Louise Aston
Revolution und Kontrerevolution
Vorrede
Die folgenden Blätter führen dem Leser Skizzen aus dem Revolutionsdrama des
Jahres 1848 vor Ich übergebe sie der Oeffentlichkeit weil dadurch vielleicht
hie und da eine kleine Lücke in dem Intriguennetz der Kontrerevolution
ausgefüllt wird die es selbst manchem Politiker von Profession unmöglich
machte den roten Faden der sich durch das scheinbare Gewirre der
revolutionairen und reactionairen Bewegungen unsrer Zeit hinzieht überall zu
folgen In Rücksicht auf die poetische Darstellung mag statt jeder
Entschuldigung für deren Mangelhaftigkeit daran erinnert werden dass es leicht
ist Romane zu schreiben wenn der Zeitgeist vor Langeweile den Griffel aus der
Hand fallen lässt mit dem er die Tafeln der Weltgeschichte beschreibt sehr
schwer aber wenn er in den Strudel der gewaltigen Taten hineingerissen die
Geschichte selber aber in ein romantisches oft sogar märchenhaftes Gewand zu
kleiden gezwungen wird
Je märchenhafter unser heutiges politisches Leben ist desto weniger bedarf
die Darstellung desselben einer Ausschmückung Ein Vorteil für meinen Leser
wie für mich selbst
Bremen den 1 Juni
Die Verfasserin
Erstes Buch
I
Ein milder und sonnenheller Frühlingshimmel blickte zum ersten Male wieder nach
dem an Stürmen mancherlei Art so reichen unfreundlichen Februarmonat auf die
Kaiserstadt Wien nieder und lockte Jung und Alt vor die Tore hinaus in die
langen schnurgeraden Alleen welche die breiten Plätze und Anlagen zwischen der
inneren Stadt und den Vorstädten durchschneiden Es war der fünfte März 1848
Wer hätte es nach der unbefangenen und sorglosen Miene dieser rasch durch
einander wandelnden Gruppen von Spaziergängern damals zu schließen gewagt dass
Wien berühmt durch seine ans Patriarchentum erinnernde Pietät mit der es an
dem Kaiserhause hing auf einem Krater der Revolution stand der in wenig Tagen
seinen Schlund öffnen werde um das Kaiserhaus nebst Pietät und anderen
Sentimentalitäten fast zu verschlingen Fast dieses »Fast« ist der Fluch
unsrer Zeit das Haar an dem der Teufel der Reaktion das betrogene Volk
festhält um es bald wieder ganz beim Schopf zu fassen und in das alte Joch der
Knechtschaft zu spannen Auch in Preußen ist ein solches unseliges »Fast« die
Mutter einer eklatanten Kontrerevolution geworden Doch am fünften März waren
die guten Wiener freilich noch nicht so klug denn sie wussten noch gar nicht
was eine Revolution zu bedeuten habe Vielleicht tue ich jedoch den
gemütlichen Wienern Unrecht vielleicht gab es doch Manche unter ihnen die den
im Westen ausgebrochenen Sturm mit ungeheurer Eile seinen Weg nach Osten
fortsetzen sahen und sogar die Minute berechneten in der er die schöne
Kaiserstadt erreicht haben würde
Unter den Spaziergängern welche die den Exerzierplatz durchschneidende
jetzt noch blätterlose Allee hinabschritten würde des Lesers Aufmerksamkeit
besonders von einer Gruppe erregt worden sein die ich deshalb weil das von
ihnen geführte Gespräch zum Verständnis unsrer Erzählung notwendig ist kurz
skizziren will Sie bestand aus drei Personen die eine davon dem runden
breitkrämpigen Hut so wie der schwarzen eigentümlich geschnittenen Kleidung
nach zu urteilen ein katholischer Priester war ein Mann von etwa vierzig und
einigen Jahren Aus seinem mageren aber starkknochigen und bleichen Gesicht
dessen Muskeln selbst beim Sprechen in unveränderter Ruhe blieben traten als
Hauptzüge vorzüglich eine große Entschiedenheit neben eben so großer
Besonnenheit hervor Das Haar welches unter der breiten Krämpe seines schwarzen
Rundhutes schlicht herabfiel war schwarz und von großer Feinheit Der Schnitt
seiner edelgeformten Nase ließ auf eine sehr ernste Stirn schließen die jetzt
grossenteils ebenfalls vom Hute überschattet wurde Am charakteristischsten aber
waren die tiefliegenden schwarzen Augen in denen sich eine fast unnatürliche
Mischung von Leidenschaft und Kälte Schärfe und Sanfteit List und
Gutmütigkeit abspiegelten Fügen wir noch hinzu dass der Mann wir wollen ihn
Pater Angelicus nennen beim Gehen eine etwas gebückte Haltung hatte so weiß
der Leser von dem äußern Erscheinen desselben und weiter wissen wir jetzt
selbst nichts von ihm genug
Die beiden Begleiterinnen des frommen Herru zeigten dem Anscheine nach ein
sehr verschiedenes Interesse an dem Gespräch Denn während die Aeltere eine
junge Frau von etwa 2730 Jahren mit gespannter Aufmerksamkeit den mit einer
absichtlich tonlos gehaltenen Stimme gesprochenen Worten lauschte schritt ihre
jüngere Begleiterin mit teilnahmloser Miene und ob aus Zerstreutheit oder
Gleichgültigkeit war schwer zu entscheiden zu Boden geschlagenen Augen neben
ihnen her Überhaupt war nicht leicht ein größerer Unterschied zwischen zwei
Freundinnen zu finden Beide hatten ein schönes dunkelbraunes Haar und tiefblaue
Augen aber das Haar Alicens umschattete mit seinen tausend wallenden Löckchen
eine erhabene freie Stirn während das ihrer Freundin Lydia glatt und
gescheitelt die Schläfe bedeckte Beide waren von anziehender Schönheit aber
wie verschieden war der Typus der Schönheit Alicens von der Lydias Jene
leuchtend intelligent fast ritterlich stolz um sich blickend der Charakter
eines seines eigenen Wertes bewussten und in diesem Bewusstsein starken Weibes
diese verschleiert in sich zurückgezogen von beinahe melancholischer
Bescheidenheit der Charakter eines nur in seiner innern vielleicht
vereinsamten Welt hinein lebenden Mädchens Und doch umschlang diese beiden
Frauen ein Band unzerstörbarer Freundschaft geknüpft durch gemeinsame
Erfahrungen durch gemeinsamen Schmerz Es war ein Band dessen Knoten unter dem
Deckel eines Sarges verborgen war das Herz eines Mannes den sie beide einst
glühend geliebt Alice bis zur Verachtung der Männer Lydia bis zum Wahnsinn
»Jetzt habe ich Ihnen Alles mitgeteilt« fuhr der Pater nach einer Pause
sein Gespräch wieder aufnehmend fort »Alles wenigstens was Ihnen zu wissen
nötig Hier sind die beiden Briefe Diesen hier geben Sie in dem ersten
Städtchen jenseits der Grenze auf die Post den zweiten an den Probst Bergmann
müssen Sie bis nach Berlin mitnehmen und dort eigenhändig Seiner Hochwürden
überreichen Wann werden Sie reisen«
»Wenn es notwendig ist noch heute Abend doch wie dieser Brief lautet
wie ich sehe an die Herzogin von Nagas «
Ein lautes Gelächter schien zu dieser mit unendlichem Mutwillen
accentuirten Frage einen Kommentar zu liefern dessen Sprache dem gelehrten
Pater jedoch völlig fremd war Indessen verschmähte er es sich durch eine Frage
darüber aufzuklären sondern wiederholte nur indem er Anstalt machte von
seinen Begleiterinnen Abschied zu nehmen noch einmal die Worte Alicens »Also
noch heute Abend«
»Wenn es notwendig ist habe ich gesagt Und dann ich besinne mich eben
nein heute Abend geht es nicht aber morgen früh bestimmt« Eine kleine Falte
legte sich bei diesen Worten Alicens zwischen die dunkeln Augenbrauen des
Paters Nach einer Pause sagte er einen kurzen aber forschenden Blick auf das
Gesicht seiner schönen Begleiterin werfend
»Verzeihen Sie meine Indiscretion aber bei den großen Ereignissen denen
wir in kurzer Zeit entgegen gehen müssen dergleichen kleinliche Bedenken
wichtigeren Motiven nachstehen Sie haben heute Abend um 9 Uhr ein Rendezvous
verabredet Darf ich fragen mit wem«
Die flüchtige Röte welche Alicens Wangen bei Erwähnung des Rendezvous
bedeckte und welche mehr durch Überraschung über die Mitwissenschaft des
Paters als durch die Verlegenheit in welche sie etwa hätte gesetzt werden
können hervorgerufen schien machte bald ihrer gewöhnlichen halb schalkhaften
halb schwermütigen Miene Platz als sie mit dem natürlichsten Tone der Welt
erwiderte
»Glauben Sie dass ich conspirire Pater«
»Ich habe das nicht gesagt Indessen liegt darin nichts Unwahrscheinliches
Sie wollen mich also in dies Geheimnis nicht einweihen«
»Du lieber Himmel das große Geheimnis was zwischen der liebenswürdigen
Alice und dem ebenso liebenswürdigen Fürsten Lizinsky verhandelt werden könnte«
Der Name Lizinsky brachte eine ebenso plötzliche als gewaltige Veränderung
in dem Antlitz des Paters hervor Sein früher bleiches Gesicht verlor alle noch
übrige Farbe Seine bisher marmornen Züge wurden plötzlich beweglich als
zuckten in seinem Innern Blitze deren Widerschein in ihnen abglänzte Doch
bedurfte dieser gegen Aufregungen aller Art abgehärtete Mann nur eine kurze
Minute um über die Gewalt der Leidenschaften welche jener Name in ihm
entfesselt vollständig Herr zu werden Nur einige Schweißtropfen welche auf
seiner Stirne perlten ließ die Größe des innern Kampfes ahnen
»Also der Fürst Lizinsky ist hier« sprach er mit der ihm
eigentümlichen Ruhe in Ton und Gebärde
»Und was finden Sie Auffallendes darin dass Lizinsky in Wien ist« fragte
Alice die sich die ungeheure Aufregung in die ihr geistlicher Freund durch
jenen Namen versetzt wurde gar nicht erklären konnte »Steht etwa der Fürst
bei Ihnen ebenfalls in dem Verdachte dass er conspirire vielleicht mit mir
conspirire« setzte sie laut lachend hinzu
Der Pater blickte sich besorgt um Es war Niemand in der Nähe der die
letzten Worte hätte hören können
»Sprechen Sie nicht so laut Sie wissen noch nicht was zuweilen an einem
Namen hängt doch das ist jetzt Nebensache«
Es trat eine Pause ein in welcher der Pater über das nachzudenken schien
was er in Folge der eben gemachten Entdeckung gegen Alice beobachten müsse Noch
war er zweifelhaft ob Alice wüsste dass eine Beziehung zwischen dem Fürsten
Lizinsky und der Herzogin von Nagas existire Wüsste sie hievon Nichts so wäre
es vielleicht besser darüber zu schweigen wenn nicht die Möglichkeit zu nahe
lag dass dem Fürsten bei dem heutigen Rendezvous der Brief an die Herzogin
zufällig in die Augen fallen könnte Er hätte den Brief zurückfordern können
allein dies würde Alicen jedenfalls aufmerksam gemacht und sie vielleicht zur
unmittelbaren Entdeckung geführt haben Auch hatte sie ja die Adresse bereits
gelesen und konnte sich durch eine einzige Frage an den Fürsten völlig darüber
aufklären Dies aber musste unter jeder Bedingung verhindert werden Andrerseits
aber schien Alice in der Tat etwas davon zu wissen Wenigstens sprach für diese
Vermutung der Umstand dass das Lesen der Adresse an die Herzogin sie zugleich
an das auf heute Abend mit dem Fürsten verabredete Rendezvous erinnerte Des
Paters Entschluss war gefasst
»Sie kennen« sprach er mit so leiser Stimme dass Lydia auch wenn sie
statt ihrer völligen Indifferenz dem Gespräche die gespannteste Aufmerksamkeit
gewidmet hätte keinen Laut davon vernahm »Sie kennen das Verhältnis welches
zwischen dem Fürsten und der Herzogin besteht«
»Besteht bestand wollen Sie sagen frommer Vater « erwiderte sie mit
schelmischer Miene
Der Pater sah sie mit großen Augen an Darauf schüttelte er unter ironischem
Lächeln den Kopf »Sie dürften sich diesmal im Irrtum befinden teuerste
Freundin Die Bande welche den Fürsten an jene Frau fesseln sind nicht Ketten
von Rosen und Vergissmeinnicht sondern von Perlen und Diamanten«
»Sie sind heute nicht galant gegen mich Pater Indes Vertrauen um
Vertrauen Sie gehen mit einem Plane in Betreff Lizinskys um Doch Doch Mich
überzeugt Ihre verwunderte Miene nicht vom Gegenteil Also wir sind in gleichem
Falle Auch ich habe meinen Plan Tauschen wir unsre Geheimnisse aus Die Frucht
unsrer Aufrichtigkeit kann möglicherweise ein Bündnis auf Leben und Tod werden«
»Auf Leben und Tod« wiederholte langsam der Pater indem er einen Finger
aufs Kinn legte was er immer tat wenn er zu einem wichtigen Entschlusse
kommen wollte
»Wohl es sei doch unter einer Bedingung dass ich versteht sich
unsichtbarer Zeuge des Gesprächs bin welches sie heute Abend mit ihm führen
werden«
»Gut dass Sie schon vorhin Ihre Indiscretion befürwortet haben Ein frommer
Diener der Kirche Zeuge eines Rendezvous zweier zärtlich Liebenden Das
Verlangen ist wenigstens originell Ich willige ein«
Der Pater drückte ihr die Hand »Was meinen Plan oder vielmehr den der
Kirche betrifft denn ich handle hier nur als Diener der Kirche so beschränkt
sich derselbe darauf das unsittliche und fast unnatürliche Verhältnis zwischen
den beiden vorhin erwähnten Personen aufzulösen«
»Und zu welchem Zwecke wird dieser Plan verfolgt«
Der Pater lächelte »Das geht über unsre Verabredung hinaus«
»Es ist wahr Indessen liegt der Schlüssel neben dem Rätsel Die Herzogin
ist über die Funfzig hinaus kinderlos und Besitzerin eines ungeheueren
Vermögens das sie im Falle kein Fremder darauf Anspruch macht nicht abgeneigt
ist zu milden Stiftungen zu verwenden Habe ich richtig geraten mein frommer
Freund«
»In der Tat Sie sind der Wahrheit ziemlich nahe gekommen Doch nun zu
Ihrem Plane«
»Ha das ist etwas ganz Anderes tief angelegt künstlich construirt von
unberechenbaren Folgen kurz ein Riesenwerk«
»Wenns gelingt« sagte halb zweifelnd halb spöttisch der Pater Die stolze
Gestalt Alicens richtete sich noch höher auf als sie mit dem Lächeln des
Triumpfs auf den Lippen und einer unnachahmbar graziös gebieterischen
Handbewegung erwiderte
»Es wird gelingen Hören Sie mich an Pater Sie kennen mich noch nicht
darum will ich mich Ihnen so zeigen wie ich bin Wir haben beide ein Geheimnis
wir sind bereit eins gegen das andere auszutauschen ich weiß wohl dass im
Falle des Verrates meinerseits mein Leben keinen Papierschnitzel wert ist
Unterbrechen Sie mich nicht genug ich weiß es und sage es nur deshalb weil
ich mit Ihnen in demselben Falle mich befinde Sie sind eine Macht eine
ungeheure Macht sie heißt die allein seligmachende Kirche Wohlan auch ich bin
eine Macht ein Weib schutzund hilflos wie ich hier neben Ihnen herschreite
wage ohne Bangigkeit den Kampf mit Ihrer allein seligmachenden Kirche
aufzunehmen Diese Macht heißt Aristokratie und Proletariat Haben Sie mich
verstanden frommer Vater«
Der Pater war nachdenklich geworden Nach einer Pause sagte er »Fahren Sie
fort«
»Sie haben mich also verstanden«
»Wozu die Frage Ich habe Sie verstanden«
»Und Sie wollen noch wissen was mein Plan mit dem Fürsten Lizinsky ist «
sagte Alice mit einer gewissen spöttischen Verachtung in Ton und Blick »Gehen
Sie ich habe Ihnen mehr Talent in der höheren Intrigue zugetraut Leben Sie
wohl« Alice nahm den Arm Lydiens und entfernte sich mit ihr schnell durch eine
Nebenstrasse während der Pater ihr nachsehend die Worte vor sich hinmurmelte
»Dieses Weib müssen wir gewinnen oder vernichten« Er hüllte sich in
seinen langen schwarzen Mantel und verlor sich in der Menge
II
Wir hatten den frommen Vater Angelicus in der Altstadt verlassen wo er in den
dichten Haufen welche die Quais der Donau sich hinabwälzten unsren Augen
entschwunden war Wir finden ihn bald darauf jenseits des Flusses in der
Leopoldstadt wieder wie er mit langen Schritten die obgleich keinesweges den
Schein von Eile verratend ihren Besitzer doch sehr schnell weiter beförderten
auf den Gasthof zum »goldenen Lamm« zusteuerte Hier angekommen fragte er den
Portier ob kein Brief für ihn abgegeben sei
»Nein ehrwürdiger Herr« erwiderte dieser respektvoll die goldbetresste
Kappe ziehend
»Hat auch Niemand in meiner Abwesenheit nach mir gefragt« Der Pater schien
mit der Antwort auf diese Frage die ebenfalls verneinend ausfiel unzufrieden
und wollte sich eben nach seinem Zimmer begeben als des Portiers Zuruf ihn zur
Rückkehr bewegte »Eines habe ich vergessen ehrwürdiger Herr aber es ist auch
kaum der Rede wert Es war allerdings Jemand hier der nach Ihnen fragte aber
da es ein zerlumpter junger Bursche war der wahrscheinlich nur betteln
»Gerade den erwartete ich« unterbrach der Pater den verblüfften
Türsteher »Ich bin« sagte er seinen Fehler bemerkend mit salbungsvollem
Ton hinzu »für die Hungrigen und Entblössten immer zu Hause Ihr habt Unrecht
getan ihn hart fort zu weisen«
»O habe ich gesagt dass ich ihn hart fort gewiesen Nein ehrwürdiger Herr
das sei ferne von mir Ich glaube übrigens dass er nicht weit sein wird denn
solch Lumpengesindel lungert überall umher«
Der Pater warf einen strafenden Blick auf den menschenfreundlichen
Türsteher der diesen zum Schweigen brachte und befahl ihm den armen Knaben
sofort zuzuführen sobald er sich zeigen werde
Brummend und kopfschüttelnd kehrte der Portier wieder in seine Klause zurück
und war eben im Begriff sich dem vorhin unterbrochenen Schlummer von Neuem
hinzugeben als ihn ein Klopfen am Fenster seiner Bude abermals störte
»Ach da bist Du ja wieder Du kleiner schwarzer Taugenichts« fuhr er auf
»hast wohl schon gewittert dass Se Ehrwürden zurückgekehrt ist he«
Der Angeredete war ein Knabe von etwa 15 Jahren Sein wunderlich finsteres
Aussehen und der frühreife Ernst in seinen dunkeln braunen Zügen musste einen
man wusste nicht ob anziehenden oder abstossenden Eindruck auf Jeden der ihn
zum ersten Male sah machen Sein langes rabenschwarzes Haar fiel in vollen und
glänzenden Locken auf den braunen Hals und Schultern herab die von einem
zerrissenen Hemdkragen nur schlecht verhüllt wurden Seine übrige Kleidung war
sonst fragmentarisch ein Paar faltige weiße weite Beinkleider von grober
Leinwand und eine abgetragene blaue Sammetjacke mit kurzen Schössen und blanken
Messingknöpfen In je schlechterem Zustande sich diese Stücke befanden um so
mehr stach davon eine rotseidene Schärpe ab welche der Knabe sich um den Leib
gewunden und deren mit goldenen Franzen besetzte Enden kokett über die linke
Hüfte herabhingen Ein italienischer Strohhut den er in diesem Augenblicke in
der Hand hielt und ein Paar Schnürstiefeln die noch in passablem Zustand waren
vollendeten die Toilette des Knaben
»Pater Angelicus ist zu Hause« fragte er mit dem Accent eines Südländers
ohne die Höflichkeiten des Portiers eines Wortes zu würdigen »Welche Nummer«
»Nummer 21 vorn heraus eine Treppe« brummte der Portier
Mit einigen raschen Sprüngen eilte er die Treppe hinauf und öffnete ohne
anzuklopfen mit geräuschloser Hand die Tür und verschloss sie in derselben
Weise Darauf ging er langsamen Schrittes auf den Pater zu welcher an einem
eleganten Büreau sitzend und mit Schreiben beschäftigt entweder das Eintreten
des Knaben gar nicht gehört hatte oder mit seiner Weise schon bekannt sich
darüber nicht verwunderte
»Buen tio« sagte der Knabe indem er sich mit einem Knie auf den Teppich
an der Seite des Paters niederließ und einen Kuss auf dessen Hand drückte Pater
Angelicus wandte seinen Kopf und sah mit einem Blick leidenschaftlicher
Zuneigung auf das schwarzlockige Haupt in seinem Schoss herab
»Bist Du endlich gekommen Salvador Was macht Inés Deine Mutter Hat
sie mir nicht geschrieben«
Salvador richtete sich empor und griff in seine Schärpe Aus den Falten der
rechten Seite zog er einen zierlichen Brief
»Allá Sennor« sagte er dem Pater den Brief überreichend Dieser
beschaute mit der größten Sorgfalt das Siegel dessen Wappen aus zwei Rosen
bestand darüber eine Grafenkrone darunter die Worte El no tiene fortuna ni go
tampoco1 Er lächelte bitter als er diese Worte las und erbrach darauf den
Brief
»Gut« sagte er mit zufriedener Miene »Wann wird die Sennora hier
eintreffen Salvador«
»Noch heute Abend« erwiderte der Knabe in seiner Muttersprache obwohl er
deutsch verstand und sprach so bediente er sich desselben doch nur im
Notfalle
»Und sie ist wohl mein Sohn nicht wahr« fragte der Pater jetzt
ebenfalls spanisch redend mit einer an Zärtlichkeit grenzenden Milde »Este
corazon orgulloso no se puede rompes2« erwiderte Salvador mit zitternder
Stimme indem sich seine Augen senkten »O tio« fuhr er fort indem plötzlich
seine schlanke Gestalt sich aufrichtete und sein Nacken die schwarzen Locken
zurückwarf »Ich bin stolz auf meine Mutter Wann aber wird der Tag kommen wo
die stolze Inés sagen kann Ich bin stolz auf meinen Sohn« Seine Augen
sprühten ein vulkanisches Feuer und seine Hand fuhr krampfhaft nach seinem
Herzen Der Pater folgte dieser Bewegung mit aufmerksamem Auge
»Ruhig Salvador mein Sohn Es wird die Zeit kommen Siehst Du dort den
Vollmond sich aus den dunkeln Fluten der Donau erheben Wohlan höre was ich
Dir sage Bevor er zum 5 Male um diese Zeit an dieser nämlichen Stelle steht
wird Dein Dolch das Herzblut dessen getrunken haben der das Herz Deiner Mutter
gebrochen hat«
»Este corazon orgulloso no se puede rompes« murmelte der Knabe indem er
langsam die Hand von der Schärpe sinken ließ
»Du hast ihn nie gesehen Salvador«
»Nie«
»Du wirst ihn heute sehen Salvador«
Der Knabe taumelte einen Schritt rückwärts Sein Gesicht überzog eine
Leichenblässe Seine Brust hob sich in krampfhaften Zuckungen Abermals fuhr er
mit der Hand nach der linken Seite Dann lächelte er verächtlich kreuzte die
Arme über einander und sprach mit verhaltener Stimme als wollte er seine innere
Bewegung verbergen
»Ich höre tio«
»Du bist ein braver Junge Salvador und Deiner Mutter würdig Was ich
Dir zu sagen habe ist kurz Heute Abend halb 9 Uhr wirst Du mich in die Stadt
begleiten Du wirst mich in ein Haus hineingehen sehen und mich dort erwarten
Du wirst mich mit einem Manne der mir zur rechten Seite gehen wird wieder
herauskommen sehen Auf der Donaubrücke werde ich ihn verlassen Sieh ihn Dir
genau an Salvador Dieser Mann ists den Du suchest«
Die intelligenten Augen des Knaben waren mit ängstlicher Sorgfalt auf die
Lippen des Paters geheftet gewesen als wolle er jede Silbe tief in sein Inneres
einsaugen
»Und was soll ich mit dem Manne tun Sennor«
»Du wirst suchen in seinen Dienst zu treten Salvador« Einen halb
ängstlichen halb verachtenden Blick des Knaben übersehend fuhr er fort
»Hier hast Du Geld Du wirst Dich davon kleiden wie es hier Sitte ist Du
begreifst mein Sohn dass Dein jetziger Aufzug Dich nur auffällig macht und
Verdacht erregt Gedenke Deiner Mutter und des Gelübdes welches Du mir
abgelegt Und nun lebe wohl um 12 9 Uhr findest Du mich hier« Salvador war
während der Rede des Paters in einem tiefen innerlichen Kampfe begriffen Die
letzten Worte aber schienen seinen Entschluss befestigt zu haben denn er küsste
mit heftiger leidenschaftlicher Innigkeit die Hand des frommen Vaters und war
bald darauf ebenso geräuschlos als er gekommen aus der Tür verschwunden
Pater Angelikus aber schien in tiefes Nachdenken versunken Ein Seufzer endlich
der unwillkürlich wie ein schwermutsvoller Gruß an ehemaliges Glück seiner
Brust entstieg brachte ihn wieder zum Bewusstsein der Gegenwart zurück Er nahm
den Brief küsste ihn mit einer Inbrunst die man von diesem verknöcherten kalten
Manne in dem alle Leidenschaften längst abgestorben schienen nicht erwartet
hätte und legte ihn dann sorgfältig in eine verschliessbare Brieftasche die er
sofort zu sich steckte Darauf setzte er sich es war indes dunkel geworden
in die Ecke des Sophas und überließ sich von neuem seinen Träumereien
III
In einem kleinen aber höchst geschmackvoll eingerichteten Boudoir im zweiten
Stocke eines der elegantesten Häuser der »Wallzeile« finden wir unsere beiden
Freundinnen Alice und Lydia wieder Während diese in nachlässiger Stellung in
einen Polsterstuhl gelehnt mit der Linken auf den Tasten eines Kistingschen
Flügels umherphantasirte und sich in die Aufsuchung der melancholischsten
Mollübergänge zu vertiefen schien ging Alice die Hände über die Brust
gekreuzt und gesenkten Hauptes mit raschen aber durch die elastische Weichheit
des Teppichs bis zur Unhörbarkeit gedämpften Schritten das Zimmer auf und
nieder Es war Abend aber der herrliche Vollmond welcher bereits die
Turmspitzen der über die jenseitige Häuserreihe hinausragenden Stephanskirche
versilberte hatte das Azur des unbewölkten Abendhimmels mit einem so intensiven
Lichtglanz getränkt dass der Reflex desselben das Zimmer hinlänglich erhellte
Mochten es die abgebrochenen tiefschwermütigen Accorde sein welche Lydia den
Saiten des Instruments entlockte oder waren es vielleicht die wunderbaren
Tinten welche das falbe Mondlicht in das Zimmer warf oder war die Spannung
worin Alice durch das bevorstehende Gespräch versetzt wurde davon Ursache sie
befand sich in einer sonderbaren an Unruhe grenzenden Aufregung
Die Töne des Instruments klangen immer sanfter und schienen sich aus
mannichfachen Verschlingungen endlich in eine wohltuende Harmonie auflösen zu
wollen als sie plötzlich in einem schreienden Disaccord der das ganze
Instrument erzittern machte schlossen Mit einem Schrei des Entsetzens war
Lydia aufgesprungen und stand nun unbeweglich mit geisterhaftbleichem Gesichte
da die starren Augen auf die rotseidenen Vorhänge des Alkovens gerichtet die
in diesem Augenblicke gerade vom vollen Mondenlichte bestrahlt sich zu bewegen
schienen Alice hatte sich erschreckt umgewandt Was ists Was hast du Lydia
fragte sie
Lydia antwortete nicht Alice trat auf sie zu und legte die Hand auf ihre
eiskalte Stirn da hob sich die Brust der Unglücklichen in einem tiefen Seufzer
aus ihren Augen perlten zwei große Tränen nieder und ihr Kopf senkte sich in
die Hand der Freundin
Du bist nicht wohl mein Kind sagte Alice liebevoll Du solltest Dich
zur Ruhe legen Lydia schüttelte den Kopf Sie schlug ihre Augen in denen eine
verzehrende tiefe Schwärmerei glänzte zum Himmel auf machte sich sanft von der
Umarmung der Freundin los und verließ langsam das Zimmer
Sie wird wieder beten gehen murmelte Alice
In diesem Augenblicke klopfte es an die Tür
Endlich sagte Alice für sich als der Pater Angelikus mit leisem Tritte
die Schwelle überschritt offenbar verwundert über die Dämmerung welche im
Zimmer herrschte
Sie sind allein fragte er vorsichtig sich im Zimmer umschauend
Alice schellte Ein Diener brachte Lichter und verließ lautlos wie er
gekommen das Zimmer
Mein armer frommer Freund sagte sie ohne die Frage des Paters zu
berücksichtigen mit ihrer gewohnten liebenswürdigen Ironie deren Bitterkeit
sie durch die sentimentale Weichheit des Tones zu lindern wusste
Weshalb bedauern Sie mich antwortete einen misstrauischen Blick auf das
Gesicht Alicens heftend der Pater
Sie sind ein schlechter Menschenkenner Angelikus und was die Folge
davon ist ein noch schlechterer Seelenarzt Sie glaubten das arme Kind heilen
zu können durch den Glauben an die alleinseligmachende Kirche nicht wahr
Nun
Nun ob sie Glauben hat weiß ich nicht aber dass Sie ihr eine tüchtige
Portion Aberglauben eingeflößt haben so dass sie jetzt im Schoss ihrer
alleinseligmachenden Kirche Gespenster sieht das weiß ich
Der Pater blickte die schöne Frau durchdringend scharf an Darauf
schüttelte er mit einem Anflug von Hohn den Kopf und erwiderte Ich könnte
Ihnen den Vorwurf zurückgeben Aber ich will Sie nur fragen wie wenn ich das
was Sie mir erzählen nun gerade vorausgesehen und gewollt hätte
Sie mögen Recht haben Pater Indessen kann ich Ihnen die Furcht nicht
verhehlen dass der Einfluss den Sie auf die Schwärmerin gewinnen den meinigen
mit der Zeit paralysiren möchte und das werden Sie begreifen kann
wenigstens nicht mein Zweck sein
Jetzt war die Reihe an Alice einen forschenden Blick auf die kalten Züge
des Paters zu werfen Jener lächelte Sie tun sich selber Unrecht Alice
wenn sie ihren Einfluss so gering anschlagen Indessen fuhr er rasch fort um
das Ausweichende in seiner Antwort zu verstecken da zu hoffen steht dass wir
stets gemeinsam handeln werden so sind Ihre wie meine Befürchtungen in dieser
Rücksicht wohl nutzlos
Alice hielt es für klug nicht weiter zu gehen und brach daher ab Denn so
viel ihr daran gelegen sein musste einen Blick in die Pläne des Paters zu tun
so war sie einerseits doch ihrer Herrschaft über Lydia gewiss oder wenn sie es
nicht war so durfte sie ihre Besorgnis deswegen nicht allzusehr durchblicken
lassen
In diesem Augenblicke warf die große Glocke des Stephansturms ihre volle
Töne über die Stadt hin
Es ist Zeit sagte Alice einen flüchtigen Blick auf das Zifferblatt
einer prächtigen Alabasteruhr werfend welche auf der vergoldeten Konsole über
dem Sopha stand Die Zeiger wiesen auf 20 Minuten nach 2 Uhr Der Pater dem
keine Bewegung Alicens entging folgte ihrem Blicke und bemerkte dass sie
aufgezogen werden müsse
Lassen Sie sagte Alice die Kette ist gesprungen Doch jetzt kommen Sie
fuhr sie fort indem sie den rotseidenen Vorhang vor dem Alkoven
zurückschlug Er war leer und in seinem Fond eine offene Tapetentür Pater
Angelikus trat hinein und blickte als er die Tapetentür öffnete eine schmale
und sehr steile Treppe hinab Er zauderte einen Moment und blickte fragend
rückwärts
Sie gelangen für den Fall dass man uns überraschte hier auf dem
kürzesten Wege in die Seitenstrasse Haben Sie Misstrauen gegen mich so will ich
mit dem Lichte Ihnen vorangehen
Es bedarf dessen nicht erwiderte Angelikus kurz indem er seine Hand an
die Brusttasche steckte und mit der andern die Tapetentür von Innen
verriegelte
In diesem Augenblicke hörte man das Klirren eines Säbels auf dem Korridor
Alice zog rasch die Vorhänge des Alkovens zu und rief auf ein hastiges
Klopfen an die Tür ein unbefangenes und lautes Herein
Fürst Felix Lizinsky war wie männiglich bekannt ein schöner
liebenswürdiger und kluger Mann Mehr als alle diese Eigenschaften
charakterisirte ihn wie ein ebenfalls liebenswürdiger und kluger Mann sich
ausdrücken würde der überdies mit ihm in manchen andern Dingen viel
Ähnlichkeit besitzt eine
»selbst in ihrer Übertreibung noch anmutige Ritterlichkeit«
oder vielmehr chevalereske Schwärmerei die um ihn zum modernen Donquichote zu
machen nur Zweierlei entbehrte Tiefe und Wahrheit Lizinsky wird nie eine
historische Person werden nicht weil er für die Geschichte zu früh gestorben
sondern weil er dafür zu leben nie angefangen Zu leben aber hat er nie
angefangen weil Er nur für sich und seine Eitelkeit gelebt Sein Gott war der
Schein der anmutige Schein der nach Triumph lüsterne und des Sieges sichere
Schein Den Schein betete er an weil er sich selbst anbetete denn er war vor
Allem eitel Die Eitelkeit die mit sich selbst liebäugelnde Anmut ist der
erste Grundzug seines Charakters Diese Eitelkeit des Scheins der sich selbst
und nur sich selbst genießen will machen ihn frivol Frivolität ist der zweite
Grundzug seines Charakters
Als er hereintrat fiel ein erster Blick auf die in ruhiger Haltung auf dem
Sopha sitzende und scheinbar in die Lektüre einiger Briefe vertiefte Alice und
dieser Blick schien zu sagen Sieh bin ich nicht schön In der Tat er war
schön schön wie ein Adonis würden wir sagen wäre dieser Vergleich nicht
abgenützt und hielten wir es nicht für lächerlich einen Adonis in Uniform uns
zu denken Des Fürsten schlank und wohlgebauter Körper war bekleidet mit der
einfachen doch reichen Uniform eines spanischen Generals Sein volles
dunkelblondes Haar streichelnd das mit seinen weichen elastischen Wellen die
eine Seite der edelen aber vielleicht nur einige Linien zu niedrigen Stirn
bedeckte trat er an das Sopha heran küsste mit Grazie die Hand der schönen Frau
und sagte statt jeder andern Begrüßung mit einem Blicke auf die Briefe
Wir werden also heute Politik treiben schöne Frau
Was verstehen Sie unter Politik ritterlicher Fürst gegenfragte Alice
indem sie auf die letzten Worte einen ironischen Nachdruck legte der noch durch
ein Lächeln ihrerseits unterstützt wurde
Sonderbare Frage
Sagen Sie lieber »Schwierige Frage« Die Wahrheit ist dass Jeder etwas
Anderes darunter versteht
Auch Sie und ich der Fürst studierte mit seinen schwarzen großen Augen
die Züge Alicens indem er diese scheinbar leichthin geworfenen Worte sprach
Doch wohl Beweis dafür ist dass wir einander unterstützen Sie werden bei
sich denken um einander zu benutzen Das gebe ich zu Allein beweist das nicht
für mich
Sie meinen sagte der Fürst indem er seinen schönen Schnurrbart strich
Hätten wir dieselbe Politik oder mit andern Worten verfolgten wir dieselben
Zwecke so würden wir einander weder unterstützen noch vertrauen selbst nicht
um einander zu benutzen Indessen
Fahren Sie fort Fürst Indessen
Indessen liegt der Unterschied zuweilen nicht sowohl in der Richtung als
in der Länge des Wegs Wieder ließ er seinen feurigen und durchdringenden
Blick über das bleiche Gesicht Alicens schweifen
Diese aber wusste wohl was der Fürst sagen wollte ja sie hatte sogar eine
ziemlich richtige Vorstellung von seinen ans Abenteuerliche streifenden
Plänen sie hütete sich jedoch ihm zu zeigen dass sie ebenso schlau als schön
sei
Andrerseits hatte sie dem Gespräch gleich zu Anfang diese Wendung gegeben
um dem lauschenden Pater einen Beweis für das Misstrauen zu geben welches in
ihrem Verhältnis zum Fürsten ebenfalls eine Rolle spielte So weit war die
Stellung welche sie augenblicklich zu einander eingenommen wahr Freilich aber
wusste der gute Angelikus nicht dass die Rolle welches dies Misstrauen bei ihnen
spielte nur eine sehr untergeordnete war und dass der Grundton ihres
Verhältnisses besonders zu gewissen Stunden eine schrankenlose Offenherzigkeit
wenn nicht von Alicens so doch von des Fürsten Seite bildete Mochte es nun
der Umstand sein dass des Fürsten Lieblingspferd gerade heute gestorben oder
hatte ihm Alice eine Andeutung darüber zukommen lassen dass sie heute wichtige
politische Angelegenheiten abzumachen hätten für das Letztere schien
wenigstens seine erste Frage zu sprechen kurz der Fürst befand sich heute zur
großen Genugtuung von Alicen in einer Stimmung wie sie sie für die
gegenwärtige Situation nur wünschen konnte
Ich bin überzeugt teure Baronin fuhr der Fürst fort wir können eine
lange Strecke miteinander gehen bis
Bis unsere Wege sich trennen
Nein bis der Eine von uns sein Ziel erreicht hat Der Andere wandert dann
allein weiter
Eitler Narr murmelte Alice für sich indem sie lachte Gestehen Sie
Felix sagte sie laut dass dies Rätselspiel unendlich albern ist Sprechen
wir vernünftig und deutsch Ich reise morgen nach Berlin Haben Sie mir einen
Auftrag mitzugeben Vielleicht an Karolotta die Göttliche Oder an die kleine
Tänzerin Wie heißt doch die Himmlische Helfen Sie mir Fürst Mein Gott was
sind Sie heute unbehülflich Ich kenne Sie gar nicht wieder
Sie reisen morgen wirklich nach Berlin fragte der Fürst welcher sich
von seinem Erstaunen teils über die unerwartete Nachricht teils über die
plötzlich veränderte Stimmung Alicens noch nicht erholt hatte indem er vom
Stuhle aufsprang Oder ist es ein Scherz Alice
Ein Scherz Im Gegenteil Die Angelegenheit welche mich dorthin führt
ist sehr ernster Natur Alice sagte dies in so bestimmten Tone und mit solchem
Accent der Wahrheit dass das ironische Lächeln welches dabei um ihre
feingeschnittenen Lippen schwebte offenbar eine andere Beziehung hatte als
die dem Sinn der eigenen Worte zu widersprechen Lizinsky ging mit hastigen
Schritten im Zimmer auf und ab und warf wenn er vor Alicens Platz vorüberkam
einen bald forschenden bald unentschlossenen Blick auf sie Sie ließ ihn ruhig
gewähren und blätterte indes in den vor ihr liegenden Briefen Endlich blieb er
vor ihr stehen und sagte
Alice haben Sie Vertrauen zu mir
Wenig
Warum
Weil Sie nicht offen sind Nicht ob ich Vertrauen zu Ihnen hätte sondern
ob Sie mir trauen dürften das wünschten Sie zu wissen Also woher der Umweg
Aus Misstrauen Können Sie verlangen dass ich Ihnen mehr vertraue als Sie zu
erwidern geneigt sein möchten
Der Fürst biss sich in die Lippen Sie sind ein gefährliches Weib Alice
sagte er seufzend
Diese Schmeichelei scheint Ihnen schwer geworden zu sein Vielleicht weil
sie diesmal eine Wahrheit enthält In der Tat ich bin ein gefährliches Weib
Fahren Sie fort
Der Fürst setzte sich wieder Alice begann er mit gedämpfter Stimme ich
habe eine Bitte an Sie Doch ehe ich sie ausspreche hören Sie Sie wissen was
vor 14 Tagen in Paris vorgegangen Es mag wenige geben die sich schon mit dem
Gedanken befreunden können dass die französische Republik Bestand habe Ich
gehöre zu diesen Wenigen ja ich bin sogar der festen Überzeugung dass die
französische Revolution des Jahres 1848 keine französische sondern eine
europäische ist und dass wir großen und ernsten Stürmen entgegengehen ich meine
Deutschland und vor Allem Österreich und Preußen
Der Fürst schien eine Antwort zu erwarten Alice aber winkte ihm
fortzufahren
Ich glaube dass die Wenigen von denen ich sprach und zu denen ich auch
Sie rechne Alice lächelte dankend auf die kommenden Ereignisse gerüstet sein
müssen ja dass sie die Leitung derselben womöglich in die Hand nehmen müssen
Denn wenn die beiden Mächte Absolutismus und Volksbewusstsein einander
gegenübertreten so kann der Kampf nur ein Kampf auf Leben und Tod sein Wenn
glauben Sie nun wohl werden wir gewinnen Wenn der Absolutismus oder wenn das
Volksbewusstsein siegt
Vielleicht weder in dem einen noch in dem andern Falle sagte Alice mit
Indifferenz
Desto schlimmer für uns Doch aber nur wenn wir neutral bleiben wie
bisher
Oder mit beiden Parteien liebäugeln wie bisher persiflirte Alice
Diese Anspielung auf die Tätigkeit bei dem Landtage verletzte den
Fürsten
Aber Meister in der Schauspielkunst lächelte er höchst anmutig zu diesem
Stich und sagte in scherzendem Tone
Eben darum müssen wir Partei nehmen schöne Freundin
Und welche Partei würden Sr Durchlaucht der Fürst Felix Lizinsky
ergreifen anticipirte sie ihn vielleicht die welche die meisten Chancen auf
Erfolg hat
Das zu entscheiden ist eben die große Frage
Deren Beantwortung Sie sicherlich nicht von mir erwarten werden
Und warum nicht Denn Sie werden mir gegenüber nicht behaupten wollen dass
Sie weder mit den Mitteln noch mit den Führern der Parteien bekannt genug sind
um den wahrscheinlichen Erfolg voraus bestimmen zu können Also warum nicht
Vielleicht darum weil Sie Ihre Ansicht schwerlich nach der meinigen
ändern werden
Das käme auf den Versuch an der Fürst legte ein gewisses Gewicht auf
diese Worte Alice schüttelte den Kopf Sie hatten mir eine Bitte mitzuteilen
Lizinsky runzelte die Stirn und schwieg einige Sekunden
Dann sagte er ich sehe Sie sind unbezwinglich So will ich den Anfang
des Vertrauens machen Sie wissen dass sich hier in Wien in aller Stille ein
revolutionairer Verein gebildet hat Eben jetzt komme ich aus einer Versammlung
fast die ganze Aula hat sich definitiv erklärt Aber darin liegt auch die
Gefahr Es sind schon zu viele Mitwisser Es könnte sich leicht ein Verräter
unter ihnen finden
Er hat sich bereits gefunden sagte kalt Alice
Der Fürst erbleichte Woher wissen Sie Alice bat ihn fortzufahren
Die Zeit drängt Die Bewegung beginnt bereits in dem Volke sich durch ein
dumpfes Vorgefühl kund zu geben Der Hof selbst ist noch ruhig aber die
Metternichsche Partei ist schon aufmerksam geworden
Durch wen fragte Alice mit derselben Kälte indem sie ihn durchdringend
anblickte
Sie misshandeln mich Alice durch ihr massloses Misstrauen Was solls mit
diesen Blicken
Reden Sie Wollen Sie mich absichtlich beleidigen Das müsste dächte ich
Ihnen schon Ihre Klugheit verbieten
Alice lachte Sie haben ein empfindliches Gewissen teurer Fürst Ich
dachte nur daran dass die Fürstin Metternich eine schöne Frau ist
Lassen Sie das jetzt so stehen also die Sachen hier in Wien Höchstens
gebe ich noch eine Woche dann bricht der Sturm los Vielleicht ja
wahrscheinlich denn jeder Anlass muss benutzt werden schon früher Wir sind
nun aber der Überzeugung dass es hiebei sein Bewenden nicht haben dürfe Wien
allein macht nur eine österreichische keine deutsche Revolution Berlin ist das
Herz Deutschlands Hier müsste eigentlich der erste Schlag fallen allein das
wird nach allen Anzeichen und Nachrichten nicht geschehen Aber Berlin muss rasch
folgen und fügte der Fürst leiseren Tones hinzu es wird folgen
Auch in Berlin sind alle Vorbereitungen getroffen das Übrige aber hängt
von der Gestaltung der hiesigen Verhältnisse ab Heute nun sind diese zum
bestimmten Abschluss gekommen Wollen Sie dies ist meine Bitte außer dem was
ich Ihnen eben mündlich mitgeteilt und was ich Ihnen in weiterer Ausführung
besonders in Rücksicht auf den nötigen Verteidigungsplan der Stadt
aufgezeichnet noch einige Briefe an Personen mitnehmen die teils der einen
teils der andern Partei angehören
Gern doch unter einer Bedingung nämlich der dass Sie mir offen sagen
für welche Partei Sie sich schließlich zu erklären die Absicht haben Denn da
ich bereits entschlossen bin so würde ich mir oder vielmehr meiner Partei
möglicherweise durch Übernahme ihrer Aufträge entgegenarbeiten
Ich kann diese Bedingung zwar nicht eingehen doch glaube ich werden Sie
zufrieden sein wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe dass Ihre Befürchtungen in
jedem Falle grundlos sind
Also hatte ich vorher doch Recht mit meinen Vermutungen Indes kommen wir
zu Ihren Aufträgen
Hier ist zunächst der Plan von dem ich vorhin sprach Verwahren Sie ihn
wohl Sie übergeben ihn dem Ingenieurofficier Latorp Sie finden seine
vollständige Adresse ebenfalls hier aufgezeichnet Von ihm werden Sie vielleicht
in die nähern Verhältnisse der Berliner Bewegung eingeweiht werden wenn Sie
eine Rolle darin übernehmen wollen Dann sehen Sie hier ein Packet Briefe die
Sie eigenhändig an die Adresse überreichen müssen
Als Alice die Briefe ansah konnte sie ein lautes Lachen nicht unterdrücken
Es fanden sich darunter auch ein Brief an die Herzogin von Nagas und einer an
den Probst Bergmann Sie warf einen raschen Blick auf die Vorhänge des Alkovens
und zog dann die beiden ihr von Pater Angelikus übergebenen Briefe aus dem
Busen und hielt sie dem Fürsten vor
Dieser sprang erschreckt in die Höhe Was ist das rief er fast drohend
aus In diesem Augenblicke geriet die eine Seite des Vorhangs in eine zitternde
Bewegung Alice legte den Finger auf den Mund Der Fürst trat einen Schritt
zurück und sagte indem er die Hand an den Säbel legte mit zitternder Stimme
und bleichen Lippen Wir sind nicht allein Zugleich sah er sich in dem Zimmer
nach allen Richtungen um und ließ seinen Blick zuletzt auf dem Vorhange ruhen
In dem nächsten Augenblick stürzte er aber auch schon darauf zu und riss ihn mit
krampfhafter Hand auseinander Er hatte sich getäuscht in seinem Verdacht der
Alkoven war leer
Alice hatte diese Szene durch ihre eigene Unvorsichtigkeit hervorgerufen und
schwebte eine Sekunde in wirklicher Angst um den Fürsten denn sie wusste dass
der Pater stets bewaffnet war Jetzt aber hatte sie ihren Gleichmut so völlig
wiedergefunden dass sie vortrefflich die Erstaunte zu spielen im Stande war
Nun sagte sie mit gekränktem Tone wahrhaftig Felix ich weiß nicht
ob ich Ihre Angst lächerlich oder beleidigend finden soll Sie erzählen mir mit
der geheimnissvollsten Miene von der Welt Dinge die mir längst bekannt sind und
geraten als ich anfange Ihr Vertrauen zu erwidern außer sich glauben sich
belauscht verraten Habe ich mich in Ihr Vertrauen einzudrängen gesucht
Jämmerliche Schwachheit der Männer die nur mit Zittern etwas wagen und wenn
sie es gewagt haben von Angst und bösem Gewissen gefoltert werden
Verzeihen Sie Alice Was Sie mir zeigten überraschte mich um so mehr
als mir die Handschrift nicht bekannt dünkte Doch lassen wir das ich will
nicht indiskret sein empfehle Ihnen jedoch die höchste Vorsicht Diesen Brief
fuhr er fort indem er auf die vor ihm liegenden Briefe wies geben Sie nicht
eher ab als bis Sie den Ausbruch der Revolution in Wien durch die Zeitungen
erfahren haben
Der Prinz Alice warf in diesem Augenblicke unbemerkt vom Fürsten
abermals einen raschen Blick auf die Vorhänge und lächelte als eine neue
Bewegung derselben ihre Vermutung bestätigte der Prinz ist in Berlin und wird
aller Wahrscheinlichkeit nach die Truppen selbst befehligen wollen Es ist
jedoch notwendig dass dies nicht geschieht weil möge nun der Ausgang sein
welcher er wolle er nicht eher in den Konflict gezogen werden darf bis sein
Interesse mit dem des Königs selbst in Konflict gerät Ich kann Ihnen daher
offen sagen dass dieser Brief bezweckt den Prinzen zur vollständigsten
Neutralität aufzufordern Er ist datirt vom 16 März und kann demnach schon
wenn es nötig ist am 18 in seine Hände gelegt werden Nicht wahr ich bin
von Ihnen vollkommen verstanden
Vollkommen
Und Sie werden meine Bitte erfüllen
Alice besann sich eine kurze Zeit Darauf sagte sie mit festem Tone indem
sie dem Fürsten die Hand reichte Ja
Gut das wäre abgemacht Nun kommt der letzte aber auch der wichtigste
und vielleicht für Sie als Weib der schwierigste Punkt Der Fürst machte hier
eine Pause als sei er unschlüssig in welche Worte er diesen letzten Auftrag
kleiden sollte Endlich sagte er zögernd Sind Sie im Voigtlande3 bekannt
Alice erbleichte und konnte sich einer Bewegung nicht erwehren die dem
Fürsten ein abermaliges Schweigen auferlegte
Alice erhob sich und sagte rasch indem sie mit der einen Hand nach der Uhr
zeigte während sie mit der andern dem Fürsten einen Schlüssel überreichte
Verzeihen Sie meine Schwäche Felix Ich fühle mich unwohl Auch bin ich der
Ruhe bedürftig da ich früh Morgens mich schon auf die Reise begeben muss Leben
Sie denn wohl ich werde Ihre übrigen Aufträge getreulichst erfüllen
Der Fürst war bestürzt und schien nicht übel Lust zu einer abermaligen
Untersuchung des Alkovens zu haben Aber der Blick Alicens dominirte ihn Er
steckte den Schlüssel zu sich prägte sich die auf der Uhr angezeigte Stunde ein
und verließ mit hastigen Schritten das Gemach
IV
Lydia war als sie Alicens Zimmer verlassen nach dem ihrigen gegangen um wie
Alice richtig vermutet hatte zu beten Das arme Kind war unmittelbar nach der
fürchterlichen Katastrophe die der Leser aus der mit ihrem Namen betitelten
Erzählung kennt in eine tiefe Apathie gefallen welche sie gegen Alles was sie
umgab selbst gegen Alicens aufopfernde Freundlichkeit fast gänzlich
unzugänglich machte Aber Alice wusste diese Stimmung eines gebrochenen Herzens
zu würdigen Aufopferungsfähig und liebenswürdig wie sie überall da war wo
ihre Empfindung wirklich angeregt wurde widmete sie während der ersten Monate
ihrer gemeinsamen Reise der unglücklichen Freundin und Leidensschwester ihre
ganze Teilnahme bis sie in Paris die Bekanntschaft Lichninskys machte und
dadurch in kurzer Zeit in das Gewirre des politischen Lebens hineingezogen
wurde Es entging ihr nicht dass der Fürst ihre unglückliche Freundin »bemerkt«
hatte Sie seinen Augen und Wünschen zu entziehen beschloss sie aus doppelter
Rücksicht für sich selbst wie für Lydia Sie reiste deshalb mit ihr nach
Strassburg zu einer Freundin wo nun Lydia unter angenommenen Namen ruhig und
harmlos ihren Erinnerungen und bald auch einer neuen Liebe lebte Aber der
Fürst hatte seine Absichten auf die schöne Freundin Alicens nicht aufgegeben
Einer seiner Kundschafter wurde in Strassburg durch einen Zufall auf sie
aufmerksam Die Arme schien in der Tat vom Schicksal dazu ausersehen die
Gewalt der Liebe nur aus der Qual und den Schmerzen welche sie spendet kennen
zu lernen In Strassburg blühten die Rosen ihrer Wangen wieder auf sie begann
sich mit dem Leben auszusöhnen denn es war die Liebe wieder in ihre kindliche
Brust gezogen Da plötzlich streckte der Verrat seine Hand aus gegen die süße
Liebeswelt und sie stürzte wie ein Kartenhaus zusammen Lydia verschwand
plötzlich aus Strassburg Alice erfuhr es durch ihre Freundin früher als
selbst der Fürst durch seine Spione Schnell entschlossen reiste sie der
Flüchtigen entgegen In einer kleinen französischen Stadt wenige Meilen von
Paris entfernt traf sie den Entführer So war zwar die Unglückliche gerettet
aber zugleich ihr Liebesglück zerstört Nun reisten die beiden Frauen da sie
sich in Paris nicht sicher glaubten nach Wien Denn Alice hatte es über sich
genommen das arme Kind das sie als ein letztes heiliges Vermächtnis aus einer
Zeit betrachtete wo sie selbst noch wahrer Liebe fähig war vor dem Pestauch
frivoler Verhältnisse zu bewahren Von Wien aus schrieb sie an den Fürsten
machte ihm wegen seines Verrats Vorwürfe und kündigte ihren festen Entschluss
an ihre Freundin gegen seine Verfolgungen zu schützen
Er kam darauf selbst nach Wien und versprach Alicen von nun an keinen
Schritt zu tun der ihr Missfallen erregen könne So kehrte das alte vertraute
Verhältnis zwischen ihm und Alice zurück und durch seine Vermittlung war sie in
den engeren Kreis des Metternichschen Hauses eingeführt worden wo sie durch
ihre unendliche Anmut und durch den unwiderstehlichen Reiz welcher ihr ganzes
Wesen durchwehte sich in kurzer Zeit ein festes Terrain zu erobern und
besonders das Vertrauen der Fürstin zu erwerben gewusst hatte Der Einfluss
welchen sie durch ihre Zurückhaltung und die Kunst bescheidener und feiner
Schmeichelei gewann wurde in ihrer geschickten Hand zu einem Schlüssel für
manches bald diplomatische bald neotische Geheimnis und nur ihrer großen
Vorsicht hatte sie es zu danken wenn dieser Schlüssel ihr nicht wieder genommen
wurde So hatte sie es bald dahin gebracht dass sie in dem Hause der Fürstin
keinen Feind ja was noch mehr sagen will keine Feindin und nur sehr wenige
Beobachter hatte Unter diesen fürchtete sie jedoch nur einen es war der
Beichtvater der Fürstin Pater Angelikus Vor seinen Blicken das fühlte sie
wohl konnte die Rolle welche sie spielte nicht ganz undurchschaut bleiben
so fasste sie nach dem Grundsatz »nur ganzes Vertrauen schützt gegen den
Missbrauch des halben« den Plan nicht etwa ihn zu ihrem Vertrauten zu machen
sondern sich selbst durch den Schein ihres Vertrauens zu seiner Vertrauten zu
machen Und dies gelang ihr endlich nachdem sie lange vergebens alle ihre
Mittel verschwendet Schon das erste Mal als sie mit dem Beichtvater und
Lichninsky bei der Fürstin Metternich zusammentraf gewahrte sie durch die dicke
Rinde mit der der Pater seine Brust und die darin gährenden Leidenschaften
umpanzert hatte den tiefen Hass desselben gegen den Fürsten hindurchscheinen
Ein zweiter Blick auf Lichninsky belehrte sie dass dieser dessen Charakter zu
studieren sie hinlänglich Gelegenheit gehabt zwar keine Ahnung von diesem Hasse
hatte dennoch aber die Gesellschaft des Paters gerade nicht aufsuchte Die
Ursache dieses eigentümlichen Verhältnisses zu erforschen wollte ihr lange
Zeit nicht gelingen Endlich griff sie zu dem äußersten Mittel den Pater als
Seelenarzt bei Lydia einzuführen Der Eindruck welchen das Schicksal und der
wehmütige Anblick des guten Kindes auf Angelikus hervorbrachte war ein
gewaltiger Der harte kalte Priester war bis ins Innerste erschüttert Jetzt
hatte Alice die während der ganzen Szene keinen Blick von seinen Zügen
verwandt auch den Schlüssel zu diesem Geheimnis gefunden Es ist wahr ihre
arme Freundin verdiente gewiss das tiefste Mitgefühl aber solchen Eindruck wie
sie ihn auf den Pater hervorbrachte konnte nur aus ähnlicher Erfahrung aus
gleichen Leiden hervorgehen Ein Gedanke an Lichninskys frivolen Charakter
führte Alicen schnell auf die richtige Vermutung dass ihr eigenes Schicksal
vielleicht mit dem des Paters große Ähnlichkeit habe
Gestehen Sie Angelikus sagte sie einige Wochen nach jener Szene
während dessen der Pater seine Besuche bei Lydia eifrig fortgesetzt hatte im
Verfolg eines Gesprächs über den religiösen Trost gegen das Unglück der Liebe
gestehen Sie dass im Grunde damit nur erreicht wird dass man eine Schwärmerei
gegen die andre austauscht Oder glauben Sie Alice legte einen Nachdruck auf
das letzte Wort dass die Religion gegen den Schmerz betrogener Liebe wirklich
tröstet Bei Lydia würden Sie sich gewiss täuschen
Ich verstehe Sie nicht teure Freundin erwiderte Jener der sehr gut
verstand indem er seine Bewegung zu verbergen suchte
Sie verstehen mich sehr wohl Sind Sie antworten Sie aufrichtig durch
den Trost der Kirche von allen Leidenschaften von Liebe und Hass geheilt O
frommer Vater Sie täuschen mich nicht Sie lieben und hassen noch eben so
glühend wie früher vielleicht noch glühender Der Pater schwieg aber eine
flüchtige fieberhafte Röte bedeckte seine Stirne als er aufstand und Alicen
die Hand reichend mit bebender Stimme und düsterer Miene sagte
Wohlan Sie mögen Recht haben und weil Sie Recht haben so will ich von
diesem Augenblick Ihr Freund sein weil ich Ihr Feind zu sein nicht den Mut
habe Sie sehen dass ich aufrichtig bin Aber nun dringen Sie nicht in mich
Später werde ich Ihnen den Beweis geben dass wo ich liebe und hasse ich Grund
zu Beidem habe Mit einem Blicke in dem eine bis zur Wildheit tiefe und
verzehrende Leidenschaft blitzte verließ er sie schwankenden Schrittes
Seit diesem Gespräch hatten sie absichtlich dies Thema vermieden Alice war
nicht neugierig und sie beruhigte sich über das Schweigen des Paters mit dem
Grunde dass er selber nicht wissen konnte wie weit sie bereits in sein
Geheimnis eingedrungen sei Selbst als sie seiner Forderung Zeuge des Gesprächs
mit Lichninsky zu sein nachgab hatte sie keine derartige Bedingung gestellt
weil sie in dieser Forderung selbst schon eine Koncession erblickte
Kehren wir nun nach dieser Abschweifung zu Lydia zurück
Als sie in ihr Zimmer getreten war schritt sie sogleich auf eine Nische zu
welche durch ein hohes aus glänzend weißem Elfenbein gearbeitetes Kruzifix
ausgefüllt wurde Sie kniete auf den rotsammtnen Betschemmel nieder senkte
den Kopf in ihre beiden Hände und schien bald in ein tiefes und inbrünstiges
Gebet versunken Der Mond warf sein volles Licht auf die schöne Beterin und die
weißen Gebeine des Christusbildes während der übrige Teil des Zimmers fast
ganz in Dunkel gehüllt war Von Zeit zu Zeit wenn sie ihr tränenfeuchtes
Antlitz zum Gekreuzigten emporrichtete mit den von Schwermut und holdem
Irrsinne erfüllten Augen zeichnete sich das reine und jungfräuliche zarte
Profil in wunderbarer Schönheit auf dem dunkeln Hintergrunde ab O wer sie in
diesem Augenblicke geschaut mit dem von ungehörten Seufzern geschwellten Busen
und den zarten ineinander gerungenen Händen gegenüber dem kalten
unempfindlichen Christusbilde das mit derselben kunstvoll kalten
Schmerzensmiene herabblickte auf den lebendigen heißen Schmerz der sündenlosen
geknickten Madonna Wer hätte da noch den Glauben bewahren können an Andacht und
göttliche Vorsicht Konnte ein Gott der Barmherzigkeit kalt bleiben gegen
diese Schmerzen konnte der Vater des Himmels sein väterliches Ohr verschließen
vor diesen Seufzern Ungetröstet und klagelos erhob sie sich Noch einen Blick
warf sie einen Blick voll tiefer unaussprechlicher Wehmut auf den
Gekreuzigten dann nahm sie ihr Gebetbuch warf rasch den Mantel um die
Schultern zog den Schleier über das Gesicht und verließ das Zimmer Sie ging
zur Messe Als sie aus dem Hause trat mochte sie sich wohl daran erinnern dass
es schon zu spät sei um ohne Begleitung sich in die Straßen zu wagen Sie
zauderte einen Augenblick und war im Begriff zurückzukehren da sah sie an der
Balustrade des Perrons eine Gestalt lehnen welche jetzt durch ihre zaudernde
Stellung aufmerksam gemacht auf sie zutrat und in gebrochenem Deutsch fragte
ob »Sennora« etwas befehle
Lydias Furcht verschwand als sie sich überzeugte dass es ein Knabe in
Livrée war der vermutlich hier auf seinen Herrn warte Ein unerklärliches
Gefühl von Neugierde trieb sie an ihn zu fragen auf wen er hier warte Der
Knabe in dem der Leser schon längst unsern Salvador erkannt haben wird geriet
durch diese Frage in augenscheinliche Verlegenheit endlich erwiderte er Pater
Angelikus habe ihn hier her bestellt auf ihn zu warten
Willst Du mich nach der Kirche begleiten mein Kind fragte Lydia
O wie gern Sennora erwiderte Salvador
Lydia gab ihm ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln ihr Messbuch und
ging rasch auf den Stephansplatz zu
Salvador war obgleich Südländer noch ein ganz unbefangenes Kind Doch kam
er heute zum ersten Male darüber zum Nachdenken dass die »Sennora« ihn Kind
genannt und er stellte an sich die Frage ob er denn noch sehr »kindisch«
aussehe Auch war er zwar von dem Vertrauen der »Sennora« zu ihm denn es
konnte ja eine Lüge sein dass er im Dienste des Paters sei gerührt gleichwohl
dünkt es ihn als ob seine Rührung noch größer sein würde wenn sie weniger
schnell Vertrauen zu ihm gefasst hätte Diese Widersprüche welche er sich gar
nicht erklären konnte beschäftigten ihn während er still neben Lydia daher
schritt so sehr dass er fast vergessen hätte beim Eintritt in die Kirche die
Finger ins Weihwasser zu tauchen und ein frommes Kreuz auf Brust und Stirn zu
zeichnen Die Kirche war fast leer vereinzelt knieten hier und dort einige
Beter unbeweglich und stumm so dass man versucht gewesen wäre sie für eine
jener leblosen Steingruppen zu halten mit denen die Nischen und Pfeiler der
Kirche geschmückt waren wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer ihrer Brust
entstiegen und mit dem Schmerz der Reue auch das Leben in ihr kund getan Lydia
kniete hinter einer Säule die ihren breiten Riesenschatten über sie hinwarf so
dass sie unbemerkbar bleiben konnte Salvador ließ sich hinter ihr auf ein Kniee
nieder Der harmonische Donner der mächtigen Orgel welche ihre vollen
Klangmassen durch die weiten Hallen der Kirche wälzte wiegte sie in jenes
verführerische Entzücken welches mit der Überzeugung göttlicher Erregung das
Herz in alle Reize einer hingebungsvollen glühenden Einbildungskraft versenkt
Denn das Herz wie rein und schuldlos oder wie befleckt von Begierden es sein
mag bedarf des Gefühls einer vollen Hingabe Es ist sein Beruf sich
aufzulösen in ein Meer von selbstgeschaffner und selbstgewährter Wonne und es
ist nur eine Täuschung wenn wir glauben dass die Hingabe eines gläubigen
Herzens an den Zauber der Musik und der andern Künste welche die katholische
Kirche mit so feiner Raffinerie zur Ehre des »Herrn« zu gebrauchen versteht
eine andere Art der Erregung voraussetzt als etwa die Hingebung des Herzens an
den Geliebten Darum hatte Alice recht zu sagen es hieße nur eine Schwärmerei
gegen eine andre eintauschen wenn man den süßen Schmerz der Liebe durch den
schmerzensreichen Trost religiöser Schwärmerei heilen wolle Eine halbe Stunde
mochte bereits verflossen sein und immer noch lag Lydia auf den harten kalten
Fliesen ihre Hände denen das Messbuch entfallen war hingen schlaff in den
Schoss herab die Augen waren halb geschlossen aber wer einen Blick zwischen
diese noch von den Tränen feuchten Lider hätte tun können würde erschreckt
worden sein von der innern Glut welche sich in ihnen concentrirt hatte jedoch
mehr nach Innen als nach Außen strahlte Die Blässe ihrer Wangen war geisterhaft
und stach um so mehr von der tiefen Röte ihrer halbgeöffneten Lippen ab die
sich von Zeit zu Zeit bewegten Waren es Gebete die sie zum Himmel sandte oder
Seufzer einer ungestillten Liebessehnsucht
Die Orgel schwieg Lydia fuhr aus ihrem traumartigen Zustande empor
Sogleich kehrte die Röte auf ihre Wangen zurück es schien als sei ihre fromme
Sehnsucht gestellt Sie blickte um sich und gewahrte Salvador der sie
unverrückt angeblickt hatte Er hatte weder die Orgel gehört noch die Litanei
des Priesters nach dem Gesang des Chors er hatte überhaupt nicht gehört nur
gesehen Lydia Er erschrak fast als Lydia sich erhob Taumelnd folgte er ihr
hinaus auf die jetzt fast menschenleere mondbeschienene Straße Sie hatten nur
wenige Schritte bis zu Lydias Wohnung Als sie den Perron in die Höhe stiegen
öffnete sich die Türe und eine tief im Mantel gehüllte Gestalt trat mit
hastigen Schritten heraus Es war Lichninsky der von Alicen kam Lydia hatte
ihn zuweilen vom Fenster aus gesehen und kannte ihn durch Alice Er erkannte sie
sogleich wieder und erstaunt über die wunderbare Schönheit sie hatte vergessen
den Schleier herabzulassen blieb der Fürst einige Sekunden auf der Schwelle
stehen in ihren Anblick versunken Lydia war unwillig über diese Störung und
sagte mit sanftem aber festem Tone Fürst Lichninsky Sie stehen mir im Wege
Der Name Lichninsky brachte auf Salvador der den Fürsten gar nicht beachtet
hatte eine elektrische Wirkung hervor Seine erste Bewegung war ein Griff nach
der Schärpe Er vergaß dass er sie abgelegt Da ballten sich seine Fäuste in
krampfhaften Zuckungen seine Lippen bebten So trat er neben Lydia dem Fürsten
gegenüber aber außer Stande seine Gefühle in Worte zu fassen wiederholte er
nur die Worte Lydias die in seinem Munde eine ganz andere Bedeutung erhielten
Fürst Lichninsky Sie stehen mir im Wege
Lydia sah erschreckt über diese Unart den Knaben an der bisher so folgsam
und sanft sich gezeigt Der Fürst maß ihn mit einem erstaunten doch kalten
Blick und schlug darauf ein lautes Gelächter auf Jetzt war Salvadors Wut
bis zur äußersten Grenze gebracht Er machte sich bereit dem Fürsten einen
Faustschlag ins Gesicht zu versetzen da fühlte er eine feste Hand sich auf
seine Schulter legen Erzürnt blickte er sich um als er jedoch in das ruhige
vorwurfsvolle Gesicht des Paters schaute ließ er den Kopf sinken und Tränen
glänzten in seinen Augen
Lydia hatte mit Neugierde diese Szene welche fast nur den Zeitraum einer
Sekunde umfasste zugeschaut Jetzt wandte sie sich an Angelikus mit der Bitte um
seinen Segen für die Zeit ihrer Trennung
Ich segne Dich von Herzen meine gute Tochter sagte der Pater mit
bewegter Stimme Mögst Du anderwärts die Ruhe finden die Du bisher vergeblich
gesucht Ich habe dafür gesorgt dass Dir auch in Deinem neuen Aufenthalt der
geistliche Beistand nicht mangelt Darauf drückte er einen väterlichen Kuss auf
ihre Stirn und entließ sie
Als Lydia sich entfernt hatte standen Lichninsky und der Pater einander
gegenüber
Armes Kind sagte wie zur Erklärung der Letzteren Sie hat die beiden
Eltern in kurzer Zeit verloren und steht nun ganz verwaist in der Welt da ohne
Freunde und Verwandte Auf meine Bitte hat unsere Freundin Alice sich erboten
sie mit sich nach Berlin zu nehmen und dafür zu sorgen dass sie dort eine
passende Stellung findet Eben war ich im Begriff zu ihr zu gehen Es scheint
als kommen Sie jetzt von einem Besuche bei ihr
Der Pater war der Anweisung Alicens folgend die Treppe hinabgestiegen und
von dort durch das Hintergebäude in die Seitenstrasse gelangt so dass der Fürst
welcher jenen Ausweg nicht kannte von der Grundlosigkeit seines Verdachts fast
gänzlich zurück kam als er sah dass der Pater eben von der Straße kommend ihm
auf der Schwelle begegnete Dennoch wollte er noch eine letzte Probe machen
Sie ist sehr angegriffen und bedarf der Ruhe wie sie mir sagte
entgegnete er auf des Paters Äußerung dass er Alicen besuchen wolle
Nun es ist nichts Wichtiges was wir zu verhandeln haben So will ich sie
denn nicht weiter stören Gehen wir eine Straße miteinander Fürst wenns Ihnen
gefällig ist
Von Herzen gern erwiderte dieser jetzt vollständig beruhigt indem er
dem Pater den Arm reichte
Sie schritten eine Zeit lang lautlos neben einander her Beide waren
unruhig Lichninsky weil er über den Sinn der geheimnisvollen Art mit der
Alice auf die Uhr gewiesen und den Schlüssel ihm in die Hand gedrückt zwar
klar aber über die Gründe zu diesem Verfahren vollständig im Dunkeln war War
Jemand Zeuge ihres Gesprächs gewesen oder nicht Der Pater der einzige
Mensch welchem Alice wie er glaubte vielleicht eben so viel Vertrauen
schenkte wie ihm selber und dem sie die Stunde des Rendezvous auf dem
heutigen Spaziergange mitgeteilt haben konnte konnte es nicht sein davon war
er jetzt überzeugt Wer also konnte es sein Über diese Frage grübelte er lange
nach ohne ihrer Lösung deshalb näher gerückt zu sein
Der Pater seinerseits hatte aus den Lücken welche das Gespräch zwischen
Alicen und Lichninsky einige Mal erhielt und in Folge deren der Fürst die
Untersuchung des Zimmers vorgenommen mit Recht geschlossen dass Alice statt der
Worte sich der Zeichensprache bedient habe die wie sie wohl wusste dem Pater
verloren gehen musste da der Vorhang des Alkovens sehr dicht war Was waren das
nun für Zeichen gewesen Eines freilich hatte er bemerkt die Stunde auf die
der Zeiger der Uhr gerichtet war Es konnte Zufall sein es ist wahr aber der
Pater wollte sicher gehen sein Entschluss war gefasst
Als die beiden Männer von denen Jeder den Anfang eines Gesprächs vom Andern
erwartete weil Jeder sich zu verraten fürchtete wenn er den Andern
auszuforschen versuchen wollte waren schweigend bis zur Ferdinandsbrücke
gekommen wo sie sich trennten Der Pater schritt über die Brücke fort nach
seinem Gasthofe zu Fürst Lichninsky begab sich nach seiner Wohnung welche im
Schottenviertel lag Auf der Brücke blieb der Pater stehen und sah sich nach
Salvador um Er hatte ihn in seine Gedanken vertieft gänzlich vergessen
Er wird dem Fürsten gefolgt sein murmelte er vor sich hin
Salvador war in der Tat dem Fürsten gefolgt aber nicht wie der Pater
vermutete um in seine Dienste zu treten sondern um seine Wohnung
auszukundschaften Er merkte sich genau Straße und Nummer des Hauses und eilte
dann mit schnellen Schritten durch das Schottentor über das Glacis die
Alsengasse hinab bis zu deren letzter Querstrasse Hier bog er ein und schritt
durch den Torweg eines kleinen unansehnlichen Hauses über den Hof nach dem
Seitengebäude Auf seinen Ruf zeigte sich ein Licht am Gibelfenster des zweiten
Stocks das nach dem Garten hinaussah Bald darauf hörte man den leisen Tritt
eines weiblichen Fußes die Treppe hinabkommen Die Türe wurde aufgeschlossen
Bist Dus Salvador mein Sohn fragte eine Stimme in spanischer Sprache
Ja Mutter
Die Türe öffnete sich Es war Ines die verlassene Geliebte des Fürsten
V
Es war eine kleine ärmliche Wohnung die Ines und Salvador inne hatten denn sie
bestand nur aus einer Stube mit wurmstichigen Möbeln und einer Kammer die
nichts enthielt als einen Strohsack und einen daneben stehenden hölzernen
Schemel Hier wohnte oder vielmehr schlief Salvador denn wenn ihn sein
rastloses Temperament nicht auf der Straße umhertrieb so saß er wohl Abends
zuweilen neben seiner Mutter auf dem altmodischen Sopha dem Prachtstück des
Zimmers und erzählte ihr von den blühenden Mandelwäldern in den schönen Tälern
Kataloniens Dann pflegte der schwere Trübsinn der wie eine düstere Wolke auf
ihrer edlen Stirn gelagert war einer sanfteren Stimmung zu weichen und das Eis
stolzer Gleichgültigkeit welche den majestätischen Zügen ihres bleichen
Gesichts tief eingegraben war in einige warme Tränen der Wehmut zu schmelzen
Das waren des Knaben glücklichste Stunden denn mit dem zartfühlenden Instinkt
halb barbarischer Naturen vermied er jeden Versuch des Trostes der Ines nur
beleidigt und gereizt aber nicht beruhigt hätte während für sie die von der
Zukunft nichts erwartete als den einstigen Triumph der Rache über den der
ihres Lebens Keim für immer vergiftet die Erinnerung an die schöne
Vergangenheit noch die einzige Quelle milderer Gefühle war Ines Charakter war
aus zwei scheinbar widersprechenden und doch bei höheren Naturen so oft
zusammenkommenden Elementen gebildet aus ruhiger nie ihres Zieles
vergessender Konsequenz im Handeln und massloser Leidenschaftlichkeit im
Empfinden Die Einheit dieser beiden Elemente prägte sich auch in ihrem ganzen
Wesen aus Ihre stolze schlanke Gestalt Ines zählte erst 32 Jahre war in
Bewegung und Ruhe der vollkommenste Ausdruck eines festen tatkräftigen aber
zugleich sich selbst beherrschenden Geistes wenn sie einherschritt oder sich
mit irgend Etwas mochte es auch das Unbedeutendste sein beschäftigte stets
lag auf jeder ihrer Bewegungen das Gepräge einer ihres eigenen Wertes und ihrer
Macht bewussten königlichen Seele Regte aber irgend eine Erinnerung ein
vergilbtes Blättchen aus den Zeiten ihres Glücks oder auch nur ein Gedanke an
jene für sie unvergessliche Zeit ihre Empfindung an so gab augenblicklich der
düstere glutgetränkte Glanz welcher aus ihren großen schwarzen Augen strahlte
und das Zittern ihrer feingeschnittenen Lippen Zeugnis von den tieferen Wogen der
Leidenschaft in ihrem stolzen Herzen
Ines Gefühle und Gedanken bewegten sich wie der Magnet nur stets nach einer
und derselben Richtung Das ehemalige Glück ihrer Liebe und der Verrat ihrer
Liebe das waren die beiden Pole ihrer Empfindung War ihre Liebe gewaltig und
Titanen gleich gewesen so war es jetzt ihr Hass und das Bedürfnis der Rache
Aber sie verschloss beide Gefühle die Erinnerung an ihre Liebe und die Hoffnung
auf Rache tief in ihrer Brust Selbst mit Salvador hatte sie nur einmal davon
gesprochen es war an seinem 15 Geburtstage als sie ihn in ihr ganzes Leiden
einweihte Salvador hatte mit zerrissenem Herzen zugehört aber ohne auch nur
durch einen Laut zu verraten was in jenen Augenblicken in ihm vorging aber
als sie geendet war er zu ihren Füßen gekniet und hatte ihr mit fester Stimme
den Schwur geleistet sie zu rächen Da hatte Ines die rotseidene Schärpe
hervorgeholt und sie dem Knaben um den Leib gewunden und einen Dolch aus dem
Busen gezogen und ihn in die Schärpe gesteckt Salvador hatte sie verstanden
und es war weiterhin keine Rede mehr darüber zwischen ihm und seiner Mutter
aber das natürliche unbefangene Verhältnis zwischen ihnen war seitdem verändert
worden Nicht als wenn die Liebe und Verehrung welche Salvador für seine Mutter
empfunden an Tiefe und Innigkeit verloren im Gegenteil er gelangte nun erst
zum vollen Bewusstsein darüber wie heiß diese Liebe wie lebendig diese
Verehrung war aber es mischte sich diesen rein kindlichen Gefühlen eine neue
bis dahin ihm unbekannte Empfindung bei welche mit einem Worte zu bezeichnen
unmöglich ist Er wurde seit jenem Tage stiller und in sich gekehrter Sein
Frohsinn seine muntere Laune war verschwunden Er war ein 15 jähriger Knabe
zum Manne gereift Er fiel jetzt nicht mehr wie früher wenn er von seinem
tagelangen Umherschweifen nach Hause zurückkehrte seiner Mutter jubelnd um den
Hals um ihre Vorwürfe über sein langes Fortbleiben durch Küsse zu ersticken
er fragte nicht mehr wie früher wenn sie zuweilen seinen Liebkosungen mit
einem schweren Seufzer oder gar mit Tränen antwortete mit trauriger Miene ob
sie ihm zürne er küsste nur zuweilen ihre noch immer schönen Hände und blickte
sie wenn sie es nicht bemerkte mit einem Blicke an in dem sich eine an
Schwärmerei grenzende Liebe und Verehrung abspiegelte
Ines beunruhigte sich zuerst über diese plötzliche Änderung in dem
Charakter ihres Sohnes allmälig aber gewöhnte sie sich daran besonders als sie
gewahrte dass seine Liebe zu ihr keinen Abbruch erlitt Denn sie besaß ja nichts
weiter als dieses Kindes Liebe
Es ist natürlich dass zwei Menschen die einen gemeinsamen Schmerz haben
selten ja fast nie davon mit einander reden obgleich jeder weiß dass derselbe
in des Andern Gedanken eben so wie in seinen eigenen fortlebt So wars auch mit
Ines und Salvador Sie zeigten einander nie ihre Trauer noch sprachen sie
davon so dass ein Dritter der sie nicht kannte und nicht in ihr Inneres zu
schauen vermochte vielleicht glaubte dass sie wenig für und mit einander
fühlten sondern in frivoler Gleichgültigkeit neben einander hinlebten Denn da
ihre Gedanken fast stets dem einen Gegenstande der ihrem Leben die Richtung
gegeben hatte zugewandt waren so waren sie überhaupt einsylbig und äußerlich
indifferent in ihrem täglichen Umgange außer wenn wie wir schon erwähnt
Salvador Abends in der Mussestunde von der Heimat erzählte dann brach durch die
Rinde jener scheinbaren Indifferenz die tiefe Gemeinschaft ihrer Empfindungen
und Gedanken durch dann weinten sie wohl lautlose Tränen Salvador indem er
seinen Kopf in den Schoss der Mutter legte Ines indem sie ihren heißen Mund in
die schwarzen Locken des Sohnes drückte
Heute aber war Salvador ein Anderer
Er hatte Lydia kennen gelernt er hatte dem Fürsten ins trotzige Auge
geblickt zwei Erinnerungen deren jede so entgegengesetzter Natur und Wirkung
auf ihn sie waren hinreichte um seine Bewegung zu rechtfertigen Vielleicht
wäre diese noch heftiger gewesen wenn nicht der Eindruck der einen
wechselsweise von dem der andern paralysirt worden wäre
Ines bemerkte mit einem Blicke seine Unruhe Doch schwieg sie weil sie
wusste dass er ihr nie Etwas verhehlte das von Wichtigkeit war Als er aber im
Zimmer angelangt anfing die Livree welche er auf Geheiß des Paters angelegt
von seinem Körper zu reißen und mit Füßen zu treten während die Röte des Zorns
und der Schaam aus seinen Augen blitzte und seine Wangen mit tiefem Purpur
bedeckte da konnte Ines ihr Erstaunen nicht länger verbergen
Salvador fragte sie mit halb vorwurfsvollem halb fragendem Tone
Aber Salvador hörte nicht Halb entblößt stand er mitten in der Stube auf
den Trümmern der unschuldigen Livree die Hände geballt und Tränen der Wut in
den Augen
Salvador sagte noch einmal Ines deren Erstaunen zur Bestürzung wurde
mit dem Accent mütterlicher Angst indem sie die Hand auf seine Schulter legte
Da brach des Knaben Leidenschaft in ein wildes Schluchzen aus Er sank in
die Kniee und barg sein Haupt in der Mutter Schoss
Was ist Dir Kind Sprich was ist geschehen
Lange konnte der arme Knabe keinen Laut hervorbringen Endlich stammelte er
die Worte
Ich habe Ihn gesehen Mutter
Wie ein Blitzstrahl so erschütterten diese wenigen Worte das stolze Herz
der Spanierin Sie erbleichte und schwankte Salvador fing sie in seinen Armen
auf und so knieten sie beide die Arme in einander geschlungen das Haupt auf
des andern Schulter gelehnt Mochte es der furchtbare Eindruck sein den
Salvador durch die Mitteilung auf seine Mutter hervorgebracht und der eine
beruhigende Rückwirkung auf ihn ausübte oder war es vielleicht auch der Gedanke
daran dass er nicht nur »ihn« sondern auch sie gesehen genug er richtete sich
zuerst empor und sagte fast vorwurfsvoll
Warum weint die stolze Ines Deine Tränen kommen zu früh meine Mutter
Ich habe gesagt dass ich Ihn gesehen Ich habe nicht gesagt dass ich ihn
getötet
Ines sprang empor Der Pfeil hatte getroffen
Du hast recht Knabe Aber ich glaubte wenn mein Salvador sagte dass er
ihn gesehen so wäre es überflüssig zu fragen ob er ihn getötet
Salvador senkte den Kopf dann wies er auf die an der Erde liegende Livree
und murmelte Der Tio ist daran schuld dass er noch lebt
Und er wird recht gehabt haben erwiderte Ines die sich jetzt gefasst
hatte Verzeih mir mein Sohn Beides meine kleinliche Schwäche und meinen
ungerechten Vorwurf
Salvador erzählte jetzt seine Abenteuer vom heutigen Tage Als er Lydias
erwähnte stockte er anfangs Doch Ines war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken
beschäftigt um darauf zu merken Er hatte vollendet Doch schien es als habe
er seiner Mutter noch eine andere Mitteilung zu machen über deren Einkleidung
er nur noch zweifelhaft war Er erwählte den kürzesten Weg
Ich werde Dich Morgen verlassen Mutter sagte er mit niederschlagenden
Augen und leiser Stimme
Verlassen Ich verstehe Dich nicht
Auf einige Wochen oder Monate oder
Und wohin willst Du gehen fragte Ines erstaunt
Nach dem Norden in eine große Stadt Berlin glaube ich heißt sie
Und morgen schon das ist hart von Angelikus uns so schnell und gerade
jetzt wieder zu trennen
Der Tio weiß nichts davon Mutter Es ist mein eigener Entschluss
Dein eigener Entschluss So geht Er auch nach dem Norden
Ich weiß es nicht Aber sie geht nach dem Norden Nur mit Zittern
brachte er diese Worte heraus
Sie fragte erstaunt Ines die an Lydia nicht mehr dachte jetzt aber
genauer nachforschte Salvador erzählte das Zusammentreffen zwischen Lydia dem
Fürsten und dem Pater noch einmal Jetzt begriff sie seinen »Entschluss« und war
sehr bestürzt darüber nicht nur weil sie sich von dem Sohne ungern zumal
jetzt trennte sondern besonders weil sie die Gewalt fürchtete die eine so
frühzeitige Liebe über ihn ausüben würde und die ihn vielleicht von ihrem
gemeinsamen Plane wenn nicht entfremden so doch für einige Zeit entfernen
könnte Sie versuchte ihm das Zwecklose seines Unternehmens darzustellen
Vergebens er blieb fest und bat seine Mutter nicht ferner in ihn dringen zu
wollen Er könne nicht anders Eine innere Stimme sage ihm dass sein »Entschluss«
gut und nützlich sei Auch werde Pater Angelikus schon dafür sorgen dass Ines
ihm bald nachfolgen könne
Während sie eben im Begriff war das letzte Mittel die Erinnerung an
seinen ihr geleisteten Schwur anzuwenden um ihn zum Bleiben zu zwingen trat
Pater Angelikus ein und sah mit erstauntem Blick bald auf den entkleideten
Salvador bald auf die am Boden liegende Livree
Was bedeutet das mein Sohn fragte er mit leisem Stirnrunzeln nachdem
er Ines mit einem warmen Händedruck begrüßt hatte Salvador bückte sich die
Stücke aufzuheben um sein Erröten zu verbergen
Ich bin gekommen teure Ines fuhr der Pater fort ohne die Antwort des
Knaben abzuwarten nun Euch auf eine neue Trennung von Eurem Sohne
vorzubereiten Er wird schon morgen in Begleitung zweier Damen nach Berlin
reisen
Salvador horchte hoch auf Sein Herz klopfte ungestüm doch wagte er nicht
zu fragen was für Damen es seien mit denen er reisen solle
Während Salvador sein bescheidenes Bündel packte und vor allen Dingen seine
Schärpe und seinen Dolch sorgfältig einwickelte teilte Angelikus mit leiser
Stimme Ines die Gründe mit die ihn bewogen hätten ihren Sohn als Begleiter
Alicens und Lydias nach Berlin reisen zu lassen Diese Gründe mussten wohl sehr
überzeugender Natur sein denn Ines drückte befriedigt beim Abschiede dem Pater
die Hand presste Salvador einen Kuss auf die Stirn und empfahl sie Beide dem
Schutze ihres Heiligen
VI
Es schlug gerade Mitternacht als der Pater und Salvador durch die stillen
Straßen der Vorstadt wandelten
Salvador sagte jener mit ernster Stimme Du bist heute zwei Mal
ungehorsam gewesen Deine Heftigkeit kann uns Alle ins Verderben stürzen Du
musst Dich beherrschen lernen mein Sohn nur durch Selbstbeherrschung gelangt
man zum Ziel präge Dir das wohl ein Und nun merke auf Du kennst jetzt den
Fürsten Du wirst ihm gefolgt sein und seine Wohnung erspäht haben Dass Du nach
jener unvorsichtigen Szene auf dem Perron nicht in seine Dienste einzutreten
versuchen würdest konnte ich mir leicht denken Es ist auch besser so wie es
jetzt ist Aber das ist nur ein Zufall dass es besser ist ein Zufall der Dich
nicht berechtigt abermals ungehorsam zu sein Habe Acht was ich sage Du
wirst um 2 Uhr wieder auf dem Perron oder vielmehr in der Nähe sein damit Du
nicht gesehen wirst Du wirst Acht geben ob der Fürst um 2 Uhr 20 Minuten ins
Haus geht hörst Du genau 2 Uhr und 20 Minuten Es ist notwendig dass Du auch
die nächste Querstrasse rechts vom Hause beobachtest Dort ist ebenfalls ein
Eingang Wenn er hinein ist so merkst Du Dir genau die Zeit während welcher er
darin bleibt Es ist sehr wahrscheinlich dass er nicht aus derselben Türe
herauskömmt durch die er hineingegangen Richte Dich danach Sobald er das
Haus verlassen eilst Du zu mir und stattest mir genauen Bericht ab
Salvador versprach Alles getreulich zu erfüllen Doch war seine Neugierde in
Betreff der beiden Damen zu groß als dass er nicht wenigstens die schüchterne
Frage wagen musste ob er nicht die Eine davon bereits gesehen
Was kümmert Dich das fragte lächelnd der Pater indem er ihn forschend
anblickte Allerdings die Eine von Ihnen ist dieselbe welche Du nach der
Kirche begleitet und zwar ohne meine Erlaubnis Und nun sei wachsam und lasse
die überflüssigen Gedanken fahren Gute Nacht Der fromme Pater hatte seine
guten Gründe weshalb ihm die keimende Liebe Salvadors zu Lydia nicht unlieb
war Wir werden sie später kennen lernen Salvador eilte leichten Herzens auf
seinen Posten
VII
Wir müssen jetzt kurz dem Leser davon Rechenschaft geben wie es zuging dass
Pater Angelikus noch einen so späten Besuch bei Ines machte Er nämlich der
Leser wird sich erinnern dass der ehrwürdige Herr nachdem er sich vom Fürsten
getrennt hatte über die Ferdinandsbrücke schritt um sich nach Hause zu
begeben
Als er jedoch an dem jenseitigen Ufer angelangt war fiel ihm ein dass er
von Alicen keinen Abschied genommen indem er sobald der Fürst sie verlassen
hatte die geheime Treppe hinab über den Hof geeilt und durch die Seitenstrasse
in die Wollzeile einbog gerade in dem Augenblicke wo der Fürst das Haus
verlassen wollte Es fiel ihm wie gesagt ein dass er von Alicen keinen
Abschied genommen Das war unartig es war wahr es war undankbar und vor allen
Dingen es war unklug Was musste Alice daraus schließen sie vor deren
Klugheit er einen gewissen Respekt hatte und das wollte bei Angelikus viel
sagen Würde sie nicht auf die Vermutung kommen dass er mehr ahne als ihr
lieb sei Dass er vielleicht mit dem Fürsten gesprochen und von diesem durch
unschuldig scheinende Fragen mehr erfahren als ihr zweckdienlich scheinen
mochte Und würde diese Vermutung ihm nicht ihr Misstrauen ihren Hass zugezogen
haben Der Pater war empfindlich gegen diesen Hass er fürchtete die
Feindschaft dieser Frau nicht nur deshalb weil er ihrer notwendig bedurfte
sondern auch darum weil sie ihm das heißt seinen Plänen gefährlich werden ja
sie vollständig vernichten konnte
Er wandte also seinen Schritt dahin woher er gekommen zu Alicens Wohnung
Unterwegs durchleuchtete ein neuer Gedanke sein grübelndes Gehirn
Er wollte Alicen einen ihm mit Leib und Seele ergebenen und verschwiegenen
Begleiter mitgeben Salvador Es passte sich vortrefflich dass Lydia den
Schwarzkopf schon kannte und wie es schien Vertrauen zu ihm gefasst hatte Er
würde also von dieser Seite keinen Einwand zu bekämpfen ja vielleicht Beistand
bei seinem Antrage zu erwarten haben
Zugleich entfernte er dadurch den leidenschaftlichen Jungen aus der Nähe des
Fürsten da ihm aus Gründen die später deutlicher sich darlegen werden
Alles daran gelegen war dass der Fürst fürs Erste unangetastet blieb Während
er diese Reflexionen machte war er bei Alicen angelangt deren forschenden
Blick er glücklich zu ertragen wusste In Bezug auf seine Bitten wegen des Knaben
kam ihm Alice auf halbem Wege entgegen Sie ahnte die Schlinge nicht die ihr
damit gelegt wurde Nachdem noch das Nähere und Weitere verabredet war und
Angelikus versprochen hatte Salvador des Morgens früh eine Stunde vor ihrer
Abreise bei ihr einzuführen empfahl er sich und eilte froh darüber die
doppelte Verlegenheit so schnell und leicht überwunden zu haben zu Ines
Wir kehren nunmehr zu unserm jungen Nachtwandler zurück
Mit schnellen Schritten eilte er dem Stephansplatze zu Hier wurde sein Gang
langsamer bis er endlich das bezeichnete Haus erreicht hatte Es war ganz
dunkel nur das äußerste Eckfenster des zweiten Stocks war erhellt Des Knaben
Phantasie brachte ihn sofort zu der Überzeugung dass dies ihr Fenster sei und
wirklich hatte er diesmal recht Die beiden Frauen mochten mit Einpacken
beschäftigt sein denn Salvador sah häufig bald einen bald zwei Schatten auf den
weißen Rouleaux welche zum Schutz gegen neugierige Blicke der
gegenüberliegenden Etagen niedergelassen waren hin und her gleiten Salvador
setzte sich auf einen Prellstein an der Ecke eines gegenüberstehenden Hauses
und sah unverwandten Blickes zu dem Fenster empor Mitternacht war längst
vorüber dumpf hallte die Glocke des Stephansturms die erste Stunde des Morgens
durch die schweigende Nacht Salvador hatte seinen Blicken noch keine andere
Richtung gegeben
Wieder war eine Stunde vorüber Es schlug zwei der Knabe rührte sich nicht
»Merke genau« hatte der Pater gesagt »zwei Uhr und zwanzig Minuten«
Salvador hatte es vergessen Aber als die Wellen des letzten Schlages in die
reine Luft verflossen waren wollte es ihm bedünken als ginge eine Veränderung
in dem Zimmer vor Es wurde plötzlich lichter als zuvor dann trat die frühere
matte Helligkeit wieder ein aber bald darauf erhellten sich zwei an der andern
Seite des Gebäudes gelegene Fenster in derselben Etage Da kam Salvador zum
Bewusstsein er raffte sich empor und besann sich darauf dass es zwei Uhr
geschlagen Zugleich fielen ihm die Worte des Paters ein Zwei Uhr und zwanzig
Minuten Er zog seine blaue Jacke die er über die Livree gezogen fester um
sich drückte seinen Strohhut tiefer ins Gesicht und begann jetzt langsam die
Straße auf und niederzuschreiten indem er rings spähende Blicke umherwarf die
jedoch zuweilen auch das Eckfenster trafen
Sein Herz klopfte als sollte er ein Verbrechen begehen stärker und
stärker je näher es dem festgesetzten Zeitpunkt kam Endlich sah er eine tief
in den Mantel gehüllte männliche Gestalt vom Stephansplatz her die Wollzeile
heraufschreiten Er erkannte sogleich den Fürsten und ging ihm schlendernden
Ganges und als bemerke er ihn gar nicht entgegen Der Fürst eilte an ihm
vorüber ohne ihn zu beobachten Jetzt musste er an der Haupttüre sein Salvador
wandte sich um die Türe öffnete sich der Fürst war verschwunden
Salvador nahm wieder seinen Platz auf dem Eckstein ein das Fenster Lydias
war dunkel dagegen strahlten die andern beiden später erhellten Fenster
einen durch keine Rouleaux gebrochenen Glanz ihm entgegen Jetzt trat eine
männliche Gestalt an das Fenster Da fuhr es ihm wie ein Dolchstich durch die
Seele und er fühlte zum ersten Male den schmerzhaften Stachel der Eifersucht in
seinem Herzen das in diesem Augenblicke seine Unbefangenheit für immer
verloren
Fürst Lichninsky flüsterte halb träumerisch der arme Knabe indem er
drohend die Hand gegen den Himmel erhob
Fürst Lichninsky Sie stehen mir im Wege
Folgen wir nun dem Fürsten zu Alicen
Rasch stieg er die Treppen hinan und war wenige Sekunden darauf bei Alicen
Der Fürst stellte den Hut aufs Fenstergesims und warf mit jener graziösen
Nachlässigkeit die nur bei wirklich aristokratischen Naturen nicht affectirt
erscheint seine Handschuhe hinein
Ich habe Sie also verstanden sagte er mit gleichgültigem Tone Sie
erwarteten mich
Freilich ich erwartete Sie und nun will ich Ihnen vor allen Dingen
Aufklärung darüber geben was heute oder vielmehr gestern Abend Sie zu jenem
absonderlichen Missverständnisse verleitete als würden wir belauscht
Der Fürst erwiderte nichts Er rückte einen Stuhl an den Tisch hinter
welchem Alice auf dem Sopha saß und blätterte in einem Reisealbum das sie auf
allen ihren Streifzügen mit sich führte und mit ihren Erinnerungen bereicherte
Sie scheinen nicht begierig darauf fuhr Alice mit gereiztem Tone fort
froh darüber einen Grund zum Streit gefunden zu haben der sie vielleicht der
Notwendigkeit einer solchen »Aufklärung« überheben könnte Schweigen wir
also davon wenn Sie es so wünschen
Ich wünsche es nicht sagte lakonisch der Fürst
Alice glaubte sich durchschaut und errötete unwillkürlich Sie musste zu
einer andern Taktik ihre Zuflucht nehmen das fühlte sie wohl Sie setzte der
Einsylbigkeit des Misstrauens die Einsylbigkeit des Stolzes entgegen
Was wünschen Sie also Durchlaucht fragte sie fast hochmütig
Der Fürst blickte empor Sie haben gewünscht gnädige Frau erwiderte er
mit derselben hochmütigen Kälte dass ich um diese Zeit hier mich einfinden
solle wenn ich Sie richtig verstanden Nun denn ich bin hier auf Ihren Wunsch
nämlich Es könnte demnach auffallend scheinen dass jetzt wo ich Ihrem Wunsche
gehorsam mich eingestellt Sie mich fragen was ich wünsche
Der Fürst erhob sich Das Umgekehrte wäre naturgemässer sollte ich meinen
Indessen war ich zu bescheiden um eine solche gegen alle gute Lebensart
sündigende Frage an Sie zu richten Ich wartete ab voilà tout
Der Fürst warf seinen Mantel über die Schultern
Alice erbleichte als sie sah dass der Fürst entweder wirklich beleidigt war
oder den Beleidigten spielte In beiden Fällen war er gegen sie im Vorteil
aber ihr Benehmen musste für jeden der beiden Fälle ein durchaus verschiedenes
sein Schnell wie sie die Notwendigkeit dieser Unterscheidung erkannte
beantwortete sie sich auch die Frage ob die kalte Gereiztheit des Fürsten nur
eine Maske war vermittelst deren er über sie zu triumphiren versuchen wollte
oder ob er diesmal wirklich beleidigt war Im ersten Falle konnte sie es wagen
Trotz dem Trotzigen zu bieten denn sie war sich ihrer größeren Konsequenz
bewusst im andern Falle war ihre Lage schwieriger und sie konnte es sich
nicht abläugnen dass sie sich in dieser schwierigen Lage wirklich befand Der
Fürst ergriff seinen Hut und steckte die Handschuhe in die Rocktasche
Vielleicht wird der Leser lachen wenn wir ihm mitteilen dass in diesem
einzigen Umstande dass der Fürst die Handschuhe in die Tasche steckte Alice die
Überzeugung gewann der Fürst sei ernstlich erzürnt auf sie Er hätte sie
sicher so reflektirte sie mit hastiger Langsamkeit angezogen um für sich
Zeit zu gewinnen und ihr zu lassen Ihr Operationsplan war gefasst Sie schwieg
und lehnte sich die Hand über die Augen haltend als blendete sie das Licht
in das Sopha zurück Ihr ganzes Wesen nahm den lebendigen Ausdruck einer aus
Misskennung stammenden Resignation an
Der Fürst war zum Abschiednehmen fertig Er stand vor ihr erwartend dass
sie sich emporrichten würde Aber sie reichte ihm ohne ihre Stellung zu
verändern die linke Hand und sagte mit leiser Stimme als fürchte sie durch
lauteres Sprechen ihre Bewegung zu verraten Leben Sie wohl Felix Es lag
ein solcher Zauber in diesem Ton dass des Fürsten Zorn schon halb gebrochen war
Er hielt ihre kleine zierliche Hand noch in der seinigen schwankend was er
sagen was er tun solle Jetzt überflog sein Auge die vor ihm liegende reizende
Gestalt welche durch ein schneeweisses leichtes Negligee noch mehr gehoben
einen verführerischen Anblick darbot
Alice sagte sanft der Fürst indem er ihre Hand nach einem leisen Drucke
fahren ließ
Alice ließ ihre Rechte von der Stirn gleiten Zwei große Tränen glänzten in
ihren Augen Sie blickte ihn durch dieselben mit unaussprechlicher Traurigkeit
an
Jetzt war es um des Fürsten Kälte geschehen Er warf Hut und Mantel weit von
sich und kniete vor Alicen nieder ihren schlanken Körper umfassend und an seine
Brust drückend Sie beugte sich über ihn und drückte einen Kuss in sein schwarzes
reiches Haar
Du hast mir wehe getan Felix sagte sie mit demselben sanften Tone der
Resignation
Verzeihung Alice
Höre mich jetzt ich will Dir erklären
So willst Du mir nicht verzeihen bat der Fürst Ich glaube Dir ich
vertraue auf Dich und bitte Dich zum Zeichen dass Du mir verziehen mich nicht
demütigen willst durch die Erinnerung an meine gestrige Tollheit von jeder
Erklärung abzustehen Versprich mir das Alice Die Strafe wäre zu hart
wolltest Du darauf bestehen denn es wäre eine Mahnung daran dass ich Dir
misstraute Noch einmal Verzeihung Alice
Alice hatte vollständig gesiegt
Sie hatte gezittert bei dem Gedanken an die Notwendigkeit einer Aufklärung
Jetzt wurde es von ihr als eine Gnade erbeten darüber zu schweigen Konnte ein
Sieg vollständiger sein Aber Alice verstand nicht nur zu siegen sie verstand
auch ihren Sieg mit Vorsicht zu benutzen Sie entzog sich nicht den
Liebkosungen Lichninskys sie gab ihnen aber auch nicht nach Sie wollte seine
Leidenschaft in diesem Augenblicke weder bis zur Glut anfachen noch bis zur
Kälte dämpfen Denn in beiden Fällen würde sie nicht erreicht haben was sie
wollte einen Blick in die letzte Perspektive seiner Pläne zu werfen
Schweigen wir also davon wenn Sie es so wollen sagte sie mit
schalkhaftem Lächeln welche die Ironie milderte die in der Wiederholung dieser
am Anfange des Gesprächs von ihr gebrauchten Worte lag Und nun erheben Sie
sich aus dieser für Sie demütigenden Stellung und setzen Sie sich an meine
Seite
Sie sind grausam doppelt grausam in diesem Augenblick Ich nehme es aber
als gerechte Strafe hin und gehorche Er sprang auf und ging mit großen
Schritten im Zimmer auf und ab Alice beobachtete ihn
Sie sind heute sonderbar aufgeregt Felix Ist es erlaubt nach dem Grunde
zu fragen
Glauben Sie an Ahnungen Alice fragte der Fürst indem er vor ihr
stehen blieb
An Ahnungen Je nachdem wenn ich gerade in der Stimmung bin
Indessen Sie wissen dass ich Ateistin bin Wer keinen Glauben hat sollte ich
denken ist noch weniger dem Aberglauben zugänglich
Das ist kein Grund Die radikalsten Freidenker sind wie die
sentimentalsten Pietisten am abergläubischsten Les extrêmes se touchent
Mag sein ich will mit Ihnen nicht philosophiren Wie kommen Sie jedoch
darauf
Weil ich seit gestern Abend das Gefühl nicht los werden kann als aber
Sie müssen nicht lachen als weile irgend eine feindliche Macht ein
Unbekannter ein je ne sais quoi in meiner Nähe das nun ja das mir den
Garaus zu machen bestimmt ist
Alice lachte laut auf Sie haben ein böses Gewissen Freund schämen Sie
sich
Ein böses Gewissen Der Fürst schüttelte den Kopf Sehen Sie das
ists eben was mich zur Verzweiflung bringt dass ich diesem Gefühl keinen
Stoff keinen Anhalt geben kann Es ist eine Albernheit eine Verrückteit ich
gebe es zu aber das ändert die Sache nicht
Schade dass ich heute abreisen muss ich könnte Sie sonst Morgen Abend zu
einer berühmten Sybille führen die Ihnen aus den Karten Ihr Schicksal wahrsagen
würde
Scherzen Sie nicht Ich sage Ihnen dass ich seit gestern Abend den
Damokles für keinen Feigling halte wie ich sonst getan
Vielleicht hat sich irgend Eine Ihrer verlassenen Geliebten auf den Weg
gemacht um den Verräter zu strafen eine wütende Römerin oder was
wahrscheinlicher ist eine rasende Spanierin
Alice hatte in ihrer gewöhnlichen scherzhaften Weise gesprochen ohne daran
zu denken dass ihre Worte mehr als eine Neckerei enthalten könnten Wie
erstaunte sie als sie den Fürsten plötzlich bis an den Rand der Lippen
erbleichen sah Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare schüttelte sich wie
Jemand der einen schweren Traum gehabt und brach sodann in ein Gelächter aus
Dies Lachen aber klang unheimlich und misstönend
Zum Teufel mit der Gespensterfurcht Im Arm der Liebe werden die
Phantome weichen wie die Nebel vor dem Sonnenstrahl
Wieder warf er sich vor Alicen nieder Sein Auge brannte fieberhaft und
seine Wangen glühten in dunklem Purpur Mit Heftigkeit riss er das schöne Weib an
sich das in diesem Augenblicke ihr Herz etwas rascher schlagen fühlte
Ruhig Felix ein leises Zittern beschlich ihre Stimme wir haben noch
Vieles und Wichtiges mit einander zu sprechen Hören Sie schon ists 3 Uhr
noch drei Stunden und ich habe Wien verlassen um es vielleicht auf lange Zeit
nicht wieder zu sehen Felix ich bitte Dich
Vielleicht wäre Alicens Widerstand geringer gewesen wenn sie nicht
gefürchtet hätte dass der Fürst in seiner Leidenschaftlichkeit alles Andere um
das es ihr bei diesem Rendezvous gerade zu tun gewesen vergessen würde Aber
die Grenze war bereits überschritten wo sie ihn zur Besinnung zurückzuführen
noch vermocht hätte Er war in einer durch mannigfache Eindrücke denen sein
phantastisches Gemüt so zugänglich war verstärkten Aufregung deren Wellen sie
durch nichts mehr als durch die schnellste Flucht in ihre Ufer zurückdämmen
konnte Sie riss sich daher aus seinen Armen los und eilte in das Nebenzimmer
Der Fürst gehörte zu jenen Naturen die einmal im Innern von einer Idee
erfasst im nächsten Augenblicke alle Mittel anwenden sie zu erreichen und die
bei ihrem gewaltsamen Anstreben keine Schranke achten und keine Autorität
respektiren Ist der Widerstand größer als ihre Kraft so erschlaffen sie
freilich eben so schnell und beruhigen sich bei dem Gedanken der Unmöglichkeit
um so leichter als in den meisten Fällen ihr wandelbares Herz schon wieder
durch ein neues Objekt in Anspruch genommen wurde
Der Fürst sprang empor wie ein verwundeter Tiger Sein Auge rollte seine
Lippen schäumten seine Brust hob und senkte sich krampfhaft So stand er vor
der verschlossenen Tür Einen Augenblick war sein Blick auf die Scheidewand
zwischen ihm und seinen Wünschen gerichtet dann stürzte er mit einem
verzweifelten Satz darauf los die Türe krachte in ihren Fugen und flog mit
einem ungeheuren Knall auf
Alice stand bleich und zitternd mitten in ihrem Schlafzimmer Endlich brach
sie in ein lautes Gelächter aus
Nun wahrhaftig ich habe geglaubt dergleichen Rittertaten seien nur in
Italien oder Spanien an der Tagesordnung Ich weiß Ihnen Dank für diesen
Liebesbrief in Frakturschrift Felix und werde mich erkenntlich beweisen
Nehmen Sie Platz
Das Schlafzimmer Alicens bot einen Anblick von raffinirter Verschmelzung von
orientalischem Luxus und aristokratischer Einfachheit dar
Die herrschende Farbe desselben war ein mattes Blau welches in bald
hellerer bald tieferer Schattirung die schweren seidenen Gardinen die
Teppiche die Tapeten und den wollüstigreichen Divan bedeckte Die eigentliche
Bedeutung dieses Blaues aber war in einer kleinen dunkelroten Ampel enthalten
welche von der Decke herabhängend aus ihren tausend scharf geschliffenen
Façaden einen Purpurglanz ausstrahlte der sich aufs Innigste mit dem Blau des
Zimmers vermählend das Letztere in eine Teinte hüllte deren mannichfaltiges
zauberhaftes Farbenspiel ein Abglanz der Empfindungen darzustellen schien
welche in dem Busen der schönen Bewohnerin dieses Zimmers auf und ab wogten
Der Fürst stand noch immer lautlos vor Alicen Endlich sagte er mit düsterm
Blicke einer Stimme die vor Bewegung zitterte
Sie spielen mit mir Alice Sagen Sie mir den Grund so will ich
zufrieden sein Sie antworten nicht
Weil ich Sie nicht verstehe
Der Fürst lächelte ironisch Wir scheinen heute dasselbe Unglück zu haben
Schade dass die Zeit zu kurz ist um ein gründliches Verständnis herbeizuführen
So hören Sie denn was meine Meinung darüber ist Wenn ich von Ihnen gehe ohne
dass die heutigen Rätsel zwischen uns gelöst sind so hüten Sie sich ich rede
als Freund zu Ihnen mir künftighin noch andere aufzugeben Ich könnte das
Unglück haben für Sie ein Oedipus zu werden
Halten Sie mich in der Tat für ein Ungeheuer lächelte Alice mit
schelmischer Koketterie Seien Sie kein Tor Felix und lassen Sie Ihre
düsteren Sentimentalitäten bei Seite Was ich von Ihnen fordere ist vor allen
Dingen Mäßigung im Übrigen werden wir uns hoffe ich verständigen wenn Sie
woran ich nicht zweifle von der Wahrheit des Satzes durchdrungen sind dass
halbes Vertrauen bedenklicher ist als vollständiges Misstrauen Und nun setzen
Sie sich und reden wir vernünftig
Alice fasste den kaum Widerstrebenden bei der Hand und zog ihn auf den Divan
nieder
Gut sagte der Fürst ich will Ihnen Alles sagen doch vorher eine
Frage Wer hat Ihnen den Brief an die Herzogin von Nagus gegeben und was ist
sein Inhalt
Alice besann sich eine kurze Zeit Der Brief ist von Angelikus Seinen
Inhalt kenne ich nicht
Ich dachte es mir murmelte der Fürst Nur zu ihr Heuchler und
Schleicher Eure Schlingen sind fein angelegt Nehmt euch in Acht dass nicht
zuletzt euer eigener Hals darin stecken bleibt
Es bedarf von meiner Seite nicht der Aufforderung an Sie von dieser
Mitteilung keinen Gebrauch zu machen
Seien Sie ruhig Es liegt in meinem eigenen Interesse dass Sie mich
getäuscht glauben Nehmen wir nun unser heutiges Gespräch wieder auf Hier
habe ich Ihnen sämtliche Adressen welche Sie brauchen aufgeschrieben Er
reichte Alicen einen Zettel Nehmen Sie auch für alle Verbindungen die ich in
Berlin besitze diese Erkennungskarte die Ihnen alle Türen öffnen wird
Alice lächelte Sie rechnen sich also auch zu den Kindern des Achtzehnten
Das habe ich nicht gewusst
Der Fürst sprang wie von einem Zauberschlage getroffen empor Langsam
setzte er sich wieder nieder
Sie gehören zu den Eingeweihten desto besser So bedarf es der Einführung
nicht und wir können deutlicher mit einander sprechen Des Fürsten Stimme
wurde plötzlich ernst eine tiefe innere Bewegung schien ihn zu durchströmen
als er fortfuhr Alice teures Weib wenn je ein Augenblick günstig war um
Vertrauen gegen Vertrauen auszutauschen so ist es dieser Ich sage Ihnen offen
dass ich über das was die Achtzehner wollen hinaussehe Was jene wollen ist
für mich nur der Anfang des Anfangs Es wird an uns liegen ob wir das Ende
erreichen Gehen Sie denn hin und seien Sie aufmerksam Nehmen Sie an den
Versammlungen Teil aber compromittiren Sie sich nicht durch irgend welche
Demonstration Es wird Ihnen ein Leichtes sein die Führer zu vertraulichen
Mitteilungen zu veranlassen Behalten Sie getreulich Namen und Sachen aber
schreiben Sie nichts auf Alice wollen Sie mit mir kämpfen mit mir die
Früchte des Sieges genießen Der Fürst schlang seinen Arm um den schönen Leib
Alicens die ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte Ihre Lippen fanden
sich Alice wusste jetzt genug um länger zu widerstreben In dem Rausche der
Leidenschaft in den sie den schönen Mann versetzte legte sich seine Seele
völlig klar ihren Augen dar und war noch eine Falte übrig gewesen so hatte sich
diese unter der liebkosenden Hand der schönen verführerischen Frau schiegsam
geglättet
Es schlug 5 Uhr als sich Alice aus den Armen des Fürsten emporraffte
Lebe wohl Geliebte in Berlin sehen wir uns wieder
Zweites Buch
I
Es war ein unfreundlicher Märzabend Auf den Straßen Berlins lag ein dichter
Nebel den zu durchdringen die zahlreichen Gasflammen sich vergebens
anstrengten Mit raschen Schritten und tief in Mäntel gehüllt oder unter
schützenden Regenschirmen sich bergend eilten die geschäftigen Bewohner der
preußischen Residenz auf dem feuchtglänzenden Trottoir an einander vorüber
Auf dem Turme der Nikolaikirche in der Poststrasse schlug es 8 Uhr
Zahlreich strömten aus den Tabaksfabriken der Königsstadt die Arbeiter und
Arbeiterinnen um sich nach ihren Familien in den Vorstädten zu begeben Nicht
wie die Schnitter und Schnitterinnen auf dem Lande unter fröhlichem Scherz und
munterem Gelächter wenn sie dem mit Garben hochbeladenen Wagen folgend am Abend
nach vollbrachtem Tagewerk ins Dorf ziehen lautlos und finster schlichen sie
dahin und nur eine Hoffnung beflügelte ihre Schritte im Schlaf das Bewusstsein
ihres qualvollen Daseins los zu werden Und wohl ihnen wenn dies Bewusstsein
in ihnen noch lebendig war aber bei den meisten war statt dessen eine stumpfe
Indifferenz vorhanden die sie gegen Trost und Hoffnung wie gegen den Schmerz
und die Entbehrung gleicherweise unempfindlich machte Unter den jungen Mädchen
welche aus dem hellerleuchteten Laden des Fabrikanten P in der Königsstrasse
heraustraten wäre dem aufmerksamen Beobachter vielleicht nur eins aufgefallen
in dessen Gesicht sich noch das Gefühl der Herabwürdigung abspiegelte und doch
war gerade dieses eine der ältesten Cigarrenwicklerinnen der Fabrik Sie hieß
Anna und war 16 Jahre alt Um sich besser gegen den allmälig zum Regen
gewordenen Nebel zu schützen hatte sie ein dunkelbraunes grobwollenes Tuch um
den Kopf und Hals geschlungen so dass man nur ihre dunkelblauen Augen aus denen
eine in diesem Alter selten verständige Resignation sprach so wie ihre
feingeschnittene Nase erkennen konnte so richtete sie abgesondert vom großen
Haufen einsam ihren Weg nach einer der düstern nordöstlich gelegenen Vorstädte
Es war heute Zahltag gewesen sie brachte den Lohn für die Arbeit einer
ganzen Woche mit nach Hause Sie rechnete nach wie viel jede Stunde die sie in
der Fabrik angestrengt gearbeitet ihr eingetragen habe und brachte endlich
heraus dass es im Durchschnitt fünf Pfennige ausmache Fünf Pfennige für eine
ganze lange Stunde das war freilich wenig um eine ganze Familie damit zu
ernähren Denn Anna musste außer ihren Eltern noch fünf Geschwister vor denen
das jüngste noch an der Mutter Brust war unterstützen Zwar hatte sie noch
einen älteren Bruder Rudolph oder wie er gewöhnlich genannt wurde Ralph ein
fleißiger und geschickter Maschinenbauer Aber der war seit einiger Zeit ein
ganz anderer Mensch geworden früher heiter und lebensfroh jetzt düster und in
sich gekehrt Ihr Vater der alte Naumann war ein geschickter Tischler da er
jedoch schon lange keine Arbeit mehr erhielt und die Not groß war so hatte er
sein Arbeitszeug verkaufen müssen und flocht jetzt Körbe Aber das brachte auch
wenig oder nichts ein Der Winter war sehr hart gewesen sie hatten die Miete
nicht bezahlt und es war vorauszusehen dass der Wirt des Familienhauses sie
wohnten in einem Familienhause im Voigtlande ihnen im Kurzen wie man zu sagen
pflegt den Stuhl vor die Türe setzen würde
Bei der Klasse von Menschen zu denen die Naumannsche Familie gehörte ist
es etwas sich ganz von selbst Verstehendes dass die Kinder sobald sie die Jahre
erreicht haben wo die Sprösslinge »anständiger Leute« anfangen das Gymnasium
oder die höhere Töchterschule zu besuchen ihre Schuld an die Familie durch
Arbeit abtragen Darin liegt nicht etwa ein sentimentaler Anstrich von Edelmut
oder Aufopferungsfähigkeit oder Elternliebe im Allerentferntesten nicht
sondern die Kinder sind in dieser Sphäre der Gesellschaft ein Kapital dessen
Herstellung bis zu dem Punkte wo es seine Zinsen trägt »gekostet« hat und nun
von diesem Punkte an nicht nur durch sich selbst existieren sondern auch einen
Überschuss zur Amortisation der Beschaffungskosten abwerfen muss Es war
deshalb der guten Anna auch nie in den Sinn gekommen aus ihrer arbeitsamen und
entsagungsreichen Lebensart das erhebende Bewusstsein einer sie ehrenden
Handlungsweise zu schöpfen ein Bewusstsein das sie vielleicht gestärkt und
ermutigt hätte Diese Reflexion lag ihr durchaus fern sie sah darin nichts
weiter als ihre »Bestimmung« der sie nicht entgehen könne Zwar stieg wohl
zuweilen wenn sie ihre kleinen aber von der beissenden Lauge worin sie die
Tabaksblätter wusch zerfressenen harten Hände betrachtete in ihr die Frage
auf warum denn gerade sie und so viele andere ihrer Mitarbeiterinnen zu dieser
beschwerlichen und wenig lohnenden Arbeit »bestimmt« seien während es so viele
junge Mädchen gibt die ihren Tag damit hinbringen sich zu putzen und ins
Theater zu fahren aber solche Vergleichungen kamen erstens sehr selten und
gingen auch da sie sich keine Antwort darauf zu geben wusste spurlos vorüber
Als sie heute ihre Rechnung überschlug wurde wieder jene Frage in ihr wach
und eine Bitterkeit wie sie sie bis jetzt noch nicht gefühlt hatte regte sich
in ihrem Herzen
»Bist Du etwa schlechter als jene vornehmen Damen die mit verächtlichem
Lächeln auf die Dirne herabsehen wenn ihr Auge zufällig auf Dich fällt Ist es
Deine Schuld dass Du so wenig gelernt hast Ach wenn ich schneidern lernen
könnte ich wollte doppelt so viel arbeiten« Die arme Anna sie kannte kein
höheres Ideal als das Schicksal einer Putzmacherin Tränen traten in ihre
Augen
Vertieft in ihre Gedanken bemerkte sie nicht dass schon seit längerer Zeit
Jemand ihr auf dem Fuße gefolgt war Es war so viel man in der trüben
Atmosphäre bemerken konnte ein noch junger seiner Kleidung nach den höheren
Ständen angehörender Mann der Anna beim Heraustreten aus dem Laden bemerkt und
sie seitdem mit keinem Blicke verlassen hatte In der Nähe des Tors schien er
zu einem Entschlusse gekommen zu sein
So spät und in dieser Gegend allein schönes Kind Fürchtest Du Dich
nicht
Anna erschrak zuerst bei dieser plötzlichen Anrede einer unbekannten Stimme
Dann sah sie den unberufenen Frager groß an
Warum sollte ich mich fürchten gegenfragte sie Diese »Gegend« ist
mein Vaterland
Es war gewiss ein sonderbarer Ausdruck die Gegend einer Stadt sein
»Vaterland« zu nennen In Annas Munde klang es jedoch ganz unaffektirt obschon
die Bitterkeit ihres Herzens sich darin mit einer für den Indifferenten nicht
erkennbaren Wahrheit kund gab In der Tat wer im Berliner Voigtlande geboren
und erzogen ist für den gibt es keine Vaterstadt sondern nur ein Vaterland
das Vaterland der Entbehrung der Menschenknechtung der Seelenschändung Die
Bewohner und Bewohnerinnen des Voigtlandes stehen außerhalb der menschlichen
Gesellschaft sie haben ihre eigenen Gesetze ihre eigene Sitte ihren eigenen
Glauben Sie bilden eine Nation für sich eine Nation der Entwürdigung im
Schoss der glänzenden Residenzstadt des mächtigen frommen intelligenten
Preußens
Auch den Unbekannten musste jener sonderbare Ausdruck frappiren denn er
konnte sich nicht enthalten zu fragen Du willst sagen dass Du Berlinerin bist
nicht wahr
Nein antwortete Anna in demselben kalten und bitteren Tone ich bin
Voigtländerin Doch was geht Sie das an Was kann Ihnen daran liegen wo ich
geboren bin
Sehr viel erwiderte der Fremde fast verwirrt Ich gehe ein Stück mit
Dir wenn es Dir recht ist
Es ist mir gleichgültig erwiderte Anna ohne sich weiter an ihren
Begleiter zu kehren
Dieser war offenbar in Verlegenheit Nach einer Pause während welcher sie
das Tor bereits passiert hatten bot er ihr seinen Arm an Anna sah ihn erstaunt
an lehnte es jedoch nicht ab ihn anzunehmen
Hast Du noch Eltern
Ja und fünf Geschwister
Da lebt ihr wohl sehr kümmerlich
Anna seufzte und schwieg
Sei offen zu mir Kind Ich interessire mich für Dich Vielleicht kann ich
Dir helfen wenn Du hübsch freundlich zu mir sein willst
Und was würde Ihnen meine Freundlichkeit nützen Sie treiben Scherz mit
mir
Nein wahrhaftig nicht beteuerte der Fremde welcher in Annas Antwort
eine halbe Nachgiebigkeit zu erkennen glaubte Damit Du siehst dass ich nicht
scherze so höre meinen Vorschlag Ich weiß Du arbeitest jetzt bei P nicht
wahr
Ja sagte Anna erstaunt da sie sich nicht erklären konnte woher der
Unbekannte dies erfahren haben mochte
Wie viel verdienst Du dort
Je nachdem wenn ich fleißig bin und des Tages 11 Stunden arbeite 4 bis 5
Silbergroschen
Wohlan ich will Dir das Dreifache geben
Fabriciren Sie auch Zigarren fragte Anna naiv
Der Unbekannte lachte Nein aber ich rauche welche antwortete er
scherzend
Dann kann ich nicht zu Ihnen kommen
Und warum nicht fragte Jener erstaunt
Weil ich nichts Anderes verstehe
Ah dummes Zeug Du wirst doch Stuben reinigen können
Ja das kann ich sagte Anna erfreut
Und Geschirr blank putzen
Ja wohl das kann ich auch sagte sie und ihre Freude stieg
Und Gänge in die Stadt machen und einkaufen auf dem Markte
Ei versteht sich Ich kann sogar etwas kochen
Vortrefflich So sind wir also einig
Einig vorüber
Nun dass Du zu mir ziehst in meinen Dienst meine ich Ich gebe Dir
monatlich 15 Taler und freie Wohnung Bist Du damit zufrieden
Gehen Sie Sie wollen mich zum Besten haben
Du bist sehr ungläubig mein Kind Um Deine Zweifel zu lösen sieh hier
Dein Handgeld Er drückte ihr ein Goldstück in die Hand Mein Name ist Möller
und meine Wohnung Behrenstrasse Morgen Vormittags um 11 Uhr erwarte ich Dich
Adieu
Und Sie fragen gar nicht wer ich bin und wo ich wohne
Wozu Morgen wirst Du mirs sagen
Aber wenn ich nicht komme
Nun dann
Dann hätte ich das Goldstück umsonst bekommen
Du bist eine Närrin dann gingen Dir ja die 15 Taler verloren und
außerdem weiß ich ja dass Du bei P arbeitest
Das ist wahr
Sie waren indes an ein großes finster aussehendes Gebäude gekommen Kein
Licht zeigte sich an den Fenstern so dass es ganz unbewohnt schien Nur aus den
Ritzen der festverschlossenen Kellerläden blickte ein schwacher Lichtschimmer
hindurch
Hier müssen wir uns trennen sagte Möller stille stehend
Anna blieb ebenfalls stehen und schien zu erwarten dass ihr Begleiter sich
entferne
Du wohnst doch nicht in diesem Hause fragte dieser endlich
Nein aber mein Bruder ist darin Er wartet auf mich
Wie heißt er Ich werde ihm sagen dass er heraus kommen soll denn ich
habe darin zu tun
Rudolph Naumann
So sagte lang gedehnt Möller Nun dann versprich mir ich habe meine
Gründe dazu versprich mir Rudolph noch nichts von unserer Verabredung zu
sagen auch nicht dass Du Geld erhalten hast
Ei bewahre Das bringe ich nach Hause
Gut Dann warte einen Augenblick
Möller stieg die Treppe hinab und verschwand im Innern des Hauses Nicht
lange darauf erschien Ralph
Gut dass Du kommst ich habe schon gewartet Nun was bringst Du fragte
er Anna
Hier sagte sie ein Pack Zigarren aus ihrem Handkorbe nehmend Ebert
lässt Dich grüßen er habe nichts bekommen können
Nichts wie Ausreden brummte Ralph aber er mag sich in Acht nehmen
Die Zeit ist nahe wo wir Abrechnung halten Sonst nichts Neues Was ist Dir Du
zitterst ja
Mich friert sagte Anna auch hab ich Hunger Ich bin zu Mittag in der
Fabrik geblieben
Hier entgegnete Ralph ihr ein Stück trocken Brod reichend und nun
mache dass Du nach Hause kommst
Kommst Du nicht auch bald nach fragte Anna schüchtern
Was kümmerts Dich erwiderte er barsch und kehrte als Anna sich
entfernte wieder in den Keller zurück
Sollte man aus dem Ton der zwischen den Geschwistern herrschte wohl
schließen dass sie einander liebten mit einer Liebe wie man sie in den »höheren
Regionen« der Gesellschaft selten oder nie findet Anna und Rudolph waren für
einander jedes Opfers fähig aber sie wussten es kaum am allerwenigsten zeigten
sie es in ihrem äußern Benehmen So presst des Proletariers Dasein sein Siegel
selbst auf die bessern Gefühle die sich im Herzen der in seinen Fesseln
Schmachtenden etwa noch vorfinden
Als der Begleiter Annas in den Keller trat tönte ihm schon von fern ein
wildes Geschrei und Gläsergeklirr entgegen
Die verdammten Jungen brummte er werden uns noch die Polizei zu früh
auf den Pelz locken Er trat in einen engen Gang dessen Windungen ihm aber
bekannt zu sein schienen und der durch eine schwere eisenbeschlagene Tür
begrenzt wurde Er steckte leise einen Schlüssel in die Tür und öffnete sie
Ein dichter Tabacksqualm der die beiden auf einem langen mit Gästen
besetzten Tisch brennenden Lichter fast erstickte strömte ihm entgegen
Als sich seine Augen und seine Lunge an diese Atmosphäre etwas gewöhnt
hatten unterschied er unter der Türe stehen bleibend die einzelnen
Gestalten Es mochten 15 bis 20 junge Männer sein ihrem Äußern nach zu
urteilen meist dem Arbeiterstande angehörig kräftige Gestalten und
intelligente aber meist düstere Physiognomien Vier oder fünf unter ihnen
gehörten offenbar einer gebildeten Klasse der Gesellschaft an doch war es
schwer zu entscheiden waren es Künstler Gelehrte oder Kaufleute Die
Gesellschaft schien in einen heftigen Streit geraten zu sein den der an einem
Ende des Tisches sitzende Präses vergebens zu beschwichtigen versuchte Er war
mit dem Rücken nach der Türe zugewendet so dass er den Neuhinzugekommenen nicht
bemerkte die Andern waren zu sehr in ihren Streit vertieft um auf irgend etwas
anders als auf ihre Gegner Acht zu geben so stand Jener wohl eine halbe Minute
indem er sich an dem Wirrwarr zu ergötzen schien
Holla ihr Grossmäuler nennt Ihr das eine geordnete Debatte Warum ist
keine Wache ausgestellt Ralph Antworten Sie Herr Präsident
Diese unerwartete Anrede brachte eine plötzliche Verwandlung in der
Versammlung hervor Alle sprangen von ihren Sitzen empor und drängten sich
begrüssend fragend um den Eingetretenen mit dem Rufe Das ist Gilbert
Willkommen Gilbert
Ruhig Brüder Bezähmt Eure Neugier sagte der Unbekannte welcher sich
der guten Anna wie es scheint unter falschem Namen bekannt gemacht hatte
Zum Teufel so lasst mich in Ruhe und setzt Euch wieder um den Tisch Du Ralph
wirst draußen verlangt Beeile Dich aber dass Du wieder herein kommst
Ralph entfernte sich und Möller oder vielmehr wie er von der
Gesellschaft genannt wurde Gilbert nahm seinen Platz ein Sogleich trat ein
allgemeines Schweigen ein Aller Augen richteten sich mit gespannter
Aufmerksamkeit auf Gilbert Dieser aber schien ihre Neugierde noch nicht
befriedigen zu wollen sondern sagte nur
Nun worüber seid Ihr denn so in Hitze geraten
Ein Dutzend Köpfe streckten sich vor um zu antworten aber die aufgehobene
Hand Gilberts band ihre Worte an die redelustigen Zungen
Hartwig mein braver Junge antworte Du Ich sehe hier Meister Proudhons
Buch »über das Eigentum« aufgeschlagen Es war also eine socialistische Frage
die Euch so in Harnisch brachte
Hartwig der Angeredete seines Berufs ein Mechaniker war ein junger Mann
von einnehmendem Äußern Verschieden von den Andern sprach sich eine derbe
Offenheit in seinem heiteren jetzt von der Leidenschaft des Streites gerötetem
Gesicht aus In seinen hellblauen Augen lag Entschlossenheit des Charakters das
Gefühl des »Sich auf sich selbst Verlassen könnens« war unverkennbar seinem
ganzen Wesen aufgeprägt Hartwig war ein durchaus zuverlässiger Mensch oder wie
Gilbert sagte »ein braver Junge«
Was wirds gewesen sein sagte er halb ironisch als die Frage über die
Quadratur des Zirkels für alle Proletarier das Eigentumsrecht
»Eigentumsrecht« brummte Hartwigs Nachbar ein alter Griesgram mit
weißen Haaren der mit ihm in derselben Werkstätte arbeitete dummes Zeug das
ist ja eben die Frage ob Recht oder Unrecht Schwatzt der Gelbschnabel von
Eigentumsrecht ich aber sage es gibt kein Eigentumsrecht es gibt nur ein
Eigentumsunrecht
Bravo Vater Steiger rief Gilbert aus Du kennst Deinen
socialistischen Katechismus wie das Vaterunser oder noch besser Aber stör uns
jetzt nicht Fahr fort Hartwig mein Junge
Ralph der immer den Superklugen spielen will fing damit an den ersten
Satz Proudhons »das Eigentum ist Diebstahl« zu erklären und meinte man müsste
ihn eigentlich umdrehen und sagen der Diebstahl oder noch deutlicher der Dieb
ist der wahre Eigentümer
Und das ist auch ganz vernünftig brummte Vater Steiger
Das lässt sich hören meinte gravitätisch Gilbert Und wer unternahm es
dem zu widersprechen
Ich sagte mit Stolz Hartwig Und ich glaube ihn vollständig
geschlagen zu haben
Nun lass hören sagte lächelnd Gilbert
Wenn der Dieb der wahre Eigentümer sein soll und dies allgemein
anerkannt wird so kann dies nur soviel heißen als die Menschen sind berufen
Diebe zu sein damit hört aber zugleich der Diebstahl auf ein Unrecht zu sein
und man kann folglich gar nicht mehr davon reden Wenn aber kein Dieb mehr
existiert so kann man auch gar nicht mehr den Satz aufstellen dass der Dieb der
wahre Eigentümer ist Soll also dieser Satz einen Sinn haben so kann er nur
der sein ein wahrer Eigentümer existiert nicht sondern wer sich als
Eigentümer gerirt der allein ist als Dieb zu betrachten weil er für sich
allein behalten will was Allen gehört
Dummes Zeug meinte der alte Steiger
Bist ein tüchtiger Logiker mein Junge sagte beifällig lächelnd Gilbert
und nun der Schluss
Sagen wir also fuhr jener fort was ich bewiesen habe Wer als
Eigentümer für sich auftritt ist als Dieb an dem Eigentum der Gesellschaft zu
betrachten so sind wir damit auf den Proudhonschen Satz la propriété cest
vol zurückgekehrt woraus folgt dass wenn die Umkehrung des Satzes einen Sinn
haben soll dieser kein anderer sein kann als der in dem nicht umgekehrten
Satze liegt
Ein großer Teil der Gesellschaft welche der mit überzeugungsvoller
Bestimmtheit vorgetragenen Schlussfolge mit der größten Aufmerksamkeit zu folgen
versuchte ohne dass ich indes behaupten will dass das Resultat der Bemühung
eines Jeden entsprochen hätte spendete dem Redner einen lauten Beifall welcher
sofort eine eben so laute Opposition von der andern Seite hervorrief
Ruhig rief Gilbert mit donnernder Stimme dazwischen indem er mit
geballter Faust auf den Tisch schlug Könnt Ihr nicht Ordnung halten
In diesem Augenblicke trat Ralph wieder ein Gilbert warf einen schnellen
forschenden Blick auf ihn um in seinen Gesichtszügen zu lesen ob ihm seine
Schwester über ihr Gespräch Mitteilungen gemacht Ralphs Miene war nicht
düsterer wie sonst und beruhigt wandte sich Gilbert mit der Frage an ihn
Und was ist denn Deine Ansicht hierüber Er wies auf das vor ihm
aufgeschlagene Buch Ist es wahr dass Du wie man erzählt eine
SpitzbubenRepublik stiften willst Es lag ein Beigeschmack von höhnender
Ironie in diesen mit lächelnder Miene vorgetragenen Worten welche den stolzen
Sinn Ralphs verletzte Indes teilte er die Scheu welche seine Gefährten vor
Gilbert hatten wenigstens in so weit um seinem ausbrechenden Zorn einen Zügel
anzulegen Nur seine Stirn war noch finsterer und seine Augen tiefer als er
einen langen verächtlichen Blick über die Gesellschaft werfend erwiderte
Meine Meinung ist die dass wir endlich mit dem Hin und Herreden aufhören
und mit dem Handeln beginnen Lassen wir also den läppischen Streit über das
Eigentum und kommen wir zur Sache Du versprachst uns heute Nachrichten aus
Wien Gilbert Wie stehts damit
Wahrhaftig Du hast recht Ralph versetzte Gilbert mit seiner
gewöhnlichen Bonhommie ohne von dem fast drohenden Ernst in Ralphs Ton Notiz zu
nehmen Es ist Zeit dass wir zu handeln beginnen Aber meinst Du fuhr er
fort meinst Du dass ich unterdes geschlafen habe während Ihr hier Euch an
fruchtlosen Debatten ergötztet Habt Acht Freunde dass wenn die Stunde des
Handelns kommt ihr eben so darauf vorbereitet seid wie ich Und diese Stunde
ist Euch näher als Ihr in diesem Augenblicke vermutet Darum lasst uns vor Allem
unsere Kräfte prüfen Ich komme so eben von der Gräfin Die Blüte unserer
Aristokratie war wieder versammelt Unsere Junker vom Heere und von der
Diplomatie haben keine Ahnung von den Dingen die ihrer warten Zwar beunruhigt
sie der Gedanke an die französische Republik und die Flucht Louis Philipps des
bösen Blutes wegen das so ein Beispiel diesseits des Rheins hervorbringen
könnte Doch sind sie eben so sehr davon überzeugt dass die Republik keinen
Bestand haben könne wie davon dass dies böse Beispiel in unserm lieben
Deutschland keine Nachahmer finden werde Ich erwähne diese Stimmung in den
»höheren Regionen« übrigens nur beiläufig als schlagenden Beleg für die
Wahrheit dass Gott den mit Blindheit schlägt den er verderben will Denn im
Übrigen ist unsere Sache nach allen Anzeigen so weit gediehen dass wir teils
nicht mehr Rücksicht auf »Stimmungen« zu nehmen brauchen teils auch nicht mehr
können Auch die Nachrichten aus den Provinzen lauten günstig Man spricht sogar
von einer Lossagung der Rheinlande von Preußen und einer Anschliessung an die
französische Republik Schlesien ist noch ruhig aber hält seine Blicke fest auf
den Rhein gerichtet Vorzugsweise aber regt sichs in Posen Es wird dort
bedeutend gearbeitet Was mich tief niedergeschlagen hat ist die Bemerkung dass
alle Briefe die ich erhalten von Berlin nichts erwarten Nun ich hoffe
Berlin wird sich Achtung zu erzwingen wissen Aus Wien habe ich ebenfalls
Nachrichten vom Präsidenten der Achtzehner und vom Pater Angelikus Beide lauten
günstig und übereinstimmend dahin dass Alles aufs Beste vorbereitet ist und der
Hauptschlag wahrscheinlich schon erfolgt ist wenn wir dieses lesen
Ein Gemurmel des Beifalls lief über die Lippen der Anwesenden bei dieser
Nachricht
Diese Briefe habe ich vor einer halben Stunde von einer Freundin erhalten
und nun ratet einmal wer sie mir gebracht hat Unsere Präsidentin Diesmal
hatte es nicht bei einem bloßen Gemurmel sein Bewenden Die Gesellschaft brach
in einen Schrei des freudigsten Erstaunens aus und bestürmte den lächelnden
Gilbert mit Vorwürfen dass er Alicen nicht mitgebracht Nur Ralph verharrte
düster und in sich gekehrt auf seinem Platze
Es war unmöglich fuhr Gilbert fort Alice war zu angegriffen von der
schnellen Reise auch war ich nicht gewiss ob die Versammlung vollzählig sein
würde Auf Morgen denn Nun kommt die Reihe an Euch Rapport abzustatten
Wo ist der Lieutenant
Er ist heute nicht hier gewesen lautete die Antwort
Ha das ist fatal Was kann die Ursache davon sein sagte Gilbert
nicht ohne Unruhe Ihr hättet nach ihm schicken sollen Holm
Hier antwortete eine Stimme am Ende des Tisches
Gut sagte Gilbert eine Schreibtafel hervorlangend Was hast Du von
den Künstlern zu berichten
Wir sind jetzt auf 85 angewachsen lauter sichere Leute meistens
Bildhauer und Maler Mit den Musikern wills nicht recht gehen Die Kerls sind
unzuverlässig und feige Schade sie sind der Zahl nach am stärksten Aber wir
mussten vorsichtig sein Mit der Bewaffnung wills auch nicht recht vorwärts Wir
haben einige zwanzig Büchsen aber keine Munition Hier ist mein
Beglaubigungsmandat für den Fall dass Beschlüsse gefasst werden sollten
Wo ist Euer Versammlungslokal
Unser Versammlungslokal fragte der junge Maler erstaunt
Nun allerdings Was wunderst Du Dich darüber Oder haltet Ihr keine
Versammlungen
Freilich halten wir Versammlungen Allein
Ralph der bei der ersten Frage Gilbert schon mit aufmerksamem Auge
betrachtet sagte jetzt einen festen Blick auf ihn richtend Die einzelnen
Versammlungslokale werden nicht angegeben wir haben das so ausgemacht damit
wenn ja ein Verräter unter uns sein sollte wenigstens nur wir die Vertreter
der verschiedenen Korps nicht die ganzen Korps compromittirt werden können Wir
müssen sicher gehen das werdet Ihr einsehen
Gilbert antwortete kein Wort doch wer wie Ralph ihn mit misstrauischem
Auge betrachtete würde bemerkt haben dass ihm diese Einrichtung nicht angenehm
war
Außerdem fuhr Ralph in demselben düstern Tone fort ist ausgemacht dass
Niemand Etwas unter uns aufschreibe von Dingen die die Gesellschaft betreffen
und deshalb nehme ich mir die Freiheit dieses Blatt zu zerreißen Er ergriff
mit diesen Worten die Schreibtafel Gilberts und war im Begriff sie in den Kamin
zu werfen in dem noch einige Kohlen brannten als Gilbert mit einer Hast die
von Ralph nicht unbemerkt blieb ihm in den Arm fiel und ihn so an seinem
Vorhaben hinderte
Was soll das bedeuten Bursche rief er aus indem er krampfhaft die
Faust ballte Hast Du Lust hier den Diktator zu spielen
Es herrschte während dieser Szene ein peinliches Stillschweigen in der
Gesellschaft bis endlich der alte Steiger von seinem ihm durch das Alter
gewährten Vorrecht Gebrauch machend sich ins Mittel legte
Das fehlte noch dass die Beiden einander in die Haare gerieten Seid
gescheut Gilbert und nehmts Euch nicht zu Herzen Und Du Freund Grobian
machst mir keine dummen Streiche hörst Du
Ein vielsagender Blick den Ralph vom alten Steiger erhielt schien endlich
auf ihn zu wirken
Er reichte demselben die Hand und verließ ohne ein Wort weiter zu sagen
das Gemach
Gilbert fühlte sich durch Raphs Entfernung offenbar erleichtert und wandte
sich jetzt an Steiger mit dem Ersuchen seinen Rapport abzustatten
Nun bei uns sagte dieser stehts besser mein ich das kann der
Gelbschnabel da er zeigte auf Hartwig den er nächst Ralph am meisten liebte
was er dadurch zu erkennen gab dass er am meisten mit ihnen zankte das kann
der Gelbschnabel da am besten bezeugen Wir sind unser nahe an 400 lauter
»stramme Burschen« hart wie Eisen das wir bearbeiten Und was das Übrige
betrifft Waffen und so weiter so wirds uns auch wohl nicht fehlen wenn wir
auch gerade keine Büchsen haben Eine tüchtige Brechstange tut auch ihre
Dienste
Bravo Vater Steiger lächelte Gilbert der seinen Gleichmut
wiedergefunden hatte Nun kommt an Dich die Reihe Straubig Straubig war
Student
Lass mich in Ruhe sagte der mürrisch die Berliner Studenten taugen den
Teufel nicht wozu Räsonniren können sie genug aber wo es darauf ankommt etwas
zu tun da bekommen sie das Kanonenfieber wie der jämmerlichste Fuchs wenn er
zum ersten Mal auf der Mensur steht Unter den zweitausend Burschen gibts kaum
150 auf die wir uns verlassen können Aber diese 150 das ist wahr die sind
tüchtige Kerle Sie sind in Sektionen geteilt und beziehen sektionenweise ihre
bestimmten Kneipen Mit den Waffen siehts freilich auch bei uns nicht besonders
aus Hieber und Rappiere haben wir wohl genug auch einige 50 paar Pistolen
aber das will nicht viel sagen
Schadet nichts erwiderte Gilbert die Waffen werden sich finden verlasst
euch darauf Ists erst so weit dass wir losschlagen können so ist jeder
Waffenladen ein Zeughaus für uns Vor allen Dingen lasst euch durch den Mangel an
Waffen nicht abhalten so viel Pulver und Blei im Einzelnen einzukaufen als ihr
irgend könnt ohne Aufsehen zu erregen
In diesem Augenblick wurde die Tür mit einer Hast aufgerissen die eine
allgemeine Bestürzung hervorbrachte Es war Ralph Seine verstörten Gesichtszüge
schienen nichts Gutes zu verkünden
Die Polizei ist uns auf der Spur rief er aus Schnell die Lichter
ausgelöscht bis auf Eins Es geschah Folgt mir jetzt Er ergriff das
letzte Licht und schloss eine kleine mit Eisen beschlagene Türe auf die durch
einen langen unterirdischen Gang nach dem Hintergebäude führte Nachdem er sie
hinter sich wieder verschlossen hatte eilte die ganze Gesellschaft mit
schnellen aber unhörbaren Schritten den Gang entlang Bald darauf erschien das
Licht auf der andern Seite des Hofes und verschwand endlich Eine Minute später
traten zehn Gensdarmen und ein PolizeiKommissarius mit Blendlaternen in den
Keller
Das Nest ist leer rief der Anführer
Aber die Vögel können noch nicht lange ausgeflogen sein antwortete der
Kommissarius indem er um den Grund zu seiner Behauptung deutlich zu machen
auf die glimmenden Kohlen zeigte Nichts blieb ununtersucht Die
eisenbeschlagene Tür war bald aufgefunden aber sie widerstand allen
Oeffnungsversuchen
Die Häscher mussten unverrichteter Sache wieder abziehen
II
Als Anna sich von ihrem Bruder getrennt hatte eilte sie zuerst in einen
Viktualienkeller und dann mit den gemachten Einkäufen frohen Mutes nach Hause
um ihren Eltern das glückliche Ereignis welches ihr wiederfahren war
mitzuteilen Fast atemlos und mit pochenden Herzen eilte sie die drei alten
morschen Treppen des Familienhauses hinauf und stand endlich vor der Tür ihrer
Wohnung wenn man so den Aufenthaltsort für eine aus 7 Personen bestehende
Familie nennen konnte der in einer weissgetünchten 20 Fuß langen und 15 Fuß
breiten Bodenkammer bestand Drinnen vernahm sie die polternde Stimme ihrer
Mutter die über das lange Ausbleiben der »faulen Dirne« und des »liederlichen
Buben« schalt die gewöhnlichen Bezeichnungen für sie und Ralph Sie war es
gewohnt hart und ungerecht behandelt zu werden und doch seufzte sie heute und
öffnete mit einer ihr sonst fremden Bangigkeit die Türe
Bist endlich da Rumtreiberin grollte die Mutter mit erstickter
Stimme als Anna in die Stube trat Um 8 Uhr wird die Fabrik geschlossen und
jetzt ists schon 9 vorbei Wo hast unterdes rumgelumpert he Und wenn Du
noch was dabei verdientest Aber Du bist zu Nichts nütze
Schweig doch Alte sagte der alte Naumann welcher mit dem jüngsten
Kinde auf dem Schoss sich vor dem kleinen Ofen niedergekauert hatte in dem noch
ein paar Koakskohlen glühten Es ist ja heute Zahltag gewesen und da wird sie
länger aufgehalten sein Die Anna ist ein gutes Mädchen auf die lass ich nichts
kommen Aber der Junge der Junge er stützte den Kopf in die Hände und starrte
in die verglimmende Kohlenglut
Anna sagte Nichts weil sie wusste dass Widerspruch von ihrer Seite ihre
Mutter noch mehr aufzubringen pflegte Sie holte ein Talglicht aus ihrem
Arbeitskorbe steckte es in den Hals einer alten Flasche und zündete es an einer
Kohle an Während die Mutter fort und fort zankte wie ungebildete Menschen es
tun die den Groll über ihr trauriges Schicksal an denen auszulassen pflegen
die am wenigsten daran schuld sind benutzte Anna den Augenblick wo sie am
Ofen beschäftigt war um ihrem Vater das von Gilbert empfangene Goldstück in die
Hand zu drücken damit es nicht etwa in die habgierigen Hände ihrer Mutter
gelangte die ihre Nahrungssorgen nicht selten in Branntwein zu ertränken
pflegte Der alte Naumann sah bald seine Tochter bald das Goldstück an
begnügte sich jedoch als Anna bezeichnend den Finger auf den Mund legte
verwundert den Kopf zu schütteln als wollte er sagen die Sache kommt mir nicht
ganz geheuer vor
Anna setzte das Licht auf den Tisch und langte nun aus ihrem Arbeitskorbe
ein großes Brot und eine fusslange Wurst heraus Darauf holte sie aus dem alten
Spinde ein paar gebrochene irdene Teller und setzte sie ebenfalls auf den Tisch
Ihre Eltern sahen mit einem Erstaunen das bei der Mutter in Zorn überzugehen
drohte dem geschäftigen Treiben ihrer Tochter zu Diese aber schien mit dem
entfalteten Luxus ihrer Anordnung noch nicht zufrieden zu sein Zum größten
Schreck ihres Vaters warf sie mit rascher Hand alle Kohlen die derselbe für den
morgenden Tag reservirt hatte in den Ofen so dass derselbe bald rotglühend
wurde legte die Wurst auf eine Pfanne und stellte diese auf den Ofen Bald
füllte der Dampf der schmorenden Wurst die Stube und weckte die beiden in einer
Ecke des Bettes zusammengekauerten Geschwister ein Aroma für die
ausgehungerten Magen Annas auf Ihr erster Laut war ein Geschrei nach Brot
auf das indes Niemand achtete Annas Mutter erhob sich endlich schwerfällig von
ihrem Lager stemmte beide Arme in die Seite und wollte eben der Tochter ihren
ganzen Unwillen über diese Verschwendung zu erkennen geben als diese endlich
das lange Schweigen durch die Mitteilung des Gesprächs brach welches sie mit
Gilbert gehabt hatte
Dies außerordentliche Glück so wie der oben erwähnte angenehme Duft den
die Wurst verbreitete und der auch auf die bissige Natur von Annas Mutter einen
mildernden Einfluss ausübte schien diese bis zu dem Grade besänftigt zu haben
dass sie was sie noch nie getan Annen ihre »vernünftige Tochter« nannte die
endlich einsehen lerne was zu ihrem wahren Besten diene Sie ließ darauf noch
einige Ermahnungen über die Art und Weise folgen wie Anna dieses Glück benützen
müsse welche dem armen Kinde das Blut ins Gesicht trieben Da hielt sich der
alte Naumann welcher bisher bloß mit dem Kopfe geschüttelt nicht länger Er
setzte das Kind welches er auf dem Schoss gehalten auf die Erde und trat mit
geballter Faust vor seine Frau
Weib rief er bist Du denn ganz des leibhaftigen Satans geworden dass
Du an Deiner eigenen Tochter Dir nen Kuppelpelz verdienen willst An Dir hats
freilich nicht gefehlt dass die Anna nicht längst schon gemein geworden Aber
ich sage Dir noch einmal solche verfluchte Redensarten und Du sollst sehen dass
der alte Naumann Ordnung im Hause machen wird dass Dir die Augen übergehen
sollen
Seid ruhig Vater begütigte Anna es verschlägt bei mir nicht
Ja es ist ein wahres Wunder dass Du so aus der Art geschlagen bist fuhr
Naumann in zorniger Ironie fort aber ich sage euch Allen und besonders Dir Du
Rabenmutter wenn ich da bei dem feinen Herrn der sie in Dienst nehmen will
Unrat merke so kommt sie mir entweder nicht mehr vor die Augen oder die
Geschichte hört auf
Tust auch gerade als wenn ich sie um ihr Seelenheil bringen will
meinte etwas eingeschüchtert die Frau die recht gut wusste dass wenn ihr Mann
einmal wirklichen Grund zum Zorn hatte dann auch mit ihm nicht zu spassen war
Es war ja nur ein Scherz
Schöner Scherz das brummte Naumann und wandte sich dann zu seiner
Tochter Ich werde selber mit Dir hingehen zu dem Herrn wie heißt er doch
Möller
Also zum Herrn Möller und sehen wes Geistes Kind er ist Gefällt er mir
nicht dann wird nichts daraus das sage ich Dir im Voraus
Anna hatte indes die dampfende Wurst auf den Tisch gesetzt und die Familie
wollte eben das leckere Mahl beginnen als sich die Türe öffnete und ein
kleiner vertrockneter Mann eintrat dessen Erscheinung obwohl nichts weniger
als furchterregend doch selbst auf die Frau Naumann einen Eindruck
hervorbrachte welcher mit dem Gefühl eines ertappten Verbrechers große
Ähnlichkeit hatte
Vortrefflich röchelte das Männchen mit Affektation den Wurstgeruch
einschlürfend ganz vortrefflich Sind wir also auf einen grünen Zweig
gekommen Haben wir vielleicht in der Lotterie gewonnen oder gar eine reiche
Erbschaft gemacht So werden wir ja auch wohl die paar lumpigen Taler Miete
bezahlen können he
Wollen Sie nicht bis morgen warten Herr Klingemann
Und warum denn bis morgen mein verehrter Meister Wenn wir heute Abend
schon Braten essen können so brauchen wir ja mit der Miete nicht bis morgen zu
warten
Meine Tochter hat Hoffnung morgen in einen guten Dienst zu treten morgen
entscheidet es sich Also nicht wahr Sie sind so gütig und warten bis morgen
Papperlapapp grinste der Verwalter des Familienhauses wir kennen die
Flausen Habe lange genug gewartet Jetzt ist meine Geduld aus
Anna sah ihren Vater bittend an Aber er widerstand diesem Blick weil er
nicht eher an das Geldstück ein Recht zu haben glaubte als bis er sich
überzeugt haben würde dass es auf ehrliche Weise verdient worden
Nun wirds bald fuhr der Verwalter fort oder soll ich etwa
wiederkommen bis die Herrschaften abgespeist haben Gezahlt muss heute werden
es ist der letzte Termin
In diesem Augenblicke erschien die kräftige Gestalt Ralphs in der Türe
ohne von dem Verwalter bemerkt zu werden der in seinem höhnischen Tone
gemächlich fortfuhr
Wozu mietet Ihr Volk Euch solche Wohnung ja warum wohnt Ihr überhaupt
zur Miete wenn Ihr sie nicht bezahlen könnt
Sollen wir etwa im Tiergarten schlafen Herr Verwalter ertönte Ralphs
tiefe Stimme hinter des Verwalters Rücken Nicht wahr fuhr er fort indem er
ihm gegenüber trat nicht wahr Leute Ihres Gelichters möchten am liebsten die
Armen hinauswerfen wenns auch draußen stürmt Aber nehmt Euch in Acht Ihr
Herren es kommt einst ein Tag an dem wir Abrechnung mit Euch halten werden an
dem Ihr alle Zinsen doppelt und dreifach erhalten sollt für die Wohltaten die
Ihr den armen Leuten erzeigt habt
Ralph mahnte Naumann bezähme Dich etwas
Nein ich will mich nicht bezähmen Es ist mir eine Wollust dass ich
diesen Blutsaugern einmal den ganzen Hass und Abscheu ins Gesicht schleudern
kann der in dem Herzen des Volkes für seine Bedrücker wurzelt Was wollen
Sie Herr
Bei dieser plötzlichen Frage zuckte der kleine Mann sichtbar zusammen
obschon damit nicht behauptet werden soll dass er bei der vorhergehenden
Apostrophirung Ralphs sich gerade allzuwohl gefühlt habe Der ihm von der Stirn
herabträufelnde Schweiß schien eher Zeugnis vom Gegenteil abzulegen Indessen
wollen wir um ihm nicht Unrecht zu tun die Möglichkeit zugeben dass die
Ursache in seiner zu nahen Position bei dem glühenden Ofen liegen konnte
Ich stammelte er erschrocken oh ich ich wollte mich erkundigen ob
wie wenn Ein hartnäckiger Husten der ihn überfiel unterbrach seine Rede
Sie haben gehört dass mein Vater sich erbot Morgen die Miete zu zahlen
Sind Sie damit zufrieden
Vollkommen oh unbedingt Sie müssen gar nicht glauben bester Herr Ralph
dass ich zu Denjenigen gehöre die wie man zu sagen pflegt den armen Leuten das
Fell über die Ohren ziehen davor soll mich der Himmel bewahren
Anna hatte während dieses Zwiegesprächs ein paar Worte mit ihrem Vater
gewechselt die diesen endlich überzeugt zu haben schienen
Wie viel bin ich Ihnen doch schuldig Herr Klingemann fragte er den
Verwalter
Bitte es ist ja nicht der Rede wert Bis morgen lassen wir die ganze
Sache bis morgen
Nein nein es ist besser heute Also wie viel bin ich Ihnen schuldig
Nun wenn Sie durchaus wollen Aber ich bitte Sie zu erwägen Herr Ralph
dass ich gewissermaßen nur gezwungen nun denn also es beträgt seit Michaeli
präenumerando gerade 8 Taler
Hier sagte Naumann ist ein Friedrichsdor und zwei Taler zehn
Silbergroschen in Kourant Haben Sie die Quittung bei sich
Wahrhaftig ein wirklicher echter Friedrichsdor murmelte der Kleine
das Goldstück von allen Seiten besehend hm das ist wunderbar das wollen wir
uns doch merken die letzten Worte wurden begreiflicherweise leise gesprochen
Hier ist die Quittung Herr Naumann Danke verbindlichst Mit einem
hündischhöflichen und zugleich boshaftlistigen Blick empfahl sich der kleine
Mann um sich mit dem empfangenen Goldstück sofort zu seinem Freunde dem
Polizeicommissarius des Reviers zu begeben
Er war indes nicht der Einzige dem das Vorhandensein von Gold in der
Naumannschen Familie aufgefallen war Annas Mutter welche sich bei der Szene
ganz passiv verhalten hatte wollte eben ihre Verwunderung in gewohnter Weise
aussprechen als Ralph mit einem strengen Blicke auf Anna die Frage an sie
richtete ob sie etwa in der Fabrik heute mit Gold bezahlt worden sei
Anna war in Verlegenheit sie hatte Gilbert versprochen Ralph davon nichts
mitzuteilen Jetzt aber hatte sie durch ihre eigene Unvorsichtigkeit indem sie
ihren Vater zur Bezahlung überredete sich in die Alternative versetzt entweder
eine Lüge zu erfinden oder ihr Versprechen zu brechen Wenn das Erstere auch
durch die Mitwissenschaft ihrer Eltern nicht schon unmöglich geworden wäre so
würde sie Ralph gegenüber doch nicht fähig gewesen sein zu lügen Sie erzählte
ihm also den ganzen Vorfall und verschwieg auch nicht dass der Unbekannte sie
gebeten ihrem Bruder nichts mitzuteilen
Ralph dachte einige Minuten darüber nach was er gehört hatte Was konnte
Gilbert denn dass Möller und Gilbert dieselbe Person sei hatte Ralph bald
erraten für Gründe haben um seine Schwester ein Mädchen das er auf der
Straße gesprochen in seinen Dienst zu nehmen Und sie zu verführen war sie
wenn auch hübsch genug so doch für Gilbert wie er ihn kannte nicht
gebildet oder besser nicht raffinirt genug Er wollte sie also als Mittel zu
andern Zwecken brauchen Was waren das für Zwecke Dies zu erforschen war für
Ralph wichtig
Du gehst morgen zu dem Herrn hin Anna und zwar allein
Das kann nicht Dein Ernst sein sagte der Vater
Allerdings Ich kenne den Mann Er gehört zu unserer Gesellschaft Was Ihr
fürchtet darüber könnt Ihr ruhig sein Aber ich traue ihm in anderer Weise
nicht Anna tritt ihren Dienst an Das Andere wird sich finden
Hast recht mein Junge sagte die Mutter habs auch gesagt Aber sie
lassen ja nicht mit sich reden Damit warf sie sich wieder aufs Bett und war
in Kurzem fest eingeschlafen
Ralph begann seine Schwester jetzt mit leiser Stimme genau zu instruiren
wie sie sich gegen Gilbert zu verhalten habe Dann suchte jedes sein Lager
Nur der alte Naumann sah noch immer in die glühenden Kohlen als wolle er
darin die Antwort auf die Frage lesen warum in der Welt ein so ungeheurer
Unterschied zwischen Reichen und Armen existire
III
Als die »Gesellschaft« so plötzlich durch die Anmeldung so ungebetener Gäste
gestört worden war wurde ehe sie sich ganz trennte noch Zeit und Ort der
nächsten Zusammenkunft beraten worauf die einzelnen Mitglieder durch
verschiedene Ausgänge das alte Gebäude verließen An der Ecke der nächsten
Straße trafen Ralph Hartwig und der alte Steiger wieder zusammen Sie schritten
eine Zeit lang neben einander hin ohne zu sprechen Ralph war wie sein zu
Boden gesenkter Kopf und sein bald langsamer bald hastiger Schritt es bekundete
in Gedanken versunken die sein ganzes Interesse so in Anspruch nahmen dass er
seine Begleiter gänzlich zu vergessen schien Diese aber warfen abwechselnd
einen Blick auf Ralph als erwarteten sie dass er zuerst reden solle Endlich
brach Steiger das Schweigen
Hör mal Ralph fing er an Du bist ein Kopfhänger geworden seit
einiger Zeit und das will mir nicht gefallen Was hast Du sag an Ich hoffe
nicht dass Du schwankend geworden bist
Schwankend Wie mans nehmen will
Die beiden Andern sahen sich mit bedeutungsvollen Blicken an Ralph aber
fuhr ohne es zu bemerken fort
Ja könnten wir uns Alle auf einander verlassen dann wäre das Ding
anders So aber weiß man nicht ob man mit Freund oder Feind zu tun hat
Was soll das heißen fragte der alte Steiger stirnrunzelnd
Das soll heißen erwiderte Jener düster dass ein Verräter unter uns
ist
Ein Verräter fragte Hartwig und Steiger erbleichend
Ja ein Verräter Ich wiederhole es Aber ich werde Mittel finden ihn zu
entlarven
Es folgte eine Pause Dass Gilbert gemeint sei konnte nach der zwischen
diesem und Ralph heute vorgefallenen Szene nicht zweifelhaft sein Aber weder
Steiger noch Hartwig glaubten an Gilberts Verräterei sondern suchten den
Grund von Ralphs Missstimmung in der Eifersucht zwischen ihm und dem von ihnen
Allen sehr geachteten und selbst gefürchteten Gilbert
Mochten nun dieser Eifersucht noch andere Motive zu Grunde liegen so war
die Vermutung der beiden Freunde Ralphs wenigstens nicht ganz unwahrscheinlich
Ehe Gilbert nach Berlin und durch einen Zufall den wir in einem der folgenden
Kapitel erwähnen werden in die Gesellschaft der »Achtzehner« ein Name der
von der Anzahl der Mitglieder gebildet war gekommen hatte Ralph durch seine
Energie und Gewandheit die Gesellschaft deren Stifter er war wenn nicht zu
beherrschen so doch in ihr sich ein bedeutendes Ansehen zu erwerben gewusst Als
die Kunde von der Februarrevolution das erstaunte Europa durchflog war es sein
erster Gedanke gewesen die Gesellschaft welche bis dahin mehr einen
gesellschaftlichen Charakter getragen politisch zu organisiren und durch die
vielfach verzweigten Verbindungen welche jedes einzelne Mitglied in der Stadt
und selbst der nächsten Umgebung besaß zum Zentrum einer revolutionären
Propaganda zu machen Grade als diese Organisation durch den rührigen und
verschwiegenen Ralph ihrer Vollendung nahe war und die revolutionäre Propaganda
bereits erfreuliche Fortschritte gemacht hatte erschien plötzlich Gilbert
welcher durch seinen Enthusiasmus für die französische Revolution welche er
selbst mitgemacht hatte und besonders durch die lebendigen Schilderungen
welche er davon den hörbegierigen »Achtzehnern« entwarf in wenig Tagen sich das
Vertrauen der ganzen Gesellschaft mit Ausnahme eines Einzigen erwarb Dieser
Einzige war Ralph Mit misstrauischem vielleicht durch Eifersucht geschärftem
Auge beobachtete er den gewandten Franzosen Dieser schnell den Grund der Kälte
Ralphs ahnend schloss sich ihm um so fester an und vermied Alles wodurch seine
Eitelkeit denn dafür hielt er es verletzt werden konnte Aber je mehr Jener
sich ihm näherte desto weiter entfernte sich Ralph von ihm bis Gilbert das
Vergebliche seiner Bemühungen einsehend und ohnehin in dem Vertrauen der
Gesellschaft hinlänglich befestigt ihm Gleiches mit Gleichem erwiderte
Szenen wie die früher beschriebenen gehörten daher keineswegs zu den
Seltenheiten und hatten dem alten Steiger schon oft Gelegenheit zu Vorwürfen
gegen seinen jungen Freund gegeben Auch diesmal hatte er unmittelbar nach
jenem Vorfall sich vorgenommen ihm »tüchtig den Kopf zu waschen« Die
Hindeutung auf Gilberts Verräterei hatte den Alten vollends in Harnisch
gebracht so dass er jetzt einen kräftigen Fluch voranschickend in ganz
unverholener Weise und harten Ausdrücken Ralph einer jämmerlichen »Eitelkeit«
und »kindischen Eifersucht« beschuldigte
Du schloss er seine Apostrophe der Du grade uns immer davor warntest
nur nicht über persönliche Vorteile und die kleinlichen Interessen des Standes
das große allgemeine Ziel aus den Augen zu verlieren Du der Du als erste
Bedingung zur Aufnahme in unsern Bund die Fähigkeit stelltest sich und seine
Kräfte zu opfern für die Befreiung des ganzen Arbeiterstandes von der
Knechtschaft des Geldes und des Ansehens Du grade fällst in diesen Fehler
Pfui schäme Dich ein solches Beispiel zu geben Ich hatte Dich für größer und
uneigenütziger gehalten
Von jedem Andern selbst von Hartwig würde Ralph diese Vorwürfe nicht
geduldet haben den alten Steiger aber ließ er ruhig zu Ende reden Nur
zuweilen wenn es nicht zu dunkel gewesen würden seine Begleiter ein
schmerzliches Lächeln über seine bleichen Züge zucken oder ihn den Kopf leise
schütteln gesehen haben
Du tust mir großes Unrecht sagte er endlich mit leidenschaftslosem Tone
ja wahrlich großes Unrecht Mein Herz weiß von dem Allen nichts was Du
sagst Und fühlte ich Eifersucht wie Du meinst so könnte es nur darum sein
weil ich sehe wie Ihr Euch Alle von diesem glattzüngigen Franzosen betören
lasset statt meinem Rate zu folgen der besser gemeint ist Ihr werdet das
früh genug einmal einsehen Doch gleichviel Ich kann noch nichts beweisen und
darum will ich schweigen darum will ich die Stimme in meiner Brust
unterdrücken welche mir laut und unablässig zuruft Traue ihm nicht er meint
es nicht ehrlich mit Euch er ist ein Verräter Und nun lebt wohl Vergesst
nicht morgen heraus nach den Zelten zu kommen Auf Wiedersehen
Hiermit trennten sie sich Als Ralph seinen Begleitern die Hand reichte lag
ein wohltuendes Gefühl in der Bemerkung dass Hartwig welcher während des
ganzen Gesprächs kein Wort geredet seine Hand fester als gewöhnlich drückte
gleichsam als teile er Ralphs Befürchtungen wage jedoch nicht sie laut werden
zu lassen
Ralph ging darauf graden Weges nach Hause Das Gespräch mit seiner Schwester
bestärkte ihn nur noch mehr in seinem Verdachte gegen Gilbert flößte ihm jedoch
die Hoffnung ein den Verräter zu entlarven
IV
Gilbert hatte indes einen ganz andern Weg eingeschlagen nämlich nach dem Hotel
der Gräfin Bedford welche heute Abend ihren großen Salon geöffnet hatte Die
Gräfin Bedford war eine Frau von nahe an vierzig Jahren was sie jedoch
keineswegs hinderte noch eben so schön als liebenswürdig zu sein eine
Bemerkung die da sie nicht nur von ihr selbst sondern auch von einer
zahlreichen Menge eleganter Verehrer gemacht wurde die Gräfin vollkommen dafür
entschädigte dass in den engeren Zirkeln der »honetten Bourgeoisie« und der
»Aristokratie comme il faut« ihr Ruf zuweilen mit dem Prädikat der
Zweideutigkeit charakterisirt wurde Ihren Salon in welchem wenn nicht der
sogenannte »beste« so doch gewiss ein Ton herrschte der an Feinheit dem der
»höheren Zirkel« die Spitze bot an Lebendigkeit und Geschmack dagegen ihn bei
weitem hinter sich ließ füllten die Elegants aus allen Nüançen und Schichten
der sogenannten »höheren Gesellschaft« Barone Grafen selbst Sprösslinge
erlauchter Häuser Diplomaten Künstler Gelehrte Banquiers sie hatten Alle
Zutritt unter der einzigen Voraussetzung dass sie gebildet genug waren um die
große Wahrheit zu begreifen dass es nur eine Schranke für den Gegenstand einer
öffentlichen Unterhaltung gibt die Langeweile und interessant genug um die
seltene Kunst zu verstehen sich innerhalb dieser Schranke mit taktvoller
Eleganz und pikanter Feinheit zu bewegen Kurz der Grundsatz »Die Form
versteht sich die schöne die anmutige Form ist die alleinige Bedingung für
jedweden Inhalt des bon ton« kam in dem Salon der Gräfin Bedford zur
ausgedehntesten Geltung Diesem Grundsatz gemäß hatte die schöne Wirtin dafür
gesorgt jedem der verschiedenen Elemente aus denen ihre Gesellschaft
zusammengesetzt war einen den besonderen Interessen und Neigungen
entsprechenden Spielraum und Stoff darzubieten An den großen Saal in welchem
das Gespräch allgemein war stießen mehrere kleine Säle und Zimmer zur
Benutzung für diejenigen welche an diesem allgemeinen Gespräch kein Interesse
findend die Lust der Absonderung in sich verspürten In einem dieser Zimmer
waren Spieltische aufgestellt ein anderes bot eine große Auswahl der
gelesensten Journale des In und Auslandes dar ein drittes war zu einer kleinen
Bildergallerie eingerichtet welche Gemälde und Kupferstiche der berühmtesten
Meister der Gegenwart enthielt Außer diesen Zimmern gab es noch eine Menge
kleiner reizend eingerichteter Boudoirs in welche man sich allein oder zu
einem vertrauten têteàtête zurückziehen konnte In allen aber wie
verschieden sie auch sonst waren herrschte dieselbe raffinirte Verbindung von
materiellem Luxus und geistigem Komfort
An dem heutigen Abend jedoch schien über der Stimmung der zahlreicher als
sonst versammelten Gäste eine verdüsternde Wolke zu schweben Die Gespräche
waren weniger laut und allgemein Der große Salon war fast leer Desto gefüllter
waren die Nebensäle und Boudoirs Das Journalzimmer schien heute vorzugsweise in
Anspruch genommen zu werden Kein Wunder weil die kaum 14 Tage alte
Revolution in Paris und die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung Aller
Gemüter beschäftigte
Wer in diesem Augenblicke an den runden Tisch getreten und die verschiedenen
Physiognomien der über die Zeitungen gebückten Köpfe beobachtet hätte würde die
Bemerkung gemacht haben dass in den Salons der Gräfin nicht nur die
verschiedensten Typen des socialen Lebens sondern auch die heterogensten
politischen Überzeugungen und Sympatien vertreten seien Besorgnis Ironie
Freude Zorn Begeisterung und höhnische Wut leuchtete aus den Blicken der
eifrigen Leser und machte sich in einzelnen Ausrufen Luft
Da jedoch diese einsylbigen Monologe die einzigen Lebensäusserungen waren
die sich in diesem Zimmer kund tun durften so würde auch dem für dergleichen
unwillkührliche mimische Darstellungen empfänglichste Beobachter bald einen
Mangel an Stoff gefühlt und sich nach einem andern für die Beobachtung mehr
Interesse darbietendem Orte begeben haben Wir wenigstens fühlen uns hiezu
bewogen und fordern den Leser auf ein Gleiches zu tun
In einem der vom Hauptsaale entferntesten Boudoirs welches unmittelbar mit
den Privatzimmern der Gräfin zusammenhing saßen zwei Damen in einem wie es
schien für sie sehr interessanten Gespräch vertieft auf dem weichen mit
Samt gepolsterten Divan Eine Astrallampe mit silbernem kunstvoll ciselirtem
Fuße warf auf die beiden Frauen einen matten Schein der ihre Züge jedoch
hinlänglich erkennen ließ Die Jüngere von ihnen war eine jener lieblichen
Erscheinungen welche nie altern da ihre Schönheit nicht in dem Schnitt des
Gesichts und der einzelnen Teile sondern im geistigen Ausdruck der Züge
beruht Obgleich sie schon dreißig Jahre zählte so besaß ihr Gesicht doch die
ganze Lieblichkeit und Zartheit eines 17jährigen Mädchens und keine Falte
deutete an dass die glühendsten Leidenschaften in diesen »sanften Zügen« gewühlt
hatten Sie lehnte ihren Kopf auf die linke Hand welche sich auf die Sophalehne
stützte und schien mit Neugierde den Worten zu lauschen welche dem beredten
Munde ihrer Freundin entströmten Diese vielleicht acht bis zehn Jahre älter
von stolzer imposanter Figur war nicht minder schön als Jene wenn auch im
ganz andern Genre Die Fülle ihrer Formen berührte nahe die Grenze jenseits
deren Schönheit und Anmut sich trennen und würde vielleicht mehr aufgefallen
sein wenn sie durch den Adel der ganzen Haltung und fast majestätischen Würde
in allen Bewegungen nicht gewissermaßen motivirt worden wäre
Ich begreife Ihre Indifferenz nicht teure Baronin sagte die Gräfin
Bedford denn dies war die zuletzt geschilderte der beiden Frauen in eifrigem
Tone kann es Ihnen gleichgültig sein eine Rolle die Sie allein mit dem
richtigen Takte zu spielen verstehen würden in ungeschicktere und unwürdigere
Hände fallen zu sehen Gestehen Sie dass Sie blasirt sind nur so kann ich mir
diese seltsame Apathie erklären Oder sollten Sie Grund haben blasirt zu
scheinen auch mir gegenüber Alice
Es lag ein leiser Vorwurf in dem Tone mit dem die Gräfin die letzten Worte
und besonders den Namen »Alice« aussprach Die Antwort darauf war ein leises
Kopfschütteln und ein halbes Lächeln
Blasirt sagte Alice ohne ihre Stellung zu verändern Sie können recht
haben Sehen Sie sich doch alle diese Marionetten an welche in der Welt
»Männer« heißen ich nehme selbst die nicht aus welche Sie bei sich sehen
Gräfin obgleich ich zugebe dass sie zu der bessern Sorte gehören Sehen Sie
sie sich an und dann fragen Sie sich ob es sich lohnt dass man ein Glied
rührt um Einen derselben zu betrügen Nein nein der Triumph ist zu leicht
und darum zu wenig lohnend Ja wenn es sich nicht immer um den Einzelnen
handelte sondern um das ganze Geschlecht dann ließe sich davon reden Geben
Sie mir fuhr sie fort indem sie sich halb aufrichtete und ihre kleine Hand
ausstreckte geben Sie mir das ganze Geschlecht in die Hand um es mit einem
Schlage demütigen zu können und ich will anerkennen dass das Ziel der Mühe
wert ist die man daran setzt es zu erringen ja ich will Ihnen danken
Nach den letzten Worten welche Alice mit erhobener Stimme und geröteter
Wange gesprochen hatte fiel sie wieder in ihre frühere teilnahmlose Stellung
zurück
Sie vergessen dass es sich hier nicht um eine bloße Person und deren
Empfindungen handelt sondern um eine ganze Partei welche diese Person mit
diesen Empfindungen vertritt Wohlan machen Sie sich zur Herrin dieser
Empfindungen so sind Sie Herrin der ganzen Partei und was mehr des Prinzips
welches diese Partei regiert Und dann vergessen Sie auch dass hier von einem
Fürsten die Rede ist
Alice lachte Und wenn ich nun weder das Eine noch das Andere vergessen
hätte Wenn nun gerade der Grund meines Widerstrebens darin läge dass ich es
nicht vergessen wie dann Gräfin
Freilich dann sagte diese gedehnt dann habe ich hierüber nichts mehr
zu sagen als mein Bedauern darüber auszudrücken dass Sie diese wahren Motive
nicht eher erklärten Ich hätte meine Gründe sparen können
Die Gräfin erhob sich
Sie sind beleidigt begütigte Alice ohne dass dies meine Absicht war
Hören Sie meinen Grund und die Bedingung von der mein Entschluss abhängt so
werden Sie mir nicht zürnen
Sehen Sie teure Gräfin mir ist nichts mehr zuwider als diese ewigen
inhaltslosen Koketterien welche doch nur stets dasselbe einfältige Ziel haben
Wäre ich nicht zu bescheiden so könnte ich auf mich die Worte des großen
Friedrich anwenden »Ich bin es müde über Sklaven zu herrschen« Und dennoch
Sie werden es vielleicht für Heuchelei oder mindestens für Beschränktheit
halten was ich jetzt sagen werde dennoch ist es mir leichter in Ermangelung
einer bessern Beschäftigung dieses kindische Spiel mit Männerherzen
fortzusetzen als unter der Maske desselben anderweitige »politische« Zwecke zu
verfolgen In jenem Falle entwürdigen sich wenigstens nur die Männer in diesem
entwürdige ich mich selbst dort fällt die ganze Schmach auf den Besiegten hier
noch weit mehr auf die Siegerin Trotzdem Gräfin würde ich schon aus
Gefälligkeit für meine Freunde nicht abgeneigt sein mit dem Fürsten
anzubinden wenn ich nicht sonst gebunden wäre
Ich verstehe Sie nicht rief die Gräfin erstaunt aus
Nehmen Sie es wörtlich was ich gesagt habe
Und das soll für mich als Grund gelten Sie wollen mich zum Besten haben
Die Fäden könnten sich kreuzen und dann kann man für die Folgen nicht
stehen Doch sagen Sie mir liebe Gräfin warum wollen Sie selbst nicht diese
Rolle übernehmen
Ich Unmöglich
Alice dankte mit einem ironischen Lächeln für diese indirekte Schmeichelei
Erstlich würde ich zu ungeschickt dazu sein und dann ist meine Stellung
eine viel zu offene als dass man mir nicht leicht in die Karten sehen sollte
Ich glaube gerade dass je offener Ihre Stellung ist desto leichter sollte
es Ihnen werden Nächst dem entlegensten Schlupfwinkel gewährt Nichts eine
größere Sicherheit als Orte die Allen zugänglich sind Man sieht nicht wo man
nichts vermutet Indes ich gebe zu Sie mögen Ihre Gründe haben Um so mehr
hoffe ich Nachsicht bei Ihnen für die meinigen zu finden Und dann soll ich
Ihnen noch einen Grund sagen Ich habe eine unbezwingliche Abneigung gegen alle
Politik
Ich will nicht weiter in Sie dringen Die Sache ist abgetan sprechen wir
nicht mehr darüber
Die beiden Frauen erhoben sich um sich in den großen Gesellschaftssaal zu
begeben
Ich werde Sie en passant mit unseren Notabilitäten bekannt machen sagte
die Gräfin während sie Arm in Arm mit Alicen durch die Säle schlenderte und
sich beide eben im Zeitungszimmer befanden Sehen Sie dort den schmächtigen
jungen Mann mit der feinen Nase und den klugen Augen welcher den Pariser
Konstitutionel studiert das ist der Professor Lips der sich durch seine Reisen
nach Ägypten einen Namen und durch die Heirat mit einem reichen Gänschen ein
glänzendes Vermögen erworben hat In seinem Nachbar zur Rechten ich meine jenen
kurzen dicken Herrn mit der grünen Brille die fast das halbe hochrote Gesicht
bedeckt erblicken Sie einen unserer bekanntesten Millionärs der das doppelte
Verdienst besitzt in eben so naher Verwandtschaft zu der weiland berühmten
Sängerin S als zu der nicht minder berühmten Hofbuchdruckerei von D zu
stehen Ihm gegenüber sitzt der Prinz A Betrachten Sie ihn genau und
antworten Sie mir dann aufrichtig ob Sie sein Gesicht interessant finden Herr
von St Just mit dem ich gestern über den Prinzen sprach ist freilich vernarrt
in ihn
A propos kennen Sie Herrn von St Just Doch nein das ist ja unmöglich da
er erst seit kurzer Zeit hier ist und Sie kaum von der Eisenbahn gestiegen sind
Desto besser so steht Ihnen noch eine interessante Bekanntschaft bevor Ich
hoffe Ihn noch heute hier zu sehen dann werde ich ihn Ihnen sogleich
vorstellen
In diesem Moment öffneten sich die Flügeltüren des großen Saals in welchen
die beiden Frauen eben eintraten und der Jäger meldete den »Chevalier Arthur
von Saint Just«
Unwillkührlich erhoben sich die Blicke Alicens auf den Neuangekommenen und
blieben erstaunt einige Sekunden auf seinem Gesichte ruhen Fast in dem
nämlichen Augenblicke begegnete ihrem Auge auch schon das blitzende Auge des
Chevaliers und Alice wendete sich mit scheinbarer Gleichgültigkeit zu ihrer
Begleiterin
Wohlan folgen wir dem Winke des Schicksals sagte sie lächelnd das uns
in derselben Minute den Chevalier entgegentreten lässt in welcher Sie mich auf
seine interessante Bekanntschaft neugierig machen
Nachdem der Chevalier der Gräfin begrüssend die Hand geküsst hatte stellte
sie ihn ihrer Freundin vor und verließ darauf Beide um sich der übrigen
Gesellschaft zu nähern
Um den Grund des Erstaunens zu erklären mit dem Alice auf den Chevalier St
Just geblickt hatte müssen wir den Leser benachrichtigen dass Herr von St Just
Alicen keineswegs unbekannt war da sie auf den ersten Blick in ihm die Person
erkannte mit der sie heute bereits eine Zusammenkunft gehabt hatte um ihr
einen Brief des Fürsten Lichninsky zu überreichen Die Adresse des Briefes
lautete aber nicht an den Chevalier St Just sondern schlichtweg an Herrn
Gilbert
Was soll ich von Allem dem denken Chevalier sagte sie fast beleidigt
Hoffentlich nichts Anderes als dass ich ein vorsichtiger Mann bin Setzen
Sie den Fall dass der Brief von Ihnen verloren oder Ihnen genommen und von dem
neuen Besitzer an mich abgegeben worden sei um wer weiß welche Geheimnisse
bei mir zu spüren wäre ich nicht in große Verlegenheit gekommen wenn ich ohne
Weiteres meinen Namen genannt hätte Gilbert und der Chevalier St Just haben
Nichts mit einander gemein Auch kennt mich hier Niemand unter jenem Namen
Selbst die Gräfin nicht fragte Alice hingeworfen
Am allerwenigsten
So habe ich mich also an den Absender zu halten und gerade bei diesem ist
mir dieser Mangel an Vertrauen unerklärlich
Gilbert lächelte
Vielleicht hatte er einen ähnlichen Grund die Furcht der Brief möchte
verloren gehen
So konnte er mir den rechten Namen mündlich mitteilen sagte Alice
zornig
Das war unmöglich
Und warum wenn ich bitten darf fragte Alice stolz
Weil er ihn selbst nicht kannte Se Durchlaucht der Präsident des Wiener
akademischen Vereins kennt keinen Chevalier von St Just
Und wozu denn dieses Verstecken spielen mit doppelten Namen Wissen Sie
wohl Chevalier dass dies abgeschmackt und lächerlich erscheinen kann
Wenn nichts weiter dahinter steckt als Geheimnisskrämerei allerdings
Aber die Notwendigkeit werden Sie schon einsehen Doch davon ein ander Mal
Jetzt will ich vor allen Dingen Rapport abstatten Die Achtzehner erwarten Sie
mit Sehnsucht ja mit Begeisterung Ich habe in Ihrem Namen versprochen dass Sie
morgen in ihrer Mitte erscheinen werden Die Vorbereitungen sind getroffen es
bedarf nur eines Winks und die Bombe platzt Übrigens muss noch in dieser
spätestens im Anfange der künftigen Woche etwas geschehen um die Stadt im
Allgemeinen in Bewegung zu bringen und die Gemüter auf den entscheidenden
Punkt hin zu concentriren Geschieht dies nicht durch uns so geschieht es von
selbst und dann gleitet uns der Faden aus den Händen
Sie haben recht in der Sache Über das »Wie« sprechen wir morgen Ich
habe Ihnen Vorschläge zu machen die Ihnen gefallen werden Aber nun wünschte
ich Ihre Meinung Ihre wahre Meinung Alice betonte diese Worte zu hören
über die Richtung welche wir der Bewegung geben Sie verstehen mich nicht
wie es scheint
Nicht ganz
Wohlan ich will deutlich sein Wer wird die Früchte davon genießen die
Aristokratie oder das Proletariat Was ist Ihre Parole Gilbert Revolution oder
Kontrerevolution Demokratie oder Absolutismus
Sprechen Sie nicht so laut ich bitte Sie Man ist schon aufmerksam auf
uns geworden Eine solche Frage ist meiner Meinung nach kaum zu stellen
geschweige zu beantworten Oder erlauben Sie mir die Gegenfrage Sind Sie schon
für das Eine oder Andere entschieden
Alice senkte den Kopf als besönne sie sich ob sie antworten sollte oder
nicht Dann sagte sie kurz und entschieden Ja
Es lag in der Weise wie sie den Kopf stolz emporrichtete und in dem
Ausdruck mit dem sie dieses »Ja« aussprach eine solche Energie des Willens und
eine solche Kraft der Überzeugung dass Gilbert sich nicht enthalten konnte das
schöne schmächtige Weib mit einem Blicke zu betrachten der seine volle
Bewunderung aussprach
Ich muss gestehen sagte er leise dass ich mich dieser Entschiedenheit
nicht rühmen kann Worin wir aber wie ich hoffe übereinstimmen das ist der
Hass und die Verachtung gegen die Bourgeoisie und alle Erbärmlichkeiten die an
dem Zopf des Philistertums hangen
Alice reichte ihm schweigend die Hand die er fest drückte
Haben Sie meine Bitte wegen des jungen Mädchens erfüllt fragte sie
nach einer Pause zu einem andern Thema übergehend
Ja wohl Sie werden sie morgen früh bei sich sehen Ich weiß weder woher
Sie dies junge Mädchen kennen noch warum Sie sich gerade dafür interessieren
Aber ich fürchte dass wenigstens für mich Unannehmlichkeiten daraus
entstehen können
Wie so
Sie ist die Schwester eines Führers aus der Gesellschaft der Achtzehner
welcher mich schon seit mehreren Tagen mit eifersüchtigen Blicken betrachtet
weil er sich einbildet dass ich darauf ausgehe ihm seine Popularität zu rauben
Meinen Sie Ralph
Sie kennen ihn fragte Gilbert erstaunt
Natürlich Sie vergessen dass ich in vergangenem Herbst hier war und die
Gesellschaft welche früher dem Handwerkervereine angehörte organisiren half
Ich begreife Ihre Besorgnis Doch haben Sie nichts zu fürchten Nehmen Sie
meinen Dank für Ihre Bemühungen und vergessen nicht morgen zu mir zu kommen
Jetzt aber lassen Sie uns der Gesellschaft uns anschließen Ich habe schon
mehrere forschende Blicke sich hieher richten sehen
Sie waren eben im Begriff sich zu trennen als der Prinz A auf der
Schwelle der nach dem Journalzimmer führenden Türe erschien Jetzt war es des
Prinzen Blick welcher dem Alicens begegnete Aus der Richtung welche diese und
der Chevalier eingeschlagen hatte um sich dem Gros der Gesellschaft
anzuschließen konnte der Prinz erkennen dass sie mit einander gesprochen
hatten Dem fragenden Ausdruck welcher in Folge dieser Bemerkung im Auge des
Prinzen sich zeigte antwortete Alice mit fast unbemerkbarem Schütteln des
Kopfs Des Prinzen Stirn verfinsterte sich doch nur einen Augenblick Im
nächsten näherte er sich wie zufällig dem Chevalier und bald waren Beide in
einem politischen Gespräche vertieft
Nun wie finden Sie ihn fragte die Gräfin Alicen
Welche Frage Würde ich Ihnen nicht gerechten Grund geben an meinem
Geschmack zu zweifeln wenn er mir nicht eminentes Interesse einflößen müsste da
er sogar das Ihrige zu erregen verstanden antwortete Alice mit ironischem
Doppelsinn
Die Gräfin schien die Ironie zu fühlen Sie senkte den forschenden Blick
welchen sie auf das feine Gesicht Alicens geworfen hatte das in diesem
Augenblick von einem melancholischen Lächeln überglänzt wurde
Und der Prinz fragte sie weiter Sie erinnern sich dass Sie mir noch
eine Antwort schuldig sind
Da Sie nach Ihrer Äußerung von vorhin über den Prinzen eine andere
Ansicht haben als der Chevalier so bin ich in Verlegenheit wem ich recht geben
soll Ich fürchte in beiden Fällen Ihnen wehe zu tun
Die Gräfin errötete denn es lag in den Worten und besonders in dem
Lächeln die nicht undeutliche Vermutung ausgesprochen dass das Interesse der
Gräfin für den Chevalier von etwas tieferer als bloß socialer Natur sein mochte
Alice wollte aus der Antwort der Gräfin beurteilen ob ihre Vermutung richtig
sei Als die Gräfin schwieg war Alice ihrer Sache gewiss Sie sah den Prinz
scharf an und wurde verstanden
Bekanntlich hat Solon das Gesetz gegeben dass derjenige welcher in
politischen Parteikämpfen sich zu keiner Partei schlüge mit dem Tode bestraft
werden solle Es ist meine Aufgabe nicht die Weisheit dieses Gesetzes an den
Tag zu legen doch kann ich nicht umhin an dem Beispiel des Chevalier St Just
die darin entaltene Wahrheit zu versinnbildlichen
Er hatte aufrichtig gesprochen als er Alicen erklärte dass er über die zu
ergreifende Partei noch unentschieden sei aber die Strafe dieser
Unentschiedenheit zeigte sich schon jetzt Da er es vorläufig noch mit beiden
Parteien hielt es weder mit dem Proletariat noch mit der Aristokratie verderben
wollte so musste er sich in beiden Lagen für etwaigen Rückzug eine Türe offen
erhalten Diese Rücksicht legte ihm aber Fesseln an und verhinderte ihn nach
einer der beiden Seiten die ganze Energie zu entwickeln deren er fähig war und
welche ihn bald über alle Eifersüchteleien von Nebenbuhlern hätte triumphiren
lassen und Eifersüchteleien sind gefährlicher als offene Angriffe von erklärten
Feinden Auf der einen Seite stand Ralph auf der andern freilich ohne seine
unmittelbare Schuld der Prinz A ihm gegenüber Der Prinz A liebte die
Gräfin und hasste in Folge dessen den Chevalier weil dieser wie es ihm schien
mehr Glück bei der Gräfin hatte als er selbst sich rühmen konnte Es könnte
auffallen dass Alice gegen Gilbert zu intriguiren schien indem sie den Prinzen
in seinem Verdachte von einem innigeren Verhältnis zwischen dem Chevalier und
der Gräfin bestärkte Allein wir kennen Alicen hinlänglich um nicht den Grund
dieses scheinbaren Verrates zu durchschauen sie die selbst ohne
Leidenschaft oder wenigstens von keiner Leidenschaft jemals übermannt mit der
Leidenschaft Anderer zu spielen gewohnt war um aus dem daraus gewonnenen
Triumpfgefühl sich eine Staffage für ihre eigene materielle Unabhängigkeit und
geistige Selbstständigkeit zu gewinnen musste vor allen Dingen dahin zu
gelangen suchen diejenigen welche die leitenden Fäden der im Spiel begriffenen
Intrigue in Händen hielten ihrem Willen zu unterwerfen und ohne dass sie es
merkten von sich abhängig zu machen damit sie selber das Zentrum würde in
welchem alle die verschiedenen Fäden wieder zu einem Knoten zusammenliefen Sie
wusste dass die Gräfin Rücksicht auf den Prinzen nehmen musste weil ihre
Existenz ihre jetzige glänzende Existenz hauptsächlich sein Werk war deshalb
ließ sie jene Andeutung fallen aus welcher die Gräfin zu ihrem größten
Erstaunen ersah dass ihre Teilnahme für den Chevalier dem scharfen Auge ihrer
Freundin keineswegs entgangen war Die Gräfin begann Alicen zu fürchten und
diese Furcht war der erste Ring zu einer Kette welche sie an dieselbe fesselte
und ihrem Willen gehorsam machte Den Prinzen zog nicht nur das Gefühl der
Dankbarkeit für die erhaltene Aufklärung sondern auch das weit kräftigere des
Beistandes dessen er bedurfte und das allein sie ihm gewähren konnte zu Alicen
hin vielleicht kam noch ein drittes Moment hinzu nämlich die Erinnerung an
eine noch nicht gar lange verschwundene Zeit in welcher er die schöne Frau
einst sein eigen genannt hatte
Und Alice verstand die große Kunst diejenigen welche sie einst geliebt
hatten sobald diese Liebe verschwunden war als ihre wärmsten und
aufrichtigsten Freunde sich zu erhalten Sie zeigte allen diesen Verhältnissen
und Personen gegenüber dieselbe anmutige Liebenswürdigkeit welche es ihr
möglich machte oft Wahrheiten zu sagen die aus anderm Munde verletzt haben
würden in dem ihren aber nur dazu beitrugen das Band noch fester zu knüpfen
welches Alle die sich einmal in ihre Nähe gewagt hatten an sie fesselte Was
Gilbert betraf so war er schon durch ihre Mitwissenschaft von seiner Teilnahme
an der Verbindung der Achtzehner ein Sklave ihres Willens Mit ihm brauchte sie
am wenigsten Rücksicht zu nehmen Es gab unter allen denen die sie kannten nur
zwei Personen für welche sie ein innigeres Gefühl in sich trug und grade diese
beiden befanden sich nicht im Salon der Gräfin
es waren Lichninsky und Ralph der Fürst und der
Arbeiter
Das Gespräch in welchem der Prinz A mit dem Chevalier begriffen war
schien für Beide ein großes Interesse zu haben Ersterer hatte von der Gräfin
gehört dass der Chevalier am 23 Februar in Paris gewesen es war mithin
natürlich dass es ihn interessierte dies Ereignis von einem Augenzeugen
geschildert zu hören Aber der Prinz hatte vielleicht unbewusst noch einen
andern Zweck dabei im Auge Gilbert war für Alle mit denen er Umgang hatte ein
rätselhafter Mensch Niemand konnte sich seines besonderen Vertrauens rühmen
Niemand kannte den Zweck seines Aufenthalts in Berlin und den Grund weshalb er
Paris grade in jener denkwürdigen Zeit verlassen hatte Ursache genug um den
eifersüchtigen Prinzen mit Misstrauen gegen ihn zu erfüllen und um den Versuch zu
machen den Absichten dieses fahrenden Ritters dafür hielt ihn der Prinz auf
die Spur zu kommen Der brave Chevalier merkte jedoch bald wohinaus die Fragen
des Prinzen zielten und wich geschickt jeder bestimmten Antwort aus Dennoch
würde es ihm auf die Länge schwer geworden sein dieses gefährliche Frag und
Antwortspiel fortzusetzen hätte ihn nicht seine schöne Freundin aus der Not
geholfen Die Gräfin rief ihn mit einem entschuldigenden Blick auf den Prinzen
zu sich um einen Streit zu schlichten der zwischen ihr und dem Professor Lips
über Klassicität der ägyptischen Kunstdenkmäler ausgebrochen war
Gilbert der längere Zeit im Orient sich aufgehalten konnte wohl als
Autorität in dieser Streitfrage gelten
Während an dem hellerleuchteten Gesellschaftstisch die ästhetische Frage
über die hohe Entwickelung der ägyptischen Kunst erörtert wurde blieb der Prinz
nachdenklich in der FensterNische stehen halb verdeckt durch die faltigen
dunkel gelbseidenen Gardinen die das Lichtmeer des Saales fast zu einem
Halbdunkel abschwächten Da fühlte er plötzlich einen leisen Druck auf seinen
Arm Er sah sich überrascht um
So tief in Gedanken Königliche Hoheit sagte eine tiefe Stimme Es war
der PolizeiPräsident v M
In der Tat die Zeit gibt uns hinreichenden Stoff zum Denken sollt ich
meinen erwiderte lächelnd der Prinz Ich danke Ihnen dass Sie mich daraus
erweckt haben denn meine Gedanken waren nicht erfreulicher Natur
Ich wusste das Sonst hätte ich mir nicht erlaubt Sie darin zu stören
mein Prinz
Sie kannten meine Gedanken fragte ironisch der Prinz
Nicht nur weil ich sie kenne sondern weil ich auf die Fragen die Sie in
diesem Augenblicke bewegen antworten kann weckte ich Sie aus Ihrem Nachdenken
Verzeihen Sie versetzte der Prinz ich vergaß dass zu Ihrem Beruf
gehört ein wenig allwissend zu sein oder in Ermangelung dessen es wenigstens
zu scheinen
Als Antwort auf Ihren Spott sage ich Ihnen nur ein Wort
Er flüsterte dem Prinzen einen Namen ins Ohr der diesen sichtbar
überraschte
Wohlan sagte dieser nach kurzem Nachdenken und Ihre Antwort
Dass der Stern nicht das Irrlicht zu fürchten hat Ihr Misstrauen gegen
diesen Menschen ist vollkommen gerechtfertigt um so mehr gerechtfertigt als
ich es teile Ihnen kann ich es gestehen dass auch ich noch nicht ganz klar
über ihn bin
Und warum wenn es so gefährlich ist befindet er sich noch auf freien
Füßen
Eben weil ich nicht klar bin Ich habe Indicien über ihn die sich
widersprechen Dass er conspirirt darüber habe ich zahllose Beweise aber für
welche Partei er conspirirt das weiß ich nicht Entweder ist er ein sehr
gewandter Diplomat oder ein charakterloser Schwachkopf
Und was gedenken Sie zu tun
Ihn beobachten und sobald ich Gelegenheit habe ihn unschädlich machen
Der Prinz wandte sich unbefriedigt ab
Dieser Zeitpunkt ist näher als Sie glauben fuhr der Polizeipräsident mit
geheimnisvoller Miene fort Schon Morgen wird sich Vieles entscheiden Eine
Frage erlauben mir Königliche Hoheit
Nun
Baronin Alice ist Ihre Freundin
Der Prinz sah Herrn v M mit großem Blicke an Ich verstehe Sie nicht
Herr Polizeipräsident sagte er auf den Titel einen Nachdruck legend
Herr v M lächelte
Sie sind sehr misstrauisch mein Prinz Fast so misstrauisch wie ein
Polizeipräsident Ich tat jene Frage nur um Sie zu bitten Ihrer Freundin den
gutgemeinten Rat zu geben dass Sie es unterlassen möge in dieser Woche das
bewusste Haus vor dem Hamburger Tore zu besuchen weil ich in Verzweiflung
geraten würde wenn sie einen Beleg zu der Wahrheit des Sprüchworts geben
sollte »Mitgefangen Mitgehangen« Zugleich fällt mir auch ein dass Ihre
Freundin sicherlich noch besser als ich selbst über den Chevalier unterrichtet
ist In Rücksicht darauf dass ich besser im Stande wäre Ihnen mit meiner Hilfe
zu dienen würden Sie mich sehr verbinden wenn Sie diese Quelle prüften und mir
das Resultat Ihrer Untersuchungen mitteilen wollten
Mit diesen Worten empfahl sich Herr von M dem Prinzen um mit dem Banquier
S eine gründliche Untersuchung über die Ursache der gegenwärtigen Finanzkrisis
anzustellen
Der Prinz trat aus der Nische heraus und mischte sich wieder unter die
Gesellschaft Unwillkürlich suchte sein Blick Gilbert dessen forschendes Auge
dem seinigen begegnete Einen Moment hafteten ihre Blicke auf einander worauf
beide zu gleicher Zeit und mit gleicher Indifferenz sich nach andern Seiten
richteten
Als der Prinz vor dem Stuhle Alicens vorbeikam beugte er sich zu ihr herab
Was er ihr zuflüsterte konnte Niemand verstehen Alice aber welche dem alten
süsslichen General von Klausewitz eine Beschreibung des Wiener Salonlebens in dem
verflossenen Winter machte zuckte bei den Worten des Prinzen etwas zusammen
ohne indes den Satz welchen sie eben begonnen hatte zu unterbrechen Im
nächsten Augenblicke war sie wieder vollkommen Herrin ihrer selbst nur eine
schwache Röte auf ihren Wangen und ein leises Zittern der langen Augenwimpern
bewies dem genauen Beobachter die Bewegung ihres Innern
Es war indes spät geworden Viele Gäste hatten sich bereits zerstreut Die
Zurückgebliebenen meist aus den bekannten Personen bestehend hatten sich zu
einem engeren Zirkel um den Tisch gruppirt Doch schien sich grade über die
welche sonst den meisten Stoff zu lebhafter Unterhaltung dargeboten heute eine
trübe Wolke gelagert zu haben die sie in sich gekehrt und schweigsam machte
Jeder schien sich mit seinen eigenen Gedanken zu unterhalten und so sehr die
schöne Gräfin etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen sich bemühte hatten
ihre Anstrengungen doch so wenig Erfolg dass sie sich endlich bewogen fühlte
das Zeichen zum Aufbruch zu geben
Der Prinz A bot Alicen seinen Arm und verließ unmittelbar nach dem
Chevalier den Saal Sie gingen zusammen hinaus An der nächsten Straßenecke
trennten sie sich Der Prinz geleitete Alicen in ihre Wohnung Gilbert kehrte
auf einem Umwege nach dem Hause der Gräfin zurück
V
Am folgenden Morgen saß Alice mit ihrer bleichen Freundin Lydia am Fenster und
sah gedankenlos in den trüben Nebel hinein der sich zwischen die Häuser der
Straße gedrängt hatte Lydia war mit einer Handarbeit beschäftigt man hätte sie
für teilnahmlos halten können wenn sich nicht bei jedem Seufzer der unbewusst
den Busen ihrer gütigen Beschützerin hob ihr großes feuchtes Auge einen
Augenblick auf das Gesicht der Letzteren gehoben hätte Alice konnte diese Blicke
nicht bemerken da sie halb abgewendet von Lydia hinausschaute auch war sie
gewohnt Lydia so sehr mit sich selber beschäftigt zu wissen dass sie sich in
ihrer Gegenwart weniger als sonst ihre Gewohnheit war Zwang auferlegte Nicht
als wenn Alice vor Andern selbst vor Männern ihre Seufzer stets unterdrückt
hätte aber sie tat es dann gewiss nicht unwillkürlich am wenigsten ohne
Bewusstsein Sie setzte ihren Stolz darein stets Herrin ihrer selbst zu sein
denn sie wusste dass die Herrschaft über sich selbst zugleich die erste Bedingung
und die sicherste Garantie für die Herrschaft über andere war
Noch eine dritte Person die wir fast vergessen hätten befand sich im
Zimmer Salvador Er hatte sich in dem entferntesten Winkel niedergekauert und
klimperte auf einer alten Mandoline eine spanische Romanze Sein dunkler Blick
war starr auf Lydia gerichtet die ihn entweder nicht bemerkte oder vielleicht
aus dem Gefühl dass sie dem seinigen begegnen würde ihr Auge absichtlich nicht
nach dem Winkel richtete
Alice fuhr plötzlich vom Fenster zurück so dass Lydia erschreckt nach der
Ursache fragte
Sieh dort das junge Mädchen mit dem braunen Tuch um den Kopf geschlungen
was mag sie von mir wollen Sie starrt fortwährend zu uns herauf als suche
sie Jemanden
Wie bleich sie ist bemerkte Lydia Mich dünkt es liegt ein Zug von
verzweifelter Resignation auf ihrem Gesichte
Sollte es Anna sein sagte halblaut Alice als stelle sie diese Frage an
ihre eigene Erinnerung Beim Himmel sie ists aber wie verändert es muss
ein Unglück geschehen sein Alice winkte auf die Straße hinab Lydia verließ
das Zimmer Salvador hörte auf zu summen und zu klimpern
Bald darauf klopfte es leise aber hastig an der Türe und ein zitterndes
junges Mädchen stand auf der Schwelle
Komm zu mir Anna sagte Alice mit jenem Zauber welchen das Mitleid in
der weiblichen Brust erzeugt Kennst Du mich nicht mehr Kind
Anna hatte gleich bei dem ersten Ton von Alicens Stimme den Kopf erhoben
eine tiefe Röte überflutete ihre bleichen abgehärmten Züge Einen Schrei
halb von der Angst halb von Freude ausgepresst ausstossend stürzte sie auf die
schöne Frau zu und warf sich stumm zu ihren Füßen die sie mit ihren Armen
umklammerte
Was ist Dir gute Anna
Mein Bruder mein Vater im Gefängnis brachte sie endlich mit
Mühe hervor
Alice erbleichte
Ralph im Gefängnis Warum Sprich unglückliches Kind wann geschah es
Heute Nacht erzählte Anna ihre noch immer reichlich fließenden Tränen
trocknend kamen vier Gensdarmen und nahmen den Vater und Ralph mit sich Der
arme alte Vater Was wird aus ihm werden in dem kalten dunkeln Gefängnis O
gnädige Frau retten Sie ihn retten Sie den guten Ralph wenn Sie können Alice
hatte sich erhoben und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab
Und weißt Du den Grund der Verhaftung
Ach ja sagte Anna und erzählte den gestrigen Vorfall mit dem von Möller
empfangenen Goldstück Herr Klingemann unser Wirt begleitete die
Gensdarmen Gewiss hat er die Anzeige gemacht
Abscheulich murmelte Alice die durch den Grund der Verhaftung indes
ziemlich beruhigt wurde obschon es nicht unmöglich war dass man einen andern
Verdacht gegen Ralph geschöpft hatte und ihn durch dieses Mittel unschädlich
machen wollte Sie schickte Salvador zu Gilbert mit der Aufforderung sogleich
zu ihr zu kommen
Beruhige Dich tröstete sie Anna wenn nur jenes Goldstück an ihrer
Verhaftung schuld ist so ist die Sache leicht aufgeklärt
Wohnt nicht Herr Möller hier in dem Hause fragte Anna schüchtern
Wer ist Herr Möller
Der Herr welcher mir gestern das Goldstück gegeben und mir befahl heute
früh hieher zu kommen
Der Herr hieß Möller und nicht Gilbert fragte Alice die von der neuen
Namensveränderung Gilberts nicht wusste
Anna sah Alicen verlegen an Sie wusste von ihrem Bruder dass Möller und
Gilbert ein und dieselbe Person seien zweifelte aber zugleich daran ob sie
dies Alicen gegenüber eingestehen sollte
Alice welche die Wahrheit ahnte half ihr aus der Verlegenheit
Liebes Kind der Herr hat auf meine Bitte Dich gestern Abend aufgesucht um
Dich zu mir zu bestellen Nicht in seinen sondern in meinen Dienst sollst Du
eintreten wenn es Dir so recht ist Ob dieser Herr sich Möller oder Gilbert
genannt hat kann uns Beiden gleichgültig sein Ohnehin wird er gleich hier
sein Du wirst Dich dann überzeugen können ob es derselbe ist der Dich gestern
hieher geladen hat
Anna erfreut über diese unerwartete Wendung der Dinge küsste dankbar die
Hand Alicens als draußen Schritte hörbar wurden und bald darauf Gilbert
gefolgt von Salvador eintrat
Ersterer sah erhitzt und angegriffen aus Er warf sich nach einem flüchtigen
»Guten Morgen« erschöpft auf einen Stuhl
Was konnte diesen kalten Menschen so aufgeregt haben
Diese Frage lag in Alicens halb spöttischen halb besorgten Blicken
Nun unterbrach sie endlich das peinliche Schweigen
Die Wahnsinnigen murmelte er nur Alicen verständlich Sie werden uns
Alle zu Grunde richten
Wo reden Sie doch Was beunruhigt Sie so heftig
Sie haben also noch nichts gehört
Wovon soll ich gehört haben
Von der Sturmpetition die heute Abend unter den Zelten beraten und
morgen durch eine großartige Demonstration vor dem Schloss ausgeführt werden
soll
Und das beunruhigt Sie fragte mit ironischem Mitleid Alice deren Augen
bei dieser Nachricht einen eigentümlichen Glanz annahmen Sie Aermster
Spotten Sie immerhin Ich sage Ihnen es wird nicht gut ablaufen Die
Polizei hat bereits Notiz davon bekommen und ihre Maßregeln getroffen Ich bin
draußen gewesen in der Gesellschaft weil ich vermutete dass sie beraten
würde Ich täuschte mich nicht sie waren Alle beisammen nur Ralph fehlte
Gilbert warf indem er diesen Namen aussprach einen Blick auf Alicen der eine
Verleumdung gegen den Bruder Annas enthielt Diese schien ihn nicht verstehen zu
wollen
Gut dass Sie mich daran erinnern sagte sie kalt Ralph ist im
Gefängnis und durch Ihre Schuld
Gilbert erbleichte Durch meine Schuld fragte er mit unsicherem Tone In
diesem Augenblick bemerkte er Anna die bei seinem Eintritt sich zurückgezogen
hatte
Ja Sie sind wenn auch nicht gerade schuld so doch Ursache davon Hier
ist Ralphs Schwester Sie wird Ihnen das Nähere mitteilen Eilen Sie die armen
Kinder aus ihrer Angst um Vater und Bruder zu befreien An der Bereitwilligkeit
mit der Sie meinen Wunsch erfüllen werde ich sehen ob Sie an diesem Irrtum
keine wissentliche Schuld haben
Dann wandte sie sich zu Anna Begleite den Herrn liebes Kind und gib
dieses Papier in die Hand deines Bruders Verwahre es sorgfältig nachher
wirst Du mir Alles erzählen
Gilbert und Anna verließen die Wohnung Alice eilte mit einer schnellen
Bewegung ins Nebenzimmer aus dem sie nach wenigen Minuten als junger Mann
heraustrat Salvador der Alicen noch nie in Männerkleidung gesehen riss vor
Überraschung eine Seite auf seiner Mandoline entzwei und starrte mit offenem
Munde auf die plötzliche Erscheinung bis die Stimme Alicens die ihm eine
Kutsche zu rufen befahl ihn seines Irrtums überführte
Hotel des Prinzen A rief sie dem Kutscher zu welcher ihr die Fahrmarke
in den Wagen reichte Nach einer kurzen Fahrt war sie am Hotel angelangt und
von dem vertrautesten Kammerdiener des Prinzen in einen Gartenpavillon geführt
Hunderterlei blühende exotische Gewächse füllten das phantastisch
geschmückte Zimmer mit einem fast betäubenden narkotischen Wohlgeruch an Der
Prinz in einem orientalischen Kostüm das ihm als Negligee diente war in
halbliegender Stellung auf einer Ottomane hingestreckt und über ihn hin
breiteten mächtige Faisenpalmen ihre eleganten fussbreiten Blätter aus Der vor
ihm stehende milchweisse Marmortisch war mit einer Menge Zeitungen und Journale
bedeckt
Beim Eintritt Alicens erhob sich der Prinz und führte sie schweigend zur
Ottomane Alice warf einen Blick auf den Zaubergarten der sie umgab und
seufzte
Es war nicht das erste Mal dass sie als Knabe verkleidet hier eingetreten
und vom Prinzen in derselben Weise wie heute empfangen wurde Aber jene Zeit
gehörte der Vergangenheit an
Was bringen Sie mir Alice fragte der Prinz nach einer Pause
Ich wünschte das Ihnen bringen zu können was ich bei Ihnen zu suchen
gekommen Trost in Verzweiflung
Jetzt war die Reihe zu seufzen am Prinzen Doch sagte er lächelnd worüber
oder woran könnten Sie verzweifeln meine Freundin Oder ists ein Dritter für
den Sie Trost bei mir suchen
Alice erzählte die Gefangenschaft Ralphs und bat den Prinzen um Verwendung
für den Unglücklichen bei dem Polizeipräsidenten v M Ich glaube nicht fuhr
sie fort dass auf den bloßen Verdacht hin das Goldstück könne auf
unrechtmässige Weise in die Hände der Familie gekommen sein so streng gegen den
alten Naumann und seinen Sohn verfahren worden wäre wenn man nicht andere
tiefer liegende Gründe zu haben vermeinte Übrigens habe ich zur Aufklärung
derselben sogleich den Chevalier St Just zum Herrn von M geschickt da von ihm
das Goldstück herrührt
Glauben Sie mir Alice erwiderte der Prinz dieser St Just wird unser
Aller böser Dämon Hüten Sie sich vor ihm Sie lächeln Meinen Sie
vielleicht dass mein Hass gegen ihn mich verblendet Und nun schicken Sie ihn
vollends zum Polizeipräsidenten Fürwahr ich fange an Ihre sonst so bewährte
Klugheit in Zweifel zu ziehen
Wissen Sie denn nicht dass Herr v M es war der mir gestern mit Rücksicht
auf St Just jene Warnung für Sie zukommen ließ die ich selbst nicht einmal
verstand
Alice erbebte Sie schien mit sich über einen Entschluss zu kämpfen Vom
Divan aufspringend schritt sie hastig zwischen den Gewächsen auf und ab
Endlich blieb sie vor dem Prinzen stehen Ihr Anblick war völlig verändert Ihr
dunkles Auge strahlte wunderbar ihr lockiges Haupt war hoch aufgerichtet
Wir müssen uns Gewissheit verschaffen Prinz Dies aber ist nur möglich wenn
wir gemeinsam handeln Dann aber Vertrauen um Vertrauen Schlagen Sie ein
Sie streckte ihm die Hand entgegen
Ich sehe noch nicht was uns selbst die Gewissheit von seiner Verräterei
nützen kann sagte ungläubig der Prinz doch legte er seine Hand in die
dargebotene Alicens und zog sie zärtlich an seine Lippen
Sie wie ich werden dieselbe Frucht pflücken erwiderte Alice einen
köstlichen Granatapfelbaum eines seiner rotwangigen Kinder beraubend eine
sichere Überzeugung für unsere zweifelvolle Seele und einen festen Mut für
unsere schwankenden Entschlüsse
Der Prinz welcher die Worte Alicens auf den Chevalier bezog lächelte
ungläubig weshalb Alice plötzlich allen Rückhalt verschmähend mit
leidenschaftlichem Tone ausrief
Mein Freund ich nenne Sie in dieser Stunde so weil ich im Begriff bin
eine schwere Pflicht gegen Sie auszuüben deren nur die Freundschaft fähig ist
mein teurer Freund lassen Sie von der Bedford diese Frau ist ihrer nicht
würdig
Der Prinz auf welchen der Name der Gräfin den Eindruck eines elektrischen
Schlages gemacht hatte zitterte heftig Sein flammendes Auge bohrte sich tief
in das auf ihn niederblickende Auge Alicens dessen Ausdruck sich nicht
veränderte Ungestüm entriss er ihr seine Hand und flüsterte mit gebrochener
Stimme
Sie sind eine Lügnerin Alice
Das sanfte Lächeln welches Alicens Züge überstrahlte wurde selbst durch
diesen harten Vorwurf nicht verwischt nur mischte sich der Ausdruck einer
leisen Ironie hinein als sie mit Ruhe erwiderte
Soll ich Ihnen Beweise geben Prinz
Ein stummer Wink hieß sie fortfahren
Von dem Verhältnis der Gräfin mit St Just will ich gar nicht reden Eine
solche Untreue wie demütigend auch für Sie mein Prinz könnte doch nur ein
halber Beweis sein Denn wer vermöchte den Beweis zu liefern dass nicht St Just
eben so betrogen wird wie Sie Aber was würden Ew Königliche Hoheit zu einem
Plane sagen Sie durch die fein berechnete Koketterie einer geschickten Buhlerin
von Ihrer Leidenschaft zur Gräfin und diese von Ihnen befreien zu lassen
Ich würde dazu sagen dass die Gräfin wenn sie einen solchen Plan fassen
sollte sich schlecht auf wahre Leidenschaft verstehen oder eine große Achtung
vor dem Talente der »Buhlerin« haben müsste
Vielleicht ist Beides der Fall Und raten Sie wen man für würdig
erachtet hat diese Rolle bei Ihnen zu übernehmen
Also ist es nicht ein bloßer Einfall dieser Plan Man hat in der Tat an
dergleichen gedacht
Freilich aber raten Sie
Wie kann ich wissen sagte der Prinz zerstreut Vielleicht Fräulein
S oder unsere Primadonna H
Bewahre Wie sollte man darauf geraten Sie besuchen ja die Theater fast
gar nicht Nein ich will es Ihnen sagen Mich
Sie
Glauben Sie mein Prinz dass ich Scherz mit Ihnen treibe
In der Tat ich glaube es fast darum geben Sie mir bessere Beweise
Es sei So hören Sie denn Die Gräfin ist von einer gewissen Partei in
deren Diensten sie steht beauftragt Alles anzuwenden um Sie dieser Partei
zuzuführen Sie selber hat Rücksichten zu nehmen weil sie ein offenes Haus hält
das gewissermaßen von allen Parteien als ein neutrales Bereich angesehen wird
Büsst sie diesen Vorteil ein so ists um ihre gesellschaftliche Stellung
geschehen Auch stand ihr Ihre Leidenschaft zu ihr im Wege Darum musste sie
indirekt zum Ziele zu kommen suchen Man weiß mein Prinz dass Sie beim Volke
durch Ihre Freisinnigkeit und Freigebigkeit beides gilt dem Volke oft
gleichviel beliebt sind und deshalb bei etwa ausbrechenden Unruhen sich leicht
einen großen und gefährlichen Anhang zu verschaffen im Stande wären Man hat
versucht Sie von hier zu entfernen man hat ferner als dies nicht gelang
Schritte getan um Sie der öffentlichen Meinung gegenüber zu compromittiren ja
man hat es nicht gescheut zu dem Mittel der Verleumdung zu greifen Alles ist
fehlgeschlagen So hat man denn zum äußersten aber der Meinung gewisser Leute
nach sichersten Mittel gegriffen Sie zu verführen Man hält mich für eine
eingefleischte Aristokratin dies und das Vertrauen welches man in meine
Fähigkeit setzt hat jene Partei veranlasst mir Avançen in dieser Beziehung zu
machen Ich habe sie anfangs nicht verstehen wollen da ist man dringender
geworden und endlich offen mit dem Plane herausgetreten Der Prinz hatte mit
wachsender Unruhe dem Berichte Alicens zugehört Als sie geendet lag auf seinem
bleichen Gesicht der Ausdruck eines tiefen Hohns
Wie sehr muss ich in den Augen dieser Menschen gesunken sein dass sie es
wagen können in dieser Art ihr Spiel mit mir zu treiben Er stützte den Kopf
in die Hand um die Träne zu verbergen welche wider seinen Willen in sein Auge
trat Fahren Sie fort sagte er nach einer Pause
Ich habe nur wenig noch zu sagen Dass St Just ein falsches ein doppelt
falsches Spiel treibt werden Sie wohl selbst bemerkt haben Es gilt jetzt dass
wir uns davon Überzeugung verschaffen um den Plänen der Partei welcher er aus
Interesse für die Gräfin dient entgegenzuarbeiten ohne dass sie es merkt um
sie schließlich in ihrer eigenen Falle zu fangen Mein Rat ist nun der Sie
begeben sich sofort zu Herrn v M und suchen zu erfahren ob St Just an der
Verhaftung des braven Ralph schuld ist oder doch nachträglich bei Herrn v M
gegen ihn intriguirt hat Sind Sie bereit dazu
Ja sagte der Prinz sehr ernst Sie haben recht es ist Zeit mich
dieser erbärmlichen Fesseln zu entwinden und ich danke Ihnen dass Sie mir die
Kraft dazu gegeben Doch habe ich noch eine Bitte deren Motiv Sie jedoch nicht
in irgend einem Zweifel an ihren Worten suchen müssen Können Sie mir irgend ein
materielles Zeichen geben dass ich von der Gräfin betrogen bin Ich glaube eine
größere moralische Bestimmtheit in der Ausführung unserer Pläne dadurch gewinnen
und der Verräterei mit größerer Festigkeit gegenübertreten zu können
Ich wünschte teurer Prinz Sie ließ diese für Sie unangenehme
Angelegenheit auf sich beruhen noch mehr aber wünschte ich Alice ergriff bei
diesen Worten seine Hand ich könnte Sie für unsere Sache für die Sache der
Demokraten deren Sieg näher bevorsteht als Sie ahnen gewinnen
Der Prinz lächelte Aber dieses Lächeln enthielt so wollte es Alicen
bedünken Etwas von Misstrauen in sich Sie zog einen Brief aus ihrer
Schreibtafel und reichte ihn dem Prinzen
Diesen Brief wie Sie am Postzeichen ersehen erhielt ich in Wien vor 8
Tagen Er ist von St Just und enthält die Aufforderung an mich schnell nach
Berlin zu kommen um den Plan welchen ich Ihnen mitteilte ausführen zu
helfen Die »hohe Person« welche darin erwähnt ist sind Sie und die
Unterschrift
Gilbert rief aufspringend der Prinz Sie kennen diesen Elenden
Alice erschrak über die Heftigkeit des Prinzen Was ist Ihnen Ums
Himmelswillen
Antworten Sie Alice ich bitte ich beschwöre Sie keuchte der Prinz in
fast sprachlosem Zorn
Der Brief knitterte in den krampfhaft zitternden Händen und seine Augen
rollten wild als suchten sie den verborgenen Feind
Gilbert sagte Alice ist Ihr Nebenbuhler er ist der Chevalier von St
Just
Während der Pause welche Alicens Worten folgte hörte man nur das Rauschen
des Briefes der des Prinzen Hand entfiel Dann taumelte er ohne Bewusstsein auf
den Divan nieder Nach einer qualvollen halben Stunde schlug der Prinz die Augen
auf und blickte noch halb betäubt um sich Endlich erkannte er Alicen deren
Anblick ihm die ganze Erinnerung über das was mit ihm vorgegangen war
zurückgab Ein Schauer durchzitterte seinen Körper doch versuchte er zu
lächeln
Seien Sie ruhig meine Freundin es ist vorüber Doch verlassen Sie mich
jetzt ich muss allein sein Heute Nachmittag werde ich Sie besuchen
Schweigend schritt Alice auf die Türe zu
Alice sagte noch einmal der Prinz
Sie kehrte zurück und sah ihn fragend an
Alice Sie nannten sich heute meine Freundin Ich halte Sie beim Wort und
erinnere Sie daran dass in der Freundschaft Zweierlei vor Allem gilt Vertrauen
gegen einander und Verschwiegenheit gegen den Andern
Seien Sie ruhig mein Prinz auch wenn Sie nicht mein Freund wären würde
diese Stunde ein Heiligtum für mich sein in das ich nie einen Menschen schauen
lassen würde
VI
Der 18 März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preußischen ich wollte
sagen deutschen Geschichte Nicht etwa darum weil Mailand und Berlin an diesem
Tage »Revolution« gemacht haben eine Tatsache die übrigens von der extremen
Demokratie und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmütig
bestritten wird noch viel weniger darum weil in Preußen an diesem Tage der
Absolutismus gestürzt wurde denn auch daran wird von den roten und
schwarzweissen Entusiasten nicht geglaubt am allerwenigsten aber darum weil
der 18 März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr jener durch
ihr Motto des »passiven Widerstands« auf deutsch der aktiven Feigheit berühmten
Phalanx war sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet
mit Füßen getreten und in den Himmel erhoben betrauert und gefeiert geschmäht
und besungen ist und das Alles mit Unrecht Der 18 März ist unschuldig wie
ein neugebornes Kind das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen dass es
mit ihm gespielt hat wie mit einem Kinde Denn man muss wissen dass das Berliner
Volk selbst noch ein Kind war obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr
wie Schiller sagt als ein »unendlicher Raum« erschien wie bisher weshalb
es denn auch herauszusteigen versuchte dass der Versuch nicht gelang dass es
sich nachher als der rechte Zuchtmeister kam in den Winkel des passiven
Widerstands verkroch und schließlich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln
und in die alte Wiege hineinlegen ließ das ist für ein Kind dem die Rute
gezeigt wird ja ganz natürlich Also warum so viel Aufhebens vom 18 März
Die Bewegung deren Schlussakt die Nacht vom 18 zum 19 März bildete hatte
sich schon einige Wochen vorher angekündigt Eine dumpfe Gährung über deren
Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten hatte sich der Gemüter
bemächtigt Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und
Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersäet die entweder zu
Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten die aus ihrem
Mittelpunkt hervordrang oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften
Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris
diskutirten Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen
Kaffeehäusern und Konditoreien Besonders in der »Zeitungshalle« und bei
»Stehely« fand sich gegen 6 Uhr Abends wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein
ankamen stets ein zahlreiches aus Gelehrten Künstlern Beamten Officieren
usw zusammengesetztes Publikum ein und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit
angehaltenem Atem auf die Worte Dr Rs welcher bei Stehely meist das Amt des
»Vorlesers« übernahm War die Vorlesung welche häufig mehrere Stunden dauerte
und nur durch einzelne halbunterdrückte Exklamationen unterbrochen wurde welche
entweder dem Staunen über das Vorgelesene oder einer unzeitigen Störung galten
beendet so löste sich die lang gefesselte politische Phantasie der Zuhörer
zunächst in einem unverständlichen Summen auf das nicht unpassend mit dem
fernen Brausen des Meeres oder dem düstern Grollen eines nahenden Orkans
verglichen werden kann bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer
allgemeinen politischen Discussion ausbrach Ungefähr eine Woche vor dem 18
März war wieder Abends eine zahlreiche Gesellschaft bei Stehely versammelt
welche mit Ungeduld die »Kölnische Zeitung« erwartete Das Gedränge in den engen
Zimmern war groß so dass man sich nur mit Mühe hindurchzudrängen vermochte Fern
oder wenigstens unberührt von dem lauten Treiben der politischen Menge saßen in
einer ziemlich dunkeln Ecke zwei Männer welche sich von Zeit zu Zeit kurze
Bemerkungen über die einen oder andern Gäste zuflüsterten Der Aeltere von ihnen
mochte zwischen 4045 Jahre zählen obschon sein Alter schwer zu bestimmen war
Denn seine breite kluge Stirn war bereits mit vielen Runzeln bedeckt während
das hellbraune nach oben strebende Haar noch seine ganze Fülle und das
hellbraune Auge noch seinen vollen Glanz besaß Der militärisch kurz gestutzte
Schnurrbart trug viel zu dem Ausdruck offener Männlichkeit bei welcher der
ganzen Erscheinung aufgeprägt war Sein Begleiter saß fast ganz im Schatten so
dass man die Züge seines auffallend bleichen Gesichts nicht genau erkennen
konnte
Lassen wir diese Phantasten sagte der Letztere und erzählen Sie mir
wie der König die Nachricht von der beabsichtigten Demonstration aufnahm
Er war mehr davon alterirt als es meiner Ansicht nach der Gegenstand
verdient Auf der andern Seite hat er den Excedenten mehr Rücksicht bewiesen
als zuträglich war Ich fürchte mein Prinz
Nennen Sie mich hier nicht so Herr von M Nun fahren Sie fort was
fürchten Sie
Ich fürchte die halbe Maßregel welche er anwendet wird weder
befriedigen noch entmutigen und daher erbittern und zur Aufregung beitragen
Hätte mir der König für das Gespräch welches ich mit den »Führern« vorgestern
in der Zeitungshalle hatte plein pouvoir gegeben so stände die Sache jetzt
anders Man muss wenn man einem ungekannten Feinde gegenübersteht seine
Entschlüsse nach dem Eindruck des Augenblicks formiren Und vollends diesem
Feinde gegenüber war es ein Kinderspiel zu siegen Soviel Untiefe Taktlosigkeit
ja Knabenhaftigkeit habe ich nicht vermutet Werden Sie es glauben dass sie
nicht wussten wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten
Sie fühlen sich Alle geschmeichelt in dem Gedanken an die Wichtigkeit ihrer
Person die dadurch dokumentirt wurde dass der Polizeipräsident in Höchsteigener
Person und in voller Gallauniform zu ihnen kam um zu unterhandeln aber die
Einen suchten ihrer Eitelkeit dadurch Luft zu machen dass sie grob wurden die
Andern wurden im Gegenteil verwirrt und äußerst höflich gestimmt Aber bei
keinem Einzigen fand ich eine Spur von Selbstbeherrschung und wahrem Bewusstsein
Sie wollen politische Würde zeigen und werden tölpelhaft sie möchten den
großmütigen Feind spielen und machen sich lächerlich Wäre es nach meinem
Sinne gegangen so hätte man ihnen gewähren lassen Die Kinder wissen Sie
werden ja zuletzt jedes auch des schönsten Spielzeugs überdrüssig
Herr v M hatte während er in dieser Weise von der seit einigen Tagen in
der Stadt begonnenen Bewegung sprach seinen Blick mit scheinbarer
Unbefangenheit auf die edlen aber abgespannten Züge des Prinzen geheftet als
wollte er darin den Eindruck lesen welchen seine Worte auf ihn hervorbringen
würden Aber der Prinz hatte wohl kaum darauf gehört er blickte zerstreut in
die auf und abwogende Menge und schaute erst wieder auf als jener schwieg
Und Sie glauben also sagte er seine Gedanken sammelnd dass hinter
dieser Demonstration nichts Tieferes steckt
Es ist möglich dass geheime hinter den Kulissen verborgene Kräfte die
Drähte bewegen welche diese Marionetten in Bewegung setzen ja ich bin fast
davon überzeugt Auch habe ich über gewisse Personen sogar schon meine
Vermutungen
Das rasch aufblickende Auge des Prinzen der in diesem Augenblicke an den
Chevalier dachte begegnete dem forschenden Blicke des Polizeipräsidenten Jeder
bemerkte den Ausdruck in den Blicken des Andern Nur der Prinz hatte eine
richtige Ahnung von dem was Herrn v M in diesem Moment beschäftigte während
dieser in Betreff des Prinzen auf ganz falscher Fährte sich befand
Verehrtester sagte der Prinz mit ironischem Lächeln welchen Preis
würden Sie für die Entdeckung einer Verschwörung in optima forma zahlen
Königliche Hoheit
Ich habe Sie schon einmal gebeten unterbrach ihn ungeduldig der Prinz
auf mein Inkognito Rücksicht zu nehmen viel zu oft schon für einen
Polizeipräsidenten Und nun einen freundschaftlichen Rat Ich liebe die
Spionage selbst vom Chef der Polizei nicht Wenn Sie also einen Anspruch auf
mein Vertrauen machen so legen Sie mir gegenüber Ihr Polizeibewusstsein ab
Ihre Vermutung beruht auf einem Irrtum erwiderte lächelnd Herr v M
Er lächelte immer wo andere Menschen in Zorn oder in Verlegenheit geraten
wären auf einem doppelten Irrtum Wie wenn mir aus ganz andern Gründen als
Sie vermuten daran gelegen wäre zu erfahren
Ob ich conspirire
Nein das ist Nebensache welcher Partei Sie eventuell angehören würden
Und welche Motive könnten dies etwa sein
Die wenn ich so sagen darf freundschaftlichsten
Also zum Exempel
Weil ich wünschte dass wir über gewisse politische Herzensneigungen
sympatisieren und
Eventuell dafür conspiriren möchten
Eventuell wenns sein muss diplomatisiren möchten
Wissen Sie denn nicht dass es für einen Polizeichef schon gefährlich ist
wenn er überhaupt »politische Herzensneigungen« besitzt
Wenn er sie besitzt nein aber wenn er diesen Besitz gesteht ja
Doch wir beginnen bereits zu diplomatisiren merke ich und ich wünschte mit
Ihnen in der Tat offen verkehren zu können
Es lag eine nicht zu verkennende Herzlichkeit in dem Tone des
Polizeipräsidenten so dass der Prinz nicht umhin konnte ihm die Hand zu
reichen
Das können Sie sagte er mit Wärme indem er sich erhob
Arm in Arm verließen sie als wirkliche Freunde den Saal in dem die
Vorlesung bereits begonnen hatte
Man wird sich erinnern dass später Herr v M wie man sagte wegen zu
großer Popularität seines Postens enthoben und auf Reisen geschickt wurde
Als sie die Linden hinabschritten machte Herr v M den Prinzen auf die
große Menge der nach der Versammlung unter den Zelten hin Ausströmenden
aufmerksam
Zwei Drittteile von ihnen sagte er sind Neugierige die mit demselben
Interesse nach einer Menagerie wie nach einer Volksversammlung ziehen Von dem
übrig bleibenden Drittteil derer die aus wirklichem Interesse an der Sache
teilnehmen müssen wir mindestens ein neues Drittteil Phantasten rechnen und
ein anderes Drittteil Unzufriedene aus Prinzip oder Eigennützige die aus
Eitelkeit oder andern Motiven sich einen Namen erwerben wollen Das letzte
Drittteil aber besteht aus Spionen und den wenigen ehrlichen und wirklich
politischen Gebildeten
Was ist Ihnen Prinz wandte sich plötzlich Herr v M an diesen Sie
zittern
Die Lippen des Prinzen zuckten convulsivisch aber es drang kein Laut aus
Ihnen hervor Er deutete nur auf einen elegant gekleideten Mann vor ihnen der
mit einer an seinem Arm dahinschreitenden Dame in lebhaftem Gespräch begriffen
war
Herr v M lächelte Es ist der Chevalier St Just sagte er leise wie zur
Beruhigung des Prinzen
Ich weiß es flüsterte dieser und die Dame
Die Dame erwiderte Herr v M mit Unbefangenheit ist eine gute
Freundin von mir
Der Prinz atmete wieder auf es war also nicht die Gräfin Bedford
Eine gute Freundin des Polizeipräsidenten meinte der Prinz welcher sich
zur Gleichgültigkeit zwang in der Tat ich hätte nicht gedacht dass sogar Sie
das allgemeine Schicksal teilten betrogen zu werden
Betrogen zu werden wie so Weil meine gute Lucie mit dem Chevalier nach
der Volksversammlung unter den Zelten geht Wahrlich Sie haben recht ich wäre
nicht wert Polizeipräsident zu sein wenn meine Geliebte es wagen dürfte mich
auf offener Straße zu compromittiren
Also wussten Sie um diesen Spaziergang
Er geschah auf meine ausdrückliche Bitte
Ah so Der Zweck ist also ein Staatsgeheimniss
Im Gegenteil es geschah in Ihrem Interesse
Sehr verbunden Und Sie meinen es wird Ihrer Freundin gelingen
Es ist bereits gelungen Als wir sie passirten hat sie mir den Stand der
Dinge mitgeteilt
Sie hat uns ja nicht bemerkt sagte der Prinz dessen Erstaunen wuchs
Dass es Ihnen so schien ist mir ein Beweis mehr für das Talent meiner
Freundin Doch ich vergaß Sie zu fragen ob Ihnen Baronin Alice über den
Chevalier Mitteilungen gemacht
Ja und wie mir dünkt sehr wichtige Erlauben Sie mir vorher eine Frage
Ist Ihnen der Name Gilbert bekannt
Gilbert Gilbert sagte Herr v M mit bedächtigem Tone als suche er in
dem Schatze seiner polizeilichen Erinnerungen nach Etwas Ists mir doch als
hinge dieser Name mit einem gewissen Vorfall in Strassburg zusammen der großes
Aufsehen machte Es handelte sich dabei um den Raub einer jungen Dame von hohem
Adel veranlasst wie man damals sagte durch den Fürsten Lichninsky Richtig
jetzt erinnere ich mich Gilbert ist seit langer Zeit im Dienste des Fürsten und
von diesem zu Mancherlei benutzt worden zum Beispiel als Unterhändler bei der
Herzogin Nagas und bei andern dergleichen Geschäften Auch hier in Berlin hat er
vor einigen Jahren eine Rolle gespielt Er war es welcher den famösen
Perlhalsbandbetrug gegen die Solotänzerin Philippine durchführte wegen dessen
der Fürst von dem verstorbenen Könige aus Preußen verbannt wurde und nach
Spanien ging
Gilbert ist von Geburt ein Deutscher aus Wien wenn ich nicht irre Aus
unbekannten Ursachen das Gericht sagt aus unglücklicher Liebe ging er nach
Frankreich und nannte sich nach seiner Mutter welche eine Französin war
Gilbert
In Paris lernte er den Fürsten kennen liirte und compromittirte sich mit
ihm bei dem Strassburger Vorfall und wurde zu lebenslänglicher Galeerenarbeit
verurteilt Er bewerkstelligte jedoch bald seine Flucht trieb sich dann in
Algier und Italien umher und kehrte unmittelbar vor der französischen Revolution
nach Paris zurück So weit reichen meine Berichte Gestern ist mir dieser Name
wieder hier in Berlin begegnet bei welcher Gelegenheit weiß ich mich nicht
mehr zu entsinnen doch der Gefangenwärter eines des Diebstahls verdächtigen
Maschinenarbeiters aus der Borsigschen Fabrik Namens Ralph
Der völlig unschuldig ist bemerkte der Prinz
Sie kennen ihn
Durch Alice
Hm Also dieser Gefangenwärter zeigte mir an dass Ralph einige Mal im
Selbstgespräch mit drohendem Tone den Namen Gilbert ausgerufen
Ist der arme Mensch schon wieder frei
Nein Zwar hat der Chevalier St Just das Missverständnis mit dem Goldstück
aufgeklärt doch habe ich höheren Orts Befehl erhalten die Freilassung noch zu
verschieben Wie kommen Euer Königliche Hoheit jedoch auf Gilbert
Alice hat recht gehabt er ist ein Verräter sagte leise der Prinz und
fuhr dann fort
Dieser Mensch scheint vom Schicksal bestimmt mir überall wo ich ihn finde
hindernd den Weg zu versperren meine liebsten Wünsche zu vernichten Zuerst
trat er mir in Strassburg entgegen Jenes Mädchen es war nicht von hohem Adel
wie Sie sagten aber ein Engel an Liebreiz und Unschuld jenes Mädchen das
nachdem sie den schändlichsten Verführungsversuchen und den niederträchtigsten
Verläumdungen welche auf meine Rechnung geschmiedet wurden widerstanden
endlich durch eine teuflische List dem fürstlichen Wüstling in die Arme geführt
wurde war meine Geliebte und der Nichtswürdige welcher das Bubenstück dem
Fürsten ausführen half war jener Gilbert den wir bei der Gräfin Bedford unter
der Maske des Chevalier St Just kennen gelernt haben
Herrn v M entfuhr ein Ausdruck des Erstaunens
Wo waren meine Augen fuhr der Prinz in verbissener Wut fort dass ich
den Elenden nicht gleich erkannte Aber eine geheime Stimme sagte mir dass ich
ihn hassen müsse Ich glaubte aber den Grund dieses Hasses in meiner Eifersucht
rücksichtlich der Gräfin suchen zu müssen
Vortrefflich sagte nach einer Pause Herr v M der Vogel ist so gut
wie gefangen Lassen Sie mich dafür sorgen
Inzwischen waren sie bei den »Zelten« angelangt wo bereits um die fast in
der Mitte des Platzes stehende Tribüne eine große Menge Volks versammelt war
Die an den Pfeilern der Tribüne angebrachten Oellampen warfen ein trübes Licht
über die Menge und auf die düstern Rumpfe der blattlosen Bäume des Tiergartens
Das unheimliche Kolorit der ganzen Szene wurde durch den herabrieselnden
feinen Nebelregen noch mehr verdüstert
Auf der Balustrade der Tribüne den linken Arm um den Pfeiler geschlungen
stand ein junger Mann welcher mit lauter fast schreiender Stimme die an den
König gerichtete Adresse verlas welche nun da der König die zur Überbringung
derselben gewählte Deputation nicht empfangen wollte auf anderm Wege an ihn
abgesandt werden sollte Man hatte die Stadtverordneten welche ebenfalls eine
Adresse vorbereitet hatten ersucht die von der Volksversammlung beschlossene
der ihrigen beizulegen Dies war abgeschlagen worden Es traten Redner auf
welche für Wiederholung des Gesuchs um eine Audienz sprachen Andere erklärten
offen man müsse für die Deputation eine Audienz erzwingen und schlugen daher
eine Ministerpetition vor Wie gewöhnlich bei solchen Versammlungen ernteten
auch hier die extremsten Redner den meisten Beifall
Diese psychologische merkwürdige Tatsache lässt sich aus demselben Grunde
erklären der uns den Aufenthalt in warmen Zimmern desto angenehmer macht je
drohender draußen der Sturm tobt und der Regen die Fensterladen peitscht Der
Wanderer draußen hat natürlich einen andern Begriff davon Es beruht dies nur
auf »Ansichten« Die Petition wurde also beschlossen Gegen 12 Uhr trennte sich
die Menge und zog in großen Trupps singend und disputirend dem Tore zu
Welches Prognostikon stellen Sie dieser Bewegung fragte Herr v M
den Prinzen indem sie sich von dem Strome des Volks mitforttragen ließ
Ich muss gestehen dass trotz des vielen Unpolitischen Übertriebenen und
Abenteuerlichen in ihrer Begeisterung die Menge dennoch ein wenn auch nur
halbbewusstes Bedürfnis ihrer politischen Rechte fühlt Und dann liegt in der
Macht welche ein Gedanke wie absurd er auch sonst sein mag auf eine große
Menge ausübt sie wie ein Mann zu fühlen und zu denken zwingt immer etwas
Imposantes selbst Ehrfurchtgebietendes für mich Und Sie
Sie sind glücklich sich so in die objektive Gegenwart vertiefen zu
können Ich habe denselben Eindruck gehabt wie Sie aber es war kein
erfreulicher Ich denke mit bangem Herzen an die Ströme Blutes welche dieser
Enthusiasmus der Menge für eine politische Idee als Konsequenz fordern wird
Sie sehen zu schwarz mein Lieber
Herr v M lächelte Ein Vorwurf der mir in diesem Falle schmeichelhafter
ist als Sie denken Denn es liegt darin die Anerkennung dass das
Polizeihandwerk mich nicht bornirt hat Aber im Ernste ich bin fest überzeugt
dass die Begeisterung des heutigen Abends das Signal zu einem Bürgerkriege sein
wird dessen Ende sehr zweifelhaft sein dürfte Oder glauben Sie dass das einmal
erwachte Rechts und Freiheitsbewusstsein des Volks sich eben so leicht wieder in
Fesseln schlagen lässt als es in den Fesseln zu halten war Nein nein Gerade
der Glaube an die Möglichkeit oder doch an die Leichtigkeit einer solchen
Wiederfesselung wird den Sieg zweifelhaft machen
Wie aber wenn man an die Wiederfesselung nicht dächte dem Strome seinen
Lauf ließe wie dann So hätten wir eine Überschwemmung zu fürchten nicht
wahr
Nein oder doch eine welche nicht verheert sondern befruchtet Aber das
sind Chimären an deren Möglichkeit Sie im Ernste nicht denken können
Der Prinz schwieg
Haltet ihn fest Lasst ihn nicht los Schlagt ihn tot den Spion tönte
es plötzlich im Rücken der beiden Dahinwandelnden Eine gährende Bewegung
flutete durch die Menge Man drängte fluchte stürzte durch einander ohne in
der Dunkelheit weder Freund noch Feind zu erkennen Der Prinz trat mit seinem
Begleiter aus dem betretenen Wege heraus zwischen die Bäume um besser
beobachten zu können Das Geschrei und Getose kam näher
Nach der Laterne nach der Laterne rief man plötzlich
Die Rasenden werden ihn ermorden rief der Prinz mitten in den Haufen
springend Kaum vermochte ihm sein Begleiter zu folgen der ihm zurief nicht
unnütz sein Inkognito abzulegen Herr v M kannte das Berliner Volk besser er
vermutete ganz richtig dass man nicht um ein blutiges Exempel zu statuiren
sondern einfach um den Beschuldigten besser erkennen zu können nach dem Lichte
sich hindränge
Als man bei einer Laterne angelangt war die die Hauptgänge des
Tiergartens trotz ihrer enormen Entfernung von einander die sie als bloße
Irrlichter erscheinen lässt zu erleuchten die Anmassung haben erblickte Herr v
M einen alten Graukopf welcher mit vor Zorn bebenden Lippen auf einen bleichen
Menschen wies den er mit der linken Hand beim Halstuch gefasst hielt während
ein junger Mann sich alle erdenkliche Mühe zu geben schien die Wut des Alten
zu beschwichtigen
Ins Dreiteufels Namen Steiger hörte Herr v M der sich dicht neben
Letzterem befand ihn dem Alten ins Ohr flüstern wollt ihr uns denn Alle ins
Unglück stürzen Das Weitere war nicht zu vernehmen doch schienen die Worte
ihre Wirkung auf den Zornigen nicht zu verfehlen Er ließ das Halstuch fahren
und packte den Angegriffenen beim Arm
Schlagt ihn tot den Spion ertönte es wieder aus der Menge die um so
lauter diesen Ton ertönen ließ je weniger sie vom Vorgange bemerken konnte als
wolle sie sich dadurch für die Entbehrung des Schauspiels entschädigen
Was ist mit Ralph geschehen donnerte der alte Steiger Sprich
Halunke
Was weiß ichs erwiderte trotzig der Angeredete in welchem Herr v M
jetzt den Chevalier erkannte Habt Ihr ihn mir zur Aufsicht übergeben
Herr v M dachte hier an den alten Spruch der Bibel Soll ich meines
Bruders Hüters sein Aber er schwieg
Schon recht Du willst nicht bekennen weil ichs Dir nicht beweisen kann
Aber nimm Dich in Acht Judas ich werds schon erfahren und dann werd ich Dich
schon auch zu finden wissen Jetzt
Herr v M der den alten Steiger als ehrlichen obgleich wunderlichen
Menschen kannte trat näher zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr
Nehmt Euch vor unnützen Reden in Acht Steiger es könnte Euch schaden
Auch sorgt dass der Kerl seines Wegs geht Morgen wenn Ihr Vormittags zu mir
kommt sollt Ihr Ralph sehen Und nun macht dem Dinge ein Ende
Verwundert drehte sich beim Ton dieser Stimme der Alte um aber während er
sprach stand Herr v M im Schatten und war gleich darauf im Dunkeln
verschwunden
Schlagt ihn tot erschallte es wieder aus der ungeduldig werdenden Menge
Ruhe Ihr da hinten brüllte Steiger Man konnte jetzt das Fallen der vom
Winter übriggelassenen Blätter hören Wir wollen ruhig nach Hause gehen
Kinder so musss sein Es ist ein Irrtum gewesen mit dem Spion Dummes Zeug
weiter nichts Und nun kommt
Während noch Steiger sprach hatte Gilbert die Gelegenheit benutzt und war
still durch die Menge hindurch in den Wald geschlüpft Erst als er mehrere
hundert Schritte vom Schauplatz der eben erzählten Begebenheit entfernt war
hielt er an und sah sich um Er hörte noch die letzten Worte des alten Steiger
herübertönen Dann setzte die Menge ihren Weg zum Tore fort
Das Verderben über die Kanaille sagte er laut und erhob drohend die
Hand Aber bald wird der Tag der Vergeltung kommen und dann wehe Euch
Ja der Tag der Vergeltung wird kommen tönte eine Stimme hinter ihm
Der Mond warf in diesem Augenblick einen matten Strahl zwischen den Bäumen
hindurch Gilbert erkannte des Prinzen bleiches Gesicht
Königliche Hoheit Sie So spät in dieser Waldeinsamkeit
Der Prinz achtete auf den Spott in dem Tone Gilberts nicht sondern blickte
ihn stolz verächtlich an und sagte sich zur Ruhe zwingend
Was hat Dir Deine Heldentat in Strassburg eingebracht Seelenverkäufer
Nicht von der Stelle Elender Mich gelüstets den Beichtiger an Dir zu
spielen
Gilbert fühlte die kalten Läufe eines Doppelterzerols an seinen Schläfen Er
sank in die Kniee
Wo ist sie geblieben donnerte der Prinz Was habt Ihr mit der
Unglücklichen gemacht sprich
Tödten Sie mich nicht Prinz Ich werde reden
Wo ist sie
Als die Herzogin hinter den Streich des Fürsten kam verlangte sie ihre
Auslieferung als Geissel wie sie sich ausdrückte Der Fürst gehorchte
wahrscheinlich war er auch schon ihrer überdrüssig
Und die Herzogin
Darüber weiß ich nichts Bestimmtes Der Fürst sprach nicht gern davon
Doch habe ich zufällig gehört dass
Nun
Dass die Herzogin den Ausdruck »Geissel« wörtlich genommen das arme
Mädchen auf einer ihrer »Herrschaften« eingesperrt und mit Ruten gegeisselt
habe um sie für ihren künftigen Beruf vorzubereiten
O Himmel rief der Fürst aus indem er das Gesicht mit den Händen
bedeckte Weiter
Nachher soll sie sie in ein böhmisches Kloster geschickt haben
Genug Und Elend Schmach Verzweiflung haben die Aermste nicht
getötet
Gilbert schwieg
Geh von mir Ich will meine Hände nicht mit Deinem Schurkenblut besudeln
Zum Danke sagte höhnisch Gilbert will ich Ihnen eine Nachricht geben
die Sie erfreuen wird Morgen kommt der Fürst Lichninsky nach Berlin
Mit diesen Worten war er verschwunden
Der Prinz aber setzte sich auf einen verdorrten Baumstamm und weinte
Als der alte Steiger am Arm seines Freundes Hartwig das Brandenburger Tor
passirte erblickten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen den »Pariser Platz«
mit Dragonern besetzt Verrat fürchtend wollten sie wieder zurück da traten
ihnen zwei Jäger mit vorgestreckten Karabinern entgegen Auf den Pistons
blitzten wie Johanniswürmchen die roten Zündhütchen im Mondenschein
Zurück hier herrschte man den harmlosen Arbeitern entgegen Die Hähne
knackten Steiger und Hartwig traten verdutzt einen Schritt zurück und wussten
nicht nach welcher Seite sie sich wenden sollten Hatte man ihnen eine
Mausfalle gestellt Eine Droschke fuhr eben zum Tore herein und hielt in
ihrer Nähe
Geht nach Hause Kinder und fürchtet nichts tönte aus der Droschke eine
Stimme welche Steiger heute schon einmal gehört Rasch trat er an den Schlag
um Aufklärung über diese drohende Maßregel zu gewinnen Aber er erblickte
nichts als einen Herrn mit einer Dame im nächsten Augenblicke wollte der Wagen
schon fort
Es war Herr von M und seine Freundin Lucie
Wir erleben noch was in der andern Woche sagte bedenklich der alte
Steiger als er mit seinem Freunde Hartwig die vier Treppen zu ihrem
gemeinschaftlichen Schlafgemach hinanstieg Was sollte das heute mit den Weiß
und Grauröcken bedeuten
Gut sie fangen an uns zu fürchten Wisst Ihr wohl Steiger dass ich mich
heute mit einem Gefühl na wie soll ich sagen mit nem Gefühl von Stolz aufs
Stroh lege
Narrheiten sinds mein Junge damit holla Aber denk daran heute über 8
Tage wenn Du noch daran denken kannst es wird blutige Köpfe setzen passe auf
Damit legten sie sich zu Bett Der alte Steiger war ein Prophet 8 Tage später
um diese Zeit hatte der »stolz gewordene« Hartwig die Worte des »alten Vaters«
Steiger bereits vergessen Eine Kartätschenkugel hatte ihm den Kopf und damit
auch das Gedächtnis weg gerissen
VII
Herr Präsident es ist eine Dame draußen die Sie zu sprechen wünscht
Bekannt fragte Herr v M den dienstabenden Polizeidiener
Nein
Führen Sie sie in mein Privatzimmer Ich werde sogleich erscheinen
Herr v M war nicht neugierig aber eine innere Stimme sagte dass dieser
Besuch für ihn von Interesse sei Er beendete rasch was ihm eben vorlag und
eilte durch das Entree in sein Privatzimmer
Ei sieh da schöne Frau wie komme ich zu dieser Ehre
Nicht wahr Herr Präsident erwiderte Alice lächelnd Sie wollen sagen
der umgekehrte Fall sei passender
Allerdings wäre es längst meine Pflicht gewesen Ihnen meinen Besuch
abzustatten Indes
Ach Herr v M Sie wollen mir ausweichen doch mag es drum sein
Was mich zu Ihnen führt Eine Bitte unterstützt von Ihrem Freunde
Meinem Freunde Ich wüsste nicht dass ich Freunde hätte welche dritte
Personen und wären es selbst so schöne Frauen wie Sie in das Geheimnis dieser
Freundschaft einzuweihen sich veranlasst fühlen könnten Also dieser Freund
Ist der Prinz A sagte Alice ihn ruhig fixirend Oder sollte ich
mich irren
Und die Bitte fragte Herr v M einer Antwort ausweichend obschon er
fast versucht war den Prinzen für seine Indiskretion durch Desavouirung dieser
Freundschaft zu bestrafen Er lieferte damit den Beweis dass selbst der feinste
Menschenkenner und das war sicherlich Herr v M in seinem Urteile sofort
unsicher wird wenn seine eigene Persönlichkeit dabei ins Spiel kommt Hätte die
Sache nicht ihn sondern eine dritte Person betroffen so würde er den Prinzen
nicht der Indiskretion verdächtigt sondern sich des alten Satzes erinnert
haben dass ein Weib in Ton und Blick Geheimnisse erkennt welche der Mund
verschweigt
Mich auf eine halbe Stunde zu dem Arbeiter Ralph ins Gefängnis zu lassen
Das wird nicht angehen
Haben Sie es doch dem alten Steiger versprochen
Auch das wissen Sie Das war etwas Anderes es sind Kameraden
Mit einem Worte Sie wollen nicht
Ich kann nicht Sie wissen ganz wohl dass die Polizeispione auf nichts
mehr ihr Augenmerk richten als auf den Chef der Polizei Der Gefangenwärter
würde mich verraten
Aber nicht der Kastellan nicht wahr Wieder blickte Alice den
Präsidenten fragend an Herr von M versuchte zu lächeln Eine Zeile von Ihnen
an den Kastellan der Hausvoigtei genügt
Wohlan es sei sagte der Präsident nach einigem Bedenken
Ich danke Ihnen und werde Ihre Freundlichkeit zu vergelten wissen
Ich nehme Sie beim Worte Wollen Sie mir eine Frage mit Aufrichtigkeit
beantworten
Jedem Andern würde ich unbedenklich mit »Ja« antworten Ihnen gegenüber
kann ich nicht anders sagen als »Je nach dem«
Wie stehen Sie mit dem Chevalier St Just
Mit Gilbert wollen Sie sagen
Auch das wissen Sie
Durch mich weiß es der Prinz durch diesen Sie Wie ich mit ihm stehe
Er glaubt ich kenne ihn so wenig wie die Andern aber er täuscht sich Ihn
kennen und verachten aber ist Eins Dennoch sind wir einander nicht
gleichgültig
Also doch
Wir haben Interesse an einander obwohl ein verschiedenes Er fürchtet
mich und ich hasse ihn das ist Alles
Es ist ein gefährlicher Mensch
Auch für Sie
Warum
Weil er im Solde einer Partei steht die Sie einst stürzen wird wenn sie
nicht selbst vorher gestürzt wird
Und welcher von beiden Fällen ist der wahrscheinlichere
Alice zuckte die Achseln und blickte zum Fenster hinaus
Darf ich Ihnen einen gutgemeinten Rat geben Herr Polizeipräsident
Wenn Sie nicht die Bedingung daran knüpfen dass ich ihn befolgen soll ja
Sie werden ihn befolgen denn er gibt Ihnen den einzig denkbaren Weg an
zwischen der Scylla und Charybdis hindurch zu schiffen ohne
Drücken Sie sich ohne Allegorien aus
Ich meine dass Sie damit die beiden Extreme der entschiedenen Demokratie
und der entschiedenen Reaktion am sichersten vermeiden und sich folglich »
möglich« erhalten können
Ich bin begierig diese Kunst zu lernen
Jetzt mögen Sie spotten erwiderte Alice über die stereotype Ironie in
des Präsidenten Tone gereizt nach einigen Tagen werden Sie mir danken Mein
Rat ist Vermeiden Sie den Schein als wollten Sie sich populär machen noch
vielmehr aber vermeiden Sie in den Ruf der Unpopularität zu kommen Das Erstere
wäre eine Schwäche das Zweite eine Unvorsichtigkeit Beides aber führt seine
besonderen Gefahren mit sich Praktisch gefasst würde mein Rat lauten
Mischen Sie die Polizei oder wenigstens Ihre eigene Person so wenig wie
möglich in die zwischen Volk und Militär ausgebrochenen Konflikte das Alles
sind nur die Präliminarien einer größeren Entscheidung Wenn diese kommt und dass
sie kommen wird wissen Sie so gut wie ich dann ist der Augenblick für Sie
gekommen zu handeln das heißt zu vermitteln Denn Herr v M ein kluger
Mann der auf die Zukunft spekulirt sucht nie eher zu vermitteln als bis die
Vermittlung unmöglich geworden Wem dann auch der Sieg zufällt sein sind die
Früchte
Herr v M war nachdenklich geworden Er fühlte die Wahrheit in den Worten
Alicens aber er misstrauete ihren Motiven
Und warum sagen Sie mir dies Alles fragte er
Aus zwei Gründen Weil ich Sie achte und weil ich für »uns« den Kampf
nicht erschweren möchte
Herr v M verbeugte sich lächelnd ohne eine Antwort zu geben
Als auch Alice schwieg sagte er sie verlassend Verziehen Sie einen
Augenblick ich werde Ihnen das versprochene Billet an den Kastellan schreiben
Als Alice sich empfahl begleitete Herr v M sie bis an die Treppe Unten
angekommen nahm sie eine Droschke und fuhr nach dem Frankfurter Eisenbahnhofe
Als Alice dort ausstieg bemerkte sie noch eine zweite Droschke die dicht
hinter der ihrigen gekommen sein musste Absichtlich merkte sie nicht darauf
sondern stieg schnell die Stufen des Perrons hinan und trat ein Da erst wandte
sie sich um und sah wie eine Dame ebenfalls die andere Droschke verließ
Lucie sagte sie spöttischen Tons O Herr v M diese Beleidigung
sollen sie mir büßen Wenn Sie mir einen Spion nachsenden wollen so müssen Sie
einen geschickteren wählen
Ein langgezogenes Pfeifen kündigte ihr die Annäherung des Breslauer Zuges
an
Alice eilte ohne auf Lucie zu achten auf einen Waggon erster Klasse zu und
rief freudig Felix
Dann über die Zudringlichkeit Luciens empört sagte sie hier lieber
Felix habe ich das Vergnügen Dir die Freundin unseres Polizeipräsidenten
vorzustellen Grüssen Sie Herrn v M freundlichst und sagen Sie ihm er hätte
Ihnen den Weg hierher ersparen können da ich es jedenfalls für meine Pflicht
gehalten hätte ihn dem Fürsten Lichninsky vorzustellen
Mit diesen Worten ließ sie die verschmitzte Freundin des Präsidenten stehen
und eilte mit dem Fürsten nach seinem Hotel Unterwegs teilte er ihr die
Nachricht von der glücklich beendeten Revolution in Wien mit
Meine Akademiker haben wie Löwen gekämpft Sobald der Sieg des Volkes
entschieden und seine Friedensbedingungen angenommen bestieg ich da die
Eisenbahn noch nicht zu benutzen war meinen Renner nahm in der nächsten Stadt
Kurierpferde und war schon am andern Tage in Breslau
Unmöglich kann vor mir schon die Nachricht angelangt sein wenn die
Regierung nicht auf telegraphischem Wege davon in Kenntnis gesetzt ist Aber
auch das glaube ich nicht da alle öffentlichen Gebäude vom Volke besetzt waren
Lass uns die Zeit benutzen Vorgestern war die Wiener Revolution übermorgen muss
die Berliner vollendet sein
Einer unserer einflussreichsten Volksführer sitzt im Gefängnis
Wer ists
Ralph Ich glaube Felix dass Gilbert ein Verräter ist
Das wäre des Teufels Hast Du Beweise
Vorläufig nur Vermutungen Doch ich werde noch heute klar sehen
Was macht Lydia fragte der Fürst
Alice schüttelte lächelnd den Kopf
Du bist eifersüchtig Alice
Nichts weniger Aber was soll die Frage Du weißt dass ich das Mädchen wie
meine Tochter liebe und nie zugeben würde
Beruhige Dich Ich fragte aus reinem Interesse Doch wenn Du es nicht
wünschest sprechen wir nicht davon
Die Equipage hielt am Hotel Sie stiegen aus
Jetzt lasse Dich erst herzlich umarmen Geliebte sagte der Fürst als
sie auf seinem Zimmer angelangt waren
Alice duldete seine Umarmung schweigend fast seufzend Sie dachte an den
armen Ralph Es erschien ihr wie ein Verbrechen gegen den Gefangenen dass sie
sich den Liebkosungen des Fürsten überließ während sie jenem wenn nicht Hilfe
so doch Trost hätte bringen müssen
Wie Du willst mich schon verlassen Alice
Ich habe ein nicht aufschiebbares Geschäft abzumachen Doch heute Abend
werde ich Dich zu einem politischen Spaziergange abholen
Horch das war ein Schuss rief plötzlich der Fürst noch einer
In der Tat sagte Alice ruhig doch das ist jetzt in Berlin nichts
Ungewöhnliches mehr Die armen Soldaten tun mir am meisten dabei leid seit 8
Tagen müssen sie Tag und Nacht gewärtig sein ihre Kasernen zu verlassen und
gegen das Volk zu marschiren So häuft sich auf beiden Seiten die Erbitterung
an bis eine allgemeine Explosion stattfindet Doch ich will eilen Auf heute
Abend also
Der Fürst war nachdem Alice ihn verlassen nachdenklich geworden Ihr
kalter Empfang ihr schnelles Forteilen erregte seine Besorgnis Auch brachte
seine einmal durch die Furcht aufgeregte Phantasie damit die kurze Szene auf dem
Eisenbahnperron in Verbindung deren er sich jedoch nur noch dunkel erinnerte
Doch war er sicher den Namen des Polizeipräsidenten dabei gehört zu haben Was
sollte dieser im Munde Alicens Eine unheilvolle Ahnung durchblitzte seine Seele
er sprang auf und eilte hinaus Denn er war jetzt fest überzeugt dass man sich
seiner bemächtigen wolle
Der Fürst war im weitesten Sinne des Worts ein Phantast Das Tatsächliche
und Reale ließ ihn kalt die Möglichkeiten mit ihrer unbeschränkten Zaubermacht
erwärmten ihn Wie sehr ihn daher auch die Gegenwart mit ihren Bedürfnissen zur
Ironie stimmen konnte wie rücksichtslos er gegenwärtigen Personen und Gefahren
gegenüber sich verhalten konnte so sank sein Mut und seine Besonnenheit in
Nichts zusammen vor einem Phantom das er sich selbst geschaffen Der Schein
dessen Hoherpriester er war rächte sich an ihm dadurch dass er die Macht der
Wirklichkeit gegen ihn ausübte eine Macht die durch die Unbegränzteit welche
Alles was nur möglich ist mit den Chicanen des Unbegreiflichen umkleidet zur
Allmacht werden muss für Jeden der sich von der Wirklichkeit losgesagt hat
Die bloße Möglichkeit Alice könnte ihn verraten nahm sofort für ihn den
Schein der Wirklichkeit an und trieb ihn den eingebildeten aber desto
schrecklicheren Gefahren zu entfliehen Erst als er sich plötzlich ohne zu
wissen wie er dahin gekommen im Tiergarten befand kehrte seine Besonnenheit
zurück In Gedanken versunken wandelte er vor sich hin als er seinen Namen
nennen hörte Es war Gilbert
Gut dass ich Sie treffe sagte der Fürst was haben wir für Aussichten
Schlechte bis jetzt antwortete jener und begann dem Fürsten Bericht
über seine Tätigkeit zu erstatten
Wie kommts dass Ralph im Gefängnis sitzt Man sagt Sie seien Schuld
daran
Man sagt Wer sagt das mein Fürst
Gleichviel ich habs gehört und wie ich glaube aus guter Quelle
Gilbert wusste dass der Fürst seine alten Verbindungen mit dem preußischen
Gouvernement nicht aufgegeben Er war deshalb in Zweifel ob er die Wahrheit
sagen müsse Denn er war es allerdings gewesen welcher der Regierung einen Wink
über Ralphs Tätigkeit gegeben um sich diesen gefährlichen Aufpasser von der
Seite zu schaffen
Ralph ist ein aufbrausender leidenschaftlicher Mensch der Alles
verderben könnte sagte er einleitend Außerdem glaubte ich zu bemerken dass
ein Einverständnis zwischen ihm und Alice existire welches zu manchen Gedanken
Veranlassung geben konnte
Gilbert wusste von der Verbindung des Fürsten mit Alicen Nichts es konnte
ihm daher auch nicht einfallen mit jener Andeutung auf die Eifersucht desselben
spekuliren zu wollen Es war ein glücklicher Wurf den er von Ungefähr tat und
er gelang über Erwarten Als er des Fürsten Bewegung bei diesen Worten sah
erzählte er ihm zum Beweise wie Alice durch Ralphs Schwester die frühere
Verbindung mit diesem wieder angeknüpft hatte schilderte den Zorn Alicens über
seine Gefangenschaft und den Versuch derselben ihn im Gefängnis zu besuchen
Das Letztere hatte er kürzlich durch Lucie erfahren
In diesem Augenblicke schloss er seine Rede befindet sie sich noch bei
ihm Hatte ich also nicht Ursache aufmerksam zu sein Ich weiß Durchlaucht
dass es Viele gibt welche mich bei Ihnen zu verläumden versuchen werden
Fürchten Sie nichts Gilbert Ich sehe klarer als Sie glauben Das also
war das wichtige Geschäft was nicht aufzuschieben war Er musste Gewissheit über
alles dies haben nicht nur über die Stellung Alicens zu ihm sondern auch über
sein Verhältnis zur ganzen Partei der er bisher allerdings aus
Privatrücksichten gedient hatte
Er war wie alle Phantasiemenschen von Natur Oppositionsmann weil die
Opposition die Politik der Möglichkeiten die Diplomatie der Zukunft ist Aber
wenn diese Zukunft nicht seine Zukunft war wenn er nicht im Stande war diese
Möglichkeit zu seiner Wirklichkeit zu machen so hörte seine Opposition auf
denn er gönnte Niemandem die Früchte dieser Opposition als sich selbst Er war
ein Feind der Legitimität weil diese Legitimität seinem Ehrgeiz Schranken
setzte aber er wurde zum wärmsten Freunde derselben wenn auf ihren Trümmern
nicht er und seine Diktatur sondern die wahre Feindin der Legitimität die
Diktatur des Volks sich erheben sollte Seine politische Gesinnung war eine rein
persönliche Noch glaubte er dass es Zeit sei sich zu entscheiden da er noch
in keiner Weise compromittirt war weder nach der einen noch nach der andern
Seite hin Die Entscheidung aber hing von der Überzeugung ab die er über
Alicens Pläne sich verschaffen musste
Er begab sich deshalb direkt nach Alicens Wohnung Es war indes Abend
geworden Wie in den letzten Tagen so zogen auch heute zahlreiche
Arbeiterschaaren die Straßen hinab welche teilweise mit Militär gesperrt
waren Alles drängte nach dem Schlossplatz zu Der Fürst welcher das Schicksal
der meisten Spaziergänger geteilt hatte nämlich mit fortgerissen zu werden
gewann endlich am Schloss Gelegenheit sich aus dem Strudel des Volks
herauszuarbeiten und in das »Volpische Kaffeehaus« zu flüchten Von hier aus
konnte er den Schauplatz übersehen Die Menge hatte sich um den großen
Kandelaber in der Mitte des Platzes versammelt und verhielt sich dem äußern
Anschein nach völlig ruhig Da rückte Infanterie von der breiten Straße her und
säuberte den Platz das heißt die Menge stob auseinander um an einem andern
Orte wieder zusammenzufliessen Das Spiel dauerte einige Zeit hindurch ohne dass
es zu einem ernstaften Konflikt kam Da sprengten plötzlich vom Lustgarten
Cürassiere und Dragoner auf den Platz dessen Ausgänge nunmehr von allen Seiten
besetzt waren Die Helme und die breiten Brustpranzer der Cürassiere funkelten
im Schein des Mondes welcher sein volles Licht auf den Schauplatz ausgoss
Jetzt da die Aufforderung den Platz zu räumen eine Ironie geworden war da
ihr zu folgen eine Unmöglichkeit geworden sprengten die Cürassiere in die Menge
und hieben wütend auf die Wehrlosen ein Ein Schrei des Unwillens entfuhr
den in dem Kaffeehause anwesenden Gästen welche sich an die Fenster gedrängt
hatten Der Fürst stürmte hinab fand aber die Haustür verschlossen Unter den
Kolonaden der Stechbahn rannten einzelne Versprengte hin und wieder vergeblich
einen Ausweg suchend Die elenden Bourgeois hatten alle Türen gesperrt weil
sie die Eindringlinge lieber den Säbeln der Cürassiere Preis geben als ihnen
eine Zufluchtsstätte gewähren wollten
Nur der ernsten Haltung des Fürsten welcher darin von fast sämtlichen
Gästen unterstützt wurde gelang es endlich den Besitzer des Kaffeehauses zum
Oeffnen der Türen zu bewegen Er eilte die Kolonaden herab und stieß an ihrer
Mündung sogleich auf eine Abteilung Infanterie
Zurück tönte es ihm entgegen
Ich melde mich als Gefangener und wünsche sofort zum commandirenden
Offizier geführt zu werden Dies geschah Als er von diesem erkannt wurde er
sofort unter vielen Entschuldigungen frei gelassen
Nicht also mein Herr entgegnete der Fürst ich werde die Freilassung
ohne Weiteres nicht annehmen Wer hat Ihnen das Recht gegeben eine solche
Hetzerei gegen waffenlose harmlose Menschen zu organisiren
Der Offizier zuckte die Achseln Wir haben nichts zu tun als unserer
Instruktion zu folgen Die Verantwortung möge der übernehmen der die
Instruktionen erlässt
Und wer ist das
Der General von P
Ich verlange ihn zu sprechen
Das wird nicht gehen sagte mit neuem Achselzucken der Offizier Er ist
bei Sr Majestät dem Könige
Dann werde ich das Schicksal jener Unglücklichen teilen
Auch das darf ich nicht zugeben Dort hinaus können Sie hinein in den
Kreis kann ich Sie nicht wieder lassen
Der Fürst musste sich in sein Schicksal ergeben Jetzt eilte er zu Alicen
Doch auch hier fand er das Haus verschlossen So musste er nach seinem Hotel
zurückkehren
Träumerisch schritt er die Linden hinab die fast menschenleer waren Nur
einzelne starke Patrouillen zogen mit einförmigem Schritt auf den Trottoirs auf
und nieder
Es fragte eine Dame nach Ihnen sagte der Portier des Hotels und übergab
mir dies Kästchen für Eure Durchlaucht
Es wird Alice gewesen sein sagte der Fürst zerstreut das Kästchen zu sich
steckend
Auf seinem Zimmer angekommen warf er sich erschöpft aufs Sopha sich seinen
trüben Gedanken überlassend Er ahnte dass eine napoleonsche Kraft dazu gehöre
der Ereignisse die man selber hervorzurufen die Macht hatte Meister zu
bleiben Der Fürst war zwar eitel genug sich einen Napoleon im Kleinen zu
dünken aber er erinnerte sich dass auch Napoleon auf einer kleinen wüsten Insel
an den Küsten Afrikas seine Tage geendet und seufzte Unwillkührlich richteten
sich seine Blicke auf die Vergangenheit er dachte an seine abenteuerlichen
Reisen in Frankreich in Spanien Ein leises Frösteln durchzuckte seinen
Körper als er an Spanien dachte Mechanisch griff er nach dem Tische da fühlte
er etwas Hartes es war das Kästchen Er erbleichte Aber im nächsten Augenblick
schon lächelte er über die Gedanken die eben in ihm aufgestiegen
Er öffnete es diesmal lächelte er nicht mehr Ein Medaillon welches ein
Miniaturbild enthielt das seine Züge trug glänzte ihm entgegen
Sie ists stammelte er sie ist in meiner Nähe sie atmet dieselbe Luft
mit mir Wohlan ich bin gerüstet Mag sie kommen
Dies Weib ist ein Dämon der sich an meine Fersen klammert Was will sie
noch weiter von mir
Dein Herzblut Verräter tönte eine Stimme hinter ihm
Der Fürst drehte sich um Ines einen blinkenden Dolch in der Hand stand
vor ihm Besinnungslos stürzte er zu Boden So verharrte sie einige Minuten in
ihrer drohenden Stellung als erwarte sie das Wiedererwachen des Fürsten Dann
schritt sie auf den Tisch zu ergriff eines der Lichter und leuchtete dem
Ohnmächtigen ins Gesicht Das Licht zitterte in ihrer Hand Sie setzte es auf
die Erde nieder kniete vor dem Fürsten hin und senkte den Kopf auf ihre Brust
herab Nur ein krampfhaftes inneres Schluchzen kündete den Kampf an der in ihr
vorgehen mochte Dann richtete sich ihr Haupt in die Höhe Zwei große Tränen
standen in ihren Augen
Er ist schön wie ehemals als ich ihn in dem blühenden Tale Valencias zum
ersten Male sah Ich kann ihn nicht töten Aber ewig soll er vor mir zittern
Sie drückte einen Kuss auf die kalte bleiche Stirn und erhob sich
Als der Fürst die Augen aufschlug war Ines verschwunden Schon war er
versucht das Ganze für einen Traum zu halten aber das Medaillon zu seinen
Füßen und der Dolch welcher neben seinem Herzen auf dem Boden lag bewies ihm
dass er nicht geträumt hatte
VIII
Die Tia bleibt lange sagte Salvador von Alicen sprechend Er saß auf einer
Fussbank nicht weit von Lydias gewöhnlichem Platz und hielt seine alte Zither im
Arm
Wird Dir schon die Zeit lang Kind fragte schwermütig lächelnd Lydia
von ihrer Arbeit zu ihm niederblickend
Ich bin kein Kind mehr Donna sagte mit zusammengezogenen Brauen der
Knabe und habe keine Langeweile Ihr wisst recht gut dass ich am liebsten zu
Euren Füßen sitze und Euch meine spanischen Lieder singe
Nun so spiel und singe doch
Nein sagte Salvador kurz
Warum nicht
Weils Euch traurig macht und mich auch
Nun dann erzähle mir Etwas
Gut ich werde Euch Etwas erzählen Salvador rückte seine Bank näher zu
Lydia heran und begann nach seiner Weise wie er es früher bei seiner Mutter
getan zu erzählen von den duftigen Tälern und grünen Bergen seiner Heimat
Voll kindlicher Einfalt blickte sein Auge zu Lydia empor als sähe er in das
seiner Mutter Und Lydia selbst fühlte sich wunderbar bewegt von dem Wesen des
Knaben Seine Erzählung bestand meist nur in einfachen Beschreibungen und
Erinnerungen aus seiner Kindheit aber die eigentümliche Mischung von Sanfteit
und Starrheit von fast weiblicher Milde und männlichem Trotz die in dem Ton
seiner Stimme und in dem Glanz seines großen schwarzen Auges lag übte einen
Zauber auf das ideale Gemüt Lydias aus dem sie nicht widerstehen konnte Ihre
Hände sanken untätig in den Schoss herab und ihr Auge senkte sich tief in das
des Knaben
Salvador hatte aus dem ihm angeborenen feinen Takt vermieden viel von
seiner Mutter zu sprechen obgleich wenn er zufällig nur ihren Namen erwähnte
sein Gesicht jedesmal hell aufleuchtete Lydia war jene Zurückhaltung nicht
aufgefallen Sie glaubte ihm eine Freude zu machen wenn sie ihn bäte von ihr
zu erzählen
Du hast Deine Mutter wohl sehr lieb
Des Knaben Auge funkelte bei dieser Frage aber er antwortete nicht
Oder hast Du Deinen Vater lieber
Lydia sah an der Blässe welche bei diesem Worte plötzlich Salvadors Gesicht
überzog dass sie eine unglückliche Frage getan
Ich habe keinen Vater gehabt sagte finster der Knabe
Du willst sagen Du hast Deinen Vater nicht gekannt Er ist so früh
gestorben nicht wahr
Nein ich kenne ihn sehr wohl und werde ihn nie vergessen
Lydia begriff dies Rätsel nicht aber sie schwieg weil sie sah dass dies
Gespräch den Knaben aufregte Salvador ließ seinen Kopf sinken und schien
eingeschlafen zu sein denn er antwortete Lydia nicht als sie ihn bat ihr
etwas vom Tische zu reichen Aber sie erstaunte als sie den Knaben leise
schluchzen hörte
Was fehlt Dir Salvador fragte sie besorgt ihre Hand auf seinen Kopf
legend Da warf sich der arme Junge von dem Schmerz seines Schicksals
zerdrückt zu ihren Füßen umklammerte ihre Kniee und brach in lautes Weinen
aus Und Lydia den Schmerz des Knaben ahnend und dadurch ihm sich verwandt
fühlend hob ihn auf legte seinen Kopf in ihren Schoss und weinte mit
Es ist bekannt dass nichts mehr tröstet als den Wiederschein unseres
Leidens in den Tränen eines Leidensgenossen zu sehen Alle möglichen
freundlichen Worte hätte Lydia an Salvador verschwenden können sie würden nicht
vermocht haben ihn zu trösten Aber als er die erste Träne in ihrem Auge sah
wurde er ruhiger zuletzt kam sogar eine solche Freudigkeit über ihn dass er
Lydia zu trösten versuchte
Jetzt müsst Ihr nicht mehr weinen Donna sagte er schmeichelnd Und nun
will ich Euch auch von meiner Mutter erzählen Seht als ich noch klein recht
klein war da nahm mich meine Mutter auf den Schoss und sagte zu mir Salvador
morgen wird Dein Vater kommen da musst Du Dich recht sehr freuen und artig sein
Ich klatschte in die Hände und plapperte in einem fort der Vater wird kommen
der Vater wird kommen bis er endlich da war Das kam aber so Am andern Morgen
ganz früh ehe die Sonne aufging nahm mich die Mutter aus dem Bett und zog mir
mein Festtagskleidchen von schwarzem Samt an schlang mir den spiegelblanken
Gürtel von Stahl um den Leib und setzte mir ein Barett auf an dem zwei
prächtige rote Federn auf und ab wogten Auch die Mutter war schön geputzt
Dann nahm sie mich an der Hand und so wanderten wir den Bergen zu von denen man
die Sonne über dem weiten blauen Meer aufgehen sehen kann Ich wurde müde da
trug mich die gute Mutter bis zur Spitze des Berges hinauf und wir setzten uns
nieder und schaueten in das Meer hinab So saßen wir eine lange Zeit da sprang
die Mutter auf und rief »Salvador Dein Vater kommt« Ich sah aber nichts Da
hob mich die Mutter in die Höhe und zeigte nach dem Hohlwege der zwischen den
großen Bergen durchführt Da sah ich einen Reiter der langsam um den Berg ritt
»Das ist Dein Vater Salvador« sagte wieder die Mutter Ihr Herz klopfte
ungestüm ich fühlte es pochen als sie mich in den Armen hielt So erwarteten
wir den Vater Und als er den Berg herauf war und uns erblickte sprang er vom
Pferde eilte auf uns zu breitete seine Arme aus und rief »Ines« Als die
Mutter diesen Namen hörte sprang sie in die Höhe und fiel mit dem Ausruf
»Felix mein Felix« dem Vater in die geöffneten Arme
Felix hieß Dein Vater fragte Lydia die sich an der kindlichen
Darstellung des Knaben ergötzte das ist kein spanischer Name
Mein Vater ist aus Eurem Lande Donna er ist ein Deutscher erwiderte
Salvador und fuhr dann fort
Darauf nahm mich die Mutter bei der Hand und sagte »Dies ist Salvador
unser Kind« Der Vater hob mich in die Höhe und sah mir lange in die Augen
drückte mir einen Kuss auf die Stirn und den Mund setzte mich aufs Pferd nahm
den Zügel in die Hand und so wanderten wir alle drei nach Hause
Du hast ein gutes Gedächtnis Salvador sagte Lydia
Ich werde den Tag nie vergessen erwiderte er traurig es war der
letzte Tag wo ich meine Mutter habe lachen sehen Der Vater blieb zwar lange
es mögen wohl Wochen gewesen sein bei uns Aber schon am folgenden Tage war die
Mutter nicht mehr heiter Am dritten Tage sah ich sie weinen aber sie klagte
nicht wenn der Vater kam und zeigte immer ein freundliches Gesicht Eines
Abends als ich mich im Garten umhertummelte hörte ich plötzlich die Stimme
meiner Mutter Sie drang aus einer Laube her zu mir Ich schlich mich näher
Mein Vater saß auf einer Bank und spielte mit der Reitgerte Die Mutter stand
vor ihm ihr Gesicht konnte ich nicht sehen aber ihre Stimme war sehr zornig
Endlich sank sie erschöpft nieder Mein Vater erhob sich er war sehr blass und
versuchte sie aufzuheben aber sie stieß ihn von sich Da lachte er laut und
eilte hinaus
Jetzt konnte ich mich nicht länger verbergen ich stürzte aus meinem
Versteck hervor warf mich bei der Mutter nieder und weinte mit ihr
Da brachte unser alter Diener der Mutter einen Brief Hastig erbrach sie ihn
aber schon im nächsten Augenblick entfiel er ihrer Hand Endlich führte sie
mich in das Zimmer des Vaters das leer war und sagte mit trübem Lächeln sich
umschauend
»Du hast keinen Vater mehr Salvador«
Dann warf sie sich auf das Knie und betete lange
Als sie sich wieder erhob glänzte ihr Auge wunderbar Sie gebot mir
niederzuknieen und sagte darauf mit feierlicher Stimme
Salvador mein Knabe Du hast es gehört Du hast keinen Vater mehr Du
hast nie einen Vater gehabt Weine nicht mein Sohn Wenn Du keinen Vater mehr
hast so hast Du eine Mutter und die wird Dich nie verlassen Er war ein
Verräter ein Elender der meine Liebe mit Füßen trat
Sie schwieg und ich weinte leise fort Darauf wand sie diese rote Schärpe
mir um den Leib steckte einen Dolch in die Schärpe und führte mich zu dem
Kruzifix in der Ecke des Zimmers
Er hat mir den Himmel aus der Brust geraubt Salvador mir das Leben zur
Hölle gemacht Willst Du mich rächen an dem Verräter
Ich will es antwortete ich fest Meine Tränen waren von dem eisigen
Hauch der mich aus den Worten der Mutter anwehte getrocknet
Du wirst sein falsches Herz mit diesem Dolche durchbohren Salvador
Ich werde es tun
Komm an meine Brust mein Kind schluchzte jetzt die Mutter mich zu sich
hinaufziehend Der Name des Verräters wurde zwischen uns nie mehr genannt
Lydia hatte mit wachsender Spannung die zuletzt in Angst überging auf
Salvadors Erzählung gehört Sie konnte den Rachedurst der Spanierin nicht
begreifen welche ihr eigenes Kind zum Vatermörder erzogen hatte Aber sie wagte
es nicht ihre Ansicht hierüber mitzuteilen aus Furcht sein Vertrauen zu
verlieren
Und hast Du sagte sie zögernd Deinen Schwur gehalten
Der Knabe sah fragend zu ihr auf
Lebt Dein Vater noch
Er lebt noch Donna Ihr kennt ihn auch
Ich
Ja Erinnert Ihr Euch noch des Abends in Wien wo ich Euch zur Messe
begleitete Als wir zurückkehrten nach Eurer Wohnung da trat er Euch auf der
Schwelle entgegen
Der Fürst Lichninsky sagte überrascht Lydia
Was ist Fürst fragte gleichgültig Salvador
Und warum hast Du ihn damals nicht getötet
Es war noch nicht Zeit hatte der Tio gesagt
Der Tio Wer ist das
Das ist der Pater Angelikus
Lydias Überraschung war zum Entsetzen geworden Der fromme Vater dem sie
mit Hingebung sich überlassen dessen Munde sie oft Worte der Liebe und
Verzeihung hatte entströmen hören er wusste um den verbrecherischen Plan des
Knaben unterstützte ihn vielleicht gar Ihr schwindelte vor diesem Gedanken Da
durchzuckte eine Idee ihre Brust die sie plötzlich mit neuer Hoffnung belebte
Mein Salvador sagte sie mit dem weichsten Tone ihrer lieblichen Stimme
nicht wahr Du hast mich lieb mein Kind
Ja sagte der Knabe mit Ungestüm und ein Strahl blitzte aus seinen
Augen vor dem Lydia errötend das ihrige senkte ich habe Euch am liebsten auf
der Welt aber ich bin kein Kind
Nun wenn Du mich lieb hast fuhr Lydia seinen Lockenkopf streichelnd
fort so musst Du das nicht tun
Was nicht tun
Deinen Vater töten
Ich habe keinen Vater
Salvador versprich mir ihn nicht zu töten bat Lydia fast flehend in
unschuldiger Koketterie ihre Hand auf seine brennende Stirn legend denn sie
fühlte dass sie eine Macht über ihn besaß die sie zum guten Zweck anwenden
wollte Des Knaben Brust arbeitete unter dem doppelten Einfluss zweier einander
widerstrebender Gewalten Lydias Stimme tönte so süß in seinem Herzen dass er
fast nicht mehr widerstehen konnte Da dachte er an den Schmerz seiner
Mutter Ihr herzzerreissendes Geschrei bei dem Abschiede von dem »Verräter«
klang in seinen Ohren durchdringend wie ehemals er riss sich mit Ungestüm von
Lydia los und sagte mit flammenden Augen vor sie hintretend
Nein Nein Nein Ich will Euch hassen Donna wenn Ihr das von mir
verlangt und wenn Ihr mich verratet werde ich Euch ermorden
Aber schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen und bat um
Verzeihung
Lydia war durch die ganze Szene in eine fieberhafte Aufregung versetzt Sie
beugte sich zu dem Knaben nieder und suchte ihn zu beruhigen aber selbst im
Innersten bewegt trug ihre Bemühung wenig zur Besänftigung der im Knaben
erregten Leidenschaft bei Der Schmerz im Andenken an die Qual seiner Mutter
vermischte sich mit der Wonne von Lydias Armen umschlungen zu sein ohne dass er
sich der Ursache klar wurde Durch die Tränen welche reichlich über seine
Wangen strömten glänzte die südliche Glut einer knospenden Liebe zu dem schönen
Mädchen das er umschlungen hielt hindurch Mit übermächtiger Gewalt zog es ihn
hinauf an ihre Brust Lydia vermochte sich in dem Gefühl Salvadors täuschend
nicht zu widerstehen Im nächsten Augenblicke presste sich sein glühender Mund
auf den ihrigen ihre Tränen vermischten sich ihre Herzen schlugen stürmisch
einander entgegen Beschämt über ihre Schwäche und die ihr selbst unerklärliche
Hingabe an den Knaben küsste sie sanft seinen Arm und sagte mit zitternder
Stimme
Nicht wahr Salvador Du wirst ihn nicht töten
Als hätte ihn eine Natter gestochen so sprang der Knabe empor
Sprich nicht davon bei allen Heiligen ich bitte Dich sagte er düster
soll ich den Fluch meiner Mutter auf mich laden Nein es darf nicht sein
Lydia seufzte So werde ich Dich nicht mehr lieb haben Salvador
Der Knabe blickte sie wild an Dann setzte er sich wieder auf seine Fussbank
und begann ein altes spanisches Lied zu singen als Alice mit glühenden Wangen
und fliegendem Atem ins Zimmer trat
IX
Am Morgen des 18 März schien es als ob plötzlich aller Zwist der seine
blutige Geissel die ganze Woche hindurch über die Hauptstadt geschwungen hatte
verschwunden und das Berliner Volk seinen alten Charakter der Jovialität und
Leichtfertigkeit wiedergefunden hätte Man sah nur freudig daherwandelnde
Gruppen und heitere Spaziergänger Alles deutete darauf hin dass der Hader
beseitigt und das alte Verhältnis philiströser Anhänglichkeit des Volkes zum
Könige wiedergekehrt sei Die Bürgerwehr sollte errichtet werden Die Menge
strömte nach dem Zeughause wo der nachherige Minister von Schreckenstein in
höchsteigener Person die Verteilung der Waffen vornehmen ließ Alles war
zufrieden Man hatte so schnell seinen Groll vergessen dass man sogar der
angeborenen Spottlust über die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf ließ
Dennoch hätte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren
Harmlosigkeit des Volks eine große Veränderung wahrgenommen Man witzelte
lachte flanirte umher wie vor zehn Tagen aber die Witzeleien hatten eine
politische Pointe das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegsgewissen Kämpfers
wie ein Ei dem Andern und in dem schlendernden Gange der Spaziergänger lag eine
Nonchalance welche weniger das Gepräge eines absichtslosen SichGehenLassens
als einer übermütigen Nichtberücksichtigung der Form trug welche aus einem
Gefühl der Nichtachtung des Gegners entspringt
Das Volk hatte offenbar das Bewusstsein einen ersten Sieg errungen zu haben
und in diesem Bewusstsein die ahnungsreiche Hoffnung dass dieser erste Sieg nicht
der Letzte sein werde
Sämmtliches Militär war teils in den Kasernen teils im Schloss
consignirt Der König hatte durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt am
meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Konsequenzen erschreckt ein
anderes System eingeschlagen Man versuchte es das Volk sich selbst zu
überlassen um zu sehen ob der angeschwollne Strom von selbst zu dem
gewöhnlichen Niveau herabsinken werde So wogte denn heute die Menge wie ein
Meer nach dem Sturme auf und ab
Gegen Mittag hieß es plötzlich der König werde um 2 Uhr vom Balkon des
Schlosses herab dem Volke eine Konstitution erteilen und das gesammte
Ministerium entlassen Mit Blitzschnelle verbreitete sich das Gerücht durch
die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schlossplatze in Bewegung
Auch Alice welche mit dem Prinzen A von einer Spazierfahrt zurückkehrte
überredete ihn sich mit ihr der Menge anzuschließen Bald waren sie denn auch
dem Schloss gegenüber fest eingekeilt In diesem Moment erschien der König
sprach zu dem versammelten Volke einige Worte von denen aber nicht einmal der
Ton zu unsern beiden Freunden herabdrang und entfernte sich dann wieder Ein
vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in
mächtigen Echos an den grauen Wänden des altehrwürdigen Gebäudes
Abermals begann die Menge sich in Bewegung zu setzen Der Prinz gelangte
mit Alicen glücklich zum Hauptportal Doch bald wurde hier das Gedränge am
stärksten Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmänner mit
weißen Binden um den Armen eingenommen Hinter ihnen standen die Garden deren
Bajonette über die Köpfe ihrer Vordermänner hervorragten
Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein
erklärlicher Enthusiasmus bemächtigt Alle Schranken zwischen ihm und dem Könige
sollten jetzt fallen
»Soldaten heraus« tönte eine Stimme Das war das Wort das den Zauber löste
und das Volk zum Bewusstsein brachte was es eigentlich wollte Preußen war ein
Polizeistaat noch mehr aber ein Militärstaat Das fühlte in diesem Augenblicke
die Menge als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgesöhnten Könige durch die
Bajonette der Gardisten ein Zügel angelegt wurde
»Soldaten heraus« schallte es jetzt aus tausend Kehlen Man drängte nach
dem Portale zu Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in und durch
einander Da hörte man plötzlich den dumpfen Schall der Trommel Infanterie
rückte von der Schlossfreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge
um In einem Augenblicke war der Schlossplatz durch Militär welches von der Ecke
der Breitenstrasse bis nach dem Schlossgarten mit der Front nach der
Kurfürstenbrücke aufgestellt war in zwei große Hälften geteilt Noch als der
äußerste rechte Flügel den Bogen beschrieb um seine Stellung einzunehmen
sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonette
auf die Spatziergänger ein welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den
»Fiscatischen Laden« stillstanden um von fern dem Treiben am Schlossportale
zuzuschauen
Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt sie war von der Seite des
Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militär getrennt Sie sah wie die
Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und plötzlich ob durch Zufall
oder Absicht konnte sie nicht entscheiden sich ihrer Gewehre entluden
Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Todtenstille ein Im
nächsten tobte der Ruf »Rache Rache das ist Verrat« durch die Menge die
Friedensmänner rissen die weißen Binden von dem Arme und traten sie mit Füßen
Vor einem Augenblicke allgemeiner Jubel Enthusiasmus ohne Gleichen im
nächsten das Wutgeschrei betrogenen Vertrauens
Alice dachte in diesem Moment an die Worte welche sie zu Herrn v M
gesagt
»Ein kluger Mann versucht nicht eher zu vermitteln als bis die Vermittlung
unmöglich geworden«
Sollte er nicht diesen Augenblick als den richtigen erkannt haben um auf
dem Schauplatze zu erscheinen dachte sie bei sich und ihr Blick richtete sich
unwillkürlich nach der Kurfürstenbrücke Sie hatte sich nicht getäuscht Herr
v M umgeben von der aufgeregten Menge mehr getragen als gehend nahte sich
dem Schloss Sie eilte ihm entgegen und setzte ihn mit wenigen ruhigen Worten
die Lage der Dinge auseinander
Er begab sich sogleich zum Könige hinauf
Es war zu spät
Der General von Möllendorf hatte die Kurfürstenbrücke occupirt und sah sich
von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geistund
Königsstrasse an Alle Vermittlungsvorschläge wurden zurückgewiesen Eine weiße
Fahne welche vom Schloss herabgebracht wurde und auf der mit großen
Buchstaben zu lesen war
»Ein Missverständnis Der König will das Beste«
musste unter dem Hohngelächter des Volks zurückgebracht werden
Die Entscheidungsstunde schlug Nach einer Stunde waren in Berlin gegen 300
Barrikaden errichtet und 40 Feuerschlünde schleuderten Tod und Verderben unter
die wackeren Kämpfer welche hinter ihnen standen
Alice eilte nach Hause um sich in ihre Männerkleidung zu werfen
Unmittelbar nach der oben geschilderten Szene zwischen Lydia und Salvador trat
sie ins Zimmer Ein Blick auf Lydia welche ihre Verwirrung nicht zu verbergen
vermochte belehrte sie dass Etwas in ihrer Abwesenheit vorgefallen sein musste
das zu ergründen sie auf eine gelegenere Zeit verschieben musste
Mach Dich doch zurecht mir zu folgen Salvador gebot sie Du Lydia
schließe die Tür und gewähre Niemandem wer es auch sein mag Einlass
Hört Ihr den Kanonendonner Ha der Tanz hat schon begonnen und ich bin
noch immer nicht im Festkleide um daran Teil nehmen zu können
Um Gotteswillen was willst Du tun Alice fragte Lydia voller Angst
Salvador meine Pistolen Sind sie geladen
Ja
Gut Jetzt wirf mir den Mantel über Beunruhige Dich nicht Lydia Was wir
in Wien versäumt haben holen wir hier nach sagte lachenden Mundes Alice
indem ihr Herz ungestüm pochte Die Revolution bricht los mein Kind
Revolution jammerte händeringend Lydia Und Du willst hinaus in den
Kampf O ich beschwöre Dich Alice bleib Was soll ich anfangen ohne Dich Ich
ängstige mich hier zu Tode
Du bist eine Närrin meine Lydia Aber Du hast recht Allein darfst Du
nicht bleiben Ich werde Salvador zurücklassen
Salvador wusste nicht ob er sich darüber freuen oder betrüben solle Er
legte schweigend seine rote Schärpe ab setzte sich wieder auf die Bank und
nahm in scheinbarer Gleichgültigkeit seine Zither zur Hand
Diese bei Salvador unerklärliche Folgsamkeit noch mehr aber die dunkle
Röte welche urplötzlich Lydias Wangen überzog machte Alice stutzig Sie
blickte auf Beide mit unverhehltem Erstaunen herab Im nächsten Augenblicke
jedoch lachte sie über ihre Vermutung hüllte sich tiefer in ihren Mantel und
eilte leichten Schrittes die Treppe hinab
Sie schritt rasch über den Opernplatz und den Lustgarten nach der
Friedrichsbrücke zu zuweilen mitten durch das Militär hindurch das ja den
Unbewaffneten passieren ließ Die Friedrichsbrücke sowie die Herkulesbrücke
waren bereits verbarrikadirt die erste von Studenten die zweite von Arbeitern
verteidigt Als sie die Barrikaden überstieg wurde sie sogleich umringt
Sie sollen uns anführen hieß es
Ich danke Euch Freunde das kann ich nicht annehmen Aber wer kommt mit
nach der »Neuen Wache«
Bald hatte sich eine zahlreiche Schaar um sie versammelt welche von Schritt
zu Schritt sich vermehrte und wie eine Lavine anwuchs Die »Neue Wache« liegt am
Neuen Markt Unterwegs fragte sie nach Ralph Aber Niemand hatte ihn gesehen
Als sie bei der »Neuen Wache« anlangten war das in der Nähe befindliche
Militär etwa 25 Mann stark unters Gewehr getreten und entschlossen seinen
Posten zu verteidigen Alicens Schaar mochte etwa einige 50 junge Leute
betragen aber nur 5 davon darunter Alice selber waren bewaffnet die meisten
hielten nur Stöcke in den Händen die Übrigen waren völlig waffenlos Alice
stellte ihre Leute auf und fragte sie ob sie entschlossen wären ihr zu folgen
Bis in die Hölle scholl es ihr entgegen
So kommt Im gemessenen Schritt rückten sie auf die Soldaten an Der
Unterofficier welcher sie befehligte commandirte »Fertig« Die Hähne
knackten Da rief ihnen Alice welche nur noch etwa 20 Schritte von den Soldaten
entfernt stand zu »Ein Schurke wer auf seine Brüder schießt Wer die Waffen
niederlegt kann frei abziehen Entschliesst Euch«
Zugleich ließ sie ihre Schaar einen weiten Halbkreis um die Soldaten
schließen Die Soldaten schwankten Auf einen Wink von ihr sprangen die die
Endpunkte des Halbkreises bildenden Arbeiter den Soldaten in die Flanke So von
drei Seiten zugleich angegriffen wagte der Unterofficier nicht mehr »Feuer« zu
kommandiren und die Soldaten streckten ihre Gewehre Es wurde ihnen
versprochener Massen freier Abzug gewährt und in wenigen Minuten war die Wache
vom Keller bis zu den Bodenräumen hinauf demolirt Die Bänke Tische Stühle
Tonnen und sonstiges Holzgerät wurde aus dem Fenster geworfen als brauchbares
Barrikadenmaterial Der beste Fund aber bestand in 200 Säbeln welche in
mehreren Kisten auf dem Boden gefunden wurden Schnell waren sie verteilt
Alice eilte nun der Königsstrasse zu Auch hier wusste man nichts von Ralph
Schrecklich wärs säße er noch in seiner Zelle dachte sie bei sich
doch das ist ja nicht möglich Steiger hat mir ja versprochen ihn zu befreien
Sie schritt weiter über den Mühlendamm nach dem Petriplatze zu Da endlich sah
sie Ralph im fürchterlichsten Kartätschenhagel ruhig auf der Barrikade stehen
Einen Freuderuf ausstossend sprang sie auf ihn zu
X
In einer kleinen feuchten dunklen Zelle der »Hausvogtei« mit der Aussicht auf
ein Stück blauen Himmels das durch die querlaufenden Eisenstäbe des zwei Fuß im
Gevierte messenden »Fensters« in viele kleine Karrees zerschnitten wurde saß
auf seiner Pritsche der arme Ralph Sein Kopf stützte sich auf die linke Hand
als vermöchte er den Schmerz um den Verlust der Freiheit des einzigen und
daher kostbarsten Gutes des Arbeiters nicht mehr zu ertragen Dennoch klagte
er nicht er seufzte nicht einmal im Gegenteil er war glücklich in diesem
Augenblicke denn er träumte Er träumte von seiner Schwester von seinem
Vater von seinen kleinen Brüdern und Da wurde er plötzlich durch ein
verworrenes Geräusch das vom Hausvoigteiplatz her über die Dächer
hinüberschallte aus seinem schönsten Traume gerissen Er blickte verstört
empor Aber er sah nichts als das carrirte Stück Himmel und selbst dies nicht
einmal da dieser von düstern Wolken bedeckt war Er lächelte trübe vor sich
hin denn er glaubte jenes Getöse sei auch nur in seinem Traume vorhanden
gewesen und wollte seine Stirn herabsenkend wieder fortträumen da ha das
war kein Traum mehr ein Schuss war gefallen Horch ein zweiter dritter
folgte eine volle Gewehrsalve Mit einem Satz stand er mitten in seiner
Zelle ein zweiter schnellte ihn zu dem kleinen Gitterfenster empor Aber er sah
nur in den Gefangenhof hinab
Der Wachtposten bemerkte ihn und legte sein Gewehr auf ihn an
Er ließ sich wieder auf den Boden seiner Zelle nieder und horchte Angst und
Hoffnung führten einen verzweiflungsvollen Kampf in seiner Brust Aber er
hörte nichts mehr Kein Laut drang mehr zu ihm als der eintönige Schritt des
Postens auf dem Pflaster des Hofes
Da däuchte es ihm als ob ein leiser aber schneller Schritt den Korridor an
dem seine Zelle lag herabeilte Das war nicht des Gefangenwärters schwerer und
schleppender Gang Wer mochte es also sein Immer näher und näher kamen die
Schritte jetzt waren sie an seiner Zelle Der Nahende stand still Gleich
darauf hörte Ralph wie leise ein Schlüssel in das Schloss seiner Zellentür
geschoben wurde Eine ungewohnte Bewegung von der er selbst nicht wusste ob
er sie der Furcht oder der Hoffnung zuschreiben sollte bemeisterte sich seiner
es war ihm als werde ihm irgend etwas Unerwartetes Gewaltiges Ungeheueres
entgegentreten sobald die Türe sich öffne
Die Türe öffnete sich das Ungeheuere aber welches die aufgeregte
Phantasie Ralphs vermutete war die Vollendung seines vorhin unterbrochenen
Traumes Alice
Ralph konnte einen Ausruf des freudigsten Erstaunens nicht zurückhalten
Alice legte den Finger auf den Mund Seine Knie schlotterten während er die
Hände über die Brust gefaltet Alicen anschaute Auch diese konnte ihre Bewegung
nicht zurückhalten als sie ihn abgezehrt vor Schmerz und Entbehrung vor sich
erblickte
So sehen wir uns wieder guter Ralph sagte sie nach einer Pause Nur
getrost die Stunde der Erlösung wird bald schlagen
Ralph drückte ihre Hand an die Lippen und sagte O das ists nicht was
mich quält dass ich hier bin Aber man hat gesagt ich hätte gestohlen
sehen Sie das ertrage ich nicht Und mein Vater
Sie wissen es schon
Was
Dass auch er im Gefängnis ist
Ralph lachte bitter Nur immer zu es wird ja wohl auch für uns die Stunde
kommen wo wir mit Euch rechnen können ihr Blutsauger Er streckte drohend
die Hand empor Und wo ist Anna Ist sie auch eingesteckt nicht
Nein sie ist bei mir
Gott sei Dank
Sagen Sie Ralph halten Sie den Gilbert für einen ehrlichen Menschen
Ein Schuft ist er ich habs immer gesagt
Haben Sie Beweise
Nein aber bin ich erst frei so kann ich welche schaffen
Gut Sie sollen morgen frei sein Haben Sie das Schießen gehört Das
dauert nun so bereits die ganze Woche hindurch Am vorigen Sonnabend nach der
Volksversammlung da fing es an Die Soldaten haben eingehauen das Volk ist
furchtbar erbittert Montag ist der erste Schuss gefallen und der erste aus dem
Volke Gemordete begraben worden Vorgestern und gestern hats auf dem Opernplatz
wieder Tote gesetzt Wie es heute werden wird weiß ich noch nicht Morgen
aber wird das Maß voll sein
Ralph Morgen ist der 18 März vergessen Sie wenn Sie frei sind nicht
dass Sie ein »Achtzehner« sind Hier haben Sie ein gutes Messer Sie werdens
brauchen können und hier ein paar Doppelterzerole sie sind geladen gebrauchen
Sie die Waffen nicht zu früh nicht eher als bis Sie kein Schloss mehr vor sich
haben Und nun leben Sie wohl bis man kommen wird Sie hier heraus zu holen
Sie reichte ihm die Hand und war im nächsten Augenblicke verschwunden
Ralph wars als ob er diesmal wirklich geträumt Als er aber den
schleppenden Gang des Wärters hörte es war die Stunde wo er sein Abendbrot
erhielt steckte er schnell die Sachen in das Bettstroh legte sich aufs Bett
und erwartete den Kerkermeister
Dieser ein alter schon gebrechlicher Mann trat in der einen Hand einen
Topf und in der andern ein Stück Brod haltend ein setzte beides auf den neben
dem Bette stehenden Stuhl und entfernte sich wieder ohne wie es schien von
dem geheimnisvollen Besuche Alicens eine Ahnung zu haben
So war Ralph wieder allein
Die Mitteilungen Alicens hatten seine Spannung aufs Höchste gesteigert Er
berührte sein Abendbrot kaum obschon ihn hungerte Von Zeit zu Zeit zog er sein
Messer aus dem Stroh hervor und prüfte die Spitze der Klinge Besonders aber
freute er sich über die Terzerolen welche von ausgezeichneter Arbeit waren
Es wurde Abend und er war ohne Licht Aber der Vollmond schien mit
herrlicher Klarheit durch das Gitterfenster Ralph saß auf seinem Bette und ließ
die Stunden an sich vorüberkriechen Er dachte an Vielerlei an seine freudlose
Jugend an die traurigen Zänkereien zwischen seinen Eltern denen er seit seiner
frühesten Kindheit als Zeuge beigewohnt Aber er dachte auch an seine gute Anna
an seine Spiele mit ihr als sie noch klein war an die mannigfachen
Entbehrungen die sie sich selbst auflegten um einander eine verstohlene Freude
zu bereiten er dachte auch an Alice und wie ein Nebelbild wenn plötzlich
die Sonne hinter den Wolken hervorbricht so zerfloss die Vergangenheit vor
seinem innern Blick bei diesem Namen und er dachte nur an die Gegenwart und an
die nächste Zukunft die nächste Zukunft aber war morgen Sein Atem flog wenn
er an morgen dachte sein Herz zitterte vor innerer Bewegung Es war ihm
zuweilen als solle morgen sein Geburtstag gefeiert werden so kindlich war
seine Freude wenn er sich erinnerte dass morgen der 18 März und er ja selbst
auch ein »Achtzehner« war Dann plötzlich kam es wieder über ihn wie die
Drommete eines jüngsten Gerichts deren Schall die Welt in Trümmer stürzt Und
er sah sich selbst auf diesen Trümmern stehen eine Fahne hoch in der Rechten
schwingend und seine Kampfgenossen rufend zum Siegsgesang Aber er war allein
seine Genossen waren gefallen bis auf ihn Da senkte er traurig seine Fahne auf
die Gefallenen kniete an ihren Leibern nieder und betete Als er aber so da
lag auf seinen Knieen siehe da kam plötzlich der alte böse Feind der seine
Brüder getötet warf ihm eine Schlinge um den Hals und schleppte ihn wieder
zurück in sein Gefängnis
Ralph erwachte aus seinem Traume und blickte auf Der Mond schien nicht mehr
durch das Gitterfenster aber die Dämmerung brach bereits an Jetzt als der Tag
kam als die Stunde der Erlösung näher rückte sprang er auf und ging mit
unruhigen Schritten in seiner Zelle auf und nieder Jedes Geräusch trieb ihm das
Blut in das Gesicht das Säbelklirren des Wachtpostens auf dem Hofe dünkte ihm
wie das Rasseln des Schlüsselbundes seines Gefangenwärters welcher komme die
Tür ihm zu öffnen
Vergebens Eine Stunde verfloss nach der Andern er hörte die Turmuhr von
der Werderschen Kirche jede verflossene Viertelstunde anzeigen Niemand
erschien um ihn zu erlösen
Horch endlich hörte er Jemanden den Korridor entlang kommen Rasch steckte
er das Messer in den Gürtel den er unmittelbar auf dem Leibe trug auf die
Gefahr hin sich bei der geringsten raschen Bewegung zu verwunden die Pistolen
wanderten in die langen Stiefelschäfte So erwartete er den Nahenden
Wiederum getäuscht Es war der Wärter der ihm sein Mittagbrod brachte
Schon war er im Begriff von seinem Messer gegen den Alten Gebrauch zu machen
und zu fliehen Aber er dachte an seinen Vater der ungefähr in demselben Alter
war und ließ die Hand wieder sinken
Die Tür war wieder verschlossen Ralph war in düsteres Brüten versunken er
hatte die Hoffnung fast aufgegeben
Von der Werderkirche herab tönten die Schläge der Uhr es war die dritte
Nachmittagsstunde da dröhnten die in ihren Fugen durch die Zeit gelockerten
Scheiben des Gitterfensters von einem dumpfen Donnerschlage Ralph blickte in
die Höhe der Himmel war vollkommen heiter Als er noch mit der Aufklärung
dieses sonderbaren Phänomens beschäftigt war hörte er endlich die ersehnten
Schritte auf dem Korridor welche sich eilig seiner Zelle nahten
Da tauchte die Vermutung der Wahrheit in ihm auf Es war der Donner des
groben Geschützes gewesen was er gehört hatte
Versuche von Innen das Schloss zu sprengen tönte eine wohlbekannte
Stimme durchs Schlüsselloch Wir haben keinen Schlüssel und der alte Satan
dein Wärter hat sich wer weiß wo verkrochen
Es geht nicht rief Ralph in Verzweiflung zurück als er sah dass die
stark mit Eisen beschlagene Tür seiner gewaltigsten Anstrengungen spottete
ich habe keine Werkzeuge
Verdammt flüsterte dieselbe Stimme lauf Junge und sieh dass Du eine
Brechstange bekommst
Diese Aufforderung war an eine zweite Person draußen gerichtet welche sich
entfernte aber bald mit der trostlosen Nachricht zurückkehrte dass der Ausgang
von den Wachtposten besetzt sei
Dann müssens wir für jetzt aufgeben sonst werden wir alle drei gefasst Wir
kommen wieder mein Junge erscholl es abermals durchs Schlüsselloch eine
kleine halbe Stunde nur und dann bist Du frei
Ralph wartete Die halbe Stunde war längst vorüber Er hörte es 4 und 5 Uhr
schlagen Niemand kam Das Gebäude war still wie ein Grab aber draußen
donnerten die Kanonen knatterten die Pelotonfeuersalven herüber Nicht hundert
Schritte von ihm musste der Kampf entbrannt sein denn er hörte zwischen den
Salven den Hurrahruf der Kämpfenden und das Geröchel der Sterbenden
Seine Angst führte ihn an die Grenze des Wahnsinns Gefangen während man
draußen für die Freiheit kämpfte Er saß am Boden und weinte wie ein Kind
Da durchblitzte plötzlich ein Gedanke seine Seele Freudig sprang er
empor Er zog die beiden Terzerole hervor und setzte Zündhütchen auf alle vier
Pistons Dann kletterte er noch einmal nach dem Fenster in die Höhe und schaute
auf den Hof hinab Er hatte richtig vermutet der Wachtposten war verschwunden
Er sprang herab setzte den einen Lauf fest aus Schlüsselloch der Tür trat zur
Seite und drückte ab Der Knall war heftiger als er geglaubt hatte doch da die
Bewohner des Hauses ihre Aufmerksamkeit nach dem Gefecht draußen gerichtet so
war der Knall von Niemandem bemerkt worden Das Schloss aber war so stark
beschädigt dass Ralph es mit einer geringen Kraftanwendung vollends herabund
die Türe aufriß Behutsam schlich er den Korridor hinab und öffnete die erste
beste Tür eines Zimmers dessen Fenster nach dem Hausvoigteiplatze gingen
Dort wo die Oberwallstrasse an den Hausvoigteiplatz mündet erblickte er eine
Barrikade Diese aber war von Soldaten besetzt Links am Eingange der
Jerusalemerstrasse und Rosenstrasse war ebenfalls eine Barrikade ungleich höher
als die erstere Auf ihr sah er die schwarzrotgoldne Fahne aufgepflanzt
dort waren seine Freunde Mit einem Satz war er auf der Straße Eine Salve aus
der Oberwallstrasse donnerte hinter ihm her Die Kugeln pfiffen ihm um den Kopf
aber unversehrt gelangte er zu seinen Freunden Der alte Steiger und Hartwig
dieselben welche seine Flucht zu unterstützen versucht hatten empfingen ihn
mit lautem Jubel Sein erster Schuss streckte einen InfanterieLieutenant zu
Boden Eine Stunde mochte vergangen sein während welcher das Feuer keinen
Augenblick aufgehört hatte da wurde Ralph vom alten Steiger angerufen
Was gibts fragte dieser das von Pulver geschwärzte Gesicht mit dem
Rockärmel abwischend Sucht man uns in den Rücken zu fallen
Nein die Mohrenstrasse hält sich gut Aber nach der Barrikade der
BreitenStraße muss Verstärkung Die Gefahr soll dort groß sein
Ich werde hingehen Es sind Eurer hier genug
Ich begleite Dich sagte Hartwig der dazu getreten war und die letzten
Worte gehört hatte
Gut so komm
Mit Gott Kinder sagte der alte Steiger ihnen die Hände schüttelnd
Du Hartwig mein Junge gib mir noch mal die Hand Der Donner soll drein
schlagen wenn ich weiß warum es mir immer so ist als wenn na dummes Zeug
auf Wiedersehen Jungens
Er sah ihnen nach bis sie um die Ecke des Dönhofsplatzes verschwunden
waren Dann fuhr er sich mit der verkehrten Hand übers Gesicht und lud sein
Gewehr von Neuem
An der Breitenstrasse vom Petriplatz angekommen meldeten sich die beiden
Freunde sogleich beim Anführer der Barrikade welche aus Tonnen Wagen
Trottoirsteinen und allen möglichen Möbeln fast 20 Fuß aufgebaut ein Kunstwerk
eigener Art darstellte Hinter der Barrikade und zu beiden Seiten der Straße war
das Pflaster mehre hundert Schritt weit aufgerissen und die Steine in großen
Pyramiden aufgehäuft
Die Dächer waren abgedeckt um die Ziegel zu Wurfgeschossen zu verwenden
Aus allen Fenstern richteten sich drohende Läufe auf die Artilleristen welche
die beiden Zwölfpfünder bedienten und auf die Abteilung Infanterie welche
unter dem Schutze der Kanonen zuweilen einen Sturm versuchte
Das DHeureussche Haus dessen Front die »Breitenstrasse« begrenzt war schon
dicht mit Kartätschenkugeln besäet
Hinter der Barrikade war umgeben von Steinpyramiden eine tiefe Grube
aufgeworfen Darin saßen die Frauen und Kinder welche über Kohlenfeuer Kugeln
gossen die Gewehre luden und die Verwundeten verbanden Andere brachten Blei
von Fenstern Stücken Eisen kleine Steine und was sonst in einen Gewehrlauf
hineingepfropft werden konnte herbei Es war ein Getreibe dass es schien als
ob die größte Unordnung herrsche und doch stieß keiner den Andern Der Geist
der Kampflust brachte Einheit in die scheinbare Verwirrung Die Kanonen
donnerten die Gewehrsalven krachten die Steine flogen die Verwundeten
ächzten dazwischen tönten die Kommandoworte und jubelten die Kämpfer einander
zu Ralph stand auf dem ihm angewiesenen Posten den Kolben seines Gewehrs
zwischen den Füßen die Hand auf den Lauf gestützt und schaute auf Munition
wartend ernst in das Kampfgewühl hinein
Was sinnst Du Kamerad sagte neben ihm eine weiche Stimme Er wandte
sich um Alice stand vor ihm vollständig mit Büchse und Säbel bewaffnet
Ums Himmelswillen was machen Sie hier Kommen Sie ich will sie an einen
sichern Ort bringen
Bah denkst Du ich bin eine Memme wenn ich auch ein Weib bin Nenne mich
»Du« denn hier sind wir Alle Kameraden
Hast Du Gilbert gesehen fragte Ralph vor der Glut in den Blicken
Alicens die Augen senkend
Nein
So will ich ihn Dir zeigen Er stieg die Barrikade hinan Alice folgte
ihm Siehst Du dort den Jägerlieutenant welcher mit dem Kommandeur der
Musketiere spricht Das ist er Bedarfst Du noch weiterer Beweise für seinen
Verrat
Ich bin zufrieden
In diesem Augenblicke zischte ein Feuerstrahl aus dem Zündloche der Kanone
Ralph riss Alicen herab Die Kartätschen wühlten in dem Holzwerk der Barrikade
die Splitter flogen umher Da drang ein Schmerzensschrei zu Ralphs Ohren Er
blickte nach Hartwig aber er sah ihn nicht mehr Eine Kugel hatte ihm den Kopf
zerschmettert
XI
Als der Prinz A in dem Moment als er von Alicen getrennt wurde das Militär
anrücken und den Platz besetzen sah bemächtigte sich seiner eine tiefe
Bestürzung Er konnte diese Maßregel in diesem Augenblicke der
entusiastischen Freudigkeit der Menge gegenüber nicht begreifen Er eilte um
das Schloss herum um von jener Seite den Versuch zu machen zu dem König zu
dringen und ihm den Stand der Dinge wahrheitsgetreu zu schildern Aber wie
erstaunte er als er nach dem Lustgarten eilend auch hier dasselbe Schauspiel
fand nur dass es nicht Musketiere waren die mit gefälltem Bajonette in das
wehrlose Volk eindrangen sondern Kürassiere welche ihren Pferden die Sporen
einsetzend mit geschwungenem Säbel wie Rasende um sich hieben Die Verwirrung
und das Geschrei war sinnebetäubend
Der Prinz starrte sprachlos auf das Gemetzel dieser plötzliche Umschwung
der Dinge überstieg seine Fassung Da dämmerte ein furchtbarer Gedanke in ihm
empor Es schien ihm als habe er jetzt einen schrecklichen Zusammenhang
gefunden
Das ist Verräterei murmelte er und blickte vor seiner eigenen Ahnung
erbleichend mit trostlosem Blicke zum Schloss empor Doch hier galt es zu
handeln Sein Inkognito aufgebend gelangte er leicht in das Innere des
Schlosses Rasch stürmte er die Wendeltreppe empor eilte den Korridor hinab in
die Vorzimmer des Königs Eine Menge Deputationen hatten sich bereits
versammelt Auch Herrn v M erblickte er unter ihnen
Ich komme so eben vom Könige sagte dieser ihn auf die Seite ziehend
Es ist Alles vergeblich Auch Sie werden Nichts ausrichten Der König ist durch
einen mächtigen Einfluss in seinen besten Entschlüssen schwankend geworden
Wer ist bei ihm
Der Prinz von Preußen die Königin der Prinz Karl und einige Minister
Welche Minister
Bodelschwingh Tiele und
Genug Ich werde das Äußerste versuchen Er öffnete ohne Weiteres die
Tür Der König saß mitten im Zimmer auf einem weiten Lehnsessel mit dem
Gesicht nach dem Fenster so dass er die Aussicht auf die Kurfürstenbrücke hatte
Sein mit spärlichem Haar bedecktes Haupt war etwas nach vorn herübergebeugt als
erliege es unter der Gewalt des Augenblicks Neben ihm die Hand auf die
Rücklehne seines Sessels gestützt stand die Königin Ihr bleiches
tränenvolles Gesicht beugte sich auf den König Mit unaussprechlicher Angst in
den leidenden Zügen blickte sie auf ihn herab als erwarte sie ein unheilvolles
Wort aus dem Munde des Königs
Auf der andern Seite des Sessels doch etwas entfernter stand ein kleiner
feister Mann mit herabhängenden Armen und niedergeschlagenen Augen Auch er
schien einen Entschluss zu erwarten Er schien eben zum Könige gesprochen zu
haben und jetzt das Resultat seiner Worte abwarten zu wollen Es war der fromme
Herr Minister v T
Einige Schritte von dieser schweigenden Gruppe entfernt standen in einer
Fensternische im eifrigen aber leisen Gespräch begriffen fünf Männer Es
handelte sich auch hier um die große Frage des Augenblicks das lehrte ein Blick
auf ihre teils consternirten teils zornigen Gesichter Nur Einer unter ihnen
blickte scheinbar ohne andere als passive Teilnahme an der Unterhaltung mit
aufmerksamem Auge auf die Straße hinab
Der Prinz A trat mit raschen Schritten auf diese Gruppe zu
Wozu ist der König entschlossen fragte er den Prinzen Karl welcher ihm
zunächst stand Dieser zuckte die Achseln und schwieg
Man muss die Hand zur Versöhnung bieten es erfordert die Klugheit jenes
unselige Missverständnis durch schnelle Nachgiebigkeit vergessen zu machen
sagte ein schmächtiger hoher Mann mit aristokratischen Zügen
Sprechen Sie nicht von Missverständnissen Graf A sondern von Missgriffen
erwiderte zornig ein dritter Herr mit schwarzen schlichten Haaren und einem
breiten gutmütigen Gesicht dessen Züge in diesem Augenblicke von Zorn oder
Angst auf eigentümliche Weise verzerrt waren
Keine Verdächtigung lieber Schw nahm der Prinz Karl das Wort Lassen
Sie uns einig sein um das Fürchterlichste abzuwenden Der König ist noch
unentschlossen
Aber er wird sich entschließen ich bin dessen sicher Wie ist seine
Nachgiebigkeit belohnt worden Sie haben es ja gesehen Reichen Sie dem Pöbel
den kleinen Finger so verlangt er nicht etwa die ganze Hand nein Kopf und
Kragen Die einzige Rettung liegt für uns in der Festigkeit Die Nachgiebigkeit
und Versöhnlichkeit des Grafen A würde als Furcht ausgelegt werden und dadurch
gerade das Entgegengesetzte bewirken
Es war der Minister von B eine große massive Figur in der man eher einen
derben Landwirt als einen preußischen Minister vermutet hätte
Ich sage warf der Prinz A ein indem eine edle Entrüstung auf dem
feinen blassen Gesicht eine matte Röte hervorrief ich sage meine Herren dass
Verrat im Spiele ist
Verrat rief fast laut Herr von B aus In demselben Augenblicke
wandten der Prinz von Preußen und der noch immer am Stuhle des Königs harrende
Herr von T das Gesicht dem kühnen Sprecher zu so dass ihre Blicke sich
begegneten Beide lächelten aber das Lächeln des Herrn von T war ein Lächeln
der Schadenfreude der Prinz von Preußen lächelte wie Jemand der eine
Unschicklichkeit aus Klugheit nicht rügen will um nicht den Schein persönlicher
Gereiztheit auf sich zu laden
Auch A und Schw lächelten jener wie ein Diplomat der weder bejahen noch
vereinen will dieser in offener Zustimmung
Der Prinz Karl blickte ernstaft auf den Sprechenden
Ich werde mit dem Könige reden fuhr der Prinz A fort unbekümmert um
den Eindruck den seine Worte hervorbrachten ich werde ihm die Stimmung des
Volks schildern
Nein sagte Prinz Karl ihn bei der Hand fassend stören Sie ihn in
diesem Augenblicke nicht aber sprechen Sie mit der Königin
Der Prinz A näherte sich der Königin und war eben im Begriff sie
anzureden als der König sich erhob Ein tiefes Schweigen trat ein in welchem
man deutlich von unten herauf die Worte »Rache Rache« »Waffen her«
vernahm
Graf A sagte der König Lassen Sie dem Volke die Proklamation verlesen
welche die Errichtung der Bürgerwehr verkündet Ich will das Äußerste
versuchen um diesem unseligen Zustande auf friedliche Weise ein Ende zu machen
Graf A bemerkte indem er sich entfernte um den Befehl des Königs
auszuführen dass die Blicke der Minister T und B sich begegneten
Majestät sagte der Letztere auf den König zutretend Sie kennen meine
Ergebenheit und Anhänglichkeit Auf diese allein mich berufend wage ich Ew
Majestät zu beschwören nur jetzt kein Schwanken keine Unentschiedenheit
Ich gebe ihm Recht sagte halblaut teils zu sich selbst teils zum
Prinzen Karl gewendet der Prinz von Preußen Es waren seine ersten Worte
Der König welcher mit auf den Rücken gelegten Händen die Augen auf den
Boden geheftet mit kurzen unsicheren Schritten hin und her ging blieb einen
Augenblick stehen und warf einen fragenden Blick auf seine Brüder Aber er
erwiderte nichts sondern setzte seinen Weg wieder fort
Man kann zweifelhaft sein fuhr der Minister fort nach welcher Seite
hin die Entscheidung ausfallen müsse um am schnellsten sichersten und ohne
viel Blutvergießen zum Ziele zu gelangen Meiner Meinung nach ist in dieser
Rücksicht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Wegen aber
unerschütterlich fest steht meine Meinung dass jeder in der Mitte liegende zum
Unheil führt Entweder Majestät gewähren Sie Alles oder verweigern Sie Alles
Und welchen Rat gebt Ihr mir wandte der König sich an seine Brüder
Gewähren Sie sagte Prinz Karl
Der Prinz von Preußen schwieg Der König blieb eine Weile vor ihm stehen
trat dann ans Fenster und sah wie von einem mit Brettern beladenen Leiterwagen
herab die Proklamation verlesen wurde Aber die Menge schien unbefriedigt sei
es durch den Inhalt oder durch die Unmöglichkeit in dem Tumult das Verlesene zu
verstehen
In diesem Augenblicke trat der General von Pr ein
Majestät sagte er zum Könige herantretend ich erwarte Ihre Befehle
Der König schien einen Entschluss gefasst zu haben
Das Militär soll sich zurückziehen sagte er bestimmt
Der General trat einen Schritt zurück Das ist unmöglich Majestät
Unmöglich fragte der König den jeder Widerspruch erbitterte Warum
Majestät es würde zwecklos sein die Aufregung ist bereits zu einem Grade
gestiegen der ein entschiedenes Handeln zur Pflicht macht
Sehen Sie dort er wies die Königsstrasse hinab die Barrikaden In der
Friedrichsstadt ist der Aufstand bereits vollkommen organisirt Jede Minute
Zögerung würde durch Ströme Blutes wieder eingebracht werden müssen Ja ich
wage zu behaupten dass nur ein schneller und kräftiger Angriff einem großen
Blutbade vorbeugen kann Lassen wir der Menge Zeit sich hinter den Barrikaden
festzusetzen so werden tausendfache Opfer gebracht werden müssen für die
Herstellung der Ruhe und wer kann wissen ob sie vielleicht nicht doch
vergeblich gefallen sind
Der König schwieg noch immer den starren Blick auf die Straße geheftet
Hier war indes eine neue Veränderung eingetreten Man hatte mit dem Militär
kapitulirt Dieses wollte vom Platze zurückziehen wenn das Volk ebenfalls die
andere Hälfte des Platzes räumen würde Letzteres zog sich sofort bis auf die
Kurfürstenbrücke zurück Aber statt sich ebenfalls zurückzuziehen rückte das
Militär im Sturmschritt nach und hatte dadurch den ganzen Platz und bald darauf
auch die Kurfürstenbrücke in seine Gewalt bekommen
Die fortdauernde spannende Ungewissheit in welcher sich die Umgebung des
Königs über dessen endliche Entscheidung befand lagerte sich wie eine düstere
Wolke über alle Anwesenden Keiner wagte mehr zu sprechen Aber alle Blicke
hingen mit Angst an dem Gesicht des Königs dessen Aufregung allmählig bis zur
äußersten Grenze des Möglichen gestiegen war Kalter Schweiß stand in dicken
Tropfen an seiner hohen kahlen Stirn Sein bald starr auf die Straße gerichteter
bald unstätt im Saale umherschweifender Blick hatte einen unheimlichen Glanz
angenommen
Erschöpft warf er sich endlich wieder in den Armstuhl zurück als vermöchte
er die gewaltige Schwere dieser Stunde nicht länger zu tragen
Elisabet sagte er zu der Königin welche sich wieder zu ihm
herabbeugte und weinte
Elisabet du bist krank und solltest dich zur Ruhe legen Nein nein
bleibe bei mir es ist mir als ob mein guter Engel mich verlässt wenn du gehst
o ich traue Keinem von diesen hier Keinem Sie haben alle ihre
Absichten ich weiß es wohl wer mir sagen könnte wer von ihnen es ehrlich
meint wem ich trauen könnte Dem wollt ich folgen Du bist ein Weib dich
schreckt die Gefahr horch wie sie toben ah da ist Arnim Nun was
bringen Sie
Wenig Tröstliches Majestät doch glaube ich auch jetzt noch dass eine
Vermittlung immer noch möglich ist Majestät erlauben einen Vorschlag zu
machen
Lassen Sie hören lieber Graf
Ich habe hier in der Geschwindigkeit eine Fahne fertigen lassen Der
Graf entrollte ein großes Stück Leinwand worauf mit fussgrossen Buchstaben die
Worte standen »Ein Missverständnis Der König will das Beste«
Versuchen Sie es Graf aber eilen Sie Gebe der Himmel dass Ihre Hoffnung
erfüllt wird
Der Graf eilte fort um seinen Vorschlag auszuführen Der König trat
abermals ans Fenster Die Fahne erschien bald auf dem Platze Zwischen
zwei hohen Stangen befestigt so dass die Worte deutlich zu lesen waren bewegte
sie sich nach der Königsstrasse Jetzt stand sie die Menge umringte sie
Der König hielt den Atem an
Ah die Ruchlosen rief er erbleichend als er die Fahne schwanken
fallen und mit Füßen treten sah Wohlan es war das letzte Mittel Das
Äußerste ist versucht worden Sie wollen es nicht Anders General
Prittwitz
Majestät
Tun Sie Ihre Pflicht General und melden Sie mir wann die Ruhe
hergestellt ist
Mit diesen Worten reichte der König der Königin den Arm und begab sich nach
seinem Kabinet
Die Zurückbleibenden sahen ihm schweigend nach
Unschlüssig was er tun solle trat auch der Prinz A ans Fenster und
verfolgte die Bewegung welche sich jetzt unter dem Militär kundgab Am
Eingange der BreitenStraße wurden zwei Kanonen aufgefahren
Da erzitterten plötzlich die Fenster von dem dumpfen Donner des schweren
Geschützes
Unwillkürlich trat der Prinz einen Schritt vom Fenster zurück und fasste nach
seinem Degen Einige Sekunden später fand er sich auf der Straße ohne zu
wissen wie er herabgekommen Von einer unerklärlichen Ahnung getrieben eilte
er nach Alicens Wohnung
XII
Als Alice ihre Wohnung wieder verlassen hatte waren Lydia und Salvador zu ihrem
früheren Schweigen zurückgekehrt Lydia wandte von Zeit zu Zeit wenn ein fernes
Getöse von Waffen zu ihr herüberdrang oder der dumpfe Knall eines
Kanonenschusses die Scheiben erdröhnen machte ihren Blick mit geheimem Schauder
auf die Straße hinab Aber noch war diese Gegend vom Gewühl des Kampfes völlig
unberührt geblieben Die Läden waren geschlossen an den Haustüren standen
eifrig sich unterhaltende oder mit ängstlicher Neugier die Straße hinabschauende
Gruppen Nur zuweilen lief ein einzelner Mensch eilig das Trottoir hinab ohne
den Gaffern an der Haustüre die ihn mit Fragen bestürmten Rede zu stehen
Salvador hatte seinen alten Sitz zu den Füßen Lydias wieder eingenommen und
schien nicht die geringste Teilnahme für die Ereignisse draußen zu empfinden
Mehr spielend als in ernster Absicht zog er seinen Dolch hervor prüfte
Schneide und Spitze und versuchte da er etwas angelaufen war ihm durch
Schleifen auf dem hölzernen Fenstertritt worauf Lydias Stuhl stand seinen
früheren Glanz zurückzugeben
Das Getöse kam näher die Schüsse donnerten stärker die Zwischenräume
zwischen den einzelnen Salven wurden kürzer Häufiger eilten jetzt die Menschen
die Straßen hinab bald zeigten sich kleinere bald größere Trupps von
Arbeitern welche teils mit Flinten und Säbel teils mit großen Eisenstangen
Aexten Hacken und sonstigen Werkzeugen bewaffnet waren Während ein Teil die
nächste Straßenecke verbarrikadirte rissen Andere das Pflaster auf und
sammelten die Steine zu einzelnen Haufen Die Barrikade war fertig man
begann jetzt die Häuser zu befestigen
Mit ängstlichem Staunen blickte Lydia auf das Treiben nieder Plötzlich
wurde sie durch ein bescheidenes Klopfen an der Türe aufgeschreckt
Was tun wir Salvador fragte sie bebend den Knaben Wenns Anna
wäre
Die Tia hat gesagt dass wir nicht öffnen sollen erwiderte er ruhig in
seinem Schleifen fortfahrend
Das Klopfen wurde stärker Salvador hörte auf zu schleifen und fasste den
Dolch fester
Aufgemacht donnerte man jetzt draußen
Sie werden die Türe einschlagen Geh öffne Salvador
Die Tia hat gesagt wir sollen Niemandem öffnen wiederholte er
Dann werde ich selbst öffnen Lydia ging nach der Türe Mit bebender
Hand zog sie den Riegel zurück doch schon bereute sie ihre Tat als sie einen
Haufen wild aussehender bewaffneter Männer erblickte
Erschreckt trat sie einen Schritt zurück Da erblickte sie Anna unter ihnen
O fürchten Sie nichts Fräulein sagte diese Sie wollen Ihnen nichts
zu Leide tun sie wünschen nur Waffen von Ihnen
Du weißt ja Anna dass hier nur zwei Frauen wohnen Wir haben keine Waffen
Ich habe doch eine Waffe sagte Salvador hervortretend und seinen Dolch
zeigend aber die werde ich behalten
Ein tüchtiger Junge sage lächelnd der Anführer der Arbeiter Sie werden
die Türe nicht wieder verschließen fuhr er zu Lydia gewendet in halb
fragendem halb befehlendem Tone fort und uns die Zimmer nach der Straße
überlassen
Mein Gott was wird aber Alice sagen bemerkte Lydia zu Salvador
gewendet
Alice sagte der Arbeiter wohnt Alice hier
Ja sie ist meine Freundin erwiderte Lydia erstaunt über des
Arbeiters Frage
Hierher Kameraden ein glücklicher Zufall hat uns in die Wohnung
unserer Präsidentin geführt Alice wohnt hier
Eine freudige Bewegung gab sich in dem Haufen kund
Das ist hier ihre Freundin Sie muss eine Schutzwache haben Wer bleibt
hier als Wache Freiwillige vor
Alle drängten sich nach dieser Ehre Der Führer wählte zehn der Stärksten
und am besten Bewaffneten aus und stellte sie Lydia zur Disposition
Ihr verteidigt diese Dame bis auf den letzten Mann Ihr andern wisst was
noch zu tun ist Schnell ans Werk
Das Haus wurde jetzt in Verteidigungszustand gesetzt Es war die höchste
Zeit denn der Angriff auf die Barrikade hatte bereits begonnen
Lydia welcher sich eine Aufregung bemächtigt hatte durch welche die Angst
vor der nahenden Gefahr in den Hintergrund gedrängt wurde eilte ans Fenster
Sie sah wie die Soldaten sich zu einer zweiten Salve bereit machten aber die
hinter den Barrikaden stehenden Arbeiter kamen ihr zuvor Auf das Kommandowort
des Führers flog ein Steinregen in die Reihen der Soldaten die Wirkung zeigte
sich sogleich zehn bis zwölf waren sofort gefallen die Übrigen zogen sich
eilig zurück
Machen Sie das Fenster zu liebes Fräulein sagte Anna Je weiter die
Soldaten stehen desto größer ist hier oben die Gefahr Die Kugeln gehen dann
höher Die Richtigkeit dieser Bemerkung zu erkennen hatte Lydia sogleich
Gelegenheit Dicht neben ihr schlug eine Musketenkugel in die Bekleidung der
Fenster Sie bohrte sich einen Zoll tief in den Kalk ein und fiel dann matt auf
das Fenstergesims
Die sollt ihr wieder haben sagte ein Arbeiter die Kugel aufnehmend
Sehen Sie dort den kleinen Lieutenant mit dem blonden Haar der soll sie kosten
Mit diesen Worten eilte er auf den Boden Man möchte sonst das Fenster
aufs Korn nehmen wenn ich von hier aus feuerte sagte er
Die Soldaten rückten zum zweiten Male im Sturm an Zehn Schritte vor der
Barrikade machten sie Halt die Kolben der Gewehre an die Wange gedrückt So
standen sie wartend ob nicht ein Kopf über der Barrikade erscheinen würde Da
hörte Lydia einen schwachen Knall über sich in demselben Augenblicke fuhr der
»kleine Lieutenant« mit der Hand nach der Brust der Säbel entfiel seiner Hand
und er stürzte zu Boden
O mein Gott sagte sie das Gesicht verhüllend er hat seine Drohung
wahr gemacht
Es ist ein eigenes Ding dem Morde eines Menschen zuzuschauen der in einem
Augenblick kräftig und lebensmutig in der Fülle der Gesundheit dastand im
nächsten als Leiche auf den Boden hingestreckt liegt Der Eindruck ist nach den
Charakteren verschieden doch gewöhnlich nur ein zwiefacher Man erstarrt
entweder im Innersten seiner Seele oder bleibt gleichgültig Nicht immer übt
ein solcher Anblick gerade auf den Neuling den ersteren auf den damit Vertrauten
den letztern Eindruck aus Es gibt Menschen die sich nie an dergleichen
gewöhnen können sondern nur dann darüber hinaus kommen wenn ihre eigene
Begeisterung und jene Trunkenheit in welche die Hitze des Kampfes zu versetzen
pflegt eine gewisse Höhe erreicht hat Andre dagegen bleiben einem solchen
Schauspiel gegenüber um so kälter je krankhafter vorher ihre Bangigkeit und je
furchtbarer ihre Vorstellung davon gewesen
Lydia war eine weiche Natur welche einem zarten Saitenspiel vergleichbar
durch den leisesten Hauch sei es der Freude oder des Schmerzes in
nachhallende Bewegung versetzt wurde Wenn sie daher durch ihre anfängliche
Aufregung gegen die unter ihren Augen andringende Gefahr gewissermaßen gestählt
worden so war doch mehr ihre Phantasie als ihr Gefühl angeregt Die nackte
Wirklichkeit schlug daher durch ihre grausame Kälte eben so sehr die Wärme ihrer
Illusionen wie durch ihre triviale Rohheit die Idealität ihrer Empfindung
nieder Die künstliche Besonnenheit welche sie gewonnen wich einer
verzweiflungsvollen Trostlosigkeit die sie nahe an den Rand der Bewusstlosigkeit
führte
Salvador hatte sie nicht verlassen Zwar zog es ihn hinab unter die
Kämpfenden aber da er kein besonderes Interesse am Kampf haben konnte als
höchstens den Kampf selbst so kostete es ihm wenig Überwindung bei Lydia zu
bleiben Hinter ihrem Stuhle stehend verfolgte er wie sie alle Bewegungen des
Feindes Als der Offizier fiel schlug sein Herz rascher und hob sich seine
Brust stolzer als sei er selbst es gewesen der ihn getötet Um so mehr war er
über den Eindruck erschreckt den der Fall des Offiziers auf Lydia
hervorbrachte deren Angst sich zuletzt in einem Strom von Tränen auflöste
Salvador schaute unverwandt auf die Straße hinab Er sah wie die Soldaten
nach dem Fall ihres Führers sich zurückzogen aber nur um sich zu verstärken
Bald rückten sie in dreifacher Menge wieder gegen die Barrikade vor Der Kampf
wurde jetzt von beiden Seiten hitziger und mit größerer Erbitterung geführt
Zwar waren die Soldaten durch den Mangel jeglicher Deckung dem Steinregen und
den einzelnen Schüssen der Arbeiter mehr ausgesetzt Dennoch waren bereits
mehrere der Letzteren durch wohlgezielte Schüsse hingestreckt worden
So dauerte der Kampf eine volle Stunde hindurch Da schien es endlich als
ob die Soldaten des nutzlosen Angriffs müde sich zurückziehen wollten
Salvador bemerkte wie ein Offizier in Jägeruniform der ihm nicht unbekannt
schien auf den kommandirenden Offizier zueilte und ihm mit lebhaften
Gestikulationen wobei er öfters auf die Barrikade zeigte eine Nachricht
mitzuteilen schien Der Offizier nickte mit dem Kopfe und bog mit seiner
Kompagnie um die nächste Straßenecke die auf der Barrikade stehenden Arbeiter
erhoben ein Siegsgeschrei Doch schon nach einigen Minuten kehrten die Soldaten
zurück aber in geringerer Anzahl Die Hälfte der Kompagnie war nebst jenem
Jägerofficier verschwunden Salvador vermutete eine Kriegslist und teilte
seine Furcht einem der zum Schutze Lydias zurückgelassenen Arbeiter mit
Sie werden den Versuch machen die Barrikade im Rücken anzugreifen
meinte Salvador
Anna schüttelte den Kopf Das ist unmöglich Ich komme von jener Seite
Sie ist am stärksten verbarrikadirt und am besten verteidigt
Die Soldaten verhielten sich vollkommen ruhig aber in einer Stellung als
erwarteten sie irgend ein Signal um den Angriff zu erneuern Salvador dessen
Besorgnis noch nicht geschwunden war verlor den commandirenden Offizier nicht
aus den Augen Es dünkte ihm als ob jener von Zeit zu Zeit seinen Blick
aufmerksam auf das Obergeschoss eines der gegenüberliegenden Häuser richtete
Auch diese Bemerkung teilte er Anna mit die mit steigender Unruhe ihr Auge
ebenfalls auf dies Haus heftete das etwa hundert Schritt hinter der Barrikade
lag und noch nicht besetzt worden war
In der Tat schien es als ob in diesem Hause irgend Etwas vorginge Vor
wenigen Minuten noch schien es völlig leer und unbewohnt jetzt sahen Salvador
und Anna eine Menge Gestalten an den Fenstern vorüber eilen Ein Fenster im
zweiten Stock wurde geöffnet Salvador erstarrte das Wort im Munde als jener
Jägerlieutenant den er vorhin mit dem Offizier hatte sprechen sehen am Fenster
erschien ein weißes Tuch herauswehen ließ und dann sogleich wieder verschwand
Auch Anna hatte die Erscheinung bemerkt
Das ist Verrat stammelte sie erbleichend und stürzte hinab auf die
Straße um die Arbeiter von der drohenden Gefahr zu unterrichten
Aber es war zu spät Kaum hatte der Offizier das Zeichen erblickt als er
den Befehl zum Angriff gab Mit erneuerter Wut stürzten die Soldaten auf die
Barrikade zu Ein Steinregen empfing sie aber diesmal wichen sie nicht In der
Gewissheit bald im Rücken der Feinde eine Unterstützung zu erhalten hielten sie
Stand und begannen mit vorgestreckten Bajonetten das Holzwerk zu erklimmen
Die tapferen Arbeiter wehrten sich mit dem Mute der Verzweiflung da stürzten
plötzlich die Soldaten aus jenem Hause heraus und fielen ihnen in den Rücken
der Mut entsank ihnen sie verließen die Barrikade und zogen sich in die
nächstliegenden Häuser zurück
Es begann jetzt einer jener fürchterlichen Kämpfe von dem man nur eine
Vorstellung hat wenn man sie aus eigener Anschauung kennen lernte Es galt die
Häuser von den Insurgenten zu säubern
Das Haus in welchem Lydia sich befand war eins der ersten welche
angegriffen wurden Die arme Lydia war durch die fortwährende Angst in einen
bewusstlosen Zustand gefallen Salvador legte sie mit Hilfe eines Arbeiters auf
das Sopha und eilte die Treppe hinab
Die Haustür war bereits erbrochen Die Verteidiger des Hauses deren Zahl
sich etwa auf vierzig bis fünfzig belief hatten sich teils in den ersten Stock
zurückgezogen wo sie die Treppe besetzt hielten teils hatten sie sich in das
Hintergebäude begeben um auch diese Eingänge in Verteidigungszustand zu
versetzen An der Haupttreppe befanden sich nur zehn Arbeiter drei von ihren
Kameraden lagen bereits von den Kugeln ihrer Feinde getroffen auf dem unteren
Hausflur Neben ihnen fünf Soldaten deren Schädel von Steinen zerschmettert
waren
Die Treppe war enge so dass immer nur zwei bis drei Soldaten neben einander
die Stufen besteigen konnten Dadurch war der Nachteil der schlechten
Bewaffnung für die Arbeiter fast ausgeglichen Die Wut der Soldaten stieg auf
einen fürchterlichen Grad Immer von Neuem stürmten sie die Treppe hinan und
immer mussten sie dem in der Nähe furchtbar wirkenden Steinregen der Verteidiger
weichen Aber es kam der Augenblick wo der Steinhaufen so zusammengeschmolzen
war dass jeder Arbeiter nur noch einen einzigen Stein in der Hand hielt
Lasst sie ganz nahe heran kommen commandirte der Führer und wähle sich
jeder einen bestimmten Mann aus Keiner werfe früher bis ich commandire Jeder
der geworfen steigt die zweite Treppe hinauf Die Soldaten stürmten an den
linken Arm über den Kopf gehalten die rechte Hand das Gewehr fassend Noch
fehlten nur fünf Stufen und sie wären oben gewesen da donnerten die Steine auf
ihre Köpfe und schreiend blutend betäubt stürzten sie durcheinander und
zurück Über ihre Körper drangen die Folgenden vor Sie erreichten die letzte
Stufe Die Arbeiter hatten sich eine Treppe höher gezogen
Der Kampf sollte nun von Neuem beginnen da gebot eine Stimme von unten
herauf »Halt«
Der Verlust an Menschen und was schlimmer ist an Zeit ist zu groß Wir
müssen zu einem andern Mittel greifen sagte der fremde Offizier zu dem
Anführer der Truppe Beide standen auf dem untersten Flur vor den Würfen der
Arbeiter geschützt
Sie haben wohl recht aber welches Mittel
Kennen Sie die Procedur des Bienenschwefelns
Das ist ein capitaler Einfall aber wir werden das Nest anzünden
Die Bienenstöcke sind auch von Stroh nicht wahr und verbrennen nicht
Sie haben wieder recht auf Ehre Wir wollen sogleich ans Werk
Rasch wurde Stroh herbeigeschaft und am Fuße der Treppe angezündet In
wenig Augenblicken wirbelte ein erstickender Dampf bis zu den höchsten
Dachsprossen empor Aber die Rechnung schien ohne den Wirt gemacht Denn statt
wie man vermutete die hartnäckigen Verteidiger zur Übergabe zu zwingen
rührte sich nichts Dagegen war es den Soldaten jetzt wegen des Qualms ebenfalls
unmöglich geworden ihre Angriffe zu erneuen Ja als der Rauch alle Räume des
Korridors erfüllt hatte und keinen Abzug fand verdichtete er sich zuerst oben
und senkte sich dann immer tiefer und tiefer bis er endlich das Parterre
erreichte Da drängte sich jener Unbekannte vor und rief
Folgt mir Kameraden ich werde euch führen
Mit Sicherheit darauf rechnend dass der Rauch die Feinde in die Zimmer
getrieben auf der Treppe also weniger zu fürchten war zumal teils der dicke
Qualm teils die bereits einbrechende Dunkelheit eine deutliche Unterscheidung
von Feind und Freund unmöglich machte schritt er den Soldaten voran auf eine
Türe zu und deutete mit einer verständlichen Pantomine an dass sie
eingeschlagen werden solle Die Soldaten gehorchten Einige Kolbenstösse reichten
hin sie zu zerschmettern Man drang ein es war ein leeres Gemach man
gelangte zu einer zweiten Türe Da warf sich ihnen mit wütendem Geschrei die
Schaar der Arbeiter entgegen Einigen Soldaten wurden die Gewehre entrissen
Andere und sie selbst mit ihren eigenen Waffen niedergestreckt Man kämpfte
Mann gegen Mann Die Schläge donnerten die Verwundeten ächzten endlich neigte
sich der Sieg auf die Seite der Übermacht an Zahl und Bewaffnung Das bis auf
fünf Kämpfer geschmolzene Häuflein der Arbeiter zog sich zurück Die Soldaten
gewannen frischen Mut sie drangen nach da plötzlich blieben sie an den
Boden gebannt und ihre Waffen entsanken fast ihren Händen ein bleiches
schönes Weib stand vor ihnen wie eine überirdische Erscheinung neben ihr ein
schwarzlockiger Knabe in der Hand einen blinkenden Dolch haltend Es war Lydia
Ihr Gemach war der Schauplatz des eben beschriebenen Kampfes geworden Die
Arbeiter hatten sich um ihr Lager geschaart so dass sie anfangs den angreifenden
Soldaten nicht sichtbar war In dem Augenblick wo der Kampf in ihrer
unmittelbaren Nähe entbrannte erwachte sie aus ihrer Betäubung und wunderbar
mit ihrem Bewusstsein war ein Mut eine Geistesgegenwart in sie zurückgekehrt
die sie inmitten der furchtbaren Szene von der sie Zeugin war ruhig und
besonnen erhielt Sie sah dass die Arbeiter unterliegen mussten und befahl
ihnen sich zurückzuziehen
Sie selbst aber erhob sich und trat den Soldaten mutig entgegen sie
versuchte zu sprechen aber die Stimme versagte ihr Den rechten Arm
ausgestreckt den linken auf Salvadors Schulter gestützt so stand sie
regungslos den Erstaunten gegenüber
Nun was zaudert Ihr ertönte die Stimme des fremden Offiziers hinter
ihnen Ertrat vor und er blieb ebenfalls erstarrt vor Lydia stehen
Gilbert riefen die Arbeiter von der andern Seite erstaunt In demselben
Augenblick sank Lydia von der Stimme Gilberts Gilbert vom Dolche Salvadors
getroffen zu Boden im nächsten hatten sich die Arbeiter abermals auf die
Soldaten gestürzt Der Kampf entbrannte von Neuem
Der Ausgang konnte eben so wenig zweifelhaft sein wie vorhin Ein Soldat
hatte Salvador ergriffen und ihn zum offenen Fenster geschleppt Der Knabe aber
hatte sich fest um seinen Gegner geklammert so dass dieser sich nicht von ihm
losmachen konnten Jetzt taumelte er rückwärts Salvador hatte ihn ins Gesicht
gebissen Kaum befreit warf er sich zu Lydia auf den Boden Doch sein Gegner
dessen Erbitterung noch durch den Schmerz der Wunde vergrößert worden war
ergriff ihn von Neuem Diesmal hatte er ihn besser gefasst Abermals schleppte er
ihn zum Fenster da fühlte er sich plötzlich an der Schulter gepackt und zu
Boden gerissen Der Prinz A in Generalsuniform stand vor ihm
Verruchter donnerte ihm dieser zu an wehrlosen Knaben erprobst Du
Deine Tapferkeit
Dem tobenden Kampfgewühl war eine Todtenstille gefolgt Drei von den fünf
übriggebliebenen Arbeitern lagen blutend am Boden aber eben so viel Soldaten
hatten ihren Fall mit zerschmettertem Hirnschädel gebüßt
Wer hat diese Schlächterei befohlen fragte der Prinz weiter einen
Blick tiefen Schauders über die Szene werfend
Der commandirende Offizier trat vor Excellenz
Sie haben die preußische Uniform geschändet Herr In der Tat eine
Bravour sonder Gleichen haben Sie bewiesen gegen Knaben Weiber und
Unbewaffnete Gehen Sie ich will nicht fragen wer Sie sind damit ich nicht
gezwungen bin Sie kassiren zu lassen Ein tiefes Stöhnen unterbrach die Stille
welche abermals nach den Worten des Prinzen eingetreten war es kam aus der
Brust Gilberts Der Prinz wandte sein Gesicht und fuhr erbleichend zurück
Wie kommt der Mensch hieher stammelte er
Er war unser Führer sagte der Offizier
Der Prinz winkte mit der Hand und wandte sich ab Die Soldaten hoben Gilbert
auf und verließen lautlos das Zimmer
Salvador welcher sich wieder über Lydia geworfen hatte erhob sich jetzt
und rief die beiden Arbeiter Leise traten sie näher um die bewusstlose Lydia in
das andere Zimmer zu tragen Da erwachte der Prinz aus seiner Träumerei und warf
einen Blick auf das Gesicht der Leblosen
Terese rief er mit durchdringendem Schrei und stürzte neben ihr
nieder Terese erwache erwache Geliebte
XIII
Mitternacht war vorüber noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich
erleuchteten Straßen Man illuminirte zum Wiegenfeste der Revolution Denn wenn
Zorn über die Rohheit der Soldateska und Entrüstung über den Verrat am Volke
die Barrikaden erbauet hatte so bedurfte es nur eines achtstündigen Kampfes um
jene wenn auch gerechtfertigten doch für die Größe jener denkwürdigen Stunden
kleinlichen Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären
Ruhe zu versenken Als der Kampf losbrach war es ein Aufstand als er acht
Stunden gedauert hatte gab es keinen Kämpfer auf den Barrikaden der nicht
wusste worum es sich nunmehr allein handle um den Fürstentron
Man hat sich nicht wenig mit der »Hochherzigkeit« des Berliner Volks gewusst
welche darin liegen sollte dass die Berliner Revolution vor dem Throne stehen
geblieben Ich aber meine dass eine solche Hochherzigkeit nach aller der Schmach
und Entwürdigung der sich das Volk seit drei Decennien hatte unterwerfen
müssen besser Feigheit heißen müsste
Und doch ist diese Tatsache nicht abzuleugnen
Aber wer hat sie auf seinem Gewissen Wahrlich nicht jene heldenmütigen
Arbeiter im groben Leinwandskittel die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen
gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen Die feigen Weissbierbourgeois waren es
welche während draußen die Kanonen donnerten sich die Schlafmütze noch tiefer
und die Bettdecke noch höher wie gewöhnlich über die Ohren zogen Als sie am
andern Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschaueten
auf das Strassenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des
siegreichen Volkes hörten da schwoll ihnen plötzlich der Kamm sie mischten
sich unter die Jubelnden ließ sich beglückwünschend die Hände drücken und
schwärmten für die Freiheit Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe
erhalten das Philistertum schlug ihnen in den Nacken sie wurden sentimental
beim Andenken an die Angst die ein »hohes Haupt« in jener Nacht mit ihnen
geteilt hatte und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit ihre
Hochherzigkeit aber zum Verrat am Volke Das Volk aber das gekämpft geblutet
und gesiegt hatte ließ sich täuschen von den Philistern die es als Brüder
betrachtete
Mitternacht war vorüber Alice kniete hinter der Barrikade am Kölnischen
Rathause neben Ralph dem ein von einer Kartätschenkugel abgerissener
Holzsplitter die Brust verwundet hatte
Fühlst du dich besser fragte sie dem Verwundeten so viel wie möglich
Linderung verschaffend
Ich danke dir sagte er ihre Hand an die Lippen drückend Wenn ich nur
nicht hier liegen müsste Besser tot als so mit Bewusstsein in seiner Ohnmacht
daliegen Der arme Hartwig ist am besten dran Und was wird uns das Alles
helfen
Wir werden siegen sagte Alice mit Wärme
Er schüttelte traurig den Kopf Schau umher und zähle wie viel von den
Unsrigen noch übrig sind Die Hälfte ist tot oder im Verenden der Rest
verwundet und ermüdet Hält das Militär bis Tagesanbruch aus so sind wir
verloren
Und rechnest du die Schützen in den Häusern für nichts die fast mit jedem
Schusse einen Soldaten zu Boden strecken Und muss die Ermüdung des Militairs
nicht noch weit größer sein als die unsrige da sie seit 8 Tagen consignirt und
schlecht mit Proviant versehen sind Ich sage wenn wir uns bis Sonnenaufgang
halten so haben wir gesiegt
Gott sei Dank dass ich Sie endlich treffe rief eine Stimme hinter ihnen
wo ist Ralph gnädige Frau haben Sie ihn nicht gesehen
Anna riefen Alice und Ralph aus einem Munde
Das arme Kind war als sie heruntergeeilt war um die Verteidiger der
Barrikade von dem ihnen drohenden Verrat zu unterrichten zu spät gekommen
Vergebens suchte sie ins Haus zurückzukehren Die Soldaten ließ Niemand
hinein Da gedachte sie ihres Bruders und des Versprechens das ihr Alice
gegeben hatte ihn zu befreien Schnell fasste sie den kühnen Entschluss
Nachforschungen nach ihnen anzustellen Sie eilte die Markgrafenstrasse hinunter
fragte bei jeder Barrikade Niemand hatte sie gesehen
Endlich wurde sie zum alten Steiger an der Barrikade des Hausvoigteiplatzes
gewiesen
Hier hörte sie dass ihr Bruder an der Barrikade des »Kölnischen Rathauses«
stationire Es war indes spät geworden das mühsame Übersteigen der Barrikaden
wo sie die Pausen benutzen musste welche zuweilen im Feuern eintraten die
Neckereien denen sie seitens der Soldaten ausgesetzt war Alles dies hatte viel
Zeit weggenommen Nach sechs langen Stunden des Umherirrens und der Angst langte
sie endlich am Kölnischen Rathause an
Alice ward in den Tod erschreckt über die Erzählung Annas in Betreff
Lydias Sie musste sich von der Sachlage überzeugen und eilte Ralph unter der
Obhut seiner Schwester lassend nach ihrer Wohnung welche sie unaufgehalten
bald erreichte Als sie den Hausflur mit Leichnamen bedeckt sah schauderte sie
aber furchtlos eilte sie weiter Ihre Zimmer waren leer die ungeheuren
Blutlachen in der Mitte ihrer Wohnstube die zerschmetterten Möbel und die
Kugelspuren in den Wänden hätten ihr einen hinlänglichen Beweis von der Wut des
hier stattgehabten Kampfes gegeben wenn nicht die Menge Todter über welche sie
dahinschreiten musste noch lauter gesprochen hätte
Kein Laut ein neuer Schauder durchrieselte ihr Gebein als sie sah dass
sie die einzig atmende Brust in diesem Chaos der Verwüstung und des Mordes war
da hörte sie einen Seufzer Ihre Furcht überwindend schritt sie über zwei
Soldatenleichen hin nach der Ecke aus welcher er zu kommen schien
Wasser einen Schluck Wasser stöhnte ein Verwundeter ihr entgegen
Sie eilte seinen Wunsch zu befriedigen
Der Mond schien hell ins Fenster hinein Alice untersuchte schweigend die
Wunde und legte so gut es ging einen Verband auf Als ihr Werk vollendet war
fragte sie nach Lydia ob sie noch lebe und nach Salvador
Als ich den Stich in den Kopf bekam erzählte mit schwacher Stimme und in
langen Pausen der Arbeiter sank ich nieder und sah nur noch dass ein Herr in
GeneralsUniform an der Seite Ihrer Freundin stand
Allerlei Vermutungen gingen Alice durch den Sinn Sie dachte an Lichninski
aber das war unmöglich an den Prinzen A dem Himmel sei Dank dann war
noch Hoffnung vorhanden
Rasch holte sie einige Betten herbei bedeckte den Verwundeten damit und
verließ ihn mit dem Versprechen gleich einen Arzt zu senden
XIV
Lange hatte Lydia in ihrer Betäubung gelegen Als sie wieder erwachte saß neben
ihr der Prinz
Jetzt wird uns Niemand mehr trennen Terese sagte dieser ihre Hand an
die Lippen drückend
Lydia sah mit scheuen Blicken umher lass uns fort von hier Arthur bat
sie die Stürmer könnten wieder aufmachen
Die Rechte auf den Arm des Prinzen die Linke auf die Schulter Salvadors
gestützt verließ sie das Haus des Schreckens Der Weg bis zum Hotel des Prinzen
war nicht weit und wenig besetzt Dennoch brauchten sie fast eine Stunde ehe
sie es erreichten
Der Prinz führte Lydia nach seinem Lieblingsaufentalt dem Gewächshause
Salvador hatte sich betäubt durch die verschiedenen Eindrücke welche er im
Laufe des Tages empfangen in das kleine Vorzimmer in eine Ecke gekauert und war
bald in tiefen Schlaf gesunken
Lydia glaubte in einen Feenpallast zu treten Durch das schräge gläserne
Dach strömte das blinkende Mondlicht mit zauberhaftem Glanze hernieder Eine
feuchtwarme Atmosphäre gewürzt mit dem Wollustatem von unzähligen exotischen
Blumen umfing die Eintretenden Tausend blinkende Tropfen funkelten auf den
vielgefalteten Blättern der Gewächse das dunkle Grün war von dem Glanz des
Mondes mit silbernem Hauch übergossen Lydia durch diesen Anblick übermannt
vergaß die peinlichen und schrecklichen Eindrücke die noch vor wenigen
Augenblicken ihre ganze Seele mit ahnungsvollem Schmerz erfüllten und gab sich
ganz dem Genuße der Gegenwart hin
Sie hatte sich auf den Divan hingestreckt der Prinz saß auf einem niedrigen
Tabouret neben ihrem Lager mit begeisterten Blicken auf ihr kindlich reines
entzücktes Antlitz schauend Keins von Beiden sprach ein Wort Aus der Ferne
rollte der Donner des Geschützes zu ihnen herüber aber in selige
Selbstvergessenheit gesenkt hörten sie ihn nicht
Arthur sagte endlich leise Lydia hier ists schön schön zum
Sterben
Ihr schönes Auge leuchtete voll schwärmerischen Glanzes in das des Prinzen
Nicht so Terese warum sterben jetzt wo ein neues Leben für uns
aufgegangen
Nenne mich nicht Terese Arthur nenne mich Lydia
Lydia sagte erstaunt der Prinz der diesen Namen im Munde Alicens
gehört zu haben glaubte Bist du nicht Terese
Lydia erklärte ihm warum sie in Strassburg den Namen »Terese« angenommen
Das ganze verräterische Geheimnis des Fürsten Lichninsky lag jetzt klar vor
seinen Augen Warum aber Alice ihm die Anwesenheit Lydias verschwiegen das
konnte er nicht begreifen Er äußerte sein Bedenken so schonend wie möglich
Nein du tust ihr Unrecht Sie hat ja nichts von meiner Liebe zu dir
gewusst
Du hast Recht Geliebte Es war also Lüge was mir der Verräter Gilbert
erzählte von deiner Gefangenschaft bei der Herzogin Nagas
Gilbert sagte nachsinnend Lydia die die letzten Worte des Prinzen nicht
mehr gehört hatte warum schauderts mich bei dem Klange dieses Namens ists mir
doch als bedeute er etwas Schreckliches als sei es der Name des bösen Engels
der mein Leben vergiftet
Du wirst Ruhe vor ihm haben sagte der Prinz düster sein Tagewerk ist
vollendet Er fiel unter dem Dolche Salvadors
Lydia fuhr mit der Hand über die Stirn Trotz der großen Gewalt welche sie
ihrer Erinnerung antat vermochte sie glücklicher Weise den Schleier der in
dem Augenblick über ihr Bewusstsein sank als sie Gilberts Stimme vernahm nicht
zu durchbrechen Jene Stimme tönte ihr aus einer Vergangenheit herauf deren
Schmerzen sie einst zum Wahnsinn geführt hatten
Der Prinz sah ihr ängstliches Ringen nach Klarheit erkannte an ihren
Blicken dass jener Schleier etwas Furchtbares bedecken müsse und suchte sie von
ihrem Nachsinnen abzuwenden
Du wirst der Ruhe bedürfen Lydia sagte er sanft ihre Hand von der
Stirn ziehend
Nein erwiderte sie mit hochatmender Brust aber es ist so schwül
hier Meine Sinne sind betäubt
In der schüchternen mädchenhaften Lydia war durch eines jener Rätsel
unserer Natur die zu lösen nie gelingen wird wie mit einem Zauberschlage
plötzlich eine tiefe ihr ganzes inneres Leben umkehrende Veränderung
vorgegangen
Lydia war einer jener seltenen weiblichen Charaktere die eine ihnen selbst
unbekannte heroische Stärke idealer Empfindung unter der sanften Hülle
schüchterner Jungfräulichkeit verbergen Das große Unglück ihres Lebens die
furchtbaren Erfahrungen welche sie einst in die Nacht des Wahnsinns getrieben
waren eben so sehr eine Folge der ersteren wie der andern Eigenschaft
Als sie ihre erste Liebe verraten sah und durch jene entsetzliche
Katastrophe welche den Schluss einer frühern Erzählung bildete zum Bewusstsein
zurückgekommen war konnte die aufkeimende Liebe zum Prinzen während ihres
Aufenthalts in Strassburg noch nicht einen Aufschwung nehmen der ihre ganze
Seele mit fortgerissen hätte Wäre sie vom Prinzen nicht getrennt worden wer
weiß ob die fast leidenschaftslose Freudigkeit mit der sie am Prinzen wie an
einem Bruder hing je eine tiefere Saite ihres Gemüts angeschlagen hätte Aber
ihr Gefühl einmal angeregt entwickelte sich so lange zurückgedrängt mit
doppelter Macht Getrennt vom Prinzen suchte ihre Phantasie einen andern
Ausweg sie geriet in die Hände des Paters Angelikus und wurde religiöse
Schwärmerin
Wie welkes Laub vor dem Hauche des Frühlings zerstob ihre fromme
Sentimentalität vor dem Atem wahrer Leidenschaft Statt einer künstlichen
geruchlosen Blume blühte die süssduftende Centifolie einer tiefen glutvollen
Liebe in ihrem Herzen empor Lydias Herz war nach seiner Wiedergeburt in
stiller aber kräftiger Entwicklung bis zur vollkommenen Reife gediehen so
bedurfte es nur eines warmen Sonnenstrahls um die schwellende Knospe plötzlich
zur vollsten Blüte zu entfalten
Der Prinz selbst war überrascht über die Wärme Lydias die er früher nicht
geahnt hatte Inniger umfing er die Bebende glühender strömten seine Küsse auf
Mund und Wangen Seine Brust klopfte gewaltig sein Blut jagte mit rasender
Schnelligkeit durch die Adern
Wie übermannt von der Übermacht seiner Empfindung entriss er sich den Armen
Lydias und stürzte neben ihrem Lager auf die Knie
Lege Deine Hand auf meine Stirn Geliebte und kühle die Glut die mich
verzehrt bat er
Lydia lächelte mit seliger Verklärung auf ihn herab Ihre Augen glänzten in
wonniger überquellender Sehnsucht die Glut ihres Innern warf einen rosigen
Wiederschein auf ihre Wangen Es war die Morgenröte des künftigen schönen
Liebelebens
Von Neuem umfing er sie er zog sie näher zu sich heran und presste sein
heißes Gesicht auf ihr fieberhaft klopfendes Herz Da der Prinz taumelte
von einem Faustschlage getroffen einige Schritte rückwärts Lydia stieß einen
Schrei des Entsetzens aus als sie Salvadors zürnende Gestalt erblickte Die
ungeheure Gewalt welche sich der Knabe in diesem Augenblicke antat um nicht
auf seinen Gegner loszustürzen machte ihn sprachlos Aber während seine Rechte
krampfhaft des Griffs des Dolchs hielt sprühten Funken des Hasses und der
Erbitterung aus seinen rollenden Augen und aus seinem von den wilden schwarzen
Locken umdüsterten Gesicht So stand er den Angriff des Prinzen erwartend
Aber der Prinz stand kalt und regungslos ihm gegenüber
Es trat eine minutenlange unheimliche Stille ein während welcher man nur
den heftigen Schlag dreier von Erbitterung Angst und Verzweiflung erfüllten
Herzen hätte vernehmen können
Endlich erhob der Prinz sein Gesicht Fast wehmütig sah er dem Knaben in
das von Tränen des Schmerzes erfüllte Auge
Du liebst sie also sagte er sanft auf Lydia deutend
Nein ich verachte sie erwiderte mit bebender Stimme Salvador doch
schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen
Sag dass Du ihn hassest wie ich ihn hasse schluchzte er sag dass Du
schliefst und nichts von Dir wusstest als seine Arme Dich umfingen so will ich
ruhig sein und Deinem Winke gehorsam Sprich Du liebst ihn nicht
Nein Salvador ich kann nicht lügen er ist ein edler Mann und keines
Verrats fähig
Aber Du liebst ihn nicht nicht wahr bat dringend der Knabe seinen
Dolch fester fassend
Ja ich liebe ihn sagte Lydia den leuchtenden Blick auf den Prinzen
gerichtet der mit gekreuzten Armen dastehend jede Bewegung des Knaben
verfolgte
Dann musst Du sterben Verräterin rief der Knabe den Dolch aus der
roten Schärpe ziehend
Aber in dem Augenblick als die Spitze des Dolchs den Busen Lydias berührte
fühlte Salvador seinen Arm von einer kräftigen Hand gefasst so dass der Dolch
klirrend zu Boden fiel
Der Prinz auf dessen bleiche Stirn die ruhige kalte Hoheit zurückgekehrt
war welche gewöhnlich darauf tronte wies mit der Hand nach der Türe
Wohl Dir rief er mit donnernder Stimme dass Du Dir durch den Tod
Gilberts einen so gewichtigen Anspruch auf meine Dankbarkeit verschafft und
nun hinweg
Salvador raffte seinen Dolch empor erhob noch einmal seine Hand wie zum
Fluche über Lydia und stürzte hinaus
Er irrte lange umher ohne zu wissen wohin Als seine Besinnung
zurückgekehrt fand er sich wieder am Palais des Prinzen und vor ihm stand
der Pater Angelikus
XV
Es war ein kleines und niedriges Gemach Eine schmuzige Oellampe die in der
Mitte von der Decke herabhing warf einen trüben Schein auf das Schmerzenslager
das in der dunkelsten Ecke stand
Kommt er noch nicht stöhnte der Kranke sich mühsam nach der Seite
wendend
Ruhig mein Sohn erwiderte mit dem Ton des Trostes ein Mann in einem
schwarzen talarartigen Mantel indem er einen fragenden Blick auf ein hohes
gleichfalls schwarzgekleidetes Weib warf das mit prüfenden Augen den Kranken
betrachtete Leise schüttelte sie dem Blicke des Priesters antwortend den
Kopf
Der Kranke war Gilbert der Priester war Angelikus die hohe schwarze Frau
war Ines
Gilbert hatte dem Pater gebeichtet und die Absolution empfangen denn seine
Wunde schien tötlich Angelikus musste aus dem Bekenntnis welches der sterbende
Vertraute des Fürsten vor ihm abgelegt eine Menge erfreulicher Dinge erfahren
haben denn durch seine sonst in tiefen Ernst gehüllte Züge blitzte zuweilen ein
Lächeln innerer Befriedigung und heimlichen Triumpfes
Gilbert hatte den Pater viele Jahre lang nicht gesehen obschon er stets mit
ihm in Verbindung geblieben eine Verbindung die der Pater ohne Gilbert in
seine Zwecke einzuweihen dazu benutzte über den Aufenthalt und das Leben des
Fürsten immer die genaueste Nachricht zu empfangen
Er wird uns sterben ehe er kommt sagte leise der Pater zu Ines als der
Kranke wieder laut aufstöhnte
Ich sage Euch nein erwiderte diese eben so leise Wüsste ich nur wo
mein armer Salvador ist
Beruhigt Euch Senora dem Knaben wird Niemand ein Leid zufügen
Ines seufzte und schwieg
Da ließ sich ein leises Klopfen an der Türe hören
Er ists sagte der Pater indem er aufstand um zu öffnen
Ines trat in den Schatten hinter den Vorhang des Bettes
Zwei Personen traten ein beide bewaffnet und in weite Mäntel gehüllt
Es waren Alice und der Fürst Lichninski
Fürwahr sagte verwundert Alice als sie den Pater erkannte das hätte
ich mir nicht vermutet
Der Pater war offenbar durch das Eintreten zweier Personen überrascht eine
gewisse Unruhe malte sich sogar auf seinen finsteren Zügen Als er Alice
bemerkte verwandelte sich seine Unruhe in Verlegenheit die er jedoch unter
einem wohlwollenden Lächeln zu verbergen bemüht war
Des Höchsten Wege sind wunderbar teure Baronin erwiderte er mit
salbungsvoller Zweideutigkeit indem er des Fürsten Gruß durch eine stumme
Verbeugung erwiderte
Man hat mir gesagt dass ein Sterbender nach mir verlange nahm der Fürst
das Wort
So ists Durchlaucht
Der Fürst trat an das Lager des Verwundeten
Gilbert fuhr er erschrocken zurück im Sterben
Wer sagt dass ich sterben werde ächzte die hohle Stimme des Kranken
Nein ich will nicht sterben Warum sterben Was hindert am Leben Sagen Sie es
ihm frommer Vater dass er ein Lügner ist wenn er sagt dass ich sterbe
Kennen Sie mich nicht Gilbert fragte der Fürst
Ja ich kenne Dich wohl erwiderte der Verwundete ihn aufmersam mit
starren Blicken betrachtend Warst Du es nicht der mich zum Verrate trieb
und goldne Berge versprach wenn ich das »Schlangennest« aushöbe Es war aber
ein Scorpion darin fuhr er vertraulich flüsternd fort und der hat mich
gestochen und sein Gift hat er mir in die Wunde geträufelt ha das brennt
brennt brennt wie die Hölle
Der Pater hatte seinen Blick fest auf den Fürsten gerichtet gehalten jetzt
wandte er ihn nach Alicen welche mit verhaltenem Atem den Phantasien des
Kranken lauschte
Wozu soll dies Schauspiel führen fragte kalt der Fürst Und was soll
meine Gegenwart dabei
Der Aermste verlangte dringend nach Ihnen ich hielt es für meine Pflicht
den letzten Trost ihm nicht zu versagen erwiderte der Pater
So rufen Sie mich wenn er wieder bei Sinnen ist schloss der Fürst und
wandte sich zum Gehen
Das soll gewiss geschehen sagte jetzt Alice an das Lager tretend Sie
ahnte die Verräterei des Fürsten aus den Worten des Phantasirenden und wollte
Gewissheit haben
Was hast Du mit Lydia gemacht flüsterte sie sich an das Ohr des
Kranken herabbeugend
Ha kommt Ihr Rechenschaft zu fordern fuhr schreiend der Kranke auf
es ist gut Alice dass Du da bist Ah mein Fürst endlich endlich Sie
sind wirklich gekommen Ich danke Ihnen Ein schwaches Lächeln schwebte auf
seinen farblosen Lippen Nicht wahr Sie werden mich nicht verlassen Mein
armer Kopf will nichts mehr denken Ha verdammt ich vermutete nicht welch
tiefer Sinn in Ihren Worten lag »Was Sie dort finden Gilbert bringen Sie mir
lebendig«
Sie kannten den geheimen Schatz des Hauses aber das Schätzchen ist fort
fort mit ihrem Geliebten aus Strassburg
Wer rettete sie fragte angstvoll Alice
Wer Nun der Prinz A der mir sie in Strassburg kaperte Nicht so
Durchlaucht Es war eine verfehlte Geschichte
Der Fürst kreuzte die Arme und schwieg Aber in seinem Innern tauchte eine
Besorgnis auf die er vergeblich zu verscheuchen suchte die Besorgnis man habe
ihn aus andern Gründen an das Lager des Verwundeten gerufen als um einen
Verbrecher seinen letzten Atem aushauchen zu sehen
Genug tönte eine Stimme hinter dem Fürsten die sein Blut gefrieren
machte Wir alle haben uns überzeugt dass er ein meineidiger Verräter ist
meineidig in der Liebe Verräter an seiner Partei Lasst also der Rache ihren
Lauf
Was soll dies Gaukelspiel rief der Fürst zur Seite springend Bin
ich hier in eine Räuberhöhle gelockt um hinterrücks ermordet zu werden
Du bist unter Deinen Todfeinden fuhr Ines mit eintöniger Stimme fort
Treib keinen Spott mit mir Weib rief außer sich der Fürst seinen
Degen ziehend
Spott sagte voller Hohn die frühere Geliebte des Fürsten dieser Spott
wäre zu ertragen dächte ich Aber es gab einst eine Zeit Ines trat einen
Schritt vor eine Zeit wo ein feiger Verräter Spott mit mir trieb mit mir
Fürst Lichninsky und dieser feige Verräter warst Du
Zurück drohte der Fürst der immer näher auf ihn eindringenden Ines
welche wie eine Rachegöttin ihr schwarzes Auge auf ihn heftete
Wie Du fliehst vor mir Felix sagte sie mit dem Tone einer girrenden
Taube der fürchterlicher in den Ohren des Fürsten klang als der entsetzlichste
Hohn Umfingst Du mich doch sonst so feurig und drücktest glühende Küsse auf
meinen Mund wenn ich Dir nahte Sieh wie meine Wangen Dir rosig
entgegenglühen mein Busen Dir entgegenwallt
Hinweg von mir Weib rief der Fürst dessen Haare von einem nie
gefühlten Grauen anfingen sich zu sträuben hinweg oder bei Gott Stolz
richtete sich Ines auf als der Fürst die Spitze seines Degens erhob
Gelüstets Dich nach meinem Blute Nicht doch Du bist ein Renommist
Felix ein erbärmlicher grosssprecherischer Industrieritter weiter nichts Ich
hasse Dich schon nicht mehr denn Du bist es nicht wert zu klein für die Größe
meines Hasses Ich verachte Dich
Alice und der Pater hatten in gleicher Stille aber mit verschiedenen
Empfindungen der sonderbaren Szene zugeschaut Alice fühlte Mitleid mit ihm
obschon ihre Liebe zu ihm durch den Verrat an der guten Sache vernichtet wurde
Sie liebte den Phantasten in ihm und achtete den Mann aber ihre Liebe und ihre
Achtung hatten genau dieselbe Grenze Konnte sie den Mann nicht mehr achten so
hatte der Phantast für sie alles Interesse verloren Dennoch fühlte sie jetzt
Mitleid mit ihm und legte ein fürsprechendes Wort beim Pater für ihn ein
Sind Sie noch nicht überzeugt von seinem Verrat fragte dieser
Wenigstens gebe ich ihn noch nicht ganz verloren in jedem Falle ist er
jetzt unschädlich Pater Sie wissen die Bedingung
»Der Fürst darf nicht eher fallen als bis jede Hoffnung ihn für die
Volkssache zu gewinnen verschwunden ist«
Es ist zu wichtig für uns einen solchen Namen auf unserer Seite zu haben
Gestehen Sie es dass Sie noch Interesse für ihn empfinden
Wahrlich nein sagte beteuernd Alice
So mags drum sein sagte er zögernd haben Sie Salvador nicht gesehen
Nein ich ließ ihn bei Lydia Vielleicht wird er sie zum Prinzen begleitet
haben
Ich werde ihn aufsuchen
So werde ich Sie begleiten
Nein bleiben Sie aus Rücksicht für den Kranken von dessen Worten keines
verloren gehen darf und aus Rücksicht für
Ich kenne die Dame nicht
Sie ist die Mutter Salvadors und Salvador der Sohn Lichninskys Jetzt
werden Sie Alles begreifen
Du wirst gerächt werden armes Weib sagte Alice in sich hinein einen
finsteren Blick auf den Fürsten werfend dessen Folterqualen in diesem
Augenblicke bis auf den höchsten Grad gestiegen waren Der Pater verließ das
Gemach Alice setzte sich an das Lager des Verwundeten und schien nun dessen
unzusammenhängenden Phantasien zu lauschen Doch verfolgte sie zugleich mit
lebhaftem Interesse das seltsame Zwiegespräch des Fürsten mit der unglücklichen
Mutter Salvadors das sich allmälig in einen Monolog der Letzteren verwandelte
Ich kam zu Dir um Dich zu töten Aber ich fand Dich nicht und als ich
Dich endlich fand da jammerte mich Deine Angst Und als Du da lagst stumm
und bleich da gedachte ich der ersten Nacht im Tale Valencias da Du nach
langer Trennung wieder bei mir weiltest ich gedachte des Kusses den Du auf
die kleinen frischen Lippen Deines Knaben drücktest und ich konnte Dich
nicht töten Sie schwieg ihr Kopf neigte sich auf die zitternde
Brust und eine große Träne entfiel ihren Augen
Lass die Vergangenheit ruhen sagte kalt der Fürst welcher die weiche
Stimmung Ines benutzen wollte um sich aus der peinlichen Lage zu ziehen in
der er sich befand
Schweig entgegnete mit Härte Ines Meinst Du Deine Heuchelstimme wird
mich nochmals berücken können Ich sage damals dachte ich daran weil Dein Auge
geschlossen und Dein Mund stumm war Aber ich habe meine Schwäche bereut
Seitdem lebt nur ein Gedanke in meiner Seele der Gedanke an jenen Augenblick
wo ich flehend zu Deinen Füßen lag und Du mich von Dir stossend enteiltest um
nimmer wiederzukehren Damals tat ich einen Schwur und ich werde ihn
halten Und dieser Schwur lautete Sein eigenes Kind soll ihm einst den Dolch
ins falsche Herz bohren
Wahnsinnige rief entsetzt der Fürst
Ines lachte Fürchte nichts heute werde ich Dich nicht töten Die Sühne
wäre zu leicht Nein der Gedanke des Todes soll von nun an Deinen Fersen
haften er soll Dich als Dein Schatten begleiten wenn der helle Tag scheint er
soll Dir in jedem Lichtschimmer entgegen leuchten welcher Dir in der Nacht
zuwinkt denn wisse es bei dem dreieinigen Gott dass Du sterben wirst
von Deines Sohnes Hand ehe Deutschland den Jahrestag der heiligen Nacht feiern
wird deren heiligen Kampf dein schwarzer Verrat befleckt hat Gehe hin
und das drohende Gespenst meiner gemordeten Liebe folge Deinen Schritten
Einer Prophetin der Zukunft gleich stand Ines vor dem Fürsten der bleich
und zitternd das Auge vor der erhabenen Kassandra der Rache nicht aufzuschlagen
wagte Noch einen Blick warf sie auf ihn in dem sich eine grauenvolle Tiefe des
Hasses offenbarte Dann wandte sie sich schweigend ab Vernichtet gleich einem
flüchtigen Verbrecher stürzte der Fürst hinaus
Ines aber sank als die Schritte des Fürsten verhallten in sich zusammen
und brach in ein schmerzliches Schluchzen aus
Sie liebt ihn noch immer sagte Alice zu sich mit tiefem Mitleid auf die
Trostlose herabblickend
Ermannt Euch Sennora sagte sie nach einer Pause während welcher Ines
Tränen unaufhaltsam geflossen Er ist Eurer Tränen nicht wert Das Weib mag
lieben heiß und hingebungsvoll aber die Kälte wird ohne eine Träne dem
Auge zu entpressen in das Herz einziehen wenn es den Geliebten als feigen
Verräter erkannte
Ihr irrt erwiderte Ines sich aufrichtend wenn Ihr meint dass meine
Tränen ihm gelten Nein über mich selbst weine ich über mein verlorenes
Leben über das Andenken an jene Zeit die ich nicht vergessen kann über das
Schicksal das mich verdammt hat eine kurze Seligkeit mit Allem was der Mensch
liebt und verehrt zu bezahlen
Habt Ihr Euch selbst nicht verloren so habt Ihr nichts verloren es gibt
keinen Verlust als den des Glaubens an sich selbst
Die Spanierin sah Alicen mit einem großen Blicke an Sie ahnte die Größe
mit welcher Alice von dem Weibe dachte und sah mit fragender Bewunderung zu
dieser Höhe hinauf aber sie fühlte zugleich dass eine gewisse Kälte der
Reflexion dazu gehörte um sich in dieser erhabenen Region heimisch zu fühlen
eine Kälte der sie nicht fähig war Hass und Liebe beides mit derselben Glut
waren die beiden Pole zwischen denen ihre Empfindung wählte dazwischen gab es
keinen Ruhepunkt für sie Sie hasste wo sie nicht lieben konnte und liebte wo
sie nicht hassen konnte Aber weder für ihren Hass noch für ihre Liebe war sie
sich der Gründe bewusst über ihre Empfindung gab es nur eine Richterin die
Empfindung selbst
Ihr habt wohl nie geliebt fragte sie nachdenklich
Alice lächelte wie über die Frage eines Kindes Sie wollte eben antworten
als die Türe sich öffnete und der Pater Salvador an der Hand haltend eintrat
Mutter und Sohn stürzten mit einem lauten Schrei einander in die Arme
Sie müssen zum Prinzen gehen sagte leise der Pater zu Alice Es muss
irgend Etwas sich ereignet haben was vielleicht für uns von Bedeutung ist Ich
wage meine Ahnung noch nicht auszusprechen die Reden des Knaben waren zu
verworren Haben Sie etwa bemerkt dass Salvador zu Lydia eine mehr als
kindliche Hingebung fühlt Es ist freilich noch ein Kind indes
Alice dachte an die heutige Verwirrung Lydias in dem Augenblicke wo sie
ins Zimmer trat Es ist möglich sagte sie langsam
Und der Prinz hat Lydia schon früher gekannt
Erst heut habe ich erfahren dass er es war welcher in Strassburg ein
Verhältnis mit ihr angeknüpft hatte ehe sie von dort entführt wurde
Dann ist kein Zweifel mehr erwiderte Angelikus Und sie war auf so
gutem Wege
Sie setzen wenig Vertrauen in die Fesseln welche die frommen Seelen an
den Himmel binden Die Liebe zum himmlischen Bräutigam wird jeden unheimlichen
irdischen Funken wie die Sonne den kleinsten Stern überstrahlen
Spotten Sie immerhin doch sorgen Sie wenigstens dass nicht auch Sie Ihre
Gewalt über Lydia verlieren vielleicht wird sie selber dann eine Fessel in
der wir ihren Geliebten für uns gewinnen Dann brauchen wir den Fürsten nicht
mehr
Sie haben recht Verlassen Sie sich auf mich Jetzt leben Sie wohl und
Auf längere Zeit Wir er zeigte auf Ines und Salvador verlassen noch
heute Berlin Unser Geschäft ist hier beendet
Was geschieht mit Gilbert
Wenn er nicht heute Nacht noch stirbt so dürfte er gerettet sein Ich
lasse ihn unter Ihrer Obhut Der Fürst aber darf ihn nicht wiedersehen
Es ist gut
Kommt Sennora Es ist Zeit Der Morgen graut schon wir müssen eilen ehe
der Kampf wieder losbricht das Tor zu erreichen
Alice umarmte Salvador drückte seiner Mutter herzlich die Hand und setzte
sich dann an das Bett des Kranken
Die drei aber verließen still das Gemach
XVI
Nach einer kurzen zweistündigen Ruhe hatte der Kampf wieder begonnen Aber
Kämpfer wie Kampfplatz boten eine völlig veränderte Physiognomie dar Die
leidenschaftliche Wut des vorhergehenden Tages der tiefe Ingrimm über am Volke
vielfach begangenen Verrat war einer kalten Entschlossenheit die regellose
wilde Tapferkeit mit welcher die Barrikaden verteidigt und die Wachen gestürmt
worden waren einer festen Disziplin gewichen welche ein durchaus
revolutionäres Gepräge trug Einen halb kindischen halb rührenden Anblick
gewährte die ernste Würde und Grandezza mit der die wackeren Proletarier einen
alten Säbel oder eine Flinte über die Schulter um die grauleinenen Beinkleider
ein rotbuntes Schnupftuch statt der Schärpe geschlungen den groben Strohhut
verwegen auf die Seite gerückt ihre Posten bezogen
Auf den Barrikaden wurde es früh lebendig Auf wenige Augen hatte sich in
dieser Nacht der Schlaf gesenkt aber welch Unterschied zwischen denen die
hinter den Barrikaden und denen welche vor ihnen erwachten Jene voll
lachenden Mutes und frischer Tatkraft blickten auf ihre Flinte gestützt oder
am Wachtfeuer sitzend dem dämmernden Morgen entgegen der das Signal zum neuen
Kampfe werden sollte diese lagen in ihre grauen Mäntel gehüllt ermattet am
Boden und starrten in dumpfer Betäubung oder angstvollem Hinbrüten in die Nacht
hinein
Wie konnte es anders sein
Das kämpfende Volk sah aus seinem Blute unvergängliche Lorbeern spriessen
Darum war es siegesfroh und kampfesheiter Mochte es siegen oder untergehen
gleichviel dort winkte ihm die Palme des schönsten Sieges hier die
ImmortellenKrone des blutigen Märtyrertums
Anders ihre Gegner Der Sieg im unheiligen Kriege gegen ihre für die
Freiheit kämpfenden Brüder brachte ihnen keinen Ruhm
Die Sturmglocke ließ dumpfes Gewimmer ertönen Die Kämpfer eilten auf
ihre Posten Von Neuem entbrannte der Kampf
Auf den trümmerbedeckten Straßen hatte die Kampfeslust ihre blutigrote
Fahne aufgepflanzt eine Welt voller Schmerz und Lust voll unsäglichen Leidens
und unvergesslichen Entzückens
Aber dort in dem heiligen Tempel seligen Friedens wo auf rosenbedecktem
Throne die Liebe ihr purpurglühendes Banner entfaltet hatte hielt noch die von
freundlichen Träumen bewachte selige Ruhe der tiefsten Gewährung die Glücklichen
umfangen
Klagend schallte die Sturmglocke herüber ihr Geheul schwamm wie das
Schwanenlied der Freiheit auf den Wogen der Morgenluft über die ruhelose Stadt
Der Prinz erwachte hatte er von Kampf und Blut geträumt
Eine Stunde später ging Lydia am Arme des Prinzen durch den noch ohne
Blätterschmuck dastehenden Park Die Sonne schien freundlich durch die Zweige
von denen einige bereits von ihrer Wanderschaft zurückgekehrte Frühlingssänger
ihr Lied ertönen ließ
Plötzlich stand Alice ihnen gegenüber Sie wollte ihren Augen nicht trauen
als sie das ihr entgegenwandelnde Paar erblickte Sie konnte es nicht begreifen
wie diese beiden ernsten Charaktere in diesem Augenblicke wo draußen die Frage
des Jahrhunderts gelöst wurde es hatten über sich gewinnen können aus jedem
Zusammenhange mit der blutenden und freiheitschwärmenden Welt da draußen so
völlig herauszutreten
Lydia war ein Weib ihr verzieh sie und als sie in das glückstrahlende Auge
ihrer Freundin blickte da öffneten sich ihre Arme und Lydia stürzte weinend
hinein
Auch der Prinz fühlte sich von dem ernsten Wesen Alicens sonderbar erregt
Er fühlte dass er den Vorwurf welcher darin lag verdiene
So sonderbar hatten diese so verschiedenen Charaktere ihre Rollen getauscht
In Alicen deren Leichtsinn in der Politik an Frivolität grenzte war durch die
großen Szenen der jüngst durchlebten Revolutionsnacht eine erhabene Wehmut
erweckt worden die sie den beiden Liebenden gegenüber als eine düstere
Schwärmerin erscheinen ließ
Sie sind glücklich mein Prinz sagte mit Bitterkeit lächelnd Alice
Sie wissen wie sehr ich es Ihnen gönne Aber erlauben Sie mir Sie daran zu
mahnen dass der heutige Tag ein Tag des Handelns und des Ernstes nicht des
Liebens und des Scherzes ist O ich will Ihnen keinen Vorwurf machen aber
eilen Sie ehe es zu spät ist Das Haus Hohenzollern hat sein Brennusschwert in
die eine Wagschale geworfen das Volk ist bereit in die andere die königliche
Krone zu werfen um das Gleichgewicht wieder herzustellen Eine Stunde des
Kampfes noch und der Sieg ist unser Wehe dann den Besiegten
Der Prinz erbleichte Was ist zu tun fragte er hastig
Eilen Sie aufs Schloss und bewirken Sie das Einstellen des Feuerns Lassen
Sie die Soldaten zurückziehen damit nicht das verhängnisvolle trop tard auch
an dem Hause Hohenzollern zur fürchterlichen Wahrheit wird
Rasch verließ der Prinz die beiden Frauen welche schweigend sich dem
Gewächshause zuwendeten
Als sie dort anlangten reichte Alice ihrer Freundin die Hand und sagte ihr
Lebewohl
Du willst mich verlassen fragte diese erschrocken
Ich lasse Dich in den Armen der Liebe zurück sagte jene traurig denn
sie ahnte dass das Glück Lydias nur kurze Zeit dauern werde
Ich warte das Ende des Kampfes ab und dann wandre ich zum Tore hinaus
Meine Mission ist hier beendet Ich gehe nach dem Norden
Der Ausgang jenes denkwürdigen Kampfes in der Nacht vom 18 bis 19 März ist
bekannt Am Morgen des 19 es war ein Sonntag wurde das Feuern eingestellt
und das Versprechen gegeben dass die Soldaten sich zurückziehen sollten sobald
das Volk die Barrikaden niedergerissen hätte Nur wenige Barrikaden gingen diese
Bedingung ein die meisten blieben wie sie waren Dennoch gab man im Schloss
nach man war schwankend geworden teils durch die eigene Anschauung teils
durch die Schilderung der unbezähmbaren Wut und der unerschütterlichen
Entschlossenheit des Volks
Die Minister von Bodelschwingh von Tiele von Eichhorn hatten schon in der
Nacht in eiliger Flucht die Stadt verlassen Auch der Prinz von Preußen hatte es
für nötig gehalten sich dem Anblick des erbitterten Volkes zu entziehen das
ob mit Recht oder Unrecht wird wohl nie klar entschieden werden ihm die
Hauptschuld für das der Freiheit zum Opfer geflossene Blut beimass Über Tausend
aus den Reihen des Volkes lagen teils verwundet in den Häusern umher teils
bedeckten sie als Leichen den blutgedüngten Boden Außer denen die später an
ihren Wunden starben hatten gegen dreihundert auf den Barrikaden den Tod
gefunden Unter diesen war auch der Kamerad Ralphs der junge Hartwig der alte
Steiger welcher jenem in prophetischer Ahnung sein Schicksal vorausgesagt lag
in einem Keller der Jerusalemsstrasse Beide Beine waren ihm durchschossen Ralph
war durch die Fürsorge Alicens in ihre Wohnung gebracht und dort von seiner
Schwester Anna treu gepflegt
Die Stadt durch die Eleganz und Zierlichkeit ihrer breiten und geraden
Straßen berühmt bot jetzt einen ernsten Anblick dar die Trottoirs und das
Pflaster waren aufgerissen die Wände der Häuser mit Kugelspuren bedeckt die
Dächer ihrer Ziegel beraubt so dass die grauschwarzen Sparren sichtbar wurden
zwischen denen man in die schwarzen Böden hineinblickte
Der Kanonendonner war verstummt Das Volk aber ruhte nicht es bestand auf
der Ausführung der ihm gemachten Versprechungen und verlangte das Schloss
umwogend dass die Soldaten die Stadt verließen
Es geschah Von Pulverdampf geschwärzt sich kaum auf den Beinen haltend
mit zerrissener Uniform zogen sie stumm die Augen zu Boden schlagend aus dem
Schloss heraus auf den Lustgarten Ohne Klang traten sie den Rückzug an die
Linden hinab zu dem Brandenburger Tore hinaus
Am dritten Tage begrub das Volk seine Toten auf dem Friedrichshain Damals
rechneten es sich die Behörden der Stadt welche sich die Früchte der Revolution
gut schmecken ließ vielleicht weil sie selber die Saat gestreut die das Volk
mit seinen Tränen und seinem Blute begossen zur Ehre dass ihnen gestattet
wurde den unabsehbaren Trauerzug des Volks zu geleiten Es sind dieselben
Behörden welche acht Monate später für die Fortdauer des Belagerungszustandes
Adressen sammeln und die am 18 März 1848 verstümmelten Proletarier nach der
Ostbahn schicken um Berlin von diesem »Gesindel« zu säubern
Als der Zug der Leichen das Schloss passirte erschien der König auf dem
Balkon und entblößte ehrfurchtsvoll das Haupt
Die Bürgerwehr wurde organisirt Berlin war von den untersten bis in die
obersten Schichten hierauf umgewandelt
Der Vereinigte Landtag trat zum zweiten Male zusammen Fürst Lichnowski
gehörte zur gemässigten Opposition er strebte sichtbar danach sich populär zu
machen
Der Landtag hatte seine Arbeiten vollendet Die »einigen Grundlagen der
künftigen preußischen Verfassung« und das »Wahlgesetz« waren proklamirt worden
Das Volk murrte aber es wartete auf die constituirenden Versammlungen
Die Wahlen begannen Die alten doctrinären Liberalen standen im
Vordergrunde Man schickte sie nach Frankfurt und nach Berlin Auch der Fürst
Lichnowski wurde nach Frankfurt gewählt
Nicht sechs Wochen waren seit dem 19 März verflossen und die
Kontrerevolution begann die ersten Steine zu dem Fundament zu legen zu dem
prächtigen Pallast den sie am 7 November vollendete und am 5 Dezember
einweihte
Der große Zug nach dem Friedrichshain am 4 Juni 1848 war das letzte
Aufflackern des mächtigen revolutionären Geistes und der letzte große
friedliche Sieg des Volkes über das wiederauftauchende Bourgeoisphilistertum
In demselben Masse wie das Andenken an das was man am 18 März gewollt
hatte abnahm nahm die im Finsteren schleichende Reaktion zu Vergebens nährten
die Redner der Klubs die Erinnerungen der Revolutionsnacht vergebens wies die
Presse auf die Fortschritte der Reaction hin
Der Geist der Revolution selbst die Vorsehung des Volkes wollte es anders
Nur die vollendete Kontrerevolution kann die Mutter einer vollendeten
Revolution werden
Das ist die Lösung des Rätsels
Drittes Buch
I
Die Frankfurter Septembertage
Auf dem flachen sandigen Ufer des kleinen Belt gegenüber der Nordspitze der
Insel Alsen bildet das Meer eine tiefe und breite Bucht an deren innerstem
Grunde sich die schleswigsche Stadt Apenrade anlehnt Die rechte südliche Seite
des Ufers zieht sich in einem weiten Bogen bis zur Mündung des Hafens hin
welche durch zwei kleine mit den Ufern rechte Winkel bildende nach Norden und
nach Süden auslaufende Landzungen scharf begrenzt ist
Die nördliche Landzunge war damals militairisch benutzt worden In einer
Entfernung von 50 zu 50 Schritten blickte die Mündung einer Kanone wie ein
lauerndes Cyklopenauge über den Wall hinaus auf das Meer Es waren im Ganzen
vier 6 und zwei 24Pfünder welche diese Strandbatterie bildeten sie schien
besonders dazu bestimmt das Hauptquartier des General von Wrangel welches sich
in dem sich über die andern Häuser Apenrades erhebenden Schloss des Kammerherrn
von Stehmann befand vor einem Überfall zu schützen
Die äußerste Spitze der südlichen Landzunge bildet ein kegelförmig
gestalteter grüner Hügel an dessen mit dichtem Buschwerk besetzter Brust die
weissschäumenden Wogen des unruhigen Beltes sich brechen
Ein schmaler sich durch das hohe Gras hinwindender Fußsteig führt den Hügel
hinan und endet auf seinem ein wenig abgeglatteten Gipfel in dessen Mitte ein
mächtiger moosbewachsener Stein in schräger Lage aus der Erde hervorragt
welcher seiner regelmäßigen Form nach zu urteilen nicht durch den Zufall
der Natur hierhergewälzt zu sein schien
Es war ein heißer Augustabend Das Meer sandte seine ewig rollenden Wellen
mit träger Langsamkeit an das glühende Ufer die Blätter der jungen Birken und
Haselstauden auf dem Hügel hingen welk und glanzlos an den Zweigen nieder Die
ganze Natur lechzte nach Kühle und Erfrischung nur ein lebendes Wesen
unterbrach die Stille es war ein Kuckuck der seinen weit hinschallenden
melancholischen Ruf in langen regelmäßigen Pausen ertönen ließ
Die Sonne war hinter Apenrade niedergegangen das Abendrot warf seinen
dunkelroten Wiederschein über den Hafen hin und einzelne Sterne zitterten
bereits mit bleichem Lichte am tiefblauen wolkenlosen Himmel Da stieg ein Mann
in einem blauen Staubhemde und breitrandigem Strohhut den Hügel hinan Als er
die Spitze erreicht hatte zog er ein Fernrohr hervor und warf durch dasselbe
rings umher einen forschenden Blick als wollte er sich überzeugen dass er von
Niemandem bemerkt worden sei Seine Beobachtungen schienen ihn befriedigt zu
haben denn er legte Fernrohr Stock und Strohhut auf den Boden nieder und
setzte sich selbst auf den alten Stein
Nach einer kurzen Pause während welcher er wie es schien nur mit seinen
Gedanken beschäftigt vor sich hinblickte nahm er das Fernrohr wieder auf und
richtete es in nordöstlicher Richtung auf das Meer ließ es jedoch bald wieder
sinken und nahm seinen Platz auf dem Stein wieder ein
Ein dumpfes Rollen wie der schwache Donner eines fernen Gewitters weckte
ihn plötzlich aus seiner Träumerei Rasch sprang er empor und setzte das
Fernrohr abermals an das spähende Auge
Ein Freuderuf entfuhr seinem Munde
Ah sie haben Wort gehalten murmelte er vor sich Beim Teufel es war
hohe Zeit
Wer mit unbewaffnetem Auge auf das bereits ins Dunkel versinkende Meer
hinausgeblickt hätte würde wahrscheinlich den kleinen dunkeln Punkt am
nordöstlichen Horizonte übersehen haben der dem Unbekannten ein so großes
Vergnügen verursachte Aber in dem trefflichen Glase des Rohrs zeichnete sich
deutlich eine große dänische Fregatte ab welche mit vollen Segeln auf den Hafen
lossteuerte
Der Fremde ließ jetzt wiederum sein Fernrohr sinken vielleicht weil die
schnell herannahende Nacht das Schiff seinen ferneren Beobachtungen entzog
vielleicht auch weil er nichts weiter zu beobachten hatte Aber er setzte sich
nicht wieder sondern starrte fortwährend auf das Meer hinaus Eine volle halbe
Stunde mochte vergangen sein da ließ sich ein regelmässiges leises Plätschern
hören welches dem Ufer sich näherte Endlich schwieg das Geräusch
Man vernahm deutlich wie ein Boot dicht bei dem Hügel auf das Ufer gezogen
wurde Darauf erscholl von unten herauf ein helles Pfeifen
Bravo mein Bursche sagte lächelnd der Fremde indem er seinen Strohhut
aufsetzte Darauf zog er den Knopf seines Ziegenhainers an den Mund und
antwortete mit einem ähnlichen Pfiff
Hallo fluchte eine tiefe Stimme unten Zum Teufel mit diesen
verdammten Dornsträuchern die einen ehrlichen Kerl fester halten als die
breiteste Sandbank und ihn ärger schinden als das spitzeste Riff
Wendet Euch rechts Kapitain rief der Fremde hinunter ein Dutzend
Schritte am Ufer hin da findet Ihr den Steg Nun was gibts jetzt wieder
Diese letzte Frage galt einem neuen Ausruf des unten Tappenden der aber
mehr aus Verwunderung als aus Unwillen zu entspringen schien
Nisten in dieser erbärmlichen Wüste auch Wölfe Es wollte mir fast
scheinen als hätte ich so was durchs Gebüsch schlüpfen sehen Na Gott sei
gelobt wir sind zur Stelle guten Abend Lieutenant Doch wie seid Ihrs
wirklich In solchem Aufzuge Ihr seht ja aus wie ein wandernder Bänkelsänger
Lasst das jetzt Kapitain es ist spät und ich muss bald ins Quartier
zurück wenn ich nicht vermisst werden soll Doch zuvor sagt was meintet Ihr
vorher mit dem Wolfe Er warf bei diesen Worten einen unruhigen Blick auf das
Gebüsch
Ah bah Was wirds gewesen sein Eine alte Eule die wir im Schlafe
gestört erwiderte der Neuangekommene ein derber kräftiger Seemann mit
gebräuntem Gesicht und starkem Schnurr und Knebelbart
Seid Ihr allein gekommen fragte vorsichtig der Fremde
Denkt Ihr ich sei eine gemeine Teerratte die den Säbel zuweilen auch
mit der Ruderstange wechselt Meine Burschen sind unten im Boot
Wie viel sinds Ihrer
Zum Teufel was solls mit diesen Fragen
Nun begütigte der Andere ereifert Euch nicht Ihr seid Eurer Leute
sicher nicht wahr
Das sollte ich meinen rief der Kapitain Für den Notfall hab ich
Mittel sie so in Sicherheit zu bringen dass sie ferner für keine Schutzwache zu
sorgen haben Er schlug bei diesen Worten seinen Mantel auseinander wodurch
ein mit zwei Doppelpistolen besetzter Ledergurt sichtbar wurde
Gut sagte der Fremde sichtlich beruhigt Zur Sache denn Was bringt
Ihr für Nachrichten aus Kopenhagen
Man ist der Sache bei Hofe herzlich satt und hätte ihr längst auf die eine
oder die andere Weise ein Ende gemacht wenn man nicht hätte Rücksicht auf die
allgemeine Meinung dh auf die wohlfeile Kriegslust des Strassenpöbels nehmen
müssen
Ihr scherzt
Schauet dort den Beweis sagte der Kapitain auf das Meer in der
Richtung der Fregatte deutend Der Apenrader Hafen ist in Belagerungszustand
erklärt
Der Fremde trat einen Schritt zurück
Und was verhandeln wir dann noch hier sagte er kurz und heftig Gute
Nacht
Hoho Gemach mein Freund Ihr segelt verdammt unterm Winde Sorgt nur
dass Ihr nicht unversehens auf ein Riff lauft Ich bitt Euch lasst Euren Anker
auf dem Grunde wir sind noch lange nicht fertig
Nun was solls noch weiter Ich mache nicht gern unnütze Worte
Da habt Ihr ganz meinen Geschmack Nicht wahr Chevalier Ihr wünscht
diese Nacht sicherlich lieber in Eurem weichen Bette als in einer wurmstichigen
Hängematte zuzubringen
Was bedeutet das nun wieder fragte mit einer gewissen Unruhe der mit
dem Titel »Chevalier« angeredete Fremde
Beim Himmel ich weiß nicht was ich Euch für Grund gegeben habe mich für
einen unbärtigen Knaben zu halten Nicht wahr Ihr möchtet jetzt hingehen und
Euch den Lohn den Ihr dem Feinde nicht abverdienen könnt bei Euren Freunden
einzubringen suchen Still Ich sollte meinen dass wir uns kennen Chevalier
Ein Kind kann einsehen dass der Bursche da draußen nicht umsonst die Nacht
abgewartet hat um dem Apenrader Hafen einen Besuch abzustatten Ich hoffe
morgen mein Frühstück im Schloss des Herrn von Stehmann einzunehmen
Verstanden Gut und nun meint Ihr werde ich Euch fortlassen um dafür zu
sorgen dass mir statt einer kalten Rebhuhnpastete von jenen lahmen Strandläufern
er zeigte nach der andern Landzunge auf die Strandbatterie hinüber ein
Frikassee zum Willkommen gebracht wird das mir den Appetit für immer vergehen
machen möchte
Ihr glaubt also ich werde Euch verraten
Teufel Ihr seid schnell von Begriffen das meine ich ja
Ihr möchtet unter anderen Umständen so Unrecht nicht haben lächelte
Jener doch diesmal irrt Ihr Meint Ihr wirklich dass ein Mann wie ich aus
bloßer Geldlust dergleichen unternimmt Nein Dänemark ist mir eben so
gleichgültig wie Deutschland und vollends dieser lächerliche Krieg von der
einen Seite aus Renommage von der andern aus Hochmut und Ländergier
unternommen von keiner mit Ernst geführt Bei Gott ich rührte keinen Finger
deshalb hätte ich nicht andere Gründe
Es war zu dunkel um das Gesicht des Redenden zu erkennen aber in seinem
erregten zitternden Tone lag ein solcher Ausdruck von Wahrheit dass der
Kapitain davon getroffen wurde
Nun ich habe Euch nicht beleidigen wollen sagte er einlenkend
Hört jetzt was ich Euch zu sagen habe Ich weiß bestimmt dass Preußen
Alles aufbieten will um einen Waffenstillstand quand même zu Stande zu bringen
In Frankfurt wird bereits obschon bisher ohne Erfolg deshalb intriguirt
Willigen die Frankfurter bis zum 20 dieses Monats heute ist der 16 also
innerhalb 4 Tagen nicht ein so wird es Preußen auf einen Separatfriedensschluss
ankommen lassen Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen Die Ausführung
scheiterte bisher an der Hartnäckigkeit Wrangels der eitel genug ist sich auf
den Titel
»Oberkommandeur der Truppen der Reichscentralgewalt«
etwas einzubilden Aber er wird sich fügen wenn man ihm die Wahl lässt
nachzugeben oder den preußischen Dienst zu verlassen Habt Ihr mich verstanden
Vollkommen Fahrt fort
Ihr seht hiernach ein dass es völlig unpolitisch und gegen Euer eigenes
Interesse wäre den Hafen zu forciren und Apenrade zu beschiessen Denn erstlich
würde Wrangels Widerstand gegen die Abschliessung des Waffenstillstandes dadurch
hartnäckiger und zweitens würde das preußische Kabinet selbst nicht mehr seinen
friedlichen Absichten folgen können ohne sich zu sehr zu compromittiren Es ist
klar dass man laut über Verrat schreien würde
Hm Ihr scheint mir in gutem Fahrwasser zu steuern Doch Eins erklärt mir
noch Wie soll ich mich mit meiner Instruktion abfinden die ausdrücklich die
Beschiessung respektive Überrumpelung von Apenrade anbefiehlt
Habt Ihr sie bei Euch
Ja wohl aber es ist zu dunkel Ihr könnt nicht sehen
Gebt nur erwiderte jener eine kleine Laterne anzündend Stellt Euch
auf diese Seite damit der Schein nicht nach dem Lande fällt
Der Chevalier entfaltete das Papier und las es aufmerksam durch während der
Kapitain leuchtete
Hier steht ja noch etwas von einer zweiten speciellen Instruktion die
Ihr am Orte Eurer Bestimmung erbrechen sollt Habt Ihr das getan
Nein dazu dächte ich wäre noch Zeit genug wenns zum Kampfe geht
Tor der Ihr seid Wenn Euch nun gerade darin der Kampf untersagt würde
Der Kapitain sah seinen Gefährten verblüfft an Wartet einen Augenblick
sagte er seinen Gurt abschnallend Eine in der einen Seite desselben verborgene
Tasche öffnend zog er darauf die versiegelte Instruktion hervor und erbrach
sie
Donnerwetter Ihr habt hol mich der Teufel recht rief er erstaunt
Hier steht das Gegenteil von dem was dort Das begreife ein Anderer
Das ist sehr leicht zu begreifen sagte mit Ruhe der Chevalier Um ganz
sicher zu sein gab man Euch in Kopenhagen eine officielle Depesche die so
lautete wie die öffentliche Meinung die Ihr so richtig als die Meinung des
Strassenpöbels charakterisirt habt es verlangte und wies Euch nur in einer
kleinen unschuldig aussehenden Notiz auf die weitere specielle Instruktion hin
die Ihr versiegelt erhieltet mit dem gemessenen Befehl sie erst am
Bestimmungsort zu öffnen Das scheint mir klar wie die Sonne
Was soll ich da tun sagte zweifelhaft der Kapitain
Welche Frage Dem gehorchen was man Euch befohlen hat Doch einen Rat
als Freund will ich Euch geben Bewahrt beide Dokumente sorgfältig Es könnte
eine Zeit kommen wo man die Verantwortlichkeit für die insgeheim angeordneten
Maßregeln auf Euch wälzen möchte Ihr könntet dann die Papiere nötig haben zu
Eurer Rechtfertigung
Ihr habt wieder recht Chevalier erwiderte der Kapitain ihm die Hand
schüttelnd Ich werde Euch dankbar sein
Es ist gut sagte jener kalt Ich glaube wir haben für heute unser
Geschäft beendet Nicht wahr ich werde nicht in einer Hängematte schlafen
müssen
Ich bitt Euch schweigt davon Es war eine Dummheit von mir Wann sehe
ich Euch wieder
Das weiß ich nicht Sollte ich Euch sprechen müssen so werdet Ihr hier um
diese Zeit ein kleines Licht bemerken Setzt Euch dann in Euer Boot und kommt
herüber
Vortrefflich Nun gehabt Euch wohl Holla Bursche rief er nach
dem Ufer hinunter Macht Euch fertig
Nach einem kräftigen Händedruck stieg er den Hügel hinab
Der Chevalier blieb mit gekreuzten Armen an dem Steine stehen und lauschte
den Ruderschlägen des sich entfernenden Bootes Als sie verklungen waren zog er
seine Blouse fester zusammen und stieg ebenfalls herab nach der Landseite sich
wendend Bald war er im Schatten der Nacht verschwunden
Als seine Schritte verhallt waren bewegte sich das Gebüsch hinter dem
Steine und ein menschlicher Kopf zeigte sich
Sie sind fort sagte eine weiche Stimme Bald darauf trat ein noch ganz
junger Mann in der grünen Uniform eines Berliner Freischärlers heraus
Hallunken Ihr sagte er drohend die kleine Faust erhebend ich werde
Euer Teufelsgebräu Euch versalzen
Traurig ließ er den Kopf sinken und setzte sich hart an das Meer
Also auch dies Blut soll umsonst geflossen sein sagte er vor sich hin
Es war wiederum nur ein Wahn der uns hieher trieb für die Größe Einheit und
Freiheit Deutschlands in den Kampf und Tod zu gehen Fluch über die Erbärmlichen
die am grünen Tische durch meineidigen Verrat die Fesseln an einander
schmieden mit denen sie aufs Neue die deutschen Stämme in Banden schlagen
wollen Doppelten Fluch aber über die Verräter in der Paulskirche die das Volk
hingesandt sein Recht gegen die Ränke der Fürsten zu verteidigen und die nun
ruhig zusehen wie man dies Recht mit Füßen tritt und die Sehnsucht Deutschlands
nach Freiheit verhöhnt O Felix Felix Auch Du bist einer der Verräter Aber
die Rache des Volkes wird Euch Alle ereilen
Er erhob sich Sein Fuß stieß an einen Gegenstand Er bückte sich Es war
das Fernrohr des Chevalier
Das soll mir eine Erinnerung an diese Stunde sein sagte er es
einsteckend Da nahten aufs Neue Tritte Es war der Chevalier der sein
Fernrohr vermisste und zurückgekehrt war es zu suchen
He was ist das
Dieser Ausruf galt dem jungen Manne welcher plötzlich vor dem vor Schreck
Erstarrten stand Doch nur einige Sekunden dauerte der Eindruck dann hatte der
Chevalier sich gefasst Mit der linken Hand griff er rasch nach der Brust des
Knaben während die Rechte in dem Brustlatz seiner Blouse etwas zu suchen
schien
Wer bist Du Was suchst Du hier donnerte er den Knaben an welcher
von seinem Zorn durchaus nicht bewegt schien sondern ruhig stehen blieb
Ich suchte und fand einen Verräter am Vaterlande erwiderte Jener kalt
Beim ersten Laute schon war der Chevalier einige Schritte zurückgetreten
Alice sagte er mit zitternder Stimme
Elender Meineidiger fragte mit dem Tone schmerzlicher Verachtung das
bleiche Weib hast Du auch wohl überlegt was Du beginnst Wird Deine feige
Seele den Gedanken ein Herostrat an dem Freiheitstempel Deutschlands gewesen zu
sein ertragen
Du hast also gelauscht Alice
Gilbert ich habe Dich gepflegt als Du zum Tode verwundet Deinem Ende
entgegensahst als Alle auch der Fürst Dich verlassen hatten Gedenkst Du
des Schwures den Du mir geleistet als Du durch meine Hand genesen vom
Krankenlager erstandest
Gilbert schwieg
Wirst Du auch diesen Eid brechen Antworte
Ich werde ihn halten erwiderte er düster
Das Wort hat Dir Dein guter Engel eingegeben sagte sie mit
unveränderlicher Ruhe Jetzt antworte mir Weiß der Fürst Lichninsky um diesen
Kabinetsstreich
Ich bin sein Bevollmächtigter Wir haben hierin gleiches Interesse
Wie Der alte Löwe und der feige Schakal Beide morden ihre Opfer um sich
zu sättigen Wann wird der Waffenstillstand ratificirt werden
Noch in diesem Monat
Wer ist von Seiten Preußens mit der Ratification beauftragt
Der General von Below
Und von Dänemark
Herr von Reetz
Der General von W ist natürlich eingeweiht
Er hält sich vorläufig neutral doch wird es sich morgen entscheiden
So muss ich eilen sagte Alice zu sich selbst und setzte dann laut hinzu
Es ist gut Du kannst gehen
Ohne ein Wort zu erwidern schritt Gilbert den Hügel hinab
Alice eilte ins Gebüsch zurück und bestieg ein Boot das tief in einer vom
Meere ausgespülten kleinen Bucht verborgen war Ein Mann der der Länge nach im
Boote ausgestreckt lag erhob sich bei der Ankunft Alicens und nahm die Ruder
zur Hand
Du bist lange geblieben sagte er mit einem kräftigen Stoß das
gebrechliche Fahrzeug in das Meer hineinschleudernd so dass die Wellen hoch
aufsprjetzten Ich war bange um Dich Hättest Du mir nicht ausdrücklich
verboten Dir zu folgen so hätte ich Dich aufgesucht
Guter Ralph sagte Alice mit Wehmut nicht wahr Du verrätst weder
mich noch das Vaterland
Ralph sah sie erstaunt an
Weißt Du mit wem ich ein Rendezvous gehabt
Wie soll ichs wissen
Mit Gilbert
Das Ruder entsank seiner Hand als er diesen Namen hörte
Und Du hast ihm nicht den Dolch ins Herz gestoßen
Pfui wer wird gleich so unhöflich sein
Du hast recht sagte lachend Ralph wer Pech angreift besudelt sich
Wohin fahren wir
Nach dem Schloss Ich muss Herrn von W noch eine Visite machen
Es ist ja nahe an Mitternacht bemerkte Jener
Alice beantwortete diese Worte nicht Sie war in tiefes Sinnen versunken
Nach einer kurzen Zeit landete das Boot Alice stieg aus
Erwarte mich Ralph sagte sie den Weg nach dem Schloss einschlagend
Ralph streckte sich wieder in seinem Boote aus und starrte von der lauen
Sommernacht angefächelt zu dem blauen Sternenhimmel hinauf
Das Schloss des Kammerherrn von Stehmann der durch die wiederholten
Brandschatzungen der Dänen zu einem eifrigen Verfechter der Schleswigschen
Unabhängigkeit geworden war teils um den edlen Kammerherrn gegen dänische
Überfälle zu schützen teils weil in diesem Augenblicke der General von
Wrangel darin sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte in eine kleine Festung
verwandelt worden Die dem Meere zugekehrte Seite war zwar offen indes mit
einer starken Wache versehen die andern drei Seiten waren durch hohe Wälle
ziemlich geschützt Außerdem standen vor dem Haupttor des Schlosses zwei
Zwölfpfünder
Alice wurde auf ihr Verlangen den General zu sprechen sogleich durch einen
der wachhabenden Soldaten in das Schloss geführt und dem General gemeldet
Obgleich es schon spät war so wurde sie dennoch vorgelassen Der General saß an
einem mit Papieren und Karten bedeckten Tisch Sein runzliches gelbes Gesicht
mit dem kurzen borstenartigen Schnurrbart wie ihn die Militairs aus den
»Freiheitskriegen« zu tragen pflegen seine halbgeschlossenen Augen und das
graue kurze Haar bildeten ein Ensemble das den lebendigen Typus eines
»preußischen gedienten Soldaten« darstellte in diesem Augenblicke aber der
eintretenden Alice trotz ihrer ernsten Stimmung ein Lächeln abnötigte da der
General die Folie auf welcher das Bild erst seinen eigentlichen Charakter
erhält nämlich die preußische Uniform abgelegt hatte und wegen der großen Hitze
in einem Leinwandrocke da saß Alice war dem General nicht unbekannt
General begann sie ihren Chef militairisch begrüssend ich komme
Ihnen eine wichtige Nachricht mitzuteilen Um 9 Uhr 35 Minuten Abends hat sich
eine dänische Fregatte vor dem Apenrader Hafen gelegt
Was Sie sagen rief der General erstaunt aus Ihre Nachricht beruht
auf keinem Irrtum
Sie können sich selbst davon überzeugen Unten liegt mein Boot Wenns
Ihnen beliebt steuern wir hinaus den Gast in der Nähe zu besehen Der General
erhob sich und ging einige Mal die Hände auf den Rücken gelegt das Zimmer auf
und ab Endlich blieb er vor Alicen stehen
Sie sind zur glücklichen Stunde gekommen liebe Tochter sagte er
Einige Minuten später und es wäre zu spät gewesen Es ist sicher man
hat parlamentirt um unter der Hand einen desto sichern Schlag auszuführen
Obgleich er die letzten Worte mehr im Selbstgespräch an sich selbst als an
Alicen richtete so glaubte diese dennoch darauf antworten zu müssen
Ich glaube nicht General sagte sie
Was glauben Sie nicht fragte er rasch
Dass der Däne den Hafen forciren wird
Und woraus schließen Sie das
Der Kapitain hat eine geheime Instruktion die es ihm verbietet
Eine geheime Instruktion von der Sie Kenntnis haben fragte er
ungläubig lächelnd
So ists General Sie glauben mir nicht so will ich Ihnen den Beweis
geben dass ich gut unterrichtet bin Man trifft Vorbereitungen zu einem
Waffenstillstande vielleicht zu einem Friedensschlusse Vorbereitungen die
bisher an Ihrem Widerstande gescheitert sind Da hat man Sie auf die
republikanischen Tendenzen hingewiesen die sich in den unter Ihrem Oberbefehl
stehenden Truppen kund gegeben und daraus die Notwendigkeit abgeleitet
besonders die süddeutschen Truppen zu entlassen Morgen hätten Sie sich
entschieden und zwar für den Waffenstillstand entschieden Deshalb bin ich
gekommen um Ihnen zu sagen dass das Ganze eine abgekartete Verräterei ist der
sich als Werkzeug zu leihen für einen braven Soldaten keine Ehre sein kann
Das Erstaunen des Generals wuchs
Der dänische Kapitain hat deshalb ausdrücklichen Befehl sich völlig
passiv zu verhalten um Sie nicht zum aktiven Widerstande gegen ihn und dem
zufolge auch gegen den Waffenstillstand zu reizen Ich meine dass Sie keine
Ursache haben werden dies Alles für bloße Träumerei zu halten Denken Sie
daran General dass Sie in diesem Augenblicke die höchste militairische
Ehrenstelle in Deutschland bekleiden Sie das Oberkommando der deutschen
Reichstruppen inne haben Wollen Sie Deutschlands Ehre Deutschlands Freiheit
den separatistischen Gelüsten der Fürsten die Sympatieen des ganzen Volks den
absolutistischen Intriguen weniger Dutzend Diplomaten zum Opfer bringen
Ich bin eine Frau General aber ich würde eher mein Leben hingeben als
diese Verantwortlichkeit auf mich nehmen Mein Geschäft ist vollendet leben
Sie wohl General und möge der Himmel Ihren Entschluss zum Segen des Volkes
lenken
Ich werde die heutige Nacht nicht vergessen sagte der General sichtlich
bewegt
Auf dem Schlosshofe begegnete Alice Gilbert welcher ebenfalls zum General
eilte dessen Geheimsekretair er war
Ha sagte er mit unterdrückter Wut Verräterin Du meinst ich habe
die Langmut eines Lammes dass Du es wagst mich zum Äußersten zu reizen Du
warst beim General
Alice würdigte ihn keines Blicks sondern eilte dem Ausgange zu
Du sollst mir Rede stehen Hast Du mich verraten
Es steht Euch gut Chevalier sagte Alice mit schneidendem Hohne Euch
gegenüber von meiner Verräterei zu reden Indessen rate ich Euch Eurer Zunge
nicht allzusehr den Zügel schießen zu lassen und Euer heißes Blut etwas
abzukühlen Meine Feldapoteke enthält vortreffliche Pillen welche eine
wunderbare Kraft der Beruhigung besitzen Seht diese kleine Phiole ist damit
bis zum Rande gefüllt Sie hielt ihm die Mündung eines niedlichen Terzerols
entgegen
Adieu
Gilbert verharrte einen Augenblick in seiner Stellung als sei er
unschlüssig ob er ihr folgen solle oder nicht Dann wandte er sich kurz um und
ging mit zögernden Schritten zum General hinauf
II
Am andern Morgen gab sich in der Stadt Apenrade eine mehr als gewöhnliche
Bewegung kund Zahlreiche Gruppen sammelten sich am Ufer um die dänische
Fregatte in Augenschein zu nehmen die sich nicht weit vor die Mündung des
Hafens gelegt hatte Aber nicht bloß Neugierde war es was sich in den
Gesprächen des Publikums kund gab Es hatte sich das Gerücht von einem nahe
bevorstehenden Waffenstillstande verbreitet womit man die Anwesenheit des
Unterstaatssekretärs und Reichskommissarius Max von Gagern im Hauptquartier
in Verbindung brachte Auch hieß es in Rendsburg seien in Folge ähnlicher
Nachrichten Unruhen ausgebrochen
Gegen 9 Uhr erschien der General v Wrangel in Begleitung des
Reichskommissarius und umgeben von einer zahlreichen Suite am Ufer und ritt nach
der nördlichen Landzunge von welcher die Strandbatterien ausliefen Nicht wie
sonst brach die Menge in einen Vivatruf aus sondern machte den Reitern
schweigend Platz Der General bemerkte die veränderte Stimmung und warf einen
forschenden Blick über die Zuschauer hin Da traf sein Auge in das ernst zu ihm
aufblickende Auge Alicens Schnell wandte er das seinige ab
Komm Ralph sagte Alice als die Kavalkade sich entfernt hatte Es ist
für uns hier nichts mehr zu tun Auch der General hat sich entschieden
Ich kanns nicht glauben erwiderte kopfschüttelnd Ralph
Es ist so wie ich Dir sage ich werde Dir den Beweis schaffen Wenn wir
den dänischen Kapitain gefangen nähmen und ihn ihm überlieferten er würde ihn
laufen lassen
Schweig sagte jener zornig Spräche ein Anderer als Du solche
Verdächtigungen über den »alten Wrangel« aus so würde ich ihm bei Gott keine
Zeit lassen sie zu widerrufen
Du bist ein Tor guter Ralph Ich hoffe Du kennst mich hinlänglich um
zu wissen dass ich nicht den Beweis für meine Behauptung schuldig bleibe
Vortrefflich Ich bin auf den Beweis begierig
Was gilt die Wette dass noch heute der Kapitain in meiner Gewalt ist
Ralph blickte Alicen an wie Jemand der nicht weiß ob sich der Andere über
ihn lustig macht oder aber im Ernste redet
Es ist mein vollkommener Ernst setzte sie die Hand ausstreckend hinzu
Topp schlug Ralph ein ich nehme die Wette an Und was ist der Preis
Den zu bestimmen überlass ich Dir
Ralphs Augen strahlten plötzlich in einem eigentümlichen Glanz
Gut sagte er kurz als wolle er mit Gewalt seine Empfindungen
unterdrücken
Willst Du mir bei der Ausführung behilflich sein
Ich würde ein unzuverlässiger Gehülfe werden da ich an dem Misslingen des
Plans Interesse habe
Tut nichts Ich weiß Du wirst mich nicht im Stiche lassen Also Du bist
bereit
Natürlich
So hole mich nach Sonnenuntergang in unserm Boote ab Auf Wiedersehen
Zu Hause angekommen wurde ihr ein Diener des Prinzen Nr gemeldet
Lassen Sie ihn eintreten sagte Alice verdrießlich
Bald darauf erschien der Angemeldete und blieb einen Augenblick auf der
Schwelle stehen Alice entfuhr ein Ausruf des Erstaunens als sich der junge
Mensch plötzlich zu ihren Füßen warf
Was bedeutet dies fragte sie einen Schritt zurücktretend
Da erhob sich das dunkle Auge des Knieenden mit schmerzlich fragendem
Ausdruck zu ihr empor
Sie erkannte ihn jetzt In der Tat aber war das Erstaunen Alicens wohl
gerechtfertigt Denn wer hätte in der bunten Livree dem kurzgeschorenen und
glattgescheitelten Haar den unbändigen und träumerischen Knaben Salvador
gesucht
Salvador Du in dieser Vermummung Welcher Sturm hat Dich nach diesem
Norden heraufgeweht Sprich mein Knabe
Salvador erhob sich Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert Fast
um einen Kopf größer als vor einem halben Jahre war er in demselben Verhältnis
schlanker und schmächtiger geworden Das bräunliche Rot seiner Wangen war einer
krankhaften ins Gelbliche spielenden Blässe gewichen und der trotzige Feuerblick
seines Auges hatte sich in den düstern Glanz einer halb verglimmenden Kohle
verwandelt
Alice wurde schmerzlich von dieser Umwandlung getroffen aber sie
unterdrückte mit feinem Zartgefühl jede Bemerkung darüber
Der Pater Angelikus hat es so gewollt sagte Salvador Alice bemerkte
dass er den Pater nicht mehr Tio nannte Ich müsse nach Norden um in Ihrer
Nähe zu sein Sie würden mich mit nach Frankfurt nehmen meinte der Pater
Und jetzt bist du wirklich im Dienste des Prinzen von Nr
Ja sagte Salvador indem eine flüchtige Röte sein Gesicht färbte Er
hat mich gesandt um Sie um eine Unterredung zu bitten
Was will der Prinz von mir Ich kenne ihn nicht
Salvador sah Alicen forschend an als wolle er die Wahrheit dieser Äußerung
erproben
Was soll ich ihm antworten fragte er mit weniger befangenem Ton
Er mag kommen sagte Alice nach kurzem Nachdenken
Wann
Heute Nachmittag
Nicht wahr fragte er zögernd Sie nehmen mich wieder zu sich
Wenn es der Prinz zufrieden ist gewiss
Freudig drückte er die Hand Alicens an seine Lippen und entfernte sich
rasch
Alice war durch das Zusammentreffen tiefer bewegt als sie sich gestehen
mochte Alle alten Erinnerungen die sie längst begraben glaubte tauchten mit
neuer Kraft in ihrer Seele wieder empor
Sie setzte sich an den Schreibtisch und ergriff mechanisch die Feder Da
fiel ihr die Überschrift eines angefangenen Briefes in die Augen und sie ließ
die Feder sinken
Durchlaucht früher lautete es anders wenn ich an Dich schrieb
Felix Ich mag jetzt nicht vielleicht gibt mir das Gespräch mit dem
Prinzen neuen Stoff Aber warnen will ich ihn er sieht den Abgrund nicht der
sich zu seinen Füßen öffnet Wehe ihm wenn der unselige Waffenstillstand zum
Abschluss kommt dieser neue Verrat an der deutschen Sache Felix Felix Mit
jedem Schlage den Du gegen die Größe Deutschlands führst treibst Du einen
Nagel in Deinen eignen Sarg
III
Als die Sonne längst gesunken war und nur noch eine falbe Röte am
nordwestlichen Horizont die Stelle ihres Untergangs zeigte stieß ein leichter
Nachen vom innern Ufer des Hafens ab Drei Personen befanden sich darin Die
eine ein junger Mann mit gebräuntem Gesicht führte mit kräftigen Armen zwei
Ruder welche sich fast unhörbar in die schwärzlichgrüne Flut tauchten
obschon die Schnelligkeit mit der das Boot die Wogen durchschnitt bewies mit
welcher Kraft es in Bewegung gesetzt wurde Am Hinterteil des Bootes den
linken Arm nachlässig um das Steuer geschlungen den rechten auf den Bord des
Fahrzengs gestützt saß oder lag vielmehr ein dem feinen von unzähligen kleinen
Locken beschatteten Gesicht und der üppig schlanken Gestalt nach um welche sie
die enge einfache Uniform der schleswigschen Freischärler schmiegte zu
urteilen eine junge Dame die mit scheinbarer Gedankenlosigkeit in die
grünliche Flut starrte Der dritte war ein Jüngling welcher nur erst kürzlich
das Knabenalter verlassen haben konnte Er stand aufrecht mit im Boot und
schaute trübe der geschiedenen Sonne nach Keines von den dreien sprach ein
Wort Man hörte nur den eintönigen Taucherschlag des Ruders und das Zischen der
Wogen die sich am Kiel des Bootes brachen und zuweilen hoch aufsprjetzten
Als der Nachen sich bereits mitten auf dem Hafen befand wandte Ralph den
meine Leser wohl schon in dem Ruderer erkannt haben werden seinen Blick nach
dem Meere dem er den Rücken zukehrte und sagte halblaut als fürchte er das
Schweigen zu unterbrechen
Ich meine wir müssen mehr rechts halten Hier auf offenem Hafen sind wir
zu sehr der Beobachtung ausgesetzt
Alice welche das Steuer führte fuhr aus ihrer Träumerei empor Sie blickte
jetzt ebenfalls auf den Hafen nickte bejahend mit dem Kopfe und wandte das
Steuer Das Boot beschrieb einen Bogen und schoss dann in grader Richtung auf die
südliche Landzunge zu
Setze dich Salvador sagte sie zu dem Stehenden zog das Fernrohr
Gilberts hervor und richtete es auf die dänische Fregatte die einen
Kanonenschuss entfernt wie ein dunkler Koloss über den Spiegel des Wassers
emporragte
Du hast heute eine Zusammenkunft mit dem Prinzen von Nr gehabt sagte
Ralph mit anscheinender Gleichgültigkeit
Erinnere mich nicht an diese Menschen die mit ihrem Golde Seele wie
Körper kaufen zu können glauben Er wollte mich für die Reaktion gewinnen und
fing nach der gewöhnlichen Manier damit an mir Schmeicheleien zu sagen zuerst
über meine Schönheit als das nicht glückte über mein Talent und meine
Kühnheit als auch dies keine Wirkung tat über meinen Einfluss auf die
Freischaaren Jetzt verstand ich ihn Man wünschte nämlich ich solle bei etwa
»eintretenden Ereignissen« die nicht im Sinne unserer Partei seien dazu
beitragen dass keine Aufregung entstände oder wenigstens mich passiv zu
verhalten Ich lehnte das Anerbieten natürlich keineswegs ab um das schön
aufblühende Vertrauen des edlen Herrn nicht zu früh zu verscherzen ohne mich
indes zu etwas Bestimmtem zu verpflichten So habe ich denn einen Blick in das
Intriguengewebe getan worin die contrerevolutionäre Partei den Willen des
Volks fangen will der mir von Nutzen sein wird Nun die Zeit ist nahe wo das
Konto geschlossen und die Abrechnung gehalten wird Wehe dann den diplomatischen
Tierbändigern wenn der starke Löwe sich erhebt und das Netz wie Spinnengewebe
zerreißt
Ralph sagte nichts aber die doppelt kräftigen Schläge welche seine
pfeifenden Ruder dem schäumenden Meere versetzte verrieten seinen Ingrimm
Wo weilt jetzt deine Mutter Salvador fragte Alice von dem Thema
abweichend
Ich weiß es nicht versetzte dieser aber Pater Angelikus sagte mir ich
würde sie wiedersehen wenn der Augenblick gekommen
Alice fragte nicht welchen Augenblick der Pater gemeint habe Sie verstand
nur zu gut Sie seufzte Dieser Seufzer barg eine tiefe unheilvolle
Bedeutung Sie dachte an den Fürsten Lichnowski der Vorkämpfer der
Volksfreiheit in Wien und Lichnowski der Verräter an der Volkssache in
Berlin Jenen hatte sie mit Leidenschaft geliebt auf diesen blickte sie mit
schmerzlicher Verachtung herab Aber nicht bloß diese Verachtung war es die wie
ein Winterreif auf die Liebesglut in ihrer Brust gefallen war und sie bis auf
den letzten Funken gelöscht hatte so dass nur noch die kalte Asche der
Erinnerung übrig geblieben war nicht nur diese Verachtung war es was ihr Herz
schmerzlich in diesem Augenblicke zusammenzog sondern der Gedanke an das
Verhängnis welches wie ein Damoklesschwert über seinem ahnungslosen Haupte
schwebte und dessen Erfüllung mit Sturmschritten herannahte Sie schauerte oft
wie in einem Fiebertraume zusammen wenn sie auf den bleichen Salvador blickend
schon das Racheschwert in seiner Hand zu sehen glaubte
Sie sprach mit dem Knaben nie von seinem Vater aber sie wusste dass in
seiner Brust nur zwei Gedanken und zwei Empfindungen lebten das Gefühl der
Erbitterung bei dem Gedanken an den Verführer seiner Mutter und das Gefühl der
zerstörendsten Liebe bei dem Gedanken an Lydia
Diese beiden Gefühle waren zuletzt trotz ihres völligen Gegensatzes zu einer
einzigen Empfindung zusammengeschmolzen und in der Tat hatten sie Eins gemein
das Gefühl einer stets unbefriedigten Sehnsucht und der daraus entspringenden
tiefen Bitterkeit
Das Boot landete Das letzte Rot war vom Himmel verschwunden die Nacht
senkte sich auf das Meer herab Ralph erhob sich zuerst Er ergriff seine
Doppelbüchse und lehnte sie vorsichtig an eine junge Birke am Fuße des Hügels
Dann reichte er Alicen die Hand die diese jedoch nicht annahm sondern mit
einem graziösen Sprunge das Ufer erreichte Salvador folgte ihr
Ralph zog das Boot in die Bucht Alle drei stiegen jetzt behutsam den Hügel
hinan Nachdem das Terrain rekognoscirt und sicher befunden war wurde auf dem
alten Runensteine Posto gefasst
Wir müssen nach zwei Seiten hin auf Gäste gefasst sein sagte Alice
welche in der Erwartung des Abenteuers ihre düstere Stimmung gegen eine
ausgelassene Munterkeit vertauscht hatte Es ist sehr wahrscheinlich dass
Gilbert den heutigen Abend selber zu einem Rendezvous benutzen wird Salvador
achte du auf die Landseite und melde Alles was du siehst
Es ist notwendig Ralph dass mich der Kapitain allein trifft sagte sie
zu diesem Ist er nicht zu stark bewaffnet so werde ich wohl schon mit ihm
allein fertig Jedenfalls kommst du mir nicht eher zu Hilfe als bis ich das
verabredete Zeichen gebe Das Andre wird sich finden Hast du die Laterne und
die Stricke in Bereitschaft
Alles in Ordnung erwiderte Ralph die Pistons der Büchse mit
Zündhütchen versehend schreiten wir bald zur Ausführung
Noch ists nicht Zeit wollte Alice sagen aber das Wort erstarb auf
ihren Lippen als ganz in ihrer Nähe in der Richtung nach der Stelle hin wo
sie Salvador postirt hatte ein Pistolenschuss fiel Alice erbleichte Ralph
sprang mit dem Ausrufe Wir sind verraten Salvador zu Hilfe Alice folgte
ihm
Als sie die Stelle erreichten bot sich ihnen ein unerwartetes Schauspiel
dar Gilbert lag das abgeschossene Pistol krampfhaft in der Hand haltend
regungslos am Boden Salvador kniete mit der linken Hand seine Gurgel
umschliessend auf seiner Brust während die Rechte den funkelnden Dolch nach
seinem Herzen zuckte
Halt gebot Alice vortretend tödte ihn nicht Wir müssen ihn noch
gebrauchen
Salvador erhob sich und ließ Gilbert frei welcher nun mit einem raschen
Sprunge auf Alice zustürzen wollte Da streckte sich ihm der Büchsenlauf Ralphs
entgegen und bestürzt zurücktaumelnd wollte er sein Heil in der Flucht
versuchen
Ein Schritt und du bist ein Sohn des Todes
Da brach die Kraft des Elenden zusammen
Was wollt ihr mit mir beginnen stammelte er zitternd als Salvador
Stricke herbeiholte und Gilberts Hände auf den Rücken zusammenband
An uns ist es jetzt zu fragen an dir zu antworten versetzte Alice
Ins Boot mit ihm wandte sie sich zu Ralph
Gilbert wurde ins Boot hinabgebracht und ihm bedeutet dass bei dem
geringsten Laut seinerseits eine Kugel sein Gehirn zerschmettern würde Salvador
wurde ihm zur Gesellschaft zurückgelassen Dann wurde die Laterne angezündet
doch so dass nur von der Meerseite das Licht sichtbar war Hierauf begab sich
Alice zu Gilbert in das Boot hinab welcher halsstarrig ihren Fragen ein
consequentes Schweigen entgegensetzte
Da Ihr nicht antwortet Chevalier sagte sie endlich so werde ich mir
auf andere Weise Aufklärung verschaffen müssen Ralph durchsuche ihn und
bringe mir alle Briefschaften welche er bei sich führt
Nach wenigen Minuten kam Ralph mit einem Packet Briefe den Hügel hinauf
Alice öffnete es sogleich begnügte sich jedoch die Adressen und wenn sie an
Gilbert selbst gerichtet waren die Unterschriften zu lesen Von der
provisorischen Regierung in Rendsburg sagte sie stecke ihn ein Ralph er
kann uns als Empfehlungsschreiben dienen An den Kapitain Falkson am Bord des
Dannebrog Wir wollen ihn ihm selbst vorlesen Lege ihn zur Seite Vom General
von Below an den General von Wrangel Der kommt zum ersten
An o Himmel rief Alice den Brief sowie einen andern zu dem
jener wohl die Antwort sein mochte in ihre eigene Brusttasche steckend Es
ist gut dass ich meinen Brief heute früh nicht abgeschickt Wer weiß ob ich
überhaupt noch an ihn schreibe wenn ich diese hier gelesen Hier ist noch
eine topographische Karte von der Ostküste Schleswigs und das ist Alles
Hatte er es sehr versteckt
Er trug das Packet auf bloßer Brust
St Hörtest du nichts
In der Tat es schien mir als ob in der Entfernung sich ein Ruder ins
Meer senkte
Er ists Auf deinen Posten Ralph
Man hörte jetzt deutlich das Boot sich dem Lande nähern
Gib mir doch den Brief an den Kapitain zurück sagte Alice überlegend
dass dieser Brief ihr als Mittel dienen könnte wenn der Kapitain durch die
fremde Erscheinung überrascht es für besser halten sollte sich wieder in sein
Boot zurückzuziehen
Ralph seufzte als er den Brief wieder herausgab Denn er verstand Alicens
Gedanken sehr wohl Auf den Rückzug des Kapitains hatte er seine letzte Hoffnung
gesetzt die Wette zu gewinnen Wie die Sachen nun standen musste er sie
verlieren wenn er nicht Alicen ins Verderben stürzen wollte
Das Boot landete Man hörte die Schritte des Kapitains durch das hohe Gras
streifen Jetzt hatte er den Steig der zum Gipfel führte erreicht
Guten Abend schallte Alicen eine Stimme entgegen Sie erschrack Das war
nicht das Organ des Kapitains Dennoch erwiderte sie den Gruß vergaß jedoch in
der Verwirrung ihre Stimme zu vertiefen der Fremde stutzte und trat dann mit
größerer Vorsicht näher Alice hatte sich indes gesammelt
Warum ist der Kapitain nicht selbst gekommen fragte sie einen Schritt
vortretend Ich kenne Sie nicht mein Herr und erwarte Sie auch nicht
Wir scheinen in gleichem Falle versetzte Jener ein junger Mann in der
Uniform eines dänischen Seeofficiers doch eine Frage erlauben Sie Kennt und
erwartete der Kapitain Sie
Natürlich was soll die Frage Würde er sonst meiner Aufforderung gefolgt
sein
Der Offizier wusste nicht was er aus der merkwürdigen Erscheinung dieses in
Freischärleruniform ihm entgegentretenden Weibes machen sollte In ihrem
Anschauen verloren fiel es ihm nicht ein dass sie wahrscheinlicher Weise nicht
allein hieher gekommen sein dürfte
Kommen wir zur Sache fuhr Alice fort Sind Sie im Auftrage des
Kapitains hier so wird er Ihnen ohne Zweifel eine Vollmacht ausgestellt haben
Sind Sie damit versehen
Allerdings erwiderte jener zögernd Allein dieselbe ist für den
Chevalier
Chevalier St Just ich weiß es Indes da er zu kommen verhindert ist und
mich beauftragt hat seine Stelle einzunehmen
Auch Sie besitzen dann natürlich eine Vollmacht fragte der Offizier
Wozu Da mich der Kapitain kennt Indessen wird Ihnen dies genügen Sie
hielt den Brief an den Kapitain so dass das Licht der Laterne darauf fiel
Der Offizier verneigte sich Ich bin befriedigt doch habe ich einen Wunsch
Der wäre
Zu wissen mit wem mich das Schicksal zu diesem wunderbaren Rendezvous
zusammengeführt hat
Es tut mir leid dass ich Ihnen in diesem Augenblicke nicht genügen kann
doch werden Sie noch heute meinen Namen erfahren Lassen Sie jetzt hören wie
weit die Verhandlungen vorgeschritten sind
So weit dass übermorgen der Abschluss des Waffenstillstandes zu erwarten
steht Es waren seitens des Reichscommissarius der deutschen Centralgewalt und
des Generals Wrangel einige Schwierigkeiten gemacht worden Da drohte das
preußische Kabinet mit einem Separatfrieden und dem General Wrangel mit
Entlassung aus dem preußischen Dienste und die Herren gaben nach
Wie aber wenn die preußische Regierung in Frankfurt desavouirt wird
Dafür ist gesorgt Es wird vielleicht einige Stürme setzen und die
Majorität schließlich die Sache als fait accompli betrachten und darüber zur
Tagesordnung übergehen
Woher wissen Sie das
Der Kapitain hat es von Herrn von Reetz gehört Es wird versichert dass
der Fürst Lichninsky Herrn von V und einige andere Mitglieder der Rechten sich
für die Majorität verbürgt hätten
Wahrhaftig rief Alice in einem Tone der die bittere Ironie welche
ihre Lippen umzog nicht hinlänglich versteckte Das sind in der Tat
erfreuliche Nachrichten und glauben Sie dass dem Waffenstillstande ein
Frieden folgen wird
Schwerlich Ein Frieden liegt gar nicht in der Absicht des dänischen
Kabinets Es würde den Krieg fortführen wenn es die Möglichkeit eines Erfolges
sähe Allein wir wissen recht gut dass wenn wir so lange warten bis vielleicht
ein strenger Winter die Blokade der Häfen unmöglich dagegen den Übergang der
feindlichen Truppen nach Alsen und Fünen möglich macht die Abschliessung eines
Waffenstillstandes seine Schwierigkeiten haben könnte Der Zweck des
Waffenstillstandes ist kein anderer als den Winter in Ruhe und Sicherheit auf
die Vorbereitungen zu einem Frühlingsfeldzuge bedacht sein zu können Deshalb
wird auch derselbe spätestens bis zum März dauern
Und die Paulskirche ist in diesen Landesverrat eingeweiht rief Alice
die ihre Entrüstung nicht länger bemeistern konnte voller Hohn aus
Der Offizier sah sie erstaunt an Ich verstehe Sie nicht sagte er
O armes betrogenes Vaterland dass diese Elenden es wagen dürfen dich
zum Spielball der Fürstenlaunen herabzuwürdigen Sie sind mein Gefangener
Lieutenant wandte sie sich an den Erstaunten der einen Schritt zurücktretend
die Hand an den Degen legte
In demselben Moment aber fühlte er sich von zwei starken Händen an den
Schultern gefasst und zu Boden gezogen Ehe er einen Ruf nach Hilfe ausstoßen
konnte war sein Mund mit einem Schnupftuch verstopft
Nachdem die Hände des Offiziers zusammengebunden waren bat Alice ihn mit
der liebenswürdigsten Freundlichkeit sich zu erheben worauf alle Drei sich
nach dem Boote in Bewegung setzten
Chevalier sagte scherzend Alice unsere Gesellschaft hat sich vermehrt
Erlauben die Herren dass ich Sie einander vorstelle Chevalier von St Just
und ja so ich weiß Ihren Namen noch nicht So muss der Chevalier noch das
Vergnügen entbehren Ihre Bekanntschaft zu machen
Ralph stieß das Boot vom Lande ab Da ließ der Chevalier dessen Mund frei
war auf einen bezeichnenden Blick des Offiziers plötzlich einen gellenden
Pfiff ertönen
Guter Gilbert Du wirst Dich noch um Deinen Kopf pfeifen rief Alice auf
ihn zueilend und ihr eigenes Schnupftuch ihm zwischen die Zähne schiebend
Zieh die Ruder fester an lieber Ralph und das Boot durchschnitt trotz der
großen Last die es trug pfeilschnell die hochaufzischenden Wogen
Doch zeigte es sich bald dass der Pfiff seine Wirkung nicht verfehlt hatte
Das Boot des Offiziers von zwei rüstigen Matrosen bemannt und fast leer wie es
war hatte nicht sobald die Spur des fliehenden Feindes bemerkt als es mit
einer Geschwindigkeit die der des Fahrzeugs unserer Freunde um das Doppelte
überlegen war die Jagd begann
Halt ein Ralph es nützt zu Nichts dass wir fliehen Du kannst Deine
Kräfte besser brauchen Zieh die Ruder ein und nimm die Büchse zur Hand
Salvador Du nimm das Pistol Gilberts So
Das Boot kam mit furchtbarer Schnelligkeit näher Doch da die Dunkelheit
selbst die nächsten Gegenstände nur als ungewisse Schatten erscheinen ließ so
konnten die Angreifer unmöglich die Distance zwischen ihrem und dem feindlichen
Boote berechnen Sie hatten sich nur durch den Schall der Ruder leiten lassen
und waren jetzt da diese schwiegen in völliger Ungewissheit über die Richtung
welche sie einzuschlagen hätten Indessen verminderten sie die Schnelligkeit
nicht in der Meinung dass durch ein Umschlagen des Windes der Schall nach einer
andern Seite geführt werde
Alice saß den starren Blick auf das näherkommende Boot gerichtet am
Steuer Jetzt sah sie es heranschiessen Ein Druck am Steuer und das gehorsame
Fahrzeug beschrieb einen Halbkreis und stieß im nächsten Augenblick dem
heranstürmenden Feinde den Kiel in die Flanke Während es selbst nur von der
Erschütterung getroffen tief stöhnte verloren die beiden Männer des
feindlichen Bootes das Gleichgewicht und stürzten über Bord ins Meer
Jetzt Ralph sagte Alice mit einem Lächeln der Zufriedenheit lege
die Ruder wieder ein
Von Neuem setzte sich das Fahrzeug in Bewegung während die beiden Matrosen
wieder auftauchend den Bord des Bootes zu erfassen suchten In der Tat gaben
sie durch ihren Unfall erbittert nachdem sie sich glücklich ins Boot
zurückgerettet hatten nicht nur nicht die Verfolgung auf sondern setzten sie
mit noch größerem Eifer fort Aber teils der Umstand dass sie ein Ruder
eingebüßt teils die große Entfernung in der sich bereits das verfolgte Boot
befand ließ sie bald von ihrem Vorhaben abstehen
Als Ralph gelandet war wurde Kriegsrat über die Gefangenen gehalten und
beschlossen dass sie so lange im Boote unter der Aufsicht Salvadors und Alicens
zurückbleiben sollten bis Ralph vom General von Wrangel Bescheid darüber
erhalten was mit dem dänischen Offizier geschehen solle
Nach kurzer Zeit kehrte Ralph niedergeschlagen und erbittert durch die
Antwort zurück dass da die Abschliessung des Waffenstillstandes nahe bevorstehe
der Offizier nicht zurückgehalten werden dürfte weil eine solche
Gefangennehmung besonders unter den Umständen wie sie veranstaltet worden
moralisch als ein Friedensbruch betrachtet werden würde
Ich habs Dir ja vorhergesagt erwiderte Alice ruhig Binde ihnen die
Hände los und lasse sie frei
Auch Gilbert fragte Salvador
Ja erwiderte Alice die ein unbezwingliches Gefühl davon abhielt den
Elenden der tausend Mal verdienten Strafe anheimzugeben
Schweigend lösten Salvador und Ralph die Stricke mit denen die Hände der
Gefangenen gefesselt waren Ohne ein Wort zu wechseln entfernten sich diese
Die drei Freunde aber bestiegen wieder ihr Boot und begaben sich am Ufer
hinsteuernd auf den Rückweg
Alice schien über einen Entschluss zu sinnen
Woran denkst Du fragte Ralph sich zu ihren Füßen kauernd während
Salvador gemächlich das Boot in Bewegung setzte
Ich überlege ob ich schon Morgen reisen soll oder erst den Abschluss des
Waffenstillstandes abwarte
Reisen fragte bestürzt Ralph sich halb aufrichtend
Wie kann Dich das wundern Ich halte es hier nicht mehr aus nachdem
abermals alle Hoffnungen verschwunden die ich auf das frisch aufblühende Leben
auf die politische Regeneration Deutschlands die wie ich meinte hier in
Schleswig ihren Anfang nehmen würde gesetzt hatte
Du siehst zu schwarz Alice Wenn irgendwo so finden wir hier
diejenigen Elemente welche die erste Bedingung jedes volkstümlichen
Staatslebens sind ich meine nirgends hat die demokratische Bildung und das
Bewusstsein des Volks über seine eigene Souverainität tiefere Wurzeln geschlagen
als in dem »meerumschlungenen« Schleswig
Du irrst mein Lieber sagte traurig Alice die demokratischen und
selbst republikanischen Elemente welche hier sein mögen concentrirten sich in
den Freischaaren und den süddeutschen Truppen Die Schleswiger selbst sind reine
Bourgois die nur einen einzigen erregbaren Punkt in ihrer indifferenten Seele
besitzen ihren Hass gegen Dänemark und selbst über diesen Hass beginnt sich
bereits eine Decke zu legen Ziehen die Truppen aus dem Lande werden die
Freischaaren aufgelöst und geht der brave Major von der Tann nach München
zurück dann ist hier Alles zu Ende
Es mag sein dass dadurch Schleswig aufhört der Schauplatz der
Entscheidung über das künftige Schicksal Deutschlands zu sein indessen werden
nicht alle Truppen zurückgezogen und wenn auch die Freischaaren aufgelöst
werden so bleiben doch unter der Linie noch tüchtige Kräfte
Zum Beispiel
Zum Beispiel der Major von H Auch er gehörte wie Du weißt den
Freischaaren Tanns an und Du wirst nicht leugnen dass er zu den ehrlichsten
Republikanern gehört
Dein Beispiel ist unglücklich gewählt Herr v H ist meiner gewissen
Überzeugung nach der entschiedenste Absolutist den sich die Regierung nur
wünschen kann
Ah Du scherzest sagte Ralph ungläubig lächelnd
Ich könnte Dir die Biographie des sehr ehrenwerten Herrn Magnus H so
wie manche Historien über den Republikanismus unserer »entschiedensten
Demokraten« erzählen sagte mit Bitterkeit Alice
Aber die Zeit wird kommen wo nicht nur ihre Maske sondern der ganze Kopf
herabfallen wird Trotzdem setzte sie nach einer Pause hinzu würde ich es
jetzt als eine Pflicht betrachten hier zu bleiben wo ich zuerst nur aus
Vergnügen war wenn mich nicht andere Pflichten abriefen
Andere Pflichten sagte traurig Ralph Ich begleite Dich Alice
Nein ich gehe allein Nur Salvador kommt mit mir Du Ralph musst
bleiben weil es auch für Dich hier Pflichten gibt
Und wohin gehst Du fragte er noch einmal
Nach Frankfurt
Nach Frankfurt wiederholte mit zitternder Stimme Ralph indem er einen
halb ängstlichen halb vorwurfsvollen Blick auf Alicen warf
Hast Du Vertrauen zu mir sagte mit Ernst Alice
Ja erwiderte aus voller Seele Ralph die Hand aufs Herz legend
Nun dann frage nicht weiter leb wohl und denke meiner Wir sind am
Ziele
IV
Der Waffenstillstand war zu Malmoe am 26 August auf 7 Monate abgeschlossen
worden Durch das deutsche Land ging nur ein Schrei der Entrüstung über die
Schmach welche dem deutschen Namen dadurch widerfahren In Schleswig stieg die
Aufregung selbst unter den Truppen bis zu einem so bedenklichen Grade dass sich
General von Wrangel veranlasst fühlte unter dem Titel einer allgemeinen
Recognoscirung sämtliche Truppenteile bis hinauf zur jütländischen Grenze zu
inspiciren Wohl wissend dass nichts mehr den Gehorsam und die Subordination
erhält als eine wenn auch übertriebene Anerkennung derselben sprach er in
einem langen Armeebefehl seine
»vollkommenste Zufriedenheit« über die »Haltung der Truppen« aus
Zwar bedauert er die »Ungleichmässigkeiten im Äußern« die notwendig aus
der »verschiedenartigen Uniformirung« hervorgehen und »dem Auge sich mehr oder
weniger stark bemerkbar darstellen müsse« beeilt sich jedoch hinzuzusetzen dass
diese »Ungleichmässigkeiten« doch wieder »vollkommen ausgeglichen« werden durch
den »Geist der Ordnung des Gehorsams und der freudigen Hingebung« der ihn zu
den »schönsten Erwartungen berechtigt« wenn es ihm
»beschieden sein sollte hier oder auf einem andern Kriegsschauplatz jene
Truppen gegen den Feind zu führen«
O du ahnungsvoller Engel Du denn man kann unmöglich annehmen dass
der General damals schon eine wirkliche Wissenschaft darüber gehabt habe dass er
nach Berlin als Kommandeur der »Marken« berufen werde um die
Nationalversammlung zu sprengen und den Belagerungszustand über die ruhige Stadt
zu verhängen
Ja der »Geist des Gehorsams und der freudigen Hingebung« ist dem
preußischen Kriegsheere vortrefflich eingeimpft und genährt worden
Der Waffenstillstand von Malmoe war der erste Triumph den die Fürsten dem
Volke ins Gesicht schleuderten Sie durften es wagen waren sie doch ihrer
Trabanten in Frankfurt gewiss
Die denkwürdige Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 16 September
1848 streifte dem arglosen vertrauungsvollen Volk die Schuppen von den Augen
In dieser eilfstündigen Sitzung wurde die Frage des Malmoer Waffenstillstandes
definitiv verhandelt Die Kommission welche denselben zu prüfen hatte sprach
bedenklich ihre Ansicht dahin aus dass die Nationalversammlung ihre Anerkennung
versagen solle In der darauf beginnenden Debatte zeichneten sich unter den
Rednern welche für die Anerkennung sprachen Herr von Vinke und der Fürst
Lichnowski unter denen welche gegen dieselbe sprachen Robert Blum und Simon
aus Trier aus
Von des Morgens um 9 Uhr hatte die Discussion ohne Unterbrechung bereits bis
Nachmittags um 5 Uhr gedauert und immer noch war kein Resultat abzusehen Das
Volk hatte sich erwartungsvoll um die Paulskirche geschaart und diskutirte nach
seiner eigenen Weise Nur wenige teilten die allgemeine Spannung nicht zu
diesen Wenigen gehörten drei Männer welche dicht am Hauptgange der Kirche
standen und mit gleichgültiger fast verächtlicher Miene auf das hin und
herwogende Publikum blickten Von Zeit zu Zeit flüsterten sie sich einige
Bemerkungen zu
Es ist notwendig sagte der jüngste von ihnen dass wir hinausschicken
Man kann immer nicht wissen was geschieht Seit einer halben Stunde ist das
Volk um das Doppelte angewachsen
Bah erwiderte der Angeredete was Du da »Volk« zu nennen beliebst
besteht zu drei Vierteilen aus Dütchendrehern und Pfeffersackscommis Ich kenne
die Frankfurter besser Sie wundern sich über die lange Sitzung und meinen in
ihrem Bourgeoisverstande dass etwas Wichtiges dahinter stecken müsse Wenn die
Herren aus der Paulskirche herauskommen gehen sie eben so ruhig nach Hause als
wenn sie Sonntags drüben im Forstause ihren Schoppen getrunken
So gehe ich allein auf meine eigene Verantwortung sagte der Erstere
entschlossen Sie hat uns ausdrücklich beauftragt ihr sogleich zu melden
wenn das geringste Merkmal da wäre was auf einen Tumult hindeute
Meinetwegen geh ins Teufels Namen Was kümmerts mich Aber ich sage es
frei heraus diese Weiberhierarchie will mir verflucht schlecht gefallen
Was soll diese Geheimnisskrämerei bedeuten Dummes Zeug Wenns ans
Losschlagen einmal kommt was ich in diesem verdammten Messjudennest sehr
bezweifle so kehre ich mich an Niemandem sondern gehe meinen eignen Weg
Tun was Du nicht lassen kannst erwiderte Jener ich tue dasselbe
Adieu
Ich begleite Dich Joseph sagte der Dritte welcher bisher schweigend an
dem Pfeiler gelehnt hatte Sie schlugen den Weg nach der Mainlust ein
Auf einer der schattigsten Plätze der Mainlust vor sich die gefüllten
Becher saßen Alice der Pater Angelikus und Salvador Aus der Ferne schallten
die vollen Klänge der Harmoniemusik herüber Aber die drei Freunde schienen
weder durch den Duft des herrlichen Rheinweins noch durch den Zauber der Musik
erheitert zu werden Ernst saßen sie einander gegenüber eine wahrscheinliche
Folge des Gesprächs das sie eben mit einander geführt hatten
Alice wandte zuweilen einen Blick zwischen die Bäume in der Richtung nach
Frankfurt zu als erwarte sie Jemand Der Pater blickte aufmerksam auf Alice
als wolle er die Wirkung seiner letzten Worte prüfen Salvador war noch blässer
als gewöhnlich und auffallend gleichgültig gegen das vorhin geführte Gespräch
Wozu sind Sie entschlossen werte Freundin fragte endlich der Pater
seinen Blick von Alicen abwendend
Zu handeln wenns Zeit ist erwiderte kurz Alice
Sehr wohl fuhr der Pater mit sanftem Tone fort Allein wenns nun
Zeit ist zu handeln wie weit sind Sie zu gehen entschlossen
So weit die Notwendigkeit und die von mir übernommene Mission es fordert
Pater fragen Sie mich nicht aus Ich kann Ihnen keine bestimmte Antwort
geben Aber Eins kann ich Ihnen sagen Unsere Wege mögen dieselben sein oder
auch nicht sicherlich aber sind unsere Ausgangspunkte nicht dieselben Bedenken
Sie wohl dass ich mich nicht zum Werkzeuge fremder Privatrache hergebe
Der Pater sah sie mit einem lauernden Blicke an Ein Lächeln des Hohns flog
über seinen zusammengekniffenen Mund als er mit seinem gewöhnlichen ruhigen
Tone sagte
Es ist ein Unglück was ich tief beklage dass Sie nicht eine bessere
Meinung von mir gewinnen können und nicht mehr Vertrauen in mich setzen Sie
kennen meine Zwecke Sie sind so allgemein wie die Ihrigen oder halten Sie die
Interessen des Katholizismus in seiner ganzen Ausdehnung für weniger umfassend
als die Interessen der radikalen Partei in Deutschland Nun wohl so fällt der
Vorwurf der indirekt in Ihren Worten liegt dass ich nur eine Privatrache
befriedigen will in sich zusammen Sie haben eine Mission ich erkenne es an
ich habe die meinige Die Mittel sie zu erfüllen sind wie das Ziel das sie
erreichen sollen dieselben Wohlan so gehen wir miteinander Ich brauche um
die meinige zu erfüllen die Unterstützung der radikalen Partei Sie um die
Ihrige zu vollenden das was die katholische Partei Ihnen bieten kann
Alice wollte antworten als sie die beiden jungen Männer von der Paulskirche
auf sich zuschreiten sah Rasch erhob sie sich und ging ihnen entgegen
Ist die Sitzung zu Ende fragte sie schnell
Nein war die Antwort aber eine große Menge Menschen ist draußen
versammelt und harrt auf das Resultat
Unbefriedigt kehrte sie zum Pater zurück und fuhr mit diesem und Salvador
augenblicklich nach Frankfurt Als sie dort hörte dass der Majoritätsantrag mit
258 gegen 237 Stimmen verworfen und demnach der Waffenstillstand trotz des
Hohns der darin lag dass die Centralgewalt beim Abschluss desselben vollständig
bis auf den Namen ignorirt worden war anerkannt sei sagte sie mit Tränen im
Blick und zitternder Stimme zum Pater Angelikus indem sie ihm die Hand
reichte
Ich bin entschlossen Pater Ich ziehe meine Hand die ihn bisher
beschützte von ihm ab
Des Paters Züge veränderten sich nicht Er nickte nur mit dem Kopfe und
verließ schweigend das Zimmer
Die Nachricht von dem Resultate der Sitzung verbreitete sich mit stürmischer
Schnelligkeit durch die Stadt Eine gährende Bewegung gab sich urplötzlich in
dem Volke kund Große Haufen zogen die Nationalversammlung verwünschend durch
die Straßen nach der Westendhall andere sammelten sich vor dem englischen Hofe
dem Zusammenkunftsorte der Abgeordneten der rechten Seite Fenster wurden
eingeworfen und mannigfach donnernde Pereats auf die Rechte ausgebracht
Generalmarsch tönte Der englische Hof wurde von zwei Kompagnien Kurhessen
umzingelt das Volk zurückgedrängt und das Haus besetzt Aber noch hatte der
Zorn des Volks nicht den höchsten Grad erreicht Es fehlte die Einheit des
Bewusstseins in der Menge Um Mitternacht herrschte wieder vollkommene Ruhe
Tausende strömten am Nachmittage des folgenden Tages von allen Seiten her
nach der Pfingstweide zur Volksversammlung Sämmtliche demokratische Vereine der
umliegenden Ortschaften so wie Frankfurt selbst setzten sich in corpore nach
der Pfingstweide in Bewegung Nachdem die Redner welche meistens wie Schlöffel
Simon aus Trier Wesendonck Zitz u A der Linken der Nationalversammlung
angehörten unter dem lautlosen Schweigen des Volks das nur zuweilen durch
einen stürmischen Beifallsjubel unterbrochen wurde gehört worden waren wurde
beschlossen
Die Mitglieder der gestrigen Majorität welche den Waffenstillstand anerkannten
für Verräter am Vaterlande an der Ehre und Freiheit Deutschlands zu erklären
und
diesen Beschluss nicht nur dem deutschen Volke sondern auch der
Nationalversammlung selbst durch eine Deputation mitzuteilen
Darauf zog das Volk in zerstreuten Gruppen der Stadt zu um sich vor dem
»deutschen Hofe« dem Sammelplatze der Linken nach deren Beschlüssen es sein
ferneres Verhalten einrichten wollte wieder zu vereinigen
V
In derselben Nacht rückten 3000 Mann Preußen und Oesterreicher ein
Als die Abgeordneten sich nach der Paulskirche zur Sitzung begaben fanden
sie dieselbe vom Militär umringt Zwar wurden die Truppen auf die Reclamationen
der Linken Anfangs zurückgezogen bald jedoch als die Masse des Volks immer
größer und seine Haltung immer drohender wurde wieder herbeigerufen Aber das
Volk hatte einmal Posto gefasst und setzte dem andringenden Militär Widerstand
entgegen
In der Paulskirche hatte man nach Absolvirung der Waffenstillstandsfrage die
Beratung der Grundrechte wieder aufgenommen und Artikel 4 welcher über
»Lehrfreiheit« handelt zur Debatte gestellt als plötzlich der Tumult draußen
so anwächst dass des Präsidenten Stimme ihn kaum zu übertönen vermag
Schläge donnern an die Tür Erschreckt springen die ehrenwerten Herren von
ihren Sitzen empor Das Haus gerät in Unruhe man flüstert sich das
Schreckenswort »Barrikade« zu von der Rechten begeben sich einige Mitglieder
nach der Tür um die Soldaten zum Widerstande zu ermuntern
Da knallt der erste Schuss in das Volk ein 60jähriger Greis stürzt zusammen
Das Volk stiebt auseinander voller Wut über den frischen Mord Rasch
organisirt sich der Widerstand Barrikaden wachsen mit wunderbarer Schnelligkeit
aus der Erde empor und werden von Offenbacher Isenburger und Hanauer
Republikanern besetzt die in zahllosen Schaaren herbeigeeilt waren die
Schmach welche die Nationalversammlung über Deutschland gebracht abzuwaschen
Um Mittag entbrennt der Kampf auf allen Punkten das schwere Geschütz donnert
durch die Scheuer und Fahrgasse und gegen die Barrikaden am Römerberge
Das Volk kämpft mit einem Mute den nur die Verzweiflung zu erwecken im
Stande ist
Die Stadt wurde in Belagerungszustand erklärt und das Standrecht proklamirt
Zweimal begab sich eine Deputation der Linken zum Erzherzog Johann und bat
ihn die Truppen zurück ziehen und dem Blutbade ein Ende machen zu lassen
Der Reichsverweser war bereit dem Wunsche Folge zu leisten wenn das Volk
verspräche die Barrikaden zertrümmern zu wollen aber die Minister verweigerten
dem schon ausgefertigten Befehl ihre Kontrasignatur
Dagegen gestatteten die Minister um 4 Uhr eine halbstündige Waffenruhe um
den Insurgenten Zeit zur Abtragung der Barrikaden zu gewähren
Die Frist lief ab und der Angriff begann aufs Neue
Um 8 Uhr Abends war der Kampf so gut wie beendet obgleich noch einige
Schüsse gehört wurden Die Kartätschen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt Zu
Hunderten lagen die Verwundeten und Toten in den Häusern und auf den Straßen
umher Blut rötete die Trümmer der Barrikaden
Alice saß während des heftigsten Kampfes auf ihrem Zimmer in der
Allerheiligengasse dort wo sie an die Zeil mündet Dicht unter ihrem Fenster
erhob sich eine starke Barrikade welche von österreichischen Soldaten
angegriffen wurde Sie dachte an die Berliner Märznacht und seufzte aus tiefer
Brust Welch ein Unterschied zwischen dem Jetzt und Damals Wie freudig mit
wie mutiger Zuversicht des Sieges war sie damals auf die Straße hinabgestiegen
und hatte die wackeren Kämpfer angefeuert wie zaghaft mit wie schmerzlicher
Bekümmernis blickte sie heute auf den unseligen Kampf herab
Unbewusst flossen ihre Tränen da fuhr sie plötzlich mit einem Schrei des
Schreckens empor Sie glaubte Gilbert auf der Barrikade gesehen zu haben Eine
Reihe von Gedanken durchflog ihre Seele
Schnell entschlossen eilte sie hinab Sie drängte sich durch den Haufen
hindurch unbekümmert um die Kugeln welche sie umsausten
Endlich erreichte sie ihn
Gilbert rief sie mit aller Anstrengung deren sie fähig war
Er wandte sich und stürzte mit geschwungener Büchse auf sie zu Unfehlbar
hätte er ihr das Hirn zerschmettert wenn nicht ein Arbeiter ihre Gefahr
sehend den Rasenden zurückgerissen und festgehalten hätte
Angst Verzweiflung raubten Alice im ersten Augenblicke fast die Sprache
Die Hände über der Brust zusammenpressend flüsterte sie ihm zu
Der Fürst ist in Gefahr Komm ihn retten
In Gilbert ging bei diesen Worten eine merkwürdige Verwandlung vor Mit
dem Ausdruck eines unauslöschlichen Hasses dessen Gegenstand aber nicht Alice
zu sein schien ballte er die Faust und murmelte Schnell ehe es zu spät ist
Die entgegengesetzte Seite der Haasengasse war noch frei Rasch eilten sie
durch einige Quergassen und kamen ins Freie Alice wusste dass der Fürst sich
häufig in dem Landhause des Herrn v Betmann aufhielt das nicht nur seiner
reizenden Lage sondern auch anderer reizender Gegenstände wegen wie böse
Zungen behaupteten die Aufmerksamkeit des Fürsten erregt hatte
Als sie die Chaussee Friedberg erreichten stießen sie auf einen Trupp
Turner welche sie nach dem Fürsten fragten
Wir suchen ihn selbst war die Antwort Hier herum muss er versteckt
sein wir hörten er sei vor einer halben Stunde nach dem Eschenheimer Tor
geritten
Schweigend eilten die Beiden der Stadtmauer entlang nach dem Eschenheimer
Tore zu Alice vergaß Alles was der Fürst gegen sie und die heilige Sache für
die sie kämpfte gesündigt In diesem Augenblicke stand nur der lebensmutige
ritterliche Mann vor ihrer Seele und sie konnte den Gedanken nicht ertragen
dass er sterben solle den sie einst geliebt
Gilbert blieb stehen Alice folgte der Richtung seiner Blicke Zwei Reiter
sprengten vom Eschenheimer Tor im Galopp auf sie zu
Er ists rief sie Gilberts Hand fassend der sie heftig von sich
schleudernd auf das kleine Gebüsch welches den Stadtgraben bezäumt und aus
welchem ein zweiter Trupp Turner und Arbeiter hervortrat zueilte
Sie waren mit Sensen Piken und Büchsen bewaffnet und schaarten sich um eine
blutrote Fahne die hoch in der Luft flatterte
Auf Brüder rief Gilbert seinen Säbel schwingend seht dort Es ist
Lichnowski
Hurrah brüllten die Turner den beiden Reitern entgegenstürzend
Die Reiter stutzten und wandten ihre Pferde Da knallten einige Schüsse und
der Begleiter des Fürsten der General von Auerswald stürzte vom Pferde herab
das sich hochaufbäumend in gewaltigen Sätzen queer über die Felder davonjagte
Der Fürst welcher ebenfalls durch einen Streifschuss verwundet worden war
sprengte von der Straße hinab auf das Landhaus des Herrn von Betmann zu
welches kaum fünfhundert Schritt entfernt war Aber sei es dass sein Pferd in
dem feuchten Boden nicht gut fort konnte oder dass es ebenfalls verwundet war
Er hielt plötzlich stieg ab und eilte so schnell er konnte dem Betmannschen
Garten zu
Mit wütendem Geschrei folgten ihm die Turner Gilbert voran
An der Ecke des Gartens steht ein kleines freundliches Haus das dem
Kunstgärtner Schmidt gehörte Als Lichnowski bis zu diesem Hause gekommen war
öffnete sich eine Tür Er schlüpfte hinein
Wenige Minuten darauf hatten auch die Turner das Haus erreicht Stürmisch
verlangten sie Einlass Vergebens die Tür war von innen fest verrammelt
Wartet Freunde sagte ein junger schmächtiger Mann welcher sich durch
eine scharlachrote seidene Schärpe aus der der Griff eines prächtigen Dolchs
hervorsah auszeichnete ich werde Euch Eingang verschaffen Folgt mir
Sie eilten die Gartenmauer hinab bis zu einer kleinen Pforte
Der junge Mann zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete Das Haus
wurde von allen Seiten umzingelt Wütend über den Widerstand ergriffen die
Turner einen Balken und rannten mit demselben die innere Türe ein
Indessen hatte Alice welche über Gilberts Verfahren entsetzt keiner
Bewegung fähig aber eine Beute wahnsinniger Angst eine schweigende Zuschauerin
der eben beschriebenen Szene gewesen war ihre letzten Kräfte gesammelt um den
letzten Versuch zu seiner Rettung zu wagen
Sie stürzte dem Hause zu und gelangte auf demselben Wege den die Turner
sich geöffnet hatten hinein
Aber es war zu spät Der Haufen kam ihr schon tobend und jubelnd den
Fürsten mit sich schleppend entgegen Sie drängte sich durch die Menge
hindurch
Felix rief sie mit herzzerreissendem Tone in welchem sich der ganze
unendliche Jammer ihrer Seele aussprach
Der Fürst der aus mehreren Wunden blutete wandte seinen Blick nach der
wohlbekannten Stimme Seine Augen strömten einen geisterhaften Glanz aus als er
Alicen sah Er bewegte die Lippen aber kein Laut entfuhr denselben
Man ließ ihn auf den Boden sinken Die Rasenden deren Wut befriedigt war
wollten ihn freilassen und sich entfernen
Ha ihr elenden Wichte rief da ein Turner dessen edles
feingeschnittenes Gesicht von rabenschwarzen Locken umschattet wurde Ist das
Eure Rache Gedenkt Ihr nicht der höhnenden Worte die dieser Verräter noch
heute als der Kampf schon begonnen an der Hauptwache sprach
»Ich will doch einmal zusehen wie sich die Kanaille schlägt«
Nein er muss sterben sage ich Wir wollen ihn ausstellen als Zielscheibe
für unsere Kugeln
Hurrah rief der zu neuer Wut entflammte Haufen der Verräter muss
hingerichtet werden
Während man die Vorbereitungen dazu traf hatte sich Alice zur Seite des
Fürsten niedergelassen Da trat jener Turner mit den schwarzen Locken auf sie zu
und sagte mit düsterer Stimme
Das ist kein Platz für Euch Sennora Steht auf
Ines rief Alice Ines Ihr seid ein fürchterliches Weib
Meine Rache ist furchtbar wie mein Schmerz
Mit festem Blick schaute Ines auf den Fürsten herab dessen Augen
geschlossen waren
Willst Du wissen mein Geliebter sagte sie kalt wessen Hand den Dolch
führte der zuerst in Deine Brust sich senkte
Salvador wars Dein Sohn und meiner
O tötet mich um des Ewigen Barmherzigkeit willen
Alice die jetzt bis zu demjenigen Punkte des innern Seelenschmerzes
gekommen war in dem der Geist selbst gegen das Ungeheuerste abstumpft fragte
mechanisch
Wo ist Salvador sein unglücklicher Sohn
Tot antwortete eintönig Ines Er stieß sich selbst den Dolch ins
Herz
In diesem Augenblicke kehrten die Turner aus dem Hause zurück Einer von
ihnen trug eine Tafel auf welcher mit großen Buchstaben geschrieben war
»So stirbt ein Verräter des Vaterlandes«
Fußnoten
1 Deutsch etwa »Er hat kein Glück mehr aber ich auch nicht«
2 »Dies stolze Herz ist nicht zu brechen«
3 Das Voigtland ist in Berlin das Stadtviertel in welchem die Proletarier
wohnen