfe dabei begehrt Ich verließ mich auf mich selbst
    Valerio schlug beschämt die Augen nieder Paul hatte indes durchaus nicht
beabsichtigt ihn zurückzuscheuchen und stets zum Begütigen geneigt fügte er
sofort hinzu Ich war ein Kind das man zur Verzweiflung getrieben hatte Ich
wusste ich übersah nicht was ich tat denn ich kannte vom Leben und von der
Welt weit weniger als Sie und ich tadle es durchaus nicht dass Sie Sich an
mich wandten im Gegenteile  Er sann einen Augenblick nach blickte auf einen
Kalender der zur Seite seines Schreibtisches hing und sagte dann Kommen Sie
morgen um die gleiche Stunde wieder zu mir und Ihre Hand darauf junger Mann
jetzt da Sie mit mir über Ihre Zukunft Rücksprache genommen haben treffen Sie
keine Entscheidung über Sich ohne dass ich davon weiß
    Er hielt ihm die Hand hin Valerio schlug mit neu belebter Hoffnung herzhaft
in die dargebotene Rechte Dann hieß Paul ihn gehen und kaum hatte der Jüngling
ihn verlassen so setzte Jener sich nieder an Renatus zu schreiben
 
                                Zwölftes Kapitel
Der Verkehr und der Zusammenhang zwischen den Familien von Paul und von Renatus
die nach Eleonorens Genesung Anfangs eine Art von Lebhaftigkeit gewonnen hatten
waren allmählich wieder geringer geworden und hatten sich in den letzten beiden
Jahren auf jene Einladungen zu großen Festlichkeiten beschränkt mit denen man
sich gleichgültigen Herzens und oft widerwillig genug gegen die große Anzahl
derjenigen sogenannten guten Freunde abzufinden sucht die zu sehen oder gar zu
sprechen man kein sonderliches Verlangen trägt und die man doch nicht durch
gesellschaftliche Vernachlässigung zu Feinden werden lassen mag Wenn man
einander traf ergingen Vittoria und Cäcilie sich immer in Erklärungen und
Betrachtungen darüber wie es habe geschehen können dass man einander so lange
nicht gesehen und Sebas und Davidens Arglosigkeit war stets bereit die
Gründe gelten zu lassen welche von Jenen vorgebracht wurden Paul aber der
ohne von Natur zum Misstrauen geneigt zu sein die Menschen besser als die Frauen
kannte sah und beurteilte die Gründe aus welchen Renatus sich von ihm
zurückhielt in einer anderen Weise
    Er kannte die Einkünfte des Freiherrn so genau als dieser selbst und
Renatus wusste dass Paul ein guter Rechner sei Es konnte also dem Freiherrn der
sich für verpflichtet erachtete einen Aufwand zu machen welcher bei Weitem
über seine Mittel ging in keinem Falle erwünscht sein einen Beobachter neben
sich zu haben der nach seinen Grundsätzen eine solche Handlungsweise
entschieden tadeln musste und Paul trug seinerseits auch kein Verlangen danach
näher in die gegenwärtigen Verhältnisse des Freiherrn eingeweiht zu werden Was
er davon gelegentlich und zufällig erfuhr und sah bestätigte ihm nur die Lehre
von der wachsenden Schnelligkeit mit welcher die einmal ins Gleiten geratene
Lawine dem Abgrunde zurollt Was geschehen würde darüber war Paul schon lange
nicht mehr im Zweifel wann und wie es geschehen würde ließ sich fast auch mit
Sicherheit berechnen
    Richten war so verschuldet dass die Zinszahlungen von einem Vierteljahre zum
andern immer schwerer wurden Steinert schrieb dass es ein Jammer sei in
welcher Weise der Amtmann dessen Reich in Kurzem dort zu Ende gehen musste auf
dem Gute wirtschafte und wenn Paul in den kaufmännischen Kreisen in welchen
er arbeitete von den Wechseln auch nichts zu sehen bekam die in den Händen der
Wucherer auf Renatus in Umlauf waren so erfuhr er doch hier und da dass der
Major von Arten mancherlei bedenkliche und gefährliche Spekulationen für sich
machen ließ und sein Zutrauen zu des Freiherrn Umständen ward dadurch natürlich
nicht gehoben
    Renatus selber war dabei nicht wohl zu Mute Er hätte es anders er hätte
gern geordnete Verhältnisse haben mögen aber wie konnte er zu diesen je
gelangen ohne sein Leben völlig umzubrechen ohne dem Grafen Gerhard und dessen
Frau das Feld zu räumen ohne sich ihrem Urteil und dem Urteil aller seiner
Standesgenossen auf Gnade oder Ungnade zu überliefern
    Dass Hildegard ihm und Cäcilien nie vergeben werde dass sie ihn und die
Schwester hasse und dass Graf Gerhard ihm übel wolle darüber war Renatus ganz
im Klaren Aber er sagte sich nicht dass es in solchen Verhältnissen geraten
sei die Trennung zwischen sich und seinen Feinden zu einer vollständigen zu
machen Er mochte in dem sehr angesehenen und viel besuchten Hause seines Onkels
und seiner Schwägerin nicht fehlen er meinte durch seine bloße Anwesenheit in
demselben Hildegards feindseligen Äußerungen eine Schranke setzen zu können
und in der Tat hörte auch von der Gräfin Berka Niemand ein hartes Wort über den
Freiherrn oder über dessen Familie Sie beklagte ihre Schwester nur und dazu
hatte sie jetzt mehr als jemals Grund
    Man wusste es in der Gesellschaft dass die Vermögenslage des Majors von Arten
sehr zerrüttet sei man sprach über das immer noch fortdauernde bedenkliche
Verhältnis zwischen Vittoria und dem Sänger von Valerios Entfernung aus der
Anstalt von der zwischen Renatus und seiner Stiefmutter beabsichtigten
Trennung und Renatus konnte sich endlich nicht darüber täuschen dass man um
alle diese Dinge wusste dass Jeder sie nach seiner Weise beurteilte und
besprach
    Er befand sich in einer Verfassung in welcher nichts ihn überraschte und
Alles ihm gleichgültig zu werden begann weil er keinen rechten Ausweg mehr vor
sich sah Das Ende des Jahres stand vor der Türe es waren Forderungen aller
Art in nächster Zeit zu befriedigen Er wusste es dass ihm dies unmöglich sein
werde dass Richten zum Verkaufe kommen musste und er konnte sich es nicht
vorstellen wie er leben solle ohne den wenn auch nur noch anscheinenden Besitz
dieses seines Stammgutes Er wusste eben so wenig wie er sich und die Seinigen
von dem Einkommen erhalten solle das seine militärische Stellung ihm eintrug
und das obenein durch Abzüge aller Art verkürzt zu werden drohte wenn man es
erst erfahren hatte dass er ruinirt sei Er fühlte sich wie ein Schiffbrüchiger
der auf leckem Boote im offenen Meere treibt er musste sich sagen dass Rettung
ihm nur durch ein Wunder werden könne und wie er auf ein solches auch bisweilen
hoffen zu können wünschte er vermochte es nicht
    In dieser Lage fand ihn die Anfrage welche Tremann wegen Valerios an ihn
richtete und wenn schon Paul durch dieses Ereignis lebhaft an den Wechsel der
Dinge und der Zeiten erinnert worden war so war die Wirkung auf den Freiherrn
noch weit stärker Er hätte Valerio Vorwürfe darüber machen mögen dass er sich
an einen Dritten dass er sich an Paul um Hilfe gewendet habe aber er fühlte
sich jetzt dazu nicht mehr berechtigt Er hatte den Brief noch nicht
beantwortet in welchem Valerio ihm unter Emilios Anleitung den Vorschlag
gemacht dass er den Namen von Arten ablegen und unter dem italienischen Namen
seines wahren Vaters auf die Bühne gehen wolle wenn Renatus ihm nur für die
nächsten Jahre noch das ihm zustehende freilich sehr geringe Jahrgeld zu zahlen
geneigt sei welches Valerio nach dem Testamente des Freiherrn Franz zu
beanspruchen das Recht besaß
    Renatus hielt das Schreiben Tremanns lange in seiner Hand Die Wogen die
ihn bedrohten stiegen immer höher das Boot das ihn trug sank immer tiefer
hinab es war im Grunde ein Glück zu nennen wenn er es gleichviel wie
erleichtern konnte aber es krampfte ihm das Herz in der Brust zusammen als er
sich dies nicht mehr wegzuläugnen vermochte Er musste froh sein wenn er sich
Valerios auf gute Art entledigen konnte er musste den Handel  der Freiherr
brauchte dieses Wort mit einem Gefühle tiefer Selbsterniedrigung  er musste den
Handel mit dem jungen Manne eingehen obschon er zuverlässig wusste dass er nicht
im Stande sein werde das Versprechen zu halten auf welches Valerio sich
stützen wollte und das er ihm zu leisten sich endlich doch von der Not
gedrungen fand
    Tremanns Vermittlung kam ihm dabei wie unwillkommen sie ihn im ersten
Augenblicke auch bedünkte endlich als eine sehr erwünschte vor Er schrieb ihm
gleich in der Frühe des nächsten Morgens dass er ihm für die Mitteilung danke
die er eben jetzt von ihm empfangen habe und dass er ihn sogar bitte mit dem
jungen Manne der sich seiner brüderlichen Fürsorge zu entziehen wünsche in
seinem Namen zu verhandeln Da Valerio eine glänzende musikalische Begabung
zeige keine Neigung für die ihm bestimmte militärische Laufbahn hege in der er
sich ohnehin unmöglich gemacht habe und da er sich zu keinem andern seinem
Stande angemessenen Lebenswege entschließen wolle so finde er sich so schwer
ihm dies auch ankomme doch genötigt der Entfernung Valerios und seiner
musikalischen Ausbildung  von der Bühne zu sprechen konnte Renatus auch jetzt
noch sich nicht entschließen  Nichts in den Weg zu legen Dass Valerio den Namen
von Arten unter diesen Verhältnissen nicht führen könne verstehe sich von
selbst Gerade deshalb sei er selber aber behindert den Weg des jungen Mannes
zu fördern und er werde sich daher Paul und der Gräfin Eleonore verpflichtet
fühlen wenn sie Valerio die Hand zur Ausführung seines Vorhabens bieten
wollten bei welcher derselbe auf das ihm zustehende Jahrgeld rechnen könne
    Dem Briefe war eine Summe als Reisegeld und als vierteljährige
Pensionszahlung für Valerio beigefügt und das ganze Schreiben war in einer Form
gehalten die man unter den obwaltenden Umständen schicklich nennen und gelten
lassen konnte Aber dem Freiherrn zitterte die Hand mit welcher er die fünf
Siegel mit dem Artenschen Wappen auf den Geldbrief drückte und das alte fortis
in adversis brannte ihm wie eine schwere Mahnung in die Seele Er hatte sein
Lebensschiff in einer Weise erleichtert die er vor sich und seinem Gewissen
nicht verantworten konnte und er hatte dazu noch das Bewusstsein sich auch
damit keine wirkliche Rettung bereitet zu haben
    Es litt ihn nicht in seinem Hause er mochte auch keinen der Seinigen sehen
Trotz des übelen Wetters machte er einen langen Spaziergang in den Park Er hatte
ein Bedürfnis allein zu sein und die schwer beladene Brust zu dehnen Als er am
Mittage wiederkehrte war Vittoria abwesend Cäcilie sagte die Mutter habe den
Wagen anspannen lassen um Valerio seinen Koffer hinzubringen und auch um sich
in der Stadt nach einer Wohnung für sich umzusehen
    Der Wagen kam ohne Vittoria zurück sie hatte sich bei einer Freundin
absetzen lassen bei der sie speisen wollte Der Freiherr und seine Frau nahmen
ihre Mahlzeit einsam ein man war überzeugt dass Vittoria mit ihrem Freunde und
ihrem Sohne bei der Freundin zusammentreffe Renatus äußerte sich heftig
darüber Cäcilie die seine Gereiztheit und seine Verdüsterung gewahrte
versuchte eben für diesen Tag und diesen Fall Vittoria zu entschuldigen
    Am Abende war ausnahmsweise einmal eine geladene Gesellschaft bei der Gräfin
Berka Cäcilie und Renatus hätten sich gern von dem Besuche derselben befreit
Weil sie aber die Sicherheit in ihren Verhältnissen verloren hatten wollten sie
durch ihr Fortbleiben keine Fragen veranlassen sondern auf dieselben wenn sie
etwa getan werden sollten lieber durch persönliche Zurechtlegungen antworten
und etwas später als die Einladung es bestimmte langten sie in dem Berkaschen
Hause an
    Die Gesellschaft war bereits versammelt und täuschte die Verstimmung und
Unruhe die beiden Eheleute oder herrschte wirklich eine augenblickliche Pause in
der Unterhaltung genug sie glaubten Beide zu bemerken dass man bei ihrem
Eintreten schwieg und dass man sie mit einer Art von Neugier betrachtete Das
raubte Cäcilien die Fassung welche sie ohnehin den Tag hindurch nur mühsam in
sich aufrecht erhalten hatte und sich an die Schwester wendend machte sie eine
überflüssige und eben darum nicht geschickte Entschuldigung für ihr verspätetes
Erscheinen
    Hildegard die gerade von den ausgezeichnetsten Personen ihres Kreises
umgeben war hielt Cäcilie mit der ganzen vornehmen Anmut die sie sehr wohl zu
entwickeln verstand die Hand entgegen und sagte freundlich Wie magst Du
darüber nur ein Wort verlieren Ich versichere Dich ich habe den ganzen Tag an
Euch gedacht und immer zu Dir fahren wollen weil ich glaubte Du würdest Dich
nicht aufgelegt fühlen auszugehen Indes es ist gut dass Ihr Euch überwunden
habt es zerstreut Euch doch Sei herzlich willkommen
    Sie küsste die Schwester dabei was sie sonst in der Gesellschaft nie getan
hatte aber es überlief Cäcilie kalt bei ihren Worten und sie wendete sich
ängstlich um zu sehen ob Renatus Hildegards Äußerung nur nicht vernommen
habe Den aber hielt Graf Gerhard neben seinem Sessel fest und Cäcilie konnte
nicht gleich zu ihm kommen denn Hildegard hatte den Arm der Schwester in den
ihrigen gelegt und führte sie mit sich herum Es war von ihr offenbar auf eine
besondere Schaustellung abgesehen sie wollte dartun dass sie ihre Schwester
aufrecht zu erhalten und in Schutz zu nehmen denke Aber weshalb das Was
bedeutet das fragte diese sich mit wachsender Beklemmung
    Renatus seinerseits verstand eben so wenig was die Gräfin Berka mit ihrer
auffallenden Zärtlichkeit für Cäcilie mit ihrer besonderen Zuvorkommenheit für
ihn selbst beabsichtige die ihm den ganzen Abend drückend blieb Er fühlte sich
so niedergeschlagen so gepeinigt so beunruhigt dass er es bereute gegen seine
Neigung und Stimmung unter Menschen und in Gesellschaft gegangen zu sein Er
hatte keine Ruhe zu irgend einer Unterhaltung er ging gegen seine sonstige
Gewohnheit von einer Gruppe zur andern er hätte sich gern heiter sorglos
zeigen sich und Andere täuschen mögen und doch wusste er dass in wenig Tagen
oder Wochen seine Lage vor Aller Augen offen sein würde dass der Koncurs über
ihn hereinbrechen müsse dem durch ein Abkommen vorzubeugen oder aus dem sich zu
erheben für ihn kaum eine Möglichkeit vorhanden war Ein Schmerz der sich bis
zur Verzweiflung an sich selber steigerte frass an seinem Herzen und mit
ungeheurer Gewalt wälzte sich wie ein Alp das Bewusstsein über ihn dass sein
Unglück größer sei als er selbst und seine Kraft
    Zwischen dem kleinen Empfangszimmer und dem großen Saale befand sich ein
Kabinet das von beiden Seiten mit schweren Türvorhängen versehen war In der
runden Vertiefung am oberen Ende stand ein Sopha Es war wenn man aus dem Saale
kam nicht sichtbar und als Renatus vorhin durch das Kabinet gegangen war
hatte er es leer gefunden da die Gesellschaft nicht sehr zahlreich war Sich
einen Augenblick Ruhe zu verschaffen trat er hinein und setzte sich in die
SophaEcke nieder
    Aber kaum hatte er den Platz eingenommen als sich zwei Männer plaudernd in
die Brüstung der Türe stellten deren Stimmen Renatus sofort erkannte Der
ältere von ihnen Graf Aurel war ein Jugendgenosse des Grafen Gerhard einer
der bekanntesten Lebemänner der Stadt der andere ein GesandtschaftsSekretär
dem Berkaschen Hause eng befreundet Sie sprachen in gleichgültiger Weise über
die Verhältnisse der anwesenden Personen
    Es war bereits von Diesem und Jenem die Rede gewesen wie Renatus aus den
einzelnen zu ihm dringenden Worten hatte entnehmen können als er plötzlich
seinen Namen zu hören glaubte
    Er hätte diese Maßregel wie die Gräfin richtig bemerkte nur früher treffen
müssen sagte scherzend der GesandtschaftsSekretär
    Was wollen Sie entgegnete der Graf die Baronin Vittoria soll ein
bedeutendes Legat von dem verstorbenen Freiherrn in Händen haben und der Major
ist ruinirt Da hat er wohl ein Auge zugedrückt und  der Graf lachte  die
Baronin Cäcilie ist ja auch eine leidenschaftliche Sängerin er wird das
Terzett denn ein solches soll es in der Tat gewesen sein nicht haben stören
wollen
    In diesem Augenblicke noch ehe der in allen Nerven erbebende unfreiwillige
Hörer sich von seinem Sitze zu erheben vermochte wurden die beiden Sprechenden
in ihrer halblaut geführten Unterhaltung durch die herantretende Hausfrau
unterbrochen welche den GesandtschaftsSekretär aufforderte irgend eine
Nachricht aus der Hauptstadt seines Landes die er ihr bei seiner Ankunft
mitgeteilt hatte einem Kreise neugieriger Gäste bekräftigend zu wiederholen
Der junge Diplomat folgte der Gräfin Berka in den Saal und Graf Aurel der bei
Hildegards Anfrage an den Marquis sich höflich einige Schritte zurückzuziehen
wünschte trat für einen Augenblick in das oben erwähnte Seitengemach
    Er war lange im Militär gewesen und ein Mann von erprobtem Mute aber er
konnte sich einer Äußerung des Erschreckens nicht erwehren als er sich
plötzlich und unerwartet dem Freiherrn von Arten gegenüber sah dessen von der
Blässe des Todes überzogenes von Leidenschaft entstelltes Antlitz ihm
versteinernd entgegenstarrte Als ein Mann von Welt übersah er sofort die
notwendigen Folgen des unglückseligen Zufalles der den Freiherrn zum Hörer
jener beleidigenden Worte gemacht hatte allein der Umstand dass der Marquis
sich bereits entfernt und dass jetzt kein anderer Zeuge als der Beleidigte selbst
zugegen war ließ den Grafen einen Augenblick lang an die Möglichkeit irgend
einer Ausgleichung oder doch an die Abwendung des Äußersten denken
    In Erwägung der fürchterlichen Lage in welcher der Freiherr sich befand
schien es dem Grafen dem ohnehin ein solches Begegnen mit den nächsten
Anverwandten des ihm eng befreundeten Hauses höchst unwillkommen sein musste
sogar von der Ehre als eine Pflicht geboten selbst einen Schritt über das
gewöhnliche Maß hinaus zu tun und schon begann er an den noch immer ihm
schweigend Gegenüberstehenden in diesem Sinne das Wort zu richten als der
Freiherr mit einer nicht misszudeutenden Bewegung ihm die Rede abschnitt
    Die Lehne des Sessels die Renatus Rechte umkrampft hielt brach unter dem
Drucke als er mit hohler vor innerem Grimme bebender Stimme die Worte
hervorstiess Sagen Sie Ihrem Partner das Duett das ich so eben von Ihnen
Beiden vortragen hörte sei eben so falsch als der der es anstimmte ehrlos
ist  und seiner selbst nicht mehr mächtig den abgezogenen Handschuh dem
Grafen in das Gesicht schleudernd verließ er hoch aufgerichtet das Gemach
    Ein Gefühl wilder Befriedigung war über ihn gekommen Er hatte jetzt endlich
einen Gegenstand gefunden gegen den er die Empfindungen richten konnte welche
kurz zuvor in seinem Busen gegen ihn selbst gewendet gewesen waren Er fühlte
sich befreit von dem Alpdrucke der auf ihm gelastet hatte
    Sein Schicksal selbst jenes Schicksal das über seinem Hause noch immer
gewacht und die Glieder dieses Hauses vor offenbarer Schmach und Schande noch
stets bewahrt es hatte ihm den Ausweg gewiesen den er zuweilen im Drange und
in der geheimen Not dieser letzten Wochen durch Selbstmord sich zu öffnen
gedacht hatte Jetzt war er sicher wie es ihm zukam als ein Edelmann zu
sterben  und er war des Daseins und des Lebens von Herzensgrunde müde
    Stolz sicher mit festem Blicke des blitzenden Auges die Anwesenden
messend durchschritt er den Saal und näherte sich dem GesandtschaftsSekretär
Graf Aurel wünscht Ihnen Herr Marquis eine Mitteilung zu machen sprach er
mit lächelnder Miene zu dem jungen Diplomaten der sich bei diesen Worten zum
Erstaunen der Nächststehenden sichtbar entfärbte aber schnell wieder gefasst
sich eilig zu dem Grafen in das Nebenzimmer begab
    Es entstand eine kleine Bewegung man sah sich nach den beteiligten
Personen um indes es waren alles Leute von Welt die Formen der guten
Gesellschaft zogen sich über der augenblicklichen Störung deren Ursache Niemand
mit heftiger Neugier auf die Spur zu kommen suchte schnell wieder zusammen und
da der Abend schon vorgerückt war und man im Berkaschen Hause um des Grafen
willen nie spät zusammen blieb fiel es nicht auf dass Graf Aurel und der
Marquis sich bald empfahlen und auch Renatus seine Gattin zum Aufbruche
anmahnte
    Früh am anderen Morgen als Renatus noch mit Cäcilie beim Frühstücke war
meldete man ihm den Besuch eines seiner Kameraden Cäcilie wunderte sich über
den frühen Besuch indes er flößte ihr keinen Argwohn keine Besorgnis ein und
auch der Name des Gemeldeten fiel ihr durchaus nicht auf Es war ein Vetter des
Grafen Aurel der mit Renatus in demselben Regimente diente und mit dem der
Freiherr immer auf gutem Fuße in einem angenehmen kameradschaftlichen
Verhältnisse gestanden hatte
    Der Besuch währte für die frühe Stunde ungewöhnlich lange so dass Cäcilie
als Renatus endlich zu ihr wieder zurückkam sich erkundigte was der
Rittmeister ihm gebracht habe Er sagte sie solle nicht neugierig sein und
klagte sich an dass er sie verwöhnt habe da er das alles aber freundlich ja
scherzend aussprach gab sie sich auch bald zufrieden und es war davon die Rede
nicht mehr
    Der Tag verging unter Besorgungen aller Art äußerlich in gewohnter Weise Am
Vormittage erhielt Renatus einen Brief von Paul in welchem dieser ihm anzeigte
dass er und die Gräfin Haughton für Valerio die nötigen Schreiben besorgt hätten
und dass er den jungen Mann da in drei Tagen das nächste Packetboot nach London
abgehe angewiesen habe sich für die heutige Abendpost zur Reise nach Hamburg
einschreiben zu lassen In einem Billet von Valerio das beigefügt war ersuchte
dieser den Freiherrn ihm persönlich Lebewohl sagen zu dürfen und Renatus war
jetzt dazu geneigt dem Verlangen zu willfahren
    Valerio war da er am Nachmittage zu dem Freiherrn kam weich und sehr
bewegt Nicht als ob er in sich unsicher oder in seinem Vorhaben und in seinen
Hoffnungen schwankend geworden wäre nur der Abschied von den Seinen schien ihm
schwerer zu fallen als man es erwartet hatte
    Er hatte wie er es gleich nach der Stunde ihres Zusammenstosses getan den
Freiherrn als einen Fremden mit seinem Titel anreden wollen aber da er nun vor
Renatus hintrat fiel es ihm auf dass dieser bleicher und sehr ermüdet aussah
und weil der Jüngling meinte es sei der Kummer über ihn der den Freiherrn also
verwandelt habe warf er sich demselben mit Leidenschaftlichkeit an die Brust
    Ich lerne es nicht ich lerne es nicht Dich als einen Fremden anzusehen
rief er mit überströmender Empfindung  habe ich Dir doch mehr weit mehr zu
danken als wenn Du mein Bruder wärest und ich habe Dir es schlecht gelohnt
    Renatus drückte ihn an sein Herz und redete ihm ernstaft zu Valerio
wollte dass er ihm ganz ausdrücklich seine Verzeihung aussprechen solle und der
Freiherr tat es Er zeigte sich ebenfalls erschüttert schloss Valerios Haupt
in seine Hände und küsste ihn da sie schieden als ob er segnend einen Sohn
entliesse Cäcilie weinte indes es wurde ihr doch leichter da sie sich jetzt
sagen konnte ihre große Bangigkeit und die Schwermut ihres Mannes die ihr im
Lauf des Tages aufgefallen war würden durch die Trennung von Valerio
herbeigeführt
    Sie verließ den Gatten so wenig als sie konnte und er schien es gern zu
sehen dass sie blieb selbst als er am Abende lange Zeit schreibend an seinem
Arbeitstische saß Ein paar Mal meinte sie ihn seufzen zu hören und sie wollte
ihn fragen was ihn drücke aber sie unterließ es weil sie wusste dass er dies
nicht liebe dass er eben jetzt am Ende des Jahres der unerfreulichen Geschäfte
die Menge habe
    Abends als sie den Tee einnahmen zu dem Vittoria sich eingestellt hatte
war Renatus ruhiger als in den ganzen letzten Wochen Er schien die Andern und
sich selber zerstreuen zu wollen und machte die Unterhaltung fast ganz allein
Er kam mehrmals auf seinen Vater auf seine verstorbene Mutter auf die Zeit zu
sprechen in welcher er noch ein Knabe gewesen und Vittoria in sein Vaterhaus
gekommen war Dann erging er sich in Betrachtungen über das was man in dem
Leben des Menschen die höhere Fügung nenne und über die geheimnisvolle Grenze
zwischen dem sogenannten freien Wollen und dem unabweislichen Müssen Es war das
schon ein Lieblingstema seines Vaters gewesen und Renatus hatte wenn er sich
dem Nachdenken und Sprechen über dasselbe hingab es stets geliebt den Menschen
mit einem Baume zu vergleichen Auch jetzt kam er bald wieder auf dieses ihm
genehme Bild zurück
    Wie kann von einem freien Willen die Rede sein sagte er wo wir wie der
Baum unser eigentliches Wesen und Gepräge als ein angestammtes in uns tragen
und Boden und Luft die wir auch nicht frei erwählen unsere Entwicklung
bedingen Der Baum mag seine Blätter im Winde spielen lassen und seine Äste
nach der Sonne wenden das ist seine ganze Freiheit und selbst diese geringe
Freiheit ist Naturnotwendigkeit Alles für ihn und Alles für uns ist
vorbestimmtes Müssen Wir genießen und erleiden was uns zuerkannt ist wir
können dem uns zugewiesenen Loose nicht entgehen gleichviel ob wirs aus den
Händen eines blinden Schicksals oder einer göttlichen Allweisheit zugeteilt
erhalten
    Vittoria achtete auf solche Auseinandersetzungen in der Regel wenig sie war
dazu wie sie es zu nennen pflegte sich nicht wichtig genug Cäcilie aber
meinte es sich erklären zu können wie ihr Gatte eben heute zu solchen
Betrachtungen gedrängt werde und sie bemerkte zu ihrem Troste dass ihn
dieselben sichtbar beruhigten Er verlangte als man sich schon trennen wollte
die beiden Frauen noch singen zu hören und da Vittoria von der Musik
erschüttert und an Valerio erinnert plötzlich zu weinen begann schloss Renatus
sie in seine Arme und sprach ihr liebreich und tröstend Mut ein
    Du bist auch ein armer aus seiner Heimaterde unfreiwillig herausgenommener
Baum sagte er und Du hast eben deshalb des Erleidens auch Dein Teil gehabt
Lass uns hoffen dass es dem jungen Stamme den wir jetzt Luft und Erde nach
seinem Belieben suchen lassen besser gehen werde wenn es uns im Augenblicke
auch schwer gefallen ist ihm seinen Willen zu vergönnen
    Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig Er hatte Cäcilien
gesagt dass er in der Frühe ein wichtiges Geschäft zu ordnen habe und da sie
wusste wie drückend solche Angelegenheiten in der Regel für ihn waren fiel es
ihr nicht auf dass er bei ihrem gemeinsamen Frühstücke weniger als sonst genoss
Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen wollte sah Cäcilie dass
er in voller Uniform war Der Gedanke dass Renatus eben jetzt zu seinem Chef
gehe um ihm die üble Lage in der er sich befinde zu entdecken und mit ihm
Rat zu halten über die Schritte die er tun solle ein öffentliches Aufsehen
möglichst zu vermeiden fuhr ihr erschreckend durch den Sinn Sie wollte ihn
fragen aber sie fürchtete ihm dadurch nur noch eine neue Pein aufzulegen und
von Liebe und Mitleid überwältigt schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und
küsste ihn Er drückte sie mit tiefer Inbrunst an sich sie gaben sich die
zärtlichsten Namen Cäcilie musste weinen
    Wir lieben einander doch rief sie endlich als wolle sie ihm den Trost
vorhalten der ihnen schon über manchen Kummer fortgeholfen hatte
    Ja und ich liebe Dich sehr denke daran und vergiss das nicht gab Renatus
ihr zurück Auch ihm war das Auge feucht geworden aber er riss sich los und ging
die Treppe festen Schrittes hinunter
    Cäcilie trat an das Fenster und sah wie er in den Wagen stieg Er blickte
noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinauf und grüßte mit der Hand So schieden
sie
 
                              Dreizehntes Kapitel
Am Mittage durchlief das Gerücht die Stadt dass der Major Freiherr von Arten im
Duell erschossen sei
    Man erzählte es Paul als er eben in die Börse eintrat denn man wusste dass
er mit dem Freiherrn in mannigfachem Verkehr gestanden habe Trotz seiner
gewohnten Festigkeit bemerkte man dass ihn die Nachricht sehr erschrecke Er
suchte sich so schnell als möglich frei zu machen gab seinem Disponenten die
nötigen Anweisungen für die heute zu ordnenden Geschäfte und fuhr
augenblicklich nach dem Artenschen Hause
    Alles war dort in der völligsten Zerstörung Vittoria lag in heftigen
Krämpfen Cäcilie rang an der Leiche ihres Gatten die man vor einer Stunde in
seinem Wagen nach Hause gebracht hatte verzweiflungsvoll die Hände ihre Mutter
und ihre Schwester waren bei ihr Die Gräfin Berka war die Einzige die ihrer
selber Herr war und große Fassung zeigte
    Sie war es auch gewesen die in dem Zimmer des verstorbenen Freiherrn einen
von ihm an seine Gattin zurückgelassenen Brief aufgefunden hatte Ein paar
andere Briefe hatten daneben gelegen einer davon war an Paul gerichtet und
Hildegard welche die Leitung aller Angelegenheiten übernommen zu haben schien
händigte ihm denselben aus Er lautete
    »Wenn Sie diesen Brief empfangen bin ich nicht mehr am Leben und es sind
die Wünsche eines Hingegangenen die er Ihnen überbringt Möge Ihr großer Sinn
sie Ihnen heilig machen
    Die Vorsehung die uns aus Einem Stamme erstehen ließ und unsere Lebenswege
dennoch trennte hat uns in den letzten Jahren in ihrer Weisheit einander
angenähert als wolle sie mir den Pfad zeigen auf dem ich zu gehen und die
Weise angeben in welcher ich das Erlöschen unseres alten Stammes in dem
Augenblicke zu verhindern habe in welchem der Letzte Derer die bis jetzt den
Namen unseres Hauses mit Recht besessen von der Erde scheidet
    Das Blut der Freiherren von Arten fließt in Ihren Adern meines
hingegangenen Vaters Ebenbild die Züge unserer Ahnen leben in Ihnen und selbst
 ich habe da der Himmel mir keine Kinder gegeben hat dies stets mit
schmerzlicher Rührung wahrgenommen  in Ihren Söhnen leben sie noch fort Wie
mein Vater in dem Sinne und nach dem Ehrengebote unseres Standes und unseres
Hauses handelte als er es sich versagte Sie öffentlich als seinen Sohn
anzuerkennen so handle ich ich bin dess sicher in seinem Geiste und in dem
Geiste unseres Hauses wenn ich danach trachte den edlen alten Namen der
Freiherren von ArtenRichten nicht untergehen zu lassen
    Meine Vermögensverhältnisse die Sie kennen machen es für die Baronin
Cäcilie unmöglich die Richtener Güter zu behalten und ich weiß es aus dem
Munde meines verstorbenen Lehrers und Erziehers des Kaplans dass Ihre Mutter am
Vorabende ihres freiwilligen Todes Sie ermahnt hat nach dem Besitze des
Schlosses zu streben das sie Ihnen an jenem Abende als Ihres Vaters Haus
bezeichnete
    Es war das eine Vorstellung die mir alle Zeit quälend gewesen ist seit
sie es war als ich in den russischen Feldzug ging zuerst in mir erweckt wurde
und sie hat mich wie eine unheimliche Ahnung stets befallen so oft ich in
Ihre Nähe gekommen bin Dieses Geständnis welches Ihnen zu machen ich jetzt
kein Bedenken trage wird Ihnen Vieles in meinem Verhalten gegen Sie erklären
das Ihnen vielleicht bisher nicht verständlich gewesen ist und Sie zu
nachteiligen Ansichten über mich verleitet haben mag
    Was mich einst von Ihnen fern hielt führt mich jetzt da ich mein Leben und
das Schicksal unseres Hauses in großem Überblicke betrachte auf Sie und zu
Ihnen zurück
    Ich habe Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen der sich als den ersten
Edelmann seines Landes anzusehen geruht und dessen Gnade ich mich versichert zu
halten Ursache habe die Verhältnisse unseres Hauses aus einander gesetzt Wenn
dieser Brief in Ihre Hände kommt hat Seine Königliche Hoheit auch mein Ansuchen
bereits empfangen und ich zweifle nicht dass es bei ihm eine geneigte Stätte
finden und dass Er Selber wünschen wird den Namen eines alten Geschlechtes das
schon vor den Hohenzollern in unserer Heimat angesessen gewesen ist auch für
die Zukunft zu erhalten
    Richten muss verkauft werden kaufen Sie es an Vereinigen Sie die Güter
wieder deren mich zu entäussern ich gezwungen war und führen Sie in Sich und
Ihren Kindern den Namen unseres gemeinsamen Vaters weiter fort Unser Wappen
wird in Ihren Händen wohl aufgehoben sein Sie haben sein fortis in adversis
beherzigt und bewährt
    Und so empfangen Sie mit dem Segen und den Wünschen die ich Ihnen über mein
Leben hinaus für das Gedeihen unseres Geschlechtes zurufe auch meine letzten
Bitten Es sind ihrer nicht viele und sie sind selbstverständlich Nehmen Sie
Sich beratend und hilfreich meiner teuren Cäcilie meiner Witwe an stehen Sie
auch der Baronin Vittoria und ihrem Sohne mit Ihrer Erfahrung großmütig zur
Seite und sorgen Sie dafür dass ich in unserer Familiengruft in Rotenfeld
bestattet werde Es ist ein erhebender Gedanke in jenem biblischen zu seinen
Vätern versammelt werden
    Und damit Lebewohl Möge der neue Stamm den Sie begründen glücklicher
sein als ich es gewesen bin Des Himmels Segen über sein Gedeihen«
    Schweigend und in tiefe Gedanken versunken hielt Paul das Blatt eine Weile
in seinen Händen schweigend und in tiefe Gedanken versunken stand er an des
Freiherrn schöner Leiche Cäcilie war wie vernichtet 
    Noch vor dem Ende des Jahres ward der Sarg in dem Renatus ruhte nach
Rotenfeld gebracht Cäcilie hatte gewünscht die Leiche ihres Gatten zu seiner
letzten Stätte zu begleiten und Herbert war ihr eine Strecke entgegengereist
um die trauernde Witwe zum Verweilen in seinem Hause einzuladen Man mochte sie
nicht in das verödete Schloss nach Richten gehen lassen 
    Im Frühjahr kam Richten zum Verkauf Es war zwischen den Freunden zwischen
Steinert Herbert und Paul von Anfang an fast selbstverständlich gewesen dass
Einer von ihnen dass Paul es an sich bringen müsse Er hatte schon lange daran
gedacht einen Landbesitz zu erwerben auf welchem er alljährlich ein paar
Monate mit den Seinen in ruhiger Zurückgezogenheit verleben könne und bei
seinem großen Vermögen war es ohnehin geraten einen Teil desselben in Grund
und Boden festzulegen Allerdings gab es südlichere Gegenden deren
Naturschönheit verlockender gewesen wäre aber die Aussicht Steinert und
Herbert zu Nachbarn zu bekommen die Gewissheit dass ihre Aufsicht und Erfahrung
seinem Besitze zu Statten kommen werde waren hoch zu veranschlagen und über
dies alles hinaus Paul läugnete sich das keineswegs fort wirkten seine
JugendEindrücke bestimmend auf ihn ein
    Es war ein eigenartiges Empfinden mit welchem er den KaufKontract über die
Richtener Güter unterzeichnete eine ergreifende Erinnerung mit welcher er als
Besitzer mit den Seinen in Schloss Richten einzog
    Die Erntezeit war als er in Richten eintraf schon vorüber denn es hatte
der unerlässlichen Instandsetzungen in dem seit Jahren nicht bewohnten Schloss
doch so viele gegeben dass trotz der Bemühungen der beiden Herberts der Monat
August herangekommen war ehe man daran denken konnte das Schloss mit Behagen zu
beziehen
    Nun hatten die neuen Eigentümer sich in demselben heimisch eingerichtet
und am ersten Sonntage den man mit Ruhe dort verlebte waren die befreundeten
Familien von Neudorf und von Rotenfeld mit ihren verheirateten Kindern und
Enkeln nach Richten herübergekommen
    Mit großer Genugtuung aber doch innerlich bewegter als er es zeigte saß
Paul an dem Mittage mit seiner Familie und seinen Gästen auf der Terrasse die
nach dem Parke hinunterführte Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen
Ende der Terrasse das Herbert nicht verändern lassen ein Frühstück für die
große buntgemischte Gesellschaft aufgetragen Es waren stattliche Greise
tüchtige Männer und Jünglinge heitere Matronen fröhliche junge Frauen und dazu
Kinder beiderlei Geschlechtes die sich in ihrer lauten Lust kaum Genüge zu tun
wussten
    Seba mit ihrem sanften Ernste saß an Eleonorens Seite sie konnte nicht
aufhören an die Baronin Angelika zu denken die hier an derselben Stelle einst
ihre Eltern bewirtet die hier in solcher milden Herbstessonne die letzten Tage
ihres Lebens zugebracht hatte und auch in Herbert tauchte ein altes schönes
Erinnern mit seiner stillen Wehmut auf Fast in Allen lebte mehr oder weniger
deutlich das Bewusstsein der großen Wandlungen welche sich in ihnen selber und
während der letzten vierzig Jahre auch in der Erkenntnis und in dem Gemeingefühl
der ganzen Menschheit befreiend und erlösend vollzogen hatten
    Während man in gutem Gespräche so beisammen saß brachte der Diener dem
neuen Besitzer von Richten die Briefe welche von seinem Geschäftsführer ihm
regelmäßig nach dem Gute gesendet wurden Paul legte sie ruhig zur Seite da er
in diesem Augenblicke sie doch nicht zu erledigen und zu beantworten vermochte
nur ein Brief schien ihm durch Form und Siegel aufzufallen und er eröffnete
ihn Er kam aus dem Kabinette des Kronprinzen
    Eine flüchtige Röte und ein feines Lächeln flogen über das Angesicht des
Lesenden Seba und Davide blickten ihn fragend an
    Es ist eine Gnade die man mir anzutun denkt sagte er gelassen Der König
ist wie es in dem Schreiben heißt nicht abgeneigt mich in Anerkennung meiner
Verdienste um die heimische Industrie und als jetzigen Besitzer der Güter eines
edelen Hauses unter Beilegung des Namens und Titels der Herren von Arten wie der
Letzte dieses Hauses und Stammes es von ihm erbeten hat in den Adelstand zu
erheben
    Die Anwesenden sahen einander an und blickten dann fragend auf den
Sprechenden
    Paul hatte das Schreiben bereits wieder zur Seite gelegt Die Sache kommt
mir nicht unerwartet sagte er Der Staat ist klug genug sich der Besitzenden
so viel als möglich versichern und den finanziellen Schwerpunkt so viel als
möglich dem Bürgertum entziehen zu wollen Ich hatte es für sehr wahrscheinlich
gehalten dass man mir dieses Anerbieten machen würde
    Und Du hast es nicht gehindert fragte Steinert dessen fester aber eben
deshalb zum Argwohn geneigter Bürgersinn sich nicht gleich in die Handlungsweise
des Freundes zu finden wusste
    Wie sollte ich ablehnen was man mir noch nicht angeboten hatte entgegnete
Paul Aber sei unbesorgt alter Freund ich gehöre weder zu denen die Gnaden zu
erbitten noch zu denen die unerbetene Gnade anzunehmen gewohnt sind  Er
schwieg einen Augenblick dann sagte er Der verstorbene Freiherr Renatus hat es
auf seine Weise wohlgemeint und er hat als ein wahrer Repräsentant seiner Kaste
nur an sich und seine Ehre an sich und seinen Stamm und an die Erhaltung seines
Namens gedacht nicht an mich an meine Ehre und an meinen Stamm Er konnte es
sich von seinem Standpunkte aus nicht denken dass ich keines andern Namens
begehren kann als dessen welchen ich selber mir erschaffen habe und dass
derjenige der mich aus meinem Stande in einen andern nicht nur versetzen
sondern sogar erheben zu können glaubt mich und meine ganze Vergangenheit
beleidigt denn er erniedrigt in mir nicht nur mich selbst sondern alle
Diejenigen welche mit mir bisher als mit Ihresgleichen in achtendem Vertrauen
verbunden gewesen sind Und ich lebe der sichern Hoffnung von uns Allen die
wir heute hier in meinem Hause beisammen sind soll keiner je danach verlangen
etwas Anderes zu sein als ein unbescholtener unabhängiger Mann ein nützlicher
Bürger seines Vaterlandes Darauf lasst uns anstossen dass ein starker freier
Bürgersinn auch unter unsern Kindern und Kindeskindern mächtig sein und dass er
die Freiheit deren wir nach allen Seiten noch bedürfen heraufführen helfen
möge über unser Volk und über die ganze Welt
    Er hob sein Glas sie drängten sich Alle um ihn seine Brust atmete frei
und stolz
    Am Abende da alle seine Gäste unter seinem Dache bereits die Ruhe gesucht
hatten trat er mit Daviden noch einmal aus seinem Zimmer auf die Terrasse
hinaus Er hatte seinen Arm um seines Weibes schlanken Leib gelegt und in
stillem Frieden wandelten sie langsam und schweigend hin und wieder
    Der Mond war inzwischen emporgestiegen die Nacht war sehr warm der volle
Duft der Levkojen und des Reseda erfüllte die ganze Luft Fortgezogen von der
Schönheit der Nacht stiegen die Beiden von der Terrasse hinunter und gingen dem
Fluße zu über dessen Wasser die Mondstrahlen eine goldene Brücke bauten
    Jenseit des Wassers blieben die beiden Eheleute stehen Das Schloss lag vor
ihnen der Mond erhellte es in seiner ganzen Stattlichkeit
    Sieh sagte Paul hier habe ich gestanden hier an dieser Stelle mit meiner
armen Mutter an dem Tage ehe sie sich das Leben nahm Aber es war ein rauer
kalter Abend der Nebel stieg von dem Wasser empor die welken Blätter flogen in
der Luft empor Ich wunderte mich damals über die vielen Schornsteine des
Schlosses und über die vielen Fenster denn ein so großes Gebäude hatte ich nie
zuvor gesehen und weil die untergehende Sonne sich in den Fenstern spiegelte
fragte ich die Mutter wer darin wohne  Er hielt inne dann sagte er sehr
bewegt Du kommst nicht hinein sprach sie zu mir hinter den blanken Fenstern
in denen die Sonne sich spiegelt werden glückliche Kinder wohnen 
    Er konnte nicht weiter sprechen trotz seiner Kraft überwältigte ihn diese
Erinnerung doch Davide umschlang ihn in Verehrung in Glück und Liebe zu ihm
emporsehend
    O mögen sie immer immer glücklich sein die geliebten Kinder denen Du
dieses Haus bereitet hast rief sie mit hoffendem Wunsche aus
    Sie werden es bleiben sprach Paul der sich schnell wieder ermannte wenn
Du mir hilfst sie dahin zu erziehen dass sie in sich selbst beruhend in der
Arbeit ihren Beruf in der Freiheit ihre Ehre in der ganzen Menschheit ihre
Brüder erkennen lernen und wenn sie massvoll und ohne Eitelkeit im Glücke wie
der Wappenspruch dieses Hauses lautet »stark im Ungemache sind« Lass uns danach
trachten lass uns darauf hoffen und vertrauen
 
                                    Fußnoten
1 Ich bin im dritten Kreis des ewgen kalten gottverfluchten Regens