1841_HahnHahn_Faustine.html




        
                              Ida Gräfin HahnHahn
                                Gräfin Faustine
                                    An Bystram
Seit fünf Monaten schmachte ich im zwiefachen Kerker der Blindheit und der
Krankheit seit fünf Monaten hast Du unermüdlich über mir wachend mich
gepflegt und getröstet mir Mut und Beruhigung zugesprochen mir die Träne aus
dem Auge und den Angstschweiß von der Stirn getrocknet mir Dein Auge und Deine
Hand geliehen Dass ich nicht ganz in Verzweiflung Stumpfsinn Apathie
untergegangen bin danke ich Dir Darum soll dies Buch  das freilich schon vor
einem halben Jahr bis auf die letzte Durchsicht fertig war dessen Herausgabe
aber doch einen aufglimmenden Funken geistiger Regsamkeit mir verkündet  darum
soll es Deinen Namen wie ein Diadem an der Stirn tragen Vielleicht ist er das
Beste an dem ganzen Buche
Tarand 14 August 1840
 
In Norddeutschland gibt es wohl wenig lieblichere Punkte als die Brühlsche
Terrasse in Dresden zur Frühlingszeit An einem Juniustage frisch grün und
strahlend wie ein Smaragd saßen mehre junge Männer vor dem Baldinischen
Pavillon rauchten Zigarren nahmen Gefrornes oder Kaffee musterten die
Vorübergehenden und schwatzten eine Musterkarte von Unsinn durcheinander wozu
wie sich von selbst versteht Pferde Theater und Frauen das Thema lieferten 
ein Thema so lange und so oft gebrandschatzt dass man schwer begreift wie es
noch immer zu neuen Variationen dienen könne
    Es war drei Uhr Nachmittags und daher keine elegante Frau auf der Terrasse
zu sehen Sie speisten oder wollten speisen und fürchteten die Hitze die
Sonne obgleich sich kühler grüner wehender Schatten über die Terrasse legte
Desto mehr musste es auffallen dass eine augenscheinlich dem höheren Stande
angehörende Frau allein auf einer Bank saß den Rücken dem Pavillon zugewendet
ungestört von dem Geschwätz der Männer und von dem unruhigen jauchzenden
Treiben der Kinder welche mit und ohne Wärterinnen die Terrasse gleich Ameisen
überdeckten Aber es fiel Keinem auf Sie musste also eine Erscheinung sein die
Jedermann kannte und für die sich Niemand interessierte Sie zeichnete emsig
Ein Bedienter stand wie eine Statue seitwärts hinter ihr und hielt einen
Sonnenschirm so dass weder ein blendender Lichtstrahl noch ein zitternder
Schatten des Laubes Auge Hand und Papier der Gebieterin treffen konnte Ihr
großes dunkles Auge flog mit einem schnellen scharfen Aufschlag hin und her
zwischen Gegend und Zeichnung und die feine Hand ohne Scheu vor der Luft der
größeren Festigkeit wegen des Handschuhs entledigt folgte gewandt dem Blick Sie
war ganz in ihre Arbeit vertieft
    »Lady Geraldin ist heute nach Teplitz abgefahren  das ist meine letzte
Neuigkeit« sagte ein junger Mann aus jener Gruppe
    »Ist gar keine Neuigkeit« rief ein Anderer »es war längst bestimmt«
    »Aber auf morgen«
    »Nein auf heute«
    »Wahrhaftig auf morgen«
    »Kurz und gut sie ist fort« sagte ein Dritter »und bald wird Dresden ganz
ausgestorben sein Man muss sich auch davon machen Es ist unerträglich nichts
als gemeine unbekannte Gesichter zu sehen«
    »Ich liebe gerade die fremden Gesichter welche wie Wandervögel jetzt
hindurch und in die Bäder ziehen«
    »Ah fremde Gesichter das ist etwas ganz Andres die lieb ich auch und
die kennt man sehr schnell Ich meinte die unbekannten die Nobodys den
Bodensatz der Gesellschaft Namen die man sich hundertmal wiederholen lässt
ohne im Stande zu sein sie zu behalten Gestalten die Anspruch darauf machen
gegrüßt zu werden weil man sie in irgend einem Salon coudoyirt hat  und von
solchen wimmelt Dresden plötzlich wie die Nacht von Gespenstern«
    »Ich bedaure jeden der gezwungen ist den Sommer hier zuzubringen«
    »Und gestern Abend ist Graf Mengen angekommen Der Gesandte hat nur darauf
gewartet um seine Badereise anzutreten  so bleibt er denn solo soletti 
Freilich  reiten kann man überall und auch allein ists amüsant«
    »Beneidenswert  Und wo werden Sie hingehen«
    »Unbestimmt noch hie und da aufs Land zu Freunden  später nach Teplitz
Wenn Fürst Klary Wettrennen veranstalten wollte wie sie doch jetzt in jedem
civilisirten Lande Europas und ziemlich an jedem Ort wo fashionable
Gesellschaft sich zusammenfindet Mode sind so würde der dortige Aufenthalt
bedeutend gewinnen Das Terrain wäre vortrefflich die Wiener würden auch ihre
Pferde schicken Unbegreiflich dass der Klary den Vorteil nicht einsieht«
    »Kennen Sie den Graf Mengen«  wurde gefragt
    »Ich sah ihn heut früh bei Feldern seinem Universitätsfreunde aber nur
einen Augenblick Wir wurden einander genannt  dann ging er zu seinem
Gesandten«
    »Wie sieht er aus hat er gute Manieren«
    »Ich denke er muss pompös zu Pferd sitzen«
    »Aber lieber Centaur« rief Einer »im Zimmer im Salon kann man nicht zu
Pferd sitzen und muss sich doch präsentiren«
    Der Centaur der nichts Schmeichelhafteres kannte als diesen Beinamen
sagte
    »Wer gut reitet präsentirt sich überall und immer gut hat Gewandtheit
Kraft Haltung Ungezwungenheit  kurz Alles was ein Kavalier bedarf«
    »Auch Verstand«
    »Auch Verstand die Pferde sind kluge schlaue pfiffige tückische Bestien
haben viel Ähnlichkeit mit den Weibern müssen gehorchen lernen auf den Wink
der geringsten Bewegung Es gehört viel Verstand dazu ein tiefes Studium und
ernste Beharrlichkeit ihnen Gehorsam einzuimpfen«
    »Den Weibern oder den Pferden«
    »Beiden Der Umgang mit diesen ist gleichsam die Elementarschule zum Verkehr
mit jenen«
    »Ich gratulire Deiner künftigen Gemahlin lieber Centaur«
    »Hat noch Zeit bin noch nicht firm genug«  war die Antwort
    »Da kommt Feldern mit einem Fremden wahrscheinlich Graf Mengen« unterbrach
Jemand das geistreiche Gespräch
    »Richtig er ists« rief der Centaur »ich parire er ist ein excellenter
Reiter«
    Neben dem kleinen blonden schmächtigen zierlichen Feldern der Hände
hatte weiß und zart wie ein Frauenzimmer und ein Gesicht freundlich lächelnd
wie ein vierzehnjähriges Mädchen  ging ein großer Mann schlank und dunkel wie
eine Tanne vom Scheitel bis zur Sohle ernst und fest wie aus Erz gegossen aber
die ganze Erscheinung wunderbar gelichtet erleuchtet fast durch seine Augen
welche Lichtstreifen auf den Gegenstand zu werfen schienen den sie anblickten
übrigens aber vornehm gleichgültig zerstreut selbstbewusst in Haltung und
Manieren  kalt übersehend spöttisch abwehrend in Wort und Ausdruck für die
Masse jedoch dem Einzelnen nie Huldigung oder Bewunderung versagend  so trat
Graf Mario Mengen auf
    Feldern machte ihn mit all den jungen Männern bekannt Einige empfingen ihn
neugierig zudringlich Andere taten gleichgültig gegen den Fremden den
Uneingeweihten in das Geschwätz und die Interessen ihrer Koterie Mario ließ
Alle schwatzen gähnen rauchen setzte sich mit untergeschlagenen Armen und
blickte in die lachende Gegend hinein
    »Da zeichnet ja die Gräfin Faustine«  sagte Feldern plötzlich
    »Aber wo ist denn Andlau« fragte Einer »fast eine Stunde ist sie allein
hier mich wundert dass er das zugibt«
    »Dass er es erträgt« rief ein Andrer
    »Nun nun« sagte der immer begütigende Feldern »sie sind ja nicht Beide
aneinander geschmiedet«
    »Glauben Sie nicht Feldern dass sie heimlich verheiratet sind«
    »Nein denn sie könnten es ja wohl öffentlich sein wenn sie wollten«
    »Wer kanns wissen das Ding hat gewiss seinen Haken«
    »O ganz gewiss« rief ein Dritter »zB den eigenwilligen Kopf der Gräfin
Faustine selbst die um etwas ganz Apartes zu haben in der Stille bestimmt
tausend Martern ertrüge  natürlich ohne sich selbst oder Andern zu gestehen
dass es in der Tat Martern sind«
    »Es ist wahr sie hat ihre eigenen und eigentümlichen Allüren«  sagte
Feldern
    »Ein Beispiel hat mich ungeheuer frappirt entgegnete der Andre »Sie trug
den ganzen Winter hindurch in allen großen Soireen ein und dasselbe Kleid«
    »In allen Soireen sie geht doch wenig in die Welt«
    »Kann sein aber wenn sie ging so trug sie ihr himmelblaues Atlaskleid
Zuerst war das ganz gut aber es ist doch wunderlich öfter als drei bis
viermal genau im nämlichen Anzug zu erscheinen In Italien herrscht die Sitte
dass Mütter ihre Kinder unter den besonderen Schutz der Madonna stellen und sie
deshalb in deren Farbe hellblau kleiden  ein Jahr eine Reihe von Jahren
immer je nachdem sie es gelobt haben Ich fragte die Gräfin Faustine ob sie
ein solches Gelübde getan Nein sagte sie aber das der Bequemlichkeit  Ist
dies natürlich bei einer Frau  ich frage«
    Indem erhob sich Faustine gab dem Bedienten das Zeichenbuch und nahm den
Sonnenschirm Dann stand sie ungefähr eine Minute lang an der Balustrade der
Terrasse Sie trug ein ganz schlichtes weißes PercaleKleid den Hals
umschliessend auf die Füße herabfallend Kein buntes Band keine Schleife kein
Shawl zerschnitt die Gestalt und störte den harmonischen Eindruck ihrer
statuenmässigen Proportionen Ein tiefer weißer Tafftut verbarg ihr Haar fast
ihr Gesicht Sie wandte sich langsam Es sah aus als bildeten die grünen Bäume
ein Laubdach für Andere einen Tempel für sie Sie ging mit dem Anstand einer
Königin an den Männern vorüber die sie freundlich grüßte als sie Bekannte
unter ihnen wahrnahm
    »Wer war die Dame« fragte Graf Mengen lebhaft
    »Eben die Gräfin Faustine von der wir sprachen«
    »Eine Fremde«
    »Ja doch seit einigen Jahren hier etablirt«
    »Verheiratet«
    »Gewesen  Vielleicht  Man weiß nicht  Wittwe  Unverheiratet« 
Erscholl es von allen Seiten
    Mengen warf den Kopf herum »Die Herrn sind guter Laune«
    »Auf Ehre reine Wahrheit was wir sagen«
    »Das Wahrste und Einfachste« sprach Feldern »ist indessen doch wenn man
sagt dass Gräfin Faustine Obernau Wittwe ist«
    »Kennst Du sie« fragte Mengen
    »Recht gut«
    »Ist sie liebenswürdig kann ich sie auch kennen lernen  Nimm nicht übel
dass ich die insipideste aller Konversationen eine fragende mache Dem Fremden
muss man das verzeihen«
    »Über diese Frau« nahm ein Anderer das Wort »könnte man noch ein Paar
hundert Fragen tun wenn es der Mühe lohnte und Jeder würde eine andere
Antwort geben weil ein Feld von allerlei Möglichkeiten bei solchem Verhältnis
aufgetan ist Aber eben weil ein solches Verhältnis statt findet kann man ja
alle Fragen von Hause aus sparen«
    »Wann werden Sie dem König vorgestellt Graf Mengen« fragte Einer
    »Ich denke Sonntag wenn er von Pillnitz herein kommt«
    »Ist der Wiener Hof von großer Ressource für die Gesellschaft«
    »Von gar keiner mit einer Kour hat die Gesellschaft mit ein Paar
Kammerbällen hat der Hof seine Pflicht abgetan«
    »War das diesjährige Pferderennen glänzend und wessen Pferd siegte« fragte
der Centaur
    »Ich meine es war ein Lichtensteinsches«
    »Das wissen Sie nicht einmal gewiss ich hoffe Graf Mengen dass Sie ein
Liebhaber der Pferde sind«
    »O ja« sagte Mengen gelangweilt »nur nicht der Gespräche über sie Sobald
ich meine Pferde hier habe will ich die Gegend weidlich durchstreifen«
    »Graf Mengen« rief der Centaur mit überquellendem Herzen »gleich vom
ersten Augenblick an hab ich das in Ihnen vorausgesetzt Ich hab eine horrende
Freude dass mich mein erster Blick in diesem Punkte nie trügt«
    Er packte seine Hand und schüttelte sie Die Übrigen lachten und neckten
den Centauren mit seinem untrüglichen Urteil Kein Demostenes wäre im Stande
gewesen dem Gespräch über Pferde eine andere Wendung zu geben Mengen stand
auf
    »Die Speisestunde meines Ministers«  sprach er grüßend und ging
    »Nun Feldern« riefen Alle durcheinander »heraus damit erzählt erzählt
von seinen Verhältnissen seinen Umständen seiner Karriere
    »Mein Gott« sagte Feldern »davon gibt es nichts Besonderes zu erzählen
Er macht die diplomatische Karriere wie jeder Andere und wie er auch seine
Studien machte  auf ganz gewöhnlichen Wegen ohne besondere Protection Und ob
er Vermögen hat weiß ich nicht In Göttingen hatte er bald vollauf Geld und
bald nichts aber immer war er als befehle er über Goldminen und verachte sie
nur Einmal kam ein Prinz dahin und brachte die Mode der kostbaren und eleganten
Stöcke mit Wir schafften uns Alle dergleichen an Mengens Fonds mochten niedrig
stehen er hatte keinen Da sagte er einmal bei Tisch Bah wer mag denn den
TambourMajor spielen und einen Stock mit blankem Knopf tragen  Es kam uns
vor als habe er uns zu TambourMajors dadurch ernannt  Die prächtigen Stöcke
verschwanden«
    »Solch ein stupendes Übergewicht kann auf der Universität jeder Raufbold
haben«
    »Das war er nicht Er schlug sich wenn er musste und dann tüchtig aber nie
suchte er Händel«
    »Wir wollen doch sehen ob der Legationssecretär die Suprematie des
Studenten hier wird geltend machen wollen und können«
    »Er scheint Lust dazu zu haben«
    »Ich glaube nicht« sagte Feldern »er hat Lust aus der untergeordneten in
eine unabhängige Stellung zu kommen freie Hand zu haben Seinen alten Minister
wird er wohl etwas tyrannisiren allein die Fanfaronaden der Burschenzeit liegen
zu weit ab um sie in die gegenwärtigen Zustände zu verflechten«
    »Wenn er sich poussiren will muss er eine Ministertochter heiraten  anders
gehts heutzutag nicht«
    »Oder nicht heiraten das hilft bisweilen auch«
    »Wie das wie so  Das ist bequemer noch  Wem ist das passiert«
    »Einem meiner Vettern er war verlobt mit der Tochter eines Allmächtigen
und die Vermählung schon festgesetzt Da kommt ein immens reicher dummer Russe
die Braut fasst die heftigste Leidenschaft für ihn die er so gut er kann
erwidert Erklärungen tragische Szenen zwischen Braut und Bräutigam Letzterer
tritt natürlich zurück denn er ist der Aermere folglich der Ungeliebte Aber
er hat eminenten Kopf Schlauheit Talent Scharfsinn der ExSchwiegerpapa will
all diese guten Gaben nicht gegen sich im Felde wissen so wird mein Vetter bei
siebenundzwanzig Jahren Gesandter in Stockholm und einer eitelen Närrin los und
ledig«
    »Verdammtes Glück  Und das letzte größer als das erste«
    »Rücksichten regieren die Welt«  sagte Feldern bedachtsam
    »Aber sie geniren teufelmässig«  rief ein Anderer
    »Ich habe das nie finden können« entgegnete Feldern »Rücksichten sind die
Geleise in welchen der Wagen der Gesellschaft ruhig und sicher fährt ohne mit
andern zusammen zu stoßen zu zertrümmern und zertrümmert zu werden«
    »Aber es gibt breitspurige Wagen«
    »Nun die halten halbe Spur und sind nach einer Seite wenigstens
geschützt«
    Die Zigarren waren geraucht die Tassen und Becher geleert die Gespräche
erschöpft Jeder schlenderte seiner Wege die Meisten zur Sieste
In Faustinens Wohnung herrschte tiefe Stille Sie lag an der Promenade da gab
es kein Wagengerassel kein Pferdegestampf kein Marktweibergeschrei nichts
was an den Tumult und das Bedürfnis erinnert Die Fenster des Salons  lange
Glastüren welche auf den Balcon führten  waren geöffnet und die Jalousien
geschlossen damit nur das scharfe Licht nicht die Luft verbannt sei Auf einer
Ottomane saß der Baron Andlau und blätterte ziemlich unaufmerksam in einem Buch
 denn er wartete Nichts auf der Welt ist störender als die Erwartung sogar
von den geringfügigsten Dingen Von dem Moment an wo man wartet ist man trotz
aller Fähigkeiten Kräfte und Sinne nichts als ein Schütze der von der ganzen
Erde nichts sieht und weiß außer dem schwarzen Punkt in der Scheibe Andlau
wartete auf Faustine Warum kommt sie nicht sprach er zu sich selbst sollte
ihr irgend etwas zugestoßen sein Warum ging ich nicht mit ihr  mein Kopfweh
wäre nicht ärger worden Warum ließ ich sie überhaupt gehen in dieser heißen
Tageszeit  Er nahm den Hut und wollte ihr entgegen da hörte er ihren Schritt
auf der Treppe und er sprang auf und öffnete ihr die Tür Es wurde ganz hell
in dem verfinsterten Gemach als sie eintrat Faustine warf ihren Hut auf den
einen Tisch ihr Zeichenbuch auf den andern sich selbst auf ein Sopha und
sagte
    »Lieber Anastas das wird ein hübsches Bild werden aber müde bin ich 
todtmüde«
    »Warum strengst Du Dich so an muss das Bild denn notwendig eine so heiße
SonnenscheinBeleuchtung haben«
    »Ganz notwendig«  sagte sie und stand auf »ich bin auch schon ausgeruht
und heut Abend musst Du mit mir nach der Neustadt hinüber ich will mir recht
einprägen wie der Fluss und die Kirchen im Mondlicht aussehen Das wird ein
Gegenstück dazu«
    »Hier ist ein Brief an Dich« sagte Andlau und nahm ihn vom Schreibtisch
»nach dem Wappen zu urteilen von Deinem Schwager«
    »Richtig« rief Faustine und las
»Geehrteste Frau Schwägerin Ihrem erfreulichen Schreiben vom 24 huj zu Folge
entnehmen wir aus demselben Ihre gütige Absicht uns im Lauf des Monat Junius
mit Ihrem schmeichelhaften Besuch zu erfreuen Da mein jüngstgebornes Söhnchen
am 10 desselben Monats die Taufe empfangen soll so vereinigen meine liebe Frau
und ich unsre Bitte und Wunsch dahin dass es Ihnen gefallen möge eine
Patenstelle bei selbigem Knäbchen zu übernehmen und es am 10 Junius Mittags
um 2 Uhr in meiner Kirche zu Oberwalldorf über die Taufe zu halten Ihre
Mitgevattern werden sein die Frau Baronin von Feldkirch geborene Gräfin Hagen
auf Mühlhof und mein Bruder Klemens von Walldorf welcher sich nachdem er
seine Studien zu Würzburg und Jena seit Ostern vollendet hat bei mir aufhält
um die Landwirtschaft praktisch zu studieren was ein ganz ander und viel
wichtiger Ding ist als es teoretisch zu tun
    Meine Kinder befinden sich sämtlich wohl und munter was unter allen
Umständen mit Dankbarkeit anzuerkennen ist aber dann ganz besonders wenn man
sieben hat und auf dem Lande fern von ärztlicher Hilfe wohnt Auch meine liebe
Frau ist Gottlob so wohl wie man es nur wünschen kann denn die Wochenbetten
sind ihr bereits zur Gewohnheit worden wie Tag und Nacht Sie trägt mir die
herzlichsten Grüße für die liebe Schwester auf Ich aber verehrte Frau
Schwägerin unterzeichne mich als Ihren treuergebenen Schwager und Bruder und
ganz gehorsamen Diener
                                                       Maximilian von Walldorf«
»Nun gut« sagte Faustine »auf ein Paar Tage früher oder später kommt es Dir
wohl nicht an Lass uns übermorgen reisen Bis Koburg zusammen dann Du nach
Kissingen ich nach Oberwalldorf und in der ersten Hälfte des Julius hole ich
dich ab und fort nach Belgien«
    Andlau machte keine Einwendung Er war mit Allem zufrieden was ihr genehm
war und da sie meistenteils auf nichts und Niemand in der Welt Rücksicht nahm
als auf ihn allein so muss man ihm diese Zufriedenheit als ein außerordentliches
Verdienst anrechnen denn die Masse der Menschen ist am verdriesslichsten wenn
man die größte Rücksicht auf sie nimmt Faustine sagte
    »Es ist nur eine Trennung von vier bis fünf Wochen die uns bevorsteht aber
dennoch Anastas bin ich traurig als wären es eben so viel Jahre Trennung ist
Trennung auf die Länge der Zeit auf die Weite des Raums kommt es gar nicht
dabei an In drei Tagen wo ich dich nicht sehe nicht höre nichts von Dir
weiß kannst Du und kann ich eben so gut zu Grunde gehen als wenn wir auf immer
getrennt wären Ist denn das Wiedersehenwollen eine Bürgschaft des
Wiedersehens«
    »Gewiss Faustine meinst Du dass etwas Anderes uns trennen könne als unser
Wille«
    »O ja« sagte sie melancholisch
    »Ja« rief er heftig »ja nun wenn Du das glaubst so sind wir schon
getrennt«
    »Der Tod« sprach sie »nimmt auf keinen menschlichen Willen Rücksicht er
hat seinen eigenen Gang«
    »O der Tod Faustine  Du wirst nicht sterben und wenn ich sterbe «

    »So sinke ich Dir nach Du hast Recht Anastas das ist kein Tod und keine
Trennung«
    Sie hatte sich zu ihm auf die Ottomane gesetzt und legte nun ihr weiches
frisches blühendes Haupt auf seine Schulter und ihre gefalteten Hände in seine
Linke während er sie mit dem rechten Arm umschlang Er berührte leise mit den
Lippen ihre Stirn und sah auf sie herab mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von
Zärtlichkeit Andacht und Freude Er hatte ein Gesicht mit scharfgezeichneten
Zügen mit Spuren von starker Leidenschaft von ernsten Gedanken aber wenn der
Blick seines großen blauen Auges auf Faustine fiel so verklärte sich dies
strenge Auge und die schneeweiße Stirn welche es überwölbte auf eine Weise
die Keiner ahnte der ihn nicht mit ihr gesehen denn seine breiten dunkeln
Augenbraunen und sein glänzend schwarzes feines Haar das sich schlicht um
seine Stirn legte verbunden mit einem durchdringenden klaren Blick gaben ihm
einen Ausdruck von ungewöhnlicher Strenge Nur Faustine hatte ihn aus innerer
Freudigkeit lächeln gesehen denn für sie war er Alles was sie bedurfte und in
jedem Augenblick wo sie es bedurfte Vater oder Freund Lehrer oder Geliebter
lächelnd oder warnend ermahnend oder scherzend sorgend oder liebend und wie
an ihre sichtbare Vorsehung lehnte sie sich an ihn Ihre fliegende Phantasie
ward in Schranken gehalten durch seine Klarheit ihre reizbare Beweglichkeit
durch seine Ruhe Bisweilen fühlte sie sich beängstigt durch das Übergewicht
welches besonnene Charactere immer über phantastische haben und sagte
scherzhaft
    »Wie jene Sclavinnen des Orients als Zeichen ihrer Knechtschaft nur eine
kleine goldene Fessel in der Hand tragen die wie ein Schmuck aussieht so ist
auch Deine Liebe wohl ein Schmuck aber doch eine Fessel«
    »Die du notwendig brauchst um nicht in alle vier Winde zu verflattern« 
entgegnete Andlau
    »Und dann verdien ich es auch nicht besser« sagte sie »habe eine ächte
Sclavennatur und liebe da am meisten wo ich am meisten tyrannisirt werde und
zwar so sehr dass ich die Menschen gar nicht begreife welche extraordinär genug
lieben um sich gar nicht um das Liebste zu kümmern ihm sein Glück gönnen ohne
es teilen seine Freude ohne sie genießen seine Wege ohne sie verfolgen zu
wollen Aus lauter Liebe lassen sie das Liebste laufen was bleibt da der
Gleichgültigkeit übrig Ich halt es mit der exclusiven Liebe«
    Da ihr Geist immer Nahrung und Anregung bei Andlau fand und seine Seele für
sie der Inbegriff aller Vollkommenheit war so drückte seine Überlegenheit sie
auch nur in den seltenen Fällen wo ihr Wille sich durch den seinen
beeinträchtigt glaubte Aber wenn sie sich die Mühe nahm zu überlegen so sagte
sie immer
    »Du hast wirklich Recht«
    Indessen kam es selten bei ihr zur Überlegung Sie tat wie und was Andlau
wünschte sobald seine Meinung die ihre überwog Außerdem handelte sie nach
Laune aus Leidenschaft aus Eingebung was immer eine missliche Sache ist und
wenn die Natur auch die allerreinste Faustine hatte eine solche Grundsätze
jedoch hatte sie nicht
    »Wenn ich die Grundsätze nur begreifen könnte« sagte sie oft »so wollte
ich sie mir ja sehr gern zu eigen machen Allein Jeder hat seine ganz besonderen
und ganz possirlichen Der Eine spricht ich stehe alle Morgen um sechs Uhr auf
das ist mein Grundsatz Der Andere ich erziehe meine Kinder durch Prügel das
ist mein Grundsatz Der Dritte ich lasse die Leute schwatzen was sie mögen
bekümmere mich um nichts und tue was ich will  das ist mein Grundsatz Mit
Letzterem bin ich gewiss ganz einverstanden nur sehe ich nicht ein weshalb eine
so natürliche Denk und Handlungsweise mit dem pomphaften Wort Grundsatz belegt
werden solle«
    »Die Grundsätze sollen uns ja keineswegs eine unnatürliche sondern eine
edle unserm Wesen entsprechende Richtung geben« sagte Andlau »und uns helfen
diese Richtung zu verfolgen soviel es in menschlicher Kraft steht wenn es uns
auch schwer wird  eben weil wir sie als die erforderliche und notwendige zu
unserer Entwickelung erkannt haben«
    »Sie machen starr und unbeugsam« rief Faustine
    »Wo sie fehlen gibts Leichtsinn und Flatterhaftigkeit«  sagte Andlau
lächelnd
    »Wenn ich mir nun auch vorgenommen habe auf der Chaussee zu gehen warum
soll ich nicht aus dem dicken Staube oder von den harten Steinen auf die Wiese
nebenbei und zu meinem Ziel spazieren ich komme ja angenehmer hin«
    »Aber Du kannst Dir im Tau nasse Füße und den Schnupfen holen oder ein
breiter Graben sperrt Deinen Pfad und Du musst umkehren oder ein Schmetterling
lockt Dich seitab oder Du kommst eine Minute später an und diese eine ist zu
spät«
    »Ich hab auch einen Grundsatz« sprach Faustine ernstaft
    »Und der wäre«
    »Nie mit Dir zu disputiren weil ich immer den Kürzern ziehe was gewiss sehr
demütigend ist«
    Doch auch dieser war nur ein momentaner Einfall In ihrem Charakter waren
viele Anomalien und manche Schatten doch der vorherrschende Zug ihres ganzen
Wesens war eine Liebenswürdigkeit die jene ausglich und diese überstrahlte
Worin ihre Liebenswürdigkeit bestand konnte man nicht definiren  vielleicht
bloß darin dass sie natürlich und ohne Ansprüche war und von Niemand weder Lob
noch Beifall noch Huldigung verlangte Die tiefe Sorglosigkeit über den Erfolg
ihrer Erscheinung oder ihres Gesprächs gab ihr eine solche Frische dass um
alltägliche Handlungen um gewöhnliche Worte ein reizender Schmelz gehaucht war
wie er auf frischgepflückten Früchten liegt Es ist ein Hauch ein Duft eben
Nichts  doch wenn die Früchte zwölf Stunden im Zimmer gestanden so ist dies
liebliche Nichts verschwunden und dann wenn man es vermisst wird es erst
erkannt Trotz ernster Lebenserfahrung die oft mutlos  trotz herben Kummers
der oft trübe macht  trotz der Verhältnisse die sie beengten  war Faustine an
Körper und Geist an Sinn und Seele jung und frisch als hätte sie nichts
erfahren nichts gelitten und fremd in den Verhältnissen des Lebens als
bewohne sie den Regenbogen etwa oder den Orion und komme nur zufällig
bisweilen auf die Erde herab Sie war ganz und ungeteilt Eins nicht
zerstückelt nicht zersplittert das gab ihr Klarheit Sie blickte weder rechts
noch links auf Wege wo Andere gingen sie wandelte unbekümmert auf dem ihren
das gab ihr Sicherheit Sie griff nicht hier und dort nach Haltung umher nach
Liebe und Freundschaft suchend sie war begnügt im tiefsten Wesen doch wenn man
ihr entgegentrat und ihr die Hand bot oder wenn sie erkannte dass sie die Hand
bieten durfte so tat sie es gern nahm und gab dem fremden wie dem eignen
Bedürfnis und Wunsch Aber wer nicht mit ihr Schritt hielt wer ihr kein Stab
war woran sie sich heraufranken konnte ans Licht kein Fels woran sie empor
klettern konnte zur Luft  den ließ sie los gleichgültig unbefangen wie man
eine welke Blume nicht wegwirft aber fallen lässt Menschen Zustände
Welterscheinungen eigene Fehltritte  Alles war ihr Mittel um sich daran fort
und auszubilden Sie sagte oft
    »Helden Künstler große Herrscher was tun sie Anderes als dass sie in
ihrem Wirkungskreise der freilich nicht kleiner als die Welt ist sich selbst
zur Vollkommenheit durchzuarbeiten suchen Das ungemessene Streben Dursten und
Ringen nach Vollendung kennt Jeder aber nicht Jeder kann zu seiner Bildung in
die Zeit hineingreifen und sich einen Thron in ihr errichten oder in den Stein
hauen und sich ein Monument daraus bauen Es ist eine große Erleichterung für
den Menschen ein Genie in irgend einer Kunst dh in irgend einem Zweige des
geistigen Lebens zu sein er hat woran er sich üben kann In seine Schöpfungen
legt er den Überfluss des Daseins nieder und taucht frischgewaschen aus diesem
Bade hervor wie die großen Bergströme erst dann klares Wasser bekommen wenn
sie durch einen See geflossen sind Wir NichtGenies müssen uns helfen wie wir
eben können und ich bilde mir ein Alles kann uns dienen ohne dass wir deshalb
geistige Blutsauger werden müssten«
    Aber unter dienen verstand sie eine Behülflichkeit zur Erlangung kleiner
Absichten und Zwecke Niemand besaß weniger Geschick als sie die Menschen zu
gewinnen und zu lenken für ihre Plane schon deshalb weil sie schwerlich je
einen andern Plan als den einer Reise oder einer Spazierfahrt gehabt Die
Menschen dienten ihr wie anatomische Präparate oder wie seltene Pflanzen  als
Studien nicht einer Wissenschaft oder einer Kunst sondern des Lebens das sie
nach allen Richtungen in allen Äußerungen verfolgen und verstehen wollte »Ein
Vogel singt der andere fängt Mücken jedes Ding hat seine Art« sagte sie und
jede Art war ihr interessant mitunter freilich nur auf zwei Minuten »Ist das
meine Schuld« fragte sie unbefangen wenn Andlau oder andere Freunde ihr
vorwarfen dass sie leicht der Dinge überdrüssig werde und heute gähne wo sie
gestern Beifall geklatscht  »ich habe wirklich noch nie Überdruss an meinem
Gott und meiner Liebe empfunden«
    Fast alle Frauen ohne Ausnahme hatten Faustine lieb denn in keinem Stück
rivalisirte sie mit ihnen Sie gönnte ihnen ihre Triumphe ihre schönen Kleider
ihre Anbeter ihre Verdienste und begnügte sich  das Alles nicht zu haben
Zwar stellte sie die schönsten und glänzendsten Frauen in Schatten doch so dass
beide Teile keine Ahnung davon hatten Die schönen sagten »Sie hat sehr viel
Verstand aber schön ist sie durchaus nicht« Die klugen »Verstand hat sie
nicht viel aber sie ist allerliebst« Keine verglich sich mit ihr so wie
prächtige Gartenblumen sich vielleicht nicht mit einer Alpenpflanze vergleichen
möchten Ein Wilder sagte einst als er das Gemälde eines Engels sah »Er ist
meines Geschlechts« Civilisirte Leute haben nicht mehr diesen sublimen
Instinkt
    Männer interessirten sich im Allgemeinen weniger für Faustine sie war zu
unduldsam gegen Fadaisen und Gott sei es geklagt sie machen den Lichtpunkt in
der Unterhaltung der Männer aus Damit hatte sie gar keine Nachsicht dh die
Langeweile malte sich unwillkürlich aber so deutlich auf ihr durchsichtiges
Antlitz dass mehr als Verwegenheit dazu gehört hätte eine Unterhaltung
fortzusetzen die solche Wirkung hervorbrachte Folglich hatte die Masse der
Männer ihr nichts zu sagen und nichts drückt einen Mann mehr als sich einer
Frau gegenüber unwichtig zu fühlen Daher kommt es dass das eigene Geschlecht
ziemlich willig einer eminenten Frau geistige Bedeutung und Übergewicht
verzeiht das fremde hingegen nur dann wenn sie von den Grazien in höchst
eigener Person zur Gefährtin geweiht ist  was natürlich nie der Fall  Eltern
Leuten gefiel sie besser als jungen vermutlich deshalb weil sie freundlicher
gegen jene war teils aus Achtung für das Alter teils weil sie behauptete
man liefe bei ihnen keine Gefahr nicht  sich zu verlieben sondern  in diesen
Verdacht zu kommen was sehr unbequem und störend sei  Ohne Vermögen ohne
Ansehen ohne Verbindungen ohne Intriguen nur durch die Macht ihrer
Persönlichkeit hatte sie es dahin gebracht dass die Welt ihr Verhältnis zum
Baron Andlau stillschweigend als ein legales anerkannte und um sich gleichsam
für diese Nachsicht zu entschuldigen eine heimliche Ehe voraussetzte
    Faustine und ihre Schwester Adele als Kinder schon verwaist und ganz arm
wurden von einer Schwester ihres verstorbenen Vaters erzogen dh diese
bezahlte die Pension beider Mädchen für ihre Erziehung in einer großen
Kostschule und bekümmerte sich nicht eher um sie als bis sie erwachsen waren
Da nahm sie sie in ihr Haus und hatte keinen sehnlicheren Wunsch als sie so
bald wie möglich zu verheiraten  nicht aus Interesse für die hülflose Lage der
Mädchen sondern weil sie selbst noch sehr gern Huldigungen entgegennahm und
ihrer vierzigjährigen Schönheit nicht mehr die Kraft zutraute siegreich neben
siebzehnjähriger zu bestehen Zwei junge Männer die öfters ihr Haus besuchten
schienen ihr so wünschenswerte Neffen dass sie beschloss sie müssten es werden
Und sie wurden es Graf Obernau ein wilder brutaler Militär dem nichts über
sein Pferd seinen Schoppen Wein und seine Pfeife ging war der eine Maximilian
von Walldorf Gutsbesitzer derb und vierschrötig ohne Manieren aber brav und
ehrlich war der andere dieser von geringem jener von bedeutendem Vermögen
was aber ziemlich auf eins herauskam da Walldorf sehr guter Wirt »ein äußerst
solider Mensch« war  wie die Tante zu Adele sagte und Obernau ein Tollkopf
und Verschwender »den Du zum schönen und nützlichen Gebrauch seines Vermögens
anleiten wirst«  wie sie zu Faustine sprach
    Adele emsig und tätig von Kindheit auf mit hausmütterlichen Neigungen
froh der Kostschule entronnen zu sein dachte sich keine lieblichere Zukunft
als ein eigenes Haus zu haben und darin vom Morgen bis in die Nacht
wirtschaftliche Geschäfte zu treiben Ein Mann musste sie freilich in dies
Eldorado führen denn auf dem Schloss der Tante hatte sie nicht so freie Hand
wie sie es wünschte weil die Tante der Meinung war Wirtschaftlichkeit und
Fleiß sei ein Netz wie jedes andere um den Mann darin zu fangen welcher diese
Eigenschaften suche übrigens aber brauche man sie nicht gründlich zu treiben
nicht die Hände am Feuer zu verderben und nicht die Haut in der Sonnenhitze auf
dem Bleichplatz oder an der Ofenglut beim Plätten Adele aber kannte kein
größeres Vergnügen als die schöne reinliche weiße feine Wäsche durch das
Plätten zu ihrer Vollkommenheit zu bringen und kein Blick auf ein Gemälde von
Rafael oder auf eine italienische Gegend hätte sie so innerlich befriedigt als
der in einen großen weitgeöffneten Schrank voll glatter silberweisser Leinwand
    »Das Mädchen ist wirklich gar nicht im Salon zu brauchen« sagte die Tante
einst verdrießlich zu Walldorf als Adele Abends dunkelrot im Gesicht und ganz
schläfrig erschien »Wenn ich sie wollte gewähren lassen könnte ich zwei Mägde
abschaffen und sie ersetzte deren Stelle Heute früh um vier Uhr ist sie
aufgestanden und hat Käse gemacht   essen Sie gern Käse«
    »Wenn er gut ist  mein Leibessen aber die Butter muss auch gut sein«
    »O die Butter das versteht Adele gründlich  Dann hat sie beim Buttern die
Oberaufsicht geführt  «
    »Bei mir wird früher gebuttert als Käse gemacht«
    »Das ist ja einerlei wenn es nur tüchtig gemacht wird«
    »Nicht so ganz freilich doch Fräulein Adele ist noch so jung kann
lernen«
    »Ach mein guter Walldorf Sie müssen es nicht so genau mit mir nehmen ich
erzähle nur was Adele heut Alles getan hat die Reihenfolge weiß ich nicht
aber gelungen ist Alles  das weiß ich«
    »Nun was hat sie noch weiter getan«
    »Sie hat Kirschen mit Zucker eingekocht sie hat sich ein Kleid
zugeschnitten und zuletzt hat sie geplättet  darum ist sie so erhitzt«
    »Ein capitales Mädchen das wenn ich mir erlauben darf es zu sagen«
    »Und so anspruchlos so einfach so genügsam so freundlich  das wäre eine
Frau für jeden verständigen Mann«
    »Gnädige Frau  auf Ehre das hab ich auch eben gedacht« Und mit großen
Schritten ging er durch den Saal zu Adele die im letzten Fenster bei ihrer
Arbeit saß während Faustine und einige andere Personen um den Flügel versammelt
waren
    »Was nähen Sie so emsig gnädiges Fräulein« fragte er um die Unterhaltung
anzuknüpfen was ihm stets sehr schwierig vorkam
    »Taschentücher«  entgegnete sie ohne aufzusehen Daran ließ sich nicht
fortweben Er nahm einen neuen Anlauf
    »Essen Sie gern Kirschen gnädiges Fräulein«
    »Ausserordentlich gern«  antwortete sie und sah ihn freundlich an
    »In Oberwalldorf sind herrliche Kirschen alle mögliche Arten«
    »Das hat mir meine Tante erzählt«
    »Hat sie das das freut mich Sagen Sie  möchten Sie die Kirschen essen«
    »Hier sind auch recht gute Sorten«  sprach sie ausweichend nach Mädchenart
    Er dachte im Stillen Blitz und Donner das Mädchen hat gute Qualitäten ist
aber etwas schwer von Begriff Mit den verblümten Redensarten kommt man nicht
vom Fleck bei ihr Ich muss nur von der Leber weg reden
    »Gnädiges Fräulein wenn Sie die Kirschen von Oberwalldorf essen oder
einkochen oder was weiß ich wollten so würde es mir eine große Freude sein
vorausgesetzt dass Sie mir gut genug sein könnten um mich zu heiraten«
    Adele bückte sich tief auf ihre Arbeit und sagte »Wenn die Tante erlaubt«
    »O die erlaubt es sehr gern« rief Walldorf herzensfroh und überlaut
»Nicht wahr gnädige Frau Sie haben nichts dawider dass Fräulein Adele mich
heiratet«
    Alles geriet in tumultuarische Bewegung Adele lief verlegen aus dem Saal
Faustine lief ihrer Schwester nach Walldorf machte Miene ihnen zu folgen doch
ein befehlender Blick der Tante hielt ihn fest Man machte einen Spaziergang
man verständigte sich man machte Alles sicher und fest und beim Souper stellte
die Tante Walldorf und Adele als Verlobte ihren Gästen vor und lud sie in sechs
Wochen zur Vermählung ein
    »Bist Du denn recht glücklich Adelchen« fragte Faustine zärtlich als sie
ihr am Hochzeittage den Myrtenkranz aufgesetzt
    »O so sehr« rief Adele und faltete die Hände
    »Und worüber wohl am meisten«
    »Eigentlich über Alles  so im Ganzen  dass ich ein Haus und eine
Wirtschaft bekomme « 
    »Aber das wird Dir viel Plage machen«
    »Doch viel mehr Vergnügen noch  dass ich die Tante verlasse « 
    »Das ist freilich ein großes Glück«
    »Dass ich Frau werde und in Gesellschaften sitze wenn die Mädchen
haufenweise zusammen stehen«
    »Es mag sein Angenehmes haben«
    »Am meisten aber doch dass Walldorf mein Mann wird Keinem Andern würd ich
so gut sein können Er spricht zwar etwas laut und macht nicht viel Komplimente
 doch Niemand kanns ehrlicher meinen als er und warum soll er das nicht so
laut und offen wie möglich sagen liebe Ini «
    »Nun sobald es Dir nicht unbehaglich ist dass die Wände dröhnen wenn er
lacht und dass es einen roten Fleck gibt wo er küsst « 
    »Einen roten Fleck« rief Adele erschrocken und sah in den Spiegel Als
sie aber ihr hübsches blühendes Gesichtchen makellos fand setzte sie tröstend
hinzu »Der vergeht wieder Ini«
    Walldorf und Adele wurden und blieben ein glückliches Paar dh glücklich
auf ihre Weise denn Jeder hat seine eigene Und zu ihnen wollte Faustine jetzt
Andlau sagte
    »Wie seltsam dass Dein unceremoniöser Schwager solche steife förmliche
Briefe schreibt die doch gar nicht in seiner Natur liegen«
    »Er hat so wenig Form dass er gleich gezwungen wird sobald er artig sein
will und was diesen Brief betrifft so mag er ihn wohl aus einem uralten
Briefsteller aus der Bibliothek von Oberwalldorf abgeschrieben haben denn das
Briefschreiben und Bücherlesen ist seine Sache nicht Nur die Bücher studiert er
mit wahrer Wonne die er selbst schreibt und wovon er schon eine recht hübsche
Sammlung besitzt«
    »Also schreibt er seine landwirtschaftlichen Beobachtungen nieder«
    »Keinesweges seine Gutsrechnungen schreibt er nieder aber auf eine Weise
die seine Zeit und sein Interesse gleich sehr in Anspruch nimmt Erst wird mit
der ausgesuchtesten Pünktlichkeit bei Batzen und Kreuzer die Rechnung geführt
das ist aber nur der Brouillon Dann macht er eigenhändig Abschriften dieses
wichtigen Werkes in Sedez in Duodez in Octav in Quart in Folio und in
RoyalFolio auf dem schönsten Papier elegant gebunden das RoyalFolio gar
prächtig in Maroquin mit goldenem Schnitt und dann ordnet er die verschiedenen
Ausgaben dieses Werkes nach ihrer Größe in den Bücherschränken seines
Arbeitszimmers worin schwerlich ein anderes Buch Zutritt findet Das ist sein
unschuldiges Steckenpferd«
    »Ich wundere mich nur dass dies Steckenpferd gleichsam in einem Gespann mit
seinem Arbeitspferde läuft dass etwas das am Morgen seine Arbeit war am Abend
seine Erholung wird dass er nicht lieber etwas Andres abschreibt meinetwegen
gewisse Zeitungsannoncen oder Wetterbeobachtungen kurz dass er in nützlicher
und angenehmer Beschäftigung so gar keines Wechsels bedarf Seine Einseitigkeit
muss ihn für Jeden der nicht Landwirt ist erdrückend langweilig machen«
    »Gehört nicht eine gewisse Einseitigkeit dazu um etwas Großes in irgend
einem Fache zu leisten oder zu werden Kann man zugleich tüchtig als König und
Dichter und Minister und Kunstkenner und Baumeister sein mehr liefern als
mittelmäßige Proben von mittelmäßigen Fähigkeiten in diesen verschiedenen
Richtungen«
    »Das Genie ist seiner Essenz seinem innersten Wesen nach vielseitig denn
was ist es anders als die göttliche Kraft des Geistes das Homogene
aufzufassen zu entdecken zu schaffen zu wirken zu bilden je nach dem
Material das man gerade unter der Hand hat Das Genie findet es immer unter der
Hand es sucht nie Es fragt nicht soll ich lieber ein Held werden oder ein
Künstler sondern es greift nach Schwert oder Pinsel und hat ohne sich zu
besinnen die Welt erobert oder entzückt Dass das Genie zuweilen mehre Talente
hat verschiedene Materiale behandelt gleichsam in drei oder vier Sprachen
spricht dass da Vinci Maler Baumeister und Dichter war dass Peter der Große ein
Reich aus der Versunkenheit emporzog und Schiffe baute dass Julius Cäsar der
erste der Imperatoren war und nach ein Paar tausend Jahren noch der
Schriftsteller der Jugend ist  das blendet und verführt die Leute Sie meinen
mit der Vielseitigkeit sei auch das Genie da und vergessen nur dass man viel
Fähigkeiten in sich ausbilden viel Fertigkeiten sich aneignen aber nimmermehr
ein Genie werden könne Man muss es von Natur sein Es liegt in einer dem
Menschenwitz unerreichbaren Region Der liebe Gott hat es sich vorbehalten
seinen Lieblingen damit ein Geschenk zu machen das gleich allen bedeutenden
Geschenken schwere Verbindlichkeiten auf den Empfänger wälzt obgleich es ihn
beglückt   Aber weil der Mensch doch einen bewegbaren Kopf hat der sich
rechts und links vor und rückwärts wenden kann so meine ich er solle nicht
mutwillig Stupidität Vorurteile Launen und Eigensinn als Scheuklappen sich
vorbinden die ihn hindern irgend etwas zu sehen das nicht in seinen Kram
passen könnte Selbst ausgezeichnete Talente werden zwischen Scheuklappen
ausgebildet zur Manie Ich hörte einen berühmten Pianisten er übte täglich
vierzehn Stunden er dachte er wusste er kannte er sprach nichts als seine
Kunst  nun er spielte wie eine vom Dämon der Musik gefertigte und besessene
Maschine Stelle ich mir nun Deinen Schwager als einen vom Dämon der Erdscholle
Besessenen aber ohne in sein Fach einschlagende besondere Talente vor so
wünsch ich ihm der Abwechselung wegen doch Liebhabereien aus einem andern
Gebiet  etwa Mongolfieren oder dergl «
    »Ich mache es so wie Du meinst dass man es machen müsse« sagte Faustine
»ich sehe mir die Dinge an und assimilire davon was ich brauchbar finde mit
meiner Eigentümlichkeit So bleibe ich doch Eins und werde nicht allzu sehr
einseitig  Aber nun hör weiter Die Liebhaberei meiner Schwester ist auch aus
ihrem Fach es ist das Anschaffen und der Besitz von Leinwand Spinnen weben
bleichen zu lassen ist ihr Element Nach jeder Niederkunft erhält sie von ihrem
Manne als Wochengeschenk ein Stück Land  bei der Geburt eines Knaben noch
einmal so groß als bei der eines Mädchens  womit sie machen kann was sie will
Sie lässt darauf Lein säen und ihn dann verarbeiten zur Aussteuer für ihre
Töchter von denen die älteste sieben die jüngste ein Jahr alt ist Da sie
außerdem noch fünf Söhne hat so ist ihr Leinwandschatz und ihr Grundbesitz
schon ziemlich bedeutend und wir können es vielleicht erleben dass mein
Schwager nur noch Oberlehnsherr seines Gutes sein wird«
    »Aber sie sammelt für ihre Töchter das ist doch ein würdiger Zweck«
    »Und mein Schwager gedenkt seine Werke den Söhnen zu hinterlassen Der
älteste bekommt die Ausgabe in RoyalFolio und so abwärts der Reihe nach Für
die Zukunft arbeiten wir Alle  außer uns in uns«
    »Kennst Du den Bruder Deines Schwagers«
    »Den kleinen Klemens ja Vor vier Jahren fand ich ihn einmal in
Oberwalldorf Ein Mensch damals schon wie ein Riese aber so kindisch dass ich
ihn immer den kleinen Klemens nannte Gut dass er da ist er wird doch ein wenig
menschlicher und dann vielleicht recht angenehm geworden sein und so etwas ist
immer brauchbar  dort am meisten«
    »Sprich nicht so leichtsinnig Ini« sagte Andlau ernst
    »O Gott gar nicht« rief sie »ich freue mich wirklich den Klemens dort zu
sehen Tue mir den Gefallen« setzte sie scherzend hinzu »und werde ein wenig
eifersüchtig Du hast jetzt die beste Gelegenheit Ich möchte gern wissen wie
Du Dich in eifersüchtiger Stimmung und ich mich ihr gegenüber benehmen würde«
    »Du weißt Faustine bei mir kann darum nie von Eifersucht die Rede sein
weil ich keinen Rival anerkenne Ein Gut wonach ein Andrer die Hand ausstreckt
überlasse ich ihm gern«
    »Ich weiß dass Du ein schroffer Mann bist«
    »Aber nicht für Dich«
    »O doch auch für mich Du bist wie ein Felsen daran rank ich mich als
Epheu mit geschmeidigen Armen empor und schmücke ihn so gut ich kann Aber der
Felsen bleibt ernst und unbewegt und ich weiß nicht einmal ob es ihm eine
Freude ist«  Ihre Augen standen voll Tränen
    »Du kränkst mich Ini« sagte Andlau mit tiefer Zärtlichkeit »Du weißt
recht wohl dass Du meine einzige Freude mein ganzes Glück auf der Welt bist Es
wäre eben so kindisch wenn Du daran zweifeln könntest als wenn ich es Dir alle
zehn Minuten wiederholen wollte«
    »Ich verstehe nur nicht zu zweifeln wenn ich liebe sonst Anastas würd
ich mir wohl bisweilen Gedanken machen«
    »Und was für Gedanken böse oder gute«
    »Ich würde mir vorkommen wie die Eidergans«
    »Das ist nicht sehr schmeichelhaft«  sagte er lachend
    »Nein gewiss nicht für die Menschen denn die schieben dem armen Vogel
Kreideeier statt der wirklichen ins Nest weil er die Gewohnheit hat sich die
Federn auszurupfen um die Eier damit zu erwärmen Unermüdlich rauben die
Menschen den weichen Flaum und machen sich bequeme Kissen daraus und
unermüdlich rupft sich der Vogel kahl für die unerwärmbaren Kreideeier«
    »Und die Nutzanwendung« fragte Andlau etwas erstaunt
    »Was ich an Liebe und Zärtlichkeit im Herzen habe streue ich ohne mich zu
besinnen vor Dir aus und bin gewiss glücklich genug dass Du es mir gestattest
denn wo sollte ich sonst damit bleiben Aber Du Du nimmst absichtlich den
weichen Flaum fort damit ich mir immer etwas Neues und Frisches immer eine
andere Weise aufdenken möge um Dir zu sagen wie ich Dich liebe«
    »Wenn Du das von mir glaubst so bestrafe mich und denke Dir nichts Neues
auf«
    »Das würde mir aber ein großer Zwang sein«
    »Du siehst liebe Faustine unsre Natur ändern wir nicht Du musst die Fülle
die Glut die Pracht der Deinigen aushauchen durch Wort und Bild und Ausdruck
Ich der ich ohnehin nicht Deinen Reichtum habe muss stumm und anbetend zu Dir
emporsehen Nennst Du das Mangel an Teilnahme und Liebe«
    »Nein nein Anastas ich sagte Dir ja dass ich die Gedanken nicht dazu
kommen lasse sich wirklich auszubilden«
    »Es wäre auch schade um Dich wenn in Deine lichte reine Seele Zweifel und
Zwiespalt verfinsternd fielen Du bist ein Kind des Lichts meine Ini«
    »Die Kinder der Welt sind klüger als die Kinder des Lichts  steht in der
Bibel«
    »Ich dachte auch so eben nicht daran Deine Klugheit zu preisen«  sagte
Andlau lachend
    »Du bist mein Verstand ich brauche keinen besonderen« antwortete sie und
drückte die Stirne an seine Wange Die Locken fielen graziös über ihr Gesicht
herab die schlanke weiße Gestalt ruhte friedlich in seinem Arm Sie sah aus wie
eine junge Birke mit frühlingsgrünem wehendem Gezweig an einen Felsen gelehnt
    Diese beiden Menschen lebten in und mit der Welt wie auf einer goldenen
Klippe die mitten im Meer für sie emporgestiegen Sie liebten sich so dass sie
zwar den Stürmen ausgesetzt doch nicht vor ihnen zu beugen sich glaubten Denn
mochte Faustine auch zuweilen klagen über Andlaus immer gehaltenes Wesen so
war das doch nur so wie die Nachtigall Töne in ihrem Gesang hat die gleich
herzzerschmelzender Klage klingen weil übermächtige Sehnsucht in ihnen
widerhallt Faustine war eine von den flammendurstigen Seelen die in jedem
Moment des Lebens die Nektarschaale des Glücks verlangen und leeren ohne
Rausch ohne Taumel ohne Übermut mit dem Bewusstsein dass sie ihnen zukomme
und darum nicht trunken wie die Sterblichen sondern wie die Überirdischen
beseligt Aber nur an großen Jubelfesten und nicht an Wochentagen wird sie den
Menschen gereicht und Trost und Beschwichtigung dafür fand Faustine immer bei
Andlau War er nicht von der Glut so war er doch stets von der Höhe ihrer
Empfindungen und wie ein Fixstern von unwandelbarem Licht An diesem Abend als
sie mit Andlau von dem Spaziergang nach der Neustadt heimkehrte wo sie
künstlerische Beobachtungen über Mondscheinbeleuchtung angestellt verweilte sie
auf der Brücke und sprach
    »Anastas ich muss mir einen Zaubergesang aufdenken womit ich wie die alten
tessalischen Zauberinnen den Mond vom Himmel herabziehe Er hat Geheimnisse
die ich ergründen möchte Sein Strahl berührt mich so kalt dass ich schaudere
wie von einem Leichenfinger berührt und sein Glanz ist doch so magisch wie der
eines geliebten Auges in das man immer hineinblicken möchte«
    »Lass den Mond in seiner Sphäre und nimm Deinen Shawl zusammen Ini«
    »Und ich denke wenn ich ihn ganz nahe bei mir hätte ihm gleichsam Aug in
Auge schaute so würd er nicht so leichenkalt sein Um seiner Schönheit willen
tut mir seine Kälte leid die gewiss ein großer Fehler ist«
    »Besonders hier auf der Brücke Nimm Deinen Shawl zusammen die Luft weht
kalt über die Elbe«
    »Ich tu es lieber Anastas  Aber ich möchte wissen ob die Gestirne
nicht einen wesentlichen und rätselhaften Einfluss auf den Menschen und seine
Schicksale haben ob der Stern welcher in dem Augenblick unsrer Geburt uns
begrüßt für immer unser Freund und mit uns in Verbindung bleibt«
    »Dies zu beweisen und zu berechnen mühten sich in frühern Zeiten die
Astrologen ab Unsre Tage der scharfen Analyse und der materiellen Industrie
sind dieser nebulösen Wissenschaft abhold und ich meine die Überzeugung sei
uns heilsamer und förderlicher dass wir selbst mehr Einfluss auf unser Schicksal
haben als Sonne Mond und der ganze gestirnte Himmel«
    »Es kann wohl Irrtum sein  dennoch bild ich mir ein dass die Sonne mich
lieb hat weil ich an ihrem Herrschertage geboren bin am 22 Junius Das ist
der längste Tag des Jahres da steht sie am höchsten über unserm Haupt da tritt
sie das mächtige Reich des Sommers an Und nur wenn die Sonne hoch über mir
steht ist mir das Leben eine Lust weil ich dann nicht abgesperrt von Erde
Licht und Luft bin sondern ihr frisches schaffendes Regen teile und genieße
Im Sommer mein ich könne mir kein Unglück nichts Böses widerfahren die
Sonne lächelt mich an ist sie nicht das Auge Gottes  O Anastas ich habe wohl
Recht die himmlische Sonne zu lieben die mir Freuden bereitet wie eine gute
Mutter«
    »Ich sagte Dir schon heute Du wärst ein Kind des Lichts«
    »Und der Stürme Anastas denn auch im Gewitter unter Donner und Blitz bin
ich geboren Darum tun mir die Stürme nichts sie brausen über mein Haupt
dahin sie zerwühlen mein Haar und mein Kleid ich drücke beide Arme kreuzweis
über meine Brust und senke den Kopf und lasse sie sausen  ich horche auf die
Stimme des Ewigen in ihnen Und auch der Donner schreckt mich nicht nicht die
leiseste Bangigkeit die unwillkürlich körperlich fast sein soll  beschleicht
mich im Gewitter Wenn der Donner pomphaft über den Himmel um hohe Berge und in
tiefe Täler rollt so mein ich dass große Geister aus ihren ewigen Wohnungen
herabsteigend die arme kleine Erde mit dröhnendem Fußtritt berühren wie ein
alter in Eisen gewaffneter Ritter das Hüttchen des Landmanns Und die Blitze
gar die gelten alle alle mir die greifen und züngeln nach mir die möchten
mein Gürtel sein meine Krone meine Lanze  und ich Schwache ich Bewusstlose
verstehe nur nicht sie zu brauchen O die Blitze haben große Dinge mit mir vor
töten will mich keiner auch nicht blenden als ich zuerst das Auge auftat
hab ich sie ja gesehen und starb nicht und erblindete nicht Aber versengen
und aufzehren wollen sie alles Irdische  auch bei mir glaub ich Darum sehe
ich immer empor und breite die Arme aus zum Himmel wenn es blitzt Siehst Du
das Alles versteh ich aber den Mond versteh ich nicht«
    »Aber ich Ini denn er spricht eine unpoetische Sprache die mir sehr
geläufig Sein kühler Strahl ist ein Wegweiser dass man spät Abends nach Hause
und nicht auf der Elbbrücke gehen soll wo böse Kobolde sich tummeln und uns mit
eisigem Atem anhauchen Sie suchen Dir zu schaden und Du ahnst sie nicht  da
muss ich dann Wache halten«
    »O Du bist gut« sagte sie und drückte innig seine Hand Er führte sie in
ihre Wohnung und suchte dann die seine auf
Zwei Tage später sagte Mengen auf der Terrasse zu Feldern
    »Du wolltest mich ja der schönen weißen Statue vorstellen die vorgestern
hier zeichnete Gräfin  wie heißt sie«
    »Obernau eine Statue ist sie nicht dafür aber heute früh auf mehre Monate
verreist«  entgegnete Feldern
    »Schade« sagte Graf Mengen »aber sie wird wiederkommen und dann  Manche
Menschen sehen so wunderbar aus dass ich übers Gebirg klimmen würde oder auf die
Turmspitze steigen um ihnen wenigstens Einmal gründlich ins Antlitz zu sehen
und habe ich das getan so vergesse ich sie nie«
    »Dein Gesandter wird ja von der Badereise Tochter und Enkelin hieher
bringen Ob die junge Person hübsch ist«
    »Sehr hübsch nach einem Portrait zu urteilen doch zu jung um Eindruck zu
machen«
    »Und die Mutter«
    »Nicht mehr jung genug«
    »Die diplomatische Laufbahn ist doch äußerst angenehm Nicht nur dass Ihr
wie die Windrose für alle Weltgegenden und alle Klassen der Gesellschaft
eingerichtet seid Ihr findet auch wohin Ihr entsendet werdet überall ein
Haus in dem Ihr zu Hause seid wie in dem eigenen ohne die Unbequemlichkeit
welche häufig mit letzterem verbunden ist«
    »Der Soldat hat seine Kameraden der Beamte seine Kollegen was  beiläufig
gesagt  unbeschreiblich philisterhaft klingt und beide haben ihre Chefs ich
sehe keinen besonderen Vorteil in unsern Verhältnissen als höchstens den dass
unser Chef seinem einsamen Secretär ganz genau auf die Finger sehen kann Ich
bin zuweilen dieser Stellung überdrüssig zum Todtschiessen Wäre Cäsar nicht groß
durch sein Leben und seinen Tod so wär er es durch sein berühmtes Wort vom
Ersten und Zweiten«
    »Wir arbeiten rottenweise in einem weit ärgern Joch als das ist worin Ihr
einzeln arbeitet also habt Ihr doch immer die größere Chance für Euch bald der
Erste zu werden und nicht in einem armseligen Dorf sondern in irgend einer
Weltstadt Ich hätte mich auch gern der Diplomatie gewidmet aber Rücksichten
wiesen mich in eine andere Karriere in der das Leben und die Gesellschaft
geringere Ansprüche an uns machen«
    »Du bist verlobt hörte ich sagen « 
    »Seit vier Jahren«
    »Welche Geduld mein lieber Feldern  und Deine Braut lebt hier«
    »In der Nachbarschaft auf dem Lande  Du wirst sie kennen lernen«
    »Ich würde mich auch gern verheiraten«
    »Ah das freut mich Auch schon verlobt«
    »Nein« sagte Mario lächelnd »und am wenigsten vier Jahr Ein weibliches
Wesen hat mir noch nicht den Wunsch eingeflößt mich zu verheiraten sondern
aus der öden Oberflächlichkeit des Lebens möchte ich mir in dessen Tiefe eine
Zuflucht bereiten wo ich dem Gewirr unerreichbar bliebe wo andre Geister
walteten als die welche für und in unserm Beruf uns zur Seite stehen Ich
möchte erfahren ob es denn kein anderes Glück gibt als das welches unser
unruhiges Bemühen unsern Ehrgeiz unsre Eitelkeit belohnt dh aufreizt indem
es sie momentan befriedigt Ich möchte ein stilles dauerndes
unerschütterliches schützendes Glück das wie ein schattiger Fußpfad neben der
breiten sterilen Lebensheerstrasse dahinliefe Das Alles mein ich müsse eine
Frau mir geben und mir sein Doch die zu der ich dies Vertrauen haben könnte
hab ich noch nicht gefunden«
    »Du machst wahrscheinlich große Ansprüche lieber Mario  «
    »Ganz und gar keine ich verlange nur dass wir so zu einander passen wie
zwei mal zwei vier ist«
    »Das ist freilich eine sehr bescheidene Forderung«  sprach Feldern
lächelnd
Oberwalldorf war in lebhafter Aufregung Eine festliche Taufe und ein
wochenlanger Besuch galten in dem häuslichen geregelten Leben für merkwürdige
Begebenheiten Heute sollte Faustine eintreffen morgen die Taufe sein Adele
eine sehr hübsche aber kugelrunde Frau rollte sich mit unglaublicher
Behendigkeit und unermüdlicher Geschäftigkeit durch das Haus um ihre
sämtlichen Anstalten und Einrichtungen zum neunundneunzigsten Mal zu
überschauen und zu besprechen obgleich alle Dienstboten gleich Kanonieren mit
brennender Lunte bei ihren Kanonen schussfertig und des Winkes gewärtig bei
ihren Geschäften waren Hinter Adele her zog wie eine wilde Jagd ihre
Kinderschaar bei der man die gute Mannszucht welche im DomestikenKorps
herrschte sehr vermisste Ihre Kinder zum Gehorsam zu gewöhnen dahin hatte die
gute Adele es noch nicht gebracht Sie waren ihr von Hause aus über den Kopf
gewachsen und diese Frau ein Muster von Ordnung und Pünktlichkeit duldete
dass ihre Kinder wenn es ihnen gefiel ihre Einrichtungen in die kläglichste
Unordnung brachten Wurde es einmal so arg dass sie eine Züchtigung für
unumgänglich hielt so trat ihr Mann dazwischen und sagte er könne nicht
leiden dass seine Kinder gemisshandelt würden Er selbst verlor die Geduld mit
ihnen nur dann wenn sie an seine Heiligtümer Schreibtisch und Bücherschrank
unheilige Hand legten Vielleicht den größten Zorn seines Lebens hatte er
empfunden als seine älteste Tochter in ihrem vierten Jahr seine Abwesenheit aus
dem Zimmer benutzt hatte um auf einen Stuhl vor dem Bücherschrank zu klettern
und seine sämtlichen Werke so weit sie ihren Händen erreichbar auf den
Fußboden zu schleudern Damals hielt er ein Strafgericht dessen Schrecknisse
sich traditionell bei den Kindern fortpflanzten so dass sie dreister eine
Löwenmähne als die Schriften des Papa berührt haben würden
    »Kommt nun herunter Kinder«  sagte Adele in das für Faustine bestimmte
Zimmer tretend wo die Kleinen verweilt waren während sie die Runde durch die
übrigen Gastzimmer gemacht Aber die Kinder hörten und sahen nicht denn drei
rollten sich in der vom Bett herabgerissnen grünseidnen Decke kopfüber
kopfunter auf der Erde herum und die beiden älteren voltigirten mit der
höchsten Behendigkeit vom Bett auf den Fußboden und so wieder hinauf Alle fünf
kreischten glühten schwitzten zappelten balgten sich nebenher  kurz es war
ein außerordentlicher Spaß den nur die Mutter nicht goutirte Es gab ihr einen
Stich durchs Herz die derben Lederschuhe auf dem feinen Bettbezug umhertrampeln
zu sehen Sie rief zur Ordnung doch leichter hätte sie eine Heerde junger
Füllen als ihre Kinder zusammentreiben können Da nahm sie ihre Zuflucht zu
einer Kriegslist und »Ein Wagen die Tante kommt« rufend verließ sie schnell
das Zimmer Die Kinder stürmten augenblicks ihr nach und die Treppe hinab und
Adele hatte das Schlachtfeld gewonnen auf welchem nach zehn Minuten wieder die
frühere Zierlichkeit herrschte
    Endlich kam Faustine Sie hatte sich heute von Andlau getrennt und das
Gefühl wie einsam sie ohne ihn auf der Welt stehe beängstigte sie In der
Familie unsrer Geschwister wird es uns selten heimisch Mag uns der Bruder oder
die Schwester noch so lieb und wert und vertraut sein  die Schwägerin der
Schwager deren Eltern deren Vetter und Muhmen sind eben fremdartige Elemente
die uns häufiger abstossen als anziehen vielleicht darum weil man von uns
begehrt dass wir für Personen die unserm Blute fremd und unsrer Neigung fern
sind Liebe und Freundschaft hegen sollen welche Gefühle man doch gern nach
eigener Wahl verteilt Seit zwei Jahren war Faustine nicht hier gewesen Als
sie sich Oberwalldorf näherte vergaß sie etwas ihre Traurigkeit Es lag äußerst
freundlich am Eingang eines Tals durch welches ein rascher Waldbach strömte
der weiter hinab sich in den Main ergoss und höher hinauf Schneide und
Sägemühlen trieb Die Wohnungen der Landleute lagen zwischen blühenden Gärten
Wiesen und Felder grünten üppig die Berge welche das Tal zwischen sich
nahmen waren mit gemischtem Laub und Nadelholz bedeckt es war keine
großartige aber eine wohltuende liebliche Natur Das Wohnhaus das man aus
Artigkeit das Schloss nannte lag mitten im Besitztum von Ulmen umgeben
altertümlich ohne Pracht wodurch es ein etwas vernachlässigtes Ansehen hatte
was indessen nur Nebendinge betraf Das Wappen über der Eingangstür war
beschädigt künstliche Steinmetzarbeit an einem Erker war ganz herabgefallen und
die Urne versiegt welche ein verstümmelter Triton im Hof über einem
Wasserbecken hielt Alles Wesentliche war solid
    Die ganze Familie umringte lärmend Faustinens Wagen und es gab ein Gejubel
beim Empfang dass Niemand sein eigen Wort hören konnte Ein Paar Kinder stiegen
in denselben und befahlen dem Postillon sie im Hof umher zu fahren wozu er
durchaus nicht geneigt war Für seine abschlägige Antwort trösteten sie sich
damit dass sie abpacken halfen
    »Erinnern Sie sich noch meiner« fragte endlich eine sanfte wohlklingende
Stimme hinter Faustine
    »Recht gut«  wollte sie sagen und blickte sich nach dem Sprechenden um
doch erschrocken fuhr sie zurück denn ein baumlanger schwarzer Mann mit einem
Bart wie ein Jupiter sah auf sie herab
    »Ich bin ja der kleine Klemens« sagte der Riese und ein mitleidiges
Lächeln über Faustinens Schreck legte sich in seine freundlichen Augen
    »Find es begreiflich dass Sie das Bürschchen nicht erkannt haben« sagte
Walldorf mit schallendem Gelächter »sieht ja aus wie der wilde Mann auf den
Harzgulden nur anständiger versteht sich war immer von tüchtigem Schrot und
Korn Was ein Haken werden will krümmt sich bei Zeiten  obgleich der Klemens
nichts weniger als gekrümmt ist sondern gerade und unverbogen an Leib und
Seele«
    »Das freut mich«  sprach Faustine mit einem Lächeln so lieblich wie
Klemens schon vor vier Jahren gemeint hatte es gleiche dem Sonnenstrahl
    »Sie sehen aber ganz aus wie damals« rief Klemens
    »Das freut mich auch« entgegnete sie
    »Willst Du nicht irgend etwas genießen liebe Ini« fragte Adele »Du musst
recht Hunger haben den ganzen Tag im Wagen gesessen  das macht müde  gelt«
    »Weder hungrig noch müde Adelchen ich habe ja nichts dabei zu tun«
    »Aber das Nachtessen will ich denn doch früher anordnen«
    »Nicht meinetwegen ich danke Dir tausendmal und werde Dir zehntausendmal
danken wenn Du nicht die geringsten Umstände für mich machst Ich bin nicht
blöde und werde fordern was ich brauche  wenn Du es erlaubst«
    »Sehr verständig« sagte Walldorf »Ungenirt müssen Wirt und Gäste sein
Ehe ich es vergesse welchen Namen wollen Sie denn Ihrem Patchen geben«
    »Welchen Sie wollen bester Walldorf«
    »O nein die Gevattern legen dem Patchen einen ihrer Namen bei  so schickt
es sich«
    »Ich glaubte das sei altmodisch«
    »Kann wohl sein drum hab ichs gern«
    »Gefällt Ihnen denn Faustus oder Faustin für Ihren Sohn«
    »Nein ganz und gar nicht liebe nicht das Romantische Abenteuerliche
wobei einem Räuber und Gespenstergeschichten einfallen Möchte Ihnen aber doch
gern eine Ehre antun Haben Sie keinen Lieblingsnamen«
    
    »O ja Anastasius«
    »Gut so soll der kleine Mann Anastasius genannt werden Wird aber schlecht
fahren  das arme Bübchen«
    »Wobei warum« riefen Alle
    »Bekommt die DuodezAusgabe meiner beobachtenden Berechnungen von
Oberwalldorf Ein garstiges Format das nicht Fisch nicht Fleisch weder
imponirend noch zierlich Sollte der Himmel keinen Sohn mehr bescheeren so bin
im Stande die DuodezAusgabe ganz und gar zu streichen dann bekäme er den
Sedez der ein allerliebstes Spielzeug ist mit Krähenfedern geschrieben  «
    »Faustine kennt es lieber Max«  sagte Adele
    »So Ei« sprach er ungemein erstaunt dass seine Frau ihn in dieser
Unterhaltung störte denn sie war so daran gewöhnt dass sie für ihre Person
nicht mehr darauf achtete als auf fallende Regentropfen doch jetzt hörte sie
mit dem Ohr ihrer Schwester
    Die Kinder stürmten herein und drängten sich dann Faustine gewahrend scheu
und bewildert in einem Winkel des Zimmers zusammen wo sie mäuschenstill die
Tante angafften einige mit den Fingern im Munde andre an den Knöpfen drehend
    »Wollt Ihr nicht schlafen gehen Kinderchen« fragte Adele
    Da erhob sich ein Lärm wie die Hühner machen wenn sie Abends zum Schlafen
auffliegen und unter endlosen GutenachtWünschen und Küssen zogen sie ab denn
die Tante war ihnen noch zu fremd um nicht störend zu sein
    Der Tauftag ging vorüber mit vielem Geräusch und vieler Langeweile
wenigstens für Faustine die keine Feste liebte welche wochenlang vorbereitet
waren »Sie haben immer einen sauersüssen Beischmack« sagte sie »von all den
Verdrießlichkeiten Umständlichkeiten Plagen und Qualen welche die Festgeber
während der Vorkehrungen ausgestanden haben«
    Hernach lebte sie in ihrer Weise störte Keinen und ließ sich nicht stören
las zeichnete ging spazieren Adele fand nichts unbegreiflicher als dass man
zum Vergnügen spazieren gehen könne Sie ging in den Garten um zu sehen ob die
Kirschen reiften oder ob die Kartoffeln blühten zuweilen aufs Feld um ihren
Flachs zu inspiziren aber nur für diese Zwecke trugen ihre Füße sie über die
Schwelle des Hauses Walldorf wie die meisten Männer deren Geschäfte sie viel
im Freien und auf den Beinen erhalten nannte den Spaziergang einen Zeitverderb
Männer hingegen welche eine Lebensweise führen welche sie viel über den
Arbeitstisch bückt betrachten ihn als eine Arzenei die sie täglich in einer
gewissen nach Stunden gemessenen Dosis einnehmen müssen Alles sehr
erniedrigend für den lieblichen freien zwecklosen vornehmen Spaziergang der
seinen verborgenen Reiz nur dem enthüllt der ihn ohne Nebenabsicht auf Dienst
und Nutzen genießt Ein Rezept ist nicht über das zu geben was zu einem
angenehmen Spaziergang gehört denn nach Regeln wird er nicht construirt
Hingegen ist sehr leicht zu sagen was notwendig nicht zu ihm gehört
Gesellschaft Man muss allein sein oder mit einem geliebten Menschen gehen denn
Letzteres ist keine Gesellschaft man ist nur zu Zweien allein
    Klemens begleitete zuweilen Faustinen um ihr irgend eine hübsche Aussicht
oder einen prächtigen Baum oder einen versteckten Fußpfad in den Bergen zu
zeigen Nach und nach geschah es täglich Wenn Adele sich arbeitsam mit ihrer
Näherei Abends vor die Tür in den Garten setzte und Walldorf mit der Pfeife
langsam vor dem Hause auf und nieder ging machte Faustine gewöhnlich eine
Viertelstunde lang diese ermüdende Promenade mit ihrem Schwager und trat dann
eine größere mit Klemens an Er war ein ganz liebenswürdiger Mensch sanft und
weich an Gemüt wie die kolossalen Gestalten gewöhnlich sind Zu ihren riesigen
Körperkräften gab ihnen die ausgleichende Natur eine milde wohlwollende Seele
welche sie unfähig macht ihre Kraft auf brutale Weise zu gebrauchen Nur
ausnahmsweise sind sie Raufbolde und Händelmacher Die Kleinen die sich auf die
Fußspitzen recken müssen damit man sie erblicke  das sind die Krakehler die
Zanksüchtigen die tun patzig damit kein fremder Ellbogen um ihre Nasenspitze
spiele Doch zum Ersatz weil sie oft so lächerlich sind  versteckte die
ausgleichende Natur in die kleinen Figürchen die großen Genies
    Klemens hatte schon vor vier Jahren eine besondere Zuneigung für Faustine
gehabt Er war etwas schläfriger Natur damals Bruder und Schwägerin trugen
ihrer Eigentümlichkeit nach nicht dazu bei ihn zu ermuntern wohl aber
Faustine die mit dem unbeholfenen blöden Menschen sprach und scherzte bis er
etwas seine eckige Scheu verlor Dafür blieb er ihr innig dankbar Weil er ihr
in dem Zeitpunkt begegnet wo er anfing das Leben mit andern als kindischen
Augen zu betrachten glaubte er dass sie diese Wendung und Lichtung seines
innersten Wesens veranlasst habe und so knüpfte er seine lieblichernste
Erkenntnis an ihre lieblichernste Erscheinung Jedes Mal wenn er seinen Bruder
besuchte hoffte er heimlich Faustine in Oberwalldorf zu finden  immer umsonst
aber er bewahrte eine stille Sehnsucht nach ihr wie man sie im Winter nach dem
lang ausbleibenden Frühling empfindet Handlung Tätigkeit welcher Art sie
seien sind den Einbildungen entgegen wie Wasser dem Feuer und ein Paar
Studien oder Arbeitsjahre was sag ich Monate bisweilen Wochen bringen
einen jungen Kopf sehr schnell ins rechte Gleis Aber da Klemens sich keineswegs
einbildete Faustine zu lieben sondern sie nur als das Holdseligste
betrachtete was ihm auf der Erde begegnet so bewahrte er ihre Erinnerung in
immer gleicher Frische Und auch jetzt war sie ganz ganz wie damals denn sie
tat nicht gern einen Schritt vorwärts den sie später hätte zurücktun müssen
Sie tat sehr oft Schritte die gewagt regellos nicht zur Nachfolge einladend
waren doch war es einmal geschehen so stellte sie sich fest und sagte
heimlich »nur nicht zaghaft nur immer vorwärts wer gelenkige Glieder hat muss
springen und klettern darf sie nicht einrosten lassen« Das in Beziehung auf
sich selbst Für Andere hatte sie einen Takt in der Seele der ihre Schritte so
abmass dass kein fremder Gang dadurch beeinträchtigt wurde  so glaubte sie
wenigstens
    Einst fand sie Klemens unter den Ulmen des Hofes als sie am Morgen einen
Spaziergang machen wollte
    »Darf ich Sie begleiten« fragte er
    »Ich danke Ihnen Morgens brauch ich Sie nicht« sprach sie freundlich
    »Brauchen Sie mich nicht« wiederholte er
    »Nein« sagte sie unbefangen »am Morgen geh ich nicht so weit dass ich
mich verirren könnte es wird zu heiß und dann ists ja heller Tag Abends
fürchte ich dass die Dunkelheit über mich einbrechen könnte  dann brauche ich
einen Beschützer« Sie nickte ihm freundlich zu und ging fort
    Dies war ganz wahr Nebenbei dachte sie es könne ihn in seinen gewohnten
Beschäftigungen stören  »und ich mag Niemand stören« fügte sie hinzu
»Anastas den stör ich nie der lebt für mich meinetwegen der kann mit mir
spazieren gehen vom Morgen zum Abend Klemens nicht Klemens nur wenn er nichts
Anderes nichts Besseres versäumt«
    Aber Klemens war mit dieser Rücksicht keineswegs zufrieden und sagte ihr am
Abend
    »Gönnen Sie mir doch einige liebliche Stunden mehr in Ihrer Nähe für die
Paar elenden Tage die Sie noch hier sein werden«
    »Sie dürfen keinen zu lebhaften Geschmack an meinem nichtstuerischen Leben
finden entgegnete sie es ist unglaublich ansteckend«
    »Ja so lange Sie da sind Wenn Sie uns verlassen haben gewinnt die alte
Tätigkeit ihr altes Recht  und ein neues dazu sie muss zerstreuen helfen«
    »Die Verständigkeit der Männer ist außerordentlich groß« rief Faustine
scherzend »sie werden durch sie geschützt und nie um ein Haar breit weiter
fortgezogen als sie es sich vorgenommen haben«
    »Billigen Sie es nicht« fragte er ernstaft
    »Ich billige Alles was Andern gut tut wenn es mich nicht verletzt«
antwortete sie lachend
    »Und wenn es Sie verletzt«
    »So mag ich nicht mehr Richter sein Wie Brutus über meine Söhne zu Gericht
sitzen und ihnen das Leben absprechen  könnt ich nicht In Ermangelung der
Söhne habe ich an meinen Neigungen und Meinungen Lieblinge und Schoosskinder
denen ich es gern gönne dass sie ihr und mein Glück im Leben machen Durch
solche Schoosskinder sind wir Alle verletzbar«
    »Sollte wirklich großer Kraftaufwand nötig sein um sie wenn sie Verräter
waren hinrichten zu lassen«
    »Vielleicht nicht  aber um sie als Verräter zu erkennen  ein großer
Unser ganzes Wesen liegt in der Deutung die wir den Dingen geben die Deutung
ist der Keim woraus unsre Meinung als Stamm entspringt der sich dann wieder in
das zahlreiche Gezweig der Ansichten teilt und verbreitet Geb ich meine
Meinung auf so gestehe ich ein dass ich statt eines geraden Baumes einen
verkrüppelten gezogen habe der umgehauen werden muss Wo ich lieblichen Schatten
fand finde ich eine Wüste wo Blattgesäusel und Vogelsang  einen öden toten
Fleck O ich kanns begreifen dass es der Tod sein könne eine Meinung aufgeben
zu müssen«
    »Sollte nicht das Bewusstsein der besseren Erkenntnis uns vor der
Verzweiflung über den Irrtum schützen«
    »Aber auf der Grenze zwischen jenem Bewusstsein und der Verzweiflung  stirbt
man einstweilen Georg Forster starb aus Gram am gebrochnen Herzen als die
französische Revolution eine Wendung nahm die seiner Meinung nicht entsprach«
    »Georg Forster war ein entusiastischer Mensch dessen Feuereifer ihn
aufgerieben haben würde wenn auch die Revolution all seine Hoffnungen realisirt
hätte«
    »Ja Freund mehr als Fischblut gehört allerdings dazu um an etwas Anderem
als am Alter zu sterben  Aber ein andrer Georg gewiss kein Entusiast in der
Bedeutung welche Sie dem Worte beilegen nämlich der von Frundsberg ward vom
Schlag gerührt als bei der Eroberung Roms die verwilderten Kriegsknechte seinem
Befehl nicht mehr gehorchten«
    »Er würde viel besser daran getan haben auf irgend eine Weise seinen
Einfluss wieder zu gewinnen als sich tot darüber zu ärgern dass er ihn
verloren«
    »Er sah ein dass seine Zeit aus war darum starb er Als Karl V sah dass
seine Zeit aus war dh dass er sie nicht mehr beherrschen könne legte er die
Krone nieder Er mochte nicht zum Schein Kaiser sein und Frundsberg nicht zum
Schein Feldherr weil beide eine hohe Meinung von ihren Würden hegten«
    »Sie sind erschrecklich gelehrt mit all Ihren geschichtlichen Beispielen«
    »Die geben mehr Nachdruck als wenn ich nur von unser eins rede«
    Klemens hatte während des Gehens einen großen Strauss von Wald und
Wiesenblumen gepflückt »Er ist prächtig« sagte Faustine »aber ich kann
unmöglich mit dieser Garbe mich befrachten« So trug er ihn denn geduldig und
sie nahm ihn nur dann und wann und drückte ihr Gesicht hinein als wollte sie
es in Duft und Frische baden Nach einer Stunde waren die Blumen welk matt und
zerknickt Nichts ist so schnell verwelkt als eine Waldblume
    »Tragen Sie doch nicht mehr die Blumen« sagte Faustine
    Klemens reichte sie ihr Sie warf sie fort
    »O Gott« rief er bestürzt und blieb stehen
    »Bester ich brauche meine Hände notwendig zum Sprechen das wissen Sie ja
längst«
    »Aber ich hätte sie ja gern getragen«
    »Sie taugten nicht mehr Blumen sind nur schön so lange sie im Zusammenhang
mit der Erde sind Fehlt ihnen der so haben sie nach fünf Minuten Leichenansehn
und Todtengeruch Ich pflücke nie Blumen«
    »Aber diese waren nun einmal gepflückt«
    »So wollen wir sie dem Elemente geben das ihnen angenehm sein wird für
ihren gegenwärtigen Zustand«   sprach Faustine scherzend kehrte um hob den
Strauss auf und warf ihn in den Bach der äußerst lebendig mit ihm talab über
Stock und Stein sprang »Den Tanz hätten sich die stillen Blumen wohl nicht
träumen lassen Ob er sie amüsirt«
    »Sie sind recht grausam Gräfin«
    »Und Sie wohl gar sentimental«
    »Warum gönnten Sie mir die Blumen nicht«
    »Also Ihretwegen lamentiren Sie« rief Faustine und lachte herzlich »Ich
meinte das Schicksal der Blumen errege Ihr Mitleid aber Sie bejammern ein
verlornes Kräuterkissen gut gegen Zahnweh oder dgl Denn dass Sie sie etwa als
Andenken an diesen Spaziergang aufheben wollten kann ich nicht glauben«
    »Warum nicht wenn ich fragen darf« sagte Klemens etwas verstimmt
    »Weil er dazu nicht wichtig genug war wir haben gar nicht über besonders
interessante Gegenstände geredet«
    »Das tut mir leid  für Sie Mir ist Alles interessant was und worüber Sie
reden«
    »Das ist brav an Allem Interesse zu finden«
    »Keineswegs ist das mein Fall nur an Allem was Sie sagen«
    »Da Socrates zu den Füßen einer Diotima lauschend und lernend gesessen hat
so ists wohl keine Schmach wenn ein Mann glaubt von einer Frau profitiren zu
können Nur bin ich leider nicht gescheut und weise genug dazu«
    »O«  sagte Klemens aber Faustine unterbrach ihn schnell
    »Nur keinen Gemeinplatz für mich bin ich klug genug  vielleicht doch für
Andre ganz gewiss nicht Bei mir darf Niemand in die Schule gehen die Praxis des
Lebens das Eingreifen das Handanlegen sind mir unerträglich und die Männer
sind dafür wenn nicht geboren doch erzogen Wer nicht arbeitet wie eine
Dampfmaschine gilt nicht Wer am Längsten am Schreibtisch sitzt ohne
leberkrank  und am Längsten »Rechts um links um« kommandiert ohne brustkrank
zu werden  wem die Augen nicht übergehen und die Geduld nicht ausgeht  der
kann was werden kann es zu etwas bringen wie man sagt Aber da ich glaube dass
man es leichter auf seine eigene Hand als in Reih und Glied zu etwas bringt
so würbe ich gern Deserteurs Überläufer und sie wissen  das ist
schimpflich«
    »Ach Gräfin« sagte Klemens aus voller Brust »Sie sind unbeschreiblich
liebenswürdig«
    »Die ächte Liebenswürdigkeit ist immer unbeschreiblich« entgegnete sie
»denn sie besteht aus den Elementen die nicht mit Worten wiederzugeben sind«
    »Ja das fühlt man Ihnen gegenüber Nehmen Sie es nicht übel ich weiß wohl
man sagt nicht so geradezu Komplimente aber ich denke Sie wissen recht gut
dass ich Ihnen keine sagen will  sondern mehr weit mehr oder weniger  wie
Sie es betrachten wollen«
    Faustine ließ die Unterhaltung fallen Nächsten Tags schrieb sie an Andlau
    »Anastas ich bin traurig die Tage laufen mir wie Wasser zwischen den
Fingern durch es bleibt nichts davon zurück und wovon nichts zurückbleibt das
lebt man ja nicht man träumt es höchstens und ach ich lebe so gern Wie ich
mich fürchte sterben zu müssen ohne gesehen gekannt erkannt zu haben Was
wirst Du fragen Alles Lieber Vergangenheit Gegenwart Zukunft ja die
Zukunft sogar Müsste man sie nicht eben so gut aus ihren beiden Gefährtinnen
beurteilen können wie der Arzt die Diagnose einer Krankheit stellt Freilich
gehört dazu tiefe Wissenschaft und ernster Scharfblick und nicht alle Leute
sind Ärzte und nicht alle Ärzte sind geschickt und glücklich So tröste ich
mich selbst Doch die Sehnsucht bleibt Dann sehe ich mit unaussprechlichem
Erstaunen Menschen an die so gar nichts davon empfinden Zuweilen beneide ich
sie und denke eine unendliche Fülle von Glück mache sie unempfindlich für das
was außerhalb ihrer Sphäre liegt Aber wenn ich mich besinne so sehe ich wohl
ein dass ein enger Gesichtskreis nur für den taugt dessen Auge darauf
eingerichtet ist und dann erstaune und beneide ich nicht mehr Wollte ich zu
meinem Schwager sagen »ich möchte gern die Zukunft wissen«  so würde er mir
antworten oben im Dorfe wohnt eine Kartenschlägerin aber glauben sie denn das
dumme Zeug  Er ist sehr brav mein Schwager tüchtig redlich rechtschaffen
kränkt und betrügt niemand und meine Schwester ganz eben so beide wie nach
einem Muster zugeschnitten was zwei Menschen wohl sein müssen um glücklich mit
einander zu leben Wir sind uns auch Alle recht gut allein müsste ich mein
Leben hier beschließen so glaub ich es würde sehr bald beschlossen sein ich
langweilte mich tot Mein Gott was habe ich denn bei Dir für Unterhaltung von
außen da leb ich ja auch zuweilen Tage und Wochen ganz einsam ganz still 
aber nie beschleicht mich diese seelenabspannende Mattigkeit Immer gibt es
etwas zu denken für uns Hier gibt es immer nur etwas zu tun Du weißt es
gibt eine Krankheit den Veitstanz so ansteckend dass wer die Verrenkungen
sieht Lust bekommt sie nachzumachen Sehe ich hier das Treiben und Arbeiten vom
Morgen bis zum Abend so ist mir bisweilen zu Mut als müsse ich in der
allgemeinen Tätigkeit und zum allgemeinen Besten meine Händ und Füße
schwenken so gut wie alle Übrigen  aber die wunderlichen Glieder wollen sich
bei mir nicht anders brauchen lassen als zu nichtsnutzigen Dingen O Anastas
wie dank ich Dir dass Du nicht auf meine Schultern die Last eines solchen
betriebsamen sorglichen schaffenden Lebens gewälzt hast Ich würde gar nicht
wissen wie ich mich dabei benehmen sollte Adele sagt zwar das lernt sich 
aber ich kann nur die Dinge lernen die ich schon weiß Adele interessiert sich
für nichts als für ihre Wirtschaft und für ihre Kinder was gewiss sehr
achtungswert ist wenigstens scheint mir es gehöre die größte
Selbstverleugnung dazu für diese kleinen unbändigen Geschöpfe in steter
Aufmerksamkeit zu sein und nichts zu beachten als was mit ihnen in Verbindung
zu bringen ist Daher red ich auch nur über ihre Kinder mit ihr Kinder sind
etwas allgemein Menschliches für die Jedermann sich interessiert aber um für
diese eine besondere Zärtlichkeit zu hegen muss man eben Vater und Mutter sein
Ich gebe zuweilen Erziehungsansichten zum Besten nicht weil ich glaube dass sie
Nutzen stiften könnten sondern lediglich um aus den persönlichen Beziehungen
heraus zu kommen Einmischung in Erziehung seiner Kinder verträgt Niemand und
hat Recht zu glauben dass kein Dritter diesen Punkt so überdacht hat Ansichten
über die Oekonomie hab ich aber gar nicht und muss mich bei solchen Gesprächen
schweigend und hörend verhalten was auf die Dauer nicht amüsant ist Dafür
räche ich mich an Klemens Walldorf mit dem rede ich und er hört mir zu von
Antworten ist nicht viel die Rede Antworten nach meinem Sinn gibt mir niemand
als Du Ich sehne mich sie zu hören Sie zu lesen  bin ich überdrüssig Der
fatale Überdruss muss er sich überall einschleichen Nun ich hoffe Du nimmst
es nicht übel dass Deine Gegenwart mir lieber ist als Deine Briefe«
    Klemens war halb gekränkt in seiner Eitelkeit und halb betrübt in seinem
Herzen dass Faustine ihn ganz in früherer Weise behandele Was ihn anfänglich
erfreute gnügte ihm nicht mehr Bin ich denn noch immer ein knabenhafter
Schüler in ihren Augen fragte er zuweilen leise und gern hätte er laut an sie
selbst diese Frage gerichtet Aber wenn sie Ja sagte Er fürchtete sich vor
diesem Ja Was könnte ich ihr auch sonst sein setzte er seufzend hinzu braucht
sie überhaupt einen Menschen zu ihrem Dienst und kann ein Mensch ihr genügen
Ach ich wollte sie ja nur auf der Hand tragen wie einen Schmetterling
    Faustine hatte keine Ahnung dass Klemens oder irgend ein anderer Mann ein
Interesse für sie hegen könne welches die gewöhnlichen Grenzen der Teilnahme
und des Wohlwollens überstiege Eine tiefe Neigung einzuflößen schien ihr
unmöglich weil sie keine erwidern zu können glaubte und sie hatte die feste
Überzeugung dies stehe ihr so zu sagen auf der Stirn geschrieben Die Männer
wüssten es auf ein Haar behauptete sie wo ihre Liebenswürdigkeit Eindruck mache
und wo nicht und »verlorne Liebesmüh« spielten sie nie Klemens war für alle
Menschen mit denen er lebte so freundlich hatte stets ein so gutes Lächeln
ein so sanftes Wort dass sie sich verwundert haben würde sie die Verwöhnte
wenn er es nicht doppelt für sie gehabt
    Als er einmal unermüdlich Ball mit den Kindern gespielt sagte sie
    »Sie sind ein herziger Mensch der eine recht liebe Frau verdient«
    Klemens sah sie groß an Sein Bruder sagte
    »Denkst Du denn schon an eine Frau Klemens«
    Klemens wandte sich zu seinem Bruder sah den an und schwieg
    »Warum sollte er nicht« fragte Adele statt seiner
    »Er ist so jung so unerfahren in der Landwirtschaft« 
    »Ach Guter« rief Faustine »auf tiefe Wissenschaft wartet die Liebe
nicht«
    »Und du warst ja auch nicht viel älter als wir uns verheirateten« setzte
Adele hinzu
    »Die Weiber mögen doch nichts lieber als selbst heiraten oder wenigstens
Heiraten stiften«  sagte Walldorf und lachte donnernd über seine Bemerkung
die ihm eben so neu als geistreich vorkam
    Adele sagte empfindlich »Ich dächte das wäre sehr schmeichelhaft für
Euch«
    Faustine rief »Immer besser sie stiften als sie stören  aber was meint
denn Klemens dazu«
    »Dass es Zeit hat« sprach er lakonisch
    »Seht ihr wie gut ich meinen Bruder kenne« rief Walldorf triumphierend »Er
macht erst eine tüchtige Schule gründlich durch kauft dann ein Gut in meiner
Nachbarschaft und lässt sich nieder Während der Zeit ist die Josephine heran
gewachsen  gelt Klemens«
    »Da muss er lange in die Schule gehen« sagte Faustine »wenn er auf Ihre
Josephine warten soll Wie lange rechnen sie denn die Lehrzeit«
    »Nun sieben Jahr gewiss ich fing bei vierzehn an und verdarb dazwischen
nicht meine Zeit mit Studien auf Gymnasien Universitäten und was weiß ich doch
darf ich nicht sagen dass ich vor dem einundzwanzigsten Jahre meine Lehrzeit
vollendet hab Er fängt in dem Alter an als ich aufhörte Ist nicht meine
Schuld hab ermahnt und gepredigt«
    »Jeder hat seine Weise guter Max«  sprach Klemens gelassen
    »Und nicht wahr auch seine Weise eine Frau zu nehmen« fragte Faustine
    »Gewiss« entgegnete er »ich würde nie eine heiraten die unter meinen
Augen erwachsen wäre«
    »Warum denn nicht« fragte Adele wieder ganz empfindlich
    »Weil ich gern von meiner Frau glauben möchte dass sie für mich vom Himmel
herabgefallen wäre«
    »Überspannte Ansichten« brummte Walldorf
    »Das gefällt mir« rief Faustine und klatschte vergnügt in die Hände »ich
hab es gern wenn der Mann etwas mehr von seiner Frau wünscht und erwartet als
dass sie ihm die Suppe nicht versalze«
    »Bei den hochgespannten Forderungen kommt selten ein sonderliches Glück zum
Vorschein«  bemerkte Adele »dafür kann ich einstehen dass meine Töchter ihren
Männern nie die Suppe noch irgend eine andre Speise versalzen werden aber wenn
die begehren dass meine Töchter sich wie überirdische Genien benehmen sollen so
muss ich antworten versuchts in Gottes Namen ich habe nie etwas Überirdisches
weder an ihnen bemerkt noch für sie gewünscht«
    »Das ist nun so verschieden«  sagte Faustine »Hätte ich eine Tochter und
ein Mann bewürbe sich um sie weil er doch eben eine Köchin oder wenns hoch
kommt eine Wirtschafterin braucht so würde es mich sehr kränken«
    »Mit Unrecht« rief Adele »gemeinsame Sorgen verbinden so herzlich«
    »Ich glaube selbst dass es törig ist« entgegnete Faustine gelassen »und
der Himmel hat mir diese Torheit erspart indem ich keine Tochter habe Allein
daran hab ich nie gezweifelt dass Sorge und Mühe zusammen durchkämpft
zusammen getragen die Herzen aneinander binden Ich will ja auch sehr gern
Haushälterin sein und Magd und Alles  aber ich will nur dass der Mann mich als
Faustine begehre mit all meinen Fähigkeiten und nicht als Magd«
    »Ich erstaune« sagte Walldorf und ließ die Hand mit der Pfeife sinken
    »Über meine verständigen Ansichten« fragte sie
    »Nein dass Sie nicht grade heiratslustig aber doch heiratsfähig sprechen
 das überrascht mich unaussprechlich«
    Faustine war äußerst belustigt durch ihren Schwager Sie lachte sehr und
fragte
    »Warum sollte ich nicht heiratsfähig sein finden Sie mich zu alt«
    »O« sagte er mit einer verbindlich sein sollenden Verbeugung »eine so
schöne Frau wird nie alt«
    »Bravo Sie üben sich in der Galanterie Also jung und schön genug wär ich
 doch nicht reich genug etwa«
    »Nebensache das aber  nehmen Sies nicht übel ich dachte Sie wollten
ganz auf gleichem Fuß mit dem Mann leben  und das geht doch nicht an Darum
mein freudiges Erstaunen bei Ihrer demütigen Äußerung die vom Gegenteil
zeugt Ja gewiss der Mann muss herrschen und die Frau gehorchen  dazu ist sie
geboren«
    »Gott« rief Faustine »wie komisch sind die Männer ganz ernstaft bilden
sie sich ein der liebe Gott habe unser Geschlecht geschaffen um das ihre zu
bedienen«
    »Zu beglücken« verbesserte Walldorf
    »Das kommt Euch gegenüber auf Eins heraus Der gute Gott schuf nicht das
Lamm damit der Wolf es fresse und nicht die Fliege damit der Vogel sie
erschnappe  sondern Lamm und Fliege weil sie in seine Schöpfung gehören und
auch ihre Lust am Leben haben sollen Und die eine Hälfte des
Menschengeschlechts wäre geschaffen damit die andre sie brutalisire«
    »Welch ein Ausdruck « 
    »Ihr wollt winken und wir sollen kommen  ein Wort sagen und wir sollen
anbeten  lächeln und wir sollen auf die Knie fallen  zürnen und wir sollen
verzweifeln  Alles auf allerhöchsten Befehl den ihr von Gottes Gnaden
decretirt Was ist das anders als uns brutalisiren  ich frage Das ist Euch
schon zur Natur worden in diesem Sinn richtet Ihr die bürgerlichen Verhältnisse
ein erzieht Ihr die Kinder schreibt Ihr Bücher Himmel wenn ich neuere Romane
aufschlage besonders französische was erdulde ich für Ärger In ewiger
Anbetung wie der Pater Seraphicus im Faust schweben die Frauen vor ihren
Geliebten und die lassen es sich gnädig zuweilen auch ungnädig gefallen
Könnt ich nur Bücher schreiben  ich kehrte das Ding um und brächte den guten
alten Sprachgebrauch der jetzt ganz widersinnig ist »Er ist ihr Anbeter« 
wieder zu Ehren Ich werde es auch gewiss noch tun nur um meiner Empörung Luft
zu machen und vielleicht gibt mir der Ärger liebliche Inspirationen«
    »Willst Du denn dass die Frauen das Regiment führen« fragte Adele
    »Nein ich will nur dass die Männer mit ihnen umgehen wie mit ihres
Gleichen und nicht wie mit erkauften Sclavinnen denen man in übler Laune den
Fuß auf den Nacken stellt und in guter Laune ein Halsband oder ähnlichen
Plunder hinwirft Das demoralisirt die Frauen es stumpft ihr Zartgefühl ab
Heut lassen sie sich eine Brutalität gefallen um dafür morgen einen neuen Hut
zu bekommen Ich war einmal bei einer Freundin ihr Mann kam von der Jagd heim
sehr verdrießlich weil die Schnepfen sich nicht hatten wollen schießen lassen
Er warf sich aufs Sopha und commandirte »Charlotte«  sie stellte sich
»Knöpfe die Kamaschen ab« große schwere plumpe beschmutzte lederne
Kamaschen Sie tat es Hernach sagte ich ihr »Ich war recht verwundert dass Du
nicht den Bedienten riefst«  Sie antwortete »Das hätte meinen Mann noch
verdrießlicher gemacht und er würde mir nicht den Gefallen tun meine Rechnung
bei dem Juwelier zu bezahlen was ganz notwendig ist«  Ich rief »Du bist ja
wie Esau verkaufst Dein Erstgeburtrecht für ein Linsengericht«  Diesen
Vergleich mit Esau hat sie mir beiläufig gesagt nie vergeben Aber diese
Behandlung verdirbt die Frauen so dass wenn der Mann spricht »Ich habe
Kopfweh bleibe doch heute Abend zu Hause«  so entgegnet sie »Sehr gern
allein dafür bekomme ich doch dies oder das«  Klemens  wandte sie sich
plötzlich an diesen  wenn Sie dereinst nicht Ihre Frau als ein Wesen Ihrer Art
behandeln so sage ich Ihnen die Freundschaft auf«
    »Als ein Wesen höherer Art wird er sie betrachten das hat er uns ja vorhin
gesagt«  warf Walldorf spöttisch hin
    »Ich wollte Ihnen gönnen wenn Sie ein Wesen fänden welches das verdiente
und rechtfertigte«  sagte sie freundlich zu Klemens
    Jedes ihrer Worte grub sich in sein Herz Nur war es ihm unbegreiflich wie
sie ihm eine Frau wünschen konnte Ahnet sie denn gar nicht dass es für mich nur
eine Faustine und gar keine Frauen gibt fragte er sich heimlich Er war
zerstreut und blieb es auch als er mit ihr spazieren ging Er sprach wenig
doch das fiel Faustinen nicht auf sie wusste wie gern er ihr zuhörte Er
achtete auch nicht auf den Weg und das fiel ihr auch nicht auf weil sie sich
immer unbekümmert von ihm führen ließ und die ungebahnten Stege sehr liebte
    »Wo sind wir denn eigentlich« fragte sie endlich als sie aus einem dichten
Gehölz auf eine Wiese heraustraten die rings von Wald umgeben war und durch die
ein sumpfiger Bach langsam floss »Es ist recht schauerlich hier  muss ich über
den Bach«
    »Freilich« sagte Klemens und ohne weiter zu fragen nahm er sie zierlich
auf den Arm und trug sie hindurch Als Faustine drüben wieder festen Fuß
gewonnen sagte sie verdrießlich
    »Das verbitte ich mir ich kann meine Füße gebrauchen  Wohin nun« Sie
schüttelte ihr Kleid ab als wollte sie seine Berührung abstreifen Sie tat es
ganz unwillkürlich und das eben kränkte ihn tief Er antwortete auf ihre Frage
    »Das weiß ich wirklich nicht«
    »Warum trugen Sie mich denn durch den Bach wenns unnütz ist«
    »Das weiß ich auch nicht«
    »Nun so gehen Sie bitte den Weg suchen« Sie setzte sich auf einen Stein
Klemens blieb unbeweglich neben ihr stehen »Sind Sie zu ermüdet« fragte sie
    »Nein ich möchte Sie nur um etwas fragen«
    »Was zaudern Sie denn es ist so unbehaglich hier  Also«
    »Weshalb schüttelten Sie vorhin Ihr Kleid ab als krieche garstiges Gewürm
darauf«
    »Ich mag nicht dass man mich anfasst« sagte sie und lachte »Nehmen Sie es
nicht übel es ist eine Eigenheit Und da Sie mich sans rime et sans raison
durch den Bach getragen so sehe ich wirklich nicht ein weshalb ich Ihnen
dankbar sein soll«
    »Ich bin recht unglücklich« reif er
    »Weil Sie den Weg verloren haben«
    »Nein den Kopf«
    »Das ist freilich übel« sprach sie ernst »Suchen Sie erst jenen dann
finden Sie auch wohl diesen wieder Es wird regnen glaub ich«
    Klemens sprang über den Bach zurück und verschwand im Gehölz Faustine
wartete die Zeit wurde ihr lang Es dunkelte zwar noch nicht allein finstere
Wolken zogen sich herauf Ihr graute auf dem öden Fleck Sie beschloss mit dem
Bach zu gehen ohne die Rückkehr ihres Gefährten abzuwarten Einige Regentropfen
fielen Sie stand auf und ging durch die Wiese durch das Gehölz und stand nach
einer tüchtigen Viertelstunde auf der Landstraße Der Klemens hat wirklich den
Kopf verloren dachte sie dies ist ja das Tal von Oberwalldorf und der kleine
sumpfige Bach der mir ein treuerer Führer gewesen ist als er fällt dort in
unsern großen wohlbekannten Waldbach Nur nie auf Menschen sich verlassen
immer auf die Natur  Es regnete stark So kam sie tüchtig durchnässt aber
wohlbehalten nach Hause wo sie ihr Abenteuer der staunenden Schwester erzählte
und sich sehr über Klemens Ungeschick lustig machte Adele sagte
    »Er wird Dich jetzt suchen und in Todesangst sein«
    »Freilich wird er das«
    »Du hättest ihn doch lieber erwarten sollen«
    »Dort auf der unheimlichen Wiese sitzen und mich nass regnen lassen Nein
seine Unachtsamkeit verdient die kleine Strafe«
    »Solche Widerwärtigkeiten hat man von den Promenaden Du wirst den Schnupfen
bekommen und er « 
    »Vielleicht den Husten« sagte Faustine lustig »Das ist ja kein Unglück
aber ich werde nicht mehr mit ihm spazieren gehen«
    Klemens hatte den Weg wieder zurückmachen wollen den sie gekommen Da er
ihn aber nicht beachtet so kam er seitab zu einem Köhler dessen Buben er
mitnahm um den Heimweg sich zeigen zu lassen Auf die Waldwiese zurückgekehrt
fand er zu seinem Entsetzen Faustine nicht mehr Statt gradeswegs nach
Oberwalldorf zu gehen fing er an umher zu irren und zu suchen er rechts der
Bube links Es regnete es dunkelte er begegnete keiner Seele kein Hirt kein
Kohlenbrenner der sie gesehen hatte Dass ihr ein Unglück zugestoßen glaubte er
zwar nicht es gab hier keine Räuber keine gefahrvollen Abgründe aber verirrt
konnte sie sein geängstigt Er raufte sich das Haar aus vor Verzweiflung
Endlich tat er was er gleich hätte tun sollen und getan haben würde wenn
er eben nicht den Kopf verloren er ging nach Oberwalldorf um die
Schlossbewohner und sollte es Not tun auch die Dorfbewohner nach Faustine
auszusenden  dachte er Die Turmuhr schlug elf Sonst war um diese Stunde das
ganze Schloss dunkel Heute Licht in einigen Zimmern Sie ist nicht da sonst
wären sie wohl schlafen gegangen  dachte er Er trat in den Saal Sie war da Er
flog auf sie zu ergriff ihre Hände küsste sie mit stürmischem Entzücken und
sank dann halb ohnmächtig auf einen Stuhl keines Wortes mächtig Walldorf
besprengte sein Gesicht mit Wasser Adele hielt ihm Äther vor Faustine sah zu
    »Was dachten Sie denn eigentlich« fragte sie nachdem er sich erholt
    »Nichts« sagte er »Sonst würd ich wohl das Richtige gedacht haben Meine
Angst war zu groß«
    Als er am andern Tage eine Promenade vorschlug antwortete sie
    »Das haben Sie verscherzt ich habe das Vertrauen zu Ihnen verloren Sie
lassen mich einsam auf der sumpfigen Wiese«
    Er gelobte und flehte Aber Faustine ging nicht mehr Ihre Abreise rückte
ganz nah heran und sie verbarg nicht wie sehr sie sich darüber freute Klemens
war wie vernichtet Am letzten Abend als sie zufällig allein waren fasste er
Mut und fragte
    »Wüsste ich nur ob Sie ohne Verdruss an mich denken«
    Auf Faustinens Lippe schwebte ein Lächeln das soviel bedeutete als ich
denke ja gar nicht an Dich Sie sagte gleichgültig
    »Sie haben mir gar nichts Leides getan«
    »Doch jenen Abend auf der Waldwiese« 
    »Das sollt ich übel genommen haben nein guter Klemens beruhigen Sie
sich Wir scheiden wie wir uns fanden  als gute Freunde«
    »Und tun die nichts für einander«
    »Schwerlich« rief sie heiter »Freunde tun schon wenig genug für einander
 aber gute Freunde wünschen sich glückliche Reise und damit Basta«
    »Würden Sie mir nicht erlauben Ihnen zu schreiben«
    »Da ich schwerlich Zeit haben würde Ihnen zu antworten so mein ich dass
Sie von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch machen möchten«
    »Sie sind von einer eisigen übermenschlichen Kälte Fünf Wochen haben Sie
hier gelebt so freundlich so liebenswürdig dass es eine Wonne war mit Ihnen
zu verkehren Sie zu sehen sich von Ihnen anstrahlen zu lassen  und nun gehen
Sie als wäre Alles Spaß oder gar nicht gewesen«
    »Ich gehe mit derselben freundlichen teilnehmenden Gesinnung die ich beim
Kommen hatte Kummer über meine Abreise zu affectiren würde gewiss lächerlich
sein Ich bin sehr gern hier gewesen zwischen guten Menschen aber ich gehe
auch gern denn heimisch bin und werde ich hier nicht«
    »Und wann werd ich Sie wiedersehen«
    »Müssen Sie mich denn durchaus wiedersehen«
    »Durchaus« sagte er fest »O Gott nur sehen das können Sie mir doch
gönnen«
    »Wenn es Ihnen zu etwas hilft Sie fördert  gern wenn nicht  ungern
Überlegen Sie sich das«
    »Sie sind schauerlich Faustine«
    »Hab ich denn Unrecht  Kommen Sie wir wollen Schach spielen«
    Sie spielten doch Klemens so unaufmerksam dass Faustine ihm seine Königin
nehmen konnte
    »Die Königin ist fort das Spiel ist aus« sagte er und verließ das Zimmer
    Der allgemeine Abschied am nächsten Morgen war herzlich und kurz Einen
besonderen nahm Klemens nicht Faustine kam zu Andlau mit jubelvoller
Freudigkeit
    »Nun will ich wieder leben« sagte sie »Ich muss zum Leben einen weiten
Horizont einen hohen Standpunkt eine schöne Aussicht eine reine Atmosphäre
haben  Alles haben was ich auf hohen Bergen finde und was Deine Nähe Dein
Umgang Dein Wesen mir geben Ohne Dich wandle ich im Tal umher immer den
Ausgang suchend immer auf die Berge verlangend durstend nach Luft nach
Freiheit nach Dir Anastas«
    Strahlendes Glück lag auf ihrem schönen Antlitz aber sie weinte Sie schloss
Andlau mit jener Kraft in die Arme welche den Mann schauern macht weil er
darin die Herrschaft der Seele über den Körper wahrnimmt Er ist von Kindheit
auf gewöhnt dessen Kräfte zu üben er führt die Waffen er teilt die Wellen
er bändigt die Pferde Ernst und Scherz eiserne Notwendigkeit und fröhliche
Erholung machen ihn stark Neigung Gewohnheit Erziehung machen heutzutage aus
der Frau ein gebrechliches Wesen aber man stelle sie mit einer Leidenschaft dem
Manne gegenüber und er wird zittern  so wie man beim Erdbeben zittert
    Andlau suchte immer Faustinens wetterleuchtendes Wesen zu beruhigen Sie war
zauberhaft schön mitten in den Stürmen der Empfindung so wie im Grunde alle
Menschen nur dann schön sind wenn sie sich in ihrem eigentümlichen Element
bewegen allein er liebte sie so sehr dass er weniger Freude darüber hatte sie
in ihrer Herrlichkeit zu sehen als er Furcht empfand dass die häufige
Wiederkehr oder die Dauer solcher Momente das irdische Leben aufzehren könnten
Die Liebe sorgt stets um das Geliebte obgleich ihre Sorge fast immer so
überflüssig wie Andlaus Furcht ist Kein Fisch ist gestorben weil man ihn ins
Wasser gelassen hat Der Himmel und ich  pflegte Faustine zu sagen  wir müssen
uns ausdonnern das ist unsre Natur und ihr Leute mit euren Blitzableitern
langweilt uns sehr
    »Warum weinst Du denn jetzt Ini« fragte Andlau »ehe Du bei mir warst
hattest Du doch einen Grund  aber jetzt « 
    »Pedant« rief sie »soll ich mich etwa nach Regeln freuen Wenn Jubel
Küsse Liebkosungen nicht ausreichen so kommen Tränen und Klagen an die Reihe
Jenes ist Glück im Sonnenlichte dieses im Mondschein Auf die Beleuchtung
kommts ja nicht an wenns nur überhaupt etwas zu beleuchten gibt«
    »Aber Tränen erinnern doch an Schmerz und ich möchte gern dass Du bei mir
ohne Schmerz glücklich wärest befriedigt ruhig «
    »O ich bin außerordentlich ruhig«
    »Nun so setze Dich zu mir und erzähle mir von Deinem Leben«
    »Erzählen  ja sitzen  nein Das Sitzen lieber Anastas ist eine
entsetzliche Erfindung Zum Gehen Stehen und Liegen ist der Mensch geschaffen
das zeigt seine schöne lange gestreckte Gestalt die vom krummen geknickten
verbogenen Sitzen ganz krüppelhaft wird Meine Gedanken verrosten wenn ich
sitze und das macht nicht ruhig sondern nur schläferig Ruhig bin ich wenn
alle Kräfte in Bewegung sind und wie die Strahlen einer Fontäne springen Ruhig
bin ich wenn meine Seele eine große Landschaft ist wo im Westen die Sonne
purpurgolden glüht und unter ihr Blitze gleich Silberschlangen aus dem Gewölk
auftauchen wo im Osten der Mond friedlich hervorkommt wie ein unschuldiges
Kind das von fern einer Schlacht zusieht wo der Donner wie ein geschlagener
grollender Feind scheu entflieht indessen die Vögel ihre Siegeshymnen anheben
wo die ganze Erde opferraucht und glänzt wie ein geschmückter Altar  o mein
Anastas dann bin ich himmlisch ruhig und nur dann«
    Sie warf sich auf das Sopha ganz erschöpft Andlau kniete neben ihr nieder
und wollte ihren Kopf an seine Brust legen aber sie sagte
    »Lass mich da steht ein Piano es wird schlecht genug sein aber spiele ich
habe Dich so lange nicht gehört und nie sprichst Du lieblicher zu mir als in
Tönen«
    Andlau küsste ihre wunderschönen Füße und setzte sich ans Piano Er spielte
vortrefflich am liebsten und am schönsten phantasirte er Er fing zuweilen an
nach Noten zu spielen aber wenn ein Akkord oder eine Melodie oder irgend etwas
kam was ihn frappirte so verließ er den Komponisten und löste in eigener
Weise jenen Akkord auf Er überdachte in Tönen den Tongedanken des Komponisten
so wie man Randbemerkungen auf ein Buch schreibt Musik das ist eine Kunst
alle andere Künste sind keine sie haben immer ihr Vorbild in der Natur und
wollen die nachahmen wenns hoch kommt  sie verklären Menschenform und
Menschenwesen zu idealisiren oder den Raum zu verherrlichen worin der Mensch
sein Treiben hat  ist ihr Ziel lieblich wie jedes Ziel das über die
Befriedigung des materiellen Bedürfnisses hinausgeht Aber der Marmorgott und
die gemalte Heilige werden unsersgleichen gehen mit uns Hand in Hand aber die
Poesie welche die natürliche Sprache des unbefangenen Menchen ist gibt unsre
eigenen Gedanken mit unsern eigenen Worten uns wieder Die Musik hingegen
verschönt nicht diese Welt und ihre Erscheinungen sondern überwölbt sie mit
einer zweiten in der wir schweben gleich körperlosen Engeln die Flügel haben
unter einem strahlenden liebenden gläubigen Angesicht Und das bewirkt sie
durch Klänge welche auf Zahlen sich gründen durch Zahlen bezeichnet werden
können und aus der Zusammenstellung von Holz und Metall zauberisch fabelhaft
hervorgelockt werden nach klugen tiefsinnigen regelrechten Berechnungen
entdeckt die Musik über der Erde eine neue Welt wie Kolumbus auf der Erde es
getan  eine Welt voll primitiver Kraft und Herrlichkeit eine Welt in der
jeder sein Eldorado sucht und zwar ohne Klugheit und Tiefsinn zu haben und
ohne die Regel zu verstehen ein Paradies worin jeder Zutritt hat der eine
Seele empfing Kinder Wilde Greise zu unentwickelt oder zu stumpf für die
Schönheiten des Meissels und Pinsels nehmen Teil an dem Zauber der Musik und
Wiegenlied und Grabgesang geleiten unsre ersten und unsre letzten Schritte im
Leben Die Poesie hieß in ihrer Frühlingszeit »die heitre Kunst« und damals mit
Recht denn sie musste aus der harmlosen Sprache der noch die Eierschaalen der
Rohheit und Unbeholfenheit anklebten den buntgefiederten tirilirenden Vogel
herausschälen den man Minnelied nannte und der unter Musikbegleitung als
Improvisation oft nach selbsterfundener Melodie bei glänzenden Festen und
frohen Gelagen zur Erhöhung der Lust über die Lippen des Dichters schwirrte
Seitdem sind aber lange Jahrhunderte vergangen und die Poesie hat sich im Laufe
derselben misslaunig wie eine alte Jungfer in die Einsamkeit zurückgezogen und
sich auf Gelehrteit und Schulmeistereien geworfen weil sie doch gern wie alle
alten Jungfern ein Wörtchen mitredet und weil ein dozirender Ton bald
spöttisch lächerlich machend bald superklug ermahnend am meisten Effect macht
bei den spöttischen superklugen Leuten unserer Zeit Sie ist nun ein
Stubenhocker ein Bücherwurm die Poesie hat die Beine unter dem Schreibtisch
und Dintenflecke an den Fingern treibt finanzielle und administrative
Speculationen schreibt Hymnen über Dampfmaschinen und Oden über Trottoirs von
Asphalt und wenn Jemand sie sich anders vorstellen kann als mit einer blauen
Brille über einer impertinenten Nase den beneide ich um seine frische
Phantasie Das bisschen Heiterkeit das noch in der Welt hat sich in die Musik
geflüchtet und wo es nur ein Fest gibt für vornehm oder gering in
frescogemalten Sälen oder unter grünen Bäumen Musik muss dabei sein Nie wird
munterer geplaudert als wenn es Musik gibt in jeder Soiree bei jeder Tafel
kann man sich davon überzeugen Und das Volk nun gar Wie schmaust der Wiener so
behaglich seine gebackenen Hähnel mit welchem Wohlgefallen trinkt der Dresdner
seinen miserabeln Kaffee wenn es nur Musik dabei gibt Wie es in Berlin
zugeht weiß ich nicht Ich habe gehört dass das Volk viel Weissbier trinken
soll kann mich aber nicht davon überzeugen weil ich gar keine Menschen
erblicke die wie »das Volk« aussehen Geputzt und geziert geschniegelt und
gebiegelt wie unser einer habe ich wohl im Tiergarten große Schaaren gehen und
sitzen sehen aber sie kamen mir Alle vor als sprächen sie »wir sind viel zu
gebildet um uns mit etwas so Gemeinem wie essen und trinken abzugeben« Wenn
wirklich »Volk« in Berlin existiert so muss es ausgeschieden wie Parias leben
Man dringt nicht zu ihm  Dies Alles nur so beiläufig Eigentlich wollt ich
sagen da die Musik von Orpheus an bis zum Rattenfänger immer Wunder getan so
ist es kein Wunder dass sie auch Faustinens rasches heißes Herz zur Ruhe
brachte
    Ohne sich länger in Kissingen aufzuhalten ging sie mit Andlau nach Belgien
dessen alte Geschichte und alte Künste sie mehr interessirten als dessen
moderne industrielle Betriebsamkeit
Graf Mengen lebte ziemlich einsam in Dresden Die Häuser einiger Minister gaben
dann und wann den Überresten der zerstreuten Gesellschaft Gelegenheit sich zu
sehen jedoch war kein Nerv und kein Magnet darin am wenigsten für ihn Die
Oberfläche des Lebens musste sehr schillernd sein sollte sein Auge an ihr haften
bleiben und um in die Tiefen hinabzusteigen muss man einen andern Impuls haben
als Neugier und momentane Teilnahme Stolz kalt und rein ging er durch die
Welt nichts fürchtend als aus seinem innern Gleichgewicht zu kommen in
Schwankungen zu geraten und die Herrschaft über sich zu verlieren Das
geschieht aber leicht wenn man sich in die Tiefen des Lebens hineinwagt Dante
zagte in der Hölle und war geblendet im Himmel aber er ging weil Beatrice es
gebot und ihm den Führer schickte Nicht Alle haben eine Beatrice und einen von
ihr gesendeten Virgil Mengen hatte keine Er liebte den Umgang mit Frauen  als
Unterhaltung und weil die Eitelkeit eines schönen und gescheuten Mannes immer
ihre Rechnung dabei findet Doch ward er besser von Männern verstanden als von
Frauen Er lachte viel darum hielten ihn die Frauen für sehr lustig die Männer
wissen aus Erfahrung dass der Mann oft lacht weil es sich für ihn nicht schickt
zu weinen Mario lachte über seine eigenen kolossalen Wünsche und ihre winzige
Erfüllung er lachte über das Maskenspiel welches Kopf und Herz treiben wenn
dem einen Teil daran liegt sich auf drei Minuten von dem andern hintergehen zu
lassen er lachte über den Sieger wenn Verstand und Gefühl ihre kleinen Händel
zusammen ausfochten und sprach zu ihm morgen wirst du der Geschlagene sein er
lachte über sich selbst wenn er sich gegen die Macht der Empfindung durch Spott
und Scherz wie hinter Wall und Mauer verschanzte er lachte weil er sehr ernst
war ein fester Pilot der seinen Nachen ungefährdet durch die Strömung zu
bringen sucht indessen die Brandung des konfusen strudelnden Lebens ihn die
wunderlichsten Sprünge welleauf welleab machen lässt Und weil er lachte so
behielt er den frischen Mut welcher nie die Arme schlaff sinken lässt Jeder
Zustand jedes Verhältnis war ihm ein neuer Sporn eine höhere Stufe »Sei dir
selbst getreu  hatte sein Vater zu ihm gesagt als der fünfzehnjährige Mario
das älterliche Haus verließ  sei bereit für das was Du als recht erkannt
nicht bloß zu sterben das ist bisweilen dem Jünglinge sehr leicht sondern zu
leben und das ist fast immer sehr schwer Aber es lohnt nicht der Mühe des
Lebens wenn Du nur das Leichte tun willst« Dies war der Segen den der Vater
dem Sohne gab und als der Sohn ihn zu seiner Richtschnur machte ward der Vater
sein Freund denn nach denselben Grundsätzen leben und handeln  das stiftet
Freundschaft zwischen Männern Mario betete seinen Vater an Trotz der großen
Selbstständigkeit zu welcher dieser ihn früh gewöhnt brachte er Alles vor des
Vaters Forum was  nicht der Entscheidung die traf er selbst  der Billigung
bedurfte »Das war recht« sagte dann der alte Mengen und Mario erwiderte »Ich
wusste es« Bei großen und kleinen Dingen bei ernsten und unwichtigen
Gelegenheiten erklang oft die Stimme des Vaters ohne dass Mario daran dachte
vor seinem Ohr Er liebte einst eine Frau ein schönes liebliches verlockendes
Wesen Es musste zu irgend einer Entscheidung kommen »Nun Mario« fragte ihn
der alte Mengen obgleich er funfzig Meilen von dem Sohn entfernt war und Mario
zerbrach die Fessel Ein andres Mal hatte er die tollkühne Wette gemacht auf
der Balustrade eines hohen Kirchturms frei umherzugehen Er begann die
gefahrvolle Promenade und war fast am Ziel als der Schwindel ihn so gewaltig
packte dass Blei in seinen Füßen und ein Flor auf seinen Augen lag Da hörte er
seinen Vater »Aber Mario« sagen der Schwindel wich er ging um den Turm 
In jeder Krisis auf jedem Wendepunkt des Schicksals gab ihm sein Vater
hilfreich die Hand
    Mit Feldern verkehrte Mario ziemlich viel obgleich kein tieferes Interesse
Beide verband als Erinnerung an die lustigen Studentenjahre Feldern in
Vermögensumständen beschränkt mit trocknen Arbeiten überladen von gewöhnlichen
Fähigkeiten nur dem Wunsch nachgehend sobald wie möglich die Geliebte in das
bescheidne eigne Hüttchen zu führen  war ziem lich gleichgültig gegen
allgemeine Verhältnisse sobald sie nicht auf irgend eine Weise ihn berührten
Er tat das Nächste das ihm Vorliegende pünktlich und treu aber nur weil es
eben sein Geschäft war und ohne Faden daraus zu ziehen die er zu eigenen We
bereien hätte verbrauchen können Von Marios rast losem Vorwärtsstreben von
dessen glühender Teilnahme an jeder Erscheinung der Zeit von dessen regem
Ehrgeiz durch selbstständiges Handeln und Wirken mehr zu sein als eine Null
welche die Zeit in ihrem großen Rechenexempel gebraucht um die Zahl voll zu
machen  hatte Feldern keine Vorstellung »Minister werd ich doch nicht« sagte
er einst zu Mario als dieser ihn gefragt warum er nicht eine Stelle annehme
die man ihm zwar mit überhäufter Arbeit und ohne pecuniäre Verbesserung aber
in einem höheren Kollegium vorgeschlagen
    »Wie kannst Du so genügsam sein« rief Mario ungeduldig »warum Du nicht so
gut Minister wie ein Anderer Als man den nachmaligen Papst Johann XXIII
fragte weshalb er nach Rom gehe antwortete er um Papst zu werden und wurde
es Man muss nur Hand anlegen und vor allen Dingen die Zuversicht haben dass in
der Sphäre die wir durchwandern das Höchste uns erreichbar sei«
    »Aber ich bin genügsam das liegt in meinem Charakter ein kleines Glück
nur recht rund nur recht ruhig das befriedigt mich Ein großes würde mich
betäuben verwirren trunken machen und in dem Rausch würde ich es nicht
festhalten können Und dann der Neid und dann die Scheelsucht und dann die
feindlichen Blicke und Worte die den Glücklichen treffen Basiliskenaugen bei
Katzenbuckeln und dann die Launen der Gönner welche immer sultansmässig mit den
Lieblingen verfahren  die Glücksgöttin selbst nicht ausgenommen  und dann die
innern Anfechtungen « 
    »Bester Feldern nimms nicht übel Du sprichst wie ein zaghaftes
Frauenzimmer Ist denn die ganze große reiche prächtige Welt nicht für uns
Alle da und nicht bloß als ein Tafelaufsatz von Glas und Porzellan den wir
die Hände unterm Tischtuch bewundern  sondern als eine Arena olympischer
Spiele wo es zwar Staub gibt Getöse und Geschrei Pferdegestampf und
Wagengedränge  aber Triumph am Ziel«
    »Und was wird uns für den mühsam errungenen Triumph«
    »Ein grüner Kranz«
    »Nun wahrlich Freund Du bist genügsam ich erwartete doch wenigstens mit
einem goldnen Diadem oder einer Rosenkrone Dich geschmückt zu sehen aber ein
schlichter grüner Kranz « 
    »Ja ein schlichter grüner Kranz« rief Mario und seine Augen flammten von
tiefem Feuer »Gold und Purpur und Blumenkränze wären ja Lohn und wer mag
denn dafür belohnt werden dass er sein Ziel erreicht hat das Bewusstsein will
er und der schlichte grüne Kranz ist ein Symbol des Bewusstseins«
    »Und das genügt Dir wirklich vollkommen nach keinem andern Glück verlangst
Du kein heiterer Genuss des Errungenen würde Dich freuen«
    »O« sprach Mario lachend »was das Verlangen betrifft so verlange ich ein
ganz foudroyantes Glück  wenigstens sonst aber nichts nichts Halbes nichts
Mittelmässiges nichts Teilbares sondern eben  Alles Und wie es dann mit dem
Genuss beschaffen sein mag  das mögen die Götter wissen die allein solch Glück
verleihen können Bis jetzt war streben mein Leben und der Genuss des Erstrebten
war ein kurzer rosenrot verträumter Schlaf aus dem ich noch immer erwacht
bin begierig nach fernerem Leben«
    »Und bist Du glücklich mit diesen Gesinnungen ich meine abgeschlossen in
Dir sicher ruhig befriedigt«
    »Glücklich nenne ich nur den welcher Spielraum findet all seine Kräfte zu
entwickeln und dadurch sein Wesen zu höchstmöglicher Vollendung zu bringen
Selten wird es dem Menschen so gut dass alle seine Knospenanlagen Blüten  noch
seltener dass sie Früchte werden  es kommen zu viel Stürme Wenn Du nur fertige
Menschen glücklich nennst so bin ich nicht glücklich und werde es dann auch
vielleicht nie werden Mir scheint wer in der Jugend abgeschlossen ist im
Alter verdorrt oft vor dem Alter  ein versteinter bemooster Säulenheiliger
Ich mag keiner sein Ich will auf der Erde stehen und mit allen Sinnen ihrer
Lieblichkeit mich freuen«
    »Und Du denkst ernstaft daran Dich zu verheiraten«
    »Zuweilen  für die Zukunft Ich denke es muss angenehmer sein eine Sonne
zu werden um welche ein ganzes Planetensystem sich bewegt als ein Planet zu
bleiben der die Familiensonne umkreist Der Fixstern gefällt mir zwar am Besten
durch seine grandiose Unabhängigkeit aber die unruhige bewegliche Seele
verträgt sich nicht mit der FixsternNatur«
    »Doch gehört sie einigermaßen zur Ehe«
    »Ich meine die Ehe gibt sie«
    »Wenn man die Fähigkeit dafür mitbringt«
    »Diese zu entwickeln werd ich meiner künftigen Frau überlassen Aber wann
werd ich die Bekanntschaft Deiner Braut machen«
    »Willst Du morgen mit mir hinaus«
    »Gern«
    Sie ritten am andern Tage das heitre Elbufer gen Meissen hinab Der Landsitz
von Fräulein Cunigundens Eltern lag auf halbem Wege dorthin Mario forderte
seinen Freund auf ihm eine Beschreibung der Geliebten zu machen«
    »Sie würde parteiisch ausfallen« entgegnete Feldern »Cunigunde ist nicht
eigentlich schön wenigstens glaub ich dass ihre Schwestern schöner sind «

    »Diable sie hat Schwestern warum sagtest Du mir das nicht früher Du musst
wissen ich hüte mich sehr in ein Haus eingeführt zu werden wo unverheiratete
Töchter sind Man steht oft mit dem linken Fuß noch auf der Schwelle und soll
schon mit dem rechten vor den Altar treten«
    »Cunigundens Schwestern sind allerliebst«
    »Und sie selbst«
    »Allerliebst wäre keine Bezeichnung für sie«
    Es wird eine hässliche verständige grundgute Person sein  dachte Mario
und wandte das Gespräch Bald war das Ziel erreicht Durch ein Gittertor an
dem zwei prächtige Linden Wache hielten ritten sie in einen zierlichen
gartenmässigen Hof vor das nette Landhaus unter dessen um einige Stufen
erhöhten Vorhalle Damen arbeitend saßen Feldern ward freundlich empfangen und
stellte der Frau von Stein und ihren beiden jüngsten Töchtern Graf Mengen vor
Dann fragte er nach Cunigunden Sie war mit dem Vater in den Weinberg gestiegen
um zu sehen ob die Trauben noch nicht reifen wollten  was seine einzige aber
ihm durchaus genügende Beschäftigung war Eben als Feldern sie aufsuchen wollte
kam sie mit dem Vater zurück Mario stand versteinert bei ihrer Erscheinung Ist
Feldern toll geworden dachte er oder will er mich necken diese Person soll
nicht schön sein nicht einmal so schön wie die beiden kleinen albernen
Schwestern er ist blind  er ist rasend   Feldern näherte sich äußerst
zärtlich der Braut aber  war es die Gegenwart des Fremden oder lag es
überhaupt in ihrer Weise  sie empfing ihn kühl Sie machte eine so graziös
ausweichende Bewegung dass es ihm nicht möglich war sie zu umarmen und als sie
Hand in Hand neben ihm stand da sah sie ihn zwar recht freundlich an aber o
weh sie sah auf ihn herab sie war größer als er  vielleicht nur einen halben
Zoll jedoch größer  Nun das wird nimmermehr gehen dachte Mario
    Frau von Stein sprach gescheut und das ist immer angenehm Herr von Stein
nur wenn er gefragt wurde und das ist bei bornirten Leuten auch angenehm
Cunigunde fast gar nicht ihre Schwestern plapperten so viel wie möglich Die
Konversation stockte nie Dennoch ward es Mengen nicht behaglich und er
verstand es doch sonst so gut in jedem Kreise heimisch zu werden Eine
verstimmte Saite verdirbt das ganze Konzert für ein feines Ohr Cunigunde war
diese verstimmte Saite Ihre Befangenheit ihre Zerstreutheit wirkte ansteckend
auf ihn den einzigen Unbefangenen des Zirkels Die Übrigen mussten wohl daran
gewöhnt sein Aber wie konnte der Verlobte es sein Wenn das Mädchen meine Braut
und immer so zerstreut bei mir wäre dachte Mario so würd ich um alle Schätze
der Welt nicht sie heiraten Wäre er so verliebt wie Feldern gewesen er würde
sie doch geheiratet haben
    Cunigunde trug einen großen runden Strohhut dessen breiter Rand Gesicht
Schultern und Nacken fast ganz verschattete Feldern bat sie den Hut
abzunehmen
    »Die Sonne« sagte sie ablehnend Da aber die Vorhalle gegen Osten lag so
fiel kein Sonnenstrahl hinein und sie setzte hinzu »Die Mücken«
    »Wie unfreundlich« sagte Frau von Stein halblaut
    Cunigunde nahm schweigend ihren Hut ab Sie hatte wunderschönes
dunkelbraunes Haar das sich in schweren Zöpfen um ihre Schläfen legte und sich
dann im Nacken zu einem griechischen Knoten verband Feldern nahm eine Weinrebe
die ihren Hut wie ein Kranz umschlang und drückte sie auf ihr Haar Sie sah aus
wie Ariadne  aber ohne Verzweiflung über den treulosen Teseus und ohne
Triumph über die Liebe des Bacchus Sie freute sich nicht darüber dass der
Bräutigam sie reizend fand sie duldete es und nur es dulden heißt es
erdulden Heisses Rot überflog momentan ihr feines edles Antlitz und sie warf
einen dunkeln melancholischen Blick auf Feldern Später als sie und ihr Schmuck
unbemerkt waren machte sie eine rasche Wendung des Kopfs wodurch die locker
hängende Rebe herab fiel Feldern konnte sich keines Lächelns keiner
Aufmerksamkeit von ihrer Seite erfreuen aber Mengen konnte es noch weniger
Nicht nur dass sie nicht sprach  sie sah auch Niemand an Manche Menschen
brauchen gar nicht zu reden nur zu blicken und man wähnt eine tiefsinnige
Musik zu hören ein Gemälde des innersten Wesens sich aufrollen zu sehen 
solche Magie hat das Auge Menschen die reden ohne aufzublicken müssen ein
hinreissendes Organ oder einen außerordentlichen geistigen Reichtum haben wenn
ihre Rede jenen Eindruck machen soll Ein unsichtbar Sprechender überzeugt nur
halb und reißt nie hin Das Antlitz ist wahrer als die Worte Worte lügen so
oft eine Miene ein Lächeln ein Zucken der Augenwimper oder der Lippe sagen
oft das Gegenteil von dem was das Wort sagt und offenbaren dadurch die
eigentliche Meinung Das Wort ist ein kluger berechneter feiner Zögling des
Geistes aber der Ausdruck der Bewegung das Mienenspiel ist ein Kind der
Seele und die Seele durchschimmert es wie der Körper ein Musselinkleid
durchschimmert Cunigunde mochte die Absicht haben ihre Seele zu verhüllen
dies Spiel gelingt zuweilen denen gegenüber welchen daran liegt dass es
gelinge wer aber nicht dabei beteiligt ist erkennt das Spiel Sie sah Niemand
an  man hätte glauben dürfen dass sie in sich selbst versunken sei allein sie
hob doch bisweilen ihr Auge und dann war es leicht zu erkennen dass sie in die
Zukunft versunken war solch ein heißer Durst lag in diesem Auge Aber nicht
nach Liebe nicht nach Glück nichts Sehnsuchtsvolles nichts Träumerisches Ein
Schiffer der das Land erreichen möchte und den die Brandung nicht landen lässt
mag diesen Ausdruck haben
    Es wurde Musik gemacht und mit gutem Geschmack solche welche sich für einen
häuslichen Kreis schickt Cunigundens Schwestern sangen zweistimmig mit jungen
frischen Stimmen heitre und launige Volkslieder und neckten Cunigunde mit ihrer
Abneigung gegen mehrstimmigen Gesang Sie sei so einsiedlerisch sagte die Eine
und die Andere sie möge nicht Takt halten mit einem Zweiten
    »Ich kann es nicht« sagte Cunigunde »ich würd es ja gern tun«
    »Nun so singen Sie allein«  bat Feldern und sie sang mit einer schönen
aber eiskalten Stimme und ohne Leben im Vortrag so viel und was er wünschte
Beim Abschied entließ sie ihn gerade so wie sie ihn empfangen hatte Kein
inniger Blick geschweige ein inniges Wort war zwischen ihnen gewechselt
    Kaum saßen die Freunde zu Pferde als Mario ausbrach
    »Du hattest ganz Recht allerliebst ist keine Bezeichnung für Deine Braut
sie ist ja wirklich bildschön ohne alle figürliche Redensart ich meine schön
wie ein Bild«
    »Ich glaubte die Schwestern würden Dir besser gefallen«
    »Bester ich verbitte mir diese Beleidigung meines Geschmacks Zwei weiße
schnatternde Gänschen und ein Schwan Wann wirst Du Dich verheiraten«
    »Im November denk ich«
    »Das ist ein Monat in welchem ich regelmäßig das Leben im Norden
verwünsche Du tust sehr Recht ihn Dir zum Rosenmonat umzuwandeln  Aber sie
ist äußerst schweigsam  Deine Braut«
    »Ihre Art so«
    »Gott was sind die Frauen schön wenn sie schön sind«
    »Du bist ja ganz in Extase«  sagte Feldern misstrauisch
    »Wie kann Dich das befremden Dich der Du vier Jahr lang unter ihrem Zauber
stehst und sogar die Qual der langen Sehnsucht ertragen kannst«
    »Was mir gewiss ist nur in die Ferne geschoben macht mir keine Qual«
    »Und wartest Du nicht erzeugt Erwartung nicht Ungeduld und nennst Du
Ungeduld nicht Qual O lass das nicht Fräulein Cunigunde hören sie würde nicht
mit Deiner stoischen Kälte zufrieden sein«
    »Jeder muss am Besten wissen wie er mit der Geliebten umzugehen hat«  sagte
Feldern übellaunig
    Er sollte es wenigstens  schwebte schon auf Marios Lippen aber er hielt
die kränkende Bemerkung zurück und sagte »Schade dass die Eisenbahn noch nicht
fertig  Du würdest dann manche schöne Stunde mehr genießen können Es ist doch
hübsch dass die Liebe auf die von den administrativen und industriellen Köpfen
keine andere Rücksicht genommen wird als die welche die Propagation des
Menschengeschlechts betrifft auch von Dampfmaschinen und Eisenbahnen ihren
Vorteil zieht Es gibt keine Pyrenäen mehr sagte Ludwig XIV
grosssprecherisch und log obenein bis auf diese Stunde wo die Pyrenäen sich
dadurch sehr bemerklich machen dass sie Frankreichs Influenza nur teilweise
nach Spanien hineinschlüpfen lassen Aber wir können mit voller Wahrheit sagen
für Liebende gibt es keine Trennung mehr In vier Wochen bin ich mit dem
Dampfschiff vom Rhein ausgehend auf der andern Hemisphäre Wie Untreue und
Pflichtvergessenheit vorfallen sollten ist gar nicht zu begreifen denn in
jedem Moment muss man gewärtig sein von einem lieben Besuch überrascht zu
werden und wenn man seiner Liebsten nur keine Zeit lässt zum Vergessen so wird
man es auch nicht Es ist bewundernswürdig welchen guten Einfluss die
Dampfmaschinen auf die Moralität haben Und dann wagen verstockte Finsterlinge
zu behaupten deren Verfall und der Fortschritt der Industrie gehen Hand in
Hand«
    Feldern antwortete einsylbig Er forderte nie mehr in Zukunft Mario auf ihn
zu seiner Braut zu begleiten und da er es nicht tat so sprach auch Mario den
Wunsch nicht aus Wirklich interessierte ihn Cunigunde nicht genug um ihn zu
veranlassen Felderns Eifersucht zu reizen Und Feldern war allerdings
eifersüchtig nicht auf einen bestimmten Gegenstand sondern im Allgemeinen
weil er trotz des vierjährigen Brautstandes so unbekannt in dem Herzen seiner
Braut war wie die Alten im Ozean Manche beschränkte und selbstzufriedene Leute
macht solche Unbekanntschaft erst recht ruhig Sie denken da existiert nichts
weiter als was sie sehen und verstehen Andre aber die weniger beschränkt und
selbstzufrieden sind macht es unruhig weil sie fühlen dass ihr Auge und ihr
Verstand nicht ausreicht dass da viel vorgehen mag was sie nicht ergründen
können und dass es doch eigentlich eine große Demütigung ist ein geliebtes
Wesen nicht zu verstehen Das gibt der Liebe ihre Göttlichkeit dass sie wie
Gott das Verständnis der Seelen hat Der Verstand zweifelt die Forschung
grübelt die Vernunft prüft  die Liebe weiß Aber das ängstigende lose
unzusammenhängende verliebte Wesen das die Leute Liebe nennen kann freilich
nicht viel wissen Das rät so herum auf gut Glück auf Geratewohl irret
trifft trifft aber nie den Mittelpunkt des Seins nie den Moment wo die Knospe
der Aloe aufspringt welche alle hundert Jahr nur Einmal blüht Ist ein
Märchen ist eine Fabel sprechen die Klugen die Naturforscher wissen nichts
von solcher Aloe  Aber die Dichter wissen von ihr meine Herren und Damen wer
hat nun Recht Die Dichter sind ein uraltes mystisches Volk das ganz andre
Dinge geschaffen hat als eine Aloe die nur alle hundert Jahre Einmal blüht
Bei den chaldäischen Schäfern ists in die Schule gegangen und die Priester von
Memphis und von Dodona sind seine Zöglinge gewesen Schlagt nach den Homer die
Götter hat er geschaffen Was wüsste man denn von dem ganzen Olymp wenn der alte
Homer ihn nicht so genau beschrieben Schlagt nach den Moses Die ganze Welt hat
er geschaffen Die weisesten Hypotesen späterer Jahrhunderte taugen nur dann
etwas wenn sie mit seiner übermenschlichen und doch so ganz menschlichen Poesie
übereinstimmen Was die Geschichts und Naturforscher auch entdeckt haben mögen
 Homer und Moses sind noch nie dabei zu kurz gekommen Verlasst euch auf die
Dichter meine lieben Menschen selbst wenn sie euch von der fabelhaften Aloe
erzählen die nur alle hundert Jahr Einmal blüht In der dürren heißen Wüste
des Lebens wo die Bäche versiegt sind und die Bäume versandet wo kein Lüftchen
weht und kein Vogel singt unter dem brennenden Aequator des Herzens  da steht
sie doch und blüht allen Naturforschern zum Trotz  aber freilich  nur alle
hundert Jahr Einmal Wer kann aber wissen ob die hundert Jahr nicht gerade um
sind wenn er vor sie hin tritt
    Wenn Jemand mein Büchlein ungeduldig fortwirft so kann ich es ihm kaum
verargen Er hat sich darauf präparirt eine kleine Geschichte zu lesen und ich
erzähle ihm Märchen Er verlangt dass ich ihn  nicht dass ich mich selbst
amüsire Es ist recht schwer Autor und Leserkopf unter einen Hut zu bringen
    Die Zeit vergeht mit derselben Schnelligkeit wenn man in beständigem
Wechsel und in ruhigster Einförmigkeit lebt Wieder ein Tag vorbei spricht der
welcher zwölf Stunden friedlich bei seiner Arbeit verbracht hat und der
welcher die Sehenswürdigkeiten eines fremden Ortes wie ein Irrwisch durchrannt
ist Dann gehen Beide zu Bett der Ruhige dankt Gott für seinen Frieden und
bittet ihn um ein wenig amüsante Abwechselung der Unruhige dankt ihm für seine
amüsanten Drangsale und bittet ihn um ein wenig Erholung Zuweilen denkt auch
Keiner an Dank und Bitte und dieser streckt nur ermüdet seine Füße aus und
Jener eben so ermüdet seine Arme Es ist erstaunlich wie im Grunde die
Menschenschicksale sich gleichen
    »Wieder ein Sommer dahin« sagte Faustine als sie mit Andlau Ende Oktober
bei kurzen Tagen und nebeligem Wetter in Mainz auf der Heimkehr begriffen
eintraf »Wie soll ich es prästiren die ganze Welt zu sehen bald reicht das
Geld nicht aus bald die Zeit nicht heut wollen die Verhältnisse es nicht
dulden und morgen gibts Umstände die es unmöglich machen Am liebsten
schnürte ich mein Bündelchen zöge Männerkleider an und streifte umher Es
sieht nur etwas vagabondenmässig aus ich könnte in keinen Salon gelangen und
eine Gräfin Obernau der die Salons verschlossen sind ist eine verlorne Person
Dafür zu gelten kann ich mich nicht entschließen und so muss ich mir denn den
Hauptspass des Lebens versagen«
    »Du bist im Mittelpunkt Deines Wesens so fest Ini wie können die Radien
welche davon auslaufen in solcher ewig zitternden Bewegung sein Wäre meine
Seele nicht der Deinen gewiss so würdest Du mir große Sorge machen«
    »Ist unnütz« sagte sie »mein Herz ist fest darauf kannst Du Felsen bauen
Gibt es etwas Zuverlässigeres in der Natur als die Magnetnadel nun sie
zittert immer hin und her und weist doch unverrückt gen Norden Nur in der
Polnähe weicht sie ab Dahin komme ich aber nicht Ich bleibe im Tropenklima
Wollen wir nicht in den Dom gehen Es regnet nur ein ganz klein Bischen«
    »Du bist eine unermüdliche Kirchengängerin wir haben gewiss über hundert
Kirchen in diesen drei Monaten besehen und wie wenige darunter gefunden die in
reiner Vollkommenheit den Gedanken des Baumeisters auf die Nachwelt gebracht
Zerstört geflickt überpinselt ausgebaut angebaut ruinirt durch barbarische
Vernachlässigung und barbarische Geschmacklosigkeit standen sie da wie
wunderschöne Menschen mit Kröpfen am Halse und Warzen auf der Nase«
    »Leider wahr aber mein Auge ist ein geschickter Operateur und trennt die
Auswüchse vom Körper Und dann ist diese Stadt mit ihrem Dom noch eine von den
alten entstandenen keine moderne gemachte die plötzlich aufschiesst weil der
Monarch eine hübsche Avenue zu seinem Schloss haben will oder weil die Leute
reich werden wollen und darum Häuser auf Actien bauen Wie ich sie hasse diese
characterlosen flachen öden Häuser mit ihren hundert tausend blanken Fenstern
Kann da Häuslichkeit drin gedeihen kann da Treue drin wohnen Wenn ein Wagen
vorbeifährt zittern Tür und Fenster wenn der Wind weht bebt das ganze feige
Ding als bäte es ihn untertänigst um Verzeihung dass es wagt noch auf den
Füßen zu stehen O ihr lieben stillen alten Häuser die ihr bescheiden mit der
schmalsten Seite auf der Gasse steht um eure Nachbarn nicht zu beeinträchtigen
um euch nicht in die Breite zu verflachen wie gut bin ich euch hinter euren
starken Mauern und sparsamen aber weiten Fenstern in eurer verschwiegenen
Tiefe in euren traulichen geräumigen gewölbten Zimmern da ists doch noch
möglich Gedanken zu haben welche sich auf Häuslichkeit beziehen Wär ich ein
Mann so holte ich mir nur aus solchem Hause eine Frau Mädchen in einem
modernen Hause erzogen sind es für fremde Augen alle Welt guckt da hinein und
fragt neugierig was tust du was treibst du Die Sonne scheint in all die
Fenster wie in einen Glaskasten hinein wo die Blumen vor der Zeit blühen
müssen und für die Mädchen ist Schatten gut stiller kühler grüner Schatten 
da bleiben sie frisch frisch von Wangen frisch von Seele Es existieren aber
gar keine Mirakelmädchen mit frischen apfelblütnen Wangen mehr sie müssen so
viel lernen so viel schöne Künste treiben  das fatiguirt und glaub mir es
hängt Alles mit den modernen Häusern zusammen Wär ich ein Mann ich
schlenderte durch die altertümlichen Gassen und schaute rechts und schaute
links Da auf einmal in jenem dunkeln Hause wo über der gewölbten Tür drei
Eicheln ausgehauen sind im Erdgeschoss am offenen Fenster das mit Gitterstäben
geschützt ist die aber so weit geschweift sind dass die Katze in dem Ausbug
Raum hat und der große Blumentopf aus welchem sich die Kapuzinerkresse
emporrankt  verstehst Du lustige Kapuzinerkresse kein sentimentaler Epheu 
da sitzt ein herziges Mädchen und arbeitet fleißig Sie arbeitet nicht hastig
nicht gebückt wie eine Magd wie ums liebe Brot  sondern aus anmutiger
Gewohnheit an Beschäftigung Gute Gedanken steigen mit der Nadel hinauf und
herab vom Kopf zum Herzchen und die schelmischen Lippen summen ein Lied Das
Haar hängt ihr leicht und lose wie Gott will an den Wangen herab die Augen 
wenn sie sie aufschlägt  blicken ernst und verweisen gleichsam dem Munde seinen
Mutwillen  das Mädchen müsste meine Liebste werden Alle Tage ginge ich zweimal
vorüber einmal am Morgen einmal am Abend grüßen täte ich nicht das wäre
befremdlich aber ohne Gruß würden wir nach und nach ganz bekannt Dann legte
ich mir einmal Morgens den Zwang auf nicht vorbeizugehn damit Abends ihre
Augen fragten aber wo warst du denn heute früh  O Anastas komm wir wollen
das Haus suchen und das Mädchen Heiraten kann ich es zwar nicht « 
    »Aber ich kann es«  sagte Andlau neckend
    »Eben so wenig« rief Faustine und warf mutwillig und stolz den schönen
Kopf zurück als brauche sie sich nicht einmal die Mühe zu geben ihn anzusehen
um ihn zu fesseln
    »Und welchen Ersatz willst Du denn dem armen Mädchen dafür bieten dass es
nicht geheiratet wird«
    »Ich will es malen«
    »Brav das wird ein hübsches Bildchen werden« sagte Andlau und machte
trotz Nebel und Wind einen Spaziergang mit ihr Er freute sich ihres schönen
Talents  nicht bloß weil es ihm Wonne war sie zu bewundern  sondern weil er es
betrachtete als einen Kanal in welchen der übervolle Strom ihres Wesens
wohltätig ohne die Ufer zu zerstören sich ergoss Ihren Phantasien lieh er
immer Gehör Ihren Gedankensprüngen setzte oft sein Urteil seine Meinung
Schranken niemals seine Laune Darum war Faustine außerordentlich durch seinen
Umgang verwöhnt sie fand jeden andern langweilig und steril wo sie nicht
dieser Teilnahme dieser Ermunterung diesem Verständnis begegnete Er hatte
sie daran gewöhnt sich rücksichtlos absichtlos in unbefangener keuscher
Freiheit vor ihm zu offenbaren darum wurde es ihr schwer in die
zurückhaltenden abwehrenden Formen der Gesellschaft sich zu fügen und sie tat
es auch nur innerhalb selbstgewählter Grenzen die angeborner Takt und kein
Herkommen ihr bestimmten aber eben deshalb fühlte sie sich nur bei Andlau
glücklich »Mon aller nest pas naturel sil nest à pleines voiles sprech
ich mit Montaigne  sagte sie  wenn ich in der kleinen Nussschale
oberflächlicher Gespräche und nichtsbedeutenden Verkehrs balanciren muss so legt
sich dieses Unbehagen gleich einer eisernen Schlafmütze auf meine Stirn und
lieber rede ich in dreimal vierundzwanzig Stunden keine Sylbe als in einer
Stunde unaufhörlich von den Fliegen die brummen und den Mücken die stechen«
Andlaus Liebe war ihr die Frühlingsluft in welcher sie wie die Lerche ihre
Flügel ausbreitete sich hob und steigend und singend hängen blieb
    In Frankfurt fand Andlau einen Brief vor der ihm den Tod seiner Mutter
meldete und den Wunsch seiner beiden Brüder ihn bei der Regulirung der
Geschäfte zu sehen »Sie brauchen mich« sagte Andlau »sie wollen einen Zeugen
haben dass Keiner von ihnen mit dem Pistol in der Hand dem Andern einen Napoleon
mehr als ihm zukommt abgefordert hat«
    »Du willst in den Elsass« fragte Faustine ungläubig »willst mich verlassen
Anastas tu es nicht Ich in Dresden Du jenseit des Rheins  das liegt zu
weit auseinander« Sie schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an
ihn ängstlich und fest wie ein junger Vogel unter den Flügel der Mutter Sie
hatte die großen diamantenen Augen einer Gazelle und mit diesen Augen sah sie
ihn so zärtlich und traurig an dass er sie mit seinen Küssen schloss denn er
fühlte wie sein Herz an diesen Strahlen zerschmolz
    »Ich kann meinen Brüdern nützlich sein« sagte er »vielleicht dazu
beitragen dass Alles in Liebe und Güte abgetan wird Meine Mutter mag ihren
Liebling meinen jüngsten Bruder bevorzugt haben und ich fürchte sehr Aloys
wird es sich nicht wollen gefallen lassen Jeder handelt für seine Familie
jeder behauptet das Recht seiner unmündigen Kinder vertreten zu müssen« 
    »Himmel« unterbrach ihn Faustine »wie hasse ich all diese Verhältnisse
welche unter der Firma Familie den Menschen in gefühlempörende Zustände
bringen Kaum hat ein Wesen die Augen zugetan welches für uns das Ehrwürdigste
unter der Sonne war so stürzen wir heisshungrig über den Nachlass her und zanken
uns im Angesichte der geliebten Leiche um die klägliche Erbschaft Alle Andacht
und Trauer geht unter in Berechnungen und Auseinandersetzungen Und dann heißt
es meinetwegen führe ich nicht diesen Prozess und werfe ich nicht dies Testament
um aber meine Kinder  Muss man denn seiner Kinder wegen Scandal treiben so
gehe man doch lieber auf die Landstraße und plündere den ersten besten
englischen Reisewagen aus als mit dem Bruder um drei Batzen zu hadern«
    »Liebe Ini ich will ja versuchen ob ich meine Brüder daran verhindern
kann«
    »Ja das schmerzt mich eben Anastas Wenn sie Dich ruhig an das Grab Deiner
Mutter treten ließ wenn Ihr Euch an diesem Grabe freundlich und ernst die
Hände drücken wolltet so spräche ich zuerst gehe hin  aber um zu verhindern
dass sie sich bei dieser unglückseligen Erbschaft todtschlagen oder bestehlen
dazu bist Du viel zu gut dazu ist die Polizei da ich meine die Juristen die
Grenzwächter auf dem Mein und DeinGebiete die Flurschützen welche aufpassen
dass keiner eine Traube vom Weinberg nasche  aber sie selbst dürfen naschen für
ihre Mühe«
    Doch was Faustine auch vorbringen mochte Andlau blieb bei seinem Entschluss
    »Einige Wochen vergehen schnell das hast Du ja im Lauf des Sommers
erfahren« sprach er »und welche Freude wenn wir uns nach der Trennung
wiederhaben«
    »Weil ich es bereits erfahren habe« entgegnete Faustine weinend »so bin
ich ja mit dieser Erfahrung gleichsam abgefunden ich brauche sie nicht mehr
Und wie kannst Du wissen ob nach einigen Wochen Alles abgetan sein wird Nimm
mich wenigstens mit als Dein Page verkleidet etwa«
    »Ich werde Dich erst nach Dresden bringen« sagte Andlau ohne den letzten
Vorschlag sonderlich zu beachten »und dann zurückreisen«
    »Du bist ein eiskalter Mensch« rief sie und warf unwillig seine Hand aus
der ihrigen
    »Das kann wohl sein« entgegnete er sanft
    »Und ich sehe durchaus nicht ein warum ich Dich liebe«
    »Das hab ich nie eingesehen und es Dir auch oftmals gesagt«
    »Aber da ich Dich nun einmal liebe  rief sie wieder mit süßer
schmeichlerischer Stimme  so schmerzt mich tötlich die lange dumpfe Trennung
Dich nicht«
    »Faustine Du kennst mich Du weißt dass mein Leben in Dir ist dass Du nicht
bloß mein Glück nicht bloß meine Liebe nein mein Glaube und meine Hoffnung
bist dass Deine Kristallseele mich gleichgültig gemacht hat gegen alle
staubigen buntgefärbten flitterhaften Erscheinungen dass neben Dir nichts
unter Dir eine Welt steht dass ich von der Ewigkeit nichts wünsche als Dich
weil ich in der Ewigkeit nur Dich den schönsten Gottesgedanken sehe  das
weißt Du und fragst als ob Du nichts wüsstest Mache mir nicht das Herz schwer
und glaube nur ich vermisse Dich durch die Trennung weit mehr als Du mich Du
setzest Dich an Deine Staffelei und malst und erschaffst und vergisst bei Deinen
Schöpfungen alle Schmerzen vielleicht alles Glück Die Phantasie pflanzt
goldene Stäbe rings um Dich her und Deine Trauer rankt sich an ihnen empor und
Du stehst schnell in einer duftenden blühenden Laube die Du selbst gezogen
hast Der Mensch deutet die Dinge wie er sie versteht nach seinen Fähigkeiten
Du bist so reich dass Dir die Welt ein Golkonda ist Ein vorübergehendes Leid
wird für Dich ein Brunnen tiefer Freuden werden  das solltest Du doch wissen«
    »Ja« sagte sie »ich mag aber doch kein Leid mag nicht aus dem tiefen
Brunnen mühsam das helle reine Freudenwasser emporziehen Ich tue es nur wenn
ich eben muss weil ich meine es sei doch besser als die Arme schlaff
herabhängen zu lassen aber lieb hab ich solche Arbeit nicht«
    »Hernach Engel ruhst Du doppelt süß bei mir«
    »Aber einstweilen trägt mich Niemand auf Händen muss ich ganz allein auf
der harten Erde stehen « 
    »Wünschest Du einen Stellvertreten«
    »Nein«
    »Sonst könntest Du ja Klemens Walldorf kommen lassen« sagte Andlau
lächelnd »der nach Allem was Du mir von ihm erzählt hast überglücklich sein
würde Dich auf Händen tragen zu dürfen«
    »O ja« erwiderte Faustine gelassen »das glaub ich recht gern ich habe
nur nicht die heilige Zuversicht dass wir nicht Beide der Sache überdrüssig
werden könnten Ich würde fürchten er ließe mich fallen oder ich spränge
herunter«
    »Aber bei mir hast Du es nie gefürchtet«
    »Nie« sagte sie sorglos
    Ein solches »nie«  ist die größte Ehre welche eine Frau einem Manne
erzeigen kann
    Andlau hatte so oft schon Ähnliches von ihr gehört und gesehen dass er
nicht überrascht davon sein konnte allein hingerissen und bezaubert war er
immer von Neuem durch die anmutige Nachlässigkeit die gedankenlose Grazie mit
der sie stets das zu treffen wusste was sie instinktmässig als das Schönste
erkannte
    »So lange ich noch bei Dir bin will ich mein schönes Vorrecht nicht bloß
figürlich gebrauchen«  sagte er hob Faustine empor und hielt sie in beiden
Armen an seine Brust gedrückt  »Sonnenstrahl Rosenduft meine Ini bist Du
für mich Weib geworden wirst Du mir nicht verschweben in den beweglichen
unfassbaren Elementen woraus Du durch ein Wunder geschaffen bist wie die Venus
aus dem Schaum des Meeres oder hast du selbst das Wunder getan und wie eine
Fee Dich sichtbar in der Welt gemacht«
    Faustine lag graziös auf seinen Armen ihr Haar hing aufgelöst herab ihre
Augen waren halb geschlossen nach ihrer Art Wenn es nichts zu sehen gab
sparte sie sich gern die Mühe sie zu öffnen und blickte nach innen Sie sprach
    »Rede nur weiter es klingt gar lieblich ich freue mich wenn Du einmal mit
meinen Worten sprichst und aus Deiner kühlen Weise heraustrittst«
    »Aber ich verweichliche Dich zu sehr« sagte er wie sich besinnend und
stellte sie auf den Fußboden zurück und küsste ihr lockiges Haar als sei es der
Schleier einer Heiligen Er trieb Abgötterei mit seinem lieblichen Idol
    Seiner Absicht treu um ihr die Langweiligkeit der einsamen herbstlich
trüben Fahrt zu sparen brachte er sie nach Dresden und Faustine die wenn sie
glücklich war wohl in die Ewigkeit hinüber sah jedoch nicht über das irdische
Heute hinweg  dachte nicht daran dass am erreichten Ziel der Abschied ihr
bevorstehe und war während der Reise so liebenswürdig dass Andlau selbst zu
glauben anfing er bringe den Wünschen seiner Brüder ein unermessliches Opfer
Manche Menschen werden immer liebenswürdiger je mehr Augen sich auf sie
richten nicht aus Eitelkeit sondern weil ihnen der allgemeine Beifall
Zuversicht gibt und sie anregt Andere sind am liebenswürdigsten einer einzigen
Person gegenüber wenn diese ihrer Eigentümlichkeit zusagt viel Augen viel
Fragen viel Einwürfe stören sie Es kommt dabei sehr auf die jedesmaligen Gaben
an sogar auf physische Wer witzig ist wer schlagende Antworten gibt wer
eine elegante Form des Ausdrucks ja gar ein wohltönendes Organ besitzt fühlt
sich behaglich in dem größeren Zirkel Wo Ernst und Sinnigkeit vorherrschen wo
die Rede nicht schimmert wo der Ton der Stimme leise ist da sind weniger
Zuhörer willkommen Faustine wie fast alle einsam dh ohne großen
Familienkreis lebenden Personen hatte eine leise Stimme Wo eine bedeutende
Schaar von Geschwistern ist mit denen man doch auf gleichem Fuß stehen  oder
von Kindern denen man befehlen muss  da wird die Stimme von selbst laut und
tönend sie soll gehört werden und bisweilen dominiren aus dem Hause bringt man
diese Gewohnheit in die Gesellschaft hinüber Wer allein lebt ohne Kinder ohne
Hauswesen nur mit einem oder zwei Menschen in vertrautem Umgang der ist nicht
im Stande in einem übervollen Salon zu sprechen es müsste denn sein dass Alles
schwiege wenn er redete Faustine hatte eine leise Stimme die immer leiser
wurde je inniger und eindringlicher sie sprach Es ward zuletzt wie ein Klingen
der Seele aber ganz verständlich so wie man die Aeolsharfe und das Murmeln des
Baches ganz genau versteht Daher sprach sie in der Gesellschaft nur mit ihren
Nachbarn rechts und links sie machte kein allgemeines Aufsehen aber der
jeweilige Nachbar war captivirt wenn sie sprach  was auch nicht immer
geschah Den Wecker an der Uhr stellt man auf eine bestimmte Stunde dann
schnurrt er sein Stückchen ab der Mensch ist keine Sprechmaschine die ihr
gegebenes Thema abhaspelt Von innen muss er angeregt werden nicht von außen
wenn er etwas Gescheutes hervorbringen soll In Faustinen war Alles vereinigt
um sie Andlau gegenüber am liebenswürdigsten zu machen ein Hauptgrund aber war
der dass er sie liebte Es ist die schwierigste Aufgabe für eine Frau auf die
Dauer und durch lange Jahre hindurch liebenswürdig wie keine Andre für den Mann
zu bleiben mit dem sie verbunden ist Die entnervende Gewohnheit weht über ihn
hin wie feuchte Luft über eine Harfe und die Saiten erschlaffen Ihre Liebe
reicht nicht aus Aber die Sache wird ihr sehr leicht gemacht sobald er sie
liebt und dies seltene Glück hatte Faustine
    Vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft in Dresden fuhr Andlau seiner
Heimat zu Beim Abschied sprach er zu Faustinen nachdem er alle Ausdrücke der
Liebe und Zärtlichkeit erschöpft hatte
    »Nun zum Schluss das Wichtigste Ini vergiss mich nicht«
    »Das ist ein abgebrauchter Scherz Anastas«
    »Kein Scherz Ini Du weißt ja noch gar nicht was Du Alles vergessen
kannst«
    »O Alles Herz Alles nur aber Dich nicht« sie umfasste ihn mit stürmischem
Schmerz und als er gegangen und die Tür hinter ihm zugefallen war da meinte
sie ihr Schutzgeist habe sie verlassen da sank sie auf die Knie und rief
    »Er ist fort er ist fort o mein Gott bleibe du nun bei mir«
    Sie fühlte sich unaussprechlich einsam obgleich ihre Freunde und Bekannten
sie sogleich aufsuchten sie einluden auf jede Weise suchten sie zu zerstreuen
    »Andlau ist fort ich langweile mich überall«  sagte sie ebenso aufrichtig
als unverbindlich zu Frau von Eilau mit der sie sehr liirt war
    »Eben darum werden Sie sich nicht mehr bei mir langweilen als hier in Ihrer
Einsamkeit« entgegnete diese liebreich »Sie werden ganz hypochonder zwischen
Ihren vier Wänden unter Menschen müssen Sie sich ein wenig Gewalt antun und
Selbstüberwindung ist für uns Alle eine gute Schule«
    »Meinen Sie nun so will ich heute Abend zu Ihnen kommen  wenn ich es über
mich gewinne Es werden doch nicht viel Leute bei Ihnen sein«
    »Das weiß ich nicht Da ich nie Jemand einlade können eben so gut zwanzig
Personen mich am Abend besuchen als zwei Aber seit wann sind Sie denn
menschenscheu« fügte sie lächelnd hinzu
    »Seit Andlau fort ist«  sagte Faustine melancholisch Sie hatte keinen
andern Gedanken
    Mitten im Salon der Frau von Eilau stand ein großer runder Tisch und
Fauteuils rings umher worauf die Damen saßen Tapisserie nähten plauderten
Die Herren schoben Stühle und Tabourets dazwischen  Worte weniger Rechts
daneben stand Frau von Eilaus Teetisch woran sie so saß dass sie zugleich das
Teegeschäft besorgen und an den Gesprächen des runden Tisches Teil nehmen
konnte Links war eine Schachpartie etablirt Dies Alles in der Mitte des
Zimmers damit jede einzelne Person zugänglich und uneingesperrt sei Hinten an
der Sophawand ward eine solide Bostonpartie gemacht und die Spielenden
bekümmerten sich nicht um das Vordertreffen Frau von Eilau sagte zu Feldern
    »Es ist über neun Uhr die Obernau kommt schwerlich mehr Gehen Sie doch
morgen früh gleich zu ihr und machen Sie ihr in meinem Namen ernste Vorwürfe«
    »Aber sie mag krank sein«  sagte Feldern
    »Keineswegs nur verdrießlich nur eigensinnig«
    »Auf jeden Fall gehe ich morgen früh zu ihr und hätte nicht so lange
gezögert wenn ich nicht diese letzten acht Tage draußen gewesen und erst vor
einigen Stunden heimgekehrt wäre«
    »Und wie geht es Cunigunden jetzt«
    »Besser sie erholt sich langsam«
    »Bleibt es bei dem festgesetzten Vermählungstage«
    »Ich darf es nicht hoffen kaum wünschen sie ist von einer ängstigenden
Nervenschwäche«
    »Das schöne kräftige Mädchen welch ein Jammer wie kann denn eine
armselige Erkältung solche Umwandlung bewerkstelligen«
    »Die Ärzte wissen keinen andern Grund als Erkältung bei der Weinlese«
    »Die SchröderDevrient verliert ganz ihre Stimme« hieß es am runden Tisch
»sie wurde auch eiskalt als Norma aufgenommen«
    »Schade um sie sie war eine pompöse Norma«
    »Diese Gleichgültigkeit wird ihr sehr wehe tun wer auf den Triumph des
Augenblicks angewiesen ist will in jedem Augenblick Triumphe«
    »Natürlich wie sollen diese Künstler denn wissen ob ihnen Auffassung und
Darstellung gelungen wenn das Publikum kein Zeichen des Beifalls gibt Die
Malibran von der man doch hätte glauben können dass sie zum Voraus des
tobendsten Beifalls gewiss sei hörte und sah nichts vor Befangenheit bis
jubelnder Applaus ihre erste Szene belohnt hatte Dann war sie sicher«
    »Gott welche traurige Existenz trotz eines weltberühmten Talents so
abhängig von der Laune des Publikums zu sein Jeder andre Künstler darf an die
Nachwelt appelliren der Schauspieler hat es nur mit seinen Zeitgenossen zu
tun Wer ihn nicht sah nicht hörte weiß nichts von ihm«
    Die Tür öffnete sich Faustine trat ein Frau von Eilau rief
    »Je später der Abend je schöner die Leute« ging ihr entgegen und umarmte
sie herzlich
    Faustine legte beide Hände auf ihre Schultern und sagte eben so herzlich
    »Liebe Sie sind eine so kluge Frau sprechen Sie doch bitte mit Ihren
eigenen Gedanken und nicht mit denen eines ganzen Volks  Bon soir wie gehts
charmirt Sie wiederzusehen«  wurde mit den Übrigen gewechselt
    Als Faustine eintrat schlug der Mann welcher ganz mit der Schachpartie und
mit einer schönen Gegnerin beschäftigt war die Augen auf und erkannte sie Es
war Graf Mengen Sie sieht aber doch aus wie eine schöne Statue dachte er den
ersten Eindruck festhaltend Faustine war wieder ganz weiß gekleidet und dann
stand sie so graziös Schön tanzen können manche Frauen schön gehen  wenige
schön stehen  die allerwenigsten Woran es liegt weiß ich nicht vielleicht an
der Ungewohnheit vielleicht an zu engen Schuhen vielleicht an einem Mangel an
Selbständigkeit Die meisten wackeln Ruhig zu stehen ist die Hauptsache beim
Stehen aber darum darf es doch nicht schwerfällig nicht bewegungslos nicht
plump nicht niet und nagelfest aussehen Es muss eine Ruhepause zwischen der
vergangenen und der kommenden Bewegung es muss verschwebend nicht wurzelfassend
im Erdboden sein Eine Frau die schön steht gleicht einer Königin um die
sich Dienerinnen  der Sonne um die sich Planeten bewegen So stand Faustine
Sie hatte sich spät und schwer entschlossen zu gehen da sie aber einmal in der
Gesellschaft war so war sie nach ihrer Art munter und triumphierend nur so
zeigte sie sich den Gleichgültigen Konnte sie das nicht über sich gewinnen so
blieb sie daheim
    Feldern sagte »Wie freu ich mich dass Sie wieder bei uns sind
anbetungswürdige Gräfin«
    »Grüß Sie Gott Herr von Feldern« antwortete Faustine »Sie hätten aber
doch wohl sagen können angebetete Gräfin da sogar Junker Tobias sagt »Ich bin
auch einmal angebetet worden««
    Mengen horchte hoch auf Aber sie scherzt ja sprach er zu sich selbst so
schön und so munter  das ist recht selten Schönheiten begnügen sich gewöhnlich
damit schön zu sein Sie wollen sich nicht selbst  Andere sollen sie amüsiren
das macht sie kläglich langweilig  Zu diesen hochverräterischen Gesinnungen
gegen die Schönheit veranlasste ihn seine Gegnerin im Schach Lady Geraldin die
das non plus ultra von Liebenswürdigkeit getan zu haben wähnte dadurch dass
sie sich zeigte und sich anblicken ließ
    Faustine setzte sich zu Frau von Eilau Die Herren und Damen der Tafelrunde
verbargen sie fast ganz vor Mengens Blick der nur dann und wann ihren Kopf
wahrnahm wenn ein Anderer sich rechts oder links bog Er hätte für sein Leben
gern diesen Kopf ununterbrochen betrachtet studiert  man konnte ihn studieren
wegen der interessanten Mischungen des Ausdrucks  er schob seinen Stuhl bald
so bald anders aber es half ihm zu nichts als dass Lady Geraldin fragend ihn
ansah und einen seiner Springer nahm Er musste sich gedulden Dieser Kopf der
über einer mit Schwan besetzten Mantille schwebte wie der Mond über lichtem
Gewölk und der bald auftauchte bald hinter Wolken verschwand hatte etwas
seltsam Reizendes er kam immer mit einem neuen Ausdruck zum Vorschein
Faustinens Augen fassten ihren Gegenstand fest an wie mit einer sichern Hand
sie forschten nicht sie fragten kaum sie wussten sie verhehlten und
überschleierten auch nichts sie waren wolkenlos und vertrauenerweckend wie der
Himmel unbekümmert als gäbe es nichts Hässliches auf der Welt zu sehen und
rein als wären sie nie der Gemeinheit begegnet Die Augen eines Engels dachte
Mengen Um ihren Mund gaukelten Mutwille Schalkheit Stolz Bewusstsein der
Überlegenheit Spott Und der Mund eines Menschen fügte er hinzu Aber das
warme Kolorit das bewegliche Mienenspiel die weichen Umrisse verschmolzen den
Engel und den Menschen zu einem äußerst lieblichen Weibe Und gerade diese
Mischung ist so anziehend Das allgemein Menschliche macht dass solch Gesicht
uns gleich ganz vertraut anblickt und uns gewinnt indem es uns glauben macht
wir hätten einen lieben Freund der so aussieht Und wenn wir es genauer
beobachten so wird es durch das Charakteristische dermaßen individualisirt dass
wir nach zehn Minuten die Überzeugung gewinnen es sei lediglich für diese
Person geschaffen vielleicht gar sie selbst habe es sich geschaffen  was im
Grunde jeder Mensch tut der zum Bewusstsein gekommen Die Richtung der Seele
drückt dem Körper ihren Stempel auf
    Lady Geraldin hatte das Spiel gewonnen Mario stand auf da sagte sie
gleichmütig
    »Sie haben mich absichtlich gewinnen lassen das mag ich nicht Noch eine
Partie«
    Mit freundlichem Grimm gehorchte er und beschloss so gut zu spielen dass
sie in fünf Minuten matt sein sollte Allein sie war ihm gewachsen es ging
nicht so rasch Am runden Tische wurde lebhaft geredet
    »So heiratet der junge reiche gescheute Mann der eine der ersten Partien
in Europa hätte machen können diese intriguante Person die wenigstens zehn
Jahre älter ist als er«  beschloss Jemand eine Tagesgeschichte
    »Desto früher wird er ihrer überdrüssig werden«
    »Und auf ein zärtliches Glück ist es wohl nicht von ihrer Seite abgesehen
sie will einen glänzenden Namen Vermögen welches selbst im Fall einer
Scheidung ihr ausgemacht ist« 
    »Bravo im Ehecontract die Scheidung zu bedenken  das gefällt mir das ist
eine Vorsicht im grandiosen Styl«
    »Ich nenne das gemein«  sprach Faustine ruhig
    »Eltern können aber wirklich kaum mehr ohne jede mögliche hypotekarische
Sicherheit ihre Töchter einem Manne anvertrauen Nach zwei drei Jahren ist die
Sache zu Ende wie ein Schauspiel und die ganze Zukunft eines Mädchens
zerstört«
    »Ich weiß wohl« entgegnete sie »aber ich finde es entadelnd für ein
Mädchen wie ein Ballen Waren assekurirt hin und her spedirt zu werden
Kaufmännisch gemein gehört diese Institution ganz einer Zeit an die gleich der
Schlange nach der Edda an den Wurzeln des Baumes nagt der den Himmel und die
Götter trägt Das Gefühl wird an der Wurzel untergraben Ein Mädchen soll die
Zuversicht haben dass weder Himmel noch Hölle sie von ihrem künftigen Gatten
trennen können Hat sie die nicht so heirate sie ihn nicht«
    »Aber sie hatte sie oft und verliert sie nur später«
    »Ich meine bloß dass ich einen Kaufmann nicht achte der auf seinen
Bankerott speculirt um reicher zu werden als er vor demselben war«
    »Verteidigen Sie denn gar nicht Ihre arme Kousine« wurde ein junger Mann
gefragt
    »Nach zehn Jahren werd ich es tun so lange Zeit brauche ich um die
Wendung der Dinge zu beobachten in zehn Jahren müssen sie sich auf eine oder
die andere Seite geneigt haben und dann kann man etwas Anderes vorbringen als
Mutmaßungen und Voraussetzungen«
    »Ich finde auch wirklich die Zumutung etwas stark« sagte Faustine lachend
»dass wir alle Dummund Torheiten unserer Verwandten vertreten und verteidigen
sollen Ich danke Gott wenn es mir bei meinen eigenen gelingt«
    »Wie können Sie sich selbst so verleumden« rief Feldern
    »Keine Verleumdung« antwortete sie »aber das Wort Dummheiten ist Ihnen zu
kräftig nicht wahr also will ich lieber sprechen meine allerliebsten kleinen
Torheiten machen mir so viel zu schaffen dass ich nicht Zeit habe die anderer
Menschen wahrzunehmen Allerliebste kleine Torheiten bester Feldern können
Sie nun doch einmal Ihrem Schützling dem Menschengeschlechte nicht wegleugnen
so viel Mühe sich auch Ihr gutes Herz deshalb gibt«
    »Es ist wirklich wahr der Herzog von  hat auf einem Maskenball in
Pilgertracht dem Herrn  ein bairisches Adelsdiplom überreicht  selbst
überreicht en masque ist das nicht himmlisch« sagte einer der Herren
    »Ein Scandal ist es eine Entwürdigung  Nicht himmlisch sondern
himmelschreiend  Eine verbesserte Auflage von der altmodischen Form besser
Ritter als Knecht«  rief man durcheinander
    »Warum denken die Fürsten nicht Belohnungen aus welche auf ihre Kosten
gehen«
    »Weil es ihnen bequemer ist auf die unsern zu geben«
    »Und weil der Belohnte so sehr viel lieber »von« vor seinen Namen schreibt
als »Ritter des und des Ordens neunundneunzigster Klasse«  hinter denselben der
Kürze wegen«
    »Der Adel sollte beim Bundestage einkommen gegen diesen Missbrauch«
    »Den die Fürsten treiben wir sind keine Reichsritterschaft mehr und müssen
uns Alles gefallen lassen vom Plebs des Volks und der Fürsten«
    »Und dann« sagte Faustine »klingt Herr von Fischer von Schmerlenbach und
Herr von Schwarz von Mohrenland so durch und durch plebejisch dass es keiner
Seele einfallen wird sie in einer alten Chronik oder einem Turnierbuch zu
suchen und das ist ja der alleinige Spaß den wir noch von unsern Namen haben«
    »Ich verlange keinen Spaß von meinem Namen gnädigste Gräfin sondern Ehre«
    »Dass weiß ich Graf Kirchberg« antwortete sie freundlich »weil Letzteres
lediglich von unsrer Persönlichkeit abhängt so hat es ja gar keinen Einfluss auf
Sie ob der Herr Peter  Baron von Petershausen wird Dalberg und Berlichingen
klingen doch anders nicht bloß für unser Ohr auch für das unsrer Gegner und
Rivale und das eben dass etwas Unfassbares darin liegt etwas Idealisches
tönender als der Geldbeutel gewichtiger als Berge von Akten zauberhafter als
die schwarze Kunst der Industrie  das ist mein Gaudium Ich bitte um Verzeihung
wegen dieses Studentenausdrucks aber ich bleibe beim Gaudium  Die Leute
zucken die Achsel über den leeren Schall des Wortes er ist von Adel sie machen
sich lustig über den Adel sie suchen bald ihn mit Füßen zu treten bald ihn zu
überflügeln sie coudoyiren ihn  hier mit der sterilen Aufgeblasenheit des
Reichtums dort mit dem würdigern Bewusstsein des Verdienstes und wenn ihnen
die Möglichkeit eröffnet wird in die Reihen der gehöhnten Kaste einzutreten so
wischen sie den plebejen Schweiß von der Stirn holen Atem lassen sich nieder
kurz sie zeigen dass sie am Ziel sind Meine lieben Freunde ist denn das kein
Gaudium für uns«
    »Man kann sich freilich über Alles lustig machen« sagte Kirchberg »aber
diese Sache hat doch auch ihre sehr traurige Seite Freilich lassen diese Leute
eingedrängt und eingeschoben  gleichviel sich zwischen uns nieder und dafür
drängen sie uns wie der Kuckuck den Hänfling aus dem Neste Sie bekommen den
Grundbesitz in die Hände Viehhändler Fabrikanten Banquiers kaufen uraltadlige
Herrschaften Der Erdboden wird unterminirt für die Aristokratie sie steht nur
noch auf einer dünnen Erdschicht  überall sogar in Österreich wo der
Banquier Sina jährlich für mehre Millionen ungarische Besitzungen kauft und wo
überhaupt die ganze Finanz mit unbeschreiblich bitterem Hass dem Bestehen der
Aristokratie zusieht Sie können ihr ihren frivolen Übermut nicht vergeben
als ob ein schwerfälliger besser wäre Wenn diese Leute oben sein werden so
werden sie mit Fäusten schlagen wo wir mit dem Schwert«
    »O der Übermut der uns immer zum Missbrauch der herrlichsten Gaben und
Kräfte verlockt« rief Faustine »ist für Völker und Individuen das was ich die
Erbsünde nenne«
    »Ach wie gut« sagte eine Dame »dass ich endlich einmal eine verständliche
Erklärung von der Erbsünde bekomme Bitte gute Gräfin können Sie mir nicht
eben so kurz und fasslich erklären was Sie unter der Sünde gegen den heiligen
Geist verstehen«
    »Die Dummheit«  sagte Faustine
    »Oh« rief die Dame bestürzt
    »Ja die Dummheit die sich gegen die bessere Erkenntnis sträubt«
    »Weil ihr die Einsicht fehlt«
    »Nein weil es nicht in ihren Kram passt Die dümmsten Leute sind pfiffig und
schlau wenn es ihren Vorteil gilt und nur dumm wenn ihnen die Sache
gleichgültig aber stockdumm wenn sie zu ihrem Nachteil ist Was der Mensch
nur ernstlich verstehen will das versteht er auch«
    Nach diesen Worten wickelte Faustine sich in ihre Mantille und glitt aus dem
Salon Als Mario endlich mit einem erlösungsfrohen »Matt« die Augen aufschlug
war sie verschwunden Er tat innerlich das Gelübde in drei Monaten kein
Schachbrett anzusehen  so ärgerlich war er Lady Geraldins Versicherung sie
habe sich gut unterhalten  was eine große Auszeichnung für ihn sein sollte 
dünkte ihn gar kein Ersatz Er hatte zwar kein Wort von dem verstanden was
Faustine gesagt allein es schien ihm als habe ihr allerliebster Mund das
Brevet empfangen nichts Alltägliches vorzubringen Er war im höchsten Grade
verstimmt
    Faustine schrieb an Andlau
    »Anastas mein Viellieber komm bald zurück ich beschwöre Dich Zehn Tage
sind es erst seit Du gegangen aber jeder Minute in diesen zehn Tagen hab ich
ihre Länge angefühlt habe empfunden dass sie sechzig Sekunden hat Du wirst mir
Vorwürfe darüber machen wirst mir sagen ich sei nicht einfältig genug um mir
selbst einen solchen Dämmerungszustand zu erlauben und dies und das aber wie
soll ich ihn denn vermeiden Bin ich allein so denk ich Allons meine Hände
und Gedanken tummelt euch zerstreut mich Bin ich unter Menschen so möchte
ich ihnen dasselbe zurufen Aber eine Zerstreuung auf Kommando ist ein Handwerk
welches nur in der untergeordneten Sphäre unsrer Tätigkeit getrieben wird Rede
ich so tut es mir leid dass Du mir nicht zuhörst schweige ich so tut es mir
leid dass meine Gedanken so in der Stille umkommen Es ist ein Nichtgenügen in
dieser Existenz welches mich aufreibt weil doch immer der brennende Wunsch da
ist es auszufüllen Menschen welche große Heilige geworden sind müssen
durchaus auf diesem Punkt gestanden haben als sie sprachen Ich will mich
aufmachen und zum Vater gehen  Aber es gehört ein gewaltiges Genie dazu um
ein Heiliger zu werden ich meine ein gewaltiges beflügeltes
weltüberwindendes Glück und Schmerz geringachtendes Herz und was ich von
diesen Eigenschaften besitze reicht nur gerade aus mich an das Deine zu legen
 Du wirst sagen ich sei im vergangenen Sommer und auch früher schon auf einige
Wochen von Dir getrennt gewesen und hätte mich darein geschickt Ja Herz im
Sommer da ist es ganz anders weil die Natur mir zugänglich ist Die Sonne ist
mein Plafond der Himmel repräsentirt meine vier Wände da gibts Freiheit und
Schönheit Lust und Leben Jetzt bin ich eingemauert wie eine verbrecherische
Nonne bedrückt geängstigt Der Sturm heult es regnet und schneit
durcheinander die Wolken wissen nicht wohin sie sollen die Paar armen dürren
Blätter welche noch am Baum festielten und welche jeder Windstoß abwirbelt
wissen nicht was mit ihnen geschehen wird und flattern gepeinigt umher die
Bäume ringen in Verzweiflung ihre Äste wie dürre abgemagerte Hände und es
geht ein Aechzen und Heulen und Wimmern durch die Natur Wie sollte ich diese
Desolation nicht empfinden ich fürchte mich  und es kann mir doch Niemand ein
Leid tun mich friert  und es ist doch ganz warm und behaglich in meinem
Zimmerlein Furchtsam und zitternd möcht ich mich verbergen und erwärmen an
Deiner Brust mein Freund mein Engel  Wenn nur kein Unglück einbricht auf
diese unbestimmte Angst sollte ich gar nichts geben weil sie mich immer fern
von Dir überfällt aber doch sehe ich mich um in der Welt nach der Wolke die
über meinem Haupte hängt und wage nicht einen Schritt vorwärts zu tun aus
Besorgnis vor einem verborgenen Abgrund    So weit schrieb ich gestern
Abend Weil lauter Gespenster um mich tanzten mochte ich nicht unter ihrem
Einfluss den Brief beenden ich ging schlafen und heute wo die Sonne am Himmel
steht hab ich meine Bangigkeit ziemlich verloren Beachte sie nicht dh
halte mir keine Strafpredigt deshalb Ich weiß selbst wie wenig es sich für
einen verständigen Menschen schickt gleich einer Wetterfahne abhängig von Wind
und Wetter zu sein Aber bedenke die geringen Anlagen welche ich zu einem
verständigen Menschen habe und Du wirst Nachsicht üben  gelt  Überdies bin
ich selbst meiner Gespensterscheu müde  ich will arbeiten das bannet böse
Geister Und wer kann mir denn etwas anhaben Draußen scheint die Sonne
freilich nur ein mattes schwächliches Novembersönnchen weil die Erde an ihrem
Gängelband so weitab gelaufen ist als sie nur kann aber drinnen wohnt die
Liebe und gar nicht novemberlich glaube mir Darum werde ich gut malen Der
Genius der Kunst hat einen so starken Flügelschlag dass er meine Atmosphäre mit
dem reinsten feinsten Äther erfüllt A tout prendre Anastas bin ich doch
eins der glücklichsten Geschöpfe auf der wunderschönen Gotteswelt Das muss Dich
unaussprechlich glücklich machen denn was ich von Glück weiß weiß ich durch
Dich Gott mit Dir wie ich es bin«
    Sie führte ihren Vorsatz aus und widmete sich mit dem regsten Eifer der
Malerei Sie malte den ganzen Tag sie speiste in später Stunde um keine Zeit
zu verlieren Dann um etwas frische Luft zu atmen fuhr sie spazieren weil
sie im Finsteren nicht gehen konnte Endlich beschloss sie ihren Tag damit dass
sie die Abendstunden mit ernster Lektüre von geschichtlichen Werken hinbrachte
Für die Gesellschaft war sie unsichtbar Frau von Eilau Feldern Graf Kirchberg
besuchten sie zuweilen am Abend Letzterer fragte einmal
    »Wie lange denken Sie dies einsiedlerische Leben fortzuführen Gräfin«
    »Ich weiß nicht« sagte sie »aber es ist mir so angenehm dass ich es gern
immer führte Man muss nur den Kopf sehr voll und die Phantasie sehr beschäftigt
haben um es zu ertragen und Vergnügen daran zu finden Ich vermisse nichts
denn meine guten Freunde suchen mich auf«
    »Aber wir vermissen Sie in größeren Cirkeln«
    »In Gottes Namen« sagte Faustine lachend
    »Sie glauben es nicht« rief er eifrig
    »Ja ja ich glaube es sehr gern die Leute unterhalten sich gut mit mir
weil ich immer sage was ich denke immer von innen heraus rede und das ist
ihnen neu Aber was habe ich davon für gleichgültige Menschen eine
AmüsementsMaschine zu sein«
    »Allgemeines Interesse zu wecken und zu gewähren ist ein Vorzug um den
Tausende Sie beneiden würden und den Sie nicht so spöttisch wegwerfen sollten
Jeder reichbegabte Mensch hat eben durch seine Gaben die Verpflichtung
übernommen sie im weitmöglichsten Kreise wirksam werden zu lassen Tut er es
nicht speichert er seine Schätze auf sei es des Goldes sei es der Wesenheit
« 
    »So ist er ein Geiziger« unterbrach Faustine »Ach guter Graf der Vorwurf
trifft mich nicht Gibt es ein Geschöpf das immer und ewig zu geben bereit
ist so bin ich es  nur nicht für alle Welt Und wenn ich es bedenke  ja
selbst für alle Welt ich lüge nicht ich heuchle nicht ich verstecke nicht
meine Herzensempfindung ich gebe immer Wahrheit  wer tut mir ein Gleiches«
    »Aber Sie weisen doch zuweilen Menschen von sich ab«
    »Wenn ich fühle dass wir nicht zusammenpassen«
    »Nein von Hause aus«
    »Ich bitte um ein Beispiel«
    »Nun als Feldern Sie vorgestern gebeten hat Ihnen seinen Freund Graf
Mengen vorstellen zu dürfen haben Sie es ganz verdrießlich abgelehnt«
    »Verdriesslich o das ist ein Feldernscher Einfall er ist ein wenig
empfindlich der gute Feldern und wenn ich nicht gleich auf der Stelle mit
offenen Armen seinem Freund entgegen eile so spricht er ich sei verdrießlich
Ich habe ihn nur gebeten noch ein wenig zu warten Wenn ich in besserer
geselliger Laune sein werde will ich Graf Mengen herzlich gern empfangen«
    »Ist es Ihnen nicht sehr auffallend dass der sonst allerdings höchst
empfindliche Feldern das Verhältnis zu Fräulein Stein erträgt«
    »Wie so was ist vorgefallen«
    »O gar nichts sie zeigt nur eine äußerst geringe Sehnsucht seine Frau zu
werden«
    »Es schickt sich nicht anders«
    »A la bonne heure aber sie zeigt dezidirt das Gegenteil«
    »Herr des Himmels« rief Faustine »er wird sie alsdann doch nicht
heiraten«
    Kirchberg zuckte die Achseln Sie fuhr fort
    »Lieber Graf gehen Sie auf der Stelle zu Feldern und bitten Sie ihn zu mir
zu kommen«
    »Wollen Sie ihm verbieten sie zu heiraten können Sie es  Sonst aber
 was haben Sie ihm über diesen Punkt zu sagen«
    »Nichts als ihn zu beschwören sie nicht zu heiraten«
    »Das ist misslich teure Gräfin Vielleicht wird er es von selbst nicht
tun denn die Hochzeit ist ins Ungewisse verschoben bis zur gänzlichen
Herstellung von Fräulein Stein und ich glaube  die erfolgt nie Was wollen Sie
sich in unbehagliche Verhältnisse mischen da beide Personen Ihrem Herzen nicht
nah genug stehen um Ihnen über das Verdriessliche einer solchen Einmischung
hinweg zu helfen  für die man ohnehin selten Dank findet«
    »O ihr Weltmenschen« rief Faustine »Oberflächliches Herumtreiben in der
Gesellschaft begehrt Ihr von mir schwatzen und tanzen witzeln und kokettiren
soll ich Wenn ich sage das langweilt mich  so antwortet Ihr ganz ernstaft
Es ist Pflicht mit den Nebenmenschen umzugehn Und wenn ich es dann auf meine
Weise tun will so heißt es Halt halt nur nicht mit der Tür ins Haus
gefallen nur nicht gleich treuherzig die Hand geschüttelt nur kein ehrliches
wohlmeinendes Wort gesprochen nur immer geflittert und geflattert  das ist
ganz genug  O Kirchberg ich mag Euch Menschen nicht leiden«
    »Ich verdenke es Ihnen nicht holde Gräfin ich mag sie auch nicht leiden
und eben darum ist es eine solche Erquickung einem Wesen wie Ihnen zu begegnen
dass Sie vor Keinem Ihr Dasein verhüllen sollten«
    »Sie sind en train mir Liebenswürdigkeiten auszukramen« sagte Faustine
lachend »ich kann sie nur leider gar nicht brauchen Ein Paar Notizen über
Feldern wären mir lieber«
    »Die kann ich leider nicht geben« antwortete Kirchberg in demselben Ton
und ging
    Schon zwei Monat waren vergangen Andlau kam nicht wieder Die Geschäfte
seiner verstorbenen Mutter waren in großer Unordnung Seine Brüder hatten
lebhafte Neigung ihren Nachlass zu teilen gar keine  ihn zu entwirren Er
stand mit seiner grandiosen Uneigennützigkeit so frei zwischen ihnen beiden dass
sie gleiches Vertrauen zu ihm hegten und ihn beschworen das Ganze in seine Hand
zu nehmen um es zu schlichten »Das Gut meiner verstorbenen Mutter muss erst
verkauft werden  schrieb er an Faustine  das mag sich bis zum Frühling
hinziehen so lange müssen wir Geduld haben meine Ini dann bin ich frei und
doppelt meiner Freiheit froh weil ich sie durch ein Opfer mir erkauft habe
Meine Geschäfte sind langweiliger Art ich muss hier und dorthin fahren muss mit
diesen und jenen Leuten unterhandeln  nun das ist nichts für Dich Dir soll
ich von andern Dingen erzählen Süße und Liebe wer kann auch anders als von
süßen und lieblichen Dingen zu Dir sprechen wer kann anders als zu Deinen
Füßen niedersinken und Dich anbeten nicht weil Du schön nicht weil Du anmutig
bist nicht weil Du diesen oder jenen Vorzug hast sondern nur weil es eine
Wonne ist ein Geschöpf anzubeten das wie von silbernen Flügeln getragen über
die staubige Erde hingeht Der Gedanke an Dich ruht mich aus wenn ich müde bin
von dem künstlichen Treiben der Menschen erfrischt mich wenn mir die Seele
welk wird von ihrem Lügenhauch erhebt mich wenn Zweifel an Treue und Wahrheit
mich beschleicht Du bist für mich das Kompendium der Schönheit In Dir hab ich
Alles vereint und ein Atom Deines Wesens beseelt mir jede Erscheinung des
Lebens Die Frauen haben größeren Einfluss auf die Männer als umgekehrt Sie sind
so subtil dass sie in das gesammte Lebensgeäder des Mannes wie Balsam oder wie
Gift eindringen Obgleich es ihrer Eitelkeit schmeichelt wollen die Frauen doch
nichts von diesem immensen Einfluss wissen weil sie sich vor der Verantwortung
fürchten welche er nach sich zieht Aber er ist unleugbar Hier stirbt ein
Mensch weil ihm seine Liebste untreu gewesen ist ein gemeiner Mensch  hör an
die Geschichte Es war ein wunderhübsches Bauermädchen auf dem Gut meines
jüngsten Bruders das einzige Kind ihrer Eltern der Stolz des Dorfes Braut von
einem jungen Knecht der nicht reich war nicht hübsch kurz keine andern
Vorzüge hatte als den dass er sie und sie ihn liebte Ein reicher Bauersohn aus
der Nachbarschaft so wie ein Jäger meines Bruders hatten um das Mädchen
geworben und waren spöttisch abgewiesen worden sie hatte ihren Schatz Diesen
Herbst sollte die Hochzeit sein Ehe es so weit kam schien wohl eine Veränderung
mit dem Mädchen vorgegangen aber wie das gewöhnlich geht das fiel Allen erst
ein nachdem die Sache sich aufgelöst hatte Drei Tage vor der Hochzeit geht sie
mit ihrem Bräutigam zum Jahrmarkt in die Stadt Da tritt bei einer Bude ein
junger Soldat etwas betrunken zu ihr heran und sagt ein Paar Worte die das
Mädchen und ihren Bräutigam zittern und erbleichen machen Letzterer ruft dem
Soldaten zu Du lügst und der erwidert lachend Es steht ja der Verena auf die
Stirn geschrieben Da ohne sich einen Augenblick zu besinnen ohne ein Wort zu
sprechen nimmt der Knecht das Messer welches er eben gekauft und stößt es dem
Mädchen bis ans Heft in den Busen Sie starb binnen vier und zwanzig Stunden
unaufhörlich wiederholend dass ihr Liebster ganz recht daran getan sie zu
töten denn sie sei ihm falsch gewesen und habe auch keinen ruhigen Tag mehr
gehabt seit sie sich mit dem Soldaten zu weit eingelassen Der Soldat schnell
ernüchtert beschwor die Ärzte das Mädchen zu retten und beteuerte immer bei
Seele und Seligkeit er habe nur in trunkenem Mute gesprochen er wisse nichts
von dem Mädchen Der unglückliche Mörder in Kerker und Banden sagt nichts als
Ich will sterben denn das Verenli ist falsch gewesen und die Welt taugt nichts
Weiß der Himmel welch Urteil man ihm sprechen wird Ist das nicht eine hübsche
Geschichte Du meinst nur in höheren Ständen unzerstreut durch Arbeiten und
geringe Bedürftigkeiten der Existenz könne sich die Liebe bis zur intensesten
Leidenschaft ausbilden und nichts halte ihr besser das Gleichgewicht als wenn
man sich um das tägliche Brot bemühen müsse Hier hast Du einen Beweis vom
Gegenteil Vielleicht ists eine Ausnahme wie ich denn überhaupt eine
gewaltige dauernde Liebe zu den Ausnahmen rechne beim Volk und bei den
Vornehmen Jene kommen nicht dazu weil ihre Seelenkräfte unentwickelt bleiben
beim sterilen Handwerk diese weil das hohle entnervende Treiben der
Gesellschaft auf sie wirkt wie Regenschauer auf Vogelflügel sie verlieren ihre
frische Elastizität Und selbst wenn bei allen Klassen die Energie sich
vollkommen entfaltet hätte so würde man deshalb kaum häufiger die Liebe finden
denn sie ist wie das Genie etwas was man empfängt nicht erstrebt und man
könnte sie in ihrer Unwillkürlichkeit capriciös nennen wenn man sie nicht
lieber göttlich nennen mag Lebe wohl Du  meine Göttin mag ich nicht sagen
sie steht kläglich außer dem Bereich des Lebens als habe sie Schiffbruch
gelitten Mein Engel  ist so abgebraucht wie die Rosenwangen und Lilienhände
der Dichter welche nach gerade ganz welk sein müssen Was bleibt da übrig als
meine Ini lebe wohl«
    Als Faustine diesen Brief empfing war sie fertig mit ihren Gemälden fertig
mit ihren Büchern fertig mit Phantasie Beschäftigung und Geduld Sie hielt es
für eine Unmöglichkeit wenigstens drei Monat noch diese Lebensweise
fortzuführen denn nicht ihr Körper allein auch ihr Geist ward abgemattet durch
die wechsellose spannende schaffende Richtung ihrer Gedanken Wenn mir der
Himmel doch irgend etwas recht Schönes bescheeren wollte dachte sie so eine
ächte Weihnachtsfreude ich könnte sie brauchen
    Es war ganz dunkel in ihrem Zimmer sie lag auf dem Sopha von wachen Träumen
so umschwirrt dass sie fast dem Einschlafen nahe war denn sie hatte angestrengt
gemalt um keine unvollendete Arbeit ins nahende neue Jahr hinüber zu nehmen
Sie hörte die äußere Tür des Vorzimmers aufgehen hörte darin flüstern und
leise auftreten aber sie mochte nicht klingeln und fragen was es da gebe
Plötzlich fiel ihr ein Andlau könne sie mit seinem Besuch überraschen wollen
und sie sprang auf Doch eben so schnell nahm sie ihre vorige Stellung wieder
ein der Scherz sollte ihm ganz gelingen sie wollte ihn erst erkennen wenn er
vor ihr stand Sie blieb unbeweglich nur ihr Herz schlug atemraubend in
jubelnder Erwartung Die Tür ging auf Kaum aber war eine Männergestalt
eingetreten von der Faustine nicht einmal die äußern Umrisse erkennen konnte
so wusste sie auch dass dies nicht Andlau war Sie richtete sich auf schellte
und fragte zu gleicher Zeit mit eiskaltem Tone
    »Wer ist so gütig mir diesen seltsamen Besuch zu machen«
    »Ich nehmen Sie es nicht übel«  war die Antwort
    »Klemens Walldorf willkommen tausendmal  Aber Bester man lässt sich
melden bei einer Dame«
    »Ich fragte Ihre Kammerfrau ob Sie zu Hause allein und wohl wären « 
    »Da wussten Sie freilich Bescheid aber ich nicht  Und was wollen Sie denn
nun eigentlich hier in Dresden«
    Es war eine Lampe hereingebracht und vor ihr auf den Tisch gestellt sie war
zufällig wundervoll beleuchtet Glänzende Lichtstreifen fielen auf ihr schwarzes
Atlaskleid und verrieten ihre liebliche Gestalt Der weiche Nacken die zarten
Hände tauchten aus den dunkeln Falten auf und die Farben welche dem Anzug
fehlten lagen alle auf ihrem holden Antlitz Klemens war bewundernd in ihren
Anblick versunken und vergaß zu antworten
    »Bitte geben Sie mir meinen Arbeitskorb von jenem Tische« sagte Faustine
»ich finde es zwar nicht sehr verbindlich Tapisserie neben der Unterhaltung zu
machen aber Sie scheinen kein Freund der Konversation zu sein und deshalb auch
wohl kein Feind der Tapisserie«
    Klemens ermannte sich holte den Korb statt ihn aber ihr zu geben behielt
er ihn und sagte
    »Sie frugen was ich hier wolle nun zum Beispiel den Inhalt dieses
Körbchens besehen Darf ich«
    »Bürden Sie sich doch nicht mutwillig die Plage des Besehens auf hier wo
wirklich Augen und Seele zum Genuss mannigfacher Schönheit aufgespart werden
sollten«
    Klemens untersuchte genau die kleinen Arbeitsgerätschaften des Körbchens
»Fingerhut und Scheere von Kokosnuss das ist sauber gemacht und dauerhaft
nebenbei zu dauerhaft für eine vorübergehende Mode Ein Flacon von Hyalit ein
Bleistift in Schildkröt Etui mit Silber eingelegt  niedlich Aber welche
abscheulich plumpe Nadelbüchse von Porzellan«
    »Abscheulich Unglücklicher sie ist anbetungswürdig denn sie ist rococo«
    »Ein Erbstück Ihrer Urgrossmutter vielleicht und respectabel als solches
« 
    »Nichts von respectabel das ist ein unmodisches Wort und rococo ist
modisch par excellence«
    »Wie Sie befehlen wenn es nur nicht schön sein soll Dies Täschchen von
russischem Leder mit Ihren Visitenbillets gefällt mir besser Ah ein Brief 
Es war Andlaus letzter Brief  Es muss angenehm sein Ihnen schreiben zu
dürfen«
    »Viel angenehmer mit mir zu plaudern«
    »Sind Sie mit mir zufrieden dass ich Ihnen nicht geschrieben habe«
    »Ich bin ganz damit zufrieden  Jetzt legen Sie die Sächelchen wieder
hübsch ordentlich in den Korb So Das grüne Gewölbe wäre exploitirt« Sie
lachte so munter dass Klemens auch ganz heiter ward Er rief
    »Dresden gefällt mir herrlich Morgen besehe ich die Bildergallerie  die
Ihre«
    Felderns Eintritt störte seine Heiterkeit und noch mehr störte es ihn dass
Faustine sagte
    »Meine anachoretische Laune ist vorüber ich werde viel ausgehen und mich
sehr freuen wenn man mich häufig besucht Graf Mengen mein bester Feldern
soll mir sehr willkommen sein Ich schmachte förmlich nach Gesellschaft nach
Mitteilung nach Anregung«
    »Und warum haben Sie es zu diesem Punkt kommen lassen gnädige Gräfin«
    »Künstlerlaune lieber Feldern ich bin zwar nur eine armselige kleine
Dilettantin aber ich habe große Anlagen zu einer ächten Künstlerin nämlich
immense Launen Ich treibe Alles by fits and starts«
    »Dadurch wird die tiefe Einheit Ihres Innern doppelt interessant«
    »Alle Welt sagt ich sei interessant ich wüsste gern was sich alle Welt
unter diesem Worte denkt  und ob überhaupt etwas«
    »Ein Gemisch von Eigenschaften die sich scheinbar widersprechen tiefer
Ernst und Kindesheiterkeit zB eine sanfte Seele und ein starkes mutiges
Herz Laune und Gemütlichkeit männliche Entschiedenheit und jungfräuliche
Grazie «
    »Habe ich denn das Alles« fragte Faustine verwundert
    
    »Nein weit mehr« sagte Klemens trocken
    Feldern sah ihn überrascht an er glaubte bereits den höchsten Grad der
Bewunderung an den Tag gelegt zu haben Faustine sagte
    »Lieber Feldern ich empfehle Ihnen diesen meinen jungen Freund hier Herr
von Walldorf Bruder meines Schwagers der hergekommen ist um recht gründlich
Dresden kennen zu lernen«
    »Ganz und gar nicht« sagte Klemens wieder sehr trocken
    »So geben Sie selbst Ihre Gründe an« entgegnete Faustine
    »Ich bin gekommen um Sie zu sehen und nun da diese Absicht erreicht ist «
    »Fahren Sie nach Oberwalldorf zurück« rief sie lachend
    »Will ich schlafen gehen«
    »Um morgen in besserer Stimmung wiederzukommen  hoff ich«
    Feldern sah dem Abgehenden nach und sagte
    »Der junge Mann scheint keine besonders gute Erziehung genossen zu haben«
    »Keine gute das ist wahr aber zum Glück auch keine schlechte sondern gar
keine Daher fehlt ihm Manches aber verdorben ist nichts Nehmen Sie sich
freundlich seiner an«
    »Sobald Sie ein Gleiches für meinen Freund Mengen tun«
    »O der hat es nicht nötig ist seit sechs Monaten hier hat festen Fuß
gefasst in der Gesellschaft und überall «
    »Wenn Sie wüssten wie er Ihre Bekanntschaft wünscht«
    »Sonderbar was weiß er denn von mir«
    »Er hat Sie zweimal gesehen in der Ferne zwar nur «
    »Ach« rief Faustine »er hat mich gesehen Ja dann begreif ich« 
Feldern lächelte »Warum lächeln Sie« fuhr sie fort »muss ich Ihnen denn
auseinandersetzen was doch sehr einfach dass der frische unvorbereitete
Eindruck einer Persönlichkeit genügend ist um uns ihre Bekanntschaft wünschen
oder meiden zu lassen Dann haben wir keine Vorurteile für oder gegen und die
unbefangene Seele weiß was sie brauchen kann und was nicht  Es ist wirklich
ein Jammer dass man gar nicht mehr unbefangen sprechen darf Alles wird uns als
Eitelkeit gedeutet«
    »Wenn die Deutung Sie nicht trifft so werden Sie mir deshalb nicht zürnen«
    »Nein nur bedauern dass Sie sich selbst um das Vergnügen bringen an die
Unbefangenheit zu glauben«
    »O Gräfin man muss sehr jung sehr unerfahren oder sehr verliebt sein um
das zu glauben  nicht den Frauen gegenüber das ist unmöglich Nur einer
einzigen Frau gegenüber Es liegt ein Abgrund von Lügenhaftigkeit in ihnen«
    Faustine entsetzte sich fast den sonst so gemessenen vorsichtigen Feldern
so heftig sich äußern zu hören Welche Erfahrung welche Kränkung musste ihn
getroffen haben um einen so ungewöhnlichen Ausbruch zu veranlassen  Ehe sie
noch eine Erwiderung gefunden wendete aber Feldern das Gespräch indem er
sagte »Also morgen darf ich Mengen herführen und Sie entschuldigen dass es
früh geschehen wird denn ich muss hinausreiten und die Geschäfte wälzen sich
erdrückend auf mich«
    Er ging bald Was sind das alles für confuse Zustände dachte Faustine darf
man sich gar nicht mit den Menschen einlassen ohne im Sturm umgewirbelt zu
werden wie jene Verdammten in Dantes Hölle Darf man Keinem die Hand reichen
ohne befleckt oder verwundet zu werden Und warum stehe ich denn so
friedlichglücklich zwischen all dem Wirrsal O mein Anastas 
    »Endlich« sagte Mario als er am nächsten Tage vor Faustinen stand
    »Grade zu rechter Zeit« sagte Faustine Beider Blicke begegneten sich und
sanken in einander wie zwei gefaltete Hände Er fühlte dass die ungekannte
Königin seiner Seele ihm nahe war Er sprach ungewöhnlich wenig er ließ Feldern
reden und Kirchberg den er schon vorfand und Klemens der später kam und
sie die allein für ihn mit süßer Melodie und nicht mit Schellengeklingel
redete Und wenn sie es tat so sah er sie an mit einer Befriedigung als habe
er durch ein glückseliges Ohngefähr die Lösung eines seltsamen Problems
gefunden Klemens sah sie an mit gespannter Unruhe mit leidenschaftlicher
Angst ob ihr Auge länger lieber auf einem andern Gegenstande ruhe Mario  als
wolle er seinen Blick zu einem Teppich machen der ihr zartes traumähnliches
Wesen ungefährdet und unverletzt tragen dürfe Heute bei hellem Tageslicht und
in der Nähe kam sie ihm nicht so blendend vor wie im Salon von Frau von Eilau
nicht so majestätisch wie auf der Terrasse das eigene Zimmer gab ihr einen
Anstrich von traulicher Häuslichkeit Sie selbst und Alles um sie her war so
friedlich so bequem Kein Fußtritt war auf dem starken Teppich zu hören
tiefdunkelrote Vorhänge fielen lang über die Fenster herab verhüllten die
Aussicht auf Schnee und Reif fingen den matten Strahl der Wintersonne auf und
gaben ihm eine glühendere Färbung Die Tür nach einem zweiten Zimmer war
geöffnet auch dort dieselbe blassgraue Tapete derselbe Teppich dieselben
dunkelroten Vorhänge Diese gleichmäßige Farbentemperatur tat dem Auge und
dadurch auch der Seele wohl Es war nur Alles so schnurgerade verschieden von
dem was man sonst zu erblicken pflegt Ein Gemälde hing in dem ersten Zimmer
auch eins von denen welche man nicht häufig sieht es war eine sehr gelungene
Kopie vom Titianischen Christus mit dem Zinsgroschen von der Dresdner Gallerie
Klemens fragte ob sie es gemalt
    »Nein« sagte sie »ich kann nicht copiren Ich tue vorschnell stets etwas
von dem Meinigen hinzu und das wäre doch Jammerschade um dies himmlische Bild
gewesen«
    »Keins von allen auf der ganzen Gallerie hat mich so angezogen wie dieses
Bild« sagte Mario »und überhaupt niemals hab ich einen Christus gesehen der
mit seinem feinen durchschmerzten edlen und so überaus geistreichen Gesicht
mehr der Idee entsprochen hätte mit welcher ich ihn verkörpere«
    »Das freut mich« rief Faustine »es teilen gar Wenige meine Vorliebe Im
Allgemeinen finden die Christusbilder von Guido Reni Karlo Dolce und Bellini
mehr Beifall Es kommt immer auf die Idee an welche wir selbst davon
mitbringen Mir scheint Himmel und Erde sind wohl nie in einem so engen Raum
mit so geringen Mitteln in so grandioser Simplicität zusammengestellt worden«
    »Aber können Himmel und Erde sich je so nah kommen wie in diesem Gemälde«
fragte Mengen
    »O sie sind es ja immer immer« rief Faustine lebhaft »immer und ganz
untrennbar aber dennoch so weit geschieden wie Christus und der Pharisäer wie
Himmel und Erde bleiben wenn sie auch in unserm Horizont sich vereinigen Denn
die Sinne vereinen nur und die Seele trennt«
    »Und vereint«
    »Aber einzig und allein das Gleichartige  und das nenne ich Liebe«
    Leichenblässe legte sich bei diesen Worten über Felderns Züge Er stand auf
und ging Faustine sah Kirchberg fragend an der machte ein diplomatisch
ablehnendes lächelndes Gesicht und sie erschrak wie Jemand der zu viel
gefragt hat Mengen sah das und sagte ruhig
    »Die Partie geht wahrscheinlich zurück weil die beiden Leute sich durchaus
nicht conveniren Mir war das auf den ersten Blick klar«
    »Man sagt « sprach Kirchberg
    »Das ist nicht wahr« rief Faustine
    »Was denn gnädige Gräfin« fragte er befremdet
    »Ein man sagt ist von Hause aus nicht wahr« wiederholte sie
    »Wol möglich und ich will es wünschen indessen sagt man doch dass eine
liaison de bas étage die Heirat unmöglich mache«
    »Kirchberg« sprach Faustine mit ganz leiser gedämpfter Stimme und ihre
Augen sprühten Funken  sagen Sie von einer Frau was Sie wollen es wird
schlecht von Ihnen sein aber es tut nichts Doch von einem Mädchen einem
schönen jungen Mädchen  wie wagen Ihre Lippen das  Vor den Frauen habt ihr
Männer keinen Respekt mehr et elles vous le rendent bien aber vor den Mädchen
habt doch um Gottes willen noch Achtung denn aus deren Reihen wollt ihr ja eure
künftigen Gattinnen die Mütter eurer Kinder wählen ich begreife wirklich
nicht dass ihr vor diesen Geschöpfen nicht das Knie beugt Es rührt wohl daher
dass kein Mann sich vorstellen kann was es eigentlich ist ein Mädchen Er sieht
immer das Unvollendete das Unentwickelte darin ich sehe das Unangetastete
Ach ich wollte alle Mädchen stürben in ihrem achtzehnten Jahr«
    »Dieser Wunsch würde wohl keinen Anklang bei den jungen Damen finden«
entgegnete Kirchberg lachend
    »Ich meinte nicht die jungen Damen  die können meinetwegen leben bis sie
alte Damen werden« sagte Faustine  »sondern die Mädchen«
    »Ich finde da in der Tat keinen Unterschied«
    »Keinen Unterschied« rief Faustine in höchster Verwunderung die Hände
zusammenschlagend  bester Walldorf  Graf Mengen  weiß wirklich keiner der
Herren den Unterschied zwischen einem Mädchen und einer jungen Dame«
    Klemens starrte unverwandt und stumm Faustine an ihm waren alle Frauen der
Welt so gleichgültig dass er nur zwischen ihnen und ihr einen Unterschied
machte Auch war er gar nicht gewöhnt an diese Art der Unterhaltung Er verhielt
sich passiv Er verstand nicht in Faustinens zwischen Ernst und Scherz
schwebendes Wesen einzugehen er wollte ihr immer in allem Ernst sein Herz
sagen sonst aber nichts
    Mengen hingegen war hiebei recht in seinem Elemente Als Faustine sich zu
ihm wandte sagte er
    »Das Mädchen ist ein frisch vom Himmel herabgeflatterter Engel der wird
gern zur Heimat wieder auffliegen Die junge Dame ist bereits auf der Erde
etwas in die Schule gegangen hat gelernt ihre schneeweißen Schwingen im Salon
zusammenfalten damit sie niemand geniren und wird wünschen die ganze
Schulzeit durchzumachen«
    »Nun das ist doch Etwas« entgegnete Faustine »die Herren mögen sich bei
Graf Mengen bedanken dass er sie von dem Verdacht der Blindheit frei spricht«
    »Wir sind gar nicht blind« sagte Klemens »wir mögen nur nichts sehen was
uns nicht interessiert«
    »Wirklich« fragte Faustine »ich meinte nur Frauen wären so einseitig
Männer aber betrachteten und bedächten Alles was ihnen vorkommt um über Alles
ein Urteil zu haben Darum sind sie ja eben so unerhört langweilig«
    »Darum« sagte Mario lachend
    »Freilich  so unfrisch so gleichgültig so ohne Meinungen die ihnen wie
Blut in den Adern pulsiren denn was gibts zu sagen über Dinge die dem
innersten Wesen fremd bleiben Gemeinplätze Hypotesen vage Theorien
Sophismen die ganze Bagage des exercirenden Soldaten  Verstand Wir aber
ziehen als echte Krieger ohne alle Bagage in die Schlacht und kämpfen
begeistert«
    »O gnädige Gräfin« rief Mario »die Begeisterung ist dem Manne doch viel
eigentümlicher als dem Weibe Ich nenne nicht die augenblickliche Exaltation
welche Leib und Leben Seel und Seligkeit wagen und opfern lässt allein
Begeisterung sondern auch festes Beharren unverbrüchliche Richtung
ausdauerndes Handeln in einem und demselben Sinne für eine und dieselbe Idee
mit einer und derselben Wärme und Kraft«
    »Das ist Charakter«  sagte Faustine
    »Aber was alimentirt den Charakter wenn nicht Begeisterung welch ein
dürres unerquickliches unwirksames Wesen wird daraus wenn der Charakter nur
wie ein Maultier immer vorwärts trabt und seine Last über das Gebirge
fortschaft Ohne Freudigkeit an dem einmal Erfassten ohne Andacht zu ihm ohne
Befriedigung in ihm ohne Triumph mit ihm  ward nie etwas Großes geleistet und
was ist die Quintessenz dieser Empfindungen wenn nicht Begeisterung was ist
der Pulsschlag der ihnen Leben zuströmt wenn nicht Begeisterung Begeisterung
ist der elektrische Schlag der die Kette der Existenz durchströmt und die
Geschichte beweist dass nur Männer ihn empfingen«
    »Nur Männer« unterbrach Faustine »und die Prophetinnen der Hebräer und
die todverlachenden Römerinnen und die Priesterinnen der Germanen und die
Heldinnen von Saragossa«
    »Die Richtung nehme ich aus Wo das Herz des Weibes getroffen wird wo die
Liebe es berührt sei es ausschließlich für einen Menschen oder für das
Vaterland oder für Gott  da schlägt der elektrische Funke ein da lodert die
Begeisterung auf Aber selbst dann begnügt sich das Weib damit für das Geliebte
zu leiden und zu sterben Zum Schaffen zum Handeln zum die Welt aus ihren
Fugen Heben wird das Weib nie angeregt nie wohl verstanden nie durch
Begeisterung Durch Intriguen durch Laune  ja damit amüsirt sie sich
zuweilen Noch keiner Frau ist es eingefallen den Geliebten unsterblich zu
machen wie Petrark die Laura und Dante die Beatrice sie beherrschen nicht
einmal die Kunst viel weniger die Wissenschaft die Frau soll noch geboren
werden welche im Stande ist für eine abstracte Idee sich zu begeistern bis zum
gelassenen Erdulden von Kerker und Verfolgung wie zB Galilei mit seinem »e
pur si muove« Ein weiblicher Socrates lässt sich nun vollens gar nicht denken«
    »Doch war die schöne und weise Hypatia welche unter Kaiser Teodosius II
einen Lehrstuhl zu Alexandrien einnahm wie Socrates Lehrer der Jugend und
gleich ihm fand sie den Märtyrertod welchen ihres Ruhms und ihrer
Wissenschaften neidische Feinde über sie verhängten Übrigens  da Männer die
Geschichte schreiben und da die Geschichte sich überhaupt mehr mit Darstellung
der Tatsachen als mit Entwickelung der Motive beschäftigt  kann niemand
wissen ob nicht während ein Dutzend Männer auf der Lebensbühne agirt und
tragirt eine Frau im Souffleurkasten ihnen ihre Rolle vorspricht«
    »Davon bin ich überzeugt« entgegnete Mario »die Frauen haben grenzenlosen
Einfluss auf uns Wo ein Mann ruinirt ward trug gewiss eine Frau die erste
Schuld«
    »O Graf Mengen« rief Faustine »Sie sind unerhört parteiisch für Ihr
Geschlecht Ganz der nämliche Vorwurf lässt sich umkehren und bleibt eben so
wahr«
    »Aber der ruinirte und gesunkene Mann kann durch eine Frau erhoben und
gebessert werden Lässt sich diese Behauptung auch umkehren«
    »Ich glaube kaum Die gesunkene Frau steht nicht wieder auf Ein böser Mann
ruinirt so gründlich dass ein guter nicht mehr retten kann Unser Einfluss aber
ist stärker im Guten als im Bösen«
    Klemens der immer ruhig zugehört hob jetzt an »Keineswegs wenn Sie mir
befehlen den Einen aus dem Wasser zu holen und den Anderen ins Wasser zu
werfen so tue ich beides mit gleichem Vergnügen«
    »Gott behüte mich vor einem so blind ergebenen Freund« rief Faustine »Auf
Menschen Einfluss zu haben ist Genuss dabei kommt es doch auf meine
Eigentümlichkeit an aber eine willen und gedankenlose Maschine kann Jeder
regieren Ich sage mich Ihnen gegenüber von allem Einfluss los und ledig«
    »Sie üben ihn unwillkürlich«
    »Ich will aber nicht« sagte sie und kreuzte ihre Arme über der Brust als
wickele sie sich in sich selbst zusammen um niemand zu berühren wie man wohl
tut wenn man im Gedränge von Menschen steht oder geht
    Mario fühlte dass es Zeit sei zu gehen es kam ihm zudringlich vor den
ersten Besuch über die Gebühr auszudehnen Er dachte heimlich wenn sie nur
schwiege wenn sie nur sich nicht bewegte wenn sie nur überhaupt gar nicht sie
wäre so würde ich ja sehr gern gehen  Kirchberg war längst fort Nun ging
auch Klemens Da überwand sich Mengen und stand auf Er sagte nur noch
    »Feldern sagte mir vor längerer Zeit Sie wären zu beschäftigt mit Ihrer
Kunst um Freude am geselligen Umgang zu finden und als ich fragte was Sie
malten entgegnete er Bäume Würden Sie die Gnade haben mich einmal diese
Bäume sehen zu lassen welche Sie so lange verschattet haben«
    Faustine lachte »Bäume sagt Feldern hätte ich gemalt das ist doch
possierlich nur Bäume auf meinen beiden Bildern zu sehen Wenn Sie Morgens
kommen wollen werd ich sie Ihnen zeigen«
    »Morgen« verwandelte Mario ihr Wort
    »O ja morgen« Er schied eben so beglückt wie Klemens verdrießlich und
Faustine dachte ein angenehmer Mann warum lernte ich ihn nicht früher kennen
ich hab es meinem Absperrungssystem zu danken Das taugt nie etwas die Cholera
schließt es nicht aus wohl aber interessante Bekanntschaften«
Feldern ritt auf der öden beschneiten Chaussee den wohlbekannten Weg zu der
Braut Im Hause begegnete er zuerst dem Vater und fragte hastig nach Cunigunden
    »Es geht nicht besser« sagte der alte Mann wehmütig und eine zerdrückte
Träne machte sein sonst nichtssagendes Auge beinahe schön »Kommen Sie zu ihr«
    Er brachte ihn vor ihr kleines enges schmuckloses nonnenhaftes Zimmer Da
saß Cunigunde vor einem Tischchen und las in der Bibel Er ging voran
    »Wie geht es Dir mein Kind« fragte Herr von Stein und legte zärtlich
seine Hand unter ihr Kinn
    »Gut mein lieber Vater« antwortete sie diese Hand küssend
    »Nicht wahr Du stirbst mir nicht mein frommes mein bestes Kind« Er
streichelte ihre Wangen ihre Stirn ihr Haar
    »Nein mein lieber Vater« sagte sie mit melancholischer Zärtlichkeit zu ihm
aufblickend Als er aber sprach »Feldern ist auch da darf er kommen« da glitt
ein Schauer über ihr mildes Gesicht ein Krampf ein Grauen
    »Ja« sprach sie Der Vater ließ das Paar allein
    »Nun Cunigunde« sagte Feldern und setzte sich ihr gegenüber
    »Guten Abend mein lieber Feldern« war Alles was sie vorbrachte Ihre
Brust hob sich in unbeschreiblicher Beängstigung
    »Haben Sie mir weiter nichts zu sagen können Sie kein Vertrauen zu mir
fassen Reden Sie doch nur aber mit einem einzigen Grund«
    »Ich habe mich müde geredet und einen Grund habe ich nicht«
    »So beharren Sie also darin aus Eigensinn aus Laune mich fortzuweisen
mich  Ihren treuen erprobten und bewährten Freund den Sie jahrelang als Ihren
künftigen Gatten betrachtet haben«
    »Keine Laune o Gott« seufzte Cunigunde und rang die Hände
    »Nun liebe Cunigunde so sprechen Sie nur das Warum aus Sobald ich weiß
was zwischen uns liegt will ich es ändern vermeiden oder auch ganz Sie
aufgeben Nur aber so kommt es mir wie eine Geistesbefangenheit wie eine
Krankheit vor die über kurz oder lang weichen wird und der ich unmöglich mein
Glück meine Zukunft und vielleicht die Ihre  opfern kann«
    »Sie sprechen so gut so verständig dass ich Sie ganz und gar begreife
besser Sie begreife als mich selbst  denn ein Warum kann ich Ihnen nicht
sagen aber heiraten kann ich Sie auch nicht«
    »Dann ist es nicht anders möglich als dass Sie einen Andern lieben«
    »Ihre fixe Idee die ich schon hundertmal verneint habe«
    »Einen Andern dessen Sie sich schämen der Ihrer unwürdig ist« 
    »Ist es denn eine solche Schmach zu lieben dass ich den Mann den ich
liebte nicht einmal meiner würdig achten sollte«
    »Weshalb nennen Sie ihn denn nicht«
    »Weil ich keinen liebe«
    Feldern stand mit heftiger Ungeduld auf und ging in dem Zimmerchen hin und
her Endlich blieb er vor Cunigunden stehen und fragte scharf
    »Wen wollen Sie heiraten«
    »Niemand«  sagte Cunigunde und sah ihn befremdet an »das wissen Sie ja
Wollte ich heiraten so könnte ich gewiss am leichtesten Sie heiraten den ich
achte den ich kenne der brav treu und rechtschaffen ist der mich herzlich
lieb hat« 
    »Cunigunde« rief Feldern zärtlich legte den Arm um ihre Schulter und bog
sich zu ihr herab Doch sein Kuss streifte nur ihre Wange denn sie wendete den
Kopf schloss die Augen und sagte mit zitternder Angst
    »Erbarmen«
    Tief gekränkt ließ Feldern den Arm sinken Er sagte verletzt und hart
    »In Ihrem Benehmen liegt Lüge oder Wahnsinn«
    »Keine Lüge jedes Wort ist reine Wahrheit Ich heuchle keine Achtung kein
Vertrauen zu Ihnen  ich hege es wirklich Darum habe ich den Mut gefasst Sie
zu bitten mein Wort zu lösen«
    »Das ist aber  wenn nicht Wahnsinn doch Verschrobenheit Überspannung
Sentimentalität Was wollen Sie denn etwa katholisch und Nonne werden die
religiöse Schwärmerei verrückt zuweilen die klarsten Köpfe«
    »Ich mag nicht Nonne werden  niemals« rief Cunigunde und ein frischer
rosiger Hauch des Lebens überstreifte ihr Antlitz und machte es so schön dass
Feldern trotz seines Unmutes bewundernd und lächelnd sagte
    »Es wäre auch schade wenn Sie den Klosterberuf hätten  Aber was soll denn
eigentlich aus Ihnen werden Cunigunde«
    »Was Gott will«  sie faltete die Hände legte sie auf die Bibel und neigte
das Haupt
    »Aber wie soll sein Wille sich Ihnen offenbaren wenn Sie verstockt sind
und auf Wunsch Rat Bitte Ihrer besten Freunde nicht hören«
    »Meiner besten Freunde ja das ist es eben  ich habe gar keine Freunde«
    »Ihre Eltern  mich « 
    »Ja Sie mein lieber Feldern Sie sind wirklich mein Freund und es ist nur
gar zu traurig dass diese Angelegenheit Sie selbst zu nah betrifft um ganz
unbefangen zu sein Und meine Eltern ach mein armer harmloser Vater der grämt
sich um mich der möchte alle Welt fröhlich wissen seine Lieben zuerst drum
tut er ja Alles was die Mutter will Und meine Mutter ist eine kluge Frau und
auch eine gute Frau sie meint es gewiss gut mit uns Allen auch mit mir Sie
spricht ich sei arm und was ich denn weiter wolle als einen braven Mann und
so lange ich im Elternhause hindere ich die Versorgung meiner Schwestern da
ich die schönste von ihnen und deshalb die begehrteste sei  Sonst aber hab
ich keine Freunde und weiß auch Niemand den ich mir zum Freunde wünschte als
« 
    »Nun als« fragte Feldern gespannt Und da sie schwieg »Graf Mengen etwa«
    »Wen« sagte Cunigunde zerstreut
    »Graf Mengen der im Spätsommer mit mir einmal hier war«
    »Ach nein keinen Mann Eine Frau eine himmlische wunderbare Frau der Sie
mich im vorigen Winter auf dem Maskenball vorgestellt haben die Gräfin Obernau
Ich habe sie nur das einzige Mal gesehen aber ich kann sie gar nicht vergessen
wie sie ansah und aussah wie sie ging und stand wie sie sprach und lächelte
immer fiel mir »das Mädchen aus der Fremde« ein und ob ich nicht auch eine arme
Hirtin sein könne der sie eine Gabe brächte«
    »Liebe Cunigunde Sie sind wirklich ein wenig sentimental Das Liebesgefühl
lebt in Ihrem Herzen aber es scheint Ihnen zarter überirdischer engelhafter
eine Freundin zu lieben als einen Freund und so quälen Sie sich und mich Die
Gräfin Obernau ist zwar eine äußerst anmutige Person aber da nicht Jeder die
Kraft und die Selbständigkeit hat so frei das Leben zu beherrschen so dürfte
sie nicht als Richtschnur für allgemeine Verhältnisse dienen«
    »Das begehre ich nicht ich wünschte nur dass sie mich liebte Wünschen Sie
das nicht auch für sich«
    »Ganz und gar nicht  obschon es sehr angenehm ist mit ihr zu leben
Möchten Sie bisweilen sie besuchen so will ich sie darum bitten sie erlaubt es
gern Die Monotonie und Einsamkeit Ihres Lebens hier mag auch Ihre Nerven
abspannen vielleicht tut sanfte Zerstreuung ohne Tumult ohne Geräusch Ihnen
gut Teure Cunigunde ich würde Sie so gern genesen und glücklich sehen«
    Cunigunde gab ihm dankbar die Hand froh der Aussicht welche er vor ihr
eröffnete Sie wusste nichts Bestimmtes davon zu hoffen deshalb war ihr als
ginge sie dadurch ihrem Glück entgegen ihrer Befreiung ihrer Erlösung Ihr
schönes Gesicht welches durch lange reine Schmerzen unaussprechlichen Adel
hatte lichtete sich an der Hoffnung auf wie eine frierende Blume am
Sonnenstrahl Freundlicher als seit Monaten schieden die Verlobten Feldern
dachte Faustine hat zwar wunderliche und etwas unpraktische Ansichten von den
geselligen und bürgerlichen Verhältnissen aber Niemand ist weniger sentimental
als sie Cunigundens Überspannung wird in ihrer klaren Atmosphäre weichen und
ist sie nur erst gewichen so bin ich ja des Mädchens gewiss das für keinen
Andern Neigung gefasst hat sondern nur überhaupt ruhigen kühlen Temperaments
ist Das werden die besten Frauen  Frauen auf die man sich verlassen kann
ohne Schwankungen ohne besorgnisserregende Allüren  Frauen die den Mann nie
hinreißen und ihm stets gefallen Solche Faustine entzückt aber wer hat den
Mut sie zu heiraten nicht einmal Andlau Weibern gegenüber die immer wie in
einem Regen von Brillantfeuer stehen kommt man sich so dunkel so inferieur so
dumm vor dass enorme Selbstverleugnung dazu gehört um sie zu lieben Vielleicht
liegt aber in ihrer Liebe Lohn für diese Demütigung
    Der starke Mann fürchtet nicht zu der Geliebten emporzublicken er fühlt die
Kraft in sich mit einem Schwung ihr zur Seite zu stehen Der eitle und schwache
Mann hält sie gern in seinem Niveau er fürchtet die Überstrahlung und fühlt
nicht die Kraft ein Gegengewicht in die Schaale zu werfen
Mengen fehlte nicht am nächsten Morgen bei Faustine Der Bediente öffnete ihm
den Salon Er war leer Mario ging hindurch und betrat das zweite Zimmer
welches er gestern nur durch die Tür gesehen Heute sah er sich darin um denn
dies war augenscheinlich das Gemach worin Faustine sich am meisten aufhielt An
dem einen Fenster stand ihr Schreibtisch nichts frappirte ihn auf demselben
als Andlaus Portrait in Aquarel sehr schön und sehr ähnlich gemalt ein
denkender ernster melancholischer Kopf Sieht man ihr gegenüber nicht heiterer
aus dachte Mario Am andern Fenster stand ein Tisch mit Lesepult und
verschiedenen Büchern und ein tiefer Lehnstuhl davor An der einen Wand eine
breite niedrige aus einzelnen Polstern zusammengesetzte Ottomane Ihr
gegenüber ein großer Toilettenspiegel an dem nachlässig eine Echarpe und eine
kleine Tafftschürze hingen An der Hinterwand schlossen dunkelrote Vorhänge den
Alkoven  Ein Zimmer ist das weitere Überkleid eines Menschen es verrät
dessen Formen und etwas von dem Wesen bleibt darin zurück Darum sieht man so
gern das Zimmer eines berühmten oder eines geliebten Menschen man wird darin
die Seele gewahr Mario hatte sich friedlich auf die Armlehne des großen
Fauteuils gesetzt und sah sich um Er wartete nicht auf Faustine sie schien
ihm gegenwärtig
    »Tappt nicht Jemand da herum« rief ihre goldene Stimme durch eine Tür die
nur angelehnt war
    »Ich harre Ihres Befehls« sagte Mario öffnete die Tür und stand in einem
kleinen Kabinet das man Atelier nennen konnte denn es war ganz für die Malerei
eingerichtet nur ein Fenster bis zur Mitte von unten auf zugesetzt Bilder
Zeichnungen Kupferstiche Skizzen von oben bis unten an den nackten Wänden
kein Ameublement als einige Staffeleien ein paar Tische worauf Mappen
Zeichengerät ein Totenkopf Gypsabgüsse von Armen und Beinen  und zwei
Strohstühle worauf auch allerlei Utensilien lagen
    »Setzen Sie sich« sagte Faustine Sie saß vor einer Staffelei und
arbeitete
    »Das hat hier seine Schwierigkeiten« sagte Mario und sah sich lachend um
    »Ist es Ihnen unbehaglich hier so erwarten Sie mich im Salon In zehn
Minuten bin ich mit dieser Anlage fertig«
    »Ich muss mich nur arrangieren dürfen«  sagte Mario und kniete neben ihr
nieder
    »Das geht auch«  antwortete sie und malte gelassen weiter
    Er betrachtete sie Ihr Anzug war der unvorteilhafteste von der Welt ein
weißes Linonhäubchen welches so dicht ihr Gesicht umschloss dass kein Haar zu
sehen war eine große graue Schürze und graue Vorärmel Für jede andre Frau
würde es eine völlige Abwesenheit aller Eitelkeit verraten haben in diesem
Anzug Besuch zu empfangen Bei Faustine aber bedeutete es nichts als dass sie
mehr an ihr Bild als an ihre graue Schürze dachte Sie saß stumm da die Lippen
ein wenig geöffnet als lausche sie auf etwas mit den breiten Augenliedern
zuweilen ganz rasch die Augen zudeckend wie um sie auszuruhen die Lachtauben
haben diese Bewegung Endlich wendete Mario seinen Blick ihrer Arbeit zu
    »Warum den finsteren Totenkopf malen« fragte er »was wissen denn Sie vom
Tode Sie bei der Licht und Wärme  und das ist Leben  zu Hause sind«
    »Ich wollte auch das Leben malen« antwortete sie »aber dazu fiel mir eben
nichts Anderes ein als eine Fülle von Blumen und der Totenkopf dazwischen
halb versteckt und doch Alles überragend Sie haben ganz Recht mit dem Tode
hab ich nichts zu schaffen so gar nichts dass ich ihn nicht einmal verstehe
Aus einer Form der Existenz zu einer andern übergehen heißt bei mir nicht Tod
sondern eine neue Lebensentwickelung Leben muss man wie man liebt durch
Ewigkeiten hindurch Wer nicht diese Überzeugung hegt weiß nichts vom Leben
nichts von der Liebe Wer nicht das Weltall zu einem Quell macht aus dem er
Leben und Liebe stets neu und frisch schöpft sollte nur gar nicht dazu Miene
machen Sie sehen ich bin eine entschiedene Gegnerin des Todes aber dem Körper
gönne ich gern sein Ausruhen im Grabe obgleich er dabei so garstig wird wie
mein alter Totenkopf hier«
    »Warum verdient der Leib dies Ausruhen der sich doch nicht halb so viel
anstrengt als der Geist einen körperlichen Schmerz haben wir nach
vierundzwanzig Stunden total vergessen von dem geistigen bleibt immer eine
Narbe oft eine Wunde zurück Körperliche Ermüdung  was ist denn das man hat
ein paar Nächte durchschwärmt  dann schläft man aus ein sehr angenehmes Mittel
gegen Ermüdung  Aber gegen geistige Müdigkeit die auf Überanstrengung folgt
und Flug und Schwung lähmt gibts keine angenehme Mittel sondern Sturzbäder
von Widerwärtigkeiten etwa und Moxa der Leidenschaft und ähnliche Kuren
welche der geschickte Arzt Schicksal zu verhängen weiß«
    »Daher hat aber auch der Geist seine Freude seinen Spaß sein Glück sein
Fortkommen  und der arme arme Leib nichts von dem Allen Wie muss das Blut
rennen die Nerve hüpfen die Muskel ringen wie müssen die Sinne diese faulen
Knechte und stummen Diener der Seele sich abarbeiten danaidenmässig denn wenn
nun der Leib meint er habe sich ein Vergnügen arrangirt so tritt plötzlich
sein Tyrann auf Geist Seele wie er heißen mag und spricht Mit nichten mein
Guter der Abhub der Tafel kommt dir zu  Dann schmaust der Tyrann die besten
Bissen und trinkt vom Champagner nur den Schaum und der arme Leib steht
demütig hinterm Stuhl und freut sich dass es seinem Herrn so gut schmeckt Man
kann sich gar nicht wundern wenn er manchmal zur Unzeit verdrießlich wird sich
lang ausstreckt und sagt Suche Dir einen andern Knecht ich habs satt«
    »Die Emanzipation des Fleisches wie das Modewort heißt welches jetzt
gepredigt wird  entspricht also wohl ganz Ihren Wünschen«
    »Unsinn lieber Graf kläglicher Unsinn wie er von Leuten mit fixen Ideen
nicht anders zu erwarten ist All diese Prediger sind mit der Monomanie der
Gleichheit behaftet die sich durch eine Art von Berserkerwut gegen Alles was
bisher dominirt und primirt hat äußert Die aristokratische Institution dass
Vernunft Verstand Wille den Plebs der Sinne beherrsche soll nicht mehr
gelten nicht  weil sie nicht gut und nützlich wäre sondern tout bonnement
weil etwas Hochadliges darin liegt rohes ungebildetes Volk  gehorchen zu
lassen Im Mittelalter verliehen die Städte an Ritter und Herren das
Bürgerrecht und das war eine große Ehre denn sie traten dadurch in eine
ehrenwerte Verbindung Jetzt wo alles Zünftige als der Gleichheit und
Freiheit widersprechend  abgeschafft wird taucht plötzlich eine Zunft von
Literaten auf welche das Bestialitätsrecht verleihen möchte Aber ich denke
sie werden es wohl für sich behalten dürfen  So Nun bin ich mit der Anlage
fertig Jetzt sollen Sie die bewussten Bäume sehen«
    Sie erhob sich stellte ein Gemälde auf die Staffelei und sprach zu Mario
    »Setzen Sie sich davor hin«
    Es war ein schroffer Felsenabhang über dem Meer Eine Tanne und eine Birke
mit seltsam verschlungenen Zweigen standen am äußersten Rande dieses Abhangs
und bildeten den Vorgrund Die Birke war ganz unbelaubt ihr weißer Stamm die
schlanken Zweige schienen zu zittern und zu frieren im Sturm Die Tanne breitete
ihre Äste worauf einzelne Schneeflocken gestreut waren schützend aus gleich
starken Armen Der Himmel war winterlich hart eisgrau im Westen kupferrot
Tief unten dämmerte das Meer
    Nach einiger Zeit stellte Faustine ein zweites Gemälde auf die Staffelei
ganz derselbe Gegenstand aber im Frühling und im Morgenlicht Die Birke frisch
und sonnenglänzend schmückte die Tanne mit ihrem wehenden schwebenden Laube
wie mit festlichen Guirlanden
    »Gefallen Ihnen die Bäume« unterbrach Faustine endlich das Schweigen
    »Sie verstehen zu malen« entgegnete Mario »Sie verstehen die Dinge
aufzufassen und ihnen mit dem Pinsel ein poetischwahres Gewand umzuhängen Aber
wundern dürfen Sie sich nicht dass Feldern und vielleicht hundert Andere nur
eine schöne Landschaft in diesem Bilde sehen Bilderschrift ist ein tiefsinniges
Studium wozu mehr gehört als des Kunstkenners Geschmack und Urteil Sie ist
ein Sanskrit nur von Wenigen verstanden«
    In demselben Augenblick trat Klemens ein und sagte
    »Verzeihung ich bin vom Diener hergewiesen« Dann rasch hinter Mario
tretend und das Gemälde betrachtend rief er hocherfreut »Die Tanne kenne ich
Sie haben sie einmal auf einem Spaziergang in Oberwalldorf flüchtig gezeichnet
dabei habe ich sie mir eingeprägt Es freut mich dass Sie an etwas aus jener
Zeit gedacht wenn nicht an Menschen doch an den Baum«
    »Ich denke an Alles was der Erinnerung wert ist« sagte Faustine
    »Oder der Hoffnung« rief Klemens
    »Ja und lieber noch« entgegnete sie und machte eine Bewegung welche die
Herren einlud mit ihr das Atelier zu verlassen Schürze und Häubchen blieben
darin zurück
    Mario und Klemens missfielen sich ungemein  gegenseitig wie das gewöhnlich
der Fall ist Seltsam dass nichts auf der Welt zwei Menschen die sich einander
völlig fremd sind herzlicher verbindet oder feindlicher entzweit als die Liebe
für eine dritte Person  je nach der Beschaffenheit dem Kolorit der Temperatur
dieser Liebe Der Freund der Bruder der Geliebten wird unser Bruder unser
Freund wer aber Miene macht sie auf unsere Weise anzubeten ist unser
Erzfeind Klemens hasste Mario weil er eifersüchtig auf ihn war Er fühlte dass
Mario Faustinen besser als er gefallen könne denn er war unbeholfen und sie
hatte die gewandten Menschen so gern »die Menschen welche ihr zartes Händchen
nur mit einem weißen Glacé Handschuh anfassen  murmelte Klemens  und davon
bin ich kein Liebhaber obgleich ich ihr zu Gefallen auch recht gern weiße
oder himmelblaue oder maigrüne Handschuhe anziehen würde«  Mario hatte Klemens
einen Augenblick mit dem unverhohlenen Erstaunen betrachtet welches durch
dessen brüskes Auftreten überall wo man an bessere Manieren gewöhnt war
hervorgerufen werden musste Dann aber beachtete er ihn gar nicht mehr als ein
selbständiges Wesen sondern nur dann wenn Jener auf irgend eine Weise gegen
Faustine anstieß Sie selbst litt gar nicht durch das unvorteilhafte Licht
worin Klemens sich zeigte
    »Es ist den jungen Leuten sehr heilsam wenn sie merken was und wie viel
ihnen fehlt um in der Gesellschaft angenehm zu sein«  sagte sie einst »Wenn
sie von der Universität kommen sind sie so aufgeblasen wie eine Mongolfiere
und gleich dieser ihrer Himmelfahrt und des bewundernden Staunens des
versammelten Volks gewiss Warum so aufgeblasen entweder haben sie sich brav
herumgehauen oder sie haben enorm getrunken oder der Himmel hat sie mit einem
pompösen Bart erfreut oder sie haben in irgend einem Examen sich nicht
verblüffen lassen «
    Klemens der anspruchloseste Mensch unter der Sonne war nur auf seinen Bart
eitel deshalb unterbrach er gereizt Faustine und rief weil er doch nicht die
BartStolzen verteidigen konnte
    »Sie haben gut reden spöttisch und klug sollten Sie sich examiniren
lassen würden Sie auch vielleicht nicht bestehen«
    »Das käme noch darauf an«  entgegnete sie unverzagt
    »Und«  sagte Mario  »sich nicht verblüffen zu lassen ist gewiss eine eben
so wichtige als richtige Regel darüber Wenigstens einmal hab ich mich bei
deren Befolgung mit Ruhm bedeckt Ich wurde mit drei Gefährten examinirt Alles
ging charmant bis der Examinator nach der Tages und Jahreszahl irgend eines
obscuren Edicts fragte Nur zufällig hätte man dies behalten und beantworten
können Meine Gefährten schwiegen Es ist aber doch allzu verdrießlich wenn ein
Mensch viermal fragt ohne eine Antwort zu bekommen also nannte ich tapfer ein
Datum als ich gefragt wurde Da sagte der Examinator sehr bedächtig Es ist
zwar nicht dieser Monatstag sondern jener und auch nicht diese Jahreszahl
sondern jene welche das Edict bezeichnen aber man sieht doch«
    »Aber man sieht doch« rief Faustine und klatschte fröhlich in die Hände
»wie leicht es ist mit einiger Geistesgegenwart gut zu bestehen«
    »Aber man sieht doch« sagte Klemens »wie leicht es ist den Leuten Sand in
die Augen zu streuen«
    »Ja« antwortete sie »auf die Manier und die Manieren kommt freilich sehr
viel an«
    »Das sollten oberflächliche Menschen sagen dürfen aber Sie nicht Sie
müssen auf das Wesen sehen«
    »Sehr gern sobald das Wesen ein goldener Apfel in silbernen Schaalen ist 
wie es in der Bibel heißt Ist aber der goldene Apfel in ein Igelfell gewickelt
so bin ich verwundet und abgeschreckt beim Anfassen und tröste mich nur
allmälig durch den Gedanken an den köstlichen Inhalt Was soll mich aber
trösten wenn ein gemeiner rotbäckiger saurer Apfel im Igelfell liegt nehme
er ein SilberflorMäntelchen von guten Manieren um so wird er zwar nicht
sonderlich geniessbar allein doch recht gut anzuschauen sein Gute Manieren sind
meine geborenen Freunde wo ich sie finde werd ich mich  nicht immer heimisch
das liegt in einer andern Sphäre  jedoch nie unheimlich fühlen Schlechte
Manieren sind meine geborenen Tyrannen machen mich zaghaft machen mich bald
übertrieben höflich um auf meiner Seite doppelte Schranken zu haben und bald
so ungeduldig dass ich rufen möchte Geht zu Gevatter Schneider und
Handschuhmacher mit denen ihr zu verwechseln seid«
    »Und was nennen Sie schlechte Manieren haben«
    »Eben verwechselbar mit Gevatter Schneider und Handschuhmacher sein«  sagte
Faustine gelangweilt und Klemens beruhigte sich denn das passte nicht auf ihn
Feldern wollte sein Cunigunden gegebenes Wort erfüllen Er bat Faustine um die
Gnade seiner Braut zuweilen ihre Gesellschaft zu gönnen Er sagte
    »Ich bin des günstigsten Einflusses Ihres lichten Wesens auf das krankhaft
sentimentale meiner Braut gewiss«
    Faustine sah ihn scharf an und erwiderte »Sie scheinen mir bestimmte
Grenzen setzen zu wollen aber Sie sollten wissen dass ich mich denen nicht
füge ohne sie wenigstens im vollen Umfang zu kennen Erwarten Sie etwas
Bestimmtes von mir wie zB dass ich Fräulein Stein einige Anleitung in der
Malerei gebe oder dergl so sagen Sie es nur gerade heraus ich werde es gern
tun«
    »Cunigunde malt nicht« entgegnete Feldern »und überhaupt ist es nicht ein
Lehrmeister den sie in Ihnen finden möchte sondern eine Freundin«
    »Wer das in mir sucht dem komme ich entgegen mit vollem offenem Herzen und
ich bin Fräulein Stein im Voraus dankbar für ihr Zutrauen Aber mein bester
Feldern vergessen Sie nicht dass ich nicht die Person bin welche je ihre
Meinung zurückhält und dass wenn man mich um Rat fragt keine Rücksichten mich
hindern ihn nach meiner Überzeugung zu erteilen«
    Hätte Feldern den Mut gehabt Faustinen sein gespanntes Verhältnis zu
Cunigunden offen darzulegen so hätte sie ihn beschworen die widerstrebende
Braut fahren zu lassen und auf keinen Fall sie selbst mit einer Person in
Verbindung zu setzen deren Ansichten sie teilte Aber Feldern beharrte in
seinem Eigensinn Cunigundens Benehmen als eine nervöse Sentimentalität zu
betrachten welche der Zerstreuung der freundlichen Teilnahme der
rückkehrenden Jugendkraft weichen würde Wich sie  warum sollte er vorschnell
Fremde von der obwaltenden Spannung unterrichten Wich sie nicht  und diesen
Fall mochte er kaum sich selbst heimlich gestehen  so erfuhr das Publikum ja
immer früh genug den eclatirenden Bruch  Jetzt setzte er ihr aber nur
auseinander wie anmutig und belebend ihr Umgang für ein junges kränkelndes
Mädchen sein müsse dem in einer beschränkten Häuslichkeit bei einer
strengherrschenden Mutter und einem schwachen geistlosen Vater solcher Verkehr
durchaus entzogen sei Faustinens Sympatie ward rege Cunigunde kam ihr wie ein
Echo ihres eignen Wesens vor Ungeduldig wie sie war rief sie endlich
    »Nun ich sehe ihr mit derselben Teilnahme entgegen die sie für mich
geäußert hat bringen Sie nur recht bald sie zu mir«
    Cunigunde war entzückt durch diese Botschaft welche Feldern am Nachmittag
ihr hinaustrug Frau von Stein zufrieden dass doch irgend etwas im Stande sei
die Tochter aus der unnatürlichen Gleichgültigkeit aufzurütteln und Herr von
Stein sehr gern bereit mit ihr nach Dresden zu fahren und ihr ein kleines
Amüsement zu verschaffen
    Faustine dankte in ihrer Seele dem Himmel der ihr so gnädig von allen
Seiten Menschen zusandte mit denen sie sich gut unterhielt Mario war da
täglich ja wenn sie es gewünscht hätte stündlich Mario der sie so gut
verstand auf Ernst und Munterkeit einging stets das zu sagen wusste was wenn
es ihr auch nicht gefiel doch sie zum Widersprechen anregte woraus hervorgeht
dass es keine flache Äußerungen waren Mario um den allmälig eine hohe
Leidenschaft starke Wellen schlug die sein Herz umdrängten und ihn zu dem
schönen »Stern der Meere« hintrugen welcher alle Wogen zu einem Element des
unermesslichsten Glanzes verwandelte Mario an den sie so oft so gern mehr als
sie wollte dachte  nicht um ihn zu lieben aber um sich an diesem Dasein voll
seltener Kraft und seltener Gaben zu freuen und zu erquicken  so wähnte sie
    Dann war auch Klemens da doch weder erfreulich noch erquickend für sie 
wie sie es früher wohl gewähnt Die letzten Tage in Oberwalldorf hatten ihr die
Überzeugung aufgedrängt dass er eine lebhafte Neigung für sie hege aber sie
glaubte sich auf eine Weise gegen ihn benommen zu haben die auf immer jede
Hoffnung in ihm töten und ihm das Unstattafte seiner Empfindung dargetan
haben musste Als er in Dresden erschien hielt sie ihn für erwacht aus seinem
Traum denn es war ihr unmöglich an eine dauernde Liebe ohne Erwiderung zu
glauben und sie hoffte ihm vielleicht von einigem Nutzen bei seinem Eintritt in
die Gesellschaft zu sein und seine frische unverdorbene Seele vor bösen
Einflüssen zu bewahren Doch das gestaltete sich sehr bald ganz anders Klemens
hatte keineswegs ein Gefühl aus seiner Brust verbannt das ihn einst berührte
wie der Sonnenstrahl die eingewickelte Raupe Faustine war ihm nun einmal zur
Hieroglyphe für Schönheit und Glück geworden bei ihr verstand er jene durch
sie verstand er dieses Aber das Wesen das uns in den zwiefachen Himmel der
Schönheit und des Glücks erhebt  lieben wir es nicht ist Liebe etwas Andres
als Offenbarung unendlicher Schönheit und unendlichen Glücks  So dachte
Klemens in den langen öden Tagen die auf Faustinens Abreise von Oberwalldorf
folgten und dass sie ihn nicht liebe dachte er auch wohl zuweilen aber nie ohne
den demütigen Zusatz wie hätte ich auch das verdient ists nicht meine
Seligkeit ihr mein Herz zu geben das ihre will ich ja gar nicht Wird nicht
der Bettler von der Fürstenkrone erdrückt aber nehmen soll sie mein Herz
nehmen muss sie es  wenn sie es in den Staub träte  nein das kann sie
nicht sie muss den Wert eines Herzens erkannt haben so wie die Gottheit ihn
erkennt Mit diesen Gedanken kam er aus dem Einerlei seines beschränkten
tätigen Lebens nach Dresden Hier sah er Faustine in ganz andern Verhältnissen
als zu Oberwalldorf Sie war umringt bewundert gefeiert Männer und Frauen
wünschten sehnlichst ihren Umgang ihre Bekanntschaft wer ihr nahte huldigte
ihr und was mehr ist  huldigte ihr gern Ihm kam es vor als ob alle Männer
sie liebten das Herz vor ihr niederlegten als sei das seinige dadurch im Wert
nicht aber im Preise gesunken Wodurch sollte er denn ihre Augen die
verwöhnten auf sich ziehen Er verlief sich unter der Menge Er wurde
eifersüchtig wie ein Kind ohne Gegenstand ohne Grund Dies Aufpassen dies
Haschen dies Lauern machte ihn unzufrieden mit sich selbst und deshalb wurde
er verdrießlich und Faustine zur Last die gar nicht wusste was mit diesem
Menschen anfangen als  ihn wegzuschicken und dazu hatte sie kein Recht
Bisweilen wenn er allein mit ihr war rührte seine Andacht sie und sie war
freundlich und herzlich nach ihrer Weise wie sie selbst sie bezeichnete »Ich
bin freundlich gegen alle Menschen  die mir gefallen«  aber sobald sie
freundlich war geriet Klemens in Entzücken und sie musste spotten und lachen
um dadurch seine Freudenflammen ein wenig zu dämpfen Kamen nun gar andre
Menschen hinzu gegen welche sie gleichmäßig freundlich war weil sie ihr keine
Veranlassung gaben ihr Benehmen zu ändern kam vollens der gehasste Mario von
dem Klemens sehr schnell erkannte dass er für Faustine in einer andern Reihe
als ihre gewöhnlichen guten Freunde stehe nämlich in gar keiner und ganz
abgeschieden  so tobten Wogen von Groll und Bitterkeit durch seinen sonst so
sanften Sinn und sein Mangel an Erziehung veranlasste ihn zu einem Benehmen
welches ihn bald lächerlich bald unerträglich machte Faustine hatte gehofft
die Furcht lächerlich zu erscheinen würde ihn der nicht ohne Schüchternheit
war in seinen Grenzen halten aber die Leidenschaft übersprang und überwog jede
Rücksicht Jetzt war Faustine ganz gleichmäßig ernst gegen ihn und er kam
seltener Sie fragte ihn einmal wo und mit wem er seine Zeit hinbringe und er
antwortete
    »Mit jungen Künstlern ich will auch Maler werden«
    
    Sie lachte aber sie freute sich dass er doch irgend eine Beschäftigung
habe da das nichtstuerische Leben ihm dem Arbeitgewohnten leicht gefährlich
werden konnte
    Cunigunde kam Faustine empfing sie mit der ganzen Holdseligkeit die sie
bezaubernd machte und die immer wenn ihr Herz berührt wurde wie eine Glorie
sie umfloss Sie waren lieblich anzusehen die beiden schönen Gestalten
Cunigunde glich der Nacht mit ihrem dunkeln Haar das sich in schweren Locken um
ihr vornehm feines regelmäßig edles mehr schmerzens als krankheitsblasses
Gesicht ringelte die schmalen Lippen waren fest geschlossen sie hatten selten
gelächelt nie geküsst die länglichen Augen fast immer gesenkt doch wenn die
Wimpern sich hoben so brach hinter ihrem schwarzen Gitter ein geheimnisvoller
Strahl an der gleich einem feuchten zitternden Mondlichtstreif zum Himmel
stieg oder vom Himmel kam Faustine dagegen war wie der Tag hell durchsichtig
ein Krystall worin Purpur Gold Azur und Rosenrot sich schmolzen Ihren Kopf
konnte nur ein Dichter erfinden Cunigundens  ein Bildhauer Sie war die in
Frauenform verhüllte Essenz einer halbromantischen halborientalischen Poesie 
Leidenschaft und Phantasie vorherrschend zwei Dinge die sich gewöhnlich
einander ausschließen und in ihr sich vereinigten wie der Lucifer ins
Morgenrot hineinstrahlt Aber nicht die Nacht allein  auch der Tag hat seine
Geheimnisse Wer kann am hohen Sommermittag den Blick aufwärts kehren und in den
Himmel hinein sehen der wie polirter Stahl leuchtet und funkelt es wird stets
ein zitternder Schleier wie von durchsichtigen Goldflittern vor den Augen
hängen und diese Atmosphäre umgab Faustine diese Atmosphäre war es welche sie
schied von der Masse der nüchternen Menschen und sie für Einzelne
unwiderstehlich machte Sie stand darin wie die Palme in der tropisch blühenden
Oase wie die Peri in ihrem feenhaften Reich Und diese Atmosphäre zerschmolz
alle Fesseln an Cunigundens eingekerkerter Seele eben so plötzlich wie sie die
Schwingen von Marios freier Seele versengt hatte Sie erzählte Faustinen ihre
einfache kurze traurige Geschichte wie sie vor vier Jahren mit Feldern sich
willig und gern verlobt habe wie es ihr aber trotz dessen jetzt eine
Unmöglichkeit sei seine Gattin zu werden und wie sie als eine Kranke behandelt
werde weil sie keinen Grund für diese Umwandlung anzugeben wisse Sie sagte mit
einem unbeschreiblichen Ausdruck von Melancholie
    »Hypochonder und nervenschwach nennt man mich Ach nicht die Nerven  die
Seele ist schwach die fürchtet eine Last auf sich zu laden der sie nicht
gewachsen ist«
    »Nennen Sie Ihre Seele nicht schwach sondern klar« rief Faustine »Allen
Zügeln allen Lenkungen zum Trotz lässt sie sich nicht durch die Verhältnisse
bestechen sondern erkennt den Weg auf welchen ihr Heil nicht liegt Haben Sie
je so verständig so überlegt mit Herrn von Feldern gesprochen«
    »Wie oft aber er versteht mich nicht Ich denke dass Männer nicht gleich
uns Fühlfäden an ihren Seelen haben«
    »In gewöhnlichen Zuständen mögen wir ihnen an Takt und Feinheit überlegen
sein« sagte Faustine Andlaus eingedenk mit tiefer Innigkeit »aber wenn ein
Mann liebt  und das geschieht öfter als die Frauen es eingestehen wollen  so
umfängt er wie eine Sensitive das Geliebte und fühlt früher stärker jede
dämmernde Regung jede Wolke der Empfindung jeden keimenden Dorn der
Missstimmung jede schwellende Knospe des Glücks Aber freilich  lieben muss er
Liebe ist ewig der Ring des Djemschid welcher das Verständnis der Dinge
verleiht«
    »Feldern liebt mich  sagt er« 
    »Ja ja« sprach Faustine und ein Schatten von Cunigundens Melancholie legte
sich auf ihre blütenweisse Stirn Erinnerungen zogen wie finstre Träume ihrem
innern Auge vorüber  »die Männer lieben auf allerlei Weise und es gibt
freilich eine die uns elender macht als je ihr Hass uns machen könnte Von der
rede ich nicht denn wenn ich von ihr redete  fügte sie mit dem leisesten
bebenden Ton hinzu aber ihr Auge flammte und ihre Wange glühte  so könnte ich
nicht anders als sie verfluchen«
    Sie presste krampfig beide Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf dass
ihre Locken wie Bäche die Hände überrieselten Dann warf sie Kopf und Haar
zurück ihr Anblick tauchte beruhigt aus der Flut der Erinnerungen auf und sie
strich lächelnd träumerisch über die Stirn als hätten Gespenster sie geneckt
    »Erschrecken Sie nur nicht über mein rasches heftiges Wesen« bat sie
lieblich »Ich habe nun einmal eine Seele deren Normalzustand ein fiebernder
ist Damit hat man goldenselige Phantasien oder grausige Phantasmagorien aber
letztere kommen mir selten und immer seltener Von Ihnen wollen wir sprechen
Sagen Sie mir wie sich Ihr Schicksal in Ihrer Familie gestalten würde wenn sie
entschieden mit Herrn von Feldern brächen«
    »Ich glaube fast dass ich zu gleicher Zeit mit meiner Familie brechen würde
denn meine Mutter ist nicht daran gewöhnt dass wir ihren Wünschen entgegen
handeln und sie wünscht meine Verheiratung«
    »Nun« fragte Faustine gespannt als Cunigunde nach diesen Worten schwieg
    »Ich habe keine Aussichten keinen Trost keine Hoffnung Meine Zukunft ist
eine undurchdringliche Nacht Was ich auch tun möge  Schmerz und Kampf sind
mir auf jedem Wege gewiss doch Elend nur in der Verbindung mit Feldern«
    »Gott« sagte Faustine »welch unglaubliches Leid verzweigt sich durch
anscheinend friedliche einfach glückliche harmlose Verhältnisse Überall nagt
und schleicht und brennt ein Gift und Keiner kann den Andern retten nicht
einmal den Geliebtesten Jeder muss seinen Kampf selbst durchfechten und mit
seinem Blut bezahlen und für Jeden ist er immer so als wäre noch nie etwas
Ähnliches dagewesen denn immer sind die Umstände so verschieden dass Niemand
sein eigenes Beispiel als einen Rat darbieten darf«
    Sie sprachen viel miteinander wie alte Freundinnen und das erleichterte
Cunigundens zusammengepresstes Herz wenigstens von der beschämenden Qual mit
ihren tiefsten heiligsten Empfindungen als eine beklagenswerte Kranke
dazustehn Sie blieb den ganzen Tag bei Faustinen Sie sang ihr vor  und nicht
mit der kalten seelenlosen Stimme wie sie einst in Mengens Gegenwart auf
Felderns Wunsch gesungen sondern wie man eben singt wenn das Herz überfliesst
Faustine hörte ihr mit wahrer Andacht zu denn sie war immer andächtig sobald
sie einen Herzschlag vernahm und sann nach ob sie nichts für Cunigunde tun
könne ihr einen Zufluchtsort schaffen ihr Mittel zu einer selbständigen
Existenz an die Hand geben und dazwischen fiel ihr ein ob Andlau nicht
unzufrieden sein würde über ihre Einmischung in so zarte Verhältnisse und ob
sie kein Unrecht gegen Feldern beginge der ihre Vermittlung zur Vereinigung
nicht zur Trennung gesucht Sie hatte ihn zwar gleich auf ihre Handlungsweise
vorbereitet   da kam Feldern »Ich werde ihm gleich reinen Wein einschenken«
sagte sich Faustine heimlich So wie er gemeldet war veränderte Cunigunde sich
augenscheinlich wurde gezwungen scheu und befangen Sie verließ das Piano die
Kehle hatte keinen Ton die Brust keinen Atem mehr und als er eben in den
Salon getreten war sagte sie ängstlich
    »Ich begreife nicht warum mein Vater nicht kommt mich abzuholen es muss
schon recht spät sein«
    Zum Glück langte Herr von Stein bald darauf an und hätte er auch recht gern
Faustinens Einladung den Abend bei ihr zuzubringen angenommen so kam ihm doch
Cunigunde ablehnend zuvor Sie bat Faustine um Erlaubnis sie in ihren einsamen
Stunden einmal wieder besuchen zu dürfen erhielt sie gern und schied dankbar
    »Wie finden Sie Cunigunde gnädige Gräfin« fragte Feldern erwartungsvoll
    »Eben so schön als liebenswürdig  und verständig«
    
    »Und verständig  dann hat sie nicht ehrlich zu Ihnen gesprochen«
    »Sie hat warum sollte sie nicht«
    »Weil sie sich ihrer Torheit schämt«
    »Feldern« rief Faustine heftig »die Torheit dieses Mädchens ist
tiefsinnige Weisheit«
    »Hüten Sie sich in der nebulösen Schwärmerei in der vagen Exaltation
wahren und kräftigen Schwung des Gefühls wahrnehmen zu wollen«
    »Cunigunde ist ruhig und klar in sich so weit es ein zwanzigjähriges
Mädchen sein kann sie will nicht einen Mann heiraten den sie nicht liebt und
das nenne ich vernünftig«
    »Aber während vier langer Jahre hat sie ihn heiraten wollen«
    »Sagen Sie lieber dass während dieser Jahre die Einsicht ihres Irrtums sich
in ihr entwickelt hat«
    »Wie oft soll es den Frauen erlaubt sein solchen Irrtum zu begehen«
fragte Feldern gereizt und bitter
    »Erlaubt  nie zu vergeben  immer« sprach sie sehr sanft
    Feldern schwieg eine Weile dann fragte er wieder »Und was wird das
Schicksal Cunigundens sein wenn sie bei ihrem Willen beharrt Wird sie einen
Mann finden der ihren exaltirten Ansprüchen genügt wird sie ihr herrliches
Wesen an einen Unwürdigen verschleudern«
    »Cunigunde sieht so ernst und fest aus als brauche sie nicht die Stütze
welche ein Mann geben kann um ihren Weg durch das Leben zu machen Gewiss ists
dass sie keine solche wünscht da ist die Gefahr nicht groß an einen Unwürdigen
zu geraten«
    So begann Feldern allmälig die Möglichkeit einer Trennung zu fassen und er
war mit Faustine in ernste Überlegung dieses wichtigen Gegenstandes vertieft
als Klemens höchst unwillkommen Beide störte Eintretend warf Klemens einen
zornfunkelnden Blick auf Feldern und einen vorwurfsvollen auf Faustine zog
einen Lehnstuhl setzte sich bequem zurecht und fragte hämisch
    »Störe ich etwa«
    »Ja« sagte Faustine sehr unmutig
    »Behüte der Himmel« rief der rücksichtvolle Feldern »dies Gespräch kann ja
in jeder Minute unterbrochen und wieder angeknüpft werden«
    »Das ist schön« sagte Klemens »Ich war heute zweimal vergeblich vor Ihrer
Tür Gräfin Faustine Mittags um zwölf Nachmittags um vier Uhr beide Mal
sagte mir der Diener Sie wären nicht zu Hause Jetzt ging ich wieder vorbei
und da ich Licht in Ihrem Salon sah kam ich herauf in der festen Überzeugung
dieselbe Antwort zu bekommen« 
    »Aber Sie täuschten sich wie Ihnen das schon Millionen Mal passiert ist«
sagte Faustine kaltblütig ohne seine Impertinenz zu beachten für welche
Feldern ihn sprachlos mit strafenden Augen ansah Dann wendete sie ihm den
Rücken und unterhielt sich mit Feldern über Vorfälle in der Gesellschaft und
Erscheinungen in der Kunst und Literatur Eine momentane Pause benutzte Klemens
um im veränderten demütigen Ton die Frage zu tun
    »Sie waren doch nicht etwa krank heute Gräfin Faustine«
    »Nein ich war sehr wohl« antwortete sie kühl und kehrte sich wieder zu
Feldern mit einer gleichgültigen Bemerkung über die bodenlose Gesprächigkeit
irgend einer Dame »Es tut mir immer leid um all die schönen Worte die sie so
kreuz und quer und mit vollen Händen ausstreut Man kann viel durch ein Wort
ausrichten wenn man nur nicht sich und andre daran gewöhnt hat dass man die
Worte missbraucht In ihrer Zusammenstellung kann eben sowohl als in ihrer
Betonung eine deutliche Nüancirung veränderter Zustände liegen Wenn Jemand an
mich schreibt »meine teure Faustine«  der sonst schrieb »liebe Ini« oder
kurzweg »Ini«  denn in der bloßen Nennung des Namens ohne verherrlichende
Adjectiva liegt die tiefste koncentrirteste Innigkeit  so weiß ich dass seine
Zärtlichkeit eine retrogade Bewegung gemacht welche sich im nächsten Brief den
ich vielleicht nach einem halben Jahr erhalten werde in Hochachtung umgesetzt
hat was mir die »verehrte Gräfin« ankündigt«
    »Ist Ihnen das wirklich schon begegnet« fragte Klemens neugierig Er suchte
an der Konversation Teil zu nehmen von der Faustine ihn so absichtlich
ausschloss Aber wenn sie auch erwiderte
    »Ich spreche nur beispielsweise von mir«  so würdigte sie ihn doch keines
Blicks und Klemens verzweifelte innerlich dass er sich von seiner kindischen
Eifersucht hatte hinreißen lassen die ihm jetzt so törig und unpassend wie
möglich erschien
    Nachdem Feldern gegangen sagte Faustine zu Klemens der noch immer ganz
unbeweglich in seinem Lehnstuhl verharrte
    »Gute Nacht Herr von Walldorf«
    Er fuhr zusammen »Herr von Walldorf« fragte er verwirrt
    »Ja ich meine Sie«
    »Und was habe ich Ihnen getan dass Sie mich plötzlich so fremd behandeln
mich fortschicken obgleich ich Sie heute den ganzen Tag nicht gesehen« 
    »Mir haben Sie nichts getan merken Sie sich das ein für alle Mal eine
Unart trifft nicht mich sondern den der sie begeht Ihr schlechter Ton
verletzt mich noch mehr in Ihrer als in meiner Seele weil er von einer
außerordentlich starken Indelicatesse zeugt Ich müsste Sie wie ein Kind
behandeln und Ihnen jedes unpassende Wort verweisen wenn es mir nicht zu
langweilig wäre als Bonne aufzutreten einem vernünftigen Menschen gegenüber Da
ich das nicht mag werde ich Sie fremd und förmlich behandeln um Sie auf diese
Weise an die Schranken zu erinnern welche Sie stets geneigt sind zu
überspringen Aber ein Mann der mich dazu zwingt wird mir über kurz oder lang
unausstehlich Die Männer sind von Natur täppische Gesellen ward das nicht
durch Erziehung und Sitte gesänftigt so behüte mich der Himmel vor ihrem
Umgang«
    Klemens rang die Hände »Wie kann ein scherzhaftes Wort «
    »Niemand versteht besser den Scherz als ich« unterbrach Faustine »darum
habe ich auch sehr gut verstanden dass Sie nicht scherzen sondern sehr
ernstaft sein wollten was wirklich bei dieser Gelegenheit nicht bloß ins
Gebiet des Scherzes sondern in das der Lächerlichkeit fällt«
    Sie lachte und Klemens rief erleichtert »Gottlob«
    Faustine sagte mit ihrem gewöhnlichen sanften Ton und hellen Blick »Ich bin
ja so gern die Freundin meiner Freunde zwingen Sie mich doch nicht Ihr
Zuchtmeister zu sein Dazu sind ja die Feinde gut«
    »O Sie sind eine Himmlische« rief Klemens beseligt und ergriff ihre Hand
setzte aber langsam hinzu als Faustine die Hand losmachte »Nur aber grausam«
    »Sehen Sie je dass ein andrer Mann alle Augenblicke meine Hand anpackt«
fragte sie ein wenig gelangweilt
    »Nein aber es liebt Sie auch Keiner wie ich«
    »Irrtum Alle haben mich lieber als Sie Alle vermeiden mir lästig zu
werden und mir zu missfallen«
    »Aber für Einen könnten Sie doch eine Ausnahme machen«
    »Und warum das«
    »Eben weil er Sie liebt«
    »Das genügt nicht ich muss ihn wieder lieben«
    Er sah sie an Sie saß auf dem Sopha in die Ecke zurückgelehnt das feine
goldene Kettchen woran ihre Lorgnette hing nach ihrer Gewohnheit um die Finger
schlingend und wieder ablösend der Kopf seitwärts gesenkt der Blick zerstreut
so zerstreut dass Klemens der auf dem Punkt gewesen war ihr zu Füßen zu fallen
und um ihre Liebe zu bitten und zu flehen selbst ganz zerstreut wurde und
gleichsam beruhigend halblaut zu sich selbst sprach
    »Sie kann wohl nicht lieben«  Und damit ging er
    Mengen klagte auch am nächsten Tage über Faustinens Unsichtbarkeit aber es
geschah in einem andern Ton Für ihn war es wirklich als habe die Sonne nicht
geschienen Eine Stunde oft nur eine halbe Stunde bei ihr zugebracht gab ihm
eine Freudigkeit die dreiundzwanzig Stunden lang anhielt Er konnte sie nicht
so oft sehen als er wünschte denn wenn auch eine einzige Minute schon ihm ein
Glück war so sehnte er sich doch immer nach ihrer Allgegenwart und wenn er
auch arbeitend und beschäftigt am Schreibtisch saß so war es ihm doch oft als
beuge ihr Kopf sich lieblich über seine Schulter als sehe sie mit ihrem
magnetisch anziehenden Auge in das seine Diese geträumte Allgegenwart verriet
genugsam seine Wünsche Aber er besorgte allein die Geschäfte Während der
Abwesenheit des Gesandten im Sommer hatte er sie übernommen und gern ihm war
Arbeit eine Lust sie waren ihm geblieben Der alte kränkelnde Chef hatte ihn
lieb und nahm oft seine Gesellschaft in Anspruch Die Welt desgleichen mit der
er sich eingelassen ehe er Faustine gekannt Jetzt waren ihm all diese
Verhältnisse höchst lästig Er musste zwischen ihnen und ihr die Zeit teilen
die Zeit welche bei ihr unschätzbar wurde denn in jeder Sekunde gewahrte er
einen neuen Reiz eine neue Gabe bei ihr und bei Andern nichts als das
tausendfältig abgehaspelte Einerlei der nach außen gerichteten
Oberflächlichkeit Ihr Wesen war so tief dass er oft ihre Anmut darüber vergaß
aber die Form worin sie sich hüllte war so verschwebend leicht so heiter so
süß und lieblich dass es Torheit schien bei dieser Grazie den Ernst zu suchen
Gerade dies seltene Gemisch vom Höchsten und Einfachsten  da die meisten
Menschen weder das Eine noch das Andre und nur ausgezeichnete das Eine oder das
Andre sind  war ihm anfänglich so überraschend und später so fesselnd
entgegengetreten wie er nie geglaubt dass ein Weib es könne Wenn er in ihr
Zimmer trat und die Tür hinter ihm zufiel wenn er sie immer ernst beschäftigt
lesend malend schreibend nachdenklich wie eine Muse fand und wenn sie dann
so fröhlich wie ein der Schule entronnenes Kind Bücher und Pinsel fortwarf und
ausrief »Ein gesprochenes Wort ist mir lieber als zehntausend gedachte jetzt
wollen wir plaudern«  oder ein ähnlicher Ausruf der immer einen Gedanken
verriet oder enthielt und auf den als Begrüßung Niemand rechnen konnte  so
war er in eine Region entrückt die sein Fuß noch nie betreten und in der er
sich doch heimisch fühlte wie in seinem angestammten Eigentum Bisweilen
fielen ihm die ersten Äußerungen ein welche er über Faustine gehört aber er
schenkte ihnen keinen festen Glauben Es wird so viel Wunderliches in der Welt
geschwatzt Doch hatte er nicht den Mut Faustine zu fragen Es war als
fürchte er sich etwas zu hören was ihm weh tun müsse Allein diese Furcht
nahm eine Maske vor und sprach »warum dies offene Wesen nach etwas fragen was
sie mir unfehlbar ungefragt sagen wird«
    Doch von ihrem Verhältnis zu Andlau sprach Faustine nie Sie hielt es nicht
für nötig das Warum und Weshalb ihres Tuns darzulegen Sie tat Missfiel das
so ertrug sie es Sich zu rechtfertigen zu entschuldigen nur war ihr nie
eingefallen »Andre müssen uns entschuldigen« pflegte sie zu sagen »wer für
sich selbst Entschuldigungen aussinnt könnte ja lieber das Mittel aussinnen
ihrer nicht zu bedürfen«  Auch von Andlau selbst sprach sie wenig und nie
anders als zufällig zu Personen die ihn nicht kannten
    Einmal kam Mengen zu ihr und fand sie umringt von Charten des Orients Er
fragte was sie studiere
    »Meine Reise in den Orient« entgegnete sie und entwickelte ihm den Plan
dem sie die Frage anhing ob er nicht von der Partie sein wolle Er willigte mit
Jubel ein und Faustine rief alle historische und poetische Erinnerungen auf
welche gerade über diese Reise einen so mächtigen Zauber verbreiten Auf einmal
sagte sie
    »Einer von Andlaus Freunden ist Konsul in Alexandrien geworden Das schrieb
er mir heute und dieser Freund nun ist der Grundstein zu meiner egyptischen
HoffnungsPyramide«
    »Sobald Herr von Andlau Sie begleitet bin ich überflüssig«  sagte Mengen
sehr kalt »und ich denke Sie dispensiren mich dann gern«
    »Weshalb wollten Sie sich um die Freude bringen« fragte sie lieblich »und
kann ich denn je von zu vielen Freunden umringt sein«
    »Ach Sie machen mich zu Ihrem Sklaven  nicht zu Ihrem Freund«
    »Wenn ich das tue  so haben Sie Recht sich von mir loszumachen aber ich
tue es unbewusst«
    »Es ist schöner in der Sklaverei bei Ihnen als in schwer erkämpfter
Unabhängigkeit fern von Ihnen zu leben«
    »Bilden Sie sich nur nicht ein dass ich Ihnen für dies Kompliment danken
werde« rief Faustine lachend »denn erstens ists eine Fadaise und zweitens
hasse ich die Sklaverei zu sehr für mich als dass ich sie Andern auflegen
möchte Wer nicht aus freiem Willen bei mir ist bei mir bleibt  der kann
lieber heut als morgen gehen Rücksichten und Pflichten dürfen ihn nicht halten
Ich stürbe lieber vor Hunger als dass ich ein Stück Brot von der Hand annähme
welche ohne überquellendes Erbarmen ohne antreibende Liebe nur aus dürrer
Verpflichtung es mir darböte  Gehen Sie doch Graf Mengen gehen Sie wenn
Ihre Freiheit durch mich beeinträchtigt wird  ich halte Sie nicht«
    »Unbewusst  wie Sie selbst sagten«
    »Nun wenn Sie nicht gehen können so müssen Sie auch nicht klagen Man muss
Fesseln brechen nicht gegen sie rebelliren«
    »Sind Sie wirklich im Besitz dieser seltenen Stärke in jedem Augenblick zu
jeder Epoche Ihres Lebens«
    »Mein Leben ist so unaussprechlich einfach und einfarbig gewesen dass ich
nur ein einziges Mal Gelegenheit hatte einen unbesieglichen Entschluss zu
fassen Da revoltirte ich freilich aber es war eine Revolution aus der eine
neue Aera für mich hervorging deshalb hatte ich ein Recht dazu Seitdem habe
ich Gottlob weder Kraft noch Kämpfe noch Entschlüsse nötig gehabt was
alles sehr unbequeme Dinge sind Aber der Mann sollte doch immer unter den
Waffen stehen er ist von so verschiedenen Seiten anzugreifen Leidenschaften
die wir kaum ahnen beherrschen ihn oder versuchen es wenigstens er muss nach
allen Seiten auf der Hut sein Wir haben es immer nur mit der des Herzens zu
tun was aber freilich auch die Sturm und Wetterseite ist«
    »Charakter haben  Wort und Tat Meinung und Handlung in die genaueste
Übereinstimmung und beide dahin bringen dass sie Eins dass sie unsere
Wesenheit dass wir selbst Charakter werden darin liegt die ganze menschliche
Würde und um sie stets zu behaupten ist oft eine übermenschliche Kraft
erforderlich«
    »Mag sein übermenschlich« rief Faustine mit strahlendem Blick »doch
zweifle ich nicht dass sie im entscheidenden Moment Ihnen zu Gebot stehen würde
O Mengen wenn Ihr klares herrliches entschiedenes Antlitz im Widerspruch mit
Ihrem Wesen wäre so wär es mir ein Schmerz Sie dürfen nicht lügen nicht von
der gemeinen Wortlüge rede ich sondern von der feinen welche im Sein nicht
hält was die Erscheinung verspricht Nicht wahr Sie werden immer ganz Sie und
so sein wie ich Sie erkannt habe«
    Sie bog sich vor und sah ihm fest ins Auge und ihr Blick berührte den
seinen wie der Strahl der aufgehenden Sonne das Meer Am liebsten wär er vor
ihr niedergekniet und hätte ihr ewige Huldigung gelobt Aber er begnügte sich
ganz leise mit den Lippen ihre feine Hand zu berühren die erst gegen ihn
ausgestreckt nun vor ihm auf dem Tische lag Darauf sprach sie
    »Ich habe das Gelübde verstanden und nehme es an«
    »Doch nun« rief Mengen sich zusammennehmend um nicht das Gefühl
ausbrechen zu lassen »nun müssen Sie mir irgend etwas geben was mich stets
daran erinnert was mich nie verlassen wird«
    »Das ist billig« sagte sie »Herzog Christian von Braunschweig trug stets
einen Handschuh von Elisabet von der Pfalz am Barett Ich denke mein gelber
Handschuh würde von sehr gutem Effect auf Ihrem schwarzen Hut sein«
    Mario war aufgestanden und ging aus dem Salon in Faustinens Zimmer an ihren
Schreibtisch Da stand eine kleine sehr schöne flache etrurische Schaale und
in derselben lagen Ringe und Petschafte Mario nahm diese Schaale und brachte
sie Faustinen Sie ließ den Inhalt durch ihre Finger gleiten und wählte endlich
einen einfachen starken Ring mit einer großen Perle und der Devise »Qui me
cherche me trouve«  Sie fragte »Ist Ihnen der Ring recht«
    Statt der Antwort hielt Mengen seine Hand hin und bat sie den Ring ihm
anzustecken und zwar an den sogenannten Ringfinger Sie wollte es schon tun da
besann sie sich plötzlich und sagte langsam
    »Nein der Finger wird dereinst einen andern Ring tragen welchem der
meinige weichen müsste Gönnen Sie ihm einen Platz von dem er nicht verdrängt
werden kann  Keine Einwendungen« rief sie lebhaft »ich bin eigensinnig ich
will meinen eigenen Platz sei er so klein wie möglich  ich will meinen
eigenen unantastbaren Platz  oder gar keinen Sie haben die Wahl«
    »Sie haben zu befehlen« erwiderte Mario »Ich meine nur dass Sie jeden
Platz zu einem unantastbaren machen«
    »O ja wenn ich mich gleich auf einen solchen stelle der nicht mit den
Ansprüchen der Welt in Kollision kommt  Sehen Sie an Ihrem kleinen Finger
nimmt sich der Ring ganz hübsch aus« setzte sie hinzu und schob ihn an
    »Nun erzählen Sie mir auch seine Geschichte« bat er
    »Leider hat er keine« entgegnete sie lachend »Vor Jahren hab ich ihn mir
ausgedacht ihn machen lassen ihn drei Tage getragen  dann bei Seite gelegt
Er bezeichnet nur meine damalige Seelenstimmung Die Menschenherzen kamen mir
vor wie versenkte Perlen nach denen niemand fragt Das war ein Irrtum 
Taucher fragen wohl nach ihnen darum gehören ihnen auch die Perlen«
    Am Schluss des Gesprächs war Mario so glücklich dass er ganz vergessen hatte
wie niedergeschlagen er am Anfang gewesen Faustine aber fiel nachdem er
gegangen die Frage aufs Herz ob Andlau sehr mit diesem verschenkten Ringe
zufrieden sein würde In seiner Gegenwart hätte sie ihn gewiss verschenkt und
seiner Einwilligung sicher sein können allein in seiner Abwesenheit  Der
Vorsatz es ihm morgen zu schreiben beruhigte sie »Es kam ja ganz einfach« 
sprach sie zu sich selbst »ich bin nur so sehr daran gewöhnt auch das
Alltäglichste mit Anastas zu teilen dass mir das Ungeteilte wie eine Last auf
der Brust liegt Ich kanns wirklich nicht ertragen so einsam für mich zu
existieren und wenn Mengen nicht hier wäre  Gottlob dass er es ist«
    Ob diese Freude an seiner Gegenwart Andlaus Rückkehr überdauern würde ob
sie kein Unrecht an Mario tue wenn das nicht der Fall  das kam ihr nicht in
den Sinn Sie glaubte das Recht zu haben sich aus voller Seele dieser
ansprechenden Erscheinung freuen und ihr hingeben zu dürfen sie sah darin keine
Gefahr Wenn man dies nur Leichtsinn nennen wollte so würde man dennoch
Faustine Unrecht tun obgleich wohl in ihrem Wesen jene leichtblütige Mischung
war welche den Leichtsinn erzeugt Aber das Leben war ihr eine Aufgabe sich
zur möglichsten Vollendung durchzuarbeiten und jede Begegnung sollte ein neuer
Hammerschlag sein um das Götterbild aus der rohen Felsmasse befreien zu helfen
Sie war von einer tiefen Herzensreinheit nicht von der des Kindes welches
überhaupt von keiner Schuld weiß Ihr heißes Herz verstand jede Schuld jede
Schwäche  nur nicht für sich selbst Sie maß sich nie bei die Absicht des
Schöpfers mit den Geschöpfen erkannt zu haben nur für sich hatte sie dieselbe
erkannt und sie lag in dem kleinen Wort aufwärtsstreben Jede Gemeinheit der
Lüge der Heuchelei der Gefallsucht war ihr fremd  eben ihrer reinen Natur
nach welche jeden Schein verachtete und zu der hatte sie eine Zuversicht die
auf nichts begründet und durch nichts gerechtfertigt war Was ihr begegnete
nahm sie von höherer Hand gesendet an um es zu ihrem Besten zu verarbeiten
ohne Jemand dadurch zu beeinträchtigen Aber wo zieht sich der Faden einer
Existenz so einsam hin dass kein fremder sich mit ihm verschlinge und verwebe
dass dieser nicht breche wenn der Knoten in jenem zerrissen wird
    Indessen kam der Brief für Andlau am nächsten Tage nicht zu Stande
wenigstens nicht so wie es Faustinens Absicht gewesen Sie wurde im Schreiben
überraschend gestört indem Frau von Stein sich bei ihr melden ließ Faustine
empfing sie äußerst artig aber jene nahm nicht sonderlich Rücksicht darauf und
begann sogleich damit ihr zwar in zierlichen Phrasen allein ganz unverhohlen
Vorwürfe über den ungünstigen Einfluss zu machen den sie auf Cunigunden geübt
Das Mädchen sie nun erst recht in seinem Eigensinn bestärkt und sowohl Feldern
als sie selbst hätten ganz das Gegenteil erwartet Faustine antwortete mit
einiger Befremdung dass sie Cunigunden gar keinen Rat gegeben weil er nicht
von ihr verlangt sei und dass sie das Mädchen schon allzu entschieden gefunden
habe um glauben zu können dass ihr oder irgend ein anderer Rat von
bestimmender Wirkung sein könnte »Aber nur eine Kranke konnte ich nicht in dem
schönen edlen Geschöpf erblicken« fügte sie hinzu »und das mag allerdings sie
erkräftigt haben«
    »Jede Überspannung ist Krankheit der Seele« fiel Frau von Stein ihr ins
Wort »und Überspannung ist Alles was uns durch überfeinerte Ansprüche an
Glück unserer Bestimmung entfremdet wohl gar entzieht Cunigunde ist unbemittelt
und ihre Zukunft durch nichts als durch eine Heirat zu sichern Für jedes
Madchen ist es wünschenswert und ehrenvoll die Gattin eines so wackeren
Menschen zu werden wie Feldern Ich aber wünsche nicht bloß Cunigundens
sondern auch ihrer Schwestern wegen meine älteste schönste Tochter zu
verheiraten denn die beiden jüngeren werden stets durch sie in Schatten
gestellt sein wenn sie im älterlichen Hause bleibt Mir muss das Glück all
meiner Kinder am Herzen liegen und ist die Eine törig so dürfen die Andern
nicht darunter leiden«
    »O Gott« seufzte Faustine »Cunigunde leidet aber«
    »Ja gegenwärtig weil unser Aller Missvergnügen sie drückt Hat sie sich nur
erst überwunden und den Schritt getan welcher ihr jetzt unmöglich scheint so
wird ihr reines Herz in dem Bewusstsein erfüllter Pflicht die nötige Stärke und
Erhebung finden um sie mit ihrem Schicksal auszusöhnen Und überdies geht sie
ja keinem entsetzlichen Schicksal entgegen Feldern ist ein Mann den eine
verständige Frau lenken kann wie sie will «
    »Führe uns nicht in Versuchung« sagte Faustine mit einem Ton vor dem Frau
von Stein unwillkürlich verstummte Nach einer Pause in welcher Beide sich
scharf fixirten sagte Faustine »Den geliebten Mann zu beherrschen ist ein
momentaner Triumph unsres Herzens das mit seiner Glut zuweilen den fremden
Widerstand schmilzt und doch schon heimlich bereit ist den errungenen Szepter
niederzulegen Den ungeliebten Mann zu beherrschen ist eine Entwürdigung weil
nur zwei niedrige Mittel diese Herrschaft geben können die Heuchelei der Frau
die Sinnlichkeit des Mannes  und sie anwenden zu müssen wäre kein
entsetzliches Schicksal Wenn alle Welt sagt der Mann ist glücklich dadurch
und wenn er selbst sich vollkommen glücklich fühlt und wenn es die höchste Ehre
einer Frau ausmacht den Gatten zu beglücken  so sage ich dennoch durch diese
Mittel ist die Frau entwürdigt  nicht vor der Welt denn was weiß die Welt von
einem reinen Herzen und das allein gibt Adel und Würde  aber vor sich
selbst Haben Sie doch Mitleid mit Ihrer Tochter führen Sie nicht sie in
Versuchung«
    Aber Faustinens Ansichten konnten keinen Eindruck auf Frau von Stein machen
welche ihr Leben lang nach den entgegengesetzten gehandelt hatte Sie sagte
daher
    »Bei der schneidenden Verschiedenheit unserer Meinungen werden Sie sich
gewiss nicht wundern Frau Gräfin wenn ich wünsche dass meine Tochter keinen
ferneren Gebrauch von Ihrer Erlaubnis macht Ihren Umgang fortzusetzen«
    Faustine sagte traurig »Also nicht einmal mich sehen soll die arme
Cunigunde  Wenn es ihr nun aber eine Freude wäre« setzte sie bittend
hinzu
    »Ich begreife nicht« entgegnete Frau von Stein scharf »welch seltsames
Interesse Sie an meiner Tochter nehmen«
    »Ich liebe das Liebenswürdige«  sprach Faustine sanft
    »Doch hat es einen gehässigen Anstrich störende Verhältnisse zu
begünstigen«
    »Der Vorwurf trifft mich nicht«  sprach sie noch sanfter und sogar Frau
von Stein wurde entwaffnet durch ihre Anmut und schied freundlicher als sie
gekommen aber unerschütterlich in Betreff Cunigundens
    Kaum war Faustine allein als sie einen Brief erhielt Die Aufschrift von
unbekannter Hand machte ihr Herz ängstlich schlagen Das Fremde ist so selten
etwas Gutes Sie erbrach atemlos den Umschlag und fühlte sich wahrhaft
erleichtert als sie die Unterschrift Cunigunde  las Diese schrieb
    »Meine Mutter wird Ihnen so eben sagen dass ich Sie nicht mehr sehen soll
Holdselige Das betrübt mich tief denn nicht nur dass ich Sie immer sehen
möchte ich habe auch eine dringende Bitte die ich jetzt schriftlich an Ihr
Herz legen muss Mein guter Vater ist mit mir einverstanden er billigt meinen
Schritt er unterstützt meine Bitte  Unter den gegenwärtigen Verhältnissen bin
ich Arme leider dem älterlichen Hause eine Last geworden Es ist bitter für ein
Kind das zu erkennen doppelt bitter mir weil ich selbst daran schuld bin und
es doch nicht auf die Weise ändern kann welche man von mir wünscht Aber das
Haus verlassen wo ich Allen nur nicht meinem armen lieben Vater im Wege bin 
das kann ich allerdings und das will ich Dazu müssen Sie Sie wahrhaft Gnädige
mir behilflich sein Sie haben Verwandte und Freunde in der Ferne die Ihrem
Wort Ihrer Bitte gern Gehör geben werden Ach für sich selbst haben Sie wohl
nie gebeten Ihrem unausgesprochenen Wunsch sind gewiss Alle zuvorgekommen Nun
denn so bitten Sie für mich dass man mich aus Menschenliebe aufnehme eine
Freistatt mir gönne einen Wirkungskreis mir anweise den meine geringen
Fähigkeiten ausfüllen können Einen andern Anspruch an diese große
Barmherzigkeit als den dass ich sie bedarf habe ich freilich nicht denn ich
bin ein unbedeutendes unentwickeltes Wesen das denen die sich meiner annehmen
wollen nichts verheißen kann als Dankbarkeit Aber wenn Sie das Gewicht Ihrer
Bitte für mich in die Schaale legen so sinkt sie gewiss herab Zürnen Sie mir
weil ich diese Zuversicht zu Ihnen habe  Mein letztes Wort ist möchte ich so
bald wie möglich so fern wie möglich sein«
    Nachdem Faustine mit tiefer Rührung diesen Brief gelesen schrieb sie ihn
ab erzählte Andlau ausführlich Cunigundens Geschichte und auf welche Weise sie
darin verflochten sei beschwor ihn bei seinen Schwägerinnen und wo man
Vertrauen zu ihm habe nach einer Freistatt für Cunigunden zu suchen schloss die
Kopie in ihren Brief und dachte erst nachdem er gesiegelt dass kein Wort von
der gestrigen Begebenheit darin stehe Aber dies ist auch wichtiger  fügte sie
hinzu und schickte den Brief augenblicklich zur Post  Dass sie dem armen
Klemens versprochen hatte sich heute auf dem Bassin des großen Gartens im
kleinen Eisschlitten von ihm fahren zu lassen  war ebenfalls gänzlich ihrem
Gedächtnis entschwunden und fiel ihr erst dann ein als er in später
Abendstunde sich bei ihr anmelden ließ Sie war eben an ihre Toilette gegangen
um sich auf einen glänzenden Ball zu begeben wo sie mit Mengen über die
Vorfälle des heutigen Tages plaudern wollte also konnte sie Klemens nicht
annehmen Eine halbe Stunde später trat sie in den geschmückten Saal
    Mengen stand mit Feldern so dass er den Eingang im Auge hatte und obgleich
er lebhaft mit dem Freunde sprach so flog doch sein zerstreuter Blick
unablässig dorthin Feldern war sehr niedergeschlagen weil der Bruch mit
Cunigunden unwiderruflich und seine Achtung vor ihrem festen Willen seine
Neigung nicht verminderte
    »A revoir« sprach Mengen plötzlich »hernach reden wir weiter darüber«
    »Heute nicht mehr« sagte Feldern lächelnd denn er folgte Marios Augen und
sah Faustine Sie stand an der Tür die Unmöglichkeit einsehend durch den
Kreis der Tänzer und das Gedränge der Zuschauer zu brechen Sie lehnte an dem
Pfeiler mit übereinander geschlagenen Armen  eine Stellung die den meisten
Frauen wegen zu enger Kleidung unmöglich sein dürfte  und die Rechte tändelte
mit dem Fächer den sie sinnend an den Lippen hielt nachdem ihre Gedanken nicht
mehr durch die Umgebungen beschäftigt waren Das meergrüne Kleid die leichten
lang herabfallenden Locken die stille Traurigkeit welche sich wie ein
silberner Schleier auf ihre weichen Züge legte gaben ihr etwas so Aeterisches
dass Mario während er sich Bahn zu ihr machte unablässig sie im Auge behielt
um sich zu vergewissern dass sie kein Traumgebild sei oder um wenn sie ein
solches sei doch wenigstens wahrzunehmen wie sie sich in Duft auflöse
    »Welch ein allerliebst verdriessliches Gesichtchen bringen Sie auf unsern
munteren Ball Gräfin Faustine«  sagte er als er sie endlich erreicht
    »Es ist übel dass jede Trauer einen verdrießlichen Beischmack hat«
antwortete sie gelassen
    »O keine Trauer heute« bat er »ich bin glücklich  noch von gestern
glaub ich und dann hab ich die Nachricht bekommen dass meine zweite Schwester
dem Ziel ihrer Wünsche der Verbindung mit einem längst Geliebten durch
unvorhergesehene günstige Umstände ganz nahe ist Die beiden Menschen haben sich
abgequält und abgezehrt und nun ist plötzlich das Glück da«
    »Sagen Sie lieber die Qual ist aus ob das Glück nun kommt ist fraglich«
    »Sie hoffen es doch  Wollen Sie mit mir walzen Gräfin Faustine«
    »Ich kann heute keine lustigen Leute leiden Graf Mengen«
    »Ich bin nicht lustig nur heiter«
    »Wenn die Heiterkeit sich auf äußere Dinge und Zeichen legt wird sie
lustig«
    »Nun wie soll ich sein um Ihnen zu gefallen«
    »Teilnehmend«  sagte sie und eine Träne trat in ihr Auge
    Mengen erbleichte Sie weinte und er hatte sie geneckt in guter Absicht
zwar um sie von der Traurigkeit zu zersteuen die er beim ersten Blick in ihrem
Gesicht entdeckt aber sie weinte Er nahm ihren Arm unter den seinen und führte
sie zu einem ruhigeren Platz in einer Fensternische Da sagte er erst
    »Was ist Ihnen widerfahren«  Und Faustine erzählte Zum Schluss bat sie
ihn seinerseits sich zu bemühen damit Cunigundens Wunsch erfüllt werden möge
»Feldern selbst muss uns dafür dankbar sein« fügte sie hinzu »wenn er nur das
geringste ächte Gefühl für dies edle Geschöpf hat«
    Mengen hatte gespannt zugehört Er war beglückt weil nicht Faustine
persönlich von einem Leiden heimgesucht und zwiefach beglückt weil er im
Stande war das fremde welches ihr so zu Herzen ging zu heben Er sagte
    »Tun Sie mir den Gefallen sich recht innig über die Verlobung meiner
Schwester Matilde zu freuen«
    »Recht gern mein lieber Mengen besonders darüber dass Sie ein so
zärtlicher Bruder sind denn ich habe Sie nun doch einmal lieber als Ihre mir
unbekannte Schwester Matilde«
    »Aber diese Verlobung macht ja dass meine jüngste Schwester eine
allerliebste Person nun ganz allein bei den Eltern sein wird weshalb ich den
Auftrag habe eine junge und liebenswürdige Gesellschafterin für sie ausfindig
zu machen«
    »Mengen lieber Bester ist es wahr« fragte Faustine mit innerem Jubel
    »Und da könnte ich wohl keine liebenswürdigere finden als Fräulein Stein«
    Die Tränen rollten rasch und heiß aus Faustinens Augen »Dank« sagte sie
»o tausend tausend Dank« Sie drückte seine Hände sie sah ganz verklärt aus
    »Sie sind ein Engel« sagte Mario rasch und leise
    »Ich nicht« sprach sie und trocknete die Augen »aber Sie Sie bringen ja
eine himmlische eine rettende trostreiche Botschaft«
    »Wer sich so freuen kann ist ein Engel der gewöhnliche harte kalte
engherzige Mensch hat kein solches Mitgefühl«
    »Wenn Sie wüssten wie froh Sie mich machen dies ist der erste gute
Augenblick den ich heute gehabt Ich konnte gar nichts für Cunigunden tun
solch Wesen passt nicht überall hin Unter meinen nähern Bekannten konnte ich
niemand ausfindig machen mit meiner Schwester würde sie nicht harmonirt haben 
und nun nehmen Sie mir die schwere Sorge vom Herzen Nicht wahr Sie schreiben
gleich morgen früh an Ihre Eltern ich werde Ihnen Cunigundens Brief senden
damit die Ihrigen sich überzeugen mögen wie anspruchlos sie auftritt Nicht
wahr Sie zweifeln nicht dass es uns glücken wird sie aus ihren trüben
Verhältnissen zu erlösen Machen Ihre Eltern macht Ihre Schwester besondere
Ansprüche an die Gesellschafterin«
    »Gar keine als dass sie musikalisch sei«
    »Das ist Cunigunde sie singt lieblich«
    »Sie hat freilich eine glockenreine Stimme aber ihr Gesang ließ mich
eiskalt«
    »Kurz sie singt und spielt das Piano  das ist die Hauptsache  O ich bin
froh über die Verlobung Ihrer Schwester Matilde  Wollen wir walzen«
    Sie tanzte selten weil sie es übernatürlich langweilig fand den Tanz
diesen jubelnden Ausdruck des Frohsinns bis zur Ermüdung und Erschlaffung durch
lange Stunden gleich einer aufgegebenen Arbeit auszudehnen Es würde ihr eben
so unmöglich gewesen sein einen ganzen Abend hindurch zu tanzen als zu lachen
Was sie auch tat  es geschah nie ohne eine innere Notwendigkeit Darum tanzte
sie auch wie Niemand sonst obschon ihre Bewegungen so regelrecht waren wie vom
Tanzmeister eingeübt
    Faustine wollte Mario eine Freude machen darum tanzte sie mit ihm Als
mehre andre Herren sie um gleiche Gunst baten sagte sie lachend
    »Sie kommen zu spät«  und war zu keinem Schritt zu bewegen was man denn
freilich wunderlich genug fand
    »Ich musste heute doch einen Spaß haben« sagte Faustine zu Mengen »nachdem
ich einen sehr hübschen versäumt  eine Fahrt auf dem Eise im großen Garten mit
Walldorf Alles wegen der bewussten Angelegenheit Auch mein Diner hab ich
darüber versäumt um vier Uhr war ich in Schreiberei vertieft und hernach als
meine gewohnte Speisestunde vorüber  hatte ich keinen Hunger mehr«
    »Es muss immer Jemand Ihnen zur Seite stehen der für Sie sorgt sonst
begreife ich nicht wie Sie durch das Leben kommen sollen Gräfin Faustine«
    »Es ist mir auch unbehaglich genug«
    »Für das verlorne Diner kann ich Ihnen freilich keinen Ersatz bieten Wollen
Sie sich aber morgen von mir im Eisschlitten fahren lassen so sind Sie wohl
sicher dass Sie mich erfreuen«
    »Ich bin heute in gnädiger Stimmung für Sie  dann tue ich Alles was man
wünscht und sage gewiss nicht Nein«
    »Tun Sie das je wenn ein Anderer Ja sagt«
    »Wenn ich nicht diesem Andern gegenüber meine Selbständigkeit dadurch
verloren dass ich ihn liebe  so muss ich allerdings für mich selbst denken und
handeln und dann kann es kommen dass ein sehr dezidirtes Nein seinem Ja
begegnet Übrigens hasse ich Nein und Ja und all diese trocknen scharfen
Worte die plötzlich den sanften Lauf der Dinge hemmen wie die Schleuse den
Bach Bei Menschen die überhaupt sich verstehen folgt die ganze Entwickelung
des Charakters des Verhältnisses so unumgänglich klar aus dem ersten
Verständnis  welches nichts ist als die erste Begegnung in ihrer primitiven
Frische  dass eine Frage auf welche Ja oder Nein folgt mir ganz possierlich
vorkommen würde Fragte mich Jemand lieben Sie mich so könnte ich doch gewiss
nichts Besseres tun als dem Tropf den Rücken zukehren der das Ja oder Nein
nicht längst gemerkt hat«
    »Die Frauen lassen uns so häufig in Zweifel über ihre eigentlichen Gefühle
und treiben so häufig allerliebste Koketterie mit fremden dass solche
unschuldige Frage uns armen schlichten Männern erlaubt sein dürfte«
    »O die Männer sind rührend in ihrer Einfachheit« rief Faustine höchst
belustigt »Wesen die immer sich arrangieren berechnen auf ihrer Hut sind
sollen sich plötzlich zu einer Simplizität erheben welche die Gefährtin der
Kindesunschuld ist oder  der weltgrossen Leidenschaft denn diese wirft allen
den Flitterkram der Eitelkeit und der Mode von der brennenden Stirn und dem
mächtig schlagenden Herzen«
    »Gräfin Faustine« sagte Mario ganz ernst »Sie werden mich von Vorurteil
für mein Geschlecht befangen nennen  dennoch ist es meine tiefste Überzeugung
dass ein Mann leichter als das Weib eine weltgrosse Leidenschaft fasst«
    »Für das Spiel zum Exempel fürs Gold für den Ruhm  ja das glaub ich«
    »Nein grade die Leidenschaft welche Sie im Sinn hatten«
    »Gut auch für die Frauen«
    »Nicht für die Frauen Gräfin Faustine für eine Frau«
    »Richtig ich besinne mich dass Sie auch nur den Mann der Begeisterung fähig
halten Sie sind consequent lieber Mengen consequent in der Verblendung und
Parteilichkeit Nicht wahr nur die Männer sind consequent«
    »Der Ausgleichung wegen sind die Frauen eigensinnig«
    »Das kommt auf eins heraus«
    »Nicht ganz der Eigensinn beharrt bei Grillen und Launen Zur Konsequenz
gehört das Fundament einer bestimmten Ansicht welche zur Richtschnur wird beim
Aufbau des Gebäudes«
    »Aber diese Richtschnur kann eben so falsch wie eine Grille sein«
    »Falsch allerdings  dann muss der Baumeister sein Gebäude niederreissen Aber
es ist doch kein solcher Wirrwarr in seinem als in demjenigen Kopf der ohne
Plan baut der heute für eine corintische Säulenhalle schwärmt morgen eine
gotische Tür dahinter wölbt und übermorgen das Ganze mit einem chinesischen
Dach krönt«
    »So geschmacklos sind die Frauen nicht« rief Faustine entsetzt
    »Ihr Künstlerauge stößt sich an den falschen Proportionen «
    »Und sollte das nicht auch die Seele tun«
    »Ja wenn sie unverwirrt ist wenn sie sich nicht von ihrem ersten Plan
abbringen lässt sobald sie den Grundstein dazu gelegt Aber sagen Sie selbst
sagen Sie die Hand auf dem Herzen kann man zu einer Frau diese Zuversicht
haben Sind sie nicht immer schwankend weil sie schwebend  zerbrechlich weil
sie zart  lenksam weil sie beweglich sind Gräfin Faustine sind Sie sicher
dass diese Cunigunde welche jetzt vor unser Aller Augen einen dorischen Tempel
aufführt in dem nur ernste Götter wohnen können  in diesem strengen Styl
beharren werde«
    »Nein« rief sie fast ängstlich »aber schön wird er immer bleiben Und
überhaupt  wo ist denn der Mann der so endet wie er begonnen hat erfüllt er
alle Erwartungen entspricht er allen Wünschen überwindet er alle Versuchungen
reißt nie der Faden aus welchem er das Gewebe seines Lebens bildet«
    »Er reißt allein einen andersfarbigen knüpft er nicht an«
    »So denken wenig Männer dass Sie zu den Ausnahmen gehören glaube ich gern«
    »Die Frauen klagen über den Wankelmut der Männer die Dichter singen davon
dicke Bücher sind damit voll geschrieben  und wer mag ergründen ob der erste
Zweifel an Treue und somit der erste Schritt zum Wankelmut nicht zuerst durch
die erste Geliebte in die Brust des Mannes gehaucht ward«
    »Was ist Ihnen denn begegnet dass Sie die Frauen so sehr hassen oder gering
achten« fragte Faustine mild und traurig
    »Welch eines Frevels beschuldigen Sie mich weil ich zu äußern wage dass mit
der unsäglichen Grazie des Weibes selten jene Kraft sich paart welche unser
Erbteil worden ist und welche notwendig dazu gehört nicht um eine weltgrosse
Leidenschaft zu fassen  wohl aber um sie festzuhalten Mich hat nie eine Frau
verletzt vielleicht deshalb  sagte er lächelnd  weil ich Keiner mein ganzes
Herz hingegeben und wenn ich sage dass sie schwach sei so hindert mich das
keineswegs sie zu lieben ja die am innigsten zu lieben deren fliegende Seele
ewig eines Schutzes einer Zuflucht eines unwandelbaren Haltpunktes bedürfte«
    »So muss es auch sein« sagte Faustine Beide schwiegen ernst in tiefen
Gedanken Unbegreiflich dass ein Mann auf der Welt außer Anastas so gesinnt ist
 sprach Faustine heimlich zu sich selbst Unbegreiflich wiederholte sie und
sah Mengen tief und forschend an Aber das letzte Unbegreiflich hatte sie
ohne es zu wollen laut ausgesprochen
    »Mir scheint es sehr natürlich«  antwortete er und nach einer Weile da
sie schwieg rief er »Wollen Sie mich beurlauben Gräfin ich habe nicht umhin
können der Lady Geraldin eine ihrer ewigen Schachpartien zu versprechen«
    »Tun Sie was Sie tun müssen« sagte Faustine boshaft
    »Nur wenn Sie mir Urlaub geben«
    »Sie sind nicht in meinem Dienst wie in dem der Lady Geraldin wie könnte
ich Ihnen Urlaub geben«
    »Wünschen Sie wirklich dass ich nicht zur Schachpartie gehe«
    »Warum soll ich es nicht wünschen« fragte sie unbefangen und sah ihn groß
an
    »Dann bleibe ich gewiss auf diesem Platze an Ihrer Seite«
    »Das habe ich ja nur gewollt erzählen Sie mir von Ihrer jüngsten Schwester
deren Gefährtin Cunigunde nun bald sein wird«
    »Meine Schwester Marie ist achtzehn Jahr alt ziemlich gescheut und sehr
hübsch mit blondem Haar und braunen Augen«
    »Das ist eine äußerst trockne Beschreibung« sagte Faustine belustigt
    »Ach« rief Mario »was kann ich Ihnen von Andern erzählen Immer und ewig
möchte ich Sie reden hören und wenn ich sprechen müsste von Ihnen selbst zu
Ihnen sprechen«
    »Himmel das wäre langweilig für mich«
    »Das glaube ich nicht Gibt es ein Wesen für das Sie sich lebhafter
interessieren als für Sich selbst«
    »Schlimm genug wenn das der Fall  und ich kann es nicht leugnen Denn wie
soll ich Respekt haben vor irgend einer Wesenheit wenn ich nicht bei meiner
eigenen anfange und habe ich überhaupt erst diese Achtung für menschliche
Entwickelung und menschliches Streben gefasst wie sollt ich nicht suchen
zuerst mich selbst durchzuarbeiten Das ist unser Ziel das ist unsere
Seligkeit Muss der Mensch nicht stets diesen letzten Zweck alles Seins im Auge
behalten«
    »Und nebenbei den unerschütterlichen Stützpunkt der ewigen Moral dass diese
Seligkeit durch kein Unrecht zu erringen ist Wer sich mit seinem raffinirten
Egoismus im Weltall isolirt indem er alles Leben nur als den Born betrachtet
welcher ihm frische Nahrung zuströmt der wird bald genug vogelfrei zwischen
seines Gleichen sein aber nicht frei  nicht geschützt in seiner
Eigentümlichkeit und durch sie weil er keinen Respekt vor der fremden hat«
    »O ich mag nicht vogelfrei sein Ich will ja nur das Bächlein sein welches
in das große Meer des Alls zurückströmt und spurlos verschwindet  wie gern
wenn nur mein Lauf klar und meine Welle rein gewesen«
    Marios Blick hing unverwandt an ihr aber der Strahl ihres Auges glitt bei
diesen Worten an ihm vorbei und stieg leuchtend wie eine Girandola gen Himmel
In diesem leuchtenden Strahl zerschmolz ihr Herz und wallte empor wie das Opfer
von der Altarflamme verzehrt als Weihrauch aufsteigt Es war etwas in dieser
Frau was sie befähigt hätte eine große Heilige zu werden der schmachtende
unauslöschliche Durst nach dem Ewigen
    Mario dachte heimlich wie einst Klemens und kann sie denn überhaupt lieben
länger lieben als den Augenblick wo die Sonne der Liebe ihre jungen Strahlen
in die Welt hineinwirft fester lieben als das Lüftchen welches süß und
schmeichelnd meine Stirn umweht und versäuselt tiefer lieben als eine Fee
welche drei Minuten lang den Geliebten beseligt und dann ihn verlässt  
    So war es zwei Uhr Nachts geworden Faustine wollte fahren Ihr Bediente war
nicht da Mario ließ ihn umsonst durch den seinigen suchen »Der Mensch muss
krank geworden sein« sagte sie »das ist ihm nie begegnet  oder was kann
ihm sonst widerfahren sein« Sie beunruhigte sich heftig sie wollte nach Hause
und fürchtete sich »Könnte er nicht auch meinen Schrank erbrochen Geld
genommen und entflohen sein es war freilich nicht sehr viel da « Mengen
lachte aber er sagte
    »Mein Wagen ist zu Ihrem Befehl ich werde Sie begleiten und dann sogleich
nach dem Abtrünnigen forschen«
    »Ach guter Mengen wie freundlich von Ihnen« seufzte Faustine
    Er gab ihr seinen Mantel um führte sie herab und fuhr mit ihr fort Sie
sagte
    »Nun kann ich Ihnen Cunigundens Brief gleich mitgeben und morgen schreiben
Sie Ihren Eltern und fügen ihn bei Wann können wir Antwort haben«
    »Spätestens in acht Tagen«
    »Wenn sie günstig lautet aber erst dann teil ich sie Cunigunden mit«
    Faustinens Wohnung war bald erreicht Im Vorzimmer kam ihre Kammerjungfer
ihr wie gewöhnlich entgegen Faustine fragte
    »Wo ist Ernst«
    »Vor einer Stunde ist er gegangen die gnädige Gräfin abzuholen Aber Herr
von Walldorf ist noch hier«
    »Welcher Einfall Jeannette um diese Stunde Besuch anzunehmen« rief
Faustine heftig
    »Ernst hat es getan gnädige Gräfin ich nicht«
    Faustine öffnete rasch die Tür des Salons und trat ein Mengen mit ihr
Eine Lampe brannte ziemlich dunkel in dem großen Gemach in dessen entferntestem
Winkel Klemens saß im Lehnstuhl vergraben die Arme auf den Knien das Gesicht
mit beiden Händen bedeckt
    »Herr von Walldorf« sagte Faustine zürnend
    Er fuhr auf und sah sie bestürzt an
    »Ich glaube er hat geschlafen« sprach sie halb unmutig halb lachend zu
Mario
    »Ich glaube das tut ihm not«  antwortete Mario schüttelte Walldorfs Arm
und sagte »Wollen Sie mich begleiten die Gräfin kommt ermüdet vom Ball und ist
unser ganz überdrüssig«
    »Ihrer vielleicht«  warf Klemens über die Schulter ihm zu und sprach dann
zu Faustine »Sie kommen zu dieser Stunde in dieser Verkleidung  was soll das
bedeuten«
    War Faustine erstaunt gewesen über die Ruhe womit Mengen Walldorfs Antwort
hingenommen so wuchs dies Staunen als er ihr jetzt gelassen seinen Mantel
abnahm der noch um ihre Schultern hing und ihr das Wort abschnitt das auf
ihren Lippen schwebte indem er sagte
    »Die Gräfin gibt Ihnen sicher morgen die interessantesten Notizen über den
Ball doch heute ist es wirklich zu spät Kommen Sie mit mir bester Walldorf«
    »Aber Mengen ich begreife Sie gar nicht lassen Sie sich doch nicht mit dem
Unbescheidenen ein« rief sie
    »Sie müssen Nachsicht mit ihm haben  er hat stark getrunken«
    Faustine unterdrückte nur halb einen ängstlichen Ausruf und ergriff Marios
Hand Das erregte Walldorfs Zorn Er nahte ihr leichenblass und fragte mit
starker Stimme
    »Warum fürchten Sie mich«
    »Gar nicht« sprach sie hastig Aber ihr Arm lehnte auf Marios und der
fühlte wie ihre ganze Gestalt zitterte Er wollte diese peinliche Szene für sie
beenden und sprach
    »Wenn Sie mir den Brief geben könnten und dann gute Nacht«
    Faustine ging rasch in ihr Zimmer er folgte ihr bis zur Tür Auf der
Schwelle empfing er den Brief ihren dankbaren Händedruck den freundlichsten
Blick  dann schloss sich diese Tür  auch vor ihm Er empfand das wie einen
leisen Schmerz ganz heimlich und ganz tief in der Seele doch er hatte nicht
Zeit dieser Empfindung nachzuhängen Klemens hatte sich auf ein Sopha gesetzt
die Beine über ein Tabouret gelegt ein kleines Polster unter den Kopf
geschoben sich so bequem wie möglich etablirt Mario nahm seinen Mantel um
setzte den Hut auf und fragte
    »Ists Ihnen gefällig Herr von Walldorf«
    »Nein ich warte auf die Gräfin Faustine sie soll mir Rede stehen weshalb
sie mir heute Mittag ihr Wort gebrochen und heute Abend mich fortgeschickt
hat«
    »Aber sie hat sich in ihr Zimmer begeben ein Zeichen dass wir gehen
können«
    »Oder dass ich ihr folgen darf« Er stand auf doch etwas schwankend Mario
kochte innerlich vor Wut dennoch wollte er glimpflich mit Klemens umgehen um
Faustine nicht noch mehr zu ängstigen Darum entgegnete er
    »Dann müssen Sie doch auf ihren Befehl warten«
    »Richtig« sagte Klemens und ganz vergnügt über dies Argument welches ihm
erlaubte sich zu setzen nahm er seine bequeme Stellung wieder ein
    Mengen warf Hut und Mantel ab und etablirte sich neben Klemens ganz auf die
nämliche Weise Als der Anstalten sah welche ein dezidirtes Postofassen
verkündeten fragte er verdrießlich
    »Mit welchem Recht lassen denn Sie sich hier nieder«
    »Da Sie vor dem Zimmer der Gräfin Wache halten so darf ich mir wohl auch
dies Vergnügen machen«
    »Die ganze Nacht hindurch«
    »Die ganze Nacht«
    »Es wird hier aber recht kalt werden«
    »Ich habe meinen Mantel«
    »Zwei Wachen stehen doch nie auf einem Posten Zwei sind überall zu viel und
Einer ist genug«
    »Diesmal ist auch Einer überflüssig«
    Klemens gab allmälig dem Einfluss nach den die behagliche Stellung auf ihn
übte er wurde immer schläfriger Nach fünf Minuten murmelte er
    »Ich wollt es wäre Schlafenszeit und Alles stände wohl«
    »Oho alter Falstaff« rief Mario lachend und klopfte ihn auf die Achsel
»dazu kann Rat werden komm nur mit mir«
    »Du bist ein braver Junge Heinz nur etwas leichtfertig« stammelte
Klemens Und bald hatte Mengen ihn den Händen seines Dieners übergeben Dann
fuhr er auf den Ball zurück  im Grunde nur um von dem verschollenen Ernst
Nachricht einzuziehn denn als ihm sein Jäger nach einer halben Stunde meldete
Ernst sei da fürchterlich betrunken so befahl er jenem ihn mit sich zu führen
und begab sich dann selbst nach Hause Dort ließ er Ernst hereinkommen der
weinselig Faustinens Mantel über dem Arm erschien und mächtig erschrak als
statt der Gebieterin ein ernster Mann vor ihm stand der drohend fragte
    »Wer hat Dich dazu verführt Dich so schmählich zu betrinken«
    »Der Herr von Walldorf« stammelte Ernst halb ernüchtert
    »Lüge nicht« sagte Mengen streng
    »Der Herr von Walldorf auf meine Ehre wenn der Herr Graf mir erlauben
wollen mich so vornehm auszudrücken Er kam und sprach er habe den Befehl von
meiner gnädigen Gräfin sie zu erwarten und er könne es mir durch einen
DoppelFriedrichsdor beweisen Das war klar Ich ging Auf dem Ball hieß es
der würde noch lange dauern Es war kalt eine Weinstube nah  ich trank ein
Paar Gläser Champagner  vielleicht sinds auch Flaschen gewesen  man berechnet
das nicht die Zeit vergeht so schnell «
    »Die Frau Gräfin will heute nichts von Dir wissen Geh mit meinem Jäger und
schlaf Deinen Rausch aus  aber den Mantel sollst Du nicht mit Dir herum
schleppen«
    Ernst hing den Mantel über einen Stuhl und ging niedergeschlagen ab Mario
nahm den Mantel und betrachtete ihn so aufmerksam als ob er ihn hätte taxiren
sollen und so erfreut als ob ihm ein Wunder der Welt in die Hände gefallen Er
war von dunkelrotem Atlas mit weißem Tafft gefüttert warm und leicht um die
Toilette nicht zu chiffonniren weich um sich dennoch fest darein wickeln zu
können Vor Marios Phantasie schwebte Faustinens lieblicher Kopf über dem
Purpurstoff wie ein Stern über der Abendröte und ihre graziöse Gestalt hüllte
sich in die reichen Falten und ihre schneeweißen Hände blitzten draus hervor
Er drückte sein glühendes Antlitz fest in den Mantel der weiche schmiegsame
Atlas legte sich sanft wie ein Kuss an seine Wangen an seine Lippen  mit einer
heftigen Bewegung schleuderte Mario den armen Mantel weit von sich holte tief
Atem strich ganz erschöpft die Locken aus der Stirn und schellte Der Jäger
kam Er ließ sich entkleiden doch unfähig schlafen zu gehen setzte er sich an
den Schreibtisch um einen Brief an den Vater zu beginnen Kaum saß er so fiel
sein Blick auf den Mantel der an der Erde lag Das ist aber kein Platz für
etwas was sie trägt  dachte Mario stand auf nahm den Mantel küsste ihn als
wolle er ihn wegen der schlechten Behandlung um Verzeihung bitten setzte sich
zum Schreiben behielt ihn dabei auf seinen Knieen und schrieb nun wirklich so
eindringlich und herzlich über Cunigunde dass er der günstigsten Antwort gewiss
sein durfte »Das war ein guter Tag« sprach er halblaut nach Beendigung des
Briefes ich habe den Engel in seiner Glorie gesehen und ich habe ihm dienen
dürfen
    Er suchte die Ruhe indem er sein Haupt auf den geliebten Mantel bettete
und durch seine Träume gaukelte weinte und lächelte Faustine
    Klemens erwachte früh unbehaglich wüst im Kopf öde in der Seele Der
ganze gestrige Abend war ihm wie Geld unter den Händen weggekommen Er konnte
sich auf nichts besinnen Er rief seinen Diener einen stämmigen untersetzten
Burschen den er aus Oberwalldorf mitgebracht
    »Johann« sagte er »wer hat mich über Nacht hierher begleitet«
    »Das weiß ich nicht gnädiger Herr«
    »Kam ich allein«
    »Nein gnädiger Herr ein sehr großer blasser Herr gewiss so groß wie Ew
Gnaden aber viel dünner  und ein Jäger kamen mit herauf«
    »War ich denn krank Johann«
    »Ne gnädger Herr das eben nicht« sagte Johann mit stupidem Lachen
    »Jesus Maria« rief Klemens entsetzt »und ich war bei ihr gewesen
unmöglich bin ich denn an Körper und Seele umgewandelt kann ich nicht mehr
einen erbärmlichen Tropfen Weins vertragen«
    »Na gnädger Herr« sagte Johann begütigend »ich sollte meinen es wäre
wohl mehr als ein Tropfen gewesen«
    »Ich will mich ankleiden« rief Klemens Er tats im Fluge und stürmte eben
so zu Mengen Er hasste Mengen aber er wollte doch wissen ob er Faustine auf
irgend eine Weise gekränkt und ob der Gehasste ihn zum Dank verpflichtet habe
Mengen war noch nicht aufgestanden doch Klemens ließ sich nicht abweisen Jener
befahl die Vorhänge aufzumachen Klemens setzte sich vor sein Bett  und starrte
ihn sprachlos an denn der ihm wolbekannte Mantel Faustinens lag auf Marios
Bett Dieser hatte plötzlich erweckt den unseligen Mantel vergessen er wusste
nicht Walldorfs ungemessenes Staunen zu deuten und wartete ruhig auf eine
Erklärung desselben und des frühen Besuchs Als aber Walldorfs Zähne hörbar
zusammenschlugen wähnte er Klemens werde durch die Erinnerung an sein
gestriges Betragen gedrückt und deshalb sprach er freundlich
    »Das kann wohl einmal passieren lieber Walldorf und «
    »O zum Teufel« rief Klemens außer sich »der Mantel gehört «
    »Der Gräfin Faustine« sagte Mario eiskalt aber innerlich durchzuckte ihn
ein gewaltiger Schreck über seine Unbesonnenheit
    »Und das leugnen Sie nicht einmal« stammelte Klemens
    »Warum sollte ich« fragte Mario unbewegt
    »O Faustine Faustine in welche Hände bist Du gefallen« jammerte Klemens
und rannte durch das Zimmer
    »Herr von Walldorf Ihr gestriges Benehmen war zu begreifen und daher zu
entschuldigen Ihr gegenwärtiges ist aber weder das eine noch das andre Haben
Sie die Güte mir Ihr Anliegen so kurz wie möglich vorzutragen damit ich es so
bald wie möglich erfüllen könne«
    »Graf Mengen wie kommt dieser Mantel hieher«
    »Auf diese Frage bin ich nicht Ihnen sondern der Gräfin Faustine die
Antwort schuldig dass ich ihr diese Rechenschaft nicht schuldig bleiben werde
davon mögen Sie später Zeuge sein Übrigens Herr von Walldorf bitte ich Sie
meine Verehrung für diese liebenswürdige schutzlose Frau niemals nach der Ihren
zu beurteilen welche für diese letzte Eigenschaft einen empörenden Mangel an
Rücksicht an den Tag gelegt«
    Klemens wusste genug  für seine Person Und das was er weiter wissen
wollte erfuhr er jetzt doch nicht Also lief er fort auf die Promenade hin
und her vor Faustinens Fenster Vielleicht würde sie ihn sehen ihn rufen 
allein durch Faustinens purpurrote Vorhänge schimmerte der Tag so dämmernd dass
er ihre Augenlieder überstreifte ohne sie zu heben Sie schlief nicht mehr sie
träumte nur noch halb und halb es war ihr lieblich zu Sinn  sie wusste selbst
kaum warum Cunigundens freundliche Zukunft wird es sein meinte sie
    Nachdem Klemens vergeblich einige Zeit auf und ab gerannt entschloss er sich
nach einigen Stunden Faustinen seinen Besuch zu machen unbefangen
gleichmütig als sei nichts vorgefallen und es darauf ankommen zu lassen wie
sie ihn empfangen würde »Gott« dachte er »wenn sie nur diesen Mengen nicht
liebte der macht sie gleichgültig gegen mich in Oberwalldorf war sie anders
 nicht anders gegen mich nicht freundlicher  aber dort konnt ich nicht
glauben dass sie für irgend einen Mann  Andlau etwa ausgenommen  lieblicher
sein könne ja sogar ihre Empfindungsweise für Andlau kränkte mich nicht so 
nicht so tief nicht so bitter Zeit Treue Gewohnheit gaben ihm Rechte  ich
weiß ja Alles ich mache mir ja keine Chimären ich verlange ja nichts als dass
sie mir erlaube mein Herz vor ihr niederzulegen als dass sie freundlich meine
Liebe anlächle sie dulde statt dessen weist sie sie ab drängt mir das Wort in
den Busen zurück oder verdreht es mir auf der Lippe während sie an diesen
Mengen ihre Liebe verschwendet  Der Teufel mag wissen in welchem Grad
    Durch solche und ähnliche Vorstellungen regte er seinen Zorn und seine
Leidenschaft dermaßen auf dass er halb vernichtet bei Faustinen eintrat und
keines Wortes mächtig neben ihr auf das Sopha sank Sie wähnte wie Mario
vorhin die Erinnerung an seine Ungezogenheit quäle ihn und dadurch ward sie in
ihrem Vorsatz den gestrigen Vorfall gänzlich zu ignoriren noch mehr bestärkt
Sie frühstückte denn Klemens dem die Sekunden zu Ewigkeiten wurden hatte sich
in den Stunden verirrt
    »Brav dass Sie so früh kommen ich fürchtete schon Sie würden mir meine
gestrige Abtrünnigkeit nicht ganz verziehen haben Das kam aber so« Sie
erzählte ihm wodurch sie gestört worden sei und dann vom Ball der elegant und
amüsant gewesen und dann dass Mengen sie heut im Eisschlitten fahren wolle 
Alles so schlicht so natürlich wie die Unbefangenheit und freundlich wie die
Güte tut die einen Andern aus peinlicher Lage befreien möchte Doch Klemens in
seinem aufgeregten Zustand war nicht dafür empfänglich Er sah nur eine
geschickte Heuchelei Das überwältigte ihn er schlug verzweiflungsvoll beide
Hände vors Gesicht Die erste Bewegung Faustinens war misstrauisch von ihm
wegzurücken Doch sie besann sich dass er unmöglich Morgens um zehn Uhr im
Rausch sein könne und seine Desperation auf Rechnung seiner Beschämung
schreibend fasste sie sich blieb neben ihm sitzen zog seine Rechte von seinem
Gesicht herab und sagte
    »Guter Klemens beruhigen Sie sich«
    Da blickte er sie an schüttelte den Kopf und rief
    »Aber Sie strafen ja den lieben Gott Lügen  Ja ja« fuhr er fort als
Faustine tötlich erschreckt ihn sprachlos ansah  »jetzt fällt die Maske doch
wenn man nichts ahnt nichts weiß und nur Ihr Gesicht sieht so würde Jeder
meinen der liebe Gott habe seinen Lieblingsengel auf die Welt geschickt um die
Menschen von ihm zu grüßen und vielleicht ist das auch seine Absicht mit Ihnen
gewesen Aber dies himmlische Antlitz lügt es wohnt nichts dahinter  als ein
lügenhaftes Weib«
    Faustine erhob sich Sie stand vor Klemens so hoch so groß als sei sie
plötzlich um einen Fuß gewachsen Kalt und befehlend zeigte sie mit der
ausgestreckten Rechten nach der Eingangstür und ohne Klemens eines Blickes zu
würdigen ging sie königlich stolz aus dem Salon in ihr Zimmer und verschmähete
es die Tür hinter sich zu schließen Sie setzte sich an ihren Schreibtisch
legte den Kopf in beide Hände um sich zu besinnen ob Klemens verrückt oder
betrunken krank oder unverschämt sein möge brachte es nicht heraus und
schrieb um sich zu zerstreuen ein Paar herzliche Zeilen an Cunigunde als
Antwort auf ihren gestrigen Brief So war eine Viertelstunde verflossen Klemens
saß noch immer regungslos auf dem Sopha Er bereute sein Benehmen  besonders
deshalb weil er mit der Tür ins Haus fallend Faustinen Waffen in die Hand
gegeben Darum hob er ganz demütig an
    »Ich bin noch hier Gräfin Faustine«
    »Wider meinen Willen Herr von Walldorf« sprach sie eisig von ihrem
Schreibtisch herüber
    Er stand auf ging bis zur Schwelle ihres Zimmers und bat
    »Wenn ich ein Verbrecher bin so geben Sie mir durch die Beantwortung
einiger Fragen dreist den Todesstoss«
    »Sie sind ein Wahnsinniger« sagte sie gelassen und legte die Feder hin
    »Kamen Sie nicht heute Nacht in Graf Mengens Begleitung nach Hause«
    »Ja«
    »In seinen Mantel gehüllt«
    »Ja«
    »Warum das«
    »Weil der meine samt meinem Bedienten verschwunden war und noch ist«
    »Ich bitte um Vergebung der Mantel ist da ich habe ihn vor zwei Stunden
gesehen«
    »Wo denn«
    »Wo Sie fragen  Gräfin haben Sie in der Tat den Mut zu fragen«
    »Himmel« rief sie sehr ungeduldig »hing er als Wetterfahne an der
katholischen Kirche oder fuhr ein neuer Faust auf ihm durch die Luft oder was
sonst«
    »Er lag in Graf Mengens Zimmer  auf dessen Bett«
    »Nun das ist mir lieb der gute Mengen so hat er den Ernst aufgefunden 
ich war schon ganz verzagt  Weiter im Examen Herr von Walldorf Sie sehen
ich bleibe keine Antwort schuldig«
    »Ich bin zu Ende«
    »Das tut mir leid«
    »Warum«
    »Weil es mir nicht geglückt ist Ihnen den Todesstreich zu geben dh Ihren
wahnsinnigen Hirngespinnsten denn Sie sehen zwar ganz petrifizirt aus aber gar
nicht klar und verständig«
    »Faustine« rief Klemens und warf sich ihr zu Füßen »haben Sie Mitleid mit
mir Wie kann ich klar sein wenn die rasendste Leidenschaft Eifersucht meine
Besinnung mein Urteil verstümmelt und wenn alle äußern Zeichen mich grässlich
in dem Verdacht bestärken dass  Mengen glücklicher ist als ich«
    »Das wünsch ich ihm aus tiefster Seele« sprach Faustine finster
    Klemens fuhr auf und sagte mit hämischer Bitterkeit »Daran hab ich nie
gezweifelt ich wusste es  als ich den Mantel bei ihm sah«
    »Verschonen Sie mich mit diesem ewigen Mantel« rief sie ungeduldig
    »Er muss doch sein wo die Besitzerin ist  oder war«
    Der tiefe Unmut in Faustinens Zügen ging plötzlich in eine so tiefe Trauer
über dass Klemens wie niedergedonnert abermals zu ihren Füßen hinsank Sie sagte
nur »Klemens«  aber es lag ein herzzerschneidender Vorwurf in ihrem leisen
zitternden melancholischen Ton
    »Vergebung« stammelte er mit gerungenen Händen
    »O« sagte sie »nicht mich haben Sie am tödtlichsten gekränkt Sich selbst
 die reine Blüte Ihres Gefühls  Stehen Sie auf Herr von Walldorf gehen
Sie Sie können doch künftig nicht mehr den Mut haben mir fest ins Auge zu
sehen unwillkürlich würden Sie es niederschlagen und einen solchen Menschen
kann ich nicht in meiner Nähe dulden  gehen Sie«
    »Sei gnädig Faustine« seufzte Klemens und drückte seine Stirn auf ihre
Füße Doch mit unsäglichem Widerwillen machte Sie mit dem Fuß eine abwehrende
Bewegung und wiederholte
    »Gehen Sie«  Und er ging  Große Tränen quollen aus ihren Augen Sie
blickte mit tiefer Sehnsucht Andlaus Bild an und sagte »Anastas mein Freund
kommst Du denn nie wieder mit Schutz und Schirm für Deine Ini«
    Da hörte sie im Vorzimmer Marios Schritt Schnell trocknete sie die Augen
Es war vielleicht ihr größter Schmerz dass sie ihm den Grund ihrer Betrübnis
nicht sagen durfte Das machte sie verdrießlich Sie empfing ihn nicht eben
freundlich als er mit den Worten eintrat
    »Darf ich für den Sünder Ernst um Gnade bitten«
    »Der ist an Allem schuld« rief sie unmutig
    »Ist Ihnen Unangenehmes widerfahren« fragte Mario sehr besorgt
    »Nein gar nichts« sagte sie verlegen  »ich meinte nur gestern  und
dann wo ist mein Mantel«
    Aha dachte Mario Klemens hat bereits geplaudert Laut sagte er ruhig
    »Ich nahm ihn gestern Abend dem weinseligen Ernst ab um ihn vor den
Rauchwolken der Bedientenstube zu schützen jetzt hängt er wieder auf dessen
Arm« Dann erzählte er ihr dass und wie Ernst zu dem Rausch gekommen und sie
rief
    »Mit Trunkenen hab ich nichts zu schaffen den einen hab ich so eben
fortgeschickt und der andere mag auch gehen«
    »Teure Gräfin möchten Sie nicht ignoriren«
    »Nein Klemens beharrt in einem fortwährenden Rausch der mir ganz lästig
ist und was ich jetzt von ihm erfahren Bestechung meines Bedienten trägt
nicht dazu bei ihn in meiner guten Meinung herzustellen«
    »Aber Ernst der zum ersten Mal diesen Fehltritt begangen und ihn mit
Tränen bereut hat«
    »Nun so ermahnen Sie ihn reden Sie ihm ins Gewissen nehmen Sie ihm Schwur
und Eid ab liebster Mengen ich verstehe mich nicht auf Strafpredigten und
behalte ganz gern einen seit Jahren treu ergebenen Diener«
    So vermittelte Mario den Frieden und bald war es ihm auch gelungen die
Unmutswölkchen aus Faustinens Seele zu verscheuchen denn sie hatte die
reizbare Beweglichkeit eines Kindes und jeder goldene Apfel eines Gedankens
den man auf ihren Weg warf hemmte ihren flüchtigen Atalantenlauf Mario
erzählte ihr von einer Heirat welche als eine schauerliche Mesalliance nicht
sowohl des Standes als auch des Alters und aller äußern Verhältnisse die
Gemüter in Bewegung setze
    »Der Mann ist ein Künstler« sagte Faustine
    »Aber hoch in Jahren aber ohne die geringste Spur von Schönheit was hilft
es der Frau ihn alle Abend drei Stunden lang glänzend und gefeiert zu sehen
wenn vor ihren Augen der Nimbus schwindet«
    »O wir sind capriziös drei Stunden täglich den Liebsten bewundert zu sehen
alle Seelen beherrschend alle Blicke fixirend  das mag eine große Befriedigung
sein«
    »Dann kommt er matt unschön abgespannt heim ein in die Raupenhülle
zurückgekrochener Schmetterling «
    »Ach Bester die Frau bekommt den Mann sehr häufig in unschöner Gestalt zu
sehen ohne dass er zuvor die Welt entzückt Und dann glaub ich dass es fast
unmöglich ist den Zauber zu ergründen welcher über den intimen Umgang aller
Kunstmenschen ausgebreitet ist und daher auch schwer ihm zu widerstehen wenn
man dafür empfänglich Launen mögen sie haben heftig zerstreut wild mögen sie
sein  dennoch besitzen sie eine Magie die mit dem allen versöhnt  und das ist
vielleicht der höchste Triumph der Kunst«
    »Es fragt sich doch ob diese Magie fürs Leben ausreicht Welcher junge Mann
ist nicht einmal in eine Schauspielerin Sängerin bis zum Wahnsinn verliebt
gewesen und wie selten entspringt daraus ein dauerndes Verhältnis«
    »Weil überhaupt ein solches nicht aus jugendlichen Aufwallungen hervorgeht«
    »Nein weil jene Erscheinungen nur im Besitz der Magie sind welche für
einen Moment blendet ohne zu fesseln«
    »Sie haben freilich die eigene Erfahrung für sich«  sagte Faustine launig 
»dagegen kann ich nicht streiten Künstler aller Art sind und bleiben aber doch
meine geborenen Freunde für die ich mich vorzugsweise interessire  nur müssen
es wahre Künstler sein schaffende begeisterte keine Nachahmer keine
Handwerker«
    »Das Genie hat das nämliche Schicksal wie die Tugend sie sind beide in der
Minorität auf unserer mittelmäßigen Erde Ein großer Künstler ist eben so
selten als ein großer Mensch«
    »Hört er Ihrer Meinung nach auf ein Mensch zu sein«
    »Halb und halb es kommen Inspirationen über ihn  er weiß nicht woher es
steigen Bilder vor ihm auf  er weiß nicht von wannen streitende und ringende
Gewalten werden in ihm rege die kein äußerer Anlass keine innere Leidenschaft
geweckt er sagt Dinge die er noch nie gedacht er schafft Gebilde deren
Gleichen er nicht geschaut Allein er kann nicht der Kraft gebieten welche sie
aus dem Nichts hervorruft Er muss warten bis ein Gott ein Dämon ein Genius
sie ihm einhaucht Er besitzt höhere Gewalt als die gewöhnlich menschlichen
sogar die allerglänzendsten Fähigkeiten aber er wird von einer noch höheren
Gewalt besessen Er schreibt Gesetze vor er stürzt Gebräuche und Meinungen er
beginnt und endet Epochen wie ein Gott aber er ist zugleich ein blinder
gehorsam dienender Priester im Tempel des Gottes Und diese wundersamen
Mischungen welche essentiel seine Wesenheit ausmachen stellen ihn
gewissermaßen seitab von den selbstbewussten Menschen Ich gestehe dass ich immer
eine Art von Scheu vor ihnen habe die sonst meiner Natur fremd Man ist nie
sicher bei ihnen ob sie bergan oder bergab steigen  ob sie Himmelslichter in
die Tiefe leuchten oder unterirdische Flammen am Himmel strahlen lassen wollen
 ob sie ihre immensen Gaben wie der Reiter bändigen oder wie das Ross ihnen
gehorchen Ich liebe sie nur par distance  in ihren Werken«
    »Das ist recht weltmenschlich kalt gesprochen Sie fürchten nur in eine
Sphäre fortgewirbelt zu werden der Sie nicht gewachsen sind Bedenken Sie nur
welche unermessliche Wohltat ein einziger Künstler für lange Zeiten und kommende
Geschlechter werden kann und Ihr Herz muss schlagen für ein Wesen das von Gott
zu einem Segen der Menschheit auserlesen ward und das diese hohe Ehre
vielleicht mit ungekannten und ungemessenen Schmerzen bezahlt hat«
    »Aber durch welche Wonnen werden diese Wehen des ringenden und schaffenden
Genius compensirt ich denke mir dass wenig Menschen eine Empfindung hatten
derjenigen gleich womit Rafael vor seiner vollendeten Sixtinischen Madonna
gestanden«
    »Vor der vollendeten kaum  der Genius ist éminemment strebend findet
weder Genuss noch Befriedigung in dem Überwundenen dem Geleisteten Wenn die
Konception in ihm aufgeht dann glaub ich feiert er seine seligen Mysterien
gegen deren tiefsinnige glühende unirdische Trunkenheit unsere kleinen mäßigen
Freuden freilich sehr grau aussehen mögen Doch jener Rausch ist ein Moment und
dann steht er plötzlich in dem nüchternen Leben«
    »Wir Alle stehen in dem nüchternen Leben und ohne jenen compensirenden
Rausch «
    »Es muss demjenigen schwer werden einen Schoppen aus der Hand der
schwarzaugigen Kellnerin zu nehmen dem Hebe die Schaale kredenzt hat Er wird
unwillkürlich vergleichen den Wein mit dem Nektar das Mädchen mit der Göttin
und Vergleiche stören die Genussfähigkeit Wir aber begnügen uns tout bonnement
mit dem Wein und der Sterblichen denn wir wurden nicht aus dem Olymp auf die
Erde geschleudert So wird er auch immer das was er gewollt mit dem
vergleichen was er geschaffen hat und gewiss in der Erscheinung nur einen
Schatten seiner ursprünglichen Idee finden Ich hab einen Freund  er ist aber
nicht Maler sondern Dichter  der spricht All meine Schöpfungen kommen mir vor
wie gefallene Engel sie haben wohl noch etwas was an ihren Ursprung mahnt doch
die Glorie ist verschwunden seit sie die sinnliche Form annahmen Mich grämts
aber wenig ich verkehre mit den ungefallenen Geistern und schneide ihnen nach
besten Kräften ein Mäntelchen von Staub zurecht worin sie sich den Menschen
offenbaren«
    »Sehen Sie Ihr Freund fühlt sich glücklich das spricht für meine Ansicht
Wie heißt er denn kennt man ihn als Dichter« fragte Mario neugierig
    »Man kennt ihn wohl  freilich nicht als Dichter sondern «
    »Nun sondern Sie sagten ja eben «
    »Sondern als Dichterin«
    »Also eine Frau« sagte Mengen gedehnt
    »Ja zum Unglück nur eine Frau die Ihre Ansicht teilt« sagte Faustine
neckend
    »Und warum nannten Sie diese Frau Ihren Freund«
    »Weil für mich das Genie geschlechtslos ist Mag ein Fledermäuschen oder ein
Titane schaffen  sein Genie ist mein Freund«
    »Und trauen Sie mir nicht dieselbe Unbefangenheit zu«
    Faustine lachte herzlich »Excellent haben Sie mir je Anlass zu diesem
Vertrauen gegeben Sie halten die Frau nicht der Begeisterung fähig und nicht
der Leidenschaft ist es möglich ohne dieses zweischneidige Schwert sich Bahn
zu brechen auf dem Pfade der Kunst Nein  Sie glauben gar nicht dass das Genie
mit einer Frau Missheirat schließen sich gleichsam an sie verplempern könnte
Es braucht eine Hülle sechs Fuß lang tiefe Bassstimme Kollier grec  darin hat
es Raum Ein Genie ihr wunderlichen Herren muss genau so aussehen wie ihr
selbst Trüg es ein Musselinkleidchen und das Haar aufgeflochten ihr würdet
ihm für euer Leben gern einen stattlichen schwarzen Bart malen damit es doch
ein klein wenig für seine Würde befähigt wäre  Nein guter Mengen wenn Ihnen
das Genie eine Hand reicht die halb so schmal ist als die Ihre so machen Sie
sicher nicht Ihren Freund daraus«
    »Möglich weil ich wie gesagt diese Leute am liebsten in gehöriger
Entfernung beobachte und bewundere In der Nähe findet man schwer den richtigen
Gesichtspunkt von wo sie betrachtet und beurteilt sein wollen Das macht und
gibt Verwirrung Ich liebe die Klarheit«
    »Dann lassen Sie uns in den großen Garten gehen da ist jetzt Alles von
einer gespenstischen Klarheit Der Himmel so blau die Erde so weiß das Eis so
hell die Bäume so nackt  o diese Klarheit wie ist sie kalt«
    Sie schüttelte sich vor Graus und ging sich zum Spaziergang und zur Eisfahrt
anzukleiden Mengen sah ihr nach Es war ihm als ziehe ein Glanzstreif hinter
ihren Schritten wie Nachts im Mondschein auf dem Wasser hinter dem Schwan Ich
liebe die Klarheit wiederholte er halblaut und setzte sich in tiefen Gedanken
aufs Sopha Was hält mich ab bei ihr dahin zu gelangen Eine einzige Frage und
Alles ist entschieden  aber sie lacht mich aus sprach sie gestern wenn ich
die Frage tue Die Sonne ist auch nicht klar doch licht himmlisch licht wie
sie  
    Faustine war längst wieder eingetreten und in der Tür stehen geblieben als
sie seine sinnende Stellung wahrnahm Er bemerkte sie nicht eher bis sie fast
schüchtern seinen Namen aussprach Dann fügte sie hinzu
    »Ich unterbreche ungern Jemand in seinen Gedanken weil ich nicht weiß aus
welchem Eden ich ihn heimrufe«
    »Fürchten Sie nichts Sie bringen es«  sagte Mario mit tiefer Innigkeit
sehr verschieden von dem scherzenden Ton mit welchem er sonst wohl ein
huldigendes Wort zu sagen pflegte Und so blieb er auch in den Stunden die er
mit ihr verbrachte Beim Scheiden rief er
    »Und nun vergehen fast vierundzwanzig Stunden bis ich Sie wiedersehe«
    »Warum kommen Sie heut Abend zu Frau von Eilau  da werd ich sein«
    »Ich kann nicht  ich habe notwendig «
    »So jammern Sie nicht« rief Faustine ungeduldig
    »Ich werde kommen« sagte Mario froh denn er sah wohl dass seine Weigerung
nicht seine Klage sie verdross und Faustine lächelte eben so froh als er
    Am Abend jedoch verging eine Viertelstunde nach der andern und Mario kam
nicht zu Frau von Eilau Anfangs war Faustine unmutig dann unruhig endlich
geängstigt Zuerst schob sie dies unbebegreifliche Ausbleiben den Geschäften zu
darauf unvorhergesehenen Störungen zuletzt irgend einem Unglücksfall Sie
dachte an Klemens ob der sich nicht zu weiß Gott welcher Torheit Mario
gegenüber habe hinreißen lassen Schauerliche Möglichkeiten tauchten vor ihr auf
und umflorten ihren Blick Sie sank im Sopha und ihr Kopf auf die Lehne zurück
Seit einer Stunde wurde Musik gemacht und zwar so gute dass Niemand daran
dachte Konversation zu machen welche durch mittelmäßige hervorgelockt wird
wie die Maus aus ihrem Versteck So blieb Faustine ungestört und kaum beachtet
Aber die Musik schwirrte wie Mückengesumm in ihr Ohr Sie war auf dem Punkte
die Gesellschaft zu verlassen um wenigstens der Qual des Wartens in ihrem
einsamen Zimmer überhoben zu sein Da ganz leise um nicht zu stören ging die
Tür auf Es war Mengen Faustine hatte aber schon so oft umsonst nach dieser
Tür geschaut dass sie entmutigt nicht mehr die Augen aufschlagen mochte und
so saß sie ihm gegenüber ganz blass die Wimpern so tief gesenkt als wären sie
geschlossen um den Mund mühsam verhaltene Trauer  er konnte nicht anders als
glauben ein großer Unfall habe sie betroffen und um ihr ein Zeichen zu geben
dass eine Freundesseele gegenwärtig fiel ihm nichts Anderes ein um die Störung
unbekümmert als seinen Stock fallen zu lassen Alle Blicke kehrten sich
vorwurfsvoll gegen ihn doch er beachtete sie nicht denn die seinen waren auf
Faustine gerichtet und sie sah jetzt auf sah und erkannte ihn und
augenblicklich war sie verwandelt strahlend heiter glücklich Mengen verging
vor Ungeduld über den Virtuosen Mit dessen Schlussakkord stand er neben Faustine
und fragte
    »Was war denn das  vorhin«
    »Ich fürchtete Sie würden nicht kommen Da langweilte ich mich«
    »Sonst nichts ist Ihnen geschehen«
    »Ists nicht genug anderthalb oder zwei Stunden zu warten und gar für mich
die ich nie Jemand warten lasse Ich mag über keinen Menschen diese Folter
verhängen«
    »Wir hatten keine Stunde verabredet konnte ich ahnen «
    »O nein nein Sie konnten nicht ahnen aber nun wissen Sie ein für alle
Mal«
Feldern kam täglich zu Faustinen Sie hatte ihm die Schritte mitgeteilt welche
sie für Cunigunde getan Auch er fand es am Besten für sie und für sich sie
aus dem Elternhause zu entfernen
    »Wenn mir die Möglichkeit abgeschnitten ist sie wiederzusehen« sprach er
»so werd ich leichter an die Unmöglichkeit unserer Verbindung glauben Kann ich
zu ihr so will ich sie sehen und sehe ich sie so will ich sie besitzen«
    »Sie sind recht aufrichtig mein bester Feldern« entgegnete Faustine
überrascht »ich habe Sie niemals so offen reden hören«
    »Wenn man nichts zu hoffen noch zu verlieren hat entweder weil man Alles
oder weil man Nichts besitzt so wird man höchst aufrichtig Der Bräutigam beim
Hochzeitsschmaus sagt unbefangen ich bin sehr glücklich und der Bettler an der
Straßenecke sagt eben so unbefangen ich bin sehr elend Lust und Leid haben
Kinder die sich frappant ähnlich sehen  sie müssen also wohl aus derselben
Familie stammen«
    Faustine erkannte in diesen und ähnlichen Äußerungen Felderns Marios
Einfluss der sich treu bemühte ihm eine Unabhängigkeit von den überraschenden
Schicksalswendungen zu geben wie er selbst sie bisher bewahrt und sehnlichst
wünschte sie es möchte doch auch für Klemens ein solcher Nothelfer sich
finden denn sie  das fühlte sie lebhaft  konnte keinen Einfluss mehr auf ihn
wünschen und deshalb ihn auch nicht haben Er war für sie wie von der Erde
vertilgt spurlos verschwunden ließ sich weder bei ihr noch irgendwo bei ihren
Bekannten sehen und sie hätte glauben dürfen er sei abgereist wenn nicht eine
bange Ahnung ihr zugeflüstert dass er sich schwerlich ohne Abschied ohne
Versöhnung von ihr trennen würde Wo war er also umkreiste er ihre Wohnung
bewachte er ihre Schritte ließ sich von seiner rasenden Leidenschaft nicht das
Wahnsinnigste fürchten  Die Bestechung ihres Bedienten fiel ihr zuweilen ein
wenn sie allein war Sie geriet in eine höchst unbehagliche Spannung und fuhr
zusammen wenn sie Stimmen und Tritte im Vorzimmer nicht sogleich unterscheiden
konnte War Mengen bei ihr so erschien diese Angst ihr so kindisch dass sie
sich nicht entschließen konnte sie ihm anzuvertrauen Auch war es ihr peinlich
Mario auf Walldorfs Spur auszusenden Sie wusste zu gut wie rücksichtslos
Klemens war wie leicht er gerade diesen Gehassten absichtlich kränken und
verletzen mochte Als aber die Woche ohne irgend ein Lebenszeichen von ihm
verstrichen da beschwor sie Feldern Erkundigungen über ihn einzuziehen Sie
sagte ihm offen Alles was zwischen ihm und ihr statt gefunden und schloss
damit
    »Ich kann mich nicht direkt nach ihm umtun weil er aus dem geringsten
Beweis von Teilnahme gleich ganz unerhörte Folgerungen zieht die ihm Schaden
tun weil sie sich nie realisiren aber mich in die widerlichste Verlegenheit
setzen«
    Feldern versprach sein Bestes zu tun und ihr im Lauf des Tages Bericht
wenigstens über seine Anwesenheit in Dresden abzustatten Ein Brief von Andlau
trug nicht dazu bei Faustine zu erheitern Er schrieb ihr über Cunigundens
Angelegenheiten in dem kühlen Ton der Überlegung der ihr ganz unerträglich
war wenn sie bereits für oder wider Partie genommen Man sollte doch nur nie in
einer solchen Entfernung Dinge besprechen die heute anders aussehen als morgen
murmelte sie sondern nur solche die nie wechseln und nie altern Freilich
kenne ich Cunigunden sehr wenig  freilich ist es eine missliche Sache eine
passende Stellung für sie ausfindig zu machen  freilich erntet man fast immer
Verdruss und Undank aus Einmischung in Familienverhältnisse  aber ich habe mich
nicht dazu gedrängt und die Art wie ich da hinein verflochten bin kann gewiss
keinen Schatten auf mich werfen Und sogar wenn es ein Schatten wäre  es sollte
mich nicht kränken denn ich habe etwas Gutes gewollt und ein Fleck ist es
sicher nicht  Andlaus Antwort war da  und nicht eben trostreich Wenn Mario
keine bessere bekam was sollte mit Cunigunden werden Sie grübelte sich matt
und müde Da flog die Tür auf und Mengen freudestrahlend ins Zimmer einen
offenen Brief in der Hand
    »Cunigunde ist willkommen« rief er »und zwar gleich auf der Stelle Meine
Mutter hat ihren alten Kammerdiener hergeschickt um sie auf der Reise zu
begleiten  daher die etwas verzögerte Antwort er brachte mir den Brief Sind
Sie zufrieden«  Er kniete neben ihr nieder und blickte glückselig in ihr Auge
aus welchem wieder der himmlische Strahl aufleuchtete
    »O Mengen« sagte sie nur und legte die Hand auf die Brust die andre gab
sie ihm und er behielt sie in der seinen ohne sie zu küssen lange friedlich
andächtig immer wie verzaubert in ihr Antlitz schauend Spät drückte er heftig
seine Lippen in die schmale zarte Hand  da stand Faustine auf und sagte
    »Lieber Mengen sagen Sie bitte dem Ernst er möge einen Boten besorgen
ich will sogleich Cunigunden schreiben damit sie sich bereit mache vielleicht
kann sie dann schon morgen reisen O wie wird sie sich freuen wie dankbar Ihnen
sein «
    »Das wäre ganz hors de saison ich habe in Ihrem Dienst gehandelt da musste
ich wohl des Gelingens sicher sein«
    Feldern war gradeswegs zu Klemens gegangen Der breite Johann schien
zweifelhaft ob er ihn bei seinem Herrn einlassen solle oder nicht da er aber
bereits gesagt er sei daheim so musste er ihm die Tür öffnen Der zierliche
ordnungliebende Feldern erschrak vor der Verwüstung die in diesem großen
vielleicht ursprünglich eleganten Zimmer herrschte Kleidungsstücke an der Erde
Teller auf den Stühlen Flaschen Karten Überbleibsel vom Frühstück und von
Zigarren auf den Tischen Schläger und Pistolen auf dem Bett Gläser überall
zwei Feldbettstellen neben einander aufgeschlagen und Klemens im Schlafrock
mit verwildertem Bart geisterbleich krankhaft mitten im Zimmer stehend den
einen Arm um den Kopf geschlungen der andere schlaff herabhängend
    »Hier sieht es ja aus wie in einem Lager« sprach Feldern eintretend doch
der scherzhafte Ton kam ihm nicht von Herzen
    »Ja« sagte Klemens gleichgültig »wir sind zwei Tage und zwei Nächte
beisammen gewesen da muss man seine Anstalten treffen so gut es gehen will Wir
waren unserer sieben ein Paar schliefen zur Zeit Wir wechselten uns ab Es
ging recht gut Nur aber heute am dritten Tage da wurden die dummen Jungen
stöckisch und gingen  der eine rechts der andre links zum Essen zum Schlafen
 was gehts mich an«
    »Sie sind also wohl recht lustig gewesen«
    »Lustig nun ja wie mans nehmen will Lärm gabs genug Wein auch Karten
auch und ich hoffe Sie sind nicht der Meinung dass Weiber dabei sein müssen
um die Sache ganz lustig zu machen«
    »Gott bewahre« sagte Feldern Klemens war ihm beängstigend schien halb im
Rausch halb geisteshalb körperkrank »Würden Sie aber nicht auch gut tun ein
wenig frische Luft einzuatmen die dicke heiße Atmosphäre des Zimmers stimmt
die Nerven herab beklemmt die Brust Sie sehen recht fatiguirt aus«
    »Ich bin es« sprach Klemens und setzte sich auf einen Tisch von dem er die
Karten herabschleuderte
    »Ich glaubte Sie krank weil ich Sie so lange nicht bei der Gräfin Faustine
getroffen«
    »Umgekehrt weil ich nicht mehr zu der Gräfin Faustine gehe bin ich krank
dh ich würde krank werden wenn ich nicht vorzöge lustig zu leben«
    »Es ist ganz hübsch lustig zu leben so zwei drei Tage  doch dann
Bester wird man des Spasses überdrüssig «
    »Wie aller Dinge auf dieser sublunarischen Welt und des Lebens zuerst«
    »Sie sind noch sehr jung Herr von Walldorf «
    »Ich werde morgen zweiundzwanzig Jahr und das nennt man jung Allein ich
bin zu meinem Unglück in diesen letzten Monaten alt geworden uralt wie die
Steine «
    »Indessen sind Sie doch noch auf Vergnügungen bedacht «
    »Nein auf Zeittödtung«
    »Wollen Sie einen Spaziergang mit mir machen«
    »Da müsste ich mich erst ankleiden«
    »Freilich von Kopf bis zu Fuß
    »Und das ist doch nicht der Mühe wert Sagen Sie mir Herr von Feldern ist
denn etwas der Mühe wert dass ich darum meinen kleinen Finger rege«
    »Ja die Pflichterfüllung«
    »Aber wenn man gegen Niemand auf der Welt Pflichten hat«
    »Sie fragen wunderlich haben wir nicht die ganze Menschheit«
    »Bah« rief Klemens ließ den Kopf auf die Brust sinken und hob nach einer
Pause an ohne ihn zu erheben »Kommen Sie aus eigenem Antriebe zu mir«
    Feldern mochte keine Unwahrheit sagen überdies war etwas so Trostloses in
Walldorfs Zustand dass er ihm die kleine Freude gönnte und die Frage verneinte
    »Sie schickt Sie also sie denkt an mich« rief Klemens mit schwermütiger
Freude »Aber wie könnte es auch anders sein da ich stets an sie  nicht doch
nur sie denke Solche Gedanken müssen zu einem Netz werden das allmälig ihre
Seele umspinnt und zu mir hinüber zieht«
    Feldern dachte an das was ihm Faustine über Walldorfs übertriebene
Folgerungen gesagt deshalb sprach er halb scherzend doch mit einem Anflug von
Bitterkeit
    »Darauf sollten wir es nie anlegen Frauenseelen sind so subtil dass unsere
plumpen Gedanken sie nicht fangen und so capriciös dass sie sich oft ohne unser
Zutun fangen lassen«
    »Meinen Sie ohne unser Zutun Also auch Ihnen haben die Frauen weh getan
O das Leid welches dies Geschlecht über die ganze herrliche Schöpfung
verbreitet ist namenlos und der Mann verloren der von einem Weibe Heil
begehrt Und gerade dass die engelhaften so dämonisch sind Die Menge o die
schaut man an ohne dass die Brust sich hebt das Herz klopft das Blut siedet
die Arme sich ausbreiten das Alles ist für Eine die zwischen den Übrigen sich
ausnimmt wie ein Märchen zwischen Tagesgeschichten  sagen Sie mir fallen
Ihnen nicht immer Märchen ein wenn Sie  diese Frau sehen zB das von der
Prinzessin von deren Lippen Rosen fallen wenn sie lächelt und von deren
Wimpern Perlen wenn sie weint Diese Frau hat Augen «
    »Alle Frauen haben Augen« unterbrach Feldern etwas überdrüssig der
Rhapsodie  und es ist gut dass man sich dessen zuweilen erinnert um nicht in
Monomanie zu verfallen denn die Frau die kein Auge für uns hat sollte für uns
auch keine Augen haben«
    »Sehr richtig sehr philosophisch O wie bedaure ich auf der Universität
das Studium der Philosophie so gänzlich verabsäumt zu haben Die Weisheit in
eine Wissenschaft gebracht kam mir so spaßhaft zugestutzt vor wie der Baum
dem der Gärtner eine Tierform gibt damit man doch wisse was so ein dummer
Baum bedeute Aber es ist wirklich so übel nicht erfunden Bei einem Löwen
einem Adler weiß Jeder genau was er zu denken hat die ganze Geographie die
ganze Naturgeschichte Millionen Reisebeschreibungen  kurz die vernünftigsten
und zweckmässigsten Gedanken knüpfen sich daran Aber bei einem simpeln Baum
schweifen sie ins Blaue Man kann denken an den Baum im Paradiese von dem Eva
den famösen Apfel speiste  oder an den Upasbaum auf Java der wie die
Regierungen zur Pestzeit in dem falschen Verdacht einer allgemeinen
Landesvergiftung steht  oder an die Linde auf dem Schlosshof von Nürnberg
welche die Kaiserin Cunigunde pflanzte Zweige nach unten Wurzel nach oben um
ihrem Gemahl ihre schneeweiße Unschuld zu beweisen Kaiser Heinrich II
zubenamt der Heilige war ihr Gemahl und es muss doch ein prekäres Ding mit der
Unschuld der Weiber sein da sogar ein Heiliger ihr misstraut Ferner an den
Lorbeerbaum auf Isola bella worin Napoleon vor der Schlacht von Marengo das
Wort bataille schnitt  oder an die Eiche bei Pleischwitz in der Nähe von
Breslau in deren hohlem Stamm ein Schuster und ein Schneider ein Paar Hosen und
ein Paar Schuh machten welche noch gezeigt werden  vielleicht hatten sie eine
Wette gemacht sonst begreife ich nicht weshalb sie diese Werkstatt sich
wählten  oder an die »sieben Schwestern« hier im großen Garten  oder an die
Tanne von Oberwalldorf welche Gräfin Faustine in ein schönes Bild gebracht 
da bin ich wieder bei ihr und fing doch an bei der Philosophie«
    Er stand auf schlang wieder den Arm um den Kopf und schwieg Feldern sprach
besorgt
    »Sie sind wirklich krank lieber Walldorf das wüste Treiben dieser Tage hat
Ihre Nerven fürchterlich aufgeregt und Ihr Blut verbrannt Sie müssen hier
heraus die Unordnung um Sie her macht Sie konfus Kleiden Sie sich an Ich
warte gern Dann gehen wir und während der Zeit wird hier Ordnung gemacht«
    »Meinetwegen« sagte Klemens und rief Johann Unter Johanns löblichen
Eigenschaften glänzte nicht die eines gewandten Kammerdieners hervor und da
sein Herr nicht in der Stimmung war diesem Mangel durch eigene Teilnahme
abzuhelfen so dauerte die Toilette ziemlich lange und Feldern hatte Musse
zwischen den Trümmern dieses Schiffbruchs der Ausgelassenheit sich auf allerlei
Histörchen zu besinnen die er Klemens erzählte um ihn aus seinem Hinbrüten
aufzurütteln Doch das war verlorne Mühe Klemens blieb unempfänglich für Alles
was nicht Faustine war und hätte Feldern ihn gefragt was er von dem Mann im
Monde denke so würd er geantwortet haben
    »Ich sterbe aber wenn ich sie nicht wiedersehe«
    »Und wenn Sie sie wiedersehen betragen Sie sich so  seltsam dass eine
Frau die leicht mit aller Welt zu leben versteht nicht mit Ihnen fertig werden
kann«
    »Das ist es eben sie muss nicht mit mir umgehen wie mit aller Welt«
    »Wenn Sie bei diesem Verlangen beharren kann ich Ihnen freilich nicht meine
Vermittlung anbieten«
    »O Gott machen Sie dass ich sie wiedersehen darf und sie soll mich
behandeln wie sie wolle ich lasse mir Alles gefallen Alles nur keine
Verachtung und auch keinen Widerwillen aber auch keine Kälte und hauptsächlich
keine Gleichgültigkeit Und dann soll sie mich nennen »lieber Klemens« nicht
»Herr von Walldorf« Es hat Niemand außer ihr mich »lieber Klemens« genannt
vielleicht meine Eltern das weiß ich nicht mehr sie starben früh Mein Bruder
hat eine andere Art sich auszudrücken und für die übrigen Leute bin ich
»Walldorf« Sie sagt bisweilen »lieber Klemens« das ist wie wenn die
Nachtigall im Winter schlüge und wollte sich Jemand unterfangen mich nach ihr
so zu nennen ich würde ihm den verwegenen Mund mit einer Kugel stopfen Endlich
soll sie mir die Hand geben Das tut sie nie Ich habe gesehen dass sie Mengens
großen Windhund auf den spitzigen Schlangenkopf gestreichelt  aber mir gibt
sie die Hand nicht Und welche Grazie liegt in ihren Handbewegungen nur sie zu
sehen ist als regne es Blüten Also die Hand «
    »Ich erstaune dass Sie Bedingungen machen und noch dazu solche welche kaum
die Liebe erfüllen würde Was soll Gräfin Faustine veranlassen sie anzunehmen«
    »Die Barmherzigkeit«
    Sie waren ein Paar Stunden umhergegangen Feldern fühlte sich erdrückt von
dieser dem Wahnsinn ähnlichen Leidenschaft deren Hoffnung auf nichts basirte
und deren Verlangen Alles umschloss Er sagte er wolle Faustine erzählen wie
unglücklich Klemens sich fühle ihr missfallen zu haben und dann müsse er das
Weitere ruhig erwarten und vor allen Dingen keine schlechte Gesellschaft an sich
heranziehen die ihn für jeden Verkehr mit der guten unfähig mache
    »Tut nur nicht preziös mit eurer guten Gesellschaft« rief Klemens
ärgerlich »in ihr fallen Dinge vor deren keine schlechte sich schämen dürfte
Ist die Gesellschaft schlecht dh gemein und roh nun so ist auch das rohe
Wort und der gemeine Scherz am rechten Platz und Niemand wird dadurch
beleidigt Aber in der guten der feinen der gebildeten der eleganten was
wird da geredet zierlich immer und mit pikanten Wendungen  die gröbsten
Unanständigkeiten Asa foetida aux confitures Besonders die alten Männer haben
recht ihr höllisches Behagen dran und das macht auch den jüngeren Kourage Was
man untereinander schwatzt  nun das hat nicht viel zu bedeuten aber mit
Frauen sollte man doch das lose Maul beherrschen Wär ich eine Frau mir würden
bei solchen Gesprächen die Finger jucken um rechts und links eine Ohrfeige zu
geben Das schickt sich aber beileibe nicht Sie sitzen da und tun als hörten
sie nicht recht hin Aber sie hören doch  mögen sie ärgerlich mögen sie
verlegen sein  hören müssen sie Manche mögen sich auch wohl sehr amüsiren
dahin kommts Und dazwischen wachsen Mädchen auf stehen einsam junge Frauen
jung und schön wie Faustine Wenn ein gewisser alter Mann dessen Namen ich
vergessen habe bei ihr eintritt so möchte ich ihn gleich wieder zum Fenster
hinaus spediren Da legt er sich auf einen Lehnstuhl hintenüber damit der Bauch
Raum habe der Stock steht zwischen seinen Knieen und die Hände ruhen auf dessen
Knopf Von dem roten fetten Gesicht ist nichts zu sehen als ein
gallertartiges Unterkinn Hängebacken und Wurstlippen Die Nase zählt nicht die
Augen sind von den Runzeln der Augenlieder verschüttet wie ruinirte Teiche vom
zusammenfallenden Erdreich  und diese Maschine hebt an zu erzählen  weiß
der Teufel was Und man mag dazwischen reden  er wartet auf eine Pause man mag
ihm geradezu Schweigen gebieten  er schweigt und hängt an die nächste Bemerkung
eine Anekdote im verbotnen Styl Wo solche Menschen reden dürfen sieht man
nicht den Nutzen der Censur ein Nein mit eurer guten Gesellschaft bleibt mir
nur vom Halse Wer ein Paar Jahr darin gelebt ist hiebund schussfest und weiß
Bescheid Hinge es von mir ab nicht drei Tage ließe ich Faustine dazwischen
Wenn sie dem alten Molch gegenüber sitzt und das Goldkettchen immer hastiger
immer heftiger um die Finger wickelt ist sie anbetungswürdig Einmal lachte
sie aber im Zorn das war prächtig «
    Und wieder ging er auf Faustine über und wie ein Monomane vertiefte er sich
in Extravaganzen bei seiner fixen Idee indessen er über andre Gegenstände klar
und verständig urteilte Trotz seines Missfallens an der guten Gesellschaft
versprach er denn doch seine gar so lustigen Kumpane etwas fern zu halten und
Feldern kam ganz abgespannt bei Faustine an die in heiterster Laune sehr gern
auf seinen Wunsch einging Klemens wieder zu Gnaden aufzunehmen Dessen
Bedingungen teilte er ihr aber nicht mit auch nicht ganz genau den Zustand in
welchem er ihn gefunden er fürchtete Faustine möchte dadurch etwas aus ihrer
versöhnlichen Stimmung gebracht werden und er hielt es für ganz notwendig dass
sie nicht ihre Hand von Klemens abziehe wenn aus ihm etwas Tüchtiges werden
solle Aber dass morgen sein Geburtstag sei sagte er Faustine
    Als Klemens in der Frühe des nächsten Tages zu ihr kam rief sie freundlich
    »Nun mein verlorner Sohn dies Kränzchen soll zugleich Ihre Heimkehr und
Ihr Wiegenfest feiern«  und warf ihm einen Kranz der ersten Frühlingsblumen
entgegen »Schönere Sinnbilder der Hoffnung als diese unter Schnee und Eis
gekeimten Blumen weiß ich nicht Ihnen zu geben und die Hoffnung ist doch das
womit wir uns am liebsten beschäftigen«
    »Ich halte nicht viel von der Hoffnung« entgegnete Klemens
    »Genügen Ihnen die Realitäten so ganz«
    »Sie genügen mir so wenig dass es mir nicht der Mühe wert vorkommt Träume
von ihnen in die Zukunft hineinzuschieben  und das tut die Hoffnung«
    »Aber unwillkürlich blickt der Mensch in die Zukunft wie er wenn er am
Fenster steht zum Himmel blickt und wie an dem Wölkchen oder Gestirne
auftauchen und dahin ziehen so dämmern in ihr Bilder der Hoffnung auf Haben
Sie schon Ihre Abreise nach Oberwalldorf festgesetzt«
    »Ich habe noch nicht daran gedacht«
    »Und was sagt Ihr Bruder dazu«
    »Nichts  vermute ich Er sagt überhaupt so wenig wenn er auch ziemlich
viel spricht Da wir aber nicht correspondiren so weiß ich gar nichts von ihm«
    »Ich wundre mich dass Ihr Aufenthalt hier Ihnen so zusagt«
    »Sie sind ja hier  ich meine  Sie leben ja auch in Dresden«
    »Ich habe nirgends eine andre Bestimmung«
    »Weshalb wollen Sie mich ins Exil des Landlebens schicken das doch in der
Tat erdrückend ist wenn nicht Interessen und Pflichten des Herzens dies Kleben
an der Scholle und Sorgen um die Scholle adeln«
    »Und was hält Sie ab diesen höheren Interessen nachzugehen In schöner
kräftiger Jugend stehen Sie brav und unabhängig da nicht eben reich  das ist
sehr gut da wird man zur Tätigkeit angespornt Also kaufen Sie ein Landgut
Ihrem Vermögen angemessen suchen Sie eine liebenswürdige Lebensgefährtin und
werden Sie recht recht glücklich lieber Klemens  das ist mein Wunsch zu Ihrem
Geburtstage«
    »Wünschen Sie aufrichtig mich glücklich zu sehen«
    »Wenn ich Nein sagte würden Sie es glauben  Ich lüge nicht weil ich die
Wahrheit bequemer finde als die Lüge Das sollten Sie doch wissen«
    »In der Welt macht man aus Gewohnheit nicht um zu lügen viel schöne
Worte«
    »Ich auch wenn mir nichts Besseres einfällt  Doch Freunden gegenüber
nenne ich leere schöne Worte Lüge weil sie etwas Anderes dahinter erwarten die
Welt aber nicht die empfängt die Münze womit sie zahlt  ein redlicher
Handel«
    »Gut denn so müssen Sie mein Glück nicht bloß wünschen sondern auch etwas
dafür tun«
    »Tun ach meine gebrechliche Hand webt leichter die fliegenden
Sommerfädchen der Theorie als das derbe Schiffstau der Praxis Was kann ich für
Sie tun  ein hübsches Bild für Sie malen «
    »Ihr eigenes«
    »Nein daran mögen Andere ihre Kunstfertigkeit üben ich habe zu viel mit
mir selbst zu schaffen um mich auch noch zu malen  Und Sie besuchen kann ich
«
    »Wann wo«
    »Nun wenn Sie verheiratet sind und ein hübsches Haus haben«
    »Das liegt Alles zu fern«
    »So will ich mich besinnen mit der Zeit fällt mir vielleicht noch etwas
ein«
    Aber Faustine war so gelangweilt durch die ungewohnte Anstrengung jedes
Wort so einzurichten dass es eine Barriere vor Klemens schob dass sie nicht zu
ihrer gewöhnlichen Freiheit gelangte und herzlich froh war als die Ankunft
Cunigundens und ihres Vaters das Zwiegespräch unterbrach
    Frau von Stein hatte ihre Tochter kalt entlassen mit der Weisung die große
Selbständigkeit welche sie in so jungen Jahren ihren Eltern gegenüber
behauptet auch nun für ihr ganzes Leben und unter allen Verhältnissen zu
bewahren damit sie nicht in den Verdacht kindischen Trotzes gerate Da
indessen Jeder der überhaupt einen Willen habe berechtigt sei ihn geltend zu
machen so billige sie dass die Tochter auf eigenem wenn auch überraschendem
Wege zum Glück zu gelangen suche Cunigundens Schwestern weinten  und
trösteten sich Nur der Vater war sehr betrübt und Cunigunde voll tiefen
Schmerzes ihn verlassen zu müssen Sie liebte den beschränkten lenksamen
geduldigen Mann nicht mit kindlicher Zärtlichkeit nicht mit Verehrung aber
mit jenem tiefen Mitleid das vielleicht Antigone für den blinden Vater empfand
Ach auch der ihre war ja blind konnte nicht allein stehen in dem verwirrten
Leben weil er nicht fähig war es zu überschauen und bedurfte einer Führerin
einer mildern als die despotische Gattin war Das war sein frommes Kind  wie
er Cunigunde nannte  ihm stets gewesen und er bedauerte ihren unersetzlichen
Verlust aber vollkommen resignirt
    »Sie ist jung ich bin alt« sagte er »da muss man an ihre Zukunft denken
Alte Leute haben keine Und verloren hätte ich sie ja doch sobald sie sich
verheiratet hätte Und dann wäre sie unglücklich geworden sagt sie das würde
mir das Herz abstossen Nun kann ja der liebe Gott es so fügen dass sie noch
einmal sehr glücklich wird sogar dass ich es noch erlebe«
    Cunigunde saß immer neben ihm und hielt seine Hand in der ihren Ihre Lippen
zitterten aber sie weinte nicht und sprach fast gar nicht Es war eine herbe
Wehmut in ihr über die Art wie sie aus dem Vaterhause einsam in die Fremde
ging Ehedem hatte sie sich dies Scheiden wohl anders gedacht an der Hand des
Gatten einer schönen Bestimmung zu  doch das war lange her war noch ein Bild
aus ihrer ersten Jugendzeit wo sie noch nicht ihre eigenen Ansprüche an den
künftigen Gatten kannte Seitdem war es anders in ihr worden wie und wodurch 
wusste sie nicht Es kam ihr eben nur vor als habe sie ausgeschlafen Doch der
Tag zu welchem sie erwacht war lag kühl und farblos da und sie fröstelte bei
dem Gedanken da hinein zu müssen
    Mengen kam erneuerte die früher gemachte Bekanntschaft mit Herrn von Stein
und Cunigunden und erzählte so viel und so herzlich von seiner Familie
besonders von seinem Vater dass Allen ganz traulich und heimisch dabei zu Sinn
ward Mathildens Hochzeit sollte nächstens sein Faustine sagte
    »Das freut mich für die Liebenden und noch mehr für Sie teure Cunigunde
Es bringt uns den Menschen näher wenn wir ein Familienfest mit ihnen gefeiert
haben Wir sind nicht fremd in dem Kreise wo wir einmal teilnehmend gelächelt
oder geweint«
    »Und ich werde Ihnen bald folgen mein Fräulein und Ihnen Briefe und
Nachricht von den Ihren bringen« sagte Mario »denn ich bin sehr entschlossen
etwas so Frohes wie eine Hochzeit nicht bei den Meinen ohne mich vorübergehen
zu lassen«
    »Etwas so Frohes« fragte Faustine aber Mario hörte es nicht weil Herr von
Stein ganz vergnügt sprach
    »Es freut mich recht Herr Graf dass Ihnen eine Hochzeit wie eine
Fröhlichkeit vorkommt Sonst war es Mode dass es lustig und hoch dabei herging
Es gab Feste und Schmausereien Tage ja Wochen lang Zum Hochzeitstage selbst
gebrauchte man einen ganzen Tag wie sich das gehört damit aller Putz alle
Ehren alle Lustbarkeit aller Scherz sein Recht bekomme und nicht ein Ehrentag
mit zwei oder drei kümmerlichen Stunden abgefertigt werde wie es jetzt wohl
geschieht wo man sich am Morgen oder am Abend trauen lässt einen Bonbon isst in
den Wagen steigt und in die weite Welt fährt«
    »Das gefällt mir doch sehr gut lieber Herr von Stein« sagte Faustine
    »Ja meine gnädige Gräfin das glaub ich gern die schöne junge Frau ist
wohl am liebsten mit dem Gemahl allein Aber du grundgütiger Gott sie werden
beide noch so lange beisammen sein dass es sehr gut ist wenn sie in der ersten
Zeit ein wenig gestört werden damit sie nicht nach drei Monaten einander
überdrüssig sind Und dann die Übrigen warum sollen die leer dabei ausgehen
an einer Hochzeit nimmt die ganze Welt Teil mit Fug und Recht denn zwei
Menschen die losbändig in ihr umherirrten erbauen sich plötzlich ein Hüttchen
und schmücken die Welt mit Menschen und mit Glück Das ist für jedermann
wichtig Drum erhielten sonst alle Hochzeitsgäste ein Stückchen vom Strumpfband
der Braut zum Andenken Freilich jetzt sind die Leute gewaltig steif geworden
Der harmlose Scherz macht ihnen keinen Spaß mehr und sie zucken die Achseln
über den veralteten plumpen Gebrauch worin doch wahrhaftig Andacht war So
unterstützt denn jetzt die Gleichgültigkeit der Übrigen den Wunsch des
Liebespaars und die wichtigste Angelegenheit des Lebens wird mit einer ganz
unstattaften Heimlichkeit vollzogen als ob man sich ihrer schäme Hätte meine
Cunigunde geheiratet«  Der Blick der Tochter begegnete bittend dem seinigen
darum fügte er hinzu »Aber sie will nicht Es ist kurios dass heutzutage wo
ein Bräutigam rarer ist als ein Nordlicht gerade mein Mädchen keinen will Nun
wir wollen nicht weiter davon reden Es wird ja wohl Alles am Besten sein wie
der liebe Gott es fügt«
    Der Tag ging recht gut hin Mengen war fast immer da Cunigunde schöpfte
Zuversicht aus seinen Worten Feldern kam in der Absicht ihr Lebewohl zu sagen
doch er kehrte im Vorzimmer wieder um Ihm war als spiele er in der Szene nur
eine Nebenrolle Am nächsten Morgen wollte Cunigunde reisen es war Alles für
sie in Bereitschaft gesetzt Sie nahm einen kurzen heftigen Abschied von
Faustine sie wollte nicht weich werden vielleicht ihres Vaters wegen Der alte
Mann erbat sich Faustinens Erlaubnis sie zuweilen besuchen und mit ihr von
Cunigunden reden zu dürfen Diese sagte zu Mario auf Faustine deutend
    »Sie bringen mir also bald Nachricht von meinem Liebesengel«  dann ging
sie mit Herrn von Stein in einen Gasthof und am andern Morgen als die Sonne
aufging waren Vater und Tochter schon getrennt und Cunigunde ging gefasst ihrer
Bestimmung entgegen
    »Und Sie gehen nun auch« fragte Faustine niedergeschlagen Mengen »ich
werde recht einsam sein Wenn doch Klemens lieber ginge statt Ihrer«
    »Ich komme bald wieder« sagte Mario »meine Eltern wünschen es wollen mich
sehen «
    »Das begreife ich wenn wir uns aber nur wiedersehen«
    »Warum sollten wir nicht wir sind jung«
    »O das ist kein Grund im Gegenteil junge Menschen werden häufiger
getrennt als alte«  Faustine blieb so niedergeschlagen dass auch Mario davon
angesteckt wurde und wenigstens an dem Abend in keine leichtere Stimmung kam
Doch gerade dieser mächtige unleugbare Einfluss Faustinens bestimmte ihn eine
Entscheidung herbeizuführen Gehöre ich ihr so ganz an sprach er zu sich
selbst so werde sie denn auch mein eigen und was fürchte ich denn sie ist ja
frei ich bin es aber wird sie wollen sie muss wollen wenn sie mich liebt 
Wenn  o verdammter Zweifel den nur der Kopf ausbrütet und das Herz nicht
hegt« 
    Acht Tage vergingen bis zu Mengens Abreise und Faustine blieb in einer
Nebelwolke von Traurigkeit In der Region der Gefühle ist dieser Zustand der
unbehaglichste weil er keinen Kampf zulässt weil man warten muss bis Sonne oder
Wind den Nebel zerstreuen und oft der gefährlichste weil man mit umdämmerten
Blicken häufig bis an den Rand des Abgrunds tappt zuweilen in ihn hinabstürzt
»Wie kann er gehen« dachte Faustine »sieht er fühlt er nicht wie notwendig
er mir ist notwendig wie die frische Luft wie der Frühling  Ach der
Frühling kommt und er geht«  Bisweilen machte sie sich selbst Vorwürfe
wiederholte sich dass einige Wochen schnell verstrichen dass er heimkehren
würde dass auch Andlau nach seinem letzten Brief zu schließen bald kommen
müsse und dass alsdann für sie Alle eine Erhöhung des Reizes im lebendigen
Verkehr eintreten könne Aber das lag so fern gleichsam hinter den Nebelwolken
ihrer Traurigkeit Sie sah es nicht klar Der Schmerz der Entbehrung lag ihr
näher als der Trost des Genusses einer zweifelhaften Zukunft Sie wusste nicht
ob Mengen und Andlau an einander Behagen finden würden Beide waren schroff und
scharf dieser eisig wenn er unangenehm berührt sich fühlte und jener in
demselben Maß schneidend  zwei Naturen die mit gezogenem Schwert sich
gegenüberstehen mussten sobald sie nicht Hand in Hand gingen
    Faustine war in ihrer tiefsten Seele beklemmt und unheimlich Hätte sie den
Mut die Stärke und die Besonnenheit gehabt den Verhältnissen fest ins Auge zu
sehen so wäre ihr bald genug klar geworden dass in Marios Entfernung ihrer
Aller Heil liege und sie hätte durch ein gefasstes »Fahre hin« dem Schicksal
vorbeugen können das sie zerbrach als es in seiner vollen Macht über sie
herbrauste sie hätte durch eine ruhige Darlegung ihrer innersten
Seelenverbindung mit Andlau Mengen auf einmal ehe er ein Wort gesagt durch
einen einzigen kurzen Schmerz in sein altes Gleichgewicht wenigstens
äußerlich zurückgestellt und in dem seinen das ihre gefunden sie hätte Alles
das tun können was sie nicht tat eben weil ihr Mut Stärke und Besonnenheit
fehlten
    Gegen Klemens war sie während dieser Zeit viel freundlicher oder eigentlich
sanfter als sonst wo sie ihm nicht leicht irgend ein Wort hingehen ließ ohne
es zu rügen sobald es über seine Grenze sprang Jetzt hörte sie nicht so scharf
hin oder sie hatte Mitleid mit seiner Torheit Was den Frauen ihr Mitleid für
Schaden tut  das ist nicht zu beschreiben und nicht zu begreifen wenigstens
nicht von den Männern zu begreifen welche für die Frauen alle mögliche
Empfindungen nur kein Mitleid hegen Im Hass und in der Liebe als Überwinder
vernichtend grausam vor den Frauen zu stehen ist ihre Wonne ihre Lust ihr
Triumph  ihre Natur und die Frau die darüber klagt ist falsch es hat noch
jeder Simson seine Delila gefunden  Aber daran tut der Mann unrecht in jeder
Mitleidsäusserung ein Liebeszeichen zu sehen So weit müsste er aus seiner Natur
heraustreten und die fremde Eigentümlichkeit erkennen Mitleid ist eine Tochter
des allgemeinen Wohlwollens und die Frau hat viel mehr Wohlwollen für den Mann
in welchem sie von Hause aus eine Stütze und den Begründer ihres Glückes sieht
als er für sie hat die er doch nur à tout prendre als eine sichre Beute
betrachtet Daher wird die Frau durch eines Mannes Neigung zwar nicht immer zur
Erwiderung doch gewiss immer zum Mitleid gestimmt  vorausgesetzt dass ihr keine
Verbindung mit ihm droht wie es bei Cunigunden und Feldern war  und sie wird
Dinge tun und sagen die ihm ja nur den Mangel an Liebe freundlich verbergen
sollen In solchem Verhältnis ist es nur seine niemals ihre Schuld wenn er ein
Lächeln einen holden Blick ein süßes Wort als ein Versprechen künftiger
größerer Gaben betrachtet Die Frau ist gleich dem Kinde heftig glühend
leichtgerührt hernach vergisst sie das und das macht ihr der Mann zum
Verbrechen Es ist aber ihre Natur so wie die seine Barbarei ist Nur nie
Mitleid mit dem Manne geäußert er missbraucht es alle Mal
    Klemens jubelte heimlich »ich wusste wohl dass ich sie rühren würde«
Anfänglich war sein brennendster Wunsch nicht weiter gegangen als seine Liebe
geduldet  nun wünschte er schon sie erwidert zu wissen Er gestand es sich
freilich nicht ein aber im Herzen rechnete er schon darauf denn was wär es
für eine wunderliche Liebe die keine Erwiderung begehrt ich denke es wäre gar
keine Liebe  Mengen geht  so lautete Walldorfs Rechnung  sie wird ihn
vermissen weil er ihr eine angenehme Gesellschaft ist doch von einer Neigung
kann nicht zwischen ihnen die Rede sein da diese Trennung statt findet
Hingegen wird Andlau kommen  aber ist denn da noch die alte Liebe fast sechs
Monat hat er sie verlassen und sie lebte während der Zeit ruhig und heiter Wo
ist der Mensch der wie ich ohne ihren Blick in Verzweiflung untergeht Nein
mir meinem lodernden Herzen gehört sie einzig an  Bisweilen saß er ihr
viertelstundenlang schweigend gegenüber und sie schwieg auch Sie malte oder
zeichnete Klemens kam gern in den frühen Morgenstunden wo er gewiss war sie
allein zu treffen späteren Besuchen räumte er das Feld und war am
glücklichsten wenn er sie ungenirt bei ihren gewohnten Beschäftigungen die sie
seinetwegen nicht unterbrach häuslich und traulich fand Darum begehrte er auch
keine Konversation von ihr Sie durfte sich in ihre Arbeit ihre Gedanken
vertiefen Das tat sie auch Fiel es ihr dazwischen ein es sei doch sehr
unfreundlich sich gar nicht um des armen Klemens Anwesenheit zu kümmern so sah
sie lieblich zu ihm auf oder nickte ihm einen holden Gruß gleichsam seine
Nachsicht erbittend zu Er aber meinte dann sie freue sich über seine
Anwesenheit und sagte sie um doch einigermaßen für seine Unterhaltung zu
sorgen
    »Da liegt ein hübsches Buch lieber Klemens lesen Sie doch ein oder das
andere Kapitel«  so war er glückselig weil er dachte sie wünscht dass ich
bleibe  sonst könnte sie mich ja gehen heißen  Faustine wünschte aber
hinsichtlich seiner gar nichts als ihn vor Ausartung der Torheit in
Verwilderung geschützt zu wissen
    Am Vorabend von Mengens Abreise waren mehre Personen bei ihr Er selbst kam
spät Sie hatte sich in eine große Lebhaftigkeit hinein gesprochen um damit
ihre Trauer zu umschleiern Gleichgültige werden stets dadurch getäuscht Jemand
fragte wie sie zu ihrem seltsamen Namen gekommen und sie sagte
    »Mein Vater hatte eine solche Liebe zu dem Göteschen Faust dass er um in
jedem Augenblick seines Lebens an dies Meisterwerk erinnert zu werden seinen
beiden ersten Kindern den Namen Faust und Faustine beizulegen beschloss Meine
Mutter bebte vor diesen barbarischen Namen sie hatte ganz andere Lieblinge Als
der Zeitpunkt kam wo ein Kindlein geboren werden sollte gab es manche kleine
Debatte und unsäglich war die Freude der Eltern als nicht Eines sondern zwei
zugleich das Licht dieser Welt erblickten und nun Jeder einen Lieblingsnamen
auf der Stelle anbringen konnte So ward ich Faustine meine Schwester Adele
getauft Meine arme Mutter starb im Wochenbett und mein Vater hatte auch nicht
lange die Freude durch mich an sein geliebtes Gedicht erinnert zu werden er
blieb im Felde Für mich hat aber mein Taufpate Faust stets ein ganz
besonderes Interesse gehabt unabhängig von dem Zauber seiner Poesie und seiner
grandiosen Weltanschauung Ich wollte immer mein eigenes Schicksal in diesem
rastlosen Fortstreben in diesem Dursten und Schmachten nach Befriedigung finden
 aber der zweite Teil hat mir das unmöglich gemacht Ich denke es schreibt
wohl jeder von uns seinen eigenen zweiten Teil zum Faust der Götesche ist
allzu individuel«
    Graf Kirchberg sagte »Das find ich nicht es ist das treue Bild aller
Menschen die wie die alten Titanen mit großer Kraft den Ossa auf den Pelion
türmen Studien Forschungen Leistungen auf ihre Gaben um damit dem Himmel
abzutrotzen und abzuringen was er diesem Streben nicht gewähren kann
Befriedigung Der Strom der Sinnenlust hat im Entstehen noch Nerv weil der
Quellpunkt die Liebe ihm Nahrung gibt aber breit und dürftig dennoch
zerfliesst er in der Steppe des Überdrusses und des unbestimmten auf kein
hohes festes Ziel gerichteten Verlangens Dann versucht Faust dem Ehrgeiz dem
Weltglanz der Welteitelkeit einiges Vergnügen abzugewinnen aber es bleibt ein
schaaler Spaß für ihn ohne Saft und Kraft und dasselbe bleibt ihm die Kunst
der er sich darauf in die Arme wirft Das in ihr und mit ihr Erzeugte
Euphorion verschwindet weil es nicht aus der Begeisterung geboren ist und
somit hat auch die Kunst ihren Reiz für ihn verloren Endlich probirt er es gar
mit der Wohltätigkeit mit der allgemeinen Menschenliebe doch die Lauheit das
vage Missvergnügen bleiben ihm zur Seite und dieser ununterbrochene Seelenregen
macht ihn so matt dass er ganz froh ist endlich mit guter Manier in die
elysäischen Gefilde des Himmels einpassiren zu dürfen«
    »Gut das ist eben eine Richtung« rief Faustine »ich sehe aber nicht ein
warum der Faust seelenmatt werden muss Hat die Liebe ihm keine Befriedigung
gegeben so werfe er sich lodernd wie in ihren Schoss in die Arme des
Ehrgeizes der Welterrlichkeit der Kunst so ringe er nach ihnen und um sie
statt mit ihnen zu spielen so strenge er all seine Kräfte und sporne all
seine Gaben an damit er doch Etwas zu Tage fördere  und sei es nur gerade
Etwas woran Mephistopheles seine Weltironie üben könne der jetzt in dieser
beängstigenden Atmosphäre nur noch zu armseligen Spässen Gelegenheit findet mit
Gauklerkunststücken sich helfen muss und aus seiner grandiosen LuciferRegion in
die Kategorie der kläglichen dummen Teufel fällt Die Kräfte eines Faust dürfen
brechen  nicht erlahmen Sind sie gebrochen im rastlosen Kampf so gehe er heim
nach Gretchens öder Hütte und suche dort im Tode was er im Leben umsonst
gesucht ein Haus für die Ewigkeit Der göttlichen Barmherzigkeit und der reinen
Liebe sind keine Grenzen gesetzt heben sie die matte Seele in den Himmel 
warum nicht die ringende Feuerseele«
    »Schreiben Sie doch einen zweiten Teil zum Faust«  sprach Feldern
scherzend
    »Nein ich lebe ihn lieber« entgegnete sie »Schreiben ist nur ein Surrogat
für leben«
    »Oder ein Widerhall des Lebens der an jedem Busen sich bricht und zu einem
neuen klingenden Ton wird«  sagte Feldern
    »Ach« rief Faustine »unsre Brust ist gar nicht mehr im Stande die
Millionen von Widerhallen aufzufangen die wie Bienenschwärme gegen sie
losgelassen werden Seit das Bombardement der Menschheit durch Kugeln so
ziemlich aus der Mode gekommen ist dafür das durch Bücher eingetreten welches
wie eine Influenza seine Zeit durchgrassiren muss Ich regrettire im Grunde das
KanonenBombardement man riskirte zwar in einem solchen den Geist aufzugeben
allein der Kopf wurde dann doch mit fortgeschossen Die Bücher hingegen lassen
die physischen Köpfe friedlich zwischen den Schultern sitzen und nur der
geistige wird von ihrem Bombardement betäubt und verdummt Ich hoffe noch vor
Ende dieses Jahrhunderts wird jeder auftauchende Schriftsteller nach irgend
einem BotanyBay gesendet«
    »Welch ein vandalischer Hass gegen die armen liebenswürdigen
Schriftsteller die Ihnen doch gewiss von Robinson an bis zur heutigen Stunde
unsägliches Vergnügen gemacht haben«
    »So so Sie leben mir vor sie denken mir vor  ich lebe und denke aber
lieber auf meine eigene Hand schlecht und recht wie ichs eben verstehe als
einem Andern nach«
    Als Mengen kam bemerkte er sogleich Faustinens innere Aufregung Sie
sprach aber dann und wann hielt sie mitten im Satz inne weil sie keinen Atem
mehr hatte Ihre Augen glänzten aber dann und wann sanken die Augenlieder tief
und müde herab
    »Sie sind fatiguirt Gräfin« sagte Mario sanft und setzte sich zu ihr
    »O zum Sterben« entgegnete sie sich im Fauteuil zurücklehnend
    »Man muss nicht so viel reden wenn einem nicht danach ums Herz ist«
    »Dann schweigen Sie nur Mengen Sie tun ja nie danach wie es Ihnen ums
Herz ist«  Er sah sie fragend an  »Nun ja« fuhr sie fort »Sie reisen und
würden doch viel lieber trotz Hochzeit und Freudenfesten hier bleiben«
    Er antwortete ihr nicht aber er verwickelte die Anwesenden in Gespräche
womit die Zeit hinging ohne Faustinens Bemühen Als man aufbrach wünschte man
ihm eine glückliche Reise und all die freundlich banalen Phrasen erklangen
welche denen so weh tun über die der Schmerz des Abschieds einbrechen wird
Faustine saß regungslos auf ihrem Platz Sie grüßte mit den Augen die
Scheidenden Nun war sie mit Mario allein Schweigend mit untergeschlagenen
Armen stand er eine Weile vor ihr denn die Gefühle wogten in seiner Brust und
erstickten die Worte Da stand sie auf legte beide Hände gefaltet auf seinen
Arm und sagte bebend
    »Auf Wiedersehen Freund«
    »Kann ich denn so von Ihnen scheiden« fragte er eben so leise und fasste
ihre Hände in die seine  »o Faustine ich kann nicht« rief er dann mit
überströmender Heftigkeit und drückte sie an sein Herz als wolle er dies
brausende Herz oder die geliebte Gestalt zerbrechen 
    »O das ist nicht recht« sagte sie immer mit demselben Ausdruck von Trauer
im Blick und Ton
    »Vergebung Faustine« sprach Mario sanfter und seine Hand glitt leise über
ihr Haar ihre Wange hinab  »siehst Du ich liebe Dich «
    Da stand sie auf einmal frei seinem Arm entwunden vor ihm Sie bog den
Kopf zurück der plötzlich in einer Verklärung stand welche nur überirdischer
Triumph verschmolzen mit bacchantischem Jubel auf das Menschenantlitz gießen
sie breitete die Arme aus doch nicht zu ihm sondern empor zum Himmel und mit
der nämlichen Extase im Ton sagte sie »Er liebt mich« 
    »Wohin denn mit dieser wehenden Glut Faustine wenn nicht zu mir« rief
Mario entzückt und schlang den Arm um sie als wolle er sie an seine Seite
fesseln
    »Er liebt mich« wiederholte sie mit derselben schwärmerischen Innigkeit
Sie umfasste seinen Kopf mit ihren beiden Händen sah ihn an schüttelte dann
langsam den ihren und sagte träumerisch »Das ist aber doch wohl nicht wahr«
    »Nicht wahr o Faustine hast Du nicht gefühlt wie mein Wesen allmälig mit
dem Deinen verschmolzen ist wie mein Herz gelernt hat in Deiner Brust zu
schlagen mein Geist in Deiner Richtung zu fliegen mein ganzes Sein mit Dir
Schritt zu halten Ist das nicht Liebe Faustine«
    Wie die rosenroten Gletscher immer blasser und blasser werden wenn die
Nacht heraufsteigt und zuletzt in schattengleichem Grau dastehen so erbleichte
sie sie hing zerbrochen in Marios Armen und sagte tonlos
    »O das ist aber entsetzlich«
    »Warum Faustine Engel Du liebst mich «
    »Ich« rief sie und fuhr mit der flachen Hand über die Stirn  »ich 
Sie  Sie irren sich seltsam Graf Mengen«
    Entsetzen als habe der Blitz zu seinen Füßen die Geliebte erschlagen
zerwühlte plötzlich Marios glückstrahlendes Antlitz Er stieß Faustine von sich
und sagte mit einer vernichtenden Drohung im Ton »Faustine«
    Sie sank in den Lehnstuhl wie eine welke Blume die das Haupt unter dem
rollenden Donner beugt Dicke Tränen quollen langsam unter den Wimpern vor die
Locken hingen aufgelöst an den entfärbten zarten Wangen herab Sie war jetzt
bezaubernd durch den unaussprechlichen Gram ihres ganzen Wesens wie sie es drei
Minuten vorher durch dessen unaussprechliche Glut gewesen war Mario hatte nicht
die Kraft sie zu verlassen obgleich er im ersten Augenblick schon eine Bewegung
nach der Tür gemacht Er kniete vor ihr nieder und sprach
    »Faustine wie können Sie lügen«
    »Ich lüge nicht« flüsterte sie ohne aufzublicken
    Er legte seine Hände gefaltet auf ihre Kniee und sprach »Sehen Sie mich an
fest und ruhig und nun antworten Sie mir »liebst Du mich nicht Faustine«
    »Nein« sagte sie fast unhörbar aber unwillkürlich ruhte ihr Auge mit so
himmlischer Zärtlichkeit auf ihm dass er entzückt ausrief
    »Deine falschen lieblichen Lippen lügen Dein Auge spricht Ja ich glaube
ihm«
    »Nein nein« rief sie in heftiger Angst und hielt beide Hände vor den
Augen »kehren Sie sich nicht an die verräterischen Augen der Mund spricht die
Wahrheit«
    »Faustine« sagte Mengen und stand auf und seine zürnende Stimme wurde noch
schauerlicher durch die Bebungen welche die gewaltigste Aufregung ihr gab 
»wenn Du mich wirklich nicht liebst wenn Alles nur ein Spiel die Belustigung
für einen leeren Augenblick gewesen wenn Du die ganze Grazie Deiner Wesenheit
nur als eine gemeine Koketterie verschwendet wenn Du solche Nichtachtung
fremder Gefühle hegst dass Du lebende schlagende blutende Herzen anatomirst zu
Deiner Belehrung oder Deinem grausamen Vergnügen so habe ich keinen Ausdruck
für meine Verachtung«
    »Mario« schrie Faustine und glitt auf ihre Kniee zur Erde herab  »ich
liebe Dich«
    Er hob sie auf zog sie stürmisch an seine hochschlagende Brust und drängte
in einem Kuss die Seligkeit und die Sehnsucht zusammen welche dies Wort in ihm
auflodern ließ Aber Faustine begegnete nur scheu dieser Glut Sie machte eine
ganz kleine Bewegung so leise jedoch so unwiderstehlich dass die Liebe ihr
gehorchen muss und dass doch nur die Liebe sie erraten kann  und seine Arme
umstrickten nicht mehr wie ein Netz ihre Gestalt und er fragte gepresst
    »Warum drängst Du mir das übervolle Herz in den Busen zurück Faustine O
lass es an dem Deinen ruhen mein geliebter Engel jetzt weiß ich ja die
Wahrheit«
    »Noch nicht ganz Mario« antwortete sie dumpf
    »Aber das Wesentliche Du liebst mich Und morgen fährst Du mit mir zu
meinen Eltern als meine Braut als mein Weib  wie du willst aber mit mir
denn Du liebst mich Faustine« Er schlang ihre Locken um seine Finger
    Sie sagte melancholisch »Lass mich los es hilft doch nichts wir müssen
scheiden«
    Da schrie er plötzlich heftig auf »Andlau«  Faustine neigte bejahend das
Haupt und Mengen sank wie zerschmettert in einen Stuhl
    »Siehst Du wohl wie viel schwerer Dir jetzt als vor fünf Minuten die
Trennung wird« sagte sie gelassen »O hätte ich das Liebeswort verschwiegen«
    »Rede Unglückselige rede« rief Mengen »warum denn Trennung wer hat ein
heiligeres Recht an Dir als ich und wenn ein Anderer es gehabt hat geht es
nicht auf mich über von dem Moment an wo Du mich liebst Ich will Dich haben
Faustine ohne Teilung ganz und gar« 
    »Das begreif ich« unterbrach sie ihn »Aber kann ich denn einen Tag
glücklich sein wenn ich das ganze Schicksal eines Andern eines geliebten
Menschen zertrümmere Kannst du es dann noch durch mich bei mir sein
unmöglich Mario unmöglich wie die Sonne unmöglich zur Mitternacht über unserm
Haupt stehen kann Und das sollst Du selbst entscheiden«
    »O Faustine Du liebst mich nur mich das wird entscheiden«
    »Nein Mario ich liebe Andlau den Mann dem ich mein ganzes Geschick aus
freiem vollem Herzen in die Hand gegeben und der es wie ein Gott unwandelbar
liebend und treu gelenkt hat«
    »Und nicht mich Faustine besinne Dich Herz wirklich nicht mich«
    Sie sank zu seinen Füßen nieder umschlang seine Kniee und legte ihren Kopf
darauf Er wollte sie aufheben doch sie bat »Lass mich hier liegen Mario und
frage mich nicht so Du  Mensch gewordner lichter Sonnenstrahl wie sollt ich
Dich nicht lieben« Sie weinte heftig Er richtete zärtlich ihr glühendes
Antlitz in seiner Hand empor und sprach
    »Mein Engel erzähle mir nun Alles was Dich betrifft Es ist so dunkel um
mich her wenn ich Alles weiß wird es mir hell werden damit ich entscheiden
könne entscheiden wie der Mario es muss den Du liebst Darum die Wahrheit
Herz die reine Wahrheit wie vor Gott«
    »Wie vor Gott« wiederholte sie feierlich und stand auf Sie waren schön
die beiden Gestalten einander gegenüber Mario saß in seiner gewöhnlichen
Stellung mit untergeschlagenen Armen seitwärts am Tisch und die Kerzen warfen
nur ein Streiflicht über ihn Aber sein marmorbleicher Kopf mit den vornehm
stolzen aber durch die Macht der Empfindung für den Augenblick melancholischen
Zügen mit dem tiefen geistreichen glühenden Auge und dem dunkeln Gelock hob
sich gleich einem Gemälde von Velasquez oder Murillo lebhaft von der
dunkelroten Lehne des Fauteuils ab welche ihn hoch überragte Faustine stand
vor ihm im vollen Kerzenlicht blassrot gekleidet blühend weich schwebend
halb sinnlich halb seelisch hingehaucht wie von Guido Renis Pinsel etwas vom
Johannes etwas von der Magdalena im Ausdruck der in jeder Sekunde wechselte
so wie sie die Scala der Gefühle durchflog  Er  ruhig fest entschlossen
nicht unerschütterlich aber kampfbereit und unermüdlich die Siegesfahne
tragend vielleicht in den Tod doch gewiss nicht in den Untergang Sie 
schwankend und immer ungewiss lassend ob sie fallen ob sie in den Himmel
auffliegen werde Er  ganz Mann Sie  ganz Weib
    »Rede mein Engel« sagte Mario sanft »keine Frage keine Einwendung kein
Blick sollen Dich stören«
    »Was habe ich denn eigentlich zu sagen« fragte Faustine sich selbst
träumerisch die Hand an die Stirn legend »Alltägliche Schicksale ein Leben
ohne gewaltige Ereignisse eine Persönlichkeit ohne überwiegende Vorzüge  das
ward mir das bin ich Und innere Zustände Skizzen der Seele kann man die
einem Andern vors Auge führen und hindern dass ihm der Glanz zu grell und der
Schatten zu schwarz erscheine die Wahrheit wird durch das Wort so hart dass
sie wenn nicht lügenhaft doch unglaublich doch übertrieben erscheint Ich
aber habe von nichts als von innern Zuständen zu sprechen Begebenheiten darfst
Du nicht erwarten  Aus der Pension in Mannheim wo meine Schwester und ich
die armen Waisen erzogen waren kamen wir im siebzehnten Jahr zu unsrer Tante
welche ein schönes Landgut in der Nähe von Bamberg bewohnte Ich war ein junges
Mädchen wie alle übrigen  glaube ich Ich kann mich im Grunde gar nicht darauf
besinnen wie und was ich war so lange mein Wesen in seiner kühlen grünen
Knospe bewusstlos wie ein Kind in der Wiege schlummerte Ernst war ich wohl doch
auch heiter still aber innerlich lebhaft Bilder wogten in mir Gestalten
tauchten auf Erscheinungen zogen vorüber mit einer Fülle in einer
Lebendigkeit welche mich schon zwischen meinen Pensionsgefährtinnen zu ihrer
Scheherazade machten zu einer kleinen Improvisatorin die aber gewiss sich
selbst weit mehr als den Kreis ihrer Zuhörer amüsirte Später gab ich diesen
Phantasien keine Worte mehr sondern Bilder ich zeichnete Das macht sehr
still weil die Hand bedächtig und das Auge vergleichend verfahren muss wenn der
Kopf auch braust Dies Talent grade für mich mag wohl eine besondere Gnade des
Himmels gewesen sein die bestimmte Form gab mir Haltung Mit der Poesie
hingegen deren Schützlinge zwang und mühelos von der Form nicht mehr brauchen
als was sie in ihren Fingerspitzen zusammenfassen hätte ich gewiss den
PhaëtonsGang und Sturz erlitten  Von Liebe wusste ich nichts weiter als was
in den Dichtern steht und das ist so lange man es nicht auf einen bestimmten
Gegenstand überträgt etwas so Farbloses wie das Prisma ehe man es zwischen
Auge und Sonne hält Ich liebte meine Bilder meine Bücher die Blumen die
Vögel die ganze Natur die ganze Menschheit den guten Gott der dies samt und
sonders geschaffen hat  Alles en bloc Meine Tante am wenigsten denn sie war
intriguant und solche Charactere stoßen mich von Grund aus ab weil ich ohne
Waffen gegen sie bin mögen sie mich gewinnen oder mir schaden wollen Ich fühle
mich bei ihnen beklemmt wie irgend ein scheues Tierlein des Waldes das die
fangende Schlinge ahnt Ich hatte Scheu vor meiner Tante Die Männer waren mir
am liebsten welche am besten tanzten und dabei nicht allzu fade plauderten
Huldigungen verlangte ich nicht  vielleicht darum wurden sie mir oft zu Teil
in der oberflächlichen Manier die zwischen ganz jungen Leuten statt findet Nur
Graf Obernau behandelte die Sache ernster Er war Rittmeister sieben und
zwanzig Jahr alt aus vornehmem Geschlecht sehr reich und sehr schön  wenn man
dies Prädikat den regelmäßigen Zügen der stolzen Gestalt und guten Haltung
beilegen will welche in manchen Familien selbst dann noch erblich sind wenn
schon der Adel der Gesinnung und die Kräftigkeit des Blutes erloschen die
zuerst diesen Stempel ausprägten Ich gefiel diesem Manne auf eine mir ewig
unerklärbare Weise dh er verliebte sich am ersten Abend wo er mich bei der
Tante sah dermaßen in mich dass er auf dem Heimritt zu einigen Kameraden sagte
»Der Teufel soll mich holen wenn das nicht meine Frau wird« Seine Kameraden
zweifelten durchaus nicht daran da eine so glänzende Partie wie Obernau
schwerlich abgewiesen wird und er überdies ein sogenannt guter Mensch war
Jedem Geld borgte Jedem im Duell secundirte keinen Spaß verdarb und nebenbei
von solcher Schwäche war dass Jeder der in seine Launen einzugehen und ihm ein
wenig zu schmeicheln verstand ihn lenken konnte wie ein Kind Solch ein
Kamerad der vornehm und reich ist außer den guten Konnexionen auch noch den
stets gefüllten Beutel hat und obenein das gute Herz welches mit beiden
aushelfen lässt  wird von allen jungen Männern zärtlichst geliebt Kaum hatte
Obernau mir sultanisch das Schnupftuch zugeworfen so würde kein junger Mann
zehn Meilen in der Runde sich zwischen ihn und mich gestellt haben Es war
gleichsam ein allgemeines schweigendes Übereinkommen dass er und ich für
einander passten und gehörten Obernau und immer Obernau war vor meinen Augen und
an meiner Seite oder schwirrte vor meinem Ohr denn der Tante konnte nichts
Erwünschteres kommen als seine passionirte Neigung und sie trug Sorge mir von
ihm stets in einem Ton zu reden der Eindruck auf mich machen musste Nämlich
zuerst lobte sie seine guten Eigenschaften dann beklagte sie den bösen Einfluss
welchen schlechte Ratgeber und eigennützige Freunde in seinem wohlwollenden
vertrauenden Herzen gewonnen und schloss endlich damit eine gute edle Frau
könne ihn leicht zu sich emporheben und ihn zu einem neuen bessern Menschen
umwandeln  und das sei der herrlichste Beruf des Weibes Ich hatte zwar kein
Vertrauen zu dem Herzen meiner Tante aber großes zu ihrer Klugheit Was sie da
sagte kam mir verständig und gut vor und ist es auch wenn nur das Weib
welches sich diesem heroischen Beruf widmet in sich klar fest und
abgeschlossen genug ist um nicht selbst dabei herabgezogen zu werden Ich
armes unerfahrnes Geschöpf ohne Leidenschaft ohne Schmerz  diesen zwei
Binde und Löseschlüsseln des Wesens  konnte das damals nicht in Überlegung
ziehen Ich dachte was die ganze Welt gut und zweckmäßige finde und was einen
Menschen glücklich mache dass müsse ich tun und ich verlobte mich mit Obernau
Wollte ich sagen er sei mir gleichgültig oder gar zuwider gewesen und ich sei
zu dieser Partie beredet oder gezwungen so würde ich lügen Nein ich war ihm
recht gut und gab ohne Widerstreben seiner Werbung Gehör Ich wollte ja auch
meine herrliche Bestimmung erfüllen und recht etwas Gott und den Menschen
Wohlgefälliges vollführen Überdies sah ich meine seit drei Monaten
verheiratete Schwester äußerst glücklich mit einem Manne der mir unerträglich
schien daraus zog ich den Schluss der grade umgekehrt richtig ist der Mann sei
am liebenswürdigsten in der Ehe  und die Anstalten zur Hochzeit wurden gemacht
    »Je näher aber der Zeitpunkt kam desto beklommener ward mir Ich die nie
träume die nie eine bange Vorempfindung des Gewitters spüre wandelte umher
als solle ein quälender Traum in Erfüllung gehen oder ein Unwetter losbrechen
Wenigstens bilde ich mir ein dass diese Schwüle diese Schwere diese Angst ohne
Grund und ohne Namen denjenigen heimsuchen müsse welcher Traum und Ahnung
kennt Zu wem sollte ich reden die Tante liebte nicht Erörterungen der Gefühle
wenn sie Entscheidungen herbeiführen konnten welche ihren Absichten
widersprachen sie wies sie nie ab doch mit schlauer Geschicklichkeit wusste sie
stets sie zu vermeiden Meine Schwester wie gesagt war verheiratet das war
eine unübersteigliche Scheidewand zwischen uns Sie war jetzt die Frau eines
Mannes nicht meines Gleichen kein Mädchen mehr kaum dass sie mir noch wie
meine Schwester vorkam Es gibt eine Jungfräulichkeit des innern Seins
rührender und reizender als die welche der Myrtenkranz repräsentirt weil sie
unendlich seltener ist Aber leider leider geht sie oft vor dieser und fast
immer mit dieser verloren sie widersteht nicht der materiellen Genusssucht
Meine Schwester war in kurzer Zeit ganz fraulich worden verloren in ihren
Familien und HausInteressen und mit unendlichem Behagen sich darin zurecht
setzend wie der Vogel auf seinem Nest Sie gehörte zu den weiblichen Wesen die
von der Geburt an möchte ich sagen Frauen sind und im Hause Wurzel fassen und
Blüten treiben Sie ist glücklich dabei geworden weil Temperament Sinnesart
Charakter mit ihrem Schicksal Hand in Hand gingen und weil man von ihr sagen
darf  was ich jedoch nie ohne einen leisen Schauder auszusprechen wage  sie
würde jeden Mann glücklich gemacht haben  und dies wird doch zuweilen als Lob
von einem Mädchen gesagt Nun ich habe es nie verdient 
    »Aber an wen sollte ich mich wenden in meiner Herzensangst Sehr verständig
wie mir scheint wendete ich mich an Obernau und sagte ihm an einem schönen
Abend wo wir allein im Garten waren und die melancholische Herbstnatur mit
heimziehenden Wandervögeln und herabrieselnden Blättern mich noch trauriger
stimmte dass ich ihn lieber nicht heiraten wolle »Ein romanhafter
Mädchengedanke« antwortete er spöttisch wegwerfend Ich verstummte blöde und
sann acht Tage lang darüber nach ob er nicht wirklich Recht habe Bisweilen kam
es mir auch so vor aber als über diesem Besinnen der Hochzeitstag mir bis auf
vierzehn Tage nah gerückt war so fand ich Obernau habe Unrecht und abermals
verkündigte ich ihm meinen Entschluss und bat ihn dringend mir mein Wort
zurückzugeben Statt der Antwort sprach er »Ini Du siehst zum Küssen lieblich
aus wenn Du bittest ich wäre ein großer Narr wollte ich Deinen Willen tun«
Indessen da er sah dass ich weinte fragte er ob ich etwa einen Andern etwa
den und jenen den er nannte heiraten wolle Zufällig waren das närrische
fade dümmerliche Leute und Obernaus Frage kam mir possierlich vor  oder war
es nervöse Aufregung  kurz ich brach in lautes Lachen aus und Obernau sagte
beruhigt und beruhigend »Wenn Du keinen Andern lieber hast so kannst Du mich
mit gutem Gewissen heiraten« Trotz dieser Versicherung war aber immer eine
Stimme in mir wach die mir zurief tu es nicht und zum dritten Mal doch nun
unter tausend heißen Tränen und mit bangem Flehen bat ich um meine Freiheit
Da wurde er endlich anders er gab das spöttelnde scherzende Wesen auf womit
er bisher meine Einwendungen zunichte gemacht er beschwor mich ihn nicht
grenzenlos unglücklich zu machen er liebe mich zu sehr um von mir lassen zu
können er wolle Alles tun Alles sein was ich gut und recht fände er lag zu
meinen Füßen er weinte  ich hatte in meinem Leben weder ihn noch irgend einen
Mann in solcher Bewegung gesehen es machte einen schauerlichen gewaltigen
Eindruck auf mich ich dachte kindisch wohlan lieber unglücklich sein als
unglücklich machen  nicht wissend dass in der Ehe eins aus dem Andern folgt 
ich bat ihn tausendmal um Vergebung und wünschte nun selbst den Hochzeitstag
mit einer fieberhaften Ungeduld herbei in der Hoffnung mein Schicksal müsse
sich lieblicher in der Entschiedenheit als in der Erwartung stellen Ich ward
seine Frau Der Stab war über mich gebrochen  so kam ich mir vor so komme ich
mir noch jetzt vor wenn ich an den Moment denke von welchem doch schon manches
Jahr mich trennet«
    Faustine senkte ihr Haupt wie gebrochen und legte das Gesicht in beide
Hände ihr Busen flog krampfhaft sie bebte vom Scheitel zur Sohle und als sie
nach einer Pause die Hände sinken ließ war ihr sonst so blumenzartes
holdseliges Antlitz starr marmorbleich tragisch »Ja« sagte sie mit
herzzerschneidender Wehmut »von der Faustine die damals unterging mag jetzt
wohl keine Spur übrig sein denn sie fiel der Schmach anheim Ja ja auf meine
unschuldige reine Stirn wurde der Stempel der Schmach gedrückt und ich  ich
habe es gelitten und es überlebt«
    Sie ging im Salon auf und ab mit heftigen ungleichen Schritten Sie rang
die Hände Sie dachte nicht an Marios Gegenwart nicht an seine Liebe  nur an
ihre Vergangenheit und mehr zu sich selbst als zu ihm sprach sie mit tiefer
Bitterkeit
    »Gibt es denn auf der ganzen weiten Gotteswelt eine Schmach welche der
gleich kommt einem Manne zu gehören ohne ihn zu lieben O ich glaube ein
ganzes Leben von Verworfenheit wird mit diesem Begriff bezeichnet Doch nein
nein ich irre mich ich war ja seine Frau am Altar ihm angetraut  dann hat es
nichts zu sagen  für die Menschen« Sie lachte in sich hinein
    »Ruhig Faustine aus Barmherzigkeit mit Dir sei ruhig« bat Mario
erschüttert
    »Schweigen Sie Graf Mengen Sie haben mein Leben wissen wollen  da dürfen
Sie mich nicht stören wenn wir bei einem so wichtigen Punkt angelangt sind
Kennen Sie nicht die Sage von jenem Nixenbrunnen dessen Wasser hat man den
schweren Steindeckel einmal abgewälzt immer höher immer höher steigt den Rand
überquillt und das Land rings umher in eine brausende Wogenflut verwandelt O
diese unermessliche Flut von ungekanntem von misskanntem Weh in der Brust eines
Weibes erschüttert sogar eine Männerbrust wenn es sich einmal nicht als Klage
nur als Schrei äußert dann muss es gewiss etwas welterschütterndes sein Aber
ach als Abnormität wird es betrachtet Krankhaft an Leib oder Seele
verschroben überspannt nennt man eine Frau nachdem man sie ohne Barmherzigkeit
in die Arme des Ersten Besten der sie nach ihr ausstreckt geliefert hat und
sie nun mit unüberwindlichem Entsetzen wahrnimmt was von ihr gefordert wird
was sie gewähren soll Von einer Million Ehen wird eine aus Liebe geschlossen
Die Beweggründe der übrigen kommen in keinen Betracht weil sie immer auf
hausbackene Nützlichkeit zielen sind die einen grade so gemein oder grade so
würdig als die andern Aber neunmal hundert neun und neunzig tausend neun
hundert Frauen verlangen es eben nicht anders achtundneunzig verlangten es wohl
anders einst vor langen Zeiten auf die sie sich selbst nicht mehr recht
besinnen können so untergewirbelt sind sie nun haben sie sich gefügt aus
Kälte aus Verständigkeit Und eine nur eine aber doch eine eine Einzige
unter der Million die verlangt es anders und feiner oder schwächer organisirt
kann sie nicht zahm sich fügen und fühlt doppelt die Demütigung weil sie zu
schwach ist sie abzuwehren O diese Eine sie kommt nicht in Betracht vor euren
Gesetzen es kann kein eigenes Recht für sie geschaffen werden Gott und Menschen
ziehen die Hand von ihr ab  denn im Namen Gottes ist ihr Segen verheißen
worden wo sie Unheil gefunden und die Menschen hohnlächeln ob der
Phantasterei welche da einen Tempel erbauen möchte wo ein ekler Sumpf liegt O
diese Eine  es gibt Schmerzen vor denen die Welt das Knie beugt strahlende
Schmerzen geputzte Schmerzen rosenrote Schmerzen Triumphbogenschmerzen aber
mit diesem Schmerz kokettirt man nicht den vergräbt man scheu im Busen wie man
das Krebsgeschwür am Busen mit unsäglicher Beschämung verbirgt Doch das Gift
des Geschwürs durchschleicht allmälig das Geäder des Körpers und dringt in Mark
und Blut und dieser Schmerz wird zu einem Gift zu einer Quintessenz von Hass
Bitterkeit Verzweiflung Empörung Verachtung und Groll wovon die Seele krank
werden und verderben muss und Keiner Keiner hat einen Blick des Erbarmens
dafür O diese Eine  das ist nicht eine von den Schlechtesten gewesen nicht
um den Glanz und den Genuss der Welt zu haben ist sie in dies Jammerlabyrint
geraten nur kindisch nur unerfahren nur jugendlich selbstvertrauend sprang
sie ein sorgloser Schwimmer von dem stillen Felsen ins rauschende Meer um
einem Andern die liebende die hülfreiche Hand zu bieten aber der ist zu Hause
in dem wilden Element der zieht die Arme in den Strudel hinein in die Tiefe
hinab sie sinkt  und Keiner rettet sie  Sind denn nicht Männer da  ja
doch  da stehen sie faunisch neugierig lüstern vor dem trostlosen
Geheimnis dieser Ehe und raten und rätseln und deuten und deuteln und
bringen es am Ende zur sonnenklaren Evidenz dass diese Frau die
begehrungswürdigste auf dem Erdboden ist Ja doch  wo es eine unglückliche
Frau gibt  jung und hübsch comme de raison  da fehlt ein halbes Dutzend
ritterlicher Männer nicht welche sich die Ehre streitig machen dieser holden
Augen Tränen zu trocknen dieser frischen Lippen schmerzliches Zucken in süßes
Lächeln zu wandeln Sie sind ja die geborenen Beschützer der Schönheit  die
edlen Männer  O diese Eine ich will ja gar nicht weinen weil ich gerade
unter der Million es sein musste ich weine nur weil überhaupt solch Elend auf
dieser schönen Welt statt findet
    »Aber damals weinte ich über mich Ich kam mir selbst unmenschlich
entwürdigt vor durch die Leidenschaft die ich erregte ohne sie zu teilen und
das Geschöpf welches der Mann mit dem Fuß vom Sopha auf die Straße schleudert
schien mir weniger erniedrigt als ich mich fühlte  denn es steht außer dem
Gesetz denn es macht keinen Anspruch auf Ehre aber ich unter dem Schirm des
Gesetzes umringt von jeder Schutzwehr welche der Ehre heilig jung
unverdorben sittlich rein ich sah mich plötzlich in der Gewalt eines Menschen
dessen furchtbares Recht über mich dadurch geheiligt sein sollte dass er in
einer Kirche vor vielen Zeugen gelobt hatte es immer zu üben Was ging das mich
an ich musste ihm das Recht geben nur so begriff ich es nur so konnte es nicht
entadelt werden Ich sah bisweilen die Leute ganz erstaunt an wenn sie mich mit
Achtung behandelten  die übrigens der vornehmen reichen Frau nie fehlt  ich
hätte fragen mögen was fällt euch ein der willenlose dumpf gehorchende Sclav
zählt der mit in der menschlichen Wesenreihe und steht mirs nicht wie ein
Brandmal auf der Stirn dass ich Sklavin bin Ich hüllte mich in meinen Gram wie
in ein Panzerhemd und waffnete mich mit meiner Erbitterung wie mit einem
scharfen Schwert und behandelte die Männer mit einem Übermut mit einer
Verachtung vor welcher sie in den Staub fielen und in Anbetung gerieten Aber
ich die weit sehnlicher wünschte einen Gegenstand der Liebe und Verehrung zu
finden als es zu sein zerfiel mit mir selbst immer unheimlicher immer tiefer
je greller der Widerspruch zwischen der äußern Erscheinung und dem innern Sein
sich gestaltete Ich wurde von meinem Mann geliebt und empfand für ihn den
unbesieglichsten Widerwillen Die Welt huldigte mir indessen ich mir selbst
verächtlich vorkam Man pries meine Verhältnisse glücklich und beneidenswert
und ich fühlte mich in ihnen unaussprechlich elend Hätte ich wenigstens den
Trost gehabt Obernau etwas über sein leeres wüstes Treiben zu erheben so
würde mir das einigen Mut eingeflößt haben Doch die Sklavin dient dem Gebieter
nur wenn er es befiehlt außerdem ist sie ein Spielwerk welches unbeachtet im
Winkel steht Ich will gern glauben dass es mir auf einem gewissen Wege sehr
leicht geworden wäre unumschränkte Herrschaft über ihn zu gewinnen allein
konnte ich meinen Gemahl nicht ehren so mochte ich ihn doch wenigstens nicht
beherrschen nicht diese Flitterkrone für den Preis erkaufen den er darauf
gesetzt haben würde Ich ging meine Wege er ging die seinen Er bekümmerte sich
gar nicht um mich sobald ich nur zu gewisser Stunde nicht fehlte Ich war ja
seine Frau und er liebte mich folglich welche Ehre für mich
    »Ich war immer mit Männern umgeben ich ritt mit ihnen ich fuhr mit ihnen
ich schwatzte mit ihnen nicht weil sie mir gefielen sondern weil sie sich an
mich drängten und weil ich gegen sie impertinent sein oder sie ganz ignoriren
durfte kurz weil sie nicht die Rücksichten heischten welche zum Umgang mit
Frauen erforderlich und weil überdies Obernaus beide Schwestern mir das eigene
Geschlecht noch mehr verleideten als er selbst das männliche Die eine war in
meinem Alter und verheiratet eine dürftige enge Natur welche sich nicht
darüber zufrieden geben konnte dass mein Fuß kleiner und mein Auge größer als
das ihre war Die andre ein junges Mädchen von vierzig Jahren hatte vor Zeiten
ein Leben geführt welches die Bewerber um ihre Hand notwendig trotz ihres
Vermögens abschrecken musste Jetzt reizlos früh gealtert kränklich sprach
sie von ihrem nie verstandenen Herzen welches sie ganz dem lieben Gott
zugewendet habe weil kein Mensch dieses Kleinods wert sei Gewiss ist es dass
kein Mensch den lieben Gott um dies Kleinod beneidet hat und dass die äußerlich
werktätige innerlich sterile Frömmigkeit meiner Schwägerin Crescenzie mich
gemahnte wie eine Schaale lauwarmen Wassers worin man vorsichtig die
Fingerspitzen wäscht und sie dann säuberlich mit einem Battisttüchlein
abtrocknet aber nicht wie ein frisches kühles stärkendes Bad worein man sich
begierig stürzt um den Staub des Lebens abzuwaschen Meine Schwägerin Naudine
ging umher die Leute fragend ob sie je eine Person gesehen welche mir an
Koketterie Eitelkeit und Leichtsinn gleich käme und meine Schwägerin
Crescenzie erzählte den Leuten wehklagend mit gen Himmel gehobenen Augen und
Händen wie unglücklich ich ihren Bruder mache
    »Freilich war er nicht glücklich der arme Obernau doch ich hätte ja ein
ganz andres Wesen sein müssen als ich war um ihn zu beglücken Das hatte ich
dunkel geahnt das hatte er der mich nur mit den Augen der Sinne ansah nicht
glauben wollen Er kannte von der Liebe nichts als was die Sinnlichkeit ihm
zuflüsterte die mich empört wenn ihr nicht die Seele ihren himmelblauen Mantel
umgeschlagen  und so lebten wir mit einander schauerlich verbunden in
einander schauerlich getrennt O ich habe viel gelitten ich fühlte wohl das
Drückende das Pflichtlose unsers Verhältnisses Wenn Obernau nicht da war
stellte ich mir seine guten Eigenschaften vor und schob alle seine Fehler auf
Rechnung der vernachlässigten Erziehung Dann hing ich meine früheren Plane zu
seiner Bildung und Erhebung daran und nichts schien mir leichter als mit
einiger Kraft und einigem guten Willen ihn in eine andere Sphäre zu versetzen
Aber dann kam er und sein erstes Wort »Komm her Ini küsse mich«  war ganz
hinreichend um mir die grausige Überzeugung wieder aufzudrängen welche nur
momentan unterdrückt war dass kein Mittel in meiner Macht stehe um günstig auf
ihn einzuwirken weil ich ihn ja leider leider nicht liebte Bisweilen kam er
in tiefer Nacht heim der Himmel mag wissen aus was für Gesellschaft Hatte der
Wein seinen Kopf montirt so überstieg seine Brutalität alle Vorstellung Doch
mitunter hatte er gespielt und wie sich von selbst versteht bedeutende Summen
verloren  dann war er verdrießlich müde und niedergeschlagen dann verwünschte
er seine Freunde das wüste Leben mit ihnen seine eigene Schwäche  und dann
war ich ihm wieder gut so wie früher als Braut und drang in ihn den Abschied
zu nehmen mit mir zu reisen Er ging ganz auf diesen Vorschlag ein das
dienstliche Verhältnis drückte ihn die Kameradschaft langweilte ihn er wollte
mit mir reisen sich aufhalten wo es mir gefiele ich sollte in Paris in Rom
malen so viel ich Lust hätte  ich schlief ein mit der festen Zuversicht auf
eine wenigstens äußerliche Änderung meines Schicksals wo ich im Genuss der
Reiseabwechselung und der Kunstausübung Zerstreuung und Freude finden würde
Aber ach wenn Obernau nicht mehr müde und abgespannt war so kamen ihm meine
Vorschläge »romantisch« vor  ein Lieblingswort dass er fast gegen jede meiner
Äußerungen anwendete  ihm gefiel nichts besser als in Bamberg zwischen seinen
Kameraden und guten Freunden fortzuleben und ich musste manchen plumpen Spott
über meine Liebe zur Natur und Kunst anhören Äusserlich ertrug ich das mit
kalter Verachtung aber es grämte mich dass Obernau nicht die geringste
Teilnahme für mich empfand und es erbitterte mich das er dennoch es wagen
konnte von seiner Liebe zu mir zu sprechen und Erwiderung zu fordern als sei
sie sein Recht Und ließ gar meine Schwägerinnen sich einfallen denselben Ton
anzustimmen so wies ich sie herbe zurück und sie rächten sich dafür indem sie
gegen ihren Bruder über meine Schroffheit wimmerten und ihn endlos beklagten
an eine seelenlose Puppe sein schönes Herz zu verschwenden
    »Wie lange ich diese Existenz ertragen welchen Act der Verzweiflung ich am
Ende begangen haben würde  das weiß ich nicht mehr wogende Nebelmassen liegen
auf jenem Ehestandsjahr und gern wende ich meinen Blick von ihnen ab der
lichten Erscheinung zu welche meinem Schicksal eine versöhnende Wendung gab
Ich lernte Andlau kennen und ich liebte ihn Gott ich Arme ich Bedürftige
ich Hartverletzte  mit welcher unaussprechlichen Wonne mit welcher lautlosen
Überraschung sah ich aus dem alltäglichen langweiligen Schwarm eine Gestalt
auftauchen bei der es mir wohl ward bei der ich mich in meinem innersten Wesen
geschützt und frei fühlte Ein armes kleines Fischlein das im Eismeer
geschwommen und gefroren und sich an Eisschollen blutig gestoßen hat und nun
plötzlich in die lauen sonnigen Wellen der Südsee versetzt wird muss diese
friedliche Seligkeit genießen Es fiel mir gar nicht ein dass meine Pflicht
gegen Obernau im Geringsten verletzt werden könne durch dies Gefühl für das ich
keinen Namen wusste und wissen mochte Ich nannte es nicht Liebe denn bei dem
Wort fiel mir meines Mannes Liebe ein und ich mochte mein Gefühl nicht einmal
durch den Gleichklang des Namens entadeln lassen Aber ich liebte ihn meine
Seele blühte auf vor seinem Lächeln meine Träume wurden wach vor seinem Blick
die Welt schlug für mich das Auge auf wenn ich in das seine schaute  in dies
ernste denkende Auge das forschend prüfend wägend auf den Gegenständen
ruhte und ihnen Wert und Bedeutung zu geben schien je nachdem es nach der
Prüfung mehr oder minder befriedigt war und das bei mir allein die Forschung
vergaß um in heller Freude zu glänzen Und wohl mir dass er es vergaß
unentwickelt kindisch dumpf und befangen wie ich damals war hätte ich
nimmermehr vor der Analyse des Verstandes bestehen können aber er liebte mich
und vergaß daher mich zu analysiren Ich war ihm wie ein Meteor zwischen dem
regelrechten Planetensystem der Gesellschaft Unter andern Verhältnissen würd
ich mich vielleicht in derselben acclimatisirt haben jetzt aus Scheu ihr zu
gleichen blieb ich in meiner primitiven Natur aufrichtig stolz sauvage
unabhängig leidenschaftlich  eine Charactermischung die man wohl als eine
Reaction des allgemeinen GesellschaftsCharacters betrachten darf die aber
nicht eben bestimmt sein mag um einer Frau eine glückliche Zukunft in der Welt
zu sichern Ein gewöhnlicher Mann würde dies sehr bald zu seinem Vorteil
benutzt haben Andlau wurde dadurch gerührt Er wollte meinem exotischen Wesen
etwas von seiner phantastischen Glut nehmen damit es besonnen in der kühlen
Atmosphäre der Welt gedeihen könne  aber daran scheiterte seine Kraft denn das
tiefe Feuer welches bis jetzt in meiner Brust geschlummert weil kein Luftauch
es angefacht brach nun mächtig hervor und verzehrte seinen Willen Die Liebe
brannte wie zwei Altarflammen in unsern Herzen   Was sagte die Welt dazu O
die Welt tausend gemeine Verhältnisse duldete sie und abertausend noch
gemeinere begünstigt sie aber wo eine starke Leidenschaft auftaucht da schreit
sie Zeter die keusche sittsame Welt Herzen die im Schlamm ersticken sucht
sie fein säuberlich abzuwaschen Herzen die in Glut verlodern streut sie in
alle vier Winde Ich nahm keine Rücksicht darauf Mein Leben hatte einen andern
Polarstern als das Urteil der Menge und ich sagte höchst unbefangen wie
glücklich ich mich fühle endlich einen Mann gefunden zu haben den ich achten
könne weil Pferde und Hunde Wein und Karten ihm nicht als die höchsten Güter
und wichtigsten Interessen des Lebens erschienen Obernau spottete sehr oft über
meine romantische Liebe zu Andlau aber er suchte nicht sie zu stören
vielleicht weil er meiner überdrüssig war vielleicht weil er mich nicht fähig
hielt eine mächtige Liebe zu erwidern wenigstens meinte er ganz ehrlich ich
müsse von Marmor und Erz sein indem ich bei der seinigen ungerührt geblieben
    »In meinem jungen brausenden Kopf hatten schon Flucht und jede mögliche
gewaltsame Trennung gegohren da eine Scheidung bei uns Katholiken mit großen
Schwierigkeiten zu kämpfen hat Es gab Augenblicke wo ich mir die Zuflucht
eines Klosters wünschte um nur dem Druck meiner unseligen Ehe zu entfliehen
denn die Liebe geht ihren Entwickelungsgang und da musste es mir bald
unerträglich werden dass mein Äußeres und mein inneres Wesen schauerlich
zerspalten war durch mein Verhältnis zu diesen beiden Männern Was Eins war 
getrennt was ewig Zwei blieb  verbunden Das ist ein Rechenexempel bei dessen
Lösung das Gehirn wirbeln kann  Nur frei sein danach schmachtete ich wie
nach Wasser in der Wüste Nur frei sein das war das Angstgebet welches ich zum
Himmel emporschrie Und Gott hörte mich Wie ein Gefangener durch Erdbeben  so
gewaltsam so schauerlich wurde ich frei
    »Andlau war eines Tags bei mir und eben so traurig und niedergeschlagen als
ich mochten wir nicht sprechen und auch nicht unsrer Melancholie uns hingeben
Wir setzten uns an das Piano und spielten Die Musik machte mich weich Tränen
entstürzten meinen Augen und als er mich zärtlich umschlang lehnte ich die
Stirn an seine Wange und weinte zum Sterben Da trat plötzlich Obernau mit
seiner Schwester Crescenzie ein und rief mit knirschender Wut »Du hast Recht
Schwester« Dann stürzte er in sein Zimmer holte zwei geladene Pistolen welche
stets im Schranke hingen und begehrte Andlau solle sich auf der Stelle mit ihm
schießen Dieser verweigerte es kalt Obernau wurde immer rasender Andlau blieb
ruhig beschwor ihn mich zu schonen kein Aufsehen zu machen indessen ich wie
eine Statue wort gedanken besinnungslos dastand und nicht eher meine
Fähigkeiten wiederfand als bis ein Schuss fiel und Andlau zu meinen Füßen
hinsank Nun wusste ich was ich zu tun hatte ich ließ anspannen ihn in seine
Wohnung schaffen Ärzte rufen ich begleitete ihn Keinen Augenblick verlor ich
in Unentschlossenheit Verzweiflung Zaghaftigkeit Keinen Augenblick wich ich
von seiner Seite Obernau die ganze Welt waren nicht mehr für mich da Ich
gehörte dem an der für mich litt unschuldig und qualvoll litt Ich weiß nichts
aus jener Zeit als dass ich ein Paar Wochen Tag und Nacht vor seinem
Schmerzenslager saß und um sein Leben flehte Obernau begehrte ich solle zu ihm
kommen bald bittend bald drohend seine Verwandten forderten dasselbe Ich
hatte nur eine Antwort »Nie kehre ich in das Haus eines Mannes zurück der sich
und mich im Angesicht der ganzen Welt erniedrigt hat« Unerschütterlich blieb
ich dabei Obernau wollte sich nicht scheiden lassen sei es aus Hass oder aus
Rache Mir einerlei ich ging mit Andlau nach Nizza seine verwundete Brust
brauchte mildere Luft Zwei Jahr lang kämpften meine Liebe Sorgfalt und Pflege
ihn dem Tode ab Zwei Jahr lang war ich in steter zitternder Angst um ihn Doch
mitten in dieser Angst war ich glückselig  bei ihm für ihn lebend nichts von
der Welt wissend wünschend verlangend Meine Tante war kurz vor der
Katastrophe gestorben und hatte mir der Frau eines reichen Mannes nur das
Pflichtteil meiner Schwester das ganze Vermögen hinterlassen Von meinem
kleinen Erbe lebte ich damals wie ich jetzt lebe einfach schlicht unabhängig
aber damals unsäglich froh durch den mir so neuen Genuss der Freiheit Meine
Liebe war nicht erkauft ward nicht bezahlt ich fühlte mich weder gekränkt
noch erniedrigt noch gedemütigt in meiner Freiheit fühlte ich mich auf
derselben Stufe stehend mit dem Mann den ich so unaussprechlich verehrte
während ich mich durch meine Abhängigkeit tief unter dem Mann gefühlt hatte den
ich nicht achtete Als Andlau endlich genesen machten wir eine Reise durch
Italien Wie ging mir das Leben auf im Doppellicht der Liebe und der Kunst wie
entwickelten sich meine Fähigkeiten welcher Strom von vielseitigem Glück
umrauschte mich und wie froh wie sicher wie bewusst meines Glücks und meines
Rechts daran stand ich im Nachen und ließ ihn durch Andlau lenken
    »Da starb Obernau und ich war frei mit meiner Hand zu schalten Aber ein
unermesslicher Widerwille gegen die Ehe hatte sich zu fest in meine Brust
genistet als dass ich eine zweite hätte schließen mögen Die zwei Jahre meiner
Verheiratung hatten mich übersättigt mit bitteren Empfindungen der Gemahl war
mir peinigend gewesen seine Familie feindlich die Welt gleissnerisch ich mir
selbst verächtlich keinen Schutz hatte ich gefunden gegen die bitterste
Demütigung keine Stütze für meine ratlose Unerfahrenheit keinen Trost für
meine innere Zerfallenheit zweifelnd an Gott an den Menschen an mir selbst
stand ich in grausiger Einsamkeit da unbegnügt unbefriedigt tantalisch nach
Hesperidenfrüchten schmachtend und wenn mir eine in die Hand fiel wenn meine
Lippen sie berührten augenblicklich den Sodomsapfel in ihnen erkennend Bei
Andlau  wie anders stets war ich gehoben nie herabgezogen stets fühlte ich
ein Vorwärtsschreiten eine Entwickelung keinen Stillstand kein Zurückgehen
kein Versinken Ich war glücklich und fühlte mich durch dies Glück befähigt und
stark gemacht in dieser eigentümlichen Weise es festzuhalten Dies Glück und
diese Weise ließ mich in meiner vollen Selbständigkeit und doch zugleich in
der Sphäre des Weibes welches seine Ausbildung und Befriedigung allein in der
Liebe findet Es war eine unendliche Gewissheit in mir welche keines endlichen
Symbols bedurfte und eine endliche Fessel verschmähte Vielleicht jedem andern
Mann gegenüber würde diese Zuversicht eine ungeheure Torheit sein bei Andlau
ist sie nur eine richtige Würdigung seines Charakters Aber mir selbst gegenüber
ist es die größte Torheit gewesen denn die unendliche Gewissheit wankt und der
Platz der wie ein Fels unter meinen Füßen war ist Triebsand geworden«
    »Darum Faustine musst Du ihn verlassen« sagte Mario ernst und ruhig stand
auf und nahm ihre Hand »da wo Du bisher gestanden ist es nicht mehr sicher
für Dich Stütze Dich getrost auf meinen Arm ich hebe Dich über alle
Schwankungen hinweg Ich danke Dir dass Du mir Dein Schicksal enthüllt hast und
doppelt danke ich Dir weil ich darin nichts sehe was uns trennt«
    Faustine blickte ihn sprachlos an und fuhr mit der Hand über die Augen wie
um sich zu überzeugen dass sie wache
    »Nichts denn Du liebst mich und Andlau  liebst Du nicht mehr denn wenn
Du ihn noch liebtest so wäre Dein Auge nie anders als mit dem gleichgültig
freundlichen Blick auf mich gefallen den Du für alle Welt hast «
    »Ja siehst Du  das ist unmöglich« rief sie
    »Nun Faustine ich liebe Dich Du weißt es ich habe es Dir gesagt und Du
musst es auch ohne Worte wissen aber da ich es Dir gesagt habe so will ich auch
nicht von Dir lassen denn Dich bindet nichts an einen Andern sobald Dein Herz
Dich nicht bindet und Dich aufgeben zurücktreten von Notwendigkeit der
Selbstopferung reden  das tut nur eine matte Liebe die sich nicht stark genug
fühlt für die Geliebte eine alte Welt aus ihrer Axe zu heben und eine neue
hineinzulegen Wer zu einer Frau spricht ich liebe Dich  und nach diesem Wort
nicht bereit ist mit ihr eines Weges zu gehen und sollte der in die Hölle
führen  freudig bereit ist weil er die Zuversicht hat die Hölle in Himmel
verwandeln zu können durch Liebe  der ist feig Faustine und der Feigling ist
keiner Liebe fähig Ich bin nicht feig ich habe den Mut Dich mit Allem zu
versöhnen mit Vergangenheit und Zukunft und mit jedem Verhältnis das Dich
bisher verwundet oder abgestoßen hat Du wirst mein Weib Faustine«
    »O dann bin ich aber von erbärmlicher Untreue« sagte sie dumpf
    »Und was wärest Du wenn Du zwischen zwei Männern stehen bliebest beide
verzaubertest jedem halb keinem ganz gehörtest und was wärst Du wenn Du mit
einem gespaltenen Herzen zu demjenigen Dich zurückwendetest den Du geliebt
hast und zu ihm sprächest ich liebe einen Andern aber Dir will ich treu sein
 Du liebst das Schöne Gute und Hohe wo Du es findest Faustine das macht
Dich liebenswürdig und Du bist zu sehr von der Gegenwart beherrscht um Dich
dauernd an eine Persönlichkeit zu fesseln sobald Dir diese nicht ganz
überwältigend entgegentritt das macht Dich schwach Ich will diese Schwäche
nicht verteidigen weil Du mir Sophisterei vorwerfen oder mich beschuldigen
könntest ich spräche für meinen eigenen Vorteil aber glaube mir wenn Du
meine Schwester wärest würd ich Dir nichts Anderes sagen als Untreue ist ein
zerrissenes halbes schwankendes Wesen ist Widerspruch in der Seele mach den
zunicht durch eine scharfe Entscheidung durch einen unwiderruflichen Schritt
und Du hast Dich frei gemacht Dich ins Gleichgewicht gestellt hast das
Störende fallen lassen und das Fördernde ergriffen wähle Wähle Faustine«
rief Mario und die ruhige Gelassenheit mit der er bisher gesprochen ging in
die bewegteste Leidenschaftlichkeit über »wähle jetzt gleich auf der Stelle
in einer halben Stunde verlasse ich dies Zimmer und es hängt von Dir ab ob ich
es je wieder betreten werde oder nicht Denn so wie es bisher zwischen uns
gewesen kann es jetzt nachdem das Liebeswort gesprochen ward nicht mehr
bleiben «
    »O warum nicht« unterbrach Faustine »Sie sind stark Mengen Sie können
Alles«
    »Alles Menschliche Faustine nichts Übermenschliches ich liebe Dich die
Liebe will Eins sein mit dem geliebten Gegenstand In Deiner Nähe bleiben unter
dem Zauber Deiner Holdseligkeit und diesen Wunsch nicht mit jedem Atemzug wie
die Luft die mich umgibt begierig einzusaugen  dazu reicht meine Stärke nicht
hin Hast Du aber die Überzeugung dass Deine Verbindung mit Andlau Dir und ihm
noch die frühere Befriedigung gewähren könne so scheide ich jetzt auf immer von
Dir das kann ich allerdings Doch meine Liebe zu Dir endet darum nicht so
lange mein Herz schlägt schlägt es für Dich so lange meine Augen offen stehen
wachen sie über Dich so lange ein Blutstropfen in meinen Adern fließt gehört
er Dir so lange ich auf dem Wege fortgehe den ich seit meiner Kindheit
gewählt durch meine Jugend fortgeführt habe und mit dem ich als Mann gleichsam
verschmolzen bin  folge ich Dir Du gehörst zu meiner innersten Wesenheit
Faustine denn durch Dich ist mir das Verständnis der Liebe geworden Und Du
solltest mich nicht genug lieben um nicht ganz mir gehören zu wollen o das
werd ich nimmer glauben Und wenn Du Nein sprichst mit Worten und Nein durch
die Tat  dennoch werd ich Dir nicht glauben«
    »Da hast Du Recht Mario« rief sie
    »Jetzt hast Du entschieden Faustine Du willst mir gehören O Engel habe
Dank Du liebst mich«  Marios Stimme zitterte und sein Auge war feucht als er
so sprach von seinen Zügen war jede Spur des Selbstbewusstseins weggeschmolzen
welches ihm sonst etwas so Kühles so Verpanzertes gab dass man leicht glauben
durfte sein Herz bleibe unangefochten hinter der eisernen Brustwehr Faustine
sah ihn an Freude und Wehmut Wonne und Schmerz wogten in ihrem Busen sie
erkannte dass sein Glück in ihrer Hand lag der Augenblick beherrschte sie die
Gegenwart siegte sie vergaß die Vergangenheit und dachte nicht an die Zukunft
Sie sagte nichts aber sie nahm seine Hände faltete sie und legte sie um ihren
Hals wie ein Joch Dann fragte sie
    »Hast Du verstanden Mario«
    Aber Mario antwortete nicht und Faustine sah sich zum ersten Mal dem
Ausbruch einer Leidenschaft gegenüber neben welcher die eigne Glut ihr blass und
kalt erschien
    »Kann Dich denn wirklich die Liebe beseligen« fragte sie
    »Die Deine kann es Faustine« entgegnete Mario »und jetzt begehr ich den
Beweis dieser Liebe«
    Sie schlug die erstaunten Augen groß zu ihm auf als er sie bei der Hand
nahm und aus dem Salon nach ihrem Zimmer führte Da vor ihrem Schreibtisch
ließ er sie los und sagte bittend
    »Jetzt schreibe Faustine«
    »O Gott« ächzte sie und sank in den Lehnstuhl »ich kann nicht«
    »So muss ich es tun« sagte Mario gelassen
    »Bist Du wahnsinnig« rief sie außer sich »nein keine andre Hand als die
meine soll ihm den Dolch ins Herz stoßen denn das tue ich das weiß ich«
    »Ja« sagte Mario »ihm oder mir«
    Faustinens Zähne schlugen krampfhaft zusammen und ihre Hände waren eiskalt
Mario fuhr fort
    »Die halbe Stunde ist sogleich verronnen Faustine schreibe Du musst Dich
entschließen Nach dem Entschluss hört die Qual auf Das Unwiderrufliche
überströmt die Schwankungen so beruhigend wie Öl die tobenden Wellen Ich will
ja nicht Deinen Willen beherrschen ich will ja nur dass Du ihn aussprechen
sollst Schreibe Faustine«
    Sie war ganz von ihm beherrscht Seine Bestimmtheit die sich um seine
Leidenschaft legte wie ein Schild vor eine nackte Brust beschämte sie die
Schwankende
    »Ja« sagte sie »Du bist zuversichtlich weil Du ganz göttlichzuverlässig
bist Aber ich  darf ich mich auf mich selbst verlassen«
    »So verlasse Dich auf mich Faustine und schreibe Sieh Du kannst ja
nichts Anderes tun Gesetzt Du stiessest mir den Dolch ins Herz  was wolltest
Du hinterher beginnen gegen Andlau schweigen das ist Dir unmöglich überdies
würd er erraten dass Du nicht die Alte bist und fragt er wie willst Du
leugnen lügen können  Oder Du sagst ihm was Dir begegnet ist glaubst Du
dass er im Stande sein wird es zu verschmerzen Wenns eine Laune von Deiner
Seite gewesen wäre  wenn Du in einem müßigen Augenblick Gefallen an mir
gefunden und Dich neckend und lieblich mit mir amüsirt hättest  ja darüber
könnte er lächeln und sich trösten Kann er das jetzt Faustine«
    »Nimmermehr« sagte sie und nahm entschlossen die Feder Sie schrieb
    »Anastas Dein letztes Wort beim Abschied ist Wahrheit worden ich habe Dich
vergessen Nein nicht Dich aber mich Ich meine ich hab vergessen dass ich
nur in Dir leben konnte oder wollte Wir dürfen uns nie wiedersehen Anastas
Mit dieser Entscheidung ruinire ich Dein Leben darum wag ich auch nicht Dich
um Vergebung zu bitten Du wirst am Besten wissen wie Du zu denken hast an
Faustine«
    Ihre Schrift war unkenntlich keine Spur der sonst so sichern leichten
Hand Mario couvertirte das Blatt Dann sagte er
    »Nun die Adresse Faustine«
    »Jetzt mach ich ein Todesurteil fertig«  murmelte sie und adressirte
nach Nürnberg denn so hatte Andlau es in seinem letzten Brief bestimmt
    Mario siegelte den Brief mit Faustinens Siegel und steckte ihn zu sich
indem er sagte
    »Morgen früh werd ich bei der Post vorbeifahrend ihn selbst abgeben«
    Dies Alles hatte er gelassen und leidenschaftlos gesagt und getan In
seinen Augen war eine andre Handlungsweise unmöglich für Faustine sie hatte
ihren Willen erkannt und ausgesprochen sie musste ihn tun Nun aber überstürzte
ihn die Fülle des seligsten Bewusstseins wie eine JubelSymphonie Er sank vor
Faustine nieder umschlang sie mit beiden Armen und wiederholte immer als ob er
sich mit dem Wort vertraut machen müsse
    »Du liebst mich Faustine o Du liebst mich«
    »Das muss wohl wahr sein« sagte sie finster und ließ die Hände sinken mit
denen sie bisher das Antlitz bedeckt hielt Kaum sah sie aber in Marios Augen
so entzündete sich auch in den ihren ein helles Freudenlicht sie war wieder die
glühende funkelnde Schönheit wieder das liebedürstige Weib Sie nahm seinen
Kopf in ihre Hände und fragte mit jenem Übermut den die Liebe so graziös
auszusprechen weiß
    »Du bist aber wohl nicht glücklich Mario«
    »Nicht ganz Faustine«
    »O Sie sind nicht glücklich« sagte sie traurig und ihre Hände sanken wie
gelähmt herab »dann hab ich gewiss unrecht getan«
    Mario stand auf und sah sich im Zimmer um indem er sagte
    »Als ich Dich in jener Ballnacht heimführte und den tollen Klemens hier fand
 als ich dort auf der Schwelle stehen blieb und nicht dies Gemach betreten
durfte  ja damals ahnte ich kaum welch Glück mir heute beschieden werden
sollte Aber ganz glücklich kann ich erst dann sein wenn Du ganz mir angehörst
und darum flehe ich Dich an Faustine reise morgen mit mir zu meinen Eltern und
lass den Vermählungstag meiner Schwester auch den unsern sein«
    »Ach ich soll Dich heiraten« rief sie ängstlich
    »Wie dann nicht« fragte er stolz »Meinst Du ich würd es mir gefallen
lassen dass die Frau der ich mein Leben weihe meinen Namen zu tragen
verschmähte meinst Du ich könnte mich zufrieden geben in einem schiefen aller
Missdeutung fähigen Verhältnis wenn dieses durch nichts motivirt wird als durch
die Laune der Frau  Wie soll ich sie schützen wenn sie nicht öffentlich
freiwillig unter meinen Schutz getreten ist wie sie ehren wenn sie mir nicht
die Auszeichnung schenkt die mich dazu befähigt indem sie mich von der Menge
trennt  Tausende können Dir huldigen Einzelne können Dich lieben Dein Gatte
kann Dich schützen und ehren  er allein so wie es Dir gebührt«
    Vor einer Stunde ungefähr hatte Faustine ihren vollen Widerwillen gegen die
Ehe ausgesprochen allein Mario dominirte sie dermaßen und rüttelte mit so
kräftiger Hand an ihren bisherigen Überzeugungen indem er seine
entgegengesetzten leidenschaftlos aussprach dass sie sich unfähig zum Widerstand
fühlte Sie sagte nur
    »Und er soll dein Herr sein  steht in der Bibel Wohlan Mario ich werde
Dich heiraten«
    Er hob sie auf und an sein Herz »Komm« rief er
    Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und sagte »Nein geh zu Deinen Eltern
sie wissen ja nichts von mir nichts von uns Mario erzähl ihnen doch erst
dass wir uns lieben frag sie doch erst ob ich ihnen willkommen bin In acht
oder vierzehn Tagen bringst Du mir einen Gruß von ihnen  der wird mir Mut und
Zuversicht geben Jetzt geh Mario«
    »Aber in diesen acht oder vierzehn Tagen wirst Du gewaltige Erschütterungen
und wilde Aufregungen zu bestehen haben  fürcht ich «
    »Du meinst ich könnte wohl auch von Dir abfallen« fragte sie mit trübem
Lächeln
    »Nein aber in Gram Dich versenken «
    »Ich werde denken dass Du glücklich bist« unterbrach sie ihn »und dann muss
der Gram weichen denn in meiner Seele ist nichts so stark als der Gedanke an
Dich«
    Sie war aufs Äußerste erschöpft und kaum im Stande sich aufrecht zu
halten ihre Wangen brannten und ihre Hände waren eisig Mario sah es doch
konnte er sich schwer zum Abschied entschließen Er rief
    »Was kann nicht Alles geschehen in vierzehn Tagen ich lasse die Hochzeit
fahren und bleibe hier«
    Aber Faustine beharrte darauf dass er ihr von den Eltern ein Liebeszeichen
bringe Als der Morgen graute ging Mario Faustine sank in einen eisernen
Schlaf Er hatte die Pferde mit Sonnenaufgang bestellt aber längst war die
Sonne aufgegangen und der Wagen gepackt und angespannt  er konnte sich nicht
zur Abfahrt entschließen ihm war als drohe Faustinen Gefahr Wer kann ihr ein
Leid zufügen oder ihr weh tun fragte er sich unaufhörlich Andlau etwa aber
der tut es nicht  Endlich sprang er in den Wagen und ließ bei Faustinen
vorfahren Es war acht Uhr sie konnte aufgestanden sein Er eilte hinauf und
fragte Die Kammerjungfer antwortete die Gräfin schlafe wohl noch denn sie sei
erst um fünf Uhr zu Bett gegangen Mario bat sie zuzusehen ob die Gräfin nicht
vielleicht schon wach sei und als das Mädchen etwas befremdet seinen Wunsch
erfüllte und in Faustinens Zimmer ging folgte er ihr auf dem Fuße nach Das
ganze Zimmer glänzte in blutrotem Licht die Vorhänge von Fenster Alkoven und
Bett fingen den feurigen Strahl der Aprilsonne auf ihr Widerschein überrieselte
alle Gegenstände und stach grell in Marios Augen Unheimlich berührte ihn diese
brennende Farbe in dem stillen Zimmer noch unheimlicher Faustinens leichenhafte
Blässe Sie schlief Er trat an ihr Lager und betrachtete einen Augenblick mit
ängstlicher Sorgfalt dies schöne zarte Gesicht welches wie eine Blume noch
die Spuren des nächtlichen Sturmes verriet  so abgespannt waren ihre Züge
Dann bog er sich zu ihr nieder und küsste ihre Stirn
    »Anastas« fragte sie halberwacht und lächelte
    »Du träumst also nicht von mir« fragte Mario traurig
    »Ich träume nie« rief sie und richtete sich rasch auf »oder träum ich
jetzt weshalb bist Du noch hier«
    »Weil ich Sorge um Deine Einsamkeit habe mein Engel Komm mit mir mein
Wagen steht unten bereit Ich bin furchtsam für Dich  um Dich«
    Er war neben ihr niedergekniet Sie legte den Arm um seinen Hals den Kopf
an seine Brust und sagte
    »O lass mich Herz ich bin todtmüde ich muss schlafen  so schlafen«
    Lange hielt er sie in seinen Armen sie schlief nicht aber sie schien
betäubt sprach nicht und drückte ihn nur zuweilen ganz leise an sich Er
schwieg auch und sann nach ob diese Ermattung körperlich oder seelisch sei
Sind die Nerven schwach oder ists das Herz schwach bist Du mein armer Engel
 Der Wunsch sie mitzunehmen sogar gegen ihren Willen stieg immer mächtiger in
ihm auf da ließ er sie zurück aufs Lager sinken nahm mit inbrünstiger
Zärtlichkeit von ihr Abschied und eilte hinab Als er fort war murmelte
Faustine
    »Wär ich doch mit ihm gegangen« Ein Chaos wogte in ihr Die Elemente aus
denen ihre neue Erde sich gestalten sollte hatten sich noch nicht aus der
Gährung ausgeschieden
Andlau empfing Faustinens Frief in Nürnberg Er las ihn ohne ihn zu verstehen
einige Male Endlich verstand er das »Wir können uns nie wiedersehen«  Ihm
war als würd es Nacht am hellen Mittag »Pferde geschwind fort nach Böhmen«
rief er Er wollte nur fort wohin war ihm ganz gleichgültig fort fort was
die Pferde laufen konnten Beim Pferdewechsel sagte er gewöhnlich nur
»Vorwärts immer die große Straße« Zuweilen trat ein Postbeamter an den Wagen
und nannte fragend die nächste Station dann bejahete er schweigend So fuhr er
wie ein Todter durch den lieblichen leuchtenden Frühling durch Prag durch
Breslau Er wusste nicht wo er war Da kam er in eine alte große düstere
Stadt Finsternis schien auf ihr zu brüten eine große Vergangenheit eine trübe
Gegenwart Die mächtigen Häuser mit starken Böschungen glichen Grabmälern oder
Festungen des Todes
    »Halt« rief Andlau Die Stadt gefiel ihm es war Crakau Er ging in die
Kathedrale und stieg hinab zu den Gräbern der alten polnischen Könige Er lehnte
sich an einen Sarg die Geierkralle wahnsinnigen Schmerzes welche bis dahin
seinen Busen krampfig umspannte löste sich in der Nähe des ewigen Friedens
zwei große Tränen fielen schwer aus seinen Augen auf den Staub der Toten auf
den Staub seines Glücks Sein Führer ein eisgrauer Pole fragte ihn auf
polnisch um die Ursache seiner Trauer Andlau verstand ihn nicht schüttelte das
Haupt und blickte zum Himmel Da ergriff der Greis Andlaus Hand folgte jenem
Blick und sprach mit einer Träne im erloschenen Auge
    »Finis Poloniae«  So standen sie bei einander der Mann und der Greis das
Leben und der Tod Jeder von fremdem Volk Jeder der Sprache des Andern
unkundig Jeder mit seinem eigenen einsamen Schmerz in der Brust und doch Beide
verbunden durch das eine allgemeine allbeherrschende Gefühl tiefe unsägliche
untröstbare Trauer
    Andlau schrieb aus Crakau an Faustine
    »Kein Wort Dir von Frage Vorwurf oder Klage Werde glücklich wenn es Dir
möglich ist vergiss mich denn das ist die Hauptbedingung zu Deinem künftigen
Glück Vergiss Deine ganze Vergangenheit Deinem Leichtsinn wird das nicht schwer
fallen  und lebe wohl«
    Er blieb vor der Hand in Crakau ohne Faustine war ihm jeder Ort in der Welt
gleichgültig bei ihr  gehörte ihm die Welt mit ihrer Herrlichkeit die Kunst
mit ihren Wundern die Natur mit ihren Schätzen Sie sah die Steine an und
erzählte ihm deren Geschichte die Jahrhunderte standen vor ihr auf wie vor
einer Magierin und sie ließ in einer Kette von Ereignissen den goldnen Faden an
ihm vorbeilaufen an welchem die Vorsehung die Menschengeschlechter lenkt die
Ruinen erhoben sich vor ihr aus dem Schutt und sie stellte ihm den Gedanken der
Erbauer hin die stummen Bilder regten die Lippen vor ihr und vertrauten ihr die
Bedeutung welche der Maler seinen Heiligen der Bildhauer seinen Göttern
gegeben die Natur redete zu ihr mit Stimmen der Elemente wäre sie allein in
der toten Schöpfung gewesen sie würde dem Felsen Seele eingehaucht haben
solch ein überquellendes Leben war in ihr so wusste sie es auf Alles zu
übertragen was sie umgab Andlau kam sich vor wie ein Eingekerkerter zwischen
schwarzen stummen kalten Mauern Zuweilen überfiel ihn nagende Angst um
Faustinens ihm so ganz unbekanntes Schicksal Er las ihre Briefe nach sie waren
in der letzten Zeit unruhig hastig geworden Er suchte einen Namen der ihm
Aufschluss geben möge aber sie nannte nur obenhin einige fremde Namen unter
denen auch Marios war Wie elend kann sie werden sprach Andlau zu sich selbst
Die Qual um ihre Zukunft zernagte ihn mehr als der Blick auf die seine Er
gehörte zu den Männern von denen Mario einst zu Faustinen sagte wenn der Faden
ihres Geschickes reißt so knüpfen sie keinen neuen an Andlaus alte Welt war
untergegangen  er suchte keine neue er blieb auf den Trümmern wie ein Priester
auf denen seines zerstörten Tempels Der Palast seines Glückes war in Schutt
zerfallen nach einer Hütte sah er sich nicht um Zuweilen auch packte ihn der
Ingrimm über Faustinens Schwäche die sie unfähig machte einem lebhaften
Eindruck mit Besonnenheit entgegenzutreten Wird sie ewig Kind bleiben rief er
zornig will ihr Wesen denn immer Blüten und nimmer Frucht tragen  Dann
mitten in der Trostlosigkeit kam ihm der Gedanke weil unzuverlässig sei sie
auch unberechenbar und vielleicht noch zu herrlicher Entwickelung bestimmt Nur
wollte dieser Gedanke nicht in ihm haften Faustine hatte seine Existenz
zerbrochen das Natürliche schien ihm sie müsse auch die ihre zu Grunde
gerichtet haben
    Nachdem Faustine seinen Brief empfangen ward sie ruhiger Bis dahin lebte
sie in unaussprechlicher Bangigkeit Nun wusste sie dass sie für immer
unwiderruflich von dem Mann getrennt war den sie ihre irdische Vorsehung
genannt und der Throne und Triumphe ausgeschlagen haben würde hätte er sie
nicht mit ihr teilen dürfen Und nicht etwa im brausenden Rausch der ersten
Seligkeit hätte er das getan Nein noch jetzt nach sieben Jahren kniete er
vor ihr mit derselben Andacht Huldigung und Freude die er ihr bei der ersten
Begegnung dargebracht Die volle Frische der Empfindung lag noch wie Morgentau
auf seiner Liebe als ein Kleinod trug er sie im Herzen Nicht aus
Pflichtgefühl nicht als Mann von Ehre betrachtete er Faustine als ein Wesen
dass ihm für die ganze Zukunft anvertraut sei nicht aus Rücksicht für ihre
Verlassenheit und Hülflosigkeit hielt er sich untrennbar an sie gefesselt was
ihn tiefer rührte und inniger band war ihre großartige einfache Natur die
Alles wegwerfend oder verschmähend oder nicht bedürfend was nicht Liebe war
sich in die als in ihr alleinzigstes Gewand hüllte Er liebte sie mirakelmässig
nicht mitleidig sondern bewundernd Ach die meisten Frauen preisen ihr
Schicksal wenn nach so vielen Jahren in denen die frische Schönheit der Reiz
des Besitzes die Neuheit des Glücks entflohen sind  die Männer noch aus alter
Gewohnheit aus Dankbarkeit für süße Erinnerungen zuweilen mitleidig einen
Strahl der alten erlöschenden Liebessonne aufleuchten lassen und Faustine für
die wie durch ein Wunder diese Sonne im Zenit steht Faustine schaut nach
einem andern Gestirn
    Aber sie tat es Alles dies sagte sie sich tausend Mal wiederholte und
prägte fest sich ein was Alles sie mit Andlau aufgab aber  sie gab ihn auf
Es gibt keinen Stillstand für mich dachte sie rastlos muss ich vorwärts  und
ist das nicht eins und dasselbe mit aufwärts  Sie kehrte zu ihren alten
Gewohnheiten zur Malerei zur Gesellschaft zurück Ihre Freunde fanden sie
nicht so frei leicht und heiter wie sonst Man war gespannt ob sie sich wieder
ins alte Geleise zurückfinden werde Klemens ging häufiger denn je bei ihr aus
und ein und nahm immer mehr die Allüren eines unentbehrlichen Freundes an Sie
wehrte ihm nicht denn bei hundert Dingen war er ihr bequem und bei tausend 
gleichgültig Er wünschte glühend ihr Alles zu ersetzen jede Lücke
auszufüllen dann  wähnte er  bliebe ihr nichts übrig als seine Liebe zu
erwidern Faustine sprach weder von Andlau noch von Mengen daraus folgerte
Klemens sie sei auf gutem Wege Beide zu vergessen Wenn man meint Klemens sei
verrückt so mein ich eine Liebe ohne Erwiderung sei allerdings eine
Verrückung nur auf der Gegenseitigkeit beruht ihre Wahrheit
    Mario schrieb fast täglich Seine hohe Sicherheit erquickte Faustine Hätte
er ihr gesagt er müsse ihr den Weg zum Orion bereiten so würde sie sich darauf
verlassen haben Die hülflose Einsamkeit in der sie auf der Welt stand machte
ihr diese Zuversicht zum Bedürfnis Der edle Mann schützt so gern dachte sie
und wer bedarf mehr des Schutzes als ich  Marios Eltern waren nicht erfreut
über den Entschluss des Sohnes
    »Das ärmste Mädchen nur unbescholten wäre mir eine liebere Tochter« sagte
Gräfin Mengen und der Vater sprach
    »Nach Deiner Beschreibung muss sie eine Circe sein Hast Du Dich fangen
lassen mein armer Mario«
    Mario lächelte Der absichtlosen nachlässigen Faustine wär eine planmässige
Eroberung unmöglich gewesen Seine Schwestern warfen sich entzückt in seine
Arme als sie seine Verlobung erfuhren
    »Welch ein unbegreifliches Glück für Dich Mario« rief Matilde und Marie
flog zu Cunigunden um ihr diese Jubelbotschaft mitzuteilen Dann musste
Cunigunde kommen und den Eltern all das Gute und Schöne von Faustine erzählen
was sie den beiden Schwestern erzählt hatte und Mario war gerührt von der
tiefen Freudigkeit mit der sie es tat
    »Sie hat mich getröstet gestärkt und erhoben als Alle mich niederbeugten
sie hat mir zugelächelt als Niemand von mir wissen mochte und in dem
entscheidenden Moment wo tätige Hilfe mir not tat hab ich sie bei ihr
gefunden«
    Weit mehr noch erzählte Cunigunde von Faustinens Schönheit Anmut und
Talenten und sagte zuletzt
    »Ich bin einmal darüber ausgelacht worden dennoch muss ich sie stets mit dem
»Mädchen aus der Fremde« vergleichen ich kenne sonst Niemand der ihr ähnlich
wäre oder der mich an sie erinnerte«
    »Ach Gott« seufzte Gräfin Mengen »wie soll ein so extraordinäres Geschöpf
in den Familienkreis passen«
    »Wie die Sonne in die Welt gute Mutter« sagte Mario
    »Mario ist aber einmal verliebt  ganz erschrecklich verliebt«
flüsterte Marie heimlich Mathilden zu
    »Liebt Dich Faustine in demselben Masse wie Du sie liebst« fragte ihn der
Vater
    »Die Liebe lässt sich nicht messen und wägen« antwortete Mario lächelnd
»und bei Niemand weniger als bei Faustinen Ihre Liebe fliegt«
    »Und fliegt davon mein Sohn« warf die Mutter ein »solche Frauen  genial
ungewöhnlich über dem Alltäglichen und wie man sie nennen mag haben so selten
die Klarheit Ruhe Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue mit denen man einzig
und allein glücklich sein und machen kann«
    »Vor drei Monaten liebe Mutter hab ich mir und Faustinen selbst das Alles
gesagt Aber ich liebe sie  und wie sie nun einmal ist so beglückt sie mich«
    »Und so soll sie uns willkommen sein« sagte der alte Mengen und gab dem
Sohn die Hand Mario küsste sie und rief
    »Ich wußt es Vater«
Faustine saß vor der Staffelei und tat die letzten Pinselstriche an einem
meisterhaften Gemälde Es war dasjenige welches sie sich einst in Mainz
ausgedacht hatte ein junger Mann ging an einem Fenster vorüber hinter dessen
Gitter ein Mädchen saß die Katze die Kapuzinerkresse die Arbeit  nichts
fehlte Mario sollte kommen sie wollte ihn mit diesem Bilde erfreuen denn
eifrige Arbeit  das wusste er  war stets ein krampfstillendes Mittel für sie
    Klemens trat ins Kabinet und hinter ihren Stuhl »Das Bild würde mir
außerordentlich gefallen« sprach er »wenn der Mann nicht dem Graf Mengen
ähnlich wäre«
    »Graf Mengen hat ein so frappantes Gesicht dass ein Malerauge es gern
auffasst und darstellt«
    »Ich will es nicht leugnen nur passt es nicht in diese gotische Umgebung 
er sieht ganz tatarisch aus«
    »Tatarisch Klemens Sie haben wirklich kein Urteil«
    »Und Sie ein Vorurteil«
    Faustine zuckte schweigend die Achseln Nach einer Pause fragte sie
    »Werden Sie denn nie nach Oberwalldorf heimkehren Klemens«
    »Bin ich Ihnen lästig« fragte er bitter
    »Zuweilen  durch Ihre bizarren Launen  ja«
    »Sie waren in Prag nicht wahr da oben auf dem Wisserad über der Moldau wo
man das Badezimmer der Libussa zeigt«
    »Ja ja aber ich sprach von Oberwalldorf«
    »Wissen Sie was in jenem Badezimmer geschah«
    »O ja die Königin Libussa stolz auf ihre Unabhängigkeit wollte keinen
Mann Einfluss über sich gewinnen lassen und wenn auch aller Schwäche des Weibes
unterliegend nie schwach erscheinen und immer frei bleiben Deshalb ließ sie
die Männer denen sie eine momentane Gunst geschenkt aus jenem Gemach in die
Moldau stürzen«
    »Sie sind die Königin Libussa im modernen Gewande ohne die wilde
Sinnlichkeit ohne die blutige Grausamkeit Hört eine Persönlichkeit irgendwie
auf Ihnen homogen zu sein und hätte sie Ihnen das Innerste des Lebens
dargebracht  Sie lassen sie in die Moldau stürzen«
    Bitterer Schmerz durchbebte Faustine sie gedachte Andlaus und rief
    »Das ist wirklich nicht ganz unwahr«
    »Aber ich lasse mich weder in die Moldau noch nach Oberwalldorf schleudern«
fuhr Klemens aufgeregt fort
    »O Sie« sagte Faustine und sah ihn verwundert an »für Sie bin ich nicht
die Königin Libussa gewesen Ihnen hab ich keine Liebesverheissung gegeben «
    »Vielleicht auch Andern« unterbrach Klemens sie gereizt »aber mir gewiss
Sie haben mich in Ihr Leben aufgenommen wenn eine Frau wie Sie das tut so ist
es eine Liebesverheissung denn Sie müssen fühlen dass dem der in Ihrer Nähe
lebt Ihre Liebe eine Bedingung der Existenz wird oder haben Sie das etwa nicht
gewusst bei mir«
    »Ich habe Sie um mich geduldet weil ich keinen andern Weg offen sah um Sie
zur Erkenntnis über mich zu bringen Ich hatte Wohlwollen für Sie ich habe
Mitleid mit Ihnen «
    »Ah Du hast Mitleid mit mir« rief Klemens warf sich vor ihr nieder und
umschlang stürmisch ihre Knie
    »Ich hatte Mitleid mit Ihnen muss ich sagen« rief Faustine ungeduldig und
stand lebhaft auf »allmälig geht es über in Widerwillen und nicht durch meine
Schuld Ich begreife Sie nicht Klemens wenn mir ein einziges Mal gesagt oder
gezeigt würde dass man mich nicht liebt so würde ich eher sterben als mich
einer zweiten Abweisung aussetzen«
    »Es ist hart zu sterben wenn man liebt« sagte er finster
    »Aber wer spricht denn vom Sterben Sie sollen ja leben froher glücklicher
als bisher Nur ein klein wenig Vernunft guter Klemens «
    »Bravissimo Gräfin Faustine wenn Sie die Vernunft predigen so mag ich es
wohl noch zu einer recht freudenreichen Existenz bringen« rief Klemens und
lachte grimmig »Doch einstweilen bis es so weit kommt schwimme ich auf dem
Meere des Lebens an das dünne Brettchen der einzigen Hoffnung geklammert Du
werdest mir wie Leukotea dem Geliebten dem gefährlich Schiffenden die
rettende Binde zuwerfen  dereinst Faustine nicht wahr dereinst ich will
warten warten  o bis in die Ewigkeit hinein aber ich will und muss darauf
hoffen dürfen  sonst  lasse ich mich sterben«
    »Tun Sie was Sie wollen  nur hoffen Sie nichts von mir Klemens«  sprach
sie sehr bestimmt
    »Weder für Gegenwart noch Zukunft«
    »Weder für Gegenwart noch Zukunft  so wahr ich Faustine bin«
    »Gut gut« sagte Klemens eine fürchterliche Zerstörung glitt über sein
Gesicht Sie sah es nicht denn sie hatte sich wieder an die Staffelei gesetzt
»Eine Gnade« fuhr er fort »sagen Sie mir wem gehört Ihre Zukunft«
    »Mir  und Gott« antwortete sie fest
    »Sie zwingen mich die Frage anders zu stellen« sagte er gelassen »wem
gehören Sie in Zukunft«
    »Sie nehmen sich das dreiste Recht einer Frage die ich nicht Lust habe zu
beantworten« entgegnete sie kalt
    »Mein Gott einem Freunde der für immer scheidet kann man doch wohl diesen
Beweis von Zutrauen geben« sprach er sanft
    »Ah Sie gehen« rief Faustine freudig
    »Ja ich gehe Faustine«
    »Und wann und wohin«
    »Wohin das weiß ich nicht aber wann morgen  gewiss morgen«
    Faustine atmete erleichtert auf morgen sollte Mario kommen also traf
Klemens nicht mehr mit ihm zusammen
    »Sind Sie mit mir zufrieden« fragte er
    Sie gab ihm schweigend die Hand Zwischen Vorwurf und Trauer sprach er
    »Sie geben mir die Hand zum ersten Mal seit wir uns kennen«
    »Es soll nicht zum letzten Mal sein«  erwiderte sie freundlich
    »Wer weiß Gräfin es kommt immer anders als man meint darum sein Sie
gnädig und beantworten Sie mir die Frage die ich vorhin wagte  wenn sie auch
allzudreist ist Bedenken Sie  es ist die letzte  ich gehe ja morgen und
ists für Andre ein Geheimnis so verlassen Sie sich auf mein ewiges Schweigen«
    Sein feierlicher Ernst in Blick und Ton stimmte auch Faustine ernst Sie
sagte nichts aber sie legte den Finger auf Marios Portrait im Gemälde Klemens
verstand sie Er stützte sich auf ihren Stuhl und die Lehne blieb in seiner
Hand Entsetzt blickte sie ihn an und rief angstvoll
    »Gehen Sie Klemens um Gottes Barmherzigkeit willen verlassen Sie mich 
ich fürchte mich vor Ihnen Sie sehen aus als bebrüteten Sie eine Untat«
    Er fuhr mit der Hand übers Gesicht »Eine Untat o nein Gräfin nur eine
Tat«  Dann nahm er den Hut und sagte »Ich werde noch Abschied von Ihnen
nehmen« Damit ging er
    In Faustine hatte sich die Angst festgesetzt Klemens könne Marios Leben
wollen das ihre oder sein eigenes  daran dachte sie nicht nur an Mario In
namenloser Unruhe ging sie in den Zimmern umher denn sie konnte nicht mehr den
Pinsel halten alle Nerven zitterten Bald griff sie im Vorüberstreifen ein paar
Akkorde auf dem Flügel bald trat sie an den Bücherschrank um Lektüre zu
suchen die sie nicht fand bald setzte sie sich erschöpft nieder und summte
halblaut eine Melodie ohne Worte bald legte sie sich ins Fenster und blickte
rechts und links mit jener seltsamen Stupidität die den ersten besten
Gegenstand ergreift um von quälenden Gedanken und Vorstellungen loszukommen so
dass man sich zB auf der heimlichen Frage ertappt »Wird jenes Vögelchen sich
auf einen Ast oder auf ein Dach setzen« und man sieht dem Vogel nach so lange
man ihn gewahr werden kann Während der Zeit hat das Herz gleichsam still
gestanden und nach Luft geschnappt nun gehts wieder weiter in atemlosem Lauf
    Endlich ging sie zu Frau von Eilau fand aber dort so viel Menschen dass ihr
nicht die gehoffte Zerstreuung ward Nur in der Konversation mit zwei oder drei
Personen amüsirte sie sich weil sie Aufforderung zur Mitteilung fand In
größeren Kreisen wo man Lärm machen muss mit seinen Worten um gehört zu werden
 nur gehört nicht verstanden da verstummte sie und war fast immer zerstreut
Heute mehr denn je Aber man kannte das es fiel nicht auf Graf Kirchberg
setzte sich zu ihr und versuchte Töne anzuschlagen die in ihr den Wiederhall
weckten Es gelang nicht
    »Ich habe nicht verstanden« erwiderte sie auf eine seiner Bemerkungen
    »Dann muss ich mich sehr konfus ausgedrückt haben« sagte er lächelnd »denn
Sie pflegen Salomos Ring bei sich zu tragen vermittelst dessen man die Sprache
auch der unvernünftigen Kreatur versteht«
    »O« rief sie ohne den Scherz zu beachten »wenn man sich unbehaglich
fühlt wie konfus und windschief erscheinen alle Worte Zustände Menschen man
ist nicht im Stande das ABC herzusagen man starrt einen Freund zerstreut wie
einen Fremden an man meint man werde in den nächsten vierundzwanzig Stunden
stecken bleiben wie in einem Sumpf Kennen Sie solche Momente«  Ohne seine
Antwort zu erwarten fuhr sie im veränderten Ton fort »Wo der Pflug über ein
Menschenherz geht ist die Hand Gottes da um Samen für die Ewigkeit
hineinzustreuen das glauben Sie doch auch Graf denn wenn man es nicht glaubt
wie soll man sich trösten den Pflug mit eigener Hand über ein Herz gelenkt zu
haben«
    »Ich würde mich auch nur in dem Fall trösten dass dies Herz  das meine
wäre« entgegnete Kirchberg »Es hieße dem Egoismus zu leichtes Spiel machen
wenn der nichtsachtende Leichtsinn oder die rücksichtlose Leidenschaftlichkeit
sich einbilden dürften der liebe Gott werde die Wunden die sie schlagen mit
Balsam heilen«
    Faustine schauerte zusammen und wurde leichenblass Graf Kirchberg fragte ob
sie krank sei
    »Mir ist bange« sagte sie und verließ die Gesellschaft Bei ihrem Diener
erkundigte sie sich besorgt ob Niemand in ihrer Abwesenheit sie habe besuchen
wollen Er verneinte es Dasselbe tat ihre Kammerjungfer die sie zu Hause
angelangt gleichfalls befragte Dennoch sah sie sich gespannt im Zimmer um
fürchtete sie Klemens  hoffte sie Marios Nähe sie wusste es nicht immer traten
Beide zusammen vor sie hin
    »Jeannette ich freue mich heute recht zu Bett zu gehen« sagte sie zu der
Jungfer
    »Ach« rief die ganz erfreut »das habe ich noch nie von der gnädigen Gräfin
gehört und es gibt doch gewiss nichts Angenehmeres und Bequemeres auf der Welt
als solch weißes frisches stilles Bett Ich würd es noch mal so gern machen
wenn gnädige Gräfin sich immer dazu freuen wollten«
    »Behüte der Himmel Jeannette ich darf nicht immer so träge sein«
    Jeannette sah das durchaus nicht ein und verrichtete schweigend ihren
Dienst Faustine schlief bald und ohne Träume ohne Unruhe wie einem Kinde
ging ihr die Nacht hin Es gibt einzelne glückliche Organisationen die
zugleich stark und biegsam genug sind um dem Körper zu gestatten dass er im
Schlaf sein Recht behaupte und nicht zu leiden habe von den Kämpfen und Mühen
der Seele Wachend ist er ihr getreuer dienstwilliger Sclav schlafend ihr
Herr sie liegt in Fesseln denn er borgt ihr nicht die Organe durch welche sie
ihre Herrschaft betätigen kann Wie im Lete gebadet war Faustine jeden Morgen
es währte immer eine Zeit lang bis der grelle Tag mit seinen Beschwerden sich
Platz machte in der dämmernden Kühle womit die Nacht sie umhüllt hatte Morgens
war sie auch am schönsten Das ist nur ausnahmsweise der Fall bei Personen die
über 16 Jahr alt sind Je älter man wird um desto mehr bedarf man der
Excitation der Bewegung des Putzes der Lichter um schön zu sein es wird
eine factice Schönheit Die meisten Menschen stehen fatiguirt auf der Traum hat
sie mehr geplagt als der Schlaf erquickt
    Faustine stand heiter auf denn »heute kommt Mario« dachte sie Sie ging
auf den Balkon die grünenden Bäume der wolkenlose Himmel die zwitschernden
Vögel kamen ihr vor wie freundliche Verheißungen »Mario« sagte sie halblaut
mit stillem Jubel Da wie ein Schiffer der am Horizont das kleine Wölkchen
den unfehlbaren Boten des Ungewitters entdeckt  da sagte sie dumpf »Wo ist
jetzt wohl Anastas was wird aus Klemens  mein Gott« Der Tag kam über sie
Indem meldete Ernst den Herrn von Walldorf der so früh sich empfehlen wolle
Sie ließ ihn eintreten Klemens sah verwildert aus ihr fiel ein ob er nicht
berauscht sein könne und die Angst welche sie schon mehrmals in seiner Nähe
empfunden befiel sie von Neuem Aber er sagte ruhig
    »Im nächsten Monat wird es ein Jahr dass Sie nach Oberwalldorf kamen Wissen
Sie wohl noch was Sie mir dort Alles bei unsern Spaziergängen erzählt haben«
    »Nicht eine Sylbe bester Klemens«
    »Das vermutete ich schon ich will Sie auch nur an ein einziges Wort
erinnern Sie sagten von Georg von Frundsberg und von mehren Anderen Er sah
ein dass seine Zeit aus war darum starb er«
    »Ja das hab ich gesagt«
    »Und Sie freuten sich darüber«
    »Ich fand es natürlich für jene energischen Menschen«
    »Meine Zeit ist auch aus Faustine« sagte er fest
    »Sie haben noch keine Zeit gehabt« entgegnete sie ebenso fest
    »Doch doch die der Hoffnung«
    »Die Hoffnung von der Sie sprechen war ein Irrtum kein tüchtiger Mensch
lebt für einen solchen«
    »Ferner sagten Sie damals Faustine Auf der Grenze zwischen dem Bewusstsein
der neuen Erkenntnis und der Verzweiflung über den Irrtum  stirbt man Ich
stehe auf jener Grenze und ich sterbe«
    »Warum foltern Sie mich Klemens« sagte sie traurig
    »Das ist nicht mehr als billig schöne Königin Libussa für die Martern die
Du seit einem Jahr über mich verhängt hast sollst Du wenigstens einen Moment
mit mir und durch mich leiden« Klemens murmelte dies zwischen den Zähnen und
hatte Faustinens Hände über dem Gelenk in seiner Linken zusammengefasst Sie
konnte nicht von der Stelle und versuchte es auch nicht denn sie sah er hatte
einen Entschluss gefasst dem sie mit ihrer geringen Kraft nicht würde wehren
können
    »Nun wie wollen Sie mich foltern« fragte sie mutig »Sie sehen ich warte
darauf«
    »Du bist recht tapfer wie sich das schickt für eine Königin  Und Du
fürchtest Dich wirklich gar nicht vor mir«
    »Ich fürchte nur den Mann den ich achte und liebe« sprach sie kalt
    Da zog Klemens ein Pistol aus der Brusttasche setzte es in den Mund und
drückte ab Seine Hand packte im Todeskrampf noch fester die ihren sie fiel
neben seiner Leiche ohnmächtig hin Die entsetzten Dienstboten und die übrigen
Hausbewohner eilten herbei mit Geschrei und Gejammer Durch all den Tumult
machte ein Mann sich stürmisch Platz drang ins Zimmer das blutrot im
Morgenlicht glänzte sah neben einer entstellten Gestalt die leichenähnliche
Faustine und rief
    »O warum ließ ich sie hier zurück«  Mario trug Faustine zum Wagen der
noch vor der Tür hielt ließ umkehren und reiste sogleich mit ihr zu seinen
Eltern
»Auch der Genius hat seine Bürden« sagte ich am Grabe von Leopold Robert in
Venedig Bei diesen Worten hob ein Mann das Haupt und sah mich an so scharf so
forschend und zugleich so überzeugt dass sein Blick mich frappirte denn in der
halb neugierigen halb gleichgültigen Welt tragen die meisten Blicke ihr
nüchternes Gepräge und die Neptune der Fontänen schauen nicht viel bedeutender
drein als das Menschenauge Dieser Mann hatte schon am Grabe gestanden als wir
herzukamen Unbeweglich die Arme untergeschlagen den Kopf gesenkt so tief
gesenkt dass der auf die Stirn gedrückte Hut das Gesicht verbarg dunkel
gekleidet glich er einer Statue von Basalt Ohne Rücksicht auf ihn hatten wir
geplaudert Reisen sind nicht die Schule wo man das Rücksichtnehmen lernt
Gleichgültig wie an einer Mauer streift man an all den Unbekannten hin Um so
mehr überraschte mich dieser Blick Der Mann musste uns verstanden unserm
Gespräch zugehört haben war vielleicht Bruder Verwandter Freund Roberts
vielleicht auf irgend eine Weise in dessen Schicksal verflochten Sei es Furcht
ihn verletzt zu haben oder Interesse für den Toten ich fragte
    »Sie kannten wohl Leopold Robert mein Herr«
    »Nur aus seinen Bildern« entgegnete er
    Gegen meine Gewohnheit beharrte ich wie ein Inquisitor bei dem fragenden
Styl »Sind sie selbst Künstler«
    »O nein die Bürde des Genius wurde mir nicht auferlegt« sagte er und
lächelte traurig
    Ich errötete vor Ärger ich kanns nicht leiden wenn man mir meine Worte
nachspricht Er fuhr lebhaft fort
    »Darum ist es eine schwere Bürde weil die Welt sie nicht anerkennen will
Der Begabte soll ein Vollkommner sein Weil er Mensch bleibt wird er gelästert
Man denke nur an Byron und tutti quanti«
    Mein Begleiter sagte »Extravaganzen sind indessen nicht als die Glorie 
sondern nur als die Ausgeburt des Genies zu betrachten«
    »Es ist nur übel« rief ich »dass viele Leute die natürlichen Allüren des
Genies extravagant nennen Kolumbus wurde wie ein Narr behandelt Galilei wie
ein Verbrecher freilich  nicht alle Genies haben sich so glorreich
gerechtfertigt und Leopold Roberts Manen müssen sich vielleicht untertänigst
bedanken wenn man achselzuckend spricht Er war Hypochonder der Arme«
    »Ja ja« sagte der Fremde »denn Wahnsinn und Sünde klingen härter«
    Er hatte während des Sprechens die Haltung wenig verändert nur den Kopf
gehoben aus dem dunkle Augen ungewöhnlich ernst und strahlend hervorblickten
Sie warfen einen wundervollen ich möchte sagen versöhnenden Glanz über seine
scharf ausgeprägten Züge und als er nach jenen Worten das Haupt wieder senkte
so dass die Augen verdeckt wurden  da trat mit ihnen das ganze Gesicht in
Schatten zurück
    Wir gingen fort Nachmittags begegneten wir ihm in der Markuskirche er
grüßte und es entspann sich eine Unterhaltung die mir gefiel denn er war ein
sehr angenehmer Mann von lebhaftem Verstande und von ruhigen Manieren
weltvertraut und weltverachtend aber nicht blasirt nicht abgestumpft sondern
nur durch das Beste gleichgültig gegen das Geringe Wir waren acht Tage zusammen
in Venedig Er hatte ein Kind bei sich einen prächtigen sechsjährigen Knaben
mit funkelnden Augen voll Lust und Mutwillen unbändig wild verwegen  ganz
wie ich Knaben liebe Sie werden früh genug zahm werden Daraus dass Beide in
Trauer waren und an der inbrünstigen Zärtlichkeit die Beide für einander
hatten erkannte man Vater und Sohn Keine Spur von Ähnlichkeit war zwischen
ihnen Sonst wenn auch die Züge sich nicht gleichen sind es Mienen Ausdruck
Bewegungen hier  nichts Ich fragte auch ganz überrascht als ich den Kleinen
zuerst sah
    »Ist es Ihr Sohn«
    »Sie wundern sich dass ich ein so schönes Kind habe nicht wahr« sagte er
und sein Blick wickelte den Knaben gleichsam in Liebe ein »Ja es ist mein
Sohn nur sieht er aus wie seine Mutter durch und durch wie sie  und so ist
er auch«
    Er schwieg plötzlich Wir frühstückten im Café Florian und der Knabe sprang
auf dem Markusplatz umher streute den Tauben die sich dort in Schaaren
aufhalten Brotkrumen hin unterhielt sich mit den Gondolieren italienisch mit
den Wasserträgerinnen deutsch und amüsirte sich über alle Massen so dass man
förmlich neidisch werden konnte Zuweilen trat der Vater wenn er lange nicht
seiner ansichtig geworden war vor die Arkaden und rief mit seiner tönenden
Stimme
    »Bonaventura«  dann kam der Kleine gelaufen atemlos glühend warf sich
in die Arme des Vaters und sah ihm in die Augen auf eine unbeschreiblich
graziöse Weise neckend und lieblich wie ein Amor  oder wie eine Frau
    Mein Aufenthalt in Venedig ging zu Ende Am Vorabend der Abreise bat ich den
Fremden um seinen Namen
    »Graf Mengen« sagte er
    »Mario Mengen« rief ich erfreut
    »Mario Mengen«
    »Glücklicher« rief ich dann fiel mir ein wie unpassend dieser Ausruf sei
aber ich konnte doch nichts Anderes sagen als »Armer Glücklicher«
    »Sie kannten also Faustine« fragte er
    »So wie Sie Leopold Robert« antwortete ich
    Ich war nach Dresden gekommen damals vor Jahren gleich nach jener
tragischen Katastrophe mit Klemens hatte viel darüber gehört und bald darauf
auch von ihrer Heirat mit Mengen Hernach ward sie in der Kunstwelt so
gefeiert dass wohl Niemand ist der nicht von ihr gehört hätte Dies sagte ich
ihm Er fragte ob ich mich genug für sie interessire um ihrem Leben folgen zu
mögen ohne Ungeduld und ohne vorschnellen Unwillen  dann wolle er von ihr
erzählen Mein Herz schlug vor Freude denn ich liebte sie graziös und genial
wie sie war Solche Personen werden so viel getadelt und  ich wills nicht
streiten  verdienen auch so viel Tadel dass der Gedanke ich würde liebend und
bewundernd von ihr reden hören mich erquickte Wir gingen die Riva der
Slavonier entlang nach dem öffentlichen Garten Da ists am einsamsten in ganz
Venedig denn die Italiener gehen lieber in den Straßen spazieren als unter
grünen Bäumen Der Garten ist auf einer Landspitze angelegt große Rasenplätze
und breite Alleen von weißen Akazien die eben in voller Blüte mit ihrem
feinen Arom die Abendluft durchströmten Wir setzten uns so dass wir vor uns in
die Lagunen hinaus sahen rechts auf die Stadt die zauberhaft zwischen Himmel
und Wasser im Golde der sinkenden Sonne schwebte und links in weiter Ferne
auf die schneeweiße Alpenkette O Venedig ist gar so schön  
    Ich hatte in der Hand einen Strauss von dunkelroten Nelken  meine
Lieblingsblume Mario sah sie unverwandt an endlich sagte er
    »Ich werde zwar nicht ohnmächtig wie die Prinzessin Lamballe wenn sie
Veilchen sah und nicht tiefsinnig wie Ritter Parcival als er drei
Blutstropfen im Schnee sah  doch erinnert mich die dunkelrote Nelke jedesmal
an Faustine Diese Blume kommt selten zur Vollendung entzückt uns selten in
ihrer reinen Form als glühende Liebesfackel oder als Köcher voll
zartgefiederter Liebespfeile Ist der Kelch sehr gefüllt so platzt er die
Blätter fallen traurig heraus zerflattern verwelken ist er dürftig gefüllt
so platzt er zwar nicht aber die Blume bleibt auch dürftig Fast eben so selten
wie eine Nelke bringt der Mensch sich zur Herrlichkeit er verwildert oder
ermattet An Faustine war das Wunder geschehen sie hatte die Glut die Fülle
die Pracht ihres Wesens unzersplittert beisammen Sie wollte nicht immer Eins
und dasselbe  wenigstens wollte sie es nicht in unveränderter Gestalt  aber
was sie jedesmal wollte das wollte sie ganz Sie war ein leidenschaftlicher
Charakter und daher nur schwankend ehe ein energischer Entschluss in ihr Wurzel
gefasst Um ein großartiger Charakter zu sein fehlte ihr nichts  als Strenge
gegen sich selbst
    »Nach dem Tode des unglückseligen Klemens bracht ich sie sogleich zu meinen
Eltern und nach drei Wochen als sie meine Frau ward war sie auch schon deren
geliebtestes Kind denn diese pompöse Frau die sich nur zu zeigen brauchte um
für ihre Erscheinung allein jeder Huldigung gewiss zu sein  diese Sibylle mit
dem Seherblick und den Prophetenlippen heimisch in der Kunst vertraut mit der
Wissenschaft  war heiter wie ein harmloses Kind und anspruchlos wie ein junges
Mädchen das die eigne Anmut nicht ahnt Auf der einen Seite hätte eine Matrone
nicht mehr imponirt und dem verwegensten Mann nicht strenger ein leichtes Wort
auf den Lippen getötet durch ihren unbefangenen Ernst auf der andern Seite
lagen die Jugend die Neuheit die Unkenntnis und die Verheißungen die so
reizend um Neulinge in der Welt schweben Das war sie Bis dahin hatte sie
außerhalb der Welt gelebt und sich ihr nicht wie ein Feind  dazu war sie ihr
zu gleichgültig  aber wie ein Fremdling gegenüber gestellt Bis dahin mochte sie
nicht in die hergebrachten Verhältnisse eingehen sie verstand nicht das
Familienglück denn sie war ein verwaistes Kind  nicht die Ehe denn sie war
ein gequältes Weib gewesen  vielleicht nicht einmal die Liebe obgleich sie
Andlau mächtig geliebt hatte denn sie wollte sich durch die Liebe außerhalb
aller Schranken frei fühlen und nur innerhalb Schranken kann Freiheit bestehen
außerhalb liegen Willkür und Auflösung Das erkannte sie jede Erkenntnis war
ihr eine Wonne sie liebte mich glühend weil sie mir sie verdankte
    »Ein Jahr früher hatte ich zu meinem Freund Feldern gesagt »ich begehrte
kein andres Glück als ein foudroyantes das mich gerade im Mittelpunkt meines
Wesens träfe Es war mir geworden Faustine strahlte in meine Seele hinein wie
ein tausendfarbiger Diamant wie ein indisches Gedicht Stern und Rose Glanz
und Duft Das unbedeutendste Weib der stupideste Mann werden belebt und
verschönt durch die Liebe so dass sie uns erfreuen und interessieren können Und
nun Faustine bald entzückte sie mich bald machte sie mich zittern bald
bewunderte ich sie Herz Sinne Geist  Alles fand bei ihr Nahrung
Befriedigung Anregung Ich wurde nie müde sie zu betrachten wie in Rafaels
Arabesken Genien aus Blumen keimen so schwebte ihre Seele in und über ihrer
holdseligen Gestalt die zart und durchsichtig genug war um jeder Regung leicht
zu folgen Ihre Augen waren von jener unbestimmten grauen Farbe die man bei
Augen blau zu nennen pflegt und die darum so schön ist weil sie alle
Schattirungen annimmt  vom lichtesten Azur in der Freude vom tiefsten Schwarz
in der Leidenschaft Ebenso wechselnd war auch ihr Teint transparent kräftig
an ihrem Kolorit erriet ich ihre Stimmung Mit dieser Frische kontrastirte
seltsam dunkles Geäder ums Auge das wenn es nicht von Krankheit herrührt
einem blühenden Kopf wundervollen Reiz von Melancholie und Leidenschaft gibt
wie zB bei der sogenannten Fornarina in der Tribüne zu Florenz Ich wurde auch
nie müde sie zu beobachten Es war etwas Unergründliches Geheimnissreiches
Einfaches in ihr etwas von der primitiven Frische des Naturlebens durch
welches alle Elemente spielen und blitzen in ihr stand das Gewitter neben der
Sonne und das Mondlicht neben der Aurora Sie war von einer
Leidenschaftlichkeit die man hätte fiebernd nennen dürfen wenn Körper und
Seele ihrer nicht gewachsen gewesen wäre O wie sie mir entgegenflog wenn ich
nach kurzer Abwesenheit wiederkehrte sie erkannte meinen Schritt im Vorzimmer
fast ohne ihn zu hören sie lief mir entgegen sie hing sich um meinen Hals  so
trug ich sie fort Goldfunken lagen auf ihrem Haar unter dem Samt ihrer Wange
rieselte das Blut silberne Streifen schlangen sich durch das schwarzblaue Auge
Und ihre Stimme o der goldne Klang der Lerchenjubel wenn sie dann sagte
»Mario«  In den Modulationen dieser Stimme lagen wieder Analogien mit
Naturzuständen erzählte sie von ihrer gleichgültigen halbvergessenen Kindheit
so war es als fliesse ein schmaler seichter Bach durch eine grüne Ebene ihr
Ton war gleichmäßig sanft vibrirte nicht weil damals das Herz nicht vibrirt
hatte Aber er zitterte traurig wie das Rauschen fallender Blätter sobald sie
mit dumpfem Trübsinn von ihrer Ehe sprach Bemerkten Sie je am hohen Mittag im
heißen Sommer das leise schwere atemlose Flüstern das durch die Natur weht
zittern die Blätter oder die Flügel der Insekten oder die Wellen im See oder
Schilf Gras und Blume in der brennenden Berührung des magnetischen
Sonnenstrahles Nun so war es wenn Faustine in meinem Arm ruhte mit ihren
weißen Zähnen oder brennenden Lippen meine Wange berührte ohne sie zu küssen
und Worte flüsterte die nur die Liebe hören darf weil die Liebe nur sie
erfindet Beachteten Sie je den wilden jauchzenden Schrei der Schwalbe wenn
sie Abends durch das Wollustbad der Luft gleich einem dunkeln Blitz schießt
Dieser Ton des höchsten Jubels rang sich bisweilen in einem abgebrochnen Laut
aus ihrem Busen und dann girrte sie wie eine verblutende Taube wenn die
Melancholie schwerer Erinnerungen über sie kam Alle Temperamente waren in ihr
vereint zur Quintessenz Heftig eifersüchtig würde sie wie eine ächte
Andalusierin den kleinen Dolch im Strumpfband getragen haben um den Geliebten
zu verteidigen oder  zu strafen Aber bei allen Angelegenheiten des Lebens
hatte sie eine Fügsamkeit in den fremden Willen die sich nie verleugnete und
die ich tausendmal auf harte Probe stellte denn ich wollte dass sie sich fügen
lernen sollte  nicht mir ach dass sie mich liebte war mein Triumph nicht
dass ich sie dominirte  aber dem anerkannten festen Gesetz Ich glaubte die
allmälige Gewöhnung würde auch ihre innerste Wesenheit nach und nach zügeln
können Zeitenlang war sie weichlich üppig wie eine Orientalin lag halbe Tage
auf dem Divan mit halbgeschlossenen Augen träumend denkend dichtend und
langweilte sich nicht  während sie dann plötzlich von vernichtender Langweil
sprach wenn ich am wenigsten es vermutete und sich um ihr zu entgehen
lernend oder schaffend in die Region des Gedankens oder der Begeisterung warf
Hatte sie sich dann in irgend einem Werk als den Genius gezeigt den die Welt
anerkannt hat so trieb sie kleine unbedeutende Kunstfertigkeiten um ihre
Geschicklichkeit auch in diesem Fach zu prüfen doch sie amüsirte sich nur so
lange damit bis sie es zur Fertigkeit gebracht dann sah sie sich nach etwas
Neuem um Jede vollendete Arbeit war ihr gleichgültig  gleichgültig haben
besitzen genießen Streben war ihr alleinziges Glück und der Moment wo sie
das Erstrebte mit der Fingerspitze berührte  ihre Seligkeit Sollte sie aber
festhalten so ermattete ihre Hand
    Gleich nach unsrer Verheiratung gingen wir nach Florenz wohin ich als
Geschäftsträger gesendet ward Faustine verließ gern Deutschland Völlig
veränderte Umgebungen schickten sich für ihre veränderten Verhältnisse Anfangs
fürchtete sie irgendwo in Italien Andlau zu begegnen denn sie war gewiss dass
er dorthin gegangen und sie meinte er könne nichts tun um sie zu vermeiden
da er ja gar nicht wisse wie sie heiße noch lebe Diese Unkenntnis quälte sie
    »Es würde ihm ein Trost sein mich glücklich zu wissen« rief sie »und die
Furcht dass ich mich selbst so elend gemacht haben könnte als ihn ist gewiss ein
Gift in seiner Wunde«
    Sie trauerte um ihn zuweilen bis zum tiefsten Gram aber sie wünschte nie
anders gehandelt zu haben darum suchte ich nicht ihr die Trauer zu nehmen Wenn
sie bereut hätte würd ich trostlos gewesen sein Die Erinnerung an Klemens
trat zuweilen wie ein Gespenst oder ein Fiebertraum vor sie hin Sie rang die
Hände und Todtenfarbe überzog ihr Antlitz sie marterte sich ab mit
Kombinationen wie sie dieser Katastrophe hätte vorbeugen können
    »O Gott« sagte sie oft »ich hätte ja aber eine ganz andre Faustine sein
müssen wenn ich Alles ganz anders hätte machen sollen die furchtbarsten
Erschütterungen die gewaltsamsten Zustände hab ich überdauert ich liebe und
hoffe so wie einst keine Gabe keine Fähigkeit ist in mir untergegangen nichts
Heiliges ist mir zum Märchen worden ich glaube an die unberechenbare
Gotteskraft im Menschen die ihn auf immer neue unvorhergesehene Bahnen aber
nie zum Untergang führt  erfülle ich nicht auf diese Weise meine Bestimmung«
    So sprach sie sich ruhig und immer seltener kamen die Beängstigungen Ihr
Malertalent entfaltete sich wunderbar der Glanz der italienischen Färbungen
schwebte um ihren Pinsel der mit Allen in Glut und Kräftigkeit rivalisiren
durfte und von Keinem an Phantasie übertroffen ward
    Bonaventura ward im ersten Jahr geboren Mario ist der Name den der
Erstgeborne in meiner Familie seit langen Zeiten zu führen pflegt aber Faustine
bat und flehte
    »Es gibt nur einen Mario für mich ich kann Niemand außer Dir so nennen
von keinem zweiten Mario Glück erwarten gib ihm einen andern Namen«
    Sie sprach diese Laune so zärtlich für mich aus dass ich sie hingehen ließ
und warnte ich sie halb im Ernst halb im Scherz vor ihrem unlöschbaren Durst
nach »etwas Anderem«  wie sie selbst es nannte dann rief sie
    »O fürchte Dich nicht ich liebe Dich Mario«
    Sie liebte auch Bonaventura aber meinetwegen für ihn sollt ich arbeiten
und sorgen mit seiner Erziehung mich angenehm beschäftigen in ihm ihre Seele
ihr Wesen wiederfinden  »wenn ich einst tot sein werde« sagte sie Sie
knüpfte nicht ihre Zukunft an das Kind Wenn sie meine leidenschaftliche
Zärtlichkeit für den Knaben bemerkte war es ihr stets wie ein Trost für mich
Sonst dachte sie nicht häufiger an den Tod als ich oder jeder Andere es tun
würde der den ernsten Gedanken vertragen kann und den Tod weder wünscht noch
scheut
    Vier goldne Jahre verlebten wir in Florenz O sie war glücklich die selige
Überzeugung hab ich strahlend glücklich  zuweilen in Momenten der Liebe
der Begeisterung wenn ein neues Bild vor ihr auftauchte ein neuer Gedanke in
ihr erwachte wenn sie die Lava ihres Herzens vor mir ausströmen ließ des
innigsten Verständnisses gewiss dann rief sie
    »O wäre doch das Leben eine ununterbrochene Kette solcher Momente Träte
doch nie eine Abspannung Nüchternheit Öde an die Stelle des Enthusiasmus der
Tatkraft der Fülle Folgte doch nur nicht auf den höchsten Schwung die tiefste
Ermattung«
    »Wären wir doch Götter und nicht Menschen« entgegnete ich lächelnd
    »Oder gäbe Gott uns etwas so Dauerndes so Wechselloses dass trotz aller
Schwankungen der Sinne und des Geistes zwischen Verlangen und Befriedigung die
Seele in einem permanenten Bewusstsein tiefster unwandelbarster Befriedigung
bliebe«
    »Mir hat Gott dies Wechsellose gegeben Faustine« sagt ich »die Liebe zu
Dir Tausendmal kann ich geirrt  hundertmal gefehlt haben allein die Liebe zu
Dir hat mich nie anders als stark und gut gemacht Dies Bewusstsein ist etwas
Ewiges«
    »O Mario« rief sie und warf sich in meine Arme mit der intensen
Leidenschaft in Blick Stimme und Gebärde die stets mein ganzes Wesen vibriren
machte  »Mario diese Liebe zu mir ist mein Triumph meine Rechtfertigung
meine Glorie aber siehst Du denn nicht ein dass sie heute in den Himmel hebt
und morgen in die Hölle schleudert Mario auf Augenblicke der Extase wo Seel
an Seele ruht wo ich kein Wort brauche um Dir mein Innerstes zu offenbaren wo
wir sind wie das Himmelblau das alle andre Farben in sich auflöst  folgen
andere  da hab ich Dir nichts zu sagen wenigstens nichts was ich nicht
ebenso gut allen Menschen sagen könnte da sind wir in Kleinigkeiten
verschiedener Meinung und eben weil es Kleinigkeiten sind denkt Jeder der
Andere könne wohl nachgeben da hast Du ein dringendes Geschäft wenn ich mit Dir
umherstreifen möchte oder ich sitze tief in Farben vergraben wenn Du kommst mit
mir zu plaudern da ist Dein Blick kälter Dein Gespräch unbelebter Dein Kuss
ruhiger Dein ganzes Wesen gleichgültiger da fühle ich dass Du durchaus das
Nämliche bei mir findest da betrüb ich mich denn unsäglich und weder Dein
glänzendes Lächeln noch Deine sonore Stimme bei denen mir doch sonst zu Mut
wird als bräche der Tag an haben genug Gewalt über mich um
Niedergeschlagenheit und Trübsinn zu verjagen die mich erschlaffend anwehen
wie der Scirocco Dann denk ich wäre die Liebe rechter Art so könnte nie ein
solcher Moment eintreten Die Seligen sind gewiss niemals niedergeschlagen  die
Seligen jenseit des Grabes O wie gut verstehe ich den alten Montaigne der da
sagt Il ny a de satisfaction çàbas que pour les ames ou brutales ou divines
Geschöpfe vom Mittelschlag wie ich haben es auch nur mittelmäßig«
    »Nun Faustine« entgegnete ich »auch ich kann mit fremden Worten reden
Novalis sagt Und da kein Sterblicher den Schleier der Isis heben kann so
wollen wir suchen Unsterbliche zu werden«
    »Ja das wollen wir und Du bist ein Engel« rief sie
    Dies Gespräch fand statt als wir einst bei Sonnenuntergang nach San Miniato
heraufstiegen und unter den Cypressen bei dem Kloster von San Francesco
rasteten Ich lehnte an einer Cypresse und blickte auf sie herab sie saß auf
einer Stufe der Treppe und hatte ihre Hände gefaltet um ihre Knie gelegt ihr
Hut war zurückgefallen der Abendwind wehte ihre Locken hin und her ihr Gesicht
war von innerer Glut ihr blassrotes Kleid von der sinkenden Sonne in Feuer
getaucht Plötzlich hob sie die Hände zu mir empor und rief
    »Mario ewig anbeten  das würde mich beseligen«
    »Das verdient kein Mensch« sagte ich
    »Nein aber Gott« antwortete sie Sie hatte Recht  immer Recht darum fiel
mir auch damals dies Wort nicht weiter auf um so weniger da sie plötzlich zu
künstlerischen Betrachtungen übersprang und behauptete in meiner gegenwärtigen
Stellung hätte ich große Ähnlichkeit mit dem Antinous des Palastes Braschi in
Rom Ich lachte über dies allzu schmeichelhafte Kompliment doch sie sagte
ernstaft
    »Sträube Dich und lache immerhin die Ähnlichkeit bleibt Antinous denkt
nach über seinen Kaiser Hadrian für den er sich freiwillig den Tod im Nil
gegeben damit die Priester in seinen Eingeweiden das künftige Schicksal des
Kaisers lesen möchten  denn so hatte das Orakel geboten darauf ließ der Kaiser
ihm göttliche Ehren erweisen und ihn als ägyptische Gottheit mit der
Lotosblume über dem Haupt darstellen Was half das dem Antinous er hat doch
vor der Zeit sterben müssen Mario Mario wirst Du auch sterben müssen
Meinetwegen sterben ich bringe auch den Untergang denen die mich lieben«
    »Aber nicht denen die Du liebst Faustine« sagte ich und nahm ihre Hand
    »O doch doch« antwortete sie mit jener himmlischen Melancholie die ihren
Blick sonst so rein klar und schwer wie Gold in ein dunkles nächtliches Meer
verwandelte das unter dem Mondstrahl zittert Sie stand auf und wir gingen
schweigend nach S Miniato denn ich störte sie nicht in solchen Momenten der
Erinnerung Zerstreuung wäre ungeschickt gewesen und Aufforderung sich
mitzuteilen würde sie noch mehr in den Gegenstand versenkt haben Zuweilen
wandelte es mich an wie Eifersucht dass Schatten Macht über sie haben konnten 
Schatten nenne ich was für sie tot und unfähig war ihr neuen Schwung zu geben
Sie brauchte ihre und die fremde Wesenheit immer ganz voll ganz beisammen
darum war die Gegenwart ihre Tyrannin und darum auch meine Eifersucht nie von
Dauer
    Sie war seltsam anders als ihr Geschlecht Wir sprachen einmal über die
Korinna worin uns alles Andere besser gefiel als die eigentliche
Liebesgeschichte und ich sprach meine Verwunderung aus wie ein so glanzvolles
Geschöpf diesen trübseligen Oswald lieben könne
    »Mitleid Mitleid liebes Herz« rief sie »aber davon habt ihr Männer gar
keinen Begriff und ich auch nur einen halben denn ich bringe es mit dem
Mitleid nicht weiter als mich lieben zu lassen nicht so weit um wieder zu
lieben Der Gegenstand meines Mitleids wird kleiner als ich und ich bedarf
eines größeren der mich ganz umfängt hebt und trägt Aber die meisten Frauen
sind gutmütiger und rührbarer als ich Stirbt doch gar Korinna wegen dieses
trübseligen Oswalds Das ist mir nun vollkommen unbegreiflich Für die Liebe
leben für den Geliebten leben oder sterben wies kommt das ist einerlei 
Aber nur nicht sterben weil ein Mann mich nicht mehr liebt Die Männer müssen
um die Frauen sterben so schickt sichs das habe ich von jeher behauptet«
    »Ja« sagte ich »Du hast darüber wundersam despotische Ansichten«
    »Despotisch möglich doch nicht wundersam Die Liebe ist unser Element
unser Königreich Ihr nehmt nur dann und wann eine Stelle darin ein bringts
auch wohl zu einem Ehrenposten oder dergleichen Wir sind heimisch wo Ihr fremd
 Herrin wo Ihr Einwanderer seid dies Bewusstsein macht despotisch wir wollen
lieben über Alles und lieben nichts als lieben Königin sein von allen Gaben
strahlend im Reich der Liebe Darum Mario begreife ich dass eine Frau sterben
kann wenn sie nicht mehr liebt macht ihr Herz seine Pendelschwingungen nicht
mehr so steht das Uhrwerk ihres Lebens still Lieben ist sich einem Gegenstand
weihen aber muss der Gegenstand durchaus derselbe bleiben sind in uns keine
Fortschritte keine Umwälzungen die einen andern bedingen können wir bei
zwanzig Jahren reif genug sein um unsre Entwickelung bei dreißig und deren
Ansprüche vorherzuwissen und uns gleich von Hause aus dafür einzurichten Ich
meines Teils hatte vor zehn Jahren kaum eine Ahnung von Allem was ich geworden
bin Es mag ein hohes Glück sein beim Eintritt ins Leben der Seele zu begegnen
mit der wir bis zum Austritt aus demselben verbunden bleiben aber es ist ein
seltener Glücksfall dass zwei Menschen durchaus gleichen Schritt halten in ihrer
Entwickelung und dass keiner den andern überflügelt Darum sollte man nicht eine
Ausnahme zur Richtschnur machen wollen nicht sagen nur das Festalten an einem
Gegenstande ist Liebe«
    »Vielleicht hat man zuweilen darin Unrecht Faustine« entgegnete ich »nur
bleibt es gewiss dass häufig in dem Wechseln mehr Selbstliebe als Liebe liegt
Glaubst Du nicht dass ein Mensch in Opfer und Entsagung bis zum Tode ebenso sehr
der Vollendung entgegenreifen könne als indem er Andern das Opfern überlässt
Denk an Vinzenze Sonsky«
    »Ach Vinzenze« rief Faustine »ich beuge mich gern vor ihr denn mehr als
sie kann der Mensch nicht tun Aber das ist ein trauriges Beispiel sie hat
sich geopfert und doch ist Niemand beglückt sie selbst tot ihr Mann einsam
im Alter Ohlen einsam in der Jugend O sage mir dass Du glücklich bist Mario«
    Wenn sie in den Ausdruck der Liebe überging war sie unwiderstehlich darin
war sie ein Genie wie in ihrer Kunst dadurch beherrschte sie mich so maßlos
dass ich oft mit Erstaunen wahrnahm wie sie meine Besonnenheit schwanken machte
meine Besonnenheit die ich mit so eisernem Willen mir angearbeitet hatte Vom
ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an war meine Seele ihr untertan
Faustine veränderte nicht meine Richtung aber indem ich dabei beharrte sah ich
nach ihr wie nach der Bussole hin und in den Aussendingen des Lebens behielt
ich deshalb unumschränkte Gewalt weil sie zu träg und zu gleichgültig gegen
deren Handhabung war Oft in diesen vier Jahren hatte sie mich gebeten eine
Reise in den Orient mit ihr zu machen oder wenigstens nach der Schweiz die sie
noch nicht kannte Meinen Erziehungsprojecten zufolge sollte sie sich aber an
den geregelten einförmigen Gang der Existenz im Verkehr mit Andern wie in der
bürgerlichen Stellung gewöhnen Ich schlug es ihr unerbittlich ab und sagte
ich hätte kein Geld dazu Das glaubte sie leicht und deshalb sagte sie ganz
ruhig
    »Ich werde suchen etwas zu verdienen«
    Sie schickte ein eben vollendetes Gemälde zur Kunstausstellung nach Mailand
wie sie pflegte Nach zwei Monaten händigte sie mir eine Anweisung an meinen
Banquier in Florenz auf 8000 Franken ein Ich fragte ob sie eine plötzliche
Erbschaft gemacht
    »Nein« antwortete sie »ich hatte nach Mailand geschrieben man solle den
Ezzelino verkaufen wenn sich Liebhaber fänden das ist geschehen Können wir
nun in den Orient«
    Ich war ganz verdrießlich das wunderschöne Gemälde ging nach Russland ich
sagte wenn sie mir genau ein ähnliches male dann wollten wir reisen ich wusste
wohl dass sie es nicht tun würde »Dieselbe Gedankenfrucht zweimal reifen lassen
 kann sogar der liebe Gott nicht«  sagte sie Aber sie malte Neues und immer
Schöneres Dazwischen dichtete sie viel meistens Lieder tiefsinnig und
lieblich wie sie selbst war denen nichts zur Vollendung fehlte als dass sie
sich ein wenig Mühe gegeben hätte um sie zu corrigiren Wenn ich sie dazu
ermahnte so entgegnete sie damit wolle sie sich beschäftigen sobald die Zeit
des Produzirens für sie vorüber sei »Vor meinem Tode will ich es tun damit
die Welt wisse was sie eigentlich an mir gehabt hat vorher lohnts der Mühe
nicht die beste Berühmteit hebt nach dem Tode an wer populär war wird selten
unsterblich« sagte sie
    Ich neckte sie bisweilen mit ihrem Ruhmdurst
    »O« rief sie »Bedürfnis des Ruhms ist nur Bewusstsein der Zukunft wer
nicht an seine eigne Zukunft glaubt verdient auch keine Gegenwart und man sagt
mir doch  und ich meine mit Recht  ich sei ein großes Talent Dass meine
Gemälde nur in der Mode und deshalb zukunftlos sein könnten  fällt mir oft
schwer aufs Herz Ich weiß wohl dass ich einen köstlichen Schatz besitze jedoch
ob ich ihn zu Kleinodien oder zu Münzen oder zu was weiß ich verarbeite das
weiß ich nicht wenigstens nicht genau Wir irren uns über den Wert unsrer
Schöpfungen wie Mütter über die Schönheit ihrer Kinder Von seinem Gedicht
»Afrika« erwartete Petrark die Unsterblichkeit und fand sie durch seine
Sonette Es wäre doch traurig wenn ich nur Afrikas hinterliesse«
    Endlich ging ich auf die orientalische Reise ein ich gönnte Faustinen und
mir diesen Genuss Überdies halte ich eine solche Anfrischung der Lebenselemente
nicht bloß dem Künstler notwendig sondern Allen die sich jahrelang nur mit
ihrem Geschäft und Beruf abgegeben haben Man wird allzu einseitig sobald man
sich ihm ausschließlich widmet Die Einseitigkeit hat auch ihr Gutes sie macht
zufrieden sie lehrt das Geringe schätzen sie erhält sogar einen gewissen Grad
von Unschuld indem sie manche Illusionen lässt  aber nicht alle Seelen sind für
diese friedliche Beschränkung geboren Der Eine fliegt lieber der Andre geht
lieber  Jeder nach seiner Eigentümlichkeit Die Schattenseiten seiner Vorzüge
hat jeder Charakter jede Lage aber man bemerkt sie nur bei ausgezeichneten
Charakteren und in ungewöhnlichen Lagen weil bei den alltäglichen Mischungen
kaum der Unterschied zwischen Licht und Schatten wahrgenommen wird Das ist in
der Ordnung man sieht nicht hin wenn Jemand im Gehen stolpert will aber
Jemand fliegen und die Schwingen brechen so sieht es das stumpfeste Auge
    Wir reisten zuerst nach Deutschland um meine Eltern zu besuchen und ihnen
Bonaventura zu präsentiren Meine Schwestern waren jetzt alle drei verheiratet
und mäßig glücklich mit kleinen Sorgen und manchen Freuden Cunigunde war Braut
Nichts glich unsrer Überraschung als sie uns den Verlobten vorstellte einen
benachbarten Landpfarrer von der Sorte die man jetzt die fromme zu nennen
pflegt mit gescheiteltem Haar und niedergeschlagenen Augen aus denen zuweilen
hastige stechende inquisitorische Blicke schossen die unbehaglich mit dem
salbungsvollen Ton kontrastirten und der ganzen Erscheinung etwas Falsches
gaben Faustine wünschte ihm Glück zu der Braut bei Cunigunden erstarb ihr das
Wort auf den Lippen Hernach sagte sie zu mir
    »O Gott welch ein matter trister Gesell gegen den war ja Feldern ein
Heros Und diese klare bestimmte Cunigunde kommt mir ganz verwirrt vor denn
sie spricht von diesem Menschen als sei er wenigstens ein Apostel«
    »Lieber Engel« entgegnete ich »Du kannst Dir gar nicht vorstellen zu
welchen Schritten die Furcht treibt  eine alte Jungfer zu werden die
liebenswürdigsten ausgezeichnetsten Mädchen zu denen Cunigunde gewiss zu zählen
ist  verfallen bei dieser Lebenskrisis fast immer in ein Fieber das ihnen die
Besonnenheit raubt So ists Cunigunden gegangen und da sie diesen Mann
unmöglich lieben kann so hat sie sich für ihn fanatisirt Wahrscheinlich wird
sie später aus Stolz und Beschämung nie eingestehen dass sie nicht vollkommen
glücklich ist aber sie wird es gewiss nicht eine Ehe dauert etwas zu lange für
den Fanatismus«
    »Und Feldern ist doch ein schlichter unverschrobener Mensch« sagte
Faustine niedergeschlagen »trotz seiner Vorliebe für die conventionellen
Formen Sie sind ihm das was ihm die Kleidung ist ein Gesetz das der Anstand
gegeben hat Aber dieser Mann so gezwungen einfach so manierirt schlicht 
kann dessen Seele wahr sein«
    Meine Eltern freuten sich meines Glücks in Weib und Kind Faustine war Aller
Liebling Aller Stolz Die geistige Überlegenheit welche mittelmäßige Frauen
so unerträglich macht dass man sie wie eine lästige Appanage betrachtet etwa
wie einen vornehmen Namen bei großer Armut  schien Faustinen gegeben um zu
beweisen dass die superiorste Frau die liebenswürdigste sei Sie faltete still
ihre Flügel zusammen damit Niemand bemerken dürfe dass er keine habe aber sie
schüttelte sie und flog auf bei der geringsten Anregung und ließ in unsern
Kreis den Glanz der Äther die Blüten ihrer Region hineinspielen
    Dann fuhren wir die Donau hinab nach Konstantinopel Griechenland und
Palästina Erwarten Sie keine Beschreibung der Reise Gräfin gedenke ich jener
Tage so wühlt die Erinnerung wie eine himmlische Harpye in meinem Herzen
Faustine war selig war von einem Reichtum einer Vollendung einer Süßigkeit
wie noch nie Berauscht von den Quellen der Urgeschichte und der Urpoesie die
jenem Boden entquollen sagte sie
    »Ich bin allzu glücklich hier muss ich sterben  wäre der Tod nicht allzu
grausig Ich will leben ohne zu altern schaffen ohne zu ermüden genießen ohne
mich abzustumpfen forschen ohne zu zweifeln ruhen ohne mich zu langweilen
glaubst Du nicht Mario dass dies Alles hier in diesen primitiveren Zuständen
leichter zu erreichen sei als da draußen in der verschrobenen abhetzenden
occidentalischen Zivilisation«
    »Vor allen Dingen glaube ich dass Du Dich binnen Jahresfrist glühend zur
europäischen Zivilisation zurücksehnen würdest gegen die Du freilich oft genug
zu Felde ziehst wenn Du ihr bequem im Schoss sitzest« sprach ich
    »Und Bonaventuras Erziehung ruft uns zurück er ist nun bald vier Jahr alt
da muss er denn in irgend eine gelehrte Schule gesteckt werden und seine schöne
frische jauchzende Kindheit mit Studien von Dingen hinbringen deren eine
Hälfte er nicht braucht und deren andre er vergisst Armer Bonaventura wärst Du
mein Sohn allein so erzög ich Dich hier fern von der demoralisirten
Gesellschaft fern von dem Wust pedantischer Gelehrteit mit der Bibel der
Geschichte der Poesie und der Natur und wärst Du zum Jüngling herangereift so
ließe ich Dich nach Europa in alle Länder zu allen Nationen auf alle
Universitäten ziehen um die Gegenwart durch unmittelbare Anschauung kennen zu
lernen Die MännerErziehung ist heutzutag unausstehlich einseitig die armen
Jünglinge werden mit Studien gepfropft für das ProcrustesBett des
Staatsdienstes gepresst der von Allen dasselbe Maß verlangt das Genie herunter
 den Dummkopf herauf zerrt Lernen müssen sie ob sie das Gelernte verarbeiten
und wissen  darum kümmert man sich nicht Die Meisten verkommen in dem Sumpf
des Lernens ohne sich zur Entwickelung geistiger Selbstständigkeit zu erheben
Bonaventura rief sie und hielt den erstaunten Knaben auf ihrem Schoss fest
wenn Du in zwanzig Jahren eine Brille auf der Nase hast Runzeln auf der Stirn
Falten um Mund und Augenwinkel wenn Du pedantisch bist mein Bonaventura
langweilig unbeholfen dürr an Leib und Seele unerquicklich wie die
personifizirte Vernünftigkeit gehörig eitel auf Deine negative Entwickelung 
so verklage ich den Staat beim lieben Gott weil dessen Geschöpf und mein Sohn
so kläglich misshandelt ward von dem Alles verschlingenden Moloch dem wir unsre
lieben Kinder auf die versengenden Arme legen müssen«
    Ich bin aber der Meinung dass Kinder in dem Lande und in den Verhältnissen
zu erziehen sind für welche die Geburt sie bestimmte Exotische Erziehungen
sind fast immer unverträglich mit der späteren Bestimmung und die Gewöhnungen
der Kindheit so stark dass oft ein trauriger Zwiespalt entsteht wenn man nicht
gesucht hat sie wenigstens approximativ jener anzupassen Auf diese
Einwendung entgegnete Faustine
    »Ich hab auch nur gesagt wenn Bonaventura mein Sohn allein wäre  jetzt
bist Du mein Herr und der seine«
    Der Orient war der Culminationspunkt meines Glücks Nach Florenz
zurückgekehrt nahm Faustinens Wesen eine andre Richtung Ein Hauch von
Melancholie hatte immer um sie geschwebt wie ein leichter Duft um Gebirge
jetzt verdichtete er sich oft zu Wolken die ihre Heiterkeit überschatteten und
ihre Beweglichkeit lähmten Es geschah ohne äußere Veranlassung sie war nicht
kränklich sie hatte keine der Verdrießlichkeiten der winzigen Sorgen welche
reizbaren phantastischen Personen unerträglich sind keinen Unfall  es kam wie
eine Schickung über sie es war da Ist es eine traurige Mitgift des Genies dass
er im Geben ein Crösus und im Genießen ein Übersättigter ist  oder wähnt er
leicht das vorgesteckte Ziel nicht erreicht zu haben und nie erreichen zu
können  oder lässt alles Erreichbare eine Lücke in ihm und alles Sichtbare eine
Öde  oder fühlt er vorahnend seinen Flug erlahmen  oder haben diese
glühenden dürstenden strebenden Kreaturen unaufgelöste Geheimnisse zwischen
sich und dem Schöpfer die sie auf alle Weise zu enträtseln suchen  genug
Faustine war verändert Viele ich weiß es werden sagen das Schicksal hatte
sie verwöhnt sie war übersättigt von Glück sie machte sich Chimären weil die
Wirklichkeit sich für sie erschöpft hatte man muss in sich das Genügen finden
und wer das nicht tut ist ohne innern Gehalt und Alles was die Klugheit der
Welt und die schnöde Mittelmässigkeit zu ihrem eignen Vorteil vorzubringen
wissen Aber Faustine war nicht das Kind das in Tränen ausbricht weil es
nicht den Mond haschen kann und ihr Schicksal ist darum so traurig weil es der
Mittelmässigkeit gleichsam gewonnenes Spiel gibt indem sie Fehler beging die
jener nie einfallen würden Es ist auch traurig lehrreich indem es zeigt wie
der glorioseste Mensch untergeht sobald er sein Ich in der Welt isolirt sei es
auf die feinste die geistigste Weise Aber das wird die Menge schwerlich
bemerken sie versteht nur die Bestrebungen für das Ich insofern sie sich auf
Vermögen Ansehen schöne Kleider und ähnliche Äußerlichkeiten beziehen
    »Jetzt mag ich nicht mehr reisen« sagte Faustine »ich weiß nun dass die
Erde überall dieselbe ist und der Mensch ist es auch Nur die Oberfläche wird
bei jener durch das Klima bei diesem durch das Temperament verändert Das Neue
ist immer etwas Altes und etwas Anderes ist immer dasselbe nur das äußere
Kleid ward gewechselt Das kann uns keine volle Befriedigung geben«
    »Volle Befriedigung ist mir undenkbar für den menschlichen Zustand auf der
Erde« sagte ich »der Moment wo ich inne würde am Ziel alles Strebens zu
sein und keine Arena der Wünsche und Kämpfe mehr fände würde mich trostlos
machen statt mich zu befriedigen Fertig sein und doch nicht vollkommen  ist
wie das Leben in harter Gefangenschaft«
    »Das äußere Leben kann fertig und das innere strebend sein« sagte sie
»zB im Kloster«
    »Oder in jedem andern Verhältnis« setzte ich hinzu »zB in der Ehe«
    Sie war nicht trübe nicht unzufrieden nicht erkaltet gegen mich nur von
einer unbesieglichen Schwermut Ich bat ich beschwor sie zu malen zu dichten
    »Wozu« antwortete sie »Was nicht erster Ordnung ist braucht gar nicht zu
sein und erster Ordnung sind etwa zwei oder drei Bücher und ebenso viel
Kunstwerke sie bestimmten eine Zeit sie brachen eine Bahn sie gaben eine
Richtung Dies hängt nicht sowohl von dem ab der sie schrieb malte oder baute
sondern davon dass Gott ihn im rechten Moment als er ein tüchtiges Werkzeug
brauchte auf die Welt schickte Ein solcher Genius ist für alle Zeiten groß
nur für eine Epoche es zu sein ist demütigend denke doch Gluck wird
unsterblich genannt aber von 1000 Menschen gähnen 999 bei seiner Musik«
    »Nach dem Urteil der Menge darfst Du nicht hören denn zuweilen beherrscht
falscher Geschmack durch irgend welche Laune einer Sommität sanktionirt lange
Epochen Während des Baustyls der Renaissance war der gotische verachtet erst
jetzt lernt man allmälig ihn bewundern«
    »Freilich er ist erster Ordnung« sagte sie traurig
    Wie diese Mutlosigkeit mich grämte wie ich sie anflehte mir deren Grund
zu sagen ich warf ihr Mangel an Vertrauen vor
    »Nein« rief sie »meine Seele liegt offen vor der deinen aber Du Mario
Du willst nicht sehen was ich doch ganz klar und deutlich sehe dass meine Zeit
aus ist Schweig schweig« rief sie als ich antworten wollte »weshalb sollte
ich das nicht sehen weiß doch die Wasserlilie ihre Zeit steigt zum Blühen auf
die Wellen empor und sinkt dann in die Tiefe zurück befriedigt still mit dem
Schatze seliger Erinnerungen Die Blume weiß wann ihre Zeit vorüber ist und
der Mensch bemüht sich es nicht zu wissen Diese Jahre mit Dir Mario waren
meine höchste Blütezeit«
    »Du liebst mich nicht mehr« rief ich mit bitterem Schmerz
    »Tor« sagte sie ruhig mit jenem extasischen Lächeln das ich nur auf
ihrem Antlitz gesehen habe »Tor hast Du nicht das Tabernakel meines Herzens
berührt ist nicht Bonaventura Dein Sohn Nein Mario ich liebe Dich ich habe
nichts so wie Dich geliebt ich werde nach Dir nichts lieben aber über Dir 
Gott O Engel meine Seele hat mit der deinen in solchen Extasen der Liebe und
Begeisterung geschwelgt dass Alles was ihr in dieser Region widerfahren kann
nur Wiederholung und vielleicht  eine matte sein dürfte Wir haben mein
Herz so nach seinen Schätzen durchgraben dass die Goldminen  vielleicht
erschöpft sind Ehe die trostlose Gewissheit uns kommt «
    »Faustine« sagte ich  ich weiß nicht mit welchem Ton denn sie fiel mir
zitternd in die Arme und sprach ganz ganz leise
    »Ah wenn Du mir zürnst hab ich keinen Mut Dir meine Seele zu entfalten«
    Ich erkannte wohl dass ich sie nicht einschüchtern durfte umarmte sie und
fragte gelassen was sie denn zu tun gesonnen sei Sie erwiderte
    »Ich will die Minen verschütten ist noch edles Metall darin so mög es in
der Tiefe ruhen oben darauf will ich Blumen pflanzen«
    »Aber was mögtest  was willst Du tun« rief ich in Todesangst
    »Ganz Gott angehören und in ein Kloster gehen« sagte sie ich aber sprach
bestimmt
    »Nie Faustine nie niemals«
    Ich bemühte mich die Sache für eine momentane Aufregung zu halten zu
glauben dass irgend ein Buch irgend ein Gespräch mit ihrem Beichtvater sie
lebhaft erschüttert habe doch ihre Lektüre bestand grade jetzt aus den alten
römischen Geschichtschreibern und ihr Beichtvater der zugleich der der halben
Florentiner Welt war Pater Gerolamo war mir sehr wohl bekannt als ein ruhiger
milder kluger Mann ohne alle ascetische Anforderungen
    Wir waren dazumal in Pisa teils weil der Hof sich für einige Monate dort
aufhielt teils weil Faustine eine besondere Vorliebe für diese melancholische
Stadt hatte Wir bewohnten den Palast Lanfranchi am Lung Arno wo Lord Byron
während seines Aufenthalts in Pisa wohnte und bei uns lebte Graf Kirchberg ein
alter Freund Faustinens der so eben nach Italien gekommen war Zufällig oder
absichtlich  ich weiß es nicht  äußerte er einmal im Gespräch mit mir Andlau
sei von den Aerzten seiner Gesundheit wegen nach Italien geschickt er glaube
nach Rom Ich bat Kirchberg nichts davon gegen Faustine zu erwähnen sie sei
ohnehin in einem krankhaft erregten Zustand Er fand das auch denn er hatte sie
wirklich lieb Nur Gleichgültige sahen uns mit immer gleichem Auge an Wir
machten täglich weite Spazierritte mit ihr daran fand sie viel Vergnügen und
fast täglich auch ging sie in das Kampo santo »um Studien zu machen« wie sie
sagte Doch umsonst begehrte ich dass sie dort Zeichnungen und Skizzen entwerfe
    »Ich sehe und denke  ist denn das nicht genug sehen nicht die meisten
Leute ohne zu denken« fragte sie
    »Für Dich ists nicht genug Du musst schaffen« rief ich und wie aus einem
Munde mit mir sprach Kirchberg der gegenwärtig war
    »Sie müssen produziren«
    »Immer soll ich mich ganz extraordinär benehmen Ihr wunderlichen Leute«
sagte sie mit ihrer alten Heiterkeit »aber doch nur grade so weit wie Euch das
Ungewöhnliche nicht extravagant erscheint Ach wie seid Ihr so schwerfällig
Ihr Subtilen  Aber heut hab ich wirklich Lust das Innere des Kampo santo zu
zeichnen Ihr könnt allein spazieren reiten«
    Dieser Entschluss wurde dahin abgeändert dass sie erst mit uns einen
Spazierritt machte worauf wir sie zum Kampo santo begleiteteten und ihr Pferd
mitnahmen Sie blieb allein unter der Obhut der Kustoden In zwei Stunden sollte
ich ihr den Wagen schicken  Ich war höchst befremdet als der Wagen leer
zurück kam und der Diener meldete der Kustode habe gesagt die Signora sei
schon vor einer Stunde fortgefahren Ihr Zeichnenbuch brachte er der Kustode
hatte es im Kampo santo auf der Erde gefunden Ich glaubte Bekannte hätten
Faustine zu einer Spazierfahrt entführt doch war mir bänglich zu Mut weil sie
niemals bestimmte Stunden versäumte Jetzt war es halb 5 um 5 speisten wir
aber sie war um halb 6 noch nicht da Dies überschritt all ihre Gewohnheiten
mich befiel unsägliche Angst Kirchberg konnte mich nicht beruhigen ich ließ
aufs Geratewohl anspannen Da kam sie auf einmal zu Fuß im Reitanzug
leichenblass verstört atemlos Wie zerbrochen fiel sie in meine Arme und
ächzte
    »Er ist da er ist da er stirbt und will mich nicht sehen«
    Andlau war in Pisa todtkrank an seinen alten Brustwunden Der milde Tag
hatte ihm große Sehnsucht gegeben das Kampo santo zu sehen und er war in
Begleitung seines Arztes hingefahren So wie Faustine ihn gewahrte erkannte sie
ihn trotz der Verwüstung der Krankheit und flog ihm mit einem Weheruf
entgegen Andlau aber streckte die Hand abwehrend aus und sank ohnmächtig in
die Arme des Arztes So ward er in den Wagen und in seine Behausung gebracht
Faustine begleitete ihn verzweiflungsvoll Der Arzt beschwor sie den Kranken zu
verlassen als er wieder zur Besinnung gekommen da ihr Anblick ihn tötlich
erschüttere
    »Er soll mich auch nicht sehen« sagte sie und rang die Hände »aber lassen
Sie mich nur hier im Vorzimmer damit ich ihn sehen kann«
    So blieb sie zwei Stunden Andlau erholte sich momentan
    »Er fragte nicht den Arzt nach mir und wo ich geblieben sei« sagte
Faustine traurig »da fiel mir ein wie Du besorgt sein müsstest Mario und ich
kam heim«  Dies erzählte sie Alles so hastig so abgebrochen dass wir sie kaum
verstehen konnten Kirchberg ging sogleich zu Andlau er kannte ihn aus früherer
Zeit Sie gab ihm einen Diener mit der ihr jede Stunde Nachricht bringen
sollte Anfangs lautete sie immer gleichförmig Faustine ging den ganzen Abend
auf und ab im Zimmer und sagte zuweilen
    »Mario Mario Mario ich tödte ihn dem Klemens hab ich Leib und Seele
getötet  Ihm das Herz  und jetzt auch den Leib«
    Gegen Mitternacht kam Kirchberg und fragte Faustine ob sie noch einmal
Andlau sehen wolle er werde den Morgen nicht erleben Sie stürzte sich in den
Wagen Kirchberg begleitete sie Er sagte mir hernach sie habe sogleich neben
Andlau niedergekniet der mit geschlossenen Augen und schon über den Todeskampf
hinaus auf dem Bett gelegen Sie sagte fast unhörbar »Anastas«  und er der
nichts mehr beachtete hörte auf ihre Stimme öffnete die Augen lächelte
versuchte die Hand ihr zu reichen sagte »Ini« und verschied Ihr gehörte jeder
Hauch seines Lebens auch der letzte
    In der folgenden Nacht bei Fackelschein fuhren wir in einer Barke mit
seiner Leiche den Arno hinab nach Livorno wo sie auf dem protestantischen
Gottesacker ihre Ruhestatt fand Faustine war dabei Sie schien absichtlich all
diese Emotionen zu suchen vielleicht in der Hoffnung ihrem Schmerz dadurch
einen Ausweg zu bahnen So macht man Wunden größer damit die Kugel oder der
Splitter herausgenommen werden können Aber bei ihr blieb der Splitter Sie
verfiel in herzzerreissende Trauer Zuweilen sagte sie mit heißer Sehnsucht
    »O wenn Gott mir doch einen großen Gedanken in die Seele hauchen wollte so
wie sonst dass ich ihn ausbilden ihn auch Andern verständlich machen und mich
daran erfreuen könnte aber nichts nichts meine Seele ist dürr und öde keines
Aufschwungs mächtig ausgesperrt aus ihrem alten Himmel der Begeisterung der
Phantasie der Kunst Lass mich einen neuen suchen Mario den welchen die
Religion uns verheisst Lass mich den Rest meines Lebens einzig Gott weihen und
in ein Kloster gehen«
    »Du tödtest Dich« sagte ich mit dumpfer Verzweiflung
    »Nein« antwortete sie »dort werd ich still werden Mario dies Fieber in
mir das durch nichts auf der Welt gestillt werden konnte nicht durch die
Liebe nicht durch den Schmerz nicht durch das Glück nicht durch den Genuss
durch nichts nichts was sonst der Menschen Lust und Wonne oder ihre
Vernichtung ausmacht  dies Fieber das mich rastlos umhertreibt obgleich ich
wohl weiß dass es nur genährt nicht beschwichtigt wird durch die Aufregungen 
o lass mich versuchen ob die Entsagung alles dessen was ich bisher so glühend
geliebt und gesucht mir Befriedigung gibt Die Unmöglichkeit ealmirt die
wildesten Wünsche An Klostermauern scheitert der äußere Reiz Anfangs werd ich
selig darüber sein dann wird eine Epoche der Verzweiflung kommen wo meine
unbändige Natur sich gegen den Zwang auflehnt endlich aber legen sich Kämpfe
und Stürme der Friede kommt die Ruhe in Gott «
    »Die Ruhe im Grabe« rief ich
    »Mein geliebter Mario« flehte sie »gönne mir ein wenig nur ein ganz wenig
Ruhe diesseit des Grabes wenn Du wüsstest Herz wie müde ich bin  nicht des
Lebens nicht der Liebe  aber vom Leben und Lieben so würdest Du mich selbst
auf andern Weg führen«
    »Du schlägst einen falschen ein« sagte ich »denn Du willst all Deinen
Pflichten treulos werden Hast Du nicht vor Gott gelobt in Not und Tod bei mir
auszuharren hast Du nicht die Kindheit Deines Sohnes zu bewachen und seine
Jugend zu leiten hast Du nicht den Genius zu pflegen diese Gabe himmlisch wie
keine  weil sie für Andere eine Stimme des Trostes der Wahrheit der Kraft
wird«
    »Ach« unterbrach sie mich »Du glaubst noch an meinen Genius mein armer
Mario und ich erreiche was ich auch schaffen möge nie das was ich gewollt
Am letzten Schöpfungstage sah Gott »dass es gut war« die Menschen sprechen der
Genius mache gottähnlich denn aus dem Nichts bilde er Wunder und Welten so
müsste ich denn doch auch sehen »dass es gut ist« und mich ruhen in diesem
Bewusstsein«
    »Faustine« rief ich »vergiss nicht dass der Dornenkranz untrennbar vom
Strahlenkranz ist die tiefsten Schmerzen haben den höchsten Genius geboren wer
auferstehen will muss sich ans Kreuz schlagen lassen wer gen Himmel fahren
will muss die Höllenfahrt nicht scheuen Mit welchem Recht willst Du bequem nur
die Glanzseiten genießen«
    Diese und ähnliche Vorstellungen hatten den Erfolg dass sie sich mit
gewaltiger Kraft emporriss und in einem Moment der sublimsten Inspiration den
»Moses« schrieb dies Gedicht welches die brennende Farbenpracht und die
mystische Tiefe des Orients gleichsam abkühlt und aufklärt in den Krystallfluten
ihrer Andacht Sehnsucht und Begeisterung Über die Erhabenheit der Gedanken
über die Weltumfassung der Anschauungen über den lyrischen Schwung der
Darstellung  breitet die Melancholie ihrer Seele einen duftigen bläulich
dämmernden Hauch wie er in Kirchen schwebt halb Weihraucharom halb gedämpftes
Sonnenlicht O sie hat mit einem glorreichen Schwanengesang von der Welt
Abschied genommen So lange sie daran arbeitete und bis sie das Manuskript zum
Druck nach Deutschland schickte war sie fast so lebendig so angeregt so
frisch wie in ihrer besten Zeit Nachdem es fort war sank sie zusammen der
Erfolg war ihr gleichgültig
    »Ich habe mich erschöpft« sprach sie »Höheres kann ich nicht  Geringeres
mag ich nicht leisten Ich habe das Meine getan nun ists genug für die Welt
nun muss ich gehen mein geliebter Mario und wie die alten Anachoreten einzig
mit Gott verkehren Ich scheide nicht gleich einer büssenden Magdalene ich
glaube nicht im Staub und in der Asche mit blutigen Kasteiungen das gutmachen
zu müssen was ich gefehlt habe Ich will nur Aug und Seele unmittelbar in
Anschauung Gottes versenken statt wie bisher in seinen Werken und Geschöpfen
ihn zu lieben und zu verherrlichen und statt mich durch das Sichtbare an das
Unsichtbare  durch das Vergängliche an das Ewige erinnern zu lassen«
    Ich erinnerte sie an Bonaventura und an das Glück worauf sie verzichte
durch die Trennung von ihm Mit einer Glut und Innigkeit die mich vor dem
Gedanken zittern machten dass all diese Flammen unter dem Schleier lodern
sollten verlodern  oder verzehrend sich nach innen wenden rief sie
    »Die Trennung von Dir überwiegt jede andere Dich nicht zu sehen nicht mit
Dir die Gedanken auszutauschen nicht vor Dir die Seele hinzubreiten nicht für
Dich Sonnen Sterne und Flammen funkeln zu lassen nicht in dem Liebesglanz
Deiner Augen das Herz zu baden  Mario Mario das ist ein wahnsinniger Schmerz
den ich nicht überwinden könnte wenn ich nicht glaubte ein Opfer bringen zu
müssen«
    »Aber Du opferst mich« rief ich
    »Nicht Dich nicht mich  sondern uns« sagte sie Sie hielt nach ihrer
anmutigen Art meinen Kopf zwischen ihren Händen und sah mich an mit ihrem
seltsam zauberhaften Blick dem kein Mann widerstehen konnte Er glitt in die
Seele wie ein langsamer Blitz so intensiv zerschmelzend und versengend Ich
hatte ihr oft gesagt sie brauche nicht für einen dereinstigen Platz im Himmel
zu sorgen sondern nur den heiligen Petrus mit diesem Blick anzuschauen er
werde ihr alsbald die Pforte öffnen Mich überfiel die unermessliche Größe des
drohenden Verlustes und ich sprach mit harter Bitterkeit
    »Und was willst Du denn eigentlich werden Soeur grise etwa und Deine
Nerven beben beim Anblick einer Verstümmelung und die Luft eines Krankenzimmers
macht Dich ohnmächtig  Oder Ursulinerin die kleinen Kindern das Buchstabiren
und das Einmaleins beibringt  und Du wirst ungeduldig wenn Deine raschen
Worte und Gedanken nicht schnell genug Verständnis und Antwort finden«
    Sanft und demütig antwortete sie »Nein Herz die irdische Geschäftigkeit
war nie mein Gebiet Du hast ganz Recht darin bin ich ungeschickt Ich bedarf
eines ganz abgeschiedenen und beschaulichen Lebens heilige Bücher lesen
Psalmen dichten die Orgel spielen viel viel beten ich finde was ich brauche
 bei den Vive sepolte«  Die Vive sepolte schon der Name macht schaudern

    Ich besuchte den Pater Gerolamo und tat ihm einen Eid dass er die Beichte
nicht verletze indem er mit mir von Faustinens innerstem Seelenzustande
spreche Ich sagte ihm genau Alles wie sie sich über ihr Vorhaben gegen mich
äußerte und er versicherte dass sie gerade so auch zu ihm rede und sich durch
die Einwürfe nicht stören lasse welche er ihr anfangs gemacht
    »Es ist eine Vocation Signor« sprach er gelassen und überzeugt
    Faustine war in ihrem Entschluss so fest und sicher dass ihre Ruhe zuweilen
auf mich überging und mich ihr Glück wie sie es nun einmal begriff hoffen
ließ ganz fern ganz leise Dass das meine in Trümmer ging bekümmerte mich am
wenigsten und ich zürnte ihr nicht weil sie nicht darauf Rücksicht nahm Ich
sagte mir ich hätte auf wundersame Schicksale gefasst sein müssen von dem
Augenblicke an wo ich Faustine in mein Leben verwebt denn unbeseligt und
unverwundet bleibe Keiner in dem Verkehr mit solchem Wesen  Gott habe für
außerordentliche Geschöpfe außerordentliche Prüfungen und Entwickelungen
aufgespart und Faustine die sich nie in vaporöser Religionsschwärmerei
verloren möge wirklich im Gefühl der Unzulänglichkeit menschlichen Glückes
prophetisch eine bessere Zukunft für sich wahrnehmen In Augenblicken der
Exaltation wiederholte ich mir ein Herz wie das ihre könne an keinem
Menschenherzen Genüge haben und nur von Gott dem Herzen des Alls verstanden
gewürdigt erfüllt werden O ich sann mir erhabene Tröstungen auf und  gab
meine Einwilligung Der Papst lösthe unsere Ehe und erteilte Faustine die
Dispensation ohne Noviziat den Schleier bei den Vive sepolte in Rom nehmen zu
dürfen Sie schritt der Erfüllung ihres Schicksals entgegen zuversichtlich
hoffnungsreich Sie ging wie Moses einsam auf die Höhe des Nebo um hinüber zu
sehen in das ersehnte Kanaan
    Kein Wort keine Sylbe von den Verzweiflungen des Abschieds und der letzten
Trennung Es gibt Geister die dem Magus überlegen sind und ihn töten wenn er
sie hervorruft   Ich war Zeuge ihrer Einkleidung Bis zum letzten Moment
wollt ich sie sehen kein profanes Auge sollte länger als das meine auf ihr
ruhen  die schönen Locken fielen  der Schleier sank über die holde Gestalt
das begeisterte Antlitz die glühende Brust  die Sonne meines Lebens versank in
Wolken    Und wenn nur ihr eine neue Aurora gedämmert hätte aber nein
nein und tausendmal nein  Denn sie ist tot Gräfin Sie wissen es ja vor
fünf Monaten ist sie gestorben kaum anderthalb Jahr nach ihrer Einkleidung Der
Beichtvater ihres Klosters schrieb mir sie sei an kurzer Krankheit gottselig
verschieden und der Bischof des Klosters ein Kardinal in Rom den ich wohl
kannte schrieb dasselbe und viel Lobpreisungen ihrer Demut ihrer Milde
ihrer Frömmigkeit dazu Das sollte mich trösten meinten sie mich trösten
dafür dass sie  o nicht an jener kurzen Krankheit  sondern am langen Gram an
der bitteren Enttäuschung vielleicht an der zernagenden Reue gestorben ist Denn
die Überzeugung ist unerschütterlich in mir zum dritten Stadium des
Klosterlebens das sie einst mir beschrieb ist sie nicht gelangt das zweite
hat sie aufgerieben Sie hat sich die Flügel im Käfig wund geschlagen und ist
daran verblutet Sie hat zu spät eingesehen dass unser Leben wie das des Moses
nichts ist als der Hinblick nach dem verheissenen Kanaan sie hat ihre gloriose
Natur in dumpfer Trostlosigkeit zu Ende gehen lassen und ihren Irrtum mit dem
Tode gebüßt  Ruhe Dir Du ruheloses Herz
    Von mir hab ich nichts zu sagen Sie werden fühlen dass seit meiner
Trennung von ihr die Sonne mir kälter ist die Nacht länger mein Auge trüber
meine Bewegung schwerer mein Gedanke langsamer dass mir die jubelnde Freude am
Leben an der Natur an der Kunst erstorben ist weil sie es nicht mehr
durchgeistet dass mir zu Mut ist als könne mein Herz seine bei ihr gelernten
Pendelschwingungen nicht ausschwingen Jetzt ruft mich der kürzlich erfolgte Tod
meines herrlichen Vaters nach Deutschland Ja tot ist der Mann den ich am
meisten verehrt habe tot das Weib das ich einzig geliebt habe aber der
Gegenstand meiner süßesten Hoffnungen lebt blickt mit Faustinens Auge spricht
mit ihrer Stimme liebt mit ihrer Glut ist ihr Vermächtnis  und mein
einziges Kind«
    Mario schwieg und faltete die Hände um Bonaventuras Haupt der längst auf
seinem Schoss eingeschlafen war Zwei Tränen rollten langsam über sein stolzes
undurchdringliches Antlitz das jetzt im Mondlicht noch bleicher als
gewöhnlich war Ich liebe Männer denen nicht der Gram nicht der Schmerz
sondern Freude und Rührung eine Träne erpresst
    Wir schüttelten die Hände Dann stand Mario auf nahm Bonaventura auf den
Arm und ging ans Ufer zu einer der Gondeln die dort immer stationiren Leises
Plätschern im Wasser verkündete dass er fortfuhr Ich habe ihn nicht
wiedergesehen denn in derselben Nacht verließen wir Venedig  aber gehört dass
ihm im Herbst sein Posten in Neapel angewiesen worden sei
    Damals sagte ich zu meinem Gefährten »Frauen wie Faustine sind der
Racheengel unseres Geschlechtes welche die Vorsehung zuweilen aber selten auf
die Erde schickt und denen die Allerbesten unter Euch verfallen denn nur die
Allerbesten unter Euch sind zu dem bereit wozu die meisten Frauen bereit sind
ein Herz für ein Herz ein Leben für ein Leben eine ganze Existenz für eine
ganze Existenz zu geben und sie wähnen diesen Tausch bei solchen Frauen zu
finden deren glutvolle Unersättlichkeit eine Bürgschaft unerschöpflichen
Gefühls zu geben scheint Ein so strahlendes Wesen meinen sie müsse ein
verklärtes sein aber mit nichten eine solche feingeistige Vampyrnatur
verbrennt und verbraucht  zuerst den Andern dann sich selbst Die
mittelmäßigen Männer hüten sich vor ihnen sie die ewig Bedürftigen wollen
immer haben die Bessern unter Euch wollen auch geben Nehmt Euch vor den
Faustinen in Acht Es ist nicht mit ihnen auf gleichem Fuß zu leben Es ist
immer die Geschichte vom Gott und der Semele  Nein nicht vom Gott  vom Dämon