In der Art und Weise wie die Schriftsteller die Logik zu definieren
pflegen herrscht eine eben so große Verschiedenheit als in der Behandlung des
Details derselben Dies ist naturgemäß bei einem jeden Gegenstande zu erwarten
über welchen die Schriftsteller vermittelst ein und derselben Sprache
verschiedene Ideen auszudrücken haben Die Ethik und die Jurisprudenz
unterliegen so gut wie die Logik derselben Bemerkung Fast ein jeder
Schriftsteller hat eine verschiedene Ansicht über einige der Einzelheiten
welche diese Zweige des Wissens anerkanntermaßen einschließen ein jeder hat
seine Definition so geformt dass er von vorn herein seine eigenen besonderen
Lehrsätze angibt und zuweilen zu deren Gunsten als wahr annimmt was noch zu
beweisen ist
Diese Verschiedenheit ist nicht sowohl ein zu beklagendes Übel als ein
unvermeidliches und gewissermaßen eigentümliches Resultat des unvollkommenen
Zustandes jener Wissenschaften Es ist nicht zu erwarten dass eine
Übereinstimmung in Beziehung auf die Definition eines Dinges stattfinde bevor
eine Übereinstimmung in Betreff des Dinges selbst stattfindet Ein Ding
definieren heißt aus dem Ganzen seiner Eigenschaften diejenigen wählen welche
durch dessen Namen bezeichnet und ausgesprochen werden sollen bevor wir daher
im Stande sind zu bestimmen welche von diesen Eigenschaften zu diesem Zwecke
die geeignetsten sind müssen wir mit denselben wohl bekannt sein In dem Falle
einer so verwickelten Anhäufung von Einzelheiten wie sie in dem enthalten sind
was den Namen einer Wissenschaft verdient ist die Definition mit der wir
beginnen selten diejenige welche eine ausgedehntere Kenntnis des Gegenstandes
als die geeignetste erscheinen lässt Bevor wir die Einzelheiten selbst kennen
können wir nicht über die genaueste und umfassendste Weise sie durch eine
allgemeine Beschreibung zu umschreiben entscheiden
Erst nach einer ausgedehnten und genauen Bekanntschaft mit den Details der
chemischen Erscheinungen fand man es möglich eine rationelle Definition der
Chemie zu geben die Definition der Wissenschaft des Lebens und der Organisation
ist immer noch ein Gegenstand des Streites So lange die Wissenschaften
unvollkommen sind müssen die Definitionen an ihren Unvollkommenheiten Teil
nehmen und wenn die ersteren fortschreiten so müssen es auch die letzteren
Von der Definition die einem wissenschaftlichen Gegenstand vorangeht kann man
daher nur erwarten dass sie das Ziel unserer Untersuchungen definiere und die
Definition welche ich nun von der Wissenschaft der Logik geben werde
beansprucht nichts mehr als eine Darlegung der Frage zu sein welche ich mir
selbst vorgelegt habe und welche dieses Buch zu beantworten versucht Der Leser
hat die Freiheit gegen eine solche Definition der Logik Einwendungen zu machen
es ist indessen auf alle Fälle eine richtige Definition von dem Gegenstande
dieses Werkes
Die Logik ist oft die Kunst des Schließens genannt worden Ein
Schriftsteller Erzbischof Whately welcher mehr als eine jede andere lebende
Persönlichkeit beigetragen hat um das Studium derselben wieder auf die Stufe
der Achtung zu erheben von welcher es bei der gebildeten Klasse unseres eigenen
Landes herabgesunken war hat die obige Definition mit einer Verbesserung
angenommen er hat die Logik definiert als die Wissenschaft sowohl als die
Kunst des Schließens indem er durch den ersteren Namen die Analyse des
geistigen Prozesses zu bezeichnen meint welcher stattfindet wenn wir Schlüsse
ziehen durch den letzteren aber die Regeln für die richtige Ausführung der auf
diese Analyse gegründeten Prozesse Man kann die Zulässigkeit diese Berichtigung
nicht bezweifeln Ein richtiges Verständnis des geistigen Prozesses selbst der
Bedingungen von welchen er abhängig ist und der Stufen aus welchen er
besteht ist die einzige Basis auf welche sich ein für die Ausführung dieses
Prozesses geeignetes System von Kegeln möglicherweise gründen kann Die Kunst
setzt notwendigerweise Wissen voraus die dem Zustande der Kindheit entwachsene
Kunst setzt wissenschaftliches Wissen voraus und wenn eine jede Kunst nicht den
Namen der Wissenschaft trägt auf welche sie sich stützt so ist dies nur weil
oft mehrere Wissenschaften erforderlich sind um das Grundwerk einer einzigen
Kunst zu bilden So verwickelt sind die Bedingungen welche unsere praktische
Tätigkeit regieren dass um uns in den Stand zu setzen ein Ding zu tun es
oft nötig ist die Natur und die Eigenschaften vieler Dinge zu wissen
Die Logik umfasst also sowohl die Wissenschaft des Schließens als auch eine
auf diese Wissenschaft gegründete Kunst Aber das Wort Schließen enthält
wiederum ähnlich den meisten anderen wissenschaftlichen Ausdrücken im
gewöhnlichen Sprachgebrauch eine Menge Zweideutigkeiten In der einen seiner
Bedeutungen bezeichnet es das Syllogisieren oder die Schlussweise welche man
mit hinreichender Genauigkeit für den gegenwärtigen Zweck das Schließen vom
Allgemeinen auf das Besondere nennen kann In einer andern Bedeutung heißt
Schließen einfach irgend eine Behauptung aus anderen bereits zugegebenen
Behauptungen folgern und in diesem Sinne hat die Induktion so gerechte
Ansprüche auf den Namen Schließen wie die Beweise der Geometrie
Die über Logik Schreibenden haben im Allgemeinen die erstere Bedeutung des
Ausdruckes vorgezogen die letztere und umfassendere Bedeutung ist es deren ich
mich zu bedienen gedenke Ich tue es vermöge eines Rechtes welches ich für
jeden Schriftsteller in Anspruch nehme des Rechtes nämlich von seinem eigenen
Gegenstande irgend eine beliebige vorläufige Definition zu geben
Es werden sich aber wie ich glaube im Verlauf unserer Untersuchungen
genügende Gründe dafür entwickeln dass dies nicht bloß die vorläufige sondern
dass es auch die letzte Definition sein sollte Sie schließt auf alle Fälle
keine willkürliche Änderung an der Bedeutung des Wortes ein denn mit dem
allgemeinen Gebrauche der englischen Sprache und wohl auch der deutschen d
U stimmt die weitere Bedeutung besser überein als die engere
Aber Schließen scheint sogar nicht in der weitesten Bedeutung deren
das Wort fähig ist alles das zu umfassen was in der besseren oder auch nur in
der geläufigeren Vorstellung von dem Umfang und dem Inhalt unserer Wissenschaft
eingeschlossen liegt Der Gebrauch des Wortes Logik um die Theorie der
Argumentation zu bezeichnen rührt von den Aristotelischen oder wie sie
gewöhnlich genannt werden den scholastischen Logikern her
Aber auch bei ihnen in ihren systematischen Abhandlungen nämlich bildete
die Argumentation nur den Gegenstand des dritten Theiles die beiden ersten
handelten von den Wörtern und den Urteilen Propositionen unter der einen
oder der andern dieser Rubriken wurde auch die Definition und die Einteilung
divisio begriffen Von einigen wurden diese vorläufigen Themata offenbar nur
wegen ihres Zusammenhanges mit dem Schließen und als eine Vorbereitung für die
Lehre und die Regeln des Syllogismus eingeführt Sie wurden jedoch mit größerer
Ausführlichkeit und Weitläufigkeit behandelt als für diesen Zweck allein nötig
war Neuere Schriftsteller über Logik haben im Allgemeinen den Ausdruck so
verstanden wie er von dem geschickten Verfasser der PortRoyalLogik gebraucht
wurde dh als gleichbedeutend mit der Kunst zu Denken Auf diese Bedeutung
beschränkt er sich nicht bloß in Büchern und bei wissenschaftlichen Forschern
sogar in der gewöhnlichen Konversation schließen die mit dem Worte Logik
verbundenen Ideen zum wenigsten Präzision der Sprache und Genauigkeit der
Klassifikation ein und wir hören vielleicht Manche öfter von einer logischen
Anordnung oder von logisch definierten Ausdrücken als von logisch aus Prämissen
abgeleiteten Schlüssen sprechen Auch wird oft Mancher ein großer Logiker oder
ein Mann von gewaltiger Logik genannt nicht der Genauigkeit seiner Deduktionen
sondern der umfassenden Beherrschung der Prämissen wegen indem ihm die für die
Erklärung einer Schwierigkeit oder die Widerlegung eines Sophismas nötigen
allgemeinen Urteile reichlich und schnell zur Hand sind kurz weil er reiches
Wissen für den argumentativen Gebrauch leicht beherrscht Ob wir uns daher zu
der Behandlungsweise derjenigen welche aus dem Gegenstande ein besonderes
Studium gemacht haben oder zum Brauch der populären Schriftsteller und der
gewöhnlichen Sprechweise bekennen so schließt das Bereich der Logik immerhin
mehrere Geistesoperationen ein welche man gewöhnlich nicht als in der Bedeutung
der Wörter Schließen und Argumentiren eingeschlossen betrachtet
Die Wissenschaft würde alle diese verschiedenen Operationen umfassen und
durch eine sehr einfache Definition würde noch ein weiterer Vorteil erreicht
werden wenn wir durch eine von hohen Autoritäten sanktionierte Ausdehnung der
Bedeutung des Wortes die Logik definieren würden »als die Wissenschaft welche
von den Operationen des menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit
handelt« denn diesem letzten Zweck sind Benennung Klassifikation Definition
und alle anderen Operationen über welche die Logik jemals eine Herrschaft
beanspruchte wesentlich dienstbar Sie können alle als Kunstgriffe betrachtet
werden welche uns befähigen sollen die nötigen Wahrheiten zu wissen und zwar
genau in dem Augenblicke zu wissen wo wir ihrer bedürfen Diese Operationen
dienen in der That auch noch anderen Zwecken zB dem Zweck unser Wissen
Anderen mitzuteilen Aber unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wurden sie
niemals als dem Bereich der Logik zugehörig angesehen Die Leitung der eigenen
Gedanken ist der einzige Gegenstand der Logik die Mittheilung dieser Gedanken
an Andere ist die Sache der Rhetorik in dem weiteren Sinne in welchem diese
Kunst von den Alten aufgefasst wurde oder auch die Sache der noch
ausgedehnteren Kunst der Erziehung Die Logik nimmt nur Kenntnis von unseren
Geistesoperationen in dem Maß als sie uns selbst zum Wissen und zur
Herrschaft über dieses Wissen behufs der eigenen Anwendung führt Wenn es in dem
ganzen Weltall nur ein einziges vernünftiges Wesen gäbe und dieses Wesen wäre
der vollkommenste Logiker so würde die Wissenschaft und die Kunst der Logik für
dieses einzige Wesen dieselbe sein wie für das ganze Menschengeschlecht
4 Wenn aber die vorher geprüfte Definition zu wenig einschloss so fallt
die nun gegebene in den entgegengesetzten Fehler
Wir erkennen die Wahrheiten auf zweierlei Weise manche werden direkt und
von selbst erkannt manche vermittelst anderer Wahrheiten Die ersteren sind
Gegenstand der Anschauung Intuition oder des Bewusstseins1 die letzteren der
Folgerung Die durch Anschauung erkannten Wahrheiten sind die ursprünglichen
Prämissen aus denen alle anderen gefolgert werden Da sich unsere Zustimmung zu
dem Schluss auf die Wahrheit der Prämissen gründet so könnten wir niemals durch
Schließen zu irgend einer Erkenntnis gelangen wenn nicht etwas dem Schließen
Vorausgehendes erkannt werden könnte
Beispiele von Wahrheiten die uns durch das unmittelbare Bewusstsein bekannt
werden sind unsere körperlichen Empfindungen und geistigen Gefühle Ich weiß
direkt aus meiner eigenen Erkenntnis dass ich gestern geärgert wurde und heute
hungrig bin Beispiele von Wahrheiten die wir nur vermittelst des Folgerns
erkennen sind Ereignisse welche während unserer Abwesenheit stattfanden die
von der Geschichte aufgezeichneten Begebenheiten oder die Lehrsätze der
Mathematik Die beiden ersteren folgern wir aus dem beigebrachten Zeugnis oder
aus den noch vorhandenen Spuren jener vergangenen Ereignisse die letzteren aus
den Prämissen welche in den Büchern über Geometrie unter dem Titel Lehrsätze
und Axiome enthalten sind Was wir nur immer zu erkennen fähig sind gehört der
einen oder der andern dieser Classen an muss in der Anzahl der ursprünglichen
Data oder der Schlüsse welche daraus gezogen werden können enthalten sein
Mit den ursprünglichen Datis oder letzten Prämissen unserer Erkenntnis mit
ihrer Zahl oder Natur der Art in welcher wir zu ihnen gelangen oder den
Mitteln durch welche sie unterschieden werden können hat die Logik so wie ich
die Wissenschaft verstehe direkt wenigstens nichts zu tun Diese Fragen sind
zum Teil nicht Gegenstand der Wissenschaft überhaupt zum Teil einer ganz
andern Wissenschaft
Was wir durch das Bewusstsein durch die Anschauung erkannt haben
schließt die Möglichkeit des Zweifels aus was jemand körperlich oder geistig
sieht oder fühlt davon ist er sicher dass er es sieht oder fühlt Behufs
solcher Wahrheiten bedarf es keiner Wissenschaft keine Kunstregeln können unser
Wissen in dieser Beziehung gewisser machen als es an und für sich ist Für
diesen Teil unserer Erkenntnis gibt es keine Logik
Wir mögen uns aber einbilden dass wir sehen oder fühlen was wir in
Wirklichkeit folgern Newton sah die Wahrheit vieler Sätze der Geometrie ohne
die Beweise zu lesen aber gewiss nicht ohne dass die letzteren durch seinen
Geist blitzten Von einer Wahrheit oder einer supponierten Wahrheit welche
wirklich das Ergebnis einer sehr raschen Folgerung ist kann es scheinen als
wäre sie intuitiv erkannt Die Denker der entgegengesetztesten Schulen stimmten
lange darin überein dass dieser Irrtum in dem so gewöhnlichen Fall des Sehens
tatsächlich begangen wird Nichts scheinen wir direkter zu erkennen als die
Entfernung eines Gegenstandes von uns Man hat indessen schon längst erkannt
dass das was das Auge gewahrt höchstens eine verschieden gefärbte Fläche ist
dass wenn wir uns einbilden eine Entfernung zu sehen wir in der That nur
gewisse Abwechslungen von scheinbarer Größe und Färbung sehen und dass unsere
Schätzung der Entfernung eines Gegenstandes das Resultat einer Vergleichung die
so rasch gemacht wird dass wir uns dessen nicht bewusst sind zwischen der
Größe und Farbe des Gegenstandes ist wie sie zur Zeit erscheinen und der
Größe und Farbe desselben oder ähnlicher Gegenstände wie sie in unserer Nähe
oder auch wie sie erschienen als ihre Entfernung durch andere Mittel erwiesen
wurde Die Perzeption der Entfernung durch das Auge welche der Intuition so
ähnlich sieht ist also in Wirklichkeit eine auf Erfahrung gegründete Folgerung
und noch dazu eine Folgerung welche wir zu machen lernen und welche wir in dem
Maß als unsere Erfahrung wächst mehr oder weniger richtig machen obgleich
sie in gewöhnlichen Fällen so schnell stattfindet dass sie genau jenen
Wahrnehmungen des Gesichtes gleichkommt welche wirklich intuitiv sind nämlich
den Wahrnehmungen der Farbe2 Von der Wissenschaft welche die Operationen des
menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit erklärt ist demnach
die Frage ein wesentlicher Teil welche Tatsachen sind Gegenstand der
Anschauung und des Bewusstseins und welche sind ein Ergebnis des bloßen
Folgerns Diese Frage wurde indessen niemals als ein Teil der Logik betrachtet
Sie findet ihren Platz in einem wohl unterschiedenen Teil der Wissenschaft dem
vielmehr der Name Metaphysik zukommt in jenem Teil der spekulativen
Philosophie welcher zu bestimmen sucht welcher Teil von dem Geistesgeräte
ursprünglich zu dem Geist gehört und welcher Teil aus Material besteht das
von außen beigebracht wurde Dieser Wissenschaft gehören die großen und
vielbesprochenen Fragen über die Existenz der Materie die Existenz des Geistes
und des Unterschiedes zwischen ihm und der Materie die Realität zwischen Zeit
und Raum als Dinge außerhalb des Geistes und unterscheidbar von den
Gegenständen von denen man sagt sie existieren in ihnen di in Raum und Zeit
Denn bei dem gegenwärtigen Zustand der Diskussion dieser Gegenstände wird fast
allgemein zugegeben dass die Existenz der Materie oder des Geistes der Zeit
oder des Raumes ihrer Natur nach des Beweises nicht fähig ist und dass wenn
wir etwas von diesen erkennen es durch unmittelbare Anschauung sein muss
Derselben Wissenschaft gehören die Untersuchungen über die Natur der
Vorstellung der Wahrnehmung des Gedächtnisses und des Glaubens an es sind
dies alles Operationen des Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit mit
welchen aber als Phänomene des Geistes der Logiker eben so wenig zu tun hat
als mit der Möglichkeit oder Unmöglichkeit sie in einfachere Phänomene zu
zerlegen Auch die folgenden und alle analogen Fragen müssen jener Wissenschaft
zugewiesen werden Wie weit sind unsere geistigen Fähigkeiten und unsere
Empfindungen angeboren wie weit Resultate der Assoziation sind Gott und
Pflicht Realitäten deren Existenz uns vermöge der Beschaffenheit unserer
Vernunft a priori klar ist oder sind unsere Ideen von ihnen erworbene
Vorstellungen deren Ursprung wir verfolgen und erklären können und ferner die
Realität der Gegenstände selbst eine Frage nicht des Bewusstseins oder der
Anschauung sondern des Beweisens und Schließens
Das Bereich der Logik muss auf jenen Teil unserer Erkenntnis beschränkt
werden der aus Folgerungen aus vorherbekannten Wahrheiten besteht
gleichgültig ob diese vorausgehenden Data allgemeine Urteile oder besondere
Beobachtungen und Wahrnehmungen sind Die Logik ist nicht die Wissenschaft des
Glaubens sondern die Wissenschaft des Beweises oder der Evidenz Soweit der
Glaube sich auf den Beweis zu stützen vorgibt ist es die Aufgabe der Logik
ein Prüfemittel zu liefern wodurch bestimmt werden kann ob derselbe wohl
begründet ist oder nicht mit den Ansprüchen jedoch welche irgend ein Urteil
auf den Beweis die Evidenz der Anschauung hin di also ohne Beweis in dem
eigentlichen Sinn des Wortes auf Glauben macht hat die Logik nichts zu
schaffen
8 Da bei weitem der größte Teil unseres Wissens sei es allgemeiner
Wahrheiten oder besonderer Tatsachen offenbar aus Folgerungen besteht so ist
fast das Ganze nicht allein der Wissenschaft sondern auch der menschlichen
Handlungsweise überhaupt der Autorität der Logik unterworfen Folgerungen ziehen
ist das große Geschäft des Lebens genannt worden Ein jeder hat täglich
stündlich in jedem Augenblick Tatsachen zu prüfen welche er nicht direkt
beobachtet hat und zwar nicht zu dem allgemeinen Zweck der Vermehrung seines
Wissens sondern weil die Tatsachen selbst für seine Interessen und
Beschäftigungen von Wichtigkeit sind Die Geschäfte der Magistratsperson des
militärischen Befehlshabers des Seefahrers des Arztes oder des Landwirts
bestehen nur in der Beurteilung von Beweisen der Evidenz und in dem Handeln
danach Sie alle haben gewisse Tatsachen zu bestimmen um sodann gewisse Regeln
anzuwenden welche sie entweder selbst erfunden oder welche ihnen andere als
eine Richtschnur vorgeschrieben haben und je nachdem sie dies gut oder übel
tun erfüllen sie gut oder übel die Pflichten ihres Berufes Es ist dies die
einzige Beschäftigung von welcher der Geist niemals befreit ist und ist der
Gegenstand nicht der Logik sondern der Erkenntnis im Allgemeinen
Die Logik ist indessen nicht einerlei mit Wissen obgleich das Feld der
Logik ebenso ausgedehnt ist als das des Wissens Die Logik ist der gemeinsame
Richter aller besonderen Untersuchungen sie unternimmt es nicht Beweise zu
finden sondern zu bestimmen ob sie gefunden worden sind Die Logik beobachtet
weder noch erfindet oder entdeckt sie sondern sie urteilt und richtet Es ist
nicht die Sache der Logik dem Wundarzt zu erklären von welchen Erscheinungen
ein gewaltsamer Tod begleitet ist er muss dies von seiner eigenen Beobachtung
und Erfahrung oder von der seiner Vorgänger in dieser besonderen Beschäftigung
lernen aber die Logik sitzt darüber zu Gericht ob diese Beobachtung und
Erfahrung hinreichend ist um seine Regeln und ob seine Regeln hinreichend
sind um sein Verfahren zu rechtfertigen Sie liefert Ihm keine Beweise aber
sie lehrt ihm was diese zu Beweisen macht und wie er sie zu beurteilen hat
Sie lehrt nicht dass irgend eine besondere Tatsache eine andere beweist
sondern sie zeigt welchen Bedingungen alle Tatsachen entsprechen müssen um
andere Tatsachen zu beweisen Die Entscheidung ob eine gegebene Tatsache
diese Bedingungen erfüllt oder ob in einem gegebenen Falle Tatsachen
aufzufinden sind welche sie erfüllen gehört ausschließlich der besonderen
Kunst oder Wissenschaft oder unserer Kenntnis des besonderen Gegenstandes an
In diesem Sinne ist die Logik was Bacon so bezeichnend ars artium nennt
die Wissenschaft der Wissenschaft selbst Alle Wissenschaft besteht aus Datis
und aus Schlüssen die aus diesen Datis gezogen wurden aus Beweisen und aus
dem was durch diese bewiesen wird die Logik zeigt nun aber welche Beziehungen
stattfinden müssen zwischen Datis und dem was aus ihnen geschlossen werden
kann zwischen einem Beweis und dem was damit bewiesen werden kann Wenn solche
unumgängliche Beziehungen stattfinden und genau bestimmt werden können so muss
ein jeder besondere Zweig der Wissenschaft sowohl als ein jedes Individuum bei
der Führung seiner Geschäfte sich danach richten und zwar bei Strafe falsche
Folgerungen oder Schlüsse zu ziehen welche nicht auf die Realität der Dinge
gegründet sind Was nur immer zu irgend einer Zeit richtig geschlossen worden
ist welches Wissen wir nur immer auf anderm Wege als durch unmittelbare
Anschauung erworben haben hängt von der Beobachtung der Gesetze ab deren
Untersuchung dem Bereich der Logik angehört Sind die Schlüsse richtig und ist
das Wissen ein reelles so sind jene Gesetze bewusst oder unbewusst beobachtet
worden
6 In Beziehung auf die oft angeregte Frage wegen der Nützlichkeit der
Logik brauchen wir also keine weitere Lösung zu suchen Wenn eine Wissenschaft
der Logik existiert oder existieren kann so muss sie nützlich sein Wenn es
Regeln gibt nach denen sich jeder Verstand in einem jeden Fall in welchem er
richtig geschlossen hat wissentlich oder unwissentlich richtet so scheint es
kaum nötig zu erörtern ob es wahrscheinlicher ist dass einer diese Regeln
beobachten wird wenn er sie kennt als wenn er sie nicht kennt
Eine Wissenschaft kann ohne Zweifel auf eine gewisse Höhe gebracht werden
ohne die Anwendung einer andern Logik als derjenigen welche alle Menschen die
einen gesunden Verstand besitzen im Verlauf ihrer Studien empirisch erlangen
Die Menschen urteilten über den Beweis und zwar häufig ganz richtig ehe die
Logik eine Wissenschaft war auch würden sie dieselbe sonst niemals zu einer
Wissenschaft haben machen können sie führten große mechanische Arbeiten aus
ehe sie die Gesetze der Mechanik kannten Es gibt aber eine Grenze sowohl in
Beziehung auf das was die Mechaniker ohne die Grundsätze der Mechanik als auf
das was die Denker ohne die Grundsätze der Logik zu leisten vermögen Wenige
ungewöhnlich begabte Individuen mögen die Resultate der Wissenschaft
antizipieren der größte Teil der Menschen aber muss entweder die Theorie von
dem was er tut verstehen oder er muss Regeln haben welche von denjenigen
welche die Theorie verstanden haben aufgestellt worden sind Bei dem
Fortschreiten der Wissenschaft von der leichtesten zu der schwierigsten Aufgabe
hatte jeder große Schritt vorwärts gewöhnlich als seinen Vorläufer oder als
seinen Begleiter und seine notwendige Bedingung eine entsprechende
Verbesserung in den Begriffen und den Prinzipien der Logik wie sie von den
besten Denkern aufgefasst wurde Und wenn mehrere der schwierigeren
Wissenschaften noch in einem so mangelhaften Zustand sind wenn in ihnen nicht
allein so wenig bewiesen wird sondern wenn der Streit über das wenige Bewiesene
sogar nicht enden zu wollen scheint so liegt der Grund vielleicht darin dass
die logischen Begriffe der Menschen noch nicht jenen Grad von Ausdehnung und
Genauigkeit erlangt haben welche für die Beurteilung des jenen besonderen
Teilen der Wissenschaft zugehörigen Beweises erforderlich sind
7 Die Logik ist also die Wissenschaft von den Verstandesoperationen
welche zur Schätzung des Beweises dienen sowohl des Prozesses selbst von
unbekannten Wahrheiten zu bekannten zu schreiten als auch von allen anderen
geistigen Operationen welche hierbei Hülfe leisten Sie schließt daher die
Operation des Benennens ein denn die Sprache ist sowohl ein Instrument des
Gedankens als auch ein Mittel die Gedanken mitzuteilen Sie schließt ebenso
die Definition und Klassifikation ein denn diese Operation wenn wir nur unsern
eigenen Geist und nicht den von Anderen in Betracht ziehen dient nicht allein
dazu unsere Beweise und die Schlüsse aus ihnen unvergänglich und dem
Gedächtnis zugänglich zu erhalten sondern auch die Tatsachen welche wir zu
einer beliebigen Zeit untersuchen wollen so anzuordnen dass wir im Stande
sind deutlicher wahrzunehmen welcher Beweis vorhanden ist und dass wir in
unserm Urteil über dessen Zulänglichkeit dem Irrtum weniger ausgesetzt sind
Es sind daher Operationen welche speziell zur Schätzung des Beweises dienen
und fallen als solche in das Bereich der Logik Es gibt noch andere mehr
elementare Prozesse wie Vorstellung Gedächtnis und dergleichen welche bei
dem Denken in Betracht kommen es ist indessen nicht nötig dass die Logik von
ihnen besondere Kenntnis nehme indem sie mit der Aufgabe des Beweisens in
keiner andern speziellen Verbindung stehen als dass sie dieselben wie alle
anderen an den Verstand gerichteten Aufgaben voraussetzt
Unser Ziel also ist der Versuch einer richtigen Analyse des geistigen
Schließen und Folgern genannten Prozesses und derjenigen geistigen
Operationen welche denselben erleichtern sollen so wie auch auf diese Analyse
gestützt und pari passu mit ihr ein System von Regeln aufzustellen um die
Zulänglichkeit eines gegebenen Beweises wodurch ein gegebenes Urteil bewiesen
werden soll zu prüfen In Beziehung auf den ersten Teil dieses Unternehmens
versuche ich nicht die in Frage stehenden Geistesoperationen in ihre letzten
Elemente zu zerlegen Es ist hinreichend wenn die Analyse so weit sie geht
richtig ist und wenn sie für die praktischen Zwecke einer als eine Kunst
betrachteten Logik weit genug geht Die Trennung eines verwickelten Phänomens in
seine Bestandteile gleicht durchaus nicht einer zusammenhängenden Kette von
Beweisen Wenn ein Glied eines Argumentes bricht so fällt das Ganze zu Boden
aber ein Schritt vorwärts in einer Analyse bleibt bestehen und besitzt einen
unabhängigen Werth wenn wir auch niemals einen zweiten Schritt vorwärts tun
können Die Resultate der analytischen Chemie sind nicht weniger wertvoll wenn
man die Entdeckung machen sollte dass alles was wir jetzt einfache Substanzen
nennen in der That Verbindungen sind Auf jeden Fall sind alle anderen Dinge
aus diesen Elementen zusammengesetzt ob die Elemente selbst eine weitere
Zerlegung zulassen ist an und für sich eine wichtige Frage sie berührt aber
nicht die Gewissheit der bis zu diesem Punkt gelangten Wissenschaft
Ich werde demnach versuchen den Prozess des Folgerns und die demselben
untergeordneten Prozesse nur so weit zu analysieren als es erforderlich ist um
den Unterschied zwischen einer richtigen und einer unrichtigen Ausführung dieser
Prozesse zu bestimmen Der Grund einer solchen Beschränkung meiner Absicht ist
klar Es ist von den Gegnern der Logik bemerkt worden dass wir unsere Muskeln
nicht dadurch stärken dass wir ihre Anatomie studieren Die Tatsache ist aber
nicht ganz richtig angegeben denn wenn der Gebrauch einer unserer Muskeln durch
örtliche Schwäche oder andere physische Mängel fehlerhaft wird so mag die
Kenntnis ihrer Anatomie für die Heilung wohl nötig werden Jene Einwürfe wären
indessen ganz gerecht wenn wir in einer Abhandlung über die Logik die Analyse
des Prozesses des Schließens über den Punkt hinaus führen würden bei welchem
eine Ungenauigkeit welche sich eingeschlichen haben könnte ersichtlich wird
Wenn wir um den Vergleich fortzusetzen körperliche Übungen erlernen so
müssen wir die Bewegungen des Körpers so weit analysieren als es nötig ist um
zwischen auszuführenden und nicht auszuführenden Bewegungen zu unterscheiden
Bis zu einer ähnlichen Ausdehnung und nicht weiter muss der Logiker die
geistigen Prozesse analysieren welche die Logik angehen Eine jede weitere
Analyse nun dem Metaphysiker überlassen werden welcher bei diesem wie bei
jedem andern Teil unserer geistigen Natur entscheidet was letzte Tatsachen
sind und was in andere Tatsachen zerlegbar ist Auch glaube ich dass man
finden wird dass die Schlüsse zu denen das vorliegende Werk gelangt in keiner
notwendigen Verbindung mit irgend besonderen Ansichten bezüglich der letzten
Analyse stehen Die Logik ist ein gemeinsamer Grund auf welchem sich die
Anhänger von Hartley und von Reid von Locke und von Kant begegnen und die Hände
reichen können Besondere und einzelne Meinungen aller dieser Denker werden ohne
Zweifel gelegentlich bestritten werden indem sie alle sowohl Logiker als auch
Metaphysiker waren aber das Feld auf welchem sie ihre Hauptschlachten
lieferten liegt außerhalb der Grenzen unserer Wissenschaft
Es kann in der That nicht behauptet werden dass logische Prinzipien für
jene abstrusen Untersuchungen gänzlich bedeutungslos sein können auch ist es
möglich dass die Anschauung welche wir von der Aufgabe der Logik haben für
die Annahme der einen Ansicht über diese viel bestrittenen Gegenstände günstiger
stimmt als für die andere denn indem die Metaphysik ihre eigene Aufgabe zu
lösen sucht muss sie Mittel gebrauchen über deren Gültigkeit die Logik zu
entscheiden hat Ihr Verfahren besteht ohne Zweifel so lange als möglich bloß
in einer genauem und aufmerksamem Befragung unseres Bewusstseins oder besser
gesagt unseres Gedächtnisses und so weit ist sie der Logik nicht unterworfen
wo aber diese Methode für die Erreichung des Zweckes ihrer Untersuchungen
unzureichend ist muss sie wie andere Wissenschaften zu dem Beweise greifen
Aber von dem Augenblicke an wo diese Wissenschaft Folgerungen aus dem Beweise
zu ziehen beginnt wird die Logik der oberste Richter darüber ob ihre
Folgerungen wohl begründet sind oder welche andere Folgerungen es sein würden
Dies stellt indessen keine nähere und auch keine andere Beziehung zwischen
der Logik und der Metaphysik her als zwischen der Logik und allen anderen
Wissenschaften besteht und ich kann mit gutem Gewissen versichern dass kein in
diesem Werke ausgesprochener Satz in der Absicht angenommen worden ist um
vorgefasste Meinungen in irgend einem Zweige des Wissens oder Untersuchens
worüber die spekulative Welt noch unentschieden ist aufzustellen oder auch nur
wegen der Verwendbarkeit des Satzes zu einem solchen Zwecke
»La scolastique qui produisit dans la logique comme dans la
morale et dans une partie de la metaphysique une subtilité une
précision didées dont lhabitude inconnue aux anciens a contribué
plus quon ne croit au progrès de la bonne philosophie« Condorcet
Vie de Turgot
»Den Schulgelehrten Scholastikern verdanken die Vulgärsprachen
hauptsächlich was sie an Präzision und analytischer Schärfe
besitzen« Sir W Hamilton Discussions in Phylosophy
1 Es ist bei den über Logik Schreibenden so sehr der allgemeine
Gebrauch ihre Abhandlungen mit einigen allgemeinen obschon meistens etwas
mageren Bemerkungen über die verschiedenen Arten von Wörtern zu beginnen dass
es bei der bloßen Befolgung nies allgemeinen Gebrauchs für mich kaum nötig
sein dürfte für dieses Verfahren so weitläufige Gründe anzugeben als man
gewöhnlich von denjenigen erwartet welche in anderer Weise verfahren
Der Gebrauch empfiehlt sich in der That durch so einleuchtende Gründe dass
er keiner förmlichen Rechtfertigung bedarf Die Logik ist ein Teil der Kunst
des Denkens Die Sprache ist offenbar und nach dem Eingeständnis aller
Philosophen das Hauptwerkzeug oder Hilfsmittel des Denkens und irgend eine
Unvollkommenheit in dem Instrument und der Art seines Gebrauches kann hier
unleugbar den Gedankenprozess eher verwirren und verhindern und einen jeden
Grund von Vertrauen in dessen Resultat eher zerstören als in fast einer jeden
andern Kunst Denn wenn ein mit der Bedeutung und Bern richtigen Gebrauch der
verschiedenen Arten von Wörtern noch nicht vertrauter Geist die Methoden des
Philosophierens zu studieren versucht so heißt das gerade so viel als wenn
irgend jemand der nie gelernt hat optische Instrumente richtig einzustellen
versuchen wollte astronomische Beobachtungen zu machen
Da Schließen oder Folgern der Hauptgegenstand der Logik eine Operation
ist welche gewöhnlich vermittelst der Wörter stattfindet und in verwickelten
Fällen in keiner andern Weise stattfinden kann so wird die Gefahr unrichtig zu
schließen oder zu folgern bei denjenigen welche nicht eine gründliche
Kenntnis von der Bedeutung und dem Zweck der Wörter haben sich fest zur
Gewissheit erheben Auch haben die Logiker allgemein gefühlt dass wenn sie
nicht von vorn herein diese reiche Quelle des Irrtums entfernten dass wenn sie
ihre Schüler nicht lehrten die die Gegenstände verzerrenden Gläser
hinwegzulegen und Gläser zu gebrauchen welche dem Zwecke so angepasst sind dass
sie das Sehen unterstützen und nicht verwirren sie niemals im Stande sein
würden den übrigen Teil ihrer Lehre mit einer Aussicht auf Erfolg anzuwenden
Eine Untersuchung der Sprache so weit sie nötig ist um gegen die Irrtümer zu
schützen zu denen dieselbe Veranlassung gibt ist deshalb zu allen Zeiten als
eine notwendige Einleitung in das Studium der Logik betrachtet worden
Es gibt aber noch einen andern fundamentaler Grund warum die Bedeutung
der Wörter der erste Gegenstand der Betrachtung des Logikers sein sollte ohne
dieselbe nämlich kann er die Bedeutung der Urteile nicht untersuchen Dieser
Gegenstand steht aber an der Schwelle der Wissenschaft der Logik
Nach der Definition des einleitenden Kapitels ist der Gegenstand der Logik
zu bestimmen auf welche Weise wir zu demjenigen Teil unserer Erkenntnis bei
weitem der größte Teil gelangen welcher nicht intuitiv ist und durch
welches Kennzeichen man bei nicht von selbst einleuchtenden Gegenständen
unterscheiden kann zwischen bewiesenen und nicht bewiesenen Dingen zwischen
dem was glaubwürdig und dem was nicht glaubwürdig ist Manche der
verschiedenen Fragen welche sich unserm Forschungsvermögen darbieten empfangen
eine Antwort von dem direkten Bewusstsein andere wenn sie überhaupt zu
beantworten sind können nur vermittelst des Beweises gelöst werden Die
letzteren sind Gegenstand der Logik Aber ehe wir die Art und Weise untersuchen
wie Fragen gelöst werden ist es nötig zu untersuchen welche Fragen sich
darbieten welche Fragen sind denkbar welche Fragen gibt es auf welche die
Menschen entweder eine Antwort erhalten haben oder von denen sie denken
konnten dass es möglich wäre eine Antwort darauf zu erhalten Dieser Punkt
wird am besten durch eine Untersuchung und Analyse der Urteile aufgeklärt
2 Die Antwort auf eine jede Frage die möglicherweise gestellt werden
kann ist in einem Urteil Proposition oder einer Behauptung Assertion
enthalten Alles was ein Gegenstand des Glaubens oder Unglaubens sein kann
muss wenn es in Worte gefasst wird die Form eines Urteils annehmen Alle
Wahrheit und aller Irrtum liegen in Urteilen Was wir einer bequemen
Missanwendung des abstrakten Wortes nach eine Wahrheit nennen heißt einfach
ein wahres Urteil die Irrtümer sind falsche Urteile Den Inhalt und die
Bedeutung aller möglichen Urteile wissen hieße alle Fragen wissen welche
gestellt werden können alle Gegenstände wissen welche fähig sind geglaubt
oder nicht geglaubt zu werden
Wie viele Arten von Fragen gestellt wie viele Arten von Urteilen gefällt
werden können wie viele Arten von eine Bedeutung einschließenden Urteilen
es möglich ist aufzustellen alles dieses sind nur verschiedene Formen einer und
derselben Frage Da also alle Gegenstände des Glaubens und Forschens durch
Urteile ausgedrückt werden so wird uns eine genügende Untersuchung der
Urteile und ihrer Arten lehren welche Fragen sich die Menschen wirklich
gestellt haben und was sie in der Natur der Antworten auf diese Fragen für
glaubwürdig hielten
Der erste Blick auf ein Urteil zeigt nun dass es dadurch gebildet wird
dass man zwei Wörter aneinander fügt Nach der gewöhnlichen einfachen und für
ungern Zweck hinreichenden Definition ist ein Urteil eine Aussage in welcher
etwas von etwas bejaht affirmiert oder verneint negiert wird So wird in dem
Urteil Gold ist gelb die Eigenschaft gelb von der Substanz Gold bejaht In
dem Urteil Franklin war nicht in England geboren wird die durch die Worte in
England geboren ausgedrückte Tatsache von dem Menschen Franklin verneint
Ein jedes Urteil besteht aus drei Teilen dem Subjekt dem Prädikat und
der Copula Das Prädikat ist der Name welcher angibt was behauptet oder
verneint wird Das Subjekt ist der Name welcher die Person oder das Ding
bezeichnet wovon etwas behauptet oder verneint wird Die Copula ist das
Zeichen welches anzeigt dass eine Behauptung oder eine Verneinung stattfindet
und dadurch den Hörer oder Leser in den Stand setzt ein Urteil von irgend
einer andern Redeform zu unterscheiden So ist in dem Urteil die Erde ist
rund das Wort rund das Prädikat welches die behauptete Eigenschaft bezeichnet
oder wie der Ausdruck ist aussagt prädiziert die Erde zwei Wörter die den
Gegenstand bezeichnen von welchem diese Eigenschaft behauptet wird bilden das
Subjekt das Wort ist welches als Verbindungszeichen von dem Subjekt und
Prädikat dient um zu zeigen dass das eine von dem andern behauptet wird
heißt die Copula
Indem wir einstweilen die Copula von welcher später mehr gesagt werden
wird bei Seite lassen besteht also ein jedes Urteil aus wenigstens zwei
Namen bringt zwei Namen in einer besonderen Weise zusammen Es geht hieraus
hervor dass für den Akt des Glaubens ein Gegenstand nicht hinreichend ist der
einfachste Glaubensakt setzt voraus und hat etwas zu tun mit zwei Gegenständen
zum wenigsten mit zwei Namen und da die Namen Namen von Etwas sein müssen mit
zwei benennbaren Dingen Viele Denker würden dies kurz fassen und sagen zwei
Ideen Sie würden sagen dass beide Subjekt und Prädikat Namen von Ideen sind
zB die Idee von Gold und die Idee von gelb und dass das was in dem
Glaubensakt stattfindet oder ein Teil von dem was stattfindet darin
besteht dass wie es oft ausgedrückt wird die eine dieser Ideen der andern
untergeordnet wird Wir sind indessen noch nicht im Stande dies zu sagen und
ob es überhaupt die richtige Art ist das Phänomen zu beschreiben bleibt einer
späteren Betrachtung vorbehalten Das Resultat womit wir uns für jetzt begnügen
müssen ist dass in einem jeden Glaubensakt zwei Gegenstände auf irgend eine
Weise in Betracht gezogen werden dass kein Glaube verlangt oder keine Frage
gestellt werden kann welche nicht zwei unterschiedene Gedankenobjekte
materielle oder intellektuelle umfassen wovon jedes allein der Vorstellung
zugänglich ist oder nicht aber nicht für sich allein geglaubt werden kann
Ich kann zB sagen »die Sonne« Das Wort hat eine Bedeutung und erweckt
diese Bedeutung in dem Geiste eines jeden der mir zuhört Wenn ich aber frage
ob es wahr ist so kann man mir keine Antwort geben Es ist noch nichts
vorhanden was geglaubt oder nicht geglaubt werden kann Wenn ich nun von allen
möglichen Behauptungen in Beziehung auf die Sonne diejenige aufstelle welche am
wenigsten irgend einen andern Gegenstand berücksichtigt zB die »die Sonne
existiert« so hat man hier sogleich etwas wovon jemand sagen kann dass er es
glaube Wir haben aber hier statt nur eines zwei verschiedene Gegenstände der
Vorstellung wovon der eine die Sonne der andere die Existenz ist Es kann
nicht gesagt werden dass diese zweite Vorstellung Existenz in der ersten
eingeschlossen liege denn man kann sich die Sonne als nicht mehr existierend
vorstellen »Die Sonne« teilt nicht dieselbe Bedeutung mit wie »die Sonne
existiert« »mein Vater« schließt nicht dieselbe Meinung ein wie »mein Vater
existiert« denn er kann gestorben sein »ein rundes Viereck« schließt nicht die
Bedeutung ein »ein rundes Viereck existiert« denn es existiert nicht und kann
nicht existieren Wenn ich sage »die Sonne« »mein Vater« oder »ein rundes
Viereck« so fordere ich von dem Hörer weder Glauben noch Unglauben auch kann
mir der eine oder der andere nicht geschenkt werden wenn ich aber sage »die
Sonne existiert« »mein Vater existiert« oder »ein rundes Viereck existiert« so
fordere ich Glauben auch würde mir dieser in dem ersteren der drei Fälle
geschenkt werden in dem zweiten würde ich je nach den Umständen Glauben oder
Unglauben finden in dem dritten nur Unglauben
3 Dieser erste Schritt in der Analyse von dem Gegenstand des Glaubens
welchen man obgleich an und für sich sehr einleuchtend nicht für unwichtig
halten wird ist der einzige den wir ohne eine vorläufige Untersuchung der
Sprache für ausführbar erachten Wenn wir auf demselben Wege weiter zu gehen
dh die Bedeutung der Urteile weiter zu analysieren versuchen so drängt sich
uns als ein Gegenstand vorläufiger Betrachtung die Bedeutung der Namen auf denn
ein jedes Urteil besteht aus zwei Namen und ein jedes Urteil behauptet oder
verneint den einen oder den andern dieser Namen Es muss nun aber das was wir
tun was in unserm Geist vorgeht wenn wir zwei Namen von einander behaupten
oder verneinen von dem abhängen von was sie die Namen sind denn in Beziehung
auf das und nicht auf die bloßen Namen selbst affirmieren oder negieren wir Wir
finden also hier einen neuen Grund warum die Bedeutung der Namen und die
Beziehungen zwischen den Namen und den durch sie bezeichneten Dingen den ersten
Platz in der Untersuchung einnehmen müssen mit welcher wir beschäftigt sind
Man könnte einwerfen dass die Bedeutung der Namen uns höchstens nur zu den
Meinungen zu den möglicherweise törichten und grundlosen Meinungen führen
könne welche sich die Menschen in Beziehung auf die Dinge gebildet haben und
dass da der Gegenstand der Philosophie Wahrheit und nicht Meinung ist der
Philosoph die Namen fallen lassen und auf die Dinge selbst sehen sollte um zu
bestimmen welche Fragen in Beziehung auf sie gestellt und beantwortet werden
können Dieser Rath welchen niemand in seiner Gewalt hat zu befolgen heißt in
Wirklichkeit jemand ermahnen die ganze Frucht der Arbeiten seiner Vorgänger
bei Seite zu setzen und sich selbst so zu benehmen als wenn er der Erste wäre
der jemals ein forschendes Auge auf die Natur gerichtet hätte Wie hoch beläuft
sich denn unsere eigene Kenntnis der Dinge wenn wir alles abziehen was wir
von anderen vermittelst der Wörter erlangt haben Wenn jemand so viel gelernt
hat als man gewöhnlich von anderen lernt werden dann die in seinem
individuellen Geiste enthaltenen Vorstellungen von den Dingen eine ebenso
hinlängliche Basis für einen catalogue raisonné darbieten als die Vorstellungen
in dem Geiste aller Menschen
In einer nicht von den Namen ausgehenden Aufzählung Enumeration und
Klassifikation der Dinge werden natürlich nur solche Arten von Dingen enthalten
sein welche durch den speziellen Forscher erkannt sind und es ist noch durch
eine darauf folgende Prüfung darzutun dass die Aufzählung nichts ausgelassen
hat was hätte eingeschlossen werden sollen Wenn wir aber mit den Namen
beginnen und sie als ein Führer zu den Dingen gebrauchen so überblicken wir
auf einmal alle Unterscheidungen welche nicht von einem einzelnen Forscher
sondern von allen Forschern zusammengenommen erkannt worden sind Man kann ohne
Zweifel und ich glaube man wird finden dass die Menschen die verschiedenen
Arten unnötigerweise vermehrt und Distinktionen zwischen Dingen gebildet
haben wo nur Unterschiede in der Art und Weise sie zu benennen waren Wir sind
aber nicht berechtigt dies gleich im Anfang anzunehmen wir müssen mit der
Anerkennung der Unterscheidungen beginnen welche die gewöhnliche Sprache
gemacht hat Wenn sich einige von diesen bei genauer Prüfung als nicht
fundamental erweisen so wird die Aufzählung der verschiedenen Arten von
Realitäten demgemäß abgekürzt werden können Aber den Tatsachen von vorn
herein das Joch einer Theorie aufzuerlegen während die Fundamente der Theorie
einer späteren Diskussion überlassen bleiben ist kein Verfahren das ein Logiker
vernünftigerweise befolgen kann
1 »Ein Name« sagt Hobbes4 »ist ein Wort das willkürlich als ein
Zeichen gewählt worden ist welches in unserm Geist einen Gedanken erwecken
kann der einem früher gehabten Gedanken gleicht und der wenn er vor anderen
ausgesprochen wird ihnen ein Zeichen sein kann welchen Gedanken der Sprechende
vorher in seinem Geiste hatte«5 Diese einfache Definition eines Namens als
eines Wortes oder einer Reihe von Wörtern welches dem doppelten Zweck dient
uns selbst die Ähnlichkeit früherer Gedanken zurückzurufen und ein Zeichen zu
sein sie anderen kundzugeben scheint untadelhaft Die Namen tun in der That
viel mehr als dieses aber was sie auch immer sonst noch tun mögen so ist es
ein aus diesem hervorgehendes Resultat wie man am geeigneten Orte sehen wird
Ist es besser zu sagen die Namen seien Namen der Dinge oder sie seien
Namen unserer Ideen von den Dingen das erstere ist der Ausdruck des
gewöhnlichen Sprachgebrauches das letztere der Ausdruck einiger Metaphysiker
welche durch dessen Annahme eine höchst wichtige Unterscheidung zu machen
glaubten Auch der eben angeführte hervorragende Denker scheint dieser Meinung
zu sein »Da die in der Sprache aneinander gereihten Wörter« fährt er fort
»Zeichen unserer Vorstellungen sind so ist es offenbar dass sie nicht Zeichen
der Dinge selbst sind denn dass der Laut des Wortes Stein das Zeichen des
Steines sein soll kann nur in dem Sinne verstanden werden dass derjenige
welcher es hört schließt dass derjenige welcher es ausspricht an einen
Stein denkt« Wenn hiermit gemeint ist dass nur an die Vorstellung und nicht an
das Ding selbst durch den Namen erinnert oder dass sie dem Hörer mitgeteilt
wird so kann dies natürlich nicht geleugnet werden Nichtsdestoweniger sind
gute Gründe vorhanden um bei dem gewöhnlichen Gebrauche zu bleiben und das
Wort Sonne den Namen der Sonne und nicht den Namen unserer Idee von der Sonne zu
nennen denn die Namen sollen nicht allein bezwecken bei dem Hörer dieselbe
Vorstellung zu erwecken die wir haben sondern auch ihm mitzuteilen was wir
glauben Wenn ich nun aber einen Namen gebrauche um einen Glauben auszudrücken
so ist es ein Glaube in Beziehung auf das Ding selbst und nicht in Beziehung
auf meine Idee von demselben Wenn ich sage »die Sonne ist die Ursache des
Tages« so meine ich nicht dass meine Idee von der Sonne die Idee des Tages in
mir verursacht oder erregt oder mit anderen Worten dass mich das Denken an die
Sonne anöden Tag denken macht Ich meine aber dass eine gewisse physische
Tatsache welche die Gegenwart der Sonne genannt wird und welche bei der
weitem Analyse in Sensationen und nicht in Ideen aufgelöst wird eine andere
physische Tatsache verursacht welche man den Tag nennt Es scheint geeignet
ein Wort als den Namen von dem zu betrachten was wir verstanden haben wollen
wenn wir das Wort gebrauchen von dem was unter einer Tatsache die wir von
ihm behaupten verstanden werden soll kurz von dem was wir mittheilen wollen
wenn wir das Wort gebrauchen In diesem Werke wird daher immer von den Namen
gesprochen werden als von Namen der Dinge selbst und nicht bloß von unseren
Ideen der Dinge
Es entsteht nun aber die Frage von welchen Dingen für die Beantwortung
dieser Frage ist es nötig die verschiedenen Arten von Namen in Betracht zu
ziehen
2 Es ist gebräuchlich vor der Prüfung der verschiedenen Classen in
welche die Namen gewöhnlich eingeteilt werden von den Namen jeder Art
diejenigen Wörter zu unterscheiden welche nicht Namen sondern nur Theile von
Namen sind Unter diese rechnet man die Partikel wie von zu wahrlich oft
die Beugefälle von Substantiven als mich ihm Johanns und sogar die
Adjektive breit schwer Diese Wörter drücken nicht Dinge aus von denen etwas
behauptet oder verneint werden kann wir können nicht sagen Schwer fiel oder
ein Schwer fiel Wahr oder ein Wahr wurde behauptet oder von Esel war in dem
Zimmer wir müssten denn von den Wörtern selbst sprechen indem wir zB sagen
Wahr ist ein deutsches Wort oder Schwer ist ein Adjektiv Im letzten Falle
sind es vollständige Namen nämlich Namen jener besonderen Laute oder jener
besonderen Reihen von geschriebenen Charakteren Dieser Gebrauch eines Wortes
bloß um die Buchstaben und Silben zu bezeichnen aus denen es besteht wurde
von den Scholastikern suppositio materialis des Wortes genannt In keinem andern
Sinne können wir eines dieser Wörter in das Subjekt eines Urteils einführen
als in der Verbindung mit anderen Wörtern wie Ein schwerer Körper fiel Eine
wahrhaft wichtige Tatsache wurde behauptet Ein Mitglied des Parlaments war
in dem Zimmer
Ein Adjektiv kann indessen als das Prädikat eines Satzes stehen wie wenn
wir sagen der Schnee ist weiß gelegentlich kann es sogar als Subjekt stehen
denn wir können sagen Weiß ist eine angenehme Farbe Von dem Adjektiv sagt man
oft dass es als eine grammatikalische Ellipse gebraucht wird der Schnee ist
weiß anstatt der Schnee ist ein weißer Gegenstand Weiß ist eine angenehme
Farbe anstatt eine weiße Farbe oder die weiße Farbe ist angenehm Die Regeln
der Sprache erlaubten den Griechen und Römern diese Ellipse allgemein sowohl in
dem Subjekt als in dem Prädikat eines Urteils zu gebrauchen Im Englischen kann
dies im Allgemeinen nicht geschehen wir können im englischen sagen die Erde
ist rund wir können aber nicht sagen Hund ist leicht zu bewegen6 wir müssen
sagen Ein runder Gegenstand Diese Unterscheidung ist indessen mehr
grammatikalisch als logisch Da in der Bedeutung von rund und ein runder
Gegenstand kein Unterschied ist so ist es nur der Gebrauch welcher
vorschreibt dass in einem gegebenen Fall das eine und nicht das andere
anzuwenden ist Wir werden daher ohne Skrupel von den Adjektiven als von Namen
sprechen sei es zufolge ihres eigenen Rechtes sei es als von Repräsentanten
der oben erläuterten umständlicheren Ausdrucksweise Die anderen Classen von
Hilfswörtern haben gar keinen Anspruch darauf als Namen betrachtet zu werden
Ein Adverb oder ein Akkusativ kann unter keinerlei Umständen ausgenommen wenn
man von ihren Buchstaben und Silben sprüht als ein Teil eines Satzes
figurieren
Wörter welche nicht als Namen sondern nur als Theile von Namen gebraucht
werden können worden von einigen Scholastikern synkategorematische Ausdrücke
genannt von syn mit und katêgoseô aussagen da sie nur mit einem andern Wort
ausgesagt werden konnten Ein Wort welches sowohl als Subjekt als auch als
Prädikat eines Satzes allein gebraucht werden konnte wurde von denselben
Autoritäten ein kategorematischer Ausdruck genannt Eine Verbindung von einem
oder mehreren kategorematischen Ausdrücken und einem oder mehreren
synkategorematischen Wörtern wie Ein schwerer Körper oder Eine Stätte der
Gerechtigkeit wurden zuweilen ein gemischter Ausdruck genannt dies scheint
aber eine unnötige Vermehrung der technischen Ausdrücke Ein gemischter
Ausdruck ist in dem allein nützlichen Sinne des Wortes kategorematisch er
gehört der Klasse von dem an was man vielwörterige Namen genannt hat
Denn gleich wie ein Wort häufig nicht ein Name sondern nur ein Teil eines
Namens ist so setzt eine Anzahl von Wörtern nur einen einzigen Namen und nicht
mehr zusammen Die Worte »der Ort den die Klugheit oder die Staatskunst des
Altertums für die Residenz der abessinischen Prinzen bestimmt hatte« bilden in
der Meinung des Logikers nur einen einzigen Namen einen kategorematischen
Ausdruck Die Art und Weise zu bestimmen ob eine Reihe von Wörtern nur einen
Namen oder mehrere Namen ausmacht besteht darin dass man etwas von Ihr aussagt
und zusieht ob man durch diese Ausgage nur eine Behauptung gemacht hat oder
mehrere Wenn wir sagen John Nokes welcher Mayor der Stadt war starb gestern
so enthält diese Aussage nur eine Bemerkung worin hervorgeht dass »John
Nokes welcher Mayor der Stadt war« wir ein Name ist und nicht mehr Es ist
wahr dass in diesem Satze außer der Behauptung John Nokes starb gestern noch
eine andere Behauptung eingeschlossen liegt die nämlich dass John Nokes Mayor
der Stadt war Die letztere Behauptung war aber schon gemacht wir machten sie
nicht meiern wir das Prädikat »starb gestern« hinzufügten Wir wollen indessen
annehmen die Worte hätten gelautet »John Nokes und der Mayor der Stadt« so
hätten sie statt eines zwei Namen gebildet Denn wenn wir sagen John Nokes und
der Mayor der Stadt starben gestern so stellen wir zwei Behauptungen auf die
eine dass John Nokes gestern starb die andere dass der Mayor der Stadt
gestern starb
Da es unnötig ist den Gegenstand der vielwörterigen Namen noch weiter zu
erläutern so gehen wir zu den Unterscheidungen über welche zwischen Namen
gemacht worden sind nicht nach den Wörtern aus denen sie zusammengesetzt sind
sondern nach ihrer Bedeutung
3 Alle Namen sind Namen von etwas sei dies etwas wirklich oder
eingebildet reell oder imaginär aber nicht alle Dinge haben Namen welche
ihnen individuell zukommen Für einige individuelle Gegenstände bedürfen wir und
haben wir folglich besondere unterscheidende Namen es gibt einen Namen für
eine jede Person für einen jeden merkwürdigen Ort Andere Gegenstände von
denen wir nicht so häufig zu sprechen Gelegenheit haben bezeichnen wir nicht
mit ihnen eigens zugehörigen Namen wenn sich aber die Notwendigkeit sie zu
bezeichnen einstellt so tun wir dies indem wir mehrere Wörter von denen
jedes allein für eine unbestimmte Anzahl von anderen Gegenständen gebraucht
werden kann und gebraucht wird zusammen stellen so wenn ich sage dieser Stein
indem »dies« und »Stein« Namen und welche außer den speziell gemeinten von
vielen anderen Gegenständen gebraucht werden können obgleich der einzige
Gegenstand von dem sie beide in einem gegebenen Augenblick gebraucht werden
können in Übereinstimmung mit ihrer Bedeutung derjenige ist von welchem ich
zu sprechen wünsche
Wenn dies der einzige Zweck wäre für welchen Namen die mehreren Dingen
gemeinsam sind gebraucht werden können wenn sie nur dazu dienten um durch
gegenseitige Beschränkung eine Bezeichnung für solche individuellen Gegenstände
darzubieten welche keine eigenen Namen haben so könnten sie nur unter die
Erfindungen gerechnet werden welche den Gebrauch der Sprache sparsamer machen
Es ist aber klar dass dies nicht ihre einzige Funktion ist Wir sind durch sie
in den Stand gesetzt allgemeine Urteile zu behaupten auf einmal von einer
unbestimmten Anzahl von Dingen irgend ein Prädikat zu behaupten oder zu
verneinen Die Unterscheidung zwischen allgemeinen Namen und zwischen
individuellen oder einzelnen Namen ist daher fundamental und kann als die erste
große Abtheilung der Namen betrachtet werden
Ein allgemeiner Name Gemeinname wird gewöhnlich definiert als ein Name
welcher in demselben Sinne von jedem einer unbestimmten Anzahl von Dingen
wahrheitsgemäß behauptet werden kann Ein individueller oder einzelner Name
Eigenname ist ein Name welcher in demselben Sinne nur von einem Dinge
wahrhaftig behauptet werden kann
In solcher Weise kann Mensch wahrheitsgemäß von Johann Peter Georg
Marie und ohne angebbare Grenze von anderen Personen behauptet werden und wird
von allen in demselben Sinne behauptete denn das Wort Mensch drückt gewisse
Eigenschaften aus und wenn wir es von diesen Personen aussagen so behaupten
wir dass alle diese Eigenschaften besitzen Aber Johann kann wenigstens in
demselben Sinne nur von einer einzelnen Person wahrheitsgemäß behauptet
werden Denn wenn es auch viele Personen gibt welche diesen Namen führen so
wird er ihnen nicht gegeben um irgend Eigenschaften oder etwas anzuzeigen was
ihnen gemeinsam ist man kann nicht sagen dass er von ihnen in irgend einem
Sinne überhaupt und folglich auch nicht dass er in demselben Sinne behauptet
wird »Der König welcher auf Wilhelm den Eroberer folgte« ist also ein
individueller Name denn dass es jedesmal nur eine Person geben kann von dem er
wahrheitsgemäß behauptet werden kann liegt in der Bedeutung dieser Worte
eingeschlossen Sogar »der König« wenn das darunter verstandene Individuum
durch die Umstände oder durch den Kontext bezeichnet wird darf ganz gerecht als
ein individueller Name betrachtet werden
Es ist nicht ungewöhnlich dass man als eine Erklärung der Bedeutung eines
allgemeinen Namens sagt dass es der Name einer Klasse sei Wenn auch für manche
Zwecke eine bequeme Ausdrucksweise so ist diese Definition doch mangelhaft da
sie das klarere von zwei Dingen durch das unklarere erklärt Es wäre logischer
den Satz umzukehren und ihn in eine Definition des Wortes Klasse zu verwandeln
»Eine Klasse ist die durch einen allgemeinen Namen ausgedrückte unbestimmte
Menge von Individuen«
Es ist nötig zwischen allgemeinen und kollektiven Namen zwischen
Gemeinnamen und Kollectivnamen zu unterscheiden Ein Gemeinname ist ein
solcher der von einem jeden Individuum einer Menge von Individuen ausgesagt
wird ein Kollectivname kann nicht von jedem einzelnen sondern nur von allen
zusammengenommen ausgesagt werden »Das 76ste Regiment Infanterie« was ein
Kollectivname ist ist nicht ein Gemeinname sondern ein individueller Name ein
Eigenname denn obgleich er von einer Menge Soldaten zusammengenommen ausgesagt
werden kann so kann er doch nicht von dem einzelnen ausgesagt werden Wir
können sagen Johann ist ein Soldat und Thomas ist ein Soldat wir können aber
nicht sagen Johann ist das 76ste Regiment Thomas ist das 76ste Regiment und
Schmitt ist das 76ste Regiment Wir können nur sagen Johann Thomas und Schmitt
usw indem wir alle Soldaten anführen sind das 76ste Regiment
»Das 76ste Regiment« ist ein Kollectivname aber kein Gemeinname »ein
Regiment« ist zugleich ein Kollectivname und ein Gemeinname Gemeinname in
Beziehung auf alle einzelnen Regimenter und kann von jedem separat behauptet
werden Kollectivname in Beziehung auf die einzelnen Soldaten aus denen ein
Regiment zusammengesetzt ist
4 Die zweite allgemeine Einteilung der Namen ist die in konkrete und in
abstrakte Ein konkreter Name ist ein Name der für ein Ding ein abstrakter
Name ist ein Name der für ein Attribut steht Johann das Meer dieser Tisch
sind Namen von Dingen Weiß ist der Name eines Dinges oder vielmehr von Dingen
Weiße ist der Name einer Eigenschaft oder eines Attributs dieser Dinge Mensch
ist der Name vieler Dinge Menschlichkeit ist ein Name eines Attribute diener
Dinge Alt ist ein Name von Dingen Alter ist der Name eines ihrer Attribute
Ich habe die Wörter concret und abstrakt in dem Sinne gebraucht der ihnen
von den Scholastikern beigelegt wurde welche ungeachtet der Unvollkommenheit
ihrer Philosophie in dem Aufbau der technischen Sprache unerreicht blieben und
deren Definitionen in der Logik wenigstens obgleich sie nie tief in den
Gegenstand eindrangen bei ihrer Änderung nur verdorben wurden In neuerer Zeit
ist indessen ein Gebrauch entstanden der zwar nicht von Locke selbst eingeführt
wurde der aber durch dessen Beispiel doch sehr an Verbreitung gewann der
Gebrauch nämlich den Ausdruck »abstrakte Namen« auf alle Namen anzuwenden
welche das Resultat der Abstraktion und Generalisation sind anstatt ihn auf die
Namen von Attributen zu beschränken Die Metaphysiker aus der Schule von
Condillac deren Bewunderung für Locke über die tiefsinnigsten Spekulationen
dieses wahrhaft originellen Geistes hinweggeht und mit besonderem Eifer auf den
schwächsten Punkten verweilt haben diesen Missbrauch der Sprache so lange
fortgeübt dass es nun einige Schwierigkeit hat das Wort auf seine
ursprüngliche Bedeutung zurückzubringen Eine mutwilligere Veränderung der
Bedeutung eines Wortes ist selten vorgekommen denn der Ausdruck Gemeinname
dessen genaues Äquivalent sich in allen mir bekannten Sprachen wiederfindet
konnte schon für den Zweck gelten wofür man abstrakt missbrauchte während
dieser Missbrauch jene wichtige Klasse von Wörtern die Namen von Attributen
ohne eine bündige unterscheidende Benennung lässt Die alte Bedeutung kam
indessen nicht so vollständig aus dem Gebrauch dass diejenigen welche ihr noch
anhängen ganz und gar nicht mehr verstanden werden sollten unter abstrakt
verstehe ich darum immer das Entgegengesetzte von concret unter einem
abstrakten Namen den Namen eines Attributs unter einem konkreten Namen den
Namen eines Gegenstandes
Gehören abstrakte Namen zu der Klasse der Gemeinnamen oder zu derjenigen
der Einzelnamen Einige von ihnen sind gewiss Gemeinnamen diejenigen nämlich
welche nicht Namen eines einzelnen und bestimmten Attributes sondern einer
Klasse von Attributen sind Der Art ist das Wort Farbe welches ein der Weiße
der Röte etc gemeinsamer Name ist Der Art ist auch das Wort Weiße in
Beziehung auf die verschiedenen Schattierungen von Weiße auf die es gewöhnlich
angewendet wird das Wort Größe in Beziehung auf die verschiedenen Grade von
Größe und die verschiedenen Dimensionen des Raumes das Wort Gewicht in
Beziehung auf die verschiedenen Abstufungen von Gewicht Der Art ist sogar das
Wort Attribut selbst als der gemeinsame Name aller besonderen Attribute Wenn
aber nur ein einziges weder der Art noch dem Grade nach veränderliches Attribut
durch den Namen bezeichnet wird wie Sichtbarkeit Berührbarkeit Gleichheit
Viereckigkeit Milchweiße etc so kann der Name kaum als ein Gemeinname
betrachtet werden denn obgleich er ein Attribut vieler verschiedenen
Gegenstände bezeichnet so ist das Attribut selbst doch immer als eines nicht
aber als viele verstanden Die Frage ist indessen ohne Wichtigkeit und es wäre
vielleicht die beste Art sie zu entscheiden wenn man diese Namen weder als
Gemeinnamen noch als Einzelnamen betrachten sondern sie zu einer besonderen
Klasse vereinigen würde
Unserer Definition des Ausdrucks »ein abstrakter Name« kann man
entgegenhalten dass nicht allein die Namen welche wir abstrakt genannt haben
sondern auch die Adjektive welche wir in die konkrete Klasse gesetzt haben
Namen von Attributen sind dass zB weiß so gut wie Weiße der Name der Farbe
ist Aber wie oben bemerkt muss ein Wort als der Name von dem betrachtet werden
was wir verstanden haben wollen wenn wir es in seiner hauptsächlichen Anwendung
gebrauchen dh wenn wir es in der Prädikation gebrauchen Wenn wir sagen
Schnee ist weiß Milch ist weiß Leinwand ist weiß so wollen wir nicht damit
verstanden haben dass Schnee Milch oder Leinwand eine Farbe sei wir meinen
dass sie Dinge sind welche die Farbe besitzen Das Umgekehrte ist der Fall bei
dem Worte Weiße was wir behaupten Weiße zu sein ist nicht Schnee sondern
die Farbe des Schnees Weiße ist daher ausschließlich der Name der Farbe
weiß ist ein Name aller Dinge welche die Farbe haben ein Name nicht der
Eigenschaft Weiße sondern eines jeden weißen Gegenstandes Dieser Name wurde
zwar allen diesen verschiedenen Gegenständen der Eigenschaft wegen gegeben und
wir können daher ganz geeignet sagen dass die Eigenschaft einen Teil seiner
Bedeutung bildet man kann aber von einem Namen nur sagen er stehe für das Ding
oder sei ein Name des Dinges von welchem er ausgesagt prädiziert werden kann
Wir werden sogleich sehen dass man von allen Namen von denen man sagen kann
sie hätten eine Bedeutung von allen Namen durch deren Anwendung auf ein
Individuum wir eine Information in Beziehung auf das Individuum geben sagen
kann dass sie irgend ein Attribut einschließen sie sind aber nicht Namen des
Attributes letzteres hat seinen eigenen abstrakten Namen
5 Dieses führt zu der Betrachtung einer dritten großen Klasse von
Namen der mitbezeichnenden konnotativen und nichtmitbezeichnenden
nonkonnotativen oder wie die letzteren zuweilen unrichtigerweise genannt
werden absoluten Dies ist eine der wichtigsten Unterscheidungen welche wir
Gelegenheit haben werden hervorzuheben eine von denjenigen welche am tiefsten
in die Natur der Sprache eindringen
Ein nichtmitbezeichnender Ausdruck ist ein solcher der nur einen Gegenstand
oder ein Attribut bezeichnet Ein mitbezeichnender Ausdruck ist ein solcher der
einen Gegenstand bezeichnet und ein Attribut einschließt Unter einem
Gegenstand wird hier etwas verstanden was Attribute besitzt So sind Johann
London oder England Namen welche nur einen Gegenstand bedeuten Weiße Länge
Tugend bedeuten ein Attribut Keiner dieser Namen ist daher mitbezeichnend Aber
weiß lang tugendhaft sind mitbezeichnend Das Wort weiß bezeichnet alle
weißen Dinge wie Schnee Papier Meeresschaum etc und schließt ein oder wie
es die Scholastiker nannten mitbezeichnet konnotiert7 das Attribut Weiße
Das Wort weiß wird nicht von dem Attribut sondern von den Gegenständen Schnee
etc ausgesagt wenn wir es aber von ihnen aussagen so schließen wir ein oder
mitbezeichnen dass das Attribut Weiße ihnen zukommt Dasselbe kann von den
anderen oben angeführten Wörtern gesagt werden Tugendhaft zB ist der Name
einer Klasse welche Sokrates Howard den Mann von Ross und eine unbestimmte
Anzahl anderer vergangener gegenwärtiger und zukünftiger Individuen
einschließt Von diesen Individuen allein zusammengenommen und einzeln kann
man passenderweise sagen dass sie durch das Wort bezeichnet werden von ihnen
allein kann man geeigneterweise sagen dass es der Name sei Aber es ist ein
Name der auf alle angewendet wird in Folge eines Attributes welches ihnen der
Voraussetzung nach gemeinsam ist eines Attributes welches den Namen Tugend
erhalten hat Er wird auf alle Wesen angewendet von denen man glaubt dass sie
dieses Attribut besitzen und auf keine von welchen man dieses nicht glaubt
Alle konkrete Namen sind mitbezeichnend Das Wort Mensch zB bezeichnet
Peter Hans Christoph und eine unbestimmte Anzahl anderer Individuen von
welchen es als von einer Klasse ein Name ist Aber es wird auf sie angewendet
weil sie gewisse Attribute besitzen und soll bezeichnen dass sie dieselben
besitzen Diese scheinen zu sein Körperlichkeit tierisches Leben Vernunft
und eine gewisse äußerliche Form welche wir der Unterscheidung wegen
menschlich nennen Ein jedes existierende Ding das diese Attribute besitzt
würde ein Mensch genannt werden und was keines oder nur eines oder zwei oder
sogar drei dieser Attribute ohne das vierte besäße würde nicht so genannt
werden Wenn zB in dem Innern von Afrika eine Tierklasse entdeckt würde
welche so viel Vernunft als menschliche Wesen aber die Form des Elephanten
besitzt so würde man sie nicht Menschen nennen Swifts Houyhnhnms wurden nicht
so genannt oder wenn solche neuentdeckten Wesen die menschliche Form ohne eine
Spur Vernunft besäßen so würde wahrscheinlich für sie ein anderer Name als
der »Mensch« erfunden werden Warum hierüber überhaupt irgend ein Zweifel
bestehen kann wird später klar werden Das Wort Mensch bedeutet demnach alle
diese Attribute und alle Gegenstände welche diese Attribute besitzen aber es
kann nur von den Gegenständen ausgesagt werden Was wir Menschen nennen sind
die Gegenstände die Individuen Nokes und Stiles nicht die Eigenschaften
welche ihre Menschlichkeit ausmachen Man sagt daher von dem Namen dass er den
Gegenstand direkt die Attribute indirekt bedeutet er bedeutet die Gegenstände
und schließt ein oder umfasst oder zeigt an oder wie wir künftig sagen
werden mitbezeichnet die Attribute Er ist ein mitbezeichneter Name
Die konnotativen Namen wurden auch benennende denominative genannt weil
der Gegenstand welchen sie bezeichnen durch sie benannt wird oder von dem
Attribut welches sie mitbezeichnen einen Namen erhält Schnee und andere
Gegenstände erhalten den Namen weiß weil sie das Weiße genannte Attribut
besitzen Johann Marie und andere erhalten den Namen Mensch weil sie die die
Menschlichkeit ausmachenden Attribute besitzen Man kann daher sagen dass die
Attribute diese Gegenstände benennen oder ihnen einen gemeinsamen Namen geben8
Wir wir sahen so sind alle konkrete Gemeinnamen mitbezeichnend Obgleich
nur Namen von Attributen so können doch auch abstrakte Namen in manchen Fällen
mit allem Recht als mitbezeichnend betrachtet werden denn Attribute selbst
können Attribute besitzen die ihnen beigelegt werden und ein Wort welches
Attribute bezeichnet kann ein Attribut dieser Attribute mitbezeichnen Es ist
dies zB der Fall mit dem Worte Fehler gleichbedeutend mit böse oder
schädliche Eigenschaft Dieses Wort ist ein vielen Attributen gemeinsamer Name
und mitbezeichnet Schädlichkeit ein Attribut dieser verschiedenen Attribute
Wenn wir zB sagen bei einem Pferd ist Langsamkeit ein Fehler so wollen wir
damit nicht sagen dass die langsamen Bewegung die Ortsveränderung des
langsamen Pferdes ein zu vermeidendes Ding ist sondern dass die Eigenschaft und
Eigentümlichkeit des Pferdes welche ihm diesen Namen verschaffen die
Eigenschaft sich langsam zu bewegen eine nicht wünschenswerte
Eigentümlichkeit ist
In Beziehung auf jene konkreten Namen welche nicht allgemein sondern
individuell sind ist eine Unterscheidung zu machen
Eigennamen sind nicht konnotativ sie bezeichnen die mit diesem Namen
benannten Individuen sie zeigen aber nicht jenem Individuen zugehörige
Attribute an schließen sie nicht ein Wenn wir einen Knaben Paul oder einen
Hund Cäsar nennen so sind diese Namen bloße Zeichen vermittelst deren man
jene Gegenstände zum Gegenstand der Rede machen kann Es mögen Gründe vorhanden
sein dass wir ihnen diese Namen eher geben als andere aber wenn der Name
einmal gegeben ist so ist er unabhängig von diesen Gründen Ein Mensch wurde
Johann genannt weil sein Vater so hieß eine Stadt wurde Dortmund genannt weil
sie an der Mündung der Dort liegt Es ist kein Teil der Bedeutung des Wortes
Johann dass der Vater der so genannten Person ebenso hieß noch ist es ein
Teil der Bedeutung des Wortes Dortmund dass dies an der Mündung der Dort
liegt Wenn die Mündung des Flusses durch Sand verstopft oder der Lauf
desselben durch ein Erdbeben verändert würde so müsste der Name der Stadt nicht
notwendigerweise geändert werden Diese Tatsache kann daher nicht einen Teil
der Bedeutung des Namens ausmachen denn sonst würde man beim Aufhören der
Tatsachen den Namen nicht mehr anwenden Eigennamen werden den Gegenständen
selbst angehängt und sind unabhängig von der Dauer der Attribute der
Gegenstände
Es gibt indessen eine andere Art von Namen welche obgleich sie
individuelle dh von einem einzigen Gegenstand aussagbare Namen wirklich
mitbezeichnend sind Denn obgleich wir einem Individium einen höchst
bedeutungslosen Namen einen sogenanntem Eigennamen beilegen können ein Wort
welches den Zweck erfüllt zu zeigen von welchem Ding wir sprechen ohne etwas
anderes von ihm auszusagen so ist doch nicht ein jeder einem Individuum eigene
Name notwendig von dieser Art er kann ein Attribut oder eine Reihe von
Attributen andeuten welche nur im Besitz eines einzigen Gegenstandes sind und
daher den Namen des Individuums ausschließlich bestimmen Die »Sonne« ist ein
solcher Name ebenso »Gott« in dem monotheistischen Sinne Dies sind indessen
kaum Beispiele von dem was wir erörtern wollen da sie in strenger Sprache
allgemeine und nicht individuelle Namen sind denn obgleich sie faktisch nur von
einem Gegenstand aussagbar sind so liegt letzteres doch nicht in der Bedeutung
der Wörter eingeschlossen und wenn wir nur erdichten und nicht affirmieren
wollen so können wir von vielen Sonnen sprechen ebenso hat die Mehrzahl der
Menschen geglaubt und glaubt noch jetzt dass es viele Götter gibt Man kann
indessen ohne Mühe viele mitbezeichnende individuelle Namen anführen Es kann
ein Teil der Bedeutung des mitbezeichnenden Namens selbst sein dass nur ein
Individuum existiert welches das dadurch mitbezeichnete Attribut besitzt zB
»der einzige Sohn von John Stiles« »der erste Kaiser von Rom« oder das
mitbezeichnete Attribut kann ein Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis
und der Zusammenhang der Art sein dass ihn nur ein Individuum haben könnte oder
wenigstens in der That nur hatte und dies kann in der Form des Ausdrucks
eingeschlossen sein »der Vater des Sokrates« ist ein Beispiel der ersten Art
denn Sokrates konnte nicht zwei Väter haben »der Sänger der Ilias« »der
Mörder von Heinrich dem Vierten« sind Beispiele der zweiten Art Denn obgleich
es denkbar ist dass beider Verfassung der Iliade oder bei dem Morde Heinrich
des Vierten mehrere Personen beteiligt waren so schließt doch der Gebrauch
des Artikels der ein dass dies nicht der Fall war Was hier durch den Artikel
der geschieht in anderen Fällen durch den Kontext so ist »Cäsars Armee« ein
individueller Name wenn aus dem Kontext ersichtlich wird dass die gemeinte
Armee diejenige ist welche von Cäsar in einer besonderen Schlacht befehligt
wurde Die noch allgemeineren Ausdrücke »die römische Armee« oder »die
christliche Armee« können in einer ähnlichen Weise individualisiert werden Ein
anderer häufig vorkommender Fall wurde bereits angeführt nämlich der folgende
Der vielwörterige Name kann erstens ein Gemeinname sein der also an und für
sich von vielen Dingen behauptet werden kann der aber zweitens durch so viele
hinzugefügte Wörter so beschränkt wird dass in Übereinstimmung mit der
Bedeutung der allgemeinen Namen der ganze Ausdruck nur von einem Gegenstand
ausgesagt werden kann zB »der gegenwärtige erste Minister von England«
Erster Minister von England ist ein Gemeinname die von ihm mitbezeichneten
Attribute können in dem Besitz einer unbestimmten Anzahl von Individuen sein
wenn sie auch nicht gleichzeitig sondern nacheinander erste Minister sind da
die Bedeutung des Wortes einschließt dass es meiner bestimmten Zeit nur eine
derartige Person geben kann Da dies also der Fall ist und die Anwendung des
Namens hernach durch das Wort gegenwärtig auf solche Individuen beschränkt wird
welche in einem unteilbaren Zeitraum diese Attribute besitzen so kann es nur
für ein Individuum gebracht werden Da dies aus der Bedeutung des Namens
ersichtlich ist so ist es im strengsten Sinne ein individueller Name ein
Einzelname
Aus den vorhergehenden Bemerkungen wird man leicht ersehen dass immer wenn
die den Gegenständen beigelegten Namen eine Information eine Auskunft
übermitteln dh wenn sie eigentlich eine Bedeutung haben die Bedeutung nicht
in dem liegt was sie bezeichnen sondern in dem was sie mitbezeichnen Die
Eigennamen sind die einzigen nicht mitbezeichnenden Namen von Gegenständen und
diese haben streng genommen keine Bedeutung9
Wenn wir ähnlich dem Räuber in Tausend und eine Nacht mit Kreide einen
Strich an ein Haus machen damit wir es wiedererkennen können so hat der Strich
einen Zweck er hat aber eigentlich keine Bedeutung Der Kreidestrich erklärt
nichts in Begehung auf das Hans er bedeutet nicht dies ist das Haus von
diesem oder jenem oder dies ist das Haus welches Beute enthält Der Zweck des
Zeichens ist einfach Unterscheidung Ich sage mir alle diese Häuser sind
einander so ähnlich dass wenn ich sie einmal aus dem Gesicht verliere ich
dasjenige welches ich suche nicht mehr erkennen werde ich muss daher suchen
das Äußere dieses Hauses dem der anderen unähnlich zu machen damit wenn ich
später das Zeichen nicht ein Attribut des Hauses erblicke ich einfach nur
erkenne dass das gesuchte Haus das ist welches ich ansehe Morgiana strich
alle anderen Häuser mit Kreide an und vereitelte so den Plan des Räubers und
wie einfach indem er den Unterschied in dem Äußern der Häuser beseitigte
Die Kreidestriche waren noch alle da aber sie entsprachen nicht dem Zweck ein
unterscheidendes Zeichen zu sein
Wenn wir einen Eigennamen beilegen so gleicht das Verfahren gewissermaßen
dem des Räubers als er das Haus mit einem Kreidestrich bezeichnete Wir machen
in der That ein Zeichen nicht auf den Gegenstand selbst sondern auf unsere
Idee von dem Gegenstand Ein Eigenname ist ein bedeutungsloses Zeichen welches
wir in unserm Geist mit der Idee des Gegenstandes in Verbindung bringen damit
wir an den besonderen Gegenstand denken wenn wir das Zeichen erblicken oder
wenn es in unseren Gedanken auftaucht Da es dem Ding nicht selbst angehängt
ist so setzt es uns nicht ähnlich dem Kreidestrich in den Stand den Gegenstand
zu unterscheiden wenn wir es sehen aber es setzt uns in den Stand ihn in dem
Verzeichnis unseres eigenen Gedächtnisses oder in der Rede anderer zu
unterscheiden wenn von ihm gesprochen wird zu wiesen dass das was in einem
Satz von welchem es der Gegenstand ist behauptet wird von dem besonderen Ding
behauptet wird mit dem wir vorher schon bekannt waren
Wenn wir den Eigennamen von etwas aussagen wenn wir auf einen Menschen
deutend sagen dies ist Braun oder Schmidt oder auf eine Stadt deutend dies
ist York so teilen wir damit dem Hörer keine weitere Auskunft keine
Information mit als dass dies deren Name ist Indem wir ihn in den Stand
setzen die einzelnen Dinge zu identifizieren können wir sie mit der Auskunft in
Verbindung bringen die er schon früher von ihnen besaß indem wir sagen dies
ist York können wir ihm sagen dass es den Münster enthält dies aber nur kraft
dessen was er früher von York gehört hat nicht durch das was im Namen
eingeschlossen liegt Anders verhält es sich wenn man von Gegenständen
vermittelst mitbezeichnender Namen spricht Wenn wir sagen die Stadt ist aus
Marmor gebaut so geben wir dem Leser eine möglicherweise ganz neue Auskunft
und dies einfach durch die Bedeutung des vielwörterigen mitbezeichnenden Namens
»aus Marmor gebaut« Derartige Namen sind nicht Zeichen der bloßen Gegenstände
erfunden weil wir Gelegenheit haben an die einzelnen Gegenständer zu denken und
von ihnen zu sprechen sondern Zeichen welche ein Attribut begleiten eine Art
Livrée in welche das Attribut alle Gegenstände kleidet von denen erkannt ist
dass sie es besitzen Sie sind nicht bloße Zeichen sondern mehr dh
bedeutsame Zeichen und die Mitbezeichnung die Konnotation macht ihre
Bedeutung aus
Da ein Eigenname der Name des einen Individuums heißt von welchem er
prädiziert wird so sollte sowohl der Analogie als der früher angeführten Gründe
wegen ein mitbezeichnender Name als ein Name aller der verschiedenen Individuen
angesehen werden von denen er ausgesagt werden kann oder mit anderen Worten
die er bezeichnet und nicht als ein Name von dem was er mitbezeichnet Aber
indem wir lernen von welchen Dingen er ein Name ist lernen wir nicht die
Bedeutung des Namens denn wir gebrauchen für dasselbe Ding ebenso schicklich
viele andere nicht gleichbedeutende nicht in der Bedeutung äquivalente Namen
So nenne ich einen gewissen Menschen mit dem Namen Sophroniscus dann nenne ich
ihn Vater des Sokrates Beides sind Namen desselben Individuums aber ihre
Bedeutung ist völlig verschieden sie werden auf dasselbe Individuum zu zwei
ganz verschiedenen Zwecken angewendet der erste um das Individuum von andern
zu unterscheiden von denen geredet wird der zweite um eine Tatsache in
Beziehung auf dasselbe anzugeben die Tatsache dass Sokrates sein Sohn war
Ich wende ferner die folgenden anderen Ausdrücke auf ihn an ein Mensch ein
Grieche ein Athener ein Bildhauer ein alter Mann ein ehrlicher Mann ein
braver Mann Es sind dies alles Namen von Sophroniscus aber in der That nicht
von ihm allein sondern von ihm und einer unbestimmten Anzahl anderer
menschlichen Wesen Ein jeder von diesen Namen wird auf den Sophroniscus aus
einem andern Grund angewendet und jeder der die Bedeutung des Namens versteht
erfährt eine bestimmte Tatsache oder eine Reihe von Tatsachen in Beziehung
auf ihn diejenigen hingegen welche von den Namen nichts mehr wissen sollten
als dass sie auf Sophroniscus anwendbar sind würden ihrer Bedeutung völlig
unkundig sein Es ist sogar denkbar dass ich ein jedes Individuum kenne von
dem ein gegebener Name mit Wahrheit ausgesagt werden könnte ohne dass man
behaupten könne dass ich die Bedeutung des Namens kenne Ein Kind weiß
welches seine Brüder und Schwestern sind lange bevor es eine bestimmte
Vorstellung von den Tatsachen hat welche in der Bedeutung dieser Wörter
eingeschlossen liegen
Es ist in manchen Fällen nicht leicht zu entscheiden wieviel ein besonderes
Wort mitbezeichnet und wieviel nicht dh wir wissen nicht genau da der Fall
noch nicht vorgekommen ist welcher Grad von Verschiedenheit im Gegenstand
einen Unterschied im Namen verursachen würde Es ist klar dass das Wort Mensch
außer animalischem Leben und Vernunft eine gewisse äußere Form mitbezeichnet
es wäre aber nicht möglich genau zu sagen welche Form dh zu entscheiden
wie groß die Abweichung von der Form die wir gemeiniglich bei Wesen finden
welche wir gewohnt sind Menschen zu nennen sein müsste damit wir einer etwa
neuentdeckten Race den Namen Mensch versagen Da also Vernunft eine Eigenschaft
ist welche eine Abstufung zulässt so ist es nicht ausgemacht welches der
niedrigste Grad dieser Eigenschaft ist der einem Geschöpf Anspruch verschafft
als ein menschliches Wesen angesehen zu werden In allen solchen Fällen ist die
Bedeutung des Gemeinnamens unbestimmt und schwankend das Menschengeschlecht ist
in dieser Sache nicht zu einer positiven Übereinkunft gelangt Wenn wir von der
Klassifikation handeln werden wir Gelegenheit haben zu zeigen unter welchen
Bedingungen diese Undeutlichkeit ohne praktische Nachtheile stattfinden kann
und es werden sich Fälle zeigen in denen der Zweck der Sprache dadurch besser
erreicht wird als durch Vollständigkeit und Genauigkeit in der Naturgeschichte
zB wenn Individuen oder Species von nicht besonders hervortretendem Charakter
besser charakterisierten denen sie alle Fähigkeiten zusammengenommen noch am
nächsten stehen angereiht werden müssen
Aber diese teilweise Ungewissheit in der Mitbezeichnung der Namen kann nur
dadurch unschädlich gemacht werden dass man sich streng dagegen vorsieht Die
Gewohnheit mitbezeichnende Wörter ohne eine deutlich festgestellte
Mitbezeichnung zu gebrauchen und ohne ein genaueres Verständnis ihrer
Bedeutung als sich in einer laxen Weise und in der Art ableiten lässt dass man
beobachtet welche Gegenstände man mit diesen Wörtern zu bezeichnen pflegt ist
in der That eine der hauptsächlichsten Quellen nachlässiger Denkgewohnheiten
Ohne es vermeiden zu können erlangen wir gerade in dieser Weise die erste
Kenntnis unserer Muttersprache Ein Kind lernt die Bedeutung der Wörter Mensch
oder weiß indem es dieselben auf eine Menge von Gegenständen angewendet hört
und durch einen ihm nur unvollkommen bewussten Prozess der Verallgemeinerung und
der Analyse ausfindig macht was diesen verschiedenen Gegenständen gemeinsam
ist In Beziehung auf diese zwei Wörter ist der Prozess so leicht dass er von
der Kultur keine Hülfe verlangt indem sich die menschliche Wesen genannten
und die weiß genannten Gegenstände von allen anderen Gegenständen durch
Eigenschaften von besondere bestimmtem und deutlichem Charakter unterscheiden
Aber in anderen Fällen haben die Gegenstände eine allgemeine Ähnlichkeit mit
einander was zu ihrer Klassifikation unter einem gemeinsamen Namen führt
während es bei den gewöhnlichen analytischen Gewohnheiten der Mehrzahl der
Menschen nicht unmittelbar ersichtlich ist welches die besonderen Attribute
sind von deren gemeinsamem Besitz die allgemeine Ähnlichkeit abhängig ist
Wenn dies der Fall ist so gebrauchen die Menschen den Namen ohne eine
anerkannte Mitbezeichnung dh ohne eine genaue Bedeutung sie sprechen und
folglich denken sie auch ganz vage und sind damit zufrieden mit ihren eigenen
Worten denselben Grad von Bedeutsamkeit zu verbinden welche ein Kind von drei
Jahren mit den Worten Bruder und Schwester verbindet Bei dem Auftreten neuer
Individuen von denen es noch nicht weiß ob es ihnen diesen Titel geben soll
wird das Kind wenigstens nicht in Verlegenheit gebracht da gewöhnlich eine
Autorität in der Nähe ist welche seine Zweifel zu lösen vermag Aber für die
Allgemeinheit der Fälle ist ein solcher Rückhalt nicht vorhanden und Männern
Frauen und Kindern bieten sich beständig neue Gegenstände dar die sie proprio
motu zu klassifizieren aufgefordert werden Sie tun dies nur nach dem Prinzip
einer oberflächlichen Ähnlichkeit indem sie jedem neuen Gegenstand den Namen
jenes familiären Gegenstandes geben dessen Vorstellung er am leichtesten
zurückruft oder dem er bei einer oberflächlichen Besichtigung am meisten zu
gleichen scheint sowie eine in dem Boden gefundene unbekannte Substanz je nach
ihrer Textur Erde Sand oder ein Stein genannt wird Auf diese Weise kriechen
Namen von Gegenstand zu Gegenstand bis zuweilen eine jede Spur einer
gemeinsamen Bedeutung verloren geht und das Wort zuletzt eine ganze Anzahl von
Dingen bezeichnet und zwar nicht allein unabhängig von einem gemeinschaftlichen
Attribut sondern tatsächlich Dinge welche gar kein oder wenigstens kein
anderes gemeinsames Attribut besitzen als auch andere Dinge besitzen denen man
den Namen hartnäckig verweigert Sogar wissenschaftliche Schriftsteller haben zu
dieser Sprachverkehrung beigetragen zuweilen weil sie es gleich dem großen
Haufen nicht besser verstanden und zuweilen aus Nachgiebigkeit gegen jene
Abneigung neue Wörter zuzulassen eine Abneigung welche die Menschen zu dem
Bestreben veranlasst bei allen Gegenständen die nicht als technische
betrachtet werden den ursprünglich nur geringen Vorrat von Namen möglichst
wenig zu vermehren und durch ihn eine fortwährend zunehmende Anzahl von
Gegenständen und Unterscheidungen auszudrücken und dies folglich in einer mehr
und mehr unvollkommenen Weise10
Bis zu welchem Grade diese nachlässige Weise die Gegenstände zu
klassifizieren und zu benennen das Wörterbuch der spekulativen und der
Moralphilosophie unbrauchbar für die Zwecke eines genauen Denkens gemacht haben
ist einem jeden bekannt der über den Zustand dieser Zweige des Wissens
nachgedacht hat Da indessen die Einführung einer neuen technischen Sprache als
des Vehikels von Betrachtungen über Gegenstände der täglichen Erörterung
äußerst schwierig auszuführen ist und wenn ausgeführt sogar nicht frei von
Nachtheilen sein würde so ist es die Aufgabe des Philosophen und es ist dies
eine der schwierigsten welche er zu lösen hat die Unvollkommenheiten der
bestellenden Ausdrucksweise bei deren Beibehaltung unschädlich zu machen Dies
kann er nur dadurch erreichen dass er einem jeden allgemeinen konkreten Namen
den er häufig auszusagen Gelegenheit hat eine bestimmte und feststehende
Mitbezeichnung gibt damit wenn wir einen Gegenstand mit dem Namen nennen man
wisse welche Attribute wir wirklich von dem Gegenstande aussagen wollen Die
schwierigste Aufgabe hierbei ist einem Namen diese feststehende Mitbezeichnung
mit der möglichst geringen Änderung in den Gegenständen zu geben für deren
Bezeichnung der Name gewöhnlich gebraucht wird mit der möglichst geringen
Störung der Gruppe von Gegenständen welche er wenn auch noch so unvollkommen
zu umschreiben und zusammenzuhalten dient und mit dem geringsten Ungültigmachen
von Sätzen welche gemeiniglich als wahr angenommen werden
Eine festgesetzte Mitbezeichnung zu geben wo sie erfordert wird ist das
Ziel wonach jeder strebt wenn er eine Definition eines bereits gebräuchlichen
Gemeinnamens gibt indem eine jede Definition eines mitbezeiehnenden Namens ein
Versuch ist die Mitbezeichnung des Namens bloß anzuzeigen oder anzugeben und
zu Analysieren Die Tatsache dass in den moralischen Wissenschaften keine
Fragen mehr zum Gegenstand eifriger Kontroversen gemacht worden sind als die
Definitionen fast all der leitenden Ausdrücke ist ein Beweis bis zu welcher
Ausdehnung das angeführte Übel gediehen ist
Namen mit unbestimmter Mitbezeichnung sind nicht zu verwechseln mit Namen
welche mehr als eine Mitbezeichnung haben dh mit zweideutigen Wörtern Ein
Wort kann mehrere Bedeutungen haben die aber alle festgesetzt und anerkannt
sind wie zB das Wort Kammer dessen verschiedene Bedeutungen kaum aufzuzählen
sind Die Spärlichkeit der bestehenden Namen im Vergleich mit dem Bedarf macht
es oft ratsam und sogar notwendig einen Namen mit dieser Mannigfaltigkeit von
Bedeutungen beizubehalten indem man die letzteren so deutlich und klar
unterscheidet dass einer Verwechselung derselben mit einander vorgebeugt wird
Ein solches Wort kann als zwei oder mehr Namen betrachtet werden welche
zufällig gleich geschrieben und gesprochen werden11
6 Die vierte Hauptabtheilung der Namen ist die der positiven und
negativen Positiv wie Mensch Baum Gut negativ wie Nichtmensch Nichtbaum
Nichtgut Für jeden positiven konkreten Namen könnte ein entsprechender
negativer hergestellt werden Nachdem wir irgend einem Dinge oder einer Anzahl
von Dingen einen Namen gegeben haben könnten wir einen zweiten Namen bilden
der ein Name aller Dinge nur nicht jenes besonderen Dinges oder Dinge ist
Diese negativen Namen werden immer gebraucht wenn wir Gelegenheit haben
kollektiv von allen anderen Dingen zu sprechen die von irgend einem Dinge oder
einer Klasse von Dingen verschieden sind Wenn der positive Name mitbezeichnend
ist so ist der entsprechende negative ebenfalls mitbezeichnend aber in einer
besonderen Weise indem er nicht die Gegenwart sondern die Abwesenheit eines
Attributs mitbezeichnet So bezeichnet nichtweiß alle Dinge ausgenommen
weiße Dinge und mitbezeichnet das Attribut keine Weiße zu besitzen Denn der
Nichtbesitz eines gegebenen Attributes ist auch ein Attribut und kann als
solches einen Namen erhalten und auf diese Weise können negative konkrete Namen
ihnen entsprechende negative abstrakte Namen erhalten
Namen welche der Form nach positiv sind sind in Wirklichkeit häufig
negativ und andere sind wirklich positiv obgleich ihre Form negativ ist Das
Wort unbequem zB drückt nicht die bloße Abwesenheit der Bequemlichkeit aus
es drückt ein positives Attribut aus das die Ursache von Betrübnis oder
Belästigung zu sein So mitbezeichnet das Wort unbequem ungeachtet seiner
negativen Form nicht die bloße Abwesenheit von Annehmlichkeit sondern einen
geringeren Grad von dem was durch das Wort schmerzhaft ausgedrückt wird ein
Wort das wie kaum nötig zu sagen positiv ist Auf der anderen Seite ist
träge ein Wort welches obgleich der Form nach positiv nichts ausdrückt als
was entweder durch die Redensart nichtarbeitend oder durch nicht aufgelegt zu
arbeiten gemeint ist eben so ist nüchtern gleichbedeutend mit nicht trunken
oder mit nicht betrunken
Es gibt eine Klasse von privativ genannten Namen Ein privativer Name ist
in seiner Bedeutung äquivalent mit einem positiven und einem negativen Namen
zusammengenommen indem er der Name von etwas ist was einst ein besonderes
Attribut hatte oder von dem man eines andern Grundes wegen hätte erwarten
können dass es dasselbe besitze in der That aber nicht besitzt Der Art ist
das Wort blind welches nicht gleichbedeutend ist mit nicht sehend oder mit
nicht fähig zu sehen denn man würde es nicht ausgenommen als poetische oder
rhetorische Figur aufstocke und Steine anwenden Ein Ding wird gewöhnlich nicht
blind genannt wenn nicht die Klasse welcher es gemeiniglich oder welcher es
bei einer besonderen Gelegenheit zugezählt wird hauptsächlich aus Dingen
zusammengesetzt ist welche sehen können wie es der Fall ist bei einem blinden
Manne oder bei einem blinden Pferde oder wenn nicht aus einem besonderen Grunde
vorausgesetzt wird dass es sehen sollte zB wenn man von jemand sagt er eile
blindlings dem Abgrund zu oder wenn man von Philosophen oder von der
Geistlichkeit sagt sie seien größtenteils blinde Führer Die privativ
genannten Namen mitbezeichnen daher zwei Dinge die Abwesenheit gewisser
Attribute und die Gegenwart anderer wonach die Anwesenheit auch der ersteren
naturgemäß hätte erwartet werden dürfen
7 Die fünfte Hauptabtheilung der Namen zerfällt in relative und absolute
oder sagen wir in relative und nichtrelative denn das Wort absolut hat in
der Metaphysik zu harte Pflichten zu erfüllen als dass wir es nicht schonen
sollten wenn wir seiner Dienste nicht bedürfen Es gleicht dem Wort civil in
der Sprache der Jurisprudenz welches als das Entgegengesetzte von kriminal von
kirchlich von militär von politisch kurz als das Entgegengesetzte eines jeden
positiven Wortes steht das eines negativen bedürftig ist
Relative Namen sind die folgenden Vater Sohn Herrscher Untertan
ähnlich gleich unähnlich ungleich länger kürzer Ursache Wirkung Ihre
charakteristische Eigenschaft ist dass sie immer paarweise gegeben werden Ein
jeder relative Namen der von einem Gegenstande ausgesagt wird setzt einen
anderen Gegenstand oder Gegenstände voraus von dem wir entweder denselben
Namen oder einen anderen relativen Namen aussagen welcher der korrelative der
mitbeziehliche des ersteren heißt Wenn wir zB jemanden einen Sohn nennen so
setzen wir andere Personen voraus welche Eltern genannt werden müssen Wenn wir
irgend ein Ereignis eine Ursache nennen so setzen wir ein anderes Ereignis
voraus welches eine Wirkung ist Wenn wir von einer Entfernung sagen sie sei
länger so setzen wir eine andere Entfernung voraus welche kürzer ist Wenn wir
von einem Gegenstande sagen er sei ähnlich so meinen wir dass er einem andern
Gegenstande ähnlich ist von dem es ebenfalls heißt er sei dem ersteren
ähnlich Im letzteren Falle erhalten beide Gegenstände denselben Namen das
relative Wort ist sein eigenes korrelatives
Es ist klar dass wenn diese Wörter concret sind sie wie andere konkrete
Gemeinnamen mitbezeichnend sind sie bezeichnen ein Subjekt und mitbezeichnen
ein Attribut und ein jedes von ihnen hat oder könnte einen entsprechenden
abstrakten Namen haben um das durch den konkreten Namen mitbezeichnete Attribut
zu bezeichnen So hat das konkrete ähnlich das abstrakte Ähnlichkeit die
konkreten Vater und Sohn haben oder könnten haben Vaterschaft und Kindschaft
oder Sohnschaft Der konkrete Name mitbezeichnet ein Attribut und der ihm
entsprechende abstrakte bezeichnet dieses Attribut Aber welcher Natur ist das
Attribut Worin besteht die Eigentümlichkeit in der Mitbezeichnung eines
relativen Namens
Das durch einen relativen Namen angezeigte Attribut sagen einige ist eine
Beziehung eine Relation und geben dies wenn auch nicht als eine genügende so
doch wenigstens als die einzige mögliche Erklärung Wenn sie gefragt werden was
ist aber eine Relation so gestehen sie dies nicht sagen zu können Sie wird
allgemein als etwas besonders Verborgenes und Mysteriöses betrachtet Ich kann
indessen nicht wahrnehmen in welcher Beziehung sie dies mehr sein sollte als
ein jedes andere Attribut sie scheint es mir im Gegenteil weniger zu sein Ich
stelle mir eher vor durch eine Prüfung der Bedeutung relativer Namen oder mit
anderen Worten der Natur des von ihnen mitbezeichneten Attributes sei eine
klare Einsicht in die Natur von allen Attributen von allem was mit einem
Attribute gemeint ist am besten zu erlangen
Es ist in der That einleuchtend dass wenn wir zwei korrelative zwei
mitbeziehliche Namen nehmen zB Vater und Sohn so mitbezeichnen sie beide in
einem gewissen Sinne dasselbe Ding obgleich die durch die Namen bezeichneten
Gegenstände verschieden sind Man kann in Wahrheit nicht sagen dass sie
dasselbe Attribut mitbezeichnen ein Vater sein ist etwas anderes als ein Sohn
sein Wenn wir aber jemanden einen Vater einen andern seinen Sohn nennen so
wollen wir eine Reihe von Tatsachen behaupten welche in beiden Fällen genau
dieselben sind Von A aussagen er sei der Vater von B und von B aussagen er
sei der Sohn von A heißt eine und dieselbe Tatsache durch verschiedene Worte
behaupten Die zwei Sätze sind genau gleichbedeutend äquivalent keiner
derselben behauptet mehr oder weniger als der andere Die Vaterschaft von A und
die Sohnschaft von B sind nicht zwei verschiedene Tatsachen sondern zwei
verschiedene Ausdrucksweisen für dieselbe Tatsache Wenn diese Tatsache
analysiert wird so besteht sie aus einer Reihe von physikalischen Vorgängen oder
Erscheinungen von denen beide Theile A und B betroffen werden und von denen
sie beide ihre Namen erhalten Was durch diese Namen wirklich mitbezeichnet
wird besteht in dieser Reihe von Vorgängen dies ist die Bedeutung und zwar die
ganze Bedeutung welche ein jeder der beiden Namen ausdrücken soll Von der
Reihe von Vorgängen kann man sagen dass sie die Beziehung ausmacht
konstituiert die Scholastiker nannten sie die Grundlage der Beziehung
fundamentum relationis
Auf diese Weise kann eine Tatsache oder eine Reihe von Tatsachen mit
welcher zwei verschiedene Gegenstände in Verbindung stehen und welche daher von
beiden aussagbar ist sowohl als ein Attribut des einen als auch als ein
Attribut des anderen konstituierend angesehen werden Je nach dem wir sie in der
ersteren oder in der letzteren Beziehung betrachten wird sie von dem einen oder
dem andern der zwei korrelativen Namen mitbezeichnet Vater mitbezeichnet die
ein Attribut von A konstituierende Tatsache Sohn mitbezeichnet dieselbe
Tatsache aber als ein Attribut von B ausmachend Sie kann offenbar ebensogut
in dem einen wie in dem andern Lichte betrachtet werden und alles was nötig
scheint um die Existenz von beziehlichen oder relativen Namen zu erklären ist
dass wenn es eine Tatsache gibt welche zwei Individuen angeht so kann ein
auf diese Tatsache gegründetes Attribut dem einen oder dem andern dieser
Individuen zugeschrieben werden
Man sagt daher ein Name sei relativ wenn er außer dem Gegenstand welchen
er bezeichnet in seine Bedeutung die Existenz eines andern Gegenstandes
einschließt der seine Benennung ebenfalls von derselben Tatsache welche der
Grund des ersten Namens ist ableitet oder mit anderen Worten ausgedrückt ein
Name ist relativ wenn da es der Name eines Dinges ist seine Bedeutung nicht
erklärt werden kann ohne ein anderes Ding zu erwähnen Wir können es auch so
ausdrücken wenn der Name in der Rede als ein eine Bedeutung habender Name nicht
gebraucht werden kann ohne dass der Name noch eines andern Dinges als
desjenigen wovon er selbst der Name ist entweder ausgedrückt oder verstanden
wird Diese Definitionen sind im Grunde alle gleichbedeutend indem sie
verschiedene Ausdrucksweisen des einen unterscheidenden Umstandes sind dass
jedes andere Attribut eines Gegenstandes ohne einen Widerspruch als noch
existierend betrachtet werden könnte12 wenn mit Ausnahme des einen auch niemals
ein anderer Gegenstand existiert hätte aber diejenigen seiner Attribute welche
durch relative Namen ausgedrückt werden würden bei einer solchen Voraussetzung
hinwegfallen
8 Die Namen sind ferner unterschieden worden in eindeutige und
zweideutige univoke und äquivoke dies sind indessen nicht zwei Arten von
Namen sondern verschiedene Arten Namen zu gebrauchen Ein Name ist eindeutig
oder eindeutig angewendet in Beziehung auf alle Dinge von denen er in demselben
Sinne ausgesagt werden kann er ist aber zweideutig oder zweideutig angewendet
in Beziehung auf jene Dinge von denen er in verschiedenem Sinne ausgesagt wird
Es ist kaum nötig Beispiele von einer so bekannten Tatsache zu geben wie die
Zweideutigkeit eines Wortes Ein zweideutiges Wort ist wie bereits bemerkt
nicht ein Name sondern es sind zwei Namen die zufällig denselben Klang haben
Linie steht für einen Strich auf dem Papier und Linie steht für eine Reihe von
Soldaten sie haben aber wenn auch gleich geschrieben nicht mehr Anspruch
darauf als ein Wort betrachtet zu werden als Währen und Wehren haben weil
ihnen gleiche Aussprache zukommt Sie sind ein Laut der geeignet ist zwei
verschiedene Wörter zu bilden
Ein dazwischenstehender ein intermediärer Fall entsteht wenn ein Name
analog oder metaphorisch gebraucht wird dh wenn ein Name von zwei Dingen
nicht eindeutig oder genau mit derselben Bedeutung sondern mit einer
einigermaßen ähnlichen Bedeutung ausgesagt wird Da hier die eine aus der
andern abgeleitet wird so kann die eine Bedeutung als die ursprüngliche
primäre die andere als die untergeordnete sekundäre betrachtet werden So
wenn wir von einem glänzenden Licht und von einer glänzenden That sprechen Das
Wort glänzend wird auf Licht und That wohl in demselben Sinne angewendet da es
aber in seiner ursprünglichen Bedeutung auf das Licht angewendet wurde in der
nämlich von Helligkeit für das Auge so wird es auf die That in einer
abgeleiteten Bedeutung von der vorausgesetzt wird dass sie der ursprünglichen
einigermaßen ähnlich sei übertragen Das Wort vertritt indessen in diesem Fall
so gut wie in dem vollkommensten Fall von Zweideutigkeit zwei Namen und eine
der gewöhnlichsten Formen von aus Zweideutigkeit hervorgehenden Trugschlüssen
ist diejenige wo aus einem metaphorischem Ausdruck so geschlossen wird als
wenn es der buchstäbliche Ausdruck wäre dh als wenn ein figürlich gebrauchtes
Wort derselbe Name wäre wie der Name in der ursprünglichen Bedeutung Hiervon
mehr am geeigneten Ort
1 Indem wir nun auf den Anfang unserer Untersuchung zurückblicken
wollen wir versuchen zu ermessen wie weit sie gediehen ist Die Logik fanden
wir ist die Theorie des Beweises Aber ein Beweis setzt etwas Beweisbares
voraus was ein Urteil oder eine Behauptung sein muss da nur ein Urteil
Gegenstand des Glaubens oder des Beweises sein kann Ein Urteil ist eine
Aussage welche etwas von einem Dinge behauptet oder verneint Dies ist der
erste Schritt es müssen wie es scheint in einem Glaubensakt zwei Dinge
vorhanden sein Aber was sind diese Dinge Es können nur diejenigen sein welche
durch die zwei Namen die nach ihrer Verbindung durch eine Copula das Urteil
bilden ausgedrückt sind Wenn wir daher wüssten was alle Namen bedeuten so
würden wir alles wissen was entweder zu einem Gegenstand der Behauptung oder
Verneinung gemacht oder was selbst von einem Gegenstande behauptet oder
verneint werden kann Wir haben deshalb in einem vorhergehenden Kapitel die
verschiedenen Arten von Namen betrachtet um zu bestimmen was ein jeder von
ihnen bedeutet Wir haben diese Untersuchung nun soweit geführt um uns von
ihrem Resultat Rechenschaft geben und eine Aufzählung von allen Arten von Dingen
machen zu können welche zu Prädikaten gemacht werden können oder von welchen
etwas prädiziert werden kann Den Inhalt der Prädikation dh der Urteile zu
bestimmen kann hiernach keine schwere Aufgabe sein
Die Notwendigkeit einer Aufzählung von Existenzen als Basis der Logik
entging nicht der Aufmerksamkeit der Scholastiker und ihres Meisters
Aristoteles des umfassendsten wenn auch nicht des scharfsinnigsten der alten
Philosophen Die Kategorien oder Prädikamente das erstere ein griechisches
Wort das letztere dessen wörtliche Übersetzung in die lateinische Sprache
sollten nach seiner und seiner Nachfolger Absicht eine Aufzählung aller Dinge
sein die der Benennung fähig sind eine Aufzählung durch die summa genera di
durch die umfassendsten Classen in welche Dinge eingeteilt werden können und
welche daher ebensoviele höchsten Prädikate waren von denen man das eine oder
das andere fähig hielt mit Wahrheit von jedem benennbaren Dinge ausgesagt
affirmiert zu werden Es sind die folgenden Classen auf welche nach dieser
philosophischen Schule die Dinge im Allgemeinen zurückgeführt werden können
Ousia Substantia
Poson Quantitas
Poion Qualitas
Pros ti Relatio
Poiein Actio
Paschein Passio
Pou Ubi
Pote Quando
Keisthai Situs
Echein Habitus
Die Unvollkommenheiten dieser Klassifikation sind zu augenscheinlich um eine
genaue Prüfung zu verlangen auch sind ihre Verdienste nicht groß genug um
eine solche Prüfung zu belohnen Sie ist ein bloßer Katalog der durch die
gewöhnliche Sprache des Lebens roher Weise bezeichneten Distinktionen und sucht
nur wenig oder gar nicht durch eine philosophische Analyse in das rationale
sogar dieser gewöhnlichen Distinktionen einzudringen Eine auch nur
oberflächlich angestellte Analyse würde gezeigt haben dass die Aufzählung
zugleich weitschweifig und mangelhaft ist Manche Gegenstände sind ausgelassen
und andere mehrmals unter verschiedenen Rubriken wiederholt sie gleicht einer
Einteilung der Tiere in Menschen Vierfüßer Pferde Esel und Ponys es
konnte zB keine sehr umfassende Ansicht über die Natur der Relation sein
welche Actio Passio und Situs von dieser Kategorie ausschließen konnte
Dieselbe Bemerkung lässt sich von den Kategorien Quando Lage in der Zeit und
Ubi Lage im Raum machen während die Unterscheidung zwischen der letzteren und
Situs bloß eine wörtliche ist
Die Ungereimtheit die Klasse welche die zehnte Kategorie ausmacht zu einem
summum genus zu machen ist handgreiflich und auf der andern Seite nimmt die
Aufzählung von allen anderen Dingen außer von Substanzen und Attributen gar
keine Notiz
In welche Kategorie sollen wir die Sensationen oder irgend andere Gefühle oder
Zustände des Geistes bringen zB Hoffnung Freude Furcht Ton Geruch
Geschmack Schmerz Vergnügen Gedanke Urteil Vorstellung u dergl
Wahrscheinlich würden alle diese durch die Aristotelische Schule in die
Kategorien actio und passio gebracht worden sein und die Beziehung relatio
derjenigen von ihnen welche tätig aktiv sind zu ihren Objekten und
derjenigen von ihnen welche passiv sind zu ihren Ursachen würde mit Recht in
diese Kategorien gebracht werden aber die Dinge selbst die Gefühle und
Zustände des Geistes mit Unrecht Die Gefühle und Zustände des Bewusstseins
müssen sicherlich zu den Realitäten gezählt werden man kann sie aber weder zu
den Substanzen noch zu den Attributen rechnen
2 Ehe wir daher den von dem großen Gründer der Wissenschaft der Logik mit
so geringem Erfolg gemachten Versuch unter günstigeren Auspizien wieder
aufnehmen müssen wir eine unglückliche Zweideutigkeit in allen konkreten Namen
welche dem allgemeinsten aller abstrakten Wörter dem Worte Existenz
entsprechen anführen Wenn wir Gelegenheit haben einen Namen anzuwenden der
als Gegensatz zu dem Nichtsein oder Nichts alles zu bezeichnen im Stande ist
was existiert so gibt es kaum ein für diesen Zweck verwendbares Wort welches
nicht auch und zwar noch gewöhnlicher in einem solchen Sinne genommen wird
dass es nur Substanzen bezeichnet Aber die Substanzen sind nicht alles was
existiert die Gefühle existieren ebenfalls Wenn wir aber von einem Gegenstand
oder von einem Ding sprechen so setzt man fast immer voraus dass wir eine
Substanz damit meinen Es scheint eine Art von Widersprach in einem Ausdruck zu
liegen wie ein Ding ist nur ein Attribut von einem andern Ding Ich glaube
dass bei der Ankündigung einer Klassifikation der Dinge die meisten Leger sich
auf eine Aufzählung ähnlich der der Naturgeschichte gefasst machen würden
beginnend mit den großen Abtheilungen Tiere Pflanzen und Mineralien mit
darauf folgenden Unterabtheilungen in Classen und Ordnungen Wenn wir das Wort
Ding verwerfen und ein anderes von einer allgemeineren Bedeutung oder
wenigstens ein ausschließlicher auf diese allgemeine Bedeutung beschränktes
Wort zu finden suchen ein Wort das alles bezeichnet was existiert und welches
nur einfache Existenz mitbezeichnet so könnte man vielleicht keines für
zweckdienlicher halten als das Wort Wesen13 ursprünglich der Infinitiv eines
Zeitworts welches in der einen seiner Bedeutungen äquivalent mit dem Zeitwort
existieren ist und das sich daher schon durch seine grammatikalische Bildung als
das konkrete von dem abstrakten Existenz eignet Aber dieses Wort ist so
sonderbar dies auch aussieht noch vollständiger als das Wort Ding für den Zweck
vordorben für den es besonders gemacht schien Wesen ist dem Gebrauch nach
genau synonym mit Substanz nur dass es frei von einer leichten Färbung einer
zweiten Zweideutigkeit ist indem es unparteiisch auf Materie und Geist
angewendet wird während Substanz obschon ursprünglich und mit aller Strenge
auf beide anwendbar eher die Idee von Materie von Stoff einflößt Attribute
werden niemals Wesen genannt auch nicht Gefühle Ein Wesen ist das was Gefühle
erregt und welches Attribute besitzt Die Seele Gott und Engel werden Wesen
genannt wenn wir aber sagen würden Ausdehnung Farbe Weisheit Tugend seien
Wesen so würden wir vielleicht in den Verdacht kommen mit einigen der Alten zu
denken die Kardinaltugenden seien Tiere oder wenigstens mit der Schule von
Platon die Lehre von den selbstexistierenden Ideen oder mit den Jüngern Epicurs
die der sensiblen Formen welche sich in jeder Richtung von den Körpern ablösen
und bei dem Kontakt mit unseren Organen die Vorstellungen verursachen aufrecht
erhalten zu wollen kurz wir würden in den Verdacht kommen zu glauben Attribute
seien Substanzen In Folge dieser Verderbnis des Wortes Wesen suchten die
Philosophen nach einem Ersatz für dasselbe und fielen so auf das Wort Entität
ein Stück barbarisches Latein von den Scholastikern erfunden um als abstrakter
Name in welche Klasse es seine grammatikalische Form zu bringen scheint
gebraucht zu werden da es aber von in Not geratenen Logikern verwendet wurde
um einen Leck in ihrer Terminologie zu verstopfen so wurde es seitdem immer als
ein konkreter Name gebraucht Das verwandte Wort Essenz zur selbigen Zeit und
von denselben Eltern geboren erlitt kaum eine vollständigere Umwandlung als es
während es das abstrakte vom Zeitwort essere sein ist dazu dienen musste
etwas zu bezeichnen das genugsam concret war um es auf Flaschen ziehen zu
können Seitdem sich das Wort Entität als ein konkreter Name festgesetzt hat
ist die Universalität seiner Bedeutung etwas weniger beschädigt worden als die
der vorher angeführten Namen Aber derselbe allmälige Verfall dem nach einem
gewissen Alter die ganze Sprache der Psychologie ausgesetzt zu sein scheint war
auch hier wirksam Wenn wir die Tugend eine Entität nennen so geraten wir in
der That etwas weniger stark in den Verdacht zu glauben sie sei eine Substanz
als wenn wir sie ein Wesen nennen wir bleiben aber keineswegs ganz frei von
Verdacht Ein jedes Wort das ursprünglich nur bloße Existenz mitbezeichnen
sollte scheint nach einer gewissen Zeit seine Mitbezeichnung auf gesonderte
Existenz oder auf Existenz auszudehnen welche von der Bedingung einer Substanz
anzugehören befreit ist da nun diese Bedingung genau das ist was ein Attribut
konstituiert so werden Attribute allmälig ausgeschlossen und mit ihnen Gefühle
welche in neun und neunzig unter hundert Fällen keinen andern Namen als den des
Attributs haben das auf sie gegründet ist Es ist sonderbar dass während alle
diejenigen welche irgend eine beträchtliche Menge von Gedanken auszudrücken
haben in der größten Verlegenheit sind eine hinreichende Menge genauer dafür
passender Worte zu finden es keinen andern wenigstens von wissenschaftlichen
Denkern geübten Kunstgriff geben sollte als den wertvolle Wörter zu nehmen
um Ideen auszudrücken welche hinreichend durch andere bereits dafür bestimmte
Wörter ausgedrückt sind
Wenn es unmöglich ist gute Werkzeuge zu bekommen so ist das zunächst Beste
dass wir suchen die Mängel derjenigen welche wir haben gründlich kennen zu
lernen Ich habe daher den Leser in Beziehung auf die Zweideutigkeit gerade
derselben Namen gewarnt welche ich zu gebrauchen genötigt sein werde Der
Verfasser muss sich nun bemühen sie so zu gebrauchen dass seine Meinung in
keinem Falle zweifelhaft oder dunkel bleibe Da keiner der obigen Ausdrücke frei
von Zweideutigkeit ist so werde ich mich nicht auf den Gebrauch bloß von einem
derselben beschränken sondern bei jeder Gelegenheit dasjenige Wort gebrauchen
welches in dem besonderen Fall am wenigsten zu einem Missverständnis führen
dürfte auch behaupte ich nicht sowohl diese wie auch andere Wörter mit
strenger Beibehaltung einer einzigen Bedeutung zu gebrauchen Wenn wir dies
täten so würden wir häufig ohne ein Wort sein um die verschiedenen
Bedeutungen eines bekannten Wortes auszudrücken es müssten denn die
Schriftsteller eine unbeschränkte Freiheit haben neue Wörter zu erfinden und
was seine Schwierigkeiten hätte auch die unbeschränkte Macht ihre Leser zu
deren Annahme zu zwingen Auch würde es beim Schreiben über einen so abstrakten
Gegenstand nicht klug sein einen wenn auch von dem unrichtigen Gebrauch eines
Wortes kommenden Vorteil von der Hand zu weisen wenn durch ihn eine geläufige
Ideenassoziation herbeigeführt wird welche dem Geiste eine Meinung blitzartig
zuführt
Für den Schriftsteller und den Leser ist die Schwierigkeit des Versuches
schwankende Wörter für den Ausdruck bestimmter Meinungen zu gebrauchen nicht so
sehr zu bedauern Es ist ganz in der Ordnung wenn Abhandlungen über Logik ein
Beispiel von dem darbieten was zu erleichtern eine ihrer wichtigsten Aufgaben
ist Lange wird die philosophische und länger noch wird die gewöhnliche Sprache
soviel Schwankendes und Zweideutiges behalten dass die Logik wenig Nutzen
stiften würde wenn sie neben anderen Vorteilen nicht auch den Verstand darin
üben würde seine Arbeit mit so unvollkommenen Werkzeugen rein und richtig
auszuführen
Nach dieser Einleitung ist es Zeit zu unserer Aufzählung zu schreiten Wir
beginnen mit den Gefühlen der einfachsten Klasse benennbarer Dinge der
Ausdruck Gefühle natürlich in dem weitesten Sinne verstanden
I Gefühle oder Zustände des Bewusstseins
3 Ein Gefühl und ein Zustand des Bewusstseins sind in der Sprache der
Philosophie gleichbedeutende Ausdrücke alles ist Gefühl dessen sich der Geist
bewusst ist alles was er fühlt oder mit anderen Worten was einen Teil
seiner empfindenden Existenz bildet Gefühl ist in gewöhnlicher Sprache nicht
immer synonym mit Zustand des Bewusstseins da das Wort häufig mehr für jene
Zustände gebraucht wird die als der sensitiven oder der erregbaren Phase
unserer Natur und bei einer noch größeren Beschränkung zuweilen als der
erregbaren allein zugehörig betrachtet werden im Gegensatz zu dem was als der
wahrnehmenden oder intellektuellen Phase angehörig betrachtet wird Dies ist
aber eine zugestandene Abweichung von einer richtigen Sprache gerade wie durch
eine gewöhnliche Vermehrung welche genau das Entgegengesetzte von dieser ist
das Wort Geist seiner rechtmäßigen allgemeinen Bedeutung beraubt und auf die
Intelligenz allein beschränkt wird Eine noch größere Verkehrung durch welche
Gefühle zuweilen nicht bloß auf körperliche Empfindungen sondern auf die
Empfindungen eines einzigen Sinnes des Gefühlsinnes beschränkt werden bedarf
kaum der Erwähnung
In dem eigentlichen Sinne des Wortes ist Gefühl eine Gattung von welcher
Sensation Empfindung Emotion Gemütsbewegung oder Erregung und Gedanke
untergeordnete Arten sind In dem Worte Gedanke ist hier alles einzuschließen
dessen wir uns innerlich bewusst sind wenn wir sagen dass wir denken und zwar
von dem Bewusstsein an das wir haben wenn wir an eine rote Farbe denken ohne
sie vor Augen zu haben bis zu den abstrusesten Gedanken eines Philosophen oder
Dichters Es muss indessen bemerkt werden dass unter einem Gedanken das
verstanden ist was in dem Geiste selbst vorgeht und nicht ein äußerlicher
Gegenstand von dem man gewöhnlich sagt wir dächten an ihn Wir können an die
Sonne oder an Gott denken aber die Sonne und Gott sind keine Gedanken unser
geistiges Bild von der Sonne und unsere Idee von Gott sind aber Gedanken sind
Zustände unseres Geistes und nicht der Gegenstände selbst ebenso sind unser
Glaube an die Existenz der Sonne oder Gottes oder auch unser Unglaube Gedanken
oder Zustände des Bewusstseins Sogar eingebildete Gegenstände von denen man
sagt sie existierten nur in unserer Idee sind von unseren Ideen von ihnen zu
unterscheiden Ich kann an ein Gespenst an einen gestern verzehrten Laib Brod
oder an eine morgen blühende Blume denken Aber das Gespenst das nie existiert
hat ist nicht dasselbe Ding wie meine Idee von dem Gespenst so wenig als der
Laib Brod welcher einst existiert hat oder die Blume welche noch nicht
existiert hat aber existieren wird einerlei mit meiner Idee von dem Laib Brod
oder der Blume ist Sie alle sind nicht Gedanken sondern Gegenstände der
Gedanken obgleich eben jetzt alle in gleicher Weise nicht existieren
In gleicher Weise muss eine Empfindung sorgfältig von dem Gegenstand
unterschieden werden welcher die Empfindung verursacht unsere Empfindung von
weiß ist von dem weißen Gegenstand und nicht weniger sorgfältig von dem
Attribut Weiße zu unterscheiden welches wir dem Gegenstand in Folge seiner
Erregung der Empfindung zuschreiben Zum Unglück für Klarheit und gehörige
Unterscheidung erhalten unsere Empfindungen bei der Betrachtung dieser
Gegenstände selten besondere Namen Wir haben einen Namen für die Gegenstände
welche in uns eine gewisse Sensation erregen das Wort weiß Wir haben einen
Namen für die Eigenschaft in diesen Gegenständen welcher wir diese Empfindung
zuschreiben den Namen Weiße Wenn wir aber von der Sensation selbst sprechen
wozu wir nicht häufig Gelegenheit haben außer bei unseren wissenschaftlichen
Betrachtungen so hat uns die Sprache welche sich meistens nur den
gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens anpasst mit keiner einwörtlichen oder
unmittelbaren Beziehung versehen und um zu sagen die Empfindung von weiß oder
die Empfindung von Weiße müssen wir eine Umschreibung gebrauchen wir müssen
die Empfindung entweder nach dem Gegenstand oder nach dem Attribut nennen von
welchem sie erregt wird Obgleich aber die Empfindung ohne das Vorhandensein
eines sie erregenden Gegenstandes nicht wirklich existiert so kann man sich doch
vorstellen sie existiere Wir können uns denken dass sie von selbst spontan
in der Seele entsteht im letzteren Falle wäre aber ein jeder Name mit dem man
sie zu bezeichnen versuchen sollte ein Missnennen Bei unseren
Gehörsempfindungen sind wir besser vorgesehen wir haben das Wort Ton und ein
ganzes Wörterbuch voll Wörter um die verschiedenen Arten von Tönen zu
bezeichnen denn da wir uns bei Abwesenheit eines wahrnehmbaren Gegenstandes
dieser Empfindungen häufig bewusst sind so können wir uns eher vorstellen dass
wir sie auch bei Abwesenheit eines jeden Gegenstandes überhaupt haben können
Wir brauchen bloß die Augen zu schließen und einer Musik zu lauschen um eine
Vorstellung von einem Universum zu erhalten das nichts umfasst als Töne und
uns die Hörenden und das was wir uns leicht abgesondert separat vorstellen
können erhält auch leicht einen gesonderten Namen Im Allgemeinen aber
bezeichnen unsere Namen ohne Unterschied die Empfindung und das Attribut So
steht Farbe für die Empfindung von weiß rot etc aber auch für die
Eigenschaft in dem farbigen Gegenstand
4 Bei den Sensationen oder Empfindungen muss man noch eise andere
Unterscheidung im Auge behalten die häufig verwechselt wird und zwar nicht
ohne nachtheilige Folgen Es ist dies die Unterscheidung zwischen der Empfindung
selbst und dem Zustand der Organe des Körpers welcher der Empfindung
vorausgeht und welcher das physikalische Mittel ist durch welches sie
hervorgebracht wird Die gewöhnliche Einteilung der Gefühle in körperliche und
geistige ist eine der Quellen der Verwirrung bezüglich dieses Gegenstandes Für
eine solche Unterscheidung ist philosophisch gesprochen gar kein Grund
vorhanden auch die Empfindungen sind Zustände der empfindenden Seele und nicht
davon unterschiedene Zustände des Körpers Das Bewusstsein welches ich habe
wenn ich eine blaue Farbe sehe ist ein Gefühl von blauer Farbe dies ist ein
Ding das Bild auf meiner Netzhaut oder das Phänomen von einer bis jetzt noch
geheimnisvollen Natur welches in meinem Sehnerv oder in meinem Gehirn
stattfindet ist ein anderes Ding dessen ich mir gar nicht bewusst bin und
dessen mich nur wissenschaftliche Forscher belehren konnten Es sind dies
Zustände des Körpers aber die Folge dieser körperlichen Zustände die
Empfindung von blau ist nicht ein Zustand des Körpers dasjenige welches
wahrnimmt und sich bewusst ist wird Geist genannt Wenn die Empfindungen
körperliche Gefühle genannt werden so geschieht dies nur weil sie die Klasse
von Gefühlen sind welche unmittelbar durch körperliche Zustände verursacht
werden während die anderen Arten von Gefühlen die Gedanken zB oder die
Emotionen unmittelbar nicht durch etwas auf die Organe wirkendes sondern durch
Empfindungen oder vorhergehende Gedanken erregt werden Dies ist indessen eine
Unterscheidung nicht in unseren Gefühlen sondern in der Tätigkeit welche
unsere Gefühle erzeugt wenn sie einmal wirklich erzeugt sind so sind sie alle
Zustände des Geistes
Außer der äußerlichen Erregung Affizierung unserer körperlichen Organe
und der dadurch in unserm Geist erzeugten Empfindungen nehmen manche
Schriftsteller noch ein drittes Glied in der Kette der Erscheinungen an welches
sie Wahrnehmung Perzeption nennen und welche in der Erkennung eines äußeren
Gegenstandes als der erregenden Ursache der Empfindung besteht Diese
Wahrnehmung sagen sie ist eine Handlung ein Akt des Geistes der von seiner
eigenen spontanen Tätigkeit ausgeht während sich bei einer Empfindung der
Geist passiv verhält indem bloß durch einen äußeren Gegenstand auf ihn
eingewirkt wird Nach einigen Metaphysikern wird die Existenz Gottes der Seele
und anderer übersinnlicher Gegenstände durch einen Geistesakt erkannt welcher
der Wahrnehmung ähnlich ist nur dass ihm nicht Empfindungen vorausgehen
Diese Akte der sogenannten Perzeption müssen wie ich glaube ihren Platz
unter den verschiedenen Arten von Gefühlen oder Zuständen des Geistes erhalten
welcher Art auch die Schlüsse bezüglich ihrer Natur sein mögen zu denen wir
schließlich gelangen Indem ich ihnen diesen Platz anweise habe ich nicht die
geringste Absicht irgend eine Theorie der Gesetze des Geistes denen diese
geistigen Prozesse möglicherweise entspringen oder der Bedingungen unter denen
sie legitim oder es nicht sind anzukündigen Noch weniger aber will ich damit
sagen wie Dr Whewell14 in einem analogen Falle sagen zu müssen scheint dass
da sie bloß Zustände des Geistes sind es überflüssig sei ihre
unterscheidenden Eigentümlichkeiten zu untersuchen Ich enthalte mich dieser
Untersuchung weil sie für die Logik ohne Bedeutung ist In diesen sogenannten
Perzeptionen oder direkten Erkennungen durch den Geist von physischen oder
geistigen Gegenständen welche außerhalb seiner selbst sind kann ich nur Fälle
von Glauben sehen aber von Glauben der Anspruch darauf macht intuitiv oder
unabhängig von äußerem Beweis zu sein Wenn ein Stein vor mir liegt so bin ich
mir gewisser Empfindungen bewusst welche ich von ihm empfange wenn ich aber
sage dass diese Empfindungen von einem äußeren Gegenstande kommen den ich
wahrnehme so bedeuten diese Worte dass ich bei dem Erhalten dieser
Empfindungen intuitiv glaube dass eine äußere Ursache dieser Empfindungen
vorhanden ist Die Gesetze des intuitiven Glaubens und der ihn legitimierenden
Bedingungen bilden einen Gegenstand der wie schon öfter bemerkt nicht der
Logik sondern der Wissenschaft von den letzten Gesetzen des menschlichen
Geistes angehört
Demselben Bereich der Spekulation gehört alles an was hinsichtlich der
Unterscheidung gesagt werden kann welche die deutschen Metaphysiker und ihre
englischen und französischen Nachfolger so mühsam zwischen HandlungenAkten des
Geistes und seinen bloß passiven Zuständen zwischen dem was er von dem rohen
Material seiner Erfahrung empfängt und dem was er ihm gibt gemacht haben
Ich weiß wohl dass in Betreff der Ansicht welche diese Schriftsteller von den
ersten Elementen des Denkens und Erkennens haben diese Unterscheidung eine
fundamentale ist aber für den gegenwärtigen Zweck welcher dahin geht nicht
die ursprüngliche Grundlage unserer Erkenntnis zu untersuchen sondern zu
untersuchen auf welche Weise wir den nicht ursprünglichen Teil derselben
erlangen ist der Unterschied zwischen aktiven und passiven Zustanden unseres
Geistes nur von untergeordneter Bedeutung Für uns sind sie alle Zustände des
Geistes sind sie alle Gefühle womit ich um es noch einmal zu sagen nichts
von Passivität mit inbegriffen haben sondern womit ich nur sagen will dass sie
psychologische Tatsachen sind Tatsachen die in dem Geist stattfinden und
welche sorgfältig von äußeren oder physikalischen Tatsachen mit denen sie als
Ursache oder Wirkung im Zusammenhange stehen unterschieden werden müssen
5 Unter den aktiven Zuständen des Geistes verdient eine Art eine
besondere Aufmerksamkeit da sie einen hauptsächlichen Teil der Mitbezeichnung
einiger wichtiger Classen von Namen bildet Ich meine das Wollen die
Willenstätigkeit oder Willensakte Wenn wir vermittelst relativer Namen von
empfindenden Wesen sprechen so besteht gewöhnlich ein großer Teil der
Mitbezeichnung dieser Namen aus Handlungen Akten dieser Wesen aus
vergangenen gegenwärtigen und möglich oder wahrscheinlicherweise zukünftigen
Handlungen Nehmen wir zB die Wörter »Souverän und Untertan« Welche andere
Bedeutung haben diese Wörter als die unzähliger Handlungen welche durch den
Souverän und die Untertanen in wechselseitiger Beziehung zu einander geschehen
oder zu geschehen haben So bei den Wörtern Arzt und Patient Führer und
Nachfolger Vormund und Mündel In manchen Fällen mitbezeichnen die Wörter auch
Handlungen welche unter gewissen Zufälligkeiten durch andere Personen als die
bezeichneten stattfinden wie bei den Wörtern Pfandgläubiger und Pfandschuldner
Gläubiger und Schuldner überhaupt und bei vielen anderen Wörtern welche
rechtliche Beziehungen ausdrücken und welche mitbezeichnen was ein Gerichtshof
tun würde um die Erfüllung gesetzlicher Verbindlichkeiten nötigenfalls zu
erzwingen Es gibt auch Wörter welche Handlungen mitbezeichnen die früher und
von anderen Personen geschahen als diejenigen sind welche entweder durch den
Namen selbst oder durch dessen korrelativen Namen bezeichnet werden zB das
Wort Bruder Aus diesen Beispielen kann man ersehen welch großer Teil der
Mitbezeichnung von Namen aus Handlungen besteht Was ist nun eine Handlung
Nicht ein Ding sondern eine Reihe von zwei Dingen der Willenstätigkeit
genannte Zustand und eine darauf folgende Wirkung Die Willenstätigkeit oder
die »Absicht« eine Wirkung hervorzubringen ist ein Ding die in Folge der
Absicht erzeugte Wirkung ist ein anderes Ding die zwei zusammen machen die
Handlung aus Ich bilde in mir die Absicht sogleich meinen Arm zu bewegen dies
ist ein Zustand meines Geistes mein Arm wenn er nicht gebunden oder lahm ist
bewegt sich meiner Absicht gehorchend dies ist die auf einen Geisteszustand
folgende physikalische Tatsache Die von der That gefolgte Absicht oder wenn
man den Ausdruck vorzieht die Tatsache wenn ihr die Absicht vorausgeht und
sie verursacht heißt die Handlung des Armbewegens
6 Wir begannen damit von der ersten Hauptabtheilung benennbarer Dinge
nämlich von derjenigen der Gefühle und Zustände des Bewusstseins drei
Unterabtheilungen Empfindungen Sensationen Gedanken und Emotionen zu
unterscheiden Die zwei ersteren haben wir weitläufig erörtert die dritte
Unterabtheilung die der Emotionen bedarf keiner solchen Erörterung da sie
nicht mit ähnlichen Zweideutigkeiten behaftet ist Zuletzt fanden wir es noch
für nötig den drei Arten eine vierte gewöhnlich Willenstätigkeiten genannte
Art hinzuzufügen Ohne die metaphysische Frage gibt es geistige Zustände oder
Phänomene welche nicht in der einen oder der andern dieser vier Arten
eingeschlossen sind beeinträchtigen zu wollen scheint es mir dass die
vorhergehenden Erläuterungen für unsern Zweck genügen Wir wollen daher zu den
zwei übrigen Classen von benennbaren Dingen übergehen indem wir alle Dinge
außerhalb des Geistes entweder als der Klasse der Substanzen oder der Klasse
der Attribute angehörig betrachten
II Substanzen
Die Logiker haben sich bemüht Substanz und Attribut zu definieren aber ihre
Definitionen sind nicht sowohl Versuche eine Unterscheidung zwischen den Dingen
selbst zu ziehen als Unterweisungen in Beziehung auf den Unterschied den man
in dem grammatikalischen Bau des Urteils zu machen pflegt je nachdem man von
Substanzen oder von Attributen spricht Dergleichen Definitionen sind eher ein
Unterricht in englischer griechischer lateinischer oder deutscher Sprache als
in der Philosophie des Geistes Ein Attribut sagen die Logiker der Schule die
Scholastiker muss ein Attribut von etwas sein die Farbe zB muss die Farbe
von etwas die Güte muss die Güte von etwas sein und wenn dies etwas aufhören
sollte zu existieren oder mit dem Attribut verknüpft zu sein so würde auch die
Existenz des Attributs zu Ende sein Eine Substanz ist im Gegenteil selbst
existierend wenn wir von ihr sprechen brauchen wir ihrem Namen das von nicht
folgen zu lassen ein Stein ist nicht der Stein von etwas der Mond ist nicht
der Mond von etwas sondern er ist einfach der Mond es müsste denn der Name
welchen wir der Substanz beilegen ein relativer Name sein ist er dies so muss
entweder das von auf ihn folgen oder eine andere Partikel die wie diese
Präposition eine Beziehung auf etwas anderes andeutet es würde aber dann die
andere charakteristische Eigentümlichkeit eines Attributs fehlen das Etwas
könnte vernichtet werden und die Substanz könnte doch noch bestehen So muss ein
Vater der Vater von etwas sein und gleicht insofern einem Attribut als er auf
etwas anderes als er selbst bezogen wird wenn kein Kind da wäre so würde kein
Vater da sein dies heißt aber bei genauer Einsicht in die Sache dass wir ihn
nicht Vater nennen würden Der Vater genannte Mensch könnte noch existieren wenn
auch kein Kind vorhanden wäre so wie er vor dem Kind existierte in der
Voraussetzung seiner Existenz würde kein Widerspruch liegen wenn auch außer
ihm das ganze Weltall zerstört worden wäre Wenn aber alle weißen Substanzen
zerstört würden wo würde das Attribut Weiße sein Weiße ohne irgend weiße
Dinge ist ein Widerspruch in den Worten eine contradictio in adjecto
Dies ist die kürzeste näherungsweise Lösung einer Schwierigkeit der man in
den gewöhnlichen Abhandlungen über Logik begegnet Man wird sie kaum für
genügend halten Wenn sich ein Attribut von einer Substanz dadurch
unterscheidet dass es das Attribut von etwas ist so scheint es sehr nötig zu
wissen was unter von verstanden wird da dies eine Partikel ist welche der
Erklärung selbst zu sehr bedarf um an der Spitze der Erklärung von etwas
anderem stehen zu können Was die Selbstexistenz der Substanzen betrifft so ist
es sehr wahr dass man sich eine Substanz als ohne eine jede andere Substanz
existierend denken kann man kann sich aber auch ein Attribut ohne irgend ein
anderes Attribut denken und wir können uns ebensowenig eine Substanz ohne
Attribute denken als wir uns Attribute ohne eine Substanz denken können
Die Metaphysiker haben indessen die Frage tiefer sondiert und eine viel
befriedigendere Erklärung der Substanz gegeben als die vorhergehende Die
Substanzen werden gewöhnlich als Körper und Geist unterschieden und in Betreff
beider haben uns die Philosophen mit einer untadelhaft scheinenden Definition
versehen
7 Nach der von den neueren Metaphysikern angenommenen Lehre kann ein
Körper als die äußerliche Ursache unserer Empfindungen definiert werden Wenn
ich ein Stück Gold sehe und berühre so bin ich mir der Empfindung der gelben
Farbe und der Empfindungen von Härte und Gewicht bewusst und wenn ich es auf
verschiedene Weise handhabe so kann ich diesen Empfindungen noch viele andere
durchaus von ihnen unterschiedene hinzufügen Die Empfindungen sind alles
dessen ich mir direkt bewusst bin aber ich betrachte sie als von etwas erzeugt
was nicht allein unabhängig von meinem Willen sondern was auch außerhalb
meiner körperlichen Organe und meines Geistes existiert Dieses äußerliche Etwas
nenne ich einen Körper
Man könnte fragen wie kommen wir dazu unsere Empfindungen äußeren
Ursachen zuzuschreiben Ist dafür ein hinreichender Grund vorhanden Es ist
bekannt dass es Metaphysiker gibt welche hierüber gestritten und behauptet
haben dass wir unsere Sensationen auf eine Ursache wie sie unter dem Wort
Körper verstanden wird oder auf irgend eine Ursache überhaupt nicht mit
Sicherheit zurückführen können Obgleich uns hier weder dieser Streit selbst
noch die metaphysischen Subtilitäten um welche er sich dreht etwas angehen so
ist doch eines der besten Mittel zu zeigen was unter Substanz verstanden ist
wenn wir betrachten welche Stellung wir einzunehmen haben um deren Existenz
gegen ihre Gegner zu behaupten
Es ist also gewiss dass ein Teil unserer Vorstellung von einem Körper in
der Vorstellung einer Anzahl von gewöhnlich gleichzeitig stattfindenden
Empfindungen besteht die uns selbst oder anderen empfindenden Wesen angehören
Meine Vorstellung von dem Tisch an welchem ich schreibe ist zusammengesetzt
aus Keiner sichtbaren Form und Größe was zusammengesetzte Empfindungen des
Gesichtes sind aus seiner fühlbaren Form und Größe was zusammengesetzte
Empfindungen unserer Gefühlsorgane und Muskeln sind aus dem Gewicht was
ebenfalls eine Empfindung des Tastsinnes und der Muskeln ist seiner Farbe was
eine Empfindung des Gesichtes ist seiner Härte was eine Sensation der Muskeln
ist seiner Zusammensetzung was ein anderes Wort für alle die verschiedenen
Empfindungen ist welche wir unter verschiedenen Umständen von dem Holz aus dem
er gemacht ist erhalten Alle oder doch die meisten dieser verschiedenen
Empfindungen werden häufig und wie wir durch die Erfahrung lernen könnten nach
unserer eigenen Wahl immer zu gleicher Zeit oder in den verschiedensten
Reihenfolgen empfunden werden und daher verursacht das Denken an die eine dass
wir an die anderen denken und das Ganze amalgamiert sich geistig zu einem
gemischten Zustand des Bewusstseins der in der Sprache der Schule von Locke und
Hartley eine »Complexe Idee« genannt wird
Es gibt nun Philosophen welche in folgender Weise geschlossen haben Wenn
wir eine Orange nehmen und sie ihrer natürlichen Farbe beraubt denken ohne
dass ihr eine andere Farbe verliehen wird wenn wir ferner denken sie verlöre
ihre Weichheit ohne hart zu werden ihre Rundung ohne viereckig fünfeckig
oder andergestaltig zu werden sie verlöre Gestalt Gewicht Geruch Geschmack
und alle mechanischen und chemischen Eigenschaften ohne neue zu bekommen kurz
wenn sie unsichtbar unfühlbar nichtwahrnehmbar würde und zwar nicht bloß für
unsere Sinne sondern auch für die Sinne aller anderen reellen oder möglichen
empfindenden Wesen so würde nichts übrig bleiben Denn fragen diese Denker
welcher Art könnte der Rückstand sein Durch welches Zeichen könnte er seine
Gegenwart offenbaren Für den Nichtnachdenkenden scheint dessen Existenz auf dem
Zeugnis der Sinne zu beruhen Den Sinnen ist aber nichts bekannt als
Empfindungen Wir wissen zwar dass diese Empfindungen durch irgend ein Gesetz
mit einander verbunden sind sie treffen nicht zufällig zusammen sondern nach
einer systematischen Ordnung welche ein Teil der Ordnung im Weltall ist Wenn
wir die eine dieser Sensationen erfahren so erfahren wir auch gewöhnlich die
anderen oder wir wissen dass es in unserer Macht steht sie zu erfahren Aber
ein bestimmtes Gesetz des Zusammenhanges welches macht dass die Empfindungen
zugleich stattfinden verlangt nicht notwendig sagen diese Philosophen was
man ein sie tragendes Substrat nennt Die Vorstellung eines Substrats ist nur
eine der vielen möglichen Formen unter denen sich jener Zusammenhang unserer
Einbildungskraft darstellt es ist gleichsam ein Modus die Idee zu Stande zu
bringen zu realisieren Angenommen es gäbe ein solches Substrat und es würde
durch ein Wunder in diesem Augenblick vernichtet die Empfindungen aber würden
fortwährend in derselben Ordnung stattfinden würde man dann das Substrat
vermissen Aus welchen Zeichen könnten wir erfahren dass seine Existenz zu Ende
ist Würden wir nicht mit eben soviel Recht wie jetzt annehmen dass es noch
existiert Wenn aber unserem Glauben alsdann jede Gewähr fehlen würde woher soll
er dieselbe jetzt nehmen Nach diesen Metaphysikern ist daher ein Körper nicht
etwas wesentlich Verschiedenes von den Sensationen von denen man sagt der
Körper errege sie in uns kurz er ist eine Reihe von Empfindungen welche durch
ein bestimmtes Gesetz mit einander verbunden sind
Die Streitigkeiten zu welchen diese Spekulationen Anlass gegeben haben und
die Lehren welche bei dem Versuch eine entscheidende Antwort darauf zu finden
entwickelt wurden hatten für die Wissenschaft des Geistes wichtige Folgen Die
Empfindungen so war die Antwort deren wir uns bewusst sind und welche wir
nicht dem Zufall nach sondern in einer gewissen allgemeinen Weise mit einander
verbunden erhalten schließen nicht allein ein Gesetz oder Gesetze des
Zusammenhanges sondern auch eine außerhalb unseres Geistes befindliche Ursache
ein welche Ursache nach ihren eigenen Gesetzen die Gesetze bestimmt nach denen
die Empfindungen mit einander verknüpft sind und nach denen sie erfahren werden
Die Scholastiker pflegten diese äußerliche Ursache mit dem von uns bereits
gebrauchten Namen Substrat und dessen Attribute wie sie sich ausdrückten ihm
inhärent wörtlich ihm anhängend zu benennen Diesem Substrat wird bei
philosophischen Diskussionen gewöhnlich der Name Materie gegeben Von allen
denjenigen welche über den Gegenstand nachdachten Wurde indessen bald
zugestanden dass die Existenz der Materie durch äußeren Beweis nicht bewiesen
werden kann Es wird daher Berkeley und seinen Anhängern gegenwärtig entgegnet
dass der Glaube intuitiv ist dass sich die Menschheit zu allen Zeiten durch die
Notwendigkeit ihrer Natur gezwungen sah ihre Empfindungen auf eine äußere
Ursache zu beziehen dass sogar diejenigen welche es in der Theorie leugnen in
der Praxis der Notwendigkeit nachgeben und in Rede Gedanken und Gefühlen mit
dem großen Haufen bekennen dass ihre Empfindungen Wirkungen von etwas
außerhalb ihrer selbst sind diese Erkenntnis so wird behauptet ist daher
augenscheinlich ebenso intuitiv als die Erkenntnis unserer Empfindungen selbst
Hier geht die Frage in die fundamentale Aufgabe der Metaphysik über und wir
überlassen sie dieser Wissenschaft
Aber wenn auch die extreme Lehre der idealistischen Metaphysiker die
Gegenstände seien nichts als unsere Empfindungen und die sie verknüpfenden
Gesetze von späteren Denkern nicht allgemein angenommen wurden so nimmt man
doch jetzt allgemein an die Metaphysiker seien über einen wirklich sehr
wichtigen Punkt einverstanden nämlich darüber dass die Sensationen welche sie
uns geben und die Ordnung in welcher diese Sensationen eintreten alles sind
was wir von den Gegenständen wissen Über diesen Punkt ist Kant selbst so
bestimmt wie Berkeley oder Locke Obgleich fest überzeugt dass ein Universum
von »Dingen an sich« und gänzlich verschieden vom Universum der Erscheinungen
oder der Dinge wie sie sich unseren Sinnen darbieten existiert und selbst
nachdem er einen technischen Ausdruck Noumenon eingeführt hat um zu
bezeichnen was das Ding an sich im Gegensatz zur Repräsentation desselben in
unserm Geiste ist gibt er zu dass diese Repräsentation oder Vorstellung
deren Stoff nach ihm aus unseren Empfindungen besteht obgleich die Form durch
die Gesetze des Geistes selbst gegeben wird alles ist was wir von dem
Gegenstand wissen und dass die wahre Natur der Dinge bei der Beschaffenheit
unserer geistigen Fähigkeiten für uns ein undurchdringliches Rätsel bleiben
wird
»Von den Dingen absolut genommen oder an sich« sagt Sir W Hamilton15 »sie
seien äußere oder innere wissen wir nichts oder wissen wir nur dass sie
nicht erkannt werden können wir erfahren ihre unbegreifliche Existenz nur wenn
uns dieselbe indirekt und zufällig durch gewisse mit unserem
Erkenntnisvermögen verwandte Eigenschaften offenbart wird welche Eigenschaften
wir wiederum nicht als unbedingt beziehungslos in und an sich existierend
denken können Alles was wir wissen ist daher phänomenal phänomenal
bezüglich des Unbekannten«16
Diese Lehre wird von H Cousin in sehr klaren Worten ausgedrückt seine
Bemerkungen sind der Aufmerksamkeit um so würdiger als sie bei dem im
Allgemeinen ultradeutschen und ontologischen Charakter seiner Philosophie als
das Zugeständnis eines Gegners betrachtet werden können17
Es ist nicht der geringste Grund vorhanden zu glauben dass das was wir
die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften des Gegenstandes nennen ein Bild von
etwas ihm selbst Inhärierendem sei oder irgend eine Ähnlichkeit mit seiner
eigenen Natur habe Eine Ursache gleicht als solche nicht ihren Wirkungen ein
Ostwind gleicht nicht dem Gefühl von Kälte noch gleicht die Wärme einem
Dampfstrahl warum also sollte die Materie unseren Empfindungen gleichen Warum
sollte die innere Natur von Feuer oder Wasser den von diesen Gegenständen auf
unsere Sinne hervorgebrachten Eindrücken gleichen18 Und wenn nicht vermittelst
des Prinzips der Ähnlichkeit nach welchem andern Prinzip kann uns die Art und
Weise wie uns die Gegenstände durch unsere Sinne erregen affizieren eine
Einsicht in die inhärente Natur dieser Gegenstände darbieten Wir können es
daher als eine Wahrheit aussprechen die sowohl an und für sich einleuchtend
als auch von allen denjenigen zugegeben ist welche wir für jetzt zu
berücksichtigen haben dass wir von der Außenwelt absolut nichts erkennen
können als die Empfindungen welche wir von ihr erfahren Diejenigen aber
welche die Ontologie noch immer als eine mögliche Wissenschaft betrachten und
nicht allein glauben dass die Körper eine ihnen eigene und tiefer als unsere
Wahrnehmungen liegende essentielle Beschaffenheit haben sondern auch dass
diese Essenz oder Natur der menschlichen Forschung zugänglich sei können nicht
erwarten hier widerlegt zu werden Die Frage ist von den Gesetzen der
intuitiven Erkenntnis abhängig und gehört nicht in das Bereich der Logik
8 Nachdem wir nun die Körper definiert haben als die äußerliche Ursache
und zwar zufolge der vernünftigeren Meinung als die verborgene äußerliche
Ursache auf welche wir unsere Empfindungen beziehen so bleibt uns noch übrig
eine Definition vom Geist aufzustellen Nach den vorhergehenden Bemerkungen wird
dies keine Schwierigkeiten haben Denn da unsere Vorstellung von einem Körper
die einer unbekannten Empfindungen erregenden Ursache ist so ist unsere
Vorstellung von einem Geist die eines unbekannten Rezipienten oder Perzipienten
dieser Empfindungen und nicht bloß ihrer allein sondern aller andern Gefühle
von uns Ein Körper ist das geheimnisvolle Etwas dass den Geist zu fühlen
anregt der Geist ist das mysteriöse Etwas das fühlt und denkt Es ist
unnötig auch hier die skeptische Lehre besonders auseinanderzusetzen durch
welche die Existenz des Geistes als eines Dinges an sich und unterschieden von
der Reihe von sogenannten Zuständen desselben in Zweifel gezogen wird Es ist
aber nötig zu bemerken dass wir in Beziehung auf die innere Natur des
denkenden Prinzips sowohl als auf die innere Natur der Materie gänzlich im
dunkeln sind und bei unseren Fähigkeiten es immer bleiben müssen Alles was wir
sogar in unserem eigenen Geist erkennen ist mit den Worten von Mill »ein
gewisser Faden von Bewusstsein« eine mehr oder weniger zahlreiche und
verwickelte Reihe von Gefühlen dh von Empfindungen Gedanken Emotionen
Willenstätigkeiten Es ist etwas vorhanden das ich mein Ich oder als eine
andere Form des Ausdrucks das ich meinen Geist nenne und den ich als von
diesen Empfindungen Gedanken etc unterschieden betrachte als ein Etwas das
ich nicht für die Gedanken sondern für das Wesen halte welches die Gedanken
hat und welches ich mir als ewig in einem Zustand der Ruhe ohne alle Gedanken
existierend vorstellen kann Obgleich dieses Wesen Ich selbst bin so weiß ich
doch nicht mehr von ihm als dass es eine Reihe von Zuständen des Bewusstseins
ist So wie sich mir die Körper nur durch die Empfindungen kund geben für deren
Ursache ich sie halte so gibt sich mir der Geist oder das denkende Prinzip in
meiner eigenen Natur nur durch die Gefühle zu erkennen deren er sich bewusst
ist Ich kenne von mir nichts als meine Fähigkeiten zu fahlen oder bewusst zu
sein natürlich einschließlich des Denkens und Wollens und wenn ich in
Betreff meiner eigenen Natur etwas Neues erfahren sollte so kann ich mir mit
meinen jetzigen Fähigkeiten diese neue Auskunft als in nichts anderem bestehend
vorstellen als dass ich einige weitere mir noch unbekannte Fähigkeiten des
Fühlens Denkens und Wollens besitze
Sowie also die Körper die nichtempfindende Ursache sind auf die wir uns
naturgemäß veranlasst sehen einen gewissen Teil unserer Gefühle zu beziehen
so kann der Geist als das empfindende Subjekt im deutschen Sinne des Wortes
aller Gefühle bezeichnet werden als das Subjekt welches sie hat oder fühlt
Aber von der Natur von Körper und Geist kennen wir zufolge der besten jetzt
existierenden Lehre nichts als die Gefühle welche der erstere erregt und die
der letztere erfährt und wenn uns etwas weiteres bekannt wäre so hat die Logik
damit und mit der Art wie die Kenntnis gewonnen wird nichts zu schaffen Mit
diesem Resultat beschließen wir diesen Teil unseres Gegenstandes und gehen
zur dritten noch allein übrigen Klasse benennbarer Dinge über
III Attribute und erstens Eigenschaften
9 Aus dem was bereits über Substanz gesagt worden ist lässt sich das
über Attribut zu sagende leicht ableiten Denn wenn uns von den Körpern nichts
bekannt ist und nichts bekannt sein kann als die Empfindungen welche sie in
uns oder in anderen erregen so müssen diese Empfindungen alles sein was wir
zuletzt unter Attributen der Körper verstehen können und die wörtliche
Unterscheidung welche wir zwischen den Eigenschaften der Dinge und den von
ihnen erhaltenen Empfindungen machen muss eher aus der Bequemlichkeit der Rede
entspringen als aus der Natur von dem was der Name bezeichnet
Die Attribute werden gewöhnlich unter drei Rubriken gebracht unter
Qualität Quantität und Relation Wir werden bald zu den zwei letzteren kommen
uns jedoch vorerst auf die erstere beschränken
Als Beispiel wollen wir eine der sogenannten sinnlich wahrnehmbaren
Eigenschaften der Gegenstände zB Weiße nehmen Wenn wir einer Substanz zB
dem Schnee Weiße zuschreiben wenn wir sagen der Schnee besitzt die
Eigenschaft Weiße was ist wirklich damit behauptet Einfach dass wenn Schnee
unseren Organen gegenwärtig ist wir eine gewisse Empfindung haben welche wir
gewohnt sind die Empfindung von weiß zu nennen Aber wie wissen wir dass
Schnee vorhanden ist Augenscheinlich durch die davon hergeleiteten Empfindungen
und nicht anders Ich schließe dass der Gegenstand zugegen ist weil er mir
eine Reihe von Empfindungen verursacht und wenn ich ihm das Attribut Weiße
zuschreibe so meine ich damit nur dass unter den diese Gruppe oder Reihe
bildenden Empfindungen eine ist welche ich die Empfindung von weiß nenne
Dies ist die eine Ansicht welche man von dem Gegenstand haben kann es
gibt aber noch eine andere hiervon verschiedene Ansicht Man könnte sagen es
ist wahr wir erkennen von den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen nichts als
die Empfindungen welche sie in uns erregen die Tatsache dass wir von dem
Schnee die besondere Empfindung empfangen welche wir die Empfindung von weiß
nennen ist der Grund auf den hin wir dieser Substanz die Eigenschaft Weiße
zuschreiben sie ist der einzige Beweis dass sie diese Eigenschaft besitzt
Aber daraus dass ein Ding der einzige Beweis von der Existenz eines andern
Dinges ist folgt nicht dass beide ein und dasselbe sind Das Attribut Weiße
so kann man sagen ist nicht die Tatsache des Empfangens der Empfindung
sondern etwas in dem Gegenstand selbst eine ihm inhärierende Kraft etwas
vermöge oder kraft dessen der Gegenstand die Empfindung hervorruft Wenn wir
behaupten dass der Schnee das Attribut Weiße besitzt so behaupten wir nicht
bloß dass die Gegenwart des Schnees diese Empfindung in uns erzeugt sondern
dass er dies durch und wegen dieser Kraft oder Eigenschaft tut
Für die Zwecke der Logik ist es von keiner wesentlichen Bedeutung welche
von diesen Meinungen wir annehmen wollen Die ganze Diskussion des Gegenstandes
gehört jenem schon so oft als Metaphysik angeführten Zweig der
wissenschaftlichen Forschung an es mag aber hier bemerkt werden dass ich für
die Lehre von der Existenz einer besonderen Art von Entitäten welche
Eigenschaften Qualitäten genannt werden nirgends einen Grund finden kann als
in einer Neigung des menschlichen Geistes welche die Ursache vieler Täuschungen
ist Ich meine die Neigung da wo wir zwei nicht genau synonyme Namen finden
vorauszusetzen dass sie die Namen von zwei verschiedenen Dingen sein müssen
während sie in Wirklichkeit Namen eines und desselben aber aus verschiedenen
Gesichtspunkten betrachteten Dinges sein können was so viel sagen will als
unter verschiedenen Voraussetzungen in Beziehung auf die umgebenden Umstände
Weil Qualität und Sensation Eigenschaft und Empfindung nicht ohne Unterschied
für einander gesetzt werden können so nimmt man auch an dass sie nicht beide
dasselbe Ding nämlich den Eindruck oder das Gefühl bezeichnen können mit dem
wir durch unsere Sinne bei Gegenwart eines Gegenstandes affiziert werden
obgleich wenigstens keine Absurdität darin liegt anzunehmen dass diesem
identischen Eindruck oder Gefühl der Name Empfindung gegeben werden kann wenn
an und für sich betrachtet dagegen der Name Eigenschaft wenn als von einem der
vielen Gegenstände ausgehend betrachtet die wenn sie unseren Organen
gegenwärtig sind in unserm Geist unter verschiedenen anderen Empfindungen oder
Gefühlen auch jene Empfindung erregen Wenn nun dies als Voraussetzung zulässig
ist so bleibt es denen überlassen welche für eine Eigenschaft genannte
Entität per se streiten zu zeigen dass ihre Meinung vorzuziehen und in der
That nicht ein zehrendes Überbleibsel der scholastischen Lehre von dunklen
Ursachen nicht die Absurdität ist welche Molière so lächerlich machte als er
einen seiner pedantischen Ärzte die Tatsache dass »lopium endormit« durch
den Ausspruch erklären ließ »parcequil a une vertu soporifique«
Es ist klar dass als der Arzt angab dass das Opium »une vertu soporifique«
hat er die Tatsache dass es »endormit« nicht erklärte sondern dass er sie
nur noch einmal behauptete Wenn wir in gleicher Weise sagen der Schnee sei
weiß weil er die Eigenschaft Weiße besitzt so behaupten wir die Tatsache
dass er die Empfindung von weiß in uns erregt noch einmal nur in einer
kunstgerechteren Sprache Wenn man sagt die Empfindung müsste eine Ursache
haben so entgegne ich ihre Ursache ist die Gegenwart der gesamten
Erscheinungen welche der Gegenstand genannt werden Mit der Behauptung dass
so oft der Gegenstand gegenwärtig ist und unsere Organe im normalen Zustande
sind die Empfindungen stattfinden haben wir alles gesagt was wir von der
Sache wissen Nach dem Nachweis einer bestimmten und begreiflichen Ursache ist
es unnötig noch eine verborgene Ursache anzunehmen welche die wirkliche
Ursache in den Stand setzt ihre Wirkung hervorzubringen Wenn man mich fragt
warum verursacht die Anwesenheit des Gegenstandes diese Empfindung in mir so
weiß ich es nicht ich kann nur sagen dass solches meine Natur und die des
Gegenstandes ist dass die Tatsache einen Teil der Einrichtung der Dinge
ausmacht Und dahin müssen wir zuletzt kommen auch nach der Einschaltung jener
imaginären Entität Aus wieviel Gliedern die Kette von Ursachen und Wirkungen
auch bestehen mag die Art der Erzeugung des einen Gliedes aus dem andern bleibt
für uns gleich unerklärlich Es ist ebenso leicht zu begreifen dass der
Gegenstand die Empfindung direkt und auf einmal erzeugt als dass er dieselbe
Empfindung mit Hülfe von etwas anderem erzeugt was das Vermögen sie zu erzeugen
genannt wird
Da die Schwierigkeiten welche sich einer Annahme dieser Ansicht von dem
Gegenstand entgegenstellen könnten nicht zu beseitigen sind ohne in
Diskussionen einzugehen welche die Grenzen unserer Wissenschaft überschreiten
so begnüge ich mich mit einer flüchtigen Angabe derselben und werde mich für
die Logik einer Sprache bedienen welche mit beiden Ansichten von der Natur der
Eigenschaften verträglich ist Ich werde sagen was wenigstens keinen Streit
zulässt dass die dem Gegenstand Schnee zugeschriebene Eigenschaft Weiße
darauf gegründet ist dass er in uns die Empfindung von weiß erregt und indem
ich die Sprache annehme welche bereits von den Scholastikern für die Relationen
genannte Art von Attributen gebraucht wurde werde ich die Empfindung von weiß
die Grundlage das Fundament der Qualität Weiße nennen Für die Zwecke der
Logik ist die Sensation der allein wesentliche Teil von der Bedeutung des
Wortes der einzige Teil dessen Beweis uns interessiert Wenn er bewiesen ist
so ist die Eigenschaft bewiesen wenn ein Gegenstand eine Empfindung erregt so
besitzt er natürlich das Vermögen sie zu erregen
IV Relationen Beziehungen Verhältnisse
10 Die Eigenschaften eines Körpers sagten wir sind die Attribute
welche auf die Empfindungen gegründet sind die durch die Gegenwart dieses
Körpers vermittelst unserer Organe in unserem Geist erregt werden Wenn wir aber
einem Gegenstand die Relation genannte Art Attribut zuschreiben so muss die
Grundlage des Attributs etwas sein worin außer ihm selbst und dem
wahrnehmenden perzipierenden noch andere Gegenstände beteiligt sind
Da man ganz geeignet sagen kann es existiere eine Relation zwischen irgend
zwei Dingen denen zwei korrelative Namen gegeben werten oder werden können so
können wir vielleicht entdecken was im Allgemeinen eine Beziehung Relation
ausmacht wenn wir die Hauptfälle aufzählen in denen die Menschen korrelative
Namen gegeben haben und wenn wir dabei beobachten was diese Fälle gemeinsames
haben
Was also ist der Charakter der so heterogenen und nichtübereinstimmenden
Umständen gemeinsam ist wie diese ein Ding ähnlich dem andern ein Ding
unähnlich dem andern ein Ding nahe einem andern ein Ding weit von einem
andern ein Ding vor hinter neben einem andern ein Ding grösser gleich
kleiner als ein anderes ein Ding die Ursache eines andern ein Ding die Wirkung
eines andern eine Person der Herr Diener Sohn Vater Schuldner Gläubiger
Herrscher Untertan Sachwalter Client eines andern usf
Wenn wir für jetzt den Fall einer Ähnlichkeit eine Relation welche einer
besonderen Betrachtung bedarf bei Seite setzen so scheint allen diesen Fällen
ein Ding und nur eines gemeinsam zu sein nämlich das dass in einem jeden
derselben eine Tatsache oder ein Phänomen existiert oder sich zuträgt existiert
hat oder sich zugetragen hat oder man kann erwarten dass es existiert oder sich
zuträgt in welches die zwei Dinge von denen gesagt wird dass sie gegenseitig
in Relation stehen als beteiligte Parteien eintreten Diese Tatsache oder
dies Phänomen ist es was die aristotelischen Logiker das fundamentum relationis
nannten So ist in der Relation von grösser und kleiner das fundamentum
relationis die Tatsache dass die eine der zwei Größen unter gewissen
Bedingungen in die andere eingeschlossen wird ohne den von der andern Größe
eingenommenen Raum gänzlich auszufüllen In der Relation Herr und Diener ist das
fundamentum relationis die Tatsache dass der eine zum Nutzen oder auf Geheiß
des andern gewisse Dienste geleistet hat oder zu leisten gezwungen ist Man
könnte die Beispiele ins Unbestimmte vermehren es ist indessen schon
ersichtlich dass wenn man von zwei Dingen sagt sie ständen in einer Beziehung
eine Tatsache oder eine Reihe von Tatsachen vorhanden ist in welche beide
eintreten und dass wenn irgend zwei Dinge in einer Tatsache oder Reihe von
Tatsachen eingeschlossen sind wir diesen Dingen eine auf diese Tatsache
gegründete gegenseitige Beziehung zuschreiben können Selbst wenn sie nichts
gemein haben als was allen Dingen gemein ist dass sie Theile des Weltalls
sind so nennen wir dies eine Relation eine Beziehung und bezeichnen sie als
Mitgeschöpfe Mitwesen Mitbewohner des Weltalls Aber im Verhältnis als die
Tatsache in welche die zwei Gegenstände als Theile eintreten vor einer mehr
speziellen und eigentümlichen oder von einer mehr komplizierten Natur ist ist
es auch die darauf gegründete Beziehung und es lassen sich so viele Beziehungen
denken als es denkbare Arten von Tatsachen gibt in welche zwei Dinge
Zusammen eintreten können
In derselben Weise also wie eine Eigenschaft ein Attribut ist das auf die
Tatsache einer in uns durch den Gegenstand erzeugten gewissen Empfindung oder
Empfindungen gegründet ist ist ein Attribut das auf irgend eine Tatsache
gegründet ist in welche der Gegenstand in Verbindung mit einem andern eintritt
eine Relation zwischen ihm und dem andern Gegenstand Aber die Tatsache in dem
letzteren Fall besteht ganz aus derselben Art von Elementen wie die Tatsache in
dem ersteren Falle nämlich aus Zuständen des Bewusstseins Bei einer rechtlichen
Relation zB wie Gläubiger und Schuldner Prinzipal und Agent Vormund und
Mündel besteht das fundamentum relationis gänzlich aus Gedanken Gefühlen und
Wollen entweder der Personen selbst oder anderer in derselben Reihe von
Geschäften beteiligten Personen wie zB die Absicht welche sich ein Richter
bilden würde im Falle eine Klage wegen Verletzung der durch die Relation
auferlegten gesetzlichen Verbindlichkeiten vor seinen Richterstuhl gebracht
werden würde dann die Handlungen welche der Richter in Folge hiervon vornehmen
würde während Handlungen wie wir bereits sahen nur ein anderes Wart für
Absichten auf die eine Wirkung folgt und diese Wirkung nur ein anderes Wort für
Sensationen oder andere entweder uns selbst oder anderen verursachten Gefühlen
ist In den die Relation ausdrückenden Namen liegt nichts eingeschlossen was
sich nicht in Zustände des Bewusstseins auflösen ließe indem ohne Zweifel
äußere Gegenstände durchweg als die Ursachen vorausgesetzt werden durch welche
einige dieser Zustände des Bewusstseins erregt und Geister als die Subjekte
durch welche sie alle erfahren werden aber weder die äußeren Gegenstände noch
der Geist geben ihr Dasein in anderer Weise zu erkennen als durch Zustände des
Bewusstseins
Die Fälle von Relation sind nicht immer so verwickelt wie die zuletzt
angeführten Die einfachsten aller Fälle von Relation sind diejenigen welche
durch die Wörter Antezedens und Konsequenz Vorausgehendes und Folgendes und
durch das Wort gleichzeitig ausgedrückt werden
Wenn wir zB sagen die Morgendämmerung geht dem Sonnenaufgang voraus so
besteht die Tatsache an welcher die beiden Dinge Morgendämmerung und
Sonnenaufgang gemeinschaftlich beteiligt sind nur aus den beiden Dingen
selbst kein drittes Ding tritt in die Tatsache oder das Phänomen ein wir
müssten denn das Aufeinanderfolgen die Reihenfolge der zwei Dinge selbst ein
drittes Ding nennen aber das Aufeinanderfolgen ist nichts den Dingen selbst
hinzugefügtes es ist etwas in ihnen enthaltenes Morgendämmerung und
Sonnenaufgang geben sich unserem Bewusstsein durch zwei aufeinanderfolgende
Empfindungen zu erkennen Basar Bewusstsein von der Reihenfolge dieser
Empfindungen ist keine dritte Empfindung oder Gefühl was jenen hinzugefügt
wird wir haben nicht zuerst zwei Gefühle und sodann ein Gefühl von der
Reihenfolge Zwei Gefühle überhaupt haben heißt sie entweder nacheinander oder
gleichzeitig haben Wenn Empfindungen oder andere Gefühle gegeben sind so sind
Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit die Bedingungen das EntwederOder
welchem sie durch die Natur unserer Fähigkeiten unterworfen sind und niemand
war oder wird je im Stande sein den Gegenstand weiter zu analysieren
11 In einer gewissermaßen ähnlichen Lage sind zwei andere Relationen
Ähnlichkeit und Unähnlichkeit Ich habe zwei Empfindungen von denen ich
annehmen will sie seien einfach zwei Empfindungen von weiß oder eine
Empfindung von weiß und eine von schwarz Die zwei ersteren Empfindungen nenne
ich ähnlich die zwei letzteren unähnlich Was ist das die Tatsache oder das
Phänomen ausmachende fundamentum dieser Relation Zuerst die zwei Empfindungen
und dann das was wir das Gefühl einer Ähnlichkeit oder eines Mangels an
Ähnlichkeit nennen Beschränken wir uns auf den ersteren Fall Ähnlichkeit ist
offenbar ein Gefühl ein Zustand des Bewusstseins vom Beobachter Ob das Gefühl
der Ähnlichkeit zweiter Farben ein dritter Zustand des Bewusstseins ist
welchen ich nach den zwei Empfindungen der Farben habe oder ob es ähnlich dem
Gefühl ihrer Reihenfolge in den Sensationen selbst inbegriffen ist bleibt der
Erörterung überlassen In beiden Fällen aber sind diese entgegengesetzten
Gefühle von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit Theile unserer Natur und zwar
Theile die der Analyse so wenig fähig sind dass sie bei einem jeden Versuch
unsere anderen Gefühle zu analysieren vorausgesetzt werden Ähnlichkeit und
Unähnlichkeit müssen daher so gut wie Antecendenz und Sequenz Vorhergehen und
Folge und Gleichzeitigkeit unter den Relationen als Dinge sui generis stehen
Es sind Attribute die auf Tatsachen dh auf Zustände des Bewusstseins
gegründet sind aber auf Zustände die eigentümlich unauflösbar und
unerklärlich sind
Aber obgleich Ähnlichkeit und Unähnlichkeit in nichts anderen aufgelöst
werden können so lassen sich zusammengesetzte Fälle von Ähnlichkeit und
Unähnlichkeit in einfachere auflösen Wenn wir von zwei aus Teilen bestehenden
Dingen sagen dass sie einander ähnlich sind so lässt die Ähnlichkeit eine
Analyse zu sie besteht aus den gegenseitigen Ähnlichkeiten der verschiedenen
Theile Aus welch großer Menge von Ähnlichkeiten der Theile muss jene
Ähnlichkeit zusammengesetzt sein die uns veranlasst zu sagen ein Portrait
oder eine Landschaft sei dem Original ähnlich Wenn jemand die Gebärden eines
andern getreu nachahmt aus wie vielen einfachen Ähnlichkeiten muss die
allgemeine oder komplexe Ähnlichkeit zusammengesetzt sein Ähnlichkeit in der
Reihenfolge der Körperstellungen Ähnlichkeit in Stimme oder in Accent und
Intonation der Stimme Ähnlichkeit in der Wahl der Worte und in den Gedanken
oder den durch Worte Mienen oder Gebärden ausgedrückten Meinungen
Alle Ähnlichkeit und Unähnlichkeit wovon wir irgend Kenntnis haben löst
sich in Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zwischen Zuständen unseres eigenen
Geistes oder denen des Geistes eines andern auf Wenn wir sagen ein Körper sei
einem andern ähnlich so meinen wir in Wirklichkeit da wir von den Körpern
nichts erkennen als die Empfindungen welche sie uns erregen dass eine
Ähnlichkeit zwischen den durch die zwei Körper erregten Empfindungen oder
wenigstens zwischen einigen labilen dieser Empfindung besteht Wenn wir sagen
zwei Attribute seien einander ähnlich so meinen wir in Wirklichkeit da wir von
Attributen nichts erkennen als die Empfindungen oder Zustände des Gefühls auf
welche sie gegründet sind dass diese Empfindungen oder Zustände des Gefühls
einander gleichen Wir können auch sagen zwei Relationen seien einander
ähnlich Die Ähnlichkeit zwischen Relationen wird zuweilen Analogie genannt
indem dies eine der zahlreichen Bedeutungen dieses Wortes ausmacht Die
Relation in welcher Priamus zu Hektor stand dh die von Vater und Sohn ist
ähnlich der Relation in der Philipp zu Alexander stand Die Beziehung in
welcher Cromwell zu England stand ist ähnlich der Beziehung in welcher
Napoleon zu Frankreich stand obgleich nicht so sehr ähnlich um dieselbe
Relation genannt zu werden In beiden Fällen muss die Meinung die sein dass
eine Ähnlichkeit zwischen den Tatsachen bestand welche das fundamentum
relationis ausmachten
Diese Ähnlichkeit kann in allen denkbaren Abstufungen von vollkommener
Nichtunterscheidbarkeit an bis zu etwas ganz Unbedeutendem stattfinden Wenn wir
sagen ein in dem Geist eines genialen Menschen angeregter Gedanke sei einem in
die Erde gelegten Samenkorn ähnlich weil der erstere eine Menge anderer
Gedanken und das letztere eine Menge anderer Samenkörner hervorbringt so
heißt das soviel als dass zwischen der Relation eines erfindungsreichen
Geistes und der in ihm enthaltenen Gedanken und der Relation eines fruchtbaren
Bodensund der in ihm enthaltenen Saat eine Ähnlichkeit besteht die wirkliche
Ähnlichkeit besteht in den zwei fundamenta relationis in beiden ist ein Keim
vorhanden der durch seine Entwickelung eine Menge anderer ihm ähnlicher Dinge
hervorbringt Da nun wenn zwei Gegenstände zusammen an einem Phänomen beteiligt
sind dies eine Relation zwischen diesen Gegenständen ausmacht so ist wenn
zwei andere Gegenstände an einem zweiten Phänomen beteiligt sind die geringste
Ähnlichkeit zwischen den beiden Phänomenen hinreichend damit wir sagen die
beiden Relationen seien ähnlich natürlich vorausgesetzt dass die ähnlichen
Punkte in jenen Teilen der zwei beziehlichen Phänomene liegen die durch die
relativen Namen mitbezeichnet werden
Da wir von der Ähnlichkeit sprechen so ist es nötig einer Zweideutigkeit
der Sprache zu erwähnen gegen welche kaum jemand genugsam auf der Hut ist Wenn
Ähnlichkeit im höchsten Grad vorhanden ist und bis zur Nichtunterscheidbarkeit
geht so wird sie häufig Identität genannt und die zwei ähnlichen Dinge heißen
dieselben Ich sage häufig nicht immer denn von zwei sichtbaren Gegenständen
von zwei Personen zB sagen wir nicht sie seien dieselben weil sie einander
so ähnlich sind dass wir sie mit einander verwechseln könnten aber wir
brauchen diese Ausdrucksweise immer wenn wir von Gefühlen sprechen wie wenn
ich sage der Anblick eines Gegenstandes errege mir heute dieselbe Empfindung
wie gestern oder dieselbe welche er jemand anders erregt Dies ist offenbar
eine unrichtige Anwendung des Wortes dieselbe denn das Gefühl welches ich
gestern hatte ist dahin auf Nimmerwiederkehren was ich heute habe ist ein
anderes Gefühl dem frühem vielleicht genau ähnlich aber doch von ihm
unterschieden auch ist es klar dass zwei verschiedene Personen dasselbe Gefühl
nicht in dem Sinne haben können als wir von ihnen sagen dass sie beide an
demselben Tische sitzen Es ist eine ähnliche Zweideutigkeit wenn wir sagen
zwei Personen litten an derselben Krankheit zwei Personen ständen in demselben
Amt und zwar nicht in dem Sinne in welchem wir sagen sie seien in demselben
Abenteuer begriffen oder sie segelten mit demselben Schiffe sondern wenn wir
damit sagen wollen dass sie in genau ähnlichen Ämtern obgleich vielleicht an
von einander entfernten Orten stehen usw Es entsteht oft eine große
Gedankenverwirrung dadurch und viele Trugschlüsse werden bei sonst aufgeklärten
Verstandeskräften dadurch hervorgerufen dass manche die an und für sich nicht
immer zu vermeidende Tatsache nicht genug beachten dass sie denselben Namen
gebrauchen um so verschiedene Gedanken wie Identität und nichtunterscheidbare
Ähnlichkeit auszudrücken Unter den neueren Schriftstellern ist Whately der
einzige der die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied und die damit verbundene
Zweideutigkeit gelenkt hat
Mehrere gewöhnlich mit anderen Namen belegte Relationen sind wirkliche
Fälle von Ähnlichkeit zB Gleichheit was nur ein anderes Wort ist für die
gewöhnlich Identität genannte genaue Ähnlichkeit welche als zwischen Dinge in
Beziehung auf Quantität existierend betrachtet wird Dieses Beispiel bietet einen
geeigneten Übergang zur dritten und letzten der drei Rubriken unter die wie
bereits bemerkt die Attribute gebracht werden
V Quantität
12 Wir wollen uns zwei Dinge denken zwischen denen kein Unterschied
di keine Unähnlichkeit als nur in der Quantität besteht zB eine Gallone
Wasser und mehr als eine Gallone Wasser Von einer Gallone Wasser erfahren wir
die Anwesenheit wie von anderen äußerlichen Gegenständen durch eine Reihe von
Sensationen welche sie in uns erregt Zehn Gallonen Wasser sind ebenfalls ein
äußerer Gegenstand dessen Anwesenheit wir in ähnlicher Weise erfahren und da
wir die zehn Gallonen Wasser nicht für eine Gallone Wasser halten so ist es
klar dass die Reihe von Empfindungen in den beiden Fällen mehr oder weniger
verschieden ist In ähnlicher Weise sind eine Gallone Wasser und eine Gallone
Wein zwei äußere Gegenstände deren Gegenwart sich uns durch zwei von einander
verschiedene Reihen von Empfindungen kundgibt Im ersteren Fall sagen wir
indessen dass der Unterschied in der Quantität liegt im letzteren dass er in
der Qualität liegt während die Quantität Wasser und Wein dieselbe ist Welches
der wirkliche Unterschied zwischen den beiden Fällen sei hat die Logik nicht zu
untersuchen noch hat sie zu entscheiden ob er einer Untersuchung fähig ist
oder nicht Für uns sind die folgenden Betrachtungen hinreichend Es ist klar
dass die Empfindungen welche ich von der Gallone Wasser empfange und
diejenigen welche ich von der Gallone Wein empfange nicht dieselben dh
nicht genau ähnlich sind sie sind aber auch nicht ganz unähnlich sie sind
teils ähnlich teils unähnlich und das worin sie ähnlich sind ist genau
das worin allein die Gallone Wasser und die zehn Gallonen Wasser unähnlich
sind Dasjenige worin die Gallone Wasser und die Gallone Wein einander ähnlich
sind und worin die Gallone Wasser und die zehn Gallonen Wasser einander
unähnlich sind wird ihre Quantität genannt So wenig wie irgend eine andere Art
von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit unternehme ich es diese Ähnlichkeit und
Unähnlichkeit zu erklären Meine Absicht ist zu zeigen dass sowohl wenn wir
sagen dass zwei Dinge der Quantität nach als wenn wir sagen dass sie der
Qualität nach verschieden sind die Behauptung immer auf eine Verschiedenheit
der von ihnen erregten Empfindungen gegründet ist Niemand glaube ich wird
sagen dass zehn Gallonen Wasser zu sehen heben trinken nicht eine andere
Reihe von Empfindungen in sich einschließt als eine Gallone zu sehen heben
trinken oder dass das Sehen oder Handhaben eines Fußmaßes und das Sahen
oder Handhaben eines genau ähnlich verfertigten Yardmaßes dieselben
Sensationen erregt Ich versuche nicht zu sagen welcher Art die Verschiedenheit
in den Empfindungen ist denn niemand kann dies sagen obgleich sie jedermann
kennt so wenig man jemanden der niemals die Empfindung gehabt hat sagen kam
was weiß ist Aber die Verschiedenheit so weit sie durch unsere Fähigkeiten
erkennbar ist liegt in unseren Empfindungen Welche Verschiedenheit wir
immerhin von den Dingen selbst aussagen mögen sie ist in diesem wie in allen
anderen Fällen ausschließlich auf eine Verschiedenheit der in uns erregten
Empfindungen gegründet
VI Schluss der Attribute
13 Alle unter Qualität und Quantität klassifizierten Attribute der
Körper sind also auf die Empfindungen gegründet welche wir von diesen erhalten
und können definiert werden als das Vermögen der Körper diese Empfindungen in
uns zu erregen Es wurde gefunden dass diese allgemeine Erklärung auf die
meisten der unter die Rubrik Relation gebrachten Attribute anwendbar ist Auch
sie sind auf eine Tatsache oder eine Erscheinung gegründet in welche die in
Relation stehenden Gegenstände als Teilnehmer eintreten während diese
Tatsache oder Erscheinung keine Bedeutung und keine Existenz hat als die Reihe
von Empfindungen oder andere Zustände des Bewusstseins durch welche sie sich
kundgibt während die Relation einfach die Fähigkeit oder das Vermögen ist
welches der Gegenstand besitzt samt dem mit ihm in Korrelation stehenden
Gegenstand an der Erzeugung dieser Reihe von Empfindungen oder Zustände des
Bewusstseins Teil zu nehmen Bei gewissen eigentümlichen Relationen denen der
Reihenfolge und Gleichzeitigkeit der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit mussten
wir einen einigermaßen verschiedenen Charakter anerkennen Da diese nicht auf
eine von den in Relation stehenden Gegenständen selbst verschiedene Tatsache
oder Erscheinung gegründet sind so ist dieselbe Analyse bei ihnen nicht
anwendbar Aber diese Relationen wenngleich nicht auf Zustände des Bewusstseins
gegründet sind selbst Zustände des Bewusstseins Ähnlichkeit ist nichts
anderes als unser Gefühl von Ähnlichkeit Aufeinanderfolge nichts als unser
Gefühl von Aufeinanderfolge oder wenn dies bestritten würde und wir können
ohne die Grenze unserer Wissenschaft zu überschreiten dies hier nicht
erörtern so ist wenigstens die Erkenntnis dieser Relationen und sogar die
Möglichkeit unserer Erkenntnis auf diejenigen Relationen beschränkt welche
zwischen Empfindungen oder anderen Zuständen des Bewusstseins stattfinden denn
obgleich wir Ähnlichkeit Folge oder Gleichzeitigkeit den Gegenständen oder
Attributen zuschreiben so geschieht dies doch vermöge der Ähnlichkeit Folge
oder Gleichzeitigkeit in den Empfindungen oder Zuständen des Bewusstseins
welche diese Gegenstände erregen und auf welche diese Attribute gegründet sind
14 Bei der vorhergehenden Untersuchung haben wir der Einfachheit wegen
bloß Körper betrachtet und den Geist nicht berücksichtigt Auf letzteren ist
indessen mutatis mutandis alles anzuwenden was wir oben gesagt haben Die
Attribute des Geistes sind so gut wie die der Körper auf Zustände des Gefühls
oder des Bewusstseins gegründet aber bei dem Geist haben wir sowohl seine
eigenen Zustände als auch diejenigen zu betrachten welche er in dem Geiste
anderer erregt Ein jedes Attribut eines Geistes besteht darin dass er in einer
bestimmten Weise selbst affiziert ist oder andere Geister affiziert An und für
sich betrachtet können wir von ihm nichts aussagen als die Reihen seiner
eigenen Gefühle Wenn wir von einem Geiste sagen er sei devot oder
abergläubisch oder nachdenklich oder fröhlich so meinen wir dass die in
diesen Wörtern eingeschlossenen Ideen Emotionen oder Willenstätigkeiten einen
häufig wiederkehrenden Teil der Reihen von Gefühlen oder Zuständen des
Bewusstseins ausmachen welche die empfindende Existenz dieses Geistes erfüllen
Außer den Attributen des Geistes welche auf die Zustände seines eigenen
Gefühls gegründet sind können wir ihm in derselben Weise wie bei den Körpern
Attribute zuschreiben welche auf die Gefühle gegründet sind welche er in
anderen Geistern erregt Ein Geist erregt nicht wie ein Körper Empfindungen
Sensationen aber er kann Gedanken oder Emotionen erregen Das Wichtigste
Beispiel von auf dieser Grundlage ruhenden Attributen besteht in dem Gebrauche
von Wörtern welche Lob oder Tadel ausdrücken Wenn wir zB von einem
Charakter oder mit anderen Worten von einem Geiste sagen er sei
bewunderungswürdig so meinen wir dass die Betrachtung desselben das Gefühl der
Bewunderung erregt in der That meinen wir etwas mehr denn das Wort schließt
nicht allein ein dass wir Bewunderung fühlen sondern auch dass wir das Gefühl
in uns gutheißen In manchen Fällen werden dem Anschein nach nur ein in
Wirklichkeit aber zwei Attribute ausgesagt das eine ein Zustand des Geistes
selbst das andere ein Zustand womit der Geist anderer beim Denken daran
affiziert wird zB wenn wir von jemand sagen er sei großmütig Das Wort
Großmut drückt einen gewissen Zustand des Geistes aus da es aber ein Lob
enthält so drückt es auch aus dass dieser Zustand des Geistes in uns einen
andern geistigen Zustand erregt welcher Beifall genannt wird Die Aussage ist
daher eine doppelte und hat folgenden Sinn Gewisse Gefühle bilden gewöhnlich
einen Teil der empfindenden Existenz eines Menschen und der Gedanke an diese
seine Gefühle erregt in uns oder anderen das Gefühl des Beifalls
In derselben Weise nun wie wir dem Geiste auf Gedanken und Emotionen
gegründete Attribute zuschreiben können wir auch den Körpern nicht bloß auf
Sensationen sondern auch auf Gedanken und Emotionen gegründete Attribute
zuschreiben wie wenn wir zB von der Schönheit einer Bildsäule sprechen indem
das Attribut auf ein eigentümliches Gefühl von Vergnügen welches die Bildsäule
in unserm Geiste erzeugt gegründet ist was nicht eine Sensation sondern eine
Emotion ist
Allgemeine Resultate
15 Unsere Untersuchung der Mannigfaltigkeit von Dingen welche Namen
erhalten haben oder zu erhalten fähig sind welche entweder von Dingen ausgesagt
wurden oder ausgesagt werden können oder welche selbst Gegenstand der Aussage
werden können ist nun zu Ende geführt
Die Aufzählung begann mit den Gefühlen Diese unterschieden wir genau von
den Gegenständen durch welche sie erregt und Ton den Organen durch welche sie
wirklich oder der Voraussetzung nach übertragen werden Wir unterschieden vier
Arten von Gefühlen Empfindungen Sensationen Gedanken Gemütsbewegungen
Emotionen und Willenstätigkeiten Wollen Was man Wahrnehmungen nennt ist
nur ein besonderer Fall von Glauben und Glaube ist eine Art Gedanke Handlungen
sind bloß Willenstätigkeiten auf welche eine Wirkung folgt Wenn es noch
einen in diese Unterabtheilungen nicht eingeschlossenen Zustand des Geistes
gibt so hielten wir es nicht für nötig oder geeignet uns bezüglich seiner
Existenz oder des ihm zukommenden Platzes hier in Erörterungen einzulassen
Von den Gefühlen gingen wir zu den Substanzen über Diese sind entweder
Körper oder Geist Ohne auf die Gründe der metaphysischen Zweifel einzugehen
welche in Beziehung auf die Existenz von Materie und Geist als objektive
Realitäten erhoben wurden führten wir den Schluss an in dem die besten Denker
jetzt übereinstimmen dass die Sensationen und die Ordnung ihres Eintretens
alles ausmachen was wir von der Materie wissen können und dass während die
Substanz Körper die unbekannte Ursache unserer Empfindungen ist die Substanz
Geist der unbekannte Rezipient derselben ist
Die einzige noch übrige Klasse von benennbaren Dingen ist die der Attribute
deren es drei Arten gibt Qualität Relation und Quantität Qualitäten werden
wie Substanzen von uns nicht anders als durch die Empfindungen oder andere
Zustände des Bewusstseins welche sie erregen erkannt und während wir in
Übereinstimmung mit dem allgemeinen Gebrauche von ihnen als von einer
unterschiedenen Klasse von Dingen sprachen zeigten wir dass beim Prädizieren
derselben niemand etwas anderes auszusagen meint als jene Empfindungen oder
Zustände des Bewusstseins auf welche sie gegründet sind und durch welche sie
allein definiert und beschrieben werden können Relationen sind mit Ausnahme der
einfachen Fälle von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit Folge und Gleichzeitigkeit
ebenfalls auf irgend eine Tatsache oder Erscheinung dh auf irgend eine mehr
oder weniger komplizierte Reihe von Empfindungen oder Zuständen des Bewusstseins
gegründet Die dritte Art von Attributen die Quantität ist offenbar auch auf
etwas in unseren Empfindungen oder Zuständen des Gefühls vorhandenes gegründet
indem ohne allen Zweifel ein Unterschied in den Sensationen besteht welche
durch eine größere oder kleinere Masse oder durch einen größeren oder geringem
Grad von Intensität in einem Gegenstände der Sinne oder Bewusstsein hat erregt
werden Alle Attribute sind daher für uns nichts als entweder unsere
Empfindungen oder andere Zustände des Gefühls oder etwas das unauflöslich in
diesen eingeschlossen liegt und hiervon machen seihst die eben angeführten
besonderen einfachen Relationen keine Ausnahme Diese besonderen Relationen sind
indessen so wichtig und wenn sie auch Streng genommen zu den Zuständen des
Bewusstseins gezählt werden könnten so sind sie doch von den übrigen Zuständen
des Bewusstseins so fundamental verschieden dass es eine nutzlose
Spitzfindigkeit wäre sie unter diese gemeinsame Rubrik zu bringen anstatt wie
erforderlich sie besonders zu klassifizieren
Als das Resultat unserer Analyse erhalten wir daher Folgende als Aufzählung
und Klassifikation aller benennbaren Dinge
1 Gefühle oder Zustände des Bewusstseins
2 Der Geist welcher diese Gefühle erfährt
3 Die Körper oder äußeren Gegenstände welche diese Gefühle erregen samt
dem Vermögen oder den Eigenschaften wodurch sie dieselben erregen diese
letzteren schließen wir mehr in Übereinstimmung mit der gewöhnlichen Ansicht
und mehr darum ein weil ihre Existenz im gewöhnlichen Sprachgebrauch von dem
nicht gut abzuweichen ist als zugegeben angenommen wird als weil die
Anerkennung dieses Vermögens oder dieser Eigenschaften als reale Existenzen
durch eine gesunde Philosophie geboten erscheint
4 Die Aufeinanderfolgen Sukzessionen und Koexistenzen die Ähnlichkeiten
und Unähnlichkeiten zwischen Gefühlen oder Zuständen des Bewusstseins Diese
Relationen wenn sie auch als zwischen anderen Dingen bestehend betrachtet
werden bestehen in Wirklichkeit nur zwischen Zuständen des Bewusstseins welche
diese Dinge wenn sie Körper sind erregen und wenn sie Geigt sind entweder
erregen oder erfahren
So lange nichts besseres vorhanden kann dies als ein Ersatz für die
misslungene Klassifikation der Existenzen dienen welche die Kategorien des
Aristoteles genannt werden Die praktische Anwendung wird sich ergeben wenn wir
die Untersuchung über den Inhalt der Urteile beginnen mit anderen Worten wenn
wir Untersuchen was der Geist wirklich glaubt wenn er einem Urteile seine
sogenannte Zustimmung gibt
Da wenn die Klassifikation richtig ist diese vier Classen alle benennbaren
Dinge umfassen so müssen sie oder einige von ihnen naturgemäß die Bedeutung
aller Namen zusammensetzen und aus ihnen oder einigen von ihnen besteht was wir
eine Tatsache nennen
Der Unterscheidung wegen wird eine jede Tatsache welche nur aus Gefühlen
oder aus als solche betrachteten Zuständen des Bewusstseins zusammengesetzt ist
häufig eine psychologische oder subjektive Tatsache genannt während eine jede
Tatsache welche entweder ganz oder zum Teil aus etwas davon verschiedenem
di aus Substanzen und Attributen zusammengesetzt ist eine objektive Tatsache
heißt Wir können daher sagen dass eine jede objektive Tatsache auf eine
entsprechende subjektive gegründet ist und außer der ihr entsprechenden
subjektiven Tatsache für uns keine Bedeutung hat es sei denn als ein Name für
den unbekannten und unerklärlichen Vorgang durch welchen jene subjektive oder
psychologische Tatsache herbeigeführt wird
1 Wie bei den Namen so müssen wir auch bei den Urteilen einige
Betrachtungen von vergleichungsweise elementarer Natur bezüglich deren Formen
und Varietäten vorausschicken ehe wir auf den eigentlichen Gegenstand und Zweck
dieses einleitenden Theiles auf die Analyse des Inhalts der Urteile eingehen
Ein Urteil ist wie bereits oben bemerkt ein Redeteil in welchem ein
Prädikat von einem Subjekt behauptet oder verneint wird Ein Prädikat und ein
Subjekt sind alles was nötig ist um ein Urteil zu bilden da wir aber aus der
bloßen Zusammenstellung zweier Namen nicht ersehen können dass sie Prädikat
und Subjekt sind dh dass das eine von dem andern behauptet oder verneint
werden soll so muss ein Modus oder eine Form da sein woraus sich dies erkennen
lässt irgend ein Zeichen um eine Prädikation von jeder andern Redeform zu
unterscheiden Dies geschieht zuweilen durch eine Beugung Inflektion
genannte leichte Veränderung des einen Wortes wie wenn wir sagen Feuer
brennt die Veränderung des zweiten Wortes brennen in brennt zeigt hier dass
wir das Prädikat brennen von dem Subjekt Feuer behaupten vollen Diese Funktion
wird indessen bei einer Affirmation gewöhnlich von dem Worte ist bei einer
Negation von ist nicht oder durch einen andern Teil des Zeitwortes sein
übernommen Ein solches als Zeichen der Prädikation dienendes Wort wird wie
früher bemerkt Copula genannt Es ist von Wichtigkeit dass in Beziehung auf
die Natur und Verrichtung der Copula in unseren Begriffen keine Unklarheit sei
denn verworrene Begriffe hierüber gehören mit zu den Ursachen welche den
Mystizismus über das Gebiet der Logik verbreitet und ihre Spekulationen in
Wortstreitereien verwandelt haben
Man könnte leicht zu der Annahme verleitet werden die Copula sei etwas mehr
als ein Zeichen der Prädikation sie bedeute auch Existenz Es könnte scheinen
dass in dem Urteile Sokrates ist gerecht nicht bloß eingeschlossen liegt
dass die Eigenschaft gerecht von Sokrates behauptet werden kann sondern auch
dass Sokrates ist dh dass er existiert Dies zeigt indessen nur dass in dem
Worte ist eine Zweideutigkeit liegt es ist ein Wort welches nicht allein die
Funktion der Copula bei der Affirmation versieht sondern es hat auch für sich
allein eine Bedeutung vermöge deren es selbst das Prädikat eines Urteils
werden kann Dass Seine Verwendung als Copula nicht notwendig die Behauptung
der Existenz einschließt geht aus folgendem Urteil hervor »ein Zentaur ist
eine Erfindung der Poeten« hier kann Existenz unmöglich eingeschlossen sein da
das Urteil selbst ausdrücklich behauptet dass das Ding kein reales Dasein
besitzt
Man könnte viele Bände füllen mit den wertlosen Spekulationen bezüglich der
Natur des Seins to on ousia Ens Entitas Essentia u dergl welche dadurch
entstanden dass man die doppelte Bedeutung des Wortes sein übersah dass man
annahm dass wenn es existieren bedeutet und wenn es von einem Ding das sein
bedeutet wie ein Mensch sein Sokrates sein gesehen oder gehört sein ein
Phantom sein sogar ein Nonens sein es doch noch im Grund derselben Idee
entsprechen müsse und dass eine Bedeutung für dasselbe gefunden werden müsse
welche allen diesen Fällen angepasst ist Der von diesem kleinen Fleck
aufsteigende Nebel verbreitete sich frühzeitig über das ganze Gebiet der
Metaphysik Es ziemt sich indessen für uns nicht die große Intelligenz von
Plato und Aristoteles zu missachten weil wir uns jetzt gegen viele Fehler
schützen können in welche sie auf vielleicht unvermeidliche Weise verfielen
Der Heizer einer Dampfmaschine bringt durch seine Verrichtungen viel größere
Wirkungen hervor als Milo von Crotona aber er ist deshalb nicht ein stärkerer
Mann Die Griechen kannten außer der ihrigen kaum eine andere Sprache es war
daher für die viel schwieriger in der Entdeckung von Zweideutigkeiten eine
Fertigkeit zu erlangen Einer der Vorteile des gründlichen Studiums mehrerer
Sprachen namentlich derjenigen in welchen hervorragende Denker ihre bedanken
mitgeteilt haben ist die praktische Lehre die wir bezüglich der
Zweideutigkeit der Wörter erhalten wenn wir finden dass dasselbe Wort einer
Sprache mehreren Wörtern in der andern Sprache entspricht Ohne eine solche
Erfahrung fällt es den stärksten Geistern schwer einzusehen dass Dinge welche
einen gemeinsamen Namen haben in der einen oder der andern Beziehung nicht auch
eine gemeinsame Natur besitzen und sie verschwenden oft nicht bloß in
nutzloser sondern in wahrhaft unheilbringender Weise viel Arbeit wie es häufig
von Seiten der zwei genannten Philosophen geschah um zu entdecken Worin diese
gemeinsame Natur besteht Hat sich jene Erfahrung aber einmal gebildet so sind
viel untergeordneter Geister im Stande Zweideutigkeiten zu entdecken welche
verschiedenen Sprachen gemeinsam sind und es ist überraschend dass die in
Frage stehende Zweideutigkeit obgleich sie in den neuer an so gut wie in den
alten Sprachen besteht von fast allen Schriftstellern übergehen worden ist
Schon Hobbes spielte auf die Menge von nutzlosen Spekulationen an welche durch
eine Verkennung der Natur der Copula verursacht wurden aber Mill19 glaube ich
war der erste der die Zweideutigkeit klar charakterisierte und nachwies wieviel
Irrtümer sie in den angenommenen philosophischen Systemen verschuldet hat In
der That hat sie die Neueren kaum weniger verleitet als die Alten wenn auch
ihre Irrtümer dadurch weniger vernunftwidrig erscheinen dass unser Geist sich
noch nicht so vollständig von dem Einfluss der Alten emanzipiert hat
Wir wollen nun auf die Hauptunterschiede zwischen den Urteilen und auf die
behufs dieser Unterscheidung gewöhnlich gebrauchten termini technici in aller
Kürze einen Blick werfen
2 Da ein Urteil ein Redeteil ist in welchem etwas von einem Ding
behauptet bejaht oder verneint wird so ist die erste Einteilung der Urteile
in bejahende affirmative und verneinende negative Ein bejahendes Urteil
ist ein solches in welchem das Prädikat von dem Subjekt bejaht wird wie Cäsar
ist tot Ein verneinendes Urteil ist ein solches in dem das Prädikat von dem
Subjekt verneint wird wie Cäsar ist nicht tot In dem letzten Urteil besteht
die Copula aus den Worten ist nicht sie sind das Zeichen der Verneinung sowie
ist das Zeichen der Bejahung ist
Manche Logiker unter ihnen Hobbes machen eine andere Unterscheidung sie
anerkennen bloß eine Form von Copula ist und verknüpfen das negative Zeichen
mit dem Prädikat »Cäsar ist tot« und »Cäsar ist nicht tot« sind nach diesen
Schriftstellern Urteile welche nicht im Subjekt und Prädikat sondern in dem
Subjekt übereinstimmen Sie betrachten nicht »tot« sondern »nicht tot« als
das Prädikat des zweiten Urteils und definieren demnach ein negatives Urteil
als ein Urteil in dem das Prädikat ein negativer Name ist Obgleich nicht von
praktischer Bedeutung verdient dieser Punkt doch als ein in der Logik nicht
seltenes Beispiel erwähnt zu werden wie vermittelst einer scheinbaren und
überdies bloß wörtlichen Vereinfachung die Dinge verwickelter werden als sie
vorher waren Jene Autoren glaubten dass wenn sie einen jeden Fall von
Verneinung als die Affirmation eines negativen Namens behandelten sie der
Unterscheidung zwischen bejahen und verneinen los würden Was ist aber ein
negativer Name Ein Name der die Abwesenheit eines Attributs ausdrückt Wenn
wir daher einen negativen Namen affirmieren so prädizieren wir in Wirklichkeit
Abwesenheit und nicht Anwesenheit wir behaupten nicht dass etwas ist sondern
dass etwas nicht ist eine Operation zu deren Ausdruck kein Wort so genügend
ist wie das Wort verneinen Die fundamentale Unterscheidung ist die zwischen
einer Tatsache und der Nichtexistenz dieser Tatsache zwischen dem Sehen von
etwas und dem Nichtsehen zwischen Cäsars Totsein und Nichttotsein und
selbst wenn dies bloß eine wörtliche Unterscheidung wäre so würde die
Generalisation welche beides unter dieselbe Form von Behauptung bringt eine
wirkliche Vereinfachung sein Da indessen die Unterscheidung eine wirkliche und
in den Tatsachen unterscheidende ist so ist die die Unterscheidung
verwechselnde Generalisation eine bloß wörtliche und dient nur dazu den
Gegenstand dunkel zu machen indem sie den Unterschied zwischen zwei Arten von
Wahrheiten gehandelt als wäre es nur ein Unterschied zwischen zwei Arten von
Wörtern Dinge zusammenstellen und Dinge von einanderbringen oder halten
bleiben zwei verschiedene Operationen welche Kunststücke wir auch mit der
Sprache machen mögen
Eine ähnliche Bemerkung kann man in Betreff der meisten jener
Unterscheidungen zwischen Urteilen machen welche sich wie man sagt auf deren
Modalität beziehen wie Unterschied von Tempus oder Zeit zB die Sonne ging
auf die Sonne geht auf die Sonne wird aufgehen Diesen Unterschieden könnte
man wie dem Unterschied zwischen Bejahung und Verneinung einen Anstrich von
Einfachheit anerklären wenn man das Zufällige der Zeit als eine bloße
Modifikation des Prädikats betrachten würde wie die Sonne ist ein Gegenstand
der aufgegangen ist die Sonne ist ein Gegenstand der nun aufgeht die Sonne
ist ein Gegenstand der hernach aufgeht Aber die Vereinfachung würde bloß ein
wörtliche sein Vergangenheit Gegenwart und Zukunft konstituieren nicht ebenso
viele verschiedenen Arten des Aufgehens sie sind nur Bezeichnungen welche zu
dem behaupteten Vorgang dem heutigen Aufgehen der Sonne gehören Sie berühren
nicht das Prädikat sondern die Anwendbarkeit des Prädikats auf das Subjekt Was
wir als vergangen gegenwärtig oder zukünftig affirmieren ist weder das was das
Subjekt noch das was das Prädikat bedeutet sondern spezifisch und
ausdrücklich das was die Prädikation bedeutet das was nur durch das Urteil
als solches und nicht durch eines der Wörter oder durch beide ausgedrückt wird
Der Zeitumstand wird daher ganz geeignet als mit der Copula welche das Zeichen
der Prädikation ist und nicht als mit dem Prädikat verknüpft betrachtet Wenn
dasselbe nicht von solchen Modifikationen gesagt werden kann wie Cäsar kann
tot sein Cäsar ist vielleicht tot es ist möglich dass Cäsar tot ist so
ist dies nur weil dieselben unter eine ganz andere Rubrik gehören indem sie
eigentlich Behauptungen sind nicht von etwas das sich auf die Tatsache selbst
bezieht sondern von unserem eigenen Geisteszustand in Betreff derselben
nämlich von der Abwesenheit unseres Unglaubens »Cäsar kann tot sein« will so
viel sagen als »Ich bin nicht gewiss dass Cäsar lebt«
3 Die nächste Einteilung der Urteile ist die in einfache und
zusammengesetzte komplexe In dem einfachen Urteil wird ein Prädikat von
einem Subjekt behauptet oder verneint Ein komplexes Urteil enthält mehr als
ein Prädikat oder mehr als ein Subjekt oder auch mehr als eines von beiden
Beim ersten Anblick schon hat diese Einteilung das Ansehen einer
Absurdität es ist eine förmliche Einteilung von Dingen in eins und in mehr als
eins wie wenn wir Pferde in einzelne Pferde und in Gespanne von Pferden
einteilen wollten Auch ist es Wahr dass ein sogenanntes zusammengesetztes
Urteil oft nicht ein Urteil ist sondern dass es aus mehreren durch ein
Bindewort zusammengehaltenen Urteilen besteht wie z B Cäsar ist tot und
Brutus lebt oder auch Cäsar ist tot aber Brutus lebt Es Bind hier zwei
verschiedene Behauptungen und wir könnten eine Straße mit demselben Recht ein
zusammengesetztes Haus als diese zwei Urteile ein zusammengesetztes Urteil
nennen Die syncategorematischen Wörter und und aber haben zwar eine Bedeutung
aber diese Bedeutung weit entfernt aus den zwei Urteilen eines zu machen fügt
eher ein drittes Urteil hinzu Alle Partikel sind Abkürzungen und im
allgemeinen Abkürzungen von Urteilen eine Art Geschwindschrift wodurch der
Geist auf einmal erfährt was um vollständig ausgedrückt zu werden ein Urteil
oder eine Reihe von Urteilen erfordert hätte So sind die Worte »Cäsar ist tot
und Brutus lebt« gleichbedeutend mit Cäsar ist tot Brutus lebt diese beiden
Urteile sollen mit einander verbunden betrachtet werden Wenn die Worte
lauteten »Cäsar ist tot aber Brutus lebt« so wäre ihr Sinn gleichbedeutend
mit denselben drei Urteilen und noch mit dem vierten »zwischen den zwei
vorhergehenden Urteilen besteht ein Gegensatz« ein Gegensatz nämlich zwischen
den zwei Tatsachen selbst oder zwischen den Gefühlen womit gewünscht wird
dass sie betrachtet werden
In den angeführten Beispielen wurden die zwei Urteile sichtlich
unterschieden gehalten indem jedes Subjekt sein besonderes Prädikat und jedes
Prädikat sein besonderes Subjekt hatte Der Kürze wegen und um Wiederholungen
zu vermeiden werden die zwei Urteile oft mit einander verschmolzen zB
»Petrus und Jacobus predigten zu Jerusalem und in Galiläi« Hierin liegen vier
Urteile Petrus predigte zu Jerusalem Petrus predigte in Galiläi Jacobus
predigte zu Jerusalem Jacobus predigte in Galiläi Wir haben gesehen dass wenn
die zwei oder mehr Urteile welche in einem sogenannten zusammengesetzten
Urteil enthalten sind absolut und nicht bedingungsweise und mit Vorbehalt
ausgesagt werden nicht ein Urteil sondern mehrere Urteile ausmachen da in
dem darin Ausgedrückten nicht eine einzige sondern mehrere Behauptungen liegen
die wenn sie in ihrer Verbindung wahr auch nach der Trennung wahr sind Es
gibt indessen eine Art Urteil die obgleich sie mehrere Subjekte und
Prädikate enthält und auch in gewissem Sinne als aus mehreren Urteilen
bestehend gedacht werden könnte nur eine einzige Behauptung enthält deren
Wahrheit durchaus nicht die der sie zusammensetzenden einfachen Urteile
einschließt Ein Beispiel hiervon ist die Verbindung einfacher Urteile durch
die Partikel oder und wenn wie Entweder A ist B oder C ist D A ist B wenn C D
ist Im ersteren Fall heißt das Urteil ein trennendes disjunktives im
letzteren Fall ein bedingtes konditionelles ursprünglich war der Name
hypothetisch beiden gemein Die trennende Form kann wie Whately und andere
bemerkten in die bedingte aufgelöst werden indem jedes trennende Urteil zwei
oder mehreren bedingten äquivalent ist »Entweder A ist B oder C ist D«
bedeutet »Wenn A nicht B ist so ist C D und wenn C nicht D ist so ist A
B« Alle hypothetischen Urteile sind daher der Bedeutung nach bedingte wenn
sie auch der Form nach trennende sind und die Worte hypothetisch und bedingt
können als synonym gebraucht werden und werden in der That gemeinlich so
gebraucht Urteile in denen die Behauptung nicht von einer Bedingung abhängig
ist heißen in der Sprache der Logiker kategorische
Ein hypothetisches Urteil besteht nicht wie die angeblich komplexen
Urteile aus einer Anhäufung von einfachen Urteilen die einfachen Urteile
welche einen Teil der Worte ausmachen in welche das hypothetische Urteil
gekleidet ist bilden nicht einen Teil der Behauptung welche es aussagt Wenn
wir sagen »Wenn der Koran von Gott kommt so ist Mahomed der Prophet Gottes«
so wollen wir damit nicht behaupten dass der Koran von Gott kommt oder dass
Mahomed wirklich sein Prophet ist Keines dieser einfachen Urteile braucht wahr
zu sein und dennoch kann die Wahrheit des hypothetischen Urteils
unwidersprechlich sein Nicht die Wahrheit von einem der Urteile wird hier
behauptet sondern es wird behauptet dass das eine aus dem andern gefolgert
werden kann Was also ist das Subjekt und Was das Prädikat des hypothetischen
Urteils Weder »der Koran« noch »Mahomed« denn von beiden wird weder etwas
bejaht noch verneint Das wirkliche Subjekt der Prädikation ist das ganze
Urteil »Mahomed ist der Prophet Gottes« und die Affirmation ist dass dies
eine legitime Folgerung des Urteils »der Koran kommt von Gott« ist Das Subjekt
und Prädikat eines hypothetischen Urteils sind daher Namen von Urteilen Das
Subjekt ist irgend ein Urteil das Prädikat ist ein relativer auf Urteile
anwendbarer Gemeinname und zwar von dieser Form »eine Folgerung aus so und
so« Es bietet sich hier ein neuer Beleg für die Bemerkung dar dass alle
Partikel Abkürzungen sind denn »wenn A B ist so ist C D« erscheint als eine
Abkürzung von Folgendem »das Urteil C ist D ist eine rechtmäßige Folgerung
vom Urteil A ist B«
Der Unterschied zwischen hypothetischen und kategorischen Urteilen ist daher
nicht so groß als es im Anfang scheint In der bedingten wie in der
kategorischen Form wird ein Prädikat von einem Subjekt ausgesagt und nicht mehr
aber ein bedingtes Urteil ist ein Urteil in Betreff eines Urteils das
Subjekt der Behauptung ist selbst eine Behauptung Auch ist dies keine besondere
Eigenschaft der hypothetischen Urteile Es gibt in Betreff der Urteile noch
andere Classen von Behauptungen Ein Urteil hat gleich anderen Dingen
Attribute welche von ihm prädiziert werden können Das in einem hypothetischen
Urteil von ihm ausgesagte Attribut ist dass es eine Folgerung aus einem
gewissen andern Urteil ist Dies ist indessen nur eines der vielen Attribute
welche ausgesagt werden könnten Wir können sagen dass das Ganze grösser ist
als seine Theile ist ein Axiom der Mathematik dass der heilige Geist von dem
Vater allein ausgeht ist ein Glaubenssatz der griechischen Kirche die Lehre
von dem göttlichen Recht der Könige wurde in der Revolution vom Parlament
verworfen die Unfehlbarkeit des Papstes findet in der heiligen Schrift keine
Stütze In allen diesen Fällen ist das Subjekt der Aussage ein ganzes Urteil
Dasjenige wovon diese verschiedenen Prädikate affirmiert werden besteht in dem
Urteil »das Ganze ist grösser als seine Theile« in dem Urteil »der heilige
Geist geht vom Vater allein aus« in dem Urteil »Könige haben ein göttliches
Recht« in dem Urteil »der Papst ist unfehlbar«
Wenn wir daher sehen dass zwischen hypothetischen und anderen Urteilen
viel weniger Unterschied ist als aus ihrer Form hervorzugehen scheint so
könnten wir uns die hohe Stellung welche dieselben in den Abhandlungen über
Logik einnehmen kaum erklären wenn wir uns nicht daran erinnern würden dass
das was sie von einem Urteil aussagen nämlich dass es eine Folgerung aus
etwas anderem ist genau dasjenige seiner Attribute ist womit sich vor allem
der Logiker zu beschäftigen hat
4 Die nächste der gewöhnlichen Einteilungen der Urteile ist die in
Allgemeine Universale Besondere Partikulare Unbestimmte Indefinite und
Einzelne Singuläre es ist dies eine Unterscheidung welche auf den Grad von
Allgemeinheit des als Subjekt des Urteils dienenden Namens gegründet ist
Hiervon die folgenden Beispiele
Alle Menschen sind sterblich Allgemeines
Manche Menschen sind sterblich Besonderes
Der Mensch ist sterblich Unbestimmtes
Julius Cäsar ist sterblich Einzelnes Urteil
Das Urteil ist Einzelurteil wenn das Subjekt ein individueller Name ist
letzterer braucht kein Eigenname zu sein »Der Stifter des Christentums wurde
gekreuzigt« ist ebensogut ein Einzelurteil als »Christus wurde gekreuzigt«
Wenn das Subjekt eines Urteils ein Gemeinname ist so können wir das
Prädikat entweder von allen Dingen welche das Subjekt bezeichnet oder nur von
einigen bejahen oder verneinen Wenn das Prädikat von allen und jedem der durch
das Subjekt bezeichneten Dinge bejaht oder verneint wird so ist das Urteils
ein allgemeines wenn dies von einem unbestimmten Teil derselben geschieht so
ist es ein besonderes »Alle Menschen sind sterblich« »jeder Mensch ist
sterblich« sind allgemeine Urteile Auch »Kein Mensch ist unsterblich« ist
ein allgemeines Urteil indem das Prädikat unsterblich von allen durch das Wort
Mensch bezeichneten Individuen verneint wird das negative Urteil ist hier ganz
gleichbedeutend mit folgendem »Jeder Mensch ist nichtunsterblich« Aber »Manche
Menschen sind weise« und »Manche Menschen sind nicht weise« sind besondere
Urteile da das Prädikat weise in dem einen und dem andern dieser Fälle nicht
von jedem der durch das Wort Mensch bezeichneten Individuen sondern nur von
einem Teil derselben von einigen nicht weiter spezifizierten Individuen bejaht
oder verneint wird wären dieselben näher spezifiziert so würde das Urteil in
ein Einzelurteil oder in ein allgemeines Urteil mit verschiedenem Subjekt
verwandelt wie zB »Alle wohl unterrichteten Menschen sind weise« Es gibt
noch andere Formen von besonderen Urteilen wie »Die meisten Menschen sind
unvollkommen erzogen« wo es so lange unwesentlich ist wie groß der Teil des
Subjekts sei von dem das Prädikat behauptet wird als es unbestimmt bleibt wie
dieser Teil sich von dem Rest unterscheidet
Wenn die Form des Ausdrucks nicht deutlich zeigt ob der das Subjekt des
Urteils darstellende Gemeinname für alle durch ihn bezeichneten Individuen
oder nur für einige derselben stehen soll so wird das Urteil gewöhnlich ein
Unbestimmtes genannt dies ist indessen wie Whately bemerkt ein Solözismus
derselben Art wie wenn manche Grammatiker in ihrer Liste der Genera
zweifelhafte Genera aufführen Der Sprechende muss das Urteil entweder als ein
allgemeines oder als ein besonderes gemeint haben wenn er dies auch nicht
erklärt hat und wenn auch häufig die Worte nicht zeigen welches von beiden er
beabsichtigt so ersetzen doch Kontext und Sprachgebrauch diesen Mangel Wenn
behauptet wird »der Mensch ist sterblich« so zweifelt niemand dass die
Behauptung von allen menschlichen Wesen gemeint sei das die Universalität
anzeigende Wort wird gewöhnlich ausgelassen weil die Bedeutung ohne dasselbe
klar ist In dem Urteil »der Wein ist gut« versteht man sogleich wenn auch
aus etwas verschiedenen Gründen dass die Behauptung nicht eine allgemeine
sondern eine besondere sein soll
Wenn ein Gemeinname für jedes Individuum steht von dem er ein Name ist
oder mit anderen Worten welches er bezeichnet so heißt er bei den Logikern
verteilt distribuiert oder distributiv genommen In dem Urteil Alle Menschen
sind sterblich ist das Subjekt distributiv indem die Unsterblichkeit von jedem
Menschen behauptet wird Das Prädikat Sterblich ist nicht distribuiert da die
einzigen Sterblichen von denen in dem Urteil die Rede ist alle Menschen sind
während das Wort noch eine unbestimmte Anzahl von anderen Gegenständen als
Menschen in sich einschließen kann In dem Urteil Einige Menschen sind
sterblich sind sowohl Subjekt als Prädikat unverteilt in dem folgenden Kein
Mensch hat Flügel sind Prädikat und Subjekt verteilt Nicht allein dass das
Attribut Flügelhaben von der ganzen Klasse Mensch verneint wird sondern diese
Klasse ist auch von dem Ganzen der Klasse Geflügelt und nicht bloß von einigen
Teilen derselben gesondert und aufgestoßen
Diese Phraseologie welche bei der Darlegung der Regeln des Syllogismus von
großem Nutzen ist setzt uns in den Stand die Definitionen eines allgemeinen
und eines besonderen Urteils sehr concis auszudrücken Ein allgemeines Urteil
ist dasjenige dessen Subjekt distribuiert ist ein besonderes Urteil ist ein
solches dessen Subjekt nicht distribuiert ist
Es gibt noch viele andere Unterscheidungen zwischen Urteilen als die hier
angeführten und manche von ihnen sind von besonderer Wichtigkeit Für die
Erklärung und Erläuterung derselben werden wir indessen in dem Folgenden eine
geeignetere Gelegenheit finden
1 Eine Untersuchung über die Natur der Urteile muss entweder den Zweck
haben den Glaube genannten Geisteszustand zu analysieren oder das was geglaubt
wird Eine jede Sprache erkennt einen Unterschied an zwischen einer Doctrine
oder Meinung und dem Akt der Meinungsbildung zwischen Zustimmung und
demjenigen welchem zugestimmt wird
Nach unserer Auffassung hat aber die Logik mit dem Urteils oder
Glaubensakte nichts zu tun die Betrachtung dieses Aktes als eines
Geistesphänomens gehört einer andern Wissenschaft an Diese Unterscheidung
wurde indessen von den Philosophen von Descartes an und besonders seit der Ära
von Leibnitz und Locke nicht beobachtet einen jeden Versuch einer nicht auf
die Analyse des Urteilsaktes gegründeten Analyse des Inhalts der Urteile würde
man mit großer Verachtung angesehen haben Eine jede Proposition hätten diese
Philosophen gesagt ist nur der wörtliche Ausdruck von einem Urteil Judicium
Das ausgedrückte Ding nicht der bloße wörtliche Ausdruck ist die Hauptsache
Wenn der Geist einer Proposition zustimmt so urteilt er Sachen wir daher zu
finden was der Geist tut wenn er urteilt so werden wir die Bedeutung der
Propositionen erfahren nicht anders
In Übereinstimmung mit diesen Ansichten haben in den letzten zwei
Jahrhunderten fast alle englischen deutschen und französischen Schriftsteller
über Logik ihre Theorie der Urteile vom Anfang bis zum Ende zu einer Theorie
des Urteilens gemacht Sie glaubten eine Proposition oder ein Urtheil20
judicium denn die beiden Worte gebrauchten sie ohne Unterscheidung bestände
darin dass eine Idee von einer andern bejaht oder verneint wird Urteilen
hieß zwei Ideen zusammenstellen oder eine Idee der andern unterordnen oder
zwei Ideen vergleichen oder die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung
zweier Ideen perzipieren so wurde die ganze Theorie des Urteilens samt der
Theorie des Schließens die notwendig immer auf die Theorie der Urteile
gegründet ist dargestellt ab ob Ideen oder Begriffe Konzeptionen oder
welches andere Wort der Schriftsteller als ein Name für geistige Bilder im
allgemeinen gebrauchen mochte den Gegenstand und die Substanz dieser
Operationen wesentlich ausmachten
Es ist natürlich ganz richtig dass bei einem jedem Urteil wie wenn wir
zB Urteilen »Gold ist gelb« in unserm Geist ein Vorgang statt findet von
welchem die eine oder die andere jener Theorien eine teilweise richtige
Rechenschaft gibt Wir müssen die Idee von Gold und die Idee von gelb haben
und beide Ideen müssen in unserm Geist zusammengebracht werden Vorerst ist nun
aber klar dass dies nur ein Teil von dem ist was vorgeht denn wir können
zwei Ideen zusammenstellen ohne dass ein Glaubensakt Statt findet wie wenn wir
etwas nur erdichten wie einen goldenen Berg oder wenn wir tatsächlich nicht
glauben denn sogar um nicht zu glauben dass Mahomed ein Apostel Gottes war
müssen wir die Idee von Mahomed und die eines Apostels Gottes zusammenstellen
Zu bestimmen was im Fall von Zustimmung oder Nichtzustimmung außer dem
Zusammenstellen zweier Ideen noch weiter vorgeht ist eines der verwickeltsten
metaphysischen Probleme Welches die Lösung aber auch sein mag so dürfen wir
dreist behaupten dass sie mit dem Inhalt der Urteile nichts wird zu tun
haben und zwar aus dem Grunde weil mit Ausnahme des Falls wo der Geist selbst
der behandelte Gegenstand ist Urteile nicht Behauptungen bezüglich unserer
Ideen von den Dingen sondern Behauptungen bezüglich der Dinge selbst sind Um
zu glauben das Gold gelb ist muss ich in der That die Idee von Gold und die
Idee von gelb haben und etwas auf diese Ideen Bezügliches muss in meinem Geist
Statt finden aber mein Glaube hat keine Beziehung zu diesen Ideen sondern zu
den Dingen selbst Was ich glaube ist eine Tatsache bezüglich des äußerlichen
Dings Gold und des Eindrucks den dieses äußere Ding auf meine menschlichen
Organe gemacht hat nicht aber eine Tatsache bezüglich meiner Vorstellung von
Gold was eine Tatsache in der Geschichte meines Geistes und nicht eine
Tatsache der äußeren Natur wäre Es ist wahr um diese Tatsache in der äußeren
Natur zu glauben muss eine andere Tatsache in meinem Geist Statt finden muss
ein Prozess mit meinen Ideen vorgenommen werden aber dies muss bei allem
andern was ich tun mag geschehen Ich kann nicht in der Erde graben wenn ich
nicht die Idee von der Erde von einem Spaten und von allen anderen Dingen
habe auf die ich einwirke und wenn ich diese Ideen nicht zusammenstelle21 Es
würde aber eine sehr lächerliche Beschreibung des Grabens in der Erde sein wenn
wir sagen wollten es wäre eine Zusammenstellung unserer Ideen Das Graben ist
eine mit den Dingen selbst vorgenommene Operation wenn sie auch nicht ohne die
Ideen von den Dingen in dem Geist zu haben vorgenommen werden kann In ähnlicher
Weise ist der Glaube ein Akt der die Tatsachen selbst zum Gegenstand hat
obgleich eine vorhergehende geistige Vorstellung von den Tatsachen eine
unerlässliche Bedingung ist Wenn ich sage das Feuer verursache die Wärme
meine ich damit dass meine Idee vom Feuer die Idee von Wärme verursacht Nein
ich meine dass das natürliche Phänomen Feuer das natürliche Phänomen Wärme
verursacht Wenn ich bezüglich der Ideen etwas behaupten will so gebe ich ihnen
ihren eigenen Namen ich nenne sie Ideen wie wenn ich zB sage eines Kindes
Idee von einer Schlacht gleicht nicht der Wirklichkeit oder die Ideen welche
die Menschen sich von der Gottheit machen haben großen Einfluss auf ihren
Charakter
Die Meinung dass in einem Urteil die Relation zwischen den zwei dem
Subjekt und Prädikat entsprechenden Ideen anstatt der Relation zwischen den
zwei Phänomenen welche sie beziehungsweise ausdrücken von vorzüglicher
Wichtigkeit für den Logiker sei scheint mir einer der verhängnisvollsten
Irrtümer die je in die Philosophie der Logik eingeführt wurden und die
Hauptursache dass die Theorie der Wissenschaft in den letzten zwei
Jahrhunderten so geringe Fortschritte gemacht hat Die Abhandlungen über Logik
und die mit der Logik im Zusammenhang stehenden Zweige der Geistesphilosophie
welche seit der Einführung jenes Irrtums zuweilen sogar von ungewöhnlich
befähigten und gelehrten Männern veröffentlicht wurden schließen alle
stillschweigend die Theorie ein dass die Erforschung der Wahrheit in der
Betrachtung und Handhabung unserer Ideen oder Vorstellungen von den Dingen
anstatt der Dinge selbst bestehe eine Lehre die auf die Behauptung
herauskommt dass das einzige Mittel zu einer Kenntnis der Natur zu gelangen
darin besteht dass wir sie aus zweiter Hand dh wie sie in unserm Geist
abgebildet ist studieren Unterdessen brachten uns die Untersuchungen aller
Arten von Naturerscheinungen fortwährend große und fruchtbare Wahrheiten
bezüglich der wichtigsten Gegenstände und vermittelst Verfahrungsweisen auf
welche diese Ansichten von der Natur des Urteilens und Schließens kein Licht
warfen und bei denen sie keinerlei Hülfe zu leisten vermochten Kein Wunder
dass diejenigen welche wussten wie man zu Wahrheiten gelangt eine
hauptsächlich aus solchen Spekulationen bestehende Wissenschaft für völlig
nichtig erachteten Was für den Fortschritt der Logik geschah seit jene Lehren
en vogue kamen wurde nicht von eigentlichen Logikern sondern von Entdeckern in
anderen Wissenschaften herbeigeführt In den Untersuchungsmethoden der letzteren
kamen allmälig viele logischen Prinzipien ans Licht an welche man vorher nicht
gedacht hatte man beging indessen allgemein den Fehler zu glauben dass weil
ihre modernen Ausleger so wenig brauchbares in dieser Beziehung schrieben die
alten Logiker von der wahren Kunst des Philosophierens gar nichts gekannt hätten
Wir haben also bei der gegenwärtigen Gelegenheit nicht das Urteilen
sondern die Urteile Judicia nicht den Glaubensakt sondern die geglaubten
Dinge zu untersuchen Was ist in einem Urteil der unmittelbare Gegenstand des
Glaubens Was ist die darin ausgedruckte Tatsache Was ist es dem ich wenn
ich ein Urteil behaupte meine Zustimmung gebe und dem auch andere ihre
Zustimmung geben sollen Was wird durch die ein Urteil Proposition genannte
Redeform ausgedrückt dessen Übereinstimmung mit der Tatsache die Wahrheit des
Urteil ausmacht
2 Einer der klarsten und konsequentesten Denker der Welt Hobbes hat
auf diese Fragen die folgende Antwort gegeben In einem jeden Urteil sagt er
ist der Glaube des Sprechenden ausgedrückt dass das Prädikat ein Name desselben
Dinges ist wovon das Subjekt ein Name ist und wenn dies wirklich der Fall ist
so ist das Urteil wahr So ist nach ihm das Urteil alle Menschen sind lebende
Wesen wahr weil lebende Wesen ein Name für Alles ist wovon Mensch ein Name
ist Alle Menschen sind sechs Fuß groß ist nicht wahr weil sechs Fuß groß
nicht ein Name für Alles obgleich von Manchem ist wovon Mensch ein Name ist
Was in dieser Theorie als die Definition eines wahren Urteils angegeben
ist muss als eine Eigenschaft anerkannt werden welche alle wahren Urteile
besitzen Da Subjekt und Prädikat Namen von Dingen sind so könnte der eine Name
nicht im Einklang mit seiner eigenen Bedeutung von anderen Namen prädiziert
werden wenn sie beide Namen von ganz verschiedenen Dingen wären Wenn es wahr
ist dass einige Menschen kupferrot sind so muss es wahr sein und das
Urteil behauptet dies wirklich dass es unter den mit dem Namen Mensch
bezeichneten Individuen einige gibt welche zu den mit dem Namen kupferrot
bezeichneten gehören Wenn es wahr ist dass alle Ochsen widerkäuen so muss es
auch wahr sein dass alle mit dem Namen Ochs bezeichneten Individuen auch zu den
mit dem Namen widerkäuend bezeichneten gehören und wer behauptet dass alle
Ochsen widerkäuen behauptet auch ohne Zweifel dass diese Beziehung zwischen
den zwei Namen existiert
Die Behauptung welche nach Hobbes in irgend einem Urteil allein
ausgesprochen wird findet demnach wirklich in einem jeden Urteil Statt und
seine Analyse besitzt folglich eines der Erfordernisse der richtigen Analyse
Wir können aber einen Schritt weiter gehen und sagen es ist die einzige
Analyse welche von allen Urteilen ohne Ausnahme streng wahr ist Was er als
die Bedeutung der Urteile gibt bildet einen Teil der Bedeutung aller
Urteile und die ganze Bedeutung einiger Dies zeigt indessen nur welch ein
äußerst geringes Fragment von Bedeutung in die logische Formel eines Urteils
eingeschlossen werden kann es zeigt aber nicht dass kein Urteil mehr
bedeutet Um uns zu berechtigen zwei Worte mit einer Copula dazwischen
zusammenzustellen ist es wirklich hinreichend dass das durch einen der Namen
bezeichnete Ding oder Dinge ohne Verletzung des Sprachgebrauchs auch mit dem
andern Namen benannt werden könne Wenn also dies die ganze Bedeutung ist
welche in dem Urteil genannten Redeteil eingeschlossen liegt warum nehme ich
dies nicht als die wissenschaftliche Definition der Bedeutung der Urteile an
Weil obgleich die bloße Zusammenstellung welche das Urteil zum Urteil
macht so wenig Bedeutung enthält dieselbe Zusammenstellung in Verbindung mit
anderen Umständen dieselbe Form mit anderer Materie verbunden mehr und zwar
viel mehr enthält
Die einzigen Urteile von denen Hobbes Grundsatz hinreichend Rechenschaft
gibt sind jene beschränkte und unwichtige Klasse von Urteilen in denen
Prädikat und Subjekt Eigennamen sind denn wie bereits bemerkt schließen
Eigennamen streng genommen keine Bedeutung ein sondern sind bloß Merkmale für
individuelle Gegenstände und wenn ein Eigenname von einem andern Eigennamen
ausgesagt wird so besteht die ganze mitgeteilte Bedeutung darin dass beides
Namen oder Kennzeichen für denselben Gegenstand sind Dies ist aber genau was
Hobbes als eine Theorie der Prädikation im Allgemeinen gibt Seine Lehre
enthält eine vollständige Erklärung von Aussagen wie diese Tullius ist Cicero
Flaccus ist Horaz Sie erschöpft die ganze Bedeutung dieser Urteile ist aber
total unzureichend für alle anderen Ihre Annahme kann nur durch die Tatsache
erklärt werden dass Hobbes wie alle anderen Nominalisten der Konnotation oder
Mitbezeichnung der Wörter keine oder nur eine geringe Aufmerksamkeit schenkte
und ihre Bedeutung nur in dem suchte was sie bezeichnen als ob alle Namen wie
die Eigennamen Kennzeichen wären die den Individuen angehängt sind und als ob
zwischen einem Eigennamen und einem Gemeinnamen kein anderer Unterschied wäre
als dass ersterer nur ein Individuum und letzterer eine größere Anzahl
derselben bezeichnet
Wir haben indessen gesehen dass die Bedeutung aller Namen mit Ausnahme der
Eigennamen und jenes Teils der Klasse von abstrakten Namen die nicht
mitbezeichnend sind in der Konnotation liegt Wenn wir daher die Bedeutung
irgend eines Urteils analysieren in dem das Prädikat und das Subjekt oder
eines derselben mitbezeichnende Namen sind so müssen wir ausschließlich auf
die Mitbezeichnung dieser Wörter sehen und nicht auf das was sie bezeichnen
oder in der soweit richtigen Sprache von Hobbes auf das wovon sie Namen
sind
Es ist bemerkenswert dass bei der Behauptung die Wahrheit eines Urteils
sei von der Übereinstimmung zwischen seinen Worten abhängig bei der Behauptung
zB das Urteil Sokrates ist weise sei ein wahres Urteil weil Sokrates und
weise Namen sind die auf dieselbe Person anwendbar oder wie er es ausdrückt
weil es Namen derselben Person sind ein so bedeutender Denker sich nicht die
Frage vorgelegt hat Aber wie kamen sie dazu Namen derselben Person zu sein
Gewiss nicht weil es die Absicht derjenigen war welche diese Wörter erfanden
Als die Menschen die Bedeutung des Wortes weise feststellten dachten sie nicht
an Sokrates und als dessen Eltern ihm den Namen Sokrates gaben dachten sie
nicht an die Weisheit Die Namen passen zufällig auf dieselbe Person wegen einer
gewissen Tatsache welche weder bekannt war noch existierte als die Namen
erfunden wurden Wenn wir suchen worin die Tatsache besteht so finden wir den
Schlüssel dazu in der Mitbezeichnung der Namen
Ein Vogel oder ein Stein ein Mensch oder ein weiser Mensch bedeutet
einfach ein Gegenstand mit den und den Attributen Die wahre Bedeutung des
Wortes Mensch sind jene Attribute und nicht Johann Peter und die übrigen
Individuen Das Wort sterblich mitbezeichnet in gleicher Weise ein gewisses
Attribut oder Attribute und wenn wir sagen Alle Menschen sind sterblich so
meinen wir dass alle Wesen welche die eine Reihe von Attributen besitzen auch
die andere besitzen Wenn nach unserer Erfahrung die durch Mensch
mitbezeichneten Attribute immer von dem durch sterblich bezeichneten Attribute
begleitet sind so ist eine Folge hiervon dass die Klasse Mensch ganz in der
Klasse sterblich eingeschlossen ist und dass sterblich ein Name von allen
Dingen ist von denen Mensch ein Name ist aber warum Jene Gegenstände werden
unter dem Namen zusammengefasst weil sie die durch ihn mitbezeichneten
Attribute besitzen aber ihr Besitzen der Attribute ist die wirkliche Bedingung
von welcher die Wahrheit des Urteils abhängig ist nicht ihr Benanntsein mit
dem Namen Konnotative Namen gehen den Attributen welche sie mitbezeichnen
nicht voraus sondern folgen auf sie Wenn ein Attribut immer in Verbindung mit
einem andern Attribut angetroffen wird so werden die diesen Attributen
entsprechenden konkreten Namen natürlich von denselben Gegenständen prädiziert
werden können und dürfen in Hobbes Sprache deren Angemessenheit ich in diesem
Fall gänzlich zustimme zwei Namen für dieselben Dinge genannt werden Aber die
Möglichkeit einer konkurrierenden Anwendung der zwei Namen ist eine bloße Folge
der Verbindung zwischen den zwei Attributen und in den meisten Fällen wurde an
sie nicht gedacht als man die Namen erfand und ihre Bedeutung feststellte Von
dem Urteil Der Diamant ist verbrennlich ließ man sich sicher nichts träumen
als die Wörter Diamant und Verbrennlichkeit ihre Bedeutung erhielten auch hätte
es nicht durch die scharfsinnigste und feinste Analyse der Bedeutung dieser
Wörter entdeckt werden können Es wurde durch ein ganz anderes Verfahren
gefunden nämlich indem man die Sinne brauchte und von ihnen lernte dass das
Attribut Verbrennlichkeit in allen Diamanten existierte mit denen man das
Experiment vorgenommen hatte die Anzahl Und der Charakter dieser Experimente
war aber der Art dass man schließen konnte dass was von diesen Individuen
wahr war auch von allen »mit dem Namen benannten« Substanzen von allen
Substanzen wahr sei welche die durch den Namen mitbezeichneten Attribute
besitzen Die Behauptung ist daher wenn man sie analysiert dass wo wir gewisse
Attribute finden wir auch gewisse andere Attribute finden dies ist aber nicht
eine Frage bezüglich der Bedeutung von Namen sondern bezüglich von
Naturgesetzen als einer unter Naturerscheinungen existierenden Ordnung
3 Obgleich Hobbes Theorie der Prädikation so wie er sie darlegte von
späteren Denkern nicht sehr günstig aufgenommen wurde so erhielt doch eine dem
Inhalt nach damit identische aber keineswegs gleich klar ausgedrückte Theorie
fast den Rang einer feststehenden Meinung Die fast allgemein angenommene
Verstellung von der Prädikation ist entschieden diejenige wonach dieselbe in
dem Beziehen von Etwas auf eine Klasse besteht dh indem man entweder ein
Individuum unter eine Klasse oder eine Klasse unter eine andere Klasse bringt
Nach dieser Ansicht behauptet das Urteil der Mensch ist sterblich dass die
Klasse Mensch in der Klasse Sterblich eingeschlossen liegt »Plato ist ein
Philosoph« behauptet dass das Individuum Plato eines der Individuen ist welche
die Klasse Philosophen zusammensetzen Ist das Urteil ein negatives so wird es
ein Etwas von einer Klasse ausschließendes genannt Das Urteil der Elephant
ist kein Fleischfresser behauptet nach dieser Theorie dass der Elephant von
der Klasse Fleischfresser ausgeschlossen ist oder dass er nicht unter die Dinge
gezählt wird welche diese Klasse ausmachen Mit Ausnahme der Sprache ist
zwischen dieser Theorie der Prädikation und der von Hobbes kein wirklicher
Unterschied denn eine Klasse ist absolut nichts anderes als eine durch den
Gemeinnamen bezeichnete unbestimmte Anzahl von Individuen Der ihnen verliehene
gemeinsame Name macht sie zur Klasse Etwas auf eine Klasse beziehen heißt
daher es als eines der Dinge betrachten welche bei diesem gemeinschaftlichen
Namen genannt werden sollen es von einer Klasse ausschließen heißt so viel
als dass der gemeinschaftliche Namen nicht auf es anwendbar ist
Wie sehr diese Ansichten von der Prädikation die herrschenden waren geht
daraus hervor dass sie die Basis des berühmten dictum de omni et nullo sind
Wenn in den Abhandlungen von allen welche sich mit ihm befassten der
Syllogismus in die Folgerung aufgelöst wird dass was von einer Klasse wahr
ist von allen Dingen wahr ist welche zu dieser Klasse gehören und wenn dies
von fast allen Fachlogikern als das letzte Prinzip aufgestellt wird dem alles
Schließen seine Gültigkeit verdankt so ist es klar dass nach der allgemeinen
Meinung der Logiker die Urteile aus welchen sich das Schließen zusammensetzt
der Ausdruck von nichts anderem sein können als von dem Prozess des Einteilens
der Dinge in Classen und des Beziehens eines jeden Dinges auf seine besondere
Klasse
Diese Theorie scheint mir ein merkwürdiges Beispiel eines in der Logik
häufig begangenen Fehlers des vom hysteron proteron zu sein wonach ein Ding
durch Etwas erklärt wird was es das Ding voraussetzt Wenn ich sage Schnee
ist weiß so kann und muss ich Schnee ab eine Klasse denken weil ich einen
Satz ab von allem Schnee wahr behaupte aber ich denke weiße Gegenstände sicher
nicht als eine Klasse ich denke überhaupt gar keinen weißen Gegenstand als
Schnee und die Empfindung von weiß welche er mir gibt Wenn ich geurteilt
habe oder wenn ich dem Urteil Schnee und noch verschiedene andere Dinge sind
weiß meine Zustimmung gegeben habe so fange ich in der That allmälig an
weiße Gegenstände als eine Schnee und jene anderen Dinge einschließende
Klasse zu denken Dies ist aber eine Vorstellung welche jenen Urteilen nicht
vorausging sondern folgte und sie kann daher nicht als eine Erklärung
derselben gegeben werden Statt die Wirkung durch die Ursache zu erklären
erklärt diese Lehre die Ursache durch die Wirkung und ist wie ich glaube auf
eine latente falsche Vorstellung von der Natur der Klassifikation gegründet
In diesen Diskussionen herrscht sehr allgemein eine Sprechweise die
vorauszusetzen scheint dass die Klassifikation in einer Anordnung und
Gruppierung bestimmter und bekannter Individuen besteht dass die Menschen bei
der Namensverleihung alle einzelnen Gegenstände in Betracht zogen Haufen oder
Listen darauf bildeten und den Gegenständen einer jeden Liste einen gemeinsamen
Namen gaben und diese Operation toties quoties wiederholten bis sie alle
Gemeinnamen aus denen die Sprache besteht erfunden hatten Entsteht nun
nachdem dies einmal geschahen ist die Frage ob ein gewisser Gemeinname in
Wahrheit von einem gewissen besonderen Gegenstand prädictirt werden kann so
brauchen wir so zu sagen nur die Liste der Gegenstände denen jener Name
verliehen wurde zu überlaufen und zu sehen ob sich der fragliche Gegenstand
darauf befindet Die Erfinder der Sprache haben wie man vorauszusetzen scheint
alle Gegenstände vorausbestimmt welche eine jede Klasse zusammensetzen sollen
und wir haben nur auf das Protokoll einer vorausgegangenen Entscheidung zu
verweisen
Eine so absurde Lehre in dieser Weise nackt vorgetragen wird Niemand zu
der seinigen machen wenn aber die allgemein üblichen Erklärungen der
Klassifikation und Benennung diese Theorien nicht einschließen so bleibt zu
zeigen mit welcher anderen Theorie sie in Einklang zu bringen sind
Gemeinnamen sind nicht auf bestimmte Gegenstände gemachte Kennzeichen
Classen werden nicht so gemacht dass man um eine gegebene Anzahl bestimmbarer
Individuen eine Linie zieht Die eine gewisse Klasse zusammensetzenden
Gegenstände fluktuieren beständig Wir können eine Klasse bilden ohne die
Individuen oder auch nur irgend eines der Individuen zu kennen aus denen Sie
bestehen wird wir können dies sogar unter der Voraussetzung tun dass die
Individuen gar nicht existieren Wenn wir unter der Bedeutung eines Gemeinnamens
die Dinge verstehen von denen er der Name ist so hat überhaupt kein Gemeinname
eine festgesetzte Bedeutung oder behält seine Bedeutung lange es sei denn
zufällig Ein Name einer unbestimmten Menge von Dingen zu sein und zwar aller
bekannten oder unbekannten vergangenen gegenwärtigen und zukünftigen Dinge
die bestimmte Attribute besitzen ist die einzige Weise wie ein Gemeinname eine
bestimmte Bedeutung besitzt Wenn wir beim Studium nicht der Bedeutung der
Wörter sondern der Naturerscheinungen finden dass ein anderer vorher nicht
bekannter Gegenstand diese Attribute besitzt als die Chemiker zB fanden dass
der Diamant verbrennlich ist so schließen wir diesen neuen Gegenstand in die
Klasse ein er gehörte aber nicht von vorn herein zu der Klasse Wir rechnen den
Gegenstand zur Klasse weil das Urteil wahr ist nicht dass das Urteil wahr
wäre weil wir den Gegenstand zu der Klasse zählen
Es wird sich später wenn wir vom Schließen handeln zeigen wie sehr die
Theorie jenes intellektuellen Prozesses durch den Einfluss dieser irrigen
Begriffe und der Gewohnheit alle Operationen des menschlichen Verstandes
welche die Wahrheit zum Gegenstand haben zu bloßen Prozessen des
Klassifizierens und Benennens zu machen verkehrt wurde Die in diese Netze
verstrickten Geister waren zum Unglück gerade diejenigen welche den im Anfang
dieses Kapitels besprochenen Hauptirrtümern entgangen waren Seit der
Revolution die Aristoteles aus den Schulen vertrieb könnten die Logiker nahezu
eingeteilt werden in solche welche das Schließen wesentlich als eine Sache
der Ideen und solche die es wesentlich als eine Sache des Benennens
betrachten
Obgleich indessen Hobbes Theorie der Prädikation zufolge der Bemerkung von
Leibnitz und dem eigenen Zugeständnis von Hobbes22 selbst Wahrheit und Irrtum
vollständig ohne Maßstab lässt und ganz willkürlich macht so darf man doch
nicht schließen dass sowohl Hobbes als auch die mit ihm in der Hauptsache
übereinstimmenden Denker den unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum in der
That als weniger real betrachtet oder ihm geringere Wichtigkeit beigelegt
hätten als andere dies zeigt aber nur wie geringe Herrschaft ihre Lehre über
ihren eigenen Geist übte Niemand hat sich im Grund jemals eingebildet dass in
der Wahrheit nichts anderes liege als Richtigkeit des Ausdrucks als ein
Gebrauchen der Sprache in Übereinstimmung mit einer früheren Übereinkunft
Wenn die Frage nicht mehr allgemein gehalten sondern auf einen besonderen Fall
beschränkt wurde so wurde jederzeit anerkannt dass zwischen wörtlichen und
realen Fragen ein Unterschied besteht dass manche falschen Urteile aus einer
Unkenntnis von der Bedeutung der Wörter fließen dass aber bei anderen die
Quelle des Irrtums in einem Missverstehen der Dinge liegt das Jemand der gar
nicht den Gebrauch der Sprache besitzt geistig Urteile die unwahr sein
können bilden kann dh dass er etwas für tatsächlich halten kann was es
wirklich nicht ist Man kann dies nicht mit stärkeren Worten einräumen als es
Hobbes selbst getan hat23 obgleich er einen solchen irrtümlichen Glauben
nicht Unwahrheit falsitas sondern nur Irrtum genannt haben will auch hat er
selbst an anderen Stellen Lehren aufgestellt in denen die wahre Theorie der
Prädikation stillschweigend eingeschlossen liegt Er sagt ganz deutlich dass
den Dingen Gemeinnamen ihrer Attribute wegen gegeben werden und dass abstrakte
Namen die Namen dieser Attribute sind »Abstract ist das was bei einem
Gegenstande die Ursache des konkreten Namens bezeichnet Und diese Ursachen
von Namen sind dieselben wie die Ursachen unserer Vorstellungen nämlich ein
Vermögen der Einwirkung Action oder Affektion des vorgestellten Dinges was
zwar einige die Art und Weise nennen wie etwas auf unsere Sinne wirkt was von
den meisten Menschen jedoch zufällige Eigenschaften Akzidenzien genannt wird«
24 Nachdem er soweit gegangen ist erscheint es sonderbar dass er nicht noch
einen Schritt weiter ging und sah dass das was er die Ursache des konkreten
Namen nennt in Wirklichkeit die Bedeutung desselben ist und dass wenn wir von
einem Gegenstande einen Namen aussagen der eines Attributs oder wie er es
nennt eines Accidenzes wegen gegeben wird unser Zweck nicht ist einen Namen
zu affirmieren sondern vermittelst des Namens das Attribut zu affirmieren
4 Es sei das Prädikat wie wir sagten ein mitbezeichnendes Wort und um
den einfachsten Fall zuerst zu nehmen sei das Subjekt ein Eigennamen »Der
Gipfel des Chimborazos ist weiß« Das Wort weiß mitbezeichnet ein Attribut
welches der durch die Worte »der Gipfel des Chimborazos« bezeichnete
individuelle Gegenstand besitzt dieses Attribut besteht in der physikalischen
Tatsache in menschlichen Wesen die Empfindung zu erregen welche wir eine
Empfindung von weiß nennen Man wird zugeben dass wir bei der Behauptung des
Satzes die Mittheilung dieser physikalischen Tatsache zu machen wünschen und
dass wir an die Namen nur als das Mittel für diese Mittheilung denken Die
Bedeutung des Urteils ist daher die dass das durch das Subjekt bezeichnete
einzelne Ding die durch das Prädikat mitbezeichneten Attribute besitzt
Wenn wir annehmen das Subjekt sei ebenfalls ein mitbezeichnender Name so
ist die durch das Urteil ausgedrückte Meinung schon etwas verwickelter Wir
wollen zuerst annehmen das Urteil sei allgemein und bejahend »Alle Menschen
sind sterblich« In diesem wie in dem vorhergehenden Fall behauptet natürlich
das Urteil oder drückt den Glauben aus dass die durch das Subjekt Mensch
bezeichneten Gegenstände die durch du Prädikat sterblich mitbezeichneten
Attribute besitzen Das Charakteristische des Falls ist aber dass die
Gegenstände nicht länger mehr individuell bezeichnet sind Es wird nur durch
einige ihrer Attribute auf sie hingewiesen sie sind die Menschen genannte
Gegenstände dh sie besitzen die durch den Namen Mensch mitbezeichneten
Eigenschaften und alles was von ihnen bekannt ist sind vielleicht jene
Attribute da das Urteil ein allgemeines ist und die durch das Subjekt
bezeichneten Gegenstände in unbestimmter Anzahl vorhanden sind so sind in der
That die meisten individuell gar nicht bekannt Die Behauptung ist daher nicht
wie vorher dass die vom Prädikat mitbezeichneten Attribute im Besitz eines
gegebenen Individuums oder einer als Johann Thomas etc bekannten Anzahl von
Individuen sind sondern dass ein jedes gewisse andere Attribute besitzende
Individuum auch diese Attribute besitzt dass was die durch das Subjekt
mitbezeichneten Attribute besitzt auch die durch das Prädikat mitbezeichneten
besitzt dass die letztere Reihe von Attributen die erstere beständig begleitet
Was die Attribute Mensch hat hat das Attribut Sterblichkeit Sterblichkeit
begleitet die Attribute Mensch beständig25
Wenn man sich erinnert dass ein jedes Attribut auf irgend eine Tatsache
oder Erscheinung entweder des äußeren Sinnes oder des Inneren Bewusstseins
gegründet ist und dass ein Attribut besitzen eine andere Redeweise ist für
die Ursache sein oder ein Teil von der Tatsache oder der Erscheinung sein
auf welche das Attribut gegründet ist so können wir einen Schritt weiter gehen
und die Analyse vervollständigen Der Satz welcher behauptet dass ein Attribut
immer ein anderes Attribut begleitet behauptet hierdurch in Wirklichkeit nichts
anderes als dass eine Erscheinung immer eine andere Erscheinung begleitet so
dass wo wir die eine finden wir des Daseins der andern sicher sind In dem
Urteil Alle Menschen sind sterblich mitbezeichnet das Wort Mensch die
Attribute welche wir einer gewissen Art lebender Geschöpfe auf Grund gewisser
Erscheinungen die sie darbieten zuschreiben diese Erscheinungen sind teils
physikalischer Natur wie die Eindrücke auf unsere Sinne durch Gestalt und
Körperbau teils geistiger Art wie das empfindende und intellektuelle Leben
welches ihnen eigen ist Ein Jeder vor dem wir es aussprechen versteht alles
dieses unter dem Worte Mensch wenn ihm dessen Bedeutung bekannt ist Wenn wir
nun sagen die Menschen sind sterblich so meinen wir dass wo diese
verschiedenen physikalischen und geistigen Erscheinungen getroffen werden wir
sicher sind dass das Tod genannte andere physikalische und geistige Phänomen
unfehlbar eintreffen wird Das Urteil affirmiert nicht wann denn die
Mitbezeichnung des Wortes sterblich geht nicht über das Eintreffen des Phänomens
überhaupt hinaus und lässt die Zeit ganz unbestimmt
5 Wir sind nun soweit vorgeschritten um nicht allein den Irrtum
Hobbes demonstrieren sondern auch um den wirklichen Inhalt der bei weitem
zahlreichsten Klasse von Urteilen bestimmen zu können In einem Urteil das
mehr behauptet als eine bloße Bedeutung von Wörtern ist der Gegenstand des
Glaubens gewöhnlich wie in den untersuchten Fällen entweder das Zugleichsein
Koexistenz oder das Aufeinanderfolgen Sequenz Sukzession zweier Phänomene
Schon beim Beginn unserer Untersuchung fanden wir dass jeder Glaubensakt zwei
Dinge einschließt wir haben nun bestimmt was in dem häufigsten Fall diese
beiden Dinge sind nämlich zwei Erscheinungen mit anderen Worten zwei Zustände
des Bewusstseins und was das Urteil als zwischen ihnen bestehend bejaht oder
verneint nämlich Koexistenz oder Sukzession Dieser Fall schließt unzählige
Fälle ein welche Niemand ohne vorher darüber nachgedacht zu haben auf ihn
zurückführen würde Nehmen wir folgendes Beispiel Ein großmütiger Mensch ist
der Ehre würdig Wer sollte hier einen Fall von Zugleichsein zweier Phänomene
suchen Aber dennoch ist es so Das Attribut welches die Ursache ist dass ein
Mensch großmütig genannt wird wird ihm auf Grund von Zuständen seines Geistes
und von Einzelheiten seines Benehmens zugeschrieben beides sind Phänomene das
erstere Tatsachen des inneren Bewusstseins das letztere soweit es vom
ersteren unterschieden ist sind physikalische Tatsachen oder Wahrnehmungen der
Sinne Der Ehre würdig lässt eine ähnliche Analyse zu Ehre wie hier gebraucht
bedeutet ein Zustand von beistimmender und bewundernder Emotion dem
gelegentlich entsprechende äußere Handlungen folgen »Der Ehre würdig«
mitbezeichnet alles dieses und zugleich unsere Beistimmung zu dem Akt des
Ehrebezeigens Alles dieses sind Erscheinungen Zustände des inneren
Bewusstseins begleitet oder gefolgt von physikalischen Tatsachen Wenn wir
sagen ein großmütiger Mensch ist der Ehre würdig so bejahen wir das
Zugleichsein zweier zusammengesetzten beziehungsweise durch die zwei Wörter
mitbezeichneten Erscheinungen Wir affirmieren dass wenn die in dem Worte
Großmut eingeschlossenen innerlichen Gefühle und äußerlichen Tatsachen
stattfinden der Existenz und Kundgebung eines Inneren Gefühls Ehre in unserm
Geist ein anderes innerliches Gefühl folgt nämlich Beifall
Nach der in einem früheren Kapitel enthaltenen Analyse des Inhalts der Namen
bedarf es nicht vieler Beispiele um den Inhalt der Urteile zu erläutern Wenn
ein Dunkel oder eine Schwierigkeit vorhanden ist so liegt sie nur in der
Bedeutung der Namen welche das Urteil zusammensetzen in der sehr komplizierten
Mitbezeichnung vieler Wörter in der großen Menge oder langen Reihe von
Tatsachen welche das durch den Namen mitbezeichnete Phänomen zusammensetzen
Wo aber die Natur des Phänomens erkannt wird da sieht man gewöhnlich ohne
Schwierigkeit dass die in dem Urteil ausgesprochene Behauptung das
Zugleichsein einer solchen Erscheinung mit einer andern oder die Nachfolge
einer solchen Erscheinung auf eine andere kurz dass ihre Verbindung so ist
dass wo wir die eine finden wir darauf rechnen können auch die andere zu
finden
Wenn dies aber auch die gewöhnlichste Bedeutung der Urteile ist so ist es
doch nicht die einzige Erstens werden Koexistenz und Sukzession nicht allein
bezüglich von Erscheinungen behauptet wir bilden auch Urteile bezüglich jener
verborgenen Ursachen der Erscheinungen welche Substanzen und Attribute genannt
werten Da aber eine Substanz für uns nichts ist als das was entweder diese
Erscheinungen verursacht oder das was sich ihrer bewusst ist und da dasselbe
mutatis mutandis von Attributen wahr ist so kann keine Behauptung wenigstens
nicht wenn sie eine Bedeutung haben soll im Betreff dieser unbekannten und
unerkennbaren Wesen gemacht werden als Kraft der Erscheinungen durch welche
sie sich unserer Wahrnehmung kundgeben Wenn wir sagen Socrates war
gleichzeitig mit dem Peloponnesischen Krieg so ist die Grundlage dieser
Behauptung wie aller Behauptungen bezüglich von Substanzen eine Behauptung
bezüglich der Erscheinungen welche sie darbieten nämlich dass die Reihe von
Tatsachen durch welche sich Socrates den Menschen kundgab und die Reihe von
Geisteszuständen welche seine empfindende Existenz ausmachten gleichzeitig mit
einer Reihe von Tatsachen stattfand die unter dem Namen Peloponnesischer Krieg
bekannt sind Das Urteil behauptet dies dennoch nicht allein es behauptet
dass das Ding an sich das Noumenon Socrates während derselben Zeit existierte
und diese verschiedenen Tatsachen vollführte oder erfuhr Zugleichsein und
Aufeinanderfolgen können daher nicht allein als zwischen Erscheinungen sondern
auch als zwischen Noumena oder zwischen einem Noumenon und einer Erscheinung
stattfindend bejaht oder verneint werden Und von beiden von Noumena und
Erscheinungen können wir einfache Existenz behaupten Aber was ist ein Noumenon
Eine unbekannte Ursache Wenn wir daher die bloße Existenz eines Noumenon
affirmieren so affirmieren wir Verursachung Hier sind daher zwei weitere Arten
von Tatsachen welche in einem Urteil behauptet werden können Außer den
Urteilen welche Koexistenz und Sukzession behaupten gibt es also andere die
einfache Existenz behaupten noch andere behaupten Verursachung und da dieser
letztere Gegenstand der Erklärungen des dritten Buches sind so sind sie
einstweilen als eine unterschiedene und besondere Klasse von Behauptungen zu
betrachten
6 Diesen vier Arten von Tatsachen oder Behauptungen muss eine fünfte
hinzugefügt werden nämlich Ähnlichkeit Es war dies eine Art Attribut das wir
zu analysieren nicht für möglich fanden für welches kein von den Gegenständen
selbst unterschiedenes fundamentum angegeben werden konnte Es gibt also außer
den vorhergehenden noch Urteile welche eine Ähnlichkeit zwischen
Erscheinungen behaupten wie diese Farbe ist jener Farbe ähnlich die Hitze
von heute ist der Hitze von gestern gleich Eine solche Behauptung könnte
freilich mit einigem Wahrheitsschein unter die Behauptungen der Sukzession
gerechnet werden wenn man sie als eine Behauptung betrachten würde dass der
gleichzeitigen Betrachtung zweier Farben ein besonderes Gefühl von Ähnlichkeit
genanntes Gefühl folgt Wir gewinnen indessen nichts besonders hier nicht
durch eine Generalisation die als eine gezwungene betrachtet werden kann Die
Logik unternimmt es nicht geistige Tatsachen in ihre letzten Elemente
aufzulösen Ähnlichkeit zwischen Erscheinungen ist an sich verständlicher als
irgend eine Erklärung machen könnte und muss unter einer jeden Klassifikation
spezifisch verschieden von den gewöhnlichen Fällen von Sequenz und Koexistenz
bleiben
Man sagt zuweilen dass alle Urteile deren Prädikat ein Gemeinname ist
tatsächlich eine Ähnlichkeit affirmieren oder negieren Alle derartigen Urteile
bejahen dass ein Ding einer Klasse angehört da aber die Dinge nach ihrer
Ähnlichkeit klassifiziert werden so wird natürlich ein jedes mit denjenigen
Dingen klassifiziert denen es am meisten zu gleichen scheint man kann daher
sagen dass wenn wir affirmieren Gold ist ein Metall oder Sokrates ist ein
Mensch so ist die beabsichtigte Affirmation dass Gold anderen Metallen und
dass Sokrates anderen Menschen mehr gleicht als den Gegenständen welche in
irgend einer andern der diesen koordinierten Classen enthaltenen sind
Diese Bemerkung stützt sich nur auf leichte Gründe Die Anordnung der Dinge
zu Classen wie die Klasse Metall oder die Klasse Mensch gründet sich in der
That auf eine Ähnlichkeit zwischen den Dingen welche in dieselbe Klasse
eingeteilt werden aber nicht auf eine bloße allgemeine Ähnlichkeit sondern
auf eine Ähnlichkeit welche in gewissen gemeinsamen Eigentümlichkeiten aller
jener Dinge besteht und diese Eigentümlichkeiten sind es welche die Wörter
mitbezeichnen und welche das Urteil folglich behauptet nicht aber die
Ähnlichkeit denn obgleich ich bei der Aussage Gold ist ein Metall implicite
sage dass wenn es andere Metalle gibt sie ihm gleichen müssen so könnte ich
doch wenn es gar keine andere Metalle gäbe dasselbe Urteil wie jetzt
behaupten nämlich dass Gold die verschiedenen Eigenschaften hat welche das
Wort Metall einschließt ebenso könnte man sagen die Christen sind Menschen
wenn es auch gar keine Menschen gäbe die nicht Christen sind Urteile in
denen Gegenstände auf eine Klasse bezogen werden weil sie die die Klasse
konstituierenden Attribute besitzen sind daher so weit entfernt nichts als
Ähnlichkeit zu behaupten dass sie strenggenommen gar keine Ähnlichkeit
behaupten
Wir haben aber früher die Bemerkung gemacht und die Gründe dafür werden in
einem späteren Buch auseinandergesetzt werden26 dass es zuweilen bequem ist
die Grenzen einer Klasse so auszudehnen dass Dinge darin eingeschlossen werden
welche einige der charakteristischen Eigenschaften der Klasse nur in einem
geringen Grade wenn überhaupt besitzen vorausgesetzt dass sie dieser
Klasse mehr als irgend einer andern ähnlich sind so dass die allgemeinen
Urteile welche von der Klasse wahr sind von jenen Dingen näher wahr sind als
irgend andere gleich allgemeine Urteile Es gibt zB Metalle genannte
Substanzen welche wenige von den bei den Metallen erkannten Eigenschaften
besitzen und fast eine jede große Pflanzen oder Tierfamilie hat an ihren
Grenzen einige abnorme Genera oder Species die aus einer Art Gnade zu ihr
gezählt werden und in Betreff derer es als zweifelhaft angesehen wurde zu
welcher Familie sie eigentlich gehören Wenn nun von einem derartigen Gegenstand
der Klassenname ausgesagt wird so affirmieren wir damit Ähnlichkeit und nichts
weiter um skrupulös genau zu sein müssten wir sagen dass wir in einem jeden
Falle wo wir einen Gemeinnamen aussagen affirmieren dass der Gegenstand die
durch den Namen bezeichneten Eigenschaften nicht absolut besitzt sondern dass
er sie entweder besitzt oder nicht und dass er jedenfalls den Dingen die sie
besitzen ähnlicher ist als anderen Dingen In den meisten Fällen ist es
indessen unnötig eine solche Alternative vorauszusetzen da der letztere von
den zwei Gründen sehr selten derjenige ist auf welchen hin die Behauptung
ausgesprochen wird wenn dies aber der Fall ist so findet gewöhnlich ein
leichter Unterschied in der Form des Ausdrucks statt wie diese Species oder
dieses Genus wird angesehen als gehörte sie zu dieser oder jener Familie oder
sie kann eingereiht werden in etc wir werden kaum sagen dass sie positiv zu
ihr gehört wenn sie nicht ganz unzweideutig die Eigenschaften besitzt wovon
der Klassenname der wissenschaftliche Ausdruck ist
Es gibt noch einen andern Ausnahmefall in dem wir obgleich das Prädikat
ein Klassenname ist beim Aussagen desselben nichts als Ähnlichkeit affirmieren
indem die Klasse nicht auf Ähnlichkeit in irgend einer Einzelheit sondern auf
eine gewisse allgemeine nicht analysierbare Ähnlichkeit gegründet ist Es sind
dies namentlich diejenigen Classen in welche unsere einfachen Sensationen oder
andere einfachere Gefühle eingeteilt werden Dia Sensationen von weiß werden
zB zusammen klassifiziert nicht weil wir sie auseinandernehmen und sagen
können in diesem sind sie ähnlich in jenem sind sie unähnlich sondern weil
wir fühlen dass sie im Ganzen ähnlich sind wenn auch in verschiedenen Graden
Wenn ich daher sage die Farbe welche ich gestern sah war eine weiße Farbe
oder die Empfindung welche ich habe ist eine Empfindung von Enge so ist in
beiden Fällen das von der Farbe oder der anderen Empfindung affirmierte Attribut
bloße Ähnlichkeit einfache Ähnlichkeit mit Empfindungen welche ich vorher
gehabt und welchen man jene Namen gegeben hatte Die Namen von Gefühlen sind wie
andere konkrete Gemeinnamen mitbezeichnend aber sie mitbezeichnen eine bloße
Ähnlichkeit Wenn sie von einem einzelnen Gefühl ausgesagt werden so drücken
sie seine Ähnlichkeit mit anderen Gefühlen aus die wir gewohnt sind mit
demselben Namen zu benennen Dies mag hinreichen um die Art von Urteilen zu
erläutern in welchen die behauptete oder verneinte Tatsache einfache
Ähnlichkeit ist
Dasein Zugleichsein Folge Verursachung Ähnlichkeit Existenz
Koexistenz Sequenz Kausalität Similarität das eine oder das andere wird
ohne Ausnahme in einem jeden Urteil behauptet oder verneint diese fünffache
Einteilung ist eine erschöpfende Klassifikation der Tatsachen aller Dinge
welche geglaubt oder dem Glauben dargeboten werden können aller Fragen welche
gestellt und aller Antworten die darauf gegeben werden können Anstatt
Koexistenz und Sequenz werden wir der besseren Sonderung wegen zuweilen Ordnung
im Raum und Ordnung in der Zeit sagen indem Ordnung im Raum der spezifische
Modus von Koexistenz ist den wir hier nicht weiter zu analysieren brauchen
während die bloße Tatsache der Koexistenz oder Gleichzeitigkeit mit der
Sequenz unter die Rubrik Ordnung in der Zeit gebracht werden kann
7 Bei der vorhergehenden Untersuchung des Inhalts der Urteile fanden
wir für nötig jene allein direkt zu analysieren in denen die das Urteil
zusammensetzenden Wörter oder wenigstens das Prädikat konkrete Wörter sind
Wir haben aber hierbei indirekt diejenigen analysiert in denen die Wörter
abstrakt sind Der Unterschied zwischen einem abstrakten und dem entsprechenden
konkreten Wort beruht nicht auf einem Unterschied in dem was sie bedeuten
sollen denn die wirkliche Bedeutung eines konkreten Gemeinnamens ist wie oft
bemerkt seine Mitbezeichnung und das was das konkrete Wort mitbezeichnet
bildet die ganze Bedeutung des abstrakten Namens Da in dem Inhalt eines
abstrakten Namens nichts liegt was nicht auch in dem Inhalt des entsprechenden
konkreten liegt so ist es natürlich anzunehmen dass auch in dem Inhalt eines
Urteils dessen Wörter abstrakt sind nichts liegen könne als was auch in
irgend einem Urteil liegt das aus konkreten Wörtern zusammengesetzt werden
kann
Eine genauere Untersuchung wird dies bestätigen Ein abstrakter Name ist der
Name eines Attributs oder einer Kombination von Attributen Der entsprechende
konkrete Name ist ein Name der den Dingen gegeben wird weil sie diese
Attribute oder Kombination von Attributen besitzen und der ausdrücken soll
dass sie dieselben besitzen Wenn wir daher einen konkreten Namen von Etwas
aussagen so sagen wir in Wirklichkeit ein Attribut von demselben aus Es wurde
aber eben gezeigt dass in allen Urteilen in denen das Prädikat ein konkreter
Name ist von fünf Dingen eines ausgesagt wird Existenz Koexistenz
Verursachung Folge Ähnlichkeit Ein Attribut ist daher notwendig entweder
eine Existenz eine Koexistenz eine Verursachung eine Folge oder eine
Ähnlichkeit Wenn ein Urteil aus einem Subjekt und einem Prädikat besteht
welche abstrakte Wörter sind so besteht es aus Wörtern die notwendig eines
oder das andere von diesen Dingen bedeuten müssen Wenn wir einen abstrakten
Namen von Etwas aussagen so affirmieren wir von dem Dinge dass es ein Fall von
Existenz oder von Koexistenz oder von Kausalität oder von Sukzession oder
von Ähnlichkeit ist
Es ist nicht möglich ein durch abstrakte Wörter ausgedrücktes Urteil zu
finden das nicht in ein genau gleichbedeutendes Urteil mit konkreten Namen
verwandelt werden könnte so dass letztere entweder die konkreten Namen sind
welche die Attribute selbst mitbezeichnen oder die Namen der fundamenta dieser
Attribute der Tatsachen oder Erscheinungen auf welche sie gegründet sind Um
den letzteren Fall zu erläutern wollen wir ein Urteil wählen wovon nur das
Subjekt ein abstrakter Name ist »Gedankenlosigkeit ist gefährlich«
Gedankenlosigkeit ist ein auf die Tatsachen gegründetes Attribut welche wir
gedankenlose Handlungen nennen und das Urteil ist folgendem Urteil
äquivalent Gedankenlose Handlungen sind gefährlich Im folgenden sind sowohl
Subjekt als Prädikat abstrakte Namen »Weiße ist eine Farbe« oder »die Farbe
des Schnees ist eine weiße« Da diese Attribute auf Empfindungen gegründet
sind so würden die entsprechenden äquivalenten Urteile im Konkreten sein
die beim Erblicken von Schnee verursachte Gesichtsempfindung ist eine von den
Empfindungen von weiß genannten Empfindungen Wie wir vorher sahen ist die in
diesem Urteil behauptete Tatsache eine Ähnlichkeit In dem folgenden
Beispiele entsprechen die konkreten Wörter den abstrakten Samen ganz direkt
indem sie das Attribut mitbezeichnen welches diese bezeichnen »Klugheit ist
eine Tugend« dies kann so wiedergegeben werden »Alle tugendhaften Personen
sind soweit als sie klug sind tugendhaft« »Muth verdient Ehre« heißt »Alle
mutigen Personen verdienen Ehre soweit sie mutig sind« was gleichbedeutend
ist mit »Alle mutigen Personen verdienen eine Vermehrung der Ehre oder eine
Verminderung der Ungunst welche ihnen anderer Gründe wegen zu Teil wird«
Um noch mehr Licht auf den Inhalt der Urteile zu werfen deren Wörter
abstrakte sind wollen wir eines der obigen Beispiele einer genaueren Analyse
unterwerfen »Klugheit ist eine Tugend« Substituieren wir dem Worte Tugend
einen gleichbedeutenden aber bestimmteren Ausdruck wie »eine der Gesellschaft
heilsame geistige Eigenschaft« oder »eine Gott gefällige geistige
Eigenschaft« oder welche Definition der Tugend wir sonst gebrauchen wollen Wir
haben hier eine Sukzession aber zwischen was Wir verstehen das Nachfolgende in
der Sequenz aber das Vorausgehende haben wir noch zu analysieren Klugheit ist
ein Attribut und in Verbindung damit sind noch zwei Dinge in Betracht zu
ziehen kluge Personen reiche die Subjekte des Attributs sind und kluges
Benehmen welches man das Fundamentum desselben nennen kann Ist nun eines von
diesen das Vorausgehende Antezedens Und hauptsächlich ist damit gemeint
dass das Gefallen Gottes oder das Heil der Gesellschaft alle klugen Personen
begleitet Nein sondern nur soweit als sie klug sind denn kluge Personen
welche Schurken sind können im Ganzen der Gesellschaft nicht zum Heil werden
noch können sie einem guten Wesen angenehm sein Es folgt also das Gefallen
Gottes oder das Heil der Menschen dem klugen Benehmen Auch dies liegt nicht in
der Behauptung Klugheit ist eine Tugend sondern es gilt hier ein ähnlicher
Vorbehalt wie vorher nämlich dass ein kluges Benehmen obgleich der
Gesellschaft heilsam soweit als es klug ist durch den Einfluss anderer
Eigenschaften einen den Nutzen überwiegenden Schaden anrichten und mehr Tadel
als der Klugheit sonst schuldiges Lob verdienen kann Es ist daher weder die
Substanz dh die Person noch die Erscheinung das Benehmen ein Antezedens
auf welches das andere Wort der Sequenz allgemein folgt Was ist es nun aber
wovon das Urteil behauptet dass die fraglichen Wirkungen im allgemeinen darauf
folgen Das in der Person und in dem Benehmen welches die Ursache ist dass sie
klug genannt werden und was auch noch darin ist wenn die Handlung obgleich
klug verderblich ist nämlich eine richtige Voraussicht von Folgen eine
richtige Schätzung ihrer Wichtigkeit für den beabsichtigten Gegenstand und die
Unterdrückung eines jeden unüberlegten Dranges der mit dem wohlerwogenen Zweck
nicht im Einklang steht Diese Geisteszustände bilden das in dem Urteil
behauptete wirkliche Antezedens in der Sequenz die wirkliche Ursache in der
Verursachung aber sie bilden auch die wirkliche Grundlage des Attributs
Klugheit Denn wo diese Geisteszustände vorhanden sind da können wir Klugheit
prädizieren bevor wir wissen ob irgend ein Benehmen darauf gefolgt ist Auf
diese Weise kann eine jede Behauptung bezüglich eines Attributs in eine genau
gleichbedeutende Behauptung bezüglich der den Grund des Attributs bildenden
Tatsache oder Erscheinung verwandelt werden und es kann kein Fall angegeben
werden wo das von der Tatsache oder Erscheinung Ausgesagte nicht der einen
oder der andern der oben angegebenen fünf Dinge angehörte und wonach es
entweder einfache Existenz oder Koexistenz oder Sequenz Kausalität oder
Similarität ist
Da dies die einzigen fünf Dinge sind welche affirmiert werden können so
sind sie auch die einzigen Dinge welche verneint werden können »Keine Pferde
besitzen Füße mit Schwimmhäuten« verneint dass die Attribute eines Pferdes
jemals mit Füssen mit Schwimmhäuten koexistieren Es ist kaum nötig dieselbe
Analyse auf besondere Behauptungen und Verneinungen anzuwenden »Einige Vögel
haben Füße mit Schwimmhäuten« affirmiert dass mit den durch Vogel
mitbezeichneten Attributen die Erscheinung Füße mit Schwimmhäuten zuweilen
koexistiert » Einige Vögel haben keine Füße mit Schwimmhäuten« behauptet dass
es andere Fälle gibt in welchen dieses Zugleichsein nicht stattfindet Eine
jede weitere Erklärung eines Dinges ist wenn man der vorhergehenden
Auseinandersetzung zustimmt so einleuchtend dass sie hier übergangen werden
kann
1 Als eine Vorbereitung für den eigentlichen Gegenstand der Untersuchung
der Logik für die Untersuchung der Frage nämlich auf welche Weise können
Urteile bewiesen werden fanden wir es nötig zu untersuchen was in den
Urteilen enthalten ist das des Beweises fähig oder seiner bedürftig wäre
oder was dasselbe ist was sie behaupten Im Verlauf dieser vorläufigen
Untersuchung des Inhalts der Urteile prüften wir die Ansicht der
Konzeptionalisten dass ein Urteil der Ausdruck einer Beziehung zwischen zwei
Ideen sei und die Lehre der Nominalisten dass es der Ausdruck der
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Bedeutung zweier Namen sei Wir
kamen zu dem Resultat dass als allgemeine Theorien beide irrig sind und dass
obgleich sowohl in Beziehung auf Namen als auch auf Ideen Urteile gebildet
werden können weder die einen noch die anderen den ganzen Gegenstand der
Urteile im Allgemeinen ausmachen Wir prüften die verschiedenen Arten von
Urteilen und fanden dass mit Ausnahme der bloß wörtlichen Urteile sie fünf
verschiedene Arten von Tatsachen behaupten nämlich Existenz Ordnung im Raum
Ordnung in der Zeit Verursachung und Ähnlichkeit dass in jedem Urteil von
diesen fünf Dingen eines von irgend einer Tatsache oder Erscheinung oder von
irgend einem Gegenstand der die unbekannte Quelle dieser Tatsache oder
Erscheinung ist behauptet oder verneint wird
Indem wir die in den Urteilen behaupteten verschiedenen Tatsachen
unterschieden behielten wir uns eine Klasse von Urteilen vor welche sich im
eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht auf Tatsachen sondern auf die
Bedeutung der Namen beziehen Da Namen und ihre Bedeutung ganz willkürlich sind
so sind derartige Urteile strenggenommen der Wahrheit oder des Irrtums gar
nicht fähig sondern sie sind nur übereinstimmend oder nichtübereinstimmend mit
dem Sprachgebrauch oder der Übereinkunft aller Beweis dessen sie fähig sind
bezieht sich auf den Sprachgebrauch es ist ein Beweis dass die Worte von
Anderen in derselben Bedeutung gebraucht worden sind in welcher sie der
Sprechende zu gebrauchen gedenkt Diese Urteile nehmen indessen in der
Philosophie eine hervorragende Stelle ein und ihre Natur ist in der Logik von
ebenso großer Wichtigkeit als die der vorher angeführten anderen Classen von
Urteilen
Wenn alle Urteile beziehlich der Bedeutung der Wörter so einfach und
unwichtig wären wie diejenigen welche uns bei der Prüfung von Hobbes Theorie
der Prädikation als Beispiel dienten diejenigen wovon Subjekt und Prädikat
Eigennamen sind und welche nur behaupten dass diese Namen demselben Individuum
der Übereinkunft nach verliehen worden sind oder nicht so würden derartige
Urteile die Aufmerksamkeit der Philosophen wenig erregen Aber die Klasse der
bloß wörtlichen Urteile umfasst in der That nicht allein viel mehr als diese
sondern auch viel mehr als irgend welche Urteile die beim ersten Anblick als
wörtliche erscheinen sie umfasst eine Art von Behauptungen welche man nicht
bloß als auf Dinge Bezug habend sondern als mit den Dingen wirklich in einer
näheren Beziehung stehend als irgend andere Urteile betrachtet hat Man wird
bemerken dass ich auf jene Unterscheidung anspiele auf welche die Scholastiker
so großes Gewicht legten und welche bis auf den heutigen Tag von den meisten
Metaphysikern entweder unter demselben oder unter anderen Namen beibehalten
wurde die Unterscheidung nämlich zwischen dem was sie wesentliche essentielle
und was sie zufällige akzidentelle Urteile nannten sowie zwischen
wesentlichen und zufälligen Eigenschaften oder Attributen
2 Fast alle Metaphysiker vor Locke und viele nach ihm taten sehr
geheimnisvoll in Beziehung auf Wesentliche Prädikation und auf Prädikate von
denen man sagte sie gehörten zum Wesen essentia des Subjekts Das Wesen der
Dinge so sagten sie ist dasjenige ohne welches das Ding weder sein noch als
seiend gedacht begriffen werden kann So ist die Vernunft das Wesen des
Menschen weil der Mensch nicht als ohne Vernunft existierend gedacht werden
könnte Die verschiedenen Attribute welche das Wesen der Dinge ausmachen
wurden wesentliche Eigenschaften genannt ein Urteil in welchem eine derselben
ausgesagt wird hieß ein wesentliches Urteil und man betrachtete es als
tiefer in die Natur der Dinge eingehend und in Betreff derselben mehr Auskunft
erteilend als irgend ein anderes Urteil Alle Eigenschaften welche nicht zu
dem Wesen der Dinge gehören wurden seine zufälligen Eigenschaften Akzidenzien
genannt Man nahm an sie hätten gar nichts oder verhältnismäßig wenig mit
der innersten Natur desselben zu tun und die Urteile in denen eine derselben
prädiziert wurde nannte man zufällige Urteile Es lässt sich ein Zusammenhang
nachweisen zwischen dieser bei den Scholastikern entstandenen Unterscheidung
und den wohlbekannten Lehren von substantiae secundae oder allgemeinen
Substanzen und substantiellen Formen Lehren die unter verschiedenen
Ausdrucksweisen in der Aristotelischen Schule und in der Schule von Platon
herrschten und von deren Geist die moderne Zeit mehr geerbt hat als man aus
dem Verschwinden der Redeweise vermuten sollte Die bei den Scholastikern
herrschende falsche Ansicht über die Natur der Klassifikation und
Generalisation von welcher diese Lehren der technische Ausdruck waren bietet
die einzige Erklärung ihres Missverstehens der wirklichen Natur jener Essenzen
dar die in ihrer Philosophie eine so hervorragende Stelle einnahmen Sie sagen
ganz wahr der Mensch kann nicht ohne Vernunft gedacht werden Aber obgleich der
Mensch nicht so gedacht werden kann so könnte man doch ein Geschöpf denken das
ihm in allen Punkten ähnlich ist mit Ausnahme dieser einen Eigenschaft und
derjenigen anderen die eine Bedingung oder Folge derselben sind In der
Behauptung der Mensch könne nicht ohne Vernunft gedacht werden ist daher in
Wirklichkeit nur wahr dass wenn er keine Vernunft besäße so würde man ihn
nicht für einen Menschen halten Es ist an sich keine Unmöglichkeit vorhanden
das Ding zu denken noch soviel wir wissen dafür dass es existiere die
Unmöglichkeit liegt in dem Sprachgebrauch welcher nicht erlaubt das Ding wenn
es existierte bei einem Namen zu nennen der vernünftigen Wesen vorbehalten ist
In kurzen Worten Vernunft ist in der Bedeutung des Wortes Mensch
eingeschlossen es ist eines der durch den Namen mitbezeichneten Attribute Das
Wesen des Menschen heißt einfach das Ganze der durch das Wort mitbezeichneten
Attribute und ein jedes dieser Attribute ist einzeln genommen eine wesentliche
Eigenschaft des Menschen
Die Lehren welche das Verständnis der wirklichen Bedeutung der Essenzen
verhinderten hatten zur Zeit des Aristoteles und seiner unmittelbaren
Nachfolger noch nicht die ausgeprägte Gestalt angenommen welche ihnen später
von den Realisten des Mittelalters gegeben wurde und wir finden deshalb in den
Schriften der älteren Peripatetiker eine rationellere Ansicht von dem
Gegenstand als bei ihren modernen Nachfolgern In seiner Isagoge kommt
Porphyrius der wahren Vorstellung von dem Wesen so nahe dass ihm nur noch ein
Schritt zu tun übrig blieb aber dieser Schritt so leicht dem Anschein nach
war den Nominalisten der neueren Zeit zu tun vorbehalten Durch das Ändern
einer nicht zum Wesen des Dinges gehörigen Eigenschaft macht man nach Porphyrius
nur einen Unterschied in ihm man macht es alloion aber beim Ändern einer zu
dem Wesen gehörigen Eigenschaft macht man es zu einem andern Ding macht man es
allo27 Einem Neuern ist es einleuchtend dass zwischen der Änderung welche
das Ding verschieden und der Änderung welche es zu einem andern Ding macht
der einzige Unterschied darin liegt dass es in dem einen Fall obgleich
verändert noch mit demselben Namen genannt wird Zerstößt man Eis in einem
Mörser und wird es noch Eis genannt so wird es bloß alloion gemacht schmilzt
man es so wird es allo ein anderes Ding nämlich Wasser Nun ist es aber
wirklich in beiden Fällen dasselbe Ding dh es sind dieselben materiellen
Teilchen und man kann kein Ding in der Art ändern dass es aufhört in diesem
Sinne dasselbe Ding zu sein Die Identität deren es beraubt werden kann ist
eine bloße Identität des Namens wenn das Ding nicht mehr Eis genannt wird so
ist es ein anderes Ding geworden das Wesen welches es zum Eis machte ist
verschwunden während so lange es Eis genannt wird nichts verschwunden ist als
vielleicht einige seiner zufälligen Eigenschaften Aber diese uns so geläufigen
Erwägungen waren für diejenigen schwierig welche wie die meisten Anhänger des
Aristoteles glaubten dass die Gegenstände zu dem gemacht würden was sie
heißen dass zB Eis zu Eis gemacht wurde nicht durch das Besitzen gewisser
Eigenschaften denen die Menschen diesen Namen gaben sondern durch die
Teilhaftigkeit an der Natur einer gewissen allgemeinen Substanz Eis im
Allgemeinen genannt welche Substanz mit allen dazu gehörigen Eigenschaften
jedem einzelnen Stück Eis inhäriert Da sie diese allgemeinen Substanzen nicht
als allen sondern nur als einigen Gemeinnamen anhängig betrachteten so
glaubten sie dass ein Gegenstand nur einen Teil seiner Eigenschaften von der
allgemeinen Substanz nähme und dass der Rest ihr individuell angehöre den
ersteren nannten sie sein Wesen Essenz letzteren sein Accidens Die
scholastische Lehre von den Essenzen überlebte die Theorie auf welcher sie
ruhte die der Existenz realer den Gemeinnamen entsprechender Entitäten auf
lange hinaus und es war gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts Locke
vorbehalten die Philosophen zu überzeugen dass die angenommenen Essenzen der
Classen bloß in der Bedeutung ihrer Namen besteht Unter den hohen Diensten
welche seine Schriften der Philosophie leisteten war keiner nötiger und keiner
schätzenswerther28
Da nun der familiärste der Eigennamen durch den ein Gegenstand bezeichnet
wird nicht bloß eines sondern mehrere Attribute des Gegenstandes
mitbezeichnet wovon ein jedes das Band der Vereinigung irgend einer Klasse und
die Bedeutung irgend eines Gemeinnamens bildet so können wir von einem Namen
welcher eine Menge von Attributen mitbezeichnet einen andern Namen aussagen
der nur eines von diesen Attributen oder eine geringere Anzahl derselben
mitbezeichnet In solchen Fällen wird das allgemeine bejahende Urteil wahr
sein denn was das Ganze einer Reihe von Attributen besitzt muss auch einen
Teil dieser Reihe besitzen Ein derartiges Urteil gibt aber dem der die
ganze Bedeutung der Wörter vorher verstanden hat keine weitere Auskunft Die
Urteile Jeder Mensch ist ein körperliches Wesen Jeder Mensch ist ein
lebendiges Geschöpf Jeder Mensch ist vernünftig erweitert nicht das Wissen
desjenigen der die ganze Bedeutung des Wortes Mensch kannte denn die Bedeutung
des Wortes schließt alles dieses ein und dass jeder Mensch die durch alle
diese Prädikate mitbezeichneten Attribute besitzt wird schon behauptet wenn er
Mensch genannt wird
Es ist wahr von einem Urteil das irgend ein Attribut sei es auch ein in
dem Namen eingeschlossenes prädiziert wird in den meisten Fällen angenommen es
schlösse die stillschweigende Behauptung ein dass ein dem Namen entsprechendes
Ding das die durch denselben mitbezeichneten Attribute besitzt existiert und
diese eingeschlossene Bedeutung könne sogar denjenigen welche die ganze
Bedeutung des Namens kannten Auskunft Wissen mittheilen Aber alle durch die
wesentlichen Urteile deren Subjekt der Mensch ist mitgeteilte derartige
Auskunft liegt in der Behauptung eingeschlossen der Mensch existiert Jene
Annahme einer realen Existenz ist am Ende doch nur das Resultat einer
Unvollkommenheit der Sprache Es entspringt aus der Zweideutigkeit der Copula
welche außer ihrer eigenen Funktion ein Merkmal zu sein welches zeigt dass
eine Behauptung gemacht worden ist wie früher bemerkt auch ein konkretes
Wort ist das Existenz mitbezeichnet Die wirkliche Existenz des Subjekts vom
Urteil ist daher nur scheinbar und nicht in Wirklichkeit in der Prädikation
wenn sie eine essentielle ist eingeschlossen wir können sagen »ein Gespenst
ist ein entkörperter Geist« ohne an Gespenster zu glauben Aber eine
akzidentielle oder nichtessentielle Behauptung schließt die wirkliche Existenz
des Subjekts nicht ein weil bei einem nicht existierenden Subjekt dem Urteil
nichts zu behaupten bleibt Ein Urteil wie folgendes der Geist eines
Gemordeten spukt an dem Lager des Mörders kann nur eine Bedeutung haben wenn
es so verstanden wird dass es den Glauben an Geister einschließt denn da die
Bedeutung des Wortes Geist nichts derartiges einschließt so will der
Sprechende entweder nichts oder er will etwas behaupten von dem er wünscht
dass man glaube es habe wirklich stattgefunden
Man wird hernach sehen dass wenn wie in der Mathematik irgend wichtige
Folgerungen aus einem wesentlichen Urteil oder mit anderen Worten aus einem
in der Bedeutung des Namens eingeschlossenen Urteil hervorzugehen scheinen die
stillschweigende Annahme der realen Existenz des so benannten Gegenstandes die
wirkliche Quelle ist aus der sie fließen Außer dieser Annahme von wirklicher
Existenz entspricht die Klasse von Urteilen in denen das Prädikat zu dem Wesen
des Subjekts gehört dh in denen das Prädikat das Ganze oder einen Teil von
dem mitbezeichnet was das Subjekt mitbezeichnet aber nichts weiter keinem
Zweck als dass sie denjenigen welche sie nicht vorher wussten die ganze
Bedeutung des Namens oder auch nur einen Teil davon darlegt Die nützlichsten
und wenn man es streng nimmt die einzig nützlichen von den wesentlichen
Urteile sind daher die Definitionen welche um vollständig zu sein das Ganze
von dem in der Bedeutung des definierten Wortes Eingeschlossenen dh wenn es
ein mitbezeichnendes Wort ist das Ganze von dem was es mitbezeichnet erklären
sollen Bei der Definition eines Namens ist es nicht üblich seine ganze
Mitbezeichnung anzuführen sondern nur so viel als hinreichend ist um die damit
bezeichneten Gegenstände von allen bekannten Gegenständen zu unterscheiden
Zuweilen dient eine bloß zufällige in der Bedeutung des Namens nicht
eingeschlossene Eigenschaft dem Zweck ebenso gut Die verschiedenen Arten von
Definitionen welche aus diesen Unterscheidungen entspringen und die Zwecke
denen sie beziehungsweise dienen werden am geeigneten Ort näher betrachtet
werden
3 Nach der obigen Ansicht von wesentlichen Urteilen kann zu denselben
kein Urteil gerechnet werden das sich auf ein mit Namen angeführtes Individuum
bezieht dh dessen Subjekt ein Eigenname ist Individuen haben keine Essenzen
Wenn die Scholastiker von der Essenz eines Individuums sprechen so meinen sie
damit nicht die in dem Namen eingeschlossenen Eigenschaften denn die Namen von
Individuen schließen keine Eigenschaften ein Sie betrachteten als zu dem Wesen
des Individuums gehörig was zum Wesen der Species gehörte welcher sie jenes
Individuum zuzuteilen pflegten dh jener Klasse welcher es gewöhnlich
zugeteilt wurde und zu welcher es daher wie sie glaubten seiner Natur nach
gehörte Weil das Urteil der Mensch ist ein vernünftiges Wesen ein
essentielles Urteil ist so affirmierten sie in gleicher Weise Julius Cäsar ist
ein vernünftiges Wesen Dies würde natürlich folgen wenn Genera und Species als
Entitäten zu betrachten wären unterschieden von aber inhärent den sie
zusammensetzenden Individuen Wenn der Mensch eine Substanz wäre die einem
jeden individuellen Menschen inhäriert so wäre von dem Wesen des Menschen was
auch damit gemeint sei anzunehmen dass es von ihr begleitet ist dass sie John
Thompson inhäriert und dass sie das gemeinsame Wesen Essenz von Thompson und
Julius Cäsar bildet Man könnte dann ganz wohl sagen dass die Vernunft da sie
das Wesen des Menschen ist auch das Wesen von Thompson ist Wenn aber Mensch
ganz und gar nichts als individuelle Menschen heißt und wenn diesen in Folge
gewisser gemeinsamen Eigenschaften ein Name gegeben wird was wird aus John
Thompsons Wesen
Durch einen einzigen Sieg wird selten ein fundamentaler Irrtum aus der
Philosophie vertrieben er zieht sich nur langsam zurück verteidigt seinen
Boden zollweise und behält häufig noch festen Fuß in einer verborgenen Feste
wenn er aus dem offenen Felde vertrieben worden ist Die Wesen der Individuen
waren eine aus einem Missverstehen der Wesen der Classen hervorgehende
bedeutungslose Erdichtung sogar Locke konnte sich als er den ursprünglichen
Irrtum zerstörte von dessen Frucht nicht frei halten Er unterschied zwei
Arten von Wesen reelle und nominelle Seine nominellen Wesen waren nahezu die
Wesen der Classen wie wir sie erklärt haben Um das dritte Buch von Lockes
Essay zu einer fast tadellosen Abhandlung über die Mitbezeichnung der Namen zu
machen ist fast nichts nötig als seine Sprache von der Annahme sogenannter
abstrakter Ideen zu befreien die unglücklicherweise in der Terminologie
verwoben wenn auch nicht notwendig im Zusammenhang mit den Gedanken stehen
welche in jenem unsterblichen dritten Buch29 enthalten sind Aber außer
nominellen Wesen nahm er noch reelle Wesen oder Wesen von individuellen
Gegenständen an die er für die Ursachen der sinnlichen Eigenschaften dieser
Gegenstände hielt Wir wissen nicht sagt er was diese sind und dieses
Geständnis machte die Erdichtung verhältnismäßig unschädlich aber wenn wir
es wüssten so könnten wir aus ihnen allein die sinnlichen Eigenschaften der
Gegenstände erklären gleich wie die Eigenschaften eines Dreiecks aus der
Definition desselben bewiesen werden Bei der Behandlung des Beweises und der
Bedingungen unter denen eine Eigenschaft eines Dinges aus einer andern
Eigenschaft desselben erklärt werden kann werde ich Gelegenheit haben auf
diese Theorie zurückzukommen Hier reicht es hin zu bemerken dass man sich
nach dieser Definition das reelle Wesen eines Gegenstandes beim Fortschreiten
der Physik im Falle es ein Körper war zuletzt als nahezu gleichbedeutend mit
seiner körperlichen Struktur gedacht hat was es aber gegenwärtig bedeuten soll
wenn es irgend andere Entitäten sind möchte ich nicht zu definieren unternehmen
4 Ein wesentliches Urteil ist also bloß wörtlich es behauptet von
einem Ding unter einem besonderen Namen was schon von ihm tatsächlich dadurch
behauptet worden ist dass man es bei jenem Namen nannte und gibt daher
entweder gar keine Auskunft oder gibt sie bezüglich des Namens nicht des
Dinges selbst Nichtessentielle oder zufällige Urteile können im Gegensatz zu
wörtlichen wirkliche Urteile genannt werden Sie sagen von einem Ding irgend
eine Tatsache aus die in der Bedeutung des Namens womit das Urteil sie
nennt nicht eingeschlossen liegt irgend ein Attribut das durch jenen Namen
nicht mitbezeichnet wird Alle Urteile bezüglich individuell bezeichneter
Dinge alle allgemeinen oder besonderen Urteile in welchen das Prädikat ein
Attribut mitbezeichnet das nicht durch das Subjekt mitbezeichnet wird sind
dieser Art Alle diese wenn sie überhaupt wahr sind vermehren unser Wissen
sie geben eine nicht bereits in dem Namen eingeschlossene Auskunft Wenn ich
höre dass alle oder auch nur einige Gegenstände die gewisse Eigenschaften
besitzen oder welche in gewissen Beziehungen stehen auch gewisse andere
Eigenschaften haben oder in gewissen anderen Beziehungen stehen so erfahre ich
aus diesem Urteil eine neue Tatsache eine Tatsache die weder in meiner
Kenntnis von der Bedeutung der Wörter noch sogar von der dieser Bedeutung der
Wörter entsprechenden Existenz von Dingen eingeschlossen lag Diese Klasse von
Urteilen ist allein an und für sich belehrend aus solchen Urteilen allein
können belehrende Urteile gefolgert werden30
Wahrscheinlich hat nichts mehr zu der so lange vorherrschenden Meinung von
der Nichtigkeit der scholastischen Logik beigetragen als der Umstand dass fast
alle in den gewöhnlichen Schulbüchern für die Erläuterung der Lehre von der
Prädikation und dem Syllogismus gebrauchten Beispiele aus essentiellen Urteilen
bestehen Sie waren gewöhnlich entweder von den Zweigen oder von dem Stamm des
prädikamentalen Baumes genommen der nichts einschloss als was zum Wesen der
Species gehörte Omne corpus est substantia Omne animal est corpus Omnis homo
est corpus Omnis homo est animal Omnis homo est rationalis und so weiter Es
ist gar nicht zu verwundern dass die syllogistische Kunst für ein richtiges
Schließen als ganz unnötig angesehen wurde da beinahe die einzigen Urteile
für deren Beweis ihre berufenen Lehrer die Kunst anwandten der Art waren dass
ihnen ein jeder in dem Augenblick zustimmte als er die Bedeutung der Wörter
verstand und die in Betreff der Evidenz auf gleicher Linie mit den Prämissen
standen aus denen sie gezogen waren Ich habe deshalb in diesem Werk den
Gebrauch von wesentlichen Urteilen als Beispiele durchgängig vermieden
ausgenommen wo die Natur des zu erläuternden Prinzips sie besonders verlangte
5 In Beziehung auf Urteile welche eine Information mittheilen welche
von einem Ding etwas durch einen Namen behaupten der nicht schon voraussetzt
was erst noch behauptet werden soll gibt es zwei verschiedene Gesichtspunkte
unter denen man wenigstens diejenigen unter ihnen die allgemeine Urteile sind
betrachten kann wir können sie entweder als Theile spekulativer Wahrheit oder
als Memoranda für den praktischen Gebrauch ansehen Je nachdem wir Urteile in
dem einen oder dem andern Licht betrachten kann deren Inhalt füglich durch die
eine oder die andere der zwei Formeln ausgedrückt werden
Nach der Formel die wir bisher gebraucht haben und die sich am besten dazu
eignet um den Inhalt der Urteile als ein Teil unseres theoretischen Wissens
auszudrücken bedeutet Alle Menschen sind sterblich dass die Attribute des
Menschen immer von dem Attribut Sterblichkeit begleitet sind Keine Menschen
sind Götter bedeutet dass die Attribute des Menschen niemals von den
Attributen oder wenigstens nicht von allen durch das Wort Götter bezeichneten
Attributen begleitet sind Ist aber das Urteil als ein Memorandum für den
praktischen Gebrauch anzusehen so werden wir einen anderen Modus finden um
dieselbe Bedeutung in einer Weise auszudrücken die geeigneter ist die
Funktion welche das Urteil hat anzuzeigen Der praktische Gebrauch eines
Urteils ist uns zu lehren oder uns daran zu erinnern was wir in einem
einzelnen Falle der unter die im Urteil enthaltene Behauptung fällt zu
erwarten haben In Beziehung auf diesen Zweck bedeutet das Urteil Alle
Menschen sind sterblich dass die Attribute des Menschen ein Beweis Evidenz
von oder ein Merkmal von Sterblichkeit sind eine Anzeige durch welche das
Attribut offenbart wird Keine Menschen sind Götter bedeutet dass die
Attribute des Menschen ein Merkmal oder ein Beweis sind dass einige oder alle
den Göttern zugeschriebenen Attribute nicht vorhanden sind dass da wo die
ersteren sind wir die letzteren nicht erwarten dürfen
Im Grund sind diese zwei Formen des Ausdrucks gleichbedeutend aber die eine
lenkt die Aufmerksamkeit direkter auf die Bedeutung des Urteils die andere
mehr auf die Art wie es zu gebrauchen ist
Es ist nun noch zu bemerken dass das Schließen der Gegenstand zu dem wir
bald übergehen ein Prozess ist in welchem Urteile nicht als Endresultate
sondern als ein Mittel eintreten um andere Urteile aufzustellen Wir dürfen
daher erwarten dass diejenige Art den Inhalt eines allgemeinen Urteils
darzulegen welche es in seiner Anwendung auf praktische Zwecke zeigt am besten
die Funktion ausdrückt welche die Urteile beim Schließen erfüllen Es wird
sich daher in der Theorie des Schließens diejenige Anschauungsweise welche
annimmt dass ein Urteil behauptet eine Tatsache oder Erscheinung sei ein
Merkmal oder ein Beweis von einer anderen Tatsache oder Erscheinung als fast
unentbehrlich herausstellen Für die Zwecke dieser Theorie ist die beste Weise
den Inhalt eines Urteils zu definieren nicht diejenige welche am klarsten
zeigt was es an und für sich ist sondern diejenige welche am deutlichsten die
Art und Weise angibt wie es zu benutzen ist um von ihm zu anderen Urteilen
überzugehen
1 Bei der Prüfung der Natur allgemeiner Urteile haben wir weniger als
es bei den Logikern der Gebrauch ist die Ideen von einer Klasse und der
Klassifikation beachtet Ideen die seitdem die realistische Lehre von
allgemeinen Substanzen aus dem Schwang kam die Grundlage fast eines jeden
Versuchs einer philosophischen Theorie der allgemeinen Namen und Urteile
bildeten Wir betrachteten die Bedeutung der Gemeinnamen als ganz unabhängig
davon dass sie Namen von Classen sind Es ist dies in Wahrheit ein zufälliger
Umstand da es für die Bedeutung des Namens ganz ohne Belang ist ob viele
Gegenstände oder nur ein einziger oder auch gar keiner vorhanden auf die er
anzuwenden ist Gott ist sowohl für den Christen als auch für den Juden oder
den Polytheisten ein Gemeinname und Drache Hippogryph Chimäre Meerweibchen
Gespenst sind so gut Gemeinnamen als wenn es wirkliche diesen Namen
entsprechende Gegenstände gäbe Jeder Name dessen Bedeutung durch Attribute
konstituiert wird ist potentiell ein Name einer unbestimmten Anzahl von
Gegenständen aber er braucht aktuell nicht der Name von irgend einem oder er
braucht es nur von einem einzigen zu sein Sobald wir einen Namen gebrauchen um
Attribute mitzubezeichnen so konstituieren die Dinge seien es mehr oder
weniger welche diese Attribute besitzen ipso facto eine Klasse Aber wenn wir
den Namen aussagen so prädizieren wir nur die Attribute und die Tatsache
einer Klasse anzugehören kommt in gewöhnlichen Fällen gar nicht in Betracht
Wenn die Prädikation nun aber auch nicht Klassifikation voraussetzt und
wenngleich die Theorie der Namen und der Urteile durch das Eindrängen der Idee
von der Klassifikation eher verwirrt als aufgeklärt wird so besteht
nichtsdestoweniger zwischen der Klassifikation und dem Gebrauch von Gemeinnamen
ein enger Zusammenhang Bei der Einführung eines Gemeinnamens schaffen wir
jedesmal eine Klasse wenn es reelle oder imaginäre Dinge gibt aus denen sie
bestehen kann dh Dinge welche der Bedeutung des Namens entsprechen Die
Classen verdanken daher ihre Existenz meistens der gewöhnlichen Sprache
Umgekehrt verdankt die gewöhnliche Sprache ihre Existenz zuweilen den
Gemeinnamen wenn dies auch nicht der gewöhnlichste Fall ist Ein allgemeiner
was so viel heißt als ein bedeutsamer Name wird in der That meistens
eingeführt weil wir eine Bedeutung damit auszudrücken haben weil wir eines
Wortes bedürfen um die Attribute zu prädizieren welche er mitbezeichnet Es ist
aber auch wahr dass ein Name zuweilen eingeführt wird weil wir es bequem
fanden eine Klasse zu schaffen weil wir es zur Regelung unserer
Geistesoperationen für nützlich hielten von einer gewissen Gruppe von
Gegenständen als von einem Ganzen zu denken Ein Naturforscher findet in den
besonderen Zwecken seiner Wissenschaft Gründe die Thier oder Pflanzenwelt in
gewisse Gruppen eher als in andere einzuteilen und er bedarf eines Namens um
eine jede dieser Gruppen gleichsam zusammenzubinden Man darf indessen nicht
glauben dass sich solche Namen bezüglich ihrer Bedeutung in irgend einer Weise
von anderen mitbezeichnenden Namen unterschieden Die von ihnen bezeichneten
Classen werden so gut wie andere Classen durch gewisse gemeinsame Attribute
konstituiert und ihre Namen bezeichnen diese Attribute und nichts anderes Die
Namen von Cuviers Classen und Ordnungen Plantigrada Digitigrada etc sind so
gut der Ausdruck von Attributen als wenn diese Namen seiner Klassifikation der
Tiere vorausgegangen wären anstatt aus ihr zu entstehen Die einzige
Eigentümlichkeit des Falles besteht darin dass die Bequemlichkeit der
Klassifikation das ursprüngliche Motiv für die Einführung der Namen war während
in anderen Fällen der Name als ein Mittel für die Prädikation eingeführt wird
und die Bildung einer damit bezeichneten Klasse nur eine indirekte Folge ist
Die Prinzipien welche die Klassifikation als einen der Erforschung der
Wahrheit dienenden logischen Prozess beherrschen müssen können erst in einem
späteren Teil unserer Untersuchung erörtert werden Aber die aus dem Gebrauch
der gewöhnlichen Sprache hervorgehende und in demselben eingeschlossene
Klassifikation müssen wir hier abhandeln wenn wir die Theorie der Gemeinnamen
und ihres Gebrauchs bei der Prädikation nicht verstümmelt und formlos lassen
wollen
2 Der jetzt folgende Teil der Theorie der allgemeinen Sprache ist der
Gegenstand der sogenannten Lehre von den Prädikabilien oder allgemeinen
Begriffen eine Reihe von Unterscheidungen die uns von Aristoteles und seinem
Nachfolger Porphyrius überliefert wurden und von welchen viele in der
wissenschaftlichen und manche in der populären Sprache feste Wurzel gefasst
haben Die Prädikabilien sind eine fünffache Einteilung der Gemeinnamen welche
sich nicht wie gewöhnlich auf einen Unterschied in ihrer Bedeutung dh in den
von ihnen mitbezeichneten Attributen sondern auf einen Unterschied in der Art
der Classen gründet die sie bezeichnen Wir können von einem Dinge fünf
verschiedene Klassennamen prädizieren
Ein Genus des Dinges genos
Eine Species eidos
Eine Differentia diaphora
Ein Proprium idion
Ein Accidens symbebêkos
Von diesen Unterscheidungen ist zu bemerken dass sie ausdrücken nicht was das
Prädikat an und für sich bedeutet sondern in welcher Beziehung es zum Subjekt
steht von dem es ausgesagt wird Es gibt nicht irgend Namen welche
ausschließlich Genera oder welche ausschließlich Species oder Differentiae
wären sondern derselbe Name wird je nach dem Subjekt von welchem er bei einer
besonderen Gelegenheit prädiziert wird auf das eine oder das andere Prädicabile
bezogen Thier ist zB ein Genus in Beziehung auf Mensch oder Johann eine
Species in Beziehung auf Substanz oder Wesen Rechtwinklig ist eine der
Differentiae eines geometrischen Vierecks es ist bloß eines der Accidentia von
dem Tische an welchem ich schreibe Die Wörter Genas Species etc sind daher
relative Ausdrücke es sind Namen die auf gewisse Prädikate angewendet werden
um die Beziehung zwischen diesen und einem gegebenen Subjekt auszudrücken eine
Beziehung die wie wir sehen werden nicht auf das gegründet ist was das
Prädikat mitbezeichnet sondern auf die Klasse welche es bezeichnet und auf
die Stelle welche diese Klasse in einer gegebenen Klassifikation bezüglich des
besonderen Subjectes einnimmt
3 Von diesen fünf Namen werden zwei Genus und Species nicht nur von den
Naturforschern in einer technischen Bedeutung gebraucht die mit der
philosophischen Bedeutung nicht gerade übereinstimmt sondern sie haben auch
eine populäre Bedeutung erlangt die viel allgemeiner ist als die beiden
ersteren In diesem populären Sinne können irgend zwei Classen wovon die eine
das Ganze der andern und noch mehr einschließt ein Genus und eine Species
genannt werden Solcher Art sind zB Thier und Mensch Mensch und Mathematiker
Thier ist das Genus Mensch und Brutus sind dessen zwei Species man kann es
auch in eine größere Anzahl von Species einteilen wie Mensch Pferd Hund
etc Biped oder zweifüßiges Thier kann ebenfalls als ein Genua betrachtet
werden von dem Mensch und Vogel zwei Species sind Geschmack ist ein Genus von
welchem süßer Geschmack saurer Geschmack salziger Geschmack etc Species
sind Tugend ist ein Genus Gerechtigkeit Klugheit Muth Gemütsstärke
Großmut etc sind seine Species
Dieselbe Klasse welche in Beziehung auf eine in ihr eingeschlossene SubKlasse
oder Species ein Genus ist kann in Beziehung auf ein umfassenderes oder wie es
oft genannt wird ein höheres Genus eine Species sein Mensch ist eine Species
in Beziehung auf Thier aber ein Genus in Beziehung auf die Species
Mathematiker Thier ist ein Genus das in zwei Species Mensch und vernunftloses
Thier zerfällt aber Thier ist auch selbst eine Species die mit einer andern
Species Pflanze das Genus organisiertes Wesen bildet Biped ist ein Genus in
Beziehung auf Mensch und Vogel aber eine Species in Beziehung auf das höhere
Genus Thier Geschmack ist ein in Species eingeteiltes Genus es isst aber auch
eine Species des Genus Empfindung Tugend ist ein Genus in Beziehung auf
Gerechtigkeit Mäßigkeit etc es ist aber eine Species von dem Genua geistige
Eigenschaft
In diesem populären Sinne sind die Wörter Genus und Species in den gewöhnlichen
Sprachgebrauch übergegangen und es ist zu bemerken dass in gewöhnlicher Rede
nicht der Name der Klasse sondern die Klasse selbst das Genus oder die Species
heißt natürlich nicht die Klasse im Sinne eines jeden Individuums dieser
Klasse sondern der Individuen zusammengenommen und als ein ganzes Aggregat
betrachtet der Name welcher die Klasse bezeichnet wird dann nicht das Genus
oder die Species sondern der generische oder spezifische Name genannt Dies ist
eine zulässige Ausdrucksweise und es ist gleichgültig welche von den zwei
Sprechweisen wir wählen wenn nur unsere übrige Sprache damit im Einklang steht
wenn wir aber die Klasse selbst das Genus nennen so dürfen wir nicht sagen
dass wir das Genua prädizieren Wir sagen von Mensch den Namen sterblich aus und
indem wir den Namen aussagen prädizieren wir was der Name ausdrückt das
Attribut Sterblichkeit aber in keinem zulässigen Sinne des Worts Prädikation
prädizieren wir von Mensch die Klasse sterblich Wir prädizieren von ihm die
Tatsache dass er zu der Klasse gehört
Von den Aristotelischen Logikern wurden die Ausdrücke Genus und Species in einem
beschränkteren Sinne gebraucht Nicht eine jede Klasse welche in andere
Classen eingeteilt werden konnte ließen sie als ein Genus nicht jede Klasse
welche in eine weitere Klasse eingeschlossen werden konnte ließen sie als eine
Species gelten Thier betrachteten sie als ein Genus Mensch und vernunftloses
Thier als koordinierte Species unter diesem Genus Biped hätte man nicht als ein
Genus in Beziehung auf Mensch sondern nur als ein Proprium oder ein Accidens
zugelassen Nach ihrer Theorie war es erforderlich dass Genus und Species zu
dem Wesen des Subjekts gehören Thier gehörte zum Wesen des Menschen nicht aber
zweifüßiges Thier In einer jeden Klassifikation betrachteten sie irgend eine
Klasse als die unterste oder infima Species Mensch zB war die unterste
Species und irgend weitere Einteilungen deren die Klasse fähig war wie
weißer schwarzer und roter Mensch oder Priester und Laie ließen sie nicht
als Species gelten
Wir haben aber im vorhergehenden Kapitel gesehen dass die Unterscheidung
zwischen dem Wesen einer Klasse und den Attributen oder Eigenschaften welche
nicht zu ihrem Wesen gehören eine Unterscheidung welche viel abstruse
Spekulationen veranlasste und welcher früher ein so geheimnisvoller Charakter
verliehen wurde und von manchen Schriftstellern jetzt noch verliehen wird auf
nichts anders hinausläuft als auf den Unterschied zwischen denjenigen
Attributen der Klasse welche in der Bedeutung des Classen Namens
eingeschlossen und solchen die nicht darin eingeschlossen liegen Wir fanden
dass auf Individuen angewendet das Wort Wesen nur in Verbindung mit den
aufgegebenen Sätzen der Realisten eine Bedeutung hat und dass das was die
Scholastiker das Wesen eines Individuums zu nennen beliebten einfach das Wesen
der Klasse war zu welcher dieses Individuum am gewöhnlichsten gezählt wurde
Gibt es denn aber außer diesem bloß wörtlichen keinen Unterschied zwischen
den Classen welche die Scholastiker als Genera oder Species gelten ließen und
denen welche sie diesen Titel versagten Ist es ein Irrtum einige von den
zwischen den Gegenständen bestehenden Unterschieden als Unterschiede in der Art
genere oder specie und andere nur als Unterschiede in dem Accidens zu
betrachten Hatten die Scholastiker Recht oder Unrecht als sie einigen von den
Classen in welche die Dinge eingeteilt werden können den Namen Arten gaben
und andere als sekundäre auf Unterschiede von verhältnismäßig oberflächlicher
Natur gegründete Einteilungen betrachteten Eine hierauf eingehende Prüfung
wird zeigen dass die Aristotelianer mit dieser Unterscheidung etwas sehr
Wichtiges bezweckten da sie aber in Betreff desselben nur unklare Begriffe
hatten so drückten sie es durch die Phraseologie von Essentiae und durch die
verschiedenen anderen Sprechweisen zu denen sie ihre Zuflucht nahmen ganz
mangelhaft aus
4 Es ist ein fundamentaler Grundsatz in der Logik dass so lange die
geringste Verschiedenheit wahrzunehmen ist auf welche sich eine Unterscheidung
gründen lässt die Klassenbildung unbegrenzt ist Man nehme irgend ein Attribut
so können wir wenn einige Dinge dasselbe besitzen und andere nicht eine
Einteilung aller Dinge in zwei Classen darauf gründen wir tun dies
tatsächlich in dem Augenblick wo wir einen Namen schaffen der das Attribut
mitbezeichnet Die Zahl der möglichen Classen ist daher endlos und es gibt
so viele wirkliche Classen entweder von reellen oder imaginären Dingen als es
positive und negative Gemeinnamen zusammengenommen gibt
Betrachten wir einige von den so gebildeten Classen wie die Klasse Thier oder
Pflanze oder die Klasse Schwefel oder Phosphor oder die Klasse Weiß oder
Roth und sehen wir zu in welchen Einzelheiten sich die in der Klasse
eingeschlossenen Individuen von den nicht darin enthaltenen unterscheiden so
finden wir in dieser Beziehung eine sehr bemerkenswerte Verschiedenheit
zwischen Classen und Classen Die in manchen Classen eingeschlossenen Dinge
unterscheiden sich von anderen Dingen nur in gewissen Einzelheiten die man
aufzählen kann während sich andere in mehr Einzelheiten unterscheiden als wir
aufzählen können oder sogar in mehr als wir jemals zu wissen erwarten dürfen
Manche Classen haben wenig oder nichts gemein wodurch sie charakterisiert
werden mit Ausnahme gerade von dem was der Name mitbezeichnet Weiße Dinge
zB sind mit Ausnahme von Weiße durch keine gemeinsamen Eigenschaften
unterschieden oder wenn sie es sind so ist es nur durch solche die in irgend
einer Art mit Weiße im Zusammenhang stehen Aber Hunderte von Generationen
haben die gemeinsamen Eigenschaften von Tieren oder Pflanzen von Schwefel oder
Phosphor nicht erschöpft auch setzen wir gar nicht voraus dass sie zu
erschöpfen seien sondern wir machen immer neue Beobachtungen und neue
Experimente in der vollen Zuversicht neue Eigenschaften zu entdecken welche in
vorher gekannten keineswegs eingeschlossen liegen Wenn sich aber Jemand
vornehmen wollte die gemeinsamen Eigenschaften aller Dinge zu untersuchen
welche dieselbe Gestalt dieselbe Farbe oder dasselbe spezifische Gewicht
besitzen so wäre dies eine handgreifliche Absurdität Wir haben keinen Grund zu
glauben dass irgend andere gemeinsame Eigenschaften zwischen ihnen existieren
als in der Voraussetzung selbst liegen oder durch ein Kausalgesetz davon
ableitbar sind Es scheint daher dass die Eigenschaften auf welche wir unsere
Classen gründen manchmal alles erschöpfen was der Klasse gemeinsam ist oder
dass sie es durch irgend einen Implicationsmodus enthalten dass wir aber in
anderen Fällen einige wenige Eigenschaften aus einer nicht bloß größeren
sondern aus einer für uns unerschöpflichen und soweit wir selbst dabei in
Betracht kommen als endlos zu betrachtenden Anzahl von Eigenschaften auswählen
Es ist nicht anpassend zu sagen dass von diesen zwei Klassifikationen die eine
einer viel radikaleren Unterscheidung in den Dingen selbst entspricht als die
andere und wenn man sagen würde dass die eine Klassifikation von der Natur
die andere von uns zu unserer Bequemlichkeit gemacht wird so würde man nicht
Unrecht hoben vorausgesetzt dass damit nicht mehr gemeint sei als folgendes
Wo ein gewisser sichtlicher unterschied zwischen Dingen obgleich vielleicht an
sich von geringer Bedeutung einer uns unbekannten Anzahl von anderen
Unterschieden entspricht und nicht allein ihre bekannten sondern auch noch
unentdeckten Eigenschaften durchdringt da bleibt uns keine andere Wahl als
diesen Unterschied als die Grundlage einer spezifischen Unterscheidung
anzuerkennen während im Gegenteil bloß begrenzte und bestimmte Unterschiede
wie die durch die Worte weiß rot schwarz bezeichneten außer Acht gelassen
werden können wenn die Zwecke für welche die Klassifikation gemacht wurde die
Beachtung dieser besonderen Eigenschaften nicht besonders verlangt Von der Natur
werden indessen in beiden Fällen diese Unterschiede gemacht während die
Anerkennung dieser Unterschiede als Grund der Klassifikation und Benennung
ebenfalls in beiden Fällen die Handlung des Menschen ist nur würden in dem
einen Fall die Zwecke der Sprache und der Klassifikation vernichtet werden wenn
von dem Unterschied keine Notiz genommen würde während in dem andern Fall die
Notwendigkeit von ihm Notiz zunehmen von der Wichtigkeit oder Unwichtigkeit
der besonderen Eigenschaften aus welchen der Unterschied gerade besteht
abhängig ist
Diejenigen Classen welche sich nicht bloß durch einige bestimmten
Eigenschaften sondern durch eine unbekannte Menge von Eigenschaften
unterscheiden sind nun aber die einzigen Classen welche die Aristotelischen
Logiker als Genera oder Species betrachten Unterschiede welche sich nur auf
eine gewisse Eigenschaft oder Eigenschaften erstreckten und dabei stehen
blieben sahen sie nur als Unterschiede in den Akzidenzien der Dinge an wo sich
aber eine Klasse durch eine endlose Reihe von bekannten oder unbekannten
Unterschieden von anderen Dingen unterschied da betrachteten sie die
Distinktion als eine der Art nach und sprachen von ihr als von einem
wesentlichen Unterschied was auch heute noch eine der gewöhnlichen Bedeutungen
dieses vagen Ausdrucks ist
Indem ich mir vorstelle dass die Scholastiker wohl daran taten zwischen
diesen zwei Arten von Classen und Klassenunterscheidungen eine starke Linie zu
ziehen werde ich nicht allein die Einteilung seihst sondern auch die Art sie
in ihrer Sprache auszudrücken beibehalten In dieser Sprache wird die nächste
oder unterste Art auf welche ein Individuum bezogen werden kann seine
Species genannt hiernach würde Sir Isaac Newton als zur Species Mensch gehörig
bezeichnet werden In der Klasse Mensch sind in der That viele Unterklassen zu
denen auch Newton gehört eingeschlossen wie zB Christen Engländer und
Mathematiker Aber obgleich verschiedene Classen so sind dieselben doch nicht
in unserm Sinne des Worts verschiedene Arten von Menschen Ein Christ zB
unterscheidet sich von anderen menschlichen Wesen aber er unterscheidet sich
von ihnen nur in den Attributen welche das Wort ausdrückt nämlich im
christlichen Glauben und was darin sonst noch entweder als in der Tatsache
selbst enthalten oder durch irgend ein Kausalgesetz mit ihr verbunden
eingeschlossen liegt Wir würden uns niemals einfallen lassen zu untersuchen
welche mit dem christlichen Glauben als Ursache oder Wirkung nicht im
Zusammenhang stehenden eigentümlichen Eigenschaften alle Christen gemein
haben während die Physiologen in Beziehung auf den Mensch derartige
Untersuchungen fortwährend ausführen und es nicht wahrscheinlich ist dass sie
jemals damit zu Ende kommen werden Den Mensch können wir daher eine Species
nennen nicht aber den Christen und Mathematiker
Es ist hier wohl zu bemerken dass keineswegs gemeint ist es könne nicht zwei
verschiedene Arten oder logische Species von Menschen geben Die verschiedenen
Racen und Temperamente die zwei Geschlechter und sogar die verschiedenen Alter
können innerhalb unserer Bedeutung des Wortes Unterschiede der Art sein Ich
sage nicht dass sie es sind denn beim Fortschritt der Physiologie kann es fast
als ausgemacht betrachtet werden dass sich die unterschiede welche zwischen
verschiedenen Racen Geschlechtern etc wirklich existieren naturgesetzlich als
Folgen einer kleinen Anzahl von ursprünglichen Unterschieden herausstellen die
genau bestimmt werden können und welche wie man sagt alle übrigen erklären
Wenn dem so ist so sind dieselben ebensowenig Unterscheidungen der Art nach
als Christ Jude Muselmann oder Heide eine Unterscheidung die ebenfalls viele
Folgen nach sich zieht Auf diese Weise werden Classen oft fälschlich für
wirkliche Arten genommen und es wird dann erst später bewiesen dass sie es
nicht sind Wenn es sich aber zeigen würde dass die Verschiedenheiten nicht so
erklärt werden können so würden Kaukasier Mongolen Neger etc wirklich
verschiedene Arten von menschlichen Wesen und berechtigt sein von dem Logiker
wenn auch nicht von dem Naturforscher als Species aufgeführt zu werden denn
wie bereits bemerkt das Wort Species wird in der Logik in einem andern Sinne
gebraucht als in der Naturgeschichte Der Naturforscher hält organisierte Wesen
niemals für verschiedene Species wenn von ihnen angenommen werden kann dass
sie möglicherweise von demselben Stock abstammen Dies ist indessen ein dem Wort
künstlich beigelegter den technischen Zwecken einer besonderen Wissenschaft
dienender Sinn Wenn ein Neger und ein weißer Mann sich in derselben Weise
wenn auch dem Grad nach weniger unterscheiden wie ein Pferd und ein Kameel
dh wenn ihre Verschiedenheiten unerschöpflich und nicht auf eine gemeinsame
Ursache zurückführbar sind so sind sie für den Logiker verschiedene Species ob
sie von denselben Eltern abstammen oder nicht Wenn aber ihre Verschiedenheiten
auf Klima und Gewohnheiten oder auf irgend einen speziellen Unterschied im Bau
zurückgeführt werden können so sind sie der Auffassung des Logikers nach nicht
spezifisch verschieden
Wenn die infima species oder nähere Art zu welcher ein Individuum gehört
bestimmt worden ist so schließen die dieser Art gemeinsamen Eigenschaften
notwendig das Ganze der gemeinsamen Eigenschaften einer jeden andern wirklichen
Art ein auf welche das Individuum bezogen werden kann Es sei zB Sokrates das
Individuum und die infima species Mensch Thier oder lebendes Geschöpf ist
ebenfalls eine wirkliche Art und schließt Sokrates ein da es aber auch Mensch
einschließt oder mit anderen Worten da alle Menschen Tiere sind so bilden
die den Tieren gemeinsamen Eigenschaften einen Teil der gemeinsamen
Eigenschaften der Unterklasse Mensch und wenn es irgend eine Klasse gibt
welche Sokrates einschließt ohne den Menschen einzuschließen so ist diese
Klasse keine wirkliche Art Es sei zB die Klasse plattnasig was eine Klasse
ist die Sokrates einschließt ohne alle Menschen einzuschließen Um zu
entscheiden ob es eine wirkliche Klasse sei müssen wir uns fragen Haben alle
plattnasigen Tiere außer dem was ihre Plattnasigkeit einschließt noch
irgend andere gemeinsamen Eigenschaften die nicht allen Tieren gemein wären
Wenn dies so wäre wenn eine platte Nase ein Merkmal oder ein Anzeichen einer
unbestimmten Anzahl anderer von den ersteren durch ein nachweisbares Gesetz
nicht abzuleitenden Eigenschaften wäre so könnten wir aus der Klasse Mensch
eine andere Klasse plattnasiger Mensch herausnehmen und nach unserer
Definition würde sie eine wirkliche Art sein Aber wenn wir dieses könnten so
würde der Mensch nicht wie vorausgesetzt eine infima species oder nähere Art
sein Die Eigenschaften der näheren Art umfassen daher diejenigen bekannten
oder unbekannten aller anderer Arten zu denen das Individuum gehört was zu
beweisen war Es wird daher eine jede andere einem Individuum beilegbare Art zu
der infima species oder näheren Art in dem Verhältnis eines Genus stehen und
dies sogar nach der populären Bedeutung der Ausdrücke Genus und Species d i
es wird eine das Individuum und mehr einschließende größere Klasse sein
Wir sind nun im Stande die logische Bedeutung dieser Ausdrücke festzustellen
Eine jede Klasse die eine wirkliche Art ist dh welche sich von allen anderen
Classen durch eine unbestimmte Menge von aus irgend einer andern Eigenschaft
nicht ableitbaren Eigenschaften unterscheidet ist entweder ein Genus oder eine
Species Eine Art die nicht in andere Arten eingeteilt werden kann kann kein
Genus sein da keine Species unter ihr stehen aber sie ist selbst eine Species
sowohl in Beziehung auf die Individuen unter als die Genera über ihr species
praedicabilis und species subjicibilis Aber eine jede Art welche eine
Einteilung in wirkliche Arten zulässt wie Thier in vierfüßiges Thier Vögel
etc oder Vierfüßer in verschiedene Species von Vierfüßern ist ein Genus
für alle Arten unter ihr eine Species gegen alle Genera in welchen sie selbst
eingeschlossen liegt Und hier können wir die Diskussion dieses Theiles
schließen und zu den drei übrigen Prädikabilien Differentia Proprium und
Accidens übergehen
5 Wir beginnen mit Differentia Dieses Wort ist korrelativ mit den Worten
Genus und Species und bedeutet wie jedermann zugibt das Attribut das eine
gegebene Species von einer jeden andern Species desselben Genus unterscheidet
Dies ist soweit klar aber wir können noch fragen welches von den
unterscheidenden Attributen damit gemeint sei denn wir haben gesehen dass sich
eine jede Art und eine Species muss eine Art sein von anderen Arten nicht
durch ein einziges sondern durch eine unbestimmte Anzahl von Attributen
unterscheidet Der Mensch zB ist eine Species vom Genuss Thier Vernünftig
oder Vernünftigkeit denn es ist gleichgültig ob wir die konkrete oder
abstrakte Form gebrauchen wird von den Logikern gewöhnlich als die Differentia
angegeben und es dient dieses Attribut ohne Zweifel für den Zweck der
Unterscheidung aber es ist vom Menschen auch bemerkt worden dass er ein
kochendes Thier ist das Thier das sich sein Futter zubereitet Dies ist daher
ein anderes von den Attributen durch welche sich die Species Mensch von anderen
Species desselben Genus unterscheidet würde nun dieses Attribut ebensogut als
Differentia dienen Die Aristotelianer sagen Nein indem bei ihnen der Grundsatz
gilt dass die Differentia wie Genus und Species zum Wesen des Dinges gehören
muss
Und hier verlieren wir sogar jene Spur einer auf die Natur der Dinge selbst
gegründeten Bedeutung von der man voraussetzen könnte dass sie dem Wort Wesen
zukommt wenn man sagt Genus und Species müssten zum Wesen des Dinges gehören
Wenn die Scholastiker von dem Wesen der Dinge im Gegensatz zu ihrem Accidens
sprachen so hatten sie ganz ohne Zweifel die Unterscheidung zwischen
Unterschieden der Art und Unterschieden die nicht der Art nach sind in
unklarer Weise im Auge sie wollten damit andeuten dass Genera und Species
Arten sein müssen Ihre Vorstellung von dem Wesen eines Dinges war eine vage
Vorstellung von einem Etwas welches das Ding zu dem macht was es ist di
welches es zu der Art Ding macht die es ist welches macht dass es die ganze
Menge der Eigenschaften hat welche seine Art unterscheiden Als man aber die
Sache etwas näher betrachtete so konnte Niemand entdecken was die Ursache
davon war dass das Ding alle diese Eigenschaften hatte oder auch nur ob
wirklich irgend etwas vorhanden war was verursachte dass sie dieselben hat Da
die Logiker dies jedoch nicht zugeben wollten aber auch nicht im Stande waren
zu entdecken was das Ding zu dem machte was es war so begnügten sie sich mit
dem was es zu dem machte was es genannt wurde Von den unzähligen bekannten
und unbekannten Eigenschaften die einer Klasse gemein sind wird natürlich nur
ein sehr kleiner Teil durch ihren Namen mitbezeichnet diese wenigen werden
aber entweder ihrer größeren Augenscheinlichkeit oder ihrer größeren
vorausgesetzten Wichtigkeit wegen von den übrigen unterschieden worden sein Auf
diese durch den Namen mitbezeichneten Eigenschaften griffen nun die Logiker
zurück und nannten sie das Wesen der Species und sie blieben nicht einmal dabei
stehen sondern behaupteten auch bei der infima species dass dieselben das
Wesen auch des Individuums seien denn es war ihr Grundsatz dass die Species
»das ganze Wesen« des Dinges enthalte Die Metaphysik jenes fruchtbare Feld von
durch die Sprache verbreiteter Täuschung bietet kein besseres Beispiel einer
solchen Täuschung Auf diesen Grund hin wurde Vernunft da sie durch den Namen
Mensch mitbezeichnet ist als eine Differentia der Klasse zugelassen aber die
nicht mitbezeichnete Eigentümlichkeit die Speisen zu kochen wurde zu den
zufälligen Eigenschaften verwiesen
Es ist daher die Unterscheidung zwischen Differentia Proprium und Accidens
nicht auf die Natur der Dinge sondern auf die Mitbezeichnung der Namen
gegründet und da müssen wir sie suchen wenn wir sie finden wollen
Aus der Tatsache dass das Genus die Species einschließt oder mit anderen
Worten dass es mehr bezeichnet als die Species oder dass es von einer
größeren Anzahl von Individuen aussagbar ist folgt dass die Species mehr
mitbezeichnen muss als das Genus Sie muss alle Attribute mitbezeichnen welche
das Genua mitbezeichnet es würde sie sonst nichts verhindern Individuen zu
bezeichnen die nicht in dem Genus eingeschlossen sind Auch muss sie noch etwas
Anderes mitbezeichnen sonst würde sie das ganze Genus einschließen Thier
schließt alle von Mensch bezeichneten Individuen ein und noch mehr Mensch muss
daher alles mitbezeichnen was Thier mitbezeichnet es könnte sonst Menschen
geben die keine Tiere sind auch muss es etwas mehr mitbezeichnen als Thier
mitbezeichnet sonst würden alle Tiere Menschen sein Diesen Überschuss von
Mitbezeichnung das was die Species mehr mitbezeichnet als das Genus ist die
Differentia oder die spezifische Verschiedenheit oder in anderen Worten die
Differentia ist das was zur Mitbezeichnung des Genus addiert werden muss um die
Mitbezeichnung der Species zu vervollständigen
Das Wort Mensch zB mitbezeichnet außer dem was es in Gemeinschaft mit Thier
mitbezeichnet auch noch Vernünftigkeit und wenigstens annäherungsweise jene
äußere Form die wir alle kennen die wir uns jedoch begnügen die menschliche
zu nennen da wir keinen an und für sich betrachteten Namen dafür haben Die
auf das Genas Thier bezogene Differentia oder spezifische Verschiedenheit des
Menschen ist jene äußerliche Gestalt und der Besitz von Vernunft Die
Aristotelianer sagten der Besitz von Vernunft ohne die äußerliche Gestalt
Wenn sie aber hierauf beständen so müssten sie die Houyhnhms Menschen nennen
Die Frage wurde niemals aufgeworfen und sie wurden demnach niemals
aufgefordert zu entscheiden wie ein solcher Fall ihren Begriff von der
Wesenheit berührt haben würde Wie dies aber auch sein mag sie begnügten sich
einen hinreichenden Teil von der Differentia zu nehmen um die Species von
allen anderen existierenden Dingen zu unterscheiden obgleich sie damit die
Mitbezeichnung des Namens nicht erschöpften
6 Um zu verhüten dass der Begriff der Differentia in zu enge Grenzen
eingeschlossen werde ist es nötig hier zu bemerken dass sogar eine auf
dasselbe Genus bezogene Species nicht immer dieselbe sondern je nach dem
Prinzip und dem Zweck einer besonderen Klassifikation eine verschiedene
Differentia haben wird Ein Naturforscher zB untersucht die verschiedenen
Arten von Tieren und sucht nach einer Klassifikation derselben die am besten
in Einklang mit der Ordnung stehe welche unsere Gedanken für zoologische Zwecke
annehmen sollten Zu diesem Zweck findet er es ratsam dass eine seiner
Haupteinteilungen die in warmblütige und kaltblütige Tiere sei oder in
Tiere die mit Lungen und solche die mit Kiemen atmen oder in
fleischfressende fruchtfressende und grasfressende Tiere oder solche die
sich auf dem flachen Teil und solche die sich auf Spitzen der Füße bewegen
eine Verschiedenheit auf welche einige von Cuviers Familien gegründet sind31
Der Naturforscher schafft damit ebensoviele neue Classen die keineswegs auch
diejenigen sind auf welche das individuelle Thier gemeinlich und spontan
bezogen wird auch würden wir niemals daran denken ihnen in unserer Ordnung des
Tierreichs eine solche hervorragende Stellung zu geben wenn es nicht für den
vorgefassten Zweck einer wissenschaftlichen Bequemlichkeit wäre Der Freiheit
dies zu tun ist keine Grenze gesetzt In den von uns gegebenen Beispielen sind
die Classen wirkliche Arten da eine jede der Eigentümlichkeiten ein Anzeichen
einer Menge von Eigenschaften ist die zur Klasse gehören welche durch sie
charakterisiert werden wenn aber der Fall auch anders wäre wenn durch ein uns
bekanntes Verfahren die anderen Eigenschaften jener Classen von einer
Eigentümlichkeit auf welche die Klasse gegründet ist abgeleitet werden
könnten so würde der Naturforscher wenn jene abgeleiteten Eigenschaften für
seine Zwecke von Urwichtigkeit wären immer noch berechtigt sein seine ersten
Einteilungen auf sie zu gründen
Wenn uns aber praktische Bequemlichkeit genugsam berechtigt bei unserer
Anordnung der Gegenstände die Hauptdemarcationslinien so zu ziehen dass sie mit
irgend einer Unterscheidung in der Art nicht coincidiren und so Genera und
Species im populären Sinne zu schaffen die im strengen Sinne gar keine Genera
und Species sind so müssen wir wenn unsere Genera und Species wirkliche Genera
und Species sind um so mehr berechtigt sein die Verschiedenheit zwischen ihnen
durch diejenigen ihrer Eigenschaften zu bezeichnen welche durch die Zwecke
praktischer Bequemlichkeit stark empfohlen werden Wenn wir aus einem gegebenen
Genus eine Species in der Absicht herausnehmen zB die Species Mensch aus dem
Genus Thier dass die Eigentümlichkeit die uns bei der Anwendung des Namens
zu leiten hat Vernunft sein soll so ist Vernunft die Differentia der Species
Mensch Wir wollen indessen annehmen in unserer Eigenschaft als Naturforscher
nähmen wir für die Zwecke eines besonderen Studiums aus dem Genas Thier dieselbe
Species Mensch heraus aber nur in der Absicht dass die Unterscheidung des
Menschen von einer jeden andern Tierspecies nicht in der Vernunft sondern im
Besitz von »vier Schneidezähnen in jeder Kinnlade einzelnen Fangzähnen und
aufrechter Stellung« zu suchen sei Es ist klar dass das Wort Mensch wenn wir
es nun als Naturforscher gebrauchen nicht mehr Vernünftigkeit sondern die drei
anderen angegebenen Eigenschaften mitbezeichnet denn das was wir besonders im
Auge haben wenn wir einen Namen geben bildet sicher einen Teil der Bedeutung
dieses Namens Wir können daher als einen Grundsatz aufstellen dass wo ein
Genus vorhanden und eine aus dem Genus herausgegriffene Species durch eine
nachweisbare Differentia bezeichnet ist da muss der Name der Species konnotativ
sein und muss die Differentia mitbezeichnen die Mitbezeichnung kann aber eine
spezielle sein nämlich eine nicht in der Bedeutung des Wortes wie es
gewöhnlich gebraucht wird eingeschlossene sondern eine die ihm beigelegt wird
wenn es als ein Ausdruck der Kunst oder Wissenschaft gebraucht wird Im
gewöhnlichen Gebrauch mitbezeichnet das Wort Mensch Vernünftigkeit und eine
gewisse Gestalt aber nicht die Zahl und den Charakter der Zähne im Linnéischen
System mitbezeichnet es die Anzahl der Schneidezähne und Hundszähne nicht aber
Vernünftigkeit und eine besondere Gestalt Das Wort Mensch hat daher obgleich
es gewöhnlich nicht als zweideutig angesehen wird zwei verschiedene
Bedeutungen weil es zufällig in beiden Fällen dieselben individuellen
Gegenstände bezeichnet Es ist aber ein Fall denkbar in welchem die
Zweideutigkeit augenfällig wird wir haben uns nur zu denken es würde eine neue
Tierart entdeckt welche Linnés drei charakteristischen Kennzeichen der
Menschheit aber keine Vernunft und keine menschliche Gestalt besitzen In
gewöhnlicher Sprache würden diese Tiere nicht Menschen genannt werden aber in
der Naturgeschichte müssten sie von den Anhängern der Linnéischen Klassifikation
so genannt werden und es würde die Frage entstehen ob das Wort ferner noch in
der doppelten Bedeutung gebraucht oder ob die Klassifikation und mit ihr die
technische Bedeutung des Wortes aufgegeben werden sollte
Wörter die sonst nicht mitbezeichnend sind können in der so eben angeführten
Weise eine spezielle oder technische Mitbezeichnung erlangen So mitbezeichnet
das Wort Weiße wie oft bemerkt nichts es bezeichnet bloß das einer gewissen
Empfindung entsprechende Attribut wenn wir aber eine Klassifikation der Farben
vornehmen und die in unserer Anordnung der Weiße angewiesene besondere Stelle
rechtfertigen oder auch nur bezeichnen wollen so können wir sie definieren als
»die durch die Mischung aller einfachen Strahlen erzeugte Farbe« und obgleich
keineswegs in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes Weiße eingeschlossen
sondern nur als Resultat wissenschaftlicher Forschung bekannt bildet diese
Tatsache doch einen Teil der Bedeutung des Wortes in besonderen Abhandlungen
und wird zur Differentia der Species32
Die Differentia einer Species kann daher definiert werden als ein Teil der
gewöhnlichen oder speziellen und technischen Mitbezeichnung des spezifischen
Namens welcher die fragliche Species von allen anderen Species des Genus auf
das wir dieselbe bei einer besonderen Gelegenheit beziehen unterscheidet
Nachdem wir mit Genus Species und Differentia zu Ende gekommen wird es uns
nicht schwer fallen eine klare Vorstellung von der Verschiedenheit sowohl
zwischen den zwei übrigen Prädikabilien als auch zwischen diesen und den drei
ersteren zu erlangen
In der Aristotelischen Ausdrucksweise gehören Genus und Differentia zum Wesen
des Subjekts wodurch wie wir sahen in Wirklichkeit gemeint ist dass die
durch das Genus und die durch die Differentia angedeuteten Eigenschaften einen
Teil der Mitbezeichnung des die Species bezeichnenden Namens bilden Von der
andern Seite bilden Proprium und Accidens keinen Teil des Wesens sondern
werden von der Species nur zufällig ausgesagt In dem weiteren Sinne wonach die
zufälligen Eigenschaften eines Dinges seinem Wesen entgegengesetzt sind sind
beide Proprium und Accidens zufällige Eigenschaften obgleich in der Lehre von
den Prädikabilien Accidens nur für eine und Proprium für eine andere Art von
zufälliger Eigenschaft gebraucht wird Proprium sagen die Scholastiker ferner
wird in der That zufällig aber doch notwendig prädiziert oder wie sie weiter
erklären es bedeutet ein Attribut das in der That nicht zum Wesen gehört das
aber aus demselben fließt oder eine Folge davon ist und daher der Species
unauflöslich verliehen ist wie zB die verschiedenen Eigenschaften eines
Dreiecks welche obgleich kein Teil der Definition desselben von allem was
unter die Definition fällt notwendig besessen werden müssen Accidens hat im
Gegenteil keinen Zusammenhang irgend einer Art mit dem Wesen sondern es kann
kommen und gehen und die Species wird doch bleiben was sie vorher war Wenn
eine Species ohne ihre Propria existieren könnte so müsste sie auch ohne das
wovon ihre Propria eine notwendige Folge sind demnach ohne ihr Wesen ohne
das was sie zur Species macht existieren können aber ein Accidens sei es der
wirklichen Erfahrung nach trennbar oder untrennbar von der Species kann von ihr
getrennt gedacht werden ohne dass dabei notwendig irgend eine andere Änderung
angenommen werden oder wenigstens ohne dass vorausgesetzt werden müsse es
ändere sich eine der wesentlichen Eigenschaften der Species da das Accidens mit
ihnen keinen Zusammenhang hat
Ein Proprium einer Species kann daher definiert werden als ein Attribut das
allen in der Species eingeschlossenen Individuen angehört und welches obgleich
es je nach dem Zwecke der Klassifikation gewöhnlich oder speziell von dem
spezifischen Namen nicht eingeschlossen wird dennoch aus irgend einem Attribute
folgt welches der Name entweder gewöhnlich oder speziell mitbezeichnet
Ein Attribut kann aus einem andern in zweierlei Weisen folgen und es gibt
daher zwei Arten von Propria Es kann folgen wie ein Schluss aus den Prämissen
oder wie eine Wirkung aus der Ursache folgt So folgt das Attribut gleiche
einander gegenüberliegende Seiten zuhaben welches nicht durch das
Wortparallelogramm mitbezeichnet wird nichtsdestoweniger aus den durch den
Namen mitbezeichneten Attributen nämlich daraus dass die einander
gegenüberliegenden Seiten gerade Linien und parallel sind und dass die Zahl der
Seiten vier ist Das Attribut die gegenüberliegenden Seiten gleich zu haben
ist daher ein Proprium der Klasse Parallelogramm und zwar ein Proprium der
ersteren Art da es aus dem mitbezeichneten Attribut durch Demonstration folgt
Das Attribut die Sprache verstehen zu können ist ein Proprium der Species
Mensch da es ohne durch das Wort mitbezeichnet zu werden aus einem Attribut
folgt das von dem Worte wirklich mitbezeichnet wird nämlich aus dem Attribute
der Vernünftigkeit Dies ist aber ein Proprium der zweiten Art und folgt aus
einer Verursachung Wie eine Eigenschaft eines Dinges aus einer anderen folgen
oder geschlossen werden kann unter welchen Bedingungen dies möglich ist und
welches die genaue Bedeutung der Redensart ist ist eine der Fragen die uns in
den zwei folgenden Büchern beschäftigen werden Für jetzt haben wir bloß
anzuführen dass wo ein Proprium durch einen Schluss oder durch eine
Verursachung folgt es notwendig folgt dies heißt soviel als in
Übereinstimmung mit irgend einem Gesetz das wir als einen Teil der
Beschaffenheit entweder unseres Denkvermögens oder des Weltalls betrachten muss
es folgen
Unter das noch übrige Prädicabile Accidens fallen alle Attribute eines Dinges
die weder in der Bedeutung des Namens eingeschlossen liegen noch in einem
notwendigen Connex mit den darin eingeschlossenen Attributen stehen Sie werden
gewöhnlich in trennbare und untrennbare Akzidenzien eingeteilt Untrennbare
Akzidenzien sind solche von denen man weiß dass sie obgleich wir keinen
Connex zwischen ihnen und den die Species konstituierenden Attributen kennen und
obgleich sie daher soviel wir wissen fehlen könnten ohne den Namen unanwendbar
und die Species zu einer anderen Species zu machen in Wirklichkeit niemals
fehlen Eine concise Weise dieselbe Bedeutung auszudrücken ist untrennbare
Akzidenzien sind Eigenschaften welche für die Species allgemein universell
aber nicht notwendig sind So ist Schwärze ein Attribut einer Krähe und soviel
wir wissen ein universelles Wenn wir aber eine Klasse von weißen Vögeln
entdecken würden die den Krähen in anderen Beziehungen gleichen so würden wir
nicht sagen Dies sind keine Krähen wir würden sagen Dies sind weiße Krähen
Krähe mitbezeichnet daher nicht Schwärze und dieselbe könnte auch nicht aus
irgend einem der durch das Wort in populären oder wissenschaftlichen Sinne
mitbezeichneten Attribute gefolgert werden Wir können uns daher nicht allein
eine weiße Krähe vorstellen sondern wir sehen auch keinen Grund warum ein
solches Thier nicht existieren sollte Da indessen bis jetzt bloß schwarze
Krähen bekannt sind so tritt Schwärze bei dem gegenwärtigen Zustande unserer
Kenntnisse als ein untrennbares Accidens der Species Krähe auf
Trennbare Akzidenzien sind solche die der Species in Wirklichkeit manchmal
fehlen die ihr nicht allein nicht notwendig sondern nicht einmal allgemein
sind sie gehören nicht einem jeden Individuum der Species sondern nur einigen
derselben oder wenn allen dann doch nicht zu jeder Zeit an So ist die Farbe
eines Europäers eines der trennbaren Akzidenzien der Species Mensch weil sie
nicht ein Attribut aller menschlichen Geschöpfe ist Geborensein ist im
logischen Sinne ebenfalls ein trennbares Accidens der Species Mensch denn
obgleich ein Attribut aller menschlichen Wesen ist es dies bloß zu einer
besonderen Zeit Um so mehr müssen solche Attribute die sogar in demselben
Individuum nicht beständig sind wie an einem und demselben Orte sein warm oder
kalt sein sitzend oder gehend sein zu den trennbaren Akzidenzien gezählt
werden
1 Ein notwendiger Teil der Lehre von den Namen und Urteilen bleibt
hier noch abzuhandeln die Theorie der Definitionen Schon in einem der
vorhergehenden Kapitel haben wir dieselben als die wichtigste Klasse der als
bloße wörtliche charakterisierten Urteile erwähnt Mit der Klassifikation in
engem Zusammenhange stehend konnten sie jedoch erst nach deren Verständnis in
einer zweckmäßigen und verständlichen Weise abgehandelt werden
Der einfachste und richtigste Begriff von einer Definition ist ein Urteil
das die Bedeutung eines Wortes erklärt sei es die Bedeutung bei der
gewöhnlichen Anwendung desselben sei es die welche der Schreibende oder
Sprechende ihm für seine besonderen Zwecke beilegt
Da die Definition eines Wortes ein Urteil ist welches die Bedeutung des
Wortes angibt enunziert so sind Wörter die keine Bedeutung haben auch
keiner Definition fähig Eigennamen können daher nicht definiert werden Da ein
Eigenname bloß ein einem Individuum angeheftetes Zeichen ist und da dessen
charakteristische Eigenschaft darin besteht keine Bedeutung zu besitzen so
kann seine Bedeutung natürlich auch nicht erklärt werden obgleich wir durch die
Sprache oder noch bequemer durch Deuten mit dem Finger angeben könnten auf
welches Individuum dieses besondere Zeichen gemacht worden ist oder gemacht
werden soll Wenn man sagt »der Sohn vom General Thompson« so ist dies keine
Definition von »John Thompson« denn der Name John Thompson drückt dies nicht
aus Es ist auch keine Definition von »John Thompson« wenn wir sagen »der Mann
welcher über die Straße geht« Diese Urteile können dazu dienen um den
besonderen Mann dem der Name angehört erkennen zu lassen dies kann aber noch
unzweideutiger dadurch geschehen dass man auf ihn deutet was man indessen
nicht als eine Definitionsweise zu betrachten pflegt
Bei den mitbezeichnenden Namen liegt die Bedeutung wie oft bemerkt in der
Mitbezeichnung und die Definition eines mitbezeichnenden Namens ist daher das
Urteil das die Mitbezeichnung angibt Dies kann direkt oder indirekt
geschehen Die direkte Weise würde ein Urteil von folgender Formsein »Mensch
oder welches Wort es sei ist ein die und die Attribute mitbezeichnender Name«
oder »es ist ein Name der wenn er von einem Ding ausgesagt wird den Besitz
durch dieses Ding von den und den Attributen bedeutet« Oder auch so Mensch ist
ein jedes Ding das die und die Attribute besitzt Mensch ist ein jedes Ding
das Körperlichkeit Organisation Leben Vernunft und eine gewisse äußerliche
Gestalt besitzt
Diese Form der Definition ist die präziseste und am wenigsten zweideutige
von allen sie ist aber nicht kurz genug und ist überdies für die gewöhnliche
Rede zu technisch und pedantisch Die üblichere Art die Mitbezeichnung eines
Namens anzuzeigen besteht darin einen andern Namen von bekannter Bedeutung von
ihm auszusagen einen Namen der dasselbe Aggregat von Attributen mitbezeichnet
Dies kann entweder dadurch geschehen dass von dem zu definierenden Namen
entweder ein anderer mit ihm genau synonymer mitbezeichnender Name ausgesagt
wird wie »der Mensch ist ein menschliches Wesen« was man gewöhnlich gar nicht
für eine Definition hält oder indem man zwei oder mehr mitbezeichnende Namen
aussagt welche für sich die ganze Mitbezeichnung des zu definierenden Namens
ausmachen Im letzteren Falle können wir unsere Definition wiederum entweder aus
so vielen mitbezeichnenden Namen zusammensetzen als Attribute da sind von denen
jedes durch einen Namen mitbezeichnet wird wie »der Mensch ist ein
körperliches organisiertes belebtes vernünftiges so und so gestaltetes
Wesen« oder wir können Namen gebrauchen die mehrere Attribute zugleich
anzeigen wie der Mensch ist ein vernünftiges so und so gestaltetes Thier
Nach dieser Ansicht ist die Definition eines Namens die ganze Summe aller
wesentlichen Urteile welche mit diesem Namen als Subjekt aufgestellt werden
können Alle Urteile deren Wahrheit in dem Namen eingeschlossen liegt alle
diejenigen welche wir durch das bloße Hören des Namens auffassen sind in der
Definition wenn sie vollständig ist eingeschlossen und können ohne die
Mithülfe irgend anderer Prämissen daraus entwickelt werden die Definition
drücke sie in zwei oder in drei oder auch in einer größeren Anzahl von Wörtern
aus Nicht ohne Grund haben daher Condillac und andere Autoren die Definition
eine Analyse genannt Ein verwickeltes Ganze in die es zusammensetzenden
Elemente zu zerlegen ist der Zweck der Analyse und dieses tun wir wenn wir
ein eine Reihe von Attributen kollektiv mitbezeichnendes Wort durch zwei oder
mehr Wörter ersetzen welche dieselben Attribute einzeln oder in kleineren
Gruppen mitbezeichnen
2 Hieraus entsteht aber natürlich die Frage auf welche Weise sollen wir
einen Namen definieren der nur ein einziges Attribut mitbezeichnet wie zB
»weiß« das nichts als Weiße mitbezeichnet »vernünftig« das nichts als den
Besitz von Vernunft mitbezeichnet Es könnte scheinen dass die Bedeutung
solcher Namen nur auf zwei Weisen zu erklären ist durch ein synonymes Wort
wenn ein solches vorhanden oder auf die bereits angeführte direkte Weise
»weiß ist ein Name der das Attribut Weiße mitbezeichnet« Wir wollen indessen
zusehen ob die Analyse der Bedeutung des Namens d h das Zerbrechen dieser
Bedeutung in mehrere Theile noch weiter fortzuführen ist Ohne für jetzt die
Frage in Beziehung auf das Wort weiß zu entscheiden ist es einleuchtend dass
in Beziehung auf vernünftig die Erklärung seiner Bedeutung weiter zu führen ist
als in dem Satz »Vernünftig ist was das Attributvernunft besitzt« enthalten
ist da das Attribut Vernunft selbst eine Definition zulässt Hier nun müssen
wir unsere Aufmerksamkeit den Definitionen von Attributen oder vielmehr von
Namen von Attributen dh von abstrakten Namen zuwenden
In Beziehung auf diejenigen Namen von Attributen welche mitbezeichnend
sind und Attribute von diesen Attributen ausdrücken werden wir keine
Schwierigkeiten finden wie andere mitbezeichnenden Namen werden sie durch
Anführung ihrer Mitbezeichnung definiert So kann das Wort Fehler definiert
werden »eine Eigenschaft die Übel oder Unbequemlichkeit erzeugt« Zuweilen
ist auch das zu definierende Attribut nicht ein Attribut sondern eine Verbindung
von mehreren wir haben daher nur die Namen der einzelnen Attribute
zusammenzustellen um die Definition des Namens zu erhalten der ihnen sämtlich
angehört eine Definition welche der des entsprechenden konkreten Namens genau
entsprechen wird Denn da wir einen konkreten Namen durch das Aufzählen der
Attribute die er mitbezeichnet definieren und da die durch einen konkreten
Namen mitbezeichneten Attribute die ganze Bedeutung des entsprechenden
abstrakten Namens bilden so wird dieselbe Aufzählung als eine Definition beider
dienen Wenn also die Definition eines menschlichen Wesens so lautet »ein
körperliches belebtes vernünftiges so und so gestaltetes Wesen« so wird die
Definition von Menschheit sein Körperlichkeit und tierisches Leben verbunden
mit Vernünftigkeit und der und der Gestalt
Wenn von der andern Seite der abstrakte Name nicht einen Komplex von
Attributen sondern ein einziges Attribut ausdrückt so müssen wir uns erinnern
dass sich ein jedes Attribut auf eine Tatsache oder Erscheinung gründet von
welcher es allein seine Bedeutung erhält Zu dieser in einem früheren Kapitel
die Grundlage des Attributs genannten Tatsache oder Erscheinung müsset wir
daher wegen dessen Definition unsere Zuflucht nehmen Die Grundlage des
Attributs kann nun eine einigermaßen verwickelte Erscheinung sein die aus
verschiedenen koexistierenden oder aufeinanderfolgenden Teilen besteht Um eine
Definition des Attributs zu erhalten müssen wir die Erscheinung in diese Theile
zerlegen Beredsamkeit zB ist der Name von nur einem Attribut aber dieses
Attribut gründet sich auf äußerliche Wirkungen von einer komplizierten Natur
welche aus Handlungen desjenigen fließen dem wir dieses Attribut zuschreiben
und wenn wir dieses Phänomen in seine zwei Theile Ursache und Wirkung
auflösen so erhalten wir die Definition der Beredsamkeit nämlich die Macht
durch Rede oder Schrift auf die Gefühle einen Einfluss auszuüben
Es lässt daher sowohl ein konkreter als auch ein abstrakter Name eine
Definition zu wenn wir das Attribut oder die Reihe von Attributen welche die
Bedeutung des konkreten und des entsprechenden abstrakten Namens zugleich
ausmacht analysieren dh in Theile unterscheiden können ist es eine Reihe von
Attributen durch Aufzählen derselben ist es ein einzelnes Attribut durch
Zerlegen der Tatsache oder Erscheinung sei es der Wahrnehmung sei es des
Inneren Bewusstseins welche die Grundlage des Attributs ist Aber selbst wenn
es eine Tatsache oder Erscheinung unserer einfachen Gefühle oder Zustände des
Bewusstseins und daher nicht zerlegbar wäre so lässt doch der Name des
Gegenstandes sowohl als der des Attributs eine weitere Definition zu oder
vielmehr würde sie zulassen wenn alle unsere einfachen Gefühle Namen hätten
Weiße kann definiert werden die Eigenschaft oder das Vermögen die Empfindung
von weiß zu erregen Ein weißer Gegenstand kann definiert werden ein
Gegenstand welcher die Empfindung von weiß erregt Die einzigen Namen welche
einer Definition nicht fähig sind weil ihre Bedeutung der Analyse nicht fähig
ist sind die Namen der einfachen Gefühle selbst Diese sind in derselben Lage
wie die Eigennamen Sie sind in der That nicht wie die Eigennamen aller
Bedeutung ledig denn das Wort Empfindung von weiß bedeutet dass die so
bezeichnete Empfindung anderen Empfindungen gleicht welche ich mich erinnere
vorher schon gehabt und mit diesem Namen benannt zuhaben Da wir aber kein
anderes Wort haben wodurch wir diese früheren Empfindungen wachrufen könnten
als das zu definierende Wort selbst oder ein der Definition ebenfalls
bedürftiges damit synonymes Wort so können Wörter die Bedeutung dieser Klasse
von Namen nicht enthüllen und wir sind gezwungen direkt an die persönliche
Erfahrung desjenigen zu dem wir sprechen zu appellieren
3 Nachdem wir angegeben haben was die wahre Idee von einer Definition
zu sein scheint wollen wir einige Ansichten von Philosophen und einige populäre
Vorstellungen von dem Gegenstand die mehr oder weniger mit dieser Idee in
Widersprach stehen erörtern
Die einzige adäquate Definition eines Namens ist wie bereits bemerkt
diejenige welche die Tatsache und zwar die ganze Tatsache andeutet welche
der Name in seine Bedeutung einschließt Für die meisten Menschen ist der
Gegenstand einer Definition nicht so umfassend sie suchen in der Definition
nichts als eine Anleitung zu dem richtigen Gebrauch des Wortes einen Schutz
gegen eine nicht gebräuchliche Anwendung desselben Für sie ist daher alles eine
hinreichende Definition des Wortes was ihnen richtig angibt was das Wort
bezeichnet wenn es auch nicht das Ganze und zuweilen vielleicht nicht einmal
einen Teil von dem umfasst was das Wort mitbezeichnet Hieraus entstehen zwei
Arten von unvollkommenen und unwissenschaftlichen Definitionen nämlich
wesentliche aber unvollständige Definitionen und zufällige akzidentelle
Definitionen oder Beschreibungen In der ersteren wird ein mitbezeichneter Name
nur durch einen Teil seiner Mitbezeichnung definiert in der letzteren durch
etwas was gar keinen Antheil an der Mitbezeichnung hat
Ein Beispiel der ersteren Art von unvollkommener Definition ist die folgende
Der Mensch ist ein vernünftiges Thier Es ist nicht möglich dies für eine
vollständige Definition des Wortes Mensch anzusehen indem wir sonst wie früher
bemerkt die Houyhnhms Menschen nennen müssten da es aber keine Houyhnhms
gibt so reicht diese unvollkommene Definition hin um die mit »Mensch«
bezeichneten Gegenstände alle existierenden Wesen von denen der Name ausgesagt
werden kann von allen anderen Dingen zu unterscheiden Obgleich das Wort nur
durch einige der Attribute welche es mitbezeichnet und nicht durch alle
definiert wird so trifft es sich doch dass alle bekannten Gegenstände welche
die aufgezählten Attribute besitzen auch die hinweggelassenen besitzen so dass
sowohl das Bereich der Prädikation des Wortes als auch der mit dem Herkommen
übereinstimmende Gebrauch desselben ebenso gut durch die unzureichende
Definition wie durch eine zureichende angegeben wird Derartige Definitionen
werden indessen durch die Entdeckung neuer Gegenstände in der Natur leicht
umgestoßen
Definitionen dieser Art hatten die Logiker im Auge als sie die Regel
aufstellten dass die Definition einer Species per genus et differentiam
geschehen sollte Da differentia selten so genommen wird dass sie das Ganze der
eine Species konstituierenden Eigentümlichkeiten sondern gewöhnlich nur so
dass sie einige derselben bedeutet so würde eine vollständige Definition eher
per genus et differentias als per differentiam stattfinden Sie würde mit dem
Namen des höheren Genus nicht bloß irgend ein die zu definierende Species von
allen anderen Species desselben Genus unterscheidendes Attribut einschließen
sondern auch alle im Namen der Species eingeschlossenen Attribute die der Name
des höheren Genus nicht schon einschließt Die Behauptung dass eine Definition
notwendig aus einem Genus und aus einer Differentia bestehen muss ist indessen
nicht haltbar Die Logiker bemerkten schon frühe dass das summum genus einer
Klassifikation da es kein Genus über sich hat auf diese Weise nicht definiert
werden könnte Wir haben aber gesehen dass mit Ausnahme der Namen unserer
einfachen Empfindungen alle Namen in strengster Weise dadurch definiert werden
können dass wir die konstituierenden Theile der Tatsache oder Erscheinung aus
denen zuletzt die Mitbezeichnung eines Wortes zusammengesetzt ist in Worten
angeben
4 Obgleich die erste Art von unvollkommener Definition welche ein
mitbezeichnendes Wort nur durch einen Teil von dem definiert was es
mitbezeichnet durch einen Teil der indessen hinreicht um die Grenzen seiner
Bezeichnung richtig anzugeben von den Alten und von den Logikern im allgemeinen
als eine vollständige Definition angesehen wurde so hielt man es doch immer für
nötig dass die gebrauchten Attribute wirklich einen Teil der Mitbezeichnung
bildeten denn die Regel war dass die Definition aus dem Wesen der Klasse
genommen werden sollte dies wäre aber nicht der Fall gewesen wenn sie
irgendwie aus nicht durch den Namen mitbezeichneten Attributen bestanden hätte
Die zweite Art von unvollkommener Definition diejenige in welcher der Name
einer Klasse durch irgend eines ihrer Akzidenzien definiert wird dh durch
Attribute die in seiner Mitbezeichnung nicht eingeschlossen liegen wurde
daher von allen Logikern aus der Reihe der ächten Definitionen verwiesen und
Beschreibung genannt
Diese Art von unvollkommener Definition entsteht aber aus derselben Ursache
wie die andere nämlich aus der Geneigtheit alles für eine Definition zu
nehmen was uns mit oder ohne Erklärung der Bedeutung des Namens in den Stand
setzt die durch den Namen bezeichneten Dinge von allen anderen Dingen zu
unterscheiden und folglich das Wort in der Prädikation zu gebrauchen ohne vom
Herkommen abzuweichen Dieser Zweck wird passend durch die Angabe irgend eines
gleichgültig welches der dem Ganzen der Klasse gemeinschaftlichen und ihm
eigentümlichen Attribute oder auch durch Angabe einer Verbindung von
Attributen erreicht welche ihm dem Ganzen vielleicht eigentümlich sind
obgleich ein jedes dieser Attribute ihm einzeln mit irgend anderen Dingen
gemein sein kann Es ist nur nötig dass die so gebildete Definition oder
Beschreibung mit dem Namen den sie zu definieren vorgibt verwechselt werden
könne dh dass sie soweit gehe wie dieser indem sie von allem aussagbar
wovon dieser aussagbar ist und von nichts wovon es dieser nicht wäre obgleich
die angegebenen Attribute vielleicht mit denjenigen keinen Zusammenhang haben
welche die Menschen im Auge hatten als sie die Klasse bildeten oder erkannten
und ihr einen Namen gaben Die folgenden Urteile halten diese Probe aus der
Mensch ist ein Säugetier das von Natur aus zwei Hände hat denn die
menschliche Species aber kein anderes Thier entspricht dieser Beschreibung
der Mensch ist ein Thier das seine Speise kocht der Mensch ist ein
zweifüßiges Thier ohne Federn
Durch den besonderen Zweck den der Sprechende oder Schreibende im Auge hat
kann zu dem Rang einer Definition erhoben werden was sonst nur eine bloße
Beschreibung wäre Wie wir in dem vorhergehenden Kapitel sahen so kann es der
besonderen Zwecke einer Kunst oder Wissenschaft oder der bequemeren Darlegung der
besonderen Lehren eines Autors wegen ratsam sein einem Gemeinnamen ohne
Veränderung seiner Bezeichnung eine spezielle Mitbezeichnung zu geben die von
der gewöhnlichen verschieden ist Ist dies geschehen so wird eine Definition
des Namens mit Hülfe von Attributen welche die spezielle Mitbezeichnung
ausmachen obgleich sie im allgemeinen eine bloß zufällige Definition oder
Beschreibung ist bei der besonderen Gelegenheit und zu dem besonderen Zweck zu
einer vollständigen Und ächten Definition Dies findet in Beziehung auf eines
der vorhergehenden Beispiele wirklich statt »Der Mensch ist ein Säugetier mit
zwei Händen« was die wissenschaftliche Definition des Menschen als eine der
Species in Cuviers Einteilung des Tierreichs ist
Obgleich die Definition in solchen Fällen immer noch eine Erklärung der dem
Namen bei der besonderen Gelegenheit beigelegten Bedeutung ist so kann man doch
nicht sagen dass es der Zweck der Definition sei die Bedeutung des Wortes
anzugeben Ihr Zweck ist nicht einen Namen zu erklären sondern eine
Klassifikation erklären zu helfen Die besondere Bedeutung welche Cuvier dem
Wort Mensch beilegte die der gewöhnlichen Bedeutung ganz fremd ist obgleich
sie keine Änderung in der Bezeichnung des Wortes einschließt gehörte zu dem
Plan einer Anordnung der Tiere in Classen nach einem gewissen Prinzip dh
nach einer gewissen Reihe von Verschiedenheiten Und da die Definition des
Menschen nach der gewöhnlichen Mitbezeichnung des Wortes nicht den von der
Species in der Klassifikation eingenommenen Platz angezeigt wenn sie auch jedem
andern Zweck einer Definition entsprochen hätte so gab er dem Wort eine
spezielle Mitbezeichnung um es durch die Art von Attributen definieren zu
können auf welche er der wissenschaftlichen Zweckmäßigkeit wegen seine
Einteilung der belebten Natur zu gründen beschloss
Wissenschaftliche Definitionen sind fast immer von der zuletzt erwähnten
Art sie mögen Definitionen wissenschaftlicher Ausdrücke oder gewöhnlicher in
einem wissenschaftlichen Sinn gebrauchter Ausdrücke sein ihr Hauptzweck ist
als ein Grenzzeichen der Klassifikation zu dienen und da in einer jeden
Wissenschaft die Klassifikationen durch den Fortschritt der Wissenschaft
modifiziert werden so sind auch die Definitionen in den Wissenschaften beständig
der Veränderung unterworfen Ein auffallendes Beispiel hiervon bieten die Worte
Alkali und Säure besonders das letztere Die zu den Säuren gezählten Substanzen
haben sich beim Fortschreiten experimenteller Entdeckungen fortwährend vermehrt
und die durch das Wort mitbezeichneten Attribute haben sich als eine natürliche
Folge hiervon verringert Im Anfang mitbezeichnete das Wort die Attribute durch
Verbindung mit einem Alkali eine neutrale ein Salz genannte Substanz zu
bilden aus einem Radikal und Sauerstoff zu bestehen ätzender Geschmack
Flüssigkeit etc Die Zerlegung der Salzsäure in Chlor und Wasserstoff schloss
die zweite Eigenschaft Zusammensetzung aus einem Radikal und Sauerstoff von
der Mitbezeichnung aus Dieselbe Entdeckung richtete die Aufmerksamkeit der
Chemiker auf den Wasserstoff als einen wichtigen Bestandteil der Säuren und da
spätere Entdeckungen seine Gegenwart in der Schwefelsäure Salpetersäure und
vielen anderen Säuren33 in denen seine Anwesenheit nicht vermutet worden war
nachwiesen so zeigte sich jetzt eine Neigung die Gegenwart dieses Elements in
die Mitbezeichnung des Wortes einzuschließen Aber Kohlensäure Kieselsäure
schweflige Säure sind keine Verbindungen die Wasserstoff enthalten diese
Eigenschaft kann daher nicht durch das Wort mitbezeichnet werden es sei denn
dass man diese Substanzen nicht länger mehr als Säuren betrachte Ätzender
Geschmack und Flüssigkeit sind durch die Kieselsäure und viele andere Substanzen
längst von den charakteristischen Eigenschaften der Klasse ausgeschlossen die
Bildung neutraler Körper durch Verbindung mit Alkalien samt einigen
elektrochemischen Eigentümlichkeiten welche dieselbe einzuschließen scheint
sind nun die einzigen differentiae welche die festgesetzte Mitbezeichnung des
Wortes Säure als eines Ausdrucks der chemischen Wissenschaft ausmachen
Wissenschaftliche Männer suchen noch immer und werden wahrscheinlich noch
lange eine taugliche Definition eines der frühesten Wörter in dem Wörterbuch des
Menschengeschlechts und dazu noch eines von den Wörtern deren populäre
Bedeutung am besten verstanden wird suchen Dieses Wort ist »Wärme« die Quelle
der Schwierigkeit ist in dem unvollkommenen Zustand unserer wissenschaftlichen
Kenntnisse zu suchen der uns zwar eine Menge von Erscheinungen zeigt die mit
der Kraft welche das verursacht was unsere Sinne als Wärme erkennen im
Zusammenhange stehen der uns aber die Gesetze dieser Erscheinung noch nicht
genau genug kennen gelehrt hat um entscheiden zu können unter welchen
charakteristischen Eigenschaften das Ganze dieser Erscheinungen zuletzt als eine
Klasse zusammengefasst werden soll welche charakteristischen Eigenschaften
natürlich ebenso viele differentiae für die Definition der Kraft selbst sein
würden
Was von der Definition irgend eines Ausdrucks der Wissenschaft wahr ist ist
natürlich auch von der Definition einer Wissenschaft selbst wahr und es muss
daher wie in der Einleitung bemerkt die Definition einer Wissenschaft
notwendig eine vorläufige und fortschreitende sein Irgend eine Erweiterung
unseres Wissens oder eine Veränderung in den gewöhnlichen Ansichten über den
Gegenstand können zu einer mehr oder weniger weitgreifenden Veränderung der in
der Wissenschaft eingeschlossenen Einzelheiten führen und wenn sich ihre
Zusammensetzung auf diese Weise verändert hat so dürfte vielleicht eine
verschiedene Reihe von charakteristischen Eigenschaften leicht zu finden sein
die sich als differentiae für die Definition des Namens der Wissenschaft besser
eignen
In derselben Weise wie eine spezielle oder technische Definition zum Zweck
hat die künstliche Klassifikation der sie entwächst zu erklären so sollte
wie die Aristotelischen Logiker zu glauben schienen eine gewöhnliche Definition
die gewöhnliche und nach ihrer Meinung natürliche Klassifikation der Dinge
nämlich die Einteilung derselben in Arten erklären und den Platz zeigen
welchen eine jede Art als höhere kollaterale oder untergeordnete Art unter
anderen Arten einnimmt Diese Vorstellung würde die Regel dass eine jede
Definition notwendig per genus et differentiam geschehen muss erklären und
würde auch erklären warum man eine jede differentia für hinreichend hielt Es
ist aber bereits die Unmöglichkeit nachgewiesen worden eine Verschiedenheit der
Art zu erklären oder in Worten auszudrucken es liegt gerade in der Bedeutung
einer Art dass die sie unterscheidenden Eigenschaften nicht auseinander
hervorwachsen und dass sie daher in Worten sogar implicite nicht anders als
durch Aufzählung ihrer aller darzustellen sind aber alle sind nicht bekannt
und werden es auch niemals sein Man betrachtet dies daher vergeblich als einen
der Zwecke einer Definition während wenn es nur erforderlich ist dass die
Definition einer Art anzeige welche Arten dieselbe einschließen oder von ihr
eingeschlossen werden dies durch eine jede Definition geschieht welche die
Mitbezeichnung der Namen darlegt denn der Name einer jeden Klasse muss
notwendig so viele von ihren Eigenschaften mitbezeichnen dass die Grenzen der
Klasse dadurch festgesetzt werden Wenn daher die Definition eine vollständige
Angabe der Mitbezeichnung ist so ist dies alles was man von einer Definition
verlangen kann
5 Was von den zwei unvollständigen oder unwissenschaftlichen
Definitionsweisen und dem Unterschied zwischen ihnen und der vollständigen oder
wissenschaftlichen Definitionsweise gesagt worden ist wird nun genügen Wir
wollen nun zunächst eine alte einst allgemein herrschende und noch jetzt
keineswegs verworfene Lehre prüfen die ich als die Quelle eines großen Teils
des Dunkels betrachte welches über einigen der wichtigsten
Verstandesoperationen bei der Erforschung der Wahrheit schwebt Nach dieser
Lehre gehören die Definitionen nur der einen von zwei Arten an in welche die
Definitionen eingeteilt werden können es sind entweder Definitionen von Namen
oder Definitionen von Dingen Die ersteren sollen die Bedeutung eines Wortes
die letzteren die Natur eines Dinges erklären letztere sind bei weitem die
wichtigsten
Diese Ansicht wurde von den alten Philosophen und ihren Nachfolgern mit
Ausnahme der Nominalisten verteidigt da aber der Geist der modernen Metaphysik
bis zur neuesten Zeit im ganzen ein nominalistischer war so wurde zwar die Idee
von Definitionen von Dingen bis zu einem gewissen Grade fern gehalten sie
stiftet aber immer noch mehr durch ihre Folgen als direkt durch sich selbst
Verwirrung in der Logik Hie und da bricht diese Lehre in ihrer eigenen Gestalt
hervor so hat sie sich unter anderen Orten da gezeigt wo man sie kaum hätte
erwarten sollen in einem verdientermaßen beliebten Buch Whatelys Logik34 In
einer Rezension dieses Werkes welche ich in der Westminster Review für Januar
1828 veröffentlichte und welche einige Ansichten enthält die ich nicht mehr
habe finde ich die folgenden Bemerkungen über die vorliegende Frage
Bemerkungen mit denen meine jetzigen Ansichten von der Sache genugsam
übereinstimmen
»Die Unterscheidung zwischen Nominal und Realdefinitionen zwischen
Definitionen von Wörtern und sogenannten Definitionen von Dingen wenn sie auch
mit den Vorstellungen der meisten Aristotelischen Logiker übereinstimmen
können wie uns scheint doch nicht aufrecht erhalten werden Wir glauben dass
eine Definition niemals den Zweck hat die Natur des Dinges zu enthüllen Unsere
Meinung wird dadurch bestätigt dass es keinem von den Schriftstellern welche
glaubten es gäbe Definitionen von Dingen jemals gelang ein Kriterien zu
entdecken durch welches die Definition eines Dinges von einem andern auf das
Ding sich beziehenden Urteil unterschieden werden kann Die Definition sagen
dieselben enthüllt die Natur des Dinges aber keine Definition kann seine ganze
Natur enthüllen und ein jedes Urteil in welchem irgend eine Eigenschaft des
Dinges ausgesagt wird enthüllt einen Teil seiner Natur Der wahre Sachverhalt
ist nach unserer Meinung der folgende Alle Definitionen sind Definitionen von
Namen und nur von Namen aber bei manchen Definitionen ist es einleuchtend dass
sie nur die Bedeutung des Wortes erklären sollen während andere außer der
Worterklärung noch einschließen sollen dass ein dem Wort entsprechendes Ding
existiert Ob dies in einem gegebenen Fall eingeschlossen ist kann aus der
bloßen Form des Ausdrucks nicht geschlossen werden Ein Zentaur ist ein Thier
dessen obere Theile die eines Menschen und dessen untere Theile die eines
Pferdes sind und ein Dreieck ist eine geradlinige Figur mit drei Seiten sind
in der Form genau ähnliche Ausdrücke obgleich der erstere nicht einschließt
dass irgend ein mit dem Wort übereinstimmendes Ding existiert während dies beim
letzteren der Fall ist dies ergibt sich einfach wenn man in beiden Definitionen
für ist das Wort bedeutet setzt Ein Zentaur bedeutet ein Thier etc der Sinn
bleibt unverändert bei dem zweiten ein Dreieck bedeutet etc würde der Sinn
verändert werden denn es wäre offenbar unmöglich geometrische Wahrheiten aus
einem Satz abzuleiten der nur ausdrucken soll in welcher Weise wir ein
besonderes Zeichen gebrauchen wollen
Es gibt daher gewöhnlich für Definitionen geltende Ausdrücke welche mehr
als die bloße Erklärung des Wortes in sich einschließen Es ist aber nicht
richtig solche Ausdrücke eine besondere Art Definition zu nennen Ihre
Verschiedenheit von den anderen besteht darin dass sie nicht eine Definition
ist sondern eine Definition und etwas mehr Die obige Definition eines Dreiecks
enthält offenbar nicht eines sondern zwei vollkommen unterscheidbare Urteile
Das erste ist es kann eine von drei geraden Seiten begrenzte Figur geben das
andere diese Figur kann ein Dreieck genannt werden Das erstere Urteil ist gar
keine Definition das letztere ist eine bloße Nominaldefinition oder eine
Erklärung der Anwendung des Wortes Das erstere kann wahr oder falsch sein und
kann daher zur Grundlage eines Syllogismus gemacht werden Das letztere kann
weder wahr noch falsch sein Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit dem
Sprachgebrauch ist der einzige Charakter den es besitzen kann«
Es ist also ein wirklicher Unterschied zwischen Definitionen von Namen und
irrtümlich Definitionen von Dingen genannten Definitionen denn die letzteren
behaupten samt der Bedeutung des Namens verdeckterweise auch noch eine
Tatsache Diese verdeckte Tatsache ist keine Definition sondern ein Postulat
Die Definition ist bloß ein identisches Urteil das nur bezüglich des
Sprachgebrauchs Auskunft gibt und aus welchem unmöglich Schlüsse bezüglich von
Tatsachen gezogen werden können Von der andern Seite behauptet das begleitende
Postulat eine Tatsache welche zu allen möglichen wichtigen Folgen führen kann
Es behauptet die wirkliche Existenz von Dingen welche die in der Definition
angegebene Verbindung von Attributen besitzen und dies kann wenn wahr die
Grundlage für ein ganzes Gebäude von wissenschaftlichen Wahrheiten abgeben
Wir haben schon die Bemerkung gemacht und werden sie noch zu wiederholen
haben dass die Philosophen welche den Realismus über den Haufen warfen
keineswegs die Folgen des Realismus loswurden sondern lange noch in ihrer
eigenen Philosophie viele Sätze aufrecht erhielten die nur als ein Teil des
realistischen Systems eine vernünftige Bedeutung haben konnten Es ist uns von
Aristoteles und vielleicht aus noch früheren Zeiten stammend als eine
einleuchtende Wahrheit überliefert worden dass die ganze Wissenschaft der
Geometrie aus Definitionen abgeleitet sei So lange eine Definition als ein
Urteil angesehen wurde »das die Natur des Dinges enthüllt« ging dies an Aber
Hobbes kam und verwarf die Vorstellung dass eine Definition die Natur des
Dinges erkläre oder etwas mehr tue als die Bedeutung eines Namens anzugeben
aber er behauptete immer noch so breit wie einer seiner Vorgänger dass die
archai principia oder ursprünglichen Prämissen der Mathematik und sogar aller
Wissenschaften Definitionen seien erstellte so das sonderbare Paradoxon auf
dass Systeme von wissenschaftlicher Wahrheit ja sogar dass alle Wahrheit zu
welcher wir durch Schließen gelangen aus der willkürlichen Übereinkunft der
Menschen bezüglich der Bedeutung von Wörtern abgeleitet sind
Um das Ansehen der Lehre die Definitionen seien die Prämissen
wissenschaftlicher Erkenntnis zu retten fügt man zuweilen den Vorbehalt bei
dass sie in Übereinstimmung mit den Naturerscheinungen geformt sein müssen
dh dass sie den Wörtern Bedeutungen unterlegen welche auf die wirklich
existierenden Dinge passen Dies ist aber nur ein Beispiel von dem oft gemachten
Versuch der Notwendigkeit zu entgehen alte Sprechweisen zu verlassen nachdem
die dadurch ausgedrückten Ideen mit entgegengesetzten vertauscht worden sind
Aus der Bedeutung eines Namens sagt man uns können unmöglich physikalische
Tatsachen gefolgert werden wenn nicht ein dem Namen entsprechendes Ding
vorhanden ist Wenn aber dieser Vorbehalt nötig ist aus was ist die Folgerung
gezogen aus der Existenz eines die Eigenschaften besitzenden Dinges oder aus
der Existenz eines dieselben bedeutenden Namens
Nehmen wir als Beispiel eine der in Euklids Elementen als Prämissen
aufgestellten Definitionen sagen wir die Definition des Kreises Wenn dieselbe
analysiert wird so besteht sie aus zwei Sätzen der eine ist eine Annahme
bezüglich einer Tatsache der andere ist eine ächte Definition »Es kann eine
Figur existieren welche alle Punkte in der sie begrenzenden Linie von einem
Punkt in ihr gleichweit entfernt hat« »Eine jede diese Eigenschaft besitzende
Figur wird ein Kreis genannt« Betrachten wir einen von den Beweisen welche von
dieser Definition abhängig sind und bemerken wir an welchen von den zwei darin
enthaltenen Sätzen der Beweis appelliert »Um den Mittelpunkte soll der Kreis B
C D beschrieben werden« Hierin liegt eine Annahme dass eine Figur wie sie die
Definition ausdrückt beschrieben werden kann was nichts anderes als das
Postulat oder die in der sogenannten Definition versteckte Annahme ist Ob aber
diese Figur ein Kreis genannt werde oder nicht ist ganz gleichgültig Mit
Ausnahme der Kürze würde der Zweck gerade so gut erfüllt werden wenn wir sagen
würden »durch den Punkt B ziehe man eine in sich selbst zurückkehrende Linie
wovon jeder Punkt von dem Punkt A gleichweit abstehe« Hierdurch wurde die
Definition eines Kreises beseitigt und nutzlos gemacht werden nicht aber das
darin enthaltene Postulat ohne welches der Beweis nicht bestehen könnte
Nachdem der Kreis beschrieben ist sehen wir nach den Folgen »Da B C D ein
Kreis ist so ist der Halbmesser B A dem Halbmesser C A gleich« B A ist gleich
C A nicht weil B C D ein Kreis sondern weil B C D eine Figur mit gleichen
Halbmessern ist Unsere Berechtigung anzunehmen dass eine solche Figur um den
Mittelpunkt A mit dem Halbmesser B A hervorgebracht werden kann liegt in dem
Postulat Ob sich die Zulässigkeit dieser Postulate auf Anschauung oder auf
einen Beweis stützt mag eine Streitfrage sein jedenfalls aber sind sie die
Prämissen von denen der Lehrsatz abhängig ist und so lange man diese bewahrt
würde es für die Gewissheit der geometrischen Wahrheiten nichts ausmachen wenn
eine jede Definition im Euklid und ein jeder darin definierte technische Ausdruck
bei Seite gelegt würde
Es ist fast überflüssig so lange bei etwas zu verweilen was fast
selbsteinleuchtend ist wenn aber eine Verschiedenheit so augenfällig sie auch
scheinen mag trotz starker Verstandeskräfte verwechselt worden ist so ist es
besser eher zu viel als zu wenig zu sagen um solche Missverständnisse künftig
unmöglich zu machen Ich werde daher den Leser noch damit aufhalten dass ich
eine von den absurden Folgen nachweise die aus der Annahme entspringen die
Definitionen als solche seien mit Ausnahme der bloß auf Wörter bezüglichen die
Prämissen von irgend welchen unserer Schlüsse Wenn diese Voraussetzung wahr
wäre so könnten wir in ganz richtiger Weise von wahren Prämissen ausgehend
argumentieren und doch zu falschen Schlüssen gelangen Wir brauchen bloß als
Prämisse die Definition einer Nonentität anzunehmen oder vielmehr einen Namen
dem keine Entität entspricht Es sei zB unsere Definition
Ein Drache ist eine feuerspeiende Schlange
Als eine Definition betrachtet ist dieser Satz unstreitig richtig Ein Drache
ist eine feuerspeiende Schlange das Wort bedeutet dies Die stillschweigende
Annahme wenn es eine solche gäbe der Existenz eines Gegenstandes welcher die
der Definition entsprechenden Eigenschaften besitzt würde in dem vorliegenden
Falle eine falsche sein Aus dieser Definition können wir die Prämissen des
folgenden Syllogismus herausbilden
Ein Drache ist ein feuerspeiendes Ding
Ein Drache ist eine Schlange
woraus der Schluss folgt
Daher speit manche Schlange Feuer ein untadelhafter Syllogismus nach dem
ersten Modus der dritten Figur in dem beide Prämissen wahr und der Schluss
dennoch falsch ist was wie jeder Logiker weiß eine Absurdität ist Da der
Syllogismus richtig und der Schluss falsch ist so können die Prämissen nicht
wahr sein Aber als Theile einer Definition betrachtet sind die Prämissen wahr
sie können daher als Theile einer Definition keine wirklichen Prämissen sein
Die wirklichen Prämissen müssen sein
Ein Drache ist ein wirklich existierendes Ding das Feuer speit
Ein Drache ist eine wirklich existierende Schlange
und da diese Prämissen falsch sind so bietet die Falschheit des Schlusses keine
Absurdität mehr dar
Wenn wir entscheiden wollen welcher Schluss aus denselben Prämissen folgt
wenn die stillschweigende Annahme der wirklichen Existenz hinweggelassen wird
so brauchen wir darin bloß bedeutet für ist zu setzen Wir haben dann
Ein Drache ist ein Wort das ein Ding bedeutet welches Feuer speit
Ein Drache ist ein Wort das eine Schlange bedeutet hieraus folgt der
Schluss
Manches Wort das eine Schlange bedeutet bedeutet auch ein Ding das Feuer
speit
und dieser Schluss sowie die Prämissen ist wahr und ist die einzige Art
Schluss welche aus einer Definition folgen kann nämlich ein auf die Bedeutung
von Wörtern bezügliches Urteil
Wir können diesen Syllogismus noch in eine andere Form bringen Wir können
annehmen der Untersatz bezeichne weder ein Ding noch ein Name sondern eine
Idee Wir haben dann
Die Idee von einem Drachen ist eine Idee von einem Ding welches Feuer
speit
Die Idee von einem Drachen ist eine Idee von einer Schlange
Folglich gibt es eine Idee von einer Schlange welche eine Idee von einem
Ding ist welches Feuer speit
Hier sind sowohl Schluss als Prämissen wahr aber die Prämissen sind keine
Definitionen es sind Urteile die affirmieren dass eine in dem Geist
existierende Idee gewisse ideale Elemente einschließt Die Wahrheit des
Schlusses folgt aus der Existenz der psychologischen die Idee eines Drachen
genannte Erscheinung und daher immer wieder aus der stillschweigenden Annahme
einer Thatsache35
Wenn wie in dem letzten Syllogismus der Schluss ein Urteil bezüglich einer
Idee ist so kann die Voraussetzung von welcher er abhängig ist die der
bloßen Existenz einer Idee sein Ist aber der Schluss ein Urteil bezüglich
eines Dinges so ist das in der Definition eingeschlossene sichtlich als
Prämisse stehende Postulat die Existenz eines mit der Definition
übereinstimmenden Dinges und nicht bloß einer damit übereinstimmenden Idee
Dieser Annahme realer Existenz überlassen wir immer den beabsichtigten Eindruck
wenn wir einen Namen definieren von dem bereits bekannt ist dass es der Name
eines wirklich existierenden Dinges ist Aus diesen Gründen war die Annahme auch
nicht notwendig in der Definition eines Drachen eingeschlossen während über
ihr Eingeschlossensein in der Definition eines Kreises kein Zweifel stattfinden
konnte
6 Einer von den Umständen welche die Vorstellung dass demonstrative
Wahrheiten mehr aus Definitionen als aus den in diesen eingeschlossenen
Postulaten folgen aufrecht erhielten besteht darin dass sogar in den
Wissenschaften welche der allgemeinen Ansicht nach alle anderen an
demonstrativer Gewissheit übertreffen die Postulate nicht immer ganz wahr sind
Es ist nicht wahr dass ein Kreis mit genau gleichen Halbmessern existiert oder
dass er beschrieben werden kann Eine solche Genauigkeit ist eine bloß ideale
sie wird weder in der Natur gefunden noch kann sie durch Kunst verwirklicht
werden Man fand es daher schwierig zu begreifen dass der gewisseste aller
Schlüsse sich auf Prämissen stützen könne welche anstatt gewiss wahr zu sein
gewiss nicht ganz soweit wahr sind als deren Behauptung geht Dieser scheinbare
Widerspruch wird geprüft werden wenn wir die Beweisführung Demonstration
abhandeln wir werden dann im Stande sein zu zeigen dass in dem Postulat
gerade soviel wahres liegt als in dem Schluss wahres liegt der auf ihm beruht
Diejenigen Philosophen denen diese Ansicht nicht beifiel oder die nicht von
ihr befriedigt wurden hielten es für unumgänglich nötig dass in den
Definitionen mehr Gewissheit liege oder wenigstens etwas genauer wahres als
das eingeschlossene Postulat von der Existenz eines entsprechenden Gegenstandes
Und dieses Etwas schmeichelten sie sich gefunden zu haben wenn sie den Satz
aufstellten dass eine Definition die Angabe und Analyse nicht der bloßen
Bedeutung eines Wortes noch auch der Natur eines Dinges sondern einer Idee
sei So betrachteten sie den Satz »Ein Kreis ist eine ebene Figur die von
einer Linie begrenzt wird wovon alle Punkte von einem Inneren Punkt gleich weit
entfernt sind« nicht als eine Behauptung dass ein wirklicher Kreis die
Eigenschaft habe was nicht genau wahr wäre sondern dass wir uns einen Kreis
denken der sie hat dass unsere abstrakte Idee von einem Kreis die Idee einer
Figur mit genau gleichen Halbmessern ist
In Übereinstimmung hiermit wird behauptet dass der Gegenstand der Mathematik
und einer jeden demonstrativen Wissenschaft nicht wirkliche Dinge sondern
Abstraktionen unseres Geistes sind Eine geometrische Linie ist eine Linie ohne
Breite aber eine solche Linie existiert nicht in der Natur es ist eine
Vorstellung die der Geist aus dem in der Natur vorhandenen Material schafft
Die Definition so heißt es ist eine Definition dieser geistigen Linie nicht
aber einer wirklichen Linie und nur von dieser geistigen Linie nicht aber von
einer in der Natur existierenden Linie sind die Lehrsätze der Geometrie genau
wahr
Selbst wenn man diese Lehre bezüglich der Natur demonstrativer Wahrheit für
richtig hielte und ich werde später zu zeigen suchen dass sie es nicht ist
so folgen die Schlüsse welche aus einer Definition zu folgen scheinen doch
nicht aus der Definition als solcher sondern aus einem darin enthaltenen
Postulat Auch wenn es wahr wäre dass es in der Natur keinen Gegenstand gibt
welcher der Definition einer Linie entspräche und dass die geometrischen
Eigenschaften der Linien nicht von Linien in der Natur wahr sind sondern nur
von der Idee einer Linie so postuliert die Definition jedenfalls die wirkliche
Existenz einer solchen Idee sie setzt voraus dass der Geist die Vorstellung
von Länge ohne Breite oder irgend eine andere sinnlich wahrnehmbare Eigenschaft
bilden könne oder gebildet habe Mir scheint es aber dass der Geist in der
That eine solche Vorstellung nicht bilden kann er kann sich keine Länge ohne
Breite vorstellen er kann bloß bei der Betrachtung der Gegenstände
ausschließlich auf ihre Länge und abgesehen von deren anderen sinnlichen
Eigenschaften Acht haben und so bestimmen welche Eigenschaften kraft dieser
Länge allein von ihnen ausgesagt werden können Wenn dies wahr ist so ist das
in der geometrischen Definition einer Linie enthaltene Postulat die wirkliche
Existenz nicht von Länge ohne Breite sondern nur von Länge dh von langen
Gegenständen Dies gibt eine hinreichende Stütze für alle Wahrheiten der
Geometrie ab indem eine jede Eigenschaft einer geometrischen Linie wirklich
eine Eigenschaft aller Länge besitzenden physikalischen Gegenstände ist Aber
selbst was ich in Beziehung auf diesen Gegenstand für die falsche Lehre halte
lässt den Schluss dass unsere Folgerungen auf die in den Definitionen
postulierten Tatsachen und nicht auf die Definitionen selbst gegründet sind
ganz unberührt hierin stimme ich daher mit der von Dr Whewell in seiner
Philosophie der induktiven Wissenschaften ausgesprochenen Anschauung überein
wenn auch seine Ansichten über die Natur demonstrativer Wahrheit von den
meinigen sehr verschieden sind Und hier wie bei anderen Gelegenheiten bekenne
ich gern dass seine Schriften sehr nützlich und förderlich sind um die ersten
Schritte in der Analyse der Geistesprozesse von Verwirrung frei zu halten sogar
dann noch wenn seine Ansichten bezüglich der letzten Analyse der Art sind dass
ich sie obgleich mit ungeheuchelter Achtung als fundamental irrig betrachten
muss
7 Obgleich nach der hier vorgelegten Ansicht die Definitionen eigentlich nur
Definitionen von Namen und nicht von Dingen sind so folgt hieraus doch nicht
dass sie willkürlich sind Einen Namen zu definieren kann nicht allein eine sehr
schwierige und verwickelte Aufgabe sein sondern kann auch Betrachtungen
verlangen welche tief in die Natur des von dem Namen bezeichneten Dinges
eindringen Der Art sind zB die Untersuchungen welche den Gegenstand des
wichtigsten von Platons Gesprächen bilden wie »Was ist Rhetorik« das Thema
von den Georgias oder »Was ist Gerechtigkeit« das Thema von der Republik
Der Art ist auch die mit Entrüstung von Pilatus gestellte Frage Was ist
Wahrheit und die fundamentale Frage der spekulativen Moralphilosophen aller
Zeiten »Was ist Tugend«
Diese schwierigen und edlen Untersuchungen so darzustellen als hätten sie
keinen andern Zweck als die konventionelle Bedeutung eines Namens zu bestimmen
wäre ein großer Irrtum Es sind Untersuchungen nicht sowohl um zu bestimmen
was die Bedeutung eines Namens ist als was sie sein sollte was wie eine jede
andere praktische Frage der Terminologie zu seiner Lösung erfordert dass wir
auf die Natur nicht bloß der Namen sondern der benannten Dinge eingehen und
zuweilen sehr tief eingehen
Obgleich die Bedeutung eines jeden konkreten Gemeinnamens in den durch ihn
mitbezeichneten Attributen liegt so wurden die Gegenstände doch vor den
Attributen benannt dies geht aus der Tatsache hervor dass die abstrakten
Namen in allen Sprachen meistenteils Zusammensetzungen oder andere Ableitungen
von den ihnen entsprechenden konkreten Namen sind Nach den Eigennamen waren
daher die mitbezeichnenden Namen die zuerst gebrauchten und in den einfacheren
Fällen war dem Geiste derjenigen welche den Namen zuerst gebrauchten eine
deutliche Mitbezeichnung gegenwärtig und sollte ihrer Absicht nach auch dadurch
mitgeteilt werden Der erste der das Wort weiß so gebrauchte wie es auf
Schnee und andere Gegenstände angewendet wird wusste ohne Zweifel recht gut
welche Eigenschaft er aussagen wollte und hatte von den durch den Namen
bezeichneten Attributen in seinem Geiste eine vollkommen deutliche Vorstellung
Wo aber die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten auf welche unsere
Klassifikationen gegründet sind nicht so greifbar und leicht zu bestimmen sind
besonders wo sie nicht aus einer Eigenschaft sondern aus einer Anzahl von
Eigenschaften bestehen deren miteinander vermischte Wirkungen nicht so leicht
zu unterscheiden und eine jede auf ihre wahre Quelle zurückzuführen sind da
geschieht es häufig dass benennbaren Dingen Namen beigelegt werden ohne dass
dem Geist der sie Beilegenden eine deutliche Mitbezeichnung gegenwärtig wäre Es
ist nur der Einfluss einer allgemeinen Ähnlichkeit zwischen dem neuen
Gegenstand und allen oder einigen der alten familiären Gegenstände welche sie
bei jenem Namen zu nennen gewöhnt sind der bei ihnen tätig ist Wie wir
gesehen haben ist dies das Gesetz dem sogar der Geist des Philosophen folgen
muss wenn er den einfachen elementaren Gefühlen unserer Natur Namen gibt wo
aber die zu benennenden Dinge ein verwickeltes Ganze sind da begnügt sich der
Philosoph nicht mit der Beachtung einer allgemeinen Ähnlichkeit er untersucht
worin die Ähnlichkeit besteht und er gibt denselben Namen nur Dingen die
einander in denselben bestimmten Einzelheiten gleichen Der Philosoph gebraucht
daher seine Gemeinnamen gewöhnlich mit einer bestimmten Mitbezeichnung Aber die
Sprache wurde nicht von Philosophen gemacht und kann von ihnen auch nur bis zu
einem geringen Grade verbessert werden In dem Geiste der wahren Schiedsrichter
der Sprache mitbezeichnen Gemeinnamen besonders wo die durch sie bezeichneten
Classen der Identifizierung und Unterscheidung wegen nicht vor den Richtstuhl der
äußeren Sinne gebracht werden können wenig mehr als eine vage grobe
Ähnlichkeit mit den Dingen welche jene am frühesten oder am meisten gewöhnt
waren bei diesen Namen zu nennen Wenn zB gewöhnliche Menschen die Wörter
gerecht oder ungerecht von einer Handlung edel oder gemein von einer Gesinnung
einem Ausdruck oder einer Handlung Staatsmann oder Scharlatan von einer in der
Politik eine Rolle spielenden Persönlichkeit aussagen beabsichtigen sie dann
von diesen verschiedenen Gegenständen bestimmte Attribute von irgend einer Art
auszusagen Nein sie erkennen nur wie sie glauben eine mehr oder weniger vage
und unbestimmte Ähnlichkeit zwischen diesen und einigen anderen Dingen welchen
sie gewöhnt waren diese Benennungen zu geben oder von anderen gegeben zu sehen
Die Sprache »wird nicht gemacht sondern wächst« geradeso wie es Sir James
Mackintosh von Regierungen zu sagen pflegte Ein Name wird einer Klasse von
Gegenständen nicht auf einmal und in vorausgängiger Absicht erteilt sondern er
wird erst auf ein Ding angewendet und dann durch eine Reihe von Übergängen auf
ein anderes und wieder ein anderes Durch dieses Verfahren geht wie von
verschiedenen Schriftstellern bemerkt und von Dugald Stewart in seinen
philosophischen Essays sehr nachdrücklich und klar erläutert worden ist ein
Name durch eine zusammenhängende Kette von Ähnlichkeiten von einen Gegenstand
auf den andern über bis er zuletzt auf Dinge angewendet wird die mit den
Dingen denen er zuerst gegeben wurde und die ihn aber darum nicht fallen
lassen nichts gemein haben so dass er zuletzt einen Wirrwarr von Gegenständen
bezeichnet die gar nichts gemeinsames mehr besitzen und dass er nichts
mitbezeichnet nicht einmal eine vage und allgemeine Ähnlichkeit Wenn ein Name
in diesen Zustand verfallen ist und wir durch Aussagen desselben von einem
Gegenstande buchstäblich nichts von dem Gegenstande behaupten so ist er für die
Zwecke des Denkens oder der Gedankenmittheilung untauglich geworden er kann
dann nur wieder brauchbar werden wenn er eines Teils seiner mannigfaltigen
Bezeichnungen entkleidet und auf Gegenstände beschränkt wird die einige
Attribute gemein haben und welche man ihn dann mitbezeichnen lässt Dies sind
die Unannehmlichkeiten einer Sprache welche »nicht gemacht wird sondern
wächst« Wie die Regierungen welche in einem ähnlichen Falle sind kann sie mit
einem Weg verglichen werden der nicht gemacht worden ist sondern der sich
selbst gemacht hat er bedarf fortwährend der Ausbesserung um gangbar zu
bleiben
Schon hieraus ist ersichtlich warum die Frage bezüglich der Definition eines
abstrakten Namens oft mit so großen Schwierigkeiten verbunden ist Die Frage
was ist Gerechtigkeit heißt mit anderen Worten welches Attribut wollen die
Menschen aussagen wenn sie eine Handlung gerecht nennen Die erste Antwort
hierauf ist dass weil sie über diesen Punkt zu keiner genauen Übereinstimmung
gelangen konnten sie gar kein Attribut in deutlicher Weise aussagen wollen
Nichtsdestoweniger glauben alle dass irgend ein den Handlungen welche sie
gewöhnt sind gerecht zu nennen gemeinsames Attribut vorhanden sei Es muss
daher die Frage entstehen gibt es ein solches gemeinsames Attribut und vor
allem stimmen die Menschen in Beziehung auf die von ihnen gerecht genannten
Handlungen genugsam überein um eine Untersuchung der diesen Handlungen
gemeinsamen Eigenschaft möglich zu machen und wenn dies so ist haben die
Handlungen wirklich eine Eigenschaft gemein und wenn sie sie haben welches ist
sie Von diesen drei Fragen ist die erste allein eine Frage in Beziehung auf
Gebrauch und Übereinkommen die beiden andern sind Fragen in Beziehung auf
Tatsachen Und wenn die zweite Frage ob die Handlungen eine Klasse bilden mit
Nein beantwortet worden ist so bleibt noch eine vierte und schwierigere als
alle nämlich wie soll man am besten eine künstliche Klasse bilden welche der
Name bezeichnen kann
Es ist hier der geeignete Ort zu bemerken dass das Studium des spontanen
Wachstums der Sprachen für diejenigen von der äußersten Wichtigkeit ist
welche dieselben logisch umgestalten wollen Wenn die rohen Klassifikationen der
bestehenden Sprache durch die Hand des Logikers verbessert werden was sie fast
immer erfordern so sind sie an und für sich für seine Zwecke vortrefflich
geeignet Mit den Klassifikationen des Philosophen verglichen sind sie wie die
Gewohnheitsgesetze eines Landes welche im Vergleich mit den durchdachten und
methodisch zu einem Gesetzbuch geordneten Gesetzen spontan gewachsen sind die
ersteren sind viel unvollkommener als die letzteren aber da sie das Resultat
einer langen wenn auch unwissenschaftlichen Erfahrung sind so enthalten sie
eine Masse von Material das bei der Bildung des systematischen Corpus von
geschriebenem Gesetz sehr nützlich werden kann In ähnlicher Weise ist die
bestehende Gruppierung von Gegenständen unter einem gemeinsamen Namen wenn sie
sich auch nur auf eine grobe und allgemeine Ähnlichkeit gründet ein Beweis
erstens dass die Ähnlichkeit augenfällig und daher bedeutend ist zweitens dass
es eine Ähnlichkeit ist die während einer langen Reihe von Jahren und
Jahrhunderten vielen Menschen aufgefallen ist Sogar wenn ein Name durch eine
Reihe von sukzessiven Übertragungen zuletzt auf Gegenstände angewendet wird
welche diese grobe Ähnlichkeit nicht mehr mit einander gemein haben so finden
wir doch bei jedem Schritte in der Reihe eine Ähnlichkeit und diese Übergänge
in der Bedeutung der Wörter sind oft ein Anzeichen eines wirklichen
Zusammenhangs der durch sie bezeichneten Dinge welcher sonst leicht der
Beobachtung der Denker entgehen könnte wenigstens derjenigen welche wegen des
Gebrauchs einer verschiedenen Sprache oder einer Verschiedenheit in ihren
gewohnten Ideenassoziationen ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise einer andern Seite
der Dinge zugewendet haben Die Geschichte der Philosophie ist reich an
Beispielen von solchen Versehen sie wurden begangen weil die verborgene Kette
welche die anscheinend unvereinbaren Bedeutungen irgend eines zweideutigen
Wortes mit einander verknüpfte nicht wahrgenommen wurde36
Wenn die Untersuchung über die Definition des Namens eines realen Gegenstandes
in etwas mehr besteht als in einer bloßen Vergleichung von Autoritäten so
nehmen wir stillschweigend an dass für den Namen eine mit dem Umstand
verträgliche Bedeutung gefunden werden muss wonach er immer noch wo möglich
alle jedenfalls aber den größeren oder wichtigeren Teil der Dinge von denen er
gewöhnlich ausgesagt wird fortbezeichnet Die Untersuchung über die Definition
ist daher eine Untersuchung der Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen
diesen Dingen Ist eine Ähnlichkeit vorhanden welche durch alle hindurchgeht
und wenn nicht durch welchen Teil derselben können wir eine solche allgemeine
Ähnlichkeit verfolgen und endlich welches sind die gemeinsamen Attribute
deren Besitz ihnen allen oder einem Teil von ihnen den Charakter von
Ähnlichkeit verleiht der zu ihrer Klassifikation miteinander geführt hat Dies
sind die zu entscheidenden Fragen Wenn diese gemeinsamen Attribute bestimmt und
einzeln angegeben worden sind so erlangt der den sich gleichenden Gegenständen
gemeinsame Name eine deutliche Mitbezeichnung anstatt einer unbestimmten und
wird durch den Besitz dieser deutlichen Mitbezeichnung einer Definition fähig
Wenn der Philosoph einem Gemeinnamen eine deutliche Mitbezeichnung gibt so
wird er solche Attribute zu wählen suchen die während sie allen gewöhnlich mit
dem Namen bezeichneten Dingen gemein auch an und für sich von größerer
Wichtigkeit sind sei es direkt sei es der Anzahl der Sichtbarkeit oder des
interessanten Charakters der Folgen wegen zu denen sie führen Er wird soviel
wie möglich solche differentiae wählen welche zu der größten Anzahl von
interessanten propria führen Denn diese mehr als die dunklen und verborgenen
Eigenschaften von denen sie oft abhängig sind geben einer Reihe von
Gegenständen jenen allgemeinen Charakter der die Gruppen bestimmt in welche
sie zerfallen Aber zu der verborgenen Übereinstimmung zu gelangen von welcher
diese sichtliche und oberflächliche Übereinstimmung abhängt ist oft eines der
schwierigsten wissenschaftlichen Probleme und so wie es zu den schwierigsten
gehört gehört es mit seltener Ausnahme auch immer zu den wichtigsten Und da
von dem Resultat dieser Untersuchung bezüglich der Ursachen von den
Eigenschaften einer Klasse von Dingen gelegentlich die Frage abhängig ist was
die Bedeutung eines Wortes sein soll so sind einige der tiefsten und
schätzbarsten Untersuchungen welche uns die Philosophie darbietet unter der
Maske von Untersuchungen über die Definition eines Namens eingeführt worden
Aiôrismenôn de toutôn legômen êdê dia tinôn kai pote kai pôs
ginetai pas syllogismos hysteron de lekteon peri apodeixeôs
Proteron gar peri syllogismou lekteon ê peri apodeixeôs dia to
katholou mallon einai ton syllogismon Hê men gar apodeixis
syllogismos tis ho syllogismos de ou pas apodeixis
Arist Analyt Prior 1 I cap 4
1 In dem vorhergehenden Buche waren wir nicht mit der Natur des Beweises
sondern mit der Natur der Behauptung beschäftigt mit dem Inhalt der Urteile
sie mögen wahr oder falsch sein nicht mit den Mitteln durch welche man wahre
Urteile von falschen unterscheiden kann Der eigentliche Gegenstand der Logik
ist aber der Beweis Ehe wir verstehen konnten was der Beweis ist war es
nötig dasjenige zu verstehen auf welches der Beweis anwendbar ist das was
Gegenstand des Glaubens und Unglaubens der Bejahung und Verneinung werden kann
kurz das was die verschiedenen Urteile behaupten Diese vorläufige
Untersuchung haben wir zu einem bestimmten Resultate geführt Eine Behauptung
bezieht sich entweder auf die Bedeutung von Wörtern oder auf eine Eigenschaft
des durch Wörter angedeuteten Dinges Die Behauptungen bezüglich der Bedeutung
von Wörtern unter denen die Definitionen die wichtigsten sind nehmen in der
Philosophie eine hervorragende Stelle ein da aber die Bedeutung der Wörter
wesentlich willkürlich ist so ist diese Klasse von Behauptungen der Wahrheit
oder dem Irrtum und demnach auch dem Beweis oder der Widerlegung nicht
unterworfen Behauptungen bezüglich der Dinge oder was man im Gegensatz zu den
bloß wörtlichen reale Urteile nennt zerfallen in mehrere Arten Wir haben
den Inhalt einer jeden Art untersucht und die Natur der Dinge auf welche sie
sich beziehen sowie die Natur von dem was sie bezüglich dieser Dinge
behaupten bestimmt Wir fanden dass welches auch die Form des Urteils was
immerhin sein nominelles Subjekt und Prädikat sein möge das wirkliche Subjekt
eines jeden Urteils aus irgend einer oder mehreren Tatsachen oder
Erscheinungen des Bewusstseins oder aus irgend einer oder mehreren der
verborgenen Ursachen oder Kräften besteht denen wir diese Tatsachen
zuschreiben wir fanden dass alles was von diesen Erscheinungen oder Kräften
im bejahenden oder verneinenden Sinne ausgesagt oder behauptet wird entweder
Existenz Ordnung im Raume Ordnung in der Zeit Verursachung oder Ähnlichkeit
ist Dies ist also die auf ihre letzten Elemente zurückgeführte Theorie des
Inhalts der Urteile es gibt aber noch einen andern weniger abstrusen
Ausdruck der für viele Zwecke wissenschaftlich genug ist wenn er auch die
Analyse nicht weit durchführt Dieser Ausdruck anerkennt die gewöhnlich
angenommene Verschiedenheit zwischen Subjekt und Attribut und gibt folgendes
als die Analyse der Bedeutung der Urteile Ein jedes Urteil behauptet dass
ein gegebenes Subjekt irgend ein Attribut besitzt oder nicht oder dass irgend
ein Attribut entweder in allen oder in einem Theile der Subjekte in denen es
angetroffen wird mit irgend einem andern Attribute vereinigt ist oder nicht
Wir wollen nun von diesem Theile unserer Untersuchung Abschied nehmen und zu
dem eigentlichen Gegenstände der Logik übergehen wie werden die Behauptungen
deren Inhalt wir analysiert haben bewiesen oder widerlegt wenigstens diejenigen
unter ihnen welche da sie nicht auf das unmittelbare Bewusstsein oder die
Anschauung zurückführbar sind für den Beweis geeignet sind
Von einer Tatsache oder einer Behauptung sagen wir sie sei bewiesen wenn
wir ihre Wahrheit auf Grund einer andern Tatsache oder Behauptung glauben aus
welcher sie wie man sagt folgt Die meisten Urteile es seien bejahende oder
verneinende allgemeine besondere oder einzelne glauben wir nicht auf ihre
eigene Evidenz hin sondern auf Grund von Etwas dem wir vorher beistimmten und
aus dem sie wie man sagt gefolgert werden Einen Satz ein Urteil aus einem
vorhergehenden Urteil oder Urteilen folgern ihm als einer Folgerung aus etwas
anderem Glauben schenken oder für es Glauben in Anspruch nehmen heißt
schließen im weitesten Sinne des Wortes Im engeren Sinne wird der Ausdruck auf
die Art zu folgern angewendet welche Vernunftschlüsse ziehen ratiocinatio
genannt wird und von welcher der Syllogismus der allgemeine Typus ist Die
Gründe uns nicht nach diesem beschränkten Gebrauche des Wortes zu richten sind
schon früher angegeben worden und bei den nun folgenden Betrachtungen werden
weitere Motive dafür angegeben werden
2 Betrachten wir nun weiter die Fälle wo Folgerungen in rechtmäßiger
Weise gezogen werden können so müssen wir einiger Fälle erwähnen wo die
Folgerung nur scheinbar und nicht wirklich ist sie bedürfen der Erwähnung
hauptsächlich deswegen damit sie nicht mit Fällen von eigentlicher Folgerung
verwechselt werden Dies findet Statt wenn das scheinbar aus einem andern
gefolgerte Urteil bei der Prüfung eine bloße Wiederholung derselben oder eines
Theiles derselben Behauptung ist die in dem ersten Urteile enthalten war Alle
in den Büchern über Logik als Beispiele von Äquipollenz oder Äquivalenz
angeführten Fälle sind der Art Wenn wir argumentieren wollten Kein Mensch ist
der Vernunft unfähig denn alle Menschen sind vernünftig oder Alle Menschen
sind sterblich denn kein Mensch wird vom Tode ausgenommen so wäre es klar
dass wir das Urteil nicht beweisen sondern nur in andere Worte kleiden würden
wodurch es der Hörer vielleicht besser verstehen könnte oder auch nicht oder
wodurch es den wahren Beweis vielleicht besser an die Hand gäbe wodurch aber an
und für sich kein Schatten eines Beweises gewonnen würde
Ein anderer Fall ist derjenige wenn wir aus einem allgemeinen Urteile ein
anderes folgern das sich nur dadurch von jenem unterscheidet dass es ein
besonderes ist wie Alle A sind B daher sind einige A auch B Kein A ist B
daher sind einige A nicht B Auch dies heißt nicht ein Urteil aus einem andern
folgern sondern es heißt nur noch einmal wiederholen was schon einmal
behauptet worden ist bloß mit dem Unterschiede dass wir nicht die ganze
Behauptung wiederholen sondern nur einen Teil derselben
Ein dritter Fall ist wenn der Vordersatz von einem gegebenen Subjekte ein
Prädikat behauptet hat und der Nachsatz von demselben Subjekte etwas affirmiert
was durch das erste Prädikat schon mitbezeichnet war wie Sokrates ist ein
Mensch daher ist Sokrates ein lebendes Geschöpf wo alles durch lebendes
Geschöpf mitbezeichnete schon durch die Behauptung affirmiert wurde er sei ein
Mensch Sind die Urteile negativ so müssen wir ihre Ordnung umkehren wie
Sokrates ist kein lebendes Geschöpf folglich ist er kein Mensch denn wenn wir
das Geringere verneinen so wird das Größere welches es einschließt
stillschweigend implicite verneint Es sind dies demnach nicht wirklich Fälle
von einer Folgerung und dennoch sind die trivialen Beispiele durch welche in
den Handbüchern der Logik die Regeln des Syllogismus erläutert werden von
dieser schlecht gewählten Art es sind Beweise in Form von Schlüssen denen ein
jeder der die Bedeutung der Wörter in der Angabe der Data kennt schon mit
allem Bewusstsein beigestimmt hat
Der verwickeltste Fall von dieser Art scheinbarer Folgerang ist die
sogenannte Umkehrung der Urteile welche darin besteht dass das Prädikat in
ein Subjekt und das Subjekt in ein Prädikat verwandelt und aus den so
umgekehrten Ausdrücken ein Urteil gebildet wird das wahr sein muss wenn das
erste wahr ist So können wir aus dem besonderen bejahenden Urteile Einige A
sind B einige B sind A folgern Aus dem allgemeinen negativen Urteile Kein A
ist B können wir schließen Kein B ist A Aus dem allgemeinen bejahenden
Urteile Alle A sind B können wir nicht folgern Alle B sind A obgleich alles
Wasser flüssig ist so liegt hierin doch nicht dass alles Flüssige Wasser ist
es liegt aber darin dass manches Flüssige es ist und wir können demnach den
Satz Alle A sind B ganz mit Recht in Einige B sind A umkehren Dieses
Verfahren welches ein allgemeines Urteil in ein besonderes umwandelt heißt
die Umkehrung durch das Accidens conversio per accidens Aus dem Satz einige
A sind nicht B können wir nicht einmal folgern dass einige B nicht A sind
obgleich einige Menschen nicht Engländer sind so folgt hieraus nicht dass
einige Engländer nicht Menschen sind Die einzige rechtmäßige Umwandlung wenn
man sie so nennen darf eines besonderen negativen Urteils findet in der Form
Statt Einige A sind nicht B daher ist etwas das nicht B ist A und dies wird
Umkehrung durch Kontraposition zuweilen auch Umwendung J S genannt In
diesem Falle werden jedoch Subjekt und Prädikat nicht bloß umgekehrt sondern
das eine von ihnen wird verändert Anstatt A und B sind die Bestandteile
des neuen Urteile ein Ding das nicht B ist und A Das ursprüngliche
Urteil Einige A sind nicht B wird zuerst in ein Urteil verändert das mit
ihm äquipollent ist Einige A sind »ein Ding das nicht B ist« und da das
Urteil nun nicht länger ein besonderes negatives sondern ein besonderes
bejahendes ist so lässt es eine Umwandlung der ersten Art oder sogenannte
einfache Umwandlung zu37
In allen diesen Fällen ist nicht wirklich eine Folgerung vorhanden es liegt
in dem Schlusse keine neue Wahrheit sondern nur das was in den Prämissen schon
behauptet worden ist und was einem Jeden einleuchtet der dieselben versteht
Die in dem Schlusse behauptete Tatsache ist entweder dieselbe Tatsache oder
ein Teil derselben Tatsache welche in dem ursprünglichen Urteil behauptet
wurde Dies folgt aus der vorhergehenden Analyse des Inhalts der Urteile Wenn
wir zB sagen manche legitime Herrscher sind Tyrannen was will diese
Behauptung sagen Dass die durch den Ausdruck »legitime Herrscher«
mitbezeichneten und die durch »Tyrann« mitbezeichneten Attribute zuweilen in
demselben Individuum zu gleicher Zeit vorhanden sind Dies ist nun genau was wir
meinen wenn wir sagen dass manche Tyrannen legitime Herrscher sind es ist
daher dieses Urteil kein aus dem ersten gefolgertes so wenig als die englische
Übersetzung von Euklids Elemente eine Sammlung von Lehrsätzen ist die
verschieden und eine Folge von den im Original enthaltenen sind Wenn wir
behaupten Kein großer General ist ein unbesonnener Mensch so meinen wir
damit dass die durch »großer General« und »unbesonnener Mensch«
mitbezeichneten Attribute niemals in demselben Subjekt existieren was dasselbe
bedeutet wie wenn wir sagen kein unbesonnener Mensch ist ein großer General
Wenn wir sagen alle vierfüßigen Tiere sind warmblütig so behaupten wir nicht
bloß dass die durch »vierfüßige Tiere« und »warmblütig« mitbezeichneten
Attribute manchmal zugleich sind sondern auch dass die ersteren niemals ohne
die letzteren sind das Urteil Einige warmblütigen Geschöpfe sind Vierfüßer
drückt nun aber die erste Hälfte dieser Bedeutung aus indem es in die zweite
übergeht es ist daher schon in dem vorhergehenden Urteile Alle vierfüßigen
Tiere sind warmblütig eingeschlossen Aber dass alle warmblütigen Tiere
Vierfüßer sind oder mit anderen Worten dass die durch »warmblütig«
mitbezeichneten Attribute niemals ohne die durch »Vierfüßer« bezeichneten
existieren ist weder behauptet worden noch kann es gefolgert werden um in
einer umgekehrten Form das in dem Urteile Alle vierfüßigen Tiere sind
warmblütig Behauptete noch einmal zu behaupten müssen wir dasselbe durch
Kontraposition umwandeln nämlich so Nichts was nicht warmblütig ist ist ein
vierfüßiges Thier Dieses Urteil und das woraus es abgeleitet ist sind genau
äquivalent und das eine kann dem andern substituiert werden denn sagen dass
wenn die Attribute eines Vierfüßers vorhanden sind auch die eines warmblütigen
Geschöpfs vorhanden sind heißt sagen dass wenn die letzteren abwesend es
auch die ersteren sind
In einem Handbuche für junge Studierende wäre es ganz geeignet bei der
Umwandlung und Äquipollenz der Urteile noch langer zu verweilen denn obgleich
man das was bloß eine wiederholte Behauptung des schon einmal Behaupteten ist
nicht Folgern oder Schließen nennen kann so gibt es doch keine wichtigere
geistige Gewohnheit deren Pflege mehr in das Bereich der Logik fiele als die
sicher und rasch die Identität einer Behauptung zu unterscheiden wenn sie durch
eine sprachliche Verschiedenheit verdeckt ist Das wichtige Kapitel in den
Abhandlungen über Logik welches sich auf die Opposition der Urteile bezieht
und die vortreffliche technische Sprache welche die Logik darbietet um die
verschiedenen Arten und Modi der Opposition zu unterscheiden sind hauptsächlich
für diesen Zweck von Nutzen Betrachtungen wie diese konträre Urteile können
beide falsch sein sie können aber nicht beide wahr sein subkonträre Urteile
können beide wahr sie können aber nicht beide falsch sein von zwei
kontradiktorischen Urteilen muss das eine wahr und das andere falsch sein von
zwei subalternierenden Urteilen beweist die Wahrheit des universellen die
Wahrheit des partikularen Urteils und die Falschheit des partikularen die
Falschheit des universellen aber nicht umgekehrt38 können auf den ersten
Blick sehr kunstgerecht und mysteriös erscheinen stellen sich jedoch bei
näherer Erklärung als zu einleuchtend heraus um so förmliche Behauptungen
nötig zu machen indem derselbe Aufwand von Erklärung der nötig ist um diese
Prinzipien verständlich zu machen auch die Wahrheiten welche sie in einem
vorkommenden besonderen Falle mitführen erkennen lassen würde In dieser
Beziehung stehen indessen diese Axiome der Logik auf gleicher Linie mit denen
der Mathematik Dass Dinge welche demselben Ding gleich sind auch einander
selbst gleich sind ist in einem besonderen Falle ebenso einleuchtend wie in der
allgemeinen Behauptung und wenn solche allgemeinen Grundsätze niemals
aufgestellt worden wären so wären die Beweise in Euklid doch niemals durch die
Schwierigkeit über die durch diese Axiome jetzt ausgefüllte Lücke
hinwegzuschreiten aufgehalten worden Dennoch hat es noch Niemand getadelt
dass in den Schriften über Geometrie gleich im Anfang eine Liste jener
elementaren Generalisationen gegeben wird damit der Lernende die ihm bei jedem
Schritt nötige Fähigkeit übe eine allgemeine Wahrheit zu begreifen Und so
erlangt auch bei der Erörterung solcher Wahrheiten wie wir oben angeführt
haben der Logik Studierende die Gewohnheit einer vorsichtigen Auslegung der
Wörter und eines genauen Bemessens der Länge und Breite seiner Behauptungen
eine Gewohnheit welche zu den unumgänglichsten Bedingungen einer irgend wie
bedeutenden geistigen Vollkommenheit gehört und die zu pflegen einer der
Hauptzwecke der logischen Disziplin ist
3 Nachdem wir von dem eigentlich sogenannten Schließen oder Folgern die
Fälle ausgeschlossen haben wo das Fortschreiten von einer Wahrheit zur andern
nur scheinbar ist indem der logische Nachsatz nur eine Wiederholung des
logischen Vordersatzes ist gehen wir nun zu den Folgerungen in der eigentlichen
Bedeutung des Wortes über zu denen wo wir von bekannten Wahrheiten ausgehen
um zu anderen zu gelangen die von diesen wirklich verschieden sind
Schließen in dem weiten Sinne in dem ich das Wort gebrauche und in dem es
synonym mit Folgern ist ist der gewöhnlichen Annahme nach von zweierlei Art
Schließen vom Besonderen aufs Allgemeine und Schließen vom Allgemeinen aufs
Besondere das erstere wird Induktion das letztere Syllogismus ratiocinatio
genannt Es wird sogleich gezeigt werden dass es noch eine dritte Schlussweise
gibt die keiner dieser beiden angehört die aber nichtsdestoweniger nicht
allein gültig sondern sogar die Grundlage der beiden anderen ist
Es ist zu bemerken nötig dass die Ausdrücke Schließen vom Besonderen
aufs Allgemeine und Schließen vom Allgemeinen aufs Besondere sich mehr durch
Kürze als durch Genauigkeit empfehlen und ohne die Beihilfe eines Kommentars
den unterschied zwischen Induktion in dem eben angeführten Sinne und dem
Syllogismus nicht in angemessener Weise wiedergeben Die Ausdrücke sollen
bedeuten Induktion ist ein Urteil aus weniger allgemeinen Urteilen als es
selbst ist folgern und der Syllogismus ist ein Urteil aus gleich oder mehr
allgemeinen Urteilen folgern Wenn wir von der Beobachtung einer Anzahl von
einzelnen Fällen zu einem allgemeinen Urteile aufsteigen oder wenn wir durch
die Verbindung einer Anzahl allgemeiner Urteile ein noch allgemeineres Urteil
folgern so Wird das in beiden Fällen wesentlich gleiche Verfahren Induktion
genannt Wenn wir aus einem allgemeinen Urteile aber nicht aus ihm allein
denn aus einem einzigen Urteile kann nichts geschlossen werden was nicht
schon in dessen Worten läge sondern in Verbindung mit anderen Urteilen ein
Urteil von demselben Grad von Allgemeinheit wie es selbst oder ein weniger
allgemeines oder auch ein bloß einzelnes Urteil folgern so ist dies
Verfahren ein Syllogisieren Kurz wenn der Schluss allgemeiner als die weiteste
der Prämissen ist so heißt das Argument Induktion wenn weniger oder gleich
allgemein Syllogismus
Da alle Erfahrung mit einzelnen Fällen beginnt und von ihnen zum Allgemeinen
fortschreitet so könnte es dem natürlichen Gedankengange am angemessensten
erscheinen dass die Induktion vor dem Syllogismus abgehandelt werde Bei einer
Wissenschaft welche unser erlangtes Wissen auf seine Quellen zurückzuführen
sucht wird es aber vorteilhafter erscheinen die Untersuchung bei den letzten
und nicht bei den ersten Stufen des Aufbaues unseres Wissens anzufangen und
abgeleitete Wahrheiten rückwärts bis zu den Wahrheiten zu verfolgen von denen
sie abgeleitet sind und von denen ihr Beweis abhängig ist ehe wir die
ursprüngliche Quelle anzugeben versuchen welcher zuletzt beide entspringen Die
Vorteile dieses Verfahrens werden sich später in einer Weise zeigen die eine
jede weitere Rechtfertigung oder Erklärung überflüssig macht
Von der Induktion werden wir daher für jetzt nicht mehr sagen als dass sie
ohne Zweifel zum wenigsten eine wirkliche Folgerung ist Der Schluss umfasst in
der Induktion mehr als in den Prämissen enthalten ist Das aus besonderen Fällen
gefolgerte Prinzip oder Gesetz das allgemeine Urteil dem wir das Resultat
unserer Erfahrung einverleiben bedeckt ein weiteres Feld als die einzelnen
Beobachtungen die man seine Basis nennt Ein durch die Erfahrung bestimmtes
Prinzip ist etwas mehr als ein bloßes Summieren von dem was in den einzelnen
Fällen die geprüft wurden beobachtet worden ist es ist eine auf jene Fälle
gegründete Generalisation und drückt unsern Glauben aus dass das was wir dort
wahr gefunden haben in einer unbestimmten Anzahl von Fällen die wir nie
geprüft haben und wahrscheinlich auch niemals prüfen werden ebenfalls wahr ist
Die Natur und die Gründe dieser Folgerung so wie auch die Bedingungen welche
sie zulässig machen werden den Gegenstand des dritten Buches ausmachen dass
aber eine solche Folgerung wirklich stattfindet ist außer aller Frage Bei
einer jeden Induktion gehen wir von Wahrheiten die wir wussten zu Wahrheiten
die wir nicht wussten über von durch die Erfahrung bestätigten Tatsachen zu
Tatsachen die wir nicht beobachtet haben und sogar zu Tatsachen die wie
zukünftige Tatsachen der Beobachtung gar nicht zugänglich sind die wir aber
auf die bloße Evidenz der Induktion selbst hin keinen Anstand nehmen zu
glauben
Die Induktion ist daher ein wirkliches Schließen oder Folgern Ob und
wieweit dies vom Syllogismus behauptet werden kann bleibt durch die nun
folgende Untersuchung zu entscheiden
1 Die Analyse des Syllogismus findet sich so genau und vollständig in
den gewöhnlichen Handbüchern der Logik dass es hinreichend ist in diesem Werk
das nicht zu einem Handbuch bestimmt ist die Hauptresultate dieser Analyse
memoriae causa anzuführen damit sie als eine Grundlage für die Bemerkungen
dienen die wir später über die Funktionen des Syllogismus und über die Stelle
welche er in der Wissenschaft einnimmt machen werden
Der echte Syllogismus verlangt drei und nicht mehr als drei Urteile
nämlich den Schlusssatz conclusio oder das zu beweisende Urteil und zwei
andere Urteile welche diesen beweisen und welche die Prämissen propositiones
praemissae genannt werden Es ist wesentlich dass nur drei Hauptbegriffe
vorhanden seien nämlich das Subjekt und Prädikat des Schlusses und der
sogenannte Mittelbegriff terminus medius der in beiden Prämissen vorkommen
muss indem er die beiden anderen Begriffe mit einander verbindet Das Prädikat
des Schlusssatzes wird der Oberbegriff terminus major des Syllogismus genannt
das Subjekt des Schlusssatzes heißt Unterbegriff terminus minor Da nur drei
Hauptbegriffe vorhanden sein können so müssen sich der Oberbegriff und der
Unterbegriff in einer und nur in einer der Prämissen mit dem Mittelbegriff der
in beiden ist zusammenfinden Die Prämisse welche den Mittelbegriff und den
Oberbegriff enthält wird Obere Prämisse diejenige welche den Mittelbegriff
und den Unterbegriff enthält die Untere Prämisse genannt
Von einigen Logikern wird der Syllogismus in drei Figuren eingeteilt von
anderen in vier je nach der Stellung des Mittelsatzes der entweder in beiden
Prämissen das Subjekt in beiden das Prädikat oder in dem einen das Subjekt und
in dem andern das Prädikat sein kann Der gewöhnlichste Fall ist der wo der
Mittelsatz das Subjekt der oberen Prämisse ist Dies wird als die erste Figur
genommen Wenn der Mittelsatz das Prädikat in beiden Prämissen ist so gehört
der Syllogismus zur zweiten Figur wenn er das Subjekt in beiden ist zur
dritten In der vierten Figur ist der Mittelsatz das Subjekt der untern Prämisse
und das Prädikat der oberen Die Autoren welche nur drei Figuren annehmen
schließen diesen Fall in der ersten Figur mit ein
Eine jede Figur ist in Modi eingeteilt je nach der sogenannten Quantität
und Qualität der Urteile dh je nachdem dieselben allgemein oder partikular
bejahend oder verneinend sind Die folgenden sind Beispiele aller echten Modi
dh aller jener in denen der Schluss in richtiger Weise aus den Prämissen folgt
A ist der Unterbegriff C der Oberbegriff B der Mittelbegriff
Erste Figur39
B a C B e C B a C B e C
A a B A a B A i B A i B
A a C A e C A i C A o C
Zweite Figur
C e B C a B C e B C a B
A a B A e B A i B A o B
A e C A e C A o C A o C
Dritte Figur
B a C C e C B i C B a C B o C B e C
B a A B a A B a A B i A B a A B i A
A i C A o C A i C A i C A o C A o C
Vierte Figur
C a B C a B C i B C c B C e B
B a A B e A B a A B a A B i A
A i C A e C A i C A o C A o C
In diesen Mustern oder Formularen für Syllogismen ist den Einzelurteilen
keine Stelle angewiesen natürlich nicht weil solche Urteile im Syllogismus
nicht gebraucht werden sondern weil sie da ihr Prädikat von dem Ganzen des
Subjekts behauptet oder verneint wird für den Zweck des Syllogismus zu den
allgemeinen Urteilen gerechnet werden Die zwei Syllogismen
Alle Menschen sind sterblich
Alle Könige sind Menschen
daher
Sind alle Könige sterblich
Alle Menschen sind sterblich
Sokrates ist ein Mensch
daher
Ist Sokrates sterblich
sind auf diese Weise genau ähnliche Argumente und gehören beide zum ersten Modus
der ersten Figur
Die Gründe warum Syllogismen von der obigen Form echt sind dh warum bei
der Wahrheit der Prämissen auch der Schluss notwendig wahr sein muss und warum
dies nicht bei einem jeden andern möglichen Modus bei einer andern Verbindung
von allgemeinen und besonderen bejahenden und verneinenden Urteilen der Fall
ist wird jeder der an diesen Fragen ein Interesse nimmt entweder aus den
gewöhnlichen Lehrbüchern der Logik gelernt haben oder wird er im Stande sein
selbst zu erraten Für eine jede nötige Erklärung kann der Leser indessen auf
Erzbischof Whatelys Elemente der Logik verwiesen werden die ganze Lehre vom
Syllogismus wird er dort mit philosophischer Präzision und mit einer
merkwürdigen Klarheit auseinandergesetzt finden
Ein jeder gültige Syllogismus ein jedes Schließen durch welches aus
vorher zugegebenen Urteilen gleich oder weniger allgemeine Urteile gefolgert
werden stellt sich in einer der obigen Formen dar Der ganze Euklid könnte ohne
Schwierigkeit in eine Reihe von nach Modus und Figur regelmäßigen Syllogismen
gefasst werden
Obgleich ein nach irgend einer dieser Formeln gebildeter Syllogismus ein
gültiges Argument darstellt so lässt ein richtiges Schließen doch nur den
Syllogismus nach der ersten Figur zu Die Regeln nach welchen ein Argument in
einer der anderen Figuren der ersten Figur angepasst wird heißen Regeln für
die Reduktion des Syllogismus Es geschieht durch die Umwandlung der einen oder
der andern oder auch beider Prämissen So kann ein Argument nach dem ersten
Modus der zweiten Figur wie
Kein C ist B
Alles A ist B
folglich ist
Kein A C
in folgender Weise reduziert werden Da das Urteil Kein C ist B ein
allgemeines negatives ist so lässt es eine einfache Umwandlung zu und kann in
Kein B ist C geändert werden wie wir gezeigt haben ist dies dieselbe
Behauptung mit anderen Worten wiedergegeben dieselbe Tatsache nur verschieden
ausgedrückt Nach dieser Transformation nimmt das Argument folgende Form an
Alles B ist C
Alles B ist A
folglich ist
Ein Teil von A C
wo die untere Prämisse Alles B ist A nach dem was im letzten Kapitel bezüglich
allgemeiner bejahender Urteile aufgestellt worden ist zwar keine einfache
Umwandlung zulässt aber per accidens umgewandelt werden kann in dieser Weise
nämlich Ein Teil von A ist B Obgleich dies nicht das ganze in dem Urteil
Alles B ist C Behauptete ausdrückt so drückt es doch wie früher gezeigt wurde
einen Teil davon aus und muss daher wahr sein wenn das Ganze wahr ist Als
Resultat der Reduktion haben wir daher den folgenden Syllogismus nach dem
dritten Modus der ersten Figur
Alles B ist C
Ein Teil von A ist B
woraus augenscheinlich folgt dass
Ein Teil von A C ist
In derselben Weise oder in einer Weise über die wir uns nach diesen
Beispielen nicht weiter auszulassen brauchen kann ein jeder Modus der zweiten
dritten oder vierten Figur auf einen der vier Modi der ersten Figur reduziert
werden mit anderen Worten ein jeder Schluss der nach einer der drei letzteren
Figuren bewiesen werden kann kann nach einer kleinen Veränderung in der
Ausdrucksweise aus denselben Prämissen nach der ersten Figur bewiesen werden
Ein jeder gültige Syllogismus kann daher in der ersten Figur angegeben dh in
eine der folgenden Formen gekleidet werden
Alles B ist C Kein B ist C
Alles A Jedes A
Einiges A Einiges A
ist B ist B
folglich folglich
Alles A Kein A ist
Einiges A Einiges A ist nicht
ist C C
Oder wenn bezeichnendere Symbole vorgezogen werden Um ein bejahendes
Urteil zu beweisen muss das Argument in der folgenden Form anzugeben sein
Alle Tiere sind sterblich
Alle Menschen
Einige Menschen sind Tiere
Sokrates
folglich sind
Alle Menschen
Einige Menschen sterblich
Sokrates
Um ein negatives Urteil zu beweisen muss das Argument in folgender Form
ausgedrückt werden können
Niemand der der Selbstbeherrschung fähig ist notwendig lasterhaft
Alle Neger
Einige Neger sind der Selbstbeherrschung fähig
Herr Ns Neger
daher
Sind Keine Neger
Sind Einige Neger nicht notwendig lasterhaft
Ist Herr Ns Neger nicht
Obgleich ein jeder Syllogismus in die eine oder die andere dieser Formen
gefasst werden kann und durch die Transformation zuweilen bedeutend in der
Klarheit und Augenscheinlichkeit seiner Folgerichtigkeit gewinnt so gibt es
doch ohne Zweifel Fälle wo das Argument naturgemäßer einer der anderen drei
Figuren angehört und wo seine Schlussrichtigkeit sich in jenen Figuren auf den
ersten Blick besser zeigt als nach der Reduktion auf die erste Figur Wenn das
Urteil wäre dass Heiden tugendhaft sein können und Aristides wäre das
Beispiel um dies zu beweisen so würde ein Syllogismus von der dritten Figur
Aristides war tugendhaft
Aristides war ein Heide
folglich
War ein Teil der Heiden tugendhaft
eine natürlichere Form der Argumentation sein und würde die Überzeugung eher
mit sich führen als der in die erste Figur gezwängte Syllogismus wie
Aristides war tugendhaft
Ein Teil der Heiden war Aristides
folglich
War ein Teil der Heiden tugendhaft
Ein deutscher Philosoph Lambert dessen Neues Organon im Jahre 1764
veröffentlicht unter anderen Dingen eine so durchgearbeitete und vollständige
Darlegung der syllogistischen Lehre enthält wie sie je gemacht wurde hat
besonders geprüft welche Arten von Argumenten am natürlichsten und passendsten
unter eine jede der vier Figuren fallen und seine Untersuchung charakterisiert
sich durch großen Scharfsinn und Gedankenklarheit40 Das Argument ist indessen
ein und dasselbe in welcher Figur es auch ausgedrückt sei denn die Prämissen
eines Syllogismus nach der zweiten dritten oder vierten Figur und diejenigen
des Syllogismus nach der ersten Figur auf die er zurückgeführt werden kann
sind wie wir schon sahen in allem dieselben Prämissen ausgenommen in der
Sprache oder wenigstens ist soviel von ihnen als zum Beweis des Schlusses
beiträgt einerlei Es steht uns daher frei in Übereinstimmung mit der
allgemeinen Ansicht der Logiker die zwei elementaren Formen der ersten Figur als
die allgemeinen Typen eines richtigen Schließens zu betrachten die eine wenn
der zu beweisende Schluss bejahend die andere wenn er verneinend ist wenn
auch gewisse Argumente eine Neigung haben sich in die Formen der zweiten
dritten und vierten Figur zu kleiden dies kann indessen möglicherweise bei der
einzigen Klasse von Argumenten die von höchster wissenschaftlicher Bedeutung
sind bei denen wo der Schluss eine Bejahung ist nicht vorkommen indem
derartige Schlüsse nur des Beweises in der ersten Figur fähig sind41
2 Wenn wir daher diese beiden allgemeinen Formeln prüfen so finden wir
dass in beiden die eine Prämisse die obere ein allgemeines Urteil und je
nachdem dieses bejahend oder verneinend ist es auch der Schluss ist Ein jeder
Syllogismus geht daher von einem allgemeinen Urteil Prinzip oder Annahme aus
von einem Urteil in dem das Prädikat von einer ganzen Klasse affirmiert oder
negiert wird dh in welchem ein Attribut oder die Negation eines Attributs von
einer unbestimmten Anzahl von durch ein gemeinsames charakteristisches Merkmal
unterschiedenen und daher mit einem gemeinsamen Namen bezeichneten Gegenständen
behauptet wird
Die andere Prämisse ist immer bejahend und behauptet dass etwas was ein
Individuum eine Klasse oder ein Teil einer Klasse sein kann der Klasse in
Betreff deren in der oberen Prämisse etwas behauptet oder verneint worden ist
angehört oder in ihr eingeschlossen ist Es folgt hieraus dass die von der
ganzen Klasse behaupteten Attribute wenn wahr von dem in der Klasse
eingeschlossenen Gegenstand oder Gegenständen behauptet oder verneint werden
können und dies ist genau die in dem Schlusssatz gemachte Behauptung
Ob das Vorhergehende eine angemessene Beschreibung der Bestandteile des
Syllogismus ist oder nicht soll sogleich untersucht werden eine treue
Beschreibung ist sie soweit sie geht Auch ist sie demgemäß generalisiert und zu
einem logischen Grundsatz erhoben worden auf den ein jedes syllogistische
Schließen dergestalt gegründet ist dass man annimmt schließen und diesen
Grundsatz anwenden sei ein und dasselbe Der Grundsatz lautet dass das was
von einer Klasse behauptet oder verneint werden kann auch von jedem in der
Klasse eingeschlossenen Individuum behauptet oder verneint werden kann Dieses
Axiom das man für das Fundament der syllogistischen Lehre hält heißt bei den
Logikern das dictum de omni et nullo42
Als ein Prinzip des Schließen betrachtet scheint dieser Grundsatz einer
Metaphysik angepasst die man in den letzten zwei Jahrhunderten allgemein als
aufgegeben ansah wenn es auch in unseren Tagen nicht an Versuchen gefehlt hat
sie wieder zu beleben So lange die sogenannten Allgemeinen Dinge Universalien
als eine besondere Art von Substanzen betrachtet wurden die eine von den unter
ihnen klassifizierten individuellen Gegenständen unterschiedene objektive
Existenz besitzen hatte das dictum de omni et nullo eine wichtige Bedeutung
denn es drückte die Gemeinschaft der Natur aus welche man nach jener Lehre
notwendig als zwischen den allgemeinen Dingen und den ihnen untergeordneten
besonderen Dingen bestehend annehmen musste Dass man alles was von den
allgemeinen Dingen ausgesagt werden kann auch von den in ihnen enthaltenen
verschiedenen individuellen Dingen aussagen kann war damals kein identisches
Urteil sondern die Angabe eines fundamentalen Gesetzes des Universums Die
Behauptung dass die ganze Natur und die Eigenschaften der substantia secunda
einen Teil der Natur und Eigenschaften einer jeden mit demselben Namen
benannten individuellen Substanz ausmachen dass die Eigenschaften des Menschen
zB die Eigenschaften aller Menschen seien war ein Satz der eine wirkliche
Bedeutung hatte als der Mensch nicht alle Menschen bedeutete sondern etwas den
Menschen Inhärentes an Würde weit über ihnen Stehendes Gegenwärtig aber wo es
bekannt ist dass eine Klasse ein allgemeines Ding ein Genus oder eine Species
keine Entität per se ist sondern nichts mehr und nichts weniger als die in die
Klasse eingeordneten individuellen Substanzen selbst und dass an der Sache
nichts Reales ist als diese Gegenstände selbst ein ihnen gemeinsam gegebener
Name und die durch diesen Namen bezeichneten gemeinsamen Attribute gegenwärtig
also möchte ich gern wissen was wir dadurch lernen dass man uns sagt dass was
von einer Klasse affirmiert werden kann auch von jedem in der Klasse enthaltenen
Individuum affirmiert werden kann Die Klasse ist nichts als die in ihr
enthaltenen Gegenstände und das dictum de omni et nullo ist nichts als das
identische Urteil dass was von gewissen Gegenständen wahr ist auch von einem
jeden dieser Gegenstände wahr ist Wenn alles syllogistische Schließen nichts
als die Anwendung dieses Grundsatzes auf besondere Fälle wäre so wäre der
Syllogismus in der That das wofür er so oft erklärt worden ist eine bloße
Spielerei Der Syllogismus steht auf gleicher Linie mit einer andern Wahrheit
der man seiner Zeit auch eine große Wichtigkeit beigelegt hat »Was ist ist«
Um dem dictum de omni et nullo eine wirkliche Bedeutung zu geben muss man es
nicht als ein Axiom sondern man muss es als eine Definition betrachten wir
müssen annehmen dass es die Bestimmung habe die Bedeutung des Wortes Klasse in
einer weitschweifigen und paraphrastischen Weise zu erklären
Ein Irrtum der für immer widerlegt und aus den Gedanken verwischt scheint
bedarf häufig nur einer neuen Bekleidung von Phrasen damit ihm in seinem alten
Quartier ein Willkomm bereitet und für einen neuen Cyclus von Jahrhunderten eine
unangefochtene Ruhe zugestanden werde Die neuern Philosophen sparten keine
Verachtung für das scholastische Dogma dass die Genera und Species eine
besondere Art von Substanzen sind welche allgemeinen Substanzen die einzigen
beständigen Dinge darstellen während die in ihnen enthaltenen individuellen
Substanzen in einem fortwährenden Fluss bleiben dass sich also die Erkenntnis
worin notwendig Stabilität inbegriffen ist nur auf diese allgemeinen
Substanzen oder Dinge und auf die in ihnen enthaltenen Tatsachen oder
besonderen Dingen beziehen kann Aber wenn auch dem Namen nach aufgegeben so
hat diese Lehre doch niemals aufgehört sei es unter der Maske der abstrakten
Ideen von Locke dessen Spekulationen indessen vielleicht weniger dadurch
verschändet wurden als die eines jeden andern dadurch infizierten
Schriftstellers unter dem Ultranominalismus von Hobbes und Condillac oder der
Ontologie der späteren Kantianer die Philosophie zu vergiften Da die Menschen
einmal gewöhnt waren die wissenschaftliche Forschung als wesentlich in dem
Studium der Universalien bestehend zu betrachten so gaben sie diese Gewohnheit
auch nicht auf nachdem sie den Universalien ihre unabhängige Existenz benommen
hatten und sogar diejenigen welche soweit gingen sie als bloße Namen zu
betrachten konnten sich von der Vorstellung nicht frei machen dass die
Erforschung der Wahrheit gänzlich oder teilweise in einer Art Beschwörung oder
einer Gaukelei mit diesen Namen bestehe Ein Philosoph der die nominalistische
Ansicht von der Bedeutung der allgemeinen Sprache vollständig annahm und
zugleich das dictum de omni als die Grundlage alles Schließens beibehielt
musste wenn er ein konsequenter Denker war durch zwei solcher gehörig
zusammengestellter Prämissen zu überraschenden Schlüssen geführt werden Es
behaupteten demgemäß Autoren von verdienter Berühmtheit dass das Verfahren
durch Schließen zu neuen Wahrheiten zu gelangen einzig in der Substitution
einer Reihe von willkürlichen Zeichen für eine andere Reihe bestehe eine Lehre
welche nach ihrer Meinung durch das Beispiel der Algebra eine unwiderstehliche
Bestätigung erhielt Ich würde mich sehr verwundern wenn es in der Hexerei und
Nekromanie ein übernatürlicheres Verführen gäbe als dieses Den
Kulminationspunkt dieser Philosophie bildet der bekannte Aphorismus von
Condillac wonach eine Wissenschaft nichts oder kaum mehr ist als une langue
bien faite wonach mit anderen Worten die einzige genügende Regel für die
Entdeckung der Natur und Eigenschaften der Gegenstände in einer passenden
Benennung derselben besteht als wenn das Umgekehrte nicht wahr wäre dass es
unmöglich ist sie in geeigneter Weise zu benennen wenn nicht im Verhältnis
als wir mit ihrer Natur und ihren Eigenschaften bekannt werden Kann es nötig
werden zu sagen dass auch nicht das geringfügigste Wissen in Beziehung auf die
Dinge durch irgend eine denkbare Manipulation bloßer Namen jemals erlangt
werden könnte und dass das was wir von den Namen lernen können nichts anderes
ist als was der sie gebrauchende schon vorher wusste Die philosophische
Analyse bestätigt den Ausspruch des gemeinen Menschenverstandes dass die
Funktion der Namen nur die ist uns in Stand zu setzen uns unserer Gedanken zu
erinnern und sie mitzuteilen Dass sie auch und zwar bis zu einer
unberechenbaren Weite das Denkvermögen selbst starten ist sehr wahr aber sie
tun dies nicht durch eine innerliche und eigentümliche Tugend sondern durch
das einem künstlichen Gedächtnis inhärente Vermögen durch ein Instrument also
dessen mächtige Wirksamkeit nur Wenige gehörig erwogen haben Als ein
künstliches Gedächtnis ist die Sprache wahrhaft das was sie so oft genannt
wurde ein Werkzeug des Gedankens aber es ist ein Ding das Werkzeug zu sein
und ein anderes Ding der ausschließliche Gegenstand zu sein an dem das
Werkzeug gebraucht wird Wir denken in der That vermittelst der Namen in einer
ausgedehnten Weise aber die mit diesen Namen benannten Dinge sind es die wir
denken und es kann keinen größeren Irrtum geben als der Glaube dass wenn in
unserm Geist nichts wäre als Namen wir Gedanken ausführen könnten dass es
möglich wäre die Namen für uns denken zu lassen
3 Diejenigen welche das dictum de omni als die Grundlage des
Syllogismus betrachteten hatten von den Argumenten eine eben so irrtümliche
Ansicht wie Hobbes von den Urteilen hatte Da es einige bloß wörtliche
Urteile gibt so definierte Hobbes anscheinend um seine Definition streng
allgemein zu machen ein Urteil so als ob die Urteile nichts erklärten als
die Bedeutung von Wörtern Wenn Hobbes Recht hatte wenn von dem Inhalt der
Urteile keine andere Erklärung zu geben war als diese so konnte keine andere
als die allgemein angenommene Theorie von der Verbindung der Urteile in einem
Syllogismus aufgestellt werden Wenn die untere Prämisse nichts behauptete als
dass etwas zu einer Klasse gehört und wenn die obere Prämisse von dieser Klasse
nichts behauptete als dass sie in einer andern Klasse eingeschlossen ist so
würde der Schluss nur sein dass was in der untern Klasse eingeschlossen ist es
auch in der oberen ist und das Resultat würde demnach nur sein dass die
Klassifikation mit sich selbst übereinstimmt Wir haben aber gesehen dass es
nicht genügt von den Urteilen zu sagen dass sie etwas auf eine Klasse
beziehen oder von ihr ausschließen Ein jedes wirklich informierende Urteil
behauptet eine von Naturgesetzen und nicht von einer künstlichen Klassifikation
abhängige Tatsache Es behauptet dass ein gegebener Gegenstand ein gegebenes
Attribut besitzt oder nicht oder es behauptet dass zwei Attribute oder Reihen
von Attributen beständig oder gelegentlich zugleich existieren oder nicht Da
dies der Sinn aller Urteile ist die reales Wissen mittheilen und da der
Syllogismus ein Modus ist um reales Wissen zu erlangen so kann keine Theorie
des Syllogisierens welche diesen Inhalt der Urteile nicht anerkennt die wahre
sein
Wenn wir diese Ansicht von den Urteilen auf die zwei Prämissen des
Syllogismus anwenden so kommen wir zu folgendem Resultat Die obere Prämisse
welche wie bereite bemerkt immer universell ist behauptet dass alle Dinge
die ein gewisses Attribut oder Attribute besitzen damit zugleich ein anderes
Attribut oder Attribute besitzen Die untere Prämisse behauptet dass das Ding
oder die Reihe von Dingen woraus das Subjekt dieser Prämisse besteht das
zuerst erwähnte Attribut besitzt und der Schluss ist dass sie das zweite
besitzt oder nicht So sind in dem vorhergehenden Beispiel
Alle Menschen sind sterblich
Sokrates ist ein Mensch
daher ist
Sokrates sterblich
das Subjekt und Prädikat der oberen Prämisse mitbezeichnende Wörter welche
Gegenstände bezeichnen und Attribute mitbezeichnen Die Behauptung der oberen
Prämisse ist dass wir mit der einen der zwei Reihen von Attributen immer auch
die andere vorfinden dass die durch »Mensch« mitbezeichneten Attribute niemals
anders als von dem Sterblichkeit genannten Attribut begleitet existieren Die
Behauptung der untern Prämisse ist das das Individuum Sokrates die ersteren
Attribute besitzt und hieraus wird geschlossen dass es auch das Attribut
Sterblichkeit besitzt Oder wenn beide Prämisse allgemein sind
Alle Menschen sind sterblich
Alle Könige sind Menschen
daher sind
Alle Könige sterblich
so behauptet die untere Prämisse dass die durch Königtum bezeichneten
Attribute nur in Verbindung mit denen durch Mensch bezeichneten existieren Die
obere Prämisse behauptet wie vorher dass die letztgenannten Attribute niemals
ohne das Attribut Sterblichkeit angetroffen werden Der Schluss ist dass wo
die Attribute der Königswürde sind sich auch das Attribut Sterblichkeit findet
Wenn die obere Prämisse negativ wäre wie Keine Menschen sind allmächtig
so würde sie behaupten nicht dass sich die durch »Mensch« mitbezeichneten
Attribute mit dem durch »allmächtig« mitbezeichneten Attribut immer
zusammenfinden sondern dass sie niemals mit ihm zugleich vorkommen woraus in
Verbindung mit der untern Prämisse geschlossen wird dass dieselbe
Unverträglichkeit zwischen den Attributen Allmacht und den Attributen eines
Könige stattfindet In ähnlicher Weise können wir ein jedes andere Beispiel von
einem Syllogismus zerlegen
Wenn wir dieses Verfahren verallgemeinern und das Prinzip oder das Gesetz
suchen das in einer jeden derartigen Folgerung enthalten ist und bei einem
jeden Syllogismus dessen Urteile etwas mehr als Wörtlich sind vorausgesetzt
wird so finden wir nicht das bedeutungslose dictum de omni et nullo sondern
einen fundamentalen Grundsatz oder vielmehr zwei Grundsätze welche den Axiomen
der Mathematik auffallend ähnlich sind Das erste ist der Grundsatz des
bejahenden Syllogismus und lautet Dinge welche mit demselben Ding koexistieren
zugleich sind koexistieren miteinander Der zweite ist der Grundsatz des
verneinenden Syllogismus und heißt Ein Ding das mit einem andern Dinge
existiert mit dem ein drittes Ding nicht zugleich ist koexistiert nicht mit
diesem dritten Ding Diese Axiome beziehen sich offenbar auf Tatsachen und
nicht auf etwas Konventionelles und das eine oder das andere bildet den Grund
der Gültigkeit eines jeden Arguments in dem Tatsachen und nicht etwas
Konventionelles den behandelten Gegenstand ausmachen43
4 Es ist nun noch diese Darstellung des Syllogismus aus der einen in die
andere der zwei Sprachen zu übersetzen in denen wie früher bemerkt44 alle
Urteile und daher auch natürlich alle Verbindungen von Urteilen ausgedrückt
werden können Wir haben gesehen dass ein Urteil unter zwei verschiedenen
Gesichtspunkten betrachtet werden kann nämlich als ein Teil unserer Kenntnis
der Natur und als ein Memorandum das uns als ein Wegweiser dienen kann Von
dem ersten oder theoretischen Gesichtspunkte aus ist ein bejahendes allgemeines
Urteil die Behauptung einer theoretischen Wahrheit nämlich die dass was ein
gewisses Attribut besitzt auch ein gewisses andere Attribut besitzt Von dem
andern Gesichtspunkte aus betrachtet stellt es sich nicht als ein Teil unseres
Wissens sondern als ein Hilfsmittel für unsere praktischen Bedürfnisse dar
indem es uns in den Stand setzt wenn wir sehen oder erfahren dass ein
Gegenstand eines der zwei Attribute besitzt zu folgern dass er auch das andere
besitzt indem wir so das erste Attribut als ein Merkmal oder Beweis des andern
gebrauchen So betrachtet entspricht ein jeder Syllogismus der folgenden
allgemeinen Formel
Das Attribut A ist ein Merkmal vom Attribut B
Der gegebene Gegenstand besitzt das Merkmal A
daher
Besitzt der gegebene Gegenstand das Attribut B
Auf diesen Typus bezogen werden die zuletzt als Beispiele von Syllogismen
angeführten Argumente in folgender Weise ausgedrückt
Die Attribute des Menschen sind ein Merkmal des Attributs Sterblichkeit
Sokrates besitzt die Attribute des Menschen
daher
Besitzt Sokrates das Attribut Sterblichkeit
Ebenso
Die Attribute des Menschen sind ein Merkmal des Attributs Sterblichkeit
Die Attribute eines Königs sind ein Merkmal der Attribute des Menschen
daher
Sind die Attribute eines Königs ein Merkmal des Attributs Sterblichkeit
Und zuletzt
Die Attribute des Menschen sind ein Merkmal von der Abwesenheit des Attributs
Allmacht
Die Attribute eines Königs sind ein Merkmal der Attribute des Menschen
daher
Sind die Attribute eines Königs ein Merkmal der Abwesenheit der durch das Wort
allmächtig bezeichneten Attribute oder sie sind ein Beweis von der Abwesenheit
dieser Attribute
Um mit dieser Änderung in der Form des Syllogismus übereinzustimmen müssen die
Axiome auf welche das syllogistische Verfahren gegründet ist eine ähnliche
Veränderung erfahren In veränderter Ausdrucksweise können beide Axiome in einen
allgemeinen Ausdruck zusammengefasst werden in den nämlich was irgend ein
Merkmal besitzt besitzt auch das wovon es ein Merkmal ist Oder wenn sowohl
die untere als auch die obere Prämisse allgemein ist Was ein Merkmal von
irgend einem Merkmal ist auch ein Merkmal von dem wovon letzteres ein Merkmal
ist
Die Identität dieser und der früher aufgestellten Axiome aufzufinden bleibt dem
intelligenten Leser überlassen Wir werden finden dass die letzte
Ausdrucksweise sehr bequem und besser geeignet ist als eine jede andere mir
bekannte um genau und kräftig auszudrücken was in einem jeden Fall von
Bestimmung einer Wahrheit durch den Syllogismus bezweckt und wirklich erreicht
wird
1 Im Gegensatz zu der mehr oberflächlichen Weise der gewöhnlichen
Theorie haben wir gezeigt welches die wirkliche Natur der Wahrheiten ist von
denen der Syllogismus handelt und welches die fundamentalen Axiome sind von
denen seine Beweiskraft abhängig ist Wir haben nun zu untersuchen ob das
syllogistische Verfahren das Schließen vom Allgemeinen aufs Besondere ein
Folgern ist oder nicht ob es ein Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten
ein Mittel ist zur vorher nicht besessenen Kenntnis von etwas zu gelangen
Die Logiker haben diese Frage in einer merkwürdig übereinstimmenden Weise
beantwortet Er wird allgemein zugeben dass der Syllogismus fehlerhaft ist
wenn im Schluss mehr liegt als in den Prämissen vorausgesetzt wurde Dies
heißt aber in der That nichts anders als dass durch den Syllogismus niemals
etwas bewiesen worden ist oder werden konnte was nicht schon vorher bekannt
oder als bekannt angenommen war Ist dann aber der Syllogismus nicht ein
Folgern Und hat der Syllogismus für den man das Wort Schließen als besonders
angemessen hielt wirklich gar keinen Anspruch auf diese Benennung Dies scheint
eine unvermeidliche Folge der von allen Autoren zugestandenen Lehre zu sein ein
Syllogismus könne nichts beweisen was nicht schon in den Prämissen enthalten
ist Demnach aber hielt dieses so klare Bekenntnis eine Anzahl von
Schriftstellern nicht ab den Syllogismus immer noch darzustellen als wäre er
die richtige Analyse von dem was der Geist bei dem Entdecken und Beweisen der
größeren Hälfte der von uns geglaubten wissenschaftlichen oder alltäglichen
Wahrheiten wirklich verrichtet während diejenigen welche diese Inkonsequenz
vermieden und den allgemeinen Lehrsatz bezüglich des logischen Wertes des
Syllogismus bis zu seinem rechtmäßigen Folgesatz durchgeführt haben sich
verleiten ließen auf Grund der petitio principii die nach ihnen einem jeden
Syllogismus inwohnt der syllogistischen Theorie selbst Nutzlosigkeit und
Frivolität vorzuwerfen Da ich beide Meinungen für fundamental irrig halte so
muss ich die Aufmerksamkeit des Lesers für gewisse Betrachtungen beanspruchen
ohne die mir eine richtige Würdigung des wahren Charakters des Syllogismus und
der Funktionen welche er in der Philosophie erfüllt unmöglich erscheint die
aber sowohl von den Anhängern als von den Gegnern der syllogistischen Lehre
entweder übersehen oder nicht genau beachtet worden zu sein scheinen
2 Es muss zugegeben werden dass als ein Argument betrachtet das den
Schluss beweisen soll in einem jeden Syllogismus petitio principii liegt Wenn
wir sagen
Alle Menschen sind sterblich
Sokrates ist ein Mensch
daher
Ist Sokrates sterblich
so bestehen die Gegner der syllogistischen Lehre auf der unwiderlegbaren
Behauptung dass das Urteil Sokrates ist sterblich in der allgemeineren
Annahme Alle Menschen sind sterblich schon vorausgesetzt liegt dass wir nicht
von der Sterblichkeit aller Menschen überzeugt sein können wenn wir nicht schon
der Sterblichkeit aller individueller Menschen gewiss sind das wenn es noch
zweifelhaft ist ob Sokrates oder irgend ein anderes genanntes Individuum
sterblich ist oder nicht derselbe Grad von Ungewissheit der ganzen Behauptung
Alle Menschen sind sterblich eigen ist dass der allgemeine Grundsatz anstatt
als Beweis für den besonderen Fall zu dienen nicht eher für unbedingt wahr
gehalten werden kann bis ein jeder Schatten eines Zweifels bezüglich eines
jeden in ihm enthaltenen Falles durch einen Beweis aliunde beseitigt worden ist
und was bleibt dann dem Syllogismus zu beweisen übrig Kurz dass das Schließen
vom Allgemeinen aufs Besondere als solches nichts beweisen kann da man aus
einem allgemeinen Satz keine anderen besonderen Sätze folgern kann als die der
Hauptsatz schon als bekannt voraussetzt
Diese Lehre scheint mir unwiderleglich und wenn die Logiker obgleich sie
nicht im Stande waren sie zu bestreiten doch gewöhnlich sehr geneigt waren
sie hinweg zu erklären so geschah dies nicht weil sie in dem Argument selbst
einen Fehler entdecken konnten sondern weil die entgegengesetzte Meinung auf
ebenso unbestreitbaren Argumenten zu beruhen schien Ist es zB bei dem zuletzt
angeführten Syllogismus oder bei einem der früher konstruierten nicht klar
dass der Schluss für denjenigen dem er vorgelegt wird wirklich und bona fide
eine neue Wahrheit enthalten kann Ist es nicht eine Sache der täglichen
Erfahrung dass vorher ungeahnte Wahrheiten Tatsachen welche nicht direkt
beobachtet worden sind und nicht werden können vermittelst des allgemeinen
Schließens gewonnen werden Wir glauben dass der Herzog von Wellington
sterblich ist Wir wissen dies nicht aus der direkten Beobachtung da er noch
nicht tot ist Da dies nun so ist so würden wir auf die Frage woher wir
wissen dass der Herzog sterblich ist wahrscheinlich antworten Weil alle
Menschen sterblich sind Hier gelangen wir daher zur Kenntnis einer bis dahin
der Beobachtung nicht zugänglichen Wahrheit durch ein Schließen das in dem
folgenden Syllogismus darzustellen ist
Alle Menschen sind sterblich
Der Herzog von Wellington ist ein Mensch
daher
Ist der Herzog von Wellington sterblich
Da nun ein großer Teil unseres Wissens auf diese Weise erlangt wird so
bestanden die Logiker darauf den Syllogismus als einen Prozess des Schließens
und Beweisens darzustellen obgleich keiner unter ihnen die Schwierigkeit
aufgehellt hat welche aus der Unverträglichkeit dieser Behauptung mit dem
Grundsatz entsteht dass wenn in dem Schluss etwas liegt was nicht schon in den
Prämissen behauptet worden ist das Argument fehlerhaft ist denn einer solchen
nackten Ausflucht wie die Unterscheidung zwischen in den Prämissen implicite
enthalten sein und direkt in ihnen behauptet sein kann man unmöglich einen
wissenschaftlichen Werth beilegen Wenn Whately zB sagt45 der Gegenstand des
Schließens sei »bloß die Behauptungen auszubreiten und zu entfalten welche in
den Behauptungen von den wir ausgehen gleichsam eingehüllt und eingeschlossen
liegen und jemanden dahin zu bringen die volle Kraft von dem was er zugegeben
hat wahrzunehmen und anzuerkennen« so begegnet er wie ich glaube nicht der
wirklichen und zu erklärenden Schwierigkeit der nämlich woher es kommt dass
eine Wissenschaft wie die Geometrie in einigen wenigen Definitionen und Axiomen
»eingehüllt« sein kann Auch unterscheidet sich diese Verteidigung des
Syllogismus nicht viel von der Anklage seiner Gegner worin ihm vorgeworfen
wird dass er nur denjenigen von Nutzen sei welche die Folgen einer Einräumung
in welche sich jemand verstrickt hat ohne deren volle Kraft erwogen und
verstanden zu haben zu urgieren suchen Als ihr die obere Prämisse behauptetet
behauptetet ihr den Schluss aber ihr behauptetet ihn nur implicite sagt
Erzbischof Whately dies kann indessen hier nur so viel heißen als ihr
behauptetet ihn unbewusst aber wenn dem so ist so ersteht die Schwierigkeit
wieder in folgender Gestalt Hättet ihr es nicht wissen müssen Wäret ihr
berechtigt das allgemeine Urteil zu behaupten ohne euch von der Wahrheit von
allem darin Enthaltenen zu überzeugen Und wenn nicht was ist denn die
syllogistische Kunst anders als eine Vorrichtung um euch in einer Falle zu
fangen und darin festzuhalten46
3 Es scheint mir einen Ausweg aus dieser Schwierigkeit zu geben Das
Urteil der Herzog von Wellington ist sterblich ist offenbar eine Folgerang
es wird als ein Schluss aus etwas Anderem erhalten aber schließen wir es in
Wirklichkeit aus dem Urteil Alle Menschen sind sterblich Ich antwortete
nein
Der begangene Irrtum liegt glaube ich darin dass man den unterschied
zwischen den zwei Teilen des Philosophierens zwischen dem folgernden und dem
registrierenden Teil übersehen und dem letzteren die Funktionen des ersteren
zugeschrieben hat Der Irrtum liegt darin dass einer auf seine eigene Notizen
als den Ursprung seiner Erkenntnis verwiesen wird Wenn man jemand eine Frage
über etwas stellt und er kann sie nicht augenblicklich beantworten so kann er
seinem Gedächtnis damit an Hülfe kommen dass er in einem Memorandum das er
bei sich trägt nachschlägt Wenn er aber gefragt würde wie die Tatsache zu
seiner Kenntnis kam so würde er schwerlich antworten weil sie in seinem
Notizbuche verzeichnet war es müsste denn letzteres wie der Koran mit einer
Feder aus dem Flügel vom Engel Gabriel geschrieben worden sein
Angenommen das Urteil der Herzog von Wellington ist sterblich wäre eine
unmittelbare Folgerung aus dem Urteil Alle Menschen sind sterblich woher
haben wir denn die Kenntnis dieser allgemeinen Wahrheit Natürlich aus der
Erfahrung Nun sind aber alle Fälle die wir beobachten können individuelle
Fälle Aus diesen müssen alle allgemeinen Wahrheiten gezogen werden und in
diese müssen sie wieder aufgelöst werden können denn eine allgemeine Wahrheit
ist bloß ein Aggregat von einzelnen Wahrheiten ein umfassender Ausdruck
wodurch eine unbestimmte Anzahl von einzelnen Fällen auf einmal bejaht oder
verneint wird Aber ein allgemeines Urteil ist nicht bloß eine umfassende
Form um dem Gedächtnis eine Anzahl von einzelnen beobachteten Tatsachen
einzuprägen und zu erhalten die Generalisation ist nicht bloß ein Benennen
sie ist auch ein Folgern Wir fühlen uns berechtigt aus beobachteten Fällen zu
schließen dass das was wir in diesen Fällen wahr fanden in allen ähnlichen
noch so zahlreichen vergangenen gegenwärtigen und zukünftigen Fällen wahr
ist Vermittelst jener schätzbaren Einrichtung der Sprache die uns erlaubt von
Vielen so zu sprechen als wenn sie nur Eines wären verzeichnen wir alsdann
alles was wir beobachtet haben samt dem was wir aus unseren Beobachtungen
folgern in einen kurzen Ausdruck und haben uns so nur eines einzigen Urteils
anstatt einer endlosen Zahl zu erinnern Die Resultate vieler Beobachtungen
Folgerungen und Anweisungen um in unvorhergesehenen Fällen zahllose Folgerungen
zu machen sind in einen kurzen Satz zusammengefasst
Wenn wir daher aus dem Tod von Johann und Thomas und einem jeden andern
unserm Wissen nach dem Experiment Unterworfenen schließen dass der Herzog von
Wellington sterblich ist wie die übrigen so mögen wir in der That durch die
Generalisation Alle Menschen sind sterblich als einer Zwischenstation
hindurchgehen aber die Folgerung liegt nicht in der letzten Hälfte des
Verfahrens sie liegt nicht in dem Herabsteigen von allen Menschen herab bis auf
den Herzog von Wellington die Folgerung ist zu Ende nachdem wir behauptet
haben dass alle Menschen sterblich sind Was hernach noch zu tun bleibt ist
ein bloßes Entziffern unserer eigenen Notizen
Erzbischof Whately hat behauptet dass das Syllogisieren oder das Schließen
vom Allgemeinen auf das Besondere nicht wie gewöhnlich geglaubt wird ein
besonderer Modus des Schließens sondern die philosophische Analyse des Modus
sei in welchem alle Menschen schließen und schließen müssen wenn sie es
überhaupt tun Bei aller Achtung vor einer so hohen Autorität muss ich doch
glauben dass diesmal die gewöhnliche Vorstellung die richtigere ist Wenn wir
berechtigt sind aus unserer Erfahrung in Betreff von Johann Thomas etc die
einst lebten und nun tot sind zu schließen dass alle Menschen sterblich
sind so hätten wir ganz gewiss ohne logische Inkonsequenz aus diesen Fällen
geradezu schließen können dass auch der Herzog von Wellington sterblich ist
Die Sterblichkeit von Johann Thomas und Compagnie ist am Ende doch nur der
einzige Beweis den wir für die Sterblichkeit des Herzogs von Wellington haben
Durch das Einschalten eines allgemeinen Urteils wird dem Beweis kein Jota
hinzugefügt Da die individuellen Fälle den ganzen Beweis ausmachen den wir
besitzen können einen Beweis den keine logische Form grösser machen kann als
er ist und da dieser Beweis entweder an und für sich genügend ist oder wenn er
es für den einen Zweck nicht ist es auch für den andern nicht sein kann so bin
ich nicht im Stande zu sehen warum wir den Weg von diesen genügenden Prämissen
zum Schluss nicht abschneiden dürfen und durch das Fiat der Logiker gezwungen
sein sollten die »a priori Hochstraße« zu wandeln Ich vermag nicht
einzusehen warum es nicht möglich sein sollte von einem Platz nach dem andern
zu reisen ohne »den Berg hinauszumarschieren und dann wieder hinabzumarschieren«
Es mag der sicherste Weg und auf dem Gipfel des Berges mag ein Ruheplatz sein
der eine Aussicht auf die Umgebung darbietet aber für den bloßen Zweck an das
Ziel unserer Reise zu gelangen steht uns die Wahl des Weges ganz frei es ist
nur eine Frage der Zeit der Mühe und der Gefährlichkeit
Nicht allein dass wir vom Besondern aufs Besondere schließen können
sondern wir schließen sogar fortwährend so alle unsere frühzeitigen
Folgerungen sind dieser Art Von den ersten Tagen der Intelligenz an ziehen wir
Folgerungen aber Jahre vergehen ehe wir den Gebrauch der allgemeinen Sprache
lernen Das Kind welches seine Finger in das Feuer zu stecken vermeidet
nachdem es sie verbrannt hat hat geschlossen oder gefolgert wenn es auch
niemals an den allgemeinen Grundsatz Das Feuer brennt gedacht hat Es weiß
aus seiner Erinnerung dass es sich verbrannt hat und auf diesen Beweis hin
glaubt es wenn es Feuer sieht dass wenn es seine Finger hineinhalten es sich
wieder verbrennen würde Es glaubt dies in jedem einzelnen Fall und jedesmal
ohne über den gegenwärtigen Fall hinwegzusehen Es generalisiert nicht sondern
schließt vom Besondern auf das Besondere In ähnlicher Weise schließen auch
die Tiere Es ist kein Grand vorhanden irgend einem der unteren Tiere den
Gebrauch von Zeichen zuzuschreiben welche allgemeine Urteile möglich machen
aber diese Tiere benutzen ihre Erfahrung und vermeiden das wovon sie wissen
dass es ihnen Schmerz verursacht hat in derselben Weise wenn auch nicht immer
mit demselben Geschick wie ein menschliches Geschöpf Nicht allein das
gebrannte Kind sondern auch der gebrannte Hund scheut das Feuer
Ich glaube dass wenn wir aus unserer persönlichen Erfahrung und nicht aus
Grundsätzen die uns durch Bücher oder Tradition überliefert wurden Folgerungen
ziehen wir tatsächlich öfter direkt vom Besondern auf das Besondere
schließen als durch die Dazwischenkunft eines allgemeinen Urteils Wir
schließen fortwährend von uns auf andere oder von einer Persönlichkeit auf die
andere ohne uns die Mühe zu geben unsere Beobachtungen in allgemeine
Grundsätze zu fassen Wenn wir schließen dass jemand bei einer gegebenen
Gelegenheit so und so fühlen oder handeln wird so schließen wir allerdings
zuweilen aus einer weiteren Betrachtung der Art und Weise in der menschliche
Geschöpfe im allgemeinen oder Menschen von einem besonderen Charakter zu fühlen
oder zu handeln pflegen aber viel häufiger schließen wir aus der Bekanntschaft
mit den Gefühlen und Handlungen derselben Person in irgend einem früheren Fall
oder aus der Erwägung wie wir selbst fühlen oder handeln würden Nicht bloß die
Dorfmatrone die des Nachbars Kindes wegen zu einer Konsultation gerufen wurde
tut auf die Erinnerung und die Autorität des ähnlichen Falles hin den sie mit
ihrer Julie hatte ihren Ausspruch über die Krankheit und die Mittel dagegen
sondern wir alle folgen einer ähnlichen Richtschnur wenn wir nach keinem
bestimmten Grundsatz steuern können Haben wir nun eine ausgedehnte Erfahrung
und behalten wir ihre Eindrücke kräftig so können wir in dieser Weise ein sehr
bedeutendes und genaues Urteilsvermögen erlangen das wir zu rechtfertigen oder
anderen mitzuteilen gänzlich unfähig sein können Man hat bei vielen
praktischen Geistern von einer höheren Ordnung beobachtet wie
bewunderungswürdig sie ihre Mittel ihren Zwecken anpassten ohne für das was
sie taten genügende Gründe angeben zu können und wie sie ihnen fernliegende
Grundsätze die sie anzugeben außer Stande waren anwendeten oder anzuwenden
schienen Dies war eine natürliche Folge davon dass sie ihren Geist mit einem
Vorrat von geeigneten Einzelheiten angefüllt hatten und lange gewohnt waren
von diesen auf neue Einzelheiten zu schließen ohne sich oder Anderen die
entsprechenden allgemeinen Urteile anzugeben Ein alter Krieger ist nach einem
raschen Blick auf die Umrisse eines Feldes im Stande die nötigen Befehle für
eine geschickte Aufstellung seiner Truppen zu geben obgleich er wenn er nur
einen geringen theoretischen Unterricht empfangen hat und selten aufgefordert
worden ist anderen von seinem Verfahren Rechenschaft zu geben vielleicht
niemals einen einzigen allgemeinen Lehrsatz in Betreff der Beziehung zwischen
Schlachtfeld und Schlachtordnung in seinen Gedanken hatte Aber seine Erfahrung
welche er bei Anordnungen in mehr oder weniger ähnlichen Umständen machte hat
eine Anzahl von lebhaften unausgedrückten nicht generalisierten Analogien in
seinem Geiste hinterlassen wovon die angemessenste sich ihm augenblicklich
darbietet und ihn zu einer verständigen Aufstellung bestimmt
Die Geschicklichkeit ungebildeter Menschen in dem Gebrauch von Waffen oder
von Werkzeugen ist von einer ganz ähnlichen Natur Der Wilde der mit
unfehlbarer Hand den Wurf tut welcher seine Beute oder seinen Feind
niederbringt und der dies in der seinem Zwecke am besten entsprechenden Weise
und unter Bemessung aller notwendigen Bedingungen des Gelingens wie Schwere
und Gestalt der Waffen Richtung und Entfernung des Gegenstandes Einwirkung des
Windes etc tut verdankt diese Geschicklichkeit einer langen Reihe von
vorhergehenden Experimenten deren Resultat er gewiss niemals in wörtliche
Lehrsätze oder Regeln fasste Dasselbe kann im allgemeinen von andern
ungewöhnlichen Handfertigkeiten gesagt werden Es ist nicht lange her dass sich
ein schottischer Fabrikant zu hohem Lohn aus England einen Färber verschrieb
der wegen der Erzeugung feiner Farbenschattierungen berühmt war damit dieser
seinen eigenen Arbeitern diese Geschicklichkeit lehre Der Färber kam aber die
Art und Weise wie er die Mengenverhältnisse der Ingredienzien bestimmte in
denen das Geheimnis der Farbeffekten beruhte bestand darin dass er sie
handvollweise nahm während die gewöhnliche Methode im Abwägen derselben
bestand Der Fabrikant veranlasste ihn sein System in ein entsprechendes
Abwägesystem zu verändern damit das allgemeine Prinzip dieses eigentümlichen
Verfahrens bestimmt werden könne Der Mann fand sich aber gänzlich außer Stand
dies zu tun und konnte daher seine Geschicklichkeit auch Niemandem mittheilen
Er hatte aus den individuellen Fällen seiner eigenen Erfahrung in seinem Geist
einen Zusammenhang zwischen feinen Farbeffekten und Wahrnehmungen des Tastsinns
beim Handhaben der Farbematerialien hergestellt und aus diesen Wahrnehmungen
konnte er in einem besonderen Falle folgern welche Mittel anzuwenden waren und
welche Wirkungen damit erreicht werden würden aber er konnte andere nicht in
Besitz der Grundsätze bringen nach denen er verfuhr da er sie in seinem
eigenen Geiste niemals verallgemeinert und sie niemals in Worten ausgedrückt
hatte
Fast ein jeder kennt den Rath welchen Lord Mansfield einem Mann von gutem
praktischen Verstand gab der als Gouverneur einer Colonie in dem Gerichtshof
derselben den Vorsitz zu führen hatte der aber weder richterliche Erfahrung
noch juristische Bildung besaß Der Rath bestand darin die Entscheidung dreist
zu geben denn sie würde wahrscheinlich richtig sein sich aber niemals auf
Gründe einzulassen denn sie würden fast unfehlbar falsch sein In gewiss nicht
selten vorkommenden Fällen wie dieser wäre es absurd anzunehmen dass die
falschen Gründe die Ursache der richtigen Entscheidung wären Lord Mansfield
wusste dass irgend welche Gründe notwendig aus einer späteren Überlegung
hervorgehen würden während der Richter in Wirklichkeit durch die Eindrücke
seiner früheren Erfahrung geleitet wurde ohne den Umweg zu nehmen allgemeine
Grundsätze daraus zu bilden und dass wenn er versuchen würde dies zu tun er
sicher fehlgehen würde Lord Mansfield würde indessen nicht daran gezweifelt
haben dass ein Mann von gleicher Erfahrung dessen Geist mit allgemeinen
Urteilen erfüllt war die durch rechtmäßige Induktion aus dieser Erfahrung
abgeleitet waren als Richter bei weitem einem andern vorzuziehen gewesen wäre
dem man bei allem Scharfsinn nicht die Erklärung und Rechtfertigung seiner
eigenen Gründe überlassen konnte Die Fälle von talentvollen Menschen welche
wundervolle Dinge ausführen ohne zu wissen wie sind Beispiele der rohesten und
spontansten Form von den Verrichtungen höherer Geister Es ist eine
Unvollkommenheit derselben und häufig eine Quelle von Irrtümern beim
Fortschreiten nicht generalisiert zu haben aber die Generalisation wenn auch
ein Hilfsmittel und in der That das wichtigste von allen ist doch kein
wesentliches Hilfsmittel
Sogar der wissenschaftlich Unterrichtete der in der Form von allgemeinen
Urteilen eine systematische Aufzeichnung der Resultate der Erfahrung des ganzen
Menschengeschlechts besitzt braucht nicht jedesmal auf diese allgemeinen
Urteile zurückzukommen um diese Erfahrung auf einen neuen Fall anzuwenden
Dugald Stewart bemerkt ganz richtig dass obgleich in der Mathematik unser
Schließen gänzlich von den Axiomen abhängig ist es keineswegs für das Erkennen
der Gültigkeit des Beweises nötig ist dass wir die Axiome ausdrücklich
beachten Wenn gefolgert würde dass AB gleich CD ist weil jedes von ihnen
gleich EF ist so würde sobald nur die Urteile verstanden wären der
ungebildetste Verstand der Folgerung zustimmen ohne jemals von der allgemeinen
Wahrheit gehört zu haben dass »Dinge welche einem und demselben Dinge gleich
sind einander selbst gleich sind« Wenn diese Bemerkung von Stewart konsequent
durchgeführt wird so trifft sie wie ich glaube auf die Wurzel der Philosophie
des Syllogismus und es ist zu bedauern dass er selbst bei einer noch viel
beschränkteren Anwendung derselben stehen blieb Er sah dass die allgemeinen
Urteile von denen man das Schließen abhängig sein lässt in gewissen Fällen
hinweggelassen werden können ohne dessen Beweiskräftigkeit zu beeinträchtigen
Aber er hielt dies für eine den Axiomen angehörige Eigentümlichkeit und
schloss daraus dass die Axiome nicht die Fundamente oder die ersten Grundsätze
der Geometrie sind aus denen alle anderen geometrischen Wahrheiten synthetisch
abgeleitet werden ähnlich wie die Gesetze der Bewegung und die Zusammensetzung
der Kräfte in der Dynamik die gleiche Beweglichkeit der Flüssigkeiten in der
Hydrostatik die Gesetze der Reflexion und der Refraktion in der Optik die
ersten Grundsätze dieser Wissenschaften sind sondern dass sie nur notwendige
und in der That selbstverständliche Voraussetzungen sind deren Verneinung zwar
allen Beweis vernichten würde aber aus denen als aus Prämissen nichts
bewiesen werden kann In dem vorliegenden wie in vielen anderen Fällen hat
dieser gedankenvolle und elegante Schriftsteller eine wichtige Wahrheit
erblickt jedoch nur zur Hälfte Da er bei den geometrischen Axiomen fand dass
die Gemeinnamen nicht die Kräfte eines Talismans besitzen womit man neue
Wahrheiten aus dem Grabe der Dunkelheit heraufbeschwört und da er nicht sah
dass dies bei einer jeden andern Generalisation gleich wahr ist so behauptete
er dass die Axiome ihrer Natur nach unfruchtbar an Konsequenzen und dass die
Definitionen die wirklich fruchtbaren Wahrheiten die wirklichen ersten
Grundsätze der Geometrie seien dass zB die Definition des Kreises für die
Eigenschaften des Kreises das sei was die Gesetze des Gleichgewichts und des
Drucks der Luft für das Steigen des Quecksilbers im Barometer sind Aber alles
was er in Beziehung auf die Funktion auf welche sich die Axiome bei den
Beweisen der Geometrie beschränken behauptet hat gilt auch von den
Definitionen Ein jeder Beweis im Euklid könnte ohne dieselben geführt werden
Dies geht aus dem gewöhnlichen Verfahren hervor einen geometrischen Satz mit
Hülfe einer Figur zu beweisen Von welcher Voraussetzung gehen wir in
Wirklichkeit aus um eine der Eigenschaften des Kreises durch eine Figur zu
beweisen Nicht dass die Halbmesser in allen Kreisen gleich sind sondern nur
dass sie es in dem Kreis ABC sind Es ist wahr für die Berechtigung hierzu
appellieren wir an die Definition eines Kreises im allgemeinen aber es ist nur
nötig dass die Voraussetzung für den Fall des besonderen vorausgesetzten
Kreises zugegeben werde Aus diesem nicht allgemeinen sondern einzelnen
Urteil in Verbindung mit anderen Urteilen ähnlicher Art von denen wenn sie
generalisiert werden einige Definitionen andere Axiome genannt werden beweisen
wir dass ein gewisser Schluss nicht von allen Kreisen sondern von dem
besonderen Kreis ABC richtig ist oder es wenigstens sein würde wenn die
Tatsachen mit unseren Voraussetzungen genau übereinstimmten Die sogenannte
Aussage enunciatio dh der allgemeine Lehrsatz welcher dem Beweis
vorangesetzt ist ist nicht der wirklich bewiesene Satz Nur ein Fall wird
bewiesen aber das Verfahren wodurch dies geschieht kann wie wir bei der
Betrachtung seiner Natur sehen in einer unbestimmten Anzahl von anderen Fällen
genau kopiert werden in einem jeden Fall der gewissen Bedingungen entspricht
Die allgemeine Sprache versieht uns mit Wörtern welche diese Bedingungen
mitbezeichnen wir sind im Stande diese unbestimmte Menge von Wahrheiten in
einem einzigen Ausdruck zu behaupten und dieser Ausdruck ist der allgemeine
Lehrsatz Wenn wir bei unseren Beweisen den Gebrauch von Figuren fallen ließen
und den Buchstaben des Alphabets allgemeine Ausdrücke substituierten so könnten
wir den allgemeinen Lehrsatz direkt beweisen dh wir könnten alle Fälle auf
einmal beweisen Dies heißt aber nur dass wenn wir einen einzelnen Schluss
durch die Assumtion einer einzelnen Tatsache beweisen können wir in einem
jeden Falle einen genau ähnlichen Schluss ziehen können wo wir eine genau
ähnliche Annahme machen dürfen Die Definition ist eine Art Notiz die wir uns
und anderen bezüglich der Voraussetzungen geben welche zu machen wir uns für
berechtigt halten und so sind in allen Fällen die allgemeinen Urteile sie
mögen Definitionen Axiome oder Naturgesetze heißen welche wir beim Beginn
unseres Schließens aufstellen nur abgekürzte Angaben der besonderen Tatsachen
in einer Art Schnellschrift von denen wir je nach der Gelegenheit als von
bewiesenen Tatsachen glauben ausgehen zu dürfen oder die wir als wahr annehmen
wollen Bei einem jeden Beweis genügt es wenn wir für einen besonderen
wohlgewählten Fall annehmen was wir durch die Angabe der Definition oder des
Grundsatzes als dasjenige ankündigen was wir in allen Fällen die vorkommen
mögen vorauszusetzen beabsichtigen Die Definition des Kreises ist daher für
einen von Euklids Beweisen genau was nach Stewart die Axiome sind dh der
Beweis hängt nicht von ihr ab er wird aber dennoch ungültig wenn wir sie
verneinen Der Beweis beruht nicht auf der allgemeinen Annahme sondern auf
einer ähnlichen auf den besonderen Fall beschränkten Annahme da indessen dieser
Fall als eine Probe und ein Muster der ganzen in dem Theorem eingeschlossenen
Klasse von Fällen gewählt worden ist so kann kein Grund vorhanden sein in
diesem Falle gerade die Annahme zu machen welche nicht auch in einem jeden
andern existiert und wenn man die Assumtion als eine allgemeine Wahrheit
verneint so verneint man das Recht sie in einem besonderen Fall zu machen
Es sind ohne Zweifel reichlich Gründe vorhanden um sowohl die Grundsätze
als auch die Lehrsätze in ihrer allgemeinen Form anzugeben und diese Gründe
sollen sogleich so weit als eine Erklärung überhaupt erforderlich ist erklärt
werden Dass aber ungeübte Schüler sogar wenn sie sich eines Lehrsatzes
bedienen um einen andern Lehrsatz zu beweisen mehr von dem Besondern auf das
Besondere als von allgemeinen Urteilen schließen ergibt sich aus der
Schwierigkeit welche sie in der Anwendung eines Lehrsatzes auf einen Fall
finden wo die Gestalt der Figur in hohem Grade derjenigen der Figur unähnlich
sieht wodurch der ursprüngliche Lehrsatz bewiesen wurde eine Schwierigkeit
die wenn nicht ungewöhnliche Geisteskräfte zu Gebote stehen nur eine lange
Übung beseitigen kann und die hauptsächlich dadurch beseitigt wird dass wir
uns mit allen Figuren vertraut machen welche mit den allgemeinen Bedingungen
des Lehrsatzes übereinstimmen
4 Durch die bisher angeführten Betrachtungen scheinen folgende Schlüsse
bewiesen Alles Folgern geschieht vom Besondern auf das Besondere Allgemeine
Urteile sind bloße Aufzeichnungen solcher bereits gemachten Folgerungen und
kurze Formeln um deren mehr zu machen die obere Prämisse eines Syllogismus ist
folglich eine derartige Formel und der Schluss ist nicht eine aus dieser
sondern nach dieser Formel gezogene Folgerung indem das wirkliche logische
Antezedens die Prämissen die Tatsachen sind aus denen das allgemeine Urteil
durch Induktion geschlossen wurde Diese Tatsachen und die individuellen
Fälle welche sie lieferten mögen vergessen worden sein aber ein Verzeichnis
ein Register bleibt nicht dass dieses die Tatsachen selbst beschriebe sondern
es zeigt nur wie man diejenigen Fälle unterscheiden kann in deren Beziehung
die Tatsachen als sie bekannt wurden als die Gewähr einer richtigen Folgerung
betrachtet wurden Nach den Angaben dieses Registers machen wir unsern Schluss
der in jeder Hinsicht ein Schluss aus vergessenen Tatsachen ist Es ist daher
wesentlich dass wir das Register richtig lesen und die Regeln des Syllogismus
sind eine Reihe von Vorsichtsmaßregeln damit wir dies sicherer einhalten
Diese Ansicht von den Funktionen des Syllogismus wird durch die Betrachtung
gerade derjenigen Fälle bestätigt von denen man am wenigsten erwarten sollte
dass sie ihr günstig seien es sind dies diejenigen Fälle wo der Schluss von
einer jeden vorausgehenden Induktion unabhängig ist Wir haben schon bemerkt
dass in dem gewöhnlichen Gange unsers Schließens der Syllogismus nur die
letztere Hälfte des Weges von den Prämissen zum Schluss ist Es gibt indessen
einige besondere Fälle wo er das Ganze ausmacht Das Besondere allein kann der
Beobachtung unterworfen werden und alle Erkenntnis welche aus der Erfahrung
abgeleitet wird beginnt daher notwendig bei dem Besondern aber in Fällen von
einer gewissen Art kann man sich vorstellen es stamme unsere Erkenntnis aus
einer andern Quelle und nicht aus der Beobachtung Unsere Erkenntnis kann sich
darstellen als stamme sie aus einem Zeugnis das für die Gelegenheit und den
vorliegenden Zweck als den Charakter der Autorität besitzend angenommen wird
und man kann sich das so mitgeteilte Wissen vorstellen als umfasse es nicht
bloß besondere Tatsachen sondern auch allgemeine Urteile wie wenn eine
wissenschaftliche Lehre auf die Autorität des Schriftstellers hin ohne Prüfung
angenommen wird Oder die Generalisation kann nicht eine Behauptung im
gewöhnlichen Sinne sondern ein Befehl sein ein Gesetz nicht im
philosophischen sondern im moralischen und poetischen Sinne des Wortes ein
Ausdruck des Verlangens eines Vorgesetzten dass wir oder eine Anzahl von
anderen Personen unsere Handlungsweise nach gewissen allgemeinen Vorschriften
richten sollen Soweit hierdurch eine Tatsache behauptet wird nämlich der
Willensakt eines Gesetzgebers ist diese Tatsache eine einzelne Tatsache und
das Urteil daher kein allgemeines Urteil Aber die darin enthaltene
Beschreibung der zu befolgenden Handlungsweise ist allgemein Das Urteil
behauptet nicht dass alle die Menschen etwas sind sondern dass sie alle etwas
tun sollen
In diesen beiden Fällen bildet das Allgemeine die ursprünglichen Data und
das Besondere wird durch ein Verfahren daraus hergeleitet das sich in eine
Reihe von Syllogismen auflöst Die wahre Natur des supponierten deduktiven
Verfahrens ist indessen ziemlich einleuchtend Der einzige zu bestimmende Punkt
ist ob die Autorität welche das allgemeine Urteil verkündigte die Absicht
hatte diesen Fall in dasselbe einzuschließen und ob der Gesetzgeber
beabsichtigte seinen Befehl auf diesen Fall unter anderen Fällen anzuwenden
oder nicht Dieses wird bestimmt indem man untersucht ob der Fall die Merkmale
besitzt durch welche dem Bedeuten dieser Autoritäten nach die Fälle erkannt
werden welche sie beeinflussen wollten Der Gegenstand der Untersuchung ist
aus der durch ihre eigenen Worte gegebenen Indikation die Absicht des Zeugens
oder des Gesetzgebers herauszufinden Dies ist wie es in Deutschland genannt
wird eine Frage der Hermeneutik Das Verfahren ist nicht eine Folgerung
sondern eine Interpretation eine Auslegung
In dieser letzten Phrase haben wir einen Ausdruck gewonnen der mir besser
als jeder andere die Funktionen des Syllogismus in allen Fällen zu
charakterisieren scheint Sind die Prämissen durch Autorität gegeben so ist die
Funktion des Syllogismus die Meinung des Zeugen oder den Willen des
Gesetzgebers durch Interpretation der Zeichen in denen der eine seine
Behauptung und der andere seinen Befehl kundgegeben hat zu bestimmen Sind die
Prämissen aus der Erfahrung abgeleitet so ist in ähnlicher Weise die Funktion
des Syllogismus durch Interpretation eines Memorandums zu bestimmen was wir
oder unsere Vorgänger früher glaubten dass aus den beobachteten Tatsachen
gefolgert werden könnte Das Memorandum erinnert uns daran dass aus einem mehr
oder weniger sorgfältig erwogenen Beweis früher hervorging dass wo wir ein
gewisses Merkmal wahrnehmen ein gewisses Attribut gefolgert werden kann Das
Urteil Alle Menschen sind sterblich zeigt zB dass wir eine Erfahrung
gehabt haben aus der unserer Meinung nach folgte dass die durch das Wort
Mensch mitbezeichneten Attribute ein Merkmal der Sterblichkeit sind Aber wenn
wir schließen dass der Herzog von Wellington sterblich ist so folgern wir
dies nicht aus dem Memorandum sondern aus der vorausgegangenen Erfahrung Unser
eigener vorgängiger Glaube oder der Glaube derjenigen welche uns das Urteil
überlieferten in Betreff der Folgerungen welche diese frühere Erfahrung
rechtfertigen würde ist alles was wir aus dem Memorandum folgern
Diese Ansicht von der Natur des Syllogismus macht in Beziehung auf die
Grenzen auf welche seine Funktionen beschränkt sind konsequent und
verständlich was in den Ansichten von Erzbischof Whately und anderen
aufgeklärten Verteidigern der syllogistischen Lehre Dunkles und Verworrenes
liegt Sie behaupten mit so deutlichen Worten als nur möglich dass die einzige
Aufgabe des allgemeinen Schließens sei Inkonsequenz in unseren Meinungen zu
verhüten zu verhüten dass wir da unsere Zustimmung geben wo ein Widerspruch
mit dem besteht welchem wir früher auf gute Gründe hin zugestimmt haben Sie
sagen uns ferner dass der einzige Grund den ein Syllogismus für die Zustimmung
zu dem Schluss darbietet darin besteht dass die Voraussetzung er wäre falsch
in Verbindung mit der Voraussetzung die Prämissen wären wahr zu einer
contradictio in adjecto führen würde Dies ist aber eine sehr schwache Erklärung
der wirklichen Gründe welche wir haben um die Tatsachen welche wir im
Gegensatz zur Beobachtung durch Schließen lernen zu glauben Der wahre Grund
warum wir glauben dass der Herzog von Wellington sterben wird ist der dass
seine Väter und unsere Väter und alle anderen die mit ihnen lebten starben
Diese Tatsachen sind die wirklichen Prämissen des Schlusses aber es ist nicht
die Notwendigkeit wörtliche Inkonsequenz zu vermeiden die uns den Schluss aus
diesen Prämissen folgern lässt Es liegt kein Widerspruch in der Voraussetzung
der Herzog von Wellington könne ewig leben wenn auch alle jene Personen
gestorben sind Es wäre aber ein Widersprach wenn wir auf Grund dieser
Prämissen hin zuerst eine den Fall vom Herzog von Wellington einschließende
und deckende allgemeine Behauptung aufstellen und dann in dem individuellen
Fall nicht dabei bleiben wollten Es ist ein Widerspruch zu vermeiden zwischen
dem Memorandum das wir von den Folgerungen machen die wir in künftigen Fällen
gerechterweise ziehen können und den Folgerungen welche wir in diesen Fällen
wenn sie sich darbieten wirklich machen Zu diesem Zweck interpretieren wir
unsere eigene Formel genau wie ein Richter das Gesetz auslegt damit wir
vermeiden Folgerungen zu ziehen die nicht mit unserer früheren Absicht
übereinstimmen sowie ein Richter vermeidet eine Entscheidung zu geben die mit
der Absicht des Gesetzgebers nicht übereinstimmt Die Regeln für diese Auslegung
sind die Regeln des Syllogismus und der ganze Zweck desselben besteht darin
die Übereinstimmung zwischen den Schlüssen die wir in einem jeden besonderen
Fall ziehen und der vorhergehenden allgemeinen Anleitung sie zu ziehen
aufrecht zu erhalten ob nun diese allgemeine Anleitung von uns selbst als das
Resultat von Induktionen aufgestellt oder ob sie von kompetenter Autorität
erhalten worden sei
5 Ich glaube es ist in den obigen Bemerkungen deutlich gezeigt worden
dass obgleich da wo ein Syllogismus gebraucht wird immer ein Schließen oder
Folgern stattfindet der Syllogismus doch nicht die richtige Analyse dieses
schließenden oder folgernden Verfahrens ist dass dieses im Gegenteil wenn es
nicht ein bloßes Folgern aus einem Zeugnis ist ein Folgern vom Besondern auf
das Besondere ist welches durch eine vorausgängige wesentlich mit ihm eins
seiende Folgerung vom Besondern aufs Allgemeine gerechtfertigt mithin von der
Natur der Induktion ist Aber während mir diese Schlüsse unwidersprechlich
erscheinen muss ich doch so stark wie Erzbischof Whately gegen die Lehre
protestieren dass die syllogistische Kunst für die Zwecke des Schließens ohne
Nutzen sei Das Schließen liegt in dem Generalisationsakte nicht in der
Interpretation der Aufzeichnung dieses Aktes aber die syllogistische Form ist
eine unentbehrliche kollaterale Sicherheit für die Richtigkeit der
Generalisation selbst
Man hat bereits gesehen dass wenn wir eine Anzahl von besonderen Fällen
haben die hinreichend ist um eine Induktion darauf zu gründen wir nicht
nötig haben ein allgemeines Urteil zu bilden wir können direkt von diesem
Besondern auf ein anderes Besondere schließen Aber es muss durchaus bemerkt
werden dass wenn wir aus einer Reihe von besonderen Fällen irgend eine gültige
Folgerung ziehen wir unsere gültige Folgerung zu einer allgemeinen machen
können Wenn wir aus der Erfahrung und dem Experiment auf einen neuen Fall
schließen können so können wir auch auf eine unbestimmte Anzahl von Fällen
schließen Was daher bei unserer vergangenen Erfahrung als wahr galt wird auch
in Zukunft wahr sein es wird nicht bloß von einigen individuellen Fällen
sondern von allen Fällen von einer gegebenen Art wahr sein Eine jede Induktion
welche genügt um eine Tatsache zu beweisen beweist eine unbestimmte Anzahl
von Tatsachen die Erfahrung welche eine einzige Voraussage rechtfertigt muss
der Art sein dass sie einen allgemeinen Lehrsatz aushält Es ist von der
höchsten Wichtigkeit diesen Lehrsatz in seiner weitesten Form von Allgemeinheit
zu bestimmen und zu verkünden und so das Ganze von dem was unser Beweis
beweisen muss wenn er überhaupt etwas beweist in seinem ganzen Umfang vor
unsern Geist zu bringen
Dieses Zusammenfassen der ganzen Masse von Folgerungen aus einer gegebenen
Reihe von besonderen Fällen in einen allgemeinen Ausdruck wirkt in mehr als
einer Weise als eine Sicherheit dafür dass es richtige Folgerungen sind Zum
ersten bietet das allgemeine Prinzip der Einbildungskraft ein größeres Objekt
dar als irgend eines der besonderen darin enthaltenen Urteile Ein
Gedankenprozess welcher zu einer umfassenden Allgemeinheit führt wird stärker
empfunden als ein Denken das bloß auf eine isolierte Tatsache hinausläuft
und der Geist wird sogar unwissentlich dazu veranlasst dem Prozess größere
Aufmerksamkeit zuzuwenden und die Zulänglichkeit der Erfahrung an welche als
die Grundlage der Folgerung appelliert wird sorgfältiger abzuwägen Es liegt
aber noch ein anderer wichtigerer Vorteil darin In dem Schließen von einer
Reihe einzelner Beobachtungen auf einen neuen noch nicht beobachteten Fall mit
dem wir nur noch unvollkommen bekannt sind denn sonst würden wir nicht darnach
forschen und an welchem wir wahrscheinlich ein besonderes Interesse nehmen da
wir ja danach forschen liegt sehr wenig was uns davor bewahren könnte der
Nachlässigkeit oder einer Neigung die auf unsere Wünsche und unsere Phantasie
einwirkt Raum zu geben und unter diesem Einfluss einen Beweis für genügend zu
halten der es nicht ist Wenn wir aber anstatt geradezu auf den besonderen Fall
zu schließen eine ganze Klasse von Tatsachen vor unsere Augen bringen den
ganzen Inhalt eines allgemeinen Urteils wovon ein jedes Pünktchen aus unseren
Prämissen gültig zu folgern ist wenn es der eine besondere Schluss ist so ist
eine bedeutende Wahrscheinlichkeit vorhanden dass wenn die Prämissen ungenügend
und die allgemeine Folgerung daher grundlos ist sie irgend eine Tatsache oder
Tatsachen enthalten wird wovon wir bereits wissen dass das Umgekehrte davon
wahr ist und wir werden so in unserer Generalisation den Irrtum durch eine
reductio ad impossibile entdecken
Wenn ein Untertan des römischen Reichs während der Regierung von Marcus
Aurelius bei der Richtung welche die Phantasie und die Erwartungen der Römer
durch das Leben und die Charaktere der Antonine erhielten hätte schließen
wollen dass Commodus ein gerechter Herrscher sein würde so wäre er durch die
Erfahrung bitter getäuscht worden Wenn er aber bedacht hätte dass sein Schluss
nur dann gültig sein konnte wenn er aus demselben Beweis ein allgemeines
Urteil hätte folgern können wie zB dass alle römische Kaiser gerechte
Herrscher sind so würde er sogleich an Nero Domitian und andere Fälle gedacht
haben und da sich hieraus die Ungültigkeit des allgemeinen Schlusses und mithin
die Unzulänglichkeit der Prämissen ergeben hätte so wäre er daran erinnert
worden dass im Fall von Commodus diese Prämisse nicht beweisen konnten was sie
in einer gegebenen Anzahl von den seinigen einschließenden Fällen zu beweisen
nicht genügten
Der Vorteil bei der Beurteilung der Bündigkeit einer bestrittenen
Folgerung auf einen parallelen Fall zu verweisen ist allgemein anerkannt Wenn
wir aber zu einem allgemeinen Urteil hinaufsteigen so bringen wir nicht bloß
einen sondern alle möglichen parallelen Fälle vor unsern Blick alle Fälle auf
welche dieselben Betrachtungen bezüglich des Beweises anwendbar sind
Wenn wir daher von einer Anzahl bekannter Fälle auf einen andern für analog
gehaltenen Fall schließen so ist es immer möglich und im allgemeinen auch
vorteilhaft unser Argument auf den Umweg eines allgemeinen Urteils durch eine
Induktion aus diesen bekannten Fällen und der darauffolgenden Anwendung dieses
allgemeinen Urteils auf den unbekannten Fall zu lenken Dieser zweite Teil des
Verfahrens der wie schon bemerkt im Wesentlichen eine Interpretation ist wird
in einen Syllogismus oder eine Reihe von Syllogismen aufgelöst werden können
deren Obersätze allgemeine ganze Classen von Fällen einschließende Urteile
sein werden wovon ein jedes in seiner ganzen Ausdehnung wahr sein muss wenn
das Argument aufrecht zu erhalten ist Wenn daher von einer in das Bereich eines
dieser allgemeinen Urteile fallenden und folglich dadurch behaupteten Tatsache
bekannt ist oder wenn von ihr vermutet wird dass sie nicht so sei wie das
Urteil sie behauptet so lässt uns diese Art und Weise das Argument anzugeben
erkennen oder vermuten dass die ursprünglichen Beobachtungen welche die
wirklichen Gründe unseres Schlusses sind nicht genügen um ihn zu stützen Und
im Verhältnis als die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung einer Unzulänglichkeit
unseres Beweises grösser wird wächst unser Vertrauen zu demselben wenn sich
kein solcher Mangel an ihm herausstellt
Der Werth der syllogistischen Form und der Regeln eines richtigen Gebrauchs
derselben besteht daher nicht darin dass sie die Form und Regeln sind nach
denen unsere Schlüsse notwendig oder auch nur gewöhnlich gemacht werden
sondern darin dass sie aus einen Modus liefern in welchem diese Schlüsse immer
darzustellen sind und der wunderbar dazu eingerichtet ist einen Mangel an
Beweiskräftigkeit an den Tag zu bringen Eine Induktion vom Besondern aufs
Allgemeine gefolgt von einem syllogistischen Verfahren von diesem Allgemeinen
auf ein anderes Besondere ist eine Form in der wir unser Schließen immer
darlegen können wenn wir wollen Es ist nicht eine Form in der wir schließen
müssen aber es ist eine Form in der wir schließen mögen in die wir unser
Schließen unausweichlich zu fassen haben wenn ein Zweifel in Beziehung auf
seine Gültigkeit vorhanden ist obgleich wenn der Fall familiär und wenig
verwickelt und wenn nicht die Vermutung eines Irrtums vorhanden ist wir
direkt von bekannten besonderen Fällen auf unbekannte schließen können und auch
schliessen47
Dies ist der Gebrauch des Syllogismus als eines Modus um ein gegebenes
Argument zu verifizieren Seine weiteren Anwendungen bezüglich des allgemeinen
Ganges unserer Geistestätigkeiten bedarf kaum einer Erläuterung da es in
Wirklichkeit die anerkannten Anwendungen der allgemeinen Sprache sind Sie
laufen im Wesentlichen darauf hinaus dass die Induktionen nur ein für allemal
gemacht zu werden brauchen eine einzige sorgfältige Befragung der Erfahrung
kann genügen und das Resultat kann in Form eines allgemeinen Urteils
registriert und dem Gedächtnis oder der Schrift überliefert werden wir haben
dann später nur von diesem aus zu syllogisiren Die Einzelheiten unseres
Experiments dürfen alsdann aus dem Gedächtnis verwischt werden da es demselben
unmöglich sein würde eine so große Masse von Details zu behalten während das
Wissen welches diese Details für den künftigen Gebrauch boten und das sonst
bei dem Vergessen der Beobachtungen oder bei dem übermäßigen Anwachsen des
Registers alsbald verloren gehen würde vermittelst der allgemeinen Sprache in
einer bequemen und sogleich verwertbaren Form erhalten wird
Diesem Vorteil ist der ihn zum Teil aufwiegende Nachtheil
entgegenzuhalten dass ursprünglich auf unzulängliche Beweise hin gemachte
Folgerungen geheiligt werden und gleichsam zu allgemeinen Grundsätzen erhärten
An diesen hängt dann der Geist aus Gewohnheit wenn er auch der Gefahr
entwachsen ist durch einen ähnlichen trügerischen Schein von neuem auch nur für
einen Augenblick verleitet zu werden aber da er die Details vergessen hat so
denkt er nicht daran seine frühere Entscheidung zu revidieren Ein
unvermeidlicher Nachtheil der indessen so bedeutend er an und für sich ist
die ungeheuren Vorteile der allgemeinen Sprache nur wenig beeinträchtigt
Der Gebrauch des Syllogismus ist in Wahrheit nichts anderes als der Gebrauch
allgemeiner Urteile beim Schließen Wir können ohne sie schließen und in
einfachen und klaren Fällen pflegen wir es auch zu tun auch können es sehr
scharfsinnige Geister in nicht einfachen und klaren Fällen tun wenn ihnen ihre
Erfahrung Fälle liefert welche einer jeden vorkommenden Kombination von
Umständen wesentlich ähnlich sind Aber andere Geister oder auch dieselben
Geister ohne eine solche Erfahrung sind ohne den Beistand allgemeiner Urteile
ganz hilflos sobald der Fall die geringste Verwickelung darbietet und wenn
nicht allgemeine Urteile aufgestellt würden so würden nur wenige Menschen über
jene einfachsten Folgerungen hinauskommen welche von den intelligenteren
Tieren gezogen werden Obgleich für das Schließen nicht notwendig so sind
die allgemeinen Urteile doch für irgend einen bedeutenden Fortschritt im
Schließen notwendig Es ist daher natürlich und unvermeidlich dass der
Erforschungsprozess in zwei Theile geteilt und dass allgemeine Formeln
aufgestellt werden um noch ehe die Gelegenheit dazu sich darbietet zu
bestimmen welche Folgerungen gezogen werden können Das Ziehen derselben ist
dann die Anwendung der Formeln und die Regeln des Syllogismus sind ein System
von Sicherheiten für die Richtigkeit der Anwendung
6 Um die Reihe der Betrachtungen in Betreff des philosophischen
Charakters des Syllogismus zu vervollständigen ist es nötig zu betrachten
welches da es der Syllogismus nicht ist der wirkliche Typus des Verfahrens
beim Schließen sei Dies löst sich in die Frage auf welches ist die Natur der
untern Prämisse und in welcher Weise trägt sie zu dem Schlusse bei Denn was die
obere Prämisse betrifft so verstehen wir nun vollständig dass der Platz den
sie nominell in unserm Schließen einnimmt eigentlich den individuellen
Tatsachen oder Beobachtungen zukommt wovon sie das allgemeine Resultat
ausdrückt die obere Prämisse ist nicht ein wirklicher Teil des Arguments
sondern ein Ruheort für den Geist der durch einen sprachlichen Kunstgriff
zwischen die wirklichen Prämissen und den Schluss eingeschoben ist und zwar als
eine Sicherheit für die Richtigkeit des Verfahrens was sie denn auch in hohem
Grade ist Da indessen die untere Prämisse ein unentbehrlicher Teil des
syllogistischen Ausdrucks eines Arguments ist so ist sie entweder ein gleich
unentbehrlicher Teil des Arguments selbst oder sie entspricht einem solchen
und wir haben nur zu untersuchen welchem
Es ist vielleicht der Mühe wert hier eine Betrachtung eines Philosophen
anzuführen dem die Philosophie des Geistes viel verdankt der zwar ein tiefer
aber dabei doch ein übereilter Denker war und dessen Mangel an nötiger
Vorsicht ihn so bemerkenswert machte wegen dem was er nicht sah als wegen dem
was er sah ich meine Dr Thomas Brown dessen Theorie des Syllogismus
eigentümlich ist Er sah die petitio principii welche einem jeden Syllogismus
inwohnt wenn wir die obere Prämisse selbst als den Beweis des Schlusses
betrachten während sie in der That eine Behauptung von der Existenz des
Beweises ist der genügt um einen Schluss von einer gegebenen Art zu beweisen
Während Dr Brown dieses sah entging ihm nicht allein der ungeheure Vorteil
welcher behufs der Sicherung der Richtigkeit durch die Dazwischenkunft dieser
Stufe zwischen dem wirklichen Beweis und dem Schluss gewonnen wird sondern er
hielt es auch für seine Pflicht die obere Prämisse aus dem Verfahren beim
Schließen ganz auszustreichen ohne etwas anderes an die Stelle zu setzen und
behauptete unser Schließen bestehe nur aus der untern Prämisse und dem
Schlusssatz Sokrates ist ein Mensch daher ist Sokrates sterblich indem er so
tatsächlich die Berufung auf frühere Erfahrung als einen unnötigen Schritt in
dem Argument unterdrückte Die Absurdität hiervon verbarg sich ihm hinter seiner
Annahme das Schließen sei bloß eine Analyse unserer eigenen Begriffe oder
abstrakten Ideen und das Urteil Sokrates ist sterblich entwickle sich aus
dem Urteil Sokrates ist ein Mensch einfach dadurch dass wir den Begriff der
Sterblichkeit als in dem Begriff den wir uns von einem Menschen machen bereits
als enthalten erkennen
Nach den weitläufigen Erklärungen bezüglich des Inhalts der Urteile bedarf
es nicht viel um den fundamentalen Irrtum in dieser Ansicht von dem
Syllogismus klar zu machen Wenn das Wort Mensch Sterblichkeit mitbezeichnete
wenn die Bedeutung von »sterblich« in der Bedeutung von »Mensch« eingeschlossen
wäre so könnten wir da die untere Prämisse dies deutlich behauptet hätte den
Schluss ohne Zweifel aus der untern Prämisse allein entwickeln Wenn aber wie
es in der That der Fall ist das Wort Mensch nicht Sterblichkeit mitbezeichnet
woher kommt es dann dass in dem Geist eines jeden der zugibt Sokrates sei ein
Mensch die Idee des Menschen die Idee der Sterblichkeit einschließen muss Dr
Brown konnte nicht umhin diese Schwierigkeit zu sehen und um sie zu vermeiden
ließ er sich gegen seine Absicht verleiten die Stufe in dem Argument welche
dem Obersatz entspricht unter einem andern Namen dadurch wiederherzustellen
dass er die Notwendigkeit behauptete die Beziehung zwischen der Idee des
Menschen und der Idee der Sterblichkeit vorher wahrzunehmen Wenn der
Schließende diese Relation nicht vorher wahrgenommen hat sagt Dr Brown so
wird er nicht folgern Sokrates sei sterblich weil er ein Mensch ist Aber
sogar diese Einräumung obgleich sie einem Aufgeben der Lehre gleichkommt dass
ein Argument nur aus der untern Prämisse und dem Schlusssatz besteht kann den
Rest jener Theorie nicht retten Die Zustimmung bleibt dem Argument nicht bloß
aus weil der Schließende aus Mangel an einer nötigen Analyse nicht wahrnimmt
dass seine Idee des Menschen seine Idee der Sterblichkeit einschließt sondern
viel gewöhnlicher weil diese Beziehung zwischen den zwei Ideen in seinem Geiste
niemals existiert hat Und sie existiert in Wahrheit niemals wenn nicht als das
Resultat der Erfahrung Wenn ich die Frage sogar auf eine Voraussetzung hin
deren fundamentale Unrichtigkeit wir erkannt haben erörtern wollte nämlich auf
die Voraussetzung hin die Bedeutung eines Urteils beziehe sich auf unsere
Ideen von den Dingen und nicht auf die Dinge selbst so muss ich doch bemerken
dass die Idee des Menschen als eine allgemeine Idee als das gemeinsame
Eigentum aller vernünftigen Geschöpfe nichts enthalten kann als was strenge
im Namen eingeschlossen liegt Wenn wie dies ohne Zweifel fast immer geschieht
jemand in seiner eigenen Privatidee von dem Menschen andere Attribute
einschließt so tut er dies nur in Folge der Erfahrung und nachdem er sich
überzeugt hat dass alle Menschen dieses Attribut besitzen so dass das was
eines Menschen Idee mehr enthält als in der konventionellen Bedeutung des Worts
eingeschlossen liegt ihr als das Resultat der Zustimmung zu einem Urteil
beigefügt worden ist während wir nach Browns Theorie im Gegenteil annehmen
müssen dass die Zustimmung zu diesem Urteil dadurch entsteht dass gerade
dieses Element durch ein analytisches Verfahren aus der Idee entwickelt wird Es
kann daher diese Lehre als hinlänglich widerlegt angesehen werden und die
untere Prämisse ist als gänzlich ungenügend zu halten um den Schluss zu
beweisen sie kann dies nur mit Hülfe der oberen Prämisse oder mit dem wovon
die letztere der Repräsentant ist di den verschiedenen einzelnen Urteilen
welche die Reihen von Beobachtungen ausdrücken deren Resultat die obere
Prämisse genannte Generalisation ist
In dem Argument welches beweist dass Sokrates sterblich ist wird also ein
unentbehrlicher Teil so lauten »Mein Vater meines Vaters Vater A B C und
eine unbestimmte Anzahl von anderen Menschen waren sterblich« was nur ein
Ausdruck mit anderen Worten von der Tatsache ist dass sie gestorben sind Dies
ist die der petitio principii entkleidete und bis auf das was wirklich direkt
bewiesen ist beschnittene obere Prämisse
Um diesen Satz mit dem Schlusssatz Sokrates ist sterblich zu verbinden
bedürfen wir eines weiteren Gliedes und zwar stellt sich dies in einem Urteil
dar wie das folgende »Sokrates gleicht meinem Vater meines Vaters Vater und
den anderen angeführten Individuen« Dieses Urteil behaupten wir wenn wir
sagen Sokrates ist ein Mensch zugleich behaupten wir damit in welcher
Beziehung er ihnen gleicht nämlich in den durch das Wort Mensch bezeichneten
Attributen Und hieraus schließen wir dass er ihnen auch noch im Attribut
Sterblichkeit gleicht
7 Wir haben so erhalten was wir suchten einen allgemeinen Typus des
Verfahrens beim Schließen Wir finden dieses in allen Fällen in die folgenden
Elemente zerlegbar Gewisse Individuen haben ein gegebenes Attribut ein
Individuum oder Individuen gleichen den ersteren in gewissen anderen Attributen
daher gleichen sie ihnen auch in dem gegebenen Attribut Dieser Typus macht
nicht wie der Syllogismus Anspruch auf Beweiskraft auf die bloße Form des
Ausdrucks hin auch kann dies möglicherweise nicht der Fall sein Dass ein
Urteil gerade die in einem andern Urteil bereits behauptete Tatsache
behauptet oder nicht kann aus der Form des Ausdrucks dh aus einer
Vergleichung der Sprache hervorgehen wenn aber die zwei Urteile Tatsachen
behaupten die bona fide verschieden sind so kann aus der Sprache niemals
hervorgehen ob die eine Tatsache die andere beweist oder nicht sondern es
muss dies von anderen Betrachtungen abhängig sein Ob aus den Attributen in
welchen Sokrates den Menschen gleicht welche bisher gestorben sind gefolgert
werden darf dass er ihnen auch in dem Sterblichsein gleicht ist eine Frage der
Induktion und diese muss durch die Prinzipien oder Regeln dieser großen
Geistesoperation wie wir sie später werden kennen lernen entschieden werden
Unterdessen ist es gewiss dass wenn diese Folgerung in Beziehung auf
Sokrates gemacht werden kann sie auch in Betreff aller anderen gemacht werden
kann die den beobachteten Individuen in denselben Attributen wie er gleichen
di um es kurz auszudrücken in Betreff aller Menschen Wenn daher das
Argument im Falle von Sokrates gültig ist so steht es uns frei den Besitz der
Attribute des Menschen ein für allemal als ein Merkmal oder einen genügenden
Beweis des Attributes Sterblichkeit am behandeln Wir tun dies indem wir das
allgemeine Urteil aufstellen Alle Menschen sind sterblich und dasselbe
gelegentlich bei seiner Anwendung auf Sokrates und andere interpretieren
Hierdurch entsteht eine sehr bequeme Trennung des ganzen logischen Verfahrens in
zwei Theile erstens bestimmen welche Attribute Merkmale der Sterblichkeit
sind zweitens bestimmen ob ein gegebenes Individuum diese Merkmale besitzt
Bei unseren Betrachtungen über das Verfahren beim Schließen wird es im
allgemeinen ratsam sein diese doppelte Operation so anzusehen als ob sie in
Wirklichkeit stattfände und als ob alles Schließen in der Form vollzogen
würde in welche es notwendig gefasst werden muss wenn wir im Stande sein
sollen die Vollziehung desselben auf ihre Richtigkeit zu prüfen
Obgleich daher alle Denkprozesse in welchen die letzten Prämissen besondere
Urteile oder Tatsachen sind wir mögen vom Besondern auf eine allgemeine
Formel oder vermittelst dieser Formel vom Besondern auf ein anderes Besondere
schließen in gleicher Weise Induktion sind so werden wir doch den Namen
Induktion in Übereinstimmung mit dem Herkommen so ansehen als komme er mehr
dem Verfahren zu allgemeine Urteile aufzustellen während wir die andere
Operation die wesentlich in einer Interpretation des allgemeinen Urteils
besteht bei ihren gebräuchlichen Namen Deduktion nennen werden Wir werden ein
jedes Verfahren wodurch etwas in Beziehung auf einen unbekannten Fall gefolgert
wird als aus einer Induktion bestehend betrachten auf welche eine Deduktion
folgt weil obgleich der Prozess nicht notwendig in dieser Form ausgeführt
werden muss er immer derselben fähig ist und auch in dieselbe gefasst werden
muss wenn wissenschaftliche Genauigkeit nötig und verlangt wird
8 Die in dem Vorhergehenden niedergelegte Lehre vom Syllogismus hat auf
verschiedenen Seiten Beifall gefunden von besonderem Werth ist aber der Beifall
den sie bei Sir John Herschel48 Dr Whewell49 und Hrn Bailey50 gefunden hat
Sir John Herschel betrachtet dieselbe obgleich streng genommen keine
»Entdeckung«51 für »einen der größten Schritte vorwärts welche die
Philosophie der Logik noch gemacht hat« »Wenn wir« um die weiteren Worte
derselben Autorität anzuführen »die eingewurzelten Gewohnheiten und Vorurteile
betrachten welche sie den Winden übergeben hat« so liegt in der Tatsache
dass andere nicht weniger beachtenswerte Denker eine ganz verschiedene Meinung
von ihr haben kein Grund zu Besorgnis Ihr hauptsächlichster Einwurf kann
nicht besser oder kürzer angegeben werden als durch Entlehnung eines Ausspruchs
von Erzbischof Whately52 »In einem jeden Fall worin eine Folgerung aus einer
Induktion gezogen wird wenn dieser Name nicht einem Erraten ohne allen Grund
und auf den Zufall hin gegeben wird müssen wir ein Urteil bilden dass der
beigebrachte Fall oder die beigebrachten Fälle genügen um den Schluss zu
rechtfertigen dass es zulässig ist diese Fälle als Muster oder Probe zu
nehmen welche für eine Folgerung bezüglich der ganzen Klasse Gewähr leistet«
und der Ausdruck dieses Urteils in Worten sagten mehrere von meinen Kritikern
ist die obere Prämisse
Ich gebe vollständig zu dass die obere Prämisse eine Behauptung von der
Zulänglichkeit des Beweises ist auf dem der Schluss beruht Dass sie dies ist
ist gerade das Wesen meiner Theorie und wer zugibt dass die obere Prämisse
nur dies ist nimmt die Theorie im wesentlichen an
Ich kann aber nicht zugeben dass diese Recognition diese Anerkennung der
Zulänglichkeit des Beweises dh der Richtigkeit der Induktion ein Teil
der Induktion selbst ist wir müssten denn sagen sie wäre ein Teil von allem
was wir tun um uns zu überzeugen dass es richtig getan worden ist Wir
schließen von bekannten Fällen auf unbekannte durch den Drang unserer Neigung
zu verallgemeinern und erst nach vieler Übung und geistiger Disziplin wird
die Frage von der Zulänglichkeit des Beweises bei einem Rückblick auf das
Geschehene aufgeworfen bei dem wir unsere eigenen Fußtapfen verfolgen und
prüfen ob das was wir bereits getan haben auch gerechtfertigt ist Von
diesem Zurückdenken als von einem Teil der ursprünglichen Tätigkeit zu
sprechen welche in Worte ausgedrückt werden muss damit die wörtliche Formel
den psychologischen Prozess richtig darstelle scheint mir eine falsche
Psychologie zu sein53 Wir überblicken sowohl unser syllogistisches als auch
unser induktives Verfahren und erkennen an dass es richtig ausgeführt worden
ist aber die Logiker fügen dem Syllogismus nicht eine dritte Prämisse hinzu um
diesen Akt der Anerkennung auszudrücken Ein sorgsamer Kopist verifiziert seine
Abschrift dadurch dass er sie mit dem Original vergleicht und wenn sich kein
Irrtum zeigt so erkennt er an dass die Abschrift richtig gemacht worden ist
Wir nennen aber die Prüfung der Abschrift nicht einen Teil des Kopiraktes
Bei einer Induktion wird der Schluss aus dem Beweis selbst gefolgert und
nicht aus der Anerkennung der Zulänglichkeit des Beweises so wie ich schließe
dass mein Freund auf mich zukommt weil ich ihn sehe und nicht weil ich
anerkenne dass meine Augen offen sind und das Gesicht ein Mittel des Erkennens
ist Bei allen Operationen welche Sorgfalt erfordern ist es gut wenn wir uns
versichern dass der Prozess genau vollführt worden ist aber das Prüfen des
Prozesses ist nicht der Prozess selbst es hätte können hinweggelassen werden
und der Prozess könnte doch richtig sein Gerade weil diese Operation bei dem
gewöhnlichen unwissenschaftlichen Schließen hinweggelassen wird wird an
Gewissheit dadurch gewonnen dass das Schließen in die syllogistische Form
gefasst wird Um so viel wie möglich sicher zu sein dass sie nicht ausgelassen
werde machen wir diese prüfende Operation zu einem Teil des Schließprozesses
selbst Wir bestehen darauf dass die Folgerung vom Besondern aufs Besondere
durch ein allgemeines Urteil hindurchgehe Aber dies ist eine Sicherheit für
gutes Schließen nicht eine Bedingung alles Schließens und in manchen Fällen
nicht einmal eine Sicherheit Wir machen unsere geläufigsten Folgerungen ehe
wir den Gebrauch eines allgemeinen Urteils lernen und ein Mensch von
ununterrichtetem Scharfsinn wird seine erlangte Erfahrung auf naheliegende Fälle
ganz geschickt anwenden obgleich er arg pfuschen würde wenn er die Grenze des
angemessenen allgemeinen Lehrsatzes feststellen wollte Aber obgleich er richtig
schließen mag so weiß er doch eigentlich niemals ob er dies getan er hat
sein Schließen nicht geprüft Dies ist nun aber genau was die Formen des
Schließens für uns tun Wir bedürfen ihrer nicht damit wir im Stand seien zu
schließen sondern damit wir im Stand seien richtig zu schließen
Es mag noch hinzugefügt werden dass sogar wenn die Probe angewandt und die
Zulänglichkeit des Beweises erkannt worden ist und wenn sie genügt hat um das
allgemeine Urteil zu stützen so genügt sie auch um die Folgerung vom
Besondern auf das Besondere zu stützen ohne durch das allgemeine Urteil
hindurchzugehen Der Forschende der sich logisch überzeugt hat dass die
Bedingungen einer gültigen Folgerung in den Fällen A B C verwirklicht waren
würde gerade so sehr gerechtfertigt sein direkt auf den Herzog von Wellington
als auf alle Menschen zu schließen Der allgemeine Schluss würde niemals
richtig sein wenn es nicht auch der besondere wäre und in keinem mir
verständlichen Sinne kann man sagen der besondere Schluss sei aus dem
allgemeinen gezogen Dass das Erproben der Zulänglichkeit einer induktiven
Folgerung eine Operation von einem allgemeinen Charakter ist gebe ich gern zu
ich habe selbst ein Gleiches gesagt indem ich als ein fundamentales Gesetz
aufstellte dass wenn Grund vorhanden ist aus besonderen Fällen überhaupt
Schlüsse zu ziehen auch Grund für einen allgemeinen Schluss vorhanden ist Aber
dass dieser immerhin nützliche allgemeine Schluss wirklich gezogen werde kann
keine unerlässliche Bedingung der Gültigkeit der Folgerung in dem besonderen
Falle sein Ein Mensch gibt sechs Kreuzer durch dasselbe Vermögen hinweg womit
er über sein ganzes Besitztum verfügt für die Gesetzlichkeit des einen ist es
aber nicht notwendig dass er sein Recht das andere zu tun förmlich wenn
auch nur vor sich selbst behaupte
Einige weitere Bemerkungen auf geringfügigere Einwürfe sind unten beigefügt
54
1 Aus unserer Analyse des Syllogismus ging hervor dass die untere
Prämisse immer eine Ähnlichkeit zwischen einem neuen Fall und einigen vorher
bekannten Fällen behauptet während die obere Prämisse etwas behauptet das wir
in jenen bekannten Fällen wahr fanden und das wir uns daher berechtigt fühlen
in anderen Fällen für wahr zu halten die den ersteren in gewissen gegebenen
Einzelheiten gleichen
Wenn in Beziehung auf die untere Prämisse alle Syllogismen den in den
vorhergehenden Kapiteln gebrauchten Beispielen glichen wenn die Ähnlichkeit
welche diese Prämisse behauptet den Sinnen so einleuchtend wäre wie in dem
Urteil »Sokrates ist ein Mensch« oder wenn sie durch direkte Beobachtung
bestimmt werden könnte so würden keine Kettenschlüsse erforderlich sein und
die Deduktiven Wissenschaften würden nicht existieren Kettenschlüsse sind nur
dafür da um eine auf beobachtete Fälle gegründete Induktion auf andere Fälle
auszudehnen in denen wir nicht allein das nicht direkt beobachten können was
zu beweisen ist sondern in denen wir nicht einmal das Merkmal welches es
beweisen soll direkt beobachten können
2 Angenommen der Syllogismus wäre Alle Kühe käuen wieder das Thier vor
mir ist eine Kuh daher käuet es wieder Wenn die untere Prämisse überhaupt wahr
ist so ist sie es ohne weiteres die obere Prämisse bedarf einer vorausgängigen
Prüfung und vorausgesetzt die Induktion wovon sie der Ausdruck ist wäre
richtig vollzogen so wird der Schluss in Betreff des Tieres vor mir
augenblicklich gezogen sein weil man sobald sie mit der Formel verglichen
wird findet dass sie darin eingeschlossen ist Nehmen wir aber an der
Syllogismus wäre wie folgt Aller Arsenik ist giftig die Substanz vor mir ist
Arsenik folglich ist sie giftig Die Wahrheit der untern Prämisse ist hier
vielleicht nicht so auf den ersten Blick einleuchtend sie ist vielleicht nicht
durch direkte Anschauung bewiesen sondern vielleicht selbst das Ergebnis einer
Folgerung Sie kann der Schluss eines Arguments sein das in die syllogistische
Form gebracht so lautet Alles was mit Wasserstoff eine Verbindung eingeht
die mit salpetersaurem Silber einen schwarzen Niederschlag gibt ist Arsenik
die Substanz vor mir entspricht dieser Bedingung folglich ist sie Arsenik Um
daher den letzten Schluss zu beweisen die Substanz vor mir ist giftig bedarf
es eines Verfahrens das um syllogistisch ausgedrückt zu werden zwei
Syllogismen erfordert und wir haben so einen Kettenschluss
Wenn wir aber so Syllogismus zu Syllogismus addieren so fügen wir in
Wirklichkeit Induktion zu Induktion Zwei getrennte Induktionen müssen
stattgefunden haben um diese Kette von Folgerungen möglich zu machen
Induktionen die wahrscheinlich auf verschiedene Reihen von einzelnen Fällen
gegründet sind die aber in ihren Resultaten konvergieren so dass der den
Gegenstand der Untersuchung bildende Fall in das Bereich beider fällt Die
Geschichte dieser Induktionen ist in den oberen Prämissen der zwei Syllogismen
niedergelegt Erstlich wir oder andere für uns haben verschiedene Gegenstände
untersucht welche unter den gegebenen Umständen den gegebenen Niederschlag
gaben und haben gefunden dass sie die durch das Wort Arsenik mitbezeichneten
Eigenschaften besaßen sie waren metallisch flüchtig ihre Dämpfe rochen nach
Knoblauch usw Danach haben wir oder andere verschiedene Probestücke
untersucht welche diesen metallischen und flüchtigen Charakter besaßen deren
Dämpfe nach Knoblauch rochen etc und unabänderlich gefunden dass sie giftig
waren Die erste Beobachtung glauben wir auf alle Substanzen ausdehnen zu
können welche den Niederschlag geben die zweite auf alle metallischen und
flüchtigen Substanzen welche der untersuchten gleichen und folglich nicht
bloß auf diejenigen von denen man sieht dass sie so sind sondern auch auf
diejenigen von denen man auf eine frühere Induktion hin schließt dass sie so
sind Von der Substanz vor uns sieht man dass sie nur unter die eine dieser
Induktionen fällt aber mit Hülfe der einen wird sie unter die andere gebracht
Wir schließen immer wie vorher vom Besondern auf Besonderes aber wir
schließen nun vom beobachteten Besondern auf ein nichtbeobachtetes Besondere
wovon man nicht sieht dass es ihnen in den Hauptpunkten gleicht sondern wovon
man folgert dass es dies tut weil es ihnen in etwas anderm gleicht das wir
durch eine ganz verschiedene Reihe von Fällen veranlasst wurden als ein Merkmal
der ersteren Ähnlichkeit zu betrachten
Dieses erste Beispiel eines Kettenschlusses ist noch sehr einfach indem die
Kette nur aus zwei Syllogismen besteht Das Folgende ist etwas verwickelter
Keine Regierung welche das Wohl ihrer Untertanen ernstlich sucht wird leicht
umgestürzt werden irgend eine besondere Regierung sucht ernstlich das Wohl
ihrer Untertanen daher wird sie wahrscheinlich nicht umgestürzt werden Wir
wollen annehmen die obere Prämisse dieses Arguments sei nicht von Betrachtungen
a priori abgeleitet sondern eine Generalisation aus der Geschichte die
richtig oder irrig auf Betrachtungen von Regierungen gegründet sein muss über
deren Streben nach dem Wohl ihrer Untertanen kein Zweifel bestand Man fand
oder glaubte zu finden dass dieselben nicht leicht umgestürzt werden und man
hielt dafür dass diese Fälle eine Ausdehnung desselben Prädikats auf eine jede
Regierung rechtfertigten welche jenen in dem Attribut gleicht das Wohl ihrer
Untertanen ernstlich zu wollen Aber gleicht die fragliche Regierung denselben
wirklich in dieser Hinsicht Hierüber kann man mit vielen Gründen pro und contra
streiten und es muss in jedem Fall durch eine zweite Induktion bewiesen werden
denn wir können die Gefühle und Wünsche der Menschen welche die Regierung
führen nicht direkt beobachten Um die untere Prämisse zu beweisen bedürfen
wir daher eines Arguments von der Form Eine jede Regierung welche in einer
gewissen Weise handelt will das Wohl ihrer Untertanen die vorausgesetzte
Regierung handelt in dieser Weise folglich will sie das Wohl ihrer Untertanen
Aber ist es wahr dass die Regierung in der vorausgesetzten Weise handelt Auch
diese untere Prämisse ist zu beweisen daher eine neue Induktion wie die Was
durch intelligente und uninteressierte Zeugen behauptet wird kann als wahr
geglaubt werden dass die Regierung in dieser Weise handelt wird durch solche
Zeugen behauptet daher kann es als wahr geglaubt werden Das Argument besteht
nun aus drei Stufen Da uns unsere Sinne den Beweis liefern dass der Fall von
der fraglichen Regierung einer Anzahl früherer Fälle in dem Umstand gleicht
dass durch intelligente und uninteressierte Zeugen etwas von ihr behauptet wird
so folgern wir erstens dass in diesen wie in den früheren Fällen die
Behauptung wahr ist Da zweitens von der Regierung behauptet wird dass sie in
einer besonderen Weise handelt und da der Beobachtung nach andere Regierungen in
derselben Weise handelten so ergibt sich eine bekannte Ähnlichkeit zwischen
der fraglichen Regierung und diesen anderen Regierungen und da von diesen
bekannt ist dass sie das Wohl ihrer Untertanen wollten so wird darauf hin
durch eine zweite Induktion gefolgert dass die besondere in Rede stehende
Regierung das Wohl ihrer Untertanen will Hieraus erkennt man wiederum eine
Ähnlichkeit dieser Regierung mit anderen Regierungen von denen man glaubte
dass sie mit Wahrscheinlichkeit einer Revolution entgehen werden und durch eine
dritte Induktion sagen wir daher voraus dass auch die besondere Regierung
wahrscheinlich dem Umsturz entgehen wird Dies ist immer noch ein Schließen vom
Besondern aufs Besondere aber wir schließen nun auf den neuen Fall aus drei
verschiedenen Reihen von früheren Fällen die direkte Wahrnehmung zeigt uns nur
dass der neue Fall nur der einen dieser Reihen von Fällen ähnlich ist aber aus
dieser Ähnlichkeit folgern wir induktiv dass er das Attribut besitzt wodurch
er der nächsten Reihe ähnlich und der entsprechenden Induktion erreichbar wird
wonach wir durch eine Wiederholung desselben Verfahrens folgern dass er der
dritten Reihe ähnlich ist und von da führt uns eine dritte Induktion zu dem
endlichen Schluss
3 Trotz der größeren Verwickelung dieser Beispiele im Vergleich mit
denjenigen durch welche wir in den vorhergehenden Kapiteln die allgemeine
Theorie des Schließens erläuterten ist doch eine jede dort aufgestellte Lehre
auch in diesen verwickelteren Fällen in gleicher Weise gültig Die sukzessiven
allgemeinen Urteile sind nicht Stufen in dem Schließen sie sind nicht
Zwischenglieder in der Kette von Folgerungen zwischen dem beobachteten Besondern
und dem Besondern auf das wir die Beobachtung anwenden Wenn wir ein
hinreichend umfassendes Gedächtnis und das Vermögen besäßen in einer
ungeheuren Masse von Details Ordnung zu erhalten so könnte das Schließen ohne
allgemeine Urteile von Statten gehen denn dieselben sind nur Formeln um
Besonderes aus Besonderem zu schließen Das Prinzip des allgemeinen Schließens
ist wie früher erklärt dass wenn sich aus der Beobachtung gewisser bekannter
besonderer Fälle ergab dass was von ihnen wahr ist auch von irgend anderen als
wahr gefolgert werden kann so kann es von allen anderen Fällen einer gewissen
Art gefolgert werden und damit wir niemals verfehlen mögen in einem neuen Fall
diesen Schluss zu ziehen wenn er richtig zu ziehen ist und damit wir ihn zu
ziehen vermeiden wenn dies nicht geschehen kann so bestimmen wir ein für
allemal welches die unterscheidenden Merkmale sind durch welche derartige
Fälle erkannt werden können Der darauf folgende Prozess ist ein bloßes
Identifizieren eines Gegenstandes und ein Bestimmen ob er diese Merkmale
besitzt wir mögen ihn nun durch diese Merkmale selbst identifizieren oder durch
andere von denen wir durch einen andern und ähnlichen Prozess bestimmt haben
dass sie Merkmale von diesen Merkmalen sind Die wirkliche Folgerung geschieht
immer vom Besondern auf Besonderes von den beobachteten Fällen auf einen nicht
beobachteten aber indem wir diese Folgerungen machen richten wir uns nach
einer Formel die wir bei diesen Operationen zur Richtschnur genommen haben und
die eine Aufzeichnung der Kriterien ist durch welche wir früherer Bestimmung
zufolge unterscheiden zu können glauben wann die Folgerung gemacht werden kann
und wann nicht Die wahren Prämissen sind die einzelnen Beobachtungen wenn sie
auch vergessen worden sind oder wenn sie als die Beobachtungen von Anderen
uns auch niemals bekannt gewesen sind aber wir haben den Beweis vor uns dass
wir oder andere sie einst für eine Induktion genügend hielten und wir haben die
Merkmale um zu zeigen ob ein neuer Fall zu denjenigen Fällen gehört auf
welche man die Induktion ausgedehnt haben würde wenn sie bekannt gewesen wären
Diese Merkmale erkennen wir entweder direkt oder mit Hülfe anderer Merkmale
von denen wir durch eine andere vorausgängige Induktion folgerten dass sie
Merkmale von ihnen sind Vielleicht werden auch diese Merkmale von Merkmalen nur
durch eine dritte Reihe von Merkmalen zu erkennen sein und es kann ein ziemlich
langer Kettenschluss entstehen um einen neuen Fall in das Bereich einer auf
besondere Fälle gegründeten Induktion zu bringen und seine Ähnlichkeit mit
jenen Fällen kann daher nur in dieser indirekten Weise bestimmt werden
So war in dem vorhergehenden Beispiel die letzte induktive Folgerung dass
eine gewisse Regierung wahrscheinlich nicht umgestürzt werden wird diese
Folgerung war nach einer Formel gemacht in welcher der Wunsch nach dem
öffentlichen Wohl als ein Merkmal von »nicht leicht umgestürzt zu werden«
aufgestellt war ein Merkmal dieses Merkmals war in einer besonderen Weise
handeln und ein Merkmal eines solchen Handelns war dass von intelligenten und
uninteressierten Zeugen behauptet worden ist dass es stattfand dieses Merkmal
wurde durch die Sinne als in Besitz der in Rede stehenden Regierung erkannt
hierdurch fiel diese Regierung unter die letzte Induktion und durch diese unter
alle anderen Die wahrgenommene Ähnlichkeit dieses Falles mit einer Reihe von
beobachteten besonderen Fällen brachte ihn in eine bekannte Ähnlichkeit mit
einer andern Reihe und diese mit einer dritten
In den verwickelteren Zweigen des Wissens bestehen die Deduktionen selten
wie in den bisher angeführten Beispielen aus einer einzigen Kette a ein Merkmal
von b b von c c von d daher a ein Merkmal von d Sie bestehen um dieselbe
Metapher fortzusetzen aus mehreren an den Enden verbundenen Ketten etwa so a
ein Merkmal von d b von e c von f d e f von n daher a b c ein Merkmal von n
Nehmen wir zB die folgende Kombination von Umständen an 1 Lichtstrahlen die
auf eine reflektierende Fläche fallen 2 diese Fläche parabolisch 3 die
Lichtstrahlen parallel zu einander und zur Achse der Fläche Es ist zu beweisen
dass das Zusammenwirken dieser drei Umstände ein Merkmal ist dass die
reflektierten Strahlen durch den Brennpunkt der parabolischen Fläche gehen Nun
ist ein jeder dieser Umstände einzeln genommen ein Merkmal von etwas für den
Fall Wesentlichem Lichtstrahlen die auf eine reflektierende Oberfläche fallen
sind ein Merkmal dass diese Strahlen in einem Winkel zurückgeworfen werden der
dem Einfallswinkel gleich ist Die parabolische Gestalt der Fläche ist ein
Merkmal dass eine aus irgend einem Punkt derselben nach dem Brennpunkt
gezogene und eine mit der Achse parallel gezogene gerade Linie mit der Fläche
gleiche Winkel bilden Und endlich ist die Parallelität der Lichtstrahlen mit
der Achse ein Merkmal dass ihr Einfallswinkel mit einem von diesen gleichen
Winkeln zusammenfallt Die drei Merkmale zusammengenommen sind daher ein Merkmal
dieser drei vereinigten Dinge Aber die drei vereinigten Dinge sind offenbar ein
Merkmal dass der Reflexionswinkel mit dem andern der zwei gleichen Winkel mit
dem durch eine nach dem Brennpunkt gezogene Linie gebildeten Winkel
zusammenfallen muss und dies ist nach einem fundamentalen Axiom in Betreff
gerader Linien ein Merkmal dass die zurückgeworfenen Strahlen durch den
Brennpunkt gehen Die meisten Ketten von physikalischen Deduktionen gehören
diesem verwickelteren Typus an sogar in der Mathematik sind sie häufig wie in
allen Sätzen wo die Voraussetzung zahlreiche Bedingungen einschließt »Wenn
ein Kreis genommen wird und wenn in diesem Kreis ein Punkt genommen wird der
nicht der Mittelpunkt ist und wenn von diesem Punkt gerade Linien nach dem
Umfang gezogen werden so etc«
4 Die angeführten Betrachtungen benehmen unserer Ansicht über das
Schließen eine ernstliche Schwierigkeit es hätte von dieser Ansicht sonst
scheinen können dass sie mit der Tatsache dass es deduktive Wissenschaften
gibt schwer in Einklang zu bringen sei Wenn alles Schließen Induktion ist
so könnte daraus zu folgen scheinen dass die Schwierigkeiten des
philosophischen Forschens ausschließlich in den Induktionen liegen müssen und
dass wenn diese leicht und unzweifelhaft wären es keine Wissenschaft oder
wenigstens keine Schwierigkeiten in der Wissenschaft geben könnte Die Existenz
einer so umfassenden Wissenschaft wie die Mathematik welche von ihren Schöpfern
das höchste wissenschaftliche Genie forderte und die auch noch nach ihrer
Schöpfung von dem der sie sich aneignen will eine andauernde und
nachdrückliche Anstrengung des Geistes verlangt mag dem Anschein nach schwer
nach der vorhergehenden Theorie zu erklären sein Aber die zuletzt angeführten
Betrachtungen klären das Geheimnis auf indem sie zeigen dass wenn auch die
Induktionen selbst ganz einleuchtend sind sich doch eine große Schwierigkeit
darbietet herauszufinden ob der den Gegenstand der Untersuchung bildende
besondere Fall in ihr Bereich fällt es bleibt dem wissenschaftlichen Scharfsinn
ein weiter Spielraum um die verschiedenen Induktionen so zu kombinieren dass
vermittelst der einen unter welche der Fall offenbar fällt er auch in das
Bereich der anderen gebracht werde in welche er nicht direkt als eingeschlossen
erblickt werden kann
Wenn die in einer Wissenschaft direkt aus Beobachtungen zu machenden
augenfälligeren Induktionen gemacht und wenn allgemeine Formeln aufgestellt
worden sind welche die Grenzen feststellen innerhalb deren diese Induktionen
anwendbar sind so wird so oft man sieht dass ein neuer Fall unter eine dieser
Induktionen fällt diese Induktion auf den neuen Fall angewendet und das
Geschäft ist damit beendet Aber es tauchen fortwährend neue Fälle auf die
nicht augenscheinlich unter eine jener Formeln fallen durch welche die in
Betreff jener Fälle zu lösende Frage beantwortet werden könnte Wir wollen ein
Beispiel aus der Geometrie wählen und der Erläuterung wegen annehmen der Leser
habe uns einstweilen zugestanden was wir in dem nächsten Kapitel zu beweisen
suchen werden dass die ersten Grundsätze der Geometrie Resultate der Induktion
sind Unser Beispiel sei der fünfte Satz des ersten Buchs von Euklid Die Frage
ist sind die beiden Winkel an der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks
gleich oder ungleich Das erste in Betracht zu Ziehende ist welche Induktionen
wir haben aus denen wir Gleichheit oder Ungleichheit folgern können Um
Gleichheit zu folgern haben wir die folgenden Formeln Dinge welche sich
decken wenn sie aufeinandergelegt werden sind gleich Dinge welche ein und
demselben Ding gleich sind sind einander selbst gleich Ein Ganzes und die
Summe seiner Theile sind gleich Die Summen gleicher Dinge sind gleich Die
Unterschiede gleicher Dinge sind gleich Um Gleichheit zu beweisen existieren
keine andere Formeln Um Ungleichheit zu folgern haben wir die folgenden
Formeln Ein Ganzes und seine Theile sind ungleich Die Summen gleicher und
ungleicher Dinge sind ungleich Die Unterschiede gleicher und ungleicher Dinge
sind ungleich In allem acht Formeln Die Winkel an der Grundlinie eines
gleichschenkligen Dreiecks fallen augenscheinlich unter keine derselben Die
Formeln geben gewisse Merkmale der Gleichheit und Ungleichheit an aber bei den
Winkeln kann man nicht durch Anschauung wahrnehmen ob sie irgend eines dieser
Merkmale besitzen Bei der Untersuchung erhellt es dass es der Fall ist und es
gelingt uns zuletzt sie unter die Formel zu bringen »die Unterschiede gleicher
Dinge sind gleich« Woher rührt nun die Schwierigkeit diese Winkel als die
Unterschiede gleicher Dinge zu erkennen Weil jeder von ihnen der Unterschied
nicht eines einzigen Paares sondern unzähliger Paare von Winkeln ist und von
diesen haben wir zwei zu denken und zu wählen die entweder intuitiv als gleich
wahrgenommen werden konnten oder welche eines der in den verschiedenen Formeln
aufgestellten Merkmale der Gleichheit besitzen Durch einen Aufwand von
Scharfsinn der bei dem ersten Entdecker bedeutend gewesen sein musste fand man
zwei Winkel welche diese Erfordernisse mit sich vereinigten Erstens konnte man
durch Anschauung wahrnehmen dass ihre Unterschiede die Winkel an der Grundlinie
sind zweitens besaßen sie eines der Merkmale der Gleichheit nämlich sie
deckten sich wenn sie aufeinandergelegt wurden Dieses Sichdecken wurde
indessen nicht durch Anschauung wahrgenommen sondern nach einer andern Formel
gefolgert
Der größeren Klarheit wegen füge ich hier eine Analyse des Beweises bei Man
wird sich erinnern dass Euklid seinen fünften Satz mit Hülfe des vierten
beweist Dies ist uns hier nicht erlaubt weil wir deduktive Wahrheiten nicht
auf vorhergehende deduktive Wahrheiten sondern auf ihre ursprünglichen
induktiven Fundamente zurückführen wollen Wir müssen daher anstatt des
Schlusses die Prämissen des vierten Satzes nehmen und den fünften direkt aus
den ersten Grundsätzen beweisen Dieses erfordert sechs Formeln Wir müssen wie
im Euklid damit beginnen die leichen Seiten A B A C um gleiche Entfernungen zu
verlängern und die Endpunkte B E D C miteinander zu verbinden
Erste Formel Die Summen gleicher Dinge sind gleich
A D und A E sind Summen gleicher Größen der Voraussetzung nach Da sie dieses
Merkmal der Gleichheit besitzen so schließt man nach dieser Formel dass sie
gleich sind
Zweite Formel Wenn gleiche gerade Linien auf einander gelegt werden so decken
sie sich
A C A B kommen der Voraussetzung nach unter diese Formel A D A E wurden durch
die vorhergehende Stufe darunter gebracht was nach der zweiten Formel ein
Merkmal ist dass sie sich decken werden wenn sie auf einandergelegt werden
Sich ganz decken heißt sich in allen Teilen und natürlich auch an den
Endpunkten D E und B C decken
Dritte Formel Gerade Linien deren Endpunkte sich decken decken sich
B E und C D wurden durch die vorhergehende Formel unter diese Induktion
gebracht sie werden sich daher decken
Vierte Formel Winkel deren Seiten sich decken decken sich
Da die dritte Induktion gezeigt hat dass sich B E und CD decken und die
zweite dass sich A B und A C decken so werden hierdurch die Winkel A B E und A
C D ins Bereich der vierten Formel gebracht und demnach decken sie sich
Fünfte Formel Dinge welche sich decken sind gleich
Die Winkel ABE und A CD werden durch die unmittelbar Vorhergehende Induktion
unter diese Formel gebracht Da dieser Kettenschluss mutatis mutandis auch auf
die Winkel E B C D G B anwendbar ist so werden auch diese unter die fünfte
Formel gebracht Und schließlich
Sechste Formel Die Unterschiede von Gleichem sind gleich
Da der Winkel A B C der Unterschied von A B E und C B E und der Winkel A C B
der Unterschied von A C D und D G B ist wovon bewiesen wurde dass sie gleich
sind so werden A B C und A C B durch das Ganze des vorausgehenden Prozesses in
das Bereich der letzten Formel gebracht
Die Schwierigkeit liegt hier darin dass wir uns die zwei Winkel an der
Grundlinie des Dreiecks A B C als Reste vorstellen müssen die dadurch
entstehen dass ein Winkelpaar aus dem andern herausgeschnitten wird während
ein jedes Paar korrespondierende Winkel von Dreiecken sein sollen welche zwei
Seiten und den dadurch eingeschlossenen Winkel gleich haben Durch diesen
glücklichen Kunstgriff lässt man so viele verschiedene Induktionen auf denselben
partikularen Fall hinwirken Und da dies durchaus keine so augenfällige Idee
ist so kann man aus einem so nahe an der Schwelle der Mathematik stehenden
Beispiel ersehen welcher Spielraum dem wissenschaftlichen Geschick wohl in den
hohem Zweigen dieser wie auch anderer Wissenschaften noch bleiben mag um einige
wenige einfachen Induktionen so zu kombinieren dass dadurch unter eine jede
derselben unzählige Fälle gebracht werden die nicht augenscheinlich in ihnen
eingeschlossen liegen und wie lange wie zahlreich und verwickelt die Prozesse
sein mögen welche notwendig sind um die Induktionen zusammenzubringen wenn
auch eine jede Induktion an sich sehr leicht und einfach sein mag Alle in der
Geometrie enthaltenen Induktionen sind in den einfachen Induktionen deren
Formeln die Axiome und einige wenige der sogenannten Definitionen sind
enthalten Der Überrest der Wissenschaft besteht in den Prozessen welche
ausgeführt werden um unvorhergesehene Fälle innerhalb dieser Induktionen zu
bringen oder in syllogistischer Sprache um die für die Vervollständigung des
Syllogismus notwendigen unteren Prämissen zu beweisen da die oberen Prämissen
aus Definitionen und Axiomen bestehen In diesen Definitionen und Axiomen ist
das Ganze der Merkmale niedergelegt durch deren kunstvolle Verbindung man es
möglich fand alles in der Geometrie Bewiesene zu entdecken und zu beweisen Da
dieser Merkmale nur so wenige sind und da die Induktionen welche sie liefern
uns so geläufig und klar sind so bildet die Verbindung von mehreren derselben
woraus Deduktionen oder Kettenschlüsse entstehen die ganze Schwierigkeit der
Wissenschaft und mit geringer Ausnahme ihren ganzen Umfang und daher ist die
Geometrie eine Deduktive Wissenschaft
5 Man wird hernach sehen dass gewichtige wissenschaftliche Gründe vorhanden
sind um einer jeden Wissenschaft soviel als möglich den Charakter einer
Deduktiven Wissenschaft zu geben zu versuchen die Wissenschaft aus den
möglichst wenigen und einfachen Induktionen aufzubauen und diese wenn auch
durch die verwickelsten Kombinationen hinreichend zu machen um auch solche auf
verwickelte Fälle bezüglichen Wahrheiten zu beweisen welche wenn wir es
wollten durch Induktionen aus der spezifischen Erfahrung bewiesen werden
könnten Ein jeder Zweig der Physik war ursprünglich experimentell eine jede
Generalisation beruhte auf einer speziellen Induktion und war aus ihrer eigenen
unterschiedenen Reihe von Beobachtungen abgeleitet Da es wie man sagt rein
experimentelle Wissenschaften oder besser gesagt da es Wissenschaften sind in
denen die Schlüsse meistens nur aus einer Stufe bestehen und durch einen
einzigen Syllogismus ausgedrückt werden so wurden alle diese Wissenschaften bis
zu einem gewissen Grad und einige sogar gänzlich zu Wissenschaften des reinen
Schließens wodurch eine Menge von Wahrheiten die bereits durch Induktion aus
eben so vielen verschiedenen Reihen von Experimenten erkannt waren als
Deduktionen oder Korollarien aus induktiven Sätzen von einem einfacheren und
allgemeineren Charakter dargestellt werden konnten So wurden die Mechanik die
Hydrostatik die Optik die Akustik und die Wärmelehre allmälig mathematisch
gemacht und die Astronomie wurde durch Newton den Gesetzen der allgemeinen
Mechanik unterworfen Warum die Substitution dieses weitläufigen Verfahrens für
einen anscheinend leichteren und natürlicheren Prozess mit Recht für den
größten Triumph der Naturforschung gehalten wird können wir jetzt noch nicht
untersuchen Es ist aber nötig zu bemerken dass obgleich Wissenschaften durch
diese allmälige Umwandlung mehr und mehr Deduktiv zu werden streben sie darum
nicht weniger Induktiv sind ein jeder Schritt in der Deduktion ist immer noch
eine Induktion Der Gegensatz besteht nicht zwischen den Ausdrücken Deduktiv und
Induktiv sondern zwischen Deduktiv und Experimentell Eine Wissenschaft ist in
dem Verhältnis experimentell als ein jeder neue Fall der irgend besondere
Züge darbietet einer neuen Reihe von Experimenten und Beobachtungen einer
neuen Induktion bedarf Sie ist Deduktiv im Verhältnis als sie bezüglich einer
neuen Art Fälle durch ein Verfahren Schlüsse ziehen kann welches diese Fälle
unter alte Induktionen bringt und zwar dadurch dass bestimmt wird dass Fälle
bei denen man nicht direkt beobachten kann ob sie die erforderlichen Merkmale
besitzen nichtsdestoweniger Merkmale von diesen Merkmalen besitzen
Wir können daher jetzt wahrnehmen welches der generische Unterschied ist
zwischen Wissenschaften welche Deduktiv gemacht werden können und solchen die
vorläufig Experimentell bleiben müssen Wenn wir durch unsere verschiedenen
Induktionen nicht über Sätze hinausgekommen sind wie diese a ein Merkmal von b
oder a und b Merkmale von einander c ein Merkmal von d oder c und d Merkmale
von einander ohne den Zusammenhang von a und b mit c und d zu kennen so haben
wir eine Wissenschaft von gesonderten und gegenseitig unabhängigen
Generalisationen etwa wie diese die Säuren röten blaue Pflanzenstoffe und die
Alkalien färben sie grün Aus keinem dieser Sätze könnten wir den andern direkt
oder indirekt folgern und soweit eine Wissenschaft aus solchen Sätzen besteht
ist sie rein experimentell Die Chemie hat in ihrem gegenwärtigen Zustand diesen
Charakter noch nicht abgelegt Es gibt aber andere Wissenschaften in denen die
Sätze folgender Art sind a ein Merkmal von b b ein Merkmal von c c von d d
von e etc In diesen Wissenschaften können wir die Leiter von a zu e durch ein
syllogistisches Verfahren hinaufsteigen wir können schließen dass a ein
Merkmal von e ist und ein jeder Gegenstand der das Merkmal a hat auch die
Eigenschaft e besitzt obgleich wir vielleicht niemals im Stande waren a und e
zusammen zu beobachten und obgleich vielleicht sogar d unser einziges direktes
Merkmal von e in diesen Gegenständen nicht wahrzunehmen sondern nur zu
erschließen ist Oder wenn wir die erste Metapher verändern man kann sagen
wir gelangten auf unterirdischem Wege von a zu e die Merkmale b c d welche
den Weg anzeigen müssen alle von den Gegenständen in Betreff deren wir
forschen besessen werden aber sie sind unter der Oberfläche a ist das einzige
sichtbare Merkmal und durch es sind wir im Stande alle übrigen sukzessive
aufzufinden
6 Wir können nun verstehen wie sich eine experimentelle Wissenschaft durch
den bloßen Fortschritt des Experiments in eine Deduktive verwandeln kann Wie
bereits bemerkt sind die Induktionen in einer experimentellen Wissenschaft
gesondert wie a ein Merkmal von b c ein Merkmal von d e von f usw es kann
nun eine neue Reihe von Fällen und eine darauf folgende Induktion zu jeder Zeit
den Zwischenraum zwischen diesen unzusammenhängenden Bogen überbrücken es kann
zB bestimmt werden dass b ein Merkmal von c ist was uns sofort in den Stand
setzt deduktiv zu beweisen dass a ein Merkmal von c ist Oder es kann wie
dies zuweilen geschieht eine umfassende Induktion hoch in der Luft einen Bogen
errichten der eine ganze Anzahl auf einmal überbrückt indem es sich zeigt
dass b d f und alle übrigen Merkmale von irgend einem Ding oder von Dingen
sind zwischen denen bereits ein Zusammenhang nachgewiesen ist So entdeckte
zB Newton dass sowohl die regelmäßigen als auch die anscheinend anomalen
Bewegungen aller Körper des Sonnensystems eine jede dieser Bewegungen war durch
eine besondere logische Operation aus besonderen Merkmalen gefolgert worden
Merkmale einer Bewegung um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt mit einer
Zentripedalkraft sind welche in geradem Verhältnis der Massen und umgekehrt
wie die Quadrate der Entfernungen von diesem Mittelpunkt variiert Dies ist das
größte je vorgekommene Beispiel einer plötzlichen Umwandlung einer bis dahin
bis zu einem hohen Grad bloß experimentellen Wissenschaft in eine deduktive
Umwandlungen derselben Art wenn auch in einem kleineren Maßstabe finden in
den weniger ausgebildeten Zweigen des physikalischen Wissens fortwährend Statt
ohne dass sie deshalb den Charakter von experimentellen Wissenschaften abwerfen
könnten So wird in Beziehung auf die zwei angeführten unzusammenhängenden
Sätze die Säuren röten blaue Pflanzenstoffe Alkalien färben sie grün von
Liebig bemerkt dass alle durch Säuren geröteten blauen Farbstoffe so wie auch
umgekehrt alle roten Farbstoffe welche durch Alkalien gebläut werden
Stickstoff enthalten und es ist sehr möglich dass dieser Umstand einst das
verknüpfende Band zwischen den zwei fraglichen Sätzen abgeben wird indem er
zeigt dass die antagonistische Wirkung von Säuren und Alkalien in der Erzeugung
und Zerstörung der blauen Farbe das Resultat eines allgemeineren Naturgesetzes
ist Obgleich diese Verknüpfung getrennter Generalisationen ein Gewinn ist so
strebt sie doch nur wenig dem Ganzen einer Wissenschaft einen deduktiven
Charakter zu verleihen weil die neuen Reihen von Beobachtungen und
Experimenten die uns einige allgemeinen Wahrheiten zu verknüpfen erlauben uns
gewöhnlich mit einer noch größeren Anzahl von unzusammenhängenden neuen Reihen
bekannt machen Daher ist die Chemie obgleich ähnliche Erweiterungen und
Vereinfachungen ihrer Generalisationen fortwährend stattfinden in der
Hauptsache noch eine experimentelle Wissenschaft und wird es wahrscheinlich
bleiben bis man zu einer umfassenden Induktion gelangt welche ähnlich der
Newtons eine große Anzahl von bekannten kleineren Induktionen verknüpfen und
die ganze Methode der Wissenschaft auf einmal verändern wird Die Chemie ist
bereits im Besitz einer großen Generalisation welche innerhalb ihrer
beschränkten Sphäre diesen umfassenden Charakter besitzt obgleich sie sich auf
eine untergeordnete Seite der chemischen Erscheinungen bezieht es ist dies der
die atomistische Theorie oder die Lehre von den chemischen Äquivalenten
genannte Grundsatz von Dalton der uns vor der Anstellung des Experiments bis zu
einer gewissen Weite erlaubt die Verhältnisse in denen sich zwei Substanzen
verbinden werden vorauszusehen und der so zu einer Quelle neuer deduktiv
erreichbarer chemischer Wahrheiten und zu einem verbindenden Prinzip für alle
vorher durch das Experiment erhaltenen Wahrheiten von derselben Art wird
7 Die Entdeckungen welche die experimentelle Methode einer Wissenschaft in
eine Deduktive verwandeln bestehen meistenteils darin dass entweder durch
Deduktion oder direkt durch das Experiment festgestellt wird dass die
Varietäten eines besonderen Phänomens die Varietäten eines anderen besser
bekannten Phänomens gleichförmig begleiten So wurde die bis dahin auf der
untersten Stufe der experimentellen Wissenschaften stehende Lehre vom Schall zu
einer deduktiven Wissenschaft als durch das Experiment bewiesen wurde dass
eine jede Art Schall abhängig und daher ein Merkmal ist von einer bestimmten und
bestimmbaren Art einer schwingenden Bewegung in den Teilchen des
fortpflanzenden Mittels Nachdem dies festgestellt war so folgte dass eine
jede Beziehung der Sukzession oder Koexistenz welche zwischen Erscheinungen der
einen bekannteren Art bestand auch zwischen den ihnen entsprechenden
Erscheinungen der andern Art bestand Da ein jeder Ton ein Merkmal einer
besonderen schwingenden Bewegung war so wurde er dadurch zum Merkmal von allem
was nach bekannten Gesetzen der Dynamik aus dieser Bewegung gefolgert werden
konnte und alles was nach denselben Gesetzen ein Merkmal einer schwingenden
Bewegung der Teilchen eines elastischen Mittels war wurde ein Merkmal des
entsprechenden Tons Und so werden viele in Beziehung auf den Schall vorher
nicht geahnte Wahrheiten aus den bekannten Gesetzen der Fortpflanzung der
Bewegung in einem elastischen Mittel ableitbar während bereits empirisch
bekannte Tatsachen zu einer Indikation von vorher nicht entdeckten
entsprechenden Eigenschaften schwingender Körper werden
Aber die Wissenschaft der Zahlen ist das große Agens um eine experimentelle
Wissenschaft in eine deduktive zu verwandeln Die Eigenschaften der Zahlen
allein sind unter allen bekannten Phänomenen im strengsten Sinne Eigenschaften
aller Dinge Nicht alle Dinge sind farbig schwer oder besitzen Ausdehnung
aber alle Dinge sind zählbar und wenn wir diese Wissenschaft in ihrer ganzen
Ausdehnung betrachten von der niederen Arithmetik an bis zur Variationsrechnung
so erscheinen die bereits festgestellten Wahrheiten nichts weniger als unendlich
zu sein und lassen noch eine unbegrenzte Erweiterung zu
Obgleich diese Wahrheiten von allen Dingen affirmiert werden können so lassen
sie sich doch nur in Beziehung auf deren Quantität auf sie anwenden Wenn aber
entdeckt wird dass in einer Klasse von Erscheinungen Veränderungen der Qualität
regelmäßig Veränderungen der Quantität entsprechen sei es in denselben oder in
anderen Erscheinungen so wird eine jede mathematische Formel welche auf in
dieser besonderen Weise variierende Quantitäten anwendbar ist ein Merkmal einer
entsprechenden allgemeinen Wahrheit in Betreff der sie begleitenden
Veränderungen in der Qualität und da die Wissenschaft der Quantität soweit es
eine Wissenschaft sein kann gänzlich deduktiv ist so wird die Theorie dieser
besonderen Art von Qualitäten bis zu dieser Ausdehnung ebenfalls deduktiv
Das überraschendste Beispiel hiervon welches die Geschichte darbietet obgleich
es kein Beispiel ist von einer experimentellen Wissenschaft welche in eine
deduktive verwandelt wurde sondern von einer beispiellosen Ausdehnung eines
deduktiven Verfahrens in einer Wissenschaft die bereits deduktiv war ist die
von Descartes begonnene und von Clairaut vollendete Revolution in der Geometrie
Diese großen Mathematiker wiesen auf die Wichtigkeit der Tatsache hin dass
einer jeden Art Lage von Punkten Richtung von Linien oder Form von Kurven oder
Flächen welche alle Qualitäten sind eine besondere Beziehung der Quantität
zwischen zwei oder drei rechtwinkligen Koordinaten entspricht so dass wenn das
Gesetz bekannt wäre nach welchem diese Koordinaten beziehungsweise zu einander
variieren eine jede andere geometrische Eigenschaft der fraglichen Linie oder
Fläche sowohl in Beziehung auf Quantität als Qualität daraus gefolgert werden
könnte Hieraus folgte dass eine jede geometrische Frage gelöst werden konnte
wenn die entsprechende algebraische Frage zu lösen war und die Geometrie
erhielt einen faktischen oder potentiellen Zuwachs von neuen Wahrheiten die
einer jeden Eigenschaft der Zahlen entsprachen welche der Fortschritt des
Kalküls aus Licht gefördert hat oder in Zukunft noch fördern kann In derselben
allgemeinen Weise wurde die Mechanik die Astronomie und in einem geringeren
Grade ein jeder Zweig der gewöhnlich sogenannten Physik algebraisch gemacht Man
fand dass die verschiedenen Arten von physikalischen Erscheinungen womit es
diese Wissenschaften zu tun haben bestimmbaren Arten in der Quantität eines
Umstandes oder wenigstens verschiedenen Arten der Form oder Lage entsprechen
für die bereits entsprechende Gleichungen der Quantität gefunden waren oder von
den Geometern entdeckt werden konnten
Bei diesen verschiedenen Umwandlungen erfüllen die Urteile der Wissenschaft der
Zahlen die Funktion welche allen einen Kettenschluss bildenden Urteilen
zukommt die nämlich uns in den Stand zu setzen durch eine indirekte Methode
durch Merkmale von Merkmalen zu Eigenschaften der Gegenstände zu gelangen die
wir nicht direkt oder nicht bequem durch das Experiment bestimmen können Wir
wandern von einer gegebenen sichtbaren oder fühlbaren Tatsache durch die
Wahrheiten der Zahlen zu der gesuchten Tatsache Die gegebene Tatsache ist ein
Merkmal dass zwischen den Quantitäten einiger der betreffenden Elemente eine
Beziehung besteht während die gesuchte Tatsache eine gewisse Beziehung
zwischen den Quantitäten einiger anderer Elemente voraussetzt wenn nun diese
letzten Quantitäten in irgend einer bekannten Weise von den ersten abhängig
sind oder umgekehrt so können wir aus der numerischen Beziehung zwischen der
einen Reihe von Quantitäten auf die zwischen der andern Reihe bestehenden
schließen indem die Lehrsätze des Kalküls die Zwischenglieder darbieten Und
so wird die eine der zwei physikalischen Tatsachen ein Merkmal der andern
indem sie ein Merkmal von dem Merkmal eines Merkmals derselben ist
1 Wenn wie in den zwei vorhergehenden Kapiteln gezeigt wurde die
Induktion das Fundament aller Wissenschaften sogar der deduktiven oder
demonstrativen ist wenn eine jede Stufe in den Syllogismen sogar der Geometrie
eine Induktion und wenn ein Kettenschluss nichts Anderes als eine Reihe von
Induktionen ist die sich auf denselben Gegenstand beziehen worin liegt denn
nun aber die eigentümliche Gewissheit die man den Wissenschaften zuschreibt
welche ganz oder fast ganz deduktiv sind Warum heißen sie exakte
Wissenschaften Warum sind mathematische Gewissheit und die Evidenz der
Demonstration Ausdrücke um den höchsten Grad der von der Vernunft erreichbaren
Gewissheit zu bezeichnen Warum werden die Mathematik von allen Philosophen und
von vielen sogar diejenigen Zweige der Naturwissenschaften welche durch die
Mathematik in deduktive Wissenschaften verwandelt wurden als unabhängig von dem
Beweis durch Erfahrung und Beobachtung betrachtet und als Systeme von
notwendigen Wahrheiten charakterisiert
Ich glaube die richtige Antwort hierauf ist dass dieser den Wahrheiten der
Mathematik zugeschriebene Charakter von Notwendigkeit und mit einigen später
zu machenden Vorbehalten sogar jene eigentümliche Gewissheit eine Illusion
ist zu deren Stütze es nötig ist anzunehmen dass jene Wahrheiten sich nur auf
imaginäre Gegenstände beziehen und nur Eigenschaften von solchen ausdrücken Es
ist bekannt dass die Schlüsse der Geometrie zum Teil wenigstens von
sogenannten Definitionen abgeleitet sind und dass von diesen Definitionen
angenommen wird sie seien soweit sie gehen korrekte Beschreibungen der
Gegenstände womit sich die Geometrie beschäftigt Aus einer Definition als
solcher kann nun kein anderer als auf ein Wort Bezug habender Satz folgen und
das was anscheinend aus einer Definition folgt folgt in Wahrheit aus der darin
eingeschlossenen Annahme dass ein ihr entsprechendes reales Ding existiert
Diese Annahme ist aber bei den Definitionen der Geometrie falsch es existieren
keine den Definitionen entsprechenden realen Dinge Es gibt keinen Punkt ohne
Größe keine Linie ohne Breite oder auch nur eine vollkommen gerade Linie es
gibt keine Kreise mit genau gleichen Halbmessern oder Quadrate die vollkommen
rechtwinklig wären Wollte man mir einwenden dass sich die Annahme nicht auf
die wirkliche sondern nur auf die mögliche Existenz solcher Dinge erstreckt so
würde ich erwidern dass soweit wir die Möglichkeit erproben können dieselben
nicht einmal möglich sind Soweit unser Urteil reicht würde ihre Existenz mit
der physikalischen Konstitution unseres Planeten wenigstens wenn nicht mit der
des Universums unverträglich sein Um diese Schwierigkeiten loszuwerden und um
zugleich den Kredit des Systems von notwendigen Wahrheiten zu retten pflegt
man gewöhnlich zu sagen dass die Punkte Linien und Quadrate die der
Gegenstand der Geometrie sind nur in unserer Vorstellung existieren und dass
sie ein Teil unseres Geistes sind so dass der Geist aus seinem eigenen
Material a priori eine Wissenschaft aufbaut deren Evidenz bloß geistig ist und
mit unserer äußeren Erfahrung nichts zu schaffen hat Dieser Lehre mögen hohe
Autoritäten ihre Beistimmung gegeben haben sie scheint mir aber dennoch
psychologisch betrachtet fehlerhaft zu sein56 Die Punkte Linien Kreise und
Quadrate die Jemand denkt sind glaube ich nichts als Kopien der Punkte
Linien Kreise und Quadrate welche ihm die Erfahrung vorführte Unsere Idee von
einem Punkt ist einfach unsere Idee von dem sichtbaren Minimum von dem
kleinsten Flächenteil den wir noch sehen können Eine Linie wie sie die
Geometer definieren kann man sich gar nicht vorstellen Wir können in Beziehung
auf eine Linie ohne Breite Schlüsse ziehen weil wir eine Fähigkeit besitzen
welche das Fundament der Herrschaft ist die wir über die Tätigkeit unseres
Geistes ausüben können die Fähigkeit nämlich nur einen Teil unserer
sinnlichen Wahrnehmungen oder geistigen Vorstellungen anstatt das Ganze
derselben zu beachten Aber wir können uns keine Linie ohne Breite vorstellen
wir können uns kein geistiges Bild davon machen alle Linien welche wir denken
haben Breite Wer dies bezweifelt mag seine eigene Erfahrung befragen Ich
zweifle sehr dass Jemand der glaubt er könne sich eine sogenannte
mathematische Linie vorstellen dies auf den Beweis seines eigenen Bewusstseins
hin glaubt er tut es vielmehr in der Voraussetzung dass wenn eine solche
Vorstellung nicht möglich wäre die Mathematik nicht als eine Wissenschaft
existieren könnte eine Voraussetzung die wie leicht nachzuweisen ganz
grundlos ist
Da nun weder in der Natur noch in unserem Geiste den Definitionen der
Geometrie genau entsprechende Gegenstände existieren und da man doch nicht
annehmen kann dass diese Wissenschaft sich mit Nichtdingen beschäftigt so
bleibt nichts Anderes übrig als anzunehmen die Geometrie beschäftige sich mit
Linien Winkeln und Figuren wie sie wirklich existieren und die sogenannten
Definitionen müssen als einige unserer ersten und augenfälligsten
Generalisationen in Beziehung auf diese natürlichen Gegenstände betrachtet
werden Die Richtigkeit dieser Generalisationen als Generalisationen ist nicht
zu bezweifeln dass die Halbmesser eines Kreises gleich sind ist soweit es von
einem Kreise wahr ist von allen Kreisen wahr genau wahr ist es jedoch von
keinem Kreise es ist nur nahezu wahr so nahezu dass man in der Praxis keinen
merklichen Fehler begeht wenn man es als ganz wahr annimmt Wenn wir
Gelegenheit haben diese Induktionen oder ihre Konsequenzen auf Fälle
auszudehnen in denen der Irrtum bemerklich wäre auf Linien von merklicher
Breite oder Dicke auf Parallelen die nicht überall genau gleichweit von
einander entfernt sind u dergl so berichtigen wir unsere Schlüsse indem wir
eine neue Reihe von Sätzen die sich auf die Abweichung beziehen damit
verbinden gerade so wie wir auch Urteile in Beziehung auf die physikalischen
oder chemischen Eigenschaften des Materials zulassen wenn diese Eigenschaften
das Resultat vielleicht modifizieren sollten was sie sogar in Beziehung auf
Gestalt und Größe leicht tun können wie zB bei der Ausdehnung durch die
Wärme So lange indessen keine praktische Notwendigkeit vorhanden ist auf
irgend eine der Eigenschaften des Gegenstandes mit Ausnahme der geometrischen
Eigenschaften oder irgend einer der natürlichen Unregelmäßigkeiten in denselben
zu achten ist es bequem die Betrachtung der anderen Eigenschaften und der
Unregelmäßigkeiten zu vernachlässigen und zu schließen als wenn sie gar
nicht existierten wir geben demgemäß in der Definition förmlich an dass wir
nach diesem Plan verfahren wollen Es ist aber ein Irrtum anzunehmen dass
weil wir unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Anzahl von Eigenschaften eines
Gegenstandes beschränken wir uns darum den Gegenstand als seiner anderen
Eigenschaften entkleidet vorstellen oder in der Idee haben Wir denken uns zu
allen Zeiten solche Gegenstände wie wir sie sahen und fühlten und mit allen
Eigenschaften die ihnen ihrer Natur nach zukommen aber der wissenschaftlichen
Bequemlichkeit wegen tun wir als wären sie aller Eigenschaften entkleidet mit
Ausnahme derjenigen in Betreff deren wir sie zu betrachten vorhaben
Die besondere Genauigkeit von der man annimmt dass sie das
Charakteristische der ersten Prinzipien der Geometrie sei ist also nur eine
eingebildete Die Behauptungen auf welche die Schlüsse dieser Wissenschaft
gegründet sind entsprechen den Tatsachen ebensowenig genau als in anderen
Wissenschaften wir supponieren aber dass sie es tun um die Konsequenzen aus
dieser Supposition ableiten zu können Ich halte die Ansicht von Dugald Stewart
dass die Fundamentallehren der Geometrie auf Hypothesen gebaut sind dass sie
diesen allein die eigentümliche Gewissheit verdanken welche sie auszeichnen
und dass eine jede Wissenschaft wenn sie von einer Anzahl von Hypothesen aus
weiter schließt ein System von Schlüssen ergeben wird das an Gewissheit der
Geometrie nicht nachsteht dh das eben so strenge in Übereinstimmung mit den
Hypothesen stehen und das unter der Bedingung die Hypothesen seien wahr
unsere Zustimmung ebenso unwiderstehlich erzwingen wird wie diese im
Wesentlichen für richtig
Wenn daher behauptet wird die Schlüsse der Geometrie wären notwendige
Wahrheiten so besteht die Notwendigkeit nur darin dass sie aus den
Voraussetzungen aus denen sie abgeleitet sind notwendig folgen Diese
Voraussetzungen sind so weit entfernt notwendig zu sein dass sie nicht einmal
wahr sind sie entfernen sich absichtlich mehr oder weniger von der Wahrheit
Den Schlüssen einer Wissenschaft kann Notwendigkeit einzig in dem Sinne
zugeschrieben werden dass sie aus einer Annahme folgen welche den Bedingungen
der Untersuchung nach unzweifelhaft ist In diesem Verhältnis müssen natürlich
die abgeleiteten Wahrheiten einer jeden deduktiven Wissenschaft zu den
Induktionen oder Annahmen stehen auf welche die Wissenschaft gegründet ist und
diese mögen an und für sich wahr oder unwahr gewiss oder zweifelhaft sein so
nimmt man sie zu den Zwecken der besonderen Wissenschaft immer als gewiss an
Die Schlüsse der deduktiven Wissenschaften hießen daher bei den Alten
notwendige Urteile Wir haben bereits bemerkt dass das notwendig ausgesagt
werden charakteristisch vom Prädicabile Proprium ist und dass ein Proprium eine
jede Eigenschaft eines Dinges ist die aus ihrem Wegen abgeleitet werden kann
dh aus den in seiner Definition eingeschlossenen Eigenschaften
2 Die wichtige Lehre von Dugald Stewart welche ich durchzuführen
versucht habe ist von Dr Whewell in einer seinem »Mechanischen Euklid«57
angehängten Dissertation besonders aber in seinem neueren gründlichen Werke
über die Philosophie der induktiven Wissenschaften bestritten worden In
letzterem hat er auch eine Erwiderung auf einen Artikel in der Edinburgh Review
der einem hervorragenden Schriftsteller zugeschrieben wurde gegeben in
welchem Stewarts Ansicht gegen ihn verteidigt worden war Die vermeintliche
Widerlegung Stewarts besteht einfach darin dass gegen ihn bewiesen wird wie
es auch in diesem Werk geschah dass die Prämissen der Geometrie nicht
Definitionen sondern Assumtionen der wirklichen Existenz von diesen
Definitionen entsprechenden Dingen sind Hierdurch wird Dr Whewells Zweck aber
wenig gefördert denn gerade von diesen Assumtionen wird behauptet es seien
Hypothesen und wenn er leugnen will dass die Geometrie auf Hypothesen
gegründet ist so muss er zeigen dass dieselben absolute Wahrheiten sind Er
beschränkt sich indessen auf die Bemerkung dass es jedenfalls keine
willkürlichen Hypothesen sind dass es uns nicht frei steht ihnen andere
Hypothesen zu substituieren dass nicht allein »eine Definition um zulässig zu
sein notwendig mit einer Vorstellung die wir uns in unseren Gedanken deutlich
bilden können in Beziehung stehen und übereinstimmen muss« sondern dass die
geraden Linien zB welche wir definieren »diejenigen sein müssen in denen
Winkel enthalten sind diejenigen durch welche Dreiecke begrenzt diejenigen von
denen Parallelität ausgesagt werden kann und so weiter« Dies ist ganz wahr
aber es ist auch niemals widersprochen worden Diejenigen welche sagen die
Prämissen der Mathematik seien Hypothesen sind nicht verbunden sie als
Hypothesen die zu den Tatsachen in keinerlei Beziehungen stehen darzustellen
Da sich eine für die Zwecke wissenschaftlicher Forschung aufgestellte Hypothese
auf etwas beziehen muss was reale Existenz besitzt denn es kann keine
Wissenschaft bezüglich von Nonentitäten geben so folgt dass eine Hypothese
die wir bezüglich eines Gegenstandes machen am unser Studium desselben zu
erleichtern nicht etwas entschieden Falsches und dessen wahrer Natur
Widerstreitendes enthalten darf wir dürfen einem Dinge nicht eine Eigenschaft
zuschreiben die es nicht besitzt unsere Freiheit geht höchstens bis zu einer
geringen Übertreibung einer Eigenschaft die es besitzt und bis zur
Unterdrückung anderer Eigenschaften und zwar unter der unerlässlichen
Verpflichtung sie wiederherzustellen sobald ihre Gegenwart oder Abwesenheit in
der Wahrheit unserer Schlüsse einen wesentlichen Unterschied hervorrufen würde
Dieser Natur sind demzufolge die in den Definitionen der Geometrie enthaltenen
ersten Grundsätze Es ist indessen nur soweit notwendig dass die Hypothesen
von dieser besonderen Natur seien als uns keine anderen in den Stand setzen
könnten Schlüsse abzuleiten welche bei passenden Korrektionen von wirklichen
Gegenständen wahr sein würden und wenn unser Ziel bloß ist Wahrheiten zu
erläutern und nicht zu erforschen so sind wir in der That einer solchen
Beschränkung gar nicht unterworfen Wir könnten uns ein imaginäres Thier denken
und aus bekannten physiologischen Gesetzen seine Naturgeschichte deduktiv
ausarbeiten oder ein imaginäres Gemeinwesen und aus den dasselbe
zusammensetzenden Elementen dessen Geschicke erschließen Die Schlüsse welche
wir auf diese Weise aus ganz willkürlichen Hypothesen ziehen könnten würden
eine sehr nützliche Übung unseres Geistes sein aber da sie uns bloß lehren
könnten welches die Eigenschaften von nicht wirklich existierenden Gegenständen
sein würden so würden sie unserer Kenntnis der Natur nichts neues hinzufügen
während im Gegenteil die Schlüsse wenn die Hypothese den realen Gegenstand
bloß eines Teils seiner Eigenschaften entkleidet ohne ihn in falsche zu
kleiden bei bekannter Verpflichtung zu einer Korrektion immer wirkliche
Wahrheit ausdrücken
3 Aber obgleich Dr Whewell Stewarts Lehre in Beziehung auf den
hypothetischen Charakter des in den sogenannten Definitionen enthaltenen Teils
der ersten Grundsätze der Geometrie nicht erschüttert hat so ist er doch wie
ich glaube gegen Stewart sehr im Vorteil im Betreff eines andern wichtigen
Punktes in der Theorie des geometrischen Schließens nämlich in Betreff der
Notwendigkeit unter diese ersten Grundsätze sowohl Axiome als auch
Definitionen zuzulassen
Einige Axiome Euklids könnten ohne Zweifel in die Form von Definitionen
gebracht oder aus ähnlichen Sätzen abgeleitet werden wie man zB anstatt des
Axioms »Größen welche dahin gebracht werden können dass sie sich decken
sind gleich« die Definition nehmen könnte »Gleiche Größen sind solche welche
so aufeinander gelegt werden können dass sie sich decken« und die drei
folgenden Axiome Größen welche einer und derselben Größe gleich sind sind
einander selbst gleich Gleiches zu Gleichem addiert gibt gleiche Summen
Gleiches von Gleichem abgezogen gibt gleiche Reste können darnach durch ein
imaginäres Aufeinanderlegen bewiesen werden ähnlich dem durch welches der
vierte Satz des ersten Buchs von Euclid bewiesen wird Es gibt indessen auf der
Liste der Axiome zwei oder drei fundamentale Wahrheiten welche nicht
demonstriert werden können hierher gehört der Satz zwei gerade Linien können
keinen Raum einschließen oder sein Äquivalent Gerade Linien welche sich in
zwei Punkten decken decken sich ganz und irgend eine Eigenschaft der
Parallellinien die sich von der Definition dieser Linien unterscheidet zB
»zwei Gerade welche sich schneiden können nicht beide einer dritten Geraden
parallel sein«58
Sowohl die nicht beweisbaren als die beweisbaren Axiome unterscheiden sich
von jener andern in den Definitionen enthaltenen Klasse von Grundprinzipien
darin dass sie ohne eine Beimischung von Hypothese wahr sind Dass Dinge
welche einem und demselben Dinge gleich sind einander selbst gleich sind ist
eben so wahr von Linien oder Figuren in der Natur als es von den eingebildeten
wie sie in den Definitionen angenommen sind wahr sein würde In dieser
Beziehung steht Indessen die Mathematik mit den meisten anderen Wissenschaften
auf gleicher Linie In fast allen Wissenschaften gibt es einige allgemeine
Sätze die genau wahr sind während sich der größere Teil der Wahrheit nur
mehr oder weniger nähert So ist in der Mechanik das erste Gesetz der Bewegung
dass eine einmal begonnene Bewegung nur durch eine ihr entgegenwirkende Kraft
aufgehoben oder verzögert werden kann ohne die geringste Beschränkung oder
Irrtum wahr Die Umdrehung der Erde in vierundzwanzig Standen von der heutigen
Länge fand seit den ersten genauen Beobachtungen ohne Zu oder Abnahme von nur
einer einzigen Sekunde Statt Es sind dies Induktionen welche keiner Fiction
bedürfen um als genau wahr angenommen zu werden Aber neben diesen gibt es
andere wie zB die Sätze in Betreff der Gestalt der Erde die nur Annäherungen
an die Wahrheit sind und um diese zur Förderung der Wissenschaft zu gebrauchen
müssen wir sie als genau wahr annehmen obgleich ihnen hierzu noch Einiges
fehlt
4 Man kann nun fragen was ist der Grund unseres Glaubens an die Axiome
was der Beweis auf dem sie beruhen Hierauf diene die Antwort es sind
experimentelle Wahrheiten Generalisationen aus der Beobachtung Der Satz Zwei
gerade Linien können keinen Raum einschließen oder mit anderen Worten Zwei
gerade Linien welche sich einmal begegnet sind begegnen oder schneiden sich
nicht wieder sondern divergieren fortwährend ist eine Induktion die sich auf
einen sinnlichen Beweis stützt
Diese Ansicht ist einem alten philosophischen Vorurteil entgegen und hat
wahrscheinlich bei Vielen eine ungünstigere Aufnahme zu erwarten als irgend ein
anderer in diesem Werke ausgesprochener Satz Es ist indessen keine neue
Meinung und sogar wenn sie es wäre so sollte sie nicht nach der Neuheit
sondern nach der Stärke der Argumente auf welche sie sich stützt beurteilt
werden Es ist für ein Glück anzusehen dass ein so ausgezeichneter Kämpe für
die entgegengesetzte Meinung wie Hr Whewell die Theorie der Axiome zu
behandeln Gelegenheit hatte indem er versuchte die Philosophie der Mathematik
und der physikalischen Wissenschaften auf die Lehre zu gründen welche in dem
vorliegenden Werke bestritten wird Wem daran gelegen ist dass die Diskussion
eines Gegenstandes bis auf den Grund desselben gehe der muss sich freuen die
ihm entgegenstehende Seite der Frage würdig vertreten zu sehen Wer gezeigt hat
dass das was ein Gelehrter wie Hr Whewell zur Stütze einer Meinung gesagt
hat auf die er ein ganzes System gründete nicht stichhaltig ist braucht weder
nach stärkeren Argumenten noch nach einem starkem Gegner zu suchen
Es ist nicht nötig nachzuweisen dass die Wahrheiten welche wir Axiome
nennen ursprünglich von der Beobachtung geliefert werden und dass wir nie
gewusst hätten dass zwei gerade Linien keinen Raum einschließen können wenn
wir nie eine gerade Linie gesehen hätten dies gibt Hr Whewell und geben alle
Diejenigen zu welche seine Ansichten über diesen Gegenstand angenommen haben
Sie bestreiten aber dass es die Erfahrung sei welche dies Axiom beweist nach
ihnen wird seine Wahrheit a priori durch die Beschaffenheit des Geistes selbst
von dem Augenblick an wahrgenommen wo die Bedeutung des Satzes verstanden wird
und ohne dass es nötig wäre sie durch wiederholte Versuche zu bestätigen wie
es bei Wahrheiten die durch Beobachtung erhalten wurden erforderlich ist
Sie müssen indessen zugeben dass wenn die Wahrheit des Axioms Zwei gerade
Linien können keinen Raum einschließen unabhängig von der Erfahrung evident
ist sie es auch gemäß der Erfahrung ist Ob das Axiom der Bestätigung bedarf
oder nicht es erhält sie in fast einem jeden Augenblick unseres Lebens indem
wir nicht zwei sich schneidende Linien betrachten können ohne zu sehen dass
sie vom Durchschnittspunkt an immer mehr divergieren Der experimentelle Beweis
häuft sich in einem solchen Übermaß vor uns an und ohne einen Fall bei dem
auch nur der Verdacht einer Ausnahme von der Regel zulässig sein könnte dass
wir bald starkem Grund haben dürften das Axiom auch als experimentelle Wahrheit
zu glauben als wir nur für irgend eine der allgemeinen Wahrheiten die wir
zugestandenermaßen durch sinnlichen Beweis besitzen haben können Gewiss
würden wir es unabhängig von dem aprioristischen Beweise mit einer starkem
Überzeugung glauben als irgend eine der gewöhnlichen physikalischen
Wahrheiten und dies noch dazu in einer viel frühem Lebenszeit als diejenige
ist von der wir fast einen jeden Teil unseres erlangten Wissens datieren und
die viel zu früh um eine Erinnerung der Geschichte unserer Geistesverrichtungen
in dieser Periode zuzulassen Wo ist nun aber die Notwendigkeit anzunehmen
unsere Erkenntnis dieser Wahrheiten habe einen andern Ursprung als unser
übriges Wissen wenn ihre Existenz vollkommen durch die Annahme erklärt wird
dass ihr Ursprung derselbe ist wenn die Ursachen welche in allen anderen
Fällen Glauben hervorrufen auch in diesem Falle und zwar in einem um so viel
höheren Grade vorhanden sind als die Stärke des Glaubens selbst grösser ist Per
Beweis liegt denjenigen ob welche die entgegengesetzte Meinung verteidigen an
ihnen liegt es irgend eine Tatsache nachzuweisen die mit der Annahme dass
dieser Teil unserer Kenntnis der Natur aus derselben Quelle fließt wie alle
anderen Theile unverträglich wäre
Sie würden dies zB tun können wenn sie chronologisch beweisen könnten
dass wir die Überzeugung wenigstens praktisch in der Kindheit hatten ehe wir
jene Eindrücke auf die Sinne auf welche der andern Theorie nach die
Überzeugung gegründet ist erhalten haben Dies ist aber nicht zu beweisen da
es außerhalb des Bereiches des Gedächtnisses liegt und für die äußere
Beobachtung zu dunkel ist Die Verteidiger der aprioristischen Theorie sind
gezwungen zu anderen Argumenten ihre Zuflucht zu nehmen Sie lassen sich auf
zwei zurückführen und ich will versuchen sie so klar wie möglich anzugeben
5 Erstens sagt man dass wenn sich unsere Zustimmung zu dem Urteil
Zwei gerade Linien können keinen Raum einschließen von den Sinnen herschriebe
so könnten wir von seiner Wahrheit nur durch den wirklichen Versuch überzeugt
werden dh dadurch dass wir die geraden Linien sähen oder fühlten während
wir das Urteil in der That bloß in Gedanken für wahr erkennen Dass ein ins
Wasser geworfener Stein auf den Grund sinkt kann durch die Sinne wahrgenommen
werden aber das bloße Denken eines ins Wasser geworfenen Steins wird uns nie
zu diesem Schluss führen Wenn ich mir vorstellen könnte was eine gerade Linie
für ein Ding ist ohne jemals eine gesehen zu haben so würde ich sogleich
erkennen dass zwei gerade Linien keinen Raum einschließen können Die
Intuition ist »ein imaginäres Sehen oder Besehen«59 aber die Erfahrung muss ein
wirkliches Sehen sein wenn wir dadurch sehen dass eine Eigenschaft gerader
Linien wahr ist dass wir uns bloß einbilden wir besähen dieselben so kann
der Grund unseres Glaubens nicht in den Sinnen oder in der Erfahrung liegen er
muss etwas Geistiges sein
Was das erwähnte besondere Axiom betrifft so kann diesem Argumente noch
hinzugefügt werden denn von allen Axiomen wäre die Behauptung nicht wahr
dass sein Beweis durch wirkliche Okularinspektion nicht allein unnötig sondern
auch unerreichbar ist Was sagt das Axiom Es sagt dass zwei gerade Linien
keinen Raum einschließen können dass wenn sie sich einmal geschnitten haben
sie bei dem Verlängern ins unendliche nicht mehr zusammentreffen sondern
fortwährend von einander divergieren Wie kann dies in einem einzigen Falle durch
wirkliche Beobachtung bewiesen werden Wir können den Linien bis zu einer
beliebigen Entfernung nicht aber ins unendliche folgen denn soviel unsere
Sinne bezeugen können können sie unmittelbar nach dem weitesten Punkte bis zu
dem wir sie verfolgt haben sich zu nähern anfangen und zuletzt sich begegnen
Wenn wir daher nicht noch einen andern Beweis der Unmöglichkeit hätten als den
uns die Erfahrung bietet so hätten wir gar keinen Grund das Axiom überhaupt zu
glauben
Ich glaube wir werden eine genügende Antwort auf diese Argumente finden
wenn wir eine der charakteristischen Eigenschaften der geometrischen Formen
beachten nämlich ihre Fähigkeit in der Einbildungskraft ein Bild
hervorzurufen das so deutlich ist wie die Wirklichkeit mit anderen Worten
die genaue Ähnlichkeit unserer Ideen von der Form mit den Sensationen welche
sie erregen Dies setzt uns zuvörderst in den Stand wenigstens bei einer
geringen Übung geistige Bilder aller möglichen Kombinationen von Linien und
Winkeln aufzustellen welche der Wirklichkeit gerade so gut gleichen als
solche die wir immerhin auf dem Papier darstellen mögen und macht zunächst
diese Bilder zu gerade so geeigneten Gegenständen geometrischer Versuche wie die
Wirklichkeiten selbst insofern Bilder wenn sie hinreichend genau sind
natürlich alle Eigenschaften zeigen welche die Realitäten in einem gegebenen
Augenblicke und bei dem bloßen Anblick zeigen würden in der Geometrie gehen
uns aber nur solche Eigenschaften und nicht diejenigen etwas an welche durch
keine Bilder dargestellt werden könnten nämlich die gegenseitige Wirkung der
Körper aufeinander Das Fundament der Geometrie würde daher auch dann auf der
direkten Erfahrung beruhen wenn die Experimente welche in diesem Falle bloß
in dem aufmerksamen Anschauen bestehen bloß mit dem Statt fänden was wir
unsere Ideen nennen dh mit den Figuren in unserem Geiste und nicht mit
äußeren Gegenständen In allen Systemen des Experimentierens nehmen wir einige
Gegenstände um sie als Repräsentanten aller derjenigen dienen zu lassen welche
ihnen gleichen und in dem vorliegenden Falle sind die Bedingungen welche einen
realen Gegenstand zum Repräsentanten seiner Klasse befähigen durch einen
Gegenstand der nur in unserer Phantasie existiert vollständig erfüllt Ohne
daher die Möglichkeit zu leugnen dass wir durch bloßes Denken zweier geraden
Linien und ohne sie zu sehen glauben können dass sie keinen Raum
einschließen können behaupte ich dass wir diese Wahrheit nicht bloß auf
Grund unserer imaginären Anschauung hin glauben sondern weil wir wissen dass
die eingebildeten Linien den wirklichen genau gleich sehen und dass wir von
ihnen auf wirkliche Linien ganz mit derselben Sicherheit schließen können als
von einer wirklichen Linie auf eine andere wirkliche Der Schluss ist daher
immer eine Induktion aus der Beobachtung und wir würden nicht eine Beobachtung
des Bildes in unserm Geiste für eine Beobachtung der Wirklichkeit substituieren
dürfen wenn wir nicht durch eine lange fortgesetzte Erfahrung gelernt hätten
dass alle Eigenschaften der Wirklichkeit in dem Bilde treulich repräsentiert
sind gerade so wie wir wissenschaftlich nicht eher berechtigt wären die
Gestalt und Farbe eines Tieres das wir nie gesehen haben nach einem
photographischen Bilde desselben zu beschreiben bis wir durch eine häufige
Erfahrung gelernt haben dass die Beobachtung eines solchen Bildes der
Beobachtung des Originals genau äquivalent ist
Diese Betrachtungen heben auch den Einwurf auf der aus der Unmöglichkeit
hervorgeht den Linien bis zur Verlängerung ins Unendliche mit den Augen zu
folgen Denn obgleich es notwendig wäre den Linien ins Unendliche zu folgen
wenn man wirklich sehen wollte ob sie sich nie begegnen so können wir ohne
dies zu tun doch wissen dass wenn sie je zusammentreffen oder wenn sie nach
dem Divergieren anfangen sollten sich einander zu nähern dies bei einer
endlichen und nicht bei unendlicher Entfernung Statt finden muss Wenn wir daher
annehmen dass dies wirklich der Fall wäre so können wir uns in Gedanken dahin
verfügen und ein geistiges Bild von dem Anblicke aufstellen welchen die eine
oder beide Linien bei diesem Punkte darbieten müssen ein Bild auf dessen
Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit wir uns verlassen können Ob wir nun unsere
Contemplation auf dieses Bild richten oder dem Geiste die Generalisationen aus
der Beobachtung zurückrufen welche wir früher zu machen Gelegenheit hatten so
lernen wir durch den Beweis aus der Erfahrung dass wenn eine Linie nachdem
sie von einer andern geraden Linie divergierte anfängt sich dieser wieder zu
nähern dies den Eindruck auf unsere Sinne hervorruft welche wir mit dem
Ausdrucke »eine gebogene Linie« und nicht mit dem Ausdrucke »eine gerade Linie«
beschreiben60
6 Nachdem das erste der zwei Argumente welche der Lehre Axiome seien
aprioristische Wahrheiten zur Stütze dienen hinreichend beantwortet worden
ist wollen wir nun zu dem zweiten übergehen auf das man gewöhnlich am meisten
Vertrauen setzt Wir halten die Axiome so wird behauptet nicht allein für
wahr sondern auch für universell und notwendig wahr Nun kann die Erfahrung
einem Urteil unmöglich diesen Charakter verleihen Ich kann tausendmal Schnee
gesehen und bemerkt haben dass er weiß ist dies kann mir aber keine völlige
Gewissheit geben dass aller Schnee weiß ist und noch viel weniger dass
Schnee weiß sein muss »Wie viele Beispiele von der Wahrheit eines Urteils wir
auch beobachtet haben mögen so kann uns doch nichts dagegen sichern dass nicht
der nächste Fall eine Ausnahme von der Regel sein wird Wenn es auch streng wahr
ist dass ein jedes bis jetzt bekannte widerkäuende Thier gespaltene Hufe hat
so kann uns doch nichts Gewissheit geben dass nicht ein Wesen entdeckt werde
welches das erste dieser Attribute hat ohne das zweite zu besitzenDie
Erfahrung wird immer nur aus einer beschränkten Anzahl von Beobachtungen
bestehen wie zahlreich aber auch die Fälle sein mögen so können sie in Betreff
der unendlichen Anzahl von Fällen in denen dies Experiment nicht gemacht wurde
nichts beweisen« Axiome sind ferner nicht nur universell sondern auch
notwendig wahr Nun kann die Erfahrung nicht den geringsten Grund für die
Notwendigkeit eines Urteils darbieten Sie kann beobachten und sich erinnern
was geschehen ist aber sie kann in keinem Falle einen Grund bieten für das was
geschehen muss Sie kann die Gegenstände nebeneinander nicht aber einen Grund
sehen warum sie immer nebeneinander sein müssen Sie findet dass gewisse
Ereignisse aufeinander folgen aber das Aufeinanderfolgen gibt keinen Grund für
deren Wiedereintreten Sie betrachtet die äußeren Gegenstände aber sie kann
kein inneres Band entdecken welches das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen das
Mögliche mit dem Wirklichen unauflösbar verknüpft Ein Urteil durch Erfahrung
lernen und sehen dass es notwendig wahr ist sind zwei ganz verschiedene
Gedankenprozesse »Und« fügt Herr Whewell hinzu »wer diese Unterscheidung
zwischen notwendiger und zufälliger Wahrheit nicht klar begreift der wird bei
unseren Untersuchungen über die Begründung unseres Wissens nicht weit mit uns
gehen noch in der That irgend eine Betrachtung über den Gegenstand mit Erfolg
verfolgen können«61
Um zu lernen was für eine Unterscheidung es ist deren Nichterkennung sich
diese Anklage zuzieht wollen wir wieder die Worte Herrn Whewells anführen
»Notwendige Wahrheiten sind diejenigen durch welche wir nicht allein lernen
dass ein Urteil wahr ist sondern durch die wir auch sehen dass es wahr sein
muss bei denen die Negation der Wahrheit nicht nur falsch sondern auch
unmöglich ist und wobei wir sogar bei aller Anstrengung der Phantasie oder
als eine Supposition nicht das Gegenteil von dem was behauptet wird
begreifen können Dass es solche Wahrheiten gibt kann nicht bezweifelt werden
Wir können als Beispiele alle Relationen der Zahlen annehmen Drei und zwei
addiert geben fünf Wir können uns nicht vorstellen dass es anders sein könne
Wir können nicht in Folge irgend einer Grille denken dass drei und zwei sieben
sind«
Obgleich Herr Whewell naturgemäß und ganz angemessen eine Menge von Phrasen
gebraucht um seine Meinung zur Geltung zu bringen so wird er doch wohl
zugeben dass sie alle gleichbedeutend sind und dass das was er unter einer
notwendigen Wahrheit versteht hinreichend definiert wird als »ein Satz
Urteil dessen Negation nicht allein falsch sondern auch unbegreiflich ist«
Ich bin unfähig in irgend einem von Herrn Whewells Ausdrucken eine weitere
Meinung zu finden wie ich sie auch drehen und wenden mag und ich glaube nicht
dass er behaupten wird sie meinten noch etwas Anderes
Es ist daher das behauptete Prinzip Urteile deren Negation unbegreiflich
ist oder mit anderen Worten die wir uns nicht als falsch vorstellen können
müssen auf einem Beweis von einer hohem und unwiderstehlichen Art beruhen als
ihn die Erfahrung zu bieten vermag Wir haben nun zunächst zu betrachten ob ein
Grund für diese Behauptung vorliegt
Ich muss mich nur darüber verwundern dass ein so großer Nachdruck auf den
Umstand der Unbegreiflichkeit gelegt worden isst da die Erfahrung doch so
reichlich zeigt dass unsere Fähigkeit oder Unfähigkeit ein Ding zu begreifen
sehr wenig mit der Möglichkeit des Dinges an und für sich zu tun hat Sie ist
in Wahrheit eine Sache des Zufalls und hängt von der vergangenen Geschichte und
den Gewohnheiten unseres eigenen Geistes ab Es gibt keine allgemeiner
anerkannte Tatsache in der menschlichen Natur als die äußerste im Anfang
empfundene Schwierigkeit sich Etwas als möglich vorzustellen was im
Widerspräche mit einer langen und gewohnten Erfahrung oder sogar mit alten
Denkgewohnheiten ist Diese Schwierigkeit ist ein notwendiges Resultat der
Grundgesetze des menschlichen Geistes Wenn wir zwei Dinge oft zusammen gesehen
und gedacht und sie niemals in irgend einem Falle getrennt gesehen oder gedacht
haben so besteht nach dem primären Gesetze der Ideenassoziation eine zunehmende
und zuletzt unbesiegbare Schwierigkeit die zwei Dinge getrennt zu denken Dies
ist am sichtlichsten bei ungebildeten Personen die im allgemeinen gänzlich
unfähig sind zwei Ideen zu trennen die sich in ihrem Geiste einmal fest
assoziiert haben und wenn der gebildete Geist in dieser Beziehung etwas voraus
hat so ist es nur weil er da er mehr gesehen gehört und gelesen hat und
mehr daran gewöhnt ist seine Phantasie zu üben Sensationen und Gedanken in
mannigfaltigeren Kombinationen erfahren hat und verhindert worden ist viele
von diesen unzertrennlichen Assoziationen zu bilden Aber dieser Vorteil hat
notwendig seine Grenzen Der Mensch welcher den geübtesten Verstand besitzt
macht keine Ausnahme von den universellen Gesetzen unserer geistigen
Fähigkeiten Wenn ihm die tägliche Erfahrung eine lange Zeit hindurch zwei
Tatsachen in Verbindung mit einander bietet und wenn er während dieser Zeit
weder durch Zufall noch Absicht dazu gebracht wird sie getrennt zu denken so
wird er mit der Zeit unfähig werden dies auch bei der größten Anstrengung zu
tun und die Annahme dass die zwei Tatsachen in der Natur getrennt werden
können wird sich zuletzt seinem Geiste mit allen Charakteren eines
unbegreiflichen Phänomens darbieten62 Hiervon gibt es in der Geschichte der
Wissenschaft merkwürdige Beispiele Fälle in denen die weisesten Männer Dinge
als unmöglich weil unbegreiflich verwarfen welche ihre Nachkommen durch
frühzeitigere Übung und bei größerer Beharrlichkeit ganz leicht begreiflich
fanden und deren Wahrheit jetzt Jedermann bekannt ist Es gab eine Zeit wo die
gebildetsten und vorurteilsfreiesten Menschen nicht an die Existenz von
Antipoden glauben konnten wo sie der alten Ideenassoziation entgegen nicht
begreifen konnten dass eine Schwerkraft aufwärts anstatt abwärts wirkt Die
Anhänger Descartes verwarfen lange Newtons Lehre von der gegenseitigen
Gravitation aller Körper auf Grund eines Satzes dessen Gegenteil ihnen
unbegreiflich schien des Sitzes dass ein Körper da nicht wirken kann wo er
nicht ist Die ganze überladene Maschinerie von eingebildeten Wirbeln ohne den
Schatten eines Beweises für sich zu haben schien diesen Philosophen eine
rationellere Erklärungsweise der himmlischen Bewegungen zu sein als eine
Mechanik welche Etwas involvierte was ihnen eine Absurdität schien63 Sie
fanden es ohne Zweifel ebenso unmöglich zu begreifen dass ein Körper von der
Entfernung der Bonne oder des Mondes aus auf die Erde wirke als wir es
unbegreiflich finden ein Ende von Zeit und Raum oder zwei Linien die einen
Raum einschließen zu begreifen Newton selbst war nicht fähig seine
Vorstellung zu realisieren er hätte sonst nicht seine Hypothese von einem feinen
Aether der verborgenen Ursache der Gravitation aufgestellt Seine Schriften
beweisen dass obgleich er die besondere Natur dieses intermediären Körpers für
hypothetisch hielt ihm doch die Notwendigkeit irgend eines solchen Agens
unzweifelhaft schien Gegenwärtig sogar hat die größere Anzahl der Gelehrten
diese Schwierigkeit noch nicht vollständig überwunden denn obgleich dieselben
zuletzt zu begreife gelernt haben dass die Sonne ohne ein zwischentretendes
Fluidum die Erde anzieht so können sie doch noch nicht begreifen dass die
Sonne ohne ein solches Medium die Erde beleuchtet
Wenn es also dem menschlichen Geiste sogar bei dem höchsten Kulturzustande
so natürlich ist dass ihm die Fähigkeit abgeht das zu begreifen und für
möglich zu halten was nachher nicht allein begreiflich gefunden sondern dessen
Wahrheit auch erwiesen wird wie kann man sich da verwundern wenn in Fällen wo
die Ideenassoziation noch älter fester und gewohnter ist und in deren
Beziehung unsere Überzeugung niemals erschüttert wurde wo sie niemals mit
einer andern Vorstellung in Konflikt kam wie kann man »ich da verwundern wenn
die erlangte Unfähigkeit fort« dauert und für eine natürliche Unfähigkeit
gehalten wird Es ist wahr unsere Erfahrung in Beziehung auf die
Mannigfaltigkeiten in der Natur setzt uns in Stand uns innerhalb gewisser
Grenzen andere ihnen analoge Mannigfaltigkeiten vorzustellen Wir können uns
vorstellen die Sonne oder der Mond fiele denn obgleich wir sie niemals fallen
sehen oder vielleicht niemals an ihren Fall dachten so haben wir doch so viele
Dinge fallen sehen dass wir in unserer Erfahrung unzählige Analogien besitzen
welche die Vorstellung unterstützen wir würden trotz alle dem wahrscheinlich
einige Schwierigkeit gehabt haben sie zu fassen wenn wir nicht gewohnt wären
Sonne und Mond sich bewegen zu sehen wenigstens scheinbar so dass wir uns nur
eine kleine Änderung in der Richtung ihrer Bewegung Vorzustellen brauchen ein
Umstand der unserer Erfahrung sehr geläufig ist Wenn aber die Erfahrung kein
Modell bietet worüber wir die neue Vorstellung bilden können wie ist es da
möglich sie überhaupt zu bilden Wie können wir uns zB ein Ende von Zeit und
Raum denken Wir sahen niemals einen Gegenstand der nicht einen andern über
oder neben sich gehabt hätte noch erfuhren wir je ein Gefühl ohne dass ein
anderes darauf gefolgt wäre Wenn wir daher versuchen uns den letzten Punkt im
Raume vorzustellen so wird in uns unwiderstehlich die Idee von anderen
darüberliegenden Punkten erregt wenn wir es versuchen uns den letzten
Augenblick der Zeit vorzustellen so müssen wir sogleich an einen Augenblick
darnach denken Auch ist die Notwendigkeit nicht vorhanden ein besonderes
fundamentales Gesetz des Geistes anzunehmen wie es die neuere metaphysische
Schule tut um das unseren Begriffen von Zeit und Raum inhärierende Gefühl der
Unendlichkeit zu erklären diese scheinbare Unendlichkeit wird durch einfachere
und allgemein anerkannte Gesetze erklärt
Wie ist es nun bei einem geometrischen Axiome wie zB zwei gerade Linien
können keinen Raum einschließen eine Wahrheit die uns unsere frühesten
Eindrücke von der Außenwelt her bezeugen wie ist es bei einem solchen Axiome
möglich diese äußeren Eindrücke mögen der Grund unseres Glaubens sein oder
nicht dass das Umgekehrte des Satzes uns anders als unbegreiflich sein könnte
Welche Analogie welche ähnliche Ordnung der Tatsachen in einem andern Zweige
unserer Erfahrung besitzen wir die uns die Vorstellung zweier geraden Linien
welche einen Raum einschließen erleichtern könnten Nichts von alle dem Ich
habe bereits die Aufmerksamkeit auf die besonderen Eindrücke der Form gelenkt
ich erwähnte dass die Ideen oder geistigen Bilder genau ihren Vorbildern
gleichen und sie zu Zwecken wissenschaftlicher Beobachtung adäquat
repräsentieren Aus diesem Grunde und wegen des intuitiven Charakters der
Beobachtung die sich in diesem Falle auf ein einfaches Betrachten reduziert
kann uns unsere Einbildungskraft nicht einmal zwei gerade Linien vorführen
damit wir versuchen sie uns so vorzustellen als schlössen sie einen Raum ein
ohne durch diesen Akt selbst das philosophische Experiment zu wiederholen
welches das Gegenteil ergibt Wird man wirklich behaupten dass die
Unbegreiflichkeit eines Dinges unter solchen Umständen etwas gegen den
experimentellen Ursprung der Überzeugung beweist Ist es nicht klar dass
welchen Ursprung auch unser Glaube an den Satz haben mag die Unmöglichkeit das
Negative desselben zu begreifen bei beiden Hypothesen dieselbe sein muss So
wie daher Herr Whewell diejenigen welche einige Schwierigkeit finden die von
ihm ausgeführte Unterscheidung zwischen notwendigen und zufälligen Wahrheiten
zu erkennen ermahnt Geometrie zu studieren eine Bedingung die ich ihn
versichern kann treulich erfüllt zu haben so würde ich mit demselben Vertrauen
diejenigen welche mit Herrn Whewell übereinstimmen ermahnen die elementaren
Gesetze der Ideenassoziation zu studieren indem ich überzeugt bin dass nichts
weiter erforderlich ist als eine massige Vertrautheit mit diesen Gesetzen um
die Illusion zu zerstören welche unseren frühesten Induktionen aus der
Erfahrung eine besondere Notwendigkeit zuschreibt und die Möglichkeit der
Dinge an sich nach der menschlichen Fähigkeit sie zu begreifen bemisst
Man wird mir hoffentlich verzeihen wenn ich noch hinzufüge dass Hr
Whewell selbst die Wirkung der gewohnten Ideenassoziation wodurch einer
experimentellen Wahrheit der Anschein einer notwendigen gegeben wird bestätigt
und ein auffallendes Beispiel dieses merkwürdigen Gesetzes des Geistes
dargeboten hat In seiner Philosophie der induktiven Wissenschaften behauptet er
fortwährend dass Sätze die nicht allein nicht selbstverständlich sind sondern
von denen man auch weiß dass sie allmälig und nur durch einen großen Aufwand
von Genie und Geduld entdeckt worden sind nachdem sie einmal festgestellt
waren an sich so evident erschienen dass wenn der geschichtliche Nachweis
gefehlt es unmöglich geschienen hätte zu begreifen dass sie nicht von Anfang
an von allen welche im Besitz ihrer gesunden Geisteskräfte waren erkannt
worden sind »Gegenwärtig verachten wir diejenigen welche bei der
Kopernikanischen Kontroverse die scheinbare Bewegung der Sonne nach der
heliozentrischen Hypothese nicht begreifen konnten oder auch diejenigen welche
im Gegensatz zu Galilei glaubten dass eine gleichförmige Kraft eine
Schnelligkeit erzeugen müsse welche dem durchlaufenen Raume proportional ist
oder diejenigen welche die Newtonsche Lehre dass die verschieden gefärbten
Lichtstrahlen verschiedene Brechbarkeit haben für ungereimt hielten oder
diejenigen welche glaubten dass wenn sich Elemente verbinden ihre
Eigenschaften in der Verbindung erkennbar sein müssen oder diejenigen welche
nur mit Widerstreben die Unterscheidung der Pflanzen in Kräuter Sträuche und
Bäume aufgaben Wir können uns des Gedankens nicht erwehren dass Menschen
welche es so schwierig fanden das zuzugeben was uns so leicht und einfach
scheint ein sehr stumpfes Vorstellungsvermögen besessen haben müssen Es lebt
in uns die verborgene Überzeugung dass wir an ihrer Stelle klüger und
hellsichtiger gewesen wären dass wir dass Rechte ergriffen und der Wahrheit
sogleich unsere Zustimmung gegeben hätten Eine solche Überzeugung ist aber in
Wahrheit eine bloße Täuschung Diejenigen welche in Fällen wie die obigen auf
der Unrecht habenden Seite waren waren in den meisten Fällen weit entfernt mit
mehr Vorurteilen behaftete stupidere oder beschränktere Menschen zu sein als
der größere Teil der Menschen jetzt ist und die Sache welche sie verfochten
war ehe sie durch das Resultat des Streites dazu wurde weit entfernt eine
offenbar falsche zu sein In den meisten dieser Fälle war der Sieg der
Wahrheit so vollständig dass wir uns gegenwärtig kaum denken können dass der
Streit nötig war Das Wesen dieser Triumphe besteht darin dass sie uns
veranlassen die Ansichten welche wir verwerfen nicht nur für falsch sondern
auch für unbegreiflich zu halten«64
Der letztere Satz sagt genau was ich behaupte und ich verlange nicht mehr
um die ganze Theorie von Herrn Whewell über die Natur des Beweises der Axiome
umzuwerfen Denn was ist diese Theorie Dass man die Wahrheit dieser Axiome
nicht von der Erfahrung lernen konnte weil ihre Falschheit unbegreiflich ist
Aber Herr Whewell sagt selbst dass wir durch den natürlichen Fortschritt des
Gedankens fortwährend veranlasst werden das als unbegreiflich anzusehen was
unsere Vorväter nicht allein begriffen sondern auch glaubten ja wovon sie
sogar unfähig waren dürfte er hinzufügen das Gegenteil zu begreifen Herr
Whewell kann nicht beabsichtigen diese Denkweise zu rechtfertigen er kann
nicht sagen wollen dass wir Recht haben wenn wir das was Andere begriffen
haben als unbegreiflich ansehen und das als selbstverständlich betrachten was
Andere durchaus nicht für evident hielten Nachdem er so vollständig zugegeben
hat dass die Unbegreiflichkeit etwas Zufälliges ist das nicht im Phänomen
selbst liegt sondern von der geistigen Geschichte desjenigen abhängt der es zu
begreifen sucht wie kann er dann noch dazu auffordern einen Satz auf keinen
andern Grund hin als seine Unbegreiflichkeit als unmöglich zu verwerfen Er
tut jedoch nicht bloß dies sondern er bietet auch unabsichtlich einige von
den bemerkenswertesten Beispielen von der von ihm so klar angedeuteten
Täuschung dar wie man sie nur immer anführen kann Von diesen Beispielen wollen
wir seine Bemerkungen über den Beweis der drei Gesetze der Bewegung und der
atomistischen Theorie auswählen
In Betreff der Gesetze der Bewegung sagt Herr Whewell »Niemand kann
bezweifeln dass diese Gesetze aus der Erfahrung geschlossen wurden Dass dies
der Fall ist ist kein Gegenstand der Vermutung Wir kennen die Zeit die
Personen die Umstände welche einem jeden Teil der Entdeckung angehören«65
Nach einem solchen Zeugnis einen Beweis für die Tatsache anführen wäre
überflüssig Und diese Gesetze waren Dicht allein nicht intuitiv bewiesen
sondern einige davon waren sogar ursprünglich paradox Besonders war es das
erste Gesetz Dass ein Körper wenn er einmal in Bewegung ist sich fortwährend
in derselben Richtung und mit derselben Schnelligkeit bewegt wenn nicht eine
neue Kraft auf ihn wirkt war ein Satz den zu glauben die Menschen lauge Zeit
hindurch die größte Schwierigkeit fanden Er widerstritt anscheinend der
gewohnten Erscheinung welche lehrte dass in der Natur der Bewegung liege dass
sie allmälig abnimmt und zuletzt von selbst aufhört Aber nachdem die
entgegengesetzte Lehre einmal fest stand fingen die Mathematiker wie Herr
Whewell bemerkt sogleich an diese dem ersten Anschein so widersprechenden
Gesetze welche sogar nachdem sie völlig bewiesen waren erst nach Generationen
dem Geiste der wissenschaftlichen Welt geläufig wurden als unter »einer
demonstrierbaren Notwendigkeit stehend« zu betrachten »welche sie zwingt so zu
sein wie sie sind und nicht anders« und Hr Whewell obgleich er »nicht gewagt
hat absolut auszusprechen« dass alle diese Gesetze »auf eine absolute
Notwendigkeit in der Natur der Dinge zurückzuführen sind« denkt dies wirklich
von dem eben erwähnten Gesetz von dem er sagt »obgleich die Entdeckung des
ersten Gesetzes der Bewegung historisch gesprochen vermittelst des Experiments
gemacht wurde so sind wir jetzt zu einem Gesichtspunkte gelangt von dem aus
wir sehen dass es gewiss unabhängig von der Erfahrung als wahr hätte erkannt
werden können« Kann man ein schlagenderes Beispiel von der Ideenassoziation
wie wir sie beschrieben haben anführen Die Philosophen finden Generationen
hindurch die größte Schwierigkeit gewisse Ideen zusammenzustellen am Ende
gelingt es ihnen nach einer hinreichenden Wiederholung des Prozesses denken sie
sich zuerst ein natürliches Band zwischen den Ideen sie erfahren sodann eine
zunehmende Schwierigkeit sie von einander zu trennen und diese Schwierigkeit
wird bei Fortsetzung desselben Prozesses zuletzt zu einer Unmöglichkeit Wenn
dies der Fortschritt einer experimentellen Überzeugung ist die von gestern her
datiert und die dem ersten Anschein widerstreitet wie muss es mit den
Überzeugungen sein welche mit den Erscheinungen übereinstimmen mit denen wir
seit dem ersten Geistesdämmern vertraut sind mit den Überzeugungen an deren
Folgerichtigkeit von der frühesten Erinnerung des menschlichen Gedankens an kein
Skeptiker auch nur einen augenblicklichen Zweifel hegte
Der zweite anzuführende Fall ist ein wahrhaft erstaunlicher und kann die
reductio ad absurdum der Unbegreiflichkeitstheorie genannt werden Über die
Gesetze der chemischen Verbindung sagt Herr Whewell Phil Ind Sc II 25
»Ohne mühsame und genaue Versuche hätten sie gewiss niemals klar verstanden und
daher auch nicht aufgestellt werden können und dennoch dürfen wir sagen dass
nachdem sie einmal bekannt waren sie einen Beweis für sich haben der über die
Erfahrung hinausgeht Denn wie können wir uns Verbindungen anders vorstellen
als der Art und Quantität nach bestimmt Wenn wir annehmen dass die Elemente
sich ohne Unterschied und in jedem beliebigen Gewichtsverhältnis mit einander
verbinden so hätten wir eine Welt in der Alles Verwirrung und Unbestimmtheit
wäre Es gäbe keine festen Arten von Körpern Salze Steine Erze würden sich
einander nähern und allmälig in einander übergehen Statt diesem wissen wir
aber dass die Welt aus Körpern besteht welches ich durch bestimmte
Verschiedenheiten von einander unterscheiden die klassifiziert und benannt
werden können und in Betreff deren man allgemeine Urteile behaupten kann Und
da wir uns eine Welt in der dies nicht der Fall wäre nicht vorstellen können
so scheint es dass wir uns einen Zustand der Dinge nicht vorstellen können in
welchem die Gesetze der Verbindung von Elementen nicht so fester und bestimmter
Art sind wie wir oben angegeben haben«
Dass ein so eminenter Philosoph wie Herr Whewell ernstlich behauptet dass
wir eine Welt nicht begreifen können in der sich die einfachen Elemente nicht
in bestimmten Proportionen verbinden sollten dass er durch das Nachdenken über
eine wissenschaftliche Wahrheit deren erster Entdecker vor kurzem noch am Leben
war die Assoziation zwischen der Idee der Verbindung und der Idee von
konstanten Gewichtsverhältnissen in seinem eigenen Geiste so geläufig und innig
machte dass er unfähig wurde sich die eine Tatsache ohne die andere
vorzustellen ist ein so ausgezeichnetes Beispiel von dem Gesetze der
menschlichen Natur wie ich es auseinandergesetzt habe dass es überflüssig ist
etwas Weiteres darüber zu sagen
In der jüngsten und vollständigsten Ausarbeitung seines metaphysischen
Systems the Philosophy of Discovery die Entdeckungsphilosophie und auch in
der früheren Abhandlung über die Fundamentale Antithese der Philosophie die neu
gedruckt und jenem Werk als ein Appendix angehängt worden ist gesteht Dr
Whewell offen zu dass seine Sprache konnte missverstanden werden aber er weist
von sich ab dass er zu sagen beabsichtigt habe die Menschen könnten im
allgemeinen jetzt wahrnehmen das Gesetz der bestimmten Gewichtsverhältnisse
chemischer Verbindungen sei eine notwendige Wahrheit Alles was er sagen wollte
wäre dass bei künftigen Generationen philosophische Chemiker dies vielleicht
sehen könnten »Manche Wahrheiten kann man durch Intuition ersehen aber dennoch
kann deren Intuition eine seltene und schwierige Akquisition sein«66 Er
erklärt dass die Unbegreiflichkeit die nach seiner Theorie die Probe der
Axiome ist »gänzlich von der Klarheit der Ideen welche das Axiom in sich
einschließt abhängig ist So lange diese Ideen vage und undeutlich sind kann
das Gegenteil des Axioms Zustimmung erlangen obgleich es nicht deutlich
begriffen werden kann Es kann Zustimmung erlangen nicht weil es möglich ist
sondern weil wir nicht klar sehen was möglich ist Für jemand der erst anfängt
geometrisch zu denken erscheint vielleicht die Behauptung dass zwei Linien
einen Raum einschließen können nicht absurd und in gleicher Weise mag es
einem der erst beginnt über mechanische Wahrheiten an denken nicht absurd
vorkommen dass in mechanischen Vorgängen die Rückwirkung grösser oder kleiner
sein kann als die Wirkung und ebenso mag es einem der nicht anhaltend über
die Materie nachgedacht hat vielleicht nicht unbegreiflich erscheinen dass wir
durch chemische Operationen neue Materie erzeugen oder bereits existierende
vernichten können«67 Notwendige Wahrheiten sind daher nicht diejenigen von
denen wir das Gegenteil nicht begreifen können sondern »diejenigen von denen
wir es nicht deutlich begreifen können«68 So lange unsere Ideen gänzlich
undeutlich sind wissen wir nicht was deutlich begriffen werden kann oder
nicht aber die stets zunehmende Deutlichkeit in dem Verständnis womit
wissenschaftliche Männer die allgemeinen Konzeptionen der Wissenschaft erfassen
lässt sie mit der Zeit wahrnehmen dass es gewisse Naturgesetze gibt von denen
wir wenn wir sie auch historisch und tatsächlich durch die Erfahrung kennen
gelernt haben nun da wir sie kennen nicht deutlich begreifen können dass sie
anders sein können als sie sind
Ich möchte eine etwas andere Erklärung von diesem Fortschreiten des
wissenschaftlichen Geistes geben Nachdem ein allgemeines Naturgesetz
festgestellt worden ist erlangt der menschliche Geist nicht sogleich eine
vollständige Leichtigkeit sich die Naturerscheinungen in dem Charakter
vorzustellen den ihnen jenes Gesetz anweist Die die wissenschaftliche
Geistesrichtung ausmachende Gewohnheit sich Tatsachen in Übereinstimmung mit
den sie regulierenden Gesetzen sich Phänomene aller Art nach den Beziehungen
welche als wirklich zwischen ihnen existierend nachgewiesen worden sind
vorzustellen diese Gewohnheit kommt bei neu entdeckten Relationen nur allmälig
So lange sie sich noch nicht gänzlich gebildet hat wird der neuen Wahrheit kein
notwendiger Charakter zugeschrieben Aber mit der Zeit gelangt der Philosoph zu
einem Geisteszustand in welchem ihm sein geistiges Bild von der Natur spontan
alle Erscheinungen womit die neue Theorie zu schaffen hat genau in dem Lichte
wie sie die Theorie betrachtet darstellt indem alle Bilder oder Vorstellungen
die von einer andern Theorie oder von der einer jeden Theorie vorausgehenden
verworrenen Prüfung der Tatsachen abgeleitet wurden aus seinem Geiste ganz
verschwunden sind Die der Theorie entspringende Darstellungsweise der
Tatsachen ist nun für seine geistigen Fähigkeiten die einzige natürliche
Vorstellungsweise geworden Es ist eine bekannte Wahrheit dass eine
fortgesetzte Gewohnheit Erscheinungen in gewisse Gruppen zu ordnen und
vermittelst gewisser Grundsätze zu erklären eine andere Anordnung oder
Erklärung dieser Tatsachen als unnatürlich empfinden lässt und es kann ihm
zuletzt ebenso schwierig werden sich die Tatsachen in irgend einer andern
Weise zu repräsentieren als es ursprünglich oft schwierig war sie gerade in
jener Weise darzustellen
Wenn aber ferner die Theorie wahr ist was wir voraussetzen so wird er
sehen dass ein jeder anderer Modus in welchem er die Erscheinungen
darzustellen sucht oder in dem er sie darzustellen gewohnt war mit den
Tatsachen welche zu der neuen Theorie führten unverträglich ist mit
Tatsachen die nun einen Teil seines geistigen Bildes von der Natur ausmachen
Und da ein Widerspruch immer unbegreiflich ist so verwirft seine
Einbildungskraft jene falschen Theorien und erklärt sich unfähig sie zu
begreifen Aber ihre Unbegreiflichkeit geht für ihn nicht aus etwas den
menschlichen Fähigkeiten wesentlich und a priori Widerstrebendem in den Theorien
selbst hervor sie entsteht aus deren Widerstreben gegen einen Teil der
Tatsachen die so lange er sie nicht kannte oder in seinem geistigen Bild
deutlich realisierte die falsche Theorie ganz begreiflich erscheinen ließen
sie wird bloß durch die Tatsache unbegreiflich dass widersprechende Elemente
nicht in derselben Vorstellung verbunden werden können Obgleich demnach der
wirkliche Grund für die Verwerfung von Theorien die im Widerspruch mit der
wahren Theorie stehen kein anderer ist als dass sie seiner Erfahrung
widerstreiten so fällt er doch leicht in den Glauben er verwerfe sie weil sie
unbegreiflich sind und er nehme die wahre Theorie an weil sie
selbstverständlich ist und des Erfahrungsbeweise nicht bedarf
Dies halte ich für die wahre und genügende Erklärung der paradoxen Wahrheit
auf die Dr Whewell so großes Gewicht legt der Wahrheit dass ein
wissenschaftlich gebildeter Geist tatsächlich und in Folge dieser Bildung nicht
im Stande ist Voraussetzungen zu begreifen die ein gewöhnlicher Mensch ohne
die geringste Schwierigkeit begreift Denn in den Voraussetzungen selbst liegt
nichts Unbegreifliches die Unmöglichkeit liegt darin sie mit damit
unverträglichen Tatsachen als einem Teil desselben geistigen Bildes zu
verbinden ein Hindernis das natürlich nur von denjenigen empfunden wird
welche die Tatsachen kennen und die Unverträglichkeit wahrnehmen können Soweit
die Voraussetzungen selbst in Betracht kommen so ist bei vielen von Dr
Whewells notwendigen Wahrheiten das Negative des Axioms ebenso leicht zu
begreifen als das Affirmative und wird es wahrscheinlich sein so lange das
menschliche Geschlecht dauert Keinem Axiome schreibt Dr Whewell zB einen
vollkommeneren Charakter von Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit zu als
dem von der Unzerstörbarkeit der Materie Dass dasselbe ein wahres Naturgesetz
ist gebe ich vollständig zu aber ich glaube es gibt kein menschliches Wesen
dem die entgegengesetzte Voraussetzung unbegreiflich ist das eine
Schwierigkeit darin findet sich einen Teil der Materie vernichtet zu denken
insofern deren scheinbare durch die unbewaffneten Sinne in keiner Weise von der
wirklichen zu unterscheidenden Vernichtung jedesmal stattfindet wenn Wasser
auftrocknet oder Brennmaterial verzehrt wird Dass die Körper sich miteinander
in bestimmten Gewichtsverhältnissen chemisch verbinden ist ebenfalls ein
unleugbares Gesetz aber außer Dr Whewell haben gewiss nur wenige den Punkt
erreicht an dem er persönlich angekommen ist obgleich er der großen Menge
einen ähnlichen Erfolg nur nach dem Verlauf von Generationen zu prophezeien
wagt den Punkt wo man unfähig wird eine Welt zu begreifen in der die
Elemente fähig sind sich »gleichgültig in welchen Quantitäten« mit einander zu
verbinden auch ist es nicht wahrscheinlich dass wir jemals diese sublime Höhe
der Unfähigkeit erreichen werden so lange auf unserm Planeten alle die
mechanischen Mischungen sie seien fest flüssig oder gasförmig unserer
täglichen Beobachtung gerade die Erscheinung darbieten die für unbegreiflich
erklärt wird
Nach Dr Whewell können diese und ähnliche Naturgesetze nicht aus der
Erfahrung gezogen werden insofern sie im Gegenteil bei der Interpretation der
Erfahrung angenommen werden Unsere Unfähigkeit »die Menge der Materie in der
Welt zu vermehren oder zu vermindern« ist eine Wahrheit welche »aus der
Erfahrung weder abgeleitet ist noch werden kann denn die Experimente die wir
behufs deren Bestätigung machen setzen die Wahrheit derselben voraus Als die
Menschen bei der chemischen Analyse die Waage zu gebrauchen anfingen so
bewiesen sie nicht durch den Versuch sondern nahmen als selbstverständlich und
zugegeben an dass das Gewicht des Ganzen in dem Gesamtgewicht der Elemente
gefunden werden müsse«69 Es wird angenommen das ist wahr aber ich glaube in
keiner andern Weise als in der eine jede experimentelle Forschung vorläufig
irgend eine Theorie oder Hypothese annimmt und die dann je nachdem das
Experiment entscheidet zuletzt für wahr gehalten wird oder nicht Die für
diesen Zweck gewählte Hypothese wird natürlich eine solche sein dass sie eine
beträchtliche Anzahl von bekannten Tatsachen zu einander gruppiert Das Urteil
dass das Material der Welt dem Gewicht nach durch irgend Prozesse der Natur oder
Kunst weder vermehrt noch vermindert werden kann hatte viele äußere
Erscheinungen für sich um mit ihm zu beginnen Es drückte eine große Anzahl
geläufiger Tatsachen ganz wahr aus Andern Tatsachen schien es zu
widerstreiten und diese machten seine Wahrheit als ein universelles Naturgesetz
zuerst zweifelhaft Weil es zweifelhaft war so wurden Experimente ersonnen um
es zu prüfen man nahm seine Wahrheit hypothetisch an und wollte sehen ob bei
genauerer Prüfung die Erscheinungen welche scheinbar zu einem andern Schluss
führten nicht damit im Übereinstimmung zu bringen wären Es ergab sich dass
dies der Fall war und von dieser Zeit an nahm die Lehre ihren Platz als eine
allgemeine aber als eine durch die Erfahrung bewiesene Wahrheit an Dass die
Theorie selbst dem Beweis ihrer Wahrheit vorausging dass sie ersonnen werden
musste bevor sie und damit sie bewiesen werden konnte schließt nicht ein
dass sie selbstverständlich war und des Beweises nicht bedurfte es sind sonst
alle wahre Theorien in den Wissenschaften notwendig und selbstverständlich
denn Niemand weiß besser als Dr Whewell dass sie alle zuerst für den Zweck
angenommen worden um sie durch Deduktionen mit jenen Tatsachen der Erfahrung
zu verknüpfen auf die sie sich zugestandenermaßen nun als auf ihren Beweis
stützen70
1 Bei der vorhergehenden Untersuchung über die Evidenz derjenigen
Wissenschaften welche gewöhnlich als Systeme von notwendigen Wahrheiten
betrachtet werden sind wir zu den folgenden Schlüssen gelangt Die Resultate
dieser Wissenschaften sind in der That notwendig insofern sie notwendig aus
gewissen ersten Prinzipien die gewöhnlich Axiome oder Definitionen genannt
werden folgen dh sie sind gewiss wahr wenn diese Axiome oder Definitionen
wahr sind Will man aber einen weiteren Anspruch an den Charakter der
Notwendigkeit für sie erheben will man ihnen eine Gewissheit beilegen die
unabhängig von der Erfahrung und Beobachtung und darüberstehend ist so müssen
diese Ansprüche von dem vorher zu Gunsten dieser Axiome und Definitionen selbst
zu begründenden derartigen Anspruch abhängen In Beziehung auf die Axiome fanden
wir dass sie als experimentelle Wahrheiten betrachtet auf einem übervollen
und augenfälligen Beweise beruhen Wir untersuchten ob es weiter notwendig
sei einen andern Beweis dieser Wahrheiten als den experimentellen einen
andern Ursprung unseres Glaubens daran anzunehmen als den experimentellen
Ursprung Wir entschieden dass dieser Beweis denen obliege welche sich in dem
bejahenden Sinne aussprechen und wir untersuchten weitläufig ihre Argumente Da
uns die Untersuchung zur Verwerfung dieser Argumente führte so haben wir uns
für berechtigt gehalten zu schließen dass diese Axiome nur eine Klasse und
zwar die höchste Klasse von Induktionen aus der Erfahrung die einfachsten und
leichtesten Fälle von Generalisationen aus Tatsachen sind welche uns unsere
Sinne oder unser inneres Bewusstsein liefern
Während so die Axiome der demonstrativen Wissenschaften als experimentelle
Wahrheiten erschienen fanden wir dass die unrichtig sogenannten Definitionen
dieser Wissenschaften Generalisationen aus der Erfahrung sind die genau
genommen nicht einmal Wahrheiten sind Sie bestehen aus Urteilen in denen
wir während wir von einer Art von Gegenstand eine Eigenschaft oder
Eigenschaften behaupten die ihm der Erfahrung nach angehören wir zugleich
verneinen dass er irgend andere Eigenschaften beutet obgleich in Wahrheit die
so exklusiv ausgesagte Eigenschaft in einem jeden einzelnen Falle von anderen
Eigenschaften begleitet und in den meisten oder sogar in allen Fällen
modifiziert ist Es ist daher diese Verneinung eine bloße Fiction eine
Voraussetzung gemacht um die Betrachtung dieser modifizierenden Umstände
auszuschließen wenn ihr Einfluss zu gering ist um der Betrachtung wert zu
sein und um sie wenn er wichtig ist auf einem bequemeren Augenblick
hinauszuschieben
Aus diesen Betrachtungen geht hervor dass alle deduktiven oder
demonstrativen Wissenschaften ohne Ausnahme induktive Wissenschaften sind dass
ihr Beweis der der Erfahrung ist dass sie aber auch vermöge des besonderen
Charakters eines unentbehrlichen Teils der allgemeinen Formeln nach denen ihre
Induktionen gemacht sind hypothetische Wissenschaften sind Ihre Schlüsse sind
nur auf gewisse Voraussetzungen hin wahr welche Annäherungen an die Wahrheit
sind oder sein sollten aber selten oder niemals genau wahr sind und diesem
hypothetischen Charakter ist die eigentümliche Gewissheit zuzuschreiben von der
man annimmt sie sei der Demonstration inhärent
Was wir eben behauptet haben kann indessen nicht von den deduktiven oder
demonstrativen Wissenschaften als allgemein wahr angenommen werden wenn es
nicht durch die Anwendung auf die merkwürdigste aller dieser Wissenschaften auf
die der Zahlen auf die Theorie des Kalküls Arithmetik und Algebra verifiziert
wird Von den Lehren dieser Wissenschaft hält es schwerer als von allen
anderen zu glauben sowohl dass sie nicht aprioristische sondern experimentelle
Wahrheiten sind als auch dass sie ihre eigentümliche Gewissheit nur dem
verdanken dass sie nicht absolute sondern nur bedingte Wahrheiten sind Es ist
dies daher ein Fall der eine besondere Untersuchung verdient umsomehr als wir
es mit einer doppelten Reihe von Lehren zu tun haben mit der der
aprioristischen Philosophen auf der einen Seite und auf der andern Seite mit
einer dieser ganz entgegengesetzten Theorie die einst allgemein angenommen war
und noch weit entfernt ist von den Metaphysikern verworfen zu werden
2 Diese Theorie versucht die dem Falle anscheinend inwohnende
Schwierigkeit dadurch zu lösen dass sie die Sätze der Arithmetik als bloß
wörtliche und ihre Prozesse als bloße wörtliche Transformationen als
Substitutionen eines Ausdrucks für den andern hinstellt Der Satz Zwei und
Eins sind gleich Drei ist nach diesen Philosophen nicht eine Wahrheit nicht
die Behauptung einer wirklich existierenden Tatsache sondern eine Definition
des Wortes Drei eine Aussage dass die Menschen übereingekommen sind den Namen
Drei als ein Zeichen zu gebrauchen das Zwei und Eins genau äquivalent ist um
mit dem ersteren Namen zu benennen was durch die letzteren nur in einer plumpen
Weise zu benennen ist Nach dieser Lehre besteht der längste Prozess in der
Algebra nur aus aufeinanderfolgenden Änderungen der Terminologie wodurch
gleichwertige Ausdrücke für einander substituiert werden aus einer Reihe von
Übersetzungen derselben Tatsache aus einer Sprache in die andere obgleich
hierdurch nicht erklärt wird wie nach einer solchen Reihe Ton Übersetzungen
die Tatsache selbst verändert wird wie wenn wir einen neuen geometrischen
Lehrsatz durch Algebra demonstrieren eine Schwierigkeit welche dieser Lehre
verderblich wird
Man muss anerkennen dass in den Prozessen der Arithmetik und Algebra
Eigentümlichkeiten liegen welche die obige Theorie sehr plausibel machen und
welche diese Wissenschaften ganz naturgemäß zu Stützen des Nominalismus
machten Die Lehre dass wir durch ein kunstfertiges Handhaben der Sprache
Tatsachen entdecken verborgene Naturprozesse enthüllen können ist dem
gesunden Menschenverstande so entgegen dass es schon einen Fortschritt in der
Philosophie verlangt um sie zu glauben die Menschen nehmen zu einem solchen
paradoxen Glauben ihre Zuflucht um wie sie denken eine noch größere
Schwierigkeit zu vermeiden die der große Haufe nicht sieht Was Viele
verleitet hat jenes Schließen nur für einem sprachlichen Prozess zu halten
war dass keine andere Theorie mit der Natur der Wissenschaft der Zahlen
verträglich schien Denn wir hegen weiter keine Ideen wenn wir die Symbole der
Arithmetik oder Algebra gebrauchen Bei einem geometrischen Beweise haben wir
wenn auch nicht auf dem Papier so doch eine Figur in unserm Geiste AB AC sind
unserer Einbildungskraft als Linien gegenwärtig die einander schneiden
miteinander einen Winkel bilden und dergleichen aber nicht to a und b Diese
mögen Linien oder andere Größen repräsentieren so Wird an diese Größen niemals
gedacht in unserer Einbildung wird nichts realisiert als a und b Die Ideen
welche sie bei einer besonderen Gelegenheit repräsentieren werden von dem Anfange
des Prozesses an wo die Prämissen Ton den Dingen in die Zeichen übersetzt
werden bis zu dem Ende wo der Schluss wieder rückwärts aus den Zeichen in die
Dinge übersetzt wird also während des ganzen intermediären Theiles des
Prozesses aus dem Geiste verbannt Da also in dem Geiste des Schließenden
nichts ist als Symbole was kann da unzulässiger erscheinen als die
Behauptung das Schließen habe noch mit etwas Anderem zu schaffen
Nichtsdestoweniger wird bei näherer Betrachtung erhellen dass dieser
scheinbar so entscheidende Fall gar kein Fall ist dass in einem jeden Schritte
einer arithmetischen oder algebraischen Berechnung eine wirkliche Induktion
eine wirkliche Folgerung von Tatsachen aus Tatsachen enthalten ist dass dies
einfach nur durch die umfassende Natur der Induktion und die daraus folgende
äußerste Allgemeinheit der Sprache verdeckt wird Alle Zahlen müssen Zahlen von
Etwas sein es gibt nichts der Art wie Zahlen in abstracto Zehn muss zehn
Körper zehn Töne oder zehn Pulsschläge bedeuten Aber sowie die Zahlen Zahlen
von Etwas sein müssen so können sie Zahlen von irgend Etwas von Allem sein Es
haben daher Sätze welche Zahlen betreffen die merkwürdige Eigentümlichkeit
dass sie Sätze sind welche alle Dinge alle Gegenstände alle Existenzen jeder
Art betreffen die unsere Erfahrung kennt Alle Dinge besitzen Quantität
bestehen aus Teilen welche gezählt werden können und in diesem Charakter
besitzen sie alle Eigenschaften welche man Eigenschaften der Zahlen nennt Dass
die Hälfte von Vier Zwei ist muss wahr sein was das Wort Vier auch immer
repräsentieren mag ob vier Männer vier Meilen oder vier Pfunde Wir brauchen
uns ein Ding nur in vier gleiche Theile geteilt vorzustellen und wir können
uns alle Dinge als so geteilt vorstellen um eine jede Eigenschaft der Zahl
Vier dh einen jeden arithmetischen Satz in dem die Zahl Vier auf der einen
Seite der Gleichung steht von ihm aussagen zu können Die Algebra dehnt die
Generalisation noch weiter aus eine jede Zahl repräsentiert diese besondere
Anzahl aller Dinge ohne Unterschied aber ein jedes algebraische Symbol tut
noch mehr es repräsentiert alle Zahlen ohne Unterschied Sobald wir uns ein Ding
in gleiche Theile geteilt vorstellen ohne zu wissen in welche Anzahl von
Teilen so können wir es a oder x nennen und ohne Irrtum befürchten zu
müssen eine jede algebraische Formel darauf anwenden Der Satz 2ab 2a2b
ist eine Wahrheit die so weit reicht wie die Natur Da also die algebraischen
Wahrheiten von allen Dingen und nicht wie die der Geometrie nur von Linien und
Winkeln wahr sind so ist es auch nicht zu verwundern wenn die Symbole in
unserm Geiste keine Ideen von speziellen Dingen anregen Wenn wir den
siebenundvierzigsten Satz Euklids demonstrieren so ist es nicht notwendig
dass die Worte in uns das Bild aller rechtwinkeligen Dreiecke hervorrufen das
Bild irgend eines rechtwinkeligen Dreiecks reicht hin Ebenso brauchen wir uns
in der Algebra unter dem Symbol a nicht alle Dinge zu denken sondern nur irgend
ein Ding und warum nicht den Buchstaben selbst Die bloßen geschriebenen
Charaktere a b x y z dienen ebensogut zu Repräsentanten aller Dinge im
Allgemeinen als irgend eine komplexere und scheinbar konkretere Vorstellung
Dass wir uns indessen ihres Charakters als Dinge und nicht als bloßer Zeichen
bewusst sind geht aus der Tatsache hervor dass unser ganzer Prozess des
Schließens ausgeführt wird indem wir die Eigenschaften der Dinge von ihnen
aussagen Nach welchen Regeln verfahren wir wenn wir eine algebraische
Gleichung lösen Wir wenden bei einem jeden Schritte auf a b und x den Satz an
Gleiches zu Gleichem addiert gibt Gleiches Gleiches von Gleichem abgezogen
lässt Gleiches übrig sowie andere Sätze die sich auf diese zwei gründen Dies
sind keine Eigenschaften der Sprache oder von Zeichen als solchen sondern
Eigenschaften von Größen was so viel sagen heißt als aller Dinge Die
Folgerungen welche sukzessive gezogen werden sind daher Folgerungen in
Beziehung auf Dinge nicht auf Symbole obgleich da ein jedes Ding dem Zwecke
dienen kann keine Notwendigkeit vorhanden ist die Idee des Dinges gesondert
zu halten und folglich der Gedankenprozess in diesem Falle erlaubt sein kann
ohne dass Gefahr wäre er möge wie alle oft wiederholten Gedankenprozesse
leicht tun ganz mechanisch werden Es wird uns daher die allgemeine Sprache
der Algebra so geläufig dass sie keine Ideen erweckt wie dies eine jede andere
allgemeine Sprache in Folge der Gewohnheit so leicht tut obgleich es in keinem
andern Falle mit so völliger Sicherheit geschehen kann Wenn wir aber
zurückblicken um zu sehen woher die Beweiskraft des Prozessen abgeleitet wird
so finden wir dass wenn wir nicht voraussetzen wir selbst dächten und sprächen
von den Dingen und nicht die bloßen Symbole bei einem jeden einzelnen Schritte
der Beweis fehlt
Es ist noch ein anderer Umstand der mehr noch als der obenerwähnte die
Vorstellung plausibel macht es seien die Sätze der Arithmetik und Algebra bloß
wörtliche Wenn sie nämlich als Urteile in Beziehung auf Dinge betrachtet
werden so scheinen sie alle identische Urteile zu sein Die Behauptung Zwei
und Eins ist gleich Drei als eine Behauptung in Beziehung auf Gegenstände
betrachtet wie zB »Zwei Kieselsteine und ein Kieselstein machen drei
Kieselsteine« affirmiert nicht die Gleichheit zweier Sammlungen von
Kieselsteinen sondern die absolute Identität Sie affirmiert dass wenn wir
einen Kieselstein zu zwei Kieselsteinen legen dieser Kieselsteine drei sind Da
also die Gegenstände dieselben sind und die bloße Behauptung dass Gegenstände
»sie selbst sind« bedeutungslos ist so scheint es ganz natürlich dass man den
Satz Zwei und Eins sind gleich Drei als die bloße Behauptung der Identität
der Bedeutung der zwei Namen betrachtet
So plausibel dies indessen aussieht so hält es doch eine genauere Prüfung
nicht aus Der Ausdruck »Zwei Kieselsteine und ein Kieselstein« und der Ausdruck
»Drei Kieselsteine« stehen in der That für dasselbe Aggregat von Gegenständen
sie stehen aber keineswegs für dieselbe physikalische Tatsache Es sind Namen
von denselben Gegenständen aber von diesen Gegenständen in zwei verschiedenen
Zuständen obgleich sie dieselben Dinge bezeichnen so ist doch ihre Mit
Bezeichnung eine verschiedene Drei Kieselsteine in zwei verschiedenen Teilen
und drei Kieselsteine in einem Teil machen nicht denselben Eindruck auf unsere
Sinne und die Behauptung dass dieselben Kieselsteine durch einen Wechsel des
Orts und der Anordnung entweder die eine oder die andere Reihe von Sensationen
hervorbringen können ist obgleich es ein sehr geläufiges Urteil ist doch
kein identisches Es ist eine Wahrheit die uns durch frühe und beständige
Erfahrung bekannt ist eine induktive Wahrheit und solche Wahrheiten sind das
Fundament der Wissenschaft der Zahlen Die Grundwahrheiten dieser Wissenschaft
beruhen ganz auf sinnlichem Beweis sie werden dadurch bewiesen dass unsere
Augen oder Finger erfahren dass eine gegebene Zahl von Gegenständen z B zehn
Bälle durch Trennung und Wiedervereinigung unseren Sinnen die verschiedenen
Reihen von Zahlen darbieten deren Summe gleich zehn ist Eine jede bessere
Methode Kinder Arithmetik zu lehren verfahrt nach dieser Tatsache Alle
diejenigen welche beim Erlernen der Arithmetik auf den Geist des Kindes
einwirken wollen alle diejenigen welche Zahlen und nicht bloße Ziffern lehren
wollen lehren gegenwärtig in der beschriebenen Weise mit Hülfe des
Sinnenbeweises
Es steht uns frei den Satz »Drei ist Zwei und Eins« eine Definition der
Zahl zu nennen und zu behaupten dass die Arithmetik wie dies von der
Geometrie behauptet worden ist eine auf Definitionen gegründete Wissenschaft
sei Es sind dies aber Definitionen in geometrischem nicht in logischem Sinne
sie behaupten nicht nur die Bedeutung eines Ausdrucks sondern auch zugleich
eine beobachtete Tatsache Der Satz »der Kreis ist eine Figur welche von einer
Linie begrenzt wird deren Punkte von einem Punkte in ihr alle gleichweit
abstehen« wird die Definition des Kreises genannt aber der Satz aus dem so
viele Konsequenzen folgen und der wirklich ein erster Grundsatz der Geometrie
ist lautet dass dieser Beschreibung entsprechende Figuren existieren und so
mögen wir den Satz »Drei ist Zwei und Eins« die Definition von Drei nennen aber
die Rechnungen welche von diesem Satze abhängig sind folgen nicht aus der
Definition selbst sondern aus einem darin präsupponierten arithmetischen
Lehrsatz nämlich dass es Zusammenfügungen von Gegenständen gibt welche
während sie diesen Eindruck
00
0
auf die Sinne machen in zwei Theile getrennt werden können wie folgt
00 0
Nachdem dieser Satz zugegeben ist so nennen wir alle dergleichen Theile Drei
wonach die Angabe der obenerwähnten physikalischen Tatsache auch als eine
Definition des Wortes Drei dienen kann
Die Wissenschaft der Zahlen macht also keine Ausnahme von dem Schluss zu dem
wir früher gelangten dass sogar die Prozesse der deduktiven Wissenschaften ganz
induktiv und dass ihre ersten Prinzipien Generalisationen aus der Erfahrung
sind Es bleibt noch zu untersuchen ob diese Wissenschaft der Geometrie in dem
weiteren Umstände gleicht dass einige ihrer Induktionen nicht genau wahr sind
und dass die ihnen zugeschriebene eigentümliche Gewissheit wonach ihre Sätze
notwendige Wahrheiten genannt werden erdichtet und hypothetisch dass sie nur
in dem Sinne wahr ist dass diese Sätze notwendig aus Prämissen folgen welche
nur Annäherungen an die Wahrheit sind
3 Die Induktionen der Arithmetik sind von zweierlei Art erstens
diejenigen welche wir eben auseinandergesetzt haben wie Gins und Eins sind
Zwei Zwei und Eins sind Drei etc welche man in dem uneigentlichen oder
geometrischen Sinne des Wortes Definitionen der verschiedenen Zahlen nennen
kann und zweitens die beiden folgenden Axiome die Summe von Gleichem ist
Gleiches der unterschied von Gleichem ist Gleiches Diese beiden sind
hinreichend denn die entsprechenden Sätze in Betreff von ungleichem können
durch das dem Mathematiker unter dem Namen reductio ad absurdum wohlbekannte
Verfahren daraus bewiesen werden
Diese Axiome sowie auch die sogenannten Definitionen sind wie bereite gezeigt
worden ist Resultate der Induktion sie sind wahr von allen Gegenständen und
wie es scheint genau wahr ohne die hypothetische Annahme einer unbedingten
Wahrheit wo eine Annäherung an dieselbe Alles ist was vorhanden ist Die
Schlüsse so wird man daher natürlich folgern sind genau wahr und die
Wissenschaft der Zahlen macht darin eine Ausnahme von anderen induktiven
Wissenschaften dass die absolute Gewissheit welche man von ihren Beweisen
behaupten kann unabhängig von aller Hypothese ist
Bei genauerer Prüfung wird man indessen finden dass sogar in diesem Falle ein
hypothetisches Element in dem Schließen liegt In allen sich auf Zahlen
beziehenden Sätzen ist eine Bedingung eingeschlossen ohne welche keiner
derselben wahr wäre und diese Bedingung ist eine Annahme welche falsch sein
kann Die Bedingung ist dass 1 1 dass alle Zahlen Zahlen derselben Einheit
oder von gleichen Einheiten seien Wäre dies zweifelhaft so würde kein einziger
Satz der Arithmetik als wahr bestehen bleiben Wie können wir wissen dass ein
Pfand und ein Pfund zwei Pfunde machen wenn das eine »ein Pfund troie« und das
andere »ein Pfund avoir dupois« ist Wie können wir wissen dass vierzig
Pferdekräfte immer sich selbst gleich sind wenn wir nicht annehmen dass alle
Pferde von gleicher Stärke sind Es ist gewiss dass 1 in der Zahl immer 1
gleich ist und wo die bloße Zahl der Gegenstände oder der Theile von
Gegenständen ohne sie in einer andern Beziehung für äquivalent anzunehmen das
Wesentliche ist da sind die Schlüsse der Arithmetik soweit sie gehen ohne
Beimischung von Hypothese wahr Es gibt einige solche Fälle wie zB die
Untersuchung über die Größe der Bevölkerung eines Landes Bei dieser
Untersuchung ist es gleichgültig ob die Bevölkerung aus Erwachsenen oder
Kindern aus Gesunden oder Kranken Starken oder Schwachen besteht ihre Anzahl
ist Alles was wir ermitteln wollen Wenn aber aus der Gleichheit oder
Ungleichheit der Zahl die Gleichheit oder Ungleichheit in einer andern Beziehung
zu folgern ist so wird die auf solche Untersuchungen angewandte Arithmetik
ebenso hypothetisch als die Geometrie Alle Einheiten müssen in dieser andern
Beziehung als gleich angenommen werden und dies ist niemals genau wahr denn
ein Pfund Gewicht ist nicht genau einem andern noch eine Meile genau einer
andern gleich eine empfindlichere Wage oder bessere Messinstrumente würden
immer einen Unterschied zu erkennen geben
Was man gewöhnlich mathematische Gewissheit nennt und was die zweifache Idee
von unbedingter Wahrheit und von vollkommener Genauigkeit umfasst ist daher
nicht ein Attribut aller mathematischen Wahrheiten sondern nur derjenigen
welche sich auf bloße Zahlen als von der Quantität Im weitem Sinne
verschieden beziehen und nur so lange wir nicht annehmen dass die Zahlen der
genaue Index wirklicher Quantitäten sind Die den Schlüssen der Geometrie und
sogar der Mechanik zugeschriebene Gewissheit ist nichts als Gewissheit der
Folgerung Unter besonderen Voraussetzungen können wir der besonderen Resultate
ganz gewiss sein wir können aber nicht die nämliche Gewissheit haben dass
diese Voraussetzungen genau wahr sind und dass sie alle Date einschließen
welche in einem jeden gegebenen Falle einen Einfluss auf das Resultat ausüben
können
4 Es scheint daher dass die Methode aller Deduktiven Wissenschaften
hypothetisch ist Die Konsequenzen werden in ihnen aus gewissen Voraussetzungen
gezogen indem es einer besonderen Betrachtung überlassen bleibt darzutun ob
diese Voraussetzungen wahr sind oder nicht und ob sie wenn nicht genau wahr
eine hinreichend genaue Annäherung an die Wahrheit sind Da diese
Voraussetzungen nur in reinen Fragen der Zahl und auch da nur so lange wahr
sind als keine andere als rein numerische Schlüsse darauf gegründet werden so
muss es in allen anderen Fällen von deduktiver Forschung ein Gegenstand der
Untersuchung sein zu bestimmen wie viel dem behandelten Falle fehlt um genau
wahr zu sein Dies ist gemeinlich ein Gegenstand der in einem jeden frischen
Falle zu wiederholenden Beobachtung oder wenn es durch ein Argument anstatt
durch Beobachtung auszumachen ist so kann in einem jeden verschiedenen Falle
ein verschiedener Beweis erforderlich sein und sich ein jeder Grad von
Schwierigkeit vom niedrigsten bis zum höchsten darbieten Aber der andere
Teil des Prozesses nämlich zu bestimmen was sonst noch geschlossen werden
kann wenn wir die Annahme und im Verhältnis als wir sie wahr finden kann
ein für allemal ausgeführt und das Resultat für den gelegentlichen Gebrauch
bereit gehalten werden Auf diese Weise tun wir Alles voraus was getan werden
kann und lassen wenn Fälle vorkommen und eine Entscheidung verlangen so wenig
als möglich zu tun übrig Diese Untersuchung der Folgerungen welche aus
Voraussetzungen gezogen werden können ist es was die Demonstrative
Wissenschaft eigentlich konstituiert
Man gelangt natürlich ebensogut von vorausgesetzten Tatsachen als von
beobachteten ebensogut von erdichteten als von wirklichen Induktionen zu neuen
Schlüssen Die Deduktion besteht in einer Reihe von Folgerungen von der Form a
ist ein Merkmal von b b von c c von d daher ist a ein Merkmal von d welches
letztere eine der direkten Beobachtung unzugängliche Wahrheit sein kann In
gleicher Weise ist es erlaubt zu sagen setzen wir voraus a wäre ein Merkmal
von b b von c c von d so würde a sein Merkmal von d sein ein Schluss an
welchen diejenigen nicht dachten welche die Prämissen aufstellten Es könnte aus
falschen Annahmen ein ebenso kompliziertes System von Sätzen abgeleitet werden
wie die Geometrie ist Ptolemäus Descartes und Andere taten dies bei ihren
Versuchen die Erscheinungen des Sonnensystems synthetisch nach der Annahme zu
erklären die scheinbaren Bewegungen der himmlischen Körper seien die wirklichen
Bewegungen derselben oder seien in einer von der wahren mehr oder weniger
verschiedenen Weise hervorgebracht Manchmal geschieht dies aus Absicht um die
Fälschlichkeit einer Voraussetzung zu beweisen was reductio ad absurdum genannt
wird In solchen Fällen findet der Schluss Statt wie folgt a ist ein Merkmal
von b und b von c wenn nun c auch ein Merkmal von d wäre so würde a ein
Merkmal von d sein man weiß aber dass d ein Merkmal der Abwesenheit von a
ist folglich würde a ein Merkmal seiner eigenen Abwesenheit sein was ein
Widerspruch ist daher ist c kein Merkmal von d
5 Manche Autoren waren sogar der Ansicht dass jedes Syllogisieren zuletzt
auf einer reductio ad absurdum beruht da in dem Falle von Dunkelheit der
einzige Weg eine Zustimmung für dasselbe zu erzwingen nur der wäre zu zeigen
dass wenn der Schluss geleugnet wird wir wenigstens eine von den Prämissen
leugnen müssen was ein Widerspruch wäre da sie alle als wahr vorausgesetzt
werden In Folge hiervon glaubten Viele dass die eigentümliche Natur des
syllogistischen Beweises in der Unmöglichkeit bestände ohne eine contradictio
in adjecto die Prämissen zuzulassen und den Schluss zu verwerfen Als eine
Erklärung der Gründe auf denen der Syllogismus selbst beruht ist diese Theorie
indessen ganz unzulässig Wenn Einer trotzdem dass er die Prämissen zugegeben
hat den Schluss leugnet so ist er erst in einen direkten und ausdrücklichen
Widerspruch geraten wenn er gezwungen ist eine der Prämissen zu leugnen und
hierzu kann er nur durch eine reductio ad absurdum dh durch einen zweiten
Syllogismus gezwungen werden wenn er nun die Gültigkeit des Schließprozesses
selbst leugnet so kann er ebensowenig zu einer Zustimmung zu dem zweiten
Syllogismus gezwungen werden als zu dem ersten Es ist daher in Wahrheit
niemals jemand zu einer contradictio in adjecto zu zwingen er kann nur zu einem
Widerspruche oder vielmehr zu einer Übertretung der fundamentalen Grundsätze
des Syllogismus nämlich dass Alles was ein Merkmal besitzt auch das
besitzt wovon es das Merkmal ist oder im Falle von allgemeinen Urteilen
dass das was ein Merkmal von einem Dinge ist auch ein Merkmal von Allem ist
wovon das Ding ein Merkmal ist gezwungen werden Denn bei einem jeden
richtigen Argument ist sobald es in die syllogistische Form gekleidet ist ohne
Mithülfe eines andern Syllogismus evident dass derjenige welcher die Prämissen
zugibt ohne den Schluss zu ziehen sich nicht nach dem obigen Axiome richtet
Eine weitere Einsicht in die Theorie der Deduktion verlangt eine philosophische
Begründung der Theorie der Induktion selbst In dieser Theorie wird die
Deduktion als eine Art Induktion von selbst den ihr zustehenden Platz einnehmen
und ihren Teil des Lichtes erhalten das auf die großen Verstandesoperationen
geworfen werden kann wovon sie ein so wichtiger Teil ist
1 Polemik ist dem Plan dieses Werkes fremd aber eine Ansicht die
vielseitiger Erläuterungen bedarf erhält dieselben oft in der wirksamsten und
wenigst ermüdenden Weise in der Form einer Verteidigung gegen Einwürfe Auch
tut ein Schriftsteller seine Schuldigkeit nur halb wenn er in Beziehung auf
Gegenstände worüber die Meinungen der Philosophen noch geteilt sind nur seine
eigene Lehre vorbringt und nicht auch die anderer Denker nach seinen besten
Kräften prüft und beurteilt
Einer in mancher Beziehung höchst philosophischen Abhandlung hat Herr
Herbert Spencer eine wie ich glaube sehr unphilosophische Dissertation
angehängt in welcher er einige Lehren der zwei vorhergehenden Kapitel kritisiert
und für die er seine eigene Theorie der ersten Prinzipien in Vorschlag bringt
Hr Spencer stimmt darin mit mir überein dass er die Axiome als a einfachste
und frühzeitigste »Induktionen aus der Erfahrung« betrachtet Aber »in Beziehung
auf den Werth der Probe der Unbegreiflichkeit« weicht er bedeutend von mir ab
Er hält dieselbe für die letzte und oberste Probe allen Glaubens Zu diesem
Schluss gelangt er über zwei Stufen Erstlich wir können niemals einen starkem
Grund haben Etwas zu glauben als dass der Glaube an es »unveränderlich
beständig existiert« Wenn eine Tatsache oder ein Urteil unveränderlich
geglaubt dh wenn ich Herrn Spencer recht verstehe wenn sie von allen
Menschen und von einem selbst zu allen Zeiten geglaubt wird so kann sie
beanspruchen als eine der primitiven Wahrheiten oder ursprünglichen Prämissen
unseres Wissens angenommen zu werden Zweitens das Kriterien wonach wir
entscheiden ob etwas beständig als wahr geglaubt wird ist unsere Unfähigkeit
es als falsch zu begreifen »Die Unbegreiflichkeit seiner Negation ist die
Probe wodurch wir bestimmen ob ein gegebener Glaube unveränderlich existiert
oder nicht« »Für unsern primären Glauben ist die Tatsache der beständigen
Existenz die durch ein misslungenes Bemühen ihre Nichtexistenz zu verursachen
erprobt ist der einzige anführbare Grund« Er hält dies für den einzigen Grund
unseres Glaubens an unsere eigenen Sensationen Wenn ich glaube dass ich
friere so nehme ich dies nur für wahr an weil ich nicht begreifen kann dass
ich nicht friere »So lange als das Urteil wahr bleibt bleibt die Negation
desselben unbegreiflich« Es gibt noch gar manchen andern Glauben der nach
Herrn Spencers Ansicht auf derselben Basis ruht hauptsächlich der Glaube den
die Metaphysiker der Schule von Reid und Stewart als Wahrheiten der
unmittelbaren Anschauung betrachten Dass eine materielle Welt existiert dass
dies die Welt ist die wir direkt und unmittelbar wahrnehmen und dass es nicht
bloß die verborgene Ursache unserer Wahrnehmungen ist dass Zeit Raum Kraft
Ausdehnung Gestalt nicht bloße Modi unseres Bewusstseins sondern objektive
Realitäten sind betrachtet Hr Spencer als Wahrheiten die durch die
Unbegreiflichkeit ihrer Negation erkannt werden Durch keine Anstrengung sagt
er können wir diese Gegenstände des Gedankens als bloße Geisteszustände
begreifen denen keine Existenz außerhalb unserer zukommt Ihre reale Existenz
ist daher so gewiss als unsere Sensationen selbst Da nach dieser Lehre die
Wahrheiten welche der Gegenstand der direkten Erkenntnis sind nur durch die
Unbegreiflichkeit ihrer Negation als Wahrheiten erkannt werden und da die
Wahrheiten welche nicht Gegenstand der direkten Erkenntnis sind als
Folgerungen aus solchen die es sind erkannt werden und da man nur glaubt
dass diese Folgerungen aus den Prämissen folgen weil man nicht begreifen kann
dass sie nicht folgen so ist die Unbegreiflichkeit der letzte Grund von allem
gewissen Glauben
Bis hierher ist kein sehr großer Unterschied zwischen dieser und der
gewöhnlichen Lehre der Philosophen von der intuitiven Schule von Descartes an
bis auf Dr Whewell aber in Beziehung auf diesen Punkt weicht Herr Spencer von
ihnen ab denn er hält nicht wie jene die Probe der Unbegreiflichkeit für
unfehlbar Er ist im Gegenteil der Ansicht dass sie trügen kann nicht wegen
eines Fehlers in der Probe selbst sondern weil »die Menschen Dinge für
unbegreiflich hielten die nicht unbegreiflich waren« und er verneint in seinem
Buche nicht wenige Urteile die man gewöhnlich als markierte Beispiele von
Wahrheiten ansah deren Negation unbegreiflich ist Aber gelegentliches
Fehlschlagen sagt er ist allen Proben eigen Wenn ein solches Fehlschlagen
»die Probe der Unbegreiflichkeit ungültig macht so muss es in ähnlicher Weise
eine jede andere Probe ungültig machen Wir halten eine logisch aus Prämissen
gezogene Folgerung für wahr aber in Millionen Fällen irrten sich die Menschen
in den Folgerungen welche sie für wahr gezogen hielten Argumentiren wir
deshalb dass es absurd ist eine Folgerung auf keimen andern Grund hin für wahr
zu halten als dass sie logisch aus festgesetzten Prämissen gezogen ist Nein
wir sagen dass obgleich die Menschen für logische Folgerungen gehalten haben
mögen was nicht logische Folgerungen waren so gibt es nichtsdestoweniger
logische Folgerungen und wir dürfen so lange als wahr annehmen was uns wahr
scheint bis wir eines bessern belehrt sind In gleicher Weise kann es immer
noch unbegreifliche Dinge geben wenn auch die Menschen einige Dinge für
unbegreiflich hielten die es nicht waren und die Unfähigkeit die Negation
eines Dinges zu begreifen kann immer noch die beste Gewähr sein es zu
glauben Sie kann sich zwar gelegentlich als eine unvollkommene Probe
erweisen da aber unser gewisseste Glaube keiner bessern fähig ist so heißt
irgend einen Glauben bezweifeln weil wir keine höhere Garantie dafür haben
wirklich allen Glauben bezweifeln« Herrn Spencers Lehre errichtet daher nicht
die heilbaren sondern die unheilbaren Beschränkungen des menschlichen
Begriffsvermögens zu Gesetzen des äußeren Universums
2 Die Lehre dass »ein Glaube wahr ist von dem durch die
Unbegreiflichkeit seiner Negation bewiesen ist dass er beständig existiert«
wird von Hrn Spencer durch zwei Argumente dargetan wovon man das eine als
positiv und das andere als negativ unterscheiden kann
Das positive Argument ist dass ein jeder derartige Glaube das Aggregat der
ganzen vergangenen Erfahrung repräsentiert »Die ganze Wahrheit des Satzes
zugegeben dass in einer jeden Phase des menschlichen Fortschritts die Fähigkeit
oder Unfähigkeit einen spezifischen Begriff zu bilden gänzlich von der
Erfahrung abhängt welche die Menschen gehabt haben und dass die Menschen durch
die Erweiterung ihrer Erfahrung allmälig fähig werden Dinge zu begreifen die
ihnen vorher unbegreiflich waren so kann man noch immer schließen dass da zu
jeder Zeit die beste Gewähr für einen Glauben in der vollkommenen
Übereinstimmung mit aller vorhergehenden Erfahrung liegt hieraus folgt dass
zu jeder Zeit die Unbegreiflichkeit seiner Negation die beste Probe ist welche
ein Glaube zulässtObjektive Tatsachen prägen sich uns stete ein unsere
Erfahrung ist ein Register dieser objektiven Tatsachen und die
Unbegreiflichkeit eines Dinges schließt ein dass es mit dem Register gänzlich
in Widerspruch ist Sogar wenn dies alles wäre so ist nicht klar wie wenn jede
Wahrheit ursprünglich induktiv ist irgend eine bessere Probe der Wahrheit
existieren könnte Man muss sich aber erinnern dass während viele der sich uns
einprägenden Tatsachen gelegentlich während wiederum andere ziemlich
allgemein einige universell und unveränderlich sind Diese universellen und
unveränderlichen Tatsachen sind der Hypothese nach sicher einen Glauben zu
begründen dessen Negation unbegreiflich ist während die anderen dies nicht mit
Sicherheit tun können und wenn sie es tun so werden spätere Tatsachen ihre
Wirkung aufheben Wenn daher nach einer maßlosen Anhäufung von Erfahrungen ein
Glaube bleibt dessen Negation immer noch unbegreiflich bleibt so muss er
größtenteils wenn nicht gänzlich universellen objektiven Tatsachen
entsprechen Wenn es gewisse absolute Gleichförmigkeiten in der Natur gibt
wenn diese Gleichförmigkeiten wie sie es müssen absolute Gleichförmigkeiten in
unserer Erfahrung hervorbringen und wenndiese absoluten Gleichförmigkeiten
in unserer Erfahrung uns unfähig machen die Negationen derselben zu begreifen
dann muss entsprechend einer jeden absoluten Gleichförmigkeit in der Natur
welche wir erkennen können in uns ein Glaube sein dessen Negation
unbegreiflich und der absolut wahr ist In diesem weiten Bereich von Fällen muss
subjektive Unbegreiflichkeit objektiver Unmöglichkeit entsprechen Spätere
Erfahrung wird das entsprechende Verhältnis die Korrespondenz herstellen wo
sie noch nicht existiert und wir dürfen erwarten dass die Korrespondenz zuletzt
vollständig wird In nahezu allen Fällen muss diese Probe der Unbegreiflichkeit
nun gültig sein« ich möchte glauben können wir wären der Allwissenheit so
nahe »und wo sie es nicht ist drückt sie immer noch das netto Resultat
unserer Erfahrung bis zur gegenwärtigen Zeit aus was das höchste ist was eine
Probe zu leisten vermag«
Auch sogar wenn es wahr wäre dass die Unbegreiflichkeit »das netto
Resultat« aller vergangenen Erfahrung repräsentiert warum sollen wir bei dem
Repräsentanten stehen bleiben wenn wir zu dem repräsentierten Ding gelangen
können Wenn unsere Unfähigkeit die Negation einer gegebenen Voraussetzung zu
begreifen ein Beweis von deren Wahrheit ist weil sie beweist dass unsere
Erfahrung bisher gleichförmig zu ihrer Gunst war so ist der wirkliche Beweis
der Voraussetzung nicht die Unbegreiflichkeit sondern die Gleichförmigkeit der
Erfahrung und er ist als der wesentliche und einzige Beweis direkt zugängig
wir sind nicht gezwungen ihn aus einer zufälligen Folge zu vermuten Wenn alle
Erfahrung zu Gunsten eines Glaubens ist so gebe man dieses an und stütze den
Glauben offen auf diese Grundlage hernach erst entsteht die Frage was diese
Tatsache als Beweis von dessen Wahrheit wert sein kann Denn Gleichförmigkeit
der Erfahrung beweist in sehr verschiedenem Grad in einigen Fällen ist sie ein
strenger Beweis in anderen ein schwacher und wieder in anderen ist sie kaum
Beweis Dass alle Metalle im Wasser sinken war vom Ursprung des
Menschengeschlechts bis zur Entdeckung des Kaliums durch Humphry Davy in diesem
Jahrhundert eine gleichförmige Erfahrung Dass alle Schwanen weiß sind war
eine gleichförmige Erfahrung bis zur Entdeckung von Australien In den wenigen
Fällen in denen die Gleichförmigkeit der Erfahrung zum möglichst starken Beweis
wird wie bei solchen Sätzen Zwei gerade Linien können keinen Raum
einschließen Eine jede Begebenheit hat eine Ursache geschieht dies nicht
weil die Negation derselben unbegreiflich ist was in der That nicht immer der
Fall ist sondern weil die Erfahrung die in dieser Weise gleichförmig war
durch die ganze Natur geht In dem nächsten Buch wird gezeigt werden dass weder
die Schlüsse der Induktion noch der Deduktion als gewiss betrachtet werden
können wenn ihre Wahrheit nicht nachweisbar mit Wahrheiten dieser Klasse
verbunden ist
Ich behaupte demnach erstens dass die Gleichförmigkeit der vergangenen
Erfahrung weit entfernt ist ein allgemeines Kriterion der Wahrheit zu sein
dass aber zweitens die Unbegreiflichkeit noch weiter entfernt ist sogar eine
Probe dieser Probe zu sein Gleichförmigkeit von entgegengesetzter Erfahrung ist
nur eine der vielen Ursachen der Unbegreiflichkeit Die aus einer in Kenntnissen
beschränkteren Periode überlieferte Tradition ist die gewöhnlichste Die bloße
Vertrautheit mit der Erzeugungsweise einer Erscheinung reicht oft hin um eine
jede andere Erzeugungsweise unbegreiflich zu machen Was zwei Ideen durch eine
starke Assoziation verbindet kann ihre Trennung in Gedanken unmöglich machen
und tut dies auch wie Herr Spencer anderweitig häufig anerkennt Es War nicht
Mangel an Erfahrung was die Cartesianer unfähig machte zu begreifen dass ein
Körper bei einem andern ohne Berührung Bewegung hervorrufen kann Sie hatten von
anderen Erzeugungsweisen der Bewegung soviel Erfahrung als von dieser in einer
jeden Stunde ihres Lebens vollzogen die Planeten ihren Umlauf und waren schwere
Körper gefallen Aber sie glaubten die Naturerscheinungen würden durch eine
verborgene ihnen nicht sichtbare Maschinerie erzeugt weil sie ohne dieselbe
unfähig waren zu begreifen was sie sahen Die Unbegreiflichkeit anstatt ihre
Erfahrung zu repräsentieren beherrschte und überritt dieselbe Es ist nutzlos
bei dem positiven Argument von Herrn Spencer noch länger zu verweilen und ich
gehe zu seinem negativen über auf das er mehr Gewicht legt
3 Das negative Argument ist dass die Unbegreiflichkeit sei ein guter
oder ein schlechter Beweis eben kein stärkerer Beweis zu erlangen ist dass
das was unbegreiflich ist nicht wahr sein kann in jedem Denkakt postuliert
wird Dies ist die Grundlage aller unserer ursprünglichen Prämissen noch mehr
aber wird es bei allen unseren Schlüssen aus diesen Prämissen angenommen Die
durch die Unbegreiflichkeit ihrer Negation erprobte Unveränderlichkeit des
Glaubens »ist unsere einzige Gewähr für eine jede Demonstration Die Logik ist
einfach eine Systematisierung des Verfahrens durch welches wir diese Gewähr
indirekt für solchen Glauben erlangen der sie nicht direkt besitzt Um die
möglichst strenge Überzeugung bezüglich einer komplexen Tatsache zu erlangen
steigen wir entweder durch sukzessive Schritte von denen wir einen jeden
unwissentlich durch die Unbegreiflichkeit seiner Negation erproben analytisch
von ihr herab bis wir zu einem Axiom oder zu einer Wahrheit gelangen die wir in
ähnlicher Weise erprobt haben oder wir steigen von solchem Axiom oder solcher
Wahrheit durch derartige Schritte synthetisch hinauf In beiden Fällen verbinden
wir durch eine Reihe von intermediären Glauben die unveränderlich existieren
einen isolierten Glauben mit einem Glauben der unveränderlich existiert« Die
folgende Stelle fasst die ganze Theorie zusammen »Wenn wir wahrnehmen dass die
Negation des Glaubens unbegreiflich ist so haben wir alle mögliche Garantie um
die Unveränderlichkeit seiner Existenz zu behaupten und indem wir dies
behaupten drücken wir unsere logische Rechtfertigung deshalb und zugleich die
unerbittliche Notwendigkeit aus die uns zwingt ihn zu hegen Wir haben
gesehen dass dies die Annahme ist auf welcher zuletzt ein jeder Schluss
beruht Wir haben keine andere Garantie für die Realität des Bewusstseins der
Empfindungen der persönlichen Existenz wir haben keine andere Garantie für
irgend ein Axiom für irgend eine Stufe in einer Demonstration Da sie demnach
in einem jeden Verstandesakt als zugestanden genommen wird so muss sie als das
Universale Postulat betrachtet werden« Da aber dieses Postulat das uns eine
»unerbittliche Notwendigkeit« zwingt für wahr zu halten manchmal falsch ist
da »Glauben von denen einst die Unbegreiflichkeit ihrer Negation zeigte dass
sie unveränderlich existieren seitdem als unwahr befunden wurden« und da
»Glauben die gegenwärtig diesen Charakter besitzen eines Tages dasselbe
Schicksal haben können« so ist die von Herrn Spencer aufgestellte
Glaubensregel dass »der gewisseste Schluss« derjenige ist »welcher das
Postulat am seltensten die wenigstenmale einschließt« Dass Schließen sollte
daher niemals gegen einen der unmittelbaren Glauben den Glauben an die Materie
an die äußere Realität der Existenz und dergleichen prävalieren weil ein jeder
derselben das Postulat nur einmal enthält während es ein Argument außerdem
dass zu dasselbe in der Prämisse enthält auch noch in einer jeden Stufe des
Syllogismus enthält indem keiner der sukzessiven Folgerungsakten aus einem
andern Grund als gültig erkannt wird als weil wir nicht begreifen können dass
der Schluss nicht aus den Prämissen folge
Der Bequemlichkeit wegen wollen wir den letzten Teil dieses Arguments
zuerst vornehmen In einem jeden Schließen wird nach Herrn Spencer die Annahme
des Postulats bei jedem Schritt erneuert Bei einer jeden Folgerung urteilen
wir dass der Schluss aus den Prämissen folgt während die ganze Garantie für
dieses Urteil darin liegt dass wir nicht begreifen können dass er nicht
daraus folge Wenn folglich das Postulat trüglich ist so werden die Schlüsse
durch diese Ungewissheit mehr entkräftigt als die direkten Anschauungen und das
Missverhältnis wird um so grösser je zahlreicher die Stufen des Arguments
sind
Um diese Lehre zu erproben wollen wir zuerst ein Argument annehmen das nur
aus einer einzigen Stufe besteht und daher durch einen Syllogismus repräsentiert
wird Dieses Argument beruht auf einer Assumtion und worin diese besteht haben
wir in den vorhergehenden Kapiteln gesehen nämlich dass was ein Merkmal hat
auch das bat wovon es ein Merkmal ist Den Beweis dieses Axioms werde ich hier
nicht weiter in Betracht ziehen71 wir wollen mit Herrn Spencer annehmen er
bestände in der Unbegreiflichkeit seines Gegenteils
Wir wollen nun dem Argument eine zweite Stufe hinzufügen wir fragen was
für eine Eine zweite Assumtion Nein dieselbe Assumtion zum zweitenmal und so
fort zum dritten und viertenmal Ich gestehe dass ich nicht einsehe wie nach
Hrn Spencers eigenen Grundsätzen die Wiederholung der Assumtion die Stärke des
Arguments überhaupt schwachen kann Wenn es nötig wäre beim zweitenmal ein
anderes Axiom anzunehmen so würde das Argument ohne Zweifel geschwächt werden
indem es für die Gültigkeit dieselben notwendig wäre dass beide Axiome wahr
sind und es könnte sich treffen dass das eine wahr wäre das andere aber
nicht was zwei Wahrscheinlichkeiten des Irrtums anstatt einer ergibt Da es
aber dasselbe Axiom ist so muss es jedesmal wahr sein wenn es einmal wahr ist
und wenn das aus hundert Gliedern bestehende Argument das Axiom hundertmal als
wahr annimmt so würden diese hundert Assumtionen dem Irrtum nur eine einzige
Gelegenheit bieten Es ist befriedigend dass wir nicht gezwungen sind die
Deduktionen der reinen Mathematik für die unsichersten argumentativen Prozesse
zu halten was sie nach Herrn Spencers Theorie eigentlich sein müssten da sie
die längsten sind Aber die Anzahl der Stufen in einem Argument vermindern nicht
dessen Verlässlichkeit wenn keine neuen Prämissen von einem Ungewissen
Charakter unterwegs aufgenommen werden
Um zunächst von den Prämissen zu reden so ist unsere Überzeugung von ihrer
Wahrheit sie mögen allgemeine oder individuelle Tatsachen sein nach Herrn
Spencers Ansicht auf die Unbegreiflichkeit ihres Falschseins gegründet Es ist
nötig eine doppelte Bedeutung des Wortes unbegreiflich zu beachten die Herr
Spencer wohl bekannt ist und worauf er zwar ein Argument zu gründen von der
Hand weisen würde die aber nichtsdestoweniger seinem Fall sehr zu Statten
kommt Unter Unbegreiflichkeit wird zuweilen die Unfähigkeit verstanden eine
Idee zu bilden oder los zu werden zuweilen die Unfähigkeit einen Glauben zu
bilden oder los zu werden Die erstere Bedeutung ist am meisten in
Übereinstimmung mit der sprachlichen Analogie denn ein Begriff bedeutet immer
eine Idee und niemals einen Glauben Die unrichtige Bedeutung von
»unbegreiflich« findet sich indessen in philosophischen Erörterungen eben so
häufig als die richtige und die intuitive Schule von Metaphysikern könnte sie
beide nicht entbehren Um den Unterschied klar zu machen wollen wir zwei
entgegengesetzte Beispiele wählen Die frühere physikalische Forschung
betrachtete die Antipoden als unglaublich weil unbegreiflich Aber in dem
ursprünglichen Sinne des Wortes waren die Antipoden nicht unbegreiflich man
konnte sich ohne Schwierigkeit eine Idee von ihnen machen dem geistigen Auge
konnte man ein vollständiges Bild von ihnen vorführen Was schwierig und damals
unmöglich schien war sie für glaublich zu halten Man konnte sich die Idee von
Menschen bilden die mit den Füssen an der untern Seite der Erde hängen aber es
folgte ihr der Glaube dass sie herabfallen müssen Antipoden waren nicht
undenkbar aber sie waren unglaublich
Wenn ich von der andern Seite versuche ein Ende der Ausdehnung zu
begreifen so wollen die zwei Ideen nicht zusammenkommen wenn ich versuche
mir einen Begriff von dem letzten Punkt im Raum zu bilden so muss ich mir immer
wieder einen weiten Raum über diesen Punkt hinaus vorstellen Die Kombination
ist unter den Bedingungen unserer Erfahrung undenkbar Es ist von Wichtigkeit
dass man sich dieser doppelten Bedeutung des Wortes unbegreiflich erinnere denn
das auf die Unbegreiflichkeit gestützte Argument dreht sich fast immer um die
abwechselnde Substitution der einen dieser Bedeutungen für die andere
Herr Spencer lässt uns nicht in Zweifel welche von den zwei Bedeutungen er
dem Worte beilegt wenn er zur Probe der Wahrheit eines Urteils macht dass
dessen Negation unbegreiflich ist er meint unglaublich Dies ist das wahre
Fundament seiner Lehre die Unveränderlichkeit des Glaubens ist ihm die einzige
Garantie Der Versuch das Negative zu begreifen wird gemacht um die
Unvermeidlichkeit des Glaubens zu erproben er sollte ein Versuch das Negative
zu glauben genannt werden Wenn Herr Spencer sagt dass ein Mensch während er
nach der Sonne sieht nicht begreifen kann dass er in die Finsternis blicke
so meint er er könne nicht glauben dass er dies tue denn es ist ihm wohl
bekannt dass man sich bei hellem Tageslicht einbilden kann man blicke in
Finsternis In Beziehung auf den Glauben an unsere eigene Existenz sagt er
»dass er möglicherweise nicht existieren könnte kann er ziemlich gut begreifen
aber dass er nicht wirklich existiere findet er unmöglich zu begreifen« dh zu
glauben Sein Ausspruch löst sich demnach in den folgenden auf dass ich
existiere und Empfindungen habe glaube ich weil ich nicht anders glauben kann
und in diesem Fall wird ein jeder die reale Notwendigkeit zugeben Eines jeden
gegenwärtige Empfindungen oder andere Zustände des subjektiven Bewusstseins
dass Jemand unvermeidlich glaubt es sind dies per se erkannte Tatsachen und
es ist unmöglich über sie weiter hinauszugehen Ihre Negation ist wirklich
unglaublich und es entsteht daher niemals ein Zweifel wegen dieses Glaubens
Für diese Wahrheiten ist Herrn Spencers Theorie unnötig
Aber nach Herrn Spencer gibt es noch andere Glauben die sich auf andere
Dinge als unsere subjektiven Gefühle beziehen und für welche wir dieselbe
Garantie haben welche in einer ähnlichen Weise unveränderlich und notwendig
sind Was nun diese anderen Glauben betrifft so können sie nicht notwendig
sein da sie nicht immer existieren Es hat viele Menschen gegeben und gibt
deren noch jetzt welche nicht an die Realität einer äußeren Welt und noch
weniger an die Realität von Ausdehnung und Gestalt als die Formen dieser äußeren
Welt glauben welche nicht glauben dass Raum und Zeit eine von dem Geist
unabhängige Existenz haben die auch nicht an eine andere von Herrn Spencers
objektiven Anschauungen glauben Die Negationen dieser angeblichen
unveränderlichen Glauben sind nicht unglaublich denn sie werden geglaubt und
die einzige Farbe welche Herr Spencer besitzt um sie als unbegreiflich
auszumalen ist der andern Bedeutung des Worts entnommen Ohne in einem
offenbaren Irrtum zu sein kann er behaupten dass wir uns fühlbare Gegenstände
nicht als bloße Zustände unseres Bewusstseins denken können dass uns die
Wahrnehmung derselben die Idee von etwas außerhalb unserer unwiderstehlich
aufdringt und ich finde mich außer Stand zu sagen dass dies nicht der Fall
sei obgleich ich keinen für berechtigt halte es von jemand anders zu
behaupten als von sich selbst Aber viele Denker haben gedacht ob sie es
begreifen konnten oder nicht dass was wir uns als materielle Gegenstände
vorstellen bloße Modifikationen des Bewusstseins komplexe Gefühle des Tastens
und der Muskeltätigkeit sind Herr Spencer mag die Folgerung von dem
Undenkbaren auf das Unglaubliche für richtig halten weil er der Ansicht ist
der Glaube selbst sei bloß die Persistenz einer Idee und wir müssten das was
uns zu denken gelingt auch in dem Augenblick für glaublich halten Aber was hat
unser Dafürhalten in dem Augenblick zu bedeuten wenn der Augenblick im
Widerspruch mit dem dauernden Zustand unseres Geistes ist Ein Mensch der in
seiner Kindheit durch Gespenstergeschichten geängstigt worden ist wird in
späteren Jahren wo er nicht mehr an dieselben glaubt unter Umständen welche
die Phantasie erregen nicht an einem dunklen Orte sein können ohne dass sein
Geist in Verwirrung gerate Die Idee von Gespenstern mit allen damit
verbundenen Schrecken wird durch die äußeren Umstände unwiderstehlich in seinem
Geiste auferweckt Herr Spencer kann sagen während er unter dem Einfluss dieses
Schreckens steht glaube er vorübergehend und unwiderstehlich an Gespenster Es
sei so aber zugegeben es sei so was wäre im Ganzen am wahrsten von diesem
Menschen zu sagen er glaube an Gespenster oder er glaube nicht daran Sicher
er glaube nicht daran Es verhält sich ähnlich mit denjenigen welche nicht an
eine materielle Welt glauben Obgleich sie die Idee nicht los werden können
obgleich sie bei dem Anblick eines festen Gegenstandes die Vorstellung und
daher nach Herrn Spencers Metaphysik den momentanen Glauben an dessen
Äußerlichkeit nicht verhindern können so würden sie in demselben Augenblick
den Glauben aufrichtig verleugnen und es wäre falsch sie anders zu nennen als
ohne Glauben an die Lehre Der Glaube ist daher nicht unveränderlich und die
Probe der Unbegreiflichkeit schlägt auch in den einzigen Fällen fehl auf welche
man jemals Gelegenheit haben dürfte sie anzuwenden
Dass ein Ding vollkommen glaublich sein kann ohne begreiflich geworden zu
sein und dass wir aus Gewohnheit die eine Seite einer Alternative glauben und
die andere begreifen können zeigt sich in dem Geisteszustande gebildeter
Menschen bezüglich des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs Alle gebildeten
Menschen wissen durch Forschung oder glauben auf die Autorität der Wissenschaft
hin dass sich die Erde bewegt und nicht die Sonne es gibt aber
wahrscheinlich nur wenige die das Phänomen aus Gewohnheit anders begreifen oder
sich vorstellen denn als den Auf und Untergang der Sonne Sicher kann das
andere nur nach langer Prüfung geschehen und ist wahrscheinlich jetzt nicht
leichter als zur Zeit des Copernicus Herr Spencer sagt nicht »Beim Anblick des
Sonnenaufgangs ist es unmöglich nicht zu begreifen dass es die Sonne ist die
sich bewegt daher ist es dies was jedermann glaubt und wir haben allen Beweis
dafür den wir für irgend eine Wahrheit haben können« Dies wäre indessen eine
genaue Parallele zu seiner Lehre von dem Glauben an die Materie
Die Existenz der Materie und anderer als von der Welt der Erscheinungen
unterschiedener Noumena bleibt wie vorher ein Gegenstand der Argumentation und
der sehr allgemeine aber weder notwendige noch universelle Glaube an sie
verbleibt als ein psychologisches Phänomen das entweder auf die Hypothese
seiner Wahrheit oder auf irgend eine andere Hypothese hin zu erklären ist Der
Glaube ist kein bündiger Beweis seiner eigenen Wahrheit es müsste denn keine
solche Dinge geben wie idola tribus aber als eine Tatsache fordert er die
Gegner auf zu zeigen aus was Anderem wenn nicht aus der realen Existenz des
geglaubten Dings ein so allgemeiner und augenscheinlich spontaner Glaube
entsprungen sein kann Und seine Gegner haben niemals gezögert die
Herausforderung anzunehmen Die Summe ihrer Erfolge bei diesem Zusammentreffen
wird wahrscheinlich den letzten Ausspruch der Philosophen über diese Frage
bestimmen
4 Sir William Hamilton behauptet wie ich dass Unbegreiflichkeit kein
Kriterien der Unmöglichkeit ist »Es ist kein Grund eine gewisse Tatsache als
unmöglich zu folgern bloß wegen unserer Unfähigkeit deren Möglichkeit zu
begreifen« »Es gibt Dinge welche wahr sein können sogar müssen von denen
der Verstand ganz unfähig ist sich die Möglichkeit zu konstruieren«72 Sir
Hamilton glaubt indessen fest an den aprioristischen Charakter vieler Axiome und
der aus ihnen abgeleiteten Wissenschaften und er ist soweit entfernt diese
Axiome als auf dem Erfahrungsbeweis beruhend zu betrachten dass er einige
derselben sogar von Noumena von dem Unbedingten für wahr hält während es
einer der Hauptzwecke seiner Philosophie ist zu beweisen dass die Natur
unserer Fähigkeiten uns von einer Kenntnis derselben ausschließt Die Axiome
denen er diese ausnahmsweise Befreiung von den Grenzen welche alle unsere
anderen Möglichkeiten der Erkenntnis beschränken zuschreibt die Spalten
durch welche nach seiner Darstellung ein Lichtstrahl von hinter dem Vorhang der
uns die mysteriöse Welt der Dinge an sich verhüllt zu uns dringt sind die
zwei Grundsätze welche er nach den Scholastikern den Grundsatz des
Widerspruchs und den Grundsatz des ausgeschlossenen Mittleren oder Dritten
nennt der erstere ist dass zwei kontradiktorische Urteile nicht zugleich wahr
sein können der andere dass sie nicht beide falsch sein können Mit diesen
logischen Waffen versehen können wir den Dingen an sich dreist gegenübertreten
und ihnen die doppelte Alternative anbieten wir sind sicher dass sie durchaus
die eine oder die andere Seite wählen müssen wenn es uns auch für immer versagt
ist zu entdecken welche Um sein Lieblingsbeispiel zu nehmen wir können nicht
die unendliche Teilbarkeit der Materie begreifen und wir können nicht ein
Minimum oder ein Ende der Teilbarkeit begreifen aber die eine oder die andere
muss wahr sein
Da ich bisher nichts über die zwei fraglichen Axiome über das des
Widerspruchs und das des ausgeschlossenen Mittleren gesagt habe so ist es
nicht aus der Ordnung sie hier zu betrachten Das erstere behauptet dass ein
bejahendes Urteil und das entsprechende negative Urteil nicht zugleich wahr
sein können was man allgemein als intuitiv bewiesen annahm Sir William
Hamilton und die Deutschen betrachten es als die Angabe in Worten einer Form
oder eines Gesetzes unseres Denkvermögens Andere nicht weniger beachtenswerte
Philosophen halten es für ein identisches Urteil für eine in der Bedeutung der
Wörter enthaltene Behauptung für einen Modus die Negation oder das Wort Nicht
zu definieren
Mit den letzteren kann ich einen Schritt weiter gehen Eine bejahende
Behauptung und deren verneinende sind nicht zwei unabhängige Behauptungen die
nur als gegenseitig unverträglich mit einander verknüpft sind Dass wenn das
Negative wahr ist das Affirmative falsch sein muss ist wirklich ein bloß
identisches Urteil denn das negative Urteil behauptet nichts als die
Falschheit des affirmativen und hat in keiner Weise einen andern Sinn oder
Bedeutung Das Principium contradictionis sollte daher die ehrgeizige
Phraseologie ablegen welche ihr das Ansehen einer die Natur durchdringenden
Antithese gibt und sollte daher in der einfacheren Form ausgesagt werden dass
dasselbe Urteil nicht zugleich wahr und falsch sein kann Weiter kann ich aber
mit den Nominalisten nicht gehen denn ich kann dieses letztere nicht als ein
bloß wörtliches Urteil betrachten ich betrachte es wie andere Axiome als eine
unserer ersten und geläufigsten Generalisation aus der Erfahrung Die Bedeutung
desselben ist nach mir dass Glaube und Unglaube zwei verschiedene
Geisteszustände sind die einander ausschließen Dies erkennen wir aus der
einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes Und wenn wir unsere Beobachtung
nach außen tragen so finden wir auch dass Licht und Finsternis Schall und
Stille Bewegung und Ruhe Gleichheit und Ungleichheit Vorausgehendes und
Folgendes Succesion und Gleichzeitigkeit irgend ein positives Phänomen und
dessen negatives Verschiedene scharf kontrastierte Phänomene sind und dass das
eine immer abwesend wenn das andere gegenwärtig ist Ich betrachte den
fraglichen Grundsatz als eine Generalisation aus allen diesen Tatsachen
So wie der Grundsatz des Widerspruchs dass einer von zwei Gegensätzen
falsch sein muss bedeutet dass eine Behauptung nicht beides wahr und falsch
sein kann so bedeutet der Grundsatz des ausgeschlossenen Mittleren oder dass
einer von zwei Gegensätzen wahr sein muss dass eine Behauptung eines von beiden
dass sie entweder wahr oder falsch sein muss entweder die affirmative ist
wahr oder aber die negative ist wahr was soviel heißt als dass die
affirmative falsch ist Ich kann nicht umhin diesen Grundsatz für eine
überraschende Probe einer sogenannten Gedankennotwendigkeit zu halten da er
nicht einmal wahr ist es sei denn mit einer bedeutenden Beschränkung Ein
Urteil muss entweder wahr oder falsch sein vorausgesetzt das Prädikat sei so
dass es dem Subjekt in einem verständlichen Sinne beigelegt werden kann und da
dies in Abhandlungen über Logik immer so angenommen wird so wird das Axiom
immer daselbst als eine absolute Wahrheit aufgestellt »Abrakadabra ist eine
zweite Intention« ist weder wahr noch falsch Zwischen dem wahren und dem
falschen steht hier eine dritte Möglichkeit das Bedeutungslose und diese
Alternative wird verhängnisvoll für Sir Williams Ausdehnung des Grundsatzes
auf Noumena Dass die Materie entweder ein Minimum von Teilbarkeit besitzen
oder dass sie abendlich teilbar sein muss ist mehr als wir jemals wissen
können Denn erstens mag die Materie in einem anderen als dem phänomenalen Sinne
des Worte vielleicht gar nicht existieren und man wird kaum sagen eine
Nonentität sei unendlich oder endlich theilbar73 Zweitens obgleich die
Materie als die verborgene Ursache unserer Sensationen betrachtet existieren
mag so kann dennoch das was wir Teilbarkeit nennen nur ein Attribut unserer
Sensationen des Gesichts und des Getastes und nicht ihrer unerkennbaren Ursache
sein Teilbarkeit ist vielleicht von den Dingen an sich und daher von der
Materie an sich in einem verständlichen Sinne gar nicht aussagbar und die
angenommene Notwendigkeit dass sie entweder unendlich oder endlich teilbar
sei ist vielleicht eine unbrauchbare unanwendbare Alternative
Ich muss hier dieses supplementäre Kapitel schließen und mit ihm das zweite
Buch Die Theorie der Induktion in dem umfassendsten Sinne des Worts wird den
Gegenstand des dritten Buches bilden
Drittes Buch
Von der Induktion
»Nach der eben auseinandergesetzten Lehre ist es der höchste oder
vielmehr der einzige Gegenstand der Physik jene feststehende
Verbindung von sukzessiven Begebenheiten zu bestimmen welche die
Ordnung des Weltalls ausmachen die Erscheinungen welche sie
unseren Beobachtungen darbieten oder welche sie unseren
Experimenten erschließen aufzuzeichnen und diese Erscheinungen
auf ihre allgemeinen Gesetze zurückzuführen« D Sewart Elements
of the Philosophy of the Human Mind vol II c IV
1 Der Teil unserer Untersuchung den wir jetzt beginnen kann als der
wichtigste von allen betrachtet werden sowohl weil er alle anderen Theile an
Schwierigkeiten übertrifft als auch besonders deshalb weil er sich auf ein
Verfahren bezieht von dem in dem vorhergehenden Buch gezeigt worden ist dass
in ihm die Erforschung der Natur wesentlich besteht Wir haben gefunden dass
eine jede Folgerung und folglich auch ein jeder Beweis dass eine jede
Entdeckung von Wahrheiten die nicht selbstverständlich sind in nichts Anderem
als in Induktionen und in der Deutung derselben besteht dass all unser Wissen
welches nicht unmittelbar aus der Anschauung hervorgeht ausschließlich von
dieser Quelle kommt Was Induktion ist und welches die Bedingungen sind welche
deren Gültigkeit begründen ist daher die erste die wichtigste Frage der Logik
eine Frage welche alle anderen einschließt obgleich sie auffallender Weise in
den Schriften der Logiker von Fach gänzlich übergangen worden ist Die
Metaphysiker haben zwar den Gegenstand im allgemeinen behandelt da sie aber
nicht eine hinreichende Kenntnis der Prozesse besaßen durch welche die
Wissenschaft in unseren Tagen zur Feststellung allgemeiner Wahrheiten gelangt
ist so war ihre wenn auch richtige Analyse des induktiven Verfahrens nicht
genug spezifisch um eine Grundlage praktischer Regeln abgeben zu können die in
Beziehung auf Induktion selbst das wären was die Regeln des Syllogismus für die
Deutung der Induktion sind Von der andern Seite haben diejenigen welche die
physikalischen Wissenschaften zu ihrem jetzigen hohen Standpunkte erhoben und
welche um eine vollständige Theorie des Verfahrens aufzustellen nur hätten
generalisieren und die Methoden nach welchen sie bei ihren Forschungen
verfuhren auf eine Mannigfaltigkeit von Problemen hätten anwenden dürfen nur
spät ernstlich versucht über den Gegenstand zu philosophieren und die Art und
Weise wie sie zu ihren Schlüssen gelangten auch unabhängig von diesen
Schlüssen selbst als einen würdigen Gegenstand des Studiums zu betrachten
2 Zu dem Zwecke der vorliegenden Untersuchung kann man die Induktion
definieren als das Verfahren durch welches man allgemeine Urteile Sätze
entdeckt und beweist Es ist wahr das Verfahren wodurch wir einzelne
Tatsachen erforschen ist eben so induktiv als dasjenige durch welches wir zu
allgemeinen Wahrheiten gelangen Es ist dies indessen keine besondere Art von
Induktion es ist nur eine andere Form desselben Verfahrens denn von der einen
Seite ist das Allgemeine nur die Summe des Besondern das der Art nach bestimmt
aber der Zahl nach unbestimmt ist und von der andern Seite muss wenn der
Beweis welchen wir aus der Beobachtung bekannter Fälle ableiten uns erlaubt
einen Schluss auf nur einen einzigen uns unbekannten Fall zu ziehen es uns
erlaubt sein einen Schluss auf eine ganze Klasse von Fällen zu ziehen Der
Schluss ist entweder ganz ungültig oder er gilt für alle Fälle einer gewissen
Art für alle Fälle welche in gewisser bestimmbarer Hinsicht demjenigen
gleichen welchen wir beobachtet haben
Wenn diese Bemerkungen richtig sind wenn die Prinzipien und Regeln des
Schließens dieselben sind wir mögen allgemeine Urteile oder besondere
Tatsachen folgern so folgt daraus dass eine vollständige Logik der
Wissenschaften zugleich eine vollständige Logik der praktischen Geschäfte und
des gemeinen Lebens sein wird Da es keine rechtmäßige Folgerung aus der
Erfahrung gibt in welcher der Schluss nicht rechtmäßigerweise ein allgemeines
Urteil sein könnte so ist eine Analyse des Verfahrens durch welches wir zu
allgemeinen Wahrheiten gelangen dem Wesen nach eine Analyse aller Induktion
Wir mögen ein wissenschaftliches Prinzip oder eine besondere Tatsache
erforschen wir mögen experimentell oder syllogistisch verfahren eine jede
Stufe in der Schlussreihe ist induktiv und die Rechtmäßigkeit der Induktion
hängt in beiden Fällen von denselben Bedingungen ab
Es ist wahr dass in praktischen Fällen wo es darauf ankommt Tatsachen
nicht zu wissenschaftlichen sondern zu Geschäftszwecken zu beweisen die
Hauptschwierigkeit von der Art ist dass man keine Hülfe von den Prinzipien der
Induktion zu erwarten hat in diesem Falle befindet sich zB der Advokat oder
der Richter Die Schwierigkeit besteht für den Letztem nicht darin dass er eine
Induktion zu machen sondern darin dass er sie zu wählen hat dass er aus allen
als wahr erkannten allgemeinen Sätzen diejenigen zu wählen hat welche ihm
Merkmale für den Beweis liefern ob das gegebene Subjekt die in Rede stehenden
Prädikate besitzt oder nicht Wenn der Advokat vor einem Geschworenengericht über
eine zweifelhafte Tatsache streitet so sind die allgemeinen Urteile und
Prinzipien auf welche er sich beruft an und für sich ganz alltäglich und
werden zugegeben sobald sie nur angeführt werden seine Geschicklichkeit
besteht darin seinen Fall diesen Sätzen oder Prinzipien anzupassen an
diejenigen bekannten oder anerkannten Wahrscheinlichkeitsgrundsätze zu erinnern
welche eine Anwendung auf den verhandelten Fall zulassen und unter allen
diejenigen zu wählen welche dem Gegenstand am meisten angepasst sind Der
Erfolg ist hier abhängig von dem natürlichen oder erworbenen Scharfsinn
unterstützt von der Kenntnis des besonderen Gegenstandes und von Gegenständen
die damit verbunden sind Die Erfindungsgabe kann zwar geübt aber niemals auf
Kegeln zurückgeführt werden es gibt keine Wissenschaft die den Menschen in
den Stand setzen könnte an das zu denken was seinen Zwecken angemessen ist
Aber wenn er gedacht hat so kann ihm die Wissenschaft sagen ob das was er
gedacht hat seinem Zwecke entsprechen wird oder nicht Der Forscher wie der
Polemiker muss durch seine eigenen Kenntnisse und Scharfsinn in der Wahl der
Induktionen aus denen er sein Argument konstruieren will geleitet werden aber
die Gültigkeit des konstruierten Arguments hängt von Grundsätzen ab und muss
durch Mittel geprüft werden können die für alle Arten von Untersuchungen
dieselben sind das Resultat sei nun dass A einen Prozess gewinne oder dass
die Wissenschaft mit einer allgemeinen Wahrheit bereichert werde In dem einen
und dem andern Falle müssen die Sinne oder Zeugnis über die Richtigkeit der
einzelnen Tatsachen entscheiden die Regeln des Syllogismus werden entscheiden
ob bei der Voraussetzung diese Tatsachen seien richtig der Fall wirklich
unter die verschiedenen Induktionsformeln fällt unter welche er sukzessive
gebracht wurde und zuletzt muss die Rechtmäßigkeit der Induktionen selbst
durch andere Regeln entschieden werden und diese zu untersuchen ist unser Ziel
Wenn dieser dritte Teil des Verfahrens in manchen Fragen des praktischen Lebens
nicht der mehr sondern der weniger mühsame Teil ist so ist dies auch der Fall
in manchen großen Zweigen der Wissenschaft in allen Zweigen die hauptsächlich
deduktiv sind und besonders in der Mathematik wo die Zahl der Induktionen
selbst so gering ist wo die letzteren so einleuchtend und elementar sind dass
es scheint als bedürften sie des Erfahrungsbeweises gar nicht während der
höchste Grad menschlicher Erfindungsgabe erforderlich ist um sie so zu
kombinieren dass ein gegebener Lehrsatz bewiesen oder ein Problem gelöst werde
Wenn die Identität des logischen Verfahrens durch welches wir einzelne
Tatsachen beweisen mit dem Verfahren wodurch allgemeine wissenschaftliche
Wahrheiten aufgestellt werten eines weitern Beweises bedürfte so wäre es
hinreichend zu beachten dass in manchen Zweigen der Wissenschaft einzelne
Tatsachen eben so gut bewiesen werden müssen als Prinzipien und zwar
Tatsachen welche gerade so individuell sind als nur irgend eine Tatsache
worüber in einem Gerichtshofe gestritten wird die jedoch auf dieselbe Weise
wie die anderen Wahrheiten der Wissenschaft und ohne die Gleichartigkeit ihrer
Methode zu beeinträchtigen bewiesen werden Ein bemerkenswertes Beispiel davon
bietet die Astronomie Die einzelnen Tatsachen worauf diese Wissenschaft ihre
wichtigsten Deduktionen gründet wie die Größe der Körper unsere
Sonnensystems ihre Entfernung von einander die Gestalt und Rotation der Erde
sind der direkten Beobachtung nicht zugänglich sie sind indirekt durch Hülfe
von Induktionen bewiesen worden welche sich auf andere Tatsachen stützen zu
denen wir besser gelangen können Die Entfernung des Mondes von der Erde zB
wurde durch ein sehr umständliches Verfahren gefunden Der Antheil welchen die
direkte Beobachtung daran nahm bestand in der Bestimmung der Zenitdistanz des
Mondes in einer und derselben Zeit an zwei sehr weit von einander entfernten
Punkten der Erde Aus der Bestimmung dieser Winkeldistanzen ergaben sich ihre
Supplemente und da der Winkel am Erdmittelpunkt dessen gegenüberliegende Seite
die Entfernung der beiden Beobachtungsorte war durch sphärische Trigonometrie
aus Länge und Breite dieser Orte sich berechnen ließ so wurde der Winkel an
dem Monde dessen gegenüberliegende Seite dieselbe Entfernung der Orte der
Beobachtung war der vierte Winkel eines Vierecks wovon drei Winkel und
folglich auch der vierte bekannt waren Da die vier Winkel auf diese Weise
bestimmt und zwei Seiten des Vierecks Erdhalbmesser waren so konnten die zwei
übrigen Seiten und die Diagonale oder mit anderen Worten die Entfernung des
Mondes vom Erdmittelpunkt und den zwei Orten der Beobachtung nach elementaren
geometrischen Lehrsätzen gefunden oder wenigstens in Erdhalbmessern ausgedrückt
werden In dieser Demonstration begegnen wir bei jedem Schritte einer neuen
Induktion die Summe ihrer Resultate wird durch einen allgemeinen Satz
repräsentiert
Nicht allein dass das Verfahren durch welches eine einzelne astronomische
Tatsache auf diese Weise bestimmt wurde ganz demjenigen gleicht durch welches
dieselbe Wissenschaft zu ihren allgemeinen Wahrheiten gelangt sondern es hätte
auch ein allgemeines Urteil statt einer einzelnen Tatsache gefolgert werden
können Strenge genommen ist in der That das Resultat des Schließens ein
allgemeines Urteil ein Lehrsatz in Beziehung auf die Entfernung nicht des
Mondes insbesondere sondern irgend eines unzugänglichen Gegenstandes welcher
zeigt in welchem Verhältnis diese Entfernung zu gewissen anderen Größen
steht Obgleich der Mond fast der einzige Himmelskörper ist dessen Entfernung
von der Erde auf diese Weise bestimmt werden kann so ist dies bloß dem Zufalle
zuzuschreiben dass sich die anderen Himmelskörper in Verhältnissen befinden
welche sie verhindern die für die Anwendung des Lehrsatzes erforderlichen Data
zu liefern der Lehrsatz selbst gilt für sie so gut wie für den Mond74
Wir werden also indem wir die Induktion abhandeln in keinen Irrtum
geraten wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Feststellung allgemeiner
Urteile beschränken Die Prinzipien und Regeln der Induktion die auf dieses
Ziel gerichtet ist sind auch die Prinzipien und Regeln der Induktion überhaupt
und die Logik der Wissenschaft ist die allgemeine auf eine jede Art von
Untersuchung womit sich der Mensch beschäftigen mag anwendbare Logik
1 Induktion ist also diejenige Verstandesoperation durch welche wir
schließen dass dasjenige was für einen besonderen Fall oder Fälle wahr ist
auch in allen Fällen wahr sein wird welche jenem in irgend einer nachweisbaren
Beziehung ähnlich sind Mit anderen Worten Induktion ist das Verfahren wonach
wir schließen dass was von gewissen Individuen einer Klasse wahr ist auch für
die ganze Klasse wahr ist oder dass was zu gewissen Zeiten wahr ist unter
ähnlichen Umständen zu allen Zeiten wahr sein wird
Diese Definition schließt von der Bedeutung des Wortes Induktion
verschiedene logische Verrichtungen aus denen man nicht ungewöhnlich diesen
Namen beilegt
Die Induktion ist nach der obigen Definition ein Folgern sie geht vom
Bekannten zum Unbekannten über und ein jedes Verfahren das keine Folgerung
involviert ein jeder Prozess in welchem das was sich als der Schluss
darstellt nicht erweiterter erscheint als die Prämissen woraus er gezogen
ist fällt nicht innerhalb der Bedeutung des Ausdrucks In den gewöhnlichen
Werken über Logik ist dies indessen als die einzige ganz vollkommene Form der
Induktion angegeben In diesen Werken wird ein jedes Verfahren das von einem
weniger allgemeinen Ausdruck ausgeht und in einem allgemeineren endigt was in
folgender Form ausgedrückt werden kann »Dieses und jenes A ist B daher ist
jedes A B« eine Induktion genannt es mag etwas wirklich gefolgert sein oder
nicht und die Induktion wird als nicht vollkommen erachtet wenn nicht jedes
einzelne Individuum der Klasse A in dem Antezedens oder der Prämisse
eingeschlossen ist dh wenn wir nicht von der ganzen Klasse aussagen was wir
bereits von einem jeden Individuum derselben behauptet haben so dass der
angebliche Schluss in der That kein Schluss sondern nur eine Wiederholung der
Prämissen ist Wenn wir nach der Beobachtung eines jeden einzelnen Planeten
sagten alle Planeten sind durch das Licht der Sonne leuchtend oder alle
Apostel waren Juden weil dies von Petrus Paulus Johannes und jedem einzelnen
Apostel wahr ist so wird dieses und Ähnliches in der in Rede stehenden
Terminologie eine vollkommene ja die einzige vollkommene Induktion genannt Es
ist dies jedoch eine von der unsrigen ganz verschiedene Induktion es ist kein
Schließen von bekannten Tatsachen auf unbekannte sondern ein Verzeichnis in
einer Geschwindschrift von bekannten Tatsachen Die angeführten zwei fingierten
Argumente sind keine Generalisationen die Urteile welche besagen dass sie
Schlüsse daraus sind sind in Wirklichkeit keine allgemeinen Urteile Ein
allgemeines Urteil ist dasjenige in welchem das Prädikat von einer
unbegrenzten Anzahl von Individuen bejaht oder verneint wird von Allen nämlich
ob wenige oder viele existierend oder fähig zu existieren welche die in dem
Subjekt des Urteils inbegriffenen Eigenschaften besitzen »Alle Menschen sind
sterblich« bedeutet nicht alle jetzt lebenden sondern alle vergangenen
gegenwärtigen und zukünftigen Menschen Wenn die Bedeutung des Ausdrucks so
beschränkt wird dass er als ein Name nicht für irgend eines und ein jedes
Individuum auf das eine gewisse allgemeine Beschreibung passt sondern nur als
ein Name für ein jedes Individuum einer Anzahl von Individuen erscheint die als
solche bezeichnet und gleichsam abgezählt sind so ist das Urteil zwar der
Sprache nach ein allgemeines in Wirklichkeit aber nichts als eine Anzahl
besonderer in abgekürzter Sprache geschriebener Urteile Dieses Verfahren mag
wie die meisten Formen abgekürzter Schreibart nützlich sein aber an der
Erforschung der Wahrheit hat es keinen Antheil obgleich es oft das Material
dazu bereiten hilft
Sowie wir eine bestimmte Anzahl von Einzelurteilen zu einem scheinbar aber
nicht wirklich allgemeinen Urteil summieren können so können wir eine bestimmte
Anzahl von allgemeinen Urteilen zu einem Urteil summieren das scheinbar aber
nicht wirklich allgemeiner ist Wenn durch eine auf eine jede unterschiedene
Tierspecies angewandte besondere Induktion festgestellt worden ist dass eine
jede Tierspecies ein Nervensystem besitzt und wenn wir darauf hin affirmieren
dass alle Tiere ein Nervensystem haben so sieht dies wie eine Generalisation
aus obgleich es uns nichts zu sagen scheint was wir nicht bereits wussten da
der Schluss nur von allen behauptet was schon von einem jeden einzelnen
behauptet worden war Ein Unterschied ist übrigens zu machen Wenn wir
schließen dass alle Tiere ein Nervensystem haben und wir gerade soviel damit
meinen als ob wir gesagt hätten »alle bekannten Tiere« so ist das Urteil
kein allgemeines und das Verfahren wodurch man dazu gelangte ist keine
Induktion Wenn es aber unsere Meinung ist dass die bei den verschiedenen
Tierspecies gemachten Beobachtungen uns ein Gesetz der tierischen Natur
enthüllt haben und dass wir im Stande sind zu sagen dass sich auch bei noch
nicht entdeckten Tieren ein Nervensystem finden wird so ist dies in der That
eine Induktion aber in diesem Fall enthält das allgemeine Urteil mehr als die
Summe der speziellen Urteile woraus es gefolgert ist Der Unterschied zeigt
sich noch stärker wenn wir betrachten dass wenn diese wirkliche Generalisation
überhaupt gültig ist ihre Gültigkeit wahrscheinlich nicht erfordert dass wir
eine jede bekannte Species ohne Ausnahme untersucht haben Es ist die Anzahl und
die Natur der Fälle nicht dass sie das Ganze der uns bekannten Fälle
vorstellen was sie zu einem genügenden Beweis eines allgemeinen Gesetzes macht
während die beschränktere Behauptung welche bei allen bekannten Tieren stehen
bleibt nur gemacht werden kann wenn wir sie bei einer jeden Species streng
geprüft haben In ähnlicher Weise um zu unserem früheren Beispiel
zurückzukehren hätten wir folgern können nicht dass alle die Planeten sondern
dass alle Planeten durch reflektiertes Licht leuchten das letztere ist eine
Induktion und zwar eine schlechte da sie durch den Fall von Doppelsternen von
selbst leuchtenden Körpern die eigentlich Planeten sind indem sie sich um
einen Mittelpunkt drehen widerlegt wird
2 Ein anderes Verfahren welches von der Induktion wohl zu unterscheiden
ist das aber von Mathematikern häufig Induktion genannt wird gleicht derselben
insofern als das Urteil zu welchem es führt in der That ein allgemeines ist
Wenn wir zB in Beziehung auf den Kreis bewiesen haben dass eine gerade Linie
ihn nur in zwei Punkten schneiden kann und wenn dies sukzessive von der
Ellipse von der Parabel und Hyperbel bewiesen worden ist so kann es als eine
allgemeine Eigenschaft der Kegelschnitte aufgestellt werden Die bei den zwei
früheren Beispielen gezogene Unterscheidung kann hier nicht Raum finden denn da
ein Kegel nachweisbar nur in einer dieser vier Linien geschnitten werden kann
so ist kein Unterschied vorhanden zwischen allen bekannten Kegelschnitten und
allen Kegelschnitten Da für eine über dasselbe hinausgehende Generalisation
kein Raum ist so kann man dem gewonnenen Urteil den Namen einer Generalisation
nicht versagen es liegt aber keine Induktion darin da keine Folgerung darin
liegt der Schluss ist ein bloßes Summieren von dem was in den verschiedenen
Urteilen aus denen er gezogen wurde behauptet worden war Ein wenn auch
nicht ganz ähnlicher Fall ist der Beweis eines geometrischen Lehrsatzes
vermittelst einer Figur Die Figur sei auf dem Papier oder nur in unserer
Phantasie so beweist wie S 228 bemerkt die Demonstration nicht unmittelbar
den allgemeinen Lehrsatz sie beweist nur dass der Schluss welcher in dem
Lehrsatz ausgedrückt ist für das in der Figur dargestellte besondere Dreieck
oder Kreis wahr ist indem wir jedoch wahrnehmen dass in derselben Weise als
wir es von jenem Kreise bewiesen haben es von jedem andern Kreise bewiesen
werden kann so fassen wir alle diese so zu beweisenden besonderen Sätze in
einen allgemeinen Ausdruck zusammen und vereinigen sie in einem allgemeinen
Satze Nachdem wir bewiesen haben dass die drei Winkel des Dreiecks A B C
gleich zwei Rechten sind so schließen wir dass dies von jedem andern Dreiecke
gilt nicht weil es von A B C wahr ist sondern aus dem Grunde durch welchen
wir bewiesen haben dass es von A B C wahr ist Wenn man dies Induktion nennen
wollte so wäre Induktion durch Gleichheit des Schließens eine geeignete
Bezeichnung dafür Es fehlt hier jedoch ganz die charakteristische Eigenschaft
der Induktion indem die erhaltene Wahrheit obgleich sie wirklich eine
allgemeine ist nicht einzelner bewiesener Fälle wegen geglaubt wird Dass alle
Dreiecke diese Eigenschaft besitzen schließen wir nicht daraus dass einige
sie besitzen sondern wir schließen es des anderweitigen demonstrativen
Beweises wegen welcher der Grund unserer Überzeugung in den einzelnen Fällen
war
Es gibt indessen in der Mathematik einige Beispiele von sogenannter
Induktion worin der Schluss in der That den Anschein einer Generalisation hat
welche sich auf einige besondere in ihr eingeschlossene Fälle gründet Wenn ein
Mathematiker durch die Berechnung einer hinreichenden Anzahl von Gliedern einer
Reihe das bestimmt hat was er das Gesetz der Reihe nennt so nimmt er keinen
Anstand mehr die Reihe um eine willkürliche Anzahl von Gliedern fortzuführen
ohne die Berechnung zu wiederholen Ich glaube indessen dass er dies nur auf
den Grund einer Betrachtung a priori hin tut welche in der Form einer
Demonstration dargelegt werden könnte aus welcher klar hervorgeht dass die
Bildungsweise der folgenden Glieder eines jeden aus dem vorhergehenden der
Bildungsweise der berechneten Glieder ähnlich sein muss Wenn der Versuch ohne
die Bestätigung dieser allgemeinen Betrachtungen gewagt worden ist so hat er
wie nicht vergessene Beispiele zeigen zu falschen Resultaten geführt
Man sagt dass Newton den binomischen Lehrsatz durch Induktion entdeckt hat
indem er ein Binom sukzessive zu einer gewissen Anzahl von Potenzen erhob und
dieselben so lange mit einander verglich bis er das Verhältnis in welchem die
algebraische Form einer jeden Potenz zu dem Exponent dieser Potenz und den zwei
Größen des Binoms steht entdeckte Diese Tatsache ist nicht unwahrscheinlich
aber ein Geist wie der Newtons welcher sprungweise zu den Prinzipien und
Schlüssen gelangte welche gewöhnliche Mathematiker nur schrittweise erreichen
konnte gewiss die fragliche Vergleichung nicht unternommen haben ohne darin
durch einen aprioristischen Grund des Gesetzes geleitet zu sein denn es kann
Keinem der die Natur der Multiplikation hinreichend versteht und der einige
Linien oder Symbole wiederholt miteinander multipliziert entgehen dass die
Coefficienten von den Gesetzen der Permutationen und Kombinationen abhängig
sind sobald aber dies erkannt ist ist der Lehrsatz bewiesen Wenn es einmal
ersichtlich war dass das Gesetz bei einigen niederen Potenzen vorhanden war so
ergaben sich aus seiner Identität mit dem Gesetze der Permutationen die
Betrachtungen welche beweisen dass es allgemein gültig ist Es sind dies also
Beispiele von dem was ich Induktion durch Gleichheit des Schließens genannt
habe dh keine wirklichen Induktionen da sie keine Folgerung eines
allgemeinen Satzes aus besonderen Fällen umfassen
3 Es bleibt nun noch ein dritter unrichtiger Gebrauch des Wortes
Induktion zu berichtigen durch welchen die Theorie der Induktion bis zu einem
ungewöhnlichen Grade verwirrt worden ist Der Irrtum besteht darin dass man
die Beschreibung einer Anzahl von beobachteten Erscheinungen mit einer Induktion
daraus verwechselt hat
Nehmen wir an ein Phänomen bestände aus Teilen und diese Theile könnten
nur einzeln und sozusagen stückweise beobachtet werden Nachdem die
Beobachtungen gemacht worden sind kann eine Darstellung des ganzen Phänomens
erhalten werden wenn man die einzelnen Fragmente miteinander verbindet Wenn
ein Schiffer mitten auf dem Ozean segelnd ein Land entdeckt so kann er nach
einer Beobachtung nicht sagen ob es ein Festland oder eine Insel ist wenn er
aber der Küste entlang fährt und nach einigen Tagen findet dass er dasselbe
umschifft hat so nennt er es nun eine Insel Er bestimmte diese Tatsache durch
eine Reihe von besonderen Beobachtungen und wählte dann einen allgemeinen
Ausdruck der in zwei oder drei Worten Alles umfasst was er beobachtet hatte
Liegt aber in diesem Verfahren etwas von der Natur der Induktion Folgerte er
aus dem Beobachteten etwas was er nicht beobachtet hatte Gewiss nicht Dass
das Land eine Insel ist ist keine Folgerung aus den einzelnen Tatsachen
welche der Schiffer im Verlaufe seiner Schifffahrt beobachtete es sind die
Tatsachen selbst summarisch zusammengefasst es ist die Beschreibung einer
komplexen Tatsache deren einzelne Theile jene einfache Tatsachen sind
Der Art nach ist nun kein Unterschied zwischen diesem Verfahren und
demjenigen durch welches Kepler die Bahnen der Planeten bestimmte alles was
in Keplers Verfahren charakteristisches lag war daher ebensowenig induktiv
als das Verfahren unseres Schiffers
Die Absicht Keplers war die wirkliche Bahn welche die Planeten oder
nehmen wir an welche Mars beschreibt denn in Beziehung auf diesen Körper
stellte er zuerst die drei großen astronomischen Wahrheiten auf welche seinen
Namen tragen zu bestimmen Es gab hierzu kein anderes Mittel als die direkte
Beobachtung und der ganze Antheil welchen diese dabei haben konnte war mit
ihrer Hülfe eine große Anzahl von Orten oder vielmehr von scheinbaren Orten
des Planeten zu bestimmen Dass der Planet sukzessive alle diese Stellungen
einnahm oder auf alle Fälle Stellungen welche denselben Eindruck auf das Auge
hervorbrachten und zwar ohne eine sichtliche Unterbrechung des Zusammenhangs
dies Alles konnten die Sinne mit Hülfe geeigneter Instrumente erforschen
Kepler that nun mehr als dies indem er zusah welche Kurve diese verschiedenen
Punkte bilden würden wenn er sie alle miteinander vereinigte Er drückte die
ganze Reihe der beobachteten Orte des Mars durch das aus was Herr Whewell die
allgemeine Conception einer Ellipse genannt hat Dieses Verfahren war bei Weitem
nicht so leicht als das des Schiffers welcher die Reihe der beobachteten
Punkte der Küste durch eine allgemeine Vorstellung einer Insel ausdrückte es
ist jedoch dasselbe Verfahren und wenn das Eine keine Induktion sondern eine
Beschreibung ist so muss es auch das Andere sein
Um Missverständnisse zu vermeiden muss bemerkt werden dass Kepler in
gewisser Hinsicht eine wirkliche Induktion vollführte indem er nämlich schloss
dass weil die beobachteten Orte des Mars durch Punkte einer imaginären Ellipse
richtig repräsentiert wurden der Planet sich fortwährend in dieser Ellipse
bewegt ebenso indem er schloss dass der Ort des Planeten während der Zeit
welche zwischen zwei Beobachtungen verstrich die dazwischenliegenden Punkte der
Kurve decken musste Dies waren Tatsachen die nicht direkt beobachtet worden
waren es waren Folgerungen aus der Beobachtung gefolgerte und von den
gesehenen unterschiedene Tatsachen Aber diese Folgerungen waren weit entfernt
ein Teil von Keplers philosophischer Operation zu sein da sie gemacht waren
lange bevor derselbe geboren war Den Astronomen war es lange bekannt dass die
Planeten periodisch zu denselben Orten zurückkehren Nachdem dieses bestimmt
worden war blieb Kepler keine Induktion zu machen übrig und er machte auch
keine weitere Induktion er wendete bloß seine neue Vorstellung auf die
gefolgerten Tatsachen an wie er sie auf die beobachteten anwandte Da er
bereits wusste dass sich die Planeten fortwährend in denselben Bahnen bewegen
so wusste er als er fand dass eine Ellipse die vergangene Bahn darstellte
dass sie auch die zukünftige Bahn repräsentiert Indem er einen kurzen Ausdruck
für die eine Reihe von Tatsachen fand fand er auch einen für die andere Reihe
aber er fand nur den Ausdruck nicht die Folgerung auch erhöhte er nicht das
Vermögen der Vorhersagung wie man es bereits besaß was die wahre Probe für
eine allgemeine Wahrheit ist
4 Das deskriptive Verfahren wodurch eine Anzahl von Einzelheiten in
einen summarischen Ausdruck zusammengefasst wird ist von Hrn Whewell mit dem
passenden Ausdrucke einer »Colligation eines Zusammenbindens oder einer
Verbindung von Tatsachen« bezeichnet worden Den meisten seiner Bemerkungen
über diesen geistigen Prozess stimme ich vollkommen bei und würde die
betreffenden Stellen seines Buches gern hier aufnehmen ich glaube nur dass er
in einem Irrtum befangen ist wenn er der alten und angenommenen Bedeutung des
Ausdrucks entgegen denselben als den Typus des induktiven Verfahrens hinstellt
und in seinem ganzen Werke die Prinzipien einfacher Colligation als Prinzipien
der Induktion darstellt
Herr Whewell behauptet dass das allgemeine Urteil welches die einzelnen
Tatsachen zusammenbindet und sie gleichsam zu einer Tatsache macht nicht die
einfache Summe dieser Tatsachen sondern etwas mehr ist da eine Vorstellung
des Verstandes die nicht in den Tatsachen selbst liegt hineingelegt ist »Die
einzelnen Tatsachen« sagt er »sind nicht bloß vereinigt sondern es ist der
Kombination ein neues Element durch den Akt des Denkens wodurch sie kombiniert
werden hinzugefügt worden Wenn die Griechen nachdem sie lange die Bewegung
der Planeten beobachtet hatten sahen dass diese Bewegungen betrachtet werden
konnten als durch die Bewegung eines Rades an der Innenseite eines andern Rades
hervorgebracht so waren diese Räder Schöpfungen ihres Geistes die sie den
durch die Sinne wahrgenommenen Tatsachen hinzufügten Aber sogar wenn diese
Räder nicht mehr als materiell angenommen sondern auf geometrische Kugeln und
Kreise reduziert würden so waren sie nichtsdestoweniger Produkte des Geistes
etwas den beobachteten Tatsachen hinzugefügtes Dasselbe ist der Fall bei allen
unseren Entdeckungen Die Tatsachen sind bekannt aber sie sind so lange
vereinzelt und unverbunden bis der Entdecker aus seinen eigenen Mitteln das
Prinzip des Zusammenhangs liefert Die Perlen sind da aber erst wenn man sie
geschickt mit einer Schnür versieht werden sie zusammenhängen«
Es sei zuerst bemerkt dass Dr Whewell in dieser Stelle Beispiele von zwei
Prozessen untereinander wirft die ich mich zu trennen bemühte Als die Griechen
die Voraussetzung die Bewegung der Planeten werde durch die Rotation
materieller Räder verursacht aufgaben und auf die Idee von »bloß geometrischer
Kugeln und Kreisen« verfielen dalag in dieser Meinungsänderung etwas mehr als
die bloße Substitution einer ideellen Kurve für eine physikalische es war die
Aufgabe einer Theorie und die Ersetzung derselben durch eine bloße
Beschreibung Niemand würde es einfallen die Lehre von materiellen Rädern eine
bloße Beschreibung zu nennen sie war ein Versuch die Kraft nachzuweisen
welche auf die Planeten wirkte und sie zwang ihre Bahnen einzuhalten Aber als
man den großen Schritt in der Philosophie vorwärts that als man die
materiellen Räder fallen ließ und nur die geometrischen Formen beibehielt da
wurde damit der Versuch die Bewegungen zu erklären aufgegeben und was von der
Theorie übrig blieb war eine bloße Beschreibung der Bahnen Die Behauptung
die Planeten würden durch Räder herumgetragen die sich an der Innenseite
anderer Räder bewegen machte dem Satze Platz dass sie sich in Linien bewegen
welche durch so herumgetragene Körper beschrieben werden würden was nur ein
Modus war die Summe der beobachteten Tatsachen darzustellen sowie ja auch
dieselben Tatsachen durch Kepler in einer andern und bessern Weise dargestellt
wurden
Dass sowohl für diese einfachen beschreibenden Operationen als auch für die
irrtümlich induktiven eine Conception des Geistes erforderlich war ist wahr
die Vorstellung von einer Ellipse muss sich dem Geiste Keplers dargeboten
haben ehe er die Planetenbahnen mit ihr identifizieren konnte Nach Dr Whewell
war die Vorstellung etwas den Tatsachen hinzugefügtes er drückt sich so aus
als ob Kepler durch die Art und Weise wie er sie sich vorstellte etwas in die
Tatsachen hineingelegt habe Dies war nicht der Fall die Ellipse war in den
Tatsachen ehe sie Kepler erkannte sowie die Insel eine Insel war ehe sie
umsegelt worden war was sich Kepler vorstellte legte er nicht in die
Tatsachen sondern er sah es in ihnen Eine Vorstellung begreift ein ihr
entsprechendes Vorgestellte ein und obgleich die Vorstellung nicht in den
Tatsachen sondern in unserm Geiste ist so muss sie wenn sie in Betreff
derselbe ein Wissen mittheilen soll die Vorstellung von etwas das wirklich in
den Tatsachen liegt sein von irgend einer Eigenschaft welche sie besitzen
und welche sie unseren Sinnen offenbaren würden wenn diese fähig wären
Kenntnis davon zu nehmen Wenn zB der Planet in dem Welträume eine sichtbare
Spur zurückließ und der Beobachter befände sich in einer festen Stellung
oberhalb der Ebene der Bahn und in einer solchen Entfernung dass er die ganze
Bahn übersehen könnte so würde er sie als eine Ellipse sehen und wenn er die
geeigneten Instrumente und das Vermögen der Ortsveränderung besäße so könnte
er durch das Vermessen der verschiedenen Dimensionen beweisen dass es in der
That diese Kurve ist Ja sogar wenn die Bahn sichtbar wäre und er wäre so
plaziert dass er alle Theile derselben hintereinander aber nicht auf einmal
sehen könnte so könnte er durch Aneinanderreihen seiner sukzessiven
Beobachtungen beides entdecken dass es eine Ellipse ist und dass der Planet
sich in ihr bewegt Der Fall würde dann genau dem des Schiffers gleichen der
durch Umsegeln eines Landes entdeckt dass es eine Insel ist Wenn die Bahn
sichtbar wäre so würde glaube ich niemand bezweifeln dass sie mit einer
Ellipse identifizieren sie beschreiben hieße und ich sehe nicht wie es einen
unterschied machen könnte dass sie nicht den Sinnen direkt zugänglich ist wenn
ein jeder Punkt so genau bestimmt ist als wenn sie es wirklich wäre
Da die Vorstellung der eben angeführten unerlässlichen Bedingung unterworfen
ist so vermag ich nicht zu begreifen dass der Antheil den sie bei dem Studium
der Tatsachen hat jemals übersehen oder unterschätzt worden wäre Niemand hat
je bestritten dass wenn wir in Beziehung auf irgend ein Ding Schlüsse ziehen
wollen wir eine Vorstellung von ihm haben müssen oder dass wenn wir eine Menge
von Dingen in einem allgemeinen Ausdruck einschließen in dem Ausdruck eine
Vorstellung von etwas diesen Dingen gemeinsamem liegt Hieraus folgt aber
keineswegs dass die Vorstellung notwendig präexistiert oder von unserm
Verstande aus seinem eigenen Material geliefert wird Wenn die Tatsachen in der
Vorstellung richtig klassifiziert sind so ist dies der Fall weil in den
Tatsachen selbst etwas liegt wovon die Vorstellung ein Abbild ist wenn wir
dies nicht direkt wahrnehmen so liegt der Grund in unseren beschränkten Organen
und nicht darin dass das Ding selbst nicht vorhanden ist Die Vorstellung
selbst wird oft durch Abstraktion von denselben Tatsachen erhalten welche sie
nach Hr Whewells Ausdrucksweise zu verbinden herbeigerufen wird Dies gibt
er selbst zu wenn er bemerkt welch ein großer Dienst der Physiologie durch
den Philosophen geleistet würde »der eine genaue haltbare und konsequente
Conception vom Leben herstellen würde« Eine solche Conception kann nur aus den
Erscheinungen des Lebens abstrahiert werden aus den Tatsachen die sie
miteinander verbinden soll Statt die Vorstellung in anderen Fällen aus den
Erscheinungen die wir verbinden wollen zu folgern wählen wir sie unter den
Vorstellungen die wir vorher durch Abstraktion aus anderen Tatsachen gebildet
haben Bei Keplers Gesetzen war das Letztere der Fall Da die Tatsachen in
einer Weise außerhalb des Bereiches der Beobachtung lagen dass die Sinne die
Bahn des Planeten mit nichts identifizieren konnten so konnte die zu einer
allgemeinen Beschreibung dieser Bahn erforderliche Vorstellung nicht aus den
Beobachtungen selbst durch Abstraktion gebildet werden der Geist musste
hypothetisch von den Vorstellungen aus anderen Teilen seiner Erfahrung eine
unterlegen welche die Reihe von beobachteten Tatsachen genau darstellte er
musste in Betreff des allgemeinen Ganges des Phänomens eine Voraussetzung
aufstellen und sich fragen wenn dies die allgemeine Beschreibung ist wie
werden die Einzelheiten sein Er musste diese alsdann mit den beobachteten
Einzelheiten vergleichen Wenn sie übereinstimmten so diente die Hypothese zu
einer Beschreibung des Phänomens wenn nicht so musste sie verworfen und eine
andere versucht werden Ein Fall wie dieser gibt der Lehre dass der Geist
indem er die Beschreibung bildet etwas in die Tatsachen lege was nicht darin
enthalten war einen Schein von Wahrheit
Dass der Planet eine Ellipse beschreibt ist gewiss eine Tatsache und zwar
eine Tatsache welche wir wahrnehmen könnten wenn wir die geeigneten Organe
und die erforderliche Stellung hätten Da er nicht diese Vorteile wohl aber
die Vorstellung einer Ellipse hatte oder um es populärer zu sagen da Kepler
wusste was eine Ellipse ist so versuchte er ob die beobachteten Orte mit
einer solchen Bahn sich vertrügen Er fand dass dies der Fall war und nahm
folglich als eine Tatsache an dass sich der Planet in einer Ellipse bewegt
Aber diese Tatsache welche Kepler den Bewegungen des Planeten nicht
hinzufügte sondern darinnen fand nämlich dass er sukzessive die verschiedenen
Punkte des Umfangs einer gegebenen Ellipse einnahm war die Tatsache selbst
deren verschiedene Theile er beobachtet hatte es war die Summe der
verschiedenen Beobachtungen
Nachdem ich so den fundamentalen Unterschied zwischen meinen Ansichten und
denen des Hrn Whewell bezeichnet muss ich hinzufügen dass mir seine Meinung
von der Art wie die Vorstellung die geeignet ist die Tatsachen auszudrücken
gewählt wird ganz richtig scheint Die Erfahrung aller Denker wird es glaube
ich bezeugen dass das Verfahren ein probierendes ist dass es in einer Reihe
von Mutmaßungen besteht von denen viele verworfen werden bis sich zuletzt
eine für die Wahl tauglich zeigt Wir wissen von Kepler selbst dass ehe er auf
eine Ellipse verfiel er neunzehn andere ideelle Bahnen versucht und als er sie
mit den Beobachtungen unverträglich fand wieder verworfen hatte Aber die
erfolgreiche Hypothese sollte wie Hr Whewell ganz richtig bemerkt nicht eine
glückliche sondern eine geschickte genannt werden wenn sie auch ein Raten
war Die Vermutungen welche dazu dienen einem Chaos von zerstreuten
Einzelheiten eine geistige Einheit und Ganzheit zu geben sind Zufälle die nur
solchen Geistern begegnen welche einen Reichtum von Wissen und Übung in
wissenschaftlichen Kombinationen besitzen
Inwieweit diese probierende Methode die als ein Mittel zur Verbindung
Colligation von Tatsachen behufs der Beschreibung so unentbehrlich ist auf
Induktion selbst angewandt werden kann und welche Geschäfte ihr dabei zufallen
wird in dem Kapitel welches sich auf die Hypothesen bezieht erläutert werden
Gegenwärtig haben wir dieses Colligationsverfahren von der eigentlich
sogenannten Induktion wohl zu unterscheiden und damit der Unterschied noch
deutlicher werde ist es nützlich auf eine merkwürdige und interessante
Bemerkung des Hrn Whewell aufmerksam zu machen welche in Beziehung auf das
erstere Verfahren eben so schlagend wahr als sie unzweifelhaft falsch in
Beziehung auf das letztere ist
In den verschiedenen Stadien des Fortschrittes des Wissens haben die
Philosophen zur Verbindung einer Reihe von Tatsachen verschiedene Konzeptionen
gebraucht Die frühen und rohen Beobachtungen der Himmelskörper in denen eine
große Genauigkeit weder erhalten noch gesucht wurde boten der Darstellung der
Bahn eines Planeten als eines Kreises in dessen Mittelpunkt die Erde stand
nichts Widersprechendes dar Als die Beobachtungen an Genauigkeit zunahmen und
Tatsachen entdeckt wurden die mit dieser einfachen Annahme nicht vereinbar
waren so wurde sie der Verbindung der Tatsachen wegen geändert sie wurde
geändert und wieder geändert in dem Maß als die Tatsachen zahlreicher und
genauer beobachtet wurden Die Erde wurde aus dem Mittelpunkte in einen andern
Punkt innerhalb des Kreises versetzt man nahm an der Planet bewege sich in
einem kleinem Kreise Epizykel genannt um einen imaginären Punkt der sich in
einem Kreise um die Erde dreht in dem Verhältnisse als die Beobachtung neue
Tatsachen entdeckte welche dieser Darstellung widersprachen wurden neue
Epizykel und neue Excentricitäten hinzugefügt welche neue Komplikationen
verursachten bis zuletzt Kepler alle diese Kreise entfernte und die Conception
einer genauen Ellipse an ihre Stelle setzte Man findet sogar dass auch diese
nicht mit vollständiger Richtigkeit die genauen Beobachtungen unserer Tage
welche viele leichte Abweichungen von einer genau elliptischen Bahn enthüllt
haben repräsentiert Hr Whewell hat nun bemerkt dass diese
aufeinanderfolgenden allgemeinen Ausdrücke alle richtig waren sie entsprachen
alle dem Zwecke der Colligation sie setzten alle den Geist in den Stand sich
mit Leichtigkeit und in einem Blicke die Gesamtheit der zu jener Zeit
festgesetzten Tatsachen vorzuführen ein jeder diente der Reihe nach als eine
richtige Beschreibung des Phänomens so weit die Sinne zu seiner Zeit Kenntnis
davon genommen hatten Wenn es später nötig war die eine dieser allgemeinen
Beschreibungen der Planetenbahnen zu verwerfen und eine andere imaginäre Linie
anzunehmen um die Reihe von beobachteten Tatsachen auszudrücken so lag der
Grund darin dass eine Anzahl von neuen Tatsachen hinzukamen die notwendig
mit den alten Tatsachen zu einer allgemeinen Beschreibung verbunden werden
mussten Aber dieses änderte nichts an der Richtigkeit des früheren Ausdrucks
insofern er als eine Angabe von nur denjenigen Tatsachen betrachtet wird die
er repräsentieren sollte Dies ist so wahr dass wie Hr Comte wohl bemerkt
jene alten Generalisationen sogar die rohesten und unvollkommensten derselben
die von einer gleichförmigen Bewegung in einem Kreise weit entfernt ganz falsch
zu sein noch jetzt von den Astronomen gewöhnlich gebraucht würden wenn eine
nur grobe Annäherung an die Wahrheit verlangt wird »Lastronomie moderne en
détruisant sans retour les hypothèses primitives envisagées comme lois réelles
du monde a soigneusement maintenu leur valeur positive et permanente la
propriété de représenter commodément les phénomènes quand il sagit dune
première ébauche Nos resources à cet égard sont même plus étendues precisément
a cause que nous ne nous faisons aucune illusion sur la réalité des hypothèses
ce qui nous permet demployer sans scrupule en chaque cas celle que nous
jugeons la plus avantageuse«75
Herrn Whewells Bemerkung ist daher philosophisch richtig sukzessive
Ausdrücke für die Verbindung beobachteter Tatsachen oder mit anderen Worten
sukzessive Beschreibungen eines Phänomens als eines Ganzen das nur stückweise
beobachtet wurde können soweit als sie gehen alle richtig sein obgleich sie
einander widerstreiten Aber es wäre sicher absurd dies von einander
widerstreitenden Induktionen zu behaupten
Das wissenschaftliche Studium der Tatsachen kann zu drei verschiedenen
Zwecken unternommen werden nämlich der einfachen Beschreibung der Tatsachen
ihrer Erklärung oder ihrer Voraussagung wegen unter Voraussagung die
Bestimmung der Bedingungen unter denen ähnliche Tatsachen wiederkehren mögen
verstanden Der ersten dieser drei Verfahrungsweisen kommt der Name Induktion
nicht zu wohl aber den beiden letzteren Dr Whewells Bemerkung ist nun aber
von der ersten allein wahr Als eine bloße Beschreibung betrachtet stellt die
Kreistheorie der Bewegungen der Himmelskörper vollkommen genau deren allgemeinen
Züge dar und indem man Epizykel ohne Ende hinzufügt könnten diese Bewegungen
so wie sie uns jetzt bekannt sind mit einem jeden erforderlichen Grad von
Genauigkeit ausgedrückt werden Der einzige wahre Vorteil der elliptischen
Theorie als einer bloßen Beschreibung würde ihre Einfachheit und die daraus
folgende Leichtigkeit sie zu begreifen und Schlüsse daraus zu ziehen sein
denn in Wirklichkeit wäre sie nicht wahrer als die andere Verschiedene
Beschreibungen können also alle wahr sein aber sicher nicht verschiedene
Erklärungen Die Lehre dass die Himmelskörper sich durch eine ihnen inwohnende
Kraft bewegen die Lehre dass sie durch Stoß in Bewegung gesetzt werden was zu
der Annahme von Wirbeln als der einzigen Kraft die fähig ist Körper im Kreise
zu bewegen führte und die Lehre Newtons dass sie durch das Zusammenwirken
einer zentripetalen mit einer ursprünglich bewegenden Kraft bewegt werden sind
Erklärungen die durch wirkliche Induktion aus wie man voraussetzte parallelen
Fällen gefolgert und von den Philosophen nach einander als wissenschaftliche
Wahrheiten in Beziehung auf die Himmelskörper angenommen wurden Können wir aber
von diesen wie von den verschiedenen Beschreibungen sagen dass sie alle wahr
sind soweit als sie gehen Ist es nicht klar dass nur eine bis zu einem
gewissen Grade wahr ist und dass die beiden anderen gänzlich falsch sein
müssen So viel in Beziehung auf Erklärungen wir wollen nun einige verschiedene
Voraussagungen betrachten Die erste dass Finsternisse entstehen wenn ein
Planet oder Trabant eine solche Stellung hat dass er seinen Schatten auf einen
andern wirft die zweite dass sie entstehen werden wenn der Menschheit ein
großes Unglück droht Sind diese zwei Lehren nur in dem Grade ihrer Wahrheit
verschieden so dass sie wirkliche Tatsachen mit ungleichem Grade von
Genauigkeit ausdrücken Gewiss ist die eine wahr und die andere ganz falsch76
Es ist also in jeder Hinsicht evident dass wenn man die Induktion erklärt
als die Verbindung Colligation von Tatsachen durch geeignete Konzeptionen
welche sie wirklich ausdrücken man eine bloße Beschreibung der beobachteten
Tatsachen mit der Folgerung aus diesen Tatsachen verwechselt und der letzteren
zuschreibt was eine charakteristische Eigenschaft der ersteren ist
Es besteht indessen zwischen Colligation und Induktion eine wirkliche
Beziehung und es ist wichtig dieselbe richtig aufzufassen Colligation ist
nicht immer Induktion aber Induktion ist immer Colligation Die Behauptung
dass sich die Planeten in Ellipsen bewegen war nur ein Modus die beobachteten
Tatsachen darzustellen es war nur eine Colligation während die Behauptung
dass sie von der Sonne angezogen werten eine durch Induktion gefolgerte Angabe
einer neuen Tatsache war Wenn aber die Induktion einmal gemacht ist so
erfüllt sie ebenfalls den Zweck der Colligation Sie bringt dieselben
Tatsachen welche Kepler durch seine Vorstellung einer Ellipse verbunden hatte
unter die weitere Vorstellung von Körpern worauf eine Zentralkraft wirkt und
dient deshalb als ein neues Verbindungsmittel für diese Tatsachen als ein
neues Prinzip ihrer Klassifikation
Es ist ferner jene allgemeine Beschreibung die unrichtig mit Induktion
verwechselt wird eine notwendige Vorbereitung für die Induktion und eben so
unentbehrlich als die Beobachtung der Tatsachen selbst Ohne die vorhergehende
Verbindung der Tatsachen vermittelst einer allgemeinen Vorstellung hätten wir
mit Ausnahme von in sehr engen Grenzen eingeschlossenen Erscheinungen niemals
eine Basis für eine Induktion erhalten können Wir wären nicht fähig irgend ein
Prädikat eines Subjekts das nur stückweise beobachtet werden kann anzugeben
und wir könnten noch weniger dieses Prädikat durch Induktion auf andere ähnliche
Subjekte übertragen Die Induktion setzt daher immer voraus nicht allein dass
die nötigen Beobachtungen mit der nötigen Genauigkeit gemacht worden sind
sondern auch dass die Resultate dieser Beobachtungen soweit als tunlich durch
allgemeine Beschreibungen mit einander verbunden sind wodurch der Geist fähig
gemacht wird sich diejenigen Phänomene als Ganze vorzustellen welche überhaupt
fähig sind so dargestellt zu werden
5 Auf die vorhergehenden Bemerkungen hat Dr Whewell ausführlich
geantwortet und seine Ansicht noch einmal dargelegt er hat jedoch soviel ich
sehen kann seinen Argumenten nichts Wesentliches hinzugefügt Da die meinigen
nicht das Glück hatten einen Eindruck auf ihn zu machen so will ich noch
einige Bemerkungen beifügen welche deutlicher zeigen sollen worin unsere
Meinungsverschiedenheit besteht und welche dieselbe gewissermaßen erklären
sollen
Allen Definitionen der Induktion von Schriftstellern von Ansehen zufolge
besteht dieselbe in dem Ziehen von Folgerungen aus bekannten Fällen auf
unbekannte in dem Behaupten von einer Klasse eines Prädikats das von einigen
zu dieser Klasse gehörigen Fällen als wahr befunden worden ist in dem
Schließen dass weil einige Dinge eine gewisse Eigenschaft haben auch andere
ihnen ähnliche Dinge dieselbe Eigenschaft haben oder dass weil ein Ding eine
Eigenschaft zu einer gewissen Zeit gezeigt hat es dieselbe Eigenschaft zu
anderen Zeiten zeigen wird
Man wird kaum behaupten dass in diesem Sinne des Worts Keplers Verfahren
eine Induktion war Die Angabe Mars bewege sich in einer elliptischen Bahn war
weder eine Generalisation aus individuellen Fällen auf eine Klasse von Fällen
noch war es eine Ausdehnung von etwas auf alle Zeiten was zu einer besonderen
Zeit als wahr befunden worden war Die ganze Generalisation welche der Fall
zuliefe war bereits vollzogen oder hätte es werden können Lange vorher ehe
man an die elliptische Theorie dachte hatte man bestimmt dass die Planeten
periodisch zu denselben scheinbaren Orten zurückkehrten die Reihen dieser Orte
waren vollständig bestimmt und der scheinbare Lauf eines jeden Planeten hätte
an einem Himmelsglobus in einer ununterbrochenen Linie markiert werden können
Kepler dehnte eine beobachtete Wahrheit nicht auf andere Fälle aus als die
waren in denen diese Wahrheit beobachtet worden war er erweiterte nicht das
Subjekt des Urteils das die beobachteten Tatsachen ausdrückte er veränderte
nur das Prädikat Statt zu sagen die sukzessiven Orte des Man sind so und so
summierte er sie in der Behauptung die sukzessiven Orte des Mars sind Punkte
einer Ellipse Es ist wahr wie Dr Whewell sagt diese Behauptung war nicht
lediglich die Summe der Beobachtungen es war die unter einem neuen
Gesichtspunkt betrachtete Summe der Beobachtungen77 Aber es war nicht wie bei
einer wirklichen Induktion die Summe von mehr als die Beobachtungen sie
umfasste keine anderen Fälle als die wirklich beobachteten oder nur solche die
aus den beobachteten Fällen hätten gefolgert werden können ehe sich der neue
Gesichtspunkt darbot Es war kein Übergang von bekannten Fällen zu unbekannten
vorhanden wie er der ursprünglichen und anerkannten Bedeutung des Wortes nach
die Induktion ausmacht
Es ist wahr alte Definitionen sollten nicht neues Wissen überherrschen
und wenn das Keplersche Verfahren als ein logischer Prozess wirklich identisch
wäre mit dem was bei einer anerkannten Induktion stattfindet so müsste die
Definition so erweitert werden dass sie dasselbe aufnimmt indem die
wissenschaftliche Sprache sich den wahren Beziehungen der Dinge die sie
bezeichnen soll anpassen muss Hier also ist der streitige Punkt zwischen mir
und Dr Whewell er hält beide Operationen für identisch In keinem Fall von
Induktion gesteht er ein anderes Verfahren zu als wie es in Keplers Fall
stattfand nämlich Raten oder Mutmaßen bis eine Mutmaßung gefunden ist
die den Tatsachen entspricht er verwirft wie wir später sehen werden alle
Regeln der Induktion weil wir nicht vermittelst dieser Regeln mutmaßen Dr
Whewells Theorie von der Logik der Wissenschaft wäre vollkommen wenn er nicht
die Frage des Beweises gänzlich übergangen hätte Aber nach meinem Verständnis
gibt es so ein Ding wie der Beweis und in ihrer Beziehung zu diesem Element
unterscheiden sich die Induktionen gänzlich von den Beschreibungen Die
Induktion ist Beweis sie ist ein Folgern von etwas Nichtbeobachtetem aus etwas
Beobachtetem sie verlangt daher eine geeignete Probe und es ist der Zweck der
induktiven Logik diese Probe zu liefern Wenn wir im Gegenteil bekannte
Tatsachen nur aneinanderreihen und sie nach Dr Whewells Phraseologie bloß
durch eine neue Conception verknüpfen so haben wir alles was wir wollen wenn
die Conception dazu dient die Beobachtungen miteinander zu verknüpfen Da das
Urteil worin sie verkörpert ist nur auf die Wahrheit Anspruch macht welche
es mit vielen anderen Darstellungsweise derselben Tatsachen teilen könnte
nämlich in Übereinstimmung mit den Tatsachen zu sein so hat es den Beweis
weder nötig noch lässt es ihn zu obgleich es dazu dienen kann andere Dinge zu
beweisen Indem es nämlich die Tatsachen in einen geistigen Zusammenhang mit
anderen Tatsachen bringt von denen man vorher nicht ersah dass sie ihnen
gleichen assimiliert es den Fall einer andern Klasse von Erscheinungen in
Betreff derer bereits wirkliche Induktionen stattgefunden haben So brachte
Keplers sogenanntes Gesetz die Bahn des Mars in die Klasse Ellipse und bewies
damit dass alle Eigenschaften der Ellipse von der Marsbahn wahr sind aber zu
diesem Beweis lieferte Keplers Gesetz die untere und nicht wie bei wirklichen
Induktionen die obere Prämisse
Dr Whewell nennt nichts Induktion wo nicht eine neue geistige Conception
eingeführt und er nennt alles Induktion wo sie eingeführt wird dies heißt
aber zwei ganz verschiedene Dinge Erfindung und Beweis mit einander
verwechseln Die Einführung einer neuen Idee ist Erfindung und Erfindung mag
für ein jedes Verfahren erforderlich sein aber von keinem ist sie das Wegen
Eine neue Conception mag für beschreibende Zwecke so gut wie für induktive
eingeführt werden aber sie ist soweit entfernt die Induktion auszumachen dass
die Induktion ihrer nicht einmal notwendig bedarf Die meisten Induktionen
bedürfen nur der Vorstellung wie sie in einem jeden der besonderen Fälle auf
welche die Induktion gegründet ist schon vorhanden war Alle Menschen sind
sterblich ist gewiss ein induktiver Schluss aber es wird durch ihn keine neue
Vorstellung eingeführt Wenn man weiß dass bisher ein jeder Mensch gestorben
ist so besitzt man alle in der induktiven Generalisation enthaltenen
Vorstellungen Aber Dr Whewell betrachtet den Erfindungsprozess welcher in der
Aufstellung einer neuen mit den Tatsachen übereinstimmenden Conception
besteht nicht bloß für einen notwendigen Teil der Induktion sondern für das
Ganze derselben
Das geistige Verfahren welches aus einer Anzahl von vereinzelten
Beobachtungen gewisse allgemeine Charaktere in denen die beobachteten
Erscheinungen einander oder anderen bekannten Tatsachen gleichen loslöst
wurde von Bacon Locke und den meisten späteren Metaphysikern Abstraktion
genannt Ein allgemeiner durch Abstraktion erhaltener Ausdruck welcher
bekannte Tatsachen vermittelst gemeinsamer Charaktere mit einander verbindet
ohne jedoch von ihnen auf unbekannte Tatsachen zu schließen kann wie ich
glaube mit logisch strenger Richtigkeit Beschreibung genannt werden auch kann
ich nicht einsehen wie min Dinge jemals anders beschreiben könnte Ich bin aber
auch ganz zufrieden mit dem Gebrauch von Dr Whewells Ausdruck Colligation
vorausgesetzt man sehe ein dass das Verfahren nicht Induktion sondern etwas
radikal Verschiedenes ist
Was sonst noch nützliches über Colligation oder den von Dr Whewell
erfundenen korrelativen Ausdruck die Erklärung von Konzeptionen und im
allgemeinen über Ideen und geistige Repräsentationen wie sie mit dem Studium
der Tatsachen verbunden zu sagen ist wird im vierten Bach bei den
Hilfsoperationen für die Induktion eine geeignete Stelle finden und dahin muss
auch der Leser für die Lösung einer jeden Schwierigkeit welche die vorliegende
Diskussion ihm belassen haben sollte verwiesen werden
1 Die Induktion wie wir sie von den Verstandesoperationen die wir in
dem vorhergehenden Kapitel charakterisierten unterschieden haben kann
summarisch als eine Generalisation von der Erfahrung aus definiert werden Sie
besteht darin dass man schließt eine Erscheinung die bei einzelnen
Gelegenheiten stattgefunden hat wird in allen Gelegenheiten einer gewissen
Klasse stattfinden nämlich in allen welche den vorhergehenden in dem was man
die wesentlichen Umstände nennt gleichen
In welcher Weise die wesentlichen Umstände von den unwesentlichen zu
unterscheiden sind wollen wir hier noch übergehen Wir wollen zuerst bemerken
dass in der Festsetzung von dem was Induktion ist ein Prinzip eine Annahme in
Beziehung auf den Gang der Natur und die Ordnung im Universum inbegriffen liegt
nämlich dass es in der Natur Dinge wie parallele Fälle gibt dass was einmal
geschehen ist bei einem gewissen Grad von Ähnlichkeit wieder und sogar immer
geschehen wird Wenn wir den Gang der Natur beobachten so finden wir dass
diese Annahme bestätigt wird die Tatsache ist so wir finden dass das Weltall
so konstituiert ist dass was in einem Falle wahr ist in allen Fällen einer
gewissen Art wahr ist die einzige Schwierigkeit ist zu finden welcher Art
Die allgemeine Tatsache welche bei allen Schlüssen von der Erfahrung aus
unser Bürge ist ist von verschiedenen Philosophen auf verschiedene Weise
bezeichnet worden wie zB der Gang der Natur ist gleichförmig das Weltall ist
durch allgemeine Gesetze beherrscht usw Eine der gewöhnlichsten dieser
Ausdrucksweisen aber auch die mangelhafteste ist die durch die Metaphysiker
der Schule von Reid und Stewart in Umlauf gesetzte Die Anlage des menschlichen
Verstandes aus der Erfahrung zu generalisieren eine von diesen Philosophen als
ein Instinkt unserer Natur betrachtete Neigung beschreiben sie gewöhnlich
unter Namen wie »eine intuitive Überzeugung dass die Zukunft der Vergangenheit
gleichen wird« Es ist nun von Hrn Bailey78 gezeigt worden dass die Neigung
sei ein ursprüngliches und letztes Element unserer Natur oder nicht die Zeit in
ihren Modifikationen als Vergangenheit Gegenwart und Zukunft weder mit dem
Glauben selbst noch mit den Gründen desselben etwas zu schaffen hat Wir
glauben dass Feuer morgen brennen wird weil es heute und gestern brannte aber
wir glauben genau auf dieselben Gründe hin dass es vor unserer Geburt brannte
und dass es beste in Cochinchina brennt Nicht von der Vergangenheit auf die
Zukunft als Vergangenheit und Zukunft folgern wir sondern vom bekannten auf das
unbekannte von beobachteten Tatsachen auf nicht beobachtete Tatsachen von
dem was wir wahrgenommen haben oder dessen wir uns direkt bewusst waren auf
das was unserer Erfahrung Mitzogen war In diesem letzten Prädikament liegt das
ganze Bereich der Zukunft aber auch der weit größere Antheil von Vergangenheit
und Gegenwart
Welches auch die beste Art sei sie auszudrücken die Behauptung dass der
Gang der Natur gleichförmig ist ist das Grundprinzip das allgemeine Axiom der
Induktion Es wäre jedoch ein großer Irrtum diese weite Generalisation als
eine Erklärung des induktiven Verfahrens zu betrachten ich sehe sie im
Gegenteil selbst als ein Beispiel von Induktion und zwar nicht von der
deutlichsten Art an weit entfernt die erste unserer Induktionen zu sein ist
sie eine der letzten oder doch in jedem Falle eine von jenen welche am
spätesten eine philosophische Genauigkeit erlangen Als ein allgemeiner
Grundsatz hat sie in der That nur bei den Philosophen Eingang gefunden und wie
wir Gelegenheit zu bemerken haben werden sogar von diesen sind seine Ausdehnung
und Grenzen nicht immer richtig verstanden worden
Die Wahrheit ist dass diese große Generalisation selbst auf frühere
Generalisationen gegründet ist Die dunkleren Naturgesetze wurden mit ihrer
Hülfe entdeckt aber die mehr sichtbaren mussten verstanden und als allgemeine
Wahrheiten angenommen gewesen sein ehe man von ihr hörte Es würde uns niemals
eingefallen sein zu behaupten dass alle Erscheinungen nach allgemeinen
Gesetzen stattfinden wenn wir nicht schon bei einer großen Menge von
Erscheinungen zu einiger Kenntnis der Gesetze selbst gelangt gewesen wären was
nur durch Induktion geschehen konnte In welchem Sinne kann nun aber ein
Prinzip das soweit davon entfernt ist unsere früheste Induktion zu sein als
unsere Gewähr für alle anderen Induktionen betrachtet werden Nur in dem Sinne
in dem wie wir sahen das allgemeine Urteil das wir an die Spitze unserer
Schlüsse stellen wenn wir sie in einen Syllogismus fassen überhaupt zu deren
Gültigkeit beiträgt Eine jede Induktion ist wie Erzbischof Whately bemerkt
ein Syllogismus mit unterdrückter oberer Prämisse oder wie ich vorziehe eine
jede Induktion kann in die Form eines Syllogismus gefasst werden indem eine
obere Prämisse hergestellt wird Wenn dies wirklich ausgeführt wird so wird der
Grundsatz von der Gleichförmigkeit im Gang der Natur als die letzte obere
Prämisse aller Induktionen erscheinen und wird daher zu allen Induktionen in
dem Verhältnis stehen wie der Obersatz eines Syllogismus zum Schluss nichts
zu dem Beweise desselben beitragend aber eine notwendige Bedingung dieses
Beweises indem kein Schluss wahr ist wenn sich nicht eine wahre obere Prämisse
für ihn finden lässt
Die Behauptung die Gleichförmigkeit im Lauf der Natur sei die letzte obere
Prämisse aller Induktionen mag man einer Erklärung bedürftig halten Gewiss ist
sie nicht die unmittelbare obere Prämisse in einem jeden induktiven Argument
Whately gibt hierüber die beste Erklärung Die Induktion »Johann Peter etc
sind sterblich daher sind alle Menschen sterblich« kann Wie er richtig
bemerkt in einen Syllogismus gefasst werden indem man was jedenfalls eine
notwendige Bedingung der Gültigkeit des Arguments ist als obere Prämisse
voransetzt dass was von Johann Peter etc wahr ist von allen Menschen wahr
ist Aber wie kamen wir zu dieser oberen Prämisse Sie ist nicht
selbstverständlich und in allen Fällen von ungerechtfertigter Generalisation
ist sie nicht einmal wahr Wie also gelangt man dazu Notwendigerweise entweder
durch Induktion oder durch Syllogisieren und wann durch Induktion so kann das
Verfahren wie alle anderen induktiven Argumente in die Form eines Syllogismus
gefasst werden Es ist daher nötig diesen vorausgängigen Syllogismus zu
konstruieren Am Ende ist nur eine Konstruktion möglich Der wirkliche Beweis
davon dass was von Johann Peter etc wahr auch von allen Menschen wahr ist
kann nur der sein dass eine andere Voraussetzung mit der Gleichförmigkeit von
der wir wissen dass sie im Lauf der Natur existiert unverträglich wäre Ob
diese Unverträglichkeit bestehen würde oder nicht mag ein Gegenstand langer und
delikater Forschung sein aber nur wenn sie bestehen würde haben wir einen
zureichenden Grund für die obere Prämisse des induktiven Syllogismus Es geht
hieraus hervor dass wenn wir den ganzen Gang irgend eines induktiven Arguments
in eine Reihe von Syllogismen fassen wir durch mehr oder weniger Stufen zu
einem letzten Syllogismus gelangen werden der als obere Prämisse den Grundsatz
oder das Axiom von der Gleichförmigkeit im Gange der Natur haben wird79
Es war nicht zu Erwarten dass unter den Denkern bezüglich der Gründe auf
welche hin dieses Axiom als wahr anzunehmen ist eine größere Übereinstimmung
herrsche als bei anderen Axiomen Ich habe bereits angegeben dass ich es
selbst als eine Generalisation aus der Erfahrung halte Andere halten es für
einen Grundsatz den wir durch die Einrichtung unseres Denkvermögens gezwungen
sind vor einer jeden Bestätigung durch die Erfahrung für wahr zu halten Da ich
erst kurz vorher eine ähnliche Lehre in Betreff der Axiome der Mathematik durch
Argumente bekämpft habe die größtenteils auch auf den gegenwärtigen Fall
anwendbar sind so verschiebe ich die besondere Erörterung des streitigen
Punktes in Betreff des fundamentalen Axioms der Induktion bis zu einer späteren
Periode unserer Untersuchung Kapitel XXI Für jetzt ist es wichtiger dass der
Inhalt des Axioms selbst vollständig verstanden werde Denn das Urteil der
Gang der Natur ist gleichförmig besitzt mehr die der populären Sprache
angepasste Kürze als die in der philosophischen Sprache erforderliche
Präzision die Worte desselben bedürfen der Erklärung und es muss ihnen eine
strengere Bedeutung als die gewöhnliche beigelegt werden ehe die Wahrheit der
Behauptung zugegeben werden kann
2 Das Bewusstsein eines Jeden sagt ihm dass er nicht immer eine
Gleichförmigkeit in dem Laufe der Ereignisse erwartet er glaubt nicht immer
dass das Unbekannte dem Bekannten ähnlich sein dass die Zukunft der Gegenwart
gleichen wird Niemand glaubt dass die Folge von Regen und Sonnenschein in
jedem künftigen Jahre dieselbe sein wird wie in dem laufenden Niemand dass
dieselben Träume sich in jeder Nacht wiederholen werden Im Gegenteil nennt es
Jedermann etwas Ungewöhnliches wenn der Gang der Natur in diesen Einzelheiten
stetig und sich selbst gleich ist Beständigkeit zu erwarten wo sie nicht ist
wie zB dass ein Tag welcher einmal Glück brachte nun immer ein glücklicher
Tag sein wird wird mit Recht als Aberglaube angesehen
Der Gang der Natur ist in Wahrheit nicht allein gleichförmig er ist auch
unendlich veränderlich Wir sehen einige Erscheinungen immer unter denselben
Umständen auftreten unter denen wir sie zuerst beobachtet haben andere
scheinen ganz launenhaft zu sein während wiederum andere die wir gewohnt sind
als ausschließlich an besondere Reihen von Kombinationen gebunden zu
betrachten unerwartet von An Elementen womit wir sie bisher verbunden sahen
getrennt und mit anderen die von ganz entgegengesetzter Art sind vereinigt
werden Vor fünfzig Jahren schien einem Zentralafrikaner wahrscheinlich keine
Tatsache auf eine gleichmäßigere Erfahrung gegründet als die Tatsache dass
alle Menschen schwarz sind Vor Wenigen Jahren noch schien einem Europäer die
Behauptung alle Schwanen sind weiß ein eben so unzweifelhaftes Beispiel von
der Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur zu sein Eine spätere Erfahrung hat
gezeigt dass Beide im Irrtum wären aber fünfzig Jahrhunderte musste auf diese
Erfahrung gewartet werden Während dieser langen Zeit glaubte die Menschheit an
eine Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur welche nicht existierte
Nach den Begriffen welche die Alten von der Induktion hatten waren die
vorhergehenden Fälle so echte Induktionen als es immer welche geben mag In
diesen beiden Fällen in welchen der Grund der Induktion unzureichend gewesen
sein muss indem der Schluss falsch war lag nichtsdestoweniger so viel Grund zu
einer Induktion als dieser Begriff von ihr zuließ Die Induktion der Alten hat
Bacon sehr gut unter dem Namen »Inductio per enumerationem simplicem ubi non
reperitur instantia contradictoria« beschrieben Sie besteht darin dass wir
den Charakter allgemeiner Wahrheiten allen Urteilen geben die in einem jeden
Falle wahr sind mit dem wir zufällig bekannt sind Diese Art von Induktion
wenn sie diesen Namen verdient ist dem an wissenschaftliche Methoden nicht
gewohnten Geist natürlich Die Neigung das Künftige aus dem Vergangenen das
Unbekannte aus dem Bekannten zu folgern welche Einige einen Instinkt nennen
Andere durch Ideensoziation erklären ist einfach die Gewohnheit zu erwarten
dass was einmal oder wiederholt als wahr befanden worden ist ohne sich einmal
als falsch zu erweisen wieder als wahr befunden werden wird Ob der Beispiele
viele oder wenige sind ob entscheidend oder nicht tut nicht viel zur Sache
dies sind Betrachtungen welche erst bei der Reflexion vorkommen Die natürliche
Neigung des Geistes ist seine Erfahrung zu generalisieren vorausgesetzt dass
diese in einer Richtung stattfindet und dass keine andere Erfahrung von einem
widerstreitigen Charakter ungesucht dazu kommt Der Gedanke diese zu suchen
deshalb zu experimentieren die Natur zu befragen wie Bacon sagt entsteht viel
später Die Beobachtung der Natur bei unkultiviertem Verstande ist rein passiv
er nimmt die Tatsachen welche sich darbieten ohne sich die Mühe zu nehmen
nach weiteren zu suchen nur ein höherer Verstand fragt sich welcher Tatsachen
er bedarf um zu einem sichern Schlusse zu kommen und sucht diese alsdann auf
Aber obgleich wir stets eine Neigung haben von der unveränderlichen
Erfahrung aus zu generalisieren so sind wir nicht immer hieran berechtigt Ehe
wir mit vollem Rechte schließen dürfen dass etwas allgemein wahr ist weil wir
nie ein Beispiel vom Gegenteil sahen muss bewiesen werden dass wenn es in der
Natur solche Beispiele vom Gegenteil gäbe wir Kenntnis davon haben müssten
Diese Sicherheit können wir in bei Weitem der größten Anzahl von Fällen nicht
oder doch nur in einem massigen Grade erreichen Die Möglichkeit sie zu
erlangen ist die Grundlage auf welcher sich wie wir später80 sehen werden
die Induktion durch einfaches Aufzählen per enumerationem simplicem in manchen
bemerkenswerten Fällen praktisch bis zum vollen Beweis erheben kann In
Beziehung auf die gewöhnlichen Gegenstände des wissenschaftlichen Forschens kann
indessen eine solche Gewissheit nicht erlangt werden Populäre Begriffe sind
gewöhnlich auf Induktion per enumerationem simplicem gegründet in der
Wissenschaft führt sie uns nicht weit Wir sind gezwungen damit zu besinnen
wir müssen uns oft vorläufig aus Mangel an besseren Mitteln der Untersuchung
darauf vorlassen aber zu dem Studium der Natur verlangen wir ein genaueres und
mächtigeres Instrument
Dadurch dass er die Unzulänglichkeit dieses rohen und locker Begriffs von
der Induktion nachgewiesen hat hat Bacon de ihm allein zuerkannten Namen des
Gründers der induktiven Philosophie verdient Der Werth seiner eigenen Beiträge
zu einer mehr philosophischen Theorie des Gegenstandes ist sicher überschätzt
worden Obgleich mit einigen fundamentalen Irrtümern seine Schriften einige
der wichtigsten Prinzipien der induktiven Methode mehr oder weniger vollständig
entwickelt enthalten so hat doch jetzt die physikalische Forschung den Baconschen Begriff der Induktion weit überholt Die moralische und politische
Forschung sind in der That jetzt noch weit hinter diesem Begriffe
zurückgeblieben Die gangbaren und gebilligten Schlussweisen bezüglich dieser
Gegenstände sind noch von derselben fehlerhaften Art gegen welche Bacon
eiferte die Methode welche ausschließlich von denjenigen welche sich mit
diesen Gegenständen beschäftigen angewendet wird ist dieselbe Induktion per
enumerationem simplicem welche er verdammt und die Erfahrung an welche wie
wir sehen alle Sekten Parteien und Interessen so zuversichtlich appellieren
ist immer noch nach seinem eigenen emphatischen Ausdrucke mera palpatio
3 Um die Aufgabe welche der Logiker lösen muss um eine
wissenschaftliche Theorie der Induktion aufzustellen besser zu verstehen
wollen wir einige wenige Fälle von unrichtigen Induktionen mit anderen
vergleichen welche als richtig anerkannt sind Einige welche Jahrhunderte lang
als richtig anerkannt wurden waren wie wir wissen nichtsdestoweniger
unrichtig Dass alle Schwanen weiß sind kann keine gute Induktion gewesen
sein da sich der Schluss als irrtümlich erwiesen hat Die Erfahrung worauf
der Schluss gegründet wurde war indessen wahr Von den frühesten Erinnerungen
an war das Zeugnis aller Bewohner der bekannten Welt in dieser Beziehung
übereinstimmend Die gleichförmige Erfahrung der Bewohner der bekannten Welt in
einem gemeinsamen Resultate übereinstimmend und ohne ein bekanntes Beispiel der
Abweichung von diesem Resultate ist also zu einem allgemeinen Schlusse nicht
immer hinreichend
Wenden wir uns zu einem anscheinend von jenem nicht sehr verschiedenen
Beispiele Die Menschheit war wie es scheint im Irrtume als sie schloss
alle Schwanen sind weiß sind wir nun ebenfalls im Irrtume wenn wir trotz dem
widerstreitenden Zeugnis des Naturforschers Plinius schließen dass die Köpfe
aller Menschen über ihre Schultern hinaus und niemals unterhalb derselben
wachsen So wie es schwarze Schwanen gibt obgleich zivilisierte Menschen
dreitausend Jahre auf der Erde lebten ohne ihnen zu begegnen kann es nicht eben
so gut Menschen geben »deren Köpfe unterhalb ihrer Schultern wachsen«
ungeachtet einer allerdings weniger vollkommenen Übereinstimmung des Zeugnisses
von Beobachtern Die meisten Menschen würden »Nein« sagen es war eher
glaublich dass ein Vogel in der Farbe von der Regel abweichen kann als ein
Mensch in der relativen Lage seiner Hauptorgane aber zu sagen warum sie hierin
Recht haben wäre unmöglich ohne tiefer als es gewöhnlich geschieht in die
wahre Theorie der Induktion einzugehen
Um es zu wiederholen es gibt also Fälle in denen wir mit der
unfehlbarsten Zuversicht auf Gleichförmigkeit rechnen und andere in welchen
wir gar nicht darauf rechnen Bei einigen haben wir die volle Gewissheit dass
die Zukunft der Vergangenheit gleichen dass das Unbekannte dem Bekannten genau
ähnlich sein wird Wie unveränderlich in anderen Fällen das Resultat sein mag
das wir aus den beobachteten Beispielen abgeleitet haben so ziehen wir daraus
nur die schwache Vermutung dass das gleiche Resultat in allen anderen Fällen
bestehen bleiben wird Wir zweifeln nicht dass es sogar in der Region der
Fixsterne wahr bleiben wird dass eine gerade Linie die kürzeste Entfernung
zwischen zwei Punkten ist Wenn ein Chemiker die Existenz und die Eigenschaften
einer neuentdeckten Substanz ankündigt und wir seiner Genauigkeit vertrauen so
sind wir überzeugt dass die Schlüsse an denen er gelangt ist allgemein
bestehen werden obgleich die Induktion nur auf einige Beispiele gegründet ist
Wir halten unsere Zustimmung nicht zurück indem wir auf eine Wiederholung des
Experiments warten oder wenn wir dies tun so geschieht es wegen eines
Zweifels dass ein Experiment gehörig angestellt worden nicht ob es beweisend
ist im Fall es richtig angestellt Wurde Hier ist also ein aus einem einzigen
Beispiele ohne Anstoß gefolgertes allgemeines Naturgesetz ein allgemeines
Urteil aus einem besonderen Wir wollen nun einen andern Fall diesem
gegenüberstellen Alle Fälle welche seit dem Anfange der Welt zur Stütze der
Behauptung »alle Krähen sind schwarz« beobachtet worden sind würden nicht als
eine hinreichende Präsumtion von der Wahrheit dieser Behauptung erachtet werden
um das Zeugnis eines einzigen unverwerflichen Zeugen aufzuheben der versichern
könnte dass in einer noch nicht gänzlich durchforschten Gegend der Erde er eine
Krähe gefangen und untersucht und dass er gefunden habe sie sei grau
Warum ist in manchen Fällen ein einziges Beispiel zu einer vollständigen
Induktion hinreichend während in anderen Fällen Myriaden übereinstimmender
Fälle ohne eine einzige bekannte oder nur vermutete Ausnahme einen so kleinen
Schritt zur Festsetzung eines allgemeinen Urteils tun Wer diese Frage
beantworten kann versteht mehr von der Philosophie der Logik als der erste
Weise des Altertums er hätte das große Problem der Induktion gelöst
1 Bei der Betrachtung jener Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur auf
die man sich bei jeder Folgerung aus der Erfahrung stützt beobachten wir
sogleich dass diese Gleichförmigkeit eigentlich aus einzelnen
Gleichförmigkeiten besteht die allgemeine Regelmäßigkeit ist das Resultat
einzelner Regelmäßigkeiten der Gang der Natur im allgemeinen ist beständig
weil der Gang einer jeden der einzelnen Naturerscheinungen welche sie
zusammensetzen beständig ist Eine gewisse Tatsache kehrt unveränderlich
wieder wenn gewisse Umstände vorhanden sind sie bleibt aus wenn diese fehlen
dasselbe gilt von anderen Tatsachen usw Aus diesen einzelnen Fäden welche
die Theile des großen Ganzen das wir Natur nennen miteinander verbinden webt
sich unausweichbar ein großes Netz durch welches das Ganze zusammengehalten
wird Wenn A immer von D B von E C von F begleitet ist so folgt dass A B von
D E A C von D F B G von E F und endlich A B C von D E F begleitet wird auf
diese Weise wird der allgemeine Charakter der Regelmäßigkeit erzeugt welche
inmitten einer unendlichen Verschiedenheit die ganze Natur durchdringt
Das Erste also was in Beziehung auf das was wir die Gleichförmigkeit in
dem Gange der Natur nennen zu bemerken ist ist dass diese selbst eine aus den
einzelnen Gleichförmigkeiten welche in Beziehung auf die einzelnen Phänomene
stattfinden bestehende komplexe Tatsache ist Wenn diese Gleichförmigkeiten
durch das was man eine genügende Induktion nennt bestimmt worden sind so
heißen sie in gewöhnlicher Sprache Naturgesetze In der Sprache der
Wissenschaft wird dieses Wort im engeren Sinne gebraucht um damit die auf ihren
einfachsten Ausdruck zurückgeführten Gleichförmigkeiten zu bezeichnen In dem
oben angeführten Beispiele waren rieben Gleichförmigkeiten enthalten und eine
jede von ihnen würde wenn man sie als hinlänglich gewiss betrachtete in dem
weniger strengen Sinne des Worts ein Naturgesetz genannt werden Aber von diesen
sieben sind nur drei eigentlich verschieden und unabhängig wenn diese drei
vorausgesetzt werden so folgen die anderen daraus in der strengeren Bedeutung
des Wortes heißen daher nur die drei ersteren Naturgesetze nicht die übrigen
diese sind in der That nur Fälle von den drei ersteren sie sind in ihnen
enthalten sind ein Resultat derselben wer die drei ersteren affirmiert hat
dies auch in Beziehung auf alle übrigen getan
Wenn wir wirkliche Beispiele statt symbolischer wählen so haben wir in dem
Folgenden drei Gleichförmigkeiten oder Naturgesetze das Gesetz dass die Luft
Schwere besitzt das Gesetz dass der Druck auf Flüssigkeiten gleichmäßig nach
allen Richtungen hin fortgepflanzt wird und das Gesetz dass der in einer
Richtung wirkende Druck wenn er nicht durch einen in entgegengesetzter Richtung
wirkenden gleichen Druck aufgehoben wird eine Bewegung hervorbringt welche
nicht eher aufhört als bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist Von diesen
drei Gleichförmigkeiten ausgehend können wir eine andere Gleichförmigkeit
voraussagen nämlich das Steigen des Quecksilbers in der Torricellischen Röhre
Dies ist jedoch in dem strengem Sinne des Ausdrucks kein Naturgesetz es ist nur
ein Resultat von Naturgesetzen ein Fall von einem jeden der drei Gesetze und
die einzige Gelegenheit durch welche sie alle erfüllt werden konnten Wenn das
Quecksilber in dem Barometer nicht auf einer solchen Höhe zurückgehalten würde
dass das Gewicht der Quecksilbersäule dem Gewichte einer Luftsäule von gleichem
Durchmesser gleich ist so bestände ja hier der Fall entweder dass die Luft
nicht auf die Oberfläche des Quecksilbers mit der Kraft welche man ihr Gewicht
nennt drückte oder dass der Druck auf das Quecksilber in der Richtung abwärts
nicht auch in einer Richtung aufwärts fortgepflanzt werden könnte oder dass ein
Körper in nur einer und nicht in der entgegengesetzten Richtung einen Druck
erlitte indem er sich entweder nicht in der Richtung bewegte in welcher er
Druck erleidet oder indem er stillstände bevor er ins Gleichgewicht gekommen
ist Wenn wir daher mit den drei einfachen Gesetzen bekannt wären so könnten
wir ohne das Torricellische Experiment gemacht zu haben das Resultat desselben
aus diesen Gesetzen ableiten Das bekannte Gewicht der Luft verbunden mit der
Stellung des Apparates würde das Quecksilber unter die erste der drei
Induktionen bringen die erste würde es unter die zweite bringen und diese unter
die dritte in der Weise wie wir sie bei dem Abhandeln des Syllogismus
charakterisiert haben Auf diese Weise würden wir unabhängig von dem
spezifischen Experiment durch unsere Kenntnis von den einfachen
Gleichförmigkeiten die komplexe Gleichförmigkeit welche ein Resultat derselben
ist erkennen es wäre indessen aus später anzugebenden Gründen die Verifikation
durch das spezifische Experiment wünschenswert und möglicherweise sogar
unentbehrlich
Complexe Gleichförmigkeiten die wie die genannten bloße Fälle von
einfacheren Gleichförmigkeiten sind mögen passenderweise Gesetze genannt
werden sie können jedoch in einer strengen wissenschaftlichen Sprache
schwerlich als Naturgesetze bezeichnet werden Es ist die Gewohnheit der
Gelehrten in allen Falten wo sie irgend eine Gesetzmäßigkeit nachweisen
können den allgemeinen Satz welcher die Natur dieser Gesetzmäßigkeit
ausdrückt ein Gesetz zu nennen so sprechen wir in der Mathematik von dem
Gesetze der Abnahme der aufeinanderfolgenden Glieder einer konvergierenden Reihe
Der Ausdruck Naturgesetz wird aber von den Männern der Wissenschaft mit einer
Art stillschweigender Beziehung auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes
Gesetz nämlich als der Ausdruck des Willens eines Höheren gebraucht Ale es
daher schien dass einige in der Natur beobachteten Gleichförmigkeiten von
selbst und ohne dass es nötig gewesen wäre den Akt eines schöpferischen
Willens zu supponieren aus gewissen anderen Gleichförmigkeiten hervorgingen so
nannte man die ersteren gewöhnlich nicht Naturgesetze Nach einer andern
Ausdrucksweise kann die Frage was sind Naturgesetze in folgender Weise
gestellt werden Welches sind die wenigsten und einfachsten Annahmen aus
welchen wenn sie einmal zugegeben sind die ganze bestehende Ordnung der Natur
hervorgehen würde Oder auch wie folgt welches ist die geringste Anzahl von
allgemeinen Urteilen aus denen alle in der Natur bestehende Gleichförmigkeiten
auf deduktive Weise gefolgert werden können
Ein jeder große in der Entwickelung der Wissenschaft Epoche machender
Fortschritt war ein Schritt zur Lösung dieser Aufgabe Sogar eine einfache
Verbindung schon gemachter Induktionen ohne eine weitere Ausdehnung des
induktiven Schlusses ist ein Fortschritt in dieser Richtung Wenn Kepler die
Gesetzmäßigkeit in den beobachteten Bewegungen der Himmelskörper durch die drei
allgemeinen Sätze welche er seine Gesetze nannte ausdrückte so deutete er
damit drei einfache Voraussetzungen an durch welche der ganze Plan der
himmlischen Bewegungen so weit sie zu jener Zeit bekannt waren hinreichend
konstruiert werden konnte Ein ähnlicher und noch größerer Schritt wurde
gemacht als man von diesen Gesetzen die anfänglich nicht in noch allgemeineren
Wahrheiten eingeschlossen zu sein schienen entdeckte dass sie Fälle wären von
drei großen Gesetzen der Bewegung die sich aus der Betrachtung von Körpern
welche sich mit einer gewissen Kraft gegeneinander bewegen und welche
ursprünglich einen augenblicklichen Stoß erhalten haben ableiten lassen Nach
dieser großen Entdeckung konnten die Sätze Keplers obgleich noch Gesetze
genannt von Niemandem der an eine präzise Sprache gewöhnt ist Naturgesetze
genannt werden dieser Ausdruck wäre den einfacheren Gesetzen in die sie Newton
zerlegte zu bewahren
Nach dieser Ausdrucksweise ist jede wohlbegründete induktive Generalisation
entweder ein Naturgesetz oder ein Resultat von Naturgesetzen welches im Falle
diese wahr sind aus ihnen vorausgesagt werden kann Die Aufgabe der induktiven
Logik kann daher in folgende zwei Fragen zusammengefasst werden Wie werden
Naturgesetze bestimmt Und wie verfolgt man nachdem sie festgesetzt sind ihre
Resultate Wir dürfen uns indessen nicht einbilden dass diese Darstellungsweise
eine wirkliche Analyse oder dass sie etwas Anderes als eine bloß wörtliche
Umformung der Ausgabe sei denn der Ausdruck Naturgesetz bedeutet nichts als
Gleichförmigkeiten welche unter den Naturerscheinungen oder mit anderen
Worten in den Resultaten der Induktion bestehen wenn sie auf ihren
einfachsten Ausdruck zurückgeführt worden sind Wir haben indessen schon etwas
gewonnen wenn wir so weit vorgeschritten sind um einzusehen dass das Studium
der Natur ein Studium von Gesetzen nicht von einem Gesetze ist ein Studium von
Gleichförmigkeiten in der Mehrzahl dass die verschiedenen Naturerscheinungen
nach besonderen Regeln oder Modi stattfinden welche obgleich miteinander
vermischt und verwickelt bis zu einem gewissen Grade einzeln studiert werden
können dass um unsere frühere Metapher zu Wiederholen die Regelmäßigkeit der
Natur ein Gewebe von unterschiedenen Fäden ist und nur verstanden werden kann
wenn wir den einzelnen Fäden nachgehen Zu diesem Ende ist es häufig nötig
einen Teil des Gewebes aufzulösen und die Fäden voneinander zu sondern Aus den
Regeln der experimentellen Forschung ergeben sich die Kunstgriffe für die
Zerlegung des Gewebes
2 Wenn wir so versuchen die allgemeine Ordnung der Natur durch die
Erforschung der besonderen Ordnungen der einzelnen Naturerscheinungen zu
ermitteln so kann das wissenschaftliche Verfahren nur eine verbesserte Form des
Verfahrens sein welches der menschliche Verstand befolgt hat ehe er noch durch
die Wissenschaft geleitet wurde Als man zuerst den Gedanken fasste die
Naturerscheinungen nach einer strengem und sicherem Methode als die anfangs
mehr spontan angenommene zu studieren ging man nicht der wohlgemeinten aber
unbrauchbaren Lehre Descartes zufolge von der Voraussetzung aus dass noch
nichts erforscht wäre Viele von den in den Naturerscheinungen bestehenden
Gleichförmigkeiten sind so beständig und der Beobachtung so offen dass sie sich
der menschlichen Erkenntnis gegen ihren Willen aufdrängen Manche Erscheinungen
sind so stetig und so gewöhnlich mit anderen verbunden dass die Menschen wie
die Kinder noch tun die eine zu erwarten lernten wo sie die andere fanden
und dies lange bevor sie ihre Erwartungen durch die Behauptung eines
Zusammenhangs zwischen diesen Erscheinungen in Worten auszudrücken wussten Es
war keine Wissenschaft nötig um die Menschen zu lehren dass Brod nährt dass
Wasser den Durst stillt dass die Sonne leuchtet und wärmt dass schwere Körper
auf die Erde fallen Dies und Ähnliches nahmen die ersten wissenschaftlichen
Forscher als bekannte Wahrheiten an und gingen von diesen aus um andere
unbekannte Wahrheiten zu entdecken Dieses Verfahren war auch nicht unrichtig
sie sahen sich jedoch später als die vorschreitende Wissenschaft ihnen zeigte
dass ihre Wahrheiten begrenzt oder dass sie andere Umstände berührten welche
sie anfänglich nicht beachtet hatten genötigt diese spontane
Verallgemeinerungen einer Revision zu unterwerfen Aus dem folgenden Theile
unserer Untersuchung wird glaube ich hervorgehen dass in diesem Verfahren
keine logische Täuschung liegt wir können aber jetzt schon sehen dass ein
jedes andere Verfahren unbrauchbar ist Indem es unmöglich ist eine
wissenschaftliche Methode der Induktion oder eine Probe für die Genauigkeit von
Induktionen zu erfinden die nicht auf die Hypothese dass schon einige
Induktionen von unzweifelhafter Gewissheit gemacht sind gegründet wäre
Wir wollen zu einem unserer früheren Beispiele zurückkehren und betrachten
warum wir in beiden Fällen mit demselben Grade von positiver und negativer
Zuverlässigkeit die Behauptung dass es schwarze Schwanen gibt nicht
zurückwiesen während wir demjenigen welcher behauptet dass es Menschen gibt
die den Kopf unter den Schultern haben allen Glauben versagen Die erste
Behauptung war glaubwürdiger als die letztere Aber warum glaubwürdiger Welcher
Grund war vorhanden das Eine glaubwürdiger als das Andere zu finden so lange
man über keine dieser Erscheinungen eine Erfahrung hatte Augenscheinlich weil
weniger Beständigkeit in der Farbe der Tiere als in dem Bau ihrer Inneren
Anatomie herrscht Aber woher wissen wir dies Offenbar aus der Erfahrung Es
scheint also dass wir der Erfahrung bedürfen damit sie uns lehre in welchen
Fällen oder in welchen Arten von Fällen wir uns auf die Erfahrung verlassen
dürfen Wir müssen die Erfahrung fragen um von ihr zu lernen unter welchen
Verhältnissen die aus ihr gezogenen Argumente gültig sind Wir haben keine
anderweitige Probe der wir die Erfahrung unterwerfen könnten wir müssen sie
selbst zu ihrer eigenen Probe machen Die Erfahrung zeigt dass unter den
Gleichförmigkeiten welche sie darbietet oder darzubieten scheint es solche
gibt auf die man sich eher verlassen kann als auf andere es kann daher die
Gleichförmigkeit im Verhältnis als der Fall einer Klasse von bisher
gleichförmiger befundenen Gleichförmigkeiten angehört aus einer gegebenen
Anzahl von Beispielen mit einem höheren Grade von Gewissheit gemutmaßt
werden
Das Verfahren eine Generalisation durch die andere eine engere
Generalisation durch eine weitere zu korrigieren welches der gesunde
Menschenverstand an die Hand gibt und in der Praxis anwendet ist der wirkliche
Typus der wissenschaftlichen Induktion Alles was die Kunst zu tun vermag
ist dass sie diesem Verfahren Genauigkeit und Sicherheit verleiht und dass sie
es ohne wesentliche Änderung des Prinzips einer Mannigfaltigkeit von Fällen
anpasst
Es gibt natürlich keinen Weg die oben beschriebene Probe anzuwenden wenn
wir nicht schon eine allgemeine Kenntnis des vorherrschenden Charakters der
durch die ganze Natur bestehenden Gleichförmigkeiten besitzen und es ist daher
ein prüfender Überblick über die Induktionen zu welchen die Menschheit durch
die unwissenschaftliche Praxis geführt worden ist die unentbehrliche Grundlage
einer wissenschaftlichen Formel der Induktion diese Prüfung hat den besonderen
Zweck zu bestimmen welche Arten von die ganze Natur durchdringenden
Gleichförmigkeiten vollkommen unveränderlich und welche in Zeit Ort und
anderen Umständen veränderlich befunden worden sind
3 Die Notwendigkeit einer solchen Prüfung wird durch die Betrachtung
bestätigt dass die strengeren Induktionen der Prüfstein sind an welchen wir
uns immer bemühen die schwächeren zu bringen Wenn wir ein Mittel finden eine
der weniger strengen Induktionen von strengeren abzuleiten so erlangt sie auf
einmal die ganze Strenge derjenigen von welchen sie abgeleitet wurde sie
vermehrt sogar diese Strenge da die unabhängige Erfahrung auf welcher die
schwächere Induktion vorher beruhte ein neuer Beweis der Wahrheit des besser
begründeten Gesetzes ist in welchem sie sich nun eingeschlossen findet Wir
mögen aus dem historischen Beweis folgern dass die unumschränkte Regierung
eines Monarchen einer Aristokratie oder einer Majorität oft missbraucht werden
wird aber wir sind berechtigt dieser Generalisation noch mehr zu vertrauen
wenn es gezeigt worden ist dass sie nur ein Folgesatz einer noch besser
bewiesenen Wahrheit ist es ist dies der geringe Grad von Charaktergröße den
die Menschen noch durchschnittlich besitzen und die meistens geringe
Wirksamkeit der bisher üblichen Erziehungsweisen um die Herrschaft der Vernunft
und des Gewissens über die selbstsüchtigen Neigungen zu erhalten Es ist
zugleich einleuchtend dass sogar diese allgemeineren Tatsachen durch das
Zeugnis welches die Geschichte den Wirkungen des Despotismus erteilt
strenger bewiesen werden Die strenge Induktion wird noch strenger wenn eine
schwächere mit ihr verbunden wird
Wenn von der andern Seite eine Induktion anderen strengeren Induktionen
oder Schlüssen die in richtiger Weise von letzteren abgeleitet werden können
widerstreitet so muss sie wenn nicht einige dieser strengeren Induktionen bei
wiederholter Betrachtung als zu weit ausgedehnt erscheinen aufgegeben werden
Die so lange herrschende Meinung dass ein Komet oder eine andere ungewöhnliche
Erscheinung am Himmel der Vorbote großer Unglücksfälle wenigstens für
denjenigen wäre der sie beobachtet hatte der Glaube an die Wahrhaftigkeit des
Orakels zu Delphi oder zu Dodona das Vertrauen auf die Astrologie oder die
Wetterprophezeiungen der Kalender waren ohne Zweifel Induktionen von denen man
voraussetzte dass sie auf die Erfahrung gegründet wären81 und der Glaube
schien bei diesen Täuschungen ganz fähig gegen eine große Anzahl von
fehlschlagenden Fällen Stand zu halten vorausgesetzt dass er durch eine
mäßige Zahl von zufälligen Übereinstimmungen zwischen Voraussetzung und
Ereignis unterstützt wurde Es ist die Unverträglichkeit mit strengeren
Induktionen zu welchen die wissenschaftliche Forschung in Beziehung auf die
Ursachen von denen terrestrische Ereignisse abhängen gelangt ist welche
diesen unzureichenden Induktionen wirklich ein Ende machte da wohin diese
wissenschaftlichen Wahrheiten noch nicht gedrungen sind herrschen noch immer
dieselben oder ähnliche Täuschungen
Es kann als ein allgemeiner Grundsatz angesehen werden dass alle
Induktionen ob streng oder schwach welche durch einen Syllogismus mit einander
verbunden werden können sich einander bestätigen während andere welche zu
unverträglichen Konsequenzen führen sich gegenseitig einander prüfen und
zeigen dass die eine oder die andere aufgegeben oder doch vorsichtiger
ausgedrückt werden muss In dem Falle dass sich Induktionen gegenseitig
bestätigen erhebt sich diejenige welche zum Schlusse eines Syllogismus wird
wenigstens zu dem Grade von Gewissheit der schwächsten der Induktionen von
welchen sie abgeleitet ist während im allgemeinen alle an Gewissheit zunehmen
So unterstützte das Torricellische Experiment obgleich nur ein allgemeiner Fall
von drei allgemeineren Gesetzen nicht allein bedeutend den Beweis auf welche
dieselben gegründet waren sondern es verwandelte sogar das eine derselben das
von dem Gewicht der Luft aus einer zweifelhaften Generalisation in eine
vollständig begründete Lehre
Wenn daher eine Prüfung der Gleichförmigkeiten welche als in der Natur
vorhanden erforscht wurden einige andeuten würde welche soweit menschliche
Zwecke Gewissheit verlangen als absolut gewiss und allgemein betrachtet werden
können so könnten wir vermittelst dieser Gleichförmigkeiten eine Menge von
anderen Induktionen auf dieselbe Stufe der Gewissheit erheben Denn wenn wir in
Beziehung auf irgend eine Induktion zeigen können dass sie entweder wahr sein
oder dass eine dieser gewissen und allgemeinen Induktionen eine Ausnahme
zulassen muss so wird die erstere Generalisation dieselbe absolute Gewissheit
und Unverbrüchlichkeit innerhalb der ihr angewiesene Grenzen erreichen welche
die Attribute der letzteren sind Es wird von ihr bewiesen sein dass sie ein
Gesetz ist und wenn nicht das Resultat von anderen und einfacheren Gesetzen so
wird sie ein Naturgesetz sein
Es gibt solche gewisse und allgemeine Induktionen und weil es solche
gibt ist eine induktive Logik möglich
1 Die Naturerscheinungen stehen in einem doppelten Verhältnis zu
einander in dem Verhältnis der Gleichzeitigkeit und dem der Folge Eine jede
Naturerscheinung wird in einer gleichförmigen Weise auf Erscheinungen die mit
ihr bestehen und auf andere welche ihr vorhergegangen sind bezogen
Von den Gleichförmigkeiten unter den gleichzeitigen Naturerscheinungen sind
in jeder Beziehung die Gesetze der Zahlen die wichtigsten nach ihnen sind es
die Gesetze des Raumes oder mit anderen Worten der Ausdehnung und der Gestalt
Die Gesetze der Zahlen sind gleichzeitigen und auf einander folgenden
Erscheinungen gemeinschaftlich Dass Zwei und Zwei Vier geben ist wahr ob das
zweite Zwei das erste begleite oder ob es ihm folge es ist ebenso wahr von
Tagen und Jahren als von Fußen und Zollen Die Gesetze der Ausdehnung und
Gestalt oder mit anderen Worten die Lehrsätze der Geometrie von den
niedrigsten bis zu ihren höchsten Zweigen sind im Gegenteil nur Gesetze der
Gleichzeitigkeit von Erscheinungen Die verschiedenen Theile des Raumes und der
Gegenstände welche ihn wie man sagt ausfallen sind zugleich koexistieren
und die unveränderlichen Gesetze welche der Gegenstand der Geometrie sind sind
ein Ausdruck von der Art ihres Zugleichseins Es ist dies eine Klasse von
Gesetzen oder Gleichförmigkeiten für deren Verständnis und Beweis man nicht
nötig hat irgend einen Zeitverlauf irgend eine Verschiedenheit von auf
einanderfolgenden Tatsachen oder Ereignisse anzunehmen Wenn alle Dinge von
Ewigkeit an unwandelbar festgesetzt gewesen wären so würden die geometrischen
Lehrsätze dennoch für sie wahr sein Alle Dinge welche Ausdehnung besitzen
oder mit anderen Worten einen Raum ausfüllen sind geometrischen Gesetzen
unterworfen Wenn sie Ausdehnung besitzen so besitzen sie auch Gestalt wenn
sie Gestalt besitzen so besitzen sie eine besondere Gestalt und damit alle
Eigenschaften welche die Geometrie dieser Gestalt anweist Wenn ein Körper eine
Kugel und ein anderer ein Zylinder von gleicher Höhe und Durchmesser ist so
wird der erstere genau zwei Drittel des andern sein gleichgültig von welcher
Natur und Eigenschaft das Material sei Es muss ferner jeder Körper oder ein
jeder Punkt eines Körpers einen Raum oder eine Lage unter anderen Körpern
einnehmen und die relative Lage zweier Körper zu einander kann untrüglich aus
der relativen Lage eines jeden derselben zu einem dritten Körper geschlossen
werden von welcher Natur die Körper auch sein mögen
In den Gesetzen der Zahlen und des Raums erkennen wir also in
unzweifelhafter Weise die strengen Gleichförmigkeiten welche wir suchen Zu
allen Zeiten waren diese Gesetze das Bild der Gewissheit das vergleichende
Maß für die niedrigeren Grade von Beweis Ihre Unveränderlichkeit ist so
vollkommen dass wir nicht einmal fähig sind eine Ausnahme davon zu begreifen
so vollkommen dass sich Philosophen zu dem Irrtum verleiten ließen ihre
Zuverlässigkeit als nicht in der Erfahrung sondern als in der ursprünglichen
Beschaffenheit des menschlichen Geistes liegend w betrachten Wenn wir also im
Stande sind von den Gesetzen des Raums und der Zahlen Gleichförmigkeiten von
irgend einer andern Art abzuleiten so wäre dies für uns ein gültiger Beweis
dass diese anderen Gleichförmigkeiten denselben Grad von strenger Gewissheit
besitzen Dies können wir aber nicht Von den Gesetzen des Raumes und der Zahlen
allein können nur Gesetze von Raum und Zahlen abgeleitet werden
Von allen auf Naturerscheinungen sich beziehenden Wahrheiten sind
diejenigen welche sich auf die Ordnung in deren Folge Sukzession beziehen
für uns die wertvollsten Auf die Kenntnis derselben ist jede vernünftige
Antizipation der künftigen Dinge und eine jede Macht auf diese Dinge einen
Einfluss zu unserm Vorteil zu üben gegründet Sogar die geometrischen Gesetze
sind hauptsächlich deshalb von praktischer Wichtigkeit für uns weil sie einen
Teil der Prämissen ausmachen aus welchen die Ordnung in der Folgereihe der
Naturerscheinungen gefolgert werden kann Da die Bewegung der Körper die
Wirkung von Kräften und die Fortpflanzung von Einflüssen aller Art in gewissen
Linien und in einem bestimmten Raume stattfinden so sind die Eigenschaften
dieser Linien und des Raumes wichtige Theile der Gesetze denen jene
Naturerscheinungen selbst unterworfen sind Überdies sind Bewegungen Kräfte
Einflüsse und Zeiten zählbare Dinge und die Eigenschaften der Zahlen sind so
gut auf sie wie auf andere Dinge anwendbar Aber obgleich die Gesetze der
Zahlen und des Raums wichtige Elemente bei der Erforschung von
Gleichförmigkeiten der Folge des Aufeinanderfolgens sind so können sie für
sich allein hierzu nichts nützen Sie können nur dann zu diesem Zwecke dienen
wenn wir sie mit anderen Prämissen welche schon bekannte Gleichförmigkeiten der
Folge ausdrücken verbinden Nehmen wir zB als Prämisse die Sätze dass
Körper auf welche eine momentane Kraft wirkt sich mit gleichförmiger
Geschwindigkeit in einer geraden Linie bewegen dass Körper auf welche eine
konstante Kraft wirkt sich mit beschleunigter Geschwindigkeit in einer geraden
Linie bewegen und dass Körper auf welche zwei Kräfte in verschiedenen
Richtungen wirken sich in der Diagonale eines Parallelogramms bewegen dessen
Seiten die Richtungen und Größe dieser Kräfte repräsentieren so können wir
indem wir diese Wahrheiten mit Sätzen welche sich auf die Eigenschaften der
geraden Linien und der Parallelogramme beziehen wie dass das Dreieck die Hälfte
eines Parallelogramms von gleicher Grundlinie und Höhe ist eine andere
wichtige Gleichförmigkeit der Folge anleiten die nämlich dass ein Körper
welcher sich um einen Kräftemittelpunkt bewegt Flächen beschreibt die den
Zeiten proportional sind Hätten indessen die Prämissen nicht Gesetze der Folge
enthalten so hätte unser Schluss keine Wahrheiten der Folge enthalten können
Eine ähnliche Bemerkung kann auf eine jede andere Klasse von wirklich
eigentümlichen Naturerscheinungen ausgedehnt werden und würde wenn man sie
beachtet hätte viele chimärische Versuche das Unbeweisbare zu beweisen und das
Unerklärliche zu erklären verhindert haben
Es ist uns also nicht genug dass die Gesetze des Raumes reiche nur Gesetze
der gleichzeitigen Phänomene und die Gesetze der Zahlen die obgleich wahr für
auf einander folgende Erscheinungen sich nicht auf deren Folgereihe beziehen
jene strenge Gewissheit und Allgemeinheit besitzen welche wir suchen Wir
müssen suchen ein Gesetz der Folge zu finden welches gerade diese Attribute
besitzt und daher geeignet ist das Fundament von Prozessen abzugeben um alle
anderen Gleichförmigkeiten der Folge zu entdecken und zu prüfen Dieses
Grundgesetz muss den Wahrheiten der Geometrie in ihrer bemerkenswertesten
Eigentümlichkeit in der nämlich niemals in irgend einem Falle durch irgend
einen Wechsel von Umständen aufgehoben oder unterbrochen zu werden gleichen
Unter allen jenen Gleichförmigkeiten der Sukzession von Naturerscheinungen
welche die gewöhnliche Beobachtung nachweist gibt es nur sehr wenige welche
wenn auch nur scheinbar einen Anspruch auf diese strenge Unverbrüchlichkeit
machen könnten und von diesen wenigen hat nur ein einziges diesen Anspruch
behaupten können In diesem einen erkennen wir indessen ein Gesetz das noch in
einem andern Sinne allgemein ist es hat den Umfang des ganzen Gebietes der
aufeinanderfolgenden Naturerscheinungen alle Beispiele der Folge sind Fälle
desselben Dieses Gesetz ist das Kausalgesetz Es ist eine ebensoweit reichende
Wahrheit als die menschliche Erfahrung dass jedes Ding das einen Anfang auch
eine Ursache hat
Diese Generalisation mag Manchem unbedeutend scheinen da sie im Grunde nur
behauptet »es ist ein Gesetz dass jedes Ereignis von einem Gesetz abhängig
ist« »es ist ein Gesetz dass es ein Gesetz für Alles gibt« Wir dürfen
indessen nicht schließen dass die Allgemeinheit dieses Grundsatzes bloß
wörtlich sei es wird sich bei der Prüfung desselben finden dass es keine vage
nichtssagende Behauptung sondern dass eine höchst wichtige und wirklich
fundamentale Wahrheit ist
2 Da der Begriff der Ursache die Wurzel der ganzen Theorie der Induktion
ist so ist es unumgänglich nötig dass derselbe gleich im Anfang unserer
Untersuchung und mit dem möglichsten Grad von Genauigkeit festgestellt werde
Wenn es zum Zweck einer induktiven Logik nötig wäre dass der Streit welcher
unter den verschiedenen Schulen von Metaphysikern über den Ursprung und die
Analyse unserer Ideen von einer Verursachung so lange gewütet hat unterdrückt
wurde so dürfte für eine lange Zeit hinaus die Veröffentlichung einer wahren
Theorie der Induktion als ein verzweifeltes Unternehmen zu betrachten sein Es
braucht jedoch in dieser wie in anderen Beziehungen die Wissenschaft von der
induktiven Erforschung der Wahrheit der Lehre von der Beschaffenheit oder
Konstitution des menschlichen Geistes keine Prämissen mit Ausnahme solcher zu
entlehnen welche zuletzt obgleich oft erst nach hartem Streit sämtlichen
Systemen der Philosophie des Geistes einverleibt worden sind am wenigsten aber
solche die als wesentlich unbrauchbar angesehen werden können
Ich erwähne also vorläufig dass wenn ich im Verlauf unserer Untersuchung
von der Ursache einer Naturerscheinung spreche ich nicht eine Ursache meine
die nicht selbst eine Naturerscheinung ist dass ich nicht die letzte oder
ontologische Ursache der Dinge suche Die Ursachen um welche ich mich
bekümmere sind nicht urwirkende sondern physikalische Ursachen Nur in diesem
Sinne kann man von einer physikalischen Tatsache sagen dass sie die Ursache
einer andern sei Ich fühle mich nicht berufen über die urwirkenden Ursachen
causae efficientes oder deren Existenz eine Meinung abzugeben Der Begriff
von Ursache schließt nach den gegenwärtig am meisten in Ruf stehenden
metaphysischen Schulen ein geheimnisvolles höchst wirksames Band in sich wie
es zwischen einer physikalischen Tatsache und einer andern physikalischen
Tatsache wovon sie eine unveränderliche Folge ist und welche in populärer
Sprache ihre Ursache heißt nicht existieren kann oder wenigstens nicht
existiert Man leitete hieraus die supponierte Notwendigkeit ab höher zu
steigen bis zu dem Wesen der Essenz und der inwohnenden Beschaffenheit der
Dinge zu gelangen die wahre Ursache zu finden die Ursache nämlich welcher die
Wirkungen nicht allein folgen sondern welche die Wirkungen wirklich erzeugt Zu
dem Zweck der gegenwärtigen Untersuchung besteht eine solche Notwendigkeit
nicht und man wird in dem Folgenden vergeblich eine solche Lehre suchen Der
Begriff von Ursache wie ihn die Theorie der Induktion verlangt ist einzig ein
Begriff der aus der Erfahrung gewonnen werden kann Das Kausalgesetz dessen
Erkenntnis der Grundpfeiler der induktiven Philosophie ist besteht bloß in
der allbekannten Wahrheit dass unabhängig von einer jeden Betrachtung
bezüglich der letzten Erzeugungsweise von Naturerscheinungen und von jeder Frage
nach den »Dingen an sich« die Beobachtung eine Unveränderlichkeit der
Sukzession zwischen einer Tatsache in der Natur und einer andern die ihr
vorhergegangen ist nachweist
Zwischen den Naturerscheinungen die in irgend einem Augenblick vorhanden
sind und den Erscheinungen in dem folgenden Augenblick besteht also eine
unveränderliche Ordnung der Folge und wie wir es bei der Betrachtung der
Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur aussprachen das Gewebe ist aus
einzelnen Fäden zusammengesetzt diese kollektive Ordnung ist also durch die
zwischen den einzelnen Teilen unveränderlich bestehenden Folgen hervorgebracht
Gewissen Tatsachen folgen gewisse Tatsachen und werden ihnen wie wir
glauben immer folgen Die unveränderlich vorhergehende Tatsache wird die
Ursache die unveränderlich folgende die Wirkung genannt und die Allgemeinheit
des Kausalgesetzes besteht darin dass eine jede folgende auf irgend eine Weise
mit einer vorhergehenden oder mit einer Reihe von vorhergehenden Tatsachen
verknüpft ist Die Tatsache sei wie sie wolle wenn sie angefangen hat zu
existieren so war ihr eine Tatsache oder Tatsachen vorausgegangen mit denen
sie unveränderlich verknüpft ist Für einen jeden Vorgang ein jedes Ereignis
besteht also eine Kombination von Dingen oder Vorgängen ein gegebenes
Zusammenwirken von positiven und negativen Umständen die wenn sie eintreten
jene Erscheinung zur Folge haben Wir haben noch nicht ausfindig gemacht
welches dieses Zusammenwirken von Umständen sein kann wir zweifeln jedoch
nicht dass es ein solches gibt und dass es wenn es eintritt immer das
fragliche Phänomen als Wirkung oder Folge habe Von der Allgemeinheit dieser
Wahrheit hängt die Möglichkeit ab das induktive Verfahren auf Regeln
zurückzuführen Es wird sich nun zeigen dass die unzweifelhafte Gewissheit
welche wir haben dass ein Gesetz gefunden werden kann wenn wir nur wüssten
wie es zu finden ist die Quelle ist aus welcher die Regeln der induktiven
Logik ihre Gültigkeit schöpfen
3 Wenn überhaupt je so besteht diese unveränderliche Folge nur selten
zwischen einer folgenden und einer einzigen vorhergehenden Naturerscheinung
zwischen einem einzelnen Antezedens und einem Konsequenz aber gewöhnlich
zwischen einer folgenden und einer Summe von verschiedenen vorhergehenden
Erscheinungen deren aller Zusammenwirken nötig ist um die folgenden
Erscheinungen hervorzubringen dh damit sie ihnen gewiss folgen In solchen
Fällen ist es sehr gewöhnlich dass man ein einzelnes von den Antecedentien
unter der Benennung Ursache absondert indem man die anderen bloß Bedingungen
nennt Wenn Jemand von einer Speise isst und davon stirbt dh wenn er nicht
gestorben wäre im Falle er nicht davon gegessen hätte so sagt man gewöhnlich
dass der Genuas dieser Speise die Ursache seines Todes war Es ist indessen
nicht notwendig dass zwischen dem Genuss der Speise und dem Tode ein
unveränderlicher Zusammenhang stattfinde aber gewiss besteht unter den
Umständen welche stattfanden irgend eine Kombination deren unveränderliche
Folge der Tod ist wie zB der Akt des Genusses der Speise verbunden mit der
besonderen körperlichen Konstitution mit einem besonderen Zustand der Gesundheit
und vielleicht sogar der Atmosphäre Das Ganze dieser Umstände machte in diesem
besonderen Falle die Bedingungen des Phänomens oder mit anderen Worten die Reihe
von Antecedentien aus welche dasselbe hervorriefen und ohne welche es nicht
stattgefunden hätte Die wahre Ursache ist das Ganze dieser Antecedentien und
philosophisch gesprochen haben wir kein Recht den Namen Ursache einer einzigen
von ihnen ausschließlich der andern zu geben Die Ungenauigkeit dieses
Ausdrucks wird in dem supponierten Falle dadurch verdeckt dass die verschiedenen
Bedingungen mit Ausnahme der einzigen des Genusses der Speise nicht Vorgänge
dh augenblickliche Veränderungen oder Aufeinanderfolgen solcher
Veränderungen sondern Zustände waren die mehr oder weniger Dauer hatten und
welche deshalb der Wirkung eine unbestimmte Zeitdauer vorhergegangen sein
konnten indem der Vorgang fehlte welcher zur Vervollständigung des
erforderlichen Zusammenwirkens von Bedingungen nötig war Sobald dieser
Vorgang der Genuss der Speise Statt fand fehlte keine Ursache mehr die
Wirkung trat sogleich ein und hieraus entsteht der Schein als bestehe zwischen
der Wirkung und diesem einen Antezedens ein unmittelbarerer und engerer
Zusammenhang als zwischen der Wirkung und den übrigen Bedingungen Aber
obgleich wir es für geeignet halten mögen der Bedingung deren Erfüllung die
Wirkung ohne Verzug hervorbrachte den Namen Ursache beizulegen so steht sie
doch in keiner engeren Beziehung zur Wirkung als die anderen um die Wirkung
hervorzubringen mussten alle unmittelbar vorher existieren aber sie brauchten
nicht alle anzufangen zu existieren Die Angabe der Ursache ist unvollständig
wenn wir nicht alle Bedingungen in irgend einer Form einführen Es nimmt Jemand
Quecksilber ein geht aus und erkältet sich Wir suchen vielleicht die Ursache
seiner Erkältung darin dass er sich der Luft ausgesetzt hat Es ist indessen
klar dass das Einnehmen von Quecksilber eine notwendige Bedingung seiner
Erkältung gewesen sein kann und obgleich es sich mit dem Sprachgebrauch
verträgt das sich der Luft Aussetzen die Ursache des Übels zu nennen so
müssten wir in genauer Sprechweise sagen dass das sich der Luft Aussetzen unter
dem Einfluss des Quecksilbers die Ursache war
Wenn wir bei dem Streben nach Genauigkeit nicht alle Bedingungen aufzählen
so geschieht dies weil in den meisten Fällen einige ohne dass sie ausgedrückt
werden als von selbst verstanden angesehen werden oder weil sie für den Zweck
den man im Auge hat ohne Nachtheil übergangen werden können Wenn wir zB
sagen die Ursache des Todes eines Menschen war dass sein Fuß ausglitt als er
eine Leiter hinaufkletterte so übergehen wir sein Gewicht als einen Umstand
den man nicht anzuführen braucht obgleich er eine unerlässliche Bedingung der
erfolgten Wirkung war Wenn wir sagen dass die Zustimmung der Krone zu einer
Bill dieselbe zum Gesetz erhebt so meinen wir dass diese Zustimmung die sie
niemals gegeben wird ehe alle anderen Bedingungen erfüllt wurden die Summe der
Bedingungen ergänzt obgleich sie Niemand als die Hauptbedingung ansieht Wenn
die Entscheidung einer gesetzgebenden Versammlung durch die entscheidende Stimme
des Vorsitzenden bestimmt wird so sagen wir häufig dieses einzige Individuum
sei die Ursache aller Wirkungen welche aus der Verfügung entsprangen Wir
setzen jedoch hierbei nicht voraus dass dieses einzelne Votum mehr zu dem
Resultat beigetragen habe als die Stimme eines Jeden der im bejahenden Sinne
stimmte aber zu dem Zwecke den wir im Auge haben nämlich ihn mit der
Verantwortlichkeit zu behaften ist der Antheil den die Anderen an der
Verhandlung nahmen nicht von Wichtigkeit
In allen diesen Fällen war die Tatsache welcher wir den Namen Ursache
erteilten die eine Bedingung welche zuletzt ins Leben trat Man darf jedoch
nicht voraussetzen dass bei dem Gebrauche dieses Wortes diese oder irgend eine
andere Regel immer befolgt wird Nichts kann besser die Abwesenheit eines jeden
wissenschaftlichen Grundes in der Unterscheidung zwischen einer Naturerscheinung
und ihren Bedingungen zeigen als die seltsame Weise in der wir unter den
Bedingungen diejenigen wählen welche es uns beliebt Ursache zu nennen Wie
zahlreich auch die Bedingungen sein mögen so werden wir zu unserm jedesmaligen
Zweck immer eine darunter finden der wir diesen nominellen Vorzug erteilen
können Es ergibt sich dies aus der Betrachtung einer der gewöhnlichsten
Erscheinungen zB ein Stein der ins Wasser geworfen wird sinkt auf den
Grund Welches sind die Bedingungen dieser Erscheinung Zuerst muss ein Stein
und Wasser vorhanden sein und der Stein muss ins Wasser geworfen werden aber
diese Voraussetzungen bilden einen Teil der Benennung der Erscheinung selbst
und es wäre eine Tautologie wenn man sie in die Bedingungen einschließen
wollte auch hat diese Klasse von Bedingungen den Namen Ursache nur von einigen
Scholastikern welche sie die materielle Ursache causa materialis nannten
erhalten Die nächste Bedingung ist es muss eine Erde da sein und demgemäß
sagt man häufig dass der Fall des Steins durch die Erde verursacht wird oder
durch eine Macht oder Eigenschaft der Erde oder eine von ihr ausgeübte Kraft
was alles nur eine weitläufige Art ist zu sagen er werde durch die Erde
verursacht oder endlich man sagt er sei durch die Anziehung der Erde
verursacht was nur wieder eine technische Art zu sagen ist dass die Erde die
Bewegung verursacht mit der neuen Eigentümlichkeit dass die Bewegung nach der
Erde stattfindet was nicht ein Charakter der Ursache sondern der Wirkung ist
Es ist nun um zu einer andern Bedingung überzugehen nicht genug dass die Erde
da sei der Körper muss auch in einer Entfernung von ihr stehen dass die
Anziehung der Erde die eines jeden andern Körper überwiegt Wir könnten also
demgemäß sagen und der Ausdruck wäre unleugbar richtig dass die Ursache des
Fallens des Steines darin lag dass er sich in der Sphäre der Anziehung der Erde
befand Wenden wir uns zu einer weitern Bedingung Der Stein wird ins Wasser
gesenkt wenn er den Grund erreichen soll so muss sein spezifisches Gewicht das
der umgebenden Flüssigkeit übersteigen Danach würde man sich ganz richtig
ausdrücken wenn man sagte dass das größere spezifische Gewicht des Steines
die Ursache seines Sinkens war
Wir sehen also dass man der Reihe nach eine jede von den Bedingungen des
Phänomens einzeln nehmen und sie gleich richtig in gewöhnlicher aber ungleich
richtig in der wissenschaftlichen Sprache als die ganze Ursache bezeichnen
könnte Im Leben nennt man gewöhnlich diejenige Bedingung Ursache deren Antheil
an dem Gegenstande oberflächlich am ersichtlichsten ist und auf dessen
Unentbehrlichkeit zur Hervorbringung der Wirkung wir gerade im Augenblick
bestehen Die Gewalt der letzteren Betrachtung ist so groß dass sie uns oft
verleitet einer negativen Bedingung den Namen Ursache zu geben Wir sagen zB
die Ursache dass die Armee überfallen wurde war dass die Schildwache sich von
ihren Posten entfernt hatte Aber wie konnte diese Abwesenheit die Ursache des
Überfalls sein da sie weder die Feinde schuf noch die Soldaten in Schlaf
versetzte Was wirklich damit gemeint ist ist dass das Ereignis nicht würde
stattgefunden haben wenn sie ihre Schuldigkeit getan hätte Ihre Abwesenheit
vom Posten war keine erzeugende sondern die Abwesenheit einer verhindernden
Ursache sie war einfach ein Äquivalent seiner NichtExistenz Aus nichts aus
einer bloßen Negation kann keine Folge entstehen Alle Wirkungen sind durch das
Kausalgesetz mit einer Reihe von positiven Bedingungen verknüpft obgleich
negative fast immer ebenfalls erforderlich sind Mit anderen Worten eine jede
Tatsache oder Naturerscheinung welche einen Anfang hat entsteht beständig
wenn eine gewisse Kombination von positiven Tatsachen existiert und gewisse
andere positive Tatsachen nicht existieren
Es besteht ohne Zweifel die Neigung wie unser erstes Beispiel dass der
Tod die Folge des Genusses einer besonderen Speise war hinreichend zeigt die
Idee der Ursache eher an das zunächst vorhergehende Ereignis als an einen der
vorhergehenden Zustände oder permanente Tatsachen welche ebenfalls Bedingungen
der Erscheinung sein können zu knüpfen die Ursache lieft aber darin dass das
Ereignis nicht bloß existiert sondern dass es auch unmittelbar vorher anfängt
zu existieren während die anderen Bedingungen eine unbestimmte Zeit vorher
vorhanden gewesen sein können Diese Neigung zeigt sich sehr sichtlich in den
verschiedenen logischen Fiktionen zu denen sogar Philosophen ihre Zuflucht zur
Vermeidung der Notwendigkeit nehmen etwas was eine unbestimmte Zeit vor der
Wirkung existierte den Namen Ursache zu geben Ehe sie sagen die Erde
verursache den Fall der Körper schreiben sie ihn einer von ihr ausgeübten Kraft
einer Anziehung derselben zu es sind dies Abstraktionen welche sie sich als
bei jeder Anstrengung erschöpft und daher jeden folgenden Augenblick eine neue
mit der Wirkung gleichzeitige oder ihr unmittelbar vorhergehende Tatsache
konstituierend vorstellen können Insofern das Eintreffen des Umstandes welcher
die Summe der Bedingungen ergänzt eine Veränderung oder ein Ereignis ist so
trifft es sich dass ein Ereignis immer das mit der folgenden Erscheinung im
engsten sichtbaren Zusammenhang stehende Antezedens ist und dies mag die
Illusion erklären welche uns veranlasst das nächste Ereignis eher als die
vorhergehenden Zustände als Ursache zu betrachten Aber auch die
Eigentümlichkeit der Wirkung näher zu sein als die anderen Bedingungen ist
wie wir bereits gesehen haben für den gewöhnlichen Begriff von Ursache nicht
nötig da im Gegenteil eine jede positive oder negative Bedingung damit
übereinstimmen kann82
Wissenschaftlich gesprochen besteht also die Ursache aus der ganzen Summe
der positiven und negativen Bedingungen aus dem Ganzen von Ereignissen jeder
Art denen die Wirkung unveränderlich folgt wenn sie realisiert werden Die
negativen Bedingungen eines Phänomens deren spezielle Aufzählung im allgemeinen
sehr weitläufig sein würde können indessen der Kürze wegen als die Abwesenheit
entgegenwirkender oder verhindernder Ursachen bezeichnet werden Die
Anwendbarkeit dieses Ausdrucks ist hauptsächlich auf die Tatsache gegründet
dass die Wirkungen einer Ursache welche einer andern Ursache entgegenwirkt in
den meisten Fällen mit streng wissenschaftlicher Genauigkeit als eine bloße
Ausdehnung ihrer eigenen und besonderen Wirkungen betrachtet werden können Wenn
die Schwerkraft die Bewegung eines aufwärts geworfenen Körpers verzögert und
seine Bahn in eine Parabel verwandelt so bringt sie dabei dieselbe Art und
sogar dieselbe Quantität von Wirkung hervor als wenn sie den Fall eines Körpers
bewirkt der seiner Unterlage beraubt ist Wenn eine alkalische Lösung mit einer
Säure vermischt deren saure Eigenschaft aufhebt und sie verhindert blaue
Pflanzenfarben rot zu färben so geschieht dies weil die spezifische Wirkung
des Alkali ist sich mit der Säure zu verbinden und einen zusammengesetzten
Körper von ganz anderen Eigenschaften zu bilden Diese Eigenschaft von Ursachen
einer jeden Art die Wirkungen anderer Ursachen vermöge derselben Gesetze
wonach sie ihre eigenen Wirkungen hervorbringen zu verhindern83 setzt uns
nachdem wir das Axiom aufgestellt haben dass sich alle Ursachen in ihren
Wirkungen entgegenwirken können in den Stand die Betrachtung von negativen
Bedingungen ganz zu umgehen und den Begriff von Ursache auf die Summe der
positiven Bedingungen eines Phänomens zu beschränken indem eine negative
Bedingung die Abwesenheit entgegenwirkender Ursachen nämlich hierbei als
verstanden und in allen Fällen mit der Summe der positiven Bedingungen
hinreichend ist um die ganze Reihe von Umständen zusammenzusetzen wovon die
Naturerscheinung abhängt
4 Wie wir gesehen haben gibt es unter den positiven Bedingungen
solche denen in gewöhnlicher Sprechweise der Name Ursache eher und häufiger
gegeben wird während er anderen unter gewöhnlichen Umständen versagt wird In
den meisten Fällen in denen eine Ursache wirkt unterscheidet man gewöhnlich
zwischen einem Dinge das wirkt und einem andern Dinge auf das gewirkt wird
zwischen einem Agens und einem Patiens Man wird allgemein zugeben dass beide
Bedingungen des Phänomens sind aber man wird es für absurd erklären das
letztere die Ursache zu nennen da dieser Name dem ersteren vorbehalten ist Bei
näherer Prüfung verschwindet indessen diese Unterscheidung oder erscheint
vielmehr als eine bloß verbale als der Zufälligkeit eines bloßen Ausdrucks
entspringend dem nämlich dass der Gegenstand von dem man sagt es werde auf
ihn gewirkt und welcher als die Scene betrachtet wird auf welcher die Wirkung
vor sich geht gewöhnlich in dem Ausdruck in welchem man von der Wirkung
spricht einbegriffen ist so dass wenn man ihn als einen Teil der Ursache
rechnen wollte die scheinbare Ungereimtheit durch die Voraussetzung entstände
er verursache sich selbst In dem bereits gebrauchten Beispiele von dem Falle
der Körper war die Frage so gestellt Welches ist die Ursache die einen Stein
fallen macht Wenn die Antwort gewesen wäre »der Stein selbst« so würde der
Ausdruck in scheinbarem Widerspruche mit der Bedeutung des Wortes Ursache
gewesen sein Der Stein wird daher als das Patiens und die Erde oder zufolge
einem gewöhnlichen und sehr unphilosophischen Gebrauch irgend eine verborgene
Eigenschaft der Erde als das Agens oder die Ursache dargestellt Dass aber die
Unterscheidung keine fundamentale ist geht daraus hervor dass wenn wir die
Frage nur in anderen Worten in folgender Art ausdrücken welches ist die
Ursache welche eine senkrechte Bewegung nach der Erde bewirkt wir nun ohne
Ungereimtheit von dem Steine oder einem andern schweren Körper als dem Agens
welches kraft seiner eigenen Gesetze und Eigenschaften die Bewegung nach der
Erde beginnt sprechen könnten obgleich man um die aufgestellte Lehre von der
Untätigkeit der Materie zu retten vorzieht die Wirkung einer verborgenen
Eigenschaft zuzuschreiben und zu sagen dass nicht der Stein sondern das
Gewicht des Steines oder seine Gravitation die Ursache ist
Diejenigen welche für eine radikale Unterscheidung zwischen Agens und
Patiens stritten stellten sich das Agens gewöhnlich als etwas vor was einen
Zustand oder eine Veränderung in dem Zustande eines Patiens genannten
Gegenstandes verursacht Ein wenig Überlegung wird aber zeigen dass die von
uns geübte Freiheit von Naturerscheinungen als von Zuständen der verschiedenen
daran teilnehmenden Gegenstände zu sprechen ein Kunstgriff der von einigen
Philosophen besonders aber von Brown als eine scheinbare Erklärung von
Naturerscheinungen gebraucht wurde einfach eine Art logische Fiction und als
eine unter verschiedenen Ausdrucksweisen manchmal nützlich ist die aber niemals
als die Angabe einer philosophischen Wahrheit betrachtet werden sollte Sogar
diejenigen Attribute eines Gegenstandes von denen es scheint als dürften sie
mit dem größten Recht als Zustände des Gegenstandes selbst betrachtet werden
wie seine sinnfälligen Eigenschaften seine Farbe Härte Gestalt u dgl sind
in Wirklichkeit Kausalerscheinungen in welchen die Substanz offenbar das Agens
oder die bewirkende Ursache ist während unsere Organe und die anderer
empfindenden Wesen das Patiens sind Was wir die Zustände der Gegenstände
nennen sind immer Sequenzen in die diese Gegenstände gemeinlich als
Antecedentien oder Ursachen eintreten und die Dinge sind nie tätiger als wenn
sie jene Naturerscheinungen hervorbringen bei welchen man von ihnen sagt dass
auf sie gewirkt wird In dem Beispiel von dem auf die Erde fallenden Stein ist
nach der Gravitationstheorie der Stern ebensogut ein Agens als die Erde die
nicht bloß den Stein anzieht sondern auch von ihm angezogen wird In dem Fall
von einer in unseren Organen bewirkten Empfindung sind die Gesetze unserer
Organisation und sogar die unseres Verstandes bei der Erzeugung der
hervorgebrachten Wirkung ebenso direkt tätig als die Gesetze der äußeren
Dinge Obgleich wir Blausäure als die Ursache des Todes eines Menschen
bezeichnen so ist doch in der Kette von Wirkungen die seiner empfindenden
Existenz so schnell ein Ziel setzen das Ganze der vitalen und organischen
Eigenschaften des Patiens ebenso tätig wirksam als das Gift In dem
Erziehungsprozess können wir den Lehrer das Agens und den Schüler das Material
nennen worauf gewirkt wird aber in Wahrheit üben alle Tatsachen welche in
dem Geiste der Schüler präexistierten entweder eine mitwirkende oder eine
entgegenwirkende Wirkung in Beziehung auf die Bemühungen des Lehrers aus Es ist
nicht das Licht allein das Agens des Sehens sondern das Licht verbunden mit
den tätigen Eigenschaften des Auges und des Gehirns und denjenigen der
sichtbaren Gegenstände Der Unterschied zwischen Agens und Patiens besteht nur
den Worten nach ein Patiens ist immer ein Agens und in einer großen Anzahl von
Naturerscheinungen in einem Grade dass es sehr kräftig auf die Ursachen welche
auf es wirken zurückwirkt und sogar wenn dies nicht der Fall ist trägt es in
derselben Weise wie irgend eine der anderen Bedingungen zur Erzeugung der
Wirkung bei wovon es gewöhnlich nur als der Schauplatz betrachtet wird Alle
positiven Bedingungen eines Phänomens sind in gleicher Weise Agentien sind
gleich tätig und ein Ausdruck der Ursache der Anspruch auf Vollständigkeit
macht darf keine derselben ausschließen mit Ausnahme solcher die bereits in
den Worten die zur Beschreibung der Wirkung dienen inbegriffen sind und beim
Einbegreifen sogar dieser würde man sich einem bloß wörtlichen Widerspruche
aussetzen
5 Es bleibt nun noch auf eine Unterscheidung aufmerksam zu machen
welche sowohl für die Aufklärung des Begriffes von Ursache als auch zur
Beseitigung eines oft gemachten sehr scheingültigen Einwurfs gegen den
Gesichtspunkt aus welchem wir den Gegenstand betrachtet haben von der größten
Wichtigkeit ist
Wenn wir die Ursache von Etwas in dem einzigen Sinne in dem die
gegenwärtige Untersuchung mit Ursachen etwas zu schaffen hat definieren als »das
Antezedens dem dies Etwas unveränderlich folgt« so gebrauchen wir diesen
Ausdruck nicht als genau synonym mit folgendem »das Antezedens welchem es in
unserer vergangenen Erfahrung beständig gefolgt ist« Eine solche
Auffassungsweise würde dem sehr plausiblen Einwurf ausgesetzt sein den Reid
ausgesprochen hat dass nämlich nach dieser Lehre die Nacht die Ursache des
Tages und der Tag die Ursache der Nacht sein muss indem seit dem Anfange der
Welt diese Naturerscheinungen aufeinanderfolgten Für unsern Gebrauch des Wortes
Ursache ist es aber notwendig zu glauben nicht allein dass dem Antezedens
das Konsequenz immer gefolgt ist sondern auch dass es so lange die
gegenwärtige Beschaffenheit der Dinge84 dauert ihm folgen wird dies wäre aber
von Tag und Nacht nicht richtig Wir glauben nicht dass der Tag der Nacht unter
allen denkbaren Umständen folgen wird sondern dass dies nur der Fall ist unter
der Bedingung dass die Sonne am Horizont aufgehe Wenn die Sonne nicht mehr
aufginge was so viel wir wissen mit den allgemeinen Gesetzen der Materie
nicht in Widerspruch steht so würde oder könnte die Nacht ewig währen Wenn von
der andern Seite die Sonne über dem Horizont steht wenn ihr Licht nicht
erloschen und zwischen ihr und uns kein dunkler Körper vorhanden ist so
glauben wir fest dass wenn keine Veränderung in den Eigenschaften der Materie
eintritt diese Kombination von Antecedentien von dem Konsequenz dem Tage
begleitet sein wird dass wenn diese Kombination von Antecedentien ohne Ende
verlängert werden könnte der Tag immer dauern würde und dass wenn sie immer
vorhanden gewesen wäre es unabhängig von der Nacht als vorhergehender
Bedingung immer Tag gewesen sein würde Wir nennen deshalb die Nacht nicht die
Ursache ja nicht einmal eine Bedingung des Tages Die Existenz der Sonne oder
eines leuchtenden Körpers und die Abwesenheit eines dunklen Mittels in gerader
Richtung 85 zwischen der Sonne und dem Theile der Erde den wir bewohnen sind
die einzigen Bedingungen und durch die Vereinigung derselben wird ohne Zutun
eines jeden überflüssigen Umstandes die Ursache zusammengesetzt Dies ist es
was die Schriftsteller meinen wenn sie sagen dass der Begriff der Ursache die
Idee der Notwendigkeit einschließt Wenn dem Wort Notwendigkeit irgend eine
Bedeutung unleugbar zukommt so ist es die der Unbedingtheit Dass etwas
notwendig ist dass etwas sein muss heißt dass etwas sein wird welche
Voraussetzungen wir auch in Beziehung auf alle anderen Dinge machen mögen Die
Folge von Tag und Nacht ist in diesem Sinne offenbar nicht notwendig sie ist
bedingt durch das Zusammenwirken verschiedener Antecedentien Das was von einer
gegebenen Folge begleitet ist wann und nur wann irgend ein dritter Umstand
ebenfalls existiert ist nicht die Ursache wenn auch niemals ein Fall
vorgekommen ist dass das Phänomen ohne es stattgefunden hätte
Unveränderliche Sequenz ist daher nicht synonym mit Ursache wenn die Folge
außer unveränderlich nicht auch unbedingt ist Es gibt Sequenzen die in der
vergangenen Erfahrung so gleichförmig sind als nur irgend andere und die wir
doch nicht als Fälle von Verursachung sondern als gewissermaßen zufällige
Verbindungen Konjunktionen ansehen wie in dem Falle von Tag und Nacht Die
eine könnte eine ganze Zeit hindurch existiert haben und der andere darum nicht
eher darauf gefolgt sein er folgt nur wenn gewisse andere Antecedentien
existieren und wo diese existierten da würde er in jedem Fall folgen Niemand
hat wahrscheinlich jemals die Nacht die Ursache des Tages genannt so frühe
müssen die Menschen zu der sehr einleuchtenden Generalisation gelangt sein dass
der Zustand von allgemeiner Beleuchtung den wir Tag nennen auf die Gegenwart
eines hinreichend leuchtenden Körpers folgt ob nun Finsternis vorausging oder
nicht
Wir können daher die Ursache einer Naturerscheinung definieren als das
Antezedens oder das Zusammenwirken von Antecedentien worauf dieselbe
unveränderlich und unbedingt folgt oder wir nehmen die bequeme Modifikation der
Bedeutung des Wortes Ursache an wonach sie die Summe der positiven Bedingungen
ohne die negativen ist wir müssen dann statt »unbedingt« sagen »keinen andern
als negativen Bedingungen unterworfen«
Da die Folge von Nacht und Tag unserer Erfahrung nach unveränderlich ist so
mag es manchem scheinen dass wir in diesem Fall gerade so viel Grund haben als
die Erfahrung in irgend einem Fall nur geben kann um die zwei Phänomene als
Ursache und Wirkung anzuerkennen und dass zu sagen es wäre mehr nötig den
Glauben zu verlangen die Sukzession sei unbedingt oder mit anderen Worten sie
würde bei allen Veränderungen von Umständen unveränderlich sein in der
Kausalität ein Glaubenselement anerkennen heißt das sich nicht von der
Erfahrung ableitet Hierauf ist die Antwort die Erfahrung selbst lehrt uns
dass die eine Gleichförmigkeit der Folge bedingt und die andere unbedingt ist
Wenn wir urteilen dass die Folge von Nacht und Tag eine abgeleitete Folge
eine derivative Sequenz ist die von sonst etwas abhängt so stützen wir uns auf
Erfahrungsgründe Es ist der Erfahrungsbeweis der uns überzeugt dass der Tag
gleich gut existieren könnte ohne von der Nacht gefolgt zu sein und dass die
Nacht ebenfalls bestehen könnte ohne dass der Tag darauf folgte Sagen »dass
dieser Glaube nicht durch die bloße Beobachtung der Sequenz in uns erzeugt
wird« heißt vergessen dass wir bei klarem Himmel in vierundzwanzig Stunden
zweimal ein Experimentum crucis haben dass die Sonne die Ursache des Tages ist
Wir haben eine experimentelle Kenntnis von der Sonne wodurch wir auf
experimentelle Gründe hin gerechtfertigt sind zu schließen dass wenn die
Sonne immer über dem Horizont stehen es Tag sein würde obgleich es niemals
Nacht war und dass wenn die Sonne immer unterhalb des Horizonts stehen es
Nacht sein würde wenn es auch nicht Tag gewesen wäre Wir wissen so dass die
Sukzession von Tag und Nacht nicht unbedingt ist Ich möchte noch hinzufügen
dass das Antezedens welches nur bedingungsweise unveränderlich ist nicht das
unveränderliche Antezedens ist Obgleich erfahrungsgemäß eine Tatsache immer
auf eine andere gefolgt sein mag im übrigen aber unsere Erfahrung uns lehrt
dass sie ihr vielleicht nicht immer folgen dürfte oder wenn die Erfahrung
selbst der Art ist dass sie der Möglichkeit Raum lässt es möchten die
bekannten Fälle nicht genau alle möglichen Fälle vorstellen so wird das soweit
unveränderliche Antezedens nicht für die Ursache genommen aber warum Weil wir
nicht gewiss sind dass es das unveränderliche Antezedens ist
Fälle von Sequenz wie die von Tag und Nacht widersprechen nicht allein nicht
der Lehre welche die Verursachung in unveränderliche Folge Sequenz auflöst
sondern sie sind notwendig in dieser Lehre eingeschlossen Es ist klar dass
aus einer unbestimmten Anzahl von unbedingten Folgen eine noch größere Anzahl
von bedingten hervorgehen wird Wenn gewisse Ursachen dh gewisse
Antecedentien welche unbedingt von gewissen Folgen begleitet sind gegeben
sind so wird die bloße Koexistenz dieser Ursachen eine unbegrenzte Anzahl von
neuen Gleichförmigkeiten hervorrufen Wenn zwei Ursachen zugleich existieren so
werden die Wirkungen beider auch zugleich existieren und wenn viele Ursachen
zusammen existieren so werden diese Ursachen durch das was wir später die
Vermischung ihrer Gesetze nennen werden neue Wirkungen hervorrufen welche sich
einander begleiten oder in einer besonderen Ordnung aufeinanderfolgen und diese
Ordnung wird so lange die Ursachen zusammen fortexistieren unveränderlich sein
aber nicht länger Die Bewegung der Erde um die Sonne in einer gegebenen Bahn
ist eine Reihe von Veränderungen die sich als Antecedentien und Folgen
begleiten und zwar so lange als die Anziehung der Sonne und die Kraft womit
die Erde strebt sich in einer geraden Linie zu bewegen zusammen in demselben
Größenverhältnisse wie bisher fortdauern werden Wird eine dieser Ursachen
verändert so wird die unveränderliche Reihenfolge von Bewegungen nicht mehr
Statt haben Die Reihe von Bewegungen der Erde obgleich ein Fall von
unveränderlicher Folge innerhalb der Grenzen menschlicher Erfahrung ist daher
kein Fall von Verursachung sie ist nicht unbedingt
Diese Unterscheidung zwischen den Beziehungen der Reihenfolge die soweit
wir wissen unbedingt sind und denjenigen Beziehungen sowohl der Sukzession als
auch der Koexistenz die wie die Bewegung der Erde oder die Folge von Tag und
Nacht von der Existenz oder von der Koexistenz einer vorausgängigen Tatsache
abhängig sind diese Unterscheidung entspricht der großen von Dr Whewell und
anderen Schriftstellern gemachten Einteilung des wissenschaftlichen Gebiets in
die Erforschung von sogenannten Gesetzen der Erscheinungen und in die
Erforschung von Ursachen eine Phraseologie die wie ich glaube philosophisch
nicht haltbar ist insofern die Bestimmung von Ursachen und zwar von Ursachen
wie sie menschliche Fähigkeiten bestimmen können von Ursachen nämlich die
selbst Erscheinungen sind bloß in der Bestimmung von anderen und allgemeineren
Gesetzen der Erscheinungen bestehen kann Es sei mir erlaubt hier zu bemerken
dass Dr Whewell und bis zu einem gewissen Grad sogar Sir John Herschel die
Meinung jener Schriftsteller missverstanden haben die wie Hr Comte die Sphäre
der wissenschaftlichen Erforschung der Gesetze der Erscheinungen beschränken
und die Erforschung von Ursachen eitel und nichtig nennen Die Ursachen welche
Hr Comte für unzugänglich erklärt sind urwirkende Ursachen causae
efficientes Die Erforschung physikalischer im Gegensatz zu urwirkenden
Ursachen mit Einschluss des Studiums aller tätigen als Tatsachen der
Beobachtung betrachteten Kräfte in der Natur bildet bei Hrn Comte einen eben
so wichtigen Teil von dem Begriff der Wissenschaft wie bei Hrn Whewell Sein
Einwurf gegen das Wort Ursache ist bloß eine Sache der Nomenklatur in der ich
ihm als einer Sache der Nomenklatur gänzlich Unrecht geben muss »Diejenigen«
bemerkt Hr Bailey86 ganz richtig »welche wie Herr Comte Anstand nehmen
Ereignisse oder Vorgänge als Ursachen zu bezeichnen widersetzen sich ohne einen
wirklichen Grund einer äußerst bequemen Generalisation einem sehr nützlichen
Gemeinnamen dessen Gebrauch keine besondere Theorie einschließt oder
einzuschließen braucht« Man kann noch hinzufügen dass Hr Comte durch
Verwerfung dieser Ausdrucksweise ohne ein Wort bleibt um eine Unterscheidung zu
bezeichnen welche so unrichtig sie auch ausgedrückt wird nicht bloß eine
reale sondern auch eine der fundamentalen Unterscheidungen in der Wissenschaft
ist wie wir später sehen werden beruht auf ihr in der That allein die
Möglichkeit eine strenge Regel der Induktion aufzustellen Und da Dinge ohne
Namen sehr leicht vergessen werden so gehört eine solche Regel nicht zu den
vielen Gewinnen welche die Philosophie der Induktion von Hrn Comte gezogen
hat
6 Steht die Ursache mit ihrer Wirkung immer im Verhältnisse von
Antezedens und Folge Sagen wir nicht oft von zwei gleichzeitigen Tatsachen
dass sie Ursache und Wirkung sind wie wenn wir sagen dass das Feuer Ursache
der Wärme die Sonne und Feuchtigkeit Ursache der Vegetation sind und
dergleichen Es ist gewiss dass eine Ursache nicht notwendig vergeht weil
ihre Wirkung hervorgebracht worden ist beide bestehen daher gewöhnlich
zusammen und es gibt einige Erscheinungen und einige gewöhnliche Ausdrücke
welche zu besagen scheinen nicht allein dass die Ursachen gleichzeitig mit
ihren Wirkungen vorhanden sein können sondern auch dass sie damit gleichzeitig
sein müssen Cessante causa cessat effectus war ein Dogma der Schulen die
Notwendigkeit der Fortdauer der Ursache für die Fortdauer der Wirkung scheint
einst eine allgemeine Lehre der Philosophen gewesen zu sein Die zahlreichen
Versuche Keplers die Bewegung der Himmelskörper nach mechanischen Grundsätzen
zu erklären scheiterten dadurch dass er immer voraussetzte die Kraft welche
diese Körper in Bewegung setzte müsse fortwirken um die zuerst hervorgebrachte
Bewegung zu unterhalten Es gab jedoch zu allen Zeiten viele bekannte Beispiele
die in offenem Widerspruche mit diesem angenommenen Axiom waren Ein Sonnenstich
verursacht jemanden ein Fieber wird das Fieber aufhören wenn er aus der Sonne
gebracht wird Es wird Einer mit einem Degen durchbohrt muss der Degen in
seinem Leibe bleiben damit er tot bleibe Wenn eine Pflugschar einmal gemacht
ist so bleibt sie eine Pflugschar wenn auch das Erhitzen und Hämmern nicht
fortgesetzt wird und sogar wenn der Mann der sie gemacht hat zu seinen Vätern
versammelt worden ist Von der andern Seite muss der Druck welcher das
Quecksilber in eine luftleere Röhre treibt fortdauern um es in derselben zu
erhalten Dieses kann man erwidern geschieht weil eine andere Kraft die
Schwerkraft ohne Unterbrechung wirkt und welche es in eine horizontale Fläche
zurückbringen würde wenn sie nicht von einer ebenfalls beständigen Kraft im
Gleichgewicht gehalten würde Ein enger Verband verursacht oft Schmerz und
dieser Schmerz hört manchmal auf wenn der Verband entfernt wird Die
Beleuchtung welche die Sonne über die Erde verbreitet hört auf wenn die Sonne
untergeht
Es ist daher ein Unterschied zu machen Die Bedingungen welche zur ersten
Erzeugung einer Naturerscheinung notwendig sind sind manchmal zu ihrer
Fortdauer notwendig aber gewöhnlich erfordert diese Fortdauer nur negative
Bedingungen Einmal hervorgebracht dauern die meisten Dinge fort bis sie durch
etwas verändert oder vernichtet werden manche aber verlangen die beständige
Gegenwart der Agentien welche sie zuerst hervorbrachten Die Beleuchtung eines
gegebenen Punktes des Raumes wurde demgemäß immer als eine augenblickliche
Tatsache betrachtet welche vergeht und fortwährend erneuert wird so lange die
notwendigen Bedingungen bestehen Wenn wir diese Ausdrucksweise annehmen so
vermeiden wir die Notwendigkeit der Annahme dass die Fortdauer der Ursache zur
Erhaltung der Wirkung nötig sei Wir können sagen sie ist nicht erforderlich
um die Wirkung zu erhalten sondern um sie zu reproduzieren oder auch einer
Kraft welche sie zu vernichten strebt entgegenzuwirken Dies mag eine bequeme
Ausdrucksweise sein aber es ist auch nichts als eine Ausdrucksweise Die
Tatsache dass in manchen Fällen obgleich in der Minderzahl die Fortdauer der
Bedingungen welche eine Wirkung hervorbrachten für die Fortdauer der Wirkung
notwendig ist bleibt bestehen
Was ferner die Frage betrifft ob es streng notwendig sei dass die
Ursache oder die Vereinigung von Bedingungen der Erzeugung der Wirkung wenn
auch einen noch so kurzen Augenblick vorausgehe eine von Sir John Herschel
angeregte und mit großem Scharfsinn erörtete Frage Essays S 206 bis 208 so
ist dies eine Untersuchung ohne Belang für unsern jetzigen Zweck Gewiss gibt
es Fälle in denen die Wirkung so schnell folgt dass wir mit unseren
Fähigkeiten die Zwischenzeit nicht bemerken können und wenn eine Zwischenzeit
besteht so können wir nicht sagen durch welche für uns nicht wahrnehmbaren
Zwischenglieder dieselbe wirklich ausgefüllt wird Aber auch zugegeben eine
Wirkung entstehe gleichzeitig mit ihrer Ursache so wird die Ansicht welche ich
von der Verursachung habe in keiner Weise dadurch praktisch berührt Ob die
Ursache und ihre Wirkung notwendig nach einander folgen oder nicht der Beginn
eines Phänomens ist es der eine Ursache einschließt und Verursachung ist das
Gesetz der Sukzession der Erscheinungen
Dies sind die Axiome unserer Lehre wenn sie zugestanden werden so können
wir obgleich ich die Notwendigkeit nicht einsehe die auf Ursache und Wirkung
angewandten Worte Antezedens und Konsequenz fallen lassen Ich habe der
Definition die Ursache sei eine Vereinigung von Naturerscheinungen in deren
Zusammenwirken eine andere Naturerscheinung ihren Anfang oder Ursprung nimmt
nichts entgegenzusetzen Ob die Wirkung in Betreff der Zeit mit ihrer
allerletzten Bedingung zusammenfällt oder ob sie ihr unmittelbar folgt ist
nicht von Belang In keinem Falle geht sie ihr voraus und wenn wir im Zweifel
sind welche von zwei zugleich bestehenden Naturerscheinungen Ursache und welche
Wirkung ist so halten wir mit Recht die Frage gelöst wenn wir bestimmen
können welche von ihnen der andern vorausgegangen ist
7 Es kommt fortwährend vor dass mehrere sich von einander
unterscheidende Naturerscheinungen die nicht im geringsten Grade von einander
abhängig oder bedingt sind wie der Ausdruck sagt von einem und demselben Agens
abhängen mit anderen Worten man sieht dass ein und dieselbe Naturerscheinung
von verschiedenen Arten durchaus heterogener Wirkungen die aber gleichzeitig
miteinander erscheinen begleitet wird natürlich vorausgesetzt dass die für
eine jede derselben erforderlichen Bedingungen ebenfalls vorhanden seien So
bringt die Sonne die Bewegungen der Himmelskörper das Tageslicht und die Wärme
hervor Die Erde verursacht den Fall schwerer Körper und durch ihre Eigenschaft
eines großen Magneten das Phänomen der Magnetnadel Ein Bleiglanzkrystall
verursacht die Empfindung von Härte Gewicht einer kubischen Form von grauer
Farbe Dem Zwecke der Bezeichnung dieser Art Fälle sind die Ausdrücke
Eigenschaft und Kraft ganz besonders angepasst Wenn dasselbe Phänomen von
Wirkungen verschiedener Art begleitet wird so ist es gebräuchlich zu sagen
dass jede verschiedene Art von Wirkung durch eine verschiedene Eigenschaft der
Ursache hervorgebracht wird So unterscheiden wir die anziehende oder
gravitierende Eigenschaft der Erde von ihrer magnetischen die gravitierenden
leuchtenden wärmenden Eigenschaften der Sonne die Farbe Gestalt Härte und
das Gewicht des Kristalls Dies sind jedoch bloß Phrasen die nichts erklären
und unserer Kenntnis vom Gegenstande nichts hinzufügen die aber als abstrakte
Namen betrachtet welche den Zusammenhang zwischen den verschiedenen
hervorgebrachten Wirkungen und dem sie hervorbringenden Gegenstand bezeichnen
ein mächtiges Instrument der Abkürzung und der Beschleunigung des Denkprozesses
sind den die Abkürzung vollbringt
Diese Art von Betrachtungen führt uns zu einer Vorstellung die uns für die
Interpretation der Natur von großer Wichtigkeit sein wird nämlich zu der
Vorstellung einer permanenten Ursache oder eines ursprünglichen natürlichen
Agens Es existiert in der Natur eine Anzahl von permanenten Ursachen welche
bestanden haben seitdem das menschliche Geschlecht besteht und eine
unbestimmte und wahrscheinlich enorme Zeit vorher Die Sonne die Erde und die
Planeten mit ihren verschiedenen Bestandteilen dem Wasser der Luft und
anderen unterscheidbaren einfachen oder zusammengesetzten Substanzen aus denen
die Natur besteht sind solche permanente Ursachen Diese haben existiert und
die Wirkungen oder Folgen welche sie fähig waren hervorzubringen haben so oft
als die anderen Bedingungen der Erzeugung zusammentrafen von dem Anfange
unserer Erfahrung an stattgehabt wir können aber den Ursprung der permanenten
Ursachen selbst nicht erklären Warum gerade diese natürlichen Agentien und
keine anderen ursprünglich existierten warum sie gerade in diesen Verhältnissen
gemischt in dieser Weise durch den Raum verteilt sind ist eine Frage die wir
nicht beantworten können ja noch mehr wir können in ihrer Verteilung selbst
nichts Regelmäßiges erblicken wir können sie auf keine Gleichförmigkeit auf
kein Gesetz zurückführen Es gibt keine Mittel wonach wir aus der Verteilung
dieser Ursachen oder Agentien in dem einen Teil des Raums vermuten könnten ob
eine ähnliche Verteilung in einem andern Theile herrscht Das Zugleichsein von
urersten Ursachen steht daher für uns bloß in der Reihe eines zufälligen
Zusammentreffens und alle jene Sequenzen oder Koexistenzen in den Wirkungen von
mehreren solcher Ursachen welche obgleich beständig so lange jene Ursachen
zusammenbestehen ein Ende nehmen würden wenn die Koexistenz ein Ende nähme
rechnen wir nicht als Fälle von Verursachung oder Naturgesetze wir können nur
indem wir diese Sequenzen oder Koexistenzen da finden wo wir dies durch den
direkten Beweis wissen berechnen dass die natürlichen Agentien von deren
Eigenschaften sie zuletzt abhängen in der erforderlichen Weise verteilt sind
Diese permanenten Ursachen sind nicht immer Gegenstände sie sind manchmal
Ereignisse dh periodische Cyclen von Vorgängen da dies die einzige Art ist
in welcher Begebenheiten die Eigenschaft der Permanenz besitzen können So ist
zB nicht allein die Erde selbst eine permanente Ursache oder ein primitives
natürliches Agens sondern auch ihre Rotation sie ist eine Ursache welche
unter Mithülfe anderer notwendigen Bedingungen von der frühesten Zeit an die
Folge von Tag und Nacht die Ebbe und Flut des Meeres und manche anderen
Wirkungen hervorgebracht hat während die Rotation selbst da wir keine Ursache
ausgenommen eine mutmaßliche dafür angeben können mit Recht den urersten
Ursachen zugezählt wird Es ist uns indessen nur der Ursprung der Rotation
unerklärlich wenn sie einmal begonnen hat so wird ihre Fortdauer durch das
erste Gesetz der Bewegung das der Permanenz der einmal begonnenen geradlinigen
Bewegung verbunden mit der Anziehung der Erdteilchen untereinander erklärt
Alle Naturerscheinungen welche anfangen zu existieren dh alle mit
Ausnahme der urersten Ursachen sind entweder unmittelbare oder entfernte
Wirkungen jener ursprünglichen Tatsachen oder von irgend einer Kombination
derselben In dem Universum wird kein Ding hervorgebracht findet kein Ereignis
Statt das nicht durch eine Gleichförmigkeit oder beständige Folge mit einer
oder mehreren vorhergehenden Phänomenen in so weit verknüpft wäre dass es
stattfinden wird so oft diese Phänomene zusammentreffen und kein anderes
Phänomen das den Charakter einer entgegenwirkenden Ursache hat zugleich
existiert Diese vorhergehenden Phänomene sind wiederum in ähnlicher Weise mit
denjenigen verknüpft welche ihnen vorausgingen usw bis wir zuletzt entweder
zu den Eigenschaften einer urersten Ursache oder einer Verbindung von mehreren
gelangen Das Ganze der Naturerscheinungen war daher aus den notwendigen oder
mit anderen Worten aus den unbedingten Folgen einer früheren Kollokation der
permanenten Ursachen zusammengesetzt
Wir glauben dass der Zustand des ganzen Weltalls in einem jeden Augenblicke
die Folge des Zustandes vom vorhergehenden Augenblicke insofern ist dass wenn
uns alle Agentien welche im gegenwärtigen Augenblicke existieren ihre Ordnung
im Raume ihre Eigenschaften oder mit anderen Worten wenn uns die Gesetze
ihrer Wirksamkeit bekannt wären wir die ganze folgende Geschichte des Weltalls
voraussagen könnten vorausgesetzt dass nicht irgend ein neuer Wille einer
Macht die das Weltall zu beherrschen fähig ist hinzukomme87
Wenn je irgend ein besonderer Zustand des ganzen Weltalls zum zweiten Male
wiederkehrte so würden alle darauf folgenden Zustände ebenfalls wiederkehren
und die Geschichte würde sich wie ein vielziffriger periodischer Dezimalbruch
periodisch wiederholen
Jam redit et virgo redeunt Saturnia regna
Alter erit tum Tiphys et altera quae vehat Argo
Delectos heroas erunt quoque altera bella
Atque iterum ad Troiam magnus mittetur Achilles
Obgleich sich die Dinge nicht in diesem ewigen Kreise bewegen so hätte doch
die ganze Reihe der vergangenen und zukünftigen Ereignisse in der Geschichte des
Weltalls durch Jemand der mit der ursprünglichen Verteilung aller natürlichen
Agentien und mit dem Ganzen ihrer Eigenschaften dh den Gesetzen der Folge
die zwischen ihnen und ihren Wirkungen bestehen bekannt gewesen wäre a priori
konstruiert werden können die unendlich mehr als menschlichen Kombinationsgaben
und Berechnungen die sogar beim Besitze der Data zur wirklichen Vollendung der
Aufgabe erforderlich wären vorausgesetzt
8 Da Alles was im Universum geschieht durch Kausalgesetze und die
Kollokationen der ursprünglichen Ursachen bestimmt wird so folgt dass die
unter Wirkungen bemerkbaren Koexistenzen nicht selbst der Gegenstand einer
ähnlichen Reihe von Gesetzen die von Kausalgesetzen verschieden sind sein
können Es gibt unter den Wirkungen Gleichförmigkeiten sowohl der Koexistenz
als auch der Sukzession aber in allen Fällen müssen dieselben ein bloßes
Resultat entweder der Identität oder der Koexistenz ihrer Ursachen sein wären
die Ursachen nicht zugleich so könnten es auch die Wirkungen nicht sein Da
diese Ursachen ebenfalls Wirkungen von früheren Ursachen und diese es von
anderen sind bis wir zu den urersten Ursachen gelangen so folgt dass mit
Ausnahme des Falles von Wirkungen denen man unmittelbar oder entfernter bis zu
ein und derselben Ursache folgen kann das Zugleichsein von Naturerscheinungen
in keinem Falle allgemein sein kann wenn nicht das Zugleichsein der urersten
Ursachen bis zu denen die Wirkungen verfolgt werden können auf ein allgemeines
Gesetz zurückgeführt werden kann wir haben aber gesehen dass dies nicht
geschehen kann Es gibt demgemäß keine ursprüngliche und unabhängige oder mit
anderen Worten keine unbedingte Gleichförmigkeiten des Zugleichseins zwischen
den Wirkungen verschiedener Ursachen wenn sie zugleich sind so ist dies nur
weil die Ursachen zufällig zugleich waren Die einzig unabhängigen und
unbedingten Koexistenzen die hinreichend beständig sind um einen Anspruch auf
den Charakter von Gesetzen zu haben bestehen zwischen verschiedenen und
gegenseitig unabhängigen Wirkungen derselben Ursache mit anderen Worten
zwischen verschiedenen Eigenschaften desselben natürlichen Agens Dieser Teil
von Naturgesetzen wird in dem letzten Teil dieses Buches unter dem Namen
Spezifische Eigenschaften der Arten abgehandelt werden
9 Es ist hier der geeignete Ort die Aufmerksamkeit auf eine ziemlich
alte Lehre bezüglich der Kausalität zu lenken die jedoch in den letzten Jahren
an manchen Orten wieder aufgetaucht ist und gegenwärtig mehr Lebenszeichen von
sich gibt als eine jede andere von der in den vorhergehenden Kapiteln
niedergelegten abweichende Theorie der Verursachung
Nach der fraglichen Theorie ist der Geist oder genauer ausgedrückt der
Wille die einzige Ursache der Erscheinungen Unsere eigene Willenstätigkeit ist
der Typus der Verursachung sowie die ausschließliche Quelle aus der wir die
Idee schöpfen Da und nur da so sagt man haben wir den direkten Beweis einer
Verursachung Wir wissen dass wir unseren Körper bewegen können Bezüglich der
Erscheinungen der leblosen Natur besitzen wir keine andere direkte Kenntnis
als die von Antezedens und Folge aber in Betreff unserer freiwilligen
Handlungen behauptet man wir wären uns eines Vermögens bewusst bevor wir die
Erfahrung von Resultaten haben Ob eine Wirkung darauf folge oder nicht der
Willensakt ist von einem Bewusstsein einer Anstrengung »einer ausgeübten Kraft
einer Kraft in Tätigkeit die notwendig ursächlich oder bewirkend kausal oder
kausativ ist« begleitet Dieses einem Willensakte inhärente Gefühl von Energie
oder Kraft ist Wissen a priori der Erfahrung vorausgehende Gewissheit dass wir
das Vermögen besitzen Wirkungen zu verursachen Das Wollen so wird behauptet
ist daher etwas mehr als das unbedingte Antezedens es ist eine Ursache und
zwar in einem andern Sinne als man physikalische Phänomene einander verursachend
nennt es ist eine causa efficiens Von dieser Lehre zu der Lehre dass die
Willenstätigkeit die einzige causa efficiens aller Erscheinungen sei ist der
Übergang leicht »Es ist unbegreiflich dass tote Kraft wenn sie nicht
unterhalten wird auch nur einen Augenblick nach ihrer Erschaffung fortdauern
könnte Ohne die Wirksamkeit eines Geistes können wir uns Veränderungen oder
Phänomene gar nicht vorstellen« »Das Wort Wirkung selbst« sagt ein anderer
Schriftsteller derselben Schule »hat nur dann eine reelle Bedeutung wenn es
auf die Handlungen eines intelligenten Agens angewendet wird Man stelle sich
ein in einem Klumpen Materie inhärentes Vermögen Wirksamkeit oder Kraft vor
wenn man es vermag« Die Phänomene mögen wohl so aussehen als wären sie durch
physikalische Kräfte erzeugt aber in Wirklichkeit sagen diese Autoren werden
sie durch die unmittelbare geistige Tätigkeit hervorgebracht Alles was nicht
einem menschlichen oder wie ich vermute einem tierischen Willen
entspringt geht direkt aus einem göttlichen Willen hervor Die Erde wird nicht
durch das Zusammenwirken einer zentripetalen und zentrifugalen Kraft bewegt
dies ist nur eine Sprechweise welche dazu dient unsere Vorstellungen zu
erleichtern sondern sie wird durch den direkten Willen eines allmächtigen
Wesens in einer Bahn bewegt die mit der Bahn zusammenfällt die wir aus der
Annahme dieser zwei Kräfte herleiten
Wie ich schon oft bemerkt habe so gehört die Frage von der Existenz von
urwirkenden Ursachen von causae efficientes nicht in das Bereich unseres
Gegenstandes aber eine Theorie welche dieselben als der menschlichen
Erkenntnis zugänglich darstellt und die für causae efficientes ausgibt was
nur physikalische oder phänomenale Ursachen sind gehört so gut zur Logik als
zur Metaphysik und ist ein geeigneter Gegenstand der Erörterung an dieser
Stelle
Meinem Verständnis nach ist eine Willenstätigkeit nicht eine urwirkende
sondern einfach eine physikalische Ursache Unser Wille verursacht unsere
körperlichen Tätigkeiten in demselben und in keinem andern Sinne in dem die
Kälte Eis oder in dem ein Funke die Explosion des Pulvers verursacht Der
Wille ein Zustand unseres Geistes ist das Antezedens die in Übereinstimmung
mit dem Willen erfolgte Bewegung unserer Glieder ist die Folge das Konsequenz
Diese Folge halte ich nun nicht für einen Gegenstand des direkten Bewusstseins
in dem Sinne jener Theorie Das Antezedens und das Konsequenz sind in der Tat
Gegenstände des Bewusstseins aber der Konnex der Zusammenhang zwischen
denselben ist ein Gegenstand der Erfahrung Ich kann nicht zugeben dass unser
Bewusstsein von einem Willen die geringste Kenntnis a priori in sich fasse
dass die Muskelbewegung auf denselben folgen werde Wenn unsere Bewegungsnerven
gelähmt oder unsere Muskeln steif und unbiegsam wären und unser Leben lang
gewesen wären so wäre meiner Meinung nach nicht der geringste Grund vorhanden
anzunehmen dass wir jemals etwas von dem Willen als einer physikalischen Kraft
gewusst hätten außer durch Mittheilung anderer oder dass wir uns jemals
einer Neigung in den Gefühlen unseres Geistes Bewegungen unseres Körpers oder
des Körpers Anderer zu erzeugen bewusst geworden wären Ich will nicht
unternehmen zu sagen ob wir in einem solchen Falle das physikalische Gefühl
gehabt hätten das wie ich vermute jene Autoren meinen wenn sie von dem
»Bewusstsein einer Anstrengung« sprechen ich sehe zwar keinen Grund warum dies
nicht sein sollte da jenes physikalische Gefühl wahrscheinlich ein Zustand von
nervöser Sensation ist die in dem Gehirn anfängt und endigt ohne den
Bewegungsapparat einzuschließen gewiss aber würden wir sie nicht durch ein dem
Wort Anstrengung gleichbedeutendes Wort bezeichnet haben denn Anstrengung
schließt ein bewusstes Streben nach einem Ziel ein wofür wir in diesem Falle
nicht allein keinen Grund gehabt hätten sondern was wir zu tun nicht einmal
die Idee gehabt haben konnten Wenn wir dieser besonderen Sensation überhaupt
bewusst waren so glaube ich konnten wir ihrer nur als einer unsere Gefühle des
Begehrens begleitenden Unbehaglichkeit bewusst sein
Gegen die fragliche Theorie argumentiert Sir William Hamilton ganz richtig
»sie werde durch die Betrachtung widerlegt dass zwischen die offenliegende
Tatsache einer uns bewussten körperlichen Bewegung und den inneren Akt einer
geistigen Bestimmung Determination dessen wir uns ebenfalls bewusst sind
eine zahlreiche Reihe von Zwischentätigkeiten eintritt von denen wir keine
Kenntnis besitzen und dass wir folglich nicht wie diese Hypothese behauptet
das Bewusstsein eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen den äußersten
Gliedern dieser Kette zwischen dem Willen zu bewegen und den Gliedern in
Bewegung haben können Niemand ist sich zB der Bewegung seines Arms durch
seinen Willen unmittelbar bewusst Vor dieser letzten Bewegung müssen Muskeln
Nerven und eine Menge fester und flüssiger Theile durch den Willen in Bewegung
gesetzt werden aber unser Bewusstsein weiß von dieser Bewegung absolut nichts
Ein Gelähmter ist sich keiner Unfähigkeit seiner Glieder die Bestimmungen
seines Willens zu vollziehen bewusst und nur nachdem er gewollt und gefunden
hat dass seine Glieder seinem Willen nicht gehorchen lernt er durch die
Erfahrung dass die äußere Bewegung dem inneren Akt nicht folgt Aber so wie der
Gelähmte erst nach dem Willensakt lernt dass seine Glieder seinem Geist nicht
gehorchen so lernt der Gesunde erst nach dem Willensakt dass seine Glieder den
Mandaten seines Willens gehorchen«88
Diejenigen gegen welche ich streite haben niemals einen positiven Beweis89
beigebracht und haben auch gar nicht vor ihn beizubringen dass uns das
Vermögen unsers Willens den Körper zu bewegen unabhängig von der Erfahrung
bekannt sein würde Alles was sie über den Gegenstand zu sagen haben ist dass
die Erzeugung physikalischer Vorgänge durch einen Willen ihre Erklärung selbst
mitzufahren scheint während die Einwirkung von Materie auf Materie zu ihrer
Erklärung noch etwas Anderes erfordert und nach ihnen sogar auf eine jede
andere Voraussetzung hin als die Dazwischenkunft eines Willens zwischen der
scheinbaren Ursache und ihrer scheinbaren Wirkung »unbegreiflich ist« Sie
stützen so ihren Fall auf eine Berufung auf die inhärenten Gesetze unseres
Begriffsvermögens indem sie meiner Ansicht nach die Gewohnheiten dieses
Vermögens welche sich auf die spontanen Neigungen desselben im unkultivierten
Zustande gründen irrtümlich für die Gesetze dieses Vermögens halten Die
Sukzession zwischen dem Willen ein Glied zu bewegen und der wirklichen
Bewegung ist eine der direktesten und augenblicklichsten Sequenzen welche wir
beobachten und ist von unserer frühesten Kindheit an der Erfahrung eines jeden
Augenblicks geläufig sogar geläufiger als irgend eine Folge von Vorgängen
außerhalb unseres Körpers und besonders geläufiger als ein jeder andere Fall
einer scheinbaren als von der bloßen Mittheilung unterschiedenen Erzeugung
von Bewegung Es ist nun aber die natürliche Neigung des menschlichen Geistes
dass er immer sucht seine Vorstellung von ungeläufigen Tatsachen durch
Vergleichung mit anderen ihm geläufigen zu erleichtern Da demnach unsere
Willensakte diejenigen Fälle von Verursachung ausmachen mit denen wir am
meisten vertraut sind so werden sie in der Kindheit und in der frühen Jugend
des Menschengeschlechts spontan als der Typus von Verursachung im allgemeinen
genommen und von allen Erscheinungen wird angenommen sie würden durch den
Willen eines empfindenden Wesens direkt hervorgebracht Ich werde diesen
ursprünglichen Fetischismus nicht mit den Worten Humes oder eines Anhängers
desselben sondern mit den Worten eines religiösen Metaphysikers wie Reid
charakterisieren damit die Übereinstimmung aller kompetenten Denker in
Beziehung auf diesen Gegenstand um so stärker hervortrete
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit den äußeren Gegenständen zuwenden und
anfangen unsere Vernunft an ihnen zu üben so finden wir dass es einige
Bewegungen und Veränderungen in ihnen gibt die wir die Macht zu erzeugen
haben und dass es viele andere gibt welche eine andere Ursache haben müssen
Entweder müssen die Gegenstände wie wir Leben und tätiges Vermögen haben
oder sie müssen durch etwas das Leben und tätige Kraft besitzt bewegt oder
verändert werden so wie äußere Gegenstände durch uns bewegt werden
Unsere ersten Gedanken scheinen zu sein dass die Gegenstände an denen wir
solche Bewegungen wahrnehmen wie wir Verstand und tätige Kraft besitzen »Wo
Wilde« sagt der Abbé Raynal »eine Bewegung sehen welche sie sich nicht
erklären können da nehmen sie eine Seele an« In dieser Beziehung kann man alle
Menschen so lange als Wilde betrachten bis sie fähig sind sich zu unterrichten
und ihre Anlagen in einer besseren Weise zu gebrauchen als Wilde tun
Die Beobachtung von dem Abbé Raynal erhält sowohl von den Tatsachen als
auch durch den Bau aller Sprachen eine hinreichende Bestätigung
Rohe Völker glauben wirklich die Sonne der Mond die Sterne die Erde das
Meer und die Luft die Quellen und Seen besäßen Verstand und aktive Macht
Kraft Ihnen Ehrfurcht zu bezeugen und ihre Gunst zu erflehen ist ein den
Wilden natürlicher Götzendienst
Alle Sprachen tragen in ihrem Bau die Zeichen dass sie entstanden sind
während dieser Glaube herrschte Die Unterscheidung von Verben und Partizipien
in aktive und passive welche sich in allen Sprachen findet muss ursprünglich
den Zweck gehabt haben das wirklich Tätige Aktive von dem bloß Leidenden
Passiven zu unterscheiden in allen Sprachen finden wir aktive Zeitwörter auf
diejenigen Gegenstände angewendet in denen nach Abbé Raynals Beobachtung die
Wilden eine Seele annehmen
So sagen wir die Sonne geht auf und unter sie kommt in den Meridian der
Mond wechselt die See ebbet und flutet die Winde wehen Die Sprachen wurden
von Menschen gebildet welche glaubten diese Gegenstände hatten Leben und
tätige Kraft in sich Es war daher natürlich und geeignet Bewegungen und
Veränderungen derselben durch tätige Zeitwörter auszudrücken
Es gibt keinen sichereren Weg die Gedanken und Empfindungen der Nationen in
einer vorgeschichtlichen Zeit zu verfolgen als vermittelst des Baues ihrer
Sprache die trotz der Veränderung welche die Zeit in ihr hervorgebracht hat
immer noch den Stempel der Gedanken derjenigen bewahren wird welche sie
erfunden haben Wenn wir dieselben Gedanken in dem Bau aller Sprachen angegeben
finden so müssen diese Gedanken dem menschlichen Geschlecht gemeinsam gewesen
sein als die Sprachen erfunden wurden
Wenn einige wenige mit höheren geistigen Fähigkeiten Begabte Muße für die
Spekulation finden so fangen sie an zu philosophieren und entdecken bald dass
viele von den Gegenständen welche sie zuerst für verständig und tätig hielten
in Wirklichkeit leblos und passiv sind Dies ist eine sehr wichtige Entdeckung
sie erhebt den Geist befreit ihn von manchem gemeinen Aberglauben und fordert
zu anderen ähnlichen Entdeckungen auf
Sowie die Philosophie vorschreitet zieht sich Leben und Tätigkeit aus den
Gegenständen der Natur zurück und lässt sie tot und untätig Statt dass sie
sich freiwillig bewegen finden wir nun dass sie notwendig bewegt werden
statt tätig oder wirkend zu sein finden wir dass auf sie gewirkt wird und
die Natur erscheint als eine große Maschine in der ein Rad durch ein anderes
und dies durch ein drittes gedreht wird und der Philosoph weiß nicht wie weit
diese notwendige Reihenfolge reichen mag90
Es existiert also eine spontane Neigung des Geistes sich alle Fälle von
Verursachung dadurch zu erklären dass er sie dem absichtlichen Handeln von
willensfähigen Agentien wie er selbst ist vergleicht Dies ist die
instinktmäßige Philosophie des menschlichen Geistes ehe er noch mit anderen
unveränderlichen Folgen als den zwischen seinem Wollen und seinen freiwilligen
Handlungen bestehenden vertraut geworden ist So wie sich die Vorstellung von
festen zwischen den ewigen Erscheinungen stattfindenden Gesetzen der Folge
allmälig herausbildet so macht ihr die Neigung alle Erscheinungen auf eine
Willenstätigkeit zurückzuführen langsam Platz Da indessen die Anregungen des
täglichen Lebens fortwährend mächtiger sind als die des philosophischen
Gedankens so behält unter dem durch die Kultur gewonnenen Wachstum die
ursprüngliche instinktive Philosophie ihren Boden in dem Geiste und setzt dem
Wurzeltreiben jenes Wachstums in den tiefen Grund hinein einen dauernden
Widerstand entgegen Aus jenem Untergrund zieht die Theorie gegen die ich
streite ihre Nahrung Ihre Stärke liegt nicht in dem Argument sondern in ihrer
Verwandtschaft mit einer hartnäckigen Neigung des jugendlichen Menschengeistes
Dass diese Neigung indessen nicht das Resultat eines inhärenten
Geistesgesetzes ist ist mehr als genügend bewiesen Die Geschichte der
Wissenschaft zeigt von dem ersten Tage an dass die Menschen weder die Wirkung
von Materie auf Materie übereinstimmend für unbegreiflich noch die Wirkung von
Geist auf Materie für begreiflich hielten Das letztere schien manchen Denkern
und manchen Schulen von Denkern sowohl der alten als auch der neuem Zeit viel
unbegreiflicher als das erstere Sobald der Geist hinreichend vertraut mit
ihnen geworden war erschienen völlig physikalische und materielle Sequenzen als
vollkommen natürlich und man hielt sie nicht allein für einer Erklärung nicht
selbst bedürftig sondern sogar für fähig anderen Sequenzen eine Erklärung zu
gewähren ja sogar als letzte Erklärung der Dinge im allgemeinen zu dienen
In neuerer Zeit hat einer der geschicktesten Verteidiger der Willenstheorie
eine zugleich historisch wahre und philosophisch scharfsinnige Erklärung von dem
Scheitern der griechischen Philosophen in der physikalischen Forschung gegeben
in welcher er glaube ich seinen eigenen Geisteszustand unbewusst zeichnet »In
der Natur des Beweises den sie von ihrer Überzeugung zu erwarten hatten lag
für sie ein Stein des AnstoßesSie hatten die Idee nicht erfasst dass sie
nicht erwarten durften die Prozesse der äußeren Ursachen sondern nur deren
Resultate zu verstehen und es war daher die ganze physikalische Philosophie
der Griechen ein Versuch die Wirkung mit ihrer Ursache geistig zu
identifizieren nach einem nicht allein notwendigen sondern auch natürlichen
Konnex zu forschen wo sie unter natürlich das verstanden was ihrem eigenen
Geiste per se irgend eine Präsumtion zuführte Sie wollten einen Grund sehen
warum das physikalische Antezedens dieses besondere Konsequenz hervorbrachte
und ihr ganzes Streben ging in Richtungen in denen sie solche Gründe finden
konnten«91 Mit anderen Worten sie waren nicht damit zufrieden bloß zu
wissen dass eine Erscheinung immer auf die andere folgt sondern sie glaubten
das wahre Ziel der Wissenschaft nicht erreicht zu haben wenn sie in der Natur
der einen Erscheinung nicht etwas wahrnehmen konnten woraus man vor der Probe
hatte wissen oder vermuten können dass das andere auf es folgen werde dies
ist gerade das was der Schriftsteller der diesen Irrtum so klar nachgewiesen
hat in der Natur der Willenserscheinung wahrzunehmen glaubt Um den Fall
vollständig darzustellen hätte er noch hinzufügen sollen dass diese frühen
Denker dies nicht allein zu ihrem Ziel machten sondern dass sie mit dem dabei
erreichten Erfolg ganz zufrieden waren dass sie nicht allein nach Ursachen
suchten die bei der bloßen Angabe derselben den Beweis ihrer Wirksamkeit
mitbrachten sondern dass sie auch völlig glaubten sie hätten solche Ursachen
gefunden Der Reviewer kann klar einsehen dass dies ein Irrtum war weil er
nicht glaubt dass zwischen materiellen Erscheinungen Beziehungen existieren
welche erklären können warum sie einander erzeugen aber gerade das Beharren
der Griechen in diesem Irrtum zeigt dass ihr Geist meinem andern Zustand war
sie waren im Stande aus der Vergleichung von physikalischen Tatsachen mit
anderen physikalischen Tatsachen die Art von geistiger Befriedigung
herzuleiten die wir mit dem Worte Erklärung verbinden und von der uns der
Rezensent will glauben machen sie wäre bloß in der Zurückführung der
Erscheinungen auf einen Willen zu finden Wenn Thales und Hippo die Feuchtigkeit
für die allgemeine Ursache das ewige Element hielten wovon alle anderen Dinge
nur die unendlich mannigfaltigen fühlbaren Offenbarungen wären wenn Anaximenes
dasselbe von der Luft Pythagoras von den Zahlen behauptete usf so glaubten
sie alle sie hätten eine wirkliche Erklärung gefunden und beschieden sich bei
dieser Erklärung als einer letzten stehen zu bleiben Die gewöhnlichen Sequenzen
des äußeren Universums schienen ihnen ohne die Annahme einer allgemeinen
Tätigkeit wodurch Antezedens und Konsequenz verknüpft werden nicht weniger
unbegreiflich als ihrem Kritiker aber sie dachten nicht dass der durch den
Geist ausgeübte Wille die einzige diesem Erfordernis entsprechende Tätigkeit
wäre Feuchtigkeit Luft öder Zahlen machten auf ihren Geist gerade einen
solchen Eindruck dass ihnen verständlich schien was ihnen sonst unbegreiflich
vorkam und das Verlangen ihres Fassungsvermögens erhielt dadurch volle
Befriedigung
Nicht die Griechen allein »wollten einen Grund sehen warum das
physikalische Antezedens diese besondere Folge hervorbrachte« irgend einen
Konnex »der ihrem eigenen Geiste per se eine Präsumtion zuführte« Unter den
neueren Philosophen stellte Leibnitz als einen selbstverständlichen Grundsatz
auf dass alle physikalischen Ursachen ohne Ausnahme in ihrer eigenen Natur
etwas enthalten müssen was uns verständlich macht dass sie im Stande sind
gerade die Wirkungen zu erzeugen welche sie erzeugen Weit entfernt die
Willenstätigkeit als die einzige Art von Ursache gelten zu lassen welche den
inneren Beweis ihres eigenen Vermögens mit sich führt verlangte er ein in
natürlicher Weise und per se urwirkendes physikalisches Antezedens als eine
Bürgschaft des Zusammenhangs zwischen dem Wollen selbst und dessen Wirkmagen Er
weigerte sich entschieden den Willen Gottes als eine genügende Erklärung von
etwas anderem als Wundern anzuerkennen und suchte beharrlich nach etwas das die
Naturerscheinung besser erkläre als die bloße Zurückführung auf einen
göttlichen Willen92
Umgekehrt schien manchen Denkern die Wirkung des Geistes auf die Materie
welche wie man uns jetzt sagt nicht allein selbst keiner Erklärung bedarf
sondern auch die Erklärung aller anderen Wirkungen ist selbst die große
Unbegreiflichkeit zu sein Gerade um über diese Schwierigkeit hinwegzukommen
erfanden die Cartesianer die gelegentlichen Ursachen Sie konnten nicht
begreifen dass Gedanken in einem Geiste Bewegungen in einem Körper
hervorbringen konnten und dass körperliche Bewegungen Gedanken erzeugen
konnten Sie konnten keinen notwendigen Zusammenhang keine aprioristische
Beziehung zwischen einer Bewegung und einem Gedanken sehen Und da die
Cartesianer mehr als eine jede andere philosophische Schule vor oder nach
ihnen ihren eigenen Geist zum Maß aller Dinge machten und sich grundsätzlich
weigerten zu glauben die Natur habe das getan wovon sie keinen Grund sehen
konnten dass sie dies musste so behaupteten sie es wäre unmöglich dass eine
materielle und eine geistige Tatsache einander Ursache sein könnten Sie
betrachteten sie als bloße Gelegenheiten bei denen das wirkliche Agens Gott
seine Macht als Ursache auszuüben für angemessen hielt Wenn jemand seinen Fuß
bewegen will so ist es nicht sein Wille der ihn bewegt sondern so sagen sie
Gott bei Gelegenheit seines Willens Nach diesem System ist Gott die einzige
urwirkende Ursache nicht qua Geist oder qua willensbegabt sondern qua
allmächtig Diese Hypothese wurde wie gesagt ursprünglich durch die supponierte
Unbegreiflichkeit einer realen gegenseitigen Wirkung zwischen Geist und Materie
an die Hand gegeben aber später wurde sie auch auf die Wirkung von Materie auf
Materie ausgedehnt denn bei näherer Prüfung fanden sie auch diese
unbegreiflich und daher ihrer Logik nach unmöglich Der Deus ex machina wurde
zuletzt herbeigerufen um bei der Gelegenheit des Zusammentreffens von Stahl und
Feuerstein einen Funken zu erzeugen oder bei Gelegenheit des Herabfallens eines
Eis dasselbe zu zerbrechen
Alles dies neigt ohne Zweifel dass die Menschen nach ihrer Anlage im
allgemeinen nicht damit zufrieden sind zu wissen dass die eine Tatsache
beständig Antezedens und die andere Folge ist sondern dass sie nach etwas
suchen was dies zu erklären scheint etwas aneu hou to aition ouk an pot eiê
aition Wir sehen aber auch dass dieses Verlangen durch eine rein physikalische
Tätigkeit vollständig befriedigt werden kann vorausgesetzt dass man viel
vertrauter mit ihr sei als mit dem das sie zu erklären berufen ist Es
erschien Thales und Anaximenes unbegreiflich dass die Antecedentien welche wir
in der Natur sehen die Sequenzen hervorbringen sollten es schien ihnen aber
ganz natürlich dass es Wasser oder Luft taten Die Schriftsteller welche ich
bekämpfe erklären dies zwar für unbegreiflich aber sie können begreifen dass
der Geist oder der Wille per se eine urwirkende Ursache eine causa efficiens
ist während die Cartesianer nicht einmal dies begreifen konnten sondern
peremptorisch erklärten dass keine Erzeugungsweise irgend einer Tatsache
begreiflich ist ausgenommen die direkte Vermittlung eines allmächtigen Wesens
So bewiesen auch sie was sich in einem jedem Stadium der Geschichte der
Wissenschaft bestätigt findet dass sowohl das was die Menschen begreifen als
auch das was sie nicht begreifen können zum großen Teil eine Sache des
Zufalls ist und gänzlich von ihrer Erfahrung und ihren Denkgewohnheiten
abhängt dass sich die Menschen durch das Kultivieren der erforderlichen
Ideenassoziationen unfähig machen können irgend ein gegebenes Ding zu
begreifen und dass sie sich in den Stand setzen können die meisten Dinge zu
begreifen so unbegreiflich sie ihnen auch im Anfang erscheinen mögen Dieselben
Tatsachen in der geistigen Geschichte eines Jeden die bestimmen was ihm
begreiflich oder unbegreiflich ist bestimmen auch welche von den verschiedenen
Sequenzen in der Natur ihm so natürlich und plausibel erscheinen werden dass es
keines anderen Beweises ihrer Existenz bedarf um gleich unabhängig von der
Erfahrung und Erklärung durch ihr eigenes Licht ersichtlich zu werden
Nach welcher Regel soll man aber zwischen der einen und der andern Theorie
dieser Art entscheiden Die Theoretiker verweisen uns nicht auf einen
äußerlichen Beweis sondern ein jeder von ihnen beruft sich auf seine eigenen
subjektiven Gefühle Der eine sagt die Sukzession C B scheint mir per se
natürlicher begreiflicher und glaubwürdiger als die Folge A B ihr seid daher
im Irrtum wenn ihr glaubt dass B von A abhängig ist ich bin gewiss wenn ich
auch keinen weiteren Beweis dafür gehen kann dass C zwischen A und B eintritt
und die wirkliche und einzige Ursache von B ist Der andere entgegnet die
Sukzessionen A B und C B erscheinen mir gleich natürlich und begreiflich oder
die letztere eher mehr als die erstere A ist im Stande ohne eine jede andere
Vermittlung B zu erzeugen Ein dritter stimmt mit dem ersten darin überein dass
er unfähig ist zu begreifen A könne B erzeugen aber er findet die Sequenz D
B noch natürlicher oder dem Gegenstand verwandter als die C B und zieht seine
D Theorie der C Theorie vor Es ist klar dass hier kein universales Gesetz
wirkt wenn nicht das Gesetz dass die Vorstellungen eines jeden Menschen durch
seine individuelle Erfahrung und seine Denkgewohnheiten regiert und beschränkt
werden Wir sind berechtigt von allen dreien zu sagen was ein jeder von ihnen
von den beiden anderen sagte nämlich dass sie eine besondere Folge von
Erscheinungen welche ihnen bloß weil sie damit vertrauter waren natürlicher
und begreiflicher vorkam als andere Folgen zu einem ursprünglichen Gesetz des
menschlichen Geistes und der äußeren Natur erhoben Und von dieser Verurteilung
kann ich die Theorie welche das Wollen für eine urwirkende Ursache für eine
causa efficiens erklärt nicht ausnehmen
Ich kann diesen Gegenstand nicht verlassen ohne auf einen anderweitigen in
dem Folgesatz dieser Theorie enthaltenen Fehlschluss aufmerksam zu machen auf
den Fehlschluss in der Folgerung nämlich dass weil das Wollen eine urwirkende
Ursache es folglich auch die einzige Ursache und das direkte Agens in der
Erzeugung sogar dessen ist was allem Anschein nach durch etwas Anderes erzeugt
wird Von dem Wollen ist nicht bekannt dass es außer der Nerventätigkeit
direkt noch etwas anderes erzeugt denn der Wille hat nur vermittelst der Nerven
einen Einfluss auf die Muskeln Wenn man daher auch zugestehen wollte eine jede
Erscheinung habe eine urwirkende und nicht bloß eine phänomenale Ursache und
das Wollen sei in dem Falle der besonderen Erscheinung von der bekannt ist dass
sie durch dasselbe erzeugt wird diese urwirkende Ursache sollen wir deshalb
mit jenen Schriftsteller sagen dass weil wir keine andere urwirkende Ursache
kennen und unbewiesen keine annehmen dürfen es auch keine andere gibt und
dass das Wollen die direkte Ursache aller Erscheinungen ist Man könnte kaum
eine Folgerung von einer unerhörten Tragweite machen Weil es unter der
unendlichen Mannigfaltigkeit von Naturerscheinungen eine gibt nämlich ein
besonderer Tätigkeitsmodus gewisser Nerven der als Ursache und wie wir für
jetzt annehmen als seine urwirkende Ursache einen Zustand unseres Geistes hat
und weil dies die einzige effiziente Ursache ist deren wir uns bewusst sind
die einzige deren wir uns der Natur des Falle nach bewusst sein können da es
die einzige ist die in uns selbst liegt sind wir dadurch berechtigt zu
schließen dass alle anderen Erscheinungen dieselbe Art von urwirkender Ursache
haben müssen wie diese so sehr spezielle beschränkte und ganz besondere
menschliche oder tierische Erscheinung Eine Parallele zu diesem Probestück
von einer Generalisation bietet der in neuerer Zeit wieder auflebende Streit
über die Pluralität der Welten in dem die streitenden Theile mit so sichtbarem
Erfolg einander über den Haufen warfen Auch hier haben wir nur die Erfahrung
eines einzelnen Falles die Erfahrung dieser Welt in der wir leben aber dass
diese bewohnt ist wissen wir absolut und sogar ohne dass ein Zweifel möglich
wäre Wenn nun jemand auf diesen beweis hin folgern wollte dass ein jeder
Himmelskörper Sonne Planet Mond Komet Fixstern oder Nebelfleck ohne
Ausnahme bewohnt ist und der inhärenten Beschaffenheit der Dinge nach sein
muss so würde seine Folgerung genau so aussehen wie die der Schriftsteller
welche schließen dass weil das Wollen die urwirkende Ursache unserer
körperlichen Bewegungen ist sie auch die urwirkende Ursache von allem Andern im
Weltall sein muss Es ist wahr es gibt Fälle in welchen wir von einem
einzigen Fall auf eine Menge von Fällen generalisieren dürfen aber es müssen
Fälle sein welche dem bekannten Falle gleichen und nicht Fälle die keinen
andern Umstand mit ihm gemein haben als dass es eben Fälle sind Ich besitze
zB keinen direkten Beweis davon dass außer mir irgend ein Geschöpf Leben
hat und dennoch schreibe ich anderen menschlichen Wegen und Tieren mit
vollkommener Gewissheit Leben und Empfindung zu ich schließe aber nicht dass
bloß weil ich lebe auch alle anderen Dinge leben Ich schreibe gewissen
anderen Dingen ein Leben zu das meinem eigenen Leben gleicht weil sie es durch
dieselbe Art von Indikationen kundgeben durch welche sich das meinige
kundgibt Ich finde dass ihre Erscheinungen und die meinigen sich nach
demselben Gesetze richten und aus diesem Grund glaube ich dass beide von der
gleichen Ursache stammen Ich dehne demnach den Schluss nicht weiter aus als
seine Gründe reichen Die Erde das Feuer die Berge die Bäume sind
bemerkenswerte Agentien aber ihre Erscheinungen richten sich nicht nach
denselben Gesetzen wie meine Handlungen und ich glaube daher nicht dass die
Erde oder das Feuer die Berge oder die Bäume animalisches Leben besitzen Aber
die Anhänger der Willenstheorie verlangen von uns dass wir folgern die
Willenstätigkeit verursache Alles und zwar aus keinem andern Grund als weil
sie ein besonderes Ding verursacht und obgleich dieses eine Phänomen weit
entfernt ein Vorbild aller natürlichen Phänomene zu sein ein durchaus
eigentümliches ist dessen Gesetze kaum mit irgend anderen Erscheinungen der
unorganischen oder organischen Natur eine Ähnlichkeit haben
Der Verfasser des zweiten Burnett Prize Essays Dr Tulloch welcher die in
den vorhergehenden Kapiteln aufgestellte Lehre durch viele Seiten hindurch
bestritten hat mich einigermaßen dadurch überrascht dass er eine Tatsache
geleugnet hat welche ich für zu bekannt hielt um eines Beweises zu bedürfen
die nämlich dass es Philosophen gegeben hat welche in der physikalischen
Erklärung von Naturerscheinungen dieselbe vollständige Befriedigung des Geistes
fanden von welcher man uns sagt sie wäre bloß in der Willenstheorie zu
finden und dass andere die Willenstheorie auf denselben Grund hingeworfen
haben auf den sich ihre Verteidigung stützt nämlich auf den Grund der
Unbegreiflichkeit hin Die Behauptung des Essayisten wird noch viel
entschiedener von einem gewandten Rezensenten der Essays vertreten dieser sagt
93 »Zur Erläuterung führt Herr Mill zwei Fälle an den Fall von Thales und
Anaximenes von denen er angibt der eine habe die Feuchtigkeit der andere die
Luft für den Ursprung aller Dinge gehalten und den Fall von Descartes und
Leibnitz von denen er behauptet sie hätten die Wirkung von Materie auf Materie
für die große Unbegreiflichkeit gehalten In Betreff des ersten dieser Fälle
zeigt nun der Autor was unserer Ansicht nach jetzt kaum noch einen Zweifel
zulässt dass die griechischen Philosophen im Gegenteil entschieden als
oberhalb ihrer ersten materiellen Quelle stehend das nous oder die göttliche
Intelligenz als die effiziente und ursprüngliche Quelle von Allem anerkannten
in Beziehung auf den zweiten Fall zeigt er dass der Modus nicht die Tatsache
dieser Wirkung auf die Materie als unbegreiflich dargestellt wurden«
Nie sind in einem einzigen Ausspruch so viele historische Irrtümer
zusammengedrängt worden als in diesem Die Behauptung Thales habe das Wasser
bloß als das Material in der Hand des nous betrachtet stützt sich auf eine
Stelle in Ciceros de Natura Deorum und wer die genaueren Geschichtsschreiber
der Philosophie befragen will der wird finden dass sie dieses als eine bloße
Grille von Cicero behandeln die sich auf keine Autorität stützt und eines jeden
Grundes entbehrt und dass sie Vermutungen aufstellen in Beziehung auf die Art
und Weise wie Cicero zu diesem Irrtume möge verleitet worden sein Man sehe
Ritter B I p 211 2te Aufl Brandis B I p 118 19 1ste ed Preller
Historia Philosophiae GraecoRomanae p 10 »Schiefe Ansicht durchaus zu
verwerfen« »augenscheinlich folgernd statt zu berichten« »quibus vera
sententia Thaletis plane detorquetur« sind die Ausdrücke dieser
Schriftsteller Was Anaximenes betrifft so behauptete er sogar nach Cicero
nicht dass die Luft das Material war aus welchem Gott die Welt machte sondern
dass die Luft ein Gott wäre »Anaximenes aëra deum statuit« oder nach St
Augustin dass es das Material wäre aus dem die Götter gemacht wären »non
tamen ab ipsis Diis aërem factum sed ipsos ex aëre ortos credidit«
Diejenigen welche mit der metaphysischen Terminologie des Altertums nicht
vertraut sind dürfen sich nicht wie Dr Tulloch missleiten lassen wenn sie
angegeben finden Anaximenes habe seinem universellen Element der Luft psychê
in der Übersetzung Seele oder Leben zugeschrieben Die griechischen
Philosophen erkannten mehrere Arten von psychê an die nährende nutritive die
empfindende sensitive und die verständige intellective94 Sogar die Neuern
schreiben als eine anerkannt richtige Sache den Pflanzen Leben zu Soweit wir
hinter die Meinung von Anaximenes kommen können wählte er die Luft als das
universale Agens weil sie ohne eine außerhalb ihrer selbst zu findende äußere
Ursache ewig in Bewegung ist was er als die Äußerung einer spontanen Kraft
als das Prinzip des Lebens und der Tätigkeit aller Dinge Menschen und Götter
eingeschlossen ansah Wenn dies nicht heißt sie als causa efficiens
hinstellen so hat der Streit ganz und gar keinen Sinn
Wenn Anaximenes oder Thales oder einer ihrer Zeitgenossen die Ansicht gehabt
hätte dass nous wäre die urwirkende Ursache so hätte die Entstehung dieser
Lehre nicht das ganze Altertum hindurch dem Anaxagoras zugeschrieben werden
können Das Zeugnis von Aristoteles ist in Beziehung auf diese frühzeitigen
Spekulationen vollkommen entscheidend Nachdem er vier Arten von Ursachen oder
vielmehr vier verschiedene Bedeutungen des Wortes Ursache aufgezählt hat
nämlich das Wesen die Essenz eines Dinges die Materie desselben den Ursprung
der Bewegung causa efficiens und die Endursache fährt er fort die meisten
der früheren Philosophen erkannten bloß die zweite Art Ursache an die Materie
eines Dinges tas en hylês eidei monas ôêthêsan archas einai pantôn Als sein
erstes Beispiel nennt er Thales den er als den in dieser Ansicht von dem
Gegenstand vorangehenden bezeichnet ho tês toiautês archêgos philosophias und
geht sodann zu Hippo Anaximenes Diogenes von Apollonia Hippasus von
Metapontum Heraclit und Empedocles über Anaxagoras fährt er fort lehrte
indessen eine andere Lehre wie wir wissen und es wird angegeben dass
Hermotimus von Clazomenae sie vor ihm gelehrt habe Anaxagoras stellte den
Philosophen vor dass wenn diese verschiedenen Theorien von dem universalen
Material auch wahr wären doch noch eine andere Ursache nötig wäre um die
Transformationen des Materials zu erklären indem das Material nicht seine
eigenen Veränderungen hervorbringen kann ou gar dê ge hypokeimenon auto poiei
metaballein heauto legô d oion oute to xylon oute ho chalkos aitios tou
metaballein hekateron outôn oude poiei to men xylon klinên ho de chalkos
andrianta all heteron ti tês metabolês aition nämlich die andere Art Ursache
hothen hê archê tês kinêseôs eine effiziente Ursache Aristoteles zollt dieser
Lehre großen Beifall er sagt von ihr sie lasse ihren Schöpfer als den
einzigen nüchternen Mann unter faselnden Menschen erscheinen oion nêphôn
hephanê par eikê legontas tous proteron aber während er den Einfluss
beschreibt den sie auf spätere Betrachtungen ausübte bemerkt er dass die
Philosophen denen gegenüber diese unübersteigliche Schwierigkeit hervorgehoben
worden war durchaus nicht gefühlt hätten dass es eine Schwierigkeit sei ouden
edyscheranan en heautois Es ist gewiss unnötig mehr für den Beweis der von
Dr Tulloch und seinem Rezensenten geleugneten Tatsachen zu sagen
Nachdem Aristoteles angedeutet dass jene älteren Denker darin irrten dass
sie die Notwendigkeit einer urwirkenden Ursache nicht anerkannten nennt er
noch zwei andere urwirkende Ursachen zu denen sie statt zur Intelligenz ihre
Zuflucht hatten nehmen können tychê der Zufall und to automaton die
Spontaneität Diese verwirft er als nicht hinreichend würdige Ursachen für die
Ordnung im Universum oud au tô automatô kai tê tychê tosouton epitrepsai
pragma kalôs eichen aber er verwirft sie nicht als unfähig irgend eine Wirkung
sondern nur als unfähig jene Wirkung hervorzubringen Er selbst anerkennt tychê
und to automaton als dem Geist koordinierte Agentien in der Erzeugung der
Erscheinungen des Universums indem das ihnen zugewiesene Gebiet aus allen
Classen von Erscheinungen zusammengesetzt ist von denen nicht angenommen wird
sie folgten aus einem gleichförmigen Gesetz Indem Aristoteles so den Zufall
unter die urwirkenden Ursachen aufnahm fiel er in einen Irrtum dem die
Philosophie gegenwärtig zwar entwachsen ist der jedoch keineswegs auch dem
Geist des modernen Denkens so fremd ist als es auf den ersten Blick hin
scheinen dürfte Die Philosophen schrieben den Resultaten der Abstraktion noch
in einer naheliegenden Zeit eine reale Existenz zu und manche schreiben ihnen
dieselbe noch gegenwärtig zu Der Zufall hat aber ebenso große Ansprüche auf
diese Würde als viele andere abstrakte Schöpfungen des Geizes er erhielt einen
Namen und warum sollte er keine Realität sein Was to automaton betrifft so
wird es sogar noch jetzt von allen Denkern welche die sogenannte Freiheit des
Willens aufrecht erhalten als eine der Erzeugungsweisen der Erscheinungen
angenommen Dasselbe selbstbestimmende Vermögen welches jene Lehre dem Wollen
beilegt setzten die Alten auch in einigen anderen Naturerscheinungen voraus
ein Umstand der auf mehr als eine der supponierten unbesiegbaren
Glaubensnotwendigkeiten ein starkes Licht wirft Ich habe dies hier angeführt
weil dieser Glaube des Aristoteles oder vielmehr der griechischen Philosophen im
allgemeinen der Theorie der menschliche Geist sei durch seine Beschaffenheit
gezwungen die Willenstätigkeit für den Ursprung aller Kraft und die urwirkende
Ursache aller Erscheinungen zu halten eben so verderblich ist als die Lehre
von Thales und der Jonischen Schule95
In Beziehung auf die neueren Philosophen Leibnitz und die Cartesianer
welche ich ihrer Behauptung wegen angeführt habe dass die Wirkung des Geistes
auf die Materie weit entfernt der einzig begreifliche Ursprung der materiellen
Erscheinungen zu sein selbst unbegreiflich sei so ist der Versuch dieses
Argument durch die Behauptung zu widerlegen der Modul nicht die Tatsache der
Wirkung des Geistes auf die Materie wäre von jenen als unbegreiflich dargestellt
worden ein Missbrauch des Privilegiums mit Zuversicht über Schriftsteller zu
schreiben ohne sie zu lesen denn die geringste Kenntnis von Leibnitz würde die
so von ihm sprechenden belehrt haben dass die Unbegreiflichkeit des Modus und
die Unmöglichkeit der Tatsache in seinem Geiste miteinander zu verwechselnde
Ausdrücke waren Was war sein Prinzip vom hinreichenden Grund dem Eckstein
seiner Philosophie von dem die prästabilierte Harmonie die Monadenlehre und
alle besonders charakteristischen Ansichten von Leibnitz Folgesätze sind Es
war dass nichts existiert dessen Existenz nicht a priori bewiesen und erklärt
werden kann indem bei zufälligen Tatsachen Beweis und Erklärung aus ihren
Ursachen abgeleitet wird die aber nicht die Ursachen sein könnten wenn nicht
etwas in ihrer Natur läge das zeigt dass sie fähig sind jene besondere
Wirkung hervorzubringen Und dieses die Erzeugung von physikalischen Wirkungen
erklärende »etwas« war er im Stande in vielen physikalischen Ursachen zu
finden er konnte es aber nicht in einem endlichen Geiste finden von dem er
daher ohne Bedenken behauptete er sei unfähig irgend welche physikalische
Wirkungen hervorzubringen »On ne saurait concevoir« sagt er »une action
réciproque de la matière et de lintelligence lune sur lautre« und man hat
daher nur die Wahl behauptet er zwischen den gelegentlichen Ursachen der
Cartesianer und seiner eigenen prästabilierten Harmonia nach welcher kein
innigerer Zusammenhang zwischen unserem Wollen und unseren Muskeltätigkeiten
besteht als zwischen zwei Uhren welche aufgezogen werden um in einem und
demselben Augenblick zu schlagen Aber in Beziehung auf physikalische Ursache
empfand er nicht die gleichen Schwierigkeiten und durch all seine Spekulationen
hindurch wie in der bereits angeführten Stelle bezüglich der Gravitation weist
er es entschieden von der Hand irgend eine Tatsache die nicht aus der Natur
ihrer physikalischen Ursache zu erklären ist als ein Teil der Natur anzusehen
In Betreff der Cartesianer nicht Descartess denn dieses Versehen habe ich
nicht gemacht obgleich der Rezensent von Dr Tullochs Abhandlung es mir
zuschreibt nehme ich eine fast auf den Zufall hin gewählte Stelle von
Mallebranche der von den Cartesianern am meisten bekannt ist und der wenn
auch nicht der Erfinder doch der Hauptvertreter des Systems der gelegentlichen
Ursachen ist Nachdem er in Teil II Cap 3 seines sechsten Buchs zuerst
ausgesprochen hat dass die Materie nicht das Vermögen haben kann sich selbst
zu bewegen argumentiert er weiter dass auch der Geist nicht das Vermögen haben
kann sie zu bewegen »Quand on examine lidée que lon a de tous les esprits
finis on ne voit point de liaison nécessaire entre leur volonté et le mouvement
de quelque corps que ce soit on voit au contraire quil ny en a point et
quil ny en peut avoir« in der Idee eines endlichen Geistes liegt nichts was
erklären kann dass er die Bewegung der Körper verursacht »on doit aussi
conclure si on vent raisonner selon ses lumières quil ny a aucun esprit créé
qui puisse remuer quelque corps que ce soit comme cause véritable et principale
de même que lon a dit quaucun corps ne se pouvait remuer soimême« so ist
nach ihm die Idee des Geistes eben so unverträglich mit der Ausübung von
tätiger Kraft wie die Idee von der Materie Aber wenn wir nicht einen
geschaffenen sondern einen göttlichen Geist betrachten fährt er fort so
ändert sich die Sache denn die Idee von einem göttlichen Geist schließt
Allmächtigkeit ein und die Idee der Allmächtigkeit enthält die Idee von der
Fähigkeit Körper zu bewegen Auf diese Weise ist es die Natur der Allmacht
welche sogar die Bewegung der Körper durch den göttlichen Willen glaubwürdig und
begreiflich macht während sie soweit sie von der bloßen Natur des Geistes
abhängig war unbegreiflich und unglaubwürdig gewesen wäre Wenn Mallebranche
nicht an ein allmächtiges Wesen geglaubt hätte so würde er eine jede Einwirkung
von Geist auf Körper für eine bewiesene Unmöglichkeit gehalten haben96
Eine Lehre die noch genauer das Gegenteil der Willenstheorie von der
Verursachung ist kann nicht wohl ersonnen werden Die Willenstheorie lagt wir
erkennen durch Anschauung oder direkte Erfahrung die Wirkung unseres eigenen
geistigen Wollens auf die Materie hieraus können wir folgern dass alle andere
Wirkung auf die Materie die eines Willens ist und wir können so ohne irgend
einen andern Beweis wissen dass die Materie unter der Herrschaft eines
göttlichen Geistes steht Leibnitz und die Cartesianer behaupten im Gegenteil
dass unser Wollen auf die Materie nicht wirkt und nicht wirken kann und dass
nur die Existenz eines allregierenden eines allmächtigen Wesens die Sequenz
zwischen unserm Wollen und unseren Körpertätigkeiten erklären kann Wenn wir
bedenken dass eine jede von diesen Theorien welche als Theorien der
Verursachung an den zwei entgegengesetzten äußersten Enden einer möglichen
Divergenz stehen die absolute Unbegreiflichkeit einer jeden andern von ihr
verschiedenen Theorie als ihren Beweis und zwar als ihren einzigen Beweis
anruft so sind wir im Stande den Werth dieses Beweises zu bemessen und wenn
wir die Willenstheorie gänzlich auf die Behauptung gebaut sehen wir wären durch
unsere geistige Beschaffenheit gezwungen unsere Willenstätigkeiten als
urwirkende Ursachen anzuerkennen und finden dann dass andere Denker behaupten
wir wüssten dass sie solche Ursachen nicht sind und nicht sein können und dass
wir nicht begreifen können sie wären solche Ursachen so glaube ich haben wir
ein Recht zu sagen dass dieses supponierte Gesetz unserer geistigen Konstitution
nicht existiert
Dr Tulloch hält es p 45 für eine genügende Antwort hierauf zu sagen
als wenn dies jemand geleugnet hätte dass Leibnitz und die Cartesianer
Theisten waren und glaubten der Wille Gottes sei eine urwirkende Ursache
Gewiss taten sie dies und die Cartesianer glaubten sogar nicht jedoch
Leibnitz dass er die einzige derartige Ursache sei Dr Tulloch verkennt die
Natur der Frage vollständig Ich habe nicht wie Dr Tulloch über den Theismus
geschrieben sondern gegen eine besondere Theorie der Verursachung die wenn sie
unbegründet ist weder dem Theismus noch sonst etwas anderem eine wirksame
Stütze sein kann Ich fand dass behauptet worden war das Wollen sei die
einzige urwirkende Ursache weil keine andere urwirkende Ursache begreiflich
ist Dieser Behauptung setzte ich die Beispiele von Leibnitz und den
Cartesianern entgegen welche eben so positiv behaupteten dass der Wille als
eine urwirkende Ursache selbst nicht begreiflich sei und dass die
Allmächtigkeit welche alle Dinge begreiflich macht die Unbegreiflichkeit
allein beseitigen könne Dies hielt ich und halte noch für eine bündige Antwort
auf das Argument auf dem diese Theorie der Verursachung erkanntermaßen ruht
Gewiss aber habe ich mir nicht eingebildet dass der Theismus mit dieser Theorie
verbunden wäre auch habe ich nicht erwartet dass man mir vorwerfen würde ich
hätte geleugnet dass Leibnitz und die Cartesianer Theisten waren weil ich
leugnete dass sie jener Theorie anhingen
1 Um die allgemeine Vorstellung von der Kausalität auf welcher die
Regeln der experimentellen Erforschung der Naturgesetze gegründet sind zu
ergänzen muss noch eine Unterscheidung hervorgehoben werden eine
Unterscheidung welche so fundamental und wichtig ist dass sie einer besonderen
Betrachtung bedarf
Die vorhergehende Diskussion hat uns mit dem Falle vertraut gemacht in
welchem verschiedene Agentien oder Ursachen als Bedingungen zur Hervorbringung
einer Wirkung zusammenwirken ein Fall der in Wahrheit allgemein ist da es nur
wenige Wirkungen gibt zu deren Hervorbringung nur ein einziges Agens beiträgt
Wir wollen daher annehmen dass zwei verschiedene vereint wirkende Agentien
unter gewissen parallel gehenden Bedingungen von einer gegebenen Wirkung
begleitet wären Wenn das eine dieser Agentien statt vereint mit dem andern
für sich allein unter derselben Reihe von Bedingungen in allen andern
Beziehungen gewirkt hätte so wäre wahrscheinlich irgend eine Wirkung erfolgt
welche von der vereinigten Wirkung der beiden Agentien verschieden und ihr mehr
oder weniger unähnlich gewesen wäre Wenn wir die Wirkungen der einzeln und
getrennt von einander wirkenden Ursachen kennen so können wir häufig deduktiv
oder a priori voraussagen was geschehen wird wenn die Agentien vereint wirken
Um dies tun zu können ist es nur nötig dass dasselbe Gesetz welches die
Wirkung der einzeln wirkenden Ursachen ausdrückt auch den Teil von der ganzen
Wirkung der beiden ausdrückt welcher dieser Ursache zukommt Diese Bedingung
wird bei einer sehr umfassenden und wichtigen Klasse von Naturerscheinungen den
sogenannten mechanischen namentlich bei dem Phänomen der Übertragung der
Bewegung eines Körpers auf einen andern oder des Drucks was ein Streben nach
Bewegung ist erfüllt In dieser wichtigen Klasse von Erscheinungen wird
niemals eine Ursache von der andern vernichtet oder aufgehoben sondern beide
haben ihre volle Wirkung Wenn ein Körper durch zwei Kräfte in zwei
verschiedenen Richtungen bewegt wird so bewegt er sich in einer gegebenen Zeit
genau so weit in beiden Richtungen als wenn die Kräfte einzeln auf ihn gewirkt
hätten und er kommt genau da an wo er angekommen wäre wenn erst die eine und
dann die andere Kraft auf ihn gewirkt hätte Dies ist das Naturgesetz welches
in der Mechanik das Prinzip der Zusammensetzung der Kräfte genannt wird ich
werde indem ich diesen wohlgewählten Ausdruck nachahme Zusammensetzung der
Ursachen das Prinzip nennen welches sich in allen Fällen ausspricht in denen
die vereinte Wirkung verschiedener Ursachen identisch mit der Summe der
einzelnen Wirkungen ist
Dieses Prinzip herrscht jedoch keineswegs in allen Kreisen der Natur Die
chemische Verbindung zweier Substanzen bringt bekanntlich eine dritte Substanz
hervor deren Eigenschaften von denen der einzelnen Substanzen oder auch beider
zusammengenommen gänzlich verschieden sind Keine einzige der Eigenschaften von
Sauerstoff und Wasserstoff ist in ihrer Verbindung dem Wasser bemerkbar Der
Geschmack des Bleizuckers ist nicht die Summe der Geschmacke seiner
Bestandteile der Essigsäure und des Bleioxyds und die Farbe des blauen
Vitriols ist nicht eine Mischung der Farben von Schwefelsäure und Kupfer Dies
erklärt warum die Mechanik eine deduktive oder demonstrative Wissenschaft ist
und die Chemie nicht In der einen können wir die Kombinationen der wirklichen
oder hypothetischen Ursachen aus den Gesetzen welche die einzeln wirkenden
Ursachen in uns bekannter Weise beherrschen berechnen was in Folge einer jeden
einzeln genommenen Ursache geschehen wäre geschieht wenn sie alle
zusammengenommen werden wir haben die Resultate nur zu addieren Bei den
Naturerscheinungen die der besondere Gegenstand der Chemie sind hören die
meisten Gleichförmigkeit nach denen sich die Ursachen richten so lange sie
einzeln sind auf wenn sie vereinigt sind und wir sind nicht im Stande
wenigstens nicht bei dem jetzigen Stande der Wissenschaft vorauszusagen
welches Resultat aus einer neuen Kombination folgen wird wenn wir es nicht
durch das spezifische Experiment versucht haben
Wenn dies von chemischen Verbindungen wahr ist so gilt es noch viel mehr
von jenen komplexen Verbindungen der Elemente welche die organisierten Körper
zusammensetzen und aus welchen jene außerordentlichen neuen Gleichförmigkeit
entstehen welche wir die Gesetze des Lebens nennen Alle organisierten Körper
sind aus Teilen zusammengesetzt die denen der unorganischen Natur ganz ähnlich
sind und welche vorher in einem unorganischen Zustande existierten aber die
Erscheinungen des Lebens welche aus der Juxtaposition dieser Theile
hervorgehen haben keine Ähnlichkeit mit den Wirkungen welche durch die
Wirkung der als bloße physikalische Agentien betrachteten Bestandteile
hervorgebracht würden Bis zu welchem Grade wir uns auch unsere Kenntnis der
Eigenschaften der Bestandteile von den lebenden Körpern ausgedehnt und
vervollkommnet denken mögen so ist gewiss dass ein bloßes Summieren der
einzelnen Wirkungen dieser Elemente die Wirkung des lebenden Körpers selbst
nicht wiedergeben wird Die Zunge zB ist wie die anderen Theile des
Tierkörpers aus Albumin Fibrin und anderen Produkten des Verdauungsprozesses
zusammengesetzt aber keine Kenntnis der Eigenschaften dieser Substanzen würde
uns erlauben vorauszusagen dass die Zunge Geschmack besitzt wenn nicht Albumin
und Fibrin selbst Geschmack besitzen denn es kann keine elementare Tatsache in
dem Schlusse liegen wenn sie nicht vorher in den Prämissen enthalten war
Es gibt also zwei verschiedene Arten von der vereinigten Wirkung von
Ursachen woraus zwei Arten von Konflikten oder gegenseitigen Interferenzen
unter den Naturgesetzen entstehen Nehmen wir an in einem gegebenen Punkte des
Baumes und der Zeit brächten zwei oder mehr Ursachen entgegengesetzte oder
wenigstens einander widerstreitende und einander ganz oder teilweise sich
aufhebende Wirkungen hervor So strebt die Expansivkraft der durch die
Verbrennung des Schießpulvers erzeugten Gase eine Kugel in die Hohe zu
schleudern während dieselbe durch ihre Schwere nach der Erde gezogen wird Ein
Strom fließt an dem einen Ende in ein Reservoir und strebt es mehr und mehr zu
füllen während ein Abzugsgraben an dem andern Ende es zu leeren strebt In
solchen Fällen nun wo die beiden vereint wirkenden Ursachen sich genau
gegenseitig annullieren wird das Gesetz beider dennoch erfüllt die Wirkung ist
dieselbe als wenn der Abzugsgraben zuerst eine halbe Stunde geöffnet gewesen97
und der Strom hernach eben so lange hineingeflossen wäre Wir haben also hier
zwei Ursachen welche vereint eine Wirkung hervorbringen welche von derjenigen
welche sie einzeln hervorbringen sehr verschieden zu sein scheint die sich
aber bei näherer Prüfung wirklich als die Summe dieser einzelnen Wirkungen
ergibt Es wird bemerkt werden dass wir den Begriff der Summe zweier Wirkungen
hier so erweitert haben dass er ihre gewöhnlich sogenannte Differenz die in
Wahrheit das Resultat der Addition entgegenwirkender Ursachen ist einschließt
ein Begriff dem man bekanntlich jene bewunderungswürdige Erweiterung des
algebraischen Kalküls verdankt das als ein Werkzeug der Entdeckung seine Stärke
dadurch so sehr vermehrt hat dass es in seine Schlüsse mit dem vorgesetzten
Zeichen der Subtraktion und unter dem Namen negativer Größen eine jede Art von
positiven Phänomenen eingeführt hat vorausgesetzt dass sie in Beziehung auf die
vorhereingeführten von einer solchen Qualität sind dass es einerlei ist ob man
die eine addiert oder eine gleiche Quantität von der andern abzieht
Es gibt also eine Art von gegenseitiger Interferenz der Naturgesetze in
welcher wenn auch die zusammenwirkenden Ursachen ihre Wirkungen einander
aufheben eine jede doch ihre volle Kraft nach dem eigenen Gesetze als ein
besonderes Agens ausübt In einer andern Art von Fällen hören jedoch die
Agentien welche zusammengebracht werden gänzlich auf und es entsteht eine
gänzlich verschiedene Reihe von Erscheinungen wie bei dem Experiment wo zwei
Flüssigkeiten die in gewissen Verhältnissen miteinander gemischt werden
augenblicklich eine feste Masse werden statt einfach zu einer größeren Menge
von Flüssigkeit zu werden
2 Dieser Unterschied zwischen dem Falle in welchem die vereinigte
Wirkung der Ursachen die Summe ihrer einzelnen Wirkungen und dem Falle wo sie
davon verschieden ist zwischen Gesetzen welche ohne Veränderung
zusammenwirken und solchen welche beim Zusammenwirken aufhören und anderen
Platz machen ist einer der wesentlichen Unterschiede in der Natur Der erstere
Fall der von der Zusammensetzung der Ursachen ist der allgemeine der andere
ist immer ein besonderer und exzeptioneller Fall Es gibt keine Gegenstände
welche nicht in einigen ihrer Erscheinungen dem Gesetze der Zusammensetzung der
Ursachen gehorchten keine welche nicht einige Gesetze hätten die nicht in
allen Verbindungen welche die Gegenstände eingehen streng erfüllt würden Das
Gewicht eines Körpers zB ist eine Eigenschaft welche er in allen seinen
Verbindungen beibehält Das Gewicht einer chemischen Verbindung oder eines
organisierten Körpers ist gleich der Summe der Gewichte der Elemente aus welchen
er zusammengesetzt isst Das Gewicht der Elemente oder der Verbindung wird sich
ändern je nachdem sie von ihrem Mittelpunkte der Anziehung entfernt oder ihm
genähert werden aber was das eine affiziert affiziert auch das andere Sie
bleiben immer genau gleich Ebenso verlieren die Bestandteile einer
Pflanzenoder Tiersubstanz ihre mechanischen und chemischen Eigenschaften als
besondere Agentien nicht wenn sie noch durch eine besondere Art von
Juxtaposition als ein aggregiertes Ganze physiologische oder vitale
Eigenschaften erlangen Diese Körper gehorchen wie vorher mechanischen und
chemischen Gesetzen insoweit der Wirkung dieser Gesetze nicht andere Gesetze
welche die organischen Körper beherrschen entgegenwirken Kurz wenn ein
Zusammenwirken von Ursachen stattfindet das neue Gesetze in Tätigkeit ruft
welche keine Ähnlichkeit mit denen haben welche wir die der einzelnen Wirkung
der Ursachen nachweisen können so können die neuen Gesetze während sie den
einen Teil der früheren Gesetze aufheben mit einem andern koexistieren und
sogar die Wirkung dieser früheren Gesetze mit der ihrigen vereinigen
Gesetze welche auf die zweite Weise hervorgerufen worden sind können
wiederum auf die erstere Weise andere hervorrufen Obgleich es Gesetze gibt
welche wie die chemischen und physiologischen Gesetze ihre Existenz einer
Verletzung des Prinzips der Zusammensetzung der Ursachen verdanken so folgt
daraus nicht dass diese eigentümlichen oder wie man sie nennen könnte
heteropatischen Gesetze einer Vereinigung miteinander nicht fähig sind Die
Ursachen deren Gesetze durch eine Verbindung geändert wurden können ihre neuen
Gesetze bis in ihre letzten Verbindungen mitnehmen Es gibt daher keinen Grund
um an der Möglichkeit die Chemie und Physiologie in die Reihe der deduktiven
Wissenschaften zu erheben zu zweifeln denn obgleich es unmöglich ist alle
chemischen und physiologischen Wahrheiten aus den Gesetzen der einfachen Körper
oder elementaren Agentien abzuleiten so können sie doch wahrscheinlich von
Gesetzen abgeleitet werden welche anfangen wenn diese einfachen Agentien in
eine massige Anzahl von nicht sehr komplexen Verbindungen zusammengebracht
werden Die Gesetze des Lebens werden niemals von den bloßen Gesetzen der
Bestandteile abgeleitet werden können aber die wunderbar verwickelten
Tatsachen des Lebens mögen aus verhältnismäßig einfachen Gesetzen des Lebens
abgeleitet werden welche Gesetze von Kombinationen aber verhältnismäßig
einfachen Kombinationen von Antecedentien abhängig in verwickelteren Umständen
unter sich und mit den physikalischen und chemischen Gesetzen der Bestandteile
verbunden sein können Die Einzelheiten der Lebenserscheinungen bieten sogar
jetzt schon unzählige Beispiele von der Zusammensetzung von Ursachen und im
Verhältnis als diese Erscheinungen genauer studiert werden stellt sich immer
mehr der Grund zu glauben heraus dass dieselben Gesetze welche in einfacheren
Kombinationen von Umständen wirken in der Tat auch in verwickelteren
Kombinationen befolgt werden Auch von den Erscheinungen des Geistes und sogar
von den sozialen und politischen Erscheinungen als Resultate der Gesetze des
Geistes wird man dies gleich wahr finden In Beziehung auf die chemischen
Naturerscheinungen ist das Streben die speziellen Gesetze auf allgemeine
zurückzuführen von denen sie abgeleitet werden können von dem geringsten
Erfolg begleitet gewesen aber es sind sogar in der Chemie einige Umstände
vorhanden welche zu der Hoffnung berechtigen dass solche allgemeinen Gesetze
noch entdeckt werden Man wird ohne Zweifel niemals finden dass die
verschiedenen Wirkungen einer chemischen Verbindung die Summe der Wirkungen
ihrer einzelnen Elemente sind aber es kann zwischen den Eigenschaften der
Verbindung und denen ihrer Bestandteile ein konstantes Verhältnis bestehen
welches im Falle es einer hinreichenden Induktion entdeckbar wäre uns in den
Stand setzen würde die Art einer neuen Verbindung vorauszusehen ehe wir sie
untersucht hätten und zu urteilen welche Elemente in die Zusammensetzung
einer neuen Substanz eingegangen sind ehe wir dieselbe analysiert haben Das
Gesetz der bestimmten Proportionen in seiner ganzen Allgemeinheit zuerst von
Dalton entdeckt ist eine vollständige Lösung dieser Aufgabe in einer Beziehung
wenn auch einer untergeordneten in Beziehung auf die Quantität in Beziehung
auf die Qualität besitzen wir schon einige partielle Generalisationen welche
die Möglichkeit eines weitern Fortschritts hinlänglich beweisen Wir können
viele gemeinsame Eigenschaften jener Klasse von Verbindungen voraussagen welche
aus der Verbindung in einer jeden der wenigen möglichen Proportionen von einer
Säure mit einer Basis hervorgehen Auch besitzen wir die sehr merkwürdigen
Gesetze von Berthollet wonach zwei lösliche Salze einander zersetzen wenn die
eine der neuen Verbindungen unlöslich oder weniger löslich als die beiden
früheren ist Eine andere Gleichförmigkeit welche man beobachtet hat ist
bekannt als das Gesetz des Isomorphismus der Identität der Krystallform von
Substanzen welche gewisse Eigentümlichkeiten der chemischen Zusammensetzung
gemein haben So scheint es dass sogar heteropatische Gesetze Gesetze einer
vereinigten Wirkung und nicht aus den Gesetzen der besonderen Agentien
zusammengesetzt in einigen Fällen wenigstens dennoch nach einem festen Prinzip
aus diesen abgeleitet werden können Es mag wohl Gesetze der Erzeugung von
Gesetzen aus anderen ihnen ähnlichen Gesetzen geben und in der Chemie können
diese noch unentdeckten Gesetze von der Abhängigkeit der Eigenschaften einer
Verbindung von den Eigenschaften ihrer Bestandteile im Verein mit den Gesetzen
der Elemente selbst die Prämissen abgeben vermittelst derer diese Wissenschaft
sich dereinst zu einer deduktiven erheben wird
Wie es scheint gibt es keine Art von Naturerscheinungen in denen die
Zusammensetzung der Ursachen nicht besteht es scheint dass man es als eine
allgemeine Regel betrachten kann dass kombinierte Ursachen dieselben Wirkungen
hervorbringen als wenn sie einzeln wirken dass diese Regel aber obgleich eine
allgemeine keine universale ist dass in einigen Fällen bei besonderen
Übergangspunkten der gesonderten zur vereinigten Wirkung die Gesetze sich
andern und eine ganz neue Reihe von Wirkungen sich denjenigen welche aus der
getrennten Action derselben Ursachen entspringen addiert oder dass sie deren
Stelle einnimmt dass die Gesetze dieser neuen Wirkungen wie die Gesetze
welche sie aufhoben in unbeschrankter Weise ebenfalls der Verbindung fähig
sind
3 Manche Schriftsteller haben als ein Axiom in der Theorie der
Verursachung angegeben dass die Wirkungen ihren Ursachen proportional sind und
man hat in den sich auf Naturgesetze beziehenden Schlüssen von diesem Prinzip
häufig einen wichtigen Gebrauch gemacht obgleich es mit vielen Schwierigkeiten
und scheinbaren Ausnahmen behaftet ist und viel Scharfsinn aufgewendet wurde
um zu zeigen dass dieselben keine wirklichen Ausnahmen sind Soweit er wahr ist
schließt sich dieser Satz als ein besonderer Fall dem allgemeinen Prinzip der
Zusammensetzung der Ursachen an indem die zusammengesetzten Ursachen in diesem
Falle homogen sind und wenn in irgend einem so darf man in diesem Fall
erwarten dass die vereinigte Wirkung der Summe der einzelnen Wirkungen
identisch ist Wenn eine Kraft von hundert Pfund einen Körper auf einer
geneigten Ebene in die Höhe zieht so wissen wir dass eine Kraft von
zweihundert Pfund zwei jenem ganz gleiche Körper bewegen wird die Wirkung ist
hier der Ursache proportional Enthält aber hier die Kraft von zweihundert Pfund
nicht wirklich zwei Kräfte von hundert Pfund eine jede welche die beiden Körper
einzeln bewegen würden Die Tatsache dass sie vereint wirkend die beiden
Körper zugleich bewegen ist also ein Resultat des Gesetzes der Zusammensetzung
der Ursachen und bloß ein Fall der allgemeinen Tatsache dass mechanische
Kräfte dem Gesetze der Zusammensetzung unterworfen sind Sie sind es in einem
jeden andern voraussetzbaren Falle denn die Lehre von der Proportionalität von
Ursache und Wirkung kann natürlicherweise nicht auf Fälle angewendet werden in
welchen die Vermehrung der Ursache die Art der Wirkung ändert dh auf solche
wo der Zuwachs der vermehrten Ursache sich nicht mit ihr vereint sondern wo
beide zusammen ein ganz neues Phänomen erzeugen Wir wollen annehmen die
Zuführung einer gewissen Menge Wärme vergrößere das Volumen eines Körpers die
doppelte Quantität schmelze und die dreifache zersetze ihn da diese drei
Wirkungen ganz heterogen sind so kann kein dem der zugeführten Wärme
entsprechendes oder auch nicht entsprechendes Verhältnis zwischen ihnen
aufgestellt werden Wir sehen also dass das supponierte Axiom von der
Proportionalität der Ursachen und Wirkungen genau in demselben Punkte fehl geht
in dem das Gesetz der Zusammensetzung der Ursachen fehl geht da nämlich wo das
Zusammentreffen von Ursachen der Art ist das es eine Veränderung der
Eigenschaften des Körpers hervorbringt und ihn neuen Gesetzen unterwirft die
mehr oder weniger von denen wonach er vorher existierte abweichen Es wird
daher die Anerkennung irgend eines Gesetzes der Art durch das viel umfassendere
Prinzip in welchem soviel als von ihm wahr implizite ausgesprochen ist
überflüssig
Die allgemeinen Bemerkungen über die Verursachung welche als eine
Einleitung in die Theorie des induktiven Verfahrens nötig schienen mögen
hiermit ihr Ende finden Das Verfahren ist wesentlich eine Untersuchung der
Ursachen Alle Gleichförmigkeit in der Folge der Naturerscheinungen und die
meisten Gleichförmigkeit in deren Koexistenz sind wie wir gesehen haben
entweder selbst Kausalgesetze oder Konsequenzen derselben und Folgesätze
welche aus diesen Gesetzen abgeleitet werden können Wenn wir bestimmen könnten
welches die Ursachen von irgend welchen Wirkungen und welches die Wirkungen von
irgend welchen Ursachen sind so würden wir mit dem ganzen Gange der Natur
bekannt sein Man würde alle jene Gleichförmigkeit welche bloß ein Resultat
von Ursachen sind erklären können und jede einzelne Tatsache jedes einzelne
Ereignis könnte vorausgesagt werden vorausgesetzt dass wir die erforderlichen
Data dh die erforderliche Kenntnis der Umstände hätten welche ihm in dem
besonderen Falle vorhergegangen sind
Zu bestimmen welches die in der Natur existierenden Kausalgesetze sind die
Wirkung einer jeden Ursache und die Ursachen aller Wirkungen festzusetzen ist
daher das vornehmste Geschäft der Induktion es ist der höchste Gegenstand der
induktiven Logik zu zeigen wie dies geschehen muss
1 Aus der vorhergehenden Auseinandersetzung ergibt sich dass das
Verfahren das die Folgen welche in der Natur mit irgend welchen Antecedentien
verknüpft sind oder mit anderen Worten welches untersucht wie
Naturerscheinungen sich als Ursache und Wirkung auf einander beziehen in
gewisser Hinsicht ein analytisches Verfahren ist Es kann als gewiss angesehen
werden dass eine jede Tatsache welche zu existieren anfängt eine Ursache hat
und dass diese Ursache unter den Tatsachen welche unmittelbar vorhergingen
gefunden werden muss Das Ganze der gegenwärtigen Tatsachen ist die unfehlbare
Folge aller vergangenen Tatsachen und unmittelbarer aller Tatsachen welche
in dem vorhergehenden Augenblicke existierten Es besteht also hier eine große
Sequenz von der wir wissen dass sie gleichförmig ist Wenn der ganze frühere
Zustand des Universums wiederkehren könnte so würde ihm der ganze jetzige
Zustand folgen Es bleibt nun die Aufgabe diese komplexe Gleichförmigkeit in
die einfacheren Gleichförmigkeit welche sie zusammensetzen aufzulösen und
einem jeden Teil des weiten Antezedens denjenigen Teil der Folgen zuzuweisen
der von ihm abhängig ist
Wir haben dieses Verfahren insofern es eine Auflösung eines komplexen
Ganzen in die es zusammensetzenden Elemente ist ein analytisches genannt es
ist jedoch mehr als eine bloße geistige Analyse die bloße Betrachtung einer
Naturerscheinung und ihre Trennung durch den Verstand allein kann dem Zwecke
den wir nun im Auge haben nicht entsprechen obgleich eine solche Trennung der
unerlässliche erste Schritt ist Die Ordnung in der Natur bietet uns bei dem
ersten Anblick jeden Augenblick ein Chaos dar dem ein anderes Chaos folgt Wir
müssen ein jedes Chaos in einfache Tatsachen zerlegen Wir müssen in dem
chaotischen Antezedens eine Menge unterschiedener Antecedentien in der
chaotischen Folge eine Menge unterschiedener Folgen zu erblicken lernen Wenn
wir auch dies als geschehen voraussetzen so erfahren wir doch nicht dadurch von
selbst von welchen der Antecedentien eine jede Folge beständig abhängig ist um
dies zu bestimmen müssen wir uns bemühen eine Trennung der Tatsachen nicht
in unserm Verstande allein sondern in der Natur zu Stande zu bringen die
Analyse durch den Verstand muss jedoch vorhergehen Ein jeder weiß dass in der
Art wie sie dies vollbringen die menschlichen Fähigkeiten unendlich
verschieden von einander sind sie ist aber das Wesentliche in dem Akt des
Beobachtens denn nicht der ist der Beobachter welcher das Ding vor sich mit
seinen Augen bloß sieht sondern derjenige welcher sieht aus welchen Teilen
dieses Ding zusammengesetzt ist Dies gut auszuführen ist ein seltenes Talent
Mancher übersieht die Hälfte aus Unaufmerksamkeit oder weil er auf den
unrechten Punkt achtet ein Anderer gibt mehr an als er sieht indem er es mit
dem was er sich einbildet oder folgert verwechselt ein Anderer nimmt Notiz
von der Art aller Umstände aber da er in der Schätzung ihrer Wichtigkeit
unerfahren ist lässt er die Quantität eines jeden unbestimmt und vage ein
Anderer sieht in der Tat das Ganze aber indem er Dinge zusammenwirft welche
getrennt werden sollten und andere trennt welche besser vereinigt zu
betrachten wären ist seine Teilung so verkehrt dass es ebenso gut und manchmal
schlimmer ist als wenn gar keine Analyse versucht worden wäre Es wäre möglich
anzudeuten welche geistigen Eigenschaften welche Arten von Geisteskultur
jemanden zu einem guten Beobachter machen können dies ist indessen nicht
Gegenstand der Logik sondern der Erziehung im weitesten Sinne des Worts Es
gibt eigentlich keine Kunst der Beobachtung für das Beobachten kann es nur
Regeln geben Aber diese sind wie die Kegeln für das Erfinden eigentlich
Unterweisungen für die Vorbereitung des eigenen Geistes um ihn in einen Zustand
zu versetzen in dem er am meisten befähigt ist zu beobachten oder in dem er
am wahrscheinlichsten erfinden wird Es sind daher wesentlich Regeln für die
Selbsterziehung was ein ganz anderes Ding ist als Logik Sie lehren nicht wie
das Ding zu tun ist sondern wie wir uns fähig machen können es zu tun Sie
sind eine Kunst die Glieder zu stärken nicht aber eine Kunst sie zu gebrauchen
Die erforderliche Ausdehnung und Genauigkeit der Beobachtung sowie der
Grad bis zu welchem es notwendig sein kann die geistige Analyse zu treiben
hängt von dem besonderen Zweck ab den man im Auge hat Den Zustand der ganzen
Welt in irgend einem besonderen Augenblick zu bestimmen wäre unmöglich und auch
nutzlos Wenn wir chemische Versuche machen so halten wir nicht für nötig den
Stand der Planeten zu notieren da die Erfahrung gelehrt hat und ein ganz
oberflächlicher Versuch zeigen kann dass dieser Umstand für das Resultat nicht
von Wichtigkeit ist aber zur Zeit als die Menschen an den verborgenen Einfluss
der Himmelskörper glaubten wäre es vielleicht unphilosophisch gewesen die
genaue Bestimmung des Standes dieser Körper in dem Augenblicke des Experiments
zu unterlassen Wenn wir in Beziehung auf die Genauigkeit der geistigen
Scheidung das was wir beobachten in seine einfachsten Elemente dh
buchstäblich in einfache Tatsachen zerlegen müssten so würde es uns schwer
fallen dieselben ausfindig zu machen wir können kaum jemals behaupten dass
unsere Scheidungen die letzte Einheit erreicht haben Aber auch dies ist
glücklicher Weise unnötig Der einzige Zweck der geistigen Scheidung ist uns
zu der erforderlichen physikalischen Scheidung zu führen so dass wir dieselbe
selbst vornehmen oder sie in der Natur suchen können wir haben genug getan
wenn wir die Scheidung bis zu dem Punkte geführt haben wo wir sehen können
welcher Beobachtungen und Experimente wir bedürfen Bis zu welchem Punkte unsere
geistige Scheidung für jetzt reichen mag es ist nur nötig dass wir uns im
Stand und bereit halten sie weiter zu führen wenn die Gelegenheit es verlangt
und dass wir uns unser Unterscheidungsvermögen nicht durch die Bande einer
gewöhnlichen Klassifikation fesseln lassen wie das mit allen früheren
spekulativen Forschern die Griechen nicht ausgenommen der Fall war indem es
ihnen kaum beifiel dass das was sie mit einem abstrakten Namen benannt hatten
in Wirklichkeit aus mehreren Phänomenen bestehen könnte oder dass es möglich
wäre die Tatsachen des Universums in andere Elemente als die von der
gewöhnlichen Sprache bereits anerkannten zu zerlegen
2 Nachdem also die verschiedenen Antecedentien und Folgen soweit es der
Fall verlangt als bestimmt und von einander unterschieden vorausgesetzt worden
sind müssen wir untersuchen wie die einen mit den anderen verknüpft sind In
einem jeden Falle den wir beobachten sind mehrere Antecedentien und mehrere
Folgen enthalten Wenn diese Antecedentien nur im Geiste von einander zu
trennen oder wenn diese Folgen niemals gesondert zu finden wären so wäre es
uns unmöglich wenigstens a posteriori ihre wahren Gesetze zu unterscheiden
oder einer jeden Ursache ihre Wirkung und einer jeden Wirkung ihre Ursache
anzuweisen Um das tun zu können müssen wir einigen der Antecedentien von
anderen gesondert begegnen und beobachten welches ihre Folgen sind oder wir
müssen einigen gesonderten Folgen begegnen und beobachten was ihnen
vorhergegangen war Wir müssen Bacons Regel befolgen und die Umstände verändern
Dies ist in der Tat nicht wie einige glaubten die einzige sondern es ist
die erste Regel der physikalischen Forschung und das Fundament aller übrigen
Um die Umstände zu verändern können wir nach einer gewöhnlichen
Distinktion unsere Zuflucht zu der Beobachtung oder zu dem Experimente nehmen
entweder wir finden in der Natur einen Fall der unserm Zweck entspricht oder
durch eine künstliche Anordnung der Umstände machen wir einen Der Werth des
Beispiels ist abhängig von dem was es an und für sich ist nicht von der Art
wie es erhalten wurde sein Gebrauch zu den Zwecken der Induktion beruht in
beiden Fällen auf denselben Prinzipien so wie der Gebrauch des Geldes derselbe
ist es mag ererbt oder erworben sein Kurz es gibt der Art nach keinen
Unterschied keine logische Distinktion zwischen den beiden Verfahrungsarten in
der Forschung Es gibt aber praktische Distinktionen und es ist von der
größten Wichtigkeit die Aufmerksamkeit auf diese zu richten
3 Der erste und augenfälligste Unterschied zwischen Beobachtung und
Experiment besteht darin dass letzteres eine unbegrenzte Ausdehnung der
ersteren ist Das Experiment setzt uns nicht allein in den Stand eine viel
größere Anzahl von Veränderungen hervorzubringen als die Natur uns freiwillig
darbietet sondern es erlaubt uns sogar in tausend Fällen genau die Art von
Veränderung hervorzurufen deren wir bedürfen um das Gesetz der
Naturerscheinung zu entdecken ein Dienst den uns die Natur die nicht nach dem
Plane und in der Absicht geschaffen ist uns unser Studium zu erleichtern
gewöhnlich versagt Um zB zu bestimmen welche Bestandteile die Atmosphäre
fähig machen das Leben zu unterhalten wäre die Veränderung erforderlich dass
wir ein lebendes Thier mit einem jeden dieser Bestandteile getrennt umgäben
Die Natur bietet aber weder den Sauerstoff noch den Stickstoff in einem
getrennten Zustande dar wir verdenken dem künstlichen Experimente unsere
Kenntnis dass der erstere und nicht der letztere die Respiration unterhält ja
sogar die Kenntnis der Existenz der beiden Bestandteile
Der Vorteil des Experimentierens über die einfache Beobachtung ist so weit
allgemein anerkannt ein jeder weiß dass es uns in den Stand setzt unzählige
Kombinationen von Umständen zu erhalten welche sich in der Natur nicht finden
und dass wir so eine Menge unserer eigenen Versuche den Experimenten der Natur
hinzufügen können Es gibt aber noch einen andern Vorzug der künstlich
erhaltenen Fälle vor den freiwilligen unserer eigenen Experimente vor sogar
denselben von der Natur gemachten der nicht weniger wichtig aber weit entfernt
ist in gleichem Grade gefühlt und erkannt zu werden
Wenn wir eine Naturerscheinung künstlich hervorbringen können so können wir
sie gleichsam mit nach Hause nehmen und sie inmitten anderer Umstände mit
denen wir in allen Beziehungen genau bekannt sind beobachten Wenn wir wissen
wollen welches die Wirkung der Ursache A ist und wenn wir im Stand sind durch
Mittel die uns zur Verfügung stehen A hervorzubringen so können wir
gewöhnlich nach unserm Gutdünken und so weit es mit der Natur des Phänomens A
verträglich ist das Ganze der Umstände die mit ihm gegenwärtig sein sollen
bestimmen und da wir so den gleichzeitigen Zustand von allem was in dem
Bereich des Einflusses von A steht kennen brauchen wir nur zu beobachten
welche Veränderung durch die Gegenwart von A in diesem Zustande hervorgebracht
wird
Durch die Elektrisiermaschine können wir zB inmitten bekannter Umstände
diejenige Naturerscheinung hervorbringen welche die Natur nach einem größeren
Maßstabe unter der Form von Blitz und Donner zeigt Man betrachte nun welche
Kenntnis von den Wirkungen und den Gesetzen der Elektrizität Menschen aus der
bloßen Beobachtung des Gewitters ziehen konnten und vergleiche sie mit
denjenigen welche sie aus elektrischen und galvanischen Experimenten gewannen
und noch zu gewinnen hoffen dürfen Dieses Beispiel ist um so auffallender da
wir Grund zu glauben haben dass die elektrische Wirkung von allen
Naturerscheinungen die Wärme ausgenommen die am meisten verbreitete und
universale ist und von der man daher hätte glauben sollen dass ihr Studium am
wenigsten der künstlichen Hilfsmittel bedürfte Ohne Elektrisiermaschine ohne
die Voltaische Säule und die Leydner Flasche hätten wir aber in der Tat niemals
vermutet dass die Elektrizität eines der großen Agentien der Natur ist wir
würden fort und fort die wenigen uns bekannten elektrischen Phänomene als
übernatürlich oder als eine Art von Anomalien und Exzentrizitäten in dem Gange
der Natur betrachtet haben
Wenn es uns gelungen ist die Naturerscheinung welche der Gegenstand einer
Untersuchung ist gesondert zu erhalten so können wir indem wir sie in uns
bekannte Umstände versetzen weitere Veränderungen der Umstände in
unbeschränkter Ausdehnung und von einer Art hervorbringen die wir für die
zweckmäßigste halten um die Gesetze des Phänomens in ein helles Licht zu
setzen Indem wir einen wohlbekannten Umstand nach dem andern in das Experiment
eintreten lassen erfahren wir mit Sicherheit die Art wie sich die Erscheinung
unter einer Mannigfaltigkeit von möglichen Umständen verhält Wenn der Chemiker
eine neuentdeckte Substanz im Zustande der Reinheit erhalten hat dh nachdem
er sich versichert hat dass nichts vorhanden ist was ihrer Wirkung
entgegenwirken oder sie modifizieren kann bringt er sie sukzessive mit anderen
Substanzen zusammen um zu sehen ob sie sich damit verbinden oder ob und mit
welchem Resultat sie dieselben zersetzen wird er wird die Wärme die
Elektrizität oder Druck anwenden um zu entdecken wie die Substanz sich unter
einem jeden dieser Umstände verhalten wird
Wenn es aber auf der andern Seite nicht in unserer Macht steht die
Naturerscheinung hervorzubringen und wir nach den Fällen suchen müssen in
welchen sie die Natur hervorbringt so ist unsere Aufgabe eine ganz andere
Statt die begleitenden Umstände zu wählen müssen wir sie nun entdecken was
genau und vollständig zu erreichen beinahe unmöglich ist sobald wir über die
einfachsten und zugänglichsten Fälle hinausgehen Wir wollen dies an einer
Naturerscheinung welche nicht künstlich hervorgebracht werden kann an dem
menschlichen Geiste erläutern Die Natur erzeugt ihn reichlich aber da wir ihn
nicht künstlich hervorbringen können so sehen wir in einem jeden Falle wo ein
menschlicher Geist sich entwickelt oder auf ein anderes Ding wirkt denselben
von einer Menge unbestimmbarer Umstände umgeben und verdunkelt welche die
Anwendung der gewöhnlichen experimentellen Methoden ziemlich trügerisch machen
Man wird begreifen bis zu welcher Ausdehnung dies wahr ist wenn man unter
Anderem betrachtet dass wo die Natur einen menschlichen Geist erzeugt sie in
enger Verbindung damit auch einen Körper erzeugt dh eine unermessliche
Komplikation von physikalischen Tatsachen die vielleicht nicht in zwei Fällen
einander ähnlich sind und wovon die meisten ganz außer dem Bereich unserer
Untersuchungsmittel liegen die Struktur ausgenommen die wir nachdem sie
aufgehört hat zu wirken in einer ziemlich rohen Weise untersuchen können Wenn
wir annehmen der Gegenstand der Untersuchung wäre statt eines menschlichen
Geistes eine menschliche Gesellschaft oder ein Staat so würden sich dieselben
Schwierigkeiten in einem viel höheren Grade zeigen
Wir sind also bereits zu einem Schluss gekommen den unsere fernere
Untersuchung zur Evidenz beweisen wird zu dem Schlusse nämlich dass in den
Wissenschaften welche es mit Naturerscheinungen zu tun haben welche
künstliche Experimente durchaus nicht zulassen wie in der Astronomie oder in
welchen sie nur eine beschränkte Rolle spielen wie in der Physiologie
Philosophie und den sozialen Wissenschaften die Induktion aus der direkten
Erfahrung mit einem Nachtheil angewendet wird der der Unausführbarkeit
gewöhnlich gleichkommt Es folgt hieraus dass wenn etwas Vollkommenes erreicht
werden soll die Methoden dieser Wissenschaften bis zu einem gewissen Umfange
wenn nicht hauptsächlich deduktiv sein müssen Bei der ersten der genannten
Wissenschaften der Astronomie ist dies wie man weiß der Fall dass man es
von den anderen noch nicht als wahr erkannt hat ist wahrscheinlich einer der
Gründe dass sie noch in ihrer Kindheit stehen
4 Wenn in dem einen Gebiete der direkten Erforschung von
Naturerscheinungen die einfache Beobachtung dem künstlichen Experimente
gegenüber in so großem Nachtheile steht so gibt es dagegen einen andern Zweig
der Forschung wo der Vorteil ganz auf der Seite der ersteren ist
Da es der Gegenstand der induktiven Forschung ist zu bestimmen welche
Ursachen mit irgend welchen Wirkungen verknüpft sind so wird es einerlei sein
an welchem der Endpunkte des dieselben verbindenden Weges wir die Untersuchung
beginnen wir können nach den Wirkungen einer gegebenen Ursache oder nach den
Ursachen einer gegebenen Wirkung forschen Die Tatsache dass Chlorsilber vom
Licht geschwärzt wird wurde entdeckt entweder durch Versuche über die Wirkung
des Lichtes auf verschiedene Substanzen oder indem man nach der Beobachtung
dass Chlorsilber wiederholt schwarz geworden war nach der Ursache dieser
Umstände forschte Die Wirkungen des Uraligiftes konnten sowohl dadurch erkannt
werden dass man es Tieren beibrachte als auch dadurch dass man untersuchte
woher es kommt dass die Wunden welche von den Pfeilen der Indianer von Guiana
herrühren so gleichförmig tödlich sind Aus der bloßen Erwähnung dieser
Beispiele ergibt sich ohne theoretische Erörterung dass ein künstliches
Experimentiren nur bei der ersteren dieser Arten von Forschung zulässig ist Wir
können eine Ursache nehmen und erforschen was sie hervorbringen wird wir
können aber keine Wirkung nehmen und versuchen wodurch sie hervorgebracht
wurde Wir können nur abpassen bis wir sie hervorgebracht sehen oder bis wir
sie zufällig hervorbringen können
Es wäre dies von geringer Wichtigkeit wenn wir nach unserer Wahl die
Untersuchung an dem einen oder dem andern Ende der Sequenzen Ursache und
Wirkung beginnen könnten Wir haben jedoch selten eine Wahl Da wir nur von dem
Bekannten zum Unbekannten fortschreiten können so müssen wir an demjenigen Ende
anfangen womit wir am besten bekannt sind Wenn wir mit dem Agens vertrauter
sind als mit seinen Wirkungen so beobachten wir sein Resultat in Fällen die
wir abwarten oder erfinden und zwar unter uns zugänglichen Veränderungen der
Umstände wenn dagegen die Bedingungen von denen die Naturerscheinungen
abhängig sind dunkel das Phänomen selbst aber bekannt ist so müssen wir
unsere Untersuchung bei der Wirkung anfangen Wenn uns die Tatsache auffällt
dass Chlorsilber geschwärzt wird und wir vermuten die Ursache nicht so bleibt
uns nichts übrig als die Fälle in denen die Tatsache stattfand mit einander
zu vergleichen bis wir durch die Vergleichung entdecken dass die Substanz in
allen diesen Fällen dem Licht ausgesetzt war Wenn uns von den Pfeilen der
Indier nichts als ihre furchtbare Wirkung bekannt wäre so könnte nur der Zufall
unsere Aufmerksamkeit auf Versuche mit dem Urali leiten bei einem regelmäßigen
Gange der Untersuchung könnten wir nur das erforschen oder suchen zu beobachten
was in besonderen Fällen mit den Pfeilen angefangen worden war
In allen Fällen wo uns nichts auf die Ursache führt und wo wir bei der
Wirkung anfangen und die Regel »die Umstände zu verändern« auf die Folgen nicht
auf die Antecedentien anwenden müssen verlässt uns die Hülfe des künstlichen
Experimentierens Wir können nicht willkürlich Folgen erhalten wie wir unter
einer Reihe von Umständen die mit deren Natur verträglich sind Antecedentien
erhalten können Es gibt kein anderes Mittel Wirkungen hervorzubringen als
durch ihre Ursachen und nach der Voraussetzung sind uns die Ursachen von den in
Frage stehenden Wirkungen nicht bekannt Es bleibt uns daher kein Mittel als
sie da zu studieren wo sie sich freiwillig darbieten Wenn die Natur uns in
ihren Umständen hinreichend veränderte Fälle darbietet und wenn wir im Stande
sind unter den näheren Antecedentien oder unter irgend einer andern Ordnung von
Antecedentien etwas zu entdecken was sich vorfindet wenn die Wirkung sich
einstellt wie verschieden auch die Umstände seien und was nie angetroffen
wird wo die Wirkung nicht ist so können wir durch die bloße Beobachtung ohne
Experiment eine wirkliche Gleichförmigkeit in der Natur entdecken
Obgleich dies für Wissenschaften der reinen Beobachtung im Gegensatz zu den
Wissenschaften in welchen künstliche Experimente möglich sind gewiss der
allergünstigste Fall ist so gibt es in Wirklichkeit keinen Fall der die
inhärente Unvollkommenheit der nicht auf das Experiment gegründeten direkten
Induktion schlagender nachwiese Wir wollen annehmen wir hätten durch die
Vergleichung von Fällen einer Wirkung ein Antezedens gefunden welches beständig
damit verknüpft zu sein scheint oder vielleicht auch ist wir haben jedoch nicht
eher bewiesen dass dieses Antezedens die Ursache ist bis wir das Verfahren
umgekehrt und die Wirkungen vermittelst dieses Antezedens hervorgebracht haben
Wenn wir das Antezedens künstlich hervorbringen können und die Wirkung ihm
folgt so ist die Induktion vollständig dieses Antezedens ist die Ursache
dieser Wirkung98 Wir haben aber dann den Beweis des Experimentes der einfachen
Beobachtung hinzugefügt hätten wir dies nicht getan so hätten wir das
unveränderliche Antezedens nicht aber das unbedingte Antezedens oder die
Ursache nachgewiesen So lange nicht durch die wirkliche Erzeugung des
Antezedens unter bekannten Umständen und durch das nunmehrige Eintreffen der
Folge gezeigt worden ist dass das Antezedens wirklich die Bedingung ist wovon
diese Folge abhing braucht die Gleichförmigkeit der Folgen die zwischen ihnen
nachgewiesen wurde so viel wir wissen überhaupt gar kein Fall von einer
Verursachung zu sein wie bei der Folge von Tag und Nacht beide das Antezedens
und Konsequenz können die aufeinanderfolgenden Stufen der Wirkung einer
entfernteren Ursache sein Kurz die Beobachtung kann ohne das Experiment
Gleichförmigkeit ermitteln aber keine Verursachung beweisen Um die Wahrheit
dieser Bemerkungen durch den gegenwärtigen Zustand der Wissenschaften zu
erweisen brauchen wir nur an die Naturgeschichte zu denken In der Zoologie
zB hat man eine unermessliche Anzahl von Gleichförmigkeit des Zugleichseins
oder der Folge erforscht und von vielen derselben kennen wir ungeachtet einer
bedeutenden Veränderung der begleitenden Umstände keine Ausnahme aber die
Antecedentien können meistens nicht künstlich hervorgebracht werden oder wenn
dies sein kann so geschieht es nur dadurch dass wir genau dasselbe Verfahren
anwenden wodurch sie die Natur hervorbringt da dies aber ein rätselhaftes
Verfahren ist dessen Hauptumstände nicht allein unbekannt sondern auch nicht
beobachtbar sind so gelingt es aus nicht die Antecedentien unter bekannten
Umständen zu erhalten Was ist das Resultat Dass wir auf diesem weiten und
reichen Felde der Beobachtung nicht eine einzige Ursache nicht eine einzige
unbedingte Gleichförmigkeit erforscht haben In fast allen Fällen wo wir
Naturerscheinungen mit einander verknüpft sehen wissen wir nicht welche die
Bedingung der andern welche Ursache und welche Wirkung oder ob es eine von
ihnen ist ob sie nicht vielmehr verbundene Wirkungen von noch zu entdeckenden
Ursachen verflochtene Resultate von noch unbekannten Gesetzen sind
Bei einer streng kunstgerechten Anordnung des Gegenstandes mögen einige der
vorhergehenden Bemerkungen als noch nicht hierher gehörig erscheinen es dürften
jedoch einige allgemeine Bemerkungen über den Unterschied zwischen
Wissenschaften der bloßen Beobachtung und experimentellen Wissenschaften und
über den großen Nachtheil an dem die direkte induktive Forschung in den
ersteren leidet die beste Vorbereitung zu einer Erörterung der Methoden der
direkten Induktion gewesen sein eine Vorbereitung die vieles was nur
schwierig inmitten dieser Untersuchung hätte eingeführt werden können
überflüssig macht Wir wollen nun zu der Betrachtung dieser Methoden übergehen
1 Es gibt zwei einfache und augenfällige Methoden um von den
Umständen welche einer Naturerscheinung vorhergehen oder ihr folgen diejenigen
abzusondern welche durch ein unveränderliches Gesetz damit zusammenhängen Die
eine besteht darin dass man verschiedene Fälle in denen die Naturerscheinung
stattfindet mit einander vergleicht die andere dass man Fälle in denen die
Erscheinung stattfindet mit in anderer Beziehung ähnlichen Fällen vergleicht
worin sie nicht stattfindet Diese zwei Methoden kann man beziehungsweise die
Methode der Übereinstimmung und die Methode des Unterschieds Differenzmethode
nennen
Bei der Erläuterung dieser Methoden ist es nötig dass man sich des
zweifachen Charakters der Erforschung von Gesetzen der Naturerscheinungen
erinnere man sucht nämlich entweder nach der Ursache einer gegebenen Wirkung
oder nach den Wirkungen oder Eigenschaften einer gegebenen Ursache Wir werden
diese Methoden in ihrer Anwendung auf beide Arten der Untersuchung betrachten
und unsere Beispiele aus beiden wählen
Bezeichnen wir die Antecedentien mit den großen Buchstaben des Alphabets
und die entsprechenden Folgen mit den kleinen Es sei also A ein Agens oder eine
Ursache und es sei ferner der Gegenstand unserer Untersuchung zu bestimmen
welches die Wirkungen dieser Ursache sind Wenn wir das Agens A in einer solchen
Mannigfaltigkeit von Umständen finden oder hervorbringen können dass die
verschiedenen Fälle keinen Umstand gemein haben ausgenommen A so muss welche
Wirkung wir bei allen unseren Versuchen auch gefunden haben mögen dieselbe die
Wirkung von A sein Nehmen wir zB an wir hätten A mit B und C untersucht und
dass die Wirkung a b c wäre nehmen wir ferner an A sei zusammen mit D und E
aber ohne B und C geprüft worden und die Wirkung sei a d e Wir müssen nun in
folgender Weise schließen b und c sind nicht die Wirkungen von A denn sie
wurden bei dem zweiten Experiment nicht von ihm hervorgebracht auch nicht d und
e denn sie fehlten in dem ersten Versuch Die wahre Wirkung von A muss in
beiden Fällen hervorgebracht worden sein und diese Bedingung wird durch keinen
Umstand außer a erfüllt Das Phänomen a kann nicht die Wirkung von B oder C
gewesen sein indem es da hervorgebracht wurde wo jene nicht vorhanden waren
noch von D oder E da es eintrat wo diese nicht waren Es ist also die Wirkung
von A
Lassen wir zB das Antezedens A den Kontakt einer alkalischen Substanz mit
einem Öl sein Wenn diese Kombination unter verschiedenen Veränderungen von
Umständen die sich in nichts Anderem gleichen untersucht wird so wird man als
Resultat jedesmal eine fettige und reinigende oder seifige Substanz finden man
schließt daher dass die Verbindung eines Öls mit einem Alkali die Erzeugung
einer Seife verursacht Auf diese Weise forschen wir durch die Methode der
Übereinstimmung nach den Wirkungen einer gegebenen Ursache
In einer ähnlichen Art können wir nach der Ursache einer gegebenen Wirkung
forschen Es sei a die Wirkung Wie in dem vorhergehenden Kapitel gezeigt wurde
besitzen wir hier kein anderes Mittel als die Beobachtung ohne Experiment wir
können keine Naturerscheinung deren Ursprung uns unbekannt ist nehmen und nach
ihrer Entstehungsart suchen indem wir sie selbst hervorbringen wenn uns dies
bei einem solchen Versuche aufs Geradewohl gelingt so ist es eben nur ein
Zufall Wenn wir dagegen a in zwei verschiedene Verbindungen a b c und a d c
beobachten können und wenn wir wissen oder entdecken können dass die
vorhergehenden Umstände in diesen Fällen beziehungsweise A B C und A D E waren
so können wir durch einen ähnlichen Schluss wie in dem vorhergehenden Beispiel
schließen dass A das durch das Kausalgesetz mit der Wirkung a verbundene
Antezedens ist B und C dürfen wir sagen sind nicht die Ursachen von a denn
bei seinem Eintreffen waren sie nicht gegenwärtig D und E sind sie ebenfalls
nicht denn sie fehlten bei dem ersten Eintreffen Von allen fünf Umständen
wurde in beiden Fällen a allein unter den Antecedentien gefunden
Die Wirkung a sei zB die Kristallisation Wir vergleichen Fälle mit
einander wo Körper kristallisieren die in anderen Punkten keine
Übereinstimmung besitzen und finden dass sie so weit wir sie beobachten
können nur ein einziges Antezedens gemein haben aus einem flüssigen Zustande
der Schmelzung oder der Auflösung oder auch aus einem dampfförmigen Zustand J
S findet ein Übergang in einen festen Körper Statt Wir schließen daher
dass das Festwerden einer Substanz aus dem flüssigen Zustande das
unveränderliche Antezedens der Kristallisation ist
Wir können bei diesem Beispiel weiter gehen und sagen dass es nicht bloß
das beständige Antezedens sondern dass es die Ursache war denn wir sind in
diesem Falle nachdem wir das Antezedens A entdeckt haben im Stande es
künstlich hervorzubringen und das Resultat unserer Induktion zu bestätigen
indem wir finden dass es von a begleitet wird Die Wichtigkeit einer solchen
Umkehrung des Beweises zeigte sich nie auffallender als in dem Falle wo ein
Chemiker ich glaube Dr Wollaston ein Glas das mit kieselerdehaltigem Wasser
gefüllt war mehrere Jahre lang unberührt stehen ließ wodurch es ihm gelang
Kristalle von Quarz zu erhalten und in dem gleich interessanten Versuche
wodurch James Hall durch Abkühlung von geschmolzenen Substanzen unter einem
immensen Drucke künstlichen Marmor erzeugte zwei bewunderungswürdige Beispiele
welche zeigen welches Licht auf die geheimsten Prozesse der Natur geworfen
werden kann wenn man dieselbe wohl zu fragen versteht
Wenn wir dagegen die Naturerscheinung A nicht künstlich hervorbringen
können so bleibt der Schluss dass sie die Ursache von a ist sehr zweifelhaft
Sie kann ein unveränderliches nicht aber ein unbedingtes Antezedens von a sein
sie kann ihm vorausgehen wie der Tag der Nacht oder die Nacht dem Tag Diese
Ungewissheit entspringt aus der Unmöglichkeit uns zu versichern dass A das
einzige beiden Fällen gemeinschaftliche Antezedens ist Wenn wir die Gewissheit
haben könnten alle beständigen Antecedentien erforscht zu haben so könnten wir
auch sicher sein dass das unbedingte beständige Antezedens oder die Ursache
irgendwo unter ihnen zu finden ist Unglücklicherweise ist es kaum jemals
möglich alle Antecedentien zu bestimmen es sei denn dass die Naturerscheinung
sich künstlich hervorbringen Hesse Sogar dann noch ist die Schwierigkeit nicht
beseitigt sondern nur verringert man verstand das Wasser durch Pumpen zu
heben lange bevor man den wirksamen Umstand in den angewandten Mitteln
erkannte den Druck nämlich den die Atmosphäre auf die Oberfläche des Wassers
ausübt Es ist indessen viel leichter eine ganze Reihe von Anordnungen die wir
selbst gemacht haben zu analysieren als die ganze komplexe Masse von Agentien
welche die Natur anwendet wenn sie ein gegebenes Phänomen erzeugen will Wir
können bei einem Experiment mit der Elektrisiermaschine einige wichtige Umstände
übersehen aber in allen Fällen werden wir besser damit bekannt werden als mit
den Umständen eines Gewitters
Die Methode Naturgesetze zu entdecken und zu beweisen die wir in dem
Vorhergehenden untersucht haben verfährt also nach folgendem Axiom ein jeder
Umstand den man ohne Nachtheil für die Naturerscheinung ausschließen kann
oder der trotz seiner Gegenwart abwesend sein kann ist durch kein
Kausalverhältnis damit verknüpft Wenn die zufälligen Umstände auf diese Weise
entfernt sind und nur ein einziger übrig bleibt so ist dieser eine die Ursache
welche wir suchen bleiben mehr als einer so sind sie entweder oder sie
enthalten die Ursache dies gilt mutatis mutandis von der Wirkung Da diese
Methode in der Weise verfährt dass sie verschiedene Fälle mit einander
vergleicht um zu erforschen was in ihnen Übereinstimmendes ist so habe ich
sie die Methode der Übereinstimmung genannt und wir können als leitendes
Prinzip derselben die Regel annehmen
Erste Regel
Wenn zwei oder mehr Fälle einer zu erforschenden Naturerscheinung nur einen
einzigen Umstand gemein haben so ist nur der Umstand in welchem alle Fälle
übereinstimmen die Ursache oder die Wirkung einer gegebenen Naturerscheinung
Indem wir jetzt die Methode der Übereinstimmung verlassen um bald wieder
zu ihr zurückzukehren wollen wir uns zu einem noch mächtigeren Mittel der
Naturforschung zu der Methode des Unterschieds wenden
2 Bei der Methode der Übereinstimmung sachten wir nach Fällen welche
in dem gegebenen Umstande übereinstimmten in allen anderen aber differierten
die gegenwärtige Methode verlangt zwei Fälle die sich in jeder andern Beziehung
gleichen und sich nur durch die Abwesenheit oder Gegenwart eines Phänomens das
wir studieren wollen unterscheiden Wenn wir die Wirkungen des Agens A entdecken
wollen müssen wir uns A in einer Reihe von erforschten Umständen wie A B C
verschaffen und nachdem wir die erzeugten Wirkungen beobachtet haben müssen
wir dieselben mit den bei Abwesenheit von A übrigbleibenden Umständen B C
vergleichen Die Wirkung von A B C sei a b c und die Wirkung von B C sei b c so
ist klar dass die Wirkung von A a ist Wollen wir an dem andern Ende anfangen
und die Ursache einer Wirkung erforschen so müssen wir ein Beispiel wie a b c
wählen in welchem die Wirkung eintrifft und die Antecedentien A B C sind
sodann müssen wir einen andern Fall suchen in welchem die übrigen Umstände b c
ohne a zusammentreffen Wenn die Antecedentien in diesem Falle B C sind so
wissen wir dass A die Ursache von a sein muss nämlich A allein oder in
Verbindung mit anderen anwesenden Umständen
Es wird kaum nötig sein Beispiele von dem logischen Verfahren zu geben
dem wir fast alle die induktiven Schlüsse die wir täglich machen verdanken
Wird Jemand durchs Herz geschossen so erfahren wir durch die Methode dass es
der Schuss war der ihn tötete denn der Geschossene war unmittelbar vorher in
der Fülle des Lebens und alle Umstände blieben gleich mit Ausnahme der Wunde
Die Axiome welche man in dieser Methode als zugegeben betrachten kann sind
offenbar die folgenden irgend ein Antezedens welches nicht ausgeschlossen
werden kann ohne die Naturerscheinung zu verhindern ist die Ursache oder eine
Bedingung dieser Naturerscheinung irgend eine Folge Konsequenz die durch die
Abwesenheit eines einzigen von allen Antecedentien ausgeschlossen werden kann
ist die Wirkung dieses einen Antezedens Statt verschiedene Beispiele eines
Phänomens mit einander zu vergleichen um zu entdecken worin sie
übereinstimmen vergleicht diese Methode einen Fall des Eintreffens mit einem
Fall seines Nichteintreffens um zu entdecken worin sie differieren Die Regel
welche das leitende Prinzip der Differenzmethode ist kann in folgender Weise
ausgedrückt werden
Zweite Regel
Wenn ein Fall in welchem die zu erforschende Naturerscheinung eintrifft
und ein Fall worin sie nicht eintrifft alle Umstände mit Ausnahme eines
einzigen gemein haben und dieser eine nur in dem ersten Falle vorkommt so ist
der Umstand durch welchen allein die zwei Fälle sich unterscheiden die
Wirkung oder Ursache oder ein notwendiger Teil der Ursache der
Naturerscheinung
3 Die zwei angeführten Methoden haben viele Ähnlichkeiten mit einander
sie unterscheiden sich aber auch in vielen Punkten Sie sind beide
Eliminationsmethoden Dieser Ausdruck der in der Theorie der Gleichungen
dasjenige Verfahren bezeichnet wodurch man die Elemente einer Aufgabe
sukzessive ausschließt und die Auflösung nur von den noch übrigbleibenden
Elementen abhängig macht ist wohl geeignet das Verfahren zu bezeichnen
welches demjenigen analog ist das seit Bacon als das Fundament der
experimentellen Forschung angesehen worden ist es ist die sukzessive
Ausschließung der verschiedenen Umstände welche eine Naturerscheinung in einem
gegebenen Falle begleiten um dadurch zu bestimmen welche von ihnen unbeschadet
der Erscheinung abwesend sein können Die Methode der Übereinstimmung gründet
sich darauf dass Alles was eliminiert werden kann mit der Naturerscheinung
durch kein Gesetz verknüpft ist der Fundamentalsatz der Differenzmethode ist
Alles was nicht eliminiert werden kann ist durch ein Gesetz mit der
Naturerscheinung verknüpft
Die Differenzmethode ist nun vorzüglich die Methode des künstlichen
Experimentierens während wir zur Methode der Übereinstimmung unsere Zuflucht
dann nehmen wenn das Experiment unmöglich ist Einige wenige Betrachtungen
werden diese Tatsache beweisen und den Grund davon zeigen
Es ist dem eigentümlichen Charakter der Differenzmethode inwohnend dass
die Natur der Verbindungen welche sie erfordert viel strenger und genauer
bestimmt ist als bei der Methode der Übereinstimmung Die zwei zu
vergleichenden Fälle müssen sich in allen Umständen mit Ausnahme des einen den
wir untersuchen wollen genau ähnlich sehen sie müssen in dem Verhältnisse von
A B C zu B C und a b c zu b c stehen Diese Ähnlichkeit der Umstände braucht
sich freilich nicht auf solche zu erstrecken von denen es bereits bekannt ist
dass sie für das Resultat nicht von Wichtigkeit sind bei den meisten
Naturerscheinungen lernen wir aber sogleich aus der gewöhnlichen Erfahrung dass
die meisten der koexistierenden Erscheinungen des Weltalls vorhanden oder
abwesend sein können ohne dass das gegebene Phänomen dadurch berührt würde
oder dass wenn sie vorhanden sind die Naturerscheinungen unabhängig von ihnen
eintreffen oder nicht Auch wenn die zwischen den zwei Fällen A B C und B C
erforderliche Ähnlichkeit auf solche Umstände beschränkt wird von denen
bereits bekannt ist dass sie nicht gleichgültig sind bietet die Natur selten
zwei Fälle dar von denen wir versichert sein können dass sie genau in diesem
Verhältnis zu einander stehen In den spontanen Wirkungen der Natur herrscht
gewöhnlich eine solche Verwickelung und Dunkelheit sie finden meistens nach
einem so ungeheuer großen oder unzugänglich kleinen Maßstabe Statt wir sind
in Beziehung auf einen großen Teil der Tatsachen welche wirklich
stattfinden so unwissend und wenn wir es nicht sind so sind die Tatsachen so
mannigfaltig und daher so selten in zwei Fällen sich ähnlich dass ein
spontanes Experiment von der Art wie es die Differenzmethode verlangt selten
zu finden ist Wenn wir dagegen eine Naturerscheinung durch ein künstliches
Experiment erhalten so erhalten wir auch vorausgesetzt dass der Prozess nicht
zu lange dauert zwei solche Fälle wie sie die Methode verlangt beinahe als
eine selbstverständliche Sache Bevor wir das Experiment anfingen war ein
gewisser Zustand der umgebenden Umstände vorhanden dies ist B C Wir führen A
ein dadurch zB dass wir von einem andern Theile des Raumes etwa unseres
Zimmers einen Gegenstand dazubringen ohne dass die übrigen Elemente Zeit
haben sich verändern Kurz es ist wie Hr Comte bemerkt die Natur des
Experimentes in den schon vorhandenen Zustand der Umstände eine vollkommen
bestimmte Veränderung einzuführen Wir wählen einen vorhergängigen Zustand der
Dinge mit dem wir wohl bekannt sind so dass keine unvorhergesehene Veränderung
in diesem Zustande mit Wahrscheinlichkeit unbeobachtet stattfinden kann und
hierin führen wir so schnell als möglich das Phänomen welches wir studieren
wollen ein so dass wir im allgemeinen die Überzeugung haben dürfen dass sich
der vorhergängige Zustand und der Zustand den wir hervorgebracht haben in
Nichts als durch die Gegenwart oder Abwesenheit dieses Phänomens unterscheiden
Wenn ein Vogel in einem Käfig gefangen und sogleich in Kohlensäuregas getaucht
wird so darf sich der Experimentierende versichert halten dass kein anderer
Umstand der eine Erstickung verursachen könnte in der Zwischenzeit dazu
gekommen ist als die Veränderung durch Eintauchen in Kohlensäure von dem was
vorher in atmosphärischer Luft war In einigen Fällen dieser Art kann indessen
ein Zweifel entstehen ob die Wirkung durch die Veränderung oder durch die
Mittel wodurch wir diese Veränderung vornehmen hervorgebracht worden ist Die
Möglichkeit der letzteren Annahme lässt indessen eine entscheidende Prüfung
durch andere Experimente zu so dass es scheint dass wir bei dem Studium der
verschiedenen Arten von Naturerscheinungen welche wir durch unsere willkürliche
Einwirkung verändern oder beherrschen können im allgemeinen den Anforderungen
der Differenzmethode Genüge leisten können dass dagegen bei der spontanen
Tätigkeit der Natur diesen Anforderungen selten entsprochen werden kann
Das Gegenteil findet bei der Methode der Übereinstimmung Statt Wir suchen
hier nicht Fälle einer besonderen und bestimmten Art Alle Fälle in denen uns
die Natur eine Erscheinung darbietet können nach dieser Methode untersucht
werden und wenn alle diese Fälle in irgend Etwas übereinstimmen so sind wir
bereits zu einem wertvollen Schluss gelangt Wir sind in der Tat nicht sicher
dass dieser eine Punkt der Übereinstimmung der einzige sei aber unsere
Unwissenheit macht hier nicht wie bei der Differenzmethode den Schluss
fehlerhaft die Gewissheit des Resultats wird soweit sie geht nicht davon
berührt Wir haben ein unveränderliches Antezedens oder Konsequenz bestimmt wie
viel deren auch noch zu bestimmen übrig bleiben Wenn ABC ADE AFG alle von a
begleitet sind so ist dieses a das unveränderliche Konsequenz von A Wenn abc
ade afg alle A unter ihren Antecedentien zählen so ist dieses A durch ein
unveränderliches Gesetz als ein Antezedens mit a verknüpft Um jedoch zu
bestimmen ob dieses unveränderliche beständige Antezedens eine Ursache oder
ob dieses unveränderliche Konsequenz eine Wirkung ist müssen wir im Stande
sein das Eine durch das Andere hervorzubringen oder wenigstens das zu
erhalten was uns allein die Überzeugung gibt überhaupt etwas hervorgebracht
zu haben einen Fall nämlich in welchem die Wirkung a ins Leben trat und zwar
mit keiner andern Veränderung in den vorhergehenden Umständen als die
Hinzufügung von A Wenn wir dies können so ist es eine Anwendung der
Differenzmethode und nicht der Methode der Übereinstimmung
Es scheint auf diese Weise dass wir durch die Differenzmethode immer auf
dem Wege des direkten Experiments mit Gewissheit zu den Ursachen gelangen
können Die Methode der Übereinstimmung führt uns nur zu den Gesetzen der
Naturerscheinungen wie einige Schriftsteller sie unpassend nennen indem
Gesetze der Ursachen auch Gesetze der Naturerscheinungen sind dh zu
Gleichförmigkeit die entweder keine Kausalgesetze sind oder in denen die
Frage nach der Ursache vor der Hand noch unentschieden gelassen werden muss Zur
Methode der Übereinstimmung sollen wir hauptsächlich als zu einem Mittel das
Anwendungen der Differenzmethode an die Hand gibt unsere Zuflucht nehmen wie
in dem letzten Beispiele die Vergleichung von ABC ADE AFG angab dass A das
Antezedens ist an dem das Experiment zu versuchen ist ob es a hervorbringen
kann oder als zu einem untergeordneten Hilfsmittel im Fall die
Differenzmethode nicht anwendbar was gewöhnlich stattfindet wenn das
künstliche Experiment unmöglich ist Daher trifft es sich dass die Methode der
Übereinstimmung obgleich dem Prinzip nach in allen Fällen anwendbar die
Untersuchungsmethode besonders da ist wo das künstliche Experiment unmöglich
ist sie ist dann gewöhnlich unser einziges Mittel von einer direkt induktiven
Natur während bei den Naturerscheinungen die wir willkürlich hervorbringen
können die Differenzmethode ein wirksameres Verfahren ist und wodurch sowohl
Ursachen als auch bloße Gesetze erforscht werden
4 Es gibt indessen viele Fälle in welchen obgleich wir die
Naturerscheinung durch unsere Hilfsmittel vollständig hervorbringen können die
Differenzmethode nichts nützen kann wenigstens nicht ohne vorhergehenden
Gebrauch der Methode der Übereinstimmung Dieses findet statt wenn die
Einwirkung durch welche wir die Naturerscheinung hervorbringen nicht die eines
einzigen Antezedens sondern eine Verbindung von Antecedentien ist die wir
nicht von einander trennen und gesondert ans Licht bringen können Nehmen wir
zB an der Gegenstand der Untersuchung wäre »die Ursache der doppelten
Brechung des Lichtes« Wir können dieses Phänomen willkürlich hervorbringen
indem wir eine von den vielen Substanzen anwenden welche das Licht in dieser
eigentümlichen Weise brechen Aber wenn wir eine von diesen Substanzen zB
isländischen Kalkspat nehmen und erforschen wollen von welchen Eigenschaften
des Kalkspats diese merkwürdige Naturerscheinung abhängig ist so können wir zu
diesem Zwecke keinen Gebrauch von der Differenzmethode machen wir können keine
andere Substanz finden die dem isländischen Kalkspat bis auf eine Eigenschaft
ähnlich wäre Die einzige Art die Untersuchung weiter zu führen gibt uns
daher nur die Methode der Übereinstimmung an die Hand Durch eine Vergleichung
aller bekannten Substanzen welche die Eigenschaft besitzen das Licht doppelt
zu brechen wurde bestimmt dass sie in dem einzigen Umstande übereinstimmen
kristallinische Substanzen zu sein und obgleich der umgekehrte Schluss nicht
gültig war obgleich nicht alle kristallinische Substanzen die Eigenschaft der
doppelten Lichtbrechung besitzen so wurde doch mit Recht geschlossen dass
zwischen diesen beiden Eigenschaften ein wirklicher Zusammenhang besteht dass
entweder die kristallinische Struktur oder die Ursache welche diese Struktur
erzeugt eine der Bedingungen der doppelten Brechung des Lichts ist
Aus diesem Gebrauche der Methode der Übereinstimmung geht eine
eigentümliche Modifikation derselben hervor die in der Naturforschung manchmal
von großem Nutzen ist In Fällen die den obigen ähnlich sind und in welchen es
nicht möglich ist das genaue Paar von Beispielen zu erhalten wie es unsere
zweite Regel verlangt Beispiele die in jedem Antezedens ausgenommen A oder in
einem jeden Konsequenz ausgenommen a übereinstimmen können wir dennoch durch
einen doppelten Gebrauch der Methode der Übereinstimmung entdecken worin sich
die Fälle welche A oder a enthalten von denjenigen die sie nicht enthalten
unterscheiden
Wenn wir verschiedene Fälle die a enthalten miteinander vergleichen und
finden dass sie alle den Umstand A und soweit als beobachtet werden kann
keinen andern Umstand gemein haben so weist die Methode der Übereinstimmung
einen Zusammenhang zwischen A und a nach Um durch die direkte Differenzmethode
diesen Beweis des Zusammenhangs in einen Beweis der Ursache umzuändern müssten
wir im Stande sein in einem von diesen Fällen zB in ABC A auszulassen und
zu beobachten ob a verhindert wird Setzen wir nun voraus was oft der Fall
ist dass wir nicht im Stande sind dieses entscheidende Experiment zu machen
so würde wenn wir durch irgend ein Mittel entdecken könnten welches das
Resultat wäre wenn wir es machen könnten der Vorteil derselbe sein Nehmen
wir daher an dass wie wir vorher eine Mannigfaltigkeit von Fällen in denen a
vorkam untersucht und gefunden haben dass sie übereinstimmend A enthielten
wir nun eine Mannigfaltigkeit von Fällen beobachten worin a nicht vorkommt und
finden dass sie darin übereinstimmen dass sie A nicht enthalten dies
begründet durch die Methode der Übereinstimmung denselben Zusammenhang zwischen
der Abwesenheit von A und der Abwesenheit von a welcher vorher zwischen ihrer
Gegenwart begründet worden war Da also gezeigt worden ist dass bei der
Gegenwart von A auch a gegenwärtig ist und dass mit A auch a entfernt wird so
haben wir durch das eine Resultat A B C a b c und durch das andere B C b c
die positiven und negativen Fälle welche die Differenzmethode verlangt
Diese Methode welche die indirekte Differenzmethode oder die vereinigte
Methode der Übereinstimmung und des Unterschieds genannt werden kann besteht
in einem doppelten Gebrauche der Methode der Übereinstimmung ein jeder Beweis
derselben ist unabhängig von dem andern und verstärkt denselben ist jedoch
einem Beweise nach der direkten Differenzmethode nicht äquivalent denn den
Anforderungen der Differenzmethode ist nicht Genüge geleistet wenn wir nicht
ganz sicher sein können entweder dass die bejahenden Fälle von a in keinem
andern Antezedens als A oder dass die negativen Fälle von a in Nichts als in
der Negation von A übereinstimmen Wäre es nun möglich was aber niemals sein
kann dass wir diese Gewissheit hätten so bedürften wir der vereinigten Methode
nicht denn ein jeder der zwei Fälle wäre dann für sich hinreichend um
Verursachung zu beweisen Diese indirekte Methode kann nur als eine weite
Ausdehnung und Verbesserung der Methode der Übereinstimmung die nichts von der
mächtigeren Natur der Differenzmethode besitzt angesehen werden Ihre Regel
kann in folgender Weise ausgedrückt werden
Dritte Regel
Wenn zwei oder mehr Fälle in welchen die Naturerscheinung stattfindet nur
einen Umstand gemein haben während zwei oder mehr Fälle in welchen sie nicht
stattfindet nichts als die Abwesenheit dieses Umstandes gemein haben so ist
der Umstand in welchem die zwei Reihen von Fällen allein differieren die
Wirkung oder Ursache oder ein notwendiger Teil der Ursache der
Naturerscheinung
Wir werden sogleich sehen dass die vereinigte Methode der Übereinstimmung
und des Unterschieds in einer andern Hinsicht worauf noch nicht aufmerksam
gemacht wurde einen Vorzug vor der gewöhnlichen Methode der Übereinstimmung
besitzt darin nämlich dass sie von einer charakteristischen Unvollkommenheit
dieser Methode deren Natur noch anzugeben ist nicht berührt wird Da wir aber
in diese Auseinandersetzung nicht eingehen können ohne ein neues Element der
Verwicklung in diese lange und verwickelte Erörterung einzuführen so will ich
sie bis zum nächsten Kapitel verschieben und hier zwei andere Methoden
anführen welche die Aufzählung der Mittel welche wir besitzen um die
Naturgesetze durch spezifische Beobachtung und Experiment zu erforschen
vervollständigen werden
5 Die erste der zuletzt angedeuteten Methoden ist sehr geschickt die
Methode der Rückstände Reste genannt worden Ihr Prinzip ist höchst einfach
Zieht man von einer gegebenen Naturerscheinung alle die Theile ab welche durch
vorhergehende Induktionen auf bekannte Ursachen bezogen werden können so wird
der Rest die Wirkung derjenigen Antecedentien sein die übersehen wurden oder
deren Wirkung bis dahin eine unbekannte Größe war
Nehmen wir wie vorhin an wir hätten die Antecedentien A B C begleitet von
den Folgen a b c und wir hätten durch frühere Induktionen etwa nach der
Differenzmethode die Ursachen von einigen dieser Wirkungen oder die Wirkungen
von einigen dieser Ursachen bestimmt und dadurch erfahren dass die Wirkung von
A a und dass die von B b ist Ziehen wir die Summe dieser Wirkungen von dem
ganzen Phänomen ab so bleibt c und wir wissen nun ohne ein weiteres
Experiment dass dies die Wirkung von C ist Die Rückstandsmethode ist in
Wahrheit eine eigentümliche Modifikation der Differenzmethode Wenn der Fall A
B C a b c mit einem einfachen Fall A B a b hätte verglichen werden können so
hätten wir durch das gewöhnliche Verfahren der Differenzmethode bewiesen dass C
die Ursache von c ist In dem gegenwärtigen Fall haben wir aber statt des
einfachen Beispiels A B die Ursachen A und B getrennt zu studieren und aus den
Wirkungen die sie getrennt hervorbringen zu folgern welche Wirkungen sie in
dem Fall A B C wo sie zusammenwirken hervorbringen müssen Von den zwei
Beispielen also welche die Differenzmethode verlangt das eine positiv das
andere negativ ist das negative oder dasjenige in dem das gegebene Phänomen
abwesend ist nicht das direkte Resultat der Beobachtung und des Experiments
sondern es wurde durch Deduktion erhalten Als eine der Formen der
Differenzmethode teilt die Rückstandsmethode ganz deren Gewissheit wenn nur
die früheren Induktionen diejenigen aus welchen sich die Wirkungen von A und B
ergaben durch dieselbe unfehlbare Methode erhalten worden sind und wenn wir
nur gewiss sind dass C das einzige Antezedens auf welches das rückständige
Phänomen c bezogen werden kann das einzige Agens ist dessen Wirkung wir noch
nicht berechnet und abgezogen haben Da wir aber dessen nie gewiss sein können
so ist der nach der Rückstandsmethode abgeleitete Beweis nicht vollständig wenn
wir C nicht künstlich erhalten und getrennt prüfen können oder wenn seine
Einwirkung einmal vermutet nicht erklärt oder aus bekannten Gesetzen
deduktiv bewiesen werden kann
Sogar nach diesen Einschränkungen ist die Rückstandsmethode noch eines
unserer wichtigsten Instrumente der Entdeckung Von allen Methoden der
Erforschung von Naturgesetzen ist sie die fruchtbarste an unerwarteten
Resultaten indem sie uns oft Sequenzen zeigt in denen weder die Ursache noch
die Wirkung sichtbar genug waren um die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich
zu ziehen Das Agens C kann ein dunkler Umstand sein der wahrscheinlich nicht
bemerkt worden wäre wenn man ihn nicht gesucht hätte und der wahrscheinlich
nicht gesucht worden wäre wenn die Aufmerksamkeit nicht durch die
Unzulänglichkeit der sichtbaren Ursachen zu Erklärung der ganzen Wirkung geweckt
worden wäre Es kann c durch die Vermischung mit a und b so verhüllt sein dass
es sich kaum von selbst als ein Gegenstand des besonderen Studiums dargeboten
hätte Wir werden später einige bemerkenswerte Beispiele von der Anwendung
dieser Methode anführen Ihre Regel ist wie folgt
Vierte Regel
Von irgend einer Naturerscheinung ziehe man denjenigen Teil ab der durch
frühere Induktionen als die Wirkung gewisser Antecedentien bekannt ist der
Rückstand Rest der Naturerscheinung ist die Wirkung der übrigbleibenden
Antecedentien
6 Es bleibt noch eine Klasse von Gesetzen welche durch keine der drei
Methoden die ich zu charakterisieren versuchte erforscht werden kann nämlich
die Gesetze jener permanenten Ursachen oder unzerstörbaren Agentien der Natur
welche unmöglich ausgeschlossen oder isoliert werden können deren Gegenwart wir
weder verhindern noch ausschließlich der anderen erzwingen können Bei dem
ersten Anblicke möchte es scheinen dass wir die Wirkungen dieser Agentien von
den Wirkungen jener anderen Naturerscheinungen mit denen zugleichzusein sie
nicht zu verhindern sind durchaus nicht trennen können In der Tat besteht
aber in Beziehung auf die meisten der permanenten Ursachen eine solche
Schwierigkeit nicht denn obgleich wir sie nicht als zugleichseiende Tatsachen
eliminieren können so können wir sie doch als einwirkende Agentien eliminieren
indem wir einfach unser Experiment außerhalb der Grenzen ihres lokalen
Einflusses machen Die Schwingungen des Pendels zB werden durch die Nähe eines
Gebirges gestört wir entfernen das Pendel bis zu einer genügenden Weite von dem
Gebirge und die Störung hört auf Aus diesen Data können wir nach der
Differenzmethode die Wirkung die dem Berge wirklich zukommt bestimmen über
eine gewisse Entfernung hinaus geht alles genau wie es gehen würde wenn der
Berg gar keinen Einfluss ausübte und demgemäß schließen wir mit hinreichendem
Grunde dass dies auch die Tatsache ist
Die Schwierigkeit die bereits erwähnten Methoden auf die Bestimmung von
Wirkungen permanenter Ursachen anzuwenden beschränkt sich daher auf solche
Fälle in denen es uns unmöglich ist aus den Grenzen ihrer lokalen Einflüsse
herauszukommen Das Pendel kann dem Einfluss des Berges nicht aber dem Einfluss
der Erde entzogen werden wir können weder die Erde von dem Pendel noch das
Pendel von der Erde hinwegnehmen um zu erforschen ob es fortfahren würde zu
schwingen wenn die Einwirkung der Erde auf dasselbe beseitigt ist Auf welchen
Beweis hin schreiben wir also der Einwirkung der Erde seine Schwingungen zu Es
geschah dies weder auf einen Beweis nach der Differenzmethode hin denn der
negative der zwei Fälle fehlt hier noch auf einen Beweis nach der Methode der
Übereinstimmung hin denn obgleich alle Pendel darin übereinstimmen dass die
Erde während ihrer Schwingungen gegenwärtig ist so ist doch auch die Sonne eine
bei allen diesen Experimenten koexistierende Tatsache Und warum schreiben wir
die Wirkung nicht der Sonne zu Es ist evident dass sogar um einen solch
einfachen Fall von Verursachung festzustellen wir einer Methode bedürfen
welche über denjenigen steht die wir bis jetzt geprüft haben
Nehmen wir das Phänomen »die Wärme« als ein anderes Beispiel Es ist eine
gewisse Tatsache dass unabhängig von einer jeden Hypothese über die wahre
Natur dieses Agens wir nicht im Stande sind einem Körper seine Wärme gänzlich
zu entziehen Es ist gleich gewiss dass man niemals Wärme bemerkt hat die
nicht von einem Körper ausgestrahlt worden wäre Da wir demnach unfähig sind
Körper und Wärme zu trennen so können wir nicht eine Veränderung der Umstände
bewirken wie sie die drei vorhergehenden Methoden verlangen wir können durch
diese Methoden nicht bestimmen welcher Teil von den Erscheinungen die ein
Körper darbietet der in ihm enthaltenen Wärme zuzuschreiben ist Wenn wir einen
Körper mit seiner Wärme beobachten und ihn dann dieser Wärme gänzlich berauben
könnten so würde die Differenzmethode die der Wärme zugehörige Wirkung
getrennt von der dem Körper zugehörigen nachweisen Wenn wir die Wärme
beobachten könnten unter Umständen die in nichts übereinstimmen als in der
Wärme und also nicht auch durch die Gegenwart eines Körpers charakterisiert
sind so könnten wir die Wirkungen derselben durch einen Fall von Wärme mit
einem Körper und einen Fall von Wärme ohne einen Körper nach der Methode der
Übereinstimmung bestimmen oder wir könnten durch die Differenzmethode
bestimmen welche Wirkung dem Körper zukommt wenn der der Wärme zukommende Rest
durch die Rückstandsmethode gegeben wäre Aber von allem diesem vermögen wir
nichts zu tun und ohne es getan zu haben wäre die Anwendung einer dieser drei
Methoden auf die Lösung der Aufgabe nur illusorisch Es wäre zB ein müßiges
Unternehmen wenn man versuchen wollte die Wirkungen der Wärme zu bestimmen
indem man von den Erscheinungen welche ein Körper darbietet alles abzieht was
den übrigen Eigenschaften desselben zukommt denn da wir niemals von aller Wärme
befreite Körper beobachten konnten so können die dieser Wärme zugehörigen
Wirkungen einen Teil der Resultate bilden welche wir abzuziehen suchen um die
Wirkung der Wärme durch den Rückstand nachzuweisen
Wenn es daher außer diesen dreien keine anderen Methoden der
experimentellen Forschung gäbe so wären wir für immer außer Stande die
Wirkungen der Wärme als Ursache zu bestimmen Wir haben aber noch ein
Hilfsmittel Obgleich wir ein Antezedens nicht ganz ausschließen können so
können wir doch oder es kann die Natur für uns eine Modifikation desselben
hervorbringen Durch Modifikation ist hier eine Änderung desselben nicht eine
gänzliche Entfernung gemeint Wenn eine Modifikation in dem Antezedens A immer
von einer Änderung in der Folge a begleitet ist und die anderen Folgen b und c
dieselben bleiben oder wenn man umgekehrt gefunden hat dass einer jeden
Änderung in a eine Modifikation in A vorausgegangen ist ohne in den anderen
Antecedentien wahrnehmbar zu sein so können wir mit Sicherheit schließen dass
a ganz oder zum Teil eine Wirkung von A oder wenigstens durch einen
Kausalzusammenhang damit verknüpft ist Wir können zB in dem obigen Falle die
Wärme nicht gänzlich aus einem Körper austreiben wir können sie aber in der
Quantität modifizieren wir können sie vermehren oder vermindern und wenn wir
dieses tun so finden wir durch die bereits abgehandelten Methoden des
Experimentierens und der Beobachtung dass die Zunahme oder Abnahme der Wärme von
einer Ausdehnung oder Zusammenziehung des Körpers begleitet ist Auf diese Weise
kommen wir zu dem auf anderem Wege nicht zu erreichenden Schluss dass eine der
Wirkungen der Wärme darin besteht dass sie das Volumen der Körper vermehrt
oder was dasselbe heißt dass sie die Entfernung der Partikel vergrößert
Eine Änderung eines Dinges die nicht bis zu einer gänzlichen Entfernung
desselben geht dh eine Änderung die es noch dasselbe Ding lässt muss eine
Änderung seiner Quantität oder eine seiner Beziehungen zu anderen Dingen deren
wichtigste die Lage im Raume ist sein In dem vorhergehenden Beispiele war die
in dem Antezedens hervorgebrachte Modifikation eine Änderung seiner Quantität
Wir wollen nun annehmen es wäre die Frage welchen Einfluss der Mond auf die
Oberfläche der Erde ausübt Wir können kein Experiment unter Abwesenheit des
Mondes anstellen um zu beobachten welchen terrestrischen Naturerscheinungen
seine Vernichtung ein Ende machen würde aber wenn wir finden dass alle
Veränderungen in der Stellung des Mondes von entsprechenden Veränderungen in der
Zeit und dem Orte der Flut begleitet sind indem die Flut immer auf der Seite
ist die dem Mond am nächsten oder auch auf der die ihm am fernsten liegt so
haben wir einen hinreichenden Beweis dass der Mond die Ursache ist welche Ebbe
und Flut hervorbringt Wie in diesem Beispiele so geschieht es gewöhnlich
dass die Veränderungen einer Wirkung den Veränderungen ihrer Ursache
entsprechend oder analog sind so wie der Mond weiter nach Osten rückt so tut
es auch der Punkt des höchsten Wassers dies ist jedoch keine unerlässliche
Bedingung wie man aus demselben Beispiele ersieht denn in demselben Augenblick
bewegt sich ein diametral entgegengesetzter Punkt notwendig nach Westen und
dennoch sind beide Bewegungen Wirkungen der Bewegung des Mondes
Es wird in ähnlicher Weise bewiesen dass die Schwingungen des Pendels durch
die Erde verursacht werden Diese Schwingungen finden zwischen Punkten Statt
die gleich weit entfernt auf beiden Seiten einer Linie liegen die senkrecht zur
Erde ist und sich mit jeder Veränderung der Stellung der Erde entweder im
Raume oder in Beziehung auf den Gegenstand ändert Genau genommen wissen wir
nur durch die eben charakterisierte Methode dass alle irdischen Körper ein
Streben nach der Erde und nicht nach einem unbekannten festen Punkt der in
derselben Richtung liegt haben In je vierundzwanzig Stunden fällt die von
einem Körper rechtwinklig auf die Erde gezogene Linie durch die Umdrehung der
Erde mit allen Radien eines Kreises zusammen und in dem Verlauf von sechs
Monaten verändert sich die Stelle dieses Kreises um nahe zweihundert Millionen
englische Meilen aber in allen diesen Veränderungen der Lage der Erde behält
die Linie in welcher die Körper zu fallen streben ihre Richtung nach ihr der
Erde bei was beweist dass die irdische Schwerkraft ihre Richtung nach der
Erde und nicht wie man einst glaubte nach einem festen Punkte des Raumes hat
Die Methode durch welche diese Resultate erhalten wurden kann die Methode
der sich begleitenden Veränderungen99 genannt werden sie hat die folgende
Regel
Fünfte Regel
Eine Naturerscheinung die sich verändert wenn sich eine andere
Naturerscheinung in irgend einer besonderen Weise verändert ist entweder eine
Ursache oder eine Wirkung dieser Naturerscheinung oder durch irgend einen
Kausalzusammenhang damit verknüpft
Die letzte Klausel ist hinzugefügt weil wenn zwei Naturerscheinungen
einander in ihren Veränderungen begleiten es durchaus nicht ersichtlich ist
welche die Ursache und welche die Wirkung ist Dasselbe Ding kann und muss in
der Tat geschehen wenn man annimmt dass sie verschiedene Wirkungen einer
gemeinschaftlichen Ursache sind es wäre durch diese Methode allein nie möglich
zu bestimmen welche von den zwei Annahmen die richtige ist Der einzige Weg
den Zweifel zu lösen und auf welchen wir so oft aufmerksam gemacht haben ist
zu erforschen ob wir die eine Reihe Von Veränderungen durch die andere
hervorbringen können zB durch die Erhöhung der Temperatur eines Körpers
vermehren wir sein Volumen aber durch Vermehrung seines Volumens erhöhen wir
nicht seine Temperatur im Gegenteil wir vermindern sie gewöhnlich wie bei
der Verdünnung der Luft unter dem Rezipienten einer Luftpumpe es ist daher die
Wärme nicht eine Wirkung sondern eine Ursache der Vermehrung des Volumens Wenn
wir die Veränderungen nicht selbst hervorbringen können so müssen wir suchen
obgleich es selten gelingt sie in einem Falle in welchem uns die
präexistierenden Umstände vollkommen bekannt sind durch die Natur hervorgebracht
zu sehen
Es ist kaum nötig zu bemerken dass man bei der Bestimmung der
gleichförmigen beständigen Begleitung der Veränderungen in der Wirkung durch
Veränderungen in der Ursache dieselbe Vorsicht gebrauchen muss wie in irgend
einem andern Falle der Bestimmung einer unveränderlichen Folge Wir müssen
suchen alle anderen Antecedentien unverändert zu erhalten während das besondere
Eine der erforderlichen Reihe von Veränderungen unterworfen wird oder mit
anderen Worten damit wir mit Sicherheit eine Verursachung aus der Begleitung
von Veränderungen schließen können mm die Begleitung selbst durch die
Differenzmethode bewiesen werden
Auf den ersten Blick könnte es scheinen dass die Methode der sich
begleitenden Veränderungen ein neues Axiom nämlich das Axiom voraussetzt dass
eine jede Modifikation der Ursache von einer Veränderung in der Wirkung
begleitet ist auch geschieht es gewöhnlich dass wenn ein Phänomen A ein
Phänomen a hervorbringt einer Veränderung in der Quantität oder in den
verschiedenen Beziehungen von A eine Veränderung in der Quantität oder in den
Beziehungen von a gleichförmig folgt Nehmen wir einen bekannten Fall die
Schwerkraft Die Sonne verursacht in der Erde ein gewisses Streben nach
Bewegung wir haben hier Ursache und Wirkung Aber dieses Bestreben geht nach
der Sonne und verändert daher diese Richtung sobald die Sonne sich in
Beziehung auf ihre Stellung ändert überdies verändert sich das Bestreben in
der Intensität in einem gewissen numerischen Verhältnis zur Entfernung der
Sonne von der Erde dh also nach einem andern Verhältnis zur Sonne Wir sehen
also dass zwischen der Sonne und der Gravitation der Erde nicht allein ein
unveränderlicher Zusammenhang besteht sondern dass auch zwei von den
Beziehungen der Sonne ihre Stellung zur und ihre Entfernung von der Erde
unveränderlich als Antecedentien mit der Quantität und Richtung der Gravitation
der Erde verbunden sind Die Ursache der Gravitation der Erde schlechtweg ist
einfach die Sonne aber die Existenz der Sonne in einer gegebenen Richtung und
einer gegebenen Entfernung ist die Ursache dass sie mit einer gegebenen
Intensität und in einer gegebenen Richtung gravitiert Es ist nicht auffallend
dass eine modifizierte Ursache die in Wahrheit eine verschiedene Ursache ist
eine verschiedene Wirkung hervorbringen kann da aber die Ursache nur in ihrer
Quantität oder in einigen ihrer Beziehungen verschieden ist so wird die Wirkung
gewöhnlich auch nur in der Quantität oder in ihren Beziehungen geändert
Obgleich es meistens wahr ist dass einer Modifikation der Ursache eine
Modifikation der Wirkung folgt so setzt dies doch die Methode der sich
begleitenden Veränderungen nicht als ein Axiom voraus Sie verlangt nur den
umgekehrten Satz dass irgend ein Ding auf dessen Modifikationen Modifikationen
einer Wirkung unveränderlich folgen die Ursache oder mit ihr verknüpft der
Wirkung Bein muss ein Satz dessen Wahrheit einleuchtend ist denn wenn das
Ding selbst keinen Einfluss auf die Wirkung hätte so könnten auch die
Modifikationen des Dinges keinen Einfluss haben Wenn die Sterne keine Gewalt
über das Glück der Menschen haben so ist hierin auch inbegriffen dass die
Konjunktionen und Oppositionen der verschiedenen Sterne keinen solchen Einfluss
haben können
Obgleich die auffallendsten Anwendungen der Methode der sich begleitenden
Veränderungen in Fällen stattfinden in denen die streng sogenannte
Differenzmethode unmöglich ist so ist ihr Gebrauch doch nicht auf solche Fälle
beschränkt sie kann oft mit Nutzen nach der Differenzmethode angewendet werden
um einer nach jener Methode gelösten Frage eine größere Genauigkeit zu
verleihen Nachdem durch die Differenzmethode zuerst erforscht worden ist dass
ein bestimmter Gegenstand eine bestimmte Wirkung hervorbringt kann die Methode
der sich begleitenden Veränderungen mit Nutzen angewendet werden um zu
bestimmen nach welchem Gesetz die Quantität oder die verschiedenen Beziehungen
der Wirkung denen der Ursache folgen
7 Die letzte Methode findet eine ausgedehnte Anwendung in dem Falle wo
die Veränderungen der Ursache Veränderungen der Quantität sind Wir können von
solchen Veränderungen mit Sicherheit behaupten nicht allein dass sie von
Veränderungen sondern auch dass sie von ähnlichen Veränderungen der Wirkung
begleitet sind indem der Satz dass einem Mehr der Ursache ein Mehr der Wirkung
folgt ein Folgesatz des Prinzips der Zusammensetzung der Ursachen ist das wie
wir sahen die allgemeine Regel der Verursachung ist während Fälle der
entgegengesetzten Art in denen die Ursachen ihre Eigenschaften ändern wenn sie
verbunden werden im Gegenteil vereinzelt und exzeptionell sind Nehmen wir an
dass wenn sich A der Quantität nach ändert sich auch a in der Quantität und in
einer solchen Weise ändert dass wir das numerische Verhältnis zwischen der
Veränderung des einen und denjenigen Veränderungen des andern die innerhalb der
Grenzen unserer Beobachtung stattfinden bestimmen können Bei einiger Vorsicht
können wir alsdann schließen dass dasselbe Verhältnis auch über diesen
Grenzen hinaus stattfinden wird Wenn wir zB finden dass wenn A doppelt auch
a doppelt dass wenn A drei oder vierfach auch a drei oder vierfach ist so
können wir schließen dass wenn A halb oder ein Drittel auch a ein halb oder
ein Drittel wäre und endlich dass wenn A vernichtet auch a vernichtet wäre
und dass a gänzlich die Wirkung von A oder mit A gänzlich die Wirkung derselben
Ursache ist und so mit einem jeden andern numerischen Verhältnis nach welchem
A und a gleichzeitig verschwinden wie zB wenn a dem Quadrat von A
proportional wäre Wenn von der andern Seite a nicht ganz die Wirkung von A ist
aber sich dennoch verändert wenn A sich ändert so ist es wahrscheinlich eine
mathematische Funktion nicht von A allein sondern von A und irgend etwas
Anderem seine Veränderungen werden so beschaffen sein als wenn ein Teil von
ihm konstant bliebe oder sich nach einem andern Prinzip und der Rest sich in
einem numerischen Verhältnis zu den Veränderungen von A veränderte Wenn sich
in diesem Falle A vermindert so wird man bemerken dass sich a nicht der Null
sondern irgend einer andern Grenze nähert und wenn die Reihe der Veränderungen
der Art ist dass sie diese Grenze angibt wenn sie konstant oder das Gesetz
ihrer Veränderungen wenn sie veränderlich ist so wird die Grenze genau messen
wie viel von a die Wirkung einer andern und unabhängigen Ursache ist und der
Rest wird die Wirkung von A sein oder der Ursache von A
Diese Schlüsse dürfen indessen nicht ohne eine gewisse Vorsicht gemacht
werden Die Möglichkeit sie überhaupt zu machen setzt offenbar vor allem
voraus dass wir nicht allein mit den Veränderungen sondern auch dass wir mit
der absoluten Quantität sowohl von A als von a bekannt sind Wenn wir nicht mit
den ganzen Quantitäten bekannt sind so können wir natürlich nicht das wirkliche
numerische Verhältnis wonach diese Quantitäten sich verändern bestimmen Es
ist daher ein Irrtum wenn wir wie Einige getan haben schließen dass weil
die Wärme die Körper ausdehnt dh die Entfernung ihrer Moleküle vergrößert
diese Entfernung ganz die Wirkung der Wärme ist und dass wenn wir einen Körper
seiner ganzen Wärme berauben könnten die Moleküle in vollkommener Berührung
stehen würden Dies kann nicht mehr als eine Vermutung und zwar eine der
gewagtesten Art nicht aber eine richtige Induktion sein denn da wir weder
wissen wie viel Wärme in einem Körper noch welches die wahre Entfernung irgend
zweier Moleküle von einander ist so können wir nicht urteilen ob eine
Verminderung dieser Entfernung der Verminderung der Wärmemenge in einem solchen
numerischen Verhältnis folgt dass die zwei Quantitäten gleichzeitig
verschwinden würden
Im Gegensatz zu dem Vorhergehenden wollen wir nun einen Fall betrachten in
dem die absoluten Quantitäten bekannt sind den Fall nämlich wo alle in
Bewegung begriffene Körper sich so lange mit gleichförmiger Geschwindigkeit in
einer geraden Linie bewegen bis eine neue Kraft auf sie wirkt Diese Behauptung
steht anscheinend in offenem Widerspruch mit der gewöhnlichen Erfahrung alle
irdischen Gegenstände nehmen wenn sie sich bewegen nach und nach an
Geschwindigkeit ab und stehen endlich still nach ihrer inductio per
enumerationem simplicem hielten dies die Alten für das Gesetz Jeder sich
bewegende Körper begegnet indessen Hindernissen wie Reibung Widerstand der
atmosphärischen Luft etc von denen wir aus täglicher Erfahrung wissen dass
sie Ursachen sind welche die Bewegung aufheben können Man vermutete dass die
ganze Verzögerung von diesen Ursachen kommen könnte Wie wurde dies ermittelt
Wenn die Hindernisse hätten gänzlich entfernt werden können so wäre der Fall
auf die Differenzmethode zurückführbar gewesen sie konnten jedoch nicht
entfernt sondern nur vermindert werden und es war daher nur die Methode der
sich begleitenden Veränderungen zulässig Als diese angewendet wurde ergab sich
dass eine jede Verminderung der Hindernisse eine Verminderung in der Abnahme der
Bewegung zur Folge hat und insofern in diesem Falle unähnlich wie bei der
Wärme die ganzen Quantitäten sowohl des Antezedens als des Konsequenz bekannt
waren so konnte man mit annähernder Richtigkeit die Größe der Verzögerung und
die Größe der verzögernden Ursachen oder Widerstände berechnen und urteilen
wie nahe sie beide der Erschöpfung waren auch zeigte es sich dass die Wirkung
so rasch entschwand und bei jedem Schritte so weit auf dem Wege der Vernichtung
war wie die Ursache Die Schwingungen eines an einem festen Punkte
aufgehängten und ein wenig aus der senkrechten Richtung herausgebrachten
Gewichtes welche unter gewöhnlichen Umständen nur einige Minuten dauern wurden
bei dem Versuche von Borda indem derselbe die Reibung an dem Aufhängepunkte
möglichst verminderte und den Körper in einem möglichst luftleeren Raume
schwingen ließ auf mehr als dreißig Stunden verlängert Man konnte daher ohne
Bedenken die ganze Verzögerung der Bewegung dem Einfluss der Hindernisse
zuschreiben und da nach dem Abzug dieser Abnahme von dem ganzen Phänomen der
Rest eine gleichförmige Geschwindigkeit war so hatte man als Resultat den als
das erste Gesetz der Bewegung bekannten Satz
Es gibt noch eine andere charakteristische Unsicherheit des Schlusses dass
das Gesetz der Veränderungen welches die Quantitäten innerhalb der Grenzen
unserer Beobachtung einhalten auch außerhalb dieser Grenzen gültig sei In dem
ersten Beispiel ist natürlich die Möglichkeit vorhanden dass außerhalb dieser
Grenzen und also unter Umständen von welchen wir keine direkte Erfahrung
haben irgend eine entgegenwirkende Ursache sich entwickeln könnte sei es ein
neues Agens oder eine neue Eigenschaft der betreffenden Agentien die in den
Umständen welche wir beobachten konnten verborgen lag Dies ist ein Element
der Unsicherheit das reichlich in alle unsere Voraussagungen von Wirkungen
eintritt es ist jedoch nicht eigens auf die Methode der begleitenden Umstände
anwendbar Die Ungewissheit von der ich spreche ist indessen besonders in
solchen Fällen in denen die äußersten Grenzen unserer Beobachtung im
Vergleich mit den möglichen Veränderungen in den Quantitäten des Phänomens sehr
enge sind dieser Methode eigentümlich Ein jeder der nur eine geringe
Kenntnis der Mathematik besitzt weiß dass sehr verschiedene Gesetze der
Veränderungen numerische Resultate hervorbringen können welche innerhalb enger
Grenzen nur wenig von einander abweichen und es ist oft der Fall dass nur wenn
die absoluten Größen der Veränderung bedeutend sind der Unterschied der
Resultate des einen und des andern Gesetzes schätzbar wird Wenn daher die
Veränderungen in der Quantität der Antecedentien die wir beobachten können im
Vergleich mit den ganzen Quantitäten nur gering sind so laufen wir große
Gefahr das numerische Gesetz zu verkennen und die Veränderungen welche
außerhalb der Grenzen stattfinden können falsch zu berechnen ein Verrechnen
welches einen jeden Schluss hinsichtlich der Abhängigkeit der Wirkung von der
Ursache welche auf diese Veränderungen gegründet werden könnte fehlerhaft
macht Es fehlt nicht an Beispielen von solchen Irrtümern »Die Formeln« sagt
Sir J Herschel100 »welche empirisch aus der Elastizität des Dampfes erst in
der Neuzeit abgeleitet wurden so wie diejenigen für den Widerstand der
Flüssigkeiten und andere ähnliche Gegenstände wenn man ihnen über die Grenzen
der Beobachtungen aus welchen sie hergeleitet wurden vertraute verfehlten
fast Immer den theoretischen Bau den man darauf errichtete zu stützen«
Bei dieser Unsicherheit kann der Schluss den wir aus den sich begleitenden
Veränderungen von a und A auf die Existenz eines unveränderlichen und
ausschließlichen Zusammenhangs unter ihnen ziehen oder den wir auf die
Beständigkeit desselben numerischen Verhältnisses zwischen ihren Veränderungen
wenn die Quantitäten viel grösser oder viel kleiner sind als diejenigen welche
wir durch unsere Mittel beobachten konnten ziehen nicht als auf einer
vollständigen Induktion beruhend betrachtet werden Alles was in einem solchen
Falle in Beziehung auf Verursachung als bewiesen angesehen werden kann besteht
darin dass eine Verbindung zwischen den beiden Phänomenen besteht dass A oder
etwas das auf A Einfluss übt eine von den Ursachen sein muss welche a
zusammen kollektiv hervorbringen Wir können indessen überzeugt sein dass das
Verhältnis welches wir als zwischen A und a bestehend beobachtet haben in
allen Fällen wahr sein wird welche innerhalb derselben äußersten Grenzen
fallen dh wo die höchste Zunahme oder Abnahme in denen das Resultat
erfahrungsmäßig mit dem Gesetz übereinstimmt nicht überschritten wird
Die vier Methoden welche ich versucht habe zu beschreiben sind die einzig
möglichen Arten der experimentellen Forschung der direkten Induktion a
posteriori als von der Deduktion verschieden wenigstens kenne ich keine andere
noch bin ich im Stande mir eine Vorstellung davon zu machen Und sogar von
diesen vier ist die Methode der Rückstände wie wir gesehen haben von der
Deduktion nicht unabhängig obgleich sie da sie noch das spezifische Experiment
verlangt mit Recht in die Methoden der direkten Beobachtung und des
Experimentes eingeschlossen werden darf
Mit einer Hülfe wie sie die Deduktion gewähren kann machen daher diese
Methoden die zulässigen Hilfsmittel des menschlichen Geistes zur Bestimmung der
Gesetze der Sukzession der Naturerscheinungen aus Bevor wir gewisse Umstände
hervorheben durch welche der Gebrauch dieser Methoden einer immensen Zunahme
von Verwickelung und Schwierigkeit unterworfen wird ist es nützlich den
Gebrauch derselben durch schickliche der gegenwärtigen physikalischen Forschung
entlehnte Beispiele zu erläutern Dies soll demnach den Gegenstand des folgenden
Kapitels ausmachen
1 Als erstes Beispiel will ich eine interessante Betrachtung von einem
der eminentesten theoretischen Chemiker unserer und aller Zeiten von Professor
Liebig wählen Es betrifft die Bestimmung der unmittelbaren Ursache des Todes
durch Metallgifte
Arsenige Säuren und die Salze von Blei Wismuth Kupfer und Quecksilber
wenn sie in anderen als höchst geringen Dosen in den tierischen Organismus
eingeführt werden zerstören das Leben Diese Tatsachen waren lange als
vereinzelte Wahrheiten von Generalisationen der untersten Art bekannt aber es
war Liebig vorbehalten durch einen geschickten Gebrauch der zwei ersten unserer
Methoden der experimentellen Forschung diese Wahrheiten durch eine höhere
Induktion mit einander zu verbinden indem er die allen diesen Substanzen
gemeinschaftliche Eigenschaft bezeichnete welche die wirkliche Ursache dieser
tödlichen Wirkung ist
Wenn Lösungen dieser Substanzen in hinreichend enge Berührung mit vielen
tierischen Produkten wie Albumin Milch Muskelfaser und Membranen kommen so
tritt die Säure oder das Salz aus der Lösung in eine Verbindung mit der
Tiersubstanz welche nach dieser Einwirkung ihre Neigung zur freiwilligen
Zersetzung oder Fäulnis verloren hat
Auch zeigt die Erfahrung dass in Fällen wo der Tod durch diese Gifte
verursacht wurde diejenigen Theile des Körpers welche mit dem Gift in
Berührung waren nicht faulen
Und endlich dass wenn die angewandte Menge des Giftes nicht hinreichend
war um das Leben zu vernichten Schorfe gebildet dh gewisse oberflächliche
Theile des Gewebes zerstört werden welche dann von dem gesunden Theile
abgestoßen werden
Diese drei Reihen von Fällen lassen eine Anwendung der Methode der
Übereinstimmung zu In allen dreien wird die metallische Substanz mit den
Substanzen welche den menschlichen oder tierischen Körper zusammensetzen in
Berührung gebracht die Fälle scheinen in keinem andern Umstande
übereinzustimmen Die übrigen Antecedentien sind so verschieden und sogar so
entgegengesetzt als sie möglicherweise gemacht werden können denn in einigen
sind die der Einwirkung des Giftes ausgesetzten Tiersubstanzen in einem
Zustande des Lebens in anderen nur in einem Zustande von Organisation in
anderen nicht einmal hierin Welches Resultat erfolgt aber in allen Fällen Die
Umwandlung der Tiersubstanz in eine chemische Verbindung die so kräftig
zusammengehalten wird dass sie der nachfolgenden Einwirkung der gewöhnlichen
Ursachen der Zersetzung widersteht Da nun das organische lieben die
notwendige Bedingung des sensitiven Lebens in einem fortwährenden Zustande von
Zersetzung und Wiederbildung der verschiedenen Organe und Gewebe besteht so
wird alles was diese Umsetzung hindert das Leben zerstören und hiermit ist
die nächste Ursache des durch diese Art von Gift bewirkten Todes soweit es die
Methode der Übereinstimmung vermag bestimmt
Wir wollen nun ungern Schluss durch die Differenzmethode prüfen Indem wir
von den bereits angeführten Fällen in welchen das Antezedens die Gegenwart
einer sich mit dem Gewebe verbindenden fäulniswidrigen Substanz die a
fortiori chemischer Aktionen welche das Leben ausmachen unfähig ist und das
Konsequenz der Tod des ganzen oder eines Teils des Organismus ist ausgehen
wollen wir mit diesen Fällen andere vergleichen welche ihnen soviel wie möglich
gleichen in denen diese Wirkung jedoch nicht hervorgebracht wird Vor allem ist
bekannt dass viele basischen Salze der arsenigen Säure nicht giftig sind Das
von Bunsen entdeckte Alkargen welches eine bedeutende Quantität Arsenik
enthält und dessen Zusammensetzung sich der Zusammensetzung der in dem Körper
gefundenen organischen Verbindungen nähert hat nicht die geringste schädliche
Wirkung auf den Organismus Wenn diese Körper mit den tierischen Geweben auf
irgend eine Weise in Berührung gebracht werden so verbinden sie sich nicht
damit sie verhindern die Zersetzung derselben nicht So weit diese Fälle gehen
scheint es also dass wenn die Wirkung ausbleibt es wegen der Abwesenheit
desjenigen Antezedens geschieht welches wir guten Grund hatten als nächste
Ursache zu betrachten
Den strengen Bedingungen der Differenzmethode ist aber hiermit noch nicht
genügt worden denn wir können nicht sicher sein dass diese ungiftigen Körper
mit den giftigen Substanzen in jeder Beziehung mit Ausnahme der besonderen
einen nämlich mit dem tierischen Gewebe eine schwer zersetzbare Verbindung
einzugehen übereinstimmen Um die Methode genau anwendbar zu machen bedürfen
wir eines Falles nicht einer verschiedenen sondern derselben Substanz unter
Umständen welche sie verhindern die in Rede stehende Art von Verbindung mit
dem Gewebe zu bilden wenn der Tod alsdann nicht erfolgt so ist unser Fall
ermittelt Die Gegengifte jener Substanzen bieten nun solche Fälle dar Wenn bei
der Vergiftung mit arseniger Säure Eisenoxydhydrat eingegeben wird so wird der
zerstörenden Wirkung derselben sogleich Einhalt getan Man weiß aber dass das
Eisenoxyd mit der arsenigen Säure eine Verbindung eingeht die ihrer
Unlöslichkeit wegen nicht auf das tierische Gewebe wirken kann Ebenso ist
Zucker ein bekanntes Gegengift gegen Kupfersalze Der Zucker reduziert diese
Salze entweder zu metallischem Kupfer oder zu rotem Kupferoxydul wovon keines
mit tierischer Substanz eine Verbindung eingeht Die in Fabriken von Bleiweiß
so gewöhnliche Bleikolik ist da unbekannt wo die Arbeiter gewöhnt sind als
Präservativ täglich SchwefelsäureLimonade mit Schwefelsäure angesäuertes
Zuckerwasser zu sich zu nehmen Verdünnte Schwefelsäure hat aber die
Eigenschaft alle Verbindungen des Bleies mit organischen Substanzen zu
zersetzen und natürlich auch zu verhindern dass sie sich bilden
Es gibt eine andere Klasse von Fällen von dem Charakter wie ihn die
Differenzmethode verlangt welche auf den ersten Anblick der Theorie zu
widerstreiten scheinen Lösliche Silbersalze zB salpetersaures Silberoxyd
haben dieselbe steif machende antiseptische Wirkung auf Tiersubstanzen wie der
Aetzsublimat und die tödlichsten Metallgifte mit den äußeren Teilen des
Körpers zusammengebracht ist das salpetersaure Silberoxyd ein kräftiges
Ätzmittel das diese Theile aller Lebensfähigkeit beraubt und verursacht dass
sie von den gesunden Teilen in Form eines Schorfes abgestoßen werden Es
möchte daher scheinen dass wenn die Theorie richtig ist das salpetersaure und
andere Silbersalze giftig sein müssen sie können jedoch ohne Schaden innerlich
genommen werden Aus dieser scheinbaren Ausnahme ersteht die strengste
Bestätigung welche die Theorie Liebigs bis jetzt erhalten hat Trotz seiner
chemischen Eigenschaften wirkt das salpetersaure Silberoxyd nicht als ein Gift
wenn es in den Magen gebracht wird aber im Magen wie in allen tierischen
Flüssigkeiten ist Kochsalz enthalten auch ist im Magen freie Salzsäure
vorhanden Diese Substanzen wirken als ein Gegengift indem sie das
salpetersaure Silberoxyd wenn seine Menge nicht zu groß ist in Chlorsilber
eine sehr wenig lösliche Substanz verwandeln die unfähig ist sich mit dem
Tiergewebe zu verbinden obgleich sie soweit ihre Löslichkeit geht einen
medizinischen Einfluss aber eine ganz verschiedene Art organischer Wirkungen
hat
Die vorhergehenden Beispiele boten eine Induktion von sehr bündiger Art um
die zwei einfachsten unserer vier Methoden zu erläutern wenn sie sich auch
nicht zu dem Maximum von Gewissheit erhebt welche die Differenzmethode in ihrer
vollkommensten Anwendung darbieten kann Denn wir wollen dies nicht vergessen
der positive und negative Fall welche die Strenge dieser Methode verlangt
dürfen nur in Anwesenheit oder Abwesenheit eines einzigen Umstandes differieren
In dem vorhergehenden Argument sind sie nun aber nicht durch einen einzigen
Umstand sondern durch eine einzige Substanz unterschieden und da jede Substanz
unzählige Eigenschaften besitzt so weiß man nicht wie viel wirkliche
Differenzen in der angeblichen und scheinbaren Differenz eingeschlossen sind Es
ist begreiflich dass das Gegengift das Eisenoxydhydrat zB durch andere
Eigenschaften als durch die Verbindung zu einem unlöslichen Körper dem Gift
entgegenwirken könnte wenn dies der Fall wäre so würde die Theorie so weit
als sie durch diesen Fall gestutzt wird fallen müssen Diese Quelle von
Unsicherheit die in der Chemie ein großes Hindernis aller Generalisationen
ist ist indessen in dem gegenwärtigen Falle auf den möglichst niedrigen Grad
zurückgeführt wenn wir finden dass nicht allein eine einzige sondern dass
viele Substanzen die Fähigkeit besitzen als Gegengifte gegen metallische Gifte
zu wirken und dass alle in der Eigenschaft übereinstimmen mit den Giften
unlösliche Verbindungen zu bilden während sie in keiner andern Eigenschaft
übereinstimmend gefunden werden können Wir haben also für diese Theorie allen
Beweis welcher durch das was wir die indirekte Differenzmethode genannt haben
erhalten werden kann einen Beweis der nie den durch direkte Differenzmethode
erhaltenen erreichen der sich ihm aber ohne Grenze nähern kann
2 Es sei die Aufgabe101 die Gesetze der sogenannten induzierten
Elektrizität zu erforschen zu finden unter welchen Bedingungen ein positiv
oder negativ elektrisierter Körper in einem andern benachbarten Körper die
entgegengesetzte Elektrizität erregt
Die zu erforschende Naturerscheinung wird gewöhnlich in folgender Weise
erläutert Man findet dass die den Konduktor der Elektrisiermaschine umgebende
Atmosphäre oder eine in derselben aufgehangene leitende Fläche die
entgegengesetzte Elektrizität des Conductors besitzt Der positive Konduktor ist
mit negativer der negative mit positiver Elektrizität umgeben Bringt man in
die Nähe des einen der Konduktoren Kügelchen aus Holundermark so beladen sie
sich mit der entgegengesetzten Elektrizität indem sie entweder Von der bereits
elektrisierten Atmosphäre einen Teil Elektrizität aufnehmen oder auch durch den
direkten induzierenden Einfluss des Conductors sie werden nun von dem
entgegengesetzt geladenen Konduktor oder wenn man sie in ihrem elektrisierten
Zustande entfernt von einem jeden entgegengesetzt geladenen Körper angezogen
In derselben Weise empfängt oder gibt die Hand wenn sie dem Konduktor genähert
wird eine elektrische Entladung Wir haben nun aber keinen Beweis dass
eingeladener Konduktor plötzlich anders als durch die Annäherung eines
entgegengesetzt elektrisierten Körpers entladen werden könnte Es scheint daher
dass bei der Elektrisiermaschine die Anhäufung der Elektrizität in einem
isolierten Konduktor immer von der Erregung der entgegengesetzten Elektrizität in
umgehender Atmosphäre und in einem dem ersten genäherten Konduktor begleitet
ist Es scheint in diesem Falle nicht möglich eine Elektrizität allein
hervorzubringen
Wir wollen nun alle anderen bekannten Fälle betrachten die diesem Falle in
der gegebenen Folge nämlich in der Erregung einer entgegengesetzten
Elektrizität in der Umgebung eines elektrisierten Körpers gleichen Ein
merkwürdiges Beispiel ist die Leydner Flasche und nach den schönen Versuchen
Faradays die zu einem vollständigen Nachweis der Identität des Magnetismus und
der Elektrizität führten können wir den natürlichen sowohl als den
Elektromagneten anführen in keinem von allen diesen Fällen ist es möglich die
eine Elektrizität allein hervorzubringen oder den einen Pol zu laden ohne
zugleich den andern mit der entgegengesetzten Elektrizität zu laden Wir können
keinen Magnet mit einem Pole herstellen brechen wir einen natürlichen Magneten
in tausend Stücke so wird jedes Stück seine beiden entgegengesetzt
elektrisierten Pole haben In der voltaischen Säule sehen wir immer einen
galvanischen Strom von dem entgegengesetzten Strom begleitet Bei der
gewöhnlichen Elektrisiermaschine ist die Glasplatte immer positiv das Reibezeug
negativ elektrisch
Nach der Methode der Übereinstimmung behandelt scheint aus allen diesen
Fällen ein allgemeines Gesetz hervorzugehen Diese Fälle umfassen alle bekannten
Arten in denen ein Körper mit Elektrizität zu laden ist und in allen findet
man als Begleitung oder als Konsequenz die Erregung der entgegengesetzten
Elektrizität in einem andern Körper oder in andern Körpern Es scheint daraus zu
folgen dass diese zwei Tatsachen unveränderlich mit einander verknüpft sind
und dass die Erregung der Elektrizität in einem Körper die Möglichkeit einer
gleichzeitigen Erregung der entgegengesetzten Elektrizität in einem benachbarten
Körper zu einer ihrer notwendigen Bedingungen hat
Da die zwei Elektrizitäten nur zusammen hervorgebracht werden können so
können sie auch nur zusammen aufhören Man kann dies durch die Anwendung der
Differenzmethode auf den Fall der Leydner Flasche nachweisen Es ist bekannt
dass in der Leydner Flasche die Elektrizität gesammelt und zurückgehalten werden
kann Wenn die eine Seite der Flasche positiv geladen ist so ist die andere
negativ geladen und es ist unmöglich die eine Belegung zu entladen ohne
zugleich die andere zu entladen Ein auf die positive Seite gehaltener Konduktor
kann keine positive Elektrizität ableiten wenn nicht zugleich eine gleiche
Menge negativer übergehen kann wenn die eine Belegung vollkommen isoliert ist
so ist die Ladung sicher Das Verschwinden der einen muss gleichen Schritt mit
dem der andern Elektrizität halten
Das auf diese Weise nachgewiesene Gesetz wird durch die Methode der sich
begleitenden Veränderungen bestätigt Die Leydner Flasche ist einer stärkeren
Ladung fähig als der Konduktor der Elektrisiermaschine gewöhnlich anzunehmen
vermag Die metallene Oberfläche der Leydner Flasche welche die induzierte
Elektrizität aufnimmt ist ein Konduktor der dem die primäre Ladung
aufnehmenden ganz ähnlich und daher gerade so fähig ist die eine Elektrizität
aufzunehmen und zurückzuhalten wie die entgegengesetzte Oberfläche die andere
Elektrizität aufzunehmen und zurückzuhalten vermag bei der Elektrisiermaschine
aber ist der entgegengesetzt zu elektrisierende Körper die umgebende Atmosphäre
oder ein zufällig in die Nähe des Conductors gebrachter Körper und da diese in
ihrer Fähigkeit elektrisiert zu werden dem Konduktor weit nachstellen so geht
aus dieser begrenzten Fähigkeit eine entsprechende Beschränkung der Fähigkeit
des Conductors geladen zu werden hervor So wie die Fähigkeit des benachbarten
Körpers die entgegengesetzte Elektrizität aufzunehmen di den elektrischen
Gegensatz auszuhalten zunimmt wird eine stärkere Ladung möglich und hierin
scheint der größere Vorteil der Leydner Flasche zu bestehen
Eine andere und noch größere Bestätigung durch die Differenzmethode findet
man in einem Experiment Faradays in seinen Untersuchungen über die induzierte
Elektrizität
Die gewöhnliche oder Reibungselektrizität kann zu dem vorliegenden Zwecke
als identisch mit dem Galvanismus betrachtet werden Faraday wollte nun wissen
ob ähnlich dem Konduktor der in einem benachbarten Konduktor die
entgegengesetzte Elektrizität erregt ein durch einen Draht gehender voltaischer
Strom in einem andern in kurzer Entfernung damit parallel gehenden Draht einen
entgegengesetzten Strom erregen würde Dieser Fall ist nun den vorher
untersuchten Fällen in einem jeden Umstände mit Ausnahme des einen dem wir die
Wirkung zugeschrieben haben ähnlich In den vorhergehenden Fällen fanden wir
dass wenn in einem Körper eine der Elektrizitäten erregt wird in einem
benachbarten Körper die entgegengesetzte Elektrizität erregt wird In Faradays
Versuch existiert aber dieser unumgängliche Gegensatz im Draht selbst Der Natur
der voltaischen Ladung nach sind die zwei für einander notwendigen
entgegengesetzten Ströme in einem Draht vorhanden und es bedarf keines andern
Drahtes um den einen Strom zu enthalten in der Weise wie die Leydner Flasche
eine positive und eine negative Oberfläche haben muss Die erregende Ursache
kann die ganze Wirkung welche ihre Gesetze erfordern hervorbringen und bringt
sie unabhängig von einer elektrischen Erregung in einem benachbarten Körper
hervor Das Resultat von Faradays Versuch mit dem zweiten Draht war nun dass
kein entgegengesetzter Strom hervorgebracht wird Eine augenblickliche Wirkung
war beim Schließen und Öffnen der Kette vorhanden es erschienen elektrische
Induktionen wenn man die Drähte einander näherte oder von einander entfernte
dies sind jedoch Erscheinungen einer ganz andern Art Es war keine induzierte
Elektrizität in dem Sinne wie von der Leydner Flasche angegeben wurde es war
kein den einen Draht anhaltend aufwärts laufender und ein anderer den
benachbarten Draht abwärts laufender entgegengesetzter Strom vorhanden was
allein ein dem andern Falle wahrhaft paralleler Fall gewesen wäre
Es geht also aus dem vereinigten Beweise nach der Methode der
Übereinstimmung der Methode der sich begleitenden Veränderungen und der
strengsten Form der Differenzmethode hervor dass keine von den zwei
Elektrizitäten erregt werden kann ohne dass zugleich die andere
entgegengesetzte erregt wird dass beide Wirkungen derselben Ursache sind dass
die Möglichkeit der einen durch die Möglichkeit der andern bedingt und dass die
Quantität der einen die unüberschreitbare Grenze der Quantität der andern ist
ein wissenschaftliches Resultat von einem großen Interesse und das die drei
Methoden ebenso charakteristisch als leicht verständlich erläutert102
3 Ein drittes Beispiel entnehme ich Herschels Discourse of the Study of
Natural Philosophy einem Werke das eine Fülle von wohlgewählten Beispielen
induktiver Forschung aus beinahe allen Zweigen der physikalischen Wissenschaften
enthält und in dem allein von allen Büchern denen ich begegnet bin die vier
Methoden der Induktion erkannt obgleich sie weder so deutlich als es mir
wünschenswert schien charakterisiert und definiert noch ihre gegenseitigen
Beziehungen nachgewiesen sind Der vorliegende Fall wird mit Recht von Herschel
»als eines der schönsten Beispiele von induktiver experimenteller Forschung
innerhalb eines beschränkten Gebietes« bezeichnet es ist die Theorie des
Thaues die zuerst von dem verstorbenen Dr Wells ausgesprochen und gegenwärtig
von der wissenschaftlichen Welt allgemein angenommen ist Die mit
Anführungszeichen versehenen Stellen sind wörtlich dem Werke von Herschel
entnommen
»Es sei also der Thau das gegebene Phänomen dessen Ursache wir wissen
wollen Zuerst müssen wir genau festsetzen was wir unter Thau verstehen welche
Tatsache es ist deren Ursache wir erforschen wollen Wir müssen den Thau vom
Regen und von der Feuchtigkeit des Nebels scheiden und die Anwendung des Wortes
auf das beschränken was wirklich damit gemeint ist dh auf die freiwillige
Erscheinung von Feuchtigkeit auf Körpern die der Luft zu einer Zeit ausgesetzt
sind wo weder Regen noch eine sichtbare Feuchtigkeit herabfällt« Dies
entspricht einem vorläufigen Verfahren das in der folgenden Abtheilung die von
den Hilfsoperationen der Induktion handelt charakterisiert werden soll Nachdem
die Frage so Festgesetzt worden ist kommen wir zur Lösung
»Hier haben wir nun analoge Erscheinungen in der Feuchtigkeit welche ein
kaltes Metall oder einen Stein benetzt worauf wir hauchen in der Feuchtigkeit
welche an einem Glas mit kaltem Wasser erscheint wenn es über heißes Wasser
gehalten wird in der Feuchtigkeit welche an der Innenseite der Fenster
erscheint wenn ein plötzlicher Regen oder Hagel die äußere Luft abkühlt in
derjenigen welche nach einem langen Frost an Mauern herabläuft wenn ein
feuchtes Tauwetter eintritt Wenn wir diese Fälle mit einander vergleichen so
finden wir dass sie die Naturerscheinung enthalten die als Gegenstand unserer
Untersuchung dargestellt wurde Alle diese Fälle stimmen nun in einem Punkte
überein nämlich in der Kälte des betauten Gegenstandes im Vergleich mit der
Luft die in Berührung damit ist Es bleibt aber noch der wichtigste Fall der
Nachttau übrig Ist derselbe Umstand auch in diesem Falle vorhanden Ist es
eine Tatsache dass der betaute Gegenstand kälter ist als die Luft Gewiss
nicht sollte man sagen denn was macht ihn kälter Aber der Versuch ist
leicht zu machen wir haben nur ein Thermometer in Berührung mit dem betauten
Körper zu bringen und ein anderes in einer kleinen Entfernung außerhalb des
Einflusses desselben aufzuhängen Der Versuch wurde gemacht die Frage wurde
gestellt und die Antwort fiel beständig bejahend aus Wenn ein Körper mit Thau
beschlägt so ist er kälter als die Luft«
Wir haben also hier eine vollständige Anwendung der Methode der
Übereinstimmung welche die Tatsache eines beständigen Zusammenhangs zwischen
dem Absatz von Thau auf einer Fläche und der Kälte dieser Fläche verglichen mit
der der Luft feststellt Was ist aber hier Ursache und was Wirkung Oder sind
beide Wirkungen von irgend etwas Anderem Die Methode der Übereinstimmung kann
aus hierüber keinen Aufschluss geben wir müssen eine wirksamere Methode zu
Hülfe nehmen »Wir müssen daher mehr Tatsachen sammeln oder was auf Eins
hinausläuft wir müssen die Umstände verändern da ein jeder Fall in welchem
die Umstände differieren eine neue Tatsache ist und besonders müssen wir die
entgegengesetzten oder negativen Fälle dh die Fälle in denen kein Thau
erzeugt wird unterscheiden« indem eine Vergleichung der Fälle wo Thau sich
absetzt und der Fälle wo nicht die notwendige Bedingung der Anwendung der
Differenzmethode ist
»Es Wird nun aber auf nach oben gekehrten polierten Metallflächen kein Thau
abgesetzt aber reichlich auf Glasflächen die nach oben gekehrt sind und in
manchen Fällen bedeckt sich auch die untere Fläche einer horizontalen Glasplatte
mit Thau« Wir haben hier einen Fall in dem die Wirkung hervorgebracht wird
und einen andern Fall in dem sie nicht hervorgebracht wird wir können jedoch
noch nicht wie es die Kegel der Differenzmethode verlangt behaupten dass der
letztere Fall mit dem ersteren in allen Umständen mit Ausnahme eines einzigen
übereinstimmt denn die Unterschiede zwischen Glas und poliertem Metall sind
mannigfaltig und Alles was wir bis jetzt gewiss wissen ist dass die Ursache
des Thaues sich unter den Umständen finden wird durch welche sich die letztere
Substanz von der ersteren unterscheidet Wenn wir versichert sein könnten dass
Glas und die verschiedenen Substanzen auf welche Thau abgesetzt wird nur eine
Eigenschaft gemein haben und dass polierte Metalle und die anderen Substanzen
auf die sich kein Thau abgesetzt ebenfalls nichts gemein haben als den einen
Umstand dass sie nicht die eine Eigenschaft der anderen besitzen so wäre den
Anforderungen der Differenzmethode vollständig Genüge getan und wir würden in
dieser Eigenschaft die Ursache des Thaues erkennen Dies ist demnach der nächste
Schritt den wir in der Untersuchung zu tun haben
»Bei der Anwendung von poliertem Metall und poliertem Glas zeigt es sich
deutlich dass die Substanz für das Phänomen von Wichtigkeit ist man andere
daher so viel wie möglich die Substanz allein indem man polierte Flächen
verschiedener Art aussetzt Hieraus ergibt sich eine Intensitätsscala Man
findet dass diejenigen Substanzen am meisten betaut werden welche die Wärme
am schlechtesten leiten während die guten Wärmeleiter der Betauung
widerstehen« Die Verwickelung nimmt zu und wir müssen die Methode der sich
begleitenden Umstände zu Hülfe nehmen keine andere Methode war hier anwendbar
denn die Eigenschaft der Wärmeleitung konnte nicht ausgeschlossen werden indem
alle Körper in einem gewissen Grade die Wärme leiten Der Schluss lautet daher
dass caeteris paribus der Absatz von Thau in einem gewissen Verhältnisse zur
Fähigkeit der Metalle der Wärme den Durchgang zu wehren steht und dass daher
dies oder etwas was damit zusammenhängt wenigstens eine von den Ursachen sein
muss welche den Absatz von Thau auf einer Fläche hervorrufen
»Nimmt man raue Flächen anstatt polierter so findet man zuweilen dass
dieses Gesetz aufhört gültig zu sein So findet man dass raues Eisen
besonders wenn es geschwärzt ist eher mit Thau beschlägt als gefirnisstes
Papier es hat also die Art der Oberfläche einen großen Einfluss Man setze
daher verschiedene Oberflächen desselben Materials aus« dh man gebrauche die
Differenzmethode um die Begleitung von Veränderungen zu bestimmen »so wird
sich eine zweite Intensitätsscala darbieten diejenigen Oberflächen welche ihre
Wärme am schnellsten durch Ausstrahlung verlieren werden den Thau am meisten
angezogen haben« Es finden sich also hier die erforderlichen Umstände für eine
zweite Anwendung der Methode der sich begleitenden Veränderungen die in diesem
Falle die einzig anwendbare Methode ist indem alle Substanzen in einem gewissen
Grade Wärme ausstrahlen Der durch diese zweite Anwendung der Methode erhaltene
Schluss ist dass caeteris paribus der Absatz von Thau in einem gewissen
Verhältnis zur Wärmestrahlung steht und dass eine bedeutende Wärmestrahlung
oder eine Ursache von welcher diese Eigenschaft abhängt ebenfalls eine der
Ursachen ist welche den Absatz von Thau bewirken
»Der von Substanz und Oberfläche nachgewiesene Einfluss führt zur
Betrachtung des Einflusses welchen die Textur besitzt und der Versuch zeigt
uns auch hier wieder bemerkenswerte Unterschiede Wir erhalten eine dritte
Intensitätsscala wonach Substanzen von einer dichten festen Textur wie
Steine Metalle etc der Betauung ungünstig dagegen Substanzen von einer
lockern Textur wie Tuch Wolle Sammet Eiderdaun Baumwolle etc der
Anziehung des Thaues außerordentlich günstig sind« Man war hier zum dritten
Male durch die Notwendigkeit gezwungen seine Zuflucht zu der Methode der sich
begleitenden Veränderungen zu nehmen indem die Textur keiner Substanz absolut
fest oder absolut locker ist Die Lockerheit der Textur oder etwas das die
Ursache dieser Eigenschaft ist ist daher ebenfalls ein Umstand der den Absatz
des Thaues befördert diese dritte Ursache ist jedoch schon in der ersten in
der Eigenschaft nämlich der Wärme den Durchgang zu wehren eingeschlossen denn
Substanzen von einer lockern Textur »sind gerade solche welche sich sehr gut
zur Kleidung eignen oder einem freien Durchgang der Hautwärme in die Luft
widerstehen in der Art dass ihre äußere Oberfläche sehr kalt sein kann
während die Innenseite warm bleibt« und die letzte Induktion aus neuen Fällen
abgeleitet bekräftigt daher bloß eine frühere Induktion
Es scheint also dass die sehr mannigfaltigen Fälle in denen Thau abgesetzt
wird soweit wir beobachten können nur darin übereinstimmen dass die Wärme
entweder rasch ausgestrahlt oder schlecht geleitet wird Eigenschaften die
keinen andern Umstand gemein haben als dass vermittelst beider die Wärme
welche ein Körper an seiner Oberfläche zu verlieren strebt aus seinem Innern
nicht ersetzt werden kann Die Fälle dagegen in denen kein oder nur wenig Thau
gebildet wird und welche ebenfalls sehr mannigfaltig sind stimmen soweit wir
beobachten können in nichts überein als nur darin dass sie nicht dieselbe
Eigenschaft besitzen Es scheint daher dass wir den einzigen Unterschied
zwischen Substanzen welche Thau hervorbringen und Substanzen welche ihn nicht
hervorbringen entdeckt und so den Anforderungen der Methode welche wir
indirekte Differenzmethode oder die vereinigte Methode der Übereinstimmung und
des Unterschieds genannt haben Genüge geleistet haben Das Beispiel welches
wir in Beziehung auf diese Methode vorgebracht haben und die Art in welcher
die Data durch die Methode der Übereinstimmung und der sich begleitenden
Veränderungen für dieselbe vorbereitet werden ist die wichtigste aller
Erläuterungen welche diese interessante Betrachtung darbot
Wir könnten nun die Frage wovon hängt der Absatz des Thaues ab als
gänzlich gelöst betrachten wenn wir gewiss sein könnten dass die Substanzen
auf welche der Thau sich absetzt von denjenigen bei denen dies nicht
stattfindet sich in nichts Anderem unterscheiden als in der Eigenschaft die
Wärme von der Oberfläche schneller zu verlieren als sie von innen ersetzt
werden kann Obgleich wir nun diese Gewissheit nie haben können so ist dies
doch weniger wichtig als man im ersten Augenblicke annehmen möchte denn wir
haben auf jeden Fall ermittelt dass wenn es eine bisher nicht beobachtete
Eigenschaft gäbe die in allen Substanzen welche Thau anziehen gegenwärtig
und abwesend in allen ist welche dies nicht tun so muss sie der Art Bein
dass sie in der großen Anzahl von Substanzen anwesend oder abwesend ist wenn
die Eigenschaft ein besserer Ausstrahler als Leiter zu sein anwesend oder
abwesend ist eine Übereinstimmung welche zur stärksten Vermutung einer
Gemeinschaftlichkeit der Ursache und einer daraus folgenden unveränderlichen
Koexistenz der beiden Eigenschaften Anlass gibt so dass wenn die Eigenschaft
ein besserer Ausstrahler als Leiter zu sein nicht selbst die Ursache ist sie
doch fast gewiss die Ursache jedesmal begleitet und zum Zweck einer
Voraussagung wird man keinen Irrtum begehen wenn man sie wirklich als solche
ansieht
Indem wir nun zu einem früheren Stadium der Untersuchung zurückkehren wollen
wir uns erinnern ermittelt zu haben dass in einem jeden Falle wo Thau
gebildet wird die Temperatur der Oberfläche niedriger als die der umgebenden
Luft ist wir waren jedoch nicht sicher ob diese Kälte die Ursache oder die
Wirkung des Thaues war Wir sind nunmehr im Stande diesen Zweifel zu lösen Wir
haben gefunden dass in einem jeden derartigen Fall die Substanzen durch ihre
eigenen Gesetze oder Eigenschaften kälter als die umgebende Luft werden wenn
sie bei Nacht ausgesetzt worden Da demnach die Kälte unabhängig von dem Thau
erklärt ist während bewiesen ist dass zwischen beiden ein Zusammenhang
besteht so muss der Thau von der Kälte abhängig sein oder mit anderen Worten
die Kälte ist die Ursache des Thaues
Das schon so vollkommen bestimmte Gesetz der Verursachung des Thaues lässt
indessen nicht weniger als drei sehr kräftige Bestätigungen zu Die erste leitet
sich von den bekannten Gesetzen des in der Luft oder in einem andern Gas
verbreiteten Wasserdampfes ab und obgleich wir noch nicht bis zur deduktiven
Methode gekommen sind so wollen wir doch nichts unterlassen was unsere
Betrachtung vollständig machen kann Aus dem direkten Versuch ist bekannt dass
bei einem jeden Temperaturgrad nur eine begrenzte Menge Wasser in der Form von
Dampf in der Luft verbreitet bleiben kann und dass dieses Maximum sich in dem
Maße verringert als die Temperatur abnimmt Auf deduktive Weise folgt daraus
dass wenn schon so viel Dampf verbreitet ist als die Luft bei ihrer bestehenden
Temperatur enthalten kann so wird bei einer Erniedrigung der Temperatur ein
Teil dieses Dampfes kondensiert werden und Wasser bilden Wir wissen aber auch
durch Deduktion aus den Gesetzen der Wärme dass durch den Kontakt der Luft mit
einem kaltem Körper die Temperatur der denselben unmittelbar umgebenden
Luftschicht erniedrigt wird wodurch sie einen Teil ihres Wassers abgibt
welcher sich den gewöhnlichen Gesetzen der Schwere oder der Kohäsion nach auf
der Oberfläche des Körpers absetzt und Thau bildet Man wird bemerkt haben dass
dieser deduktive Beweis den Vorteil hat zugleich die Verursachung und die
Koexistenz zu beweisen auch hat er noch den Vorteil dass er die Ausnahmen
erklärt die Fälle nämlich wo kein Thau gebildet wird obgleich der Körper
kälter ist als die Luft indem er zeigt dass dies notwendig stattfinden muss
wenn die Luft im Vergleich zu ihrer Temperatur so wenig Wasserdunst enthält
dass sie selbst bei einiger Abkühlung durch den Kontakt mit kälteren Körpern
allen darin schwebenden Dunst zurückhalten kann so entsteht in einem sehr
trocknen Sommer kein Thau in einem trocknen Winter kein Reif Wir sehen also
hier eine weitere Bedingung der Erzeugung des Thaues welche die früher
gebrauchten Methoden nicht entdeckten und welche wir auch jetzt noch nicht
entdeckt hätten wenn wir nicht unsere Zuflucht zu dem Verfahren genommen
hätten die Wirkung von den ermittelten Eigenschaften der als gegenwärtig
erkannten Agentien abzuleiten
Die zweite Bestätigung der Theorie besteht in dem direkten Versuche nach der
Regel der Differenzmethode Indem wir die Oberfläche eines Körpers abkühlen
können wir in allen Fällen eine Temperatur finden je nach dem
Feuchtigkeitszustande der Luft mehr oder weniger verschieden von
Lufttemperatur bei welcher sich Thau zu bilden anfängt Hier ist also die
Ursache direkt bewiesen In Wahrheit können wir dies nur nach einem kleinen
Maßstab zu Stande bringen wir haben jedoch allen Grund zu schließen dass
die Operation in dem großen Laboratorium der Natur ausgeführt dieselbe
Wirkung hervorbringen würde
Zuletzt nun sind wir auch im Stande das Resultat nach diesem großen
Maßstabe zu verifizieren Der Fall ist einer von denjenigen seltene Fälle wie
wir gezeigt haben wo die Natur für uns das Experiment in derselben Weise
macht wie wir es selbst machen würden indem sie nämlich in den vorherigen
Zustand der Dinge einen einzigen und vollkommen bestimmten neuen Umstand
einführt und die Wirkung so schnell zeigt dass keine Zeit für irgend eine
andere wesentliche Veränderung in den vorhergehenden Umständen vorhanden ist
»Man hat beobachtet dass der Thau niemals reichlich auf Stellen abgesetzt wird
die nach dem offenen Himmel zu geschirmt sind und dass in einer wolkigen Nacht
gar keiner abgesetzt wird wenn sich aber die Wolken auch nur für wenige Minuten
verziehen und einen klaren Himmel hinterlassen so beginnt sogleich ein Absatz
von Thau der immer stärker wird Thau der bei klarem Himmel gebildet wurde
wird sogar häufig wieder verdunsten wenn der Himmel sich wieder bedeckt« Der
Beweis dass die Gegenwart oder die Abwesenheit einer ununterbrochenen
Verbindung mit dem Himmel den Absatz oder NichtAbsatz des Thaues verursacht
ist daher vollständig Da nun ein klarer Himmel nichts Anderes ist als die
Abwesenheit von Wolken und es eine bekannte Eigenschaft der Wolken sowie aller
anderen Körper ist zwischen denen und einem gegebenen Objekt sich nichts als
ein elastisches Fluidum befindet dass sie die Temperatur der Oberfläche des
Gegenstandes zu erhöhen oder zu erhalten streben indem sie ihr Wärme
zustrahlen so sieht man zugleich dass das Verschwinden der Wolken die
Oberfläche abkühlen wird so dass die Natur in diesem Falle durch bestimmte und
bekannte Mittel eine Veränderung in dem Antezedens hervorbringt was die
entsprechende Folge nach sich zieht ein natürliches Experiment das den
Anforderungen der Differenzmethode entspricht103
Der vielfältige Beweis dessen die Theorie des Thaues fähig befunden wurde
ist ein schlagendes Beispiel von der ganzen Gewissheit welche der induktive
Beweis von Kausalgesetzen in Fällen erreichen kann wo die unveränderliche
Sequenz keineswegs einem oberflächlichen Blick sichtbar ist
4 Ein Jeder der diesem bewunderungswürdigen Beispiele gehörig gefolgt
ist wird dadurch einen so klaren Begriff von dem Nutzen und dem praktischen
Gebrauche von dreien unserer vier Methoden der experimentellen Forschung
bekommen haben dass es unnötig erscheint sie weiter zu erläutern Die noch
übrige Methode die der Rückstände hat weder in dieser noch in den zwei
vorhergehenden Untersuchungen einen Platz gefunden ich werde daher einige
Beispiele aus Sir John Herschels Werk ausziehen samt den einleitenden
Bemerkungen womit sie versehen sind
»In ihrem jetzigen vorgerückten Zustand wird die Wissenschaft hauptsächlich
durch dieses Verfahren gefördert Die meisten Erscheinungen welche die Natur
darbietet sind sehr verwickelt und wenn die Wirkungen aller bekannten Ursachen
mit Genauigkeit berechnet und abgezogen werden so erscheinen die rückständigen
Tatsachen beständig unter der Form von ganz neuen Naturerscheinungen und führen
zu den wichtigsten Schlüssen
Zum Beispiel Die oft wiederholte Rückkehr des von Encke im voraus
angesagten Kometen und die im allgemeinen gute Übereinstimmung des berechneten
mit seinem beobachteten Ort während irgend einer Periode seiner Sichtbarkeit
könnte uns zu dem Ausspruche verleiten dass seine Gravitation gegen die Sonne
und die Planeten die einzige und hinreichende Ursache aller Erscheinungen seines
Umlaufes ist wenn aber die Wirkung dieser Ursache genau berechnet und von der
beobachteten Bewegung abgezogen wird so findet man dass ein rückständiges
Phänomen bleibt dessen Existenz niemals auf eine andere Weise hätte
nachgewiesen werden können und welches in einer geringen Antizipation der Zeit
seiner Wiedererscheinung oder in einer Verringerung seiner periodischen Zeit
besteht welche durch die Schwere nicht erklärt werden kann und deren Ursache
daher erforscht werden muss Eine solche Antizipation würde durch den Widerstand
eines in dem Himmelsraum verbreiteten Mediums verursacht werden und da noch
andere gute Gründe vorliegen um dies für eine wahre Ursache eine vera causa
ein wirklich existierendes Antezedens zu halten so hat man sie in der Tat
einem solchen Widerstand zugeschrieben
Als Arago eine Magnetnadel an einem Seidenfaden aufgehängt und in
Schwingungen versetzt hatte beobachtete er dass dieselbe eher zur Ruhe kam
wenn sie über einer Kupferplatte aufgehängt war als in dem Falle wo die
Kupferplatte fehlte In beiden Fällen waren nun zwei wahre Ursachen bekannte
Antecedentien vorhanden wonach sie zuletzt zur Ruhe kommen musste nämlich der
Widerstand der Luft der sich einer jeden Bewegung in derselben widersetzt und
sie zuletzt aufhebt und der Mangel an vollkommener Beweglichkeit des
Seidenfadens Da aber diese Ursachen aus den Beobachtungen welche in
Abwesenheit der Kupferplatte gemacht worden waren genau bekannt waren und
abgezogen wurden so blieb ein rückständiges Phänomen in der Tatsache dass
durch die Kupferplatte selbst ein verzögernder Einfluss ausgeübt worden war und
diese Tatsache nachdem sie einmal erforscht war führte rasch zur Kenntnis
einer ganz neuen und unerwarteten Klasse von Beziehungen« Dieses Beispiel
gehört indessen nicht der Methode der Rückstände sondern der Differenzmethode
an indem das Gesetz durch eine direkte Vergleichung der Resultate zweier
Experimente bestimmt wurde Experimente die sich in nichts unterschieden als
in der Gegenwart oder Abwesenheit der Kupferplatte Zur Erläuterung der Methode
der Rückstände hätte dabei die Wirkung von dem Widerstände der Luft und der
Steifigkeit der Seide aus den durch besondere und vorhergegangene Experimente
erhaltenen Gesetzen a priori berechnet werden müssen
»Unerwartete und besonders auffallende Bestätigungen induktiver Gesetze
erscheinen häufig in der Form von rückständigen Naturerscheinungen in dem Laufe
von Untersuchungen von ganz anderer Natur als diejenigen woraus die Induktionen
selbst entstanden Als ein sehr elegantes Beispiel kann man die unerwartete
Bestätigung des Gesetzes der Wärmeentwickelung durch Kompression elastischer
Flüssigkeiten betrachten wie sie die Erscheinungen des Schalles darbieten Die
Erforschung der Ursache des Schalles führte in Beziehung auf die Art seiner
Fortpflanzung zu Schlüssen wonach seine Schnelligkeit in der Luft genau
berechnet werden konnte Die Rechnung wurde gemacht als sie aber mit den
Tatsachen verglichen wurde so war zwar die Übereinstimmung vollkommen
hinreichend um die allgemeine Richtigkeit der Ursache und der angegebenen
Fortpflanzungsweise zu zeigen aber die ganze Schnelligkeit konnte nach dieser
Theorie nicht erklärt werden Es war noch eine rückständige Schnelligkeit zu
erklären welche die Physiker lange Zeit in Verlegenheit setzte Laplace hatte
endlich den glücklichen Gedanken dass die Ursache in der Wärme zu suchen sei
welche bei der Kompression der Luftteilchen durch die bei der Schallbewegung
stattfindenden Vibrationen notwendig entwickelt werden muss Die Vermutung
wurde einer genauen Berechnung unterworfen und das Resultat war zugleich die
vollständige Erklärung des rückständigen Phänomens und eine auffallende
Bestätigung des allgemeinen Gesetzes der Wärmeentwickelung durch Kompression
unter Umständen die über der künstlichen Nachahmung stehen«
»Viele von den chemischen Experimenten wurden durch Untersuchung der
rückständigen Erscheinungen entdeckt So entdeckte Arfwedson das Lithium indem
er einen Gewichtsüberschuss in dem schwefelsauren Salze bemerkte das nach
seiner Meinung von einer kleinen Menge Bittererde die in dem analysierten
Mineral enthalten war herrührte So sind nach diesem Prinzip die konzentrierten
Rückstände großer Operationen in den Künsten fast sicher Schlupfwinkel neuer
chemischer Stoffe wie Jod Brom Selen und die neuen Metalle welche in den
Versuchen von Wollaston und Tennant das Platin begleiteten beweisen Es war ein
glücklicher Gedanke von Glauber das zu untersuchen was Jedermann hinwegwarf«
104
»Die größten Entdeckungen in der Astronomie« sagt derselbe Autor105
»entsprangen fast alle der Betrachtung von rückständigen Phänomenen von einer
quantitativen oder numerischen Art So ging die große Entdeckung der
Präzession der Nachtgleichen als ein rückständiges Phänomen aus der
unvollkommenen Erklärung der Wiederkehr der Jahreszeiten bei der Wiederkehr der
Sonne zu demselben scheinbaren Ort unter den Fixsternen hervor und ebenso
gingen die Aberration und Nutation als rückständige Phänomene aus jenem Teil
der scheinbaren Ortswechsel der Fixsterne hervor den die Präzession unerklärt
gelassen hatte Ebenso sind die scheinbaren eigenen Bewegungen der Sterne die
beobachteten Rückstände ihrer scheinbaren Bewegungen welche bei strenger
Berechnung der Wirkungen der Präzession der Aberration und Nutation unerklärt
bleiben Die nächste Annäherung menschlicher Theorien an die Vollkommenheit
liegt in der tunlichsten Verminderung dieses Rückstandes dieses caput
mortuums der Beobachtung und womöglich in der Zurückführung desselben auf
Null indem man entweder nachweist dass in unserer Berechnung bekannter
Ursachen etwas vernachlässigt worden ist oder indem man dasselbe als eine neue
Tatsache betrachtet und in Betreff seiner nach den Grundsätzen der induktiven
Philosophie von der Wirkung zu ihrer Ursache oder ihren Ursachen aufsteigend
verfährt«
Die störenden Wirkungen welche die Erde und die Planeten auf ihre
beiderseitigen Bewegungen ausüben wurden zuerst aus dem Unterschiede zwischen
den beobachteten Orten dieser Körper und den Orten welche sich aus Berechnungen
ergaben die sich nur auf Betrachtungen ihrer Gravitation nach der Sonne
stützten als rückständige Erscheinungen erkannt Dies veranlasste die Physiker
das Gesetz der Schwere als zwischen allen anderen Körpern und also auch als
zwischen allen Partikeln der Materie bestehend zu betrachten während es nach
ihrer früheren Ansicht eine Kraft war die nur zwischen einem jeden Planeten oder
Trabanten und dem Zentralkörper zu dessen System er gehörte wirkte So
unterstützen in der Geologie die Katastrophisten ihre Meinung mag sie richtig
oder falsch sein durch die Behauptung es bleibe nachdem die Wirkung aller
jetzt noch tätigen Ursachen bestimmt worden in der gegenwärtigen
Beschaffenheit der Erde ein großer Rückstand von Tatsachen welcher beweist
entweder dass in früheren Zeiten andere Kräfte oder dass dieselben Kräfte in
einem viel höheren Grade vorhanden gewesen sein müssen Um noch ein Beispiel
anzuführen wenn es möglich ist zu ermitteln was gewöhnlich mehr vermutet als
bewiesen wird dass in einem menschlichen Individuum einem Geschlechte oder in
einer Race von Menschen eine angeborene und unerklärliche Überlegenheit der
Geisteskräfte liegt so muss dies dadurch bewiesen werden dass man von den
Verstandesunterschieden die wir in der Tat sehen Alles abzieht was durch
bekannte Gesetze entweder auf erforschte Differenzen der physischen Organisation
oder auf Differenzen welche in den äußeren Umständen lagen in denen sich die
zu vergleichenden Menschen bisher befanden zurückgeführt werden kann Was diese
Ursachen nicht erklären könnte würde das rückständige Phänomen ausmachen dies
allein würde ein Beweis eines ursprünglichen Unterschiedes und zugleich ein
Maß seiner Größe sein Aber sogar diejenigen welche der Annahme eines
solchen vermeintlichen Unterschiedes am stärksten anhingen haben es bisher
vernachlässigt sich mit diesen zur Begründung ihrer Lehre notwendigen
logischen Bedingungen zu versehen
Aus diesen Beispielen wird man wie ich hoffe den Geist der Methode der
Rückstände hinreichend erkannt haben und da die drei anderen Methoden in dem
induktiven Verfahren dem die Theorie des Thaues ihre Entstehung verdankt so
wohl erläutert wurden so schließen wir hier unsere Auseinandersetzung der vier
Methoden in Rücksicht auf ihre Anwendung bei der Untersuchung der einfacheren
und mehr elementaren Klasse von Verbindungen der Naturerscheinungen
5 Sowohl über die Nützlichkeit der vier Methoden als auch über die
Tauglichkeit der Beispiele durch welche ich dieselben zu erläutern suchte hat
Dr Whewell eine sehr ungünstige Meinung geäußert Folgendes sind seine Worte
»Über diese Methoden ist zu bemerken dass sie offenbar gerade das Ding für
zugegeben annehmen was so sehr schwierig zu entdecken ist die Zurückführung
des Phänomens auf Formeln wie sie uns hier dargeboten werden Wenn sich uns
eine Reihe von komplexen Tatsachen darbietet wie zB in den Fällten von
Entdeckungen welche ich angeführt habe die Tatsachen der Planetenbahnen
der fallenden Körper der gebrochenen Lichtstrahlen der kosmischen Bewegungen
der chemischen Analyse und wenn wir in einigen dieser Fälle das Naturgesetz
entdecken wollten welches sie beherrscht oder wenn man es so nennen will den
Charakterzug in dem alle Fälle übereinstimmen wo sollen wir dann unsere A B
C und a b c suchen Ihr sagt wenn wir die Verbindung von A B C mit abc und A
B D mit a b d finden so können wir unsere Folgerung machen Zugegeben aber
wann und wo finden wir diese Verbindungen Wer will uns sogar jetzt wo die
Entdeckungen bereits gemacht sind zeigen welches die A B C und a b c Elemente
der eben angeführten Fälle sind Wer will uns sagen welche von den
Untersuchungsmethoden durch diese historisch realen und erfolgreichen
Untersuchungen erläutert werden Wer wird diese Formeln durch die Geschichte der
Wissenschaften wie sie in Wirklichkeit aufgewachsen sind durchführen und uns
zeigen dass diese vier Methoden in deren Heranbildung wirksam waren oder dass
durch eine Beziehung auf diese Formeln auf ihren Fortschritt nur irgend ein
Licht geworfen wird«
Er fügt hinzu dass die Methoden in diesem Werke nicht »auf eine große
Menge von ansehnlichen und zweifellosen Beispielen von Entdeckungen wie sie
sich durch die ganze Geschichte der Wissenschaften ziehen« angewendet worden
sind was hätte geschehen müssen um zu zeigen dass die Methoden den »Vorteil«
den er als sein Eigentum in Anspruch nimmt besitzen diejenigen Methoden zu
sein »durch welche alle großen Entdeckungen in der Wissenschaft wirklich
gemacht worden sind«
Es besteht eine auffallende Ähnlichkeit zwischen den hier gemachten
Einwürfen gegen die Regeln der Induktion und dem was im vorigen Jahrhundert
durch ebenso geschickte Männer wie Dr Whewell gegen die anerkannten Regeln des
Syllogismus vorgebracht wurde Diejenigen welche gegen die Aristotelische Logik
protestierten sagten dasselbe von dem Syllogismus was Dr Whewell von den
induktiven Methoden sagt dass er »gerade das Ding für gegeben annimmt was so
sehr schwierig zu entdecken ist die Zurückführung des Phänomens auf die Formeln
wie sie uns hier dargeboten werden« Die große Schwierigkeit sagten sie
besteht darin zu eurem Syllogismus zu gelangen nicht seine Richtigkeit zu
beurteilen wenn er erlangt ist Im Tatsächlichen haben sowohl sie wie Dr
Whewell Recht In beiden Fällen ist die größte Schwierigkeit zuvörderst die
den Beweis zu erlangen und demnächst die ihn auf die Form zurückzuführen
durch welche seine Beweiskraft erprobt wird Wenn wir aber versuchen ihn
zurückzuführen ohne zu wissen auf was so werden wir wahrscheinlich keine
große Fortschritte machen Es ist schwieriger eine geometrische Aufgabe zu
lösen als zu beurteilen ob eine dargebotene Lösung richtig ist wenn die
Menschen aber nicht im Stande wären die gefundene Lösung zu beurteilen so
wäre auch wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden dass sie sie finden würden Es
kann aber nicht behauptet werden eine gefundene Induktion zu beurteilen sei
ganz leicht und es bedürfe dazu keinerlei Hülfe und keinerlei Instrumente denn
irrige Induktionen falsche Folgerungen aus der Erfahrung sind ebenso gewöhnlich
und in Betreff einiger Gegenstände noch gewöhnlicher als wahre Es ist das
Geschäft der induktiven Logik Regeln und Vorbilder aufzustellen wie es der
Syllogismus und seine Regeln für das Schließen sind welche den induktiven
Argumenten die sich nach ihnen richten allein Beweiskraft verleihen Solche
Regeln und Vorbilder wollen die vier Methoden sein und ich glaube als solche
werden sie allgemein von experimentellen Forschern anerkannt da sie in
Wirklichkeit alle und zwar lange bevor jemand versuchte die Praxis auf eine
Theorie zurückzuführen von denselben ausgeübt wurden
Die Gegner des Syllogismus hatten Dr Whewell auch in dem anderen Theile
seines Argumente vorgegriffen Sie sagten durch den Syllogismus wäre niemals
eine Entdeckung gemacht worden Dr Whewell sagt oder scheint zu sagen durch
die vier Methoden der Induktion wäre niemals eine solche gemacht worden Den
Ersteren antwortete Erzbischof Whately ganz passend dass wenn ihr Argument
überhaupt etwas taugte es gegen das Schließen überhaupt ginge denn was nicht
auf einen Syllogismus zurückzuführen ist ist kein Schließen und wenn Dr
Whewells Argument überhaupt gültig ist so geht es gegen alles Folgern aus der
Erfahrung Wenn er sagt dass durch die vier Methoden niemals Entdeckungen
gemacht wurden so behauptet er dass durch Beobachtung und Experiment niemals
Entdeckungen gemacht wurden denn wenn irgend welche gemacht wurden so geschah
es sicherlich durch die eine oder die andere dieser Methoden
Dieser zwischen uns bestehende Unterschied erklärt auch warum ihn meine
Beispiele nicht befriedigten denn ich wählte sie nicht um jemand zu
überzeugen dass Beobachtung und Experiment Modi sind um Wissen zu erlangen
Ich gestehe dass ich bei der Wahl derselben nur an eine Erläuterung und an eine
Erleichterung des Verständnisses der vier Methoden durch konkrete Beispiele
dachte Wenn es meine Absicht gewesen wäre das Verfahren selbst als ein Mittel
der Forschung zu rechtfertigen so wäre es nicht nötig gewesen dunklere und
verwickeltere Fälle weit zu suchen oder zu benutzen Als ein Beispiel einer
durch die Methode der Übereinstimmung bestimmten Wahrheit hätte ich den Satz
wählen können »Hunde bellen« Dieser Hund und jener Hund und der andere Hund
entsprechen A B C A D E A F G Der Umstand ein Hund zu sein entspricht A
Bellen entspricht a Als eine durch die Differenzmethode erkannte Wahrheit hätte
der Satz »Feuer brennt« hingereicht Ehe ich das Feuer berühre verbrenne ich
mich nicht dies ist BC ich berühre es und verbrenne mich dies ist ABC aBC
Dergleichen familiäre experimentelle Prozesse betrachtete Dr Whewell nicht
als Induktionen sie sind indessen vollkommen gleichartig mit denjenigen durch
welche wie er selbst gezeigt hat die Pyramide der Wissenschaft mit einer
Grundlage versehen wird Vergebens versucht er dieser Wahrheit zu entkommen
indem er der Auswahl von als Fälle von Induktion zulässigen Beispielen die
willkürlichsten Beschränkungen auferlegt sie dürfen nicht der Art sein dass
sie noch einen Gegenstand der Erörterung bilden S 265 sie dürfen weder
geistigen oder sozialen Gegenständen entnommen sein S 269 noch der
gewöhnlichen Beobachtung und dem praktischen Leben S 241 Sie müssen den
Generalisationen entnommen werden durch welche wissenschaftliche Denker zu
großen und umfassenden Gesetzen der Naturerscheinungen aufgestiegen sind Nun
ist es bei diesen verwickelten Untersuchungen selten möglich über die ersten
Schritte hinauszugehen ohne das Instrument der Deduktion und die zeitweilige
Hülfe von Hypothesen in Anspruch zu nehmen wie ich selbst mit Dr Whewell
gegen die rein empirische Schule behauptet habe Da demnach dergleichen Fälle
nicht wohl gewählt werden konnten um die Prinzipien der bloßen Beobachtung und
des Experiments zu erläutern so benutzt Dr Whewell ihre Abwesenheit um die
experimentellen Methoden so darzustellen als ob sie für wissenschaftliche
Forschungen zwecklos wären er vergisst so dass wenn diese Methoden nicht die
ersten Generalisationen geliefert hätten für seinen eigenen Begriff von der
Induktion kein zu verarbeitendes Material vorhanden gewesen wäre
Seiner Aufforderung zu zeigen welche von den vier Methoden durch bestimmte
wissenschaftliche Fälle von wissenschaftlicher Forschung erläutert werden kann
indessen leicht entsprochen werden »Die Planetenbahnen« soweit sie überhaupt
ein Fall von Induktion sind106 fallen unter die Methode der Übereinstimmung
Das Gesetz »fallender Körper« nämlich dass sie Fallräume beschreiben welche
den Quadraten der Zeiten proportional sind war historisch eine Deduktion aus
dem ersten Gesetz der Bewegung aber die Versuche durch welche es bestätigt
wurde und durch welche es hätte entdeckt werden können waren Beispiele von der
Methode der Übereinstimmung und die durch den Widerstand der Luft verursachte
scheinbare Abweichung von dem wahren Gesetz wurde durch Versuche im luftleeren
Raume erklärt was eine Anwendung der Differenzmethode konstituiert Das Gesetz
der »Strahlenbrechung« die Stetigkeit des Verhältnisses zwischen dem Sinus des
Einfallswinkels und dem Sinus des Brechungswinkels für eine jede brechende
Substanz wurde durch direkte Messung und demnach durch die Methode der
Übereinstimmung bestimmt Die »kosmischen Bewegungen« wurden durch sehr
verwickelte Denkprozesse in denen die Deduktion vorherrschte bestimmt aber in
der Feststellung der empirischen Gesetze hatten die Methoden der
Übereinstimmung und der sich begleitenden Veränderungen einen großen Antheil
Ein jeder Fall ohne Ausnahme von einer »chemischen Zerlegung« bietet ein
wohlmarkiertes Beispiel von der Differenzmethode Für einen jeden der mit den
Gegenständen bekannt ist für Dr Whewell selbst wäre nicht die geringste
Schwierigkeit vorhanden die A B C und a b c Elemente dieser Fälle zu
bezeichnen
Wenn ohne Deduktion durch Beobachtung und Experiment jemals Entdeckungen
gemacht werden so sind die vier Methoden Methoden der Entdeckung aber wenn sie
auch keine Methoden der Entdeckung wären so wäre nichtsdestoweniger wahr dass
sie die einzigen Methoden des Beweises sind und in diesem Charakter sind ihnen
sogar die Resultate der Deduktion verantwortlich Die großen Generalisationen
welche als Hypothesen beginnen müssen am Ende bewiesen werden und werden in
Wirklichkeit wie später gezeigt wird durch die vier Methoden bewiesen Die
Logik hat nun als solche vorzüglich mit dem Beweise zu tun Diese
Unterscheidung hat in der Tat keine Aussicht bei Dr Whewell Gnade zu finden
denn es ist die Eigentümlichkeit seines Systems dass er die Notwendigkeit des
Beweises bei Fällen von Induktion nicht anerkennt Wenn bei der Annahme und
sorgfältigen Vergleichung einer Hypothese mit den Tatsachen nichts mit
derselben unverträgliches zu Tage kommt dh wenn die Erfahrung sie nicht
widerlegt so ist er zufrieden wenigstens so lange als sich nicht eine mit der
Erfahrung gleich verträgliche einfachere Hypothese darbietet Wenn dies
Induktion ist so bedürfen wir allerdings der vier Methoden nicht Aber
anzunehmen dass dem so sei Scheint mir ein radikales Missverstehen der Natur
des Beweises physikalischer Wahrheiten zu sein
So real und praktisch ist das Bedürfnis noch reiner ähnlichen Probe für die
Induktion wie sie das Schließen in der syllogistischen Probe besitzt dass
Folgerungen welche den elementarsten Begriffen der induktiven Logik Trotz
bieten von in der physikalischen Wissenschaft hervorragenden Personen ganz
unbesorgt vorgebracht werden sobald sie den Boden auf welchem sie mit den
Tatsachen verkehren verlassen und nicht darauf angewiesen sind nur nach den
Sachen zu urteilen und es dürfte zweifelhaft sein ob Personen von Bildung im
Allgemeinen eine gute oder eine schlechte Induktion jetzt besser beurteilen
können als sie beurteilt wurde ehe Bacon seine Werke schrieb Die
Verbesserungen in den Resultaten des Denkens haben sich selten auf die
Denkprozesse erstreckt oder wenn sie überhaupt einen von ihnen erreicht haben
so haben sie sich nur auf den Prozess der Untersuchung nicht auf den des
Beweises erstreckt Die Kenntnis vieler Naturgesetze ist ohne Zweifel dadurch
gewonnen worden dass man Hypothesen aufgestellt und gefunden hat dass die
Tatsachen mit ihnen übereinstimmen und viele Irrtümer ist man dadurch los
geworden dass man zur Kenntnis von Tatsachen gelangte die mit ihnen
unverträglich waren nicht aber dadurch dass man entdeckte dass der Denkmodus
der zu den Irrtümern führte selbst fehlerhaft war und unabhängig von den
Tatsachen welche den spezifischen Schluss widerlegten als fehlerhaft hätte
erkannt werden mögen Daher kommt es dass während sich die Gedanken der
Menschen über viele Gegenstände praktisch richtig hinausgearbeitet haben das
Denkvermögen so schwach wie immer blieb und über alle Gegenstände in Betreff
derer die das Resultat durchkreuzenden Fälle nicht zugänglich sind wie bei
allem was sich auf die unsichtbare Welt bezieht und wie man sah sogar bei dem
was sich auf die sichtbare Welt der Planetenregionen bezieht urteilen Menschen
von der höchsten wissenschaftlichen Bildung ebenso jammervoll wie der ärgste
Ignorant Denn obgleich sie manche gute Induktion vollzogen haben so haben sie
daraus nicht die Prinzipien des induktiven Beweises gelernt und Dr Whewell
hält es auch nicht für nötig dass sie dieselben lernen sollten
1 In der vorhergehenden Auseinandersetzung der vier Methoden der
Beobachtung und des Experimentes durch welche wir in einer Masse von
koexistierenden Erscheinungen die einer gegebenen Ursache zugehörige besondere
Wirkung oder die besondere Ursache wodurch eine gegebene Wirkung hervorgerufen
wurde zu unterscheiden suchen war es der Einfachheit wegen nötig zuerst
anzunehmen diese analytische Methode unterliege keinen anderen Schwierigkeiten
als ihr ihrer Natur nach wesentlich inhärieren es war daher nötig uns eine
Wirkung von der einen Seite als ausschließlich an eine einzige Ursache
gebunden und von der andern Seite als unfähig mit einer andern zugleichseienden
Wirkung vermischt und verwechselt zu werden vorzustellen Wir haben a b c d e
das Aggregat von in irgend einem Augenblicke existierenden Erscheinungen als aus
unähnlichen Tatsachen a b c d und e bestehend betrachtet für deren jede man
eine und nur eine Ursache zu suchen hat indem die Schwierigkeit nur darin
liegt diese eine Ursache aus der Menge von vorhergehenden Umständen A B C D
und E herauszufinden In der Tat ist die Ursache vielleicht keine einfache
sie kann aus einer Vereinigung von Bedingungen bestehen wir haben aber
angenommen es gäbe bloß eine mögliche Vereinigung von Bedingungen aus welcher
die Wirkung hervorgehen kann
Wenn die Sache sich so verhielte so wäre es eine verhältnismäßig leichte
Aufgabe die Gesetze der Natur zu erforschen Aber eine solche Voraussetzung ist
in keiner Weise stichhaltig Es ist vor Allem nicht wahr dass dieselbe
Naturerscheinung immer von derselben Ursache hervorgebracht wird die Wirkung a
kann manchmal von A und manchmal von B herrühren Zweitens sind die Wirkungen
verschiedener Ursachen oft nicht unähnlich sondern gleichartig und nicht durch
bestimmbare Grenzen von einander unterschieden A und B bringen vielleicht nicht
a und b sondern verschiedene Theile von der Wirkung a hervor Die Dunkelheit
und Schwierigkeit der Untersuchung der Gesetze der Naturerscheinungen wird
besonders durch die Notwendigkeit vermehrt auf folgende zwei Umstände zu
achten Vermischung der Wirkungen und Vielfachheit der Ursachen Da die
Betrachtung der letzteren einfacher ist so wollen wir zuerst unsere
Aufmerksamkeit auf sie richten
Es ist also nicht wahr dass eine Wirkung nur mit einer einzigen Ursache
oder Vereinigung von Bedingungen zusammenhängen muss dass eine jede
Naturerscheinung nur in einer einzigen Weise erzeugt werden kann Es gibt
häufig mehrere unabhängige Arten auf welche ein und dasselbe Phänomen
hervorgebracht werden kann Eine Tatsache kann das Konsequenz in verschiedenen
unveränderlichen Sequenzen sein sie kann mit derselben Gleichförmigkeit dem
einen oder dem andern von verschiedenen Antecedentien oder Vereinigungen von
Antecedentien folgen Viele Ursachen können Bewegung erzeugen viele Ursachen
können gewisse Arten von Sensationen hervorbringen viele Ursachen können den
Tod hervorrufen Eine gegebene Wirkung kann in Wirklichkeit von einer gewissen
Ursache hervorgebracht und doch vollkommen fähig sein ohne dieselbe
hervorgebracht zu werden
2 Eine der wichtigsten Folgen der Vielfachheit der Ursachen ist dass
sie die eine unserer induktiven Methoden die der Übereinstimmung unsicher
macht Um diese Methode zu erläutern nahmen wir zwei Fälle an A B C begleitet
von a b c und A D E begleitet von a d e Aus diesen Beispielen dürfte
geschlossen werden dass A ein beständiges Antezedens von a ist und sogar dass
es das unbedingte beständige Antezedens oder die Ursache ist wenn wir sicher
sein könnten dass kein anderes den zwei Fällen gemeinsames Antezedens
vorhanden ist Damit uns diese Schwierigkeit nicht im Wege stehe wollen wir
annehmen wir hätten ermittelt dass die zwei Fälle wirklich kein gemeinsames
Antezedens haben ausgenommen A In dem Augenblicke jedoch wo wir die
Möglichkeit der Vielfachheit der Ursachen zulassen wird der Schluss falsch
denn er schließt die stillschweigende Voraussetzung ein dass a in beiden
Fällen durch dieselbe Ursache hervorgebracht worden sein muss Wenn
möglicherweise zwei Ursachen vorhanden gewesen sein können so mögen sie zB C
und E sein die eine kann die Ursache in dem ersten Falle gewesen sein die
andere in dem letzteren während A in keinem dieser Fälle einen Einfluss hat
Nehmen wir zB an dass zwei große Künstler oder Philosophen dass zwei
äußerst selbstsüchtige oder äußerst großmütige Charaktere in Beziehung auf
die Umstände ihrer Erziehung und Geschichte mit einander verglichen werden und
dass die zwei Falle nur in einem einzigen Umstand übereinstimmend befunden
werden Würde daraus folgen dass dieser eine Umstand die Ursache der
Eigenschaft war welche beide Individuen charakterisierte Gewiss nicht denn der
Ursachen welche bei der Erzeugung eines gegebenen Charaktertypus wirken sind
unzählige die zwei Individuen hätten in ihrem Charakter übereinstimmen können
obgleich ihre frühere Geschichte in keiner Weise Ähnlichkeit hatte
Es ist dies daher eine charakteristische Unvollkommenheit der Methode der
Übereinstimmung von welcher die Differenzmethode frei ist Denn wenn wir zwei
Fälle A B G und B C haben von denen B C b c gibt was beim Hinzukommen von
A in a b c verwandelt wird so ist es gewiss dass in diesem Falle wenigstens A
entweder die Ursache von a oder ein Teil seiner Ursache war obgleich die
Ursache welche dasselbe in einem andern Falle hervorbringt eine ganz
verschiedene sein kann Die Vielfachheit der Ursachen vermindert daher nicht
allein nicht die Zuverlässigkeit der Differenzmethode sondern macht nicht
einmal eine größere Anzahl von Beobachtungen oder Experimenten nötig zwei
Fälle der eine ein positiver der andere ein negativer sind meistens für die
vollständigste und strengste Induktion hinreichend Nicht so dagegen bei der
Methode der Übereinstimmung Die Schlüsse zu welchen sie führt wenn die Zahl
der verglichenen Fälle gering ist haben keinen realen Werth ausgenommen da wo
sie als Fingerzeige zu Experimenten führen welche zur Anwendung der
Differenzmethode Anlass geben und zu Schlüssen welche sie deduktiv erklären
und verifizieren können
Nur wenn die Beispiele ohne Ende vervielfältigt und mannigfaltig sind und
immer dasselbe Resultat geben erhält dieses Resultat einen hohen Grad von
unabhängigem Werth Wenn es nur zwei Fälle A B C und A D E sind so ist
obgleich sie außer A kein gemeinsames Antezedens haben die Wirkung jedoch
möglicherweise in beiden Fällen durch verschiedene Ursachen hervorgebracht sein
kann das Resultat nur eine geringe Wahrscheinlichkeit zu Gunsten von A es mag
Verursachung vorhanden sein aber es ist fast eben so wahrscheinlich dass es
ein bloßes Zusammentreffen eine Coincidenz war Je öfter wir aber die
Beobachtung wiederholen indem wir die Umstände verändern um so mehr nähern wir
uns einer Lösung dieses Zweifels Denn wenn wir A F G A H K etc die alle nur
darin ähnlich sind dass sie den Umstand A enthalten prüfen und wenn wir
finden dass die Wirkung a in allen diesen Fällen ein Bestandteil des
Resultates ist so müssen wir eines von beiden annehmen entweder dass sie von A
verursacht ist oder dass sie so viel verschiedene Ursachen hat als es Fälle
gibt Durch eine jede Hinzufügung eines Falles zu der Anzahl von Beispielen
wird die Vermutung zu Gunsten von A also verstärkt Der Untersuchende wird
natürlicherweise wenn sich eine Gelegenheit darbietet nicht vernachlässigen A
aus einer dieser Kombinationen auszuschließen zB aus A H K und indem er H
K gesondert prüfte die Differenzmethode zu Hülfe rufen Durch die letztere
Methode allein kann erforscht werden dass A die Ursache von a ist aber dass es
entweder die Ursache oder eine andere Wirkung derselben Ursache ist kann durch
die Methode der Übereinstimmung über einen jeden vernünftigen Zweifel erhoben
werden vorausgesetzt dass die Beispiele sehr zahlreich und von einander
verschieden sind
Nach einer wie großen Vervielfältigung von mannigfaltigen Fällen die alle
nur in dem Antezedens A übereinstimmen ist nun die Voraussetzung einer
Vielfachheit von Ursachen widerlegt und der Schluss dass a die Wirkung von A
ist seiner charakteristischen Unvollkommenheit entkleidet und zu einer
vollgültigen Gewissheit erhoben Dies ist eine Frage deren Beantwortung nicht
umgangen werden kann ihre Betrachtung gehört jedoch in die sogenannte
Wahrscheinlichkeitstheorie die den Gegenstand eines der folgenden Kapitel
bilden wird Man sieht indessen sogleich dass sich der Schluss bei einer
gewissen Anzahl von Fällen zu einer praktischen Gewissheit erhebt und dass
daher die Methode durch ihre charakteristische Unvollkommenheit nicht radikal
fehlerhaft gemacht wird Das Resultat dieser Betrachtungen ist jedoch nur
erstens eine neue Quelle des geringeren Wertes der Methode der Übereinstimmung
im Vergleich mit anderen Untersuchungsarten und Gründe dafür anzugeben dass
man sich niemals mit ihren Resultaten zufriedenstelle ohne zu suchen sie
entweder durch die Differenzmethode oder dadurch dass man sie deduktiv mit
einem bereits durch diese überlegene Methode erforschten Gesetze oder Gesetzen
in Verbindung bringt zu bestätigen Wir lernen zweitens daraus die wahre
Theorie des Wertes von einer bloßen Anzahl von Fällen in der induktiven
Forschung kennen Die Vielfachheit der Ursachen ist der einzige Grund warum
bloße Zahlen von irgend einer Wichtigkeit sind Es ist die Neigung
unwissenschaftlicher Forscher sich zu viel auf Zahlen zu verlassen ohne die
Fälle zu analysieren ohne ihre Natur näher zu betrachten um dadurch zu
erforschen welche Umstände durch dieselben eliminiert werden und welche nicht
Viele halten ihre Schlüsse mit einem gewissen Grade von Zuversicht der bloßen
Masse von Erfahrungen auf welche sie sich zu stützen scheinen proportional
ohne zu bedenken dass durch das Hinzufügen von Fällen zu Fällen von derselben
Art dh unterschieden in nichts Anderem als in bereits als unwesentlich
anerkannten Punkten der Wahrheit des Schlusses durchaus nichts hinzugefügt
wird Ein einziger Fall in dem ein Antezedens das in allen an dem Fällen
vorhanden war eliminiert ist ist von größerem Wert als die größte Menge von
Fällen die nur nach ihrer Anzahl gerechnet werden Es ist ohne Zweifel nötig
dass wir uns durch eine Wiederholung der Beobachtung oder des Experiments
versichern dass kein Irrtum in Beziehung auf die einzelnen beobachteten
Tatsachen begangen worden ist und so lange wir uns hiervon nicht überzeugt
haben können wir statt die Umstände zu verändern nicht zu gewissenhaft
dasselbe Experiment oder dieselbe Beobachtung ohne eine Änderung wiederholen
Wenn aber diese Sicherheit einmal erreicht ist so würde die Vervielfältigung
von Fällen die keine weiteren Umstände ausschließen ganz nutzlos sein
vorausgesetzt dass bereits Fälle genug vorhanden sind um die Annahme einer
Vielfachheit von Ursachen auszuschließen
Es ist von Wichtigkeit zu bemerken dass die besondere Modifikation der
Methode der Übereinstimmung welche ich da sie in gewissem Grade etwas von der
Natur der Differenzmethode besitzt »vereinigte Methode der Übereinstimmung und
des Unterschieds« genannt habe an der eben angegebenen charakteristischen
Unvollkommenheit nicht leidet Denn in der vereinigten Methode wird nicht allein
angenommen dass die Fälle in welchen a ist nur darin übereinstimmen dass sie
A enthalten sondern auch dass die Fälle in denen a nicht ist nur darin
übereinstimmen dass sie A nicht enthalten Wenn dies nun der Fall ist so muss
A nicht allein die Ursache sondern auch die einzig mögliche Ursache von a sein
denn gäbe es noch eine andere zB B so muss B in den Fällen worin a nicht
ist so gut als A abwesend gewesen sein und es wäre nicht wahr dass diese
Fälle nur darin übereinstimmen dass sie A nicht enthalten Dies gibt der
vereinigten Methode einen großen Vorteil vor der einfachen Methode der
Übereinstimmung Es mag in der Tat scheinen dass der Vorteil nicht sowohl
der vereinigten Methode als einer ihrer zwei Prämissen wenn man sie so nennen
darf der negativen nämlich angehört Wenn die Methode der Übereinstimmung
auf negative Fälle oder auf Fälle angewendet wird in welchen ein Phänomen nicht
stattfindet so ist sie sicherlich frei von jener charakteristischen
Unvollkommenheit an welcher sie in dem bejahenden Falle leidet Man könnte
daher voraussetzen dass die negative Prämisse als ein einfacher Fall der
Methode der Übereinstimmung behandelt werden könnte ohne dass man damit eine
bejahende Prämisse verbinden müsse Aber obgleich dies dem Prinzip nach wahr
ist so ist es doch im allgemeinen ganz unmöglich die Methode der
Übereinstimmung auf bloß negative Fälle ohne positive anzuwenden es ist viel
schwieriger das Feld der Negation als dass der Affirmation zu erschöpfen Es
werde zB die Frage gestellt was ist die Ursache der Durchsichtigkeit der
Körper mit welcher Aussicht auf Erfolg könnten wir nun direkt zu ermitteln
suchen worin die vielen nicht durchsichtigen Substanzen übereinstimmen Wir
könnten eher hoffen bei vergleichungsweise wenigen und bestimmten Arten von
Gegenständen die durchsichtig sind einen Punkt der Übereinstimmung zu finden
und wenn dies gelungen wäre so würden wir ganz natürlich zur Untersuchung
geführt ob die Abwesenheit dieses einen Umstandes nicht genau der Punkt ist in
dem alle dunklen Gegenstände übereinstimmen
Die vereinigte Methode der Übereinstimmung und des Unterschieds oder wie
ich sie nannte die indirekte Differenzmethode weil sie wie die eigentliche
Differenzmethode so verfahrt dass sie bestimmt wie und worin die Fälle in
denen ein Phänomen vorhanden ist sich von denen unterscheiden worin es
abwesend ist ist daher nach der direkten Differenzmethode das mächtigste der
übrigbleibenden Instrumente der induktiven Forschung und in den Wissenschaften
welche bei geringer oder gar keiner Hülfe durch das Experiment nur von der
bloßen Beobachtung abhängen ist diese bei der schönen Forschung über die
Ursache des Thaues so wohl erläuterte Methode das vorzügliche Hilfsmittel so
weit die direkte Berufung an die Erfahrung dabei in Betracht kommt
3 Wir haben bisher die Vielfachheit der Ursachen nur als eine mögliche
Voraussetzung behandelt welche so lange sie nicht entfernt ist unsere
Induktionen unsicher macht und wir haben nur die Mittel betrachtet durch
welche wir wenn keine Vielfachheit in der Tat existiert deren Nichtexistenz
beweisen können Wir müssen sie aber auch als einen in der Natur wirklich
vorkommenden Fall betrachten den so oft er vorkommt unsere Induktionsmethoden
fähig sein müssen zu ermitteln und festzustellen Hierzu ist indessen keine
besondere Methode erforderlich Wenn eine Wirkung in der Tat durch zwei oder
mehrere Ursachen hervorgebracht werden kann so ist das Verfahren um dieselbe
zu entdecken in keiner Weise verschieden von dem wodurch wir einzelne Ursachen
entdecken Sie können erstens als besondere Sequenzen durch besondere Reihen
von Fällen entdeckt werden Eine Reihe von Beobachtungen und Experimenten zeigt
dass die Sonne die Ursache der Wärme ist eine andere dass die Reibung es ist
eine andere dass der Stoß eine andere dass Elektrizität eine andere dass
die chemische Tätigkeit eine Wärmequelle ist Oder zweitens die Vielfachheit
erscheint bei dem Vergleichen einer Anzahl von Fällen wenn wir suchen einen
Umstand zu finden in dem sie alle übereinstimmen und uns dies misslingt Wir
finden es unmöglich in allen Fällen wo wir einer Wirkung begegnen einen
gemeinsamen Umstand nachzuweisen Wir finden dass wir alle Antecedentien
wegschaffen können dass keines von ihnen in allen Fällen gegenwärtig keines
von ihnen zur Wirkung unumgänglich nötig ist Bei genauer Untersuchung scheint
es indessen dass obgleich keines von ihnen immer gegenwärtig das eine oder das
andere von mehreren immer gegenwärtig ist Wenn wir bei einer weitem Analyse in
diesen irgend ein gemeinsames Element entdecken können so dürften wir im Stande
sein von ihnen zu irgend einer Ursache zu gelangen welche der in der Tat
wirkende Umstand in allen ist So durfte und wird vielleicht entdeckt werden
dass bei der Erzeugung von Wärme durch Reibung Stoß chemische Action etc die
letzte Quelle eine und dieselbe ist Wenn wir aber wie fortwährend geschieht
diesen letzten Schritt nicht tun können so müssen die verschiedenen
Antecedentien vorläufig als unterschiedene Ursachen angesehen werden wovon eine
jede für sich hinreicht die Wirkung hervorzubringen
Wir schließen hier unsere Bemerkungen über die Vielfachheit der Ursachen
und gehen zu dem noch eigentümlicheren und verwickelteren Falle der Vermischung
der Wirkungen und der Interferenz der Ursachen über einem Falle der den
größten Teil der Verwickelung und Schwierigkeit des Studiums der Natur
ausmacht und mit dem die vier einzig möglichen Methoden der direkten induktiven
Forschung durch Beobachtung und Experiment meistenteils wie sich nun ergeben
wird nicht fertig zu werden vermögen Die Deduktion allein ist hier fähig die
aus dieser Quelle entspringenden Verwickelungen zu lösen und die vier Methoden
können hier wenig mehr tun als die Prämissen für unsere Deduktionen zu
schaffen
4 Ein Zusammenwirken zweier oder mehrerer Ursachen die separat nicht
einerlei Wirkung hervorbringen sondern mit einander interferieren oder die ihre
Wirkungen gegenseitig modifizieren findet wie bereits erklärt wurde auf zwei
verschiedene Arten Statt In dem einen Fall der durch die vereinigte Wirkung
verschiedener Kräfte in der Mechanik erläutert wird werden die besonderen
Wirkungen aller Ursachen fortwährend hervorgebracht sind aber mit einander
verbunden und verschwinden in einer Totalwirkung In dem andern durch die
chemische Action erläuterten Falle hören die besonderen Wirkungen ganz auf und
es folgt ihnen ein ganz verschiedenes und durch ganze andere Gesetze regiertes
Phänomen
Von diesen Fällen ist der erstere bei weitem der häufigste und dieser Fall
ist es auch der sich dem Angriffe unserer experimentellen Methoden meistens
entzieht Der andere ein Ausnahmefall kann ihnen unterworfen werden Wenn die
Gesetze der ursprünglichen Agentien ganz aufhören und ein Phänomen erscheint
welches in Beziehung auf diese Gesetze ganz heterogen ist wenn zB zwei
luftförmige Substanzen Wasserstoff und Sauerstoff indem sie zusammengebracht
werden ihre besonderen Eigenschaften ablegen und die Wasser genannte Substanz
erzeugen so kann in einem solchen Falle die neue Tatsache einer
experimentellen Untersuchung unterworfen werden wie ein anderes Phänomen und
die Elemente von welchen man sagt sie setzten dasselbe zusammen können als
die bloßen Agentien seiner Erzeugung als die Bedingungen von denen es
abhängt die Tatsachen welche seine Ursache ausmachen betrachtet werden
Die Wirkungen des neuen Phänomens die Eigenschaften des Wassers zB werden
durch den Versuch so leicht gefunden als die Wirkungen einer jeden andern
Ursache Aber die Ursache desselben zu entdecken dh die eigentümliche
Verbindung von Agentien aus denen es hervorgeht ist oft sehr schwierig Es ist
vor allem der Ursprung und die wirkliche Erzeugung des Phänomens unserer
Beobachtung meistens unzugänglich Wenn wir die Zusammensetzung des Wassers
nicht eher hätten kennen lernen können als bis wir Fälle sahen in denen es
wirklich aus Sauerstoff und Wasserstoff erzeugt wurde so wären wir gezwungen
gewesen zu warten bis irgend Einem der zufällige Gedanke gekommen wäre einen
elektrischen Funken durch eine Mischung der beiden Gase schlagen zu lassen oder
bis er ein brennendes Licht hineingebracht hätte wenn auch bloß um zu sehen
was dabei geschieht Wenn wir aber auch durch die Methode der Übereinstimmung
hätten bestimmen können dass Sauerstoff und Wasserstoff gegenwärtig sind wenn
Wasser gebildet wird so hätte doch kein Versuch mit Sauerstoff und Wasserstoff
allein keine Kenntnis ihrer Gesetze uns in den Stand setzen können deduktiv
zu schließen dass sie Wasser hervorbringen Wir bedürfen eines spezifischen
Versuches mit den zwei Stoffen im verbundenen Zustande
Bei diesen Schwierigkeiten würden wir im allgemeinen unsere Kenntnis der
Ursachen dieser Klasse von Wirkungen nicht einer besonders auf dieses Ziel
gerichteten Untersuchung sondern entweder dem Zufall oder dem allmäligen
Fortschreiten des Experimentierens mit den verschiedenen Verbindungen deren die
erzeugenden Agentien fähig Bind zu verdanken gehabt haben wenn nicht die
Wirkungen dieser Art zugehörige Eigentümlichkeit wäre dass sie oft unter
einer besonderen Kombination von Umständen ihre Ursachen reproduzieren Wenn
Wasser aus der Juxtaposition von Sauerstoff und Wasserstoff entsteht so oft
dieselbe nahe und innig genug herzustellen ist so werden auf der andern Seite
unter gewissen Umständen Sauerstoff und Wasserstoff aus dem Wasser reproduziert
die neuen Gesetze nehmen plötzlich ein Ende und die Agentien erscheinen getrennt
mit ihren eigenen besonderen Eigenschaften wie sie dieselben vorher besaßen
Was man die chemische Analyse nennt ist das Verfahren wonach man die Ursachen
einer Naturerscheinung unter ihren Wirkungen sucht oder vielmehr unter den
Wirkungen die durch Action einer andern Ursache auf dieselbe hervorgebracht
wurden
Indem Lavoisier Quecksilber in einem lufthaltigen geschlossenen Gefäße bis
auf eine hohe Temperatur erhitzte fand er dass das Quecksilber an Gewicht
zunahm und zu dem wurde was man damals roten Präzipitat nannte während die
Luft als sie nach dem Versuch geprüft wurde an Gewicht verloren hatte und sich
unfähig zeigte das Leben oder die Verbrennung zu unterhalten Als der rote
Präzipitat einer noch größeren Hitze ausgesetzt wurde verwandelte er sich
wieder in Quecksilber und gab ein Gas aus welches das Leben und die Flamme
unterhielt Auf diese Weise erscheinen die Agentien durch deren Verbindung
roter Präzipitat erzeugt wurde nämlich Quecksilber und das Gas wieder als
Wirkungen die von dem erhitzten Präzipitat herrühren Wenn wir Wasser
vermittelst Eisenfeile zersetzen so bringen wir zwei Wirkungen hervor Rost und
Wasserstoff von dem Rost weiß man nun aus Versuchen mit seinen Bestandteilen
dass er eine Wirkung der Verbindung von Eisen und Sauerstoff ist das Eisen
gaben wir hinzu aber der Sauerstoff musste aus dem Wasser erzeugt worden sein
Das Resultat ist daher dass das Wasser verschwunden ist und dass Sauerstoff
und Wasserstoff an seiner Stelle erschienen sind oder mit anderen Worten die
ursprünglichen Gesetze dieser luftförmigen Agentien welche durch die
Hinzufügung neuer Eigenschaften des Wassers genannter Gesetze suspendiert
waren traten wieder ins Leben und die Ursachen des Wassers finden sich unter
seinen Wirkungen
Wo zwei Naturerscheinungen zwischen deren Gesetzen oder Eigenschaften an
sich betrachtet kein Zusammenhang nachgewiesen werden kann gegenseitig Ursache
und Wirkung sind wo demnach eine jede fähig ist der Reihe nach von der andern
hervorgebracht zu werden und eine jede bei der Erzeugung der andern selbst zu
existieren aufhört wie Wasser von Sauerstoff und Wasserstoff erzeugt wird und
Sauerstoff und Wasserstoff vom Wasser reproduziert werden da ist die
Verursachung der einen durch die andere indem eine jede durch die Vernichtung
der andern erzeugt wird eigentlich eine Transformation Die Idee von chemischer
Zusammensetzung ist eine Idee von Transformation aber von einer Transformation
die unvollständig ist denn wir nehmen an dass Sauerstoff und Wasserstoff als
solche in dem Wasser gegenwärtig sind und dass wir bei der erforderlichen
Schärfe unserer Sinne im Stande wären sie darin zu entdecken eine Annahme
denn mehr ist es nicht die einzig auf die Tatsache gegründet ist dass das
Gewicht des Wassers die Summe der Gewichte seiner einzelnen Bestandteile ist
Wenn diese Ausnahme von dem Verschwinden der Gesetze der einzelnen Bestandteile
in der Verbindung nicht stattgefunden hätte wenn die verbundenen Agentien in
diesem einen besonderen Gesetze des Gewichts ihre eigenen Gesetze nicht
beibehalten und ein vereinigtes Resultat das der Summe ihrer besonderen
Resultate gleich ist hervorgebracht hätten so wären wir wahrscheinlich niemals
zu dem Begriff gelangt den wir jetzt mit dem Worte chemische Zusammensetzung
verbinden und wir würden in der Tatsache der Erzeugung von Wasser durch
Sauerstoff und Wasserstoff und der Erzeugung der letzteren aus dem Wasser da
die Transformation vollständig gewesen wäre nichts als eine Transformation
erblickt haben
In seiner »Correlation of Physical Forces Wechselbeziehung der
physikalischen Kräfte« einer Betrachtung die anregender und reicher an
zukünftigen Resultaten ist als alle neueren physikalischen Betrachtungen legt
Herr Grove großes Gewicht auf die Hypothese denn mehr ist es bis jetzt nicht
von einer Beziehung zwischen physikalischen Kräften welche ähnlich derjenigen
ist welche zwischen Wasserstoff und Sauerstoff auf der einen Seite und Wasser
auf der andern Seite stattfindet oder die mehr noch der wechselseitigen
Beziehung zwischen jenen zusammengesetzten Substanzen gleicht welche aus
denselben Elementen in denselben Gewichtsverhältnissen bestehen die aber in
ihren sinnfälligen Eigenschaften von einander abweichen wie Zucker Stärke und
Gummi Es war bekannt dass die Wärme Elektrizität und dass die Elektrizität
Wärme erzeugen kann dass mechanische Bewegung in bestimmten Fällen beide
entwickelt und durch beide erzeugt wird und so die übrigen Herr Grove führt
nun aus dass mechanische Kraft Elektrizität Magnetismus Wärme Licht und
chemische Tätigkeit wozu später noch Lebenskraft kam nicht sowohl Ursachen
von einander als ineinander überführbar sind dass sie alle Formen von einer
und derselben Kraft sind die sich nur in verschiedener Weise äußert Eine
solche Lehre könnte man leicht für ein Stück mystischer Metaphysik für eine
vorgebliche Entdeckung von etwas auf das letzte Wesen der sogenannten Kräfte
als Dinge an sich betrachtet bezügliches halten Herr Grove sieht aber ganz
klar dass solche Ansprüche eine Chimäre wären Sein Ziel ist wohlerwogen und
philosophisch und in einer Weise ausgesprochen der wenig fehlt um
philosophisch untadelhaft zu sein Hier kann darüber bemerkt werden dass wenn
sich seine Lehre bestätigen sollte so würden die verschiedenen Arten von
Phänomenen welche sie zu identifizieren unternimmt immer noch Ursachen von
einander und würden gegenseitig Ursachen und Wirkungen sein was in der
eigentlich Transformation genannten Form von Verursachung das erste Ingredienz
ist Es gibt indessen noch ein anderes Ingredienz wenn die Ursache die Wirkung
erzeugt hat so muss die Wirkung die Ursache ohne eine Veränderung in der
Quantität reproduzieren können Diese zweite Bedingung ist es welche für die
Verwandlung der Hypothese von Herrn Grove in eine wissenschaftliche Theorie noch
immer fehlt Wenn Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt worden ist so
können Wasserstoff und Sauerstoff wieder in die gleiche Quantität Wasser
verwandelt werden aus der sie erzeugt wurden um Hrn Groves Lehre zu beweisen
müsste Wärme in Elektrizität Elektrizität in chemische Tätigkeit chemische
Tätigkeit in mechanische Kraft und mechanische Kraft wieder in dieselbe beim
Beginn der Reihe verausgabte Quantität Wärme verwandelt werden können Wenn es
bewiesen wäre dass dies der Fall ist so würde dadurch genau das festgestellt
was die von dem einfachen Fall gegenseitiger Verursachung unterschiedene
Transformation ausmacht Aber so lange dieses nicht bewiesen ist können die von
Herrn Grove in so belehrender Weise beigebrachten Tatsachen und Argumente nur
als eine Vermutung wenn auch als eine sehr starke gelten dass diese
quantitative Äquivalenz der Kräfteformen wirklich stattfindet Die Kräfte
identisch nennen schließt nicht bloß ein dass sie in einander überführbar
sind sondern auch dass die ursprünglichen Quantitäten nach einer jeden Anzahl
von Überführungen unvermehrt und unvermindert wiedererscheinen wie sie dies
bei allen chemischen Verwandlungen und Rückverwandlungen tun und diese Lehre
welche die Kraft für ebenso unzerstörbar hält als die Materie scheint unter dem
Namen der Erhaltung der Kraft allmälig aus dem Zustand der Hypothese in den
eines philosophischen Satzes überzugehen Sie ist aber noch weit entfernt die
Stellung einer festgestellten Wahrheit einzunehmen107
In diesen Fällen also wo die heteropatische Wirkung wie wir sie in einem
früheren Kapitel Cap VII 1 nannten nur eine Transformation ihrer
Ursache ist oder mit anderen Worten wo die Wirkung und ihre Ursache
gegenseitig Transformationen wo sie gegenseitig in einander überführbar sind da
löst sich die Aufgabe die Ursache zu finden in die viel leichtere auf eine
Wirkung zu finden was diejenige Art von Untersuchung ist die durch den
direkten Versuch verfolgt werden kann Es gibt aber noch andere Fälle von
heteropatischen Wirkungen auf welche diese Untersuchungsweise nicht anwendbar
ist Man nehme zB die heteropatischen Gesetze des Geistes jenen Teil der
Erscheinungen unserer geistigen Natur welche eher chemischen als dynamischen
Phänomenen ähnlich sind wenn zB eine komplexe Leidenschaft durch die
Vereinigung verschiedener elementarer Impulse oder eine komplexe
Gemütsbewegung durch verschiedene einfache Freuden oder Leiden gebildet wird
wovon sie das Resultat ist ohne das Aggregat derselben oder in irgend einer
Weise homogen damit zu sein Das Produkt entsteht in diesem Falle aus
verschiedenen Faktoren die Faktoren können jedoch nicht aus dem Produkt
reproduziert werden ähnlich wie ein Jüngling zum alten Mann werden ohne dass
der alte Mann zu einem Jüngling werden kann Wir können nicht ermitteln von
welchen einfachen Gefühlen irgend einer von unseren komplexen Geisteszuständen
erzeugt wird so wie wir die Bestandteile einer chemischen Verbindung
ermitteln indem wir sie umgekehrt daraus entstehen lassen Wir können daher
diese Gesetze nur durch das langsame Verfahren diese einfachen Gefühle selbst
zu studieren und nur dadurch entdecken dass wir synthetisch durch
Experimentiren mit den verschiedenen Kombinationen deren sie fähig sind
bestimmen was sie durch ihre gegenseitige Wirkung auf einander fähig sind
hervorzubringen
5 Man hätte voraussetzen können die andere und augenscheinlich
einfachere Varietät von gegenseitigen Interferenzen der Ursachen bei der eine
jede Ursache fortwährend ihre eigene besondere Wirkung nach demselben Gesetze
wie im gesonderten Zustande ausübt hätte der induktiven Forschung weniger
Schwierigkeiten dargeboten als diejenige deren Betrachtung wir soeben beendigt
haben Sie bietet jedoch so weit es die von der Deduktion getrennte direkte
Induktion betrifft unendlich größere Schwierigkeiten dar Wenn durch ein
Zusammenwirken von Ursachen eine neue Wirkung entsteht die in keiner Beziehung
zu den besonderen Wirkungen jener Ursachen steht so zeigt sich das resultierende
Phänomen wenigstens unverdeckt indem es die Aufmerksamkeit auf seine
Eigentümlichkeit zieht und unserer Erkenntnis seiner Gegenwart oder
Abwesenheit in einer Anzahl von dasselbe umgebenden Erscheinungen kein
Hindernis darbietet Es kann daher den Regeln der Induktion leicht unterworfen
werden vorausgesetzt dass solche Fälle erhalten werden können wie sie diese
Regeln verlangen Das Nichteintreffen solcher Fälle oder der Mangel an Mitteln
um sie hervorzubringen ist die wahre und einzige Schwierigkeit bei solchen
Untersuchungen eine Schwierigkeit die gewissermaßen eine physikalische und
keine logische ist Anders verhält es sich mit Fällen von dem was im
vorhergehenden Kapitel Zusammensetzung der Ursachen genannt wurde Hier hören
die Wirkungen der besonderen Ursachen nicht auf und machen anderen Platz wodurch
sie auch aufhören einen Teil der zu untersuchenden Naturerscheinung zu bilden
sie finden im Gegenteil immer Statt jedoch vermischt und verdeckt durch die
homogenen und eng verbundenen Wirkungen anderer Ursachen Sie sind nicht mehr a
b c d e neben einander bestehend und fortwährend einzeln wahrnehmbar sie
sind a a 12b b 2b etc einige von ihnen vernichten einander während
viele andere nicht unterscheidbar sind sondern in einer Summe aufgehen und ein
Resultat bilden zwischen dem und den Ursachen wodurch es hervorgebracht wurde
irgend eine bestimmte Beziehung durch Beobachtung nachzuweisen oft eine
unübersteigliche Schwierigkeit besteht
Man hat gesehen dass die allgemeine Idee von der Zusammensetzung der
Ursachen die war dass obgleich zwei oder mehrere Gesetze interferieren und ihre
Wirkungen scheinbar einander vereiteln oder modifizieren in Wahrheit doch alle
erfüllt werden indem die Kollectivwirkung genau die ganze Summe der Wirkungen
der Ursachen ist wenn sie gesondert genommen werden Ein bekannter Fall ist
der wo ein Körper auf welchen zwei gleiche und entgegengesetzte Kräfte wirken
im Gleichgewicht erhalten wird Eine von den Kräften allein wirkend würde ihn so
und so weit nach Westen die andere allein wirkend würde ihn genau so weit nach
Osten führen das Resultat ist dasselbe als wenn er zuerst so weit nach Westen
geführt worden wäre als die eine Kraft ihn führen kann und dann so weit
zurück als die andere Kraft ihn führen könnte dh genau auf dieselbe Stelle
indem er zuletzt da gelassen wird wo er anfänglich war
Alle Kausalgesetze können auf diese Weise aufgehoben und scheinbar
vernichtet werden wenn sie mit anderen Gesetzen in Konflikt geraten deren
besondere Wirkungen den ihrigen entgegengesetzt oder mehr oder weniger damit
unverträglich sind Daher scheinen fast bei einem jeden Gesetze viele Fälle in
denen dasselbe wirklich vollständig erfüllt wird beim ersten Blick keine Fälle
zu sein in denen es wirksam ist Es ist dies der Fall bei dem so eben
angeführten Beispiele in der Mechanik heißt eine Kraft nichts mehr und nichts
weniger als eine Ursache der Bewegung und doch kann die Summe der Wirkungen
zweier Ursachen der Bewegung Ruhe sein Ebenso bewegt sich ein Körper auf den
zwei Kräfte wirken die zusammen einen Winkel bilden in der Diagonale und es
scheint ein Paradoxon zu sein wenn man sagt die Bewegung in der Diagonale sei
die Summe der Bewegungen in zwei anderen Linien Bewegung ist indessen nur eine
Veränderung des Ortes und in einem jeden Augenblick ist der Körper genau an dem
Orte wo er gewesen wäre wenn die Kräfte in abwechselnden Augenblicken statt in
demselben Augenblicke gewirkt hätten nur dass wenn wir sie als abwechselnd
wirkend annehmen während sie in der Tat gleichzeitig wirken wir ihnen
natürlich die doppelte Zeit zugestehen müssen Es ist daher evident dass eine
jede Kraft in einem jeden Augenblicke ihre volle Wirkung hatte die ihr zukommt
und dass der modifizierende Einfluss von welchem man sagt er werde durch die
eine der zusammenwirkenden Ursachen in Beziehung auf die andere ausgeübt
betrachtet werden kann als ausgeübt nicht auf die Tätigkeit der Ursache
selbst sondern auf die Wirkung nachdem sie vollendet ist Zu allen Zwecken der
Voraussagung der Berechnung der Erklärung ihrer vereinigten Resultate können
Ursachen welche ihre Wirkungen verbinden behandelt werden als ob sie
gleichzeitig eine jede ihre eigene Wirkung hervorbrächten und als ob diese
Wirkungen sichtbar koexistierten
Da die Gesetze der Ursachen wirklich erfüllt werden sowohl wenn den
Ursachen durch entgegengesetzte Ursachen entgegengewirkt wird als auch wenn sie
ihrer eigenen ungestörten Action überlassen bleiben so müssen wir die Vorsicht
gebrauchen die Gesetze nicht mit solchen Worten auszudrücken dass dadurch die
Behauptung sie wurden in jenen Fällen erfüllt zu einem Widerspruch wird Wenn
man zB als ein Naturgesetz angeben würde dass ein Körper auf den eine Kraft
wirkt sich in der Richtung der Kraft und mit einer Schnelligkeit bewegt die in
geradem Verhältnis zu der Kraft und im umgekehrten zu seiner eigenen Masse
steht und wenn in Wirklichkeit einige Körper auf welche eine Kraft wirkt sich
gar nicht bewegen und einige die sich bewegen vom Beginn an durch die Wirkung
der Schwere und anderer widerstrebender Kräfte verzögert und endlich ganz zum
Stillstehen gebracht werden so ist klar dass der allgemeine Lehrsatz obgleich
er unter gewissen Voraussetzungen wahr wäre die Tatsachen nicht ausdrücken
würde wie sie wirklich stattfinden Um den Ausdruck des Gesetzes den wirklichen
Erscheinungen anzupassen müssen wir sagen nicht dass sich der Gegenstand
bewegt sondern dass er das Bestreben hat sich in der angegebenen Richtung und
mit der erwähnten Geschwindigkeit zu bewegen Wir könnten in der Tat unsern
Ausdruck in einer andern Weise verwahren indem wir sagen dass sich der Körper
auf diese Weise bewegt wenn er nicht verhindert wird oder so lange er nicht
durch eine entgegenwirkende Ursache verhindert wird Aber der Körper bewegt sich
nicht allein auf diese Weise wenn ihm nichts entgegenwirkt er strebt sogar
sich in dieser Weise zu bewegen wenn ihm etwas entgegenwirkt er übt in
derselben Richtung noch dieselbe Kraft der Bewegung aus als wenn sein erster
Impuls nicht gestört worden wäre und bringt dadurch genau eine äquivalente
Quantität der Bewegung hervor Dies ist sogar wahr wenn die Kraft den Körper in
dem absoluten Zustande von Ruhe lässt in dem sie ihn anfänglich vorfand wenn
wir zB versuchen einen Körper von dem Gewicht von drei Centner mit einer
Kraft die gleich einem Centner ist zu heben Denn wenn während wir diese
Kraft anwenden der Wind das Wasser oder ein anderes Agens eine weitere Kraft
hinzuführt welche zwei Centner nur wenig übersteigt so wird der Körper gehoben
werden was beweist dass die Kraft welche wir anwandten ihre volle Wirkung
ausgeübt hat indem sie einen äquivalenten Teil des Gewichts das sie nicht
gänzlich bezwingen konnte neutralisierte Und wenn der Gegenstand während wir
diese Kraft von einem Centner in einer seiner Schwere entgegengesetzten Richtung
auf ihn wirken lassen auf eine Waagschale gebracht und gewogen wird so findet
man dass er einen Centner an seinem Gewichte verloren hat oder mit anderen
Worten man findet dass er mit einer Kraft die der Differenz der zwei Kräfte
gleich ist nach unten drückt
Diese Tatsachen werden durch den Ausdruck Bestreben ganz richtig
bezeichnet Alle Kausalgesetze müssen daher da sie alle einer Entgegenwirkung
ausgesetzt sind in Worten ausgedrückt werden die nur ihr Bestrehen und nicht
ihre wirklichen Resultate ausdrücken In jenen Wissenschaften der Verursachung
die eine richtige Nomenklatur besitzen gibt es spezielle Worte die ein
Streben nach der eigentümlichen Wirkung zeigen von der die Wissenschaft
handelt so ist in der Mechanik Druck synonym mit Streben nach Bewegung und man
behandelt die Kräfte nicht als wirklich Bewegung erzeugend sondern als Druck
ausübend Eine ähnliche Verbesserung der Terminologie würde in vielen anderen
Zweigen der Wissenschaft sehr nützlich sein
Die Gewohnheit dieses notwendige Element in der genauen Bezeichnung der
Naturgesetze zu vernachlässigen gab Veranlassung zu dem sehr verbreiteten
Vorurteil dass alle allgemeinen Wahrheiten Ausnahmen zulassen die Schlüsse
der Philosophie erfuhren dadurch ein unverdientes Misstrauen wenn sie dem
Urteile von solchen unterworfen wurden die keine Philosophen waren Die rohen
Generalisationen welche sich aus der gewöhnlichen Beobachtung ergeben haben
gemeinlich Ausnahmen aber die Prinzipien der Wissenschaft oder mit anderen
Worten die Kausalgesetze haben keine »Was man für die Ausnahmen eines Prinzips
hält« um bei einer andern Gelegenheit gebrauchte Worte anzuführen ist immer
ein anderes und unterschiedenes Prinzip das in das erstere einschneidet irgend
eine andere Kraft die gleichsam an die erstere anstößt und sie von ihrer
Richtung ablenkt Es gibt kein Gesetz und eine Ausnahme dazu so dass das
Gesetz in neun und neunzig Fällen und die Ausnahme in einem wirkt Es sind zwei
Gesetze wovon ein jedes möglicherweise in allen hundert Fällen wirkt und die
durch ihr vereinigtes Wirken eine gemeinschaftliche Wirkung hervorbringen Wenn
die Kraft welche da sie die am wenigsten sichtbare von den beiden ist die
störende Kraft genannt wird in irgend einem Falle über die andere Kraft
hinreichend vorwaltet um den Fall zu bilden der gewöhnlich eine Ausnahme
genannt wird so wirkt dieselbe störende Kraft wahrscheinlich in vielen anderen
Fällen die Niemand Ausnahmen nennen wird als modifizierende Ursache
»Wenn man auf diese Weise sagen würde es sei ein Naturgesetz dass alle
schweren Körper nach der Erde fallen so würde man auch wahrscheinlich sagen
der Widerstand der Atmosphäre der einen Luftballon am Fallen hindert mache den
Ballon zu einer Ausnahme jenes angeblichen Naturgesetzes Das wahre Gesetz ist
aber dass alle schweren Körper zu fallen streben hiervon gibt es keine
Ausnahme und weder Sonne noch Mond sind davon ausgenommen denn wie jeder
Astronom weiß streben sogar die letzteren mit einer Kraft die der gleich ist
womit die Erde nach ihnen strebt nach der Erde zu In dem besonderen Falle vom
Ballon könnte man vielleicht aus einem Missverstehen des Gesetzes der Schwere
von dem Widerstand der Luft sagen er überwiege das Gesetz aber seine störende
Wirkung ist in einem jeden andern Falle ganz ebenso tatsächlich vorhanden
indem er den Fall aller Körper verzögert wenn er ihn auch nicht verhindert Die
Regel und die sogenannte Ausnahme teilen sich nicht in die Fälle eine jede von
ihnen ist eine umfassende Regel die sich auf alle Fälle erstreckt Es ist
oberflächlich und den richtigen Grundsätzen der Nomenklatur und Klassifikation
zuwider das eine von diesen mitwirkenden Prinzipien eine Ausnahme von dem
andern zu nennen Eine Wirkung genau von derselben Art und aus derselben
Ursache hervorgehend sollte nicht in zwei verschiedene Kategorien gesetzt
werden bloß weil eine andere sie überwiegende Ursache existiert oder nicht
existiert«108
6 Demnach haben wir nun zu betrachten nach welcher Methode diese
komplexen aus den Wirkungen vieler Ursachen bestehenden Wirkungen zu studieren
sind wie wir im Stande sein werden eine jede Wirkung auf das Zusammenwirken
von Ursachen wodurch sie erzeugt wurde zurückzuführen und die Umstände ihrer
Wiederkehr die Umstände unter denen man erwarten darf dass sie wieder
eintreffen wird zu bestimmen Die Bedingungen einer Naturerscheinung welche
aus der Zusammensetzung von Ursachen hervorgehen können entweder deduktiv oder
experimentell untersucht werden
Es ist einleuchtend dass der Fall einer komplexen Wirkung der deduktiven
Forschungsweise fähig ist Das Gesetz einer Wirkung dieser Art ist das Resultat
der Gesetze der besonderen Ursachen von deren Kombination es abhängig ist und
daher an sich fähig von diesen Gesetzen abgeleitet zu werden Man nennt die
Methode die aprioristische Die andere oder die Methode a posteriori geht nach
den Regeln der experimentellen Forschung zu Werke Indem sie die ganze
Vereinigung von mitwirkenden Ursachen welche eine Naturerscheinung erzeugen
als eine einzige Ursache betrachtet strebt sie diese Ursache in gewöhnlicher
Weise durch Vergleichung der Fälle zu bestimmen Diese zweite Methode zerfällt
in zwei verschiedene Arten Wenn sie bloß die Fälle von einer Wirkung gegen
einander hält so ist sie eine Methode der reinen Beobachtung Wenn sie die
Ursachen behandelt und verschiedene Kombinationen derselben in der Hoffnung
versucht die genaue Kombination welche die Totalwirkung hervorbrachte endlich
zu treffen so ist sie eine experimentelle Methode
Um die Natur dieser drei Methoden noch vollständiger aufzuklären und um zu
bestimmen welche von ihnen den Vorzug verdient wird es zweckmäßig sein nach
einer Lieblingsmaxime des LordKanzlers Eldon der eine tiefere Philosophie
ihren Beifall nicht versagen wird obgleich sie von den Philosophen oft
lächerlich gemacht wurde »sie in Umstände zu kleiden« Wir werden zu diesem
Ende einen Fall wählen der bis jetzt zwar kein sehr glänzendes Beispiel von dem
Erfolge dieser drei Methoden darbietet der aber umso mehr geeignet ist die
ihnen inhärente Schwierigkeit in das geeignete Licht zu setzen Der Gegenstand
der Untersuchung sei die Bedingungen der Gesundheit und Krankheit des
menschlichen Körpers oder größerer Einfachheit wegen die Bedingungen der
Genesung von einer gegebenen Krankheit zu ermitteln und um die Aufgabe noch
mehr zu beschränken so sei sie auf die einfache Frage zurückgeführt ist eine
gewisse Arznei Quecksilber zB ein Mittel gegen diese Krankheit oder nicht
Die deduktive Methode würde nun von bekannten Eigenschaften des Quecksilbers
und von bekannten Gesetzen des menschlichen Körpers ausgehen und von diesen
ausgehend würde sie zu entdecken suchen ob das Quecksilber auf den Körper
wenn er sich im vorausgesetzten kranken Zustande befindet in einer Weise wirkt
dass es die Gesundheit herstellt Die experimentelle Methode würde einfach in so
viel Fällen als möglich Quecksilber geben indem sie Alter Geschlecht
Temperament und andere Eigentümlichkeiten der körperlichen Konstitution die
besondere Form oder Abweichung der Krankheit das besondere Stadium oder ihren
Fortschritt etc etc aufzeichnen und indem sie bemerken würde in welchen
dieser Fälle es eine heilsame Wirkung hervorgebracht hat und mit welchen
Umständen es bei dieser Gelegenheit verbunden war oder sie würde die Fälle der
Genesung mit Fällen von Nichtgenesung vergleichen um Fälle zu finden welche in
allen anderen Beziehungen übereinstimmen und nur in der Tatsache verschieden
sind dass Quecksilber gegeben oder nicht gegeben wurde
7 Dass die letzte der drei Methoden auf den obigen Fall anwendbar sei
hat noch Niemand ernstlich behauptet Schlüsse von Werth sind in Beziehung auf
einen so verwickelten Gegenstand auf jenem Wege noch niemals erhalten worden
Das Äußerste was man dabei erreichen könnte wäre ein vager allgemeiner
Eindruck für oder gegen die Wirksamkeit des Quecksilbers ein Eindruck der
keinen reellen Nutzen besäße und nach dem wir uns nicht richten können er
müsste denn durch die eine der zwei anderen Methoden bestätigt werden Nicht
dass die Resultate welche diese Methode zu erhalten strebt nicht von dem
höchst möglichen Werth wären wenn sie überhaupt erhalten werden könnten Wenn
alle Fälle von Genesung welche sich in einer auf eine große Anzahl von Fällen
ausgedehnten Prüfung darbieten Fälle wären in denen Quecksilber gegeben wurde
so dürften wir mit Vertrauen nach dieser Erfahrung generalisieren und wir würden
einen Schluss von wirklichem Werth erhalten Aber in einem Falle dieser Art
können wir nicht hoffen eine solche Basis für eine Generalisation zu erhalten
Der Grund hiervon ist derselbe der als die charakteristische Unvollkommenheit
der Methode der Übereinstimmung ausmachend angegeben worden ist die
Vielfachheit der Ursachen Sogar wenn wir annehmen das Quecksilber strebe die
Krankheit zu heilen so streben auch so viele andere Ursachen sowohl natürliche
als künstliche die Krankheit zu heilen dass es gewiss reichlich Fälle von
Genesung geben wird in denen kein Quecksilber gegeben wurde es müsste denn in
der Tat die Praxis bestehen es in allen Fällen zu geben bei welcher
Voraussetzung man es in den Fällen von Ausbleiben ebenso finden würde
Wenn eine Wirkung aus der Vereinigung vieler Ursachen hervorgeht so kann
der Antheil welchen eine jede derselben bei der Determination der Wirkung hat
im allgemeinen nicht groß sein und es ist nicht wahrscheinlich dass die
Wirkung sogar in ihrer Anwesenheit oder Abwesenheit und noch weniger in ihren
Veränderungen irgend einer von den Ursachen auch nur annähernd folgen wird Die
Genesung von einer Krankheit ist ein Vorgang zu dem in einem jeden Falle viele
Einflüsse mitwirken müssen Das Quecksilber kann ein solcher Einfluss sein aber
wegen der Tatsache dass es noch viele andere Einflüsse gibt wird es sich
notwendig oft treffen dass obgleich Quecksilber gegeben wurde der Patient
aus Mangel an den anderen mitwirkenden Einflüssen nicht genesen und dass er oft
genesen wird ohne dass Quecksilber gegeben wurde indem die anderen günstigen
Einflüsse ohne dasselbe wirksam genug waren Es werden daher weder die Fälle von
Genesung bei dem Eingeben von Quecksilber noch werden die Fälle von
Nichtgenesung bei dem NichtEingeben desselben übereinstimmen Es ist viel wenn
wir aus vielfältigen und genauen Berichten von Hospitälern und dergleichen
schließen können dass mehr Fälle von Genesung und weniger von Nichtgenesung
statthaben wenn Quecksilber gegeben wird als wenn es nicht gegeben wird ein
Resultat von sehr untergeordnetem Werth sogar als ein Wegweiser in der Praxis
und ganz wertlos als ein Beitrag zu der Theorie des Gegenstandes
Nachdem so die Nichtanwendbarkeit der Methode der einfachen Beobachtung zur
Ermittlung der Bedingungen von Wirkungen die von vielen zusammenwirkenden
Ursachen abhängen erkannt ist wollen wir untersuchen ob wir von dem andern
Zweige der a posterioriMethode einen größeren Nutzen ziehen können von dem
Zweige nämlich welcher so verfährt dass er verschiedene entweder künstlich
hervorgebrachte oder in der Natur gefundene Kombinationen direkt versucht und
bemerkt was sie für eine Wirkung haben zB indem er die Wirkung des
Quecksilbers wirklich versucht und zwar in so vielen Fällen als nur immer
möglich Biese Methode unterscheidet sich von der so eben geprüften dadurch
dass sie unsere Aufmerksamkeit direkt auf die Ursachen oder Agentien leitet
statt sie auf die Wirkung die Genesung von einer Krankheit zu leiten Und da
als eine allgemeine Regel die Wirkungen der Ursachen unserm Studium viel
zugänglicher sind als die Ursachen der Wirkungen so ist es natürlich zu
denken dass diese Methode von einem bessern Erfolg begleitet sein wird als die
erstere
Die Methode welche wir gegenwärtig betrachten heißt die empirische
Methode und um sie richtig zu beurteilen müssen wir annehmen dass sie
vollständig und nicht unvollständig empirisch sei Wir müssen alles von ihr
ausschließen was der Natur nicht des experimentellen sondern des deduktiven
Verfahrens ähnlich sehen könnte Wenn wir zB mit einem gesunden Individuum
Versuche mit Quecksilber machen um die allgemeinen Gesetze seiner Wirkung auf
den menschlichen Körper zu bestimmen und dann aus diesen Gesetzen ableiten wie
es auf Personen wirken würde die von einer gewissen Krankheit affiziert sind so
mag dies in der Tat eine wirksame Methode sein es ist aber Deduktion Die
experimentelle Methode leitet das Gesetz eines komplexen Falles nicht von den
einfacheren Gesetzen ab welche sich zu seiner Erzeugung vereinigen sondern sie
macht ihre Experimente direkt mit dem komplexen Falle Wir müssen von aller
Kenntnis der einfacheren Bestreben der modi operandi des Quecksilbers im
einzelnen ganz abstrahieren unser Experimentiren muss dahin zielen eine direkte
Antwort auf die spezifische Frage zu erhalten hat das Quecksilber oder hat es
nicht das Bestreben die besondere Krankheit zu heilen
Wir wollen daher sehen inwiefern dieser Fall die Beobachtung jener Regeln
des Experimentierens zulässt die man in anderen Fällen nötig findet zu
beobachten Wenn wir ein Experiment ersinnen um die Wirkung eines gegebenen
Agens zu erforschen so gibt es gewisse Vorsichtsmaßregeln die wir soweit
wir immer können niemals unterlassen Zuerst führen wir das Agens in eine Reihe
von Umständen ein die wir genau erforscht haben Es braucht kaum bemerkt zu
werden wie weit diese Bedingung davon entfernt ist in irgend einem Falle der
mit den Erscheinungen des Lebens zusammenhängt realisiert zu sein wie weit wir
davon entfernt sind zu wissen welches alle die Umstände sind die in irgend
einem Falle wo einem lebenden Wesen Quecksilber eingegeben wird präexistieren
Obgleich in den meisten Fällen unübersteiglich so dürfte diese Schwierigkeit es
doch nicht in allen Fällen sein es gibt manchmal obgleich wie ich glaube
niemals in der Physiologie ein Zusammenwirken von vielen Ursachen bei dem wir
gleichwohl genau wissen was die Ursachen sind Aber wenn wir von diesem
Hindernis befreit sind so begegnen wir einem noch ernsteren In anderen
Fällen in Fällen wo wir beabsichtigen ein Experiment anzustellen halten wir
es nicht für hinreichend dass in dem Falle kein Umstand vorhanden sei dessen
Gegenwart uns unbekannt ist wir verlangen auch dass keiner von den uns
bekannten Umständen Wirkungen habe die man mit den Wirkungen des Agens dessen
Eigenschaften wir erforschen wollen verwechseln könnte Wir geben uns die
größte Mühe alle Ursachen auszuschließen die einer Verbindung mit den
gegebenen Ursachen fähig wären oder wenn wir gezwungen sind irgend solche
Ursachen zuzulassen so bemühen wir uns sie so herzurichten dass wir ihren
Einfluss berechnen können so dass die Wirkung der gegebenen Ursache nach Abzug
jener anderen Wirkungen als ein rückständiges Phänomen erscheint
Diese Vorsichtsmaßregeln sind nicht anwendbar auf Fälle wie wir sie nun
betrachten Da das Quecksilber in unserm Experiment mit einer unbekannten Menge
Einfluss habender Umstände versucht wird und es mag sogar eine bekannte Menge
sein so schließt die einfache Tatsache ihres Einflusshabens ein dass sie
die Wirkung des Quecksilbers verdecken und uns das Erkennen seiner Wirkung oder
Nichtwirkung entziehen Wenn wir nicht bereits wussten was und wie viel einem
jeden andern Umstande zugeschrieben werden muss dh wenn wir nicht die
Aufgabe zu deren Lösung wir die Mittel suchen als bereits gelöst annehmen so
können wir nicht sagen dass jene anderen Umstände nicht unabhängig und sogar
trotz des Quecksilbers die ganze Wirkung hervorgebracht haben Die
Differenzmethode in der gewöhnlichen Weise ihrer Anwendung indem sie nämlich
den Zustand der Dinge nach dem Experiment mit dem Zustande vergleicht der ihm
voranging ist auf diese Weise bei der Vermischung von Wirkungen ganz nutzlos
weil andere Ursachen als diejenigen deren Wirkung wir zu bestimmen suchen
während des Übergangs tätig waren Was die andere Art von Anwendung der
Differenzmethode betrifft wonach man nicht denselben Fall in zwei verschiedenen
Perioden sondern verschiedene Fälle vergleicht so ist dieselbe in dem
gegenwärtigen Beispiele ganz chimärisch Bei so verwickelten Erscheinungen ist
es fraglich ob zwei Fälle welche in allen Beziehungen mit Ausnahme einer
einzigen ähnlich sind je vorkamen und kämen sie vor so wäre es uns nicht
möglich zu wissen dass sie einander genau ähnlich sind
Ein wissenschaftlicher Gebrauch der experimentellen Methode in diesen
verwickelten Fällen steht daher hier ganz außer aller Frage In dem günstigsten
Falle können wir durch eine Reihe von Versuchen nur entdecken dass eine gewisse
Ursache sehr oft von einer gewissen Wirkung begleitet ist Denn bei einer dieser
vereinigten Wirkungen ist der Antheil welches ein jedes der infulierenden
Agentien an ihrer Erzeugung hat wie wir vorhin bemerkt haben im allgemeinen
nur gering und es muss eine mächtigere Ursache sein als die meisten Ursachen
es sind wenn sogar das Bestreben welches sie wirklich ausübt nicht durch
andere Bestreben in fast so vielen Fällen verhindert als es erfüllt wird
Wenn von Seiten der experimentellen Methode so wenig geschehen kann um die
Bedingungen einer Wirkung vieler kombinierten Ursachen in der Medizin zu
erforschen so ist diese Methode noch weniger auf eine Klasse von Erscheinungen
anwendbar die noch verwickelter sind als sogar die Erscheinungen der
Physiologie es sind dies die Phänomene der Politik und Geschichte Hier
existiert die Vielfachheit der Ursachen in fast grenzenlosem Übermaß und die
Wirkungen sind größtenteils unentwirrbar mit einander verflochten Um die
Verlegenheit zu vermehren beziehen sich Forschungen in den politischen
Wissenschaften meistens auf die Erzeugung von Wirkungen einer sehr umfassenden
Art wie zB öffentliches Wohl öffentliche Sicherheit öffentliche Moral u
dgl Es sind dies Resultate welche direkt oder indirekt mit plus oder mit minus
fast von einer jeden in der menschlichen Gesellschaft existierenden Tatsache
oder einem jeden vorkommenden Ereignis affiziert werden können Die gewöhnliche
Vorstellung dass in Gegenständen der Politik die sicheren Methoden diejenigen
der Baconschen Induktion seien dass nicht allgemeines Urteilen sondern die
spezifische Erfahrung der wahre Führer sei wird einst angeführt werden als ein
unzweideutiges Zeichen des niederen Zustandes der spekulativen Geisteskräfte des
Zeitalters welches sie zuließ Was kann lächerlicher sein als jene Parodie
experimenteller Schlüsse welcher man gewöhnt ist nicht allein in der populären
Diskussion sondern in den schwerfälligen Abhandlungen zu begegnen in denen die
Angelegenheiten der Völker das Thema bilden »Wie kann ein Gesetz eine
Institution schlecht sein« fragt man »wenn die Nation dabei prosperierte« »Wie
können diese oder jene Ursachen zu dem Wohlstand eines Landes beigetragen haben
wenn ein anderes Land ohne sie prosperierte« Wer ohne die Absicht zu betrügen
von einem derartigen Schlüsse Gebrauch macht sollte in die Schule
zurückgeschickt werden um die Elemente irgend einer der leichteren
Naturwissenschaften zu erlernen Dergleichen Denker ignorieren die Vielfachheit
der Ursachen in dem Falle selbst der das ausgezeichnetste Beispiel davon
darbietet So wenig könnte aus einer möglichen Vergleichung individueller
Beispiele in einem solchen Falle geschlossen werden dass sogar die
Unmöglichkeit in Beziehung auf die sozialen Phänomene künstliche Experimente zu
machen ein Umstand welcher der direkt induktiven Forschung sonst so
nachtheilig ist in diesem Falle kaum einen neuen Grund des Bedauerns abgibt
Denn wenn wir auch mit einer Nation oder dem Menschengeschlechte mit so wenig
Bedenken als Hr Magendie mit Hunden oder Kaninchen künstliche Experimente
anstellen könnten so würden wir doch nie dahin gelangen zwei Fälle in jeder
Beziehung identisch zu machen mit Ausnahme der Anwesenheit oder Abwesenheit
irgend eines bestimmten Umstandes Die größte Annäherung an ein Experiment im
philosophischen Sinne ist in der Politik die Einführung eines neuen wirksamen
Elementes in nationale Angelegenheiten durch irgend eine spezielle und
nachweisbare Maßregel der Regierung wie die Einführung oder die Aufhebung
eines besonderen Gesetzes Wo aber so viele Einflüsse tätig sind erfordert es
einige Zeit bevor der Einfluss einer neuen Ursache auf nationale Phänomene
sichtbar werden kann und da die in einem so ausgedehnten Kreise wirkenden
Ursachen nicht allein unendlich zahlreich sondern auch in einem Zustande
fortwährender Veränderung sind so ist es immer gewiss dass ehe die Wirkung der
neuen Ursache sichtbar genug wird um Gegenstand der Induktion zu sein viele
von den infulierenden Umständen sich so verändert haben werden dass das
Experiment dadurch fehlerhaft wird
Da also zwei von den drei möglichen Methoden für das Studium von Phänomenen
die aus der Verbindung von vielen Ursachen hervorgehen der Natur des Falles
nach untauglich und illusorisch sind so bleibt nur noch die dritte
diejenige welche die Ursachen separat betrachtet und die Wirkung nach der
Vergleichung der verschiedenen Bestreben welche sie hervorbringen berechnet
mit kurzen Worten die deduktive oder aprioristische Methode Die weitere
Betrachtung dieses geistigen Prozesses erfordert ein Kapitel für sich
1 Die Methode der Untersuchung welche uns wegen der Unanwendbarkeit der
drei direkten Methoden der Beobachtung und des Experimentierens als die
Hauptquelle der Kenntnis die wir in Beziehung auf die Bedingungen und Gesetze
der Wiederkehr der verwickelteren Naturerscheinungen besitzen oder erlangen
können übrig bleibt wird in dem allgemeinsten Ausdruck die deduktive Methode
genannt sie besteht aus drei Operationen die erste ist eine direkte Induktion
die zweite ein Syllogismus die dritte eine Bestätigung Verifikation
Ich nenne den ersten Schritt in dem Verfahren eine induktive Operation weil
eine direkte Induktion als die Basis des Ganzen vorhanden sein muss obgleich in
vielen besonderen Untersuchungen die Induktion von einer früheren Deduktion
vertreten werden kann die Prämissen dieser früheren Deduktion müssen aber von
einer Induktion abgeleitet sein
Die Aufgabe der deduktiven Methode ist das Gesetz einer Wirkung aus den
verschiedenen Bestreben wovon sie das vereinigte Resultat ist zu finden Das
erste Erfordernis ist daher dass wir die Gesetze dieser Bestreben die Gesetze
einer jeden der mitwirkenden Ursachen kennen und dies setzt eine vorhergehende
Beobachtung oder ein Experiment mit einer jeden Ursache gesondert oder sonst
eine vorausgängige Deduktion voraus die in ihren ersten Prämissen ebenfalls von
der Beobachtung oder dem Experiment abhängig sein muss Wenn also historische
oder soziale Phänomene der Gegenstand sind so müssen die Gesetze der Ursachen
welche diese Klasse von Erscheinungen hervorbringen die Prämissen der
deduktiven Methode bilden diese Ursachen sind menschliche Handlungen verbunden
mit den allgemeinen äußeren Umständen unter deren Herrschaft die Menschen
stehen und welche die Stellung des Menschen in der Welt ausmachen Die auf
soziale Erscheinungen angewandte deduktive Methode muss daher damit beginnen
die Gesetze der menschlichen Handlungen und jene Eigenschaften der Außendinge
wodurch die Handlungen der Menschen bestimmt werden zu untersuchen oder muss
voraussetzen sie ermittelt zu haben Einige dieser allgemeinen Wahrheiten
werden natürlich durch Beobachtung und Experiment andere durch Deduktion
erhalten werden die komplexen Gesetze menschlicher Handlungen mögen zB aus
einfacheren abgeleitet werden aber die elementaren und einfachen Gesetze werden
notwendig immer durch ein direkt induktives Verfahren erhalten worden sein
Die Gesetze einer jeden besonderen Ursache die Antheil an der Erzeugung der
Wirkung nimmt zu ermitteln ist daher das erste Erfordernis der deduktiven
Methode Zu wissen welches die Ursachen sind welche diesem Stadium unterworfen
werden müssen kann schwierig sein oder nicht In dem letztgenannten Falle ist
diese erste Bedingung leicht erfüllt Dass soziale Phänomene von den Handlungen
und den geistigen Eindrücken menschlicher Wesen abhängen konnte niemals ein
Gegenstand des Zweifels sein wie unvollkommen man auch wissen mochte von
welchen Gesetzen diese Handlungen und Eindrücke regiert werden oder zu welchen
sozialen Folgen ihre Gesetze naturgemäß führen Ebensowenig konnte nachdem die
physikalischen Wissenschaften eine gewisse Entwickelung erreicht hatten ein
wirklicher Zweifel darüber bestehen wo man die Gesetze von denen die
Erscheinungen des Lebens abhängen zu suchen habe da es die mechanischen und
chemischen Gesetze der festen Körper und der Flüssigkeiten welche den
organisierten Körper und das Medium in dem er lebt zusammensetzen verbunden
mit den besonderen vitalen Gesetzen der verschiedenen den organischen Bau
zusammensetzenden Gewebe sein müssen In anderen und in der Tat viel
einfacheren Fällen als diese war es viel weniger einleuchtend wo man die
Ursachen zu suchen hatte wie zB bei den Erscheinungen des Himmels So lange
man nicht durch eine Kombination der Gesetze bestimmter Ursachen gefunden hatte
dass diese Gesetze alle durch die Erfahrung in Beziehung auf die Bewegung der
Himmelskörper bewiesenen Tatsachen erklärten und zu Voraussagungen führten
welche die Erfahrung immer bestätigte wussten die Menschen nicht dass jene die
Ursachen waren Aber wir mögen im Stande sein die Frage vorher zu stellen oder
erst nachdem wir in den Stand gesetzt worden sind sie zu beantworten in beiden
Fällen muss sie beantwortet werden die Gesetze der verschiedenen Ursachen
müssen erforscht werden ehe wir aus ihnen die Bedingungen der Wirkung ableiten
können
Die Bestimmungsweise jener Gesetze kann weder eine andere sein noch ist sie
eine andere als die bereits besprochene vierfältige Methode der experimentellen
Forschung Einige Bemerkungen über die Anwendung dieser Methode auf Fälle wo
Vielfachheit der Ursachen stattfindet werden in dieser Beziehung hinreichend
sein
Es ist einleuchtend dass wir nicht erwarten dürfen das Gesetz eines
Bestrebens durch eine Induktion aus Fällen zu finden in denen dem Streben
entgegengewirkt wird Die Gesetze der Bewegung hätten niemals aus der
Beobachtung von Körpern die durch entgegengesetzte Kräfte in Kühe gehalten
werden erkannt werden können Sogar wo das Streben in dem gewöhnlichen Sinne
des Worts nicht aufgehoben sondern nur modifiziert wird indem seine Wirkung
sich mit einem andern Bestreben oder anderen Bestreben verbindet sind wir immer
in einer ungünstigen Stellung um vermittelst solcher Fälle das Gesetz des
Bestrebens selbst nachzuweisen Es wäre schwierig gewesen das Gesetz dass alle
in Bewegung begriffene Körper ein Bestreben haben ihre Bewegung in einer
geraden Linie fortzusetzen durch eine Induktion aus Fällen zu entdecken in
denen die Bewegung durch das Hinzutreten der Wirkung einer beschleunigenden
Kraft in eine Kurve übergeht Ungeachtet der Hilfsmittel welche die Methode der
sich begleitenden Umstände in Fällen dieser Art darbietet schreiben die
Prinzipien eines verständigen Experimentierens vor dass das Gesetz eines jeden
Strebens wo möglich in Fällen studiert werde in denen dieses Bestreben allein
tätig ist oder in Verbindung mit nur solchen Agentien deren Wirkung einer
vorhergehenden Kenntnis wegen berechnet werden kann
Es besteht demnach in den unglücklicherweise sehr zahlreichen und wichtigen
Fällen in welchen sich die Ursachen nicht von einander sondern und getrennt
beobachten lassen eine große Schwierigkeit um mit erforderlicher Gewissheit
den zur Stütze der deduktiven Methode nötigen induktiven Grund zu legen Diese
Schwierigkeit wird bei den physiologischen Erscheinungen am ersichtlichsten
indem es unmöglich ist die verschiedenen Agentien welche einen organisierten
Körper zusammensetzen zu trennen ohne das Phänomen das der Gegenstand unserer
Untersuchung ist selbst zu zerstören
following life in creatures we dissect
We loose it in the moment we detect
Dem Leben nachspürend zergliedern wir die Geschöpfe
und verlieren es in demselben Augenblick wo wir es entdecken
Aus diesem Grunde neige ich mich auch zu der Ansicht dass die Physiologie
größeren natürlichen Schwierigkeiten begegnet und dass sie wahrscheinlich
eines geringeren Grades von letzter Vervollkommnung fähig ist als die sozialen
Wissenschaften insofern es eher möglich ist die Gesetze des Geistes und der
Handlungen eines Menschen von anderen Menschen getrennt zu studieren als die
Gesetze der Organe oder Gewebe des menschlichen Körpers getrennt von anderen
Organen oder Geweben
Es ist sehr richtig hervorgehoben worden dass pathologische Tatsachen
oder in gewöhnlicher Sprache dass Krankheiten in ihren verschiedenen Formen und
Graden für die physiologische Forschung das vorteilhafteste Äquivalent für das
eigentlich so genannte Experimentiren darbieten insofern sie uns oft eine
bestimmte Störung von Organen oder organischen Funktionen darbieten während die
übrigen Organe oder Funktionen unangegriffen bleiben Es ist wahr dass der
fortwährenden Aktionen und Reaktionen wegen welche in allen Teilen des
tierischen Haushaltes stattfinden keine längere Störung eines Organes vorgehen
kann ohne die Störung der andern Organe zuletzt nach sich zu ziehen und wenn
dies einmal geschehen ist so verliert das Experiment meistens seinen
wissenschaftlichen Werth Alles hängt von der Beobachtung der ersten Stadien der
Störung ab die unglücklicherweise notwendig die am wenigsten markierten sein
werden Wenn indessen die in dem ersten Falle nicht gestörten Organe und
Funktion in einer festen Ordnung der Sukzession affiziert werden so wird
hierdurch einiges Licht auf die Wirkung geworfen die ein Organ auf das andere
ausübt und wir erhalten gelegentlich eine Reihe von Wirkungen die wir mit
einigem Vertrauen auf die ursprüngliche lokale Störung zurückführen können aber
hierzu wäre es notwendig zu wissen dass die ursprüngliche Störung lokal war
Wenn sie wie man sagt konstitutionell war dh wenn wir den Teil des
tierischen Organismus wo sie ihre Entstehung nahm oder wenn wir die genaue
Natur der Störung die in diesem Teil stattfand nicht kennen so sind wir
nicht im Stande zu entscheiden welche von den verschiedenen Störungen Ursache
und welche Wirkung war welche von ihnen von der andern Störung und welche
durch die direkte obgleich vielleicht späte Action der ursprünglichen Ursache
hervorgebracht worden ist
Außer den natürlichen können wir auch pathologische Tatsachen künstlich
erzeugen wir können sogar in dem populären Sinne des Wortes Versuche
anstellen indem wir das lebende Wesen irgend einem äußeren Agens aussetzen wie
dem Quecksilber in unserm früheren Beispiele Da dieses Experimentiren nicht eine
direkte Lösung irgend einer praktischen Frage sondern die Entdeckung
allgemeiner Gesetze aus denen sodann die Bedingungen irgend einer besonderen
Wirkung durch Deduktion erhalten werden können zum Zweck hat so sind für
unsere Wahl die besten Fälle diejenigen von denen die Umstände am besten
bestimmt werden können und es sind dies gewöhnlich nicht die Fälle bei denen
man einen praktischen Zweck im Auge hat Die Versuche werden am besten nicht in
einem Zustande von Krankheit der naturgemäß ein veränderlicher ist sondern in
dem vergleichungsweise festen Zustande von Gesundheit angestellt In dem einen
Zustand sind ungewöhnliche Agentien tätig deren Resultate vorauszusagen wir
keine Mittel besitzen in dem andern würde der gewohnte Gang der physiologischen
Erscheinungen mutmaßlicherweise ungestört bleiben wenn wir nicht die
störende Ursache einführten
Dieser Art sind bei gelegentlicher Mithülfe der Methode der sich
begleitenden Veränderungen die letztere durch die eigentümliche Schwierigkeit
des Gegenstandes nicht weniger behindert als die mehr elementaren Methoden
unsere induktiven Hilfsmittel um die Gesetze der separat betrachteten Ursachen
zu bestimmen wenn wir es nicht in unserer Gewalt haben sie in einem Zustande
von wirklicher Trennung zu prüfen Die Unzulänglichkeit dieser Hilfsmittel ist
so augenfällig dass niemand von dem niederen Stande der Physiologie überrascht
sein kann Unsere Kenntnis der Ursachen ist in der Physiologie in der Tat so
unvollkommen dass wir viele von den Tatsachen von denen uns die
allergewöhnlichste Erfahrung Kenntnis gibt weder erklären noch ohne
spezifische Erfahrung voraussagen könnten Glücklicherweise sind wir in Betreff
der empirischen Gesetze der Naturerscheinungen dh der Gleichförmigkeit in
Beziehung auf welche wir noch nicht entscheiden können ob sie Fälle oder bloße
Resultate von Verursachung sind besser unterrichtet Man hat nicht allein die
Ordnung in der sich die Tatsachen der Organisation und des Lebens von dem
ersten Keim der Existenz an bis zum Tode sukzessive kundgeben gleichförmig und
sehr genau nachweisbar befunden sondern durch eine große Anwendung der Methode
der sich begleitenden Umstände auf die Tatsachen der vergleichenden Anatomie
und Physiologie hat man auch die Zustände die Bedingungen der organischen
Struktur die einer jeden Art von Funktion entsprechen mit großer Genauigkeit
ermittelt Ob diese organischen Bedingungen das Ganze der Bedingungen und ob
sie überhaupt Bedingungen oder bloß kollaterale Wirkungen einer gemeinsamen
Ursache sind wissen wir in keiner Weise noch werden wir es wahrscheinlich je
wissen wir müssten denn einen organisierten Körper zusammensetzen und sehen
können ob er lebt
So groß sind die Schwierigkeiten unter denen wir in Fällen dieser Art den
anfänglichen oder induktiven Schritt bei der Anwendung der deduktiven Methode
auf komplexe Naturerscheinungen versuchen Es ist dies aber glücklicherweise
nicht der gewöhnliche Fall Im Allgemeinen können die Gesetze der Ursachen von
denen die Wirkungen abhängen durch eine Induktion aus verhältnismäßig
einfachen Fällen oder im schlimmsten Falle durch Deduktion aus den Gesetzen so
erhaltener einfacher Ursachen gewonnen werden Unter einfachen Fällen sind
natürlich solche verstanden in welchen die Wirkung einer jeden Ursache nicht
oder nicht in einem hohen Grade mit anderen Ursachen deren Gesetze unbekannt
sind vermischt und durchkreuzt ist Wenn die Induktion welche die Prämisse für
die deduktive Methode lieferte auf solche Fälle gestützt war so ist die
Anwendung derselben auf die Bestimmung der Gesetze komplexer Wirkungen von
glänzenden Resultaten begleitet gewesen
2 Wenn die Gesetze der Ursachen ermittelt sind und der erste Teil der
eben in Rede stehenden großen logischen Operation genügend ausgeführt worden
ist so folgt der zweite Teil derselben der darin besteht aus den Gesetzen
der Ursachen zu bestimmen welche Wirkung eine gegebene Kombination dieser
Ursachen hervorbringen wird Dies ist eine Berechnung in dem weitesten Sinne des
Worts und schließt häufig eine Berechnung in dem engsten Sinne ein Es ist ein
Syllogismus und wenn unsere Kenntnis von den Ursachen so vollkommen ist dass
sie sich auf die richtigen numerischen Gesetze welche sie bei der Erzeugung
ihrer Wirkungen beobachten erstreckt so kann der Syllogismus unter seine
Prämissen die Lehrsätze der Wissenschaft von den Zahlen in der ganzen
unermesslichen Ausdehnung dieser Wissenschaft rechnen Nicht allein dass wir
häufig der höchsten Wahrheiten der Mathematik bedürfen um eine Wirkung zu
berechnen deren numerisches Gesetz wir bereits kennen sondern sogar mit Hülfe
dieser höchsten Wahrheiten können wir häufig nur eine kleine Strecke vorwärts
kommen In dem so einfachen Falle wie ihn das berühmte Problem der drei Körper
darbietet die mit einer Kraft gegen einander gravitieren die in geradem
Verhältnis zu ihrer Masse und im umgekehrten zu dem Quadrat ihrer Entfernung
steht haben bisher alle Hilfsmittel des Kalküls nicht hingereicht um mehr als
eine annähernde allgemeine Lösung zu erhalten In einem nur wenig
verwickelteren aber immer noch einem der einfachsten Fälle denen man in der
Praxis begegnet bei der Bewegung eines Wurfgeschosses können die Ursachen
welche auf die Schnelligkeit und Flugweite zB einer Kanonenkugel einwirken
bekannt und berechnet sein wie die Kraft des Pulvers der Elevationswinkel die
Dichtigkeit der Luft die Stärke und Richtung des Windes aber es ist eine der
schwierigsten mathematischen Aufgaben diese Ursachen so zu kombinieren dass die
aus ihrer Kollectivwirkung hervorgehende Wirkung dadurch bestimmt werden kann
Wo die Wirkungen in dem Raume stattfanden wenn sie Bewegung und Ausdehnung
hatten wie in der Mechanik Optik Akustik Astronomie so kommen auch noch die
geometrischen Lehrsätze als Prämissen hinzu Wenn aber die Verwickelung wächst
und die Wirkungen unter dem Einfluss so vieler und so veränderlicher Ursachen
stehen um weder festen Zahlen noch geraden Linien und regelmäßigen Kurven
Anwendung zu gestatten wie in der Physiologie der geistigen und sozialen
Erscheinungen gar nicht zu erwähnen so sind die Gesetze der Zahlen und des
Raums wenn überhaupt nur nach jenem großen Maßstabe anwendbar bei welchem
die Genauigkeit des Details unwichtig wird und obgleich diese Gesetze in den
auffallendsten Beispielen der Erforschung der Natur durch die deduktive Methode
wie zB in der Newtonschen Theorie der Bewegung der Himmelskörper eine
ansehnliche Rolle spielen so sind sie doch keineswegs ein unentbehrlicher Teil
eines jeden derartigen Verfahrens Wesentlich ist in einem solchen Verfahren nur
das Schließen von einem allgemeinen Gesetz auf einen besonderen Fall dh die
Bestimmung vermittelst der besonderen Umstände dieses Falles des Resultats das
zur Erfüllung des Gesetzes in diesem Falle erforderlich ist Wenn bei dem
Torricellischen Versuche die Tatsache dass die Luft Gewicht besitzt vorher
bekannt gewesen wäre so würde es ein Leichtes gewesen sein ohne irgend
numerische Data aus dem allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts zu deduzieren
dass das Quecksilber in der Röhre in einer solchen Höhe stehen bleiben wird
dass die Quecksilbersäule einer Luftsäule von derselben Grundfläche genau das
Gleichgewicht hält indem auf andere Weise kein Gleichgewicht stattfinden
könnte
Durch solche Schlüsse aus den besonderen Gesetzen der Ursachen kann es uns
bis zu einem gewissen Grade gelingen eine von den folgenden Fragen zu
beantworten Es ist eine gewisse Kombination von Ursachen gegeben von welcher
Wirkung wird sie begleitet sein Und Welche Kombination von Ursachen würde
wenn sie existierte eine gegebene Wirkung hervorbringen In dem einen Falle
bestimmen wir die Wirkung die von komplexen Umständen von denen die
verschiedenen Elemente bekannt sind zu erwarten ist in dem anderen Falle
lernen wir nach welchem Gesetze unter welchen vorausgängigen Bedingungen
eine gegebene komplexe Wirkung wiederkehren wird
3 Aber so kann man hier fragen sind nicht dieselben Argumente nach
welchen die Methoden der direkten Beobachtung und des Experimentierens wenn sie
auf Gesetze von komplexen Naturerscheinungen angewendet wurden als illusorisch
befunden worden mit gleicher Stärke gegen die deduktive Methode anwendbar Wenn
in einem jeden einfachen Fall eine Menge und oft eine unbekannte Menge von
Agentien sich bekämpfen oder verbinden welche Sicherheit haben wir dass wir in
unserer aprioristischen Berechnung alle diese Agentien aufgenommen haben Wie
viele müssen uns im allgemeinen gar nicht bekannt sein Wie wahrscheinlich ist
es dass unter den vielen die wir kennen einige übersehen worden sind und
wenn sogar alle eingeschlossen wären wie eitel ist das Unternehmen die
Wirkungen vieler Ursachen zu summieren wenn wir nicht genau das numerische
Gesetz einer jeden kennen eine Bedingung die in den meisten Fällen nicht
erfüllt werden kann und sogar wenn sie erfüllt ist so übersteigt die
Ausführung der Rechnung bis auf sehr einfache Fälle die höchsten Leistungen der
Mathematik mit Einschluss ihrer neuesten Erweiterungen
Diese Einwendungen haben in der Tat ein großes Gewicht und es ist
unmöglich ihnen etwas entgegenzusetzen wenn es nicht eine Probe gibt nach
welcher wir bei dem Gebrauche der deduktiven Methode urteilen können ob ein
Irrtum von der obigen Art begangen worden ist oder nicht Es gibt indessen
eine solche Probe und ihre Anwendung bildet unter dem Namen der Bestätigung
Verifikation den dritten wesentlichen Bestandteil der deduktiven Methode
ohne welchen alle Resultate die sie gewähren kann keinen andern Werth haben
als den einer Vermutung Um das Vertrauen auf die durch Deduktion erhaltenen
allgemeinen Schlüsse zu rechtfertigen müssen diese Schlüsse bei einer
sorgfältigen Vergleichung mit den Resultaten der direkten Beobachtung wo man
sie nur immer haben kann übereinstimmend befunden werden Wenn wir eine
Erfahrung haben womit wir dieselben vergleichen können und wenn diese
Erfahrung sie bestätigt so können wir ihnen mit Sicherheit in anderen Fällen
trauen in welchen wir die spezifische Erfahrung noch zu machen haben Wenn aber
unsere Deduktionen zu dem Schlusse geführt haben dass aus einer besonderen
Kombination von Ursachen eine gegebene Wirkung resultieren wird so müssen wir in
allen bekannten Fällen wo die Existenz dieser Kombination bewiesen werden kann
und die Wirkung nicht erfolgt ist im Stande sein zu zeigen oder wenigstens
eine wahrscheinliche Vermutung aufzustellen was sie vereitelt hat wenn wir
das nicht können so ist die Theorie unvollkommen und noch nicht zuverlässig
Auch ist die Bestätigung nicht vollständig wenn nicht einige von den Fällen
bei denen die Theorie durch das beobachtete Resultat unterstützt wird
wenigstens eben so verwickelt sind als irgend andere Fälle in denen ihre
Anwendung nötig sein dürfte
Es braucht kaum bemerkt zu werden dass wenn uns die direkte Beobachtung
oder die Vergleichung von Fällen empirische Gesetze der Wirkung geliefert hat
gleichgültig ob sie in allen beobachteten Fällen oder nur im größten Teil
derselben wahr sind die wirksamste Verifikation deren die Theorie fähig ist
darin bestehen würde dass sie deduktiv zu diesen empirischen Gesetzen führte
dass die Gleichförmigkeit ob vollständig oder unvollständig welche als
zwischen den Naturerscheinungen existierend beobachtet wurden durch die Gesetze
der Ursachen erklärt würden dass sie der Art wären dass sie existieren müssten
wenn jene wirklich die Ursachen waren durch welche die Naturerscheinungen
erzeugt wurden So hielt man es ganz billig für ein wesentliches Erfordernis
einer jeden wahren Theorie der Himmelsbewegungen dass sie durch Deduktion zu
Keplers Gesetzen führe wie es in der Tat bei der Newtonschen Theorie der
Fall ist
Um daher die Bestätigung von durch Deduktion erhaltenen Theorien zu
erleichtern ist es wichtig sowohl dass so viel als möglich von den empirischen
Gesetzen der Naturerscheinungen durch eine Vergleichung von Fällen nach der
Methode der Übereinstimmung bestimmt als auch wie hinzugefügt werden muss
dass die Erscheinungen in der umfassendsten und genauesten Weise beschrieben
seien indem man aus der Beobachtung von Teilen den möglichst einfachen
Ausdruck für das entsprechende Ganze folgert ähnlich wie die Reihe der
beobachteten Orte eines Planeten zuerst durch ein System von Epizykeln und
später durch eine Ellipse ausgedrückt wurde
Es verdient bemerkt zu werden dass komplexe Fälle die für die Entdeckung
der einfachen Gesetze in die wir die Erscheinungen zuletzt zerlegen von keinem
Nutzen gewesen wären nichtsdestoweniger zu einem neuen Beweis der Gesetze
selbst werden wenn sie dazu gedient haben die Analyse zu bestätigen Obgleich
wir nicht aus komplexen Fällen zu den Gesetzen hätten gelangen können so wird
doch wenn man das auf andere Weise gefundene Gesetz in Übereinstimmung mit dem
Resultate eines komplexen Falles findet dieser Fall zu einem neuen Experiment
in Beziehung auf dieses Gesetz und hilft das bestätigen zu dessen Entdeckung
er nicht dienen konnte Es ist eine neue Probe des Prinzips durch eine andere
Reihe von Umständen und dient gelegentlich dazu einen vorher nicht
ausgeschlossenen Umstand zu eliminieren dessen Ausschließung ein unmöglich
auszuführendes Experiment erfordern könnte Dies war höchst augenfällig in dem
früher angeführten Beispiel in welchem gefunden wurde dass die Differenz
zwischen berechneter und beobachteter Geschwindigkeit des Schalles von der Wärme
herrühre die durch die bei einer jeden Schallschwingung stattfindende
Verdichtung der Luft entbunden wurde Es war dies eine Probe unter neuen
Umständen von dem Gesetze der Wärmeentwickelung durch Verdichtung der Luft und
vermehrte sicher den Beweis von der Allgemeinheit des Gesetzes sehr wesentlich
Demnach hätte ein jedes Naturgesetz in Betreff der Gewissheit gewonnen wenn es
einen komplexen Fall erklärt von dem man vorher nicht dachte dass er damit in
Verbindung steht und es ist dies in der Tat eine Betrachtung auf welche die
Männer der Wissenschaft gewöhnt sind eher einen zu großen als einen zu kleinen
Werth zu legen
Der in ihren drei konstituierenden Teilen der Induktion dem Syllogisieren
und der Bestätigung betrachteten deduktiven Methode verdankt der menschliche
Geist seine rühmlichsten Triumphe in der Erforschung der Natur Ihr verdanken
wir alle Theorien durch welche ausgedehnte und verwickelte Naturerscheinungen
in wenige Gesetze zusammengefasst werden und die als Gesetze dieser großen
Erscheinungen betrachtet durch direktes Studium nie hätten entdeckt werden
können Aus dem Beispiele von den Himmelsbewegungen können wir uns einen Begriff
bilden was die Methode für uns getan hat es ist dies einer der einfachsten
Fälle von einer Zusammensetzung von Ursachen da mit Ausnahme einiger wenigen
Fälle von nicht der größten Wichtigkeit jeder der Himmelskörper ohne
wesentliche Ungenauigkeit betrachtet werden kann als wäre er zu einer gegebenen
Zeit von nie mehr als zwei Körpern infuliert indem die Sonne und ein Planet oder
Satellit samt der Gegenwirkung des Körpers selbst und der Tangentialkraft wie
ich die durch des Körpers eigene Bewegung erzeugte und in der Richtung der
Tangente109 wirkende Kraft zu nennen keinen Anstand nehme nur vier verschiedene
Agentien bilden von deren Zusammenwirken die Bewegungen des Körpers abhängig
sind ohne Zweifel eine viel geringere Zahl als jene durch welche irgend eine
andere von den großen Naturerscheinungen bestimmt oder modifiziert wird Und
doch wie hätten wir je die Kombination von Kräften von denen die Bewegung der
Erde und der Planeten abhängig ist durch ein bloßes Vergleichen der Bahnen
oder Schnelligkeiten verschiedener Planeten oder der verschiedenen
Schnelligkeiten und Stellungen desselben Planeten bestimmen können Ungeachtet
der Regelmäßigkeit dies ich in diesen Bewegungen in einem Grade zeigt der bei
dem Zusammenwirken von Ursachen so selten ist und obgleich die periodische
Wiederkehr von genau derselben Wirkung den positiven Beweis liefert dass alle
Kombinationen von Ursachen die überhaupt vorkommen periodisch wiederkehren so
hätten wir doch niemals die Ursachen erkannt wenn nicht die Existenz genau
ähnlicher Agentien auf unserer Erde die Ursachen selbst in den Bereich unseres
Experimentierens unter einfachen Umständen gebracht hätte Da wir noch
Gelegenheit haben werden dieses große Beispiel von der Methode der Deduktion
zu erläutern so wollen wir uns hier nicht weiter damit beschäftigen sondern zu
jener sekundären Anwendung der deduktiven Methode übergehen deren Resultat ist
die Gesetze der Naturerscheinungen nicht zu beweisen sondern zu erklären
1 Das deduktive Verfahren wodurch wir das Gesetz einer Wirkung aus den
Gesetzen der Ursachen ableiten durch deren Zusammenwirken sie entsteht kann
entweder zum Zweck haben das Gesetz zu entdecken oder das bereits entdeckte
Gesetz zu erklären Das Wort erklären kommt so häufig vor und nimmt in der
Philosophie eine so wichtige Stelle ein dass es von Nutzen sein wird seine
Bedeutung festzustellen
Man nennt eine individuelle Tatsache erklärt wenn ihre Ursache
nachgewiesen ist dh wenn das Gesetz oder die Gesetze der Verursachung die
Kausalgesetze angegeben worden sind wovon ihre Erzeugung ein Fall ist So ist
eine Feuersbrunst erklärt wenn es nachgewiesen wird dass sie durch einen
Funken entstand der in einen Haufen brennbarer Gegenstände fiel Auf gleiche
Weise heißt ein Gesetz oder eine Gleichförmigkeit in der Natur erklärt wenn
ein anderes Gesetz oder Gesetze nachgewiesen werden von denen jenes Gesetz
selbst ein Fall ist und woraus es abgeleitet werden könnte
2 Es gibt drei leicht zu unterscheidende Reihen von Umständen in denen
ein Kausalgesetz erklärt oder wie es oft ausgedrückt wird in andere Gesetze
zerlegt oder aufgelöst werden kann
Der erste Fall ist der früher bereits betrachtete eine Vermischung von
Gesetzen die eine vereinigte Wirkung hervorbringen die der Summe der Wirkungen
der einzeln genommenen Ursachen gleich ist Das Gesetz der komplexen Wirkung ist
erklärt wenn es in die besonderen Gesetze der Ursachen welche dazu beitragen
aufgelöst ist So wird das Gesetz der Bewegung eines Planeten zerlegt in das
Gesetz der Tangentialkraft welche eine gleichförmige Bewegung in der Richtung
der Tangente hervorzubringen sucht und in das Gesetz der Zentripetalkraft
welche eine beschleunigte Bewegung gegen die Sonne zu erzeugen strebt während
die wirkliche Bewegung aus beiden zusammengesetzt ist
Es muss hier bemerkt werden dass bei dieser Auflösung des Gesetzes einer
komplexen Wirkung die Gesetze woraus es zusammengesetzt ist nicht die
alleinigen Elemente sind es ist in die Gesetze der separaten Ursachen in
Verbindung mit der Tatsache ihrer Koexistenz aufgelöst Das Eine ist ein so
wesentlicher Bestandteil als das Andere unser Ziel sei das Gesetz der Wirkung
zu entdecken oder nur zu erklären Um die Gesetze der Himmelsbewegungen
abzuleiten müssen wir nicht allein das Gesetz einer geradlinigten und das einer
gravitierenden Kraft sondern auch die Existenz dieser beiden Kräfte in den
himmlischen Regionen und sogar ihre relative Größe kennen Die komplexen
Kausalgesetze werden auf diese Weise in zwei unterschiedene Arten von Elementen
zerlegt die einen sind einfachere Kausalgesetze die anderen sind nach einem
geschickt gewählten Ausdruck Chalmers Kollokationen wo unter Kollokationen
die Existenz von gewissen Agentien oder Kräften unter gewissen Umständen von
Zeit und Ort verstanden wird Wir werden hernach Gelegenheit haben auf diese
Unterscheidung zurückzukommen und so lange dabei zu verweilen dass wir uns hier
nicht länger damit aufzuhalten brauchen Die erste Art der Erklärung von
Kausalgesetzen ist demnach die wo das Gesetz einer Wirkung in die verschiedenen
Bestreben wovon sie das Resultat und in die Gesetze dieser Bestreben aufgelöst
ist
3 Ein zweiter Fall ist der wenn zwischen dem was Ursache schien und
dem was man für ihre Wirkung hielt die weitere Beobachtung ein Zwischenglied
entdeckt eine durch das Antezedens verursachte Tatsache die ihrerseits wieder
das Konsequenz verursacht so dass die zuerst angegebene Ursache nur die durch
das Zwischenphänomen wirkende entferntere Ursache ist A schien die Ursache von
C zu sein es ergab sich aber in der Folge dass A nur die Ursache von B war
und dass B die Ursache von C ist Man wusste zB dass durch die Berührung
eines äußeren Gegenstandes eine Empfindung hervorgerufen wird es wurde
indessen zuletzt entdeckt dass nach unserer Berührung des Gegenstandes und
bevor wir die Sensation erfahren eine Veränderung in einer Art von Strang der
Nerv genannt wird und sich von unseren äußeren Organen bis zum Gehirn
erstreckt stattfindet Die Berührung des Gegenstandes ist also nur die
entferntere Ursache unserer Empfindung dh nicht die eigentlich sogenannte
Ursache sondern die Ursache der Ursache die wirkliche Ursache der Empfindung
ist die Veränderung in dem Zustande des Nerven Die zukünftige Erfahrung kann
uns nicht allein eine bessere Einsicht in die eigentümliche Natur dieser
Veränderung verschaffen sondern sie kann auch noch ein neues Zwischenglied
einschieben zB zwischen der Berührung des Gegenstandes mit unseren äußeren
Organen und der Erzeugung der Veränderung in dem Zustande des Nerven könnte ein
elektrisches Phänomen oder ein Phänomen von einer Natur dass es den Wirkungen
bekannter Agentien gar nicht gleicht statthaben Bis jetzt ist indessen kein
solches dazwischenstehendes Agens entdeckt worden und die Berührung des
Gegenstandes muss vor der Hand wenigstens als die nähere Ursache der
Affizierung des Nerven betrachtet werden Die Folge einer Tastempfindung bei der
Berührung eines Gegenstandes ist also kein letztes Gesetz sie ist wie der
Ausdruck sagt in zwei Gesetze zerlegt in das Gesetz dass die Berührung
eines Gegenstandes den Nerven affiziert und in das Gesetz dass die Affizierung
des Nerven eine Empfindung hervorruft
Um ein anderes Beispiel anzuführen die stärkeren Säuren zerfressen oder
schwärzen organische Substanzen Dies ist ein Fall von Verursachung aber von
einer entfernten Verursachung und man sagt sie sei erklärt wenn nachgewiesen
wird dass ein Zwischenglied vorhanden ist nämlich die Trennung eines der
chemischen Elemente der organischen Substanz von den anderen und das Eintreten
in eine neue Verbindung mit der Säure Die Säure verursacht diese Trennung der
Elemente und die Trennung der Elemente verursacht die Zersetzung und oft die
Verkohlung der Substanz So hat das Chlor eine starke Verwandtschaft für Basen
jeder Art besonders für metallische Basen und Wasserstoff Diese Basen sind
wesentliche Bestandteile von Farbstoffen und kontagiösen Stoffen und diese
Substanzen werden daher durch das Chlor zersetzt und zerstört
4 Es ist von Wichtigkeit zu bemerken dass wenn eine Folge von
Naturerscheinungen auf diese Weise in andere Gesetze zerlegt wird es immer
allgemeinere Gesetze sind Das Gesetz dass A von C begleitet ist ist weniger
allgemein als ein jedes von den Gesetzen welche B mit C und A mit B verbinden
Dies wird aus den folgenden ganz einfachen Betrachtungen klar werden
Alle Kausalgesetze können durch die Nichterfüllung einer negativen Bedingung
aufgehoben werden das Bestreben von B C hervorzubringen kann vereitelt
werden Nun ist das Gesetz dass A B hervorbringt erfüllt ob C auf B folge
oder nicht aber das Gesetz dass A C vermittelst B hervorbringt ist
natürlicherweise nur erfüllt wenn C wirklich auf B folgt es ist daher weniger
allgemein als das Gesetz A bringt B hervor Es ist auch weniger allgemein als
das Gesetz B bringt C hervor Denn B kann außer A andere Ursachen haben und
da C nur vermittelst B von A hervorgebracht wird während B C hervorbringt es
mag nun selbst von A oder von etwas Anderem hervorgebracht sein so umfasst der
zweite Fall eine größere Anzahl von Fällen bedeckt so zu sagen ein weiteres
Feld als der erste
So ist in unserem früheren Beispiel das Gesetz dass die Berührung eines
Gegenstandes eine Veränderung in dem Zustande des Nerven verursacht allgemeiner
als das Gesetz dass die Berührung eines Gegenstandes eine Empfindung
verursacht da so viel wir wissen die Veränderung des Nerven ebenfalls
stattfindet wenn einer entgegenwirkenden Ursache wie zB einer großen
geistigen Erregung wegen die Empfindung nicht erfolgt wie denn in der Tat in
Schlachten die Kämpfenden oft Wunden empfangen ohne dass sie es empfinden Eben
so ist das Gesetz dass die Veränderung in dem Zustande eines Nerven eine
Empfindung erzeugt allgemeiner als das Gesetz dass die Berührung eines
Gegenstandes eine Sensation erregt da die Sensation der Veränderung des Nerven
folgt wenn diese auch nicht durch die Berührung mit einem Gegenstande sondern
durch eine andere Ursache hervorgebracht ist wie in dem wohlbekannten Falle
wenn einer ein Bein verloren und doch dieselbe Empfindung hat welche er gewohnt
ist einen Schmerz in dem Beine zu nennen
Nicht allein sind die Gesetze einer unmittelbaren Folge Sequenz in welche
das Gesetz einer entfernteren Folge zerlegt wird Gesetze von einer größeren
Allgemeinheit als dieses Gesetz sondern in Folge ihrer größeren Allgemeinheit
kann man sich auch mehr auf sie verlassen es ist weniger Gefahr vorhanden dass
sie zuletzt als nicht allgemein wahr befunden werden Wie konstant und
unveränderlich auch die Folge von A und B bisher befunden worden sein mag von
dem Augenblick an als es nachgewiesen ist dass die Folge von A und C nicht eine
unmittelbare sondern eine von einem dazwischentretenden Phänomen abhängige
Folge ist entstehen Möglichkeiten ihres Ausbleibens welche grösser sind als
diejenigen welche eine der unmittelbareren Sequenzen A B und B C betreffen
können Das Bestreben von A C hervorzubringen kann durch Alles vernichtet
werden was fähig ist entweder das Bestreben von A B hervorzubringen oder das
Bestreben von B C hervorzubringen zu vereiteln es ist daher dem Misslingen
doppelt so stark als eines der zwei elementaren Bestreben unterworfen und die
Generalisation dass A immer von C begleitet ist unterliegt daher der doppelten
Wahrscheinlichkeit des Irrtums Dasselbe gilt von der umgekehrten
Generalisation dass A dem C immer vorausgeht und es verursacht was nicht
allein irrtümlich ist wenn es eine zweite unmittelbare Art der Erzeugung von C
selbst sondern auch wenn es eine zweite Art der Erzeugung von B dem
unmittelbaren Antezedens von C in der Sequenz gäbe
Die Auflösung der einen Generalisation in die zwei anderen zeigt nicht
allein dass es mögliche Beschränkungen der ersteren Generalisation gibt von
denen ihre zwei Elemente frei sind sondern sie zeigt auch wo diese gesucht
werden müssen Sobald wir wissen dass B zwischen A und C tritt so wissen wir
auch dass wenn es Fälle gibt in welchen die Folge von A und C nicht Statt
hat sie wahrscheinlich dadurch gefunden wird dass man die Wirkungen und
Bedingungen des Phänomens B studiert
Es scheint also dass in der zweiten der drei Arten nach welchen ein Gesetz
in andere Gesetze zerlegt werden kann die letzteren allgemeiner sind dh dass
sie sich auf mehr Fälle erstrecken und also weniger wahrscheinlich einer
Beschränkung durch spätere Erfahrung bedürfen als das Gesetz welches sie zu
erklären dienen Sie sind viel unbedingter sie werden von weniger Vorgängen
aufgehoben sind eine größere Annäherung an die universale Wahrheit der Natur
Dieselben Bemerkungen sind in Beziehung auf die erste der drei Zerlegungsweisen
noch viel augenfälliger wahr Wenn das Gesetz einer Wirkung kombinierter Ursachen
in die besonderen Gesetze der Ursachen zerlegt ist so schließt die Natur des
Falles ein dass das Gesetz der Wirkung weniger allgemein ist als das Gesetz
von einer der Ursachen indem jenes nur gültig ist wenn sie kombiniert sind
während das Gesetz von einer jeden der Ursachen sowohl gültig ist wenn die
Ursachen kombiniert sind als auch wenn jede Ursache von den übrigen getrennt
wirkt Auch ist es klar dass das komplexe Gesetz öfter nicht erfüllt wird als
die einfachen Gesetze deren Resultat es ist indem ein jeder Vorgang welcher
eines dieser Gesetze aufhebt gerade so viel von der Wirkung als davon abhängt
verhindert und dadurch das komplexe Gesetz aufhebt Das bloße Rosten eines
kleinen Teils einer großen Maschine zB verhindert oft gänzlich die Wirkung
welche aus der vereinigten Tätigkeit aller Theile hervorgehen sollte Das
Gesetz der Wirkung einer Kombination von Ursachen ist fortwährend dem Ganzen der
negativen Bedingungen unterworfen die der Action aller Ursachen einzeln
anhängen
Es gibt einen anderen und noch stärkeren Grund warum das Gesetz einer
komplexen Wirkung weniger allgemein sein muss als die Gesetze die bei ihrer
Erzeugung mitwirken Dieselben Ursachen nach denselben Gesetzen wirkend und
nur in den Verhältnissen verschieden in welchen sie verbunden sind bringen oft
Wirkungen hervor die nicht bloß der Quantität nach sondern auch der Art nach
verschieden sind Die Kombination einer Tangentialkraft mit einer
Zentripetalkraft in den Verhältnissen wie sie sich bei allen Planeten und
Satelliten unseres Sonnensystems finden erzeugen eine elliptische Bewegung
wenn jedoch das Verhältnis der zwei Kräfte zu einander nur um ein Geringes
geändert würde so würde die erzeugte Bewegung nachweisbar in einem Kreis einer
Parabel oder Hyperbel stattfinden und man hat angenommen dass dies bei einigen
Kometen wirklich der Fall sei Das Gesetz der parabolischen Bewegung würde
jedoch in dieselben einfachen Gesetze zerlegbar sein in welche die elliptische
Bewegung zerlegt ist in das Gesetz nämlich von der Fortdauer einer
geradlinigten Bewegung und das Gesetz einer allgemeinen Zentripetalkraft Wenn
sich daher im Laufe der Jahrhunderte ein Umstand zeigen sollte welcher ohne
das Gesetz einer dieser Kräfte aufzuheben nur ihr Verhältnis zu einander
andern würde wie der Stoß eines Kometen oder sogar die akkumulierende Wirkung
von dem Widerstand des Mediums in welchem der Vermutung der Astronomen nach
die Bewegungen der Himmelskörper stattfinden sollen so dürfte die elliptische
Bewegung in eine Bewegung in einer andern Kurve umgewandelt werden und das
komplexe Gesetz der Bewegungen der Himmelskörper wie es gegenwärtig verstanden
wird würde seiner Allgemeinheit beraubt sein obgleich die Entdeckung durchaus
nichts von der Allgemeinheit der einfachen Gesetze in welche dieses Gesetz
zerlegt ist hinwegnehmen würde Kurz das Gesetz einer jeden der mitwirkenden
Ursachen bleibt dasselbe wie sich ihre Kollokationen auch ändern mögen aber
das Gesetz ihrer vereinten Wirkung ändert sich mit einem jeden Unterschiede in
den Kollokationen Es ist unnötig weiter zu zeigen wie viel allgemeiner die
elementaren Gesetze sein müssen als irgend eines der komplexen Gesetze die
davon abgeleitet sind
5 Außer den zwei abgehandelten Arten gibt es eine dritte Art nach
welcher Gesetze zerlegt werden und es versteht sich bei dieser von selbst dass
sie in allgemeinere Gesetze als sie selbst sind zerlegt werden Diese dritte
Art ist die Unterordnung die Subsumtion wie sie genannt wurde eines Gesetzes
unter ein anderes oder was auf dasselbe hinauskommt das Zusammenfassen von
verschiedenen Gesetzen in ein allgemeineres das sie alle einschließt Das
glänzendste Beispiel dieses Verfahrens fand Statt als die terrestrische Schwere
und die Zentralkraft des Sonnensystems unter das allgemeine Gesetz der Schwere
gebracht wurden Es war vorher bewiesen worden dass die Erde und die anderen
Planeten nach der Sonne streben eine Anziehung in der Richtung nach der Sonne
erleiden und seit den frühesten Zeiten war bekannt dass alle irdischen Körper
nach der Erde streben Dies waren ähnliche Erscheinungen und um sie unter ein
Gesetz subsumieren zu können war es nur nötig zu beweisen dass so wie die
Wirkung der Qualität nach ähnlich war sie sich auch der Quantität nach
denselben Regeln fügte Zuerst wurde dies für den Mond als wahr nachgewiesen
welcher mit den terrestrischen Gegenständen nicht allein darin übereinstimmt
dass er nach einem Centrum strebt sondern auch in der Tatsache dass dieses
Centrum die Erde ist Man wusste bereits dass das Streben des Mondes nach der
Erde sich umgekehrt in dem Quadrate der Entfernung ändert und es wurde hieraus
durch direkte Berechnung abgeleitet dass wenn der Mond der Erde so nahe wie die
irdischen Gegenstände und die Tangentialkraft nicht tätig wäre derselbe um
genau so viele Fuß in der Minute nach der Erde fallen würde als jene
Gegenstände vermittelst ihres Gewichtes fallen Die Folgerung dass der Mond
durch sein Gewicht nach der Erde strebt und dass die beiden Phänomene das
Streben des Mondes nach der Erde und das Streben der irdischen Gegenstände nach
der Erde da sie nicht allein der Qualität nach ähnlich sondern auch unter
denselben Umständen der Quantität nach identisch sind Fälle von einem und
demselben Kausalgesetze sind war hiernach unwiderstehlich Aber das Streben des
Mondes nach der Erde und das der Erde und der Planeten nach der Sonne waren
bereits als Fälle desselben Kausalgesetzes bekannt und so wurde das Gesetz
aller dieser Bestreben und das Gesetz der irdischen Schwere als identisch
erkannt oder mit anderen Worten sie wurden unter ein allgemeines Gesetz unter
das Gesetz der Gravitation subsumiert
Auf eine ähnliche Weise wurden in der neuern Zeit die magnetischen Phänomene
unter bekannte Gesetze der Elektrizität subsumiert Die allgemeinsten
Naturgesetze werden gewöhnlich auf diese Weise gefunden wir gelangen zu ihnen
durch aufeinanderfolgende Schritte Denn um durch eine richtige Induktion zu
Gesetzen zu gelangen die unter einer so ungeheuren Mannigfaltigkeit von
Umständen gültig sind Gesetzen die so allgemein sind dass sie von einer jeden
Veränderung in Raum und Zeit die wir beobachten können unabhängig sind ist es
meistenteils erforderlich dass viele unterschiedene Reihen von Experimenten
und Beobachtungen zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Personen
angestellt werden Erst wird ein Teil des Gesetzes ermittelt hernach ein
anderer die eine Reihe von Beobachtungen lehrt uns dass das Gesetz unter
einigen Bedingungen gültig ist eine andere Reihe lehrt uns dass es unter
anderen Bedingungen gültig ist und indem wir diese Beobachtungen verbinden
finden wir dass es unter viel allgemeineren Bedingungen gültig oder sogar
universal ist Das allgemeine Gesetz ist in diesem Falle buchstäblich die Summe
der Teilgesetze es ist die Erkenntnis derselben Sequenz in verschiedenen
Reihen von Fällen und kann in der Tat als nur eine Stufe in dem
Eliminationsverfahren bildend betrachtet werden Jenes Streben der Körper gegen
einander das wir nun Schwere nennen wurde zuerst nur auf der Erdoberfläche
beobachtet wo es sich nur als ein Streben aller Körper gegen die Erde äußerte
und hätte daher einer besonderen Eigenschaft der Erde zugeschrieben werden
können einer der Umstände nämlich die Nähe der Erde war nicht eliminiert Die
Elimination dieses Umstandes erforderte eine neue Reihe von Fällen aus anderen
Teilen des Universums diese konnten wir nicht selbst schaffen und obgleich
sie die Natur für uns geschaffen hatte so waren wir doch für deren Beobachtung
in sehr ungünstige Umstände versetzt Die Aufgabe diese Beobachtungen zu
machen fiel natürlich einer anderen Klasse von Personen zu als diejenigen
waren welche die irdischen Naturerscheinungen studierten und war in der Tat
ein Gegenstand von großem Interesse zu einer Zeit wo der Gedanke die
himmlischen Tatsachen durch terrestrische Gesetze zu erklären als eine
Verkennung einer unverletzbaren Distinktion betrachtet wurde Als indessen die
himmlischen Bewegungen genau bestimmt und die deduktiven Operationen ausgeführt
wurden so erhellte daraus dass ihre Gesetze und die der irdischen Schwere
einander entsprechen und es wurden diese himmlischen Beobachtungen zu einer
Reihe von Fällen die den Umstand von der Nähe der Erde genau eliminierten und
bewiesen dass in dem ursprünglichen Falle in dem der irdischen Gegenstände es
nicht die Erde als solche war welche die Bewegung oder den Druck verursachte
sondern der den himmlischen Fällen gemeinsame Umstand nämlich die Gegenwart
eines großen Körpers innerhalb gewisser Grenzen der Entfernung
6 Es gibt also drei Arten von Erklärung der Kausalgesetze oder was
dasselbe ist von Zerlegung derselben in andere Gesetze Erstens wenn das
Gesetz einer Wirkung kombinierter Ursachen in die einzelnen Gesetze der Ursachen
und in die Tatsachen ihrer Kombination zerlegt wird Zweitens wenn das Gesetz
welches zwei nicht benachbarte Glieder einer Kette von Verursachungen verbindet
in die Gesetze zerlegt wird welche ein jedes Glied mit den Zwischengliedern
verbinden Beides sind Fälle der Zerlegung eines Gesetzes in zwei oder mehrere
Gesetze bei der dritten Zerlegungsart werden zwei oder mehrere Gesetze in eines
aufgelöst indem wir nachdem der Beweis geführt worden ist dass das Gesetz in
mehreren verschiedenen Classen von Fällen gültig ist entscheiden dass was in
einer jeden dieser Classen von Fällen wahr ist auch unter einer etwas
allgemeineren Voraussetzung die aus dem besteht was alle diese Classen von
Fällen gemeinsames haben wahr ist Wir können hier bemerken dass diese
Operation keine von den Ungewissheiten einschließt welche der Induktion nach
der Methode der Übereinstimmung anhängen indem wir nicht vorauszusetzen
brauchen dass das Resultat durch Folgerung auf eine neue Klasse von Fällen und
verschieden von denjenigen durch deren Vergleichung es erzeugt wurde
ausgedehnt worden ist
In allen diesen drei Fällen werden wie wir sahen die Gesetze in
allgemeinere Gesetze zerlegt als sie selbst sind in Gesetze die sich auf alle
Fälle erstrecken auf die sich die ersteren erstrecken und außerdem noch auf
andere Fälle Bei den ersten zwei Zerlegungsweisen werden dieselben auch in
gewissere Gesetze zerlegt oder mit anderen Worten in allgemeiner wahre als
sie selbst sind es wird in der Tat von ihnen bewiesen dass sie nicht selbst
Naturgesetze sind deren Charakter ist allgemein wahr zu sein sondern
Resultate von Naturgesetzen die nur bedingungsweise und größtenteils wahr
sind In dem dritten Falle existiert kein Unterschied dieser Art indem hier die
partiellen Gesetze in der Tat dasselbe Gesetz sind wie das allgemeine und
eine Ausnahme von ihnen eine Ausnahme von letzterem sein würde
Durch alle drei Verfahrungsweisen wird der Umfang der deduktiven Methode
erweitert indem die so aufgelösten Gesetze nun demonstrativ aus den Gesetzen
in welche sie aufgelöst sind abgeleitet werden können Wie bereite bemerkt
wurde dient dasselbe deduktive Verfahren welches ein Gesetz oder eine
Tatsache der Verursachung beweist wenn sie unbekannt ist zur Erklärung
derselben wenn sie bekannt ist
Das Wort Erklärung ist hier in seinem philosophischen Sinne gebraucht Was
man eine Erklärung eines Naturgesetzes durch ein anderes nennt ist nur die
Vertretung eines Rätsels durch ein anderes und macht den allgemeinen Gang der
Natur nicht weniger geheimnisvoll wir können für die allgemeineren Gesetze
nicht mehr als für die partiellen ein warum angeben Die Erklärung kann ein
Rätsel an das man sich gewöhnt hat und das daher nicht mehr rätselhaft zu
sein scheint an die Stelle eines andern noch ungewohnten setzen Dies ist in
gewöhnlicher Sprache unter Erklärung verstanden Aber das Verfahren womit wir
uns beschäftigt haben tut häufig das Gegenteil es löst ein Phänomen mit
welchem wir vertraut sind in ein anderes auf von dem wir vorher wenig oder gar
nichts wussten wie zB die allgemeine Tatsache von dem Falle schwerer Körper
in das Streben aller materiellen Teilchen gegen einander aufgelöst wird Man
muss daher beständig im Auge behalten dass diejenigen welche in der
Wissenschaft von der Erklärung einer Naturerscheinung sprechen darunter immer
den Nachweis nicht einer gewohnteren sondern nur einer allgemeineren
Naturerscheinung wovon jene ein partieller Fall ist oder den Nachweis von
Kausalgesetzen verstehen oder verstehen sollten welche die Naturerscheinung
durch ihre vereinte oder sukzessive Wirkung hervorbringen und von welchen daher
ihre Bedingungen deduktiv abgeleitet werden können Ein jedes derartige
Verfahren bringt uns der Beantwortung einer Frage welche schon früher »als die
ganze Aufgabe der Naturforschung umfassend« dargestellt wurde um einen Schritt
näher der Frage nämlich welches sind die wenigsten Annahmen aus denen wenn
sie zugegeben wären die existierende Ordnung der Natur resultieren würde Welches
sind die wenigsten allgemeinen Sätze aus denen die in der Natur existierenden
Gleichförmigkeit abgeleitet werden könnten
Von den so erklärten oder aufgelösten Gesetzen sagt man zuweilen es sei der
Grund derselben nachgewiesen aber der Ausdruck ist ungenau wenn er in einem
anderen Sinne als dem bereits angeführten gebraucht wird Diejenigen welche
nicht an genaues Denken gewöhnt sind hegen oft die verworrene Vorstellung dass
die allgemeinen Gesetze die Ursachen der partiellen seien dass das Gesetz der
allgemeinen Schwere zB das Phänomen des Falles der Körper gegen die Erde
verursache Es wäre aber ein Missbrauch des Wortes dies zu behaupten die
irdische Schwere ist nicht eine Wirkung sondern ein Fall der allgemeinen
Schwere dh eine Art von den besonderen Fällen in denen sich dieses allgemeine
Gesetz bewährt Ein Naturgesetz erklären heißt also und kann nicht mehr
heißen als andere allgemeinere Gesetze samt den Kollokationen nachweisen aus
deren Annahme die partiellen Gesetze ohne eine neue Voraussetzung folgen
1 Eins der merkwürdigsten Beispiele von Erklärungen von Kausalgesetzen
komplexer Erscheinungen die seit der berühmten Newtonschen Generalisation
versucht wurden und die wie wir sahen in einer Auflösung derselben in
einfachere und allgemeinere Gesetze besteht findet sich in den neueren
Betrachtungen Liebigs über Gegenstände der organischen Chemie Obgleich diese
Betrachtungen noch nicht lange genug bekannt sind um uns zu berechtigen
anzunehmen dass denselben in keiner Beziehung ein wohlbegründeter Einwurf
gemacht werden könnte so bieten sie doch ein so bewunderungswürdiges Beispiel
von dem Geigte der deduktiven Methode dar dass es mir erlaubt sein wird einige
Proben davon anzuführen
Man hat in gewissen Fällen die Beobachtung gemacht dass die chemische
Action so zu sagen kontagiös ist dh eine Substanz die nicht von selbst einer
besonderen chemischen Anziehung folgt indem die Stärke der Anziehung nicht
hinreicht um die Kohäsion zu überwinden oder eine chemische Verbindung in der
die Substanz bereits zurückgehalten ist zu zerstören wird ihr
nichtsdestoweniger nachgeben wenn sie in Berührung mit einem andern Körper ist
der in Begriff ist dieser Kraft zu folgen Die Salpetersäure löst das reine
Platin nicht auf »selbst in einem Zustande der außerordentlichen Zerteilung
in dem seine kleinsten Teilchen nicht mehr das Licht zurückwerfen wird es
durch Kochen mit dieser Säure nicht oxydiert« Aber dieselbe Säure löst das
Silber mit Leichtigkeit Wenn nun eine Legierung von Silber und Platin mit
Salpetersäure behandelt wird so trennt die Säure nicht wie man natürlich
erwarten sollte die beiden Metalle indem sie das Silber löst und das Platin
zurücklässt sie löst beide auf das Platin wird mit dem Silber oxydiert und
verbindet sich mit einem untersetzten Theile der Säure110 In ähnlicher Weise
»zerlegt Kupfer das Wasser nicht beim Sieden mit verdünnter Schwefelsäure eine
Legierung von Kupfer Zink und Nickel löst sich leicht unter
Wasserstoffgasentwickelung in wasserhaltiger Schwefelsäure« Diese Erscheinungen
können nicht durch das Gesetz der sogenannten chemischen Verwandtschaft erklärt
werden Sie weisen auf ein anderes Gesetz wonach die Oxydation welche ein
Körper erleidet einen andern damit in Berührung stehenden Körper veranlasst
sich derselben Veränderung zu unterwerfen Nicht allein die chemische
Verbindung sondern auch die chemische Zersetzung kann auf diese Weise
fortgepflanzt werden Das Wasserstoffhyperoxyd eine Verbindung von Wasserstoff
und Sauerstoff in einem größeren Verhältnis als nötig wäre um Wasser zu
erzeugen ist nur von einer so schwachen chemischen Anziehung zusammengehalten
dass der geringste Umstand hinreichend ist es zu zersetzen es gibt sogar
freiwillig obgleich langsam Sauerstoff ab und wird zu Wasser reduziert
vermutlich durch das Bestreben des Sauerstoffs Wärme zu absorbieren und
Gasform anzunehmen Man hat nun beobachtet dass wenn diese Zersetzung des
Wasserstoffhyperoxyds während der Berührung mit gewissen Metalloxyden
stattfindet wie Silberoxyd Bleisuperoxyd Mangansuperoxyd es eine
entsprechende chemische Action auf diese Substanzen überträgt sie geben ihren
Sauerstoff ganz oder teilweise ab und werden zu Metall oder einer niedrigem
Oxydationsstufe reduziert obgleich sie diese Veränderung nicht freiwillig
erleiden und keine chemische Affinität sie dazu veranlasst Liebig führt noch
andere ähnliche Erscheinungen an »Man kann« bemerkt er »den angeführten
Erscheinungen keine andere Erklärung unterlegen als dass hierbei Zersetzung
oder Verbindung in Folge der Berührung mit einem andern Körper herbeigeführt
wird der sich selbst im Zustande der Zersetzung oder der Verbindung befindet«
Hier ist also ein Naturgesetz von großer Einfachheit welches aber wegen
des äußerst speziellen und beschränkten Charakters der Erscheinungen in denen
allein es experimentell entdeckt werden konnte da nur in ihnen allein seine
Resultate nicht mit denen anderer Gesetze vermischt sind von den Chemikern
wenig erkannt wurde und welches niemand auf den experimentellen Beweis hin für
ein einer jeden chemischen Action gemeinsames Gesetz hätte hinstellen dürfen
und zwar der Unmöglichkeit wegen da wo die Eigenschaften verschiedener Arten
von Substanzen vermengt sind einen strengen Gebrauch von der Differenzmethode
zu machen eine Unmöglichkeit die in einem früheren Kapitel angeführt und
charakterisiert wurde111 Diese äußerst spezielle und scheinbar unsichere
Generalisation ist nun unter den Händen Liebigs durch eine meisterhafte
Anwendung der deduktiven Methode zu einem die ganze Natur durchdringenden
Gesetze geworden in der Weise wie in den Händen Newtons die Schwere diesen
Charakter annahm es erklärt auf die unerwarteteste Weise viele vereinzelte
Generalisationen einer beschränkteren Art indem es die in diesen
Generalisationen enthaltenen Erscheinungen zu bloßen Fällen von ihm selbst
reduziert
Der kontagiöse Einfluss der chemischen Action ist keine bedeutende Kraft
und nur fähig schwache Verwandtschaften zu überwinden wir dürfen daher
erwarten dass er sich vorzüglich bei der Zersetzung von Substanzen bewähren
wird die nur durch schwache chemische Kräfte zusammengehalten werden Nun ist
die Kraft welche eine chemische Substanz zusammenhält um so schwächer je
zusammengesetzter die Substanz ist organische Produkte sind es aber die
vorzüglich eine komplexe Konstitution haben Auf solche Substanzen überträgt
sich daher die sich fortpflanzende Kraft der chemischen Tätigkeit in der
auffallendsten Weise Es erklärt daher erstens die merkwürdigen Gesetze der
Gehrung und der Fäulnis Ein wenig Sauerteig dh Teig in einem gewissen
Zustande von chemischer Tätigkeit teilt einer ganzen Teigmasse eine chemische
Action mit Die Berührung mit zerfallenden Substanzen verursacht in vorher
gesunden Substanzen ebenfalls ein Zerfallen Die Hefe ist eine Substanz die
sich bei Einwirkung von Luft und Wasser unter Entwickelung von Kohlensäure
zersetzt und der Zucker hat eine so komplexe Zusammensetzung dass er nicht mit
einer großen Kohärenz in seiner existierenden Form erhalten wird und sich unter
Aufnahme der Elemente des Wassers leicht in Kohlensäure und Alkohol spaltet Die
bloße Gegenwart der Hefe die Nähe einer Substanz deren Elemente sich trennen
und mit denen des Wassers verbinden verursacht nun in dem Zucker dieselbe
Veränderung er entwickelt Kohlensäure und verwandelt sich in Alkohol Es sind
nicht die in der Hefe enthaltenen Elemente welche dies bewirken »Ein in der
Wärme bereiteter wässeriger Aufguss von Ferment kann mit Zuckerwasser in einem
verschlossenen Gefäße zusammengebracht werden ohne das mindeste Zeichen von
Zersetzung hervorzubringen« Auch der unlösliche Rückstand der Hefe besitzt nach
der Behandlung mit Wasser nicht die Eigenschaft Gehrung zu erregen Es ist also
nicht die Hefe selbst es ist die Hefe in einem Zustande der Zersetzung Der
Zucker welcher sich bei der bloßen Gegenwart von Sauerstoff und Wasser nicht
zersetzen würde zersetzt sich wenn eine andere Oxydation in seiner Nähe vor
sich geht112
Nach demselben Prinzip war Liebig im Stande die Miasmen den schädlichen
Einfluss faulender Substanzen eine Menge von Giften kontagiöse Krankheiten und
andere Erscheinungen zu erklären Von allen Substanzen sind diejenigen aus
welchen der Tierkörper besteht von einer vorzugsweise komplexen und wenig
stabilen Zusammensetzung Das Blut insbesondere ist der veränderlichste Körper
den wir kennen Was kann daher weniger überraschend sein als dass Gase oder
andere chemische Substanzen die sich in einem Zustande der Zersetzung befinden
wenn sie durch die Respiration oder auf irgend eine Weise mit den Geweben in
Berührung gebracht oder wenn sie durch Impfung direkt ins Blut gelangen ihre
eigene Bewegung auf die sie umgebenden Moleküle übertragen und eine Bewegung
hervorbringen die sich so lange fortpflanzt bis das ganze System in eine mehr
oder weniger mit den chemischen Bedingungen des Lebens unverträgliche chemische
Action gerät
Von den drei Arten in welchen zufolge des vorhergehenden Kapitels die
Auflösung eines speziellen Gesetzes in ein allgemeineres stattfindet erläutert
diese Betrachtung von Liebig die zweite Art Die erklärten Gesetze lauten Hefe
versetzt den Zucker in einen Zustand von Gehrung Zwischen der entfernteren
Ursache der Gegenwart von Hefe und der darauf folgenden Wirkung der Gehrung
des Zuckers wurde hier eine nähere Ursache die chemische Tätigkeit zwischen
den Hefenteilchen und den Elementen der Luft und des Wassers eingeschaltet
Das spezielle Gesetz wird so in zwei allgemeinere aufgelöst das erste dass
Hefe bei Gegenwart von Luft und Wasser sich zersetzt das zweite dass eine in
einem Zustande von chemischer Tätigkeit befindliche Substanz diesen Zustand auf
andere Substanzen zu übertragen strebt Aber indem diese Untersuchung die zweite
Art der Auflösung komplexer Gesetze sehr geschickt erläutert tut sie dies
nicht weniger glücklich in Beziehung auf die dritte Art in der Subsumtion
spezieller Gesetze unter ein allgemeineres indem man sie in einen umfassenderen
und sie alle einschließenden Ausdruck summiert die merkwürdige Tatsache der
kontagiösen Natur der chemischen Action wurde erst durch diese Forschungen zu
einem Gesetze aller chemischen Tätigkeit erhoben sowie die Newtonsche
Anziehung erst als ein Gesetz aller Materie anerkannt wurde als man fand dass
sie die Erscheinungen der irdischen Schwere erklärte Vor Liebigs
Untersuchungen war die in Rede stehende Eigenschaft nur in wenigen speziellen
Fällen von chemischer Tätigkeit beobachtet worden nachdem aber durch seine
deduktiven Schlüsse festgestellt worden war dass unzählige Wirkungen auf
schwache Verbindungen von Substanzen hervorgebracht deren Eigentümlichkeiten
diese Wirkungen nicht erklären dadurch erklärt werden könnten dass man in
allen diesen Fällen die angenommene spezielle Eigenschaft als vorhanden dachte
wurden diese zahlreichen Generalisationen von besonderen Substanzen aus unter
ein allgemeines Gesetz der chemischen Action gebracht indem die
Eigentümlichkeiten der verschiedenen Substanzen in der Tat gerade so eliminiert
wurden wie die Newtonsche Deduktion aus den Fällen von terrestrischer Schwere
den Umstand der Erdnähe eliminierte
2 Wenn eine der anderen Betrachtungen Liebigs mit den Tatsachen der
äußerst verwickelten Erscheinungen auf die sie sich bezieht zuletzt
übereinstimmend befunden werden sollte so würde sie eines der schönsten
Beispiele von Deduktion ausmachen die wir kennen es ist seine Theorie der
Respiration
Die Tatsachen der Respiration oder mit anderen Worten die speziellen
Gesetze welche Liebig zu erklären und im allgemeinen aufzulösen suchte lassen
sich in folgender Weise ausdrücken während das Blut durch die Lungen geht
absorbiert es Sauerstoff und gibt Kohlensäure ab indem es dabei seine
schwärzliche Purpurfarbe in ein helles Roth verwandelt Die Absorption und
Exhalation sind offenbar chemische Erscheinungen und der Kohlenstoff der
Kohlensäure muss aus dem Körper stammen dh er muss durch das Blut von
denjenigen Substanzen aufgenommen worden sein womit es während seines
Durchgangs durch den Organismus in Berührung kam Es wird also hier verlangt
das Zwischenglied die Natur der zwei stattfindenden chemischen Vorgänge zu
finden erstlich die Absorption der Kohle oder Kohlensäure durch das Blut
während seines Durchgangs durch den Körper zweitens die Ausscheidung der Kohle
oder den der Umtausch der Kohlensäure für Sauerstoff während seines Durchgangs
durch die Lunge
Liebig glaubt die Lösung dieser vexata quaestio in einer Klasse von
chemischen Vorgängen gefunden zu haben in welchen sie schwerlich ein weniger
scharfsinniger und genauer Forscher gesucht hätte
Das Blut besteht aus zwei Bestandteilen aus dem Serum und den
Blutkörperchen Das Serum ist fähig eine große Menge Kohlensäure zu absorbieren
und sie in Auflösung zu erhalten ohne die Neigung zu besitzen Sauerstoff
aufzunehmen Es muss hieraus geschlossen werden dass die Blutkörperchen
denjenigen Teil des Blutes ausmachen der bei der Respiration tätig ist Diese
Körperchen enthalten eine gewisse Menge Eisen nach chemischen Versuchen zu
schließen in der Form von Oxyd
Liebig erkannte nun in den bekannten Eigenschaften des Eisenoxyds Gesetze
welche wenn sie deduktive verfolgt werden genau zur Voraussagung der Reihe von
Erscheinungen führen welche die Respiration darbietet
Es gibt zwei Oxyde des Eisens ein Oxydul und ein Oxyd In dem arteriellen
Blute ist das Eisen in Form von Oxyd enthalten wie es in dem venösen Blute
enthalten ist wissen wir zwar nicht aus direkten Versuchen die sogleich
anzuführenden Betrachtungen beweisen jedoch dass es in dem Zustande von Oxydul
darin enthalten ist Da das arterielle und das venöse Blut sich fortwährend in
einander verwandeln so entstellt die Frage unter welchen Umständen ist das
Eisenoxydul fähig in Oxyd überzugehen und umgekehrt Nun verbindet sich das
Oxydul bei Gegenwart von Wasser leicht mit Sauerstoff unter Bildung von
Oxydhydrat und diese Bedingungen findet es bei seinem Durchgang durch die
Lungen es nimmt den Sauerstoff der Luft auf indem es in dem Blute selbst
Wasser vorfindet Dies würde schon einen Teil der Respirationserscheinungen
erklären Indem aber das arterielle Blut die Lungen verlässt ist es mit
Eisenoxydhydrat beladen auf welche Weise wird nun das Oxyd in seinen früheren
Zustand zurückgeführt
Die chemischen Bedingungen für die Reduktion des Eisenoxydhydrats zu Oxydul
sind gerade diejenigen denen das Blut während seiner Circulation begegnet
nämlich die Berührung mit organischen Substanzen
Wenn Eisenoxydhydrat mit schwefellosen organischen Substanzen behandelt
wird so gibt es Sauerstoff und Wasser ab der Sauerstoff verbindet sich mit
dem Kohlenstoff der organischen Substanz zu Kohlensäure während das zu Oxydul
reduzierte Oxydhydrat sich mit der Kohlensäure zu einem kohlensauren Salze
verbindet Dieses kohlensaure Eisenoxydul zersetzt sich seinerseits bei
Berührung von Sauerstoff und Wasser die Kohlensäure wird in Freiheit gesetzt
und das Oxydul geht durch Aufnahme von Sauerstoff und Wasser wieder in
Oxydhydrat über
Die geheimnisvollen chemischen Erscheinungen welche mit der Respiration
verknüpft sind können nun durch einen schönen deduktiven Prozess vollständig
erklärt werden Das arterielle Blut welches das Eisen in der Form von
Oxydhydrat enthält geht durch die Kapillargefäße wo es mit den zerfallenden
Geweben zusammentrifft auch nimmt es während seines Laufes einige
kohlenstoffreiche tierische Produkte wie Galle auf Hierin findet es genau
die erforderlichen Bedingungen um das Oxyd in Oxydul und Sauerstoff zu
zersetzen Der Sauerstoff verbindet sich mit dem Kohlenstoff der zerfallenden
Gewebe und bildet Kohlensäure welche obgleich nicht hinreichend um alles
Oxydul zu neutralisieren sich mit einem Theile desselben einem Viertheil
verbindet und als kohlensaures Salz mit den übrigen drei Viertheilen des Oxyduls
durch das venöse System zu den Lungen zurückkehrt Hier trifft es wieder
Sauerstoff und Wasser das freie Oxydul wird zu Oxydhydrat das kohlensaure
Oxydul gibt unter Aufnahme von Sauerstoff und Wasser seine Kohlensäure ab und
geht in Oxydhydrat über Die bei dem Übergange von Oxydul in Oxyd und durch die
Verbrennung des Kohlenstoffs der Gewebe entbundene Wärme betrachtet Liebig als
die Ursache welche die Temperatur des Körpers erhält In diesen Teil der
Betrachtung brauchen wir jedoch nicht einzugehen113
In diesem Beispiel ist die zweite Art komplexe Gesetze durch Einschalten
von Zwischengliedern in die Kette der Ursachen zu zerlegen auseinandergesetzt
einige Stufen in der Deduktion bieten Fälle von der ersten Art dar von
derjenigen nämlich welche die vereinigte Wirkung zweier oder mehrerer Ursachen
aus ihren besonderen Wirkungen folgert Die dritte Art kam bei diesem Beispiele
nicht in Anwendung indem die einfacheren Gesetze in welche die Gesetze der
Respiration aufgelöst werden die Gesetze der chemischen Action der Eisenoxyde
bereits bekannt waren und durch ihren Gebrauch in dem vorliegenden Falle in
ihrer Allgemeinheit nicht erweitert werden
3 Die Eigenschaft welche die Salze besitzen organische Substanzen vor
der Fäulnis zu bewahren wird von Liebig in zwei allgemeinere Gesetze die
starke Anziehung des Wassers durch die Salze und die Notwendigkeit der
Gegenwart des Wassers als einer Bedingung der Fäulnis zerlegt Das
Zwischenphänomen das zwischen die entferntere Ursache und die Wirkung
eingeschaltet wird kann nicht allein gefolgert sondern auch gesehen werden
denn es ist eine bekannte Tatsache dass Fleisch worauf man Salz gestreut hat
bald in einer Salzlake schwimmt
Der zweite der beiden Faktoren wie man sie nennen kann in welche das
vorstehende Gesetz zerlegt wurde die Notwendigkeit des Wassers für die
Fäulnis bietet ein weiteres Beispiel von der Zerlegung der Gesetze dar Das
Gesetz selbst wird durch die Differenzmethode bewiesen da vollständig
getrocknetes und in einer getrockneten Atmosphäre bewahrtes Fleisch nicht fault
wie wir aus dem Trocknen von Mundvorrat und menschlichen Körpern in sehr
trocknen Climaten wissen Aus den Betrachtungen Liebigs ergibt sich eine
deduktive Erklärung dieses Gesetzes Die Fäulnis tierischer und anderer
stickstoffhaltiger Körper ist ein chemischer Prozess durch welchen dieselben
nach und nach in gasförmige Substanzen vorzüglich in Kohlensäure und Ammoniak
verwandelt werden um den Kohlenstoff der Tiersubstanzen in Kohlensäure
überzuführen ist Sauerstoff erforderlich und um den Stickstoff in Ammoniak zu
verwandeln muss Wasserstoff oder es müssen die Elemente des Wassers vorhanden
sein Die große Schnelligkeit der Fäulnis stickstoffhaltiger Körper im
Vergleich mit dem langsamen Zerfallen stickstoffloser wie Holz usw durch die
Einwirkung des Sauerstoffs allein erklärt Liebig durch das allgemeine Gesetz
dass Substanzen viel leichter zersetzt werden wenn zwei verschiedene
Affinitäten auf zwei ihrer Elemente wirken als wenn nur eine einzige wirkt
Die purgierende Wirkung welche Salze mit alkalischer Basis haben wenn sie
in konzentrierten Lösungen getrunken werden erklärt Liebig nach folgenden zwei
Prinzipien tierische Gewebe wie der Magen absorbieren nicht konzentrierte
Lösungen alkalischer Salze solche Lösungen lösen aber die in dem Darmkanal
enthaltenen festen Stoffe Die einfacheren Gesetze in welche das komplexe
Gesetz hier zerlegt ist sind das zweite der vorhergehenden Prinzipien
verbunden mit einem dritten mit dem nämlich dass die peristaltische Bewegung
leicht auf Substanzen wirkt wenn sie gelöst sind Das negative allgemeine
Urteil dass tierische Substanzen diese Salze nicht absorbieren trägt dadurch
zur Erklärung bei dass es den Grund der Abwesenheit einer entgegenwirkenden
Ursache der Absorption durch den Magen angibt welche im Falle von anderen
Substanzen welche die dazu erforderlichen chemischen Eigenschaften besitzen
sie verhindert die Stoffe zu erreichen welche sie lösen sollen
4 Aus den vorhergehenden und aus ähnlichen Fällen kann man sehen wie
wichtig es ist wenn ein vorher unbekanntes Naturgesetz ans Licht gebracht oder
wenn durch das Experiment ein neues Licht auf ein bekanntes Gesetz geworfen
worden ist alle Fälle zu untersuchen welche die nötigen Bedingungen
darbieten um dieses Gesetz in Action zu setzen ein Verfahren das notwendig
reich an Beweisen spezieller vorher nicht vermuteter Gesetze und an
Erklärungen anderer bereits empirisch erkannter Gesetze ist
Durch den Versuch entdeckte zB Faraday dass aus einem natürlichen Magnet
voltaische Elektrizität entwickelt wird wenn man rechtwinklig auf der Richtung
des Magnets einen leitenden Körper in Bewegung setzt er fand dass dies nicht
allein von kleinen Magneten sondern auch von dem großen Magnet der Erde
galt Nachdem so das Gesetz dass durch einen Magnet und einen sich in einem
rechten Winkel zu den Polen desselben bewegenden Leiter Elektrizität entwickelt
wird empirisch festgestellt worden ist wollen wir nun andere Fälle aufsuchen
in denen diese Bedingungen zutreffen Wo ein Leiter sich in einem rechten Winkel
zu den magnetischen Polen der Erde bewegt dürfen wir eine Entwickelung von
Elektrizität erwarten In den nördlichen Gegenden wo die polare Richtung nahezu
senkrecht auf dem Horizont ist wird eine jede horizontale Bewegung von
Konduktoren Elektrizität entwickeln so werden horizontale metallene Räder alle
laufende Ströme einen elektrischen Strom erregen der um sie circulirt und die
so mit Elektrizität beladene Atmosphäre mag eine der Ursachen des Nordlichts
sein In den Äquatorialgegenden dagegen werden Räder die parallel mit dem
Äquator gehen einen elektrischen Strom erregen und Wasserfälle werden
elektrisch sein
Als ein zweites Beispiel ist vorzüglich durch die Untersuchungen vom
Professor Graham bewiesen worden dass Gase eine große Neigung haben
tierische Membrane zu durchdringen und sich ungeachtet der Gegenwart anderer
Gase in dem Raume welchen diese Membrane einschließen zu verbreiten Wenn
wir von diesem allgemeinen Gesetze ausgehend eine Menge von Fällen betrachten
in denen Gase tierische Membrane berühren so sind wir im Stande die folgenden
spezielleren Gesetze zu erklären 1 wenn der menschliche oder tierische Körper
von einem Gas umgeben ist das er noch nicht enthält so absorbiert er es mit
Schnelligkeit wie zB die Gase von faulenden Stoffen dies trägt zur Erklärung
der Wirkung der malaria bei 2 das kohlensaure Gas moussirender Getränke wird
in dem Magen entbunden durchdringt die Membrane und verbreitet sich rasch in
dem Körper wo es sich wie früher schon bemerkt wurde wahrscheinlich mit dem
Eisen des Blutes verbindet 3 Alkohol in den Magen gebracht verwandelt sich
in Dampf und verbreitet sich mit großer Schnelligkeit durch den Körper dieses
verbunden mit der großen Verbrennlichkeit des Alkohols mag die Wärme erklären
helfen welche man unmittelbar nach dem Genuss geistiger Getränke empfindet 4
in einem jeden Zustande des Körpers wo sich besondere Gase darin bilden werden
diese rasch durch alle Theile verdunstet daher die Schnelligkeit womit bei
gewissen Krankheiten die umgebende Luft verdorben wird 5 die Fäulnis der
inneren Theile eines toten Körpers wird eben so schnell fortschreiten als die
der äußeren da die gasförmigen Produkte schnell einen Durchgang nach außen
finden 6 der Umtausch von Sauerstoff und Kohlensäure in den Lungen wird durch
die zwischen dem Blut und der Luft befindlichen Membrane der Lunge und die Wände
der Blutgefäße nicht verhindert sondern eher befördert Es ist indessen
nötig dass in dem Blut eine Substanz enthalten sei mit welcher sich der
Sauerstoff der Luft unmittelbar verbinden kann weil er sonst statt ins Blut
überzugehen den ganzen Organismus durchdringen würde ebenso ist es nötig
dass die in den Kapillaren gebildete Kohlensäure in dem Blute eine Substanz
finde womit sie sich verbinden kann weil sie sonst den Körper an allen Punkten
verlassen würde statt durch die Lungen entleert zu werden
5 Die folgende Deduktion bestätigt die alte obgleich nicht
unbestrittene empirische Generalisation dass Sodapulver den menschlichen
Organismus schwächen Diese Pulver welche aus einer Mischung von Weinsäure und
doppeltkohlensaurem Natron bestehen woraus die Kohlensäure in Freiheit gesetzt
wird müssen als weinsaures Natron in den Magen gelangen Neutrale weinsaure
citronsaure und essigsaure Alkalien werden nun bei ihrem Durchgange durch den
Körper in kohlensaure Salze verwandelt und um ein weinsaures in ein
kohlensaures Salz zu verwandeln ist Sauerstoff nötig dessen Hinwegnahme die
zur Assimilation für das Blut bestimmte Menge Sauerstoff verringern muss und
von der Quantität des Bluts ist die Liebestätigkeit des menschlichen Organismus
zum Teil abhängig
Die Fälle in denen neue Theorien mit alten Erfahrungen übereinstimmen sind
sehr zahlreich Alle die richtigen Bemerkungen erfahrener Personen über den
menschlichen Charakter sind eben so viele spezielle Gesetze welche die
allgemeinen Gesetze des menschlichen Geistes erklären und auflösen Die
empirischen Generalisationen auf welche die Verfahrungsweisen der Künste
gewöhnlich gegründet sind werden fortwährend durch die Entdeckung der
einfacheren wissenschaftlichen Gesetze von denen die Wirksamkeit dieser
Verfahrungsarten abhängt entweder gerechtfertigt und bestätigt oder berichtigt
und verbessert Die Wirkungen der Wechselwirtschaft der verschiedenen Dünger
und anderer Prozesse der verbesserten Agrikultur sind zum ersten mal in unseren
Tagen durch Davy und Liebig in bekannte Gesetze der chemischen und organischen
Tätigkeit aufgelöst worden Die Verfahrungsweisen der Heilkunst sind bis jetzt
meistens empirisch ihre Wirksamkeit wird in einem jeden Falle aus einer
speziellen und sehr unsicheren experimentellen Generalisation gefolgert aber in
dem Maße als die Wissenschaft in der Entdeckung der einfachen Gesetze der
Chemie und Physiologie fortschreitet werden die Zwischenglieder in der Reihe
von Erscheinungen und die allgemeineren Gesetze wovon sie abhängen entdeckt
werden und während so die alten Verfahrungsweisen verworfen oder ihre
Wirksamkeit so weit sie reell ist erklärt wird werden fortwährend
verbesserte auf die Kenntnis der näheren Ursachen gegründete Verfahrungsweisen
entdeckt und in Anwendung gebracht114 Sogar viele von den Wahrheiten der
Geometrie waren ehe sie aus den ersten Prinzipien abgeleitet wurden
Generalisationen aus der Erfahrung Die Quadratur der Kykloide Rolllinie wurde
zuerst durch Messung oder vielmehr dadurch gefunden dass man eine
kykloidenförmige Karte wog und das Gewicht mit dem einer ähnlichen Karte von
bekannten Dimensionen verglich
6 Zu den vorhergehenden Beispielen aus den physikalischen Wissenschaften
wollen wir noch ein Beispiel aus den moralischen Wissenschaften hinzufügen Das
folgende ist eins von den einfacheren Gesetzen des Geistes Gedanken von einem
angenehmen oder von einem schmerzhafter Charakter bilden eher Assoziationen als
andere Gedanken dh sie werden nach wenigen Wiederholungen und dauerhafter
assoziiert Dies ist ein auf die Differenzmethode gegründetes experimentelles
Gesetz Aus diesem Gesetze können durch Deduktion viele von den speziellen
Gesetzen welche der Erfahrung nach unter besonderen geistigen Erscheinungen
existieren demonstriert und erklärt werden Die Leichtigkeit und Schnelligkeit
zB womit Gedanken die mit unseren Leidenschaften oder mit unsern teuersten
Interessen verknüpft sind erregt werden und die Dauerhaftigkeit womit sich
die darauf beziehlichen Tatsachen unserem Gedächtnis einprägen die lebhafte
Erinnerung an unbedeutende aber uns lebhaft interessierende Umstände und an
Zeiten und Orte wo wir sehr glücklich oder unglücklich waren der Absehen
womit wir den Gegenstand betrachten der uns Ekel erregt hatte und das
Vergnügen welches wir aus dem Andenken an vergangene Genüsse schöpfen alle
diese Wirkungen sind der Sensibilität des individuellen Geistes und der daraus
folgenden Stärke des Vergnügens oder des Schmerzes welche die Assoziation
verursachte proportional Es ist von dem geschickten Verfasser einer
biographischen Skizze Priestleys in einer unserer Monatsschriften115 angeführt
worden dass wenn diese elementaren Gesetze unserer geistigen Konstitution
gehörig verfolgt würden sie eine Menge bisher nicht erklärter geistiger
Phänomene insbesondere einige von den fundamentalen Verschiedenheiten des
menschlichen Charakters und der menschlichen Fähigkeiten erklären würden Da
unsere Gedankenassoziationen von zweierlei Art sind indem sie entweder zwischen
gleichzeitigen oder zwischen aufeinanderfolgenden Eindrücken stattfinden und da
der Einfluss des Gesetzes welches dieselben im Verhältnis zu dem angenehmen
oder schmerzhaften Charakter der Eindrücke stärker macht besonders in der
gleichzeitigen Klasse von Assoziationen fühlbar ist so werden wie der
angeführte Schriftsteller bemerkt bei solchen die eine große organische
Sensibilität besitzen die gleichzeitigen Assoziationen wahrscheinlich
vorherrschen indem sie eine Neigung erzeugen sich die Dinge in Bildern und im
Konkreten und reichlich in Attribute und Umstände gekleidet vorzustellen eine
geistige Gewohnheit welche gewöhnlich Einbildungskraft genannt wird und welche
eine der Eigentümlichkeiten der Maler und Dichter ist während Personen von
einer massigeren Empfänglichkeit für Vergnügen oder Schmerz eine Neigung haben
die Tatsachen in der Ordnung ihrer Aufeinanderfolge zu assoziieren und wenn der
Verstand bei ihnen den Vorrang behauptet so werden sie sich eher der Geschichte
oder der Wissenschaft widmen als der schöpferischen Kunst Der Verfasser des
vorliegenden Werkes hat bei einer anderen Gelegenheit versucht116 diese
interessanten Betrachtungen weiter zu verfolgen und vermittelst ihrer die
vornehmsten Eigentümlichkeiten des poetischen Temperaments zu erklären Es ist
wenigstens ein Beispiel welches statt vieler dazu dienen kann das ausgedehnte
Feld zu zeigen welches die wichtige aber äußerst unvollkommene Wissenschaft
des Geistes der deduktiven Forschung darbietet
7 Die Weitläufigkeit womit ich die Entdeckung und Erklärung spezieller
Gesetze von Naturerscheinungen durch Deduktion von einfacheren und allgemeineren
erläutert habe entstand aus dem Wunsch die deduktive Methode klar zu
charakterisieren und sie in ihrer ganzen Wichtigkeit darzustellen da sie bei
dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft unwiderruflich bestimmt ist den Gang
der wissenschaftlichen Untersuchung von nun an zu beherrschen Friedlich und
allmälig geht in der Wissenschaft eine Revolution vor sich die das Gegenteil
von der ist an welche Bacon seinen Namen knüpfte Dieser große Mann
verwandelte die deduktive Methode der Wissenschaften in eine experimentelle und
die experimentelle Methode kehrt sich nun wieder in die deduktive um Aber die
Deduktionen welche Bacon verbannte waren aus voreilig erhaschten oder
willkürlich angenommenen Prämissen abgeleitet Die Prinzipien waren weder durch
die gesetzmäßigen Regeln der experimentellen Forschung festgestellt noch waren
die Resultate durch jenes unentbehrliche Element einer rationellen deduktiven
Methode die Bestätigung durch die spezifische Erfahrung geprüft Zwischen
dieser ursprünglichen Methode der Deduktion und derjenigen welche ich zu
erklären versucht habe besteht der ganze Unterschied der zwischen der
Aristotelischen Physik und der Newtonschen Theorie des Himmels besteht
Es wäre indessen ein Irrtum wenn man erwarten sollte dass sich jene
großen Generalisationen aus welchen die untergeordneten Wahrheiten der sich
langsamer entwickelnden Wissenschaften wahrscheinlich in einer künftigen Periode
durch Schließen werden abgeleitet werden sowie die Wahrheiten der Astronomie
aus den Allgemeinheiten der Newtonschen Theorie abgeleitet werden in allen
oder auch nur in den meisten Fällen unter jetzt bekannten und angenommenen
Wahrheiten finden werden Wir können überzeugt sein dass man an viele der
allgemeinsten Naturgesetze jetzt noch gar nicht denkt und dass viele andere
Gesetze die später denselben Charakter anzunehmen bestimmt sind wenn man sie
überhaupt jetzt kennt nur als Gesetze oder Eigenschaften einer beschränkten
Klasse von Erscheinungen bekannt sind gerade wie die Elektrizität von der wir
jetzt wissen dass sie eines der universalsten Agentien in der Natur ist
vormals nur als eine sonderbare von gewissen Substanzen durch Reibung erlangte
Eigenschaft leichte Körper zuerst anzuziehen und dann abzustoßen bekannt war
Die Theorien der Wärme der Kohäsion der Kristallisation und der chemischen
Tätigkeit sind ohne Zweifel bestimmt deduktiv zu werden aber die Wahrheiten
welche später als die principia dieser Wissenschaften werden angesehen werden
würden wenn sie jetzt angekündigt würden wahrscheinlich ganz eben so neu
erscheinen als das Gesetz der Schwere den Zeitgenossen Newtons erschien und
möglicherweise noch neuer denn das Newtonsche Gesetz war zuletzt nur eine
Erweiterung von dem Gesetze des Gewichtes dh einer Generalisation womit man
von alter Zeit her vertraut war und die bereits eine nicht unbeträchtliche
Menge von Naturerscheinungen umfasste Die allgemeinen Gesetze von einem ebenso
weitgreifenden Charakter deren Entdeckung wir noch erwarten dürften vielleicht
nicht immer soviel von ihrem Fundament bereits gelegt finden
Diese allgemeinen Wahrheiten werden ihre erste Erscheinung ohne Zweifel in
dem Gewände von Hypothesen machen die zuvörderst weder bewiesen sind noch
überhaupt einen Beweis zulassen sondern die als Prämissen angenommen werden um
aus ihnen die bekannten Gesetze konkreter Erscheinungen abzuleiten Aber wenn
dies auch ihr anfänglicher Zustand ist so kann es doch nicht ihr Endzustand
sein Um einer Hypothese einen Anspruch zu verleihen als eine der Wahrheiten
der Natur und nicht bloß als eine bloße technische Hülfe für die menschlichen
Fähigkeiten angenommen zu werden muss sie nach den Regeln einer legitimen
Induktion geprüft werden können und in Wirklichkeit dieser Probe unterworfen
worden sein Wenn dies mit Erfolg geschehen ist so wird man Prämissen erhalten
haben aus denen von nun an alle die anderen Sätze der Wissenschaft als Schlüsse
folgen und die Wissenschaft wird durch eine neue und unerwartete Induktion in
eine deduktive verwandelt
Man kann sagen dass in solchen Fällen die induktive und die
deduktive Methode Hand in Hand gehen indem die eine die von der
andern deduzierten Schlüsse verifiziert und die Verbindung des
Experiments und der Theorie welche in solchen Fällen bewerkstelligt
werden kann bildet ein unendlich mächtigeres Werkzeug der
Entdeckung als jedes einzeln genommen Dieser Stand irgend eines
Zweiges der Wissenschaft ist der interessanteste und derjenige
welcher der Forschung am meisten verspricht Sir J Herschel
Discourse on the Study of Natural Philosophy
1 Die vorhergehenden Betrachtungen führten uns zur Unterscheidung zweier
Arten von Gesetzen oder beobachteten Gleichförmigkeit in der Natur nämlich
zur Unterscheidung zwischen letzten Gesetzen und sogenannten abgeleiteten
derivativen Gesetzen Abgeleitete Gesetze sind solche welche in einer der
angeführten Weisen von anderen allgemeineren Gesetzen abgeleitet oder in solche
zerlegt werden können Mit den letzten Gesetzen kann eine solche Zerlegung nicht
stattfinden Obgleich wir nicht gewiss wissen ob irgend welche von den uns
bekannten Gleichförmigkeit letzte Gesetze sind so wissen wir doch dass es
letzte Gesetze geben muss und dass uns eine jede Zerlegung von abgeleiteten
Gesetzen denselben näher bringt
Da wir fortwährend entdecken dass Gleichförmigkeit die wir für letzte
hielten in der Tat abgeleitete Gleichförmigkeit und in allgemeinere Gesetze
zerlegbar sind oder mit anderen Worten da wir fortwährend die Erklärung
irgend einer Sequenz entdecken welche vorher nur als eine Tatsache bekannt
war so entsteht die interessante Frage ob diese philosophische
Verfahrungsweise irgend eine notwendige Grenze hat oder ob sie so lange
fortschreiten kann bis alle gleichförmigen Sequenzen in der Natur in irgend ein
universales Gesetz aufgelöst sind Dies scheint beim ersten Anblick das letzte
Ziel zu sein nach dem die fortschreitende Induktion mit Hülfe der auf einer
Basis von Beobachtung und Experiment ruhenden deduktiven Methode nach und nach
strebt Auch waren Versuche dasselbe zu erreichen zur Zeit als die
Naturphilosophie in der Kindheit war ganz gewöhnlich Betrachtungen welche
dieses glänzende Ziel nicht in Aussicht stellten hielt man zu jener Zeit nicht
für wert verfolgt zu werden Auch scheinen die merkwürdigen Resultate der
neueren Wissenschaft dieser Idee eine so große Stütze zu verleihen dass es
sogar in unseren Tagen noch immer Denker gibt welche behaupten das Problem
gelöst zu haben oder doch die Mittel angeben zu können wie es einst gelöst
werden könne Aber wenn so große Ansprüche auch nicht gemacht werden so
schließt doch der Charakter von den Auflösungen welche von besonderen Classen
von Naturerscheinungen gegeben oder gesucht werden häufig solche Begriffe von
dem was eine Erklärung ausmacht ein dass darnach die Meinung alle
Naturerscheinungen möchten sich aus einer einzigen Ursache oder einem einzigen
Gesetz erklären lassen vollkommen zulässig erscheint
2 Es ist nach dem Vorhergehenden von Nutzen zu bemerken dass die
letzten Naturgesetze möglicherweise nicht weniger zahlreich sein können als die
unterscheidbaren Sensationen oder anderen Gefühle unserer eigenen Natur als
diejenigen meine ich welche nicht bloß der Quantität und dem Grade nach
sondern auch der Qualität nach von einander unterschieden werden können Da es
zB eine Naturerscheinung sui generis gibt die man Farbe nennt und von der
uns das Bewusstsein sagt dass sie nicht ein besonderer Grad irgend einer andern
Naturerscheinung wie Wärme Geruch oder Bewegung sondern dass sie wesentlich
verschieden von allen anderen ist so folgt hieraus dass es letzte Gesetze der
Farben gibt dass obgleich die Tatsachen der Farbe eine Erklärung zulassen
sie doch niemals durch die Gesetze der Wärme des Geruchs oder der Bewegung
allein erklärt werden können sondern dass immer ein Gesetz der Farbe darin
bleiben wird wie weit die Erklärung auch getrieben werden mag Ich will hiermit
nicht sagen dass es unmöglich wäre nachzuweisen dass irgend ein anderes
Phänomen eine mechanische oder chemische Wirkung zB einer jeden
Farbenerscheinung beständig vorhergeht und sie verursacht Aber obgleich dies
wenn es bewiesen wäre eine wichtige Erweiterung unserer Kenntnis der Natur
sein würde so würde doch dadurch nicht erklärt warum eine Bewegung oder eine
chemische Tätigkeit eine Empfindung von Farbe hervorbringen kann wie emsig wir
auch die Erscheinung verfolgen wie viel verborgene Glieder wir in der in eine
Farbenerscheinung auslaufenden Kette von Ursachen entdecken mögen das letzte
Glied würde immer ein Gesetz der Farbe nicht aber ein Gesetz der Bewegung oder
irgend eines andern Phänomens sein Diese Bemerkung ist nicht bloß auf die
Farbe im Vergleich mit irgend einer andern der großen Classen von Empfindungen
sondern sie ist auch auf jede besondere und mit anderen Farben verglichene Farbe
anwendbar Die weiße Farbe kann in keiner Weise ausschließlich durch die
Gesetze der Erzeugung der roten Farbe erklärt werden Bei einem jeden Versuche
sie zu erklären müssen wir als ein Element der Erklärung das Urteil einführen
dass irgend ein Antezedens die Empfindung von weiß hervorbringt
Die ideale Grenze der Erklärung von Naturerscheinungen nach welcher wir wie
nach anderen idealen Grenzen fortwährend streben ohne die Aussicht zu haben
sie jemals vollständig zu erreichen wäre also zu zeigen dass eine jede
unterscheidbare Art unserer Empfindungen oder anderer Zustände des Bewusstseins
nur eine einzige Art Ursache hat dass zB jedesmal wenn wir eine weiße Farbe
wahrnehmen eine Bedingung oder eine Reihe von Bedingungen gegenwärtig ist und
dass deren Gegenwart in uns immer diese Empfindung erzeugt So lange es
verschiedene bekannte Erzeugungsweisen einer Naturerscheinung gibt
verschiedene Substanzen zB welche die Eigenschaft besitzen weiß zu sein
ohne dass wir irgend eine andere Ähnlichkeit zwischen denselben nachzuweisen
vermöchten so lange ist es auch möglich dass die eine dieser Erzeugungsweisen
in die andere oder dass sie alle in eine bisher nicht erkannte allgemeinere
Art der Erzeugung aufgelöst werden Wenn aber die Erzeugungsweisen auf eine
einzige zurückgeführt worden sind so können wir in der Vereinfachung nicht
weiter gehen Es mag diese einzige vielleicht nicht die letzte Weise sein es
mag zwischen der angenommenen Ursache und der Wirkung andere noch zu entdeckende
Glieder geben wir können aber dennoch das bekannte Gesetz nicht weiter
zerlegen als indem wir ein bisher unbekanntes Gesetz einführen was die Anzahl
der letzten Gesetze nicht vermindert
In welchen Fällen hat demnach die Wissenschaft in der Erklärung der
Naturerscheinungen durch Zerlegen ihrer komplexen Gesetze in Gesetze von
größerer Einfachheit und Allgemeinheit die größten Erfolge errungen Bisher
vorzüglich in den Fällen von Fortpflanzung verschiedener Phänomene durch den
Raum und vor allem in Beziehung auf die umfassendste und wichtigste aller
Tatsachen dieser Art die Tatsache der Bewegung Dies ist nun aber gerade das
was man von den hier aufgestellten Prinzipien erwarten konnte Die Bewegung ist
nicht allein eine der allgemeinsten Naturerscheinungen sie ist auch wie nach
diesem Umstande zu erwarten eine von denjenigen welche scheinbar wenigstens in
den allerverschiedensten Weisen hervorgebracht werden das Phänomen selbst ist
aber für unsere Sensationen in jeder Beziehung dasselbe nur nicht dem Grade
nach Unterschiede der Dauer oder der Schnelligkeit sind offenbar nur
Unterschiede des Grades und Unterschiede der Richtung im Raume die allein eine
Ähnlichkeit mit einem Unterschiede in der Art hat verschwinden gänzlich so
weit unsere Sensationen in Betracht kommen durch eine Veränderung unserer
eigenen Stellung Dieselbe Bewegung scheint uns je nach unserer Stellung in der
Tat in einer jeden Richtung und Bewegungen von den verschiedensten Richtungen
in nur einer einzigen Richtung stattzufinden Auch unterscheidet sich die
Bewegung in einer geraden Linie von der in einer Kurve nur dadurch dass die
erstere eine Bewegung in derselben Richtung die andere eine Bewegung ist
welche jeden Augenblick ihre Richtung ändert Dieser Betrachtungsweise nach ist
es daher keine Absurdität anzunehmen dass alle Bewegung in einer und derselben
Richtung und von derselben Art Ursache hervorgebracht werden kann Die größten
Arbeiten der physikalischen Wissenschaften bestanden demnach in der Zerlegung
eines beobachteten Gesetzes der Erzeugung von Bewegung in Gesetze anderer
bekannter Arten der Erzeugung von Bewegung oder in der Auflösung der Gesetze
verschiedener solcher Arten in eine allgemeinere Art Eine solche Zerlegung fand
Statt als man den Fall der Körper nach der Erde oder die Bewegungen der
Planeten unter ein Gesetz der gegenseitigen Anziehung aller Partikeln der
Materie brachte als man nachwies dass die Bewegungen deren Erzeugung man dem
Magnetismus zuschrieb durch Elektrizität hervorgebracht werden als man zeigte
dass die Bewegungen der Flüssigkeiten in einer seitlichen oder sogar in einer
der Schwerkraft entgegengesetzten Richtung durch die Schwerkraft hervorgebracht
werden und dergleichen mehr Es gibt noch eine ganze Menge von unterschiedenen
Ursachen der Bewegung die noch nicht in einander übergeführt worden sind
Schwere Wärme Elektrizität chemische Action Nerventätigkeit usw Wie
unwahrscheinlich es aber auch sein mag dass sie jemals in einander übergeführt
werden können so ist der Versuch dies zu tun dennoch ganz berechtigt Denn
obgleich diese verschiedenen Ursachen in anderer Beziehung wesentlich
verschiedene Sensationen hervorbringen und deswegen nicht in einander zerlegt
werden können so ist es dennoch ganz möglich dass insofern sie alle Bewegung
hervorbringen das unmittelbare Antezedens der Bewegung in allen diesen
verschiedenen Fällen ein und dasselbe sei dass die anderen Ursachen durch die
vermittelnde Wirkung der Wärme zB oder der Elektrizität oder eines andern noch
zu entdeckenden gemeinsamen Mediums Bewegung hervorbringen können
Es ist unnötig diese Erörterungen auf andere Fälle auszudehnen wie zB
auf die Fortpflanzung des Lichts des Schalles der Wärme der Elektrizität
usw durch den Raum oder auf eine von den anderen Naturerscheinungen von
denen wir fanden dass sie durch Zerlegung ihrer beobachteten Gesetze in
allgemeinere Gesetze zu erklären sind Das Gesagte ist hinreichend um den
Unterschied zwischen einer chimärischen Art von Erklärung und Zerlegung von
Gesetzen und derjenigen Art auseinanderzusetzen deren Ausführung das große
Ziel der Naturforschung ist sowie auch die Art der Elemente der Auflösung zu
zeigen wenn letztere überhaupt stattfinden soll
3 Da es indessen unter den Prinzipien einer wahren Methode des
Philosophierens kaum eines gibt welches nicht allseitig gegen Irrtümer zu
verwahren wäre so muss ich hier eine Verwahrung gegen ein Missverständnis von
einer ganz entgegengesetzten Art wie das vorhergehende einlegen Bei einer
anderen Gelegenheit wo Hr Comte mit einiger Härte einen jeden Versuch einer
Erklärung von Naturerscheinungen die »augenscheinlich ursprünglich primordial«
sind indem er offenbar damit nichts Anderes meint als dass eine jede
Naturerscheinung der Art wenigstens ein besonderes und unerklärbares Gesetz
haben muss verdammt spricht er von dem Versuche die einer jeden Substanz
zugehörige Farbe »la couleur élémentaire propre à chaque substance« zu erklären
als von einem wesentlich illusorischen »Niemand« sagt er »versucht in unseren
Tagen das besondere spezifische Gewicht einer jeden Substanz oder einer jeden
Struktur zu erklären Warum sollte es in Beziehung auf die spezifische Farbe
wovon die Idee unzweifelhaft ebenso ursprünglich ist anders sein«117
Obgleich nun wie Herr Comte anderswo bemerkt eine Farbe etwas von einem
Gewicht oder einem Tone Verschiedenes bleiben muss so können nichtsdestoweniger
Varietäten von Farben gegebenen Varietäten von Gewichten Tönen oder anderen
Phänomenen die von der Farbe ebenso verschieden sind wie diese folgen oder
ihnen entsprechen Es ist eine Frage was ein Ding ist und eine andere Frage
wovon es abhängt und obgleich die Bedingungen einer elementaren
Naturerscheinung erforschen nicht eine neue Einsicht in die Natur des Phänomens
selbst erlangen heißt so liegt hierin doch kein Grund die Erforschung dieser
Bedingungen gar nicht zu versuchen Das Interdikt gegen das Bestreben die
Unterschiede der Farben auf ein gemeinsames Prinzip zurückzuführen würde in
gleicher Weise gegen ein ähnliches Streben in Beziehung auf die Unterscheidungen
der Töne gerichtet sein man hat aber nichtsdestoweniger von diesen gefunden
dass eine unterscheidbare Anzahl von Vibrationen elastischer Körper ihnen
unmittelbar vorhergeht und sie verursacht obgleich ein Ton ohne Zweifel so gut
wie eine Farbe von irgend einer schwingenden oder andern Bewegung materieller
Teilchen verschieden ist In Beziehung auf die Farben könnten wir noch
hinzufügen dass positive Anzeigen vorhanden sind wonach sie nicht letzte
Eigenschaften von den verschiedenen Arten von Substanzen sondern wonach sie von
Bedingungen abhängig sind welche man auf alle Substanzen übertragen kann indem
es keine Substanz gibt der wir nicht je nach der Beleuchtung eine jede Farbe
geben könnten da fast eine jede Veränderung in der Art der Zusammenfügung der
Partikeln derselben Substanz von einer Veränderung ihrer Farben und ihrer
optischen Eigenschaften im Allgemeinen begleitet ist
Der wirkliche Mangel in dem Versuche die Farben durch die Schwingungen
eines Fluidums zu erklären besteht nicht darin dass der Versuch selbst
unphilosophisch ist sondern dass die Existenz des Fluidums und die Tatsache
einer schwingenden Bewegung nicht bewiesen sondern auf keinen andern Grund hin
als die Leichtigkeit womit sie wie man glaubt die Erscheinungen erklären
angenommen worden sind Diese Betrachtungen führen uns auf die wichtige Frage
von dem richtigen Gebrauche wissenschaftlicher Hypothesen eines Gegenstandes
dessen Zusammenhang mit der Erklärung der Naturgesetze und den notwendigen
Grenzen dieser Erklärungen nicht weiter gezeigt zu werden braucht
4 Eine Hypothese ist eine Voraussetzung welche wir machen entweder
ohne einen wirklichen oder bei einem anerkannt unzureichenden Beweise um
Schlüsse daraus abzuleiten die mit Tatsachen in Übereinstimmung sind welche
wir als real erkannt haben Wir sind dabei von dem Gedanken geleitet dass wenn
die Schlüsse zu denen die Hypothese führt bekannte Wahrheiten sind die
Hypothese selbst wahr sein muss oder wenigstens sehr wahrscheinlich wahr sein
wird Wenn die Hypothese sich auf die Ursache oder Erzeugungsweise des Phänomens
bezieht so kann sie wenn sie zulässig befunden worden ist dazu dienen um die
von ihr ableitbaren Tatsachen zu erklären Und diese Erklärung ist der Zweck
vieler wenn nicht der meisten Hypothesen da in dem wissenschaftlichen Sinne
Erklären nichts Anderes heißt als eine Gleichförmigkeit die nicht ein
Kausalgesetz ist oder komplexe Kausalgesetze in einfachere allgemeinere
Gesetze aus denen sie deduktiv gefolgert werden können zerlegen Wenn keine
bekannten Gesetze existieren welche diesem Bedürfnis entsprechen so fingieren
oder erfinden wir Gesetze die es tun und dies heißt eine Hypothese
aufstellen
Da eine Hypothese eine bloße Voraussetzung ist so gibt es für Hypothesen
keine anderen Grenzen als die Gesetze der menschlichen Einbildungskraft und
wir können behufs der Erklärung einer Wirkung eine Ursache von einer völlig
unbekannten Art und nach einem ganz erdichteten Gesetze wirkend ersinnen Aber
da solche Hypothesen nicht so plausibel sein würden wie diejenigen welche sich
durch Analogie an bekannte Naturgesetze anschließen und da sie überdies dem
Bedürfnis nicht abhelfen würden wofür die willkürlichen Hypothesen gewöhnlich
erfunden werden indem sie nämlich die Einbildungskraft fähig machen sollen
sich ein dunkles Phänomen in einem gewohnten Lichte vorzustellen so gibt es in
der Geschichte der Wissenschaft wahrscheinlich keine Hypothese worin zu
gleicherzeit das Agens selbst und das Gesetz seiner Tätigkeit erdichtet waren
Entweder besteht das Phänomen welches man als die Ursache ansieht wirklich
aber das Gesetz wonach es wirkt ist ein bloß angenommenes oder die Ursache
ist erdichtet aber es ist vorausgesetzt dass sie ihre Wirkungen nach Gesetzen
hervorbringt die den Gesetzen irgend einer bekannten Klasse von Erscheinungen
ähnlich sind Ein Beispiel dieser Art bieten die verschiedenen Voraussetzungen
in Beziehung auf das Gesetz der Zentralkraft der Planeten die der Entdeckung
des wahren Gesetzes wonach diese Kraft im umgekehrten Verhältnis des Quadrates
der Entfernung sich ändert vorausgingen Das Gesetz wurde von Newton zuerst als
eine Hypothese aufgestellt und dadurch bestätigt dass es deduktiv zu Keplers
Gesetzen führte Hypothesen der zweiten Art waren die Wirbel Descartes die
zwar nur erdichtet waren von denen man aber annahm dass sie den bekannten
Gesetzen einer rotierenden Bewegung gehorchten oder die beiden rivalisierenden
Hypothesen über die Natur des Lichtes wovon die eine das Phänomen einem aus
allen leuchtenden Körpern ausstrahlenden Fluidum die andere jetzt fast
allgemein angenommene den schwingenden Bewegungen eines das ganze Weltall
durchdringenden Äthers zuschreibt Bis auf die Erklärung welche einige von
diesen Erscheinungen dadurch erhalten ist die Existenz keiner dieser Fluida
bewiesen man nimmt aber an dass sie ihre Wirkungen nach bekannten Gesetzen
hervorbringen nämlich in dem ersten Falle nach den gewöhnlichen Gesetzen einer
fortwährenden Ortsveränderung in dem andern nach Gesetzen der Fortpflanzung
einer schwingenden Bewegung in den Teilchen eines elastischen Fluidums
Nach den vorhergehenden Bemerkungen werden Hypothesen ersonnen um die
deduktive Methode früher auf die Naturerscheinungen anwenden zu können Um
jedoch die Ursache einer Naturerscheinung durch diese Methode entdecken zu
können muss das Verfahren aus drei Teilen bestehen aus der Induktion dem
Syllogismus und der Bestätigung Aus der Induktion deren Stelle jedoch von
einer früheren Deduktion vertreten werden kann um die Gesetze der Ursachen zu
erforschen aus dem Syllogismus um aus diesen Gesetzen zu berechnen wie die
Ursachen in der besonderen Kombination von der man in dem jedesmaligen Falle
weiß dass sie existiert wirken werden aus der Bestätigung indem man die
berechnete Wirkung mit dem wirklichen Phänomen vergleicht Keiner dieser drei
Theile des Verfahrens ist entbehrlich In der Deduktion welche die Identität
der Schwere mit der Zentralkraft des Sonnensystems beweist finden sich alle
drei vor Aus der Bewegung des Mondes wird zuerst bewiesen dass ihn die Erde
mit einer Kraft anzieht die in dem umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der
Entfernung variiert Dieses entspricht obgleich von früheren Deduktionen
abhängig dem ersten oder rein induktiven Teil der Bestimmung des Gesetzes der
Ursachen Aus diesem Gesetz und aus der früher gewonnenen Kenntnis der
mittleren Entfernung des Mondes von der Erde und der Größe seiner Abweichung
von der Tangente wird bestimmt mit welcher Schnelligkeit ihn die Anziehung der
Erde veranlassen würde zu fallen wenn er nicht weiter entfernt wäre und keine
anderen Kräfte mehr auf ihn wirkten als dies bei den irdischen Körpern der Fall
ist dies ist die zweite Stufe die Folgerung Wird endlich diese berechnete
Schnelligkeit mit der beobachteten Schnelligkeit womit alle schweren Körper
durch die bloße Schwere nach der Erdoberfläche fallen nämlich sechszehn
englische Fuß in der ersten Sekunde achtundvierzig in der zweiten usf in
dem Verhältnis der ungeraden Zahlen 1 3 5 etc verglichen so findet man
dass die zwei Größen übereinstimmen Die Ordnung in welcher ich die Stufen des
Verfahrens aufgezählt habe war nicht genau die ihrer Entdeckung es ist aber
genau ihre logische Ordnung indem sie Theile des Beweises sind dass dieselbe
Anziehung der Erde welche die Bewegung des Mondes hervorbringt auch den Fall
schwerer Körper zur Erde verursacht eines Beweises der so in allen Teilen
vollständig ist
Die erste dieser drei Stufen die Induktion nämlich für die Ermittlung des
Gesetzes übergeht nun die hypothetische Methode und begnügt sich mit den zwei
anderen Operationen mit der Folgerung und der Bestätigung indem das Gesetz
aus dem gefolgert wird vorausgesetzt anstatt bewiesen wird
Dieses Verfahren kann unter einer Voraussetzung ganz legitim sein unter der
Voraussetzung nämlich die Natur des Falles sei der Art dass die letzte Stufe
die Bestätigung die Bedingungen einer vollständigen Induktion erfüllt Wir
wollen uns überzeugen ob das Gesetz das wir hypothetisch annahmen wahr sei
und wir erhalten diese Überzeugung dadurch dass es deduktiv zu wahren
Resultaten führt nur muss der Fall der Art sein dass ein falsches Gesetz nicht
zu einem wahren Resultat führen kann auch muss die Bedingung erfüllt sein dass
kein anderes Gesetz als das eine angenommene deduktiv zu denselben Schlüssen
führen kann Diese Bedingung wird sehr oft erfüllt In dem soeben angeführten
Beispiel von einer sehr vollständigen Deduktion wurde die ursprüngliche obere
Prämisse des Schlusses das Gesetz der anziehenden Kraft in dieser Weise
nämlich durch den richtigen Gebrauch der hypothetischen Methode bestimmt
Newton begann mit der Annahme die Kraft welche in einem jeden Augenblicke
einen Planeten von seiner geradlinigten Bahn ablenkt und ihn eine Kurve um die
Sonne beschreiben lässt sei eine Kraft die in gerader Richtung nach der Sonne
wirkt Hierauf bewies er dass in einem solchen Falle der Planet in gleichen
Zeiten gleiche Flächen beschreiben würde wie dies in Wahrheit aus Keplers
erstem Gesetze bekannt ist zuletzt bewies er dass wenn die Kraft in irgend
einer anderen Richtung wirkte der Planet in gleichen Zeiten nicht gleiche
Flächen beschreiben würde Durch den Nachweis dass keine andere Hypothese mit
den Tatsachen übereinstimmt wurde die Voraussetzung bewiesen die Hypothese
wurde zu einer induktiven Wahrheit Durch dieses hypothetische Verfahren
bestimmte Newton nicht allein die Richtung der ablenkenden Kraft sondern er
bestimmte auch genau in derselben Weise das Gesetz der Veränderung der Größe
dieser Kraft Er nahm an dass die Kraft im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat
der Entfernung sich änderte zeigte dass aus dieser Annahme die zwei übrigen
Gesetze Keplers abgeleitet werden können und wies zuletzt nach dass ein jedes
andere Gesetz der Veränderung zu Resultaten führen würde welche mit diesen
Gesetzen und daher mit den wahren Bewegungen der Planeten wovon bekanntlich
Keplers Gesetze der wahre Ausdruck sind nicht übereinstimmen
Ich habe gesagt in diesem Falle erfülle die Bestätigung die Bedingungen
einer Induktion aber welcher Art von Induktion Wir finden dass sie den Regeln
der Differenzmethode angepasst ist indem sie die zwei Fälle A B C a b c und B
C b c darbietet A repräsentiert die Zentralkraft A B C die Planeten plus einer
Zentralkraft B C die Planeten ohne Zentralkraft Die Planeten mit einer
Zentralkraft geben a Flächenräume die den Zeiten proportional sind die
Planeten ohne eine Zentralkraft geben b c eine Reihe von Bewegungen ohne a
oder mit etwas anderem als a Dies ist die Differenzmethode in ihrer ganzen
Strenge Es ist wahr die zwei Fälle welche die Methode verlangt werden
diesmal nicht durch das Experiment sondern durch vorausgängige Deduktion
erhalten aber dies tut nichts zur Sache Es ist gleichgültig welches die
Natur des Beweises sei aus dem wir die Gewissheit schöpfen dass A B C a b c
und B C nur b c hervorbringen wird es ist genug dass wir diese Gewissheit
haben In dem vorliegenden Fall kam Newton durch Schließen gerade zu den zwei
Fällen welche er durch das Experiment gesucht haben würde wenn die Natur des
Falles es zugelassen hätte
Auf diese Weise ist es vollkommen möglich und geschieht in der Tat ganz
gewöhnlich dass was im Anfang einer Untersuchung eine Hypothese war beim
Schluss derselben zu einem bewiesenen Naturgesetz wird Es kann dies jedoch nur
dann stattfinden wenn wir die beiden von der Differenzmethode verlangten Fälle
entweder durch Deduktion oder durch das Experiment zu erhalten im Stande sind
Dass wir aus der Hypothese die bekannten Tatsachen abzuleiten im Stande sind
gibt nur den bejahenden Fall A B C a b c wir müssen aber auch wie Newton den
negativen Fall B C b c erhalten können indem wir zeigen dass außer dem in
der Hypothese angenommenen kein anderes Antezedens in Verbindung mit B C a
hervorbringen würde
Es scheint mir nun dass diese Gewissheit nicht zu erhalten ist wenn die in
der Hypothese angenommene Ursache eine unbekannte bloß für die Erklärung von a
ersonnene Ursache ist Wenn wir bloß das genaue Gesetz einer bereits
festgestellten Ursache zu bestimmen oder wenn wir nur das besondere Agens zu
unterscheiden suchen welches unter mehreren Agentien derselben Art von denen
eins oder das andere schon bekannt ist in Wirklichkeit die Ursache vorstellt
so können wir alsdann den negativen Fall erhalten Die Untersuchung welcher von
den Körpern des Sonnensystems durch seine Anziehung irgend eine besondere
Unregelmäßigkeit in der Bahn oder der periodischen Zeit eines Satelliten oder
eines Kometen verursacht würde ein Fall der zweiten Art sein Newtons Fall war
ein Fall der ersten Art
Wenn es nicht bereits bekannt gewesen wäre dass die Planeten verhindert
sind sich in einer geraden Linie zu bewegen und zwar durch eine Kraft die
nach der Innenseite ihrer Bahnen wirkt obgleich ihre genaue Richtung
zweifelhaft war oder wenn es nicht bekannt gewesen wäre dass die Kraft in
irgend einem Verhältnis zunimmt wenn die Entfernung abnimmt oder dass sie
abnimmt wenn die letztere zunimmt so würde Newtons Argument ohne Beweiskraft
gewesen sein Da indessen diese Tatsachen bereits gewiss waren so war die
Reihe der zulässigen Annahmen auf die verschiedenen möglichen Richtungen einer
Linie und die verschiedenen möglichen numerischen Verhältnisse zwischen den
Veränderungen der Entfernung und den Veränderungen der anziehenden Kraft
beschränkt es war nun leicht in Beziehung hierauf nachzuweisen dass
verschiedene Voraussetzungen nicht zu identischen Resultaten führen konnten
Es hätte demnach Newton seine zweite große philosophische Operation
wodurch er die irdische Schwere mit der Zentralkraft des Sonnensystems
identifizierte nach derselben hypothetischen Methode nicht ausführen können
Wenn das Gesetz der Anziehung des Mondes aus von dem Monde selbst gelieferten
Datis bewiesen worden wäre und er es mit den Erscheinungen der irdischen
Schwere übereinstimmend gefunden hätte so wäre er berechtigt gewesen es
ebenfalls als das Gesetz dieser Erscheinungen anzunehmen aber es wäre ihm ohne
im Besitz dieser Data vom Monde selbst zu sein nicht erlaubt gewesen
anzunehmen dass der Mond gegen die Erde hin mit einer Kraft angezogen wird die
im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der Entfernung steht bloß weil dieses
Verhältnis ihn in Stand gesetzt hätte die terrestrische Schwere zu erklären
denn es wäre ihm unmöglich gewesen zu beweisen dass das beobachtete Gesetz des
Falles der schweren Körper zur Erde aus keiner andern Kraft als einer sich bis
auf den Mond erstreckenden und im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der
Entfernung stehenden hervorgehen könnte
Es scheint demnach eine Bedingung einer wahrhaft wissenschaftlichen
Hypothese zu sein dass sie nicht dazu bestimmt sei immer eine Hypothese zu
bleiben sondern dass sie der Art sei dass sie durch die Verifikation genannte
Vergleichung mit bekannten Tatsachen entweder bewiesen oder widerlegt werde
Diese Bedingung ist erfüllt wenn es bereits bekannt ist dass die Wirkung in
der Tat von der vorausgesetzten Ursache abhängig ist und die Hypothese sich
nur auf den genauen Abhängigkeitsmodus auf das Gesetz der Veränderung der von
den Veränderungen in der Quantität oder in den Verhältnissen der Ursache
abhängigen Wirkung bezieht Hierher kann man auch diejenigen Hypothesen rechnen
welche nicht in Beziehung auf eine Kausalität eine Voraussetzung machen sondern
nur in Beziehung auf das Gesetz des Zusammenhangs von Tatsachen die sich in
ihren Veränderungen einander begleiten obgleich vielleicht gar kein Verhältnis
von Ursache und Wirkung zwischen ihnen existiert Von dieser Art sind die
verschiedenen falschen Hypothesen welche Kepler in Beziehung auf die Brechung
des Lichtes aufstellte Es war bekannt dass die Richtung der Brechungslinie
des gebrochenen Strahls sich mit einer jeden Änderung der Einfallslinie
verändert man wusste aber nicht wie dh man wusste nicht welche
Veränderungen der einen Linie den verschiedenen Veränderungen der anderen
entsprachen In diesem Falle musste ein jedes andere und von dem wahren
abweichende Gesetz zu falschen Resultaten führen Endlich müssen wir noch dazu
rechnen alle hypothetische Arten die Naturerscheinungen bloß zu beschreiben
wie die Hypothesen der alten Astronomen dass die Himmelskörper sich in Kreisen
bewegen die verschiedenen Hypothesen von exzentrischen und deferierenden
Kreisen Epizykel welche dieser ersten Hypothese hinzugefügt wurden die
neunzehn falschen Hypothesen welche Kepler in Beziehung auf die Planetenbahnen
aufstellte und wieder aufgab und sogar die wahre Lehre bei welcher er zuletzt
stehen blieb dass diese Bahnen Ellipsen seien und welche so lange sie nicht
durch Tatsachen bestätigt eine Hypothese war wie die anderen
In allen diesen Fällen ist Bestätigung Beweis wenn die Voraussetzung mit
den Tatsachen übereinstimmt so bedarf es keines anderen Beweises Damit dies
aber der Fall sei halte ich es für nötig dass wenn die Hypothese sich auf
eine Verursachung bezieht die angenommene Ursache nicht allein eine wirkliche
Naturerscheinung etwas in der Natur wirklich Existierendes sondern dass auch
bereits bekannt sei dass sie einen Einfluss auf die vorausgesetzte Wirkung hat
oder wenigstens haben kann indem der genaue Grad und die Art des Einflusses der
einzige unbekannte Punkt ist In einem jeden anderen Falle ist es kein Beweis
von der Wahrheit der Hypothese dass wir im Stande sind das wirkliche Phänomen
daraus abzuleiten
Ist es denn einer wissenschaftlichen Hypothese niemals erlaubt eine Ursache
anzunehmen und darf sie nur einer bekannten Ursache ein angenommenes Gesetz
zuschreiben Ich habe dies nicht behauptet ich sage nur dass in dem letzten
Falle allein die Hypothese bloß deshalb als wahr angenommen werden kann weil
sie die Tatsachen erklärt in dem ersteren Falle ist sie nur dadurch nützlich
dass sie eine Richtungslinie für die Untersuchung abgibt die möglicherweise zu
einem wirklichen Beweise führen kann Zu diesem Ende ist es unerlässlich wie
Herr Comte richtig bemerkt dass die in der Hypothese angegebene Ursache ihrer
eigenen Natur nach fähig sei durch einen andern Beweis bewiesen zu werden Es
scheint die philosophische Bedeutung der Maxime Newtons derer von den späteren
Schriftstellern so oft lobend gedacht wird gewesen zu sein dass die einer
Naturerscheinung zugeschriebene Ursache nicht allein der Art sein muss dass
ihre Annahme die Naturerscheinung erklären würde sondern auch dass sie eine
vera causa sein muss Was er unter einer vera causa verstand hat Newton nicht
deutlich erklärt und Herr Whewell der die Zulässigkeit einer solchen
Beschränkung der Freiheit in der Aufstellung von Hypothesen nicht zugibt hat
wenig Schwierigkeit gefunden zu zeigen118 dass seine Vorstellung von derselben
weder genau noch konsequent war seine Theorie des Lichts war ein glänzendes
Beispiel von Verletzung seiner eigenen Regel Herr Whewell hat ganz Recht zu
leugnen dass die angenommene Ursache eine bereits bekannte Ursache sein müsse
wie könnten wir sonst je mit einer neuen Ursache bekannt werden Was aber in der
Maxime Wahres liegt ist dass die Ursache obgleich sie vorher nicht bekannt
ist doch fähig sein muss später bekannt zu werden dass ihre Existenz fähig
sein muss entdeckt zu werden und dass ihr Zusammenhang mit der ihr
zugeschriebenen Wirkung durch einen unabhängigen Beweis muss bewiesen werden
können Indem uns die Hypothese auf Beobachtungen und Experimente führt führt
sie uns auf den Weg zu diesem unabhängigen Beweise wenn er wirklich gewonnen
werden kann und so lange er nicht gewonnen ist darf man die Hypothese für
nichts Anderes halten als für eine Vermutung
5 Die Funktion der Hypothesen in der Wissenschaft ist aber der Art dass
wir dieselben durchaus nicht entbehren können Als Newton sagte »Hypotheses non
fingo« so meinte er damit nicht dass er sich jener Erleichterung der
Untersuchung berauben wolle die darin liegt dass man zuerst voraussetzt was
man hofft zuletzt beweisen zu können Ohne solche Voraussetzungen würde die
Wissenschaft ihren jetzigen Stand nicht erreicht haben sie sind notwendige
Stufen bei dem Suchen nach etwas Gewisserem und beinahe alles was jetzt
Theorie ist war einst Hypothese Sogar in den rein experimentellen
Wissenschaften muss irgend ein Beweggrund vorhanden sein um das eine Experiment
eher als das andere anzustellen und obgleich es in abstracto möglich ist dass
alle Experimente welche angestellt worden sind durch das bloße Verlangen
hervorgerufen wurden zu ermitteln was unter gewissen Umständen geschehen
würde ohne dass man eine vorhergehende Vermutung über das Resultat hatte so
würden doch in Wahrheit jene wenig von selbst einleuchtenden delikaten oft
beschwerlichen und lästigen Versuche welche so viel Licht auf die allgemeine
Einrichtung der Natur geworfen haben schwerlich angestellt worden sein wenn es
nicht geschienen hätte es hänge von ihnen ab ob irgend eine allgemeine Lehre
oder Theorie die aufgestellt aber noch nicht bewiesen war zulässig sei oder
nicht Wenn dies sogar von der bloß experimentellen Forschung wahr ist so
konnte die Überführung experimenteller Wahrheiten in deduktive noch viel
weniger ohne eine bedeutende vorübergehende Hülfe von Hypothesen ausgeführt
werden Das Verfahren durch welches in eine verwickelte und auf den ersten
Anblick konfuse Reihe von Erscheinungen Regelmäßigkeit gebracht wird ist
notwendig ein probierendes wir beginnen damit eine Voraussetzung wenn auch
eine falsche zu machen um zu sehen welche Folgen daraus entstehen würden und
indem wir beobachten worin diese Folgen von den wirklichen Erscheinungen
abweichen lernen wir welche Korrektionen wir mit unserer Annahme vornehmen
müssen Die einfachste mit den augenfälligeren Tatsachen übereinstimmende
Annahme ist für den Anfang die beste weil ihre Folgen am leichtesten anzugeben
sind Diese rohe Hypothese wird sodann roh korrigiert und das Verfahren
wiederholt die Vergleichung der von der korrigierten Hypothese ableitbaren
Folgen mit den beobachteten Tatsachen führt auf eine neue Korrektion und so
fort bis die deduktiven Resultate zuletzt mit den Erscheinungen übereinstimmen
»Irgend eine Tatsache ist uns noch nicht verständlich oder irgend ein Gesetz
ist uns unbekannt wir stellen eine Hypothese auf die so viel wie möglich mit
dem Ganzen der Data in deren Besitz wir bereits sind übereinstimmt und indem
die Wissenschaft auf diese Weise in den Stand gesetzt wird frei vorwärts zu
schreiten führt sie zuletzt immer zu neuen Konsequenzen die der Beobachtung
fähig sind und die auf eine unzweideutige Weise die erste Voraussetzung
entweder bestätigen oder widerlegen« Weder Induktion noch Deduktion würde uns
in den Stand setzen die einfachsten Naturerscheinungen zu verstehen »wenn wir
nicht oft anfingen den Resultaten vorzugreifen indem wir eine vorläufige
Voraussetzung die zuerst wesentlich eine Vermutung ist in Beziehung gerade
auf einige von den Ideen machen welche den letzten Gegenstand der Untersuchung
ausmachen«119 Es bewache Einer die Weise in welcher er eine verwickelte Masse
von Aussagen selbst zu entwirren sucht er beobachte zB wie er die wahre
Geschichte eines Vorfalls aus den verworrenen Angaben eines oder vieler Zeugen
herausbringt so wird er bemerken dass er nicht alle Punkte der Aussagen auf
einmal in seinem Geiste auffasst und sie zu verbinden sucht die menschlichen
Fähigkeiten sind einer solchen Aufgabe nicht gewachsen er extemporiert aus
einigen wenigen Teilen eine erste rohe Theorie der Art und Weise in der die
Tatsachen stattfanden und betrachtet dann die anderen Angaben einzeln um zu
versuchen ob sie mit dieser vorläufigen Theorie übereinstimmen oder welche
Korrektionen oder Zusätze erforderlich sind um sie damit übereinstimmend zu
machen Auf diesem Wege der ganz richtig mit der Näherungsmethode der
Mathematiker verglichen worden ist gelangen wir vermittelst Hypothesen zu
Schlüssen welche nicht hypothetisch sind120
6 Es ist mit dem Geiste der Methode vollkommen verträglich in dieser
vorläufigen Weise nicht allein eine Hypothese in Beziehung auf das Gesetz von
dem was uns bereits als die Ursache bekannt ist sondern auch eine Hypothese in
Beziehung auf die Ursache selbst aufzustellen Es ist erlaubt nützlich und oft
sogar notwendig dass wir damit beginnen uns zu fragen welche Ursache die
Wirkung hervorgebracht haben möge damit wir wissen in welcher Richtung wir den
Beweis zu suchen haben ob sie es wirklich tat Die Wirbel des Descartes wären
eine vollkommen zulässige Hypothese gewesen wenn es möglich gewesen wäre durch
irgend eine Untersuchungsweise wie wir sie jemals zu besitzen hoffen können
die Frage ob es solche Wirbel gibt oder nicht in den Bereich unserer
Beobachtung zu bringen Die Hypothese war nur deshalb fehlerhaft weil sie nicht
zu einer Untersuchung führen konnte welche die Hypothese in eine bewiesene
Tatsache hätte verwandeln können Sie konnte vielleicht widerlegt werden sei
es dadurch dass sie nicht mit den Erscheinungen welche sie erklären sollte in
Einklang zu bringen war oder wie es wirklich geschah durch irgend eine fremde
Tatsache »Der freie Durchgang der Kometen durch die Räume in denen sich diese
Wirbel befinden sollten überzeugte die Menschen dass diese Wirbel nicht
existierten«121 Aber die Hypothese wäre falsch gewesen wenn auch kein solcher
direkter Beweis ihres Falschseins zu geben gewesen wäre Der direkte Beweis
ihrer Wahrheit war nicht zu haben
Die herrschende Hypothese eines Lichtäthers in anderen Beziehungen nicht
ohne Analogie mit der Hypothese von Descartes ist ihrer Natur nach nicht der
Möglichkeit eines direkten Beweises beraubt Es ist bekannt dass der
Unterschied zwischen berechneter und beobachteter Zeit der Wiederkehr des Enkeschen Kometen zu der Vermutung geführt hat dass ein der Bewegung Widerstand
entgegensetzendes Medium durch den Weltraum verbreitet ist Wenn sich im Verlauf
der Jahrhunderte eine ähnliche Differenz in Betreff der anderen Körper des
Sonnensystems allmälig anhäufen und die Vermutung bestätigen würde so wäre der
Lichtäther dadurch einer vera causa bedeutend näher gekommen da die Existenz
eines kosmischen Agens das einige der in der Hypothese angenommenen Attribute
besitzt nachgewiesen wäre wenn auch noch viele Schwierigkeiten übrig bleiben
und die Identifizierung des Lichtäthers mit dem widerstehenden Medium wie ich
glaube zu neuen Schwierigkeiten Anlass geben würde Vor der Hand kann aber jene
Voraussetzung nur als eine Vermutung betrachtet werden die Existenz desselben
beruht immer nur auf der Möglichkeit aus den angenommenen Gesetzen desselben
eine beträchtliche Anzahl von Lichterscheinungen ableiten zu können und diesen
Beweis kann ich nicht für bündig ansehen indem wir bei einer solchen Hypothese
nicht die Gewissheit haben können dass wenn die Hypothese falsch wäre sie zu
Resultaten führen müsste die mit den wahren Tatsachen nicht im Einklang
stehen
Die meisten Denker welche einen gewissen Grad von Nüchternheit besitzen
geben zu dass eine derartige Hypothese nicht als wahr anzunehmen ist weil sie
alle bekannten Erscheinungen erklärt da dies eine Bedingung ist die oft von
zwei einander widerstreitenden Hypothesen erfüllt wird und da wenn wir uns die
Freiheit nehmen sowohl die Ursachen selbst als auch ihre Gesetze zu erfinden
ein Mensch von einer fruchtbaren Phantasie hundert Arten irgend eine gegebene
Tatsache zu erklären ersinnen kann während es wahrscheinlich noch tausend
andere gleich mögliche gibt die aber unser Geist ans Mangel an etwas Analogem
in seiner Erfahrung unfähig zu fassen ist Man scheint jedoch der Ansicht zu
sein dass eine Hypothese von der Art wie die in Rede stehende zu einer
günstigeren Aufnahme berechtigt ist wenn sie außer der Erklärung die sie von
vorher bekannten Tatsachen gibt zu einer Antizipation und Voraussagung von
anderen Tatsachen führt welche die Erfahrung nachher bestätigt so wie die
Undulationstheorie des Lichtes zu der durch den Versuch bestätigten Voraussagung
führte dass zwei Lichtstrahlen sich in einer Weise begegnen können dass sie
Dunkelheit erzeugen Solche Voraussagungen und ihre Erfüllung sind in der Tat
wohlberechnet um den Unwissenden zu überraschen dessen Glaube an die
Wissenschaft nur auf einem ähnlichen Zusammentreffen von seinen Prophezeiungen
mit den kommenden Dingen beruht Es wäre jedoch befremdend wenn einer solchen
Übereinstimmung von wissenschaftlichen Denkern irgend ein besonderes Gewicht
beigelegt werden sollte Wenn die Gesetze von der Fortpflanzung des Lichtes mit
denjenigen der Schwingungen elastischer Flüssigkeiten in so vielen Beziehungen
übereinstimmen als notwendig ist um die Hypothese zu einer plausiblen
Erklärung aller oder der meisten jeweils bekannten Naturerscheinungen zu machen
so liegt darin dass sie nun auch noch in einer Beziehung mehr übereinstimmen
nichts Überraschendes Wenn auch zwanzig solcher Übereinstimmungen
stattfänden so würden sie die Wahrheit der Undulationen eines Äthers nicht
beweisen es würde daraus nicht folgen dass die Lichterscheinungen Resultate
der Gesetze elastischer Flüssigkeiten sind sondern höchstens dass sie durch
Gesetze regiert werden die jenen in einem gewissen Grade analog sind was wie
wir bemerken können aus der Tatsache hervorgeht dass die Hypothese für einen
Augenblick haltbar sein konnte122 Bei all unserer unvollkommenen Bekanntschaft
mit der Natur können wir Fälle anführen wo Agentien die wir gute Gründe haben
für radikal verschieden zu halten ganz oder teilweise nach identischen
Gesetzen wirken Das umgekehrte Quadrat der Entfernung ist das Maß der
Intensität der Schwerkraft des Lichts und der von einem Mittelpunkt
ausstrahlenden Wärme Niemand hält aber diese Identität für einen Beweis von der
Ähnlichkeit in dem Mechanismus durch welchen die drei Arten von Bewegung
erzeugt werden
Nach Herrn Whewell ist die Übereinstimmung zwischen den von der Hypothese
vorausgesagten Resultaten mit den später beobachteten Tatsachen ein bündiger
Beweis von der Wahrheit der Theorie »Wenn ich eine lange Reihe von Briefen
kopiere wovon das letzte Halbdutzend versiegelt ist und wenn ich errate was
letztere enthalten wie sich dies beim Entsiegeln derselben ergibt so muss die
Ursache gewesen sein dass ich die Bedeutung der Aufschrift erkannt habe Zu
sagen in meinem Erraten der nicht gesehenen Briefe liege nichts Befremdendes
weil ich alle diejenigen kopiert habe welche ich gesehen habe wäre ohne einen
solchen Grund für das Erraten anzunehmen absurd«123 Wenn jemand nach der
Prüfung des größeren Teils einer langen Inschrift die Charaktere derselben so
auslegen kann dass die Inschrift in einer bekannten Sprache ausgedrückt einen
vernünftigen Sinn erhält so entsteht eine starke Vermutung für die Richtigkeit
der Auslegung ich glaube aber nicht dass die Vermutung viel zunimmt weil
einige übrige Briefe erraten werden konnten ohne sie zu sehen denn wir würden
naturgemäß erwarten wenn die Natur des Falls den Zufall ausschließt dass
sogar eine irrige Auslegung die mit allen sichtbaren Teilen der Inschrift
übereinstimmt auch mit dem kleinen Rest übereinstimmen würde wie dies zB der
Fall sein würde wenn die Inschrift absichtlich so abgefasst worden wäre dass
sie einen doppelten Sinn zulässt Ich nehme an die Übereinstimmung der
unverdeckten Charaktere sei zu groß um bloß zufällig zu sein sonst ist die
Erläuterung nicht in der Ordnung Kein Mensch nimmt an die Übereinstimmung der
Lichterscheinungen mit der Undulationstheorie sei bloß zufällig Sie muss der
wirklichen Identität einiger der Gesetze der Undulationen mit einigen Gesetzen
des Lichts entspringen und wenn diese Identität vorhanden ist so ist es
vernünftig anzunehmen dass ihre Folgen nicht mit den Erscheinungen zu Ende
gehen werden welche zuerst zur Identifizierung Anlass geben und dass sich
dieselben auch nicht auf diejenigen Erscheinungen beschränken werden welche
gerade zu der Zeit bekannt waren Es folgt aber nicht dass weil einige von
diesen Gesetzen mit den Gesetzen der Undulationen übereinstimmen auch
Undulationen wirklich vorhanden sind so wenig es folgte dass weil einige
obgleich nicht so viele dieser Gesetze mit denen der Ausstrahlung von
Partikeln übereinstimmten auch eine wirkliche Emission von Partikeln Statt
fand Auch die undulatorische Hypothese erklärt nicht alle Lichterscheinungen
Die natürliche Farbe der Gegenstände die zusammengesetzte Natur der
Lichtstrahlen die Absorption des Lichts seine chemischen und vitalen Wirkungen
lässt die Hypothese so geheimnisvoll wie sie sie fand und einige von diesen
Tatsachen sind wenigstens scheinbar mit der Emissionstheorie besser in
Einklang zu bringen als mit der von Young und Fresnel Wer weiß ob nicht
vielleicht eine dritte Hypothese welche alle diese Erscheinungen einschließt
mit der Zeit die Undulationstheorie ebenso weit hinter sich lässt als diese die
Theorie von Newton und seinen Nachfolgern ließ
Auf die Behauptung die Bedingung der Erklärung aller bekannten
Erscheinungen sei oft gleich gut durch zwei widerstreitende Hypothesen erfüllt
antwortet Hr Whewell dass er in der Geschichte der Wissenschaft keine
derartigen Fälle in denen die Erscheinungen einigermaßen zahlreich und
verwickelt waren kennt Eine solche Erklärung von einem Schriftsteller der
wie Hr Whewell so genau mit der Geschichte der Wissenschaft bekannt ist würde
entscheidend sein wenn er nicht selbst einige Seiten vorher Sorge getragen
hätte sie dadurch zu widerlegen dass er behauptet sogar die verworfenen
wissenschaftlichen Hypothesen hätten immer oder fast immer so modifiziert
werden können dass sie richtige Darstellungen der Erscheinungen abgegeben
hätten Die Hypothese von Wirbeln sagt er uns wurde in Betreff ihrer Resultate
durch succesive Modifikationen in Übereinstimmung mit der Newtonschen Theorie
und mit den Tatsachen gebracht Die Wirbel erklären in der Tut nicht alle
Erscheinungen welche die Newtonsche Theorie zuletzt erklärte wie zB die
Präzession der Nachtgleichen aber dieses Phänomen wurde zur Zeit von keiner der
zwei Seiten als eine zu erklärende Tatsache in Betracht gezogen Von allen in
Betracht gezogenen Tatsachen können wir auf Herrn Whewells Autorität hin
glauben dass sie mit der endgültig verbesserten Cartesianischen Hypothese
ebenso gut übereingestimmt hätten wie mit der Newtonschen Theorie
Es ist aber denke ich kein gültiger Grund eine gegebene Hypothese
deswegen anzunehmen weil wir unfähig sind eine andere zu ersinnen welche die
Tatsachen erklärt Es ist nicht notwendig vorauszusetzen die wahre Erklärung
müsse so sein wie wir sie mit unserer gegenwärtigen Erfahrung ersinnen könnten
Unter den uns bekannten natürlichen Agentien mögen die Schwingungen einer
elastischen Flüssigkeit die einzigen sein deren Gesetze den Gesetzen des
Lichtes genau ähnlich sind wir können aber nicht sagen dass nicht eine
unbekannte Ursache existiert die sich zwar von dem durch den Weltraum
verbreiteten elastischen Äther unterscheidet die aber dennoch Wirkungen
hervorbringt welche in manchen Beziehungen identisch mit denjenigen sind die
aus den Undulationen eines solchen Äthers hervorgehen würden Anzunehmen eine
derartige Ursache könne nicht existieren scheint mir ein extremer Fall von
Assumtion ohne Beweis zu sein
Ich will indessen nicht alle diejenigen gänzlich verdammen welche sich damit
beschäftigen diese Art von Hypothesen im Detail zu verarbeiten Es ist nützlich
zu ermitteln wie sich die bekannten Naturerscheinungen zu den Gesetzen
verhalten mit denen die Gesetze des Gegenstandes der Untersuchung die größte
oder auch nur eine große Analogie haben da dies wie es nach der Annahme eines
Lichtäthers wirklich der Fall war auf Versuche führen kann welche entscheiden
ob die so weit gehende Analogie sich noch weiter erstreckt Dass man sich aber
allen Ernstes dabei einbilden könnte wirklich zu ermitteln ob die Hypothese von
einem Äther einem elektrischen Fluidum oder dergleichen wahr ist oder nicht
dass man es für möglich halten sollte die Gewissheit zu erlangen dass die
Naturerscheinungen auf diesem und auf keinem andern Wege hervorgebracht werden
dies scheint mir ich gestehe es der gegenwärtig klareren Begriffe von den
Methoden der physikalischen Wissenschaften unwürdig und auf die Gefahr hin für
unbescheiden gehalten zu werden muss ich hier mein Erstaunen ausdrücken dass
ein Philosoph von so ungewöhnlichen Talenten wie Hr Whewell eine sehr
durchgearbeitete Abhandlung über die Philosophie der Induktion schreiben konnte
worin er absolut keine andere Art von Induktion anerkennt als die Hypothesen
auf Hypothesen zu probieren bis man eine findet welche den Erscheinungen
angepasst und welche dann als wahr anzunehmen ist und zwar unter keinem andern
Vorbehalt als dass wenn es sich bei wiederholter Prüfung herausstellen sollte
dass sie mehr voraussetzt als zur Erklärung der Erscheinungen nötig ist dieser
überflüssige Teil hinwegzuschneiden ist und dies ohne die geringste
Unterscheidung zwischen den Fällen wo es zum Voraus bekannt sein kann dass
zwei verschiedene Hypothesen nicht zu demselben Resultate führen können und
denjenigen in welchen so weit wir jemals wissen können die Menge von mit den
Erscheinungen gleich verträglichen Voraussetzungen unbegrenzt sein kann124
7 Ehe ich die Lehre von den Hypothesen verlasse ist es nötig dass ich
mich gegen den Schein verwahre als hätte ich den philosophischen Werth
verschiedener Zweige der physikalischen Forschung die ich wenn sie auch noch
in ihrer Kindheit stehen für streng induktiv halte in Zweifel ziehen wollen
Es ist ein großer Unterschied zwischen der Erfindung von Agentien welche ganze
Classen von Naturerscheinungen erklären sollen und dem bloßen Versuch in
Übereinstimmung mit bekannten Gesetzen zu mutmaßen welche früheren
Kollokationen von bekannten Agentien den jetzt existierenden einzelnen Tatsachen
ihre Entstehung gegeben haben mögen In dem letzteren besteht das streng
legitime Verfahren aus einer beobachteten Wirkung auf die Existenz in einer
vergangenen Zeit von einer Ursache zu schließen die der Ursache ähnlich ist
welche so weit unsere Erfahrung geht diese Wirkung jetzt noch hervorbringt
Dies ist zB der Zweck der geologischen Forschungen die eben so wenig
unlogisch und träumerisch sind als gerichtliche Untersuchungen die ebenfalls
zum Zweck haben einen vergangenen Vorfall aus seinen noch vorhandenen Wirkungen
durch Folgerung zu entdecken So wie wir aus den Anzeigen die uns ein Leichnam
liefert nach der Gegenwart oder Abwesenheit von Zeichen eines Kampfes auf dem
Boden oder an den benachbarten Gegenständen nach den Blutspuren den
Fußstapfen des vermutlichen Mörders usw ermitteln können ob ein Mensch
ermordet wurde oder ob er eines natürlichen Todes starb indem wir uns dabei
durchaus auf Gleichförmigkeit stützen die durch eine strenge Induktion ohne
eine Beimischung einer Hypothese erforscht sind so können wir ganz mit Recht
schließen dass wenn wir auf oder unter der Oberfläche unseres Planeten Massen
finden die den sich aus dem Wasser bildenden Absätzen oder Substanzen die
nach einer vorhergegangenen Schmelzung durch Abkühlung erstarren ähnlich sind
der Ursprung derselben auch ganz ähnlich sei und wenn die Wirkungen obgleich
der Art nach ähnlich in einem viel größeren Maßstabe vorhanden sind als
gegenwärtig Wirkungen hervorgebracht werden so können wir rationell und ohne
Hypothese schließen dass die Ursachen früher in erhöhter Intensität vorhanden
waren oder dass sie während einer ungeheuren Zeit hindurch gewirkt haben Kein
Geologe von Bedeutung hat aber seit der Entstehung der gegenwärtig
aufgeklärteren geologischen Lehre versucht weiter zu gehen
Bei vielen geologischen Untersuchungen kommt es zwar vor dass obgleich die
Gesetze denen man die Erscheinungen zuschreibt bekannt und die Agentien
bekannte Agentien sind man doch nicht weiß ob diese Agentien in dem
besonderen Falle gegenwärtig waren So lassen bei der Betrachtung des feurigen
Ursprungs von Trapp oder Granit die Tatsachen den direkten Beweis davon dass
diese Substanzen in der Tat einer intensiven Hitze ausgesetzt waren nicht zu
Man könnte jedoch dasselbe von allen gerichtlichen Untersuchungen sagen die
sich auf einen Indizienbeweis stützen Wir können schließen dass ein Mensch
ermordet wurde obgleich es nicht durch die Aussage eines Augenzeugen bewiesen
ist dass irgend Jemand der die Absicht hatte ihn zu ermorden an dem Ort
gegenwärtig war Es ist hinreichend wenn keine andere bekannte Ursache die
nachgewiesenen Wirkungen hervorgebracht haben konnte
Die berühmte Ansicht von Laplace in Betreff des Ursprungs der Erde und der
Planeten trägt wesentlich den streng induktiven Charakter der neueren
geologischen Lehre Nach dieser Ansicht erstreckte sich die Atmosphäre der Sonne
ursprünglich bis zu den jetzigen Grenzen des Sonnensystems zog sich aber durch
Abkühlung bis auf ihre gegenwärtigen Dimensionen zusammen und da nach
allgemeinen mechanischen Prinzipien die Rotation der Sonne und ihrer Atmosphäre
in dem Verhältnis an Schnelligkeit zunehmen musste als das Volumen abnahm so
bewirkte die durch schnellere Umdrehung vermehrte und die Wirkung der
Gravitation überwiegende Zentrifugalkraft dass sich von der Sonne sukzessive
Ringe von gasförmiger Materie losrissen sich sodann durch Abkühlung
kondensierten und zu unseren Planeten wurden In diese Theorie ist weder eine
unbekannte supponierte Substanz eingeführt noch einer bekannten Substanz eine
unbekannte Eigenschaft oder Gesetz zugeschrieben worden Die bekannten Gesetze
der Materie berechtigen uns zu der Annahme dass ein Körper der fortwährend
eine so große Quantität Wärme von sich gibt wie die Sonne sich nach und nach
abkühlen und dass er durch diese Abkühlung sich zusammenziehen muss wenn wir
daher versuchen von dem gegenwärtigen Zustande dieses Körpers einen Schluss auf
seinen früheren Zustand zu machen so müssen wir notwendig annehmen dass seine
Atmosphäre sich viel weiter erstreckte als gegenwärtig und wir dürfen
voraussetzen dass sie sich so weit erstreckte als die Wirkungen nachweisbar
sind die sie bei ihrem Rückzug hinter sich zurückließ und dies sind die
Planeten Aus diesen Voraussetzungen folgt aber nach bekannten Gesetzen dass
aufeinanderfolgende Zonen der Sonnenatmosphäre Preis gegeben wurden dass diese
fortfahren mussten sich mit derselben Schnelligkeit um die Sonne zu bewegen
als machten sie einen Teil ihrer Substanz aus und dass sie sich lange vor der
Sonne selbst bis auf eine gegebene Temperatur und folglich auch bis auf
diejenige abkühlen mussten bei welcher der größte Teil der gasförmigen
Stoffe woraus sie bestanden flüssig oder fest werden Das bekannte Gesetz der
Schwere veranlasste sie sodann sich in Massen zusammenzuballen welche die
Gestalt unserer Planeten annahmen eine drehende Bewegung um ihre Axe erlangten
und sich in diesem Zustande wie es die Planeten wirklich tun um die Sonne
bewegten und zwar in der Richtung von der Rotation der Sonne aber mit
geringerer Geschwindigkeit weil in derselben periodischen Zeit welche die
Umdrehung der Sonne bedurfte als ihre Atmosphäre sich noch bis zu jenem Punkt
erstreckte In der Theorie von Laplace liegt also strenggenommen nichts
Hypothetisches sie ist ein Beispiel eines begründeten Schlusses von einer
gegenwärtigen Wirkung auf eine mögliche vergangene Ursache und zwar in
Übereinstimmung mit bekannten Gesetzen jener Ursache Die Theorie ist daher
wie ich bereits angeführt habe von einem ähnlichen Charakter wie die Theorien
der Geologen sie steht jedoch was den Beweis betrifft den letzteren weit
nach Sogar wenn es bewiesen wäre wie es nicht ist dass die notwendigen
Bedingungen für das Abbrechen sukzessiver Ringe gewiss eintreffen wurden so
läge immer noch eine viel größere Wahrscheinlichkeit des Irrtums in der
Annahme die jetzigen Naturgesetze wären dieselben wie die bei der Entstellung
des Sonnensystems existierenden als in der bloßen Vermutung der Geologen
diese Gesetze hätten einige Revolutionen und Verwandlungen hindurch die ein
einziger von den jenes System zusammensetzenden Körper erlitt gedauert
1 In den vorhergehenden vier Kapiteln haben wir die allgemeinen Umrisse
der Lehre von der Entstehung der abgeleiteten Gesetze von letzten Gesetzen
angegeben In dem vorliegenden Kapitel wird unsere Aufmerksamkeit auf einen
besonderen Fall einer Ableitung von Gesetzen aus anderen Gesetzen gerichtet sein
Dieser Fall ist jedoch so allgemein und so wichtig dass er eine Untersuchung
für sich allein verlangt es ist dies nämlich der Fall von Entstehung einer
komplexen Naturerscheinung aus einem einfachen Gesetze durch die fortgesetzte
Hinzufügung der Wirkung zu sich selbst
Es gibt einige Naturerscheinungen einige körperliche Empfindungen zB
die ihrer Natur nach nur augenblicklich sind und deren Existenz nur durch die
Verlängerung der Existenz der Ursache von denen sie hervorgebracht werden
verlängert werden kann Die meisten Naturerscheinungen sind jedoch ihrer inneren
Natur nach dauernd wenn sie einmal angefangen haben zu existieren so würden sie
immer fortdauern wenn nicht eine dazwischentretende Ursache das Bestreben
hätte sie zu verändern oder zu vernichten Von dieser Art sind zB alle
Tatsachen oder Naturerscheinungen welche wir Körper nennen Wenn das Wasser
einmal erzeugt ist so kehrt es nicht von selbst wieder in den Zustand von
Wasserstoff und Sauerstoff zurück eine solche Veränderung verlangt ein Agens
das die Macht besitzt die Verbindung zu zersetzen Die Lagen im Baum und die
Bewegungen der Körper gehören ebenfalls hierher Kein Gegenstand der in Ruhe
ist verändert ohne die Dazwischenkunft einer Bedingung die außerhalb seiner
selbst zu suchen ist seine Lage und kein Körper der einmal in Bewegung ist
kehrt in den Zustand der Ruhe zurück oder verändert auch nur seine Richtung
oder Schnelligkeit wenn nicht irgend neue äußere Bedingungen hinzukommen Es
geschieht also fortwährend dass eine vorübergehende Ursache einer fortdauernden
Wirkung ihre Entstehung gibt Die Berührung des Eisens mit feuchter Luft
während einiger Stunden erzeugt Rost welcher Jahrhunderte lang fortdauern kann
die Kraft welche eine Kanonenkugel in die Luft schleudert erzeugt eine
Bewegung welche ewig anhalten würde wenn sie nicht durch eine entgegenwirkende
Kraft aufgehoben würde
Zwischen den beiden eben angeführten Beispielen besteht ein Unterschied der
einige Aufmerksamkeit verdient Da im ersteren Beispiel worin das Phänomen eine
Substanz und nicht die Bewegung einer Substanz ist der Rost immer und
unverändert fortbesteht bis eine neue Ursache hinzukommt so können wir von der
vor hundert Jahren stattgefundenen Berührung mit der Luft sprechen als wäre sie
die nächste Ursache des Rostes der seit jener Zeit vorhanden war Ist aber die
Wirkung eine Bewegung die selbst eine Veränderung ist so müssen wir uns eines
andern Ausdrucks bedienen Die Fortdauer der Wirkung ist nun bloß die Fortdauer
einer Reihe von Veränderungen Der zweite Fuß oder Zoll oder die zweite Meile
der Bewegung ist nicht die bloße verlängerte Dauer des ersten Fußes Zolles
oder Meile sondern eine andere Tatsache welche der ersteren folgt und die in
mancher Beziehung verschieden von ihr sein kann da sie den Körper durch einen
ganz andern Teil des Raumes führt Die ursprüngliche Kraft nun welche den
Körper in Bewegung setzte ist die entferntere Ursache seiner ganzen Bewegung
wie lange diese auch fortdauern mag aber nur von der Bewegung welche im ersten
Augenblick stattfand ist sie die nähere Ursache Die Bewegung in irgend einem
der folgenden Augenblicke wird zunächst durch die in dem vorhergehenden
Augenblick stattfindende Bewegung verursacht von dieser und nicht von der
ursprünglich bewegenden Ursache hängt die Bewegung in irgend einem gegebenen
Augenblicke ab Denn nehmen wir an der Körper ginge durch ein widerstehendes
Mittel das die Wirkung des ursprünglichen Stoßes teilweise aufhebt und
dadurch die Bewegung verzögert so ist diese Gegenwirkung wie hier kaum
wiederholt zu werden braucht ein eben so strenges Beispiel von Unterwerfung
unter das Gesetz des Stoßes als wenn sich der Körper fortwährend mit seiner
ursprünglichen Schnelligkeit bewegt hätte die resultierende Bewegung ist aber
verschieden da sie nun aus den Wirkungen zweier in entgegengesetzter Richtung
tätiger Ursachen zusammengesetzt ist anstatt eine Wirkung einer Ursache zu
sein Welcher Ursache gehorcht aber der Körper bei seiner darauffolgenden
Bewegung Der ursprünglichen Ursache der Bewegung oder der wirklichen Bewegung
des vorhergehenden Augenblickes Sicher der letzteren denn wenn der Körper das
widerstehende Mittel verlässt so fährt er fort sich nicht mit seiner
ursprünglichen sondern mit der verzögerten Geschwindigkeit zu bewegen Wenn die
Bewegung einmal verlangsamt ist so ist auch die ganze darauffolgende Bewegung
verlangsamt Die Wirkung verändert sich weil sich die Ursache der sie
gehorcht die nähere und in der Tat die wirkliche Ursache geändert hat Von den
Mathematikern wird dieses Prinzip anerkannt wenn sie unter den Ursachen welche
die Bewegung eines Körpers in irgend einem Augenblick bestimmen die von der
vorhergehenden Bewegung erzeugte Kraft anführen ein Ausdruck der absurd wäre
wenn er so verstanden würde als ob diese »Kraft« ein Zwischenglied zwischen der
Ursache und der Wirkung wäre aber er bedeutet in der Tat nichts Anderes als
die vorhergehende Bewegung selbst als eine Ursache von weiterer Bewegung
betrachtet Wir müssen daher wenn wir uns mit vollkommener Genauigkeit
ausdrücken wollen ein jedes Glied in einer Reihenfolge von Bewegungen als die
Wirkung des vorhergehenden Gliedes betrachten Wenn wir aber der Bequemlichkeit
der Rede wegen von der ganzen Reihe als von einer Wirkung sprechen so muss dies
als von einer Wirkung die von der ursprünglich bewegenden Kraft hervorgebracht
ist als von einer fortdauernden von einer augenblicklichen Ursache
hervorgebrachten und die Eigenschaft der Selbsterhaltung besitzenden Wirkung
geschehen
Wir wollen nun annehmen das ursprüngliche Agens oder die Ursache wäre
anstatt ein augenblickliches zu sein ein fortdauerndes Eine jede Wirkung die
bis zu einer gegebenen Zeit hervorgebracht worden ist würde wenn sie nicht
durch die Dazwischenkunft einer neuen Ursache verhindert wird fortdauern wenn
auch die Ursache aufhören sollte Da mm aber die Ursache nicht vergeht sondern
fortbesteht und fortwirkt so muss sie immer mehr und mehr von der Wirkung
erzeugen und anstatt einer gleichmäßigen Wirkung haben wir eine zunehmende
Reihe von Wirkungen die aus dem sich anhäufenden Einfluss der fortdauernden
Ursache entstehen So verwandelt sich bei der Berührung des Eisens mit der Luft
ein Teil des ersteren in Rost und wenn die Ursache aufhören würde so würde
die hervorgebrachte Wirkung fortdauern aber es käme keine neue Wirkung hinzu
Wenn aber die Ursache nämlich die Berührung mit feuchter Luft fortdauert so
rostet immer mehr und mehr von dem Eisen bis es gänzlich in ein rotes Pulver
verwandelt ist wo dann die eine der Bedingungen der Erzeugung des Rostes die
Gegenwart von unoxydirtem Eisen aufgehört hat und die Wirkung nicht weiter
hervorgebracht werden kann Ebenso verursacht die Erde den Fall der Körper dh
die Existenz der Erde in einem gegebenen Augenblick verursacht dass ein nicht
unterstützter Körper in dem darauffolgenden Augenblick in der Richtung nach ihr
fällt und wenn die Erde in demselben Augenblick vernichtet würde so würde die
bereits erzeugte Wirkung fortdauern der Gegenstand würde sich mit der erlangten
Geschwindigkeit in derselben Richtung fortbewegen bis er durch einen andern
Körper aufgehalten oder durch eine andere Kraft abgelenkt würde Da die Erde
aber nicht vernichtet wird so bringt sie in dem zweiten Augenblick eine
ähnliche Wirkung von der Größe der des ersten hervor und da sich diese beiden
Wirkungen addieren so entsteht eine zunehmende Geschwindigkeit da sich dies in
einem jeden der folgenden Augenblicke wiederholt so veranlasst die bloße
Fortdauer der Ursache obgleich sie selbst nicht zunimmt ein konstant
zunehmendes Wachsen der Wirkung so lange als alle positiven und negativen
Bedingungen der Erzeugung dieser Wirkung erfüllt werden
Es ist dieser Zustand der Dinge offenbar ein bloßer Fall von der
Zusammensetzung der Ursachen Eine fortwährend in Tätigkeit bleibende Ursache
muss bei einer strengen Analyse als eine Anzahl von genau ähnlichen Ursachen
betrachtet werden die sukzessive eingeführt werden und durch ihre Vereinigung
die Summe der Wirkungen erzeugen welche sie einzeln wirkend hervorgebracht
hätten Das zunehmende Rosten des Eisens ist strenge genommen die Summe der
Wirkungen vieler Luftteilchen welche nacheinander auf entsprechende
Eisenteilchen einwirken Die fortdauernde Einwirkung der Erde auf einen
fallenden Körper ist äquivalent einer Reihe von Kräften die in
aufeinanderfolgenden Augenblicken wirken und wovon eine jede strebt eine
gewisse Quantität von Bewegung zu erzeugen die Bewegung in einem jeden
Augenblick ist aber die Summe der Wirkungen der neuen in dem vorhergehenden
Augenblick angewandten Kraft und der bereits erlangten Bewegung In einem jeden
Augenblick wird eine neue Wirkung deren nähere Ursache die Schwere ist der
Wirkung deren entferntere Ursache sie war hinzugefügt oder um dasselbe in
einer andern Weise auszudrücken die durch den Einfluss der Erde in dem
letztvergangenen Augenblick hervorgebrachte Wirkung addiert sich der Summe der
Wirkungen deren entfernte Ursachen alle die Einflüsse sind welche die Erde in
allen vorhergehenden Augenblicken von dem Beginnen der Bewegung an ausübte Es
ist daher dieser Fall ein Fall eines Zusammenwirken von Ursachen welche eine
Wirkung hervorbringen die der Summe ihrer einzelnen Wirkungen gleich ist Da
aber die Ursachen nicht alle auf einmal sondern sukzessive in Wirksamkeit
treten und da die Wirkung eines jeden Augenblicks die Summe der Wirkungen von
nur denjenigen Ursachen ist welche bis zu diesem Augenblicke in Tätigkeit
traten so nimmt das Resultat die Form einer zunehmenden Reihe einer
Reihenfolge von Summen an von denen eine jede grösser ist als die
vorhergehende und wir erhalten so eine zunehmende Wirkung durch die
fortdauernde Tätigkeit einer Ursache
Da die Fortdauer der Ursache nur insofern auf die Wirkung einen Einfluss
ausübt als sie ihre Quantität vermehrt und da die Zunahme nach einem
bestimmten Gesetze gleiche Quantitäten in gleichen Zeiten stattfindet so kann
das Resultat nach mathematischen Grundsätzen berechnet werden Dieser Fall einer
unendlich kleinen Zunahme hat in der Tat zur Erfindung der Differentialrechnung
Anlass gegeben Die Fragen welche Wirkung wird aus der fortwährenden
Hinzufügung einer gegebenen Ursache zu sich selbst entstehen und welche Ursache
wird wenn sie fortwährend zu sich selbst addiert wird eine gegebene Wirkung
hervorbringen sind offenbar mathematische Fragen und können daher deduktiv
behandelt werden Wenn wie wir gesehen haben Fälle von einer Zusammensetzung
von Ursachen sich selten zu einer andern als deduktiven Untersuchung eignen so
ist dies insbesondere in dem eben geprüften Falle der fortwährenden Verbindung
einer Ursache mit ihren vorhergehenden Wirkungen wahr da ein solcher Fall ganz
besonders der deduktiven Methode zugänglich ist während die nicht
unterscheidbare Weise in welcher die Wirkungen mit einander und mit den
Ursachen vermischt sind die experimentelle Behandlung eines solchen Falles noch
erfolgloser als in einem jeden andern Falle machen muss
2 Wir wollen unsere Aufmerksamkeit zunächst einer etwas verwickelteren
Wirkung desselben Prinzips nämlich dem Falle zuwenden wo die Tätigkeit der
Ursache nicht bloß fortdauert sondern auch während derselben Zeit in
denjenigen ihrer Umstände welche zur Erzeugung der Wirkung beitragen eine
progressive Veränderung erfährt Wie in dem vorhergehenden so häuft sich auch
in diesem Falle durch die fortwährende Hinzufügung einer neuen Wirkung zu der
bereits hervorgebrachten die Totalwirkung an es geschieht aber nun nicht mehr
durch Hinzufügung von gleichen Quantitäten in gleichen Zeiten die hinzugefügten
Quantitäten sind ungleich und selbst die Qualität kann nun verschieden sein
Wenn die Veränderung in dem Zustande der fortdauernden Ursache zunehmend ist so
wird die Wirkung eine doppelte Reihe von Veränderungen durchlaufen die eine
Folge teils der angehäuften Tätigkeit der Ursache teils der Veränderungen
ihrer Tätigkeit sind Die Wirkung ist immer noch eine zunehmende sie wird
indessen nicht durch die bloße Fortdauer der Ursache sondern durch ihre
Fortdauer und Zunahme zugleich hervorgebracht
Ein bekanntes Beispiel hiervon bietet die Zunahme der Temperatur bei
Annäherung des Sommers wenn sich nämlich die Sonne immer mehr ihrer vertikalen
Stellung nähert und längere Zeit über dem Horizont bleibt Dieses Beispiel zeigt
auf eine interessante Weise die aus der Fortdauer der Ursache und ihrer
progressiven Veränderung hervorgehende doppelte Wirkung Wenn sich die Sonne dem
Zenit einmal hinreichend genähert hat und lange genug über dem Horizont bleibt
um während einer täglichen Umdrehung mehr Wärme geben zu können als die
entgegenwirkende Ursache die Ausstrahlung der Erde hinwegnehmen kann so würde
die bloße Fortdauer der Ursache die Wirkung progressive vermehren auch wenn
die Sonne nicht näher käme und die Tage nicht länger zunehmen würden es addiert
sich aber eine Veränderung der Ursache die Reihe ihrer täglichen Stellungen
welche die Quantität der Wirkung zu vermehren strebt Wenn das Sommersolstitium
vorüber ist so findet die progressive Veränderung der Ursache auf umgekehrtem
Wege statt aber während einiger Zeit übersteigt die angehäufte Wirkung der
bloßen Fortdauer der Ursache die Wirkung der Veränderungen derselben und die
Temperatur nimmt noch immer zu
In eben der Weise sind die Bewegungen eines Planeten eine zunehmende
Wirkung welche durch Ursachen die zugleich fortdauernd und progressiv sind
hervorgebracht wird Die Bahn der Planeten wird von zwei Ursachen wenn man die
Perturbationen nicht berücksichtigt bestimmt erstens durch die Wirkung des
Zentralkörpers einer permanenten Ursache die abwechselnd zu oder abnimmt je
nachdem sich der Planet dem Perihel nähert oder sich davon entfernt und die
ferner in einem jeden Augenblick in einer verschiedenen Richtung wirkt zweitens
durch das Streben des Planeten seine Bewegung in derselben Richtung und mit
derselben bereits erlangten Geschwindigkeit fortzusetzen Diese Kraft nimmt
ebenfalls zu je näher der Planet seinem Perihel kommt indem seine Schnelligkeit
dabei wächst sie nimmt ab wenn er sich vom Perihel entfernt und sowohl diese
Kraft wie die andere wirkt in einem jeden Punkte in einer verschiedenen
Richtung weil in einem jeden Punkte die Wirkung der Zentralkraft indem sie den
Planeten von seiner früheren Richtung ablenkt die Linie in welcher er seine
Bewegung fortzusetzen strebt verändert Die in einem jeden Augenblicke
stattfindende Bewegung wird bestimmt durch die Größe und Richtung der Bewegung
und durch die Größe und Richtung der Wirkung der Sonne im vorhergehenden
Augenblick und wenn wir von dem ganzen Umlauf des Planeten als von einem
einzigen Phänomen sprechen was wir da es periodisch und sich selbst gleich
ist oft bequem finden so ist dieses Phänomen die progressive Wirkung zweier
fortdauernder und progressiver Ursachen der Zentralkraft und der erlangten
Bewegung Da diese Ursachen in der besonderen Weise welche man periodisch nennt
progressiv sind so muss es auch notwendig die Wirkung sein denn da die zu
einander zu addierenden Größen in einer regelmäßigen Ordnung wiederkehren so
müssen auch dieselben Summen regelmäßig wiederkehren
Dieses Beispiel ist auch noch in einer andern Beziehung der Beachtung wohl
wert Obgleich die Ursachen selbst fortdauernd und unabhängig von allen uns
bekannten Bedingungen sind so sind doch die Veränderungen welche in den
Quantitäten und Beziehungen der Ursachen stattfinden wirklich durch die
periodischen Veränderungen in den Wirkungen hervorgebracht Nachdem die in
irgend einem Augenblicke existierenden Ursachen eine Bewegung hervorgebracht
haben so wirkt diese Bewegung indem sie selbst eine Ursache wird auf die
Ursachen zurück und bringt eine Veränderung in ihnen hervor Indem sie die
Entfernung und die Richtung des Zentralkörpers in Beziehung auf den Planeten und
die Richtung und Größe der Tangentialkraft ändert ändert sie die Elemente
welche die Bewegung in dem nächsten Augenblicke bestimmen Die Veränderung macht
die nächste Bewegung etwas verschieden und dieser Unterschied macht durch eine
neue Rückwirkung auf die Ursachen die nächste Bewegung noch verschiedener und
so fort Die Wirkung der Sonne und die ursprünglich bewegende Kraft hätten in
einem solchen Verhältnis zu einander stehen können dass die Rückwirkung der
Wirkung der Art gewesen wäre dass sie die Ursachen mehr und mehr verändert
hätte ohne sie wieder zu dem zurückzubringen was sie zuerst gewesen waren Der
Planet würde sich dann in einer Parabel oder in einer Hyperbel also in Kurven
die nicht in sich zurückkehren bewegt haben Die Quantitäten der beiden Kräfte
waren indessen ursprünglich der Art dass die sukzessiven Rückwirkungen der
Wirkung die Ursachen nach einer gewissen Zeit zu dem zurückbringen was sie
vorher waren und von dieser Zeit an kehren alle Veränderungen in einer
periodischen Ordnung immer wieder und müssen wiederkehren da die Ursachen
fortdauern und nicht aufgehoben werden
3 In allen Fällen von progressiven Wirkungen sie seien aus der
Anhäufung von sich ändernden oder nicht ändernden Elementen hervorgegangen
besteht eine Gleichförmigkeit der Folge nicht bloß zwischen der Ursache und
der Wirkung sondern auch zwischen dem ersten Stadium der Wirkung und dem
darauffolgenden Dass ein Körper im luftleeren Raume in der ersten Sekunde
sechszehn Fuß in der zweiten achtundvierzig und sofort in dem Verhältnis der
ungeraden Zahlen 1 3 5 etc fällt ist eine eben so gleichförmige Sequenz
als jene dass der Körper fällt wenn er seiner Stütze beraubt wird Das
Aufeinanderfolgen von Frühling und Sommer ist eben so regelmäßig und
unveränderlich als das der Wiederkehr der Sonne und des Frühlings wir sehen
aber den Frühling nicht als die Ursache des Sommers an es ist einleuchtend
dass sie beide Wirkungen der vermehrten Wärmeausgabe der Sonne sind und dass
wenn diese Ursache nicht existierte der Frühling ewig fortdauern könnte ohne das
geringste Streben zu haben den Sommer hervorzubringen Nicht die bedingte
sondern wie wir so oft bemerkt haben das unbedingt unveränderliche Antezedens
wird die Ursache genannt Was von der Wirkung nicht begleitet sein würde ohne
dass etwas Anderes vorhergegangen ist ist nicht die Ursache wie unveränderlich
auch in der Tat die Sequenz sein mag
Auf diesem Wege nun werden die meisten jener Gleichförmigkeit der Folge
erzeugt welche nicht Fälle einer Verursachung sind Wenn ein Phänomen zunimmt
oder periodisch zu und abnimmt oder irgend eine fortwährende unaufhörliche
Reihe von Veränderungen durchläuft die auf eine gleichförmige Regel oder ein
Gesetz der Folge zurückführbar ist so vermuten wir deswegen nicht dass irgend
zwei aufeinanderfolgende Glieder der Reihe Ursache und Wirkung sind Wir
vermuten gerade das Gegenteil wir erwarten zu finden dass die ganze Reihe
entweder aus der fortgesetzten Wirkung fester Ursachen oder aus Ursachen
entspringt welche einen entsprechenden Prozess von fortwährender Veränderung
durchlaufen Ein Baum wächst von der Höhe eines halben Zoll bis zu der Höhe von
hundert Fuß und einige Bäume werden im allgemeinen bis zu dieser Höhe wachsen
wenn sie nicht durch irgend eine entgegenwirkende Ursache daran gehindert
werden Wir nennen jedoch nicht die junge Pflanze die Ursache des ausgewachsenen
Baumes gewiss ist sie das unveränderliche Antezedens und wir wissen nur sehr
unvollkommen von welchen anderen Antecedentien die Sequenz abhängt wir sind
aber überzeugt dass sie von irgend etwas abhängig ist weil die Homogenität des
Antezedens und des Konsequenz die große Ähnlichkeit der jungen Pflanze mit
dem Baume in allen Beziehungen mit Ausnahme der Größe und des stufenweise
fortschreitenden Wachstums das der progressive sich anhäufenden Wirkung einer
lange wirkenden Ursache so genau gleicht kaum die Möglichkeit eines Zweifels
lässt dass die junge Pflanze und der Baum in Wirklichkeit zwei Glieder einer
Reihe dieser Art sind deren erstes Glied noch zu suchen ist Dieser Schluss
wird ferner noch dadurch bestätigt dass wir im Stande sind durch strenge
Induktion die Abhängigkeit des Wachstums des Baumes und sogar der Fortdauer
seiner Existenz von der fortgesetzten Wiederholung gewisser Prozesse der
Ernährung wie des Aufsteigens des Saftes der Absorption und Ausdünstung der
Blätter etc zu beweisen dieselben Versuche würden uns auch wahrscheinlich
beweisen dass das Wachstum des Baumes die angehäufte Summe der Wirkungen
dieser Prozesse ist wenn wir nicht wegen Mangel an hinreichend mikroskopischen
Augen unfähig wären genau und im Detail zu beachten welches diese Wirkungen
sind
Diese Voraussetzung verlangt indessen keineswegs dass die Wirkung während
ihres Fortschreitens nicht noch manche andere Modifikationen als die der
Quantität oder dass sie nicht zuweilen eine sehr markierte Charakterveränderung
erleide Es kann dies entweder dadurch geschehen dass die unbekannte Ursache
aus verschiedenen sie zusammensetzenden Elementen oder Agentien besteht deren
nach verschiedenen Gesetzen sich anhäufende Wirkungen in verschiedenen Perioden
der Existenz des organisierten Wesens nach anderen Verhältnissen zusammengesetzt
sind oder dadurch dass bei verschiedenen Punkten seiner Entwicklung neue
Ursachen oder Agentien eintreten oder entbunden werden welche ihre Gesetze mit
denen des ersten Agens vermischen
1 Die Naturforscher geben den Namen empirische Gesetze gewöhnlich
denjenigen Gleichförmigkeit deren Existenz die Beobachtung und das Experiment
nachgewiesen hat auf welche sie aber Anstand nehmen sich in Fällen die von
den wirklich beobachteten stark abweichen zu verlassen weil sie keinen Grund
einsehen können warum ein solches Gesetz existieren sollte Der Begriff eines
empirischen Gesetzes schließt daher ein dass es kein letztes Gesetz ist dass
wenn es überhaupt wahr ist seine Wahrheit fähig ist erklärt zu werden und
erklärt werden muss Es ist ein abgeleitetes Gesetz dessen Ableitung noch
unbekannt ist Die Erklärung das Warum des empirischen Gesetzes angeben hieße
die Gesetze angeben wovon es abgeleitet die letzten Ursachen von welchen es
abhängig ist und wenn wir diese wüssten so wüssten wir auch welches seine
Grenzen sind unter welchen Bedingungen es aufhören würde erfüllt zu werden
Die ursprünglich durch die beharrliche Beobachtung der Astronomen des Ostens
bestimmte periodische Wiederkehr der Finsternisse war so lange ein empirisches
Gesetz bis sie durch die allgemeinen Gesetze der Bewegung der Himmelskörper
erklärt wurde Die folgenden sind empirische Gesetze welche noch in die
einfachen Gesetze von welchen sie sich ableiten zu zerlegen sind Die lokalen
Gesetze der Ebbe und Flut an verschiedenen Orten der Erde das Folgen von
gewissen Arten von Wetter auf gewisse Erscheinungen am Himmel die scheinbaren
Ausnahmen von der fast allgemeinen Wahrheit dass sich die Körper stets bei der
Zunahme ihrer Temperatur ausdehnen das Gesetz dass eine Tierrace oder
Pflanzenspezies durch Kreuzung verbessert wird dass Gase eine große Neigung
besitzen tierische Membrane zu durchdringen dass Opium und Alkohol
berauschen das Gesetz dass Substanzen die eine große Menge Stickstoff
enthalten wie Blausäure und Morphium starke Gifte sind dass gewisse
Legierungen härter sind als die Metalle welche sie zusammensetzen dass die
Anzahl der Atome einer Säure die erforderlich sind um eine organische Base zu
neutralisieren in einem festen Verhältnis zum Stickstoff der Base stehen dass
die Löslichkeit der Substanzen in einander wenigstens in einem gewissen Grade
von der Ähnlichkeit ihrer Elemente abhängt125
Ein empirisches Gesetz ist also eine beobachtete Gleichförmigkeit von der
man vermutet dass sie in einfache Gesetze zerlegt werden kann aber noch nicht
zerlegt ist Die Bestimmung der empirischen Gesetze der Naturerscheinungen geht
oft der Erklärung dieser Gesetze durch die deduktive Methode lange voraus und
die Bestätigung einer Deduktion besteht gewöhnlich in der Vergleichung ihrer
Resultate mit vorher empirisch ermittelten Gesetzen
2 Aus der beschränkten Anzahl letzter Gesetze geht notwendig eine
große Anzahl abgeleiteter Gleichförmigkeit sowohl der Sukzession als der
Koexistenz hervor Einige sind Gesetze der Sukzession oder der Koexistenz
zwischen verschiedenen Wirkungen derselben Ursache hiervon hatten wir Beispiele
in dem vorhergehenden Kapitel Andere sind Gesetze der Folge zwischen Wirkungen
und ihren entfernteren Ursachen und in die Gesetze zerlegbar welche eine jede
mit dem Zwischenglied verbinden Drittens wenn Ursachen zusammenwirken und ihre
Wirkungen vereinigen so erzeugen die Gesetze dieser Ursachen das fundamentale
Gesetz der Wirkung nämlich das Gesetz dass sie von der Koexistenz dieser
Ursachen abhängig ist Und zuletzt hängt die unter den Wirkungen stattfindende
Ordnung des Aufeinanderfolgens oder der Koexistenz notwendig von ihren Ursachen
ab Sind es Wirkungen von einerlei Ursache so hängt diese Ordnung von den
Gesetzen dieser Ursache ab wenn von verschiedenen Ursachen so hängt sie von
den Gesetzen dieser verschiedenen Ursachen und von Umständen ab welche ihre
Koexistenz bestimmen Forschen wir weiter darnach wann und wie diese Ursachen
koexistieren werden so hängt dies ebenfalls wieder von ihren Ursachen ab und
wir können so die Naturerscheinungen immer weiter zurückführen bis sich die
verschiedenen Reihen von Wirkungen in einem Punkte begegnen und das Ganze sich
zuletzt als von einer gemeinschaftlichen Ursache abhängig darstellt oder bis
sie statt in einem Punkte zu konvergieren in verschiedenen Punkten endigen und
es erwiesen ist dass die Ordnung der Wirkungen aus einer ursprünglichen
Kollokation von einigen der urersten Ursachen oder Agentien hervorgegangen ist
Die Ordnung der Folge und Koexistenz unter den Bewegungen der Himmelskörper
zB welche durch die Gesetze Keplers ausgedrückt wird ist von der Koexistenz
zweier urerster Ursachen der Sonne und dem ursprünglich unserm Planeten
erteilten Stoss126 abgeleitet Die Gesetze Keplers sind in die Gesetze dieser
Ursachen und in die Tatsache ihrer Koexistenz zerlegt
Die abgeleiteten Gesetze hängen daher nicht allein von den letzten Gesetzen
von welchen sie ableitbar sind sondern sie hängen auch meistens von letzten
Gesetzen und einer letzten Tatsache nämlich dem Modus der Koexistenz einiger
der ursprünglichen Elemente des Universums ab Die letzten Kausalgesetze könnten
dieselben sein wie jetzt und die abgeleiteten Gesetze könnten dennoch gänzlich
verschieden sein wenn die Ursachen in anderen Verhältnissen koexistierten oder
auch nur mit irgend einem Unterschiede in denjenigen ihrer Beziehungen welche
auf die Wirkung Einfluss haben Wenn zB die Anziehung der Sonne und die
bewegende Kraft in einem andern Verhältnis zu einander gestanden hätten als
sie wirklich stehen und wir kennen keinen Grund warum dies nicht hätte der
Fall sein können so würden die abgeleiteten Gesetze ganz verschieden von dem
gewesen sein was sie gegenwärtig sind Die existierenden Verhältnisse sind aber
von der Art dass sie regelmäßige elliptische Bewegungen erzeugen irgend
andere Verhältnisse würden verschiedene Ellipsen oder kreisförmige parabolische
oder hyperbolische aber immer regelmäßige Bewegungen erzeugt haben da sich
die Wirkungen eines jeden der Agentien nach einem gleichförmigen Gesetze
anhäufen und zwei regelmäßige Reihen von Größen wenn ihre entsprechenden
Glieder addiert werden eine regelmäßige Reihe irgend einer Art hervorbringen
müssen welche Größen es auch sein mögen
3 Das zuletzt genannte Element in der Zerlegung eines abgeleiteten
Gesetzes das Element das kein Kausalgesetz sondern eine Kollokation von
Ursachen ist kann nun nicht selbst auf irgend ein Gesetz zurückgeführt werden
Es gibt wie früher bemerkt wurde keine in der Verteilung der urersten
natürlichen Agentien durch das Weltall wahrnehmbare Gleichförmigkeit es gibt
darin keine Norm kein Prinzip und keine Regel Die verschiedenen Substanzen
aus denen die Erde besteht die Kräfte welche das Weltall durchdringen stehen
in keinem konstanten Verhältnis zu einander Die eine Substanz ist reichlicher
vorhanden als die andere die eine Kraft wirkt in einer größeren Ausdehnung des
Raumes als die andere ohne dass wir eine durchgehende Analogie entdecken
könnten Nicht allein dass wir keinen Grund kennen warum die Anziehung der
Sonne und die Tangentialkraft genau in dem tatsächlichen Verhältnisse
koexistieren sondern wir können auch keine Coincidenz zwischen diesem
Verhältnis und den Verhältnissen nachweisen in denen andere elementare Kräfte
in dem Universum sich vermischen Die größte Unordnung in der Verbindung der
Ursachen ist sichtlich mit der vollkommensten Ordnung in ihren Wirkungen
verträglich denn wenn ein jedes Agens seine eigenen Wirkungen nach einem
gleichförmigen Gesetze vollbringt so wird sogar ans der capriciösesten
Verbindung von Agentien eine Regelmäßigkeit irgend einer Art hervorgehen wie
wir bei dem Kaleidoskop sehen wo irgend eine Anordnung von Stückchen gefärbten
Glases durch das Gesetz der Reflexion eine schöne Regelmäßigkeit der Wirkung
hervorbringt
4 In den obigen Betrachtungen liegt die Rechtfertigung des geringen
Grades von Vertrauen das die Philosophen gewöhnlich zu empirischen Gesetzen
haben
Ein deriviertes Gesetz das gänzlich aus der Tätigkeit einer einzigen
Ursache hervorgeht wird eben so allgemein wahr sein als die Gesetze der Ursache
selbst dh es wird immer wahr sein ausgenommen da wo irgend eine von
denjenigen Wirkungen der Ursache von denen das abgeleitete Gesetz abhängt
durch eine entgegenwirkende Ursache aufgehoben wird Aber wenn das abgeleitete
Gesetz nicht aus den verschiedenen Wirkungen einer einzigen Ursache sondern aus
den Wirkungen verschiedener Ursachen hervorgeht so können wir keine Gewissheit
haben dass es bei einer jeden Veränderung in der Art der Koexistenz der
Ursachen oder der urersten natürlichen Agentien von denen diese Ursachen
zuletzt abhängen wahr sein wird Der Satz dass Kohlenlager ausschließlich auf
gewissen Arten von Schichten liegen obgleich so weit unsere Erfahrung reicht in
Beziehung auf die Erde wahr kann nicht auf den Mond oder auf die anderen
Planeten ausgedehnt werden immer vorausgesetzt dass dort Kohlen existieren
denn wir können nicht die Überzeugung haben dass die ursprüngliche
Beschaffenheit irgend eines andern Planeten von der Art war um die
verschiedenen Ablagerungen in derselben Ordnung wie auf unserer Erde
hervorzubringen Das abgeleitete Gesetz hängt in diesem Falle nicht allein von
Gesetzen sondern von einer Kollokation ab und Kollokationen können nicht auf
ein Gesetz zurückgeführt werden
Es ist nun gerade der Charakter eines derivierten Gesetzes das noch nicht in
seine Elemente zerlegt worden ist mit anderen Worten eines empirischen
Gesetzes dass wir nicht wissen ob es aus den verschiedenen Wirkungen einer
einzigen Ursache oder aus den Wirkungen verschiedener Ursachen hervorgeht Wir
können nicht sagen ob es gänzlich von Gesetzen oder ob teils von Gesetzen
teils von einer Kollokation abhängig ist Wenn es von einer Kollokation
abhängig ist so wird es in allen Fällen wahr sein in denen diese Kollokation
existiert Da wir aber im Falle seiner Abhängigkeit von einer Kollokation
gänzlich darüber unwissend sind welches die Kollokation sei so können wir das
Gesetz nicht mit Sicherheit über die Grenzen der Zeit und des Ortes ausdehnen
innerhalb derer wir eine wirkliche Erfahrung seiner Wahrheit besitzen Denn da
innerhalb dieser Grenzen das Gesetz immer als wahr befunden wurde so haben wir
den Beweis dass die Kollokationen wie sie auch seien von denen es abhängt
wirklich innerhalb dieser Grenzen existieren Da wir aber keine Regel und kein
Prinzip kennen wonach sich diese Kollokationen selbst richten so können wir
nicht schließen dass weil die Existenz einer Kollokation innerhalb gewisser
Grenzen von Ort und Zeit bewiesen ist dieselbe auch außerhalb dieser Grenzen
existieren wird Empirische Gesetze dürfen daher nur innerhalb der Grenzen von
Zeit und Ort in denen sie durch Erfahrung als wahr befunden worden für wahr
gehalten werden und nicht bloß innerhalb der Grenzen von Zeit und Ort sondern
von Zeit Ort und Umständen denn da es gerade die Natur des empirischen
Gesetzes ist dass wir die letzten Gesetze der Ursachen von denen es abhängig
ist nicht kennen so können wir ohne eine wirkliche Probe nicht voraussehen in
welcher Art oder bis zu welcher Ausdehnung die Einführung eines neuen Umstandes
darauf einwirken wird
5 Wie können wir nun aber wissen ob eine durch die Erfahrung ermittelte
Gleichförmigkeit nur ein empirisches Gesetz ist Da wir der Annahme nach nicht
im Stande gewesen sind sie in höhere Gesetze zu zerlegen wie sollen wir
wissen dass sie nicht ein letztes Kausalgesetz ist
Die Antwort hierauf ist dass keine Generalisation mehr als ein empirisches
Gesetz ist wenn der Beweis worauf sie beruht einzig nach der Methode der
Übereinstimmung geführt worden ist denn wir haben gesehen dass wir durch
diese Methode allein niemals zu den Ursachen gelangen können Alles was die
Methode der Übereinstimmung tun kann besteht in der Bestimmung des Ganzen der
Umstände das allen Fällen in denen ein Phänomen hervorgebracht wurde gemein
ist und dieses Aggregat schließt natürlicherweise nicht allein die Ursache der
Naturerscheinung sondern auch alle Naturerscheinungen ein womit es durch
irgend eine abgeleitete Gleichförmigkeit verknüpft ist entweder dass dieselben
kollaterale Wirkungen derselben Ursache oder Wirkungen von irgend einer andern
Ursache sind welche in allen Fällen die wir fähig waren zu beobachten mit ihr
koexistierten Die Methode bietet kein Mittel um zu bestimmen welche von diesen
Gleichförmigkeit Kausalgesetze und welche nur abgeleitete aus diesen
Kausalgesetzen und der Kollokation der Ursachen hervorgehende Gesetze sind
Keine derselben darf daher als etwas Anderes als ein abgeleitetes Gesetz
dessen Ableitung noch nicht nachgewiesen ist mit anderen Worten als ein
empirisches Gesetz angenommen werden In diesem Lichte müssen alle durch die
Methode der Übereinstimmung erhaltenen Resultate und daher fast alle durch die
bloße Beobachtung ohne Experiment erhaltenen Wahrheiten betrachtet werden bis
sie entweder durch die Differenzmethode bestätigt oder deduktiv dh mit anderen
Worten a priori erklärt werden
Die empirischen Gesetze können mehr oder weniger Glaubwürdigkeit besitzen
je nachdem wir Grund zu vermuten haben dass sie bloß in Gesetze oder in
Gesetze und Kollokationen zerlegbar sind Da die Sequenzen welche wir in der
Erzeugung und dem darauffolgenden Leben eines Tieres oder einer Pflanze
beobachten nur auf der Methode der Übereinstimmung beruhen so sind sie bloß
empirische Gesetze aber obgleich in diesen Sequenzen die Antecedentien
möglicherweise nicht die Ursachen der Folgen sind so sind wahrscheinlich die
einen sowohl wie die anderen überhaupt nur aufeinanderfolgende Stadien einer
progressiven Wirkung die einer gemeinschaftlichen Ursache entspringt und daher
unabhängig von Kollokationen ist Von der andern Seite sind die
Gleichförmigkeit in der Ordnung der Erdschichten empirische Gesetze von einer
viel schwächeren Art da sie nicht allein keine Kausalgesetze sind sondern da
auch nicht einmal Grund zu glauben vorliegt dass sie alle von einer
gemeinschaftlichen Ursache abhängen Aller Anschein spricht für ihre
Abhängigkeit von einer besonderen Kollokation natürlicher Agentien die
ursprünglich auf unserer Erde existierten und woraus in Beziehung auf die
Kollokation welche in irgend einem andern Teil des Weltalls existiert oder
existiert hat keine Folgerung gezogen werden kann
6 Da unsere Definition eines empirischen Gesetzes nicht allein
diejenigen Gleichförmigkeit einschließt von denen man nicht weiß ob sie
Kausalgesetze sind sondern auch diejenigen von welchen dieses bekannt ist
vorausgesetzt dass man Grund habe zu vermuten dass es keine letzten Gesetze
sind so ist hier der schickliche Ort zu betrachten aus welchen Merkmalen wir
zu erkennen vermögen dass wenn auch eine beobachtete Gleichförmigkeit ein
Kausalgesetz ist dieses nicht ein letztes sondern ein abgeleitetes Gesetz ist
Das erste Zeichen ist wenn zwischen dem Antezedens a und der Folge b ein
Zwischenglied irgend ein Phänomen existiert dessen Existenz wir zwar bemerken
dessen genaue Natur und Gesetze wir aber der Unvollkommenheit unserer Sinne oder
Instrumente wegen nicht bestimmen können Wenn ein solches Phänomen das wir mit
x bezeichnen wollen vorhanden ist so folgt dass wenn auch a die Ursache von b
ist es nur die entfernte Ursache ist und dass das Gesetz a verursacht b in
wenigstens zwei Gesetze a verursacht x und x verursacht b zerlegbar ist Dies
ist ein sehr häufiger Fall da die Tätigkeit der Natur nach einem so minutiösen
Maßstab wirkt dass viele der aufeinanderfolgenden Stufen entweder unbemerkbar
sind oder nur sehr undeutlich bemerkt werden
Nehmen wir zB die Gesetze der chemischen Verbindung der Körper und unter
diesen das Gesetz wenn Wasserstoff und Sauerstoff sich verbinden entsteht
Wasser Alles was wir bei diesem Prozess sehen ist dass zwei Gase in einem
gewissen Verhältnis gemischt sind und dass wenn Elektrizität oder Wärme auf
dieses Gemenge einwirkt eine Explosion stattfindet die Gase verschwinden und
Wasser zurückbleibt Es besteht hier kein Zweifel wegen des Gesetzes oder
daran dass es ein Kausalgesetz sei Aber zwischen dem Antezedens die Gase in
einem Zustand von mechanischer Vermengung und erhitzt oder elektrisiert und der
Folge Erzeugung von Wasser muss ein intermediärer Prozess stattfinden den wir
nicht sehen Denn wenn wir irgend einen Teil des Wassers nehmen und der Analyse
unterwerfen so finden wir immer dass es Wasserstoff und Sauerstoff ja sogar
in denselben Verhältnissen nämlich dem Volumen nach zwei Volumen Wasserstoff
und ein Volumen Sauerstoff enthält Dies ist von einem Tropfen und von dem
kleinsten Theile wahr den unsere Instrumente zu schätzen vermögen Da also der
kleinste wahrnehmbare Teil Wasser diese beiden Substanzen enthält so müssen
Theile von Sauerstoff und Wasserstoff die kleiner sind als der kleinste
wahrnehmbare Teil in einem jeden noch so kleinen Teil des Raumes
zusammengekommen sein müssen näher an einander gekommen sein als die Gase in
einem Zustand von mechanischer Vermischung es waren da um keine anderen Gründe
anzuführen das Wasser weniger Raum einnimmt als die Gase Da wir nun diese
Berührung oder enge Annäherung nicht sehen können so können wir auch nicht
beobachten von welchen Umständen sie begleitet ist oder nach welchen Gesetzen
ihre Wirkungen hervorgebracht werden Die Erzeugung des Wassers dh der
fühlbaren Erscheinungen welche diese Verbindung charakterisieren kann eine sehr
entfernte Wirkung dieser Gesetze sein Es können hier unzählige Zwischenglieder
existieren und wir wissen gewiss dass einige existieren müssen Da wir den
vollen Beweis haben dass irgend eine körperliche Wirkung den großen
Umwandlungen der durch die Sinne wahrnehmbaren Eigenschaften der Substanzen
vorhergeht so können wir nicht zweifeln dass die Gesetze der chemischen
Tätigkeit so wie sie jetzt bekannt sind nicht letzte sondern abgeleitete
Gesetze sind wie unwissend wir auch in Beziehung auf die Natur der Gesetze der
Korpuscularwirkung von denen sie abgeleitet sind sein oder sogar immer bleiben
mögen
In ähnlicher Weise sind alle Prozesse des vegetativen Lebens sei es in dem
Leben der Pflanze oder des Tierkörpers Korpuscularprozesse Die Ernährung ist
eine Hinzufügung von Teilchen zu einander wobei zuweilen bloß andere
getrennte und sezernierte Partikel ersetzt werden zuweilen aber eine Zunahme des
Volumens und des Gewichtes verursacht wird die so allmälig ist dass sie nur
bei längerer Fortdauer wahrnehmbar wird Verschiedene Organe sezernieren
vermittelst besonderer Gefäße aus dem Blute Flüssigkeiten deren Bestandteile
in dem Blute enthalten gewesen sein müssen die jedoch sowohl in den
physikalischen Eigenschaften als in der chemischen Zusammensetzung im höchsten
Grade von demselben abweichen Hier ist also ein Überfluss von unbekannten
noch zu suchenden Gliedern und es kann kein Zweifel obwalten dass die Gesetze
der Erscheinungen des organischen Lebens abgeleitete Gesetze sind die von den
Eigenschaften der Körperteilchen und derjenigen elementaren Gewebe abhängen
welche verhältnismäßig einfache Verbindungen dieser Körperteilchen sind
Das erste Zeichen also aus dem geschlossen werden kann dass ein bisher
unzerlegtes Kausalgesetz ein abgeleitetes Gesetz ist besteht in irgend einer
Anzeige der Existenz eines oder mehrer Zwischenglieder zwischen dem Antezedens
und dem Konsequenz Das zweite Zeichen ist wenn das Antezedens eine äußerst
zusammengesetzte eine komplexe Naturerscheinung ist und seine Wirkung daher
wahrscheinlich wenigstens zum Teil aus den Wirkungen seiner verschiedenen
Elemente zusammengesetzt ist denn wir wissen dass der Fall wo die Wirkung des
Ganzen nicht aus den Wirkungen seiner Theile hervorgeht ein Ausnahmefall ist
während die Zusammensetzung der Ursachen bei weitem den gewöhnlicheren Fall
bildet
Wir wollen dies durch zwei Beispiele erläutern in dem einen ist das
Antezedens die Summe von vielen homogenen in dem andern von heterogenen
Teilen Das Gewicht eines Körpers wird durch die Gewichte seiner kleinsten
Partikeln gebildet eine Wahrheit welche die Astronomen in ihrer allgemeinsten
Fassung ausdrücken wenn sie sagen bei gleichen Entfernungen gravitieren die
Körper in dem Verhältnis ihrer Quantität von Materie gegen einander Alle
wahren Sätze welche in Beziehung auf die Schwere aufgestellt werden können
sind daher abgeleitete Gesetze und das letzte Gesetz in welche sie alle
aufgelöst werden können lautet ein jedes Teilchen der Materie zieht ein jedes
andere Teilchen an Als zweites Beispiel können wir irgend eine von den in der
Meteorologie beobachteten Erscheinungen nehmen zB dass die Verminderung des
Drucks der Atmosphäre durch das Fallen des Barometers angezeigt von Regen
begleitet ist Das Antezedens ist hier eine zusammengesetzte Naturerscheinung
die aus heterogenen Elementen gebildet wird indem die Luftsäule über irgend
einem Orte aus zwei Teilen einer Luftsäule und einer damit vermischten Säule
von wässerigen Dünsten besteht und die durch das Fallen des Barometers
angezeigte und von Regen begleitete Veränderung in beiden zusammen muss aus
einer Veränderung in der einen oder in der andern oder in beiden zugleich
hervorgehen Wir könnten daher sogar bei Ermangelung eines jeden andern
Beweises aus der beständigen Anwesenheit dieser beiden Elemente in dem
Antezedens die ziemliche Vermutung ableiten dass das Phänomen wahrscheinlich
kein letztes Gesetz sondern ein Resultat der Gesetze der zwei verschiedenen
Agentien ist eine Vermutung die wir nur dann aufgeben müssten wenn wir uns
mit den Gesetzen beider so wohl bekannt gemacht hätten um versichern zu können
dass diese Gesetze nicht für sich allein das beobachtete Resultat hervorbringen
könnten
Es gibt nur sehr wenige Fälle von Sukzession aus sehr zusammengesetzten
Antecedentien welche nicht durch einfachere Gesetze entweder wirklich erklärt
worden wären oder in Beziehung auf welche man nicht mit großer
Wahrscheinlichkeit aus der ermittelten Existenz kausaler noch nicht
verstandener Zwischenglieder gefolgert hätte dass sie auf diese Weise zu
erklären sind Es ist daher höchst wahrscheinlich dass alle Folgen aus
komplexen Antecedentien auf diese Weise auflösbar und dass die letzten Gesetze
in allen Fällen verhältnismäßig einfach sind Wenn wir nicht die bereits
angeführten Gründe hätten zu glauben dass die Gesetze der organischen Natur in
einfachere Gesetze zerlegbar sind so würden wir fast darin das die
Antecedentien der meisten Folgen so sehr zusammengesetzt sind einen
hinreichenden Grund finden
7 In der vorhergehenden Diskussion haben wir zwei Arten von empirischen
Gesetzen erkannt solche von denen wir wissen dass sie Kausalgesetze von
denen aber zu vermuten ist dass sie in einfachere Gesetze zerlegbar sind und
solche von denen wir überhaupt nicht wissen ob sie Kausalgesetze sind Diese
beiden Arten von Gesetzen stimmen darin überein dass sie zu ihrer Erklärung die
Deduktion erfordern sowie darin dass sie das geeignete Mittel sind eine
solche Deduktion zu verifizieren indem sie die Erfahrung repräsentieren womit
das Resultat der Deduktion zu vergleichen ist Sie stimmen ferner darin überein
dass so lange sie nicht erklärt und mit den letzten Gesetzen aus denen sie
hervorgehen verknüpft sind sie nicht den höchsten Grad von Gewissheit erreicht
haben dessen Gesetze fähig sind Es ist bei einer früheren Gelegenheit gezeigt
worden dass Kausalgesetze welche abgeleitet und aus einfacheren Gesetzen
zusammengesetzt sind wie die Natur des Falles andeutet nicht allein weniger
allgemein sondern auch weniger gewiss sind als die einfacheren Gesetze aus
denen sie hervorgehen dass man sich nicht so positiv darauf verlassen kann
dass sie universell wahr sind Der geringe Grad von Evidenz der dieser Klasse
von Gesetzen zukommt ist indessen kaum mit dem bei weitem geringeren zu
vergleichen der Gleichförmigkeit inwohnt von denen wir überhaupt nicht
wissen ob sie Kausalgesetze sind So lange dieselben nicht zerlegt sind können
wir nicht sagen von wie vielen Kollokationen sowohl als Gesetzen ihre Wahrheit
abhängig sein mag wir können sie daher nicht mit vollkommenem Vertrauen auf
Fälle ausdehnen in denen wir uns nicht durch den Versuch versichert haben dass
die nötige Kollokation von Ursachen welche sie auch sein mag existiert Dieser
Klasse von Gesetzen allein kommt die Eigenschaft welche die Philosophen
gewöhnlich als charakteristisch für empirische Gesetze ansehen in ihrer ganzen
Strenge zu die Eigenschaft nämlich untauglich zu sein um außerhalb der
Grenzen von Zeit Ort und Umständen unter denen die Beobachtungen gemacht
worden sind eine Verlässlichkeit darzubieten Dies sind in einem strengeren
Sinne empirische Gesetze und wenn ich diesen Ausdruck gebrauche ausgenommen wo
der Text augenfällig das Gegenteil anzeigt so will ich damit allgemein nur
jene Gleichförmigkeit entweder der Folge oder der Koexistenz bezeichnen von
denen wir nicht wissen ob sie Kausalgesetze sind
1 Indem wir also nur diejenigen Gleichförmigkeit als empirische
Gesetze betrachten in Beziehung auf welche die Frage ob sie Kausalgesetze
sind so lange unentschieden bleiben muss bis sie deduktiv erklärt werden
können oder bis sich irgend ein Weg gefunden hat um die Differenzmethode auf
sie anwenden zu können haben wir in dem vorhergehenden Kapitel nachgewiesen
dass so lange man eine Gleichförmigkeit nicht auf die eine oder die andere Weise
aus der Klasse der empirischen Gesetze entfernen und sie den Kausalgesetzen oder
den erwiesenen Resultaten von Kausalgesetzen anreihen kann sie nicht mit
Sicherheit außerhalb der lokalen und anderen Grenzen in denen sie die
Erfahrung bewährt befunden hat als wahr angesehen werden können Es bleibt uns
nun noch zu betrachten wie wir uns von ihrer Wahrheit sogar innerhalb dieser
Grenzen zu überzeugen haben wie groß die Erfahrung sein muss damit eine
Generalisation die allein auf der Methode der Übereinstimmung beruht auch als
ein empirisches Gesetz als hinreichend begründet angesehen werden darf In einem
früheren Kapitel in welchem wir von den Methoden der direkten Induktion
handelten haben wir uns diese Frage ausdrücklich vorbehalten127 und es ist nun
hier der Ort dass wir suchen sie zu lösen
Wir haben gefunden dass die Methode der Übereinstimmung den Fehler hat
keine Kausalität zu beweisen und dass sie daher nur zur Bestimmung empirischer
Gesetze gebraucht werden kann Wir fanden überdies dass sie außer dieser
Mangelhaftigkeit an einer charakteristischen Unvollkommenheit leidet die sogar
diejenigen Schlüsse ungewiss zu machen strebt welche die Methode an und für
sich geeignet wäre zu beweisen Diese Unvollkommenheit entspringt aus der
Vielfachheit der Ursachen Obgleich es möglich ist dass zwei oder mehr Fälle
in denen das Phänomen a stattgefunden hat kein anderes gemeinschaftliches
Antezedens haben als A so beweist dies noch nicht dass zwischen a und A irgend
ein Zusammenhang besteht indem a viele Ursachen haben und in diesen
verschiedenen Fällen nicht durch etwas was diesen Fällen gemeinschaftlich war
sondern durch einige ihrer sich von einander unterscheidenden Elemente
hervorgebracht sein kann Nichtsdestoweniger bemerkten wir dass sich im
Verhältnis zur Vervielfältigung der Fälle die auf A als das Antezedens deuten
die charakteristische Unsicherheit der Methode verringert und die Existenz eines
Gesetzes des Zusammenhangs zwischen a und A sich der Gewissheit immer mehr
nähert Es ist nun zu bestimmen nach welcher Größe der Erfahrung diese
Gewissheit als praktisch erreicht und der Zusammenhang zwischen a und A als ein
empirisches Gesetz angenommen werden kann
Diese Frage kann einfach in folgender Weise ausgedrückt werden Nach wie
viel und nach welcher Art von Fällen kann geschlossen werden dass ein
beobachtetes Zusammentreffen eine Coincidenz zweier Naturerscheinungen nicht
die Wirkung des Zufalls ist
Es ist für das Verständnis der induktiven Logik von der größten
Wichtigkeit dass man sich eine deutliche Vorstellung von dem mache was unter
Zufall verstanden wird und wie die Erscheinungen welche die gewöhnliche
Sprache dieser Abstraktion zuschreibt in Wirklichkeit hervorgebracht werden
2 Man spricht gewöhnlich vom Zufall als vom Gegensatz zu einem Gesetz
Alles so nimmt man an was man nicht irgend einem Gesetze zuschreiben kann
wird dem Zufall zugeschrieben Es ist indessen gewiss dass Alles was sich in
der Welt ereignet das Resultat eines Gesetzes eine Wirkung von Ursachen ist
die aus einer Kenntnis der Existenz dieser Ursachen und ihrer Gesetze hätte
vorausgesagt werden können Wenn ich eine besondere Karte umschlage so ist dies
eine Folge des Platzes den sie in dem Spiel Karten einnahm Ihr Platz in dem
Spiele war eine Folge der Art in welcher die Karten gemischt oder in dem
letzten Spiele gespielt wurden was wiederum die Wirkung früherer Ursachen ist
Wenn wir bei einem jeden Stadium eine genaue Kenntnis der existierenden Ursachen
gehabt hätten so wäre es möglich gewesen die Wirkung vorauszusagen
Ein zufälliges Ereignis kann erklärt werden als ein Zusammentreffen aus
dem wir keinen Grund haben eine Gleichförmigkeit zu folgern als das Eintreffen
eines Phänomens unter gewissen Umständen ohne dass wir deswegen einen Grund zu
folgern haben es werde unter diesen Umständen wiederkehren Bei näherer
Betrachtung schließt dies indessen eine unvollständige Aufzählung der Umstände
ein Welches auch die Tatsache sei wenn sie einmal stattgefunden hat so
können wir überzeugt sein dass wenn sich alle Umstände wiederholten sie
ebenfalls wiederholt stattfinden würde und nicht bloß wenn alle Umstände sich
wiederholten sondern auch wenn ein besonderer Teil von ihnen wovon das
Phänomen eine unveränderliche Folge ist sich wiederholen würde Mit den meisten
derselben ist es indessen nicht in einer dauernden Weise verbunden seine
Verbindung mit denselben wird eine Wirkung des Zufalls eine nur zufällige
genannt Zufällig verbundene Tatsachen sind einzeln die Wirkungen von Ursachen
und daher von Gesetzen aber von verschiedenen Ursachen und von Ursachen die
durch kein Gesetz mit einander verbunden sind
Es ist also unrichtig zu sagen ein Phänomen werde durch den Zufall
hervorgebracht dagegen können wir sagen dass zwei oder mehr Phänomene durch
Zufall verbunden sind dass sie nur zufällig koexistieren und aufeinanderfolgen
indem hiermit gemeint ist dass sie in keiner Weise eine kausale Beziehung zu
einander haben dass sie weder Ursache und Wirkung noch Wirkungen derselben
Ursache oder von Ursachen zwischen denen irgend ein Gesetz der Koexistenz
besteht noch sogar Wirkungen von derselben ursprünglichen Kollokation von
urersten Ursachen sind
Wenn dasselbe zufällige Zusammentreffen sich nie zum zweitenmale ereignen
würde so hätten wir damit eine leichte Probe um es von einem jeden
Zusammentreffen das ein Resultat von Gesetzen ist zu unterscheiden So lange
die Phänomene nur ein einziges Mal zusammen angetroffen worden sind so lange
könnten wir nicht unterscheiden ob das Zusammentreffen ein zufälliges ist wir
müssten denn ein allgemeineres Gesetz kennen aus dem es hervorgegangen sein
könnte wenn sie aber zweimal zusammen vorkämen so wüssten wir dass die so
verbundenen Phänomene auf irgend eine Weise durch ihre Ursachen zusammenhängen
müssen
Es gibt indessen keine derartige Probe Ein Zusammentreffen kann immer und
immer wieder eintreffen und doch nur zufällig sein Ja es wäre sogar
unverträglich mit dem was wir von der Ordnung der Natur wissen zu zweifeln
dass ein jedes zufällige Zusammentreffen sich früher oder später wiederholen
wird so lange die Naturerscheinungen zwischen denen es stattfand nicht
aufhören zu existieren oder erzeugt zu werden Die mehr als einmal wiederholte
Wiederkehr desselben Zusammentreffens ja sogar seine häufige Wiederkehr beweist
daher nicht dass es ein Fall von einem Gesetze ist sie beweist nicht dass es
nicht in gewöhnlicher Sprache die Wirkung des Zufalls ist
Und dennoch ist wenn ein Zusammentreffen weder von bekannten Gesetzen
abgeleitet noch durch das Experiment als selbst ein Fall von Verursachung
erwiesen werden kann die Häufigkeit seines Vorkommens der einzige Beweis
woraus wir folgern können dass es das Resultat eines Gesetzes ist nicht
indessen die absolute Häufigkeit seines Vorkommens Die Frage ist nicht ob in
dem gewöhnlichen Sinne dieser Worte das Zusammentreffen selten oder oft
vorkommt sondern ob es öfter vorkommt als der Zufall erklären öfter als man
vernünftigerweise erwarten kann wenn das Zusammentreffen nur zufällig wäre Wir
haben daher zu entscheiden welchen Grad von Häufigkeit des Zusammentreffens der
Zufall erklären wird Hierauf gibt es nun keine allgemeine Antwort Wir können
nur die Prinzipien angeben nach denen die Antwort gegeben werden muss die
Antwort selbst wird in jedem verschiedenen Falle eine verschiedene sein
Wir wollen annehmen das eine Phänomen A existiere immer und das andere B
nur gelegentlich so folgt dass ein jeder Fall von B ein Fall von
Zusammentreffen mit A sein wird und dennoch ist das Zusammentreffen nur
zufällig nicht das Resultat eines Zusammenhangs zwischen ihnen Von dem Anfange
der menschlichen Erfahrung an haben die Fixsterne beständig existiert und alle
Naturerscheinungen welche unserer Beobachtung erreichbar waren haben in einem
jeden einzelnen Falle mit ihnen koexistiert und obgleich dies Zusammentreffen
eben so unveränderlich ist als das welches zwischen irgend einem dieser
Phänomene und seiner eigenen Ursache existiert so beweist dies doch nicht dass
die Sterne seine Ursache sind oder dass sie in irgend einer Art damit in
Zusammenhang stehen Ein so strenger Fall eines Zusammentreffens als
möglicherweise existieren kann und in Beziehung auf bloße Häufigkeit strenger
als die meisten Koincidenzen welche Gesetze beweisen beweist also hier nicht
das Vorhandensein eines Gesetzes und warum Weil seit die Sterne existieren sie
mit jedem andern Phänomen koexistieren müssen ob sie in einem Kausalzusammenhang
damit stehen oder nicht So groß die Gleichförmigkeit sein mag so ist sie doch
nicht grösser als sie bei der Voraussetzung kein derartiger Zusammenhang
existiere sein würde
Nehmen wir ferner an wir wollten untersuchen ob zwischen dem Regen und
einem besonderen Wind ein Zusammenhang existiert Wir wissen dass der Regen
gelegentlich bei einem jeden Winde vorkommt der Zusammenhang wenn er existiert
kann daher kein wirkliches Gesetz sein aber der Regen kann dennoch mit einem
besonderen Winde in einem Kausalzusammenhange stehen dh obgleich Wind und
Regen nicht immer Wirkungen derselben Ursache sein dürften denn in diesem Falle
würden sie immer koexistieren so kann es doch einige beiden gemeinschaftliche
Ursachen geben so dass insofern der eine und der andere durch diese
gemeinschaftlichen Ursachen hervorgebracht wird sie zufolge der Gesetze der
Ursachen koexistieren werden Wie werden wir dies nun bestimmen Es ist
einleuchtend dass die Antwort sein wird indem wir beobachten ob Regen mit dem
einen Winde öfter vorkommt als mit dem andern Dies ist indessen nicht genug
denn dieser Wind weht vielleicht häufiger als der andere so dass sein
häufigeres Wehen bei Regenwetter nicht mehr ist als auch geschehen würde wenn
es keinen Kausalzusammenhang mit dem Regen hätte vorausgesetzt dass es mit
keinen dem Regen entgegenwirkenden Ursachen verknüpft sei In England wehen die
Westwinde das Jahr hindurch beinahe das Doppelte der Zeit der Ostwinde Wenn es
also zweimal mehr mit dem Westwinde als mit dem Ostwinde regnet so haben wir
keinen Grund zu schließen dass irgend ein Naturgesetz bei dem Zusammentreffen
im Spiel ist Wenn es aber mehr als zweimal so viel mit dem Westwinde regnet so
können wir überzeugt sein dass ein Naturgesetz im Spiel ist entweder ist in
der Natur eine Ursache welche strebt beides Regen und Westwind
hervorzubringen oder der Westwind hat selbst das Bestreben Regen
hervorzubringen Wenn es aber weniger als zweimal regnet so können wir einen
ganz entgegengesetzten Schluss machen anstatt eine Ursache oder mit den
Ursachen des andern verknüpft zu sein muss der eine mit Ursachen im
Zusammenhang stehen die dem andern entgegenwirken oder mit der Abwesenheit
einer Ursache welche ihn hervorbringt und obgleich es mit dem Westwind noch
viel öfter als mit dem Ostwind regnen mag so wäre das so weit entfernt einen
Zusammenhang zwischen diesen Naturerscheinungen zu beweisen dass sich sogar ein
Zusammenhang zwischen Regen und Ostwind mit dem Winde also ergeben würde mit
dem derselbe in Betreff der bloßen Häufigkeit des Zusammentreffens weniger
verbunden ist
Wir haben also hier zwei Beispiele in dem einen beweist die möglichst
große Häufigkeit des Zusammentreffens ohne einen Fall vom Gegenteil doch kein
Gesetz während in dem andern ein viel weniger häufiges Zusammentreffen sogar
wenn das Nichtzusammentreffen häufiger ist das Vorhandensein eines Gesetzes
beweist In beiden Fällen ist das Prinzip dasselbe In beiden betrachten wir die
positive Häufigkeit der Phänomene selbst und eine wie große Häufigkeit des
Zusammentreffens dieselbe für sich zu Stande bringen muss ohne dass man einen
Zusammenhang zwischen ihnen annimmt aber auch ohne dass entgegenstrebende
Eigenschaften unter ihnen vorhanden oder dass sie mit Ursachen verknüpft seien
die ihre Wirkungen gegenseitig aufheben könnten Wenn wir eine größere
Häufigkeit des Zusammentreffens finden als diese so schließen wir dass ein
Zusammenhang bei einer geringeren Häufigkeit dass ein Widerstreben zwischen
den Erscheinungen vorhanden ist In dem ersten Falle schließen wir dass das
eine Phänomen das andere unter Umständen verursachen kann oder dass etwas
existiert was sie beide verursacht in dem letzten dass das eine von ihnen oder
eine Ursache welche das eine von ihnen hervorbringt fähig isst die Erzeugung
des andern zu verhindern Wir haben auf diese Weise von der beobachteten
Häufigkeit des Zusammentreffens so viel als die Wirkung des Zufalls sein kann
abzuziehen dh von der bloßen Häufigkeit der Phänomene selbst und wenn etwas
übrig bleibt so ist dieses Übrigbleibende die rückständige Tatsache welche
die Existenz eines Gesetzes beweist
Die Häufigkeit der Naturerscheinungen kann nur innerhalb bestimmter Grenzen
des Raums und der Zeit bestimmt werden indem sie von der Quantität und
Verteilung der urersten natürlichen Agentien abhängt von denen wir außerhalb
der Grenzen menschlicher Beobachtung nichts wissen können da kein Gesetz keine
Regelmäßigkeit darin nachgewiesen werden kann wodurch wir in den Stand gesetzt
werden könnten das unbekannte aus dem Bekannten zu folgern Für den
gegenwärtigen Zweck ist dies aber kein Nachtheil da die Frage innerhalb
derselben Grenzen eingeschlossen ist wie die Data Die Koincidenzen kamen an
gewissen Orten und zu gewissen Zeiten vor und innerhalb derselben können wir
berechnen in welcher Häufigkeit solche Koincidenzen durch den Zufall
hervorgebracht werden würden Wenn wir also durch die Beobachtung finden dass A
in einem von je zwei und B in einem von je drei Fällen existiert und wenn
alsdann weder ein Zusammenhang noch ein Widerstreben zwischen ihnen oder einigen
ihrer Ursachen existiert so werden in dem einen von je sechs Fällen A und B
zugleich existieren werden koexistieren Es existiert nämlich A in drei Fällen
unter sechs und da B in einem von je drei ohne Rücksicht auf die An oder
Abwesenheit von A existiert so wird es in einem dieser drei Fälle existieren
Unter der ganzen Anzahl von Fällen werden daher zwei sein in welchen A ohne B
existiert ein Fall von B ohne A zwei in welchen weder A noch B existiert und
ein Fall von sechs in dem beide existieren Wenn man daher in Wirklichkeit
findet dass sie öfter als in einem von je sechs Fällen koexistieren und dass
folglich A ohne B nicht zweimal unter drei und B ohne A nicht einmal unter zwei
Fällen existiert so ist eine Ursache vorhanden welche eine Verbindung von A und
B hervorzubringen strebt
Indem wir das Resultat generalisieren können wir sagen dass wenn A in einer
größeren Anzahl von den Fällen worin B ist als von den Fällen wo B nicht ist
vorkommt so wird dann B ebenfalls in einer größeren Anzahl von den Fällen wo A
ist als von den Fällen wo A nicht ist vorkommen und es wird zwischen A und B
ein Kausalzusammenhang bestehen Wenn wir zu den Ursachen der beiden Phänomene
gelangen könnten so würden wir bei irgend einem näheren oder entfernteren
Stadium eine oder mehrere Ursachen finden die beiden gemein sind und wenn wir
diese bestimmen könnten so könnten wir eine Generalisation ausführen die ohne
Beschränkung von Ort und Zeit wahr wäre aber so lange wir dies nicht können
bleibt die Tatsache einer Verbindung zwischen den zwei Naturerscheinungen ein
empirisches Gesetz
3 Nachdem wir betrachtet haben in welcher Weise es entschieden werden
kann ob eine gegebene Verbindung von Naturerscheinungen eine zufällige oder ob
sie das Resultat eines Gesetzes ist ist es der Vervollständigung der Theorie
wegen notwendig dass wir nun diejenigen Wirkungen betrachten welche zum Teil
das Resultat des Zufalls und zum Teil das Resultat von Gesetzen sind oder mit
anderen Worten in welchen die Wirkungen einer zufälligen Verbindung von
Ursachen gewöhnlich mit den Wirkungen einer konstanten Ursache zu einem
Resultate vermischt sind
Es ist dies ein Fall von Zusammensetzung der Ursachen mit der
Eigentümlichkeit dass anstatt zwei oder mehrerer Ursachen welche ihre
Wirkungen in einer regelmäßigen Weise mit einander vermischen wir nun eine
konstante Ursache haben welche eine Wirkung hervorbringt die sukzessive durch
eine Reihe von veränderlichen Ursachen modifiziert wird So strebt bei der
Ankunft des Sommers die einer vertikalen Stellung sich nähernde Sonne eine
beständige Zunahme der Temperatur hervorzubringen aber mit dieser Wirkung einer
konstanten Ursache sind die Wirkungen vieler veränderlichen Ursachen sind die
Wirkungen von Winden Wolken Verdunstung elektrischen Agentien u dgl
vermischt so dass die gegebene Temperatur eines Tages zum Teil von diesen
vorübergehenden Ursachen und nur zum Teil von der beständigen Ursache abhängt
Wenn die Wirkung der beständigen Ursache immer von den Wirkungen der
veränderlichen Ursachen begleitet und verdeckt ist so ist es unmöglich das
Gesetz der beständigen Ursache auf die gewöhnliche Weise di indem man sie von
allen anderen Ursachen trennt und für sich beobachtet zu bestimmen und hieraus
entsteht die Notwendigkeit einer neuen Regel der experimentellen Forschung
Wenn die Wirkung der Ursache A verhindert werden kann und zwar nicht
regelmäßig von derselben Ursache oder von denselben Ursachen sondern von
verschiedenen Ursachen zu verschiedenen Zeiten und wenn diese so häufig oder so
unbestimmt sind dass wir sie unmöglich alle von einem Experiment ausschließen
wenn wir sie auch verändern können so nehmen wir unsere Zuflucht dazu dass wir
zu bestimmen suchen was die Wirkung der veränderlichen Ursachen
zusammengenommen ist Zu diesem Ende machen wir so viel Versuche als möglich
indem wir A unverändert erhalten Das Resultat dieser verschiedenen Versuche
wird natürlich verschieden sein da die unbestimmten modifizierenden Ursachen in
einem jeden Versuch verschieden sind wenn wir alsdann finden dass die
Resultate nicht progressiv sind sondern im Gegenteil um einen gewissen Punkt
schwanken indem ein Versuch ein etwas größeres ein anderer ein etwas
kleineres Resultat gibt ein Resultat etwas mehr in die eine Richtung ein
anderes in die entgegengesetzte Richtung fällt während der Durchschnitt oder
mittlere Punkt nicht variiert sondern verschiedene Reihen von hinreichend
zahlreichen Versuchen unter einer so großen Mannigfaltigkeit von Umständen
gemacht als möglich immer dasselbe Mittel geben so ist dieses Mittel oder
Durchschnittsresultat derjenige Antheil welcher in einem jeden Versuch der
Ursache A zukommt und die Wirkung welche erhalten worden wäre wenn A hätte
allein wirken können der veränderliche Rest ist die Wirkung des Zufalls dh
von Ursachen deren Koexistenz mit der Ursache A nur zufällig war Die Probe der
Zulänglichkeit der Induktion besteht in diesem Falle darin dass irgend eine
Zunahme der Anzahl von Versuchen aus denen der Durchschnitt gewonnen wurde den
letzteren nicht wesentlich ändert
Diese Art von Elimination wobei wir nicht irgend eine bestimmbare Ursache
sondern die Menge von schwebenden nicht bestimmbaren Ursachen eliminieren kann
die Elimination des Zufalls genannt werden Ein Beispiel hiervon ist wenn wir
ein Experiment wiederholen und das Mittel von verschiedenen Resultaten nehmen
um die Wirkungen der in einem jeden einzelnen Versuche unvermeidlichen Irrtümer
los zu werden Wenn keine fortdauernde Ursache vorhanden ist die eine Neigung
zum Irrtum besonders in einer Richtung hervorbringen würde so lehrt uns die
Erfahrung dass wir sicher gehen wenn wir annehmen dass die Irrtümer von der
einen Seite in einer gewissen Anzahl von Versuchen die Irrtümer der andern
Seite ungefähr aufheben werden Wir müssen daher den Versuch so lange
wiederholen bis eine jede Veränderung die bei weiterer Wiederholung in dem
Durchschnitt des Ganzen hervorgebracht wird innerhalb derjenigen Grenzen des
Irrtums fällt die sich mit dem Grade von Genauigkeit wie er zu dem
beabsichtigten Zwecke erforderlich ist vertragen128
4 Nach unserer bisherigen Voraussetzung machte die Wirkung der
beständigen Ursache A einen so großen und augenfälligen Antheil des allgemeinen
Resultates aus dass ihre Existenz niemals ein Gegenstand des Zweifels sein
konnte und das Eliminationsverfahren bestand nur in der Bestimmung wie viel
dieser Ursache zuzuschreiben was ihr genaues Gesetz sei Es kommen indessen
Fälle vor in welchen die Wirkung der beständigen Ursache im Vergleich mit der
Wirkung einer der veränderlichen Ursachen womit sie zufällig verbunden sein
kann so gering ist dass sie der Aufmerksamkeit entgeht und man die Existenz
irgend einer Wirkung einer konstanten Ursache durch das Verfahren erfährt
welches im allgemeinen nur dazu dient die Quantität dieser Wirkung zu
bestimmen Dieser Fall von Induktion kann in folgender Weise charakterisiert
werden Man weiß dass eine gegebene Wirkung hauptsächlich aber man weiß
nicht dass sie gänzlich von veränderlichen Ursachen hervorgebracht wird Wenn
sie gänzlich von solchen Ursachen hervorgebracht wird so werden wenn man ein
Aggregat von einer hinreichenden Anzahl von Fällen hat die Wirkungen dieser
verschiedenen Ursachen einander aufheben Wenn wir daher finden dass dies nicht
der Fall ist sondern wenn wir nachdem wir eine so große Anzahl von Versuchen
gemacht haben dass eine weitere Anzahl das Durchschnittsresultat nicht
verändert im Gegenteil finden dass dieses Durchschnittsresultat nicht Null
sondern eine andere Größe ist um welche obgleich sie im Vergleich mit der
Totalwirkung gering ist die Wirkung nichtsdestoweniger oszilliert und welche
der Mittelpunkt ihrer Oszillation ist so können wir schließen dass dies die
Wirkung einer beständigen Ursache ist die wir durch eine der abgehandelten
Methoden zu entdecken hoffen dürfen Mann kann dies die Entdeckung eines
rückständigen Phänomens durch Elimination der Wirkung des Zufalls nennen
Auf diese Weise können zB die falschen Würfel entdeckt werden Es sind
natürlich keine falschen Würfel so plump auf der einen Seite schwerer gemacht
dass man immer dieselben Zahlen damit werfen muss ein solcher Betrug würde
augenblicklich entdeckt werden Die Beschwerung eine beständige Ursache
vermischt sich mit den veränderlichen Ursachen welche entscheiden welcher Wurf
in einem jeden einzelnen Falle getan werden wird Wenn die Würfel nicht
beschwert wären und der Wurf gänzlich von den veränderlichen Ursachen abhinge
so würden sich diese in einer hinreichenden Anzahl von Fällen einander das
Gleichgewicht halten und es würde keine Zahl von Würfen irgend einer Art
vorherrschen Wenn wir daher nach einer so großen Anzahl von Versuchen dass
eine weitere Zunahme der Zahl derselben keine wesentliche Wirkung auf den
Durchschnitt hat ein Übergewicht zu Gunsten eines besonderen Wurfes finden so
können wir mit Sicherheit schließen dass eine beständige Ursache zu Gunsten
dieses Wurfes tätig ist oder mit anderen Worten dass die Würfel falsch sind
und welches die Größe des Betrugs ist Auf eine ähnliche Weise wurde das was
man die täglichen Schwankungen des Barometers nennt Veränderungen im
Barometerstand die sich im Vergleich mit den Schwankungen welche eine Folge
der unregelmäßigen Veränderungen in dem Zustande der Atmosphäre sind als sehr
klein herausstellen dadurch entdeckt dass man die durchschnittliche
Barometerhöhe von verschiedenen Tagesstunden mit einander verglich Es fand sich
bei dieser Vergleichung eine kleine Differenz welche im Durchschnitt konstant
blieb wie sehr auch die absoluten Größen variieren mochten und die daher die
Wirkung einer beständigen Ursache sein muss Man fand hernach diese Ursache
deduktiv in der Luftverdünnung welche durch die Zunahme der Temperatur während
des Tages hervorgebracht wird
5 Nach diesen allgemeinen Betrachtungen über die Natur des Zufalls sind
wir nun im Stande zu untersuchen in welcher Weise wir zu einer Gewissheit
gelangen können ob eine Verbindung von zwei Naturerscheinungen die in einer
gewissen Anzahl von Fällen beobachtet worden ist keine zufällige sondern das
Resultat einer Ursache und daher als eine der Gleichförmigkeit in der Natur
obgleich so lange sie nicht a priori erklärt nur als ein empirisches Gesetz
anzunehmen ist
Wir wollen den stärksten Fall nämlich denjenigen annehmen dass das
Phänomen B niemals anders als nur in Verbindung mit A beobachtet worden sei
Sogar dann ist die Wahrscheinlichkeit dass sie im Zusammenhang stehen nicht
durch die ganze Anzahl von Fällen in denen sie zusammen beobachtet wurden
sondern durch den Überschuss dieser Zahl über die der absoluten Häufigkeit von
A zugehörige Zahl gemessen Wenn zB A immer existiert und daher mit Allem
koexistiert so würde keine Anzahl von Fällen seiner Koexistenz mit B einen
Zusammenhang beweisen wie in unserm Beispiel von den Fixsternen Wenn A eine
Tatsache von so gewöhnlichem Vorkommen ist dass man sie in der Hälfte aller
Fälle welche vorkommen als gegenwärtig vermuten kann und daher auch in der
Hälfte der Fälle in denen B vorkommt so darf nur der proportionale Überschuss
über ein halb als ein Beweis eines Zusammenhangs zwischen A und B angesehen
werden
Zu der Frage Von welcher Anzahl von Koincidenzen darf man bei einem
Durchschnitt aus einer großen Anzahl von Versuchen erwarten dass sie nur durch
Zufall entstanden sei entsteht noch die Frage Wie groß darf die Abweichung
von dem Durchschnitt sein um bei einer kleineren Anzahl von Fällen als für
einen reinen Durchschnitt erforderlich ist die Coincidenz als vom Zufall allein
herrührend zu betrachten Man muss nicht allein betrachten was das allgemeine
Resultat des Zufalls auf die Länge hin ist sondern auch welches die äußersten
Grenzen der Abweichung von diesem allgemeinen Resultate sind die man
gelegentlich als das Resultat von irgend einer geringeren Anzahl von Fällen
erwarten darf
Die Betrachtung der letzteren Frage und eine jede Betrachtung über
diejenige hinaus welche wir ihr bereits gewidmet haben gehört dem an was die
Mathematiker die Lehre vom Zufall oder in einer anspruchsvolleren Phrase die
Wahrscheinlichkeitstheorie nennen
1 »Wahrscheinlichkeit« sagt Laplace129 »bezieht sich teils auf unsere
Unwissenheit teils auf unser Wissen Wir wissen dass unter drei oder mehr
Ereignissen eines und nur eines stattfinden muss aber nichts veranlasst uns zu
glauben dass das eine eher als die anderen stattfinden wird In diesem Zustande
von Unentschiedenheit ist es uns unmöglich über ihr Eintreffen einen sichern
Ausspruch zu tun Es ist indessen wahrscheinlich dass bei beliebiger Wahl ein
jedes von diesen Ereignissen nicht stattfinden wird da wir mehrere Fälle als
gleich möglich wahrnehmen welche sein Eintreffen ausschließen und nur einen
der es begünstigt«
»Die Wahrscheinlichkeitslehre besteht in der Zurückführung aller Ereignisse
von derselben Art auf eine bestimmte Anzahl gleich möglicher Fälle in der Weise
dass wir in Beziehung auf deren Existenz gleich unentschieden sind und in der
Bestimmung der Anzahl derjenigen Fälle welche dem Ereignis dessen
Wahrscheinlichkeit gesucht wird günstig sind Das Verhältnis dieser Zahl zu
der Anzahl aller möglichen Fälle ist das Maß der Wahrscheinlichkeit sie ist
also ein Bruch dessen Zähler aus der Anzahl der dem Ereignis günstigen Fälle
und dessen Nenner aus der Anzahl aller möglichen Fälle besteht«
Für eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit sind also nach Laplace zwei Dinge
erforderlich wir müssen wissen dass von verschiedenen Ereignissen eines und
nicht mehr als eines gewiss eintreffen wird und wir dürfen nicht wissen oder
keinen Grund haben zu erwarten dass das eine eher eintreffen wird als das
andere Es ist behauptet worden dies seien nicht die alleinigen Erfordernisse
und Laplace habe in seiner allgemeinen theoretischen Darlegung einen
notwendigen Teil der Grundlage der Wahrscheinlichkeitslehre übersehen Um zwei
Ereignisse gleich wahrscheinlich nennen zu können ist es nicht genug dass wir
wissen dass das eine oder das andere eintreffen muss und dass wir keinen Grund
haben zu vermuten welches die Erfahrung muss auch gezeigt haben dass die
zwei Ereignisse gleich häufig eintreffen Warum glauben wir wenn wir einen
Groschen in die Höhe werfen es werde mit gleicher Wahrscheinlichkeit Kopf oder
Wappen fallen Weil die Erfahrung gezeigt hat dass in einer großen Anzahl von
Würfen Kopf und Wappen gleich oft fallen und dass je mehr es Würfe sind desto
vollkommener die Gleichheit ist Wir können dies nach unserm Belieben durch das
direkte Experiment erkennen oder durch die tägliche Erfahrung welche das Leben
in Beziehung auf Ereignisse von demselben allgemeinen Charakter darbietet oder
auch deduktiv aus der Wirkung mechanischer Gesetze auf symmetrische Körper auf
welche Kräfte wirken die in Quantität und Richtung unbestimmt variieren Kurz
wir können es entweder durch spezifische Erfahrung oder durch das Zeugnis
unserer allgemeinen Kenntnis von der Natur wissen Aber auf die eine oder die
andere Weise müssen wir es wissen wenn wir uns darüber rechtfertigen wollen
dass wir die beiden Ereignisse gleich wahrscheinlich nennen und wenn wir es
nicht wüssten so würden wir gerade so gut dem Zufall nach verfahren wenn wir
gleiche als wenn wir ungleiche Summen auf das Resultat wetteten
Diese Ansicht von dem Gegenstand wurde in der ersten Auflage dieses Werks
aufgestellt ich habe mich aber seitdem überzeugt dass die
Wahrscheinlichkeitslehre wie sie von Laplace und im allgemeinen von den
Mathematikern aufgestellt worden ist nicht an dem fundamentalen Irrtum leidet
den ich ihr zugeschrieben habe
Wir müssen uns erinnern dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses nicht
eine Eigenschaft des Ereignisses selbst sondern ein bloßer Name für die Stärke
des Grundes ist wonach wir oder andere dasselbe erwarten Die
Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses ist für den einen etwas ganz anderes als
für den andern oder auch für ein und denselben nachdem er mehr Aufklärung
darüber erlangt hat Die Wahrscheinlichkeit dass ein Individuum von dem ich
nichts weiß als den Namen dieses Jahr sterben wird wird für mich eine ganz
andere wenn man mir in der nächsten Minute sagt dass es in dem letzten Stadium
der Schwindsucht steht Aber dies ändert weder das Ereignis noch eine der
Ursachen von denen es abhängig ist Ein jedes Ereignis ist an und für sich
gewiss nicht wahrscheinlich wenn wir alles wüssten so würden wir entweder
positiv wissen dass es eintreffen wird oder dass es nicht eintreffen wird
aber seine Wahrscheinlichkeit bedeutet für uns den Grad von Erwartung seines
Eintreffens den wir unserem gegenwärtigen Wissen nach hegen dürfen
Wenn wir uns hieran erinnern so glaube ich müssen wir zugestehen dass
auch dann wenn wir um unsere Erwartungen darnach zu richten keine Kenntnis
haben als die Kenntnis dass das was stattfindet eine von einer gewissen
Anzahl von Möglichkeiten sein muss wir immer noch vernünftigerweise urteilen
dürfen dass eine Annahme für uns wahrscheinlicher ist als die andere und
dass wenn es sich um unser Interesse handelt wir es am besten wahren werden
wenn wir in Übereinstimmung mit diesem Urteil handeln
2 Nehmen wir an wir sollten eine Kugel aus einer Urne ziehen von der
wir wissen dass sie nur schwarze und weiße Kugeln enthält Wir wissen die
gewählte Kugel wird entweder eine schwarze oder eine weiße sein aber wir haben
keinen Grund eine schwarze eher als eine weiße zu erwarten oder umgekehrt
Wenn wir in diesem Fall auf unsere Wahl eine Wette machen müssen so wird es
als eine Frage der Klugheit betrachtet vollkommen gleichgültig sein auf welche
Annahme wir wetten und wir werden gerade so handeln als ob wir vorher gewusst
hätten dass die Urne eine gleiche Anzahl von schwarzen und weißen Kugeln
enthält Aber obgleich unsere Handlungsweise dieselbe sein würde so wäre sie
doch nicht auf eine Vermutung gegründet dass die Kugeln in solcher Weise
gleich verteilt sind denn wir könnten im Gegenteil aus authentischer Quelle
wissen dass die Urne neunundneunzig Kugeln von der einen und nur eine einzige
Kugel von der anderen Farbe enthält immer aber wird das Ziehen einer schwarzen
oder einer weißen Kugel für uns gleich wahrscheinlich sein wenn man uns nicht
sagt von welcher Farbe die eine Kugel und von welcher Farbe die neunundneunzig
Kugeln sind wir werden keinen Grund haben auf das eine Ereignis eher zu
wetten als auf das andere die Wahl zwischen beiden ist gleichgültig ist mit
anderen Worten eine gleiche Wahrscheinlichkeit
Nehmen wir nun aber an anstatt zwei wären es drei Farben weiß schwarz
und rot und nehmen wir ferner an wir wären in Betreff des Verhältnisses in
dem sie gemengt sind ganz unwissend Wir würden alsdann keinen Grund haben die
eine eher zu erwarten als die andere und wenn wir wetten müssten so würden
wir uns gleichgültig verhalten und keiner von den drei Farben einen Vorzug
geben Aber würden wir auch ebenso gleichgültig für oder gegen die eine Farbe
zB weiß wetten Gewiss nicht denn gerade der Tatsache wegen dass schwarz
und rot einzeln für uns gleich wahrscheinlich sind wie weiß müssen sie
zusammen doppelt so wahrscheinlich sein Wir würden in diesem Falle nicht
weiß eher erwarten als weiß und zwar soviel eher dass wir zwei gegen eins
dafür wetten dürfen Es ist wahr es könnte auch sein dass mehr weiße Kugeln
als schwarze und rote zusammengenommen vorhanden wären und in diesem Falle
würde sich unsere Wette als unvorteilhaft herausstellen aber es könnten auch
mehr rote Kugeln als schwarze und weiße oder mehr schwarze als rote und
weiße vorhanden sein und in diesem Falle würde sich unsere Wette bei weiterer
Einsicht in die Sache als vorteilhafter herausstellen als wir dachten Bei dem
vorhandenen Zustand unseres Wissens ist eine rationelle Wahrscheinlichkeit von
zwei zu eins gegen weiß eine Wahrscheinlichkeit die unserer Handlungsweise zu
Grunde gelegt werden kann Kein Vernünftiger würde zu Gunsten von weiß gegen
schwarz und rot eine gleiche Wette eingehen obgleich er dies gegen schwarz
allein oder rot allein tun dürfte
Es erscheint daher die gewöhnliche Wahrscheinlichkeitsrechnung als haltbar
Sogar wenn wir nichts wissen als die Zahl der möglichen und sich gegenseitig
ausschließenden Ereignisse und in Beziehung auf ihre relative Häufigkeit ganz
unwissend sind können wir Gründe haben und zwar numerisch schätzbare Gründe
um auf die eine Annahme hin eher zu handeln als auf die andere und dies ist die
Bedeutung der Wahrscheinlichkeit
3 Das Prinzip wonach der Schluss verfährt ist indessen hinreichend
klar Es ist das einleuchtende Prinzip dass bei einer Verteilung der
existierenden Fälle unter verschiedene Arten eine jede dieser Arten unmöglich
eine Mehrheit des Ganzen ausmachen kann es muss im Gegenteil eine Mehrheit
gegen jede Art mit Ausnahme höchstens einer vorhanden sein und wenn irgend eine
Art im Verhältnis zur Gesamtzahl mehr als ihren Antheil hat so müssen die
anderen zusammengenommen weniger haben Wenn wir dieses Axiom zugeben und
annehmen dass wir keinen Grund haben es von irgend einer Art für
wahrscheinlicher zu halten als von den übrigen dass sie das
Durchschnittsverhältnis übersteigt so folgt dass wir dies rationell von
keiner vermuten können was wir tun würden wenn wir zu Gunsten derselben
wetten würden indem ihr weniger Wahrscheinlichkeit zukommt als im Verhältnis
zur Anzahl der anderen Arten Sogar in diesem extremen gar nicht auf spezieller
Erfahrung beruhenden Fall von der Berechnung der Wahrscheinlichkeiten liegt der
logische Grund des Verfahrens in unserer derzeitigen Kenntnis der Gesetze
welche die Häufigkeit des Eintretens der verschiedenen Fälle beherrschen aber
in diesem Fall ist die Kenntnis auf diejenige beschränkt die da sie universal
und axiomatisch ist nicht auf spezifische Erfahrung oder auf irgend aus der
speziellen Natur des erörterten Problems fließenden Betrachtungen Bezug zu
nehmen braucht
Mit Ausnahme von Fällen wie Hasardspiele wo der beabsichtigte Zweck
Unwissenheit anstatt Wissen verlangt kann ich mir indessen keinen Fall denken
in welchem wir mit einer Berechnung von Wahrscheinlichkeit wie diese zufrieden
sein dürften mit einer Berechnung die auf das absolute Minimum von Wissen
bezüglich des Gegenstandes gegründet ist Im Fall der farbigen Kugeln ist es
klar dass ein sehr leichter Grund zur Vermutung es wären wirklich mehr weiße
Kugeln vorhanden als von den zwei anderen Farben hinreichen würde um das
Ganze der in unserem früheren Zustand von Gleichgültigkeit gemachten
Berechnungen fehlerhaft zu machen Es würde uns dies in jene Lage von
vorgerücktem Wissen bringen in der die Wahrscheinlichkeiten für uns anders sein
würden als sie vorher waren und bei der Berechnung dieser neuen
Wahrscheinlichkeiten würden wir von einer ganz anderen Reihe von Daten
auszugeben haben denn dieselben würden jetzt nicht mehr durch bloßes Zählen
möglicher Voraussetzungen sondern durch spezifische Kenntnis von Tatsachen
geliefert Solche Data sollten wir uns immer bemühen zu erhalten und bei allen
Untersuchungen wenn sie nicht Gegenstände betreffen die sowohl außerhalb des
Bereichs unserer Mittel der Erkenntnis als auch unserer praktischen Zwecke
liegen können sie erhalten werden und wenn sie auch nicht gut erhalten werden
so doch wenigstens besser als gar keine130
Es ist einleuchtend dass auch dann noch wenn die Wahrscheinlichkeiten von
der Betrachtung und dem Experiment herrühren eine sehr unbedeutende Veränderung
in den Daten sei es durch bessere Beobachtungen sei es dadurch dass man die
speziellen Umstände des Falles besser in Betracht zieht natürlicher ist als
die durchdachteste Anwendung des Kalküls auf Wahrscheinlichkeiten die auf
frühere unvollkommenere Data gegründet sind Dass man dies zu erwägen
vernachlässigte hat zu einer Missanwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung
geführt welche sie zu dem wahren Opprobrium der Mathematik gemacht haben Es
genügt ihre Anwendung auf die Glaubwürdigkeit von Zeugen und auf die
Richtigkeit der Aussprache von Geschworenengerichten anzuführen In Beziehung auf
die erste Anwendung sagt uns der gemeine Menschenverstand dass es unmöglich
ist einen allgemeinen Durchschnitt der Wahrhaftigkeit und anderer Befähigungen
für wahres Zeugnis der Menschen oder einer Klasse von Menschen zu nehmen und
wenn es auch möglich wäre so könnten wir uns doch nicht nach einem solchen
Durchschnitt richten da die Glaubwürdigkeit fast eines jeden Zeugen entweder
über oder unter dem Durchschnitt steht Sogar bei einem individuellen Zeugen
würden Menschen von gesundem Verstand ihre Schlüsse auf den Grad von
Übereinstimmung in den Aussagen auf sein Verhalten in dem Kreuzverhör auf die
Beziehung des Falls zu seinen Interessen seine Parteilichkeit und seine
geistigen Fähigkeiten stützen anstatt einen so rohen Maßstab auch wenn er
der Bestätigung fähig wäre anzuwenden wie das Verhältnis zwischen der Anzahl
von wahren und der Anzahl von irrigen Aussagen die er der Voraussetzung nach
während seiner Lebensdauer vielleicht machen dürfte
In ähnlicher Weise sind manche Mathematiker in Beziehung auf
Geschworenengerichte oder andere Gerichte von dem Satz ausgegangen das Urteil
eines Richters oder Geschwornen sei in einem geringen Grad wenigstens
wahrscheinlicher richtig als unrichtig und sie haben geschlossen dass sich die
Wahrscheinlichkeit des Irrtums bei einem von einer Anzahl von Personen
ausgehenden Verdikt um so mehr verringert je grösser die Zahl der Personen
wird so dass wenn nur genug Richter vorhanden sind die Richtigkeit des
Urteils beinahe auf Gewissheit zurückgeführt werden kann Ich sage nichts von
dem geringen Werth den man der Wirkung beilegt welche durch die Vermehrung der
Richter auf deren moralische Stellung durch die virtuelle Vernichtung ihrer
persönlichen Verantwortlichkeit und die geschwächte Anwendung ihres Verstandes
auf den Gegenstand hervorgebracht wird Ich beachte nur den Fehlschluss aus
einem großen Durchschnitt auf Fälle die sich notwendig von einem jeden
Durchschnitt bedeutend unterscheiden Es mag wahr sein dass wenn man alle
Ursachen zusammennimmt die Ansicht eines jeden Richters öfter richtig ist als
unrichtig aber das Argument vergisst dass in allen Fällen mit Ausnahme der
einfacheren in allen Fällen in denen es wirklich von Wichtigkeit ist was das
Tribunal sei der Satz wahrscheinlich umgekehrt werden könnte außerdem würde
die aus der Verwickelung des Falls oder aus einem gewöhnlichen Vorurteil oder
aus Geistesschwäche hervorgehende Ursache des Irrtums wenn sie auf einen
Richter wirkt äußerst wahrscheinlich auf alle anderen Richter oder wenigstens
auf die Mehrheit derselben in derselben Weise wirken und so eine falsche
anstatt einer richtigen Entscheidung um so wahrscheinlicher machen je mehr die
Zahl der Richter erhöht würde
Dies sind nur Beispiele von Irrtümern die häufig von Männern begangen
werden welche nachdem sie sich mit den schwierigen Formeln bekannt gemacht
haben welche die Algebra für die Berechnung der Wahrscheinlichkeit unter
Voraussetzungen von einer verwickelten Natur darbietet lieber nach diesen
Formeln berechnen was die Wahrscheinlichkeiten in Betreff eines Falls für den
Halbunterrichteten sind anstatt nach Mitteln zu suchen um sich besser zu
unterrichten Vor der Anwendung der Wahrscheinlichkeitslehre auf einen
wissenschaftlichen Zweck muss das Fundament für eine Berechnung der
Wahrscheinlichkeit dadurch gelegt werden dass wir uns in Besitz der möglichst
erreichbaren Menge von positivem Wissen setzen Das erforderliche Wissen besteht
in der Kenntnis der relativen Häufigkeit womit die verschiedenen Ereignisse in
der Tat vorkommen Es ist daher für die Zwecke des vorliegenden Werkes zulässig
anzunehmen es beruhten Schlüsse bezüglich der Wahrscheinlichkeit einer
Tatsache von einer besonderen Art auf unserer Kenntnis des Verhältnisses
zwischen den Fällen in denen Tatsachen dieser Art vorkommen und den Fällen
in denen sie nicht vorkommen indem diese Kenntnis entweder aus dem
spezifischen Experiment abgeleitet ist oder aus unserer Kenntnis der tätigen
Ursachen welche die fragliche Tatsache hervorzubringen streben im Vergleich
mit den Ursachen welche sie zu verhindern streben
Eine solche Wahrscheinlichkeitsrechnung ist auf Induktion gegründet und
wenn die Rechnung gültig sein soll so muss die Induktion gültig sein Sie ist
nicht weniger eine Induktion wenn sie auch nicht beweist dass das Ereignis in
allen Fällen einer gegebenen Art sondern dass es nur in ungefähr so und so
vielen von einer gegebenen Anzahl solcher Fälle eintritt Der Bruch durch
welchen die Mathematiker die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses bezeichnen
ist das Verhältnis dieser zwei Zahlen er ist das festgestellte Verhältnis
zwischen der Anzahl von Fällen in denen das Ereignis eintritt und der Summe
aller Fälle in denen es eintritt und nicht eintritt Beim Kopf oder
Wappenspiel sind die betreffenden Fälle Würfe und die Wahrscheinlichkeit von
Kopf ist ein halb weil bei einer hinreichenden Anzahl von Würfen unter je zwei
Würfen Kopf einmal fällt Beim Würfeln ist die Wahrscheinlichkeit von Eins ein
Sechstel nicht bloß weil es sechs mögliche Würfe gibt unter denen Eins einer
ist und weil wir keinen Grund kennen warum der eine Wurf eher fallen sollte
als der andere obgleich ich die Gültigkeit dieses Grundes in Ermangelung eines
bessern zugegeben habe sondern weil wir wirklich entweder durch Schließen oder
durch Erfahrung wissen dass in einem Hundert oder in Millionen von Würfen Eins
ungefähr ein sechstelmal von dieser Zahl oder einmal in sechs Malen fällt
4 Ich sage »entweder durch Schließen oder durch Erfahrung« ich meine
hiermit durch spezifische Erfahrung Aber beim Berechnen von
Wahrscheinlichkeiten ist es nicht gleichgültig aus welcher von diesen zwei
Quellen wir unsere Überzeugung schöpfen Die aus seiner bloßen Häufigkeit in
vergangener Erfahrung berechnete Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses bietet
eine weniger sichere Grundlage für die Praxis als seine aus einer gleich
genauen Kenntnis der Häufigkeit des Eintretens seiner Ursachen abgeleitete
Wahrscheinlichkeit
Die Generalisation dass ein Ereignis in zehn von je hundert Fällen einer
gegebenen Art eintritt ist eben so gut eine wirkliche Induktion als wenn die
Generalisation wäre dass es in allen Fällen eintritt Aber wenn wir dadurch zu
dem Schluss gelangen dass wir in der wirklichen Erfahrung bloß die Fälle
zählen und die Anzahl von Fällen in denen A gegenwärtig war mit der Anzahl
von Fällen vergleichen in denen es nicht gegenwärtig war so ist der Beweis
bloß der der Methode der Übereinstimmung und der Schluss läuft bloß auf ein
empirisches Gesetz hinaus Wir können einen Schritt weiter gelangen wenn wir
die Ursachen erreichen können von denen das Eintreten oder das Nichteintreten
von A abhängig ist und eine Berechnung der relativen Häufigkeit der dem
Eintreten günstigen und ungünstigen Ursachen vornehmen können Dies sind Data
von einer höheren Ordnung durch welche das aus einer bloß numerischen
Vergleichung der bejahenden und verneinenden Fälle abgeleitete empirische Gesetz
entweder berichtigt oder bestätigt wird und durch welche wir in beiden Fällen
ein richtigeres Maß der Wahrscheinlichkeit erhalten werden als durch jene
numerische Vergleichung Man hat ganz wohl bemerkt dass bei der Art von
Beispielen durch welche die Wahrscheinlichkeitslehre gewöhnlich erläutert wird
bei den Kugeln in der Urne die Berechnung der Wahrscheinlichkeiten durch Gründe
der Verursachung die stärker sind als spezifische Erfahrung gestützt wird
»Warum erwarten wir aus einer Urne in der neun schwarze Kugeln und nur eine
weiße sind eine schwarze Kugel neunmal so viel mit anderen Worten neunmal so
oft da die Häufigkeit das Maß der Intensität der Erwartung ist zu ziehen als
eine weiße Offenbar weil die örtlichen Bedingungen neunmal so günstig sind
weil die Hand auf neun Stellen greifen und eine schwarze Kugel fassen kann
während sie nur auf eine Stelle greifen und dabei eine weiße Kugel finden kann
ganz aus demselben Grunde als wir nicht erwarten in einem Gedränge einen Freund
finden zu können indem die Bedingungen unserer Begegnung mannigfaltig und
schwierig sind Dies würde natürlich soweit nicht gültig sein wenn die weißen
Kugeln kleiner wären als die schwarzen noch würde die Wahrscheinlichkeit
dieselbe bleiben die größere Kugel würde der Hand viel wahrscheinlicher
begegnen«131
Es ist in der Tat einleuchtend dass wenn Verursachung einmal als ein
allgemeines Gesetz zugelassen wird unsere Erwartung von Ereignissen rationell
nur auf dieses Gesetz gegründet werden kann Für jemand der anerkennt dass ein
jedes Ereignis von Ursachen abhängig ist ist das einmalige Vorkommen eines
Dinges ein Grund dessen wiederholtes Vorkommen zu erwarten nur weil es
beweist dass eine Ursache existiert oder existieren kann die dasselbe
hervorzubringen adäquat ist132 Die Häufigkeit des besonderen Ereignisses kann
abgesehen von aller Vermutung bezüglich seiner Ursache nur zu einer Induktion
per enumerationem simplicem Anlass geben und die hieraus gezogenen prekären
Folgerungen werden übertroffen und verschwinden aus dem Feld sobald das
Kausalitätsprincip daselbst erscheint
Ungeachtet des abstrakten Vorzugs einer auf Ursachen gegründeten Berechnung
der Wahrscheinlichkeit ist es eine Tatsache dass fast in allen Fällen in
denen die Wahrscheinlichkeit eine hinreichend genaue Berechnung zulässt um ihre
numerische Schätzung praktisch verwertbar zu machen die numerischen Data nicht
aus der Kenntnis der Ursachen sondern aus dem Erfahren der Ereignisse selbst
gezogen sind Die Wahrscheinlichkeit der Lebensdauer in den verschiedenen Altern
oder in verschiedenen Klimaten die Wahrscheinlichkeit der Genesung von einer
besonderen Krankheit der männlichen und weiblichen Geburten die
Wahrscheinlichkeit der Zerstörung von Häusern oder anderem Besitztum durch
Feuer des Verlustes von Schiffen bei einer besonderen Reise sind von
Sterblichkeitstabellen Hospitalberichten Geburtsregistern Schiffbruchslisten
etc abgeleitet dh von der beobachteten Häufigkeit nicht der Ursachen
sondern der Wirkungen Der Grund davon ist dass in allen diesen Classen von
Tatsachen die Ursachen der direkten Beobachtung entweder gar nicht oder nicht
mit hinreichender Genauigkeit zugänglich sind und dass wir kein anderes Mittel
besitzen um ihre Häufigkeit zu beurteilen als das durch die Häufigkeit der
Wirkungen dargebotene empirische Gesetz Die Folgerung ist aber deshalb nicht
weniger von Verursachung allein abhängig Wir schließen von einer Wirkung auf
eine ähnliche Wirkung durch die Ursachen hindurch Wenn der Aktuar einer
Versicherungsgesellschaft aus seinen Tabellen folgert dass von hundert jetzt
lebenden Personen eines gewissen Alters im Durchschnitt fünf das Alter von
siebzig Jahren erreichen so ist seine Folgerung gültig nicht des einfachen
Grundes wegen dass dies das Verhältnis von denen ist die in vergangenen
Zeiten die siebzig erreicht haben sondern weil die Tatsache dass sie so
lange gelebt haben zeigt dass dies gegenwärtig und hier das existierende
Verhältnis zwischen den Ursachen ist welche das Leben bis zum Alter von
siebzig zu verlängern streben und den Ursachen welche es zu einem
frühzeitigeren Abschluss zu bringen streben133
5 Es ist leicht aus den vorhergehenden Prinzipien den Beweis jenes
Lehrsatzes der Wahrscheinlichkeitslehre abzuleiten der die Grundlage ihrer
Anwendung zur Bestimmung des Eintreffens eines gegebenen Ereignisses oder der
Realität einer einzelnen Tatsache in gerichtlichen oder anderen Untersuchungen
ist Die Zeichen oder Beweise wodurch eine Tatsache gewöhnlich bewiesen wird
bestehen in einigen ihrer Folgen und die Untersuchung geht hauptsächlich darauf
aus zu ermitteln welche Ursache am wahrscheinlichsten eine gegebene Wirkung
hervorgebracht hat Das auf Untersuchung der Art anwendbare Prinzip ist das
sechste in Laplaces Essai philosophique sur les probabilités welches er
beschreibt als »Das Grundprinzip von diesem Zweige der Analysis der
Wahrscheinlichkeiten welches darin besteht dass man von den Ereignissen zu
ihren Ursachen hinaufsteigt«134
Es sei eine gegebene Wirkung zu erklären und es seien verschiedene Ursachen
vorhanden welche sie hervorgebracht haben können von deren Gegenwart jedoch in
dem besonderen Falle nichts bekannt ist so verhält sich die Wahrscheinlichkeit
dass die Wirkung von einer dieser Ursachen hervorgebracht worden ist wie die
vorausgängige Wahrscheinlichkeit der Ursache multipliziert mit der
Wahrscheinlichkeit dass die Ursache wenn sie existierte die gegebene Wirkung
hervorgebracht haben würde
Es sei M die Wirkung und A und B seien zwei Ursachen welche sie beide
hervorgebracht haben konnten Um die Wahrscheinlichkeit zu finden dass sie
durch die eine und nicht durch die andere hervorgebracht worden ist bestimme
man welche von beiden Ursachen am wahrscheinlichsten existiert hat und welche
von ihnen bei ihrer Existenz die Wirkung M am wahrscheinlichsten hervorgebracht
haben würde die gesuchte Wahrscheinlichkeit ist aus diesen beiden
Wahrscheinlichkeiten zusammengesetzt
Fall I Es seien die Ursachen in der zweiten Beziehung gleich indem man
voraussetzt dass sowohl A als B wenn sie existierten die Wirkung M gleich
wahrscheinlich oder gleich gewiss hervorbringen es existiere aber A zweimal so
wahrscheinlich als B dh es sei ein doppelt so häufiges Phänomen Es ist dann
zweimal so wahrscheinlich dass es in diesem Falle existiert hat und die Ursache
gewesen ist welche M hervorgebracht hat
Denn da A zweimal so oft in der Natur existiert als B so hat in je 300
Fällen worin das eine oder das andere existierte A zweihundertmal und B
hundertmal existiert Wo aber M hervorgebracht worden ist muss entweder A oder B
existiert haben es war daher in 300 Fällen in denen M hervorgebracht wurde A
zweihundertmal und B nur hundertmal die erzeugende Ursache dh im Verhältnis
von 2 zu 1 Wenn also die Ursachen in ihrer Fähigkeit die Wirkung
hervorzubringen gleich sind so verhält sich die Wahrscheinlichkeit welche von
ihnen sie wirklich hervorgebracht hat wie ihre vorausgehenden
Wahrscheinlichkeiten
Fall II Indem wir die letzte Hypothese umkehren wollen wir annehmen dass
die Ursachen gleich häufig seien dass sie gleich wahrscheinlich existiert haben
dass sie aber bei ihrer Existenz nicht gleich wahrscheinlich M hervorgebracht
haben dass von je drei Malen wo A eintrifft es diese Wirkung zweimal während
B sie von drei Malen nur einmal hervorbringt Da die beiden Ursachen gleich
häufig eintreffen so wird in je sechs Malen A dreimal und B dreimal existieren
A erzeugt in diesen drei Malen M zweimal B bringt in seinen drei Malen M nur
einmal hervor In allen sechs Malen wird also M nur dreimal hervorgebracht aber
von diesen drei Malen ist es zweimal von A und nur einmal von B hervorgebracht
Folglich wenn die vorangängigen Wahrscheinlichkeiten der Ursachen gleich sind
so verhalten sich die Wahrscheinlichkeiten dass die Wirkung von ihnen
hervorgebracht wurde wie die Wahrscheinlichkeiten dass wenn sie existierten
sie die Wirkung hervorbringen würden
Fall III Der dritte Fall nämlich derjenige worin die Ursachen in beiden
Beziehungen ungleich sind wird nach dem vorhergehenden gelöst Denn wenn eine
Größe von zwei anderen Größen in einer solchen Weise abhängt dass während die
eine von ihnen konstant bleibt sie der andern proportional ist so muss sie
notwendig dem Produkte der zwei Größen proportional sein indem das Produkt
die einzige Funktion der beiden Größen ist welche diesem Gesetze der
Veränderung gehorcht Es verhält sich daher die Wahrscheinlichkeit dass M durch
die eine oder die andere Ursache hervorgebracht worden ist wie die
vorausgehende Wahrscheinlichkeit der Ursache multipliziert mit der
Wahrscheinlichkeit dass wenn sie existierte sie M hervorbringen würde was zu
beweisen war
Wir können den dritten Fall auch so beweisen wie wir den ersten und zweiten
bewiesen haben Es sei A zweimal so häufig als B und es seien ferner ihre
Wahrscheinlichkeiten dass sie M hervorbringen würden wenn sie existierten
ungleich es bringe A zweimal unter vier und B dreimal unter vier Malen M
hervor Die vorausgehende Wahrscheinlichkeit von A verhält sich zu der von B wie
2 zu 1 ihre Wahrscheinlichkeiten M hervorzubringen verhalten sich wie 2 zu 3
das Produkt dieser Verhältnisse ist das Verhältnis 4 zu 3 und dies wird das
Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten sein dass A oder B in dem gegebenen Falle
die erzeugende Ursache war Denn da A zweimal so häufig ist als B so existiert
unter zwölf Fällen worin das eine oder das andere existiert A achtmal und B
viermal Aber der Voraussetzung nach bringt A nur in vier von seinen acht Fällen
M hervor während B es in drei von seinen vier Fällen hervorbringt M ist daher
nur in sieben von zwölf Fällen hervorgebracht aber von diesen ist es in vier
von A und in drei Fällen von B hervorgebracht es verhalten sich die
Wahrscheinlichkeiten von A und B wie 4 zu 3 und werden durch die Brüche 47 und
37 ausgedrückt was zu beweisen war
6 Es bleibt nun noch die Anwendbarkeit der Wahrscheinlichkeitslehre auf
eine besondere Aufgabe zu untersuchen worauf wir bei einer früheren Gelegenheit
aufmerksam gemacht haben nämlich wie soll man zufällige Koincidenzen von
solchen unterscheiden welche das Resultat eines Gesetzes sind von denjenigen
in welchen die Tatsachen welche sich einander begleiten oder folgen irgendwie
durch Verursachung verknüpft sind
Die Wahrscheinlichkeitslehre gewährt Mittel durch welche wir wenn uns die
Durchschnittszahl der gesuchten Koincidenzen zwischen zwei nur zufällig
verbundenen Naturerscheinungen bekannt wäre bestimmen könnten wie oft eine
gegebene Abweichung von diesem Durchschnitt durch Zufall stattfinden wird Wenn
die Wahrscheinlichkeit irgend eines zufälligen Zusammentreffens an und für sich
1m ist so ist die Wahrscheinlichkeit dass sich dasselbe Zusammentreffen n mal
nacheinander wiederholen wird 1mn Da zB beim Würfel die Wahrscheinlichkeit
dass Eins fällt 16 ist so wird die Wahrscheinlichkeit dass Eins zweimal
nacheinander fallen wird 1 dividiert durch das Quadrat von 6 oder 136 sein
Denn bei dem ersten Wurfe fällt Eins unter sechs Malen einmal oder sechsmal von
Sechsunddreißig Malen und wenn wieder gewürfelt wird so wird von diesen sechs
Malen Eins nur einmal fallen zusammen also von Sechsunddreißig Malen nur
einmal Die Wahrscheinlichkeit dass derselbe Wurf dreimal nacheinander fallen
wird ist nach einem ähnlichen Räsonnement 163 oder 1216 dh bei einem
großen Durchschnitt wird das Ereignis nur einmal von zweihundert und sechszehn
Malen eintreffen
Wir haben so eine Regel nach welcher wir die Wahrscheinlichkeit dass eine
gegebene Reihe von Koincidenzen aus dem Zufall hervorgeht berechnen können
vorausgesetzt dass wir die Wahrscheinlichkeit eines einzelnen Zusammentreffens
genau messen können Wenn wir einen eben so genauen Ausdruck für die
Wahrscheinlichkeit dass dieselbe Reihe von Koincidenzen aus einer Verursachung
entspringt erhalten könnten so hätten wir nur die Zahlen zu vergleichen Dies
kann indessen selten geschehen Wir wollen sehen welchen Grad von Annäherung an
die nötige Genauigkeit wir praktisch erreichen können
Die Frage fällt innerhalb des sechsten Prinzips von Laplace von dem wir
soeben den Beweis gegeben haben Die gegebene Tatsache dh die Reihe von
Koincidenzen kann ihren Ursprung entweder in einer zufälligen Verbindung von
Ursachen oder in einem Naturgesetz haben Die Wahrscheinlichkeiten dass die
Tatsache in diesen zwei Modi entstanden ist verhalten sich daher wie ihre
vorausgängigen Wahrscheinlichkeiten multipliziert durch die
Wahrscheinlichkeiten dass wenn diese Modi existierten sie die Wirkung
hervorbringen würden Aber die besondere Kombination von Zufällen wenn sie
vorkäme oder das Naturgesetz wenn es ein wirkliches wäre würden die Reihe von
Koincidenzen gewiss hervorbringen Die Wahrscheinlichkeiten dass die
Koincidenzen durch die zwei fraglichen Ursachen hervorgebracht worden sind
verhalten sich daher wie die vorausgängigen Wahrscheinlichkeiten der Ursachen
Die eine von diesen die vorausgängige Wahrscheinlichkeit der Kombination von
bloßen Zufällen welche das gegebene Resultat hervorbringen würden ist eine
schätzbare Größe Die vorausgängige Wahrscheinlichkeit der andern Voraussetzung
mag je nach der Natur des Falles einer mehr oder weniger genauen Berechnung
fähig sein
In manchen Fällen muss das Zusammentreffen vorausgesetzt dass es überhaupt
das Resultat einer Verursachung sei das Resultat einer bekannten Ursache sein
so wie das Aufeinanderfolgen der Eins wenn es nicht zufällig ist von der
Beschwerung der Würfelseite herrühren muss In solchen Fällen können wir in
Beziehung auf die vorausgehende Wahrscheinlichkeit eines solchen Umstandes aus
dem Charakter der betreffenden Spieler oder aus anderen derartigen Beweisen eine
Vermutung ableiten aber es wäre absolut unmöglich diese Wahrscheinlichkeit
mit einer numerischen Genauigkeit zu schätzen Da indessen die entgegengesetzte
Wahrscheinlichkeit die Wahrscheinlichkeit des zufälligen Ursprungs des
Zusammentreffens bei einem jeden neuen Versuch so rasch abnimmt so erreicht man
bald den Punkt wo die Wahrscheinlichkeit eines falschen Würfels so klein sie
an und für sich sein mag grösser sein muss als die eines zufälligen
Zusammentreffens und aus diesem Grunde kann man bald zu einer praktischen
Entscheidung gelangen wenn man es nur in der Gewalt hat den Versuch zu
wiederholen
Wenn indessen das Zusammentreffen der Art ist dass es nicht durch eine
bekannte Ursache erklärt werden kann und wenn der Zusammenhang zwischen den
zwei Naturerscheinungen im Falle er durch eine Ursache hervorgebracht ist das
Resultat eines bis dahin unbekannten Naturgesetzes sein muss was der Fall ist
den wir in dem letzten Kapitel im Auge hatten so ist obgleich die
Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Zusammentreffens berechenbar sein mag die
der entgegengesetzten Voraussetzung die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines
unentdeckten Naturgesetzes auch einer nur annähernden Werthbestimmung ganz
unfähig Um die Data zu haben welche ein solcher Fall erfordert wäre es
notwendig zu wissen welche Anzahl von allen in der Natur vorkommenden
Sequenzen oder Koexistenzen das Resultat eines Gesetzes und welche das Resultat
des Zufalls ist Da es einleuchtend ist dass wir in Beziehung auf dieses
Größenverhältnis keine plausible Vermutung hegen und noch weniger es
numerisch schätzen können so können wir eine genaue Berechnung der relativen
Wahrscheinlichkeit nicht versuchen Aber dessen sind wir gewiss dass die
Entdeckung eines unbekannten Naturgesetzes einer vorher nicht erkannten
Beständigkeit der Verbindung zweier Phänomene kein ungewöhnliches Ereignis
ist Wenn daher die Anzahl von Fällen in denen ein Zusammentreffen beobachtet
worden ist die im Durchschnitt aus der bloßen Mitwirkung von Zufällen
hervorgehende Anzahl soweit übersteigt dass eine so große Anzahl von
zufälligen Koincidenzen ein äußerst ungewöhnliches Ereignis sein würde so
haben wir ein Recht zu schließen dass das Zusammentreffen die Wirkung einer
Ursache und daher als ein empirisches der Korrektion durch künftige Erfahrung
unterworfenes Gesetz anzunehmen ist Weiter können wir in Beziehung auf
Genauigkeit nicht gehen auch wird in den meisten Fällen eine größere
Genauigkeit für die Lösung praktischer Zweifel nicht verlangt
1 Wir hatten häufig Gelegenheit die geringere Allgemeinheit der
abgeleiteten Gesetze im Vergleich zu letzten Gesetzen von denen sie abgeleitet
sind zu bemerken Diese geringere Gültigkeit welche nicht allein den Umfang
der Sätze selbst sondern auch ihren Grad von Gewissheit innerhalb dieses
Umfangs berührt ist bei den Gleichförmigkeit der Koexistenz und der Folge
welche zwischen zuletzt von verschiedenen urersten Ursachen abhängigen Wirkungen
bestehen sehr sichtlich Dergleichen Gleichförmigkeit werden nur da bestehen
wo dieselbe Kollokation jener urersten Ursachen existiert Wenn obgleich die
Gesetze selbst dieselben bleiben die Kollokation sich verändert so kann und
wird im allgemeinen eine gänzlich verschiedene Reihe von abgeleiteten
Gleichförmigkeit das Resultat sein
Sogar da wo die abgeleitete Gleichförmigkeit zwischen verschiedenen
Wirkungen derselben Ursache besteht wird sie keineswegs so universal als das
Gesetz der Ursache selbst bestehen Wenn a und b sich als Wirkungen der Ursache
A einander begleiten oder folgen so folgt hieraus keineswegs dass A die
einzige Ursache ist welche sie hervorbringen kann oder dass wenn es eine
andere Ursache B gäbe die fähig ist a hervorzubringen sie auch b
hervorbringen müsste Die Verbindung von a und b besteht daher vielleicht nicht
allgemein sondern nur in den Fällen in denen a aus A hervorgeht Wenn es durch
eine andere Ursache als A hervorgebracht ist so können a und b möglicherweise
getrennt sein Dem Tage zB folgt unserer Erfahrung nach immer die Nacht Aber
der Tag ist nicht die Ursache der Nacht sie sind beide aufeinanderfolgende
Wirkungen einer gemeinschaftlichen Ursache des periodischen Eintritts und
Austritts des Beobachters in den und aus dem von der Umdrehung der Erde und der
leuchtenden Eigenschaft der Sonne herrührenden Schatten der Erde Wenn daher der
Tag jemals von einer andern Ursache oder Reihe von Ursachen hervorgebracht wird
so wird ihm die Nacht nicht folgen oder wird ihm wenigstens nicht folgen müssen
Auf der Oberfläche der Sonne kann dies zB der Fall sein
Wenn endlich auch die abgeleitete Gleichförmigkeit selbst ein Kausalgesetz
ist aus der Kombination verschiedener Ursachen hervorgehend so ist sie nicht
gänzlich von Kollokationen unabhängig Wenn eine Ursache dazukommt welche fähig
ist die Wirkung von nur einer der verbundenen Ursachen aufzuheben so wird die
Wirkung nicht mehr länger dem abgeleiteten Gesetze entsprechen Während daher
ein jedes letzte Gesetz nur von einer Reihe von entgegenwirkenden Ursachen
aufgehoben werden kann kann ein abgeleitetes Gesetz von mehreren aufgehoben
werden Nun hängt aber die Möglichkeit des Eintreffens entgegenwirkender
Ursachen welche nicht aus in dem Gesetze selbst eingeschlossenen Bedingungen
hervorgehen von den ursprünglichen Kollokationen ab
Es ist wie früher bemerkt wurde wahr dass Kausalgesetze sie seien letzte
oder abgeleitete in den meisten Fällen sogar da erfüllt werden wo sie eine
Entgegenwirkung erleiden die Ursache bringt ihre Wirkung hervor wenn diese
auch durch etwas Anderes aufgehoben wird Dass die Wirkung aufgehoben werden
kann ist daher kein Einwurf gegen die Universalität des Kausalgesetzes es ist
aber ein Einwurf gegen die Allgemeinheit der Sequenzen oder Koexistenzen der
Wirkungen welche den größten Teil der diesen Kausalgesetzen entspringenden
abgeleiteten Gesetze ausmachen Wenn aus dem Gesetze einer gewissen Kombination
von Ursachen eine gewisse Ordnung in den Wirkungen hervorgeht wie aus der
Kombination einer einzigen Sonne mit einem sich um seine Axe drehenden dunklen
Körper auf der ganzen Oberfläche dieses dunklen Körpers ein Wechsel von Tag und
Nacht entspringt und wenn wir dann annehmen die eine von den verbundenen
Ursachen wäre aufgehoben die Rotation gehemmt die Sonne ausgelöscht oder eine
zweite Sonne hinzugefügt so bliebe die Wahrheit dieses besonderen Kausalgesetzes
dadurch in jeder Weise unberührt es bliebe immer noch wahr dass wenn eine
Sonne auf einen dunklen sich drehenden Körper schiene sie auch einen Wechsel
von Tag und Nacht erzeugen würde sobald aber die Sonne in Wirklichkeit nicht
länger mehr auf einen solchen Körper scheint so ist auch die abgeleitete
Gleichförmigkeit die Folge von Tag und Nacht auf dem gegebenen Planeten nicht
länger wahr Diese abgeleiteten Gleichförmigkeit welche keine Kausalgesetze
sind beruhen daher ausgenommen in dem seltenen Falle ihrer Abhängigkeit von
nur einer einzigen und nicht einer Verbindung von Ursachen immer mehr oder
weniger auf Kollokationen und sind demnach der charakteristischen Schwäche der
empirischen Gesetze unterworfen derjenigen nämlich dass sie nur dann zulässig
sind wenn wir aus der Erfahrung wissen dass die Kollokationen der Art sind
wie sie die Wahrheit des Gesetzes verlangt dh dass sie nur innerhalb der
Bedingungen von Zeit und Ort durch die wirkliche Beobachtung bestätigt werden
2 Wenn dieses Prinzip in allgemeinen Worten ausgedrückt wird so scheint
es klar und unbestreitbar und dennoch steht es wenigstens scheinbar mit
vielen von den gewöhnlichen Urteilen der Menschen deren Richtigkeit nicht
bezweifelt werden kann in Widerspruch Aus welchem Grunde kann man fragen
erwarten wir dass die Sonne morgen aufgehen wird Morgen liegt außerhalb der
Grenzen der in unseren Beobachtungen inbegriffenen Zeit Dieselben haben sich
zwar über einige Tausende vergangener Jahre erstreckt aber sie schließen die
Zukunft nicht ein Wir schließen indessen mit Zuversicht dass die Sonne morgen
aufgehen wird und Niemand zweifelt daran dass wir dazu berechtigt sind Wir
wollen sehen was unsere Bürgschaft für diese Zuversicht ist
In dem fraglichen Beispiele kennen wir die Ursachen von denen die
abgeleitete Gleichförmigkeit abhängt eine Licht ausstrahlende Sonne und eine
rotierende und Licht auffangende Erde Da die Induktion welche zeigt dass dies
wirkliche Ursachen und nicht bloß frühere Wirkungen einer gemeinschaftlichen
Ursache sind vollständig und unverwerflich ist so sind die einzigen Umstände
welche das abgeleitete Gesetz vernichten könnten der Art dass sie die eine
oder die andere der verbundenen Ursachen vernichten oder ihr entgegenwirken
würden Während die Ursachen existieren und ihnen nichts entgegenwirkt wird die
Wirkung fortdauern Wenn sie morgen existieren und ihnen nichts entgegenwirkt so
wird die Sonne morgen aufgehen
Da die Ursachen nämlich die Sonne und die Erde die eine in dem Zustande
des Leuchtens die andere in einem Zustande von Umdrehung existieren werden so
lange sie nicht vernichtet sind so hängt Alles von der Wahrscheinlichkeit ihrer
Vernichtung und von derjenigen einer Entgegenwirkung ab Wir wissen aus der
Beobachtung indem wir die gefolgerten Beweise von einer Existenz von Tausenden
von Jahrhunderten übergehen dass diese Phänomene seit fünftausend Jahren
fortgedauert haben Während dieser Zeit existierte keine Ursache welche
hinreichend war sie merklich zu vermindern oder welche ihre Wirkungen um eine
schätzbare Größe hätte aufheben können Die Wahrscheinlichkeit dass die Sonne
vielleicht morgen nicht aufgehen dürfte ist daher die Wahrscheinlichkeit dass
eine Ursache welche sich nicht in dem geringsten Grade während fünftausend
Jahren gezeigt hat morgen mit einer Intensität existieren wird dass sie die
Sonne und die Erde das Licht der Sonne oder die Umdrehung der Erde vernichten
oder eine immense Störung in den aus diesen Ursachen hervorgehenden Wirkungen
hervorbringen wird
Wenn nun eine solche Ursache morgen oder in einer zukünftigen Zeit existieren
soll so muss jetzt eine nähere oder entferntere Ursache dieser Ursache
existieren und während diesen fünftausend Jahren existiert haben Wenn daher die
Sonne morgen nicht aufgehen wird so geschieht es weil eine Ursache existiert
hat deren Wirkungen obgleich sie während fünftausend Jahren keine merkliche
Größe ausmachten in einem einzigen Tage überwältigend wird Da diese Ursache
eine solche Zeit hindurch von keinem Beobachter der Erde bemerkt worden ist so
muss sie wenn sie existiert entweder ein Agens sein dessen Wirkungen sich
langsam und allmälig entwickeln oder welches in Regionen existiert hat die
außerhalb des Bereiches unserer Beobachtung liegen und das nun auf dem Punkte
steht in unserm Theile des Weltalls anzukommen Es wirken nun aber alle
Ursachen in Betreff deren wir eine Erfahrung haben nach Gesetzen welche mit
der Annahme dass ihre Wirkungen nachdem sie sich so langsam angehäuft haben
dass sie während fünftausend Jahren nicht bemerkbar waren nun in einem einzigen
Tage ins Ungeheure wachsen könnten unverträglich sind Kein mathematisches
Gesetz des Verhältnisses zwischen einer Wirkung und der Quantität oder den
Beziehungen ihrer Ursache könnte solche widersprechende Resultate hervorbringen
Die plötzliche Entwickelung einer Ursache wovon vorher keine Spur vorhanden
war entsteht immer durch das Zusammenkommen mehrerer unterschiedener Ursachen
die vorher nicht vereinigt waren wenn aber eine solche plötzliche Vereinigung
bestimmt ist stattzufinden so müssen ihre Ursachen oder deren Ursachen während
der ganzen fünftausend Jahre existiert haben und dass sie während dieser ganzen
Periode nicht ein einziges Mal zusammentrafen beweist die große Seltenheit
dieser Verbindung Wir haben daher die Bürgschaft einer strengen Induktion um
es in einem Grade der sich von der Gewissheit nicht unterscheiden lässt als
wahrscheinlich zu betrachten dass die für den Aufgang der Sonne erforderlichen
Bedingungen morgen existieren werden
3 Die eben angeführte Ausdehnung abgeleiteter Gesetze über die Grenze
der Beobachtung hinaus kann jedoch nur auf angrenzende Fälle stattfinden Wenn
wir anstatt morgen zu sagen heute über zwanzigtausend Jahre gesagt hätten so
hätte die Induktion keine Beweiskraft gehabt Dass eine Ursache welche im
Widerstreit gegen sehr mächtige Ursachen während fünftausend Jahren keine
bemerkbare Wirkung hervorgebracht hat am Ende von zwanzigtausend Jahren eine
bedeutende Wirkung hervorbringen kann steht durchaus nicht in Widerspruch mit
unserer Erfahrung Wir kennen viele Agentien deren Wirkung sich zwar in einer
kurzen Zeit zu keiner merklichen Größe erhebt die aber durch Anhäufung während
einer längeren Zeit sehr beträchtlich wird Wenn wir überdies die ungeheure
Menge der Himmelskörper ihre großen Entfernungen und die Schnelligkeit der
Bewegung derjenigen betrachten von denen wir wissen dass sie sich bewegen so
liegt nichts der Erfahrung Widersprechendes in der Annahme dass sich irgend ein
Körper gegen uns oder dass wir uns gegen einen Körper bewegen in dessen
Wirkungskreis wir zwar seit fünftausend Jahren nicht gekommen sind der aber in
zwanzigtausend weiteren Jahren Wirkungen der außerordentlichsten Art auf uns
auszuüben vermag Auch kann die Tatsache welche im Stand ist das Aufgehen der
Sonne zu verhindern vielleicht nicht die angehäufte Wirkung einer Ursache
sondern eine neue Verbindung von Ursachen sein und die Zufälle welche dieser
Verbindung günstig sind können sie einmal in zwanzigtausend Jahren
hervorbringen obgleich sie dieselbe in fünftausend Jahren nicht hervorgebracht
haben Es werden also die Induktionen welche uns berechtigen künftige
Ereignisse zu erwarten immer schwächer je weiter wir in die Zukunft blicken
und zuletzt können sie gar nicht mehr geschätzt werden
Wir haben die Wahrscheinlichkeiten des morgenden Sonnenaufgangs als von
wirklichen Gesetzen abgeleitet betrachtet dh von Gesetzen der Ursachen von
denen jene Gleichförmigkeit abhängig sind Wir wollen nun betrachten wie die
Sache gewesen wäre wenn uns die Gleichförmigkeit nur als ein empirisches Gesetz
bekannt gewesen wäre wenn wir nicht gewusst hätten dass das Licht der Sonne
und die Umdrehung der Erde oder die Bewegung der Sonne die Ursachen sind von
denen das periodische Eintreffen des Sonnenaufganges abhängt Wir hätten dieses
empirische Gesetz auf in der Zeit angrenzende Fälle anwenden können obgleich
nicht in einer so langen Zeit wie wir es jetzt können Da wir den Beweis haben
dass die Wirkungen während fünftausend Jahren unverändert und genau verbunden
blieben so konnten wir schließen dass die unbekannten Ursachen von denen die
Verbindung abhängt während dieser Periode unvermindert und unbehindert existiert
haben Es würden daher dieselben Schlüsse folgen wie in dem vorhergehenden
Falle nur dass wir bloß wüssten dass sich während fünftausend Jahren nichts
ereignet hat was diese besondere Wirkung in bemerkbarer Weise aufhob während
wenn wir die Ursachen kennen wir eine weitere Sicherheit haben dass während
dieser Zeit in den Ursachen selbst keine Veränderung bemerkbar war die bei
irgend einem Grade der Vervielfältigung oder bei einer längeren Fortdauer die
Wirkung hätte aufheben können
Dem Vorhergehenden muss noch hinzugefügt werden dass wenn wir die Ursachen
kennen wir im Stande sind zu beurteilen ob eine bekannte Ursache existiert
die fähig ist ihnen entgegen zu wirken während so lange sie unbekannt sind
wir nur dessen gewiss sind dass wenn sie uns wirklich bekannt wären wir ihre
Vernichtung durch wirklich existierende Ursachen voraussagen könnten Ein
bettlägeriger Indianer der den Fall des Niagara nie gesehen hat ihn aber hören
kann könnte sich einbilden das Gebrause welches er hört werde immer
fortdauern wenn er aber wüsste dass es die Wirkung eines Wasserstromes ist
der sich über einen allmälig schwindenden Felsen stürzt so wüsste er auch dass
dasselbe nach einer berechenbaren Anzahl von Jahrhunderten nicht mehr gehört
werden wird Wir sind also im Verhältnis zu unserer Unbekanntschaft mit den
Ursachen von denen das empirische Gesetz abhängt weniger sicher dass es
gültig bleiben wird und je weiter wir in die Zukunft sehen desto weniger
unwahrscheinlich wird es dass vielleicht eine der Ursachen deren Koexistenz
der abgeleiteten Gleichförmigkeit ihre Entstehung gibt vernichtet oder dass
ihr entgegengewirkt wird Mit einer jeden Verlängerung der Zeit wächst die
Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses dh sein bisheriges
Nichteintreffen wird eine geringere Bürgschaft seines Nichteintreffens innerhalb
der gegebenen Zeit Wenn also ein jedes abgeleitete Gesetz das kein
Kausalgesetz ist mit einer der Gewissheit äquivalenten Wahrscheinlichkeit nur
auf solche Fälle ausgedehnt werden kann die in Beziehung auf die Zeit an die
Fälle angrenzen oder nahezu angrenzen welche wir wirklich beobachtet haben so
ist dies bei bloß empirischen Gesetzen um so mehr wahr Es ist ein Glück dass
wir in Beziehung auf die Zwecke des Lebens es fast immer nur auf solche Fälle
allein auszudehnen haben
In Beziehung auf den Ort könnte es scheinen dass ein bloß empirisches
Gesetz nicht einmal auf angrenzende Fälle ausgedehnt werden kann dass wir keine
Gewissheit haben können dass es außerhalb des Ortes wo es speziell beobachtet
wurde wahr sein wird Die vergangene Dauer einer Ursache ist wenn sie durch
nichts vernichtet wird eine Bürgschaft für ihre zukünftige Dauer aber die
Existenz einer Ursache an einem Ort oder an einer beliebigen Anzahl von Orten
ist keine Bürgschaft für deren Existenz an einem anderen Orte indem keine
Gleichförmigkeit in den Kollokationen von urersten Ursachen existiert Wenn daher
ein empirisches Gesetz über die lokalen Grenzen in denen es durch die
Beobachtung als wahr befunden wurde ausgedehnt wird so müssen die Fälle auf
welche es in dieser Weise ausgedehnt wird der Art sein dass sie
mutmaßlicherweise innerhalb des Einflusses derselben individuellen Agentien
liegen Wenn wir innerhalb der bekannten Grenzen des Sonnensystems oder sogar
außerhalb dieser Grenzen aber seinen Zusammenhang mit dem System durch den
Umlauf um die Sonne anzeigend einen neuen Planeten entdeckten so könnten wir
mit großer Wahrscheinlichkeit schließen dass er sich um seine Achse dreht
Alle bekannten Planeten tun dies und diese Gleichförmigkeit deutet auf eine
den ersten Aufzeichnungen astronomischer Beobachtungen vorausgängige
gemeinschaftliche Ursache und obgleich die Natur derselben nur ein Gegenstand
der Vermutung sein kann so muss doch diese Ursache wenn sie was nicht
unwahrscheinlich ist und wie es die Theorie von Laplace voraussetzt nicht bloß
dieselbe Art Ursache sondern dieselbe individuelle Ursache etwa ein allen
Körpern auf einmal gegebener Stoß ist da sie an den äußersten Punkten des
durch die Sonne und die Planeten eingenommenen Raumes gewirkt hat aller
Wahrscheinlichkeit nach auch an einem jeden zwischenliegenden Punkte und
wahrscheinlich noch etwas weiter gewirkt haben wenn sie nicht durch eine
entgegenwirkende Ursache vernichtet wurde sie wird daher auch mit aller
Wahrscheinlichkeit auf den angenommenen neu entdeckten Planeten gewirkt haben
Wenn daher Wirkungen welche man immer verbunden fand mit einiger
Wahrscheinlichkeit auf ein und denselben und nicht bloß einen ähnlichen
Ursprung zurückgeführt werden können so können wir mit großer
Wahrscheinlichkeit das empirische Gesetz ihrer Verbindung auf alle Orte
innerhalb der äußersten lokalen Grenzen in denen die Tatsachen beobachtet
worden sind ausdehnen die Möglichkeit entgegenwirkender Ursachen in irgend
einem Teil des Gebietes vorausgesetzt Wir können dies mit noch mehr Zuversicht
tun wenn das Gesetz kein bloß empirisches ist wenn die Erscheinungen welche
wir verbunden finden die Folgen ermittelter Ursachen sind von deren Gesetze
die Verbindung ihrer Wirkungen abgeleitet werden kann In diesem Falle können
wir die abgeleitete Gleichförmigkeit zugleich über einen weitern Raum und mit
einer geringeren Verminderung der Wahrscheinlichkeit entgegenwirkender Ursachen
ausdehnen Das Erste weil wir anstatt der lokalen Grenzen unserer Beobachtung
der Tatsache selbst die äußersten Grenzen des ermittelten Einflusses ihrer
Ursachen einschließen können So wissen wir dass die Folge von Tag und Nacht
für alle Körper unseres Sonnensystems mit Ausnahme der Sonne selbst wahr ist
aber wir wissen dies nur weil wir mit den Ursachen bekannt sind wenn wir es
nicht wären so könnten wir unsere Behauptung nicht über die Erde und den Mond
hinaus ausdehnen da wir nur innerhalb dieser Grenzen den Beweis ihrer Wahrheit
durch die Beobachtung besitzen In Beziehung auf die Wahrscheinlichkeit
entgegenwirkender Ursachen sahen wir dass diese im Verhältnis unserer
Unbekanntschaft mit den Ursachen von denen die Naturerscheinung abhängt eine
größere Verminderung der Sicherheit herbeiführt Beider Gründe wegen ist daher
ein abgeleitetes Gesetz von dem wir wissen wie es zu zerlegen ist einer
größeren Ausdehnung auf im Raum angrenzende Fälle fähig als ein bloß
empirisches Gesetz
1 Das Wort Analogie als der Name einer Schließweise wird allgemein
als eine Art Argument angesehen das einen induktiven Charakter hat ohne sich
jedoch zu einer vollständigen Induktion zu erheben Es gibt jedoch kein Wort
das nachlässiger und in einem mannigfaltigeren Sinne gebraucht würde als das
Wort Analogie Man gebraucht es manchmal für Schlüsse welche als Beispiele von
der strengsten Induktion dienen könnten Wately zB indem er Ferguson und
anderen Schriftstellern folgt definiert die Analogie der ursprünglichen
Bedeutung nach welche die Mathematiker ihr beilegten als die Ähnlichkeit der
Relationen Wenn ein Land Kolonien ausgeschickt hat und das Mutterland
derselben genannt wird so ist der Ausdruck in diesem Sinne analog indem er
sagen will dass die Kolonien eines Landes in derselben Relation in demselben
Verhältnis zu ihm stehen wie Kinder zu ihren Eltern Und wenn aus dieser
Ähnlichkeit des Verhältnisses irgend ein Schluss gezogen wird wie zB dass
die Kolonien dem Mutterland denselben Gehorsam und dieselbe Liebe schuldig sind
wie Kinder ihren Eltern so heißt dies ein Schluss der Analogie Oder wenn man
aus der zugegebenen Tatsache dass Gesellschaften die für einen
gemeinschaftlichen Zweck gebildet sind wie Aktiengesellschaften am besten
durch einen von den Beteiligten gewählten Ausschuss geleitet werden beweisen
wollte dass ein Volk am vorteilhaftesten durch eine von dem Volke erwählte
Versammlung regiert wird so ist dies in dem Sinne von Wately ein Schluss der
Analogie denn seine Grundlage ist nicht dass eine Nation gleich einer
Aktiengesellschaft oder ein Parlament gleich einem Directoriatscollegium sei
sondern dass das Parlament in demselben Verhältnis zur Nation steht wie das
Directoriatscollegium zu einer Aktiengesellschaft In einem solchen Argument
liegt aber nun kein geringer Grad von Schlussrichtigkeit Wie andere Schlüsse
aus der Ähnlichkeit kann es ganz ungültig sein oder es kann sich zu einer
vollkommenen und beweiskräftigen Induktion erheben Der Umstand in welchem sich
die zwei Fälle gleichen kann des Nachweises fähig sein dass er der wesentliche
Umstand ist derjenige von welchem alle in der besonderen Erörterung in Betracht
zu nehmenden Folgen abhängen In dem fraglichen Falle ist die Ähnlichkeit eine
Ähnlichkeit der Relation und das fundamentum relationis ist die von wenigen
Personen besorgte Führung von Geschäften an denen außer ihnen noch eine große
Anzahl anderer beteiligt sind Es mögen nun manche behaupten dass dieser den
zwei Fällen gemeinschaftliche Umstand und die verschiedenen Folgen welche
daraus hervorgehen den Hauptanteil an der Bestimmung aller jener Wirkungen
haben welche das ausmachen was wir eine gute oder schlechte Verwaltung nennen
Wenn sie dieses dartun können so hat ihr Argument die Stärke einer strengen
Induktion wenn nicht so sagt man es wäre ihnen misslungen die Analogie
zwischen den zwei Fällen zu beweisen eine Sprechweise welche einschließt
dass wenn die Analogie bewiesen werden kann das darauf gegründete Argument
unwiderstehlich ist
2 Es ist indessen im Ganzen gebräuchlicher den Namen Analogiebeweis auf
Argumente nach einer jeden Art von Ähnlichkeit insofern sie sich nicht zu
einer vollständigen Induktion erheben auszudehnen ohne die Ähnlichkeit der
Verhältnisse besonders zu unterscheiden In diesem Sinne können analoge Schlüsse
auf die folgende Formel zurückgeführt werden Zwei Dinge gleichen einander in
einer oder in mehreren Hinsichten eine gewisse Behauptung ist von dem einen
wahr daher ist sie auch von dem anderen wahr Wir haben aber hier nichts
wodurch wir die Analogie von der Induktion unterscheiden könnten da derselbe
Typus für alles Schließen aus der Erfahrung dienen wird Bei der strengsten
Induktion sowohl als bei der schwächsten Analogie schließen wir dass weil A in
einer oder mehreren Eigenschaften B gleicht es ihm auch in einer gewissen
andern Eigenschaft gleichen wird Der Unterschied besteht darin dass bei einer
wirklichen Induktion durch eine gehörige Vergleichung von Fällen vorher gezeigt
worden ist dass zwischen der ersten Eigenschaft oder den ersten Eigenschaften
und der letzten Eigenschaft eine unveränderliche Verbindung besteht aber in
dem was man einen analogen Schluss nennt ist eine solche Verbindung nicht
nachgewiesen Es bot sich keine Gelegenheit die Differenzmethode oder auch nur
die Methode der Übereinstimmung anzuwenden wir schließen aber und nur so
weit geht der analoge Schluss dass eine Tatsache m von der man weiß dass
sie von A wahr ist wahrscheinlicher von B wahr sein wird wenn B mit A in einer
oder einigen seiner Eigenschaften übereinstimmt obgleich kein Zusammenhang
zwischen m und diesen Eigenschaften bekannt ist als wenn gar keine
Ähnlichkeit zwischen B und einem andern Dinge von dem man weiß dass es die
Attribute m besitzt nachgewiesen werden kann
Zu diesem Argument ist natürlich bloß erforderlich dass es unbekannt sei
dass die A und B gemeinschaftlichen Eigenschaften mit m verknüpft sind sie
dürfen keine Eigenschaften sein von denen man weiß dass sie damit nicht
zusammenhängen Wenn entweder aus einem Eliminationsverfahren oder durch
Deduktion aus einer früheren Kenntnis der Gesetze der fraglichen Eigenschaften
geschlossen werden kann dass sie nichts mit m zu schaffen haben so ist das
Argument der Analogie umgeworfen Die Voraussetzung muss sein dass m eine
wirklich von irgend einer Eigenschaft von A abhängige Wirkung ist ohne dass wir
wissen von welcher Wir können keine von den Eigenschaften von A als die
Ursache von m oder als durch ein Gesetz damit verbunden bezeichnen Nachdem wir
alle verworfen haben von denen wir wissen dass sie nichts damit zu schaffen
haben so bleiben noch mehrere andere übrig zwischen denen wir nicht im Stande
sind zu entscheiden von diesen übrigbleibenden Eigenschaften besitzt B eine
oder mehrere Wir glauben demnach dass hieraus mehr oder weniger gewichtige
Gründe hervorgehen um nach der Analogie zu schließen dass B das Attribut m
besitzt
Es kann nicht bezweifelt werden dass eine jede derartige Ähnlichkeit
welche zwischen B und A nachgewiesen werden kann außer dem sonst Vorhandenen
einen Grad von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten des daraus gezogenen Schlusses
darbietet Wenn B in allen seinen letzten Eigenschaften A gliche so würde sein
Besitzen des Attributes m eine Gewissheit und keine Wahrscheinlichkeit sein
eine jede Ähnlichkeit welche zwischen ihnen nachgewiesen werden kann bringt
es aber diesem Punkt um gerade so viel näher Wenn die Ähnlichkeit die einer
letzten Eigenschaft ist so wird eine Ähnlichkeit in allen von dieser letzten
Eigenschaft abhängigen abgeleiteten Eigenschaften vorhanden sein und zu diesen
kann m gehören Wenn die Ähnlichkeit die einer abgeleiteten Eigenschaft ist so
ist Grund vorhanden eine Ähnlichkeit in den letzten Eigenschaften von denen
sie abhängt und in den anderen derivativen Eigenschaften welche von denselben
letzten Eigenschaften abhängig sind zu erwarten Eine jede Ähnlichkeit die
nachgewiesen werden kann gewährt einen Grund eine unbestimmte Anzahl anderer
Ähnlichkeiten zu erwarten die besondere gesuchte Ähnlichkeit wird daher
öfter unter Dingen gefunden von denen in dieser Weise bekannt ist dass sie
ähnlich sind als unter Dingen von denen uns keine Ähnlichkeit bekannt ist135
Man könnte zB folgern dass weil die Erde das Meer und die Luft bewohnt
sind der Mond auch wahrscheinlich bewohnt ist und dies ist ein Beweis der
Analogie Der Umstand bewohnt zu sein ist hier nicht als eine letzte
Eigenschaft angenommen sondern wie es vernünftig ist anzunehmen als eine
Folge anderer Eigenschaften und daher bei unserer Erde von einer ihrer
Eigenschaften als eines Teils des Weltalls abhängig ohne dass wir wüssten von
welcher Der Mond gleicht nur der Erde darin dass er ein fester dunkler
beinahe runder Körper ist der tätige Vulkane besitzt von der Sonne Wärme und
Licht in fast derselben Menge wie die Erde empfängt der sich um seine Achse
dreht dessen Teilchen Schwere besitzen und welcher allen den verschiedenen
aus diesen Eigenschaften hervorgehenden Gesetzen gehorcht Ich glaube niemand
wird leugnen dass wenn dies Alles wäre was wir von dem Monde wissen so würde
die Existenz von Mondbewohnern aus diesen verschiedenen Ähnlichkeiten mit der
Erde einen größeren Grad von Wahrscheinlichkeit erhalten als sie sonst haben
würde obgleich ein Versuch die Vermehrung der Wahrscheinlichkeit zu berechnen
nutzlos erscheinen würde
Wenn aber eine jede nachgewiesene Ähnlichkeit zwischen A und B in irgend
einem Punkte von dem man nicht weiß dass er in Beziehung auf m unwesentlich
ist einen neuen Grund für die Vermutung abgibt dass B das Attribut m
besitzt so ist e contra klar dass eine Unähnlichkeit die man zwischen ihnen
nachweisen kann eine entgegengesetzte Wahrscheinlichkeit von derselben Natur
auf der anderen Seite bildet Es ist in der Tat nicht ungewöhnlich dass
verschiedene letzte Eigenschaften in einigen besonderen Fällen dieselbe
abgeleitete Eigenschaft hervorbringen aber im Ganzen ist es gewiss dass Dinge
welche sich in ihren letzten Eigenschaften unterscheiden sich wenigstens
ebensoviel in dem Aggregat ihrer abgeleiteten Eigenschaften unterscheiden
werden und dass die unbekannten unterschiede im Durchschnitt der Fälle in
irgend einem Verhältnis zu den bekannten stehen werden Es wird daher zwischen
den bekannten Punkten der Übereinstimmung und den bekannten Punkten der
Differenz zwischen A und B eine Konkurrenz stattfinden und je nachdem man die
einen oder die anderen überwiegend hält wird die aus der Analogie abgeleitete
Wahrscheinlichkeit dafür oder dagegen sein dass B die Eigenschaft m besitzt
Der Mond zB stimmt mit der Erde in den bereits erwähnten Umständen überein
unterscheidet sich jedoch von ihr dadurch dass er kleiner ist eine
ungleichere anscheinend durchaus vulkanische Oberfläche hat und keine
Atmosphäre besitzt die das Licht zu brechen vermöchte dass er keine Wolken und
deduktiv gefolgert also auch kein Wasser besitzt Diese Unterschiede bloß
als solche betrachtet dürften vielleicht die Ähnlichkeit aufwiegen so dass
die Analogie auf keine Weise eine Vermutung darbieten würde Wenn wir aber
berücksichtigen dass einige von den Umständen welche auf dem Monde fehlen zu
den Umständen gehören welche auf der Erde die unentbehrlichen Bedingungen des
tierischen Lebens ausmachen so können wir schließen dass wenn dieses
Phänomen das Leben auf dem Monde existiert es eine Wirkung von Ursachen sein
muss die ganz verschieden sind von denjenigen von welchen es auf der Erde
abhängig ist als eine Folge also des Unterschieds des Mondes von der Erde und
nicht der Übereinstimmung beider In diesem Lichte betrachtet ergeben alle
Ähnlichkeiten eine Vermutung gegen und nicht für sein Bewohntsein Da ein
Leben wie es hier stattfindet dort nicht existieren kann so haben wir um so
weniger Grund zu glauben er sei bewohnt je grösser seine Ähnlichkeit mit der
Erde in allen übrigen Beziehungen ist
Es gibt aber in unserm Sonnensystem andere Körper welche eine
durchgehendere Ähnlichkeit mit der Erde haben welche eine Atmosphäre Wolken
und folglich Wasser oder eine ähnliche Flüssigkeit besitzen und sogar Zeichen
von Schnee in ihren Polargegenden darbieten während die Kälte oder Wärme
obgleich im Durchschnitt sehr verschieden von der unsrigen in einigen Gegenden
dieser Planeten wenigstens möglicherweise nicht grösser ist als in einigen
bewohnbaren Gegenden der Erde Die ermittelten Unterschiede welche diesen
Übereinstimmungen das Gegengewicht halten bestehen hauptsächlich in der
mittleren Wärme und Kälte in der Schnelligkeit der Rotation Intensität der
Schwere und ähnlichen Umständen einer mehr untergeordneten Art In Beziehung auf
diese Planeten ergibt also der Analogieschluss ein entschiedenes Übergewicht
zu Gunsten einer Ähnlichkeit mit der Erde in einer ihrer abgeleiteten
Eigenschaften in der nämlich bewohnt zu sein obgleich wir wenn wir
berücksichtigen wie unermesslich zahlreich ihre uns nicht bekannten
Eigenschaften im Vergleich mit den uns bekannten sind Betrachtungen der
Ähnlichkeit in denen die bekannten Elemente in einem so geringen Verhältnis
zu den unbekannten stehen nur ein sehr geringes Gewicht beilegen können
Außer der Konkurrenz zwischen Analogie und Verschiedenheit kann noch eine
Konkurrenz zwischen entgegengesetzten Analogien stattfinden Der neue Fall kann
Fällen worin m existiert in einigen Umständen ähnlich sein aber in andern
Umständen kann er Fällen ähnlich sein worin es nicht existiert Die Ambra hat
einige Eigenschaften mit den Pflanzen andere mit Mineralprodukten gemein Ein
Gemälde von einem unbekannten Ursprung kann in einigen seiner Charaktere
bekannten Werken irgend eines Meisters gleichen in anderen kann es jedoch
Kunstwerken höchst ähnlich sehen von denen man weiß dass sie nicht von diesem
Meister herrühren Eine Vase kann einige Analogie mit Werken griechischer
etruskischer oder ägyptischer Kunst haben Wir setzen natürlich voraus dass sie
nicht irgend eine Eigenschaft besitzt von welcher durch eine hinreichende
Induktion ermittelt worden ist dass sie ein entscheidendes Merkmal von dem
einen oder dem andern ist
3 Da der Werth eines analogen Schlusses der eine Ähnlichkeit aus
anderen Ähnlichkeiten folgerte ohne einen vorhergängigen Beweis eines
Zusammenhangs zwischen denselben von der Größe der ermittelten Ähnlichkeit im
Vergleich erstlich mit der Größe des Unterschiedes und zunächst mit dem Umfang
der unermittelten Eigenschaften abhängt so folgt dass da wo die Ähnlichkeit
sehr groß der ermittelte Unterschied sehr gering und unsere Kenntnis des
Gegenstandes ziemlich ausgedehnt ist das Argument der Analogie in Beziehung auf
Strenge einer gültigen Induktion sehr nahe kommen kann Wenn wir nach einer
häufigen Beobachtung von B finden dass es mit A in neun von zehn bekannten
Eigenschaften übereinstimmt so können wir mit einer Wahrscheinlichkeit von neun
zu eins schließen dass es eine jede abgeleitete Eigenschaft von A ebenfalls
besitzen wird Wenn wir zB ein unbekanntes Thier oder eine unbekannte Pflanze
entdecken welche einer bekannten Pflanze in der größten Anzahl der
Eigenschaften welche wir daran entdecken ähnlich in wenigen aber davon
verschieden ist so dürfen wir mit Recht erwarten in dem nicht beobachteten
Rest ihrer Eigenschaften eine allgemeine Übereinstimmung mit den Eigenschaften
der ersteren aber auch einen der Größe der beobachteten Abweichung
proportionalen Unterschied zu finden
Es scheint also dass die aus der Analogie abgeleiteten Schlüsse nur dann
von einem beträchtlichen Wert sind wenn der Fall ein angrenzender ist
angrenzend nicht wie früher in Raum und Zeit sondern in Umständen In dem Falle
von Wirkungen deren Ursachen nur unvollkommen oder gar nicht bekannt sind wenn
folglich die beobachtete Ordnung ihres Vorkommens sich nur zu einem empirischen
Gesetze erhebt geschieht es oft dass die Bedingungen welche koexistierten als
die Wirkungen beobachtet wurden jedesmal sehr zahlreich waren Wenn sich nun
ein neuer Fall darbietet in welchem nicht alle diese Bedingungen aber der bei
weitem größte Teil von ihnen existiert und nur eine oder einige fehlen so
wird sich der Schluss dass die Wirkung ungeachtet dieses Mangels an
vollständiger Ähnlichkeit mit den Fällen in denen sie beobachtet wurde
eintreten wird obgleich er von der Natur der Analogie ist zu einem hohen Grad
von Wahrscheinlichkeit erheben Es ist kaum nötig hinzuzufügen dass wie
beträchtlich diese Wahrscheinlichkeit auch sein mag doch kein kompetenter
Naturforscher sich damit zufrieden stellen wird wenn es möglich ist eine
vollständige Induktion zu erhalten sondern er wird die Analogie als einen
bloßen Wegweiser betrachten der ihm die Richtung zeigt in welcher eine
strengere Untersuchung anzustellen ist
In der letzteren Beziehung haben Betrachtungen der Analogie den höchsten
philosophischen Werth Die Fälle in denen der Analogiebeweis an sich selbst
einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit darbietet sind wie wir eben
bemerkt haben nur diejenigen in welchen die Ähnlichkeit sehr groß und
umfassend ist es gibt aber keine noch so schwache Analogie welche nicht
dadurch von dem höchsten Wert sein könnte dass sie auf Beobachtungen und
Versuche leitet welche zu positiveren Schlüssen führen Wenn die Agentien und
ihre Wirkungen außerhalb des Bereichs weiterer Beobachtungen oder Versuche
liegen wie in unserer obigen Betrachtung in Beziehung auf den Mond und die
Planeten angeführt wurde so sind solche geringe Wahrscheinlichkeiten nichts als
ein interessantes Thema für eine angenehme Übung unserer Phantasie aber irgend
eine noch so geringe Vermutung welche einen scharfsinnigen Menschen auf einen
Versuch führt oder einen Grund abgibt den einen Versuch eher als den andern
zu machen kann in der Naturforschung die größten Dienste leisten
Obgleich ich aus diesem Grunde keiner von denjenigen Hypothesen als
positiven Lehren beipflichten kann welche einer letzten Prüfung durch wirkliche
Induktion nicht fähig sind wie die beiden Theorien vom Licht die
Emissionstheorie des vorigen Jahrhunderts und die in dem gegenwärtigen
Jahrhundert herrschende Undulationstheorie so kann ich doch nicht mit
denjenigen übereinstimmen welche diese Hypothesen mit gänzlicher
Geringschätzung betrachten »Eine jede Hypothese« sagt Hartley und ihm stimmt
der ihm fast diametral gegenüberstehende Dugald Stewart hierin bei »welche so
viel Schein von Wahrheit besitzt um eine bedeutende Anzahl von Tatsachen zu
erklären hilft uns diese Tatsachen in der gehörigen Ordnung verstehen neue
entdecken und experimenta crucis für künftige Untersuchungen machen«136 Wenn
eine Hypothese nicht allein bekannte Tatsachen zu erklären vermag sondern wenn
sie uns auch zu der Voraussagung anderer unbekannter und seitdem durch die
Erfahrung bestätigter Tatsachen geführt hat so müssen die Gesetze des
Phänomens welches der Gegenstand der Untersuchung ist wenigstens eine große
Ähnlichkeit mit denjenigen der Klasse von Erscheinungen haben denen sie die
Hypothese assimiliert und da die Analogie welche so weit geht sich
wahrscheinlich noch weiter erstrecken kann so ist nichts geeigneter auf
Experimente zu führen welche Licht auf die wirklichen Eigenschaften des
Phänomens werfen können als das Verfolgen einer solchen Hypothese Zu diesem
Zwecke ist es jedoch keineswegs nötig dass man irrtümlich die Hypothese für
eine wissenschaftliche Wahrheit halte Im Gegenteil ist die Täuschung in dieser
Beziehung wie in jeder anderen ein Hindernis für den Fortschritt einer
wirklichen Erkenntnis indem sie die Menschen verleitet sich willkürlich auf
die besondere Hypothese zu beschränken welche gerade am meisten in Ansehen
steht anstatt eine jede Klasse von Erscheinungen aufzusuchen deren Gesetze mit
denen des gegebenen Phänomens eine Ähnlichkeit haben und alle Versuche
anzustellen welche zur Entdeckung weiterer Analogien in derselben Richtung
geeignet sind
1 Wir haben nun die Prüfung der logischen Prozesse durch welche die
Gesetze oder Gleichförmigkeit der Folge von Naturerscheinungen und diejenigen
Gleichförmigkeit in ihrer Koexistenz welche von den Gesetzen ihrer Folge
abhängen bestimmt oder geprüft werden vollendet Wir erkannten sogleich im
Anfang und im Verlauf unserer Untersuchung wurde es noch deutlicher dass die
Basis dieses logischen Verfahrens die Allgemeinheit Universalität des
Kausalgesetzes ist Die Gültigkeit aller induktiven Methoden hängt von der
Annahme ab dass ein jedes Ereignis oder der Anfang eines jeden Phänomens eine
Ursache ein Antezedens haben muss von dessen Existenz es unveränderlich und
unbedingt die Folge ist Bei der Methode der Übereinstimmung ist dies
einleuchtend indem diese Methode nach der Voraussetzung verfährt dass wir die
wahre Ursache gefunden haben sobald wir jede andere verneint haben Die
Behauptung ist von der Differenzmethode gleich wahr Diese Methode erlaubt uns
ein allgemeines Gesetz aus zwei Fällen zu folgern aus einem Fall in welchem A
mit einer Menge anderer Umstände existiert und B darauf folgt und einem andern
in welchem nachdem A entfernt ist während alle anderen Umstände dieselben
geblieben sind B verhindert wird Was beweist dies aber Es beweist dass B in
dem besonderen Falle keine andere Ursache gehabt haben kann als A aber daraus zu
schließen dass A die Ursache war oder dass auf A auch bei anderen
Gelegenheiten B folgen wird ist nur unter der Voraussetzung erlaubt dass B
irgend eine Ursache haben muss dass in einem jeden einzelnen Falle in dem es
vorkommt unter seinen Antecedentien eines sein muss welches die Fähigkeit
besitzt es wiederholt hervorzubringen Wenn dies zugegeben wird so sieht man
dass in dem fraglichen Falle das Antezedens kein anderes gewesen sein kann als A
aber dass wenn es kein anderes als A ist es A sein muss ist durch diese
Fälle wenigstens nicht bewiesen sondern als zugestanden angesehen Es wäre ein
unnötiger Zeitverlust dasselbe von den übrigen induktiven Methoden zu
beweisen Die Allgemeinheit des Kausalgesetzes ist bei allen vorausgesetzt
Ist aber diese Annahme verbürgt Ohne Zweifel könnte man sagen sind die
meisten Naturerscheinungen als Wirkungen mit irgend einem Antezedens oder einer
Ursache verknüpft dh sie werden nie hervorgebracht ohne dass ihnen eine
nachweisbare Tatsache vorausgeht aber der Umstand dass oft verwickelte
induktive Prozesse notwendig sind zeigt dass es Fälle gibt in welchen diese
regelmäßige Ordnung der Aufeinanderfolge unserm einfachen Fassungsvermögen
nicht so zugänglich ist Wenn daher das Verfahren welches diese Fälle in
dieselbe Kategorie wie die übrigen bringt verlangt dass wir die Allgemeinheit
gerade des Gesetzes wovon sie beim ersten Anblick nicht Fälle zu sein scheinen
voraussetzen ist dies denn in der Tat nicht petitio principii Können wir eine
Behauptung durch ein Argument beweisen welches die Behauptung als zugestanden
annimmt Und wenn sie so nicht bewiesen wird worauf beruht denn der Beweis
Für diese Schwierigkeit welche ich absichtlich in den stärksten Ausdrücken
deren sie fähig ist angegeben habe hat die metaphysische Schule welche in
diesem Lande lange geherrscht hat ein leichtes Auskunftsmittel gefunden Sie
behauptet die Allgemeinheit des Kausalgesetzes sei eine Wahrheit wovon sich
uns der Glaube aufdringt der Glaube daran sei ein Instinkt eines der Gesetze
unserer glaubenden Fähigkeiten Als einen Beweis hiervon fuhrt sie an und weiß
nichts Anderes anzuführen als dass Jedermann es glaubt es wird unter den in
ihrem Verzeichnis etwas zu häufig vorkommenden Behauptungen aufgeführt welche
logisch bestritten werden könnten und vielleicht logisch nicht zu beweisen sind
die aber von einer höheren Autorität als die Logik sind und in Beziehung auf
welche sogar derjenige welcher sie in der Theorie leugnet durch die gewohnte
Praxis zeigt dass seine eigenen Argumente keinen Eindruck auf ihn machen
Ich habe nicht die Absicht in eine Erörterung der Verdienste dieser Frage
als eines Problems der Psychologie einzugehen ich muss aber wiederholt dagegen
protestieren dass man als Beweis der Wahrheit einer Tatsache in der äußeren
Natur die wenn auch noch so starke Neigung des menschlichen Geistes anführt
diese Wahrheit zu glauben Glaube ist kein Beweis und befreit nicht von der
Notwendigkeit des Beweises Ich weiß wohl einen Beweis für ein Urteil
verlangen von dem angenommen wird dass wir es instinktiv glauben heißt sich
der Anklage aussetzen man verwerfe alle Autorität der menschlichen Fähigkeiten
was natürlich kein Mensch konsequenterweise tun könnte da ein jeder nur
vermittelst der menschlichen Fähigkeiten urteilen kann Und insofern die
Bedeutung des Wortes Beweis der Voraussetzung nach etwas ist was wenn es dem
Geiste dargeboten wird diesen zu glauben veranlasst so nimmt man an dass
einen Beweis verlangen wenn der Glaube durch die Gesetze des Geistes selbst
versichert ist von dem Verstand an den Verstand appellieren heiße Dies ist
jedoch wie ich glaube ein Missverstehen der Natur des Beweises Unter Beweis
ist nicht etwas alles verstanden was Glauben erzeugt Es gibt viele Dinge
welche ohne Beweis Glauben erzeugen Eine bloße starke Ideenassoziation
verursacht oft einen so starken Glauben dass er durch Erfahrung oder
Argumentation nicht zu erschüttern ist Der Beweis ist nicht das dem sich der
Geist unterwirft oder dem er sich unterwerfen muss sondern das dem er sich
unterwerfen sollte dh dadurch dass er sich demselben unterwirft wird sein
Glaube in Überstimmung mit den Tatsachen gebracht Es gibt im allgemeinen
keine Berufung von den menschlichen Fähigkeiten aus aber es gibt eine Berufung
von der einen menschlichen Fähigkeit an eine andere von dem Urteilsvermögen an
das Vermögen welches von den Tatsachen Kenntnis nimmt an das Vermögen der
Sinne und des Bewusstseins Die Rechtmäßigkeit dieser Berufung ist zugegeben
so oft man zugesteht dass unsere Urteile mit den Tatsachen übereinstimmen
müssen Sagen der Glaube genüge für seine eigene Rechtfertigung heißt die
Meinung zur Probe der Meinung machen heißt die Existenz eines jeden äußeren
Maßstabes dessen Übereinstimmung mit der Meinung deren Wahrheit ausmacht
leugnen Wir nennen die eine Bildungsweise von Meinungen richtig und die andere
falsch weil die eine die Meinung mit den Tatsachen in Einklang zu bringen
sucht die andere aber nicht weil sie die Menschen das zu glauben veranlasst
was wirklich ist und sie das zu erwarten veranlasst was wirklich sein wird
Nun ist aber eine wenn auch für instinktiv gehaltene bloße Neigung zu glauben
keine Bürgschaft für die Wahrheit des geglaubten Dinges Wenn sich der Glaube in
der Tat zu einer unwiderstehlichen Notwendigkeit erheben sollte so wäre es
nutzlos von ihm aus zu appellieren weil dann keine Möglichkeit vorhanden wäre
ihn zu ändern Aber sogar hieraus würde die Wahrheit des Glaubens nicht folgen
es würde bloß folgen dass die Menschen einer beständigen Notwendigkeit
unterworfen sind zu glauben was möglicherweise nicht wahr ist mit anderen
Worten dass ein Fall eintreten könnte in dem unsere Sinne oder unser
Bewusstsein wenn an sie appelliert werden könnte für das eine Ding zeugen
würden und dass unsere Vernunft ein anderes Ding glauben würde In der Tat ist
aber eine solche beständige Notwendigkeit nicht vorhanden Es gibt kein
Urteil von dem behauptet werden könnte ein jeder menschliche Geist müsse es
ewig und unwiderruflich glauben Viele von den Urteilen von denen dies mit der
größten Zuversicht behauptet worden ist fanden bei einer großen Anzahl
menschlicher Wesen nur Unglauben Der Dinge von denen man annahm dass sie
jemand unwiderstehlich glauben müsse sind unzählige aber nicht zwei
Generationen würden einen gleichen Katalog von ihnen anfertigen Ein Jahrhundert
oder eine Nation glaubt unbedingt was der andern unglaublich und unbegreiflich
scheint das eine Individuum hat nicht eine Spur von dem Glauben den das andere
für der Menschheit absolut inwohnend hält kein einziger dieser supponierten
instinktmäßigen Glauben ist wirklich unvermeidlich Es steht in der Macht eines
jeden Denkgewohnheiten zu pflegen die ihn von diesen Glauben unabhängig
machen
Die Gewohnheit der philosophischen Analyse deren sicherste Wirkung ist den
Geist zu befähigen die Gesetze des bloß passiven Theiles seiner eigenen Natur
zu beherrschen anstatt davon beherrscht zu werden indem sie uns zeigt dass
Dinge nicht notwendig tatsächlich verknüpft sein müssen weil die Ideen von
ihnen in unserem Geiste verknüpft sind ist vermögend unzählige
Ideenassoziationen welche despotisch über den ungebildeten Geist herrschen zu
lösen und diese Gewohnheit ist nicht ohne Gewalt sogar über diejenigen
Assoziationen welche die erwähnte philosophische Schule als angeboren und
instinktiv betrachtet Ich habe die Überzeugung dass ein Jeder der an
Abstraktion und Analyse gewöhnt ist und der seine Fähigkeiten aufrichtig dazu
gebraucht wenn seine Einbildungskraft einmal gelernt hat die Vorstellung
aufzunehmen und zu hegen keine Schwierigkeit finden wird sich vorzustellen
dass zB in einem der vielen Firmamente in welche die Astronomie jetzt das
Universum einteilt Ereignisse aufs Geratewohl und ohne ein bestimmtes Gesetz
auf einander folgen können auch liegt in unserer Erfahrung oder in unserem
Geiste nichts was einen hinreichenden oder in der Tat auch nur irgend einen
Grund abgeben könnte zu glauben dass dies nirgends der Fall sei
Wenn wir annehmen würden was wir vollkommen möglich finden zu denken die
gegenwärtige Ordnung des Weltalls ginge zu Ende und es folgte ein Chaos in dem
keine feste Ordnung in der Sukzession der Ereignisse bestände und wo das
Vergangene keine Sicherheit für das Zukünftige gäbe und wenn ein menschliches
Wesen wunderbarerweise am Leben erhalten worden wäre um diese Veränderung zu
sehen so würde es da Gleichförmigkeit nicht länger mehr vorhanden wäre bald
aufhören an irgend eine Gleichförmigkeit zu glauben Wenn dies zugegeben wird
so ist der Glaube an Gleichförmigkeit entweder überhaupt kein Instinkt oder er
ist ein Instinkt der wie jeder andere Instinkt durch erlangtes Wissen
überwunden werden kann
Aber wir brauchen nicht Betrachtungen anzustellen über das was sein würde
wenn wir positive und gewisse Kenntnis von dem haben was gewesen ist Es ist
tatsächlich nicht wahr dass die Menschen immer geglaubt haben alle
Sukzessionen von Vorgängen seien gleichförmig und fänden nach festen Gesetzen
statt Die griechischen Philosophen sogar Aristoteles nicht ausgenommen
anerkannten den Zufall und die Willkür tyxê und to automaton als zu den
Agentien in der Natur gehörig mit anderen Worten sie glaubten dass soweit
keine Gewähr dafür vorhanden wäre dass die Vergangenheit sich selbst
gleichgeblieben sei oder dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde
Gegenwärtig sogar betrachtet die halbe philosophische Welt mit Einschluss
gerade derjenigen Metaphysiker welche für den instinktiven Charakter des
Glaubens an Gleichförmigkeit streiten eine sehr wichtige Klasse von
Erscheinungen die Willensakte als eine Ausnahme von der Gleichförmigkeit und
als nicht unter der Herrschaft fester Gesetze stehend137
2 Es ist schon früher erwähnt worden138 dass der Glaube an die
Allgemeinheit des Kausalgesetzes selbst eine Induktion und zwar keineswegs eine
der frühesten sei welche die Menschen gemacht haben konnten Wir gelangen zu
diesem universalen Gesetz durch Generalisationen von vielen Gesetzen von einer
geringeren Allgemeinheit Wir würden niemals den Begriff von Kausalität im
philosophischen Sinn als von einer Bedingung aller Erscheinungen gehabt haben
wenn wir nicht mit vielen Fällen von Verursachung oder mit anderen Worten mit
vielen partiellen Gleichförmigkeit der Folge vorher vertraut geworden wären
Die deutlicheren der besonderen Gleichförmigkeit leiten auf die allgemeine
Gleichförmigkeit und beweisen dieselbe und wenn diese allgemeine
Gleichförmigkeit einmal dargetan ist so setzt sie uns in den Stand den Rest
der besonderen Gleichförmigkeit aus denen sie zusammengesetzt ist zu
beweisen Da indessen eine jede strenge Induktion die allgemeine
Gleichförmigkeit voraussetzt so war unsere Kenntnis der besonderen
Gleichförmigkeit aus denen sie zuerst gefolgert wurde natürlicherweise nicht
aus einer strengen Induktion sondern sie war aus der lockeren und ungewissen
Art von Induktion per enumerationem simplicem abgeleitet und da das allgemeine
Kausalgesetz aus so erhaltenen Resultaten gefolgert wurde so kann es nicht
selbst auf einer besseren Grundlage beruhen
Es dürfte daher scheinen dass die Induktion per enumerationem simplicem
nicht allein nicht notwendig ein unerlaubtes logisches Verfahren sondern dass
sie in Wirklichkeit die einzig mögliche Art Induktion ist indem das
vollkommenere Verfahren in Beziehung auf Gültigkeit von einem Gesetz abhängt das
selbst in dieser kunstlosen Weise erhalten wurde Ist es denn nicht
inkonsequent die Lockerheit der einen Methode mit der Strenge der anderen zu
vergleichen wenn letztere ihre Strenge der lockern Methode verdankt
Die Inkonsequenz ist aber nur eine scheinbare Wenn die Induktion durch
einfache Aufzählung ein ungültiges Verfahren wäre so könnte sicherlich kein
darauf gegründetes Verfahren gültig sein gerade wie wir uns nicht auf Teleskope
verlassen könnten wenn wir unseren Augen nicht trauen dürften Aber wenn sie
auch ein gültiges Verfahren ist so ist sie doch ein fehlbares und dies zwar in
verschiedenem Grade Wenn wir daher den fehlbareren Formen des Verfahrens eine
Operation substituieren können die auf dasselbe Verfahren in einer weniger
fehlbaren Form gegründet ist so haben wir eine wichtige Verbesserung zu Stande
gebracht
Ein Schließen aus der Erfahrung muss für unzuverlässig erklärt werden wenn
es durch spätere Erfahrung nicht bestätigt wird Diesem Kriterium nach bietet
die Induktion durch bloße Aufzählung mit anderen Worten die Generalisation
einer beobachteten Tatsache aus der bloßen Abwesenheit eines jeden bekannten
gegenteiligen Falles einen prekären und unsicheren Grund für Gewissheit denn
bei weiterer Erfahrung entdeckt man von solchen Generalisationen beständig dass
sie falsch sind Sie bietet indessen in vielen Fällen eine hinreichende
Gewissheit um uns in der gewöhnlichen Praxis darnach richten zu können Es wäre
absurd zu sagen die von den Menschen beim Beginn ihrer Erfahrung gemachten
Generalisationen wie die folgenden Speise nährt Feuer brennt Wasser
überschwemmt verdienten kein Vertrauen139 In den Resultaten der ursprünglichen
unwissenschaftlichen Induktion existiert eine Abstufung von Zuverlässigkeit und
von dieser Verschiedenheit wie im vierten Kapitel dieses Buches bemerkt wurde
sind die Regeln für die Verbesserung des Verfahrens abhängig Die Verbesserung
besteht darin dass man die eine dieser kunstlosen Generalisationen durch die
andere korrigiert Es ist bereits gezeigt worden dass dies alles ist was die
Kunst tun kann Eine Generalisation dadurch erproben dass man zeigt dass sie
entweder aus einer stärkeren Induktion folgt oder ihr widerspricht indem manche
Generalisationen auf einer breiteren erfahrungsgemäßen Grundlage ruhen ist der
Anfang und das Ende der induktiven Logik
3 Die Unsicherheit der Methode der einfachen Aufzählung steht nun zum
Umfang der Generalisation in einem umgekehrten Verhältnis Das Verfahren ist
täuschend und unzureichend genau in dem Verhältnis als der Gegenstand der
Beobachtung speziell und in Umfang beschränkt ist Wenn seine Sphäre sich
erweitert so verringert sich die Unsicherheit dieser unwissenschaftlichen
Methode und die universalste Klasse von Wahrheiten das Kausalgesetz zB und
die Prinzipien der Zahlenlehre und der Geometrie werden durch diese Methode
allein genau und genügend bewiesen und sind auch gar keines andern Beweises
fähig
In Beziehung auf die ganze Klasse von Generalisationen welche wir oben
abgehandelt haben in Beziehung auf die Gleichförmigkeit welche von einer
Verursachung abhängig sind folgt die Wahrheit der soeben gemachten Bemerkung
durch einen einleuchtenden Schluss aus den in den früheren Kapiteln
niedergelegten Prinzipien Wenn eine Tatsache so und sovielmal als wahr
beobachtet worden ist und kein Fall bekannt ist worin sie sich als falsch
erwiesen hätte und wenn wir nun sogleich behaupten diese Tatsache sei eine
allgemeine Wahrheit oder ein Naturgesetz ohne sie durch irgend eine der vier
Methoden der Induktion zu prüfen oder sie deduktiv von anderen bekannten
Gesetzen abzuleiten so werden wir im Allgemeinen einen groben Irrtum begehen
wir sind aber vollkommen gerechtfertigt wenn wir sie für ein empirisches Gesetz
halten das innerhalb gewisser Grenzen von Zeit Ort und Umständen wahr ist
insofern nur die Anzahl von Koincidenzen grösser ist als mit Wahrscheinlichkeit
dem Zufall zugeschrieben werden kann Man darf das Gesetz nicht über jene
Grenzen hinaus ausdehnen weil die Tatsache seiner Gültigkeit innerhalb dieser
Grenzen eine Folge von Kollokationen sein kann in Beziehung auf welche man
nicht schließen kann dass sie an einem Orte existieren werden weil sie an
einem andern existieren oder weil sie von der zufälligen Abwesenheit
entgegenwirkender Agentien abhängen kann welche durch irgend eine Veränderung
von Zeit oder durch die geringste Veränderung der Umstände in Tätigkeit
gesetzt werden können Wenn wir daher den Gegenstand einer Generalisation soweit
verbreitet annehmen dass es keine Zeit keinen Ort und keine Verbindung von
Umständen gibt welche nicht ein Beispiel seiner Wahrheit oder seiner
Unwahrheit darböten und wenn er nie anders als wahr befunden wird so kann
seine Wahrheit nicht von einer Kollokation abhängen es müsste denn eine
Kollokation sein welche zu allen Zeiten und an allen Orten existiert noch kann
er durch irgend entgegenwirkende Agentien aufgehoben werden es müssten denn
Agentien sein die in der Wirklichkeit niemals vorkommen Es ist daher ein
empirisches Gesetz das soweit geht als alle menschliche Erfahrung bei diesem
Punkte verschwindet aber der Unterschied zwischen empirischen Gesetzen und
Naturgesetzen und die Behauptung tritt in die höchste Reihe von Wahrheiten
welche der Wissenschaft zugänglich sind
Nun ist aber das Kausalgesetz die in ihrem Gegenstand am weitesten gehende
durch die Erfahrung verbürgte Generalisation bezüglich der Sequenzen und
Koexistenzen der Erscheinungen In Betreff der Allgemeinheit und folglich wenn
die vorhergehenden Betrachtungen richtig sind in Betreff der Gewissheit steht
es allen beobachteten Gleichförmigkeit voran Und wenn wir betrachten nicht
was die Menschheit in der Kindheit ihres Wissens zu glauben gerechtfertigt
gewesen wäre sondern was sie in dem jetzigen vorgeschrittenen Zustand ihres
Wissens vernunftgemäß glauben darf so werden wir uns berechtigt fühlen dieses
fundamentale Gesetz obgleich selbst durch Induktion von besonderen
Kausalgesetzen erhalten für nicht weniger gewiss sondern im Gegenteil für
gewisser zu halten als ein jedes der Gesetze aus denen es gezogen wurde Es
fügt soviel Beweis zu diesen hinzu als es von ihnen empfangt denn es gibt
wahrscheinlich sogar unter den am besten festgestellten spezielleren
Kausalgesetzen nicht ein einziges das nicht zuweilen aufgehoben würde und in
Betreff dessen sich nicht scheinbare Ausnahmen darböten welche notwendig und
mit Recht das Vertrauen der Menschen zu diesen Gesetzen erschüttert hätten wenn
uns nicht auf das allgemeine Gesetz gegründete induktive Prozesse in den Stand
gesetzt hätten diese Ausnahmen auf die Tätigkeit entgegenwirkender Ursachen zu
beziehen und sie dadurch mit dem Gesetz dem sie anscheinend widerstritten zu
versöhnen Überdies konnten sich in die Darstellung eines jeden der speziellen
Gesetze durch Nichtbeachtung eines wesentlichen Umstands Irrtümer
eingeschlichen haben und anstatt des wahren Urteils konnte ein anderes
ausgesagt worden sein das obgleich in allen bisher beobachteten Fällen zu
demselben Resultat führend als ein allgemeines Gesetz falsch ist Ausnahmen von
dem Kausalgesetz dagegen kennen wir nicht allein nicht sondern die Ausnahmen
welche die speziellen Gesetze beschränken oder scheinbar ungültig machen sind
so weit entfernt dem allgemeinen Gesetz zu widersprechen dass sie dasselbe
sogar bestätigen indem wir in allen unserer Beobachtung offen genug liegenden
Fällen im Stande sind den unterschied des Resultats entweder auf die
Abwesenheit einer Ursache die in gewöhnlichen Fällen vorhanden war oder auf
die Gegenwart einer sonst abwesenden Ursache zurückzuführen
Da das Gesetz von Ursache und Wirkung soweit gewiss ist so kann es seine
Gewissheit allen anderen induktiven Urteilen mittheilen die daraus abgeleitet
werden können und die engeren Induktionen können angesehen werden als
erhielten sie ihre letzte Bestätigung von diesem Gesetz indem sich keine
einzige unter ihnen findet die nicht gewisser würde als sie vorher war wenn
wir im Stande sind sie mit dieser weiteren Induktion zu verbinden und zu
zeigen dass in Übereinstimmung mit diesem Gesetz nicht geleugnet werden kann
dass alles was zu existieren beginnt eine Ursache hat Die scheinbare
Inkonsequenz die Induktion durch einfache Aufzählung für den Beweis dieser
allgemeinen das Fundament der wissenschaftlichen Induktion bildenden Wahrheit
als gültig zu erachten und ihr in Beziehung auf die engere Induktion die
Verlässlichkeit abzusprechen hat daher ihre Rechtfertigung gefunden Ich gebe
vollständig zu dass wenn das Kausalgesetz nicht bekannt wäre in den
ersichtlicheren Fällen von Gleichförmigkeit in den Erscheinungen Generalisation
dennoch möglich wäre und wenn sie auch in allen Fällen mehr oder weniger prekär
und in manchen äußerst prekär wäre so würde sie doch für die Herstellung eines
gewissen Maßes der Wahrscheinlichkeit genügen was aber die Größe dieser
Wahrscheinlichkeit sein könnte brauchen wir nicht zu berechnen da sie niemals
den Grad von Gewissheit erreichen würde den das Urteil erlangt wenn sich
durch die Anwendung der vier Methoden auf dasselbe die Annahme seines
Falschseins als mit dem Kausalgesetz unverträglich herausstellt Wir sind daher
logisch berechtigt und durch die Bedürfnisse einer wissenschaftlichen Induktion
aufgefordert die aus den frühen rohen Methoden des Generalisierens abgeleiteten
Wahrscheinlichkeiten hintanzusetzen und keine engere Generalisation für
bewiesen zu betrachten ausgenommen soweit sie durch das Kausalgesetz bestätigt
wird und keine für wahrscheinlich ausgenommen soweit man vernunftgemäß
erwarten kann sie so bestätigt zu sehen
4 Für die Rechtfertigung der wissenschaftlichen Induktionsmethode
gegenüber der unwissenschaftlichen wenn auch die wissenschaftliche immerhin auf
der unwissenschaftlichen beruht mögen die vorhergehenden Betrachtungen genügen
Zur Stütze der Regeln der Induktion ist nur nötig dass die Generalisation aus
welcher das allgemeine Kausalgesetz hervorgeht eine stärkere und bessere
Induktion sei eine Induktion die mehr Vertrauen verdient als irgend eine der
untergeordneten Generalisationen Ich glaube aber wir dürfen noch einen Schritt
weiter gehen und die Gewissheit dieser großen Induktion nicht bloß als
relativ sondern für alle praktischen Zwecke auch als absolut betrachten
Die Betrachtungen welche in unseren Tagen dem Beweis des Gesetzes von der
Gleichförmigkeit der Sukzession als von allen Naturerscheinungen ohne Ausnahme
wahr diesen Charakter von Vollständigkeit und Bündigkeit verleihen sind meiner
Ansicht nach die folgenden erstens wir wissen nun direkt dass es für bei
weitem die größte Anzahl von Naturerscheinungen wahr ist und wir kennen keine
Erscheinungen für die es nicht wahr wäre indem man in dieser Beziehung
höchstens sagen könnte dass man bei einigen seine Wahrheit nicht auf einen
direkten Beweis hin behaupten kann während Erscheinung auf Erscheinung in dem
Maß als wir besser damit bekannt werden beständig aus der letzteren Klasse in
die erstere übergeht und in allen Fällen in denen dieser Übergang noch nicht
stattgefunden hat die Abwesenheit eines direkten Beweises durch die Seltenheit
oder das Dunkel der Erscheinungen durch unsere mangelhaften Mittel der
Beobachtung oder durch die logischen Schwierigkeiten welche aus der
Verwicklung der Umstände in welchen sie stattfinden erklärt wird so dass
ungeachtet einer eben so strengen Abhängigkeit von gegebenen Bedingungen als
sie bei einer jeden andern Naturerscheinung stattfindet es nicht wahrscheinlich
war dass wir mit jenen Bedingungen besser bekannt werden konnten als wir es
sind Außer dieser ersten Art von Betrachtungen gibt es noch eine zweite
welche den Schluss noch mehr bestärkt Obgleich es Naturerscheinungen gibt
deren Erzeugung und deren Veränderungen sich allen unseren Versuchen sie
allgemein auf ein bestimmtes Gesetz zurückzuführen entziehen so findet man
dennoch bei einem jeden derartigen Fall dass die Naturerscheinung oder die
daran beteiligten Gegenstände in manchen Fällen bekannten Naturgesetzen
gehorchen Der Wind zB ist das Bild der Ungewissheit und der Laune wir finden
aber dennoch dass er in manchen Fällen mit einer eben so großen Beständigkeit
wie eine jede andere Naturerscheinung dem Gesetz des Bestrebens der
Flüssigkeiten sich in einer Weise zu verteilen dass der Druck auf ihre
Teilchen von allen Seiten gleich ist gehorcht wie dies bei den Passatwinden
und den Monsoons der Fall ist Von dem Blitze konnte man ehemals annehmen er
gehorche keinen Gesetzen aber seitdem man ermittelt hat dass er mit der
Elektrizität identisch ist wissen wir dass dieses Phänomen in mancher
Beziehung unbedingt festen Gesetzen gehorcht Ich glaube nicht dass es
innerhalb der Grenzen unseres Sonnensystems gegenwärtig einen Gegenstand oder
einen Vorgang in unserer ganzen Kenntnis der Natur gibt wovon nicht durch
direkte Beobachtung entweder ermittelt wäre dass er seinen eigenen Gesetzen
folgt oder wovon nicht bewiesen wäre dass er Gegenständen und Vorgängen
welche sich in einer uns geläufigeren Weise oder nach einem kleineren Maßstabe
kundgeben und hierin strengen Gesetzen folgen genau ähnlich sieht Unsere
Unfähigkeit dieselben Gesetze wenn sie nach einem größeren Maßstabe und in
den dunkleren Fällen wirken nachzuweisen erklärt sich durch die Zahl der
modifizierenden Ursachen oder durch ihre Unzugänglichkeit für die Beobachtung
Der Fortschritt der Erfahrung hat daher den Zweifel zerstreut welcher so
lange in die Allgemeinheit des Kausalgesetzes gesetzt werden musste als es
Naturerscheinungen gab die scheinbar sui generis und nicht denselben Gesetzen
wie eine jede andere Klasse von Erscheinungen unterworfen waren und von denen
dennoch nicht ermittelt war dass sie ihre eigenen besonderen Gesetze haben Ehe
indessen hinreichende Gründe vorhanden waren um sie als eine Gewissheit
anzunehmen konnte diese weite Generalisation mit Recht wie es auch in der Tat
geschah als eine Wahrscheinlichkeit von der höchsten Ordnung behandelt werden
Denn was in unzähligen Fällen als wahr befunden worden ist und bei gehöriger
Untersuchung sich in keinem Fall als falsch erwies können wir mit Sicherheit
solange als universal betrachten als sich nicht eine unzweifelhafte Ausnahme
darbietet wenn die Natur des Falles nur der Art ist dass eine wirkliche
Ausnahme unserer Beobachtung nicht leicht entgehen konnte Wenn eine jede für
die Beantwortung der Frage uns hinlänglich bekannte Naturerscheinung eine
Ursache hatte wovon sie beständig eine Folge war so war es rationeller
anzunehmen unsere Unfähigkeit die Ursachen anderer Naturerscheinungen
nachzuweisen gehe aus unserer Unwissenheit hervor als anzunehmen es gebe
Naturerscheinungen welche keine Ursachen haben und es seien dies zufällig
gerade diejenigen die wir bisher nicht genug Gelegenheit hatten zu studieren
Es muss zugleich bemerkt werden dass die Gründe für diese Zuverlässigkeit
nicht in uns unbekannten Umständen und über die mögliche Grenze unserer
Erfahrung hinaus gültig sind Es würde töricht sein mit Zuversicht zu
behaupten es herrsche in entfernten Teilen der Sternenregion wo die
Naturerscheinungen ganz verschieden von denjenigen sein können an die wir
gewöhnt sind dieses allgemeine Gesetz oder es herrschten jene spezielleren
Gesetze die wir auf unserem Planeten allgemein gültig finden Die
Gleichförmigkeit in der Folge von Naturerscheinungen auch das Kausalgesetz
genannt muss angesehen werden als ein Gesetz nicht des Universums sondern nur
des innerhalb des Bereiches unserer sichern Beobachtung liegenden Theiles
desselben und kann nur in einem mäßigen Grade auf angrenzende Fälle ausgedehnt
werden Es noch weiter auszudehnen hieße eine unbewiesene Voraussetzung
machen und bei Abwesenheit eines jeden aus der Erfahrung stammenden Grundes
wonach ihr Grad von Wahrscheinlichkeit berechnet werden könnte wäre der
Versuch ihr irgend einen Grad von Wahrscheinlichkeit beizulegen vergeblich140
1 Die Ordnung in welcher die Naturerscheinungen in der Zeit eintreten
ist entweder eine sukzessive oder eine gleichzeitige die Gleichförmigkeit
welche in Beziehung auf dieses Eintreten bestehen sind daher entweder
Gleichförmigkeit der Sukzession der Folge oder der Koexistenz des
Zugleichseins Die Gleichförmigkeit der Sukzession sind alle in dem
Kausalgesetz und seinen Folgen inbegriffen Eine jede Naturerscheinung hat eine
Ursache worauf sie unveränderlich folgt und hieraus leiten sich andere
unveränderliche Sequenzen ab sowohl zwischen den sukzessiven Stufen derselben
Wirkung als auch zwischen Wirkungen welche Ursachen entspringen die
unveränderlich aufeinanderfolgen
Eine große Menge von Gleichförmigkeit des Zugleichseins entsteht ganz auf
dieselbe Weise wie diese abgeleiteten Gleichförmigkeit der Sukzession
Koordinierte Wirkungen derselben Ursachen koexistieren naturgemäß mit einander
Die Flut an einem Punkte der Erdoberfläche und die Flut an dem diametral
entgegengesetzten Punkte sind gleichförmig simultane Wirkungen welche aus der
Richtung in welcher die anziehende Kraft der Sonne und des Mondes auf das
Wasser des Meeres wirkt hervorgehen Eine Sonnenfinsternis für uns und eine
Erdfinsternis für einen Beobachter auf dem Monde sind gleichfalls
unveränderlich koexistierende Naturerscheinungen und ihre Koexistenz kann
ebenfalls aus den Gesetzen ihrer Erzeugung abgeleitet werden
Die Frage ob nicht alle Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen
Naturerscheinungen auf diese Weise erklärt werden könnten ist daher eine sehr
natürliche Es kann gar nicht bezweifelt werden dass zwischen
Gleichförmigkeit welche selbst Wirkungen sind die Koexistenzen notwendig
von den Ursachen dieser Naturerscheinungen abhängen müssen Wenn sie unmittelbar
oder entfernt Wirkungen derselben Ursache sind so können sie nur Kraft einiger
Gesetze oder Eigenschaften dieser Ursache koexistieren wenn sie Wirkungen
verschiedener Ursachen sind so können sie nur koexistieren weil ihre Ursachen
koexistieren und die Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen den Wirkungen
wenn eine solche vorhanden ist beweist dass diese besonderen Ursachen
innerhalb der Grenzen unserer Beobachtung gleichförmig koexistiert haben
2 Diese Betrachtungen zwingen uns aber anzuerkennen dass es eine Klasse
von Koexistenzen geben muss welche nicht von Ursachen abhängen können nämlich
die Koexistenz der letzten Eigenschaften der Dinge jener Eigenschaften welche
zwar die Ursachen aller Naturerscheinungen aber nicht selbst durch irgend eine
Naturerscheinung verursacht sind und für welche sich nur durch das Zurückgehen
auf den Ursprung aller Dinge eine Ursache finden ließe Aber unter diesen
letzten Eigenschaften gibt es nicht allein Koexistenzen sondern auch
Gleichförmigkeit der Koexistenz Es können allgemeine Urteile aufgestellt
werden und es werden auch solche aufgestellt welche behaupten dass da wo
gewisse Eigenschaften gefunden werden gewisse andere sich mit ihnen vorfinden
Wir bemerken einen Gegenstand zB Wasser Dass es Wasser ist erkennen wir
natürlich aus einigen seiner Eigenschaften Nachdem wir dies aber erkannt haben
sind wir im Stande unzählige andere Eigenschaften desselben zu affirmieren was
wir nicht vermöchten wenn es nicht eine allgemeine Wahrheit ein Gesetz der
Gleichförmigkeit in der Natur wäre dass die Reihe von Eigenschaften durch
welche wir die Substanz mit Wasser identifizierten immer von jenen anderen
Eigenschaften begleitet sind
Unter Arten von Gegenständen versteht man wie früher weitläufig erklärt
wurde Bd I C VII jene Classen welche sich nicht durch eine begrenzte und
bestimmte sondern durch eine unbestimmte und unbekannte Anzahl von
Verschiedenheiten unterscheiden Eine jede Proposition nun welche etwas von
einer Art behauptet affirmiert eine Gleichförmigkeit des Zugleichseins Da wir
von den Arten nichts kennen als ihre Eigenschaften so ist die Art für uns die
Reihe von Eigenschaften durch welche sie identifiziert wird und welche natürlich
hinreichend sein muss um sie von einer jeden andern Art zu unterscheiden141
Wenn wir daher etwas von einer Art affirmieren so affirmieren wir zugleich etwas
beständig Koexistierendes mit den Eigenschaften durch welche die Art erkannt
wird und dies ist der einzige Sinn der Behauptung
Unter die Gleichförmigkeit des Zugleichseins welche in der Natur
existieren können daher alle Eigenschaften der Arten gezählt werden Es ist
indessen nicht das Ganze derselben von Verursachung unabhängig sondern nur ein
Teil Einige sind letzte Eigenschaften andere abgeleitete von einigen kann
keine Ursache nachgewiesen werden während andere offenbar von Ursachen
abhängen So ist die atmosphärische Luft eine Art und eine ihrer
unzweideutigsten Eigenschaften ist die Gasform diese Eigenschaft hat indessen
die Anwesenheit einer gewissen Menge gebundener Wärme als Ursache und wenn
diese Wärme hinweggenommen werden könnte wie es bei den Versuchen von Faraday
in Beziehung auf viele Gase geschah so würde die Gasform ohne Zweifel
verschwinden so wie auch viele andere Eigenschaften welche von dieser
Eigenschaft abhängen oder von ihr verursacht werden
In Beziehung auf alle Substanzen welche chemische Verbindungen sind und
welche daher als Produkte der Juxtaposition von Substanzen die der Art nach von
einander verschieden sind angesehen werden können hat man starke Gründe zu
vermuten dass die spezifischen Eigenschaften der Verbindungen von einigen der
Eigenschaften der Elemente als deren Wirkungen abhängen obgleich man bisher nur
geringe Fortschritte darin gemacht hat eine unveränderliche Beziehung zwischen
den ersteren und den letzteren nachzuweisen Eine ähnliche Vermutung wird noch
stärker da vorhanden sein wo der Gegenstand selbst wie in dem Falle
organischer Wesen kein urerstes Agens sondern eine Wirkung ist die in
Beziehung auf ihre Existenz selbst von einer Ursache oder von Ursachen abhängt
Es sind daher die Arten welche in der Chemie einfache Substanzen oder
elementare Agentien genannt werden die einzigen Arten deren Eigenschaften man
mit Gewissheit als letzte betrachten kann und von diesen Elementen sind die
letzten Eigenschaften wahrscheinlich weit zahlreicher als wir jetzt erkennen da
eine jede Zerlegung der Eigenschaften ihrer Verbindungen in einfachere Gesetze
im allgemeinen zu der Erkennung von Eigenschaften der Elemente führt die von
allen vorher bekannten unterschieden sind Ein Resultat der Zerlegung der
Gesetze der Himmelsbewegungen war die vorher unbekannte letzte Eigenschaft einer
gegenseitigen Anziehung zwischen allen Körpern die Zerlegung der Gesetze der
Kristallisation der chemischen Affinität der Elektrizität des Magnetismus so
weit sie bis jetzt fortgeschritten ist deutet auf verschiedene den Partikeln
woraus die Körper zusammengesetzt sind inhärierende Polaritäten die relativen
Atomgewichte der verschiedenen Körper wurden ermittelt als man die
Gleichförmigkeit der Gewichtsmengen in denen sich diese Körper verbinden in
allgemeinere Gesetze auflöste usw Obgleich auf diese Weise die Zerlegung
einer komplexen Gleichförmigkeit in einfachere und mehr elementare Gesetze
anscheinend die Zahl der letzten Eigenschaften vermindert und in der Tat viele
Eigenschaften hinwegfallen lässt so sind wir dennoch gezwungen da das Resultat
dieser Vereinfachung ist dass dadurch immer eine größere Menge von
verschiedenen Wirkungen desselben Agens nachgewiesen wird eine um so größere
Anzahl von Eigenschaften in einem und demselben Gegenstände anzuerkennen je
weiter wir in dieser Richtung vorwärts gehen die Koexistenz dieser
Eigenschaften muss daher unter die letzten Allgemeinheiten der Natur gereiht
werden
3 Es gibt demnach nur zwei Arten von Urteilen welche eine
Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen Eigenschaften behaupten Entweder
hängen die Eigenschaften von Ursachen ab oder nicht Wenn sie von Ursachen
abhängen so ist das Urteil welches behauptet dass sie koexistieren ein
abgeleitetes Gesetz der Koexistenz von Wirkungen es ist so lange es nicht in
die Kausalgesetze von denen es abhängt zerlegt worden ist ein empirisches
Gesetz und muss nach den Prinzipien der Induktion denen dergleichen Gesetze
unterworfen werden können erprobt werden Wenn anderseits die Eigenschaften
nicht von letzten Ursachen abhängen sondern letzte Eigenschaften sind und wenn
sie dann in Wahrheit unveränderlich koexistieren so müssen sie alle letzte
Eigenschaften von einer und derselben Art sein und nur von diesen allein können
die Koexistenzen als eine besondere Sorte von Naturgesetzen klassifiziert werden
Wenn wir behaupten dass alle Krähen schwarz sind oder dass alle Neger ein
wolliges Haar haben so behaupten wir eine Gleichförmigkeit der Koexistenz Wir
behaupten dass die Eigenschaft des Schwarzseins oder ein wolliges Haar zu
besitzen unveränderlich mit denjenigen Eigenschaften koexistiert welche in
gewöhnlicher Sprache oder in der angenommenen wissenschaftlichen Klassifikation
so angesehen werden als machen sie die Klasse der Krähen oder der Neger Nimmt
man nun an die Schwärze sei eine letzte Eigenschaft der schwarzen Gegenstände
oder das wollige Haar sei eine letzte Eigenschaft der Tiere die es besitzen
und nimmt man ferner an diese Eigenschaften seien nicht Resultate einer
Verursachung sie seien nicht durch irgend ein Gesetz mit vorausgehenden
Naturerscheinungen verknüpft so müssen dies wenn alle Krähen schwarz sind und
alle Neger wolliges Haar haben letzte Eigenschaften der Art Krähe oder Neger
oder einer Art sein welche dieselben einschließt Wenn dagegen die Schwärze
oder das wollige Haar eine von Ursachen abhängige Wirkung ist so sind diese
allgemeinen Propositionen empirische Gesetze und alles was von dieser Klasse
von Generalisationen bereits gesagt worden ist kann ohne Modifikation auch auf
diese Propositionen angewendet werden
Wir haben nun gesehen dass bei allen Verbindungen kurz bei allen Dingen
mit Ausnahme der elementaren Substanzen und der ersten Naturkräfte die
Präsumtion ist dass alle Eigenschaften in der Tat von Ursachen abhängen und
dass es unmöglich ist in irgend einem Falle die Gewissheit zu haben dass sie
es nicht sind Es wäre daher nicht geraten für irgend eine Generalisation in
Beziehung auf die Koexistenz von Eigenschaften einen Grad von Gewissheit zu
verlangen auf den sie wenn die Eigenschaften vielleicht das Resultat von
Ursachen sein sollten keinen Anspruch hätte Eine Generalisation in Beziehung
auf Koexistenz oder mit anderen Worten in Beziehung auf Eigenschaften der Art
kann eine letzte Wahrheit aber sie kann auch eine bloß abgeleitete sein und
da sie in dem letzteren Falle eines jener abgeleiteten Gesetze ist welche weder
Kausalgesetze noch in die Kausalgesetze von denen sie abhängen zerlegt worden
sind so kann sie keinen höheren Grad von Gewissheit besitzen als einem
empirischen Gesetze zukommt
4 Dieser Schluss wird bestätigt durch die Betrachtung einer großen
Unvollkommenheit welche die Anwendung eines Systems von strenger und
wissenschaftlicher Induktion auf die letzten Gleichförmigkeit der Koexistenz
in der Art wie sie die Gleichförmigkeit der Sukzession zulassen ausschließt
Es fehlt einem solchen System die Grundlage Es gibt kein allgemeines Axiom
das in demselben Verhältnis zur Gleichförmigkeit der Koexistenz stände wie das
Kausalgesetz zur Gleichförmigkeit der Sukzession Die auf die Bestimmungen von
Ursachen und Wirkungen anwendbaren Methoden der Induktion sind auf das Prinzip
gegründet dass alles was einen Anfang hat auch eine Ursache haben muss dass
unter den Umständen welche bei dem Anfang eines Dinges existierten sich gewiss
irgend ein Umstand befindet wovon die fragliche Wirkung eine Folge ist und bei
dessen Wiederholung sie ebenfalls mit Gewissheit wiederkehren würde Aber bei
der Untersuchung ob irgend eine Art wie Krähe allgemein eine gewisse
Eigenschaft besitzt wie Schwärze ist eine analoge Annahme nicht zulässig Wir
haben keine vorausgängige Gewissheit dass die Eigenschaft etwas haben muss was
beständig mit ihr koexistiert dass sie in derselben Weise ein unveränderlich mit
ihr Koexistierendes haben muss wie ein Vorgang ein unveränderliches Antezedens
haben muss Wenn wir Schmerz empfinden so müssen wir uns in Umständen befinden
in denen wir wenn sie sich genau wiederholen würden immer Schmerz empfinden
würden Aber aus dem Bewusstsein der Schwärze folgt nicht dass etwas vorhanden
sein muss wovon die Schwärze ein beständiger Begleiter ist Es ist daher eine
Elimination nicht statthaft weder eine Methode der Übereinstimmung oder des
Unterschiedes noch der sich begleitenden Veränderungen die nur eine
Modifikation der Methode der Übereinstimmung oder der Differenzmethode ist
Wir können nicht schließen dass die Schwärze welche wir an den Krähen sehen
eine unveränderliche beständige Eigenschaft der Krähe isst und zwar bloß
deshalb weil nichts Anderes gegenwärtig ist wovon sie eine beständige
Eigenschaft sein kann Wir sind daher bei der Untersuchung der Wahrheit eines
Urteils wie »alle Krähen sind schwarz« in keiner günstigeren Stellung als
wenn wir bei unserer Untersuchung der Verursachung gezwungen wären als eine der
Möglichkeiten zuzulassen dass die Wirkung in diesem besonderen Falle überhaupt
ohne irgend eine Ursache entstanden sein dürfte
Dass Bacon diese große Distinktion übersehen hat war wie mir scheint der
Hauptirrtum in seiner Ansicht von der Induktion Er hielt das Prinzip der
Elimination jenes große logische Instrument das er zuerst in Anwendung
gebracht zu haben das Verdienst hat in demselben Sinne und in derselben Weise
auf die Untersuchung von Koexistenzen anwendbar wie auf die der Sukzession von
Naturerscheinungen Er scheint gedacht zu haben dass in derselben Weise wie
ein jeder Vorgang eine Ursache oder ein unveränderliches Antezedens auch eine
jede Eigenschaft eines Gegenstandes ein unveränderlich Koexistierendes hat das
er ihre Form nannte und die Beispiele welche er für die Anwendung und
Erläuterung seiner Methode hauptsächlich wählte waren Untersuchungen solcher
Formen es waren Versuche um zu bestimmen in was alle diejenigen Gegenstände
welche in irgend einer allgemeinen Eigenschaft wie Härte oder Weichheit
Trockenheit oder Feuchtigkeit Hitze oder Kälte übereinstimmten sich sonst noch
ähnlich sähen Dergleichen Untersuchungen konnten zu keinem Resultat führen Die
Gegenstände haben selten einen solchen Umstand gemein sie stimmen gemeinlich in
dem untersuchten Punkte überein und sonst in nichts Eine große Anzahl von den
Eigenschaften welche soweit wir vermuten können am wahrscheinlichsten
wirklich letzte Eigenschaften sind scheinen unzertrennliche Eigenschaften
vieler verschiedenen Arten von Dingen zu sein die in keiner andern Beziehung
mit einander verbunden sind Und was die Eigenschaften betrifft welche wir da
sie Wirkungen von Ursachen sind im Stande sind einigermaßen zu erklären so
haben sie im allgemeinen mit den letzten Ähnlichkeiten oder Verschiedenheiten
in den Gegenständen selbst nichts zu schaffen sondern hängen von äußeren
Umständen ab unter deren Einfluss alle möglichen Gegenstände diese
Eigenschaften zu zeigen fähig sind wie es insbesondere mit jenen
Lieblingsgegenständen von Bacons wissenschaftlichen Forschungen wie Hitze und
Kälte Härte und Weichheit Festigkeit und Flüssigkeit und manchen anderen
Eigenschaften der Fall ist
Bei der Abwesenheit eines allgemeinen Gesetzes der Koexistenz welches dem
allgemeinen die Sequenzen beherrschenden Kausalgesetz gleicht werden wir daher
auf die unwissenschaftliche Induktion der Alten auf die Induktion per
enumerationem simplicem ubi non reperitur instantia contradictoria verwiesen
Der Grund dass wir glauben alle Krähen seien schwarz liegt darin dass wir
viele schwarze Krähen und niemals eine Krähe von einer andern Farbe gesehen
haben Es bleibt uns jetzt noch zu betrachten übrig wieweit dieser Beweis
reichen kann und wie wir seine Stärke in einem gegebenen Falle zu schätzen
haben
5 Zuweilen geschieht es dass eine bloße Veränderung in der Art und
Weise wie eine Frage mit Worten ausgedrückt wird obgleich sie in der Tat der
ausgedrückten Meinung nichts hinzufügt für sich schon ein bedeutender Schritt
zur Lösung dieser Frage ist Dieses findet wie ich glaube in dem vorliegenden
Falle Statt Der Grad von Gewissheit einer jeden Generalisation welche auf
keinem andern Beweise beruht als auf dem der Übereinstimmung soweit sie geht
aller vergangenen Beobachtung ist nur eine andere Phrase für den Grad von
Unwahrscheinlichkeit dass irgend eine bestehende Ausnahme bisher unbeobachtet
bleiben konnte Der Grund unseres Glaubens dass alle Krähen schwarz sind wird
auch die Unwahrscheinlichkeit gemessen dass Krähen von einer andern Farbe bis
auf den gegenwärtigen Augenblick existiert haben ohne dass wir Kenntnis davon
erhalten hätten Wir wollen die Frage in einer andern Weise stellen und
betrachten was die Voraussetzung es könne Krähen geben welche nicht schwarz
sind ergibt und unter welchen Bedingungen wir dies als glaublich ansehen
dürfen
Wenn es wirklich Krähen gibt die nicht schwarz sind so muss eines von
beiden stattfinden entweder muss der Umstand des Schwarzseins aller bisher
beobachteten Krähen gleichsam ein Zufall gewesen sein der mit irgend einem
Merkmal der Art nicht im Zusammenhang steht oder wenn es eine Eigenschaft der
Art ist so müssen die nicht schwarzen Krähen eine neue Art sein eine bisher
übersehene Art obgleich sie in der allgemeinen Beschreibung inbegriffen ist
durch welche die Krähen bisher charakterisiert wurden Die Wahrheit der ersten
Voraussetzung wäre bewiesen wenn wir zufällig unter schwarzen Krähen eine
weiße entdeckten oder wenn man fände dass schwarze Krähen manchmal weiß
werden Die zweite wäre bewiesen wenn man in Australien oder Zentralafrika eine
Spezies oder eine Gattung weißer oder grauer Krähen fände
6 Die erste der obenerwähnten Voraussetzungen schließt notwendig ein
dass die Farbe eine Wirkung von Ursachen ist Wenn die Schwärze bei den Krähen
an denen sie beobachtet wurde nicht eine Eigenschaft der Art sondern wenn es
im allgemeinen gleichgültig ist ob sie unter den Eigenschaften der Dinge
anwesend oder abwesend ist so ist sie nicht eine letzte Tatsache in den
Individuen selbst sondern gewiss von einer Ursache abhängig Es gibt ohne
Zweifel viele Eigenschaften welche von Individuum zu Individuum derselben Art
sogar derselben infima species oder niedrigster Art variieren Eine Blume kann
weiß oder rot sein ohne in einer andern Beziehung zu differieren Diese
Eigenschaften sind aber keine letzten Eigenschaften sondern sie hängen von
Ursachen ab Soweit als die Eigenschaften eines Dinges zu seiner eigenen Natur
gehören und nicht aus Ursachen entspringen die außerhalb desselben existieren
sind sie in derselben Art immer dieselben142 Man nehme z B alle einfachen
Substanzen und elementaren Kräfte die einzigen Dinge von denen wir mit
Gewissheit wissen dass einige von ihren Eigenschaften letzte sind Die Farbe
hält man allgemein für eine der veränderlichsten Eigenschaften und doch finden
wir niemals dass der Schwefel manchmal gelb und manchmal weiß ist oder dass
er überhaupt seine Farbe ändert ausgenommen soweit die Farbe die Wirkung einer
äußerlichen Ursache wie der Art des darauf fallenden Lichtes der mechanischen
Anordnung der Partikeln wie nach der Schmelzung etc ist Wir finden nicht
dass bei derselben Temperatur das Eisen manchmal fest und manchmal flüssig das
Gold manchmal hämmerbar und manchmal spröde ist dass der Wasserstoff sich
manchmal mit dem Sauerstoff verbindet und manchmal nicht oder dergleichen Wenn
wir von den einfachen Substanzen zu einer ihrer bestimmten Verbindungen
übergehen wie Wasser Kalk Schwefelsäure so besteht dieselbe Beständigkeit
ihrer Eigenschaften Wenn Eigenschaften von Individuum zu Individuum variieren
so ist dies entweder bei einem bloßen Gemenge wie bei der atmosphärischen Luft
oder bei Felsen das aus heterogenen Substanzen zusammengesetzt ist und keine
wirkliche Art ausmacht oder bei organischen Wesen der Fall Bei den letzteren
findet sich die Veränderlichkeit in der Tat in einem hohen Grade vor Tiere
von derselben Spezies und Race Menschen von demselben Alter Geschlecht und aus
demselben Lande werden zB in Beziehung auf Gesicht oder Gestalt sehr
verschieden sein Da aber organische Wesen der äußerst verwickelten Gesetze
wegen wovon sie beherrscht werden viel veränderlicher sind dh da sie dem
Einfluss einer größeren Anzahl von Ursachen unterworfen sind als alle anderen
Naturerscheinungen und da sie überdies selbst einen Anfang also auch eine
Ursache gehabt haben so hat man Grund zu glauben dass keine ihrer
Eigenschaften letzte sind sondern dass sie alle abgeleitete durch irgend eine
Ursache hervorgebrachte sind Diese Vermutung wird durch die Tatsache
bestätigt dass die Eigenschaften welche von dem einen Individuum zu dem andern
variieren auch allgemein in demselben Individuum zu verschiedenen Zeiten
variieren was wie jeder andere Vorgang eine Ursache voraussetzt und folglich
involviert dass die Eigenschaften nicht von Ursachen unabhängig sind
Wenn daher die Schwärze bei den Krähen bloß zufällig ist und sich verändern
kann während die Art dieselbe bleibt so ist ihre An oder Abwesenheit ohne
Zweifel keine letzte Tatsache sondern die Wirkung einer unbekannten Ursache
und in diesem Falle ist die Allgemeinheit der Erfahrung dass alle Krähen
schwarz sind ein hinreichender Beweis einer gemeinschaftlichen Ursache und
erhebt daher die Generalisation zu einem empirischen Gesetz Da es unzählige
Beispiele in dem bejahenden und bis jetzt keines in dem negativen Sinne gibt
so müssen die Ursachen wovon die Eigenschaft abhängt überall in den Grenzen
der gemachten Beobachtungen existieren und das Urteil kann innerhalb dieser
Grenzen und mit dem zulässigen Grad von Ausdehnung auf angrenzende Fälle als
allgemein angenommen werden
7 Wenn zweitens die Eigenschaft in den Fällen worin sie beobachtet
wurde nicht eine Wirkung von Ursachen ist so ist sie eine Eigenschaft der Art
und in diesem Falle kann die Generalisation nur durch die Entdeckung einer neuen
Art von Krähen beseitigt werden Dass indessen eine besondere bisher nicht
entdeckte Art in der Natur existiere ist eine so oft realisierte Voraussetzung
dass sie keineswegs als unwahrscheinlich betrachtet werden darf Nichts
berechtigt uns die Arten der Dinge welche in der Natur existieren zu
beschränken Die einzige Unwahrscheinlichkeit würde die sein dass eine Art in
Lokalitäten entdeckt werden dürfte die wir Gründe haben für gänzlich
durchforscht anzusehen und sogar diese Unwahrscheinlichkeit hängt von dem Grade
von Sichtbarkeit des Unterschiedes zwischen der neu entdeckten Art und allen
anderen Arten ab indem neue Arten von Mineralien Pflanzen und sogar Tieren
die vorher übersehen oder mit bekannten Spezies verwechselt worden sind in den
besuchtesten Lokalitäten noch fortwährend entdeckt werden Aus diesem zweiten
Grunde sowohl als auch aus dem ersten kann die beobachtete Gleichförmigkeit der
Koexistenz innerhalb der Grenzen nicht allein der wirklichen Erfahrung sondern
auch einer so genauen Erfahrung wie sie die Natur des Falles verlangt nur als
ein empirisches Gesetz gelten Und daher kommt es wie in einem früheren Kapitel
bemerkt wurde dass wir derartige Generalisationen bei der ersten Veranlassung
so leicht aufgeben Wenn irgend ein glaubwürdiger Zeuge aussagen würde er hätte
unter Umständen die nicht unglaublich scheinen lassen dass sie unserer
Beobachtung entgehen konnten eine weiße Krähe gesehen so würden wir seiner
Aussage vollen Glauben schenken
Es scheint daher dass die Gleichförmigkeit welche in der Koexistenz der
Naturerscheinungen stattfinden sowohl diejenigen welche wir Gründe haben als
letzte zu betrachten als auch diejenigen welche aus Gesetzen noch nicht
entdeckter Ursachen entspringen nur als empirische Gesetze angenommen werden
dürfen dass sie nur als innerhalb der Grenzen von Zeit Ort und Umständen in
denen die Beobachtungen gemacht wurden oder in streng angrenzenden Fällen für
wahr zu halten sind
8 In dem letzten Kapitel haben wir gesehen dass es einen Grad von
Allgemeinheit gibt bei welchem empirische Gesetze so gewiss werden als
Naturgesetze oder vielmehr bei welchem zwischen empirischen Gesetzen und
Naturgesetzen nicht länger ein Unterschied besteht In dem Maße als sich
empirische Gesetze diesem Grade von Allgemeinheit nähern werden sie gewisser
ihre Allgemeinheit wird zuverlässiger Denn erstens je allgemeiner sie sind
wenn sie das Resultat von Ursachen sind und wir können sogar bei der im
gegenwärtigen Kapitel abgehandelten Klasse von Gleichförmigkeit niemals
Gewissheit haben dass sie es nicht sind um so grösser ist dann
bewiesenermaßen der Raum über den sich die notwendigen Kollokationen
erstrecken und innerhalb dessen keine Ursachen existieren die den unbekannten
Ursachen wovon das empirische Gesetz abhängt entgegenwirken könnten Sagen
dass Etwas eine unveränderliche Eigenschaft einer sehr beschränkten Klasse von
Gegenständen ist heißt sagen dass es beständig eine zahlreiche und komplexe
Gruppe von unterscheidenden Eigenschaften begleitet was wenn Kausalität
überhaupt in der Sache beteiligt ist eine Verbindung von vielen Ursachen
beweist und daher auch eine Neigung leicht verhindert zu werden während der
verhältnismäßig geringe Umfang der Beobachtungen es unmöglich macht
vorauszusagen bis zu welcher Ausdehnung unbekannte entgegenwirkende Ursachen
durch die Natur verteilt sein können Wenn aber eine Generalisation in
Beziehung auf eine sehr große Anzahl von Dingen als gültig befunden worden ist
so ist schon bewiesen dass fast alle Ursachen welche in der Natur existieren
keinen Einfluss darauf haben dass sehr wenige Veränderungen in den Verbindungen
von Ursachen sie bewirken können indem die größere Anzahl von möglichen
Verbindungen bereits in dem einen oder dem anderen der Fälle worin sie wahr
befunden existiert haben muss Wenn daher ein empirisches Gesetz ein Resultat
einer Verursachung ist so kann man sich um so mehr darauf verlassen je
allgemeiner es ist Und sogar wenn es nicht ein Resultat einer Verursachung
sondern eine letzte Koexistenz ist so ist je allgemeiner es ist je grösser
die Erfahrung ist wovon es abgeleitet wurde die Wahrscheinlichkeit um so
grösser dass wenn Ausnahmen existiert hätten sich einige bereits gezeigt
hätten
Aus diesen Gründen wird ein weit stärkerer Beweis verlangt um eine Ausnahme
von einem der allgemeineren empirischen Gesetze darzutun als von einem der
spezielleren Gesetze Wir würden ohne Schwierigkeit glauben dass es eine neue
Art Krähe oder eine Art von Vögeln gibt die den Krähen in den Eigenschaften
welche bisher als die Unterscheidungsmerkmale der Spezies Krähe betrachtet
wurden gleicht Es wäre jedoch ein strengerer Beweis erforderlich um uns von
der Existenz einer Art Krähe zu überzeugen welche Eigenschaften besitzt die
sich von einer anerkannt allgemeinen Eigenschaft der Vögel unterscheiden und
ein noch strengerer Beweis wenn die Eigenschaften einer anerkannt allgemeinen
Eigenschaft der Tiere widerstreiten würden Und dies steht in Übereinstimmung
mit der durch den gemeinen Menschenverstand und die allgemeinere Praxis der
Menschen empfohlenen Urteilsweise die Menschen sind für alles Neue in der
Natur um so ungläubiger je allgemeiner die Erfahrung ist der das Neue zu
widersprechen scheint
9 Aber sogar jene weiteren Generalisationen welche umfassendere Arten
einschließen indem sie eine größere Anzahl und Mannigfaltigkeit von infimae
species enthalten sind nur empirische Gesetze welche bloß auf einer Induktion
durch einfaches Aufzählen und nicht auf einem Eliminationsprozess beruhen auf
einem Prozess also der auf diesen Fall ganz unanwendbar ist Derartige
Generalisationen sollten daher auf eine Prüfung aller in ihnen enthaltenen
infimae species und nicht bloß auf die Prüfung eines Theiles derselben
gegründet werden Wir können nicht schließen wo Verursachung nicht in Betracht
kommt dass weil ein Urteil von einer Anzahl von Dingen wahr ist die sich
bloß darin gleichen dass sie Tiere sind es darum auch von allen Tieren wahr
ist Wenn in der Tat etwas von solchen Spezies wahr ist die sich mehr von
einander selbst als eine jede von ihnen von einer dritten Spezies unterscheiden
besonders wenn diese dritte Spezies in den meisten ihrer bekannten
Eigenschaften einen Platz zwischen den beiden ersteren einnimmt so ist einige
Wahrscheinlichkeit vorhanden dass dasselbe auch von dieser Zwischenspezies wahr
sein wird denn man findet oft obgleich keineswegs allgemein dass eine Art
Parallelität in den Eigenschaften verschiedener Spezies bestehen und dass ihr
Grad von Unähnlichkeit in der einen Beziehung in irgend einem Verhältnis zu der
Unähnlichkeit in einer andern Beziehung steht Wir sehen diese Parallelität in
den Eigenschaften der verschiedenen Metalle in den Eigenschaften des Schwefels
Phosphors und des Kohlenstoffs in denen von Sauerstoff Chlor Brom und Jod in
den natürlichen Familien der Pflanzen und Tiere etc Aber es gibt unzählige
Anomalien und Ausnahmen von dieser Übereinstimmung wenn überhaupt die
Übereinstimmung selbst etwas anderes ist als eine Anomalie und eine Ausnahme in
der Natur
Es dürfen daher allgemeine Urteile in Beziehung auf die Eigenschaften
höherer Arten wenn sie nicht auf einen bewiesenen oder vermuteten Kausalnexus
gegründet sind nur nach einer besonderen Prüfung einer jeden in der hohem Art
eingeschlossenen Unterart gewagt werden Und auch dann noch muss man bereit
sein diese Generalisationen bei dem Vorkommen einer neuen Anomalie bei einem
Vorkommen also das wenn die Gleichförmigkeit nicht von Ursachen abgeleitet
ist sogar bei dem allgemeinsten dieser empirischen Gesetze niemals als sehr
unwahrscheinlich betrachtet werden kann aufzugeben So haben sich alle
allgemeinen Urteile welche man versucht hat in Beziehung auf einfache
Substanzen oder in Beziehung auf eine der Classen die man von den einfachen
Substanzen bildete aufzustellen ein Versuch der oft gemacht wurde bei dem
Fortschritt der Erfahrung als nichtig oder als irrig erwiesen eine jede Art
einfacher Substanz bleibt mit ihrer eigenen Summe von Eigenschaften von den
übrigen gesondert indem sie eine gewisse Parallelität mit wenigen anderen und
ihr am meisten ähnlichen Arten bewahrt In Betreff organischer Wesen gibt es
aber in der Tat einen Überfluss von Propositionen wovon ermittelt ist dass
sie von höheren Genera allgemein wahr sind und in Beziehung auf welche es als
höchst unwahrscheinlich zu betrachten ist dass man von vielen derselben
Ausnahmen entdecken wird Aber diese sind wie bereits bemerkt wurde und wie
wir allen Grund haben zu glauben Wahrheiten die von Kausalität abhängen
Gleichförmigkeit der Koexistenz müssen daher nicht allein wenn sie von
Gesetzen der Sukzession abhängen sondern auch wenn sie letzte Wahrheiten sind
für logische Zwecke unter die empirischen Gesetze gezählt werden und sind in
jeder Beziehung auf dieselben Regeln zurückführbar wie jene unzerlegten
Gleichförmigkeit wovon bekannt ist dass sie von Ursachen abhängen
1 Bei unseren Untersuchungen über die Natur des induktiven Verfahrens
müssen wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf solche Generalisationen beschränken
welche sich als allgemein wahr darstellten Es gibt eine Klasse von
Propositionen die anerkannt nicht allgemein sind in denen nicht behauptet
wird das Prädikat sei von dem Subjekte immer wahr der Werth dieser
Propositionen als Generalisationen ist jedoch nichtsdestoweniger sehr groß Ein
wichtiger Teil von dem Gebiete der induktiven Wissenschaft besteht nicht aus
allgemeinen Wahrheiten sondern aus Annäherungen an solche Wahrheiten und wenn
man sagt ein Schluss beruhe auf einem Wahrscheinlichkeitsbeweis so sind die
Prämissen gewöhnlich aus Generalisationen dieser Art gezogen
Da eine jede gewisse Folgerung in Beziehung auf einen besonderen Fall
einschließt es sei Grund vorhanden zu dem allgemeinen Urteil von der Form
jedes A ist B so setzt ein jeder Wahrscheinlichkeitsschluss voraus es sei
Grund vorhanden für das Urteil von der Form die meisten A sind B und der
Wahrscheinlichkeitsgrad der Folgerung in einem Durchschnittsfall wird von dem
Verhältnis zwischen der Anzahl der in der Natur existierenden Fälle welche mit
der Generalisation übereinstimmen und der Anzahl derjenigen welche ihr
widerstreiten abhängen
2 Urteile von der Form »die meisten A sind B« sind in der
Wissenschaft und dem praktischen Leben von sehr verschiedener Wichtigkeit Dem
wissenschaftlichen Forscher sind sie hauptsächlich als Materialien und Schritte
zu allgemeineren Wahrheiten schätzbar Die Entdeckung der letzteren ist das
eigentliche Ziel der Wissenschaft ihr Werk ist unvollendet wenn sie bei dem
Urteil »die meisten A sind B« stehen bleibt ohne diese Mehrheit durch einen
gemeinschaftlichen Charakter der sie von der Minderheit unterscheidet zu
umgrenzen unabhängig von der geringeren Genauigkeit solcher unvollkommenen
Generalisationen und ihrer weniger sicheren Anwendbarkeit auf individuelle Fälle
ist es klar dass sie im Vergleich mit genauen Generalisationen fast ganz unnütz
sind als ein Mittel um auf dem Wege der Deduktion weitere Wahrheiten zu
entdecken Indem wir das Urteil »die meisten A sind B« mit einem allgemeinen
Urteil »jedes B ist C« verbinden können wir zwar zu dem Schlusse gelangen
die meisten A sind C aber wenn ein zweites Urteil von einer annähernden Art
eingeführt wird oder sogar wenn nur eines vorhanden aber dieses eine die
obere Prämisse ist so kann im allgemeinen nichts Positives geschlossen werden
Wenn die obere Prämisse lautet »die meisten B sind D« so können wir nicht
schließen sogar nicht wenn die untere Prämisse ist jedes A ist B dass die
meisten A auch D sind oder mit einiger Gewissheit auch nur dass einige A D
sind Obgleich die Mehrzahl der Klasse B die durch D ausgedrückten Attribute
besitzt so kann doch das Ganze der Subclasse A der Minderzahl angehören143
Obgleich die annähernden Generalisationen in der Wissenschaft wenig und nur
als eine Stufe zu etwas Besserem zu gebrauchen sind so sind sie doch in dem
praktischen Leben oft die einzige Richtschnur nach der wir uns richten können
Sogar wenn die Wissenschaft die allgemeinen Gesetze einer Naturerscheinung
ermittelt hat so sind diese Gesetze nicht allein zu sehr mit Bedingungen
beladen um für den täglichen Gebrauch tauglich zu sein sondern die Fälle
welche sich im Leben darbieten sind auch zu verwickelt und unsere
Entscheidungen müssen zu schnell gefasst werden als dass man abwarten könnte
bis die Existenz einer Erscheinung durch das bewiesen werden kann was
wissenschaftlich als die allgemeinen Merkmale derselben bestimmt worden ist
Unentschieden im Handeln zu sein weil wir keinen Beweis von einem vollkommen
schlussrichtigen Charakter haben um danach zu handeln ist ein Fehler der
manchmal wissenschaftlichen Geistern eigen ist der jedoch da wo er existiert
die Betreffenden unfähig zu praktischen Geschäften macht Wenn wir mit Erfolg
handeln wollen so müssen wir nach Indikationen urteilen welche uns obgleich
es nicht allgemein der Fall ist manchmal irre führen wir müssen so viel wie
möglich die unvollständige Beweiskraft einer Indikation dadurch ersetzen dass
wir nach anderen Indikationen suchen welche sie verstärken Die auf annähernde
Generalisationen anwendbaren Prinzipien der Induktion sind daher ein nicht
weniger wichtiger Gegenstand der Untersuchung als die Regeln für die
Erforschung allgemeiner Wahrheiten und man würde erwarten dürfen dass wir uns
eben so lange damit beschäftigen werden wenn diese Prinzipien nicht bloße
Folgesätze der bereite abgehandelten Prinzipien wären
3 Es gibt zwei Arten von Fällen in denen wir gezwungen sind uns nach
der unvollkommenen Generalisation von der Form »die meisten A sind B« zu
richten Der erste Fall ist wenn wir keine anderen Generalisationen besitzen
wenn wir nicht im Stande waren unsere Erforschung der Gesetze irgend weiter zu
treiben als etwa in den folgenden Urteilen geschah die meisten Leute welche
dunkle Augen haben haben schwarze Haare die meisten Quellen enthalten
Mineralsubstanzen die meisten geschichteten Gebirgsarten enthalten Fossilien
Die Wichtigkeit derartiger Generalisationen ist nicht sehr groß denn obgleich
es sehr häufig eintrifft dass wir keinen Grund sehen warum das was von den
meisten Individuen einer Klasse wahr ist nicht auch von dem Rest wahr sein
sollte und dass wir nicht im Stande sind die ersteren in eine Beschreibung zu
bringen welche sie von den letzteren unterscheidet so können wir doch wenn
wir uns mit Urteilen von einem niedrigeren Grade von Allgemeinheit begnügen und
die Klasse A in Subclassen einteilen wollen im allgemeinen eine Reihe von
genau wahren Urteilen erhalten Wir wissen weder warum das meiste Holz
leichter ist als Wasser noch können wir eine allgemeine Eigenschaft angeben
wodurch sich Holz das leichter ist als Wasser von Holz das schwerer ist
unterscheidet Wir wissen aber genau welches die Spezies des einen und des
anderen ist Und wenn wir ein Holz finden das mit keiner bekannten Spezies
übereinstimmt der einzige Fall in dem unser vorausgängiges Wissen uns keine
andere Richtschnur darbietet als eine annähernde Generalisation so können wir
gewöhnlich ein spezifisches Experiment machen welches ein sichereres
Hilfsmittel ist
Es geschieht indessen häufiger dass das Urteil »die meisten A sind B«
nicht die Grenze unseres wissenschaftlichen Fortschritts ist wenn wir auch das
Wissen welches wir darüber hinaus besitzen nicht füglich auf die besonderen
Fälle anwenden können In einem solchen Falle wissen wir ziemlich gut welche
Umstände den Teil von A der das Attribut B besitzt von dem Teil der es
nicht besitzt unterscheiden wir haben aber kein Mittel oder keine Zeit zu
untersuchen ob diese charakteristischen Umstände in dem individuellen Falle
existieren oder nicht In dieser Lage befinden wir uns gemeinlich wenn die
Untersuchung eine sogenannte moralische Untersuchung dh eine Untersuchung
ist welche die Voraussagung menschlicher Handlungen zum Zweck hat Um uns in
den Stand zu setzen etwas in Beziehung auf Classen von Menschen zu behaupten
muss die Klassifikation auf die Umstände ihrer geistigen Kultur und ihrer
Gewohnheiten die in einem besonderen Falle selten genau bekannt sind gegründet
sein und Classen welche auf diese Unterscheidungen gegründet sind würden
niemals genau mit denjenigen Classen übereinstimmen in welche die Menschheit zu
sozialen Zwecken notwendig eingeteilt wird Alle Urteile welche man in
Beziehung auf die Handlungen der Menschen wie sie gewöhnlich klassifiziert sind
oder wie sie nach irgend äußerlichen Indikationen klassifiziert werden
aufstellen kann sind nur annähernd Wir können nur sagen die meisten Menschen
von einem gewissen Alter Gewerbe Land oder gesellschaftlichen Rang haben diese
oder jene Eigenschaften oder die meisten Menschen werden unter gewissen
Umständen so oder so handeln Nicht dass wir im allgemeinen nicht gut genug
wüssten von welchen Ursachen diese Eigenschaften abhängen oder was es für eine
Art von Leuten ist die in dieser Weise handeln aber wir können nur selten
wissen ob irgend ein Individuum unter dem Einfluss dieser Ursachen steht oder
ob es ein Individuum von der besonderen Art ist Wir könnten zwar die annähernden
Generalisationen durch allgemeine wahre Urteile ersetzen aber diese würden in
der Praxis kaum jemals angewendet werden können Wir wären unserer oberen
Prämissen sicher wir würden aber nicht im Stande sein die entsprechenden
unteren zu erhalten Wir sind daher gezwungen unsere Schlüsse aus roheren und
trüglicheren Indikationen zu ziehen
4 Betrachten wir nun das was man als einen hinreichenden Beweis einer
annähernden Generalisation anzusehen hat so erkennen wir es sogleich ohne
Schwierigkeit dass wenn dieselbe überhaupt zulässig ist sie es nur als ein
empirisches Gesetz sein kann Urteile von der Form »ein jedes A ist B« sind
nicht notwendig Kausalgesetze oder Gleichförmigkeit der Koexistenz Urteile
wie »die meisten A sind B« können es nicht sein Urteile die bisher in einem
jeden beobachteten Falle als wahr befunden wurden müssen deshalb nicht
notwendig Folgen von Kausalgesetzen oder letzten Gleichförmigkeit sein und
wenn sie es sind so können sie soviel wir wissen außerhalb der Grenzen der
wirklichen Beobachtung falsch sein Dies muss aber offenbar um so viel mehr der
Fall mit Urteilen sein welche nur in der bloßen Mehrheit der beobachteten
Fälle wahr sind
Es besteht indessen je nachdem die annähernde Generalisation das Ganze
unserer Kenntnis des Gegenstandes ausmacht oder nicht ein Unterschied in dem
Grade der Gewissheit des Urteils die meisten A sind B Nehmen wir an das
erstere sei der Fall Wir wissen nur die meisten A sind B wir wissen aber
nicht warum sie es sind noch in welcher Beziehung die welche es sind sich
von denjenigen die es nicht sind unterscheiden Wie erfuhren wir nun aber
dass die meisten A B sind Genau in derselben Weise wie wir erfahren hätten
dass alle A B sind wenn letzteres der Fall gewesen wäre Wir gammelten eine
hinreichende Anzahl von Fällen um den Zufall zu eliminieren und verglichen
sodann die Anzahl der bejahenden Fälle mit der Anzahl der negativen Wie es bei
anderen abgeleiteten Gesetzen der Fall ist so kann man sich auch hier nur
innerhalb der Grenzen nicht allein von Zeit und Ort sondern auch von Umständen
unter denen seine Wahrheit wirklich beobachtet wurde auf das Resultat
verlassen denn da wir der Voraussetzung nach nicht wissen welches die Ursachen
sind die das Urteil wahr machen so können wir nicht sagen in welcher Weise
ein neuer Umstand es vielleicht affizieren wird Das Urteil »die meisten
Richter sind der Bestechung unzugänglich« würde von den Engländern Deutschen
Franzosen Nordamerikanern wahr sein wenn dies aber der einzige Grund wäre es
auch auf die Orientalen auszudehnen so würden wir die Grenzen nicht allein der
Zeit und des Ortes sondern auch des Umstandes worin die Tatsache beobachtet
wurde überschreiten und den Möglichkeiten der Abwesenheit der entscheidenden
Ursachen oder der Gegenwart entgegenwirkender Ursachen den Zutritt gestatten
was der annähernden Generalisation verderblich sein könnte
In dem Falle wo das annähernde Urteil nicht das Ultimatum unserer
wissenschaftlichen Kenntnis sondern nur die dienlichste Form ist nach der wir
uns in der Praxis richten können wo wir nicht allein wissen dass die meisten A
das Attribut B haben sondern wo wir auch die Ursachen von B oder einige
Eigenschaften kennen wodurch sich der Teil von A welcher dieses Attribut
besitzt von dem Teil der es nicht besitzt unterscheidet sind wir viel
günstiger gestellt als in dem vorhergehenden Fall Wir können nämlich in einem
solchen Falle auf doppelte Weise ermitteln ob es wahr ist dass die meisten A
B sind in einer direkten Weise wie vorher und in einer indirekten indem wir
untersuchen ob das Urteil von der bekannten Ursache oder von irgend einem
bekannten Merkmal von B abgeleitet werden kann Es sei zB die Frage ob die
meisten Schotten lesen können Wir haben vielleicht noch keine genügende Anzahl
von Schotten beobachtet oder wir sind durch Andere in dieser Beziehung nicht
hinreichend unterrichtet worden um über diese Tatsache zu entscheiden aber
wenn wir bedenken dass die Ursache des Lesenkönnens ist dass es einem gelehrt
worden ist so bietet sich eine andere Art dar die Frage zu entscheiden indem
man nämlich erforscht ob die meisten Schotten in Schulen gingen wo das Lesen
wirklich gelehrt wird Von diesen beiden Arten ist manchmal die eine und
manchmal die andere die dienlichere In manchen Fällen ist die Häufigkeit der
Wirkung jener ausgedehnten und mannigfaltigen Beobachtung zugänglicher welche
für die Feststellung eines empirischen Gesetzes unumgänglich nötig ist in
anderen Fällen ist es die Häufigkeit der Ursachen oder einiger kollateraler
Indikationen Gewöhnlich trifft es sich dass keine von beiden für sich allein
einer so befriedigenden Induktion als man sie wünschen könnte fähig ist und
dass die Gründe worauf der Schluss gebaut ist aus beiden zusammengesetzt sind
So kann man glauben dass die meisten Schotten lesen können weil soweit die
Nachrichten gehen die meisten Schotten in die Schule geschickt wurden und in
den meisten schottischen Schulen das Lesen wirklich gelehrt wird oder auch
darum weil die meisten Schotten welche man gekannt oder von denen man gehört
hat lesen konnten obgleich keine von diesen zwei Reihen von Beobachtungen
allein die notwendigen Bedingungen des Umfangs und der Varietät erfüllt
Obgleich uns in den meisten Fällen die annähernde Generalisation sogar wenn
wir die Ursache oder ein gewisses Merkmal von dem prädizierten Attribute kennen
als ein Wegweiser unentbehrlich sein mag so braucht doch kaum bemerkt zu
werden dass wir in allen Fällen in denen wir das Vorhandensein der Ursache
oder des Merkmals wirklich erkennen die Ungewisse Indikation durch eine gewisse
ersetzen können Es tut zB ein Zeuge eine Aussage und es entstehe die Frage
ob ihm zu glauben sei Wenn wir auf keinen der einzelnen Umstände des Falles
sehen so haben wir nichts wonach wir uns richten könnten als die annähernde
Generalisation dass die Wahrheit häufiger ist als die Lüge oder mit anderen
Worten dass die meisten Menschen in den meisten Fällen die Wahrheit reden Wenn
wir aber betrachten worin sich die Fälle in denen die Wahrheit geredet wurde
von denjenigen unterscheiden worin sie nicht geredet wurde so finden wir zB
Folgendes der Zeuge ist ein ehrlicher Mann oder nicht er ist ein genauer
Beobachter oder nicht er hat bei einer Aussage ein Interesse oder nicht Wir
könnten nun aber nicht allein im Stande sein andere annähernde Generalisationen
in Beziehung auf den Grad von Häufigkeit dieser verschiedenen Möglichkeiten zu
erhalten sondern wir könnten auch wissen welche von ihnen in dem individuellen
Falle wirklich realisiert wird Ob der Zeuge ein Interesse zu wahren hat oder
nicht könnten wir vielleicht direkt wissen und die beiden anderen Punkte
könnten wir indirekt durch Merkmale erfahren wie zB aus seinem Benehmen bei
einer früheren Gelegenheit oder durch seinen Ruf der obgleich kein sicheres
Merkmal eine annähernde Generalisation gewährt wie zB die meisten Menschen
welche von denjenigen mit denen sie am meisten Verkehr hatten für ehrlich
gehalten werden sind es wirklich die sich einer allgemeinen Wahrheit mehr
nähert als das annähernde allgemeine Urteil von dem wir ausgingen als das
Urteil nämlich die meisten Menschen sprechen meistens die Wahrheit
Da es unnötig ist bei dem Beweise der annähernden Generalisation länger zu
verweilen so wollen wir zu einem nicht weniger interessanten Gegenstand
übergehen zu den Vorsichtsmaßregeln welche zu beobachten sind wenn man aus
diesen unvollständigen allgemeinen Urteilen auf besondere Fälle schließt
5 Soweit es die direkte Anwendung einer annähernden Generalisation auf
einen individuellen Fall betrifft bietet diese Frage keine Schwierigkeiten dar
Wenn das Urteil »die meisten A sind B« durch eine hinreichende Induktion als
ein empirisches Gesetz festgestellt worden ist so können wir schließen dass
irgend ein besonderes A ebenfalls B ist und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit
welche der Anzahl der bejahenden Fälle proportional ist War eine numerische
Genauigkeit in den Daten zu erreichen so kann der Werthbestimmung der
Wahrscheinlichkeit des Irrtums in dem Schlüsse ein entsprechender Grad von
Genauigkeit gegeben werden Wenn es als ein empirisches Gesetz festgestellt
werden kann dass von je zehn A neun B sind so wird die Wahrscheinlichkeit des
Irrtums in der Annahme ein jedes uns individuell nicht bekannte A sei B ein
Zehntel sein aber dies gilt natürlich nur innerhalb der Grenzen von Zeit Ort
und Umständen die in den Beobachtungen eingeschlossen sind und man kann sich
daher bei einer Unterklasse oder Varietät von A oder bei A in einer jeden Reihe
von äußeren Umständen welche in dem Durchschnitt nicht eingeschlossen war
nicht darauf verlassen Es muss noch hinzugefügt werden dass wir uns nur in
Fällen wovon wir nichts wissen als dass sie zur Klasse von A gehören nach dem
Urteil »von je zehn A sind neun B« richten können Denn wenn wir von einem
besonderen Falle i wissen nicht allein dass er zu A gehört sondern auch zu
welcher Spezies oder Varietät von A er gehört so werden wir gemeinlich irren
wenn wir auf i den Durchschnitt für das ganze genus von welchem der jener
Spezies allein entsprechende Durchschnitt aller Wahrscheinlichkeit nach
wesentlich verschieden ist anwenden Dasselbe findet Statt wenn i anstatt
eine besondere Art von Fall zu sein ein Fall ist wovon man weiß dass er
unter dem Einfluss einer besonderen Reihe von Umständen steht Die aus den
numerischen Verhältnissen des ganzen genus gezogene Vermutung würde in einem
solchen Falle wahrscheinlich nur irre führen Ein allgemeiner Durchschnittswert
sollte nur auf einen Fall angewendet werden von dem weder bekannt ist noch
vermutet werden kann dass er etwas Anderes als ein Durchschnittsfall ist
Solche Durchschnitte sind daher für die praktische Führung von Geschäften die
sich nicht auf große Zahlen beziehen gewöhnlich von geringem Nutzen Die
Sterblichkeitstabellen sind für Assecuranzgeschäfte sehr nützlich aber dem
Einzelnen geben sie wenig oder gar keine Auskunft über die Dauer seines eigenen
Lebens oder eines Lebens an dem er Antheil nimmt da fast ein jedes Leben
besser oder schlechter als der Durchschnitt ist Solche Durchschnitte können nur
so angesehen werden als lieferten sie das erste Glied einer Reihe von
Generalisationen während sich die folgenden Glieder auf eine Würdigung der dem
besonderen Falle zugehörigen Umstände stützen
6 Von der Anwendung einer einfachen annähernden Generalisation auf
individuelle Fälle gehen wir zur gleichzeitigen Anwendung von zwei oder mehreren
Generalisationen auf denselben Fall über
Wenn ein auf einen besonderen Fall angewendetes Urteil auf zwei mit
einander verbundene annähernde Generalisationen gegründet ist so können diese
in zweierlei Weise zu dem Resultate beitragen Nach der einen Weise ist ein
jedes Urteil gesondert auf den gegebenen Fall anwendbar und wenn wir beide mit
einander verbinden so ist unsere Absicht in diesem besonderen Falle dem
Schlüsse die doppelte Wahrscheinlichkeit zu geben die aus den beiden einzelnen
Generalisationen hervorgeht Dies kann man eine Vereinigung zweier
Wahrscheinlichkeiten durch Addition nennen das Resultat ist eine
Wahrscheinlichkeit die grösser ist als eine jede der einzelnen
Wahrscheinlichkeiten Die andere Weise findet Statt wenn nur eine der beiden
Propositionen direkt auf den Fall anwendbar ist während die zweite nur
vermittelst der Anwendung der ersten anwendbar wird Dies ist die Vereinigung
zweier Wahrscheinlichkeiten vermittelst des Syllogismus oder der Deduktion das
Resultat ist eine geringere Wahrscheinlichkeit als eine jede der beiden
Wahrscheinlichkeiten Der Typus des ersten Argumentes ist die meisten A sind B
die meisten B sind C dieses Ding ist zugleich ein A und ein C daher ist es
wahrscheinlich ein B Der Typus des zweiten ist die meisten A sind B die
meisten C sind A dieses ist ein C daher ist es wahrscheinlich ein A daher ist
es wahrscheinlich ein B Das erste Argument wird durch den Fall erläutert in
dem wir eine Tatsache durch die Aussage zweier Zeugen die nicht in Verbindung
stehen beweisen das zweite wenn wir die Aussage eines Zeugen anführen der
das Ding von einem andern behaupten hörte Oder es kann nach der ersten Weise
geschlossen werden dass der Angeklagte das Verbrechen beging weil er sich
verbarg und weil seine Kleider mit Blut befleckt waren nach der zweiten dass
er es beging weil er seine Kleider wusch oder verbrannte was es wie man
annimmt wahrscheinlich macht dass sie mit Blut befleckt waren Anstatt von nur
zwei Gliedern wie in diesen Fällen können wir beliebig lange Ketten annehmen
Eine Kette von Beweisen der ersteren Art nannte Bentham144 eine sich selbst
bekräftigende die zweite eine sich selbst schwächende Kette
Wenn annähernde Generalisationen durch Addition verbunden werden so ist es
nach der in einem früheren Kapitel abgehandelten Wahrscheinlichkeitstheorie
leicht zu sehen in welcher Weise eine jede von ihnen zur Wahrscheinlichkeit
eines Schlusses der durch sie alle verbürgt ist beiträgt Wenn im Durchschnitt
von je drei A zwei B und von je vier B drei C sind so ist die
Wahrscheinlichkeit dass etwas was zugleich ein A und ein C ist ein B sei
grösser als zwei unter dreien oder drei unter vier Von je zwölf Dingen welche
A sind sind der Voraussetzung nach alle mit Ausnahme von vier B und wenn
alle zwölf und folglich auch jene vier den Charakter von C ebenfalls haben so
werden aus diesem Grunde drei von diesen B sein Von zwölf welche zugleich A
und C sind sind daher elf B Um das Argument noch in einer anderen Weise
ausdrücken ein Ding welches zugleich A und C ist ohne jedoch B zu sein wird
nur in einer der drei Abtheilungen der Klasse A und nur in einer der vier
Abtheilungen der Klasse C gefunden wenn aber diese vierte Abtheilung von C ohne
Auswahl über das Ganze von A verteilt wird so gehört nur ein Drittel davon
oder ein Zwölftel der ganzen Anzahl zur dritten Abtheilung von A es trifft
daher ein Ding das nicht B ist nur einmal unter zwölf Dingen ein welche
zugleich A und C sind In der Sprache der Wahrscheinlichkeitslehre würde der
Schluss in folgender Weise auszudrücken sein die Wahrscheinlichkeit dass ein A
nicht B ist ist 13 die Wahrscheinlichkeit dass ein C nicht B ist ist 14
wenn das Ding daher zugleich ein A und ein C ist so ist die Wahrscheinlichkeit
dass es nicht B ist ein 13 von 14 112
Wie der Leser wohl bemerkt haben wird setzt dieses Argument voraus dass
die aus A und C hervorgehenden Wahrscheinlichkeiten von einander unabhängig
seien Es braucht zwischen A und C kein solcher Zusammenhang zu bestehen dass
wenn ein Ding zu der einen Klasse gehört es darum auch zu der anderen gehören
wird oder dass auch nur eine größere Wahrscheinlichkeit dafür ist es gehöre
dazu Die vierte Abtheilung von C anstatt gleichmäßig über die drei
Abtheilungen von A verteilt zu sein könnte sonst in einer größeren Menge oder
sogar ganz in der dritten Abtheilung enthalten sein in welchem letzten Falle
die aus A und C zusammen hervorgehende Wahrscheinlichkeit nicht grösser sein
würde als die aus A allein entspringende
Wenn annähernde Generalisationen durch Deduktion verbunden werden so wird
der Grad von Wahrscheinlichkeit des Schlusses anstatt erhöht zu werden bei
jedem Schritt vermindert Aus zwei Prämissen wie die meisten A sind B die
meisten B sind C können wir nicht mit Gewissheit schließen dass auch nur ein
einziges A C ist denn das Ganze des Theiles voll A der in irgend einer Weise
unter B fällt kann vielleicht in dem Ausnahmsteil desselben enthalten sein
Und doch bieten die zwei fraglichen Urteile eine bestimmbare
Wahrscheinlichkeit dass ein gegebenes A C ist wenn nur der Durchschnitt
worauf das zweite Urteil gegründet ist mit billiger Bezugnahme auf das erste
genommen wurde wenn man nur zu dem Urteil die meisten A sind C in einer
Weise gelangt ist die keinen Verdacht hinterlässt dass die daraus
entspringende Wahrscheinlichkeit in ungehöriger Weise über die Abtheilung von B
welche zu A gehört verteilt sei Denn obgleich die Fälle welche A sind alle
in der Minderheit sein mögen so können sie auch alle in der Mehrheit sein und
die eine Möglichkeit ist der andern entgegen zu setzen Im Ganzen wird die
Wahrscheinlichkeit welche aus den zwei Urteilen zusammengenommen entsteht
genau durch die Wahrscheinlichkeit gemessen werden welche aus dem einen Urteil
entspringt und im Verhältnis zu der aus dem andern Urteil entspringenden
Wahrscheinlichkeit vermindert ist Wenn von zehn Schweden neun blonde Haare
haben und acht von neun Einwohnern Stockholms Schweden sind so ist die aus
diesen zwei Urteilen entspringende Wahrscheinlichkeit dass ein geborener
Einwohner von Stockholm blonde Haare habe acht unter zehn obgleich es im
strengen Sinne möglich obgleich unwahrscheinlich ist dass die ganze
schwedische Bevölkerung Stockholms zu jener zehnten Abtheilung des schwedischen
Volkes gehört welche eine Ausnahme von den übrigen machen
Wenn man von den Prämissen weiß dass sie nicht von einer bloßen Mehrheit
sondern von nahezu dem Ganzen der respektiven Gegenstände wahr sind so können
wir durch mehrere Stufen hindurch fortwährend das eine von derartigen Urteilen
mit dem andern verbinden ehe wir zu einem Schluss gelangen der mutmaßlich
sogar von einer Mehrheit nicht wahr sein dürfte Der Irrtum des Schlusses wird
das Aggregat der Irrtümer aller Prämissen sein Es sei das Urteil die meisten
A sind B von neun unter zehn wahr das Urteil die meisten B sind C von acht
unter neun so wird nicht allein ein A von zehn nicht C sein weil es nicht B
ist sondern von den neun Zehnteln welche B sind werden sogar nur acht Neuntel
C sein dh die Fälle von A welche C sind werden nur 89 von 910 oder vier
Fünftel sein In dieser Weise nimmt die Wahrscheinlichkeit progressiv ab Die
Erfahrung worauf unsere annähernden Generalisationen gegründet sind wurde
indessen einer genauen numerischen Berechnung so selten unterworfen oder ließ
sie so selten zu dass wir im allgemeinen für die Veränderung der
Wahrscheinlichkeit welche bei einer jeden Folgerung stattfindet keinerlei
Maß haben sondern uns damit begnügen müssen zu wissen dass sie sich bei
jedem Schritt vermindert und dass wenn die Prämissen in der Tat nicht nahezu
allgemein wahr sind der Schluss nach wenig Schritten nichts wert ist Ein
Hörensagen von einem Hörensagen oder ein Argument aus einem mutmaßlichen
Urteil das nicht von einem unmittelbaren Merkmal sondern von Merkmalen von
Merkmalen abhängig ist ist nach einer geringen Entfernung von der ersten Stufe
wertlos
7 Es gibt indessen zwei Fälle in denen Schlüsse welche von
annähernden Generalisationen abhängen mit aller Sicherheit so weit geführt
werden können als es uns beliebt und wo sie so streng wissenschaftlich sind
als wenn sie aus allgemeinen Naturgesetzen zusammengesetzt wären Diese beiden
Fälle sind aber Ausnahmen von jener Art von der man zu sagen pflegt dass sie
die Regel bestätigen Die annähernden Generalisationen sind in den fraglichen
Fällen behufs einer Folgerung ebenso tauglich als wenn sie vollständige
Generalisationen wären da sie in genau äquivalente vollständige
Generalisationen übergeführt werden können
Erster Fall Wenn die annähernde Generalisation von der Klasse ist bei
welcher der Grund dass wir uns mit der Annäherung begnügen nicht in der
Unmöglichkeit sondern nur in der Unbequemlichkeit in der Schwierigkeit weiter
zu gehen besteht wenn wir den Charakter kennen welcher die mit der
Generalisation übereinstimmenden Fälle von denjenigen unterscheidet welche
Ausnahmen davon sind so können wir für das annähernde Urteil ein universales
Urteil unter Vorbehalt substituieren Das Urteil die meisten Personen welche
eine unbeschränkte Gewalt besitzen wenden sie schlecht an ist eine
Generalisation dieser Art und kann in die folgende übergeführt werden Alle
Personen welche eine unumschränkte Gewalt besitzen wenden sie schlecht an
insofern sie nicht Personen von ungewöhnlicher Urteilskraft und von redlichen
Absichten sind Das Urteil welches die Hypothese oder den Vorbehalt trägt
braucht alsdann nicht länger mehr als ein annäherndes sondern es kann als ein
universales Urteil behandelt werden und welche Anzahl von Stufen die Folgerung
auch erreichen möge so wird die bis zu dem Schluss geführte Hypothese genau
anzeigen wie weit dieser Schluss davon entfernt ist allgemein anwendbar zu
sein Wenn im Verlauf des Arguments andere annähernde Generalisationen
eingeführt werden wovon eine jede in gleicher Weise als ein allgemeines Urteil
mit einer beigefügten Bedingung ausgedrückt ist so wird die Summe aller
Bedingungen zuletzt als die Summe aller Irrtümer erscheinen welche den Schluss
affizieren So wollen wir der zuletzt angeführten Proposition die folgende
hinzufügen Alle absoluten Monarchen haben eine unumschränkte Gewalt wenn ihre
Lage nicht der Art ist dass sie der tätigen Hülfe ihrer Untertanen bedürfen
wie dies der Fall war mit der Königin Elisabeth Friedrich von Preußen und
anderen Indem wir diese zwei Urteile mit einander verbinden können wir einen
allgemeinen Schluss daraus ableiten welcher beiden in den Prämissen enthaltenen
Hypothesen unterworfen ist Alle absoluten Monarchen wenden ihre Macht schlecht
an wenn nicht ihre Lage die tätige Hülfe ihrer Untertanen erfordert oder
insofern sie nicht Menschen von ungewöhnlicher Urteilskraft und von redlichen
Absichten sind Es ist gleichgültig wie schnell sich die Irrtümer in unseren
Prämissen anhäufen mögen wenn wir in dieser Weise im Stande sind einen jeden
Irrtum zu registrieren und über das Aggregat in dem Maße als es wächst
Rechnung zu führen
Zweitens es gibt einen Fall in welchem annähernde Generalisationen auch
ohne dass wir von Bedingungen unter denen sie in individuellen Fällen nicht
wahr sind Notiz nähmen dennoch für wissenschaftliche Zwecke allgemein sind
nämlich in den wissenschaftlichen Untersuchungen welche sich auf die
Eigenschaften nicht einzelner Individuen sondern von Mengen von Individuen
beziehen wie in der Wissenschaft der Politik oder der menschlichen
Gesellschaft Dem Staatsmanne ist es im allgemeinen hinreichend zu wissen dass
die meisten Menschen in einer besonderen Weise handeln indem sich seine
Spekulationen und praktischen Anordnungen fast ausschließlich auf Fälle
beziehen in denen auf ein ganzes Gemeinwesen oder auf einen großen Teil
desselben gewirkt wird und worin daher das was die meisten tun oder fühlen
das Resultat bestimmt welches durch oder auf die ganze Körperschaft
hervorgebracht wird Er kann mit annähernden Generalisationen in Beziehung auf
die menschliche Natur ausreichen indem das was von allen Individuen annähernd
wahr ist von allen Massen absolut wahr ist Sogar wenn die Tätigkeit
individueller Menschen in seinen Deduktionen eine Rolle zu spielen hat wie dies
beim Schließen in Betreff von Königen oder anderen einzelnen Herrschern der
Fall ist so muss er dennoch da hierbei eine unbestimmte Zeitdauer in Betracht
kommt welche eine unbestimmte Sukzession solcher Individuen einschließt im
allgemeinen so schließen und handeln als wenn was von den meisten Menschen
wahr ist auch von allen wahr wäre
Die oben angeführten zwei Betrachtungsweisen sind eine hinreichende
Widerlegung des gewöhnlichen Irrtums dass Spekulationen in Beziehung auf die
Gesellschaft oder auf Regierungsformen da sie auf einem bloßen
Wahrscheinlichkeitsbeweise beruhen an Gewissheit und Genauigkeit den Schlüssen
der sogenannten exakten Wissenschaften nachstehen und in der Praxis
unzuverlässiger seien Es sind genug Gründe dafür vorhanden dass die
moralischen Wissenschaften den vollkommeneren der physikalischen Wissenschaften
wenigstens nachstehen müssen dass die Gesetze ihrer verwickelteren
Erscheinungen nicht so vollständig entziffert und dass die Phänomene nicht mit
demselben Grad von Sicherheit vorausgesagt werden können Aber obgleich wir
nicht zu gleich vielen Wahrheiten gelangen können so ist dies doch kein Grund
zu glauben dass diejenigen welche wir erlangen können weniger Zutrauen
verdienen oder dass sie weniger von einem wissenschaftlichen Charakter
besitzen Dieser Gegenstand wird indessen in dem vierten Buche systematischer
abgehandelt werden und es ist daher eine jede weitere Betrachtung darüber zu
verschieben
1 Alle Behauptungen welche sich durch die Sprache angeben lassen
drücken eines oder mehrere von fünf verschiedenen Dingen aus Existenz Ordnung
im Raum Ordnung in der Zeit Verursachung und Ähnlichkeit Da aber nach
unserer Betrachtung des Gegenstandes die Verursachung von der Ordnung in der
Zeit nicht fundamental verschieden ist so werden dadurch die fünf möglichen
Arten von Behauptungen auf vier zurückgeführt Die Urteile welche eine Ordnung
in der Zeit in einer der zwei Arten Zugleichsein oder Folge Koexistenz oder
Sukzession behaupten haben bisher den Gegenstand unserer Untersuchung
gebildet Soweit sie innerhalb der diesem Werke angewiesenen Grenzen fällt
haben wir nun die Exposition der Natur des Beweises worauf diese Urteile
beruhen und die Untersuchungsweisen wodurch sie entdeckt und bewiesen werden
beendigt Es bleiben nun noch drei Classen von Tatsachen übrig Existenz
Ordnung im Raume und Ähnlichkeit in Beziehung auf welche dieselben Fragen nun
zu lösen sind
In Beziehung auf die erste ist nur wenig zu sagen Die Existenz im
allgemeinen ist ein Gegenstand nicht unserer Wissenschaft sondern der
Metaphysik Zu bestimmen welche Dinge unabhängig von unseren sinnlichen oder
anderen Eindrücken als wirklich existierend erkannt werden können und in welcher
Bedeutung das Wort in diesem Falle von ihnen zu gebrauchen ist gehört einer
Betrachtung »der Dinge an sich« an wovon wir uns durch das ganze Werk hindurch
soviel als möglich fern hielten So weit es die Logik betrifft bezieht sich die
Existenz nur auf Naturerscheinungen auf wirkliche oder mögliche Zustände des
äußeren oder inneren Bewusstseins von uns selbst oder von Anderen Die Gefühle
sensitiver Wesen oder die Möglichkeit solche Gefühle zu haben sind die
einzigen Dinge welche ein Gegenstand logischer Induktion sein können weil sie
die einzigen Dinge sind deren Existenz in individuellen Fällen ein Gegenstand
der Erfahrung sein kann
Es ist wahr dass wir sogar dann noch sagen ein Ding existiere wenn es
abwesend ist und daher nicht wahrgenommen wird und werden kann Aber auch dann
noch ist uns seine Existenz nur ein anderes Wort für unsere Überzeugung dass
wir es unter einer gewissen Voraussetzung wahrnehmen würden wenn wir uns in den
erforderlichen Umständen von Zeit und Ort befänden und mit der nötigen
Vollkommenheit der Organe ausgestattet wären Mein Glaube dass der Kaiser von
China existiert ist einfach mein Glaube dass wenn ich in den kaiserlichen
Palast oder in eine andere Lokalität von Peking gebracht würde ich ihn sehen
würde Mein Glaube dass Julius Cäsar existiert hat ist mein Glaube dass ich
ihn gesehen haben würde wenn ich auf der pharsalischen Ebene oder in dem
Senatsgebäude zu Rom anwesend gewesen wäre Wenn ich glaube dass außerhalb der
äußersten Grenze meines durch die besten Instrumente unterstützten Sehvermögens
Sterne existieren so ist philosophisch ausgedrückt mein Glaube der dass mit
noch besseren Instrumenten als den existierenden ich sie sehen würde oder dass
sie von Wesen welche weniger von ihnen entfernt sind oder deren
Wahrnehmungsvermögen grösser als das meinige ist wahrgenommen werden können
Die Existenz eines Phänomens ist daher nur ein anderes Wort für die
Wahrnehmung desselben oder für die gefolgerte Möglichkeit es wahrzunehmen
Wenn das Phänomen in dem Bereiche der gegenwärtigen Beobachtung ist so
überzeugen wir uns durch gegenwärtige Beobachtung von seiner Existenz wenn es
außerhalb dieses Bereiches ist und daher abwesend genannt wird so folgern wir
seine Existenz aus Merkmalen oder Beweisen Aber was können dies für Beweise
sein Andere Phänomene von denen durch Induktion erwiesen ist dass sie mit dem
gegebenen Phänomen entweder durch Sukzession oder Koexistenz im Zusammenhang
stehen Die einfache Existenz eines individuellen Phänomens wenn sie nicht
direkt wahrgenommen wird wird daher aus einem induktiven Gesetz der Folge oder
der Koexistenz gefolgert und ist folglich nicht auf irgend besondere induktive
Prinzipien zurückführbar Wir beweisen die Existenz eines Dinges indem wir
beweisen dass es durch Folge oder Zugleichsein mit einem bekannten Dinge
verknüpft ist
Was allgemeine Urteile dieser Art betrifft nämlich solche welche die
bloße Tatsache der Existenz behaupten so besitzen diese eine
Eigentümlichkeit welche die logische Behandlung derselben zu einer ganz
leichten Sache macht sie sind Generalisationen welche durch einen einzigen
Fall hinreichend bewiesen sind Dass Geister Einhörner oder Seeschlangen
existieren wäre völlig bewiesen wenn es positiv bewiesen werden könnte dass
ein solches Ding einmal gesehen worden ist Was einmal geschehen ist kann
wiederholt geschehen die einzige Frage bezieht sich auf die Bedingungen unter
denen es geschieht
Soweit es also die einfache Existenz betrifft hat die induktive Logik keinen
Knoten zu lösen und wir können zu den beiden übrigen der großen Classen in
welche die Tatsachen eingeteilt wurden übergehen zu der Ähnlichkeit und der
Ordnung im Raum
2 Die Ähnlichkeit und ihr Entgegengesetztes werden mit Ausnahme des
Falles in dem sie die Namen von Gleichheit und Ungleichheit annehmen selten
als Gegenstände der Wissenschaft betrachtet man nimmt an sie würden durch die
einfache Apprehension wahrgenommen indem wir gleichzeitig oder in unmittelbarer
Folge auf die zwei betreffenden Gegenstände bloß unsere Sinne anwenden oder
unsere Aufmerksamkeit richten Und diese gleichzeitige oder virtuell
gleichzeitige Anwendung unserer Fähigkeiten auf die zwei Dinge welche mit
einander zu vergleichen sind bildet notwendig die letzte Berufung überall wo
nur immer eine solche Anwendung tunlich ist In den meisten Fällen ist sie aber
nicht tunlich die Gegenstände können nicht so nahe zusammengebracht werden
dass das Gefühl ihrer Ähnlichkeit wenigstens ein vollständiges Gefühl
derselben unmittelbar in dem Geiste entsteht Wir können nur einen jeden von
ihnen mit einem dritten Gegenstande vergleichen den man von dem einen zu dem
anderen transportieren kann Überdies ist sogar dann wenn die Gegenstände
unmittelbar neben einander gestellt werden können ihre Ähnlichkeit oder
Verschiedenheit so lange unvollkommen von uns erkannt als sie nicht genau Teil
für Teil mit einander verglichen haben So lange das nicht geschehen ist
scheinen in der Wirklichkeit sehr verschiedene Dinge oft ununterscheidbar
ähnlich zu sein Zwei Linien von sehr verschiedener Länge scheinen fast gleich
zu sein wenn sie verschiedene Richtungen haben man mache sie jedoch parallel
und bringe ihre entfernteren Enden in gleiche Höhe so wird wenn man nach den
näheren Enden sieht ihre Ungleichheit zu einem Gegenstand der direkten
Wahrnehmung
Zu bestimmen ob und worin zwei Phänomene einander gleichen oder von
einander abweichen ist daher nicht immer eine so leichte Sache als es auf den
ersten Blick scheinen mag Wenn die beiden Phänomene nicht in eine Juxtaposition
oder in eine solche Lage gebracht werden können dass der Beobachter ihre
verschiedenen Theile einzeln vergleichen kann so muss er das indirekte Mittel
des Folgerns und der allgemeinen Urteile anwenden Wenn wir zwei Linien nicht
zusammenbringen können um zu bestimmen ob sie gleich sind so tun wir dies
durch die physikalische Hülfe eines Maßstabes den wir erst an die eine und
dann an die andere legen und durch das logische Hilfsmittel des allgemeinen
Urteils oder der Formel »Dinge welche einem und demselben Dinge gleich sind
sind einander selbst gleich« Die Vergleichung zweier Dinge vermittelst eines
dritten Dinges wenn eine direkte Vergleichung unmöglich ist ist das
angemessene wissenschaftliche Verfahren für die Bestimmung von Ähnlichkeiten
oder Unähnlichkeiten und die Summe von allem was die Logik in dieser Beziehung
zu lehren hat
Eine ungeeignete Ausdehnung dieser Betrachtungen verleitete Locke dass
Schließen selbst als nichts Anderes als die Vergleichung zweier Ideen
vermittelst einer dritten und die Erkenntnis als die Wahrnehmung der
Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zweier Ideen zu betrachten eine
Lehre welche die Schule von Condillac ohne die Einschränkungen und
Distinktionen womit sie ihr berühmter Urheber sorgfältig umgab blindlings
annahm Wo in der Tat die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung die
Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zweier Dinge der zu bestimmende Gegenstand
ist wie dies besonders in den Wissenschaften der Quantität und der Ausdehnung
der Fall ist da besteht das Verfahren durch welches eine durch direkte
Wahrnehmung nicht zu erhaltentende Lösung indirekt gesucht werden muss in der
Vergleichung zweier Dinge vermittelst eines dritten Dies ist aber weit
entfernt von allen Untersuchungen wahr zu sein Die Erkenntnis dass schwere
Körper auf die Erde fallen ist nicht eine Wahrnehmung der Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung sondern einer Reihe von physikalischen Vorgängen ein
Aufeinanderfolgen von Sensationen Lockes Definitionen der Erkenntnis und des
Schließens mussten auf unsere Erkenntnis der Ähnlichkeiten und auf das
Schließen in Betreff derselben beschränkt werden Ja sogar wenn sie in dieser
Weise beschränkt werden sind die Urteile keine streng richtigen indem die
Vergleichung nicht wie er es darstellt zwischen den Ideen zweier Phänomene
sondern zwischen den Phänomenen selbst gemacht wird Dieser Irrtum hat wie
schon früher gezeigt wurde145 seinen Grund in einer unvollkommenen Vorstellung
von dem was in der Mathematik stattfindet wo sehr häufig ohne eine Berufung an
die äußeren Sinne eine Vergleichung zwischen zwei Ideen wirklich gemacht wird
indessen nur darum weil in der Mathematik eine Vergleichung zweier Ideen einer
Vergleichung der Phänomene selbst streng äquivalent ist Wo wie in dem Falle
von Zahlen Linien und Figuren unsere Idee von dem Gegenstände soweit sie hier
in Betracht kommt ein vollständiges Bild des Gegenstandes ist da können wir
natürlicherweise von dem Bilde lernen was man durch bloße Betrachtung des
Gegenstandes selbst so wie er in dem besonderen Augenblicke wo das Bild
genommen wird existiert lernen konnte Eine bloße Betrachtung des
Schießpulvers würde uns niemals lehren dass es ein Funken zum Explodieren
bringt noch würde es folglich die Betrachtung der Idee vom Schießpulver tun
aber die bloße Betrachtung einer geraden Linie zeigt dass sie keinen Raum
einschließen kann demnach wird die Betrachtung der Idee derselben dasselbe
zeigen Auf diese Weise ist das was in der Mathematik stattfindet kein
Argument dafür dass die Vergleichung nur zwischen den Ideen stattfindet Es ist
immer entweder direkt oder indirekt eine Vergleichung der Phänomene
In Fällen wo die Phänomene gar nicht in das Bereich der direkten
Beobachtung gebracht werden können oder doch nicht in einer hinreichend genauen
Weise wo wir ihre Ähnlichkeit nur aus anderen der direkten Beobachtung
zugänglicheren Ähnlichkeiten oder Unähnlichkeiten folgern müssen bedürfen wir
natürlicherweise wie bei allem Syllogismen der auf den Gegenstand anwendbaren
Generalisationen oder Formeln Wir müssen aus Naturgesetzen aus den
Gleichförmigkeit folgern welche in der Tatsache von Gleichheit oder
Ungleichheit beobachtbar sind
3 Die umfassendsten dieser Gesetze oder Gleichförmigkeit sind
diejenigen welche die Mathematik darbietet die Axiome welche sich auf
Gleichheit Ungleichheit Proportionalität und die verschiedenen hierauf
begründeten Lehrsätze beziehen und dies sind die einzigen Gesetze der
Ähnlichkeit welche besonders abgehandelt werden müssen oder können Es ist
wahr es gibt unzählige andere Lehrsätze welche Ähnlichkeiten zwischen
Erscheinungen affirmieren wie dass der Reflexionswinkel dem Einfallswinkel des
Lichtes gleich ist indem die Gleichheit bloß die genaue Ähnlichkeit in der
Größe ist dass die Himmelskörper in gleichen Zeiten gleiche Flächenräume
beschreiben und dass ihre Umlaufszeiten den anderthalbmaligen Potenzen ihrer
Entfernungen vom Kräftemittelpunkte proportional eine andere Art von
Ähnlichkeit sind Diese und ähnliche Urteile behaupten Ähnlichkeiten von
derselben Natur wie diejenigen der mathematischen Lehrsätze der Unterschied
besteht darin dass die mathematischen Urteile von allen Phänomenen wahr sind
während die in Frage stehenden Wahrheiten nur von besonderen auf eine gewisse
Weise entstehenden Phänomenen behauptet werden und die Gleichheiten
Proportionalität und andere Ähnlichkeiten welche zwischen derartigen
Phänomenen existieren notwendig entweder von dem Gesetze ihres Ursprungs von
dem Kausalgesetze wovon sie abhängen abgeleitet oder damit identisch sein
müssen Die Gleichheit der von den Planeten beschriebenen Flächenräume wird von
den Gesetzen der Ursachen abgeleitet und so lange die Ableitung nicht
nachgewiesen war war sie ein empirisches Gesetz Die Gleichheit des
Reflexionswinkels und des Einfallswinkels ist identisch mit dem Gesetz der
Ursache denn die Ursache ist das Einfallen eines Strahles auf eine ebene
Fläche und die in Rede stehende Gleichheit ist gerade das Gesetz wonach diese
Ursache ihre Wirkung hervorbringt Diese Klasse von Gleichförmigkeit der
Ähnlichkeit zwischen Erscheinungen ist daher in Wirklichkeit und in Gedanken
von den Gesetzen der Erzeugung dieser Phänomene unzertrennlich und die darauf
anwendbaren Prinzipien der Induktion sind diejenigen welche wir in den
vorhergehenden Kapiteln abgehandelt haben
Anders verhält es sich mit den Wahrheiten der Mathematik Die Gesetze der
Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zwischen Räumen oder Zahlen haben keinen
Zusammenhang mit Kausalgesetzen Dass ein Reflexionswinkel dem Einfallswinkel
gleich ist ist die Angabe der Wirkungsweise einer besonderen Ursache aber dass
die Scheitelwinkel zweier sich schneidender Linien gleich sind ist von allen
solchen Linien und Winkeln wahr von welchen Ursachen sie auch erzeugt sein
mögen Dass die Quadrate der Umlaufszeiten der Planeten den Kuben ihrer
Entfernung von der Sonne proportional sind ist eine Gleichförmigkeit welche
aus den Gesetzen der Ursachen welche die Planetenbewegung hervorbringen
abgeleitet ist nämlich aus der Zentripetal und Tangentialkraft aber dass das
Quadrat einer Zahl viermal das Quadrat ihrer Hälfte ist ist eine Wahrheit
welche von einer jeden Ursache unabhängig ist Die einzigen Gesetze der
Ähnlichkeit welche wir unabhängig von einer Verursachung zu betrachten haben
gehören daher in das Gebiet der Mathematik
4 Dasselbe ist evident in Beziehung auf die einzige übrige der fünf
Kategorien die Ordnung im Raum Die Ordnung im Raum der Wirkungen einer Ursache
ist wie alles Andere das zu den Wirkungen gehört eine Folge des Gesetzes
dieser Ursache Die Ordnung im Raum oder wie wir es nannten die Kollokation
der urersten Ursachen ist so gut wie ihre Ähnlichkeit in einem jeden Falle
eine letzte Tatsache worin keine Gesetze oder Gleichförmigkeit nachgewiesen
werden können Die einzigen übrig bleibenden allgemeinen Urteile in Beziehung
auf Ordnung im Raum und die einzigen welche nichts mit Ursachen zu tun haben
sind einige von den Wahrheiten der Geometrie Gesetze vermittelst deren wir im
Stande sind aus der Ordnung im Raum gewisser Punkte Linien oder Körper die
Ordnung im Raum von anderen in einer gewissen Weise mit den ersteren
zusammenhängenden zu folgern und zwar unabhängig von der besonderen Natur
dieser Punkte Linien oder Körper in einer jeden andern Beziehung als der auf
Lage oder Größe und unabhängig von der physikalischen Ursache wovon sie in
einem besonderen Falle ihren Ursprung ableiten
Es scheint auf diese Weise dass die Mathematik das einzige Gebiet der
Wissenschaft ist dessen Methode noch zu untersuchen bleibt Es ist aber um so
weniger nötig uns noch lange mit dieser Untersuchung zu beschäftigen als wir
bereits früher darin weit vorgeschritten sind Wir haben bemerkt dass die
Anzahl der direkt induktiven Wahrheiten der Geometrie nur gering ist dass sie
aus Axiomen und gewissen Propositionen in Beziehung auf Existenz die
stillschweigend in den meisten der sogenannten Definitionen eingeschlossen sind
bestehen und wir bewiesen dass diese ursprünglichen Prämissen von welchen die
übrigen Wahrheiten der Wissenschaft abgeleitet sind ungeachtet allen Scheines
vom Gegenteil Resultate der Beobachtung und der Erfahrung sind kurz dass sie
auf einen Sinnesbeweis gegründet sind Dass Dinge die demselben Dinge gleich
sind auch einander selbst gleich sind oder dass zwei gerade Linien welche
sich einmal geschnitten haben fortwährend divergieren werden dies sind
induktive Wahrheiten die wie das allgemeine Kausalgesetz in der Tat nur auf
einer Induktion per enumerationem simplicem auf der Tatsache beruhen dass sie
immerwährend wahr und kein einzigesmal falsch befunden wurden So wie wir jedoch
in einem früheren Kapitel gesehen haben dass dieser Beweis sich bei einem so
vollständig universalen Gesetze wie das Kausalgesetz zu dem höchsten und
vollsten Beweis erhebt so ist dies von den allgemeinen Urteilen die wir nun
im Auge haben noch augenfälliger wahr weil da die Perzeption ihrer Wahrheit
in einem jeden individuellen Falle nur den einfachen Akt des Betrachtens des
Gegenstandes in einer geeigneten Lage verlangt es niemals Fälle gegeben haben
kann was in Beziehung auf das Kausalgesetz eine lange Zeit hindurch Statt
fand welche anscheinend wenn auch nicht wirklich Ausnahmen davonmachten
Ihre unfehlbare Wahrheit wurde bei dem ersten Beginnen der Spekulation erkannt
und da ihre äußerste Fasslichkeit dem Geiste unmöglich machte die Gegenstände
unter einem anderen Gesetze zu begreifen so wurden sie und werden noch
allgemein als Wahrheiten betrachtet welche durch ihre eigene Evidenz oder
durch Instinkt erkannt werden
5 Es scheint in der Tatsache dass die außerordentliche Menge von
Wahrheiten eine Menge die noch eben so weit entfernt ist erschöpft zu sein
als sie es jemals war welche in den mathematischen Wissenschaften enthalten
sind aus einer geringen Anzahl von elementaren Gesetzen entspringen etwas zu
liegen was einer Erklärung bedarf Man sieht auf den ersten Blick nicht ein
wie bei einem anscheinend so beschränkten Gegenstand eine solche unbegrenzte
Anzahl von wahren Urteilen Raum haben kann
Um mit der Wissenschaft von den Zahlen zu beginnen so sind die elementaren
oder letzten Wahrheiten dieser Wissenschaft die gewöhnlichen Axiome in Beziehung
auf die Gleichheit nämlich »Dinge welche einem und demselben Dinge gleich
sind sind einander selbst gleich« und »Gleiches zu Gleichem addiert gibt
gleiche Summen« keine anderen Axiome sind nöthig146 samt den Definitionen der
verschiedenen Zahlen Wie andere sogenannte Definitionen so sind dieselben aus
zwei Dingen zusammengesetzt aus der Erklärung des Namens und aus der Behauptung
einer Tatsache wovon die letzte allein ein erstes Prinzip oder eine Prämisse
einer Wissenschaft bilden kann Die in der Definition einer Zahl behauptete
Tatsache ist eine physikalische Tatsache Eine jede der Zahlen eins zwei
drei vier usw bezeichnet physikalische Phänomene und mitbezeichnet eine
physikalische Eigenschaft dieses Phänomens Zwei zB bezeichnet alle Paare von
Dingen und zwölf alle Dutzende von Dingen indem es mitbezeichnet was sie zu
Paaren Dutzenden macht und das was sie dazu macht ist etwas Physikalisches
da es nicht zu leugnen ist dass zwei Äpfel von drei Äpfeln zwei Pferde von
einem Pferd physikalisch verschieden sind dass sie ein davon verschiedenes
sichtbares und fühlbares Phänomen sind Ich unternehme nicht zu sagen welches
der Unterschied sei es ist hinreichend dass ein Unterschied besteht von
welchem die Sinne Kenntnis nehmen können Und obgleich hundert und zwei Pferde
nicht so leicht von hundert und drei unterschieden werden als zwei Pferde von
einem Pferd obgleich in den meisten Fällen die Sinne keinen Unterschied
bemerken so können sie doch in die Lage gebracht werden dass ein Unterschied
wahrnehmbar wird weil wir sie sonst nie von einander unterschieden und ihnen
verschiedene Namen gegeben hätten Das Gewicht ist unleugbar eine physikalische
Eigenschaft und dennoch sind geringe Unterschiede zwischen bedeutenden
Gewichten den Sinnen ebenso unwahrnehmbar als geringe Unterschiede zwischen
großen Zahlen und treten nur hervor wenn zwei Gegenstände in eine besondere
Lage nämlich auf die zwei Schalen einer empfindlichen Waage gebracht werden
Was wird also durch den Namen einer Zahl mitbezeichnet Natürlich eine
Eigenschaft die der Agglomeration der Anhäufung von Dingen angehört welche
wir mit dem Namen benennen und diese Eigenschaft ist die charakteristische
Weise in welcher die Anhäufung zusammengesetzt ist oder in Theile getrennt
werden kann Wir wollen suchen dies durch einige Erklärungen deutlicher zu
machen
Wenn wir eine Sammlung von Gegenständen zwei drei oder vier nennen so sind
es keine zwei drei oder vier im Abstrakten es sind zwei drei oder vier Dinge
von einer besonderen Art es sind Steine Pferde Zolle Pfunde Gewicht Der Name
einer Zahl mitbezeichnet die Art und Weise in welcher einzelne Gegenstände
einer besonderen Art zusammengebracht werden müssen um das besondere Aggregat
hervorzubringen Wenn das Aggregat ein Aggregat von Kieselsteinen ist und wir
nennen es zwei so schließt der Name ein dass um das Aggregat
zusammenzusetzen ein Kiesel zu dem andern hinzugefügt werden muss Wenn wir es
drei nennen so meinen wir dass ein und ein und ein Kiesel zusammengebracht
werden müssen um es zu erzeugen oder auch dass ein Kiesel zu dem bereits
existierenden Aggregat von der Art welche wir zwei nennen hinzuzufügen ist Das
Aggregat welches wir vier nennen hat eine noch größere Anzahl von
charakteristischen Erzeugungsweisen Ein und ein und ein und ein Kiesel können
zu einander gefügt werden oder es können zwei Aggregate von der zwei genannten
Art vereinigt oder ein Kiesel kann zu der drei genannten Art hinzugefügt
werden Eine jede folgende Zahl in der aufsteigenden Reihe kann durch die
Vereinigung kleinerer Zahlen in einer zunehmend größeren Anzahl von
Bildungsweisen gebildet werden Sogar wenn die Theile auf zwei beschränkt
werden so kann die Zahl in so vielen verschiedenen Weisen als es kleinere
Zahlen als sie selbst gibt gebildet und folglich auch geteilt werden und
wenn wir drei vier Theile etc zulassen in einer noch größeren
Mannigfaltigkeit Andere Weisen zu demselben Aggregat zu gelangen bieten sich
dar nicht in der Vereinigung von kleineren sondern in der Zerteilung
größerer Aggregate So können drei Kiesel gebildet werden indem man von dem
Aggregat von vier einen hinwegnimmt zwei Kiesel durch eine gleiche Teilung
eines ähnlichen Aggregats usw
Ein jeder arithmetischer Satz eine jede Angabe des Resultats einer
arithmetischen Operation ist die Angabe einer der Bildungsweisen einer gegebenen
Zahl Sie behauptet dass ein gewisses Aggregat durch das Zusammenfügen gewisser
anderer Aggregate oder durch die Hinwegnahme gewisser Theile eines Aggregats
hätte gebildet werden können und dass wir folglich diese Aggregate durch eine
Umkehrung des Verfahrens wiedererzeugen könnten
Wenn wir sagen der Kubus von 12 ist 1728 so behaupten wir dass wenn wir
im Besitz einer hinreichenden Anzahl von Kieseln oder von anderen Gegenständen
sind und sie zu der besonderen Art von Haufen oder Aggregaten zusammenfügen die
man zwölf nennt und diese Zwölfe wieder in ähnliche Haufen zusammenbringen und
endlich zwölf von diesen größeren Parthien vereinigen das so gebildete
Aggregat ein Aggregat sein wird das wir 1728 nennen das nämlich welches
entsteht um die bekannteste Bildungsweise zu nehmen wenn wir das tausend
Kiesel genannte Aggregat das siebenhundert Kiesel genannte das zwanzig Kiesel
genannte und das acht Kiesel genannte zusammenfügen Der umgekehrte Satz dass
die Kubikwurzel von 1728 gleich 12 ist behauptet dass dieses große Aggregat
wiederum in die zwölf Zwölfe von zwölf Kieseln woraus es besteht zerlegt
werden kann
Es gibt unzählige Erzeugungsweisen einer jeden Zahl aber wenn wir eine
Erzeugungsweise einer jeden kennen so kann der ganze Rest deduktiv bestimmt
werden Wenn wir wissen dass a von b und c gebildet wird dass b von d und e c
von d und f und so fort bis wir alle Zahlen einer gewählten Reihe
eingeschlossen haben indem man Sorge trägt dass für eine jede Zahl die
Bildungsweise wirklich eine unterschiedene uns nicht wieder zu den früheren
Zahlen zurückbringende sondern eine neue Zahl einführende sei so haben wir
eine Reihe von Sätzen woraus wir alle anderen Bildungsweisen jener Zahlen aus
einander folgern können Wenn wir eine Kette von induktiven Wahrheiten welche
alle Zahlen der Reihe mit einander verknüpft gebildet haben so können wir die
Bildung irgend einer dieser Zahlen aus einer andern einfach dadurch bestimmen
dass wir von der einen zu der andern die Kette entlang gehen Nehmen wir an es
wären uns bloß die folgenden Bildungsweisen bekannt 6 42 4 73 7 52
5 94 Wir können nun bestimmen wie 6 aus 9 gebildet werden kann denn 6
42 732 5232 94232 Es kann also gebildet werden wenn man 4 und
3 hinwegnimmt und 2 und 2 hinzufügt Wenn wir überdies wissen dass 22 4
ist so erhalten wir 6 aus 9 in einer einfacheren Weise indem wir bloß 3
hinwegnehmen
Es ist daher hinreichend eine von den verschiedenen Bildungsweisen einer
jeden Zahl als ein Mittel der Bestimmung aller übrigen zu wählen Und da Dinge
welche gleichförmig und daher einfach sind von dem Verstande sehr leicht
aufgenommen und behalten werden so liegt ein augenscheinlicher Vorteil darin
dass man eine Bildungsweise wählt welche für alle gleich ist dass man die
Mitbezeichnung der Namen von Zahlen nach einem gleichförmigen Prinzip fixiert
Die Einrichtung unserer bestehenden numerischen Nomenklatur bietet diesen
Vorteil samt dem anderweitigen dar dass sie auf eine glückliche Weise dem
Geiste zwei von den Bildungsweisen einer jeden Zahl zuführt Eine jede Zahl wird
angesehen als durch die Hinzufügung der Einheit zu der zunächst kleineren Zahl
gebildet und diese Bildungsweise wird durch den Platz welchen sie in der Reihe
einnimmt ausgedrückt Und eine jede Zahl wird auch betrachtet als gebildet
durch Addition einer Anzahl von Einheiten weniger als zehn und einer Anzahl von
Aggregaten wovon ein jedes einer der sukzessiven Potenzen von zehn gleich ist
und diese Bildungsweise wird durch den ausgesprochenen Namen und durch ihren
numerischen Charakter ausgedrückt
Was die Arithmetik zum Typus einer deduktiven Wissenschaft macht ist die
glückliche Anwendbarkeit auf dieselbe von einem so umfassenden Gesetze wie »die
Summen von Gleichem sind gleich« oder um dasselbe Prinzip in einer weniger
familiären aber charakteristischeren Sprache auszudrücken »was aus Teilen
zusammengesetzt ist ist aus Teilen von diesen Teilen zusammengesetzt« Diese
Wahrheit welche in allen Fällen wo die Entscheidung den Sinnen unterworfen
werden kann so einleuchtend ist und die so allgemein ist dass sie sich so
weit erstreckt als die Natur selbst diese Wahrheit da sie von allen
Naturerscheinungen gültig ist denn alle können gezählt werden muss als eine
induktive Wahrheit oder als ein Naturgesetz von der höchsten Ordnung betrachtet
werden Eine jede arithmetische Operation ist eine Anwendung dieses Gesetzes
oder von anderen Gesetzen die daraus abgeleitet werden können Dies ist bei
allen Rechnungen unsere Gewähr Dass fünf und zwei gleich sieben ist glauben
wir auf den Beweis dieses induktiven mit den Definitionen dieser Zahlen
verbundenen Gesetzes hin Wir gelangen zu diesem Schluss wie Alle wissen die
sich erinnern wie sie ihn zuerst lernten indem nur die bloße Einheit auf
einmal addiert wird 51 6 daher 511 61 7 und da 11 2 so ist 511
52 7
6 Unzählbar wie die wahren Urteile sind welche in Beziehung auf
besondere Zahlen gebildet werden können kann aus diesen allein keine adäquate
Vorstellung von der Ausdehnung der Wahrheiten welche die Wissenschaft der
Zahlen bilden gewonnen werden Sätze wie die von denen wir gesprochen haben
sind die am wenigsten allgemeinen von allen numerischen Wahrheiten Es ist wahr
dass sogar diese von gleichem Umfang wie die Natur sind die Eigenschaften der
Zahl vier sind von allen Gegenständen wahr welche sich in vier gleiche Theile
teilen lassen und alle Gegenstände sind wirklich oder ideell auf diese Weise
teilbar Aber die Urteile welche die Algebra bilden sind nicht von einer
besonderen Zahl sondern von allen Zahlen wahr nicht von allen Dingen unter der
Bedingung dass sie in einer besonderen Weise geteilt werden sondern von allen
Dingen unter der Bedingung dass sie in irgend einer Weise geteilt werden dass
sie überhaupt durch eine Zahl bezeichnet werden
Da es unmöglich ist dass verschiedene Zahlen irgend eine ihrer
Bildungsweisen vollständig gemein haben so sieht es wie ein Paradoxon aus zu
sagen alle Urteile welche in Beziehung auf Zahlen aufgestellt werden können
bezögen sich auf deren Bildungsweise aus anderen Zahlen und es gäbe demnach
Urteile welche von allen Zahlen wahr sind Aber gerade dieses Paradoxon führt
zu dem wirklichen Prinzip der Generalisation in Betreff der Eigenschaften der
Zahlen Zwei verschiedene Zahlen können nicht in derselben Weise aus denselben
Zahlen gebildet werden aber sie können in derselben Weise von verschiedenen
Zahlen gebildet werden wie zB neun aus drei gebildet wird indem man
letzteres mit sich selbst multipliziert und wie sechszehn gebildet wird indem
man ganz dasselbe mit vier vornimmt Auf diese Weise entsteht eine
Klassifikation der Bildungsweisen oder in der von den Mathematikern gewöhnlich
gebrauchten Sprache eine Klassifikation der Funktionen Eine jede Zahl die
betrachtet wird als von einer andern Zahl gebildet wird eine Funktion derselben
genannt und es gibt so viele Arten von Funktionen als es Bildungsweisen
gibt Die einfachen Funktionen sind keineswegs zahlreich indem die meisten
Funktionen durch die Vereinigung verschiedener von den Operationen welche
einfache Funktion bilden oder durch die sukzessive Wiederholung einer dieser
Operationen gebildet worden Die einfachen Funktionen irgend einer Zahl x sind
alle auf die folgenden Formen zurückführbar
xa xa a·x xa xa ax log x mit der Basis a
und dieselben Ausdrücke variiert indem a für x und x für a überall gesetzt wird
wo eine dieser Substitutionen den Werth verändern würde hierzu müssen wir
vielleicht noch hinzufügen sin x und arc sin x Alle anderen Funktionen von
x werden gebildet indem man eine oder mehrere der einfachen Funktionen an die
Stelle von x oder a setzt und sie denselben elementaren Operationen unterwirft
Um allgemeine Schlüsse in Beziehung auf Funktionen ziehen zu können
bedürfen wir einer Nomenklatur welche uns in den Stand setzt irgend zwei
Zahlen durch Namen auszudrücken welche zeigen welche Funktion eine jede von
der andern ist ohne genauer anzugeben was für besondere Zahlen es sind oder
mit anderen Worten welche die Bildungsweise der einen aus der andern dartun
Das System der allgemeinen algebraische Bezeichnung genannten Sprache erfüllt
diesen Zweck Von den Ausdrücken a und a3 3a bezeichnet der eine irgend eine
Zahl der andere eine in einer besonderen Weise daraus gebildete Zahl Die
Ausdrücke a b n und a bn bezeichnen drei beliebige Zahlen und eine vierte
Zahl welche in einer besonderen Weise daraus gebildet ist
Das Folgende kann als die allgemeine Aufgabe des algebraischen Kalküls
aufgestellt werden wenn F eine gewisse Funktion einer gegebenen Zahl ist zu
finden welche Funktion von einer beliebigen Funktion dieser Zahl F sein wird
ZB ein Binomium a b bist eine Funktion seiner zwei Theile a und b und diese
Theile sind ihrerseits Funktionen von a b nun ist a bn eine gewisse
Funktion des Binoms welche Funktion wird nun dieses von a und b den zwei
Teilen sein Die Antwort auf diese Frage ist der binomische Lehrsatz Die
Formel
abnann1an1bnn11·2an2b2
zeigt in welcher Weise die Zahl welche durch nmalige Multiplikation von a b
mit sich selbst gebildet wird ohne diesen Prozess direkt aus a b und n
gebildet werden könnte Von dieser Natur sind aber alle Lehrsätze der
Wissenschaft der Zahlen Sie behaupten die Identität der Resultate verschiedener
Bildungsweisen Sie behaupten dass irgend eine Bildungsweise aus x und eine
Bildungsweise aus einer gewissen Funktion von x dieselbe Zahl hervorbringen
Was außer diesen allgemeinen Lehrsätzen oder Formeln von dem algebraischen
Kalkül noch übrig bleibt ist die Auflösung der Gleichungen Aber die Auflösung
einer Gleichung ist ebenfalls ein Lehrsatz Wenn die Gleichung x2ax b ist so
ist die Auflösung dieser Gleichung nämlich x 12a ± 14a2b ein
allgemeiner Satz der als eine Antwort dienen kann auf die Frage wenn b eine
gewisse Funktion von x und a nämlich x2 a x ist welche Funktion ist x von a
und b Die Auflösung der Gleichungen ist daher bloß eine Varietät des
allgemeinen Problems wie es oben angegeben wurde Das Problem ist Eine
Funktion ist gegeben was für eine Funktion von einer andern Funktion ist sie
Und bei der Auflösung einer Gleichung ist die Aufgabe zu finden welche
Funktion von einer ihrer eigenen Funktionen die Zahl selbst ist
Dies ist wie oben beschrieben der Zweck und das Ende des Kalküls Was
seine Prozesse betrifft so weiß ein Jeder dass sie einfach deduktiv sind Bei
der Demonstration eines algebraischen Lehrsatzes oder bei der Auflösung einer
Gleichung gelangen wir von dem Gegebenen zum Gesuchten durch einen einfachen
Syllogismus in dem die einzigen Prämissen die außer der ursprünglichen
Hypothese eingeführt wurden die bereits erwähnten fundamentalen Axiome sind
dass Dinge welche einem und demselben Dinge gleich sind unter einander selbst
gleich sind und dass die Summen von gleichen Dingen gleich sind Bei einem
jeden Schritt in der Demonstration oder in der Berechnung wenden wir die eine
oder die andere dieser Wahrheiten oder wir wenden Wahrheiten an die daraus
abgeleitet sind wie zB die Unterschiede Produkte usw von gleichen Zahlen
sind gleich
Es ist für den Zweck dieses Werkes nicht notwendig die Analyse der
Wahrheiten und der Prozesse der Algebra weiter zu treiben um so weniger als
sich andere Schriftsteller dieser Aufgabe unterzogen haben Peacocks Algebra
und Whewells Doctrine of limits Lehre von den Grenzen sollten von einem jeden
studiert werden der den Beweis mathematischer Wahrheiten und den Sinn der
dunkleren Prozesse des Kalküls verstehen lernen will und auch nachdem er diese
Werke bemeistert hat wird der Studierende aus dem bewunderungswürdigen Werke von
Hrn Comte dem die Philosophie der höheren Theile der Mathematik mehr verdankt
als einem jeden andern mir bekannten Schriftsteller viel lernen können
7 Wenn die äußerste Allgemeinheit der Gesetze der Zahlen wenn ihr
Ferneliegen nicht sowohl von den Sinnen als von der visuellen und tactuellen
Einbildungskraft es für die Abstraktion zu einer schwierigen Aufgabe macht sich
diese Gesetze als wirkliche physikalische Wahrheiten vorzustellen die durch die
Beobachtung gewonnen wurden so besteht diese Schwierigkeit nicht in Beziehung
auf die Gesetze der Ausdehnung Die Tatsachen welche diese Gesetze ausdrücken
sind von einer den Sinnen besonders zugänglichen Art und bieten der Phantasie
ganz deutliche Bilder Wäre nicht die durch zwei Umstände hervorgebrachte
Täuschung gewesen so wäre die Geometrie ohne Zweifel zu allen Zeiten als eine
streng physikalische Wissenschaft erkannt worden Der eine von diesen Umständen
ist in der bereits erwähnten charakteristischen Eigenschaft der geometrischen
Tatsachen zu suchen dass sie eben so gut aus unseren Ideen oder geistigen
Bildern von den Gegenständen gefolgert werden können als aus den Gegenständen
selbst Der andere ist der demonstrative Charakter der geometrischen Wahrheiten
wovon man früher annahm dass er den Hauptunterschied zwischen geometrischen und
physikalischen Wahrheiten ausmache indem man die letzteren als auf einem
bloßen Wahrscheinlichkeitsbeweis beruhend für wesentlich ungewiss und ungenau
hielt Der Fortschritt der Wissenschaft hat indessen bewiesen dass die
physikalischen Wissenschaften in ihren besser verstandenen Teilen eben so
demonstrativ sind wie die Geometrie Die Aufgabe ihre Einzelheiten aus
wenigen verhältnismäßig einfachen Prinzipien abzuleiten stellt sich durchaus
nicht wie man früher annahm als eine Unmöglichkeit heraus und die Idee einer
größeren Gewissheit der Geometrie ist eine Täuschung die aus dem alten
Vorurteil entstand welches die ideellen Data dieser Wissenschaft woraus wir
folgern für eine besondere Klasse von Tatsachen hält während die
entsprechenden ideellen Data einer der physikalisches Wissenschaften für das
gehalten werden was sie sind nämlich für bloße Hypothesen
Ein jeder geometrische Lehrsatz ist ein Gesetz der äußeren Natur und hätte
durch Generalisieren von der Beobachtung und dem Experiment aus die sich in
diesem Falle in Vergleichung und Messung auflösen bestimmt werden können Man
fand es aber ausführbar und weil ausführbar für wünschenswert diese
Wahrheiten durch Folgerung aus einer kleinen Anzahl von allgemeinen
Naturgesetzen deren Gewissheit und Allgemeinheit dem sorglosesten Beobachter
augenfällig waren und welche die ersten Prinzipien und letzten Prämissen der
Wissenschaft bilden abzuleiten Unter diese allgemeinen Gesetze müssen
dieselben zwei Gesetze eingeschlossen werden die wir als letzte Prämissen der
Wissenschaft der Zahlen angeführt haben und welche auf eine jede Art von Größe
anwendbar sind nämlich die Summen von Gleichem sind gleich und Dinge welche
einem und demselben Dinge gleich sind sind einander selbst gleich das letztere
dieser Gesetze kann in einer Weise welche die unerschöpfliche Menge seiner
Konsequenzen besser ersehen lässt in folgenden Worten ausgedrückt werden Was
irgend einer von einer Anzahl gleicher Größen gleich ist ist einer jeden
andern von diesen Größen gleich Diesen beiden Gesetzen muss in der Geometrie
ein drittes Gesetz der Gleichheit hinzugefügt worden nämlich Linien Flächen
oder Räume welche so auf einander gelegt werden können dass sie sich decken
sind einander gleich Einige Schriftsteller haben behauptet dieses Naturgesetz
sei eine bloße verbale Definition der Ausdruck »gleiche Größen« bedeute
nichts Anderes als Größen welche so aufeinander gelegt werden können dass sie
sich decken Dieser Meinung kann ich aber nicht beistimmen Die Gleichheit
zweier geometrischer Größen kann ihrer Natur nach nicht fundamental verschieden
sein von der Gleichheit zweier Gewichte zweier Wärmegrade oder zweier Theile
einer Zeitdauer und auf keine dieser Gleichheiten würde diese vermeintliche
Definition der Gleichheit passen Keines von diesen Dingen kann auf das andere
so gelegt werden dass es dasselbe deckt wir wissen aber genau was wir meinen
wenn wir sie gleich nennen Die Dinge sind der Größe nach gleich wie sie dem
Gewicht nach gleich sind wenn wir sie in Beziehung auf die Attribute in
welchen wir sie mit einander vergleichen genau ähnlich wahrnehmen das
Aufeinanderlegen der Gegenstände in dem einen Fall und das Wägen auf zwei
Waagschalen in dem andern ist nur ein Modus sie in eine Lage zu bringen in
welcher unsere Sinne den Mangel einer genauen Ähnlichkeit der unserer
Entdeckung sonst entgehen würde erkennen können
Außer diesen allgemeinen Prinzipien oder Axiomen bestehen die übrigen
Prämissen der Geometrie aus sogenannten Definitionen dh aus Urteilen welche
die wirkliche Existenz der verschiedenen in ihnen bezeichneten Gegenstände
samt irgend einer Eigenschaft eines jeden behaupten In einigen Fällen nimmt
man gewöhnlich mehr als eine Eigenschaft an aber in keinem Falle ist mehr als
eine notwendig Man nimmt an es gebe in der Natur Dinge wie gerade Linien
und zwei solcher von demselben Punkte ausgehender Linien divergierten mehr und
mehr di ohne Grenze Diese Annahme welche Euclids Axiom dass zwei gerade
Linien keinen Raum einschließen können enthält und noch über dasselbe hinaus
geht ist in der Geometrie ebenso unentbehrlich und da sie auf einer ebenso
einfachen geläufigen und allgemeinen Erfahrung beruht ebenso evident als die
anderen Axiome Man nimmt auch an dass gerade Linien in verschiedenen Graden
von einander divergieren mit anderen Worten dass es Dinge gebe wie Winkel und
dass sie fähig seien gleich oder ungleich zu sein Man nimmt an es gebe ein
Ding wie einen Kreis und alle seine Halbmesser seien einander gleich es gebe
Dinge wie Ellipsen und die Summe der Fokaldistanzen für einen jeden Punkt der
Ellipse sei dieselbe es gebe Dinge wie parallele Linien und diese Linien seien
überall gleichweit von einander entfernt147
8 Es ist etwas mehr als ein bloßer Gegenstand der Neugierde zu
betrachten welcher Eigentümlichkeit der physikalischen Wahrheiten die den
Gegenstand der Geometrie bilden es zuzuschreiben ist dass sie alle von einer
so kleinen Anzahl von ursprünglichen Prämissen abgeleitet werden können warum
wir von nur einer einzigen charakteristischen Eigenschaft einer jeden Art von
Phänomen ausgehen und mit dieser und zwei oder drei allgemeinen sich auf
Gleichheit beziehenden Wahrheiten von Merkmal zu Merkmal gehen können bis wir
ein weites Gebäude von abgeleiteten Wahrheiten errichtet haben die dem Anschein
nach von jenen elementaren Wahrheiten sehr verschieden sind
Die Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache scheint in den folgenden
Umständen zu liegen Zuvörderst können alle Fragen über Lage und Gestalt in
Fragen über die Größe verwandelt werden Die Lage und die Figur eines
Gegenstandes wird bestimmt indem man die Lage einer hinreichenden Anzahl von
Punkten in ihm bestimmt und die Lage eines Punktes kann durch die Größe dreier
rechtwinkliger Koordinaten oder Senkrechten welche man von dem Punkte auf drei
zu einander rechtwinklige und willkürlich gewählte Achsen fällt bestimmt
werden Durch diese Verwandlung aller Fragen der Qualität in bloße Fragen der
Quantität wird die Geometrie auf die einfache Aufgabe von der Messung von
Größen dh auf die Bestimmung der zwischen ihnen bestehenden Gleichheiten
zurückgeführt Wenn wir nun bedenken dass durch eines dieser allgemeinen Axiome
eine jede Gleichheit wenn sie festgestellt ist ein Beweis von so vielen
anderen Gleichheiten ist als es andere Dinge gibt welche einem von den zwei
gleichen Dingen ähnlich sind dass durch ein anderes dieser Axiome eine jede
nachgewiesene Gleichheit ein Beweis von der Gleichheit von so vielen Paaren von
Größen ist als durch die zahlreichen Operationen welche sich in die Addition
von dem Gleichen zu sich selbst oder zu anderem Gleichen auflösen gebildet
werden können so verwundern wir uns nicht mehr dass im Verhältnis als eine
Wissenschaft von der Gleichheit handelt sich ihr eine reichlichere Menge von
Merkmalen von Merkmalen darbietet und dass die Wissenschaften der Zahlen und
der Ausdehnung welche kaum mit etwas Anderem als der Gleichheit zu schaffen
haben die am meisten deduktiven aller Wissenschaften sind
Es sind auch zwei oder drei von den hauptsächlichen Gesetzen des Raumes oder
der Ausdehnung welche in einer ungewöhnlichen Weise dazu geeignet sind eine
Lage oder eine Größe zu einem Merkmal einer andern zu machen und welche
dadurch beitragen diese Wissenschaft zu einer besonders deduktiven zu machen
Erstens sind die Größen der eingeschlossenen Räume es mögen Flächen oder
Körper sein vollständig durch die Größe der Linien und Winkel welche sie
begrenzen bestimmt Zweitens wird die Länge einer geraden oder krummen Linie
gemessen wenn gewisse andere Dinge gegeben sind durch den Winkel dem sie
gegenüber liegt und umgekehrt Und zuletzt wird der Winkel welchen zwei gerade
Linien an einem unzugänglichen Punkte mit einander bilden durch die Winkel
gemessen welche diese Linien eine jede mit einer willkürlich gewählten dritten
Linie bilden Vermittelst dieser allgemeinen Gesetze könnte die Messung aller
Linien Winkel und Räume durch die Messung einer einzigen geraden Linie und
einer hinreichenden Anzahl von Winkeln vollführt werden was in der Tat bei der
trigonometrischen Aufnahme eines Landes geschieht und man muss es für ein Glück
ansehen dass dieses ausführbar ist indem die Messung gerader Linien schwierig
die der Winkel hingegen sehr leicht ist Drei solche Generalisationen wie die
vorhergehenden bieten für die indirekte Messung der Größen solche Vorteile
dar indem sie uns bekannte Linien oder Winkel liefern welche Merkmale der
Größe von unbekannten Linien und Winkeln und daher der Räume sind welche sie
einschließen dass es leicht zu begreifen ist wie wir von nur wenigen Data
ausgehend die Größe einer unbestimmten Menge von Linien Winkeln und Räumen
die nicht mit Leichtigkeit oder auch gar nicht durch ein direktes Verfahren zu
messen wären bestimmen können
9 Dies sind die wenigen Bemerkungen die es notwendig schien in
Beziehung auf Naturgesetze die der besondere Gegenstand der Wissenschaften der
Zahlen und der Ausdehnung sind hier zu machen Der große Antheil welchen
diese Wissenschaften daran haben dass die anderen Zweige der physikalischen
Wissenschaften einen deduktiven Charakter annehmen ist wohl bekannt Und es
liegt hierin nichts Überraschendes wenn wir bedenken dass alle Ursachen nach
mathematischen Gesetzen wirken Die Wirkung ist immer von der Quantität des
Agens abhängig oder in mathematischer Sprache ist eine Funktion der Quantität
des Agens und im allgemeinen auch der Lage desselben Wir können daher in
Beziehung auf eine Verursachung keine Schlüsse ziehen ohne bei jedem Schritt
Betrachtungen der Quantität und Ausdehnung einzuführen und wenn die Natur der
Phänomene es zulässt dass wir numerische Data von einer hinreichenden
Genauigkeit erhalten so werden die Gesetze der Quantität zu dem großen
Instrument um eine Wirkung im voraus oder eine Ursache rückwärts zu berechnen
Dass in allen anderen Wissenschaften sowohl wie in der Geometrie Fragen der
Qualität von den Fragen der Quantität kaum jemals unabhängig sind kann man aus
den bekanntesten Erscheinungen ersehen Wenn auf der Palette eines Malers
verschiedene Farben gemischt sind so wird die Farbe der Mischung durch die
verhältnismäßige Quantität einer jeden bestimmt
Ich muss mich für jetzt mit der bloßen Angabe der allgemeinen Ursachen
welche mathematische Prinzipien und Prozesse in den deduktiven Wissenschaften
welche genaue numerische Data darbieten so vorherrschend machen begnügen und
verweise den Leser welcher sich mit diesem Gegenstände bekannter machen will
auf die zwei ersten Bände des systematischen Werkes des Herrn Comte
In demselben Werke und insbesondere im dritten Bande sind die notwendigen
Grenzen der Anwendbarkeit mathematischer Prinzipien behufs der Ausbildung
anderer Wissenschaften einer Diskussion unterworfen Diese Prinzipien sind
offenbar da nicht anwendbar wo die Ursachen von welchen eine Klasse von
Erscheinungen abhängt unserer Beobachtung so unvollkommen zugänglich sind dass
wir ihre numerischen Gesetze nicht durch eine geeignete Induktion bestimmen
können oder wo die Ursachen so zahlreich und auf eine so komplexe Weise mit
einander vermischt sind dass sogar ihre Gesetze als bekannt vorausgesetzt die
Berechnung der Gesamtwirkung die Kräfte des Kalküls wie er gegenwärtig ist
oder wahrscheinlich sein wird übersteigt oder endlich wo die Ursachen selbst
in einem Zustand einer fortwährenden Fluktuation sind wie in der Physiologie
oder wo möglich noch mehr in den sozialen Wissenschaften Die mathematischen
Lösungen physikalischer Fragen werden in dem Verhältnisse schwieriger und
unvollkommener als die Fragen sich ihres abstrakten und hypothetischen
Charakters entkleiden und sich dem Grade von Komplikation wie er in der Natur
existiert mehr nähern dergestalt dass außerhalb der Grenzen astronomischer
Phänomene und derjenigen Phänomene welche ihnen sehr nahe analog sind
mathematische Genauigkeit im allgemeinen nur »auf Kosten der Realität der
Forschung« erhalten wird während sogar bei astronomischen Fragen »ungeachtet
der bewunderungswürdigen Einfachheit ihrer mathematischen Elemente unsere
schwache Intelligenz unfähig wird die logischen Kombinationen der Gesetze
wovon die Naturerscheinungen abhängig sind zu verfolgen sobald wir versuchen
mehr als zwei oder drei wesentliche Einflüsse gleichzeitig in Betracht zu
ziehen« Als ein bemerkenswertes Beispiel hiervon haben wir bereits mehr als
einmal das Problem der drei Körper angeführt die vollständige Lösung einer
verhältnismäßig so einfachen Frage ist von den scharfsinnigsten Mathematikern
vergeblich versucht worden Man wird darnach begreifen wie chimärisch die
Hoffnung sein würde dass mathematische Prinzipien jemals mit Vorteil auf
Naturerscheinungen anwendbar sein werden welche wie die der Chemie und noch
mehr der Physiologie von der gegenseitigen Action unzähliger kleiner
Körperteilchen abhängig sind aus ganz ähnlichen Gründen bleiben aber diese
Prinzipien für immer auf die noch komplexeren Untersuchungen unanwendbar deren
Gegenstand die Erscheinungen der Gesellschaft und der Regierungsformen sind
Der Werth des mathematischen Unterrichts als eine Vorbereitung zu diesen
schwierigeren Untersuchungen besteht in der Anwendbarkeit nicht ihrer Lehren
sondern ihrer Methode Die Mathematik wird immer der vollkommenste Typus der
deduktiven Methode im allgemeinen sein und die Anwendungen der Mathematik auf
die einfacheren Zweige der Physik sind die einzige Schule in welcher die
Philosophen den schwierigsten und wichtigsten Teil ihrer Kunst den Gebrauch
der Gesetze von einfacheren Naturerscheinungen zur Erklärung und Voraussagung
von komplexeren wirklich erlernen können Diese Gründe sind hinreichend um die
mathematische Bildung für die unentbehrliche Basis einer wirklich
wissenschaftlichen Erziehung zu halten und nach einem dictum welches eine
alte aber irrige Tradition Platon zuschreibt den ageômetrêtos als der
wesentlichsten Befähigung für die Kultivierung der höheren Zweige der Philosophie
entbehrend anzusehen
1 Die Methode um zu allgemeinen Wahrheiten oder glaubwürdigen Urteilen
zu gelangen und die Natur des Beweises worauf dieselben gegründet sind
wurden soweit es der Raum und die Fähigkeiten des Verfassers erlaubten in den
vorhergehenden vierundzwanzig Kapiteln abgehandelt Aber das Resultat der
Untersuchung eines Beweises ist nicht immer Glaube oder auch nur ein
Zurückhalten des Urteils es ist oft Unglaube Es ist daher die Philosophie der
Induktion und der experimentellen Forschung so lange unvollständig als nicht
die Gründe nicht bloß des Glaubens sondern auch des Unglaubens abgehandelt
sind wir wollen daher das folgende und letzte Kapitel dieses Buches der
Betrachtung dieses Gegenstandes widmen
Unter Unglauben ist hier nicht die bloße Abwesenheit des Glaubens zu
verstehen Die Gründe um sich des Glaubens zu enthalten liegen einfach in der
Unzulänglichkeit des Beweises und indem wir betrachteten was einen
hinreichenden Beweis bildet um einen Schluss zu stützen haben wir auch
implicite erörtert was für ein Beweis zu diesem Ende nicht hinreichend ist
Unter Unglaube ist hier nicht jener Zustand des Geistes verstanden wo wir in
Beziehung auf einen Gegenstand unwissend sind und uns keine Meinung darüber
bilden sondern derjenige Zustand wo wir völlig überzeugt sind eine Meinung
sei nicht wahr dergestalt dass wenn ein Beweis sogar ein anscheinend sehr
strenger auf das Zeugnis Anderer oder auf unsere eigene scheinbare Perzeption
gegründet zu Gunsten dieser Meinung beigebracht würde wir glauben würden das
Zeugnis sei falsch oder man habe sich oder auch wir wenn wir selbst die
Wahrnehmung gemacht haben haben uns geirrt
Dass es solche Fälle gibt wird wahrscheinlich Niemand bestreiten wollen
Behauptungen für welche positive Beweise reichlich vorliegen werden häufig
ihrer sogenannten Unwahrscheinlichkeit oder Unmöglichkeit wegen nicht geglaubt
und die in Betrachtung zu ziehende Frage ist was jene Worte in dem vorliegenden
Falle bedeuten und wieweit und unter welchen Umständen die Eigenschaften
welche sie ausdrücken hinreichende Gründe des Unglaubens sind
2 Es muss vor Allem bemerkt werden dass der positive Beweis welcher
zur Stütze einer Behauptung beigebracht wird die auf Grund ihrer
Unwahrscheinlichkeit oder Unmöglichkeit dennoch verworfen wird niemals auf
einen vollen Beweis hinausläuft Er ist immer auf eine annähernde Generalisation
gegründet Die Tatsache kann durch hundert Zeugen behauptet worden sein es
gibt aber viele Ausnahmen von der Allgemeinheit der Generalisation dass das
was hundert Zeugen behaupten wahr sei Es kann uns selbst scheinen als hätten
wir die Tatsache gesehen aber es ist keineswegs eine allgemeine Wahrheit dass
wir das sehen was wir zu sehen glauben unsere Organe können in einem
krankhaften Zustand gewesen sein oder wir können etwas gefolgert haben und uns
einbilden es wahrgenommen zu haben Da also der Beweis in dem bejahenden Sinne
niemals mehr als eine annähernde Generalisation ist so wird Alles von dem
Beweis in dem negativen Sinne abhängen Wenn dieser ebenfalls auf einer
annähernden Generalisation beruht so ist es ein Fall für die Vergleichung der
Wahrscheinlichkeiten Wenn die in dem bejahenden Sinne annähernden
Generalisationen addiert werden und weniger stark oder mit anderen Worten von
der Allgemeinheit weiter entfernt sind als die annähernden Generalisationen
welche die negative Seite der Frage stützen so ist die Behauptung
unwahrscheinlich und vorläufig nicht zu glauben Wenn indessen eine angeführte
Tatsache in Widerspruch steht nicht mit einer Anzahl von annähernden
Generalisationen sondern mit einer auf eine strenge Induktion gegründeten
vollständigen Generalisation so heißt sie eine unmögliche Tatsache und ist
völlig unglaubwürdig
Das letztere Prinzip einfach und evident wie es sich darstellt bildet die
Lehre welche bei dem Versuche sie auf die Glaubwürdigkeit der Wunder
anzuwenden einen so lebhaften Streit erweckt hat Humes berühmter Grundsatz
dass nichts glaubwürdig ist was der Erfahrung widerstreitet oder den Gesetzen
der Natur entgegen ist ist die einfache und harmlose Behauptung dass was
einer vollständigen Induktion widerspricht unglaubwürdig ist Dass ein solcher
Grundsatz jemals entweder als eine gefährliche Ketzerei betrachtet oder für eine
große und tiefe Wahrheit gehalten werden konnte gibt ein schlimmes Zeugnis
für den Zustand der philosophischen Spekulation über dergleichen Gegenstände
Aber kann man fragen schließt nicht gerade die Angabe der Proposition
einen Widerspruch ein Eine behauptete Tatsache darf nach dieser Theorie nicht
geglaubt werden wenn sie einer vollständigen Induktion widerspricht Es ist ja
aber zur Vollständigkeit der Induktion gerade erforderlich dass ihr keine
bekannte Tatsache widerspreche Ist es daher nicht petitio principii zu sagen
die Tatsache sei nicht zu glauben weil die ihr entgegenstehende Induktion
vollständig ist Welches Recht besitzen wir die Induktion für eine vollständige
zu erklären so lange sich ihr durch einen glaubhaften beweis unterstützte
Tatsachen entgegenstellen
Die Antwort ist wir haben dieses Recht wenn die wissenschaftlichen Regeln
der Induktion es uns geben dh wenn die Induktion vollständig sein kann Wir
haben es zB in dem Falle einer Verursachung in dem ein experimentum crucis
stattfand Wenn einer Reihe von in jeder andern Beziehung unveränderlichen
Antecedentien ein Antezedens A hinzugefügt wird und von einer vorher nicht
existierenden Wirkung B begleitet ist so ist in diesem Falle wenigstens A die
Ursache von B oder ein notwendiger Teil dieser Ursache und wenn A mit vielen
ganz verschiedenen Reihen von Antecedentien versucht wird und Zimmer darauf
folgt so ist es die alleinige und ganze Ursache Wenn diese Beobachtungen oder
Experimente so oft oder durch so viele Personen wiederholt worden sind dass
dadurch eine jede Voraussetzung eines Irrtums von Seiten des Beobachters
ausgeschlossen wird so ist ein Naturgesetz festgestellt und so lange dieses
Gesetz als solches angenommen ist darf die Behauptung dass bei einer besonderen
Gelegenheit A stattfand und B nicht darauf folgte und zwar ohne dass eine
entgegenwirkende Ursache tätig war nicht geglaubt werden Nur ein Beweis der
das ganze Gesetz umstürzt könnte eine solche Behauptung glaubhaft machen Die
allgemeinen Wahrheiten dass das was einen Anfang auch eine Ursache hat und
dass wenn nur dieselben Ursachen existieren dieselben Wirkungen folgen werden
sind auf die möglichst strenge Induktion gegründet die Behauptung dass Dinge
welche durch eine Menge von achtenswerten Zeugen affirmiert worden wahr sind
ist nur eine annähernde Generalisation und sogar wenn wir uns einbilden wir
hätten die mit dem Gesetze in Widerspruch stehende Tatsache wirklich gefühlt
oder gesehen was ein menschliches Wesen sehen kann ist nichts mehr als eine
Reihe von Erscheinungen woraus die wahre Natur des Phänomens bloß gefolgert
wird und an dieser Folgerung haben annähernde Generalisationen häufig einen
großen Antheil Wenn wir daher das Gesetz festhalten wollen so darf uns keine
Quantität von Beweis überreden dass etwas stattgefunden habe was damit in
Widerspruch war Wenn der beigebrachte Beweis in der Tat der Art ist dass es
wahrscheinlicher ist dass die Reihe von Beobachtungen und Experimenten worauf
das Gesetz beruht ungenau vorgenommen oder unrichtig interpretiert wurden als
dass der in Frage stehende Beweis falsch ist so können wir dem Beweise glauben
aber das Gesetz müssen wir alsdann verwerfen Da nun das angenommene Gesetz sich
auf eine anscheinend vollständige Induktion stützte so kann es auch nur nach
einem äquivalenten Beweis verworfen werden nämlich wenn es sich unverträglich
zeigt nicht mit einer Anzahl von annähernden Generalisationen sondern mit
einem andern und besser festgestellten Naturgesetz Dieser extreme Fall eines
Konfliktes zwischen zwei supponierten Naturgesetzen hat wahrscheinlich da niemals
stattgefunden wo bei der Erforschung beider Gesetze die wahren Regeln der
wissenschaftlichen Induktion beständig im Auge gehalten wurden wo er aber
stattfand musste er mit der völligen Verwerfung des einen der supponierten
Gesetze endigen Er würde beweisen dass in dem logischen Prozess wodurch das
eine oder das andere Gesetz festgestellt wurde ein Fehler enthalten war und
wenn dies der Fall war so ist jene supponierte allgemeine Wahrheit gar keine
Wahrheit Wir können ein Urteil nicht als ein Naturgesetz zulassen und doch
eine Tatsache glauben die damit in Widerspruch steht Wir dürfen die
angeführte Tatsache nicht glauben oder wir müssen glauben dass wir uns bei
der Annahme des supponierten Gesetzes geirrt haben
Damit aber eine behauptete Tatsache einem Kausalgesetze widerspreche darf
die Behauptung nicht einfach lauten dass die Ursache existierte ohne dass ihre
Wirkung darauf folgte denn dies wäre kein ungewöhnliches Ereignis sondern
dass dies in der Abwesenheit einer entsprechenden entgegenwirkenden Ursache
stattfand Die Behauptung eines Wunders ist aber etwas ganz Entgegengesetztes
Sie ist die Behauptung dass die Wirkung aufgehoben war nicht in Abwesenheit
sondern in Folge einer entgegenwirkenden Ursache nämlich in Folge einer
direkten Dazwischenkunft eines Aktes von einem Wesen welches Gewalt über die
Natur besitzt und besonders eines Wesens dessen Willen da er ursprünglich
alle Ursachen mit den Kräften ausgestattet hat wodurch sie ihre Wirkungen
hervorbringen man wohl als fähig ansehen kann diesen Ursachen entgegen zu
wirken Ein Wunder wie Brown richtig bemerkte ist nicht im Widerspruche mit
dem Gesetze von Ursache und Wirkung es ist eine neue Wirkung von der man
annimmt sie sei durch eine frisch eingeführte Ursache hervorgebracht Dass
diese Ursache wenn sie existiert adäquat ist kann nicht bezweifelt werden und
die alleinige vorausgängige Unwahrscheinlichkeit die dem Wunder zugeschrieben
werden kann ist die Unwahrscheinlichkeit dass in dem betreffenden Falle eine
solche Ursache existiert habe
Alles was daher Hume bewiesen hat und dieser Beweis muss ihm zuerkannt
werden ist dass für niemand wenigstens bei dem unvollkommenen Zustand unserer
Kenntnis der Naturkräfte welcher es immerhin möglich macht dass uns eines der
physikalischen Antecedentien verborgen blieb ein Beweis hinreicht ein Wunder
zu beweisen wo nicht vorher an die Existenz eines Wesens oder von Wesen mit
übernatürlichen Kräften geglaubt wird oder wo man selbst den vollen Beweis zu
haben glaubt dass der Charakter des anerkannten Wesens mit einer von ihm für
nötig erachteten Dazwischenkunft in der fraglichen Gelegenheit unverträglich
ist
Wenn wir nicht bereits an übernatürliche Kräfte glauben so kann uns kein
Wunder deren Existenz beweisen Als eine bloß außerordentliche Tatsache
betrachtet kann das Wunder selbst durch unsere Sinne oder durch Zeugen
hinlänglich bezeugt werden aber durch nichts kann je bewiesen worden dass es
ein Wunder ist es besteht immer noch die andere mögliche Hypothese dass es das
Resultat einer unbekannten natürlichen Ursache ist und diese Möglichkeit kann
nicht so vollständig ausgeschlossen werden dass nur die eine Alternative
bleibt die Existenz und Dazwischenkunft eines über der Natur stehenden Wesens
zuzulassen Diejenigen aber welche bereits an ein solches Wesen glauben haben
die Wahl zwischen zwei Hypothesen zwischen einer übernatürlichen und einer
unbekannten natürlichen Kraft Agens und sie müssen entscheiden welche in dem
besonderen Fall die wahrscheinlichere ist Bei dieser Entscheidung wird die
Übereinstimmung des Resultats mit den Gesetzen der supponierten Kraft dh mit
dem Charakter der Gottheit wie er aufgefasst wird ein wichtiges Element der
Frage bilden Aber bei der Kenntnis welche wir jetzt von der allgemeinen
Gleichförmigkeit im Gange der Natur besitzen sah sich die dem Pfade der
Wissenschaft folgende Religion gezwungen anzuerkennen dass die Regierung des
Weltalls im Ganzen nach allgemeinen Gesetzen und nicht nach spezieller
Dazwischenkunft stattfindet Bei einem jeden der diesen Glauben hegt besteht
eine allgemeine Präsumtion gegen eine jede Annahme einer nicht durch allgemeine
Gesetze wirkenden göttlichen Tätigkeit oder mit anderen Worten in einem jeden
Wunder liegt eine vorausgängige Unwahrscheinlichkeit welche von der aus den
speziellen Umständen des Falles abgeleiteten vorausgängigen Wahrscheinlichkeit
eine außerordentliche Stärke verlangt um zu überwiegen
3 Aus dem Gesagten scheint hervorzugehen dass die Behauptung es sei
die Ursache einer Wirkung aufgehoben worden welche durch ein vollständig
ermitteltes Kausalgesetz damit im Zusammenhang steht je nach der
Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit dass in dem besonderen Falle eine
angemessene entgegenwirkende Ursache existiert habe zu bezweifeln ist oder
nicht Die Berechnung dieser Wahrscheinlichkeit ist nicht schwieriger als die
anderer Wahrscheinlichkeiten Bei Berücksichtigung aller bekannten Ursachen
welche den gegebenen Ursachen entgegenwirken können haben wir im allgemeinen
eine vorausgängige Kenntnis der Häufigkeit oder Seltenheit ihres Eintreffens
und hieraus können wir in Beziehung auf die vorausgängige Unwahrscheinlichkeit
ihrer Gegenwart in einem besonderen Falle einen Schluss ziehen Auch haben wir
weder in Beziehung auf bekannte noch auf unbekannte Ursachen über die
Wahrscheinlichkeit ihrer Existenz in der Natur zu urteilen sondern nur über
ihre Existenz in genau der Zeit und an dem Orte worin die Behauptung die
Tatsache eintreffen lässt Es fehlen uns daher selten die Mittel um
beurteilen zu können wenn die Umstände des Falles uns überhaupt bekannt sind
wieweit es wahrscheinlich ist dass eine derartige Ursache zu jener Zeit und an
jenem Orte existiert habe ohne ihre Gegenwart durch irgend andere Merkmale
kundzugeben und in dem Falle einer unbekannten Ursache ohne ihre Existenz in
einem andern Falle bisher zu offenbaren Je nachdem dieser Umstand oder die
Fälschlichkeit des Zeugnisses unwahrscheinlich erscheint dh einer annähernden
Generalisation von einer höheren Ordnung widerstreitet glauben oder verwerfen
wir das Zeugnis und zwar mit einem höheren oder geringeren Grade von
Überzeugung je nach dem Überwiegen auf der einen oder der andern Seite
wenigstens so lange wir den Gegenstand nicht weiter geprüft haben
Soviel also in Betreff des Falles worin die behauptete Tatsache einem
wirklichen Kausalgesetze widerstreitet oder zu widerstreiten scheint Viel
gewöhnlicher ist aber vielleicht jener Fall wo die Tatsache Gleichförmigkeit
der bloßen Koexistenz widerstreitet von denen nicht bewiesen ist dass sie von
Ursachen abhängen mit anderen Worten wo sie den Eigenschaften der Arten
widerstreitet Es sind vorzüglich diese Gleichförmigkeit denen die
wunderlichen Geschichten welche Reisende erzählen widerstreiten so wenn sie
von Menschen mit Schwänzen oder Flügeln und so lange die Erfahrung es nicht
bestätigt hat von fliegenden Fischen oder von Eis sprechen wie in der
berühmten Anekdote von dem holländischen Reisenden und dem Könige von Siam
Tatsachen dieser Art von denen man vorher nichts gehört hat die man jedoch
keinem bekannten Kausalgesetz nach für unmöglich erklären kann machen das aus
was Hume als unserer Erfahrung nicht entgegen sondern als nur nicht damit
übereinstimmend charakterisiert Bentham in seinem Treatise on Evidence nennt sie
Tatsachen die nicht in specie übereinstimmen zum Unterschied von solchen
welche in toto und dem Grade nach nicht übereinstimmend sind
In einem derartigen Falle ist die behauptete Tatsache die Existenz einer
neuen Art was an und für sich nicht im Geringsten unglaubwürdig ist und nur
dann verworfen werden muss wenn die Unwahrscheinlichkeit dass eine an dem
besonderen Orte und in der besonderen Zeit existierende Varietät des Gegenstandes
nicht eher entdeckt worden sein sollte grösser ist als die Unwahrscheinlichkeit
eines Irrtums oder der Falschheit des Zeugen Wenn demnach solche Behauptungen
von glaubwürdigen Personen und in Betreff nicht untersuchter Orte aufgestellt
werden so darf man ihnen nicht unbedingt allen Glauben versagen sondern man
darf sie höchstens so ansehen als bedürften sie noch der Bestätigung durch
andere Beobachter es müssten denn die behaupteten Eigenschaften der supponierten
neuen Art den bekannten Eigenschaften einer Gattung welche sie einschließt
widerstreiten oder mit anderen Worten es müsste von einigen Eigenschaften der
neuen Art deren Existenz behauptet wird gesagt werden man habe sie von
anderen Eigenschaften getrennt gefunden von denen man immer gewusst hat dass
sie jene begleiten wie bei den Menschen des Plinius oder bei einer andern
Tierart von einem Bau welcher von dem Bau den man mit dem tierischen Leben
immer verbanden fand verschieden ist Was die Art betrifft wie solche Fälle zu
behandeln sind so braucht dem in dem einundzwanzigsten Kapitel Gesagten nur
wenig hinzugefügt zu werden Wenn die Gleichförmigkeit der Koexistenz welche
die behauptete Tatsache verletzen würde der Art sind dass sie eine starke
Vermutung hervorrufen sie seien das Resultat einer Verursachung so darf die
Tatsache welche ihnen widerstreitet nicht geglaubt werden wenigstens vor der
Hand nicht und so lange sie nicht einer weitem Prüfung unterworfen worden ist
Wenn sich die Vermutung zu einer virtuellen Gewissheit erhebt wie bei dem
allgemeinen Bau organischer Wesen so ist die einzige Frage welche eine
Betrachtung verlangt die ob bei so wenig bekannten Phänomenen nicht die
Neigung zur Verhinderung durch bisher ungekannte Ursachen vorhanden sein könne
oder ob die Phänomene nicht in einer andern Weise entstehen können wodurch eine
verschiedene Reihe von abgeleiteten Gleichförmigkeit hervorgebracht würde Wo
wie bei dem fliegenden Fisch oder bei dem Schnabeltier ornithorhynchus die
Generalisation von welcher die behauptete Tatsache eine Ausnahme sein würde
eine sehr spezielle und beschränkte ist da kann keine von den obigen
Voraussetzungen für sehr unwahrscheinlich gehalten werden und bei solchen
behaupteten Anomalien ist es im allgemeinen klug mit unserem Urteil
zurückzuhalten und zuzusehen ob weitere Forschungen die Behauptungen bestätigen
oder nicht Wenn aber die Generalisation eine sehr umfassende ist wenn sie eine
große Anzahl und eine Mannigfaltigkeit von Beobachtungen umfasst und ein
großes Feld des ganzen Naturreichs umfängt so nähert sich aus Gründen welche
weitläufig auseinandergesetzt wurden ein solches empirisches Gesetz der
Gewissheit eines feststehenden Kausalgesetzes und eine behauptete Ausnahme ist
nicht zulässig es sei denn auf den Beweis eines durch eine noch vollständigere
Induktion bewiesenen Kausalgesetzes hin
Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur welche sich nicht als Resultate
einer Verursachung darstellen sind wie wir bereits gesehen haben als
allgemeine Wahrheiten mit einem Grad von Glaubwürdigkeit zuzulassen der im
Verhältnis zu ihrer Allgemeinheit steht Diejenigen Gleichförmigkeit welche
von allen Dingen wahr sind oder welche wenigstens ganz unabhängig von den
Varietäten der Arten sind nämlich die Gesetze der Zahlen und der Ausdehnung
denen wir noch das Kausalgesetz selbst hinzufügen können sind wahrscheinlich
die einzigen Gleichförmigkeit von denen eine Ausnahme absolut und beständig
unglaubhaft ist Es scheint demnach dass sich das Wort Unmöglichkeit
wenigstens totale Unmöglichkeit im allgemeinen auf Behauptungen beschränkt
welche diesen Gesetzen oder anderen Gesetzen welche ihnen an Allgemeinheit
nahe kommen widersprechen Verletzungen anderer Gesetze zB spezieller
Kausalgesetze heißen bei denjenigen welche sich einer genauen Ausdrucksweise
befleißigen unmöglich unter den Umständen des Falles oder nur möglich bei der
Existenz einer Ursache die in dem besonderen Falle nicht existirte148 Kein
Vorsichtiger wird von einer Behauptung die nicht im Widerspruche mit einigen von
diesen allgemeinen Gesetzen steht mehr als die Unwahrscheinlichkeit behaupten
und zwar die Unwahrscheinlichkeit nicht von dem höchsten Grad wenn nicht Zeit
und Ort worin der Aussage nach die Tatsache stattfand es fast gewiss machen
dass die Anomalie wenn sie wirklich eine solche ist von anderen Beobachtern
nicht übersehen werden konnte Eine Zurückhaltung des Urteils ist in allen
anderen Fällen die Zuflucht des verständigen Forschers vorausgesetzt das
Zeugnis zu Gunsten der Anomalie biete bei näherer Prüfung keine verdächtigen
Umstände dar
Aber das Zeugnis hält in Fällen wo die Anomalie nicht wirklich besteht
diese Probe kaum jemals aus In den Fällen wo eine große Anzahl von Zeugen von
gutem Rufe und von wissenschaftlichen Kenntnissen die Wahrheit von irgend etwas
bezeugt haben was sich als unwahr erwies waren fast immer Umstände vorhanden
welche einem scharfen Beobachter der sich die Mühe gegeben hätte den
Gegenstand zu prüfen das Zeugnis unglaubwürdig gemacht haben würden Man
konnte die Eindrücke auf die Sinne oder den Geist der vorgeblichen Wahrnehmenden
fast immer durch den täuschenden Schein erklären sei es dass eine epidemische
Täuschung die sich durch den kontagiösen Einfluss der Volksgefühle fortpflanzt
dabei ihren Antheil hatte sei es dass ein großes Interesse dabei im Spiele
war wie Religionseifer Parteiwut Eitelkeit oder wie bei Vielen die
Liebe zum Wunderbaren Wenn von diesen oder ähnlichen Umständen keiner existiert
um die scheinbare Stärke des Zeugnisses zu erklären und wenn die Behauptung
weder im Widerspruch mit jenen allgemeinen Gesetzen steht welche keine
Entgegenwirkung oder Anomalie kennen noch mit den Generalisationen die ihnen
an Allgemeinheit am nächsten stehen sondern wenn sie wofern sie zugelassen
werden nur auf die Existenz einer unbekannten Ursache oder einer abnormen Art
und zwar unter Umständen hinausliefe die noch nicht durchaus erforscht sind und
die es glaublich erscheinen lassen dass bisher unbekannte Dinge noch ans Licht
gebracht werden können da wird der Vorsichtige weder das Zeugnis verwerfen
noch zulassen sondern die Bestätigung von einer andern Zeit und von einer
andern Seite her abwarten Dies hätte das Benehmen des Königs von Siam sein
sollen als der holländische Reisende die Existenz von Eis vor ihm behauptete
Aber der Unwissende ist eben so hartnäckig in seinem hochmütigen Unglauben als
er unvernünftig leichtgläubig ist Er glaubt nichts was seiner eigenen engen
Erfahrung nicht gleich sieht wenn es keiner seiner Neigungen schmeichelt tut
es aber dies so verschlingt er unbedingt ein jedes Ammenmärchen
4 Ehe wir diese Untersuchung schließen müssen wir auf ein sehr
ernsthaftes Missverständnis in Betreff der Prinzipien des Gegenstandes
aufmerksam machen auf ein Missverständnis das sich bei vielen Schriftstellern
findet welche gegen Humes Abhandlung über die Wunder in der Absicht schrieben
zu vernichten was ihnen eine furchtbare Angriffswaffe gegen die christliche
Religion zu sein schien die Wirkung dieses Missverständnisses ist eine völlige
Verwirrung der Lehre von den Gründen des Unglaubens Der Irrtum besteht darin
dass man den Unterschied zwischen wie man es nennen kann Unwahrscheinlichkeit
vor der Tatsache und Unwahrscheinlichkeit nach der Tatsache übersehen hat Es
sind dies zwei verschiedene Eigenschaften wovon die letztere immer ein Grund
des Unglaubens ist die erstere nicht immer
Viele Vorgänge scheinen uns ganz unwahrscheinlich bevor sie eingetroffen
sind oder bevor wir von ihrem Eintreffen unterrichtet sind während sie uns
nicht im Geringsten unglaublich scheinen wenn wir davon unterrichtet sind da
sie keiner selbst nicht einer annähernden Induktion widerstreiten Bei dem
Würfeln mit einem vollkommen richtigen Würfel ist die Wahrscheinlichkeit die
Eins nicht zu werfen fünf gegen eins dh im Durchschnitt wird die Eins unter
sechs Würfen einmal fallen Aber dies gibt keinen Grund ab um nicht zu
glauben bei einer gegebenen Gelegenheit sei die Eins geworfen worden wenn ein
glaubwürdiger Zeuge es behauptet da obgleich die Eins unter sechsmal nur
einmal fallt irgend eine Zahl welche unter sechsmal nur einmal fällt gefallen
sein muss wenn überhaupt gewürfelt wurde Die Unwahrscheinlichkeit oder mit
anderen Worten die Ungewöhnlichkeit einer Tatsache ist daher kein Grund sie
nicht zu glauben wenn die Natur des Falles es gewiss macht dass entweder
dieses oder etwas gleich Unwahrscheinliches dh gleich Ungewöhnliches wirklich
eingetroffen ist Wenn wir alle Tatsachen welche vorher die Wahrscheinlichkeit
nicht für sich haben nicht glauben wollten so würden wir kaum Etwas glauben
Wenn man uns sagt dass A B gestern starb so konnte in dem Augenblicke bevor
man uns dies sagte die Unwahrscheinlichkeit seines Sterbens an diesem Tage sich
wie zehntausend gegen eins verhalten da er jedoch zu irgend einer Zeit gewiss
sterben musste und zwar notwendig an einem bestimmten Tage so bietet die
Erfahrung obgleich die Wahrscheinlichkeit gegen einen jeden besonderen Tag
unberechenbar groß sein kann keinen Grund dar um einem Zeugnis nicht zu
glauben das in Beziehung auf das Stattfinden dieses Ereignisses an einem
gegebenen Tage beigebracht werden kann
Es wurde indessen von Dr Campbell und Anderen als eine vollständige
Widerlegung der Lehre Humes dass Dinge unglaublich sind welche dem
gleichförmigen Gange der Erfahrung entgegen sind angesehen dass wir Dingen
die in strenger Übereinstimmung mit dem gleichförmigen Gange der Erfahrung
sind nicht den Glauben versagen bloß weil die Wahrscheinlichkeit gegen sie
ist dass wir einer behaupteten Tatsache nicht den Glauben versagen bloß weil
die Kombination von Ursachen von denen sie abhängt nur einmal in einer
gewissen Anzahl von Malen eintrifft Es ist evident dass das wovon die
Erfahrung zeigt oder wovon aus Naturgesetzen nachzuweisen ist dass es in einem
gewissen Verhältnis wenn auch noch so klein zu der ganzen Anzahl der
möglichen Fälle eintrifft der Erfahrung nicht widerstreitet wir bezweifeln es
aber mit Recht wenn irgend eine andere Voraussetzung in Beziehung auf den
fraglichen Gegenstand im Ganzen eine geringere Abweichung von dem gewöhnlichen
Gange der Ereignisse einschließt Dennoch sind tüchtige Schriftsteller durch
diese Gründe zu dem außerordentlichen Schluss verleitet worden dass man
niemals etwas bezweifeln nichtglauben sollte was sich auf glaubwürdiges
Zeugnis stützt
5 Wir haben zwei Arten von Ereignissen betrachtet von denen man
gewöhnlich sagt sie seien unwahrscheinlich die eine Art ist keineswegs
außerordentlich hat aber eine so sehr überwiegende Wahrscheinlichkeit gegen
sich dass sie so lange unwahrscheinlich ist als sie nicht behauptet wird aber
nicht länger die andere Art wird da sie einem anerkannten Naturgesetz entgegen
ist erst dann glaubhaft wenn das Zeugnis für sie so bedeutend ist dass es
unsern Glauben an das Gesetz selbst zu erschüttern vermag Aber zwischen diesen
zwei Classen von Ereignissen steht eine intermediäre dritte aus sogenannten
Koincidenzen bestehende Klasse mit anderen Worten jene Kombinationen von
Zufällen welche irgend eine eigentümliche und unerwartete Regelmäßigkeit
darbieten so dass sie das Ansehen von Resultaten von Gesetzen annehmen wie
wenn zB bei einer Lotterie von tausend Losen die Nummern in der genauen
Ordnung der sogenannten natürlichen Zahlen 1 2 3 etc gezogen würden Wir
haben nun noch die auf diesen Fall anwendbaren Prinzipien der Beweisführung zu
betrachten besteht in Betreff der für ihre Glaubwürdigkeit erforderlichen
Stärke des Zeugnisses oder anderer Beweise irgend ein Unterschied zwischen
Koincidenzen und gewöhnlichen Vorgängen
Gewiss ist dass auf ein jedes rationelle Wahrscheinlichkeitsprinzip hin
eine Kombination dieser besonderen Art gerade so oft erwartet werden darf als
eine jede andere gegebene Reihe von Nummern dass mit vollkommen guten Würfeln
in tausend oder in Millionen Würfen die Sechs zweimal dreimal oder eine
beliebige Anzahl von Malen nacheinander ebenso oft geworfen werden wird als
eine jede andere vorher festgesetzte Zahlenreihe und dass kein einsichtsvoller
Spieler gegen die eine Reihe höher wetten würde als gegen die andere
Dessenungeachtet ist man allgemein geneigt zu glauben das eine sei viel
unwahrscheinlicher als das andere und für dessen Glaubhaftigkeit sei ein viel
stärkerer Beweis erforderlich als für die des andern Die Stärke dieses
Eindrucks ist so groß dass sie manche Denker zu dem Schluss verleitet hat die
Natur finde größere Schwierigkeit in der Erzeugung regelmäßiger Kombinationen
als in der Erzeugung von unregelmäßigen oder mit anderen Worten es existiere
eine allgemeine Neigung der Dinge irgend ein Gesetz welches regelmäßige
Kombinationen verhindere einzutreffen wenigstens so oft einzutreffen wie
unregelmäßige Als einer von diesen Denkern kann DAlembert angeführt werden
In einer Abhandlung über Wahrscheinlichkeit in dem fünften Band seiner Mélanges
behauptet er regelmäßige Kombinationen obgleich der mathematischen Theorie
nach ebenso wahrscheinlich als andere seien physikalisch weniger
wahrscheinlich Er beruft sich auf den gesunden Menschenverstand oder mit
anderen Worten auf die gewöhnlichen Eindrücke indem er sagt wenn in unserer
Gegenwart mit Würfeln mehreremal nach einander die Sechs geworfen würde würden
wir nicht ehe die Anzahl der Würfe zehn ist nicht zu sprechen von Tausenden
von Millionen mit der positivsten Überzeugung behaupten die Würfel seien
falsch
Der gewöhnliche und natürliche Eindruck spricht für DAlembert die
regelmäßigen Reihen würde man für viel unwahrscheinlicher halten als die
unregelmäßigen Aber dieser gewöhnliche Eindruck ist wie ich glaube bloß auf
die Tatsache gegründet dass sich kaum jemand erinnert jemals eine von diesen
eigentümlichen Koincidenzen gesehen zu haben der Grund hiervon liegt einfach
darin dass niemandes Erfahrung die Anzahl von Versuchen auch nur annähernd
erreicht innerhalb deren das Eintreten dieser oder einer anderen gegebenen
Kombination von Ereignissen wahrscheinlich wird Da die Wahrscheinlichkeit bei
einem Wurf mit zwei Würfeln die Sechs zu werfen 136 ist so ist die
Wahrscheinlichkeit die Sechs zehnmal nacheinander zu werfen 1 dividiert durch
die zehnte Potenz von 36 mit anderen Worten ein solches Ereignis wird
wahrscheinlich nur einmal unter 3656158440062976 Würfen eintreffen eine
Zahl deren millionsten Teil keines Würfelspielers Erfahrung erreicht Wenn
anstatt der Sechs zehnmal nacheinander irgend eine andere gegebene Sukzession
von zehn Würfen festgesetzt worden wäre so wäre es genau ebenso
unwahrscheinlich gewesen dass in der Erfahrung eines Individuums diese
besondere Folge jemals eingetroffen wäre obgleich dies nicht gleich
unwahrscheinlich scheint weil sich niemand möglicherweise konnte erinnert
haben ob es eingetroffen war oder nicht und weil stillschweigend der Vergleich
angestellt wird nicht zwischen der Sechs zehnmal nacheinander und irgend einer
besonderen Reihe von Würfen sondern zwischen allen regelmäßigen und allen
unregelmäßigen Reihen zusammengenommen
Dass wie DAlembert sagt wenn die Sechs vor unseren Augen wirklich
zehnmal nacheinander geworfen worden wäre wir es nicht dem Zufall sondern
falschen Würfeln zuschreiben würden ist ohne Zweifel wahr aber dies rührt von
einem ganz andern Prinzip her Wir würden nämlich alsdann nicht die
Wahrscheinlichkeit der Tatsache an und für sich sondern die relative
Wahrscheinlichkeit betrachten womit die Tatsache wenn wir wissen dass sie
eingetroffen ist auf die eine oder die andere Ursache zurückgeführt werden
kann Die regelmäßige Reihe hat keineswegs geringere Wahrscheinlichkeit zu
entstehen als die unregelmäßige aber sie wird viel wahrscheinlicher
absichtlich herbeigeführt als die unregelmäßige oder auch durch eine durch
den Bau des Würfels wirkende allgemeine Ursache Es ist die Natur der zufälligen
Kombinationen eine Wiederholung desselben Ereignisses so oft und nicht öfter
hervorzubringen als eine jede andere Reihe von Ereignissen Aber es ist die
Natur allgemeiner Ursachen unter denselben Umständen immer dasselbe Ereignis
hervorzubringen Der gesunde Menschenverstand und die Wissenschaft sagen uns
übereinstimmend dass wir ceteris paribus die Wirkung eher einer Ursache
zuzuschreiben haben welche wenn real diese Wirkung sehr wahrscheinlich
hervorbringen wird als einer Ursache von der es sehr unwahrscheinlich ist
dass sie dieselbe hervorbringen wird Nach dem sechsten Lehrsatz von Laplace
den wir in einem früheren Kapitel demonstrierten würde der aus der höheren
Wirksamkeit der beständigen Ursache falsche Würfel hervorgehende Unterschied
der Wahrscheinlichkeit nach sehr wenig Würfen eine jede vorausgängige
Wahrscheinlichkeit welche gegen die Existenz dieser Ursache bestehen könnte
bei weitem überwiegen
DAlembert hätte die Frage anders stellen sollen Er hätte annehmen sollen
wir hätten die Würfel vorher selbst versucht und wüssten aus reichlicher
Erfahrung dass sie gut sind Ein Anderer versucht sie alsdann in unserer
Abwesenheit und versichert uns er habe die Sechs zehnmal hintereinander
geworfen Ist die Behauptung glaubwürdig oder nicht Die zu erklärende Wirkung
ist hier nicht das Ereignis selbst sondern die Tatsache dass der Zeuge
dieselbe behauptet Diese Behauptung kann entweder daher rühren dass die
Tatsache wirklich stattgefunden hat oder aus einer andern Ursache Was wir zu
berechnen haben besteht in der relativen Wahrscheinlichkeit dieser zwei
Voraussetzungen
Wenn der Zeuge behauptete er hätte irgend eine andere Reihe von Zahlen
geworfen und man setzte von ihm voraus er wäre wahrheitsliebend genau und
hätte besonders Acht gegeben so würden wir ihm glauben Aber die zehn Sechs
hatten genau die gleiche Wahrscheinlichkeit wirklich geworfen zu werden wie
eine jede andere Reihe Wenn daher diese Behauptung weniger glaubwürdig ist als
die andere so muss der Grund darin liegen nicht dass sie weniger
Wahrscheinlichkeit hat als die andere wahrheitsgemäß gemacht zu werden
sondern dass sie mehr Wahrscheinlichkeit hat als die andere fälschlich gemacht
zu werden
Ein augenfälliger Grund warum eine sogenannte Coincidenz öfter falsch
behauptet werden wird als eine gewöhnliche Kombination ist der dass sie
Staunen erregt und die Liebe zum Wunderbaren befriedigt Die Motive für die
Fälschung von denen der Wunsch Erstaunen zu erregen eines der häufigsten ist
sind daher für diese Art von Behauptung tätiger als für die andere Es ist so
weit offenbar mehr Grund vorhanden eine behauptete Coincidenz zu bezweifeln
als eine Behauptung die an sich nicht wahrscheinlicher ist die man aber wenn
sie gemacht würde nicht für merkwürdig halten würde Es gibt indessen Fälle
in denen die auf diesen Grund gestützte Präsumtion die entgegengesetzte sein
würde Es gibt Zeugen welche je außerordentlicher sich ein Ereignis
darstellt desto eifriger sind es durch die äußerste Sorgfalt in der
Beobachtung zu verifizieren bevor sie es zu glauben und noch mehr bevor sie es
vor Anderen zu behaupten wagen
6 Unabhängig von einer jeden der Natur der Behauptung entspringenden
Wahrscheinlichkeit der Lügenhaftigkeit behauptet aber Laplace dass bloß wegen
des allgemeinen Grundes der Trüglichkeit des Zeugnisses eine Coincidenz auf
dieselbe Summe von Zeugnis hin nicht für ebenso glaubwürdig zu halten ist wie
eine gewöhnliche Kombination von Ereignissen Um seinem Argument Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen ist es nötig dasselbe durch ein von ihm selbst
gewähltes Beispiel zu erläutern
Wenn tausend Loose in einer Urne sind und nur ein einziges derselben
gezogen worden ist und wenn alsdann ein Augenzeuge behauptete die gezogene
Nummer sei 79 so würde dies nicht unglaublich scheinen obgleich die
Wahrscheinlichkeit 999 von den 1000 dagegen ist die Glaubwürdigkeit hiervon ist
gleich der vorausgängigen Wahrscheinlichkeit der Wahrhaftigkeit des Zeugen Wenn
aber in der Urne 999 schwarze und nur eine weiße Kugel wären und der Zeuge
behauptete es wäre die weiße Kugel gezogen worden so ist der Fall nach
Laplace ein ganz anderer die Glaubhaftigkeit seiner Behauptung ist nun bloß
ein kleiner Bruchteil von dem was sie im ersten Fall war der Grund dieses
Unterschiedes ist der folgende
Der Zeuge von dem wir sprechen muss der Natur des Falles nach von der Art
sein dass seine Glaubhaftigkeit wesentlich hinter der Gewissheit zurückbleibt
wir wollen also annehmen in dem fraglichen Fall wäre die Glaubhaftigkeit des
Zeugen 910 dh wir wollen annehmen dass von je zehn Angaben des Zeugen neun
im Durchschnitt richtig und eine unrichtig wären Nun wollen wir annehmen es
wäre so oft gezogen worden dass alle möglichen Kombinationen erschöpft wären
indem der Zeuge jedesmal seine Aussage macht Bei allen diesen Ziehungen wird er
in einem Fall von je zehn Fällen tatsächlich eine falsche Angabe gemacht haben
Aber bei den tausend Losen werden diese falschen Angaben unparteiisch aber
alle Nummern verteilt worden sein und von den 999 Fällen in denen Nro 79
nicht gezogen wurde wird nur ein Fall gewesen sein in dem es verkündet wurde
Bei den tausend Kugeln wo immer entweder »schwarz« oder »weiß« angesagt wurde
muss im Gegenteil wenn weiß nicht gezogen wurde und eine falsche Verkündigung
stattfand diese falsche Verkündigung weiß gewesen sein und da der
Voraussetzung nach in je zehn Malen eine falsche Angabe war so wird weiß in
einem zehntel von allen Fällen in denen es nicht gezogen wurde falsch
angegeben worden sein dh in einem zehntel von 999 von je tausend Fällen
Weiß wird daher im Durchschnitt genau eben so oft gezogen wie Nro 79 aber es
ist ohne wirklich gezogen worden zu sein 999 mal so oft angegeben worden als
Nro 79 die Angabe verlangt daher ein viel stärkeres Zeugnis um glaubhaft zu
werden149
Um dieses Argument gültig zu machen muss natürlich angenommen werden die
durch den Zeugen gemachten Angaben seien Durchschnittsproben seiner allgemeinen
Wahrhaftigkeit und Genauigkeit oder sie seien dieses wenigstens im Falle der
weißen und schwarzen Kugeln weder mehr noch weniger als im Falle der tausend
Nummern Diese Annahme ist indessen ohne alle Gewähr Es wird jemand viel
weniger wahrscheinlich irren wenn er sich nur gegen eine Form von Irrtum zu
hüten hat als wenn er 999 Irrtümer zu vermeiden hat In dem gewählten Beispiel
dürfte ein Bote der beim Berichten über die in einer Lotterie gezogene Nummer
einmal in je zehn Malen irren könnte nicht einmal unter tausend Malen irren
wenn er bloß abgesandt worden ist um zu beobachten ob eine Kugel schwarz oder
weiß war Das Argument von Laplace ist daher bei der Anwendung auf seinen
eigenen Fall fehlerhaft viel weniger aber kann man diesen Fall als eine
vollständige Repräsentation aller Fälle von Coincidenz nehmen Laplace hat sein
Beispiel so eingerichtet dass obgleich schwarz 999 unterschiedenen
Möglichkeiten und weiß nur einer einzigen entspricht der Zeuge
nichtsdestoweniger ohne eine jede Neigung ist die ihn dem Schwarz den Vorzug
vor Weiß geben ließe Der Zeuge wusste nicht dass in der Urne 999 schwarze
und nur eine weiße Kugel waren oder wenn er es wusste so hat Laplace Sorge
getragen alle 999 Fälle so ununterscheidbar gleich zu machen dass kaum die
Möglichkeit einer zu Gunsten von einem dieser Fälle tätigen Ursache von
Unwahrheit oder Irrtum vorhanden ist die nicht auch in derselben Weise tätig
sein würde wenn nur ein Fall vorhanden wäre Ändert man diese Voraussetzung
so fällt das ganze Argument zu Boden Es seien zB die Kugeln nummeriert und die
weiße Kugel sei Nro 79 In Betreff der Farbe der Kugeln gibt es nur zwei
Dinge welche der Zeuge ein Interesse haben kann zu behaupten oder die er
geträumt oder halluziniert haben kann oder von denen er das eine zu wählen hat
wenn er dem Zufall nach eine Antwort gibt nämlich schwarz und weiß in
Betreff der den Kugeln beigelegten Nummern gibt es aber tausend zu wählende
Dinge und wenn sich mit den Nummern das Interesse des Zeugen oder ein Irrtum
desselben verbindet so wird der Fall dem der tausend Loose genau ähnlich
obgleich die einzige von ihm gemachte Behauptung nur die Farbe betrifft Anstatt
der Kugeln nehme man eine Lotterie mit 1000 Losen und nur einem Gewinn an man
nehme an dass ich Nro 79 besitze und nur an diesem ein Interesse habe und
dass der Zeuge gefragt würde nicht welche Nummer gezogen wurde sondern ob es
Nro 79 oder eine andere Nummer war Es sind nun wie in dem Beispiel von
Laplace nur zwei Fälle vorhanden er würde aber gewiss nicht sagen dass wenn
der Zeuge antwortete 79 die Behauptung in einem enormen Verhältnis weniger
glaubhaft wäre als wenn der Zeuge dieselbe Antwort auf dieselbe und nur in der
anderen Weise gestellte Frage gäbe Wenn um einen von Laplace selbst
angenommenen Fall zu setzen er zB auf eines der Loose eine starke Summe
gewettet hat und glaubt durch Verkünden von dessen Eintreffen seinen Kredit zu
erhöhen so ist es gleich wahrscheinlich dass er auf irgend eine der 999 den
schwarzen Kugeln beigegebenen Nummern gewettet habe und soweit die
Wahrscheinlichkeit der Lügenhaftigkeit wegen dieser Ursache in Betracht kommt
wird es 999 mal wahrscheinlicher sein dass er schwarz falsch verkündet als
weiß
Oder nehmen wir ein Regiment von 1000 Mann an 999 Engländer und ein
Franzose nehmen wir ferner an es wäre von dem Regiment ein Mann getötet
worden und man wüsste nicht welcher Ich frage und ein Zeuge antwortet der
Franzose Dies war nicht allein a priori unwahrscheinlich sondern es ist auch
an sich ein so sonderbarer Umstand eine so merkwürdige Coincidenz als das
Ziehen der weißen Kugel wir würden indessen die Antwort eben so bereitwillig
glauben als wenn sie gewesen wäre John Thompson denn obgleich die 999
Engländer in dem sie von dem Franzosen unterscheidenden Punkte alle gleich
waren so waren sie doch nicht ähnlich den 999 schwarzen Kugeln in jeder
anderen Beziehung ununterscheidbar da sie im Gegenteil alle verschieden waren
so ließen sie so viele Wahrscheinlichkeiten des Interesses oder des Irrtums
zu als wenn ein jeder Mann einer andern Nation angehört hätte und wenn eine
Lüge gesagt oder ein Irrtum begangen worden wäre so hätte die falsche Angabe
ebenso wahrscheinlich irgend einen Jones oder Thompson treffen können als den
Franzosen
Das von DAlembert gewählte Beispiel einer Coincidenz das Werfen der Sechs
zehnmal hintereinander mit einem Paar Würfel gehört eher zu dieser Art Fälle
als zu denen von Laplace Die Coincidenz ist hier viel merkwürdiger weil sie
weit seltener vorkommt als das Ziehen der weißen Kugel Aber obgleich die
Unwahrscheinlichkeit ihres tatsächlichen Vorkommens grösser ist so kann doch
die höhere Wahrscheinlichkeit dass sie falsch verkündet worden ist nicht mit
derselben Evidenz festgestellt werden Die Angabe »schwarz« repräsentierte 999
Fälle aber der Zeuge mochte dies nicht gewusst haben und wenn er es wusste so
sind sich die 999 Fälle so genau ähnlich dass wirklich nur eine dem Ganzen
entsprechende Reihe von möglichen Ursachen der Lügenhaftigkeit vorhanden ist
Die Angabe »Sechs nicht zehnmal geworfen« repräsentiert und dies weiß der
Zeuge eine große Menge von Zufällen von denen ein jeder einem jeden andern
unähnlich ist und es kann daher eine einem jeden einzelnen Zufall
entsprechende verschiedene und frische Reihe von Ursachen der Lügenhaftigkeit
vorhanden sein
Es scheint mir daher dass die Lehre von Laplace nicht von allen
Koincidenzen streng wahr und dass sie auf die meisten völlig unanwendbar ist
dass wir um zu wissen ob eine Coincidenz um glaubhaft zu werden mehr Beweis
erfordert als ein gewöhnliches Ereignis in einem jeden Fall auf die ersten
Prinzipien zurückgreifen und von neuem berechnen müssen welches die
Wahrscheinlichkeit ist dass das gegebene Zeugnis in diesem Fall würde abgelegt
worden sein wenn angenommen wird der vom Zeugen behauptete Fall sei nicht
wahr
Mit diesen Bemerkungen schließen wir die Erörterung der Gründe des
Unglaubens und mit ihr die Entwickelung der Induktiven Logik wie der Raum sie
zulässt und wie der Autor sie zu geben vermag
Klare und deutliche Ideen sind Worte die zwar dem Mund eines jeden
geläufig sind von denen ich aber Grund habe zu glauben dass sie
nicht ein jeder der sie braucht vollkommen versteht Und
möglicherweise ist nur hier und da einer der sich die Mühe gibt
sie soweit in Betracht zu nehmen um zu wissen was er selbst oder
andere genau damit meinen ich habe daher meistens vorgezogen
entschieden oder bestimmt anstatt klar und deutlich zu setzen da es
die Gedanken der Menschen eher auf meine Ansicht von dem Gegenstand
leiten wird Lockes Essays on the Human Understanding
»Il ne peut y avoir quune méthode parfaite qui est la méthode
naturelle on nomme ainsi un arrangement dans lequel les êtres du
même genre seraient plus voisins entre eux que de ceux de tous les
autres genres les genres du même ordre plus que de ceux de tous
les autres ordres et ainsi de suite Cette méthode est lidéal
auquel lhistoire naturelle doit tendre car il est évident que si
lon y parvenait lon aurait lexpression exacte et complète de la
nature entière« Cuvier Règne Animal Introduction
»Deux grandes notions philosophiques dominent la théorie
fondamentale de la méthode naturelle proprement dite savoir la
formation des groupes naturels et ensuite leur succession
hiérarchique« Comte Cours de Philosophie Positive 42me leçon
1 Die vorhergehenden Betrachtungen haben uns zu einer befriedigenden
Lösung der Hauptaufgabe der Logik nach der Vorstellung welche ich mir von der
Wissenschaft gebildet habe geführt Wir haben gefunden dass der geistige
Prozess womit sich die Logik beschäftigt dass die Erforschung von Wahrheiten
immer und auch dann noch ein induktives Verfahren ist wenn der Schein auf eine
andere Theorie deutet Wir haben die verschiedenen Arten der Induktion
gesondert und eine klare Einsicht in die Prinzipien erlangt wonach sie sich
richten muss wenn sie zu zuverlässigen Resultaten führen soll
Die Betrachtungen über die Induktion sind indessen mit der Feststellung der
Regeln für die Ausübung derselben nicht beendigt Wir müssen noch Einiges von
den anderen Verstandesoperationen sagen welche bei einer jeden Induktion
entweder notwendig vorausgesetzt werden oder welche den schwierigeren und
verwickelteren induktiven Prozessen behilflich sind Der Betrachtung dieser
Hilfsoperationen und besonders derjenigen welche als unentbehrliche
Präliminarien einer jeden Induktion unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen
soll dieser Teil unseres Werkes gewidmet sein
Da Induktion nur die Ausdehnung von Etwas was in gewissen einzelnen Fällen
als wahr beobachtet wurde auf eine Klasse von Fällen ist so nimmt von allen
Hilfsoperationen der Induktion die Beobachtung den ersten Platz in Anspruch Es
ist indessen hier nicht der Ort Regeln anzugeben um gute Beobachter zu
bilden dies gehört nicht in ein Werk über Logik sondern steht der
Erziehungskunst zu Wir werden uns mit der Beobachtung nur in soweit
beschäftigen als sie im Zusammenhang steht mit der entsprechenden logischen
Aufgabe der Würdigung des Beweises Wir haben nicht zu betrachten wie oder was
zu beobachten ist sondern unter welchen Bedingungen die Beobachtung zuverlässig
ist was nötig ist damit die Tatsache die als beobachtet vorausgesetzt wird
als wahr angenommen werden könne
2 Die Antwort auf die obige Frage ist sehr einfach wenigstens beim
ersten Anblick Die erste Bedingung ist dass das was als beobachtet angenommen
wird wirklich beobachtet worden sei dass es wirklich eine Beobachtung und
keine Folgerung sei denn fast in einem jeden Akte unseres Wahrnehmungsvermögens
sind Beobachtung und Folgerung innig vermischt Was wir glauben beobachtet zu
haben ist gewöhnlich ein zusammengesetztes Resultat wovon ein Zehntel
beobachtet und die übrigen neun Zehntel gefolgert sein können
Ich behaupte zB ich höre die Stimme eines Menschen In gewöhnlicher
Sprache würde dies als eine direkte Wahrnehmung gelten Die wirkliche
Wahrnehmung besteht indessen hier nur darin dass ich einen Ton höre Dass der
Ton eine Stimme und dass die Stimme die Stimme eines Menschen ist dies sind
keine Beobachtungen sondern Schlüsse Ich behaupte ferner dass ich diesen
Morgen zu einer bestimmten Stunde meinen Bruder sah Wenn man von einem Urteil
das eine Tatsache ausspricht im gewöhnlichen Sinne sagen kann es sei durch
das direkte Zeugnis der Sinne erkannt so ist es dieses Die Wahrheit ist
indessen ganz anders Ich sah nur eine gewisse farbige Fläche oder vielmehr
ich hatte die Art von Gesichtsempfindungen welche gewöhnlich von farbigen
Flächen hervorgebracht werden und aus diesen durch vorausgängige Erfahrung
erkannten Merkmalen schließe ich dass ich meinen Bruder gesehen habe Ich
könnte ganz ähnliche Sensationen gehabt haben ohne dass mein Bruder da gewesen
wäre Ich konnte einen Anderen gesehen haben der ihm so sehr glich dass ich
ihn bei der Entfernung und bei der Aufmerksamkeit womit ich ihn betrachtete
für meinen Bruder ansah Ich konnte im Schlafe gewesen sein und geträumt haben
ich sähe ihn oder meine Nerven konnten in einem krankhaften Zustande gewesen
sein so dass mir in wachendem Zustande sein Bild in einer Halluzination
vorschwebte Viele Menschen sind in allen diesen Modi zu dem Glauben verleitet
worden sie hätten wohlbekannte Personen gesehen welche gestorben oder weit
entfernt waren Wenn von diesen Voraussetzungen eine wahr gewesen wäre so wäre
die Behauptung dass ich meinen Bruder gesehen habe eine irrtümliche gewesen
was aber ein Gegenstand der direkten Wahrnehmung war nämlich die Sensationen
des Auges diese wären wirklich wahr gewesen Nur die Folgerung wäre schlecht
begründet gewesen ich hätte diese Sensationen einer unrichtigen Ursache
zugeschrieben
Man könnte von dem was man gewöhnlich Sinnestäuschungen nennt unzählige
Beispiele anführen und in derselben Weise analysieren Keine derselben ist
indessen eigentlich eine Täuschung der Sinne sondern es sind irrtümliche
Folgerungen aus den Sinneseindrücken Wenn ich durch ein Vervielfältigungsglas
nach einem Lichte blickte so scheint es mir als sähe ich ein ganzes Dutzend
Lichter statt eines und wenn die wirklichen Umstände dieses Falles geschickt
verborgen gehalten würden so dürfte ich wohl annehmen dass diese Anzahl von
Lichtern wirklich vorhanden wäre es wäre dies eine sogenannte optische
Täuschung Bei dem Kaleidoskop ist diese Täuschung wirklich vorhanden Wenn man
durch dieses Instrument sieht so sieht man anscheinend statt dessen was
wirklich darin ist nämlich statt einer zufälligen Anordnung gefärbter
Glasstückchen dieselbe Kombination mehrmals um einen Punkt symmetrisch
gruppiert Die Täuschung wird natürlicherweise dadurch hervorgebracht dass
dieselbe Sensation in mir erregt wird welche ich haben würde wenn mir eine
solche symmetrische Anordnung in Wirklichkeit vor die Augen gebracht würde Wenn
man den Zeigefinger und Mittelfinger kreuzt und einen kleinen Gegenstand eine
kleine Brotkugel etwa dazwischen dh in Berührung mit Stellen der Finger
bringt welche gewöhnlich nicht gleichzeitig berührt werden und wenn man dann
die Augen schließt so wird man sich kaum des Glaubens erwehren können man
habe zwei Kügelchen zwischen den Fingern Aber in dem letzten Falle wird nicht
mein Gefühl und in dem ersteren nicht mein Gesicht getäuscht die Täuschung
mag sie anhaltend oder nur momentan sein liegt in meinem Urteil Von den
Sinnen habe ich nur die Sensationen und diese sind echt und wahr Gewohnt
diese oder ähnliche Sensationen zu haben wenn und nur wenn eine gewisse
Anordnung der äußeren Gegenstände meinen Organen gegenwärtig ist bin ich
geneigt sogleich auf die Existenz dieses Zustandes der äußeren Gegenstände zu
schließen wenn ich die Sensationen habe Diese Gewohnheit ist so mächtig
geworden dass die mit der Eile und der Gewissheit eines Instinktes gemachte
Folgerung mit der intuitiven Wahrnehmung verwechselt wird Ist sie richtig so
bleibt es mir unbewusst dass sie jemals des Beweises bedurfte auch wenn ich
weiß dass sie unrichtig ist kann ich mich nur mit großer Anstrengung
enthalten sie zu machen Um zu gewahren dass sie nicht aus Instinkt gemacht
ist sondern aus einer erlangten Gewohnheit hervorgeht bin ich gezwungen über
den langsamen Prozess nachzudenken durch welchen ich lernte über viele Dinge
vermittelst des Gesichts zu urteilen welche ich nun durch den Anblick direkt
wahrzunehmen glaube so wie auch über die umgekehrte Operation welche von
denjenigen befolgt wird die zeichnen lernen und die sich nur schwierig und mit
großer Mühe und Arbeit von ihren erlangten Perzeptionen frei machen und von
Neuem lernen zu sehen wie die Dinge dem Auge erscheinen
Es würde unnötig wenn auch leicht sein diese Bemerkungen über einen in
vielen populären Werken erläuterten Gegenstand noch weiter auszudehnen Aus den
angeführten Tatsachen kann man hinlänglich ersehen dass die individuellen
Tatsachen aus denen wir unsere induktiven Generalisationen herleiten
gewöhnlich nicht durch die Beobachtung allein gewonnen werden Die Beobachtung
erstreckt sich nur auf die Sensationen durch welche wir die Gegenstände
erkennen aber die Urteile von denen wir in der Wissenschaft oder dem gemeinen
Leben Gebrauch machen beziehen sich meistens auf die Gegenstände selbst In
einem jeden Akte der sogenannten Beobachtung liegt wenigstens eine Folgerung
aus den Sensationen auf die Gegenwart des Gegenstandes aus den Merkmalen oder
der Diagnose auf das ganze Phänomen Und hieraus folgt unter Anderem das
scheinbare Paradoxon dass ein allgemeines aus Partikularitäten abgeleitetes
Urteil oft gewisser wahr ist als ein jedes der besonderen Urteilen aus denen
es durch Induktion gefolgert wurde Denn ein jedes von diesen besonderen
Urteilen schloss eine Folgerung aus dem Sinneseindrucke auf die Tatsache ein
welche diesen Eindruck verursachte und diese Folgerung kann in irgend einem
Falle irrig gewesen sein sie kann aber nicht wohl in allen irrig gewesen sein
vorausgesetzt dass die Anzahl der Fälle groß genug war um den Zufall zu
eliminieren Der Schluss di das allgemeine Urteil kann daher größeres
Vertrauen verdienen als man ohne Gefahr den induktiven Prämissen zugestehen
dürfte
Die Logik der Beobachtung besteht daher einzig in einer genauen und
richtigen Unterscheidung zwischen dem was in einem Resultate einer Beobachtung
wirklich wahrgenommen worden ist und dem was eine Folgerung aus der
Wahrnehmung ist Derjenige Teil welcher der Folgerung angehört ist auf die
bereits abgehandelten Regeln der Induktion zurückführbar und braucht hier nicht
weiter berührt zu werden es handelt sich hier nur darum dass wir wissen was
bleibt wenn Alles hinweggenommen wird was Folgerung ist Es bleiben vorerst
des Geistes eigene Gefühle oder Zustände des Bewusstseins nämlich seine
äußerlichen Gefühle oder Sensationen und seine innerlichen Gefühle seine
Gedanken seine Emotionen sein Wollen Ob noch etwas Anderes bleibt oder ob
alles Andere Folgerung daraus ist ob der Geist fähig ist irgend Etwas außer
den Zuständen seines eigenen Bewusstseins wahrzunehmen oder zu erfassen dies
ist die besondere hier nicht weiter zu erörternde Aufgabe der Metaphysik Wenn
wir aber alle metaphysischen Streitfragen hier ausschließen so bleibt es wahr
dass für die meisten Zwecke die praktisch von uns auszuführende Unterscheidung
eine Unterscheidung zwischen Sensationen oder anderen Gefühlen unserer selbst
oder Anderer und den daraus gezogenen Folgerungen ist Dies ist Alles was hier
über die Theorie der Beobachtung zu sagen nötig war
3 Wenn in der einfachsten Beobachtung oder in dem was dafür gilt sehr
viel nicht Beobachtung sondern etwas Anderes ist so ist in der einfachsten
Beschreibung einer Beobachtung immer mehr behauptet und muss es immer sein als
in der Wahrnehmung selbst enthalten ist Wir können eine Tatsache nicht
beschreiben ohne mehr zu folgern als die Tatsache enthält Die Perzeption ist
nur die eines individuellen Dinges aber dasselbe beschreiben heißt den
Zusammenhang zwischen ihm und einem jeden andern Dinge welches durch einen der
gebrauchten Ausdrücke bezeichnet oder mitbezeichnet wird behaupten Ein
Beispiel wird dies am deutlichsten machen Ich habe eine Gesichtsempfindung und
versuche dieselbe zu beschreiben indem ich sage dass ich etwas Weißes sehe
Indem ich dies sage affirmiere ich nicht allein meine Empfindung sondern ich
klassifiziere sie auch Ich behaupte eine Ähnlichkeit zwischen dem Dinge das
ich sehe und allen Dingen die ich und Andere gewohnt sind weiß zu nennen
Ich behaupte dass es ihnen in dem Umstande gleicht in welchem sie sich alle
einander gleichen in dem Umstande welcher der Grund ist dass sie weiß
genannt werden Dies ist aber in der Tat nicht eine Art und Weise sondern es
ist die einzige Art und Weise eine Beobachtung zu beschreiben Ich mag aber
meine Beobachtungen zu eigenem künftigen Gebrauche verzeichnen oder sie zum
Nutzen Anderer bekannt machen wollen immer muss ich eine Ähnlichkeit zwischen
der Tatsache welche ich beobachtet habe und etwas Anderem behaupten Es ist
der Beschreibung inhärent dass sie die Angabe einer Ähnlichkeit oder einer
Unähnlichkeit ist
Wir sehen so dass es nicht möglich ist ein Resultat der Beobachtung in
Worten auszudrücken ohne einen Akt zu begehen der das besitzt was Dr Whewell
für das die Induktion Charakterisierende hält Immer wird etwas eingeführt was
nicht in der Beobachtung lag eine Konzeption die dem Phänomen mit anderen
Phänomenen womit es verglichen wird gemein ist Eine Beobachtung kann in der
Sprache nicht ausgedrückt werden ohne dass mehr als eine Beobachtung behauptet
wird ohne dass sie mit anderen schon beobachteten Phänomenen verglichen und
damit klassifiziert wird Aber diese Identifikation eines Gegenstandes diese
Erkennung desselben als eines Gegenstands der gewisse bekannte Kennzeichen
besitzt ist niemals mit Induktion verwechselt worden Sie ist eine Operation
die aller Induktion vorausgeht und diese mit ihrem Material versieht Es ist
eine durch Vergleichung erhaltene Wahrnehmung von Ähnlichkeiten
Diese Ähnlichkeiten werden nicht immer direkt dadurch wahrgenommen dass
wir bloß den beobachteten Gegenstand mit einem andern gegenwärtigen Gegenstande
oder mit unserer Erinnerung an einen abwesenden Gegenstande vergleichen Sie
werden häufig durch intermediäre Merkmale dh deduktiv bestimmt Man nehme an
dass ich bei der Beschreibung einer neuen Tierart sage das Thier sei vom Kopfe
bis zum Ende des Schwanzes zehn Fuß lang Ich habe dies nicht mit dem
unbewaffneten Auge bestimmt Ich hatte einen Maßstab von zwei Fuß welchen
ich an den Gegenstand legte und womit ich ihn wie man zu sagen pflegt maß
eine Operation die nicht bloß meine Hand vollbrachte sondern die zum Teil
eine mathematische war und die zwei Behauptungen einschließt fünfmal zwei ist
zehn und Dinge welche einem und demselben Dinge gleich sind sind unter
einander selbst gleich Es ist daher die Tatsache dass das Thier zehn Fuß
lang ist nicht eine direkte Wahrnehmung sondern ein Schluss wovon nur die
eine Prämisse aus der Beobachtung des Gegenstandes gewonnen wurde Dies hindert
aber nicht sie mit Recht eine Beschreibung des Tieres zu nennen
Um von einem sehr einfachen zu einem sehr komplizierten Beispiele
überzugehen ich behaupte die Erde sei rund Diese Behauptung ist nicht auf
direkte Wahrnehmung gegründet denn die Gestalt der Erde kann nicht direkt von
uns wahrgenommen werden die Behauptung könnte sich jedoch nicht als wahr
erweisen wenn nicht Umstände vorausgesetzt werden könnten unter welchen ihre
Richtigkeit wahrzunehmen ist Dass die Gestalt der Erde kugelförmig ist wird
aus gewissen Merkmalen gefolgert daraus zB dass der Schatten welchen sie
auf den Mond wirft rund ist oder daraus dass unser Horizont auf der See oder
in einer großen Ebene immer kreisförmig ist von allen diesen Merkmalen ist
keines mit einer andern als kugelförmigen Gestalt vereinbar Ich behaupte
ferner dass die Erde jene besondere Art Kugel ist welche man ein abgeplattetes
Sphäroid nennt weil durch Messung in der Richtung eines Meridians gefunden
wird dass die Länge auf der Erdoberfläche welche einen gegebenen Winkel am
Mittelpunkte einschließt abnimmt je mehr wir uns vom Äquator entfernen und
den Polen nähern Aber die Urteile dass die Erde kugelförmig und dass sie ein
Sphäroid ist behaupten beide eine individuelle Tatsache die ihrer Natur nach
fähig ist von den Sinnen wahrgenommen zu werden wenn die nötigen Organe und
die erforderliche Stellung vorausgesetzt werden und die bloß deshalb nicht
wirklich wahrgenommen werden weil diese Organe und diese Stellung uns fehlen
Diese Identifikation der Erde erstens als einer Kugel und sodann als eines
abgeplatteten Sphäroids welche eine Beschreibung der Gestalt der Erde genannt
worden wäre wenn man die Tatsache hätte sehen können kann füglich auch noch
so genannt werden wenn man die Tatsache statt sie zu sehen gefolgert hat Es
wäre jedoch unangemessen die eine oder die andere dieser Behauptungen eine
Induktion aus Tatsachen in Beziehung auf die Erde zu nennen Es sind keine
allgemeinen aus besonderen Tatsachen erschlossenen Urteile sondern aus
allgemeinen Urteilen abgeleitete besondere Tatsachen Es sind deduktiv
erhaltene Schlüsse aus Prämissen die ihre Entstehung der Induktion verdanken
aber von diesen Prämissen sind einige nicht durch Beobachtung der Erde erhalten
und standen auch in keiner besonderen Beziehung zu ihr
Wenn daher die Wahrheit in Beziehung auf die Gestalt der Erde keine
Induktion ist warum sollte es die Wahrheit in Beziehung auf die Gestalt der
Erdbahn sein Die zwei Fälle unterscheiden sich nur darin dass die Form der
Erdbahn nicht wie die Gestalt der Erde selbst durch Folgerung aus Tatsachen
abgeleitet wurde welche Merkmale der Elliptizität waren sondern dass man dazu
gelangte indem man die kühne Vermutung hegte dass ihr Weg eine Ellipse sei
und bei der Prüfung hernach fand dass die Beobachtungen mit der Hypothese in
Übereinstimmung stehen Nach Herrn Whewell ist dieser Prozess des Vermutens
und der Bestätigung unserer Vermutung nicht allein Induktion sondern es ist
das Ganze der Induktion nach ihm kann diese logische Operation nicht anders
ausgelegt werden Dass er in Beziehung auf die letzte Behauptung Unrecht hat
ist wie ich hoffe in der ganzen vorhergehenden Abtheilung hinlänglich bewiesen
worden und dass auch die erste der zwei Behauptungen viel Irrtümliches und nur
sehr wenig Wahres enthält ist in dem zweiten Kapitel derselben Abtheilung zu
zeigen versucht worden150 Wir sind indessen jetzt vorbereitet um tiefer in die
Frage einzugehen als in jener früheren Periode unserer Untersuchung und ich
glaube dass einige Worte hinreichen werden ein jedes zurückgebliebene Dunkel
zu beseitigen
4 Wir haben in dem zweiten Kapitel bemerkt dass das Urteil »die Erde
bewegt sich in einer Ellipse« so lange es zur Colligation oder Verknüpfung von
Tatsachen dient dh soweit es bloß behauptet dass die verschiedenen
Stellungen der Erde genau durch eben so viele Punkte in dem Umfange einer
imaginären Ellipse dargestellt werden können nicht eine Induktion sondern
eine Beschreibung ist es ist nur dann eine Induktion wenn es affirmiert dass
man von den Zwischenstellungen wovon keine direkten Beobachtungen vorliegen
finden würde dass sie den übrigen Punkten in demselben elliptischen Umfange
entsprechen Obgleich nun diese wirkliche Induktion ein Ding und die
Beschreibung ein anderes Ding ist so sind wir doch bezüglich der zu machenden
Induktion in einer anderen Lage bevor wir die Beschreibung haben als nach ihr
Denn insofern die Beschreibung gleich allen anderen Beschreibungen die
Behauptung der Ähnlichkeit zwischen dem beschriebenen Phänomen und etwas
Anderem enthält so gibt sie indem sie Etwas angibt dem die Reihe der
beobachteten Orte des Planeten gleicht zugleich Etwas an worin die
verschiedenen Orte selbst übereinstimmen Wenn die Reihe der Orte eben so vielen
Punkten einer Ellipse entspricht so stimmen die Orte selbst darin überein dass
sie in dieser Ellipse gelegen sind Wir haben daher durch denselben Prozess der
uns die Beschreibung gab die Erfordernisse erhalten um eine Induktion nach der
Methode der Übereinstimmung machen zu können Indem die aufeinanderfolgenden
verschiedenen Orte der Erde als Wirkungen und ihre Bewegung als die Ursache
betrachtet wird so finden wir dass jene Wirkungen dh jene Orte in dem
Umstande übereinstimmen dass sie einer Ellipse angehören Wir schließen nun
dass die übrigen Wirkungen die Orte welche nicht beobachtet worden sind in
demselben Umstande übereinstimmen und dass das Gesetz der Bewegung der Erde
Bewegung in einer Ellipse ist
Die Verbindung von Tatsachen vermittelst der Hypothesen oder wie Herr
Whewell zu sagen vorzieht vermittelst Konzeptionen nimmt daher anstatt selbst
Induktion zu sein wie er annimmt ihren eigentlichen Platz unter den
Hilfsoperationen der Induktion Eine jede Induktion setzt voraus dass wir
vorher die erforderliche Anzahl von einzelnen Fällen verglichen und bestimmt
haben in welchem Umstande sie übereinstimmen die Verbindung der Tatsachen ist
nichts als diese vorläufige Operation Als Kepler nachdem er sich vergeblich
bemüht hatte die beobachteten Orte eines Planeten durch verschiedene Hypothesen
einer Kreisbewegung zu verbinden zuletzt die Hypothese einer Ellipse versuchte
und fand dass sie den Erscheinungen entsprach so war die Entdeckung des
Umstandes in welchem die beobachteten Stellungen des Planeten übereinstimmten
wirklich das was er zuerst erfolglos und zuletzt mit Erfolg versuchte Und als
er in gleicher Weise eine andere Reihe von beobachteten Tatsachen die
periodischen Zeiten der verschiedenen Planeten durch das Urteil verband dass
die Quadrate der Zeiten den Kuben der Entfernungen proportional sind so
bestimmte er einfach die Eigenschaft in welcher die periodischen Zeiten der
verschiedenen Planeten übereinstimmen
Da also Alles was wahr ist und zu dem Zwecke von Herrn Whewells Lehre von
Konzeptionen vollständig durch das bekanntere Wort Hypothese ausgedrückt werden
könnte und da seine Colligation von Tatsachen vermittelst angemessener
Konzeptionen nur das gewöhnliche Verfahren ist durch Vergleichung von
Naturerscheinungen zu finden worin ihre Übereinstimmung oder Ähnlichkeit
besteht so würde ich mich gern auf jene besser verstandenen Ausdrücke
beschränkt und bis zuletzt in derselben bisher beobachteten Enthaltung von
allen ideologischen Erörterungen beharrt haben indem ich den Mechanismus
unserer Gedanken als einen Gegenstand betrachte der von den Grundsätzen und
Regeln nach welchen die Verlässlichkeit der Resultate des Denkens zu schätzen
ist verschieden und für dieselben nicht von Bedeutung ist Da indessen ein Werk
von so großen Ansprüchen und kann man sagen von so großem Verdienste die
ganze Theorie der Induktion auf solche ideologische Betrachtungen gegründet hat
so scheint es für die Nochfolgenden nötig für sich und ihre Lehren die ihnen
auf demselben metaphysischen Grunde zukommende Stellung in Anspruch zu nehmen
Und dies ist der Gegenstand des nächsten Kapitels
1 Die metaphysische Untersuchung über die Natur und Zusammensetzung von
dem was man abstrakte Ideen genannt hat oder mit anderen Worten von den
Begriffen welchen in unserm Geiste Classen und Gemeinnamen entsprechen gehört
nicht der Logik sondern einer andern Wissenschaft an und unser Zweck verlangt
nicht dass wir hier darauf eingehen Es geht uns nur die allgemein anerkannte
Tatsache an dass solche allgemeinen Vorstellungen oder Begriffe existieren
Unser Geist kann eine Menge von einzelnen Dingen als eine Vereinigung oder eine
Klasse denken und Gemeinnamen erwecken in uns wirklich gewisse Ideen oder
geistige Bilder sonst könnten wir die Namen nicht mit dem Bewusstsein einer
Bedeutung gebrauchen Ob die durch den Gemeinnamen erweckte Idee aus den
verschiedenen Umständen zusammengesetzt sei in welchen alle die durch den Namen
bezeichneten Individuen übereinstimmen und aus keinen anderen was die Lehre
von Locke Brown und den Konzeptualisten ist oder ob sie die Idee irgend eines
dieser Individuen sei das in seine individualisierende Eigentümlichkeiten
gekleidet ist aber von der Erkenntnis begleitet dass die Eigentümlichkeiten
nicht Eigenschaften der Klasse sind was die Lehre von Berkeley Bailey und den
neuem Nominalisten ist ob nach der Meinung von Mill der Begriff der Klasse
der einer Anhäufung von Individuen sei die der Klasse angehören oder ob er
endlich was die wahrere Meinung zu sein scheint je nach den zufälligen
Umständen des Falles das eine oder das andere von allem diesem sei gewiss ist
dass irgend eine Idee oder geistige Vorstellung Konzeption durch den
Gemeinsamen erregt wird wenn wir ihn hören oder mit dem Bewusstsein einer
Bedeutung gebrauchen Und dies was wir nach unserem Gefallen eine allgemeine
Idee nennen könnten repräsentiert in unserm Geiste die ganze Klasse von Dingen
worauf der Name angewendet ist Wenn wir in Beziehung auf die Klasse denken oder
schließen so tun wir dies vermittelst dieser Idee Und die willkürliche
Macht welche der Geist besitzt auf einen Teil von dem was ihm in irgend
einem Augenblicke gegenwärtig ist zu achten und einen andern Teil zu
vernachlässigen setzt uns in den Stand unsere Schlüsse in Beziehung auf die
Klasse unberührt von allem in der Idee oder dem geistigen Bilde zu erhalten was
nicht wirklich der ganzen Klasse gemein ist oder von dem wir wenigstens nicht
glauben dass es ihr wirklich gemein sei
Es gibt also solche Dinge wie allgemeine Vorstellungen oder Vorstellungen
vermittelst deren wir im allgemeinen denken können und wenn wir aus einer Reihe
von Naturerscheinungen eine Klasse bilden dh wenn wir sie mit einander
vergleichen um zu bestimmen worin sie mit einander übereinstimmen so ist in
dieser geistigen Operation eine allgemeine Vorstellung eingeschlossen Und in
sofern eine solche Vergleichung der Induktion notwendig vorausgehen muss ist
es sehr wahr dass ohne allgemeine Vorstellungen keine Induktion Statt finden
kann
2 Es folgt nun aber nicht dass diese allgemeinen Vorstellungen vor der
Vergleichung in dem Geiste existiert haben müssen Es ist nicht wie Herr Whewell
anzunehmen scheint ein Gesetz unseres Geistes dass wenn wir Dinge mit
einander vergleichen und uns ihre Übereinstimmung merken wir nur Etwas das in
unserem Geiste bereits vorhanden war in der äußeren Welt verwirklicht erkennen
Die Vorstellung fand ursprünglich ihren Weg zu uns als das Resultat dieser
Vergleichung Sie wurde erhalten nach dem metaphysischen Ausdruck durch
Abstraktion von einzelnen Dingen Diese Dinge können Dinge sein welche wir bei
einer früheren Gelegenheit wahrnahmen oder dachten es können aber auch Dinge
sein welche wir jetzt wahrnehmen oder denken Als Kepler die beobachteten Orte
des Planeten Mars verglich und fand dass sie darin übereinstimmten dass sie
Punkte einer Ellipse sind so wandte er eine allgemeine Vorstellung an die
schon in seinem Geiste und die aus seiner früheren Erfahrung abgeleitet war
Dies ist aber keineswegs der allgemeine Fall Wenn wir verschiedene Gegenstände
mit einander vergleichen und finden dass sie darin übereinstimmen dass sie
weiß sind und wenn wir verschiedene Arten von wiederkäuenden Tieren mit
einander vergleichen und finden dass sie darin übereinstimmen dass sie
gespaltene Hufe haben so haben wir eben so gut eine allgemeine Vorstellung in
unserem Geiste als Kepler in dem seinen hatte wir haben die Vorstellung von
»einem weißen Dinge« oder die Vorstellung von »einem Tiere mit gespaltenem
Hufe« Aber Niemand nimmt an dass wir diese Vorstellungen notwendig mitbringen
und den Tatsachen hinzufügen müssen um Herrn Whewells Ausdruck anzunehmen
weil in diesen einfachen Fällen Jedermann sieht dass der Akt der Vergleichung
welcher in unserem Verbinden der Tatsachen vermittelst der Vorstellung endet
die Quelle sein kann aus der wir die Vorstellung selbst herleiten Wenn wir
vorher niemals einen weißen Gegenstand oder ein Thier mit gespaltenen Hufen
gesehen hätten so wurden wir zu derselben Zeit und durch denselben geistigen
Akt die Idee erlangen und sie zur Verbindung der beobachteten Erscheinungen
gebrauchen Kepler hatte im Gegenteil die Idee wirklich mitzubringen und sie
den Tatsachen hinzuzufügen sie ihnen beizulegen er konnte sie nicht aus ihnen
entnehmen und wenn er nicht schon die Idee gehabt hätte so wäre er nicht im
Stand gewesen sie durch Vergleichung der Stellungen der Planeten zu erlangen
Aber diese Unfähigkeit war nur zufällig die Idee einer Ellipse konnte so gut
aus den Planetenbahnen gewonnen werden als aus sonst Etwas wenn die Bahnen
nicht zufällig unsichtbar gewesen wären Wenn der Planet eine sichtbare Spur
zurückgelassen hätte und wenn wir eine Stellung gehabt hätten um sie in dem
geeigneten Winkel zu sehen so hätten wir unsere ursprüngliche Vorstellung einer
Ellipse aus den Planetenbahnen abstrahieren können Es hätte in der Tat eine
jede Vorstellung welche zu einem Instrument für die Verbindung einer Reihe von
Tatsachen gemacht werden kann aus diesen Tatsachen selbst gewonnen werden
können Die Vorstellung ist die Vorstellung von Etwas und das wovon es die
Vorstellung ist liegt wirklich in den Tatsachen und hätte unter irgend
voraussetzbaren Umständen und unter einer voraussetzbaren Erweiterung unserer
Fähigkeiten wirklich darin entdeckt werden können Und dies ist immer nicht
allein an und für sich möglich sondern es findet auch wirklich fast in allen
Fällen Statt wo die Erlangung der richtigen Vorstellung mit beträchtlichen
Schwierigkeiten verknüpft ist Denn wenn keine neue Vorstellung nötig ist wenn
eine den Menschen bereits geläufige Vorstellung dem Zwecke dient so kann es
einem Jeden begegnen zufällig der Erste zu sein dem die richtige einfällt zum
wenigsten bei einer Reihe von Erscheinungen welche die ganze wissenschaftliche
Welt sich bemüht zu verbinden Für Kepler lag die Ehre darin dass er durch
genaue geduldige und mühsame Berechnungen die Resultate welche aus seinen
verschiedenen Vermutungen folgten mit den Beobachtungen von Tycho Brahe
verglich das Verdienst eine Ellipse zu vermuten war aber ein sehr geringes
es ist nur zu verwundern dass man sie nicht eher vermutet hat und man würde
sie auch gewiss vermutet haben wenn man nicht das hartnäckige aprioristische
Vorurteil gehabt hätte dass sich die Himmelskörper wenn nicht in einem Kreis
doch in einer Kombination von Kreisen bewegen müssen
Die wirklich schwierigen Fälle sind diejenigen in welchen die Vorstellung
dh das Schaffen von leicht und Ordnung aus Dunkel und Wirrwarr in den
Naturerscheinungen selbst gesucht werden muss die sie später zu ordnen dient
Warum konnten nach Herr Whewells eigener Ansicht die Alten die Gesetze der
Mechanik dh des Gleichgewichts und der Mittheilung der Bewegung nicht
entdecken Weil sie keine oder wenigstens keine klaren Ideen oder Vorstellungen
von Druck und Widerstand von Moment von gleichförmiger und beschleunigender
Kraft hatten Und woher hätten sie diese Ideen anders erhalten können als von
den Tatsachen des Gleichgewichts und der Bewegung selbst Die späte
Entwickelung verschiedener Zweige der physikalischen Wissenschaften zB der
Optik der Elektrizität des Magnetismus und der höheren Generalisationen der
Chemie schreibt Hr Whewell der Tatsache zu dass die Menschen nicht die Idee
der Polarität dh die Idee von entgegengesetzten Eigenschaften in
entgegengesetzten Richtungen besaßen Was war aber vorhanden um eine solche
Idee zu erwecken ehe durch eine besondere Prüfung von einigen dieser
verschiedenen Zweige des Wissens gezeigt war dass die Tatsachen eines jeden
derselben in einigen Fällen wenigstens das bemerkenswerte Phänomen darbieten
entgegengesetzte Eigenschaften in entgegengesetzten Richtungen zu haben Dem
oberflächlichen Blick bot sich das Ding nur in zwei Fällen dar bei dem Magnet
und bei den elektrisierten Körpern und hier war die Vorstellung behaftet mit dem
Umstand von materiellen Polen oder festen Punkten in dem Körper selbst welchen
Punkten dieser Gegensatz der Eigenschaften inzuwohnen schien Die erste
Vergleichung und Abstraktion hatte nur zu dieser Vorstellung von Polen geführt
und wenn etwas dieser Vorstellung Entsprechendes in den Erscheinungen der Chemie
oder Optik existiert hätte so wäre die Schwierigkeit welche man jetzt mit Recht
für so groß ansieht nur eine höchst geringe gewesen Das Dunkel entstand aus
der Tatsache dass die Polaritäten in der Chemie und Optik von einer andern
Art obgleich von derselben Gattung waren als die Polaritäten in dem
Magnetismus und der Elektrizität und dass um diese Phänomene einander zu
assimilieren es nötig war eine Polarität ohne Pole wie zB bei der
Polarisation des Lichtes und eine Polarität mit Polen wie beim Magnet mit
einander zu vergleichen und zu erkennen dass diese Polaritäten während sie in
verschiedenen anderen Beziehungen verschieden sind in dem einen Charakter
übereinstimmen der sich in den Ausdruck fassen lässt verschiedene
Eigenschaften in verschiedenen Richtungen Aus dem Resultate einer solchen
Vergleichung bildete der Geist wissenschaftlicher Männer diese neue allgemeine
Vorstellung zwischen ihr und dem ersten verworrenen Gefühle einer Analogie
zwischen einigen der Erscheinungen des Lichts und denen der Elektrizität und des
Magnetismus liegt ein großer durch die Arbeiten und die mehr oder weniger
scharfsinnigen Meinungen vieler hohen Geister ausgefüllter Zwischenraum
Die Vorstellungen welche wir für die Verbindung und methodische Anordnung
von Tatsachen gebrauchen entwickeln sich also nicht innerhalb des Geistes
sondern der Geist erhält den Eindruck derselben von außen sie werden niemals
anders erhalten als auf dem Wege der Vergleichung und Abstraktion und in den
wichtigsten und zahlreichsten Fällen worden sie durch Abstraktion aus den
Erscheinungen selbst gewonnen welche sie zu verbinden dienen sollen Ich bin
weit entfernt damit sagen zu wollen dass es nicht oft sehr schwierig sei
diesen Prozess des Abstrahierens wohl zu bewerkstelligen oder dass der Erfolg
einer induktiven Operation nicht in vielen Fällen hauptsächlich von der
Geschicklichkeit abhängig wäre womit wir sie ausführen Bacon hatte ganz Recht
als eine der Hauptschwierigkeiten einer guten Induktion unrichtig gebildete
allgemeine Vorstellungen zu bezeichnen »notiones temere a rebus abstractas«
und Herr Whewell fügt hinzu dass eine schlechte Abstraktion nicht allein eine
schlechte Induktion macht sondern dass um die Induktion gut auszuführen wir
auch gut abstrahiert haben müssen dass unsere allgemeinen Vorstellungen »klar«
und dem Gegenstande »angemessen« sein müssen
3 Indem ich zu zeigen versuche worin eigentlich die Schwierigkeit
dieses Gegenstandes besteht und wie sie zu überwinden ist muss ich den Leser
ein für allemal bitten im Auge zu behalten dass obgleich ich bei der
Besprechung von Ansichten einer andern philosophischen Schule gern die Sprache
derselben annehme und daher von dem Verbinden von Tatsachen vermittelst einer
Vorstellung spreche diese technische Ausdrucksweise nicht mehr und nicht
weniger sagen will als was man gewöhnlich ein Vergleichen von Tatsachen mit
einander und ein Bestimmen der Punkte in welchen sie mit einander
übereinstimmen nennt Auch hat der technische Ausdruck nicht einmal den
Vorteil metaphysisch richtig zu sein Die Tatsachen sind nicht verbunden sie
bleiben getrennte Tatsachen wie vorher Die Ideen von den Tatsachen können
verbunden werden dh wir können versucht sein sie zugleich zu denken aber
eine zufällige Ideenassoziation könnte dieselbe Folge haben Das was wirklich
Statt findet wird glaube ich philosophischer durch das gewöhnliche Wort
Vergleichung ausgedrückt als durch die Worte »verbinden« oder »hinzufügen«
Denn so wie die allgemeine Vorstellung selbst durch Vergleichung Von einzelnen
Phänomenen gewonnen wurde so besteht der Modus ihrer Anwendung nachdem sie
gewonnen worden ist immer wieder in der Vergleichung Wir vergleichen Phänomene
mit einander um die Vorstellung zu gewinnen und dann vergleichen wir diese und
andere Phänomene mit der Vorstellung Wir gewinnen zB die Vorstellung den
Begriff von einem Tiere indem wir verschiedene Tiere mit einander
vergleichen und wenn wir hernach ein anderes Geschöpf sehen das einem Tiere
ähnlich sieht so vergleichen wir es mit unserer allgemeinen Vorstellung von
einem Tiere und wenn es mit dieser allgemeinen Vorstellung übereinstimmt so
schließen wir es in die Klasse ein Die Vorstellung wird zum Typus der
Vergleichung
Wir brauchen nur zu betrachten was Vergleichung ist um zu sehen dass
wenn mehr als zwei Gegenstände vorhanden und mehr noch wenn ihre Zahl eine
unbestimmte ist ein Typus irgend einer Art eine unerlässliche Bedingung der
Vergleichung ist Wenn wir eine große Anzahl von Gegenständen nach ihren
Übereinstimmungen oder nach ihren Unterschieden zu ordnen und zu klassifizieren
haben so machen wir nicht einen verworrenen Versuch alle mit allen zu
vergleichen Wir wissen dass der menschliche Geist mit Leichtigkeit auf nicht
mehr als zwei Dinge auf einmal achten kann wir wählen daher einen der
Gegenstände entweder dem Zufall nach oder je nachdem er in einer besonders
auffallenden Weise einen wichtigen Charakter darbietet und indem wir diesen zum
Maßstab nehmen vergleichen wir damit einen Gegenstand nach dem andern Wenn
wir einen zweiten Gegenstand finden der eine bemerkenswerte Übereinstimmung
mit dem ersten darbietet und der uns veranlasst beide mit einander zu
klassifizieren so entsteht sogleich die Frage in welchen Umständen stimmen sie
überein Und von diesen Umständen Kenntnis nehmen ist schon die erste Stufe der
Abstraktion indem eine allgemeine Vorstellung dadurch erweckt wird Wenn wir so
weit gekommen sind und alsdann einen dritten Gegenstand vornehmen so fragen wir
uns natürlich nicht bloß ob dieser dritte Gegenstand mit dem ersten
übereinstimmt sondern auch ob er in demselben Umstande wie der zweite mit ihm
übereinstimmt Mit anderen Worten ob er mit der allgemeinen Vorstellung
übereinstimmt welche durch Abstraktion von dem ersten und zweiten Gegenstand
erhalten worden ist Wir sehen auf diese Weise die Neigung allgemeiner
Vorstellungen sich sobald sie gebildet sind als Typen für alle diejenigen
einzelnen Gegenstände die in unseren Vergleichungen diesen Zweck vorher
erfüllten zu substituieren Vielleicht finden wir dass keine beträchtliche
Anzahl anderer Gegenstände mit dieser ersten allgemeinen Vorstellung
übereinstimmt dass wir die Vorstellung fallen lassen mit einem verschiedenen
einzelnen Falle wieder anfangen und durch andere Vergleichungen zu einer anderen
allgemeinen Vorstellung gelangen müssen Wir werden aber auch manchmal finden
dass die Vorstellung tauglich wird wenn man bloß einige von ihren Umständen
hinweglässt und durch diese größere Anstrengung der Abstraktion erhalten wir
eine noch allgemeinere Vorstellung wie wir uns in dem vorhin angeführten Falle
von der Vorstellung von Polen zu der allgemeineren Vorstellung von
entgegengesetzten Eigenschaften in entgegengesetzten Richtungen erhoben oder
wie jene Südseeländer deren Vorstellung von einem vierfüßigen Tiere dem
Schweine dem einzigen Tiere dieser Art welches sie gesehen hatten abstrahiert
war und welche nachdem sie diese Vorstellung mit anderen Vierfüßlern
verglichen hatten einige von den Umständen fallen Hessen und zu der
allgemeineren Vorstellung gelangten welche die Europäer mit dem Worte
verbinden
Diese kurzen Bemerkungen enthalten glaube ich Alles was Wohlbegründetes
an der Lehre ist dass die Vorstellung die Idee durch welche der Geist die
Erscheinungen ordnet und ihnen Einheit verleiht durch den Geist selbst
geliefert werden muss und dass wir die richtige Vorstellung durch ein Probieren
finden indem wir erst die eine und dann die andere versuchen bis wir das Ziel
treffen Die Vorstellung wird nicht vom Geiste geliefert ehe sie dem Geiste
geliefert worden ist und die Tatsachen welche sie liefern sind manchmal ganz
andere und fremde Tatsachen aber öfter noch die Tatsachen selbst welche wir
durch die Vorstellung zu ordnen suchen Es ist indessen völlig wahr dass wenn
wir versuchen die Tatsachen zu ordnen wir bei welchem Punkt wir auch
anfangen mögen keine drei Schritte tun können ohne eine mehr oder weniger
genaue und deutliche allgemeine Vorstellung zu bilden und dass diese allgemeine
Vorstellung der Leitfaden wird dem wir für den Rest der Tatsachen zu folgen
suchen oder dass sie vielmehr der Maßstab wird den wir fortan an sie legen
Wenn wir nicht zufrieden sind mit den Übereinstimmungen welche wir unter den
Naturerscheinungen dadurch entdecken dass wir sie mit diesem Typus oder mit
einer noch allgemeineren Vorstellung welche wir durch eine neue Stufe der
Abstraktion aus dem Typus bilden können vergleichen so ändern wir die Richtung
und suchen nach anderen Übereinstimmungen von einem andern Ausgangspunkte
ausgehend fangen wir die Vergleichung von Neuem an und erzeugen so eine
verschiedene Reihe von allgemeinen Vorstellungen Dies ist das probierende
Verfahren von dem Herr Whewell spricht und dieses hat auch die Lehre
veranlasst dass die Vorstellung von dem Verstande selbst geliefert wird Die
verschiedenen Vorstellungen welche der Geist nach einander versucht besaß er
bereits aus früherer Erfahrung oder sie wurden ihm gerade auf der ersten Stufe
des entsprechenden Aktes der Vergleichung an die Hand gegeben so dass sich in
dem folgenden Theile des Prozesses die Vorstellung als etwas mit den
Erscheinungen Verglichenes nicht denselben Entnommenes erwies
4 Wenn das Vorhergehende eine genaue Darstellung der Mitwirkung
allgemeiner Vorstellungen bei der Vergleichung ist welche notwendig der
Induktion vorausgeht so werden wir nun leicht im Stande sein das in unsere
Sprache zu übersetzen was Hr Whewell meint wenn er sagt dass die
Vorstellungen »klar« und »angemessen« sein müssen
Wenn die Vorstellung die Idee einer wirklichen Übereinstimmung unter den
Tatsachen entspricht wenn die Vergleichung welche wir von einer Reihe von
Gegenständen gemacht haben uns zu einer Klassifikation derselben nach
wirklichen Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten geführt hat so muss die
Vorstellung die dieses tut für den einen oder den andern Zweck angemessen
sein Die Frage der Angemessenheit bezieht sich auf den besonderen Gegenstand
den wir im Auge haben Sobald wir durch unsere Vergleichung irgend eine
Übereinstimmung irgend Etwas was von einer Anzahl von Gegenständen gemeinsam
ausgesagt werden kann ermittelt haben haben wir eine Basis erhalten auf
welche ein induktives Verfahren gegründet werden kann Aber die
Übereinstimmungen oder die letzten Konsequenzen zu welchen diese
Übereinstimmungen führen können sehr verschiedene Grade von Wichtigkeit haben
Wenn wir zB Tiere nur in Beziehung auf ihre Farbe mit einander vergleichen
und diejenigen welche gleiche Farbe haben mit einander klassifizieren so
bilden wir die allgemeinen Begriffe eines weißen Tieres eines schwarzen
Tieres etc etc was ganz legitim gebildete Begriffe sind und wenn eine
Induktion in Beziehung auf die Ursachen der Farben der Tiere versucht werden
sollte so würde diese Vergleichung die eigentliche und notwendige Vorbereitung
für eine solche Induktion sein sie würde uns aber nicht zur Kenntnis der
Gesetze irgend anderer Eigenschaften der Tiere führen während wenn wir sie
mit Cuvier in Beziehung auf den Bau ihres Skelettes oder mit Blainville in
Beziehung auf die Natur ihrer äußeren Hüllen mit einander vergleichen und
klassifizieren die Übereinstimmungen und Verschiedenheiten welche in dieser
Beziehung bemerkbar sind nicht allein an und für sich von viel größerer
Wichtigkeit sondern auch Merkmale der Übereinstimmung und des Unterschieds in
verschiedenen sehr wichtigen Einzelheiten des Baues und der Lebensweise des
Tieres sind Wenn daher ihr Bau und ihre Gewohnheiten der Gegenstand unseres
Studiums sind so sind die durch die letzteren Vergleichungen erzeugten Begriffe
»angemessener« als die durch die ersteren erzeugten Nur dies kann unter
Angemessenheit der Konzeptionen verstanden sein
Wenn Herr Whewell sagt die Alten die Scholastiker oder irgend neuere
Forscher hätten das wahre Gesetz einer Naturerscheinung nicht entdeckt weil sie
eine unangemessene statt einer angemessenen Konzeption darauf anwandten so kann
er damit nur meinen dass sie bei dem Vergleichen verschiedener Fälle des
Phänomens um zu bestimmen in was diese Fälle übereinstimmten die wichtigen
Punkte der Übereinstimmung verfehlten und sich an solche hielten die entweder
eingebildete oder gar keine Übereinstimmungen oder wenn sie Übereinstimmungen
waren verhältnismäßig sehr geringe waren und mit der Naturerscheinung deren
Gesetz gesucht wurde in keinem Zusammenhange standen
Indem Aristoteles über die Bewegung nachdachte bemerkte er dass gewisse
Bewegungen von selbst Statt finden dass die Körper auf die Erde fallen die
Flamme in die Höhe steigt die Luftblasen im Wasser emporsteigen etc er nannte
dieselben natürliche Bewegungen Andere Bewegungen hingegen finden nicht allein
nicht ohne äußere Anregung Statt sondern wenn diese Anregung stattgefunden
hat streben sie auch von selbst wieder aufzuhören diese nannte er um sie von
den ersteren zu unterscheiden gewaltsame Bewegungen Indem nun Aristoteles die
sogenannten natürlichen Bewegungen mit einander verglich schien es ihm dass
sie alle in einem Umstande übereinstimmten darin nämlich dass der Körper
welcher sich von selbst bewegte oder zu bewegen schien sich nach seinem
eigenen Orte hin bewegte indem er darunter den Ort verstand woher er
ursprünglich kam oder den Ort wo sich eine große Menge von ihm ähnlicher
Materie vorfand Bei der andern Klasse von Bewegungen wie wenn Körper in die
Luft geworfen werden bewegen sich dieselben im Gegenteil von ihrem Orte Diese
Vorstellung oder Idee von einem Körper der sich nach seinem Orte bewegt kann
nun mit Recht als unangemessen betrachtet werden weil obgleich sie einen
Umstand ausdrückt der in einigen der bekanntesten Fälle von anscheinend
spontaner Bewegung wirklich Statt findet es erstens doch viele andere Fälle
von Bewegung gibt in denen dieser Umstand abwesend ist wie bei der Bewegung
der Erde und der Planeten und zweitens würde selbst wenn er vorhanden wäre
bei genauerer Prüfung die Bewegung oft als eine nicht freiwillige erscheinen
wie wenn Luft in dem Wasser in die Höhe steigt sie nicht durch ihre eigene
Natur in die Höhe steigt sondern durch das größere Gewicht des auf sie
drückenden Wassers in die Höhe gehoben wird Und endlich noch gibt es viele
Fälle in denen die freiwillige Bewegung in der entgegengesetzten Richtung gegen
das Statt findet was die Theorie als des Körpers eigenen Ort bezeichnet wie
wenn von einem See ein Nebel aufsteigt oder wenn ein Wasser auftrocknet Die
Übereinstimmung welche Aristoteles als Prinzip der Klassifikation wählte
erstreckte sich demnach nicht auf alle Fälle des Phänomens das er untersuchen
wollte es erstreckte sich nicht auf alle Fälle von spontaner Bewegung während
es Fälle von der Abwesenheit des Phänomens Fälle von nicht spontaner Bewegung
einschloss Die Vorstellung war daher »unangemessen« Wir können noch
hinzufügen dass in dem fraglichen Falle keine Vorstellung keine Idee
angemessen sein würde es gibt keine Übereinstimmung welche sich durch alle
Fälle von freiwilliger oder anscheinend freiwilliger Bewegung und keine anderen
Fälle hindurchzöge sie können nicht unter ein Gesetz gebracht werden es ist
ein Fall von Vielfachheit der Ursachen151
5 Soviel in Betreff der ersten von Dr Whewells Bedingungen der
nämlich dass die Ideen angemessen sein müssen wir wollen nun betrachten was
die zweite derselben nämlich die dass die Ideen »klar« sein sollen sagen
will Wenn die Idee nicht einer wirklichen Übereinstimmung entspricht so
besitzt sie einen größeren Fehler als den nicht klar zu sein sie ist überhaupt
gar nicht auf den Fall anwendbar Unter den Erscheinungen welche wir
vermittelst der Idee zu verbinden suchen müssen wir daher eine wirkliche
Übereinstimmung voraussetzen sowie dass die Idee die Idee von dieser
Übereinstimmung ist Damit sie also klar sei ist nur erforderlich dass wir
genau wissen worin die Übereinstimmung besteht dass sie sorgfältig beobachtet
worden sei und dass man sich ihrer genau erinnere Man sagt dass wir keine
klare Vorstellung von der Ähnlichkeit in einer Reihe von Gegenständen haben
wenn wir nur ein allgemeines Gefühl haben dass sie einander ähnlich sind ohne
ihre Ähnlichkeit analysiert ohne wahrgenommen zu haben worin sie besteht ohne
eine genaue Erinnerung aller dieser Punkte in unserem Gedächtnis fixiert zu
haben Dieser Mangel an Klarheit oder wie man es noch nennen kann dieses
Schwankende in der allgemeinen Vorstellung oder Idee hat entweder seine Ursache
in der ungenauen Kenntnis des Gegenstandes selbst oder nur darin dass wir ihn
nicht sorgfältig verglichen haben So kann Jemand eine unklare Idee von einem
Schiff haben weil er niemals ein Schiff gesehen hat oder weil er sich nur
wenig und schwach dessen erinnert welches er gesehen hat Oder er kann eine
vollkommene Kenntnis und Erinnerung von vielen Schiffen verschiedener Art von
Fregatten und dergleichen haben aber er hat dabei keine klare sondern nur eine
verworrene Idee von einer Fregatte weil er nicht hinlänglich verglichen hat um
bemerkt zu haben und sich zu erinnern in welchem besonderen Punkte eine Fregatte
sich von einer andern Art von Schiffen unterscheidet
Um klare Ideen zu haben ist es indessen nicht nötig dass wir mit allen
gemeinschaftlichen Eigenschaften der Dinge welche wir mit einander
klassifizieren bekannt seien Dies hieße einen eben so vollständigen als klaren
Begriff von der Klasse haben Es ist hinreichend wenn wir niemals Dinge mit
einander klassifizieren ohne genau zu wissen warum ohne genau bestimmt zu
haben welche Übereinstimmungen wir in unsere Konzeption einzuschließen im
Begriff sind und wenn nachdem wir unsere Konzeption so festgestellt haben wir
niemals davon abgehen niemals in die Klasse Etwas einschließen was diese
gemeinschaftlichen Eigenschaften nicht besitzt noch Etwas ausschließen was
sie besitzt Eine klare Idee bedeutet eine bestimmte Idee eine Idee welche
nicht schwankt und heute dies morgen jenes ist sondern fest und unveränderlich
bleibt außer wenn wir sie des Fortschrittes unseres Wissens oder der
Verbesserung eines Irrtums wegen mit Bewusstsein ändern oder ihr Etwas
hinzufügen Ein Mensch von klaren Ideen ist ein solcher der immer weiß kraft
welcher Eigenschaften seine Classen aufgestellt sind welche Attribute durch
seine Gemeinnamen mit bezeichnet sind
Die Haupterfordernisse um zu klaren Ideen zu gelangen sind daher die
Gewohnheit einer aufmerksamen Beobachtung eine ausgedehnte Erfahrung und ein
Gedächtnis welches ein genaues Bild von dem was beobachtet ist aufnimmt und
bewahrt und in dem Verhältnisse als einer die Gewohnheit genau zu beobachten
und sorgfältig zu vergleichen und ein genaues Gedächtnis für die Resultate der
Beobachtung und Vergleichung hat werden seine Ideen von dieser Klasse von
Erscheinungen klar sein vorausgesetzt dass er die unerlässliche Gewohnheit
habe die indessen natürlicherweise nur aus jenen anderen Gaben hervorgeht
niemals Gemeinnamen ohne genaue Mitbezeichnung zu gebrauchen
Da die Klarheit unserer Ideen hauptsächlich von der Sorgfältigkeit und
Genauigkeit unserer Fähigkeiten zu beobachten und zu vergleichen abhängt so
hängt ihre Angemessenheit oder vielmehr die Wahrscheinlichkeit dass wir die
angemessene Idee in einem Falle treffen vorzüglich von der Tätigkeit dieser
Fähigkeiten ab Derjenige welcher durch eine auf eine natürliche Anlage
gegründete Gewohnheit eine Fertigkeit erlangt hat die Naturerscheinungen genau
zu beobachten und zu vergleichen wird soviel mehr Übereinstimmungen und wird
sie soviel schneller als Andere wahrnehmen dass die Wahrscheinlichkeit er
werde die Übereinstimmung von der die wichtigsten Konsequenzen abhängen in
irgend einem Falle wahrnehmen viel grösser ist
6 Es ist von so großer Wichtigkeit dass der in dem vorhergehenden
Kapitel erörterte Teil des Verfahrens bei Erforschung der Wahrheit richtig
verstanden werde dass ich es für zweckmäßig halte die gewonnenen Resultate
noch einmal in einer verschiedenen Ausdrucksweise wiederzugeben
Wir können allgemeine dh auf Classen anwendbare Wahrheiten nicht
bestimmen wenn wir die Classen nicht in einer Art gebildet haben dass
allgemeine Wahrheiten von ihnen prädiziert werden können In der Bildung einer
Klasse liegt eine Idee von ihr als von einer Klasse eingeschlossen dh eine
Idee von gewissen Umständen als den Umständen welche die Klasse charakterisieren
und die sie zusammensetzenden Gegenstände von allen anderen Gegenständen
unterscheiden Wenn wir genau wissen was diese Umstände sind so haben wir eine
klare Idee oder Konzeption von der Klasse und von der Bedeutung des
Gemeinnamens welcher sie bezeichnet Die Hauptbedingung welche in dem »diese
klare Idee haben« eingeschlossen liegt ist dass die Klasse eine Klasse sei
dass sie einer wirklichen Distinktion entspreche dass die darin enthaltenen
Dinge wirklich in gewissen Einzelheiten übereinstimmen und sich in denselben
Einzelheiten von allen anderen Dingen unterscheiden Ein Mensch ohne klare Ideen
ist ein Mensch der unter demselben Gemeinnamen Dinge miteinander zu
klassifizieren pflegt welche keine gemeinsamen Eigenschaften besitzen oder doch
keine die sich nicht auch bei anderen Dingen fänden oder welcher wenn der
allgemeine Brauch ihn verhindert die Dinge wirklich falsch zu klassifizieren
nicht im Stande ist sich die gemeinsamen Eigenschaften anzugeben vermöge deren
er dieselben richtig klassifiziert
Aber es ist nicht das alleinige Erfordernis der Klassifikation dass die
Classen reale durch einen rechtmäßigen geistigen Prozess gebildete Classen
seien Sowohl für theoretische als praktische Zwecke ist der eine
Klassifikationsmodus wertvoller als der andere und unsere Klassifikationen
sind nicht gut ausgeführt wenn die durch dieselben zusammengebrachten Dinge
nicht allein in etwas übereinstimmen das sie von allen anderen Dingen
unterscheidet sondern wenn sie nicht auch gerade in den Umständen welche für
den theoretischen oder praktischen Zweck den wir im Auge haben und der das
vorgesetzte Problem ausmacht hauptsächlich von Wichtigkeit sind sowohl mit
einander übereinstimmen als auch von anderen Dingen differieren Mit anderen
Worten unsere Ideen obgleich sie klar sein mögen sind unserm Zweck nicht
angemessen wenn die Eigenschaften welche wir damit umfassen nicht diejenigen
Eigenschaften sind die uns auf das führen was wir zu wissen wünschen dh
entweder diejenigen welche am tiefsten in die Natur des Dinges eingehen wenn
unser Zweck ist diese zu verstehen oder diejenigen welche am engsten mit der
besonderen Eigenschaft die wir untersuchen wollen verknüpft sind
Wir können daher gute allgemeine Konzeptionen nicht zum Voraus bilden Ob
die Konzeption zu welcher wir gelangt sind diejenige sei deren wir bedürfen
können wir erst wissen nachdem wir das Werk getan haben wozu wir ihrer
bedurften wenn wir den allgemeinen Charakter der Erscheinungen oder die
Bedingungen der besonderen Eigenschaft die wir in Betracht nehmen vollständig
verstehen Allgemeine Ideen welche ohne diese durchgängige Kenntnis gebildet
wurden sind Bacons »notiones temere a rebus abstractae« Aber bei unserm
Fortschritt zu etwas besserem müssen wir fortwährend solche unreife Ideen
bilden Nur wenn man beständig bei ihnen verbleibt sind sie dem Fortschreiten
des Wissens ein Hindernis Wenn es uns zur Gewohnheit geworden ist Dinge zu
unrichtigen Classen zu gruppieren zu Gruppen welche entweder keine wirklichen
Classen sind da sie keine unterscheidende Punkte der Übereinstimmung haben
Abwesenheit klarer Ideen oder welche keine Classen sind von denen etwas für
unsern Zweck wichtiges ausgesagt werden kann Abwesenheit angemessener Ideen
und wenn wir in dem Glauben diese schlecht aufgestellten Classen seien die von
der Natur sanktionierten uns weigern sie gegen andere zu vertauschen und
können oder wollen unsere allgemeinen Ideen nicht aus anderen Elementen bilden
so treffen in einem solchen Fall alle Übel ein welche Bacon seinen »notiones
temere abstractae« zuschreibt Dies ist was die Alten in der Physik taten und
was die Welt im allgemeinen in der Moral und der Politik noch heute tut
Auf diese Weise wäre es nach meiner Ansicht von der Sache eine ungenaue
Ausdrucksweise zu sagen angemessene Ideen zu erhalten sei eine der
Generalisation vorhergehende Bedingung Durch den ganzen Prozess der
Vergleichung von Erscheinungen mit einander zum Zweck der Generalisation sucht
der Geist eine Vorstellung zu bilden aber die Vorstellung welche er zu bilden
sucht ist die von dem wirklich wichtigen Punkt der Übereinstimmung der
Erscheinungen In dem Verhältnis als wir von den Erscheinungen selbst und von
den Bedingungen von denen ihre wichtigen Eigenschaften abhängen mehr Kenntnis
erhalten ändern sich naturgemäß unsere Ansichten von dem Gegenstand und wir
gelangen so bei dem Fortschreiten unserer Untersuchungen von einer weniger zu
einer mehr »angemessenen« allgemeinen Idee
Wir dürfen hier nicht vergessen dass die Übereinstimmung nicht immer durch
bloße Vergleichung des fraglichen Phänomens selbst ohne Hülfe einer anderswo
erlangten Idee entdeckt werden kann wie in dem so oft angeführten Falle der
Planetenbahnen
Das Suchen nach der Übereinstimmung einer Reihe von Naturerscheinungen ist
in Wahrheit dem Suchen nach einem verlorenen oder verborgenen Gegenstande sehr
ähnlich Wir nehmen zuerst eine gehörige Stellung ein und blicken um uns her
und wenn wir den Gegenstand sehen können so ist es gut wenn nicht so fragen
wir uns im Geiste welches die Orte sein mögen wo er verborgen ist damit wir
dort nach ihm suchen und so fort bis wir auf den Ort fallen wo er wirklich
ist Und auch hierbei müssen wir eine vorausgängige Idee oder Kenntnis der Orte
gehabt haben Auf eine ähnliche Weise suchen wir bei dem durch diesen familiären
Prozess erläuterten philosophischen Verfahren zuerst den verlorenen Gegenstand
zu finden oder das gemeinschaftliche Attribut zu erkennen ohne die Hülfe einer
vorher erlangten Idee oder mit anderen Worten die Hülfe einer jeden Hypothese
vermutungsweise in Anspruch zu nehmen Ist uns dies nicht gelungen so wenden
wir uns an unsere Einbildungskraft wegen einer Hypothese in Betreff des
möglichen Ortes oder eines möglichen Punktes der Ähnlichkeit und sehen
alsdann ob die Tatsachen mit der Vermutung übereinstimmen
Für solche Fälle ist etwas mehr erforderlich als ein Geist der an genaue
Beobachtung und Vergleichung gewöhnt ist Es ist ein Geist erforderlich der mit
allgemeinen Ideen ausgestattet ist welche vorher erlangt und von der Art sind
dass sie mit dem Gegenstande der Untersuchung eine Verwandtschaft haben Auch
wird viel von der natürlichen Stärke und der erlangten Kultur von dem was man
wissenschaftliche Phantasie nennt und von der Fähigkeit abhängen in der Idee
bekannte Elemente zu neuen Verbindungen zu ordnen welche in der Natur zwar noch
nicht beobachtet worden die aber bekannten Gesetzen nicht entgegen sind
Aber die Mannigfaltigkeit der geistigen Gewohnheiten die Zwecke denen sie
dienen und die Modi in denen sie genährt und kultiviert werden können sind
Betrachtungen welche in die Erziehungskunst gehören ein Gegenstand der weiter
geht als die Logik und den die vorliegende Abhandlung nicht erörtern soll Es
kann daher das gegenwärtige Kapitel hier schließen
1 Es gehört nicht zu dem gegenwärtigen Unternehmen bei der Wichtigkeit
der Sprache als bei einem Mittel des menschlichen Verkehrs sei es zu Zwecken
der Sympathie oder der Belehrung lange zu verweilen Auch lässt der Plan dieses
Werkes nur eine leichte Andeutung in Beziehung auf jene große Eigenschaft der
Namen zu von welcher ihre Funktionen als ein geistiges Instrument in Wahrheit
zuletzt abhängig sind nämlich ihre Macht Assoziationen unter unseren anderen
Ideen zu bilden und zu befestigen ein Gegenstand über den sich ein
ausgezeichneter Denker Hr Bain in folgender Weise ausdrückt
»Namen sind Sinneseindrücke der Geist hält sie am stärksten fest und von
allen anderen Eindrücken können sie am leichtesten zurückgerufen und im Auge
behalten werden Sie dienen daher als ein Anknüpfungspunkt für alle flüchtigere
Gedanken und Gefühle Eindrücke die für immer zerstört wären wenn sie einmal
vorüber sind bleiben durch ihre Verknüpfung mit der Sprache immer erreichbar
Die Gedanken an sich entschlüpfen fortwährend aus unserem unmittelbaren
geistigen Gesichtsfelde aber der Name bleibt bei uns und das Aussprechen
desselben stellt die Gedanken in einem Augenblicke wieder her Wörter sind
Erhalter eines jeden Geistesproduktes das einen geringeren Eindruck macht als
sie selbst Alle Erweiterungen der menschlichen Erkenntnis alle neuen
Generalisationen werden sogar unabsichtlich durch den Gebrauch von Wörtern
fixiert und verbreitet Das aufwachsende Kind lernt mit den Wörtern seiner
Muttersprache dass Dinge welche es für verschieden gehalten habe würde in
wichtigen Punkten dieselben sind Ohne einen förmlichen Unterricht lehrt uns die
Sprache in der wir aufgewachsen sind die ganze allgemeine Philosophie des
Zeitalters Sie veranlasst uns Dinge zu beobachten und zu erkennen die wir
übersehen haben würden sie versieht uns mit schon fertigen Klassifikationen
durch welche die Dinge mit den Gegenständen mit denen sie die größte
Ähnlichkeit haben zusammengeordnet werden soweit es die Aufklärung
vergangener Geschlechter zulässig macht Die Zahl der Gemeinnamen einer Sprache
und der Grad von Allgemeinheit dieser Namen bieten ein Mittel um das Wissen des
Zeitalters und die geistige Einsicht zu prüfen welche das Geburtsrecht eines
Jeden ist der in demselben geboren ist«
Wir haben indessen hier nicht von den Funktionen der Namen allgemein
betrachtet sondern von der Art und dem Grade zu sprechen in welchem sie der
Erforschung der Wahrheit oder mit anderen Worten dem induktiven Verfahren
dienen
2 Beobachtung und Abstraktion die Operationen welche den Gegenstand
der zwei vorhergehenden Kapitel bilden sind unerlässliche Bedingungen der
Induktion es kann keine Induktion Statt finden wo sie nicht vorhanden sind
Man hat sich eingebildet das Benennen sei eine ebenso unerlässliche Bedingung
Es gibt Philosophen welche der Ansicht sind die Sprache sei nicht allein
nach einem sehr gangbaren Ausdrucke ein Werkzeug des Gedankens sondern das
Werkzeug des Gedankens Namen oder etwas Äquivalentes irgend eine Art
künstlicher Zeichen seien zum Urteilen notwendig ohne sie könne keine
Folgerung und also auch keine Induktion Statt finden Wenn aber die Natur des
Schließens in dem früheren Teil dieses Werkes richtig dargestellt worden ist
so muss diese Meinung als eine Übertreibung wenn auch einer wichtigen Wahrheit
angesehen werden Wenn das Schließen vom Besonderen auf Besonderes Statt
findet und wenn es darin besteht eine Tatsache als ein Merkmal einer andern
oder als ein Merkmal von einem Merkmale einer andern zu erkennen so ist um das
Schließen möglich zu machen nichts erforderlich als Sinne und
Ideenassoziation Sinne um wahrzunehmen dass zwei Tatsachen verbunden sind
Assoziation als das Gesetz durch welches die eine der zwei Tatsachen die Idee
der andern erweckt152 Für diese geistigen Phänomene sowohl als für den Glauben
oder die Erwartung welche folgt und wodurch wir erkennen dass das wovon wir
ein Merkmal wahrgenommen haben Statt gefunden hat oder auf dem Punkte ist
Statt zu finden bedürfen wir offenbar nicht der Sprache Und diese Folgerung
einer besonderen Tatsache aus einer andern ist ein Fall von Induktion Es ist
dies eine Art Induktion deren die Tiere fähig sind es ist die Weise in der
alle ungebildeten Geister fast alle ihre Induktionen machen und in der wir Alle
sie machen in den Fällen wo eine familiäre Erfahrung uns unsere Schlüsse ohne
einen tätigen Prozess der Forschung von unserer Seite aufdringt und wo der
Glaube oder die Erwartung mit der Schnelligkeit und der Gewissheit eines
Instinktes auf die Induktion folgt153
3 Aber obgleich eine Folgerung von einem induktiven Charakter ohne den
Gebrauch von Zeichen möglich ist so könnte sie doch niemals ohne dieselben weit
über die eben beschriebenen einfachen Fälle hinaus gehen und diese Fälle sind
aller Wahrscheinlichkeit nach die Grenzen des Schließens jener Tiere denen
eine konventionelle Sprache unbekannt ist Ohne Sprache oder etwas Äquivalentes
könnte nur soviel Schließen aus der Erfahrung Statt finden als ohne die Hülfe
allgemeiner Urteile Statt finden kann Obgleich wir nun streng genommen von der
vergangenen Erfahrung auf einen neuen einzelnen Fall ohne die Zwischenstufe
eines allgemeinen Urteils schließen können so würden wir uns ohne allgemeine
Urteile doch selten erinnern welche vergangene Erfahrung wir gehabt haben und
kaum jemals welcherlei Schlüsse diese Erfahrung rechtfertigen wird Die
Teilung des induktiven Prozesses in zwei Theile von denen der erste bestimmt
was ein Merkmal der gegebenen Tatsache ist und der zweite ob dieses Merkmal
in dem neuen Falle existiert ist eine natürliche und wissenschaftlich
unerlässliche Sie ist in der Tat in einer großen Anzahl von Fällen durch den
bloßen Abstand der Zeit notwendig gemacht Die Erfahrung wonach wir unser
Urteil richten sollen kann die Erfahrung Anderer sein von der uns in keiner
anderen Weise als durch die Sprache etwas mitgeteilt werden kann ist sie
unsere eigene so ist es gemeinlich eine längst vergangene Erfahrung wenn wir
uns ihrer daher nicht vermittelst künstlicher Zeichen erinnerten so würde
ausgenommen in den Fällen welche unsere stärkeren Sensationen oder Emotionen
oder die Gegenstände unserer täglichen oder stündlichen Betrachtungen
einschließen wenig davon im Gedächtnis zurückbleiben Es ist kaum nötig
hinzuzufügen dass wenn der induktive Schluss nicht von der direktesten und
einleuchtendsten Natur ist wenn er verschiedene Beobachtungen und Experimente
unter veränderten Umständen und die Vergleichung eines derselben mit einem
andern verlangt es unmöglich ist ohne das künstliche Gedächtnis welches
Worte gewähren einen Schritt vorwärts zu tun Ohne Wörter könnten wir wenn
wir A und B oft in unmittelbarer und deutlicher Verbindung gesehen hätten B
erwarten wenn wir A sähen aber ihre Verbindung entdecken wenn sie nicht
deutlich ist oder entscheiden ob sie wirklich beständig oder nur zufällig und
ob Grund vorhanden ist sie unter einer gegebenen Veränderung von Umständen zu
erwarten ist ein viel zu verwickelter Prozess um ohne eine Erfindung oder
einen Kunstgriff der uns eine genaue Erinnerung unserer geistigen Operation
ermöglicht bewerkstelligt zu werden Es ist nun die Sprache eine solche
Erfindung Wenn wir dieses Instrument zu Hülfe nehmen so reduziert sich die
Schwierigkeit darauf unsere Erinnerung an die Bedeutung der Wörter genau zu
machen Wenn dies geschehen ist so können wir alles dessen was durch unsern
Geist geht genau erinnern wenn wir es sorgfältig in Worte fassen und die
Worte entweder der Schrift oder unserm Gedächtnis anvertrauen
Die Funktion der Namen und insbesondere die Funktion der Gemeinnamen bei der
Induktion können wir nochmals kurz angehen wie folgt Eine jede induktive
Folgerung welche überhaupt gut ist ist gut für eine ganze Klasse von Fällen
und damit die Folgerung eine bessere Bürgschaft ihrer Richtigkeit habe als das
bloße Zusammenhängen zweier Ideen ist ein Prozess des Experimentierens und
Vergleichens notwendig in welchem die ganze Klasse von Fällen vor das Auge
gebracht und irgend eine Gleichförmigkeit in dem Gang der Natur entwickelt und
bestimmt werden muss indem die Existenz einer solchen Gleichförmigkeit als eine
Rechtfertigung des Folgerns sogar in einem einzelnen Falle erforderlich ist
Diese Gleichförmigkeit kann daher ein für allemal bestimmt werden und wenn
sie einmal bestimmt im Gedächtnis bleibt so wird sie als eine Formel dienen
um in besonderen Fällen alle diejenigen Folgerungen zu ziehen welche die
vorausgängige Erfahrung verbürgt Aber wir können die Erinnerung daran nur
dadurch sichern es wird uns nur dadurch eine Wahrscheinlichkeit gegeben in
unserem Gedächtnis eine beträchtliche Anzahl solcher Gleichförmigkeit zu
bewahren dass wir sie vermittelst bleibender Zeichen aufzeichnen diese Zeichen
sind da es der Natur des Falles nach Zeichen nicht einer einzelnen Tatsache
sondern einer Gleichförmigkeit dh einer unbestimmten Anzahl von einander
ähnlichen Fällen sind allgemeine Zeichen Universalien allgemeine Namen und
allgemeine Urteile
4 Ich muss hier noch eines Versehens erwähnen welches einige eminente
Metaphysiker darin machen dass sie behaupten es sei die Ursache unsers
Gebrauches von Gemeinnamen in der unendlichen Menge von individuellen
Gegenständen zu suchen welche es unmöglich macht einen Namen für alle zu
haben und die uns zwingt uns eines Namens für viele Gegenstände zu bedienen
Dies ist eine sehr beschränkte Ansicht von der Funktion der Gemeinnamen Wenn
auch ein jeder Gegenstand seinen Namen hätte so würden wir doch eben so sehr
der Gemeinnamen bedürfen als jetzt Ohne sie könnten wir nicht das Resultat
einer einzigen Vergleichung ausdrücken noch uns irgend einer von den in der
Natur existierenden Gleichförmigkeit erinnern wir würden in Beziehung auf
Induktion kaum besser daran sein als wenn wir gar keine Namen hätten Nur durch
Namen von Individuen oder mit anderen Worten durch Eigennamen könnten wir
indem wir den Namen aussprechen die Idee von dem Gegenstande hervorrufen aber
wir könnten kein einziges Urteil aufstellen mit Ausnahme des bedeutungslosen
Urteils das in der Aussage zweier Eigennamen von einander besteht Nur
vermittelst der Gemeinnamen können wir eine Information mittheilen ein Attribut
von sogar nur einem Individuum und um so viel mehr von einer ganzen Klasse
aussagen Strenge genommen könnten wir ohne irgend andere Gemeinnamen als die
abstrakten Namen der Attribute fertig werden alle unsere Urteile könnten von
der Form sein »dieser einzelne Gegenstand besitzt dieses Attribut« oder »dieses
oder jenes Attribut ist immer oder niemals mit diesem oder jenem andern
Attribute verbunden« In Wahrheit haben aber die Menschen den Gegenständen
sowohl als den Attributen und den ersteren in der Tat vor den Attributen stets
Gemeinnamen gegeben aber die den Gegenständen gegebenen Gemeinnamen schließen
Attribute ein leiten ihre ganze Bedeutung von Attributen ab und sind
hauptsächlich von Nutzen als die Sprache vermittelst deren wir die Attribute
aussagen welche durch sie mitbezeichnet werden
Es bleibt uns noch zu betrachten welche Grundsätze bei dem Beilegen von
Gemeinnamen zu befolgen sind damit diese Namen und die allgemeinen Urteile
in denen sie eine Stelle einnehmen am besten die Zwecke der Induktion fördern
1 Um eine Sprache zu besitzen welche der Erforschung und dem Ausdrucke
allgemeiner Wahrheiten vollkommen angemessen sei muss zwei hauptsächlichen und
verschiedenen weniger wichtigen Erfordernissen genügt werden Das erste ist
dass jeder Gemeinname eine feste und genau bestimmte Bedeutung habe Wenn sich
durch die Erfüllung dieser Bedingung diejenigen Namen welche wir besitzen für
eine gehörige Ausübung ihrer Funktionen eignen so ist das nächste und
zweitwichtigste Erfordernis dass wir da einen Namen besitzen wo er
erforderlich ist wo Etwas damit bezeichnet werden soll was auszudrücken von
Wichtigkeit ist
Auf das erste dieser Erfordernisse wird unsere Aufmerksamkeit in diesem
Kapitel ausschließlich gerichtet sein
2 Ein jeder Gemeinname muss also eine bestimmte und erkennbare Bedeutung
haben Nun liegt wie schon oft erklärt die Bedeutung eines mitbezeichnenden
Gemeinnamens in der Mitbezeichnung in dem Attribut für das er gegeben ist und
welches er ausdrücken soll Da auf diese Weise der Name Thier allen Dingen
gegeben wird welche die Attribute der Empfindung und der willkürlichen Bewegung
besitzen so bezeichnet das Wort ausschließlich diese Attribute und dieselben
machen seine ganze Bedeutung aus Wenn der Name ein abstrakter ist so ist seine
Bezeichnung dieselbe wie die Mitbezeichnung des entsprechenden Konkreten er
bezeichnet direkt das Attribut welches der konkrete Ausdruck einschließt
Gemeinnamen eine genaue Bedeutung geben heißt also das Attribut oder die
Attribute stetig feststellen die durch jeden konkreten Gemeinnamen
mitbezeichnet und durch den entsprechenden abstrakten bezeichnet werden Da
abstrakte Namen in ihrer Entstehung den konkreten nicht vorausgehen sondern
ihnen folgen wie durch die etymologische Tatsache dass sie fast immer von
denselben abgeleitet sind bewiesen wird so können wir ihre Bedeutung als von
der Bedeutung der ihren entsprechenden konkreten Namen bestimmt und abhängig
betrachten und somit ist die Aufgabe der allgemeinen Sprache eine klare
Bedeutung zu geben ganz in der Aufgabe eingeschlossen allen konkreten
Gemeinnamen eine genaue Mitbezeichnung zu geben
Bei neuen Namen bei technischen Ausdrücken welche von philosophischen
Forschern für die Zwecke der Wissenschaft oder der Kunst geschaffen werden hat
dies keine Schwierigkeit Wenn aber ein Name im gewöhnlichen Gebrauch ist so
ist die Schwierigkeit grösser indem in diesem Falle die Aufgabe nicht darin
besteht eine schickliche Mitbezeichnung für den Namen zu wählen sondern darin
diejenige Mitbezeichnung zu bestimmen und festzustellen womit er schon
gebraucht wird Dass dieselbe jemals zu einem Gegenstand des Zweifels werden
kann scheint eine Art Paradoxon zu sein Aber der große Haufe indem ich in
diesen Ausdruck Alle einschließe die nicht die Gewohnheit des genauen Denkens
haben weiß selten genau welche Behauptungen er aufzustellen beabsichtigt
welche gemeinschaftliche Eigenschaft er ausdrücken will wenn er einer Anzahl
verschiedener Dinge denselben Namen gibt Alles was der Name bei ihm
ausdrückt wenn er Etwas von einem Gegenstand aussagt ist ein verworrenes
Gefühl der Ähnlichkeit zwischen diesem Gegenstand und einem von den anderen
Dingen welche er gewöhnt ist mit diesem Namen zu bezeichnen Man hat den Namen
Stein verschiedenen früher gesehenen Gegenständen gegeben man erblickt einen
neuen Gegenstand welcher den ersteren etwas ähnlich sieht und nennt ihn Stein
ohne sich zu fragen in welcher Beziehung er ihnen ähnlich sieht und welche Art
oder welchen Grad der Ähnlichkeit man selbst oder die besseren Autoritäten als
eine Bürgschaft für den Gebrauch des Namens verlangen Dieser rohe allgemeine
Eindruck der Ähnlichkeit besteht indessen aus besonderen Umständen der
Ähnlichkeit und es ist die Aufgabe des Logikers diese zu analysieren zu
bestimmen welche Punkte der Ähnlichkeit unter den Dingen die gewöhnlich bei
diesem Namen genannt werden dieses unbestimmte Gefühl der Ähnlichkeit auf den
gewöhnlichen Geist hervorgebracht haben und welche den Dingen die Ähnlichkeit
des Aussehens gegeben haben die sie zu einer Klasse machten und die Ursache
waren dass ihnen dieser Name gegeben wurde
Aber obgleich Gemeinnamen vom großen Haufen ohne eine bestimmtere
Mitbezeichnung als die einer unbestimmten Ähnlichkeit angewendet werden so
werden doch mit der Zeit Urteile aufgestellt in welchen Prädikate auf diese
Namen angewendet werden dh es werden Behauptungen in Beziehung auf das Ganze
der Dinge welche mit dem Namen bezeichnet sind aufgestellt Und da natürlich
durch ein jedes dieser Urteile irgend ein mehr oder weniger genau begriffenes
Attribut ausgesagt wird so assoziieren sich die Ideen dieser verschiedenen
Attribute mit dem Namen und er mitbezeichnet sie alsdann in einer gewissen
unbestimmten Weise so dass man Anstand nimmt den Namen in einem neuen Falle
anzuwenden in welchem eines der Attribute das gewöhnlich von der Klasse
ausgesagt wird nicht vorhanden ist Auf diese Weise kommt es dass für
gewöhnliche Geister Urteile welche sie gewöhnt sind in Beziehung auf eine
Klasse zu hören oder auszusprechen in einer ganz schwankenden Weise eine Art
von Mitbezeichnung für den Klassennamen bilden Nehmen wir zB das Wort
Zivilisiert Wie wenige würde man sogar unter den Gebildeteren finden welche
genau sagen könnten was das Wort Zivilisiert mitbezeichnet Es ist jedoch in dem
Geiste aller es Gebrauchenden ein Gefühl dass sie es in einer Bedeutung
gebrauchen und diese Bedeutung bildet sich in einer verworrenen Weise aus
Allem was man darüber hörte oder las wie zivilisierte Menschen oder Staaten
sind oder sein sollen
Es ist wahrscheinlich dass wenn der konkrete Name auf dieser Stufe
angelangt ist der entsprechende abstrakte Name in Gebrauch kommt In der Idee
dass der konkrete Name natürlicherweise eine Bedeutung haben müsse oder mit
anderen Worten dass eine allen damit bezeichneten Dingen gemeinschaftliche
Eigenschaft vorhanden sei geben die Menschen dieser gemeinschaftlichen
Eigenschaft einen Namen aus dem konkreten Namen Zivilisiert bilden sie dein
abstrakten Zivilisation Da aber die meisten Menschen die verschiedenen Dinge
welche bei diesen konkreten Namen genannt werden niemals in irgend einer Weise
mit einander verglichen haben um bestimmen zu können welche Eigenschaften
diese Dinge oder ob sie irgend welche mit einander gemein haben so wird jeder
auf die Merkmale verwiesen durch welche er gewöhnt ist bei Anwendung des
Ausdrucks geleitet zu werden und da diese bloß ein Ungewisses Hörensagen und
gewöhnliche Redensarten sind so werden sie bei zwei Personen nicht dieselben
noch bei einer einzigen Person dieselben zu verschiedenen Zeiten sein Es
erweckt daher das Wort wie zB Zivilisation welches die Bezeichnung der
unbekannten gemeinschaftlichen Eigenschaft darstellen soll selten in zwei
Personen dieselbe Idee Keine zwei Personen stimmen in den Dingen überein
welche sie davon aussagen und wenn es selbst von einem Dinge ausgesagt wird so
weiß weder ein Anderer noch weiß es der Sprechende selbst genau was er damit
zu behaupten vorhat Viele andere Wörter welche man anführen könnte wie zB
das Wort Ehre das Wort Gentleman zeigen diese Unbestimmtheit noch viel
auffallender
Es braucht kaum bemerkt zu werden dass allgemeine Urteile von denen
Niemand genau sagen kann was sie behaupten der Probe einer genauen Induktion
möglicherweise nicht unterworfen werden können Mag ein Name als ein Instrument
des Denkens oder als ein Mittel der Mittheilung des Resultats des Denkens
gebraucht werden immer ist es erforderlich genau das Attribut oder die
Attribute zu bestimmen welche er ausdrücken soll kurz ihm eine feste und
bestimmte Mitbezeichnung zu geben
3 Es würde indessen ein vollständiges Verkennen der Obliegenheiten des
Logikers sein wenn dieser bei der Behandlung schon gebräuchlicher Ausdrücke
denken sollte dass weil ein Name gegenwärtig keine bestimmte Mitbezeichnung
hat irgend Jemand befugt wäre ihm nach eigener Wahl eine solche Mitbezeichnung
zu geben Die Bedeutung eines schon gebräuchlichen Ausdrucks ist nicht eine
willkürlich festzustellende sondern sie ist eine unbekannte Größe die gesucht
werden muss
Vorerst ist es offenbar wünschenswert dass wir soweit als möglich die
bereits mit dem Namen verknüpften Ideenassoziationen benützen jedoch nicht so
dass wir den Gebrauch desselben in einer Weise vorschreiben die jeder früheren
Gewohnheit widerstreitet und insbesondere nicht so dass dadurch ein Zerreißen
jener strengsten aller Ideenassoziationen zwischen Namen verlangt wird welche
durch die Vertrautheit mit Urteilen worin sie von einander ausgesagt werden
gebildet sind Es ist sehr wenig wahrscheinlich dass man dem Beispiel eines
Philosophen folgen würde der seinen Worten eine solche Bedeutung unterlegte
dass wir darnach die Nordamerikanischen Indianer ein zivilisiertes Volk und die
höheren Classen in England und Frankreich Wilde nennen müssten oder wenn wir
sagen müssten ein zivilisiertes Volk lebe von der Jagd ein wildes vom Ackerbau
Wenn auch kein anderer Grund vorhanden wäre so wäre die äußerste
Schwierigkeit eine so vollständige Revolution in der Sprache zu
bewerkstelligen mehr als ein hinreichender Grund dagegen Unser Streben muss
vielmehr dahin gehen dass alle allgemein angenommenen Urteile in welche das
Wort eingeht nach Feststellung der Bedeutung desselben wenigstens eben so wahr
bleiben als sie vorher waren und dass also der konkrete Name nicht eine
Mitbezeichnung erhalte welche ihn verhindert Dinge zu bezeichnen die er in
gewöhnlicher Sprache affirmiert Die feste und genaue Mitbezeichnung welche man
ihm gibt sollte soweit sie geht mit der unbestimmten und schwankenden
Bedeutung welche er bereits hatte in Übereinstimmung stehen nicht aber davon
abweichen
Die Mitbezeichnung eines konkreten Namens oder die Bezeichnung des
entsprechenden abstrakten feststellen heißt den Namen definieren Wenn dies
geschehen kann ohne eine der gangbaren Behauptungen unzulässig zu machen so
kann der Name in Übereinstimmung mit dem Herkommen definiert werden was man
gemeiniglich nicht den Namen sondern das Ding definieren heißt Was man unter
dem uneigentlichen Ausdrucke »ein Ding definieren« oder vielmehr eine Klasse von
Dingen denn Niemand spricht davon ein Individuum zu definieren versteht ist
nichts anderes als den Namen definieren unter der Bedingung dass er diese Dinge
bezeichne Dies setzt natürlicherweise eine Vergleichung der Dinge Zug für Zug
und Eigenschaft mit Eigenschaft voraus um zu bestimmen in welchen Attributen
sie übereinstimmen und nicht selten eine streng induktive Operation um irgend
eine nichtaugenscheinliche Übereinstimmung zu ermitteln welche die Ursache der
augenscheinlichen Übereinstimmungen ist
Denn um einem Namen eine Mitbezeichnung zu geben die mit seiner Bezeichnung
von gewissen Gegenständen übereinstimmt haben wir unter den verschiedenen
Attributen in denen diese Gegenstände übereinstimmen zu wählen Zu bestimmen
worin sie übereinstimmen ist daher die erste logische Operation welche
erforderlich ist Wenn dies soweit geschehen als nötig und tunlich ist so
entsteht die Frage welches von diesen gemeinschaftlichen Attributen gewählt
werden soll um mit dem Namen assoziiert zu werden Denn wenn die Klasse welche
der Name bezeichnet eine Art ist so sind der gemeinschaftlichen Eigenschaften
unzählige und wenn dies auch nicht der Fall ist so sind sie doch oft äußerst
zahlreich Unsere Wahl wird vor Allem durch den Vorzug bestimmt welchen wir
Eigenschaften zu geben haben die wohl bekannt sind und von der Klasse
gewöhnlich ausgesagt werden aber auch diese sind oft zu zahlreich um alle in
die Definition eingeschlossen zu werden und überdies mögen die allgemeiner
bekannten Eigenschaften nicht diejenigen sein welche am besten dazu dienen um
die Klasse vor allen anderen Classen auszuzeichnen Wir sollten daher aus den
gemeinschaftlichen Eigenschaften wenn unter ihnen dergleichen zu finden sind
diejenigen wählen von denen durch die Erfahrung ermittelt oder durch Deduktion
bewiesen ist dass viele andere von ihnen abhängen oder welche wenigstens
sichere Merkmale derselben sind und aus welchen daher viele andere gefolgert
werden können Wir sehen auf diese Weise dass die Aufstellung einer guten
Definition von einem bereits üblichen Namen nicht ein Gegenstand der Wahl
sondern der Diskussion ist und der Diskussion nicht bloß in Beziehung auf die
Sprache sondern auch in Beziehung auf die Eigenschaften der Dinge und sogar auf
den Ursprung dieser Eigenschaften Es ist daher jede Erweiterung unserer
Kenntnis der Gegenstände auf welche der Name angewendet wird von einer
Verbesserung der Definition begleitet Es ist unmöglich eine vollkommene Reihe
von Definitionen in Beziehung auf einen Gegenstand zu geben wenn die Theorie
des Gegenstandes nicht vollkommen ist und so wie die Wissenschaft Fortschritte
macht so sind auch ihre Definitionen fortschreitend
4 Herr Whewell nennt die Erörterung der Definitionen soweit sie sich
nicht um den Gebrauch von Wörtern sondern um die Eigenschaften der Dinge dreht
die Erklärung von Konzeptionen Den Akt besser zu bestimmen als vorher
geschah in welchen Einzelheiten Phänomene die mit einander klassifiziert sind
mit einander übereinstimmen nennt er in seiner Terminologie »die allgemeine
Idee entwickeln wonach sie so klassifiziert sind« Indem ich von dem absehe was
in dieser Ausdrucksweise Dunkles und zu Irrtum Verleitendes liegt scheinen mir
verschiedene seiner Bemerkungen dem Zwecke so angemessen dass ich mir die
Freiheit nehme sie hier anzuführen
Herr Whewell bemerkt154 dass viele von den Streitigkeiten welche an der
Bildung des vorhandenen Kerns der Wissenschaft einen wichtigen Antheil hatten
»die Gestalt einer Definitionenschlacht annahmen Die Untersuchung in Beziehung
auf die Gesetze des Falles der Körper zB führte zu der Frage ob die geeignete
Definition einer gleichförmigen Kraft wäre dass sie eine Geschwindigkeit
erzeugt welche dem Raum vom Ruhepunkte an oder der Zeit proportional ist Der
Streit über die lebendige Kraft drehte sich um die geeignete Definition des
Maßes der Kraft Eine Hauptfrage bei der Klassifikation der Mineralien ist
welches ist die Definition einer Mineralspecies Die Physiologen haben sich
bemüht Licht über ihren Gegenstand zu verbreiten indem sie Organisation oder
einen ähnlichen Ausdruck definierten« Fragen von derselben Natur sind in
Beziehung auf die Definitionen von spezifischer Wärme latenter Wärme
chemischer Verbindung und Auflösung noch offen
»Es ist für uns sehr wichtig zu bemerken dass diese Streitigkeiten niemals
Fragen isolierter und willkürlicher Definitionen waren wofür man sie zu halten
oft versucht scheint Es ist hier in allen Fällen die stillschweigende
Voraussetzung eines Urteils vorhanden welches vermittelst der Definition
ausgedrückt werden soll und welches ihr ihre Wichtigkeit gibt Der Streit in
Beziehung auf die Definition erlangt auf diese Weise einen realen Werth und wird
zu einer Frage in Beziehung auf Wahr und Falsch So wurde in der Diskussion der
Frage was ist eine gleichförmige Kraft als ausgemacht angenommen dass die
Schwere eine gleichförmige Kraft sei In dem Streit über die lebendige Kraft
wurde angenommen dass in der gegenseitigen Einwirkung von Körpern die ganze
Wirkung der Kraft unverändert bleibe In der zoologischen Definition der Spezies
dass dieselbe aus Individuen besteht welche denselben Eltern entsprungen sind
oder sein können wird vorausgesetzt dass so verwandte Individuen einander mehr
gleichen als diejenigen welche aus einer solchen Definition ausgeschlossen
sind oder vielleicht dass so definierte Spezies beständige und bestimmte
Unterschiede besitzen Eine Definition der Organisation oder eines andern
Ausdrucks der nicht gebraucht würde um damit ein Prinzip auszudrücken hätte
keinen Werth
Die Aufstellung einer richtigen Definition eines Wortes mag daher in der
Erklärung unserer Ideen ein nützlicher Schritt sein dies wird aber nur dann der
Fall sein wenn wir es mit einem Urteil zu tun haben in dem das Wort
gebraucht wird Denn dann entsteht wirklich die Frage wie die Idee zu verstehen
und zu definieren ist damit das Urteil wahr sei
Unsere Ideen vermittelst Definitionen zu entwickeln hat der Wissenschaft
niemals genützt ausgenommen da wo ein unmittelbarer Gebrauch der Definitionen
damit verbunden war Die Definition einer gleichmäßigen Kraft war mit der
Behauptung verbunden die Schwerkraft sei eine gleichmäßige Kraft dem
Versuche die beschleunigende Kraft zu definieren folgte die Lehre dass
beschleunigende Kräfte zusammengesetzt sein können die Definition von Moment
wurde mit dem Prinzip verbunden dass gewonnenes und verlorenes Moment gleich
sind die Naturforscher würden vergeblich die erwähnte Definition der Spezies
gegeben haben wenn sie nicht auch die Charaktere der so getrennten Spezies
gegeben hätten Die Definition mag die beste Art sein unsere Idee zu
erklären aber nur die Möglichkeit sie in dem Ausdrucke der Wahrheit zu
gebrauchen macht es der Mühe wert sie überhaupt in irgend einer Weise zu
erklären Wenn uns eine Definition als ein nützlicher Schritt in der Erkenntnis
vorgelegt wird so haben wir immer ein Recht zu fragen welches Prinzip sie
ausdrücken soll«
Als die Philosophen dem Ausdrucke »eine gleichförmige Kraft« eine genaue
Mitbezeichnung gaben so war dabei die Bedingung verstanden dass der Ausdruck
fortwährend die Schwere bezeichnen solle Die Diskussion in Beziehung auf die
Definition löste sich daher in folgende Frage auf was liegt in den durch die
Schwerkraft erzeugten Bewegungen Gleichförmiges Durch Beobachtungen und
Vergleichungen wurde gefunden dass das Gleichförmige in diesen Bewegungen das
Verhältnis der erlangten Geschwindigkeit zu der verstrichenen Zeit war indem
sich gleiche Geschwindigkeiten in gleichen Zeiten addierten Es wurde daher eine
gleichförmige Bewegung definiert als eine Kraft welche gleiche Geschwindigkeiten
in gleichen Zeiten addiert So in der Mechanik bei der Definition des
mechanischen Moments Es war eine bereits angenommene Lehre dass wenn zwei
Gegenstände einen Stoß auf einander ausüben das von dem einen verlerne Moment
gleich dem ist welches der andere gewinnt Man hielt für nötig diesen Satz
beizubehalten indessen nicht aus dem Grunde der in vielen anderen Fällen in
Anwendung kommt weil er sich in dem populären Glauben bereits festgesetzt
hatte denn nur wissenschaftliche Männer hatten jemals etwas von demselben
gehört sondern man fühlte dass er eine Wahrheit enthielt Eine selbst
oberflächliche Beobachtung des Phänomene ließ keinen Zweifel dass in der
Fortpflanzung der Bewegung von einem Körper auf den andern Etwas lag wovon der
eine Körper genau gewann was der andere verlor und das Wort Moment wurde
erfunden um dieses unbekannte Etwas auszudrücken Es war daher in der
Feststellung der Definition von Moment die Entscheidung der Frage enthalten was
ist dasjenige wovon ein Körper wenn er einen andern Körper in Bewegung setzt
genau soviel verliert als er mittheilt Und nachdem das Experiment gezeigt
hatte dass dieses Etwas das Produkt der Geschwindigkeit des Körpers in seine
Masse oder Quantität von Substanz war so wurde dies zur Definition des Moments
erhoben
Die folgenden Bemerkungen155 sind daher vollkommen richtig »das Geschäft
des Definierens ist ein Teil des Geschäfts des Entdeckens So zu definieren
dass unsere Definition einen wissenschaftlichen Werth hat erfordert nicht wenig
von jenem Scharfsinne wodurch die Wahrheit entdeckt wird Wenn man deutlich
erkannt hat wie unsere Definition beschaffen sein muss so muss man auch wohl
erkannt haben welche Wahrheit darzutun ist Die Definition setzt so gut wie die
Entdeckung voraus dass wir in unserer Erkenntnis einen entschiedenen Schritt
vorwärts getan haben In dem Mittelalter machten die welche über Logik
schrieben die Definition zur letzten Stufe in dem Fortschreiten des Wissens
und in dieser Anordnung wenigstens bestätigt die Geschichte der Wissenschaft
und die aus der Geschichte abgeleitete Philosophie ihre theoretischen
Ansichten« Denn um zu urteilen wie der eine Klasse bezeichnende Name am
besten definiert werden kann müssen wir alle Eigenschaften kennen welche der
Klasse eigentümlich sind sowie auch alle Beziehungen der Verursachung oder der
zwischen diesen Eigenschaften bestehenden Abhängigkeit
Wenn die Eigenschaften welche am besten als Merkmale anderer gemeinsamen
Eigenschaften gewählt werden ebenfalls augenfällig und uns geläufig sind und
vorzüglich wenn sie zu jener allgemeinen und äußeren Ähnlichkeit beitragen
welche ursprünglich die Veranlassung zur Bildung der Klasse war so wird die
Definition eine sehr glückliche sein Aber oft ist es nötig eine Klasse durch
eine nicht allgemein bekannte Eigenschaft zu definieren vorausgesetzt dass diese
Eigenschaft das beste Merkmal der bekannten Eigenschaften sei Herr de
Blainville zB hat seine Definition des Lebens auf den Prozess der Zersetzung
und Wiederbildung gegründet welcher in einem jeden lebenden Körper unaufhörlich
Statt findet so dass die denselben zusammensetzenden Partikel in keinem
Augenblicke dieselben sind Dies ist keineswegs eine der deutlichsten
Eigenschaften lebender Körper sie könnte einem unwissenschaftlichen Beobachter
ganz entgehen Es waren indessen unabhängig von Herrn de Blainville große
Autoritäten und wie es scheint mit Recht der Ansicht dass keine andere
Eigenschaft den für die Definition erforderlichen Bedingungen so gut entspricht
6 Nachdem die Prinzipien festgestellt worden sind welche im allgemeinen
zu beobachten sind wenn man einem gebräuchlichen Ausdruck eine genaue Bedeutung
geben will muss noch bemerkt werden dass man nicht immer nach diesen
Prinzipien verfahren kann und dass sogar wenn man es kann dies gelegentlich
gar nicht wünschenswert ist Es kommen sehr häufig Fälle vor in denen es
unmöglich ist allen Bedingungen einer genauen und mit dem Gebrauche eines
Wortes in Übereinstimmung stehenden Definition desselben zu entsprechen Man
kann einem Worte häufig nicht eine einzige Mitbezeichnung beilegen wenn es noch
Alles bezeichnen soll was es gewöhnlich bezeichnet oder wenn alle Urteile in
welche es gewöhnlich eingeht und welche etwas Wahres aussagen noch wahr
bleiben sollen Abgesehen von zufälligen Zweideutigkeiten in denen die
verschiedenen Bedeutungen keinen Zusammenhang mit einander haben kommt es
fortwährend vor dass ein Wort in einem doppelten oder mehrfachen Sinne
gebraucht wird so dass der eine vom andern abgeleitet aber dennoch radikal
verschieden ist So lange ein Ausdruck unbestimmt ist dh so lange seine
Mitbezeichnung noch nicht bleibend festgestellt worden ist kann seine Anwendung
fortwährend von einem Dinge auf das andere ausgedehnt werden bis es Dinge
erreicht welche wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit denjenigen haben welche
zuerst damit bezeichnet wurden
»Nehmen wir an« sagt Dugald Stewart in seinen philosophischen Essays »dass
die Buchstaben A B C D E eine Reihe von Gegenständen bezeichnen dass A mit
B eine Eigenschaft gemein habe dass B eine mit C C eine mit D und dass D eine
Eigenschaft mit E gemein habe während keine Eigenschaft zu finden ist welche
irgend drei Gegenständen der Reihe gemein wäre Ist es nun nicht begreiflich
dass die Verwandtschaft von A und B eine Übertragung des Namens von ersterem
auf letzteres veranlassen und dass in Folge der anderen Verwandtschaften
welche die übrigen Gegenstände mit einander verbinden derselbe Name sukzessive
von B auf C von C auf D und von D auf E übergehen kann Auf diese Weise werden
A und E eine gemeinsame Benennung erhalten obgleich beide Gegenstände ihrer
Natur und ihren Eigenschaften nach so himmelweit verschieden sein können dass
man bei aller Anstrengung der Phantasie nicht begreifen kann wie die Gedanken
von dem ersteren auf den letzteren geführt wurden Die Übergänge können
indessen so leicht und so allmälig Statt gefunden haben dass wenn sie durch
die Geschicklichkeit eines Theoretikers entdeckt werden wir nicht allein
sogleich die Ähnlichkeit sondern auch die Wahrheit der Vermutung erkennen so
wie wir unter Anderem mit der Zuversicht einer intuitiven Überzeugung das
etymologische Verfahren welches die lateinische Präposition e oder ex mit dem
englischen Substantiv stranger ein Fremder verknüpft in dem Augenblicke mit
Sicherheit erkennen wo die Zwischenglieder der Kette unserem Geiste vorgeführt
werden«156
Die Anwendungen welche ein Wort durch allmälige Ausdehnung desselben von
einer Reihe von Gegenständen auf eine andere erfährt nennt Stewart nach einem
Ausdrucke von Payne Knight transitive Anwendungen und nachdem er diejenigen
welche das Resultat einer örtlichen oder zufälligen Ideenassoziation sind kurz
erläutert hat fährt er S 226 fort
»Aber obgleich bei weitem der größte Teil der transitiven oder
abgeleiteten Anwendungen der Wörter von zufälligen und unerklärlichen Capricen
der Gefühle oder der Einbildungskraft abhängen so gibt es doch gewisse Fälle
in denen sie der philosophischen Betrachtung ein sehr interessantes Feld
eröffnen Es sind die Fälle hierher zu zählen bei denen eine analoge
Übertragung des entsprechenden Ausdrucks auch in anderen Sprachen allgemein
bemerkt werden kann und bei denen die Gleichförmigkeit des Resultats natürlich
den wesentlichen Elementen der menschlichen Einrichtung zugeschrieben werden
muss Aber sogar in solchen Fällen wird man indessen bei näherer Prüfung
keineswegs immer finden dass die verschiedenen Anwendungen desselben Ausdrucks
aus irgend einer gemeinsamen Eigenschaft oder aus Eigenschaften des
Gegenstandes auf welchen sie sich beziehen entstanden sind In den meisten
Fällen können sie auf natürliche und allgemeine Ideenassoziationen zurückgeführt
werden welche in den gemeinsamen Fähigkeiten in den gemeinsamen Organen und in
dem gemeinsamen Zustand des Menschengeschlechts begründet sind Nach den
verschiedenen Graden von Innigkeit und Kraft der Ideenassoziationen auf welche
die Übergänge der Sprache gegründet sind wird man sehr verschiedene Wirkungen
zu erwarten haben Wo die Ideenassoziation eine entfernte und zufällige ist da
werden die verschiedenen Bedeutungen von einander unterschieden bleiben und im
Verlauf der Zeit oft den Anschein launenhafter Verschiedenheiten in dein
Gebrauch desselben Zeichens annehmen Wo die Ideenassoziation so natürlich und
gewöhnlich ist dass sie wahrhaft untrennbar ist da werden die transitiven
Bedeutungen in eine komplexe Idee zusammenfließen und ein jeder neue Übergang
wird eine umfassendere Generalisation des fraglichen Worts werden«
Das in dem letzten Satze ausgesprochene Geistesgesetz welches die
Hauptquelle der Schwierigkeit ist der man in Beziehung auf die Entdeckung
dieser Übergänge der Bedeutung begegnet verdient ganz besondere
Aufmerksamkeit Unkenntnis dieses Gesetzes ist die Untiefe in welcher die
größten Geister die eine Zierde des Menschengeschlechts waren Schiffbruch
gelitten haben Die Untersuchungen Platons über die Definitionen einiger der
allgemeinsten Ausdrücke der Moralphilosophie charakterisiert Bacon als eine bei
weitem größere Annäherung an eine wahre induktive Methode als irgendwo bei den
Alten zu finden ist und sie sind in der Tat fast vollkommene Beispiele eines
vorbereitenden Verfahrens der Vergleichung und Abstraktion aber aus
Unbekanntschaft mit dem obenangeführten Gesetze verschwendete er die Kraft
dieses großen logischen Instrumentes auf Untersuchungen welche kein Resultat
geben konnten da die Phänomene deren gemeinsame Eigenschaften er mit so
großem Eifer zu entdecken suchte in Wirklichkeit keine gemeinsamen
Eigenschaften besitzen Bei seinen Untersuchungen über die Wärme fiel Bacon in
denselben Fehler Unter dem Namen Wärme verwechselte er Classen von
Erscheinungen welche keine Eigenschaft gemein haben Dugald Stewart geht sicher
zu weit wenn er spricht von »einem Vorurteil das sich aus den scholastischen
Jahrhunderten auf unsere Zeit vererbt hat dass wenn ein Wort eine Menge
verschiedener Bedeutungen zulässt diese verschiedenen Bedeutungen alle Spezies
desselben Genus sein und folglich irgend eine wesentliche Idee einschließen
müssen welche einem jeden Individuum auf das der generische Ausdruck angewandt
werden kann gemein ist« denn sowohl Aristoteles als seine Nachfolger wussten
wohl dass es Dinge wie Zweideutigkeit der Sprache gibt und sie fanden ein
Vergnügen darin dieselben zu unterscheiden Aber sie vermuteten niemals eine
Zweideutigkeit in den Fällen wo wie Stewart sagt die Ideenassoziation worauf
der Übergang der Bedeutung sich gründete so natürlich und gewöhnlich ist dass
die beiden Bedeutungen sich in dem Geiste vermischen und ein wirklicher
Übergang zu einer scheinbaren Generalisation wird Sie verschwendeten daher
eine unendliche Mühe um eine Definition zu finden welche zugleich für mehrere
unterschiedene Bedeutungen dienen könnte wie in einem Falle den Stewart selbst
anführt dem der »Kausalität« die Zweideutigkeit des griechischen Wortes
welches dem Worte Ursache entspricht verleitete sie zu dem vergeblichen
Versuche die gemeinsame Idee aufzufinden welche in dem Falle einer Wirkung dem
Wirkenden efficiens der Materie der Form und dem Zweck angehört »Die
müßigen Allgemeinheiten fügt er hinzu denen wir bei anderen Philosophen in
Beziehung auf die Ideen von gut von passend und von schicklich begegnen haben
ihre Entstehung in demselben ungebührlichen Einflüssen der populären Epitheta auf
die Spekulationen der Gelehrten«
Als eines der Wörter welche so viele sukzessive Übergänge der Bedeutung
erfuhren dass eine jede Spur einer Eigenschaft welche allen den Dingen worauf
sie angewendet werden gemein oder welche diesen Dingen gemein und auch
eigentümlich sei verloren gegangen ist betrachtet Stewart das Wort Schön Und
ohne eine Frage entscheiden zu wollen welche der Logik nicht angehört ich
kann mit ihm nur stark bezweifeln dass das Wort Schön dieselbe Eigenschaft
bezeichnet wenn wir von einer schönen Farbe von einem schönen Gesicht von
einer schönen Handlung einer schönen Scene einem schönen Charakter oder einem
schönen Gedicht sprechen Wegen einer Ähnlichkeit zwischen diesen Gegenständen
oder noch wahrscheinlicher zwischen den dadurch erregten Emotionen wurde dieses
Wort ohne Zweifel von dem einen dieser Gegenstände auf den andern ausgedehnt
durch diese progressive Ausdehnung hat es jedoch zuletzt Dinge erreicht die von
jenen sichtbaren Gegenständen auf die es zweifellos zuerst angewandt wurde
sehr entfernt liegen und es ist zum wenigsten fraglich ob jetzt eine
gemeinsame Eigenschaft in allen Dingen welche wir dem Sprachgebrauch nach schön
nennen vorhanden ist es müsste denn die Eigenschaft des Angenehmen sein die
der Ausdruck sicher mitbezeichnet die aber nicht Alles sein kann was man
gewöhnlich damit ausdrücken will indem es sehr viele angenehme Dinge gibt die
wir niemals schön nennen Wenn dies nun aber der Fall ist so ist es unmöglich
dem Worte Schön eine bestimmte Mitbezeichnung in der Weise zu geben dass es
alle Gegenstände bezeichnet die es bei seinem gewöhnlichen Gebrauche jetzt
bezeichnet und keine andere Eine feste Mitbezeichnung sollte es indessen
haben denn so lange es dieselbe nicht hat kann es nicht als ein
wissenschaftlicher Ausdruck gebraucht werden und sogar bei dem gewöhnlichen
Gebrauche wird es eine ewige Quelle falscher Analogien und irriger
Generalisationen sein
Es ist dies also ein Fall der unsere Bemerkung erläutert dass wenn auch
eine allen durch den Namen bezeichneten Dingen gemeinschaftliche Eigenschaft
vorhanden ist es nicht immer wünschenswert ist diese Eigenschaft zur
Definition und ausschließlichen Bezeichnung des Namens zu erheben Es ist keine
Frage die verschiedenen Dinge welche man schön nennt sind darin ähnlich dass
sie angenehm sind aber dies zur Definition des Schönen machen und das Wort
Schön auf alle angenehmen Dinge ausdehnen hieße einen Teil der Bedeutung
welche das Wort wirklich obgleich undeutlich ausdrückt ganz fallen lassen und
tun was wir nur können damit jene Eigenschaften der Gegenstände auf welche
das Wort vorher obgleich ganz vage hindeutete übersehen werden und in
Vergessenheit geraten In einem solchen Falle ist es besser dem Ausdruck die
Mitbezeichnung so zu geben dass man seinen Gebrauch beschränkt nicht aber
ausdehnt dass mau in Beziehung auf das Epitheton Schön lieber einige Dinge
ausschließt auf welche man es gewöhnlich als anwendbar betrachtet als dass
man aus seiner Mitbezeichnung eine der Eigenschaften auslässt durch welche der
Geist bei den gewöhnlichsten und interessantesten Anwendungen des Ausdrucks mag
geleitet worden sein obgleich man sie gelegentlich aus dem Auge verloren hat
Denn wenn man ein Ding schön nennt so will man ohne Zweifel mehr sagen als es
sei bloß angenehm man glaubt ihm eine besondere Art des Angenehmen
zuzuschreiben demjenigen analog welches man in manchen anderen Dingen findet
auf welche man gewohnt ist denselben Namen anzuwenden Wenn es daher eine
besondere Art des Angenehmen gibt welche wenn auch nicht allen doch den
hauptsächlichsten Dingen die man schön nennt gemein ist so ist es besser die
Bezeichnung des Ausdrucks auf diese Dinge zu beschränken als jene Art
Eigenschaft ohne einen Ausdruck zu lassen der sie mitbezeichnet und dadurch
die Aufmerksamkeit von ihren Eigentümlichkeiten abzulenken
6 Die letztere Bemerkung erläutert eine terminologische Regel die von
großer Wichtigkeit ist die aber dennoch kaum als eine Regel anerkannt worden
ist wenn man einige wenige Denker der neuesten Zeit ausnimmt Wenn wir den
Gebrauch eines schwankenden Ausdrucks dadurch berichtigen wollen dass wir ihm
eine feste Mitbezeichnung geben so müssen wir Sorge tragen keinen Teil der
Mitbezeichnung welche das Wort vorher wenn auch immerhin in unklarer Weise
besaß fallen zu lassen es sei denn mit Absicht und auf Grund einer tieferen
Kenntnis des Gegenstandes Die Sprache verlöre dadurch eine ihrer inhärenten
und wertvollsten Eigenschaften nämlich die Eigenschaft die Erhalterin einer
weit zurückreichenden Erfahrung die Bewahrerin jener Gedanken und Beobachtungen
von Jahrhunderten zu sein welche den Richtungen der jetzigen Zeiten vielleicht
fremd sind Diese Funktion der Sprache ist so oft übersehen und unterschätzt
worden dass einige Bemerkungen darüber sehr nötig scheinen
Selbst wenn die Bedeutung eines Wortes genau festgestellt worden ist und
mehr noch wenn sie in dem Zustande eines vagen unanalysierten Gefühls der
Ähnlichkeit gelassen wurde liegt in dem Worte eine beständige Neigung durch
den gewöhnlichen Gebrauch eines Theiles seiner Mitbedeutung verlustig zu werden
Es ist ein bekanntes Gesetz des Geistes dass ein Wort mit welchem eine sehr
komplexe Ideengruppe assoziiert ist weit entfernt ist dem Geiste alle diese
Ideen bei dem Gebrauche desselben zurückzurufen es regt nur eine oder zwei
derselben an und von diesen geht der Geist wieder durch neue Assoziationen zu
einer andern Reihe von Ideen über ohne auf die Erregung des Restes vom
Ideenkomplex zu warten Wenn dies nicht der Fall wäre so könnten unsere Denken
nicht mit jener Schnelligkeit stattfinden wie es in Wirklichkeit geschieht
Wenn wir bei unseren Geistesoperationen ein Wort gebrauchen so sind wir in der
Tat oft so weit entfernt zu warten bis die komplexe Idee welche der Bedeutung
des Wortes entspricht in allen ihren Teilen zu unserm Bewusstsein gebracht
ist dass wir vielmehr durch die anderen Assoziationen die das bloße Wort
erregt zu neuen Ideenreihen übergehen ohne in unserer Imagination auch nur
irgend einen Teil seiner Bedeutung hergestellt zu haben Da wir das Wort so
gebrauchen und sogar wohl und genau gebrauchen und vermittelst desselben in
einer fast mechanischen Weise wichtige Prozesse des Schließens vollführen so
haben einige Metaphysiker indem sie von einem extremen Falle aus
generalisierten geglaubt alles Schließen sei nichts als der mechanische
Gebrauch einer Reihe von Ausdrücken nach einer gewissen Form durch die
Anwendung von vorher aufgestellten Lehrsätzen und praktischen Regeln könnten wir
die wichtigsten Angelegenheiten von Städten und Nationen beraten und besorgen
ohne dass auch nur ein einziges Mal zu unserem Bewusstsein die Häuser und die
grünen Felder die volkreichen Marktplätze die häuslichen Herde gebracht
würden aus denen nicht allein jene Städte und Nationen bestehen sondern welche
die Wörter Stadt und Nation auch offenbar bedeuten
Da also Gemeinnamen auf diese Weise gebraucht werden und sogar zum Teil
wohl gebraucht werden ohne in unserem Geiste das Ganze ihrer Bedeutung
herzustellen und da sie oft nur einen kleinen Teil oder gar nichts von jener
Bedeutung anregen so kann man sich nicht wundern dass so gebrauchte Wörter mit
der Zeit unfähig werden irgend andere von den damit verknüpften Ideen
anzuregen als die sind deren Assoziation die unmittelbarste und strengste ist
oder die durch die Lebensereignisse am meisten erhalten wird während der übrige
Teil verloren geht wenn der Geist nicht mit Bewusstsein oft dabei verweilt und
die Assoziation erhält Bei Personen von einer lebhaften Einbildungskraft
welche sich die Dinge gewöhnlich im Konkreten und mit dem Detail das ihnen in
der wirklichen Welt angehört vorstellen bewahren die Wörter natürlich viel
mehr von ihrer Bedeutung Bei Geistern von einer anderen Konstitution ist das
einzige Gegenmittel gegen diese Korruption der Sprache die Prädikation Die
Gewohnheit alle die verschiedenen Eigenschaften welche der Name ursprünglich
mitbezeichnete zu prädizieren erhält die Assoziation zwischen diesem Namen und
jenen Eigenschaften
Damit sie dies aber könne ist es nötig dass die Prädikate selbst ihre
Assoziation mit den Eigenschaften welche sie einzeln mitbezeichnen bewahren
Denn die Urteile können die Bedeutung eines Wortes nicht lebendig erhalten
wenn die Bedeutung der Urteile selbst untergehen sollte Und nichts ist
gewöhnlicher als dass Urteile mechanisch wiederholt mechanisch im Gedächtnis
behalten werden dass deren Wahrheit gänzlich zugegeben und ihr unbedingt
vertraut wird während sie doch keineswegs eine klare Bedeutung vor den Geist
bringen und während die Tatsache oder das Naturgesetz das sie ursprünglich
ausdrückten so sehr aus den Augen verloren und praktisch so sehr vernachlässigt
worden ist als ob man niemals etwas davon gehört hätte Bei denjenigen
Gegenständen welche zugleich familiär und verwickelt sind und besonders bei
denen die dies in einem Grade sind wie die moralischen und sozialen
Gegenstände zeigt die gewöhnlichste Beobachtung wie viele wichtige Urteile
aus Gewohnheit wiederholt und geglaubt werden während eine Erklärung der
Wahrheiten welche sie enthalten nicht zu geben wäre und der Sinn dieser
Wahrheiten sich praktisch nicht kundgibt Daher kommt es dass die
traditionellen Maximen alter Erfahrung obgleich sie selten bezweifelt werden
so wenig Wirkung auf unsere Lebenspraxis haben indem ihre Bedeutung von den
Meisten so lange nicht wirklich gefühlt wird als sie nicht durch persönliche
Erfahrung klar gemacht wird Und so kommt es auch dass viele Grundsätze der
Religion der Ethik und sogar der Politik so voller Bedeutung und Realität für
diejenigen welche sich zuerst dazu bekannten die Neigung zeigten nachdem die
Assoziation dieser Bedeutung mit den wörtlichen Formeln aufgehört hatte durch
die Streitigkeiten welche ihre erste Einführung begleiteten erhalten zu
werden schnell in leblose Dogmen auszuarten eine Neigung welcher alle
Anstrengungen einer Erziehung die ganz besonders und ganz geschickt auf die
Erhaltung dieser Bedeutung gerichtet ist kaum genügend entgegenwirken können
Wenn man also bedenkt dass bei verschiedenen Generationen der menschliche
Geist sich auch mit verschiedenen Dingen beschäftigt und durch die umgebenden
Umstände verleitet wird seine Aufmerksamkeit zu einer Zeit mehr auf die eine
der Eigenschaften eines Dinges zu einer andern Zeit mehr auf die andere zu
richten so ist es natürlich und unvermeidlich dass in einem jeden Jahrhundert
ein Teil unseres traditionellen Wissens da er nicht fortwährend durch die
Nachforschungen und Untersuchungen mit denen die Menschen sich gerade zu dieser
Zeit beschäftigen in Anregung bleibt einschläft und so zu sagen aus dem
Gedächtnis verschwindet Er würde Gefahr laufen ganz verloren zu gehen wenn
die Urteile oder Formeln die Resultate einer frühem Erfahrung nicht
zurückblieben nicht fortwährend wiederholt und geglaubt würden vielleicht als
Formen von Wörtern aber von Wörtern welche einstens wirklich eine Bedeutung
hatten und von denen man immer noch annimmt dass sie eine Bedeutung haben und
diese Bedeutung wenn sie suspendiert worden ist kann historisch nachgewiesen
werden und kann wenn sie angeregt wird von Geistern welche die nötige
Begabung besitzen immer noch als eine Tatsache oder eine Wahrheit anerkannt
werden So lange die Formeln bleiben kann die Bedeutung zu irgend einer Zeit
wieder aufleben und wie auf der einen Seite die Formeln allmälig die ihnen
ursprünglich beigelegte Bedeutung verlieren so werden wenn diese Vergessenheit
ihre Höhe erreicht und angefangen hat augenfällige üble Folgen zu haben auf
der andern Seite Geister erweckt welche aus der Betrachtung der Formeln die
ganze Wahrheit derselben wenn es Wahrheit war wieder entdecken und sie den
Menschen wieder verkünden nicht als eine Entdeckung sondern als die Bedeutung
von dem was man sie gelehrt hat und wozu sie sich immer noch bekennen
Es ist also in den geistigen ich meine nicht religiösen Wahrheiten und
Doktrinen von einiger Bedeutung selbst wenn sie keine Wahrheiten sind ein
ewiges Oszillieren Ihre Bedeutung unterliegt fast immer einem Prozesse entweder
des Verlorengehens oder des Wiederentdecktwerdens Wer der Geschichte der
ernsteren Überzeugungen des Menschengeschlechts der Meinungen nach denen die
allgemeine Lebensführung besonders geregelt wird oder wie man glaubt werden
sollte Aufmerksamkeit geschenkt hat weiß dass während es dieselben Lehren
wörtlich anerkennt es ihnen zu verschiedenen Zeiten eine größere oder kleinere
Quantität und sogar eine verschiedene Art von Bedeutung beilegt In ihrer
ursprünglichen Bedeutung mitbezeichneten die Wörter und drückten die Urteile
eine Komplikation von äußeren Tatsachen und inneren Gefühlen aus für deren
verschiedene Theile der menschliche Geist in verschiedenen Zeiten auch
verschieden empfänglich ist Gewöhnlichen Geistern wird während einer Generation
nur jener Teil der Bedeutung erregt wovon diese Generation die Kopie in ihrer
eigenen gewohnten Erfahrung besitzt Aber die Wörter und die Urteile liegen
bereit um einem gehörig vorbereiteten Geiste den übrigen Teil der Bedeutung an
die Hand zu gehen Solche einzelne Geister finden sich fast immer und die durch
sie wieder belebte Bedeutung findet allmälig wieder ihren Weg durch den
Gesamtgeist
Durch die seichten Ideen und das unvorsichtige Verfahren der bloßen Logiker
kann aber das Eintreffen dieser heilsamen Reaktion wesentlich verzögert werden
Es geschieht manchmal dass gegen den Schluss einer verlaufenden Periode wenn
die Wörter einen Teil ihrer Bedeutung verloren und noch nicht angefangen haben
sie wiederzuerlangen Menschen erstehen deren Haupt und Lieblingsidee die
Wichtigkeit klarer Begriffe und genauer Gedanken und daher die Notwendigkeit
einer bestimmten Sprache ist Indem diese Männer die alten Formeln prüfen
werden sie leicht gewahr dass die Wörter ohne eine Bedeutung darin gebraucht
werden und wenn sie nicht die Fähigkeiten besitzen die verlorene Bedeutung
wieder zu entdecken so verworfen sie natürlich die Formel und definieren den
Namen ohne Rücksicht auf die Formel Sie setzen damit den Namen auf das
herunter was er bei dem gewöhnlichen Gebrauch zur Zeit seiner geringsten
Quantität von Bedeutung bezeichnet und führen den Brauch ein denselben
konsequent und gleichförmig dieser Bedeutung nach zu verwenden Auf diese Weise
erlangt das Wort einen Umfang der Bezeichnung der weit über den hinausgeht
welchen es vorher hatte es wird auf viele Dinge ausgedehnt denen es dem
Anscheine nach capriziöserweise vorher versagt wurde Diejenigen von den
Urteilen in denen es früher gebraucht wurde welche kraft des verlorenen Teils
der Bedeutung wahr waren erscheinen nun bei dem helleren Lichte dieser
Definition als nicht wahr der Definition nach diese ist indessen der anerkannte
und hinreichend genaue Ausdruck von Allem was in dein Geiste eines Jeden
wahrgenommen wird der den Ausdruck heutigen Tages gebraucht Die alten Formeln
werden in Folge hiervon als Vorurteile behandelt und man lehrt die Menschen
nicht mehr wie vorher zu glauben es läge Wahrheit darin wenn sie dieselben
auch nicht verstehen Sie bleiben im Geiste der Menschen nicht länger von
Ehrfurcht umgeben und bereit zu einer jeden Zeit die ursprüngliche Bedeutung
wieder zu erwecken Wenn sie Wahrheiten enthalten so werden dieselben unter
diesen Umständen nicht allein viel langsamer entdeckt sondern nach ihrer
Entdeckung ist das Vorurteil womit das Neue angesehen wird in einem gewissen
Grade wenigstens nun gegen sie anstatt für sie zu sein
Ein Beispiel wird diese Bemerkungen verständlicher machen In allen
Jahrhunderten mit Ausnahme der Zeit in der die Spekulation durch äußeren
Zwang zum Schweigen gebracht wurde oder wo die Gefühle welche dazu treiben in
einem unbedingt anerkannten Glauben volles Genüge fanden war einer der
Gegenstände welche vorzugsweise den Geist denkender Männer beschäftigten die
Untersuchung Was ist Tugend oder Was ist ein tugendhafter Charakter Von den
verschiedenen Theorien über diesen Gegenstand welche zu verschiedenen Zeiten
erstanden und Geltung erhielten strahlt eine jede wie ein heller Spiegel das
besondere Bild des Zeitalters wieder dem sie ihre Entstehung verdankt nach der
einen dieser Theorien welche in der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts
auftauchte besteht die Tugend in einer genauen Berechnung unserer eigenen
persönlichen Interessen sowohl dieser Welt als auch der nächsten Um diese
Lehre plausibel zu machen war es natürlich erforderlich dass die einzigen
wohltätigen Handlungen welche die Menschen im allgemeinen oft zu sehen und
daher zu preisen gewohnt waren der Art waren oder dass sie wenigstens ohne
augenfälligen Tatsachen zu widersprechen so angesehen werden konnten als wären
sie das Resultat einer klugen Berücksichtigung des eigenen Interesses so dass
das Wort in der gewöhnlichen Bedeutung nicht mehr mitbezeichnete als auch in der
Definition lag
Nehmen wir nun an die Anhänger dieser Lehre hätten sich ernstlich bemüht
einen mit dieser Definition übereinstimmenden Gebrauch des Wortes einzuführen
nehmen wir an es wäre ihnen gelungen das Wort Uneigennützigkeit aus der
Sprache zu verbannen sie hätten alle Ausdrücke außer Gebrauch gesetzt welche
der Selbstsucht Tadel und der Selbstaufopferung Lob spenden oder welche die
Ansicht einschließen dass Großmut oder Güte etwas Anderes ist als eine
Wohltat ausüben um einen größeren Vorteil zurückzuempfangen Wäre es nötig zu
sagen dass diese Abschaffung der alten Formeln behufs der Erhaltung klarer
Ideen und der Konsequenz der Gedanken ein großes Übel gewesen wäre während
gerade die Unverträglichkeit der Koexistenz der alten Formeln mit
philosophischen Meinungen welche dieselben als Absurditäten zu verdammen
schienen als ein Anstoß zu einer abermaligen Prüfung des Gegenstandes wirkte
und so wurden dieselben Lehren welche in der Vergessenheit in die ein Teil
der Wahrheit gefallen war ihren Ursprung hatten zu einem indirekten aber
mächtigen Werkzeug für die Wiederbelebung dieser Wahrheiten
Die Lehre der Schule Coleridges dass die Sprache eines jeden Volkes
dessen Kultur in alten Zeiten wurzelt ein heiliges Depositorium das Eigentum
aller Jahrhunderte ist welches zu ändern kein Jahrhundert sich für befugt
halten sollte gränzt in solcher Weise ausgedrückt in der Tat aus Ungereimte
sie gründet sich aber auf eine Wahrheit die von jener Klasse von Logikern
welche mehr darauf denken eine klare Idee als eine umfassende Meinung zu haben
häufig übersehen worden ist Diese Logiker sehen wohl dass ein jedes
Jahrhundert den Wahrheiten die es von den Vorfahren empfangen hat Etwas
hinzufügt sie sehen aber nicht dass auch ein entgegengesetzter Prozess des
Verlierens bereits besessener Wahrheiten fortwährend stattfindet und nur durch
die größte Aufmerksamkeit zu verhindern ist Die Sprache ist die Niederlage
einer Summe von Erfahrungen zu welchen alle vorhergehenden Jahrhunderte ihren
Antheil beigetragen haben und welche das Erbteil aller zukünftigen ist Wir
haben nicht das Recht uns selbst zu verhindern der Nachwelt mehr von dieser
Erbschaft zu übergeben als wir selbst benutzen konnten Wir können die Schlüsse
unserer Vorväter oft bedeutend verbessern aber wir müssen Sorge tragen dass
uns nicht aus Unachtsamkeit eine ihrer Prämissen durch die Finger schlüpft Es
kann gut sein die Bedeutung eines Wortes zu ändern aber es ist schlimm irgend
einen Teil der Bedeutung fallen zu lassen Von dem der einen richtigeren
Gebrauch eines Wortes einzuführen sucht sollte man eine genaue Bekanntschaft
mit der Geschichte des besonderen Wortes und mit den Meinungen welche es in den
verschiedenen Stufen seines Fortschreitens auszudrücken diente verlangen Um
fähig zu sein den Namen zu definieren müssen wir Alles wissen was je von den
Eigenschaften der Klasse von Gegenständen bekannt gewesen ist welche damit
bezeichnet werden oder ursprünglich damit bezeichnet wurden Denn wenn wir ihm
eine Bedeutung beilegen nach welcher ein jedes Urteil das immer allgemein für
wahr gehalten wurde falsch wird so müssen wir uns wenigstens versichern Alles
zu wissen was diejenigen welche an die Wahrheit des Urteils glaubten
darunter verstanden haben
1 Nicht bloß in der vorhin angegebenen Weise nämlich durch allmälig
eintretende Unachtsamkeit auf die davon getragenen Ideen verlieren die Wörter
ihre Bedeutung Die Wahrheit ist dass die Mitbezeichnung solcher Wörter sich
fortwährend ändert wie dies von der Weise in der die Wörter beim gewöhnlichen
Gebrauch ihre Mitbezeichnung erhalten zu erwarten ist Ein wissenschaftlicher
Ausdruck der zu Zwecken der Kunst oder Wissenschaft erfunden wurde hat vor
Allem die ihm von seinem Erfinder gegebene Bedeutung aber ein Name der in
eines Jeden Mund ist ehe Jemand daran denkt ihn zu definieren erhält seine
Bedeutung nur aus den Umständen welche gewöhnlich vor den Geist treten wenn er
ausgesprochen wird Unter diesen Umständen nehmen natürlich diejenigen
Eigenschaften welche den durch den Namen bezeichneten Dingen gemein sind einen
der ersten Plätze ein und sie würden den Platz allein einnehmen wenn die
Sprache mehr durch Übereinkunft als durch Gewohnheit und Zufall geregelt
würde Aber außer diesen gemeinschaftlichen Eigenschaften welche wenn sie
existieren notwendig vorhanden sind wenn der Name angewendet wird kann ein
jeder andere Umstand sich zufällig mit ihm zusammen finden und zwar so häufig
dass er sich in derselben Weise und so stark damit assoziiert wie die
gemeinschaftlichen Eigenschaften selbst Im Verhältnis als sich diese
Assoziation bildet wird der Gebrauch des Namens in denjenigen Fällen worin
jene zufälligen Eigenschaften nicht existieren aufgegeben Man zieht vor irgend
einen andern Namen oder denselben Namen mit einem Zusatz zu gebrauchen ehe man
einen Ausdruck gebraucht welcher notwendig eine Idee erregen wird die man
nicht erregen will Der ursprünglich zufällige Umstand wird auf diese Weise in
der Regel zu einem Teil der Mitbezeichnung des Wortes
Diese fortwährende Einverleibung von ursprünglich zufälligen Umständen in
die beständige Bedeutung des Wortes ist die Ursache dass es so wenig genaue
Synonyme gibt Sie ist es welche die lexikalische Bedeutung eines Wortes zu
einem so unvollkommenen Exponenten der wirklichen Bedeutung macht Die
lexikalische Bedeutung wird in einer breiten plumpen Weise angegeben und
schließt wahrscheinlich Alles ein was ursprünglich für den richtigen Gebrauch
des Ausdrucks nötig war aber im Verlauf der Zeiten hängen sich dem Worte so
viele kollaterale Assoziationen an dass wenn es Jemand versuchen würde das
Wort ohne eine andere Hülfe als die des Wörterbuches zu gebrauchen er tausend
schöne Distinktionen und feine Schattierungen in der Bedeutung worauf
Wörterbücher keine Rücksicht nehmen verwechseln würde wie wir es bei dem
Gebrauche der Sprache in der Unterhaltung oder in der Schrift eines Fremden
welcher derselben nicht ganz mächtig ist bemerken Die Geschichte eines Wortes
indem sie die Ursachen nachweist welche den Gebrauch des Wortes bestimmten ist
in diesen Fällen eine bessere Anleitung zu dessen Gebrauch als eine jede
Definition denn die Definitionen können nur seine Bedeutungen zu einer
besonderen Zeit oder höchstens die Reihe seiner sukzessiven Bedeutungen zeigen
während die Geschichte das Gesetz zeigen kann durch das die Sukzession
hervorgebracht wurde Das englische Wort Gentleman zB für dessen richtigen
Gebrauch kein Wörterbuch eine Hülfe bietet bezeichnete ursprünglich einen
Menschen der mit einem Rang geboren wurde Allmälig mitbezeichnete es alle
Eigenschaften oder zufälligen Umstände welche man gewöhnlich bei Personen von
diesem Rang fand Diese Betrachtung erklärt auf einmal warum es in einer seiner
gewöhnlichen Bedeutungen jemand bezeichnet der nicht von Arbeit lebt in einer
anderen jemand der nicht von der Handarbeit lebt und warum es in seiner
höheren Bedeutung in einem jeden Jahrhundert das Benehmen den Charakter die
Gewohnheiten und die äußere Erscheinung bei wem sie sich auch fanden
bezeichnet hat welche zufolge der Ideen dieses Jahrhunderts den Personen
welche in einer hohen gesellschaftlichen Stellung geboren und erzogen waren
angehören
Es kommt fortwährend vor dass von zwei Wörtern deren lexikalische
Bedeutung fast einerlei oder nur wenig verschieden ist das eine das geeignete
Wort für eine Reihe von Umständen und das andere es für eine andere Reihe ist
ohne dass es möglich wäre zu zeigen wie die Gewohnheit sie so zu gebrauchen
ursprünglich entstanden ist Der Zufall dass das eine und nicht das andere der
Wörter bei einer besonderen Gelegenheit und in einem besonderen sozialen Kreise
gebraucht worden ist genügt um eine so starke Assoziation zwischen dem Worte
und einer Spezialität von Umständen hervorzubringen dass die Menschen den
Gebrauch desselben in einem jeden andern Falle verlassen und dass die
Spezialität zu einem Teil seiner Bedeutung wird Die Flut der Gewohnheit
treibt das Wort an das Ufer einer besonderen Bedeutung dann zieht sie sich
zurück und lässt es da zurück
Ein Beispiel dieser Art ist die merkwürdige Veränderung welche in der
englischen Sprache wenigstens das Wort Loyalität in seiner Bedeutung erfahren
hat Dieses Wort bedeutete ursprünglich in der englischen Sprache was es in der
Sprache woraus es stammt noch bedeutet ehrliche offene Handlungsweise und
Treue gegen Verpflichtungen in diesem Sinne war die Eigenschaft welche es
ausdrückte ein Teil des idealen ritterlichen Charakters Ich bin in der
Geschichte der Hofsprache nicht genug bewandert um sagen zu können durch
welchen Prozess es auf den einzelnen Fall der Treue gegen den Thron beschränkt
worden ist Der Unterschied zwischen einem loyalen Ritter und einem loyalen
Untertan ist aber gewiss sehr groß Ich kann nur annehmen dass das Wort zu
einer gewissen Zeit der Lieblingsausdruck bei Hofe war um die Eidestreue
auszudrücken bis zuletzt diejenigen welche von irgend einer andern und wie
sie wahrscheinlich glaubten geringeren Sorte von Treue sprechen wollten
entweder nicht wagten einen so würdevollen Ausdruck zu gebrauchen oder passend
fanden einen andern zu gebrauchen um zu vermeiden dass man sie missverstehe
2 Die Fälle sind nicht selten wo ein Umstand der zufällig der
Bedeutung eines Wortes das ursprünglich in keiner Beziehung zu ihm stand
einverleibt wurde mit der Zeit die ganze ursprüngliche Bedeutung bei Seite
schiebt und nicht bloß zu einem Teil der Bedeutung sondern zu dem Ganzen
derselben wird Dies zeigt sich bei dem Worte Heide paganus engl pagan
welches seiner Etymologie nach ursprünglich einen Dorfbewohner den Bewohner
eines pagus oder Dorfes bezeichnete Zur Zeit als sich das Christentum über das
römische Reich ausbreitete waren die Anhänger der alten Religion und die
Dorfbewohner oder das Landvolk fast einerlei Menschen indem die Städtebewohner
zuerst bekehrt wurden so wie ja auch in unseren Tagen wie zu allen Zeiten die
größere Lebhaftigkeit des gesellschaftlichen Verkehrs diese am ersten für neue
Meinungen und Moden empfänglich macht während sich alte Gewohnheiten und
Vorurteile am längsten bei dem Landvolke hinschleppen nicht zu erwähnen dass
die Städte unmittelbarer unter dem Einfluss der Regierung standen welche zu
jener Zeit das Christentum angenommen hatte Durch diese zufällige Coincidenz
erregte das Wort paganus immer beständiger die Idee eines Verehrers der alten
Gottheiten bis am Ende seine Erregung dieser Idee so stark wurde dass
diejenigen welche sie nicht erregen wollten das Wort zu gebrauchen vermieden
Als aber zuletzt paganus Heidentum mitbezeichnete da hatte man bei dem
Gebrauch des Wortes auf den in Beziehung auf jene Tatsache sehr unwichtigen
Umstand des Aufenthalts der Heiden bald nicht mehr Acht Da es selten eine
Gelegenheit für eine Unterscheidung von Heiden gab welche auf dem Lande lebten
so bedurfte man zu deren Bezeichnung keines besonderen Wortes und paganus wurde
überhaupt und ausschließlich gleichbedeutend mit Heide157
Diese und ähnliche Fälle wo die ursprüngliche Bedeutung eines Wortes ganz
verloren ging indem zuerst eine andere ganz verschiedene Bedeutung auf die
erste aufgepfropft wurde und zuletzt an deren Stelle trat bieten Beispiele
von der doppelten Bewegung dar welche in der Sprache fortwährend stattfindet
die eine dieser entgegengesetzten Bewegungen ist ein Generalisieren wodurch die
Wörter fortwährend Theile ihrer Bedeutung verlieren und dadurch eine
allgemeinere Bedeutung erhalten die andere ist ein Spezialisieren durch welches
andere oder sogar dieselben Wörter fortwährend eine neue Mitbezeichnung
erhalten eine neue Bedeutung dadurch erlangen dass sie bei ihrem Gebrauch nur
auf einen Teil der Fälle beschränkt werden bei welchen sie vorher füglich
hätten gebraucht werden können Diese doppelte Bewegung ist von hinreichender
Wichtigkeit in der Naturgeschichte der Sprache mit welcher Naturgeschichte die
künstlichen Modifikationen immer in einem gewissen Grade in Beziehung stehen
sollten um es zu rechtfertigen dass wir ein wenig länger bei der Natur dieses
doppelten Phänomens und den Ursachen welchen es seine Existenz verdankt
verweilen
3 Indem wir mit der generalisierenden Bewegung beginnen ist es unnötig
bei denjenigen Veränderungen in der Bedeutung der Namen zu verweilen welche
dadurch entstehen dass Personen welche die angenommene Bedeutung des Wortes
nicht ganz verstanden haben es unwissend in einem lockeren und weiteren Sinne
gebrauchen als ihm zukommt Es ist dies indessen eine wirkliche Quelle von
Veränderungen der Sprache denn wenn ein Wort oft in Fällen gebraucht wird wo
eine der damit bezeichneten Eigenschaften fehlt so erregt es die Idee jener
Eigenschaft nicht mehr mit Gewissheit und sogar diejenigen welche sich in dem
richtigen Gebrauche des Wortes nicht irren ziehen dann vor die Bedeutung in
einer andern Weise auszudrücken und überlassen das ursprüngliche Wort seinem
Schicksal Das Wort Pfarrer um damit nicht den Vorsteher einer Pfarre sondern
einen Geistlichen im allgemeinen zu bezeichnen das Wort Künstler Artist
womit man ursprünglich einen Bildhauer oder einen Maler bezeichnete sind
hierher gehörige Fälle Unabhängig von der Verallgemeinerung der Namen durch den
Missbrauch aus Unwissenheit besteht indessen in derselben Richtung eine Neigung
zur Veränderung welche sich mit der vollkommensten Kenntnis der Bedeutung der
Wörter verträgt und welche aus der Tatsache hervorgeht dass sich die Anzahl
der uns bekannten Dinge von denen wir das Verlangen haben zu sprechen
schneller vermehrt als die Namen dafür Im allgemeinen ist es sehr schwierig
einen neuen Namen in Gebrauch zu bringen ausgenommen für Gegenstände für
welche eine wissenschaftliche Terminologie besteht um die sich indessen
unwissenschaftliche Leute nicht bekümmern und unabhängig von dieser
Schwierigkeit ist es ganz natürlich wenn man vorzieht einem neuen Gegenstand
einen Namen zu geben welcher wenigstens seine Ähnlichkeit mit etwas bereits
Bekanntem ausdrückt da wir durch Prädizieren eines ganz neuen Namens von ihm
anfänglich keine Information mittheilen Auf diese Weise wird der Name einer
Spezies oft zum Namen einer Gattung wie zB die Wörter Salz oder Öl wovon
das erste ursprünglich Chlornatrium das letztere wie seine Etymologie zeigt
nur Olivenöl bezeichnete gegenwärtig bezeichnen sie aber große und
unterschiedene Classen von Substanzen welche jenen in einigen ihrer
Eigenschaften ähnlich sind und mitbezeichnen nur jene gemeinschaftlichen
Eigenschaften anstatt des Ganzen der unterscheidenden Eigenschaften des
Olivenöls und Seesalzes Die Wörter Glas und Seife werden in der neuem Chemie in
einer ähnlichen Weise gebraucht um Gattungen zu bezeichnen deren Substanzen in
gemeiner Sprechweise einfache Spezies sind Oft behält wie in diesen Fällen
der Ausdruck neben der allgemeinen Bedeutung auch noch seine spezielle und wird
zweideutig dh wird zu zwei Namen statt zu einem
Die Veränderungen wodurch die Wörter beim Gebrauche immer mehr
verallgemeinert und weniger ausdrucksvoll werden finden in einem noch höheren
Grade bei den Wörtern statt welche die verwickelten Phänomene des Geistes und
der Gesellschaft ausdrücken Geschichtsschreiber Reisende und im allgemeinen
alle diejenigen welche über geistige und soziale Phänomene sprechen oder
schreiben mit denen sie nicht genau bekannt sind bewirken diese Modifikation
der Sprache Mit Ausnahme von ungewöhnlich unterrichteten und denkenden Personen
ist das Wörterbuch von allen in Beziehung auf solche Gegenstände sehr arm Sie
besitzen eine kleine Anzahl von Wörtern an welche sie gewöhnt sind und welche
sie gebrauchen um die heterogensten Phänomene auszudrücken weil sie die
Tatsachen denen diese Wörter in ihrem eigenen Lande entsprechen niemals
hinreichend analysiert haben um mit den Wörtern vollkommen bestimmte Ideen
verbinden zu können Die ersten englischen Eroberer von Bengalen zB nahmen die
Phrase Landbesitzer Gutsbesitzer in ein Land mit wo die Rechte des
Individuums auf den Boden dem Grade und sogar der Natur nach äußerst
verschieden von den in England anerkannten Rechten waren Indem sie bei einem
solchen Zustande der Dinge den Ausdruck mit allen seinen englischen
Assoziationen anwandten gaben sie dem einen der nur ein beschränktes Recht
hatte ein absolutes dem andern nahmen sie alles Recht weil er kein absolutes
hatte trieben ganze Classen von Menschen zu Untergang und Verzweiflung füllten
das Land mit Räubern an schufen ein Gefühl dass Nichts sicher sei und riefen
bei den besten Absichten eine Desorganisation der Gesellschaft hervor welche
die größte Unbarmherzigkeit barbarischer Invasionen nicht hervorrufen konnte
Der Gebrauch der Wörter durch Personen welche eines so groben
Missverständnisses fähig sind bestimmt indessen die Bedeutung der Sprache die
Wörter welche sie in dieser Weise missbrauchen nehmen an Allgemeinheit zu und
die Unterrichteteren sind zuletzt gezwungen sich darein zu schicken und diese
Wörter indem sie dieselben zuerst von Unbestimmtheit dadurch befreien dass sie
ihnen eine bestimmte Mitbezeichnung unterlegen als generische Ausdrücke zu
gebrauchen indem sie die Genera in Spezies unterabtheilen
4 Während also die schnellere Zunahme der Ideen fortwährend die
Notwendigkeit erzeugt denselben Namen wenn auch unvollkommen auf eine
größere Anzahl von Fällen anzuwenden findet eine entgegengesetzte Operation
Statt durch welche die Namen im Gegenteil auf weniger Fälle beschränkt werden
indem sie aus Umständen welche ursprünglich nicht in der Bedeutung
eingeschlossen lagen aber durch eine zufällige Ursache im Geiste damit
verknüpft worden sind eine neue Mitbezeichnung erhalten Wir haben oben am
Worte paganus ein merkwürdiges Beispiel sowohl der Spezialisierung eines Wortes
nach zufälligen Assoziationen als auch der oft darauf folgenden Generalisation
in einer neuen Richtung gesehen
Ähnliche Spezialisierungen kommen sogar in der Geschichte der
wissenschaftlichen Nomenklatur häufig vor »Es ist keineswegs ungewöhnlich«
sagt Dr Paris in der geschichtlichen Einleitung zu seiner Pharmakologie »dass
ein Wort welches gebraucht wird um allgemeine Charaktere auszudrücken zum
Namen einer besonderen Substanz wird in welcher diese Charaktere vorherrschend
sind und wir werden finden dass einige wichtige Anomalien in der Nomenklatur
auf diese Weise erklärt werden können Der Ausdruck Arsenikon wovon das Wort
Arsenik herkommt war ein altes Epitheton für solche Substanzen welche starke
und scharfe Eigenschaften besaßen und da man fand dass die giftigen
Eigenschaften des Arseniks sehr stark waren so wurde der Ausdruck ganz
besonders für das Orpiment gebraucht die Form in welcher dieses Metall am
gewöhnlichsten vorkam So bezeichnete der Ausdruck verbena gleichsam herbena
alle Kräuter welche man ihrer Verwendung bei den Opfern wegen für heilig hielt
wie wir von den Dichtern lernen da aber vorzüglich ein Kraut für diese
Gebräuche verwendet wurde so bezeichnete das Wort verbena nach und nach dieses
eine besondere Kraut dessen Kenntnis uns unter diesem Namen überliefert wurde
und es genoss bis auf unsere Tage den Ruf eines Heilmittels welchen sein
heiliger Ursprung auf uns übertrug indem man es als Amulett um den Hals trug
Vitriol bezeichnete in der ursprünglichen Bedeutung eines jeden Körper mit einem
gewissen Grad von Durchsichtigkeit vitrum und es ist kaum nötig zu bemerken
dass der Ausdruck gegenwärtig eine besondere Spezies bezeichnet In derselben
Weise bezeichnete das Wort Opium als ein generischer Ausdruck ursprünglich jeden
Saft überhaupt opos succus während es gegenwärtig nur eine Spezies den des
Mohns bezeichnet So wurde das Wort Elaterium von Hippokrates gebraucht um
verschiedene innere Heilmittel insbesondere purgierende von einer heftigen und
drastischen Natur von elaunô agito moveo stimulo zu bezeichnen von den
späteren Autoren wurde es jedoch ausschließlich angewendet um die wirksame
Substanz zu bezeichnen welche aus dem Safte der wilden Gurke gewonnen wird Das
Wort Fecula bedeutete ursprünglich jede Substanz welche sich freiwillig aus
einer Flüssigkeit absetzt von faex der Grund oder Satz einer jeden
Flüssigkeit später wurde es auf die Stärke angewendet welche sich absetzt
wenn man Weizenmehl mit Wasser umrührt und zuletzt wurde es auf ein besonderes
vegetabilisches Prinzip angewendet welches wie die Stärke unlöslich in
kaltem dagegen vollständig löslich in kochendem Wasser ist mit dem es eine
gelatinöse Lösung bildet Die unbestimmte Bedeutung des Wortes fecula hat in der
pharmazeutischen Chemie unzählige Missverständnisse hervorgerufen vom Elaterium
zB sagt man es sei fecula und in dem ursprünglichen Sinne des Wortes wird es
mit Recht so genannt insofern es durch freiwilliges Absetzen aus einem
Pflanzensaft erhalten wird aber in der beschränkten und neueren Bedeutung des
Wortes erregt es eine irrige Idee denn statt des in der fecula sitzenden
wirksamen Prinzips des Saftes ist es ein besonderes näheres Prinzip sui generis
welchem ich mir erlaubte den Namen Elatin zu geben Aus demselben Grunde ist
die Bedeutung des Wortes Extrakt von vielem Zweifel und Dunkel umgeben denn es
wird im allgemeinen auf jede Substanz angewendet welche durch Verdampfen einer
vegetabilischen Lösung erhalten wird und spezifisch auf ein besonderes näheres
Prinzip das gewisse Charaktere besitzt durch welche es sich von einem jeden
anderen elementaren Körper unterscheidet«
Ein generischer Ausdruck kann auf diese Weise auf eine einzige Spezies und
sogar auf ein Individuum beschränkt werden wenn die Menschen Gelegenheit haben
öfter von dieser Spezies oder von diesem Individuum zu sprechen als von etwas
Anderem was in dem genus enthalten ist So wird ein Kutscher unter Tieren
Pferde verstehen in der Sprache des Ackerbauers bedeutet das Wort Vieh Ochsen
und der Ausdruck Vögel bedeutet bei manchen Jägern nur Rebhühner Das in diesen
trivialen Fällen wirkende Sprachgesetz ist ganz dasselbe nach welchem das
Christentum die Ausdrücke Theos Deus und Gott von dem Polytheismus annahm um
den alleinigen Gegenstand der eigenen Anbetung auszudrücken Fast die ganze
Terminologie der christlichen Kirche besteht aus Wörtern welche früher in einer
allgemeineren Bedeutung gebraucht wurden Ecclesia Versammlung Bischof
Episkopus Aufseher Priester Presbyter Ältester Decan Diaconus Verwalter
Sakrament ein Gelübde der Lehenspflicht der Fahneneid Evangelium gute
Nachrichten und einige andere Wörter wie Minister werden noch in dem
allgemeinen sowohl wie in dem beschränkten Sinne gebraucht Es wäre interessant
die Stufen nachzuweisen über die das Wort Autor dazu gelangt ist einen
Schriftsteller zu bezeichnen sowie das Wort poiêtês oder Macher einen Poeten
oder Dichter
Von Fällen in welchen in die Bedeutung eines Wortes Umstände einverleibt
wurden die in einer früheren Periode zufällig damit im Zusammenhang standen
wie bei dem Worte paganus könnte man leicht sehr viele anführen Physikus
physikos oder Naturforscher wurde synonym mit Heilkünstler weil in früheren
Zeiten die Ärzte die einzigen Naturforscher waren Kleriker oder Clericus ein
Gelehrter bezeichnete zuletzt einen Geistlichen weil während vieler
Jahrhunderte die Geistlichen die alleinigen Gelehrten waren
Die Neigung sich durch Assoziation an Alles zu hängen womit sie einmal im
Zusammenhang standen haben indessen am meisten die Ideen unserer Freuden und
unserer Schmerzen oder der Dinge welche wir gewöhnlich als Quellen unserer
Freuden und unserer Schmerzen betrachten Die neue Mitbezeichnung welche daher
ein Wort am ehesten und bereitwilligsten annimmt ist die einer Annehmlichkeit
oder einer Unannehmlichkeit in ihren verschiedenen Arten und Graden die ein
gutes oder ein böses Ding zu sein wünschenswert oder nicht wünschenswert ein
Gegenstand des Hasses der Furcht der Verachtung der Bewunderung der Hoffnung
oder der Liebe zu sein Es gibt demnach kaum einen einzigen Namen der eine
moralische oder soziale Tatsache ausdrückt die darauf berechnet ist einen
starken Affekt von einer günstigen oder von einer feindseligen Natur
hervorzurufen der nicht entschieden und unwiderstehlich eine Mitbezeichnung
dieser starken Affekte oder wenigstens des Lobes oder des Tadels enthielte
dergestalt dass der Gebrauch dieser Namen in Verbindung mit anderen Namen
durch welche die entgegengesetzten Gefühle ausgedrückt werden die Wirkung eines
Paradoxon oder sogar einer contradictio in adjecto eines Widerspruchs in den
Worten hervorbringen würde Die verderbliche Wirkung der so erlangten
Mitbezeichnungen auf unsere Schlüsse und Denkgewohnheiten ist bei vielen
Gelegenheiten von Bentham nachgewiesen worden Sie erzeugt Trugschlüsse von »die
Frage zum Satz erhebenden Namen« Die Eigenschaft von der wir untersuchen
wollen ob sie ein Ding besitzt oder nicht hat sich mit dem Namen des Dinges so
vergesellschaftet dass sie ein Teil seiner Bedeutung geworden ist so dass wir
durch das bloße Aussprechen des Namens den Punkt voraussetzen der noch zu
beweisen war eine der häufigsten Quellen von dem Anscheine nach
selbstverständlichen Urteilen
Ohne noch mehr Fälle anzuführen um die Veränderung zu erläutern welche der
Gebrauch fortwährend in der Bedeutung der Wörter hervorbringt will ich als eine
praktische Regel noch hinzufügen dass der Logiker da er nicht im Stande ist
solche Veränderungen zu verhindern sich ihnen gutwillig unterwerfen sollte
nachdem sie unwiderruflich Statt gefunden haben und dass wenn eine Definition
nötig ist er das Wort nach seiner neuen Bedeutung definieren sollte indem er
die frühere als eine zweite Bedeutung beibehält wenn es nötig und Aussicht
vorhanden ist sie der philosophischen Sprache oder dem gemeinen Gebrauche zu
bewahren Die Logiker können nur die Bedeutung von wissenschaftlichen Ausdrücken
machen die aller anderen Wörter wird durch das gesamte menschliche Geschlecht
gemacht Aber die Logiker können genau ermitteln was dunkel wirkend den Geist
der Menschen zu dem besonderen Gebrauch eines Wortes geführt hat und wenn sie
dies gefunden haben so können sie es in so klare und bleibende Worte kleiden
dass die Menschen die Bedeutung welche sie vorher nur fühlten nun sehen und
dass sie dieselbe nunmehr nicht in Vergessenheit geraten oder missverstehen
lassen werden
1 Wir haben bisher nur eines von den Erfordernissen einer für die
Erforschung der Wahrheit geeigneten Sprache untersucht das nämlich dass ein
jeder von ihren Ausdrücken eine bestimmte und nicht misszuverstehende Bedeutung
habe Wie wir indessen bereits bemerkt haben gibt es noch andere
Erfordernisse von denen einige nur im zweiten Grade wichtig sind eines aber
ein fundamentales ist und an Wichtigkeit nur der bereits so weitläufig
erörterten Eigenschaft nachsteht wenn es ihr überhaupt nachsteht Um die
Sprache für ihre Zwecke geschickt zu machen sollte ein jedes Wort nicht nur
seine Bedeutung vollkommen ausdrücken sondern es sollte auch keine wichtige
Bedeutung ohne ihr Wort geben Für Alles worüber wir häufig Gelegenheit haben
zu denken und für wissenschaftliche Zwecke sollte ein angemessenes Wort
vorhanden sein
Dieses Erfordernis der philosophischen Sprache kann von drei verschiedenen
Gesichtspunkten aus betrachtet werden indem eine gleiche Anzahl von Bedingungen
darin inbegriffen ist
2 Erstens Es sollten alle diejenigen Namen vorhanden sein welche
erforderlich sind um eine solche Aufzeichnung einzelner Beobachtungen zu
machen dass die Worte der Aufzeichnung genau zeigen was für eine Tatsache man
beobachtet hat Mit anderen Worten wir bedürfen einer genauen beschreibenden
Terminologie
Da unsere Sensationen oder andere Gefühle die einzigen Dinge sind welche
wir direkt beobachten können so würde eine vollständige beschreibende Sprache
eine Sprache sein in welcher ein Name für eine jede Varietät von elementarer
Empfindung oder von elementarem Gefühl vorhanden ist Kombinationen von
Empfindungen oder Gefühlen lassen sich immer beschreiben wenn wir Namen für ein
jedes der elementaren Gefühle haben woraus sie zusammengesetzt sind aber Kürze
der Beschreibung und Klarheit welche oft von der Kürze abhängt wird dadurch
sehr gefördert dass man nicht allein den Elementen sondern auch allen oft
wiederkehrenden Kombinationen deutliche Namen gibt Ich kann bei dieser
Gelegenheit nichts Besseres tun als einige von den vortrefflichen
Bemerkungen welche Hr Whewell158 über diesen wichtigen Teil unseres
Gegenstandes gemacht hat anzuführen
»Die Bedeutung von beschreibenden technischen Ausdrücken« sagt er »kann
in dem ersten Falle nur durch Übereinkunft festgestellt und kann nur dadurch
verständlich gemacht werden dass man das was die Wörter zu bedeuten haben den
Sinnen darbietet Die Erkennung einer Farbe aus ihrem Namen kann nur durch das
Auge gelehrt werden Keine Beschreibung kann einem nur Hörenden beibringen was
wir unter Apfelgrün oder Berlinerblau verstehen Bei dem ersten Beispiel könnte
man vielleicht voraussetzen das Wort Apfel welches sich auf einen so bekannten
Gegenstand bezieht errege die Idee der Farbe schon genügend in dem Geist Aber
man kann leicht sehen dass dies nicht wahr ist denn das Grün der Äpfel ist
sehr verschieden und nur durch eine konventionelle Wahl können wir das Wort
einer besonderen Schattierung dieser Farbe beilegen Wenn dies einmal geschehen
ist so bezieht sich das Wort auf die Sensationen und nicht auf Theile des
Wortes denn diese treten in die Verbindung bloß als eine Hülfe für das
Gedächtnis es werde die Idee durch einen natürlichen Konnex wie beim
Apfelgrün oder einen zufälligen wie beim Berlinerblau erregt Um aus
derartigen technischen Ausdrücken den gehörigen Vorteil zu ziehen müssen sie
unmittelbar mit der Wahrnehmung der sie angehören assoziiert und nicht durch
die vagen Gebräuche der gewöhnlichen Sprache damit verbunden werden Das
Gedächtnis muss die Sensation zurückhalten und das technische Wort muss so
direkt wie das familiärste Wort und noch deutlicher verstanden werden Wo wir
Ausdrücke finden wie zinnweiss oder tombakbraun da sollte die damit
bezeichnete metallische Farbe ohne Verzug und Mühe unserem Gedächtnis
vorschweben«
»Dies was in Beziehung auf die einfacheren Eigenschaften der Körper wie
Farbe und Gestalt in der Erinnerung zu bewahren von großer Wichtigkeit ist
ist nicht weniger wahr in Beziehung auf zusammengesetztere Begriffe In allen
Fällen wird die besondere Bedeutung des Wortes durch Übereinkunft festgestellt
und um das Wort zu gebrauchen muss man mit der Übereinkunft vollkommen bekannt
sein so dass man nicht nötig hat aus dem Worte selbst Vermutungen zu
schöpfen Solche Vermutungen würden immer unsicher und oft irrig sein So wird
auf eine Blüte angewendet der Ausdruck schmetterlingsartig papilionaceus
gebraucht nicht bloß um eine Ähnlichkeit mit einem Schmetterlinge anzuzeigen
sondern auch eine Ähnlichkeit welche aus fünf Blumenblättern von einer
gewissen Gestalt und Anordnung hervorgeht und wenn auch die Ähnlichkeit noch
grösser wäre als sie in solchen Fällen ist wenn sie aber in einer anderen Weise
hervorgebracht wäre wie zB mir durch ein Blumenblatt oder durch zwei
Blumenblätter anstatt durch eine Fahne zwei Flügel und ein aus zwei mehr oder
weniger zusammengewachsenen Teilen bestehenden Kiel so dürften wir nicht mehr
von einer schmetterlingsartigen Blüte sprechen«
Wenn indessen wie in dem ersten Falle das benannte Ding eine Kombination
von einfachen Sensationen ist so ist es um die Bedeutung kennen zu lernen
nicht nötig dass man zu den Sensationen selbst zurückgehe sie kann
vermittelst anderer Wörter mitgeteilt kurz der Ausdruck kann definiert werden
Aber die Namen der einfachen Sensationen oder Gefühle können weder definiert
werden noch gibt es ein anderes Mittel um Jemand damit bekannt zu machen als
ihn die Sensation selbst erfahren zu lassen oder durch ein bekanntes Merkmal die
Erinnerung der Sensation wenn er sie früher erfahren hat zu wecken Es sind
daher nur die Eindrücke auf die äußeren Sinne oder diejenigen inneren Gefühle
welche in einer sehr augenfälligen und gleichförmigen Weise mit den äußeren
Gegenständen verknüpft sind einer genauen beschreibenden Sprache fähig Die
zahllose Menge von Empfindungen welche zB aus einer Krankheit oder aus
besonderen physiologischen Zuständen entstehen würde man vergeblich zu benennen
suchen denn da niemand beurteilen kann ob die Empfindung welche ich habe
dieselbe ist die er hat so kann der Name für uns beide keine gemeinschaftliche
Bedeutung haben Dasselbe kann bis zu einem hohen Grade von geistigen Gefühlen
gesagt werden In einigen von den Wissenschaften dagegen welche sich mit
äußeren Gegenständen beschäftigen ist es kaum möglich über die
Vollkommenheit bis zu welcher diese Eigenschaft der philosophischen Sprache
geführt worden ist noch weiter hinauszugehen
»Die Bildung159 einer genauen und umfassenden deskriptiven Sprache für die
Botanik« fährt Herr Whewell fort »ist mit einer Geschicklichkeit und einem
Glücke ausgeführt worden wie man sich vorher kaum hätte träumen lassen Jeder
Teil der Pflanze erhielt seinen Namen und die Gestalt eines jeden noch so
kleinen Theiles erhielt so viel geeignete beschreibende Ausdrücke dass der
Botaniker dadurch die Kenntnis der Form und Struktur so genau mittheilen kann
oder mitgeteilt erhalten kann als wenn ihm jeder kleine Teil sehr vergrößert
vorgelegt worden wäre Dies Resultat war ein Teil der Reform der Botanik durch
Linné Tournefort sagt Decandolle war der Erste der den Nutzen wahrnahm
den Sinn der Ausdrücke in einer Weise festzustellen dass immer dasselbe Wort
für denselben Sinn gebraucht dieselbe Idee immer durch dasselbe Wort
ausgedrückt werde aber es war Linné welcher diese botanische Sprache wirklich
schuf und feststellte und dies ist sein größter Ruhm denn durch diese
Feststellung der Sprache verbreitete er Klarheit und Präzision über alle Theile
der Wissenschaft«
»Es ist unnötig hier eine detaillierte Erklärung der botanischen Ausdrücke
zu geben Die fundamentalen Ausdrücke wurden in dem Verhältnis eingeführt als
die Theile der Pflanzen genau und sorgfältig untersucht wurden Auf diese Weise
wurde die Blüte notwendig unterschieden in den Kelch calyx die Blumenkrone
corolla die Staubfäden stamina und den Stempel oder dass Pistill
pistillum die Theile der Blumenkrone wurden von Columna Blumenblätter
petala genannt die des Kelches nannte Necker Kelchblätter sepala Manchmal
wurden Ausdrücke von einer größeren Allgemeinheit ersonnen wie perianthium die
Blütendecke die den Kelch und die Korolle einschließt es seien beide oder
nur das eine vorhanden pericarpium die Fruchthülle für den Teil der den
Kern einschloss von welcher Art er war wie Obst Nuss Hülse usw Man kann
sich leicht vorstellen dass beschreibende Ausdrücke durch Definition und
Kombination sehr zahlreich und deutlich werden können So kann man ein Blatt
fiederspaltig pinnatifidus fiederteilig pinnatipartitus fiederschnittig
pinnatisectus fiederlappig pinnatilobatus handspaltig palmatifidus
handteilig palmatipartitus etc nennen und ein jedes von diesen Wörtern
bezeichnet verschiedene Kombinationen der Modi und des Umfangs der Teilung des
Blattes mit den Teilungen seines Umrisses In einigen Fällen werden
willkürliche numerische Beziehungen wirklich in die Definition eingeführt so
nennt man ein Blatt zweilappig bilobus wenn es durch einen Einschnitt in zwei
Theile geteilt wird geht jedoch der Einschnitt bis zur Mitte der Blattlänge
so heißt es zweispaltig bifidus geht er bis nahe an die Basis des Blattes
zweitheilig bipartitus wenn bis zur Basis zweischnittig bisectus Die
Hülse einer Crucifere heißt Schote siliqua wenn sie viermal so lang als
breit ist wenn sie kürzer ist Schötchen silicula Nach der Aufstellung einer
solchen Terminologie wird die Form eines sehr verwickelten Blattes wie das
Blatt oder der Wedel eines Farnkrautes Hymenophyllum Wilsoni durch folgende
Ausdrücke genau beschrieben Wedel starr gefiedert Fieder zurückgebogen
einseitig fiederspaltig die Abschnitte gleichbreit ungeteilt oder zweispaltig
feindörnigsägezähnig«
»Andere Charaktere werden ebenso genau beschrieben wie die Form die Farben
vermittelst einer klassifizierten Farbenscala Eine solche Farbenscala wurde
von Werner mit großer Genauigkeit aufgestellt und ist bei den Naturforschern
noch jetzt die am meisten gebrauchte Werner führte auch eine genauere
Terminologie in Beziehung auf andere Charaktere ein die in der Mineralogie sehr
wichtig sind wie Glanz Härte Mohs verbesserte sie aber noch indem er eine
numerische Härtescala aufstellte in welcher Talk 1 Gyps 2 Kalkspat 3 ist
usw Durch die Definition einiger anderer Eigenschaften wie zB des
spezifischen Gewichtes erhält man ebenfalls ein numerisches Maß andere
Eigenschaften wie die Krystallform verlangen einen bedeutenden Aufwand von
mathematischem Kalkül um ihre Relationen und ihre Abstufungen nachzuweisen«
3 Soviel von der beschreibenden Terminologie oder von der Sprache
welche erforderlich ist um unsere Beobachtung einzelner Fälle dem Gedächtnis
einzuverleiben Wenn wir aber von ihr zur Induktion oder vielmehr zu jener
Vergleichung beobachteter Fälle übergehen die eine Vorbereitung für die
Induktion ist so bedürfen wir einer neuen und ganz verschiedenen Art von
Gemeinnamen
Wenn wir es für die Zwecke der Induktion für nötig finden eine neue
allgemeine Vorstellung nach Hrn Whewell s Terminologie einzuführen dh
wenn die Vergleichung einer Reihe von Erscheinungen zu der Erkenntnis eines
gemeinsamen Umstandes in denselben führt der für uns ein neues Phänomen ist
weil unsere Aufmerksamkeit bei einer früheren Gelegenheit nicht darauf gerichtet
war so ist es erforderlich dass diese neue Idee oder dieses neue Resultat der
Abstraktion einen geeigneten Namen erhalte insbesondere wenn der darin
eingeschlossene Umstand der Art ist dass er zu vielen Konsequenzen führt oder
wenn es von ihm wahrscheinlich ist dass man ihn auch in anderen Classen von
Erscheinungen finden wird Ohne Zweifel könnte mau in den meisten derartigen
Fällen eine Meinung dadurch ausdrücken dass man verschiedene bereits
gebräuchliche Wörter vereinigt Wenn aber von einem Dinge oft gesprochen werden
soll so sind mehr Gründe vorhanden als Ersparnis von Zeit und Raum um in der
möglichst concisen Weise von ihm zu sprechen Welches Dunkel würde über die
geometrischen Demonstrationen verbreitet werden wenn man anstatt des Wortes
Kreis fortwährend die Definition desselben gebrauchen würde In der Mathematik
und ihren Anwendungen wo die Natur des Prozesses verlangt dass sich die
Aufmerksamkeit sehr konzentriere nicht aber dass sie sich weit verbreite ist
die Wichtigkeit der Konzentration auch in den Ausdrücken immer gebührend gefühlt
worden ein Mathematiker findet nicht sobald dass er oft Gelegenheit haben
wird von denselben zwei Dingen zu gleicher Zeit zu sprechen als er auch schon
einen Ausdruck schafft um sie auszudrücken wenn sie verbunden sind wie er
dann in seinen algebraischen Operationen für am bnpq oder für ab bc
cd etc die einfachen Buchstaben P Q oder S substituiert nicht bloß um
seine symbolischen Ausdrücke abzukürzen sondern um auch den rein geistigen
Teil seiner Operationen zu vereinfachen indem er den Geist in den Stand setzt
seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Relation zwischen der Größe S und
den anderen Größen zu wenden die in die Gleichung eingehen ohne durch
unnötiges Denken an die Theile aus denen S selbst zusammengesetzt ist
zerstreut zu werden
Außer der Förderung der Deutlichkeit gibt es noch einen anderen Grund um
einem jeden der wichtigeren in dem Verlauf unserer geistigen Prozesse
gewonnenen Resultate der Abstraktion einen kurzen und kompakten Namen zu geben
Indem wir dieselben benennen heften wir unsere Aufmerksamkeit darauf wir
bewahren sie beständiger in unserm Geiste Man erinnert sich der Namen und diese
Erinnerung bringt die Definition mit sich während wenn anstatt durch besondere
und charakteristische Namen die Bedeutung durch Zusammenstellung einer Anzahl
anderer Namen ausgedrückt worden wäre diese bereits für andere Zwecke im
gewöhnlichen Gebrauch vorkommende besondere Wortverbindung nichts besessen
hätte um eine Erinnerung daran hervorzurufen Wenn wir eine Verbindung von
Ideen in dem Geiste dauernd machen wollen so befestigt sie nichts so sehr als
ein Name der speziell dazu bestimmt ist sie auszudrücken Wenn die
Mathematiker gezwungen gewesen wären »von demjenigen welchem sich eine Größe
bei der Vermehrung oder bei der Verminderung fortwährend nähert so dass der
Unterschied geringer wird als jede angebbare Größe dem die Größe aber niemals
genau gleich kommt« zu sprechen anstatt alles dies durch die einfache Phrase
»die Grenze einer Größe« auszudrücken so würden wir wahrscheinlich lange ohne
die wichtigen Wahrheiten geblieben sein welche vermittelst der Relation
zwischen Größen verschiedener Art und ihren Grenzen entdeckt worden sind Wenn
anstatt vom Moment zu sprechen es nötig gewesen wäre zu sagen »das Produkt aus
der Anzahl von Schnelligkeitseinheiten in der Schnelligkeit in die Zahl der
Maßeneinheiten in der Masse« so würden uns wahrscheinlich viele von den
vermittelst dieser komplexen Idee jetzt verstandenen dynamischen Wahrheiten
entgangen sein weil wir die Idee selbst nicht mit der hinreichenden
Schnelligkeit und Vertrautheit hätten zurückrufen können Bei weniger von den
Thematen der gewöhnlichen Erörterung entfernten Gegenständen wird ein Jeder der
die Aufmerksamkeit auf eine neue und unbekannte Distinktion zwischen den Dingen
lenken will keinen sicherem Weg finden als einen geeigneten Namen zu dem
besonderen Zwecke zu erfinden oder zu wählen um diese Distinktion damit zu
bezeichnen
Ein ganzer Band welcher der Erklärung von dem gewidmet wäre was der
Schriftsteller unter Zivilisation versteht und was nicht kann keine so lebhafte
Vorstellung davon erregen als der einfache Ausdruck dass Zivilisation ein von
der Kultivierung verschiedenes Ding ist indem die Kompaktheit dieser kurzen
Bezeichnung der kontrastierenden Eigenschaften ein Äquivalent für eine lange
Diskussion ist Wenn wir dem Verständnis und dem Gedächtnis die Distinktion
zwischen den zwei verschiedenen Ansichten über RepräsentativRegierung sehr
eindringlich einprägen wollten so könnten wir dies nicht besser tun als indem
wir sagen Repräsentation sei nicht Delegation Kaum finden irgend originelle
Gedanken über geistige oder soziale Phänomene jemals eher ihren Weg unter die
Menschen oder erhalten in dem Geiste sogar ihrer eigenen Erfinder eher ihre
eigentliche Wichtigkeit als bis sie durch gut gewählte Worte gleichsam
angenagelt und festgehalten werden
4 Wir haben nun zwei von den drei wesentlichen Teilen einer
philosophischen Sprache angeführt sie sind eine geeignete Terminologie um die
beobachteten individuellen Tatsachen mit Präzision beschreiben zu können ein
Name für eine jede gemeinsame Eigenschaft von Wichtigkeit oder von Interesse
welche wir durch Vergleichung dieser Tatsachen entdecken einschließlich der
als der jenen abstrakten Wörtern entsprechenden konkreten Namen für die
Classen welche wir kraft dieser Eigenschaften künstlich aufstellen oder
wenigstens einschließlich so vieler als uns häufig Gelegenheit geben in
Beziehung auf sie etwas zu prädizieren
Es gibt aber eine Art Classen für deren Erkennung ein so sorgfältiger
Prozess nicht nötig ist weil eine jede derselben von allen anderen sich
unterscheidet nicht durch irgend eine Eigenschaft deren Entdeckung vielleicht
von einem schwierigen Akt der Abstraktion abhängt sondern durch ihre
Eigenschaften im allgemeinen Ich meine die Arten der Dinge in dem Sinne der
diesem Worte im vorliegenden Werke gegeben wurde Man wird sich erinnern dass
wir unter einer Art eine von jenen Classen verstehen welche sich von allen
anderen nicht durch eine oder durch wenige bestimmte Eigenschaften
unterscheiden sondern durch eine unbekannte Menge von Eigenschaften indem die
Kombination von Eigenschaften auf welche die Klasse gegründet ist ein bloßer
Wegweiser für eine unbestimmte Anzahl von anderen unterscheidenden Attributen
ist Die Klasse Pferd ist eine Art weil wie wir wissen die Dinge welche
darin übereinstimmen dass sie die Charaktere besitzen woran wir ein Pferd
erkennen in einer großen Anzahl von anderen Eigenschaften übereinstimmen und
ohne Zweifel in mehr Eigenschaften als wir wissen Ebenso ist die Klasse Thier
eine Art weil eine Definition des Namens Thier die allen Tieren
gemeinschaftliche Eigenschaften weder jemals erschöpfen noch Prämissen abgeben
könnte aus denen der Rest dieser Eigenschaften zu folgern wäre Aber eine
Verbindung von Eigenschaften die nicht von der Existenz anderer unabhängiger
Eigentümlichkeiten Zeugnis gibt konstituiert keine Art Weiße Pferde sind
daher keine Art weil Pferde die in der weißen Farbe übereinstimmen in nichts
übereinstimmen als in den allen Pferden gemeinsamen Eigenschaften und in den
möglichen Ursachen und Wirkungen dieser besonderen Farbe
Nach dem Grundsatz dass es für ein jedes Ding von dem wir oft Gelegenheit
haben etwas auszusagen einen Namen geben sollte müsste offenbar für eine jede
Art ein Name vorhanden sein denn da es gerade die Bedeutung der Art ist dass
die sie zusammensetzenden Individuen eine unbestimmte Anzahl von Eigenschaften
gemein haben so folgt dass wenn die Art auch nicht bei unseren gegenwärtigen
Kenntnissen ein Gegenstand ist auf welchen viele Prädikate anzuwenden sein
werden sie es doch bei unserem noch zu erlangenden Wissen sein kann Es ist
daher das dritte Element einer philosophischen Sprache dass ein Name für eine
jede Art vorhanden sei Mit anderen Worten wir müssen nicht bloß eine
Terminologie sondern wir müssen auch eine Nomenklatur haben
Die Wörter Nomenklatur und Terminologie werden fast von allen
Schriftstellern ohne Unterscheidung gebraucht und so viel mir bekannt ist war
Herr Whewell der Erste welcher denselben verschiedene Bedeutungen beilegte Da
aber die Unterscheidung welche er zwischen ihnen gemacht hat eine reale und
wichtige ist so wird man seinem Beispiele wahrscheinlich folgen auch findet
man wie dies leicht der Fall ist wenn solche Neuerungen in der Sprache
geschickt vollbracht werden dass ein unbestimmtes Gefühl eines Unterschiedes
auf den Gebrauch dieser Wörter in der gewöhnlichen Praxis Einfluss hatte noch
ehe die Zweckmäßigkeit sie philosophisch zu unterscheiden nachgewiesen worden
war Ein Jeder würde sagen dass die von Lavoisier und GuytonMorveau in der
chemischen Sprache bewirkte Reform in der Einführung einer neuen Nomenklatur
und nicht einer neuen Terminologie bestand Lineale lanzettförmige ovale oder
länglichte gezähnte sägezähnige oder gekerbte Blätter sind Ausdrücke welche
einen Teil der botanischen Terminologie bilden während die Namen »Viola
odorata« und »Ulex europaeus« ihrer Nomenklatur angehören
Eine Nomenklatur kann definiert werden als die Sammlung der Namen aller
Arten womit sich irgend ein Zweig des Wissens beschäftigt oder besser aller
untersten Arten oder infimae species derjenigen welche in der Tat
unterabtheilt werden können jedoch nicht in Arten und welche im allgemeinen
mit dem übereinstimmen was man in der Naturgeschichte einfach Spezies nennt
Die Wissenschaft besitzt zwei vorzügliche Beispiele einer systematischen
Nomenklatur die der Pflanzen und Tiere welche von Linné und seinen
Nachfolgern aufgestellt wurde und die der Chemie welche wir der berühmten
Gruppe von Chemikern verdanken die gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts
in Frankreich glänzte In diesen zwei Wissenschaften hat nicht bloß eine jede
bekannte Spezies oder unterste Art ihren Namen angewiesen bekommen sondern auch
neue unterste Arten erhalten bei ihrer Entdeckung sogleich ihre Namen nach einem
gleichförmigen Prinzip In anderen Wissenschaften ist die Nomenklatur
gegenwärtig noch auf kein System gegründet entweder weil die zu benennenden
Spezies nicht zahlreich genug sind um einer solchen zu bedürfen wie in der
Geometrie oder weil keine dieser Wissenschaften bis jetzt ein geeignetes
Prinzip für ein solches System dargeboten hat wie die Mineralogie in welcher
der Mangel einer wissenschaftlichen Nomenklatur gegenwärtig die Ursache ist
welche den Fortschritt dieser Wissenschaft verzögert
5 Ein Wort dem man ansieht dass es einer Nomenklatur angehört scheint
sich auf den ersten Anblick von anderen konkreten Gemeinnamen darin zu
unterscheiden dass seine Bedeutung nicht in seiner Mitbezeichnung in den
darin inbegriffenen Attributen liegt sondern in seiner Bezeichnung dh in der
besonderen Gruppe von Dingen die es zu bezeichnen bestimmt ist und dass es
daher nicht vermittelst einer Definition erklärt werden kann sondern auf einem
anderen Wege kenntlich gemacht werden muss Diese Ansicht scheint mir indessen
irrig Wörter welche einer Nomenklatur angehören unterscheiden sich glaube
ich vorzüglich darin dass sie außer der gewöhnlichen noch eine ihnen
eigentümliche Mitbezeichnung besitzen außer der Mitbezeichnung gewisser
Attribute bezeichnen sie auch noch dass diese Attribute die unterscheidenden
Attribute einer Art sind Der Ausdruck »Eisenoxyd« zB der seiner Form nach
der systematischen Nomenklatur der Chemie angehört trägt an der Stirne dass es
der Name einer besonderen Art Substanz ist Er mitbezeichnet überdies wie der
Name einer jeden andern Klasse einen Teil der Eigenschaften die der Klasse
gemein sind in diesem Falle die Eigenschaft eine Verbindung zu sein von Eisen
mit dem größten Gewichtstheil160 Sauerstoff womit das Eisen sich verbindet
Diese zwei Dinge die Tatsache eine solche Verbindung zu sein und die
Tatsache eine Art zu sein machen die Mitbezeichnung des Namens Eisenoxyd aus
Wenn wir von einer Substanz sagen sie sei Eisenoxyd so behaupten wir erstens
dass sie eine Verbindung von Eisen mit dem Maximum von Sauerstoff und zunächst
dass die so zusammengesetzte Substanz eine besondere Art von Substanz ist
Nun ist dieser zweite Teil der Mitbezeichnung eines Wortes das einer
Nomenklatur angehört ein ebenso wesentlicher Teil seiner Bedeutung als der
erste Teil während die Definition nur den ersten erklären kann daher der
Anschein als ob die Bedeutung solcher Ausdrücke nicht definiert werden könnte
was indessen falsch ist Der Name Viola odorata bezeichnet eine Art von der
eine für die Unterscheidung derselben genügende Anzahl von Charakteren in
botanischen Werken angegeben ist Diese Aufzählung der Charaktere ist gewiss
wie in anderen Fällen eine Definition des Namens Nein sagen Einige es ist
keine Definition denn der Name Viola odorata bedeutet nicht diese Charaktere
er bedeutet jene besondere Gruppe von Pflanzen und die Charaktere sind aus
einer viel größeren Anzahl von Charakteren und bloß als Merkmale gewählt
woran die Gruppe erkannt werden kann Keineswegs erwidere ich der Name
bedeutet nicht diese Gruppe denn er wird der Gruppe nicht länger beigelegt als
man sie für eine infima species hält wenn mau entdecken würde dass mehrere
unterschiedene Arten unter diesem einen Namen verwechselt worden sind so würde
Niemand mehr den Namen Viola odorata auf die ganze Gruppe sondern er würde ihn
nur auf eine einzige der darin enthaltenen Arten anwenden wenn er ihn überhaupt
beibehielte Es tut daher not nicht dass der Name eine besondere Kollektion
von Gegenständen bezeichne sondern dass er eine Art bezeichne und zwar eine
unterste Art Die Form des Namens gibt zu erkennen dass er auf jeden Fall eine
infima species bezeichnen soll dass daher die durch ihn mitbezeichneten
Eigenschaften welche in der Definition ausgedrückt sind nur so lange durch ihn
mitbezeichnet werden sollen als wir glauben dass diese Eigenschaften wenn sie
zusammen getroffen werden eine Art anzeigen und dass das Ganze derselben nur
bei einer einzigen Art getroffen wird
Bei der Hinzufügung dieser besonderen Mitbezeichnung die in der Form eines
jeden einer systematischen Nomenklatur angehörigen Wortes enthalten ist macht
die Reihe von Charakteren welche gebraucht wird um eine jede Art von allen
anderen Arten zu unterscheiden was eine wirkliche Definition ist so
vollständig wie in einem jeden andern Falle die ganze Bedeutung des Wortes aus
Es ist kein Einwurf zu sagen dass wie es in der Naturgeschichte oft der Fall
ist die Reihe von Charakteren geändert und eine andere für den Zweck der
Unterscheidung besser geeignete Reihe substituiert werden könne während das
Wort indem es fortwährend dieselbe Gruppe von Dingen bezeichnet nicht als in
seiner Bedeutung verändert angesehen werde Denn dies ist nicht mehr als auch
bei jedem andern Gemeinnamen vorkommen kann wir können indem wir seine
Mitbezeichnung verändern seine Bezeichnung unberührt lassen und es ist im
allgemeinen wünschenswert dies zu tun Die Mitbezeichnung ist indessen darum
nicht weniger die wirkliche Bedeutung denn wir wenden sogleich da den Namen an
wo die in der Definition enthaltenen Charaktere getroffen werden und das was
uns bei der Anwendung des Wortes ausschließlich leitet muss seine Bedeutung
ausmachen Wenn wir unserem früheren Glauben entgegen finden dass die
Charaktere einer Spezies nicht eigen sind so gebrauchen wir das Wort nicht
länger in gleichem Umfange mit den Charakteren aber es geschieht dann aus dem
Grunde weil der andere Teil der Mitbezeichnung die Bedingung dass die Klasse
eine Art sei fehlt Die Konnotation ist daher noch die Bedeutung die Reihe der
beschreibenden Charaktere ist eine wahre Definition und die Bedeutung wird in
der Tat nicht bloß durch die Definition wie in anderen Fällen sondern durch
die Definition und die Form des Wortes zusammengenommen erklärt
6 Wir haben nun untersucht welches die Haupterfordernisse einer
philosophischen Sprache sind erstens Kürze oder Bestimmtheit und zweitens
Vollständigkeit Weitere Bemerkungen über die Art wie eine Nomenklatur
aufzustellen ist müssen verschoben werden bis wir von der Klassifikation
handeln indem die Benennungsweise der Arten der Dinge notwendig der Anordnung
dieser Arten in größere Classen untergeordnet sein muss Was die weniger
wichtigen Erfordernisse der Terminologie betrifft so sind einige derselben gut
und weitläufig erörtert in den »Aphorismen in Betreff der wissenschaftlichen
Sprache« in Hrn Whewells Philosophie der induktiven Wissenschaften Da
dieselben aber für die Logik von untergeordneter Wichtigkeit sind so verweisen
wir den Leser auf dieses Werk und beschränken unsere eigenen Bemerkungen auf
eine weitere Eigenschaft die nach den beiden abgehandelten die wertvollste zu
sein scheint welche die wissenschaftliche Sprache besitzen kann Von dieser
Eigenschaft wird der folgende Aphorismus einen Begriff geben
Wenn die Natur des Gegenstandes uns erlaubt den Denkprozess ohne Gefahr
mechanisch auszuführen so sollte die Sprache so viel wie möglich auf
mechanische Prinzipien gegründet sein während sie in dem entgegengesetzten
Falle so eingerichtet sein sollte dass einem bloß mechanischen Gebrauche
derselben die größten Hindernisse entgegenstehen
Diese Maxime bedarf einer weitläufigen Erklärung und ich werde dieselbe
auch sogleich geben Zuerst in Beziehung auf das was unter dem mechanischen
Gebrauch einer Sprache zu verstehen ist Der vollständige und extreme Fall des
mechanischen Gebrauchs der Sprache ist der wenn wir sie ohne irgend ein
Bewusstsein einer Bedeutung und nur mit dem Bewusstsein gebrauchen dass wir
gewisse sichtbare oder hörbare Merkmale in Übereinstimmung mit vorher
aufgestellten technischen Regeln gebrauchen Dieser extreme Fall ist so viel ich
weiß nirgends verwirklicht als in den arithmetischen Ziffern und in den
Symbolen der Algebra einer Sprache einzig in ihrer Art und was den Zweck
betrifft wozu sie bestimmt ist so vollkommen als vielleicht irgend eine
Schöpfung des menschlichen Geistes Ihre Vollkommenheit besteht darin dass sie
einem rein mechanischen Gebrauche vollständig angepasst ist Die Symbole sind
wahre Rechenpfennige und besitzen auch nicht den Schein einer anderen Bedeutung
als die der Übereinkunft welche so oft erneuert wird als dieselben gebraucht
werden und bei jeder Erneuerung verändert wird indem dieselben Symbole a oder
x bei verschiedenen Gelegenheiten gebraucht werden um Dinge zu repräsentieren
welche ausgenommen dass sie wie alle Dinge gezählt werden können keine
Eigenschaft gemein haben Es ist daher nichts vorhanden was den Geist von der
Reihe von mechanischen mit den Symbolen vorzunehmenden Operationen abziehen
könnte von Operationen wie zB auf beiden Seiten der Gleichung quadrieren
durch dasselbe oder ein äquivalentes Symbol zu multiplizieren oder zu dividieren
u s w Es ist wahr eine jede von diesen Operationen entspricht einem
Syllogismus repräsentiert eine Stufe des Syllogismus in Beziehung nicht auf die
Symbole sondern auf die damit bezeichneten Dinge Da man es aber für möglich
fand eine technische Form aufzustellen und da wir dadurch dass wir uns nach
dieser Form richten uns vergewissern können dass wir den Schluss des
Syllogismus sicher finden so kann unser Zweck vollständig erreicht werden ohne
dass wir an etwas Anderes denken als an die Symbole Auf diese Weise bestimmt
bloß als ein Mechanismus zu dienen besitzen diese Symbole die Eigenschaften
welche ein Mechanismus haben soll Sie sind von möglichst geringem Umfang so
dass sie kaum einen Raum wegnehmen und keine Zeit bei ihrer Handhabung verloren
geht sie sind kompakt und passen so genau zusammen dass das Auge das Ganze
fast einer jeden Operation welche damit ausgeführt werden soll überblicken
kann
Diese bewunderungswürdigen Eigenschaften der symbolischen Sprache der
Mathematik haben auf den Geist vieler Philosophen einen so tiefen Eindruck
gemacht dass sie dieselben verleitet haben die in Rede stehende symbolische
Sprache als den idealen Typus der philosophischen Sprache im allgemeinen zu
betrachten zu glauben Namen im allgemeinen oder wie sie dieselben gern
nennen Zeichen seien zum Denken in dem Verhältnis geeignet als sie sich der
Kompaktheit der gänzlichen Bedeutungslosigkeit und der Fähigkeit nähern als
Rechenpfennige gebraucht zu werden ohne einen Gedanken an das zu erregen was
sie repräsentieren wie dies ja das Charakteristische von dem a und b dem x und
y der Algebra ist Diese Ansicht hat zu sanguinischen Erwartungen in Betreff
einer Beschleunigung des Fortschrittes der Wissenschaften durch Mittel geführt
welche wie ich glaube unmöglich diesem Zwecke dienen können und trägt zu
jener Überschätzung des Einflusses der Zeichen bei welche in nicht geringem
Grade mitgewirkt hat um zu verhindern dass die wahren Gesetze unserer
geistigen Tätigkeiten richtig verstanden werden
Vor allem kann eine Reihe von Zeichen vermittelst deren wir schließen
ohne ein Bewusstsein ihrer Bedeutung zu haben nur bei unseren deduktiven
Operationen von Nutzen sein Bei unseren direkten Induktionen können wir ein
klares geistiges Bild der Phänomene nicht für einen Augenblick entbehren da
sich die ganze Operation um eine Wahrnehmung der besonderen Theile dreht in
welchen diese Phänomene übereinstimmen oder sich unterscheiden Im übrigen ist
dieses Schließen vermittelst Zeichen nur einem geringen Theile sogar unserer
deduktiven Operationen angemessen In unseren Schlüssen in Beziehung auf Zahlen
sind die einzigen allgemeinen Prinzipien welche wir Gelegenheit haben
anzuwenden die folgenden Dinge welche einem und demselben Dinge gleich sind
sind unter einander selbst gleich und die Summen oder die Unterschiede
gleicher Dinge sind gleich samt deren verschiedenen Folgesätzen Nicht allein
dass gegen die Anwendbarkeit dieser Prinzipien niemals ein Anstand erhoben
werden kann indem sie von allen Größen wahr sind sondern eine jede mögliche
Anwendung deren sie fähig sind kann auch auf eine technische Regel
zurückgeführt werden wie denn in der Tat die Regeln des Kalküls solche Regeln
sind Wenn aber die Symbole etwas Anderes als Zahlen repräsentieren wenn sie
etwa gerade Linien oder Kurven vorstellen so müssen wir geometrische Lehrsätze
anwenden die nicht von allen Linien ohne Ausnahme wahr sind und dürfen nur
diejenigen Lehrsätze wählen welche von den Linien in Beziehung auf welche wir
einen Schluss machen wollen wahr sind Und wie können wir dies wenn wir uns
dieser besonderen Linien nicht vollständig erinnern Da bei einer jeden Stufe
seines Fortschreitens neue geometrische Wahrheiten in den Syllogismus eingeführt
werden können so dürfen wir die Namen nicht einen Augenblick mechanisch
gebrauchen wie wir algebraische Symbole gebrauchen und ohne ihnen ein Bild
beizufügen Erst nachdem ausgemittelt worden ist dass die Lösung einer Frage in
Beziehung auf Linien von einer vorhergängigen Frage in Beziehung auf Zahlen
abhängig gemacht werden kann oder mit anderen Worten wenn die Frage in
technischer Sprache auf eine Gleichung zurückgeführt worden ist werden die
bedeutungslosen Zeichen brauchbar erst dann kann die Natur der Tatsachen
selbst auf welche sich die Untersuchung bezieht aus dem Geiste entfernt
werden Bis auf die Herstellung der Gleichung unterscheidet sich die Sprache in
welcher die Mathematiker ihre Schlüsse ziehen dem Charakter nach nicht von der
welche strenge Denker in Beziehung auf andere Gegenstände gebrauchen
Ich leugne nicht dass ein jeder richtige Syllogismus wenn er in eine
syllogistische Form gebracht ist durch die bloße Form des Ausdrucks
beweiskräftig wird vorausgesetzt dass keines der gebrauchten Wörter zweideutig
sei Dies ist einer von den Umständen welche manche Philosophen verleitet haben
zu glauben dass wenn alle Namen so scharfsinnig konstruiert und sorgfältig
definiert wären um keine Zweideutigkeit zuzulassen diese sprachliche
Verbesserung nicht allein den Schlüssen einer jeden deduktiven Wissenschaft die
Gewissheit der Schlüsse der Mathematik geben würde sondern dass sie auch alles
Schließen auf die Anwendung einer technischen Form reduzieren und dessen
Schlussrichtigkeit nach einem bloßen mechanischen Prozess rationell zugebbar
machen würde wie dies in der Algebra unzweifelhaft der Fall ist Mit Ausnahme
der Geometrie deren Schlüsse bereits so gewiss und genau sind als sie nur
gemacht werden können ist aber die Wissenschaft der Zahlen die einzige
Wissenschaft in welcher die praktische Gültigkeit eines Schlusses einem Jeden
ersichtlich ist der nur nach der Form des Prozesses gesellen hat Wer mit dem
einverstanden ist was in der vorhergehenden Abtheilung in Beziehung auf die
Zusammensetzung der Ursachen und den noch strengeren Fall einer gänzlichen
Aufhebung einer Reihe von Gesetzen durch eine andere Reihe gesagt wurde der
weise dass die Geometrie und die Algebra die einzigen Wissenschaften sind
deren Sätze kategorisch wahr sind die allgemeinen Urteile Sätze aller
anderen Wissenschaften sind nur hypothetisch wahr indem sie voraussetzen dass
keine entgegenwirkende Ursache ins Spiel kommt Ein aus Naturgesetzen gezogener
Schluss wie korrekt er auch in Betreff der Form gezogen sein mag wird daher
nur eine hypothetische Gewissheit besitzen Bei einem jeden Schritte müssen wir
uns vergewissern dass kein anderes Naturgesetz die Gesetze welche die
Prämissen unseres Schlusses bilden aufgehoben oder seine Wirkung mit deren
Wirkungen vermischt habe und wie kann dies geschehen wenn man bloß auf die
Worte sieht Wir müssen nicht allein beständig an die Erscheinungen selbst
denken sondern wir müssen sie auch beständig studieren indem wir uns mit den
Eigentümlichkeiten eines jeden Falles bekannt machen auf den wir unsere
allgemeinen Grundsätze anzuwenden suchen
Die algebraische Bezeichnung ist als philosophische Sprache betrachtet
eine vollkommene in ihrer Angemessenheit für die Gegenstände für welche sie
gewöhnlich gebraucht wird namentlich für diejenigen deren Untersuchung bereits
auf die Bestimmung einer Relation zwischen Zahlen zurückgeführt worden ist Aber
so bewunderungswürdig dieselbe auch für ihre eigenen Zwecke ist so sind die
Eigenschaften welche sie dazu machen doch so weit entfernt das ideale Vorbild
einer philosophischen Sprache im allgemeinen zu sein dass je mehr die Sprache
einer anderen Wissenschaft sich ihr nähert um so weniger sie zu ihren eigenen
Funktionen tauglich wird Statt der Kunstgriffe die verhindern dass unsere
Aufmerksamkeit durch das Denken an die Bedeutung der Zeichen abgelenkt werde
müssen wir bei allen anderen Gegenständen Kunstgriffe wünschen die es unmöglich
machen dass wir diese Bedeutung jemals auch nur für einen Augenblick aus dem
Auge verlieren
Zu diesem Zweck sollte eine möglichst große Bedeutung in die Bildung des
Wortes selbst gelegt werden indem Ableitung und Analogie zu Hülfe genommen
werden um das Bewusstsein von Allem was darunter verstanden ist lebendig zu
erhalten In dieser Beziehung besitzen diejenigen Sprachen einen ungeheuren
Vorteil welche wie die deutsche ihre zusammengesetzten und abgeleiteten
Wörter aus einheimischen Wurzeln und nicht aus den Wurzeln einer fremden oder
toten Sprache bilden wie dies in der englischen französischen und
italienischen Sprache so sehr der Fall ist die besten sind aber diejenigen
welche sie nach festen Analogien bilden die den Beziehungen zwischen den
auszudrückenden Ideen entsprechen Alle Sprachen tun dies mehr oder weniger
aber unter den neueren europäischen Sprachen besonders die deutsche während
diese wieder der griechischen nachsteht in welcher die Beziehung zwischen der
Bedeutung des abgeleiteten Wortes und der des ursprünglichen im allgemeinen
durch seine Bildungsweise deutlich bezeichnet ist ausgenommen bei den mit
Präpositionen zusammengesetzten Wörtern welche wie man gestehen muss in
beiden Sprachen häufig äußerst unregelmäßig sind
Was auch durch die Konstruktionsweise der Wörter mag geschehen können um zu
verhindern dass sie in Töne ausarten welche an dem Geiste vorübergehen ohne
einen deutlichen Begriff von dem zu geben was sie bedeuten so ist damit noch
nicht Alles getan Wie gut sie auch ursprünglich konstruiert sein mögen so
zeigen die Wörter doch die Neigung wie Münzen das Gepräge zu verlieren
während sie von Hand zu Hand gehen und die einzig mögliche Weise es wieder
herzustellen ist sie stets frisch zu prägen indem man fortwährend in der
Betrachtung der Phänomene selbst lebt und nicht bei der bloßen Vertrautheit
mit den sie ausdrückenden Wörtern stehen bleibt Wenn Einer sich in Besitz der
Gesetze der Phänomene gesetzt hat wie sie in Worten niedergelegt sind seien
sie ihm ursprünglich von Anderen überliefert oder auch von ihm selbst gefunden
und nun sofort zufrieden ist mitten in diesen Formeln zu leben ausschließlich
an sie zu denken und sie auf Fälle anzuwenden im Verhältnis als diese sich
darbieten ohne seine Kenntnis der Wirklichkeiten aus denen sie hervorgingen
zu bewahren so wird er nicht allein fortwährend in seinen praktischen
Bemühungen fehlgehen weil er seine Formeln gebrauchen wird ohne gehörig
zuzusehen ob sie nicht in diesem oder jenem Falle durch andere Naturgesetze
modifiziert oder aufgehoben werden sondern die Formeln selbst werden auch nach
und nach ihre Bedeutung für ihn verlieren und er wird zuletzt nicht mehr im
Stande sein zu erkennen ob ein Fall in den Bereich seiner Formeln fällt oder
nicht Kurz bei allen nicht mathematischen Gegenständen ist es gerade so
notwendig die zu untersuchenden Dinge im Konkreten zu denken und »in Umstände
zu kleiden« wie es in der Algebra nötig ist alle individualisierenden
Eigentümlichkeiten dem Auge sorgfältig fern zu halten
Wir schließen hiermit unsere Bemerkungen über die philosophische Sprache
1 Es gibt wie wir in diesem Werke oft Gelegenheit hatten zu bemerken
eine Klassifikation der Dinge welche von der Tatsache ihrer allgemeinen
Benennung unzertrennlich ist Ein jeder Name der ein Attribut mitbezeichnet
teilt durch diese Tatsache alle Dinge in zwei Classen in solche die das
Attribut besitzen und solche die es nicht besitzen in solche von denen der
Name ausgesagt und in solche von denen es nicht ausgesagt werden kann Und
diese Einteilung ist nicht bloß eine Einteilung der Dinge welche gegenwärtig
existieren oder deren Existenz bekannt ist sondern auch aller Dinge die noch
entdeckt oder sogar gedacht werden können
In Beziehung auf diese Klassifikation haben wir dem schon früher Gesagten
nichts hinzuzufügen Die Klassifikation welche als ein besonderer Akt des
Geistes zu erörtern ist ist eine ganz andere Bei der einen Klassifikation ist
die Anordnung der Gegenstände in Gruppen und ihre Verteilung in Abtheilungen
eine bloß zufällige Wirkung die aus dem Gebrauche von Namen folgt welche zu
einem andern Zweck gegeben wurden nämlich zu dem Zweck einfach einige ihrer
Eigenschaften auszudrücken Bei der anderen ist die Anordnung und Verteilung
der Hauptzweck und die Benennung ist dieser wichtigen Operation untergeordnet
und richtet sich vorsätzlich nach ihr anstatt dieselbe zu beherrschen
In dieser Weise betrachtet ist die Klassifikation eine Vorrichtung ein
Kunstgriff um die Ideen der Gegenstände in unserem Geiste am besten zu ordnen
um zu bewirken dass die Ideen sich in einer solchen Weise begleiten oder
folgen dass wir die größte Gewalt über unser schon erlangtes Wissen erhalten
und am direktesten zur Erlangung von mehr geführt werden Die allgemeine Aufgabe
der Klassifikation in Beziehung auf diese Zwecke kann wie folgt angegeben
werden zu bewirken dass Dinge in solchen Gruppen und diese Gruppen in einer
solchen Ordnung gedacht werden wie es für die Erinnerung und für die Bestimmung
ihrer Gesetze am förderlichsten ist
Die so betrachtete Klassifikation unterscheidet sich von der Klassifikation
im weiteren Sinne dadurch dass sie sich ausschließlich auf reale Gegenstände
bezieht und nicht auf bloß denkbare ihr Gegenstand ist die gehörige
Koordination nur derjenigen Dinge in unserem Geiste mit deren Eigenschaften wir
wirklich Gelegenheit haben uns bekannt zu machen Aber von der anderen Seite
umfasst sie alle wirklich existierenden Gegenstände Wir können eine Klasse nur
mit Rücksicht auf eine allgemeine Einteilung der ganzen Natur richtig
aufstellen wir können nicht die Gruppe bestimmen in die ein Gegenstand am
besten zu stellen ist ohne alle Varietäten der existierenden Dinge in Betracht
zu ziehen wenigstens alle die einen Grad von Verwandtschaft mit ihm besitzen
Man konnte keine einzige Familie von Pflanzen oder Tieren vernunftgemäß anders
aufstellen als indem man sie als einen Teil einer systematischen Anordnung
aller Pflanzen und Tiere betrachtete auch konnte eine solche allgemeine
Anordnung nicht in geeigneter Weise gemacht werden ohne zuerst den Platz der
Pflanzen und Tiere in einer allgemeinen Einteilung der Natur genau zu
bestimmen
2 Es gibt keine Eigenschaften der Gegenstände welche wir nicht einer
Klassifikation oder geistigen Gruppierung dieser Gegenstände zu Grunde legen
könnten und bei unseren ersten Versuchen werden wir wahrscheinlich zu diesem
Zwecke Eigenschaften wählen welche einfach leicht zu begreifen und ohne einen
vorhergängigen Gedankenprozess beim ersten Blick wahrnehmbar sind So war
Tourneforts Anordnung der Pflanzen auf die Gestalt und die Theile der
Blumenkrone gegründet und die Anordnung welche man gewöhnlich die Linnésche
nennt obgleich Linné auch eine andere und wissenschaftlichere Anordnung
aufstellte war hauptsächlich auf die Anzahl der Staubfäden und Pistille
gegründet
Aber diese Klassifikationen welche sich dadurch empfehlen dass sie es sehr
leicht machen zu bestimmen in welche Klasse ein Individuum gehört sind zu dem
Zwecke der Klassifikation die der Gegenstand unserer gegenwärtigen Bemerkungen
ist selten sehr geeignet Die Linnésche Anordnung erfüllt den Zweck uns alle
diejenigen Pflanzen ins Gedächtnis zu rufen welche eine gleiche Anzahl
Staubfäden und Pistille besitzen aber es ist von geringem Nutzen in dieser
Weise an sie zu denken da wir selten etwas zu affirmieren haben was Pflanzen
die eine gegebene Anzahl von Staubfäden und Pistille haben gemein ist Wenn
Pflanzen von der Klasse Pentandria Ordnung Monogynia in irgend anderen
Eigenschaften übereinstimmten so würde die Gewohnheit von den Pflanzen
vermittelst einer gemeinsamen Bezeichnung zu denken und zu sprechen zu der
Erinnerung dieser gemeinschaftlichen Eigenschaften so weit sie bestimmt sind
führen und uns veranlassen nach anderen noch nicht bekannten Eigenschaften zu
suchen Da dies jedoch nicht der Fall ist so ist der einzige Zweck der Linnéschen Klassifikation uns besser als es in einer anderen Weise geschehen
könnte an die genaue Anzahl der Staubfäden und Pistille einer jeden
Pflanzenspezies zu erinnern Nun ist aber diese Eigenschaft von wenig
Wichtigkeit und Interesse und die besonders genaue Erinnerung daran von keiner
großen Bedeutung Insofern wir aber dadurch dass wir uns gewöhnlich die
Pflanzen in diesen Gruppen denken daran verhindert werden sie
gewohnheitsmäßig in Gruppen zu denken welche eine größere Anzahl von
Eigenschaften gemein haben so muss die Wirkung einer solchen Klassifikation auf
unsere Denkgewohnheiten wenn man ihr systematisch anhängt eine verderbliche
sein
Den Zwecken einer wissenschaftlichen Klassifikation wird am besten
entsprochen wenn aus den Gegenständen Gruppen gebildet werden in Beziehung auf
welche eine größere Anzahl von allgemeinen und zwar wichtigeren Urteilen
aufgestellt werden kann als dies in Beziehung auf andere Gruppen in welche man
dieselben Dinge einteilen könnte geschehen könnte Es sollten daher die
Eigenschaften nach welchen die Dinge klassifiziert werden Eigenschaften sein
welche Ursachen von vielen anderen Eigenschaften oder welche jedenfalls sichere
Merkmale derselben sind Die Ursachen sind vorzuziehen weil sie sowohl die
sichersten und direktesten Merkmale als auch selbst Eigenschaften sind auf
welche unsere Aufmerksamkeit mit dem größten Nutzen gerichtet wird Aber die
Eigenschaft welche die Ursache der hauptsächlichen Eigentümlichkeiten einer
Klasse ist ist unglücklicherweise selten geeignet als Kennzeichen der Klasse
zu dienen Statt der Ursache müssen wir gewöhnlich einige der hervorragendsten
Wirkungen wählen die als Merkmale der anderen Wirkungen und der Ursache selbst
dienen können
Eine so gebildete Klassifikation ist eigentlich wissenschaftlich oder
philosophisch und wird gewöhnlich eine natürliche genannt im Gegensatz zu einer
technischen oder künstlichen Klassifikation der Anordnung Der Ausdruck
natürliche Klassifikation scheint besonders für solche Anordnungen geeignet
welche in den Gruppen die sie bilden der Neigung des Geistes entsprechen die
dem Ansehen nach ähnlichsten Gegenstände zusammenzustellen im Gegensatze zu
jenen technischen Systemen welche indem sie die Dinge nach ihrer
Übereinstimmung in einem willkürlich gewählten Umstande ordnen in dieselbe
Gruppe oft Gegenstände bringen welche in der allgemeinen Summe ihrer
Eigenschaften keine Ähnlichkeit darbieten und in verschiedene und von einander
entfernte Gruppen andere Gegenstände welche die größte Ähnlichkeit haben Es
ist mit das beste Lob des wissenschaftlichen Charakters einer Klassifikation
dass sie auch in diesem Sinne eine natürliche Klassifikation sei denn die Probe
ihres wissenschaftlichen Charakters ist die Anzahl und die Wichtigkeit der
Eigenschaften welche von allen in einer Gruppe enthaltenen Gegenständen
gemeinschaftlich ausgesagt werden können und die Eigenschaften von denen das
allgemeine Aussehen der Dinge abhängt sind wenn auch nur aus diesem Grunde
sowohl wichtig als auch in den meisten Fällen zahlreich Aber obgleich dieser
Umstand von großem Wert ist so ist er doch keine conditio sine qua non
indem die augenfälligeren Eigenschaften der Dinge im Vergleich zu anderen
nicht augenfälligen von geringer Bedeutung sein können Ich habe als eine
große Absurdität der Linnéschen Klassifikation angeführt gesehen dass sie das
Veilchen an die Seite der Eiche stellt was sie beiläufig gesagt nicht tut
Gewiss trennt sie natürliche Verwandtschaften und bringt Dinge zusammen die
einander so unähnlich sind wie das Veilchen und die Eiche Aber der anscheinend
so große Unterschied der die Nebeneinanderstellung dieser zwei Pflanzen zu
einem Beispiele einer schlechten Anordnung macht hängt für das gewöhnliche Auge
vornehmlich von der Größe und Textur ab wenn wir es uns nun zum Ziel machten
diejenige Klassifikation anzunehmen die am wenigsten die Gefahr ähnlicher
rapprochemens darbietet so müssten wir zur absoluten Einteilung in Bäume
Sträuche und Kräuter zurückkehren zu einer Einteilung die obgleich von
Wichtigkeit in Beziehung auf den allgemeinen habitus dennoch sogar im
Vergleich mit einer so geringen und wenig auffallenden Unterscheidung wie die
in Dikotyledonen und Monokotyledonen so wenigen Unterschieden in den anderen
Eigenschaften der Pflanzen entspricht dass eine darauf gegründete
Klassifikation abgesehen von der Undeutlichkeit der Demarkationslinien ebenso
künstlich und technisch sein würde wie die Linnésche
Unsere natürlichen Gruppen müssen daher oft nicht auf die augenfälligen
sondern auf die nicht augenfälligen Eigenschaften der Dinge gegründet werden
wenn diese von größerer Wichtigkeit sind Aber in einem solchen Falle ist es
notwendig dass irgend eine vom Beobachter leichter zu erkennende Eigenschaft
oder Reihe von Eigenschaften vorhanden sei welche mit den Eigenschaften die
das wirkliche Fundament der Klassifikation sind koexistieren und als Merkmale
derselben genommen werden können Eine natürliche Anordnung der Tiere zB muss
hauptsächlich auf ihre innere Struktur gegründet sein aber wie richtig bemerkt
worden ist es würde absurd sein wenn wir nicht im Stande wären das genus und
die species eines Tieres zu erkennen ohne es vorher zu töten Aus diesem
Grunde muss von allen zoologischen Klassifikationen wahrscheinlich der auf die
Unterschiede in den äußeren Hüllen gegründeten Klassifikation von Blainville
der Vorzug gegeben werden da dies Unterschiede sind welche genauer als man
voraussetzen sollte den wirklich wichtigen Verschiedenheiten sowohl in anderen
Teilen der Struktur als auch in den Gewohnheiten und der Geschichte des
Tieres entsprechen
Dies zeigt mehr als Alles welche ausgedehnte Kenntnis von den
Eigenschaften der Gegenstände nötig ist um eine gute Klassifikation
aufzustellen Und da es einer der Vorteile einer solchen Klassifikation ist
dass sie dadurch dass sie die Aufmerksamkeit auf die Eigenschaften richtet auf
welche sie gegründet ist auf die Eigenschaften welche wenn die Klassifikation
gut ist Merkmale vieler anderer Eigenschaften sind die Entdeckung dieser
anderen Eigenschaften erleichtert so sehen wir auf welche Weise unsere
Kenntnis der Dinge und unsere Klassifikation derselben gegenseitig und
unbegrenzt beitragen einander zu verbessern
Wir haben oben gesagt dass die Klassifikation der Gegenstände sich nach
denjenigen von ihren Eigenschaften richten sollte welche nicht allein die
zahlreichsten sondern auch die wichtigsten Eigentümlichkeiten anzeigen Was
ist hier unter Wichtigkeit zu verstehen Dieselbe bezieht sich auf den
besonderen Zweck den man im Auge hat und dieselben Gegenstände können daher
verschiedene Klassifikationen zulassen Eine jede Wissenschaft oder Kunst bildet
ihre Klassifikationen der Dinge nach den Eigenschaften die ihr speziell bekannt
sind oder denen sie Rechnung tragen muss um ihre besonderen praktischen Zwecke
zu erreichen Ein Landbauer teilt die Pflanzen nicht wie ein Botaniker in
Monokotyledonen und Dikotyledonen sondern in nützliche Pflanzen und in Unkraut
ein Ein Geologe teilt die Fossilien nicht wie ein Zoologe in Familien ein
welche denen der lebenden Spezies entsprechen sondern in Fossilien der
sekundären und tertiären Periode in Fossilien über den Kohlen und unter den
Kohlen etc Der Wallfisch ist ein Fisch oder nicht je nach dem Zwecke wofür
wir ihn betrachten »Wenn wir von dem inneren Baue und der Physiologie des
Tieres sprechen so dürfen wir ihn nicht Fisch nennen denn in dieser Beziehung
weicht er von den Fischen sehr ab er hat warmes Blut gebärt lebendige Junge
und säugt sie wie die Vierfüßer Dies hindert uns aber nicht vom
Wallfischfange zu sprechen und bei allen mit diesem Gebrauche zusammenhängenden
Gelegenheiten dieses Thier einen Fisch zu nennen denn die so entstehenden
Relationen hängen davon ab dass das Thier im Wasser lebt und in einer ähnlichen
Weise gefangen wird wie andere Fische Ein Rechtsgrund wonach Gesetze welche
der Fische erwähnen sich nicht auf den Wallfisch beziehen würde von einem
intelligenten Richter verworfen werden«161
Diese verschiedenen Klassifikationen sind alle gut für die Zwecke ihrer
eigenen besonderen Zweige des Wissens oder der Praxis Aber wenn wir die Dinge
nicht zu einem speziellen Zwecke studieren sondern um unsere Kenntnisse des
Ganzen ihrer Eigenschaften oder Beziehungen zu erweitern so müssen wir
diejenigen Attribute als die wichtigsten betrachten welche entweder für sich
allein oder durch ihre Wirkungen am meisten dazu beitragen die Dinge einander
ähnlich und anderen Dingen unähnlich zu machen welche der daraus
zusammengesetzten Klasse die markierteste Individualität verleihen welche so zu
sagen den größten Platz in ihrer Existenz ausfüllen und die Aufmerksamkeit
eines Beobachters der alle ihre Eigenschaften kennt den aber keine besonders
interessiert am meisten anregen Classen die auf dieses Prinzip gegründet sind
können mit größerem Rechte als alle anderen natürliche Gruppen genannt
werden
3 In Beziehung auf diese Gruppen hat Herr Whewell eine Theorie
aufgestellt die auf eine wichtige Wahrheit gegründet ist und die er in mancher
Beziehung sehr glücklich ausgedrückt und erläutert hat aber wie mir scheint
ebenfalls unter Beimischung von Irrtum Aus beiden Gründen wird es daher von
Nutzen sein seine Theorie mit denselben Worten wiederzugeben welche er
gebraucht hat
»Natürliche Gruppen sind nach Hrn Whewell162 durch den Typus und nicht
durch die Definition gegeben Und diese Betrachtung erklärt jene Undeutlichkeit
und Unbestimmtheit die wir oft in den Beschreibungen solcher Gruppen finden
und die einem Jeden so sonderbar und unconsequent erscheinen müssen der nicht
voraussetzt dass diese Beschreibungen einen tieferen Grund des Zusammenhanges
assumieren als die willkürliche Wahl des Botanikers So sagt man bei der Familie
des Rosenstrauches dass die Eichen ovula sehr selten aufrecht die Narben
gewöhnlich einfach sind Von welchem Nutzen könnte man fragen können solche
unbestimmte Angaben sein Die Antwort hierauf ist dass sie nicht gemacht
wurden um die Spezies sondern um die Familie zu unterscheiden und dass die
sämtlichen Beziehungen der Eichen und der Narben aus dieser allgemeinen Angabe
besser erkannt werden Eine ähnliche Bemerkung kann hinsichtlich der Anomalien
einer jeden Gruppe gemacht werden welche so gewöhnlich vorkommen dass Herr
Lindley in seiner Einleitung zu dem natürlichen Systeme der Botanik bei jeder
Familie die Anomalien zu einem Glied derselben macht So ist ein Teil des
Charakters der Rosazeen dass sie abwechselnde von Nebenblättern begleitete
Blätter haben und dass das Albumen obliteriert ist dennoch fehlen bei der Lowea
einem der genera dieser Familie die Nebenblätter und bei einem genus der
Neillia ist das Albumen vorhanden Dies schließt wie wir bereits gesehen
haben ein dass der künstliche Charakter oder die diagnosis wie Herr Lindley
es nennt unvollkommen ist Wenn auch sehr nahe so ist er doch der natürlichen
Gruppe nicht genau angemessen und daher geschieht es in gewissen Fällen dass
dieser Charakter dem allgemeinen Gewicht der natürlichen Verwandtschaften in
gewissen Fällen nachsteht
Diese Ansichten von Classen welche durch Charaktere bestimmt werden die
nicht durch Worte ausdrückbar sind von Urteilen welche aussagen nicht was
in allen Fällen sondern nur was gewöhnlich geschieht von Partikularitäten
welche in einer Klasse eingeschlossen sind obgleich sie die Definition
derselben überschreiten werden wahrscheinlich den Leser überraschen Sie sind
vielen gangbaren Meinungen über den Gebrauch der Definitionen und die Natur der
wissenschaftlichen Sätze Urteile so entgegen dass sie wahrscheinlich Vielen
höchst unlogisch und unphilosophisch erscheinen werden Aber eine Neigung zu
einem solchen Urteil entsteht zum großen Teil daraus dass die mathematischen
und die mathematischphysikalischen Wissenschaften die Ansichten der Menschen
über die allgemeine Natur und die Form der wissenschaftlichen Wahrheit bis zu
einem hohen Grade bestimmt haben während die Naturgeschichte noch nicht Zeit
oder Gelegenheit gehabt hat den ihr zustehenden Einfluss auf die gangbaren
Gewohnheiten des Philosophierens auszuüben Die scheinbare Unbestimmtheit und der
Widerspruch in den Klassifikationen und Definitionen der Naturgeschichte kommt
in einem viel höheren Grade allen anderen Spekulationen zu mit Ausnahme der
mathematischen und die Art und Weise wie Annäherungen an genaue Distinktionen
und allgemeine Wahrheiten in der Naturgeschichte erreicht worden sind verdient
unsere Aufmerksamkeit schon wegen des Lichtes welches sie auf die Art und Weise
werfen wie eine jede Art Wahrheit am besten zu verfolgen ist
Obgleich bei einer natürlichen Gruppe von Dingen eine Definition nicht mehr
als ein leitendes Prinzip gebraucht werden kann so sind die Classen deswegen
doch nicht gelockert und ohne Maßstab oder Richtschnur Die Klasse ist
festgestellt wenn auch nicht genau begrenzt sie ist gegeben wenn auch nicht
umschrieben sie ist bestimmt nicht durch eine äußere Grenzlinie sondern
durch einen inneren Zentralpunkt nicht durch das was sie streng ausschließt
sondern hauptsächlich durch das was sie einschließt durch ein Beispiel nicht
durch eine Vorschrift kurz anstatt einer Definition haben wir einen Typus zum
Führer
Ein Typus ist ein Muster irgend einer Klasse zB eine Spezies einer
Gattung welches betrachtet wird als den Charakter der Klasse in besonderem
Grade besitzend Alle Spezies welche eine größere Verwandtschaft mit dieser
TypusSpezies als mit anderen Spezies haben bilden die Gattung und werden um
sie gruppiert indem sie in verschiedenen Richtungen und Graden davon abweichen
So kann eine Gattung aus verschiedenen Spezies bestehen welche dem Typus sehr
nahe kommen und deren Anspruch auf einen Platz neben ihm augenscheinlich ist
während es andere Spezies geben kann welche weiter von diesem Zentralknoten
abschweifen und welche dennoch offenbar mehr damit zusammenhängen als mit
irgend einem anderen Und wenn es auch Spezies gäbe deren Platz zweifelhaft
ist und welche zwei Gattungstypen gleich gut anzugehören scheinen so sieht man
doch leicht dass dies die Realität der generischen Gruppen nicht zerstören
würde so wenig wie die über die zwischenliegende Ebene zerstreuten Bäume uns
verhindern von den unterschiedenen Wäldern zweier getrennter Hügel zu sprechen
Die TypusSpezies jeder Gattung die TypusSpezies einer jeden Familie ist
also eine Spezies welche alle Charaktere und Eigenschaften dieser Gattung in
einer markierten und hervorstechenden Weise besitzt Der Typus der Familie der
Rosazeen hat wechselständige Blätter mit Nebenblättchen vergehen Mangel an
Albumen die Eichen nicht aufrechtstehend einfache Narben und außer diesen
Zügen welche ihn von den Ausnahmen oder Varietäten dieser Klasse unterscheiden
besitzt er Züge welche ihn in seiner eigenen Klasse hervorragen lassen Er ist
einer von den Typen welcher mehrere leitende Attribute deutlich besitzt und
obgleich wir von keinem genus sagen können es müsse der Typus der Familie sein
noch von einer Spezies sie müsse der Typus der Gattung sein so sind wir darum
nicht in die Notwendigkeit versetzt zu suchen der Typus muss durch viele
Verwandtschaften mit den meisten anderen seiner Gruppen im Zusammenhang stehen
es muss nahe im Mittelpunkte der Gruppe stehen nicht an deren Grenze«
In dieser Stelle deren letzten Teil ich als ein bewunderungswürdiges
Beispiel eines philosophischen Styles anführe hat Herr Whewell sehr klar und
deutlich aber wie ich glaube nicht mit allen nötigen Distinktionen eines
der Prinzipien einer natürlichen Klassifikation dargelegt Welches Prinzip es
ist welches seine Grenzen sind und in welcher Weise er sie mir überschritten
zu haben scheint wird klar werden wenn wir eine andere und wie mir scheint
fundamentalere Regel einer natürlichen Anordnung werden aufgestellt haben
4 Der Leser ist nun vertraut mit der allgemeinen Wahrheit die ich der
großen Verwirrung wegen von der sie gewöhnlich umgeben ist so oft wieder
anführe dass es in der Natur Distinktionen der Art gibt Distinktionen die
nicht in einer gegebenen Anzahl von bestimmten Eigenschaften plus den daraus
hervorgehenden Wirkungen bestehen sondern die sich durch die ganze Natur durch
die Attribute im allgemeinen der unterschiedenen Dinge ziehen Unsere Kenntnis
der Eigenschaften einer Art ist niemals vollständig wir entdecken fortwährend
neue Eigenschaften an ihr und erwarten sogar sie zu entdecken Wo der
Unterschied zwischen zwei Classen von Dingen nicht ein Unterschied der Art ist
da erwarten wir zu finden dass ihre Eigenschaften ähnlich sind ausgenommen da
wo ein Grund für einen Unterschied vorhanden ist Ist es dagegen ein Unterschied
der Art so erwarten wir sie in ihren Eigenschaften verschieden zu finden wenn
nicht ein Grund für ihre Ähnlichkeit vorhanden ist Alle Kenntnis der Art muss
durch Beobachtung der Art selbst und das Experiment damit erworben werden keine
Folgerung in Beziehung auf ihre Eigenschaften aus den Eigenschaften der Dinge
die nicht durch die Art damit verbunden sind ist etwas mehr als jene
gemeiniglich als eine Analogie charakterisierte Vermutung und gewöhnlich in
einem ihrer schwächsten Grade
Da die gemeinschaftlichen Eigenschaften einer wahren Art und folglich auch
die allgemeinen Behauptungen welche in Beziehung auf dieselbe aufgestellt
werden können oder gewiss aufgestellt werden so wie sich unser Wissen
erweitert unbestimmt und unerschöpflich sind und da es das erste Prinzip der
natürlichen Klassifikation ist die Classen so zu bilden dass die sie
zusammensetzenden Gegenstände die größte Anzahl von gemeinschaftlichen
Eigenschaften haben so schreibt dieses Prinzip vor dass eine jede derartige
Klassifikation alle Distinktionen der Art die zwischen den von ihr
klassifizierten Gegenständen existieren anerkenne und in sich aufnehme
Distinktionen der Art übergehen und bestimmte Distinktionen substituieren die
wie wichtig sie auch sein mögen nicht auf letzte unbekannte Unterschiede
hinweisen hieße an die Stelle von Classen mit mehr gemeinschaftlichen
Attributen Classen mit weniger setzen und würde die natürliche Methode der
Klassifikation umwerfen
Demgemäß sind alle natürliche Anordnungen es mögen diejenigen welche sie
aufstellten die Realität der Distinktion von Arten gefühlt haben oder nicht
durch das bloße Verfolgen ihres eigenen Zieles veranlasst worden sich nach den
Distinktionen der Art so weit sie zu der Zeit bekannt waren zu richten Die
Pflanzenspezies sind nicht allein wirkliche Arten sondern auch wahrscheinlich
163 alle wirkliche unterste Arten infimae species und wenn wir sie in
Unterklassen abtheilen würden was uns natürlich freisteht zu tun so würde die
Unterabtheilung notwendig auf bestimmte Distinktionen gegründet sein die
außer dem was von ihren Ursachen oder Wirkungen bekannt sein mag auf keinen
anderweitigen weiteren Unterschied mehr hinweisen
Insofern eine natürliche Klassifikation auf wirkliche Arten gegründet ist
sind ihre Gruppen gewiss keine konventionellen es ist vollkommen wahr dass sie
nicht von der willkürlichen Wahl des Naturforschers abhängig sind Aber daraus
folgt nicht und ich halte es auch nicht für wahr dass diese Classen durch
einen Typus und nicht durch Charaktere bestimmt werden Sie durch den Typus zu
bestimmen wäre ein ebenso sicherer Weg um die Art zu verfehlen als wenn wir
eine Anzahl von Charakteren willkürlich wählen würden Sie werden durch
Charaktere bestimmt jedoch nicht durch willkürliche Die Aufgabe besteht darin
wenige bestimmte Charaktere zu finden welche auf eine Menge von unbestimmten
Charakteren hinweisen Arten sind Classen welche durch eine unübersteigliche
Mauer getrennt sind und wir müssen die Merkmale suchen wonach wir entscheiden
auf welcher Seite der Mauer ein Gegenstand seinen Platz erhalten soll
Diejenigen Charaktere welche dies am besten tun müssen gewählt werden sind
sie an und für sich wichtig so ist dies um so besser Wenn wir diese Charaktere
gewählt haben so verteilen wir die Gegenstände nach diesen Charakteren und
nicht wie ich glaube nach der Ähnlichkeit mit einem Typus Wir setzen die
Spezies Ranunculus acris nicht aus allen Blumen zusammen welche einen
hinreichenden Grad von Ähnlichkeit mit einer MusterButterblume haben sondern
aus den Blumen welche gewisse Charaktere besitzen die als Merkmale gewählt
wurden durch welche wir die Möglichkeit einer Verwandtschaft erkennen und die
Aufzählung dieser Charaktere ist die Definition der Spezies
Es entsteht zunächst die Frage ob da alle Arten einen Platz unter den
Classen haben müssen auch alle Classen einer natürlichen Anordnung Arten sein
müssen Gewiss nicht Die Unterschiede der Art sind nicht zahlreich genug um
die ganze Basis der Klassifikation abzugeben Sehr wenige von den Gattungen oder
sogar von den Familien der Pflanzen können mit Gewissheit für Arten ausgegeben
werden Die großen Distinktionen von Vaskulär und Zellulär Dicotyledonisch
oder Exogen und Monocotyledonisch oder Endogen sind vielleicht Unterschiede der
Art die Demarkationslinien welche diese Classen scheiden scheinen obgleich
ich auch dies nicht positiv behaupten möchte durch die ganze Natur der Pflanzen
zu gehen Aber die verschiedenen Spezies eines Genus oder der Genera einer
Familie haben gewöhnlich nur eine begrenzte Anzahl von Charakteren gemein Eine
Rosa scheint sich von einem Rubus die Umbelliferen scheinen sich von den
Ranunculaceen in nicht viel mehr als gerade in den Charakteren zu unterscheiden
die diesen Gattungen oder diesen Familien von der Botanik beigelegt werden Bei
manchen existieren gewiss unzählige Verschiedenheiten es gibt Pflanzenfamilien
welche Eigentümlichkeiten in der chemischen Zusammensetzung darbieten oder
welche Produkte geben die eine eigentümliche Wirkung auf den tierischen
Organismus haben Die Cruciferen und Schwämme enthalten eine ungewöhnliche Menge
Stickstoff die Labiaten sind die Hauptquellen der ätherischen Öl die
Solaneen sind gewöhnlich narkotisch etc In diesen und ähnlichen Fällen bestehen
möglicherweise Unterschiede der Art es ist aber keineswegs notwendig dass sie
vorhanden seien Obgleich durch eine begrenzte Anzahl von Eigenschaften
unterschieden können Gattungen und Familien doch außerordentlich natürlich
sein wenn diese Eigenschaften nur wichtige sind und wenn die in jeder Gattung
oder Familie enthaltenen Gegenstände einander mehr gleichen als etwas Anderem
das aus der Gattung oder Familie ausgeschlossen ist
Nach der Erkennung und Definition der infimae species isst also der nächste
Schritt diese infimae species in größere Gruppen zu ordnen indem wir diese
Gruppen überall wo es möglich ist Arten entsprechen lassen in den meisten
Fällen wird dies jedoch nicht geschehen können Es ist wahr dass wir hierbei
naturgemäß und eigentlich von einer Ähnlichkeit mit dem Typus geleitet werden
wenigstens in den meisten Fällen Wir bilden unsere Gruppen um gewisse
auserwählte Arten herum wovon eine jede ihrer Gruppe als eine Art Muster dient
Aber obgleich diese Gruppen nach Typen aufgestellt sind so kann ich doch nicht
glauben dass eine Gruppe nach ihrer Bildung durch den Typus determiniert sei
dass man bei der Entscheidung der Frage ob eine Spezies dieser Gruppe angehört
den Typus und nicht die Charaktere berücksichtige dass »die Charaktere nicht in
Worten ausgedrückt werden können« Diese Behauptung ist im Widerspruch mit Herrn
Whewells eigener Angabe des fundamentalen Prinzips der Klassifikation wonach
»allgemeine Behauptungen möglich sein sollen« Wenn aber die Klasse keine
Eigenschaften gemein hätte welche allgemeine Behauptungen könnten dann in
Beziehung auf sie aufgestellt werden Ausgenommen dass sie alle einander mehr
gleichen als einem anderen Dinge könnte nichts von der Klasse ausgesagt werden
Die Wahrheit ist dass im Gegenteil eine jede Gattung oder Familie mit
besonderer Rücksicht auf gewisse Charaktere aufgestellt und vor allem und
hauptsächlich aus Spezies zusammengesetzt ist welche darin übereinstimmen dass
sie alle jene Charaktere besitzen Diesen Spezies ist als eine Art Anhang eine
gewöhnlich geringe Anzahl anderer Spezies hinzugefügt welche die gewählten
Eigenschaften nahezu besitzen indem der einen die eine Eigenschaft fehlt der
die andere und welche während sie mit den übrigen fast so sehr übereinstimmen
als diese unter sich in einem gleichen Grade keiner anderen Gruppe gleichen
Unser Begriff von der Klasse ist immer auf die Charaktere gegründet und die
Klasse könnte definiert werden als diejenigen Dinge welche entweder diese Reihe
von Charakteren besitzen oder welche den Dingen die sie besitzen mehr
gleichen als irgend etwas Anderem
Diese Ähnlichkeit ist nicht wie Ähnlichkeiten zwischen einfachen
Sensationen eine letzte der Analyse unzugängliche Tatsache Auch der
niederste Grad der Ähnlichkeit geht aus dem Besitze von gemeinsamen
Eigenschaften hervor Was der Gattung Rose mehr gleicht als einer jeden
Gattung besitzt eine größere Anzahl von den Charakteren dieser Gattung als
von einer anderen Auch kann nicht die geringste Schwierigkeit bestehen die
Natur und den Grad der Ähnlichkeit durch Aufzählung der Charaktere so strenge
darzustellen wie es erforderlich ist um irgend einen Gegenstand in die Klasse
einzuschließen Es gibt immer einige Eigenschaften die allen darin
eingeschlossenen Dingen gemein sind Manche von den eingeschlossenen Dingen
bilden in Beziehung auf andere Eigenschaften Ausnahmen aber die Gegenstände
welche Ausnahmen in Beziehung auf den einen Charakter bilden sind es nicht in
Beziehung auf den die Ähnlichkeit welche in manchen Einzelheiten fehlt wird
in anderen vorhanden sein Die Klasse wird daher durch alle Charaktere
konstituiert welche allgemein sind und durch die meisten von denen welche
Ausnahmen zulassen Wenn eine Pflanze aufrechtstehende Eichen einfache Narbe
kein obliteriertes Albumen und keine Nebenblättchen hätte so Würde sie
wahrscheinlich nicht den Rosazeen zugeteilt werden Aber einer oder mehrere
dieser Charaktere können ihr fehlen und sie wird darum doch nicht von der
Klasse ausgeschlossen werden Den Zwecken einer wissenschaftlichen
Klassifikation wird besser entsprochen wenn man sie einschließt denn da sie
mit der Summe der Charaktere der Klasse so nahe übereinstimmt so wird sie in
ihren noch unentdeckten Eigenschaften dieser Klasse wahrscheinlich mehr als
irgend einer anderen gleichen
Es sind daher die natürlichen Gruppen ebenso gut wie die künstlichen durch
Charaktere bestimmt sie sind in Betracht und auf Grund von Charakteren hin
aufgestellt Aber in Betracht nicht allein von Charakteren die allen in der
Gruppe eingeschlossenen Dingen streng gemein sind sondern in Betracht des
Ganzen der Charaktere die alle in den meisten dieser Gegenstände und wovon die
meisten in allen angetroffen werden Es ist daher unsere Konzeption von der
Klasse das geistige Bild welches dieselbe repräsentiert das eines in allen
Charakteren vollständigen Exemplars natürlich eines Exemplars das da es alle
diese Charaktere in dem höchsten Grade besitzt in welchem sie zu finden sind
am besten geeignet ist deutlich zu zeigen welcher Art sie sind Mit einer
stillschweigenden Beziehung auf dieses Muster nicht anstatt der Definition
sondern zur Erläuterung derselben bestimmen wir gewöhnlich ob ein Individuum
oder eine Spezies einer Klasse angehört oder nicht Dies ist wie mir scheint
das was an der Theorie der Typen Wahres ist
Wir werden sogleich sehen dass da wo die Klassifikation zu dem
ausdrücklichen Zwecke einer besonderen Induktion aufgestellt wird es ohne uns
eine andere Wahl zu lassen für die Erfüllung der Bedingungen einer genauen
induktiven Methode erforderlich ist dass wir eine TypusSpezies oder Gattung
aufstehen nämlich eine solche welche das zu untersuchende besondere Phänomen
im höchsten Grade darbietet Doch hiervon hernach Um die Theorie der
natürlichen Gruppen zu vervollständigen ist es nötig noch einige Worte über
die Prinzipien einer angemessenen Nomenklatur zu sagen
5 Eine Nomenklatur ist wie wir gesehen haben ein System von Namen von
Arten Diese Namen werden wie andere Klassennamen durch Aufzählung der
unterscheidenden Charaktere der Klasse definiert Das einzige Verdienst welches
eine Reihe von Namen außerdem noch haben kann besteht darin dass sie durch
ihre Aufstellungsweise soviel Information mittheilt wie möglich so dass
derjenige welcher ein Ding kennt vom Namen alle Hülfe erhält welche derselbe
dadurch geben kann dass er ihn an das erinnert was er weise während
derjenige welcher es nicht kennt soviel Kenntnis davon erhalten kann als der
Fall zulässt wenn er bloß den Namen des Dinges hört
Diese Art von Bedeutung kann dem Namen einer Art auf zweierlei Weise gegeben
werden Die beste aber unglücklicherweise selten anwendbare ist die wenn das
Wort durch seine Bildungsweise die Eigenschaften angibt welche es
mitbezeichnen soll Der Name der Art mitbezeichnet natürlich nicht alle
Eigenschaften der Art indem diese unerschöpflich sind aber er mitbezeichnet
diejenigen welche hinreichen um die Art zu unterscheiden diejenigen welche
sichere Merkmale aller anderen sind Nun ist es Sehr selten dass eine
Eigenschaft oder auch zwei oder drei Eigenschaften diesem Zweck entsprechen
können Es würde die Spezifizierung vieler Charaktere erfordern um die
gewöhnliche Gänseblume von allen anderen Pflanzenspezies zu unterscheiden Und
ein Name kann durch seine Etymologie oder Bildungsweise ohne für den
gewöhnlichen Gebrauch zu schwerfällig zu werden nicht mehr als eine geringe
Anzahl von Charakteren anzeigen Die Möglichkeit einer ideal vollkommenen
Nomenklatur beschränkt sich daher wahrscheinlich auf den einzigen Fall in
welchem wir glücklicherweise in Besitz von etwas ihr sehr Nahekommendem sind
ich meine die chemische Nomenklatur Die einfachen und zusammengesetzten
Substanzen von denen die Chemie handelt sind Arten und die Eigenschaften
welche die eine Art von den anderen Arten unterscheiden sind daher unzählbar
aber die zusammengesetzten Substanzen die einfachen sind nicht zahlreich genug
um eine systematische Nomenklatur zu verlangen besitzen eine Eigenschaft die
chemische Zusammensetzung die für sich allein hinreicht um bei einigen noch
nicht völlig verstandenen Vorbehalten die Art zu unterscheiden sie ist allein
schon ein sicheres Merkmal aller anderen Eigenschaften der Verbindung Es war
daher nichts Anderes erforderlich als den Namen einer jeden Verbindung so zu
bilden dass er beim bloßen Anhören ihre chemische Zusammensetzung ausdrückt
dh den Namen der Verbindung in einer gleichförmigen Weise aus den Namen der
einfachen Substanzen aus denen die Verbindung besteht zu bilden Dies haben
die französischen Chemiker mit großer Geschicklichkeit getan Das Einzige was
nicht von ihnen ausgedrückt wurde war das genaue Verhältnis in welchem sich
die Substanzen verbinden und seit der Aufstellung der atomistischen Theorie
fand man es ausführbar durch eine einfache Anwendung ihrer Terminologie auch
dieses auszudrücken
Wo aber die zur Bezeichnung der Art in Betracht zu ziehenden Charaktere zu
zahlreich sind um alle bei der Ableitung des Namens aufgeführt zu werden und
wo keiner von einer solchen hervorragenden Wichtigkeit ist um allein dabei
angeführt zu werden da können wir uns eines Hilfsmittels bedienen Wenn wir
nicht die unterscheidenden Eigenschaften der Art anführen können so können wir
doch die zunächst natürlichen Verwandtschaften anführen indem wir ihrem Namen
den Namen der nächsten natürlichen Gruppe einverleiben wovon sie eine Spezies
ist Auf dieses Prinzip ist die bewunderungswürdige binäre Nomenklatur der
Botanik und der Zoologie gegründet In dieser Nomenklatur besteht der Name einer
jeden Spezies aus dem Namen der zunächst über ihr stehenden Gattung oder
natürlichen Gruppe und einem hinzugefügten Wort das die besondere Spezies
anzeigt Dieser letzte Teil des zusammengesetzten Namens ist manchmal von einer
der Eigentümlichkeiten genommen durch welche sich die Spezies von anderen
Spezies der Gattung unterscheidet wie Clematis integrifolia Potentilla alba
Viola palustris Artemisia vulgaris manchmal von einem Umstande von einer
historischen Natur wie Narcissus poeticus Potentina tormentilla anzeigend
dass man die Pflanze früher so nannte Exacum Candollii nach ihrem Entdecker
Candolle und manchmal ist das Wort rein konventionell wie Thaspi
bursavastoris Ranunculus thora es ist gleichgültig was für ein Wort es sei
da der zweite oder wie man gewöhnlich sagt der spezifische Name unabhängig
von der Übereinkunft höchstens nur einen kleinen Teil der Mitbezeichnung des
Wortes ausdrücken könnte Indem wir aber den Gattungsnamen hinzufügen geben wir
den besten Ersatz für die Unmöglichkeit den Namen so herzustellen dass er alle
unterscheidenden Charaktere der Art ausdrückt Er wird jedenfalls so viele von
den Charakteren ausdrücken als der nächsten natürlichen Gruppe in welche die
Art eingeschlossen ist gemein sind Und wenn auch diese gemeinschaftlichen
Charaktere so zahlreich oder so wenig bekannt sind dass sie eine weitere
Ausdehnung desselben Hilfsmittels erforderlich machen so könnten wir statt
einer binären eine ternäre Nomenklatur annehmen indem wir nicht allein den
Namen der Gattung sondern auch den der nächst oberen Gruppe den der Familie
gebrauchen Dies geschah in der mineralogischen Nomenklatur welche Mobs
vorschlug »Die von ihm aufgestellten Namen sind nicht aus zwei sondern aus
drei Elementen zusammengesetzt die beziehungsweise die Spezies die Gattung und
die Ordnung bezeichnen auf diese Weise erhält er Spezies wie das rhomboidale
Kalkhaloid das octaëdrale Fluorhaloid prismatischer Halbaryt«164 In der
Botanik und Zoologie hat man indessen die binäre Nomenklatur für ausreichend
gefunden es sind dies die einzigen Wissenschaften in welchen man dieses
allgemeine Prinzip bei der Aufstellung einer Nomenklatur bisher mit Erfolg
angewendet hat
Außer dem in diesem Prinzip der Nomenklatur liegenden Vorteil den Namen
der Spezies die größte Quantität von unabhängiger Bedeutung zu geben welche
die Umstände des Falles zulassen bietet es noch den weiteren Vorteil den
Gebrauch der Namen sehr zu ersparen und zu verhindern dass dem Gedächtnis eine
allzu große Last auferlegt werde Wenn die Namen der Spezies sehr zahlreich
werden so wird wie Hr Whewell bemerkt165 ein Kunstgriff der es möglich
macht sich ihrer zu erinnern oder sie anzuwenden durchaus nötig »Die
bekannten Pflanzenspezies zB beliefen sich zu Linnés Zeit auf zehntausend und
belaufen sich jetzt wahrscheinlich auf sechzigtausend Es wäre nutzlos für eine
jede dieser Spezies einen besonderen Namen aufzustellen Die Einteilung der
Gegenstände in ein subordiniertes klassifikatorisches System setzt uns in den
Stand eine Nomenklatur einzuführen welche diese enorme Anzahl von Namen nicht
erfordert Eine jede Gattung hat ihren Namen und die Spezies wird durch
Hinzufügung eines Beiworts zum Namen der Gattung bezeichnet Auf diese Weise
fand Linné dass ungefähr siebenhundert generische und eine massige Anzahl
spezifischer Namen hinreichten um alle zu seiner Zeit bekannten Pflanzenspezies
genau zu bezeichnen« Und obgleich die Anzahl der Gattungsnamen seitdem sehr
vermehrt worden ist so ist sie doch bei Weitem nicht in demselben Verhältnis
gewachsen wie die Anzahl der bekannten Species
1 Wir haben bisher die Prinzipien der wissenschaftlichen Klassifikation
nur in soweit betrachtet als sie sich auf die Bildung von natürlichen Gruppen
beziehen und bei diesem Punkte sind die meisten von denjenigen welche eine
Theorie der natürlichen Anordnung aufzustellen unternahmen Herr Whewell mit
inbegriffen stehen geblieben Es gibt indessen noch einen anderen und nicht
weniger wichtigen Teil der Theorie der jedoch so viel mir bekannt von keinem
Schriftsteller als Herrn Comte systematisch behandelt worden ist Es ist die
Anordnung von natürlichen Gruppen in natürliche Reihen166
Der Zweck der Klassifikation als eines Mittels der Naturforschung ist wie
bemerkt uns zu veranlassen uns diejenigen Gegenstände vereinigt zu denken
welche die größte Anzahl von wichtigen gemeinschaftlichen Eigenschaften
besitzen und die wir daher im Laufe unserer Induktionen am häufigsten
Gelegenheit haben zusammen zu betrachten Auf diese Weise werden unsere Ideen
von den Gegenständen in eine Ordnung gebracht die unsere induktiven Forschungen
am meisten fördert Wenn aber der Zweck ist eine besondere induktive
Untersuchung zu erleichtern so ist mehr erforderlich Um diesem Zwecke zu
dienen muss die Klassifikation diejenigen Gegenstände vereinigen deren
gleichzeitige Betrachtung der Wahrscheinlichkeit nach am meisten Licht auf den
besonderen Gegenstand werfen wird Da dieser Gegenstand aus den Gesetzen irgend
eines Phänomens oder einer Reihe von zusammenhängenden Phänomenen bestellt so
muss das Phänomen selbst oder die Reihe von Phänomenen als Unterlage der
Klassifikation gewählt werden
Die Erfordernisse einer Klassifikation welche das Studium eines besonderen
Phänomens erleichtern soll sind erstens alle Arten welche das Phänomen in
irgend einer Weise oder in irgend einem Grade darbieten in eine Klasse zu
bringen zweitens diese Arten nach dem Grade in welchem sie es darbieten in
eine Reihe zu ordnen indem man mit den Arten beginnt welche es am meisten
darbieten und mit denjenigen endet welche es am wenigsten zeigen Das
vorzüglichste Beispiel einer solchen Klassifikation bieten bis jetzt die
vergleichende Anatomie und die Physiologie denen wir daher unsere Erläuterungen
entnehmen werden
2 Wir wollen annehmen der Gegenstand der Untersuchung wäre die Gesetze
des tierischen Lebens zu erforschen Nachdem wir uns eine so deutliche Idee von
dem Phänomen selbst gemacht haben als der Zustand unserer Kenntnisse es
erlaubt ist der erste Schritt alle bekannten Arten von Wesen bei welchen sich
dieses Phänomen darbietet in eine große Klasse die der Tiere zu bringen in
welchen verschiedenen Kombinationen mit anderen Eigenschaften oder in welchen
verschiedenen Graden sich auch das Phänomen bei ihnen zeigt Da einige von
diesen Arten die Erscheinung des tierischen Lebens in einem hohen andere sie
nur in einem sehr niedrigen Grade darbieten so müssen wir zunächst die
verschiedenen Arten in eine Reihe ordnen in der sie nach dem Grade wie sie das
Phänomen darbieten auf einander folgen indem wir mit dem Menschen anfangen und
mit den unvollkommensten Arten der Zoophyten endigen
Es will dies nichts Anderes sagen als dass wir die Fälle aus denen das
Gesetz induktiv gefolgert werden soll in die Ordnung zu bringen haben welche
in einer unserer vier Methoden der experimentalen Forschung inbegriffen ist
nämlich in der Methode der sich begleitenden Veränderungen In Fällen wo wir
nur beschränkte Mittel besitzen um durch künstliche Experimente eine Trennung
der gewöhnlich verbundenen Umstände zu bewirken ist wie früher bemerkt wurde
diese Methode oft die einzige ZU der wir unsere Zuflucht nehmen können wenn
wir mit Sicherheit zu einem wahren Schlüsse gelangen wollen Das Prinzip der
Methode ist dass Tatsachen welche mit einander zunehmen oder mit einander
abnehmen und verschwinden entweder Ursache und Wirkung von einander oder
Wirkungen einer gemeinschaftlichen Ursache sind Wenn es ermittelt worden ist
dass diese Beziehung zwischen den Veränderungen wirklich existiert so kann der
Zusammenhang zwischen den Tatsachen selbst mit Zuversicht entweder als ein
Naturgesetz oder je nach den Umständen als ein bloßes empirisches Gesetz
aufgestellt werden
Dass der Anwendung dieser Methode die Bildung einer Reihe wie wir sie
beschrieben haben vorhergehen muss ist zu augenfällig um nachgewiesen zu
werden und die bloße Anordnung einer Anzahl von Gegenständen in eine Reihe je
nach den Graden in welchen sie eine Tatsache darbieten deren Gesetz gesucht
wird wird durch die Erfordernisse unserer induktiven Operationen zu deutlich
geboten um hier einer weitläufigen Erörterung zu bedürfen Es gibt aber Fälle
in denen die für den besonderen Zweck erforderliche Anordnung zum bestimmenden
Prinzip der Klassifikation derselben Gegenstände zu allgemeinen Zwecken wird
Dies wird natürlich dann eintreffen wenn diese Gesetze der Gegenstände welche
in der speziellen Untersuchung gesucht werden an dem allgemeinen Charakter und
der Geschichte dieser Gegenstände einen so großen Antheil haben einen so
großen Einfluss auf die Phänomene besitzen wovon sie entweder die Agentien
oder der Schauplatz sind dass alle anderen zwischen den Gegenständen
bestehenden Unterschiede passenderweise als bloße Modifikationen des einen
gesuchten Phänomens dass sie als Wirkungen betrachtet werden die durch die
Mitwirkung eines zufälligen Umstandes mit den Gesetzen dieses Phänomens
determiniert sind So können bei lebenden Wesen die Unterschiede zwischen der
einen und der anderen Klasse von Tieren vernunftgemäß als bloße
Modifikationen des allgemeinen Phänomens tierisches Leben betrachtet werden
von Modifikationen welche entweder aus den verschiedenen Graden entstehen in
denen sich dieses Phänomen bei den verschiedenen Tieren zeigt oder aus der
Vermischung der Wirkungen von zufälligen der Natur eines jeden Tieres
eigentümlichen Ursachen mit den Wirkungen die durch die allgemeinen Gesetze
des Lebens hervorgebracht werden indem diese Gesetze immer noch einen
vorherrschenden Einfluss auf das Resultat ausüben Da sich dies so verhält so
kann keine induktive Untersuchung in Beziehung auf Tiere anders geführt werden
als mit Unterordnung unter die große Untersuchung über die allgemeinen Gesetze
des tierischen Lebens und die Klassifikation der Tiere welche diesem Zwecke
am besten entspricht ist die geeignetste für alle anderen Zwecke der Zoologie
3 Um eine derartige Klassifikation aufzustellen oder auch um eine
bereits aufgestellte zu verstehen bedarf es des Vermögens die wesentliche
Ähnlichkeit eines Phänomens in seinen niedrigeren Graden und dunkleren Formen
mit dem was man dasselbe Phänomen in seiner vollkommensten Entwickelung nennt
zu erkennen dh des Vermögens alle Phänomene mit einander zu identifizieren
welche sich nur dem Grade nach und in Eigenschaften unterscheiden von denen wir
voraussetzen dass sie durch Unterschiede des Grades hervorgebracht wurden Um
diese Identität oder genaue Ähnlichkeit der Eigenschaften zu erkennen ist die
Annahme einer TypusSpezies unerlässlich Als Typus der Klasse müssen wir
diejenige von ihren Arten annehmen welche die die Klasse konstituierenden
Eigenschaften in dem höchsten Grade darbietet indem wir die anderen Varietäten
gleichsam als Ausartungen von diesem Typus betrachten als durch geringere
Intensität der charakteristischen Eigenschaft oder Eigenschaften davon
abweichend Denn ein jedes Phänomen wird caeteris paribus am besten da
studiert wo es in der größten Intensität vorhanden ist Nur da werden die
Wirkungen welche entweder von ihm oder von derselben Ursache wie es abhängen
ebenfalls in dem höchsten Grade vorhanden sein Nur da können wir folglich seine
Wirkungen oder die mit ihm verbundenen Wirkungen völlig erkennen so dass wir
ihre niedrigeren Grade oder sogar ihre bloßen Rudimente in Fällen zu erkennen
lernen in welchen ein direktes Studium schwierig oder auch unmöglich ist nicht
zu erwähnen dass das Phänomen in seinen höchsten Graden von Wirkungen oder von
kollateralen Umständen begleitet sein kann die in den unteren Graden gar nicht
vorkommen indem sie zu ihrer Erzeugung eine größere Intensität der Ursache
verlangen als sich bei ihnen vorfindet Bei dem Menschen zB der Spezies wo
der höchste Grad des tierischen sowohl als auch des organischen Lebens zu
finden ist entwickeln sich im Laufe seiner belebten Existenz viele
untergeordnete Phänomene die sich bei den niederer Tierclassen nicht zeigen
Die Kenntnis dieser Eigenschaften kann aber dennoch für die Entdeckung der
Bedingungen der allgemeinen Lebenserscheinungen welche der Mensch mit diesen
niederen Tierklassen gemein hat von Nutzen sein Und sie werden auch ganz
angemessen als Eigenschaften der belebten Natur selbst betrachtet weil sie
offenbar den allgemeinen Gesetzen der belebten Natur affiliiert sein können weil
wir ganz gut annehmen können dass Rudimente oder schwache Grade dieser
Eigenschaften durch bessere Organe als die unsrigen oder auch durch
vollkommenere Instrumente wahrgenommen werden könnten und weil diejenigen
Eigenschaften ganz korrekt Eigenschaften einer Klasse genannt werden können
welche ein Ding genau in dem Verhältnis zeigt als es der Klasse angehört dh
im Verhältnis als es das konstitutive Attribut der Klasse besitzt
4 Es bleibt uns noch zu betrachten wie die innere Abtheilung der Klasse
am besten stattfindet in welcher Weise sie in Ordnungen Familien und Gattungen
einzuteilen ist
Das oberste Prinzip der Einteilung muss natürlicherweise die natürliche
Verwandtschaft sein die aufgestellten Classen müssen natürliche Gruppen sein
deren Bildung hinlänglich abgehandelt wurde Aber das Prinzip der natürlichen
Gruppierung muss sich dem Prinzip der natürlichen Reihen unterordnen Die
Gruppen dürfen nicht so hergestellt werden dass man in dieselbe Gruppe Dinge
bringt welche verschiedene Stufen der allgemeinen Scala einnehmen sollten Die
zu diesem Zwecke zu beobachtende Vorsicht besteht darin dass die primären
Abtheilungen nicht auf alle Distinktionen ohne unterschied sondern nur auf
diejenigen gegründet werden welche Abweichungen in den Graden des
Hauptphänomens entsprechen Man sollte die Reihe der belebten Natur genau an den
Punkten unterbrechen wo die Veränderung in dem Grade der Intensität des
Hauptphänomens wie sie durch die hauptsächlichen Charaktere wie Empfindung
Gedanken willkürliche Bewegung etc markiert wird von deutlichen Veränderungen
in den verschiedenen Eigenschaften des Tieres begleitet werden Solche
wohlmarkierten Veränderungen finden zB da statt wo die Klasse Mummalia
aufhört da wo sich die Fische von den Insekten die Insekten von den Mollusken
trennen usw Wenn die primären natürlichen Gruppen in dieser Weise gebildet
wurden so setzen sie die Reihe ohne weitere Unterabtheilung durch bloße
Juxtaposition zusammen indem eine jede von ihnen einer bestimmten Abtheilung
der Reihe entspricht In ähnlicher Weise sollte wo möglich eine jede Familie so
unterabtheilt werden dass ein Teil von ihr höher und der andere tiefer steht
obgleich in der allgemeinen Reihe aneinanderstoßend und nur wenn dies
unmöglich ist ist es erlaubt die übrigen Unterabtheilungen auf Charaktere zu
gründen die keinen bestimmteren Zusammenhang mit dem Hauptphänomen haben
Wo das Hauptphänomen alle anderen Eigenschaften auf welche eine
Klassifikation gegründet werden könnte an Wichtigkeit so sehr übertrifft wie
bei der belebten Existenz da wird eine beträchtliche Abweichung von der zuletzt
aufgestellten Regel durch das erste Prinzip einer natürlichen Anordnung durch
das Prinzip die Gruppe nach den wichtigsten Charakteren zu bilden hinlänglich
verhütet Alle Versuche einer wissenschaftlichen Klassifikation der Tiere sind
seit dem ersten erfolgreichen Studium ihrer Anatomie und Physiologie mit einer
gewissen instinktiven Beziehung auf eine natürliche Reihe gemacht worden und
stimmten mit der Klassifikation welche am natürlichsten auf eine solche Reihe
gegründet worden wäre in viel mehr Punkten überein als sie davon differierten
Die Übereinstimmung war jedoch nicht immer vollständig und es ist häufig noch
ein Gegenstand der Diskussion welche von den verschiedenen Klassifikationen am
besten mit der wahren Intensitätsscala des Hauptphänomens übereinstimmt Cuvier
zB ist mit Recht getadelt worden dass er seine natürlichen Gruppen zu sehr
auf den Ernährungsmodus gegründet hat auf einen Umstand der nur mit dem
organischen Leben direkt zusammenhängt und zu einer Anordnung führt die den
Zwecken einer Erforschung der Gesetze des tierischen Lebens wenig angepasst
ist da sowohl die fleischfressenden als auch die grasfressenden oder
früchtefressenden Thiele fast von einem jeden Grade der Vollkommenheit gefunden
werden Die Klassifikation von Blainville haben hohe Autoritäten für frei von
diesem Mangel gehalten indem dieselbe durch die bloße Anordnung der Gruppen
die allmälige Ausartung der tierischen Natur von dem höchsten bis zu dem
unvollkommensten Beispiele korrekt darstellt
5 Eine Klassifikation eines einigermaßen großen Theiles vom Gebiete
der Natur nach den obigen Prinzipien hat man bisher nur in einem einzigen
großen Falle ausführbar gefunden nämlich bei den Tieren Bei den Pflanzen ist
die natürliche Anordnung nicht über die Bildung von natürlichen Gruppen
hinausgegangen Die Naturforscher fanden es unmöglich und werden es
wahrscheinlich auch fernerhin unmöglich finden aus diesen Gruppen eine Reihe zu
bilden deren Glieder der wirklichen Abstufung in den Phänomenen des vegetativen
oder organischen Lebens entsprechen Ein solcher Unterschied des Grades Hesse
sich nachweisen zwischen der Klasse der Gefäßpflanzen und der Klasse der
Zellenpflanzen welche die Moose die Algen und andere Pflanzen einschließen
deren Organisation einfacher und rudimentärer ist als die der höheren Ordnungen
und die sich daher der unorganischen Natur mehr nähern Wenn wir aber über
diesen Punkt weit hinausgehen so finden wir keinen erkennbaren Unterschied in
dem Grade in dem die verschiedenen Pflanzen die Eigenschaften der Organisation
und des Lebens besitzen Die Dikotyledonen haben eine verwickeltere Struktur
eine etwas vollkommenere Organisation als die Monokotyledonen und einige
dicotyledonische Familien wie die Compositae besitzen eine verwickeltere
Organisation als die übrigen Aber die Verschiedenheiten sind von keinem
hervorragenden Charakter und versprechen nicht ein besonderes Licht auf die
Bedingungen und die Gesetze des Lebens und der Entwickelung der Pflanze zu
werfen Täten sie dies so müsste die Klassifikation der Pflanzen wie die der
Tiere mit Rücksicht auf die angedeutete Scala oder Reihe stattfinden
Obgleich die wissenschaftliche Anordnung der organischen Natur bis jetzt das
einzige vollständige Beispiel der wahren Prinzipien einer rationellen
Klassifikation in Betreff von Gruppen oder Reihen darbietet so sind diese
Prinzipien doch auf alle Fälle anwendbar in denen der Mensch berufen ist die
verschiedenen Theile eines ausgedehnten Gegenstandes in eine geistige
Koordination zu bringen Sie dienen ebenso gut wenn die Gegenstände zu Zwecken
der Kunst und der Geschäfte als wenn sie zu Zwecken der Wissenschaft zu
klassifizieren sind Die geeignete Anordnung eines Gesetzbuchs zB hängt von
denselben wissenschaftlichen Bedingungen ab wie die Klassifikation der
Naturgeschichte und es kann keine bessere Vorbereitung zu einem so wichtigen
Geschäft geben als das Studium der Prinzipien der natürlichen Anordnung nicht
allein im Abstrakten sondern auch in ihrer wirklichen Anwendung auf die Klasse
von Naturerscheinungen für welche sie zuerst ausgearbeitet wurden und welche
immer noch die beste Schule zum Erlernen ihres Gebrauches sind Dies wusste die
große Autorität in der Gesetzgebung Bentham ganz wohl und sein früheres
Fragment über den Staat Fragment on Government die bewunderungswürdige
Einleitung zu einer Reihe von in ihrem Gebiete unübertroffenen Schriften
enthält so weit sie gehen klare und richtige Ansichten über die Bedeutung
einer natürlichen Anordnung wie sie einem vor Linné und Bernard de Jussieu
Lebenden kaum in den Sinn kommen konnten
Die von dem Übersetzer des vorliegenden Werkes schon im Jahre 1842 in
die organische Chemie eingeführten progressiven oder homologen Reihen
welche der Chemie seitdem so wesentliche Dienste geleistet haben
erläutern das Prinzip der Reihenclassification auf eine wie ich glaube
sehr beachtenswerte Weise In Betreff dieser Reihen vergleiche man J
Schiel Einleitung in das Studium der organischen Chemie S 167 oder
auch Annalen der Chemie und Pharmazie von Liebig Wöhler und Kopp Bd
CXVI S 107 J S Zusatz des Übers
»Errare non modo affirmando et negando sed etiam sentiendo et in
tacita hominum cogitatione contingit« Hobbes Computatio sive
Logica ch v
»Il leur semble quil ny a quà douter par fantaisie et quil ny
a quà dire en général que notre nature est infirme que notre
esprit est plein daveuglement quil faut avoir un grand soin de se
défaire de ses préjugés et autres choses semblables Ils pensent
que cela suffit pour ne plus se laisser séduire à ses sens et pour
ne plus se tromper du tout Il ne suffit pas de dire que lesprit
est foible il faut lui faire sentir ses foiblesses Ce nest pas
assez de dire quil est sujet à lerreur il faut lui découvrir en
quoi consistent ses erreurs« Malebranche Recherche de la Vérité
Das Unendliche und das Absolute sind nur die Namen von zwei
entgegengesetzten in Eigenschaften der Dinge verwandelten
Schwachheiten des menschlichen Geistes von zwei in objektive
Bejahungen verwandelten subjektiven Verneinungen Sir William
Hamilton Disc on Phil
1 Es war eine Maxime der Scholastiker dass »contrariorum eadem est
scientia« wir niemals ein Ding wirklich kennen wenn wir nicht auch im Stande
sind sein Entgegengesetztes hinreichend zu erklären Dieser Maxime zufolge ist
in den meisten Lehrbüchern der Logik der Lehre von den Fehlschlüssen ein weiter
Raum gewidmet und dieser Brauch ist so empfehlenswert dass wir ihn auch hier
beobachten wollen Wenn die Philosophie des Schließens vollständig sein soll
so muss sie sowohl die Theorie des schlechten als auch des guten Schließens
umfassen
Wir haben versucht die Prinzipien festzustellen durch welche die
Zulänglichkeit eines Beweises geprüft und die Natur und die Stärke eines
Beweises wie er für die Zulässigkeit eines Schlusses erforderlich ist zum
voraus bestimmt werden kann Wenn diese Prinzipien befolgt würden so würde man
obgleich die Anzahl und der Werth der Wahrheiten immer von dem Glücke oder von
dem Fleiß der Geschicklichkeit und der Geduld des Forschers abhängen werden
wenigstens nicht nach dem Irrtum anstatt nach der Wahrheit greifen Aber die
auf ihre Erfahrung gegründete allgemeine Übereinstimmung der Menschen in ihren
Meinungen zeigt dass sie sogar von dieser negativen Vollkommenheit in dem
Gebrauche ihres Vermögens Schlüsse zu ziehen weit entfernt sind
In der Praxis des Lebens bei der Ausübung der praktischen Geschäfte der
Menschen sind falsche Schlüsse unrichtige Auslegungen der Erfahrung wenn
nicht eine hohe Ausbildung des Denkvermögens vorausgeht absolut unvermeidlich
und bei den meisten Menschen sind nachdem sie den höchsten Grad der für sie
erreichbaren Ausbildung erlangt haben irrige Folgerungen welche entsprechende
Irrtümer in ihrer Praxis erzeugen bejammernswert häufig Sogar in den
Spekulationen denen sich die höchsten Geister systematisch gewidmet haben und
in Beziehung auf welche der Kollektivgeist der gesamten wissenschaftlichen Welt
immer bereit war die Bemühungen der Einzelnen zu unterstützen und ihre
Irrtümer zu verbessern sind Meinungen welche nicht auf eine richtige
Induktion gegründet waren zuletzt nur aus den vollkommeneren Wissenschaften aus
denjenigen verbannt worden deren Gegenstand am wenigsten verwickelt ist Bei
den Untersuchungen welche sich auf die verwickelteren Erscheinungen des
Universums beziehen und besonders bei denen welche sich auf die Erscheinungen
beziehen deren Gegenstand der Mensch ist sei es als ein moralisches und
intellektuelles sei es als ein soziales oder auch als ein physisches Wesen
ist die Verschiedenheit zwischen den Meinungen kenntnisreicher Männer und die
gleiche Zuversicht mit der sie bei ganz entgegengesetzten Denkweisen an ihren
respektive Sätzen hängen ein Beweis nicht bloß dass man die richtigen Modi
des Philosophierens über diese Gegenstände noch nicht allgemein angenommen hat
sondern auch dass man ganz falsche angenommen hat dass die Philosophen im
allgemeinen nicht allein die Wahrheit verfehlt sondern auch dass sie den
Irrtum angenommen haben dass sogar die gebildetsten Menschen noch nicht
gelernt haben keine Schlüsse zu ziehen die nicht durch Beweise gestützt sind
Der einzige vollständige Schutz gegen falsches Schließen ist die Gewohnheit
gut zu schließen die Vertrautheit mit den Prinzipien des richtigen Schließens
und die Übung in deren Anwendung Es ist indessen nicht ohne Wichtigkeit zu
betrachten welcher Art die gewöhnlichsten Modi des schlechten Schließens sind
durch welche Erscheinungen der Geigt am leichtesten von der Beachtung der wahren
Prinzipien der Induktion abgelenkt wird kurz welcher Art die gewöhnlichsten
und gefährlichsten Varietäten von Scheinbeweisen sind durch welche die Menschen
zu Meinungen verleitet werden für welche in Wirklichkeit kein gültiger Beweis
existiert
Ein Verzeichnis der verschiedenen Scheinbeweise ist eine Aufzählung der
Trugschlüsse Ohne eine solche Aufzählung würde das vorliegende Werk in einem
wesentlichen Punkte mangelhaft sein und während die Schriftsteller welche nur
die Lehre von dem Syllogismus abhandelten ihre Bemerkungen auf diejenigen
Fehlschlüsse beschränkten welche hierbei vorkommen müssen wir da wir das
ganze Verfahren bei der Erforschung der Wahrheit abzuhandeln unternommen haben
unserer Anleitung dasselbe richtig zu vollziehen noch die Warnung hinzufügen
es in keinem seiner Theile unrichtig zu vollziehen es sei der syllogistische
oder der experimentelle Teil des Verfahrens fehlerhaft oder der Fehler liege
darin dass man sich des Syllogismus und der Induktion gänzlich überhebt
2 Bei der Betrachtung der Quellen unbegründeter Folgerungen ist es
unnötig diejenigen Quellen zu berücksichtigen welche nicht aus einer falschen
Methode oder auch aus einer Unkenntnis der richtigen sondern aus einem
zufälligen Fehler aus Übereilung oder Unaufmerksamkeit bei der Anwendung der
richtigen Prinzipien der Induktion entspringen Dergleichen Irrtümer erfordern
so wenig wie Irrtümer welche beim Summieren von Zahlen begangen werden eine
philosophische Analyse oder Klassifikation theoretische Betrachtungen können
kein Licht auf die Mittel werfen sie zu vermeiden In der vorliegenden
Abhandlung ist unsere Aufmerksamkeit nicht der bloßen Unerfahrenheit in der
richtigen Ausübung dieser Operation deren einzige Gegenmittel größere
Aufmerksamkeit und fleißige Übung sind sondern der Betrachtung des
fundamental falschen Weges gewidmet auf dem sie vollzogen wird den
Bedingungen unter denen sich der menschliche Geist überredet dass er
hinreichenden Grund zu einem Schluss habe zu dem er nicht durch eine der
legitimen Methoden der Induktion gelangt ist und welchen er nicht einmal
oberflächlich durch diese Methoden zu prüfen versucht hat
3 Es gibt noch einen anderen Zweig von dem was man die Philosophie des
Irrtums nennen könnte dessen wir hier erwähnen müssen wenn auch nur um ihn
aus unseren Betrachtungen auszuschließen Die Irrtümer fließen aus zwei
Quellen aus moralischen und aus intellektuellen Die moralischen fallen nicht
in den Bereich dieses Werkes Sie lassen sich unter zwei Rubriken bringen
Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit und Neigungen der gewöhnlichste Fall ist
dass wir durch unsere Wünsche gelenkt werden aber unsere Neigung zur
ungehörigen Annahme eines Schlusses ist fast gleich groß der Schluss mag für
uns angenehm oder unangenehm sein wenn er von der Art ist dass er stärkere
Leidenschaften in Tätigkeit bringt Personen von einem schüchternen Charakter
sind um so mehr geneigt irgend eine Aussage zu glauben je mehr sie dadurch
erschreckt werden Es ist in der Tat ein aus den allgemeinsten Gesetzen der
geistigen Konstitution der Menschen ableitbares psychologisches Gesetz dass
eine jede starke Leidenschaft uns in Beziehung auf Gegenstände die geeignet
sind diese Leidenschaft anzuregen leichtgläubig macht
Aber obgleich die moralischen Ursachen unserer Meinungen sehr mächtig sind
so sind sie doch nur entfernte Ursachen sie wirken nicht unmittelbar sondern
nur durch die intellektuellen Ursachen zu denen sie in demselben Verhältnis
stehen wie die in der Medizin prädisponierende Ursachen genannten Umstände zu
den erregenden Ursachen Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit kann nicht an und
für sich Irrtum erzeugen sie wirkt dadurch dass sie den Geist verhindert die
eigentlichen Beweise zu folgern oder sie durch eine strenge und richtige
Induktion zu prüfen durch dieses Versäumnis wird er schutzlos dem Einfluss
einer jeden Art von Scheinbeweis ausgesetzt die sich spontan darbietet oder die
aus jener geringeren Mühe hervorgeht welcher sich der Geist vielleicht willig
unterzieht Ebenso wenig sind Neigungen eine direkte Quelle falscher Schlüsse
Wir können eine Behauptung nicht darum glauben weil wir sie nur zu glauben
wünschen oder fürchten Die heftigste Neigung eine Reihe von Behauptungen wahr
zu finden wird auch den schwächsten Menschen nicht fähig machen sie ohne alle
Spur von geistigen Gründen ohne einen Beweis wenn auch einen scheinbaren zu
glauben Sie kann nur indirekt wirken indem sie die geistigen Gründe des
Glaubens in einer unvollständigen oder verdrehten Gestalt vor sein Auge bringt
Sie macht dass er vor der mühsamen Arbeit einer strengen Induktion
zurückschreckt indem er die Besorgnis hegt ihre Resultate könnten unangenehm
sein sie verursacht in einer Prüfung wie er sie vornimmt dass er das was bis
zu einem gewissen Grade willkürlich ist nämlich seine Aufmerksamkeit auf
ungeeignete Weise gebraucht indem er einen größeren Teil derselben auf den
Beweis richtet der dem gewünschten Schluss günstig einen geringeren Teil auf
den Beweis der ihm ungünstig scheint Auch macht sie dass er eifrig nach
Gründen oder scheinbaren Gründen sucht um damit Meinungen zu stützen die mit
seinen Interessen oder seinen Gefühlen übereinstimmen oder um Meinungen die
diesen widerstreiten zu widerstehen und wenn die Interessen oder die Gefühle
einer großen Anzahl von Menschen gemein sind so werden Gründe angenommen und
in Umlauf gesetzt auf die man nicht einen Augenblick als auf Gründe hören
würde wenn für den Schluss nicht etwas mächtigeres spräche als seine Gründe
Die natürlichen oder die erworbenen Parteilichkeit der Menschen lassen
fortwährend philosophische Theorien entstehen deren ganze Empfehlung in den von
ihnen dargebotenen Prämissen besteht um wertgehaltene Lehren zu beweisen oder
Lieblingsgefühle zu rechtfertigen und wenn eine dieser Theorien so sehr in
Misskredit geraten ist dass sie dem Zwecke nicht ferner mehr dienen kann so
ist stets eine andere bereit ihren Platz einzunehmen Wenn diese Neigung zu
Gunsten einer weitverbreiteten Überzeugung oder Denkungsart ausgeübt wird so
schmückt sie sich häufig mit schmeichelhaften Beiwörtern und die
entgegengesetzte Gewohnheit die Gewohnheit das Urteil in vollständiger
Unterwürfigkeit unter dem Beweis zu halten wird mit verschiedenen harten Namen
gebrandmarkt wie Skeptizismus Immoralität Kälte Hartherzigkeit und ähnliche
Ausdrücke je nach der Natur des Falles Aber obgleich die Meinungen der
Menschen wenn sie nicht von der bloßen Gewohnheit abhängen oder eingeprägt
sind im allgemeinen mehr in den Neigungen als in der Intelligenz wurzeln so
ist es doch für den Triumph der moralischen Neigung eine notwendige Bedingung
dass sie zuerst den Verstand verkehre und verwirre Eine jede irrige Folgerung
obgleich sie aus moralischen Ursachen entspringt involviert die intellektuelle
Operation der Zulassung des unzureichenden Beweises als eines zureichenden und
wer gegen alle Arten von ungültigen Beweisen welche für gültige genommen werden
können auf der Hut wäre würde nicht Gefahr laufen selbst durch die stärkste
Neigung zum Irrtum verleitet zu werden Es gibt Geister deren Intelligenz so
stark ist dass sie sich dem Lichte der Wahrheit nicht verschließen könnten
wie sehr sie es auch wünschen möchten sie könnten mit aller Neigung der Welt
schlechte Argumente nicht für gute über sich ergehen lassen Wenn die
Sophisterei des Geistes unmöglich gemacht werden könnte so würde die der
Gefühle da sie kein Werkzeug mehr besäße machtlos sein Eine umfassende
Klassifikation aller Dinge die ohne Beweis zu sein dem Verstände als Beweis
erscheinen können wird daher alle Irrtümer einschließen welche aus
moralischen Ursachen entspringen mit Ausschluss von nur denjenigen
Gewohnheitsirrtümern die einem besseren Wissen entgegen begangen werden
Die verschiedenen Arten von scheinbaren Beweisen zu prüfen die nicht
Beweise sind und von scheinbar bündigen Beweisen die sich in Wahrheit nicht zu
einer Schlussgültigkeit erheben ist der Gegenstand des folgenden Theiles
unserer Untersuchung
Der Gegenstand liegt nicht außerhalb des Bereiches der Klassifikation und
eines gedrängten Überblicks Der Dinge welche nicht Beweis eines gegebenen
Schlusses sind sind zwar in der Tat zahllose da aber diese negative
Eigenschaft nicht von positiven Eigenschaften abhängig ist so kann sie
natürlich auch nicht das Fundament einer Klassifikation abgeben aber die Dinge
die nicht Beweis sind aber dafür gehalten werden könnten sind einer
Klassifikation fähig da sie sich auf eine positive Eigenschaft beziehen welche
sie besitzen auf die nämlich dass sie Beweis zu sein scheinen Wir können sie
nach Belieben nach dem einen von zwei Prinzipien ordnen nach der Ursache
welche sie als Beweis erscheinen lässt oder nach der besonderen Art von Beweis
die sie simulieren Die in dem folgenden Kapitel versuchte Klassifikation ist auf
beide Betrachtungen zugleich gegründet
1 Indem wir versuchen gewisse allgemeine Unterscheidungen zwischen den
verschiedenen Arten von Fehlschlüssen zu machen setzen wir uns ein ganz anderes
Ziel als einige eminente Denker welche unter dem Namen politische oder andere
Fehlschlüsse eine bloße Aufzählung einer gewissen Anzahl von irrigen Meinungen
von falschen allgemeinen Urteilen denen man oft begegnet von loci communes
schlechter Argumente in Beziehung auf einen besonderen Gegenstand gegeben
haben Die Logik hat sich zu beschäftigen nicht mit den falschen Meinungen
welche die Menschen hegen sondern mit der Art wie sie dazu kommen dieselben
zu hegen Die Frage ist nicht welche Tatsachen hielt man zu jeder Zeit
irrtümlicher Weise für Beweise gewisser anderer Tatsachen sondern welche
Eigenschaft in den Tatsachen hat zu einer solchen irrtümlichen Voraussetzung
verleitet
Wenn obgleich irrtümlich vorausgesetzt wird eine Tatsache sei ein
Beweis oder ein Merkmal einer anderen Tatsache so muss eine Quelle des
Irrtums vorhanden sein die vermeintliche beweisende Tatsache muss in einer
besonderen Weise mit der Tatsache verknüpft sein für deren Beweis man sie
hält sie muss in einem besonderen Verhältnis zu ihr stehen sonst würde man
sie nicht in diesem Lichte betrachtet haben Das Verhältnis kann daraus
hervorgegangen sein dass man die Tatsachen einfach neben einander betrachtet
hat oder es kann von einem geistigen Prozess abhängen wodurch eine
vorhergängige Assoziation zwischen amen hergestellt worden ist Es muss indessen
eine Eigentümlichkeit des Verhältnisses vorhanden sein die Tatsache von der
man selbst bei dem größten Irrtum annimmt sie beweise eine andere Tatsache
muss in einer besonderen Stellung zu ihr stehen und wenn wir diese besondere
Stellung bestimmen und definieren könnten so würden wir die Quelle des Irrtums
wahrnehmen
Wir können eine Tatsache nicht für einen Beweis einer anderen Tatsache
ansehen wenn wir nicht glauben dass sie beide immer oder doch in der Mehrzahl
der Fälle mit einander verbunden sind Wenn wir A für einen Beweis von B halten
und geneigt Bind B zu folgern wenn wir A sehen so ist der Grund hiervon dass
wir glauben dass wo A ist B immer oder größtenteils existiert sei es als
ein Antezedens ein Konsequenz oder ein Begleitendes Concomitirendes Wenn wir
da wo wir A sehen geneigt sind B nicht zu erwarten wenn wir A für den Beweis
der Abwesenheit von B halten so ist es weil wir glauben dass wo A ist sich
B niemals oder wenigstens nur selten findet Kurz irrige Schlüsse haben eben so
gut als richtige Schlüsse eine unveränderliche entweder ausgedrückte oder
stillschweigend eingeschlossene Beziehung zu einer allgemeinen Formel Wenn wir
eine Tatsache aus einer anderen Tatsache folgern welche sie nicht wirklich
beweist so haben wir entweder ein grundloses allgemeines Urteil in Beziehung
auf den Zusammenhang der beiden Phänomene zugelassen oder wir müssen es der
Konsequenz wegen zulassen
Es gibt daher für eine jede Eigenschaft in den Tatsachen oder in unserer
Betrachtungsweise der Tatsachen welche uns zu dem Glauben verleitet dass
dieselben gewöhnlich mit einander verbunden sind wenn sie es nicht sind und
dass sie es nicht sind wenn sie in Wirklichkeit verbunden sind einen
entsprechenden Fehlschluss und eine Aufzählung dieser Fehlschlüsse würde in
einer Spezifikation dieser Eigenschaften in den Tatsachen und jener
Eigentümlichkeiten unserer Betrachtungsweise bestehen welche diese irrige
Meinung hervorbringen
2 Der vermeintliche Zusammenhang zwischen Tatsachen oder deren
vermeintliche Unvereinbarkeit kann auf einen Beweis hin dh aus irgend einem
Urteil oder aus anderen Urteilen geschlossen oder ohne einen solchen Grund
zugelassen werden er kann wie man sagt auf seinen eigenen Beweis hin als
eine selbstverständliche oder axiomatische Wahrheit zugelassen werden Man kann
demnach unterscheiden zwischen Fehlschlüssen in der Folgerung und Fehlschlüssen
der äußeren Sinne In die letztere Abtheilung sind nicht allein alle Fälle zu
bringen in denen ein Urteil für wahr gehalten und geglaubt wird und zwar
buchstäblich ohne irgend einen äußerlichen Beweis entweder der spezifischen
Erfahrung oder des allgemeinen Schließens sondern auch die häufigeren Fälle
wo die Sinne eine Präsumtion zu Gunsten des Urteils hervorrufen eine
Präsumtion die zwar für den Glauben nicht hinreichend ist die aber doch
hinreicht um zu machen dass man die strengen Prinzipien einer regelrechten
Induktion umgeht und die eine Prädisposition erzeugt das Urteil auf einen
Beweis hin zu glauben den man für unzureichend erkennen würde wenn eine solche
Präsumtion nicht vorhanden wäre Diese Klasse welche Alles umfasst was man
natürliche Vorurteile nennen könnte und welche ich ohne Unterschied
Fehlschlüsse der einfachen Betrachtung Inspektion oder Fehlschlüsse a priori
nennen werde soll in unserer Liste obenan stehen
Die Fehler der Folgerung oder irrigen Schlüsse aus supponierten Beweisen
müssen je nach der Natur des Scheinbeweises aus dem die Schlüsse gezogen sind
oder was dasselbe ist nach der besonderen Art des richtigen Schlusses den der
fragliche Fehlschluss nachahmt unterabtheilt werden Es ist jedoch zuerst ein
Unterschied zu machen der nicht einer der Unterscheidungen zwischen den
richtigen Argumenten entspricht sondern der aus der Natur der schlechten
Argumente hervorgeht Wir können mit der Natur unseres Beweises genau bekannt
sein und dennoch einen falschen Schluss daraus ziehen wir können genau
verstanden haben welcher Art unsere Prämissen sind welche behauptete
Tatsachen oder allgemeine Prinzipien das Fundament unseres Schlusses bilden
und dennoch kann weil die Prämissen falsch sind oder weil wir etwas aus ihnen
gefolgert hatten was sie nicht rechtfertigen unser Schluss ein irriger sein
Aber vielleicht ist der Fall noch häufiger wo der Fehlschluss nicht daraus
entsteht dass wir unsere Prämissen nicht mit der gehörigen Klarheit dh nicht
mit der gehörigen Stetigkeit wie in dem vorhergehenden Buch167 gezeigt wurde
auffassen indem wir uns von unserm Beweis eine andere Idee machen wenn wir ihn
folgern oder zulassen als wenn wir ihn anwenden oder indem wir ohne Vorbedacht
und gewöhnlich unbewusst andere Prämissen an die Stelle derjenigen setzen von
denen wir ausgingen oder einen Schluss an die Stelle des Schlusses welchen wir
beweisen wollten Es entsteht hieraus eine Klasse von Irrtümern die wir auf
Konfusion beruhende Fehlschlüsse nennen können und welche unter anderem alle
diejenigen Fehlschlüsse umfasst welche ihre Quelle in der Sprache haben sei es
in der Unbestimmtheit oder Zweideutigkeit unserer Wörter sei es in den
zufälligen Ideenassoziationen welche dieselben hervorrufen
Wenn der Irrtum nicht ein auf Konfusion beruhender Fehlschluss ist dh
wenn das geglaubte Urteil und der Beweis auf den hin es geglaubt wird stetig
aufgefasst und unzweideutig ausgedrückt sind so kann man noch zwei Abtheilungen
machen so dass wir vier Classen entstehen sehen Der Scheinbeweis kann entweder
aus besonderen Tatsachen oder vorhergegangenen Generalisationen bestehen dh
das Verfahren kann entweder den Schein der Induktion oder den der Deduktion
annehmen und der Beweis kann er bestehe aus Tatsachen oder aus allgemeinen
Urteilen wiederum an sich falsch sein oder wenn wahr kann er vielleicht den
Schluss nicht rechtfertigen den man darauf zu gründen versucht hat Wir haben
also erstens Fehlschlüsse der Induktion und Fehlschlüsse der Deduktion und
alsdann eine Unterabtheilung von jeder der zwei Arten je nachdem der supponierte
Beweis falsch oder wahr aber nicht beweiskräftig ist
Die Fehlschlüsse der Induktion kann man Fehlschlüsse der Beobachtung nennen
wenn die Tatsachen auf denen die Induktion beruht irrig sind Der Ausdruck
ist nicht streng genau oder vielmehr nicht gleich weit gehend wie die Klasse von
Fehlschlüssen welche ich damit bezeichnen will Die Induktion ist nicht immer
auf unmittelbar beobachtete Tatsachen sondern sie ist manchmal auf gefolgerte
Tatsachen gegründet und wenn die letzteren irrig sind so ist der Irrtum dem
buchstäblichen Sinne des Wortes nach nicht ein Beispiel von schlechter
Beobachtung sondern von schlechter Folgerung Es ist indessen bequemer aus
allen Induktionen deren Irrtum nicht in einer unzureichenden Ermittlung der
Tatsachen liegt auf welche die Theorie gegründet ist nur eine einzige Klasse
zu bilden die Ursache des Versehens sei schlechte Beobachtung oder einfache
Nichtbeobachtung und die schlechte Beobachtung malobservation
Missbeobachtung finde direkt Statt oder vermittelst intermediärer Merkmale
die nicht beweisen was man als von ihnen bewiesen voraussetzte Und bei dem
Mangel eines umfassenden Ausdrucks um die Ermittlung von Tatsachen auf welche
die Induktion gegründet ist damit zu bezeichnen werde ich für diese Klasse von
Irrtümern nach der bereits gegebenen Erklärung den Ausdruck »Fehler der
Beobachtung« beibehalten
Die andere Klasse der induktiven Fehlschlüsse in denen die Tatsachen
richtig sind ohne die daraus gezogenen Schlüsse zu rechtfertigen werden ganz
geeignet Fehler der Generalisation genannt und diese zerfallen wieder in
mehrere untergeordnete Classen oder natürliche Gruppen welche am geeigneten
Orte abzuhandeln sind
Wenn wir uns nun zu den Irrtümern der Deduktion nämlich zu jenen
unrichtigen Argumentationen wenden in denen die Prämissen allgemeine Urteile
sind und das Argument ein Syllogismus ist so können wir dieselben wie die
vorigen natürlich ebenfalls in zweierlei Arten unterabtheilen nämlich in
solche welche auf falschen Prämissen beruhen und in solche deren Prämissen
wenn sie auch wahr sind den Schluss nicht rechtfertigen Von diesen beiden
Arten muss die erste jedoch notwendig mit einer der oben erwähnten Arten
zusammenfallen denn der Irrtum muss entweder in den Prämissen liegen welche
allgemeine Urteile sind oder in den Prämissen welche einzelne Tatsachen
behaupten In dem ersten Falle ist es ein induktiver Irrtum von der einen oder
der anderen Klasse in dem letzteren ein Fehler der Beobachtung wenn nicht in
dem einen und dem anderen Falle die irrige Prämisse auf die bloße Betrachtung
inspectio bin angenommen wurde in welchem Falle es ein Fehlschluss a priori
ist Oder es mögen endlich die verschiedenen Prämissen nicht in einer so
deutlichen Weise gedacht worden sein um ein klares Bewusstsein zu erzeugen in
welcher Weise man zu ihnen gelangt ist wie zB bei dem sogenannten
Zirkelschluss es ist dann ein Fehlschluss aus Konfusion
Es bleibt daher als die einzige Klasse von Fehlschlüssen die ihren Sitz in
der Deduktion haben diejenige wo die Prämisse den Schluss nicht rechtfertigt
kurz die verschiedenen Fälle von fehlerhafter Argumentation gegen welche die
syllogistischen Regeln gerichtet sind Wir werden sie Fehler im Syllogismus
nennen
Wir haben auf diese Weise fünf unterschiedene Classen von Fallacien welche
wir in folgende synoptische Tabelle bringen können
Fallacien
der einfachen Betrachtung
1 Fehler a priori
der Folgerung
aus unklar gedachtem Beweis
induktive Fehlschlüsse
2 Fehler d Beobachtung
bzw 3 Fehler d Generalisation
deduktive Fehlschlüsse
4 Fehler d Syllogismus
aus deutlichem Beweis
5 Fehler aus Konfusion
3 Wir dürfen indessen nicht erwarten zu finden dass die wirklichen
Irrtümer der Menschen immer oder auch nur gewöhnlich so unzweideutig zu einer
von diesen Classen gehören dass sie auf keine andere Klasse bezogen werden
könnten Die irrigen Argumente lassen gewöhnlich keine so scharfe Trennung zu
wie die richtigen Ein Argument das in allen seinen Teilen deutlich dargelegt
ist in einer Sprache die kein Missverständnis zulässig macht muss wenn es
irrig ist in einer und nur in einer dieser fünf Arten irrig sein oder auch in
der Tat nur in einer der vier ersten da die fünfte Art bei einer solchen
Voraussetzung hinwegfiele Es liegt aber nicht in der Natur des schlechten
Schließens so unzweideutig zu sein Wenn ein Sophist er betrüge sich selbst
oder suche Andere zu betrügen gezwungen werden kann seine Sophismen168 in eine
so deutliche Form zu bringen so bedarf es in einer großen Anzahl von Fällen
keiner weiteren Bloßstellung derselben
In allen Argumenten mit Ausnahme derjenigen der Schulen finden sich einige
Glieder ausgelassen dies wird noch mehr der Fall sein wenn der Schließende
entweder die Absicht hat zu betrügen oder wenn er ein lahmer und unachtsamer
Denker und wenig gewohnt ist sein Schließen irgendwie zu prüfen und gerade in
denjenigen Teilen des Schlusses die in dieser stillschweigenden und halb oder
auch ganz unbewussten Art vollzogen werden versteckt sich der Irrtum am
häufigsten Um den Irrtum zu entdecken muss das in solcher Weise
stillschweigend angenommene Urteil ergänzt werden aber der Schließende hat
sich wahrscheinlich niemals in Beziehung auf das was er vorausgesetzt hat eine
Frage vorgelegt der ihn Widerlegende muss wenn er es ihm nicht durch die
sokratische Methode des Fragens abdringen darf selbst urteilen welcher Art
die unterdrückte Prämisse sein müsste um den Schluss zu rechtfertigen »Es ist
daher« in den Worten von Erzbischof Whately »oft zweifelhaft oder vielmehr
eine Sache der Willkür nicht allein auf welche Gattung eine jede Art
Fehlschluss sondern auch auf welche Art ein jeder individuelle Fehlschluss
zurückzuführen ist denn da in dem Gange eines jeden Arguments die eine Prämisse
gewöhnlich unterdrückt ist so muss bei einem Fehlschluss häufig entweder eine
Prämisse ergänzt werden welche nicht wahr ist oder eine Prämisse die den
Schluss nicht beweist zB wenn sich Jemand über das Unglück eines Landes
ausspricht und sodann schließt dass dessen Regierung tyrannisch ist so
müssen wir annehmen dass er entweder voraussetzt dass jedes unglückliche Land
unter einer Tyrannei ist was offenbar falsch ist oder dass ein jedes Land
unter einer Tyrannei unglücklich ist was bei aller Wahrheit nichts beweist
indem der Mittelbegriff fehlt Nach unserer Einteilung wäre ersteres ein
Irrtum in der Generalisation das letztere ein Fehler im Syllogismus Wie
sollen wir nun aber annehmen dass wir es der Meinung des Sprechenden nach zu
verstehen haben Gewiss wenn er sich selber verstanden hat gerade so wie es
ein Jeder am liebsten verstehen wird der Eine dürfte der falschen Prämisse
zustimmen der Andere den falschen Syllogismus zugeben«
Es können daher streng genommen fast alle Fehlschlüsse in die fünfte
Klasse in die der Konfusion gebracht werden Selten kann ein Fehler
ausschließlich auf eine der anderen Classen zurückgeführt werden wir können
nur sagen dass wenn alle Glieder ergänzt wären die in einem gültigen Argument
ergänzt werden können der Irrtum zu dieser oder jener Klasse gehören würde
oder höchstens dass der Schluss sehr wahrscheinlich in dieser oder jener Klasse
von Irrtum seinen Ursprung hat In dem obigen Beispiel kann der Irrtum
wahrscheinlich auf einen Fehler der Generalisation zurückgeführt werden indem
man irrtümlich ein ungewisses Merkmal für ein gewisses halt und von einer
Wirkung auf eine von ihren möglichen Ursachen schließt während es noch andere
Ursachen gibt welche dieselbe ebenfalls hervorgebracht haben konnten
Aber obgleich die fünf Classen in einander übergehen und ein besonderer
Irrtum oft willkürlich der einen zugeteilt scheint so ist diese
Unterscheidung doch von großem Nutzen Wir werden es bequem finden die
Fallacien der Konfusion diejenigen in welchen die Konfusion am auffallendsten
das Charakteristische ist in denen keine andere Ursache des Irrtums
nachzuweisen ist als Nachlässigkeit oder die Unfähigkeit die Frage richtig zu
stellen und den Beweis mit Bestimmtheit und Präzision zu fassen als eine
besondere Klasse zu behandeln In die anderen vier Classen werde ich nicht
allein die verhältnismäßig wenigen Fälle bringen in denen man den Beweis klar
für das erkennt was er ist und wo dennoch ein falscher Schluss daraus gezogen
wird sondern auch diejenigen in denen zwar Konfusion vorhanden jedoch nicht
die alleinige Ursache des Irrtums ist sondern wo der Schatten eines Grundes
dafür in der Natur des Beweises selbst liegt Und indem ich diese Fälle von
partieller Konfusion unter die vier Classen verteile werde ich wenn über den
genauen Sitz des Irrtums ein Zweifel sein kann voraussetzen dass er in jenem
Theile des Prozesses liegt in welchem der Natur des Falles und den bekannten
Schwachheiten des menschlichen Geistes nach ein Irrtum in den besonderen
Umständen am wahrscheinlichsten ist
Nach diesen Bemerkungen wollen wir nun ohne weitere Einleitung die fünf
Classen von Fallacien der Reihe nach betrachten
In den deutschen Werken über Logik heißt ein jeder formal unrichtige
Schluss eine Fallacie fallacia Beruht der unrichtige Schluss auf
Irrtum so heißt er Fehlschluss paralogismus liegt die Absicht zu
täuschen zu Grunde so heißt er Trugschluss sophisma J SZusatz
des Übers
1 Bei der Klasse von Irrtümern welche wir zuerst abhandeln wollen
findet eine wirkliche Folgerung gar nicht Statt das Urteil denn Schluss kann
man in solchen Fällen nicht sagen wird angenommen nicht als bewiesen sondern
als keines Beweises bedürftig als eine selbstverständliche Wahrheit oder
vielmehr als ein Urteil von einer solchen inneren Wahrscheinlichkeit dass der
äußere für sich allein nicht ausreichende Beweis mit Hülfe der vorausgängigen
Präsumtion hinreichend wird
Eine umfassende Behandlung dieses Gegenstandes würde die Grenzen dieses
Werkes überschreiten denn sie verlangt eine Untersuchung der Hauptfrage der
sogenannten Metaphysik der Frage nämlich welche Urteile können
vernünftigerweise ohne Beweis als wahr angenommen werden Alle stimmen darin
überein dass es solche Urteile geben muss da es keine unendliche Reihe von
Beweisen geben kann keine Kette die in der Luft hängt Aber zu bestimmen
welches diese Urteile sind ist das opus magnum der tieferen Philosophie des
Geistes Seit dem ersten Dämmern der Philosophie haben vorzüglich zwei
Meinungsverschiedenheiten die philosophischen Schulen in zwei Parteien getrennt
Die eine erkennt keine anderen letzten Prämissen an als die Tatsachen unseres
subjektiven Bewusstseins unsere Sensationen Emotionen Geisteszustände und
unser Wollen Dies und was durch die strengen Regeln der Induktion daraus
abgeleitet werden kann ist nach dieser Theorie alles was wir möglicherweise
wissen können in Beziehung auf alles Andere werden wir unwissend bleiben Die
andere Schule glaubt dass es andere Existenzen gibt wovon unser Geist in der
Tat durch jene subjektiven Phänomene Kenntnis erhält die aber weder durch
einen deduktiven noch durch einen induktiven Prozess daraus gefolgert werden
können die wir indessen nach der Einrichtung unserer geistigen Natur als
Realitäten anerkennen müssen und zwar als Realitäten einer höheren Ordnung als
die Phänomene unseres Bewusstseins da sie die urwirkenden Ursachen causae
efficientes und notwendigen Substrate aller Phänomene sind Unter diese
Entitäten rechnen sie Substanzen ob Materie oder Geist von dem Staube unter
unseren Füssen an bis zur Seele und von da an bis zur Gottheit Alle diese sind
nach ihnen außernatürliche oder übernatürliche Wesen die keine Ähnlichkeit
mit der Erfahrung haben obgleich die Erfahrung gänzlich eine Offenbarung eine
Manifestation ihrer Tätigkeit ist Ihre Existenz und mehr oder weniger von den
Gesetzen nach welchen sie sich in ihrer Tätigkeit richten sind dieser Lehre
nach vom Geiste selbst intuitiv als real begriffen und erkannt indem die
Erfahrung ob in der Form von Sensationen oder von geistigen Gefühlen keinen
Teil daran hat als dass sie eine Menge von Tatsachen liefert welche mit
diesen notwendigen Postulaten der Vernunft übereinstimmen und welche durch
dieselben erklärt werden
Da es außerhalb des Zweckes des vorliegenden Werkes liegt zu entscheiden
auf welcher Seite die Wahrheit ist so können wir weder die Existenz einer
Erkenntnis a priori untersuchen oder deren Umfang und Grenzen definieren noch
die Art von richtiger Assumtion charakterisieren welche der Irrtum aus
unrichtiger Assumtion den wir eben betrachten simuliert Da es indessen von
beiden Seiten zugegeben wird dass solche unrichtigen Assumtionen gelegentlich
gemacht werden so können wir ohne auf die letzten metaphysischen Gründe der
Erörterung einzugehen einige theoretische Sätze aufstellen und einige
praktische Winke über die Form geben in welcher solche Assumtionen am
wahrscheinlichsten gemacht werden
2 In den Fällen wo den Philosophen der ontologischen Schule nach der
Geist durch Intuition Dinge und Gesetze der Dinge begreift welche den Sinnen
nicht zugänglich sind sind diese intuitiven oder vermeintlichen intuitiven
Wahrnehmungen nicht von dem zu unterscheiden was die entgegengesetzte Schule
Ideen des Geistes zu nennen pflegt Wenn jene Philosophen selbst sagen dass sie
die Dinge durch einen unmittelbaren Akt einer ihnen von ihrem Schöpfer zu diesem
Zwecke verliehenen Fähigkeit wahrnehmen so würden ihre Gegner von ihnen sagen
sie fänden eine Idee oder Vorstellung in ihrem eigenen Geiste und folgerten aus
dieser Idee oder Vorstellung die Existenz einer entsprechenden objektiven
Realität Auch wäre dies nur eine bloße Umsetzung in andere Worte der Art wie
viele von ihnen den Vorgang selbst erklären eine Darstellung der die
Hellsichtigeren von ihnen ohne Zögern zustimmen könnten und auch im allgemeinen
zustimmen Da also in den Fällen welche am meisten Anspruch darauf machen
Beispiele einer Erkenntnis a priori zu sein der Geist von der Idee eines
Dinges zu der Realität des Dinges selbst übergeht so werden wir nicht
überrascht sein zu finden dass unerlaubte aprioristische Assumtionen darin
bestehen dass ganz dasselbe irrtümlich getan wird indem subjektive
Tatsachen für objektive Gesetze des wahrnehmenden Geistes für Gesetze des
wahrgenommenen Gegenstandes Eigenschaften der Ideen oder Vorstellungen für
Eigenschaften der vorgestellten Dinge genommen werden
Es beruht daher ein großer Teil des in der Welt stattfindenden irrigen
Denkens auf der stillschweigenden Annahme dass unter den Gegenständen in der
Natur dieselbe Ordnung herrschen müsse welche unter unseren Ideen von ihnen
herrscht dass wenn wir immer zwei Dinge zusammen denken die zwei Dinge auch
immer zusammen existieren müssen dass wenn ein Ding uns an ein anderes zu
denken veranlasst das ihm vorhergeht oder folgt dieses andere Ding ihm in der
Tat vorhergehen oder folgen müsse und umgekehrt dass wenn wir uns nicht zwei
Dinge zusammen vorstellen können sie auch nicht zusammen existieren können und
dass ihre Verbindung ohne weiteren Beweis von der Liste der möglichen Vorgänge
gestrichen werden darf
Ich bin sehr geneigt zu glauben dass nur Wenige darüber nachgedacht haben
wie sehr dieser Irrtum den Glauben und die Handlungen der Menschen beherrscht
Man kann als erstes Beispiel die große Klasse des Volksaberglaubens anführen
Wenn man prüft in welchem Umstände die meisten von jenen Dingen übereinstimmen
welche in verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen Teilen des
Menschengeschlechts als Vorzeichen wichtiger Ereignisse angesehen wurden so
wird man finden dass sie ziemlich allgemein durch die Eigentümlichkeit
charakterisiert werden dass sie den Geist an das zu denken veranlassen was sie
vermeintlicherweise vorbedeuten sollten »Man soll den Teufel nicht an die Wand
malen« ist zum Sprichwort geworden Male den Teufel dh errege die Idee und
die Wirklichkeit wird folgen Zu einer Zeit in der die Erscheinung dieser
Persönlichkeit in sichtbarer Gestalt nicht als ein ungewöhnliches Ereignis
betrachtet wurde ist es ohne Zweifel Personen von einer lebhaften
Einbildungskraft und reizbaren Nerven häufig begegnet dass der Gedanke an den
Teufel sie zu dem Glauben verleitete sie hätten ihn gesehen sowie ja auch
sogar in unserer ungläubigen Zeit das Anhören von Geistergeschichten uns
prädisponiert Geister zu sehen und auf diese Weise kann sich als eine Stütze
des aprioristischen Fehlschlusses ein Fehlschluss aus schlechter Beobachtung
einem darauf gegründeten Irrtum aus falscher Generalisation addieren
Fehlschlüsse von verschiedenen Arten gesellen sich oder hängen sich oft auf
diese Weise aneinander aber der Ursprung des Aberglaubens ist offenbar so wie
wir ihn angegeben haben In ähnlicher Weise wurde es allgemein als unheilvoll
betrachtet vom Unglück zu sprechen Der Tag an welchem sich eine Kalamität
ereignete wurde als ein unglücklicher betrachtet und es bestand überall ein
Widerwille und bei manchen Kationen sogar ein religiöses Verbot gegen das
Ausüben irgend eines wichtigen Geschäfts an diesem Tage denn an einem solchen
Tage sind unsere Gedanken wahrscheinlich ebenfalls unglücklich Aus einem
ähnlichen Grunde wurde ein widerwärtiges Ereignis bei dem Beginn eines
Unternehmens als unheilverkündend angesehen und dies hat ohne Zweifel oft zu
dem Unheil beigetragen indem es die in der Unternehmung Begriffenen mehr oder
weniger aus der Fassung brachte Aber der Glaube hat auch da geherrscht wo
abgesehen vom Aberglauben der unangenehme Umstand zu bedeutungslos war um den
Geist durch eigenen Einfluss zu deprimieren Jedermann kennt die Geschichte von
Cäsar der zufällig in dem Augenblicke stolperte und fiel als er auf der
afrikanischen Küste landete und die Geistesgegenwart womit er die ungünstige
Vorbedeutung in eine günstige verwandelte indem er ausrief »Afrika ich halte
dich« Solche Zeichen wurden in der Tat oft als Warnungen betrachtet die eine
freundliche oder feindliche Gottheit schickte aber auch dieser Aberglaube
entwuchs einer präexistierenden Neigung man nahm an der Gott sende als ein
Vorzeichen von dem was kommen solle Etwas was die Menschen bereits in diesem
Lichte betrachteten Dasselbe war der Fall mit glücklichen oder unglücklichen
Namen Herodot erzählt wie die Griechen auf dem Wege nach Mykale in ihrem
Unternehmen durch die Ankunft einer Deputation von Samos ermutigt wurden unter
der sich ein Mitglied befand welches sich Hegesistratus Führer der Armeen
nannte
Man kann Fälle angeben wo Etwas was keine andere reale Wirkung haben
konnte als die Menschen zu veranlassen an das Unglück zu denken nicht bloß
als eine Vorbedeutung sondern als etwas der wirklichen Ursache Nahekommendes
betrachtet wurde Das heuphêmei der Griechen das favete linguis oder bona
verba quaeso der Römer zeigen die Sorgfalt womit sie sich bemühten das
Aussprechen eines Wortes das Unglück bedeuten konnte zu unterdrücken nicht
wegen ihrer Begriffe von feinfühlender Höflichkeit womit ihre ganze Natur wenig
zu schaffen hatte sondern aus aufrichtiger Besorgnis das der Phantasie
vorgeführte Ereignis könne wirklich eintreffen Spuren eines ähnlichen
Aberglaubens finden sich bei ungebildeten Leuten noch in unseren Tagen man hält
es für unchristlich von dem Tode eines noch Lebenden zu sprechen Es ist
bekannt wie sorgfältig die Römer durch indirekte Sprechweise den Gebrauch von
Wörtern vermieden welche den Tod oder ein anderes Unglück bezeichnen wie sie
anstatt mortuus est sagten vixit und »sei der Vorfall glücklich oder anders«
statt unglücklich Den Namen Maleventum dessen thessalischen Ursprung Salmasius
so scharfsinnig entdeckte Maloeis Maloentos änderten sie in den günstigen
Namen Beneventum Egesta in Segesta und Epidamnus ein Name so angenehm in
seinen Assoziationen für die Leser des Thucydides änderten sie in Dyrrihachium
um die Gefahren eines Namens an vermeiden der an damnum erinnert
»Wenn ein Hase über den Weg läuft« sagt Sir Thomas Browne169 »so sind
unter fünf Dutzenden Wenige die nicht bestürzt wären was indessen nichts als
ein augurischer Schreck ist nach dem bekannten Ausdruck inauspicatum dat iter
oblatus lepus Der Grund dieser Vorstellung war sicher kein anderer als dass
ein an uns vorüberlaufendes furchtsames Thier uns Etwas anzeigt was zu fürchten
ist wie zufolge einer gleichen Betrachtung ein uns begegnender Fuchs einen
künftigen Betrug voraussagt« Ein Aberglaube wie der letztere muss das Resultat
eines Studiums sein er ist für eine natürliche oder spontane Entstehung zu
tiefliegend Aber nachdem einmal der Versuch gemacht war eine Wahrsagekunst
aufzustellen so war eine jede noch so schwache Ideenassoziation durch welche
ein Gegenstand in noch so gesuchter Weise mit Ideen von Glück oder Gefahr und
Unglück verbunden werden konnte hinreichend um unter die guten oder bösen
Omina gerechnet zu werden
Ein Beispiel von einer anderen Art wie die obigen aber unter dasselbe
Prinzip fallend ist der berühmte Versuch auf welchen die Alchemisten so viele
Mühe und Kunst verwendeten der Versuch nämlich das Gold trinkbar zu machen
Der Beweggrund hierfür war der Gedanke dass trinkbares Gold ein
Universalheilmittel sein müsse Und warum aber das Gold Weil es so kostbar war
Es musste alle staunenswerten Eigenschaften der physischen Substanzen haben
weil der Geist schon gewohnt war es anzustaunen
Aas einem ähnlichen Gefühle geschah es wie Dr Paris sagt170 »dass eine
jede Substanz deren Ursprung von Geheimnis umgeben ist in verschiedenen
Zeiten sehr eifrig zu medizinischen Zwecken angewandt worden ist Es ist noch
nicht lange her dass in dem Norden von Italien einer jener Regenschauer fiel
die wie man jetzt weiß aus den Exkrementen von Insekten bestehen die
Einwohner betrachteten ihn als Manna oder eine übernatürliche Panacee und
verschlangen ihn mit solcher Begierde dass man nur mit der größten Mühe eine
kleine Quantität zu einer chemischen Untersuchung erhalten konnte« Der
Aberglaube welcher in diesem Falle ohne Zweifel einen zum Teil religiösen
Charakter hatte entstand wahrscheinlich zum Teil auch aus dem Vorurteile
dass ein wunderbares Ding auch natürlich wunderbare Eigenschaften haben müsse
3 Die Beispiele von aprioristischen Fehlschlüssen welche wir bisher
angeführt haben gehören zu einer Klasse von vulgären Irrtümern die
gegenwärtig keinen einigermaßen gebildeten Geist täuschen können sie konnten
dies überdies nur in einem rohen Jahrhundert Diejenigen aber zu welchen wir
nun übergehen wollen waren und sind gegenwärtig noch allgemein sogar unter den
Philosophen herrschend Dieselbe Neigung einem Gesetze des Geistes
Objektivität zu geben anzunehmen dass das was von unseren Ideen von den
Dingen wahr ist auch von den Dingen selbst wahr sein müsse zeigt sich selbst
in vielen von den geschätztesten Weisen der philosophischen Forschung sowohl
über physische als auch metaphysische Gegenstände In einem der offeneren Fälle
kleidet sie sich in zwei Maximen welche Anspruch darauf machen axiomatische
Wahrheiten zu sein Dinge welche wir nicht zusammen denken können können nicht
zusammen existieren koexistieren und Dinge welche wir nur zusammen denken
können müssen koexistieren Ich weiß nicht gewiss ob die Maximen jemals genau
in diesen Worten ausgedrückt worden sind aber die Geschichte der Philosophie
sowohl wie die der Volksmeinungen ist überreich an Beispielen beider Formen
dieser Lehre
Wir wollen mit dem letzteren beginnen nämlich Dinge welche wir nur
zusammen denken können müssen zusammen existieren Es wird dies angenommen in
dem allgemein gangbaren und in Ansehen stehenden Modus zu schließen dass A
tatsächlich B begleiten muss weil »es in der Idee enthalten ist« Dergleichen
Denker überlegen nicht dass die Idee da sie ein Resultat der Abstraktion ist
sich nach den Tatsachen richten muss und nicht machen kann dass sich die
Tatsachen nach ihr richten Das Argument ist höchstens zulässig als ein Appell
an die Autorität als eine Vermutung dass das was nun ein Teil der Idee ist
durch frühere Forscher in den Tatsachen muss gefunden worden sein bevor es
dazu wurde Nichtsdestoweniger hat derjenige Philosoph welcher mehr als alle
anderen eine jede Autorität verwarf hat Descartes sein philosophisches System
auf diese Basis gegründet Sein Lieblingskunstgriff um selbst in Beziehung auf
äußere Dinge zur Wahrheit zu gelangen war sie in seinem eigenen Geiste zu
suchen »Credidi me« lautet seine berühmte Maxime »pro regula generali sumere
posse omne id quod valde dilucide et distincte concipiebam verum esse« was
klar gedacht werden kann muss gewiss existieren dh wie er es später erklärt
wenn die Idee Existenz einschließt Aus diesem Grunde folgert er dass die
geometrischen Figuren wirklich existieren weil sie deutlich gedacht werden
können Wenn »die Existenz in einer Idee eingeschlossen ist« so muss ein mit
der Idee übereinstimmendes Ding wirklich existieren was so viel sagen will als
alles was in der Idee enthalten ist muss sein Äquivalent in dem Dinge haben
und was wir aus der Idee nicht entfernen können kann in der Wirklichkeit nicht
abwesend sein Diese Annahme durchdringt nicht bloß die Philosophie von
Descartes sondern auch die aller Denker welche durch ihn einen Impuls erhalten
haben und insbesondere der zwei bemerkenswertesten derselben die von Leibnitz
und Spinoza aus denen die deutsche metaphysische Schule hauptsächlich
hervorgegangen ist171 Ich bin in der Tat geneigt zu glauben dass der
fragliche Fehlschluss die Ursache von zwei Drittheilen der schlechten
Philosophie und besonders der schlechten Metaphysik gewesen ist welche der
menschliche Geist niemals müde wurde zu schaffen Unsere allgemeinen Ideen
enthalten nichts was nicht entweder durch unsere passiven Erfahrungen oder
durch unsere aktiven Denkgewohnheiten in sie hineingelegt worden wäre und zu
allen Zeiten sind die Metaphysiker welche die Gesetze des Weltalls aus unseren
supponierten Gedankennotwendigkeiten zu konstruieren versuchten nur immer davon
ausgegangen und konnten nur davon ausgehen dass sie mühsam in ihrem eigenen
Geiste suchten was sie selbst vorher hineingelegt hatten und dass sie aus
ihren Ideen Dinge evolvierten welche sie zuerst in diese Ideen involviert hatten
Auf diese Weise können alle tiefgewurzelten Meinungen und Gefühle scheinbare
Beweise ihrer Wahrheit und Vernunftmäßigkeit gleichsam aus ihrer eigenen
Substanz erzeugen
Die andere Form des Irrtums Dinge die wir uns nicht zusammen denken
können können nicht zusammen existieren indem diese Form den damit
zusammenhängenden Irrtum einschließt dass das was wir nicht als existierend
denken können gar nicht existieren kann kann kurz so ausgedruckt werden Was
unbegreiflich ist muss falsch sein
Gegen diese Lehre habe ich mich früher weitläufig genug ausgelassen172 und
es ist hier nichts mehr erforderlich als Beispiele Man hielt lange für
unmöglich dass es Antipoden gebe weil es den Menschen große Schwierigkeiten
machte sich Leute vorzustellen deren Kopf sich in derselben Richtung befand
wie unsere Füße Es war eines der gangbaren Argumente gegen das Kopernikanische
System dass wir uns keinen so großen leeren Raum denken können als dieses
System in den himmlischen Regionen voraussetzt Da die Menschen gewohnt waren
sich die Sterne in festen Gewölben sitzend vorzustellen so fanden sie natürlich
große Schwierigkeit sich dieselben in so verschiedenen und wie es den
Anschein hatte so unsicheren Stellungen zu denken Die Menschen hatten aber
kein Recht die Beschränkung ihrer eigenen Fähigkeiten ob eine natürliche oder
wie hier eine bloß künstliche für eine inhärente Beschränkung der möglichen
Existenzmodi im Universum zu halten
Man kann hiergegen einwerfen dass in diesen Fällen der Irrtum in der
unteren nicht in der oberen Prämisse lag in der Tatsache nicht im Prinzip
dass er nicht in der Voraussetzung bestand das was unbegreiflich ist könne
auch nicht wahr sein sondern in der Voraussetzung Antipoden seien
unbegreiflich während unsere jetzige Erfahrung beweist dass sie zu begreifen
sind Aber wenn man diesen Einwurf auch für zulässig erachten und den Satz
dass was unbegreiflich ist nicht wahr sein könne als eine unbezweifelte
theoretische Wahrheit betrachten wollte so wäre dies eine Wahrheit woraus eine
praktische Konsequenz gar nicht fließen kann da es dieser Darstellung nach
unmöglich ist von irgend einem Urteil das nicht contradictio in adjecto ist
zu behaupten es sei unbegreiflich Unseren Vorfahren waren Antipoden wirklich
und nicht bloß künstlich unbegreiflich für uns sind sie in der Tat
begreiflich und wie die Grenzen unseres Denkvermögens durch die Vermehrung
unserer Erfahrung und durch größere Übung unserer Einbildungskraft weiter
ausgedehnt wurden so mag die Nachwelt viele Kombinationen vollkommen
begreiflich finden die für uns unbegreiflich sind Aber da wir Wesen von
beschränkter Erfahrung sind so muss unser Vorstellungsvermögen notwendig immer
beschränkt bleiben während keineswegs daraus folgt dass dieselbe Beschränkung
in den Möglichkeiten der Natur oder auch nur in ihren gegenwärtigen
Offenbarungen stattfindet
Vor mehr als anderthalb Jahrhunderten war es eine ganz unbestrittene und
keines Beweises bedürftige wissenschaftliche Maxime dass »ein Ding da nicht
wirken kann wo es nicht ist« Mit dieser Waffe führten die Cartesianer einen
furchtbaren Krieg gegen die Gravitationstheorie welche da sie ihnen zufolge
eine so offenbare Absurdität einschloss in limine verworfen werden müsse die
Sonne konnte möglicherweise nicht auf die Erde wirken da sie nicht bei ihr ist
Es war nicht überraschend dass die Anhänger der alten astronomischen Systeme
diesen Einwurf gegen das neue machten aber die falsche Annahme betrog Newton
selbst der zur Abwehr dieses Einwurfs einen feinen Äther ersann welcher den
Raum zwischen der Sonne und der Erde ausfüllt und durch seine Dazwischenkunft
zur näheren Ursache des Phänomens der Gravitation wurde
»Es ist undenkbar« sagt Newton in einem Briefe an Dr Bentley173 »dass
leblose rohe Materie ohne die Dazwischenkunft von etwas Nichtmateriellem auf
andere Materie ohne gegenseitige Berührung wirken könne Dass die Schwere der
Materie eingeboren inhärent und wesentlich sei so dass ein Körper auf einen
anderen in einer Entfernung durch einen leeren Raum hindurch wirken könne ohne
die Vermittlung von sonst etwas wodurch die Tätigkeit und Kraft von dem einen
auf den übertragen wird scheint mir eine so große Absurdität dass ich glaube
Niemand kann bei der erforderlichen Fähigkeit über philosophische Gegenstände
zu denken darauf verfallen« Diese Stelle sollte in dem Studierzimmer eines
jeden Mannes der Wissenschaft der in Versuchung kommen kann eine Tatsache für
unmöglich zu erklären weil er sie sich nicht denken sie nicht begreifen kann
in großen Buchstaben aufgehängt werden Heutzutage würde man eher geneigt sein
die ganze Schlussbemerkung wenn auch gleich ungerecht umzukehren und darin
dass man in einer so einfachen und natürlichen Sache eine Absurdität sehen
wollte die wirkliche Abwesenheit der »erforderlichen Denkfähigkeiten« zu
erblicken Es findet jetzt Niemand die geringste Schwierigkeit darin sich die
Schwere wie die anderen Eigenschaften »als der Materie eingeboren inhärent
und wesentlich« zu denken und die Voraussetzung eines Äthers erleichtert
Niemandem diese Vorstellung auch nur im geringsten auch hält es Niemand für
unglaublich dass die Himmelskörper auf einander auch da wirken können und
wirken wo sie nicht wirklich körperlich gegenwärtig sind Es scheint uns nicht
wunderbarer dass Körper »ohne gegenseitige Berührung« auf einander wirken als
dass sie wirken wenn sie in Berührung stehen wir sind mit beiden Tatsachen
vertraut und finden sie gleich unerklärlich aber auch gleich glaubhaft Newton
schien die eine natürlich und selbstverständlich weil seine Einbildungskraft
damit vertraut war während ihm die andere aus dem entgegengesetzten Grunde
absurd und unglaubhaft erschien
Es ist auffallend dass sich nach einer solchen Warnung noch Jemand
unbedingt auf den aprioristischen Beweis solcher Urteile verlassen kann wie
die folgenden die Materie kann nicht denken der Raum oder die Ausdehnung ist
unendlich aus nichts kann nichts geschaffen werden ex nihilo nihil fit Es
ist hier nicht der Ort zu entscheiden ob diese Urteile wahr sind oder nicht
oder auch ob diese Fragen von menschlichen Fähigkeiten überhaupt gelöst werden
können aber dergleichen Lehren sind so wenig Wahrheiten die sich von selbst
verstehen als der alte Grundsatz dass ein Ding da nicht wirken kann wo es
nicht ist was gegenwärtig wahrscheinlich kein Mensch von Bildung in ganz Europa
glaubt Die Materie kann nicht denken Warum nicht Weil wir uns nicht
vorstellen können dass der Gedanke mit einer Gruppierung materieller Teilchen
vergesellschaftet ist Der Raum ist unendlich da wir niemals einen Teil
desselben sahen der nicht noch Theile über sich gehabt hätte so können wir
kein absolutes Ende begreifen Ex nihilo nihil fit weil wir niemals ein
physikalisches Produkt ohne eine präexistierende physikalische Materie sahen
können wir uns nicht eine Schöpfung aus nichts vorstellen oder glauben nicht
uns eine solche vorstellen zu können Aber diese Dinge mögen an sich so
unbegreiflich sein wie die Gravitation ohne ein dazwischenliegendes Medium die
Newton für eine zu große Absurdität für einen Menschen hielt der die
erforderliche Fähigkeit zum philosophischen Denken besitzt und sogar wenn man
sie als unbegreiflich annimmt so kann dies eine der Beschränkungen unseres
Geistes sein ohne eine Beschränkung der Natur zu sein
Kein Schriftsteller hat sich mit dem in Rede stehenden Irrtum direkter
identifiziert oder hat ihn in deutlichere Worte gefasst als Leibnitz Nach
seiner Ansicht könnte ein Ding es müsste denn nicht bloß begreiflich sondern
auch erklärlich sein gar nicht in der Natur existieren Alle natürlichen
Phänomene müssen nach ihm aprioristisch erklärt werden können Die einzigen
Tatsachen von denen keine andere Erklärung gegeben werden kann als der Wille
Gottes sind die eigentlich sogenannten Wunder »Je reconnais«174 sagt er
»quil nest pas permis de nier ce quon nentend pas mais jajoute quon a
droit de nier au moins dans lordre naturel ce qui absolument nest point
intelligible ni explicable Je soutiens aussi quenfin la conception des
créatures nest pas la mesure du pouvoir de Dieu mais que leur conceptivité on
force de concevoir est la mesure du pouvoir de la nature tout ce qui est
conforme à lordre naturel pouvant être conçu ou entendu par quelque créature«
Nicht zufrieden mit der Annahme nichts könne wahr sein was wir nicht
begreifen können haben die Philosophen dieser Lehre häufig eine noch größere
Ausdehnung gegeben indem sie behaupteten dass das was wir von nicht
unbegreiflichen Dingen am leichtesten begreifen können am wahrscheinlichsten
wahr sei Es war lange ein angenommenes und ist jetzt noch ein nicht ganz
aufgegebenes Axiom dass »die Natur immer durch die einfachsten Mittel wirkt«
dh durch diejenigen welche am leichtesten zu begreifen sind Ein großer
Teil der Irrtümer welche bei der Erforschung der Naturgesetze begangen
wurden hatten ihre Entstehung in der Annahme dass die leichteste Erklärung
oder Hypothese die wahrste sei Eine der belehrendsten Tatsachen in der
Geschichte der Wissenschaft ist die Hartnäckigkeit mit welcher der menschliche
Geist an dem Glauben hing dass die Himmelskörper sich in Kreisen bewegen oder
ihre Umläufe vermittelst der Umdrehung von Kugeln machen müssen bloß weil dies
an sich die einfachsten Voraussetzungen waren obgleich es um die
Übereinstimmung mit den Tatsachen denen dieser Glaube immer mehr widersprach
herzustellen nötig war so lange Kugeln zu Kugeln und Kreise zu Kreisen
hinzuzufügen dass die ursprüngliche Einfachheit in ein fast unauflösbares
Gewirre umgewandelt wurde
4 Ein anderer aprioristischer Irrtum oder natürliches Vorurteil das
mit dem vorigen verbunden ist und gerade so entsteht ist die Neigung zwischen
den Gesetzen des Geistes und den Gesetzen der äußeren Dinge eine genaue
Verbindung zu präsumieren Die allgemeine Form dieses Irrtums ist Was für sich
gedacht werden kann existiert für sich Er gibt sich am auffallendsten in der
Personifizierung von Abstraktionen kund Die Menschen hatten zu jeder Zeit eine
starke Neigung zu schließen dass da wo ein Name ist eine dem Namen
entsprechende unterscheidbare besondere Entität sein müsse eine jede komplexe
Idee die der Geist aus seinen Vorstellungen von individuellen Dingen für sich
bildete wurde angesehen als besäße sie eine ihr entsprechende äußere
objektive Realität Schicksal Zufall Natur Zeit Raum ja sogar Götter waren
reale Dinge Wenn die in dem ersteren Theile dieses Werkes gegebene Analyse der
Qualitäten richtig ist so stehen Namen der Eigenschaften und Namen der
Substanzen für dieselbe Reihe von Tatsachen oder Phänomenen Weiße und ein
weißes Ding sind nur verschiedene Ausdrücke um unter verschiedenen Umständen
von verschiedenen äußeren Tatsachen zu sprechen Dies war aber nicht die Idee
die diese wörtliche Unterscheidung ehedem bei dem großen Haufen oder bei den
Philosophen hervorrief Die Weiße weiße Farbe war eine Entität die der
weißen Substanz anhing oder in ihr stak und so die anderen Eigenschaften Dies
wurde so weit getrieben dass man sogar konkrete allgemeine Ausdrücke nicht als
Namen einer unbestimmten Anzahl individueller Substanzen ansah sondern als
Namen einer besonderen Art von allgemeine Substanzen genannten Entitäten Weil
wir vom Menschen im allgemeinen dh von allen Menschen in soweit sie die
gemeinschaftlichen Attribute der Spezies besitzen denken und sprechen können
ohne unsere Gedanken beständig auf einen individuellen Menschen zu richten so
nahm man an der Mensch im allgemeinen sei nicht ein Aggregat von Individuen
sondern ein davon unterschiedener abstrakter oder universaler Mensch
Man kann sich denken welchen Unfug Metaphysiker die in diesen
Gewohnheiten auferzogen waren mit der Philosophie trieben wenn sie zu den
weitesten Generalisationen kamen Substantiae secundae jeder Art waren schon
schlimm genug aber Substantiae secundae wie zB to on und to hen die für
besondere Entitäten galten und von welchen man annahm sie inhärierten allen
Dingen welche existieren oder von denen man sagte sie seien eins waren
hinreichend einer jeden verständlichen Diskussion ein Ende zu machen
insbesondere als nach der richtigen Perzeption dass die Wahrheiten welche die
Philosophie verfolgt allgemeine Wahrheiten sind behauptet wurde diese
Allgemeinen Substanzen wären der einzige Gegenstand der Wissenschaft da sie
unveränderlich sind während die durch die Sinne erkennbaren im ewigen Flugs
begriffenen individuellen Substanzen nicht wirkliche Gegenstände der
Wissenschaft sein können Dieses Missverstehen des Inhalts der allgemeinen
Sprache konstituiert den Mystizismus ein Wort das viel öfter ausgesprochen und
geschrieben als verstanden wird Der Mystizismus ist sowohl in den Vedas als
auch bei den Platonikern oder den Hegelianern nicht mehr und nicht weniger als
dass man den subjektiven Schöpfungen der eigenen geistigen Fähigkeiten den
bloßen Ideen des Geistes objektives Dasein zuschreibt und glaubt man könne
durch Beobachtung dieser selbstgeschaffenen Ideen lesen was in der Außenwelt
vorgeht
5 Indem wir uns bei der Aufzählung der aprioristischen Fehlschlüsse
bemühen sie so viel wie möglich mit Berücksichtigung ihrer natürlichen
Verwandtschaft zu ordnen kommen wir nun zu einem anderen dem vorletzten
ebenfalls verwandten Fehlschluss zu einem Fehlschluss der zu der einen
Varietät desselben in demselben Verhältnis steht wie der zuletzt genannte
Fehlschluss zur anderen Varietät Auch dieser stellt die Natur als mit einem
Unvermögen behaftet dar das dem Unvermögen unseres Geistes entspricht aber
anstatt bloß zu behaupten die Natur könne Etwas nicht tun weil wir es nicht
begreifen können geht er noch viel weiter indem er behauptet die Natur tue
Etwas aus dem einzigen Grunde weil wir keinen Grund sehen können warum sie es
nicht tun sollte So absurd es scheint wenn dies so schlechthin behauptet
wird so ist es doch ein von den Philosophen angenommener Grundsatz um die
Gesetze der physikalischen Phänomene aprioristisch zu beweisen Ein Phänomen
muss ein bestimmtes Gesetz befolgen weil wir keinen Grund sehen warum es von
diesem Gesetz eher in der einen Richtung als in der anderen abweichen sollte
Dies ist das Prinzip vom zureichenden Grunde175 auf das die Philosophen sich
oft im Stande glauben die allgemeinsten Wahrheiten der Experimentalphysik ohne
alle Berufung auf die Erfahrung begründen zu können
Nehmen wir zB zwei der allerelementarsten Gesetze das Gesetz der Trägheit
vis inertiae und das erste Gesetz der Bewegung Ein in Buhe begriffener
Körper behauptet man kann nicht anfangen sich zu bewegen ohne dass eine
äußere Kraft auf ihn einwirkt denn wenn er es täte so müsste er sich
aufoder abwärts vor oder rückwärts usf bewegen wenn keine äußere Kraft
auf ihn einwirkt so kann kein Grund vorhanden sein dass er sich eher auf als
abwärts eher vor als rückwärts bewege ergo wird er sich gar nicht bewegen
Ein solches Schließen halte ich für ganz irrig in seiner Abhandlung über
Ursache und Wirkung hat Dr Brown dies auch mit großer Schärfe und Strenge des
Gedankens nachgewiesen Wir haben oben bemerkt dass durch verschiedene
Ergänzungen der unterdrückten Theile fast ein jeder Irrtum auf verschiedene
Gattungen zurückgeführt werden kann der Irrtum von dem wir eben reden kann
auf petitio principii zurückgeführt werden Er setzt voraus dass nichts ein
»hinreichender Grund« für die Bewegung eines Körpers in einer besonderen
Richtung sein könne als irgend eine äußere Kraft Das ist aber gerade was zu
beweisen ist Warum nicht eine innere Kraft Warum nicht das Gesetz der eigenen
Natur des Dinges Da es diese Philosophen für nötig halten das Gesetz der
Trägheit zu beweisen so setzen sie natürlich nicht voraus dass es sich von
selbst verstehe sie müssen daher der Meinung sein die Voraussetzung der
Bewegung eines Körpers durch einen inneren Impuls sei eine Hypothese deren
Zulassung aller Erfahrung vorausgeht wenn dies aber so ist warum ist nicht
auch die Hypothese zulässig dass der innere Impuls naturgemäß in einer
besonderen Richtung wirkt und nicht in einer anderen Wenn spontane Bewegung ein
Gesetz der Materie gewesen sein konnte warum nicht auch spontane Bewegung nach
der Sonne der Erde oder gegen den Zenit Warum nicht wie die Alten annahmen
nach einem besonderen einer jeden besonderen Art Substanz vorbehaltenen Punkte
des Weltalls Gewiss ist es unzulässig zu sagen die Spontaneität der Bewegung
sei an sich glaublich sie sei aber nicht glaublich wenn vorausgesetzt wird
die Bewegung finde in einer bestimmten Richtung Statt
Wenn Jemand in der Tat behaupten wollte dass sich alle zwangsfreien dh
sich selbst überlassenen Körper in gerader Linie nach dem Nordpol bewegen
würden so könnte er auch diese Behauptung durch das Prinzip vom hinreichenden
Grunde beweisen Mit welchem Recht nimmt man an dass ein Zustand von Ruhe
derjenige besondere Zustand sei von dem ohne eine spezielle Ursache nicht
abgewichen werden könne Warum nicht ein Zustand der Bewegung und zwar einer
besonderen Art von Bewegung Warum können wir nicht sagen der natürliche
Zustand eines sich selbst überiagsenen Pferdes sei Schritt zu gehen weil es
sonst entweder traben galoppieren oder stillstehen müsste und weil wir keinen
Grund sehen warum es das eine eher tun sollte als das andere Wenn man dies
einen unpassenden Gebrauch »des hinreichenden Grundes« und das andere einen
passenden nennen wollte so müsste die stillschweigende Annahme stattfinden ein
Zustand von Buhe sei einem Pferde natürlicher als ein Zustand des
Schrittgehens Wenn dies bedeutet dass es der Zustand ist welchen das sich
selbst überlassene Thier annehmen wird so ist dies gerade der zu beweisende
Punkt und wenn es dies nicht sagen will so kann es nur bedeuten dass ein
Zustand von Ruhe der einfachste und daher in der Natur am wahrscheinlichsten
vorherrschende ist was einer von den Fehlschlüssen oder natürlichen
Vorurteilen ist die wir bereits geprüft haben
Dasselbe gilt von dem ersten Gesetze der Bewegung dass ein in Bewegung
begriffener Körper wenn er sich selbst überlassen wird sich beständig in einer
geraden Linie bewegt Man hat den Versuch gemacht dieses Gesetz zu beweisen
indem man sagte dass wenn er dies nicht täte er entweder nach rechts oder
nach links abweichen müsste während doch kein Grund vorhanden ist warum er das
eine eher tun sollte als das andere Aber wer konnte der Erfahrung voraus
wissen ob ein Grund vorhanden war oder nicht Könnte es nicht die Natur der
Körper oder von besonderen Körpern sein nach rechts oder wenn man die Annahme
vorzieht nach Osten oder Süden abzuweichen Man hat lange geglaubt die Körper
wenigstens die irdischen hätten ein natürliches Bestreben nach unten
abzuweichen und es ist nicht der Schatten von einem Einwurf vorhanden den man
gegen die Annahme machen könnte ausgenommen dass sie nicht wahr ist Der
vermeintliche Beweis des Gesetzes der Bewegung ist offenbar noch unhaltbarer als
der des Gesetzes der Trägheit denn er ist offenbar inkonsequent er nimmt an
die Fortdauer einer Bewegung in der zuerst genommenen Richtung sei natürlicher
als die Abweichung nach rechts oder links aber er leugnet dass die eine der
letzteren möglicherweise natürlicher sein könne als die andere Alle diese
Einbildungen einer Möglichkeit durch andere Mittel als die Erfahrung zu
erkennen was natürlich und was nicht natürlich ist sind in der Tat ganz
nichtig Der wirkliche und einzige Beweis des Gesetzes der Bewegung oder irgend
eines Gesetzes des Weltalls ist die Erfahrung aus dem einfachen Grunde weil
keine anderen Annahmen die Tatsachen der allgemeinen Natur erklären oder damit
übereinstimmen
Die Geometer haben sich zu allen Zeiten den Vorwurf zugezogen sie suchten
die allgemeinsten Tatsachen der Außenwelt durch sophistisches Räsonnement zu
erklären um eine Berufung an die Sinne zu vermeiden Archimedes sagt Playfair
stellte einige von den elementaren Sätzen der Statik durch ein Verfahren auf in
welchem er »dem Experiment keine Prinzipien entlehnt sondern seinen Schluss
gänzlich durch ein Schließen a priori feststellt Er nimmt an dass gleiche
Körper an den Enden der gleichen Arme eines Hebels sich einander im
Gleichgewichte erhalten und dass ein Zylinder oder Parallelepiped aus einem
homogenen Stoff im Mittelpunkt der Größe im Gleichgewicht steht Dies ist aber
nicht aus der Erfahrung gefolgert es ist im eigentlichen Sinne ein aus dem
Prinzip des zureichenden Grundes abgeleiteter Schluss« Und bis auf den
heutigen Tag gibt es wenig Mathematiker welche es nicht für viel
wissenschaftlicher hielten diese oder ähnliche Prämissen in einer solchen Weise
aufzustellen als ihren Beweis auf das gewöhnliche Experiment zu gründen an das
in dem in Rede stehenden Fall so leicht zu appellieren war
6 Ein anderes weit verbreitetes natürliches Vorurteil ein Vorurteil
das die Wurzel aller Irrtümer war in welche die alten Philosophen bei ihren
physikalischen Forschungen verfielen war das Vorurteil dass die Unterschiede
in der Natur den von uns gemachten Distinktionen entsprechen müssen dass
Wirkungen die wir gewohnt sind in gewöhnlicher Sprache mit verschiedenen Namen
zu belegen und in verschiedene Classen zu ordnen auch von einer verschiedenen
Natur sein und verschiedene Ursachen haben müssen Dieses Vorurteil das so
offenbar einerlei Ursprung mit den bereits abgehandelten hat deutet ganz
besonders auf jenes frühe Stadium der Wissenschaft hin wo sie sich noch nicht
von den Fesseln der täglichen Sprechweise befreit hatte Dass dieses Vorurteil
die griechischen Philosophen so außerordentlich beherrscht hat kann dadurch
erklärt werden dass sie keine andere Sprache verstanden als die ihrige woraus
folgte dass ihre Ideen den zufälligen oder willkürlichen Kombinationen dieser
Sprache mehr folgten als es den Gebildeten der jetzigen Zeit begegnen kann Es
machte ihnen große Schwierigkeit Dinge von einander zu unterscheiden welche
ihre Sprache zusammenwarf oder Dinge geistig zu verbinden welche sie trennte
sie konnten die Gegenstände der Natur kaum zu anderen Classen vereinigen als
die populären Ausdrücke ihres Landes für sie schufen wenigstens mussten sie
diese Classen für natürlich und alle anderen für willkürlich und künstlich
halten Es war demnach die wissenschaftliche Forschung unter den Griechen und
ihren Nachfolgern im Mittelalter wenig mehr als ein Sichten und Analysieren der
mit der gewöhnlichen Sprache verbundenen Begriffe Sie glaubten dass sie durch
die Bestimmung der Bedeutung der Wörter mit den Tatsachen bekannt werden
könnten »Sie hielten es für ausgemacht« sagt Herr Whewell »dass die
Philosophie aus den Relationen derjenigen Begriffe hervorgehen müsse welche in
der gewöhnlichen Sprache enthalten sind und sie suchten dieselbe in dem Studium
dieser Begriffe« Herr Whewell hat diesen Irrtum so gut erläutert dass wir
seine Worte etwas weiter anführen wollen176
»Die Neigung in der gewöhnlichen Sprache nach Prinzipien zu suchen zeigte
sich sehr früh Ein Beispiel hiervon haben wir in dem Ausspruch welchen man
Thales dem Gründer der griechischen Philosophie zuschreibt Als er gefragt
wurde welches ist das größte aller Dinge antwortete er der Raum denn alle
Dinge sind in der Welt die Welt ist aber im Raum Bei Aristoteles finden wir
diese Art zu philosophieren auf ihrem Höhenpunkt Der Ausgangspunkt seiner
Untersuchungen ist gewöhnlich dieser wir sagen gewöhnlich so oder so Wenn er
zB die Frage untersucht ob es in irgend einem Theile des Universums ein
Vakuum einen leeren Raum gibt so fragt er erst in welchem Sinne wir sagen
dass ein Ding in dem anderen ist Er zählt nun folgende Sprechweisen auf wir
sagen ein Teil sei im Ganzen wie die Finger in der Hand wir sagen die
Spezies sei in der Gattung wie der Mensch in der Gattung Thier eingeschlossen
ist ebenso die Herrschaft Griechenlands sei in dem König es werden noch
verschiedene andere Sprechweisen angeführt und erläutert aber von allen ist die
passendste die eigentlichste wenn wir sagen ein Ding sei in einem Gefäß und
im allgemeinen im Raum Er prüft sodann was der Raum ist und kommt zu dem
Schlüsse dass wenn um einen Körper herum ein anderer ist der ihn
einschließt so ist er im Raume wenn nicht nicht Ein Körper bewegt sich
wenn er seinen Ort ändert aber er fügt hinzu dass wenn Wasser in einem Gefäß
und das Gefäß in Ruhe ist die Theile des Wassers sich doch bewegen können
denn sie sind gegenseitig von einander eingeschlossen so dass während das
Ganze seinen Ort nicht ändert die Theile ihren Ort in einer kreisförmigen
Ordnung können Indem er alsdann zu der Frage über den leeren Raum übergeht
prüft er die verschiedenen Bedeutungen dieses Ausdrucks und nimmt als die
eigentliche an Raum ohne Materie ein ganz nutzloses Resultat«
So sagt er in Beziehung auf mechanische Wirkung »Wenn ein Mensch einen
Stein bewegt indem er ihn mit einem Stocke stößt so sagen wir sowohl der
Mensch bewege den Stein als auch der Stock bewege ihn aber das letztere
passender eigentlicher«
»So finden wir dass die griechischen Philosophen bemüht waren ihre Dogmen
den allgemeinsten und abstraktesten Begriffen welche sie nur auffinden konnten
zu entnehmen zB der Idee des Weltalls als eines Dinges oder als vieler Dinge
Sie versuchten zu bestimmen wie weit wir mit diesen Begriffen den Begriff von
dem Ganzen und seinen Teilen von Zahl oder Grenze Anfang oder Ende von Voll
oder Leer Ruhe oder Bewegung von Ursache und Wirkung u dgl verbinden können
oder müssen Die Analyse solcher Begriffe von einem solchen Gesichtspunkte aus
füllt zB fast die ganze Abhandlung des Aristoteles über den Himmel De Coelo
«
Der folgende Paragraph verdient besondere Aufmerksamkeit »Eine bei diesen
Versuchen sehr häufig angewandte Schlussweise war die Lehre von den Gegensätzen
in welcher angenommen wurde dass Attribute oder Substanzen welche in
gewöhnlicher Sprache oder in einer abstrakten Vorstellungsweise einander
entgegengesetzt sind auf einen fundamentalen Gegensatz in der Natur deuten
müssen den zu studieren von Wichtigkeit ist So sagt uns Aristoteles dass die
Pythagoreer aus den Kontrasten welche die Zahlen darbieten zehn Prinzipien
ableiteten das Begrenzte und Unbegrenzte das Gerade und Ungerade Eins und
Vieles Rechts und Links Männlich und Weiblich Ruhe und Bewegung Gerade und
Krumm Licht und Dunkelheit Gut und Böse Quadratisch und Oblong
Aristoteles selbst leitete die Lehre von vier Elementen und andere Dogmen aus
Gegensätzen derselben Art ab«
In welcher Weise die Alten versuchten aus so erhaltenen Prämissen
Naturgesetze abzuleiten davon führt Herr Whewell ein Beispiel an »Auf folgende
Argumente gestützt entscheidet Aristoteles dass es keinen leeren Raum gibt
In einem leeren Raume könnte kein Unterschied zwischen oben und unten sein denn
so wie es in Nichts keinen Unterschied gibt so gibt es auch keinen in einer
Privation oder Negation aber der leere Raum ist eine bloße Privation oder
Negation der Materie daher könnten sich in einem leeren Raum die Körper weder
aufwärts noch abwärts bewegen wie sie es doch ihrer Natur nach tun Man sieht
leicht« fügt Herr Whewell mit Recht hinzu »dass eine solche Schlussweise die
gewöhnlichen Sprachformen und den geistigen Zusammenhang der Wörter zu einer
Oberherrschaft über die Tatsachen erhebt indem sie die Wahrheit davon abhängig
macht ob Ausdrücke privativ sind oder nicht und ob wir zu sagen pflegen dass
die Körper ihrer Natur nach fallen«
Die Neigung anzunehmen dass dieselben Verhältnisse zwischen den
Gegenständen selbst herrschen welche zwischen unseren Ideen von ihnen
herrschen sieht man hier auf ihrer höchsten Stufe der Entwickelung Denn die in
den vorhergehenden Beispielen erläuterte Art zu philosophieren setzt nicht
weniger voraus als dass der geeignete Weg zur Kenntnis der Natur zu gelangen
der sei die Natur selbst subjektiv zu studieren unsere Beobachtung und Analyse
nicht auf die Tatsachen selbst sondern auf die von diesen Tatsachen
gewöhnlich gehegten Vorstellungen zu richten
Von der Neigung anzunehmen dass Dinge welche zu gewöhnlichen Lebenszwecken
in verschiedene Classen geteilt wurden in jeder Beziehung verschieden sein
müssen kann man viele andere gleich auffallende Beispiele anführen Von dieser
Art war das im Altertum und Mittelalter allgemeine und tiefgewurzelte
Vorurteil dass himmlische und irdische Phänomene wesentlich verschieden sein
müssen und in keiner Weise von denselben Gesetzen abhängig sein können Von
derselben Art war auch das Vorurteil welches Bacon bestritt dass der Mensch
das nicht nachahmen könne was die Natur hervorgebracht hat Calorem solis et
ignis toto genere differre ne scilicet homines putent se per opera ignis
aliquid simile iis quae in natura fiunt educere et formare posse Und ferner »
Compositionem tantum opus Hominis Mistionem vero opus solius Naturae esse ne
scilicet homines sperent aliquam ex arte corporum naturalium generationem aut
transformationem«177 Die Unterscheidung welche die alten Philosophen zwischen
natürlicher und gewaltsamer Bewegung machten und die nicht ohne plausible
Begründung in den äußeren Erscheinungen selbst war empfahl sich der Annahme
ohne Zweifel durch ihre Übereinstimmung mit diesem Vorurteile
7 Von dem Grundirrtum der wissenschaftlichen Forscher des Altertume
kommen wir durch natürliche Ideenassoziation zu einem kaum weniger fundamentalen
ihres großen Rivalen und Nachfolgers Bacon Es hat die Verwunderung der
Philosophen erregt dass das detaillierte System der induktiven Logik welches
dieser außerordentliche Mann aufzustellen sich bemühte den späteren Forschern
von so wenig direktem Nutzen war indem es mit Ausnahme weniger allgemeiner
Sätze sich weder als eine Theorie behaupten konnte noch in der Praxis zu großen
wissenschaftlichen Resultaten führte Obgleich dies oft bemerkt wurde so hat
man doch kaum eine plausible Erklärung davon gegeben manche haben in der Tat
vorgezogen zu behaupten alle Regeln der Induktion seien nutzlos anstatt
anzunehmen Bacons Regeln seien auf eine ungenügende Analyse des induktiven
Verfahrens gegründet Man wird indessen bemerken dass letzteres der Fall ist
sobald man berücksichtigt dass Bacon die Vielfachheit der Ursachen gänzlich
übersehen hat Alle seine Regeln schließen stillschweigend die Annahme ein ein
Phänomen könne nicht mehr als eine Ursache haben diese Annahme ist aber im
Widerspruch mit unserer ganzen Kenntnis der Natur
Wenn Bacon untersucht was er die forma calidi et frigidi gravis aut levis
sicci aut humidi usw nennt so zweifelt er keinen Augenblick dass es ein
Ding ein unveränderlicher Zustand oder Reihe von Zuständen gibt die in allen
Fällen von Wärme oder Kälte oder eines sonstigen Phänomens gegenwärtig ist die
einzige Schwierigkeit besteht nur darin zu finden was für ein Ding es ist er
sucht dies daher durch ein Eliminationsverfahren zu erreichen indem er
vermittelst negativer Fälle alles verwirft oder ausschließt was nicht die
forma oder Ursache ist um zu dem zu gelangen was sie ist Aber dass diese
forma oder Ursache ein Ding ist und dass es in allen warmen Gegenständen
dasselbe ist dies bezweifelt er nicht mehr als Jemand bezweifelt dass immer
eine oder die andere Ursache vorhanden ist Bei dem gegenwärtigen Zustande des
Wissens würde es selbst wenn wir diese Frage nicht schon so weitläufig
behandelt hätten nicht nötig sein zu zeigen wie sehr diese Voraussetzung der
Wahrheit widerspricht Bacon war besonders darin unglücklich dass während er
diesen Irrtum hegte er sich fast ausschließlich mit einer Klasse von
Untersuchungen beschäftigte in denen derselbe ganz besonders verderblich werden
musste nämlich mit Untersuchungen über die Ursachen der sinnlichen
Eigenschaften der Körper Denn seine in einem jeden Falle grundlose Annahme ist
in einem besonderen Grade falsch in Beziehung auf diese sinnlichen
Eigenschaften Man hat es kaum in Beziehung auf eine einzige derselben für
möglich gefunden eine Einheit der Ursache eine Reihe von die Eigenschaft
unveränderlich begleitenden Bedingungen nachzuweisen Die Verbindungen solcher
Eigenschaften unter einander konstituieren die Mannigfaltigkeit von Arten in der
man wie erwähnt worden ist noch kein Gesetz hat auffinden können Bacon
suchte was nicht existierte Das Phänomen dessen eine Ursache er suchte hat in
den meisten Fällen gar keine Ursache und wenn es eine hat so hängt sie so
weit bis jetzt ermittelt wurde von einer unnachweisbaren Menge unterschiedener
Ursachen ab
An dieser Klippe muss ein Jeder scheitern der sich wie Bacon vorstellt
das erste und fundamentale Prinzip der Wissenschaft sei mehr zu bestimmen
welches die Ursache einer gegebenen Wirkung ist als zu ermitteln welches die
Wirkungen einer gegebenen Ursache sind In unserer vorhergehenden Untersuchung
über die Natur der Induction178 haben wir schon gezeigt wie viel weiter die
Hilfsmittel gehen welche die Wissenschaft der letzteren Untersuchung darbietet
indem wir nur bei der letzteren Untersuchung eine Hülfe vom Experiment zu
erwarten haben Wenn wir die Ursachen der Wirkungen entdecken so geschieht es
gewöhnlich dadurch dass wir vorher die Wirkungen der Ursachen entdeckt haben
die größte Geschicklichkeit in der Erfindung von instantiae crucis für den
ersteren Zweck dürfte so wenig wie Bacons physikalische Untersuchungen zu einem
Resultate überhaupt führen Machte ihn sein Eifer in dem Streben nach dem
Vermögen für das Wohl der Menschen Resultate hervorzubringen die von
praktischer Wichtigkeit für das Leben sind zu ungeduldig um dieses Ziel auf
Umwegen zu suchen so dass auch er der Verteidiger des Experiments die
direkte Methode obgleich eine Methode der bloßen Beobachtung der indirekten
Methode in der das Experiment allein möglich ist vorzog Oder hatte auch Bacon
seinen Geist nicht ganz von der Idee der Alten befreit dass »rerum cognoscere
causas« der einzige Gegenstand der Philosophie wäre und dass das Forschen nach
den Wirkungen der Dinge den niedrigen und mechanischen Künsten angehöre
Es ist bemerkenswert dass während man die einzige wirksame Weise die
spekulative Wissenschaft zu kultivieren wegen einer ungebührlichen Verachtung
von Handarbeiten verfehlte die so entstandenen theoretischen Ansichten
ihrerseits den praktischen und mechanischen Zwecken die man noch bestehen
ließ eine falsche Richtung gab Die bei den Alten und im Mittelalter allgemein
gangbare Annahme dass es Prinzipien der Wärme und Kälte der Nässe und
Trockenheit etc gäbe führten direkt zu dem Glauben an die Alchemie an eine
Transmutation der Substanzen an eine Verwandlung der einen Art in eine andere
Warum sollte es nicht möglich sein Gold zu machen Eine jede der
charakteristischen Eigenschaften des Goldes hatte ihre forma ihre Essenz ihre
Reihe von Bedingungen welche wir wenn wir sie entdecken und realisieren
könnten auf eine jede Substanz auf Holz Eisen Kalk oder Thon überführen
könnten Wenn wir dies demnach in Beziehung auf eine jede der wesentlichen
Eigenschaften der edlen Metalle tun könnten so hätten wir jene andere Substanz
in Gold verwandelt Wenn jene Prämissen einmal zugegeben waren so überstieg
dies nicht die realen Kräfte der Menschen denn die tägliche Erfahrung lehrte
dass fast eine jede der verschiedenen sinnfälligen Eigenschaften eines
Gegenstandes seine Konsistenz seine Farbe sein Geschmack Geruch seine
Gestalt durch Feuer Wasser oder ein anderes chemisches Agens gänzlich geändert
werden können Da es also in der menschlichen Macht zu liegen schien die formae
aller dieser Eigenschaften hervorzubringen oder zu vernichten so schien die
Transmutation der Substanzen nicht allein in abstracto möglich sondern es
schien auch die Aussicht auf eine willkürliche Anwendung dieser Macht auf
praktische Zwecke keineswegs eine hoffnungslose zu sein179
Ein in der alten Welt so allgemeines Vorurteil ein Vorurteil von dem
sogar Bacon so wenig frei war dass es den ganzen praktischen Teil seines
Systems der Logik durchdrang und fehlerhaft machte kann in der Ordnung der
Irrtümer welche wir eben betrachten mit allem Fug obenan gestellt werden
8 Es bleibt uns nun noch ein aprioristischer Fehlschluss oder ein
natürliches Vorurteil das von allen bisher angeführten vielleicht am tiefsten
wurzelt und das nicht allein in der alten Welt eine supreme Gewalt hatte
sondern das jetzt noch eine fast unbestrittene Herrschaft über viele der
gebildetsten Geister übt Auch werde ich einige der merkwürdigen und zahlreichen
Beispiele womit ich es erläutern will den Schriften der neueren Philosophen
entnehmen Es ist dies nämlich der Irrtum dass die Bedingungen eines Phänomens
dem Phänomen selbst gleichen müssen oder wenigstens wahrscheinlich gleichen
werden
Nach dem was wir früher bemerkt haben hätte dieser Irrtum in eine andere
Klasse gebracht werden können in die der Fehler in der Generalisation denn die
Erfahrung verleiht bis zu einem gewissen Grade jener Annahme eine Stütze Die
Ursache gleicht in sehr vielen Fällen ihren Wirkungen Gleiches erzeugt
Gleiches Viele Phänomene haben ein direktes Bestreben ihre eigene Existenz
ewig zu erhalten oder andere ähnliche Phänomene zu erzeugen Ohne der Formen zu
erwähnen die wirklich von einander abgeformt werden wie Wachsabdrücke und
dergleichen bei denen die größte Ähnlichkeit zwischen Ursache und Wirkung
gerade das Gesetz des Phänomens ist sehen wir bei einer jeden Bewegung das
Streben mit ihrer eigenen Schnelligkeit und in ihrer eigenen ursprünglichen
Richtung fortzudauern und ein in Bewegung begriffener Körper strebt andere
Körper in Bewegung zu setzen was in der Tat die gewöhnliche Weise ist in der
die Bewegungen der Körper entstehen Es ist kaum nötig der Ansteckung durch
Krankheiten der Gehrung oder der Erzeugung von Wirkungen durch das Wachstum
eines Keimes zu erwähnen der dem vollendeten Phänomen im verjüngten Maßstabe
gleicht oder auch des Wachstums einer Pflanze oder eines Tieres aus dem
Embryo indem dieser Embryo seinen Ursprung selbst wieder von einer Pflanze oder
einem Tiere derselben Art ableitet So gleichen auch die Gedanken oder
Erinnerungen welche Wirkungen vergangener Sensationen sind eben diesen
Sensationen Gefühle erzeugen durch Sympathie ähnliche Gefühle Handlungen
erzeugen durch willkürliche oder unwillkürliche Nachahmung ähnliche Handlungen
Da der Schein so sehr dafür spricht so ist es kein Wunder wenn in dem Geiste
der Menschen die Präsumtion entstand dass die Ursachen notwendig ihren
Wirkungen gleichen müssen und dass Gleiches nur durch Gleiches hervorgebracht
werden könne
Dieses Prinzip hat die Menschen gewöhnlich bei den phantastischen Versuchen
beherrscht den Gang der Natur durch Mittel zu infulieren deren Wahl auf
Mutmaßungen gegründet war und sich nicht nach vorausgegangenen Beobachtungen
und Versuchen richtete Man fiel fast immer auf Mittel welche eine wirkliche
oder scheinbare Ähnlichkeit mit dem beabsichtigten Zweck hatten Wenn man wie
in Ovids Medea eines Zaubermittels bedurfte am das Leben zu verlängern so
wurden alle langlebenden Tiere oder was man dafür hielt gesammelt und daraus
eine Brühe gebraut
nec defuit illic
Squamea Cinyphii tenuis membrana chelydri
Vivacisque jecur cervi quibus insuper addit
Ora caputque novem cornicis saecula passae
Eine ähnliche Vorstellung war in der berühmten medizinischen Theorie
verkörpert welche »die Lehre von den Signaturen« hieß und welche wie Dr
Paris sagt »nichts Geringeres war als der Glaube eine jede natürliche Substanz
welche irgend eine medizinische Eigenschaft besitzt zeige durch einen
augenfälligen und wohlmarkierten Charakter die Krankheit an für welche sie ein
Heilmittel oder den Gegenstand wofür sie zu gebrauchen ist« Dieser äußere
Charakter war gewöhnlich ein wirklicher oder eingebildeter Zug von Ähnlichkeit
entweder mit der Wirkung die man ihr zuschrieb oder mit dem Phänomen über
welches wie man glaubte er eine Macht übte »So mussten die Lungen eines
Fuchses ein Spezifikum gegen das Asthma sein weil dieses Thier eine merkwürdig
kräftige Respiration besitzt Die Gelbwurz Curcuma hat eine lebhafte gelbe
Farbe welche anzeigt dass sie die Eigenschaft besitzt die Gelbsucht zu
heilen aus demselben Grunde müssen Mohnköpfe die Krankheiten des Kopfes heilen
Agaricus die der Blase Cassia fistula die Krankheiten der Eingeweide
Aristolochia die des Uterus die glänzende Oberfläche und die Steineshärte
welche die Samen von Lithospermum offizinale so ausgezeichnet charakterisieren
wurden als ein Zeichen ihrer Wirksamkeit in Steinkrankheiten angesehen aus
einem ähnlichen Grunde erlangte die Wurzel von Saxifraga granulata in der
Behandlung derselben Krankheit einen großen Ruf und die Euphrasia wurde als
Augenheilmittel berühmt weil sie in der Korolle einen schwarzen Fleck hat der
einer Pupille ähnlich sieht Der Blutstein das Heliotropium der Alten wird
wegen der kleinen Fleckchen oder Punkte von blutroter Farbe die er
gelegentlich auf seiner grünen Oberfläche zeigt sogar noch in unseren Tagen in
vielen Teilen Englands und Schottlands gebraucht um das Nasenbluten zu
stillen und Nesselthee ist immer noch ein Volksmittel gegen die Nesselsucht
Auch wird behauptet dass einige Substanzen die Signaturen der Flüssigkeiten des
menschlichen Körpers besitzen zB die Blumenblätter der roten Rose die des
Bluts und die Rhabarberwurzel und die Safranblüthen die der Galle«
Die Betrachtungen über die chemische Zusammensetzung der Körper waren früher
keines anderen Umstandes wegen erfolglos als weil man beständig dabei als
ausgemacht annahm die Eigenschaften der Elemente müssten denen ihrer
Verbindungen gleichen
Um auf jüngere Beispiele zurückzukommen so wurde lange von den Anhängern
Descartes und sogar von Leibnitz selbst der Newtonschen Philosophie entgegen
behauptet auch bestritt wie wir sahen Newton selbst nicht die Annahme
sondern umging sie durch eine willkürliche Hypothese dass nichts wenigstens
von einer physischen Natur die Bewegung erklären könne als eine frühere
Bewegung der Impuls oder Anstoß eines anderen Körpers Es dauerte lange bis
die wissenschaftliche Welt es über sich gewinnen konnte die Attraktion und
Repulsion dh das spontane Streben der Körperteilchen sich einander zu
nähern oder sich von einander zu entfernen als letzte Gesetze zuzulassen die
man nicht mehr zu erklären brauchte als den Impuls selbst wenn sich in Wahrheit
der letztere nicht in die ersteren auflösen ließe Aus dieser Quelle flossen
die unzähligen Hypothesen zur Erklärung derjenigen Bewegungsarten welche
geheimnisvoller schienen als alle anderen indem man sie offenbar keinem
Impuls zuschreiben konnte wie zB die willkürlichen Bewegungen des
menschlichen Körpers Der Art waren die endlosen Systeme von Vibrationen die
sich durch die Nerven fortpflanzen oder die animalischen Geister die zwischen
den Muskeln und dem Gehirne auf und abfuhren Hätte man die faktische Existenz
derselben beweisen können so wäre dies eine wichtige Erweiterung unserer
Kenntnis der physiologischen Gesetze gewesen aber darin dass man glaubte
ihre bloße Erfindung ihre willkürliche Annahme könne die Phänomene des
tierischen Lebens verständlicher oder weniger geheimnisvoll machen lag eine
arge Täuschung Nichts schien dagegen befriedigender als die Erklärung die
Bewegung werde durch Bewegung dh durch etwas ihr Ähnliches erzeugt Wenn es
nicht die eine Art Bewegung war so musste es eine andere sein Ebenso wurde
vorausgesetzt dass die physikalischen Eigenschaften der Gegenstände aus irgend
einer ähnlichen Eigenschaft oder vielleicht nur aus einer Eigenschaft
entspringen müssen die in den Teilchen oder Atomen aus denen die Gegenstände
zusammengesetzt sind denselben Namen trägt dass zB ein scharfer Geschmack
aus scharfen Teilchen entstehen müsse Umgekehrt setzte man voraus dass die
von einem Phänomene hervorgebrachten Wirkungen in ihren physikalischen
Attributen dem Phänomene selbst gleichen müssen Der Einfluss der Planeten
entsprach ihren sichtbaren Eigentümlichkeiten da Mars eine rote Farbe
besitzt so sagte er Feuer und Mord u dergl voraus
Wenn man von der Physik zur Metaphysik übergeht so kann man als die
bemerkenswertesten Früchte dieses aprioristischen Irrtums zwei ganz analoge
Theorien anführen die man in der alten und neuen Zeit gebrauchte um die Kluft
zwischen der geistigen und der materiellen Welt auszufüllen nämlich die species
sensibles der Epikureer und die neuere Lehre von der Perzeption vermittelst
Ideen Diese Theorien verdanken in der Tat ihre Entstehung wahrscheinlich nicht
bloß dem in Rede stehenden Irrtum sondern der Verbindung dieses Irrtums mit
dem anderen bereits erwähnten natürlichen Vorurteile dass ein Ding da nicht
wirken kann wo es nicht ist In beiden Theorien wird angenommen das Phänomen
welches in uns stattfindet wenn wir einen Gegenstand sehen oder fühlen und
welches wir als eine Wirkung dieses Gegenstandes ansehen müsse notwendig dem
äußeren Gegenstande selbst genau gleichen Damit diese Bedingung erfüllt werde
nahmen die Epikureer an die Gegenstände projizierten fortwährend nach allen
Richtungen hin unfühlbare Bilder welche durch das Auge zum Geist gelangen
während die neueren Philosophen obgleich sie diese Hypothese verwarfen darin
übereinstimmten dass sie für notwendig hielten anzunehmen nicht der
Gegenstand selbst sondern ein geistiges Bild desselben sei der direkte
Gegenstand der Wahrnehmung Reid musste eine Welt von Argumenten und
Erläuterungen gebrauchen um die Menschen mit der Wahrheit vertraut zu machen
dass die Sensationen oder Eindrucke auf unseren Geist nicht notwendig Kopien
der Ursachen sein müssen welche sie hervorbringen und dass sie überhaupt keine
Ähnlichkeit damit zu haben brauchen im Gegensatz zu jenem natürlichen
Vorurteile welches die Menschen verleitete die Wirkung der Körper auf unsere
Sinne und durch diese auf unseren Geist mit der Übertragung einer gegebenen
Form von einem Gegenstande auf den anderen durch wirkliches Abformen zu
vergleichen Das Studium der Werke Reids ist immer noch am meisten geeignet
den Geist von solchen Vorurteilen zu befreien Der Dienst den er der populären
Philosophie erwiesen hat wird dadurch wenig geschmälert dass er darin zu weit
ging dass er die »Ideale Theorie« für einen wirklichen Satz aller Philosophen
hielt die ihm vorausgegangen waren besonders Lockes und Humes denn wenn
dieselben auch nicht selbst wissentlich in diesen Irrtum verfielen so führten
sie doch ohne Zweifel sehr oft ihre Leser hinein
Das Vorurteil dass die Bedingungen eines Phänomens dem Phänomen selbst
gleichen müssen wird den Worten nach wenigstens gelegentlich bis zu einer
noch handgreiflicheren Absurdität getrieben man spricht von den Bedingungen
eines Dinges als ob sie das Ding selbst wären In seiner Musteruntersuchung
inquisitio in formam calidi die einen so großen Raum in Novum organon
einnimmt gibt Bacon dem Schluss den Vorzug dass die Wärme eine Art Bewegung
ist indem er natürlich nicht das Gefühl der Warme meint sondern die
Bedingungen des Gefühls und daher auch nur meint dass da wo Wärme ist eine
besondere Art von Bewegung sein müsse aber er macht in seiner Sprache keinen
Unterschied zwischen diesen zwei Ideen indem er sich so ausdrückt als wenn
Wärme und die Bedingungen der Wärme ein und dasselbe Ding wären So sagt Darwin
im Anfang seiner Zoonomie »Das Wort Idee hat bei den metaphysischen
Schriftstellern verschiedene Bedeutungen hier wird es einfach für diejenigen
Vorstellungen von äußeren Dingen gebraucht mit denen uns unsere Organe oder
Sinne ursprünglich bekannt machen« soweit ist der Satz untadelhaft wenn auch
unbestimmt »und wird definiert als eine Kontraktion eine Bewegung eine
Konfiguration der Fasern welche die unmittelbaren Sinnesorgane zusammensetzen«
unsere Vorstellungen eine Konfiguration der Fasern Welche Art Logiker muss der
sein der glaubt ein Phänomen werde definiert als sei es die Bedingung von
welcher er es abhängig glaubt Demgemäß sagt er bald darauf nicht dass unsere
Ideen von gewissen organischen Phänomenen erzeugt werden oder abhängen sondern
»unsere Ideen sind tierische Bewegungen der Sinnesorgane« Und diese Konfusion
geht durch die vier Bände der Zoonomie hindurch der Leser weiß niemals ob der
Verfasser von der Wirkung oder von ihrer vermeintlichen Ursache spricht von der
Idee als einem Zustande des geistigen Bewusstseins oder von dem Zustande der
Nerven und des Gehirns den sie voraussetzt
Ich habe nun eine Menge von Beispielen angeführt in denen das natürliche
Vorurteil dass Ursachen und Wirkungen einander gleichen müssen in der Praxis
zu schweren Irrtümern geführt hat Ich werde jetzt aus den Schriften sogar von
neueren Philosophen Fälle beibringen in denen dieses Vorurteil sogar als ein
ausgemachtes Prinzip dargestellt ist V Cousin drückt in der letzten seiner
berühmten Vorlesungen über Locke die als ein Resumé aller Einwürfe gegen die
Lehre dieses großen Mannes ein Werk von großem Verdienste sind diese Maxime
in folgenden Worten aus »Tout ce qui est vrai de leffet est vrai de la cause«
Eine Lehre von der man gar nicht glauben sollte dass ihr Jemand außer bei
einer besonderen und technischen Bedeutung der Wörter Ursache und Wirkung
buchstäblich anhangen könnte Wer aber so etwas schreiben konnte muss weit
entfernt sein zu sehen dass gerade das Entgegengesetzte der Fall sein könnte
dass nichts Unmögliches in der Annahme liegt dass keine einzige Eigenschaft
welche von der Wirkung wahr ist auch von der Ursache wahr sein dürfte Ohne in
dem Ausdrucke ganz soweit zu gehen behauptet Coleridge in seiner Biographia
litteraria als »eine evidente Wahrheit« dass »das Kausalgesetz nur zwischen
homogenen Dingen herrscht dh zwischen Dingen die irgend eine gemeinsame
Eigenschaft besitzen« und dass es sich daher »nicht von der einen Welt in die
andere ihr entgegengesetzte erstrecken könne« daraus folgt dass da der Geist
und die Materie keine gemeinsame Eigenschaft besitzen der Geist nicht auf die
Materie wirken kann und die Materie nicht auf den Geist Was ist dies Anderes
als der aprioristische Irrtum von dem wir sprechen Diese Lehre ist wie viele
andere von Coleridge Spinoza entnommen sie steht in dem ersten Buch seiner
Ethik De Deo als dritter Satz »Quae res nihil commune inter se habent earum
una alterius causa esse non potest« und wird dort aus zwei sogenannten Axiomen
bewiesen die ebenso willkürlich sind aber Spinoza immer systematisch
konsequent führte die Lehre bis zu ihrer unvermeidlichen Konsequenz bis zu der
Materialität Gottes
Dieselbe Idee von der Unmöglichkeit leitete den genialen und fernen Geist
Leibnitzens zu seiner berühmten Lehre von der prästabilierten Harmonie Auch er
glaubte dass der Geist nicht auf die Materie besonders aber dass die Materie
nicht auf den Geist wirken könne und dass daher beide von ihrem Schöpfer wie
zwei Uhren geordnet sein müssen die obgleich sie keinen Zusammenhang haben
gleichzeitig schlagen und immer dieselbe Stunde zeigen Malebranches gleich
berühmte Theorie der gelegentlichen Ursachen war eine weitere Verfeinerung
dieser Vorstellung anstatt anzunehmen die Uhren seien ursprünglich so
geordnet worden dass sie mit einander schlagen glaubte er dass wenn die eine
schlägt Gott dazwischen trete und die andere entsprechend schlagen lasse
Auf ähnliche Weise sagt Descartes dessen Schriften eine reiche Fundgrube
einer jeden Art aprioristischen Fehlschlusses sind dass die urwirkende Ursache
causa efficiens wenigstens alle Vollkommenheiten der Wirkung besitzen müsse
und zwar aus folgendem sonderbaren Grunde »Si enim ponamus aliquid in idea
reperiri quod non fuerit in ejus causa hoc igitur habet a nihilo« sagen wenn
Pfeffer in der Suppe ist so müsse in dem Koche der sie verfertigte Pfeffer
sein weil sonst der Pfeffer ohne eine Ursache sein würde kann kaum eine
Parodie dieser Worte genannt werden Einen ähnlichen Irrtum begeht Cicero in
dem zweiten Buche De finibus wo er in eigener Person gegen die Epikureer
sprechend diese der Inkonsequenz beschuldigt weil sie sagen das Vergnügen des
Geistes entspringe aus dem Vergnügen des Körpers und das erstere sei dennoch
wertvoller Als wenn die Wirkung die Ursache übertreffen könnte »Animi
voluptas oritur propter voluptatem corporis et major est animi voluptas quam
corporis ita fit ut gratulator laetior sit quam is cui gratulatur« Sogar dies
ist nicht absolut unmöglich das Glück eines Menschen hat Anderen oft mehr
Freude gemacht als ihm selbst
Mit derselben Schnellfertigkeit wendet Descartes dieses Prinzip in
umgekehrter Weise an und folgert die Natur der Wirkungen aus der Annahme dass
sie in dieser oder jener Eigenschaft oder in allen Eigenschaften ihren Ursachen
gleichen müssen Zu dieser Klasse gehören seine eigenen sowohl als auch die
Spekulationen vieler seiner Nachfolger welche die Ordnung des Weltalls nicht
aus der Beobachtung sondern a priori aus supponierten Eigenschaften der Gottheit
zu folgern suchten Diese Art Folgerung wurde wahrscheinlich niemals so weit
getrieben als sie Descartes in einem Falle trieb wo er als einen Beweis eines
seiner physikalischen Prinzipien nämlich des Prinzips dass die Quantität der
Bewegung im Weltall unveränderlich sei die Unwandelbarkeit der göttlichen Natur
anführte Ein Schließen von einem ähnlichen Charakter ist indessen gegenwärtig
ebenso gewöhnlich als zu seiner Zeit und muss häufig dazu dienen unangenehme
Schlüsse abzuwehren Die Schriftsteller haben es noch nicht aufgegeben die
Lehre von der göttlichen Güte dem Beweis physikalischer Tatsachen zB dem
Bevölkerungsprinzip entgegenzusetzen Die Menschen scheinen im allgemeinen zu
glauben sie hätten ein gewaltiges Argument gebraucht wenn sie gesagt haben
ein gewisses Urteil als wahr annehmen hieße die Weisheit und Güte der Gottheit
tadeln In die einfachsten Ausdrücke gefasst ist ihr Argument das folgende
»Wenn es von mir abgehangen hätte so würde ich das Urteil nicht wahr gemacht
haben folglich ist es nicht wahr« In andere Worte gefasst lautet es so »Gott
ist vollkommen daher wie ich denke muss in der Natur Vollkommenheit
herrschen« Da aber in Wirklichkeit ein jeder fühlt dass die Natur sehr weit
entferntest vollkommen zu sein so wird jene Lehre niemals konsequent
angewendet Sie liefert ein Argument auf das wie an viele andere von einem
ähnlichen Charakter die Menschen sich berufen wenn es für sie spricht Niemand
wird dadurch überzeugt aber ein jeder scheint zu glauben es bringe die
Religion auf seine Seite der Auffassung der Frage und sei eine nützliche
Verteidigungswaffe um einen Gegner zu verwunden
Obgleich wohl noch viele andere Arten von aprioristischen Irrtümern den
angeführten angereiht werden könnten so scheinen letztere doch alle diejenigen
zu sein auf welche es nötig war besonders aufmerksam zu machen Unsere Absicht
ist den Gegenstand anzuregen ohne ihn erschöpfen zu wollen Wir wollen daher
nun eine andere Klasse von Irrtümern in Betracht ziehen
1 Von den Fehlschlüssen welche eigentlich Vorurteile oder Präsumtionen
sind die dem Beweise vorausgehen und ihn aufheben gehen wir zu denjenigen
über die in der unrichtigen Ausübung des Beweisverfahrens liegen Und da der
Beweis im weitesten Umfang einen oder mehrere von den drei Prozessen
Beobachtung Generalisation und Deduktion oder auch alle drei umfasst so
wollen wir die Irrtümer welche in diesen drei Operationen begangen werden
können der Reihe nach betrachten und mit dem erstgenannten beginnen
Ein Fehlschluss aus schlechter Beobachtung kann positiv oder negativ sein
er kann aus Nichtbeobachtung oder aus falscher Beobachtung hervorgehen Er ist
Nichtbeobachtung wenn die Tatsachen oder die besonderen Falle welche zu
beobachten waren übersehen oder vernachlässigt worden sind Er ist falsche
Beobachtung wenn die Tatsache oder das Phänomen anstatt für das erkannt zu
werden was es in Wirklichkeit ist für etwas Anderes gehalten wird
2 Nichtbeobachtung kann stattfinden entweder indem man die Fälle oder
indem man einige von den Umständen eines gegebenen Falles übersieht Wenn wir
schließen würden ein Wahrsager sei ein wahrer Prophet weil wir nicht auf die
Fälle geachtet haben in denen sich seine Prophezeiungen als falsch erwiesen so
wäre dies Nichtbeobachtung von Fällen wenn wir aber die Tatsache übersehen
hätten oder wenn uns unbekannt geblieben wäre dass in den Fällen wo die
Prophezeiungen eintrafen er mit einem anderen im Einverständnis war der ihm
die Nachrichten gab aufweiche sich dieselben gründeten so würde dies eine
Nichtbeobachtung von Umständen sein
In soweit es die Induktion aus unzureichendem Beweis betrifft gehört der
erstere Fall nicht zu dieser zweiten Klasse von Fehlschlüssen sondern zur
dritten zu den Fehlern der Generalisation In einem jeden derartigen Falle sind
jedoch zwei Fehler oder Irrtümer statt eines vorhanden der erste liegt darin
dass man einen unzureichenden Beweis so zu sagen als einen zureichenden
behandelt was ein Irrtum der dritten Klasse ist sodann hat man die
Unzulänglichkeit selbst das Nichthaben eines besseren Beweises und dies ist
wenn ein solcher Beweis oder mit anderen Worten wenn andere Fälle zu haben
sind Nichtbeobachtung und soweit sie dieser Ursache zugeschrieben werden kann
ist die irrige Folgerung ein Irrtum der zweiten Klasse
Es liegt nicht in unserer Absicht die Nichtbeobachtung zu besprechen
welche aus zufälliger Unaufmerksamkeit aus Nachlässigkeit in den Gewohnheiten
des Geistes aus Mangel an Übung der Beobachtungsgabe oder aus Mangel an
Interesse für den Gegenstand entspringt Die der Logik angehörige Frage ist den
Mangel an vollständiger Kompetenz des Beobachters zugegeben in welchen Punkten
wird ihn diese Unzulänglichkeit von seiner Seite am wahrscheinlichsten irre
führen oder vielmehr welche Art Fälle oder welche Umstände werden in einem
gegebenen Falle den Beobachtern den Menschen überhaupt am wahrscheinlichsten
entgehen
3 Es ist vor Allem klar dass wenn die Fälle auf der einen Seite einer
Frage leichter zu behalten sind als die Fälle auf der anderen Seite besonders
wenn starke Gründe vorhanden sind die Erinnerung an die ersteren nicht aber an
die letzteren zu bewahren diese letzteren leicht übersehen werden und der
Beobachtung der Masse der Menschen entgehen Dies ist die anerkannte Erklärung
des der Vernunft und dem Beweise trotzenden Glaubens an viele Arten von
Betrügern an Quacksalber an die Wahrsager der jetzigen Zeit und an die Orakel
des Altertums Bis zu welchem Umfang dieser Fehlschluss im Schwang ist sogar
dem handgreiflichsten negativen Beweise zum Trotz ist von Wenigen erwogen
worden Ein schlagendes Beispiel ist der Glaube welchen der nicht unterrichtete
Teil der ackerbautreibenden Klasse in unserem Lande und in anderen Ländern
immer noch an die Wetterprophezeiungen des Kalendermachers hat obgleich eine
jede Jahreszeit zahlreiche Fälle von ganz irrigen Prophezeiungen bringt Da aber
eine jede Jahreszeit auch einige Fälle bringt welche die Prophezeiungen
bestätigen so ist dies hinreichend um den Glauben an den Propheten bei
denjenigen zu erhalten welche nicht über die Anzahl von Fällen nachdenken die
für das erforderlich sind was wir in unserer induktiven Terminologie
Elimination des Zufalls genannt haben Indem ein zufälliges Zusammentreffen
zwischen irgend zwei nicht zusammenhängenden Ereignissen nicht bloß stattfinden
kann sondern auch stattfinden wird
Coleridge hat in einem der Essays in the friend den in Rede stehenden
Gegenstand sehr gut erläutert indem er den Ursprung eines Sprichworts
bespricht das in verschiedenen Worten ausgedrückt sich in allen Sprachen
Europas wiederfindet nämlich »das Glück hilft den Narren Dummen« Er
schreibt es zum Teil der Neigung zu alle Wirkungen welche in einem
Missverhältnis zu ihren sichtbaren Ursachen zu stehen scheinen und alle
Umstände welche mit unseren Begriffen von den Personen die sich unter diesen
Umständen befinden in einem starken Kontrast stehen zu übertreiben Ich
übergehe einige Erklärungen welche den Irrtum auf Missbeobachtung
zurückführen und nehme seine Worte bei einer der folgenden Stellen wieder auf
»Unvorhergesehene Koincidenzen können einem Menschen sehr behilflich gewesen
sein wenn sie aber nur für ihn taten was er möglicherweise durch seine
eigenen Fähigkeiten allein hätte vollbringen können so wird seine Tat weniger
Aufmerksamkeit erregen und man wird sich der Fälle weniger erinnern Dass
gewandte Menschen ihre Zwecke erreichen erscheint natürlich und wir beachten
die Umstände nicht welche vielleicht allein und ohne die Dazwischenkunft von
Geschicklichkeit und Vorsicht den Erfolg hervorgebracht haben wenn aber
dasselbe dem Schwachen und Unwissenden begegnet so verweilen wir bei der
Tatsache als bei etwas Ungewöhnlichem und erinnern uns ihrer In gleicherweise
mögen dem Letzteren seine Unternehmungen wegen eines Zusammentreffens
misslingen das dem weisesten Manne begegnen kann da aber sein Unglück nicht
mehr ist als man von seiner Torheit erwarten konnte so fesselt es unsere
Aufmerksamkeit nicht sondern es fliegst mit den unvermerkten Wellen des
gewöhnlichen Lebensstromes an uns vorüber und verschwindet Wenn es eben so wahr
gewesen wäre als es offenbar falsch ist dass jene allumfassenden Entdeckungen
welche auf die chemische Kunst ein wissenschaftliches Dämmerlicht geworfen
haben und uns nicht etwa in dunkler Weise ein großes konstitutives Gesetz
versprechen in dessen Licht Herrschaft über die Natur und die Kunst der
Voraussagung wohnt wenn diese Entdeckungen anstatt prämeditiert gewesen zu
sein wie sie es wirklich waren wenn sie anstatt dem Geiste des berühmten
Vaters und Gründers der philosophischen Alchemie zu entspringen sich ihm durch
eine Reihe von glücklichen Zufällen dargeboten hätten wenn sie sich H Davy
ausschließlich in Folge seines Glückes eine besondere galvanische Batterie zu
besitzen gezeigt hätten wenn diese Batterie so weit es Davy betrifft selbst
ein Zufall gewesen und nicht wie es der Fall war besonders von ihm verlangt
worden wäre um seine Prinzipien durch das Experiment zu bestätigen um die
materielle Natur der Inquisition der Vernunft zu unterwerfen und ihr wie durch
eine Tortur unzweideutige Antworten auf vorbereitete und vorher aufgestellte
Fragen zu entreißen so würde man dennoch nicht von ihnen gesprochen oder sie
beschrieben haben als Fälle von Glück sondern als natürliche Resultate eines
anerkannten Genies und einer bekannten Geschicklichkeit Hätte aber ein Zufall
ähnliche Entdeckungen einem Mechaniker von Birmingham oder Sheffield
erschlossen wäre der Mann in Folge davon reich geworden und wäre er teils aus
Neid der Nachbaren teils mit gutem Grunde als in Verstandeskräften unter pari
stehend angesehen worden dann Was für ein glücklicher Kerl Ja das Glück
hilft den Dummen das ist gewiss Es ist immer so Und sogleich teilt der
Erzähler ein halbes Dutzend ähnlicher Fälle mit Indem wir in solcher Weise die
eine Art von Tatsachen und niemals die andere sammeln machen wir es wie die
Dichter in ihrer Sprache oder wie die Marktschreier aller Art in ihren
Räsonnements wir setzen einen Teil für das Ganze«
Diese Stelle zeigt sehr gut in welcher Weise durch jene unbestimmte
Induktion welche per emunerationem simplicem verfährt und welche ohne nach
solchen Fällen zu suchen die für die Frage entscheidend sind von Fällen aus
generalisiert die eben gerade vorkommen oder deren man sich erinnert in welcher
Weise durch eine solche Induktion Meinungen entstehen welche die Erfahrung
anscheinend sanktioniert die jedoch keineswegs in Naturgesetzen begründet sind
»Itaque recte respondit ille« können wir mit Bacon180 sagen »qui cum suspensa
tabula in templo ei ministraretur eorum qui vota solverant quod naufragii
periculo elapsi sint atque interrogando premeretur anne tum quidem Deorum
numen agnosceret quaesivit denuo At ubi sunt illi depicti qui post vota
nuncupata perierunt Eadem ratio est fere omnis superstitionis ut in
Astrologicis in Somniis Ominibus Nemesibus et hujusmodi in quibus homines
delectati hujusmodi vanitatibus advertunt eventus ubi implentur ast ubi
fallunt licet multo frequentius tarnen negligunt et praetereunt« und er
fährt dann fort dass abgesehen von der Liebe zum Wunderbaren oder irgend einer
anderen Neigung in dem Geiste selbst ein natürlicher Hang zu dieser Art Irrtum
liegt indem der Geist von bejahenden Fällen mehr bewegt wird obgleich in der
Philosophie die negativen von hohem Nutzen sind »Is tamen humano intellectui
error est proprius et perpetuas ut magis moveatur et excitetur Affirmativis
quam Negativis cum rite et ordine aequum se utrique praebere debeat quin
contra in omni Axiomate vero constituendo major vis est instantiae negativae«
Die größte aller Ursachen von Nichtbeobachtung ist aber eine vorgefasste
Meinung Diese Ursache ist es welche zu allen Zeiten das ganze
Menschengeschlecht fast ganz unaufmerksam auf alle Tatsachen machte welche dem
Scheine oder einem angenommenen Satze widersprachen diese Tatsachen mochten
noch so zahlreich und augenfällig sein Es ist der Mühe wert dem Gedächtnis
der vergesslichen Menschen einige von den auffallendsten Fällen zurückzurufen
in denen sich Meinungen erhielten welche das allereinfachste Experiment als
irrig erwiesen hätte und dies nur aus dem Grunde weil Niemand daran dachte
dieses Experiment zu machen Eins der bemerkenswertesten Beispiele hiervon
findet man in der Kopernikanischen Kontroverse Die Gegner des Kopernikus
schlossen dass die Erde sich nicht bewegt weil sonst ein Stein den man von
der Spitze eines Turmes herabfallen lässt nicht an dem Fuß des Turmes
ankommen würde sondern eine kleine Strecke davon entfernt und zwar in einer der
Bewegung der Erde entgegengesetzten Richtung in derselben Weise sagten sie
wie wenn man von der Spitze des Mastes eines sich mit vollen Segeln bewegenden
Schiffes einen Ball fallen lässt dieser nicht genau an den Fuß des Mastes
sondern näher gegen das Hinterteil des Schiffes fällt Die Anhänger des
Kopernikus würden ihre Gegner sogleich zum Schweigen gebracht haben wenn sie es
versucht hätten einen Ball von der Spitze eines Mastes fallen zu lassen denn
sie würden gefunden haben dass er genau an dem Fuß desselben ankommt wie die
Theorie es verlangt aber nein sie ließen die falsche Tatsache zu und
bemühten sich vergeblich einen Unterschied zwischen den zwei Fällen ausfindig
zu machen »Der Ball war nicht ein Teil des Schiffs und die Bewegung vorwärts
war nicht natürlich weder dem Schiffe noch dem Ball Von der anderen Seite war
der von der Spitze eines Turmes herabfallende Stein ein Teil der Erde und es
waren daher die täglichen und jährlichen Umdrehungen welche der Erde natürlich
sind auch dem Stein natürlich der Stein behielt daher dieselbe Bewegung wie
der Turm und kam genau an dem Fuß desselben an«181
Andere kaum weniger schlagende Beispiele wo eingebildete Naturgesetze für
reale angesehen wurden bloß weil Niemand auf die Tatsache achtete die fast
ein Jeder zu beobachten die Gelegenheit hatte führt Herr Whewell an »Eine
unbestimmte und nachlässige Art die sehr leicht beobachtbaren Tatsachen zu
betrachten ließ die Menschen lange Zeit bei dem Glauben verharren ein Körper
der zehnmal so schwer ist als ein anderer falle auch zehnmal so schnell die in
Wasser getauchten Gegenstände erscheinen ohne Rücksicht auf die Gestalt der
Oberfläche immer vergrößert der Magnet übe eine unwiderstehliche Kraft aus
ein Kristall sei immer mit Eis verbunden u dgl Diese und viele andere
Beispiele zeigen wie blind und sorglos der Mensch sogar in der Beobachtung der
deutlichsten und gewöhnlichsten Erscheinungen sein kann sie zeigen dass das
Wahrnehmungsvermögen obgleich es sich an unzähligen Gegenständen übt lange
fehlgehen kann ehe es uns zu einem exakten Wissen führt«182
Wenn sogar in Beziehung auf physikalische Tatsachen und auf Tatsachen von
offenliegendem Charakter das Beobachtungsvermögen der Menschen zum passiven
Sklaven ihrer vorgefassten Meinungen werden kann so dürfen wir nicht überrascht
sein wenn wir finden dass dies aller Erfahrung nach so beklagenswert wahr in
Beziehung auf die Dinge ist die mit stärkeren Gefühlen der Menschen in noch
engerer Verbindung stehen wie moralische soziale und religiöse Gegenstände
Die Kenntnisse welche ein gewöhnlicher Reisender aus fremdem Lande als das
Resultat des Zeugnisses seiner Sinne nach Hause mitbringt sind gewöhnlich der
Art dass sie genau die Ansichten bestätigen mit denen er weggegangen war Nur
für die Dinge welche er zu sehen erwartete hatte er Augen und Ohren Die
Menschen lesen ihre heiligen Religionsbücher und übersehen darin eine Menge von
Dingen die sogar mit ihren eigenen Begriffen von moralischer Vollkommenheit
durchaus unverträglich sind Mit denselben Autoritäten vor sich sehen
verschiedene Historiker die alle gleich frei von absichtlicher Unwahrheit sind
nur das was den Protestanten oder den Katholiken den Royalisten oder den
Republikanern Karl I oder Cromwell günstig ist während andere von der
vorgefassten Meinung ausgehend die Extreme müssten im Unrecht sein unfähig
sind Wahrheit und Recht zu sehen wenn diese gänzlich auf einer Seite sind
Der Einfluss vorgefasster Meinungen zeigt sich bei den unkultivierten Völkern
in Beziehung auf die Kräfte der Arzneimittel und Zaubermittel Die Neger welche
die Koralle als Amulett tragen behaupten nach Dr Paris183 die Farbe derselben
»hänge immer von dem Gesundheitszustande dessen ab der sie trägt indem sie bei
Krankheiten blasser werde« Ein allgemeines Urteil über einen Gegenstand
welcher der allgemeinen Beobachtung offen liegt wird ohne die geringste Spur
von Wahrheit zu besitzen als ein Resultat der Erfahrung angenommen indem die
vorgefasste Meinung eine jede Beobachtung über den Gegenstand verhindert
4 Was in dem Vorhergehenden über die Nichtbeobachtung von Fällen gesagt
worden ist mag hinreichen es gibt aber auch eine Nichtbeobachtung von
wesentlichen Umständen in Fällen welche nicht ganz übersehen worden sind ja
welche sogar gerade die Fälle sind worauf das ganze Gebäude einer Theorie
errichtet worden ist Wie in den bisher betrachteten Fällen ein allgemeines
Urteil auf den Beweis von besonderen Umständen hin die zwar wahr aber
unzulänglich für den Schluss waren vorschnell angenommen wurde so wurden in
den Fällen die wir nun betrachten wollen die Umstände selbst unvollkommen
beobachtet und die einzelnen Urteile worauf die Generalisation gegründet ist
oder wenigstens einige dieser einzelnen Urteile sind falsch
Von der Art war zB einer der Fehler die in der phlogistischen Theorie
begangen wurden in einer Lehre welche die Verbrennung durch die Austreibung
einer Substanz erklärte von der man annahm dass sie in allen verbrennlichen
Körpern enthalten sei und welche man Phlogiston nannte Diese Hypothese stimmte
mit den oberflächlichen Erscheinungen ziemlich gut überein das Aufsteigen der
Flamme erregte naturgemäß die Idee des Austrittes einer Substanz und das
zurückbleibende Residuum die Asche ist gewöhnlich nur ein kleiner Teil des
Gewichts und des Volumens vom verbrannten Körper Der Irrtum bestand in einer
Nichtbeobachtung eines wichtigen Teils des wirklichen Rückstandes nämlich der
gasförmigen Verbrennungsprodukte Als diese zuletzt erkannt und in Rechnung
gebracht wurden schien es ein allgemeines Gesetz zu sein dass die Substanzen
beim Verbrennen an Gewicht zunehmen anstatt abzunehmen und nach dem
gewöhnlichen Versuche eine alte Theorie den neuen Tatsachen vermittelst einer
willkürlichen Hypothese dass das Phlogiston die Eigenschaft von positiver
Leichtigkeit statt Schwere besitze anzupassen wurden die Chemiker auf die
wahre Erklärung geführt auf die nämlich dass anstatt der Austreibung einer
Substanz im Gegenteil eine Absorption einer Substanz stattfindet
Viele von den absurden Praktiken denen man eine medizinische Wirkung
zuschrieb verdankten ihren Ruf der Nichtbeobachtung irgend eines begleitenden
Umstandes der die wirkliche Ursache der denselben zugeschriebenen Kuren war So
das sympathetische Pulver des Sir Kenelm Digby »Wenn Jemand eine Wunde erhielt
so wurde dieses Pulver auf die Waffe von der die Wunde herrührte appliziert
sie wurde überdies mit Salbe bestrichen und zwei oder dreimal des Tages
geputzt Die Wundränder wurden mittlerweile aneinander gebracht und die Wunde
mit einem Leinenlappen verbunden aber vor Allem während sieben Tage sich selbst
überlassen zu Ende dieser Zeit wurde der Verband weggenommen und die Wunde
gewöhnlich vollkommen geheilt gefunden Der Triumph der Heilung wurde gewöhnlich
der Wirkung des sympathetischen Pulvers zugeschrieben das man der Waffe so
fleißig appliziert hatte während es kaum nötig ist zu bemerken dass die
Schnelligkeit der Heilung von dem völligen Abschluss der Luft von der Wunde und
von der heilenden Tätigkeit der Natur abhing die durch die dienstfertige
Dazwischenkunft der Kunst nicht gestört worden war Dieses Resultat gab ohne
Zweifel den Chirurgen den Wink der sie auf die Kunst führte Wunden durch das
zu heilen was man technisch die erste Intention nennt«184 Dr Paris fügt
hinzu »In allen Berichten von außerordentlichen Kuren durch geheimnisvolle
Agentien zeigt sich unverkennbar das Bestreben die Mittel welche zu gleicher
Zeit gegeben wurden zu verheimlichen so empfiehlt Oribasius mit großen Worten
ein Halsband von Päonienwurzel gegen Epilepsie wir lernen aber dass er immer
Sorge trug es mit zahlreichen Ausleerungen zu begleiten obgleich er ihnen
keinen Antheil an der Heilung zuschreibt In neuerer Zeit erlebten wir ein
Beispiel eines solchen Betrugs In dem Werke über Skrofeln von Morley welches
wie wir erfahren einzig zu dem Zweck geschrieben wurde um den vielgeschmähten
Charakter und den Gebrauch des Eisenkrauts wieder herzustellen empfiehlt der
Verfasser dieses Werks die Wurzel der Pflanze mit einer Elle weißen Atlasband
um den Hals zu binden und sie da zu tragen bis der Patient geheilt ist aber
wohlbemerkt während dieser Zeit nimmt er die wirksamsten Mittel der Materia
medica zu Hülfe«185
In anderen Fällen ist die Heilung welche Ruhe Diät und Zerstreuung
hervorbrachten den Arzneien oder gelegentlich übernatürlichen Mitteln
zugeschrieben worden »Wenn der berühmte John Wesley den Triumph von Schwefel
und Gebet über seine körperliche Kränklichkeit erzählt so vergisst er den
heilsamen Einfluss einer viermonatlichen Ruhe von Beinen apostolischen Arbeiten
So groß ist die Neigung des menschlichen Geistes an die Wirkung geheimer
Kräfte zu glauben dass Wesley seine Heilung lieber einem braunen Papierpflaster
von Ei und Schwefel als Dr Fothergills heilsamer Verordnung von Landluft
Ruhe Eselsmilch und Reiten zuschreibt«
In dem folgenden Beispiele hatte der übersehene Umstand einen etwas
verschiedenen Charakter »Als das gelbe Fieber in Amerika herrschte vertrauten
die Praktiker ausschließlich dem reichlichen Gebrauch des Quecksilbers man
hielt dieses Mittel anfangs für so allgemein wirksam dass man in dem
Enthusiasmus des Augenblicks bekannt machte der Tod sei niemals da eingetreten
wo das Quecksilber seine Wirkung auf den Organismus gezeigt habe Dies war sehr
wahr bewies jedoch keineswegs die Wirksamkeit des Metalls indem die Krankheit
in ihrer heftigen Form so schnell verlief dass sie ihre Opfer hinraffte lange
bevor das Quecksilber seine Wirkung auf den Organismus ausüben konnte während
sie in ihrer milderen Form auch ohne irgend eine Hülfe von Seite der Kunst
verlief«186
In diesen Beispielen war der übersehene Umstand durch die Sinne erkennbar
In anderen Fällen ist es ein Umstand zu dessen Kenntnis man nur durch
Folgerung gelangen könnte der Irrtum kann jedoch aus Mangel an einem besseren
Namen immer noch unter die Rubrik der Fehlschlüsse aus Nichtbeobachtung gebracht
werden Es ist nicht die Natur der Fähigkeiten welche hätten gebraucht werden
sollen sondern der Nichtgebrauch derselben welcher diese natürliche Ordnung
von Irrtümern konstituiert In allen Fällen wo der Irrtum negativ ist wo er
speziell in dem Übersehen in dem Nichtwissen oder Nichtbeachten einer
Tatsache liegt die wenn sie bekannt und beachtet worden wäre den Schluss
geändert haben würde da ist er ganz eigentlich zu der Klasse zu rechnen welche
wir eben betrachten In dieser Klasse findet sich nicht wie in allen anderen
eine positive falsche Beurteilung eines wirklich vorhandenen Beweises Der
Schluss würde richtig sein wenn der gesehene Teil des Falles das Ganze wäre
aber es ist ein anderer Teil übersehen worden und dies macht den Schluss
fehlerhaft
Es besteht zB eine merkwürdige Lehre die sich gelegentlich in den
öffentlichen Reden unkluger Gesetzgeber geäußert jedoch so viel mir bekannt
die Sanktion von nur einem einzigen Philosophen von V Cousin erhalten hat
indem derselbe in seiner Vorrede zu dem Georgias von Plato behauptet die Strafe
müsse einen höheren Zweck haben als die Verhinderung von Verbrechen gebraucht
er folgendes Argument wenn die Strafe nur des Beispiels wegen angewandt
wurde so wäre es einerlei ob wir den Unschuldigen oder den Schuldigen
straften da die Strafe als Beispiel betrachtet in beiden Fällen gleich
wirksam wäre Wir müssen also Herrn Cousin zufolge annehmen dass Einer der in
Versuchung ist ein Verbrechen zu begehen und einen Anderen bestrafen sieht
schließt dass er in Gefahr ist ebenfalls bestraft zu werden und dass er
dadurch abgeschreckt wird Es ist aber hier vergessen worden dass wenn der
Gestrafte unschuldig ist oder wenn auch nur an seiner Schuld gezweifelt werden
kann der Zuschauer denken wird seine eigene Gefahr habe mit seiner Schuld
nichts zu schaffen sondern bedrohe ihn auch wenn er unschuldig bleibt und wie
wird er sich nun durch die Furcht vor der Strafe vom Verbrechen abhalten lassen
Herr Cousin setzt voraus dass die Menschen sich durch Alles was den Zustand
des Schuldigen gefährlicher macht vom Verbrechen werden abhalten lassen
vergisst aber dass die Stellung des unschuldigen auch eines der Elemente in
der Rechnung in dem angenommenen Falle genau eben so gefährlich ist Dies ist
ein Irrtum des Übersehens oder der Nichtbeobachtung innerhalb des Kreises
unserer Klassifikation
Fehlschlüsse dieser Art sind der große Stein des Anstoßes für korrektes
Denken in der Nationalökonomie Die ökonomischen Erscheinungen der Gesellschaft
bieten unzählige Fälle dar in denen die Wirkungen einer Ursache in zwei Reihen
von Phänomenen bestehen die eine Reihe unmittelbar konzentriert und dem
gewöhnlichen Auge zugänglich ist dem gewöhnlichen Verständnis nach die ganze
Wirkung die andere weit zerstreut oder tiefer unter der Oberfläche legend ist
der ersteren genau entgegengesetzt Man nehme zB die auf den ersten Blick so
plausibel scheinende gewöhnliche Vorstellung dass die Industrie durch
verschwenderischen Aufwand ermuntert werde Von A der sein ganzes Einkommen und
sogar sein Capital durch luxuriöses Leben ausgibt nimmt man an er gebe der
Arbeit viel Beschäftigung Von B der nur von einem kleinen Theile seines
Einkommens lebt und den Rest anlegt glaubt man er gebe nur wenig Arbeit
Jedermann sieht den Gewinn welchen Diener Geschäftsleute etc von A haben
wenn er sein Geld ausgibt Die Ersparnisse von B gehen dagegen in die Hände
desjenigen über dessen Ware er kaufte und welcher damit eine Schuld an den
Banquier bezahlt der das Geld wiederum einem Kaufmanne oder Manufakturisten
leiht und das Capital das ausgelegt wird um Spinner und Weber oder Fuhrleute
und die Bemannung von Schiffen zu mieten gibt nicht allein der Industrie auf
einmal eben so viel unmittelbare Beschäftigung als A während der ganzen Dauer
seines Lebens sondern es bildet auch dadurch dass es durch den Verkauf von
Manufakturen oder importierten Gütern vermehrt zurückfließt ein Capital womit
dieselbe Quantität Arbeit für die Ewigkeit beschäftigt werden kann Aber der
sorglose Beobachter sieht nicht was aus dem Gelde von B wird und kümmert sich
daher auch nicht darum er sieht nur was mit dem Gelde von A geschieht er
beobachtet die ganze Industrie welche die Verschwendung von A nährt er
beobachtet aber nicht wie viel mehr sie verhindert und daher das Vorurteil
das zu Adam Smiths Zeit allgemein war und auch jetzt nur von ungewöhnlich
unterrichteten Personen verworfen wird dass Verschwendung die Industrie
ermuntere und dass Sparsamkeit sie entmutige
Das gewöhnliche Argument gegen den Freihandel ist ein Argument von derselben
Art Der Käufer englischer Seide ermuntert die englische Industrie der Käufer
von Lyoner Seide ermuntert nur die französische Industrie die Handlung des
Ersteren ist Patriotismus die des Letzteren sollte durch Gesetze untersagt
werden Hier ist der Umstand übersehen dass der Käufer einer fremden Ware
direkt oder indirekt den Export eines äquivalenten Wertes einer englischen
Ware außer dem was sonst noch ausgeführt werden würde entweder nach
demselben fremden Lande oder nach einem anderen verursacht eine Tatsache
welcher obgleich sie wegen der Verwickelung der Umstände nicht immer durch
spezifische Beobachtung bestätigt werden kann keine Beobachtung möglicherweise
widersprechen kann da der Schluss auf welchem sie beruht absolut
unumstößlich ist Der Irrtum ist daher derselbe wie im vorhergehenden Falle
man sieht nur einen Teil des Phänomens und halt diesen Teil für das Ganze er
kann daher unter die Fehlschlüsse aus Nichtbeobachtung gezählt werden
5 Der Vollständigkeit wegen haben wir noch von der zweiten unserer fünf
Classen nämlich von der falschen Beobachtung zu sprechen der Irrtum liegt
hier nicht in der Tatsache dass Etwas ungesehen blieb sondern darin dass man
das Gesehene falsch sah
Da die Wahrnehmung ein unfehlbarer Beweis von dem ist was wirklich
wahrgenommen wurde so kann der in Rede stehende Irrtum nicht anders begangen
werden als dass man für Wahrnehmung nimmt was in der Tat Folgerung ist Wir
haben früher schon gezeigt wie enge diese beiden Irrtümer in Allem was
Beobachtung genannt wird und noch mehr in einer jeden Beschreibung vermischt
sind187 Da das was wir bei irgend einer Gelegenheit durch die Sinne
wahrnehmen so gering und da es gewöhnlich ein so unwichtiger Teil der
Beschaffenheit der Tatsachen ist die wir ermitteln oder mittheilen wollen so
wäre es absurd zu sagen wir sollten in unseren Beobachtungen oder in der
Mittheilung ihrer Resultate an Andere nicht Folgerung und Tatsache vermengen
man kann nur sagen dass wenn wir es tun wir wissen sollten was wir tun
dass wir wissen sollten welcher Teil der Behauptung auf Bewusstsein beruht und
daher unbestreitbar ist und welcher auf Folgerung beruht und daher zweifelhaft
ist
Ein berühmtes Beispiel eines allgemeinen aus Verwechselung der Folgerung
mit der Wahrnehmung hervorgegangenen Irrtums war der Widerstand den auf Grund
des gesunden Menschenverstandes hin das Kopernikanische System erfuhr Die
Menschen bildeten sich ein sie sähen die Sonne auf und untergehen sie sähen
die Sterne sich in einem Kreise um die Pole bewegen Wir wissen jetzt dass sie
nichts der Art sahen sie sahen nichts als eine Reihe von Erscheinungen die
sowohl mit der Theorie welcher sie anhingen als auch mit einer davon ganz
verschiedenen Theorie vereinbar waren Es erscheint befremdend dass ein solcher
Fall von einem Zeugnis der Sinne ein Fall der mit der vollständigsten
Überzeugung zu Gunsten von Etwas sprach was eine bloße Folgerung der
Urteilskraft war und sich überdies noch als eine falsche Folgerung erwies den
Bigotten des gesunden Menschenverstandes nicht die Augen öffnete und ihnen nicht
mehr Misstrauen gegen die Kompetenz der Unwissenheit einflößte Schlüsse der
Wissenschaft zu beurteilen
Die Unfähigkeit eines Menschen zwischen Folgerungen und den Wahrnehmungen
worauf sie gegründet sind zu unterscheiden steht in geradem Verhältnis zu
seinem Mangel an Kenntnissen und geistiger Kultur Manche wunderbare Erzählung
manche skandalöse Anekdote verdankt dieser Unfähigkeit ihre Entstehung Der
Erzähler berichtet nicht was er sah oder hörte sondern den Eindruck den das
auf ihn machte was er sah oder hörte und wovon vielleicht der größte Teil
Folgerung ist obgleich das Ganze nicht als Folgerung sondern als Tatsache
erzählt wird Die Schwierigkeit gerichtliche Zeugen dazu zu vermögen dass sie
ihre Folgerungen so wenig wie möglich mit der Erzählung ihrer Wahrnehmungen
vermischen ist erfahrenen Untersuchungsrichtern sehr wohl bekannt Eine solche
Vermischung findet in weit höherem Grade Statt wenn der Unwissende versucht
irgend eine Naturerscheinung zu beschreiben »Die einfachste Erzählung des
unwissendsten Beobachters« sagt Dugald Stewart188 »schließt mehr oder weniger
Hypothetisches ein im allgemeinen findet man sogar dass im Verhältnis zu
seiner Unwissenheit die Zahl der Vermutungen in seiner Erzählung wächst Ein
Dorfapotheker und wo möglich noch mehr eine erfahrene Amme ist selten im
Stande den einfachsten Fall zu beschreiben ohne eine Terminologie zu
gebrauchen wovon ein jedes Wort eine Theorie ist während eine einfache und
wahre Spezifikation der Erscheinungen welche eine besondere Krankheit anzeigen
eine Spezifikation die nicht durch die Phantasie oder vorgefasste Meinungen
verfälscht ist als ein unzweideutiges Kennzeichen eines Geistes angesehen
werden kann der durch langes und erfolgreiches Studium zu der schwierigsten
aller Künste zu der getreuen Interpretation der Natur gelangt ist«
Die allgemeine Verwechselung von Wahrnehmung mit der daraus gezogenen
Folgerung und die Seltenheit der Fähigkeit die eine von der anderen zu
unterscheiden überrascht uns nicht mehr wenn wir betrachten dass in der bei
weitem größten Anzahl von Fällen die wirklichen Wahrnehmungen unserer Sinne uns
nur als Merkmale aus denen wir etwas außerhalb derselben Liegendes folgern
von Wichtigkeit oder von Interesse sind Nicht die vom Auge wahrgenommene Farbe
und Ausdehnung ist uns wichtig sondern der Gegenstand dessen Gegenwart diese
sichtlichen Erscheinungen bezeugen und wo die Sensation selbst gleichgültig
ist wie dies ja gewöhnlich der Fall ist da ist für uns kein Grund vorhanden
besonders darauf zu achten und wir erlangen die Gewohnheit ohne ein deutliches
Bewusstsein darüber hinweg und sogleich zur Folgerung überzugehen Um daher zu
wissen was die Empfindung wirklich war ist ein besonderes Studium
erforderlich dem sich zB die Maler mit besonderem und anhaltendem Fleiße
widmen müssen Bei Dingen die der Herrschaft der Sinne weiter entrückt sind
ist nur derjenige geschickt diese starke Ideenassoziation zu zerreißen der
eine große Erfahrung in der psychologischen Analyse besitzt und wo solche
analytische Gewohnheiten nicht in dem erforderlichen Grade vorhanden sind da
ist es kaum möglich irgend welche von den gewöhnlichen Urteilen der Menschen
über sehr abstracto Gegenstände von dem Dasein Gottes und der Unsterblichkeit
der Seele an bis zum Einmaleins anzuführen welche nicht als Gegenstand der
direkten Anschauung betrachtet würden oder worden wären So stark ist die
Neigung Urteilen welche bloße Folgerungen und oft ganz falsche sind einen
intuitiven Charakter zuzuschreiben Niemand kann zweifeln dass mancher
irrgeführte Visionär wirklich geglaubt hat er sei direkt vom Himmel inspiriert
und der Allmächtige habe mit ihm von Angesicht zu Angesicht gesprochen was
indessen von seiner Seite nur ein Schluss war den er aus Erscheinungen seiner
Sinne oder aus Gefühlen seines inneren Bewusstseins zog welche zu einer
Begründung eines solchen Glaubens ganz unzureichend waren Es ist daher eine
Warnung in Beziehung auf die Vorsicht die gegen diese Klasse von Irrtümern
anzuwenden ist nicht allein erforderlich sondern auch unerlässlich obgleich
hier der Ort nicht ist zu entscheiden ob in Betreff irgend einer der großen
Fragen der Metaphysik solche Irrtümer wirklich begangen werden
1 Die Klasse von Fehlschlüssen von welcher wir nun sprechen wollen ist
die ausgedehnteste von allen sie umfasst eine größere Anzahl von ungegründeten
Folgerungen als alle anderen Classen und dieselben sind auch schwieriger auf
Unterklassen oder Species zu reduzieren Wenn die in den vorhergehenden Teilen
dieses Werkes aufgestellten Prinzipien einer wohlbegründeten Generalisation die
richtigen sind so könnten alle Generalisationen die mit diesen Prinzipien
nicht übereinstimmen in einem gewissen Sinne zu der obigen Klasse gezählt
werden wenn jedoch die Regeln bekannt sind und beachtet werden aber zufällig
ein Fehler in ihrer Anwendung gemacht wird so ist dies ein Versehen und nicht
ein Fehlschluss Ein Irrtum der Generalisation kann nur in dem Prinzip begangen
werden es muss eine irrige Vorstellung von dem induktiven Verfahren darin
liegen die richtige Weise aus Beobachtung und Experiment Schlüsse zu ziehen
muss gänzlich missverstanden sein
Ohne den vergeblichen Versuch machen zu wollen alle Irrtümer die in
Betreff dieses Gegenstandes stattfinden können zu klassifizieren wollen wir uns
darauf beschränken einige von den wichtigsten und nötigsten Kautelen dagegen
anzugeben
2 Es gibt gewisse Arten von Generalisationen welche grundlos sein
müssen wenn die von uns aufgestellten Prinzipien richtig sind die Erfahrung
kann die nötigen Bedingungen nicht liefern um sie durch eine genaue Induktion
festzustellen Hierher gehören alle jene Schlüsse aus der Ordnung der Natur wie
sie auf der Erde oder im Planetensystem existiert auf die Ordnung wie sie in
den entfernteren Teilen des Weltalls existieren mag in Regionen wo soviel wir
wissen die Phänomene ganz verschieden sein und nach ganz anderen Gesetzen oder
vielleicht nach gar keinen festen Gesetzen aufeinander folgen können Von der
Art sind auch alle Negationen alle Urteile welche eine Unmöglichkeit
behaupten Wie gleichförmig die Natur die Tatsache bisher bezeugt haben mag so
beweist die Nichtexistenz eines Phänomens höchstens dass eine seiner Erzeugung
adäquate Ursache sich noch nicht kundgegeben hat Dass aber solche Ursachen in
der Natur nicht existieren kann nur gefolgert werden wenn wir BÖ absurd sind
vorauszusetzen wir seien mit allen Kräften in der Natur bekannt Die
Voraussetzung würde mindestens voreilig sein da unsere Kenntnis einiger dieser
Kräfte noch sehr jung ist Wie sehr aber auch unsere Kenntnis der Natur noch
ausgedehnt werden mag so ist doch nicht leicht einzusehen wie sie jemals
vollständig werden könne oder wie wir je die Gewissheit haben könnten dass sie
es ist
Die einzigen Naturgesetze die uns bei dem Behaupten einer Unmöglichkeit
eine Garantie bieten sind erstens die Gesetze der Zahlen und der Ausdehnung
welche über dem Gesetze der Sukzession der Phänomene stehen und der Wirkung
entgegenwirkender Ursachen nicht ausgesetzt sind und zweitens das allgemeine
Kausalgesetz selbst Dass keine Veränderung in einer Wirkung oder in einem
Konsequenz Statt finden wird wenn das Antezedens dasselbe bleibt kann mit
aller Sicherheit behauptet werden Dass aber durch das Hinzutreten eines neuen
Antezedens das gewohnte Konsequenz nicht gänzlich geändert oder umgekehrt werden
könnte oder dass Antecedentien welche dies bewirken können nicht in der Natur
existieren hierüber positive Schlüsse zu ziehen sind wir in keinem Falle
berechtigt
3 Es muss zunächst bemerkt werden dass alle Generalisationen welche
wie die Theorien von Thales Demokrit und anderen der frühesten griechischen
Philosophen versuchen alle Dinge in ein einziges Element aufzulösen oder die
wie manche neuere Theorien radikal verschiedene Phänomene in dasselbe Phänomen
aufzulösen suchen notwendig falsch sind Unter radikal verschiedenen
Phänomenen verstehe ich Eindrücke auf unsere Sinne die der Qualität nach und
nicht bloß dem Grade nach verschieden sind Was über diesen Gegenstand zu sagen
nötig war wurde in dem Kapitel über die Grenzen der Erklärung der Naturgesetze
gesagt da aber der Irrtum noch in unseren Tagen ein ganz gewöhnlicher ist so
wollen wir ihn hier etwas genauer betrachten
Wenn wir sagen die Kraft welche die Planeten in ihren Bahnen hält löse
sich in die Schwerkraft auf oder die Kraft welche die Verbindung der
chemischen Substanzen bewirkt löse sich in die Elektrizität auf so behaupten
wir Etwas was ein legitimes Resultat der Induktion in dem einen Falle ist und
in dem sein könnte oder vielleicht zuletzt sein wird In beiden Fällen wird
Bewegung in Bewegung aufgelöst Die Behauptung ist die dass ein Fall von
Bewegung von der man annahm sie sei eine spezielle und folge ihrem eigenen
Gesetze sich nach dem allgemeinen Gesetze richtet das andere Classen von
Bewegungen beherrscht Aber durch diese und ähnliche Generalisationen sind
Versuche unterstützt und in Gang gebracht worden nicht um Bewegung in Bewegung
aufzulösen sondern Bewegung in Wärme Licht in Bewegung sogar Empfindung in
Bewegung um Zustände des Bewusstseins in Zustände des Nervensystems wie in den
roheren Formen der materialistischen Philosophie Erscheinungen des Lebens in
mechanische oder chemische Prozesse wie manche physiologische Schulen taten
aufzulösen
Ich bin nun aber weit davon entfernt zu behaupten dass es nicht zu
beweisen oder dass wenn bewiesen es nicht eine wichtige Erweiterung unseres
Wissens wäre dass gewisse Bewegungen der Moleküle der Körper zu den Bedingungen
der Wärme oder Lichterzeugung gehören dass nicht gewisse nachweisbare
physikalische Modifikationen unserer Nerven zu den Bedingungen nicht bloß
unserer Sensationen oder Emotionen sondern auch unserer Gedanken zählen dass
gewisse mechanische und chemische Bedingungen hinreichend sind um die
physiologischen Gesetze des Lebens in Action zu bringen Alles was ich in
Übereinstimmung mit einem jeden Denker der über die Logik der Wissenschaft
klare Ideen hat behaupte ist dass man nicht voraussetzen darf dass wenn
auch alle diese Dinge bewiesen wären man der wahren Erklärung von Licht Wärme
oder Empfindung um einen Schritt näher gekommen wäre oder dass die generische
Eigentümlichkeit dieser Phänomene im geringsten Grade durch solche
Entdeckungen wie wohlbegründet sie auch sein mögen umgangen werden könne Wir
wollen es zB als nachgewiesen annehmen dass die verwickeltsten Reihen von
physikalischen Ursachen und Wirkungen in dem Auge und Gehirn auf einander
folgen um die Empfindung der Farbe hervorzubringen Lichtstrahlen fallen auf
das Auge werden gebrochen konvergieren durchkreuzen sich indem sie ein
verkehrtes Bild auf der Retina erzeugen sodann eine Bewegung sie sei eine
Vibration oder ein Strom von Nervenfluidum oder von sonst etwas Beliebigem in
dem Augennerv eine Fortpflanzung der Bewegung nach dem Gehirne selbst und
soviel verschiedene Bewegungen als es beliebt so wird am Ende dieser
Bewegungen noch Etwas sein was nicht Bewegung ist ein Gefühl oder eine
Sensation von Farbe Welche Anzahl von wirklichen oder eingebildeten Bewegungen
wir auch im Stande sein mögen einzuschalten so werden wir doch am Ende der
Reihe immer noch eine vorausgängige Bewegung und eine darauffolgende Farbe
finden Die Art und Weise wie irgend eine der Bewegungen die nächste
hervorbringt kann möglicherweise durch ein vorher bekanntes allgemeines Gesetz
der Bewegung erklärt werden aber die Art und Weise wie die letzte Bewegung die
Empfindung von Farbe erzeugt kann durch kein Gesetz der Bewegung erklärt
werden es ist das Gesetz der Farbe welches ein besonderes Ding ist und immer
bleiben wird Wo unser Bewusstsein zwischen zwei Phänomenen einen inhärenten
Unterschied erkennt wo wir sehen dass der Unterschied nicht bloß dem Grade
nach bestellt und dass durch Hinzufügung eines der Phänomene zu sich selbst das
andere nicht hervorgebracht würde da muss eine jede Theorie die das eine
Phänomen unter die Gesetze des anderen zu bringen sucht falsch sein obgleich
eine Theorie welche das eine bloß als eine Ursache oder Bedingung des anderen
behandelt möglicherweise wahr sein kann
4 Von den übrigen Formen der irrigen Generalisation haben wir bereits
verschiedene geprüft als wir bei der Untersuchung der Regeln der richtigen
Induktion Gelegenheit hatten auf den Unterschied zwischen dieser und einer
gewöhnlichen Art von unrichtiger Induktion aufmerksam zu machen Zu diesen
Formen gehört was ich früher die Induktion des im Forschen nicht geübten
Geistes genannt habe die Induktion der Alten per enumerationem simplicem
»Dies das und jenes A ist B ich kann kein A denken welches nicht B wäre
daher ist jedes B auch A« Als ein letztes Verdammungsurteil dieser rohen und
nachlässigen Generalisation will ich Bacons Ausspruch darüber anführen es ist
wie ich wiederholt behauptet habe der wichtigste Teil des unvergänglichen
Dienstes den er der Philosophie erwiesen hat »Inductio quae procedit per
enumerationem simplicem res puerilis est et precario concludit« schließt nur
mit unserer Erlaubnis oder widerruflich »et periculo exponitur ab instantia
contradictoria et plerumque secundum pauciora quam par est et ex his tantummudo
quae praesto sunt pronunciat At Inductio quae ad inventionem et
demonstrationein scientiarum et artium erit utilis naturam separare debet per
rejectiones et exclusiones debitas ac deinde post negativas tot quot
sufficiunt super affirmativas concludere«
Ich habe bereits bemerkt dass die Induktion durch einfache Aufzählung noch
die gewöhnliche und gangbare Methode in Beziehung auf Alles ist was sich auf
die Menschen und die Gesellschaft bezieht Es wird genügen einige Beispiele
hierüber mehr zur Erinnerung als zur Erläuterung anzuführen Was soll man zB
von den Maximen »des gesunden Menschenverstandes« halten die sich in folgenden
allgemeinen Formeln ausdrücken »Was nie gewesen ist wird nie sein« Wie zB
die Neger waren nie so zivilisiert wie die Weißen daher werden sie es auch
niemals sein In Beziehung auf Energie und Umfang des Geistes ist das weibliche
Geschlecht dem männlichen niemals gleich gekommen daher steht es notwendig
unter ihm Die Gesellschaft kann ohne diese oder jene Einrichtung nicht
gedeihen zB zu Aristoteles Zeiten konnte sie nicht ohne Sklaverei in
späteren Zeiten nicht ohne einen Priesterstand ohne künstliche Unterschiede des
Ranges usw gedeihen Wenn unter tausend Armen ein einziger eine gute
Erziehung erhalten hat während die neunhundert neun und neunzig ohne alle
Erziehung blieben und nun strebt sich über seinesgleichen zu erheben so macht
die Erziehung die Menschen mit ihrem Stande unzufrieden Von Büchergelehrten
die man von ihren theoretischen Beschäftigungen entfernte und an eine Arbeit
setzte von der sie vorher nichts verstanden fand man gewöhnlich oder glaubte
man zu finden dass sie dieselbe schlecht fertig brachten daher sind
Philosophen untauglich zu Geschäften etc Alles dieses ist Induktion durch
einfache Aufzählung Man mag wohl mitunter versucht haben wenn auch umsonst
für einige von diesen Urteilen Gründe anzugeben die einigermaßen Bezug auf
die Kegeln der wissenschaftlichen Forschung haben aber was die Menge derjenigen
betrifft welche sie nachplappern so ist die enumeratio simplex ex his
tantummodo quae praesto sunt pronuncians ihr einziger Beweis Der Irrtum
besteht darin dass es Induktionen ohne Elimination sind es fand weder eine
wirkliche Vergleichung von Fällen noch auch eine Ermittlung der wesentlichen
Umstände in einem gegebenen Falle Statt Es gesellt sich ferner der Irrtum
hinzu dass man vergisst dass derartige Generalisationen wenn sie auch wohl
begründet wären keine letzten Wahrheiten sein können sondern dass sie
Resultate anderer mehr elementarer Gesetze sein müssen und dass sie daher
solange sie nicht von solchen abzuleiten höchstens nur als empirische Gesetze
zulässig sind die innerhalb der Grenzen von Zeit und Raum gelten durch welche
die besonderen Beobachtungen begrenzt werden welche die Generalisation ergaben
Dieser Irrtum bloße empirische Gesetze und Gesetze in denen kein
direkter Beweis einer Verursachung liegt in Beziehung auf Gewissheit auf
dieselbe Stufe wie die Gesetze von Ursache und Wirkung zu stellen ein Irrtum
der die Wurzel von vielleicht der größeren Anzahl von schlechten Induktionen
ist zeigt sich in den Generalisationen auf die wir jetzt eben verwiesen haben
nur in seiner gröbsten Form Dieselben besitzen in der Tat nicht einmal jenen
Grad von Evidenz der einem wohlermittelten empirischen Gesetze zukommt sondere
lassen auf empirischem Grunde selbst eine Widerlegung zu ohne dass man seine
Zuflucht zu Kausalgesetzen zu nehmen brauchte Ein wenig Nachdenken wird in der
Tat zeigen dass bloße Negationen nur das Fundament für die niedrigste und
wertloseste Art von empirischen Gesetzen bilden können Wenn ein Phänomen
niemals bemerkt wurde so beweist dies nur dass die Bedingungen dieses
Phänomens sich der menschlichen Erfahrung noch nicht gezeigt haben dass sie ihr
noch nicht vorgekommen sind es beweist aber nicht dass sie ihr nicht morgen
vorkommen können Es gibt eine bessere Art von empirischen Gesetzen als diese
wenn nämlich ein beobachtetes Phänomen innerhalb der Grenzen der Beobachtung
eine Reihe von Abstufungen darbietet worin eine Regelmäßigkeit oder etwas
einem mathematischen Gesetz Ähnliches wahrnehmbar ist und woraus daher etwas
in Beziehung auf diejenigen Glieder der Reihe welche außerhalb der Grenzen der
Beobachtung liegen vernunftgemäß vermutet werden darf Für Negationen gibt
es aber keine Abstufungen und keine Reihen die Generalisationen welche die
Möglichkeit eines gegebenen Zustandes des Menschen oder der Gesellschaft bloß
deswegen leugnen weil man denselben noch nicht erfahren hat können daher nicht
einmal als empirische Gesetze diesen höheren Grad von Geltung besitzen Und was
noch mehr ist wenn die genauere Prüfung welche diese höhere Ordnung von
empirischen Gesetzen voraussetzt auf den Gegenstand jener Generalisationen
angewandt wird so werden dieselben nicht allein nicht dadurch bestätigt
sondern sogar widerlegt Denn anstatt sie darzustellen als unwandelbar
unveränderlich als unfähig jemals ein neues Phänomen darzubieten zeigt die
vergangene Geschichte des Menschen und der Gesellschaft im Gegenteil nicht nur
dass sie in vielen wichtigen Einzelheiten veränderlich sind sondern auch in
der Tat eine progressive Veränderung erleiden Das empirische Gesetz welches
in den meisten Fällen das wahre Resultat der Beobachtung am besten ausdrücken
würde würde daher lauten nicht dass dies und jenes Phänomen unverändert
fortdauern wird sondern dass es sich fortwährend in einer besonderen Weise
verändern wird
Während demnach vor den letzten fünfzig Jahren fast alle Generalisationen in
Beziehung auf den Menschen und die Gesellschaft in jener groben Weise irrten
die wir zu charakterisieren versucht haben indem sie nämlich implizite annahmen
die menschliche Natur und Gesellschaft werde sich immer in demselben Kreise
bewegen und wesentlich dieselben Erscheinungen darbieten was noch der vulgäre
Irrtum des prahlerischen Praktikers und der Verehrer des sogenannten gesunden
Menschenverstandes besonders in England ist hat der größte Teil der Denkenden
der gegenwärtigen Zeit nach einer genaueren Analyse der Geschichte des
Menschengeschlechtes die entgegengesetzte Meinung angenommen dass die
menschliche Spezies notwendig in einem Zustande des Fortschreitens begriffen
ist und dass wir aus den vergangenen Gliedern der Reihe mit Gewissheit auf die
zukünftigen schließen können Von dieser Lehre als von einem philosophischen
Grundsatz werden wir in dem letzten Buche Gelegenheit haben weitläufiger zu
sprechen Wenn nicht in allen ihren Formen frei von Irrtum so ist diese Lehre
doch wenigstens immerhin frei von jenem groben und stupiden Irrtum den wir
vorher erörtert haben Aber mit Ausnahme von hervorragenden philosophischen
Geistern findet sie sich in dem Geiste aller genau mit derselben Art Irrtum wie
jener behaftet Denn wir müssen uns erinnern dass sogar jene andere und bessere
Generalisation die progressive Veränderung in dem Zustande des
Menschengeschlechts am Ende nur ein empirisches Gesetz ist dessen sehr
zahlreiche Ausnahmen überdies nicht schwer nachzuweisen sind und wenn man die
letzteren auch dadurch los werden könnte dass man die Tatsache bestreitet oder
die Theorie erklärt und beschränkt so bleibt doch der allgemeine Einwurf gegen
das supponierte Gesetz dass es auf keine anderen als sogenannte angrenzende
Fälle anwendbar ist gültig Denn es ist nicht nur kein letztes sondern
überhaupt kein Kausalgesetz In den menschlichen Angelegenheiten gehen in der
Tat Veränderungen vor sich aber eine jede von diesen Veränderungen hängt von
bestimmten Ursachen ab der »Fortschritt der Spezies« ist nicht eine Ursache
sondern ein summarischer Ausdruck für das Resultat aller Ursachen Sobald durch
eine ganz verschiedene Art Induktion ermittelt worden ist welche Ursachen diese
sukzessiven Veränderungen soweit sie wirklich stattfanden vom Beginn der
Geschichte an hervorgebracht und welche entgegenstrebenden Ursachen sie
gelegentlich gehemmt oder aufgehoben haben werden wir im Stande sein die
Zukunft vorauszusagen wir werden im Besitz des wirklichen Gesetzes der Zukunft
und im Stande sein zu sagen von welchen Umständen die Fortdauer dieser
fortschreitenden Bewegung eventuell abhängen wird Aber es ist der Irrtum
vieler vorgeschrittener Denker unserer Zeit dies zu übersehen und zu glauben
ein Gesetz das aus der bloßen Vergleichung der in verschiedenen Zeiten
bestehenden Zustände des Menschengeschlechts gefolgert worden ist sei das
wirkliche und wahre Gesetz seiner Veränderungen nicht nur der vergangenen
sondern auch der zukünftigen Die Wahrheit ist dass die Ursachen von denen die
Phänomene der moralischen Welt abhängen in einem jeden Jahrhundert und fast in
einem jeden Lande in verschiedenen Proportionen verbunden sind so dass es kaum
zu erwarten ist dass das allgemeine Resultat von allen wenigstens in den
Einzelheiten mit einer gleichförmig progressiven Reihe übereinstimmen werde
Alle Generalisationen welche affirmieren dass die Menschen das Bestreben haben
besser oder schlechter reicher oder ärmer roher oder zivilisierter zu werden
dass die Bevölkerung sich schneller vermehre als die Subsistenzmittel oder
umgekehrt dass die Ungleichheit des Besitzes das Bestreben habe sich zu
vermehren oder zu vermindern und dergleichen Sätze von bedeutendem Wert als
empirische Gesetze innerhalb gewisser gewöhnlich enger Grenzen sind in
Wirklichkeit wahr oder falsch je nach den Zeiten und Umständen
Was wir von den empirischen Generalisationen aus vergangenen Zeiten auf
zukünftige gesagt haben gilt auch von ähnlichen Generalisationen aus den
gegenwärtigen Zeiten auf vergangene wenn nämlich Menschen deren Bekanntschaft
mit moralischen und sozialen Tatsachen sich auf ihr eigenes Jahrhundert
beschränkt die Menschen und Dinge dieses Jahrhundert für den Typus der Menschen
und der Dinge im allgemeinen nehmen und die empirischen Gesetze welche die
gewöhnlichen Erscheinungen der menschlichen Natur zu jener Zeit und in jenem
besonderen Zustande der Gesellschaft für das tägliche Bedürfnis hinreichend
genau repräsentieren ohne Weiteres auf die Interpretation der Ereignisse der
Geschichte anwenden Wenn Beispiele nötig wären so bietet sie fast ein jedes
geschichtliche Werk bis zu der neuesten Zeit im Überfluss dar Dasselbe lässt
sich von denjenigen sagen welche empirisch vom Volke ihres eigenen Landes auf
das fremder Länder schließen als wenn die Menschen überall in derselben Weise
fühlten urteilten oder handelten
5 In den vorhergehenden Fällen wird der Unterschied zwischen empirischen
Gesetzen welche bloß die gewohnte Ordnung der Sukzession der Wirkungen
ausdrücken und den Kausalgesetzen von denen diese Wirkungen abhängen
übersehen Es können aber ungenaue Generalisationen stattfinden wenn dieses
Versehen auch nicht begangen wird wenn die Untersuchung ihren richtigen Gang
nimmt den Gang der Ermittlung von Ursachen und das irrtümlich erhaltene
Resultat angeblich ein wirkliches Kausalgesetz ist
Die gewöhnlichste Form dieses Fehlschlusses ist die gemeinlich post hoc
ergo propter hoc oder cum hoc ergo propter hoc genannte Form zB als man
folgerte dass England den Vorrang seiner Industrie seinen Handelsbeschränkungen
verdanke oder als die alte Schule der Finanzmänner und einige theoretische
Schriftsteller behaupteten die Nationalschuld sei eine der Ursachen unserer
Nationalwohlfahrt als die Vortrefflichkeit der Kirche des Hauses der Lords und
der Gemeinen der Prozedur des hohen Gerichtshofes etc aus der bloßen
Tatsache gefolgert wurde dass das Land unter ihnen aufblühte Wenn in
dergleichen Fällen durch einen Beweis wahrscheinlich gemacht werden kann dass
die vermeintlichen Ursachen ein Bestreben haben die ihnen zugeschriebene
Wirkung hervorzubringen so ist die Tatsache dass dieselbe wenn auch nur in
einem einzigen Falle hervorgebracht worden ist als eine Bestätigung durch
spezifische Erfahrung von einigem Wert aber für sich allein kann sie
überhaupt ein solches Bestreben nicht wohl nachweisen da die Wirkung
zugegeben hundert andere Antecedentien einen gleich starken Anspruch dieser Art
darauf machen könnten dass man sie als die Ursache betrachte
Das vorhergehende Beispiel zeigte uns eine schlechte Generalisation a
posteriori eine eigentliche Empirie eine Kausalität die aus einer zufälligen
Verbindung entweder ohne eine gehörige Elimination oder ohne eine aus den
Eigenschaften des vermeintlichen Agens hervorgehende Präsumtion gefolgert worden
ist Aber ganz eben so gewöhnlich ist die schlechte Generalisation a priori
welche man eigentlich falsche Theorie nennt Schlüsse auf deduktive Weise aus
Eigenschaften irgend eines einzigen Agens gezogen von dem man weiß oder
voraussetzt es sei gegenwärtig indem alle andere koexistierenden Agentien
übersehen werden So wie der erstere der Irrtum der reinen Unwissenheit ist so
ist der letztere ganz besonders der Irrtum unterrichteter Geister und wird
vorzüglich bei dem Versuche begangen verwickelte Phänomene durch einfachere
Theorien zu erklären als ihre Natur zulässt So suchte eine gewisse Schule von
Ärzten »in der Langsamkeit und krankhaften Zähigkeit des Blutes« das
Universalprinzip aller Krankheiten und indem sie körperliche Krankheiten
mechanischen Obstruktionen zuschrieb glaubte sie dieselben durch mechanische
Mittel heilen zu können189 während eine andere Schule die chemische »keine
andere Quelle der Krankheit anerkannte als die Gegenwart einer schädlichen
Säure oder eines Alkalis oder eine Störung der chemischen Zusammensetzung der
flüssigen oder festen Theile des Körpers« und daher glaubte dass »alle
Heilmittel dadurch wirken müssen dass sie chemische Veränderungen in dem Körper
hervorbringen« Wir finden Tournefort eifrig beschäftigt eine jede Pflanze zu
prüfen um in ihr eine Spur eines sauren oder alkalischen Bestandteils zu
entdecken der ihr eine medizinische Wirkung verleihen könnte Zu welchen
traurigen Irrtümern eine solche Hypothese die Praktiker verleiten konnte zeigt
sich in einer erschreckenden Weise in der Geschichte des denkwürdigen Fiebers
welches im Jahre 1699 Leyden verheerte und zwei Drittheile der Bevölkerung
dieser Stadt einem frühzeitigen Grabe zuführte ein Ereignis das zum großen
Teil von Sylvius de Boe verschuldet wurde derselbe hatte gerade die chemische
Lehre von Helmont angenommen welche den Ursprung der Krankheit einer
vorherrschenden Säure zuschrieb und erklärte demgemäß dass ihre Heilung
allein durch reichlichen Gebrauch von Absorbentien und kalkhaltigen Mitteln
bewirkt werden könne190
Diese Verirrungen in den medizinischen Theorien finden in den politischen
Wissenschaften ihre Parallelen Alle jene Lehren welche besonderen
Regierungsformen besonderen sozialen Einrichtungen und sogar besonderen
Erziehungsweisen absolute Güte zuschreiben ohne auf den Stand der Bildung und
die verschiedenen Charaktere der Gesellschaft Rücksicht zu nehmen sind
demselben Einwurfe ausgesetzt nämlich dass angenommen wird eine Klasse von
Umständen sei die Hauptursache von Erscheinungen welche in einem gleichen oder
in einem noch höheren Grade von vielen anderen Umständen abhängen
6 Die letzte von den irrigen Generalisationen auf welche ich die
Aufmerksamkeit lenken will ist diejenige welche man falsche Analogie nennen
kann Dieser Fehlschluss unterscheidet sich von den bereits abgehandelten
Fehlschlüssen durch die Eigentümlichkeit dass er nicht einmal eine
vollständige und beweiskräftige Induktion nachahmt sondern in der falschen
Anwendung eines Argumentes besteht welches höchstens als eine nicht
beweiskräftige Präsumtion da zulässig ist wo ein wirklicher Beweis nicht zu
erlangen ist
Ein Analogieschluss ist eine Folgerung dass das was in einem gewissen
Falle wahr ist auch in einem Falle wahr sein wird von dem man weiß dass er
jenem ähnlich ist ohne ihm genau parallel zu sein dh von dem man weiß dass
er ihm in den wesentlichen Umständen gleicht Ein Gegenstand hat die Eigenschaft
B von einem Gegenstand weiß man nicht dass er diese Eigenschaft besitzt aber
er gleicht dem ersteren in einer Eigenschaft A von der nicht bekannt ist dass
sie mit B zusammenhängt der Schluss nun auf den die Analogie hinweist lautet
dass dieser Gegenstand auch die Eigenschaft B besitzt zB dass die Planeten
bewohnt sind weil es die Erde ist Die Planeten gleichen der Erde darin dass
sie elliptische Bahnen um die Sonne beschreiben dass sie von der Sonne
angezogen werden und sich gegenseitig einander anziehen dass sie nahezu
sphärisch sind sich um ihre Achsen drehen etc aber man weiß nicht dass eine
von diesen Eigenschaften oder auch alle zusammen die Bedingungen enthalten von
denen der Besitz von Bewohnern abhängig ist oder dass sie Merkmale dieser
Bedingungen sind So lange wir indessen nicht wissen welcher Art diese
Bedingungen sind können sie durch ein Naturgesetz mit diesen Eigenschaften im
Zusammenhang stehen und soweit diese Möglichkeit geht ist es wahrscheinlicher
dass die Planeten bewohnt sind als wenn sie der Erde gar nicht glichen Diese
unbestimmbare und gewöhnlich geringe Zunahme der Wahrscheinlichkeit über das
hinaus was sonst stattfinden würde ist der ganze Beweis den ein Schluss von
der Analogie ableiten kann denn wenn wir den geringsten Grund haben einen
wirklichen Zusammenhang zwischen den Eigenschaften A und B anzunehmen so ist
der Schluss kein Schluss der Analogie mehr Wenn es ermittelt wäre ich mache
absichtlich eine absurde Voraussetzung dass zwischen der Umdrehung um eine
Achse und der Existenz von lebenden Wesen ein Kausalzusammenhang besteht oder
wenn irgend ein vernünftiger Grund vorhanden wäre einen solchen Zusammenhang
nur zu vermuten so würde eine Wahrscheinlichkeit der Existenz von
Planetenbewohnern entstehen die einen beliebigen Grad von Stärke besitzen und
sich bis zu einer vollständigen Induktion erheben könnte wir würden aber dann
die Tatsache aus dem ermittelten oder vermuteten Kausalgesetze und nicht aus
der Analogie mit der Erde folgern
Man dehnt indessen das Wort Analogie manchmal weiter aus und gebraucht es
um diejenigen Argumente von einem induktiven Charakter zu bezeichnen die sich
nicht zu einer wirklichen Induktion erheben und die man gebraucht um das aus
einer einfachen Ähnlichkeit gezogene Argument zu verstärken Obgleich man nicht
nachweisen kann dass A eine den zwei Fällen gemeinschaftliche Eigenschaft die
Ursache oder die Wirkung von B ist so wird der nach der Analogie Schließende
doch zu zeigen versuchen dass ein weniger inniger Zusammenhang zwischen ihnen
existiert dass eine Bedingung aus einer Reihe von Bedingungen ist aus denen
wenn sie alle vereinigt werden B hervorgeht oder dass es eine gelegentliche
Wirkung einer Ursache ist von der man weiß dass sie auch B hervorbringt u
dgl ein jedes dieser Dinge würde wenn es nachgewiesen wäre die Existenz von
B um so viel wahrscheinlicher machen als wenn selbst dieser Zusammenhang
zwischen A und B nicht bekannt wäre
Es kann nun ein Fehlschluss der Analogie in zweierlei Weise entstehen
Manchmal besteht er darin dass man ein Argument von der einen der obigen Arten
zwar richtig gebraucht aber dessen Beweiskraft überschätzt Man nimmt zuweilen
an dieser sehr gewöhnliche Irrtum begegne besonders Personen die sich durch
eine sehr lebhafte Einbildungskraft auszeichnen in der Tat ist er aber der
charakteristische geistige Fehler derjenigen deren Phantasie unfruchtbar ist
sei es wegen Mangel an Übung wegen ursprünglicher Mangelhaftigkeit oder wegen
der Beschränktheit ihres Ideenkreises Solchen Geistern bieten sich die
Gegenstände nur in wenige Eigenschaften gekleidet dar und da sich ihnen deshalb
nur wenige Analogien zwischen dem einen und dem Gegenstande darbieten so
überschätzen sie fast beständig die Wichtigkeit dieser wenigen während
derjenige dessen Phantasie einen höheren Schwung hat so viele zu
widerstreitenden Schlüssen führende Analogien bemerkt und behält dass er nicht
so leicht einen übergroßen Werth auf eine von ihnen legen wird Wir finden
immer dass diejenigen die größten Sklaven einer metaphorischen Sprache sind
welche nur eine beschränkte Reihe von Metaphern besitzen
Dies ist aber nur die eine von den Weisen wie in dem Gebrauche von
Schlüssen der Analogie geirrt wird Es gibt aber noch eine andere Weise die
passender den Namen Fehlschluss verdient wenn nämlich die Ähnlichkeit in einem
Punkte aus der Ähnlichkeit in einem Punkte gefolgert wird obgleich nicht nur
kein Beweis vorhanden ist um die zwei Umstände in einen Kausalzusammenhang zu
bringen sondern wenn der Beweis auch die Umstände positiv zu trennen strebt
Dies ist eigentlich ein Fehlschluss der falschen Analogie
Als erstes Beispiel wollen wir jenes Lieblingsargument anführen das man zur
Verteidigung der absoluten Gewalt aus der Analogie mit einem väterlichen
Familienregiment zieht mit einem Regiment das der allgemeinen Annahme nach
nicht durch die Kinder geführt werden kann und auch nicht geführt wird In einer
Familie ist eine väterliche Regierung von gutem Erfolg daher so sagt das
Argument wird in einem Staate eine despotische Regierung von gutem Erfolg
begleitet sein Ich übergehe als nicht hierher gehörig alles was über die
behauptete Vortrefflichkeit der väterlichen Regierung gesagt werden kann Wie
sich dies auch verhalten möge so stützt sich der Schluss von der Familie auf
den Staat immerhin auf eine falsche Analogie denn es liegt darin inbegriffen
das Wohltätige einer väterlichen Regierung in der Familie sei von dem einzigen
Punkte abhängig den sie mit dem Despotismus gemein hat nämlich von der
Unverantwortlichkeit Es hängt aber nicht davon sondern von zwei anderen
Attributen der väterlichen Regierung von der Liebe der Kinder zu den Eltern
und von der Überlegenheit der Eltern in Weisheit und Erfahrung ab und dies
sind Eigenschaften die bei einem politischen Despoten und seinen Untertanen
nicht zu finden sind Wenn aber einer dieser Umstände fehlt und der Einfluss der
Unverantwortlichkeit ungestört wirken kann so ist das Resultat selbst bei der
Familie alles andere nur nicht gute Regierung Es ist dies daher eine falsche
Analogie
Ein zweites Beispiel ist das gewöhnliche Urteil dass politische Körper
wie Naturkörper Jugend Reife Alter und Tod erfahren dass sie sich nach einer
gewissen Blütezeit spontan zum Verfall neigen Auch dies ist eine falsche
Analogie weil der Verfall der Lebenskräfte in einem belebten Körper auf das
natürliche Fortschreiten gerade derjenigen Veränderungen in der Struktur welche
in den früheren Jahren sein Heranreifen konstituierten bestimmt zurückgeführt
werden kann während in einem politischen Körper das Fortschreiten dieser
Veränderungen im allgemeinen keine andere Wirkung haben kann als die Fortdauer
dieses Wachstums Nur der Einhalt dieses Fortschritts und der Anfang eines
Rückgangs würden den Verfall konstituieren Politische Körper sterben aber an
einer Krankheit oder an einem gewaltsamen Tode ein Alter haben sie nicht
Der folgende Ausspruch aus Hookers kirchlicher Hierarchie Ecclesiastical
Polity ist ein Beispiel einer falschen Analogie zwischen physikalischen Körpern
und sogenannten politischen Körperschaften »Sowie in Naturkörpern keine
Bewegung sein könnte wenn nicht Einer wäre der alle Dinge bewegt und selbst
unbeweglich bleibt so muss in politischen Gesellschaften ein Unstrafbarer da
sein da ja sonst niemand Strafe erleiden wird« Hierin liegt ein doppelter
Fehlschluss denn nicht allein die Analogie sondern auch die Prämisse woraus
sie gezogen ist ist unhaltbar Die Vorstellung dass etwas Unbewegliches sein
müsse das alle Dinge bewegt ist der alte scholastische Irrtum von einem
primum mobile
Das folgende Beispiel ist aus Erzbischof Whatelys Rhetorik »Man würde
zugehen dass eine große und dauernde Verminderung in der Menge eines
nützlichen Verbrauchsartikels wie Korn Kohle Eisen in der ganzen Welt ein
ernstlicher und dauernder Verlust wäre und ebenso dass wenn die Felder und
die Kohlenminen bei derselben Arbeit regelmäßig das Doppelte ausgäben wir um
ebenso viel reicher sein würden es könnte hieraus gefolgert werden dass wenn
die Menge Gold und Silber in der Welt um die Hälfte verringert oder wenn sie
verdoppelt würde auch ein ähnliches Resultat entstehen würde indem diese
Metalle für das Prägen von Münzen von großem Nutzen sind Die edlen Metalle von
der einen Seite und Korn Kohle etc von der anderen Seite sind sich nun in
vielen Punkten ähnlich in vielen aber sind sie verschieden der für das
supponierte Argument wichtige Umstand ist aber der dass die Nützlichkeit von
Gold und Silber als Münze denn diese ist bei weitem ihre größte von ihrem
Werth abhängt der sich seinerseits nach ihrer Seltenheit richtet oder besser
gesagt nach der Schwierigkeit sie zu erhalten während wenn Korn oder Kohle
zehnmal reichlicher vorhanden dh leichter zu erhalten wäre ein Bushel von
beiden noch eben so nützlich sein würde wie jetzt Wenn aber das Gold doppelt
so leicht zu erhalten wäre so würde ein Goldstück noch einmal so groß werden
wenn es doppelt so schwierig zu erhalten wäre so würde das Goldstück nur halb
so groß sein und dies würde außer dem unbedeutenden Umstand der Wohlfeilheit
und Teuerung der Schmucksachen von Gold der ganze Unterschied sein Die
Analogie geht daher in dem für das Argument wesentlichen Punkte fehl«
Derselbe Autor führt auch nach Bischof Copleston den Fall von falscher
Analogie an welcher darin besteht dass aus der Ähnlichkeit die in manchen
Beziehungen zwischen der Hauptstadt eines Landes und dem Herz des Tierkörpers
stattfindet gefolgert wird dass die Vergrößerung der Hauptstadt eine
Krankheit ist
Manche von den falschen Analogien auf welche zur Zeit der griechischen
Philosophen physikalische Systeme mit aller Zuversicht gegründet wurden sind
von einer wie wir sie jetzt nennen phantastischen Art nicht dass die
Ähnlichkeit nicht oft eine wirkliche wäre sondern weil seit langer Zeit schon
Niemand mehr sich einfallen ließ die Folgerungen daraus zu ziehen die man
damals daraus zog Von der Art sind zB die Spekulationen der Pythagoreer über
die Zahlen Da dieselben fanden dass die Entfernungen der Planeten nahezu in
demselben Verhältnis zu einander stehen wie die Einteilungen des Monochords
so folgerten sie daraus die Existenz einer unhörbaren Musik die Musik der
Sphären als ob die Musik einer Harfe nur von den numerischen Verhältnissen und
nicht auch vom Material abhinge oder als ob überhaupt die Existenz gar keines
Materials gar keiner Saiten dazu erforderlich wäre In ähnlicher Weise bildete
man sich ein dass gewisse Kombinationen von Zahlen die man in einigen
Naturerscheinungen fand durch die ganze Natur gehen müssen dass es zB vier
Elemente geben müsse weil es vier mögliche Kombinationen von Warm und Kalt
Trocken und Feucht gibt dass es sieben Planeten geben müsse weil es sieben
Metalle und sogar weil es sieben Wochentage gab Kepler selbst glaubte es gebe
nur sechs Planeten weil es nur fünf regelmäßige Körper giebt191 Auch können
wir diejenigen Spekulationen der Alten hierher zählen welche sich auf eine
supponierte Vollkommenheit der Natur stützen indem unter Natur die gewöhnliche
Ordnung der Ereignisse verstanden ist wie sie ohne menschliche Dazwischenkunft
von selbst stattfinden Auch dies ist eine rohe Vermutung einer Analogie von
der man annahm sie ginge durch die Erscheinungen hindurch wie unähnlich sich
diese auch sein mochten Da dasjenige was man für Vollkommenheit hielt in
einigen Erscheinungen lag so folgerte man im Gegensatz zum klarsten Beweis
dass es in allen liege »Wir setzen immer das voraus was wenn es möglich ist
in der Natur am besten stattfindet« sagt Aristoteles und da man unter dem
Begriff des besten die unbestimmtesten und heterogensten Eigenschaften verstand
so war der Ausschweifung dieser Folgerung keine Grenze gesetzt So mussten sich
die Himmelskörper weil sie »vollkommen« waren in Kreisen bewegen und zwar
gleichförmig »Denn« sagt Geminus192 »sie die Pythagoreer würden eine solche
Anordnung bei göttlichen und ewigen Dingen wonach sie sich manchmal schneller
manchmal langsamer bewegen und manchmal stille stehen nicht zugeben denn
Niemand würde solche unregelmäßige Bewegungen selbst bei einem Menschen
zugeben der ordentlich und anständig ist Es gibt indessen im Leben oft
Gelegenheiten in denen die Menschen Gründe haben schneller oder langsamer zu
gehen aber bei der unwandelbaren Natur der Sterne ist es unmöglich eine
Ursache für die Schnelligkeit oder Langsamkeit anzugeben« Anzunehmen dass in
Beziehung auf Gang und Haltung die Sterne die Anstandsregeln beobachten müssen
welche die von Lucian verspotteten langbärtigen Philosophen für sich selbst
aufstellten heißt ein Argument der Analogie sehr weit suchen
In dem Streite über das Kopernikanische System wurde als ein Argument zu
Gunsten der wahren Theorie des Sonnensystems angeführt dass »sie das Feuer das
edelste Element in die Mitte des Weltalls setze« Dies war noch ein
Überbleibsel von der Ansicht die Ordnung der Natur müsse vollkommen sein und
die Vollkommenheit bestehe in einer Unterwerfung unter Regeln des Vorrangs in
Beziehung auf eine wirkliche oder konventionelle Würde So waren manche Zahlen
vollkommen daher mussten dieselben in den großen Naturerscheinungen
vorherrschen Sechs war eine vollkommene Zahl dh gleich der Summe aller
seiner Faktoren ein weiterer Grund warum es genau sechs Planeten geben musste
Von der anderen Seite schrieben die Pythagoreer der Zahl zehn Vollkommenheit zu
sie stimmten darin überein dass die vollkommene Zahl irgendwie an dem Himmel
realisiert sein müsse und da sie nur neun Himmelskörper kannten so behaupteten
sie um die Zahl voll zu machen »dass es eine Antichthon oder für uns nicht
sichtbare Gegenerde auf der anderen Seite der Sonne gebe«193 Sogar Huygens war
überzeugt dass wenn die Anzahl der himmlischen Körper zwölf erreicht habe sie
nicht darüber hinausgehen könne Die Schöpfung konnte nicht über diese heilige
Zahl hinausgehen
Einige merkwürdige Fälle von falscher Analogie finden sich in den Argumenten
der Stoiker womit sie die Gleichheit aller Verbrechen und die gleiche
Erbärmlichkeit aller derjenigen bewiesen welche ihre Idee von vollkommener
Tagend nicht verwirklicht hatten In dem vierten Buche De finibus führt Cicero
einige davon an »Ut inqnit in fidibus plurimis si nulla earum ita contenta
numeris sit ut concentum servare possit omnes aeque incontentae sint sic
peccata quia discrepant aeque discrepant paria sunt igitur« Worauf Cicero
selbst geschickt antwortet »aeque contingit omnibus fidibus ut incontentae
sint illud non continuo ut aeque incontentae« Der Stoiker fährt fort »Ut
enim inquit gubernator aeque peccat si palearum navem evertit et si auri
item aeque peccat qui parentem et qui servum injuria verberat« indem er
annimmt dass da die Größe des auf dem Spiele stehenden Interesses keinen
Unterschied in dem bloßen Mangel an Geschicklichkeit macht sie auch keinen in
dem moralischen Mangel ausmachen kann was eine falsche Analogie ist Ferner
»Quis ignorat si plures ex alto emergere velint propius fore eos quidem ad
respirandum qui ad summam jam aquam appropinquant sed nihilo magis respirare
posse quam eos qui sunt in profundo Nihil ergo adjuvat procedere et progredi
in virtute quominus miserrimus sit antequam ad eam pervenerit quoniam in aqua
nihil adjuvat et quoniam catuli qui jam despecturi sunt caeci aeque et ii qui
modo nati Platonem quoque necesse est quoniam nondum videbat sapientiam aeque
caecum animo ac Phalarim fuisse« Cicero bekämpft diese falschen Analogien durch
andere Analogien die zu entgegengesetzten Schlüssen führen »Ista similia non
sunt Cato illa sunt similia hebes acies est cuipiam oculorum corpore
alius languescit hi curatione adhibita levantur in dies alter valet plus
quotidie alter videt Hi similes sunt omnibus qui virtuti student levantur
vitiis levantur erroribus«
7 Bei diesen und allen anderen Argumenten die aus der Analogie oder aus
Metaphern die Fälle von Analogie sind gezogen werden ist es klar besonders
wenn wir die große Leichtigkeit betrachten womit falsche Analogien und
widerstreitende Metaphern aufzustellen sind dass weit entfernt dass die
Analogie oder die Metapher etwas beweist die Anwendbarkeit der Metapher gerade
das ist was darzutun ist Es ist nachzuweisen dass in den zwei Fällen von
denen behauptet wird sie seien analog dasselbe Gesetz wirklich wirkt dass
zwischen der bekannten und der gefolgerten Ähnlichkeit irgend ein
Kausalzusammenhang besteht Cicero und Cato hätten noch so lange
entgegengesetzte Analogien mit einander austauschen können so blieb doch einem
jeden derselben durch eine richtige Induktion zu beweisen oder wenigstens
wahrscheinlich zu machen dass der Fall in den Umständen um welche sich die
Streitfrage wirklich drehte der einen Reihe von analogen Fällen glich und nicht
der anderen Die Metaphern setzen daher meistens gerade den Satz voraus den sie
beweisen sollen ihr Nutzen ist das Verständnis desselben zu erleichtern klar
und lebhaft verstehen zu lassen was derjenige welcher die Metapher gebraucht
sagen will und manchmal auch durch welche Mittel er dies tun will Denn eine
geschickte Metapher obgleich sie nichts beweist gibt oft den Beweis an die
Hand
Wenn zB dAlembert wie ich glaube bemerkt bei gewissen Regierungsformen
fänden nur zwei Geschöpfe ihren Weg zu den höchsten Stellen der Adler und die
Schlange so drückt diese Metapher nicht allein mit großer Lebendigkeit die
beabsichtigte Behauptung aus sondern trägt auch dazu bei sie zu bestätigen
indem sie in einer lebendigen Weise die Mittel erblicken lässt durch welche die
so bildlich dargestellten Charaktere ihr Emporkommen bewerkstelligen Wenn von
zwei Personen gesagt wird die eine missverstehe die andere weil von zwei
Gegenständen der kleinere den größeren nicht fassen kann so deutet die
Anwendung von dem was im buchstäblichen Sinne des Wortes fassen Wahres liegt
auf seinen metaphorischen Sinn auf die Tatsache welche der Grund und die
Rechtfertigung der Behauptung ist nämlich auf die Tatsache dass ein Geist den
andern nicht verstehen kann wenn er ihn nicht enthalten kann dh wenn er
nicht alles besitzt was in dem enthalten ist Wenn nie ein Argument für die
Erziehung angeführt wird dass in einem unbebauten Boden Unkraut wächst so ist
die Metapher zwar mir eine Angabe von dem zu beweisenden Dinge sie ist aber
eine Angabe in Worten welche dadurch dass sie einen parallelen Fall vor die
Augen führen den Geist auf die Spur des wirklichen Beweises bringen Denn der
Grund warum das Unkraut in einem unbebauten Boden wächst ist dass der Same
von wertlosen Produkten überall vorhanden ist und fast unter allen Umständen
keimen und wachsen kann während mit den wertvollen Produkten das Gegenteil
der Fall ist und da dies von geistigen Produkten gleich wahr ist so hat diese
Art von Beweisführung abgesehen von ihren rhetorischen Vorteilen einen
logischen Werth indem sie nicht allein die Gründe des Schlusses an die Hand
gibt sondern auch auf einen Fall hinweist in dem man die Gründe für genügend
fand oder wenigstens dafür hielt
Wenn Bacon der im Gebrauch und Missbrauch der Figuren gleich stark ist
seinerseits sagt der Strom der Zeit habe von den Schriften der Alten nur die am
wenigsten wertvollen auf uns gebracht so wie ein Fluss Schaum und Stroh auf
seiner Oberfläche dahinführe während schwerere Gegenstände auf den Grund
sinken so ist dies auch wenn die Behauptung wahr wäre kein guter Vergleich
da eine Gleichheit der Ursache nicht vorhanden ist Die Leichtigkeit womit die
Substanzen auf einem Strome schwimmen und die Leichtigkeit welche synonym mit
Werthlosigkeit ist haben nichts gemein als den Namen und um zu zeigen wie
wenig Werth die Metapher besitzt wir brauchen nur das Wort in Schwimmkraft
umzuändern um das Argument das in Bacons Illustration liegt gegen ihn selbst
zu kehren
Eine Metapher ist daher zu betrachten nicht als ein Argument sondern als
eine Behauptung dass ein Argument existiert dass eine Gleichheit zwischen dem
Falle woraus die Metapher gezogen ist und demjenigen existiert auf den sie
angewendet wird Diese Gleichheit kann existieren wenn die beiden Fälle
anscheinend sehr weit von einander entfernt sind die einzige zwischen ihnen
bestehende Ähnlichkeit kann eine Ähnlichkeit der Relationen sein eine
Analogie im Sinne von Ferguson und Erzbischof Whately ähnlich der im
vorhergehenden Beispiel wo die Agrikultur mit der geistigen Kultur verglichen
wurde
8 Zum Schlusse dieses Kapitels bleibt uns noch zu sagen dass eine sehr
ergiebige Quelle von Fehlschlüssen der Generalisation in schlechter
Klassifikation zu suchen ist indem man in einer Gruppe und unter einem Namen
Dinge zusammenbringt welche keine gemeinschaftlichen Eigenschaften oder nur
solche haben die zu unwichtig sind um allgemeine Urteile von einigem Wert
in Beziehung auf die Klasse zuzulassen Dieser Irrtum ist am größten wenn ein
Wort das im gewöhnlichen Gebrauch eine definitive Tatsache ausdrückt auf
Fälle ausgedehnt wird in denen nicht diese Tatsache existiert sondern eine
andere oder mehrere andere die ihr nur wenig gleichen Indem Bacon194 die Idola
oder die Fehlschlüsse bespricht die aus Vorstellungen temere et inaequaliter a
rebus atstractae entstehen erläutert er dieselben an der Vorstellung von
Humidum oder Feucht so gang und gäbe in der Physik des Altertums und des
Mittelalters »Invenietur verbum istud Humidum nihil aliud quam nota confusa
diversarum actionum quae nullam constantiam aut reductionem patiuntur
Significat enim et quod circa aliud corpus facile se circumfundit et quod in
se est indeterminabile nec consistere potest et quod facile cedit undique et
quod facile se dividit et dispergit et quod facile se unit et colligit et quod
facile fluit et in motu ponitur et quod alteri corpori facile adhaeret idque
madefacit et quod facile reducitur in liquidum sive colliquatur cum antea
consisteret Itaque quum ad hujus nominis praedicationem et impositionem ventum
sit si alia accipias flamma humida est si alia accipias aër humidus non est
si alia pulvis minutus humidus est si alia vitrum humidum est ut facile
appareat istam notionem ex aqua tantum et communibus et vulgaribus liquoribus
absque ulla debita verificatione temere abstractam esse«
Bei seiner Untersuchung über die Wärme hält sich Bacon selbst nicht von
einem ähnlichen Fehler frei er verfährt gelegentlich wie Einer der nach der
Ursache der Härte sucht und der nachdem er diese Eigenschaft in dem Eisen dem
Kiesel und im Diamanten geprüft hat nun erwartet dass sie Etwas sei was man
in hartem Wasser in einem harten Knoten und in einem harten Herz nachweisen
könne
Das Wort kinêsis in der griechischen Philosophie und sowohl während als
auch lange nach ihrer Herrschaft die Wörter Generation und Korruption
bezeichneten eine solche Menge von heterogenen Erscheinungen dass ein jeder
Versuch diese Wörter beim Philosophieren zu gebrauchen fast ebenso sehr
fehlschlagen musste als wenn das Wort Hart gebraucht worden wäre um eine alle
obengenannten Dinge einschließende Klasse zu bezeichnen Kinêsis was
eigentlich Bewegung bedeutete wurde nicht bloß gebraucht um eine jede
Bewegung sondern auch um eine jede Veränderung zu bezeichnen während alloiôsis
als eine der Arten von kinêsis angesehen wurde Die Folge davon war dass man
mit einer jeden Form von alloiôsis oder Veränderung Ideen verband die aus der
Bewegung im eigentlichen und buchstäblichen Sinne entsprangen und keinen
wirklichen Zusammenhang mit irgend einer anderen Art von kinêsis hatten als
diesen Aristoteles und Plato hatten wegen dieses Missbrauchs der Wörter mit
einer fortwährenden Verlegenheit zu kämpfen Dies greift indessen in die
Fehlschlüsse aus Zweideutigkeit über die einer anderen Klasse der letzten
Ordnung in unserer Klassifikation den Fehlschlüssen aus Konfusion angehören
1 Wir sind nun bei den Fehlschlüssen angelangt denen in den
gewöhnlichen Büchern über Logik der Name Fehlschlüsse im allgemeinen
ausschließlich beigelegt wird sie haben ihren Sitz in dem syllogistischen oder
deduktiven Teil der Erforschung der Wahrheit Es ist aber um so weniger nötig
bei diesen Fehlschlüssen lange zu verweilen als dieselben in einem ziemlich
bekannten Werke in Whatelys Logik genügend abgehandelt werden Gegen die
ersichtlicheren Formen dieser Klasse von Fehlschlüssen sind die Regeln des
Syllogismus ein vollständiger Schutz Nicht wie oft bemerkt dass das
Schließen nicht gut sein könnte wenn es nicht in die Form eines Syllogismus
gebracht wird sondern weil wenn wir es in dieser Form sehen wir gewiss sind
zu entdecken ob es schlecht ist oder wenigstens ob es eine Fallacie von dieser
Klasse enthält
2 Unter die syllogistischen Fehlschlüsse sollten wir vielleicht die
Irrtümer rechnen welche in Prozessen begangen werden welche zwar scheinbar
nicht aber wirklich Folgerungen aus Prämissen sind die mit der Umkehrung
conversio und der Äquipollenz im Zusammenhang stehenden Fehlschlüsse Ich
glaube dass derartige Irrtümer viel häufiger begangen werden als man
gewöhnlich glaubt oder als ihre überaus große Augenscheinlichkeit zuzulassen
scheinen dürfte Ich halte zB die einfache Umkehrung des allgemeinen
bejahenden Urteils Alle A sind B daher sind alle B A für eine sehr
gewöhnliche Form dieses Irrtums obgleich er wie viele andere Fehlschlüsse
mehr in der Stille der Gedanken als in ausdrücklichen Worten begangen wird
denn er ist kaum deutlich auszusagen ohne entdeckt zu werden Dasselbe ist bei
einer anderen von der vorhergehenden nicht wesentlich verschiedenen Form von
Fehlschluss der Fall bei der irrtümlichen Umkehrung eines hypothetischen
Urteils Der eigentliche umgekehrte Satz eines hypothetischen Urteils ist
dieser wenn das Konsequenz falsch ist so ist das Antezedens falsch aber der
Satz wenn das Konsequenz wahr ist so ist auch das Antezedens wahr ist
keineswegs gültig sondern ein der einfachen Umkehrung eines allgemeinen
bejahenden Urteils entsprechender Irrtum Es ist aber bei den Menschen etwas
sehr gewöhnliches in ihren Privatgedanken diese Folgerung zu ziehen wenn man
zB den Schluss als Beweis der Prämissen gelten lässt wie dies so oft
geschieht Dass die Prämissen nicht wahr sein können wenn der Schluss falsch
ist ist die tadellose Grundlage des rechtmäßigen reductio ad absurdum
genannten Schließmodus Aber die Menschen denken und drücken sich beständig
aus als ob sie auch glaubten die Prämissen könnten nicht falsch sein wenn der
Schluss wahr ist Die Wahrheit oder die vermeintliche Wahrheit der aus einer
Lehre folgenden Folgerungen verschafft dieser häufig Aufnahme trotz grober in
ihr enthaltener Absurditäten Wie viele philosophische Systeme die ihre
Empfehlung kaum in sich selbst trugen wurden nicht von tiefsinnigen Männern
angenommen weil von diesen Systemen vorausgesetzt wurde sie verliehen der
Religion der Moral oder einer Lieblingsansicht in der Politik oder sonst einer
wertgehaltenen Überzeugung eine neue Stütze Aber nicht bloß dass jene
Systeme den Wünschen dieser Männer entsprachen sondern dass sie zu ihrer
Meinung nach richtigen Schlüssen führten schien diesen eine starke Präsumtion
zu Gunsten ihrer Wahrheit obgleich die in ihrem wahren Licht betrachtete
Präsumtion nur auf die Abwesenheit jenes besonderen Beweises von Falschheit
hinauslief welcher sich ergeben hätte wenn sie durch richtige Folgerung auf
etwas bereits als falsch Erkanntes geführt hätte
Ebenso ist der sehr häufige Irrtum dass man das umgekehrte von Unrecht für
Recht hält die praktische Form eines logischen Irrtums in Beziehung auf die
Opposition der Urteile Er wird begangen weil die Gewohnheit fehlt zwischen
dem Konträren und lern Kontradiktorischen eines Urteils zu unterscheiden und
auf den logischen Canon zu achten dass zwei konträre Urteile obgleich sie
nicht beide wahr sein können doch beide falsch sein mögen Sollte sich der
Irrtum in Worten ausdrücken so würde er dieser Regel ganz deutlich zuwider
laufen Im allgemeinen drückt er sich aber nicht aus und ihn zu zwingen dies
zu tun ist die wirksamste Methode um ihn zu entdecken und zu exponieren
3 Unter die Schlussfehler im Syllogismus sind zuvörderst alle Fälle von
fehlerhaften Syllogismen zu rechnen wie sie in den Büchern aufgestellt sind
Dieselben lösen sich gewöhnlich so auf dass mehr als drei Termini für den
Syllogismus vorhanden sind entweder offen oder in der versteckten Weise eines
unverteilten Mittelsatzes oder eines unerlaubten Prozesses in einem der beiden
äußeren Termini Es ist in der Tat nicht sehr leicht von einem Argument
nachzuweisen dass es speziell zu einem dieser fehlerhaften Fälle gehört weil
wie schon wiederholt angeführt wurde die Prämissen selten förmlich entwickelt
sind wenn sie es wären so würde die Fallacie niemanden täuschen und so lange
sie es nicht sind ist es fast immer bis zu einem Grad der Willkür überlassen
in welcher Weise das unterdrückte Glied herzustellen ist Die Regeln des
Syllogismus sind Regeln um irgend Einen zu zwingen auf das Ganze von dem zu
achten was er zu verteidigen unternimmt wenn er auf seinem Schluss besteht
Er hat es fast immer in der Gewalt durch Einführung einer falschen Prämisse
seinen Syllogismus gut zu machen und es ist daher kaum jemals möglich
entschieden zu behaupten irgend ein Argument involviere einen schlechten
Syllogismus dies beeinträchtigt aber den Werth der syllogistischen Regeln
nicht indem der Schließende durch sie gezwungen wird die Prämissen bestimmt
zu wählen welche er zu verteidigen bereit ist Nachdem die Wahl geschehen ist
ist im allgemeinen so wenig Schwierigkeit vorhanden zu sehen ob der Schluss aus
den dargelegten Prämissen folgt dass wir ohne große logische Unrichtigkeit
diese vierte Klasse von Fehlschlüssen mit der fünften Klasse mit den Fehlern
aus Konfusion hätten verschmelzen können
4 Aber vielleicht die gewöhnlichsten und gewiss die gefährlichsten
Fehlschlüsse dieser Klasse sind nicht die in einem einzigen Syllogismus
liegenden sondern diejenigen welche sich in einer Kette von Argumenten
zwischen zwei Syllogismen einschieben und welche in einer Verwechslung der
Prämissen bestehen In dem ersten Teil der Argumentation wird ein Urteil
bewiesen oder eine anerkannte Wahrheit aufgestellt und in dem zweiten Teil
wird ein weiteres Argument gegründet nicht auf dasselbe Urteil sondern auf
ein anderes das ihm hinreichend ähnlich sieht um damit verwechselt werden zu
können Beispiele von diesem Fehlschluss finden sich fast in allen
argumentativen Abhandlungen ungenauer Denker und wir brauchen hier nur eine der
dunkleren Formen desselben zu beachten welche die Scholastiker als die Fallacie
a dicto secundum quid ad dictum simpliciter erkannten Dieser Schlussfehler wird
begangen wenn in den Prämissen ein Urteil mit einer Modifikation behauptet und
die Modifikation im Schlüsse aus den Augen verloren wird oder öfter wenn eine
Beschränkung oder Bedingung wenn sie auch nicht behauptet wird für die
Wahrheit des Urteils notwendig ist aber vergessen wird wenn dieses Urteil
als eine Prämisse gebraucht wird Viele von den im Schwange gehenden schlechten
Argumenten gehören zu dieser Klasse von Irrtümern Die Prämisse ist eine
zugestandene Wahrheit eine gewöhnliche Maxime wovon die Gründe oder der Beweis
vergessen sind oder woran zur Zeit nicht gedacht wird aber wenn an sie gedacht
worden wäre so hätte sich dadurch die Notwendigkeit ergeben die Prämisse so
zu beschränken dass dieselbe den daraus gezogenen Schluss nun nicht mehr
gestützt hätte
Von dieser Natur ist der Fehlschluss welcher in der sogenannten
Handelstheorie von Adam Smith und Anderen liegt Diese Theorie geht von dem
gewöhnlichen Grundsatz aus dass alles was Geld einbringt reich macht oder
dass der Reichtum eines jeden im Verhältnis zu der Menge des Geldes steht das
er gewinnt Hieraus wird geschlossen dass der Werth eines Handelszweiges oder
des ganzen Handels eines Landes in der von demselben eingebrachten Geldbilanz
besteht dass ein Handel der mehr Geld aus dem Lande ausführt als er einführt
ein Handel mit Verlust ist dass man daher durch Verbote und Prämien Geld ins
Land ziehen und daselbst behalten sollte und dergleichen Folgesätze mehr Alles
dieses weil man nicht darüber nachgedacht hat dass wenn der Reichtum eines
Individuums im Verhältnis steht zur Menge Geld worüber er verfugen kann dies
deshalb ist weil dasselbe das Maß seiner Fähigkeit ist Geldes Werth zu
kaufen und daher der Bedingung unterliegt dass das Individuum nicht verhindert
sei sein Geld für diesen Kauf zu verwenden Die Prämisse ist daher nur wahr
secundum quid aber die Theorie nimmt sie als absolut wahr an und folgert dass
Vermehrung des Geldes Vermehrung des Reichtums ist sogar dann noch wenn sie
durch Mittel herbeigeführt wird welche die Bedingung unter der allein Geld
Reichtum sein kann vernichten
Ein zweites Beispiel ist das Argument wodurch man vor der Zehentablösung zu
beweisen pflegte dass der Zehent auf dem Gutsbesitzer lastet und eine
Verminderung des Pachtes gleich zu rechnen ist weil der Pacht eines
zehentfreien Landes immer höher war als der eines dem Zehent unterworfenen
Landes von derselben Güte und denselben Vorteilen der Lage Ob es wahr sei oder
nicht dass der Zehent auf den Pacht fällt ist in einer Abhandlung über Logik
nicht der Ort zu untersuchen sicher ist aber dass jene Tatsache kein Beweis
davon ist Das Urteil sei wahr oder falsch so muss zehentfreies Land durch die
Notwendigkeit des Falls einen höheren Pacht zahlen denn wenn der Zehent nicht
auf dem Pacht lastet so muss dies daher kommen dass er auf dem Konsumenten
lastet dass der Preis der Produkte des Ackerbaues steigt Wenn aber der Preis
der Produkte steigt so hat sowohl der Pächter eines zehentfreien Landes als
auch der Pächter des Zehentlandes den Nutzen davon Für den Letzteren ist die
Preiserhöhung nur eine Vergütung für den von ihm bezahlten Zehent für den
Ersteren der keinen Zehent zahlt ist sie ein reiner Gewinn der ihn in Stand
setzt und bei freier Konkurrenz zwingt dem Gutsbesitzer einen um soviel
höheren Pacht zu zahlen Es bleibt nun noch die Frage zu welcher Klasse diese
Art Fehlschluss gehört Die Prämisse ist dass der Eigentümer von Zehentland
weniger Pacht empfängt als der Besitzer von zehentfreiem Lande der Schluss ist
dass er daher weniger empfängt als er empfangen würde wenn der Zehent
abgeschafft wäre Aber die Prämisse ist nur bedingungsweise wahr der Besitzer
von Zehentland empfängt weniger als der Eigentümer von zehentfreiem Lande
empfangen kann wenn anderes Land mit Zehent belastet ist während der Schluss
auf einen Zustand der Dinge angewendet wird in dem diese Bedingung fehlt und
in dem folglich die Prämisse nicht wahr sein würde Der Fehlschluss findet daher
Statt a dicto secundum quid ad dictum simpliciter
Ein drittes Beispiel ist die Opposition welche zuweilen rechtmäßigen
Folgerungen der Regierung in den Angelegenheiten der Gesellschaft gemacht wird
und die auf eine Missanwendung des Grundsatzes gegründet ist dass ein
Individuum besser beurteilen kann als die Regierung was seinem pekuniären
Interesse gut ist Dieser Einwurf wurde gegen Mr Wakefields Grundsatz der
Kolonisation vorgebracht nämlich gegen den Grundsatz der Konzentration der
Ansiedler durch eine solche Feststellung des Preises von unbebautem Lande dass
dadurch das wünschenswerteste Verhältnis zwischen der Menge des in Kultur
begriffenen Landes und der arbeitenden Bevölkerung erhalten wird Hiergegen
wurde eingewendet dass wenn Individuen ihren Vorteil darin fänden Besitz von
ausgedehnten Strecken Landes zu nehmen sie nicht daran verhindert werden
sollten da sie ihre eigenen Interessen besser kennen als die Gesetzgebung
welche nur nach allgemeinen Regeln verfahren kann In diesem Argument ist
jedoch vergessen dass die Tatsache dass Jemand eine so große Strecke Land
nimmt nur beweist dass es in seinem Interesse liegt so viel zu nehmen wie die
anderen nicht aber dass es nicht in seinem Interesse liegen könnte sich mit
weniger zufrieden zu stellen wenn er überzeugt sein kann dass die anderen es
auch tun eine Sicherheit welche nur eine Regulierung durch die Regierung geben
kann Wenn alle anderen viel nähmen und er nur wenig so würde er keinen von den
Vorteilen ernten die aus der Konzentration der Bevölkerung und der hieraus
entstehenden Möglichkeit hervorgehen Arbeit zu mieten sondern er würde sich
ohne ein Äquivalent dafür zu erhalten freiwillig in eine untergeordnete
Stellung gebracht haben Das Urteil die Menge Land welche die Menschen nehmen
werden wenn sie sich selbst überlassen sind sei diejenige Menge welche zu
nehmen ihrem Interesse am meisten entspricht ist nur wahr secundum quid es ist
nur so lange in ihrem Interesse als sie keine Garantie wegen des Thuns der
Anderen haben Aber die vorgeschlagene Einrichtung vernachlässigt die
Beschränkung und nimmt das Urteil simpliciter für wahr
Die Bedingung der Zeit ist eine der Bedingungen welche man am häufigsten
fallen lässt wenn man für den beweis anderer Urteile ein Urteil gebraucht
das sonst wahr wäre Es ist ein Grundsatz der Nationalökonomie »dass Preise
Gewinne Löhne etc ihr Gleichgewicht finden« dies wird aber häufig so
ausgelegt als wäre damit gemeint sie seien immer oder gewöhnlich im
Gleichgewicht während sie in Wahrheit wie es Coleridge epigrammatisch
ausdrückt immer ihr Gleichgewicht finden »was man für eine Umschreibung oder
eine ironische Definition eines Sturmes nehmen könnte«
Zu dieser Art von Fehlschluss a dicto secundum quid ad dictum simpliciter
konnte man aller Irrtümer rechnen welche gewöhnlich Missanwendungen abstrakter
Wahrheiten genannt werden dh wo aus einem in abstracto wahren Prinzip wie
der gewöhnliche Ausdruck ist nämlich indem man annimmt es seien keine
modifizierenden Ursachen vorhanden so argumentiert wird als ob es absolut wahr
sei und kein modifizierender Umstand möglicherweise existieren könne Es ist nicht
nötig diese sehr gewöhnliche Form des Irrtums hier zu erläutern da sie
später in ihrer Anwendung auf Gegenstände auf welche sie am häufigsten
angewendet wird und denen diese Anwendung am verderblichsten ist da sie in
ihrer Anwendung auf Gegenstände der Politik und der Gesellschaftswissenschaft
speziell abgehandelt werden wird195
1 Unter die fünfte und letzte Klasse der Fallacien kann man füglich alle
jene Fehlschlüsse ordnen in denen die Quelle des Irrtums nicht sowohl in einer
falschen Beurteilung der Beweiskraft eines Beweises liegt sondern in einer
undeutlichen unbestimmten und schwankenden Vorstellung von dem was den Beweis
ausmacht
An der Spitze dieser Irrtümer steht jene zahlreiche Menge von fehlerhaften
Schlüssen in denen Zweideutigkeit der Wörter die Quelle des Irrtums ist wenn
aus Etwas das wahr ist wenn ein Wort in einem besonderen Sinne gebraucht wird
so geschlossen wird als ob es in jedem Sinne des Wortes wahr wäre In einem
solchen Falle liegt keine falsche Beurteilung des Beweises weil darin
überhaupt kein Beweis in Beziehung auf die Hauptfrage liegt es liegt wohl
Beweis darin betrifft aber einen ganz anderen Punkt und wird nur wegen eines
konfusen Verständnisses der Bedeutung der gebrauchten Wörter für den wahren
Beweis gehalten Dieser Irrtum wird naturgemäß öfter in unseren Syllogismen
als in unseren direkten Induktionen begangen werden weil wir in den ersteren
unsere eigenen Noten oder die Anderer entziffern während wir bei den letzteren
die Dinge selbst entweder vor unseren Sinnen oder vor unserem Gedächtnis haben
ausgenommen jedoch wenn die Induktion eine Induktion nicht von individuellen
Fällen auf eine Allgemeinheit sondern von Allgemeinheiten auf eine noch höhere
Generalisation ist in diesem Falle kann der auf Zweideutigkeit beruhende
Schlussfehler sowohl den induktiven als auch den syllogistischen Prozess
treffen Im Syllogismus kommt er auf zweierlei Weise vor wenn der Mittelbegriff
zweideutig ist oder wenn der eine der Termini des Syllogismus in den Prämissen
in dem einen Sinn genommen wird und in dem Schluss in dem andern Sinn
Erzbischof Whately gibt einige gute Erläuterungen in Betreff dieses
Fehlschlusses »Ein Fall« sagt derselbe »der als unter Zweideutigkeit des
Mittelbegriffs fallend betrachtet werden kann ist der auf den grammatikalischen
Bau der Sprache gegründete Fehlschluss von den Autoren glaube fallacia figurae
dictionis genannt indem man gewöhnlich für ausgemacht hält dass paronyme
oder konjugierte Wörter dh zu einander gehörende Wörter wie das Substantiv
Adjektiv Verbum etc derselben Wurzel eine genau entsprechende Bedeutung
haben was keineswegs allgemein der Fall ist Ein solcher Fehlschluss könnte
nicht einmal auf eine strenge logische Form gebracht werden da dieselbe einen
jeden Versuch des Fehlschlusses ausschließen würde indem er sowohl dem Klang
als dem Sinn nach zwei Mittelbegriffe enthält Aber in der Praxis ist nichts
gewöhnlicher als das fortwährende Verändern der gebrauchten Wörter Behufs der
grammatikalischen Bequemlichkeit auch liegt in diesem Verfahren nichts
Unrechtes so lange die Bedeutung der Wörter unverändert beibehalten wird zB
der Mord sollte mit dem Tode bestraft werden dieser Mensch ist ein Mörder
daher verdient er den Tod etc Hier gehen wir von der in diesem Falle
richtigen Annahme aus dass einen Mord begehen und ein Mörder sein den Tod
verdienen und einer sein der sterben sollte beziehungsweise äquivalente
Ausdrücke sind Es würde häufig sehr unbequem sein wenn man sich eine solche
Freiheit versagen wollte aber der Missbrauch derselben gibt Anlass zu dem
fraglichen Fehlschluss zB Projektenmacher verdienen kein Vertrauen dieser
Mensch hat ein Project gemacht daher verdient er kein Vertrauen Das Sophisma
geht hier von der Voraussetzung aus dass derjenige welcher ein Project macht
ein Projektenmacher sein müsse während der schlimme Sinn der dem letzteren
Wort gewöhnlich beigelegt wird gar nicht in dem ersteren enthalten ist Dieser
Fehlschluss kann häufig so angesehen werden als läge er nicht im Mittelbegriff
sondern in einem der Termini des Schlusses so dass der gezogene Schluss in
Wirklichkeit in den Prämissen keine Gewähr findet wenn dieselbe auch aus der
grammatikalischen Verwandtschaft der Wörter hervorzugehen scheint zB
Bekanntschaft mit dem Schuldigen ist eine Präsumtion der Schuld dieser Mensch
hat eine solche Bekanntschaft daher können wir präsumieren er sei schuldig
Dieses Argument geht von der Voraussetzung einer genauen Übereinstimmung
zwischen Präsumieren und Präsumtion aus die indessen nicht vorhanden ist denn
Präsumtion wird gewöhnlich gebraucht um eine Art von leichtem Verdacht
auszudrücken während präsumieren einen wirklichen Glauben bezeichnet Es gibt
unzählige Fälle wo stammverwandte paronyme Wörter die dem oben Angeführten
ähnlich sind einander nicht entsprechen wie Kunst erkünstelt Geist
geistlich etc und je geringer die Änderung in der Bedeutung um so
wahrscheinlicher ist die Fallacie von Erfolg begleitet denn wenn die Wörter dem
Sinne nach so weit auseinander gekommen sind wie etwa Erbarmen und erbärmlich
so würde ein jeder den Fehlschluss wahrnehmen und er könnte höchstens im Scherz
gebraucht werden196
»Der angeführte Fehlschluss ist nahe verwandt oder kann vielmehr als ein
Zweig jenes Fehlschlusses betrachtet werden der auf der Etymologie beruht wenn
ein Wort nämlich einmal im gebräuchlichen Sinn und ein andermal im
etymologischen oder ursprünglichen Sinn gebraucht wird Das sehr häufig und in
unheilbringender Weise gebrauchte Wort repräsentativ bietet hiervon ein
Beispiel unter der Annahme seine richtige Bedeutung müsse genau dem strickten
und ursprünglichen Sinne des Zeitworts repräsentieren entsprechen überredet der
Sophist die Menge ein Mitglied des Hauses der Gemeinen sei verbunden sich in
allen Punkten nach der Meinung seiner Konstituenten zu richten kurz nur deren
Wortführer zu sein während Gesetz und Herkommen die in diesem Fall über die
Bedeutung des Wortes entscheiden nichts derartiges verlangen sondern dem
Repräsentanten auferlegen nach seinem eigenen besten Wissen und auf seine
eigene Verantwortlichkeit hin zu handeln«
Die folgenden Beispiele in denen die Argumente gewöhnlich auf
Zweideutigkeit der Wörter beruhen sind von großer praktischer Wichtigkeit
Die Handelswelt wird zu diesem Fehlschluss häufig durch die Redensart
»Geldmangel« verleitet In der Handelssprache hat »Geld« zwei Bedeutungen es
bedeutet das Courant oder Umlaufsgeld und das Capital welches Anlage sucht
besonders als Darlehen Im letzteren Sinn wird das Wort gebraucht wenn man vom
»Geldmarkt« spricht und wenn man sagt »der Geldwert« sei hoch oder niedrig
indem damit der Zinsfuß gemeint ist Die Folge von dieser Zweideutigkeit ist
dass sobald sich Geldmangel in dem letzteren Sinn fühlbar zu machen beginnt
sobald Schwierigkeit vorhanden ist Darleihen zu erhalten und der Zinsfuß hoch
ist man schließt dass dies von Ursachen kommen muss welche auf die
Geldmenge in dem anderen und mehr populären Sinne einwirken dass das
Umlaufsmittel der Quantität abgenommen haben muss oder dass es vermehrt werden
muss Ich weiß dass abgesehen von der doppelten Bedeutung des Wortes in den
Tatsachen selbst einige Eigentümlichkeiten liegen welche diesem Irrtum
scheinbar eine Stütze verleihen aber die Zweideutigkeit der Sprache steht
gerade an der Schwelle des Gegenstandes und vereitelt alle Versuche Licht auf
denselben zu werfen
Ein anderer zweideutiger Ausdruck ein Ausdruck der uns bei den politischen
Streitigkeiten der gegenwärtigen Zeit stets begegnet besonders bei denjenigen
welche sich auf organische Änderungen beziehen ist die Redensart »Einfluss des
Eigentums« welche manchmal gebraucht wird für den Einfluss der Achtung vor
höherer Intelligenz oder der Dankbarkeit für die Gefälligkeiten welche
Personen von großem Besitz so sehr in ihrer Macht haben zu erzeugen ein
andermal für den Einfluss der Furcht der Furcht vor der schlimmsten Art Macht
die großes Eigentum seinem Besitzer ebenfalls gibt vor der Macht Abhängigen
zu schaden Die Verwechslung des einen und des anderen Sinnes ist der stetige
auf Zweideutigkeit beruhende und gegen diejenigen gerichtete Fehlschluss welche
das Wahlsystem von Korruption und Einschüchterung zu reinigen suchen Der
Einfluss der Überredung der durch das Bewusstsein des Wählers wirkt und sein
Herz und seinen Geist mit fortreißt ist wohltätig daher so wird behauptet
sollte der Einfluss des Zwangs der den Wähler zu vergessen nötigt dass er ein
moralisches Agens ist oder der ihn zwingt im Gegensatz zu seiner moralischen
Überzeugung zu handeln nicht einer Beschränkung unterworfen werden
Ein anderes Wort das oft zu einem Werkzeug des auf Zweideutigkeit
beruhenden Fehlschlusses gemacht wird ist das Wort Theorie Im eigentlichsten
Sinn bedeutet Theorie das vollendete Resultat der philosophischen Induktion aus
der Erfahrung In diesem Sinne gibt es sowohl irrige als auch wahre Theorien
denn die Induktion kann unrichtig ausgeführt sein wenn wir aber in Beziehung
auf einen Gegenstand etwas erkennen und unsere Erkenntnis als eine Richtschnur
für die Praxis in die Form eines allgemeinen Urteils bringen so ist Theorie
von irgend einer Art das notwendige Resultat In diesem dem eigentlichen Sinne
des Worts ist Theorie die Erklärung der Praxis In einem anderen und mehr
vulgären Sinne bedeutet Theorie eine bloße Fiction der Einbildungskraft die
sich vorzustellen sucht wie ein Ding möglicherweise hervorgebracht worden sein
könnte anstatt zu untersuchen wie es hervorgebracht worden ist Nur in diesem
Sinne sind Theorie und Theoretiker unsichere Führer aber gerade dieses Punktes
wegen sucht man oft die Theorie im eigentlichen Sinne dh die legitime
Generalisation das Ziel und das Ende aller Philosophie lächerlich zu machen
und in Misskredit zu bringen Ein Schluss wird als wertlos dargestellt gerade
weil das geschehen ist was wenn es richtig geschehen ist den höchsten Werth
ausmacht den ein Grundsatz nach dem wir uns in der Praxis richten sollen
besitzen kann nämlich in wenigen Worten das wirkliche Gesetz zu enthalten von
dem eine Erscheinung abhängt oder eine Eigenschaft oder Relation welche von
dieser Erscheinung universell wahr ist
»Die Kirche« bedeutet zuweilen nur den Clerus allein zuweilen die ganze
Gesellschaft der Gläubigen oder wenigstens der Kommunikanten Die Deklamationen
in Betreff der Unverletzlichkeit des Kirchenguts verdanken dieser Zweideutigkeit
den größten Teil ihrer scheinbaren Stärke Da der Clerus auch die Kirche
genannt wird so nimmt man an er wäre der wirkliche Eigentümer des sogenannten
Kirchenguts während er in Wahrheit doch nur aus den die Geschäfte führenden
Mitgliedern einer viel größeren Gesellschaft von Eigentümern besteht und nur
die nicht über eine Leibrente hinausgehende Nutzmessung hat
Das folgende stoische Argument ist Ciceros drittem Buche De Finibus
entnommen »Quod est bonum omne laudabile est Quod enim laudabile est omne
honestum est Bonum igitur quod est honestum est« Das zweideutige Wort ist hier
laudabile welches in der unteren Prämisse etwas bedeutet was die Menschen aus
guten Gründen zu bewundern und zu schätzen gewohnt sind wie zB Schönheit
oder Glück in der oberen Prämisse bedeutet es aber ausschließlich moralische
Eigenschaften In nahezu derselben Weise versuchten die Stoiker ihre figurativen
und rhetorischen Ausdrücke ethischer Denkungsart als philosophische Wahrheiten
logisch zu rechtfertigen zB dass der tugendhafte Mensch allein frei allein
schön allein ein König ist etc Wer Tugend hat hat das Gute weil vorher
entschieden worden ist nicht sonst etwas »gut« zu nennen aber hinwiederum
schließt das Gute notwendig Freiheit Schönheit und sogar Königtum ein indem
alles dieses gute Dinge sind wer daher Tugend hat hat auch diese
Das folgende ist ein Argument von Descartes um in seiner aprioristischen
Weise das Dasein eines Gottes zu beweisen Die Vorstellung von einem unendlichen
Wesen sagt er beweist die reale Existenz eines solchen Wesens Wenn es
wirklich ein solches Wesen nicht gibt so muss ich die Vorstellung gemacht
haben aber wenn ich sie machen konnte so kann ich sie auch vernichten was
offenbar nicht wahr ist es muss daher außerhalb meiner ein Urbild geben von
dem die Vorstellung abgeleitet wurde In diesem Argumente das wie wohl zu
bemerken ist auch die Existenz von Gespenstern und Hexen beweisen würde liegt
die Zweideutigkeit in dem Fürwort ich worunter einmal mein Wille das anderemal
die Gesetze meiner Natur verstanden ist Wenn die in meinem Geist existierende
Vorstellung kein äußeres Vorbild hätte so würde der Schluss ohne alle Frage
der sein dass ich sie gemacht habe dh die Gesetze meiner Natur müssen sie
spontan entwickelt haben dass aber mein Wille sie gemacht habe würde hieraus
nicht folgen Wenn Descartes sodann hinzufügt dass ich die Vorstellung nicht
vernichten kann so meint er ich könne sie nicht durch einen Akt meines Willens
los werden was zwar wahr was aber nicht das verlangte Urteil ist Ich kann
sowohl diese wie eine jede andere Vorstellung vernichten durch einen bloßen
Willensakt kann ich keine Vorstellung die ich einmal gehabt habe los werden
was aber einige Gesetze meiner Natur hervorgebracht haben können andere
Gesetze oder dieselben Gesetze unter anderen Umständen später vernichten und
vernichten es auch häufig
Hiermit analog sind einige von den Zweideutigkeiten in dem Streit über den
freien Willen die ich bloß memoriae causa hier anführe da sie in dem letzten
Buche einer speziellen Betrachtung unterworfen werden Auch in dieser Diskussion
springt das Wort ich von der einen Bedeutung auf die andere über indem es
einmal für »mein Wollen« steht und ein anderesmal für die Handlungen die eine
Folge davon sind oder für die geistigen Stimmungen denen dieselben
entspringen Die letztere Zweideutigkeit wird durch ein Argument von Coleridge
in seinen Aids to Reflection zu Gunsten der Freiheit des Willens erläutert Es
ist nicht wahr sagt er dass der Mensch durch Motive beherrscht wird »der
Mensch macht die Motive die Motive machen aber nicht den Menschen« der Beweis
hiervon ist dass »was für den einen Menschen ein starkes Motiv ist für den
andern gar kein Motiv ist« Die Prämisse ist wahr läuft aber nur darauf hinaus
dass verschiedene Menschen für dasselbe Motiv eine verschiedene Empfänglichkeit
haben sie haben aber auch eine verschiedene Empfänglichkeit für berauschende
Getränke was indessen nicht beweist dass es ihnen frei steht betrunken oder
nicht betrunken zu werden welche Quantitäten von diesen Getränken sie auch zu
sich nehmen mögen Bewiesen ist nur dass bei der Erzeugung des Aktes mit der
äußeren Veranlassung auch gewisse geistige Bedingungen in dem Menschen selbst
mitwirken müssen aber diese geistigen Bedingungen sind ebenfalls Wirkungen von
Ursachen und in dem Argument liegt nichts was bewiese dass dieselben ohne
eine Ursache entstehen können dass eine spontane Bestimmung des Willens wie
die Lehre vom freien Willen annimmt ohne eine jede Ursache überhaupt
stattfindet
Den doppelten Gebrauch des Wortes Notwendigkeit in der Kontroverse über den
freien Willen eines Wortes das zuweilen nur für Gewissheit ein anderesmal
für Zwang steht zuweilen für etwas das nicht verhindert werden kann ein
andermal nur für etwas das unserer Überzeugung nach nicht verhindert werden
wird werden wir später Gelegenheit haben bis zu einigen seiner letzten
Konsequenzen zu verfolgen
Eine höchst wichtige Zweideutigkeit sowohl in gewöhnlicher wie in
metaphysischer Sprache wird von Erzbischof Whately angedeutet dasselbe sowie
eins identisch und andere von ihnen abgeleitete Wörter wird häufig in einem
Sinne gebraucht der vom ursprünglichen Sinne wonach es auf einen einzelnen
Gegenstand anwendbar ist sehr abweicht indem es gebraucht wird um große
Ähnlichkeit zu bezeichnen Wenn verschiedene Gegenstände ununterscheidbar
ähnlich sind so wird eine einzige Beschreibung auf einen jeden derselben
passen und daher sagt man sie seien alle von ein und derselben Natur
demselben Aussehen etc Wenn wir zB sagen »dieses Haus ist von demselben Stein
gebaut wie das andere« so meinen wir nur dass die Steine in ihren
Eigenschaften nicht zu unterscheiden sind nicht aber dass das eine Gebäude
niedergerissen und das andere aus dessen Material erbaut worden ist In dem
ursprünglichen Sinne schließt Einerleiheit Selbigkeit nicht einmal notwendig
Ähnlichkeit ein denn wenn wir von einem Menschen sagen er habe sich seit
einiger Zeit sehr verändert so verstehen wir und schließen durch den Ausdruck
ein dass er eine Person ist wenn auch in mehreren Eigenschaften anders Es ist
bemerkenswert dass selbes dasselbe in dem zweiten Sinn im populären
Sprachgebrauch einen Grad zulässt wir sprechen von zwei Dingen die nahezu
aber nicht gänzlich dieselben sind persönliche Identität lässt aber keinen
Grad zu Nichts hat vielleicht zu dem Irrtum des Realismus mehr beigetragen
als die Nichtbeachtung dieser Zweideutigkeit Wenn man von mehreren Personen
sagt sie hätten ein und dieselbe Meinung oder Idee einen und denselben
Gedanken so übersehen Viele die wahre einfache Angabe des Falles nämlich dass
alle ähnlich denken sie suchen etwas abstruseres und mystischeres und glauben
es müsse ein Ding in dem ursprünglichen Sinne wenn auch kein individuelles
geben das in dem Geiste aller dieser Personen zugleich gegenwärtig ist und
hieraus entsprang auch Platons Theorie von den Ideen von denen seiner Meinung
nach jede ein realer ewiger Gegenstand war der ganz und vollständig in jedem
der individuellen Gegenstände die unter einem Namen begriffen werden existiert
Es ist in der Tat nicht eine gefolgerte sondern eine authentische
geschichtliche Tatsache dass Platons Lehre von den Ideen und die
Aristotelische Lehre wesentlich dieselbe wie die Platonische von
substantiellen Formen und substantiae secundae genau auf dem hier nachgewiesenen
Wege entstanden dass sie aus der vermeintlichen Notwendigkeit entstanden in
Dingen von denen man sagt sie hätten dieselbe Natur oder dieselben
Eigenschaften etwas zu finden was dasselbe in demselben Sinne war in dem man
von einem Menschen sagt er sei derselbe wie er selbst Alle die müßigen
Spekulationen in Beziehung auf to on to hen to homoion und ähnliche
Abstraktionen so gewöhnlich in den alten und einigen neueren philosophischen
Schulen flossen aus derselben Quelle Die Aristotelischen Logiker sahen
indessen einen Fall von der Zweideutigkeit und verwahrten sich dagegen mit ihrem
besonderen Glück in der Erfindung der Kunstsprache indem sie einen Unterschied
machten zwischen Dingen die sich specie und numero unterschieden und Dingen
welche sich numero tantum unterschieden dh welche genau ähnlich in manchen
besonderen Beziehungen wenigstens aber unterschiedene Individuen waren Eine
Ausdehnung dieser Unterscheidung auf die zwei Bedeutungen des Wortes Dasselbe
nämlich auf Dinge welche dieselben sind specie tantum und auf ein Ding welches
sowohl numero als auch specie dasselbe ist hätte die Konfusion welche eine
Quelle von so vielem Dunkel und von einer solchen Fülle von positivem Irrtum in
der metaphysischen Philosophie war verhindert
Gerade dieser Fall bietet eines der merkwürdigsten Beispiele wieweit ein
hervorragender Denker sich durch die Zweideutigkeit der Sprache verleiten lassen
kann Ich verweise auf das berühmte Argument durch welches Bischof Berkeley
sich schmeichelte »dem Skeptizismus dem Atheismus und der Irreligiosität« für
immer ein Ende gemacht zu haben Es ist kurz das folgende Ich dachte an ein
Ding gestern ich hörte auf an es zu denken heute denke ich wieder daran Ich
hatte daher gestern eine Idee von dem Gegenstand auch habe ich heute eine Idee
von ihm diese Idee ist offenbar nicht eine andere sondern es ist dieselbe
Idee Es verging aber von gestern zu heute eine Zwischenzeit in der ich sie
nicht hatte Wo war die Idee während dieser Zwischenzeit Sie muss anderswo
gewesen sein sie hörte nicht auf zu existieren sonst könnte die Idee welche
ich gestern hatte nicht dieselbe Idee sein so wenig wie der Mann den ich
heute lebend sehe derselbe sein kann wie der den ich gestern sah wenn der
Mann mittlerweile gestorben ist Nun kann man sich nicht vorstellen eine Idee
existiere anderswo als in einem Geiste es muss daher einen universalen Geist
geben in dem alle Ideen während der Zwischenzeiten die zwischen ihrer
bewussten Anwesenheit in unserem eigenen Geiste liegen ihren beständigen
Aufenthalt haben
Offenbar verwechselte hier Berkeley Selbigkeit numero mit Selbigkeit specie
dh mit genauer Ähnlichkeit und nahm erstere an wo nur die letztere
vorhanden war indem er nicht wahrnahm dass wenn wir sagen wir hätten heute
denselben Gedanken wie gestern wir nicht denselben individuellen Gedanken
meinen sondern einen genau ähnlichen so wie wir auch sagen wir hätten
dieselbe Krankheit wie letztes Jahr indem wir nur dieselbe Art Übel meinen
In einem merkwürdigen Falle wurde die wissenschaftliche Welt durch die
Zweideutigkeit der Sprache die noch dazu einen Zweig der Wissenschaft berührte
der mehr als die meisten anderen Zweige den Vorteil einer präzisen und
wohlbestimmten Terminologie genoss in zwei wutentbrannte feindliche Parteien
gespalten Ich verweise auf den berühmten Streit bezüglich der lebendigen Kraft
vis viva dessen Geschichte in Playfairs Dissertation zu finden ist Die
Frage war ob die Kraft eines sich bewegenden Körpers bei gegebener Masse
desselben einfach seiner Geschwindigkeit proportional sei oder dem Quadrat
seiner Geschwindigkeit die Zweideutigkeit lag in dem Worte Kraft »Die eine der
Wirkungen« sagt Playfair »welche durch einen sich bewegenden Körper
hervorgebracht werden ist dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional während
die andere der einfachen Geschwindigkeit proportional ist« was später klarere
Denker vermochte ein doppeltes Maß der Wirksamkeit einer sich bewegenden
Kraft aufzustellen indem das eine vis viva lebendige Kraft das andere
momentum Moment genannt wurde In Betreff der Tatsachen stimmten beide
Parteien von Anfang an überein die einzige Frage war welcher von den beiden
Wirkungen das Wort Kraft am füglichsten beizulegen sei oder beigelegt werden
könne Aber die Streitenden merkten keineswegs dass dies alles war sie
glaubten Kraft wäre ein Ding die Erzeugung von Wirkung ein anderes Ding und
die Frage durch welche Reihe von Wirkungen die Kraft welche beide erzeugte
gemessen werden sollte hielt man für eine Frage die sich nicht auf die
Terminologie sondern auf eine Tatsache bezieht
Die Zweideutigkeit des Wortes Unendlich ist der wirkliche Schlussfehler in
dem amüsanten logischen Rätsel von Achilles und der Schildkröte einem Rätsel
das für den Scharfsinn oder die Geduld vieler Philosophen zu schwierig war
namentlich für Th Brown der das Sophisma für unauflösbar für ein richtiges
Argument hielt obgleich es zu einer greifbaren Absurdität führte er übersah
dabei dass eine solche Annahme reductio ad absurdum des Vermögens zu schließen
sein würde Der Schlussfehler liegt wie Hobbes andeutete in der
stillschweigenden Annahme was unendlich teilbar ist sei auch unendlich aber
die folgende Lösung auf die ich keinen Anspruch habe ist genauer und
befriedigender
Das Argument ist Achilles soll zehnmal so schnell laufen als die
Schildkröte wenn aber die Schildkröte einen Vorsprung hat so wird Achilles sie
nie einholen Denn nehmen wir an sie wären zuerst durch einen Zwischenraum von
tausend Fuß getrennt während nun Achilles diese tausend Fuß zurücklegt legt
die Schildkröte hundert zurück während Achilles diese hundert Fuß zurücklegt
legt die Schildkröte zehn zurück und so ewig fort Achilles kann daher ewig
laufen ohne die Schildkröte einzuholen
Nun bedeutet das »ewig« in dem Schluss eine jede Zeitlänge die man annehmen
kann aber in den Prämissen bedeutet »ewig« nicht eine jede Zeitlänge sondern
eine jede Anzahl von Abtheilungen der Zeit Es bedeutet dass wir tausend Fuß
durch zehn teilen können und dass dieser Quotient wieder durch zehn geteilt
werden kann und sofort dass die Abtheilungen der Distanz niemals ein Ende zu
nehmen brauchen noch folglich diejenigen der Zeit in der die Distanz
zurückgelegt wird Aber eine unbegrenzte Anzahl von Unterabteilungen kann von
etwas gemacht werden was selbst begrenzt ist Das Argument beweist keine andere
Unendlichkeit der Dauer als wie sie in fünf Minuten enthalten sein kann Solange
die fünf Minuten nicht verstrichen sind kann das davon Übrigbleibende durch
zehn und wieder durch zehn und sofort ad libitum geteilt werden was damit
vollkommen verträglich ist dass es zusammen nur fünf Minuten sind Kurz es
beweist dass um diesen endlichen Kaum zu durchlaufen eine unendlich teilbare
Zeit nicht eine unendliche Zeit erforderlich ist Die Verwechslung dieser
Distinktion hat schon Hobbes als den Grund des Trugschlusses erkannt
Die folgende Zweideutigkeit des Wortes Recht als ein Zusatz zu der
augenfälligeren und geläufigeren Zweideutigkeit von ein Recht und vom Adjektiv
recht ist aus einem vergessenen Aufsatz von mir in einer Zeitschrift
»Moralisch gesprochen sagt man wir hätten ein Recht ein Ding zu tun wenn
Alle moralisch gebunden sind uns nicht daran zu hindern Ein Recht haben ein
Ding zu tun ist aber in einem anderen Sinne das Entgesetzte von kein Recht
haben es zu tun dh von die moralische Verpflichtung haben es zu
unterlassen In diesem Sinne zu sagen wir hätten ein Recht etwas zu tun
heißt dass wir es ohne eine Pflichtverletzung von unserer Seite tun können
dass Andere nicht allein uns nicht daran hindern dürfen sondern dass sie auch
nicht Ursache haben schlimmer von uns zu denken weil wir es tun Dieses
Urteil ist von dem vorhergehenden vollkommen verschieden Das Recht welches
wir kraft einer Andern obliegenden Pflicht besitzen ist offenbar etwas ganz
anderes als das Recht das aus der Abwesenheit einer uns selbst obliegenden
Pflicht besteht Die zwei Dinge werden aber fortwährend verwechselt So wird
Einer sagen er habe ein Recht seine Meinung zu veröffentlichen was in dem
Sinne wahr sein kann dass es vom Andern eine Pflichtverletzung wäre die
Veröffentlichung zu verhindern aber er nimmt darauf hin an dass er selbst
durch das Veröffentlichen seiner Meinung selbst keine Pflicht verletzte was
wahr oder falsch sein kann indem es darauf ankommt ob er sich überzeugt hat
erstens ob seine Meinung wahr ist dann ob ihre Veröffentlichung in dieser
Weise und unter diesen besonderen Umständen im Ganzen den Interessen der
Wahrheit förderlich sein wird
Die zweite Zweideutigkeit ist die Verwechslung eines Rechts von irgend einer
Art mit dem Recht dieses Recht zu erzwingen indem man sich einer Verletzung
desselben widersetzt oder sie bestraft Die Menschen sagen zB sie hätten ein
Recht auf eine gute Regierung was unwidersprechlich wahr ist da es die
moralische Pflicht der sie Regierenden ist sie gut zu regieren Wenn wir dies
aber zugeben so nimmt man von uns an wir hätten denselben das Recht oder die
Freiheit zugestanden die sie Regierenden zu vertreiben oder vielleicht zu
bestrafen weil sie die Ausübung ihrer Pflicht versäumten was weit entfernt
dasselbe Ding zu sein keineswegs allgemein wahr ist sondern von einer großen
Anzahl von wechselnden Umständen abhängig ist« von Umständen die gewissenhaft
zu erwägen sind ehe ein solcher Entschluss gefasst oder ehe darnach gehandelt
werden darf Das letzte Beispiel ist wie andere Beispiele die angeführt
wurden ein Fall von einem Schlussfehler im Fehlschluss er enthält nicht bloß
die zweite der angedeuteten Zweideutigkeiten sondern auch die erste
Eine nicht ungewöhnliche Form von auf zweideutigen Wörtern beruhenden
Fehlschlüssen ist technisch als Fallacia compositionis et divisionis bekannt
wenn dasselbe Wort in den Prämissen kollektiv im Schluss aber distributiv ist
und umgekehrt oder wenn der Mittelbegriff in der einen Prämisse kollektiv in
der andern distributiv ist wenn man etwa sagen wollte ich citire Erzbischof
Whately »alle Winkel in einem Dreieck betragen zwei rechte Winkel ABC ist ein
Winkel eines Dreiecks daher ist ABC gleich zwei rechten Winkeln Es gibt
keinen Fehlschluss der gewöhnlicher wäre oder der leichter täuschte als
gerade der vorliegende Die Form in welcher er am gewöhnlichsten gebraucht
wird ist die dass man in Betreff eines jeden einzelnen Gliedes einer Klasse
separat eine Wahrheit aufstellt und dann dieselbe kollektiv von der ganzen
Klasse folgert« Wie in dem zuweilen zu hörenden Argument wodurch bewiesen
werden soll dass die Welt große Männer entbehren kann Wenn Columbus niemals
gelebt hätte so sagt man so wäre Amerika doch entdeckt worden höchstens nur
einige Jahre später wenn Newton niemals gelebt hätte so hätte ein Anderer das
Gesetz der Gravitation entdeckt und so fort Ganz wahr alles dies wäre
geschehen aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eher als bis sich Jemand
mit den Eigenschaften von Columbus oder Newton gefunden hätte Weil der Platz
von einem großen Mann durch einen anderen großen Mann eingenommen werden kann
so schließt das Argument kann man alle großen Männer entbehren Das Wort
»große Männer« ist distributiv in den Prämissen und kollektiv im Schluss
»Der Art ist auch der Fehlschluss welcher wahrscheinlich die in der
Lotterie Spekulierenden leitet zB das Gewinnen eines hohen Preises ist kein
ungewöhnliches Ereignis was kein ungewöhnliches Ereignis ist darf man
vernunftgemäß erwarten daher darf das Gewinnen eines hohen Preises
vernunftgemäß erwartet werden Auf das Individuum angewendet wie es in der
Praxis der Fall ist ist der Schluss in dem Sinne zu verstehen darf es von
einem gewissen Individuum vernunftgemäß erwartet werden damit daher die obere
Prämisse wahr sei muss der Mittelbegriff so verstanden werden als bedeute er
kein ungewöhnliches Ereignis für eine besondere Person während die untere
Prämisse die zuerst gesetzt wurde um wahr zu sein so verstanden werden muss
als bedeute sie kein ungewöhnliches Ereignis für den einen oder den andern und
so hat man die Fallacia compositionis
Es ist dies ein Fehlschluss womit die Menschen äußerst geneigt sind sich
selbst zu täuschen denn wenn sich dem Geiste eine Menge von Einzelheiten
darbieten so sind viele zu schwach oder zu indolent um einen umfassenden
Überblick über dieselben zu nehmen und richten ihre Aufmerksamkeit nach
einander auf einen jeden einzelnen Punkt und demgemäß entscheiden folgern und
handeln sie dann auch zB der unkluge Verschwender wenn er findet dass er
diese oder jene oder die andere Ausgabe bestreiten kann vergisst dass alle
zusammen ihn zu Grunde richten werden« Der Schwelger zerstört seine Gesundheit
durch sukzessive Handlungen der Unmäßigkeit weil die eine dieser Handlungen
allein ihm keinen ernstlichen Schaden zufügen kann Ein Kranker schließt bei
sich »das eine das andere und noch ein anderes meiner Symptome beweisen nicht
dass ich eine gefährliche Krankheit habe« und nun schließt er wirklich dass
sie es alle zusammengenommen nicht beweisen
2 Wir haben nun die eine der Hauptgattungen dieser Ordnung von
Fehlschlüssen genügend erläutert diejenige in welcher die Prämissen da der
Irrtum auf der Zweideutigkeit der Wörter beruht den Schluss zwar den Worten
nach aber nicht in der Wirklichkeit begründen In der zweiten großen auf
Konfusion beruhenden Fallacie genügen sie dafür weder wörtlich noch wirklich
obgleich sie ihrer Mannigfaltigkeit und konfusen Anordnung wegen und noch öfter
wegen Gedächtnismangels nicht als das erscheinen was sie sind Die Fallacie
welche ich meine ist die der Petitio Principii oder die Voraussetzung des noch
zu Beweisenden sie schließt jene noch verwickeltere und nicht ungewöhnliche
Abart ein welche das Schließen in einem Kreise genannt wird
Petitio principii ist nach Whately der Fehlschluss »in dem sich die Prämisse
offenbar als mit dem Schlusse einerlei darstellt oder wo sie wirklich durch den
Schluss bewiesen wird oder der Art ist dass sie naturgemäß und eigentlich so
bewiesen werden könnte« Mit der letzten Klausel ist wie ich vermute gemeint
dass sie keines anderen Beweises fähig ist denn sonst wäre keine Fallacie
vorhanden Aus einem Urteil Urteile ableiten aus denen es selbst
naturgemäßer abgeleitet werden würde ist oft eine erlaubte Abweichung von der
gewöhnlichen didaktischen Ordnung oder höchstens nach einem den Mathematikern
geläufigen Ausdruck eine logische Ineleganz197
Der Gebrauch eines Urteils um dasjenige zu beweisen wovon sein eigener
Beweis abhängig ist schließt keineswegs jenen Grad von Geistesschwäche ein
wie es auf den ersten Blick scheinen könnte Die Schwierigkeit zu begreifen wie
dieser Fehlschluss möglicherweise begangen werden kann verschwindet wenn wir
bedenken dass alle Menschen auch die unterrichteten viele Meinungen hegen
ohne sich genau zu erinnern wie sie dazu gekommen sind Da sie glauben sie
hätten dieselben in irgend einer früheren Zeit durch genügenden Beweis
verifiziert hätten aber vergessen worin der Beweis bestand so lassen sie sich
leicht verleiten gerade die Sätze aus ihnen abzuleiten welche allein als
Prämissen für deren Begründung dienen können »Wie wenn man versuchen wollte«
sagt Whately »das Dasein eines Gottes aus der Autorität der heiligen Schrift zu
beweisen« was demjenigen leicht begegnen könnte dem beide Lehren als
fundamentale Glaubenssätze auf demselben Boden des gewohnten und traditionellen
Glaubens stehen
Das Schließen im Kreise ist indessen ein größerer Schlussfehler und
begreift mehr in sich als eine bloße passive Annahme einer Prämisse durch
Jemand der sich nicht erinnert wie sie zu beweisen ist Es liegt darin der
wirkliche Versuch inbegriffen zwei Urteile gegenseitig aus einander zu
beweisen man nimmt zum wenigsten in ausdrücklichen Worten selten seine
Zuflucht zu dieser Fallacie bei den eigenen Spekulationen sie wird aber von
denjenigen begangen welche von einem Gegner hart bedrängt gezwungen sind
Gründe für eine Meinung zu geben deren Begründung sie nicht genügend in
Betracht gezogen hatten als sie anfingen zu argumentieren wie in dem folgenden
Beispiel von Whately »Manche Mechaniker suchen zu beweisen was sie als eine
wahrscheinliche aber Ungewisse Hypothese198 aufstellen sollten dass eine jede
materielle Partikel gleich gravitiert warum weil diejenigen Körper welche mehr
Partikel enthalten immer stärker gravitieren dh schwerer sind aber kann man
geltend machen die schwersten Körper sind nicht immer die räumlich größeren
nein aber sie enthalten mehr Partikel wenn auch stärker kondensiert woher
weiß man dies weil sie schwerer sind wie wird jenes dadurch bewiesen weil
da alle materiellen Partikel gleich gravitieren die spezifisch schwerere Masse
notwendig in gleichem Raum mehr Partikel haben muss« Es scheint mir dass der
Fehlschießende in seinen Privatgedanken kaum über den ersten Schritt
hinausgehen würde Er würde sich bei dem zuerst gegebenen Grunde beruhigen
»Körper welche mehr Partikel enthalten sind schwerer« Erst wenn ihm dieses
bezweifelt wird und er es beweisen soll ohne zu wissen wie sucht er seine
Prämisse dadurch zu begründen dass er das als bewiesen annimmt was er durch
sie beweisen will Wenn die Umstände es erlauben so ist in der Tat das
wirksamste Mittel eine Petitio Principii bloßzustellen die Anforderung an den
Schließenden zu stellen seine Prämissen zu beweisen versucht er dieses so
wird er notwendig zu einem Zirkelschluss getrieben
Es ist indessen nicht ungewöhnlich dass selbst Denker von nicht
gewöhnlicher Art auch in ihren Gedanken sich verleiten lassen nicht gerade ein
jedes der Urteile förmlich aus dem anderen zu beweisen aber Urteile
zuzulassen die nur so bewiesen werden können In dem vorhergehenden Beispiel
bilden die zwei Urteile zusammen eine vollständige und konsequente obgleich
hypothetische Erklärung der betreffenden Tatsachen Die Neigung gegenseitige
Kohärenz für Wahrheit zu halten sein Heil lieber einer starken wenn auch an
keinem Aufhängepunkte befestigten Kette anzuvertrauen liegt vielem zu Grunde
das auf die strickten Formen des Schließens reduziert sich nur als Schließen
im Kreise darstellen kann Alle Erfahrung bezeugt die fesselnde Wirkung einer
geschickten Verkettung in einem Lehrgebäude und die Schwierigkeit womit die
Menschen der Überzeugung Baum geben dass Etwas das so gut zusammenhält
möglicherweise doch fallen könne
Da ein jeder Fall in dem ein nur aus gewissen Prämissen zu beweisender
Schluss für den Beweis gerade dieser Prämissen gebraucht wird ein Fall von
petitio principii ist so ist in diesem Schlussfehler ein großer Teil von
allem unrichtigen Schließen inbegriffen Für die Vervollständigung unserer
Übersicht über die Fehlschlüsse ist es nötig durch einige Beispiele zu
zeigen unter welcher Hülle sich derselbe zu verbergen und der Bloßstellung
auszuweichen pflegt
Kein Mensch der bei gesundem Verstande ist wird ein Urteil als einen
Folgesatz des Urteils selbst zulassen wenn es nicht in einer Sprache
ausgedrückt ist die es als ein ganz anderes Urteil erscheinen lässt
Gewöhnlich geschieht dies in der Weise dass man sucht das in abstrakten
Wörtern ausgedrückte Urteil als einen Beweis desselben aber in konkreter
Sprache ausgedrückten Urteils darzustellen Es ist dies eine sehr gewöhnliche
Art nicht nur von vermeintlichem Beweis sondern auch von vermeintlicher
Erklärung und findet sich bei Molière parodiert wenn er einen seiner
abgeschmackten Ärzte sagen lässt »lopium endormit parcequil a une vertue
soporifique« oder in dem entsprechenden Kauderwelsch
Mihi demandatur
A doctissimo doctore
Quare opium facit dormire
Et ego respondeo
Quia est in eo
Virtus dormitiva
Cujus natura est sensus assoupire
Die Wörter Natur und Wesen Essentia sind bedeutende Instrumente für dieses
die Frage zum Satz erheben So in dem wohlbekannten Argument der scholastischen
Theologen wonach der Geist immer denkt weil das Wesen des Geistes denkt Locke
hatte nachzuweisen dass wenn hier mit Wesen eine Eigenschaft gemeint ist
welche sich jederzeit durch wirkliche Ausübung kundgeben muss die Prämisse eine
direkte Annahme des Schlusses ist während wenn sie nur sagen soll dass das
Denken die unterscheidende Eigenschaft eines Geistes ist zwischen Prämisse und
Schluss kein Zusammenhang stattfindet indem es nicht notwendig ist dass eine
distinktive Eigenschaft fortwährend in Tätigkeit sei
Das Folgende erläutert die Art und Weise wie diese abstrakten Wörter Natur
und Wesen zu diesem Fehlschluss gebraucht werden Einige besondere
Eigenschaften eines Dinges werden mehr oder weniger willkürlich gewählt um
dessen Natur oder Wesen genannt zu werden nachdem dies geschehen ist wird von
diesen Eigenschaften angenommen sie seien mit einer Art Unverletzbarkeit
bekleidet sie besäßen eine Oberherrlichkeit über alle anderen Eigenschaften
und könnten nicht überherrscht oder aufgehoben werden So wenn Aristoteles in
einer bereits angeführten Stelle199 »durch folgende Gründe entscheidet dass es
keinen leeren Raum gibt in einem leeren Raume könnte es keinen Unterschied von
Oben und Unten geben denn da in Nichts kein Unterschied sein kann so kann auch
in einer Negation oder Privation kein Unterschied sein der leere Kaum ist aber
nur eine Negation oder Privation der Materie es könnten sich daher in einem
leeren Raume die Körper weder aufwärts noch abwärts bewegen was sie doch ihrer
Natur nach tun« Mit anderen Worten es liegt in der Natur der Körper sich
auf und abzubewegen ergo kann eine jede physikalische Tatsache die
voraussetzt dass sie sich nicht so bewegen nicht glaubwürdig sein Diese
Schlussweise durch welche man eine schlechte Generalisation alle ihr
widersprechenden Tatsachen beherrschen lässt ist petitio principii in einer
ihrer greifbarsten Formen
Kein Modus des Annehmens von dem noch zu Beweisenden ist häufiger als die
von Bentham so genannten »die Frage zum Satz erhebenden Appellativa« als Namen
welche die Frage voraussetzen unter dem Schein sie zu stellen Die
auffallendsten sind diejenigen welche einen lobenden oder tadelnden Charakter
besitzen wie zB das Wort Neuerung in der Politik Da die lexikalische
Bedeutung des Wortes nur »eine Veränderung zu etwas neuem« ist so wird es dem
Verteidiger der heilsamsten Verbesserung schwer zu leugnen sie sei eine
Neuerung Da aber das Wort außer dieser lexikalischen Bedeutung im gewöhnlichen
Gebrauch eine tadelnde Mitbezeichnung erlangt hat so wird die Zulassung der
Neuerung immer so ausgelegt als wäre den Nachtheilen des vorgeschlagenen Dinges
ein bedeutendes Zugeständnis gemacht worden
Die folgende Stelle des Arguments gegen die Epikureer in Ciceros zweitem
Buche de finibus bietet ein schönes Beispiel von dieser Art Schlussfehler »Et
quidem illud ipsum non nimium probo et tantum patior philosophum loqui de
cupiditatibus finiendis An potest cupiditas finiri tollenda est et extrahenda
radicitus Quis est enim in quo sit cupiditas quin recte cupidus dici possit
Ergo et avarus erit sed finite adulter verum habebit modum et luxuriosus
eodem modo Qualis ista philosophia eat quae non interitum afferat pravitatis
sed sit contenta mediocritate vitiorum« Die Frage war ob gewisse Begierden
wenn sie in den Schranken gehalten werden Laster seien oder nicht und das
Argument entscheidet den streitigen Punkt dadurch dass es ein Wort cupiditas
auf sie anwendet in welchem Laster inbegriffen ist Es geht indessen aus den
darauffolgenden Bemerkungen hervor dass Cicero nicht die Absicht hatte dies
als ein ernstliches Argument gelten zu lassen sondern dass er einen seiner
Meinung nach unangemessenen Ausdruck rügen wollte »Rem ipsam prorsus probo
elegantiam desidero Appellet haec desideria naturae cupiditatis nomen servet
alio etc« Viele von den Alten sowohl als auch von den Neueren haben indessen
dieses oder etwas ihm äquivalentes als ein wirkliches und beweiskräftiges
Argument gehalten Es mag noch angeführt werden dass die Stelle in Betreff von
cupiditas und cupidus auch ein Beispiel von dem bereits angeführten auf
stammverwandten paronymen Wörtern beruhenden Fehlschluss ist
Noch viele andere von den Argumenten der Moralphilosophen des Altertums
insbesondere der Stoiker sind in der Definition von petitio principii
inbegriffen Von welchem Werth als Argumente sind zB Einreden wie die des Cato
in dem dritten Buch de finibus das ich als wahrscheinlich die beste
beispielsweise Erläuterung sowohl der Lehren als auch der Methoden der zu jener
Zeit bestehenden philosophischen Schulen anzuführen fortfahre von welchem Werth
sind Einreden wie wenn die Tugend nicht Glückseligkeit wäre so könnte sie
nicht ein Ding sein dessen man sich rühmen kann wenn der Tod oder der Schmerz
Übel wären so würde es unmöglich sein sie nicht zu fürchten und es könnte
daher nicht lobenswert sein sie zu verachten etc Von der einen Seite könnte
man diese Argumente ansehen als wären sie eine Berufung an die allgemeine
Denkungsart der Menschheit die durch die angeführten Redeweisen gewissen
Handlungen oder Charakteren den Stempel des Beifalls aufgedrückt hat wenn man
aber die Verachtung in Anschlag bringt welche die alten Philosophen für die
Volksmeinungen hegten so wird es sehr unwahrscheinlich dass dies ihre Absicht
war In einem jeden anderen Sinne sind sie klare Fälle von petitio principii da
das Wort lobenswert und die Idee des sich rühmens praktische Grundsätze
einbegreifen praktische Grundsätze können aber nur aus theoretischen Wahrheiten
bewiesen werden aus den Eigenschaften des vorliegenden Gegenstandes nämlich
und können daher nicht gebraucht werden um diese Eigenschaften zu beweisen Man
könnte ebenso gut schließen eine Regierung sei gut weil wir sie unterstützen
sollten oder es gäbe einen Gott weil es unsere Pflicht ist zu ihm zu beten
Von allen Streitenden in Ciceros Buche de finibus wird als die Grundlage
der Erforschung des summum bonum angenommen dass »sapiens semper beatus est«
Nicht bloß weil die Weisheit die beste Aussicht auf Glückseligkeit bietet oder
weil die Weisheit darin besteht zu wissen was Glückseligkeit ist und durch
welche Dinge sie befördert wird alle diese Sätze genügten ihnen nicht sondern
weil der Weise immer glücklich ist und es notwendig sein muss Der Gedanke
Weisheit sei mit Unglück verträglich wurde stets als unzulässig verworfen der
Grund den einer der Redenden nahe am Anfang des dritten Buchs dafür angibt
ist dass wenn der Weise unglücklich sein könnte in dem Trachten nach Weisheit
wenig Nutzen läge Unter Unglücklichsein verstanden sie aber nicht Leiden oder
Schmerz dass diesen der weiseste Mensch so gut wie jeder andere unterworfen
sei gaben sie zu er war glücklich weil er in der Weisheit das schätzbarste
Gut besaß das Ding das von allen Dingen am meisten zu suchen und zu schätzen
ist und das schätzenswerteste Ding besitzen hieß der Glücklichste sein Indem
daher beim Beginn der Untersuchung behauptet wurde dass der Weise glücklich
sein muss wurde die in Beziehung auf das summum bonum bestrittene Frage in der
Tat als bewiesen vorausgesetzt sowie auch die weitere Annahme dass Schmerz
und Leiden soweit sie mit Weisheit koexistieren können kein Unglück und keine
Übel sind
Die folgenden Fälle sind weitere mehr oder weniger versteckte Fälle von
petitio principii
In dem Sophistes versucht Plato zu beweisen dass körperlose Dinge existieren
können und zwar durch das Argument dass Gerechtigkeit und Wahrheit körperlos
dass aber Gerechtigkeit und Wahrheit Etwas sein müssen Wenn hier wie es
Platons Absicht war mit Etwas ein Ding gemeint ist das an und für sich und
nicht als eine Eigenschaft eines andern Dinges bestehen kann so erhebt er die
Frage zum Satz indem er behauptet Gerechtigkeit und Wahrheit müssten Etwas
sein meint er etwas anderes so ist sein Schluss nicht bewiesen Dieser
Schlussfehler könnte auch zu den auf der Zweideutigkeit des Mittelbegriffs
beruhenden Fallacien gerechnet werden indem »Etwas« in der einen Prämisse
irgend eine Substanz in der anderen bloß ein Gedankenobjekt sei es Substanz
oder Attribut bedeutet
Als ein Beweis der jetzt nicht mehr populären Lehre von der unendlichen
Teilbarkeit der Materie wurde früher das Argument angeführt dass ein jeder
noch so kleine Teil der Materie wenigstens eine obere und eine untere Fläche
haben müsse Diejenigen welche dieses Argument gebrauchten sahen nicht dass
es gerade den streitigen Punkt voraussetzte die Unmöglichkeit zu einem Minimum
von Dicke zu gelangen denn wenn es ein Minimum gäbe so wäre seine obere und
untere Fläche natürlich einerlei es würde selbst eine Fläche sein und weiter
nichts Was das Argument so sehr plausibel macht ist dass die Prämisse
wirklich einleuchtender erscheint als der Schluss obgleich sie in Wirklichkeit
mit ihm identisch ist So wie das Urteil ausgedrückt ist appelliert es direkt
und in konkreter Sprache an die Unfähigkeit der menschlichen Einbildungskraft
ein Minimum zu begreifen In diesem Lichte betrachtet wird es zu einem Fall von
dem aprioristischen Fehlschluss oder natürlichen Vorurteil dass das was man
nicht begreifen kann auch nicht existieren könne Ein jeder auf Konfusion
beruhende Schlussfehler wird wie kaum nötig zu wiederholen wenn er
aufgeklärt wird zu einem Fehlschluss von irgend einer anderen Art und man wird
im allgemeinen finden dass wenn deduktive oder syllogistische Schlussfehler
irre führen meistens wie in diesem Falle eine Fallacie von einer anderen Art
hinter ihnen versteckt ist welche hauptsächlich daran Schuld ist dass die
Wortgaukelei welche das Äußere oder den Kern dieser Art von Fehlschluss
bildet unentdeckt vorbeigeht
Eulers Algebra ein Buch von sonst großem Verdienst aber bis zum
Überfließen voll von logischen Irrtümern in Betreff des Fundaments der
Wissenschaft enthält das folgende Argument als einen Beweis dass minus durch
minus vervielfacht plus gibt eine Lehre die das Opprobrium aller bloßen
Mathematiker ist und Ton deren wahrem Beweis Euler keine Idee hatte Er sagt
minus durch minus vervielfacht kann nicht minus geben denn minus multipliziert
mit plus gibt minus und minus durch minus kann nicht dasselbe Produkt geben
wie minus durch plus multipliziert Nun muss man fragen warum minus durch minus
multipliziert überhaupt ein Produkt geben muss und warum wenn es eines gibt
das Produkt nicht dasselbe sein kann wie das von minus durch plus Denn dies
würde auf den ersten Blick nicht absurder erscheinen als dass minus durch minus
dasselbe gibt wie plus durch plus der Satz dem Euler den Vorzug vor jenem
gibt Die Prämisse bedarf des Beweises eben so sehr Wie der Schluss auch kann
sie nur durch jene umfassende Ansicht von der Natur der Multiplikation und der
algebraischen Operationen im allgemeinen bewiesen werden welche auch einen weit
besseren Beweis der mysteriösen Lehre welche sich Euler hier zu demonstrieren
bemüht an die Hand geben würde
Ein schlagendes Beispiel von Schließen im Kreis gehen einige Schriftsteller
über Ethik die zuerst als einen Maßstab für moralische Wahrheit die
Denkungsweisen und Perzeptionen der Menschen nehmen welche sie da sie die
allgemeinen sind auch für die natürlichen und instinktiven halten und dann die
zahlreichen Beispiele von Abweichung dadurch hinwegerklären dass sie sie als
Fälle darstellen in denen die Perzeptionen ungesund sind Von einer besonderen
Gefühls oder Handlungsweise wird behauptet sie sei unnatürlich warum weil
das allgemeine und natürliche Gefühl der Menschheit sie verabscheut Da ihr ein
solches Gefühl nicht in euch findet so bezweifelt ihr die Tatsache und die
Antwort ist wenn euer Gegner höflich ist dass ihr eine Ausnahme ein
besonderer Fall seid Aber auch bei Völkern anderer Länder oder einer früheren
Zeit sagt ihr finde ich kein derartiges Gefühl von Abscheu »ach ihre Gefühle
waren verfälscht und ungesund«
Eines der bemerkenswertesten Beispiele von Schließen im Kreis ist die
Lehre von Hobbes Rousseau und anderen welche die Pflichten der Menschen als
Glieder der Gesellschaft auf einen supponierten Gesellschaftsvertrag gründen Ich
übergehe ganz die fiktive Natur des Vertrages selbst aber wenn Hobbes durch den
ganzen Leviathan hindurch die Verpflichtung dem Souverän zu gehorchen mit
großer Mühe nicht von der Notwendigkeit und Nützlichkeit es zu tun sondern
von einem Versprechen ableitet von dem angenommen wird unsere Vorfahren hätten
es gegeben als sie dem Leben in der Wildnis entsagten und übereinkamen eine
politische Gesellschaft zu bilden so ist es unmöglich nicht die Frage
zurückzugeben aber warum sind wir verbunden ein Versprechen zu halten das
andere für uns gaben oder warum sind wir überhaupt verbunden ein Versprechen
zu halten Für diese Verpflichtung kann kein genügender Grund angegeben werden
als die verderblichen Folgen der Abwesenheit von Treue und gegenseitigem
Vertrauen unter den Menschen Wir kommen daher immer wieder auf die Interessen
der Gesellschaft als auf den Grund der Verpflichtung des Versprechens zurück
und dennoch gibt man nicht zu diese Interessen seien eine hinreichende
Rechtfertigung für die Existenz von Regierung und Gesetz Man glaubt ohne ein
Versprechen wären wir nicht zu dem verpflichtet was in einem jeden
gesellschaftlichen Lebensmodus inbegriffen ist nämlich zu einem allgemeinen
Gehorsam gegen das eingeführte Gesetz Man hält das Versprechen für so
notwendig dass wenn in Wirklichkeit ein solches nicht gegeben worden ist man
den Fundamenten der Gesellschaft dadurch eine größere Sicherheit zu geben
glaubt dass man eines erfindet
3 Mit zwei von den Hauptabtheilungen der auf Konfusion beruhenden
Fallacien sind wir nun fertig es bleibt aber noch eine dritte Abtheilung in
welcher die Konfusion nicht wie bei dem auf Zweideutigkeit beruhenden
Schlussfehler in einem Missverstehen des Inhalts der Prämissen oder in petitio
principii in einem Vergessen der Natur der Prämissen sondern wo er in dem
Missverstehen des zu beweisenden Schlusses besteht Es ist dies der Ignoratio
Elenchi in dem weitesten Sinne des Wortes genannte Fehlschluss Whately nennt
ihn auch die Fallacie des irrelevanten nicht zur Sache gehörigen Schlusses
Seine Beispiele und Bemerkungen darüber verdienen sehr angeführt zu werden
»Verschiedene Arten von Urteilen werden je nach der Gelegenheit dem
Urteil substituiert das bewiesen werden soll manchmal das partikulare für das
universale zuweilen ein Urteil mit verschiedenen Wörtern die mannigfaltigsten
Erfindungen werden benutzt um diese Substitution zu bewirken und zu verbergen
und den von dem Sophisten gezogenen Schluss praktisch demselben Zwecke dienen zu
lassen dem der Schluss dient den er hätte begründen sollen Wir sagen
praktisch demselben Zwecke denn oft wird durch den geschickten Gebrauch dieses
Trugschlusses eine Emotion erregt oder dem Geist ein Gedanke eingeprägt werden
welcher die Menschen für euren Zweck in die erforderliche Stimmung bringt
obgleich sie vielleicht dem Urteil das ihr zu begründen hattet noch nicht
beigestimmt oder es vielleicht nicht einmal in ihrem eigenen Geiste deutlich
angegeben haben Wenn ein Sophist jemand zu verteidigen hätte der sich eines
schweren Verbrechens schuldig gemacht hat das er zu mildem wünscht so würde
er obgleich er keinen Beweis beibringen kann doch praktisch denselben Zweck
erreichen wenn es ihm gelänge über irgend einen zufälligen Gegenstand die
Zuhörer zum Lachen zu bringen Ebenso wenn Einer bei einem besonderen Verbrechen
die mildernden Umstände nachgewiesen und damit gezeigt hat dass das Verbrechen
bedeutend von der Allgemeinheit dieser Klasse von Verbrechen abweicht so kann
der Sophist wenn er diese Umstände nicht widerlegen kann die Wirkung derselben
dadurch vernichten dass er sie gerade auf diese Klasse bezieht denn niemand
kann leugnen dass das Verbrechen zu dieser Klasse gehört und schon der Name
derselben wird ein Gefühl von Ekel erregen das hinreichend ist um die Wirkung
der mildernden Umstände aufzuheben es sei zB ein Fall von Unterschleif und
es seien manche mildernde Umstände beigebracht die nicht geleugnet werden
können der sophistische Gegner wird erwidern Nun am Ende ist der Mann doch
ein Spitzbube und damit fertig nun war dies in Wirklichkeit der Voraussetzung
nach niemals die Frage und die bloße Behauptung von etwas was nie geleugnet
wurde sollte der Billigkeit nach nicht als das Entscheidende angesehen werden
aber praktisch erregt die Gehässigkeit des Wortes die zwar zum großen Teil
aus der Assoziation gerade der Umstände entspringt die dem größten Teil der
Klasse angehören die wir aber in diesem besonderen Falle als abwesend annahmen
genau jenes Gefühl von Widerwillen das die Wirkung der Verteidigung aufhebt
In gleicher Weise können wir hierher alle Fälle von unpassender Berufung an die
Leidenschaften und sonst noch alles rechnen was Aristoteles als dem
vorliegenden Gegenstand fremd exô tou pragmatos anführt«
Ferner »anstatt zu beweisen der Gefangene habe einen abscheulichen Betrug
verübt beweist ihr dass der Betrug dessen er angeklagt abscheulich ist
anstatt zu beweisen wie in der wohlbekannten Geschichte von Cyrus und den zwei
Röcken dass der größere Knabe ein Recht hatte den andern Knaben zum Tauschen
der Röcke zu zwingen beweist ihr dass der Tausch für beide vorteilhaft
gewesen wäre anstatt zu beweisen dass man den Armen eher auf diese als auf
jene Weise beistehen sollte beweist ihr dass man den Armen beistehen sollte
anstatt zu beweisen dass ein vernunftloses Wesen sei es ein Thier oder ein
Irrsinniger niemals durch Furcht vor der Strafe von einer Handlung abgehalten
werden kann wie zB Hunde vom Beißen der Schafe durch die Furcht vor Prügel
beweist ihr dass das Prügeln eines Hundes auf andere Hunde nicht als ein
Beispiel wirkt etc
Es ist evident dass Ignoratio elenchi sowohl für die scheinbare Widerlegung
des gegnerischen als auch für die scheinbare Begründung eures eigenen Satzes
gebraucht werden kann denn es ist wesentlich einerlei zu beweisen was nicht
geleugnet wurde oder zu widerlegen was nicht behauptet wurde Der letztere
Kunstgriff ist nicht weniger gewöhnlich ist aber ehrenrühriger da er häufig
bis zu persönlicher Beleidigung geht indem er jemandem Meinungen etc
zuschreibt welche derselbe vielleicht verabscheut So wenn bei einer
Diskussion über einen Fall von unerträglicher Bedrückung der eine Teil auf
Grund der allgemeinen Nützlichkeit einen besonderen Fall von Widerstand gegen
die Regierung verteidigt kann der Gegner ernsthaft behaupten dass wir nicht
böses tun sollten damit gutes komme ein Satz der natürlich niemals geleugnet
wurde indem der streitige Punkt ist ob in diesem besonderen Falle der
Widerstand böses tat oder nicht Oder auch als eine Widerlegung der Behauptung
ein jeder habe das Recht in religiösen Dingen zu urteilen kann man vielleicht
ein ernsthaftes Argument hören dass es unmöglich ist dass jedermann bei seinem
Urteil Recht haben kann« Von diesem Schlussfehler sind Streitschriften selten
frei So waren zB die Versuche die Bevölkerungstheorie von Malthus zu
widerlegen meistens Fälle von Ignoratio elenchi Man hielt Malthus für
widerlegt wenn man zeigen konnte dass die Bevölkerung in manchen Ländern oder
zu manchen Zeiten nahezu stationär blieb als ob er behauptet hätte die
Bevölkerung nehme immer in einem gewiesen Verhältnis zu oder als ob er nicht
ausdrücklich erklärt hätte sie nehme nur soweit zu als sie nicht durch
Klugheit oder durch Armut und Krankheit zurückgehalten wird Oder es wird
vielleicht eine Kollektion von Tatsachen beigebracht um zu beweisen dass in
irgend einem Lande das Volk bei einer dichteren Bevölkerung besser daran ist
als zu einem andern Lande das nur eine dünne Bevölkerung hat oder auch dass
das Volk zu gleicher Zeit an Zahl und Wohlhabenheit zunahm Als ob behauptet
worden wäre eine dichte Bevölkerung könne möglicherweise nicht wohl daran sein
als ob es nicht gerade ein wesentlicher Teil jener Lehre wäre dass da wo
Capital reichlicher vorhanden ist auch eine größere Bevölkerung ohne Zunahme
von Armut existieren kann ja dass sich die Armut sogar vermindern kann
Das Lieblingsargument gegen Berkeleys Theorie von der Nichtexistenz der
Materie ein Argument das sich nicht bloß auf Männer beschränkte wie Samuel
Johnson dessen sehr überschätztes Talent gar keine metaphysische Richtung
hatte sondern welches auch das Hauptargument der Schottischen Schule von
Metaphysikern war ist eine greifbare ignoratio elenchi Das Argument wird
vielleicht eben so häufig durch Gebärden als durch Worte ausgedrückt und eine
seiner gewöhnlichsten Formen besteht darin dass man mit einem Stock auf die
Erde schlägt Diese kurze und bequeme Widerlegung übersieht die Tatsache dass
durch Verleugnung der Materie Berkeley nicht etwas leugnete wovon unsere Sinne
Zeugnis geben und dass er daher durch eine Berufung an die Sinne nicht
widerlegt werden kann Sein Skeptizismus bezog sich auf das supponierte Substrat
die verborgene Ursache der von unseren Sinnen wahrgenommenen äußeren
Erscheinungen deren Beweis was man auch von dessen Bündigkeit denken mag
gewiss nicht ein Beweis der Sinne ist Und es wird immer ein starker Beweis von
dem Mangel an metaphysischer Tiefe bei Reid Stewart und es ist mir leid
hinzufügen zu müssen bei Brown bleiben dass sie darauf bestanden zu behaupten
dass Berkeley wenn er an seine eigene Lehre geglaubt hätte verbunden gewesen
wäre in der Gosse zu wandeln oder seinen Kopf gegen einen Pfosten zu rennen
Als ob diejenigen welche keine verborgene Ursachen ihrer Sensationen
anerkennen nicht möglicherweise glauben könnten in diesen Sensationen selbst
bestehe eine feste Ordnung Eine solche Unfähigkeit den Unterschied zwischen
einem Dinge und seinen sinnlichen Offenbarungen oder in metaphysischer
Sprache zwischen dem Noumenon und dem Phänomenon zu begreifen wäre unmöglich
selbst bei dem stumpfsten Schüler von Kant oder Coleridge zu finden
Man könnte sowohl diesem Fehlschluss als auch den Fehlschlüssen welche ich
zu charakterisieren versucht habe leicht noch viele Beispiele hinzufügen Aber
eine weitere Erläuterung scheint nicht erforderlich auch wird der intelligente
Leser wenig Schwierigkeit haben aus seiner eigenen Erfahrung und Belesenheit
das Verzeichnis derselben zu vermehren Wir werden daher hier die Exposition
der allgemeinen Prinzipien der Logik schließen und zu der supplementären
Untersuchung schreiten welche die Vervollständigung unseres Zweckes verlangt
»Si lhomme peut prédire avec une assurance presque entière les
phénomènes dont il connait les lois si lors même quelles lui sont
inconnues il peut daprès lexpérience prévoir avec une grande
probabilité les évènemens de lavenir pourquoi regarderaiton comme
une entreprise chimérique celle de tracer avec quelque
vraisemblance le tableau des destinées futures de lespèce humaine
daprès les résultats de son histoire Le seul fondement de croyance
dans les sciences naturelles est cette idée que les lois générales
connues ou ignorées qui règlent les phénomènes de lunivers sont
nécessaires et konstantes et par quelle raison ce principe
seraitil moins vrai pour le développement des facultés
intellektuelles et morales de lhomme que pour les autres
opérations de la nature Enfin puisque des opinions formées daprès
lexpérience sont la seule règle de la conduite des hommes les
plus sages pourquoi interdiraiton au philosophe dappuyer ses
conjectures sur cette même base pourvu quil ne leur attribue pas
une certitude supérieure a celle qui peut naître du nombre de la
constance de lexactitude des observations« Condorcet Esquisse
dun Tableau Historique des Progrès de lEsprit Humain
1 Beweistheorien und Methodenlehren sind nicht a priori zu konstruieren
Die Gesetze unserer Vernunft werden wie die eines jeden anderen natürlichen
Agens nur dadurch erkannt dass man das Agens in Tätigkeit sieht Was die
Wissenschaft früher vollbracht hat geschah ohne eine jede bewusste Beobachtung
einer wissenschaftlichen Methode und wir würden niemals erkannt haben durch
welches Verfahren die Wahrheit zu bestimmen ist wenn wir nicht vorher viele
Wahrheiten bestimmt hätten Aber nur die frühesten Probleme konnten auf die
letztere Weise gelöst werden als der natürliche Scharfsinn seine Stärke an den
schwierigeren Aufgaben versuchte so that er es ohne Erfolg oder wenn es ihm
hier und da gelang eine Lösung zu finden so besaß er keine sicheren Mittel
um Andere zu überzeugen dass seine Lösung richtig war Bei wissenschaftlichen
Forschungen wie bei allen anderen Werken der menschlichen Geschicklichkeit
sehen höhere Geister in manchen verhältnismäßig einfachen Fällen das Mittel
zum Zweck gleichsam instinktmäßig und passen es alsdann durch eine verständige
Generalisation einer Menge von komplexen Fällen an Wir lernen ein Ding unter
schwierigen Umständen tun wenn wir auf die Art und Weise Acht haben in
welcher wir dasselbe Ding unter leichteren Umständen getan haben
Diese Wahrheit wird durch die Geschichte der verschiedenen Zweige des
Wissens welche den Charakter von Wissenschaften in der aufsteigenden Ordnung
ihrer Komplikation annahmen dargetan und wird ohne Zweifel eine neue
Bestätigung von denjenigen Zweigen erhalten deren endliche Konstituierung zur
Wissenschaft noch zu erwarten steht die aber bis jetzt immer noch der
Ungewissheit vager und populärer Erörterungen überlassen sind Verschiedene
Wissenschaften sind zwar aus diesem Stadium in einer verhältnismäßig jungen
Zeit herausgetreten aber diejenigen welche sieh auf den verwickeltsten und
schwierigsten Gegenstand des Studiums womit sich der menschliche Geist befassen
kann nämlich auf den Menschen selbst beziehen blieben noch darin zurück In
Betreff der physischen Natur des Menschen als eines organisierten Wesens wenn
auch in dieser Beziehung immer noch viel Ungewissheit und Streit herrscht und
nur dadurch zu beseitigen ist dass man sich allgemein zu strengeren induktiven
Regeln bekennt als gewöhnlich geschieht hat man indessen eine beträchtliche
Anzahl von Wahrheiten gewonnen welche von allen welche dem Gegenstand ihre
Aufmerksamkeit zuwandten als völlig begründet angesehen werden auch liegt in
der Methode welche die ausgezeichneteren Pfleger dieses Zweiges der
Wissenschaft gegenwärtig beobachten keine radikale Unvollkommenheit Aber die
Gesetze des Geistes und in einem noch höheren Grade die der Gesellschaft sind
soweit entfernt in gleicher Weise auch nur teilweise erkannt zu sein dass man
immer noch darüber streitet ob sie überhaupt jemals Gegenstand der Wissenschaft
im strengeren Sinne des Wortes werden können und unter denjenigen welche über
den letzteren Punkt einverstanden sind herrscht in Betreff fast eines jeden
anderen Punktes eine unvereinbare Meinungsverschiedenheit Wenn irgendwo so
sollte man erwarten dass hier die in den vorhergehenden Büchern aufgestellten
Grundsätze nützlich sein könnten
Wenn in Betreff der bei weitem wichtigsten Dinge womit sich der menschliche
Geist beschäftigen kann eine allgemeinere Übereinstimmung unter den Denkern
jemals stattfinden soll wenn das was man »das eigentliche Studium der
Menschheit« genannt hat nicht bestimmt ist der einzige Gegenstand zu bleiben
den von Empirie zu befreien der Philosophie nicht gelingen will so muss
dasselbe Verfahren durch welches die Gesetze vieler einfachen Erscheinungen
wie allgemein anerkannt außer aller Frage gestellt wurden in diesen
schwierigeren Untersuchungen mit Bewusstsein und Bedacht angewandt werden Wenn
einige Gegenstände Resultate ergaben denen zuletzt alle auf den Beweis
Achtenden einstimmig beistimmten wenn man in Beziehung auf andere weniger
glücklich war und die scharfsinnigsten Geister sich von der frühesten Zeit an
mit denselben beschäftigten ohne dass es ihnen gelungen wäre ein ansehnliches
gegen Zweifel und Einwürfe gesichertes System von Wahrheiten zu begründen so
dürfen wir diesen Fleck vom Antlitz der Wissenschaft dadurch zu entfernen
hoffen dass wir die bei den ersteren Untersuchungen so glücklich befolgten
Methoden verallgemeinern und sie den letzteren anpassen Die folgenden Kapitel
sind ein Versuch die Erreichung dieses höchst wünschenswerten Zieles zu
erleichtern
2 Wenn ich diesen Versuch unternehme so habe ich dabei nicht vergessen
wie wenig in einer bloßen Abhandlung über Logik in dieser Beziehung geschehen
kann oder wie schwankend und ungenügend alle Vorschriften in Betreff von
Methoden notwendig erscheinen müssen wenn sie nicht durch Aufstellung eines
Systems von Lehren praktisch erläutert werden Die beste Art zu zeigen wie die
Wissenschaften der Ethik und Politik zu konstruieren sind wäre ohne Zweifel sie
zu konstruieren eine Aufgabe welche ich wie kaum nötig zu sagen nicht die
Absicht habe zu lösen Aber wenn auch keine anderen Beispiele vorhanden wären
so Würde das denkwürdige Beispiel von Bacon allein genügen um zu beweisen dass
es zuweilen möglich und nützlich ist den Weg zu zeigen wenn man auch nicht
selbst vorbereitet ist ihn weit zu gehen Wenn ich aber auch ein mehr versuchen
wollte so wäre dies wenigstens nicht der geeignete Ort dafür
Was in einem Werke wie dieses für die Logik der Geisteswissenschaften
geschehen kann ist dem Wesen nach in den fünf vorhergehenden Büchern geschehen
oder hätte geschehen sollen das vorliegende Buch kann nur als eine Art
Supplement oder als ein Anhang zu diesen Büchern betrachtet werden indem die
auf die moralischen und sozialen Wissenschaften anwendbaren Methoden der
Forschung bereits beschrieben worden sind wenn es mir gelungen ist die
Methoden der Wissenschaft im allgemeinen aufzuzählen und zu charakterisieren Es
bleibt indessen noch zu prüfen welche von diesen Methoden für die verschiedenen
Zweige der moralischen Forschung spezieller geeignet sind unter welchen
besonderen Vorteilen oder Schwierigkeiten sie in denselben zu gebrauchen sind
wie weit der unbefriedigende Zustand dieser Forschungen einer falschen Wahl der
Methoden wie weit er dem Mangel an Geschick bei der Anwendung richtiger
Methoden zur Last fällt und welcher Erfolg von einer besseren Wahl oder einer
sorgsameren Anwendung der dem Falle angemessenen logischen Prozesse zuletzt
erlangt oder gehofft werden kann Mit anderen Worten es bleibt zu untersuchen
ob Geisteswissenschaften existieren oder existieren können auf welchen Grad von
Vollkommenheit sie gebracht werden können und durch welche Wahl oder Anpassung
der in dem früheren Theile dieses Werkes dargelegten Methoden dieser Grad von
Vollkommenheit zu erreichen ist
An der Schwelle dieser Untersuchung begegnen wir einem Einwurf der dem
Versuch die menschliche Handlungsweise als Gegenstand der Wissenschaft zu
nehmen verhängnisvoll werden kann Sind die Handlungen menschlicher Wesen wie
alle anderen Vorgänge unveränderlichen Gesetzen unterworfen Jene Beständigkeit
der Verursachung welche das Fundament einer jeden wissenschaftlichen Theorie
sukzessiver Erscheinungen ist besteht sie wirklich zwischen diesen Handlungen
Es wird dies oft geleugnet und die Frage sollte der systematischen
Vollständigkeit wegen wenn auch nicht aus sonst einer sehr dringenden
praktischen Notwendigkeit an diesem Orte eine wohl überlegte Antwort erhalten
Wir werden daher diesem Gegenstande ein besonderes Kapitel widmen
1 Die Frage ob sich das Kausalgesetz in demselben strengen Sinne auf
menschliche Handlungen wie auf andere Erscheinungen anwenden lässt ist der
berühmte Streit in Betreff der Freiheit des Willens der wenigstens bis auf die
Zeit des Pelagius zurück die philosophische und die religiöse Welt geteilt hat
Die bejahende Ansicht wird gewöhnlich die Notwendigkeitslehre genannt sie
behauptet das menschliche Wollen und Handeln sei notwendig und unvermeidlich
Die verneinende Ansicht behauptet der Wille werde nicht wie andere Phänomene
durch Antecedentien bestimmt sondern er bestimme sich selbst unser Wollen sei
nicht im eigentlichen Sinne die Wirkung von Ursachen oder wenigstens nicht von
Ursachen denen es gleichförmig und unbedingt gehorcht
Ich habe bereits gezeigt dass ich die erstere dieser Ansichten für die
wahre halte aber die irreführenden Worte in denen sie oft ausgedrückt und die
unklare Weise in welcher sie gewöhnlich verstanden wurde haben entweder ihre
Aufnahme verhindert oder ihren Einfluss da verkehrt wo sie etwa angenommen
worden war Die metaphysische Theorie des freien Willens wie sie die
Philosophen auffassen denn das in einem höheren oder geringeren Grad der ganzen
Menschheit gemeinsame praktische Gefühl desselben ist in keiner Weise mit der
entgegengesetzten Theorie unverträglich wurde erfunden weil man die Zulassung
der supponierten Alternative wonach menschliche Handlungen notwendig sind für
ebenso unverträglich mit dem instinktiven Bewusstsein eines Jeden als
demütigend für den Stolz und sogar entwürdigend für die geistige Natur des
Menschen hielt Auch leugne ich nicht dass die Lehre wie sie häufig aufgefasst
wird diesen Vorwürfen ausgesetzt ist denn das Missverständnis in welchem
sie wie ich im Stande sein werde zu zeigen ihren Ursprung nehmen beschränkt
sich unglücklicherweise nicht auf die Gegner der Lehre sondern wird auch von
vielen vielleicht von den meisten ihrer Anhänger geteilt
2 Richtig aufgefasst ist die Philosophische Notwendigkeit genannte
Lehre einfach die folgende wenn die in dem Geiste eines Individuums vorhandenen
Motive und der Charakter und die Neigungen des Individuums gegeben sind so kann
seine Handlungsweise unfehlbar gefolgert werden dh wenn wir mit dem
Individuum durch und durch bekannt wären und wenn wir alle Beweggründe wüssten
welche auf dasselbe einwirken so könnten wir seine Handlungsweise mit derselben
Sicherheit voraussagen wie einen physikalischen Vorgang Diesen Satz halte ich
für eine bloße Interpretation der allgemeinen Erfahrung für eine Einkleidung
dessen in Worte wovon ein Jeder innerlich überzeugt ist Niemand der die
Umstände eines Falles und den Charakter der verschiedenen in Frage stehenden
Persönlichkeiten durchaus zu kennen glaubt wird Anstand nehmen voraus zu
sagen wie sie alle handeln werden Der Zweifel welchen er vielleicht faktisch
hegen dürfte entsteht aus der Ungewissheit ob er die Umstände oder die eine
oder die andere Persönlichkeit wirklich genau genug kennt keineswegs aber
daraus dass er denkt es könnte in Betreff dieser Handlungsweise eine
Ungewissheit herrschen wenn er alle diese Dinge wüsste Auch widerstreitet
diese volle Gewissheit nicht im geringsten unserer sogenannten Freiheit des
Willens Wir fühlen uns darum nicht weniger frei weil diejenigen welche uns
genau kennen wohl wissen wie wir in einem besonderen Falle handeln würden Wir
sehen im Gegenteil den Zweifel in Beziehung auf unsere Handlungsweise oft als
ein Zeichen der Unbekanntschaft mit unserem Charakter an oder nehmen ihn als
einen Vorwurf auf Die religiösen Metaphysiker welche die Freiheit des Willens
behaupteten haben sie immer mit der göttlichen Voraussicht unserer Handlungen
verträglich gehalten und weil mit der göttlichen Voraussicht auch mit einer
jeden anderen Wir können frei sein und ein Anderer kann dennoch Grund haben
um gewiss zu wissen welchen Gebrauch wir von unserer Freiheit machen werden Es
wird daher der Lehre dass unser Wollen und Handeln unveränderliche Folgen
unseres vorausgängigen Geisteszustandes sind weder von unserem Gewissen
widersprochen noch wird man sie für eine entwürdigende Lehre halten dürfen
Aber die Lehre von der Verursachung wenn die letztere so betrachtet wird
als bestehe sie zwischen unserem Wollen und seinen Antecedentien wird fast
allgemein so aufgefasst als ob noch etwas weiteres darin inbegriffen läge
Viele glauben nicht und sehr wenige fühlen wirklich dass in der Verursachung
nichts steckt als unveränderliche bestimmte und unbedingte Sequenz Es gibt
nur wenige Menschen denen bloße Beständigkeit der Folge als ein hinreichend
starkes Band der Vereinigung für eine so eigentümliche Relation wie die von
Ursache und Wirkung erscheint Wenn auch die Vernunft das Gefühl irgend eines
innigeren Zusammenhangs eines besonderen Bandes oder eines geheimnisvollen
von dem Antezedens auf das Konsequenz ausgeübten Zwanges verwirft so wird es
die Einbildungskraft doch bewahren Dies ist nun das was in seiner Anwendung
auf den menschlichen Willen betrachtet unserem Bewusstsein widerstreitet und
unsere Gefühle empört Wir sind gewiss dass bei unserm Wollen ein solcher
geheimnisvoller Zwang nicht vorhanden ist Wir wissen dass wir nicht wie durch
Zauber gezwungen sind einem besonderen Motiv zu gehorchen Wir fühlen dass
wenn wir zu beweisen wünschten dass wir die Macht haben dem Motiv zu
widerstehen wir dies könnten während dieser Wunsch wie kaum nötig zu
bemerken ein neues Antezedens ist und es würde demütigend für unsern Stolz
und lähmend für unser Verlangen nach Vollkommenheit sein wenn wir anders
dächten Gegenwärtig nehmen die besseren philosophischen Autoritäten aber auch
nicht mehr an es werde ein solcher geheimnisvoller Zwang von irgend einer
Ursache auf ihre Wirkung ausgeübt Diejenigen welche der Ansicht sind dass die
Ursachen ihre Wirkungen durch ein mystisches Band nach sich ziehen haben Recht
wenn sie glauben das Verhältnis zwischen dem Wollen und seinen Antecedentien
sei von einer anderen Natur Aber sie sollten weiter gehen und zugeben dass
dies von allen anderen Wirkungen und ihren Antecedentien wahr ist Wenn ein
solches Band in dem Worte Notwendigkeit inbegriffen liegt so ist die Lehre in
Beziehung auf die menschlichen Handlungen nicht wahr sie ist aber dann auch in
Beziehung auf leblose Gegenstände nicht wahr Es wäre richtiger zu sagen die
Materie sei nicht durch die Notwendigkeit beherrscht als zu sagen der Geist
sei es
Da die den freien Willen annehmenden Metaphysiker meistens der Schale
angehörten welche Humes und Browns Analyse von Ursache und Wirkung verwirft
so ist es nicht zu verwundern wenn sie in Ermangelung des Lichtes welches
diese Analyse darbietet ihren Weg verfehlten Es ist nur sonderbar dass die
Verteidiger der Notwendigkeitslehre welche die philosophische Theorie
derselben gewöhnlich annehmen dieselbe in der Praxis ebenfalls aus den Augen
verlieren Dasselbe Missverstehen der Philosophische Notwendigkeit genannten
Lehre welche die Gegenpartei verhindert deren Wahrheit zu erkennen existiert
wie ich glaube mehr oder weniger dunkel in dem Geiste der meisten Anhänger der
Notwendigkeitslehre wie sehr sie es auch in ihren Worten leugnen mögen Ich
müsste mich sehr irren wenn sie gewöhnlich fühlten dass die von ihnen in den
Handlungen anerkannte Notwendigkeit nur Gleichförmigkeit der Ordnung und die
Fähigkeit ist vorausgesagt zu werden Sie haben ein Gefühl als ob zwischen dem
Wollen und seinen Ursachen am Ende doch ein stärkeres Band vorhanden sei als ob
sie mit der Behauptung der Wille sei durch die Summe der Motive beherrscht
etwas unwiderstehlicheres gemeint hätten als wenn sie nur gesagt hätten dass
derjenige welcher mit unseren Motiven und unserer gewohnten Empfänglichkeit
dafür bekannt wäre voraussagen könnte wie wir zu handeln gewillt sind Sie
begehen ihrem eigenen wissenschaftlichen System entgegen denselben Irrtum den
ihre Gegner in Folge ihres Systems begehen und erleiden in Folge davon wirklich
jene demütigenden Folgen welche ihre Gegner irrtümlich der Lehre selbst zur
Last legen
3 Ich bin geneigt zu glauben dass dieser Irrtum fast gänzlich eine
Wirkung der durch das Wort Notwendigkeit hervorgerufenen Ideenassoziation ist
und dass er vermieden würde wenn man sich enthalten wollte ein so äußerst
unpassendes Wort wie Notwendigkeit zu gebrauchen um die einfache Tatsache
der Verursachung auszudrücken In seinen anderen Bedeutungen schließt dieses
Wort viel mehr ein als bloße Gleichförmigkeit der Folge es schließt
Unwiderstehlichkeit ein Auf den Willen angewendet bedeutet es nur dass auf die
gegebene Ursache die Wirkung so folgt dass sie allen Möglichkeiten ausgesetzt
ist von anderen Ursachen aufgehoben zu werden aber im gewöhnlichen
Sprachgebrauch steht es ausschließlich für die Tätigkeit jener Ursachen welche
man für zu gewaltig hält um überhaupt aufgehoben zu werden Wenn wir sagen
alle menschlichen Handlungen fänden aus Notwendigkeit Statt so meinen wir
damit nur dass sie gewiss stattfinden werden wenn sie durch nichts verhindert
werden wenn wir sagen es sei eine Notwendigkeit dass diejenigen welche
keine Nahrung erhalten können vor Hunger sterben so meinen wir damit dass sie
gewiss sterben werden was wir auch sonst tun mögen um es zu verhindern Die
Anwendung desselben Wortes auf die die menschlichen Handlungen beherrschenden
Agentien welches gebraucht wird um jene wirklich unwiderstehlichen Agentien in
der Natur zu bezeichnen muss wenn sie zur Gewohnheit wird auch in Betreff der
ersteren ein Gefühl von Unwiderstehlichkeit erzeugen Es ist dies indessen eine
bloße Illusion Es gibt physikalische Sequenzen welche wir für notwendig
halten wie der Tod aus Mangel an Nahrung oder Luft andere hält man nicht für
notwendig wie der Tod durch Gift den ein Gegengift oder die Magenpumpe
zuweilen verhindern kann Selbst wenn der Verstand sie daran erinnert so
vergessen doch die Gefühle der Menschen leicht dass sich die menschlichen
Handlungen in der letzteren Lage befinden sie werden niemals ausgenommen in
einigen Fällen von Wahnsinn durch irgend ein Motiv so absolut beherrscht dass
einem jeden andern Motiv kein Raum bleibt Es sind daher die Ursachen von denen
die Handlungen abhängen niemals unwiderstehlich und eine gegebene Wirkung ist
nur notwendig wenn den Ursachen welche sie zu erzeugen streben nicht Einhalt
geschieht Dass das was geschieht nicht anders geschehen konnte es hätte denn
Etwas stattfinden müssen was es verhindern konnte kann gewiss jedermann ohne
Bedenken zugeben Aber dies mit dem Namen Notwendigkeit benennen heißt das
Wort in einem von seiner ursprünglichen und familiären Bedeutung von der
Bedeutung welche es in den gewöhnlichen Fällen des Lebens besitzt so
abweichenden Sinne gebrauchen dass es fast auf ein Wortspiel hinausläuft Die
von dem gewöhnlichen Sinne des Worts abgeleiteten Ideenassoziationen werden ihm
trotz Allem was wir tun mögen anhängen und obgleich die
Notwendigkeitslehre sowie sie von den meisten ihrer Anhänger dargestellt wird
vom Fatalismus sehr weit entfernt ist so ist es doch wahrscheinlich dass die
meisten Anhänger der Notwendigkeitstheorie ihren Gefühlen nach mehr oder
weniger Fatalisten sind
Ein Fatalist glaubt nicht nur oder glaubt es halb denn Niemand ist ein
konsequenter Fatalist dass das was geschehen wird das unfehlbare Resultat der
es erzeugenden Ursachen sei was die wahre Notwendigkeitslehre ist sondern er
glaubt auch es sei nutzlos dagegen anzukämpfen es werde geschehen was wir
auch dagegen tun mögen Nun wird ein Bekenner der Notwendigkeitslehre da er
glaubt unsere Handlungen gehen aus unserem Charakter hervor und unser
Charakter sei eine Folge unserer Organisation unserer Erziehung und unserer
Umstände in Beziehung auf seine eigenen Handlungen leicht und mehr oder weniger
bewusst zum Fatalisten und glaubt seine Natur sei von der Art oder seine
Erziehung und seine Umstände hätten seinen Charakter so geformt dass ihn nun
nichts mehr verhindern könne auf eine besondere Weise zu fühlen und zu handeln
oder dass ihn wenigstens seine eigenen Bemühungen nicht daran verhindern können
Mit den Worten der Sekte welche diese bedeutungsvolle Lehre in unseren Tagen am
beharrlichsten gepredigt und am verkehrtesten aufgefasst hat wird sein
Charakter für ihn nicht durch ihn gebildet es ist daher für ihn nutzlos zu
wünschen er wäre andere gebildet es steht nicht in seiner Macht ihn zu
ändern Dies ist aber ein großer Irrtum Bis zu einem gewiesen Grade hat er
die Macht seinen Charakter zu ändern Wenn er auch in letzter Instanz für ihn
gebildet ist so ist dies doch damit nicht unverträglich dass er zum Teil
durch ihn als durch eines der unmittelbaren Agentien gebildet werde Sein
Charakter wird durch seine Umstände gebildet unter diesen seine besondere
Organisation inbegriffen aber sein eigener Wunsch ihn in einer besonderen
Weise zu bilden ist einer dieser Umstände und keineswegs einer von denen die
am wenigsten Einfluss haben Wir können zwar nicht direkt anders sein wollen als
wir sind aber diejenigen von denen angenommen wird sie hätten unsern
Charakter gebildet wollten auch nicht direkt dass wir das sein sollten was
wir sind Ihr Wille hat nur über ihre eigenen Handlungen eine direkte Gewalt
Sie machten uns zu dem wozu sie uns machen wollten indem sie nicht das Ende
sondern die erforderlichen Mittel wollten und wenn unsere Gewohnheiten nicht zu
sehr eingewurzelt sind so Können auch wir wenn wir die erforderlichen Mittel
wollen uns anders machen Wenn jene uns unter den Einfluss gewisser Umstände
bringen konnten so können wir uns unter den Einfluss anderer Umstände bringen
Wir sind genau so gut im Stande unsern eigenen Charakter für uns zu machen
wenn wir wollen als andere ihn für uns machen können
Ja antwortet der Owenit aber diese Worte »wenn wir wollen« geben die
ganze Behauptung wieder auf da der Wille unsern eigenen Charakter zu ändern
uns nicht durch unsere eigenen Bemühungen sondern durch Umstände gegeben wird
die wir nicht ändern können er kommt uns entweder von äußeren Ursachen oder
gar nicht Sehr wahr wenn der Owenit dabei stehen bleibt so befindet er sich
in einer Position aus der ihn nichts vertreiben kann Unser Charakter wird
sowohl durch uns gebildet als auch für uns aber der Wunsch der uns zu dem
Versuche veranlasst ihn zu bilden wird für uns gebildet und wie Im
allgemeinen nicht durch unsere Organisation noch gänzlich durch unsere
Erziehung aber durch unsere Erfahrung durch die Erfahrung der schmerzlichen
Folgen des Charakters den wir früher hatten oder durch irgend ein starkes
zufällig erregtes Gefühl der Bewunderung oder des Verlangens Aber zu glauben
wir hätten nicht die Macht unsern Charakter zu ändern und zu glauben wir
werden unsere Macht nicht gebrauchen es sei denn wir wünschten sie zu
gebrauchen sind sehr verschiedene Dinge und haben eine sehr verschiedene
Wirkung auf den Geist Ein Mensch der seinen Charakter nicht zu ändern wünscht
kann nicht der Mensch sein von dem man annimmt er fühle sich dadurch
entmutigt und gelähmt dass er denkt er wäre unfähig es zu tun Die
niederdrückende Wirkung der fatalistischen Lehre kann nur da gefühlt werden wo
ein Wunsch vorhanden ist das zu tun was diese Lehre als unmöglich darstellt
Es ist ohne Bedeutung was wir als das unsern Charakter Bildende annehmen wenn
wir selbst keinen eigenen Wunsch in Betreff seiner Bildung haben aber es ist
von großer Wichtigkeit uns nicht dadurch abhalten zu lassen einen solchen
Wunsch zu fassen dass wir dessen Erfüllung für unausführbar halten es ist von
Wichtigkeit dass wenn wir den Wunsch haben wir wissen dass das Werk nicht so
unabänderlich getan ist um einer Änderung gar nicht mehr zugänglich zu sein
Und in der Tat werden wir bei genauer Prüfung finden dass dieses Gefühl
der Fähigkeit unsern Charakter zu ändern wenn wir wünschen selbst das Gefühl
von geistiger Freiheit ist dessen wir uns bewusst sind Derjenige fühlt sich
moralisch frei welcher fühlt dass seine Gewohnheiten und seine Versuchungen
nicht Herr über ihn sind sondern dass er Herr über sie ist welcher auch wenn
er ihnen nachgibt weiß er könnte ihnen widerstehen und dass wenn er sie
gern vollständig abwerfen möchte kein stärkeres Verlangen dazu erforderlich
wäre als er sich selbst im Stande weiß zu fühlen um unser Bewusstsein der
Freiheit vollständig zu machen ist es natürlich nötig dass es uns gelungen
sei unsern Charakter zu allem dem zu machen wozu wir ihn bisher zu machen
suchten denn wenn wir gewünscht und unsern Wunsch nicht erfüllt gesehen haben
so haben wir keine Gewalt über unsern eigenen Charakter wir sind nicht frei
Oder wir müssen wenigstens fühlen dass unser Wunsch wenn er auch nicht stark
genug ist um unsern Charakter zu ändern doch stark genug ist um denselben zu
besiegen wenn Wunsch und Charakter in einem besonderen praktischen Falle mit
einander in Konflikt geraten sollten
Die Anwendung eines so unpassenden Wortes wie Notwendigkeit auf die Lehre
von Ursache und Wirkung in Betreff des menschlichen Charakters scheint mir einer
der ausgezeichnetsten Fälle von Missbrauch der Wörter in der Philosophie und
die praktischen Folgen desselben eines der schlagendsten Beispiele vor der
Gewalt der Sprache über unsere Ideenassoziationen zu sein Ehe dieses Wort
aufgegeben ist wird man den Gegenstand niemals allgemein verstehen Indem die
Lehre vom freien Willen genau jenen Teil der Wahrheit im Auge behielt den das
Wort Notwendigkeit dem Blick entrückt die Macht des Geistes nämlich bei der
Bildung seines eigenen Charakters mitzuwirken hat sie ihren Anhängern ein
praktisches Gefühl gegeben das der Wahrheit viel näher ist als es im Geiste
der Anhänger der Notwendigkeitslehre im allgemeinen wie ich glaube existiert
hat Die letzteren mögen ein stärkeres Bewusstsein von der Wichtigkeit dessen
gehabt haben was menschliche Wesen tun können um einander die Charaktere zu
bilden aber die Lehre vom freien Willen hat wie ich glaube bei ihren
Anhängern einen viel stärkeren Geist der Selbstkultur genährt
4 Es bleibt außer der Existenz eines Vermögens der Selbstbildung noch
eine Tatsache zu beachten bevor die Lehre von der Verursachung menschlicher
Handlungen von der Verwirrung und den Missverständnissen befreit werden kann
womit sie in dem Geiste Vieler umgeben ist Wenn man sagt der Wille sei durch
Motive bestimmt so versteht man unter Motiv nicht immer oder nicht allein die
Antizipation eines Vergnügens oder eines Schmerzes Ich werde hier nicht
untersuchen ob es wahr ist dass alle unsere freiwilligen Handlungen im Anfang
bloß mit Bewusstsein gebrauchte Mittel sind um ein Vergnügen zu erlangen oder
einen Schmerz zu vermeiden Es ist wenigstens gewiss dass wir durch den
Einfluss der Ideenassoziation allmälig dahin kommen die Mittel zu wünschen
ohne an den Zweck zu denken die Handlung selbst wird zu einem Gegenstand des
Verlangens und wird ausgeführt ohne dass sie auf irgend ein anderes Motiv
bezogen würde als auf sich selbst Soweit kann noch immer der Einwurf gemacht
werden dass da uns die Handlung durch Ideenassoziation angenehm geworden ist
wir soviel wie vorher durch die Antizipation eines Vergnügens bewegt werden zu
handeln nämlich durch das Vergnügen an der Handlung selbst Aber wenn wir auch
dieses zugeben so ist die Sache damit nicht zu Ende Sowie wir bei der Bildung
von Gewohnheiten fortschreiten und uns gewöhnen eine besondere Handlung oder
Handlungsweise zu wollen weil sie angenehm ist so werden wir sie zuletzt auch
noch ahne eine jede Beziehung auf ihr Angenehmsein wollen Obgleich wir wegen
einer Veränderung in uns oder in unseren Umständen kein Vergnügen mehr an der
Handlung oder vielleicht in der Antizipation eines Vergnügens als einer Folge
derselben finden so wünschen wir die Handlung doch immer noch und begehen sie
folglich In dieser Weise geschieht es dass die Gewohnheiten einer schädlichen
Ausschweifung immer noch befolgt werden wenn sie auch aufgehört haben angenehm
zu sein und in dieser Weise geschieht es auch dass die Gewohnheit in der
gewählten Bahn beharren zu wollen den moralischen Helden auch dann nicht
verlässt wenn der Lohn den er ohne Zweifel in dem Bewusstsein des Rechttuns
findet wie reell er auch sein mag alles andere nur kein Äquivalent für die
Leiden ist welche er erduldet oder für die Wünsche denen er vielleicht
entsagt
Eine Gewohnheit zu wollen wird gewöhnlich ein Vorsatz genannt und unter die
Ursachen unseres Wollens und der daraus fließenden Handlungen müssen nicht
allein Neigungen und Abneigungen sondern auch Vorsätze gerechnet werden Nur
wenn unsere Vorsätze von den Gefühlen von Schmerz oder Vergnügen aus denen sie
ursprünglich entsprangen unabhängig geworden sind sagt man von uns wir hätten
einen festen Charakter »Ein Charakter« sagt Novalis »ist ein vollständig
gebildeter Wille« und der einmal so gebildete Wille kann stetig und beständig
bleiben wenn auch die passiven Empfänglichkeiten für Vergnügen und Schmerz sehr
geschwächt oder wesentlich verändert sind
Nach den nun gegebenen Berichtigungen und Erklärungen kann hoffentlich die
Lehre von der Verursachung unseres Wollens durch Motive und der Motive durch
die aus dargebotenen wünschenswerten Gegenstände in Verbindung mit unseren
besonderen Empfänglichkeiten für das Verlangen für die Zwecke dieses Werkes als
hinlänglich festgestellt betrachtet werden
1 Es ist eine gewöhnliche Ansicht oder die Ansicht liegt wenigstens in
vielen gewöhnlichen Sprechweisen dass die Gedanken die Gefühle und die
Handlungen empfindender Wesen nicht in demselben strengen Sinne Gegenstand der
Wissenschaft sind wie die äußeren Gegenstände der Natur Diese Ansicht scheint
eine Ideenverwirrung einzuschließen
Alle Tatsachen welche nach beständigen Gesetzen aus einander hervorgehen
sind an sich ein geeigneter Gegenstand der Wissenschaft obgleich jene Gesetze
vielleicht noch nicht entdeckt oder mit unseren Hilfsmitteln gar nicht zu
entdecken sind Nehmen wir zB die bekannteste Klasse von meteorologischen
Erscheinungen den Regen und den Sonnenschein Der wissenschaftlichen Forschung
ist es noch nicht gelungen die Ordnung von Vorausgang und Folge so zu
bestimmen dass wir wenigstens in unseren Gegenden im Stande wären sie mit
Gewissheit oder auch nur mit großer Wahrscheinlichkeit vorauszusagen Dennoch
zweifelt niemand dass diese Erscheinungen von Gesetzen abhängen und dass diese
Gesetze derivative aus bekannten letzten Gesetzen aus denen der Wärme der
Verdunstung und der elastischen Flüssigkeiten hervorgehende Gesetze sein müssen
Auch kann es nicht bezweifelt werden dass wenn wir mit allen diesen
vorausgängigen Umständen bekannt wären wir sogar aus diesen allgemeineren
Gesetzen den Zustand des Wetters in einer gegebenen zukünftigen Zeit
vorbehaltlich der Rechnungsfehler voraussagen könnten Die Meteorologie
besitzt daher nicht allein ein jedes natürliche Erfordernis eine Wissenschaft
sondern sie ist wirklich eine Wissenschaft obgleich wegen der schwierigen
Beobachtung der Tatsachen von denen die Erscheinungen abhängig sind eine
Schwierigkeit die der eigentümlichen Natur der Erscheinungen inhäriert diese
Wissenschaft sehr unvollkommen ist auch würde sie wenn sie vollkommen wäre in
der Praxis vielleicht wenig nützen da die für die Anwendung ihrer Prinzipien
erforderlichen Data nur selten zu erhalten wären
Zwischen der vollkommenen und dieser äußerst unvollkommenen Wissenschaft
kann man sich einen Fall von einem intermediären Charakter denken Es kann sich
treffen dass die größeren Ursachen diejenigen von denen der Hauptteil der
Erscheinungen abhängig ist in dem Bereich der Beobachtung und des Messens
liegen so dass wenn keine anderen Ursachen dazwischentreten eine vollständige
Erklärung nicht bloß der Erscheinung im allgemeinen sondern auch aller
Abweichungen und Modifikationen die sie zulässt gegeben werden kann Aber
insofern als andere und vielleicht viele andere in ihren einzelnen Wirkungen
unbedeutende Ursachen in vielen oder allen Fällen mit jenen größeren Ursachen
zusammenwirken oder ihnen entgegenwirken weicht die Wirkung mehr oder weniger
von dem ab was sie sein würde wenn die größeren Ursachen allein gewirkt
hätten Wenn nun die kleineren Ursachen der genauen Beobachtung nicht so
beständig oder gar nicht zugänglich sind so kann die Hauptmasse der Wirkung
noch wie vorher erklärt und sogar vorausgesagt werden es werden sich aber
Abweichungen und Modifikationen zeigen welche wir nicht durchgängig erklären
können und unsere Voraussagungen werden nicht genau sondern nur annähernd
erfüllt werden
Dies ist zB der Fall mit der Theorie der Ebbe und Flut Niemand
bezweifelt dass dieselbe wirklich eine Wissenschaft ist Soviel von der
Erscheinung als von der Anziehung der Sonne und des Mondes abhängt verstehen
wir vollständig und können es sogar in Betreff eines ganz unbekannten Teils
der Erdoberfläche mit Sicherheit voraussagen der bei weitem größere Teil des
Phänomens hängt von diesen Ursachen ab Aber Umstände von einer lokalen oder
zufälligen Natur wie die Gestalt des Meeresgrundes die Beschaffenheit der
Küsten die Richtung des Windes etc haben an vielen oder allen Orten einen
Einfluss auf die Höhe und die Zeit der Flut da aber ein Teil dieser Umstände
entweder nicht genau zu kennen nicht genau zu messen oder wenigstens nichts
mit Gewissheit vorauszusehen ist so weicht die Flut an bekannten Orten von dem
aus allgemeinen Prinzipien berechneten Resultat um eine Differenz ab die wir
nicht erklären können und an unbekannten Orten kann sie um eine Differenz
abweichen die wir nicht im Stande sind vorauszusehen oder auch nur zu
vermuten Nichtsdestoweniger ist es aber gewiss dass diese Abweichungen von
Ursachen abhängen und nach Gesetzen unfehlbarer Gleichförmigkeit auf ihre
Ursachen folgen es ist daher die Flutlehre nicht allein eben so gut eine
Wissenschaft wie die Meteorologie sondern sie ist auch was die Meteorologie
bis jetzt wenigstens nicht ist eine praktische und nützliche Wissenschaft Es
können in Betreff der Flut allgemeine Gesetze aufgestellt werden auf diese
Gesetze können Voraussagungen gegründet werden und das Resultat wird in der
Hauptsache wenn auch oft nicht mit vollständiger Genauigkeit den
Voraussagungen entsprechen
Dies ist es was diejenigen meinen oder meinen sollten welche von
Wissenschaften sprechen die keine exakten Wissenschaften sind Die Astronomie
war einst eine Wissenschaft ohne eine exacte Wissenschaft zu sein Erst nachdem
der allgemeine Gang der Planetenbewegungen und deren Störungen erklärt und auf
ihre Ursache zurückgeführt worden waren konnte sie exakt werden Sie ist zu
einer exakten Wissenschaft geworden weil ihre Phänomene unter Gesetze gebracht
wurden die das Ganze der Ursachen umfassen durch welche die Phänomene in hohem
oder in niederem Grade in allen oder nur in einigen Fällen infuliert werden und
die einer jeden dieser Ursachen den ihr wirklich zukommenden Antheil an der
Wirkung zuweisen Die einzigen bis jetzt in der Theorie der Ebbe und Flut genau
bestimmten Gesetze sind aber die Gesetze der Ursachen welche das Phänomen in
allen Fällen und in einem beträchtlichen Grade affizieren während andere
Ursachen die es nur in einigen oder wenn in allen Fällen nur in einem
geringen Grade affizieren noch nicht hinreichend bestimmt sind um uns zu
erlauben ihre Gesetze aufzustellen noch weniger aber das vollständige Gesetz
des Phänomens in der Art abzuleiten dass wir die Wirkungen der größeren
Ursachen mit denen der kleineren verbinden Die Lehre von der Ebbe und Flut ist
daher noch keine exacte Wissenschaft nicht wegen der inhärenten Unfähigkeit es
zu sein sondern der Schwierigkeit wegen die wirklichen derivativen
Gleichförmigkeit mit völliger Genauigkeit zu bestimmen Durch eine Kombination
der genauen Gesetze der größeren Ursachen und der hinlänglich bekannten Gesetze
der kleineren mit denjenigen empirischen Gesetzen oder denjenigen annähernden
Generalisationen in Betreff der verschiedenen Abweichungen welche durch
spezifische Beobachtung zu erhalten sind können wir allgemeine Urteile
aufstellen welche der Hauptsache nach wahr sind und auf welche wir wenn wir
den Grad von wahrscheinlicher Ungenauigkeit in Anschlag bringen unsere
Erwartungen und unsere Praxis mit Sicherheit gründen können
2 Die Wissenschaft von der menschlichen Natur ist von dieser Art Sie
erreicht bei weitem nicht das Maß von Genauigkeit wie die Astronomie es ist
aber kein Grund vorhanden dass sie nicht eben so gut eine Wissenschaft sein
sollte wie die Flutlehre oder wie die Astronomie war als ihre Rechnungen
zwar die Haupterscheinungen aber nicht die Perturbationen bemeistert hatten
Da die Phänomene womit sich diese Wissenschaft befasst die Gedanken die
Gefühle und die Handlungen menschlicher Wesen sind so würde sie die ideale
Vollkommenheit einer Wissenschaft erreicht haben wenn sie uns in den Stand
setzte mit derselben Gewissheit vorauszusagen wie ein Individuum sein ganzes
Leben hindurch denken fühlen und handeln wird womit die Astronomie uns
erlaubt die Orte und die Verfinsterungen der Himmelskörper vorauszusagen Es
ist kaum nötig zu sagen dass dies nicht einmal annäherungsweise geschehen
kann Die Handlungen von Individuen können nicht mit wissenschaftlicher
Genauigkeit vorausgesagt werden wäre es auch nur weil wir das Ganze der
Umstände in welchen diese Individuen sich befinden werden nicht vorhersehen
können Aber es kann auch sogar bei einer gegebenen Kombination von
gegenwärtigen Umständen keine zugleich präzise und allgemein wahre Behauptung
bezüglich der Art wie menschliche Wesen denken fühlen oder handeln werden
gemacht werden Aber nicht darum weil jedermanns Art zu denken zu fühlen und
zu handeln nicht von Ursachen abhängig ist auch ist es gar nicht zweifelhaft
dass wenn unsere Data in Beziehung auf irgend ein Individuum vollständig sein
könnten wir sogar jetzt schon genug von den letzten Gesetzen durch welche
geistige Erscheinungen bestimmt werden wissen um in vielen Fällen mit
ziemlicher Gewissheit voraussagen zu können was in der größeren Anzahl von
voraussetzbaren Kombinationen von Umständen seine Handlungsweise oder seine
Denkungsart sein würde Aber die Eindrücke und die Handlungen menschlicher Wesen
sind nicht das Resultat ihrer gegenwärtigen Umstände allein sondern sie sind
das Gesamtresultat dieser Umstände und des Charakters der Individuen und die
Agentien welche den menschlichen Charakter bestimmen sind so zahlreich und
verschieden indem nichts was einem das Leben hindurch begegnet ohne Einfluss
bleibt dass sie im Durchschnitt niemals in zwei Fällen genau ähnlich sind
Wenn daher auch unsere Wissenschaft von der menschlichen Natur theoretisch
vollkommen wäre dh wenn wir aus gegebenen Daten einen Charakter berechnen
könnten wie wir die Bahn eines Planeten berechnen können so könnten wir
dennoch weder positive Voraussagungen machen noch allgemeine Sätze aufstellen
da die Data niemals alle gegeben noch in verschiedenen Fällen jemals genau
gleich sind
Insofern aber viele von diesen Wirkungen welche der menschlichen
Vorausgicht und Beherrschung zu unterwerfen von höchster Wichtigkeit ist
ähnlich der Flut bei weitem mehr durch allgemeine Ursachen als durch alle
partiellen Ursachen zusammengenommen bestimmt werden indem sie in der
Hauptsache von den Umständen und Eigenschaften abhängen welche allen Menschen
oder wenigstens einem großen Theile derselben gemein sind und nur in einem
geringen Grade von den Idiosynkrasien der Organisation oder der besonderen
Geschichte des Individuums so ist es mit Rücksicht auf alle diese Wirkungen
offenbar möglich Voraussagungen zu machen die sich fast immer bewähren werden
und allgemeine Sätze Urteile aufzustellen welche fast immer wahr sein
werden Und wenn es genügt zu wissen wie die große Mehrheit des
Menschengeschlechts oder einer Nation oder einer Klasse von Personen denken
fühlen und handeln wird so werden diese Sätze allgemeinen Sätzen äquivalent
sein Für die Zwecke der politischen und sozialen Wissenschaft ist dies
genügend So wie wir früher bemerkten ist eine annähernde Generalisation bei
sozialen Untersuchungen für die meisten praktischen Zwecke mit einer genauen
Generalisation gleichbedeutend eine Generalisation welche nur wahrscheinlich
ist wenn sie von individuellen und ohne Unterschied gewählten menschlichen
Wesen behauptet wird ist gewiss wenn sie von dem Charakter und der gesamten
Handlungsweise von Massen behauptet wird
Es ist daher keine Herabsetzung der Wissenschaft von der menschlichen Natur
wenn diejenigen ihrer allgemeinen Sätze welche hinreichend ins Detail eingehen
um als eine Grundlage für die Voraussagung von Phänomenen im Konkreten zu
dienen meistenteils nur annäherungsweise wahr sind Um aber dem Studium einen
acht wissenschaftlichen Charakter zu geben ist es unbedingt nötig dass diese
annähernden Generalisationen welche an und für sich nur auf die niedrigste Art
von empirischen Gesetzen hinauslaufen würden deduktiv mit den Naturgesetzen
aus denen sie hervorgehen verbunden seien dass sie in die Eigenschaften von
denen die Phänomene abhängen aufgelöst seien
Mit anderen Worten man kann sagen die Wissenschaft von der menschlichen
Natur existiere im Verhältnis als die approximativen Wahrheiten welche eine
praktische Kenntnis des Menschengeschlechts zusammensetzen als Folgesätze der
allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur auf denen sie beruhen dargestellt
werden können wodurch die eigentlichen Grenzen dieser approximativen Wahrheiten
gezeigt und wir in den Stand gesetzt würden als eine Antizipation der
spezifischen Erfahrung andere Wahrheiten aus irgend einem neuen Zustande der
Umstände abzuleiten
Der eben angegebene Satz ist der Text wovon die beiden folgenden Kapitel
den Kommentar geben werden
1 Was der Geist oder was die Materie ist und ähnliche Fragen in
Beziehung auf die Dinge an sich und als von ihren fühlbaren Kundgebungen
unterschieden sind Betrachtungen die dem Zwecke dieses Werkes fremd sind Wie
bei unserer ganzen Untersuchung so werden wir uns auch hier aller Spekulationen
über die eigene Natur des Geistes enthalten und unter den Gesetzen des Geistes
die Gesetze der geistigen Phänomene der verschiedenen Gefühle oder Zustände des
Bewusstseins empfindender Wesen verstehen Nach der von uns beständig befolgten
Klassifikation sind dieselben Gefühle Gemütsbewegungen Emotionen
Willensakte und Empfindungen Sensationen indem die letzteren eben so gut
Zustände des Geistes sind wie die ersteren In der Tat ist es üblich von
Empfindungen als von Zuständen des Körpers und nicht des Geistes zu sprechen Es
ist dies aber die gewöhnliche Verwechselung indem man einem Phänomen und der
nächsten Ursache oder den Bedingungen des Phänomens ein und denselben Namen
gibt Das unmittelbare Antezedens einer Sensation ist ein Zustand des Körpers
aber die Sensation selbst ist ein Zustand des Geistes Wenn das Wort Geist
überhaupt etwas bedeutet so bedeutet es das Fühlende Welche Ansicht wir auch
in Betreff der fundamentalen Verschiedenheit oder Identität von Materie und
Geist haben mögen so wird doch in einem jeden Falle die Unterscheidung zwischen
geistigen und physischen Tatsachen zwischen der inneren und äußeren Welt als
ein Gegenstand der Klassifikation verbleiben und in dieser Klassifikation
müssen Sensationen so gut wie alle anderen Gefühle als geistige Phänomene
angeführt werden Der Mechanismus ihrer Erzeugung sowohl im Körper selbst als
auch in der sogenannten äußeren Natur ist alles was füglich als physisch
klassifiziert werden kann
Die Phänomene des Geistes sind also die verschiedenen Gefühle unserer Natur
sowohl die unpassend als physisch bezeichneten als auch die als besonders
geistig bezeichneten Gefühle und unter Gesetzen des Geistes verstehe ich die
Gesetze nach denen sich diese Gefühle einander erzeugen
2 Alle Zustände des Geistes werden unmittelbar entweder durch andere
Zustände des Geistes oder durch Zustände des Körpers erzeugt Wenn ein
Geisteszustand durch einen anderen Geisteszustand erzeugt wird so nenne ich das
dabei in Betracht kommende Gesetz ein Gesetz des Geistes Wenn ein
Geisteszustand durch einen Zustand des Körpers erzeugt wird so ist das Gesetz
ein Gesetz des Körpers und als solches gehört es der physikalischen
Wissenschaft an
In betreff der Sensationen genannten Geisteszustände stimmen Alle darin
überein dass dieselben körperliche Zustände als unmittelbare Antecedentien
haben Eine jede Empfindung hat als nächste Ursache eine Erregung des Theiles
unseres Körpers den man das Nervensystem nennt es entspringe diese Erregung
aus der Wirkung eines äußeren Gegenstandes oder aus einem pathologischen
Zustand des Nervensystems selbst Die Gesetze dieses Theiles unserer Natur
unsere verschiedenen Sensationen und die physischen Zustände von denen sie
zunächst abhängen gehören offenbar in den Bereich der Physiologie
Ob der übrige Teil unserer Geisteszustände in ähnlicher Weise von
physischen Zuständen abhängt ist eine der vexatae quaestiones der Wissenschaft
von der menschlichen Natur Es wird noch darüber gestritten ob unsere Gedanken
Emotionen und Willensakte durch die Vermittlung eines materiellen Mechanismus
erzeugt werden ob wir in demselben Sinne wie wir Organe der Empfindung auch
Organe des Gedankens und der Emotion haben Viele eminente Physiologen behaupten
es Sie behaupten zB dass ein Gedanke ebenso sehr das Resultat einer
Nerventätigkeit sei wie eine Empfindung dass ein besonderer Zustand unseres
Nervensystems insbesondere jenes zentralen Gehirn genannten Teils einem jeden
Zustand unseres Bewusstseins beständig vorausgehe und von ihm vorausgesetzt
werde Nach dieser Theorie wird niemals ein Zustand des Geistes wirklich von dem
anderen erzeugt sondern alle Geisteszustände werden durch Zustände des Körpers
hervorgerufen Wenn ein Gedanke den andern durch Ideenassoziation hervorzurufen
scheint so ist es nicht wirklich ein Gedanke welcher einen Gedanken
zurückruft die Assoziation bestand nicht zwischen den zwei Gedanken sondern
zwischen den zwei Zuständen des Gehirns oder der Nerven die den Gedanken
vorausgingen der eine dieser Zustände ruft den andern hervor während ein jeder
bei seinem Vorübergehen von jenem besonderen Zustand des Bewusstseins begleitet
ist der eine Folge von ihm ist Nach dieser Theorie wären die
Gleichförmigkeit der Sukzession von Geisteszuständen bloße abgeleitete
Gleichförmigkeit die aus den Gesetzen der Sukzession der sie verursachenden
Zustände des Körpers hervorgehen Es würde darnach keine ursprünglichen
geistigen Gesetze keine Gesetze des Geistes in dem Sinne geben in dem ich das
Wort gebrauche und die Wissenschaft des Geistes würde ein bloßer Zweig wenn
auch der höchste und dunkelste Zweig der Physiologie sein Hr Comte will
deshalb die Erkenntnis moralischer und intellektueller Erscheinungen
ausschließlich den Physiologen vorbehalten sehen und spricht der Psychologie
oder der Geistesphilosophie im eigentlichen Sinne nicht allein den Charakter
einer Wissenschaft ab sondern setzt sie auch der chimärischen Natur ihres
Gegenstandes und ihrer Ansprüche wegen fast auf gleiche Stufe mit der
Astrologie
Nachdem alles gesagt worden ist was gesagt werden kann bleibt es aber
unbestreitbar dass zwischen Zuständen des Geistes Gleichförmigkeit der Folge
bestehen und dass dieselben durch Beobachtung und Experiment bestimmt werden
können Ebenso dass wenn es auch höchst wahrscheinlich ist dass ein jeder
Geisteszustand als unmittelbares Antezedens und nächste Ursache einen
Nervenzustand hat dies doch bis jetzt nicht in derselben bündigen Weise
bewiesen ist wie es von den Sensationen bewiesen werden kann und selbst wenn
es gewiss wäre so müsste doch ein jeder zugeben dass wir mit dem
Charakteristischen dieser Nervenzustände durchaus unbekannt sind wir wissen
nicht und besitzen auch bis jetzt noch keine Mittel um zu erkennen in welcher
Beziehung sie sich von einander unterscheiden und die einzige Art und Weise
ihre Sukzessionen oder ihre Koexistenz zu studieren kann nur in der Beobachtung
des Aufeinanderfolgens oder des Zugleichseins der geistigen Zustände bestehen
von denen sie der Voraussetzung nach die Erzeuger und die Ursachen sind Die
Sukzessionen welche zwischen geistigen Phänomenen bestehen können daher nicht
aus den physiologischen Gesetzen unseres Nervensystems abgeleitet werden und
eine jede reale Erkenntnis derselben muss für eine lange Zeit wenigstens wenn
nicht für immer in dem direkten Studium der geistigen Sukzessionen selbst durch
Beobachtung und Experiment gesucht werden Da also die Ordnung unserer geistigen
Erscheinungen an diesen Erscheinungen selbst studiert werden muss und nicht aus
den Gesetzen allgemeinerer Erscheinungen gefolgert werden kann so gibt es eine
unterschiedene und besondere Wissenschaft des Geistes
Das Verhältnis dieser Wissenschaft zur Physiologie darf in der Tat nicht
übersehen oder unterschätzt werden Es darf keineswegs vergessen werden dass
die Gesetze des Geistes derivative aus den Gesetzen des tierischen Lebens
hervorgehende Gesetze sein können und dass daher ihre Wahrheit zuletzt von
physischen Zuständen abhängig sein kann dass der Einfluss der physiologischen
Zustände oder der physiologischen Veränderungen auf die Veränderung oder
Aufhebung der geistigen Sukzessionen einer der wichtigsten Zweige der
Psychologie ist Aber die Hilfsmittel der psychologischen Analyse zu verwerfen
und die Geisteslehre auf Data zu gründen wie sie die Physiologie bis jetzt
darbietet scheint mir von der andern Seite ein eben so großer Irrtum im
Prinzip zu sein und ein sehr ernstlicher Irrtum in der Praxis Wie
unvollkommen auch die Wissenschaft des Geistes sein mag so stehe ich doch nicht
an zu behaupten dass sie bedeutend weiter vorgeschritten ist als der ihr
entsprechende Teil der Physiologie und die erstere für die letztere
hinwegzugeben scheint mir eine Verletzung der wahren Regeln der induktiven
Philosophie eine Verletzung welche in einigen sehr wichtigen Zweigen der
Wissenschaft von der menschlichen Natur irrige Schlüsse nach sich zieht und
ziehen muss
3 Die Gleichförmigkeit der Folge die letzten oder auch die
abgeleiteten Gesetze nach denen unsere geistigen Zustände auf einanderfolgen
nach denen der eine Zustand von dem andern verursacht wird oder wenigstens
veranlagst wird ihm zu folgen bilden den Gegenstand der Psychologie Von
diesen Gesetzen sind einige allgemeine Gesetze andere sind spezielle Die
folgenden sind Beispiele der allgemeineren Gesetze
Erstens Wenn gleichgültig durch welche Ursache irgend ein Zustand des
Bewusstseins einmal in uns erregt worden ist so kann ein niedrigerer Grad
desselben Zustandes des Bewusstseins ein dem ersteren ähnlicher aber weniger
intensiver Zustand des Bewusstseins in uns hervorgebracht werden ohne dass die
Ursache welche ihn zuerst erregte zugegen wäre Wenn wir einen Gegenstand
einmal gesehen oder berührt haben so können wir uns später den Gegenstand
denken wenn er auch nicht im Bereich unseres Gesichtes und unserer Berührung
ist Wenn wir bei einem Ereignis einmal Schmerz oder Freude empfunden haben so
können wir an unseren vergangenen Schmerz und unsere vergangene Freude denken
oder uns ihrer erinnern wenn auch kein neues Ereignis voll einer glücklichen
oder schmerzhaften Natur stattgefunden hat Wenn ein Dichter ein geistiges Bild
eines imaginären Gegenstandes ein Schloss der Indolenz eine Una oder einen
Hamlet zusammengesetzt hat so kann er alsdann an die idealen Gegenstände seiner
Schöpfung denken ohne dass ein neuer Akt einer geistigen Kombination nötig
wäre Dieses Gesetz wird so ausgedrückt dass man in der Sprache von Hume sagt
ein jeder geistige Eindruck habe seine Idee
Zweitens Diese Ideen oder sekundären Geisteszustände werden durch unsere
Eindrücke oder durch andere Ideen nach gewissen Gesetzen welche Gesetze der
Ideenassoziation heißen erregt Von diesen Gesetzen ist das erste dass sich
ähnliche Ideen einander zu erregen suchen Das zweite ist dass wenn zwei
Eindrücke häufig erfahren worden sind oder auch gedacht worden sind sei es
gleichzeitig oder auch in unmittelbarer Folge und es kehrt einer dieser
Eindrücke oder die Idee desselben wieder er die Idee des andern zu erregen
sucht Das dritte Gesetz ist dass größere Intensität in dem einen oder in
beiden Eindrücken in Beziehung auf gegenseitige Erregung gleichbedeutend mit
häufigerer Verbindung ist Dies sind die Gesetze der Ideen über welche ich mich
nicht weiter verbreiten werde sondern wofür ich den Leser auf die
psychologischen Fachwerke verweise insbesondere auf Mills Analysis of the
Phenomena of the Human Mind Analyse der Erscheinungen des menschlichen
Geistes wo die Hauptgesetze der Ideenassoziation samt vielen Anwendungen
derselben meisterhaft und weitläufig erläutert werden200
Diese einfachen oder elementaren Gesetze des Geistes sind durch die
gewöhnlichen Methoden der experimentellen Forschung bestimmt worden auch
konnten sie in keiner anderen Weise bestimmt werden Nachdem aber eine gewisse
Anzahl elementarer Gesetze auf diese Weise gewonnen worden ist ist es eine
geeignete Aufgabe für die Wissenschaft zu untersuchen wie weit diese Gesetze
für die Erklärung der wirklichen Phänomene verwendet werden können Es ist klar
dass komplexe Gesetze des Denkens und Fühlens aus diesen einfachen Gesetzen
nicht allein abgeleitet werden können sondern dass sie in der Tat daraus
abgeleitet werden müssen Auch ist zu bemerken dass nicht jeder Fall ein Fall
von Zusammensetzung von Ursachen ist die Wirkung zusammenwirkender Ursachen ist
nicht immer genau die Summe der einzelnen Wirkungen dieser Ursachen noch auch
immer eine Wirkung von derselben Art wie diese Wirkungen Wenn wir hier eine
ähnliche Distinktion machen wie die in der Theorie der Induktion eine so
hervorragende Stelle einnehmende so sind die Gesetze der Geisteserscheinungen
zuweilen den mechanischen zuweilen aber den chemischen Gesetzen analog Wenn
Eindrücke so oft in Verbindung erfahren worden sind dass ein jeder derselben
leicht und augenblicklich die Idee der ganzen Gruppe hervorruft so verschmelzen
diese Ideen zuweilen miteinander und scheinen keine verschiedenen Ideen sondern
nur eine Idee zu sein ähnlich wie die Sensation von weiß erzeugt wird wenn
die sieben prismatischen Farben dem Auge in rascher Folge dargeboten werden So
wie es aber im letzteren Falle korrekt ist zu sagen die rasch aufeinander
folgenden sieben Farben erzeugten weiß nicht aber sie seien wirklich weiß so
scheint es mir dass man sagen sollte die durch das Verschmelzen von
verschiedenen einfacheren Ideen gebildete komplexe Idee wenn sie wirklich
einfach erscheint dh wenn die einzelnen Elemente darin nicht mit Bewusstsein
zu unterscheiden sind resultiere aus den einfachen Ideen oder werde durch
dieselben erzeugt nicht aber sie bestehe daraus Unsere Idee von einer Orange
besteht wirklich aus den einfachen Ideen einer gewissen Farbe einer gewissen
Form eines gewissen Gefühls und Geruchs etc weil wir durch Befragen unseres
Bewusstseins alle diese Elemente in der Idee wahrnehmen können Bei einem
anscheinend so einfachen Gefühl wie unsere Wahrnehmung der Gestalt eines
Gegenstandes durch das Auge können wir aber nicht jene Menge von Ideen
wahrnehmen die sich von anderen Sinnen ableiten und ohne welche wie
nachgewiesen ist solche Gesichtswahrnehmungen niemals stattgefunden hätten
auch können wir in unserer Idee von Ausdehnung jene elementaren von unserem
Muskelwerk sich ableitenden Ideen von Widerstand nicht entdecken aus denen wie
Dr Brown und andere nachgewiesen haben diese Idee entspringt Es sind dies
daher Fälle von geistiger Chemie in denen es passender ist zu sagen die
einfachen Ideen erzeugten die komplexe Idee als sie setzten sie zusammen
In Beziehung auf alle anderen Bestandteile des Geistes in Beziehung auf
seine Meinungen Glauben seine abstruseren Begriffe seine Gedanken seine
Emotionen und sein Wollen glauben Manche unter ihnen Hartley und der Verfasser
der Analysis das Ganze derselben sei durch eine Chemie wie wir sie eben
erläutert haben aus einfachen Ideen der Sensation erzeugt Ich kann mich bei
dem jetzigen Stand unseres Wissens nicht überzeugen dass dieser Schluss
erwiesen ist In vielen Fällen kann ich nicht einmal sehen dass die angenommene
Schlussweise sehr darauf hinarbeitet Jene Philosophen haben in der Tat
dargetan dass es ein solches Ding wie eine geistige Chemie gibt dass die
heterogene Natur eines in Beziehung auf B und C betrachteten Gefühles A kein
beweiskräftiges Argument gegen seine Erzeugung durch B und C ist Nachdem sie
dieses bewiesen haben zeigen sie weiter dass da wo A angetroffen wird B und
C gegenwärtig waren oder doch sein konnten und warum also fragen sie sollte A
nicht von B und C erzeugt worden sein Aber selbst wenn dieser Beweis auf den
zulässigen höchsten Grad von Vollständigkeit gebracht wäre wenn gezeigt wäre
was bis jetzt nicht geschah dass gewisse Gruppen von assoziierten Ideen nicht
allein gegenwärtig gewesen sein konnten sondern auch dass sie wirklich immer
gegenwärtig waren wenn das mehr verborgene geistige Gefühl erfahren wurde so
würde dies nur eine Anwendung der Methode der Übereinstimmung sein und könnte
ohne durch den bündigeren Beweis der Differenzmethode bestätigt zu sein keine
Verursachung beweisen Wenn die Frage wäre ob der Glaube ein bloßer Fall von
enger Ideenassoziation ist so würde es nötig sein experimentell zu
untersuchen ob es wahr ist dass irgend welche Ideen vorausgesetzt sie seien
eng genug assoziiert Glauben veranlassen Wenn der Ursprung moralischer Gefühle
zB das Gefühl der moralischen Verdammung die Frage wäre so muss der erste
Schritt darin bestehen dass man alle Arten von Handlungen oder von
Geisteszuständen die moralisch verdammt werden vergleicht und sieht ob in
allen diesen Fällen gezeigt werden kann dass die Handlung oder der
Geisteszustand mit einer besonderen Klasse von hassenswerten und widrigen Ideen
in dem verdammenden Geiste durch Assoziation verknüpft war und so weit ist die
angewandte Methode die der Übereinstimmung Dies ist aber nicht genug Wenn wir
auch alles als bewiesen annehmen so müssen wir noch durch die Differenzmethode
prüfen ob diese besondere Art von hassenswerten und widrigen Ideen wenn sie
sich mit einer vorher gleichgültigen Handlung assoziiert hat diese Handlung zu
einem Gegenstand moralischer Verdammung machen wird Wenn diese Frage im
bejahenden Sinne beantwortet werden kann so ist es als ein Gesetz des
menschlichen Geistes nachgewiesen dass eine derartige Assoziation die
erzeugende Ursache moralischer Verdammung ist Aber diese Experimente sind
entweder niemals versucht worden oder doch nicht mit dem für die Beweiskraft
unerlässlichen Grade von Genauigkeit und werden auch in Anbetracht der
Schwierigkeit des genauen Experimentierens mit dem menschlichen Geiste lange
nicht angestellt werden
Man muss sich ferner daran erinnern dass wenn auch das was diese Theorie
der geistigen Phänomene behauptet bewiesen werden könnte wir darum nicht mehr
im Stande sein würden die Gesetze der komplexeren Gefühle in die der einfachen
Gefühle zu zerlegen Die Erzeugung der einen Art von Geistesphänomenen aus der
anderen ist wenn sie erwiesen werden kann immer eine höchst interessante
Tatsache der psychologischen Chemie aber sie erspart uns so wenig die
Notwendigkeit eines experimentellen Studiums der erzeugten Phänomene als die
Kenntnis der Eigenschaften des Sauerstoffs und Schwefels uns in den Stand
setzt die Eigenschaften der Schwefelsäure ohne spezifische Beobachtung und
Experiment aus jenen Eigenschaften abzuleiten Wie daher auch der Versuch den
Ursprung unserer Meinungen Wünsche und Willensakte aus einfacheren
Geistesphänomenen zu erklären zuletzt ausschlagen möge so ist es darum nicht
weniger erforderlich die Sequenzen der komplexen Phänomene selbst durch
spezifisches Studium nach den Regeln der Induktion zu bestimmen So werden in
Betreff des Glaubens die Psychologen immer zu untersuchen haben welchen Glauben
wir durch das direkte Bewusstsein haben und nach welchen Gesetzen ein Glaube
den andern erzeugt welches die Gesetze sind kraft deren ein Ding entweder mit
Recht oder aus Irrtum von dem Geiste als ein Beweis eines anderen Dinges
anerkannt wird In Beziehung auf das Begehren werden sie zu untersuchen haben
welche Gegenstände wir naturgemäß begehren und welche Ursachen uns
veranlassen uns ursprünglich gleichgültige oder sogar unangenehme Dinge zu
begehren usw Es darf bemerkt werden dass zwischen jenen verwickelteren
Geisteszuständen dieselben allgemeinen Gesetze der Assoziation herrschen wie
zwischen den einfacheren Zuständen Ein Verlangen eine Emotion eine Idee von
der höheren Art von Abstraktion sogar unsere Meinungen und unser Wollen wenn
sie zur Gewohnheit geworden sind werden genau nach denselben Gesetzen durch
Assoziation hervorgerufen wie die einfachen Ideen
4 Es wird natürlich und notwendig sein im Verlauf dieser
Untersuchungen zu prüfen wie weit die Erzeugung eines Geisteszustandes durch
den andern durch irgend einen nachweisbaren körperlichen Zustand beeinflusst
wird Die gewöhnlichste Beobachtung zeigt dass verschiedene Geister für
dieselben psychologischen Ursachen sehr verschieden empfänglich sind Die Idee
eines gegebenen wünschenswerten Gegenstandes zB wird in verschiedenen
Geistern ein Verlangen von sehr verschiedener Intensität erregen Derselbe
Gegenstand der Betrachtung wird verschiedenen Geistern dargeboten in denselben
einen sehr ungleichen Grad von Geistestätigkeit erregen Diese
Verschiedenheiten der geistigen Empfänglichkeit bei verschiedenen Individuen
können erstens sein ursprüngliche und letzte Tatsachen oder zweitens Folgen
der früheren geistigen Geschichte dieser Individuen oder drittens und
letztens Folgen einer verschiedenen physischen Organisation Dass die frühere
geistige Geschichte der Individuen einen Antheil in der Herstellung oder in der
Modifikation ihres ganzen geistigen Charakters haben muss ist eine
unvermeidliche Folge der Gesetze des Geistes dass aber Unterschiede im
Körperbau ebenfalls mitwirken ist die durch die gewöhnliche Erfahrung
bestätigte Meinung aller Physiologen Es ist zu bedauern dass diese Erfahrung
da sie ohne gehörige Prüfung in Bausch und Bogen angenommen wurde bisher zur
Grundlage von empirischen Generalisationen gemacht worden ist die für den
Fortschritt des realen Wissens sehr verderblich waren
Es ist gewiss dass die in den geistigen Prädispositionen oder
Empfänglichkeiten verschiedener Personen wirklich bestehenden natürlichen
Verschiedenheiten oft mit Verschiedenheiten in ihrer organischen Konstitution im
Zusammenhang stehen Es folgt aber hieraus nicht dass diese organischen
Verschiedenheiten in allen Fällen die geistigen Phänomene direkt und unmittelbar
beeinflussen müssen Sie affizieren dieselben häufig vermittelst ihrer
psychologischen Ursachen Die Idee eines besonderen Vergnügens zB kann auch
unabhängig von Gewohnheit und Erziehung bei verschiedenen Personen ein
verschieden starkes Verlangen erregen und dieses kann die Wirkung von
verschiedenen Graden oder Arten von nervöser Sensibilität sein aber wir müssen
uns erinnern dass diese organischen Verschiedenheiten die angenehme Sensation
selbst in der einen dieser Personen intensiver machen wird als in der andern
so dass auch die Idee des Vergnügens ein intensiveres Gefühl sein wird und
durch die Wirkung bloßer geistiger Gesetze ein intensiveres Verlangen erregen
wird ohne dass es dafür nötig wäre anzunehmen das Begehren selbst sei direkt
durch die physische Eigentümlichkeit beeinflusst Wie in diesem so werden in
vielen anderen Fällen solche Verschiedenheiten in der Art oder in der Intensität
der physischen Sensationen wie sie notwendig aus Verschiedenheiten der
körperlichen Organisation hervorgehen müssen für sich allein viele Unterschiede
nicht nur in dem Grade sondern auch in der Art der anderen geistigen Phänomene
erklären Dies ist so wahr dass sogar verschiedene Beschaffenheiten
Qualitäten des Geistes verschiedene Typen des geistigen Charakters
naturgemäß durch bloße Unterschiede in der Intensität der Sensationen im
allgemeinen hervorgebracht werden wie in der in einem früheren Kapitel
angeführten schönen Abhandlung von Dr Priestley angedeutet wird
»Wir erhalten die Empfindungen welche die Elemente alles Wissens bilden
entweder gleichzeitig oder nacheinander wenn wir mehrere gleichzeitig erhalten
wie den Geruch den Geschmack die Farbe die Form usw einer Frucht so macht
ihre Assoziation unsere Idee von einem Gegenstand aus wenn wir sie nacheinander
empfangen so bildet ihre Assoziation die Idee von einem Ereignis Alles was
die Assoziation gleichzeitiger Ideen begünstigt wird daher streben eine
Kenntnis der Gegenstände eine Wahrnehmung von Eigenschaften hervorzubringen
während alles was die Assoziation des Aufeinanderfolgens begünstigt eine
Kenntnis von Ereignissen von der Ordnung der Begebenheiten und von der
Verknüpfung von Ursache und Wirkung hervorzubringen suchen wird mit anderen
Worten in dem einen Falle wird ein perzeptiver Geist mit einem unterschiedenen
Gefühl der angenehmen und der schmerzerregenden Eigenschaften der Dinge ein
Gefühl des Großen und Schönen das Resultat sein in dem andern Falle ein auf
Bewegungen und Phänomene achtender Geist ein argumentierender und
philosophischer Verstand Nun ist es ein anerkannter Grundsatz dass sich alle
während der Anwesenheit eines lebhaften Eindrucks erfahrenen Sensationen mit
diesem Eindruck und mit sich selbst stark asserieren folgt aber daraus nicht
dass die gleichzeitigen Gefühle einer sensitiven Konstitution dh derjenigen
welche lebhafte Eindrücke empfängt sich inniger vermischen als in einem anders
geformten Geiste Wenn diese Meinung richtig ist so führt sie zu der nicht
unwichtigen Folgerung dass da wo die Natur ein Individuum mit großer
ursprünglicher Sensibilität begabt hat es sich wahrscheinlich durch Liebe zur
Naturgeschichte durch einen Geschmack am Schönen und Großen und durch
geistigen Enthusiasmus auszeichnen wird dass aber da wo nur eine mittelmäßige
Sensibilität vorhanden ist eine Liebe zur Wissenschaft zur abstrakten Wahrheit
bei Mangel an Geschmack und Enthusiasmus wahrscheinlich das Resultat sein
werden«
Aus diesem Beispiel ersehen wir dass wenn die allgemeinen Gesetze des
Geistes genauer bekannt wären und vor allem wenn sie auf die ausführliche
Erklärung der geistigen Eigentümlichkeiten geschickter angewendet würden sie
viel mehr von diesen Eigentümlichkeiten erklären würden als man gewöhnlich
glaubt Unglücklicherweise hat die Reaktion der letzten und der gegenwärtigen
Generation gegen die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts eine große
Vernachlässigung dieses Zweiges der analytischen Forschung erzeugt und der
neuere Fortschritt derselben war daher keineswegs ihren früheren Versprechungen
angemessen Die größte Anzahl derjenigen welche die menschliche Natur zum
Gegenstand ihrer Betrachtungen machen nehmen lieber dogmatisch an die
geistigen Verschiedenheiten welche sie unter menschlichen Wesen wahrnehmen oder
wahrzunehmen glauben seien letzte Tatsachen die weder zu erklären noch zu
ändern sind als dass sie sich die Mühe geben sich durch die erforderlichen
Denkprozesse in den Stand zu setzen diese geistigen Verschiedenheiten auf die
äußeren Ursachen von denen sie meistens abhängen und bei deren Beseitigung
sie aufhören würden zu existieren zurückzuführen Die deutsche metaphysische
Schule welche ihre temporäre Herrschaft über den europäischen Gedanken noch
nicht verloren hat hat unter vielen anderen schädlichen Einflüssen auch diesen
Einfluss gehabt und auf der entgegengesetzten Seite der psychologischen Scala
fällt diese Abirrung vom wahren wissenschaftlichen Geist niemand schwerer zur
Last als Herrn Comte
Es ist gewiss dass Verschiedenheiten in der Erziehung und in den äußeren
Umständen bei menschlichen Wesen wenigstens eine adäquate Erklärung des bei
weitem größeren Teils des Charakters darbieten können und dass der Rest zum
großen Teil durch physische Unterschiede in den Sensationen die in
verschiedenen Individuen durch dieselbe äußere oder innere Ursache
hervorgerufen werden zu erklären ist Es gibt indessen einige geistige
Tatsachen welche eine solche Erklärungsweise nicht zuzulassen scheinen Der
Art sind um den stärksten Fall zu nehmen die Instinkte der Tiere und der
diesen Instinkten entsprechende Teil der menschlichen Natur In welcher Weise
dieselben eine genügende oder auch nur plausible Erklärung durch psychologische
Ursachen allein erhalten können hat man nicht einmal hypothetisch
ausgesprochen und es ist starker Grund vorhanden zu glauben dass sie einen
ebenso positiven und sogar einen ebenso direkten und unmittelbaren Zusammenhang
mit physischen Zuständen des Gehirns und der Nerven haben als irgend eine
unserer bloßen Sensationen Eine Voraussetzung wie vielleicht nicht
überflüssig ist zu bemerken welche in keiner Weise der unbestreitbaren
Tatsache entgegen ist dass diese Instinkte bei menschlichen Wesen wenigstens
durch andere Einflüsse und durch Erziehung bis zu einem gewissen Grade
modifiziert oder gänzlich besiegt werden können
Ob organische Ursachen einen direkten Einfluss auf andere Classen von
geistigen Erscheinungen ausüben ist bis jetzt ebenso wenig nachgewiesen worden
als die genaue Natur der organischen Bedingungen der Instinkte Die Physiologie
des Gehirns und des Nervensystems ist indessen in einem so raschen Fortschreiten
begriffen und bringt fortwährend so viele neue und interessante Resultate dass
wenn zwischen geistigen Eigentümlichkeiten und den durch unsere Sinne
erkennbaren Verschiedenheiten im Bau des Gehirns und des Nervenapparats wirklich
ein Zusammenhang stattfindet die Natur dieses Zusammenhanges auf dem besten
Wege ist erkannt zu werden Die letzten Entdeckungen in der Physiologie des
Gehirns scheinen bewiesen zu haben dass ein jeder derartige Zusammenhang einen
von dem durch Gall und seine Anhänger behaupteten radikal verschiedenen
Charakter besitzt und dass welches auch die wahre Theorie des Gegenstandes
einst Bein mag die Phrenologie unhaltbar ist
1 Die in dem vorhergehenden Kapitel charakterisierten Gesetze des Geistes
bilden den allgemeinen und abstrakten Teil der Philosophie der menschlichen
Natur und alle eine praktische Kenntnis der Menschheit konstituierenden
Wahrheiten der gewöhnlichen Erfahrung müssen soweit sie Wahrheiten sind
Resultate oder Folgen derselben sein Solche gewöhnlichen Maxime wenn sie aus
der Lebenserfahrung a posteriori geschlossen wurden nehmen unter den Wahrheiten
der Wissenschaft den Platz von dem ein was wir bei unserer Analyse der
Induktion so häufig empirische Gesetze genannt haben
Ein empirisches Gesetz ist wie man sich erinnern wird eine
Gleichförmigkeit der Sukzession oder der Koexistenz die in allen Fällen
innerhalb der Grenze unserer Beobachtung gültig ist deren Natur jedoch über
diese Grenze hinaus keine Sicherheit gibt entweder weil das Konsequenz nicht
wirklich die Wirkung des Antezedens ist sondern mit ihm nur einen Teil einer
Kette von Wirkungen ausmacht die aus früheren und noch nicht bestimmten
Ursachen fließen oder weil Grund vorhanden ist zu glauben die Sequenz
obgleich ein Fall von Verursachung sei in einfachere Sequenzen auflösbar und
da sie demnach von einem Zusammenwirken verschiedener natürlicher Agentien
abhängig ist einer unbekannten Menge von Möglichkeiten ausgesetzt verhindert
zu werden Mit anderen Worten ein empirisches Gesetz ist eine Generalisation
in Betreff deren wir uns nicht begnügen können sie wahr zu finden sondern bei
der wir fragen müssen warum sie wahr ist indem wir wissen dass ihre Wahrheit
nicht absolut sondern von irgend allgemeineren Bedingungen abhängig ist und
dass wir uns nur soweit auf sie verlassen kann als wir der Erfüllung dieser
Bedingungen sicher sind
Die der gewöhnlichen Erfahrung entnommenen Beobachtungen in Betreff
menschlicher Angelegenheiten sind genau von dieser Natur Auch wenn sie
innerhalb der Grenzen der Erfahrung allgemein und genau wahr wären was niemals
der Fall ist so sind sie doch nicht die letzten Gesetze menschlicher
Handlungen sie sind nicht die Prinzipien der menschlichen Natur sondern
Resultate dieser Prinzipien unter den Umständen in denen sich die Menschheit
zufällig befand Wenn der Psalmist »in seinem Zorn sagt alle Menschen sind
Lügner« so spricht er aus was in manchen Zeiten und Ländern durch reichliche
Erfahrung bewiesen wird es ist aber kein Gesetz der menschlichen Natur zu
lügen obgleich es eine der Folgen der Gesetze der menschlichen Natur ist dass
das Lügen nahezu allgemein ist wenn gewisse äußere Umstände allgemein
vorhanden sind besonders Umstände die gewohnheitsmäßiges Misstrauen und
Furcht erzeugen Wenn behauptet wird die Alten seien von vorsichtigem die
Jungen von heftigem Charakter so ist dies wiederum nur ein empirisches Gesetz
denn nicht ihrer Jugend wegen sind die Jungen heftig und nicht ihres Alters
wegen sind die Alten vorsichtig Der Grund liegt hauptsächlich wenn nicht
gänzlich darin dass die Alten während ihres langen Lebens dessen verschiedene
Übel mehr erfahren haben und dass sie da sie sich diesen Übeln auf
unvorsichtige Weise ausgesetzt durch dieselben mehr gelitten haben oder Andere
leiden gesehen und dadurch der Vorsicht günstige Ideenassoziationen erlangt
haben während die Jungen sowohl aus Mangel an ähnlicher Erfahrung als auch
der stärkeren Neigungen wegen welche sie zu Unternehmungen drängen sich
leichter in dieselben einlassen Hier ist also die Erklärung des empirischen
Gesetzes hier sind die Bedingungen welche zuletzt bestimmen ob das Gesetz
gültig ist oder nicht Wenn ein alter Mann nicht öfter als die meisten Jünglinge
mit Gefahren und Schwierigkeiten in Berührung gekommen ist so wird er gleich
unvorsichtig sein wenn ein Jüngling keine stärkeren Neigungen hat als ein
alter Mann so wird er wahrscheinlich wenig unternehmend sein Das empirische
Gesetz leitet die Wahrheit welche es besitzt von den Kausalgesetzen ab von
denen es eine Folge ist Wenn wir diese Gesetze kennen so kennen wir auch die
Grenzen des abgeleiteten Gesetzes während wenn wir das empirische Gesetz noch
nicht erklärt haben wenn es bloß eine Beobachtung bleibt in seiner
Anwendung über die Grenzen der Zeit des Ortes und der Umstände hinaus in denen
die Beobachtungen gemacht wurden keine Sicherheit liegt
Die wahrhaft wissenschaftlichen Wahrheiten sind daher nicht jene empirischen
Gesetze sondern die Kausalgesetze welche dieselben erklären Die empirischen
Gesetze dieser Erscheinungen welche von bekannten Ursachen abhängen und von
denen daher eine allgemeine Theorie aufgestellt werden kann haben in der
Wissenschaft keine andere Funktion als die Schlüsse der Theorie zu verifizieren
was auch sonst ihr Werth in der Praxis sein mag Dies muss um so mehr der Fall
sein wenn die meisten der empirischen Gesetze sogar innerhalb der Grenzen der
Beobachtung nur auf annähernde Generalisationen hinauslaufen
2 Dies ist indessen nicht so sehr wie man zuweilen annimmt eine
Eigentümlichkeit der sogenannten moralischen Wissenschaften
Geisteswissenschaften Empirische Gesetze sind überhaupt nur in den
einfachsten Zweigen der Wissenschaft genau wahr und auch da nicht immer Die
Astronomie zB ist die einfachste von allen Wissenschaften welche den
wirklichen Lauf von Naturereignissen erklären Die Ursachen oder Kräfte von
welchen die astronomischen Erscheinungen abhängen sind an Zahl geringer als
diejenigen welche irgend eine andere der großen Naturerscheinungen bestimmen
Da hier eine jede Wirkung aus dem Konflikt von nur wenigen Ursachen hervorgeht
so darf ein hoher Grad von Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit unter den
Wirkungen erwartet werden dies ist aber auch wirklich der Fall sie besitzen
eine feste Ordnung und kehren in Cyclen wieder Aber Sätze welche mit absoluter
Genauigkeit die aufeinander folgenden Stellungen eines Planeten bis zur
Vollendung des Cyclus ausdrücken würden von einer fast unbesiegbaren
Verwickelung sein und könnten nur durch die Theorie gewonnen werden Die
Generalisationen welche in Betreff dieses Gegenstandes aus der direkten
Beobachtung gefolgert werden können wären sie auch der Art wie die Keplerschen
Gesetze sind bloße Annäherungen da sich die Planeten ihrer gegenseitigen
Störungen wegen nicht genau in Ellipsen bewegen Man darf daher sogar in der
Astronomie nicht nach vollkommener Genauigkeit der empirischen Gesetze suchen
noch weniger aber in den verwickelteren Gegenständen der Forschung
Dasselbe Beispiel zeigt wie wenig aus der Unmöglichkeit andere als
annähernde empirische Gesetze von den Wirkungen aufzustellen gegen die
Allgemeinheit oder sogar gegen die Einfachheit der letzten Gesetze gefolgert
werden kann Die Kausalgesetze nach denen eine Klasse von Phänomenen erzeugt
wird können an Zahl sehr gering und einfach und die Wirkungen können dennoch so
mannigfaltig und verwickelt sein dass es unmöglich wird irgend eine
durchgehende Regelmäßigkeit bei ihnen aufzufinden Die fraglichen Erscheinungen
können nämlich von einem sehr veränderlichen Charakter sein so dass unzählige
Umstände die Wirkung beeinflussen obgleich sie dies alle nach einer sehr
geringen Anzahl von Gesetzen tun mögen Nehmen wir an es werde alles was in
dem Geiste eines Menschen vorgeht durch einige einfache Gesetze bestimmt wenn
diese Gesetze indessen der Art sind dass nicht eine einzige der ein
menschliches Wesen umgebenden Tatsachen oder der sich ihm zutragenden
Begebenheiten ohne Einfluss auf seine spätere geistige Geschichte bleibt und
wenn die Umstände verschiedener menschlicher Wesen höchst verschieden sind so
wird man sich nicht zu verwundern haben wenn in Beziehung auf die Einzelheiten
ihrer Handlungsweise oder ihrer Gefühle einige wenige Sätze aufgestellt werden
können die von der ganzen Menschheit wahr sind
Ohne entscheiden zu wollen ob der letzten Gesetze unserer geistigen Natur
wenige oder viele sind ist es nun aber gewiss dass sie wenigstens von obiger
Art sind Es ist gewiss dass unsere geistigen Zustände unsere geistigen
Fähigkeiten und Empfänglichkeiten entweder zeitweise oder beständig durch alles
modifiziert werden was uns im Leben begegnet Wenn wir daher betrachten wie
sehr diese modifizierenden Ursachen bei zwei Individuen differieren so wäre es
unvernünftig zu erwarten dass die empirischen Gesetze des menschlichen Geistes
die Generalisationen welche in Betreff der Gefühle oder der Handlungen der
Menschen ohne Bezug auf die sie bestimmenden Ursachen gemacht werden können
etwas anderes seien als annähernde Generalisationen In ihnen liegt die
gewöhnliche Weisheit des gewöhnlichen Lebens und soweit sind sie unschätzbar
besonders da sie meistenteils auf Fälle anzuwenden sind die denen nicht sehr
unähnlich sehen aus denen sie gefolgert sind Wenn aber derartige von
Engländern abgeleitete Maxime auf Franzosen angewendet werden oder wenn die von
der Gegenwart abgeleiteten Grundsätze auf vergangene oder kommende Generationen
angewendet werden so trifft man dabei leicht auf Schwierigkeiten Wenn wir
nicht das empirische Gesetz in die Gesetze der Ursachen von denen es abhängig
ist aufgelöst und wenn wir bestimmt haben dass diese Ursachen sich auf den
vorliegenden Fall erstrecken so können wir uns auf unsere Folgerungen nicht
verlassen Denn ein jedes Individuum ist von Umständen umgeben die sich von
denen eines jeden andern Individuums unterscheiden eine jede Nation oder
Generation unterscheidet sich in dieser Beziehung von einer jeden andern Nation
oder Generation und keine von diesen Verschiedenheiten bleibt bei der Bildung
eines verschiedenen Charaktertypus ohne Einfluss Es ist in der Tat auch eine
gewisse allgemeine Ähnlichkeit vorhanden aber Eigentümlichkeiten der Umstände
lassen fortwährend Ausnahmen sogar von Sätzen entstehen welche in der großen
Mehrheit der Fälle wahr sind
Obgleich es indessen kaum eine Gefühls oder Handlungsweise gibt die im
absoluten Sinne allen Menschen gemein wäre und obgleich die Generalisationen
welche behaupten eine gegebene Varietät des Fühlens oder Handelns werde
allgemein angetroffen von keinem mit wissenschaftlicher Forschung Vertrauten als
wissenschaftliche Sätze betrachtet werden wie nahe sie auch innerhalb der
gegebenen Grenzen der Wahrheit kommen mögen so haben doch alle Gefühls und
Handlungsweisen denen man bei den Menschen begegnet Ursachen welche sie
erzeugen und in den Sätzen welche diese Ursachen nachweisen wird man die
Erklärung der empirischen Gesetze und die ihre Verlässlichkeit beschränkenden
Prinzipien finden Unter denselben Umständen fühlen und handeln menschliche
Wesen nicht gleich aber es ist möglich zu bestimmen was den Einen in einer
gegebenen Lage so handeln lässt den Anderen anders wie eine mit den
allgemeinen physischen und geistigen Gesetzen der Menschennatur verträgliche
Gefühlsund Handlungsweise gebildet worden ist oder werden könnte Mit anderen
Worten die Menschen haben nicht einen allgemeinen Charakter aber es gibt
allgemeine Gesetze der Bildung des Charakters Und da durch diese Gesetze in
Verbindung mit den Tatsachen eines jeden besonderen Falles das Ganze der
Erscheinungen der menschlichen Gefühle und Handlungen hervorgebracht wird so
muss ein jeder rationelle Versuch die Wissenschaft von der menschlichen Natur
im Konkreten und für praktische Zwecke zu konstruieren von denselben ausgehen
3 Da also die Gesetze der Charakterbildung den Hauptgegenstand der
wissenschaftlichen Erforschung der menschlichen Natur bilden so bleibt noch die
für die Feststellung derselben am meisten geeignete Methode zu bestimmen Die
logischen Prinzipien nach denen diese Frage zu entscheiden ist müssen die
Prinzipien sein welche einen jeden anderen Versuch die Gesetze sehr komplexer
Erscheinungen zu erforschen leiten müssen denn es ist klar dass sowohl der
Charakter eines menschlichen Wesens als auch das Aggregat der Umstände wodurch
dieser Charakter gebildet worden ist Tatsachen von dem höchsten Grade von
Verwickelung sind Wir haben nun aber gesehen dass die von allgemeinen Gesetzen
ausgehende und deren Folgen durch spezifisches Experiment verifizierende
deduktive Methode allein auf solche Fälle anwendbar ist Die Gründe dieser
großen logischen Lehre sind früher angegeben worden und ihre Wahrheit wird
durch eine Prüfung der Spezialitäten des gegenwärtigen Falles eine weitere
Bestätigung erhalten
Die Naturgesetze können nur auf zweierlei Weise bestimmt werden deduktiv
und experimentell unter experimenteller Forschung sowohl Beobachtung als auch
das künstliche Experimentiren verstanden Sind die Gesetze der Charakterbildung
einer genügenden Erforschung durch die experimentelle Methode fähig Offenbar
nicht weil wenn wir auch eine unbegrenzte Macht voraussetzen das Experiment
zu variieren was in abstracto möglich obgleich nur ein orientalischer Despot
entweder die Macht dazu hat oder eine solche Macht anzuwenden geneigt sein
kann eine noch wesentlichere Bedingung fehlt nämlich die Macht irgend eines
dieser Experimente mit wissenschaftlicher Genauigkeit auszuführen
Die für die Verfolgung einer direkten experimentellen Erforschung der
Charakterbildung erforderlichen Fälle würden dann bestehen dass man eine Anzahl
menschlicher Wesen von der Kindheit bis zum reifen Alter erzieht Um aber irgend
eines dieser Experimente mit wissenschaftlicher Genauigkeit auszuführen würde
es nötig sein eine jede Sensation und einen jeden Eindruck den das Kind
erhalten hat lange bevor es sprechen konnte zu kennen und ihn sowie auch die
eigenen späteren Begriffe des Kindes in Betreff der Quellen aller dieser
Sensationen aufzuzeichnen Es ist nicht allein unmöglich dies vollständig zu
tun sondern es ist auch unmöglich es nur so weit zu tun als für ein
ziemlich annäherndes Experiment genügt Ein scheinbar unbedeutender Umstand der
unserer Aufmerksamkeit entging könnte eine hinreichende Reihe von Eindrücken
und Ideenassoziationen herbeiführen um das Experiment als eine authentische
Darlegung von aus gegebenen Ursachen fließenden Wirkungen fehlerhaft zu machen
Diese Wahrheit kennt ein jeder der über die Erziehung hinreichend nachgedacht
hat und wer sie nicht kennt wird sie in den Schriften von Rousseau und
Helvetius über diesen Gegenstand in höchst instruktiver Weise erläutert finden
Bei der Unmöglichkeit die Gesetze der Charakterbildung durch besonders
dafür eingerichtete Experimente zu studieren bleibt nur noch die einfache
Beobachtung Wenn es aber selbst dann unmöglich ist die infulierenden Umstände
mit annähernder Vollständigkeit zu bestimmen wenn wir die Herrichtung der
Experimente in der Gewalt haben so ist dies um so unmöglicher wenn die Falle
unserer Beobachtung weiter entrückt sind und ganz außer unserer Macht stehen
Man betrachte die Schwierigkeiten schon des ersten Schrittes zu bestimmen
welches der wirkliche Charakter des Individuums in einem jeden besonderen Falle
ist den wir prüfen Es gibt kaum einen Menschen über welchen was irgend
einen wesentlichen Teil seines Charakters betrifft die Meinungen seiner
intimsten Bekannten nicht geteilt wären und eine einzelne Handlung oder die
Handlungsweise von einer nur kurzen Zeit können die Bestimmung wenig fördern
Wir können unsere Beobachtungen nur in einer rauen Weise und en masse machen
indem wir in einem gegebenen Falle nicht versuchen vollständig zu erforschen
welcher Charakter gebildet worden ist und noch weniger durch welche Ursachen
sondern indem wir bloß beobachten unter welchen vorausgängigen Umständen
gewisse hervorragende geistige Eigenschaften oder Mängel am häufigsten
existieren Außerdem dass sie bloß annähernde Generalisationen sind verdienen
diese Schlüsse selbst auch als solche kein Vertrauen wenn die Fälle nicht
zahlreich genug sind um nicht bloß den Zufall sondern auch einen jeden
accidentellen Umstand zu eliminieren in dem sich eins Anzahl der geprüften Fälle
vielleicht einander ähnlich sahen Auch sind die den individuellen Charakter
bildenden Umstände so mannigfaltig und zahlreich dass die Folge einer
besonderen Kombination derselben kaum jemals irgend ein bestimmter und stark
markierter Charakter ist ein Charakter der sich immer da findet wo diese
Kombination existiert und sonst nicht Auch nach der umfassendsten und
genauesten Beobachtung wird bloß ein relatives Resultat erhalten wie zB dass
unter einer gegebenen Anzahl von ohne Unterschied gewählten Franzosen sich mehr
Personen von einer besonderen geistigen Richtung und weniger von der
entgegengesetzten Richtung finden werden als unter einer gleichen Anzahl von in
gleicher Weise gewählten Italienern oder Engländern oder auch von hundert
Franzosen und einer gleichen Anzahl Engländer die unparteiisch gewählt und nach
dem Grade geordnet sind in dem sie eine besondere geistige Eigentümlichkeit
besitzen wird eine jede Anzahl 1 2 3 etc der einen Reihe von dieser
Eigentümlichkeit mehr besitzen als die entsprechende Anzahl der andern Reihe
Da demnach nicht eine Vergleichung von Arten sondern von Verhältnissen und
Graden stattfindet und da im Verhältnis als die Unterschiede gering sind die
Elimination des Zufalls eine größere Anzahl von Fällen erfordert so kann es
niemand oft vorkommen dass er eine hinreichende Anzahl von Fällen mit der für
die letztgenannte Vergleichung erforderlichen Genauigkeit kennt eine geringere
Kenntnis würde aber zu keiner wirklichen Induktion führen Es gibt auch
demnach kaum eine gangbare Meinung in Betreff der Charaktere von Nationen von
Classen oder Arten von Personen welche allgemein als unbestreitbar anerkannt
wäre201
Und wenn wir zuletzt noch durch das Experiment viel gewissere Generalisation
erhalten könnten als es wirklich möglich ist so würden sie nur bloß empirische
Gesetze sein Sie würden in der Tat zeigen dass zwischen dem gebildeten
Charaktertypus und den in dem Falle existierenden Umständen ein Zusammenhang
besteht sie würden aber weder genau zeigen wie der Zusammenhang war noch
welcher der Eigentümlichkeiten dieser Umstände die Wirkung wirklich
zuzuschreiben ist Sie könnten daher nur als Resultate von Verursachung genommen
werden die der Auflösung in allgemeinere Kausalgesetze bedürfen Vor dieser
Auflösung könnten wir nicht urteilen innerhalb welcher Grenzen die derivativen
Gehetze in noch unbekannten Fallen als Präsumtionen dienen oder auch sogar ob
sie in denjenigen Fällen für beständig gehalten werden können welche für ihre
Ableitung dienten Das französische Volk hat einen bestimmten nationalen
Charakter oder man nimmt an es habe ihn aber es vertrieb seine königliche
Familie und seine Aristokratie änderte seine Institutionen ging während eines
halben Jahrhunderts durch eine Reihe von außerordentlichen Ereignissen hindurch
und erschien nach Verlauf dieser Zeit in vielen Beziehungen sehr verändert
Zwischen Männern und Frauen wird eine lange Reihe von Verschiedenheiten
beobachtet oder angenommen aber in einer künftigen und wie zu hoffen nicht
sehr entfernten Zeit werden beide gleiche Freiheit und eine gleich unabhängige
soziale Stellung besitzen und die Verschiedenheiten des Charakters werden
entweder verschwinden oder ganz verändert werden
Wenn aber die Verschiedenheiten welche wir zwischen Franzosen und
Engländern oder zwischen Männern und Frauen zu beobachten glauben mit
allgemeineren Gesetzen in Zusammenhang gebracht werden können wenn man die
ersteren annehmen kann seien durch Verschiedenheiten der Regierung früherer
Gebräuche durch physische Eigentümlichkeiten der zwei Nationen die anderen die
Verschiedenheiten der Erziehung der Beschäftigungen der persönlichen
Unabhängigkeit der sozialen Privilegien und durch ursprüngliche Unterschiede in
der körperlichen Stärke und der Sensibilität der Nerven zwischen den zwei
Geschlechtern erzeugt so berechtigt uns in der Tat die Coincidenz der zwei
Beweisarten zu glauben dass wir richtig geurteilt und richtig beobachtet
haben Wenn unsere Beobachtung auch nicht zu einem Beweis hinreicht so dient
sie doch reichlich als Bestätigung Nachdem wir nicht allein die empirischen
Gesetze sondern auch die Ursachen der Eigentümlichkeiten bestimmt haben
können wir ohne Bedenken urteilen wie weit man sie für beständig halten darf
und durch welche Umstände sie modifiziert oder zerstört werden würden
4 Da es also unmöglich ist von der Beobachtung und dem Experiment
allein wirklich genaue Sätze in Betreff der Charakterbildung zu erhalten so
werden wir mit Gewalt zu demjenigen Untersuchungsmodus getrieben der wenn auch
nicht der unentbehrliche doch der vollkommenste Modus gewesen wäre und dessen
Ausdehnung einer der Hauptzwecke der Philosophie ist nämlich zu dem
Untersuchungsmodus der seine Experimente nicht an den komplexen Tatsachen
sondern an den einfachen Tatsachen versucht aus denen jene bestehen und der
nach der Bestimmung der Gesetze der Ursachen deren Zusammensetzung die komplexe
Tatsache hervorruft betrachtet ob diese Gesetze die annähernden
Generalisationen welche bezüglich der Sequenzen dieser komplexen Erscheinungen
empirisch aufgestellt wurden nicht erklären Kurz die Gesetze der
Charakterbildung sind derivative aus den allgemeinen Gesetzen des Geistes
hervorgehende Gesetze und können durch Deduktion aus diesen allgemeinen
Gesetzen erhalten werden indem man eine gegebene Reihe von Umständen
voraussetzt und dann sieht was den Gesetzen des Geistes zufolge der Einfluss
dieser Umstände auf die Charakterbildung sein wird
Auf diese Weise wird eine Wissenschaft gebildet für welche ich den Namen
Ethologievorschlage von êthos ein Wort das dem Worte »Charakter« wie ich es
hier gebrauche besser entspricht als ein jedes andere Wort Etymologisch ist
der Name vielleicht auf die ganze Wissenschaft unserer geistigen und moralischen
Natur anwendbar wenn wir aber wie es üblich und passend ist den Namen
Psychologie für die Wissenschaft von den elementaren Gesetzen des Geistes
gebrauchen so wird Ethologie als der Name der Wissenschaft dienen welche die
Charakterart ermittelt welche in Übereinstimmung mit diesen allgemeinen
Gesetzen durch irgend eine Reihe von physischen und moralischen Umständen
erzeugt wird Nach dieser Definition ist die Ethologie die Wissenschaft welche
der Erziehungskunst entspricht sie schließt in dem weitesten Sinne des Wortes
sowohl die Bildung des nationalen oder kollektiven als auch die des
individuellen Charakters ein Man würde in der Tat vergebens erwarten wie
vollständig die Gesetze der Charakterbildung auch bestimmt sein mögen dass wir
die Umstände eines gegebenen Falles so genau kennen lernen könnten um den in
diesem Falle erzeugten Charakter bestimmt vorauszusagen Wir müssen uns aber
erinnern dass auch ein weit unter dem Vermögen der Voraussagung stehendes
Wissen oft von großem praktischen Werth ist Es kann eine große Macht die
Erscheinungen zu beeinflussen neben einer sehr unvollkommenen Kenntnis der
Ursachen durch welche dieselben in einem gegebenen Falle bestimmt werden
bestehen Es ist genug wenn wir wiesen dass gewisse Mittel ein Bestreben
haben eine gegebene Wirkung zu erzeugen und dass andere Mittel ein Bestreben
haben sie zu vereiteln Wenn wir die Umstände eines Individuums oder einer
Nation in einem hohen Grade in der Gewalt haben so können wir vermittelst
unserer Kenntnis ihrer Bestreben im Stande sein diese Umstände für den
gewünschten Zweck viel günstiger herzustellen als sie an und für sich sein
würden Dies ist die Grenze unserer Macht aber innerhalb dieser Grenze ist die
Macht eine sehr wichtige
Die Ethologie kann die Exacte Wissenschaft der menschlichen Natur genannt
werden denn ihre Wahrheiten sind nicht ähnlich den empirischen Gesetzen
welche von ihnen abhängen annähernde Generalisationen sondern wirkliche
Gesetze Es ist aber wie bei allen komplexen Erscheinungen für die Genauigkeit
der Sätze nötig dass sie nur hypothetisch seien und nur Bestreben nicht aber
Tatsachen behaupten Sie dürfen nicht behaupten dass Etwas immer oder gewiss
eintreffen wird sondern nur dass die Wirkung einer gegebenen Ursache soweit
sie ungehindert wirkt so und so sein wird Es ist ein wissenschaftlicher Satz
dass körperliche Stärke die Menschen mutig zu machen strebt nicht dass sie es
immer tue dass ein Interesse auf der einen Seite einer Frage das Urteil
parteiisch zu machen strebt nicht dass es dies beständig tue dass die
Erfahrung klug macht nicht dass dies immer die Wirkung derselben sei Da diese
Propositionen nur Bestreben behaupten so sind sie darum dass die Bestreben
vereitelt werden können nicht weniger allgemein wahr
5 Während die Psychologie gänzlich oder hauptsächlich eine Wissenschaft
der Beobachtung und des Experiments ist ist die Ethologie wie ich sie
verstehe gänzlich deduktiv Die eine bestimmt die einfachen Gesetze des Geistes
im allgemeinen die andere weist deren Wirkung in verwickelten Kombinationen von
Umständen nach Die Ethologie steht zu der Psychologie in einem ähnlichen
Verhältnis wie die verschiedenen Zweige der Physik zur Mechanik Die
Prinzipien der Ethologie sind eigentlich die mittleren Prinzipien die axiomata
media wie Bacon gesagt hätte der Geisteswissenschaft auf der einen Seite
unterscheiden sie sich von den aus einfacher Beobachtung hervorgehenden
empirischen Gesetzen auf der anderen Seite von den höchsten Generalisationen
Es scheint hier die geeignete Stelle für eine logische Bemerkung zu sein
welche obgleich von allgemeiner Anwendbarkeit für den vorliegenden Gegenstand
von besonderer Wichtigkeit ist Bacon hat scharfsinnig bemerkt dass die
axiomata media hauptsächlich den Werth einer jeden Wissenschaft ausmachen Ehe
die niedrigsten Generalisationen in die mittleren Prinzipien deren Folgen sie
sind aufgelöst und durch sie erklärt sind haben sie nur die unvollkommene
Genauigkeit empirischer Gesetze während die allgemeinen Gesetze zu allgemein
sind und zu wenig Umstände einbegreifen um eine hinreichende Indikation in
Betreff dessen zu geben was in individuellen Fällen wo die Umstände fast immer
ungeheuer zahlreich sind geschieht Es ist unmöglich in Betreff der
Wichtigkeit welche Bacon den mittleren Prinzipien einer jeden Wissenschaft
beilegt nicht mit ihm einverstanden zu sein Ich glaube aber dass er in
Beziehung auf den Modus nach welchem diese axiomata media zu erlangen sind
gänzlich im Irrtum war obgleich in seinen Werken sich kaum eine Proposition
finden dürfte für die er ein gleich verschwenderisches Lob eingeerntet hätte
Er gibt als eine allgemeine Regel dass die Induktion von den untersten zu den
mittleren und von diesen zu den höchsten Prinzipien aufsteigen sollte und dass
man diese Ordnung niemals umkehren sollte so dass folglich für die Entdeckung
neuer Prinzipien durch Deduktion kein Raum ist Man kann sich nicht denken dass
ein so scharfsinniger Geist in einen solchen Irrtum hätte fallen können wenn
zu seiner Zeit unter den Wissenschaften welche von sukzessiven Erscheinungen
handeln ein einziges Beispiel von einer deduktiven Wissenschaft gewesen wäre
wie die Mechanik die Astronomie die Optik Akustik etc jetzt sind Offenbar
sind in diesen Wissenschaften die höheren und mittleren Prinzipien nicht von den
untersten abgeleitet sondern umgekehrt In einigen von diesen Wissenschaften
sind gerade die höchsten Generalisationen diejenigen welche am frühesten mit
wissenschaftlicher Genauigkeit bestimmt wurden wie zB in der Mechanik das
Gesetz der Bewegung Diese allgemeinen Gesetze hatten in der Tat zuerst nicht
die anerkannte Allgemeinheit welche sie erlangten nachdem sie erfolgreich
angewendet worden waren um viele Classen von Phänomenen zu erklären auf die
man sie anfänglich nicht für anwendbar hielt zB als die Gesetze der Bewegung
in Verbindung mit anderen Gesetzen gebraucht wurden um die himmlischen
Erscheinungen deduktiv zu erklären Immerhin bleibt aber die Tatsache dass die
Sätze welche später als die allgemeinsten Wahrheiten der Wissenschaft anerkannt
wurden von allen genauen Generalisationen derselben diejenigen waren welche
man am frühesten gewonnen hatte Bacons größtes Verdienst kann daher nicht
wie man uns so oft gesagt hat darin bestehen die von den Alten befolgte
fehlerhafte Methode zuerst zu den höchsten Generalisationen aufzusteigen und
dann die mittleren Prinzipien von ihnen abzuleiten verworfen zu haben denn
dies ist weder eine fehlerhafte noch eine verworfene sondern die allgemein
anerkannte Methode der modernen Wissenschaft die Methode welcher dieselbe ihre
größten Triumphe verdankt Der Irrtum der Alten lag nicht darin dass sie die
weitesten Generalisationen zuerst ausführten sondern darin dass sie dieselben
ohne die Hülfe und Garantie einer strengen induktiven Methode ausführten und sie
ohne den nötigen Gebrauch jenes wichtigen Theiles der deduktiven Methode der
Verifikation genannt wird deduktiv anwandten
Die Ordnung in welcher Wahrheiten von verschiedenem Grade von Allgemeinheit
zu ermitteln sind kann meiner Ansicht nach nicht durch eine starre Regel
vorgeschrieben werden Ich wüsste in Betreff dieses Gegenstandes keinen andern
Grundsatz aufzustellen als dass man diejenigen Wahrheiten zuerst zu erhalten
suche in deren Beziehung die Bedingungen einer wirklichen Induktion zuerst und
am vollständigsten zu erfüllen sind Wo nun aber unsere Mittel der Untersuchung
Ursachen erreichen können ohne sich bei den empirischen Gesetzen der Wirkungen
aufzuhalten da werden sich die einfachsten Fälle diejenigen an denen die
geringste Anzahl von Ursachen gleichzeitig beteiligt ist dem induktiven
Prozess am leichtesten fügen und dies sind die Fälle aus denen sich die
umfassendsten Gesetze ergeben Bei einer jeden Wissenschaft welche das Stadium
erreicht hat wo sie zu einer Wissenschaft von Ursachen wird wird es daher
gebräuchlich und auch wünschenswert sein dass man sucht zuerst zu den
höchsten Generalisationen zu gelangen um die spezielleren sodann aus diesen
abzuleiten Für den von späteren Schriftstellern so sehr gepriesenen Baconischen
Grundsatz kann ich keine andere Begründung erblicken als diese ehe wir
versuchen eine neue Klasse von Erscheinungen deduktiv durch allgemeinere
Gesetze zu erklären ist es wünschenswert dass wir die empirischen Gesetze
dieser Phänomene soweit als tunlich ermittelt haben so dass wir die Resultate
der Deduktion nicht nacheinander mit einem jeden individuellen Fall sondern mit
allgemeinen Sätzen vergleichen welche die zwischen vielen Fällen gefundenen
Punkte der Übereinstimmung ausdrücken Wenn Newton gezwungen gewesen wäre
seine Gravitationstheorie in der Weise zu verifizieren dass er anstatt Keplers
Gesetze daraus abzuleiten alle beobachteten Stellungen der Planeten daraus
ableitete die Keppler für die Aufstellung seiner Gesetze dienten so wäre
Newtons Theorie wahrscheinlich niemals aus dem Zustande einer Hypothese
herausgekommen202
Die Anwendbarkeit dieser Bemerkungen auf den vorliegenden speziellen Fall
steht außer aller Frage Die Wissenschaft von der Charakterbildung ist eine
Wissenschaft von Ursachen Der Gegenstand ist der Art dass diejenigen Regeln
der Induktion durch welche Kausalgesetze bestimmt werden darauf streng
anwendbar sind Es ist daher natürlich und ratsam die einfachsten
Kausalgesetze welche notwendig auch die allgemeinsten sind zuerst zu
bestimmen und die mittleren Prinzipien aus ihnen abzuleiten Mit anderen Worten
die deduktive Wissenschaft die Ethologie ist ein System von Folgesätzen der
experimentellen Wissenschaft der Psychologie
6 Von diesen zwei Wissenschaften ist nur die ältere bis jetzt wirklich
als eine Wissenschaft aufgefasst und studiert worden die andere die Ethologie
ist noch zu schaffen ihre Erschaffung ist aber endlich ausführbar geworden Die
für die Verifikation ihrer Deduktionen bestimmten empirischen Gesetze sind durch
eine Reihe von Jahrhunderten von den Menschen aufgestellt worden und die
Prämissen für die Deduktionen sind nun hinlänglich vervollständigt Wenn wir die
Ungewissheit ausnehmen welche in Betreff der Größe der natürlichen
Verschiedenheiten in dem Geiste der Individuen und in Betreff der physischen
Umstände von denen dieselben abhängen mögen existiert Betrachtungen welche
von untergeordneter Wichtigkeit sind wenn wir die Menschen im Durchschnitt oder
en masse betrachten so glaube ich werden die kompetentesten Richter darin
übereinstimmen dass die allgemeinen Gesetze der konstituierenden Elemente der
Menschennatur gegenwärtig genügend verstanden werden um es einem kompetenten
Denker möglich zu machen aus diesen Gesetzen die besonderen Charaktertypen
abzuleiten welche durch irgend eine angenommene Reihe von Umständen aus den
Menschen gebildet werden würden Eine auf die Gesetze der Psychologie gegründete
wissenschaftliche Ethologie ist daher möglich obgleich noch wenig dafür
geschehen und dieses wenige nicht einmal systematisch geschehen ist Der
Fortschritt dieser wichtigen aber höchst unvollkommenen Wissenschaft wird von
einem doppelten Verfahren abhängen erstens von einer theoretischen Deduktion
der ethologischen Konsequenzen besonderer Umstände der Lage und deren
Vergleichung mit den anerkannten Resultaten der gewöhnlichen Erfahrung und
zweitens von der umgekehrten Operation von vermehrtem Studium der
verschiedenen in der Welt zu findenden Typen der menschlichen Natur durch
Personen die nicht allein im Stande sind die Umstände in denen die
verschiedenen Typen vorherrschen zu analysieren und aufzuzeichnen sondern die
auch mit den psychologischen Gesetzen hinreichend bekannt sind um das
Charakteristische des Typus durch die Eigentümlichkeiten der Umstände erklären
zu können indem das Residuum allein wenn sich ein solches herausstellt auf
Rechnung von angeborenen Prädispositionen gesetzt wird
Für den experimentellen oder a posteriori Teil dieses Prozesses häuft sich
durch die Beobachtung der Menschen das Material fortwährend an So weit als das
Denken in Betracht kommt ist es die große Aufgabe der Ethologie die
erforderlichen mittleren Prinzipien aus den allgemeinen Gesetzen der Psychologie
abzuleiten Der Ursprung und die Quellen aller jener Eigenschaften menschlicher
Wesen die für uns ein Interesse besitzen als Tatsachen die entweder zu
erzeugen zu vermeiden oder bloß zu verstehen sind bilden den zu studierenden
Gegenstand aus den allgemeinen Gesetzen des Geistes und der allgemeinen
Stellung unserer Spezies in der Welt zu bestimmen welche wirklichen oder
möglichen Kombinationen von Umständen die Erzeugung dieser Eigenschaften
befördern oder verhindern können ist der Zweck dieses Studiums Eine
Wissenschaft welche derartige mittlere Prinzipien besitzt und zwar geordnet
nach der Ordnung nicht ihrer Ursachen sondern der Wirkungen die zu erzeugen
oder zu verhindern wünschenswert ist ist gehörig vorbereitet um das Fundament
der entsprechenden Kunst zu bilden Und wenn die Ethologie in dieser Weise
ausgerüstet sein wird so wird die praktische Erziehung die bloße Übertragung
dieser Prinzipien in ein paralleles System von Vorschriften und die Anpassung
der letzteren an die Totalsumme der einzelnen Umstände sein welche in einem
jeden besonderen Falle vorhanden sind
Es ist kaum nötig noch einmal zu wiederholen dass wie in einer jeder
anderen deduktiven Wissenschaft die Verifikation a posteriori mit der Deduktion
a priori gleichen Schritt halten muss Die theoretische Folgerung in Betreff des
Charaktertypus welcher durch irgend gegebene Umstände gebildet werden würde
muss durch spezifische Erfahrung dieser Umstände so oft sie zu erlangen ist
geprüft werden und die Schlüsse der Wissenschaft müssen als ein Ganzes
fortwährend einer Verifikation und Korrektion durch die allgemeinen
Beobachtungen welche die gewöhnliche Erfahrung in Betreff der menschlichen
Natur in unserer eigenen Zeit und die Geschichte in Beziehung auf vergangene
Zeiten darbietet unterworfen werden Man kann sich auf die Schlüsse der Theorie
nicht verlassen wenn sie nicht durch Beobachtung bestätigt sind und eben so
wenig auf die der Beobachtung wenn sie nicht dadurch mit der Theorie affiliiert
werden können dass man sie von den Gesetzen der menschlichen Natur und einer
genauen Analyse der Umstände der besonderen Lage ableitet Es ist die
Übereinstimmung dieser beiden Beweisarten einzeln genommen die
Übereinstimmung des aprioristischen Schließens und der spezifischen Erfahrung
welche die einzige genügende Grundlage für die Prinzipien einer Wissenschaft
bildet welche es mit so verwickelten und konkreten Erscheinungen zu tun hat
wie die Ethologie
1 Nach der Wissenschaft von dem individuellen Menschen kommt die
Wissenschaft von dem Menschen in der Gesellschaft von den Handlungen ganzer
Massen von Menschen und von den verschiedenen Erscheinungen welche das soziale
Leben ausmachen
Wenn schon die Bildung des individuellen Charakters ein verwickelter
Gegenstand des Studiums ist so muss dieser Gegenstand wenigstens dem Anschein
nach noch verwickelter sein weil die Anzahl der zusammenwirkenden Ursachen
die alle mehr oder weniger die Totalwirkung beeinflussen im Verhältnis grösser
ist als eine Nation oder das Menschengeschlecht überhaupt der Einwirkung von
psychologischen und physischen Agentien eine größere Oberfläche darbietet als
ein einzelnes Individuum Wenn es nötig war einem bestehenden Vorurteil
gegenüber zu beweisen dass der einfachere dieser zwei Gegenstände fähig ist
ein Gegenstand der Wissenschaft zu werden so wird das Vorurteil gegen die
Möglichkeit dem Studium der Politik und der gesellschaftlichen Phänomene einen
wissenschaftlichen Charakter zu geben wahrscheinlich noch stärker sein Auch
existiert die Idee einer politischen oder sozialen Wissenschaft so zu sagen
erst seit gestern und zwar nur hie und da in dem Geiste eines vereinzelten für
die Verwirklichung dieser Idee gewöhnlich sehr schlecht vorbereiteten Denkers
obgleich dieser Gegenstand die allgemeine Aufmerksamkeit vor allen anderen
erregt hat und fast von dem Beginn der Geschichte an ein Thema für interessante
und ernste Erörterungen gewesen ist
Der Zustand der Politik als eines Zweiges des Wissens hat kaum in der
jüngsten Zeit erst aufgehört das zu sein was Bacon den natürlichen Zustand der
Wissenschaften nennt so lange deren Pflege den Praktikern überlassen bleibt so
lange sie nicht als ein Zweig des theoretischen Forschens sondern nur mit
Rücksicht auf die Bedürfnisse des täglichen Gebrauchs betrieben werden und die
fructifera experimenta fast mit Ausschluss der lucifera erstrebt werden Der Art
war die medizinische Forschung ehe die Physiologie und die Naturgeschichte als
Zweige des allgemeinen Wissens bearbeitet wurden Welche Diät gesund ist oder
welche Medizin eine gegebene Krankheit heilen wird waren die einzigen
untersuchten Fragen keine systematische Untersuchung der Gesetze der Ernährung
der gesunden oder krankhaften Tätigkeiten der verschiedenen Organe von denen
die Gesetze der Wirkung einer jeden Diät oder Medizin offenbar abhängen müssen
ging ihnen voraus In der Politik waren die Fragen welche die allgemeine
Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen ganz ähnlicher Art Ist die und die
Verfügung oder die und die Regierungsform im allgemeinen oder für ein
besonderes Gemeinwesen wohltätig oder umgekehrt Dabei keine Untersuchung der
allgemeinen Zustände der Bedingungen wodurch die Wirksamkeit legislativer
Maßregeln oder die durch Regierungsformen erzeugten Wirkungen bestimmt
werden Man suchte die Pathologie und Therapie der Gesellschaft zu studieren ehe
man in der Physiologie derselben die nötige Grundlage gewonnen hatte man
wollte Krankheiten heilen ohne die Gesetze der Gesundheit zu verstehen Das
Resultat war wie es sein muss wenn sonst tüchtige Menschen sich mit den
verwickelten Fragen einer Wissenschaft befassen bevor die einfacheren und
elementaren Sätze gewonnen sind
Es ist nicht zu verwundern dass die Philosophie der Gesellschaft so wenig
vorgeschritten ist wenn die gesellschaftlichen Phänomene so selten unter dem
Gesichtspunkt betrachtet wurden der die Wissenschaft charakterisiert dass sie
wenig allgemeine Sätze enthält die so präzis und gewiss sind dass gewöhnliche
Forscher einen wissenschaftlichen Charakter an ihnen erkennen dürften Es ist
daher auch die allgemeine Ansicht dass ein jeder Versuch allgemeine Wahrheiten
über Politik und die Gesellschaft aufzustellen Marktschreierei sei dass in
diesen Dingen keine Allgemeinheit und keine Gewissheit zu erlangen sei Was
diese gewöhnliche Vorstellung zum Teil entschuldigt ist dass sie in einem
gewissen Sinne nicht ohne Grund ist Viele von denen welche sich für politische
Philosophen hielten haben versucht nicht allgemeine Sequenzen zu ermitteln
sondern allgemeine Vorschriften zu geben Sie dachten irgend eine
Regierungsform oder ein System von Gesetzen aus das für alle Fälle passen
sollte eine Prätension die den Hohn womit sie von den Praktikern behandelt
wurde wohl verdient hat und die durch die Analogie mit der Kunst womit der
Natur des Gegenstandes nach die Kunst der Politik am nächsten verbunden sein
muss durchaus nicht gestützt wird Niemand nimmt jetzt an dass ein Mittel alle
Krankheiten oder auch nur dieselbe Krankheit bei allen Konstitutionen und
Gewohnheiten des Körpers heilen kann
Es ist auch für die vollkommene Wissenschaft nicht notwendig dass die
entsprechende Kunst universale oder auch nur allgemeine Regeln besitze Die
gesellschaftlichen Phänomene könnten nicht allein vollständig von bekannten
Ursachen abhängig sein sondern die Wirkungsweise aller dieser Ursachen könnte
auch auf Gesetze von größter Einfachheit zurückführbar sein und doch dürften
vielleicht nicht zwei Fälle in genau derselben Weise behandelt werden Die
Mannigfaltigkeit der Umstände von denen das Resultat in den verschiedenen
Fällen abhängig ist könnte so groß sein dass die Kunst keine einzige
allgemeine Vorschrift zu geben hätte als die Umstände des besonderen Falles zu
überwachen und unsere Maßregeln den Wirkungen anzupassen die den Prinzipien
der Wissenschaft nach aus diesen Umständen hervorgehen müssen Aber obgleich es
bei einer so verwickelten Klasse von Gegenständen unmöglich ist praktische
Grundsätze von universaler Anwendbarkeit aufzustellen so folgt daraus doch
nicht dass sich die Phänomene nicht nach universalen Gesetzen richten
2 Alle gesellschaftlichen Erscheinungen sind Phänomene der menschlichen
Natur erzeugt durch die Wirkung äußerer Umstände auf Massen von menschlichen
Wesen Wenn daher die Erscheinungen des menschlichen Denkens Fühlens und
Handelns festen Gesetzen unterworfen sind so müssen sich die gesellschaftlichen
Erscheinungen nach festen Gesetzen den Folgen der vorhergehenden Gesetze
richten Es ist in der Tat keine Hoffnung dass diese Gesetze wenn auch unsere
Kenntnis von ihnen so gewiss und vollständig wäre wie unsere Kenntnis der
Gesetze der Astronomie uns in den Stand setzen würden die Geschichte der
Gesellschaft so voraus zu sagen wie man die himmlischen Erscheinungen für
Tausende von Jahren voraussagen kann Aber der Unterschied der Gewissheit liegt
nicht in den Gesetzen seihst sondern in den Daten auf welche diese Gesetze
angewendet werden In der Astronomie gibt es nur wenige das Resultat
infulierende Ursachen sie ändern sich wenig und nach bekannten Gesetzen wir
können ermitteln was sie jetzt sind und dann bestimmen was sie in einer jeden
künftigen Zeit sein werden In der Astronomie sind daher die Data ebenso gewiss
als die Gesetze selbst Die Umstände dagegen welche den Zustand und den
Fortschritt der Gesellschaft beeinflussen sind unzählig und ändern sich
fortwährend und wenn sie sich auch alle nach Ursachen und folglich nach
Gesetzen verändern so ist doch die Menge dieser Ursachen so groß dass sie
unserem beschränkten Kalkül Trotz bietet nicht zu erwähnen dass die
Unmöglichkeit genaue Zahlen auf derartige Tatsachen anzuwenden der
Möglichkeit sie vorauszuberechnen ein unübersteigliches Hindernis
entgegensetzen würde wenn auch die Kräfte der menschlichen Intelligenz der
Aufgabe im übrigen gewachsen wären
Aber wie oben bemerkt ein für die Voraussagung unzulängliches Wissen kann
als ein Wegweiser sehr schätzbar sein Die Gesellschaftswissenschaft würde eine
hohe Vollkommenheit erreicht haben wenn sie uns in den Stand setzte bei einem
gegebenen Zustand von sozialen Angelegenheiten zB bei dem jetzigen Zustand
Europas oder irgend eines europäischen Landes zu verstehen durch welche
Ursachen es in einem jeden einzelnen Punkte zu dem gemacht worden ist was es
ist ob es nach Veränderungen strebt und nach welchen welche Wirkungen ein
jeder Zug seines bestellenden Zustandes wahrscheinlich in der Zukunft erzeugen
wird und durch welche Mittel irgend eine dieser Wirkungen verhindert modifiziert
oder beschleunigt oder auch durch welche Mittel eine andere Klasse von
Wirkungen herbeigeführt werden könnte Es liegt nichts Chimärisches in der
Hoffnung dass allgemeine Gesetze ermittelt werden können die uns in den Stand
setzen diese verschiedenen Fragen für ein Land oder eine Zeit zu beantworten
mit deren individuellen Umständen wir wohl bekannt sind und dass die anderen
Zweige des menschlichen Wissens welche ein solches Unternehmen voraussetzt so
weit vorgeschritten sind dass die Zeit reif ist um damit beginnen zu können
Dies ist der Zweck der sozialen Wissenschaft
Um die Natur von dem was ich für die wahre Methode der Wissenschaft halte
dadurch fasslicher zu machen dass ich zuerst zeige was diese Methode nicht
ist wird es zweckmäßig sein in Kürze zwei radikale Missverständnisse des
eigentlichen Modus des Philosophierens über Gesellschaft und Staat zu
charakterisieren von denen das eine und das andere bewusst oder öfter noch
unbewusst von fast Allen gehegt worden ist welche über die Logik der Politik
nachgedacht und argumentiert haben seit die Idee sie nach strengen Regeln und
Baconischen Prinzipien zu behandeln unter den mehr vorgeschrittenen Denkern in
Gang kam Diese irrigen Methoden wenn das Wort Methode auf irrige Bestrebungen
angewendet werden kann die aus der Abwesenheit einer jeden hinlänglich klaren
Vorstellung von einer Methode hervorgehen kann man die Experimentelle oder
Chemische Untersuchungsweise im Gegensatz zu der Abstrakten oder Geometrischen
Untersuchungsweise nennen Wir beginnen mit der ersten
1 Die Gesetze der Phänomene der Gesellschaft sind und können nur die
Gesetze der Handlungen und der Leidenschaften menschlicher Wesen sein die zu
einem sozialen Zustande vereinigt sind Menschen in einem gesellschaftlichen
Zustande sind indessen immer noch Menschen ihre Handlungen und Leidenschaften
gehorchen den Gesetzen der individuellen Menschennatur Die Menschen werden
durch Vereinigung nicht zu einer anderen Art von Substanz mit verschiedenen
Eigenschaften wie Wasserstoff und Sauerstoff vom Wasser verschieden sind oder
wie Wasserstoff Sauerstoff Stickstoff und Kohlenstoff sich von Nerven Muskeln
und Sehnen unterscheiden Menschliche Wesen haben in der Gesellschaft keine
anderen Eigenschaften als sich von den Gesetzen des individuellen Menschen
ableiten und sich in dieselben auflösen lassen Bei den sozialen Erscheinungen
ist die Zusammensetzung der Ursachen das universale Gesetz
Die Methode des Philosophierens welche man die chemische nennen kann
übersieht nun diese Tatsache und verfährt so als ob die individuelle
Menschennatur gar nicht oder nur in geringem Grade bei den Operationen
vergesellschafteter menschlicher Wesen beteiligt wäre Einem jeden auf die
Prinzipien der menschlichen Natur gegründeten Schließen in der Politik oder den
sozialen Angelegenheiten wird von derartigen Denkern der Vorwurf »abstrakter
Theorien« gemacht Als Richtschnur für ihre Meinungen und ihre Praxis versichern
sie in allen Fällen ohne Ausnahme nur die spezifische Erfahrung zu nehmen
Diese Denkweise findet sich nicht nur allgemein bei den Praktikern in der
Politik und bei jener zahlreichen Klasse welche vorgibt in Betreff eines
Gegenstandes über den sich auch der Unwissendste zu urteilen für kompetent
hält sich lieber nach dem gemeinen Menschenverstand als nach der Wissenschaft
zu richten sondern sie wird auch häufig von Personen verteidigt welche höhere
Ansprüche auf Bildung machen Es glauben nämlich Personen welche mit Büchern
und den gangbaren Ideen hinlänglich bekannt sind um gehört zu haben dass Bacon
die Menschen gelehrt hat der Erfahrung zu folgen und ihre Schlüsse auf
Tatsachen anstatt auf metaphysische Dogmen zu gründen dass wenn sie politische
Tatsachen nach einer ebenso direkten experimentellen Methode behandeln wie
chemische Tatsachen sie sich als wahre Baconianer erweisen und von ihren
Gegnern beweisen dass dieselben bloße Syllogistiker und Scholastiker sind Da
indessen die Vorstellung von der Anwendbarkeit der experimentellen Methode auf
die politische Philosophie mit keiner richtigen Vorstellung von dieser Methode
selbst bestehen kann so ist die Art von Schlüssen aus der Erfahrung welche die
chemische Theorie als ihre Frucht ans Licht bringt und welche besonders in
diesem Lande das Wesen der parlamentarischen Beredsamkeit und der Beredsamkeit
des Wahlgerüstes bildet so beschaffen dass sie zu keiner Zeit seit Bacon in
der Chemie selbst oder in einem anderen Zweige der experimentellen Wissenschaft
als gültig zugelassen worden wäre Diese Schlüsse sind von einer Natur wie die
folgenden das Verbot fremder Waren muss zu nationalem Reichtum führen weil
England bei diesem Verbote gedieh oder weil im allgemeinen die Länder die es
angenommen hatten geblüht haben unsere Gesetze unsere innere Verwaltung oder
unsere Konstitution sind eines ähnlichen Grundes wegen vortrefflich und so die
ewigen auf historische Beispiele auf Athen oder Rom auf die Feuer von
Smithfield oder die französische Revolution gegründeten Argumente
Ich will keine Zeit vergeuden um gegen Schlussweisen zu streiten zu denen
sich Niemand der die geringste Übung in der Beurteilung des Beweises hat
möglicherweise verleiten lassen könnte gegen Schlussweisen welche Schlüsse von
allgemeiner Anwendbarkeit aus einem einzigen analysierten Fall ziehen oder die
willkürlich und ohne ein Eliminationsverfahren oder eine Vergleichung von Fällen
eine Wirkung auf irgend eines von ihren Antecendentien beziehen Es ist eine
Regel sowohl der Gerechtigkeit als auch des gesunden Menschenverstandes nicht
gegen die absurdeste sondern gegen die vernünftigste Form einer solchen Ansicht
zu streiten Wir wollen annehmen unser Forscher sei mit den wahren Bedingungen
der experimentellen Forschung bekannt und sei so weit es erlangte Fähigkeiten
betrifft kompetent dieselben so weit zu realisieren als sie zu realisieren
sind Er soll so viel von den historischen Tatsachen wissen als bloße
Gelehrsamkeit lehren kann so viel als durch Zeugnis bewiesen werden kann
und wenn diese bloßen Tatsachen gehörig verglichen die Bedingungen einer
wirklichen Induktion erfüllen können so soll er für die Aufgabe qualifiziert
sein
Dass ein solcher Versuch nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben kann
wurde in dem zehnten Kapitel des dritten Buches hinreichend gezeigt Wir prüften
daselbst ob Wirkungen welche von einer Komplikation von Ursachen abhängen
durch Beobachtung und Experiment zum Gegenstand einer wahren Induktion gemacht
werden können und schlossen auf die überzeugendsten Gründe hin dass dies nicht
sein kann Da von allen Wirkungen keine von einer so großen Komplikation von
Ursachen abhängig ist wie die gesellschaftlichen Phänomene so könnten wir mit
aller Ruhe den Fall jener Auseinandersetzung überlassen Aber ein logisches
Prinzip das der gewöhnlichen Art von Denkern noch so wenig geläufig ist muss
um den gehörigen Eindruck zu machen mehr als einmal besprochen werden und da
es durch den vorliegenden Fall am allerbesten erläutert wird so wird es
vorteilhaft sein die Gründe der allgemeinen Maxime in ihrer Anwendung auf die
Spezialitäten der in Frage stehenden Klasse von Untersuchungen nochmals
anzugeben
2 Die erste Schwierigkeit der wir bei dem Versuch die experimentelle
Methode auf die Ermittlung der Gesetze der sozialen Erscheinungen anzuwenden
begegnen besteht darin dass wir ohne Mittel sind künstliche Experimente zu
machen Wenn wir aber auch mit aller Muße Experimente erdenken und sie
unbeschränkt ausführen könnten so würden wir doch dabei sehr im Nachtheile
stehen sowohl der Unmöglichkeit wegen alle Tatsachen eines jeden Falles zu
beachten als auch weil da diese Tatsachen in einem fortwährenden Zustande von
Veränderung sind irgend ein wesentlicher Umstand nicht mehr derselbe sein
würde wenn die für die Bestimmung des Resultates erforderliche Zeit schon
verflossen ist Aber es ist unnötig die logischen Einwürfe gegen die
Beweiskraft unserer Experimente zu betrachten da wir offenbar niemals die Macht
besitzen können dieselben anzustellen Wir können nur die Experimente abpassen
welche die Natur oder irgend eine andere Ursache erzeugt Wir können unsere
logischen Mittel nicht unseren Bedürfnissen dadurch anpassen dass wir die
Umstände so verändern wie es für die Elimination erforderlich ist Wenn die
spontanen Fälle welche durch gleichzeitige Begebenheiten und durch die
Sukzessionen der in der Geschichte verzeichneten Phänomene gebildet werden eine
hinreichende Veränderung von Umständen darbieten so wird eine Induktion aus
spezifischer Erfahrung zu erlangen sein anders nicht Die zu lösende Frage ist
daher ob die Erfordernisse für eine Induktion in Betreff der Ursachen
politischer Wirkungen oder der Eigenschaften politischer Agentien in der
Geschichte zu finden sind unter dem Worte Geschichte die Zeitgeschichte mit
inbegriffen Um unseren Begriffen Stetigkeit zu geben wird es ratsam sein
vorauszusetzen es sei diese Frage in Beziehung auf einen speziellen Gegenstand
der politischen Untersuchung oder Kontroverse gestellt etwa in Beziehung auf
einen in dem gegenwärtigen Jahrhundert häufigen Gegenstand der Debatte in
Beziehung auf die Wirkung restriktiver und prohibitiver Handelsgesetze auf den
Nationalreichtum Es sei dies also eine durch spezifische Erfahrung zu
untersuchende wissenschaftliche Frage
3 Um die vollkommenste der Methoden der experimentellen Forschung um
die Differenzmethode auf den Fall anwenden zu können bedürfen wir zweier Fälle
die mit Ausnahme des den Gegenstand der Untersuchung bildenden Umstandes in
allen anderen Umständen übereinstimmen Wenn wir zwei Nationen finden können
welche sich in allen natürlichen Vorteilen und Nachtheilen gleichen deren
Glieder sich in jeder physischen und moralischen spontanen und erlangten
Eigenschaft ähnlich sind deren Gewohnheiten Gebräuche Meinungen Gesetze und
Institutionen in allen Beziehungen dieselben sind nur dass die eine einen
stärkeren Schutztarif hat oder in anderen Beziehungen der Freiheit der Industrie
mehr Eintrag tut wenn wir finden dass die eine dieser Nationen reich und die
andere arm ist oder dass die eine reicher ist als die andere so wird dies ein
experimentum crucis sein ein wirklicher Beweis durch die Erfahrung dass das
eine dieser Systeme dem Nationalreichtum günstiger ist Aber die Voraussetzung
es seien wirklich zwei derartige Fälle zu finden ist offenbar absurd Eine
solche Übereinstimmung ist nicht einmal in abstracto möglich Zwei Nationen
welche mit Ausnahme ihrer Handelspolitik in Allem übereinstimmen würden auch in
dieser übereinstimmen Unterschiede in der Gesetzgebung sind nicht inhärente und
letzte Verschiedenheiten sie sind nicht Eigenschaften der Arten sondern
Wirkungen präexistierender Ursachen Wenn sich zwei Nationen in diesem Theile
ihrer Institutionen unterscheiden so ist dies einer Verschiedenheit ihrer Lage
und daher ihrer augenscheinlichen Interessen oder des einen oder des andern
Theiles ihrer Ansichten Gewohnheiten und Bestreben wegen was eine Aussicht auf
weitere Verschiedenheiten ohne angebbare Grenze eröffnet auf Verschiedenheiten
die sowohl auf das Gedeihen ihrer Industrie als auch auf jeden anderen Zug
ihrer Lage in mehr Weisen wirken dürften als aufgezählt oder erdacht werden
können Es ist daher die nachweisbare Unmöglichkeit vorhanden in den
Untersuchungen der sozialen Wissenschaft die erforderlichen Bedingungen für die
beweiskräftigste Form der Untersuchung durch spezifische Erfahrung zu erlangen
Bei der Unzulässigkeit der direkten Methode könnten wir wie bei anderen
Fällen das früher als Indirekte Differenzmethode bezeichnete supplementäre
Hilfsmittel gebrauchen welches anstatt von zwei Fällen die sich in nichts
unterscheiden als in der Gegenwart oder Abwesenheit eines gegebenen Umstandes
zwei Classen von Fällen vergleicht die beziehungsweise in nichts
übereinstimmen als in der Anwesenheit eines Umstandes auf der einen Seite und
seiner Abwesenheit auf der anderen Um den erdenklich vorteilhaftesten Fall zu
wählen einen Fall der zu vorteilhaft ist um je erhalten zu werden wollen
wir annehmen wir verglichen eine Nation welche ein restriktive Politik hat
mit zwei oder mehr Nationen die in nichts anderem übereinstimmen als dass sie
den Freihandel erlauben Wir brauchen nun nicht anzuanzunehmen dass eine von
diesen Nationen mit der ersteren in allen Umständen übereinstimme die eine mag
mit ihr in dem einen ihrer Umstände und die andere in den übrigen
übereinstimmen Es kann nun geschlossen werden dass wenn diese Nationen ärmer
bleiben als die restriktive Nation es weder wegen Mangels an der ersten noch
wegen Mangels an der zweiten Reihe von Umständen sein kann sondern dass es
wegen Mangels an einem Schutzsystem sein muss Wenn so könnten wir sagen die
restriktive Nation durch die eine Reihe von Ursachen zu Wohlstand gelangt wäre
so würde die erste der Freihandelsnationen ebenfalls zu Wohlstand gelangt sein
wenn die restriktive Nation durch die andere Reihe von Ursachen zu Wohlstand
gelangt wäre so würde die zweite Freihandelsnation dazu gelangt sein Aber
keine der beiden gedieh der Wohlstand ging daher aus den Restriktionen hervor
Man wird dies für eine sehr günstige Probe eines auf spezifische Erfahrung
gestützten Arguments in der Politik halten und wenn dieses nicht beweiskräftig
sein sollte so würde es nicht leicht sein ein anderes ihm vorzuziehendes zu
finden
Dass dasselbe nicht beweiskräftig ist braucht indessen kaum nachgewiesen zu
werden Warum muss die wohlhabende Nation ausschließlich durch eine einzige
Ursache zu Wohlstand gelangt sein Der nationale Wohlstand ist immer das
Gesamtresultat einer Menge von günstigen Umständen und von diesen kann die
restriktive Nation eine größere Anzahl bei sich vereinigen als die bei den
anderen obgleich sie diese Umstände sämtlich entweder mit der einen oder mit
der anderen Freihandelsnation gemein haben kann Ihr Wohlstand kann zum Teil
von Umständen herrühren die sie mit der einen dieser Nationen und zum Teil von
Umständen welche sie mit der anderen gemein hat während diese beiden Nationen
da eine jede von ihnen nur die halbe Anzahl von günstigen Umständen besitzt ihr
nachstehen Die treueste Nachahmung einer legitimen Induktion aus der direkten
Erfahrung welche in der Gesellschaftswissenschaft gemacht werden kann besitzt
also nur einen wertlosen Schein von Beweiskraft
4 Da die Differenzmethode in ihren beiden Formen gänzlich außer Frage
kommt so bleibt noch die Methode der Übereinstimmung Wir wissen aber bereits
von welchem geringen Werth diese Methode in Fällen ist welche eine Vielfachheit
von Ursachen zulassen und soziale Erscheinungen sind gerade diejenigen in
denen die Vielfachheit der Ursachen bis zur möglichst weiten Ausdehnung
stattfindet
Nehmen wir an der Beobachter träfe den glücklichsten Fall welchen eine
denkbare Kombination von Zufällen geben kann er fände zwei Nationen welche in
keinem andern Umstande übereinstimmen als dass sie ein Restriktivsystem haben
und sich im Wohlstand befinden oder er fände eine Anzahl von wohlhabenden
Nationen welche keine anderen vorausgängigen Umstände gemein haben als dass
sie eine restriktive Politik haben Es ist unnötig in die Betrachtung der
Unmöglichkeit einzugehen aus der Geschichte oder auch durch kontemporäre
Beobachtung zu bestimmen dass sich dies wirklich so verhält dass die Nationen
in keinem anderen Umstände der einen Einfluss auf den Fall ausüben kann
übereinstimmen Wir wollen annehmen diese Unmöglichkeit sei überwunden und es
sei die Tatsache ermittelt dass sie nur in einem Restriktivsystem als
Antezedens und in industriellem Gedeihen als Konsequenz übereinstimmen Welche
Präsumtion wird hierdurch erregt dass das Restriktivsystem den Wohlstand
verursacht habe So gut wie keine Dass irgend ein Antezedens die Ursache einer
gegebenen Wirkung ist weil man von allen anderen Antecedentien gefunden hat
dass sie eliminiert werden können ist nur dann eine richtige Folgerung wenn die
Wirkung nur eine einzige Ursache gehabt haben kann Lässt sie mehrere Ursachen
zu so ist nichts natürlicher als dass eine jede derselben der Elimination
zugängig sein sollte Bei politischen Erscheinungen ist nun aber die
Voraussetzung einer Einheit der Ursache nicht bloß weit entfernt wahr zu sein
sondern sie ist auch in einer unermesslichen Entfernung von der Wahrheit Die
Ursachen einer jeden sozialen Erscheinung welche für uns von besonderem
Interesse ist wie Sicherheit Reichtum Freiheit gute Regierung öffentliche
Tugend öffentliche Intelligenz oder deren Gegenteil sind unendlich
zahlreich besonders die äußeren oder entfernten Ursachen welche der direkten
Beobachtung meistenteils allein zugängig sind Keine Ursache ist allein
hinreichend um eine dieser Erscheinungen hervorzubringen während unzählige
Ursachen existieren die einen Einfluss auf dieselben haben und bei ihrer
Erzeugung oder Verhinderung mitwirken können Wir können daher aus der bloßen
Tatsache dass wir im Stande waren einen Umstand zu eliminieren keineswegs
folgern dass dieser Umstand nicht gerade in einem der Fälle aus denen wir ihn
eliminiert haben zu der Wirkung beigetragen habe Wir können schließen dass
die Wirkung manchmal ohne ihn hervorgebracht wird nicht aber dass er nicht da
seinen Teil beitrage wo er gegenwärtig ist
Ähnliche Einwürfe lassen sich gegen die Methode der sich begleitenden
Veränderungen machen Wenn die Ursachen welche auf einen Zustand einer
Gesellschaft wirken Wirkungen erzeugten die der Art nach verschieden sind
wenn der Reichtum von der einen der Friede von der anderen Ursache abhinge
eine dritte das Volk tugendhaft eine vierte es intelligent machte so könnten
wir wenn wir auch die Ursachen nicht von einander trennen könnten auf eine
jede den Antheil von der Wirkung beziehen welcher mit ihr wuchs und mit ihr
abnahm Aber ein jedes Attribut des sozialen Körpers wird durch unzählige
Ursachen beeinflusst und die gegenseitige Wirkung der koexistierenden Elemente
der Gesellschaft ist der Art dass alles was eines der wichtigeren dieser
Elemente berührte dadurch allein schon die anderen wenn nicht direkt so doch
indirekt berührt Da demnach die Wirkungen verschiedener Agentien nicht der
Qualität nach verschieden sind während die Quantität einer jeden Wirkung das
gemischte Resultat aller Agentien ist so können die Verschiedenheiten des
Aggregats nicht in einem gleichförmigen Verhältnis zu den Veränderungen irgend
eines seiner Bestandteile stehen
5 Es bleibt nun noch die Methode der Rückstände die beim ersten Anblick
dieser Art Untersuchung weniger fremd scheinen dürfte als die drei anderen
Methoden da sie nur verlangt dass wir von den Umständen irgend eines Landes
oder eines Zustandes der Gesellschaft genau Notiz nehmen Indem man sodann die
Wirkung aller Ursachen deren Bestreben bekannt sind in Anschlag bringt kann
der Rückstand den zu erklären diese Ursachen unzulänglich sind dem Rest der
Umstände von denen man weiß dass sie in dem Falle existiert haben
zugeschrieben werden Etwas ähnliches ist die Methode welche Coleridge203 wie
er selbst mittheilt in seinen politischen Essays in der »Morning Post« befolgt
hat »Bei einem jeden großen Ereignis suchte ich in der vergangenen Geschichte
die Begebenheit auf welche demselben am meisten glich Ich verschaffte mir so
oft es möglich war die Geschichte die Memoiren und Pamphlete der betreffenden
Zeit Indem ich alsdann die Punkte in denen sich die Vorgänge unterschieden
von den Punkten abzog worin sie sich glichen mutmaßte ich dass sie gleich
oder verschieden seien je nachdem der Rest der ersteren oder der letzteren
Mutmaßung günstig war wie zB in der Reihe von Essays welche die
Überschrift tragen Eine Vergleichung von Frankreich unter Napoleon mit Rom
unter dem ersten Cäsar so wie auch in den folgenden Essays Über die
wahrscheinliche endliche Restauration der Bourbonen Denselben Plan verfolgte
ich mit gleichem Erfolg beim Beginn der spanischen Revolution indem ich den
Krieg der Vereinigten Provinzen mit Philipp II als Grundlage für die
Vergleichung nahm« Bei dieser Untersuchung gebrauchte er ganz ohne Zweifel die
Methode der Rückstände denn »indem er die Punkte in denen sich die Vorgänge
unterschieden von den Punkten abzog worin sie sich glichen« war er nicht
damit zufrieden dieselben zu zählen sondern er wog sie er nahm ohne Zweifel
nur diejenigen Punkte der Übereinstimmung von denen er mutmaßte sie
könnten ihrer eigenen Natur nach die Wirkung beeinflussen und indem er diesen
Einfluss in Anschlag brachte schloss er dass der Rest des Resultates den
Differenzpunkten vorzuziehen wäre
Welches auch die Brauchbarkeit dieser Methode sein möge sie ist wie wir
bereits bemerkt haben keine reine Methode der Beobachtung und des Experiments
sie schließt nicht aus einer Vergleichung von Fällen sondern aus der
Vergleichung eines Falles mit dem Resultat einer früheren Deduktion Auf soziale
Erscheinungen angewendet setzt sie voraus die Ursachen denen die Wirkung zum
Teil entspringt seien bereits bekannt und da wir gezeigt haben dass
dieselben nicht durch spezifische Erfahrung bekannt sein können so müssen sie
durch Deduktion aus den Elementen der menschlichen Natur erschlossen worden
sein indem die Erfahrung nur als ein ergänzendes Hilfsmittel angerufen wurde
um die Ursachen zu bestimmen welche einen unerklärten Rest erzeugen Wenn man
aber für die Begründung einiger politischer Wahrheiten zu den Prinzipien der
menschlichen Natur seine Zuflucht nehmen kann so kann man es für die Begründung
aller Wenn es zulässig ist zu sagen England muss durch das Prohibitivsystem
zu Wohlstand gelangt sein weil wenn alle anderen wirkenden Bestreben in
Anschlag gebracht werden noch immer ein zu erklärender Antheil Wohlstand
übrigbleibt so muss es auch zulässig sein bezüglich der Wirkung des
Prohibitivsystems zu derselben Quelle zu gehen und zu prüfen welche Erklärung
die Gesetze der menschlichen Motive und Handlungen uns von dessen Bestreben zu
geben erlauben Auch wird das experimentelle Argument faktisch nur auf die
Bestätigung eines aus diesen Gesetzen gezogenen Schlusses hinauslaufen Denn wir
können die Wirkung von einer zwei drei oder vier Ursachen abziehen es wird
uns aber niemals gelingen die Wirkung aller Ursachen ausschließlich einer
abzuziehen während es ein merkwürdiges Beispiel von den Gefahren einer zu
großen Vorsicht sein würde wenn um nicht von einem aprioristischen Schließen
bezüglich der Wirkung einer einzelnen Ursache abhängen zu müssen wir uns
zwängen von so vielen separaten aprioristischen Schlüssen abzuhängen als
Ursachen vorhanden sind die mit jener besonderen Ursache in einem gegebenen
Falle zusammenwirken
Wir haben den groben Irrtum welcher derjenigen Untersuchungsweise
politischer Erscheinungen eigen ist welche ich die chemische Methode genannt
habe hinreichend charakterisiert Wenn sich die Ansprüche auf eine maßgebende
Entscheidung über politische Lehren auf Personen beschränkten welche einen der
höheren Zweige der physikalischen Wissenschaft hinreichend studiert haben so
wäre eine so weitläufige Erörterung nicht nötig gewesen Da aber im allgemeinen
diejenigen welche zur großen Zufriedenheit ihrer selbst und eines mehr oder
weniger zahlreichen Kreises von Bewunderern über Gegenstände der Politik
urteilen von den Methoden der physikalischen Forschung durchaus nichts kennen
was über einige wenige Vorschriften die sie Bacon fortwährend papageienartig
nachsprechen hinausginge indem sie gar nicht gewahren dass Bacons Auffassung
der wissenschaftlichen Forschung ihr Werk getan hat und dass die Wissenschaft
in ein höheres Stadium vorgerückt ist so werden Bemerkungen wie die
vorhergehenden wahrscheinlich Vielen von Nutzen sein In einer Zeit wo die
Chemie selbst bei der Untersuchung der verwickelteren chemischen Sequenzen der
Sequenzen des Thier oder auch des Pflanzenorganismus es nötig gefunden hat
und ihr auch gelungen ist eine Deduktive Wissenschaft zu werden ist es nicht
zu befürchten dass Jemand der wissenschaftliche Gewohnheiten hat und mit dem
allgemeinen Fortschritt der Kenntnis der Natur Schritt gehalten hat in Gefahr
kommen könne die Methoden der elementaren Chemie anzuwenden um die Sequenzen
der verwickeltsten Klasse von Erscheinungen zu erforschen welche man finden
kann
1 Der in dem vorhergehenden Kapitel erörterte Irrtum wird wie gesagt
hauptsächlich von denjenigen begangen welche an wissenschaftliche Forschung
nicht sehr gewöhnt sind von Praktikern in der Politik welche lieber die
Gemeinplätze der Philosophie gebrauchen um ihre Praxis zu rechtfertigen als
dass sie suchten dieselbe durch philosophische Prinzipien zu leiten oder von
unvollkommen unterrichteten Personen welche aus Unbekanntschaft mit einer
sorgfältigen Auswahl und Vergleichung von Fällen wie sie für die Aufstellung
einer gesunden Theorie erforderlich sind versuchen eine solche auf einige
wenige Koincidenzen zu gründen welche sie zufällig beobachtet haben
Die irrige Methode von welcher wir nun handeln werden ist im Gegenteil
denkenden und der Wissenschaft obliegenden Geistern eigen Sie kann nur bei
Personen vorkommen die mit der Natur der wissenschaftlichen Forschung
einigermaßen vertraut sind welche da sie die Unmöglichkeit kennen durch
zufällige Beobachtung oder direktes Experimentiren eine wahre Theorie von so
vereinzelten Sequenzen aufzustellen wie die sozialen Erscheinungen ihre
Zuflucht zu einfacheren bei diesen Erscheinungen unmittelbar tätigen Gesetzen
nehmen zu Gesetzen die keine anderen sind als die Gesetze der Natur der dabei
beteiligten menschlichen Wesen Diese Denker sehen was die Anhänger der
chemischen oder experimentellen Theorie nicht sehen dass die
Gesellschaftswissenschaft notwendig deduktiv sein muss Aber wegen einer
ungenügenden Erwägung der spezifischen Natur des Gegenstandes und häufig weil
da ihre eigene wissenschaftliche Erziehung in einem zu frühen Stadium stehen
geblieben ist die Geometrie ihrem Geiste als der Typus aller Deduktion
vorschwebt vergleichen sie unbewusst die deduktive Gesellschaftswissenschaft
mit der Geometrie und nicht mit der Astronomie oder mit der Physik
Von den Unterschieden zwischen der Geometrie einer Wissenschaft von
koexistierenden von den Gesetzen der Sukzession von Erscheinungen gänzlich
unabhängigen Tatsachen und denjenigen physikalischen Wissenschaften von der
Verursachung welche man zu deduktiven gemacht hat ist der folgende einer der
sichtbarsten der Unterschied nämlich dass die Geometrie für das keinen Raum
hat was in der Mechanik und deren Anwendungen so beständig vorkommt für den
Fall nämlich von widerstreitenden Kräften von Ursachen welche einander
aufheben oder modifizieren In der Mechanik finden wir fortwährend dass zwei
oder mehr bewegende Kräfte nicht Bewegung sondern Ruhe erzeugen oder auch
Bewegung in einer Richtung die verschieden ist von der Richtung welche die
eine oder die andere der wirkenden Kräfte allein hervorgebracht haben würde Es
ist wahr die Wirkung der vereinigten und gleichzeitig wirkenden Kräfte ist
dieselbe als wenn diese Kräfte nach einander oder abwechselnd gewirkt hätten
und gerade hierin besteht der Unterschied zwischen mechanischen und chemischen
Gesetzen Aber dennoch heben die Wirkungen sie mögen durch sukzessive oder
durch gleichzeitige Tätigkeit erzeugt sein ganz oder teilweise einander auf
was die eine Kraft vollbringt vernichtet die andere teilweise oder gänzlich
In der Geometrie gibt es keinen solchen Zustand der Dinge Das Resultat
welches aus einem geometrischen Prinzip folgt enthält nichts was einem aus
einem andern Prinzip folgenden Resultat widerspräche Was von einem
geometrischen Lehrsatz als wahr bewiesen ist was wahr sein würde wenn keine
anderen geometrischen Prinzipien existierten kann nicht auf Grund eines andern
Prinzips geändert oder unwahr gemacht werden Was einmal als wahr bewiesen ist
ist wahr in allen Fällen welche Voraussetzung man auch in Betreff eines jeden
Gegenstandes machen möge
Es scheint nun aber dass sich eine der letzteren ähnliche Vorstellung von
der sozialen Wissenschaft in dem Geiste derjenigen bildete welche diese
Wissenschaft zuerst durch die deduktive Methode zu fördern suchten Die Mechanik
würde eine der Geometrie sehr ähnliche Wissenschaft sein wenn eine jede
Bewegung das Resultat von nur einer einzigen Kraft und nicht von einander
widerstrebenden Kräften wäre In der geometrischen Theorie der Gesellschaft
scheint man anzunehmen dies sei bei den sozialen Erscheinungen wirklich der
Fall eine jede Erscheinung gehe immer nur aus einer einzigen Kraft aus einer
einzigen Eigenschaft der menschlichen Natur hervor
Bei dem Punkte den wir nun erreicht haben ist es unnötig etwas als
Beweis oder zur Erläuterung der Behauptung zu sagen dass dieses nicht der wahre
Charakter der sozialen Erscheinungen ist Es gibt unter diesen höchst
verwickelten und aus diesem Grunde höchst veränderlichen Erscheinungen keine
einzige auf die nicht unzählige Kräfte einen Einfluss ausübten welche nicht
von einer Verbindung von sehr vielen Ursachen abhängig wäre Wir haben nicht zu
beweisen dass die fragliche Vorstellung ein Irrtum ist sondern wir müssen
beweisen dass der Irrtum begangen worden ist dass eine so irrige Vorstellung
von dem Modus nach welchem die gesellschaftlichen Erscheinungen erzeugt werden
wirklich gehegt worden ist
2 Eine zahlreiche Klasse von den Denkern welche die sozialen Tatsachen
nach der geometrischen Methode behandelt haben muss hier vorläufig ganz außer
Acht gelassen werden da dieselbe keine Modifikation des einen Gesetzes durch
das andere zugibt Bei diesen Denkern ist jener Irrtum mit einem andern
Irrtum verflochten wovon er die Wirkung ist und wovon wir bereits Notiz
genommen haben um ihn ehe wir schließen etwas ausführlicher abzuhandeln Ich
spreche von den Denkern welche politische Schlüsse nicht aus Naturgesetzen
nicht aus realen oder imaginären Sequenzen der Erscheinungen sondern aus
starren praktischen Maximen ableiten Der Art sind zB alle Denker welche ihre
Theorie der Politik auf das sogenannte abstrakte Recht dh auf allgemeine
Vorschriften gründen eine Prätension deren chimärische Natur wir bereits
ersehen haben Der Art sind auch diejenigen welche einen Gesellschaftsvertrag
oder eine andere Art von ursprünglicher Verpflichtung annehmen und durch bloße
Interpretation auf den besonderen Fall anwenden Aber der Grundirrtum hierin
ist der Versuch eine Kunst wie eine Wissenschaft zu behandeln eine deduktive
Kunst haben zu wollen das Unvernünftige hiervon wird in einem späteren Kapitel
gezeigt werden unsere Beispiele für die Erläuterungen der geometrischen Methode
werden wir besser unter jenen Denkern wählen welche diesen neuen Irrtum
vermieden und soweit eine richtigere Idee von der Natur der politischen
Forschung haben
Wir können zuvörderst diejenigen Denker anführen welche als Grundlage ihrer
politischen Philosophie annehmen die Regierungsgewalt sei auf Furcht gegründet
die Furcht des einen vor dem andern sei das Motiv welches menschliche Wesen
ursprünglich zu einem gesellschaftlichen Zustande vereinigt habe und sie noch
darin zusammenhalte Einige der früheren wissenschaftlichen Forscher in der
Politik besonders Hobbes nahmen diesen Satz nicht stillschweigend sondern
ganz rückhaltlos als die Grundlage ihrer Lehre an und suchten eine vollständige
Philosophie der Politik darauf zu gründen Hobbes fand in Wahrheit diese einzige
Maxime nicht genügend um zu seinem Ziele zu gelangen und sah sich gezwungen
sie durch das doppelte Sophisma von einem ursprünglichen Gesellschaftsvertrag zu
ergänzen Ich nenne sie ein doppeltes Sophisma erstens weil sie eine Erfindung
für eine Tatsache gibt und zweitens weil sie ein praktisches Prinzip oder
eine Vorschrift als Basis einer Theorie nimmt was petitio principii ist da
wie wir bei dem Abhandeln dieses Fehlschlusses bemerkten eine jede praktische
Regel wenn sie auch so bindend wäre wie ein Versprechen selbst auf die
Theorie des Gegenstandes gegründet sein muss und daher nicht umgekehrt die
Theorie auf die Regel gegründet werden kann
3 Indem ich über weniger wichtige Fälle hinweggehe wende ich mich
direkt zu dem merkwürdigsten Beispiele das unsere eigene Zeit von der Anwendung
der geometrischen Methode in der Politik darbietet und das von Personen
herrührt die den Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst wohl kennen und
wissen dass praktische Regeln der Bestimmung von Naturgesetzen nicht
vorausgehen dürfen sondern dass sie ihr folgen müssen und dass nicht die
ersteren sondern die letzteren das legitime Feld für die Anwendung der
deduktiven Methode sind Ich meine damit die InteressenPhilosophie der Schule
von Bentham
Die tiefen und originellen Denker welche unter dieser Bezeichnung bekannt
sind gründeten ihre allgemeine Theorie der Staatskunst auf eine umfassende
Prämisse auf die Prämisse nämlich dass die Handlungen der Menschen auf ihr
Interesse gegründet sind In dem letzten Ausdruck liegt eine Zweideutigkeit
denn da diese Philosophen besonders Bentham den Namen Interesse allem gaben
woran Jemand Gefallen findet so kann man den Satz auch so verstehen als wolle
er nur sagen dass die Handlungen der Menschen immer durch ihre Wünsche bestimmt
werden In diesem Sinne würde er aber keine der Konsequenzen welche jene
Schriftsteller daraus zogen stützen es muss daher das Wort in ihren
politischen Räsonnements so verstanden werden als bedeute es welches auch die
Erklärung ist welche sie bei dergleichen Gelegenheiten von ihm gaben das was
gewöhnlich Privatinteresse oder weltliches Interesse genannt wird
Wenn wir demnach die Lehre in diesem Sinne nehmen so bietet sich gleich in
limine ein Einwurf dar den man für verhängnisvoll halten dürfte der Einwurf
nämlich dass ein so weitgreifender Satz weit entfernt ist allgemein wahr zu
sein Die Menschen werden nicht bei allen ihren Handlungen durch ihre weltlichen
Interessen geleitet Dies ist indessen kein so beweiskräftiger Einwurf als es
auf den ersten Blick scheinen dürfte weil wir es in der Politik meistenteils
mit der Handlungsweise nicht von Individuen sondern entweder einer Reihe von
Personen wie eine Sukzession von Königen oder einer Gesellschaft oder einer
Masse von Menschen wie eine Nation eine Aristokratie oder eine repräsentative
Versammlung zu tun haben Und alles was von einer großen Mehrheit von
Menschen wahr ist kann ohne großen Irrtum von einer jeden als ein Ganzes
betrachteten Reihenfolge von Personen oder von einer jeden Masse von Menschen
in welcher die Handlung der Majorität zur Handlung der ganzen Gesellschaft wird
für wahr gehalten werden Obgleich sich daher der Grundsatz zuweilen in unnötig
paradoxer Weise ausgedrückt findet so werden die daraus gezogenen Konsequenzen
dennoch gültig sein wenn derselbe in folgender Weise beschränkt wird Eine
jede Sukzession von Personen oder die Mehrheit einer jeden Gesellschaft von
Personen wird bei ihrer Handlungsweise im Durchschnitt von ihrem persönlichen
Interesse geleitet werden Wir sind verbunden jener Schule von Denkern den
Vorteil dieser rationelleren Fassung ihres fundamentalen Grundsatzes
zuzugestehen um so mehr da sie in voller Übereinstimmung mit den Erklärungen
steht welche sie selbst gelegentlich gegeben hat
Die Theorie folgert nun weiter dass wenn die Handlungen der Menschen der
Hauptsache nach durch ihre selbstischen Interessen bestimmt werden die einzigen
Regierenden die im Interesse der Regierten regieren werden diejenigen sein
werden welche ein mit diesem Interesse übereinstimmendes Interesse haben
Hierzu kommt noch als ein dritter Satz dass das Interesse der Regierenden mit
dem der Regierten nicht identisch ist wenn es nicht durch Verantwortlichkeit
dh durch Abhängigkeit von dem Willen der Regierten identisch gemacht wird Mit
anderen Worten und als das Resultat des Ganzen dass der Wunsch die Macht zu
erhalten und die Furcht dieselbe zu verlieren und was hieraus folgt das
einzige verlässliche Motiv ist um von Seite der Regierenden eine Handlungsweise
hervorzurufen die in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Interesse ist
Wir haben so einen fundamentalen Lehrsatz der politischen Wissenschaft
einen Lehrsatz der aus drei Syllogismen besteht und hauptsächlich von zwei
allgemeinen Prämissen abhängig ist in denen eine gewisse Wirkung als nur von
einer einzigen Ursache und nicht von einem Zusammenwirken von Ursachen bestimmt
angesehen wird In der einen dieser Prämissen wird angenommen die Handlungen
der Regierenden seien durchschnittlich nur durch eigenes Interesse bestimmt in
der anderen das Gefühl der Identität der Interessen mit den Regierten sei durch
keine andere Ursache als durch Verantwortlichkeit erzeugt oder erzeugbar
Die beiden Sätze sind keineswegs wahr der letztere ist sogar sehr weit von
der Wahrheit entfernt Es ist nicht wahr dass die Handlungen der Regierenden
gänzlich oder auch nur nahezu gänzlich durch ihr persönliches Interesse oder
auch nur durch ihre eigene Ansicht von ihrem persönlichen Interesse bestimmt
werden Ich spreche nicht von dem Einflüsse des Pflichtgefühls von
philanthropischen Gefühlen von Motiven also auf welche man sich im Ganzen
niemals verlassen kann obgleich mit Ausnahme von Ländern oder Zeiten von
großer moralischer Erniedrigung sie bis zu einem gewissen Grade alle
Regierenden und manche von ihnen in hohem Grade beeinflussen Ich bestehe bloß
auf dem was von allen Regierenden wahr ist auf dem nämlich dass der Charakter
und der Gang ihrer Handlungen abgesehen von persönlicher Berechnung sowohl
durch die gewohnten Gedanken und Gefühle durch die allgemeine Denk und
Handlungsweise bedeutend beeinflusst werden welche in dem Gemeinwesen wovon
sie Mitglieder sind vorherrschen als auch durch die Gefühle die Gewohnheiten
und die Denkweise welche die besondere Klasse des Gemeinwesens der sie selbst
angehören charakterisieren Und niemand wird das praktische System derselben
verstehen oder entziffern können der diese Dinge nicht sämtlich in Anschlag
bringt Auch werden sie durch die Maximen und die Traditionen stark beeinflusst
welche ihre Vorgänger im Regieren ihnen vererbt haben durch Maximen und
Traditionen von denen bekannt ist dass sie lange Perioden hindurch sogar im
Gegensatz zu den Privatinteressen der jezeitig Regierenden eine Gewalt über
dieselben behauptet haben Den Einfluss von anderen weniger allgemeinen
Ursachen übergehe ich Obgleich daher das Privatinteresse der Herrscher oder der
herrschenden Klasse eine sehr bedeutende Kraft ist eine Kraft die beständig in
Tätigkeit ist und den wichtigsten Einfluss auf ihre Handlungsweise ausübt so
liegt doch in dem was sie tun vieles was durch das Privatinteresse
keineswegs hinreichend erklärt wird und sogar die einzelnen Umstände welche
die Güte oder die Schlechtigkeit ihrer Regierung ausmachen werden nicht in
geringem Grade gerade durch den auf sie wirkenden Teil jener Umstände
beeinflusst der in dem Worte Eigeninteresse nicht füglich inbegriffen sein
kann
Wenden wir uns nun zum andern Satze zu dem Satze dass die
Verantwortlichkeit den Regierten gegenüber die einzige Ursache ist die in den
Regierenden das Gefühl der Identität ihrer Interessen mit denen des Gemeinwesens
erzeugen kann Ich spreche nicht von vollkommener Identität der Interessen was
eine unausführbare Chimäre ist und welche die Verantwortlichkeit dem Volke
gegenüber sicherlich nicht gibt ich spreche von der Identität in den
Hauptsachen und die Hauptsachen sind verschieden je nachdem Zeit und Ort
verschieden sind Es gibt eine große Anzahl von Fällen in denen die Dinge
welche die Regierenden im allgemeinen Interesse tun sollten auch diejenigen
sind welche zu tun ihr stärkstes persönliches Interesse die Befestigung ihrer
Macht sie antreibt zB die Unterdrückung der Anarchie und des Widerstandes
gegen das Gesetz die vollständige Begründung der Autorität der
Zentralregierung in einem gesellschaftlichen Zustande wie der Europas im
Mittelalter war ist eines der stärksten Interessen des Volkes und auch der
Regierenden einfach weil sie die Regierenden sind Ihre Verantwortlichkeit
könnte die Motive welche sie zur Verfolgung dieses Zieles antreiben nicht
stärken wohl aber auf verschiedene denkbare Weisen schwächen Während des
größeren Teils der Regierung der Königin Elisabeth und vieler anderer
nennbarer Monarchen war das Gefühl der Identität der Interessen des Souveräns
und der Mehrheit des Volks wahrscheinlich stärker als es bei einer
Repräsentativregierung zu sein pflegt alles was dem Volke am Herzen lag lag
auch dem Monarchen am Herzen Hatte Peter der Große oder die rauen Barbaren
welche er zu zivilisieren begann die wahrste Neigung zu den Dingen welche im
wahren Interesse jener Wilden lagen
Ich versuche hier weder eine Staatslehre aufzustellen noch fühle ich mich
berufen das proportionale Gewicht zu bestimmen das sowohl den Umständen
beizulegen wäre welche diese Schule von geometrischen Politikern aus ihrem
System ausgelassen hat als auch denjenigen welche sie darin aufgenommen hat
es ist nur meine Sache zu zeigen dass ihre Methode unwissenschaftlich war
nicht aber die Größe des Irrtums zu messen womit ihre praktischen Schlüsse
etwa behaftet sein konnten
Um gegen sie gerecht zu sein muss indessen bemerkt werden dass ihr Irrtum
nicht sowohl in der Sache als in der Form lag er bestand darin dass sie das
in einer systematischen Form und als die wissenschaftliche Behandlung einer
großen philosophischen Frage gaben was nur für das hätte gegeben werden
sollen was es war nämlich für die Polemik des Tages Obgleich die Handlungen
der Regierenden keineswegs gänzlich durch ihre selbstischen Interessen bestimmt
werden so sind doch konstitutionelle Beschränkungen hauptsächlich als eine
Sicherheit gegen diese selbstischen Interessen erforderlich und aus diesem
Grunde kann man solche Beschränkungen in England und bei anderen Nationen des
modernen Europas in keiner Weise entbehren Auch ist es wahr dass bei denselben
Nationen und in der gegenwärtigen Zeit die Verantwortlichkeit den Regierten
gegenüber das einzige praktisch verwertbare Mittel ist um ein Gefühl der
Identität der Interessen da hervorzurufen wo es noch nicht hinreichend
vorhanden ist Gegen alles dieses und gegen die Schlüsse welche man zu Gunsten
von Maßregeln für die Verbesserung unseres Repräsentativsystems auf diese
Wahrheiten gründen könnte habe ich nichts einzuwenden ich gestehe aber dass
ich bedaure dass das geringe obgleich höchst wichtige Maß von
Staatsphilosophie das für den unmittelbaren Zweck für den Zweck nämlich der
Sache der Parlamentsreform zu dienen erforderlich war von so hervorragenden
Denkern als eine vollständige Theorie ausgegeben worden ist
Man kann es nicht für möglich halten und es ist auch faktisch nicht wahr
dass diese Philosophen die wenigen Prämissen ihrer Theorie so angesehen haben
als schlössen sie alles ein was für die Erklärung sozialer Erscheinungen und
für die Bestimmung der Wahl der Regierungsform und der Maßregeln der
Gesetzgebung und Verwaltung erforderlich ist Sie waren zu sehr unterrichtet
von einem zu umfassenden Verstande und einige unter ihnen von einem zu
nüchternen und praktischen Charakter um einen solchen Irrtum zu begehen Sie
würden ihre Prinzipien unter zahllosen Zugeständnissen und Einräumungen
angewendet haben und wendeten sie auch wirklich so an Aber nicht der
Einräumungen bedarf es Man hat nur wenig Aussicht den Mangel an genügender
Breite in den Fundamenten einer Theorie in dem Baue selbst ersetzen zu können
Es ist unphilosophisch aus einigen wenigen von den Agentien durch welche die
Phänomene bestimmt werden eine Wissenschaft aufzubauen und das Übrige der
Routine der Praxis und dem Scharfsinn der Konjektur zu überlassen Entweder
sollten wir die wissenschaftliche Form nicht beanspruchen oder wir sollten alle
bestimmenden Einwirkungen in gleicher Weise studieren und sie so weit als
tunlich alle in den Bereich der Wissenschaft zu bringen suchen Wir werden
sonst unfehlbar eine unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit denjenigen
Einflüssen zuwenden welche unsere Theorie in Rechnung zieht während wir uns in
den übrigen verrechnen und ihre Wichtigkeit wahrscheinlich unterschätzen Es
wäre auch dann noch wünschenswert dass die Deduktionen aus dem Ganzen und
nicht aus nur einem Theile der in Betracht kommenden Naturgesetze gezogen
werden wenn die vernachlässigten Gesetze im Vergleich zu den anderen so
unbedeutend sind dass sie für die meisten Zwecke und bei den meisten
Gelegenheiten aus der Rechnung hinweggelassen werden könnten In den sozialen
Wissenschaften ist dies aber weit entfernt der Fall zu sein Die
gesellschaftlichen Erscheinungen hängen der Hauptsache nach nicht von irgend
einem Agens oder einem Gesetz der menschlichen Natur bei nur unbedeutenden
Modifikationen durch andere Gesetze ab Diese Erscheinungen werden von dem
Ganzen der Eigenschaften der menschlichen Natur beeinflusst und es gibt keine
Eigenschaft wodurch sie nur im geringen Grade beeinflusst würden Es gibt
keine wovon die Beseitigung oder eine bedeutende Veränderung das ganze Ansehen
der Gesellschaft nicht wesentlich modifizieren und die Sequenzen der sozialen
Erscheinungen im allgemeinen nicht mehr oder weniger ändern würde
Die Theorie welche der Gegenstand dieser Bemerkungen war ist in England
wenigstens zur Zeit das Hauptbeispiel von dem was ich die geometrische Methode
über die soziale Wissenschaft zu philosophieren genannt habe und die Prüfung
derselben war aus diesem Grunde umständlicher als es sonst für ein Werk dieser
Art angemessen gewesen wäre Nachdem wir nun aber die zwei irrigen Methoden
genügend erläutert haben werden wir ohne weiteres zu der wahren Methode
übergehen zur Methode welche in Übereinstimmung mit dem Brauch in den
verwickelteren physikalischen Wissenschaften deduktiv verfährt aber durch
Deduktion aus vielen nicht aus einer oder wenigen ursprünglichen Prämissen
fortschreitet indem sie eine jede Wirkung als ein Durchschnittsresultat was
sie wirklich ist von vielen Ursachen betrachtet die manchmal durch dieselben
manchmal durch verschiedene geistige Tätigkeiten oder Gesetze der menschlichen
Natur wirken
1 Nach dem was zur Erläuterung der Natur der Erforschung sozialer
Erscheinungen gesagt wurde ist der allgemeine und dieser Methode eigene
Charakter hinlänglich klar und bedarf keiner weiteren Begründung sondern nur
noch einer Rekapitulation Wie verwickelt die Erscheinungen auch sein mögen
ihre Sequenzen und Koexistenzen gehen aus den Gesetzen der einzelnen Elemente
hervor Die bei gesellschaftlichen Erscheinungen durch eine komplexe Reihe von
Umständen erzeugte Wirkung ist der Summe von den Wirkungen der Umstände einzeln
genommen genau gleich und die Komplexität entspringt nicht aus der nicht
besonders großen Anzahl der Gesetze selbst sondern aus der außerordentlichen
Zahl und Mannigfaltigkeit der Data oder Elemente der Agentien welche nach
einer geringen Anzahl von Gesetzen zur Wirkung beitragen Die
Gesellschaftswissenschaft welche einem bequemen Barbarismus zufolge Soziologie
genannt wurde ist daher eine deduktive Wissenschaft nicht in der Tat nach dem
Vorbilde der Geometrie sondern nach dem Vorbilde der verwickelteren
physikalischen Wissenschaften Sie folgert das Gesetz einer jeden Wirkung aus
den Kausalgesetzen von denen diese Wirkung abhängig ist nicht aus dem Gesetze
von bloß einer Ursache wie bei der geometrischen Methode sondern sie zieht
alle Ursachen in Betracht welche die Wirkung zusammen beeinflussen und
verbindet deren Gesetze mit einander Kurz ihre Methode ist die konkrete
deduktive Methode wovon die Astronomie das vollkommenste die Physik ein etwas
weniger vollkommenes Beispiel darbietet und deren Anwendung bei der von dem
Gegenstande erheischten Vorsicht und Anpassung die Physiologie umzugestalten
beginnt
Ohne Zweifel ist in der Soziologie ein ähnliches Anpassen und eine ähnliche
Vorsicht unumgänglich nötig Wenn wir auf das Studium der verwickeltsten
Erscheinungen eine Methode anwenden die nachweisbar die einzige ist welche das
Licht der Wissenschaft auf bei weitem weniger verwickelte Erscheinungen werfen
kann so sollten wir wohl bedenken dass dieselbe größere Komplikation welche
das Instrument der Deduktion nötiger macht es auch unsicherer macht wir
müssen darauf vorbereitet sein diesen größeren Schwierigkeiten durch geeignete
Kunstgriffe zu begegnen
Die Handlungen und die Gefühle der Menschen im sozialen Zustande werden ohne
Zweifel gänzlich durch psychologische und ethologische Gesetze beherrscht
Welchen Einfluss eine Ursache auf die sozialen Erscheinungen auch ausüben mag
so übt sie ihn durch diese Gesetze Vorausgesetzt also die Gesetze der
menschlichen Handlungen und Gefühle seien hinlänglich bekannt so werden wir
keiner besonderen Schwierigkeit begegnen wenn wir die Natur der sozialen
Wirkungen welche eine gegebene Ursache hervorzubringen strebt aus diesen
Gesetzen bestimmen wollen Wenn aber die Aufgabe ist verschiedene Bestreben mit
einander zu verbinden und das Durchschnittsresultat vieler koexistierender
Ursachen zu berechnen und besonders wenn wir bei dem Versuche vorauszusagen
was in einem gegebenen Falle wirklich geschehen wird gezwungen sind die
Einflüsse aller in diesem Falle etwa existierender Ursachen zu berechnen und zu
verbinden so unternehmen wir ein Werk das weit zu führen die Kräfte
menschlicher Fähigkeiten übersteigt
Wenn alle Hilfsmittel der Wissenschaft uns nicht in den Stand setzen können
die gegenseitige Wirkung von drei gegeneinander gravitierenden Körpern genau zu
berechnen so kann man sich denken mit welcher Aussicht auf Erfolg wir uns
bemühen werden das Resultat der widerstreitenden Bestreben zu berechnen welche
in tausend verschiedenen Richtungen wirken und in einem gegebenen Augenblick in
einer gegebenen Gesellschaft tausend verschiedenen Veränderungen Vorschub
leisten obgleich wir den Gesetzen der menschlichen Natur nach im Stande sein
könnten und sollten die Bestreben selbst soweit sie von unserer Beobachtung
zugängigen Ursachen abhängen ziemlich richtig zu unterscheiden und sowohl die
Richtung zu bestimmen welche ein jedes derselben wenn es allein wirkte der
Gesellschaft geben würde als auch in einer allgemeinen Weise wenigstens
auszusprechen dass einige von diesen Bestreben stärker sind als die anderen
Wenn wir uns aber die notwendigen Unvollkommenheiten der auf einen solchen
Gegenstand angewandten aprioristischen Methode nicht verhehlen so dürfen wir
sie von der andern Seite auch nicht übertreiben Die Einwürfe welche auf die
deduktive Methode in ihrer schwierigsten Anwendung passen passen auch auf sie
wie wir früher zeigten bei ihrer leichtesten Anwendung auch da würden die
Schwierigkeiten unübersteiglich sein wenn nicht wie vollständig erklärt wurde
ein angemessenes Hilfsmittel vorhanden wäre Dieses Hilfsmittel besteht in dem
Verfahren welches wir unter dem Namen Bestätigung Verifikation als den
dritten wesentlichen Bestandteil der deduktiven Methode charakterisiert haben
in dem Verfahren die Schlüsse des Syllogismus entweder mit den konkreten
Erscheinungen selbst oder wenn diese nicht zu erlangen sind mit deren
empirischen Gesetzen zu vergleichen Der Grund des Vertrauens zu einer konkreten
deduktiven Wissenschaft liegt nicht in dem aprioristischen Schließen selbst
sondern in der Übereinstimmung ihrer Resultate mit den Resultaten der
Beobachtung a posteriori Ein jeder von diesen zwei Prozessen nimmt für sich und
abgesehen vom andern in dem Verhältnis an Werth ab als der Gegenstand
verwickelt wird und zwar in einem so raschen Verhältnis dass er bald gänzlich
wertlos wird aber das in die Übereinstimmung der zwei Beweisarten zu setzende
Vertrauen vermindert sich nicht allein bei weitem nicht in einem ähnlichen
Verhältnis sondern es ist auch nicht notwendig dass es sich überhaupt viel
vermindere Es resultiert nur eine Störung in der Reihenfolge der zwei Prozesse
die zuweilen bis zu einer wirklichen Umkehrung derselben geht so dass wir
anstatt unsere Schlüsse deduktiv zu ziehen und sie durch die Beobachtung zu
bestätigen in manchen Fällen sie zuerst vermutungsweise aus der spezifischen
Erfahrung gewinnen und sie dann durch aprioristisches Schließen mit den
Prinzipien der menschlichen Natur in Zusammenhang bringen so dass diese
Schlüsse eine wirkliche Verifikation bilden
Der einzige Denker der bei einer gehörigen Kenntnis der wissenschaftlichen
Methoden im allgemeinen versucht hat die Methode der Soziologie zu
charakterisieren Herr Comte betrachtet diese umgekehrte Ordnung als der Natur
der soziologischen Spekulation eigen Er betrachtet die soziale Wissenschaft so
als bestände sie wesentlich aus Generalisationen aus der Geschichte welche
durch Deduktion aus den Gesetzen der menschlichen Natur verifiziert nicht aber
ursprünglich durch dieselbe an die Hand gegeben wurden Obgleich in dieser
Ansicht eine Wahrheit liegt deren Wichtigkeit ich mich sogleich bemühen werde
zu zeigen so muss ich doch glauben dass diese Wahrheit zu unbedingt
ausgedrückt ist und dass in der soziologischen Forschung sowohl für die
direkte als auch für die umgekehrte deduktive Methode bedeutend Raum ist
In dem nächsten Kapitel wird in der That gezeigt werden dass es eine Art
von soziologischen Untersuchungen gibt auf welche ihrer außerordentlich
großen Kompliziertheit wegen die direkte deduktive Methode gänzlich unanwendbar
ist während wir als einen glücklichen Ersatz gerade in diesen Fällen die besten
empirischen Gesetze gewinnen können diesen Untersuchungen ist daher die
umgekehrte deduktive Methode ausschließlich angepasst Es gibt aber wie es
sich sogleich zeigen wird auch andere Fälle in denen es unmöglich ist aus der
direkten Erfahrung etwas zu erhalten was den Namen eines empirischen Gesetzes
verdiente und glücklicherweise trifft es sich dass dieselben gerade die Fälle
sind in denen die direkte Methode durch den Einwurf dem sie ohne Zweifel immer
bis zu einem gewissen Grad ausgesetzt ist am wenigsten betroffen wird
Wir werden daher zuerst die Soziale Wissenschaft als eine Wissenschaft der
direkten Deduktion betrachten und sehen was durch diese Untersuchungsweise
darin vollbracht werden und unter welchen Beschränkungen dies geschehen kann
Wir werden sodann das umgekehrte Verfahren in einem besonderen Kapitel prüfen und
es zu charakterisieren suchen
2 Es ist zuvörderst einleuchtend dass als ein System aprioristischer
Deduktionen betrachtet die Soziologie nicht eine Wissenschaft positiver
Voraussagungen sondern nur eine Wissenschaft von Bestreben sein kann Wir mögen
im Stande sein aus den auf die Umstände eines gewissen gesellschaftlichen
Zustands angewandten Gesetzen der menschlichen Natur zu schließen dass eine
besondere Ursache in einer gewissen Weise wirken wird wenn sie nicht aufgehoben
wird wir sind aber weder jemals gewiss bis zu welchem Umfange oder bis zu
welchem Grade sie so wirken wird noch können wir mit Gewissheit behaupten dass
sie nicht aufgehoben werden wird denn wir können selten alle mit ihr
koexistierenden Agentien auch nur annähernd kennen noch weniger aber das
Gesamtresultat so vieler kombinierter Elemente berechnen Es ist indessen hier
nochmals die Bemerkung zu wiederholen dass ein für die Voraussagung
unzulängliches Wissen als ein Wegweiser sehr schätzbar sein kann Es ist für
eine kluge Führung sowohl der Geschäfte der Gesellschaft als auch der eigenen
Privatangelegenheiten nicht notwendig dass wir die Resultate von dem was wir
tun unfehlbar voraussehen Wir müssen unsern Zweck durch Mittel zu erreichen
suchen die vielleicht vereitelt werden und uns gegen Gefahren vorsehen die
vielleicht niemals eintreffen Es ist das Ziel der praktischen Politik eine
gegebene Gesellschaft mit der möglichst großen Anzahl von Umständen zu umgeben
deren Bestreben wohltätig sind und diejenigen Umstände deren Bestreben
schädlich sind zu beseitigen oder zu verhindern Eine bloße Kenntnis der
Bestreben gibt uns diese Macht bis zu einem gewissen Umfang wenn sie uns auch
ohne die Macht lässt das Gesamtresultat derselben vorauszusagen
Es wäre indessen ein Irrtum vorauszusetzen wir könnten selbst in Beziehung
auf Bestreben auf diese Weise zu einer großen Anzahl von Urteilen gelangen
welche von allen Gesellschaften ohne Ausnahme wahr sein werden Eine solche
Voraussetzung wäre mit der außerordentlich modifizierbaren Natur der sozialen
Erscheinungen mit der Menge und Mannigfaltigkeit der Umstände durch welche sie
modifiziert werden unvereinbar sie wäre unvereinbar mit Umständen die niemals
bei zwei verschiedenen Gesellschaften oder zu zwei verschiedenen Perioden
derselben Gesellschaft dieselben oder auch nur nahezu dieselben sind Es würde
dies kein so ernsthaftes Hindernis sein wenn obgleich die auf die
Gesellschaft wirkenden Ursachen im allgemeinen zahlreich sind die einen jeden
Zug der Gesellschaft infulierenden Umstände der Zahl nach beschränkt wären denn
wir könnten alsdann eine besondere soziale Erscheinung isolieren und ihre Gesetze
unabhängig von der Störung durch den Rest der Erscheinungen studieren Aber die
Wahrheit ist ganz das Entgegengesetzte hiervon Was irgend ein Element des
sozialen Zustandes in einem merklichen Grade affiziert affiziert dadurch alle
anderen Elemente Die Erzeugungsweise aller sozialen Erscheinungen ist ein
großer Fall von Vermischung von Gesetzen Wir können den Zustand einer
Gesellschaft in irgend einer Beziehung weder theoretisch verstehen noch
praktisch beherrschen wenn wir den Zustand nicht in allen anderen Beziehungen
in Betracht ziehen Es gibt keine soziale Erscheinung die nicht mehr oder
weniger durch jeden anderen Teil des Zustandes derselben Gesellschaft und daher
auch durch eine jede Ursache beeinflusst wäre welche eine jede andere der
gleichzeitigen sozialen Erscheinungen beeinflusst Kurz es gibt was die
Physiologen einen Consens eine Mitleidenschaft nennen ähnlich derjenigen
welche zwischen den verschiedenen Organen und Funktionen des physischen
Organismus des Menschen und der höheren Tiere existiert und die eine der vielen
Analogien ausmacht welche Ausdrücke wie »Staatskörper« und »Naturkörper«
allgemein gemacht haben Aus diesem Consens folgt dass es sei denn zwei
Gesellschaften könnten in allen sie umgebenden und infulierenden Umständen gleich
sein worin inbegriffen wäre dass sie in ihrer vorausgängigen Geschichte
ähnlich sind die Erscheinungen sich in keinem einzigen Theile bei beiden genau
entsprechen werden keine Ursache bei beiden genau dieselben Wirkungen erzeugen
wird Eine jede Ursache kommt wenn sich ihre Wirkung über die Gesellschaft
verbreitet irgendwo mit verschiedenen Reihen von Agentien in Berührung und ihre
Wirkung auf einige der sozialen Erscheinungen wird auf diese Weise verschieden
modifiziert und diese Unterschiede erzeugen durch ihre Rückwirkung einen
Unterschied auch in denjenigen Wirkungen welche sonst unverändert geblichen
wären Wir können daher niemals mit Gewissheit behaupten dass eine Ursache
welche bei einem Volke oder in einem Zeitalter ein besonderes Bestreben hatte
ein anderesmal dasselbe Bestreben haben wird wenn wir nicht auf unsere
Prämissen zurückgehen und die Analyse des Ganzen der infulierenden Umstände wie
wir sie zuerst angestellt hatten für die zweite Nation oder das zweite
Zeitalter wiederholen Die deduktive Gesellschaftswissenschaft wird keinen
Lehrsatz aufstellen der die Wirkung einer Ursache in einer universalen Weise
behauptet aber sie wird uns lehren den geeigneten Lehrsatz für die Umstände
eines gegebenen Falls herzustellen Sie wird nicht die Gesetze der Gesellschaft
im allgemeinen sondern die Mittel geben um die Erscheinungen einer gegebenen
Gesellschaft aus den besonderen Elementen oder Daten dieser Gesellschaft zu
bestimmen
Alle allgemeinen Urteile welche durch die deduktive Wissenschaft
aufgestellt werden können sind daher im strengsten Sinne des Wortes
hypothetisch Sie sind auf irgend eine angenommene Reihe von Umständen gegründet
und behaupten wie eine gegebene Ursache unter diesen Umständen wirken würde
vorausgesetzt es seien keine anderen Umstände mit denselben verbunden Wenn die
angenommene Reihe von Umständen einer bestehenden Gesellschaft entnommen ist so
werden die Schlüsse von dieser Gesellschaft wahr sein vorausgesetzt die
Wirkung dieser Umstände sei nicht durch andere nicht in Rechnung gezogene
Umstände modifiziert worden Wenn wir uns der konkreten Wahrheit noch mehr zu
nähern wünschen so können wir dies nur dadurch dass wir eine größere Anzahl
von individualisierenden Umständen in Rechnung nehmen
Wenn wir aber bedenken wie schnell das Verhältnis der Ungewissheit unserer
Schlüsse zunimmt sobald wir versuchen die Wirkung einer größeren Anzahl von
zusammenwirkenden Ursachen in die Rechnung einzuführen so werden wir die
hypothetischen Kombinationen von Umständen auf welche wir die allgemeinen
Lehrsätze der Wissenschaft bauen nicht sehr verwickelt machen dürfen wann
nicht eine so schnell wachsende Gefahr des Irrtums entstehen soll dass unsere
Schlüsse dadurch bald ihres ganzen Wertes beraubt werden Als ein Mittel um
allgemeine Sätze zu erhalten muss daher diese Untersuchungsweise bei Strafe der
Werthlosigkeit auf diejenigen Classen von sozialen Tatsachen beschränkt
werden welche obgleich durch alle soziologischen Agentien beeinflusst wie die
übrigen wenigstens der Hauptsache nach unter dem unmittelbaren Einfluss von nur
wenigen stehen
3 Ungeachtet des allgemeinen Consens der gesellschaftlichen
Erscheinungen wodurch alles was in irgend einem Theile der gesellschaftlichen
Tätigkeit stattfindet einen entsprechenden Einfluss auf jeden andern Teil
ausübt und ungeachtet des Übergewichts welches der allgemeine Zustand der
Zivilisation und des sozialen Fortschritts einer gegebenen Gesellschaft über
alle partiellen und untergeordneten Erscheinungen haben muss ist es doch nicht
weniger wahr dass verschiedene Arten von sozialen Tatsachen in der Hauptsache
unmittelbar und in der ersten Instanz von verschiedenen Arten von Ursachen
abhängig sind und dass sie daher nicht allein getrennt studiert werden können
sondern dass sie es auch müssen gerade so wie wir in dem Naturkörper die
Physiologie und Pathologie eines jeden der wichtigeren Organe und Gewebe
getrennt studieren obgleich der Zustand aller anderen Organe und Gewebe auf sie
einwirkt und obgleich die eigentümliche Konstitution und der allgemeine
Gesundheitszustand des Organismus bei der Bestimmung des Zustandes eines
besonderen Organs mit den lokalen Ursachen zusammenwirken und sie oft
überwiegen
Auf diese Betrachtungen gründet sich die Existenz der unterschiedenen und
getrennten wenn auch nicht unabhängigen Zweige der soziologischen Spekulation
Es gibt zB eine große Klasse von sozialen Erscheinungen in denen die
unmittelbar bestimmenden Ursachen hauptsächlich die durch das Verlangen nach
Reichtum wirkenden sind und in denen das hauptsächlich in Betracht kommende
psychologische Gesetz das bekannte Gesetz ist dass ein großer Gewinn einem
kleinen Gewinn vorzuziehen ist Ich meine natürlich jenen Teil der
gesellschaftlichen Erscheinungen der aus der industriellen oder produktiven
Tätigkeit und denjenigen Handlungen der Menschen hervorgeht durch welche die
Verteilung der Produkte dieser industriellen Tätigkeit stattfindet insofern
sie nicht durch Gewalt oder durch freiwilliges Schenken modifiziert wird Wenn
wir von diesem einen Gesetz der menschlichen Natur und von denjenigen
wichtigeren allgemeinen oder auf besondere soziale Zustände beschränkten
Umständen aus schließen welche durch dieses Gesetz auf den menschlichen Geist
wirken so körnen wir uns in den Stand setzen diesen Teil der sozialen
Erscheinungen soweit er von dieser Klasse von Umständen abhängt zu erklären
und vorauszusagen indem wir dabei über einen jeden andern Umstand der
Gesellschaft hinwegsehen und daher weder die in Rechnung gezogenen Umstände auf
ihren möglichen Ursprung aus anderen Tatsachen des sozialen Zustandes
zurückführen noch die Art und Weise in Anschlag bringen in der irgend einer
dieser anderen Umstände mit der Wirkung der ersteren zusammentreffen und sie
aufheben oder modifizieren kann Auf diese Weise konnte man eine Wissenschaft
aufbauen die den Namen Nationalökonomie erhalten hat
Der Grund um diesen Teil der sozialen Erscheinungen von den übrigen zu
trennen und eine auf dieselben bezügliche besondere Wissenschaft zu schaffen
ist dass sie wenigstens in der ersten Instanz hauptsächlich nur von einer
Klasse von Umständen abhängig sind und dass wenn auch andere Umstände
dazwischentreten die Bestimmung der einer Klasse von Umständen allein
angehörigen Wirkung ein hinreichend verwickeltes und schwieriges Geschäft ist
um es ratsam zu machen dasselbe ein für allemal abzumachen und alsdann die
Wirkung der modifizierenden Umstände in Anschlag zu bringen besonders da gewisse
feste Kombinationen der ersteren Klasse in Verbindung mit stets sich ändernden
Umständen der letzteren leicht wiederkehren
Wie ich bei einer andern Gelegenheit bemerkt habe so befasst sich die
Nationalökonomie nur »mit den Erscheinungen des gesellschaftlichen Zustandes
die in Folge des Strebens nach Reichtum stattfinden Sie abstrahiert von allen
anderen menschlichen Leidenschaften oder Motiven mit Ausnahme derjenigen
welche als die dem Verlangen nach Reichtum ewig widerstreitenden Elemente
angesehen werden können wie Scheu vor Arbeit und das Verlangen nach
kostspieligen Genüssen Diese nimmt sie bis zu einem gewissen Grad in Rechnung
weil sie nicht wie unsere anderen Wünsche mit dem Streben nach Reichtum
gelegentlich kollidieren sondern weil sie es wie ein Hemmschuh oder ein
Hindernis stets begleiten und sich daher der Betrachtung desselben immer
beimischen Die Nationalökonomie betrachtet die Menschen bloß als mit der
Erwerbung und der Konsumtion von Reichtum beschäftigt und sucht zu zeigen
welchen Verlauf die Handlungen der in einem gesellschaftlichen Zustande lebenden
Menschen nehmen würden wenn dieses Motiv ohne durch die obengenannten zwei
antagonistischen Motive gehemmt zu sein alle ihre Handlungen absolut
beherrschte Sie zeigt dass die Menschen unter dem Einfluss dieses Verlangens
Reichtum aufhäufen und diesen Reichtum zur Erzeugung von anderem Reichtum
gebrauchen dass sie durch gegenseitiges Übereinkommen die Einrichtung des
Eigentums sanktionieren dass sie Gesetze aufstellen um die Einzelnen zu
verhindern durch Gewalt oder Betrug Eingriffe in das Eigentum anderer zu tun
dass sie verschiedene Erfindungen annehmen um die Produktivität Ihrer Arbeit zu
erhöhen dass sie die Verteilung des Products durch Übereinkunft ordnen unter
dem Einfluss der Konkurrenz ordnen während die Konkurrenz selbst durch gewisse
Gesetze beherrscht ist welche Gesetze daher die letzten Regulatoren der
Verteilung der Erzeugnisse sind und dass sie gewisse Mittel gebrauchen wie
Geld Kredit etc um die Verteilung des Produktes zu erleichtern Alle diese
Operationen betrachtet die Nationalökonomie so als flössen sie allein aus dem
Verlangen nach Reichtum obgleich viele derselben wirklich das Resultat einer
Vielfachheit von Motiven sind Die Wissenschaft schreitet sodann zur
Untersuchung der Gesetze welche diese Operationen unter der Voraussetzung
beherrschen der Mensch sei ein Wesen das durch die Notwendigkeit seiner Natur
bestimmt wird eine größere Menge Reichtum einer kleineren in allen Fällen
verzuziehen und zwar nur mit Ausnahme des durch die zwei bereits erwähnten
Gegenmotive konstituierten Falles Nicht dass irgend ein Nationalökonom jemals so
absurd gewesen wäre anzunehmen die Menschen seien wirklich so konstituiert
sondern weil dies die Art und Weise ist wie die Wissenschaft notwendig
verfahren muss Wenn eine Wirkung von einem Zusammenwirken von Ursachen abhängig
ist so müssen diese Ursachen einzeln studiert und ihre Gesetze separat erforscht
werden wenn wir durch die Ursachen das Vermögen die Wirkung vorauszusagen oder
zu beherrschen zu erlangen wünschen indem das Gesetz der Wirkung aus den
Gesetzen aller sie bestimmenden Ursachen zusammengesetzt ist Das Gesetz der
Zentripetalkraft und das Gesetz der Zentrifugalkraft musste bekannt gewesen
sein ehe die Bewegung der Erde und der Planeten erklärt und vorausgesagt werden
konnte Dasselbe ist der Fall mit der Handlungsweise des Menschen in der
Gesellschaft Um urteilen zu können wie er unter der Mannigfaltigkeit der auf
ihn einwirkenden Wünsche und Abneigungen handeln wird müssen wir wissen wie er
unter dem ausschließlichen Einfluss einer jeden einzelnen handeln würde Es
gibt vielleicht in dem Leben eines Menschen keine Handlung bei welcher er
ausschließlich unter dem Einfluss des Verlangens nach Reichtum und nicht
auch unmittelbar oder mittelbar unter dem Einfluss anderer Impulse stände Auf
diejenigen Theile der menschlichen Handlungsweise wovon Reichtum nicht einmal
der Hauptzweck ist hält die Nationalökonomie indessen ihre Schlüsse nicht für
anwendbar Es gibt aber gewisse Zweige der menschlichen Angelegenheiten in
denen die Erwerbung von Reichtum das hauptsächliche und anerkannte Ziel ist
Von diesen allein nimmt die Nationalökonomie Notiz Sie muss dabei notwendig in
der Art verfahren dass sie den hauptsächlichen und anerkannten Zweck so
behandelt als ob er der alleinige Zweck wäre was von allen gleich einfachen
Hypothesen der Wahrheit am nächsten kommt Der Nationalökonom untersucht welche
Handlungen dieses Verlangen hervorrufen würde wenn es in dem fraglichen Bereich
durch kein anderes Verlangen gehindert wäre Auf diese Weise lässt sich eine
größere Annäherung an die wirkliche Ordnung der menschlichen Angelegenheiten
erreichen als es sonst in diesem Fache tunlich wäre Diese Annäherung ist
alsdann dadurch zu verbessern dass man die Wirkungen von allen Impulsen in
Anschlag bringt von denen gezeigt werden kann dass sie sich mit dem Resultat
in einem besonderen Falle vermischen Diese Korrektionen werden nur in einigen
wenigen der schlagendsten Fälle wie bei dem wichtigen Prinzip von der
Bevölkerung in den Entwickelungen der Nationalökonomie selbst eingeschaltet
indem dabei der praktischen Nützlichkeit zu Liebe von der Strenge einer rein
wissenschaftlichen Anordnung einigermaßen abgestanden wird Wenn es bekannt
oder zu vermuten ist dass bei dem Streben nach Reichtum die Handlungsweise
der Menschen unter dem kollateralen Einfluss einer anderen Eigenschaft unserer
Natur steht als in dem Verlangen liegt die größte Menge Reichtum mit dem
geringsten Aufwand von Arbeit und Selbstverleugnung zu gewinnen so werden die
Schlüsse der Nationalökonomie so lange nicht auf die Erklärung oder Voraussagung
von Ereignissen anwendbar sein als sie nicht durch eine genaue Veranschlagung
des durch die andere Ursache ausgeübten Einflusses modifiziert sind«204
Allgemeine Sätze wie die oben angegebenen können in einem jeden gegebenen
Zustande der Gesellschaft in ausgedehnter Weise praktische Führer sein wenn
auch die modifizierenden Einflüsse der verschiedenen Ursachen welche die Theorie
nicht in Rechnung zieht und die Wirkung der fortwährend stattfindenden
allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen vorläufig unbeachtet bleiben Und
obgleich es ein sehr gewöhnlicher Irrtum der Nationalökonomen gewesen ist aus
den Elementen des einen gesellschaftlichen Zustandes Schlüsse zu ziehen und sie
auf andere Zustände anzuwenden in denen viele von diesen Elementen nicht
dieselben sind so ist es doch nicht schwierig dadurch dass man die Beweise
rückwärts verfolgt und an den geeigneten Stellen das neue Element einführt
denselben allgemeinen Gang des für den einen Fall dienenden Arguments auch den
anderen Fällen anzupassen
Es ist zB sehr die Gewohnheit der englischen Nationalökonomen gewesen die
Verteilung der Produkte der Industrie auf eine Voraussetzung hin zu erörtern
die sich kaum irgendwo anders als in England und Schottland verwirklicht findet
nämlich auf die Voraussetzung hin dass an der Produktion »drei von einander
ganz verschiedene Faktoren Arbeiter Kapitalisten und Grundbesitzer Antheil
haben und dass denselben gesetzlich und tatsächlich erlaubt ist auf ihre
Arbeit ihr Capital und ihr Land den Preis zu setzen den sie dafür bekommen
können Da sich die Schlüsse der Wissenschaft alle auf eine so konstituierte
Gesellschaft beziehen so bedürfen sie bei ihrer Anwendung auf eine jede andere
Gesellschaft einer Prüfung Sie sind da nicht anwendbar wo die Landbesitzer die
einzigen Kapitalisten und die Arbeiter wie in Sklavenstaaten deren Eigentum
sind Sie sind da nicht anwendbar wo wie in Indien der Staat der fast
universale Landbesitzer ist Sie sind da nicht anwendbar wo der
ackerbautreibende Arbeiter gewöhnlich der Besitzer des Landes selbst und des
Kapitals ist wie in Frankreich oder nur des Kapitals wie in Irland« Aber
obgleich man den Nationalökonomen der jetzigen Zeit mit Recht vorwerfen kann
»dass sie aus vergänglichem Material ein dauerndes Gebäude zu errichten suchen
dass sie die Unwandelbarkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen für ausgemacht
ansehen während viele von diesen Einrichtungen veränderlich oder fortschreitend
sind und dass sie Behauptungen welche vielleicht nur auf den besonderen
Zustand der Gesellschaft in welcher der Schriftsteller zufällig lebte
anwendbar sind unter so geringen Beschränkungen aussprechen als ob sie
universale und absolute Wahrheiten wären« so raubt dies doch diesen Urteilen
nicht ihren Werth wenn man bei deren Anwendung den gesellschaftlichen Zustand
dem sie entnommen sind berücksichtigt Und sogar in Betreff ihrer
Unanwendbarkeit auf andere gesellschaftliche Zustände »darf man nicht
voraussetzen die Wissenschaft sei so unvollständig und ungenügend wie diese
Unanwendbarkeit zu beweisen scheint Obgleich viele von ihren Schlüssen nur
lokal wahr sind so ist doch ihre Untersuchungsmethode allgemein anwendbar und
so wie ein jeder der eine bestimmte Anzahl algebraischer Gleichungen gelöst
hat ohne Schwierigkeit alle anderen Gleichungen von derselben Art lösen kann
so ist ein jeder der mit der Nationalökonomie von England oder sogar von
Yorkshire bekannt ist auch mit der Nationalökonomie aller anderen wirklichen
oder möglichen Nationen bekannt vorausgesetzt er habe genug gesunden
Menschenverstand um nicht zu erwarten es könnten dieselben Schlüsse aus
veränderlichen Prämissen hervorgehen« Wer vollkommen mit den Gesetzen bekannt
ist welche bei freier Konkurrenz den Pacht den Zins und den Lohn bestimmen
welche Grundbesitzer Kapitalist und Arbeiter in dem gesellschaftlichen Zustand
empfangen in welchem diese drei Classen vollständig getrennt sind wird keine
Schwierigkeit finden die sehr verschiedenen Gesetze zu bestimmen welche die
Verteilung der Produkte unter die dabei beteiligten Classen in einem der
Zustände von Kultur und Landbesitz wie sie in dem vorhergehenden Auszug
angegeben wurden reguliren205
4 Ich möchte hier nicht versuchen zu entscheiden welche andere
hypothetische oder abstrakte Wissenschaften außer der Nationalökonomie aus dem
allgemeinen Stoffe der Gesellschaftswissenschaft herauszubilden wären welche
anderen Theile der sozialen Erscheinungen in erster Instanz in einer hinlänglich
engen und vollständigen Abhängigkeit von einer besonderen Klasse von Ursachen
stehen um es bequem zu machen eine vorläufige Wissenschaft dieser Ursachen zu
schaffen ich verschiebe die Betrachtung der Ursachen welche durch dieselben
oder mit ihnen zusammen wirken bis zu einer späteren Periode der Untersuchung
Unter diesen separaten Abtheilungen ist indessen eine welche wir nicht mit
Stillschweigen übergehen können da sie von einem umfassenderen und wichtigeren
Charakter ist als irgend ein anderer von den Zweigen in welche die
Gesellschaftswissenschaft eingeteilt werden könnte Wie diese befasst sie sich
direkt mit der Ursache von nur einer Klasse von sozialen Tatsachen aber einer
Klasse welche sei es unmittelbar oder entfernt den höchsten Einfluss auf die
übrigen ausübt Ich meine die politische Ethologie wie man sie nennen könnte
oder die Lehre von den Ursachen welche den einem Volke oder einem Jahrhundert
angehörigen Charaktertypus bestimmen Von allen untergeordneten Zweigen der
Gesellschaftswissenschaft ist dieser am vollständigsten in seiner Kindheit Die
Ursachen des Nationalcharakters werden kaum noch verstanden und die Wirkung der
Institutionen oder gesellschaftlichen Einrichtungen auf den Charakter des Volkes
ist im allgemeinen derjenige Teil ihrer Wirkungen der am wenigsten beachtet
und am wenigsten begriffen wird Auch dürfen wir uns hierüber gar nicht wundern
wenn wir den Kindheitszustand der Wissenschaft der Ethologie selbst betrachten
der Wissenschaft welcher die Gesetze zu entnehmen sind von denen die
Wahrheiten der politischen Ethologie nur Resultate und Erläuterungen sind
Einem jeden wird sich indessen bei genauer Betrachtung zeigen dass die
Gesetze des nationalen oder kollektiven Charakters bei weitem die wichtigste
Klasse von soziologischen Gesetzen sind Erstens ist der Charakter der durch
irgend einen Zustand von sozialen Umständen gebildet wird an sich die
interessanteste Erscheinung welche dieser gesellschaftliche Zustand
möglicherweise darbieten kann Zweitens ist er eine Tatsache die in die
Erzeugung aller anderen Erscheinungen bedeutend mit eingeht Und vor Allem ist
der Charakter dh die Meinungen Gefühle und Gewohnheiten des Volkes obgleich
großenteils das Resultat von dem ihm vorausgängigen gesellschaftlichen
Zustande zum großen Teil auch die Ursache des auf ihn folgenden
gesellschaftlichen Zustandes er ist die Kraft durch welche alle diejenigen von
den Umständen der Gesellschaft welche wie zB Gesetze und Gebräuche
künstlich sind gänzlich gebildet werden die Gebräuche werden es
augenscheinlich und nicht weniger gewiss die Gesetze entweder durch den
direkten Einfluss der öffentlichen Denkungsart auf die herrschenden Gewalten
oder durch die Wirkung welche die Beschaffenheit der nationalen Meinung Und des
nationalen Gefühls auf die Bestimmung der Regierungsform und die
Charakterbildung der Regierenden hat
Der unvollkommenste Teil derjenigen Zweige der sozialen Forschung welche
als besondere Wissenschaften kultiviert worden sind ist wie zu erwarten war
die Lehre von der Art und Weise in welcher ihre Schlüsse durch ethologische
Betrachtungen affiziert werden Als abstrakte oder hypothetische Wissenschaften
leiden sie unter diesem Mangel nicht aber er macht sie in ihrer praktischen
Anwendung als Zweige einer umfassenden sozialen Wissenschaft fehlerhaft In der
Nationalökonomie zB werden von englischen Denkern stillschweigend empirische
Gesetze der menschlichen Natur angenommen welche nur für Großbritannien und
die Vereinigten Staaten gültig sind So wird unter anderem beständig eine Stärke
der Konkurrenz angenommen welche als eine allgemeine merkantilische Tatsache
in keinem andern Lande der Welt existiert als in diesen beiden Ländern Ein
englischer Nationalökonom hat wie alle seine Landsleute selten gelernt dass
es möglich ist dass Menschen bei dem Verkaufe ihrer Waren am Ladentische mehr
auf ihre Bequemlichkeit oder ihre Eitelkeit als auf Geldgewinn bedacht sein
können Wer aber die Gewohnheiten des europäischen Kontinents kennt der weiß
welch scheinbar geringfügiges Motiv oft das Verlangen nach Geldgewinn überwiegt
sogar bei Unternehmungen welche den Geldgewinn unmittelbar zum Zweck haben Je
mehr die Wissenschaft der Ethologie kultiviert wird und je besser die
Verschiedenheiten des individuellen und nationalen Charakters verstanden werden
um so kleiner wird wahrscheinlich die Zahl der Propositionen werden welche man
als universale Prinzipien der menschlichen Natur für hinreichend sicher halten
wird um darauf zu bauen
Diese Betrachtungen zeigen dass die Einteilung der sozialen Wissenschaft
in Fächer damit ein jedes Fach separat studiert und seine Schlüsse sodann für
die Praxis durch die von den anderen Zweigen gelieferten Modifikationen
korrigiert werden zum wenigsten einer wichtigen Beschränkung unterworfen werden
muss Von den sozialen Erscheinungen können diejenigen Theile allein selbst
vorläufig mit Vorteil zum Gegenstand unterschiedener Zweige der Wissenschaft
gemacht werden in welche die Charakterverschiedenheiten verschiedener Nationen
oder verschiedener Zeiten nur in einem untergeordneten Grade als infulierende
Ursachen eingehen Diejenigen Erscheinungen dagegen mit denen sich die
Einflüsse des ethologischen Zustandes des Volkes bei jedem Schritte vermischen
so dass der Zusammenhang von Ursache und Wirkung nicht einmal in roher Weise
bezeichnet werden kann ohne diese Einflüsse in Betracht zu ziehen könnten
nicht mit Vorteil oder sogar nicht ohne großen Nachtheil unabhängig von der
politischen Ethologie und daher auch nicht unabhängig von allen Umständen
welche die Eigenschaften eines Volkes beeinflussen behandelt werden Aus diesem
Grunde und noch aus anderen sich sogleich zeigenden Gründen kann es keine
getrennte Staatswissenschaft geben indem das stattfindet was sich mehr als
alles andere mit den Eigenschaften des besonderen Volkes oder des besonderen
Jahrhunderts zugleich als Ursache und Wirkung vermischt Alle Fragen in
Beziehung auf das Bestreben von Regierungsformen müssen einen Teil der
allgemeinen Gesellschaftswissenschaft nicht eines separaten Zweiges derselben
ausmachen
Diese allgemeine Gesellschaftswissenschaft als unterschieden von den
getrennten Zweigen der Wissenschaft von denen ein jeder seine Schlüsse nur
bedingungsweise und als der Oberherrschaft der Gesetze der allgemeinen
Wissenschaft unterworfen behauptet ist nun zu charakterisieren Wie sogleich
gezeigt werden wird kann hier nur durch die umgekehrte deduktive Methode etwas
wahrhaft Wissenschaftliches erreicht werden Ehe wir aber den Gegenstand
derjenigen soziologischen Betrachtungen verlassen deren Verfahren in der
direkten Deduktion besteht müssen wir prüfen in welchem Verhältnis dieselben
zu dem unumgänglich nötigen Elemente aller deduktiven Wissenschaften stehen
nämlich zu der Verifikation durch spezifische Erfahrung zu der Vergleichung
der theoretischen Schlüsse mit den Resultaten der Beobachtung
5 Wir haben gesehen dass in den meisten deduktiven Wissenschaften und
in der Ethologie selbst welche das unmittelbare Fundament der
Gesellschaftswissenschaft ist die beobachteten Tatsachen einer Vorbereitung
unterworfen werden um sie geschickt zu machen rasch und genau mit einander
verglichen zu werden zuweilen auch um mit den Schlüssen der Theorie überhaupt
verglichen zu werden Diese vorbereitende Behandlung besteht darin dass man
allgemeine Sätze sucht welche in conciser Weise ausdrücken was einer großen
Klasse von beobachteten Tatsachen gemein ist und diese Sätze nennt man die
empirischen Gesetze der Erscheinungen Wir haben daher zu untersuchen ob ein
ähnlicher vorbereitender Prozess auch mit den Tatsachen der
Gesellschaftswissenschaft vorgenommen werden kann ob es in der Geschichte und
in der Statistik empirische Gesetze gibt
In der Statistik können empirische Gesetze begreiflicherweise zuweilen
ermittelt werden und die Ermittlung derselben bildet einen wichtigen Teil
jenes Systems von indirekter Beobachtung auf das wir in Betreff der Data der
deduktiven Wissenschaft oft bauen müssen Das Verfahren der Wissenschaft besteht
in dem Folgern von Wirkungen aus deren Ursachen wir können aber die Ursachen
oft nur vermittelst ihrer Wirkungen beobachten In solchen Fällen kann die
deduktive Wissenschaft aus Mangel an den nötigen Daten die Wirkungen nicht
voraussagen sie kann bestimmen welche Ursachen eine gegebene Wirkung
hervorbringen können nicht aber wie häufig oder in welchen Quantitäten jene
Ursachen existieren Eine vor mir liegende Zeitung gibt hiervon ein schlagendes
Beispiel Von einem der offiziellen Kuratoren von Konkursmassen wird eine
Darlegung gegeben worin gezeigt ist in wie vielen von den Fallimenten welche
er von Amts wegen zu untersuchen hatte die Verluste durch schlechte
Geschäftsführung jeder Art und in wie vielen durch unvermeidliches Unglück
verursacht worden sind Als Resultat ergibt sich dass die Anzahl der durch
üble Geschäftsführung verursachten Fallimenten die aus allen anderen Ursachen
entstandenen bei weitem übertrifft Nur die spezifische Erfahrung konnte einen
genügenden Grund für einen solchen Schluss geben Derartige empirische Gesetze
die immer nur annähernde Generalisationen sind aus der direkten Beobachtung
abzuleiten ist daher ein wichtiger Teil der soziologischen Forschung
Man muss das experimentelle Verfahren hier nicht als einen deutlichen Weg
zur Wahrheit sondern als das zufällig allein oder am besten anwendbare Mittel
betrachten um die nötigen Data für die deduktive Wissenschaft zu erhalten
Wenn die unmittelbaren Ursachen der sozialen Tatsachen der direkten Beobachtung
nicht zugänglich sind so gibt uns das empirische Gesetz der Wirkungen auch das
empirische Gesetz der Ursachen und dies ist alles was wir in diesem Falle
erlangen können Aber diese unmittelbaren Ursachen hängen von entfernten
Ursachen ab und das durch diese direkte Beobachtungsweise erhaltene empirische
Gesetz ist in seiner Anwendung auf unbeobachtete Tatsachen nur so lange
zuverlässig als man nicht Grund zu glauben hat es sei in irgend einer der
entfernten Ursachen von denen die unmittelbaren Ursachen abhängig sind eine
Veränderung vorgegangen Wenn wir daher auch die besten statistischen
Generalisationen benutzen um zu folgern obgleich nur mutmaßlich dass
dasselbe empirische Gesetz in einem jeden neuen Falle gültig sein wird so ist
es doch nötig dass wir mit den entfernteren Ursachen wohl bekannt seien damit
wir vermeiden das empirische Gesetz auf Fälle anzuwenden welche sich in den
Umständen von denen die Wahrheit des Gesetzes zuletzt abhängig ist
unterscheiden So muss notwendigerweise auch da wo aus der spezifischen
Beobachtung abgeleitete Schlüsse für praktische Folgerungen in neuen Fällen
verwertbar sind die deduktive Wissenschaft über dem ganzen Prozess Wacht
halten sie sollte beständig berücksichtigt und ihre Zustimmung sollte bei einer
jeden Folgerung eingeholt werden
Dasselbe gilt von allen Generalisationen welche sich auf die Geschichte
gründen lassen Nicht allein dass es solche Generalisationen gibt sondern es
wird auch sogleich gezeigt werden dass die allgemeine
Gesellschaftswissenschaft welche die Gesetze der Sukzession und der Koexistenz
der großen Tatsachen untersucht die den Zustand der Gesellschaft und der
Zivilisation zu irgend einer Zeit ausmachen in keiner anderen Weise verfahren
kann als dass sie solche Generalisationen ausführt und die dann durch
Verbindung mit den psychologischen und ethologischen Gesetzen von denen sie
wirklich abhängen müssen zu bestätigen sind
6 Aber indem diese Frage für den geeigneten Ort vorbehalten bleibt in
denjenigen spezielleren Untersuchungen welche den Gegenstand der getrennten
Zweige der Gesellschaftswissenschaft bilden ist dieser doppelte logische
Prozess und diese gegenseitige Verifikation nicht möglich die spezifische
Erfahrung bietet hier nichts was auf empirische Gesetze hinausliefe Dies ist
besonders da der Fall wo der Zweck ist die Wirkung irgend einer sozialen
Ursache unter einer großen Anzahl von gleichzeitig wirkenden Ursachen zu
bestimmen zB die Wirkung der Korngesetze oder die Wirkung eines
Prohibitivsystems im allgemeinen Obgleich es theoretisch vollkommen gewiss sein
mag welche Art Wirkungen Korngesetze hervorbringen müssen und in welcher
allgemeinen Richtung sich ihr Einfluss auf das industrielle Gedeihen zu erkennen
geben wird so ist doch ihre Wirkung notwendig durch ähnliche oder durch
entgegengesetzte Wirkungen anderer infulierender Agentien so verdeckt dass die
spezifische Erfahrung höchstens nur zeigen kann dass in dem Durchschnitte von
einer großen Anzahl von Fällen diejenigen Fälle wo Korngesetze existierten die
Wirkung in einem höheren Grade zeigten als die Fälle wo keine existierten Nun
kann aber die Anzahl der Fälle welche erforderlich ist um alle Kombinationen
der verschiedenen Einfluss ausübenden Umstände zu umfassen und so einen
merklichen Durchschnitt darzubieten niemals erhalten werden Nicht allein dass
wir niemals die Tatsachen von so vielen Fällen mit der hinreichenden
Glaubwürdigkeit erfahren können sondern es bietet sie auch die Welt innerhalb
der Grenzen des gegebenen Zustandes der Gesellschaft und der Zivilisation
welchen diese Untersuchungen immer voraussetzen nicht in genügender Zahl dar
Da wir auf diese Weise keine vorausgängigen empirischen Generalisationen
besitzen um die Schlüsse der Theorie damit zu vergleichen so bleibt als die
einzige direkte Verifikationsweise die Vergleichung dieser Schlüsse mit dem
Resultate eines einzigen Experiments oder Falles Aber die Schwierigkeit ist
hier gleich groß denn um eine Theorie durch das Experiment zu verifizieren
müssen die Umstände des Experiments genau dieselben sein wie die in der Theorie
betrachteten Aber bei sozialen Erscheinungen sind die Umstände von nicht zwei
Fällen genau gleich Ein Versuch mit Korngesetzen in einem anderen Lande oder
bei einer früheren Generation würde einen Schluss in Beziehung auf dieses Land
und auf diese Generation sehr wenig bestätigen Auf diese Art trifft es sich in
den meisten Fällen dass der für die Bestätigung der Voraussagungen der Theorie
wirklich geeignete individuelle Fall gerade der Fall ist für den die
Voraussagungen gemacht worden sind und die Bestätigung kommt zu spät um als
ein praktischer Wegweiser dienen zu können
Obgleich nun die direkte Verifikation unmöglich ist so gibt es doch eine
indirekte Verifikation die kaum von geringerem Wert und immer ausführbar ist
Der in Betreff eines individuellen Falles gezogene Schluss kann nur durch diesen
Fall direkt verifiziert werden er wird aber indirekt verifiziert nämlich durch
die Bestätigung anderer Schlüsse die aus denselben Gesetzen in anderen
individuellen Fällen gezogen worden sind Die Erfahrung welche zu spät kommt um
den besonderen Satz zu verifizieren auf den sie sich bezieht kommt nicht zu
spät um die allgemeine Zulänglichkeit der Theorie bestätigen zu helfen Bis zu
weichem Grade die Wissenschaft einen sicheren Boden darbietet um vorauszusagen
und folglich um praktisch zu behandeln was noch nicht geschehen ist wird
dadurch erprobt dass wir zusehen bis zu welchem Grade sie uns erlaubt hätte
vorauszusagen was sich wirklich zugetragen hat Ehe wir unserer Theorie von dem
Einflüssen einer besonderen Ursache bei einem gegebenen Zustande von Umständen
völlig trauen können müssen wir im Stande sein den bestehenden Zustand
desjenigen ganzen Teils der sozialen Erscheinungen zu erklären den diese
Ursache zu beeinflussen strebt Wann wir zB in der Nationalökonomie unsere
Betrachtungen auf die Voraussagung oder die Leitung der Erscheinungen irgend
eines Landes anwenden wollten so müssten wir im Stande sein alle merkantilen
oder industriellen Tatsachen von einem allgemeinen Charakter die zu dem
gegenwärtigen Zustande dieses Landes gehören zu erklären wir müssten genügende
Ursachen nachweisen können um sie alle zu erklären oder wir müssten guten
Grund haben anzunehmen diese Ursachen hätten wirklich existiert Wenn wir dies
nicht können so ist es ein Beweis dass die Tatsachen welche hätten in
Rechnung gezogen werden sollen uns entweder nicht vollständig bekannt waren
oder dass wir obgleich mit den Tatsachen bekannt nicht Herr einer hinlänglich
vollkommenen Theorie sind am ihre Folgen nachweisen zu können Bei dem
gegenwärtigen Zustande unseres Wissens sind wir in beiden Fällen nicht völlig
kompetent für dieses Land theoretische oder praktische Schlüsse zu ziehen In
gleicher Weise müssten wir wenn wir versuchen wollten die Wirkung zu
beurteilen welche irgend eine politische Einrichtung haben würde
vorausgesetzt sie könnte in einem gegebenen Lande eingeführt werden im Stande
sein zu zeigen dass der bestehende Zustand der praktischen Regierung dieses
Landes und von allem was davon abhängt so wie auch der besondere Charakter und
die Bestreben des Volkes und sein Zustand in Beziehung auf die verschiedenen
Elemente der gesellschaftlichen Wohlfahrt der Art sind wie sie die
Institutionen unter denen dasselbe gelebt hat in Verbindung mit den anderen
Umständen seiner Natur oder Lage hervorzubringen geeignet waren
Kurz um zu beweisen dass uns unsere Wissenschaft und unsere Kenntnis des
besonderen Falles befähigen die Zukunft vorauszusagen müssen wir zeigen dass
sie uns in den Stand gesetzt haben würden die Gegenwart und die Vergangenheit
vorauszusagen Wenn etwas vorhanden ist was wir nicht voraussagen konnten so
konstituiert dies eine rückständige Erscheinung welche zu ihrer Erklärung
weiteres Stadium verlangt und wir müssen entweder unter den Umständen des
besonderen Falles suchen bis wir einen finden der den Prinzipien unserer
bestehenden Theorie zufolge die unerklärte Erscheinung erklärt oder wir müssen
umgekehrt die Erklärung in einer Ausdehnung und Verbesserung der Theorie selbst
suchen
1 Es gibt zwei Arten von soziologischer Forschung Bei der ersten Art
ist die Frage welche Wirkung wird aus einer gegebenen Ursache hervorgehen ein
gewisser allgemeiner Zustand von sozialen Umständen vorausgesetzt wie zB
welches würde die Wirkung sein wenn in irgend einem europäischen Lande bei dem
gegenwärtigen Gesellschafts und Bildungszustande oder unter irgend einer
anderen Voraussetzung von gesellschaftlichen Umständen und ohne Rücksicht auf
die Veränderungen welche in diesen Umständen stattfinden könnten oder
vielleicht schon im Werden sind Korngesetze eingeführt oder aufgehoben die
Monarchie abgeschafft oder allgemeines Stimmrecht eingeführt würden Es bleibt
aber noch eine zweite Untersuchung nämlich die Untersuchung in Betreff der
Gesetze welche diese allgemeinen Umstände selbst bestimmen Bei der letzteren
Untersuchung ist die Frage nicht was die Wirkung einer gegebenen Ursache bei
einem gewissen Zustand der Gesellschaft sein wird sondern welches die Ursachen
sind die Gesellschaftszustände erzeugen und welches die Erscheinungen sind
die sie charakterisieren Die allgemeine Gesellschaftswissenschaft besteht in der
Lösung dieser Frage durch sie müssen die Schlüsse der anderen und spezielleren
Untersuchungsweisen beschränkt und beherrscht werden
2 Um den Umfang dieser allgemeinen Wissenschaft richtig zu verstehen und
sie von den untergeordneten Fächern der soziologischen Spekulation zu
unterscheiden ist es nötig die mit dem Ausdruck »ein Zustand der
Gesellschaft« verbundene Idee festzustellen Ein Zustand der Gesellschaft heißt
der gleichzeitige Zustand aller größeren sozialen Tatsachen oder
Erscheinungen Zu denselben gehören der in einem Gemeinwesen oder in einer jeden
Klasse desselben Bestehende Grad von Kenntnissen und von geistiger und
moralischer Bildung der Zustand der Industrie die Menge des Reichtums und
seine Verteilung die gewohnheitsgemäßen Beschäftigungen des Gemeinwesens
seine Einteilung in Classen und das Verhältnis dieser Classen zu einander
sein Glaube in Betreff aller Gegenstände welche den Menschen am wichtigsten
sind und der Grad von Zuversicht womit es diesen Glauben hegt der Geschmack
der Charakter und der Grad von ästhetischer Entwickelung die Regierungsform und
die wichtigeren Gesetze und Gebräuche des Gemeinwesens Der Zustand aller dieser
und vieler anderer sich darbietender Dinge macht den Zustand der Gesellschaft
und der Zivilisation zu einer gegebenen Zeit aus
Wenn man von gesellschaftlichen Zuständen und den sie erzeugenden Ursachen
spricht so ist dabei mitverstanden dass zwischen diesen verschiedenen
Elementen eine natürliche wechselseitige Beziehung besteht dass nicht eine jede
Art von Kombination dieser allgemeinen sozialen Tatsachen möglich ist sondern
nur gewisse Kombinationen kurz dass Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen
den Zuständen der verschiedenen sozialen Erscheinungen bestehen Und in der Tat
ist dies die notwendige Folge des Einflusses den eine jede von diesen
Erscheinungen auf die andere ausübt Es ist eine in dem Consens der
verschiedenen Theile des Gesellschaftskörpers inbegriffene Tatsache
Gesellschaftszustände sind wie die verschiedenen Konstitutionen oder die
verschiedenen Alter des physischen Körpers sie sind nicht Zustände eines oder
weniger Organe oder Funktionen sondern des ganzen Organismus Es bietet deshalb
die Kenntnis welche wir in Betreff vergangener Zeiten und der in verschiedenen
Regionen der Erde nunmehr bestehenden Gesellschaftszustände besitzen bei
gehöriger Analyse Gleichförmigkeit dar indem man findet dass wenn einer der
Züge der Gesellschaft in einem besonderen Zustande ist ein mehr oder weniger
bestimmter Zustand von vielen anderen Zügen immer oder gewöhnlich zugleich mit
ihm vorhanden ist
Aber die Gleichförmigkeit der Koexistenz welche zwischen Erscheinungen
bestehen welche Wirkungen von Ursachen sind müssen wie so oft bemerkt
Folgesätze der Kausalgesetze sein durch welche diese Erscheinungen wirklich
bestimmt werden Die gegenseitige Correlation zwischen den verschiedenen
Elementen eines jeden Gesellschaftszustandes ist daher ein derivatives Gesetz
das aus den Gesetzen hervorgeht welche die zwischen dem einen und dem anderen
Zustande der Gesellschaft bestehende Sukzession regeln denn die nähere Ursache
eines jeden gesellschaftlichen Zustandes ist der unmittelbar vorhergehende
Gesellschaftszustand Die fundamentale Aufgabe der Gesellschaftswissenschaft
besteht daher darin die Gesetze zu finden nach denen ein gesellschaftlicher
Zustand den ihm nachfolgenden und seine Stelle einnehmenden Zustand erzeugt
Dies eröffnet die schwierige Frage in Betreff des Fortschreitens der Menschen
und der Gesellschaft eine in einer jeden richtigen Vorstellung von den sozialen
Erscheinungen als Gegenstand einer Wissenschaft inbegriffene Idee
3 Es ist eine der Eigentümlichkeiten der Wissenschaften von der
menschlichen Natur und Gesellschaft eine Eigentümlichkeit die ihnen zwar
nicht absolut doch in hohem Grade angehört dass sie mit einem Gegenstande zu
schaffen haben dessen Eigenschaften veränderlich sind Ich meine nicht
veränderlich von Tag zu Tag sondern von Jahrhundert zu Jahrhundert so dass
sich nicht bloß die Eigenschaften der Individuen ändern sondern dass auch die
Eigenschaften der Mehrheit in einem Jahrhundert nicht mehr dieselben sind wie
in dem anderen
Die Hauptursache dieser Eigentümlichkeit ist die beständige Gegenwirkung
der Wirkungen auf ihre Ursachen Die Umstände in denen sich die Menschen
befinden und welche nach ihren eigenen Gesetzen und denen der menschlichen
Natur wirken bilden den Charakter der menschlichen Wesen aber ihrerseits
bilden und formen die menschlichen Wesen für sich und ihre Nachkommen die
Umstände Aus dieser gegenseitigen Action muss notwendig entweder ein Cyclus
oder ein Fortschreiten hervorgehen Auch in der Astronomie ist eine jede
Tatsache zugleich Ursache und Wirkung die aufeinanderfolgenden Stellungen der
verschiedenen Himmelskörper erzeugen Veränderungen sowohl in der Richtung als
auch in der Intensität der Kräfte durch welche diese Stellungen bestimmt
werden Aber in dem Sonnensystem bringen diese gegenseitigen Wirkungen nach
einer gewissen Anzahl von Veränderungen den vorigen Stand der Umstände wieder
zurück was naturgemäß zu einer fortwährenden Wiederkehr derselben Reihe in
einer unveränderlichen Ordnung führt Kurz diese Körper bewegen sich in
geschlossenen Bahnen es gibt aber auch andere Körper nach den astronomischen
Gesetzen könnte es solche geben welche anstatt einer geschlossenen Bahn eine
Trajektorie oder eine nicht in sich zurückkehrende Bahn beschreiben Das eine
oder das andere muss den Typus abgeben nach dem sich die menschlichen
Angelegenheiten richten
Einer von den ersten Denkern welche sich die Sukzession der geschichtlichen
Ereignisse festen Gesetzen unterworfen dachten und durch eine analytische
Prüfung der Geschichte diese Gesetze zu entdecken suchten Vico der berühmte
Verfasser der Scienza Nuova war der ersteren Meinung Er glaubte die
Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft bewegten sich in einem Kreise sie
gingen periodisch durch dieselbe Reihe von Veränderungen hindurch Obgleich es
nicht an Umständen fehlte welche diese Ansicht plausibel machten so hielt sie
doch eine strenge Prüfung nicht aus und diejenigen welche Vico in derartigen
Betrachtungen folgten haben allgemein die Idee einer Trajektorie oder eines
Fortschritts anstatt einer geschlossenen Bahn oder eines Cyclus angenommen
Die Ausdrücke Fortschritt und Fortschreiten Progression und Progressivität
sind hier nicht als synonym mit Vervollkommnung und Streben nach Vervollkommnung
zu verstehen Es ist denkbar dass die Gesetze der menschlichen Natur eine
gewisse Reihe von Veränderungen in den Menschen und der Gesellschaft bestimmen
und sogar unvermeidlich machen welche nicht in einem jeden Falle oder nicht im
Ganzen Vervollkommnungen sein dürften In der Tat ist es mein Glaube dass das
allgemeine Streben bei gelegentlichen und zeitweiligen Ausnahmen ein Streben
nach Vervollkommnung ist und bleiben wird ein Streben nach einem besseren und
glücklicheren Zustande Dies ist indessen nicht eine Frage der Methode der
sozialen Wissenschaft sondern ein Lehrsatz der Wissenschaft selbst Für unseren
Zweck genügt es dass sowohl in dem Charakter des Menschengeschlechts wie auch
in den äußeren Umständen desselben soweit sie von ihm selbst gebildet werden
eine fortschreitende Veränderung stattfinde dass in jedem folgenden Jahrhundert
die Haupterscheinungen der Gesellschaft sich von denen des vorhergehenden und
noch mehr von denen irgend eines früheren Jahrhunderts unterscheiden indem die
Perioden welche diese aufeinander folgenden Veränderungen sehr deutlich
markieren Intervalle von einer Generation sind Während eines solchen Intervalls
ist eine neue Reihe von menschlichen Wesen erzogen worden der Kindheit
entwachsen und hat von der Gesellschaft Besitz genommen
Der Fortschritt des Menschengeschlechts ist das Fundament auf dem in den
letzten Jahren eine Methode der Forschung in der Gesellschaftswissenschaft
errichtet worden ist die den beiden früher herrschenden Forschungsweisen der
chemischen oder experimentellen und der geometrischen weit überlegen ist Diese
Methode welche gegenwärtig von den am weitesten vorgeschrittenen Denkern des
Kontinents angenommen wird besteht darin dass man durch das Studium und die
Analyse der allgemeinen Tatsachen der Geschichte das Gesetz des Fortschritts
wie es diese Forscher nennen zu entdecken sucht und dieses Gesetz wenn es
einmal ermittelt ist muss uns diesen Denkern zufolge in den Stand setzen
künftige Ereignisse vorauszusagen gerade so wie wir in der Algebra nach
einigen Gliedern einer unendlichen Reihe das Prinzip der Regelmäßigkeit ihrer
Bildung entdecken und den Rest der Reihe bis zu einer beliebigen Anzahl von
Gliedern voraussagen können Der Hauptzweck der historischen Spekulation in
Frankreich während der letzten Jahre war die Ermittlung dieses Gesetzes Aber
während ich die großen Dienste welche der Geschichtswissenschaft durch diese
Schule geleistet wurden gern anerkenne muss ich sie doch eines fundamentalen
Missverstehens der wahren Methode der sozialen Forschung für schuldig halten
Das Missverständnis besteht in der Voraussetzung es könnte die Ordnung der
Sukzession welche wir in den uns von der Geschichte dargebotenen verschiedenen
Gesellschafts und Bildungsstufen nachweisen können auch wenn diese Ordnung
noch strenger gleichförmig wäre als sie sich erwiesen hat jemals einem
Naturgesetz gleichkommen Sie kann nur ein empirisches Gesetz sein Die Zustände
des menschlichen Geistes und der menschlichen Gesellschaft können nicht ein
ihnen eigenes unabhängiges Gesetz haben sondern dasselbe muss von den
psychologischen und ethologischen Gesetzen abhängen welche die Wirkung von
Umständen auf die Menschen und von den Menschen auf die Umstände beherrschen Es
ist denkbar dass diese Gesetze und die allgemeinen Umstände des
Menschengeschlechts der Art sind dass sie die sukzessive Umbildung der Menschen
und der Gesellschaft zu einer gegebenen und unveränderlichen Ordnung bestimmen
Wenn dies aber auch der Fall wäre so kann es nicht der letzte Zweck der
Wissenschaft sein ein empirisches Gesetz zu entdecken Ehe dieses Gesetz nicht
mit den psychologischen und ethologischen Gesetzen von denen es abhängig sein
muss in Verbindung gebracht und durch die Übereinstimmung der aprioristischen
Deduktion und des geschichtlichen Beweises aus einem empirischen Gesetz in ein
wissenschaftliches Gesetz umgewandelt werden kann ist es für die Voraussetzung
künftiger Vorgänge über höchstens angrenzende Fälle hinaus unzuverlässig Herr
Comte ist der Einzige von der jungen historischen Schule der die Notwendigkeit
eingesehen hat in dieser Weise alle unsere Generalisationen aus der Geschichte
mit den Gesetzen der menschlichen Natur in Verbindung zu setzen
4 Während es aber eine gebieterische Regel ist niemals eine
Generalisation aus der Geschichte in die Gesellschaftswissenschaft einzuführen
wenn nicht in der menschlichen Natur genügende Gründe dafür nachzuweisen sind
so glaube ich doch dass Niemand bestreiten wird dass es möglich gewesen wäre
von den Elementen der menschlichen Natur und den allgemeinen Umständen der
menschlichen Zustände ausgehend a priori die Ordnung zu bestimmen in weicher
die menschliche Entwickelung stattfinden muss und folglich die allgemeinen
Tatsachen der Geschichte bis zur jetzigen Zeit vorauszusagen Schon nach den
ersten Gliedern der Reihe überwiegt der durch die vorhergehenden Generationen
auf eine jede nachfolgende Generation ausgeübte Einfluss wie der zuletzt
angeführte Schriftsteller richtig bemerkt hat mehr und mehr alle anderen
Einflüsse so dass endlich Alles was wir sind und tun nur in einem sehr
geringen Grade das Resultat der allgemeinen Umstände des Menschengeschlechts
oder auch nur unserer eigenen durch die ursprünglichen Eigenschaften unserer
Spezies wirkenden Umstände ist sondern hauptsächlich das Resultat der durch die
ganze frühere Geschichte der Menschheit erzeugten Eigenschaften Es übersteigt
die menschlichen Fähigkeiten eine so lange Reihe von Wirkungen und
Gegenwirkungen in der ein jedes folgende Glied aus einer immer größeren Anzahl
und Mannigfaltigkeit von Teilen zusammengesetzt ist aus den sie erzeugenden
elementaren Gesetzen zu berechnen Die bloße Länge der Reihe wäre schon ein
hinreichendes Hindernis indem ein kleiner Irrtum in irgend einem Gliede der
Reihe bei einem jeden folgenden Schritte in schneller Progression zunehmen
würde
Wenn daher die Reihe der Wirkungen selbst bei ihrer Prüfung als ein Ganzes
nicht irgend eine Regelmäßigkeit darbieten würde so würden wir vergebens
suchen eine Gesellschaftswissenschaft aufzubauen wir hätten uns in diesem
Falle mit jener untergeordneten früher schon angeführten Art von soziologischer
Spekulation begnügen müssen mit dem Versuche nämlich zu bestimmen welches die
Wirkung von der Einführung einer neuen Ursache in einen der Voraussetzung nach
festen gesellschaftlichen Zustand sein würde ein Wissen das für die
gewöhnlichen Bedürfnisse der täglichen politischen Praxis genügend ist das uns
aber in allen Fällen in denen die fortschreitende Bewegung der Gesellschaft
eines der infulierenden Elemente ist leicht im Stiche lässt und daher im
Verhältnis prekärer wird als der Fall an Wichtigkeit zunimmt Da aber sowohl
die natürlichen Verschiedenheiten der Menschheit als auch die ursprünglichen
Verschiedenheiten der lokalen Umstände weniger zahlreich sind als die
übereinstimmenden Punkte so wird naturgemäß in der fortschreitenden
Entwickelung des Menschengeschlechts und seiner Werke ein gewisser Grad von
Gleichförmigkeit vorhanden sein Und bei dem Fortschreiten der Gesellschaft
strebt diese Gleichförmigkeit grösser nicht kleiner zu werden da die
Entwickelung eines jeden Volkes welche zuerst ausschließlich durch die Natur
und die Umstände bestimmt wird allmälig unter den beim Fortschreiten der
Zivilisation immer stärker werdenden Einfluss von anderen Nationen der Erde und
von Umständen gebracht wird durch welche diese Nationen beeinflusst worden
sind Wenn daher die Geschichte mit Verstand geprüft wird so bietet sie
empirische Gesetze der Gesellschaft und es ist die Aufgabe der allgemeinen
Soziologie dieselben zu bestimmen und sie mit den Gesetzen der menschlichen
Natur durch Deduktionen zu verknüpfen welche zeigen dass diese empirischen
Gesetze die derivativen Gesetze sind die als die Folgen jener letzten Gesetze
ganz naturgemäß zu erwarten waren
Es ist in der Tat kaum jemals möglich selbst nicht nachdem die Geschichte
das abgeleitete Gesetz an die Hand gegeben hat a priori zu beweisen dass dies
die einzige Art von Sukzession oder Koexistenz war in welcher die Wirkungen in
Übereinstimmung mit den Gesetzen der menschlichen Natur erzeugt werden konnten
Wir können höchstens beweisen dass starke aprioristische Gründe vorhanden
waren sie zu erwarten und dass keine andere Ordnung der Sukzession oder
Koexistenz mit so viel Wahrscheinlichkeit aus der Natur des Menschen und den
allgemeinen Umständen seiner Lage hervorgegangen sein würde Oft können wir
nicht einmal dieses wir können oft nicht einmal zeigen dass das was geschah
a priori wahrscheinlich war sondern nur dass es möglich war Dieses was in
der umgekehrten deduktiven Methode welche wir jetzt charakterisieren wirklich
ein verifizierendes Verfahren ist ist aber ebenso unumgänglich nötig wie es
die Verifikation durch spezifische Erfahrung da ist wo wir ursprünglich durch
direkte Deduktion zu dem Schlüsse gelangt sind Das empirische Gesetz muss das
Resultat von nur wenigen Fällen sein da nur wenige Nationen eine hohe Stufe des
sozialen Fortschritts erreicht haben noch weniger Nationen aber durch eigene
unabhängige Entwickelung Wenn daher nur einer oder zwei von diesen wenigen
Fällen nicht hinlänglich bekannt oder unvollkommen in ihre Elemente zerlegt und
daher nicht genau mit anderen Fällen verglichen worden sind so ist nichts
wahrscheinlicher als dass ein falsches anstatt eines richtigen empirischen
Gesetzes daraus hervorgehen wird Es werden demzufolge auch aus dem Gange der
Geschichte fortwährend die irrigsten Generalisationen gezogen nicht nur in
diesem Lande von dem man kaum noch sagen kann dass in ihm die Geschichte
überhaupt als eine Wissenschaft kultiviert wird sondern auch in anderen Ländern
in denen sie als Wissenschaft kultiviert wird und zwar von Personen die in ihr
wohl bewandert sind Das einzige Mittel der Verbesserung besteht in der
beständigen Verifikation durch psychologische und ethologische Gesetze Wir
können hinzufügen dass nur Einer der mit diesen Gesetzen hinreichend bekannt
ist auch fähig ist durch die Analyse der geschichtlichen Tatsachen oder auch
durch Beobachtung der gesellschaftlichen Erscheinungen seiner eigenen Zeit die
Materialien für die geschichtliche Generalisation vorzubereiten Ein jeder
Andere wird die relative Wichtigkeit der verschiedenen Tatsachen nicht einsehen
und folglich auch nicht wissen welche Tatsachen er suchen oder beobachten
soll noch weniger wird er im Stande sein den Beweis von Tatsachen zu
bemessen welche wie es mit den meisten Tatsachen der Fall ist nicht durch
direkte Beobachtung bestimmt oder aus dem Zeugnis anderer erlernt werden
können sondern aus Merkmalen gefolgert werden müssen
5 Die empirischen Gesetze der Gesellschaft sind von zweierlei Art
einige sind Gleichförmigkeit der Koexistenz andere der Sukzession Je nachdem
die Wissenschaft darauf ausgeht die erstere oder die letztere Art
Gleichförmigkeit zu ermitteln und zu verifizieren nennt sie Herr Comte soziale
Statik oder soziale Dynamik ähnlich wie man in der Mechanik zwischen den
Bedingungen des Gleichgewichts und den Bedingungen der Bewegung oder in der
Physiologie zwischen den Gesetzen der Organisation und den Gesetzen des Lebens
unterscheidet Der erstere Zweig der Wissenschaft ermittelt die Bedingungen der
Stabilität des sozialen Verbands der letztere die Gesetze des Fortschritts Die
soziale Dynamik ist die Lehre von der in einer fortschreitenden Bewegung
betrachteten Gesellschaft während die soziale Statik die Lehre von dem zwischen
den verschiedenen Teilen des gesellschaftlichen Organismus bestehenden Consens
mit anderen Worten die Lehre von den gegenseitigen Wirkungen und Gegenwirkungen
der gleichzeitigen sozialen Erscheinungen ist »indem sie vorläufig soviel als
möglich für wissenschaftliche Zwecke von der fundamentalen Bewegung welche zu
allen Zeiten das Ganze dieser Erscheinungen modifiziert absieht206
Unter dem ersten Gesichtspunkt wird uns die Soziologie in den Stand setzen
in einer Weise die der bei der Anatomie des physischen Körpers jetzt üblichen
Weise wesentlich analog ist die verschiedenen charakteristischen Merkmale eines
jeden unterschiedenen Modus der sozialen Existenz aus dem andern zu folgern
vorbehaltlich der Bestätigung durch direkte Beobachtung Diese vorläufige
Ansicht von der politischen Wissenschaft setzt daher notwendig voraus dass im
Gegensatz zu den bestehenden Gewohnheiten der Philosophen ein jedes der
zahlreichen Elemente des sozialen Zustandes nicht mehr unabhängig und absolut
sondern immer und ausschließlich nur in Beziehung auf alle anderen Elemente
mit deren Ganzem es durch gegenseitige Abhängigkeit verbunden ist betrachtet
werde Es wäre überflüssig hier bei der großen und beständigen Nützlichkeit
dieses Zweiges der soziologischen Spekulation zu verweilen Er ist vor allem die
unentbehrliche Basis der Lehre von dem sozialen Fortschritt Er kann überdies
unmittelbar und für sich allein gebraucht werden um wenigstens vorläufig die
Stelle der direkten Beobachtung einzunehmen welche in vielen Fällen in
Beziehung auf einige Gesellschaftselemente nicht ausführbar ist deren
wirklicher Zustand indessen vermittelst der Beziehungen welche sie mit anderen
vorher bekannten Elementen verknüpfen genügend beurteilt werden kann Die
Geschichte der Wissenschaft kann uns einen Begriff von der Wichtigkeit dieses
Hilfsmittels geben indem sie uns zB daran erinnert wie die vulgären
Irrtümer der bloßen Gelehrsamkeit in Betreff der vermeintlichen Ausbildung der
alten Ägypter in der höheren Astronomie ehe noch eine gesundere Gelehrsamkeit
ihr Urteil abgegeben hatte durch bloße Betrachtung des unvermeidlichen
Zusammenhanges zwischen dem allgemeinen Zustande der Astronomie und der reinen
Geometrie die bei ihnen offenbar in der Kindheit war unwiederbringlich
zerstört wurden Mau könnte leicht eine Menge von Fällen anführen deren
Charakter keinen Streit zulassen würde Um Übertreibungen zu vermeiden muss
indessen bemerkt werden dass diese notwendigen Beziehungen zwischen den
verschiedenen Erscheinungen der Gesellschaft ihrer Natur nach nicht so einfach
und genau sein können dass die beobachteten Resultate aus nur einem Modus der
gegenseitigen Koordination hätten hervorgehen können Eine solche in der
Wissenschaft vom Leben schon zu enge Vorstellung würde mit der noch
verwickelteren Natur der soziologischen Betrachtungen vollständig im Widerspruch
stehen Aber die genaue Berechnung der Grenzen der Abweichung sowohl im
gesunden als auch im kranken Zustand konstituiert wenigstens ebensosehr wie in
der Anatomie des Naturkörpers eine unerlässliche Ergänzung einer jeden Theorie
der soziologen Statik ohne sie würde die obenerwähnte indirekte Untersuchung
oft zu Irrtümern führen
Es ist hier nicht der Ort das Vorhandensein einer notwendigen Beziehung
zwischen allen möglichen Erscheinungen desselben sozialen Organismus methodisch
zu beweisen dies ist ein Punkt worüber wenigstens dem Prinzip nach unter den
gründlichen Denkern nur geringe Meinungsverschiedenheit herrscht Von welchem
sozialen Elemente wir auch ausgehen mögen so können wir doch leicht erkennen
dass es immer einen mehr oder weniger unmittelbaren Zusammenhang mit allen
anderen Elementen selbst mit denjenigen hat welche beim ersten Anblick am
unabhängigsten von ihm zu sein scheinen Die dynamische Betrachtung der
fortschreitenden Entwickelung der zivilisierten Menschheit bietet ohne Zweifel
ein noch wirksameres Mittel dar um diese interessante Bestätigung des Consens
der gesellschaftlichen Erscheinungen auszuführen indem sie die Art und Weise
darlegt in welcher eine jede Veränderung in dem einen Theile unmittelbar oder
sehr rasch auf alle übrigen Theile wirkt Aber dieser Darstellung kann eine
Bestätigung von einer rein statischen Natur vorausgehen oder doch jedenfalls
folgen denn in der Politik wie in der Mechanik beweist die Übertragung der
Bewegung von einem Gegenstand auf den andern einen Zusammenhang zwischen
denselben Ist es ohne zu der unbedeutenderen gegenseitigen Abhängigkeit der
verschiedenen Zweige einer Wissenschaft oder Kunst hinabzusteigen nicht
evident dass sowohl unter den verschiedenen Wissenschaften als auch unter den
meisten Künsten ein solcher Zusammenhang besteht dass wenn wir mit dem
Zustande eines ausgezeichneten Theiles derselben bekannt sind wir mit wahrhaft
wissenschaftlicher Gewissheit den gleichzeitigen Zustand einer jeden der anderen
folgern können Wenn wir diese Betrachtung weiter ausdehnen so können wir die
notwendige Beziehung begreifen welche zwischen dem Zustande der Wissenschaften
im allgemeinen und dem Zustande der Künste im allgemeinen besteht nur dass die
gegenseitige Abhängigkeit im Verhältnis als sie indirekt auch weniger stark
ist Dasselbe ist der Fall wenn wir anstatt den Durchschnitt der sozialen
Erscheinungen bei einem Volke zu betrachten denselben zugleich bei
verschiedenen gleichzeitigen Nationen untersuchen deren fortwährender
gegenseitiger Einfluss namentlich in der neueren Zeit nicht zu bestreiten ist
obgleich in diesem Falle der Consens von einem weniger entschiedenen Charakter
sein wird und mit der Verwandtschaft der Fälle und der Vielfachheit der
Berührungspunkte allmälig abnehmen muss so dass er In manchen Fällen zuletzt
ganz verschwindet wie zB zwischen dem westlichen Europa und dem östlichen
Asien denen verschiedene gesellschaftliche Zustände bisher von einander
unabhängig gewesen zu sein scheinen«
Diesen Betrachtungen folgen Illustrationen eines wichtigen und bis in die
neueste Zeit sehr vernachlässigten allgemeinen Prinzips nämlich des Prinzips
der notwendigen Correlation zwischen der in einer Gesellschaft bestehenden
Regierungsform und dem allgemeinen Zustande der Zivilisation Es ist dies ein
natürliches Gesetz welches den endlosen Diskussionen und den unzähligen
Theorien in Betreff der Regierungsformen in abstracto wenn sie einem anderen
Zwecke als dem der Vorbereitung des Materials für den späteren Aufbau einer
besseren Philosophie dienen sollen den Stempel der Unfruchtbarkeit und
Werthlosigkeit aufdrückt
Es würde wie bereits bemerkt eines der Hauptresultate der Wissenschaft der
politischen Statik sein wenn sie die Erfordernisse eines stabilen politischen
Verbandes bestimmte Es gibt einige Umstände welche in allen Gesellschaften
ohne Ausnahme getroffen werden und im höchsten Grade da wo der
gesellschaftliche Verband am vollständigsten ist diese Umstände können demnach
als Bedingungen der Staat genannten komplexen Erscheinungen betrachtet werden
wenn psychologische und ethologische Gesetze die Indikation bestätigen Es ist
zB niemals eine zahlreiche Gesellschaft ohne Gesetze oder ihnen äquivalente
Gebräuche ohne Gerichte und eine für die Ausführung der Aussprüche derselben
organisierte Gewalt zusammengehalten worden Es gab immer öffentliche
Autoritäten denen der Rest des Gemeinwesens mehr oder weniger streng und in
mehr oder weniger genau bestimmten Fällen gehorchten oder denen er der
allgemeinen Meinung nach zu gehorchen verbunden war Wenn wir diesen Gang der
Untersuchung verfolgen so werden wir eine Anzahl von Erfordernissen finden die
bei einer jeden Gesellschaft welche eine Kollektivexistenz behauptet hat
vorhanden waren und bei deren Aufhören dieselbe entweder mit einer anderen
Gesellschaft verschmolz oder sich auf einer neuen Basis jenen Bedingungen
entsprechend rekonstituierte Obgleich diese durch Vergleichung von verschiedenen
Formen und Zuständen der Gesellschaft erhaltenen Resultate an sich nur auf
empirische Gesetze hinauslaufen so scheinen doch einige derselben wenn sie
einmal bekannt sind mit so viel Wahrscheinlichkeit aus allgemeinen Gesetzen der
menschlichen Natur zu folgen dass die Übereinstimmung der beiden Prozesse die
Augenscheinlichkeit zum Beweis und die Generalisationen zum Range von
wissenschaftlichen Wahrheiten erheben muss
Dies scheint zB von den Schlüssen behauptet werden zu können die in einer
Stelle ausgesprochen sind welche ich aus einer Kritik der negativen Philosophie
des achtzehnten Jahrhunderts ausziehe und welche ich citire wie bei früheren
Gelegenheiten obgleich sie von mir selbst herrührt207 weil ich die
Vorstellung welche ich mir von den Lehrsätzen gebildet habe aus denen die
soziologische Statik bestehen würde auf keine andere Weise besser erläutern
kann
»Das erste Element des gesellschaftlichen Verbandes Gehorsam gegen die
Regierung fand man nicht so leicht in der Welt einzuführen Bei einer timiden
und geistlosen Menschenrace wie die Bewohner der weiten Ebenen tropischer
Länder sind mag der passive Gehorsam naturwüchsig sein obgleich es selbst da
zweifelhaft ist ob er jemals bei einem Volke getroffen worden ist bei dem
nicht der Fatalismus oder mit anderen Worten die Unterwerfung unter den Druck
der Umstände als unter einen göttlichen Befehl als religiöse Lehre geherrscht
hat Aber die Schwierigkeit ein tapferes und kriegerisches Geschlecht dazu zu
vermögen das eigene individuelle arbitrium einem obersten Schiedsrichter zu
unterwerfen wurde immer für so groß gehalten dass man nur eine übernatürliche
Macht für fähig hielt sie zu überwinden auch haben dergleichen Stämme der
Einrichtung der bürgerlichen Gesellschaft immer einen göttlichen Ursprung
beigelegt So verschieden urteilten diejenigen welche den Menschen im Zustande
der Wildheit aus der Erfahrung kannten von denjenigen welche ihn nur im
zivilisierten Zustand kannten Um die feudale Anarchie zu bezwingen und das ganze
Volk irgend einer europäischen Nation einem geordneten Staatswesen unterwürfig
zu machen obgleich das Christentum in der konzentriertesten Form seines
Einflusses dabei mitwirkte waren selbst in dem modernen Europa nach dem
Untergang des römischen Reiches dreimal so viele Jahrhunderte nötig als seit
jener Zeit verflossen sind
Hätten nun diese Philosophen die menschliche Natur unter einem andern Typus
gekannt als dem ihres eigenen Jahrhunderts und der besonderen
Gesellschaftsklasse in der sie lebten so würde es ihnen aufgefallen sein dass
überall wo diese gewohnheitsmäßige Unterwerfung unter Gesetz und Regierung
fest und dauerhaft durchgeführt und die sich dieser Durchführung widersetzende
Kraft und Männlichkeit des Charakters dennoch bis zu einem gewissen Grade
erhalten worden ist gewisse Erfordernisse vorhanden waren gewisse Bedingungen
erfüllt wurden von denen die folgenden als die hauptsächlichsten angesehen
werden können
Erstlich es bestand für alle welche als Bürger zählten für alle welche
nicht durch brutale Gewalt niedergehaltene Sklaven waren ein Erziehungssystem
das mit der Kindheit begann und das ganze Leben hindurch währte und dessen
hauptsächlicher und unaufhörlicher Bestandteil beschränkende Disziplin war Den
Menschen in der Gewohnheit und demnach in dem Vermögen zu erziehen seine
persönlichen Impulse und Ziele den Zwecken der Gesellschaft unterzuordnen allen
Versuchungen zuwider in der Handlungsweise zu verharren welche diese Zwecke
vorschrieben alle Gefühle in sich zu beherrschen welche diesen Zwecken
entgegen sein können und alle Gefühle zu ermutigen welche dieselben fördern
können dies war der Zweck dem man ein jedes äußere Motiv worüber die
leitende Gewalt verfügen konnte und ein jedes innere Vermögen oder ein jedes
Prinzip welches ihr ihre Kenntnis der menschlichen Natur zu erwecken erlaubte
dienstbar zu machen suchte Die ganze bürgerliche und militärische
Staatsklugheit der alten Republiken bestand in einem solchen Erziehungssystem
in einem System dessen Stelle man bei den modernen Nationen durch religiöse
Lehren zu ersetzen suchte Wo und in dem Verhältnis als diese Strenge der in
Schranken haltenden Disziplin nachließ da behauptete sich wieder das
natürliche Streben der Menschen nach der Anarchie der Staat löste sich von
innen heraus auf der gegenseitige Kampf um selbstsüchtige Zwecke neutralisierte
die Kräfte welche erforderlich waren um den Kampf gegen die Ursachen
natürlicher Übel zu unterhalten und nach einer längeren oder kürzeren Zeit von
fortschreitendem Verfall wurde die Nation entweder zum Sklaven des Despotismus
oder zur Beute eines fremden Eroberers
Die zweite Bedingung einer beständigen politischen Gesellschaft hat man in
dem Bestehen des Gefühls der Ergebenheit oder Loyalität in der einen oder
anderen Form gefunden In Betreff seines Gegenstandes kann sich dieses Gefühl
verändern es ist auf keine besondere Regierungsform beschränkt und in einer
Demokratie wie in einer Monarchie ist sein Wesen immer dasselbe es muss nämlich
in der Konstitution des Staates etwas feststehendes beständiges etwas nicht in
Frage zu stellendes liegen etwas das durch allgemeine Zustimmung das Recht
hat da zu sein wo es ist und gegen Störung gesichert zu sein was auch außer
ihm sich ändern möge Dieses Gefühl kann sich wie bei den Juden und in den
meisten Republiken des Altertums einem Gotte oder Göttern den Beschützern
und Erhaltern des Staats ergeben oder es kann sich an gewisse Personen heften
von denen man glaubt sie seien durch göttliches Geheiß durch lange
Herrschaft oder durch die allgemeine Anerkennung ihrer höheren Fähigkeiten und
ihrer Würdigkeit die rechtmäßigen Leiter und Vormünder der Übrigen oder es
kann sich mit Gesetzen mit alten Freiheiten und Gebräuchen verknüpfen oder
endlich und dies ist die einzige Form in welcher das Gefühl eine Aussicht hat
fortzuexistieren es kann sich auf die Grundsätze der individuellen Freiheit und
der politischen und sozialen Gleichheit beziehen wie sie sich in Einrichtungen
verwirklichen die bis jetzt nirgends oder doch nur in einem rudimentären
Zustande existieren Aber in allen politischen Gesellschaften welche eine
dauerhafte Existenz hatten gab es einen feststehenden Punkt etwas das die
Menschen übereinstimmend heilig hielten das natürlich da wo die Freiheit der
Erörterung ein anerkannter Grundsatz war gesetzlich erlaubt war theoretisch zu
bestreiten das aber niemand fürchten oder hoffen durfte in der Praxis
erschüttert zu sehen kurz das vielleicht mit Ausnahme einer temporären
Krisis in der allgemeinen Meinung über aller Erörterung erhaben stand Die
Notwendigkeit hiervon ist leicht darzutun Ein Staat ist niemals auf eine
lange Zeit hindurch frei von inneren Zwistigkeiten und kann auch nicht hoffen
davon frei zu bleiben ehe nicht das menschliche Geschlecht bedeutend besser
geworden ist es gibt weder noch gab es einen Gesellschaftszustand in dem
nicht zwischen den unmittelbaren Interessen und Leidenschaften der mächtigeren
Abtheilungen des Volkes ein Widerstreit stattgefunden hätte Was machte aber die
Nationen fähig diesen Stürmen zu widerstehen und ohne eine beständige
Schwächung der Bürgschaft einer friedlichen Existenz aufgeregte Zeiten zu
überstehen Genau Folgendes dass wie wichtig auch die Interessen waren
derenthalben die Menschen in Streit gerieten das fundamentale Prinzip des
bestehenden gesellschaftlichen Verbandes durch diesen Streit weder berührt
wurde noch viele Theile des Gemeinwesens mit dem Umsturz von dem bedroht
wurden worauf sie ihre Berechnungen gegründet und womit sich ihre Hoffnungen
und ihre Ziele identifiziert hatten Wenn aber der Zweifel an diesen
fundamentalen Prinzipien nicht die gelegentliche Krankheit oder heilsame
Medizin sondern der gewöhnliche Zustand des Staatskörpers ist wenn alle
heftigen Leidenschaften die einer solchen Lage naturgemäß entspringen
hervorgerufen worden sind so ist der Staat virtuell in dem Zustand des
Bürgerkrieges und kann auch tatsächlich nicht mehr lange davon verschont
bleiben
Die dritte wesentliche Bedingung der Stabilität der politischen Gesellschaft
ist ein starkes und wirksames Prinzip des Zusammenhanges der Kohäsion zwischen
den Gliedern desselben Gemeinwesens oder Staates Wir brauchen kaum zu sagen
dass wir nicht die Nationalität im vulgären Sinne des Worts meinen eine
sinnlose Antipathie gegen Fremde die Gleichgültigkeit gegen das allgemeine Wohl
der Menschheit oder einen ungerechten Vorzug der vermeintlichen Interessen
unseres eigenen Landes eine Vorliebe für schlechte Eigentümlichkeiten weil
sie national sind oder die Weigerung das anzunehmen was andere Länder gut
fanden Wir meinen ein Prinzip der Sympathie nicht der Feindseligkeit der
Einigkeit nicht der Trennung Wir meinen ein Gefühl der gemeinsamen Interessen
unter denjenigen welche in demselben Staatsverbande leben und in dieselben
natürlichen oder historischen Grenzen eingeschlossen sind Wir meinen dass sich
ein Teil des Gemeinwesens in Beziehung auf den andern Teil nicht als einen
Fremden betrachte dass er auf die Verbindung aller Theile einen Werth lege
dass er fühle dass alle ein Volk sind dass ihr Loos verbunden und dass das
Unglück eines Mitbürgers wie das eigene Unglück ist dass er nicht selbstsüchtig
verlange sich von seinem Antheil an einer gemeinsamen Unannehmlichkeit durch
Auflösung des Verbandes zu befreien Ein jeder weiß wie stark dieses Gefühl in
jenen alten Republiken war die eine dauernde Größe erreichten Mit welchem
glücklichen Erfolg die Römer trotz aller Tyrannei das Gefühl eines gemeinsamen
Landes in den Provinzen ihres weiten und getrennten Reiches hervorzurufen
wussten wird sich zeigen wenn einer der dem Gegenstande die genügende
Aufmerksamkeit gewidmet hat sich die Mühe geben wird es nachzuweisen In der
neueren Zeit sind die Länder welche dieses Gefühl im stärksten Grade hatten
auch die mächtigsten Länder gewesen England Frankreich und im Verhältnis zu
ihren Territorien und ihren Hilfsmitteln Holland und die Schweiz während
England in seiner Verbindung mit Irland eines der ausgezeichneten Beispiele von
den Folgen seiner Abwesenheit ist Ein jeder Italiener weiß warum Italien
unter dem Joche der Fremden steht ein jeder Deutsche weiß was im
österreichischen Staate den Despotismus aufrecht erhält das Unglück Spaniens
floss ebenso sehr aus der Abwesenheit eines Nationalcharakters bei den Spaniern
selbst als auch aus der Gegenwart desselben bei ihrem Verkehr mit Fremden Das
allervollständigste Beispiel bieten aber die südamerikanischen Republiken dar
wo die Theile eines und desselben Staates so locker zusammenhängen dass sobald
sich eine Provinz von der allgemeinen Regierung verletzt glaubt sie sich für
eine separate Nation erklärt«
6 Während die abgeleiteten Gesetze der sozialen Statik durch die Analyse
verschiedener Gesellschaftszustände und durch deren Vergleichung mit einander
ohne Rücksicht auf ihre Sukzession bestimmt werden ist die Betrachtung der
Reihenfolge bei dem Studium der sozialen Dynamik deren Zweck die Beobachtung
und Erklärung der sozialen Sequenzen ist im Gegenteil vorherrschend Dieser
Zweig der sozialen Wissenschaft würde so vollständig wie möglich sein wenn ein
jeder der leitenden allgemeinen Umstände einer jeden Generation auf seine
Ursachen in der unmittelbar vorhergehenden Generation zurückgeführt wäre Aber
der Consens ist so vollständig besonders in der neueren Geschichte dass bei
der Abhängigkeit der einen Generation von der andern das Ganze eher das Ganze
als ein Teil einen Teil erzeugt Das Abhängigkeitsverhältnis lässt sich aber
nicht wohl direkt aus den Gesetzen der menschlichen Natur ableiten so lange
nicht die unmittelbaren oder abgeleiteten Gesetze nach denen soziale Zustände
sich beim Fortschreiten der Gesellschaft einander erzeugen so lange nicht die
axiomata media der allgemeinen Soziologie ermittelt worden sind
Die empirischen Gesetze welche durch Generalisation aus der Geschichte
leicht erhalten werden gehen nicht soweit sie sind nicht selbst die mittleren
Prinzipien sondern sie dienen bloß für die Aufstellung derartiger Prinzipien
Sie bestehen aus gewissen allgemeinen in der Gesellschaft wahrnehmbaren
Bestreben aus einem progressiven Wachstum einiger gesellschaftlicher Elemente
und der Verminderung anderer oder aus einer allmäligen Veränderung in dem
allgemeinen Charakter gewisser Elemente Man sieht zB leicht dass im
Verhältnis als die Gesellschaft vorschreitet die geistigen Eigenschaften mehr
und mehr über die körperlichen Eigenschaften und die Massen über die Individuen
die Oberhand bekommen dass die Beschäftigung des ganzen nicht unter äußerem
Zwange stehenden Theiles der Menschheit zuerst hauptsächlich eine militärische
ist dass aber da wo sich die Gesellschaft mehr und mehr mit produktiven
Zwecken abgibt der militärische Geist dem industriellen allmälig weicht
Diesen Wahrheiten könnten noch viele ähnliche beigefügt werden Und mit
Generalisationen dieser Art begnügen sich die gewöhnlichen Forscher selbst die
der auf dem Kontinent jetzt herrschenden historischen Schule Aber alle
dergleichen Resultate sind von den elementaren Gesetzen der menschlichen Natur
von denen sie abhängig sind noch zu weit entfernt es treten zu viele
Zwischenglieder ein und das Zusammenwirken der Ursachen bei einem jeden
Zwischengliede ist viel zu verwickelt als dass man diese Sätze als
unmittelbare Folgesätze jener elementaren Prinzipien darstellen könnte In dem
Geiste der meisten Forscher blieben dieselben daher in dem Zustande empirischer
Gesetze die nur innerhalb der Grenzen wirklicher Beobachtung anwendbar sind
und zwar ohne dass sich ein Mittel darböte um ihre wahren Grenzen zu bestimmen
und zu beurteilen ob die bisher im Werden begriffenen Veränderungen bestimmt
sind aufs unbestimmte fortzudauern oder zu Ende zu gehen oder sogar umgekehrt
zu werden
7 Um bessere empirische Gesetze zu erhalten dürfen wir uns nicht damit
begnügen von den fortschreitenden Veränderungen Notiz zu nehmen welche sich in
den einzelnen Elementen der Gesellschaft kundgeben und in denen nichts als das
Verhältnis von Bruchstücken der Wirkung zu Bruchstücken der Ursache angezeigt
ist wir müssen auch die statische Untersuchung der sozialen Erscheinungen mit
der dynamischen kombinieren indem wir nicht allein die progressiven
Veränderungen der verschiedenen Elemente sondern auch die gleichzeitige
Beschaffenheit eines jeden Elementes betrachten und auf diese Weise empirisch
das Gesetz der Korrespondenz nicht nur zwischen den gleichzeitigen Zuständen
sondern auch zwischen den gleichzeitigen Veränderungen dieser Elemente erhalten
Dieses Gesetz der Korrespondenz würde nach der gehörigen aprioristischen
Bestätigung zu dem wirklichen wissenschaftlichen derivativen Gesetze der
Entwickelung der Menschheit und der menschlichen Angelegenheiten werden
Für den schwierigen hierzu erforderlichen Prozess der Beobachtung und der
Vergleichung wäre es offenbar eine große Hülfe wenn es vielleicht der Fall
sein sollte dass irgend ein Element in der verwickelten Existenz des
gesellschaftlichen Menschen als das primum agens der sozialen Bewegung über alle
anderen Elemente hervorragte denn wir könnten alsdann den Fortschritt dieses
einen Elementes als die zentrale Kette nehmen an deren aufeinander folgenden
Gliedern die entsprechenden Glieder aller anderen Progressionen angehängt sind
so dass schon dadurch allein die Sukzession der Tatsachen in einer Art
spontaner Ordnung dargestellt würde die der wahren Ordnung ihrer Erzeugung viel
näher käme als eine durch irgend ein anderes bloß empirisches Verfahren
erreichbare Ordnung
Ale ein auffallendes Beispiel von Übereinstimmung geht nun aus dem Zeugnis
der Geschichte und der menschlichen Natur hervor dass es wirklich unter den
Agentien des gesellschaftlichen Fortschrittes ein solches hervorragendes und
fast oberherrliches gesellschaftliches Element gibt Es ist der Zustand der
spekulativen Fähigkeiten der Menschen mit Inbegriff des Charakters der
Meinungen der Glauben welche die Menschen in Betreff ihrer selbst und der sie
umgebenden Welt gleichgültig durch welche Mittel erlangt haben
Es wäre ein großer Irrtum zu behaupten die Spekulation die
Verstandestätigkeit das Streben nach Wahrheit gehörten zu den stärkeren
Neigungen der menschlichen Natur oder nähmen mehr als ausnahmsweise in dem
Leben der Individuen eine hervorragende Stelle ein Aber ungeachtet der
relativen Schwäche dieses Prinzips im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen
Agentien ist sein Einfluss dennoch die bestimmende Ursache des sozialen
Fortschritts indem alle anderen zu diesem Fortschritte beitragenden Anlagen
unserer Natur in Betreff der Mittel für ihren Beitrag zu dem Werke von ihm
abhängig sind So besteht um den ersichtlichsten Fall zuerst zu nehmen der
Antrieb für die meisten Verbesserungen in den Künsten des Lebens in dem
Verlangen nach vermehrtem materiellem Behagen da wir aber auf äußere
Gegenstände nur nach dem Verhältnis unserer Kenntnis von denselben einwirken
können so ist der Zustand unserer Kenntnis zu einer jeden Zeit die Grenze der
jezeitig möglichen industriellen Verbesserungen und der Fortschritt der
Industrie muss auf einen Fortschritt des Wissens folgen und von ihm abhängen
Man kann zeigen dass dasselbe auch von dem Fortschritte der höheren Künste wahr
ist wenn es auch nicht ganz so augenscheinlich ist Da überdies die stärksten
Neigungen der unkultivierten oder halbkultivierten menschlichen Natur da es die
rein selbstsüchtigen und diejenigen Neigungen sind deren Charakter am meisten
mit der Natur der Selbstsucht sympathisiert offenbar an sich die Menschen zu
trennen nicht zu vereinigen sie zu Nebenbuhlern nicht zu Verbündeten zu
machen streben so ist die gesellschaftliche Existenz nur bei einer
Disziplinierung dieser stärkeren Neigungen bei einer Unterordnung derselben
unter ein gemeinschaftliches System von Meinungen möglich Der Grad dieser
Unterordnung ist das Maß der Vollständigkeit des sozialen Verbandes und die
Natur der gemeinsamen Meinungen bestimmt dessen Art Damit aber die Menschen
ihre Handlungen einem System von Meinungen anpassen müssen diese Meinungen
existieren müssen von ihnen geglaubt werden Und so bestimmt der Zustand der
spekulativen Fähigkeiten der Charakter der von dem Verstande gut geheißenen
Sätze wesentlich den geistigen und politischen Zustand des Gemeinwesens so wie
es auch den physischen bestimmt wie wir bereits gesehen haben
Diese aus den Gesetzen der menschlichen Natur abgeleiteten Schlüsse stimmen
mit den allgemeinen Tatsachen der Geschichte vollständig überein Einer jeden
uns historisch bekannten bedeutenden Veränderung in dem Zustande eines Theiles
der Menschen ist wenn sie nicht durch äußere Gewalt hervorgebracht wurde eine
Veränderung von entsprechendem Umfange in dem Zustande ihres Wissens oder in den
herrschenden Meinungen Glauben vorhergegangen indem von einem gegebenen
Zustande der Spekulation und dem korrelativen Zustande von allem Übrigen sich
fast immer der erstere zuerst zeigte obgleich die Wirkungen ohne Zweifel auf
die Ursache mächtig zurückwirkten Einem jeden beträchtlichen Fortschritte in
der materiellen Zivilisation ist ein Fortschritt in dem Wissen vorausgegangen
und wenn sich eine große soziale Veränderung durch allmälige Entwickelung oder
durch einen plötzlichen Konflikt vollzog so hatte sie als Vorläufer eine große
Veränderung in den Meinungen und in den Denkweisen der Gesellschaft
Polytheismus Judaismus Christentum Protestantismus die kritische
Philosophie des modernen Europas samt dessen positiven Wissenschaften sie
alle machten als primäre Agentien die Gesellschaft zu dem was sie in einer
jeden folgenden Periode wurde während die Gesellschaft nur in untergeordneter
Weise dazu beitrug sie zu machen da sie alle soweit als für ihre Existenz
Ursachen angegeben werden können hauptsächlich ein Ausfluss nicht des
praktischen Lebens der Periode sondern des früheren Zustandes des Glaubens und
Denkens war Die Schwäche der spekulativen Neigungen der Menschen im allgemeinen
hat daher den Fortschritt der Spekulation nicht verhindert den Fortschritt der
Gesellschaft zu beherrschen sie hat nur und zwar zu oft den Fortschritt da
gänzlich verhindert wo das intellektuelle Fortschreiten durch ungünstige
Umstände frühzeitig aufgehalten wurde
Aus diesem ganzen Nachweis dürfen wir schließen dass die Ordnung des
menschlichen Fortschrittes in allen Beziehungen hauptsächlich von der Ordnung
des Fortschreitens der geistigen Überzeugungen dh von dem Gesetz der
aufeinander folgenden Transformationen der menschlichen Meinungen abhängen wird
Es ist nun zuvörderst die Frage ob dieses Gesetz aus der Geschichte als ein
empirisches Gesetz bestimmt und sodann durch aprioristische Deduktion aus den
Elementen der menschlichen Natur in einen wissenschaftlichen Lehrsatz verwandelt
werden kann Da der Fortschritt der Erkenntnis und die Veränderungen in den
Meinungen der Menschen sehr langsam vor sich gehen und sich nur nach langen
Zwischenzeiten in einer entschiedenen Weise kund geben so kann man die
allgemeine Ordnung der Sequenz nur aus der Prüfung eines sehr beträchtlichen
Theiles der Dauer des sozialen Fortschrittes hervorgehen zu sehen erwarten Wir
müssen das Ganze der vergangenen Zeit von dem ersten aufgezeichneten Zustand des
Menschengeschlechts an bis zu den denkwürdigen Erscheinungen der letzten und der
gegenwärtigen Generationen in Betracht ziehen
8 Die Untersuchung welche ich zu charakterisieren versucht habe ist zur
Zeit von Herrn Comte allein in einer systematischen Weise versucht worden Bis
jetzt ist sein Werk das einzige bekannte Beispiel von dem Studium der sozialen
Erscheinungen nach dieser Auffassung der historischen Methode Ich will den
Werth seiner Schlüsse hier nicht erörtern besonders nicht den Werth seiner
Voraussagungen und Anempfehlungen in Betreff der Zukunft der Gesellschaft
welche mir seiner Beurteilung der Vergangenheit weit nachzustehen scheinen ich
werde mich darauf beschränken die wichtige Generalisation anzuführen welche
Herr Comte als das Grundgesetz des Fortschrittes des menschlichen Wissens
ansieht Er ist der Ansicht dass die Spekulation bezüglich eines jeden
Gegenstandes menschlicher Forschung drei aufeinanderfolgende Stufen durchläuft
auf der ersten Stufe sucht sie die Erscheinungen durch übernatürliche
Tätigkeiten zu erklären auf der zweiten durch metaphysische Abstraktionen und
auf der dritten oder letzten Stufe beschränkt sie sich auf die Bestimmung der
Gesetze ihrer Sukzession und ihrer Ähnlichkeit Diese Generalisation scheint
mir jenen hohen Grad von wissenschaftlicher Evidenz zu besitzen der aus dem
Zusammenwirken der Indikationen der Geschichte und der aus der Beschaffenheit
des menschlichen Geistes abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten hervorgeht Auch
könnte man sich nicht leicht nach der bloßen Aussage der bloßen Enunciation
eines solchen Satzes eine Vorstellung machen welche Flut von Licht er auf den
ganzen Gang der Geschichte ergießt wenn man seinen Konsequenzen nachgeht
indem man mit jedem der drei Zustände des menschlichen Geistes welche er
unterscheidet und mit einer jeden sukzessiven Modifikation dieser drei Zustände
den korrelativen Zustand der anderen sozialen Erscheinungen verbindet208
Welche Entscheidung aber kompetente Richter über die von einzelnen Forschern
erlangten Resultate auch geben mögen so ist die eben charakterisierte Methode
doch immerhin diejenige durch welche die derivativen Gesetze der
gesellschaftlichen Ordnung und des gesellschaftlichen Fortschrittes gesucht
werden müssen Mit ihrer Hülfe dürfte es uns künftighin gelingen nicht allein
in die zukünftige Geschichte des Menschengeschlechts einen weitreichenden Blick
zu werfen sondern auch zu bestimmen welche künstlichen Mittel und bis zu
welcher Ausdehnung sie zu gebrauchen sind um den natürlichen Fortschritt
soweit er wohltätig ist zu beschleunigen um seine inhärenten
Unannehmlichkeiten und Nachtheile auszugleichen und sich vor den Gefahren und
den Zufälligkeiten denen unsere Spezies durch die notwendigen Zwischenfälle
ihres Fortschreitens ausgesetzt ist zu bewahren Solche praktischen auf den
höchsten Zweig der theoretischen Soziologie gegründeten Unterweisungen werden
den edelsten und wohltätigsten Teil der Politik als Kunst bilden
Dass wir erst jetzt beginnen von dieser Wissenschaft und Kunst die ersten
Fundamente zu legen ist klar Aber die besseren Geister wenden sich dem
Gegenstande mit aller Unbefangenheit zu Es haben sich wahrhaft
wissenschaftliche Denker zum Ziel gesetzt die Tatsachen der allgemeinen
Geschichte durch Theorien zu verknüpfen Es ist anerkannt eines der
Erfordernisse eines allgemeinen Systems der soziologischen Lehre dass dasselbe
soweit die Data vorhanden sind die Hauptsachen der Geschichte erkläre und es
wird allgemein zugegeben dass eine Philosophie der Geschichte zu gleicher Zeit
die Bestätigung und die anfängliche Form der Philosophie des gesellschaftlichen
Fortschritts ist
Wenn die Bemühungen welche jetzt bei allen zivilisierten Nationen gemacht
werden und welche man auch in England gewöhnlich das letzte Land das in die
allgemeine Bewegung des europäischen Geistes eintritt behufs des Aufbaues einer
Philosophie der Geschichte zu machen beginnt durch die Ansichten von der Natur
des soziologischen Beweises geleitet und regiert werden welche ich sehr kurz
und unvollkommen zu charakterisieren versucht habe so müssen sie ein
soziologisches System erzeugen das von dem vagen und mutmaßenden Charakter
aller früheren Versuche weit entfernt und wert ist endlich seinen Platz unter
den Wissenschaften einzunehmen Wenn diese Zeit gekommen sein wird so wird kein
wichtiger Zweig der menschlichen Angelegenheiten länger mehr der Empirie und der
unwissenschaftlichen Mutmaßung überlassen bleiben der Kreis des menschlichen
Wissens wird vollständig sein und kann fortan nur durch fortwährende Ausdehnung
von innen heraus erweitert werden
1 Die Lehre welche die vorhergehenden Kapitel darzutun und zu beweisen
bestimmt waren dass die Gesamtreihe der sozialen Erscheinungen mit anderen
Worten der Gang der Geschichte allgemeinen Gesetzen unterworfen ist welche die
Philosophie möglicherweise entdecken dürfte ist den wissenschaftlichen Denkern
des Kontinents seit Generationen geläufig gewesen und ist seit dem letzten
Viertel dieses Jahrhunderts aus dem Gebiete der Wissenschaft in das Gebiet der
Zeitungen und der gewöhnlichen politischen Diskussion übergegangen Zur Zeit der
ersten Veröffentlichung dieser Abhandlung war sie indessen in unserem eigenen
Lande fast etwas Neues und die herrschenden Denkgewohnheiten in Betreff
historischer Gegenstände waren ganz das Gegenteil einer Vorbereitung für diese
Lehre Seitdem hat aber eine große Veränderung stattgefunden und ist durch das
wichtige Werk des Herrn Buckle außerordentlich gefördert worden Herr Buckle
hat dieses große Prinzip samt vielen treffenden Erläuterungen mit
charakteristischer Energie in die Arena der populären Erörterung geworfen damit
es durch eine Art von Streitern und in der Gegenwart einer Art von Zuschauern
durchgefochten werde welche auch nicht einmal von der Existenz eines solchen
Prinzips Kenntnis bekommen hätten wenn sie dieselbe den Spekulationen der
reinen Wissenschaft hätten entnehmen müssen Der bedeutende Streit der von
dieser Zeit an darüber geführt worden ist diente nicht nur dazu der Mehrheit
der gebildeten Geister das Prinzip schnell geläufig zu machen sondern auch es
von der Verwirrung und den Missverständnissen zu befreien welche es eine Zeit
hindurch naturgemäß verdunkeln mussten und welche den Werth der Lehre bei
denjenigen beeinträchtigen welche sie annehmen und ein Stein des Anstoßes für
Viele sind welche sie nicht annehmen
Für denkende Geister liegt das hauptsächlichste Hindernis in Betreff der
Anerkennung des Satzes dass historische Tatsachen wissenschaftlichen Gesetzen
unterworfen sind noch immer in der Lehre von dem freien Willen oder mit
anderen Worten in der Verneinung der Gültigkeit des Gesetzes der
unveränderlichen Kausalität für das menschliche Wollen denn wenn das
Kausalgesetz in Beziehung auf unser Wollen keine Gültigkeit besitzt so kann der
Gang der Geschichte als eines Resultates des menschlichen Wollens nicht
Gegenstand wissenschaftlicher Gesetze sein indem das Wollen von welchem er
abhängig ist weder vorausgesehen noch auf ein Gesetz der Regelmäßigkeit
zurückgeführt werden kann seihst nicht nachdem er stattgefunden hat Ich habe
diese Frage so weit als es zweckmäßig schien in einem früheren Kapitel
erörtert und halte nur für nötig hier zu wiederholen dass die Lehre von der
Kausalität menschlicher Handlungen welche unpassend die Notwendigkeitslehre
genannt wird nicht einen geheimnisvollen nexus oder ein allregierendes
unvermeidliches Schicksal behauptet sie behauptet nur die Handlungen der
Menschen seien das Gesamtresultat der allgemeinen Gesetze und Umstände der
menschlichen Natur und ihrer eigenen besonderen Charaktere während diese
Charaktere wiederum die Folge der natürlichen und künstlichen Umstände sind
welche deren Erziehung ausmachten unter welche Umstände ihr eigenes
selbstbewusstes Streben zu rechnen ist Ein jeder der sich die Mühe nehmen will
wenn der Ausdruck erlaubt ist sich in diese Lehre hineinzudenken wird wie
ich glaube finden dass sie nicht nur eine getreue Interpretation der
allgemeinen Erfahrung in Beziehung auf die menschliche Handlungsweise sondern
auch eine korrekte Darstellung des Modus ist nach welchem er selbst in einem
jeden besonderen Fall seine eigene Erfahrung in Beziehung auf diese
Handlungsweise spontan interpretiert Wenn aber dieses Prinzip von dem
individuellen Menschen wahr ist so muss es auch von dem kollektiven Menschen
wahr sein Wenn es das Gesetz des menschlichen Lebens ist so muss das Gesetz in
der Geschichte verwirklicht sein Die Erfahrung in Beziehung auf die en masse
betrachteten menschlichen Angelegenheiten muss damit übereinstimmen renn es
wahr ist sie muss ihm widerstreiten wenn es falsch ist Die Stütze welche
diese Bestätigung a posteriori dem Gesetze verleiht bildet den Teil des
Umstandes den Herr Buckle in einer höchst klaren und erfolgreichen Weise ans
Licht gebracht hat
Seitdem die Tatsachen der Statistik ein Gegenstand sorgfältiger
Aufzeichnung und aufmerksamen Studiums geworden sind haben sich aus ihr
Schlüsse ergeben von denen einige für diejenigen welche nicht gewöhnt sind
moralische Handlungen als gleichförmigen Gesetzen unterworfen zu betrachten
sehr beunruhigend waren Gerade die Ereignisse welche ihrer eigenen Natur nach
am launischsten und ungewissesten erschienen und welche kein erreichbarer Grad
von Kenntnis in irgend einem individuellen Falle uns hätte voraussehen lassen
finden bei der Betrachtung einer bedeutenden Anzahl von Fällen mit einer fast
mathematischen Regelmäßigkeit Statt Welche Handlung würde man für abhängiger
von dem individuellen Charakter und der Ausübung des individuellen freien
Willens halten als den Totschlag eines Mitmenschen Und dennoch variiert in
einem jeden größeren Lande die Anzahl der Mordtaten im Verhältnis zur
Bevölkerung von Jahr zu Jahr nur wenig und weicht niemals bedeutend von einer
gewissen Durchschnittszahl ab Was noch merkwürdiger ist es besteht eine
ähnliche Annäherung an die Beständigkeit in dem Verhältnis der Mordtaten
welche alljährlich mit einer bestimmten Art Instrument begangen werden Ebenso
besteht eine ähnliche Annäherung an die Gleichheit in der jährlichen Anzahl der
ehelichen und unehelichen Geburten Dasselbe gilt von den Selbstmorden den
Unfällen und anderen sozialen Erscheinungen welche mit hinlänglicher
Genauigkeit aufgezeichnet werden Eines der sonderbarsten Beispiele bildet die
durch die Register des Londoner und Pariser Postamts ermittelte Tatsache dass
die Anzahl der aufgegebenen Briefe welche deren Schreiber zu adressieren
vergaßen im Verhältnis zur ganzen Anzahl der aufgegebenen Briefe in einem
jeden Jahr nahezu dieselbe ist »Jahr auf Jahr« sagt Herr Buckle »vergisst
dieselbe Anzahl von Briefschreibern diesen einfachen Akt so dass wir für eine
jede folgende Periode in Wirklichkeit die Anzahl von Personen voraussagen
können die von ihrem Gedächtnis in diesem unbedeutenden und wie es scheinen
dürfte zufälligen Vorgang im Stiche gelassen werden«209
Dieser sonderbare Grad von Regelmäßigkeit en masse ist in Verbindung mit
der höchsten Unregelmäßigkeit in den die Masse zusammensetzenden Fällen eine
glückliche Bestätigung a posteriori des Kausalgesetzes in seiner Anwendung auf
die menschliche Handlungsweise Nehmen wir die Wahrheit des Gesetzes an so ist
eine jede menschliche Handlung eine jede Mordtat zum Beispiel das
konkurrierende Resultat zweier Reihen von Ursachen Von der einen Seite die
allgemeinen Umstände des Landes und seiner Einwohner die moralischen Einflüsse
die Einflüsse der Erziehung die ökonomischen und andere auf das ganze Volk
einwirkende und den sogenannten Zustand von Zivilisation ausmachende Einflüsse
Von der andern Seite die große Mannigfaltigkeit von Einflüssen die dem
Individuum besonders angehören sein Temperament und andere Eigentümlichkeiten
der Organisation seine Verwandtschaft seine gewöhnlichen Genossen
Versuchungen usf Wenn wir nun das Ganze der Fälle nehmen welche auf einem
Felde stattfinden das weit genug ist um alle Kombinationen dieser besonderen
Einflüsse zu erschöpfen oder mit anderen Worten um den Zufall zu eliminieren
und wenn alle diese Fälle innerhalb so enger Zeitgrenzen stattgefunden haben
dass in den allgemeinen den Zustand von Zivilisation des Landes ausmachenden
Einflüssen keine wesentliche Veränderung stattgefunden haben kann so können wir
gewiss sein dass wenn menschliche Handlungen von unveränderlichen Gesetzen
beherrscht werden das Durchschnittsresultat so etwas wie eine konstante Größe
sein wird Die Anzahl der innerhalb dieses Feldes und dieser Zeit begangenen
Mordtaten wird da sie zum Teil die Wirkung allgemeiner Ursachen ist welche
sich nicht verändert haben zum Teil partieller Ursachen deren Veränderungen
sämtlich mit inbegriffen wurden in praktischem Sinne genommen unveränderlich
sein Buchstäblich und mathematisch unveränderlich ist sie nicht und man kann
auch gar nicht erwarten dass sie es sei denn die Periode von einem Jahr ist zu
kurz um alle möglichen Kombinationen von partiellen Ursachen einzuschließen
während sie zugleich lang genug ist um es wahrscheinlich zu machen dass
wenigstens in einigen Jahren einer jeden Reihe neue Einflüsse von einem mehr
oder weniger allgemeinen Charakter eingeführt worden sind Dergleichen Einflüsse
sind zB eine kräftigere oder eine schlaffere Polizei eine zeitweilige
Aufregung durch politische oder religiöse Ursachen oder irgend ein allgemeiner
weltkundiger Vorfall von einer Natur um in einer krankhaften Weise auf die
Einbildungskraft zu wirken Dass sich trotz dieser unvermeidlichen
Unvollkommenheiten in den Daten die Abweichungen in den jährlichen Resultaten in
so engen Grenzen bewegen ist eine glänzende Bestätigung der allgemeinen
Theorie Dieselben Betrachtungen welche in einer so schlagenden Weise den
Beweis der Lehre verstärken dass historische Tatsachen die unveränderlichen
Wirkungen von Ursachen sind dienen auch dazu um diese Lehre von verschiedenen
Missverständnissen zu befreien deren Vorhandensein durch die letzten
Erörterungen nachgewiesen wurde Dem Anschein nach glauben Viele es läge in der
Lehre nicht bloß inbegriffen dass die Gesamtzahl der in einem gegebenen
Raum und in einer gegebenen Zeit begangenen Morde gänzlich die Wirkung der
allgemeinen Umstände der Gesellschaft ist sondern auch dass es ein jeder
besondere Mord ist dass der einzelne Mörder so zusagen ein bloßes Werkzeug
in den Händen allgemeiner Ursachen ist dass er selbst keine andere Wahl hat
oder dass wenn er sie hätte und darnach handeln wollte irgend ein Anderer
genötigt sein würde seine Stelle einzunehmen dass wenn einer der wirklichen
Mörder sich des Verbrechens enthalten hätte irgend ein Anderer der sonst
unschuldig geblieben wäre einen Extramord begangen haben würde um die
Durchschnittszahl herzustellen Ein solcher Folgesatz würde eine jede notwendig
zu ihm führende Theorie der Ungereimtheit überführen Es ist indessen
augenscheinlich dass eine jede besondere Mordtat nicht von dem allgemeinen
Zustande der Gesellschaft allein sondern auch von diesem Zustande in Verbindung
mit den im allgemeinen viel mächtigeren speziellen Ursachen des Falles abhängig
ist und wenn diese speziellen Ursachen welche bei der Verursachung eines jeden
besonderen Mordes einen größeren Einfluss haben als die allgemeinen Ursachen
keinen Einfluss auf die Anzahl der in einer gegebenen Zeit begangenen Morde
haben so ist dies aus dem Grunde dass das Feld der Beobachtung so ausgedehnt
ist dass es alle möglichen Kombinationen der speziellen Ursachen alle mit dem
allgemeinen Zustande der Gesellschaft verträglichen Varietäten des individuellen
Charakters und der individuellen Versuchung einschließt Das Gesamtexperiment
Kollektivexperiment wie man es nennen kann trennt genau die Wirkung der
allgemeinen von der Wirkung der speziellen Ursachen und zeigt das reine Resultat
der ersteren aber es behauptet durchaus Nichts in Beziehung auf die Größe des
Einflusses der speziellen Ursachen er sei grösser oder kleiner indem sich die
experimentelle Scala auf eine solche Anzahl von Fällen erstreckt dass sich die
Wirkungen der speziellen Ursachen innerhalb derselben einander ausgleichen und
in der Wirkung der allgemeinen Ursache verschwinden
Ich will nicht behaupten dass alle Anhänger der Theorie ihre Sprache von
jener Verwirrung immer frei gehalten und keine Neigung gezeigt hätten den
Einfluss der allgemeinen Ursache auf Kosten der speziellen zu hoch anzuschlagen
loh bin im Gegenteil der Meinung dass sie dies bis zu einem sehr hohen Grade
getan und dadurch ihre Theorie mit Schwierigkeiten beladen und Einwürfen
ausgesetzt haben die sie nicht notwendigerweise treffen Es haben sogar Einige
gefolgert oder haben doch zugelassen dass man annahm sie hätten aus der
Regelmäßigkeit in der Wiederkehr der von moralischen Eigenschaften abhängigen
Ereignisse gefolgert dass die moralischen Eigenschaften der Menschen der
Verbesserung wenig fähig sind oder dass sie für den allgemeinen Fortschritt der
Gesellschaft im Vergleich mit intellektuellen und ökonomischen Ursachen von
geringer Wichtigkeit sind Aber dergleichen folgern hieße vergessen dass die
statistischen Tabellen aus denen diese unveränderlichen Durchschnittszahlen
abgeleitet sind aus Tatsachen zusammengetragen sind die sich innerhalb enger
geometrischer Grenzen und in einer geringen Anzahl von aufeinanderfolgenden
Jähren zugetragen haben dh aus einem Felde das gänzlich unter der
Wirksamkeit derselben allgemeinen Ursachen und zwar während einer zu kurzen Zeit
stand um irgend eine große Veränderung an sich zuzulassen Alle moralischen
Ursachen mit Ausnahme der dem Lande im allgemeinen gemeinsamen sind durch die
große Anzahl der in Rechnung gezogenen Fälle eliminiert worden diejenigen aber
welche dem ganzen Lande gemein sind haben sich während des in den Beobachtungen
eingeschlossenen kurzen Zeitraums nicht bedeutend verändert Wenn wir die
Annahme zulassen dass sie sich verändert haben wenn wir ein Jahrhundert mit
dem anderen ein Land mit dem anderen oder auch einen Teil eines Landes mit
dem anderen Theile desselben vergleichen der sich was die moralischen Elemente
betrifft in Lage und Charakter von ihm unterscheidet so geben die innerhalb
eines Jahres begangenen Verbrechen nicht mehr denselben sondern sie geben einen
sehr verschiedenen numerischen Durchschnitt Und es muss dies auch so sein denn
insofern ein jedes einzelne durch ein Individuum begangene Verbrechen
hauptsächlich von dessen moralischen Eigenschaften abhängt müssen die von der
ganzen Bevölkerung eines Landes begangenen Verbrechen in einem gleichen Grade
von deren kollektiven moralischen Eigenschaften abhängig sein Damit dieses
Element auf die weite Scala keinen Einfluss übe wäre es demnach nötig
anzunehmen der allgemeine moralische Durchschnitt der Menschen verändere sich
nicht von Land zu Land oder von Jahrhundert zu Jahrhundert was nicht wahr ist
und was durch keine bestellende Statistik möglicherweise nachgewiesen werden
könnte selbst wenn es wahr wäre Ich stimme aber darum nicht weniger mit der
Meinung von Herrn Buckle überein dass die intellektuellen Elemente der
Menschheit in diesem Ausdruck die Natur ihrer Meinungen Glauben die Summe
ihres Wissens und die Entwickelung ihrer Intelligenz inbegriffen der
vorherrschende Umstand in der Bestimmung ihres Fortschritts sind Ich bin aber
nicht dieser Meinung weil ich ihren moralischen und ökonomischen Zustand für
weniger mächtige oder weniger veränderliche Agentien halte sondern weil
dieselben in einem hohen Grade die Folgen des intellektuellen Zustandes und in
allen Fällen durch ihn beschränkt sind wie in dem vorhergehenden Kapitel
bemerkt worden ist Die geistigen Veränderungen sind nicht sowohl ihrer an sich
größeren Stärke wegen die sichtbarsten Agentien in der Geschichte sondern weil
sie praktisch mit der vereinigten Macht der sämtlichen drei Veränderungen
wirken
3 Es gibt noch eine andere bei der Erörterung dieses Gegenstandes
vernachlässigte Distinktion welche zu beachten vor großer Wichtigkeit ist Die
Lehre dass der gesellschaftliche Fortschritt unveränderlichen Gesetzen
unterworfen ist verbindet man oft mit der Lehre dass der gesellschaftliche
Fortschritt durch die Bemühungen von Individuen oder durch Handlungen der
Regierungen nicht wesentlich beeinflusst werden kann Aber obgleich diese
Meinungen oft von denselben Personen gehegt werden so sind es doch zwei
verschiedene Meinungen und ihre Verwechslung bildet den ewig wiederkehrenden
Irrtum der Verwechslung von Kausalität und Fatalismus Weil alles was
geschieht die Wirkung von Ursachen ist das menschliche Wollen inbegriffen so
folgt noch nicht dass das Wollen selbst das von besonderen Individuen nicht
eine sehr wirksame Ursache sein könne Wenn Jemand bei einem Sturm auf der See
schließen würde dass der Versuch sich das Leben zu retten ganz nutzlos sein
würde weil ungefähr dieselbe Anzahl von Personen dazu bestimmt ist jährlich
durch Schiffbruch umzukommen so würden wir ihn einen Fatalisten nennen und ihn
daran erinnern dass die Bemühungen schiffbrüchiger Menschen sich das Leben zu
retten so weit entfernt sind nutzlos zu sein dass die Durchschnittssumme
dieser Anstrengungen vielmehr eine der Ursachen ist von denen die ermittelte
jährliche Anzahl von Todesfällen durch Schiffbruch abhängt Wie universal die
Gesetze der gesellschaftlichen Entwickelung auch sein mögen so können sie doch
nicht universaler und strenger sein als die Gesetze der physikalischen Agentien
der Natur dennoch kann der menschliche Wille diese in Werkzeuge für seine
Zwecke verwandeln und der Umfang bis zu welchem er dies vollbringt bildet den
Hauptunterschied zwischen Wilden und den höher zivilisierten Völkern Menschliche
und soziale Tatsachen sind ihrer verwickelten Natur wegen nicht weniger
sondern mehr modifizierbar als mechanische und chemische Tatsachen der
menschliche Einfluss hat daher eine noch größere Gewalt über sie Diejenigen
welche behaupten die Entwickelung der Gesellschaft hänge ausschließlich oder
fast ausschließlich von allgemeinen Ursachen ab halten demnach immer unter
diesen Ursachen das kollektive Wissen und die geistige Entwickelung des ganzen
Menschengeschlechts inbegriffen Aber wenn des ganzen Geschlechts warum nicht
auch irgend eines mächtigen Monarchen oder Denkers oder des herrschenden Teils
einer politischen durch ihre Regierung wirkenden Gesellschaft Obgleich bei
einem großen Maßstab die zwischen gewöhnlichen Individuen stattfindenden
Charakterverschiedenheiten einander neutralisieren so neutralisieren sich doch
einander nicht in einem gegebenen Jahrhundert exzeptionelle Individuen welche
wichtige Stellungen einnehmen es gab keinen zweiten Themistokles keinen
zweiten Luther oder Julius Cäsar von gleichen Anlagen und entgegengesetzten
Neigungen um den gegebenen Themistokles Luther und Cäsar auszugleichen und sie
zu verhindern eine dauernde Wirkung hervorzubringen So wie es scheint können
der Wille exzeptioneller Personen und die Meinungen und Absichten der
Individuen welche zu einer gewissen Zeit eine Regierung zusammensetzen
unentbehrliche Glieder der kausalen Kette sein durch welche selbst die
allgemeinen Ursachen ihre Wirkungen erzeugen und dies glaube ich ist die
einzig haltbare Form der Theorie
In einer berühmten Stelle einer seiner früheren Abhandlungen und man lasse
mich hinzufügen dass es eine Stelle ist die es ihm nicht gefiel wieder
abdrucken zu lassen gibt Lord Macaulay der Lehre von der absoluten
Einflusslosigkeit großer Männer einen unbeschränkteren Ausdruck wie ich
glauben muss als ihr jemals von einem Schriftsteller von gleichen Fähigkeiten
gegeben worden ist Er vergleicht dieselben mit Personen die bloß auf einer
größeren Höhe stehen und daher die Sonnenstrahlen etwas früher erhalten als
das übrige Menschengeschlecht »Die Sonne beleuchtet die Hügel während sie noch
unter dem Horizont steht und die Wahrheit wird durch die höchsten Geister ein
wenig früher entdeckt als sie sich der Menge offenbart Dies ist der Grad ihrer
Überlegenheit Ein leicht das ohne ihre Hülfe in kurzer Zeit den weit unter
ihnen Stehenden sichtbar werden muss wird zuerst von ihnen aufgefangen und
zurückgeworfen«210 Wenn diese Metapher durchgeführt wird so folgt dass wenn
es keinen Newton gegeben hätte die Welt nicht nur das Newtonsche System
bekommen hätte sondern dass sie es auch ebenso früh bekommen hätte da die
Sonne den Zuschauern in der Ebene gerade ebenso früh aufgegangen sein würde
wenn kein Berg vorhanden gewesen wäre um die Strahlen früher aufzufangen Es
würde so sein wenn Wahrheiten wie die Sonne kraft ihrer eigenen Bewegung und
ohne menschliche Bemühungen aufgingen sonst aber nicht Ich glaube dass wenn
Newton nicht gelebt hätte die Welt in Betreff der Newtonschen Philosophie
hätte warten müssen bis ein anderer Newton oder ein ihm Gleichstehender gekommen
wäre Kein gewöhnlicher Mensch und keine Reihe von gewöhnlichen Menschen hätten
Ähnliches vollbringen können Ich will nicht so weit gehen zu sagen dass das
was Newton während eines einzelnen Lebens tat nicht auch durch einige von
denjenigen welche auf ihn folgten und von denen ein Jeder ihm an Genie weit
nachstand allmälig und schrittweise hätte vollbracht werden können aber auch
der geringste dieser Schritte erforderte einen Mann von großer geistiger
Überlegenheit Hervorragende Männer erblicken nicht bloß das kommende Licht
von der Spitze des Hügels aus sondern sie steigen auf die Spitze und erwecken
es und wenn keiner von ihnen jemals hinaufgestiegen wäre so würde in vielen
Fällen das Licht in der Ebene niemals aufgegangen sein Die Philosophie und die
Religion sind zum großen Theile auf allgemeine Ursachen zurückführbar dennoch
aber werden wenige daran zweifeln dass wenn es keinen Sokrates keinen Plato
und keinen Aristoteles es auch während der nächsten zweitausend Jahre keine
Philosophie gegeben hätte und in aller Wahrscheinlichkeit auch dann nicht und
dass wenn es keinen Christus und keinen St Paulus gegeben hätte es auch kein
Christentum gegeben hätte
Der Punkt in welchem der Einfluss merkwürdiger Männer entscheidend ist
liegt in der Determination der Schnelligkeit der Bewegung Bei den meisten
gesellschaftlichen Zuständen entscheidet die Existenz großer Männer ob ein
Fortschritt stattfinden soll Es ist denkbar dass Griechenland oder das
christliche Europa in gewissen Perioden ihrer Geschichte durch allgemeine
Ursachen allein hätte fortschreiten können aber wenn es keinen Mahomet gegeben
hätte würde Arabien Avicenna oder Averroes oder die Kalifen von Bagdad und von
Cordova hervorgebracht haben Viel weniger hängt aber bei der Determinierung der
besonderen Weise und der Ordnung in welcher der menschliche Fortschritt
stattfinden wird wenn er überhaupt stattfindet von dem Charakter der
Individuen ab Es gibt in dieser Beziehung eine Art Notwendigkeit welche
durch die allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur durch die Beschaffenheit
des menschlichen Geistes hervorgerufen wird Gewisse Wahrheiten können nicht
entdeckt gewisse Erfindungen können nicht gemacht werden wenn nicht andere
zuerst gemacht worden sind gewisse gesellschaftliche Verbesserungen können
anderen Verbesserungen nur folgen nicht aber vorhergehen Der Ordnung des
menschlichen Fortschritts können daher bis zu einem gewissen Grade bestimmte
Gesetze vorgeschrieben sein aber in Betreff seiner Schnelligkeit oder seines
Stattfindens überhaupt ist keine auf die menschliche Spezies im allgemeinen sich
erstreckende Generalisation zu machen es sind hier nur einige sehr prekäre
annähernde Generalisationen zu machen Generalisationen die sich auf den
kleinen Teil der Menschheit beschränken in dem so etwas wie ein
zusammenhängender Fortschritt innerhalb der historischen Zeit vorbanden war und
der aus dessen spezieller Lage abgeleitet oder aus seiner besonderen Geschichte
gefolgert worden ist Auch wenn wir die besondere Weise des Fortschritts die
Ordnung der Reihenfolge der gesellschaftlichen Zustände betrachten so bedürfen
unsere Generalisationen einer großen Biegsamkeit Die Grenzen der Abweichung in
der möglichen Entwickelung des gesellschaftlichen wie des tierischen Lebens
sind ein Gegenstand der noch wenig verstanden wird und bilden eine der
wichtigsten Aufgaben der sozialen Wissenschaft Auf alle Fälle ist es eine
Tatsache dass unter dem Einfluss verschiedener Umstände sich verschiedene
Theile der Menschheit in mehr oder weniger verschiedener Weise und in
verschiedenen Formen entwickelt haben und zu den bestimmenden Umständen mag der
individuelle Charakter ihrer großen spekulativen Denker oder praktischen
Organisatoren wohl gehört haben Wer kann sagen wie tief die ganze spätere
Geschichte Chinas durch die Individualität von Confucius infuliert worden sein
mag oder die Geschichte Spartas und daher von Griechenland und der ganzen
Welt durch die Individualität von Lykurg
In Beziehung auf die Natur und den Umfang von dem was ein großer Mann
unter günstigen Umständen für die Menschheit und was eine Regierung für eine
Nation tun kann sind verschiedene Meinungen möglich und eine jede
Meinungsschattierung ist mit der vollständigsten Anerkennung der Existenz von
unveränderlichen Gesetzen geschichtlicher Phänomene verträglich Der Grad des
diesen spezielleren Agentien zuzuschreibenden Einflusses erzeugt natürlich einen
großen Unterschied in der Genauigkeit welche diesen allgemeinen Gesetzen
beigelegt werden kann und in dem Vertrauen womit Voraussagungen auf dieselben
gegründet werden können Was von den Eigentümlichkeiten der Individuen in
Verbindung mit dem Zufall ihrer Lage abhängt ist notwendigerweise unfähig
vorausgesehen zu werden Diese zufälligen Kombinationen könnten ohne Zweifel
gleich anderen Kombinationen durch Betrachtung eines hinlänglich großen Cyclus
eliminiert werden die Eigentümlichkeiten eines großen historischen Charakters
lassen ihren Einfluss in der Geschichte zuweilen während mehrere Jahrtausende
fühlen aber es ist sehr wahrscheinlich dass am Ende von fünfzig Millionen
Jahren eine Wirkung derselben vielleicht gar nicht mehr wahrzunehmen sein wird
Da wir indessen keinen Durchschnitt der unermesslichen Zeitlänge erhalten
können die nötig wäre um alle möglichen Kombinationen von großen Männern und
Umständen zu erschöpfen so ist und bleibt so viel von dem Gesetze der
Entwickelung der menschlichen Angelegenheiten als von diesem Durchschnitt
abhängig ist für uns unzugänglich und innerhalb der nächsten tausend Jahre
die für uns weit wichtiger sind als der ganze Rest der fünfzig Millionen
werden die vorkommenden günstigen und ungünstigen Kombinationen für uns rein
zufällig sein Wir können das Erscheinen großer Männer nicht voraussehen
Diejenigen welche neue theoretische Gedanken oder große praktische Ideen in
die Welt einführen muss man abwarten man kann ihre Zeit nicht im voraus
bestimmen Was die Wissenschaft tun kann besteht in Folgendem sie kann in der
vergangenen Geschichte die allgemeinen Ursachen nachweisen welche die
Menschheit in den Vorbereitungszustand versetzt haben in dem sie bei der
Erscheinung der richtigen Sorte von großem Manne dem Einfluss desselben
zugänglich ist Wenn dieser Zustand dauert so macht es die Erfahrung ziemlich
gewiss dass in einer längeren oder kürzeren Periode der große Mann
hervorgebracht werden wird vorausgesetzt die allgemeinen Umstände des Landes
und Volkes seien mit seiner Existenz verträglich was sehr häufig nicht der Fall
ist auch über diesen Punkt kann die Wissenschaft bis zu einem gewissen Grade
entscheiden In dieser Weise können also die Resultate des Fortschrittes
ausgenommen was die Schnelligkeit ihrer Erzeugung betrifft bis zu einem
gewissen Grade auf Regelmäßigkeit und Gesetz zurückgeführt werden Der Glaube
dass sie dies können verträgt sich aber gleich gut sowohl damit dass man dem
Einflüssen der exzeptionellen Männer und der Handlungen der Regierungen eine sehr
große als auch damit dass man ihnen eine sehr kleine Wichtigkeit beizulegen
hat dasselbe kann man von allen anderen Zufällen und störenden Ursachen sagen
4 Es würde nichtsdestoweniger ein großer Irrtum sein wenn man der
Wirkung hervorragender Individuen oder der Regierungen nur eine geringe
Wichtigkeit beilegen wollte Mau darf nicht schließen dass diese beiden
Einflüsse gering sind weil sie der Gesellschaft das nicht geben können was zu
empfangen die Gesellschaft durch die allgemeinen sozialen Umstände und den Gang
ihrer früheren Geschichte nicht vorbereitet war Weder die Denker noch die
Regierungen bewirken alles was sie beabsichtigen aber dafür bringen sie auch
oft wichtige Resultate hervor welche sie nicht im entferntesten voraussahen
Große Männer und große Handlungen sind selten vergeblich dagewesen sie senden
tausend ungesehene Einflüsse aus welche wirksamer sind als die sichtbaren und
obgleich neun von je zehn Dingen die von denjenigen welche ihrem Jahrhundert
voraus sind in guter Absicht vollbracht werden keine wesentliche Wirkung
erzeugen so erzeugt doch das zehnte Ding eine zwanzigmal größere Wirkung als
sich Jemand hätte träumen lassen von ihm vorauszusagen Sogar die Männer welche
aus Mangel au hinreichend günstigen Umständen keinen Eindruck auf ihr
Jahrhundert zurückgelassen haben sind für die Nachwelt oft von dem größten
Wert gewesen Wer sollte man allem Anschein nach glauben hätte vergeblicher
gelebt als einige der ersten Ketzer Sie wurden verbrannt oder niedergemetzelt
ihre Schriften ausgerottet ihr Angedenken wurde verflucht und sogar ihre Namen
und ihre Existenz wurden sieben bis acht Jahrhunderte hindurch in dem Dunkel
vermoderter Manuskripte gelassen so dass ihre Geschichte vielleicht nur aus
den Urteilssprüchen durch welche sie verurteilt worden waren
zusammengestellt werden konnte Dennoch aber brach das Andenken an diese Männer
an Männer welche gewissen Ansprüchen oder gewissen Dogmen der Kirche in
demselben Jahrhundert widerstanden in dem man behauptete es wäre denselben die
einstimmige Zustimmung der Christenheit gegeben worden und die Autorität
derselben wäre auf diese Zustimmung gegründet die traditionellen Fesseln
stellte für den Widerstand eine Reihe von Präcedentien auf flößte späteren
Reformatoren Muth ein und wappnete sie mit den Waffen deren sie bedurften als
die Menschheit besser vorbereitet war ihrem Anstoß zu folgen Diesem Beispiele
von Männern wollen wir ein Beispiel von Regierungen beifügen Die
verhältnismäßig aufgeklärte Herrschaft welche Spanien während eines großen
Theiles des achtzehnten Jahrhunderts genoss verbesserte nicht die Grundfehler
des spanischen Volkes und es ging in Folge hiervon so vieles von dem vielen
Guten was diese Herrschaft temporär vollbrachte mit ihr unter dass die
Behauptung sie habe keine bleibende Wirkung gehabt ganz plausibel erscheint
Man hat diesen Fall als einen Beweis angeführt wie wenig Regierungen den
Ursachen welche den allgemeinen Charakter einer Nation bestimmen entgegen
wirken können Er zeigt aber nur wie viel Regierungen nicht tun können nicht
aber dass sie Nichts tun können Man vergleiche das was Spanien beim Beginn
jener fünfzigjährigen liberalen Regierung war mit dem was es am Ende derselben
geworden war Diese Periode brachte den gebildeteren Classen das leicht des
europäischen Gedankens und dieses hat später nie wieder aufgehört sich zu
verbreiten Vor jener Zeit ging die Veränderung in einer umgekehrten Richtung
vor sich Kultur Aufklärung geistige und materielle Tätigkeit waren im
absterben War es Nichts diese abwärtsgehende Richtung aufzuhalten und sie in
eine aufwärtsgehende umzukehren Wieviel von dem was Carl der Dritte und Aranda
nicht tun konnten war die letzte Folge von dem was sie taten Jenem halben
Jahrhundert verdankt Spanien seine Befreiung von der Inquisition und den
Mönchen es verdankt ihm dass es jetzt ein Parlament und eine freie Presse die
Gefühle von Freiheit und Bürgertum besitzt und dass es Eisenbahnen und alle
anderen Bestandteile des materiellen und ökonomischen Fortschritts erhält In
dem Spanien welches jener Ära vorausging war nicht ein einziges Element
tätig das in einer beliebigen Zeitlänge hätte zu jenen Resultaten führen
können wenn die letzten Prinzen der österreichischen Dynastie das Land so fort
regiert hätten wie sie regierten oder wenn die Bourbonen gleich im Anfang das
gewesen wären was sie später sowohl in Spanien als auch in Neapel wurden
Und wenn eine Regierung viel tun kann um positive Verbesserungen
herbeizuführen auch wenn sie wenig zu tun scheint so sind doch noch größere
Erfolge bei der Abwehr von inneren und äußeren Übeln welche den Fortschritt
gänzlich aufhalten würden von ihr abhängig Oft hat ein guter oder ein
schlechter Ratsherr in einer einzelnen Stadt bei einer besonderen Krisis auf
das ganze spätere Schicksal der Welt einen Einfluss ausgeübt Es ist so gewiss
als ein Urteil in Betreff historischer Ereignisse nur sein kann dass wenn es
keinen Themistokles gegeben hätte es auch keinen Sieg bei Salamis gegeben
hätte und wenn letzterer nicht gewesen wäre wo wäre unsere ganze Zivilisation
Wie verschieden würde die Folge gewesen sein wenn Epaminondas oder Timoleon
oder auch Iphikrates anstatt des Chares und Lysikles bei Chäronea befehligt
hätten Es ist in dem zweiten von zwei Essays über das Studium der Geschichte
211 meiner Ansicht nach die besten und philosophischsten Schriften welche der
gegenwärtige Streit über diesen Gegenstand hervorgerufen hat ganz richtig
bemerkt die Geschichtswissenschaft berechtigt nicht zu absoluten sondern nur
zu bedingten Voraussagungen Allgemeine Ursachen haben großen Einfluss aber
auch individuelle Ursachen »erzeugen große Veränderungen in der Geschichte und
geben ihr die ganze Färbung nachdem sie längst vergangen sind Niemand kann
daran zweifeln dass die römische Republik in einen Militärdespotismus
ausgeartet wäre wenn Julius Cäsar niemals gelebt hätte« dies wurde durch
allgemeine Ursachen praktisch gewiss gemacht »aber ist es überhaupt klar dass
in diesem Falle Gallien jemals eine Provinz des römischen Reichs gebildet haben
würde Hätte Varus nicht seine drei Legionen an den Ufern der Rhone verlieren
können und hätte nicht jener Fluss statt des Rheins die Grenze des Reichs
werden können Dies hätte ganz gut stattfinden können wenn Cäsar und Crassus
ihre Provinzen vertauscht hätten und es ist sicher unmöglich zu sagen dass bei
einem solchen Ereignis die europäische Zivilisation nicht hätte eine andere
Richtung nehmen können Die Eroberung Englands durch die Normannen war eben so
gut das Werk eines einzigen Mannes wie das Schreiben eines Zeitungsartikels es
ist da wir aber die Geschichte dieses Mannes und seiner Familie kennen so
können wir mit aller Gewissheit wenn auch nicht mit Unfehlbarkeit voraussagen
dass kein anderer Mensch« kein anderer in jenem Jahrhundert ist wie ich
vermute gemeint »das Unternehmen hätte ausführen können Und wenn es nicht
ausgeführt worden wäre würde dann Grund vorhanden sein anzunehmen dass unsere
Geschichte und unser Nationalcharakter das sein würden was sie sind«
Derselbe Schriftsteller bemerkt ganz richtig der ganze Strom der
griechischen Geschichte wie dieselbe durch Hrn Grote aufgeklärt worden ist
ist eine Reihe von Beispielen welche zeigen wie oft Ereignisse auf denen das
ganze Geschick der späteren Zivilisation beruht von dem persönlichen Charakter
im Guten und Bösen eines einzigen Individuums abhängig waren Man muss indessen
sagen dass Griechenland das außerordentlichste Beispiel dieser Art liefert
das man in der Geschichte finden kann und dass dies ein sehr übertriebenes
Spezimen des Bestrebens im allgemeinen ist Es ist nur einmal vorgekommen und
wird wahrscheinlich nicht wieder vorkommen dass die Geschicke der Menschheit
von einer gewissen Ordnung der Dinge abhingen die in einer einzelnen Stadt
oder in einem Lande aufrecht zu erhalten war das kaum grösser war als
Yorkshire und das durch hundert Ursachen von sehr geringer Bedeutung im
Vergleich mit dem allgemeinen Bestreben der menschlichen Allgelegenheiten
ruiniert oder gerettet werden konnte Weder gewöhnliche Zufälle noch der
Charakter von Individuen können jemals wieder die Wichtigkeit erlangen welche
sie damals besaßen Je länger das Menschengeschlecht existiert und je
zivilisierter es wird um so mehr erhält wie Herr Comte bemerkt der Einfluss
der vergangenen Generationen auf die gegenwärtige Generation und der Menschheit
en masse über ein jedes Individuum die Oberhand über andere Kräfte und obgleich
der Gang der Dinge niemals aufhört der Veränderung sowohl durch Zufälle als
auch durch persönliche Eigenschaften zugänglich zu sein so bringt doch das
wachsende Übergewicht der Gesamtwirkung der Menschheit über alle geringeren
Ursachen die allgemeine Entwickelung des Menschengeschlechts in ein mehr
bestimmtes und gezogenes Geleise Die Geschichtswissenschaft wird daher immer
möglicher nicht bloß weil sie besser studiert wird sondern auch weil sie bei
einer jeden Generation für das Studium geeigneter wird
1 In den vorhergehenden Kapiteln haben wir uns bemüht den gegenwärtigen
Zustand derjenigen Zweige der sogenannten geistigen moralischen Erkenntnis zu
charakterisieren welche in dem einzig richtigen Sinne des Worts Wissenschaften
dh welche Forschungen nach dem Gange der Natur sind Es ist indessen
gebräuchlich in den Ausdruck moralische Erkenntnis und sogar obgleich
unpassenderweise in den Ausdruck moralische Wissenschaft Geisteswissenschaft
eine Untersuchung einzubegreifen deren Resultate sich nicht in dem Indikativ
sondern in dem Imperativ oder ihm äquivalenten Umschreibungen ausdrücken
nämlich die sogenannte Erkenntnis der Pflichten die praktische Ethik oder
Moral
Der imperative Modus ist nun das Charakteristische der Kunst das sie von
der Wissenschaft Unterscheidende Was in Kegeln oder Vorschriften spricht und
nicht in der Form von Behauptungen in Beziehung auf Tatsachen ist Kunst und
die Ethik oder Moral ist eigentlich ein Teil der Kunst welche der Wissenschaft
von der menschlichen Natur und Gesellschaft entspricht212
Die Methode der Ethik kann daher keine andere sein als die der Kunst oder
der Praxis im allgemeinen und der noch unvollendete Teil unserer Aufgabe den
wir in dem letzten Buche zu lösen beabsichtigten ist eine Charakterisierung der
allgemeinen Methode der Kunst in ihrer Verschiedenheit von der Wissenschaft
2 In allen Zweigen der praktischen Geschäfte gibt es Fälle in denen
die Individuen verbunden sind ihre Praxis nach einer festgestellten Regel zu
richten während es in anderen Fällen ein Teil ihrer Aufgabe ist die Regel
nach welcher sich ihre Praxis zu richten hat zu finden und zu konstruieren Zu
den ersteren Fällen gehört zB der Fall eines Richters der nach einem
bestimmten geschriebenen Gesetzbuch zu entscheiden hat Der Richter ist nicht
berufen zu bestimmen welche Entscheidung in dem besonderen vorliegenden Fall
der Natur des Falles nach die beste sein würde sondern nur welches Gesetz auf
den Fall anwendbar ist was der Gesetzgeber für die Art des Falles
vorgeschrieben hat und was daher mutmaßlicherweise in dem individuellen Falle
von ihm beabsichtigt worden ist Die Methode muss hier gänzlich und vollständig
in einem Syllogisieren bestehen und das Verfahren ist augenscheinlich dasjenige
woraus wie wir in unserer Analyse des Syllogismus gezeigt haben alles
Syllogisieren besteht nämlich die Auslegung einer Formel
Um unsere Erläuterung des entgegengesetzten Falles von derselben Klasse von
Gegenständen wie die früheren zu nehmen wollen wir im Gegensatz zu der Lage
des Richters die Lage eines Gesetzgebers voraussetzen Ähnlich wie der Richter
Gesetze zur Richtschnur hat hat der Gesetzgeber Regeln und Grundsätze der
Politik es wäre aber ein offenbarer Irrtum anzunehmen der Gesetzgeber sei
durch diese Grundsätze in derselben Weise gebunden wie der Richter durch die
Gesetze und er habe nichts anderes zu tun als von ihnen auf den besonderen
Fall zu schließen ähnlich wie der Richter aus den Gesetzen schließt Der
Gesetzgeber ist verpflichtet die Gründe des Grundsatzes in Betracht zu ziehen
der Richter hat mit den Gründen des Gesetzes nur insofern zu tun als eine
Betrachtung derselben auf die Absichten des Gesetzgebers da Licht zu werfen
vermag wo dessen Worte sie zweifelhaft gelassen haben Für den Richter ist die
einmal bestimmte Regel endgültig aber der Gesetzgeber der mehr nach den Regeln
als nach ihren Gründen ginge würde ähnlich den altmodischen deutschen
Taktikern die von Napoleon gesiegt wurden oder ähnlich dem Arzte der seine
Patienten lieber nach den Regeln sterben ließ als sie gegen die Regel
zuheilen mit Recht für einen bloßen Pedanten und für einen Sklaven seiner
Formel gehalten werden
Es können nun aber die Gründe einer Maxime der Staatskunst oder die einer
andern Kunstregel nur in den Lehrsätzen der entsprechenden Wissenschaft gesucht
werden
Das Verhältnis in dem die Regeln der Kunst zu den Lehren der Wissenschaft
stehen kann auf folgende Weise charakterisiert werden Die Kunst setzt sich
einen Zweck vor definiert ihn und übergibt ihn der Wissenschaft Die
Wissenschaft empfängt ihn betrachtet ihn als ein Phänomen oder als eine
Wirkung die zu studieren ist und nachdem sie seine Ursachen und Bedingungen
untersucht hat sendet sie ihn der Kunst zurück mit einem Lehrsatz bezüglich der
Kombination von Ursachen durch welche dieses Phänomen oder diese Wirkung
erzeugt werden kann Die Kunst prüft sodann diese Kombination von Umständen und
erklärt je nachdem dieselben in menschlicher Macht stehen oder nicht den Zweck
für erreichbar oder nicht erreichbar Die einzige Prämisse welche die Kunst
demnach liefert ist die ursprüngliche obere Prämisse welche behauptet dass
die Erreichung des besonderen Zwecks wünschenswert ist Die Wissenschaft leiht
daher der Kunst das durch eine Reihe von Induktionen oder von Deduktionen
erhaltene Urteil dass die Ausübung gewisser Handlungen den Zweck erreichen
wird Aus diesen Prämissen schließt die Kunst dass die Ausübung dieser
Handlungen wünschenswert ist und verwandelt da sie dies ebenfalls ausführbar
findet den Lehrsatz in eine Regel oder Vorschrift
3 Es verdient besonders beachtet zu werden dass der Lehrsatz oder die
theoretische Wahrheit nicht eher reif ist um in eine Vorschrift verwandelt zu
würden als bis das Ganze und nicht bloß ein Teil der Operation welche der
Wissenschaft angehört ausgeführt worden ist Angenommen wir hätten den
wissenschaftlichen Prozess nur bis zu einem gewissen Punkte geführt wir hätten
entdeckt dass eine besondere Ursache die gewünschte Wirkung hervorbringen wird
wir hätten aber nicht alle negativen Bedingungen bestimmt welche notwendig
sind dh nicht alle Umstände welche deren Erzeugung verhindern würden wenn
sie gegenwärtig wären Wenn wir bei diesem unvollkommenen Zustande der
wissenschaftlichen Theorie versuchen eine Kunstregel aufzustellen so führen
wir diese Operation zu frühe aus Wenn irgend eine in dem Lehrsatz übersehene
entgegenwirkende Ursache vorkommt so wird die Kegel auf Schwierigkeiten
stoßen wir werden die Mittel gebrauchen und den Zweck verfehlen Kein
Argumentiren von der Regel aus oder über die Regel selbst wird uns alsdann über
die Schwierigkeit hinweghelfen es bleibt nichts übrig als zu dem
wissenschaftlichen Prozess welcher der Bildung der Regel hätte vorausgehen
sollen zurückzukehren und ihn zu Ende zu führen Wir müssen die Untersuchung
wieder aufnehmen um den Rest der Bedingungen von denen die Wirkung abhängig
ist zu erforschen und erst nachdem wir das Ganze dieser Bedingungen ermittelt
haben sind wir vorbereitet um das vollständige Gesetz der Wirkung in eine
Vorschrift zu verwandeln in welcher diejenigen Umstände oder Kombinationen von
Umständen welche die Wissenschaft als Bedingungen aufweist als Mittel
vorgeschrieben werden
Es ist wahr dass der Bequemlichkeit wegen Regeln gebildet werden müssen
welche auf eine etwas weniger ideal vollkommene Theorie gegründet sind
erstlich weil die Theorie selten ideal vollkommen gemacht werden kann und
zunächst weil wenn alle entgegenwirkenden Zufälligkeiten sie mögen häufig oder
selten vorkommen darin eingeschlossen wären die Regeln zu verworren sein
würden um in den gewöhnlichen Fällen des Lebens von gewöhnlichen Fähigkeiten
verstanden und behalten zu werden Die Regeln der Kunst suchen nicht mehr
Bedingungen zu umfassen als man in den gewöhnlichen Fällen des Lebens beachten
kann sie sind daher immer unvollkommen In den auf Handfertigkeit beruhenden
Künsten wo die erforderlichen Bedingungen nicht zahlreich sind und wo die
durch die Regeln nicht einzeln aufgeführten Bedingungen entweder im allgemeinen
für die gewöhnliche Beobachtung einfach und klar oder durch Übung leicht zu
erlernen sind können Personen welche nichts als die Regel kennen häufig mit
aller Sicherheit darnach handeln Aber in den verwickelteren Geschäften des
Lebens und mehr noch in denen der Staaten und Gesellschaften kann man sich auf
Regeln nicht verlassen ohne beständig auf die wissenschaftlichen Gesetze auf
welche sie gegründet sind zurückzugehen Zu wissen welches die Zufälle der
Praxis sind die eine Modifikation der Regel verlangen oder welche ganz und gar
Ausnahmen von derselben sind heißt wissen welche Kombinationen von Umständen
den Folgen jener Gesetze widerstreiten oder sie gänzlich aufheben würden dies
kann aber nur durch ein Zurückgehen auf die theoretischen Gründe der Regel
gelernt werden
Ein kluger Praktiker wird daher Regeln für die Praxis nur als provisorische
Regeln betrachten Da sie für die zahlreichsten oder die am gewöhnlichsten
vorkommenden Fälle gemacht sind so zeigen sie uns die Art und Weise in welcher
es am wenigsten gefährlich sein wird da zu handeln wo Zeit und Mittel fehlen
um die wirklichen Umstände des Falles zu analysieren oder wo wir bei einer
Veranschlagung derselben unserm Urteil nicht trauen können Aber sie machen es
darum nicht weniger angemessen durch den wissenschaftlichen Prozess zu gehen
der für die Aufstellung einer Regel aus den Daten des besonderen vor uns
liegenden Falles erforderlich ist Zu gleicher Zeit kann die gewöhnliche Regel
sehr passend als eine Erinnerung daran dienen dass eine gewisse Handlungsweise
von uns selbst und von Anderen für sehr gewöhnlich vorkommende Fälle als passend
befunden worden ist so dass wenn sie für den vorliegenden Fall nicht passt
die Gründe hierfür wahrscheinlich einem ungewöhnlichen Umstand entspringen
werden
4 Der Irrtum derjenigen welche eine für besondere Fälle geeignete
Verfahrungsweise aus vermeintlichen universalen praktischen Grundsätzen ableiten
möchten ist daher augenscheinlich sie übersehen die Notwendigkeit auch dann
beständig auf die Prinzipien der theoretischen Wissenschaft zurückzugehen wenn
man den spezifischen Zweck welchen die Regeln im Auge haben sicher erreichen
will Wieviel grösser muss daher der Irrtum sein wenn solche starre Grundsätze
nicht bloß als universale Regeln aufgestellt werden um einen gegebenen Zweck
zu erreichen sondern auch als Regeln für die Praxis im allgemeinen und ohne die
Möglichkeit zu berücksichtigen nicht nur dass irgend eine modifizierende
Ursache die Erreichung des Zwecks verhindern kann und zwar durch Mittel welche
die Regel vorschreibt sondern auch dass der Erfolg selbst mit irgend einem
anderen Zweck dessen Erreichung möglicherweise wünschenswerter ist in
Widerstreit geraten kann
Dies ist der gewöhnliche Irrtum vieler politischer Denker welche ich als
der geometrischen Schule angehörig charakterisiert habe besonders in Frankreich
wo das von praktischen Regeln ausgehende Syllogisieren den Hauptartikel des
Journalismus und der politischen Redekunst bildet ein Missverstehen der
Funktionen der Deduktion welches den Geist der Verallgemeinerung der die
Franzosen in so ehrenvoller Weise charakterisiert in der Meinung anderer Länder
in großen Misskredit gebracht hat In Frankreich sind die Gemeinplätze der
Politik umfassende und weit ausholende praktische Maximen von welchen aus die
Menschen als aus letzten Prämissen auf besondere Anwendungen schließen und
dies nennen sie logisch und konsequent sein Sie argumentieren zB fortwährend
dass die und die Maßregel ergriffen werden sollte weil sie eine Folge des
Prinzips ist auf welche die Regierungsform sich gründet sei es des Prinzips
der Legitimität oder des Prinzips der Volkssouveränität Hierauf kann man
erwidern dass wenn diese Prinzipien wirklich praktisch sind sie auf
theoretischen Gründen beruhen müssen die Volkssouveränität zum Beispiel muss
eine richtige Grundlage der Regierungsform sein weil ein nach ihr konstituierter
Staat wohltätige Wirkungen hervorzubringen strebt Insofern aber keine
Regierungsform alle möglichen wohltätigen Wirkungen hervorbringt und alle
Regierungsformen mit mehr oder weniger Nachtheilen behaftet sind und da die
letzteren gewöhnlich nicht mit Mitteln bekämpft werden können die denselben
Ursachen entnommen sind welche sie erzeugen so würde sich eine praktische
Einrichtung oft viel stärker dadurch empfehlen dass sie nicht aus dem
sogenannten allgemeinen Staatsprinzip folgt Bei einer auf Legitimität
gegründeten Regierung ist die Präsumtion weit eher zu Gunsten von Institutionen
von einem volkstümlichen Ursprung in einer Demokratie zu Gunsten von
Einrichtungen die dem Drange des Volkswillens Einhalt zu tun streben Die in
Frankreich so gewöhnlich für politische Philosophie gehaltene Argumentation geht
auf den praktischen Schluss dass wir die größten Anstrengungen machen sollten
um die charakteristischen Unvollkommenheiten der Institutionen die wir
vorziehen oder unter denen wir zufällig leben zu vergrößern anstatt sie zu
vermindern
5 Es sind also die Gründe einer jeden Kunstregel in den Lehrsätzen der
Wissenschaft zu finden Eine Kunst oder ein System der Kunst besteht aus den
Kegeln und aus so Vielem von den theoretischen Sätzen als für die
Rechtfertigung dieser Regeln nötig ist Die vollständige Kunst enthält eine
Auswahl von dem Theile der Wissenschaft der nötig ist um zu zeigen von
welchen Bedingungen die Wirkungen nach deren Erzeugungen die Kunst strebt
abhängig sind Die Kunst im allgemeinen besteht aber aus den Wahrheiten der
Wissenschaft und zwar in einer Weise geordnet die mehr den Bequemlichkeiten
der Praxis als denen des Denkens angepasst ist Die Wissenschaft ordnet und
gruppiert ihre Wahrheiten so dass wir im Stande sind so viel als möglich von
der allgemeinen Ordnung des Weltalls mit einem Blick in uns aufzunehmen Wenn
die Kunst auch dieselben allgemeinen Gesetze annehmen muss so folgt sie ihnen
doch nur in diejenigen ihrer ausführlichen Konsequenzen welche zur Bildung von
Regeln für die Praxis geführt haben aus von einander sehr entferntliegenden
Teilen des Gebietes der Wissenschaft trägt sie die Wahrheiten zusammen die
sich auf die Erzeugung der verschiedenen und heterogenen Bedingungen beziehen
welche für eine jede Wirkung deren Erzeugung für die Bedürfnisse des
praktischen Lebens erfordert wird notwendig sind
Da also die Wissenschaft einer Ursache in ihre verschiedenen Wirkungen
folgt während die Kunst einer Wirkung bis zu ihren vielen und verschiedenen
Ursachen und Bedingungen nachgeht so bedarf es einer Reihe von intermediären
wissenschaftlichen Wahrheiten die aus den höheren Generalisationen der
Wissenschaft abgeleitet und dazu bestimmt sind als die Generalia oder ersten
Prinzipien der verschiedenen Künste zu dienen Das wissenschaftliche Verfahren
wonach diese intermediären Prinzipien aufzustellen sind charakterisiert Hr
Comte als eines der Resultate der Philosophie die der Zukunft vorbehalten sind
Er weist auf die allgemeine Theorie der Kunst der beschreibenden Geometrie wie
sie von Monge aufgestellt worden ist als das einzige vollständig verwirklichte
Beispiel und als ein Vorbild das in wichtigeren Dingen nachzuahmen ist Es ist
indessen nicht schwer zu verstehen welches die Natur der intermediären
allgemeinen Prinzipien sein muss Nachdem der möglichst umfassende Begriff von
dem zu erreichenden Zweck dh von der zu erzeugenden Wirkung aufgestellt und
in derselben umfassenden Weise die Reihe von Bedingungen bestimmt worden ist
von denen diese Wirkung abhängt so bleibt doch eine allgemeine Untersuchung der
Hilfsmittel übrig die uns für die Verwirklichung dieser Reihe von Bedingungen
zu Gebote stehen Wenn das Resultat dieser Untersuchung in die wenigsten und
umfassendsten Sätze gefasst worden ist so werden diese Sätze das zwischen den
nutzbaren Mitteln und dem Zweck bestehende allgemeine Verhältnis ausdrücken
sie werden die allgemeine wissenschaftliche Theorie der Kunst ausmachen und die
praktischen Methoden derselben werden als Folgesätze daraus hervorgehen
6 Aber obgleich die Argumentationen welche den Zweck und die Absicht
einer jeden Kunst mit ihren Mitteln verknüpfen dem Bereich der Wissenschaft
angehören so gehört doch die Definition des Zweckes selbst ausschließlich der
Kunst an und bildet das besondere Gebiet derselben Eine jede Kunst hat ein
nicht von der Wissenschaft erborgtes erstes Prinzip oder eine allgemeine obere
Prämisse worin der beabsichtigte Zweck angekündigt und behauptet Wird dass
derselbe wünschenswert ist Die Kunst des Baumeisters nimmt an es sei
wünschenswert Gebäude zu haben die Architektur als eine der schönen Künste
nimmt an es sei wünschenswert sie schön oder imposant zu haben Die
Gesundheits und Arzneikunst nehmen an die eine dass die Erhaltung der
Gesundheit die andere dass die Heilung von Krankheiten angemessene und
wünschenswerte Zwecke sind Es sind dies keine wissenschaftlichen Urteile Die
Urteile der Wissenschaft behaupten eine Tatsache eine Existenz eine
Koexistenz eine Sukzession oder eine Ähnlichkeit Die in Rede stehenden Sätze
behaupten aber nicht dass etwas ist sondern ordnen an und empfehlen es solle
etwas sein Sie sind eine Klasse für sich Ein Urteil dessen Prädikat durch
die Worte solle oder sollte sein ausgedrückt wird ist generisch verschieden von
einem Urteil dessen Prädikat durch ist oder wird sein ausgedrückt ist Es ist
wahr dass auch diese Urteile in dem weitesten Sinne des Wortes etwas als eine
Tatsache behaupten Die in ihnen behauptete Tatsache ist dass die empfohlene
Verfahrungsweise in dem Geiste des Sprechenden ein Gefühl von Beifall erregt
Dies geht indessen nicht auf den Grund des Gegenstandes denn der Beifall des
Sprechenden ist kein genügender Grund für den Beifall Anderer noch sollte er
für ihn selbst ein beweiskräftiger Grund sein Für die Zwecke der Praxis muss
von einem jeden verlangt werden dass er seinen Beifall rechtfertige und hierzu
bedarf es allgemeiner Prämissen welche bestimmen welches die passenden
Gegenstände des Beifalls sind und welches die geeignete Ordnung der Präzedenz
zwischen diesen Gegenständen ist
Diese allgemeinen Prämissen samt den Hauptschlüssen welche aus ihnen
abgeleitet werden können bilden oder vielmehr könnten bilden ein Lehrgebäude
welches eigentlich die Kunst des Lebens darstellt und drei Abtheilungen zulässt
die Moral die Politik und die Ästhetik das Rechte das Zweckmäßige und das
Schöne oder Edle in den menschlichen Handlungen und Werken Dieser Kunst die
leider der Hauptsache nach noch zu schaffen ist sind alle anderen Künste
untergeordnet da sie im Besitz der Prinzipien ist welche bestimmen müssen ob
der spezielle Zweck einer besonderen Kunst wertvoll und wünschenswert ist und
welches in der Scala der wünschenswerten Dinge sein Platz ist Eine jede Kunst
ist auf diese Weise das vereinte Resultat von durch die Wissenschaft enthüllten
Naturgesetzen und von den allgemeinen Prinzipien der sogenannten Teleologie oder
der Lehre von den Zwecken213 welche auch in der Sprache der deutschen
Metaphysiker nicht unpassend die Grundsätze der praktischen Vernunft genannt
werden kann
Ein wissenschaftlicher Beobachter oder Denker ist als solcher allein kein
Rathgeber für die Praxis Seine Aufgabe besteht nur darin zu zeigen dass
gewisse Folgen aus gewissen Ursachen hervorgehen und dass für die Erreichung
gewisser Zwecke gewisse Mittel die wirksamsten sind Ob die Zwecke selbst der
Art sind dass sie zu verfolgen sind und wenn dies ist in welchen Fällen und
wieweit kommt ihm als einem Pfleger der Wissenschaft zu entscheiden nicht zu
und die Wissenschaft allein wird ihn auch niemals für die Entscheidung geeignet
machen In den rein physikalischen Wissenschaften liegt keine große Versuchung
dieses Amt zu übernehmen aber die Wissenschaften welche von der menschlichen
Natur und Gesellschaft handeln nehmen es beständig in Anspruch sie unternehmen
beständig zu sagen nicht allein was ist sondern auch was sein sollte um sie
hierzu zu berechtigen ist eine vollständige Theorie der Teleologie
unentbehrlich Eine bloß als ein Teil der Naturordnung betrachtete noch so
vollkommene wissenschaftliche Theorie kann in keiner Weise als Ersatz dienen In
dieser Beziehung bieten die untergeordneten Künste eine Irreführende Analogie
dar Bei ihnen ist selten eine sichtbare Notwendigkeit für die Rechtfertigung
des Zwecks vorhanden da dessen Wünschenswürdigkeit im allgemeinen von Niemand
geleugnet wird und nur wenn die Frage des Vorrangs zwischen diesem und irgend
einem anderen Zweck zu entscheiden ist müssen die allgemeinen Grundsätze der
Teleologie herbeigezogen werden aber ein über Moral und Politik Schreibender
bedarf dieser Grundsätze bei jedem Schritte Die sorgfältigste und
wohldurchdachteste Entwickelung der bei geistigen und sozialen Erscheinungen
stattfindenden Gesetze der Sukzession und Koexistenz und ihres Verhältnisses zu
einander als Ursachen und Wirkungen wird für die Kunst des Lebens oder der
Gesellschaft von keinem Nutzen sein wenn die von dieser Kunst beabsichtigten
Zwecke den vagen Eingebungen des intellectus sibi permissus überlassen werden
oder wenn sie ohne Analyse und ohne Zweifel als zugestanden angesehen werden
7 Es gibt also eine der Kunst eigentümliche Philosophia Prima so wie
es eine der Wissenschaft angehörige gibt Es gibt nicht nur erste Prinzipien
der Erkenntnis sondern auch erste Prinzipien der Praxis Es muss einen
Maßstab eine Richtschnur geben wonach wir die absolute und relative Güte
oder Schlechtigkeit von Zwecken oder Gegenständen des Verlangens bestimmen
können Welcher Art aber dieser Maßstab auch sein möge so kann es nur einen
einzigen geben denn wenn es mehrere letzte Grundsätze der Praxis gäbe so
könnte dieselbe Praxis von dem einen Grundsatz gutgeheißen und von dem anderen
verworfen werden und wir bedürften anderer allgemeiner Grundsätze um als
Schiedsrichter zwischen ihnen zu funktionieren
Es haben demzufolge die über Moralphilosophie Schreibenden meistens die
Notwendigkeit gefühlt nicht bloß alle Regeln der Praxis und alle lohenden und
tadelnden Urteile auf Prinzipien Zurückzuführen sondern auch sie auf irgend
ein bestimmtes Prinzip zurückzuführen auf irgend eine Regel oder Richtschnur
womit alle anderen praktischen Regeln in Übereinstimmung stehen müssen und aus
der sie alle als die letzte Konsequenz abgeleitet werden können Diejenigen
welche die Annahme einer solchen allgemeinen Richtschnur vernachlässigt haben
konnten dies nur unter der Voraussetzung dass ein unserer geistigen
Konstitution inwohnender moralischer Sinn oder Instinkt uns sowohl darüber
belehrt welche praktischen Prinzipien wir verbunden sind zu beobachten sondern
auch in welcher Ordnung dieselben einander untergeordnet werden sollten
Die Theorie von den Fundamenten der Moral ist ein Gegenstand dessen
Erörterung in einem Werk von dieser Art nicht am Platze sein würde und den so
nebenher abzuhandeln ziemlich nutzlos sein würde Ich werde mich daher damit
begnügen zu sagen dass wenn die Lehre von intuitiven moralischen Prinzipien
auch wahr wäre so würde sie doch nur für jenen Teil des praktischen Gebietes
Vorsorge tragen der im eigentlichen Sinne der moralische Teil genannt wird
Für den Rest der Praxis des Lebens muss noch irgend ein allgemeines Prinzip
eine Richtschnur gesucht werden und wenn dieses Prinzip richtig gewählt wird
so wird es meinem Verständnis nach ebenso gut für die letzten Prinzipien der
Moral als für die der Politik oder des Geschmackes dienen
Ohne hier zu versuchen meine Meinung zu rechtfertigen oder auch nur die
zulässliche Art ihrer Rechtfertigung zu definieren spreche ich bloß meine
Überzeugung aus dass das allgemeine Prinzip wonach sich alle Regeln der
Praxis richten sollten und die Probe nach welcher sie alle zu prüfen sind in
der Förderung des Glückes der Menschen oder vielmehr aller empfindenden Wesen
besteht mit anderen Worten die Förderung des Glückes ist das letzte Prinzip
der Teleologie
Ich will nicht behaupten die Förderung des Glückes sollte selbst der Zweck
aller Handlungen oder auch nur aller Regeln des Handelns sein Sie ist die
Rechtfertigung und sollte der Oberaufseher aller Zwecke sein aber sie ist nicht
selbst der einzige Zweck Es gibt viele tugendhafte Handlungen und sogar
tugendhafte Handlungsweisen obgleich die Fälle wie ich glaube weniger häufig
sind als man oft annimmt durch welche in dem besonderen Falle das Glück
geopfert wird indem sie mehr Schmerz als Vergnügen erzeugen Aber die Praxis
wovon dieses mit Wahrheit behauptet werden kann lässt eine Rechtfertigung nur
darum zu weil gezeigt werden kann dass im Granzen mehr Glück in der Welt sein
wird wenn Gefühle gepflegt werden welche die Menschen in gewiesen Fällen des
Glückes nicht achten lassen Ich gebe die Wahrheit vollständig zu dass die
Kultivierung eines idealen Adels des Willens und der Praxis für individuelle
Menschen ein Zweck sein sollte dem das spezifische Streben nach ihrem eigenen
Glücke oder nach dem Glücke anderer ausgenommen soweit es in dieser Idee
inbegriffen ist in einem jeden kollidierenden Fall nachstehen sollte Ich glaube
aber dass gerade die Frage was konstituiert diese Erhabenheit des Charakters
durch ein Zurückgehen auf das Glück als auf den Maßstab zu entscheiden ist
Für das Individuum sollte der Charakter selbst das oberste Ziel sein einfach
darum weil die reichliche Existenz dieser idealen Erhabenheit des Charakters
oder einer Annäherung an dieselbe mehr als alles andere beitragen würde das
menschliche Leben glücklich zu machen sowohl in dem vergleichungsweise
bescheidenen Sinne von Vergnügen und Befreiung von Schmerz als auch in der
höheren Bedeutung das Leben nicht zu dem zu machen was es jetzt fast allgemein
ist nämlich kindisch und bedeutungslos sondern zu dem was menschliche Wesen
mit höher entwickelten Fähigkeiten zu besitzen den Wunsch haben können
8 Mit diesen Bemerkungen müssen wir diesen summarischen Überblick über
die Anwendung der allgemeinen Logik der wissenschaftlichen Forschung auf die
moralischen und sozialen Zweige schließen Ungeachtet der äußersten
Allgemeinheit der Prinzipien der Methode welche ich aufgestellt habe eine
Allgemeinheit welche wie ich glaube in diesem Falle nicht mit Unbestimmtheit
synonym ist habe ich mich der Hoffnung hingegeben dass diese Bemerkungen
einigen von denjenigen denen die Aufgabe zufallen wird jene wichtigsten von
allen Wissenschaften auf eine Stufe zu erheben die mehr Befriedigung gewährt
von Nutzen sein werden sowohl durch Beseitigung der irrigen als auch durch
Aufhellung der wahren Vorstellungen in Betreff der Mittel durch welche bei so
sehr verwickelten Gegenständen die Wahrheit zu erreichen ist Sollte sich diese
Hoffnung verwirklichen so wird das was wahrscheinlich dazu bestimmt ist das
große geistige Werk der nächsten zwei oder drei Generationen europäischer
Denker zu sein zugleich damit gefördert worden sein