Bertold Auerbach
Barfüßele
1 Die Kinder klopfen an
Morgens früh im Herbstnebel wandern zwei Kinder von sechs bis sieben Jahren ein
Knabe und ein Mädchen Hand in Hand durch die Gartenwege zum Dorf hinaus Das
Mädchen um ein Merkliches älter hält Schiefertafel Bücher und Schreibhefte
unter dem Arm der Knabe hat das Gleiche in einem offenen grauleinenen Beutel
der ihm über die Schulter hängt Das Mädchen hat eine Haube von weißem Drill
die fast bis an die Stirn reicht und die weit vorstehende Wölbung der Stirn um
so schärfer hervortreten lässt der Knabe ist barhaupt Man hört nur Einen
Schritt denn der Knabe hat feste Schuhe an das Mädchen aber ist barfuß So oft
es der Weg gestattet gehen die Kinder neben einander sind aber die Hecken zu
eng geht das Mädchen immer voraus
Auf dem falben Laub an den Sträuchern liegt ein weißer Duft und die
Mehlbeeren und Pfaffenhütchen besonders aber die aufrechtstehenden Hagebutten
auf nacktem Stengel sind wie versilbert Die Sperlinge in den Hecken zwitschern
und fliegen in unruhigen Haufen auf beim Herannahen der Kinder und setzen sich
wieder nicht weit von ihnen bis sie von Neuem aufschwirren und endlich sich
hinein in einen Garten werfen wo sie sich auf einem Apfelbaum niederlassen dass
die Blätter raschelnd niederfallen Eine Elster fliegt rasch auf vom Weg
feldein auf den großen Holzbirnenbaum wo die Raben still hocken sie muss ihnen
etwas mitgeteilt haben denn die Raben fliegen auf kreisen um den Baum und ein
Alter lässt sich nieder auf der höchsten schwankenden Kronenspitze und die
anderen finden auf den niederen Ästen auch gute Plätze zum Ausschauen Es
verlangt sie wohl auch zu wissen warum die Kinder mit dem Schulzeug den
verkehrten Weg einschlagen und zum Dorfe hinauswandern ja ein Rabe fliegt wie
ein Kundschafter voraus und setzt sich auf eine geköpfte Weide am Weiher Die
Kinder aber gehen still ihres Weges bis da wo sie am Weiher bei den Erlen die
Fahrstrasse erreichen sie gehen über die Straße nach einem jenseits stehenden
niedrigen Hause Das Haus ist verschlossen und die Kinder stehen an der Haustür
und klopfen leise an Das Mädchen ruft beherzt »Vater Mutter« und der Knabe
ruft zaghaft nach »Vater Mutter« Das Mädchen fasst die bereifte Türklinke und
drückt erst leise die Bretter an der Türe knittern es horcht auf aber es
folgt Nichts nach und jetzt wagt es in raschen Schlägen die Klinke auf und
nieder zu drücken aber die Töne verhallen in der öden Hausflur keine
Menschenstimme antwortet und den Mund an einen Türspalt legend ruft der Knabe
»Vater Mutter« Er schaut fragend auf zur Schwester sein Hauch an der Tür ist
auch zu Reif geworden wie er niederblickt
Aus dem nebelbedeckten Dorf tönt der Taktschlag der Drescher bald wie
rascher sich überstürzender Wirbel bald langsam und müde sich nachschleppend
bald hell knatternd und dann wieder dumpf und hohl jetzt tönen nur noch
einzelne Schläge aber rasch fällt Alles wiederum ein von da und dort Die
Kinder stehen wie verloren Endlich lassen sie ab von Klopfen und Rufen und
setzen sich auf ausgegrabene Baumstümpfe Diese liegen auf einem Haufen rings um
den Stamm des Vogelbeerbaums der an der Seite des Hauses steht und jetzt mit
seinen roten Beeren prangt Die Kinder heften den Blick noch immer auf die
Türe aber diese bleibt verschlossen
»Die hat der Vater im MoosBrunnenwald geholt« sagt das Mädchen auf die
Baumstümpfe zeigend und mit altkluger Miene setzt es hinzu »Die geben gut
warm die sind was wert da ist viel Kien drin das brennt wie eine Kerze aber
der Spalterlohn ist das Größte dabei«
»Wenn ich nur schon groß wär« erwidert der Knabe »da nähm ich des Vaters
große Axt und den buchenen Schlägel und die zwei eisernen Speidel Keile und
den eschenen und da muss Alles auseinander wie Glas und dann mach ich daraus
einen schönen spitzigen Haufen wie der Kohlenbrenner Mates im Wald und wenn der
Vater heimkommt der wird sich aber freuen« Die Schwester schien doch schon
eine dämmernde Ahnung davon zu haben dass es mit dem Warten auf Vater und Mutter
nicht geheuer sein könne denn sie sah den Bruder gar traurig an und da ihr
Blick an den Schuhen haftete sagte sie »Dann musst du auch des Vaters Stiefel
anhaben Aber komm wir wollen Bräutle lösen Und wirst sehen ich kann weiter
werfen als du«
Im Fortgehen sagte das Mädchen »Ich will dir ein Rätsel aufgeben welches
Holz macht heiß ohne dass mans verbrennt«
»Des Schullehrers Lineal wenn man Tatzen kriegt« erwiderte der Knabe
»Nein das mein ich nicht das Holz das man spaltet das macht heiß ohne
dass mans verbrennt« Und bei der Hecke stehen bleibend fragte sie »Es sitzt
auf einem Stöckchen hat ein rotes Röckchen und das Bäuchlein voll Stein was
mag das sein«
Der Knabe besann sich ganz ernstlich und rief »Halt du darfst mirs nicht
sagen was es ist Das ist ja eine Hagebutte«
Das Mädchen nickte beifällig und machte ein Gesicht als ob sie ihm das
Rätsel zum Erstenmal aufgegeben hätte während sie es doch schon oft getan
hatte und nur immer wieder aufnahm um ihn damit zu erheitern
Die Sonne hatte grade die Nebel zerteilt und das kleine Tal stand in
hellglitzernder Pracht als die Kinder nach dem Teiche gingen um flache Steine
auf dem Wasser tanzen zu machen Im Vorübergehen drückte das Mädchen nochmals an
der Hausklinke aber sie öffnete sich noch immer nicht und auch am Fenster
zeigte sich nichts Jetzt spielten die Kinder voll Jubel und Lachen am Teich und
das Mädchen schien eigentlich zufrieden dass der Bruder noch immer geschickter
war und darüber triumphirte und ganz hitzig wurde ja das Mädchen machte sich
offenbar ungeschickter als es wirklich war denn seine Steine plumpsten fast
immer beim ersten Anwurf in die Tiefe worüber es weidlich ausgelacht wurde Im
Eifer des Spiels vergaßen die Kinder ganz wo sie waren und warum sie eigentlich
dahergekommen Und doch war Beides so traurig als seltsam
In dem jetzt verschlossenen Hause wohnten noch vor Kurzem der Josenhans mit
seiner Frau und seinen beiden Kindern Amrei Anna Marie und Dami Damian Der
Vater war Holzhauer im Walde dabei aber auch anstellig zu allerlei Gewerk denn
das Haus das er in verwahrlostem Zustand erkauft hatte er noch selber verputzt
und das Dach umgedeckt und noch im Herbst wollte ers von innen frisch
ausweissen der Kalk dazu liegt schon dort in der mit rötlichem Reissig
überdeckten Grube Die Frau war eine der besten Taglöhnerinnen im Dorfe Tag und
Nacht in Leid und Freud zu Allem bei der Hand denn sie hatte ihre Kinder und
besonders die Amrei gut gewöhnt dass sie schon früh für sich selber sorgen
konnten Erwerb und haushälterische Genügsamkeit machten das Haus zu einem der
glücklichsten im Dorf Da warf eine schleichende Krankheit die Mutter nieder und
am andern Abend auch den Vater und nach wenigen Tagen trug man zwei Särge aus
dem kleinen Hause Man hatte die Kinder alsbald in das Nachbarhaus zum
Kohlenmates gebracht und sie erfuhren den Tod der Eltern erst als man sie
sonntäglich ankleidete um hinter den Leichen drein zu gehen
Der Josenhans und seine Frau hatten keine nahen Verwandten im Ort und doch
hörte man laut weinen und die Verstorbenen rühmen und der Schultheiß führte die
beiden Kinder hüben und drüben an der Hand als sie hinter den Särgen drein
gingen Noch am Grabe waren die Kinder still und harmlos ja sie waren fast
heiter wenn sie auch oft nach Vater und Mutter fragten denn sie aßen beim
Schultheiß am Tisch und Jedermann war überaus freundlich gegen sie und als sie
vom Tisch aufstanden bekamen sie noch Küchle in ein Papier gewickelt zum
Mitnehmen Als indes am Abend auf Anordnung des Gemeinderats der
Krappenzacher den Dami mitnahm und die schwarze Marann die Amrei abholte da
wollten sich die Kinder nicht trennen und weinten laut und wollten heim Der
Dami ließ sich bald durch allerlei Vorspiegelungen beschwichtigen Amrei aber
musste mit Gewalt gezwungen werden ja sie ging nicht vom Fleck und der
Grossknecht des Schulteissen trug sie endlich auf dem Arm in das Haus der
schwarzen Marann Dort fand sie zwar ihr Bett aus dem Elternhause aber sie
wollte sich nicht hineinlegen bis sie vom Weinen müde auf dem Boden einschlief
und man sie mitsammt den Kleidern ins Bett steckte Auch den Dami hörte man
beim Krappenzacher laut weinen worauf er dann jämmerlich schrie und bald darauf
ward er still Die vielverschrieene schwarze Marann bewies aber schon an diesem
ersten Abend wie still bedacht sie für ihren Pflegling war Sie hatte schon
viele viele Jahre kein Kind mehr in ihrer Umgebung gehabt und jetzt stand sie
vor dem schlafenden und sagte fast laut »Glücklicher Kinderschlaf Das weint
noch und gleich darauf im Umsehen ist es eingeschlafen ohne Dämmern ohne
Hin und Herwerfen«
Sie seufzte schwer
Am andern Morgen ging Amrei frühzeitig zu ihrem Bruder und half ihn
ankleiden und tröstete ihn über das was ihm geschehen war wenn der Vater käme
werde er den Krappenzacher schon bezahlen Dann gingen die beiden Kinder hinaus
an das elterliche Haus klopften an die Türe und weinten laut bis der
Kohlenmates der in der Nähe wohnte herzukam und die Kinder in die Schule
brachte Er bat den Lehrer den Kindern zu erklären dass ihre Eltern tot seien
er selber wisse ihnen das nicht deutlich zu machen und besonders die Amrei
scheine es gar nicht begreifen zu wollen Der Lehrer tat sein Mögliches und die
Kinder waren ruhig Aber von der Schule gingen sie doch wieder nach dem
Elternhaus und warteten dort hungernd wie verirrt bis man sie abholte
Das Haus des Josenhans musste der Hypotekengläubiger wieder an sich ziehen
die Anzahlung die der Verstorbene darauf gemacht ging verloren denn durch die
Auswanderungen ist namentlich der Häuserwert beispiellos gesunken es stehen
viele Häuser im Dorfe leer und so blieb auch das Haus des Josenhans unbewohnt
Alle fahrende Habe war verkauft und daraus ein kleines Erbe für die Kinder
erlöst worden das reichte aber bei weitem nicht aus das Kostgeld für sie zu
erschwingen sie waren Kinder der Gemeinde und darum brachte man sie unter bei
denen die sie am billigsten nahmen
Amrei verkündete eines Tages ihrem Bruder mit Jubel sie wisse jetzt wo die
Kukuksuhr der Eltern sei der Kohlenmates habe sie gekauft und noch am Abend
standen die Kinder draußen am Hause und warteten bis der Kukuk rief dann
lachten sie einander an
Und jeden Morgen gingen die Kinder nach dem elterlichen Haus klopften an
und spielten dort am Weiher wie wir sie heute sehen Aber jetzt horchen sie
auf das ist ein Ruf den man in dieser Jahreszeit sonst nicht hört denn der
Kukuk beim Kohlenmates ruft achtmal
»Wir müssen in die Schule« sagte Amrei und wanderte mit ihrem Bruder rasch
wiederum den Gartenweg hinein in das Dorf An der hinteren Scheuer des
Rodelbauern sagte Dami »Bei unserm Pfleger haben sie heute schon viel
gedroschen« Er deutete dabei auf die Wieden der abgedroschenen Garben die wie
Merkzeichen über dem Halbtore der Scheuer hingen Amrei nickte still
2 Die ferne Seele
Der Rodelbauer dessen Haus mit dem rotangestrichenen Gebälk und einem frommen
Spruch in großer Herzform nicht weit vom Hause des Josenhans stand hatte sich
vom Gemeinderat zum Pfleger der verwaisten Kinder ernennen lassen Er weigerte
das um so weniger da Josenhans vordem als Anderknecht bei ihm gedient hatte
Seine Pflegschaft bestand aber in weiter nichts als dass er die unverkauften
Kleider des Vaters aufbewahrte und manchmal wenn er Einem der Kinder begegnete
im Vorübergehen fragte »bist brav« und ohne die Antwort abzuwarten weiter
schritt Dennoch war in den Kindern ein seltsamer Stolz da sie erfuhren dass
der Grossbauer ihr Pfleger sei sie kamen sich dadurch als etwas ganz Besonderes
fast Fürnehmes vor Sie standen oft abseits bei dem großen Hause und schauten
verlangend hinauf als erwarteten sie Etwas und wussten nicht was und bei den
Eggen und Pflügen neben der Scheune saßen die Kinder oft und lasen immer wieder
den Bibelspruch am Hause Das Haus redete doch mit ihnen wenn auch sonst
Niemand daraus
Es war am Sonntag vor Allerseelen als die Kinder wiederum vor dem
verschlossenen Elternhaus spielten sie waren wie an den Ort gebannt da kam
die Landfriedbäuerin den Hochdorfer Weg herein sie trug einen großen roten
Regenschirm unterm Arm und ein schwarzes Gesangbuch in der Hand Sie machte den
letzten Besuch in ihrem Geburtsorte denn schon gestern hatte der Knecht auf
einem vierspännigen Wagen den gesammten Hausrat zum Dorf hinausgefahren und
morgen in der Frühe wollte sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf das
neuerkaufte Gut im fernen Allgäu ziehen Schon von weitem bei der Hanfbreche
nickte die Landfriedbäuerin den Kindern zu denn Kinder sind ein guter »Angang«
so nennt man die erste Begegnung aber die Kinder konnten nichts davon sehen
so wenig als von den wehmutsvollen Mienen der Bäuerin Als sie jetzt bei den
Kindern stand sagte sie »Grüß Gott Kinder Was tut denn ihr schon da Wem
gehört ihr«
»Da dem Josenhans« antwortete Amrei auf das Haus deutend
»O ihr armen Kinder« rief die Bäuerin die Hände zusammenschlagend »dich
hätt ich kennen sollen Mädle grad so hat deine Mutter ausgesehen wie sie mit
mir in die Schul gegangen ist Wir sind gute Kamrädinnen gewesen und euer Vater
hat ja bei meinem Vetter dem Rodelbauer gedient Ich weiß Alles von euch Aber
sag Amrei warum hast du keine Schuhe an Du kannst ja krank werden bei dem
Wetter Sag der Marann die Landfriedbäuerin von Hochdorf ließe ihr sagen es
sei nicht brav dass sie dich so herum laufen lässt Nein brauchst Nichts sagen
ich will schon selber mit ihr reden Aber Amrei du musst jetzt groß und
gescheidt sein und selber auf dich Acht geben Denk daran wenn das deine
Mutter wüsst dass du in solcher Jahreszeit so barfuß herumlaufst« Das Kind
schaute die Bäuerin groß an als wollte es sagen weiß denn die Mutter Nichts
davon Die Bäuerin aber fuhr fort »Das ist noch das Aergste dass ihr nicht
einmal wissen könnt was für rechtschaffene Eltern ihr gehabt drum müssens
euch ältere Leute sagen Denket daran dass ihr euren Eltern erst die rechte
Seligkeit gebt wenn sie im Himmel droben hören wie hier unten die Menschen
sagen des Josenhansen Kinder die sind die Probe von allem Guten da sieht man
recht deutlich den Segen der rechtschaffenen Eltern«
Rasche Tränen rannen bei diesen letzten Worten der Bäuerin von den Wangen
Die schmerzliche Rührung in ihrer Seele die noch einen ganz andern Grund hatte
brach jetzt bei diesen Gedanken und Worten unaufhaltsam hervor und Eigenes und
Fremdes floss ineinander Sie legte ihre Hand auf das Haupt des Mädchens das im
Anblick der weinenden Frau auch heftig zu weinen begann es mochte fühlen wie
sich eine gute Seele ihm zuwendete und eine dämmernde Ahnung dass es wirklich
seine Eltern verloren begann ihm aufzugehen
Das Angesicht der Frau aber leuchtete plötzlich auf Sie richtete das Auge
in dem noch Tränen hingen zum Himmel auf und sagte »Guter Gott das schickst
Du mir« Dann fuhr sie zu dem Kind gewendet fort »Horch ich will dich
mitnehmen Meine Lisbeth ist mir in deinem Alter genommen worden Sag willst du
mit mir ins Allgäu gehen und bei mir bleiben«
»Ja« sagte Amrei entschlossen
Da fühlte sie sich von hinten angefasst und geschlagen
»Du darfst nicht« rief Dami der sie umfasste und sein ganzes Wesen
zitterte
»Sei stet« beruhigte Amrei »die gute Frau nimmt dich ja auch mit Nicht
wahr mein Dami geht auch mit uns«
»Nein Kind das geht nicht ich hab Buben genug«
»Dann bleib ich auch da« sagte Amrei und fasste ihren Bruder an der Hand
Die fremde Frau war in sich zusammengeschauert und jetzt sah sie mit einer
Art von Erleichterung auf das Kind In überwallender Empfindung vom reinsten
Zuge des Wohltuns erfasst hatte sie eine Tat und eine Verpflichtung auf sich
nehmen wollen deren Schwere und Bedeutung sie nicht sattsam überlegt hatte und
namentlich wie ihr Mann ohne vorher gefragt zu sein das aufnehmen werde Als
jetzt das Kind selber sich weigerte trat eine Ernüchterung ein und ihr ward
Alles rasch klar darum ging sie mit einer gewissen Erleichterung schnell auf
die Abwehr ihres Unternehmens ein Sie hatte ihrem Herzen genügt indem sie die
Tat tun wollte und jetzt da sich Hindernisse entgegenstellten hatte sie
eine eigene Art von Befriedigung dass die Tat unterblieb ohne dass sie selbst
ihr Wort zurücknahm
»Wie du willst« sagte die Bäuerin »Ich will dich nicht überreden Wer
weiß vielleicht ist es auch besser so dass du zuerst groß wirst In der Jugend
Not ertragen lernen das tut gut das Bessere nimmt sich leicht an wer noch
etwas Rechtes geworden ist hat in der Jugend Schweres erfahren müssen Sei nur
brav Aber das behalt im Andenken dass du allzeit wenn du brav bist um deiner
Eltern willen eine Unterkunft bei mir haben sollst so lang mir Gott das Leben
lässt Denk daran dass du nicht verlassen bist auf der Welt wenn dirs übel
geht Merk dir nur die Landfriedbäuerin in Zusmarshofen im Allgäu Und noch
Eins Sag im Dorf nichts davon dass ich dich hab annehmen wollen es ist auch
wegen der Leute sie werden dirs übel nehmen dass du nicht mitgegangen bist
Aber es ist schon gut so Wart ich will dir noch was geben dass du an mich
denkst« Sie suchte in den Taschen aber plötzlich fuhr sie sich an den Hals und
sagte »Nein nimm nur das« Sie hauchte sich mehrmals in die steifen Finger
bis sie es zu Stande brachte denn sie nestelte eine fünfreihige Granatschnur
daran ein gehenkelter SchwedenDukaten hing vom Halse und schlang das
Geschmeide um den Hals des Kindes wobei sie es küsste Amrei sah wie verzaubert
drein unter all diesen Hantierungen »Für dich hab ich leider Nichts« sagte
die Frau zu Dami der eine Gerte die er in der Hand hielt in immer kleinere
Stücke zerbrach »aber ich schicke dir ein Paar lederne Hosen von meinem
Johannes sie sind noch ganz gut Du kannst sie tragen wenn du größer bist
Jetzt bhüt euch Gott ihr lieben Kinder Wenns möglich ist komme ich noch zu
dir Amrei Schicke mir nach der Kirche jedenfalls die Marann Bleibet brav und
betet fleißig für eure Eltern in der Ewigkeit und vergesset nicht dass ihr im
Himmel und auf Erden noch Annehmer habt«
Die Bäuerin die zum behenden Gang ihren Oberrock in Zwickel aufgesteckt
hatte ließ ihn jetzt beim Eingange des Dorfes herab und mit raschen Schritten
ging sie das Dorf hinein und wendete sich nicht mehr um
Amrei fasste sich an den Hals beugte das Gesicht nieder und wollte immer die
Denkmünze betrachten aber es gelang ihr nicht ganz Dami kaute an dem letzten
Stück seiner Gerte und als ihn jetzt die Schwester betrachtete und Tränen in
seinen Augen sah sagte sie
»Wirst sehen du kriegst das schönste Paar Hosen im Dorf«
»Und ich nehm sie nicht« sagte Dami und spie dabei ein Stück Holz aus
»Ich will ihr schon sagen dass sie dir auch ein Messer kaufen muss Ich
bleib heut den ganzen Tag daheim sie kommt ja noch zu uns«
»Ja wenn sie schon da wär« entgegnete Dami ohne zu wissen was er sagte
nur sein Zorn und das Gefühl der Zurücksetzung hatte ihm diesen misstrauischen
Vorwurf eingegeben
Es läutete schon zum Erstenmal die Kinder eilten ins Dorf zurück Amrei
übergab mit kurzem Bericht den neugewonnenen Schmuck der Marann und diese
sagte
»Du bist ja ein Glückskind Ich will dirs gut aufheben Jetzt hurtig in die
Kirche«
Während des Gottesdienstes sahen die beiden Kinder immer nach der
Landfriedbäuerin und beim Ausgang warteten sie an der Tür aber die vornehme
Bäuerin war von so vielen Menschen umringt die alle in sie hineinredeten dass
sie sich immer im Kreise drehen musste um bald da bald dort zu antworten Für
den wartenden Blick der Kinder und deren ständiges Nicken fand sie keine
Aufmerksamkeit
Die Landfriedbäuerin hatte das jüngste Töchterchen des Rodelbauern die
Rosel an der Hand sie war um ein Jahr älter als Amrei und diese stieß in der
Entfernung immer vor sich hin als müsste sie die Zudringliche die ihren Platz
einnahm wegdrängen Oder hatte die vornehme Bäuerin nur ein Auge für Amrei
draußen beim letzten Haus in der Einsamkeit aber mitten unter den Menschen
kannte sie sie nicht Gelten da nur die Kinder reicher Leute die Kinder der
Verwandten Amrei erschrak als sie diesen leise sich regenden Gedanken
plötzlich laut hörte denn Dami sprach ihn aus aber während sie mit dem Bruder
in ziemlicher Entfernung dem großen Trupp folgte der die Landfriedbäuerin
umgab suchte sie den bösen Gedanken dem Bruder und wohl damit auch sich
auszureden Die Landfriedbäuerin verschwand endlich im Hause des Rodelbauern und
die Kinder kehrten still zurück bis Dami plötzlich sagte
»Wenn sie zu dir kommt sag nur auch dass sie auch zum Krappenzacher gehen
muss und ihm sagen dass er gut gegen mich sein soll«
Amrei nickte und die Kinder trennten sich ein Jedes ging nach dem Hause wo
es eine Unterkunft gefunden hatte
Die Nebel die sich am Morgen verzogen hatten kamen am Mittag als voller
Regenguss hernieder
Der große rote Regenschirm der Landfriedbäuerin bewegte sich aufgespannt
hin und her im Dorf und man sah kaum die Gestalt die darunter war Die schwarze
Marann hatte die Landfriedbäuerin nicht getroffen und sagte bei der Heimkunft
»Sie kann ja auch zu mir kommen ich will Nichts von ihr« Die beiden Kinder
wanderten wieder hinaus nach dem elterlichen Haus und saßen dort
zusammengekauert auf der Türschwelle und redeten fast kein Wort Wieder
schienen sie zu ahnen dass die Eltern doch nicht wieder kämen und Dami wollte
zählen wie viel Tropfen von der Dachtraufe fielen aber es ging ihm allzuschnell
und er machte sichs leicht und schrie auf Einmal »Tausend Millionen«
»Da muss sie vorbei wenn sie heimgeht« sagte Amrei »und da rufen wir sie
schrei nur auch recht mit und dann wollen wir schon weiter mit ihr reden« So
sagte Amrei denn die Kinder warteten hier noch auf die Landfriedbäuerin
Es klatschte eine Peitsche im Dorf Man hörte jenes nachspritzende
Pferdegetrapp im aufgeweichten Wege und ein Wagen rollte herbei
»Wirst sehen der Vater und die Mutter kommen in einer Kutsche und holen
uns« rief Dami
Amrei schaute traurig nach ihrem Bruder um und sagte »Schwätz nicht so
viel« Als sie sich umwendete war der Wagen ganz nahe es winkte Jemand von
demselben unter einem roten Regenschirm hervor und fort rollte das Gefährte
und nur der Spitz des Kohlenmates bellte ihm eine Weile nach und tat als
wollte er mit seinen Zähnen die Speichen aufhalten aber am Weiher kehrte er
wieder zurück bellte noch einmal hinaus unter der Haustüre und schlüpfte dann
hinein ins Haus
»Haidi fort ist sie« sagte Dami wie triumphierend es war ja die
Landfriedbäuerin »Hast des Rodelbauern Rappen nicht gekannt Die haben sie
davon geführt Vergiss meine ledernen Hosen nicht« schrie er noch laut mit aller
Kraft seiner Stimme obgleich der Wagen bereits im Tale verschwunden war und
jetzt schon die kleine Anhöhe am Holderwasen hinaufkroch
Die Kinder kehrten still ins Dorf zurück
3 Vom Baum am Elternhause
Am Tage vor Allerseelen sagte die schwarze Marann zu den Kindern
»Jetzt holt ordentlich Vogelbeeren morgen brauchen wir sie auf dem
Kirchhof«
»Ich weiß wo ich kann holen« sagte Dami mit einer wahrhaft gierigen Freude
und rannte zum Dorf hinaus dass ihn Amrei kaum erreichen konnte Als sie am
elterlichen Hause ankam war er schon oben auf dem Baum und neckte sie stolz
sie solle auch heraufkommen weil er wusste dass sie das nicht könne Er pflückte
nun die roten Beeren und warf sie hinab in die Schürze der Schwester Sie bat
ihn er möge auch die Stiele mit abpflücken sie wolle einen Kranz machen Er
sagte »Das tu ich nicht« Und doch kam fortan keine Beere ohne Stiel mehr
herunter
»Horch wie die Spatzen schelten« rief Dami vom Baume »die ärgern sich dass
ich ihnen ihr Futter wegnehme« Und als er endlich Alles abgepflückt hatte
sagte er »Ich gehe nicht mehr herunter ich bleib da oben Tag und Nacht bis
ich tot herunter falle und komme gar nicht mehr zu dir wenn du mir nicht was
versprichst«
»Was denn«
»Dass du deinen Anhenker von der Landfriedbäuerin nie trägst so lange ichs
sehe versprichst du mir das«
»Nein«
»So komm ich nicht mehr herunter«
»Meinetwegen« sagte Amrei und ging mit den Vogelbeeren davon Sie setzte
sich aber nicht weit entfernt hinter einen Holzstoss wand einen Kranz und
schielte dabei immer hinaus ob Dami nicht endlich käme Sie setzte sich den
Kranz auf und plötzlich überfiel sie eine unnennbare Angst wegen Dami Sie
rannte zurück Dami saß rittlings auf einem Ast an den Stamm zurückgelehnt und
die Arme übereinander geschlagen
»Komm herunter ich verspreche dir was du willst« rief Amrei und in einem
Nu war Dami bei ihr auf dem Boden
Zu Hause schalt die schwarze Marann über das alberne Kind das sich aus den
Beeren die man zum Grabe der Eltern brauche einen Kranz gemacht habe Sie
zerriss denselben schnell und sprach dabei einige unverständliche Worte dann
nahm sie beide Kinder an der Hand und führte sie hinaus nach dem Kirchhof Wo
zwei Erdhaufen nahe an einander waren sagte sie
»Da sind Eure Eltern« Die Kinder sahen sich staunend an Die Marann machte
nun mit einem Stock Furchen in Kreuzesform auf den Gräbern und wies die Kinder
an die Beeren da hinein zu stecken Dami war behend dabei und triumphirte da
er mit seinem roten Kreuze früher fertig war als die Schwester Amrei schaute
ihn nur groß an und erwiderte Nichts und erst als Dami sagte »Das wird den
Vater freuen« schlug sie ihn hinterrücks und rief »Sei still« Dami weinte
vielleicht ärger als es ihm ernst war da rief Amrei laut »Um Gotteswillen
verzeih mir verzeih mir dass ich dir das getan hab Hier da verspreche ich
dir ich will dir mein Lebenlang Alles tun was ich kann und Alles geben was
ich hab gelt Dami ich hab dir nicht weh getan Kannst dich drauf verlassen
es geschieht nie mehr so lang ich lebe nie mehr nie O Mutter o Vater ich
will brav sein ich versprechs euch o Mutter o Vater« Sie konnte nicht
weiter reden aber sie weinte nicht laut nur sah man es gab ihr einen Herzstoss
nach dem andern und erst als die schwarze Marann laut weinte weinte Amrei mit
ihr
Sie gingen heim und als Dami »gute Nacht« sagte raunte ihm Amrei leise ins
Ohr
»Jetzt weiß ichs wir sehen unsere Eltern nie mehr auf dieser Welt« aber
noch in dieser Mitteilung lag eine gewisse kindische Freude ein Kinderstolz
der sich damit brüstet Etwas zu wissen und doch war in der Seele dieses Kindes
Etwas aufgetaucht vom Bewusstsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges
mit dem Leben das sich auftut im Gedanken der Elternlosigkeit
Wenn der Tod die Lippen geschlossen die dich Kind nennen mussten ist dir
ein Lebensatem verschwunden der nimmer wiederkehrt
Noch als die schwarze Marann bei Amrei am Bette saß sagte diese »Ich
mein ich fall und fall jetzt immerfort lasset mir nur Eure Hand« und sie
hielt die Hand fest und begann zu schlummern aber so oft die schwarze Marann
ihre Hand zurückziehen wollte haschte sie wieder danach Die Marann verstand
was das Gefühl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte das ist ja
beim Innewerden vom Tode der Eltern als schwebte man im Wurfe man weiß nicht
woher und weiß nicht wohin
Erst spät gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann das Bett des Kindes
verlassen nachdem sie ihre gewohnten zwölf Vaterunser wer weiß zum wievielten
mal wiederholt hatte
Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes Es hatte die
eine Hand auf die Brust gelegt und die schwarze Marann hob sie ihm leise weg
und sagte halblaut vor sich hin
»Wenn nur immer ein Auge das über dich wacht und eine Hand die dir helfen
will dir so wie jetzt im Schlaf ohne dass du es weißt die Schwere vom Herzen
nehmen könnte Das kann aber kein Mensch das kann nur Er Tu du meinem
Kind in der Fremde was ich diesem da tue«
Die schwarze Marann war eine »geschiechene« Frau dh die Leute fürchteten
sich fast vor ihr so herb erschien sie in ihrem Wesen Sie hatte vor bald
achtzehn Jahren ihren Mann verloren der bei einem räuberischen Anfall den er
mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte erschossen worden war Die Marann
trug ein Kind unter dem Herzen als die Leiche ihres Mannes mit dem
schwarzberussten Gesicht ins Dorf gebracht wurde aber sie fasste sich und wusch
dem Toten das Gesicht rein als könnte sie damit auch seine schwarze Schuld
abwaschen Drei Töchter starben ihr und nur das Kind das sie damals unter dem
Herzen getragen war noch am Leben Es war ein schmucker Bursch geworden wenn
auch mit seltsam schwärzlichem Gesicht und er war jetzt als Maurergesell in der
Fremde Denn von der Zeit Brosis her und namentlich seit dessen Sohn Severin
sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinaufgearbeitet hatte sich
ein großer Teil des Nachwuchses in Haldenbrunn dem Maurerhandwerk gewidmet
Unter den Kindern war allezeit von Severin die Rede wie von dem Prinzen im
Märchen So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann trotz deren
Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft und sie die ihr
Lebenlang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte hinaus
zu kommen sagte manchmal sie komme sich vor wie eine Henne die eine Ente
ausgebrütet aber sie gluckste fast immer in sich hinein
Man sollte es kaum glauben dass die schwarze Marann eine der heitersten
Personen im Dorf war man sah sie nie traurig sie gönnte es den Menschen nicht
dass sie Mitleid mit ihr haben sollten Und darum war sie ihnen unheimlich Sie
war im Winter die fleissigste Spinnerin im Dorf und im Sommer die emsigste
Holzsammlerin so dass sie noch einen guten Teil davon verkaufen konnte und
»mein Johannes« so hieß ihr noch lebender Sohn »mein Johannes« hörte man in
jeder ihrer Reden Die kleine Amrei hatte sie wie sie sagte nicht aus
Gutmütigkeit zu sich genommen sondern nur weil sie ein lebendiges Wesen um
sich haben wollte Sie tat gern recht rau vor den Leuten und war stolz darauf
vor sich selber besser zu sein als sie dafür galt
Der gerade Gegensatz zu ihr war der Krappenzacher bei dem Dami ein
Unterkommen gefunden der stellte sich draußen vor der Welt gern als der
gutmütigste Allesverschenker im Geheimen aber knuffte und misshandelte er seine
Angehörigen und besonders den Dami für den er nur ein geringes Kostgeld
erhielt Er hieß eigentlich Zacharias und hatte seinen Spitznamen davon weil er
einst seiner Frau ein Paar fein hergerichtete Tauben als Braten heimgebracht
hatte es waren dies aber ein Paar gerupfte Raben hier zu Lande Krappen
genannt Der Krappenzacher der einen Stelzfuss hatte verbrachte seine meiste
Zeit damit dass er wollene Strümpfe und Jacken strickte und so saß er mit
seinem Strickzeuge überall im Dorfe herum wo es was zu plaudern gab und dieses
Geplauder bei dem er allerlei hörte diente ihm zu sehr einträglichen
Nebengeschäften Er war der sogenannte Heiratsmacher in der Gegend denn
namentlich da wo sich noch die großen geschlossenen Güter finden geschehen die
Heiraten in der Regel durch Vermittler die die entsprechenden
Vermögensverhältnisse genau auskundschaften und Alles vorher bestimmen Und wenn
dann eine solche Heirat zu Stande gebracht war spielte der Krappenzacher noch
bei der Hochzeit die Geige auf denn darin war er ein landeskundiger Meister Er
verstand aber auch die Klarinette und das Horn zu blasen wenn ihm die Hände vom
Geigen müde waren Er war eben ein Allerweltsmensch
Das weinerliche und empfindliche Wesen Damis war dem Krappenzacher höchlich
zuwider und er wollte es ihm damit austreiben dass er ihn recht viel weinen
machte und ihn neckte wo er nur konnte
So waren die beiden Stämmchen aus demselben Boden erwachsen in
verschiedenes Erdreich verpflanzt Standort und Bodensaft und die eigene Natur
die sie in sich trugen ließ sie verschiedenartig gedeihen
4 Tu dich auf
Am Allerseelentag er war trübe und neblig waren die Kinder mitten unter den
Versammelten auf dem Kirchhof Der Krappenzacher hatte Dami an der Hand dahin
geführt Amrei aber war allein gekommen ohne die schwarze Marann und Viele
schimpften über die harterzige Frau und einige trafen einen Teil der
Wahrheit indem sie sagten die Marann wolle nichts von dem Besuchen der
Gräber weil sie nicht wisse wo das Grab ihres Mannes sei Amrei war still und
vergoss keine Träne während Dami bei den mitleidigen Reden der Menschen
jämmerlich weinte freilich auch wenn ihn der Krappenzacher mehrmals heimlich
geknufft und gezwickt hatte Amrei starrte eine Zeitlang träumerisch vergessen
hinein in die Lichter zu Häupten der Gräber und sah staunend wie die Flamme das
Wachs auffrisst der Docht immer mehr verkohlt bis endlich das Licht ganz
herabgebrannt ist
Unter den Versammelten bewegte sich auch ein Mann in vornehmer städtischer
Kleidung mit einem Band im Knopfloch es war der Oberbaurat Severin der auf
einer Inspectionsreise begriffen hier das Grab seiner Eltern Brosi und Moni
besuchte Seine Geschwister und deren Angehörigen umgaben ihn stets mit einer
gewissen Ehrerbietung und die Andacht war fast ganz abgelenkt und auf diesen
Vornehmen alle Aufmerksamkeit gerichtet
Auch Amrei betrachtete ihn und fragte den Krappenzacher »Ist das ein
Hochzeiter«
»Warum«
»Weil er ein Bändel im Knopfloch hat«
Statt aller Antwort hatte der Krappenzacher nichts Eiligeres zu tun als
auf eine Gruppe loszugehen und zu sagen welch eine dumme Rede da das Kind
getan habe Und mitten unter den Gräbern erscholl lautes Gelächter über solche
Albernheit Nur die Rodelbäuerin sagte »Ich finde das gar nicht so hirnlos
Wenns auch ein Ehrenzeichen ist was der Severin hat es bleibt doch
wunderlich da auf dem Kirchhof mit einer Auszeichnung herumzulaufen da wo
sich zeigt was aus uns Allen wird habe man im Leben Kleider von Seide oder von
Zwillich angehabt Es hat mich schon verdrossen dass er damit in der Kirche war
so Etwas muss man abtun ehe man in die Kirche geht um wie viel mehr auf dem
Kirchhof«
Die Kunde von der Frage der kleinen Amrei musste doch auch bis zu Severin
gedrungen sein denn man sah ihn hastig seinen Oberrock zuknöpfen und dabei
nickte er nach dem Kinde hin Jetzt hörte man ihn fragen wer das sei und kaum
hatte er die Antwort vernommen als er auf die beiden Kinder an den frischen
Gräbern zueilte und zu Amrei sagte »Komm her Kind mach deine Hand auf hier
schenke ich dir einen Dukaten davon schaffe dir an was du brauchst«
Das Kind starrte drein und antwortete nicht Und kaum hatte Severin den
Rücken gewendet als es ihm halblaut nachrief »Ich nehm nichts geschenkt« und
ihm dabei den Dukaten nachschleuderte Viele die das gesehen hatten kamen auf
Amrei zu und schimpften auf sie hinein und eben als sie daran waren sie zu
misshandeln wurde sie wiederum von der Rodelbäuerin die sie schon einmal mit
Worten beschützt hatte vor den rohen Händen gerettet Auch sie verlangte indes
dass Amrei wenigstens Severin nacheile und ihm danke doch Amrei gab auf
keinerlei Rede eine Antwort sie blieb starr so dass auch ihre Beschützerin von
ihr abliess Nur mit großer Mühe fand man den Dukaten wieder und ein
Gemeinderat der zugegen war nahm ihn sogleich in Verwahrung um ihn dem
Pfleger der Kinder zu übergeben
Dieses Ereignis brachte der kleinen Amrei einen seltsamen Ruf im Dorf Man
sagte sie sei doch erst wenige Tage bei der schwarzen Marann und habe schon
ganz deren Art und Weise Man fand es unerhört dass ein Kind aus solcher
Armutei einen solchen Stolz haben könne und indem man ihr diesen Stolz auf
allen Wegen und Stegen vorwarf ward sie dessen erst recht inne und in der
jungen Kinderseele regte sich ein Trotz ihn nur desto mehr zu bewahren Die
schwarze Marann tat auch das Ihre um solche Stimmung zu befestigen denn sie
sagte »Es kann einem Armen kein größeres Glück geschehen als wenn man es für
stolz hält dadurch ist man davor bewahrt dass Jedes auf einem herumtrampelt und
noch verlangt dass man sich dafür bedanke«
Im Winter war Amrei sehr viel bei dem Krappenzacher und hörte ihn besonders
gern geigen Ja der Krappenzacher sagte ihr einmal das große Lob »Du bist nicht
dumm« denn Amrei hatte nach einem langen Geigenspiel bemerkt »Was doch so eine
Geige den Atem so lang anhalten kann das kann ich nicht« Und wenn daheim in
stillen Winternächten die schwarze Marann funkelnde und schauererregende
Zaubergeschichten erzählte da horchte Amrei mit offenem Munde und mehrmals rief
sie die Alte zurückhaltend »O Marann haltet ein ich muss wieder schnaufen«
Niemand achtete sehr auf Amrei und diese konnte träumen wie es ihr in den
Sinn kam und nur der Lehrer sagte einmal in der Gemeinderatssitzung solch ein
Kind sei ihm noch nicht vorgekommen es sei trotzig und nachgiebig träumerisch
und wachsam In der Tat bildete sich schon früh bei allem kindischen
Selbstvergessen ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit eine Wehrhaftigkeit im
Gegensatze zur Welt zu ihrer Güte und Bosheit in der kleinen Amrei aus während
Dami bei allen kleinen Anlässen weinend zur Schwester kam und ihr klagte Er
hatte immer Mitleid mit sich selber und wenn er in Raufhändel von Spielgenossen
niedergeworfen wurde klagte er »Ja weil ich ein Waisenkind bin schlagen sie
mich O wenn das mein Vater meine Mutter wüsste« Und dann weinte er doppelt
über die erfahrene Unbill Dami ließ sich von allen Menschen zu essen schenken
und wurde dadurch gefrässig während Amrei mit Wenigem vorlieb nahm und sich
dadurch äußerst mäßig gewöhnte Selbst die wildesten Buben fürchteten Amrei
ohne dass man wusste woran sie ihre Kraft bewiesen hatte während Dami vor ganz
kleinen Jungen davon lief In der Schule war Dami stets spielerisch er bewegte
die Füße und bog mit der Hand die Ecken der Blätter um während er las Amrei
dagegen war stets zierlich und gewandt aber sie weinte oft in der Schule nicht
wegen der Strafen die sie selbst bekam sondern so oft Dami gestraft wurde
Am meisten konnte Amrei den Dami vergnügen wenn sie ihm Rätsel schenkte
Noch immer saßen die beiden Kinder viel am Hause ihres reichen Pflegers bald
bei den Wagen bald beim Backofen hinter dem Haus an dem sie sich von außen
wärmten besonders im Herbste Und Amrei fragte »Was ist das Beste am
Backofen«
»Du weißt ja ich kann nichts erraten« erwiderte Dami klagend
»So will ich dirs sagen Das Beste am Backofen ist dass er das Brod nicht
selber frisst« Und auf den Wagen vor dem Hause deutend fragte Amrei »Was ist
lauter Loch und hält doch«
Ohne lange auf Antwort zu warten setzte sie gleich hinzu »Das ist die
Kette«
»Jetzt diese Rätsel schenkst du mir« sagte Dami und Amrei erwiderte »Ja
du darfst sie aufgeben Aber siehst du dort die Schafe kommen Jetzt weiß ich
noch ein Rätsel«
»Nein« rief Dami »nein ich kann nicht drei behalten ich hab genug an
zweien«
»Nein das musst noch hören sonst nehm ich die andern wieder« Und Dami
sagte ängstlich in sich hinein um es ja nicht zu vergessen »Kette
Selberfressen« während Amrei fragte »Auf welcher Seite haben die Schafe die
meiste Wolle Mäh Mäh auf der auswendigen« setzte sie sogleich mit
scherzendem Gesang hinzu und Dami sprang davon um seinen Kameraden die Rätsel
aufzugeben Er hielt beide Hände fest zu Fäusten zusammengepresst als hätte er
darin die Rätsel und wolle sie nicht verlieren Als er aber bei den Kameraden
ankam wusste er doch nur noch das von der Kette und des Rodelbauern Aeltester
den er gar nicht gefragt hatte und der viel zu groß dazu war sagte schnell die
Auflösung und Dami kam wieder weinend zur Schwester zurück
Die Rätselkunst der kleinen Amrei blieb aber nicht lange verborgen im Dorf
und selbst reiche ernsthafte Bauern die sonst mit Niemand am wenigsten mit
einem armen Kind viel Worte machen ließ sich herbei da und dort der kleinen
Amrei ein Rätsel aufzugeben Dass sie selber viele dergleichen wusste das konnte
sie von der schwarzen Marann haben aber dass sie neugesetzte so oft zu
beantworten verstand das erregte allgemeine Verwunderung Amrei hätte nicht
mehr unaufgehalten über die Straße oder aufs Feld gehen können wenn sie nicht
bald ein Mittel dagegen gefunden hätte Sie stellte als Gesetz fest dass sie
Niemand ein Rätsel löse dem sie nicht auch eins aufgeben dürfe Sie aber wusste
solche zu drechseln dass man wie gebannt war Noch nie war im Dorf einem armen
Kinde so viel Beachtung zugewendet worden als der kleinen Amrei Aber je mehr
sie heran wuchs um so weniger Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt denn die
Menschen betrachten nur die Blüten und die Früchte mit teilnehmendem Auge
nicht aber jenen langen Übergang wo das Eine zum Andern wird
Amrei ging in ihr vierzehntes Jahr und war aus der Schule entlassen worden
Die Ermahnungen die dabei an sie gerichtet wurden machten nur wenig Eindruck
Das Verhalten der Selbstverantwortlichkeit das sonst das Kinderherz so mächtig
und rätselvoll bewegt war ihr nicht neu sie war von früh an darauf
hingewiesen Und jetzt eben in diesen Tagen gab ihr das Schicksal ein Rätsel
auf das schwer zu lösen war
Die Kinder hatten einen Ohm der sieben Stunden von Haldenbrunn in Fluorn
Holzhauer war sie hatten ihn nur Einmal gesehen bei dem Begräbnis der Eltern
er ging hinter dem Schultheiß der die Kinder an der Hand führte Seitdem
träumten die Kinder viel von dem Ohm in Fluorn Man sagte ihnen oft er sähe dem
Vater ähnlich und nun waren sie noch begieriger ihn zu sehen Denn wenn sie
auch noch manchmal glaubten Vater und Mutter müssten plötzlich kommen es könne
ja gar nicht sein dass sie nicht mehr da wären so gewöhnten sie sich doch nach
und nach daran die Hoffnung aufzugeben und das um so mehr je öfter der
Allerseelentag wiedergekehrt war zu dem sie das Grab der Eltern mit Vogelbeeren
besteckten und nachdem sie schon lange auf ein und demselben schwarzen Kreuze
den Namen der Eltern lesen konnten Aber auch den Ohm in Fluorn vergaßen sie
endlich fast ganz denn sie hörten viele Jahre nichts von ihm Da wurden die
beiden Kinder eines Tages in das Haus ihres Pflegers gerufen Dort saß ein Mann
groß und lang und mit braunem Gesicht
»Kommet her Kinder« rief der Mann den Eintretenden zu Er hatte eine
raue trockene Stimme »Kennet ihr mich nicht mehr«
Die Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen an Erwachte in ihnen eine
Erinnerung an den Klang der väterlichen Stimme
Der Mann fuhr fort »Ich bin ja eures Vaters Bruder Komm her Lisbeth Und
auch du Dami«
»Ich heiße nicht Lisbeth Ich heiße Amrei« sagte das Mädchen und weinte Es
gab dem Ohm keine Hand Ein Gefühl der Verfremdung machte es zittern weil der
Ohm es bei falschem Namen genannt
»Wenn Ihr mein Ohm seid warum wisst Ihr denn nicht mehr wie ich heiße«
fragte Amrei nochmals
»Du bist ein dummes Kind gleich gehst du hin und gibst ihm die Hand«
herrschte der Rodelbauer und setzte dann zu dem Fremden halblaut hinzu »Es ist
ein unebenes Kind Die schwarze Marann hat ihm allerlei Wunderliches in den
Kopf gesetzt und du weißt ja es ist nicht geheuer bei ihr«
Amrei schaute sich verwundert um und gab dem Ohm zitternd die Hand Dami
hatte das schon früher getan und fragte jetzt »Ohm hast du uns auch was
mitgebracht«
»Hab nicht viel zum Mitbringen ich bring euch selber mit ihr geht mit
mir Weißt du Amrei dass das gar nicht brav ist dass du deinen Ohm nicht gern
hast Du hast ja sonst Niemand auf der Welt Wen hast du denn sonst noch Komm
besser her da setz dich neben mich noch näher Siehst du dein Dami der ist
viel gescheiter Er sieht auch mehr in unsere Familie aber du gehörst doch auch
zu uns«
Eine Magd kam und brachte viele Mannskleider und legte sie auf den Tisch
»Das sind deines Bruders Kleider« sagte der Rodelbauer zu dem Fremden und
dieser fuhr zu Amrei fort »Siehst du das sind deines Vaters Kleider die
nehmen wir jetzt mit und ihr geht auch mit zuerst nach Fluorn und dann über den
Bach«
Amrei berührte zitternd den Rock des Vaters und dessen blaugestreifte Weste
Der Ohm aber hob die Kleider auf wies auf die zertragenen Ellenbogen hin und
sagte zum Rodelbauer »Diese sind nicht viel wert die lasse ich mir nicht hoch
anschlagen und ich weiß nicht einmal ob ich die drüben in Amerika tragen kann
ohne ausgespottet zu werden«
Amrei fasste krampfhaft einen Rockzipfel Dass man die Kleider ihres Vaters
an die sie wie an ein kostbares und unbezahlbares Kleinod gedacht hatte wenig
wert nannte das schien sie zu kränken und dass diese Kleider in Amerika
getragen und dort ausgespottet werden sollten das Alles verwirrte sie fast und
überhaupt was sollte denn das mit Amerika
Sie wurde darüber bald aufgeklärt denn die Rodelbäuerin kam und mit ihr die
schwarze Marann und die Rodelbäuerin sagte »Hör einmal Mann ich meine das
geht nicht so schnell dass man die Kinder da mit dem Mann nach Amerika schickt«
»Es ist ja ihr einziger leiblicher Verwandter der Bruder des Josenhans«
»Ja freilich aber er hat bis jetzt nicht viel davon gezeigt dass er ein
Verwandter und ich meine man kann das nicht ohne den Gemeinderat und der
kanns nicht einmal allein Die Kinder haben hier ein Heimatsrecht und das
kann man ihnen nicht im Schlaf nehmen denn die Kinder können ja noch nicht
selber sagen was sie wollen Das heißt Einen im Schlaf forttragen«
»Meine Amrei ist aufgeweckt genug die ist jetzt dreizehn Jahr alt aber
gescheiter als eine andere von dreißig die weiß was sie will« sagte die
schwarze Marann
»Ihr Beide hättet sollen Gemeinderat werden« sagte der Rodelbauer »aber
ich bin auch der Meinung dass man die Kinder nicht wie Kälber am Strick nimmt
und fortzieht Gut lasset den Mann selber mit ihnen reden nachher lässt sich
schon weiter sehen was zu machen ist er ist einmal ihr natürlicher Annehmer und
hat das Recht Vaterstelle an ihnen zu vertreten wenn er will Hör einmal geh
du jetzt mit deinen Bruderskindern ein wenig vors Dorf hinaus und ihr Weiber
bleibt da es rede ihnen Keines zu und Keines ab«
Der Holzhauer nahm die beiden Kinder an der Hand und verließ mit ihnen Stube
und Haus
»Wohin wollen wir gehen« fragte er die Kinder auf der Straße
»Wenn du unser Vater sein willst geh mit uns heim da drunten ist unser
Haus« sagte Dami
»Ist es denn offen« fragte der Ohm
»Nein aber der Kohlenmates hat den Schlüssel er hat uns aber noch nie
hineingelassen Ich springe voraus und hole den Schlüssel« Und behend machte
sich Dami los und sprang davon
Amrei kam sich wie gefesselt vor an der Hand des Ohms und dieser redete doch
jetzt mit zutraulicher Innigkeit in sie hinein er erzählte fast wie zu seiner
Entschuldigung dass er selber eine schwere Familie habe so dass er sich mit Frau
und fünf Kindern nur mit Not fortbringen könnte Nun aber erhalte er von einem
Mann der große Waldungen in Amerika besitze freie Überfahrt und nach fünf
Jahren wenn er den Wald umgerodet habe ein großes Ackergut vom besten Boden
als freies Eigentum Als Dank gegen Gott der ihm das für sich und seine Kinder
bescherte habe er sich sogleich vorgesetzt eine Wohltat zu tun und die
Kinder seines Bruders mitzunehmen er wolle sie aber nicht zwingen und nehme
sie überhaupt nur mit wenn sie ihn von ganzem Herzen gern hätten und ihn als
ihren zweiten Vater betrachteten Amrei sah ihn nach diesen Worten groß an Wenn
sie es nur hätte machen können dass sie diesen Mann liebte Aber sie fürchtete
sich fast vor ihm sie wusste Nichts dagegen zu tun Und dass er so plötzlich wie
aus den Wolken fiel und verlangte hab mich lieb das machte sie eher
widersacherisch gegen ihn
»Wo ist denn deine Frau« fragte Amrei Sie mochte wohl fühlen dass eine
Frau sie milder und allmäliger angefasst hätte
»Ich will dir nur ehrlich sagen« erwiderte der Ohm »meine Frau mengt sich
nicht in diese Sache sie hat gesagt sie rede mir nicht zu und nicht ab Sie
ist ein bisschen herb aber nur von Anfang und wenn du gut gegen sie bist und
du bist ja gescheit so kannst du sie um den Finger wickeln Und wenn dir auch
einmal etwas geschieht was dir nicht recht ist denk du bist bei deines Vaters
Bruder und sag mirs ganz allein und ich will dir helfen wo ich kann Aber du
wirst sehen du fängst jetzt erst zu leben an«
Amrei standen die Tränen in den Augen bei diesen Worten und doch konnte sie
nichts sagen sie fühlte sich fremd diesem Manne gegenüber Seine Stimme bewegte
sie aber wenn sie ihn ansah wäre sie gerne entflohen
Da kam Dami mit dem Schlüssel Amrei wollte ihm denselben abnehmen aber er
gab ihn nicht her In der eigentümlichen pedantischen Gewissenhaftigkeit der
Kinder sagte er dass er des Kohlenmatesen Frau heilig versprochen habe den
Schlüssel nur dem Ohm zu geben Dieser empfing ihn und Amrei wars als ob sich
ein zaubervolles Geheimnis auftue da der Schlüssel zum Erstenmal im Schloss
rasselte und jetzt sich drehte die Klinke bog sich nieder und die Türe ging
auf Eine eigentümliche Gruftkälte hauchte aus dem schwarzen Hausflur der
zugleich als Küche gedient hatte Auf dem Herde lag noch ein Häufchen Asche an
der Stubentüre waren noch die Anfangsbuchstaben vom Kaspar Melchior Baltes
und darunter die Jahrzahl vom Tode der Eltern mit Kreide angeschrieben Amrei
las sie laut das hatte noch der Vater angeschrieben »Schau« rief Dami »der
Achter ist grade so gezogen wie du ihn machst und wies der Lehrer nicht
leiden will so von rechts nach links« Amrei winkte ihm still zu sein Sie fand
es fürchterlich und sündhaft dass der Dami hier so leicht sprach hier wo es
ihr war wie in der Kirche ja wie mitten in der Ewigkeit ganz außerhalb der
Welt und doch mitten drin Sie öffnete selber die Stubentüre Die Stube war
finster wie ein Grab denn die Laden waren geschlossen und nur durch eine Ritze
drang ein zitternder Sonnenstrahl herein und just auf einen Engelkopf am
Kachelofen so dass der Engel zu lachen schien Amrei fiel erschrocken nieder
und als sie sich aufrichtete hatte der Ohm einen Fensterladen geöffnet und
warme Luft drang von außen herein Hier innen war es so kalt In der Stube war
nichts mehr von Hausrat als eine an die Wand genagelte Bank Dort hatte die
Mutter gesponnen und dort hatte sie die Händchen Amreis zusamengefügt und sie
stricken gelehrt
»So Kinder jetzt wollen wir wieder gehen« sagte der Ohm »da ist nicht
gut sein Kommet mit zum Bäcker ich kauf Jedem ein Weissbrod oder wollt ihr
lieber eine Brezel«
»Nein noch eine Weile dableiben« sprach Amrei und streichelte immer den
Platz worauf die Mutter gesessen hatte Auf einen weißen Fleck an der Wand
deutend fuhr sie dann halblaut fort »Da hat unsere Kukuksuhr gehangen und dort
der Soldatenabschied von unserm Vater und da die Stränge Garn die die Mutter
gesponnen hat sie hat noch feiner spinnen können als die schwarze Marann ja
die schwarze Marann hats selber gesagt immer einen Schneller mehr aus dem
Pfund als jedes Andere und Alles so gleichling da ist kein Knötele drin
gewesen und siehst den Ring da oben an der Decke Das ist schön gewesen wenn
sie da den Zwirn gemacht hat Wenn ich damals schon bei Verstand gewesen wäre
hätte ich nicht zugegeben dass man der Mutter ihre Kunkel verkauft es wäre mein
Erbstück aber es hat sich eben Niemand unserer angenommen O Mutter o Vater
wenn ihr es wüsstet wie wir herumgestossen worden sind es täte euch noch
jammern in der Seligkeit«
Amrei fing laut an zu weinen und Dami weinte mit Selbst der Ohm trocknete
sich eine Träne und drang nochmals darauf dass man jetzt fortgehe denn es
ärgerte ihn zugleich dass er sich und den Kindern dieses unnötige Herzeleid
gemacht Amrei aber sagte heftig »Wenn Ihr auch geht ich gehe nicht mit«
»Wie meinst du das Du willst gar nicht mitgehen«
Amrei erschrack sie ward erst inne was sie gesagt hatte aber sie
erwiderte bald
»Nein vom Andern weiß ich noch nichts Ich meine nur so gutwillig gehe ich
jetzt nicht aus dem Haus bis ich Alles wiedergesehen habe Komm Dami du bist
ja mein Bruder komm mit auf den Speicher weißt wo wir Versteckens gespielt
haben hinterm Kamin und dann wollen wir zum Fenster nausgucken wo wir die
Morcheln getrocknet haben Weißt nicht mehr das schöne Guldenstück das der
Vater dafür bekommen hat«
Es raschelte Etwas und kollerte über der Decke Alle Drei erschracken Aber
der Ohm sagte schnell »Bleib da Dami und du auch Was wollt ihr da oben
Hört ihr nicht wie die Mäus rasseln«
»Komm du nur mit die werden uns nicht fressen« drängte Amrei aber Dami
erklärte dass er nicht mitgehe und obgleich Amrei innerlich Furcht hatte fasste
sie sich doch ein Herz und ging allein nach dem Speicher hinauf Sie kam aber
bald wieder zurück leichenblass und hatte nichts als einen Büschel altes
Kümmelstroh in der Hand
»Der Dami geht mit mir nach Amerika« sagte der Ohm zu der Hinzutretenden
und diese erwiderte das Stroh in der Hand zerbrechend »Ich habe nichts
dagegen Ich weiß noch nicht was ich tue aber er kann auch allein gehen«
»Nein« rief Dami »das tu ich nicht Du bist damals mit der
Landfriedbäuerin nicht gegangen wie sie dich hat mitnehmen wollen und so gehe
ich auch nicht allein aber mit dir«
»Nun denn so überleg dirs du bist gescheit genug« schloss der Ohm
verriegelte wiederum den Laden so dass man im Finsteren stand drängte dann die
Kinder zur Stubentür und zum Hausflur hinaus verschloss die Haustür und ging
dem Kohlenmates den Schlüssel wieder zu bringen und dann mit Dami allein ins
Dorf hinein Noch aus der Ferne rief er Amrei zu »Du hast noch bis Morgen früh
Zeit dann geh ich fort ob ihr mitgehet oder nicht«
Amrei war allein und sie schaute den Weggehenden nach und es kam ihr
seltsam vor dass ein Mensch vom andern weggehen kann »Dort geht er hin und er
gehört doch zu dir und du zu ihm«
Seltsam Wie es im wirklichen Traume geschieht dass das bloß leise Angeregte
sich in ihm erneuert und mit allerlei Wunderlichkeiten verflicht so erging es
jetzt Amrei im wachen Traum Nur ganz flüchtig hatte Dami von der Begegnung mit
der Landfriedbäuerin gesprochen ihr Gedenken war halb erloschen in der
Erinnerung und jetzt wachte es wieder hell auf wie ein Bild aus vergangenem
vorgeträumtem Leben Amrei sagte sich fast laut »Wer weiß ob sie nicht auch
manchmal so plötzlich man kann nicht sagen woher an dich denkt und vielleicht
jetzt eben in dieser Minute und hier dort unten hat sie dirs ja versprochen
dass sie dir eine Annehmerin sein will wenn du kommst dort bei den Kopfweiden
Warum bleiben nur die Bäume stehen dass man sie allzeit sieht Warum wird nicht
auch ein Wort so Etwas wie ein Baum das steht fest und man kann sich dran
halten Ja es kommt nur darauf an ob man will da hat mans so gut wie einen
Baum Und was so eine ehrenhafte Bäuerin sagt das ist fest und getreu und
sie hat doch auch geweint weil sie fort gemusst von der Heimat und ist doch
schon lang hinaus verheiratet aus dem Dorf und hat Kinder ja und der eine
heißt Johannes« Amrei stand an dem Vogelbeerbaum und legte die Hand an den
Stamm und sagte »Du warum gehst denn du nicht fort warum heißen dich die
Menschen nicht auch auswandern Vielleicht wäre dirs auch besser anderswo Aber
freilich du bist zu groß und du hast dich nicht selber hergesetzt und wer
weiß ob du nicht an einem andern Orte verkämest Man kann dich nur umhacken und
nicht versetzen Dummes Zeug Ich hab ja auch von da weggemusst Ja wenns mein
Vater wäre da müsst ich mit ihm gehen Er hat mich nicht zu fragen und wer
viel fragt geht viel irr Es kann mir Niemand raten auch die Marann nicht
Und beim Ohm ists doch so er denkt ich tu dir Gutes und du musst mirs wieder
bezahlen Wenn er hart gegen mich ist und gegen den Dami weil er ungeschickt
ist und wir gehen auf und davon wohin sollen wir dann in der wilden
fremden Welt Und hier kennt uns jeder Mensch und jede Hecke jeder Baum hat ein
bekanntes Gesicht Gelt du kennst mich« sagte sie wieder aufschauend zu dem
Baum »O wenn du reden könntest Du bist doch auch von Gott geschaffen o warum
kannst du nicht reden Du hast doch auch meinen Vater und meine Mutter so gut
gekannt warum kannst du mir nicht sagen was sie mir raten würden O lieber
Vater o liebe Mutter mir ist so weh dass ich fort soll Ich habe doch hier
Nichts und fast Niemand aber mir ists als müsst ich aus dem warmen Bett in
den kalten Schnee Ist das was mir so weh tut ein Zeichen dass ich nicht fort
soll Ist das das rechte Gewissen oder ist es nur eine dumme Angst Wenn jetzt
nur eine Stimme vom Himmel käm und tät mirs sagen«
Das dreizehnjährige Kind zitterte von innerer Angst und der Zwiespalt des
Lebens tat sich zum Erstenmal schreiend in ihm auf Und wieder sprach sie halb
halb dachte sie aber jetzt entschlossen
»Wenn ich allein wäre da weiß ich fest ich ginge nicht ich bliebe da es
tut mir zu weh und ich kann mir schon allein fortelfen Gut merk dir das
Also Eins hast du fest mit dir selber bist du im Reinen Ja aber was ist das
für ein dummes Denken Wie kann ich mirs denken dass ich allein wäre ohne den
Dami Ich bin ja gar nicht allein da der Dami gehört zu mir und ich zu ihm Und
für den Dami wärs doch besser er wäre in einer Vatersgewalt das tät ihn
aufrichten Wozu brauchst du aber einen Andern kannst du nicht selber für ihn
sorgen wenns nötig ist Und wenn er so eingeheimst wird ich seh schon da
bleibt er sein Lebenlang nichts als ein Knecht der Pudel für andere Leute und
wer weiß wie die Kinder des Ohms gegen uns sind Weil sie selber arme Leute
sind werden sie die Herren gegen uns spielen Nein nein sie sind gewiss brav
und das ist schön wenn man so sagen kann guten Tag Vetter guten Morgen
Bas Wenn nur der Ohm eins von den Kindern mitgebracht hätt da könnt ich
viel besser reden und könnte auch Alles besser erkundschaften O wie ist das
Alles auf Einmal so schwer «
Amrei setzte sich nieder am Baum und ein Buchfink kam dahergetrippelt
pickte sich ein Körnchen auf schaute sich um und flog davon Über das Gesicht
Amreis kroch Etwas sie wischte es ab Es war ein Abgottskäfer Sie ließ ihn
auf ihrer Hand herumkriechen zwischen Berg und Tal ihrer Finger bis er auf
die Spitze des Fingers kam und davon flog »Was der wohl erzählen wird wo er
gewesen sei« dachte Amrei »und so ein Tierchen hat es gut wo es hinfliegt
ist es daheim Und horch wie die Lerchen singen die habens gut die brauchen
sich nicht zu besinnen was sie zu sagen und was sie zu tun haben Und dort
treibt der Metzger mit seinem Hund ein Kalb aus dem Dorfe Der Metzgerhund hat
eine ganz andere Stimme als die Lerche «
»Wohin mit dem Füllen« rief der Kohlenmates aus dem Fenster einem jungen
Burschen zu der ein schönes junges Füllen am Halfter führte
»Der Rodelbauer hats verkauft« lautet die Antwort und bald wieherte das
Füllen weiter unten im Tale Amrei die das hörte musste wiederum denken »Ja
so ein Tier verkauft man von der Mutter weg und die Mutter weiß es kaum und
wers bezahlt der hats eigen aber einen Menschen kann man nicht kaufen und
wer nicht will für den gibts kein Halfter Und dort kommt jetzt der
Rodelbauer mit seinen Pferden und das große Füllen springt nebenher Du wirst
auch bald eingespannt Und vielleicht wirst du auch verkauft Ein Mensch wird
nicht gekauft er verdingt sich bloß So ein Tier kriegt für seine Arbeit
keinen andern Lohn als Essen und Trinken und braucht auch sonst nichts aber ein
Mensch kriegt noch Geld dazu als Lohn Ja ich kann jetzt Magd sein und von
meinem Lohn tue ich den Dami in die Lehre er will ja auch Maurer werden Und
wenn wir beim Ohm sind ist der Dami nicht mehr so mein wie jetzt Und horch
jetzt fliegt der Staar heim da oben ins Haus das ihm noch der Vater
hergerichtet und er singt noch einmal lustig Und der Vater hat das Haus aus
alten Brettern gemacht Ich weiß noch wie er gesagt hat dass ein Staar nicht in
ein Haus von neuen Brettern zieht und so ist mirs auch Du Baum jetzt weiß
ichs wenn du rauschest so lange ich heute noch da bin so bleibe ich da«
Und Amrei horchte tief auf Bald wars ihr als rauschte der Baum dann aber sah
sie nach den Zweigen und diese waren unbewegt sie wusste nicht mehr was sie
hörte
Mit lärmendem Geschnatter kam es jetzt herbei und eine Staubwolke ging
voraus Es war die Gänseheerde die vom Holderwasen hereinkam Amrei ahmte vor
sich hin lange das Geschnatter nach
Die Augen fielen ihr zu sie war eingeschlummert
Ein ganzer Frühling von Blüten war aufgebrochen in dieser Seele und die
Blütenbäume im Tale die den Nachttau einsogen schickten ihre Düfte hinüber
zu dem Kinde das eingeschlafen war auf der Heimaterde von der es sich nicht
trennen konnte
Es war schon lange Nacht als sie erwachte und eine Stimme rief »Amrei wo
bist du« Sie richtete sich auf und antwortete nicht Sie schaute verwundert
nach den Sternen und es war ihr als ob diese Stimme vom Himmel käme erst als
sich der Ruf wiederholte erkannte sie den Ton der Marann und antwortete »Da
bin ich« Und jetzt kam die schwarze Marann und sagte »O das ist gut dass ich
dich gefunden habe Im ganzen Dorf sind sie wie närrisch Der Eine sagt er habe
dich im Wald gesehen der Andere ist dir im Feld begegnet wie du jammernd dahin
gerannt bist und auf keinen Ruf dich umgekehrt hast Und mir ists gewesen als
wenn du in den Teich gesprungen wärst Brauchst dich nicht zu fürchten du armes
Kind brauchst nicht davon zu laufen Es kann dich Niemand zwingen dass du mit
deinem Ohm gehst«
»Wer hat denn gesagt dass ich nicht will«
Plötzlich fuhr ein rascher Windhauch durch den Baum dass er mächtig
rauschte
»Und freilich will ich nicht« schloss Amrei und hielt die Hand an den Baum
»Komm heim es bricht ein arges Wetter los der Wind wirds gleich da
haben« drängte die schwarze Marann
Wie taumelnd ging Amrei mit der schwarzen Marann ins Dorf hinein Was war
denn das dass die Menschen sie durch Feld und Wald irrend gesehen haben wollten
oder sprach das nur die Marann Die Nacht war stockdunkel und nur plötzlich
leuchteten rasche Blitze und ließ die Häuser im hellen Tageslicht erscheinen
so dass das Auge geblendet wurde und man stillstehen musste und war der Blitz
verschwunden so sah man gar nichts mehr Im eigenen Heimatsdorf waren die
Beiden wie in der Fremde verirrt und schritten nur unsicher vorwärts Dazu
wirbelte ein Staub auf so dass man vor Betäubung fast nicht vom Fleck kam in
Schweiß gebadet arbeiteten sie sich vorwärts und kamen endlich unter schwer
fallenden Tropfen an ihrer Behausung an
Ein Windstoß riss die Haustür auf und Amrei sagte
»Tu dich auf«
Sie mochte an ein Märchen gedacht haben wo sich auf ein Rätselwort das
Zauberschloss auftut
5 Auf dem Holderwasen
Als am andern Morgen der Ohm kam erklärte ihm Amrei dass sie dableibe Es lag
eine seltsame Mischung von Bitterkeit und Wohlwollen darin als der Ohm sagte
»Freilich du artest deiner Mutter nach und die hat nie Etwas von uns wissen
wollen aber ich kann den Dami allein nicht mitnehmen wenn er auch ginge Der
kann noch lange nichts als Brod essen du hättest es auch verdienen können«
Amrei entgegnete dass sie das vor der Hand hier zu Lande wolle und dass sie
mit ihrem Bruder ja später wenn der Ohm noch so gut gesinnt bleibe zu ihm
kommen könne
In der Art wie nun der Ohm seine Teilnahme für die Kinder ausdrückte
wurde der Entschluss Amreis wieder etwas schwankend aber sie wagte das nicht
kund zu geben sie sagte nur »Grüsset mir auch Eure Kinder und sagt ihnen dass
es mir recht hart ist dass ich meine nächsten Anverwandten gar nie gesehen hab
und dass sie jetzt weit übers Meer ziehen und ich sie jetzt vielleicht mein
Lebenlang nicht mehr sehe«
Der Ohm machte sich rasch auf und gab Amrei nur noch den Auftrag den Dami
von ihm zu grüßen er habe keine Zeit mehr ihm Lebewohl zu sagen
Er ging davon
Als bald darauf Dami kam und die Abreise des Ohms erfuhr wollte er ihm
nachrennen und selbst Amrei war fast entschlossen dazu aber sie bezwang sich
wieder dem nicht nachzugeben Sie redete und tat als ob Jemand ihr jedes Wort
und jede Regung befohlen hätte und doch schweiften ihre Gedanken fort die Wege
nach die jetzt der Ohm ging Sie ging mit ihrem Bruder Hand in Hand durch das
Dorf und nickte allen Leuten zu die ihr begegneten Sie war ja jetzt erst
wieder zu Allen zurückgekehrt Man hatte sie ja forrtreissen wollen und sie
meinte alle Anderen müssten ebenso froh sein wie sie selber aber sie merkte
bald dass man sie nicht nur gern gehen ließ sondern dass man ihr sogar zürnte
weil sie nicht gegangen war Der Krappenzacher machte ihr die Augen auf indem
er sagte »Ja Kind du hast einen Trotzkopf und das ganze Dorf ist dir bös weil
du dein Glück mit Füßen von dir gestoßen hast Wer weiß obs ein Glück gewesen
wär aber sie nennens jetzt so und wer dich ansieht rechnet dir vor was du
Alles aus der Gemeinde hast Darum mach dass du bald aus dem öffentlichen
Almosen kommst«
»Ja was soll ich machen«
»Die Rodelbäuerin möchte dich gern in Dienst nehmen aber der Bauer will
nicht«
Amrei mochte fühlen dass sie sich fortan doppelt tapfer halten müsse damit
sie kein Vorwurf treffe weder von sich noch von Andern und sie fragte daher
abermals »Wisst Ihr denn gar Nichts«
»Freilich du musst dich nur vor Nichts scheuen als vorm Betteln Hast denn
nicht gehört dass der närrische Fridolin gestern der Kirchbäuerin zwei Gänse
todtgeschlagen hat Der Ganshirtendienst wär jetzt leer und ich rate dir nimm
du ihn«
Das war nun bald geschehen und am Mittag trieb Amrei die Gänse auf den
Holderwasen wie man den Weideplatz auf der kleinen Anhöhe beim Hungerbrunnen
nannte Dami half der Schwester getreulich dabei
Die schwarze Marann war indes sehr unzufrieden mit dieser neuen Bedienstung
und behauptete wohl nicht mit Unrecht »Es geht Einem sein Leben lang nach
wenn man so einen Dienst gehabt hat die Leute vergessens Einem nie und sehen
Einen immer drauf an und es besinnt sich Jedes dich einmal in Dienst zu
nehmen weil es heißen wird das ist ja die Gänsehirtin und wenn man dich auch
aus Barmherzigkeit nimmt kriegst du schlechten Lohn und schlechte Behandlung
da heißt es immer das ist gut genug für die Gänsehirtin«
»Das wird nicht so arg sein« erwiderte Amrei »und Ihr habt mir ja viel
hundert Geschichten erzählt wie eine Gänsehirtin Königin geworden ist«
»Das war in alten Zeiten Aber wer weiß du bist noch von der alten Welt
manchmal ist mirs gar nicht als wärst du ein Kind wer weiß du alte Seele
vielleicht geschieht dir noch ein Wunder«
Der Hinweis dass sie noch nicht auf der untersten Stufe der Ehrenleiter
gestanden sondern dass es noch etwas gebe wodurch sie herabsteige machte Amrei
plötzlich stutzig Für sich selber eroberte sie nichts weiter daraus aber sie
duldete es fortan nicht mehr dass Dami mit ihr die Gänse hütete Er war ein
Mann er sollte einer werden und ihm konnte es schaden wenn man ihm einst
nachsagte dass er vormals die Gänse gehütet habe Aber mit allem Eifer konnte
sie ihm das nicht klar machen und er trutzte mit ihr denn so ist es immer
gerade an dem Punkt wo das Verständnis aufhört beginnt eine innere
Verdrossenheit Die innere Unmacht übersetzt sich gern in die Einbildung äußern
Unrechts und erfahrener Kränkung
Dami bekam indes auch bald ein Amt Er wurde von seinem Pfleger dem
Rodelbauer als Vogelscheuche benutzt er durfte im Baumgarten des Rodelbauern
den ganzen Tag die Rassel drehen um die Sperlinge von den Frühkirschen und aus
den Salatbeeten zu verscheuchen aber gab das Amt das ihn Anfangs als Spiel
vergnügt hatte bald wieder auf
Es war ein fröhliches aber auch ein mühsames Amt das Amrei übernommen
hatte besonders war es ihr oft schwer dass sie Nichts zu machen wusste wodurch
sie die Tiere an sich fesselte Ja sie waren kaum von einander zu
unterscheiden Und es war nicht uneben was ihr einst die schwarze Marann als
sie aus dem Moosbrunnenwalde kam darüber sagte »Die Tiere die in Heerden
leben sind alle Jedes für sich allein dumm«
»Und ich mein auch« setzte Amrei fort »die Gänse sind deswegen dumm weil
sie zu vielerlei können sie können schwimmen und laufen und fliegen sind aber
nicht im Wasser nicht auf dem Boden und nicht in der Luft recht daheim und das
macht sie dumm«
»Ich bleib dabei« entgegnete die schwarze Marann »in dir steckt noch ein
alter Einsiedel«
In der Tat bildete sich auch ein einsiedlerisches Träumen in Amrei aus
seltsam durchzogen von allerlei heller Lebensberechnung Wie sie bei allem
Träumen und Betrachten emsig fortstrickte und keine Masche fallen ließ und wie
hier an der Ecke beim Holzbirnenbaum der betäubende Nachtschatten und die
erfrischende Erdbeere so nahe beieinander wachsen dass sie fast aus derselben
Wurzel zu sprossen scheinen so waren klares Ausschauen und träumerisches
Hindämmern im Herzen des Kindes nahe beisammen
Der Holderwasen war kein einsam abgelegener Platz den die stille
Märchenwelt draus es glimmt und glitzert gern heimsucht Mitten durch den
Holderwasen führte ein Feldweg nach Endringen und nicht weit davon standen die
verschiedenfarbigen Grenzpfähle mit den Wappenschildern zweier Herren deren
Länder hier an einander stießen Mit Ackerfuhrwerk allerlei Art zogen hier die
Bauern vorüber und Männer Frauen und Mädchen gingen hin und her mit Hacke
Sense und Sichel Die Landjäger der beiden Länder kamen auch oft vorüber und der
Flintenlauf glitzerte von fernher und noch weit nach Ja Amrei wurde fast immer
vom Endringer Landjäger begrüßt wenn sie am Wege saß und sie sollte manchmal
Auskunft geben ob nicht Dieser oder Jener hier vorbeigekommen sei aber sie
wusste nie Bescheid vielleicht auch verhehlte sie ihn aus jener innern Abneigung
des Volkes und besonders der Dorfkinder denen die Landjäger für allzeit
gewaffnete Feinde der Menschheit erscheinen die da umgehen und suchen wen sie
verschlingen
Der TeislesManz der hier am Weg die Steine klopfte redete fast kein Wort
mit Amrei er ging verdrossen von Steinhaufen zu Steinhaufen und sein Klopfen
war noch unaufhörlicher als das Picken des Spechts im Moosbrunnenwald und
gehörte mit zu dem Schrillen und Zirpen der Heuschrecken in den nahen Wiesen und
Kleefeldern
Über alles menschliche Getriebe hinweg wurde Amrei doch oft ins Reich der
Träume getragen Frei schwang sich ihre Seele hinauf und wiegte sich in
ungemessenen Bezirken Wie die Lerchen in der Luft singen und jubeln und Nichts
davon wollen wo ist die Grenze des Ackers von Diesem und Jenem ja wie sie sich
hinwegschwingen über die Grenzpfähle ganzer Länder so wusste die Seele des
Kindes Nichts mehr von den Schranken die das beengte Leben der Wirklichkeit
setzt Das Gewohnte wird zum Wunder das Wunder wird zum Alltäglichen Horch
wie der Kukuck ruft Das ist das lebendige Echo des Waldes das sich selbst ruft
und antwortet und jetzt sitzt der Vogel über dir im Holzbirnenbaum darfst aber
nicht aufschauen sonst fliegt er fort Wie er so laut ruft so unermüdlich wie
weit das tönt wie weit man das hört der kleine Vogel hat eine stärkere Stimme
als ein Mensch Setz dich auf den Baum ahme ihm nach man hört dich nicht so
weit als den faustgrossen Vogel Still vielleicht ist es doch ein verzauberter
Prinz und plötzlich fängt er an zu reden Ja gib du mir nur Rätsel auf lass
mich nur besinnen ich finde schon die Auflösung und dann erlöse ich dich und
wir ziehen in dein goldenes Schloss und nehmen die schwarze Marann und den Dami
mit und der Dami heiratet die Prinzessin deine Schwester und wir lassen der
schwarzen Marann ihren Johannes in der ganzen Welt suchen und wer ihn findet
kriegt ein Königreich Ach warum ist denn das Alles nicht wahr und warum hat
man denn das Alles ausgedacht wenn es nicht wahr ist
Während die Gedanken Amreis über alle Grenzen hinausgegangen waren fühlten
sich auch die Gänse unbeschränkt und taten sich gütlich an benachbarten Klee
oder gar Gersten und Haferäckern Aus ihren Träumen erwachend scheuchte dann
Amrei mit schwerer Mühe die Gänse wieder zurück und wenn diese Freibeuter bei
ihrem Regimente angekommen waren wussten sie gar viel zu erzählen von dem
gelobten Lande wo sie sich gütlich getan da war des Erzählens und Schnatterns
kein Ende und noch lange sprach da und dort eine Gans wie träumend ein
bedeutsames Wort vor sich hin und da und dort steckte eine den Schnabel unter
den Flügel und träumte in sich hinein Und wieder trug es Amrei hinauf Schau
dort fliegen die Vögel kein Vogel in der Luft strauchelt auch die Schwalbe
nicht in ihrem Kreuzfluge immer sicher immer frei O wer nur auch fliegen
könnte Wie müsste die Welt aussehen von da oben wo die Lerche ist Juchhe
Immer höher immer höher und weiter und weiter Ich fliege in die weite Welt zu
der Landfriedbäuerin und sehe was sie macht und frage ob sie noch mein
gedenkt
»Gedenkst du mein in fernen Landen«
So sang Amrei plötzlich aus all dem Denken Schwirren und Sinnen heraus Und ihr
Atem der beim Gedanken des Fluges tiefer und rascher gegangen war als schwebe
sie schon wirklich in höherer Luftschicht wurde wieder ruhig und gemessen
Aber nicht immer glühten die Wangen in wachen Träumen nicht immer leuchtete
die Sonne hell in die offenen Blüten und in die wogende Saat Noch im Frühling
kamen jene nasskalten Tage in denen die Blütenbäume wie frierende Fremdlinge
stehen und Tagelang lässt sich die Sonne kaum blicken und ein starres Frösteln
geht durch die Natur nur bisweilen unterbrochen vom Aufzucken eines Windstosses
der Blüten von den Bäumen reißt und fortträgt Die Lerche allein jubilirt noch
in den Lüften wohl über den Wolken und der Fink stößt seinen klagenden Ton aus
vom Holzbirnenbaum an dessen Stamm gelehnt Amrei steht Der TeislesManz hat
sich weiter unten beim rotangestrichenen hölzernen Kreuz unter die Linde
gestellt und jetzt in streifweisen Schüttern prasselt der Hagel hernieder und
die Gänse strecken die Schnäbel empor wie man sagt damit es ihnen das weiche
Hirn nicht einschlage aber da drüben hinter Endringen ists schon hell und die
Sonne bricht bald hervor und die Berge der Wald die Felder Alles sieht aus
wie ein Menschenantlitz das sich ausgeweint hat und nun hellglänzend in Freude
strahlt Die Vögel in der Luft und von den Bäumen jubeln und die Gänse die sich
im Wetterschauer zusammengedrängt und die Schnäbel verwundert aufgestreckt
hatten wagen sich wieder auseinander und grasen und schnattern und besprechen
das vorübergegangene Ereignis mit der jungen flaumweichen Brut die dergleichen
noch nicht erlebt hat
Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter überfallen worden war hatte sie
für künftige Fälle Vorsorge getroffen Sie trug von nun an immer einen leeren
Kornsack den sie noch vom Vater ererbt hatte mit hinaus auf den Ganstrieb
Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sack
abgemalt und bei Gewittern deckte sie sich mit dem Sacke zu und wickelte sich
fast hinein da saß sie dann wie unter einem schützenden Dach und schaute hinein
in den unfassbaren wilden Kampf am Himmel Ein kalter Schauer der in Wehmut
überging wollte sich gar oft ihrer bemächtigen sie wollte weinen über ihr
Schicksal das sie so allein verlassen von Vater und Mutter hinaus gestellt
aber sie gewann schon früh eine Kunst und eine Kraft die sich schwer lernt und
übt die Tränen hinabwürgen Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten
in allem Trübsal und aus ihm heraus
Amrei bezwang ihre Wehmut besonders in Erinnerung an einen Spruch der
schwarzen Marann wer nicht will dass ihm die Hände frieren muss eine Faust
machen Amrei tat so geistig und körperlich sah trotzig in die Welt hinein
und bald kam Heiterkeit über ihr Antlitz sie freute sich der prächtigen Blitze
und ahmte leise vor sich den Donner nach Die Gänse die sich wieder
zusammengeduckt hatten schauten wieder seltsam drein sie hattens aber doch
gut alle Kleider die sie brauchen sind ihnen auf den Leib gewachsen und für
das was man ihnen im Frühling ausgerupft hat ist schon wieder anders da und
jetzt da das Wetter vorüber ist jubelt wieder Alles in der Luft und auf den
Bäumen und die Gänse machen sichs im warmen Sonnenschein bequem sie setzen
sich nieder und fressen sitzend das neugewürzte Gras im Umkreise
Von dem tausendfältigen Sinnen das in Amrei lebte erhielt nur die schwarze
Marann bisweilen Kunde wenn sie vom Wald kommend ihre Holzlast und ihren Sack
mit gefangenen Maikäfern und Würmern bei der Hirtin abstellte Da sagte Amrei
eines Tages »Bas wisst ihr auch warum der Wind weht«
»Nein weißt denn dus«
»Ja ich habs gemerkt Gucket Alles was wächst muss sich umtun Der Vogel
da fliegt der Käfer da kriecht der Has der Hirsch das Pferd und alle Tiere
die laufen und der Fisch schwimmt und der Frosch auch und da steht der Baum
und das Korn und das Gras und das kann nicht fort und soll doch wachsen und sich
umtun und da kommt der Wind und sagt bleib du nur stehen ich will dich
schon umtun so Siehst du wie ich dich drehe und wende und biege und
schüttle Sei froh dass ich komm du müsstest sonst verhocken und es würde
nichts aus dir es tut dir gut wenn ich dich müd mache du wirst es schon
spüren«
Die schwarze Marann sagte darauf nichts weiter als ihren gewohnten Spruch
»Ich bleibe dabei in dir steckt die Seele von einem alten Einsiedel«
Nur einmal half die Marann den stillen Betrachtungen der Amrei auf eine
andere Spur
Die Wachtel schlug bereits im hohen Roggenfeld und neben Amrei sang fast
einen ganzen Tag unaufhörlich eine Feldlerche am Boden sie wanderte hin und her
und sang immer so innig so ins tiefste Herz hinein es war wie ein Saugen der
Lebenslust Das klang noch viel schöner als die Töne der Himmelslerche die sich
aufschwingt in die Luft und oftmals kam der Vogel ganz nahe und Amrei sagte
fast laut vor sich hin »Warum kann ich dirs nicht sagen dass ich dir nichts
tun will bleib nur da« Aber der Vogel war scheu und versteckte sich immer
wieder Und Amrei sagte schnell überlegt vor sich hin »Es ist doch wieder gut
dass die Vögel scheu sind man könnte ja sonst die diebischen Sperlinge nicht
vertreiben« Als am Mittag die Marann kam sagte Amrei »Ich möcht nur wissen
was so ein Vogel den lieben langen Tag zu sagen hat und er schwätzt sich gar
nicht aus«
Darauf erwiderte die Marann »Schau so ein Tierlein kann nichts bei sich
behalten und in sich hinein reden im Menschen aber spricht sich auch immer
etwas in ihm fort das hört auch nie auf aber es wird nicht laut da sind
Gedanken die singen weinen und reden aber ganz still man hörts selber kaum
so ein Vogel aber wenn er zu singen aufgehört hat ist fertig und frisst oder
schläft«
Als die schwarze Marann mit ihrer Holztraget fortging schaute ihr Amrei
lächelnd nach »Die ist jetzt ein stillsingender Vogel« dachte sie und Niemand
als die Sonne sah wie das Kind noch lange vor sich hinlächelte
Tag auf Tag lebte Amrei so dahin stundenlang konnte sie träumerisch
zusehen wie der Schatten vom Gezweige des Holzbirnenbaums sich von dem Winde
auf der Erde bewegte dass die dunkeln Punkte wie Ameisen durcheinanderkrochen
dann starrte sie wieder auf eine feststehende Wolkenbank die am Himmel glänzte
oder auf jagende flüchtige Wolken die einander fortschoben Und wie draußen im
weiten Raum so standen und jagten stiegen und zerflossen auch in der Seele des
Kindes allerlei Wolkenbilder unfasslich und nur vom Augenblick Dasein und
Gestalt empfangend Wer aber weiß wie die Wolkenbildungen draußen in der Weite
und im engen Herzensraum zerfließen und sich wandeln
Wenn der Frühling anbricht über der Erde du kannst nicht fassen all das
tausendfältige Keimen und Sprossen auf dem Grund all das Singen und Jubeln auf
den Zweigen und in den Lüften Eine einzige Lerche fasse fest mit Aug und Ohr
sie schwingt sich auf eine Weile siehst du sie noch wie sie die Flügel schlägt
eine Weile unterscheidest du sie noch als dunkeln Punkt dann aber ist sie
verschwunden dem Auge und auch dem Ohr Du hörst nur noch ein Singen und weißt
nicht von wannen es kommt Und könntest du nur einer einzigen Lerche im freien
Raum einen ganzen Tag lauschen du würdest hören dass sie am Morgen am Mittag
und am Abend ganz anders singt und könntest du ihr nachspüren vom ersten
zaghaften Frühlingsjauchzen an du würdest hören wie ganz andere Töne sie im
Frühling im Sommer und im Herbst in ihren Gesang mischt Und schon über den
ersten Stoppelfeldern singt eine neue Lerchenbrut
Und wenn der Frühling anbricht in einem Menschengemüte wenn die ganze Welt
sich auftut vor ihm in ihm du kannst die tausend Stimmen die es umfliessen
das tausendfältige Knospen auf dem Grunde und wie es immer weiter gedeiht nicht
fassen und festhalten Du weißt nur noch dass es singt dass es sprosst
Und wie still lebt sichs dann wieder wie eine festgewurzelte Pflanze Da
ist der Wiesenzaun beim Holzbirnenbaum die Schlehen blühen früh auf und werden
nur selten zeitig Und welch eine schöne Blüte hatte die Mehlbeere wie kräftig
duftete das und jetzt sind schon kleine Birnen daraus geworden und schon färben
sie sich rot und auch die giftige Eimbeere beginnt schon schwarz zu werden Es
kommen jene hellen schnittreifen Erntetage wo der Himmel so wolkenlos blau
dass man oft den ganzen Tag den Mond wie ein feingezirkeltes Wölkchen am Himmel
sieht Draußen in der Natur und im Menschengemüt ist es wie leises
Atemanhalten vor einem Ziele
Das war bald ein Leben auf dem Wege der durch den Holderwasen führt
Schnellrasselnd fuhren die leeren Leiterwagen dahin und darauf saßen Frauen und
Kinder und lachten auf und niedergehoben vom Schüttern des Wagens wie vom
Lachen und dann fuhren die garbenbeladenen Wagen leise und nur manchmal
krächzend heimwärts und Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher
Amrei hatte von der reichen Ernte fast nicht mehr als ihre Gänse die sich
manchmal in kecker Zudringlichkeit an die beladenen Wagen herandrängten und eine
herunterhängende Aehre abrauften
Wenn das erste Stoppelfeld draußen im Feldgebreite sich auftut kommt bei
aller Freude über den eingeheimsten Erntesegen doch auch ein gewisses Bangen in
das Menschengemüt die Erwartung ist Erfüllung geworden und wo alles so wogend
stand wird es nun kahl Die Zeit wandelt sich Der Sommer wendet sich zur
Neige
Der Brunnen auf dem Holderwasen in dessen Abfluss sich die Gänse behaglich
tummelten hatte das beste Wasser in der Gegend und die Vorüberziehenden
versäumten selten an der breiten Röhre zu trinken während ihr Zugvieh indes
vorauslief sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend lief
man ihm dann nach Andere tränkten vom Feld heimkehrend hier Zugvieh
Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen
Topf den sie sich von der schwarzen Marann erbettelt hatte und so oft nun ein
Vorüberziehender sich nach dem Brunnen begab kam Amrei herbei und sagte »Da
könnt Ihr besser trinken« Bei Rückgabe des Topfes ruhte mancher freundliche
Blick bald länger bald kürzer auf ihr und das tat ihr so wohl dass sie fast
böse wurde wenn Leute vorübergingen ohne zu trinken Sie stand dann mit ihrem
Topfe beim Brunnen ließ voll laufen und goss aus und wenn all dieses
Zeichengeben nichts half überraschte sie die Gänse mit einem unverhofften Bade
und überschüttete sie
Eines Tages kam ein Bernerwägelein mit zwei stattlichen Schimmeln daher
gefahren ein breiter oberländischer Bauer nahm den Doppelsitz fast völlig ein
Er hielt am Weg und fragte
»Mädle hast du nichts dass man da trinken kann«
»Freilich ich hol schon« Behend brachte Amrei ihr Gefäß voll Wasser
herbei
»Ah« sagte der Oberländer nachdem er einen guten Zug getan und absetzte
und mit triefendem Munde fuhr er dann halb in den Krug hinein sprechend fort
»Es gibt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr«
Er setzte wieder an und winkte dabei Amrei dass sie still sein solle denn
er hatte eben wieder mächtig zu trinken begonnen und es gehört zu den besonderen
Unannehmlichkeiten während des Trinkens angesprochen zu werden Man trinkt in
Hast und spürt ein Drücken davon
Das Kind schien das zu verstehen und erst nachdem der Bauer den Krug
zurückgegeben sagte es
»Ja das Wasser ist gut und gesund und wenn Ihr Eure Pferde tränken wollt
für die ist es besonders gut sie kriegen keinen Strängel«
»Meine Gäul sind heiß und dürfen jetzt nicht saufen Bist du von
Haldenbrunn Mädle«
»Freilich«
»Und wie heißt du«
»Amrei«
»Und wem gehörst du«
»Niemand mehr Mein Vater ist der Josenhans gewesen«
»Der Josenhans der beim Rodelbauer gedient hat«
»Ja«
»Hab ihn gut gekannt Ist hart dass er so früh hat sterben müssen Wart
Kind ich geb dir was« Er holte einen großen Lederbeutel aus der Tasche
suchte lange darin und sagte endlich »Säh da nimm«
»Ich will nichts geschenkt ich danke ich nehm nichts«
»Nimm nur von mir kannst schon nehmen Ist nicht der Rodelbauer dein
Pfleger«
»Ja wohl«
»Hätt auch was Gescheiteres tun können als dich zur Ganshirtin zu machen
Behüt dich Gott«
Fort rollte der Wagen und Amrei hielt eine Münze in der Hand
»Von mir kannst schon nehmen Wer ist denn der Mann dass er das sagt und
warum gibt er sich nicht zu erkennen Ei das ist ein Groschen da ist ein Vogel
drauf Nun er wird nicht arm davon und ich nicht reich«
Den ganzen Tag bot Amrei keinem Vorüberziehenden mehr ihren Topf an Sie
hatte eine geheime Scheu dass sie wieder beschenkt werden könnte
Als sie am Abend heim kam sagte ihr die schwarze Marann dass der
Rodelbauer nach ihr geschickt habe sie solle gleich zu ihm kommen
Amrei eilte zu ihm und der Rodelbauer sagte zu ihr beim Eintritt
»Was hast du dem Landfriedbauer gesagt«
»Ich kenne keinen Landfriedbauer«
»Er ist ja heut bei dir gewesen auf dem Holderwasen und hat dir was
geschenkt«
»Ich hab nicht gewusst wer es ist und da ist sein Geld noch«
»Das geht mich nichts an Sag offen und ehrlich du Teufelsmädle habe ich
dir zugeredet dass du Ganshirtin werden sollst Und wenn du es nicht noch heut
am Tage aufgiebst bin ich dein Pfleger nicht mehr Ich lasse mir so was nicht
nachsagen«
»Ich werde allen Menschen berichten dass Ihr nicht dran Schuld seid aber
den Dienst aufgeben das kann ich nicht den Sommer über wenigstens bleib ich
dabei Ich muss ausführen was ich angefangen hab«
»Du bist ein hagebüchenes Gewächs« schloss der Bauer und verließ die Stube
die Bäuerin aber die krank im Bette lag rief »Du hast Recht bleib nur so
ich prophezeie dirs dass dirs noch gut geht Man wird noch in hundert Jahren
von Einem das Glück hat im Dorfe sagen Dem gehts wie des Brosis Severin und
wie des Josenhansen Amrei Dir fällt dein trocken Brod noch in den Honigtopf«
Die kranke Rodelbäuerin galt für überhirnt und von einer wahren
Gespensterfurcht gepackt eilte Amrei davon ohne eine Antwort zu geben
Der schwarzen Marann erzählte Amrei dass ihr ein Wunder geschehen sei der
Landfriedbauer an dessen Frau sie oft denke habe mit ihr geredet sich ihrer
beim Rodelbauer angenommen und ihr Etwas geschenkt Sie zeigte nun das
Geldstück Da rief die Marann lachend
»Ja das hätt ich von selbst erraten dass das der Landfriedbauer gewesen
ist Das ist der Aechte Schenkt der dem armen Kind einen falschen Groschen«
»Warum ist er denn falsch« fragte Amrei und Tränen schossen ihr in die
Augen
»Das ist ein abschätziger VögelesGroschen der ist nur anderthalb Kreuzer
wert«
»Er hat mir eben nur anderthalb Kreuzer schenken wollen« sagte Amrei
trotzig Und hier zum Erstenmal zeigte sich ein innerer Widerspruch Amreis mit
der schwarzen Marann Diese freute sich fast über jede Boshaftigkeit die sie
von den Menschen hörte Amrei dagegen legte gern Alles zum Guten aus sie war
immer glücklich und so sehr sie sich auch in der Einsamkeit in Träume verlor
sie erwartete doch in der Tat Nichts sie war überrascht von Allem was sie
bekam und war stets dankbar dafür
»Er hat mir nur anderthalb Kreuzer schenken wollen nicht mehr und das ist
genug und ich bin zufrieden« Das sagte sie noch oft herb vor sich hin während
sie einsam ihre Suppe aß als spräche sie noch mit der Marann die gar nicht in
der Stube war und unterdes ihre Ziege molk
Noch in der Nacht nähte sich Amrei zwei Flicken zusammen und den Groschen
dazwischen hing das wie ein Amulett um den Hals und verbarg es an der Brust Es
war als ob der geprägte Vogel auf der Münze allerlei in der Brust darauf er
ruhte wecke denn voll innerer Lust sang und summte Amrei allerlei Lieder
Tagelang vom Morgen bis zum Abend und dabei dachte sie immer wieder hinaus zu
dem Landfriedbauer sie kannte jetzt den Bauer und die Bäuerin und hatte von
Beiden ein Andenken und es war ihr immer als ließe man sie nur noch eine Weile
da dann kommt wieder das Bernerwägelein mit den zwei Schimmeln drin sitzen
die Bauersleute und holen sie ab und sagen Du bist unser Kind denn gewiss
erzählt jetzt der Bauer daheim von dem Begegniss mit ihr
Mit seltsamen Blicken starrte sie oft in den Herbstimmel er war so hell
so wolkenrein und auf der Erde da sind die Wiesen noch so grün und der Hanf
liegt zum Dörren darüber gebreitet wie ein feines Netz die Zeitlosen schauen
dazwischen auf und die Raben fliegen darüber hin und ihr schwarzes Gefieder
glitzert hell im Sonnenglanz kein Luftzug weht die Kühe weiden auf den
Stoppeläckern Peitschenknallen und Singen tönt von allen Aeckern und der
Holzbirnenbaum schauert still in sich zusammen und schüttelt die Blätter ab Der
Herbst ist da
So oft Amrei jetzt Abends heimkehrte schaute sie die schwarze Marann
fragend an sie meinte diese müsse ihr sagen dass der Landfriedbauer geschickt
habe um sie abzuholen und mit schwerem Herzen trieb sie die Gänse auf die
Stoppelfelder die so entfernt waren vom Weg und immer wieder lenkte sie nach
dem Holderwasen Aber schon standen die Hecken blätterlos die Lerchen
zwitscherten kaum mehr in schwerem niederem Fluge und noch immer kam keine
Nachricht und Amrei hatte ein tiefes Bangen vor dem Winter als wie vor einem
Kerker Sie tröstete sich nur mit dem Lohne den sie jetzt erhielt und der war
allerdings reichlich Keine ihrer Untergebenen war gefallen ja nicht einmal
eine flügellahm geworden Die schwarze Marann verkaufte die Federn die Amrei
gesammelt hatte zu gutem Preise und wies Amrei an sich neben dem bräuchlichen
Geldlohn das gewöhnliche Stück Kirchweihkuchen für jede einzelne Gans die sie
gehütet in Brod verwandeln zu lassen Und so hatten sie fast den ganzen Winter
vollauf Brod freilich oft sehr altbackenes aber Amrei hatte wie die schwarze
Marann sagte lauter gesunde Mauszähne mit denen sie Alles knuppern konnte
6 Die Eigenbrätlerin
Eine Frau die ein einsam abgeschiedenes Leben führt und sich ihre Nahrung ganz
allein kocht und brät nennt man eine Eigenbrätlerin und eine solche hat in der
Regel auch noch allerlei Besonderheiten Niemand hatte mehr Recht und mehr
Neigung eine Eigenbrätlerin zu sein als die schwarze Marann obgleich sie nie
Etwas zu braten hatte denn Habermus und Kartoffeln und Kartoffeln und Habermus
waren ihre einzigen Speisen Sie lebte immer abgesondert in sich hinein und
verkehrte nicht gern mit den Menschen Nur gegen den Herbst war sie stets voll
hastiger Unruhe sie plauderte um diese Zeit viel vor sich hin und redete auch
die Menschen von freien Stücken an besonders Fremde die durch das Dorf gingen
denn sie erkundigte sich ob die Maurer von da und dort schon zur Winterrast
heimgekehrt seien und ob sie nichts von ihrem Johannes berichtet hätten Wenn
sie die Leinwand die sie den Sommer über gebleicht hatte noch einmal kochte
und auswusch und dabei die ganze Nacht aufblieb murmelte sie stets vor sich
hin Man verstand nichts davon nur der Zwischenruf war deutlich denn da hieß
es »Das ist für dich und das ist für mich« sie sprach nämlich täglich zwölf
Vaterunser für ihren Johannes aber in der Waschnacht da wurden sie zu
unzähligen Und wenn der erste Schnee fiel war sie immer besonders heiter
Jetzt gibts keine Arbeit mehr draußen jetzt kommt er gewiss heim Sie sprach
dann oft mit einer weißen Henne im Gitter und sagte ihr dass sie sterben müsse
wenn der Johannes komme
So trieb sies nun schon viele Jahre und die Leute im Dorfe ließ ab ihr
vorzuhalten dass es närrisch sei immer an die Heimkehr des Johannes zu denken
denn sie war doch nicht zu bekehren und sie wurde den Menschen unheimlich
In diesem Herbst wurden es nun achtzehn Jahre seit der Johannes davon
gegangen war und jedes Jahr wurde Johann Michael Winkler als verschollen
ausgeschrieben in der Zeitung bis zu seinem fünfzigsten Jahre Er stand jetzt
gerade im sechs und dreissigsten
Im Dorfe ging die Sage Johannes sei unter die Zigeuner gegangen und die
Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner der dem Verschollenen auffallend
ähnlich sah für denselben er war auch so »pfostig« untersetzt hatte die
gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben dass man ihn
für den Johannes hielt aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt sie
hatte noch das Gesangbuch und den Korfirmandenspruch des Johannes und wer den
nicht kennt und nicht anzugeben weiß wer seine Paten sind und was mit ihm
geschehen ist an dem Tage als des Brosis Severin mit der Engländerin ankam und
später als der neue Rathausbrunnen gegraben wurde wer diese und andere
Wahrzeichen nicht kennt das ist der Falsche Dennoch beherbergte die Marann
immer den jungen Zigeuner so oft er in das Dorf kam und die Kinder auf der
Straße schrien ihm Johannes nach
Der Johannes wurde als militärpflichtig auch als Ausreisser ausgeschrieben
und obgleich die Mutter sagte dass er »zu klein« und unter dem Maß
durchgeschlüpft wäre wusste sie doch dass er bei der Heimkehr einer Strafe nicht
entgehe und sie meinte er käme nur deswegen nicht wieder Es war nun gar
seltsam wie sie in einem Atem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des
Landesfürsten betete denn man hatte ihr gesagt dass wenn der regierende Fürst
stürbe der Tronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straferlass für alles
Geschehene verkünden werde
Jedes Jahr ließ sich die Marann vom Schullehrer das Blatt schenken in dem
Johannes ausgeschrieben war und sie legte es zu seinem Gesangbuch aber dieses
Jahr war es gut dass die Marann nicht lesen konnte und der Lehrer schickte ihr
ein anderes Blatt statt des gewünschten Denn ein seltsames Gemurmel ging durch
das ganze Dorf Wo Zwei bei einander standen sprach man davon und da hieß es
»Der schwarzen Marann sagt man nichts Das bringt sie um Das macht sie
närrisch« Es war nämlich ein Bericht des Gesandten aus Paris von einer
Mitteilung aus Algier angekommen und nun ging durch alle hohen und niederen
Aemter bis zum Gemeinderat die Nachricht dass Johannes Winkler von Haldenbrunn
in Algier bei einem Vorpostengefechte gefallen sei
Man sprach im Dorfe viel davon wie wunderlich es sei dass so viele hohe
Aemter sich jetzt um den toten Johannes so viel bemühten Aber am Schluße des
so wohlgeleiteten Berichtestroms hielt man ihn auf In der GemeinderatsSitzung
wurde beschlossen dass man der schwarzen Marann nichts davon sage Es wäre
Unrecht ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern indem man ihr den
letzten Trost raube
Statt aber die Nachricht geheim zu halten hatten die Gemeinderäte nichts
Eiligeres zu tun als es daheim auszuplaudern und nun wusste das ganze Dorf
davon bis auf die schwarze Marann allein Ein Jeder betrachtete sie mit
seltsamem Blick man fürchtete sich vor ihr zu verraten man redete sie nicht
an man dankte kaum ihrem Gruße Es bedurfte der ganzen eigentümlichen Art der
schwarzen Marann um dadurch nicht verwirrt zu werden Und sprach ja einmal
Jemand mit ihr und ließ sich verleiten vom Tode des Johannes zu reden so
geschah es nur in jener Weise des Vermutens und Beschwichtigens die schon seit
Jahren gäng und gäbe war und die Marann glaubte jetzt eben so wenig daran als
ehedem denn von dem Todtenschein sprach ja Niemand
Es wäre wohl besser gewesen auch Amrei hätte nichts davon gewusst aber es
lag ein eigener verführerischer Reiz darin dem Unberührbaren so nahe als
möglich zu kommen und darum sprach Jedes mit Amrei von dem traurigen Ereignis
warnte sie der schwarzen Marann etwas davon zu sagen und wollte wissen ob die
Mutter keine Ahnungen keine Träume habe ob es nicht umgehe im Hause Amrei war
immer innerlich voll Zittern und Beben Sie allein war der schwarzen Marann so
nahe und hatte Etwas was sie vor ihr verborgen halten musste Auch die Leute bei
denen die schwarze Marann eine Stube zur Miete hatte hielten es nicht mehr
aus in ihrer Nähe und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit dass sie ihr die
Miete kündigten Aber wie seltsam hängen die Dinge im Leben zusammen Eben
durch dieses Ereignis erfuhr Amrei Leid und Lust denn das elterliche Haus
öffnete sich ihr wieder die schwarze Marann zog in dasselbe und Amrei die
Anfangs voll Beben darin hin und herging und wenn sie Feuer anmachte und wenn
sie Wasser holte immer glaubte jetzt müsse die Mutter kommen und der Vater
fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben Sie spann Tag
und Nacht bis sie so viel erübrigt hatte um vom Kohlenmates die Kukuksuhr
die ihren Eltern gehört hatte wieder zu kaufen Jetzt hatte sie doch auch
wieder ein Stück eigenen Hausrat Aber der Kukuk hatte Not gelitten in der
Fremde er hatte die Hälfte seiner Stimme verloren die andere Hälfte blieb ihm
im Halse stecken er rief nur noch »Kuk« und so oft er das tat setzte Amrei
in der ersten Zeit immer das andere »Kuk« fast unwillkürlich hinzu Als Amrei
darüber klagte dass die Kukuksuhr nur noch halb tönte und überhaupt nicht mehr
so schön sei wie in ihrer frühen Kindheit da sagte die Marann
»Wer weiß wenn man in späteren Jahren das wieder bekäme was Einen in der
Kindheit ganz glücklich gemacht hat ich glaube es hätte auch nur noch den
halben Schlag wie deine Kukuksuhr Wenn ichs dich nur lehren könnte Kind Aber
so etwas kann man nicht schenken Es hat mich viel gekostet bis ichs gelernt
habe Wünsch dir nichts von gestern Viel Schweiß viel Tränen Und du wirsts
auch nicht anders kriegen Häng dich an Nichts an keinen Menschen und an keine
Sache dann kannst du fliegen«
Die Reden der Marann waren wild und scheu zugleich und sie kamen nur heraus
in der Dämmerzeit wie das Wild im Walde
Es gelang Amrei nur schwer sich an sie zu gewöhnen
Die schwarze Marann konnte das Kukukrufen nicht leiden und hing das
Schlaggewicht an der Uhr ganz aus so dass die Uhr nur noch mit dem Pendelschlag
hin und herpickte aber keine Stunde mehr laut angab Der schwarzen Marann war
das Sprechen der Uhr zuwider ja sogar das Ticken störte sie und die Uhr blieb
endlich ganz unaufgezogen denn die Marann sagte sie habe allzeit die Uhr im
Kopf und es war in der Tat wunderbar wie das eintraf Sie wusste zu jeder Minute
anzugeben wie viel es an der Zeit sei obgleich ihr das sehr gleichgültig sein
konnte aber es lag eine besondere Geweckteit in der Harrenden und wie sie
immer hinaushorchte um ihren Sohn kommen zu hören so war sie eigentümlich
wach und obgleich sie Niemand im Dorfe besuchte und mit Niemand sprach wusste
sie doch Alles selbst das Geheimste was im Dorfe vorging Sie erriet es aus
der Art wie sich die Menschen begegneten aus abgerissenen Worten Und weil
dies wunderbar erschien war sie gefürchtet und gemieden Sie bezeichnete sich
selbst gern nach einem landläufigen Ausdruck als eine »alterlebte Frau« und
doch war sie äußerst behend Jahraus jahrein aß sie täglich einige
Wachholderbeeren und man sagte davon sei sie so munter und man sehe ihr ihre 66
Jahre nicht an Eben dass jetzt die beiden Sechse beisammen standen brachte sie
auch nach einem alten Wortspiele in den Ruf einer Hexe obgleich man nicht mehr
recht daran glauben wollte Man sagte sie melke ihre schwarze Ziege oft
stundenlang und diese gebe immer gar viel Milch aber die schwarze Marann ziehe
während sie melke nur immer den Kühen dessen den sie hasse die Milch aus dem
Euter besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen Und die große
Hühnerzucht die die schwarze Marann trieb galt auch für Hexerei denn woher
nahm sie das Futter dazu und woher konnte sie immer Eier und Hühner verkaufen
Freilich sah man sie oft im Sommer Maikäfer Heuschrecken und allerlei Würmer
sammeln und in mondlosen Nächten wie ein Irrlicht durch die Gräben schleichen
sie trug einen brennenden Span und sammelte die Regenwürmer die da
herausschlichen und murmelte allerlei dabei Ja man sagt dass sie in stillen
Winternächten mit ihrer Ziege und ihren Hühnern die sie bei sich in der Stube
überwinterte allerlei wunderliche Gespräche hielte Das ganze von der
Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen und Zaubergeschichten wachte
wieder auf und wurde an die schwarze Marann geheftet
Amrei fürchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternächten wenn sie
spinnend bei der Marann saß und man nichts hörte als manchmal das verschlafene
Glucksen der Hühner und ein traumhaftes Mekern der Ziege und es erschien in der
Tat zauberisch wie schnell die Marann immer spann »Ja« sagte sie einmal
»ich meine mein Johannes hilft mir spinnen« und doch klagte sie wieder dass
sie in diesem Winter zum Erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren
Johannes denke Sie machte sich Vorwürfe darüber und sagte sie sei eine
schlechte Mutter und klagte es wäre ihr immer als wenn ihr die Gesichtszüge
ihres Johannes nach und nach verschwinden und als ob sie vergesse was er da
und da getan habe wie er gelacht gesungen und geweint und wie er auf den Baum
geklettert und in den Graben gesprungen sei
»Es wäre doch schrecklich« sagte sie »wenn Einem das nach und nach so
verschwinden könnte dass man nichts Rechtes mehr davon weiß« und sie erzählte
dann Amrei mit sichtlichem Zwang alles bis aufs Kleinste und Amrei war es tief
unheimlich immer und immer wieder von einem Toten so reden zu hören als ob er
noch lebte Und wieder klagte die Marann »Es ist doch sündlich dass ich gar
nicht mehr weinen kann um meinen Johannes Ich habe einmal gehört dass man um
einen Verlorenen weinen kann so lang er lebt und bis er verfault ist Ist er
wieder zur Erde geworden so hört auch das Weinen auf Nein das kann nicht
sein das darf nicht sein mein Johannes kann nicht tot sein das darfst du mir
nicht antun du dort oben oder ich werf dir den Bettel vor die Tür Da da
vor meiner Tür da sitzt der Tod da ist der Weiher und da kann ich mich
ersäufen wie einen blinden Hund und das geschieht wenn du mir das antust
aber nein verzeih mirs guter Gott dass ich so wider die Wand renne aber mach
da einmal eine Tür auf mach auf und lass meinen Johannes hereinkommen O die
Freud Komm da setz dich her Johannes Erzähl mir gar nichts ich will gar
nichts wissen du bist da und jetzt ists gut Die langen langen Jahre sind nur
eine Minute gewesen Was gehts mich an wo du gewandert bist Wo du gewesen
bist da bin Ich nicht gewesen und jetzt bist du da Und ich lasse dich nicht
mehr von der Hand bis sie kalt ist O Amrei und mein Johannes muss warten bis
du groß bist ich sag weiter nichts Warum redst du nichts«
Amrei war die Kehle wie zugeschnürt Es war ihr immer als ob der Tote
dastünde gespensterhaft auf ihren Lippen ruhte das Geheimnis und sie konnte es
anrufen und die Decke fiel ein und alles war begraben
Manchmal war die Marann aber auch gesprächsam in anderer Weise obgleich
Alles auf dem einen Grunde ruhte auf dem Andenken an ihren Sohn Und schwer
stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus »Warum hier ein Kind tot
auf das die Mutter wartet so zitternd mit ganzer Seele wartet und ich und
mein Dami wir sind verlorene Kinder möchten so gern die Hand der Mutter fassen
und diese Hand ist Staub geworden«
Das war ein dumpfes mächtiges Gebiet wohin das Denken des armen Kindes
getrieben wurde und es wusste sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen als
indem es leise das Einmaleins vor sich hin sagte
Besonders an Samstagabenden erzählte die schwarze Marann gern Nach altem
Aberglauben spann sie am Samstagabend nie da strickte sie immer und wenn sie
eine Geschichte zu erzählen hatte wickelte sie zuerst ein gut Teil von ihrem
Garnknäuel ab um nicht aufgehalten zu sein und dann erzählte sie am Faden fort
ohne Unterbrechung
»O Kind« schloss sie dann oft »merk dir Etwas in dir steckt ja auch ein
Einsiedel wer gut grad fort leben will der sollte ganz allein sein Niemand
gern haben und von Niemand was mögen Weißt du wer reich ist Wer nichts
braucht als was er aus sich hat Und wer ist arm Wer auf Fremdes wartet was
ihm zukommt Da sitzt Einer und wartet auf seine Hände die ein Anderer am Leib
hat und wartet auf seine Augen die einem Andern im Kopf stecken Bleib allein
für dich dann hast du deine Hände immer bei dir dann brauchst du keine
anderen kannst dir selber helfen Wer auf Etwas hofft was ihm von einem Andern
kommen soll der ist ein Bettler hoffe nur etwas vom Glück von einem
Geschwister ja von Gott selbst du bist ein Bettler du stehst da und hälst die
Hand auf bis dir etwas hineinfliegt Bleib allein das ist das Beste da hast
du Alles in Einem allein o wie gut ist Allein Schau tief im Ameisenhaufen
liegt ein klein winziger funkelnder Stein wer den findet kann sich unsichtbar
machen und kann ihm Niemand was anhaben aber das kriecht durcheinander wer
findet ihn Und es gibt ein Geheimnis in der Welt aber wer kanns fassen
Nimms auf nimms zu dir Es gibt kein Glück und kein Unglück Jeder kann sich
Alles selber machen wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch aber
nur unter Einem Beding er muss allein bleiben Allein Allein Sonst hilfts
nichts«
Aus dem Tiefsten langjähriger schwerer Vereinsamung heraus gab die Marann
dem eben erst aus dem Kinde entwachsenen Mädchen noch halbverschlossene Worte
das Mädchen konnte sie nicht fassen aber wer weiß was auch von
Halbverstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt Und nach wildem
Umschauen fuhr die schwarze Marann fort »O könnt ich nur allein sein Aber
ich habe mich vergeben ein Stück von mir ist unterm Boden und ein anderes läuft
in der Welt herum wer weiß wo Ich wollt ich wäre die schwarze Ziege da«
So freundlich und hell auch die schwarze Marann begann immer ging der
Schluss ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern über und sie die allein
sein wollte an Nichts denken und Nichts lieben lebte doch nur im Denken an
ihren Sohn und in der Liebe zu ihm
Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel um aus diesem unheimlichen
Alleinsein mit der schwarzen Marann erlöst zu werden sie verlangte dass auch
Dami ins Haus genommen werde und so heftig sich die schwarze Marann auch
dagegen wehrte Amrei drohte selber das Haus zu verlassen und schmeichelte der
schwarzen Marann so kindlich und tat ihr was sie an den Augen absehen konnte
bis sie endlich nachgab
Dami der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte saß nun mit in
der elterlichen Stube und Nachts wenn die Geschwister auf dem Speicher
schliefen weckte Eines das Andere wenn sie die schwarze Marann drunten
murmeln und hin und herlaufen hörten
Durch die Übersiedelung Damis zur schwarzen Marann kam indes neues
Ungemach Dami war überaus unzufrieden dass er dies elende Handwerk das nur für
einen Krüppel tauge habe lernen müssen er wollte auch Maurer werden und
obgleich Amrei sehr dagegen sprach denn sie ahnte dass ihr Bruder nicht dabei
aushalten werde bestärkte ihn die schwarze Marann darin Sie hätte gern alle
jungen Bursche zu Maurern gemacht um sie in die Fremde zu schicken damit sie
Kundschaft erhalte von ihrem Johannes
Die schwarze Marann ging selten in die Kirche aber sie liebte es wenn man
ihr Gesangbuch entlehnte um damit in die Kirche zu gehen es schien ihr ein
eigenes Genügen dass ihr Gesangbuch dort sei und eine besondere Freude hatte
sie wenn ein fremder Handwerksbursch der im Ort arbeitete das
zurückgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zweck entlehnte es schien
ihr als ob ihr Johannes bete in der heimatlichen Kirche weil aus seinem
Gesangbuch die Worte gesprochen und gesungen wurden und Dami musste nun jeden
Sonntag zweimal mit dem Gesangbuch des Johannes in die Kirche
Ging aber die schwarze Marann nicht zur Kirche so war sie bei Einer
Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardörfern immer zu sehen Es gab
nämlich kein Leichenbegängnis bei dem die schwarze Marann nicht leidtragend
mitging und bei Predigt und Einsegnung selbst am Grabe eines kleinen Kindes
weinte sie so heftig als wäre sie die nächste Angehörige aber dann war sie auf
dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgeräumt dieses Weinen schien ihr
eine wahre Erleichterung zu sein Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille
Trauer hinunter dass sie dankbar dafür war wenn sie wirklich weinen konnte
War es nun den Menschen zu verargen dass sie sie für eine unheimliche
Erscheinung hielten und zumal da sie noch dazu ein Geheimnis gegen sie auf den
Lippen hatten Auch auf Amrei ging ein Teil dieser Gemiedenheit über und in
manchen Häusern wo sie sich helfend oder mitteilend auf Besuch einstellte
ließ man sie nicht undeutlich merken dass man ihre Anwesenheit nicht wünsche
zumal da sie schon jetzt eine Seltsamkeit zeigte die Allen im Dorf wunderbar
vorkam Sie ging mit Ausnahme des höchsten Winters stets barfuß und man sagte
sie müsse ein Geheimmittel haben dass sie nicht krank werde und sterbe
Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern geduldet war ja der
Rodelbauer ihr Vormund Aber die Rodelbäuerin die sich ihrer immer angenommen
und ihr versprochen hatte sie einst zu sich zu nehmen wenn sie erwachsen sei
konnte diesen Plan nicht ausführen Sie selber wurde von einem Andern
angenommen der Tod nahm sie zu sich Während sonst erst im späteren Leben sich
die Schwere des Daseins auftut wie da und dort ein Anhang abfällt und nur noch
ein Gedanken daran verbleibt erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrühe und
heftiger als alle Angehörigen weinten die schwarze Marann und Amrei bei dem
Begräbnis der Rodelbäuerin
Der Rodelbauer klagte immer fast nur wie herb es sei dass er jetzt schon
das Gut abgeben müsse Und noch war keines seiner drei Kinder verheiratet Aber
kaum war ein Jahr vorüber der Dami arbeitete schon den zweiten Frühling im
Steinbruch als eine Doppelhochzeit im Dorfe gefeiert wurde denn der
Rodelbauer verheiratete seine älteste Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn
dem er am Hochzeitstage das Gut übergab da wurde Amrei eben auf dieser
Doppelhochzeit neu benamt und in ein anderes Leben übergeführt
Auf dem Vorplatz des großen Tanzbodens waren die Kinder versammelt und
während die Erwachsenen drin tanzten und jauchzten ahmten die Kinder hier das
Gleiche nach Aber seltsam mit Amrei wollte kein Knabe und kein Mädchen tanzen
und man wusste nicht wer es zuerst gesagt aber man hatte es gehört dass eine
Stimme rief »Mit dir tanzt Keiner du bist ja das Barfüßele« und »Barfüßele
Barfüßele Barfüßele« schrie es nun von allen Seiten Amrei stand das Weinen in
den Augen aber hier übte sie schnell wieder jene Kraft mit der sie Spott und
Kränkung bezwang sie drückte die Tränen hinab fasste hüben und drüben ihre
Schürze tanzte mit sich allein herum und so zierlich so biegsam dass alle
Kinder inne hielten Und bald nickten die Erwachsenen unter der Tür einander
zu und ein Kreis von Männern und Frauen bildete sich um Amrei und besonders der
Rodelbauer der sich an diesem Tage doppelt gütlich getan schnalzte mit den
Händen und pfiff lustig den Walzer den die Musik drin aufspielte und Amrei
tanzte unaufhörlich fort und schien gar keine Müdigkeit zu kennen Als endlich
die Musik verstummte fasste der Rodelbauer Amrei an der Hand und fragte »Du
Blitzmädle wer hat dich denn das so schön gelehrt«
»Niemand«
»Warum tanzest du denn mit Niemand«
»Es ist besser man tuts allein da braucht man auf Niemand zu warten und
hat seinen Tänzer immer bei sich«
»Hast schon was von der Hochzeit bekommen« fragte der Rodelbauer
wohlgefällig schmunzelnd
»Nein«
»Komm herein und iss« sagte der stolze Bauer und führte das arme Kind hinein
und setzte es an den Hochzeitstisch auf den immerfort den ganzen Tag
aufgetragen wurde Amrei aß nicht viel und der Rodelbauer wollte sich den Spaß
bereiten das Kind trunken zu machen es erwiderte aber keck
»Wenn ich noch mehr trinke kann ich nicht mehr allein gehen und die Marann
sagt allein ist das beste Fuhrwerk da ist immer eingespannt«
Alles staunte über die Weisheit des Kindes
Der junge Rodelbauer kam mit seiner Frau und fragte das Kind neckisch »Hast
du uns auch ein Hochzeitgeschenk gebracht Wenn man so isst muss man auch ein
Hochzeitgeschenk bringen«
Der Hochzeitsvater steckte in unbegreiflicher Großmut dem Kinde bei dieser
Frage heimlich einen Sechsbätzner zu Amrei aber behielt den Sechsbätzner fest
in der Hand nickte gegen den Alten und sagte dann dem jungen Paare »Ich hab
das Wort und ein Drangeld Eure Mutter selig hat mir immer versprochen dass ich
bei ihr dienen und niemand Anders als ich Kindsmagd bei ihrem ersten Enkelchen
sein soll«
»Ja das hat die Bäuerin selig immer gewollt« sagte der Alte und redete zu
Was er aus Furcht dass er die Waise dann versorgen müsse seiner Frau ihr
Lebenlang versagt hatte das tat er jetzt wo er ihr keine Freude mehr damit
machen konnte und gab sich vor den Leuten den Anschein als ob ers zu ihrem
Gedenken tue Aber er tats auch jetzt noch nicht aus Güte sondern in der
richtigen Berechnung dass die Waise ihm dem enttronten Bauer der ihr Pfleger
war dienstgefällig sein werde und die Last ihrer Versorgung die die bloße
Ablohnung überstieg fiel Anderen zu nicht ihm selber
Die jungen Brautleute sahen einander an und der junge Rodelbauer sagte
»Bring morgen dein Bündel in unser Haus Du kannst bei uns einstehen«
»Gut« sagte Amrei »morgen bring ich mein Bündel aber jetzt möcht ich
mein Bündel mitnehmen Gebet mir da ein Fläschchen Wein und das Fleisch will ich
einwickeln und es der Marann und meinem Dami bringen«
Man willfahrte Amrei aber der alte Rodelbauer sagte ihr jetzt leise »Gib
mir meinen Sechsbätzner wieder Ich hab gemeint du willst ihn schenken«
»Ich will ihn als Drangeld von Euch behalten« erwiderte Amrei schlau »und
Ihr werdet sehen ich will ihn euch schon wett machen«
Der Rodelbauer lachte halb ärgerlich in sich hinein und Amrei ging mit Geld
Wein und Fleisch davon zu der schwarzen Marann
Das Haus war verschlossen und es war ein großer Abstand zwischen dem
lauten musikschallenden Lärmen und Schmausen im Hochzeitause und der stillen
Öde hier Amrei wusste wo sie die Marann erwarten konnte auf ihrem Heimwege
sie ging fast immer nach dem Steinbruch und saß dort eine Zeitlang hinter der
Hecke und hörte zu wie Spitzhammer und Meisel arbeiteten Das war ihr wie eine
Melodie die aus den Zeiten klang wo Johannes einst auch hier gearbeitet hatte
und da saß sie oft lange und hörte es picken
Amrei traf hier richtig die Marann und noch eine halbe Stunde vor
Feierabend rief sie auch den Dami aus dem Steinbruch und hier draußen bei den
Felsen wurde ein Hochzeitmahl gehalten fröhlicher als drin bei der rauschenden
Musik Besonders Dami jauchzte laut und die Marann tat auch heiter nur trank
sie keinen Tropfen Wein sie wollte nicht eher einen Tropfen Wein über die
Lippen bringen als bis zur Hochzeit des Johannes Als Amrei nun unter
Heiterkeit erzählte dass sie einen Dienst bei dem jungen Rodelbauer bekommen
habe und morgen antrete da erhob sich die schwarze Marann in wildem Zorn und
einen Stein aufhebend und ihn an die Brust drückend sagte sie »Es wäre
tausendmal besser ich hätte dich da drinnen so einen Stein als ein lebendig
Herz Warum kann ich nicht allein sein Warum habe ich mich wieder verführen
lassen Jemand gern zu haben Aber jetzt ists vorbei auf ewig Wie ich den
Stein da hinunterschleudere so schleudere ich fort alle Anhänglichkeit an
irgend einen Menschen Du falsches treuloses Kind Kaum kann es die Flügel
heben fort fliegts Aber es ist gut so ich bin allein und mein Johannes soll
auch allein bleiben wenn er kommt und es ist Nichts was ich gewollt hab«
Und fort rannte sie dem Dorfe zu
»Es ist doch eine Hexe« sagte Dami hinter ihr drein »ich will den Wein
nicht mehr trinken wer weiß ob sie ihn nicht verhext hat«
»Trink du ihn nur sie ist eine strenge Eigenbrätlerin und hat ein schweres
Kreuz auf sich ich will sie schon wieder gut machen«
So tröstete Amrei
7 Die barmherzige Schwester
Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodelbauern Barfüßele so hieß man
nun fortan Amrei war zu allem anstellig und wusste sich gleich bei Allen beliebt
zu machen sie wusste der jungen Bäuerin die fremd ins Dorf und ins Haus
gekommen war zu sagen was hier der Brauch sei lehrte sie die Eigenschaften
ihrer nächsten Angehörigen kennen und sich danach richten und dem alten
Rodelbauer der den ganzen Tag trotzte und sich nicht zufrieden geben konnte
weil er sich so frühe zur Ruhe gesetzt wusste sie allerlei Gefälligkeiten zu
erweisen und ihm zu erzählen wie gar gut die Söhnerin sei und es nur nicht so
von sich zu geben wisse und als nach kaum einem Jahre das erste Kind kam
zeigte sich Amrei darüber so glücklich und in allen Erfordernissen so geschickt
dass Jedes im Hause ihres Lobes voll war aber nach Art dieser Leute so voll dass
man sie bei dem kleinsten Ungeschick eher dafür auszankte als dass man sie je in
der Tat lobte
Aber Amrei wartete auch nicht darauf und namentlich dem Großvater wusste sie
das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu
entziehen dass man seine Freude daran haben musste Beim ersten Zahne des Enkels
den sie dem Rodelbauer zeigen konnte sagte dieser »Ich schenke dir einen
Sechsbätzner weil du mir die Freude machst Aber weißt du den den du mir
gestohlen hast an der Hochzeit jetzt darfst du ihn ehrlich behalten«
dabei war aber die schwarze Marann nicht vergessen Es war allerdings ein
schwer Stück Arbeit mit ihr wieder ins Geleise zu kommen Die Marann wollte
vom Barfüßele nichts mehr wissen und ihre neue Herrschaft wollte es nicht
dulden dass sie zu ihr hinginge besonders nicht mit dem Kinde da man noch
immer fürchtete dass ihm durch die Hexe ein Leid geschehe Es bedurfte großer
Kunst und Ausdauer um diese Feindseligkeit zu besiegen aber es gelang dennoch
Ja Barfüßele wusste es dahin zu bringen dass der Rodelbauer die schwarze Marann
mehrmals besuchte Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorf berichtet
Aber die Besuche wurden bald wieder eingestellt denn die schwarze Marann sagte
einmal »Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines
Grossbauern ausgekommen es ist mir nicht der Mühe wert das noch zu ändern«
Auch Dami war natürlich oft bei seiner Schwester aber der junge Rodelbauer
wollte das nicht dulden denn er sagte nicht mit Unrecht er müsse dadurch den
grossgewachsenen Burschen auch ernähren man in einem solchen Hause nicht
aufpassen ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke Er verbot daher außer
Sonntag Nachmittags Dami den Besuch des Hauses Dami hatte indes selbst zu sehr
in das Behagen hineingeschaut in einem so reich erfüllten Bauernwesen zu
stehen ihm wässerte der Mund danach auch so mitten drin zu sein und sei es
nur als Knecht Das Steinmetzenleben war gar so hungrig Barfüßele hatte viel zu
widersprechen er solle bedenken dass er nun schon das zweite Handwerk habe und
dabei bleiben müsse das sei nichts dass man immer wieder Anderes anfange und
glaube dabei sei man glücklich man müsse auf dem Fleck auf dem man steht es
sein sonst werde man es nie Dami ließ sich eine Zeitlang beschwichtigen und
so groß war bereits die unwillkürliche Geltung Barfüßeles und so natürlich die
Annahme dass sie für ihren Bruder sorge dass man ihn immer nur »des Barfüßeles
Dami« hieß als wäre er nicht ihr Bruder sondern ihr Sohn und doch war er um
einen Kopf größer als sie und tat nicht als ob er ihr untertan sei Ja er
sprach es oft aus wie es ihn wurme dass man ihn für geringer halte als sie
weil er nicht solch Maulwerk habe Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf
ließ er zuerst und immer an der Schwester aus Sie trug es geduldig und weil er
nun vor der Welt zeigte dass sie ihm gehorchen müsse gewann sie dadurch nur
immermehr an Ansehen und Übermacht in der Oeffentlichkeit Denn Jeder sagte es
sei brav von dem Barfüßele was sie an ihrem Bruder täte und sie stieg dadurch
noch dass sie sich von ihm gewalttätig behandeln ließ während sie für ihn
sorgte wie eine Mutter Sie wusch und nähte ihm in den Nächten dass er zu den
Saubersten im Dorf gehörte und bei zwei Paar Rahmenschuhen die sie als Teil
ihres Lohnes jedes halbe Jahr bekam hatte sie beim Schuhmacher noch
daraufbezahlt damit er solche ihrem Dami mache und sie selber ging allzeit
barfuß und nur selten sah man sie einmal des Sonntags in Schuhen in die Kirche
gehen Barfüßele hatte viel Kummer davon dass Dami man wusste nicht wie
allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war Sie
ließ ihn scharf darum an dass er das nicht dulden solle er aber verlangte sie
möge es den Leuten wehren und nicht ihm er könne nicht dagegen aufkommen Das
war nun nicht tunlich und innerlich war es dem Dami auch eigentlich gar nicht
unlieb dass er überall gehänselt wurde es kränkte ihn zwar manchmal wenn Alles
über ihn lachte und viel Jüngere sich etwas gegen ihn herausnahmen aber es
wurmte ihn noch weit mehr wenn man ihn gar nicht beachtete und dann machte er
sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis
Bei Barfüßele dagegen war allerdings die Gefahr der Einsiedel zu werden
den die Marann immer in ihr erkennen wollte Sie hatte sich an eine einzige
Gespielin angeschlossen es war die Tochter des Kohlenmates die aber nun schon
seit Jahren in einer Fabrik im Elsass arbeitete und man hörte nichts mehr von
ihr Barfüßele lebte so für sich dass man sie gar nicht zur Jugend im Dorfe
zählte sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprächsam aber ihre
eigentliche Gespielin war doch nur die schwarze Marann Und eben weil Barfüßele
so abgeschieden lebte hatte sie keinen Einfluss auf das Verhalten Damis der
wenn auch geneckt und gehänselt doch immer des Anschlusses bedürftig war und
nie allein sein konnte wie seine Schwester
Jetzt aber hatte sich Dami plötzlich ganz frei gemacht und eines schönen
Sonntags zeigte er seiner Schwester die Drangabe die er bekommen hatte denn er
hatte sich als Knecht zum Scheckennarr von Hirlingen verdungen
»Hättest du mir das gesagt« sagte Barfüßele »ich hätte einen bessern
Dienst für dich gewusst Ich hätte dir einen Brief gegeben an die
Landfriedbäuerin im Allgäu und da hättest dus gehabt wie der Sohn vom Haus«
»O schweig nur von der« sagte Dami hart »die ist mir nun schon bald
dreizehn Jahr ein paar lederne Hosen schuldig die sie mir versprochen hat
Weißt du noch Damals wie wir klein gewesen sind und gemeint haben wir könnten
noch klopfen dass Vater und Mutter aufmachen Schweig mir von der
Landfriedbäuerin wer weiß ob die noch mit Einem Wort an uns denkt wer weiß ob
sie gar noch lebt«
»Ja sie lebt noch sie ist ja eine Verwandte von meinem Haus und es wird oft
von ihr gesprochen und sie hat alle ihre Kinder verheiratet bis auf einen
einzigen Sohn der den Hof kriegt«
»Jetzt willst du mir nur meinen neuen Dienst verleiden« klagte Dami »und
sagst mir ich hätte einen bessern kriegen können Ist das recht« Seine Stimme
zitterte
»O sei nicht immer so weichmütig« sagte Barfüßele »Schwätz ich dir denn
was von deinem Glück herunter Du tust immer gleich als ob dich die Gänse
beißen Ich will dir nur noch sagen jetzt bleib einmal bei dem was du hast
sei darauf bedacht dass du auf deinem Platz bleibst Das ist nichts so wie ein
Kukuk jede Nacht auf einem andern Baum schlafen Ich könnt auch andere Plätze
kriegen aber ich will nicht und ich habs dahin gebracht dass mirs hier gut
geht Schau wer jede Minut auf einen andern Platz springt den behandelt man
auch wie einen Fremden man weiß dass er morgen nicht mehr zum Haus gehören kann
und da ist er schon heut nicht daheim drin«
»Ich brauch deine Predigt nicht« sagte Dami und wollte zornig davon
gehen »Gegen mich tust du immer kratzig und gegen die ganze Welt bist du
geschmeidig«
»Weil du eben mein Bruder bist« sagte Barfüßele lachend
Es gelang ihr jetzt den Bruder zu beschwichtigen und sie sagte »Schau mir
fällt was ein aber du musst vorher gut sein denn auf einem bösen Herzen darf
der Rock nicht ligen Der Rodelbauer hat ja noch die Kleider von unserm Vater
selig du bist ja groß die sind dir jetzt grad recht und du gibst dir auch ein
Ansehen wenn du mit solchem rechtschaffenen Gewand auf den Hof kommst da sehen
deine Nebendiensten auch wo du her bist und was du für ordentliche Eltern
gehabt hast«
Das leuchtete Dami ein und trotz vielem Widerspruch denn er wollte die
Kleider jetzt noch nicht hergeben brachte Barfüßele den alten Nodelbauer dazu
dass er dieselben Dami einhändigte und dann führte Barfüßele den Dami hinauf in
ihre Kammer und er musste sogleich den Rock und die Weste des Vaters anziehen er
widerstrebte aber was sie einmal wollte das musste doch geschehen Nur den Hut
ließ sich Dami nicht aufzwingen und als er den Rock anhatte legte sie die Hand
auf die Schulter und sagte
»So jetzt bist du mein Bruder und mein Vater und jetzt geht der Rock zum
Erstenmal wieder über Feld und es ist ein neuer Mensch drum Schau Dami du hast
das schönste Ehrenkleid was es geben kann auf der Welt halt es in Ehren sei
drin so rechtschaffen wie unser Vater selig gewesen ist«
Sie konnte nicht mehr weiter sprechen und legte ihr Haupt auf die Schulter
des Bruders und Tränen fielen auf das Kleid des Vaters
»Du sagst ich sei weichmütig« tröstete sie Dami »und du bist es weit
eher«
Allerdings war Barfüßele von Allem schnell tief ergriffen aber sie war
dabei auch stark und leichtlebig wie ein Kind es war wie damals die Marann bei
ihrem ersten Einschlafen bemerkt hatte Wachen und Schlafen Weinen und Lachen
hart neben einander sie ging in jedem Ereignis und jeder Empfindung voll auf
kam aber auch rasch wieder darüber hinweg und ins Gleichgewicht
Sie weinte noch immer
»Du machst Einem das Herz so schwer« jammerte Dami »und es ist schon
schwer genug dass ich fort muss aus der Heimat unter fremde Menschen Du hättest
mich eher aufheitern sollen als jetzt so so «
»Rechtschaffenes Denken ist die beste Aufheiterung« sagte Barfüßele »das
macht gar nicht schwer Aber du hast Recht du hast geladen genug und da kann
ein einziges Pfund das man darauf tut Einen niederreissen Aber komm ich will
jetzt sehen was die Sonne dazu sagt wenn der Vater jetzt zum Erstenmal wieder
vor sie kommt Nein das hab ich ja nicht sagen wollen Komm jetzt wirst schon
wissen wo wir noch hingehen wollen wo du noch Abschied nehmen musst und wenn
du nur eine Stunde weit fortgehst du gehst doch aus dem Ort und da muss man
dort Abschied nehmen Ist mir auch schwer genug dass ich dich nicht mehr bei mir
haben soll nein ich meine dass ich nicht mehr bei dir sein soll ich will dich
nicht regieren wie die Leute sagen Ja ja die alte Marann hat doch Recht
allein das ist ein großes Wort das lernt man nicht aus was da drin steckt So
lang du noch da drüben über der Gasse gewesen bist und wenn ich dich oft acht
Tage nicht gesehen habe was tuts Ich kann dich jede Minute haben das ist so
gut als wenn man bei einander ist aber jetzt Nun es ist ja nicht aus der
Welt Aber ich bitt dich verhebe dich nicht dass du keinen Schaden leidest
und wenn du was zerrissen hast schick mirs nur ich flick und strick dir
noch und jetzt komm jetzt wollen wir auf den Kirchhof«
Dami wehrte sich dagegen und wieder mit dem Vorhalte dass es im schon schwer
genug sei und dass er sichs nicht noch schwerer machen wolle Barfüßele
willfahrte auch hierin Er zog die Kleider des Vaters wieder aus und Barfüßele
packte sie in den Sack den sie einst beim Gänsehüten als Mantel getragen hatte
und auf dem noch der Name des Vaters stand Sie beschwor aber Dami dass er ihr
den Sack mit nächster Gelegenheit wieder zurückschicke
Die Geschmister gingen mit einander fort Ein Hirlinger Fuhrwerk fuhr durch
das Dorf Dami rief es an und packte schnell seine Habseligkeiten auf Dann ging
er Hand in Hand mit der Schwester das Dorf hinaus und Barfüßele suchte ihn zu
erheitern indem sie sagte
»Weißt du noch was ich dir da beim Backofen für ein Rätsel aufgegeben
habe«
»Nein«
»Besinn dich was ist das Beste am Backofen Weißts nicht mehr«
»Nein«
»Das Beste am Backofen ist dass er das Brod nicht selber frisst«
»Ja ja du kannst lustig sein du bleibst daheim«
»Du hasts ja gewollt und du kannst auch lustig sein wolle du nur recht«
Still geleitete sie ihren Bruder bis auf den Holderwasen dort beim
Holzbirnenbaum sagte sie
»Hier wollen wir Abschied nehmen Behüt dich Gott und fürcht dich vor
keinem Teufel«
Sie schüttelten sich wacker die Hände und Dami ging Hirlingen zu Barfüßele
nach dem Dorf Erst unten am Berg wo Dami sie nicht mehr sehen konnte wagte
sie es die Schürze aufzuheben und sich die Tränen abzutrocknen die ihr die
Wangen herabrollten und laut vor sich hin sagte sie
»Verzeih mirs Gott dass ich das von dem Allein auch gesagt hab ich danke
dir dass du mir einen Bruder gegeben hast Lass mir ihn nur so lang ich lebe«
Sie kehrte ins Dorf zurück es kam ihr leer vor und in der Dämmerung als
sie die Kinder des Rodelbauern einwiegte konnte sie nicht ein einziges Lied
über die Lippen bringen während sie sonst immer sang wie eine Lerche Sie musste
immer denken wo jetzt ihr Bruder sei was man mit ihm rede wie man ihn
empfange und doch konnte sie sich das nicht vorstellen Sie wäre gern hingeeilt
und hätte gern allen Menschen gesagt wie gut er sei und dass sie gegen ihn auch
gut sein mögen aber sie tröstete sich wieder dass Niemand ganz und überall für
den Andern sorgen könne Und sie hoffte es würde ihm gut tun dass er sich
selber fortelfe
Als es schon Nacht war ging sie in ihre Kammer wusch sich aufs Neue
zöpfte sich frisch und kleidete sich nochmals an als ob es Morgen wäre und mit
dieser seltsamen Verdoppelung des neuen Tages begann ihr fast nochmals ein neues
Erwachen
Als Alles schlief ging sie noch einmal hinüber zur schwarzen Marann und
ohne Licht saß sie Stundenlang bei ihr am Bett in der dunklen Stube sie
sprachen davon wie das sei wenn man einen Menschen draußen in der Welt habe
der doch ein Stück von Einem sei und erst als die Marann eingeschlafen war
schlich sich Barfüßele davon Sie nahm aber noch den Kübel und trug Wasser für
die Marann und legte das Holz auf den Herd und so geschichtet dass es am andern
Morgen nur angezündet zu werden brauchte Dann erst ging sie nach Hause
Was ist Wohltätigkeit die in Geldspenden besteht Eine in die Hand gelegte
fremde Kraft die wiederum von ihr entäussert wird Wie anders ist es die
eingeborne Kraft selbst einzusetzen ein Stück Leben hinzugeben und noch dazu
das einzige das verblieben ist Die Stunden der Ruhe die Sonntagsfreiheit die
Barfüßele gegeben war opferte sie alle der schwarzen Marann und sie ließ sich
dabei noch zanken und schelten wenn sie Etwas gegen die Gewohnheit der
Eigenbrätlerin getan hatte und es fiel ihr nicht ein dabei zu denken oder zu
sagen wie könnt Ihr mich noch zanken und schelten über etwas was ich Euch
schenke Ja sie wusste kaum mehr dass sie es tat Nur wenn sie an Sonntagsabenden
bei der Vereinsamten still vor dem Hause saß und zum Tausendstenmale gehört
hatte welch ein schmucker Bursch der Johannes am Sonntag gewesen sei und wenn
dann die jungen Burschen und Mädchen durch das Dorf zogen und allerlei Lieder
sangen da wurde sie etwas davon gewahr dass sie hier saß und ihre Lustbarkeit
opferte und sie sang leise vor sich hin die Lieder mit die von den Wandelnden
im Verein gesungen wurden aber wenn sie die Marann ansah hielt sie inne und
sie dachte darüber nach wie es doch eigentlich gut wäre dass der Dami nicht
mehr im Dorf sei Er war nicht mehr die Zielscheibe allgemeiner Neckerei und
wenn er zurückkam war er gewiss ein Bursch vor dem alle Respekt haben mussten
An Winterabenden wenn im Hause des Rodelbauern gesponnen und gesungen
wurde da allein durfte Barfüßele mitsingen und obgleich sie einen hellen
lauten Ton hatte ließ sie sich doch dazu herbei fast immer die zweite Stimme
zu singen Die Rosel des Rodelbauern noch ledige Schwester die um ein Jahr
älter als Barfüßele war sang immer die erste Stimme und es verstand sich von
selbst dass auch die Stimme Barfüßeles ihr dienen musste wie denn überhaupt die
Rosel eine stolze und schneidige Person das Barfüßele durchaus als Lasttier
im Hause betrachtete und behandelte allerdings weniger vor den Leuten als im
Geheimen Und eben weil Barfüßele im ganzen Dorf dafür angesehen war dass sie im
Hauswesen des Rodelbauern wacker angriff und Alles in Stand hielt war es eine
Hauptangelegenheit der Rosel sich bei den Leuten zu berühmen wie viel Geduld
man mit dem Barfüßele haben müsse wie ihm die Gänsehirtin in allen Stücken
nachginge und wie sie es als ein Werk der Barmherzigkeit betrachte das
Barfüßele nicht so vor den Augen der Welt erscheinen zu lassen wie es eigentlich
sei
Ein besonderer Gegenstand des Aufziehens und des nicht immer wähligen
Spottes waren die Schuhe des Barfüßele Trotzdem es fast immer barfuß ging und
höchstens im Winter in abgeschnittenen Stiefeln des Bauern ließ es sich dennoch
bei jedem halbjährigen Lohne die gebräuchlichen Rahmenschuhe geben sie standen
aber oben in der Kammer unberührt und Barfüßele ging doch so stolz als hätte es
alle die Schuhe auf Einmal an
Sechs Paar Schuhe standen neben einander seitdem Dami beim Scheckennarren
diente Die Schuhe waren mit Heu ausgestopft und von Zeit zu Zeit tränkte sie
Barfüßele mit Fett damit sie geschmeidig blieben Barfüßele war vollauf
herangewachsen nicht sehr hoch aber stämmig untersetzt Sie kleidete sich
immer ärmlich aber sauber und anmutig und Anmut ist die Pracht der Armut
die nichts kostet und nicht zu kaufen ist Nur weil der Rodelbauer es der Ehre
des Hauses angemessen hielt zog Barfüßele des Sonntags ein besseres Kleid an
um sich vor den Leuten zu zeigten dann aber kleidete sie sich rasch wieder um
und saß bei der schwarzen Marann in ihrem Werktagskleide oder sie stand auch
bei ihren Blumen die sie vor ihrem Dachfenster in alten Töpfen pflegte Nelken
Gelbveigelein und Rosmarin gediehen hier vortrefflich und wenn sie auch manchen
Ableger davon auf das Grab der Eltern gepflanzt hatte es wucherte Alles doppelt
nach und die Nelken hingen in windenartigen Büscheln fast hinab bis auf den
Laubengang der sich um das ganze Haus zog Das weit vorgeneigte Strohdach des
Hauses bildete aber auch einen vortrefflichen Schutz für die Blumen und wenn
Barfüßele daheim war fiel im Sommer kein warmer Regen bei dem sie nicht die
Blumenscherben in den Garten trug um sie dort ganz nahe dem mütterlichen Boden
vollregnen zu lassen Besonders ein kleiner Rosmarinstock der in dem Topfe war
den einst Barfüßele auf dem Holderwasen zum allgemeinen Gebrauch bei sich gehabt
hatte besonders dieser Rosmarinstock war äußerst zierlich gebaut wie ein
kleiner Baum und Barfüßele ballte oft die rechte Faust und schlug die andere
Hand darüber indem sie vor sich hin sagte
»Wenns eine Hochzeit gibt von meinen Nächsten ja von meinem Dami dann
steck ich den an« Ein anderer Gedanke stieg in ihr auf vor dem sie errötete
bis in die Schläfe hinein und sie beugte sich und roch an dem Rosmarin wie
einen Duft aus der Zukunft sog sie Etwas aus ihm ein und mit wilder Hast
versteckte sie das Rosmarinstämmchen zwischen die andern großen Pflanzen dass
sie es nicht mehr sah und eben schloss sie das Fenster da läutete es Sturm
»Es brennt beim Scheckennarren in Hirlingen« hieß es bald Die Spritze
wurde herausgetan und Barfüßele fuhr auf derselben mit der Löschmannschaft
davon
»Mein Dami mein Dami« jammerte sie immer in sich hinein aber es war ja
Tag und bei Tag konnten Menschen nicht in einem Brande verunglücken Und
richtig als man bei Hirlingen ankam war das Haus schon niedergebrannt aber am
Wege in einem Baumgarten stand Dami und band eben die beiden Schecken schöne
stattliche Pferde an einen Baum und rings herum lief Alles scheckig Ochsen
Kühe und Rinder
Man hielt an Barfüßele durfte absteigen und mit einem »Gottlob dass dir
nichts geschehen ist« eilte sie auf den Bruder zu Dieser aber antwortete ihr
nicht und hielt beide Hände auf den Hals des einen Gaules gelegt
»Was ist Warum redest du nicht hast du dir Schaden getan«
»Ich nicht aber das Feuer«
»Was ist denn«
»All mein Sach ist verbrannt meine Kleider und mein bisschen Geld Ich habe
nichts als was ich auf dem Leib trage«
»Und des Vaters Kleider sind auch verbrannt«
»Sind sie denn feuerfest« sagte Dami zornig »Frage nicht so dumm«
Barfüßele wollte weinen über dieses harte Anlassen des Bruders aber sie
fühlte rasch wie durch einen Naturtrieb dass Unglück sehr oft im ersten Anprall
unwirsch hart und händelsüchtig macht sie sagte daher nur
»Dank Gott dass du dein Leben noch hast des Vaters Kleider freilich da
ist was mit verbrannt was man sich nicht mehr erwerben kann aber sie wären
doch auch einmal zu Grunde gegangen so oder so«
»All dein Geschwätz ist für die Katz« sagte Dami und streichelte immer das
Pferd »Da steh ich nun wie der Gott verlass mich nicht Da wenn die Gäule
reden könnten die würden anders reden aber ich bin eben zum Unglück geboren
Was ich gut tue ist nichts und doch«
Er konnte nicht mehr reden es erstickte ihm die Stimme
»Was ist denn geschehen«
»Da die Gäule und die Kühe und Ochsen ja es ist uns kein Stückle Vieh
verbrannt außer den Schweinen die haben wir nicht retten können Schau der
Gaul da drüben der hat mir da mein Hemd aufgerissen wie ich ihn aus dem Stall
ziehe mein zuderhändiger Gaul der hat mir nichts getan der kennt mich Gelt
du kennst mich Humpele Gelt wir kennen einander« Der Gaul legte seinen Kopf
über den Hals des andern und schaute Dami groß an der jetzt fortfuhr
»Und wie ich dem Bauer mit Freude berichte dass ich das Vieh alles gerettet
habe da sagt er das war nicht nötig ist Alles versichert und gut hätt mir
besser bezahlt werden müssen Ja denk ich bei mir aber dass das unschuldige
Vieh sterben soll ist denn das nichts Ists denn wenns bezahlt ist Alles
Ist denn das Leben nichts Der Bauer muss mir was angesehen haben von dem was ich
denk und da fragt er mich du hast doch dein Gewand und dein Sach gerettet
und da sag ich nein nein kein Fädele ich bin gleich in den Stall
gesprungen und da sagt er du bist ein Tralle Wie sag ich Ihr seid ja
versichert wenn das Vieh bezahlt worden wäre da werden doch auch meine Kleider
bezahlt und es sind auch noch Kleider von meinem Vater selig dabei und vierzehn
Gulden meine Taschenuhr und meine Pfeife Und da sagt er rauch draus Mein
Sach ist versichert und nicht das von den Dienstboten Ich sag das wird sich
zeigen und ich lass es auf einen Prozess ankommen und da sagt er so jetzt
kannst du gleich gehen Wer einen Prozess anfangen will hat aufgekündigt Ich
hätte dir ein paar Gulden geschenkt aber so kriegst du keinen Heller Jetzt
mach dass du fortkommst Da bin ich nun und ich mein ich sollt meinen
zuderhändigen Gaul mitnehmen ich hab ihm das Leben gerettet und er ging gern
mit mir Gelt du Aber ich habe das Stehlen nicht gelernt und ich wüsst mir
auch nicht zu helfen und es wäre am besten ich spränge jetzt ins Wasser Ich
komme mein Lebtag zu nichts und ich hab nichts«
»Aber ich hab noch und will dir helfen«
»Nein das tu ich nicht mehr dass ich dich aussauge du musst dirs auch
sauer verdienen«
Es gelang Barfüßele ihren Bruder zu trösten und ihn so weit zu bringen dass
er mit ihr heimging aber kaum waren sie hundert Schritte gegangen als etwas
hinter ihnen drein trabte Der Gaul hatte sich losgerissen und war Dami gefolgt
und dieser musste das Tier das er so sehr liebte mit Steinwürfen zurückjagen
Dami schämte sich seines Unglücks und ließ sich fast vor keinem Menschen
sehen Weil er sein Unglück nicht verbergen konnte und Spott darüber fürchtete
versteckte er sich selber
Nur an den ersten Häusern des Dorfes hielt er sich auf Die schwarze Marann
schenkte ihm einen Rock ihres erschossenen Mannes Dami hatte einen
unüberwindlichen Abscheu davor ihn anzuziehen aber Barfüßele die ehedem den
Rock des Vaters als ein Heiligtum betrachtet und gepriesen hatte fand jetzt
eben so viel Gründe zu beweisen dass ein Rock doch eigentlich nichts sei dass
gar nichts darauf ankäme wer ihn einst auf dem Leibe gehabt
Der Kohlenmates der nicht weit von der schwarzen Marann wohnte nahm Dami
mit als Gehülfen beim Holzschlagen und Kohlenbrennen Dami war das abgeschiedene
Leben am willkommensten er wollte nur noch ausharren bis er Soldat werden
musste und dann wollte er als Einsteher eintreten und auf Lebenszeit Soldat
bleiben beim Soldatenleben ist doch Gerechtigkeit und Ordnung und da hat
Niemand Geschwister und Niemand ein eigen Haus und man ist in Kleidung und
Speise und Trank versorgt und wenns Krieg gibt ist ein frischer Soldatentod
noch das Beste
Das war es was Dami am Sonntag im Moosbrunnenwalde aussprach wenn Barfüßele
hinabkam zum Meiler ihm Schmalz und Mehl und Rauchtabak brachte und ihn oft
belehren wollte wie er außer der gewöhnlichen Speise der Waldköhler die in
schmalzgebähtem Brod besteht auch die Knödel die er sich selbst bereitete
schmackhafter machen könne aber Dami wollte das nicht gerade so wie sie
auskamen war es ihm recht er würgte gern Schlechtes hinab obgleich er hätte
Besseres essen können und überhaupt gefiel er sich in einer Selbstverwahrlosung
bis er einst zum Soldaten herausgeputzt würde Barfüßele kämpfte gegen dieses
ewige Hinausschauen nach einer kommenden Zeit und das Verlorengehenlassen der
Gegenwart sie wollte den Dami der sich in innerer Schlaffheit wohlgefiel und
sich dabei selbst bemitleidete immer aufrichten aber diesem schien in dem
inneren Zerfallen fast wohl zu sein Er konnte sich eben dabei recht
bemitleiden und bedurfte keiner Kraftanstrengung Nur mit Mühe brachte es
Barfüßele dahin dass sich Dami von seinem Verdienste wenigstens eine eigene Axt
erwarb und zwar die des Vaters die der Kohlenmates bei der Versteigerung
gekauft hatte
In tiefer Verzweiflung kehrte oft Barfüßele aus dem Walde zurück aber sie
hielt nicht lange an die innere Zuversicht und der frohe Mut der in ihr lebte
drängte sich unwillkürlich als heller Gesang auf ihre Lippen und wer es nicht
wusste hätte nie gemerkt dass Barfüßele je einen Kummer gehabt oder je einen
habe Die Freudigkeit die aus der unbewussten Empfindung floss dass sie straff
und unverdrossen ihre Pflicht tat und Wohltätigkeit übte an der schwarzen
Marann und an Dami prägte ihrem Antlitz eine unvertilgbare Heiterkeit auf Im
ganzen Hause konnte Niemand so gut lachen als das Barfüßele und der alte
Rodelbauer sagte ihr Lachen töne just wie Wachtel schlag und weil sie ihm
allzeit dienstfertig und ehrerbietig war gab er ihr zu verstehen dass er sie
einstmals in sein Testament setze Barfüßele kümmerte sich nicht darum und baute
nicht viel darauf sie erwartete nur den Lohn den sie mit Recht und Sicherheit
ansprechen konnte und was sie Gutes tat tat sie aus einem innern Wohlwollen
ohne auf Entgelt zu warten
8 Sack und Axt
Das Haus des Scheckennarren war wieder aufgebaut stattlicher als je der Winter
kam herbei und die Loosung der Rekruten Noch nie war mehr Betrübnis über ein
glückliches Loos entstanden als da Dami sich freispielte Er war wie verzweifelt
und Barfüßele fast mit ihm denn auch ihr war der Soldatenstand als treffliches
Mittel erschienen um das lässige Wesen Damis aufzurichten dennoch sagte sie
ihm jetzt
»Nimm das als Fingerzeig du sollst jetzt für dich selber als Mann
einstehen Aber du tust noch immer wie ein kleines Kind das nicht allein essen
kann und dem man zu essen geben muss«
»Du wirfst mir vor dass ich dich ausfresse«
»Nein das mein ich nicht Sei nicht immer so leidmütig steh nicht immer
da wer will mir was tun Gutes oder Böses Schlag selber um dich«
»Und das will ich auch und ich hole weit aus« schloss Dami Er gab lange
nicht kund was er eigentlich vorhatte aber er ging seltsam aufrecht durch das
Dorf und sprach frei mit Jedem er arbeitete fleißig im Walde bei den
Holzschlägern er hatte die Axt des Vaters und mit ihr fast die Kraft dessen
der sie ehedem so rüstig gehandhabt
Als ihm Barfüßele einmal im Frühlingsanfang bei der Heimkehr vom
Moosbrunnenwald begegnete sagte er die Axt von der Schulter nehmend »Was
meinst wo die hingeht«
»Ins Holz« antwortete Barfüßele »Aber sie geht nicht allein man muss sie
hacken«
»Hast Recht aber sie geht zu ihrem Bruder und der Eine hackt hüben und der
Andere drüben und da krachen die Bäume wie geladene Kanonen und du hörst nichts
davon oder wenn du willst ja aber sonst Keiner im Ort«
»Ich verstehe dich vom Simri kein Mässle« antwortete Barfüßele »Ich bin zu
alt zum Rätselaufgeben Red deutlich«
»Ja ich gehe zum Ohm nach Amerika«
»So Gleich heut« scherzte Barfüßele »Weißt wie des Maurers Martin einmal
seiner Mutter zum Fenster hinaufgerufen hat Mutter wirf mir ein frisches
Sacktuch raus ich will nach Amerika spaziren Die so leicht fliegen wollen
sind alle noch da«
»Wirst schon sehen wie lang ich noch da bin« sagte Dami und ging ohne
Weiteres fort in das Haus des Kohlenmates Barfüßele wollte sich über den
lächerlichen Plan Damis lustig machen aber es gelang ihr nicht sie fühlte
dass etwas Ernst dabei sei und noch in der Nacht als Alles schon im Bett lag
eilte sie zu ihrem Bruder und erklärte ihm ein für allemal dass sie nicht
mitgehe Sie glaubte ihn dadurch plötzlich besiegt zu haben aber Dami sagte
kurzweg »Ich bin dir nicht angewachsen« Sein Plan wurde immer fester
In Barfüßele war auf einmal wieder all das Wogen von Überlegungen das sie
schon einmal in der Kindheit befallen hatte aber jetzt sprach sie nicht mehr
mit dem Vogelbeerbaum als ob er ihr Antwort geben könne und aus allen
Erwägungen heraus lautete der Schluss »Er hat Recht dass er geht ich hab aber
auch Recht dass ich da bleibe« Sie freute sich eigentlich innerlich dass Dami
einen so kühnen Entschluss fassen könne das zeigte doch von männlicher Kraft
und tat es ihr auch tief wehe fortan vielleicht allein zu sein in der weiten
Welt so fand sie es doch Recht dass der Bruder mit gesundem Mut hinausgriff
Dennoch glaubte sie ihm noch nicht ganz Am andern Abend passte sie ihm ab und
sagte ihm
»Sprich nur mit keinem Menschen von deinem Auswanderungsplan sonst wirst du
ausgelacht wenn dus nicht ausführst«
»Hast Recht« sagte Dami »aber nicht deswegen ich fürchte mich nicht
davor mich vor andern Menschen zu binden so gewiss als ich die fünf Finger da
an der Hand habe so gewiss gehe ich ehe hier die Kirschen zeitig sind und wenn
ich mich durchbetteln und wenn ich mich durchstehlen muss dass ich fortkomme Nur
das Eine tut mir weh dass ich fort muss und nicht dem Scheckennarren einen Tuck
antun kann den er sein Leben lang spürt«
»Das ist die rechte Grossmännigkeit« eiferte Barfüßele »das ist die echte
Herzensliederlichkeit einen Rachegedanken hinter sich zu lassen Dort dort
drüben liegen unsere Eltern komm mit komm mit auf ihr Grab und sage das dort
noch einmal wenn du kannst Weißt wer der Nichtsnutzigste ist Wer sich
verderben lässt Gib die Axt her du bist nicht wert da die Hand zu haben wo
der Vater seine Hand gehabt hat wenn du das nicht gleich mit Stumpf und Stiel
aus der Seele reissest Die Axt gib her Die soll kein Mensch haben der von
Stehlen und Morden spricht Die Axt gib her Oder ich weiß nicht was ich tue«
Kleinlaut sagte Dami »Es ist nur so ein Gedanke gewesen Glaub mir ich
habs nicht gewollt ich kann ja das auch nicht aber weil sie mich immer so den
Kegelbuben heißen da hab ich gemeint ich müsse auch einmal wettern und
dreinfluchen und dreinhauen Aber du hast Recht Sieh wenn du willst gehe ich
noch heut Nacht hin zum Scheckennarren und sage ihm dass ich keinen bösen
Gedanken im Herzen gegen ihn hab«
»Das brauchst du nicht das ist wieder zu viel aber weil du so Einsicht
annimmst so will ich dir helfen was ich kann«
»Das Beste wäre du gingest mit«
»Nein das kann ich nicht ich weiß nicht warum aber ich kann nicht Aber
das habe ich nicht verschworen wenn du mir schreibst dass dirs beim Ohm gut
geht da komme ich nach So in den Nebel hinein wo man nichts weiß ich
ändere nicht gern und ich habs ja eigentlich gut hier Aber jetzt lass uns
überlegen wie du fort kommst«
Es ist eine Eigenheit vieler Auswandernden und gibt Zeugnis von einer
finsteren Seite der Menschennatur überhaupt und unserer vaterländischen Zustände
insbesondere dass die lebendig Scheidenden gern noch vor ihrem Abgang ungestraft
Rache nehmen und bei Vielen ist es das Erste was sie in der neuen Welt tun
dass sie nach der alten Welt an die Gerichte schreiben und allerlei Angebereien
über geheimgebliebene Verbrechen machen
Es waren schreckliche Beispiele dieser Art in der Gegend vorgekommen und
Barfüßele flammte darum doppelt im Zorn auf weil auch ihr Bruder sich zu den
aus dem Verstecke Schiessenden hatte gesellen wollen Darum war sie jetzt doppelt
zufrieden als sie den bösen Willen Damis besiegt hatte denn tiefer als alle
Wohltat erquickt das innere Gefühl einen Andern von Laster und Irrweg
zurückgeführt zu haben
Mit der ganzen sichern Klarheit ihres Wesens erwog sie nun alle Umstände
Die Frau des Ohms hatte an ihre Schwester geschrieben dass es ihnen wohlgehe
und so wusste man den Aufenthaltsort des Ohms
Die Ersparnisse Damis waren sehr gering und auch die Barfüßeles reichten
nicht voll aus Dami sprach davon dass die Gemeinde ihm eine namhafte Beisteuer
geben müsse die Schwester wollte nichts davon wissen und sie sagte »Das soll
das Letzte sein wenn alles Anders fehlgeschlagen hat« Sie erklärte nicht was
sie noch sonst versuchen könne Ihr erster Gedanke war allerdings sich an die
Landfriedbäuerin in Zusmarshofen zu wenden aber sie wusste wie solch ein
Bettelbrief einer reichen Bäuerin erscheinen müsse die vielleicht auch nicht
einmal baar Geld habe dann dachte sie an den Rodelbauer der ihr versprochen
hatte sie in sein Testament zu setzen er sollte ihr das Zugedachte jetzt
geben und wenn es auch weniger sei Dann fiel ihr wieder ein dass man
vielleicht den Scheckennarren dem es wieder überaus wohl erging zu einer
Beisteuer bewegen könne Sie sagte von alledem dem Dami nichts aber wie sie
sein Gewand musterte wie sie mit vieler Mühe der schwarzen Marann von ihrer
aufgespeicherten Leinwand ein Stück auf Borg abkaufte alsbald zuschnitt und in
der Nacht vernähte alle diese entschiedenen Vorbereitungen machten Dami fast
zittern Er hatte freilich getan als ob der Auswanderungsplan bei ihm
unerschütterlich fest sei und doch kam er sich jetzt wie gebunden wie
gezwungen vor als ob er durch den festen Willen der Schwester zur Ausführung
genötigt würde Ja die Schwester erschien ihm fast harterzig als ob sie ihn
fortdränge ihn los sein wolle Er wagte jedoch nicht dies deutlich zu sagen
er wusste nur allerlei Quengeleien vorzubringen und Barfüßele deutete diese als
das verdeckte Wehe des Abschieds das kleine Hindernisse gern als Nötigung
annimmt um sich von einem Vorhaben abbringen zu lassen und doch dabei eine
Entschuldigung vor sich zu haben Sie machte sich nun vor Allem an den alten
Rodelbauer und verlangte geradezu dass er ihr das Erbstück welches er schon
lange versprochen jetzt gebe
Der alte Rodelbauer sagte »Was pressirst du so Kannst nicht warten Was
hast«
»Nichts hab ich und kann nicht warten« Sie erzählte dass sie ihren Bruder
aussteuern wolle der nach Amerika auswandere Das war ein glücklicher Griff für
den alten Rodelbauer er konnte seine Zähigkeit noch als Gutmütigkeit als
weise Fürsorge hinstellen und bedeutete Barfüßele dass er ihr jetzt keinen
roten Heller gebe er wolle nicht schuld sein dass sie sich ganz ausziehe für
ihren Bruder Nun bat Barfüßele dass er der Fürsprech sei beim Scheckennarren
dazu ließ er sich endlich herbei und tat groß damit dass er sich zum Betteln
hergebe bei einem fremden Mann für einen fremden Menschen aber die Ausführung
verschob er von Tag zu Tag bis er sich endlich da Barfüßele nicht abliess auf
den Weg machte Wie vorauszusehen war kam er mit leerer Hand zurück denn des
Scheckennarren erste Frage war natürlich was denn der Rodelbauer gebe Und als
dieser geradezu sagte dass er sich vor der Hand zu nichts verstehe so war das
der gewiesene Weg und der Scheckennarr blieb auch auf demselben Als Barfüßele
ihren Kummer über diese Harterzigkeit der schwarzen Marann klagte rief diese
aus »Ja so sind die Menschen Wenn morgen Einer ins Wasser springt und man
zieht ihn tot heraus da sagt ein Jedes hätt er mirs nur gesagt was ihm
fehlt ich hätts ihm ja gern gegeben und ihm in Allem geholfen Was gab ich
nicht drum wenn ich ihn wieder ins Leben bringen könnte Aber ihn beim Leben
erhalten dazu wollte sich keine Hand auftun«
Und eben dadurch dass sich Barfüßele die ganze Schwere der Dinge immer voll
auf tat lernte sie sie leicht ertragen »Drum muss man sich nur auf sich selbst
verlassen« war ihr innerer Wahlspruch und statt sich niederdrücken zu lassen
von Hindernissen wurde sie dadurch nur immer schnellkräftiger Sie raffte
zusammen und machte zu Gelde was sie nur hatte und der reiche Anhenker den
sie einst von der Landfriedbäuerin erhalten wanderte zur Wittwe des alten
Heiligenpflegers die sich in ihrem Wittwenstande an einem ergiebigen Wucher auf
Faustpfänder erfreute Auch der Dukaten den sie dem Oberbaurat auf dem
Kirchhofe einst nachgeworfen hatte wurde jetzt wieder gefordert und seltsamer
Weise erbot sich nun der Rodelbauer beim Gemeinderat in dem er saß eine
namhafte Unterstützung für den auswandernden Dami zu erwirken Mit öffentlichen
Geldern war er gern großmütig und tugendhaft Dennoch erschrak Barfüßele als
er ihr nach wenigen Tagen verkündete es sei beim Gemeinderat Alles bewilligt
aber nur auf die Bedingung hin dass Dami das Heimatsrecht im Dorf aufgebe Das
hatte sich von selbst verstanden man hatte gar nicht anders gedacht aber
jetzt da es eine Bedingung war erschien es als ein Schreckbild nirgends mehr
daheim zu sein Dem Dami sagte Barfüßele nichts von diesen ihren Gedanken und
Dami schien wieder froh und wohlgemut Besonders die schwarze Marann redete
ihm viel zu denn sie hätte gern das ganze Dorf in die Fremde geschickt um
endlich Kunde von ihrem Johannes zu bekommen und jetzt glaubte sie steif und
fest dass ihr Johannes über dem Meer sei Der Krappenzacher hatte ihr gesagt
das Meer die salzige Flut Verhindere die Tränen die man um Einen weinen
wolle der am andern Ufer sei
Barfüßele erhielt von ihrer Diensterrschaft die Erlaubnis den Bruder zu
begleiten als er seinen Überfahrtsvertrag mit dem Agenten in der Stadt
abschließen wollte Wie erstaunten sie aber als sie hier hörten dass dies
bereits geschehen sei Der Gemeinderat hatte es schon bewerkstelligt und Dami
genoss des Armenrechtes und der entsprechenden Verpflichtungen Er musste vom
Schiff aus bevor dasselbe ins weite Meer segelte eine Bescheinigung seiner
Abfahrt unterzeichnen und erst dann wurde das Geld ausgezahlt
Traurig kehrten die Geschwister heim ins Dorf schweigend gingen sie dahin
Dami war von Verdrossenheit überfallen dass nun Etwas geschehen müsse weil ers
einmal gesagt und Barfüßele empfand ein tiefes Wehe dass doch ihr Bruder
eigentlich wie auf dem Schub fortgeschaft würde An der Gemarkung sagte Dami
laut zu dem Stock auf dem der Ortsname und Amtsbezirk stand
»Du da Behüt dich Gott Ich bin nicht mehr bei dir daheim und alle
Menschen da drin die sind mir jetzt grad so viel wie du«
Barfüßele weinte aber sie nahm sich vor dass dies das Letztemal sein solle
bis zur Abreise Damis und auch bei dieser selbst Sie hielt Wort Die Leute im
Dorfe sagten das Barfüßele müsse kein Herz im Leibe haben denn es waren ihr
die Augen nicht nass geworden als ihr Bruder schied und die Leute wollen gern
selbst die Tränen sehen Was kümmern sie die heimlich geweinten Barfüßele aber
hielt sich wach und straff Nur in den letzten Tagen vor der Abreise Damis
versäumte sie zum Erstenmal ihre Pflicht denn sie vernachlässigte ihre Arbeit
und war immer beim Dami sie ließ sich von der Rosel darüber ausschelten und
sagte nur »Du hast Recht« Sie lief aber doch ihrem Bruder überall nach sie
wollte keine Minute verlieren da er noch da war sie meinte sie könne ihm in
jedem Augenblick noch etwas Besonderes erweisen noch etwas Besonderes sagen für
Lebenlang und quälte sich wieder dass sie ganz gewöhnliche Sachen sprach ja
dass sie sogar manchmal mit ihm stritt
O diese Abschiedsstunden wie bedrücken sie das Herz wie presst sich da alle
Vergangenheit und Zukunft in einen Augenblick zusammen und man weiß nirgends
anzufassen und nur ein Blick eine Berührung muss Alles sagen
Amrei gewann indes doch noch Worte Als sie ihrem Bruder das Leinenzeug
vorzählte sagte sie »Das sind gute saubere Hemden halt dich gut und sauber
drin« Und als sie Alles in den großen Sack packte auf dem noch der Name des
Vaters stand sagte sie »Bring den wieder mit voll lauter Gimgold Wirst
sehen wie gern du dann hier wieder die Bürgerannahme bekommst und des
Rodelbauern Rosel wenn sie bis dahin noch ledig ist springt dir über sieben
Häuser nach« Und als sie die Axt des Vaters in die große Kiste legte sagte
sie »O wie glatt ist der Stiel Wie oft ist er durch des Vaters Hand gegangen
und ich mein ich spür noch seine Hand da drauf So jetzt hab ich das
Wahrzeichen Sack und Axt Arbeiten und Einsammeln das ist das Beste und da
bleibt man lustig und gesund und glücklich Behüt dich Gott und sag auch recht
oft vor dich hin Sack und Axt Ich wills auch oft tun und das soll unser
Gedenken sein unser Zuruf wenn wir weit weit von einander sind bis du mir
schreibst oder mich holst oder wie dus kannst wies eben Gott will Sack und
Axt da drin steckt Alles Da kann man Alles hineintun alle Gedanken und Alles
was man erworben hat«
Und noch als Dami auf dem Wagen saß und sie ihm zum Letztenmal die Hand
reichte die sie lange nicht lassen wollte bis er endlich davon fuhr da rief
sie ihm noch mit heller Stimme nach »Sack und Axt Vergiss das nicht« Er
schaute zurück und winkte und war verschwunden
9 Ein ungebetener Gast
Gelobt sei Amerika rief der Nachtwächter zum Ergötzen Aller mehrere Nächte beim
Stundenanrufen aus statt des üblichen Dankspruches gegen Gott Und der
Krappenzacher der weil er selber nichts galt gern bei den »rechten« Leuten
auf die Armen schimpfte sagte am Sonntag beim Ausgang aus der Kirche und
Nachmittags auf der langen Bank vor dem Auerhahn »Der Kolumbus ist ein wahrer
Heiland gewesen Von was kann der Einen nicht Alles erlösen Ja das Amerika ist
der Saukübel von der alten Welt da schüttet man hinein was man in der Küche
nicht mehr brauchen kann Kraut und Rüben und Alles durcheinander und für die
wo im Schloss hinterm Haus wohnen und Französisch verstehen oui oui ist es noch
ein gutes Fressen«
Bei der Armut an Gesprächstoffen war natürlich der ausgewanderte Dami
geraume Zeit Gegenstand der Unterhaltung und wer zum Gemeinderat gehörte
pries seine Weisheit dass er sich von einem Menschen befreit habe der gewiss
einmal der Gemeinde zur Last gefallen wäre Denn wer in allerlei Gewerben
herumkutschirt fährt ins Elend
Natürlich gab es viele gutmütige Menschen die Barfüßele Alles berichteten
was man über ihren Bruder sagte und wie man über ihn spottete Aber Barfüßele
lachte darüber und als von Bremen aus ein schöner Brief von Dami kam man
hätte es gar nicht geglaubt dass er Alles so ordentlich setzen kann da
triumphirte sie vor den Augen der Menschen und las den Brief mehrmals vor
Innerlich aber war sie traurig einen solchen Bruder wohl auf ewig verloren zu
haben Sie machte sich Vorwürfe dass sie ihn nicht genug habe aufkommen lassen
dass sie ihn nicht genug vorn hin gestellt habe denn das zeigte sich jetzt
welch ein geweckter Bursch der Dami war und dabei so gut Er der von Allem im
Dorf hatte Abschied nehmen wollen wie von dem Stock an der Gemarkung füllte
jetzt fast eine ganze Seite mit lauter Grüssen an Einzelne und Jeder hieß der
»Liebe« und der »Gute« und der »Brave« und Barfüßele erntete viel Lob überall
wo sie die Grüße ausrichtete und dabei immer genau zeigte »Seht da stehts«
Barfüßele war eine Zeitlang still und in sich gekehrt es schien sie zu
gereuen dass sie den Bruder fortgelassen oder nicht mit ihm gegangen war Sonst
hörte man sie in Stall und Scheune und Küche und Kammer und beim Ausgang mit
der Sense über der Schulter und dem Grastuch unterm Arm immer singen jetzt
war sie still Sie schien das gewaltsam zurückzuhalten Aber es gab ein gutes
Mittel die Lieder wieder hinaustönen zu lassen Am Abend schläferte sie die
Kinder des Rodelbauern ein und dabei sang sie unaufhörlich wenn die Kinder auch
schon lange schliefen Dann eilte sie noch zur schwarzen Marann und versorgte
sie mit Holz und Wasser und Allem was sie bedurfte
An SonntagNachmittagen wenn Alles sich vergnügte stand Barfüßele oft
still und unbewegt an der Türpfoste ihres Hauses und schaute hinein in die Welt
und den Himmel und sah wie die Vögel flogen und träumte so vor sich hin bald
hinaus ins Weite wo der Dami jetzt sei und wie es ihm ergehe und dann konnte
sie wieder unverwandten Blickes lange Zeit einen umgelegten Pflug betrachten und
einem Huhn das sich in den Sand eingrub zuschauen Wenn ein Fuhrwerk durchs
Dorf fuhr schaute sie auf und sagte fast laut »Die fahren zu Jemand Auf allen
Straßen der Welt geht kein Mensch zu mir denkt kein Mensch an mich und gehör
ich denn nicht auch her« Und dann wars ihr immer als erwarte sie Etwas ihr
Herz pochte schneller wie einem Ankommenden entgegen Und unwillkürlich sang
sie
Alle Wässerlein auf Erden
Die haben ihren Lauf
Kein Mensch ist ja auf Erden
Der mir mein Herz macht auf
»Ich wollte ich wäre so alt wie Ihr« sagte sie einmal aus solchen Träumen
heraus als sie bei der schwarzen Marann ankam
»Sei froh dass der Wunsch kein Wahr ist« erwiderte die schwarze Marann
»Wie ich so alt war wie du da war ich lustig und hab drunten in der Gipsmühle
132 Pfund gewogen«
»Ihr seid doch Einmal wie das Andermal und ich bin gar nicht gleich«
»Wenn man gleich sein will muss man sich die Nase abschneiden da ist man im
ganzen Gesicht gleich Du Närrle gräm dir deine jungen Jahre nicht ab es
gibt sie dir Keiner wieder heraus Die alten kommen schon von selber«
Es gelang der schwarzen Marann leicht Barfüßele zu trösten Nur wenn sie
allein war lag noch ein seltsames Bangen auf ihr Was soll das werden
Ein wunderliches Hin und Herreden ging durch das Dorf Man sprach seit
vielen Tagen davon dass es in Endringen eine Nachhochzeit gebe wie seit
Menschengedenken keine in der Gegend gewesen sei Die älteste Tochter des
Dominik und des Ameile heiratete einen reichen Holzhändler im Murgtal und man
sagte das gäbe eine Lustbarkeit wie man sie noch nie erfahren
Der Tag rückte immer näher heran Wo sich zwei Mädchen begegnen ziehen sie
sich hinter eine Hecke eine Heuflur und können gar kein Ende finden und
behaupten doch stets dass sie gewaltig Eile hätten Man sagt es käme Alles aus
dem Oberlande und aus dem ganzen Murgtal und von dreißig Stunden Wegs her denn
das sei eine große Familie Am Rathausbrunnen da war erst das rechte Leben da
wollte kein Mädchen ein neues Kleidungsstück haben um sich andern Tages
umsomehr an der Überraschung und dem Staunen zu erfreuen Vor lauter Fragen und
Hinund Herreden vergaß man das Wasserschöpfen und Barfüßele die am spätesten
gekommen war ging am frühesten mit vollem Kübel wieder heim Was ging sie der
Tanz an Und doch wars ihr immer als hörte sie überall Musik
Am andern Tag hatte Barfüßele viel im Hause hin und her zu rennen denn sie
sollte die Rosel aufputzen Sie erhielt manchen heimlichen Knuff beim Zöpfen
aber sie ertrug es still
Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar und das sollte auch gewaltig prangen
Sie wollte heute etwas Neues damit probiren Sie wollte einen
MariaTeresienzopf haben wie man hier zu Lande ein kunstreiches Geflecht aus
vierzehn Strängen nennt das sollte als neu Aufsehen erregen Es gelang
Barfüßele das schwere Kunstwerk zu Stande zu bringen aber kaum war es fertig
als die Rosel es im Unmut wieder aufriß und sie sah wild aus wie ihr die
Stränge über den ganzen Kopf und über das Gesicht hingen dabei war sie aber
doch schön und stattlich und gewaltig im Umfang und ihr ganzes Gebühren sprach
es aus minder als vier Rosse können nicht in dem Hause sein in das ich einmal
heirate Und in der Tat warben viele Hofsöhne um sie aber sie schien noch
keine Lust zu haben sich für irgend Einen zu bestimmen Sie blieb nun bei den
landesüblichen zwei Zöpfen die den Rücken hinabhingen mit eingeflochtenen
roten Bändern die fast bis an den Boden hinabreichten Sie stand fertig
geschmückt da und nun verlangte sie einen Blumenstrauß Sie selbst hatte die ihr
zugehörigen Blumen verwildern lassen und trotz aller Einsprache musste Barfüßele
doch endlich nachgeben und ihre schöngehegten Blumen vor dem Fenster fast aller
Blüten berauben Auch das kleine Rosmarinstöckchen verlangte Rosel zu haben
aber Barfüßele wollte sich eher zerreißen lassen ehe sie das hergab und die
Rosel spottete und lachte schimpfte und schalt über die einfältige Ganshirtin
die so eigenwillig tue und die man doch um Gotteswillen im Hause habe
Barfüßele antwortete nicht und sie sah Rosel nur an mit einem Blick vor dem
Rosel die Augen niederschlug Jetzt hatte sich eine rote Wollrose auf dem
linken Schuh verschoben und Barfüßele war eben niedergekniet um sie behutsam
festzunähen da sagte die Rosel halb in Reue über ihr Benehmen halb doch noch
im Spott
»Barfüßele heut tu ichs nicht anders heut musst du mit zum Tanz«
»Spotte nicht so was willst du denn von mir«
»Ich spotte nicht« beteuerts die Rosel noch halb neckisch »du solltest
auch einmal tanzen bist ja auch ein junges Mädle und es wird auch
Deinesgleichen auf dem Tanz sein unser Rossbub geht ja auch und es kann auch ein
Bauernsohn mit dir tanzen ich will schon einen Überzähligen schicken«
»Lass mich in Frieden oder ich steche dich« mahnte Barfüßele am Boden
zitternd vor Freude und Trauer
»Die Schwägerin hat Recht« nahm die junge Bäuerin nun das Wort die bis
jetzt zu Allem geschwiegen hatte »und ich gebe dir kein gutes Wort mehr wenn
du heute nicht mit zum Tanz gehst Komm da setz dich hin ich will dich auch
einmal bedienen«
Und einmal über das andere übergoss Barfüßele eine Flammenröte wie sie so
da saß und ihre Meisterin sie bediente und als sie ihr die Haare aus dem
Gesicht tat und sie alle nach hinten wendete wollte Barfüßele fast vom Stuhl
sinken da die Bäuerin sagte »Ich zöpf dich wie die Allgäuerinnen gehen Das
wird dich ganz gut herausputzen und du siehst auch so aus wie eins Allgäuerin
so untersetzt und so braun und so kugelig du siehst aus wie die Tochter von der
Landfriedbäuerin in Zusmarshofen«
»Was die warum wie die« fragte Barfüßele und zitterte am ganzen Leib Was
wars warum sie jetzt gerade an die Bäuerin erinnert wurde die ihr von Kind
auf im Sinne lag und die ihr damals erschienen war wie eine wohltätige Fee aus
dem Märchen Aber sie hatte keinen Ring den sie drehen konnte damit sie
erscheinen müsse sie konnte sie nur innerlich herbannen und das geschah oft
fast unwillkürlich
»Halt dich ruhig sonst rupf ich dich« befahl die Bäuerin und Barfüßele
hielt still und atmete kaum Und wie ihr die Haare so mitten durch geteilt
wurden und wie sie so da saß die Hände zusammengepresst und Alles mit sich
machen lassen musste und die hochschwangere Frau sie bald warm anhauchte bald
an ihr herumbosselte da kam sie sich vor als würde sie plötzlich verzaubert
und sie redete kein Wort als dürfe sie den Zauber nicht verscheuchen und
senkte demütig den Blick
»Ich wollt ich könnte dich zu deiner Hochzeit so einkleiden« sagte die
Bäuerin die heute von lauter Güte überfloss »Ich möchte dir einen
rechtschaffenen Hof gönnen und es wäre Keiner mit dir angeführt aber heutigen
Tages geschieht das nicht mehr Da springt das Geld nach dem Geld Nun sei du
nur zufrieden So lang mir ein Auge offen steht soll dir bei mir nichts fehlen
und wenn ich sterbe ich weiß nicht es ist mir diesmal so bang um die schwere
Stunde gelt du verlässst meine Kinder nicht und vertrittst an ihnen
Mutterstelle«
»O Gott im Himmel wie könnt Ihr nur so was denken« rief Barfüßele und
Tränen rannen ihr aus den Augen »Das ist eine Sünde und man kann auch
sündigen dass man Gedanken über sich kommen lässt die nicht recht sind«
»Ja ja du hast recht« sagte die Bäuerin »aber wart noch sitz noch
still ich will dir meinen Anhenker holen und den will ich dir um den Hals
tun«
»Nein um Gotteswillen nicht ich trage nichts was nicht mein ist Ich tät
mich in den Boden hinein schämen vor mir selber«
»Ja aber so kannst du nicht gehen Oder hast du vielleicht noch selber
Etwas«
Barfüßele erzählte dass sie allerdings einen Anhenker habe den sie als Kind
von der Landfriedbäuerin erhalten der aber wegen Damis Auswanderung verpfändet
sei bei der Wittwe des Heiligenpflegers
Barfüßele musste nun stillsitzen und versprechen sich nicht im Spiegel zu
sehen bis die Bäuerin wieder käme die nun forteilte um das Kleinod zu holen
und selber für das Darlehen zu bürgen
Welche Schauer flossen nun durch die Seele Barfüßeles wie sie so da saß
sie die allzeit Dienende nun bedient und in der Tat fast wie verzaubert Sie
fürchtete sich fast vor dem Tanz sie war jetzt so gut und so freundlich
behandelt wer weiß wie sie herumgestossen wird und Keiner sieht nach ihr um
und all ihr äußerer Schmuck und ihre innere Lust ist vergebens »Nein« sagte
sie vor sich hin »und wenn ich weiter nichts habe als dass ich mich gefreut
habe das ist auch genug und wenn ich mich gleich wieder ausziehen und daheim
bleiben müsste ich wäre schon glückselig«
Die Bäuerin kam mit dem Schmuck und das Lob des Schmuckes und Schimpfen auf
die Heiligenpflegerin die einem armen Mädchen solche Blutzinsen abnehme ging
seltsam durcheinander Sie versprach noch heute das Darlehen zu bezahlen und es
Barfüßele allmälig am Lohn abzuziehen
Jetzt endlich durfte Barfüßele sich betrachten Die Frau hielt ihr selber
den Spiegel vor und aus den Mienen Beider glänzte es und sprach es wie ein
jauchzender Wechselgesang der Freude
»Ich kenn mich gar nicht ich kenn mich gar nicht« sagte Barfüßele immer
und betastete sich auf und nieder mit beiden Händen im Gesicht »Ach Gott wenn
nur mein Mutter mich so sehen könnte Aber sie wird Euch gewiss vom Himmel herab
segnen dass Ihr so gut zu mir seid und sie wird Euch beistehen in der schweren
Stunde brauchet nichts zu fürchten«
»Jetzt mach aber ein ander Gesicht« sagte die Bäuerin »nicht so ein
Gotteserbarm aber es wird schon kommen wenn du die Musik hörst«
»Ich mein ich höre sie schon« sagte Barfüßele »Ja horchet da ist sie«
In der Tat fuhr eben ein großer Leiterwagen mit grünen Reisern besteckt durch
das Dorf und darauf saß die ganze Musik und der Krappenzacher stand mitten
zwischen den Musikanten und blies die Trompete dass es schmetterte
Nun war kein Halt mehr im Dorf Alles machte sich eilig davon Die
Bernerwägelein einspännig und zweispännig aus dem Dorf selber und aus den
benachbarten die hier durch mussten jagten einander fast wie im Wettrennen
Rosel stieg zu ihrem Bruder auf den Vordersitz und Barfüßele saß hinten im
Korbe Sie schaute immer vor sich nieder so lange man durch das Dorf fuhr so
schämte sie sich Nur beim Elternhause wagte sie aufzublicken die schwarze
Marann grüßte heraus der rote Gockelhahn krähte auf der Holzbeuge und der
Vogelbeerbaum nickte »Glück auf den Weg«
Jetzt fuhr man durch das Tal wo der Manz die Steine klopfte jetzt über
den Holderwasen wo eine alte Frau die Gänse hütete Barfüßele nickte ihr
freundlich Ach Gott wie komm denn ich dazu dass ich hier so stolz und
geschmückt vorbeifahre und ists denn nicht eine gute Stunde bis Endringen und
man meint doch man wäre kaum eingesessen und jetzt heißts schon absteigen und
die Rosel ist schon begrüßt und umstanden von allerlei Gefreundeten und »Ist
das eine Schwester deiner Schwägerin die du da bei dir hast« heißt es
vielfach
»Nein es ist nur unsere Magd« antwortete Rosel Mehrere Bettler aus
Haldenbrunn die hier waren betrachteten Barfüßele staunend sie kannten sie
offenbar nicht und erst als sie sie lange angesehen hatten riefen sie »Ei das
ist ja das Barfüßele«
»Das ist nur unsere Magd« Dieses Wörtchen »nur« war Barfüßele tief ins
Herz gedrungen aber sie fasste sich schnell und lächelte denn in ihr sprach es
»Lass dir nicht von einem Wörtchen deine Freude verderben Wenn du das anfängst
da trittst du überall auf Dornen« Die Rosel nahm Barfüßele bei Seite und sagte
»Geh du nur einstweilen auf den Tanzboden oder anderswohin wenn du sonst
Bekannte im Ort hast Bei der Musik sehe ich dich hernach schon wieder«
Ja da stand Barfüßele wie verlassen und sie kam sich vor als hätte sie
ihre Kleider gestohlen und gehöre gar nicht daher sie war ein Eindringling
»Wie kommst du dazu dass du zu so einer Hochzeit gehst« fragte sie sich und sie
wäre am liebsten wieder heimgekehrt Sie ging durch das Dorf aus und ein dort
an dem schönen Hause vorbei das für den Brosi erbaut worden war und worin auch
heute viel Leben sich zeigte denn die Oberbaurätin hielt mit ihren Söhnen und
Töchtern hier ihre Sommerfrische Barfüßele ging wieder das Dorf hinein und
schaute sich nicht um und doch wünschte sie dass Jemand sie anrufe damit sie
sich zu ihm geselle
Am Ende des Dorfes begegnete ihr ein schmucker Reiter auf einem Schimmel
der das Dorf hereinritt Er trug eine fremde Bauerntracht und sah stolz drein
jetzt hielt er an stemmte die Rechte mit der Reitgerte in die Seite mit der
linken klaschte er den Hals seines Pferdes und sagte »Guten Morgen schönes
Jungferle Schon müde vom Tanz«
»Das ist leicht gefragt vom Gaul herunter« lautete die Antwort
Der Reiter ritt davon und Barfüßele saß lange Zeit hinter einer Haselhecke
und musste Allerlei in sich hineindenken und ihre Wangen glühten von einer Röte
die der Ärger über sich selbst über die spitze Antwort auf eine harmlose
Frage die Betroffenheit und ein unbegreifliches inneres Wogen anfachte Was
kann der gute Mensch dafür dass du so verdrießlich bist Und gut ist er Er hat
so eine herzliche Stimme gehabt Und schmuck ist er auch Aber was geht das
Alles mich an Ich will von der ganzen Welt nichts mehr von gar nichts
So zu Jubel gespannt hatte sie den Tag begonnen und jetzt wünschte sie sich
den Tod »Hier hinter der Hecke einschlafen und nicht mehr sein o wie herrlich
wäre das Du sollst keine Freude haben warum noch so lange herumlaufen« Wie
zirpen die Heimchen im Grase und ein warmer Dampf steigt auf von der Erde und
eine Grasmücke zwitschert immer fort und es ist als ob sie mit ihrer Stimme
immer in sich hinein lange und frische noch innigere Töne heraushole und sich
gar nicht genug tun könne das so recht von ganzem Herzen zu sagen was sie zu
sagen hat und droben singen die Lerchen und jeder Vogel singt für sich und
Keiner hört auf den Andern und Keiner stimmt dem Andern bei und doch ist Alles
Noch nie in ihrem Leben war Amrei am hellen Tag und nun gar des Morgens
eingeschlafen und jetzt sie hatte ihr Kopftuch über die Augen gezogen und
jetzt küsste der Sonnenstrahl ihre geschlossenen Lippen die im Schlafe noch
immer wie trotzig gepresst waren und die Röte auf ihrem Kinn färbte sich röter
Sie schlief wohl eine Stunde da wachte sie zuckend plötzlich auf Der Reiter
auf dem Schimmel war auf sie zugeritten und jetzt eben hob das Pferd seine
beiden Vorderfüsse um sie auf ihre Brust zu stellen Es war nur ein Traum
gewesen und Amrei schaute sich um als wäre sie plötzlich vom Himmel gefallen
sie sah staunend wo sie war betrachtete verwundert sich selbst aber Musikklang
aus dem Dorfe weckte schnell Alles und sie ging neu gekräftigt ins Dorf zurück
wo bereits Alles noch lebendiger geworden war Sie spürte es sie hatte sich
ausgeruht von dem Allerlei was heute schon mit ihr vorgegangen war Jetzt
sollten sie nur kommen die Tänzer Sie wollte tanzen bis zum andern Morgen und
nicht ausruhen und nicht müde werden
Die frische Röte eines Kinderschlafes lag auf ihrem Angesicht und Alles sah
sie staunend an Sie ging nach dem Tanzboden da tönte die Musik aber in den
leeren Raum es waren keine Tänzer da Nur die Mädchen die heute zur Bedienung
der Gäste gedungen waren tanzten miteinander herum Der Krappenzacher
betrachtete Barfüßele lange und schüttelte den Kopf Er schien sie offenbar
nicht zu kennen Amrei drückte sich an den Wänden hin und wieder hinaus Sie
begegnete Dominik dem Furchenbauer der heut in voller Freude strahlte
»Mit Verlaub« sagte er »gehört die Jungfer zu den Hochzeitgästen«
»Nein ich bin nur eine Magd und bin mit meiner Haustochter des
Rodelbauern Rosel gekommen«
»Gut so geh hinauf auf den Hof zur Bäuerin und sag ihr ich schick
dich du wolltest ihr helfen man kann heute nicht Hände genug in unserm Hause
haben«
»Weil Ihr es seid recht gern« sagte Amrei und machte sich auf den Weg
Unterwegs musste sie viel daran denken dass der Dominik auch Knecht gewesen sei
und »Ja so Etwas kommt nur alle hundert Jahr Einmal vor Und es hat viel
Blut gekostet ehe er zu dem Hof gekommen ist dass ist doch arg«
Die Furchenbäuerin Ameile hieß die Ankommende die im Anerbieten ihrer
Dienste zugleich die Jacke abzog und sich eine große Schürze mit Brustlatz
ausbat freundlich willkommen aber die Bäuerin tat es nicht anders Amrei
musste vorher selber sattsam Hunger und Durst stillen bevor sie Andere bediente
Amrei willfahrte ohne viel Umstände und schon mit den ersten Worten gewann sie
die Furchenbäuerin denn sie sagte »Ich will nur gleich zugreifen ich muss
gestehen ich bin hungrig und ich will Euch nicht viel Mühe machen mit Zureden«
Amrei blieb nun in der Küche und gab den Auftragenden Alles so geschickt in
die Hand und wusste bald Alles so zu stellen und zu greifen dass die Bäuerin
sagte »Ihr beiden Amreis du da und meine Bruderstochter Ihr könnt jetzt
schon Alles machen und ich will bei den Gästen bleiben«
Die Amrei von Siebenhöfen die sogenante Schmalzgräfin die weit und breit
als stolz und trotzig bekannt war benahm sich ausnehmend freundlich gegen
Barfüßele und die Furchenbäuerin sagte einmal zu Barfüßele »Es list schad dass
du kein Bursch bist ich glaub die Amrei tät dich auf dem Fleck heiraten
und dich nicht heimschicken wie alle anderen Freier«
»Ich hab einen Bruder der ist noch zu haben aber er ist in Amerika«
scherzte Barfüßele
»Lass ihn drüben« sagte die Schmalzgräfin »am besten wärs man könnte alle
Mannsleute hinüberschicken und wir blieben allein da«
Amrei verließ den Hof nicht bis wieder Alles an Platz gestellt war und als
sie ihre Schürze auszog war sie noch so weiß und unzerknittert wie beim
Anziehen
»Du wirst müd sein und nimmer tanzen können« sagte die Bäuerin als Amrei
endlich mit einem Geschenk Abschied nahm und diese sagte
»Was müd sein Das ist ja nur gespielt Und glaubt mir es ist mir jetzt
wohler dass ich heut schon Etwas geschafft habe So einen ganzen Tag bloß zur
Lustbarkeit ich wüsst ihn nicht herumzubringen und das ists gewiss auch
gewesen warum ich heute Morgen so traurig war es hat mir was gefehlt aber
jetzt bin ich vollauf zum Feiertag aufgelegt ganz aus dem Geschirr jetzt wäre
ich erst recht aufgelegt zum Tanzen wenn ich nur Tänzer kriege«
Ameile wusste Barfüßele keine bessere Ehre anzutun als indem sie sie wie
eine vornehme Bäuerin im Hause herumführte und in der Brautstube zeigte sie ihr
die große Kiste mit den Kunkelschenken Hochzeitsgeschenken und öffnete die
hohen blaugemalten Schränke drauf Name und Jahrzahl geschrieben war und darin
vollgestopft die Aussteuer und zahlreiches Linnenzeug Alles mit bunten Bändern
gebunden und mit künstlichen Nelken besteckt Im Kleiderschranke mindestens
dreißig Kleider daneben die hohen Betten die Wiege die Kunkel mit den schönen
Spindeln um und um mit Kinderzeug behangen das die Gespielen geschenkt hatten
»O lieber Gott« sagte Barfüßele »wie glücklich ist doch so ein Kind aus so
einem Haus«
»Bist du neidisch« fragte die Bäuerin und im Andenken dass sie das Alles
einer Armen zeige setzte sie hinzu »Glaub mir das viele Sach macht es nicht
aus es sind Viele glücklicher die keinen Strumpf von den Eltern bekommen«
»Ja wohl das weiß ich und bin auch nicht neidisch um das viele Gut weit
eher darum dass Euer Kind Euch und so vielen Menschen danken kann für das Gute
was es von ihnen hat Solche Gewänder von der Mutter müssen doppelt warm
halten«
Die Bäuerin zeigte ihr Wohlgefallen an Barfüßele dadurch dass sie ihr das
Geleite gab bis vor den Hof ebensogut als Einer die acht Rossköpfe im Stall
hatte
Es tummelte sich schon Alles wild durcheinander als Amrei auf den Tanzboden
kam Sie blieb zuerst schüchtern auf der Flur stehen Wo ist denn die
Kinderschaar die sonst sich hier erlustigte und die Vorfreude des künftigen
Lebens im Vorhof genoss Ach freilich das ist ja jetzt von der hohen
Staatsregierung verboten das Kirchen und Schulamt hat die Kinder verbannt dass
sie nicht zusehen dürfen oder gar sich selbst nach den Tanzweisen drehen wie
einst noch in der Kinderzeit Amreis
Es ist das auch einer jener stillen Mordschläge vom grünen Tisch
Auf der leeren Flur über die nur manchmal Einer hin und her eilt wandelt
der Landjäger einsam auf und ab
Als der Landjäger Amrei so daher kommen sah wie lauter Licht im Angesichte
ging er auf sie zu und sagte
»Guten Abend Amrei So kommst auch«
Amrei schauderte zusammen und stand leichenblass hatte sie etwas
Straffälliges getan Sie durchforschte ihr ganzes Leben und wusste nichts und er
tat doch so vertraut als ob er sie schon einmal transportirt hätte In diesen
Gedanken stand sie schaudernd da als müsste sie eine Verbrecherin sein und
erwiderte endlich »Dank schön ich weiß nichts davon dass wir uns dutzen
Wollt Ihr was«
»Oho wie stolz ich fress dich nicht darfst mir ordentlich Antwort geben
Warum bist denn so bös Was«
»Ich bin nicht bös ich will Niemand was zu leid tun ich bin halt ein
dummes Mädle«
»Stell dich nicht so duckmäuserig«
»Woher wisst Ihr denn was ich bin«
»Weil du so mit dem Licht flankirst«
»Was Wo Wo hab ich mit dem Licht flankirt Ich nehm immer eine Laterne
wenn ich in den Stall gehe«
Der Landjäger lachte und sagte »Da da mit deinen braunen Guckerle da
flankirst du mit dem Licht deine Augen die sind ja wie zwei Feuerkugeln«
»Gehet aus dem Weg dass Ihr nicht anbrennet Ihr könntet in die Luft fahren
mit Eurem Pulver da in der Patrontasche«
»Es ist nichts drin« sagte der Landjäger in Verlegenheit um doch Etwas zu
sagen »Aber mich hast du schon versengt«
»Ich sehe nichts davon es ist Alles noch ganz Es ist genug lasset mich
gehen«
»Ich halt dich nicht du Krippenbeisserle du könntest Einem das Leben sauer
machen der dich gern hat«
»Braucht mich Niemand gern zu haben« sagte Amrei und riss sich los als wäre
sie plötzlich von Ketten befreit Sie stellte sich unter die Türe wo noch viele
Zuschauer sich zusammendrängten Eben begann wieder ein neuer Tanz sie wiegte
sich auf dem Platze nach dem Takt hin und her das Gefühl Einen abgetrumpft zu
haben machte sie neu lustig sie hätte es mit der ganzen Welt aufgenommen und
nicht nur mit einem einzigen Landjäger Dieser war aber auch bald wieder da und
stellte sich hinter Amrei und redete Allerlei zu ihr sie gab keine Antwort und
tat als ob sie gar nichts höre sie nickte den Vorübertanzenden zu als ob sie
von ihnen begrüßt worden wäre Nur als der Landjäger sagte »Wenn ich heiraten
dürfte dich tät ich nehmen« da sagte sie
»Was nehmen Ich geb mich aber nicht her«
Der Landjäger war froh wenigstens wieder eine Antwort zu haben und er fuhr
fort
»Wenn ich nur einmal tanzen dürfte ich tät gleich Einen mit dir machen«
»Ich kann nicht tanzen« sagte Amrei
Eben schwieg die Musik und Amrei stieß die Vordern mächtig an drängte sich
hinein um ein verborgnes Plätzchen zu suchen sie hörte nur noch hinter sich
sagen »Die kann tanzen besser als eine landauf und landab«
10 Nur ein einziger Tanz
Der Krappenzacher reichte Barfüßele die er jetzt erkannte von der Musikbühne
herab das Glas Sie nippte und gab es zurück und der Krappenzacher sagte »Wenn
du tanzest Amrei da spiele ich alle meine Instrumente durch dass die Engel vom
Himmel herunter kämen und mittäten«
»Ja wenn kein Engel vom Himmel herunter kommt und mich auffordert werde
ich keinen Tänzer kriegen« sagte Amrei halb spöttisch halb schwermütig und
jetzt dachte sie darüber nach warum denn ein Landjäger beim Tanze sein müsse
Sie hielt sich aber bei diesem Gedanken nicht auf und dachte gleich weiter er
ist doch auch ein Mensch wie andere wenn er auch einen Säbel um hat und bevor
er Landjäger worden ist war er doch auch ein Bursch wie Andere und es ist doch
eine Plag für ihn dass er nicht mittanzen darf Aber was geht das mich an Ich
muss auch zugucken und ich krieg kein Geld dafür
Eine kurze Weile ging Alles viel stiller und gemässigter auf dem Tanzboden
her denn »die englische Frau« so hieß Agy die Frau des Oberbaurats Severin
noch immer im Dorf und in der ganzen Umgegend war mit ihren Kindern auf den
Tanz gekommen Die vornehmen Holzhändler ließ Champagner knallen und brachten
der Engländerin ein Glas sie trank auf das Wohl des jungen Paares und wusste
dann Jeden durch ein huldvolles Wort zu beglücken In den Mienen aller
Anwesenden stand ein stetiges wohlgefälliges Lächeln Agy tat manchem Burschen
der ihr im blumenbekränzten Glase zutrank mit Nippen Bescheid und die alten
Weiber in der Nähe Barfüßeles wussten viel Lob von der englischen Frau zu sagen
und waren schon lange aufgestanden ehe sie sich ihnen nahte und ein paar Worte
mit ihnen sprach Und als Agy weggegangen war brach der Jubel Singen Tanzen
und Stampfen und Jauchzen mit neuer Macht los
Der Oberknecht des Rodelbauern kam auf Amrei zu und sie schauerte schon in
sich zusammen voller Erwartung aber der Oberknecht sagte
»Da Barfüßele heb mir meine Pfeif auf bis ich getanzt habe« Und viele
junge Mädchen aus dem Orte kamen und von der Einen erhielt sie eine Jacke von
der Andern eine Haube ein Halstuch einen Hausschlüssel Alles ließ sie sich
aufhalsen und sie stand immer mehr bepackt da je mehr ein Tanz nach dem andern
vorüberging Sie lächelte immer vor sich hin aber es kam Niemand Jetzt wurde
ein Walzer aufgespielt so weich das geht ja wie wenn man drauf schwimmen
könnte Und jetzt ein Hopfer wer kann noch ruhig stehen Hei wie da Alles
hüpft und stampft und springt wie sie Alle in Lust hoch aufatmen wie die
Augen glänzen und die alten Weiber die in der Ecke sitzen wo Amrei steht
klagen über Staub und Hitze gehen aber doch nicht heim Da Amrei zuckt
zusammen ihr Blick ist auf einen schönen Burschen geheftet der jetzt stolz in
dem Getümmel hin und hergeht Das ist ja der Reiter der ihr heute Morgen
begegnete und den sie so schnippisch abgefertigt Alle Blicke sind auf ihn
gerichtet wie er die linke Hand auf dem Rücken mit der rechten die
silberbeschlagene Pfeife hält sein silbernes Uhrgehänge tanzt hin und her und
wie schön ist die schwarzsammtne Jacke und die schwarzsammtnen weiten
Beinkleider und die rote Weste Aber schöner ist noch sein runder Kopf mit
gerolltem braunem Haar die Stirn ist schneeweiß von den Augen an aber das
Antlitz tief gebräunt und ein leichter voller Bart bedeckt Kinn und Wange
»Das ist ein Staatsmensch« sagte eine der alten Frauen
»Und was hat der für himmelblaue Augen« ergänzte eine Andere »die sind so
schelmisch und so gutherzig zugleich«
»Woher der nur sein mag Aus der hiesigen Gegend ist er nicht« sprach eine
Dritte und eine Vierte fügte hinzu
»Das ist gewiss wieder ein Freier für die Amrei«
Barfüßele zuckte zusammen Was soll das sein Was soll das heißen Sie wird
bald belehrt was damit gemeint ist denn die Erste sagte wieder
»Da dauert er mich die Schmalzgräfin führt alle Mannsleut am Narrenseil
herum«
Ja auch die Schmalzgräfin heißt Amrei
Der Bursche war mehrmals durch den Saal gegangen und ließ die Augen um und
um schweifen da plötzlich bleibt er stehen nicht weit von Barfüßele er winkt
ihr es überläuft sie siedend heiß aber sie ist wie festgebannt sie regt sich
nicht Und nein er hat gewiss Jemand hinter dir gewinkt dich meint er gewiss
nicht Er drängt vor Amrei macht Platz Er sucht gewiss eine Andere
»Nein dich will ich« sagte der Bursche ihre Hand fassend »Willst du«
Amrei kann nicht reden aber was brauchts dessen auch Sie wirft schnell
Alles was sie in den Händen hat in einen Winkel Jacken Halstücher Hauben
Tabakspfeifen und Hausschlüssel Sie steht flügge da und der Bursche wirft einen
Taler zu den Musikanten hinauf und kaum sieht der Krappenzacher Amrei an der
Hand des fremden Tänzers als er in die Trompete stößt dass die Wände zittern
und fröhlicher kann es den Seligen nicht erklingen beim jüngsten Gericht als
jetzt Amrei sie drehte sich sie wusste nicht wie sie war wie getragen von der
Berührung des Fremden und schwebte von selbst und es war ja gar Niemand sonst
da Freilich die Beiden tanzten so schön dass Alle unwillkürlich anhielten und
ihnen zuschauten
»Wir sind allein« sagte Amrei während des Tanzes und gleich darauf spürte
sie den heißen Atem des Tänzers der ihr erwiderte
»O wären wir allein allein auf der Welt Warum kann man nicht so fort
tanzen bis in den Tod hinein«
»Es ist mir jetzt grad« sagte Amrei »wie wenn wir zwei Tauben wären die
in der Luft fliegen Juhu fort in den Himmel hinein« und »Juhu« jauchzte der
Bursche laut dass es aufschoss wie eine feurige Rakete die zum Himmel
aufspringt und Juhu jauchzte Amrei mit und immer seliger schwangen sie sich und
Amrei sagte »Sag ist denn auch noch Musik Spielen denn die Musikanten noch
Ich höre sie gar nicht mehr«
»Freilich spielen sie noch hörst du denn nichts«
»Ja jetzt ja« sagte Amrei und sie hielten inne ihr Tänzer mochte fühlen
dass es ihr vor Glückseligkeit fast schwindelig zu Mute werden wollte
Der Fremde führte Amrei an den Tisch und gab ihr zu trinken er ließ dabei
ihre Hand nicht los Er fasste den SchwedenDukaten an ihrem Halsgeschmeide und
sagte »Der hat einen guten Platz«
»Es ist auch von guter Hand« erwiderte Barfüßele »ich hab den Anhenker
geschenkt gekriegt als kleines Kind«
»Von einem Verwandten«
»Nein die Bäuerin ist nicht mit mir verwandt«
»Das Tanzen tut dir wohl wie es scheint«
»O wie wohl Denk nur man muss das ganze Jahr so viel springen und es
spielt Einem Niemand auf dazu Jetzt tut das doppelt wohl«
»Du siehst kugelig rund aus« sagte der Fremde scherzend »du musst gut im
Futter stehen«
Rasch erwiderte Amrei »Das Futter machts nicht aus aber wies Einem
schmeckt«
Der Fremde nickte und nach einer Weile sagte er wieder halb fragend »Du
bist des Bauern Tochter von «
»Nein ich dien« sagte Amrei und schaute ihm fest ins Auge er aber
wollte das seine niederschlagen die Wimper zuckte und er hielt das Auge
gewaltsam auf und dieser Kampf und Sieg des leiblichen Auges schien das Abbild
dessen was in ihm vorging er wollte fast das Mädchen stehen lassen doch wie im
Selbsttrotze sich zwingend sagte er
»Komm wir wollen noch einen tanzen«
Er hielt ihre Hand fest und nun begann von Neuem Jubel und Lust aber
diesesmal ruhiger und stetiger Die Beiden fühlten dass die Gehobenheit in den
Himmel nun wohl zu Ende sei und wie aus diesen Gedanken heraus sagte Amrei
»Wir sind doch glückselig mit einander gewesen wenn wir uns auch unser
Lebtag nimmer wieder sehen und Keines weiß wie das Andere heißt«
Der Bursche nickte und sagte »Ja wohl«
Amrei nahm in Verlegenheit ihren linken Zopf in den Mund und sagte wieder
nach einer Weile
»Was man einmal gehabt hat das kann man Einem nicht mehr nehmen und sei du
auch wer du bist lass dichs nicht gereuen du hast einem armen Mädchen für sein
Lebenlang ein Gutes geschenkt«
»Es reut mich nicht« sagte der Bursche »aber dich hats gereut wie du
mich heute Morgen so abgetrumpft hast«
»O ja da hast du Gottes Recht« sagte Amrei und der Bursche fragte
»Getraust du dir mit mir ins Feld zu gehen«
»Ja«
»Und traust du mir«
»Ja«
»Was werden aber die Deinigen dazu sagen«
»Ich hab mich vor Niemand zu verantworten als vor mir selber ich bin ein
Waisenkind«
Hand in Hand verließen die Beiden den Tanzsaal Barfüßele hörte
verschiedentlich hinter sich flüstern und pispern und sie hielt die Augen auf
den Boden geheftet Sie hatte sich doch wohl zu viel zugetraut
Draußen zwischen den Kornfeldern wo eben kaum die ersten Ähren aufschossen
und noch halb verhüllt in den Deckblättern lagen da schauten die Beiden
einander stumm an Sie redeten lange kein Wort und der Bursche fragte zuerst
wieder halb für sich
»Ich möcht nur wissen woher es kommt dass man einem Menschen beim ersten
Anblick gleich ich weiß nicht wie gleich so gleich so vertraulich sein
kann Woher weiß man denn was in dem Gesicht geschrieben steht«
»Da haben wir eine arme Seele erlöst« rief Amrei »denn du weißt ja wenn
Zwei in derselben Minute das Gleiche denken erlösen sie eine arme Seele und
just auf das Wort hin hab ich dasselbe was du sagst bei mir gedacht«
»So und weißt du nun warum«
»Ja«
»Willst du mirs sagen«
»Warum nicht Schau ich bin Ganshirtin gewesen «
Bei diesen Worten zuckte der Bursche wieder zusammen aber er tat als ob
ihm was ins Auge geflogen wäre und rieb sich die Augen und Barfüßele fuhr
unverzagt fort
»Schau wenn man so allein draußen sitzt und liegt im Feld da sinnt man
über Hunderterlei und da kommen Einem wunderliche Gedanken und da hab ich ganz
deutlich gesehen gib nur acht darauf und du wirst es auch finden jeder
Fruchtbaum sieht wenn man ihn so überhaupt und im Ganzen betrachtet just aus
wie die Frucht die er trägt Schau den Apfelbaum sieht er nicht aus so ins
Breite gelegt so mit Schrundenschnitten wie ein Apfel selber Und so der
Birnenbaum und so der Kirschenbaum Sieh sie nur einmal drauf an schau was der
Kirschenbaum einen langen Stiel hat wie die Kirsche selber Und so mein ich
auch«
»Ja was meinst du«
»Lach mich nicht aus Wie die Fruchtbäume aussehen wie die Früchte die sie
tragen so wäre es auch bei den Menschen und man sieht es ihnen gleich an Aber
freilich die Bäume haben ihr ehrlich Gesicht und die Menschen können sich
verstellen Aber gelt ich schwätz dummes Zeug«
»Nein du hast nicht umsonst die Gänse gehütet« sagte der Bursche in
seltsam gemischter Empfindung »mit dir lässt sich gut reden Ich möchte dir gern
einen Kuss geben wenn ich mich nicht einer Sünde fürchten tät«
Barfüßele zitterte am ganzen Leib sie bückte sich um eine Blume zu brechen
ließ aber wieder ab Es entstand eine lange Pause und der Bursche fuhr fort
»Wir sehen uns wohl niemals wieder drum ists besser so«
Hand in Hand gingen die Beiden wieder zurück in den Tanzsaal Und nun
tanzten sie noch einmal ohne ein Wort zu reden und als der Tanz zu Ende war
führte sie der Bursche wieder an den Tisch und sprach »Jetzt sag ich dir
Lebewohl Aber verschnaufe nur und dann trink noch einmal«
Er reichte ihr das Glas und als sie es absetzte sagte er
»Du musst austrinken mir zu lieb ganz bis auf den Grund«
Amrei trank fort und fort und als sie endlich das leere Glas in der Hand
hatte und sich umschaute war der fremde Bursche verschwunden Sie ging hinab
vor das Haus und da sah sie ihn noch nicht weit entfernt auf seinem Schimmel
davon reiten aber er wendete sich nicht mehr um
Die Nebel zogen wie Schleierwolken auf dem Wiesental dahin die Sonne war
schon hinab Barfüßele sagte fast laut vor sich hin
»Ich wollt es sollte gar nicht wieder morgen werden immer heut immer
heut« und sie stand in Träumen verloren Die Nacht kam rasch herbei Der Mond
wie eine dünne Sichel stand schon auf den dunkeln Bergen und nicht weit von ihm
Haldenbrunn zu der Abendstern Ein Bernerwägelchen nach dem andern fuhr
wieder davon Barfüßele hielt sich zum Gefährte ihres Meisters das eben auch
angespannt wurde Da kam Rosel und sagte ihrem Bruder dass sie den Burschen und
Mädchen aus dem Dorfe versprochen habe heute gemeinsam mit ihnen heimzugehen
und es verstand sich nun von selbst dass der Bauer nicht allein mit der Magd
fuhr Das Bernerwägelchen rasselte heim Die Rosel musste Barfüßele gesehen
haben aber sie tat als ob sie nicht da wäre und Barfüßele ging noch einmal
hinaus den Weg den der fremde Reiter dahin geritten war Wohin ist er nur
geritten Wie viel hundert Dörfer und Weiler liegen hier nach diesem Weg hinaus
wer kann sagen wo er sich hingewendet Barfüßele fand die Stelle wo er sie
heute früh zum Erstenmal begrüßt sie wiederholte laut seine Anrede vor sich
hin Sie saß noch einmal dort hinter der Haselhecke wo sie heute Morgen
geschlafen und geträumt Eine Goldammer saß auf einer schlanken Spitze und ihre
sechs Töne lauteten gerade was tust denn du noch da Was tust denn du noch
da Barfüßele hatte heute eine ganze Lebensgeschichte erlebt War denn das nur
ein einziger Tag Sie kehrte wieder zurück zum Tanze aber sie ging nicht mehr
hinauf sie ging allein heimwärts nach Haldenbrunn wohl den halben Weg aber
plötzlich kehrte sie wieder um sie schien nicht fortzukönnen von dem Ort wo
sie so glückselig gewesen war und sie sagte sich nur es schicke sich nicht
dass sie allein heimkehre Sie wollte gemeinsam mit den Burschen und Mädchen
ihres Dorfes gehen Als sie wieder vor dem Wirtshaus in Endringen ankam waren
bereits Mehrere aus ihrem Orte versammelt Und So Bist auch da Barfüßele das
war der einzige Gruß der ihr ward Nun gab es ein Hin und Herlaufen denn
Manche die gedrängt hatten dass man heimkehre tanzten noch oben und jetzt
kamen noch fremde Bursche und baten und bettelten und drängten dass man nur noch
diesen Tanz dableibe Und in der Tat willfahrte man und Barfüßele ging mit
hinauf aber sie sah nur zu Endlich hieß es wer jetzt noch tanzt den lassen
wir da Und mit vieler Mühe mit Hin und Herrennen war endlich der ganze
Haldenbrunner Trupp beisammen vor dem Hause Ein Teil der Musik gab ihnen das
Geleite bis vor das Dorf und mancher verschlafene Hausvater sah noch heraus und
da und dort kam eine hier verheiratete Gespielin die nicht mehr zum Tanze
ging an das Fenster und rief Glück auf den Weg
Die Nacht war dunkel Man hatte lange Kieferspäne als Fackeln mitgenommen
und die Burschen die sie trugen tanzten damit auf und nieder und jauchzten
Kaum aber war die Musik zurückgekehrt kaum war man eine Strecke vor Endringen
hinausgekommen als es hieß »Die Fackeln blenden nur« und besonders zwei
beurlaubte Soldaten die in ganzer Uniform unter dem Trupp waren spotteten im
Bewusstsein ihrer angehängten Säbel über die Fackeln Man verlöschte sie in einem
Graben Nun fehlte noch Dieser und Jener und Diese und Jene Man rief ihnen zu
und sie antworteten aus der Ferne Die Rosel wurde von des Kappelbauern Sohn von
Lauterbach begleitet aber kaum war er fort und kaum war sie bei ihren
Ortsangehörigen als sie laut sagte »Ich will Nichts von Dem« Einige Bursche
stimmten ein Lied an und Einzelne sangen mit aber es war kein rechter
Zusammenhalt mehr denn die Soldaten wollten neue Lieder zum Besten geben Es
wurde nur manchmal laut gelacht denn einer der Soldaten war ein Enkel des
lustigen Brosi der Sohn der Gypsmüllerin Monika und der brachte allerlei Witze
vor denen besonders der Schneiderjörg der mit ging zum Stichblatt dienen
musste Und wieder wurde gesungen und jetzt schien man sich geeinigt zu haben
denn es tönte voll und hell
Barfüßele ging immer hinter drein eine gute Strecke von ihren
Ortsangehörigen entfernt Man ließ sie gewähren und das war das Beste was man
ihr antun konnte Sie war bei ihren Ortsangehörigen und doch allein und sie
schaute sich oft um nach den Feldern und Wäldern wie war das wunderlich jetzt
in der Nacht so fremd und doch wieder so vertraut Die ganze Welt war ihr so
wunderlich wie sie sich selbst geworden war Und wie sie ging einen Schritt
nach dem andern wie fortgeschoben und gezogen und nicht wusste dass sie sich
bewegte so bewegten sich die Gedanken in ihr von selbst hin und her das
schwirrte von selbst so fort sie konnte es nicht fassen nicht leiten sie
wusste nicht was es war Ihre Wangen erglühten als ob jeder Stern am Himmelszelt
eine heissstrahlende Sonne wäre und in ihr entstammte das Herz Und jetzt ja als
hätte sies selbst angegeben als hätte sies selbst angestimmt sangen ihre
vorausgehenden Ortsgenossen das Lied das ihr am Morgen auf die Lippen gekommen
war
Es waren zwei Liebchen im Allgäu
Und die hatten einander so lieb
Und der junge Knab zog in Kriege
»Und wann kommst du wiederum heim
Das kann ich dir ja nicht sagen
Welches Jahr welchen Tag welche Stund«
Und jetzt wurde das Nachtlied gesungen und Amrei sang mit aus der Ferne
Zur schönen guten Nacht Schatz lebe wohl
Wenn alle Leute schlafen
So muss ich wachen
Muss traurig sein
Zur schönen guten Nacht Schatz lebe wohl
Leb immer in Freuden
Und ich muss dich meiden
Bis ich wiederum komm
Wenn ich wiederum komm komm ich recht zu dir
Und dann tu ich dich küssen
Und das schmeckt so süße
Schatz du bist mein
Schatz du bist mein und ich bin dein
Und das tut mich erfreuen
Und du wirsts nicht bereuen
Schatz lebe wohl
Man kam endlich am Dorfe an und eine Gruppe nach der andern fiel ab
Barfüßele blieb an ihrem Elternhause bei dem Vogelbeerbaum noch lange sinnend
und träumend stehen Sie wollte hinein und der Marann Alles sagen gab es
jedoch auf Warum heute noch die Nachtruhe stören und wozu solls Sie ging
still heimwärts Alles lag in festem Schlaf
Als sie endlich in das Haus eintrat kam ihr Alles noch viel seltsamer vor
als draußen so fremd so gar nicht dazu gehörig »Warum kommst du denn wieder
heim Was willst du denn eigentlich da« Es war ein wundersames Fragen das in
jedem Tone für sie lag wie der Hund bellte und wie die Treppe knackte wie die
Kühe im Stalle brummten das Alles war ein Fragen »Wer kommt denn da heim Wer
ist denn das« Und als sie endlich in ihrer Kammer war da saß sie still nieder
und starrte ins Licht und plötzlich stand sie auf fasste die Ampel und
leuchtete damit in den Spiegel und sah darin ihr Antlitz und sie selber fragte
fast immer »Wer ist denn das Und so hat er mich gesehen so siehst du
aus« setzte ein zweiter Gedanke hinzu »Es muss ihm doch was an dir gefallen
haben warum hätt er dich sonst so angesehen« Ein stilles Gefühl der
Befriedigung stieg in ihr auf das noch gesteigert wurde durch den Gedanken »Du
bist doch jetzt auch einmal als eine Person angesehen worden du bist bis daher
immer nur zum Dienen und Helfen für Andere dagewesen Gut Nacht Amrei das war
einmal ein Tag« Aber es musste doch endlich dieser Tag ein Ende haben
Mitternacht war vorüber und Barfüßele legte ein Stück nach dem andern von ihrer
Kleidung gar sorglich wieder zusammen »Ei das ist ja noch die Musik horch
wie der wiegende Walzer tönt« Sie öffnete das Fenster Es tönt keine Musik sie
liegt ihr nur in den Ohren Drunten bei der schwarzen Marann kräht schon der
Hahn die Frösche quaken es nahen Schritte von Männern die des Weges kommen
das sind wohl späte Heimgänger von der Hochzeit die Schritte tönen so laut in
der Nacht Die jungen Gänse im Hause schnattern in der Steige Ja die Gänse
schlafen nur stundenweise so bei Tag so bei Nacht Die Bäume stehen still
unbewegt Wie ist doch so ein Baum ganz anders in der Nacht als am Tage Solch
eine geschlossene dunkle Masse wie ein Riese in seinem Mantel Wie muss das sich
regen in dem unbewegt stehenden Baume Was ist das für eine Welt in der solches
ist Kein Windhauch regt sich und doch ist es wieder wie ein Tropfen von den
Bäumen das sind wohl Raupen und Käfer die niederfallen Eine Wachtel schlägt
das kann keine andere sein als die beim Auerhahnwirt eingesperrte Sie weiß
nicht dass es Nacht ist Und schau der Abendstern der bei Sonnenuntergang
entfernt und tief unter dem Monde stand steht jetzt nahe und über ihm und je
mehr man ihn ansieht je mehr glänzt er Spürt er wohl den Blick eines Menschen
Jetzt still horch wie die Nachtigall schlägt das ist ein Gesang so tief so
weit ist es denn nur ein einziger Vogel Und jetzt Amrei schaudert zusammen
mit dem Glockenschlag Ein Uhr rutscht ein Ziegel vom Dach und fällt klatschend
auf den Boden Amrei zittert wie von Gespensterfurcht gepackt sie zwingt sich
noch eine Weile der Nachtigall zuzuhorchen dann aber schließt sie das Fenster
Ein Nachtfalter der wie eine große fliegende Raupe mit vielen Flügeln aussieht
hat sich mit in das Dachstübchen gewagt und fliegt um das Licht angezogen und
abgestoßen so grau und grauenhaft Amrei fasst ihn endlich und wirft ihn hinaus
in die Nacht
Indem sie nun Haube Goller und Jacke in eine Truhe legte ergriff sie
unwillkürlich ihr altes Schreibebuch von der Schule her das sie noch aufbewahrt
hatte und sie las darin sie wusste selbst nicht warum allerlei Sittensprüche
Wie steif und sorglich waren die dahin gezeichnet Ja es mochte sie aus diesen
Blättern etwas anmuten dass sie doch einmal eine Vergangenheit gehabt denn es
schien dass das Alles verschwunden war
»Jetzt hurtig ins Bett« rief sie sich zu aber mit der ganzen
Bedachtsamkeit ihres Wesens knüpfte sie die Bänder alle leise und ruhig auf und
verknotete sich einmal eine Schlinge sie ließ nicht ab bis sie mit Fingern
Zähnen und Nadeln auseinander gebracht war Noch nie in ihrem Leben hatte sie
einen Knoten entzwei geschnitten und noch jetzt in ihrer hohen Erregung verließ
sie ihr bedachtsamer Ordnungssinn nicht und es gelang ihr das anscheinend
Unentwirrbarste zu lösen Endlich löschte sie ruhig und behutsam die Ampel und
lag im Bett aber sie fand keine Ruhe rasch sprang sie wieder heraus und legte
sich unter das offene Fenster hineinstarrend in die dunkle Nacht und in das
Sternengeflimmer und in keuscher Schamhaftigkeit vor sich selber bedeckte sie
Busen und Hals mit beiden Händen
Das war ein Schauen und Sinnen so schrankenlos so wortlos so
nichtswollend und doch Alles fassend Eine Minute Gestorbensein und Leben im
All in der Ewigkeit
In der Seele dieser armen Magd in der Dachkammer hatte sich aufgetan alles
unendliche Leben alle Hoheit und alle Seligkeit die der Mensch in sich
schließt und diese Hoheit fragt nicht wer ist es aus dem ich erstehe und die
ewigen Sterne erglänzen über der niedersten Hütte
Ein Windzug der das Fenster klappend zuschlug weckte Amrei auf sie wusste
nicht wie sie ins Bett gekommen war und jetzt war Tag
11 Wies im Liede steht
»Kein Feuer keine Kohle
Kann brennen so heiß
Als heimlich stille Liebe
Von der Niemand nichts weiß«
So sang Amrei Morgens am Herdfeuer stehend während Alles im Hause noch
schlief
Der Rossbub der den Pferden zum Erstenmal Futter aufsteckte kam in die
Küche und holte sich eine Kohls für seine Pfeife
»Was tust denn du schon so früh auf wenn die Spatzen murren« fragte er
Barfüßele
»Ich mache eine Tränke für die Kälberkuh« antwortete Barfüßele Mehl und
Kleie einrührend ohne sich umzuschauen
»Ich und der Oberknecht wir haben dich gestern Abend beim Tanz noch gesucht
aber du bist nirgends zu finden gewesen« fragte der Rossbub »Freilich du hast
nimmer tanzen wollen du bist zufrieden dass dich der fremde Prinz zum Narren
gehalten hat«
»Es ist kein Prinz und er hat mich nicht zum Narren gehabt Und wäre das
auch ich möcht lieber von so Einem zum Narren als von dir und dem Oberknecht
zum Gescheiten gehabt sein«
»Warum hat er dir aber nicht gesagt wer er ist«
»Weil ich ihn nicht gefragt habe« erwiderte Barfüßele
Der Rossbub machte einen derben Witz und lachte selber darüber denn es gibt
Gebiete in denen der Einfältigste noch witzig ist Das Antlitz Barfüßeles
flammte auf in doppelter Röte angeglüht vom Herdfeuer und von innerer Flamme
sie knirschte die Zähne über einander und jetzt sagte sie
»Ich will dir was sagen du musst selber wissen was du wert bist und ich
kann dirs nicht verbieten dass du vor dir selber keinen Respekt hast aber das
kann ich dir verbieten dass du vor mir keinen Respekt hast Das sag ich dir
Und jetzt gehst du hinaus aus der Küche du hast hier nichts zu tun und wenn
du nicht gleich gehst will ich dir zeigen wie man hinauskommt«
»Willst du die Meistersleute wecken«
»Ich brauch sie nicht« rief Barfüßele und hob ein brennendes Scheit vom
Herde das knatternd Funken sprühte »Fort oder ich zeichne dich«
Der Rossbub schlich mit gezwungenem Lachen davon Barfüßele aber schürzte
sich hoch auf und ging schwer aufatmend mit der dampfenden Tränke hinab in den
Stall
Die Kälberkuh schien es mit Dank zu empfinden dass sie schon in so früher
Stunde bedacht wurde sie brummte setzte mehrmals ab im Saufen und schaute
Barfüßele mit großen Augen an
»Ja jetzt werd ich viel gefragt und gehänselt werden« sagte Barfüßele vor
sich hin »aber was tuts«
Mit dem Melkkübel auf eine andere Kuh losgehend sang sie
»Dreh dich um und dreh dich um
Rotgscheckete Kuh
Wer wird dich denn melken
Wenn ich heiraten tu«
»Was da Einfältiges Zeug« setzte sie dann wie sich selbst ausscheltend
hinzu Sie vollführte ihre Arbeit nun still und allmälig erwachte das Leben im
Hause und kaum war Rosel erwacht als sie Barfüßele nachlief und sie ausschalt
denn Rosel hatte ein schönes Halstuch verloren Sie behauptete sie habe es
Barfüßele zum Aufbewahren gegeben diese aber habe in ihrer Mannstollheit Alles
weggeworfen als der Fremde sie aufforderte und wer weiß obs nicht ein Dieb
war der den Gaul und die Kleider gestohlen hat und den man morgen in Ketten
einbringt und es sei eine Schande gewesen wie Barfüßele laut beim Tanze
gejauchzt habe und sie solle sich in Acht nehmen denn der EnzianValentin habe
gesagt wenn eine Henne kräht wie ein Hahn schlägt das Wetter ein und gibts
Unglück Sie habe sie zum Ersten und Letztenmale mit zum Tanz genommen sie
habe sich fast die Augen aus dem Kopf geschämt dass sie sich überall habe müssen
sagen lassen so Eine dient bei Euch Wenn ihr die Schwägerin nicht die Stange
hielte und es ihr nachginge müsste die Gänshirtin sogleich fort aus dem Haus
Barfüßele ließ alles ruhig über sich ergehen sie hatte heute schon die
beiden Endpunkte dessen wahrgenommen was sie nun erfahren müsse und sie hatte
darauf von selbst getan wie sie es nun immer halten wollte wer sie
ausschimpfte den schüttelte sie mit Schweigen von sich wer sie ausspottete
den trumpfte sie ab Hatte sie auch nicht immer ein brennendes Scheit bei der
Hand wie beim Rossbuben sie hatte Blicke und Worte die den gleichen Dienst
taten
Barfüßele konnte der schwarzen Marann nicht genug erzählen was ihr die
Rosel antat und da sie es zu Hause nicht tun konnte ließ Barfüßele hier ihre
Zunge los und schalt auf die Rosel mit den heftigsten Worten Schnell aber
besann sie sich wieder und sagte
»Ach Gott das ist nicht recht die macht mich jetzt auch so schlecht dass
ich solche Worte in den Mund nehme«
Die Marann aber tröstete »Dass du so schimpfest das ist brav Schau wenn
man etwas Ekelhaftes sieht muss man ausspeien sonst wird man krank und wenn
man etwas Schlechtes sieht und hört und erfährt da muss man schimpfen da muss
die Seele auch ausspeien sonst wird sie schlecht«
Barfüßele musste lachen über die wunderlichen Tröstungen der schwarzen
Marann
Tag um Tag verging in alter Weise und man vergaß bald Hochzeit und Tanz und
Alles was dabei geschehen war Barfüßele aber spürte ein ewiges Hinausdenken
das sie gar nicht bewältigen konnte
Es war gut dass sie der schwarzen Marann Alles anvertrauen konnte »Ich
meine ich habe mich versündigt dass ich damals so über Alles hinaus lustig
war« klagte sie einmal
»An wem hast dich versündigt«
»Ich meine Gott straft mich dafür«
»O Kind was machst du da Gott liebt die Menschen wie seine Kinder Gibt
es für Eltern eine größere Freude als ihre Kinder lustig zu sehen Ein Vater
eine Mutter die ihre Kinder fröhlich tanzen sehen sind doppelt glücklich und
so denk auch Gott hat dir zugesehen wie du getanzt hast und hat sich recht
gefreut und deine Eltern haben dich auch tanzen sehen und haben sich auch
gefreut Lass du die ungestorbenen Menschen reden was sie wollen Wenn mein
Johannes kommt hei der kann tanzen Aber ich sage nichts Du hast an mir einen
Menschen der dir recht gibt was brauchst du denn mehr«
Freilich Wort und Beistand der schwarzen Marann waren tröstlich aber
Barfüßele hatte ihr doch nicht Alles gesagt es war ihr nicht bloß um das Gerede
der Menschen zu tun und es war nicht mehr wahr dass sie sich daran genügen
ließ nur Einmal vollauf glücklich gewesen zu sein Sie sehnte sich doch wieder
nach dem Manne der ihr wie eine erlösende Erscheinung gekommen war der sie so
ganz verändert hatte und nun nichts mehr von ihr wusste
Ja Barfüßele war sehr verändert Sie ließ es an keiner Arbeit fehlen man
konnte ihr nichts nachreden aber eine tiefe Schwermut setzte sich in ihr fest
Jetzt kam noch ein anderer Grund dazu der sich vor der Welt offen geltend
machen durfte Dami hatte von Amerika aus noch kein Wort geschrieben und sie
vergaß sich so weit dass sie einmal zur schwarzen Marann sagte
»Es heißt nicht umsonst im Sprüchwort wenn man Feuer unter einem leeren
Topf hat verbrennt eine arme Seel Unter meinem Herzen brennt ein Feuer und
meine arme Seele verbrennt«
»Was ist denn«
»Dass der Dami auch nicht schreibt Das Warten das ist die schrecklichst
gemordete Zeit es gibt keine die man ärger umbringen kann als mit dem Warten
da ist man ja in keiner Stunde in keiner Minute mehr daheim auf keinem Boden
mehr fest und immer mit einem Fuß in der Luft«
»O Kind Sag das nicht« jammerte die Marann »Was willst denn du vom
Warten reden Denk an mich und ich warte geduldig und ich warte bis zu meiner
letzten Stunde und gebs nicht auf«
In der Erkenntnis fremden Kummers löste sich der Schmerz Barfüßeles in
Tränen auf und sie klagte »Mir ist so schwer ich denk jetzt immer ans
Sterben Wie viel tausend Kübel Wasser muss ich noch holen und wie viel Sonntage
gibts noch Man sollte sich eigentlich gar nicht so viel grämen das Leben hat
ja so bald ein Ende und wenn die Rosel zankt denk ich ja zank du nur wir
sterben Beide bald dann hats ein End Und dann überfällt mich wieder eine
Angst dass ich mich so arg vor dem Sterben fürchte Wenn ich so liege und will
mir denken wie es ist wenn ich tot bin ich höre nichts ich sehe nichts
dieses Auge dieses Ohr ist tot Alles da um mich her ist nicht mehr da es
wird Tag und ich weiß nichts mehr davon man mäht man erntet ich bin nicht
mehr dabei O warum ist denn das Sterben Was willst du machen Haben andere
auch sterben müssen und die waren noch mehr als du Man muss es ruhig ertragen
Horch der Schütz schellt aus« so unterbrach sich Barfüßele in der seltsamen
Klage und sie die eben sterben wollte und wieder nicht sterben wollte hätte
doch gern erfahren was der Dorfschütz noch ausschellt
»Lass ihn schellen er bringt dir doch nichts« sagte die Alte wehmütig
lächelnd »O was ist der Mensch Wie muss Jeder wieder die harte Nuss aufzuknacken
suchen und sie doch endlich ungeöffnet bei Seite legen Ich will dir sagen
Amrei was mit dir ist du bist jetzt sterbensverliebt Sei froh so gut wird es
wenigen Menschen es wird wenigen Menschen so wohl dass sie eine rechte Liebe in
sich spüren aber nimm dir ein Beispiel an mir lass die Hoffnung nicht fahren
Weißt wer schon bei lebendigem Leib gestorben ist Wer nicht von jedem Tag
absonderlich wer nicht von jedem Frühling meint jetzt fängt das Leben erst
recht an jetzt kommt etwas was noch gar nie dagewesen ist Dir muss es noch gut
gehen du tust ja lauter Gottestaten Was hast du an deinem Bruder getan was
an mir was am alten Rodelbauer was an allen Menschen Aber es ist gut dass du
nicht weißt was du tust Wer Gutes tut und betet und immer daran
denkt und sich was drauf einbildet der betet sich durch den Himmel durch
und muss auf der andern Seite die Gänse hüten«
»Das hab ich schon hier getan davon bin ich erlöst« lachte Barfüßele uud
die Alte fuhr fort
»Mir sagt eine Stimme dass der der mit dir getanzt hat mein Johannes
gewesen ist kein anderer Mensch Und ich will dirs nur sagen wenn er nicht
verheiratet ist dich muss er nehmen Sammetkleider hat mein Johannes immer gern
gehabt und ich denk jetzt so er läuft jetzt um die Grenze herum bis unser
König stirbt dann kommt er herein ins Land aber Unrecht ists dass er mir
nichts sagen lässt und es tut mir so and bang nach ihm«
Barfüßele schauderte vor der unverwüstlichen Hoffnungskraft der schwarzen
Marann und wie sie sich immer und immer an ihr festhielt
Sie erwähnte fortan selten den Fremden nur wenn sie von der Hoffnung auf
Wiederkehr sprach und dabei Dami nannte konnte sie sich nicht enthalten dabei
auch zugleich an den Fremden zu denken Er war ja nicht über dem Meer und konnte
doch auch wiederkommen und schreiben aber freilich er hat dich ja nicht
gefragt wo du her bist Wieviel tausend Städte und Dörfer und Einsiedelhöfe
gibts in der Welt vielleicht sucht er dich und findet dich nimmer wieder
Aber nein er kann ja in Endringen fragen Er kann nur den Dominik fragen und
das Ameile und die werden ihm gut Bescheid geben Aber ich weiß nicht wo er
ist ich kann nichts tun«
Es war wieder Frühling geworden und Amrei stand bei ihren Blumen am Fenster
da kam eine Biene daher geflogen und saugte sich fest an dem offenen Kelch Ja
so ists dachte Barfüßele so ein Mädchen ist wie eine Pflanze festgewachsen an
den Ort das kann nicht herumgehen und suchen das muss warten bis das da
zufliegt
»Wenn ich ein Vöglein wär
Und auch zwei Flügelein hätt
Flög ich zu dir
Weils aber nicht kann sein
Bleib ich allhier
Bin ich gleich weit von dir
Bin ich doch im Tranrn bei dir
Und red mit dir
Wenn ich erwachen tu
Bin ich allein
Es vergeht kein Stund in der Nacht
Dass nicht mein Herz erwacht
Und an dich denkt
So sang Barfüßele
Es war wunderbar wie jetzt alle Lieder auf Barfüßele gesetzt waren und wie
viel Tausend haben sich diese schon aus der Seele gesungen und wie viel Tausende
werden sie sich noch aus der Seele singen Ihr die ihr euch sehnt und endlich
ein Herz umschlungen haltet ihr haltet damit umschlungen das Lieben aller
derer die je waren und sein werden
12 Er ist gekommen
Barfüßele stand eines Sonntags Nachmittags nach ihrer Gewohnheit an die
Türpfoste des Hauses gelehnt und schaute träumend vor sich hin da kam der
Enkel des Kohlenmates das Dorf herausgesprungen und winkte schon von fern und
rief
»Er ist gekommen Barfüßele er ist gekommen«
Barfüßele zitterten die Kniee und mit bebender Stimme rief sie »Wo ist er
wo«
»Bei meinem Großvater im Moosbrunnenwald«
»Wo Wer Wer schickt dich«
»Dein Dami Er ist drunten im Wald«
Barfüßele musste sich auf die Steinbank vor dem Hause setzen aber nur eine
Minute dann bezwang sie sich selbst richtete sich straff auf mit den Worten
»Mein Dami Mein Bruder«
»Ja des Barfüßeles Dami« sagte der Knabe treuherzig »und er hat mir
versprochen du gäbest mir einen Kreuzer wenn ich zu dir Boten gehe und es dir
sage jetzt gib mir einen Kreuzer«
»Mein Dami wird dir schon drei dafür geben«
»O nein« sagte der Knabe »er hat ja zu meinem Großvater geheult weil er
keinen Kreuzer mehr habe«
»Ich habe jetzt auch keinen« sagte Bafüssele »aber ich bleib dir gut
dafür«
Sie ging schnell zurück ins Haus bat die Neben magd an ihrer Statt die
Kühe zu melken wenn sie zum Abend nicht wieder da sei sie müsse schnell einen
Gang machen Mit Herzklopfen bald im Zorn auf Dami bald in Wehmut über ihn
und sein Ungeschick bald in Ärger dass er wieder da sei und dann wieder in
Vorwürfen dass sie ihrem einzigen Bruder so begegne ging Barfüßele das Feld
hinaus das Tal hinab nach dem Moosbrunnenwald Der Weg zum Kohlenmates war
nicht zu verfehlen ob man gleich von dem Fußweg abseits gehen musste Der Geruch
des Meilers führte unfehlbar zu ihm
Wie singen die Vögel in den Bäumen und ein jammerndes Menschenkind wandelt
drunter hin und wie traurig muss es Dami sein der das Alles wiedersteht und es
muss ihm hart gegangen sein wenn er keinen andern Ausweg mehr weiß als heim und
sich an dich hängen und dich aussaugen Andre Schwestern haben an den Brüdern
eine Hilfe und ich Aber ich will dir jetzt schon zeigen Dami du musst
bleiben wo ich dich hinstelle und darfst nicht zucken
In solcherlei Gedanken ging Barfüßele dahin und war endlich beim
Kohlenmates angekommen Aber sie sah hier keinen Menschen außer dem
Kohlenmates der vor seiner Blockhütte beim Meiler saß und seine Holzpfeife mit
beiden Händen hielt und rauchte denn ein Köhler tut es seinem Meiler nach und
raucht immer
»Hat mich Jemand zum Narren gehabt« fragte sich Barfüßele »O das wäre
schändlich Was tue ich denn den Menschen dass sie mich zum Narren haben Aber
ich kriegs schon heraus wer das angestellt hat der soll mirs büßen«
Mit geballter Faust und flammenrotem Gesicht stand sie jetzt vor dem
Kohlenmates Dieser hob kaum das Antlitz nach ihr viel weniger dass er ein Wort
redete er war so lang die Sonne schien fast immer wortlos und nur des Nachts
wenn ihm Niemand ins Auge sehen konnte sprach er viel und gern
Barfüßele starrte eine Minute in das schwarze Antlitz des Köhlers und dann
fragte sie zornig »Wo ist mein Dami«
Der Alte schüttelte mit dem Kopfe verneinend Da fragte Barfüßele nochmals
mit dem Fuße aufstampfend »Ist mein Dami bei Euch«
Der Alte legte die Hände aus einander und zeigte rechts und links dass er
nicht da sei
»Wer hat denn zu mir geschickt« fragte Barfüßele immer heftiger »So redet
doch«
Der Köhler wies mit dem rechten Daumen nach der Seite wo ein Fußweg sich um
den Berg hinzog
»Um Gotteswillen sagt doch ein Wort« drängte Barfüßele vor Zorn weinend
»nur ein einziges Wort Ist mein Dami da oder wo ist er«
Endlich sagte der Alte »Er ist da dir entgegengegangen den Fußweg« und
gleich als hätte er viel zu viel gesprochen presste er rasch die Lippen zusammen
und ging um den Meiler
Da stand nun Barfüßele und lachte höhnisch und wehmütig über den
einfältigen Bruder »Er schickt nach mir und bleibt doch nicht an einer Stelle
wo man ihn finden kann und wenn ich jetzt den Weg hinauf gehe wie konnte er
nur glauben dass ich den Fußweg gehe das ist ihm jetzt gewiss auch eingefallen
und er geht einen andern und ist nicht mehr zu finden und wir laufen um ein
ander herum wie im Nebel«
Barfüßele setzte sich still auf einen Baumstumpf und in ihr brannte es wie
in dem Meiler die Flamme konnte nicht ausschlagen sie musste still in sich
verkohlen Die Vögel sangen der Wald rauschte ach was ist das Alles wenn
kein heller Ton im Herzen klingt wie aus einem Traum erinnerte sich jetzt
Barfüßele wie sie einst Liebesgedanken nachgehangen Wie kommst du dazu so
etwas in dir aufkommen zu lassen Hast du nicht Elend genug an dir und an deinem
Bruder Und der Gedanke dieser Liebe war ihr jetzt wie mitten im Winter die
Erinnerung an einen hellen Sommertag Man kanns nur glauben dass es einst so
sonnig warm gewesen aber man weiß nichts mehr davon Jetzt musste sie lernen was
»Warten« heißt hoch oben auf einer Spitze wo kaum eine Hand breit Boden und
wenn du erst weißt wie es ist bist du im alten Elend und in noch größerem
Sie ging hinein in die Blockhütte des Köhlers da lag ein Sack locker und
kaum halb voll und auf dem Sacke stand der Name des Vaters
»O wie bist du herumgeschleppt« sagte sie fast laut Sie kam aber schnell
über die Erregung des Gemütes hinweg und wollte sehen was denn Dami wieder mit
zurückgebracht »Er hat doch mindestens die guten Hemden noch die du ihm von
der Leinwand der schwarzen Marann hast machen lassen Und vielleicht ist auch
ein Geschenk von dem Ohm aus Amerika darin Aber wenn er noch etwas Ordentliches
hätte wäre er dann zuerst zum Kohlenmates im Wald Hätte er sich nicht gleich
im Dorf gezeigt«
Barfüßele hatte Zeit diesen Gedanken nachzuhängen denn das Sackbändel war
wahrhaft kunstmässig verknotet und nur ihrer gewohnten Geschicklichkeit und
Unablässigkeit gelang es ihn endlich zu entwirren Sie tat Alles heraus was in
dem Sacke war und mit zornigem Blicke sagte sie vor sich hin »O du Garnichts
da ist ja kein heiles Hemd mehr Du hast jetzt die Wahl ob du Bettellump oder
Lumpenbettler heißen willst«
Das war keine gute Stimmung in der sie den Bruder wieder begrüßen konnte
und dieser mochte es fühlen denn er stand lauernd am Eingang der Blockhütte bis
Barfüßele wieder Alles in den Sack getan hatte Dann trat er auf sie zu und
sagte »Grüß Gott Amrei Ich bringe dir nichts als schwarze Wäsche aber du bist
sauber und wirst mich auch wieder «
»O lieber Dami wie siehst du aus« schrie Barfüßele und lag an seinem
Halse aber schnell riss sie sich wieder los und sagte
»Um Gotteswillen du riechst ja nach Branntwein Bist du schon so weit«
»Nein der Kohlenmates hat mir nur ein bisschen Wachholdergeist gegeben ich
hab auf keinem Bein mehr stehen können es ist mir schlecht gegangen aber
schlecht bin ich drum nicht geworden das glaub mir ich kann dirs freilich
nicht beweisen«
»Ich glaub dir Du wirst doch das Einzige was du auf der Welt hast nicht
betrügen O wie verwildert und elend siehst du aus Du hast ja einen großen Bart
wie ein Scherenschleifer Das leid ich nicht den musst du heruntermachen Du
bist doch sonst gesund Es fehlt dir doch nichts«
»Gesund bin ich und will Soldat werden«
»Was du bist und was du wirst das wollen wir schon noch überlegen jetzt
sag wie es dir ergangen ist«
Dami stieß ein Scheit halbverbranntes Holz von den sogenannten
unbrauchbaren Bränden mit dem Fuße weg und sagte »Siehst du Grad so bin ich
nicht ganz Kohle geworden und doch auch kein frisch Holz mehr«
Barfüßele ermahnte ihn er soll ohne Klage erzählen und nun berichtete Dami
eine lange lange Geschichte wie er es beim Ohm nicht ausgehalten wie
harterzig und eigennützig der sei besonders aber wie ihm die Frau jeden
Bissen missgönnt habe den er im Hause genoss wie er dann da und dort gearbeitet
aber immer mehr die Harterzigkeit der Menschen erfahren habe in Amerika da
könnte ein Mensch den Andern im Elend verkommen sehen und er schaut nicht nach
ihm um Barfüßele musste fast lachen als in der Erzählung immer und immer wieder
der Endreim vorkam »Und da haben sie mich auf die Straße geworfen« Sie konnte
nicht umhin einzuschalten »Ja so bist du du lässt dich immer werfen Bist
schon als Kind so gewesen wenn du einmal gestolpert bist da hast du dich
fallen lassen wie ein Stück Holz Man muss aus dem Stolper auch einen Hopser
machen drum sagt man ja im Sprüchwort von Stolpe nach Danzig tanz ich Sei
lustig Weißt was man tun muss wenn Einem die Menschen weh tun wollen«
»Man muss ihnen aus dem Weg gehen«
»Nein man muss ihnen weh tun wenn man kann und am wehesten tut man
ihnen wenn man sich aufrecht erhält und was vor sich bringt Aber du stellst
dich immer hin und sagst zur Welt tu mir gut tu mir bös küss mich
schlag mich wie du willst Das ist leicht Du lässest dir Alles geschehen
und dann hast du Erbarmen mit dir selbst Wär mir auch recht wenn mich ein
Anderes da und dort hinstellte wenn ichs nicht selbst zu tun hätte aber du
musst jetzt selbst Einsteher für dich sein hast dich genug in der Welt
herumstossen lassen jetzt zeig einmal den Meister«
Vorwürfe und Lehren werden einem Unglücklichen gegenüber oft zu ungerechten
Härten und auch Dami nahm die Worte der Schwester als solche Es war
fürchterlich dass sie es nicht einsah wie er der unglücklichste Mensch auf der
Welt sei Sie mochte ihm noch so streng vorhalten dass er das nicht glauben möge
und wenn er es nicht glaube so sei es auch nicht der Fall Aber das
Schwierigste von Allem ist einem Menschen den Glauben an sich beizubringen die
Meisten gewinnen ihn erst nachdem ihnen Etwas gelungen ist
Dami wollte der herzlosen Schwester kein Wort weiter erzählen und erst
später gelang es ihr dass er ausführlich von seinen Fahrten und Schicksalen
berichtete und wie er zuletzt als Heizer auf einem Dampfschiff nach der alten
Welt zurückgekehrt sei Indem sie ihm jetzt seine selbstquälerische
Weichmütigkeit vorhielt ward sie inne dass auch sie nicht frei davon war
Durch den fast ausschliesslichen Verkehr mit der schwarzen Marann hatte sie
sich gewöhnt immer so viel von sich zu reden und an sich zu denken und sie war
in ein schweres Wesen geraten Jetzt indem sie den Bruder aufrichtete tat
sie es auch unwillkürlich mit sich selbst denn das ist die geheimnisvolle Macht
des Menschenzusammenhanges dass wir immer indem wir Anderen helfen uns selbst
mit helfen
»Wir haben vier gesunde Hände« schloss sie »und da wollen wir sehen ob wir
uns nicht durch die Welt durchschlagen und durchschlagen ist tausendmal besser
als sich durchbetteln Jetzt komm Dami jetzt komm mit heim«
Dami wollte sich im Orte gar nicht zeigen er fürchtete sich vor dem
Gespötte das von allen Seiten auf ihn losbreche er wollte vor der Hand noch
versteckt bleiben aber Barfüßele sagte ihm »Jetzt gehst mit am hellen
Sonntag und mitten durch das Dorf und lässst dich ausspotten Lass sie nur reden
und deuten und lachen dann bist du fertig und bists los hast den bitteren
Kolben auf einmal verschluckt und nicht tropfenweis«
Erst nach vielem und heftigem Widerstreben und erst nachdem der schweigsame
Kohlenmates auch sein Wort und Barfüßele Recht gegeben hatte ließ Dami sich
führen Und in der Tat hagelte und regnete es von allen Seiten bald grob bald
spitz auf des Barfüßeles Dami los der auf Gemeindekosten eine Vergnügungsreise
nach Amerika gemacht habe Nur die schwarze Marann nahm ihn freundlich auf und
ihr zweites Wort war »Hast du nichts von meinem Johannes gehört«
Dami konnte keine Kunde geben Und in doppelter Weise musste Dami heute Haar
lassen denn noch am Abend brachte Barfüßele den Bader der ihm den wilden
Vollbart abnehmen und ihm das landesübliche glatte Gesicht geben musste
Schon am andern Morgen wurde Dami aufs Rathaus beschieden und da er davor
zitterte er wusste nicht warum versprach Barfüßele ihn zu begleiten und das war
gut wenn es gleich nicht viel half
Der Gemeinderat verkündete Dami dass er aus dem Ort ausgewiesen sei er
habe kein Recht hier zu bleiben um vielleicht der Gemeinde wieder zur Last zu
fallen
Alle Gemeinderäte staunten da Barfüßele hierauf erwiderte
»Ja wohl Ihr könnt ihn ausweisen aber wisst Ihr wann Wenn Ihr
hinausgehen könnt auf den Kirchhof dort wo unser Vater und unsere Mutter liegt
und wenn Ihr zu den Begrabenen sagen könnt Auf geht fort mit Eurem Kind
Dann könnt Ihr ihn ausweisen Man kann Niemand ausweisen aus dem Ort wo seine
Eltern begraben sind da ist er mehr als daheim und wenns tausend und
tausendmal da in den Büchern steht sie deutete auf die gebundenen
Regierungsblätter und anders stehen mag es geht doch nicht und Ihr könnt
nicht«
Ein Gemeinderat sagte dem Schullehrer ins Ohr »Diese Reden hat das
Barfüßele von niemand Anders gelernt als von der schwarzen Marann« Und der
Heiligenpfleger neigte sich zum Schultheiß und sagte »Warum duldest du dass das
Aschenbuttel so schreit Klingle dem Schütz er soll sie ins Narrenhäusle
stecken«
Der Schultheiß aber lächelte und erklärte Barfüßele dass sich die Gemeinde
von allen Überlasten die ihr durch den Dami werden könnten losgekauft habe
indem sie den größten Teil des Überfahrtsgeldes für ihn auslegte
»Ja wo ist er denn jetzt daheim« fragte Barfüßele
»Wo man ihn annimmt aber hier nicht und vor der Hand nirgends«
»Ja ich bin nirgends daheim« sagte Dami dem es fast wohl tat immer noch
mehr unglücklich zu sein Jetzt konnte es doch Niemand leugnen dass es keinem
Menschen auf der Welt schlechter ginge als ihm
Barfüßele kämpfte noch dagegen aber sie sah bald hier half nichts das
Gesetz schien wider sie und nun beteuerte sie dass ihr eher das Blut unter den
Nägeln hervorfliessen solle ehe sie je wieder etwas für sich und ihren Bruder
von der Gemeinde annehme und sie versprach alles Erhaltene zurückzuerstatten
»Soll ich das auch ins Protokoll nehmen« fragte der Gemeindeschreiber die
Umsitzenden und Barfüßele antwortete »Ja schreibets nur bei euch gilt ja
doch nur das Geschriebene« Barfüßele unterzeichnete das Protokoll aber als
dies geschehen war wurde Dami dennoch verkündet dass er als Fremder die
Erlaubnis habe drei Tage im Dorfe zu bleiben wenn er bis dahin kein
Unterkommen gefunden werde er ausgewiesen und nötigenfalls mit Zwangsmitteln
über die Grenze gebracht
Ohne weiter ein Wort zu sagen verließ Barfüßele mit Dami das Rathaus und
Dami weinte darüber dass sie ihn unnötig gezwungen habe ins Dorf
zurückzukehren er wäre besser im Wald geblieben und hätte sich damit den Spott
und jetzt den Kummer erspart zu wissen dass er aus seinem Heimatsort als
Fremder ausgewiesen sei Barfüßele wollte ihm erwidern dass es besser sei wenn
man Alles klar wisse und sei es auch das Herbste aber sie verschluckte das sie
selber fühlte dass sie alle Kraft brauche um sich aufrecht zu erhalten sie
fühlte sich auch ausgewiesen mit ihrem Bruder und sie empfand es dass sie einer
Welt gegenüber stand die sich auf Macht und Gesetze stützte und sie selber
hatte nur die leere Hand aber sie hielt sich jetzt aufrechter als je
Das Ungeschick und Missgeschick Damis drückte sie nicht nieder denn so ist
der Mensch hat er ein Schmerzen das ihn ganz erfüllt dann trägt er ein
anderes und sei es noch so schwer oft leichter als wenn es allein gekommen
wäre Und weil Barfüßele ein unnennbares Wehe empfand gegen das sie nichts tun
konnte trug sie das nennbare gegen das sie wirken konnte um so williger und
freier Sie gönnte sich keine Minute der Träumerei mehr und ging immer mit
straffen Armen und mit geballter Faust hin und her als wollte sie sagen wo ist
denn die Arbeit und sei es auch die schwerste ich nehme sie über mich wenn ich
nur mich und meinen Bruder aus der Abhängigkeit und Verlassenheit herausbringe
Sie dachte jetzt selber daran mit Dami ins Elsass zu wandern und dort in einer
Fabrik zu arbeiten Es kam ihr schrecklich vor dass sie das sollte aber sie
wollte sich dazu zwingen Wenn nur der Sommer vorüber war dann sollte es
fortgehen und Lebewohl Heimat Wir sind ja auch daheim in der Fremde
Der nächste Annehmer den die beiden Waisen in der Ortsregierung gehabt
hatten war jetzt machtlos Der alte Rodelbauer lag schwer krank danieder und in
der Nacht nach der stürmischen Gemeinderatssitzung verschied er
Barfüßele und die schwarze Marann waren diejenigen die am meisten bei
seiner Beerdigung auf dem Kirchhofe weinten Die schwarze Marann sagte auf dem
Heimwege noch als besonderen Grund »Der Rodelbauer ist der letzte noch Lebende
gewesen mit dem ich einstmals in meinen jungen Jahren getanzt habe Mein
letzter Tänzer ist nun gestorben«
Bald aber hielt sie ihm eine andere Nachrede denn es zeigte sich dass der
Rodelbauer der Barfüßele so jahrelang darauf vertröstet sie in seinem
Testamente gar nicht erwähnt viel weniger ihr etwas vererbt hatte Als die
schwarze Marann gar nicht aufhören wollte mit Klagen und Schelten sagte
Barfüßele »Das geht jetzt in Einem hin es ist nun einmal so es hagelt jetzt
von allen Seiten auf mich los aber die Sonne wird schon wieder scheinen«
Die Erben des Rodelbauern schenkten indes Barfüßele einige Kleider des
Alten sie hätte sie gern zurückgewiesen aber durfte sie es wagen jetzt noch
mehr Trotz kund zu geben Auch Dami wollte die Kleider nicht annehmen aber er
musste nachgeben Es schien einmal sein Loos in den Kleidern allerlei
Abgeschiedener sein Leben zu verbringen
Der Kohlenmates nahm Dami zu sich in den Wald zum Meiler und Zuträger
sagten dem Dami er solle nur einen Prozess anfangen man könne ihn nicht
ausweisen weil er noch an keinem andern Orte angenommen sei das sei
stillschweigende Voraussetzung beim Aufgeben des Heimatsrechtes
Die Leute schienen sich fast daran zu erlustigen dass die armen Waisen weder
Zeit noch Geld hatten einen Rechtsstreit anzufangen
Dami schien sich wohlzugefallen in der Einsamkeit des Waldes Es war so nach
seiner Art dass man sich nicht an und auszuziehen brauchte und jedesmal am
Sonntag Nachmittag kostete es Barfüßele einen Kampf bis sich Dami nur ein
bisschen reinigte dann saß sie bei ihm und dem Mates und man sprach wenig und
Barfüßele konnte ihre Gedanken nicht abhalten dass sie in der Irre umhergingen
in der Welt und Den suchten der sie einst einen ganzen Tag so glücklich gemacht
und in den Himmel gehoben hatte Wusste er nichts mehr von ihr und dachte er
nicht mehr an sie Kann denn der Mensch den andern vergessen mit dem er einmal
so glücklich war
Es war am Sonntag Morgen gegen Ende Mai Alles war in der Kirche Es hatte
am Tage vorher geregnet Ein frischer erquickender Atem hauchte von Berg und
Tal denn die Sonne schien hell hernieder Auch Barfüßele hatte in die Kirche
gehen wollen aber sie lag wie festgebannt unter dem Fenster während es
läutete und sie versäumte die Kirche Das war seltsam und noch nie geschehen
Nun da es zu spät war entschloss sie sich allein zu bleiben und daheim in ihrem
Gesangbuch zu lesen Sie kramte in ihrer Truhe und war überrascht von allerlei
Sachen die sie besaß Sie saß auf dem Boden und las eben einen Gesang und
summte ihn halb laut vor sich hin da regte sich etwas am Fenster Sie schaute
sich um eine weiße Taube steht auf dem Simse und schaut nach ihr und wie sich
die Blicke des Mädchens und der Taube begegnen fliegt die Taube davon und
Barfüßele schaut ihr nach wie sie hinausfliegt über das Feld und sich dort
niederlässt Dieses Begegniss das doch so natürlich war macht sie plötzlich ganz
froh und sie nickt immer hinaus ins Weite nach den Bergen nach Feld und Wald
Sie ist den ganzen Tag ungewöhnlich heiter Sie kann nicht sagen warum es ist
ihr als ob ihr eine Freude in der Seele jauchzte sie weiß nicht woher sie kam
Und so oft sie auch am Mittag an die Türpfoste gelehnt den Kopf schüttelt über
die seltsame Erregung die sie spürt sie weicht nicht von ihr »Es muss sein es
muss doch sein dass so Jemand an dich gedacht hat und warum kann das nicht sein
dass so eine Taube der stille Bote ist der mir das sagt Die Tiere leben doch
auch auf der Welt wo die Gedanken der Menschen hin und her stiegen und wer
weiß ob sie nicht Alles still davon tragen«
Die Menschen die an Barfüßele vorübergingen konnten nicht ahnen was für
ein seltsames Sinnen sich in ihr bewegte
13 Aus einem Mutterherzen
Während Barfüßele im Dorf und in Feld und Wald träumte und sorgte und kümmerte
bald von seltsamen Freudenschauern sich durchrieselt fühlte bald sich wie
ausgestoßen vorkam in der weiten Welt schickten Eltern ihr Kind fort freilich
damit es um so reicher wiederkomme
Droben im Allgäu auf dem großen Bauernhofe genannt zur »wilden Reute«
saß der Landfriedbauer mit seiner Frau bei ihrem jüngsten Sohne und der Bauer
sagte »Hör einmal Johannes jetzt ist mehr als ein Jahr um seitdem du
zurückgekehrt bist und ich weiß nicht was mit dir ist du bist damals wie ein
geschlagener Hund heimgekommen und hast gesagt du wollest dir lieber hier in
der Gegend eine Frau suchen aber ich sehe nichts davon Willst du mir noch
einmal folgen dann will ich dir kein Wort mehr zureden«
»Ja ich will« sagte der junge Mann ohne sich aufzurichten
»Nun gut versuchs noch einmal Einmal ist Keinmal und ich sage dir du
machst mich und die Mutter glücklich wenn du dir eine Frau nimmst aus unserer
Gegend und am liebsten wo die Mutter her ist Ich kann dirs schon ins
Gesicht sagen Bäuerin es gibt in der ganzen Welt nur Einen guten Schlag
Weibsleut und der ist bei uns daheim und du bist gescheit Johannes du wirst
schon eine Rechtschaffene finden und dann wirst du es uns noch auf dem
Todtenbett danken dass wir dich in unsere Heimat geschickt haben dir eine Frau
zu holen Wenn ich nur fort könnte ich ginge mit dir und wir Beide fänden
schon die Rechte Aber ich hab mit unserm Jörg geredet er will mit dir gehen
wenn du ihn darum ansprichst Reit hinüber und sags ihm«
»Wenn ich meine Meinung sagen darf« erwiderte der Sohn »wenn ich noch
einmal gehen soll möcht ich wieder allein Ich bin einmal so Das verträgt bei
mir kein anderes Aug ich möcht mit Niemand darüber reden Wenns möglich
wär möcht ich am liebsten ungesehen und stumm Alles erkundschaften und kommt
man nun gar zu Zweit da ists so gut wie wenn mans ausschellen ließ und
Alles putzt sich auf«
»Wie du willst« sagte der Vater »du bist einmal so aus der Art Weißt was
Mach dich jetzt gleich auf den Weg es fehlt uns ein Gespann zu unserm
Schimmel such dir einen dazu aber nicht auf dem Markt und wenn du so in den
Häusern herumkommst kannst du schon viel sehen und kannst auch auf dem Heimweg
ein Bernerwägelein kaufen Der Dominik in Endringen soll ja noch drei Töchter
haben wie die Orgelpfeifen such dir Eine aus aus Dem Haus wäre uns eine
Tochter recht«
»Ja« ergänzte die Mutter »das Ameile hat gewiss brave Töchter«
»Und besser wärs« fuhr der Vater fort »du siehst dir einmal in
Siebenhöfen die Amrei an des Schmalzgrafen Tochter die hat einen ganzen Hof
den könnte man gut verkaufen die Siebenhöfener Bauern die schlecken die Finger
danach wenn sie nur noch Aecker kriegen könnten und da ist baar Geld da
gibts keine Zieler aber ich red dir weiter nichts zu du hast ja deine Augen
selber bei dir Komm mach dich gleich auf den Weg Ich füll dir die
Geldgurt voll Zweihundert Kronentaler werden genug sein und der Dominik
leiht dir wenn du mehr brauchst Gib dich nur zu erkennen Ich kanns noch
nicht verstehen dass du dich damals auf der Hochzeit nicht zu erkennen gegeben
hast es muss dir was geschehen sein aber ich will nichts wissen«
»Ja weil ers nicht sagt« ergänzte die Mutter lächelnd
Der Bauer machte sich nun gleich daran die Geldgurte zu füllen Er brach
zwei gestösselte Rollen auf und man sah es ihm an es tat ihm wohl wie er so
die grobe Münze von der einen Hand in die andere laufen ließ Er machte Häufchen
von je zehn Talern und zählte sie zwei dreimal ab um sich ja nicht zu irren
»Nun meinetwegen« sagte der junge Mann und richtete sich auf Es ist der
fremde Tänzer von der Hochzeit in Endringen Bald bringt er den gesattelten
Schimmel aus dem Stall schnallt noch den Mantelsack darauf und ein schöner
Wolfshund springt dabei an ihm empor und leckt ihm die Hände
»Ja ja ich nehm dich mit« sagte der Bursche zu dem Hund und erschien zum
Erstenmal im ganzen Gesicht freundlich und er rief zum Vater hinein in die
Stube »Vater darf ich den Lux mitnehmen«
»Ja wie du willst« lautete von drinnen die Antwort aus dem Klingen der
Taler heraus Der Hund schien Hin und Widerrede verstanden zu haben Er sprang
bellend und sich im Kreise drehend im Hof umher
Der Bursche ging hinein in die Stube und indem er sich die Geldgurte
umschnallte sagte er »Ihr habt Recht Vater es wird mir jetzt schon wohler
weil ich jetzt aus dem Sohinleben mich herausmache und ich weiß nicht man
soll freilich keinen Aberglauben haben aber es hat mir doch wohlgetan dass der
Schimmel sich nach mir wendet wie ich in den Stall komme und wiehert und dass
der Hund so auch mit will es ist doch ein gutes Zeichen und wenn man die
Tiere befragen könnte wer weiß ob die Einem nicht den besten Rat geben
könnten«
Die Mutter lächelte aber der Vater sagte »Vergiss nicht dass du dich an den
Krappenzacher hältst und geh nicht voran und bind dich nicht ehe du ihn
befragt hast der kennt das Inwendige aller Menschen auf zehn Stunden Wegs im
Umkreis und ist ein lebendiges Hypotekenbuch Jetzt behüt dich Gott und lass
dir Zeit du kannst auf zehn Tag ausbleiben«
Vater und Sohn schüttelten sich die Hände und die Mutter sagte »Ich geb
dir noch ein Stück das Geleite«
Der Bursche führte nun das Pferd am Zügel und ging neben der Mutter her
still bis hinaus vor den Hof und erst bei einer Biegung des Weges sagte die
Mutter zagend »Ich möchte dir gern Anweisungen geben«
»Ja ja nur zu ich höre gern drauf«
Nun begann die Mutter indem sie die Hand des Sohnes fasste »Bleib stehen
ich kann im Gehen nicht gut reden Schau dass sie dir gefällt das ist
natürlich das Erste ohne Lieb ist keine Freud und ich bin nun eine alte
Frau gelt ich darf Alles sagen«
»Ja ja«
»Wenn du dich nicht drauf freust und es nicht wie ein Gnadengeschenk vom
Himmel ansiehst dass du ihr einen Kuss geben darfst da ists die rechte Liebe
nicht aber bleib doch stehen und auch diese Liebe reicht noch nicht
aus da kann sich noch etwas Anderes dahinter verstecken Glaub mir « Die
alte Frau hielt stotternd inne und wurde flammrot im Gesichte »Schau wo der
rechte Respekt nicht ist und wo man nicht Freud daran hat dass eine Frau grad
so eine Sache in die Hand nimmt und grad so wegstellt und nicht anders da
gehts schwer und vor Allem achte darauf wie sie sich zu den Dienstboten
stellt«
»Ich will Euch immer abnehmen und in klein Geld wechseln was Ihr meint
Mutter das Sprechen wird Euch schwer Jetzt das verstehe ich schon Sie darf
nicht zu stolz und nicht zu vertraut sein«
»Das freilich aber ich sehs Einer am Mund an ob der Mund schon geflucht
und geschimpft und gescholten hat und ob ers gern tut Ja wenn du sie im
Ärger weinen sehen wenn du sie im Zorn ertappen könntest da wäre sie am
besten kennen zu lernen da springt der versteckte inwendige Mensch heraus und
das ist oft einer mit Geierkrallen wie ein Teufel O Kind Ich hab viel
erfahren und ins Aug gefasst Ich seh daran wie Eine das Licht auslöscht
wies in ihr aussieht und was sie für ein Gemüt hat Die so im Vorbeigehen mit
einem Hui das Licht ausbläst mags fünkeln und blaken das ist Eine die sich
auf ihr schnelles Schaffen was einbildet und sie tut doch Alles nur halb und
hat keine Ruhe im Gemüt«
»Ja Mutter das macht Ihr mir zu schwer eine Lotterie ist und bleibt es
immer«
»Ja ja du brauchst auch nicht Alles zu behalten was ich mein nur so
obenhin wenn dirs nachher vorkommt wirst schon finden wie ichs gemeint
habe Und dann pass auf ob sie gut beim Arbeiten redet ob sie etwas in die Hand
nimmt wenn sie mit dir spricht und nicht allemal still hält wenn sie ein Wort
sagt und nicht eine Scheinarbeit tut Ich sage dir Arbeitsamkeit ist bei
einer Frau Alles Meiner Mutter Red ist immer gewesen ein Mädchen darf nie mit
leeren Händen gehen und muss über drei Zäune springen um ein Federchen
aufzulesen Und dabei muss sie doch beim Schaffen ruhig und stetig sein nicht so
um sich rasen und aufbegehren als wolle sie jetzt grad ein Stück von der Welt
herunter reißen Und wenn sie dir Red und Antwort gibt merk auf ob sie
nicht zu blöd und nicht zu keck ist Du glaubst gar nicht die Mädchen sind ganz
anders wenn sie einen Mannshut sehen als wenn sie unter sich sind und die wo
immer gar so tun als ob sie bei Jedem sagen wollten friss mich nicht das sind
die Schlimmsten aber die so ein gewetztes Mundstück haben und die meinen wenn
Jemand in der Stube sei dürfte das Maul gar nicht still stehen die sind noch
ärger«
Der Bursche lachte und sagte »Mutter Ihr solltet einmal predigen gehen in
der Welt herum und Kirche halten für die Mädchen allein«
»Ja das könnte ich auch« sagte die Mutter ebenfalls lachend »aber ich
bringe das Letzte zuerst vor Natürlich dass du zuerst drauf siehst wie sie zu
Eltern und Geschwistern steht du bist ja selber ein gutes Kind da brauch ich
dir nichts zu sagen Das vierte Gebot kennst du«
»Ja Mutter da seid ruhig und da habe ich mein besonderes Merkzeichen die
viel Wesens von der Elternliebe machen da ists nichts das zeigt sich am
besten wie man tut und wer viel davon schwätzt ist müd und matt wenns ans
Tun geht«
»Du bist ja gescheit« sagte die Mutter in spöttischer Glückseligkeit legte
die Hand auf die Brust und schaute zu ihrem Sohn auf »Soll ich dir noch mehr
sagen«
»Ja ich hör Euch immer gern«
»Mir ist wie wenn ich heut zum Erstenmal so recht mit dir reden könnte
und wenn ich sterbe so habe ich nichts mehr hinter mir was ich vergessen habe
Das vierte Gebot ja da fällt mir ein was mein Vater einmal gesagt hat O der
hat Alles verstanden und viel in Schriften gelesen und ich habe einmal zugehört
wie er zum Pfarrer der oft bei ihm war gesagt hat »Ich weiß den Grund warum
beim vierten Gebot allein eine Belohnung ausgesetzt ist und man meint doch da
wäre es grad am unnötigsten denn das ist ja das natürlichste Aber es heißt
Ehre Vater und Mutter damit du lange lebest damit ist nicht gemeint dass ein
braves Kind siebzig oder achtzig Jahr alt wird nein wer Vater und Mutter ehrt
lebt lange aber rückwärts Er hat das Leben von seinen Eltern in sich in der
Erinnerung in Gedanken und das kann ihm nicht genommen werden und er lebt
lange auf Erden wie alt er auch sei Und wer Vater und Mutter nicht ehrt der
ist erst heut auf die Welt gekommen und morgen nicht mehr da«
»Mutter das ist ein gutes Wort das verstehe ich und werde es auch nicht
vergessen und meine Kinder sollens auch lernen aber je mehr Ihr so redet je
schwerer wird mirs dass ich Eine finde ich meine sie müsste so sein wie Ihr«
»O Kind sei nicht so einfältig Mit neunzehn zwanzig Jahren bin ich auch
noch ganz anders gewesen wild und eigenwillig und auch jetzt bin ich noch
nicht wie ich sein möchte Aber was ich dir noch sagen wollte ja von wegen der
Frau Es ist wunderlich warum es gerade dir so schwer wird Aber dir ist von
Klein auf Alles schwerer geworden du hast erst mit zwei Jahren laufen gelernt
und kannst doch jetzt springen wie ein Füllen Nur noch ein paar Kleinigkeiten
aber da kennt man oft Großes draus Merk auf wie sie lacht nicht so
pflatschig zum Ausschütten und nicht so spitzig zum Schnäbelchen machen nein
so von innen heraus Ich wollt du wüsstest wie du lachst dann könntest dus
schon abmerken«
Der Sohn musste hierbei laut auflachen und die Mutter sagte immer »Ja ja
so ists so hat grad mein Vater auch gelacht so hats ihm den Buckel
geschüttelt und die Achseln gehoben« Und je mehr die Mutter das sagte um so
mehr musste der Sohn lachen und sie stimmte endlich selbst mit ein und so oft das
Eine aufhörte steckte das fortgesetzte Lachen des Andern es wieder an Sie
setzten sich an einen Wegrain ließ das Pferd grasen und indem die Mutter ein
Maasliebchen abpflückte und damit in der Hand spielte sagte sie »Ja das ist
auch was das hat viel zu bedeuten Gib Acht ob ihr Blumen gedeihen da steckt
viel drin mehr als man glaubt«
Man hörte in der Ferne Mädchen singen und die Mutter sagte »Merk auch auf
ob sie beim Singen gern gleich die zweite Stimme singt die wo gern immer den
Ton angeben das hat etwas zu bedeuten und schau da kommen Schulkinder die
sagen mir auch was Wenn dus erkundschaften kannst ob sie ihr Schreibbuch aus
der Schule noch hat das ist auch wichtig«
»Ja Mutter Ihr nehmt noch die ganze Welt zum Wahrzeichen Was soll denn
das jetzt zu bedeuten haben ob sie ihr Schreibbuch noch hat«
»Dass du noch fragst das zeigt dass du noch nicht ganz gescheit bist Ein
Mädchen das nicht gern Alles aufbewahrt was einmal gegolten hat das hat kein
rechtes Herz«
Der Sohn hatte während des Redens versucht die Treibschnur an der Peitsche
die sich verknotet hatte aufzuknüpfen jetzt holte er das Messer aus der Tasche
und schnitt den Knoten entzwei Mit dem Finger darauf hindeutend sagte die
Mutter
»Siehst du das darfst du tun aber das Mädchen nicht Gib Acht ob sie
einen Knoten schnell zerschneidet da liegt ein Geheimnis drin«
»Das kann ich erraten« sagte der Sohn »Aber Euer Schuhbändel ist Euch
aufgegangen und wir müssen jetzt fort«
»Ja und du bringst mich damit noch auf was« sagte die Mutter »Schau das
ist noch eins der besten Zeichen gib Acht wie sie die Schuhe vertritt nach
innen oder nach außen und ob sie schlurkt und viel Schuhwerk zerreißt«
»Da müsste ich zum Schuhmacher laufen« sagte der Sohn lächelnd »o Mutter
alles Das was Ihr sagt das findet man nicht bei einander«
»Ja ja ich red zu viel und du brauchst ja nicht Alles behalten es soll
dich nur daran erinnern wenns dir vorkommt Ich meine nur nicht was Eine hat
oder erbt ist die Hauptsache sondern was Eine braucht Jetzt aber du weißt
ich habe dich ruhig gehen lassen jetzt mach mir dein Herz auf und sag was
ist dir denn geschehen dass du voriges Jahr von der Hochzeit in Endringen
heimgekommen bist wie behext und seitdem nicht mehr der alte Bursch bist von
ehedem Sags vielleicht kann ich dir helfen«
»O Mutter das könnt Ihr nicht aber ich wills Euch sagen Ich hab Eine
gesehen die die Rechte gewesen wäre aber es ist die Unrechte gewesen«
»Um Gotteswillen Du hast dich doch nicht in eine Ehefrau verliebt«
»Nein es ist aber doch die Unrechte gewesen Was soll ich da viel drum
herum reden Es war eine Magd«
Der Sohn atmete tief auf und Mutter und Sohn schwiegen eine geraume Weile
endlich legte die Mutter die Hand auf seine Schulter und sagte »O du bist brav
ich danke Gott dass er dich so hat werden lassen Das hast du brav gemacht dass
du dir das aus dem Sinn geschlagen Dein Vater hätt das nie zugegeben und du
weißt ja was Vatersegen zu bedeuten hat«
»Nein Mutter ich will mich nicht braver machen als ich bin es hat mir
selber ganz allein nicht gefallen dass sie eine Magd ist das geht nicht und
drum bin ich fort Aber es ist mir doch härter geworden mir das aus dem Sinn zu
bringen als ich geglaubt habe aber jetzt ists vorbei und es muss vorbei sein
ich habe mir das Wort gegeben dass ich mich nicht nach ihr erkundige Niemand
frage wo sie ist und wer sie ist ich bringe Euch wills Gott eine rechte
Bauerntochter«
»Du hast doch den Rechtschaffenen an dem Mädchen gemacht und hast ihm nicht
den Kopf verwirrt«
»Mutter da meine Hand ich habe mir nichts vorzuwerfen«
»Ich glaube dir« sagte die Mutter und drückte mehrmals seine Hand »und
Glück und Segen auf den Weg«
Der Sohn stieg auf und die Mutter sah ihm nach und jetzt rief sie »Halt
ich muss dir noch was sagen ich habe das Beste vergessen«
Der Sohn wendete das Pferd und bei der Mutter angekommen sagte er
lächelnd »Aber nicht wahr Mutter das ist das Letzte«
»Ja und die beste Probe Frage das Mädchen auch nach den Armen im Ort und
dann lauf herum und horch die Armen aus was sie über sie reden Das muss eine
schlechte Bauerntochter sein die nicht ein Armes an der Hand hat dem sie Gutes
tut Merk dir das und jetzt behüt dich Gott und reit scharf zu«
Und wie er nun davon ritt sprach die Mutter noch ein Gebet auf seinen Weg
dann kehrte sie zurück nach dem Hof
»Ich hätt ihm doch noch sagen sollen dass er sich auch nach des Josenhansen
Kindern erkundigen soll was aus Denen geworden ist« sagte die Mutter in
seltsamer Erregung vor sich hin und wer weiß die verborgenen Wege die die
Seele geht die Strömungen die hinziehen über unserer erkennbaren Schicht oder
tief unter ihr Es erwacht eine längst verklungene Lied und Tanzweise in deiner
Erinnerung du kannst sie nicht laut singen du bringst die Töne nicht zusammen
aber innerlich erklingt es dir ganz deutlich und es ist dir als ob du es
hörtest Was ists das plötzlich diese verklungenen Töne in dir erweckte
Warum dachte gerade jetzt die Mutter an diese Kinder die schon längst aus
ihrem Gedächtnis entschwunden waren War die andächtige Stimmung von jetzt wie
eine Erinnerung an eine andere längst verklungene und erweckte sie damit die
begleitenden Umstände derselben Wer kann die unwägbaren und unsichtbaren
Elemente fassen die hin und her von Mensch zu Mensch von Erinnerung zu
Erinnnerung schweben und schwingen
Als die Mutter in den Hof zurückkam zu dem Bauer sagte dieser spöttisch
»Du hast ihm gewiss noch viel Unterweisung gegeben wie man die Beste fischt
ich habe auch dafür vorgesorgt ich habe voraus an den Krappenzacher
geschrieben der wird ihn schon in die rechten Häuser bringen Er muss Eine
bringen die brav Batzen hat«
»Das Batzenhaben macht die Bravheit nicht aus« entgegegnete die Mutter
»So gescheit bin ich auch« höhnte der Bauer »aber warum soll Eine nicht
brav sein können und doch auch brav Batzen haben«
Die Mutter schwieg Nach einer Weile aber sagte sie
»An den Krappenzacher hast ihn gewiesen Beim Krappenzacher ist der Bub vom
Josenhans untergebracht gewesen« So knüpfte sie jetzt durch den Namen laut an
ihre frühere Erinnerung an und jetzt erst wurde sie sich bewusst wessen sie sich
erinnert hatte
»Ich weiß nicht was du redest« sagte der Bauer »was hast du mit dem Kind
vom Josenhans beim Krappenzacher Warum sagst du jetzt nicht dass ich das
gescheit gemacht habe«
»Ja ja das ist gescheit« bestätigte die Frau aber dem Alten genügte das
nachträgliche Lob nicht und er ging brummend hinaus
Ein gewisses ärgerliches Bangen dass es doch mit dem Johannes schief gehen
könne und dass man sich vielleicht zu sehr übereilt habe machte den Alten
unwirsch für die Gegenwart und für Alles was ihn umgab
14 Der Schimmelreiter
Am Abend desselben Tages an dem Johannes ausgeritten war von Zusmarshofen kam
der Krappenzacher ins Haus des Rodelbauern und saß mit diesem lange im
Hinterstübchen und las ihm leise einen Brief vor
»Hundert Kronentaler musst du mir geben wenn die Sache ins Reine kommt
und das will ich schriftlich« sagte der Krappenzacher
»Ich meine fünfzig Kronentaler wären auch genug das ist ein schön Stück
Geld«
»Nein keinen roten Heller weniger als runde Hundert und ich schenke dir
dabei noch gut und gern hundert aber ich gönne es dir und deiner Schwester und
tue gern Einem im Ort einen Gefallen Ich bekäme in Endringen und in
Siebenhöfen gut und gern das Doppelte Deine Rosel ist eine rechte
Bauerntochter da kann man nichts dagegen sagen aber was Besonderes ist sie
nicht da kann man fragen was kostet das Dutzend von denen«
»Sei still das leid ich nicht«
»Ja ja will still sein und dich nicht im Schreiben verwirren Jetzt
schreib gleich«
Der Rodelbauer musste dem Krappenzacher willfahren und als er geschrieben
hatte sagte er
»Wie meinst soll ich meiner Rosel etwas davon sagen«
»Freilich musst du das aber sie soll sich nichts merken lassen und auch
Niemand im Ort das verträgt das Schnaufen nicht und ein Jedes hat seine
Feinde du und deine Schwester auch Kannst mirs glauben Sag der Rosel sie
soll sich alltagsmässig anziehen und die Kühe melken wenn er kommt Ich lasse
ihn allein zu dir ins Haus hast ja gelesen dass der Landfriedbauer schreibt
er habe seinen eigenen Kopf und liefe gleich davon wenn er merke dass da etwas
angelegt sei Musst aber noch schnell heut Abend hinüberschicken nach
Lauterbach und dir den Schimmel von deinem Schwager holen lassen ich will den
Freier dann schon durch einen Unterhändler nach einem Gaul zu dir schicken Lass
du dir auch nichts merken«
Der Krappenzacher ging weg und der Rodelbauer rief seine Schwester und seine
Frau ins Hinterstübchen und teilte ihnen unter Auferlegung der Geheimhaltung
mit dass morgen ein Freier für die Rosel käme und zwar ein Mensch wie ein
Prinz der einen Hof habe wie es keinen zweiten gebe mit einem Wort des
Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen Er gab nun die weiteren Anordnungen
wie sie der Krappenzacher bestimmt hatte und empfahl nochmals das strengste
Geheimhalten
Nach dem Nachtessen konnte sich indes Rosel nicht enthalten das Barfüßele
zu fragen ob sie wenn sie heirate gern mit ihr ginge als Magd sie gäbe ihr
doppelt mehr Lohn als sie jetzt habe und sie brauche dann auch nicht über den
Rhein in eine Fabrik Barfüßele gab ausweichende Antwort denn sie war nicht
geneigt mit der Rosel zu gehen und wusste dass diese bei ihrem Antrag noch andere
Absichten hatte sie wollte zuerst ihren Triumph anbringen dass sie einen Mann
kriege und was für Einen und dann sollte Barfüßele ihr das Hauswesen in Stand
halten um das sie sich bisher fast gar nichts bekümmert hatte Das hätte nun
Barfüßele gern getan für eine ihr zugeneigte Herrin aber nicht für Rosel und
sollte sie einmal von ihrer jetzigen Meisterin fort dann wollte sie nicht mehr
in Dienst dann lieber für sich sei es auch in der Fabrik mit ihrem Bruder
Und noch als sich Barfüßele zu Bette legen wollte rief sie die Meisterin
und vertraute ihr das Geheimnis mit dem Hinzufügen »Du hast zwar immer Geduld
gehabt mit der Rosel jetzt aber hab doppelte so lange der Freier da ist dass
es keinen Lärmen im Hause gibt«
»Ja ich finde es aber schlecht dass sie jetzt das Einzigemal die Kühe
melken will das heißt ja den guten Menschen betrügen und sie kann ja gar nicht
melken«
»Du und ich wir können die Welt nicht ändern« sagte die Meisterin »ich
mein du hast für dich allein schwer genug lass du Andre treiben was sie
wollen«
Barfüßele legte sich mit dem schweren Gedanken nieder wie doch die Menschen
sich gar kein Gewissen daraus machen einander zu betrügen Sie wusste zwar
nicht wer der Betrogene sein würde aber sie hatte tiefes Mitleid mit dem armen
jungen Mann und schwarz wurde es ihr vor den Augen als sie denken musste wer
weiß vielleicht wird die Rosel mit ihm ebenso angeführt als er mit ihr
Am Morgen als Barfüßele in aller Frühe zum Fenster hinaus sah schrak sie
plötzlich zurück als wäre ihr ein Schuss an die Stirn gefahren »Himmel was ist
denn das« Sie rieb sich hastig die Augen und riss sie wieder auf und fragte
sich ob sie noch träume »Das ist ja der Schimmelreiter von der Endringer
Hochzeit er kommt daher ins Dorf er holt dich nein er weiß nichts aber er
solls wissen Nein nein was willst du« Er kommt näher immer näher er
schaut nicht auf »Eine doppelt aufgeblühte Nelke fällt von der Hand
Barfüßeles über dem Fensterbrett auf ihn nieder sie trifft den Mantelsack
seines Pferdes aber er sieht sie nicht und sie fällt auf die Straße und
Barfüßele eilt hinab und nimmt das verräterische Zeichen wieder zu sich und
jetzt geht es ihr auf wie ein neuer fürchterlicher Tag das ist ja der Freier
der Rosel der ists den sie gemeint hat am gestrigen Abend Sie hatte ihn
nicht genannt aber es kann kein Anderer sein Keiner und der soll betrogen
werden Im Schuppen auf dem grünen Klee den sie den Kühen aufstecken wollte
kniete Barfüßele und betete inbrünstig zu Gott er möge ihn davor bewahren dass
er die Rosel bekäme Dass er ihr eigen werden sollte sie wagte es nicht sich
dem Gedanken hinzugeben und nicht ihn zu verscheuchen«
Kaum hatte sie gemolken als sie zur schwarzen Marann hinüber eilte sie
wollte sie fragen was sie tun solle die schwarze Marann lag schwer krank
sie war fast taub geworden und verstand kaum mehr zusammenhängende Worte und
Barfüßele wagte es nicht das Geheimnis das ihr halb anvertraut worden und das
sie halb erraten hatte so laut zu schreien dass es die schwarze Marann
verstehen konnte Es konnten Leute von der Straße es hören Ratlos kehrte sie
wieder nach Hause zurück
Barfüßele musste ins Feld und den ganzen Tag draußen bleiben beim
Einpflanzen der Rübensetzlinge Bei jedem Schritte fast zögerte sie und wollte
zurück und dem Fremden Alles sagen aber das Gebot der Untertänigkeit drängte
sie fort zu der angewiesenen Pflicht und dann dachte sie wenn er so einfältig
und unbesonnen ist dass er so fahrlässig hineinrennt dann ist ihm nicht zu
helfen dann verdient ers nicht besser und versprochen ist ja noch nicht
geheiratet tröstete sie sich zuletzt Sie war aber den ganzen Tag voll Unruhe
und als sie Abends heimgekehrt die Kühe melkte und Rosel mit dem vollen Kübel an
einer ausgemolkenen Kuh saß und hell sang da hörte sie den Fremden mit dem
Bauer im benachbarten Pferdestall Es handelte sich um einen Schimmel Aber
woher kam denn der Schimmel in den Stall sie hatten ja bisher keinen Jetzt
fragte der Fremde »Wer ist das das daneben singt«
»Das ist meine Schwester« sagte der Bauer und auf dieses Wort hin fiel
Barfüßele ein und sang die zweite Stimme so mächtig so trotzig dass sie ihn
zwingen wollte dass er auch fragen müsse wer denn drüben das sei aber das
Singen hatte den Übelstand dass man dadurch nicht hören konnte ob er denn
wirklich gefragt habe Und als Rosel mit dem vollen Kübel über den Hof ging wo
eben jetzt der Schimmel vorgeführt und beschaut wurde sagte der Bauer
»Da die da das ist meine Schwester Rosel Stell ab und richt was zum
Nachtessen wir haben einen Verwandten zum Gast ich will ihn schon
hinaufbringen«
»Und die Kleine da hat wohl die zweite Stimme gesungen« fragte der Fremde
»Ist das auch eine Schwester«
»Nein das ist so halb und halb ein angenommenes Kind mein Vater ist sein
Pfleger gewesen«
Der Bauer wusste recht wohl dass solche Mildtätigkeit ein schöner Ruhm eines
Hauses sei und darum hatte er es vermieden Barfüßele gradaus Magd zu nennen
Barfüßele war aber innerlichst froh dass der Fremde nun doch von ihr wusste
Wenn er gescheit ist muss er sich bei mir nach der Rosel erkundigen berechnete
sie richtig und dann war die Anknüpfung gegeben und er war wenigstens vor
Unglück bewahrt
Rosel trug das Essen auf und der Fremde war gar erstaunt dass so schnell
eine so schöne Gasterei hergerichtet sei er konnte nicht wissen dass Alles
vorbereitet war und Rosel entschuldigte dass er einstweilen fürlieb nehmen
sollte mit der geringen Aufwartung er seis gewiss zu Hause besser gewohnt Sie
rechnete nicht ohne Klugheit dass das Hervorheben eines weltbekannten Ruhmes
Jedem wohltue
Barfüßele musste heute in der Küche bleiben und Rosel Alles in die Hand geben
und immer und immer bat sie »So sag mir doch um Gotteswillen wer ists denn
Wie heißt er denn« Aber Rosel gab keine Antwort und die Meisterin löste
endlich das Geheimnis indem sie erklärte »Jetzt kannst dus schon sagen es
ist des Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen Nicht wahr Amrei du hast
noch ein Andenken von seiner Mutter«
»Ja ja« sagte Barfüßele und sie musste sich auf den Herd niedersetzen so
war es ihr in die Kniee gefahren Wie wunderbar war das Alles Also der Sohn
ihrer ersten Wohltäterin ist es »Nun muss ihm geholfen werden und wenn das
ganze Dorf mich steinigt ich leids nicht« sprach sie in sich hinein
Der Fremde ging fort man gab ihm das Geleite aber noch auf der Treppe
kehrte er wieder um und sagte »Meine Pfeife ist mir ausgegangen und ich zünd
mir sie am liebsten mit einer Kohle an« Er wollte offenbar mustern wie es in
der Küche aussähe Die Rosel drängte sich vor ihm herein und reichte ihm mit
einer Zange eine Kohle sie stand gerade vor Barfüßele das hinten an der Esse
auf dem Herd saß
Und noch spät in der Nacht als Alles im Hause schon schlief verließ
Barfüßele dasselbe und rannte im Dorfe hin und her Sie sucht Jemand dem sie es
sagen könnte damit er den Johannes warne aber sie weiß Niemand Halt da wohnt
der Heiligenpfleger der ist ein Feind des Rodelbauern und der weiß Alles
geschmälzt anzubringen aber zu einem Feinde deines Meisters gehst du nicht
und überhaupt zu Keinem hier Hast schon Feinde genug von der
Gemeinderatssitzung her wegen des Dami Ja der Dami der kanns Warum nicht
Ein Mann kann eher davon reden was kann man ihm Hinterhältiges zutrauen Und
der Johannes ja so heißt er er wird ihm das nicht vergessen ja und dann hat
der Dami einen Annehmer und was für einen So einen Mann So eine Familie Da
kanns ihm nicht mehr fehlen Nein der Dami darf sich nicht ins Dorf wagen O
lieber Gott er ist ja ausgewiesen Aber der Kohlenmates der könnte es und
vielleicht doch der Dami
Hin und her wie ein Irrlicht schweifte ihr Denken und sie selber irrte
durch die Feldwege ohne zu wissen wohin und es war ihr heute so schreckhaft
wie das immer ist wenn man nichts weiß von der Welt und in Gedanken so dahin
geht sie erschrak vor jedem Tone die Frösche im Weiher krächzten so
fürchterlich und die Schnarren in den Wiesen so heimtückisch die Bäume stehen
so schwarz in die Nacht hinein Es hat heute gegen Endringen Zu gewittert Der
Himmel ist von fliegenden Wolken überzogen nur manchmal blinkt ein Stern
hervor Barfüßele eilt durch das Feld in den Wald sie will doch zum Dami sie
muss sich wenigstens mit einem Menschen davon ausreden Wie ist es im Wald so
dunkel Was ist das für ein Vogel der jetzt in der Nacht zwitschert fast wie
eine Amsel wenn sie am Abend heimfliegt und »ich komm komm komm komm
schon komm schon« lautet der Klang Und jetzt schlägt die Nachtigall so ohne
Atemholen so von innen heraus quellend sprudelnd leise rieselnd wie ein
Waldquell der aus dem Innersten der Erde gespeist wird
Mehr hin und her schlängelten sich nicht die Wurzeln auf dem Waldwege als
die Gedanken Barfüßeles durcheinander liefen
»Nein der Plan ist nichts Geh nur wieder heim« sagte sie sich endlich
und kehrte um aber noch lange wanderte sie in den Feldern umher sie glaubte
nicht mehr an Irrlichter aber heute war es doch als ob eines sie hin und
herführte und heute zum Erstenmal spürte sie auch dass sie im Nachttau so
lange barfuß umherging und dabei brannten ihr die Wangen In Schweiß gebadet
kam sie endlich heim in ihre Kammer
15 Gebannt und erlöst
Am Morgen als Barfüßele erwachte lag das Halsgeschmeide das sie einst von der
Landfriedbäuerin erhalten auf ihrem Bett sie musste sich lange besinnen bis
sie sich erinnerte dass sie dasselbe noch gestern Abend herausgenommen und lange
betrachtet hatte
Als sie sich aufrichten wollte waren ihr alle Glieder wie zerschlagen und
die Hände mühsam in einander klammernd jammerte sie
»Um Gotteswillen nur jetzt nicht krank sein Ich habe keine Zeit dazu ich
kann jetzt nicht« Wie im Zorn gegen ihren Körper ihn mit der Willenskraft
gewaltsam bezwingend stand sie auf aber wie erschrack sie als sie sich jetzt
in dem kleinen Spiegel betrachtete Ihr ganzes Gesicht war geschwollen »Das ist
die Strafe weil du gestern Nacht noch so herumgelaufen bist und hast fremde
Menschen und auch böse zu Hilfe rufen wollen« Sie schlug sich wie zur
Züchtigung ins schmerzende Gesicht nun aber verband sie sich über und über und
ging an ihre Arbeit
Als die Meisterin sie sah wollte sie dass sie sich zu Bette lege aber die
Rosel schimpfte das sei eine Bosheit des Barfüßele dass sie jetzt krank sein
wolle sie habe das zum Possen getan weil sie wisse dass man sie jetzt nötig
habe Barfüßele war still und als sie im Schuppen war und Klee in die Raufe
steckte da sagte eine helle Stimme »Guten Morgen Schon fleißig«
Es war seine Stimme
»Nur ein bisle« antwortete Barfüßele und biss dann die Zähne über einander
vor Allem über den neidischen Teufel der sie so verhext und entstellt hatte
dass er sie unmöglich erkennen konnte
Sollte sie sich jetzt zu erkennen geben
Man muss es abwarten
Während sie nun molk fragte Johannes Allerlei Zuerst über das
Milchergebniss der Kühe und ob man verkaufe und wie und wer buttere und ob
vielleicht Eines im Hause Buch darüber führe
Barfüßele zitterte es war jetzt in ihrer Hand ihre Nebenbuhlerin zu
beseitigen indem sie zeigte wie sie war aber wie seltsam zusammengesponnen
sind die Fäden alles Tuns Sie schämte sich vor Allem über ihre Meistersleute
schlecht zu sprechen obgleich sie nur eigentlich die Rosel getroffen hätte
denn die Anderen waren brav aber sie wusste dass es auch einen Dienstboten
schändet wenn er das innere Wesen des Hauses zur Schande preisgibt Sie
sicherte sich daher indem sie zuerst sagte das stehe einem Dienstboten nicht
wohl an seine Meistersleute zu beurteilen »und gutherzig sind sie Alle«
setzte sie in innerem Gerechtigkeitssinn hinzu denn in der Tat war dies auch
Rosel trotz ihres heftigen und herrischen Wesens Jetzt fiel ihr was Gutes ein
Sagte sie gleich wie die Rosel sei so reiste er schnell wieder ab er war dann
freilich von der Rosel los aber er war dann auch fort und mit kluger Rede
sagte sie daher
»Ihr scheint mir bedachtsam wie auch Eure Eltern den Namen dafür haben Ihr
wisst aber dass man kein Stückle Vieh in einem Tag recht kennt so mein ich
Ihr solltet ein bisschen hier bleiben und nachher können auch wir Zwei einander
besser kennen lernen und da wird dann schon ein Wort das andre geben und wenn
ich Euch dienstlich sein kann an mir solls nicht fehlen Ich weiß zwar nicht
warum Ihr so viel ausfraget «
»O du bist ein Schelm aber du gefällst mir« sagte Johannes
Barfüßele zuckte zusammen so dass die Kuh vor ihr zurückwich und sie fast
den Melkkübel verschüttete
»Und du sollst auch ein gutes Trinkgeld haben« setzte Johannes hinzu und
ließ einen Taler den er schon in der Hand gehabt wieder in die Tasche fallen
»Ich will Euch noch was sagen« begann Barfüßele nochmals als sie sich zu
einer andern Kuh begab »Der Heiligenpfleger ist ein Feind von meinem Meister
dass Ihr das ja wisst wenn er sich an Euch anklammern will«
»Ja ja ich seh schon mit dir kann man reden aber du hast ja ein
geschwollenes Gesicht den Kopf verbinden das hilft dir Nichts wenn du so
barfuß gehst«
»Ich bins so gewohnt« sagte Barfüßele »aber ich will Euch folgen Ich
danke«
Man hörte oben Schritte nahen »Wir reden schon noch mehr mit einander«
schloss der Bursche und ging davon
»Ich danke dir dicker Backen« sagte Barfüßele hinter ihm drein und
streichelte die geschwollene Wange »du bist gescheit gewesen durch dich kann
ich ja mit ihm reden wie wenn ich nicht da wäre unter der Larve wie der
Fastnachtshansel Juchhe das ist lustig«
Wunderbar wars wie diese innere Freudigkeit ihr körperliches Fiebern fast
auflöste nur müde war sie unsäglich müde und es war ihr lieb und tat ihr wehe
zugleich als sie den Oberknecht das Bernerwägelein schmieren sah und hörte dass
der Meister jetzt gleich mit dem Fremden über Land fahren wolle Sie eilte in
die Küche und da hörte sie wie in der Stube der Bauer zu Johannes sagte »Wenn
du reiten willst Johannes das wäre ganz geschickt da könntest du zu mir aufs
Bernerwägelein sitzen Rosel und du Johannes reitest nebenher«
»Da fährt die Bäuerin aber auch mit« setzte Johannes nach einer Pause
hinzu
»Ich hab ein Kind an der Brust ich kann nicht weg« sagte die Bäuerin
»Und ich mag auch nicht so am Werktag im Land herumfahren« ergänzte Rosel
»Oh was Wenn so ein Vetter da ist darfst du schon einen freien Tag
machen« drängte der Bauer denn er wollte dass Johannes alsbald mit der Rosel
beim Furchenbauer ankomme damit sich dieser keine Hoffnung mache für eine
seiner Töchter zugleich wusste er auch dass so eine kleine Ausfahrt über Land
ihr Gutes habe und die Leute rascher zusammenbringe als achttägiger Besuch im
Hause Johannes schwieg und der Bauer in seinem innern Drängen stieß ihn an und
sagte halblaut »Red ihr doch zu es kann sein sie folgt dir eher und geht
mit«
»Ich mein« sagte Johannes laut »deine Schwester hat Recht dass sie nicht
so mitten in der Woche im Land herumfahren will Ich spann meinen Schimmel zu
deinem dann können wir auch sehen wie sie mit einander gehen und zum Nachtessen
sind wir wieder da wenn nicht schon früher«
Barfüßele die das Alles hörte biss sich auf die Lippen und konnte sich fast
gar nicht halten vor Lachen über die Rede des Johannes »ja dachte sie vor sich
hin Den habt ihr noch nicht am Halfter geschweige denn am Zaum der lässt sich
nicht gleich in der Welt herumführen wie versprochen dass er nicht mehr
zurückkann«
Sie musste ihr Tuch von dem Gesichte abtun so heiß wurde es ihr vor Freude
Das war nun ein seltsamer Tag heute im Hause und Rosel erzählte halb
ärgerlich was für wunderliche Fragen der Johannes an sie gestellt habe und
Barfüßele jubele innerlich denn alles Das was er wissen wollte und wovon sie
sich recht gut abnehmen konnte warum er es fragte alles Das war ja in ihr
erfüllt Aber was nützt das Er kennt dich nicht und wenn er dich auch kennt
du bist ein armes Waisenkind und in Dienst da kann nimmer was draus werden Er
kennt dich nicht und wird dich nicht fragen
Am Abend als die beiden Männer zurückkehrten hatte Barfüßele schon das Tuch
um die Stirne abnehmen können nur das um Kinn und Schläfe gebundene musste sie
noch behalten und breit vorziehen
Johannes schien jetzt weder Wort noch Blick für sie zu haben Dagegen war
sein Hund bei ihr in der Küche und sie gab ihm zu fressen und streichelte ihn
und redete auf ihn hinein »Ja Wenn du ihm nur Alles sagen könntest du würdest
ihm gewiss Alles treu berichten«
Der Hund legte seinen Kopf in den Schoss Barfüßeles und schaute sie mit
verständnissreichen Augen an dann schüttelte er den Kopf wie wenn er sagen
wollte es ist hart ich kann leider Gottes nicht reden
Jetzt ging Barfüßele hinein in die Kammer und sang die Kinder die schon
lange schliefen noch einmal ein mit allerlei Liedern aber den Walzer den sie
einst mit Johannes getanzt sang sie am meisten Johannes horchte wie verwirrt
darauf hin und schien abwesend in seinen Reden Rosel ging in die Kammer und
hieß Barfüßele schweigen
Noch spät in der Nacht als Barfüßele eben für die schwarze Marann Wasser
geholt hatte und mit dem vollen Kübel auf dem Kopf nach dem Elternhause ging
begegnete ihr eben Johannes der sich nach dem Wirtshause begab Mit gepresster
Stimme sagte sie »Guten Abend«
»Ei du bists« sagte Johannes »wohin denn noch mit dem Wasser«
»Zu der schwarzen Marann«
»Wer ist denn das«
»Eine arme bettlägerige Frau«
»Die Rosel hat mir ja gesagt es gebe hier keine Armen«
»O lieber Gott mehr als genug aber die Rosel hats gewiss nur gesagt weil
sie meint es wäre eine Schande für das Dorf Gutmütig ist sie das könnt Ihr
mir glauben sie schenkt gern weg«
»Du bist eine gute Verteidigung aber bleib nicht stehen mit dem schweren
Kübel Darf ich mit dir gehen«
»Warum nicht«
»Du hast Recht du gehst einen guten Weg und da bist du behütet und vor mir
brauchst du dich gar nicht zu fürchten«
»Ich fürchte mich vor Niemand und am wenigsten vor Euch Ich habs Euch
heute angesehen dass Ihr gut seid«
»Wo denn«
»Weil Ihr mir geraten habt wie ich das geschwollene Gesicht wegbringe es
hat mir schon geholfen ich hab jetzt Schuhe an«
»Das ist brav von dir dass du folgst« sagte Johannes mit Wohlgefallen und
der Hund schien das Wohlgefallen an Barfüßele zu bemerken denn er sprang an ihr
hinauf und leckte ihre freie Hand
»Kommm her Lux« befahl Johannes
»Nein lasset ihn nur« entgegnete Barfüßele »wir sind schon gute Freunde
er ist heute bei mir in der Küche gewesen mich und meinen Bruder haben die
Hunde alle gern«
»So du hast auch noch einen Bruder«
»Ja und da hab ich Euch bitten wollen Ihr tätet Euch einen Gotteslohn
erwerben wenn Ihr ihn als Knecht zu Euch nehmen könntet er wird Euch gewiss
sein Lebenlang treu dienen«
»Wo ist denn dein Bruder«
»Da drunten im Wald er ist vor der Hand Kohlenbrenner«
»Ja wir haben wenig Wald und gar keine Köhlerei einen Senn könnt ich
eher brauchen«
»Ja dazu wird er sich auch anschicken Jetzt da ist das Haus«
»Ich warte bis du wieder kommst« sagte Johannes und Barfüßele ging hinein
das Wasser abzustellen das Feuer herzurichten und der Marann frisch zu
betten
Als sie heraus kam war Johannes noch da der Hund sprang ihr entgegen und
lange stand sie hier noch bei Johannes an dem Vogelbeerbaum der flüsterte so
still und wiegte seine Zweige und sie sprachen über allerlei und Johannes
lobte ihre Klugheit und ihren regen Sinn und sagte zuletzt »Wenn du einmal
deinen Platz ändern willst du wärst die rechte Person für meine Mutter«
»Das ist das größte Lob was mir ein Mensch auf der Welt hätte sagen könen«
beteuerte Barfüßele »und ich habe noch ein Andenken von ihr« Sie erzählte nun
die Begebenheit aus der Kinderzeit und Beide lachten als Barfüßele bemerkte
wie der Dami es nicht vergessen wolle dass die Landfriedbäuerin ihm noch ein
Paar lederne Hosen schuldig sei
»Er soll sie haben« beteuerte Johannes
Sie gingen noch mit einander das Dorf hinein und Johannes gab ihr eine Hand
zur »Guten Nacht«
Barfüßele wollte ihm sagen dass er ihr schon einmal eine Hand gegeben aber
wie von dem Gedanken erschreckt flog sie davon und hinein ins Haus Sie gab
ihm keine Antwort auf seine Gute Nacht Johannes ging sinnend und innerlich
verwirrt in seine Herberge im Auerhahn
Barfüßele aber fand am andern Morgen den dicken Backen wie weggeblasen und
lustiger trällerte es noch nie durch Haus Hof und Stall und Scheuer als am
heutigen Tage und heute auch sollte sichs entscheiden heute musste sich
Johannes erklären Der Nodelbauer wollte seine Schwester nicht länger ins
Geschrei bringen wenns vielleicht doch nichts wäre
Fast den ganzen Tag saß Johannes drin in der Stube bei der Rosel sie nähte
an einem Mannshemde und gegen Abend kamen die Schwiegereltern des Rodelbauern
und andere Gefreundete Es muss sich entscheiden
In der Küche prozelte der Braten und das Fichtenholz knackte und die
Wangen Barfüsseles brannten von dem Feuer auf dem Herde und von innerem Feuer
angefacht Der Krappenzacher ging ab und zu herauf und herunter in großer
Geschäftigkeit er tat im ganzen Hause wie daheim und rauchte aus der Pfeife
des Rodelbauern
»Also ists doch entschieden« klagte Barfüßele in sich hinein
Es war Nacht geworden und viele Lichter brannten im Hause Rosel ging hoch
aufgeputzt zwischen Stube und Küche hin und her und wusste doch nichts
anzurühren Eine alte Frau die ehemals als Köchin in der Stadt gedient hatte
war mit zum Kochen angenommen worden Es war Alles bereit
Jetzt sagte die junge Bäuerin zu Barfüßele »Geh nauf und mach dich
gsunntigt« sonntäglich angekleidet
»Warum«
»Du musst heute aufwarten du kriegst dann auch ein besser Letzgeld«
»Ich möchte in der Küche bleiben«
»Nein tu was ich dir gesagt habe und mach hurtig«
Amrei ging in ihre Kammer und todtmüde setzte sie sich eine Minute
verschnaufend auf ihre Truhe es war ihr so bang so schwer wenn sie nur jetzt
einschlafen und nimmer aufwachen könnte Aber die Pflicht rief und kaum hatte
sie das erste Stück ihres Sonntagsgewandes in der Hand als Freude in ihr
aufblitzte und das Abendrot das einen hellen Strahl in die Dachkammer
schickte zitterte auf den hochgeröteten Wangen Amreis
»Mach dich gsunntigt« Sie hatte nur Ein Sonntagskleid und das war jenes
das sie damals beim Tanz auf der Nachhochzeit in Endringen angehabt und jedes
Biegen und Rauschen des Gewandes tönte Freude und jenen Walzer den sie damals
getanzt aber wie die Nacht rasch hereinsank und Amrei nur noch im Dunkeln Alles
festknüpfte so bannte sie auch wieder alle Freude hinweg und sie sagte sich
nur dass sie Johannes zu Ehren sich so ankleide und um ihm zu zeigen wie sehr
sie Alles hochhalte was aus seiner Familie kommt band sie zuletzt auch noch
den Anhenker um
So kam Barfüßele geschmückt wie damals zum Tanze in Endringen von ihrer
Kammer herab
»Was ist das Was hast du dich so anzuziehen« schrie Rosel im Ärger und
in der Unruhe dass der Bräutigam so lang ausblieb »Was hast du deinen ganzen
Reichtum an Ist das eine Magd die so ein Halsband an hat und so eine
Denkmünze Was muss er davon denken Gleich tust du das herunter«
»Nein das tu ich nicht das hat mir seine Mutter geschenkt wie ich noch
ein kleines Kind war und das hab ich angehabt wie wir in Endringen mit
einander getanzt haben«
Man hörte ein Geräusch auf der Treppe aber Niemand achtete darauf denn
Rosel schrie jetzt
»So du nichtsnutzige verteufelte Hex du wärst ja in Lumpen verfault wenn
man dich nicht herausgenommen hätte du willst mir meinen Bräutigam wegnehmen«
»Heiss ihn nicht so ehe ers ist« antwortete Amrei mit einer seltsamen
Mischung von Tönen und die alte Köchin aus der Küche rief »Das Barfüßele hat
Recht man darf ein Kind nicht bei seinem Namen nennen eh es getauft ist das
ist lebensgefährlich«
Amrei lachte und die Rosel schrie
»Warum lachst du«
»Soll ich heulen« sagte Barfüßele »ich hätte Grund genug aber ich mag
nicht«
»Wart ich will dir zeigen was du musst« schrie Rosel »da« und sie riss
Barfüßele nieder auf den Boden und schlug ihr ins Gesicht
»Ich will mich ja ausziehen lass los« schrie Barfüßele aber Rosel ließ
ohnedies ab denn wie aus dem Boden herausgewachsen stand jetzt Johannes vor
ihr
Er war leichenblass seine Lippen bebten er konnte kein Wort hervorbringen
und legte nur die Hand schützend auf Barfüßele die noch auf der Erde kniete
Endlich rief er mit gepresstem Atem
»Sag bist dus wirklich Die von Endringen Du bist da Da im Haus bist
du Und so geht man mit dir um Red doch ein Wort Nur ein Wort«
»Johannes« rief Barfüßele und er hob sie mit beiden Armen empor und mit
mächtiger Stimme sagte er
»So jetzt weiß ich wo ich bin Ja und mit mir gehst du und mein bist du
Willst du Ich hab dich gefunden und habe dich nicht gesucht und jetzt bleibst
du bei mir meine Frau Das hat Gott gewollt«
Wer jetzt in das Auge Barfüsseles hätte sehen können Aber noch hat kein
sterbliches Auge den Blitz am Himmel völlig erfasst und erwarte es ihn noch so
fest es wird doch geblendet und es gibt Blitze im Menschenauge die nie und
nimmer fest gesehen es gibt Regungen im Menschengemüte die nie und nimmer
fest gefasst werden sie schwingen sich über die Welt und lassen sich nicht
halten
Ein rascher Freudenblitz wie er in dem Auge erglänzen müsste dem sich der
Himmel auftut hatte aus dem Antlitze Amreis gezuckt und jetzt bedeckte sie
das Gesicht mit beiden Händen und die Tränen quollen ihr zwischen den Fingern
hervor Johannes hielt seine Hand auf ihr
Alle Gefreundeten waren herzugekommen und sahen staunend was hier vorging
»Was ist denn das mit dem Barfüßele Was ist denn da« lärmte der
Rodelbauer
»So Barfüßele heißt du« jauchzte Johannes er lachte laut und heftig und
rief wieder »Jetzt komm Willst du mich Sags nur hier gleich da sind Zeugen
und die müssens bestätigen Sag Ja und nur der Tod soll uns von einander
scheiden«
»Ja und nur der Tod soll uns von einander scheiden« rief Barfüßele und
warf sich an seinen Hals
»Gut so nimm sie gleich aus dem Haus« schrie der Rodelbauer schäumend vor
Zorn
»Ja und das brauchst du mir nicht zu heißen und ich dank dir für die gute
Aufwartung Vetter wenn du einmal zu uns kommst wollen wirs wett machen« So
erwiderte Johannes Er fasste sich mit beiden Händen an den Kopf und rief »Herr
Gott O Mutter Mutter Was wirst Du dich freuen«
»Geh hinauf Barfüßele und nimm deine Truhe gleich mit es soll nichts mehr
von dir im Haus sein« befahl der Rodelbauer
»Ja wohl und mit weniger Geschrei geschieht das auch« erwiderte Johannes
»Komm ich geh mit dir Barfüßele sag wie heißt denn du eigentlich«
»Amrei«
»Ich hätt schon einmal eine Amrei haben sollen das ist die Schmalzgräfin
und du bist meine Salzgräfin Juchhe Jetzt komm ich will auch deine Kammer
sehen wo du so lang gelebt hast jetzt kriegst du ein weitmächtiges großes
Haus«
Der Hund ging immer mit borstig aufstehenden Rückenhaaren um den Rodelbauer
herum er merkte wohl dass der Rodelbauer eigentlich gern den Johannes erwürgt
hätte und erst als Johannes und Barfüßele die Treppe hinauf waren ging der
Hund ihnen nach
Johannes ließ die Kiste stehen weil er sie nicht aufs Pferd nehmen konnte
und packte alle Habseligkeiten Barfüsseles in den Sack den sie noch vom Vater
ererbt hatte und Barfüßele erzählte dabei durcheinander was der Sack schon
Alles mitgemacht habe und die ganze Welt drängte sich zusammen in eine Minute
und war ein tausendjähriges Wunder Barfüßele sah staunend drein als Johannes
ihr Schreibebuch aus der Kindheit mit Freude begrüßte und dabei rief »Das
bring ich meiner Mutter das hat sie geahnt es gibt noch Wunder in der Welt«
Barfüßele fragte nicht weiter danach War denn nicht Alles ein Wunder was
mit ihr geschah Und als wüsste sie dass die Rosel alsbald die Blumen ausreißen
und auf die Straße werfen würde so fuhr sie noch einmal mit der Hand über die
Pflanzen alle hin sie kühlten ihre Hand mit Nachttau und jetzt ging sie mit
dem Johannes hinab und eben als sie das Haus verlassen wollte drückte ihr noch
Jemand im Finsteren still die Hand es war die Bäuerin die ihr so noch Lebewohl
sagte
Auf der Schwelle rief noch Barfüßele indem sie die Hand an der Türpfoste
hielt an der sie so oft träumend gelehnt hatte »Möge Gott diesem Hause alles
Gute vergelten und alles Böse vergeben« Aber kaum war sie einige Schritte
entfernt als sie rief »Ach Gott ich habe ja alle meine Schuhe vergessen die
stehen oben auf dem Brett« Und noch hatte sie diese Worte kaum ausgesprochen
als wie nachtrabend die Schuhe von dem Fenster herabflogen auf die Straße
»Lauf drin zum Teufel« schrie eine Stimme aus dem Dachfenster Die Stimme
tönte tief und heiser und doch wars die Rosel
Barfüßele las die Schuhe zusammen und trug sie mit Johannes der den Sack
auf dem Rücken hatte nach dem Wirtshaus
Der Mond schien hell und im Dorfe war bereits Alles still
Barfüßele wollte nicht im Wirtshaus bleiben
»Und ich möchte am liebsten heut noch fort« setzte Johannes hinzu
»Ich will bei der Marann bleiben« entgegnete Barfüßele »das ist mein
Elternhaus und du lässt mir deinen Hund Gelt du bleibst bei mir Lux Ich
fürchte sie tun mir heute Nacht was an wenn ich hier bleibe«
»Ich wach vor dem Haus« entgegnete Johannes »aber es wäre besser wir
gingen jetzt gleich was willst du denn noch hier«
»Vor Allem muss ich noch zu der Marann Sie hat Mutterstelle an mir
vertreten und ich hab sie heute den ganzen Tag noch nicht gesehen und nichts
für sie sorgen können und sie ist noch krank dazu Ach Gott es ist hart dass
ich sie allein lassen muss Aber was will ich machen Komm geh mit zu ihr«
Sie gingen mit einander durch das schlafende mondbeschienene Dorf Hand in
Hand Nicht weit von dem Elternhause blieb Barfüßele stehen und sagte »Siehst
du Auf diesem Fleck da da hat mir deine Mutter den Anhenker geschenkt und
einen Kuss gegeben«
»So Und da hast noch einen und noch einen«
Selig umarmten sich die Liebenden Der Vogelbeerbaum rauschte drein und vom
Wald her tönte Nachtigallenschlag
»So jetzt ists genug nur noch den und dann gehst mit herein zur Marann
O lieber Gott im siebenten Himel Was wird die sich freuen«
Sie gingen mit einander hinein in das Haus und als Barfüßele die Stubentür
öffnete fiel eben wieder wie damals der Sonnenstrahl jetzt ein breiter
Mondstrahl auf den Engel am Kachelofen und er schien jetzt noch fröhlicher zu
lachen und zu tanzen und jetzt rief Barfüßele mit mächtiger Stimme »Marann
Marann Wachet auf Marann Glück und Segen ist da Wachet auf«
Die Alte richtete sich auf der Mondstrahl fiel auf ihr Antlitz und ihren
Hals sie riss die Augen weit auf und fragte »Was ist Was ist Wer ruft«
»Freut Euch da bring ich Euch meinen Johannes«
»Meinen Johannes« schrie die Alte gellend »Lieber Gott meinen Johannes
Wie lang wie lang ich hab dich ich hab dich ich danke Dir Gott
tausend und tausendmal O mein Kind Ich sehe dich mit tausend Augen und
tausendfach Nein da da deine Hand Komm her dort in der Kiste die
Aussteuer Nehmt das Tuch Mein Sohn Mein Sohn Ja ja die ist dein
Johannes mein Sohn mein Sohn« Sie lachte krampfhaft auf und fiel zurück ins
Bett Amrei und Johannes waren davor niedergekniet und als sie sich aufrichteten
und sich über die Alte beugten atmete sie nicht mehr
»O Gott sie ist tot die Freude hat sie getötet« schrie Barfüßele »und
sie hat dich für ihren Sohn gehalten Sie ist glücklich gestorben O wie ist
denn das Alles in der Welt o wie ist das Alles« Sie sank wiederum am Bett
nieder und weinte und schluchzte bitterlich
Endlich richtete sie Johannes auf und Barfüßele drückte der Toten die Augen
zu Sie stand lange mit Johannes still am Bette dann sagte sie
»Komm ich will Leute wecken dass sie bei der Leiche wachen Gott hats
wunderbar gut gemacht Sie hat Niemand mehr gehabt der für sie sorgt wenn ich
fort bin und Gott hat ihr noch die höchste Freude in der letzten Minute
gegeben Wie lang wie lang hat sie auf diese Freude gewartet«
»Ja jetzt kannst aber heute nicht hier bleiben« sagte Johannes »und jetzt
folgst mir und gehst gleich heute noch mit mir«
Barfüßele weckte die Frau des Todtengräbers und schickte sie zur schwarzen
Marann und sie war so wunderbar gefasst dass sie dieser sogleich sagte man
solle die Blumen die auf ihrem Fensterbrett stehen auf das Grab der schwarzen
Marann pflanzen und nicht vergessen dass man ihr wie sie immer gewünscht
hätte ihr Gesangbuch und das ihres Sohnes unter den Kopf lege
Als sie endlich Alles angeordnet hatte richtete sie sich hoch auf streckte
und bäumte sich und sagte »So Jetzt ist Alles fertig aber verzeih mir nur
du guter Mensch dass du jetzt gleich so mit mir in das Elend hinein sehen musst
und verzeih mir auch wenn ich jetzt nicht so bin wie ich eigentlich sein
möcht ich seh wohl es ist Alles gut und Gott hätts nicht besser machen
können aber der Schreck liegt mir noch in allen Gliedern und Sterben ist doch
gar eine harte Sache du kannst nicht glauben wie ich mir darüber fast das Hirn
aus dem Kopf gedacht habe Aber jetzt ists schon gut ich will schon wieder
heiter sein ich bin ja die glückseligste Braut auf Erden«
»Ja du hast Recht komm wir wollen fort Willst du mit mir auf dem Gaul
sitzen« fragte Johannes
»Ja Ist das noch der Schimmel den du auf der Endringer Hochzeit gehabt
hast«
»Freilich«
»Und o der Rodelbauer Schickt der noch in der Nacht eh du kommst nach
Lauterbach und lässt sich einen Schimmel holen damit du ins Haus kommen kannst
Hotto Schimmele geh nur wieder heim« schloss sie fast freudig und so kehrten
sie in Denken und Empfinden wieder ins gewöhnliche Leben zurück und lernten aus
ihm ihre Glückseligkeit neu kennen
16 Silbertrab
»Nicht wahr es ist kein Traum Wir sind Beide mit einander wach und morgen
wirds Tag und dann wieder ein Tag und so tausendmal fort So sprach Barfüssle
mit dem Lux der bei ihr verblieben war während Johannes drin im Stall den
Schimmel aufschirrte Jetzt kam er heraus packte den Sack auf und sagte Da
sitz ich drauf und du sitzest vor mir im Sattel«
»Lass mich lieber auf meinem Sack sitzen«
»Wie du willst«
Er schwang sich hinauf dann sagte er »So jetzt tritt auf meinen Fuß
tritt nur fest drauf und gib mir deine beiden Hände« und leicht schwang sie
sich hinauf und er hob sie empor und küsste sie und sagte dann »Jetzt kann ich
mit dir machen was ich will du bist in meiner Gewalt«
»Ich fürchte mich nicht« sagte Barfüßele »und du bist auch in meiner
Gewalt«
Schweigend ritten sie mit einander durch das Dorf hinaus Im letzten Haus
brannte noch ein Licht dort wachte die Todtengräberin bei der Leiche der
Marann und Johannes ließ Barfüßele sich ausweinen
Erst als sie über den Holderwasen ritten sagte Barfüßele »Da hab ich
einen ganzen Sommer die Gänse gehütet und da hab ich einmal deinem Vater zu
trinken gegeben aus dem Brunnen dort Behüt dich Gott du Holzbirnenbaum und
euch ihr Felder und ihr Wälder Es ist mir wie wenn ich Alles nur geträumt
hätte und verzeih mir nur lieber Johannes ich möcht mich freuen und kann
doch nicht und darf doch nicht wenn ich denk dass da drin eine Tote liegt es
ist eine Sünde wenn ich mich freue und eine Sünde wenn ich mich nicht freue
Weißt was Johannes Ich sag es ist schon ein Jahr um und ich freue mich aber
nein übers Jahr ist schön und heut ist auch schön ich freue mich heut
just Jetzt reiten wir in den Himmel hinein Ach was hab ich da auf dem
Holderwasen für Träume gehabt dass der Kukuk vielleicht ein verzauberter Prinz
sei und jetzt sitz ich auf dem Gaul und jetzt bin ich Salzgräfin geworden Das
freut mich dass du mich Salzgräfin geheißen hast ich weiß dass sie jetzt in
Haldenbrunn darüber spötteln aber mir ists recht dass du mich Salzgräfin
geheißen hast Kennst du denn auch die Geschichte von dem so lieb wie das
Salz«
»Nein was ist denn das«
»Es ist einmal ein König gewesen und der fragt seine Tochter wie lieb hast
du mich denn« und da sagte sie ich hab dich so lieb so lieb wie das Salz
Der König denkt das ist eine einfältige Antwort und ist bös darüber Es vergeht
nicht lange Zeit da gibt der König eine große Gasterei und die Tochter macht
es dass alle Speisen ungesalzen auf den Tisch kommen Da hats natürlich dem
König nicht geschmeckt und er fragt die Tochter warum ist denn heut Alles so
schlecht gekocht das schmeckt ja Alles nach gar nichts und da sagt sie seht
Ihr nun Weil das Salz fehlt Und hab ich nun nicht Recht gehabt dass ich
gesagt habe ich hab Euch so lieb so lieb wie das Salz Der König hat ihr
Recht gegeben und darum sagt man noch heutigen Tages so lieb wie das Salz Die
Geschichte hat mir die schwarze Marann erzählt Ach Gott die kann jetzt nicht
mehr erzählen Da drin liegt eine Tote und horch dort schlägt die Nachtigall
so glückselig Aber jetzt vorbei Ich will schon deine Salzgräfin sein
Johannes Du sollst es schon spüren Ja ich bin glückselig just o die Marann
hat ja auch gesagt Gott freut sich wenn die Menschen lustig sind wie sich
Eltern freuen wenn ihre Kinder tanzen und singen getanzt haben wir schon und
jetzt komm jetzt wollen wir singen Wend jetzt da links ab in den Wald wir
reiten zu meinem Bruder sie haben jetzt den Meiler da unten an der Straße
Sing Nachtigall wir singen mit
»Nachtigall ich hör dich singen
Das Herz im Leib möcht mir zerspringen
Komm nur bald und sag mir wohl
Wie ich mich verhalten soll«
Und die Beiden sangen allerlei Lieder traurig und lustig ohne Aufhören
und Barfüßele sang die zweite Stimme ebenso wie die erste Am meisten aber
sangen sie den Ländler den sie auf der Endringer Hochzeit dreimal mit einander
getanzt und so oft sie absetzten berichtete bald das Eine bald das Andere wie
es des Fernen gedacht und Johannes sagte
»Es ist mir schwer geworden den Ländler aus dem Kopf zu kriegen denn da
hast du immer drin herum getanzt Ich hab keine Magd zur Frau haben wollen
denn ich muss dir nur sagen ich bin stolz«
»Das ist recht ich bins auch«
Nun erzählte Johannes wie er mit sich gekämpft habe wie das aber nun gut
sei denn jetzt sei Alles vorbei Er berichtete wie er zum Ersten und
Zweitenmal in die Heimat der Mutter geschickt worden um sich von da eine Frau
zu holen Wie ihm Barfüßele damals beim Antritt in Endringen gleich ins Herz
gestiegen sei er habe es gespürt und sich darum nicht zu erkennen gegeben als
er gehört dass sie eine Magd sei
Barfüßele berichtete dagegen von dem Benehmen der Rosel in Endringen und wie
sies damals zum erstenmal gekränkt habe dass die Nosel sagte es ist nur unsere
Magd und wie sie dann ihren Missmut zuerst an ihm ausgelassen und doch dann von
ihm geträumt und es ihm doppelt angerechnet habe dass er so gut gegen sie war
Und nach allerlei beweglicher Hinund Widerrede schloss Johannes »Ich könnte
närrisch werden wenn ich mir denken will es hätte anders kommen können Wie
könnte das nur sein ich zöge mit einer andern als du heimwärts Wie wäre das
nur möglich«
Nach ihrer besonnenen Art sagte Barfüßele
»Denk nicht zu viel wies hätt anders sein können so und so und anders
Wies einmal ist ist es recht und muss recht sein seis Freud oder Leid und
Gott hats so gewollt und jetzt ists an uns dass wirs weiter recht machen«
»Ja« sagte Johannes »wenn ich die Augen zumache und dich so reden höre so
meine ich ich höre meine Mutter Grade so hätte sie auch gesagt Und auch deine
Stimme ist fast so«
»Sie muss jetzt von uns träumen« sagte Barfüßele »Ich glaubs ganz gewiss
und fest« Und nach ihrer Art inmitten aller lebenssichern Fassung doch erfüllt
von allerlei Wundersamem mit dem ihre Jugend vollgepfropft war sagte sie
jetzt
»Wie heißt denn dein Gaul«
»Wie er aussieht«
»Nein wir wollen ihm einen Namen geben und weißt du wie Silbertrab«
Und nach der Weise des Ländlers den sie mit einander getanzt sang jetzt
Johannes immer und immer das eine Wort Silbertrab Silbertrab und Barfüßele
sang mit und eben jetzt indem sie keinerlei Worte mehr sangen die irgend was
sagten ward ihre Lustigkeit die reine volle unbegrenzte sie konnten allerlei
Jubel hineinlegen und hinausklingen lassen Und wieder hing sich allerlei Jodeln
daran denn es gibt ein Glockengeläute in der Seele das keinen
zusammenhängenden Ton mehr hat keine bestimmte Weise und doch Alles in sich
schließt und hin und her und auf und ab in Jubeltönen schwang und wiegte sich
das Herz der Liebenden Und wieder gings an Schelmenlieder und Amrei sang
»Mein Schatz halt ich fest
Wie der Baum seine Aest
Wie der Apfel seinen Kern
Ich hab ihn so gern«
Und Johannes erwiderte
»In Ewigkeit lass ich mein Schätzele net nicht
Und wenn es der Teufel am Kettele hät
Am Kettele am Schnürle am Bändele am Seil
In Ewigkeit mir mein Schätzle nicht feil«
Und wieder sang Amrei
»Tausendmal denk ich dran
Wie mein Schatz tanzen kann
rum und num hin und her
Wie ichs begehr«
Johannes sang wieder
»Und alleweil ein bisle lustig
Und alleweil fidel
Der Teufel ist gstorben
s kommt niemand in dHöll«
Und jetzt sangen sie gemeinsam in langgezogenen Tönen das tiefe Lied
»Auf Trauern folgt große Freud
Das tröstet mich allezeit
Weiß mir ein schwarzbraunes Mägdelein
Die hat zwei schwarzbraune Aeugelein
Die mir mein Herz erfreut«
»Mein eigen will sie sein
Keinem Andern mehr als mein
Und so leben wir in Freud und Leid
Bis uns der Tod von einander scheidt«
Das war ein helles Klingen im Wald wo der Mondschein durch die Wipfel
spielte und an Zweigen und Stämmen hing und zwei fröhliche Menschenkinder mit
der Nachtigall um die Wette sangen
Und drunten beim Meiler saß noch in stiller Nacht der Dami beim
Kohlenbrenner und der Kohlenbrenner der in der Nacht gern sprach erzählte
allerlei Wundergeschichten aus der Vergangenheit wo der Wald hier zu Lande noch
so geschlossen bestanden war dass ein Eichhörnchen ohne auf den Boden zu kommen
von Baum zu Baum vom Neckar bis zum Bodensee hüpfen konnte und jetzt eben
berichtete er die Geschichte vom Schimmelreiter der eine Wandlung des alten
Heidengottes ist und überall Glanz und Pracht verbreitet und Glück ausgiesst
Es gibt Sagen und Märchen die sind für die Seele was für das Auge das
Hineinstarren in ein loderndes Feuer wie das züngelt und sich verschlingt und
in bunten Farben spielt hier verlischt und dort wieder ausbricht und plötzlich
wieder Alles in eine Flammenwoge sich erhebt Und wendest du dich ab von der
Flamme so ist die Nacht noch dunkler
So hörte Dami zu und so schaute er sich manchmal um und der Kohlenmates
erzählte eintönig fort
Da hielt er inne dort kam vom Berg herab ein Schimmel und drauf sang es so
lieblich Will die Wunderwelt herabsteigen Und immer näher kam das Pferd und
darauf sah ein wunderlicher Reiter so breit und hatte zwei Köpfe und das kam
immer näher und jetzt rief bald eine Männerstimme bald eine Frauenstimme Dami
Dami Dami Die Beiden wollten in den Boden sinken vor Schreck sie konnten sich
nicht bewegen und jetzt war es da und jetzt stieg es ab und »Dami ich
bins« rief Barfüßele und erzählte Alles was geschehen war
Dami hatte gar nichts zu sagen und streichelte nur bald das Pferd und bald
den Hund und nickte als Johannes versprach er wolle ihn zu sich nehmen und ihn
zum Almhirten machen er solle dreißig Kühe auf der Alm haben und Buttern und
Käsen lernen
»Du kommst aus dem Schwarzen ins Weiße« sagte Barfüßele »da könnte man
ein Rätsel daraus machen«
Dami gewann endlich die Sprache und sagte »Und ein Paar lederne Hosen
auch« Alle lachten und er erklärte dass ihm die Landfriedbäuerin noch ein Paar
lederne Hosen schuldig sei
»Ich geb dir einstweilen meine Pfeife da das soll die Schwagerpfeife
sein« sagte Johannes und reichte Dami seine Pfeife
»Ja dann hast du ja keine« sagte Amrei in halber Einrede
»Ich brauch jetzt keine«
Wie selig sprang Dami in die Höhe und in die Blockhütte hinein mit seiner
silberbeschlagenen Pfeife aber man hätte es nicht glauben sollen dass er einen
so fröhlichen Spaß machen könne nach einer Weile kam er wieder und hatte den
Hut des Kohlenmates auf und seinen langen Rock an und in jeder Hand eine lange
Fackel Mit gravitätischem Gang und Ton ließ er nun die Brautleute an »Was ist
das Da Johannes da hab ich zwei Fackeln da will ich dir mit heimleuchten
Wie kommst du dazu so mir nichts dir nichts meinem Schwester fortzunehmen Ich
bin der grossjährige Bruder und bei mir musst du um sie anhalten und ehe ich Ja
gesagt habe gilt Alles nichts«
Amrei lachte fröhlich und Johannes hielt förmlich bei Dami um die Hand
seiner Schwester an
Dami wollte den Scherz noch weiter treiben denn er gefiel sich in der
Rolle in der ihm einmal so Etwas gelungen war Aber Amrei wusste dass da kein
Verlass auf ihn war er konnte allerlei Albernheit vorbringen und den Scherz in
sein Gegenteil verkehren Sie sah schon wie der Dami mehrmals die Hand auf und
zu machend nach dem Uhrgehänge des Johannes griff und immer wieder bevor er es
gefasst zurückzog sie sagte daher streng wie man einem tollenden Kinde wehrt
»Jetzt ists genug das hast du gut gemacht jetzt lass es dabei«
Dami entlarvte sich wieder und sagte nur noch zu Johannes »So ists recht
Du hast eine stahlbeschlagene Frau und ich eine silberbeschlagene Pfeife« Als
Niemand lachte setzte er hinzu »Gelt Schwager das hättest du nicht geglaubt
dass du so einen gescheiten Schwager hast Ja sie hats nicht allein wir sind
in Einem Topf gekocht Ja Schwager«
Er schien als wollte er die Freude Schwager sagen zu können völlig
auskosten
Man stieg endlich wieder auf denn das Brautpaar wollte noch nach der Stadt
und schon als sie ein Stück weg waren schrie Dami in den Wald »Schwager
Vergiss meine ledernen Hosen nicht« Helles Lachen antwortete und wiederum tönte
Gesang und die Brautleute ritten fort und fort in die Mondnacht hinein
17 Über Berg und Tal
Es lässt sich nicht so fortleben in gleichem Atem es wechseln Nacht und Tag
lautlose Ruhe und wildes Rauschen und Brausen und die Jahreszeiten alle So im
Leben der Natur so im Menschenherzen und wohl dem Menschenherzen das auch in
aller Bewegung sich nicht aus seiner Bahn verirrt
Es war Tag geworden als die beiden Liebenden vor der Stadt ankamen und
schon eine weite Strecke vorher als ihnen der erste Mensch begegnete waren sie
abgestiegen Sie fühlten dass ihre Auffahrt gar seltsam erscheinen musste und der
erste Mensch war ihnen wie ein Bote der Erinnerung dass sie sich wieder
einfinden müssten in die gewohnte Ordnung der Menschen und ihre
Herkömmlichkeiten Johannes führte das Pferd an der einen Hand mit der andern
hielt er Amrei sie gingen lautlos dahin und so oft sie einander ansahen
erglänzten ihre Gesichter wie die von Kindern die aus dem Schlaf erwachen So
oft sie aber wieder vor sich niederschauten waren sie gedankenvoll und
bekümmert um das was nun werden sollte
Als ob sie mit Johannes schon darüber gesprochen hätte und in der
unmitelbaren Zuversicht dass er das Gleiche gedacht haben müsse wie sie sagte
jetzt Amrei
»Freilich wohl wärs gescheiter gewesen wir hätten die Sache ruhiger
gemacht du wärst zuerst heim und ich war derweil wo geblieben meinetwegen
wenn nicht anders beim Kohlenmates im Wald und du hättest mich dann abgeholt
mit deiner Mutter oder mir geschrieben und ich wäre nachgekommen mit meinem Dami
Aber weißt du was ich denk«
»Just Alles weiß ich noch nicht«
»Ich denke dass Reue das Dümmste ist was man in sich aufkommen lassen kann
Wenn man sich den Kopf herunter reißt man kann Gestern nicht mehr zu Heute
machen Was wir getan haben so mitten drin in dem Jubel das ist recht
gewesen und muss recht bleiben Da kann man jetzt wenn man ein bisschen nüchtern
ist nicht darüber schimpfen Jetzt müssen wir nur daran denken wie wir weiter
Alles gut machen und du bist ja so ein gerader Mensch du wirst sehen kannst
Alles mit mir überlegen sag mir nur Alles frei heraus Kannst mir sagen was du
willst du tust mir nicht weh damit aber wenn du mir Etwas nicht sagst da
tust mir weh damit Gelt du hast auch keine Reue«
»Kannst du ein Rätsel lösen« fragte Johannes
»Ja das habe ich als Kind gut können«
»Nun so sag mir was ist das Es ist ein einfaches Wort tut man den
ersten Buchstaben vorn runter da möcht man sich den Kopf runter reißen und
tut man ihn wieder auf da ist alles fest«
»Das ist leicht« sagte Barfüßele »kinderleicht das ist Reu und Treu«
Und wie die Lerchen über ihnen zu singen begannen so sangen sie jetzt auch das
Rätsellied und Johannes begann
»Ei Jungfrau ich will dir was aufzuraten geben
Wann du es erratest so heirat ich dich
Was ist weißer als der Schnee
Was ist grüner als der Klee
Was ist schwärzer als die Kohl
Willst du mein Weibchen sein
Erraten wirst dus wohl«
Amrei
»Die Kirschenblust Blüte ist weißer als der Schnee
Und wann sie verblühet hat grüner als der Klee
Und wann sie verreifet hat schwärzer als die Kohl
Weil ich dein Weiblein bin erraten kann ichs wohl«
Johannes
»Was für ein König hat keinen Thron
Was für ein Knecht hat keinen Lohn«
Amrei
»Der König in dem Kartenspiel hat keinen Thron
Der Stiefelknecht hat keinen Lohn«
Johannes
»Welches Feuer hat keine Hitz
Und welches Messer hat keine Spitz«
Amrei
»Ein abgemaltes Feuer hat keine Hitz
Ein abgebrochenes Messer hat keine Spitz«
Plötzlich schnalzte Johannes mit den Fingern und sagte »Jetzt gib Acht«
und er sang
»Was hat keinen Kopf und doch einen Hals
Und was schmeckt gut ohne Salz und Schmalz«
Amrei erwiderte rasch
»Die Flasch hat keinen Kopf und doch einen Hals
Und Alles was gezuckert ist schmeckt ohne Schmalz und Salz«
»Du hasts nur halb erraten« lachte Johannes »bist in der Küche stecken
geblieben« ich habs so gemeint
»Die Flasch hat keinen Kopf und doch einen Hals
Und der Kuss von deinem Mund schmeckt ohne Schmalz und Salz«
Und nun sangen sie noch den letzten Vers des vielgewundenen Rätselliedes
»Was für ein Herz tut keinen Schlag
Was für ein Tag hat keine Nacht«
»Das Herz an der Schnalle tut keinen Schlag
Der allerjüngste Tag hat keine Nacht«
»Ei Jungfrau ich kann ihr nichts aufzuraten geben
Und ist es ihr wie mir so heiraten wir«
»Ich bin ja keine Schnalle mein Herz tut manchen Schlag
Und eine schöne Nacht hat auch der Hochzeitstag«
Am ersten Wirtshaus vor dem Tor kehrten sie ein und Amrei sagte als sie
mit Johannes in der Stube war und dieser einen guten Kaffee bestellt hatte
»Die Welt ist doch prächtig eingerichtet Da haben die Leute ein Haus
hergestellt und Stühle und Bänke und Tische und eine Küche darauf brennt das
Feuer und da haben sie Kaffee und Milch und Zucker und das schöne Geschirr und
das richten sie Alles her wie wenn wirs bestellt hätten und wenn wir weiter
kommen sind immer wieder Leute da und Häuser und Alles drin Es ist gerade wie
im Mährlein Tischlein deck dich«
»Aber Knüppel aus dem Sack gehört auch dazu« sagte Johannes griff in die
Tasche und holte eine Hand voll Geld heraus »ohne das kriegst du nichts«
»Ja freilich« sagte Amrei »wer diese Räder hat der kann durch die Welt
rollen Sag Johannes hat dir je in deinem Leben ein Kaffee so geschmeckt wie
der Und das frische Weissbrod Du hast nur zu viel bestellt wir kennen das
nicht Alles ermachen das Weissbrod das steck ich zu mir aber es ist schad um
den guten Kaffee o wie manchem Armen tät der wohl und wir müssen ihn da
stehen lassen und du musst ihn doch bezahlen«
»Das macht nichts man kanns nicht so genau nehmen in der Welt«
»Ja ja du hast Recht ich bin halt noch genau gewöhnt musst mirs nicht
übel nehmen wenn ich so was sage es geschieht im Unverstand«
»Das hast du leicht sagen weil du weißt dass du gescheit bist«
Amrei stand bald auf sie glühte vor Hitze und als sie jetzt vor dem
Spiegel stand rief sie laut »O lieber Gott bin denn ich das Ich kenn mich
gar nicht mehr«
»Aber ich kenn dich« sagte Johannes »du heißt Amrei und Barfüßele und
Salzgräfin aber das ist noch nicht genug du kriegst jetzt noch einen Namen
dazu Landfriedbäuerin ist auch nicht übel«
»O lieber Gott kann denn das sein Ich meine jetzt es wäre nicht möglich«
»Ja es gibt noch harte Bretter zu bohren aber das ficht mich nichts an
Jetzt leg dich ein wenig schlafen ich will derweil nach einem Bernerwägele
umschauen du kannst am Tag nicht mit mir reiten und wir brauchen ohnedies
eins«
»Ich kann nicht schlafen ich muss noch einen Brief nach Haldenbrunn
schreiben ich bin so fort und hab doch auch viel Gutes genossen da und hab
auch noch andre Sachen anzugeben«
»Ja mach das bis ich wieder komm«
Johannes ging davon und Amrei schaute ihm mit seltsamen Gedanken nach da
geht er und gehört doch zu dir und wie er so stolz geht Ist es denn möglich
dass es wahr ist er ist dein Er schaut nicht mehr um aber der Hund der mit
ihm geht Amrei winkt ihm und lockt ihn und richtig da kommt er zurück
gerannt Sie ging ihm vor das Haus entgegen und als er an ihr hinauf sprang
sagte sie »Ja ja schon gut es ist recht von dir dass du bei mir bleibst dass
ich nicht so allein bin aber jetzt komm herein ich muss schreiben«
Sie schrieb einen großen Brief an den Schultheiß in Haldenbrunn dankte der
ganzen Gemeinde für die Wohltaten die sie empfangen und versprach einstens
ein Kind aus dem Ort zu sich zu nehmen wenn sie es machen könne und
verpflichtete nochmals den Schultheiß dass man der schwarzen Marann ihr
Gesangbuch unter den Kopf lege Als sie den Brief zusiegelte presste sie ihre
Lippen dabei zusammen und sagte »So jetzt bin ich fertig mit dem was in
Haldenbrunn noch lebt« Sie riss aber doch schnell den Brief wieder auf denn sie
hielt es für Pflicht Johannes zu zeigen was sie geschrieben Dieser aber kam
lange nicht und Amrei errötete als die gesprächsame Wirtin sagte »Ihr Mann
hat wohl auf dem Amt zu tun« Dass Johannes zum Erstenmal ihr Mann genannt
wurde das traf sie tief ins Herz
Sie konnte nicht antworten und die Wirtin sah sie staunend an Amrei wusste
sich vor ihren seltsamen Blicken nicht anders zu flüchten als indem sie vor das
Haus ging und dort auf aufgeschichteten Brettern mit dem Hunde saß und auf
Johannes wartete Sie streichelte den Hund und schaute ihm tief glücklich in
die treuen Augen Kein Tier sucht und verträgt den anhaltenden Menschenblick
nur dem Hunde scheint das gegeben aber auch sein Auge zuckt bald und er
blinzelt gern aus der Ferne
Wie ist doch die Welt auf Einmal so rätselvoll und so offenbar
Amrei ging mit dem Hunde hinein in den Stall sah zu wie der Schimmel frass
und sagte »Ja lieber Silbertrab lass dirs nur schmecken und bring uns gut
heim und Gott gebe dass es uns Allen gut geht«
Johannes kam lange nicht und als sie ihn endlich sah ging sie auf ihn zu
und sagte »Gelt wenn du wieder was zu besorgen hast auf der Reise nimmst mich
mit«
»So Ist dirs bang geworden Hast gemeint ich wär davon Ha wie wärs
wenn ich dich jetzt da sitzen ließ und davon ritt«
Amrei zuckte zusammen dann sagte sie streng »Just witzig bist du nicht
Mit so Etwas seinen Spaß haben das ist zum Erbarmen einfältig Du dauerst mich
dass du das getan hast du hast dir damit was getan es ist bös wenn du es
weißt und bös wenn du es nicht weißt Du willst mir davon reiten und meinst
jetzt soll ich zum Spaß heulen Meinst du vielleicht weil du den Gaul hast und
Geld wärst du der Herr Nein dein Gaul hat uns Beide mitgenommen und ich bin
mit dir gegangen Wie meinst wenn ich den Spaß machen und sagen tät wie
wärs wenn ich dich da sitzen ließ Du dauerst mich dass du den Spaß gemacht
hast«
»Ja ja du sollst Recht haben aber hör doch jetzt einmal auf«
»Nein ich red so lang noch was in mir ist von einer Sache wo ich die
Beleidigte bin und an mir ist es von der Sache aufzuhören wenn ich will Und
dich selber hast du auch beleidigt Den der du sein sollst und der du auch bist
Wenn ein Anderes was sagt was nicht recht ist kann ich drüber weg springen
aber an dir darf kein Schmutzfleckchen sein und glaub mir mit so etwas Spaß
machen das ist grad wie wenn man mit dem Kruzifix da Puppe spielen wollte«
»Oho So arg ists nicht aber allem Anschein nach verstehst du keinen
Spaß«
»Ich versteh wohl das wirst du schon erfahren aber nicht mit so Etwas
und jetzt ists gut Jetzt bin ich fertig und denke nicht mehr dran«
Dieser kleine Zwischenfall zeigte Beiden schon früh dass sie bei aller
liebenden Hingebung sich doch vor einander zusammennehmen mussten und Amrei
fühlte dass sie zu heftig gewesen war und ebenso Johannes dass es ihm nicht
anstand mit der Verlassenheit Amreis und ihrer völligen Hingegebenheit an ihn
ein Spiel zu treiben Sie sagten das einander nicht aber Jedes fühlte es dem
Andern ab
Das kleine Morgenwölkchen das aufgestiegen war zerfloss bald vor der
helldurchbrechenden Sonne und Amrei jubelte wie ein Kind als ein schönes
grünes Bernerwägelein kam mit einem halbrunden gepolsterten Sitz drauf Noch
bevor angespannt war setzte sie sich hinauf und klatschte in die Hände vor
Freude »Jetzt musst mich nur noch fliegen machen« sagte sie zu Johannes der
den Schimmel einspannte »ich bin mit dir geritten jetzt fahr ich und nun
bleibt nichts als Fliegen«
Und im hellen Morgen fuhren sie auf schöngebahnter Straße dahin Dem
Schimmel schien das Fahren leicht und Lux bellte vor Freude immer vor ihm her
»Denk nur Johannes« sagte Amrei nach einer Strecke »denk nur die
Wirtin hat mich schon für deine Frau gehalten«
»Und das bist du schon und darum frag ich nichts danach was sie Alle dazu
sagen mögen Du Himmel und ihr Lerchen und ihr Bäume und ihr Felder und Berge
Schaut her das ist mein Weible Und wenn sie zankt ist sie grad so lieb wie
wenn sie Einem was Schönes sagt O meine Mutter ist eine weise Frau o die hats
gewusst sie hat gesagt ich soll darauf achten wie sie im Zorn weint da kommt
der inwendige Mensch heraus Das war ein lieber scharfer schöner böser der
heute bei dir herausgekommen ist wie du dort gezankt hast Jetzt kenn ich die
ganze Sippschaft die in dir steckt und sie ist mir recht O du ganze weite
Welt Ich dank dir dass du da bist du Alles Alles Welt Ich frag dich hast
du so lang du stehst so ein lieb Weible gesehen Juchhe juchhe«
Und wo Einer am Wege ging an dem man vorbei fuhr fasste Johannes Amrei an
und rief »Schau schau das ist mein Weible« bis ihn Amrei dringend bat das
zu lassen er aber sagte »Ich weiß mir vor Freude nicht zu helfen Ich könnte
es der ganzen Welt zurufen dass Alles mit mir jubelt und ich weiß gar nicht
wie können die Menschen da nur noch zu Acker fahren und Holz spalten und Alles
und wissen nicht wie selig ich bin«
Amrei sah eine arme Frau am Wege gehen knüpfte schnell ein Paar ihrer so
sehr geliebten Schuhe ab und warf sie der Armen hin die den Davoneilenden
staunend nachsah und dankte Es berührte Amrei wie eine selige Empfindung dass
sie zum Erstenmal in ihrem Leben eine Wertsache die sie selber noch wohl
brauchen konnte verschenkt hatte Anfangs als sie es so rasch weggegeben und
darüber nachsann dachte sie vor Allem nur daran und das kam noch oft wieder
wie viel eigentlich die Schuhe wert gewesen seien das Besitztum wollte sich
nicht leicht ablösen von ihr sie hatte es zu fest in Gedanken besessen und sie
dachte gar nicht mehr daran wie viel sie eigentlich an der schwarzen Marann
getan dass sie die Schuhe hergegeben erschien ihr als ihre erste Wohltat
und die Empfindung derselben beglückte sie gewiss noch mehr als die Empfängerin
sie lächelte immer vor sich hin sie hatte ein geheimes Geschenk in der Seele
das ihr Herz in Freuden hüpfen machte und als sie Johannes fragte »Was hast
denn Warum lachst denn immer so wie ein Kind im Schlaf« sagte sie
»O Gott es ist ja auch Alles wie ein Traum Ich kann jetzt herschenken Ich
gehe in Gedanken noch jetzt immer mit der Frau und weiß wie sie sich freut«
»Das ist brav dass du gern schenkst«
»O was will denn das heißen im Glück herschenken das ist wie wenn ein
volles Glas überfliesst ich bin so voll ich möcht gern Alles herschenken ich
möcht auch wie du gern alle Menschen anrufen Ich meine ich könnte sie alle
speisen und tränken Ich meine ich säße an einer langen Hochzeittafel ganz
allein mit dir und ich bin so voll ich kann gar nichts essen ich bin satt«
»Ja ja das ist gut« sagte Johannes »Aber schenke keine von deinen
Schuhen mehr weg Wenn ich sie ansehe denk ich an die vielen schönen guten
Jahre die drin stecken da kannst du viele schöne Jahre herumlaufen bis sie
zerrissen sind«
»Wie kommst du jetzt darauf Wieviel hundertmal hab ich das gedacht wenn
ich die Schuhe angesehen hab Aber jetzt erzähl mir auch von deinem Daheim
sonst schwätz ich immer von mir Erzähl«
Das tat Johannes gern und während er erzählte und Amrei mit weit offenen
Augen zuhörte tanzte mitten durch Alles in ihrem Geist immer ein glückseliges
Bild neben her das war die Arme am Wege in den geschenkten neuen Schuhen
Nachdem Johannes die Menschen daheim geschildert rühmte er vor Allem das
Vieh und sagte »Das ist Alles so wohlgenährt und gesund und rund dass kein
Tropfen Wasser drauf stehen bleibt«
»Mir wills gar nicht in den Sinn« sagte Amrei »dass ich auf Einmal so
reich sein soll Wenn ich bedenke dass ich selber so viel eigene Felder und Kühe
und Mehl und Schmalz und Obst und Kisten und Kasten haben soll da mein ich
ich hätte bisher mein Lebenlang geschlafen und wäre jetzt auf Einmal
aufgewacht Nein nein das ist nicht so Mir kommt es schrecklich vor dass ich
auf Einmal für so Vieles verantwortlich sein soll Gelt deine Mutter hilft mir
noch Sie ist ja noch gut bei der Hand Ich weiß gar nicht wie mans macht dass
ich nicht Alles an die Armen verschenke aber nein das geht nicht es ist ja
nicht mein Ich habs ja auch nur geschenkt«
»Almosengeben armet nicht ist ein Sprüchwort meiner Mutter« erwiderte
Johannes
Es lässt sich nicht sagen mit welchem Jubel die beiden Liebenden
dahinfuhren Jedes Wort machte sie glücklich Als Amrei fragte »Habt ihr auch
Schwalben am Haus« und Johannes dies bejahte mit dem Beisatze dass sie auch ein
Storchennest hätten da war Amrei ganz glücklich und ahmte das
Storchengeschnatter nach und schilderte gar lustig wie der Storch mit
ernstaftem Gesicht auf einem Bein stehe und von oben herunter in sein Haus
schaue
War es eine Verabredung oder war es die innere Macht des Augenblicks Sie
sprachen nichts davon wie nun die eigentliche Auffahrt und das Eintreten ins
elterliche Haus vor sich gehen sollte bis sie gegen Abend in den Amtsbezirk
kamen in dem Zusmarshofen lag Erst jetzt als Johannes schon einigen Leuten
begegnete die ihn kannten ihn grüßten und ihn verwundert anschauten erklärte
er Amrei dass er sich zweierlei ausgedacht habe wie man die Sache am besten
anfange Entweder wolle er Amrei zu seiner Schwester bringen die hier abseits
wohnte man sah den Kirchturm ihres Dorfes hinter einem Vorberge er wollte
dann allein nach Hause und Alles erklären oder er wolle Amrei gleich mit ins
Haus nehmen das heißt sie sollte eine Viertelstunde vorher absteigen und als
Magd ins Haus kommen
Amrei zeigte ihre ganze Klugheit indem sie auseinandersetzte was zu diesem
Verfahren bestimme und was daraus hervorgehen könne Halte sie sich bei der
Schwester auf so hätte sie zuerst eine Person zu gewinnen die nicht die
entscheidende sei und es könnte allerlei Hin und Herzerrereien geben die nicht
zu berechnen wären abgesehen davon dass es in späteren Zeiten immer eine
missliche Erinnerung und in der ganzen Umgegend ein Gerede bleibe dass sie sich
nicht geradezu ins Haus gewagt habe Da scheine der zweite Weg besser Aber es
gehe ihr wider die Seele mit einer Lüge ins Hans zu kommen Freilich habe ihr
die Mutter vor Jahren versprochen sie in Dienst zu nehmen aber sie wolle ja
jetzt nicht in Dienst und es sei wie ein Diebstahl wenn sie sich in die Gunst
der Eltern einschleichen wolle und sie wisse gewiss dass sie in dieser
Verlarvung Alles ungeschickt täte Sie könne dabei nicht gradaus sein und wenn
sie dem Vater nur einen Stuhl stellen wolle werfe sie ihn gewiss um denn sie
müsse immer dabei denken du tusts um ihn zu hintergehen Und wenn alles Das
auch noch ginge wie sie denn vor den Dienstleuten erscheinen müsse wenn sie
später hören dass die Meisterin sich als Magd ins Haus eingeschmuggelt habe und
sie könne mit Johannes während der ganzen Zeit kein Wort reden
Diese ganze Auseinandersetzung schloss sie mit den Worten »Ich hab dir das
Alles nur gesagt weil du auch meine Gedanken hören willst und wenn du Etwas
mit mir überlegst so muss ich doch frei herausreden ich sage dir aber auch
gleich was Du willst wenn du es fest sagst so tue ich es und wenn du sagst
so tu ichs auch Ich folge dir ohne Widerrede und ich wills so gut machen
als ich kann was du mir auferlegst«
»Ja ja du hast Recht« sagte Johannes im schweren Besinnen »es ist Beides
ein ungerader Weg der erste weniger und wir sind jetzt schon so nahe dass wir
uns schnell besinnen müssen Siehst du dort die Waldblösse da drüben auf dem Berg
mit der kleinen Hütte Du siehst auch die Kühe so ganz klein wie Käfer Da ist
unsere Frühalm da will ich unsern Dami hinsetzen«
Staunend sagte Amrei »O Gott wohin wagen sich nicht die Menschen Das muss
aber ein gut Grasgelände sein«
»Freilich aber wenn mir der Vater das Gut übergibt führe ich doch mehr
Stallfütterung ein es ist nützlicher aber die alten Leute bleiben gern beim
Alten Ach Was schwätzen wir da Wir sind jetzt schon so nah Hätten wir uns
nur früher besonnen Mir brennt der Kopf«
»Bleib nur ruhig wir müssen uns in Ruhe besinnen ich habe schon eine Spur
wies zu machen wär nur noch nicht ganz deutlich«
»Was Wie meinst«
»Nein besinn du dich vielleicht kommst du selber drauf Es gehört dir
dass dus einrichtest und wir sind jetzt Beide so in Wirrwar dass wir einen Halt
dran haben wenn wir Beide zugleich draufkommen«
»Ja mir fällt schon was ein Da im zweitnächsten Ort ist ein Pfarrer den
ich gut kenne der wird uns am besten raten Aber halt So ists besser Ich
bleib unten im Tal beim Müller und du gehst allein hinauf auf den Hof zu
meinen Eltern und sagst ihnen Alles gradaus rund und klein Meine Mutter hast
du gleich an der Hand aber du bist ja gescheit du wirst auch den Vater so
herumkriegen dass du ihn um den Finger wickelst So ist Alles besser Wir
brauchen nicht zu warten und haben keine fremden Menschen zu Hilfe genommen Ist
dir das recht Ist dir das nicht zu viel«
»Das ist auch ganz mein Gedanke gewesen Aber jetzt wird nichts mehr
überlegt gar nichts das steht fest wie geschrieben und das wird ausgeführt
und frisch ans Werk macht den Meister So ists recht O du weißt gar nicht
was du für ein lieber guter prächtiger ehrlicher Kerl bist«
»Nein du Aber es ist jetzt Eins wir sind jetzt Beide zusammen ein einziger
braver Mensch und das wollen wir bleiben Da guck hier gib mir die Hand so
da die Wiese ist unser erstes Feld Grüß Gott Weible so jetzt bist du daheim
Und Juchhe da ist unser Storch und fliegt auf Storch Sag grüß Gott Da ist
die neue Meisterin Ich will dir später schon noch mehr sagen Jetzt Amrei
mach nur nicht so lang oben und schick mir gleich Eins in die Mühle wenn der
Rossbub daheim ist am besten den der kann springen wie ein Has So siehst du
dort das Haus mit dem Storchennest und die zwei Scheuern dort am Berg links vom
Wald Es ist eine Linde am Haus siehst dus«
»Ja«
»Das ist unser Haus Jetzt komm steig ab du kannst den Weg jetzt nicht
mehr fehlen«
Johannes stieg ab und half auch Amrei von dem Wagen und diese hielt das
Halsgeschmeide das sie in die Tasche gesteckt hatte wie einen Rosenkranz
zwischen den gefalteten Händen und betete leise Auch Johannes zog den Hut ab
und seine Lippen bewegten sich
Die Beiden sprachen kein Wort mehr und Amrei ging voraus Johannes stand
noch lange an den Schimmel gelehnt und schaute ihr nach Jetzt wendete sie sich
und scheuchte den Hund zurück der ihr gefolgt war er wollte aber nicht gehen
rannte ins Feld abseits und wieder zu ihr bis Johannes ihm pfiff dann erst
kam das Tier zurück
Johannes fuhr nach der Mühle und hielt dort an Er hörte dass sein Vater vor
einer Stunde da gewesen sei um ihn hier zu erwarten er sei aber wieder
umgekehrt Johannes freute sich dass sein Vater wieder wohl auf den Beinen war
und dass Amrei nun beide Eltern zu Hause träfe Die Leute in der Mühle wussten
nicht was das mit Johannes war dass er bei ihnen anhielt und doch fast auf kein
Wort hörte Er ging bald in das Haus bald aus demselben bald auf den Weg nach
dem Hofe bald kehrte er wieder zurück Denn Johannes war voll Unruhe er zählte
die Schritte die Amrei ging Jetzt war sie an diesem Felde und jetzt an
diesem jetzt am Buchenhage jetzt sprach sie mit den Eltern Es ließ sich
doch nicht ausdenken wie es war
Und plötzlich war Johannes aus der Mühle verschwunden und das Fuhrwerk blieb
zurück
18 Das erste Herdfeuer
Amrei war unterdes wie traumverloren dahin gegangen Sie schaute wie fragend
nach den Bäumen auf die stehen so ruhig auf dem Fleck und die werden so stehen
und auf dich niederschauen Jahre Jahrzehnte dein ganzes Leben lang als deine
Lebensgenossen und was wirst du derweil erfahren
Amrei war aber doch schon so alt geworden dass sie nicht mehr nach einem
Halt in der Außenwelt tastete Es war schon lange seitdem sie mit dem
Vogelbeerbaum gesprochen hatte Sie wollte ihre Gedanken wegbannen von Allem
was sie umgab und doch starrte sie wieder hinein in die Felder die ihr eigen
werden sollten und wollte sich immer vordenken was nun kommen sollte Eintritt
und Empfang Anrede und Antwort hin und her Wie ein Wirrwarr von tausend
Möglichkeiten schwirrte Alles um sie her und sie sagte endlich fast laut und
der Silbertrabwalzer spielte sich ihr im Kopfe »Was da was da vorher
besinnen Wenn aufgespielt wird tanz ich Hopser oder Walzer Ich weiß nicht
wie ich die Füße setze sie tuns allein und ich kann mirs nicht denken und
ich will mirs nicht denken wie ich vielleicht in einer Stunde den Weg da
wieder zurückkehre und die Seele ist mir aus dem Leibe genommen und ich muss
doch gehen einen Schritt nach dem andern Genug Jetzt lass kommen was kommen
will ich bin ja auch dabei«
Und es lag noch mehr als diese ausgesprochene Zuversicht in ihrem Wesen sie
hatte nicht umsonst von Kindheit an Rätsel gelöst und von Tag zu Tag mit dem
Leben gerungen Die ganze Kraft dessen was sie geworden ruhte still und
sichertreffend in ihr Ohne weitere Frage wie man einer Notwendigkeit entgegen
geht still in sich zusammengefasst ging sie mutig und festen Schrittes dahin
Sie war noch nicht weit gegangen da saß ein Bauer mit einem roten
Schleedornstock zwischen den Füßen und beide Hände und das Kinn darauf stützend
am Weg
»Grüß Gott« sagte Amrei »tut das Ausruhen gut«
»Ja Wohin willst«
»Dahinauf auf den Hof Wollet Ihr mit Ihr könnt Euch an mir führen«
»Ja so ists« grinste der Alte »vor dreißig Jahren wäre mir das lieber
gewesen wenn mir so ein schönes Mädle das gesagt hätte da wäre ich gesprungen
wie ein Füllen«
»Zu denen die springen können wie die Füllen sagt man das aber nicht«
lachte Amrei
»Du bist reich« sagte der Alte der eine müßige Unterhaltung am heißen
Mittag zu lieben schien Er nahm vergnüglich eine Prise aus seiner Horndose
»Woher seht Ihr dass ich reich bin«
»Deine Zähne sind zehntausend Gulden wert es gäbe Mancher zehntausend
Gulden drum wenn er sie im Maul hätte«
»Ich hab jetzt keine Zeit zum Spassen Behüt Euch Gott«
»Wart nur ich geh mit aber musst nicht schnell laufen«
Amrei half nun dem Alten behutsam auf und der Alte sagte »Du bist stark«
Er hatte sich in seiner neckischen Weise noch schwerer und unbehülflicher
gemacht als er war Im Gehen fragte er jetzt »Zu wem willst du denn auf dem
Hof«
»Zum Bauern und zu der Bäuerin«
»Was willst du denn von ihnen«
»Das will ich ihnen selber sagen«
»Wenn du was geschenkt haben willst da kehr lieber gleich wieder um die
Bäuerin gäb dir schon aber sie ist über Nichts Meister und der Bauer der ist
zäh der hat ein Sperrholz im Genick und einen steifen Daumen dazu«
»Ich will nichts geschenkt ich bring ihnen was« sagte Amrei
Es begegnete den Beiden ein älterer Mann der mit der Sense ins Feld ging
und der Alte neben Amrei rief ihn an und fragte ihn mit seltsamem Augenzwinkern
»Weißt nicht ist der geizige Landfriedbauer nicht daheim« »Ich glaub aber
ich weiß es nicht« lautete die Antwort des Mannes mit der Sense und er ging
davon feldein Es zuckte etwas in seinem Gesichte und noch jetzt als er so
hinwandelte schüttelte es ihm den Rücken auf und nieder er lachte offenbar und
Amrei schaute starr in das Antlitz ihres Begleiters und gewahrte die Schelmerei
darin und plötzlich erkannte sie in den eingefallenen Zügen die jenes Mannes
dem sie einst auf dem Holderwasen zu trinken gegeben hatte und leise mit den
Fingern schnalzend dachte sie »Wart dich krieg ich« und laut sagte sie
»das ist schlecht von Euch dass ihr so von dem Bauer redet zu einem Fremden
wie ich das Ihr nicht kennet und das vielleicht eine Verwandte von ihm ist
und es ist auch gewiss gelogen was Ihr sagt freilich soll der Bauer zäh sein
aber wenns drauf ankommt hat er gewiss auch ein rechtschaffenes Herz und hängt
nur nicht an die große Glocke was er Gutes tut und wer so brave Kinder hat
wie man die Seinen berühmt der muss auch rechtschaffen sein und es kann sein
er macht sich vor der Welt gern schlecht weil es ihm nicht der Mühe wert ist
was Andere von ihm denken und ich kann ihm das nicht übel nehmen«
»Du hast dein Maul nicht vergessen Woher bist denn«
»Nicht aus der Gegend vom Schwarzwald her«
»Wie heißt der Ort«
»Haldenbrunn«
»So Und du bist zu Fuß daher gekommen«
»Nein es hat mich unterwegs Einer mitfahren lassen es ist der Sohn von dem
Bauern da Ein gerader braver Mensch«
»So Ich hätte dich in seinen Jahren auch mitfahren lassen«
Man war am Hofe angekommen und der Alte ging mit Amrei in die Stube und
rief »Mutter wo bist«
Die Frau kam aus der Kammer und die Hand Amreis zuckte sie wäre ihr gern
um den Hals gefallen aber sie konnte nicht sie durfte nicht und der Alte
sagte unter herzerschütterndem Lachen »Denk nur Bäuerin das ist ein Mädle aus
Haldenbrunn und es hat dem Landfriedbauer und der Bäuerin was zu sagen aber
mir wills nichts davon kund geben Jetzt sag du wie man mich heißt«
»Das ist ja der Bauer« sagte die Bäuerin nahm als Zeichen des Willkomms
dem Alten den Hut vom Kopfe und hing den Hut an das Ofengeländer
»Ja merksts jetzt« sagte der Alte triumphierend gegen Amrei »jetzt sag
was du willst«
»Setz dich« sagte die Mutter und wies Amrei auf einen Stuhl Mit schwerem
Atemholen begann diese nun
»Ihr könnt mirs glauben dass kein Kind mehr hat an Euch denken können als
ich schon vorher schon vor den letzten Tagen Erinnert Ihr Euch des
Josenhansen am Weiher wo der Fahrweg gegen Endringen geht«
»Freilich freilich« sagten die beiden Alten
»Und ich bin des Josenhansen Tochter«
»Guck ist mir doch gewesen als ob ich dich kenn« sagte die Alte »Grüß
Gott« Sie reichte die Hand und fuhr fort »Bist ein starkes saubres Mädle
geworden Jetzt sag was führt dich denn so weit daher«
»Sie ist ein Stück mit unserm Johannes gefahren« sprach der Bauer
dazwischen »er kommt bald nach«
Die Mutter erschrak sie ahnte Etwas und erinnerte ihren Mann dass sie
damals als Johannes weggeritten sei an des Josenhansen Kinder gedacht habe
»Und ich habe ja auch noch ein Andenken von Euch Beiden« sagte Amrei und
holte den Anhenker und ein eingewickeltes Geldstück aus der Tasche »Das da habt
Ihr mir damals geschenkt wie Ihr zum Letztenmal im Ort gewesen seid«
»Guck und hast mich angelogen und hast gesagt du habest es verloren«
schalt der Bauer zu seiner Frau
»Und da« fuhr Amrei fort ihm den eingewickelten Groschen hinreichend »da
ist das Geldstück das Ihr mir geschenkt habt wie ich auf dem Holderwasen die
Gänse gehütet und Euch am Brunnen Wasser geschöpft hab«
»Ja ja ist Alles richtig aber was soll denn jetzt das Alles Was dir
geschenkt ist kannst du behalten« sagte der Bauer
Amrei stand auf und sagte »Ich habe aber jetzt noch eine Bitte lasset mich
ein paar Minuten reden ganz frei Darf ich«
»Ja warum nicht«
»Schaut Euer Johannes hat mich mitnehmen wollen und zu Euch bringen als
Magd und ich hätt auch gern bei Euch gedient zu andern Zeiten lieber als
sonstwo aber jetzt wärs unehrlich gewesen und gegen Wen ich mein Lebenlang
ehrlich sein will Dem will ich nicht zum Erstenmal unehrlich mit einer Lüge
gekommen sein Jetzt muss Alles sonnenklar sein Mit Einem Wort der Johannes und
ich wir haben uns von Grund des Herzens gern und er will mich zur Frau haben
«
»Oha« schrie der Bauer und stand rasch auf man hätte es deutlich sehen
können dass seine frühere Unbeholfenheit nur geheuchelt war »Oha« schrie er
nochmals als ob ihm ein Gaul durchginge Die Mutter aber hielt ihn bei der Hand
fest und sagte »Lass sie doch ausreden«
Und Amrei fuhr fort
»Glaubet mir ich bin gescheit genug und ich weiß dass man Eines nicht aus
Mitleid zur Schwiegertochter machen kann Ihr könnt mir was schenken viel
schenken aber zur Schwiegertochter machen aus Barmherzigkeit das kann man
nicht und das will ich auch nicht Ich habe keinen Groschen Geld ei ja doch
den Groschen den Ihr mir auf dem Holderwasen geschenkt habt den hab ich noch
es hat ihn Niemand für einen Groschen nehmen wollen« sagte sie zum Bauer
gewendet und dieser musste unwillkürlich lächeln »Ich habe nichts ja noch
mehr ich habe einen Bruder der wohl gesund und stark ist für den ich aber
doch noch sorgen muss und ich habe die Gänse gehütet und war das Geringste im
Ort das ist Alles aber das geringste Unrecht kann man mir auch nicht
nachsagen und das ist auch wieder Alles und was dem Menschen eigentlich von
Gott gegeben ist darin sag ich zu jeder Prinzessin ich stell mich um kein
Haar breit gegen dich zurück und wenn du sieben goldene Kronen auf dem Kopf
hast Es wäre mir lieber es tät ein Anderes für mich reden ich red nicht
gern aber ich hab mein Lebenlang für mich allein Annehmer sein müssen und
tue es heut zum Letztenmal wo es sich entscheidet über Leben und Tod Heißt
das versteht mich nicht falsch wollt Ihr mich nicht so gehe ich in Ruhe fort
ich tue mir kein Leid an ich springe nicht ins Wasser und ich hänge mich
nicht ich suche mir wieder einen Dienst und will Gott danken dass mich einmal
so ein braver Mensch hat zur Frau haben wollen und will annehmen es ist Gottes
Wille nicht gewesen « Die Stimme Amreis zitterte und ihre Gestalt wurde
größer und ihre Stimme wurde mächtiger als sie sich jetzt zusammennahm und
rief »Aber prüfet Euch fraget Euch tief im Herzensgrund ob das Gottes Wille
ist was Ihr tut Weiter sage ich nichts«
Amrei setzte sich nieder Alle drei waren still und der Alte sagte »Du
kannst ja predigen wie ein Pfarrer« Die Mutter aber trocknete sich die Augen
mit der Schürze und sagte »Warum nicht die Pfarrer haben auch nicht mehr als
Ein Hirn und Ein Herz«
»Ja du« höhnte der Alte »du hast ja auch so was Geistliches wenn man dir
mit so ein paar Reden kommt da bist du gleich gekocht«
»Und du tust wie wenn du nicht gar werden wolltest vor deinem Ende« sagte
die Bäuerin im Trotze
»So« höhnte der Alte »Guck du Heilige vom Unterland du bringst schönen
Frieden in unser Haus Jetzt hasts gleich fertig gebracht dass Die da scharf
gegen mich aufsjetzt die hast du schon gefangen Nun ihr werdet warten können
bis mich der Tod gestreckt hat dann könnt ihr ja machen was ihr wollt«
»Nein« rief Amrei »das will ich nicht so wenig ich will dass mich der
Johannes zur Frau nehme ohne Euren Segen so wenig will ich dass die Sünde in
unseren Herzen sei dass wir Beide auf Euren Tod warten Ich habe meine Eltern
kaum gekannt ich kann mich ihrer nicht mehr erinnern ich habe sie nur lieb
wie man Gott lieb hat ohne dass man ihn je gesehen hat Aber ich weiß doch auch
was Sterben ist Gestern in der Nacht hab ich der schwarzen Marann die Augen
zugedrückt ich habe ihr mein Lebenlang getan was sie gewollt hat und jetzt
wo sie tot ist da habe ich doch schon oft denken müssen wie manchmal bist du
unwillig und herb gegen sie gewesen wie hättest du ihr noch manches Gute tun
können und jetzt liegt sie da und jetzt ists vorbei du kannst nichts mehr
tun und nichts mehr abbitten Ich weiß was Sterben ist und will nicht «
»Aber Ich will« schrie der Alte und ballte die Fäuste und knirschte die
Zähne »Aber Ich will« schrie er nochmals »Da bleibst und unser bist Und
jetzt mag kommen was da will mag reden wer da will Du kriegst meinen
Johannes und keine Andere«
Die Mutter rannte auf den Alten los und umarmte ihn und dieser der das gar
nicht gewohnt war rief unwillkürlich »Was machst du da«
»Dir einen Kuss geben du verdiensts du bist braver als du dich geben
willst«
Der Alte der während der ganzen Zeit eine Prise zwischen den Fingern
gehabt wollte die Prise nicht verschwenden er schnupfte sie daher schnell und
sagte »Nun meinetwegen« dann aber setzte er hinzu »Aber jetzt hast du den
Abschied ich habe eine viel Jüngere und von der schmeckts viel besser Komm
her du verstellter Pfarrer«
»Ich komm schon aber ruft mich zuerst bei meinem Namen«
»Ja wie heißt du denn«
»Das brauchet Ihr nicht zu wissen Ihr könnt mir ja selber einen Namen
geben wisst schon welchen«
»Du bist gescheit Nun meinetwegen so komm her Söhnerin Ist dir der Name
recht«
Und als Antwort flog Amrei aus ihn zu
»Und ich ich werde gar nicht gefragt« schalt die Mutter in heller
Glückseligkeit und der Alte war ganz übermütig geworden in seiner Freude Er
nahm Amrei an der Hand und sagte in nachspottendem Predigertone
»Nun frage ich Sie wohlehrsame Kordula Katarina genannt Landfriedbäuerin
wollen Sie hier diese« er fragte das Mädchen bei Seite »ja wie heißt du denn
eigentlich mit dem Taufnamen«
»Amrei«
Und der Alte fuhr fort in gleichem Tone »Wollen Sie hier diese Amrei
Josenhans von Haldenbrunn zu Ihrer Schwiegertochter annehmen sie nicht zu Worte
kommen lassen wie Sie bei Ihrem Manne tun sie schlecht füttern ausschimpfen
unterdrücken und überhaupt was man so nennt in das Haus metzgen«
Der Alte schien wie närrisch es war etwas ganz Seltsames mit ihm
vorgegangen und während Amrei an dem Halse der Mutter hing und gar nicht von ihr
los lassen wollte schlug der Alte mit seinem Rotdornstock auf den Tisch und
schrie polternd »Wo bleibt denn der nichtsnutzige Bub der Johannes Schickt
uns der Bursch seine Braut auf den Hals und fährt derweil in der Welt herum Ist
das erhört«
Jetzt riss sich Amrei los und sagte dass man sogleich den Rossbub oder ein
Anderes nach der Mühle schicken solle dort warte Johannes
Der Vater behauptete er müsse mindestens noch drei Stunden da in der Mühle
zappeln das müsse seine Strafe sein weil er sich so feig hinter die Schürze
versteckt habe Wenn er heimkehre müsse man ihm eine Haube aufsetzen überhaupt
wollte er ihn jetzt noch gar nicht dahaben denn wenn der Johannes da sei da
habe er nichts mehr von der Braut und es sei ihm schon jetzt ärgerlich wenn er
an das Getue denke
Die Mutter wusste sich indes hinauszuschleichen und wollte den schnellfüssigen
Rossbuben nach der Mühle schicken aber sie traf hier auf Johannes der auf
Umwegen Amrei nachgegangen war Er hatte sie doch nicht allein den Wechselfällen
der Entscheidung aussetzen wollen Jetzt musste er sich auf den Wunsch der Mutter
nochmals verstecken um dem Vater seine Freude zu lassen
Die Mutter kehrte in die Stube zurück und sie erinnerte daran dass doch
Amrei auch was essen müsse Sie wollte schnell einen Eierkuchen machen aber
Amrei bat dass sie ihr gestatte das erste Feuer im Hause das ihr was bereite
selber anzuzünden zugleich auch um den Eltern Etwas zu kochen
Es wurde ihr willfahrt und die beiden Alten gingen mit ihr in die Küche und
sie wusste Alles so geschickt anzufassen sah mit einem Blicke wo Alles stand
und hatte fast gar nichts zu fragen und Alles was sie tat tat sie so fest
und so zierlich dass der Alte immer seiner Frau zunickte und einmal sagte »Die
ist in der Haushaltung auf Noten eingespielt die kann Alles vom Blatt weg wie
der neue Schullehrer«
Am hell lodernden Feuer standen die Drei als Johannes herzutrat Und Heller
loderte die Flamme nicht auf dem Herde als die innerste Glückseligkeit in den
Augen Aller glänzte Der Herd mit seinem Feuer ward zum heiligen Altar um den
andächtige Menschen standen die doch nur lachten und einander neckten
19 Geheime Schätze
Amrei wusste sich im Hause bald so heimisch zu machen dass sie schon am zweiten
Tage darin lebte als wäre sie von Kindheit an hier aufgewachsen und der Alte
träppelte ihr überall nach und schaute ihr zu wie sie Alles so geschickt
aufnahm und so stet und gemessen vollführte ohne Hast und ohne Rast
Es gibt Menschen die wenn sie gehen und nur das Kleinste holen einen
Teller einen Krug da scheuchen sie die Gedanken aller Sitzenden auf sie
schleppen so zu sagen Blick und Gedanken der Sitzenden und Zuschauenden mit sich
herum Amrei dagegen verstand Alles so zu tun und zu leisten dass man bei ihrem
Hantieren die Ruhe nur um so mehr empfand und ihr für Jegliches nur um so
dankbarer war
Wie oft und oft hatte der Bauer darüber gescholten dass allemal wenn man
Salz brauche Eines vom Tische aufstehen müsse Amrei deckte den Tisch und auf
das ausgebreitete Tischtuch stellte sie immer zuerst das Salzfass Als der Bauer
Amrei darüber lobte sagte die Bäuerin lächelnd »Du tust jetzt als ob du
vorher gar nicht gelebt hättest als ob du Alles hättest ungesalzen und
ungeschmalzen essen müssen« und der Johannes erzählte dass man Amrei auch die
Salzgräfin hieße und fügte dann die Geschichte von dem König und seiner Tochter
hinzu
Das war ein glückseliges Beisammensein in der Stube im Hof und auf dem
Felde und der Bauer sagte immer es habe ihm seit Jahren das Essen nicht so
geschmeckt wie jetzt und er ließ sich von Amrei drei viermal des Tages zu
ganz ungewöhnlichen Zeiten Etwas herrichten und sie musste bei ihm sitzen bis er
gegessen hatte
Die Bäuerin führte Amrei mit innerstem Behagen in den Milchkeller und in die
Vorratskammern und auch einen großen buntgemalten Schrank voll schön
geschichteter Leinwand öffnete sie und sagte »Das ist deine Aussteuer es fehlt
nichts als die Schuhe Mich freuts besonders dass du dir deine Dienstschuhe so
aufgespart hast Ich habe da meinen besonderen Aberglauben«
Wenn Amrei sie über Alles fragte wie es bisher im Hause gehalten worden
nickte sie und schluckte dabei vor Behagen sie drückte aber ihre Freude als
solche nicht aus sondern nur in dem ganzen anheimelnden Ton mit dem die
gewöhnlichsten Dinge gesprochen wurden lag die Freude selbst als innewohnender
Herzschlag Und als sie nun begann Barfüßele Einzelnes im Hauswesen zu
übergeben sagte sie »Kind ich will dir was sagen wenn dir was im Hauswesen
nicht gefällt an der Ordnung wies bis jetzt gewesen ist machs nur ohne Scheu
anders wie dirs ansteht ich gehöre nicht zu denen die meinen wie sies
eingerichtet haben so müsse es ewig bleiben und da ließe sich gar nichts daran
ändern Du hast freie Hand und es wird mich freuen wenn ich frischen Vorspann
sehe Aber wenn du mir folgen willst ich rat dirs zu Gutem tus nach und
nach«
Das war eine wohltuende Empfindung in der sich geistig und körperlich
jugendfrische und allbewährte Kraft die Hand reichten indem Amrei von Grund des
Herzens erklärte dass sie Alles wohlbestellt finde und dass sie hochbeglückt und
beseligt sein werde wenn sie einst als alterlebte Mutter das Hauswesen in einem
solchen Zustande wie jetzt zeigen könne
»Du denkst weit hinaus« sagte die Alte »Aber das ist gut wer weit vor
denkt denkt auch weit zurück und du wirst mich nicht vergessen wenn ich einmal
nicht mehr bin«
Es waren Boten ausgegangen um den Söhnen und dem Schwiegersohne des Hauses
das Familienereigniss anzukündigen und sie auf nächsten Sonntag nach Zusmarshofen
zu entbieten und seitdem träppelte der Alte immer noch mehr um Amrei herum er
schien Etwas auf dem Herzen zu haben und es wurde ihm schwer es
herauszubringen
Man sagt von vergrabenen Schätzen dass ein schwarzes Untier darauf hockt
und in den heiligen Nächten erscheint auf der Oberfläche wo solch ein Schatz
begraben ist ein blaues Flämmchen und ein Sonntagskind kann es sehen und wenn
es sich dabei ruhig und unerschütterlich verhält kann es den Schatz heben Man
hätte es nicht glauben sollen dass in dem alten Landfriedbauer auch solch ein
Schatz vergraben wäre und darauf hockte der schwarze Trotz und die
Menschenverachtung und Amrei sah das blaue Flämmchen darüber schweben und sie
wusste sich so zu verhalten dass sie den Schatz erlöste Es ließ sich nicht
sagen wie sies dem Alten angetan dass er das sichtliche Bestreben hatte vor
ihr als besonders gut und treumeinend zu erscheinen schon dass er sich um ein
armes Mädchen so viel Mühe gab das war ja fast ein Wunder Und nur das war
Amrei klar er wollte es seiner Frau nicht gönnen dass sie allein als die
Gerechte und Liebreiche erschien und er als der Bissige und Wilde vor dem man
sich fürchten müsse und eben das dass Amrei bevor sie ihn erkannt ihm gesagt
hatte sie glaube es sei ihm nicht der Mühe wert vor den Menschen gut zu
erscheinen eben das machte ihm das Herz auf Er wusste so oft er sie allein
traf jetzt so viel zu reden es war als hätte er alle seine Gedanken in einem
Spartopf gehabt den er nun aufmachte und da waren gar wunderliche alte
abgeschätzte Münzen große Denkmünzen die gar nicht im Umlauf sind die nur bei
denkwürdigen Gelegenheiten geprägt wurden auch unvergriffene und zwar ganz von
Silber ohne Kupferzutat Er konnte seine Sache nicht so gut vorbringen wie
damals die Mutter zu Johannes Seine Sprache war steif in allen Gelenken aber
er wusste doch Alles zu treffen und er benahm sich fast als ob er der Annehmer
Amreis gegen die Mutter sein müsse und es war nicht uneben als er ihr sagte
»Schau die Bäuerin ist die gut Stund selber aber die gut Stund ist noch
nicht gut Tag gute Woch und gut Jahr Es ist halt ein Weibsbild bei denen ist
immer Aprilwetter und ein Weibsbild ist nur ein halber Mensch darauf besteh
ich und da bringt mich Keines davon«
»Ihr redet uns schönes Lob nach« sagte Amrei
»Ja es ist wahr« sagte der Alte »ich red ja zu Dir aber wie gesagt die
Bäuerin ist seelengut nur zu viel und da verdriesst sies gleich wenn man
nicht macht was sie will weil sies doch so gut meint und sie glaubt man
wisse nicht wie gut sie sei wenn man ihr nicht folgt Sie kann sich nicht
denken dass man ihr eben nicht folgt weils manchmal ungeschickt ist was sie
will wenn sies auch noch so gut meint Und das merk dir besonders tu ihr
nichts nach grad so wie sies macht machs auf deine eigene Art wies recht
ist das hat sie viel lieber Sie hats gar nicht gern wenns den Schein hat
als ob man ihr untertänig sei aber das wirst du Alles schon merken Und wenn
dir was vorkommt um Gotteswillen mach deinen Mann nicht wirbelsinnig es
gibt nichts Aergeres als wenn der Mann dasteht zwischen der Mutter und der
Söhnerin und die Mutter sagt ich gelte nichts mehr vor der Söhnerin ja die
Kinder werden Einem untreu und die Söhnerin sagt jetzt seh ich wer du bist
du lässt deine Frau unterdrücken Ich rate dir wenn dir einmal so etwas
vorkommt was du nicht allein klein kriegen kannst sags mir im Stillen ich
will dir schon helfen aber mach deinen Mann nicht wirbelsinnig er ist
ohnedies ein bisschen stark verkindelt von seiner Mutter aber er wird jetzt
schon herber werden fahre du nur langsam und lass dichs immer dünken ich wäre
von deiner Familie und bin dein natürlicher Annehmer und es ist auch so von
deiner Mutter Seite her bin ich weitläufig etwas verwandt mit dir«
Und nun suchte er eine seltsam gegliederte Verwandtschaft
auseinanderzuhaspeln aber er fand den rechten Faden nicht und verwirrte die
Gliederung immer mehr wie einen Strang Garn und dann schloss er immer zuletzt
mit den Worten »Du kannst mirs aufs Wort glauben dass wir verwandt sind ja
wir sind verwandt aber ich kanns nur nicht so aufzählen«
Es war nun doch noch vor seinem Ende die Zeit gekommen dass er nicht mehr
bloß die falschen Groschen aus seinem Besitztum herschenkte es tat ihm wohl
nun endlich das wirklich Geltende und Wertvolle anzugreifen
Eines Abends rief er Amrei zu sich hinter das Haus und sagte zu ihr »Schau
Mädle du bist brav und gescheit aber du kannst doch nicht wissen wie ein Mann
ist Mein Johannes hat ein gutes Herz aber es kann ihn doch einmal wurmen dass
du so gar nichts gehabt hast Da komm her da nimm das sag aber keiner
Menschenseele was davon von wem es ist Sag du habest es mit Fleiß verborgen
Da nimm« Und er reichte ihr einen vollgestopften Strumpf voll Kronentaler und
setzte noch hinzu »Man hätte das erst nach meinem Tod finden sollen aber es
ist besser er kriegt es jetzt und meint es wäre von dir Eure ganze Geschichte
ist ja gegen alle gewöhnliche Art dass auch das noch dabei sein kann dass du
einen geheimen Schatz gehabt hast Vergiss aber nicht es sind auch zwei und
dreißig Federntaler dabei die gelten einen Groschen mehr als gewöhnliche
Taler Hebs nur gut auf tus in den Schrank wo die Leinwand drin ist und
trag den Schlüssel immer bei dir Und am Sonntag wenn die Sippschaft bei
einander ist schüttest dus auf den Tisch aus«
»Ich tue das nicht gern ich mein das sollte der Johannes tun wenns
überhaupt nötig ist«
»Es ist nötig aber mags meinetwegen der Johannes tun aber still
verstecks schnell da tus in deine Schürze ich hör den Johannes ich
glaub er ist eifersüchtig«
Die Beiden trennten sich rasch
Noch am selben Abend nahm die Mutter Amrei mit auf den Speicher und holte
einen ziemlich schweren Sack aus einer Truhe das Band daran war aufs
Abenteuerlichste verknüpft und sie sagte zu Amrei »Mach mir das Band auf«
Amrei versuchte es ging schwer
»Wart ich will eine Scheere nehmen wir wollens aufschneiden«
»Nein« sagte Amrei »das tu ich nicht gern habt nur ein bisschen Geduld
Schwieger werdet schon sehen ich brings auf«
Die Mutter lächelte während Amrei mit vieler Mühe aber mit kunstgeübter
Hand den Knoten doch endlich aufbrachte und jetzt sagte sie »So das ist brav
und jetzt schau einmal hinein was drin ist«
Amrei sah Silber und Goldstücke und die Mutter fuhr fort »Schau Kind du
hast am Bauer ein Wunder getan ich kanns noch nicht verstehen wie ers
zugegeben hat aber ganz hast du ihn doch noch nicht bekehrt Mein Mann redet
immer drauf herum dass es doch gar so arg sei dass du so gar Nichts habest er
kanns noch nicht verwinden er meint immer du müsstest im Geheimen ein schönes
Vermögen besitzen und du habest uns nur angeführt um uns auf die Probe zu
stellen ob wir dich allein ohne Alles gern annehmen er lässt sich das nicht
ausreden und da bin ich auf einen Gedanken gefallen Gott wird uns dies nicht
zur Sünde anrechnen Schau das hab ich mir erspart in den sechs und dreißig
Jahren die wir mit einander hausen ohne Unterschleif und es ist auch noch
Erbstück von meiner Mutter dabei Und jetzt nimm dus und sag nur es sei dein
Eigentum Das wird den Bauer ganz glücklich machen besonders weil er so
gescheit gewesen ist und das im Voraus geahnt hat Was guckst du so verwirrt
drein Glaub mir wenn ich dir was sage kannst du es tun es ist kein
Unrecht ich hab mirs überlegt hin und her jetzt verstecks und red mir kein
Wort dagegen gar kein Wort sag mir keinen Dank und gar nichts es ist ja eins
obs mein Kind jetzt kriegt oder später und es macht meinem Mann noch bei
Lebzeiten eine Freud Jetzt fertig binds wieder zu«
Am andern Morgen in der Frühe erzählte Amrei dem Johannes Alles was die
Eltern ihr gesagt und gegeben hatten und Johannes jubelte »O Gott im Himmel
verzeih mir Von meiner Mutter hätt ich so was glauben können aber von meinem
Vater hätte ich mir das nie träumen lassen Du bist ja eine wahre Hexe und
schau es bleibt dabei dass wir Keinem vom Andern etwas sagen und das ist noch
das Prächtige dass Eins das Andere anführen will und Jedes ist wirklich
angeführt denn Jedes muss meinen Du habest das andere Geld noch wirklich im
Geheimen für dich gehabt Juchhe Das ist lustig zum Kehraus «
Mitten in aller Freude im Hause herrschte aber doch auch wieder allerlei
Besorgnis
20 Im Familiengeleise
Nicht die Sittlichkeit regiert die Welt sondern eine verhärtete Form derselben
die Sitte Wie die Welt nun einmal geworden ist verzeiht sie eher eine
Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte Wohl den Zeiten und
den Völkern in denen Sitte und Sittlichkeit noch Eins ist Aller Kampf der
sich im Großen wie im Kleinen im Allgemeinen wie im Einzelnen abspielt dreht
sich darum den Widerspruch dieser Beiden wieder aufzuheben und die erstarrte
Form der Sitte wieder für die innere Sittlichkeit flüssig zu machen das
Geprägte nach seinem innern Wertgehalte neu zu bestimmen
Auch hier in dieser kleinen Geschichte von Menschen die dem großen
Weltgewirr abseits liegen spiegelt sich das wiederum ab
Die Mutter die innerlich am meisten sich freute mit der glücklichen
Erfüllung war doch wieder voll eigentümlicher Besorgnis wegen der Weltmeinung
»Ihr habts doch leichtsinnig gemacht« klagte sie zu Amrei »dass du so ins
Haus gekommen bist und dass man dich nicht abholen kann zur Hochzeit Das ist
halt nicht schön und ist nicht der Brauch Wenn ich dich nur noch fortschicken
könnte auf einige Zeit oder auch den Johannes dass Alles mehr Schick bekäme«
Und dem Johannes klagte sie »Ich höre schon was es für Gerede gibt wenn du
so schnell heiratest zweimal aufgeboten und das Drittemal abgekauft Alles so
kurz angebunden das tun liederliche Menschen«
Sie ließ sich aber in Beidem wieder beschwichtigen und sie lächelte als
Johannes sagte »Ihr habt doch sonst Alles so gut durchstudirt wie ein Pfarrer
jetzt Mutter warum sollen denn ehrliche Leute eine Sache lassen weil sich
unehrliche dahinter verstecken Kann man mir was Böses nachreden«
»Nein du bist dein Leben lang brav gewesen«
»Gut Drum soll man jetzt auch in Etwas an mich glauben und glauben dass
das auch brav sei was nicht im ersten Augenmass so aussehen mag ich kann das
verlangen Und wie ich und meine Amrei zusammengekommen sind das ist einmal so
aus der Ordnung das hat seinen besonderen Weg von der Landstraße ab Und es ist
kein schlechter Weg Das ist ja wie ein Wunder wenn man Alles recht bedenkt
und was geht uns das an wenn die Leute heut kein Wunder mehr wollen und da
allerlei Unsauberkeit finden möchten Man muss Kourage haben und nicht in Allem
nach der Welt fragen Der Pfarrer von Hirlingen hat einmal gesagt wenn heutigen
Tages ein Prophet aufstünde müsste er vorher sein Staatsexamen machen obs auch
in der alten Ordnung ist was er will Jetzt Mutter wenn man bei sich weiß
dass Etwas recht ist da geht man grad durch und stößt hüben und drüben weg was
Einem im Weg ist Lass sie nur eine Weile verwundert dreinglotzen sie werden
sich mit der Zeit schon anders besinnen«
Die Mutter mochte fühlen dass ein Wunder wohl als glückliche plötzliche
Erscheinung gelten könne dass aber auch das Ungewöhnlichste sich allmälig doch
wieder einfügen müsse in die Gesetze des Herkommens und des gewohnten stetigen
Ganges dass die Hochzeit wohl wie ein Wunder erscheinen könne die Ehe aber
nicht die eine geregelte Fortsetzung in sich schließt Sie sagte daher »Mit
all den Leuten die du jetzt gering ansiehst und stolz weil du weißt du tust
das Rechte mit denen musst du noch wieder leben und verlangst dass sie dich
nicht scheel ansehen und dir deine Ehre lassen und dafür dass die Menschen das
tun musst du ihnen das Gehörige auch geben und lassen du kannst sie nicht
zwingen dass sie an dir eine Ausnahme sehen sollen und du kannst nicht Jedem
nachlaufen und ihm sagen wenn du wüsstest wies gekommen ist du würdest mir
rechtschaffen Recht geben« Johannes aber erwiderte
»Ihr werdet es erfahren dass Niemand gegen meine Amrei was haben kann der
sie nur eine Stunde gesehen hat« Und er hatte ein gutes Mittel die Mutter
nicht nur zu beschwichtigen sondern auch innerlichst zu erquicken indem er ihr
berichtete wie alles Das was sie als Mahnung und Erwartung ausgesprochen habe
wie »angefremt« bestellt eingetroffen sei und sie musste lachen als er
schloss »Ihr habt den Leisten im Kopf gehabt nach dem die Schuhe da oben
gemacht sind und die drin herumlaufen soll passt wie gegossen darauf«
Die Mutter ließ sich beruhigen und am Samstag Morgen vor dem Familienrat
kam Dann er musste aber sogleich wieder zurück nach Haldenbrunn um dort bei
Schultheiß und Amt alle nötigen Papiere zu besorgen
Der erste Sonntag war ein schwerer Tag auf dem Hofe des Landfriedbauern Die
Alten hatten Amrei angenommen aber wie wird es mit der Familie werden Es ist
nicht leicht in solch eine schwere Familie zu kommen wenn man nicht mit Ross und
Wagen hineinfährt und allerlei Hausrat und Geld und eine breite Verwandtschaft
Bahn macht
Das war ein Fahren am nächsten Sonntag vom Oberland und Unterland her zum
Landfriedbauern Es kamen angefahren die Schwäger und Schwägerinnen mit ihrer
Sippe »Der Johannes hat sich eine Frau geholt und hat sie gleich mitgebracht
ohne dass Eltern ohne dass Pfarrer ohne dass Obrigkeit ein Wort dazu gesagt Das
muss eine Schöne sein die er hinter dem Zaun gefunden« So hieß es allerwärts
Die Pferde an den Wagen spürten was beim Landfriedbauern geschehen war sie
bekamen manchen Hieb und wenn sie ausschlugen ging es ihnen noch ärger und
wer da fuhr hieb drauf los bis ihm der Arm müde wurde und dann gabs noch
manchen Zank mit der Frau die daneben saß und über solch ungebührliches
waghalsiges Dreinfahren schimpfte und weinte Eine kleine Wagenburg stand im
Hofe des Landfriedbauern und drin in der Stube war die ganze schwere Familie
versammelt Mit hohen Wasserstiefeln mit nägelbeschlagenen Schnürschuhen mit
dreieckigen Hüten wo bei dem Einen die Spitze bei dem Andern die Breite nach
vorn saß war man beisammen Die Frauen pisperten unter einander und winkten
dann ihren Männern oder sagten ihnen leise sie sollten nur sie machen lassen
sie wollten den fremden Vogel schon hinausbeissen und es war ein bitterböses
Lachen das entstand als man bald da bald dort hörte dass Amrei die Gänse
gehütet habe
Endlich kam Amrei aber sie konnte Niemand die Hand reichen Sie trug eine
große Glasflasche voll Rotwein unterm Arm und so viel Gläser und zwei Teller
mit Backwerk dass es schien sie habe ganz allein sieben Hände jedes
Fingergelenk war eine Hand und sie stellte Alles so ruhig und geräuschlos auf
den Tisch auf dem die Schwiegermutter ein weißes Tuch ausgebreitet hatte dass
Alle sie staunend betrachteten Sie schenkte ruhig alle Gläser voll sie
zitterte nicht dabei und jetzt sagte sie »Die Eltern haben mir das Recht
gegeben Euch von Herzen willkommen zu heißen Jetzt trinket«
»Wir sinds nicht gewohnt des Morgens« sagte ein schwerer Mann mit
ungewöhnlich großer Nase und flätzte sich auf seinem Stuhle weit aus Es war
Jörg der älteste Bruder des Johannes
»Wir trinken nur Gänsewein« sagte eine der Frauen und ein nicht sehr
verhaltenes Lachen entstand
Amrei fühlte den Stich wohl aber sie hielt an sich und die Schwester des
Johannes war die Erste die ihr Bescheid tat und das Glas ergriff Sie stieß
zuerst mit Johannes an »Gesegne dirs Gott« Nur halb stieß sie mit Amrei an
die auch ihr Glas hinhielt Nun hielten es die andern Frauen für unhöflich ja
sogar für sündhaft denn es gilt beim ersten Trunk dem sogenannten
Johannestrunke für sündhaft nicht Bescheid zu tun nicht auch zuzugreifen
und auch die Männer ließ sich dazu bewegen und man hörte eine Zeitlang Gläser
klingen und wieder absetzen
»Der Vater hat Recht« sagte endlich die alte Landfriedbäuerin zu ihrer
Tochter »die Amrei sieht doch aus wie wenn sie deine Schwester wär aber
eigentlich noch mehr sieht sie der verstorbenen Lisbeth ähnlich«
»Ja es ist Keines verkürzt Wenn ja die Lisbeth am Leben geblieben wär
wär das Vermögen ja auch um einen Teil geringer« sagte der Vater und die
Mutter setzte hinzu
»Jetzt haben wir sie aber wieder«
Der Alte traf den Punkt der Alle wurmte obgleich sie sich Alle einredeten
dass sie gegen Amrei nur eingenommen seien weil sie so familienlos
dahergekommen Und während Amrei mit der Schwester des Johannes sprach sagte
der Alte leise zu seinem ältesten Sohne
»Der sieht man nicht an was hinter ihr steckt Denk nur sie hat im
Geheimen einen gehauften Sack voll Kronentaler gehabt aber musst Niemand was
davon sagen« Das ward so unweigerlich befolgt dass binnen wenigen Minuten Alle
in der Stube es wussten bis auf die Schwester des Johannes die sich später viel
zu Gute drauf tat dass sie mit Amrei so gewesen sei obgleich sie geglaubt
hatte dass Amrei keinen Heller besitze
Richtig Johannes war hinausgegangen und jetzt kam er wieder mit einem
Sacke auf dem der Name »Josenhans von Haldenbrunn« geschrieben war und er
leerte den reichen Inhalt desselben klirrend und rasselnd auf den Tisch und
Alles staunte am meisten aber der Vater und die Mutter
So hatte Amrei also wirklich einen geheimen Schatz gehabt Denn das war ja
viel mehr als Jedes ihr gegeben
Amrei wagte es nicht aufzuschauen und Jedes lobte sie über ihre beispiellose
Bescheidenheit Nun gelang es Amrei Alle nach und nach für sich zu gewinnen und
als die schwere Familie am Abend Abschied nahm sagte ihr Jedes im Geheimen
»Schau ich bins nicht gewesen der gegen dich war weil du Nichts hast Der
und Der und Die und Die haben dirs immer vorgehalten Ich sag jetzt wie ich
früher gedacht und auch gesagt habe wenn du auch nichts gehabt hättest als was
du auf dem Leib trägst du bist wie gedrechselt für unsere Familie und eine
bessere Frau für den Johannes und eine bessere Söhnerin für die Eltern hätt ich
mir nicht wünschen mögen«
Das war freilich jetzt leicht weil sie Alle glaubten dass Amrei ein
namhaftes baares Vermögen beibrachte
Im Allgäu redete man noch Jahrelang von der wunderbaren Art wie der junge
Landfriedbauer sich seine Frau geholt und wie er und seine Frau an ihrer eigenen
Hochzeit so schön mit einander getanzt hatten und besonders einen Walzer den
sie »Silbertrab« nannten und sie hatten sich dazu vom Unterland her die Musik
kommen lassen
Und Dami Er ist einer der ruhmvollsten Hirten im Allgäu und hat einen hohen
Namen denn er heißt hier zu Lande der »Geierdami« denn Dami hat schon zwei
gefährliche Geierhorste ausgehoben zur Rache dafür weil ihm zweimal
nacheinander frischgeworfene Lämmer davon getragen wurden Wenn es noch
Ritterschlag gäbe er hieße Damian von Geierhorst aber der Mannesstamm derer
Josenhansen von Geierhorst stirbt mit ihm aus denn er bleibt ledig ist aber
ein guter Ohm besser als der in Amerika Wenn das Vieh gesommert hat weiß er
zur Winterszeit den Kindern seiner Schwester viel zu erzählen vom Leben in
Amerika vom Kohlenmates im Moosbrunnenwald und von Hirtenfahrten im
Allgäugebirge da weiß er besonders viel kluge Streiche von seiner sogenannten
»Heerkuh« die die tiefklingende Vorschelle trägt Und Dami sagte einst seiner
Schwester »Bäuerin« denn so nennt er sie stets »Bäuerin dein ältester Bub
artet dir nach der hat auch so Worte wie du Denk nur sagt mir der Bursche
heute gelt Ohm deine Heerkuh ist deine Herzkuh Ja der ist ganz nach deinem
Model«
Der Landfriedbauer Johannes wollte sein erstes Töchterchen gern »Barfüßele«
taufen lassen aber es ist nicht mehr gestattet dass man neue Namen aus
Lebensereignissen bilde der Name Barfüßele wurde nicht angenommen im
Kirchenregister und Johannes ließ das Kind »Barbara« nennen änderte das aber
aus eigener Machtvollkommenheit in »Barfüßele«