Theodor Mundt
Madonna
Unterhaltungen mit einer Heiligen
PostornSymphonie
Unterwegs
Ich will mir selbst etwas blasen Jetzt fange ich an es zu glauben dass von
einer allgemeinen Tonlosigkeit dies unser Zeitalter ergriffen sein muss denn
auch die deutschen Postillons lassen jetzt ihr schmetterndes Mundstück ungenutzt
und schläfrig herunterhängen und jeder sagt mir missmutig ihm sei das Horn
verstopft Auf meiner ganzen Reise durch Deutschland habe ich noch keinen
vernünftigen Schwager gehabt der mir und dem lauschenden Waldecho ein lustiges
herzerfrischendes Trarara Trara Trara zum Besten gegeben hätte Ihnen ist das
Horn verstopft Und ein Postillon ist doch kein deutscher Schriftsteller Wovor
fürchten sich denn die Postillons Ist es die Censur Sind es die großen
demagogischen Untersuchungen Mein Gott ich will mir selbst etwas blasen
Blase blase wilder Sturm könnte ich wie König Lear zu diesem Herzen
sagen das mir hier unter dem Reisemantel schlägt und lacht und weint und
wieder lacht Und warum sollte es nicht auch lachen Die hohe Nacht draußen ist
schön wenn auch stumm und die Sterne sind hell wenn auch fern und meine
Liebe ist süß wenn auch unerreichbar Ich will mir etwas blasen und meinen
schlaflos sich tummelnden Gedanken während die übrige Reisegesellschaft
schnarcht das Mundstück aufsetzen das mein deutscher Landsmann dort eben der
tonlose Postillon vor Faulheit nicht brauchen kann Meine Reisehoffnung und
meine Weltunlust sollen sich hier in einem schmetternden Chor noch bei aller
Nacht miteinander unterreden Erlaubte Zeitansichten werden einen gedämpften Bass
dazwischen brummen Eine herrliche Musik kann das geben gleich dem sanften
harmonischen Chor von Knoblauch und Zwiebeln den der berühmte Julius Cäsar
Scaliger wirklich in einer seiner Komödien die Gott alle selig haben möge
auftreten und in wahrhaft duftigen Rhytmen sich aussprechen ließ Es sollte
dies nur eine beissende Nachahmung sein des beissenden Zeitspötters Aristophanes
und seiner ChorWolken und ChorFrösche und ich möchte Den sehen der noch
heutzutage ein glücklicherer Nachahmer des Aristophanes zu sein wagen könnte
als der berühmte Julius Cäsar Scaliger Unsere Zeit gebiert zwar täglich
tausendfachen Stoff für einen doppelten Aristophanes aber das Horn ist
verstopft Schwager Schwager lass Dir Dein Horn reinigen es ist
verstopft und statt des keckbeflügelten Göttersohnes Aristophanes quäkt uns ein
jämmerlicher Scaliger aus unserer eignen Bruströhre heraus
Trara Trarara man muss reisen Es lässt sich heuer nichts Vernünftigeres
tun als auf die Reise gehen besonders wenn man keine Heimat hat im eignen
Vaterlande Nicht Heimat nicht Weib nicht Kind nicht Haus nicht Heerd
nicht Ruhe nicht Rast nicht Andacht nicht Hoffnung ein windschiefes Leben
Noch mehr bedauere ich Den dem wohl sein kann in seinen heimatlichen Zuständen
heut der eingesessen und zahmgesessen ist und nicht jeden Augenblick sein
Bündel geschnürt hat um abtrollen und ausmarschiren zu können Die Treue gegen
die Scholle gilt nichts mehr wenn die Scholle leibeigen macht den Geist Man
kokettire nur nicht mit der Treue damit man sich selbst nicht untreu werde
denn ohne große Treulosigkeiten geht es einmal im Leben und in der Geschichte
nie ab Die Völker verlassen ihre alte Liebe und suchen sich neue Gesetze und
durch die ganze Weltistorie geht ein Klagen und Weinen tausend verlassener
Geliebten und es kümmert die Völker nicht Und des Menschen Herz wenn es sich
an ein Bild gehängt hat muss sich blutig reißen wenn die Scheidung kommt
zwischen dem Herzen und seinen Bildern denn es muss geschieden sein Aber Vieles
bleibt stätig und wird nur immer fester hat es in der sich fortbewegenden Idee
sein Leben und sein Herz und so sage ich was sich bewegt das ist ewig Und
was ewig ist bewegt sich Siehe was still steht und sich fertig wächst ist
nur das Vergängliche an Körper und Seele der Menschen und der Staaten Nur der
schlechte Teil an uns wird ein weiser Greis nur das sterbliche Stück Leben
setzt sich am Ende zur Ruhe und kündigt sich als einen stabil gewordenen
Organismus an Die Jugend wird nie klug darum lebt der junge Mensch immer
weiter und dieser ewig junge Mensch ist die ewige Geschichte Und die Liebe
wird nie fertig darum bewegt sie sich von Geist zu Geist herüber und hinüber
mit dieser starken Sehnsucht Die innere Bewegung ist die wahre Treue der Liebe
an dieser webt sie sich ämsig in alle Ewigkeit fort und kennt eine andere
nicht Du wir lieben uns weil sich unsere Geister mit und zu einander bewegen
Du Du wir können nicht anders weil Deine innerste Bewegung meine ist und
meine Deine und so bewegen wir uns indem wir uns lieben Du Du wir sind
jung weil wir bewegen und lieben und wir sind nicht weise deshalb bewegen wir
uns ewig Du Du ich bin Dir ewig treu weil Deine Bewegung meine ist und erst
wann Du mir das einmal antätest und zu mir sagtest »alter kluger weise
gewordener und fertiger Mann« und ich zu Dir sagte »alte kluge weise
gewordene und fertige Frau« dann würde es mit unserer Liebe vorbei sein und
der treuloseste Mensch bin ich Du Du ich bin Dir ewig treu Du Du nimm Dich
in Acht es ist das Prinzip der Bewegung
Es war wahrhaftig in der letzten Zeit nicht mehr recht auszuhalten und ich
bin nur froh dass ich hier auf dem Postwagen sitze Wie leicht wird der Mensch
froh Er stürzt sich aus Ennui in Ennui und freut sich dabei der Abwechselung
die ihn von einem in das andere hinübergeleitet Das Städtchen in dem ich so
lange Quartier gemacht hatte wäre eine schöne Station für einen guten ruhigen
Menschen gewesen der Zeit hat sich zu verheiraten Es waren die Freunde und
die Freundinnen hier hübsch geraten und Jeder brachte seinen Scherz und Ernst
an und die Einen erzählten den Andern was die Andern längst wussten So ging
die Zeit hin und ich musste aus meinen jungen unschuldigen Schriften vorlesen
die sich zu meinem Erstaunen hier bei einem Leihbibliotekar gefunden hatten
und das war mein erster Ärger Die eine Freundin meiner Bücher hätte ich doch
nie etwas geschrieben war besonders daran Schuld und brachte mich auf die
Reflexion dass man die Frauen selbst die geistvollsten und begabtesten doch
fast nie auch im höchsten Schwunge den man ihnen gibt von ihrem nächsten
häuslichen Kreise von Vettern und Kousinen ganz abzuführen vermag Wenn ich
ihr meine besten Sachen lese sucht sie bei jeder Gestalt die ich ihr vorführe
immer erst nach einer ihr persönlich bekannten herum um sie damit in Verbindung
zu bringen und es dauert wahrhaftig nicht lange so hat sie auch in der
Erinnerung schon irgend einen ihrer Vettern in Astrachan oder Neufundland
erwischt dem die Figur meiner Dichtung aufs Haar ähnlich sehen soll Da
klatscht sie sich vor Freuden darüber in die kleinen Hände ruft mir mit dem
anmutigsten Gebieterton zu nur weiter und scheint sich jetzt erst recht für
die Vorlesung zu interessieren Das halte ein Anderer aus mich hat ein blasses
Grauen deswegen überschlichen Gleich den andern Tag schon wollte ich fort und
mir Extrapostpferde bestellen Die Vettern aus Astrachan und Neufundland haben
mir die ganze Novellenpoesie verleidet und ich weiß nicht ob ich fürs Erste
fortfahren werde in diesem Genre zu arbeiten Aber ist es denn nicht so
natürlich dass die Frauen überall nach FamilienAehnlichkeiten suchen auch in
der Kunst Sie wollen es sich gern überall gleich häuslich machen und verraten
so auch in der Kunst ihren wahrlich liebenswürdigen Häuslichkeitstrieb Und mir
dem unhäuslich gesinnten Autor stand es ja frei davon zu laufen
Mit dem Freunde hatte ich noch meine größere Not und wir mochten uns gar
nicht vereinigen weil er meinen Schlafrock nicht leiden konnte Es empörte ihn
nämlich jedesmal so oft er zu mir kam und mich im Schlafrock oder auch nur
ohne Halsbinde auf meinem Zimmer antraf und sein Verdruss darüber malte sich
ordentlich in seinen Gesichtsmuskeln aus Dies belustigte mich erst und ärgerte
mich dann weil ich auch ein Narr war Soll man aber einem Deutschen seinen
Schlafrock missgönnen Oder besitzt er nicht schon pedantischen
Anständigkeitsgeist und kleinlichen Sauberkeitssinn hinlänglich um ihn auch
noch zu nötigen dass er sogar seinen traulichen Laren gegenüber nur in
HöflichkeitsUniform sich zeige Nein mein Freund Ihretwegen hätte ich nur den
ganzen Tag en parure dasitzen mögen um Sie immer gewärtigen zu können Sie
sehen es ist meines Bleibens hier länger nicht Ich muss fort und muss
weiterreisen Sie haben mich an einer empfindlichen Seite meiner Neigung ja
meiner Studien angegriffen Denn schon längst gehörte es zu meiner Passion und
Lieblingswissenschaft die Schlafröcke in Deutschland zu beobachten und zu
studieren Und nichts war mir immer erfreulicher als wenn ich auf meiner Reise
die großen Männer die ich besuchte in ihrem Schlafrock antraf Mein einziges
Tagebuch das ich mir über die sogenannten großen Männer Deutschlands geführt
bestand darin mir anzunotiren wen ich im Schlafrock gefunden und wen nicht
Der einer orientalischen Priestertracht ähnlich sehende Schlafrock Schellings
in dem er jedem Besuchenden feierlich entgegenschreitet ist in der ganzen Welt
berühmt und der aristotelische Hegel ließ sich in seinem Schlafpelz sogar in
Kupfer stechen Schiller dichtete seine feurigsten Tragödien bei Nacht im
Schlafrock und Friedrich Schlegel verkaufte an seinen Bruder Wilhelm Schlegel
einige tiefsinnige Ideen die er gerade zu viel hatte für eine warme
Nachtjacke welche ihm gerade fehlte und dieser besaß Wilhelm Schlegel trägt
den Orden der Französischen Ehrenlegion auch auf seinem Schlafrock aufgeheftet
und der alte Musäus schreibt einmal an Nicolai dass er gern sein ganzes
Dichtertalent für einen guten Bärenpelz hingeben wolle indem er vielleicht
meinte dass Nicolai um ihm zu helfen nur irgend einem Bärenhäuter aus der
Allgemeinen deutschen Bibliothek das Fell abziehen zu lassen brauche Genug Sie
sehen ein mein Freund die Schlafröcke und die Bärenpelze haben eine große
Rolle in Deutschland gespielt Warum wollen Sie Ihre Wut allein gegen den
meinigen auslassen
Und nun blase mutig vorwärts Du mein ungeduldigstes Postorn Du mein
Herz Lass Dich hören in freudigen Sprüngen stimme eine gute Weise tief in mir
an und werde leicht da Du mir so lange zu schwer warst Bitte um Wanderglück
zum stillen Nachthimmel empor und klinge und klage Dein Gott behüte mich in
das unendliche Universum hinaus Du hast es nötig Gott behüte mich Gott
behüte mich in den Wäldern und auf den Bergen in den Städten und Dörfern bei
den Menschen und Unmenschen bei den Hassenden und Liebenden bei den
Streitenden und bei den Friedfertigen Gott behüte mich dass ich jetzt glücklich
durch das SchwarzburgRudolstädtische reise ohne zum Legationsrat gemacht zu
werden Gott behüte mich vor den vielen Merkwürdigkeiten die in großen und
kleinen Städten in Museen und Schlössern in Palästen und Rumpelkammern zu
besehen sind Gott behüte mich vor dem Anblick zu vieler Ruinen er stärke mich
gegen das Ausgelebte befestige mich für das Neue und mildere den Spott in mir
gegen das Alte Er mache einen Menschen aus mir der leben kann
Ja leben will ich gern und mir mit den Menschen aller Orten zu schaffen
machen Ich will umherlaufen auf den Straßen und mir die hübschen und hässlichen
Gesichter die mir begegnet sind aufschreiben Ich will auf den Dörfern
spazierengehen und in kleinen Städten über Nacht bleiben um die stillen
Herzschläge eines armen abgeschiedenen Lebens zu belauschen und nachzusehen
wie es der Weltgeschichte in den Bauerhütten und auf den Wirtshausbänken
hinterm Bierkruge ergeht Ich will dem Deutschen Bauer zureden dass er Abends
regelmäßig die Zeitungen liest und der Deutschen Bäuerin die ihr gesundes Kind
an der blühenden Brust stillt will ich sagen dass sie den Jungen nicht bloß für
den Pflug geboren hat sondern für ein menschlich gefühltes und berechtigtes
Dasein In der nächsten kleinen Stadt will ich mich erkundigen was die
aufgeweckte Schneidertochter jetzt aus der Leihbibliotek liest und ob die
Stadtpfeifer als die Julirevolution noch Mode war niemals die Marseillaise
geblasen haben auf der Ressource Und in großen Residenzstädten werde ich
ebenfalls nur Das aufsuchen was die Menschen angeht und aus alten und neuen
Zeiten her an sie erinnert Wie sie in den Teatern lachen in den Kirchen
beten auf der Promenade sich repräsentiren und in ihren Gesellschaften sich
langweilen soll mir wahres Vergnügen machen Wie sie von nichts zu reden
wissen was ihre wichtigsten Nationalinteressen betrifft werde ich in
gespannter Aufmerksamkeit mit anhören denn Das wovon ein Volk nicht spricht
schildert es oft schärfer als Das wovon es spricht
Schöne Gegenden werde ich nie beschreiben und ich glaube mir fehlt fast
der Sinn dafür wenigstens die Begeisterung Der Horizont dieser gegenwärtigen
Zeit ist zu bewölkt als dass man weit ausschauen könnte von den Bergen in die
Täler und die silbernen Ströme entlang und auf die Kuppeln und Türme der
fernen schönen Städte Das harmlose unschuldige Gemüt ist fort das mit
Landschaften und Gegenden sich freute und ich suche es vergeblich in mir und
finde nichts als dass ich kein JeanPaulischer Jüngling mehr bin Die Deutschen
können nicht leiden dass Jemand offen ist und so werden mich auch meine
nächsten Deutschen Freunde deren ich so manche und liebe habe jetzt schelten
wenn ich ihnen bekenne wie vor den schönsten Naturgegenden das Herz mir oft
kalt und bange schlägt Ja der Sinn ist fort der mit Bäumen und Sträuchern
einen guten idyllischen Umgang hatte wie das Kind umgeht mit seinen Kameraden
den weißen Lämmchen auf der Wiese Diese rauschenden Wälder diese
ernstgestalteten Felsen dies naive Leben der Pflanzen und Blumen dies Neigen
und Grünen der Pappel der Eiche der düstern Fichte diese hochwachsenden
Felder diese Triften und diese Flächen diese Hügel und diese Tiefen dies
Blühen und Lachen dies Klagen und diese heimliche Verstimmung wie es von
Wechsel zu Wechsel schleichend durch die Natur hingeht Alles dies sieht und
spricht mich an wie eine Schaar gefallener Engel aus der träumerischen
Frühperiode des Menschengeschlechts Die Menschen hatten lange in und mit der
Natur gelebt und hatten versucht ob sie sich zu etwas bilden könnten indem
sie träumten Sie träumten am Wasserfall und in der romantischen Bergschlucht
und auf der Hirtenflur ihr erstes morgenrotes Dasein hin und die rieselnden
Bäche an denen sie lagen und schlummerten flossen hell und klar aber des
Menschen Seele war unklar und aus dem natürlichen Traum des Lebens wachte kein
Glück geistiger Wahrheit auf Sie konnten sich nicht bilden indem sie träumten
Da wurden sie unruhig und ihre Flur langweilte sie und ihr Wald machte ihnen
Grausen Sie legten die Axt an den grünen Baum dass seine Wurzel erseufzte und
hieben ihm den Schmuck der Blätter herunter und machten sich eine Lanze aus dem
grünen Baum oder ein Ackergerät Die Einen arbeiteten im Schweiß ihres
Angesichtes und die Andern zogen in den Krieg und Keiner hatte mehr Ruhe und
Frieden Alle wurden in dem erwachten Drang menschlicher Unruhe zum ersten Mal
historisch An der Unruhe der Geschichte bildeten sie sich merkwürdig aus und
singen an nach den höchsten Gütern des Lebens immer stürmischer zu trachten
Die alten grünen Wälder rauschten vergeblich mit ihren Friedensträumen hinter
ihnen drein Und so geht es noch täglich den einzelnen Menschen und den
einzelnen Völkern Auch den Deutschen liegt es in Gedanken einmal historisch zu
werden aber die Einen können noch immer nicht den Werter die Andern den Faust
nicht vergessen und das idyllische Naturelement hält sie gebunden Die Lyrik
der Individualität schwächt ab und verdrängt die Geschichte in der Nation
Goethe hatte schon selbst aus der Naturlyrik Werters einen strebsamen Wilhelm
Meister hervorgehen lassen den sein Drang von dem grünen Wald weg auf die
Formen des bürgerlichen Lebens wies um an denen sich zu bilden aber es war das
bürgerliche Leben des achtzehnten Jahrhunderts und die Deutschen kannten weiter
keine nationellen und öffentlichen Interessen als das Theater Darum ist die
ganze deutsche Bildung die im Wilhelm Meister erlangt wird nur noch eine
Teaterbildung und das Leben ist Repräsentation in guter Gesellschaft Aber die
Subjectivität war wenigstens frei geworden von der Naturlyrik und statt des
Umganges mit schwirrenden Käfern und spielenden Würmern im Grase ist der Umgang
mit Menschen selbst mit Salonsmenschen doch immer etwas nütze Aber die Natur
war indessen bei Goethe und bei den Deutschen aus dem schwärmerischen Gemüt in
die geistigere Spekulation zurückgetreten und hatte in dem Ersteren den Faust
erzeugt unter den Letzteren die Naturphilosophie Nun hatte das kranke Deutsche
Herz den grünen Wald überwunden nachdem die Natur ernstbetrachtetes Object der
Wissenschaft geworden So zeigt Goethe selbst in dem Stufengang seiner Werke die
ursprünglichsten Bildungsstufen des deutschen Geistes auf aber eben nur die
Stufen unserer ganz ursprünglichen und embryonischen Entwickelung auf denen er
deshalb am wenigsten das deutsche Dichten schon erschöpfen oder auch nur zur
Vollendung bringen konnte Und in den Wahlverwandtschaften schrieb er noch ein
Werk über die allgemeinsten Bindungen und Wechselwirkungen menschlicher
Verhältnisse indem er dabei sogar wieder an die elementare Natur anknüpfte
Eine so abstracte und deshalb graue Dichtung ist nie geschaffen worden als
diese in der Goethe zeigen wollte wie die allgemeinen Naturgesetze der
Anziehung und Abstossung aus der Physik und Chemie auf den Menschen sich anwenden
und bis in seine Stube und sein Herz hinein ihn verfolgen In diesem Romane trat
die Natur nun schon ganz ohne alles lyrische Blätterrauschen auf sie war
nacktes physikalisches Gesetz geworden und der Poet des Werter der damals das
Patos der Naturempfindung gefeiert hatte jetzt eine kalte Physik des
menschlichen Herzens gedichtet Aber ein anderer hochbegabter Poet hatte
mittlerweile Rückschritte eingeführt Durch Tieck und dessen Jugendlyrik war der
deutschen Dichtung und Gesinnung wieder eine unnatürliche Wendung gegeben
worden unnatürlich weil mit dem Natürlichen wieder geliebäugelt wurde Die
alten grünen Wälder sollten wieder im Menschen zu reden anfangen Werter wurde
ein Minnesänger die einfache Naturlyrik Goethes schlug in eine künstlichere
Naturromantik um und statt der naiv plaudernden Lotte saßen hinter der
Geisblattlaube alte Märchen und nickten mit den sternengekrönten Häuptern und
erzählten hundertjährige Geschichten voll von Liebe und Wunder Der Schauplatz
war derselbe geblieben und doch ganz verändert worden Was im Werter
metaphysischer gewesen war wurde hier poetischer und bildlicher und die
Gefühle und Schmerzen die hinter der Frühlingslandschaft gelauert hatten
setzten sich in leichtere Elfen und Kobolde und in ein luftigeres Morgen und
AbendrotsSpectakel um Aber es war im Grunde nur eine brillante Variation
jener ohnmächtigen Naturstimmung die den Deutschen so nachteilig ist Die
Deutschen konnten sich auch an der Waldromantik nicht bilden Und Tieck selbst
brauchte einen Zwischenraum vieler Jahre in denen er ganz schwieg ehe er in
den Novellen seinen schönsten Ton anzuschlagen und darin aus Lebensproblemen
eine ächte und gesunde Poesie zu schaffen vermochte weshalb nichts
lächerlicher als wenn seine Freunde besonders die unkritischen Berliner noch
immer den Waldlyriker am höchsten in ihm feiern
Wie gesagt selbst vor der schönsten Gegend empfinde ich es dass auch ich
kein Werter und kein WaldLyriker mehr bin und es regt sich Bosheit in mir
genug dazu dass ich auch allen meinen Landsleuten gern das letzte Stück
Naturidylle aus dem fühlenden deutschen Herzen schneiden möchte Nur die frische
freie Gotteslust brauchen wir unerlässlich um die starken Brustschläge unserer
neuen Taten darin gesund ausatmen zu lassen In unserem Unruhigwerden und in
unserm Historischwerden nehme uns Gott nie die frische freie Luft damit es eine
unbeengte Freude der Bewegung werde Aber das lächelnde Kind in der Wiege küsst
der Mann noch einmal nachdem er unruhig und historisch geworden und zieht dann
hinaus und kann sich durch den schönen Säugling doch nicht abhalten lassen von
den Schlachten Die Natur ist das lächelnde Kind in der Wiege sie ist der erste
Säugling an den Brüsten der Schöpfung So seht die unmittelbare Unschuld des
Lebens auf den Wiesen träumen Aber der Mensch dieser eilige Sohn der Zukunft
kann seine Zeit nicht hinbringen um ihr Wiegenlieder zu singen Nachdem er
seine sentimentale Frühlingsperiode überwunden betritt er an Hoffnungen groß
das Feld der Geschichte und erweitert seine Landschaftsstudien zu Weltstudien
Besonders heutzutage hat man gar keine Zeit man hat Kopf und Hände voll zu
tun um sich und Andere zu verstehen und die wenigen Geschichtsstunden die uns
das Leben noch gibt recht fleißig zu nutzen und wenn ich auf die schönen
Gegenden polemisire so geschieht es wahrhaftig meistens nur aus dem Mangel an
Zeit Da wollten mich die guten Freunde in W den ganzen Vormittag umherführen
um mir die herrlichen Gärten in der Umgegend zu zeigen Ein ganzer Vormittag
Man denke ein ganzer Vormittag Und was ist ein Garten Gewissermassen nur ein
Toilettenstück der Natur Ich trieb mich also lieber auf der Straße umher sah
die Wachtparade aufziehn und beschaute mir die vielen deutschen Gesichter der
umstehenden Menschen eines nach dem anderen Ein solches Gesicht ist gar nicht
zu verkennen wie das deutsche und doch in jeder Stadt ein andersgebildeter
Schlag davon Zehn Gesichter gerade fing ich auf aus dem Haufen die mir teils
merkwürdig teils lächerlich waren und ich beschrieb sie mir nachher in meinem
Tagebuche und war mit der Ausbeute zufrieden Außerdem geriet ich noch beim
mutigen Klang der Trommeln Pfeifen und Hörner auf politische Gedanken über
Krieg und Frieden und in Streit mit einem jungen Menschen der an der Table
dhôte mein Nachbar war und die Meinung behauptete dass an den zum Fidibus
gewordenen spanischen Papieren ein allgemeiner Völkerkrieg sich entzünden würde
In Summa ich hatte etwas erlebt dass ich in der Stadt geblieben war Unterdes
hatten meine Freunde für mich den Kuckuck angerufen und nannten mich einen
radicalen Stadtphilister als sie wiederkamen Und ich schüttelte ihnen als eben
so vielen liebenswürdigen Naturphilistern derb die Hände
Die Alten haben vor schönen Landschaften nie geweint und Herodot der erste
große Reisebeschreiber weiß nur von den Menschen und ihren Sitten gut zu
erzählen Nichts Herrlicheres als zu sehen wie in der antiken Welt das
Menschliche so nahe an den Menschen gerückt stand und wie sich dasselbe im
Staat als der höchsten Lebensform begränzte und zusammenschloss ein glücklicher
Himmel über glücklichen Häuptern Sie waren human weil sie politisch waren und
sie waren politisch weil sie religiös waren und religiös weil politisch Und
so hing Alles im Großen bei ihnen zusammen Das Menschliche das sie im Staat so
frei und kräftig aus sich herausgebildet hatten verhinderte dass die magischen
Schatten des Waldes sie nicht lockten und die Natur ihnen nicht rief sich an
ihre Brust zu stürzen Sie waren jede Stunde zu glücklich um mit der Lerche des
Morgens zu schwärmen und mit der Nachtigall Abends zu klagen Das Unglück geht
am liebsten hinaus ins Grüne und unter die Einsamkeit der wehenden Bäume das
Unglück oder die spielende Kinderunschuld Die Kinder und die Zerrissenen beide
stehen dem Naturelement am nächsten und beide würden darin verloren gehen wenn
es nicht ein Stärkeres gäbe als das Naturelement nämlich den historischen Trieb
in die werdende Welt und VölkerZukunft die Alle aufreizt sich zu bilden zu
bewegen und zu versöhnen Und die Deutschen waren nie unglücklicher nie
innerlich zerrissener als zur Zeit ihrer Natursentimentalität und
Landschaftsempfindsamkeit im Leben und Dichten
Ich moderner Deutscher bin auch um ein gut Teil glücklicher seitdem ich
nicht mehr im MonbijouGarten von Berlin spazieren gehe Ich rufe Menschen
Menschen und noch einmal Menschen Ein Königreich für Menschen Mit schönen
Gegenden umgehn kann ich allenfalls auch in meiner Stube und habe ziemlich
genug Phantasie dazu Denn nachdem ich in der lieben schönen Gotteswelt manche
gesehen kann ich mir fast alle denken und bringe sie mir ehe ich des Morgens
zu schreiben anfange oft zu Dutzenden beim Zumfensterhinaussehen in meiner
Einbildungskraft hervor Ich denke mit die mannigfachsten Gruppirungen von Wald
Berg Fluss Baum Himmel und Tal und giesse dann über diese meine müßigen
Landschaftsgedanken einen großartig beleuchtenden Sonnen Auf oder Untergang
aus So rufe ich mir mag es Winter oder Sommer sein die herrlichste und
entfernteste Natur in meine Nähe und kann wenn ich will meine literarischen
Siebensachen am hohen Meere oder in einem italienischen Pomeranzenwäldchen
schreiben Der Natur lässt sich immer eine schöne Decoration abgewinnen aber die
Menschenwelt kommt nicht wenn und wo man sie ruft Zu den Menschen muss man
hinaus man muss sie aufsuchen in Sturm und Wetter in Schneegestöber und
Regengüssen man muss mit ihnen reden und lachen leben und leiden und wenn man
sie sieht kennt man sie noch nicht Wenn man mit ihnen spricht versteht man
sie noch nicht In der Natur ist Alles einfach und ihre reichsten Gestaltungen
bestehen doch nur aus den einfachsten Kombinationen Es ist immer der Wald der
Fels der Berg der See die Wolke nur hierhin oder dorthin anders gestellt
und im Norden zu andern Schildereien vermalt als im Süden Darum kann ich mir
schöne Gegenden denken wenn ich des Morgens auf die Straße hinaussehe ich
brauche nur zu combiniren Mit den Menschen bringe ichs nicht so weit wenn ich
zu Hause bleibe Ein Mensch lässt sich nicht combiniren er ist die sich selbst
bewegende Macht und zugleich treiben ihn die Geister Er gestaltet sich von
innen und macht oft ein verstecktes Wesen mit sich selbst Und wenn ein großer
Weltentdecker alle Weltteile eines Menschenherzens entdeckt hätte würde er
noch jeden Augenblick aus dessen Untiefen neue Inseln emporschiessen sehen und
nicht immer glückliche neue Inseln mit fremden Pflanzen Blumen Gefühlen und
Launen bedeckt Den Frühling kenne ich er ist maigrün und himmelblau Der
Menschen Gesichter habe ich noch lange nicht ausgelernt Der Mensch hat alle
Tage ein anderes Gesicht und weiß kaum selbst wie er eigentlich aussieht Ich
habe ihn verwundert angesehen wenn er liebte und hasste wenn er eine Frau nahm
und seine Mutter begrub Ich will ihm nachlaufen wenn er begeistert ist eine
Fürstin einholt Revolutionen veranstalten will und sich knechtisch geberdet
Ich will mich zu ihm in den Wagen setzen wenn er auf Reisen geht ich will mit
ihm anstossen wenn er seinen Wein trinkt ich will seiner Tochter den Hof
machen wenn sie artig ist Nur fort Nur fort Nur vorwärts Schwager
Ich habe für heut genug geblasen Die Landstraße wird hell der Morgen
zerteilt die Gewölke setzt sich mit grauschattirten Gliedern mitten auf die
Wiese hin und wartet wie ein gefühlvoller Jüngling dem Sonnenaufgang
entgegen Nur das fällt mir noch ein dass der Umgang mit der Natur bei weitem
wohlfeiler ist als der mit Menschen Wer bloß schöner Gegenden willen auf die
Reise geht braucht offenbar nicht halb so viel Geld als der wegen Menschen
sich in die Welt hinausstürzt In schönen Gegenden trinkt man Milch und nimmt
ein ländliches Mahl zu sich und der Bäuerin schenkt man nicht wie der
Sängerin einen Shawl zu dreißig Ducaten Im Walde kostets kein Entrée seine
Empfindungen hat man alle umsonst und von der Landluft wird man schläfrig dass
man schon vor zehn Uhr Abends ins Bett gehen muss Da hat man gar nicht Zeit
dazu viel Geld auszugeben und ich erinnere mich nie in Gessners Idyllen etwas
von Talern Groschen und Pfennigen gelesen zu haben Auch vom Werter erfährt
man nicht ob er Geld gehabt oder nicht es kommt in dieser Richtung gar nichts
darauf an Er trieb sich entweder im Walde umher oder ging früh schlafen Wenn
man mehr mit Menschen umgeht hat man schlaflose Nächte und wacht oft bis der
Hahn kräht und auch der andere Tag geht verloren Unsere Leidenschaften wollen
in Festkleidern spazieren gehen und sich nur in Purpur und Seide vor den Leuten
zeigen Unsere Torheit zieht sich einen kostspieligen Tressenrock an und
unsere Liebe gegen den Bruder und gegen die Schwester verlernt zu rechnen Amor
ist Schatzmeister und wirft das Geld und das Herz dazu mit vollen Händen auf die
Straße Ein Volksjubel rauscht auf das Geld verfliegt das Herz zuckt und
blutet und hat doch etwas gelernt Die Existenz wird teurer je mehr der
Mensch selbst auf dem Spiele steht So muss es aber auch gerade sein man darf
nicht anders leben Mit dem Leben muss man nicht knausern man muss es mit
freigebigem Herzen verschütten man muss es aus allen Adern bluten lassen damit
es strömt und sich ergießt Man muss von ganzem Herzen leben man muss es sich
etwas kosten lassen sein Inwendigstes um zu erfahren wie viel das Leben wert
sei Man muss sich mit Inbrunst ausleben und dann mit Inbrunst sterben Und
Deinen Leidenschaften nimm ihre stolzen Purpurkleider nicht vor der Zeit lass
sie etwas erleben und alt werden und ziehe einen alten Feuerwein der
Lebenspoesie aus ihnen ab Und Deiner jungen Torheit reiße nicht zu früh den
kostspieligen Tressenrock herunter lass sie tanzen und den Tag nutzen und durch
gravitätische Sprünge der Eitelkeit Dir einen guten Humor machen an dem Du noch
als alter kluggewordener Mann zu lachen hast Am allerwenigsten aber wehre
Deiner Liebe die genialen Rechnenfehler In der höheren Analyse Freund wird
wieder eingebracht was die gewöhnliche Reguladetri verloren und vergeudet
geglaubt hat Gib aus Alles was Du hast wo Du liebst sei es nun dass Du die
Kunst liebst oder Dein Mädchen oder die Wissenschaft oder Dein Vaterland Der
Poesie gib Deine schönsten Tage und frage nichts danach Deinem Mädchen gib
die angewandte Poesie auf den Mund und frage nichts danach Der Wissenschaft
gib allen Deinen Ernst und Dein Vaterland befreie sollte es Dein Tod auch
sein und frage nichts danach Frage nichts danach und gib Alles aus was Du
hast damit Dir Dein Herz leicht werde Spare nichts nicht in Gedanken nicht
in Geld nicht in Liebe nicht in Scherz nicht in Ernst Auch betrogen zu
werden gehört mit zum Leben Frage nichts danach und gib Alles aus was Du
hast wo Du liebst Und Du musst mit Menschen umgehen damit Du lieben kannst
Jetzt will ich aufhören zu blasen Die ökonomischen Vorteile aus dem
Umgange mit der Natur werden also meinen Reisefinanzen ebensowenig zugutekommen
als meinen Tagebuchsblättern die sentimentalen Zwar habe ich einige kranke
spanische Papiere bei mir denen ich nach Dem was ich von dem BanquerottSystem
des Grafen Toreno gehört wohl eine ländliche Kur zu ihrer Erkräftigung wünschen
könnte Aber frage nichts danach Frage nichts danach und gib Alles aus was
Du hast zum stehenden Kours auch die spanischen Papiere Auch betrogen zu
werden gehört mit zum Leben Frage nichts danach und gib zum stehenden Kours
Deine Papiere aus Ich werde mir um die spanische Politik nicht noch graue Haare
wachsen lassen da sie mir schon der deutschen wegen auszugehen anfangen
Trara Trara Da ist die böhmische Gränze Glorreiches Peterwalde Du willst
nachsehen ob ich keine Kontrebande mit mir im Koffer führe Guter biedrer
Oesterreicher nicht in meinem Koffer suche die Kontrebande Ich frage nichts
danach Ich frage nichts danach
Böhmische Dörfer Wälder und Bäder
Schöne slawische Jungfrau Böhmen mit den langen dunkeln Haaren und dem wilden
träumerischen Blick wie geht es Dir seit Jahrhunderten hinter Deinen Bergen
Reizende Slawin mir tut das Herz weh wenn ich an Dich gedenke und ein
gutmütiger Deutscher bin ich gekommen um über Dein tiefdunkles Weltschicksal
mit Dir zu klagen Zu etwas Grossem hatte Dein Genius Dich ausersehen mit edelen
Gaben Deine Art geschmückt tapfern und stolzen Sinn in Dir aufwachsen lassen
mutiges Streben in die Ferne in Deiner Brust entzündet und doch bist Du über
ein gewöhnliches sterbliches Loos der Geschichte nicht hinausgekommen Du hast
Unglück gehabt Glück und Unglück gibt es auch in der Geschichte glückliche
und unglückliche Naturells unter den Völkern Aber Du lachst und siehst mich
leichtsinnig an Ja ich weiß ich weiß Du hast Alles vergessen leichtsinnige
Slawin Deine großen Hoffnungen ehemaliger Zeiten der damals an Dich ergangene
Ruf der Weltgeschichte Deine Vergangenheit und Deine Zukunft kümmern Dich
wenig mehr Du kannst lachen und lustig sein und bist auch nachdem Du Dich
aufgegeben reizend in Deiner flatterhaften Üppigkeit Seitdem Du Dich
aufgegeben hast Du schöne Bäder angelegt hübsche Gäste von nah und fern dazu
geladen und das lustige Leben und Treiben der eleganten Welt klingt und jubelt
jetzt über Deine ernsten feierlichen Höhen und Gauen hin Die böhmischen Bäder
waren freilich schneller und leichter in Flor gekommen als die Reformation an
deren großes Bauwerk Du damals die erste hochherzige Hand gelegt o Böhmen und
an Deinem sonst für die Fremden so ungeselligen Heerd sammeln sich jetzt alle
Nationen und trinken aus Deinen Quellen und tauchen sich in Deine Wasser in
Deinem Karlsbad und Marienbad in Deinem Teplitz und Egerbrunnen Und in dem
herrlichen Prag der erstgeborenen Universität der Deutschen wo Dein Huss lebte
und lehrte und das erste Morgenrot Aufklärung über Deutschland ausgestrahlt
war da ist die hinreissende Üppigkeit Deiner historischen Selbstvergessenheit
noch mehr zu Hilfe gekommen Reichtum Pracht Genuss ausgebildetster Reiz
jeder Lebensform süße Hingebung an den Augenblick unwiderstehliche Schönheit
feuriger Frauen wer denkt zurück oder vorwärts So ergibt sich ein
ausgezeichneter Mann den Unglück überall zurückgestoßen seine Talente zu
brauchen seinen Geist geltend zu machen am Ende dem Becher und den Weibern
und wird in aller Verlorenheit zuletzt lustig
Es ist seltsam wenn ein ganzes Volk ein schlechtes Gedächtnis hat Die
Böhmen haben Alles vergessen Das sieht man in ihren Städten und auf ihren
Gassen und an den hölzernen bemalten Heiligenbildern die auf ihren Landstraßen
stehen Wenn ich als Schulknabe etwas nicht begreifen konnte und man mich
schalt hieß es immer »das sind Dir böhmische Dörfer fauler Kopf« Und ich
fing mir an ganz fabelhafte Vorstellungen von den böhmischen Dörfern zu machen
als den dämonischen Wohnsitzen der Götter der Unwissenheit und der Barbarei und
fand am Ende sogar einen Trost darin die Schuld auf die Dämonen der böhmischen
Dörfer zu schieben wenn meines Geistes Fassungskraft träge geworden war Und in
Böhmen geht es noch immer gerade so her wie damals in meinem jungen faulen
Kopf es stößt immer und überall auf seine böhmischen Dörfer Nur die
merkwürdige Schönheit der Frauen mit ihren wunderbaren dunkelglänzenden Augen
und der ganz eigentümlich geschnittenen Gesichtsbildung welche jede Böhmin von
den höchsten bis zu den niedrigsten Ständen als solche verrät ist für den
Wandrer eine sprechende Kunde welch ein herrlicher und ursprünglich schöner
Schlag Menschen aus dem alten Stamm der Czechen hier noch blüht Der böhmische
Mann selbst hat nichts Poetisches mehr an sich als seine unverlorene
volkstümliche Liebe zur Musik die auch in der ärmlichsten Lehmhütte Virtuosen
macht Jeder Bauer hat sein Horn auf dem er in seiner ernstaften und
feierlichen Weise mehrere Stunden des Tages bläst und diese süßen
weichgeschliffenen melancholischen Töne die unvermutet hier und dort aus einem
Busch aufklagen wie wilde Vögel sprechen sein ganzes beklommenes Herz aus und
schmettern und tanzen und kosen und weinen und wissen nicht zu sagen wie und
warum ihnen so wehe ist
Eben so nationell als die Liebe zur Musik ist auch in Böhmen die Liebe zum
Betteln Wer nichts Anderes tun mag geht auf die Landstraße betteln oder
musicirt Nicht bloß die dringende Armut zieht betteln auch aus bloßem
Zeitvertreib aus Fremdenhass oder meinetwegen aus Romantik belagern die
böhmischen Landbewohner in den verzerrtesten Gestalten und mit dem
widerwärtigsten Geheul den vorbeifahrenden Postwagen Aber allerdings ist die
Armut und Verkommenheit unter dieser Bevölkerung schreiend denn Böhmen zählt
innerhalb seiner Gränzen gegen zwölftausend Dörfer Böhmische Dörfer Unterdes
aber während der Böhme betteln geht oder musicirt steht die schöne Böhmin mit
ihren kecken dunkeln Augen vor der niedrigen Haustür man könnte sie in dem
groben Tuch das sie wie einen Schleier dicht um ihr Haupt gehüllt trägt für
eine büssende Nonne halten die ehemals zu viel geliebt hat und mit welcher
heißen fast leidenschaftlichen Inbrunst schlägt sie nicht auch ihre Kreuze
gegen den Schutzpatron der dort auf hohem Gerüst am Wege steht aber mit
welcher Inbrunst lässt sie sich nicht auch von dem scherzenden Wandrer küssen
Und so ist denn Böhmen noch immer das Land der Musik der Heiligen der Bettler
der schönen Frauenaugen und der böhmischen Dörfer Und ich werde traurig wenn
ich an die böhmische Geschichte denke
Aber reise nur in die böhmischen Bäder und sei lustig Auch Du hast manchen
heimatlichen Gram an Dir zu zerstreuen manche kranke Stelle Deiner
Erinnerungen zu meiden manchen deutschen Schmerz zu bezwingen In den
böhmischen Bädern ist es lustig wähle Dir Teplitz und Karlsbad und die
schönste Gesellschaft weiß ich da Oder bist Du ganz und gar Hypochonder so
komm erst mit mir in die böhmischen Wälder und ich will Dir etwas erzählen
worüber Du lachen sollst Einen literarhistorischen Spaß
Kennst Du die böhmischen Wälder nicht mehr die Schrecken Deiner frühen
Jugend Wie oft hat Deine an ihrem eignen Grauen sich weidende Knabenphantasie
in ihren tiefsten Schluchten sich bang genistet wie oft bist Du in Dir
zusammengeschauert bei jedem raschelnden Blatt des Baumes bei jedem pfeifenden
Laut im Gebüsch bei jedem Schuss der das ferne Waldecho weckte und wenn in dem
verlorensten Gehölz die Feuer aufflackerten und die Männer mit den wilden
kecken braunen Gesichtern dichtgedrängt umhersassen wie hörbar schlug Dir Dein
Herz und wie hättest Du sie gern allesammt für Helden gehalten wenn sie so mit
Sieg und Beute beladen in ihre beneidenswerten Höhlen zurückkehrten Denke doch
daran denke doch daran dass Deutschland dem Böhmerlande nicht bloß die Anfänge
der Reformation verdankt sondern auch die deutschen RäuberRomane
Wenn ich mich in trüben Stunden zu lachen machen will denke ich an die
deutschen RäuberRomane Die böhmischen Wälder und die deutschen RäuberRomane
haben in großer Sympatie zu einander gestanden und das possierliche
Knollengewächs der letztern hat sich immer am liebsten in dem unheimlichen
Dickicht der ersteren geborgen und aufgehalten Nachdem in früheren Zeiten der
bekannte Mönch Jurick und seine Brüder es sich hatten angelegen sein lassen um
Gottes willen die Wildnis zu lichten und die Wölfe aus den böhmischen Wäldern
vertrieben worden waren kehrten die deutschen Romanschreiber schaarenweise in
dieselben ein und verlegten hieher den romantischen Schauplatz für die
Abenteuer ihrer wildgewordenen Phantasie Diese Romanschreiber hatten es in der
Mitte der civilisirten Welt nicht mehr aushalten können Der Stoff war ihnen
ausgegangen an den Kaffeetischen und in den reinlich mit Sand bestreuten
Familienzimmern ihres Jahrhunderts die ewige keusche Liebe wie sie im Reifrock
und mit den sauberen seidenen Strümpfen auftrat wurde auf die Länge fatal für
einen strebenden Geist und bei dieser bürgerlichen Zahmheit aller Verhältnisse
konnte nichts Heroisches noch Tragisches aufkommen in den achtziger Jahren des
achtzehnten Säculums Außerdem herrschte in der ganzen Zeit die weitverbreitete
Meinung als befinde man sich in einem übertrieben vorgerückten Culturzustand
und sei in Gefahr durch allzureissende Fortschritte der Zivilisation von der
einfachen gesunden Natur die damals über Alles ging sich zu entfernen Unter
diesem Vorschub der öffentlichen Meinung zogen nun die deutschen Romanschreiber
in den dicken dunkeln struppigen Böhmerwald und schwuren Rache der allzu weit
vorgerückten Kultur und suchten sich einen Räuberhauptmann In den böhmischen
Wäldern wurde es lebendig herrliche kräftige Naturmenschen deren freier Sinn
den Druck der Gesetze und den Zwang der Zivilisation nicht zu erdulden vermocht
passten jetzt dem reichen Kaufmann am Hohlweg auf und schöne Grafentöchter
wurden als Räuberbräute von dannen geschleppt und mussten ebenfalls das
allgemeine Verderben des Culturzustandes miteinsehn und die Wirtschaft führen
in den Mordhöhlen und der Verleger zog noch vor der Ostermesse eine zweite
Auflage davon ab Willkommen willkommen Spiegelberg in den böhmischen
Wäldern So lass Dich doch zu Brei zusammendrücken lieber Herzensbruder Moritz
Ach Moritz Spiegelberg Naht ihr euch wieder himmlische Gestalten O o
edler großer Schiller auch Du hast Deinen Tribut an die böhmischen Wälder
abgetragen und mit welchem Aufwand Deiner zügellos schäumenden Jugendkraft Als
wir wilden Jungen einmal Komödie spielten gab ich obwohl ich gar nicht dazu
passte Deinen Karl Moor und wusste es Dir Dank als ich deklamiren konnte dass
ich meinen Leib nicht pressen solle in eine Schnürbrust noch meinen Willen
schnüren in Gesetze denn das Gesetz habe zum Schneckengang verdorben was
Adlerflug geworden wäre und das Gesetz habe noch keinen großen Mann gebildet
aber die Freiheit brüte Kolosse und Extremitäten aus O ihr finsteren Schatten
des unsicheren Böhmerwaldes Mit welchen Gedanken bin ich bei euch
vorbeigefahren als ihr die schwermütigen Wipfel zu mir herüberneigtet Seht
da Schiller Auch bei ihm war es ein Überdruss an dem geregelten
Civilisationszustande der seine junge Naturkraft in die böhmischen Wälder
getrieben hatte seinen Geist unter die Räuber Aber des übermütigen Genies
Aufstand gegen die Formen der Kultur rächte sich bei Schiller bald in der
Reflexion die seine umherschweifenden Kräfte und Triebe gefangen nahm und die
Reflexion stürzte sich zuerst auf das Ideale und was Karl Moor in den Wäldern
und unter den Räubern gewesen war wurde der Marquis Posa in der Welt der
Ideale derselbe gesetzlose Schwärmer nur nach den zwei verschiedenen Polen des
Lebens hin Und später nachdem Schiller die böhmischen Wälder lange vergessen
hatte blutete noch der Marquis Posa stark in ihm nach und der Zivilisation
der er früher die frische Naturwildniss keck gegenübergehalten hatte widmete er
jetzt schöne tiefe lyrische Klagen wenn sie sich an den Idealen seines Herzwehs
nicht aufrichten wollte
Ist es nicht seltsam und abermals seltsam dass ein Trieb im Menschen für die
Kultur kämpft ein Trieb wider sie streitet So jubelt der Ansiedler von
Massachusetts wenn er die Axt und die Flamme an den finsteren Urwald legt um
ihn für Wohnung und Acker zu lichten und in demselben Augenblick wo die alten
hohen Bäume stürzen und brennen und die vielhundertjährigen Dryaden seufzend
und schreiend entfliehn fährt auch ihm ein banger Schmerz über die Seele das
Auge wird ihm nass und er weiß nicht wird er sich zum Heil oder Unheil die
Wildnis bebauen Und wem geht es nicht so dass er sich aus dem hellglänzenden
Gesellschaftszimmer wo die große Zivilisation alle Vorteile bequemen Genusses
und feiner Geselligkeit um einen Tisch gereiht hat plötzlich in die entlegenste
Wüste fortwünscht und den uncultivirten Sohn der Sandsteppe beneidet der unter
freiem Himmel sein Weib umarmt und seinen Kindern einen jungen Bären zum
Spielkameraden mit nach Hause bringt und sich mit seiner schönen kalten
Tischnachbarin nicht herumzuquälen braucht in einem trivialen geistreichen
Gespräch Mich wenigstens beschleicht bei all meiner soliden Liebe zur Kultur
die mich an die Gesellschaft an Menschen und an Bücher nur zu sehr fesselt
doch oft eine unbändige Passion für die Wildnis oder ich mache mir zum
Mindesten nichts daraus dass ich mich cultivire Es muss schön sein eine
Zeitlang unter einem uncivilisirten Volke zu leben und wenn die Lappländer nur
erst einen Buchhandel hätten um was ich schreibe drucken und mir bezahlen zu
können so nähme man dort die nächste Sommersaison wahr und schriebe in
läppischer Ruhe über Staatsverfassung Weltverbesserung und Zeitpolitik denn im
Lappentum herrscht die größte Freiheit der Presse und weder ein Lappe noch ein
Lump hat etwas dagegen wenn man auffallende Gedanken hat Es kommt mir auch so
vor als fingen manche Richtungen dieser Zeit bereits an ins Läppische
auszuwandern um nur harmlos fortleben zu können und so genießen die deutschen
Schriftsteller welche notgedrungen das Schicksal ihres Schreibpapiers teilen
müssen nur aus Lappen und Lumpen zu bestehn statt aus kräftigen und freien
Gedanken bereits die oben angedeuteten Freuden der Nichtcivilisation Diese
Freuden lassen sich noch in einem andern Sinne zu reellen Vorteilen verdoppeln
Denn wie manche leidige Gewohnheiten und manche leidige Tugenden mit denen die
Kultur uns wie mit einem steifen Sonntagsaufputz behängt würden wir uns wieder
wegcultiviren wenn es nur erst Mode geworden wäre dass die schöne Welt statt
in den Bädern in irgend einer soliden Barbarei einige Sommermonate verlebte
Zuerst würden wir uns da die allzu große Höflichkeit zu unserm wahren Nutzen
wieder abgewöhnen Denn wozu soll Höflichkeit gegen Barbaren Wozu Komplimente
und schöne Redensarten gegen das Barbarische und mitten in der tiefsten
Barbarei Traun wir ließ uns allmälig darauf ein dreist von der Leber
wegzusprechen und bäten nicht mehr um Verzeihung wenn wir anderer Meinung
sind als unser Herr Nachbar Auch unsere ausschweifende Gutmütigkeit ließ
wir über die Klinge springen wenn unsere weichen Sitten sich durch etwas
erkleckliche Barbarei wieder gekräftigt hätten Fürwahr müssen wir uns nicht
oft schämen dass wir doch gar zu erstaunlich gutmütig sind Manche finden den
Menschen von Natur böse ich finde ihn zu gutmütig Was ertragen was dulden
wir nicht Alles mit wem gehen wir nicht um gegen wen sind wir nicht
freundlich Diesen faden Schwätzer hören wir an und machen ihm noch einen
verbindlichen Diener dazu und jagten ihn doch gern aus dem Hause Unter diesen
Menschen sitzen wir still und lassen uns etwas vorsingen und vorerzählen und
sprechen traulich hin und her und ab und zu und möchten doch unser fremdes
kaltes Herz das nicht bei ihnen lebt wie einen versteinernden Fluch
dazwischenwerfen in ihre gleissnerischen Kreise Aber wir tun es nicht es
könnte einen Auflauf geben Eine splendide Gutmütigkeit heißt uns immer Frieden
halten mit der Unausstehlichkeit unserer Nächsten und unsere Tugend gebietet
uns der Langeweile die Hände zu küssen O Himmel was gäbe ich darum wenn ich
manche Tage ein rechter Barbar sein könnte ein unverantwortlicher Barbar Meine
Vernunft sollte schon immer im Stillen verantwortlicher Minister meiner Barbarei
bleiben Dann würde ich erst recht aus Herzensgrunde und mit dem edelsten Feuer
für die Zivilisation zu arbeiten und zu schreiben im Stande sein
Aber folge nur Gutmütiger der Mode und reise in die Bäder In die
böhmischen Bäder Hier schleppt die Zivilisation ihren ganzen Unrat und ihre
ganze Eleganz zusammen und kehrt an die Quellen der Natur zurück um alle
mögliche Übel der GesellschaftsKultur darin abzubaden Die abgeglättete
Bildung geht in ein Steinbad um anzufrischen den Lapidarstil des guten Tons
Die Koketterie nimmt Schlangenbäder der Pietismus sucht sich ein Schwefelbad
aus als Symbol des Höllenpfuhles und die Spekulation steigt in die Judenbäder
Die Liederlichkeit lässt sich ein Schlammbad bereiten Die Blindheit des
Jahrhunderts wäscht sich an der Augenquelle im Spitalgarten zu Teplitz und die
Unterleibsbeschwerden der Zeit die sich bei dem gelähmten Prinzip der Bewegung
keine Motion für die Gesundheit machen dürfen trinken einen die Verdauung
befördernden Mineralbrunnen Wohl bekomms Wohl bekomms
Madonna
In Teplitz wollte es mir anfangs nicht behagen Gewisse Gesichter die ich auf
den Straßen und in den Stuben von Berlin zurückgelassen zu haben glaubte
begegneten mir hier unerwartet auf allen Spaziergängen wieder Ich glaubte ich
sei behert mit Berliner Gesichtern nahm einen Wagen und fuhr nach Dux wo
Kasanova gelebt und die Memoiren seiner weltberühmten Liederlichkeit
niedergeschrieben hatte
Dux ist eines der schönsten Schlösser im ganzen Böhmenlande und sein
jetziger Besitzer der Graf Franz Adam von Waldstein und Wartenberg ist ein
sehr gebildeter und menschenfreundlicher Mann der sich ein Vergnügen daraus
macht seine bedeutenden Sammlungen und Kunstschätze dem Fremden zu öffnen Er
hat sich durch ein größeres lateinisch geschriebenes Werk über die ungarischen
Pflanzen Verdienste um die Botanik erworben und eine auf den Höhen der
Karpaten gedeihende Pflanze rühmt sich nach ihm den Namen zu führen
Waldsteinia Was will man mehr auf dieser Erde Einer Pflanze seinen Namen zu
geben ist weit klüger als ihn auf Bücher zu setzen oder in Marmor und Erz zu
graben Die Pflanze erneut Dein Gedächtnis tausendfältig in allen folgenden
Jahren aber die Kinder unserer Liebe unsere Bücher lassen uns doch am Ende
kinderlos sterben und pflanzen unsere Namen nicht fort weil sie vergehen
Vergehen vergehen in alle Winde
Von den Sammlungen sah ich nichts näher an als die altdeutschen Bilder und
Basreliefs die in der Tat Merkwürdiges und Seltenes darbieten und in der
reichhaltigen Bibliothek in deren Kühle ich mich von der draußen sengenden
Hitze erholte ohne auch nur ein Buch aufzuschlagen dachte ich wieder an
Kasanova der hier Bibliotekar gewesen war Gern hätte ich mit dem Grafen ein
Gespräch darüber angefangen und seinen erlauchten Vorfahren gepriesen dass er
einem so genialen Manne eine Freistätte bei sich gewährt für seine letzten
Lebensjahre aber sonderbar genug ich fühlte dass ich schon hoch errötete
ehe ich nur den Namen Kasanova über die Lippen gebracht hatte Seitdem mir eine
geistreiche Dame deren Tugend ich für so fest gehalten dass ich ihr die
wahrhaft genievollen Memoiren Kasanovas in der Ausführlichkeit des Originals zu
lesen anempfahl verächtlich den Rücken zugekehrt hatte wurde ich immer rot
wie eine Klosterjungfrau die hinter dem Sprachgitter einen Mann erblickt wenn
ich in Gesellschaft auf diesen großen Weltabenteurer zu sprechen komme
Um die Gedanken an Kasanova loszuwerden ging ich endlich in die Kirche wo
ich gewiss hoffen durfte auf bessere zu geraten Ich sah ein schönes
Altarblatt Mariä Verkündigung darstellend wenn ich mich recht besinne von
Peter Brandel gemalt Der zuvorkommende Kirchendiener wollte mir auch die
heilige Garderobe der kostbaren Messgewänder zeigen an denen diese Kirche durch
die Frömmigkeit ihrer gräflichen Stifter vorzüglich reich geworden ist aber ich
gewahrte durch das Fenster zum Glück meinen Kutscher den ich bestellt hatte
nach NeuOssegg zu fahren
Ein erbärmlicher Weg auf dem man jeden Augenblick die Rippen zu brechen
fürchtet führt ungefähr eine Stunde weit von Dux zu der am Fuße des Strobnitz
und Spitzenberges gelegenen schönen CisterzienserAbtei Ossegg wo man bei den
freundlichen und unterrichteten Mönchen immer einer guten Aufnahme gewiss ist
Als ich die Kuppeln des herrlich gelegenen Klosters von fern erblickte stiegen
wehmütige und doch gewaltige Gedanken in mir auf und diese weltfreie
Einsamkeit und Abgeschiedenheit tat so vertraulich mit meinem Herzen als hätte
ich sie längst gekannt und gewünscht Und doch war es noch lange nicht so weit
mit diesem Herzen gekommen dass ich zu ihm hätte sagen können wie Hamlet zu
seiner Ophelia go to a nonery Nein geh in kein Kloster mein Herz Und wenn
die Cisterzienser Dich bekehren wollen so sage nur Du bist ein Weltkind und
kannst die strenge Regel nicht vertragen Sage auch Du machst Dir aus dem
heiligen Bernhard nichts und in Deiner Zelle wird eine weltliche Heilige
verehrt die Fleisch und Blut hat und lachende Augen Gott grüß Dich schöne
CisterzienserAbtei Ossegg Du nimmst einen unruhigen Geist in Deinen
friedfertigen Mauern auf
Indem ich so in die Ferne starrte drangen plötzlich seltsam murmelnde
Stimmen zu mir herüber die sich immer deutlicher näherten und starker wurden
Halb Geheul halb Gesang aber in den missklingendsten Tönen wälzte es sich über
den Feldweg heran und bald konnte man unterscheiden dass es eine Prozession
war welche wahrscheinlich die Landleute aus dem Dorfe Ossegg an dem heutigen
Festtage veranstaltet hatten Denn es fiel mir ein es war heut ein
MadonnenFest und Mariä Heimsuchung wurde von der gläubigen katholischen
Christenheit gefeiert Jetzt war der fromme Zug zu uns herangekommen Kinder
junge Mädchen und Alte schritten mit zerknirschter Stimme andächtige Lieder
absingend in geordneten Reihen vorüber und ein Knabe trug die wehende Fahne
voran auf der das Muttergottesbild in buntgemalten Kleidern prangte Ohne es zu
wollen musste ich den guten Leuten ein großes Ärgernis bereiten indem ich
seit meiner Geburt an protestantische Sitten gewöhnt und außerdem von einem
andern überraschenden Anblick plötzlich gefesselt es ganz außer Acht ließ dass
ich schicklicherweise vor der Madonnenfahne den Hut hätte abziehen müssen Aber
ich kehrte mich nicht an die scheuen und grollenden Seitenblicke die mir hier
und dort begegneten da meine Augen unter diesen frommen Gestalten von einem
Gegenstand getroffen worden waren der mich zu wundersam und bedeutsam berührte
Unter der wallfahrtenden Jugend die der Jungfrau Maria lobsang ging auch ein
junges Mädchen vorüber ganz verschieden von allen übrigen an Tracht Gesicht
Wuchs und Gestalt an Sitte und Anstand Sie gehörte offenbar ihrem Wesen nach
nicht in diese Reihen von denen sie sich durch ihre ganze Art so auffallend
unterschied und das Anziehende ihrer Erscheinung lag für mich in jenem Etwas
des ganzen Menschen das sich eben so wenig beschreiben lässt als der Duft der
Rose oder der einem Jeden eigentümliche Seelenzug im Auge Ihr Gesicht gehörte
zu denen mit denen man ein ganzes Leben beisammen sein möchte und könnte oder
die man gleich beim ersten Begegnen schon Jahre lang gekannt und in sich
getragen zu haben meint und es fehlte nicht viel so hätte ich in Gedanken
vertieft vor diesem Mädchen den Hut gezogen den ich unhöflich genug vor der
Madonna hatte sitzen lassen Die Sterne haben ein gewisses Verhältnis zu
einander die Planeten suchen und finden sich auf ihren kreisenden Bahnen und
drücken ihre großen Wahlverwandtschaften in Sonnensystemen aus Der Stern sucht
den Stern seiner Liebe und ein menschliches Gesicht ist kein minder glücklicher
Himmelskörper Lache nur Gustav Ich glaube auch an ein großes Sonnensystem der
menschlichen Gesichter Diese und jene gehören zusammen und bilden Blick an
Blick hängend wie Stern an Stern miteinander ein Sonnensystem das wie alle
Systeme etwas Ausschliessendes hat Denn Du merkst und weißt gleich ob dies
Gesicht dem Du begegnest Dir in Dein Sonnensystem gehört und gegen viele arme
Gesichter bist Du ein strenger Systematiker und rufst und grüssest sie nicht
wenn sie an Dir vorübergehen und ihr schwingt euch niemals um eine Sonne Eine
strenge Systematik der Neigung
Dies böhmische Mädchen musste mir wahrlich in mein Sonnensystem gehören denn
ich konnte ihr nicht genug nachblicken und nachdenken Dass sie ein böhmisches
Mädchen war verrieten die Augen und die Nase zwei untrügliche Kennzeichen an
jeder Böhmin und doch hatte sie wieder in ihrer Weise sich zu tragen etwas
Fremdartiges oder wenigstens Vornehmeres als ihre übrigen
Wallfahrtsgenossinnen Sie hatte weder wie man sonst oft an den Landmädchen
sieht den Kopf ganz in das zu einer Kappe verschlungene Tuch eingehüllt noch
trug sie die eigentümliche böhmische Kappenhaube die sich von den ältesten
Zeiten her nationell auf die Töchter des Landes vererbt hat und nicht selten
mit kostbaren Stickereien Spitzenbesätzen und den im Nacken flatternden
Bandschleifen einen stattlichen Schmuck der Schönen abgibt Meine
Systemverwandte hatte sich ein feines weißes städtisches Häubchen das sie
einfach zierte auf die braunen Locken gesetzt und schaute daraus mit ihren
scharfen dunkeln süßen seltsamen Augen bedeutsam hervor Sie sah blass aus
sie schien nicht glücklich zu sein Auch glaubte ich zu bemerken dass sie nicht
mitsang mit den Übrigen sondern schweigend in dem geräuschvollen Zuge
fortging dem sie gewissermaßen nur notgedrungen gefolgt zu sein schien Hatte
sie ihrer Madonna gar nichts zu sagen und zu singen Oder hatte sie ihr schon
tiefere Geheimnisse des Herzens zu beichten die sich nicht so vor aller Welt
und auf offener Straße heraussingen ließ Noch lange sah ich ihr nach bis in
der Ferne der letzte Ton der andächtig kreischenden Stimmen verklang War es die
jungfräuliche Madonna selber gewesen die in rührender Mädchenschönheit unter
die Frommen des Landes herabgestiegen
Der alte silberhaarige Laienbruder der mich durch das Kloster der
Cisterzienser geleitete hatte nie einen gläubigern Hörer und Schauer in den
geheiligten Räumen seiner Abtei umhergeführt Ich war in einer Stimmung in der
ich ihm geradehin Alles glaubte was er von Wundern der Heiligen wusste und
selbst die Wandgemälde in den Kreuzgängen sahen mich wie wahre Meisterstücke der
Malerkunst an Einige dieser Bilder Heiligengeschichten aller Art vorstellend
überraschten mich in der Tat durch Ausdruck und Lieblichkeit der Komposition
sie schienen erst kürzlich frisch aufgemalt zu sein und die Namen ihrer ersten
Urheber waren vergessen worden
Die Stiftskirche selbst so wie der Konvent sind außerordentlich schön und
prachtvoll und bieten überall Anblicke der Kunst und Denkmäler einer
sinnreichen Frömmigkeit dar Nachdem früher Rudolph von Habsburg und später die
Hussiten diese Abtei gänzlich zerstört hatten und sie darauf zwei Jahrhunderte
lang in Schutt und Trümmern niedergelegen erhob endlich im siebzehnten der
Schutzpatron der Cisterzienser sein heiliges Haupt wieder das er so lange
wahrscheinlich in bekümmerten Gedanken über die Reformation hatte hängen
lassen Er baute sich Stift und Konvent wieder von Grund aus herrlicher als
jemals richtete die verlassenen Altäre auf zündete die Weihkerzen an und die
erloschen gewesene ewige Lampe und streckte die hohe Kuppel gegen die Wolken
aus um sich im Lande wieder umzuschaun Was sah der heilige Bernhard Er musste
wahrhaftig noch den Pulverdampf sehen und riechen können der von der Schlacht
am weißen Berge über den Höhen des Böhmerlandes wirbelte und diesen noch nicht
verzogenen Dampf roch der heilige Bernhard gern im Dunstkreise der Böhmen So
wurde dies Kloster in seiner jetzigen Gestalt das schönste und prächtigste
welches die Zeit nach der Reformation hat wieder erstehen sehen und ich lasse
meinen Kopf darauf es wäre nicht wieder erbaut worden wenn man nicht bei Prag
am weißen Berge eine Schlacht geschlagen hätte Ich setzte mich in einen mit
geschnitztem Täfelwerk herrlich ausgelegten Chorstuhl auf den Platz eines der
guten Mönche und stützte meinen Kopf auf die gelben Blätter seines großen
lateinischen Gebetbuches das aufgeschlagen auf seinem Pulte lag und ließ meine
Augen und Gedanken in der wunderschönen Kirche umherschweifen Woran dachte ich
Gott weiß es An den heiligen Bernhard wie er den Pulverdampf von der Schlacht
beim weißen Berge als eine den Glauben stärkende Prise in die Nase zog An die
Madonna die mir gerade am Tage ihrer Heimsuchung in einer so glänzenden
Jungfrauengestalt am Wege begegnet war
Da fühlte ich dass mich der alte Laienbruder sacht auf die Schulter klopfte
um mich ins Refectorium zu führen Ein Refectorium in einem Kloster hat von
jeher einen großen Reiz gehabt und wenn es wahr ist dass Not beten lehrt so
muss es doch nicht minder wahr sein dass Beten einen gesunden Appetit verursacht
Dies lässt sich aus der Geschichte des Mönchtums aller Zeiten beweisen und der
Speisesaal einer frommen Abtei hat daher gewissermaßen ein psychologisches
Interesse Man wird klarer über den vielbesprochenen dichten Zusammenhang von
Leib und Seele wenn man sieht wie leibliches und geistliches Bedürfnis sich
hier die Schwesterhände reichen und in unserer abstracten Zeit wo Einem
mitunter zu Mute ist als sei man schon aus der Haut gefahren und schlottere
nur noch so mit den Knochen um seine ins Absolute eilende Seele herum ich sage
in dieser abstracten Zeit muss es wahrhaft wohltuend und tröstlich sein einen
tüchtigen Embonpoint in seiner vollen Glorie zu erblicken und dabei denken zu
können oder zu müssen dass sich der Segen des Herrn hier einen sichtbaren Tempel
seines leibhaften Wohlgefallens geschaffen Ich betrat deshalb mit einer
gewissen Ehrfurcht diese Halle auf der noch die von dem heutigen Mittagsmahl
zurückgebliebenen Geister frommer Bratengerüche weilten und wie Ossian seinen
obwohl auf der Wolke sitzenden Vater Fingal doch deutlich an Wesen und Gestalt
erkannt so glaubte auch ich noch aus der fliegenden Geruchswolke einen
verewigten Kapaun herauszuschmecken Ich kämpfte die Anwandlungen einer zu stark
in mir rege werdenden Andacht gewaltsam zurück und schritt neidisch an der
langen weissgedeckten Speisetafel vorüber die wenn ich recht gehört zu
sechsundfunfzig Gedecken eingerichtet war denn so groß ist die Anzahl der
Mönche dieses Klosters Eine kleine Betkanzel an der Wand fehlte natürlich
nicht was mich aber besonders überraschte war ein Billard das im Hintergrunde
des Saales stand und zur Bewegung und Unterhaltung der CisterzienserMönche
diente Offenbar ein moderner Fortschritt der klösterlichen Regel doch sollte
es mich wundern da es noch keine Heilige gibt die Karoline heißt ob nicht
eine förmliche Heiligsprechung Karolinens nächstens zu gewärtigen
Beim Herausgehen schweifte mein Blick noch einmal über die schöne weiße
Speisetafel als ich zu meinem Erstaunen man denke sich was gewahrte Ein
Paquet Zeitungen lag hinter einem Brotkorb verborgen Zeitungen Zeitungen
Zeitungen in einem CisterzienserKloster Welche Riesenprogresse der Kultur
Welch ein rapides Umsichgreifen der Aufklärung Unwillkürlich entfuhren mir
diese Ausrufungen als ich mit der Hast eines Jägers der ein Wildpret
geschossen darauf zustürzte und zuerst an der Gazette de France anprallte Sie
ist nicht meine Freundin und ich schob sie mit einem behutsamen Kompliment zur
Seite Aber auch die Allgemeine Zeitung lag da und da man auf der Reise oft
Wochenlang die Zeitungen versäumt so setzte ich mich an den Tisch um ein wenig
darin zu blättern Zugleich gefiel ich mir in der großartigen Idee in einem
Kloster Politik zu treiben und ich nahm mir vor im nächsten Wirtshause
Phantasien eines zeitungsliebenden Klosterbruders zu schreiben in der die
Klöster und die Politik einen gemeinschaftlichen Hieb von mir bekommen sollten
Denn wahrhaftig entweder mit den Klöstern oder mit der Politik muss es weit
gekommen sein Ist die Politik in unsern Tagen wirklich so bedeutend geworden
dass sich schon die Klöster auf sie verlegen müssen um ihre Existenz so auf
zeitgemässerem Grunde fortzubauen so hat auch die Politik bereits gesiegt und
um der Klöster Existenz ist es geschehen Muss aber im Gegenteil die deutsche
Politik wie es scheint aus unglücklicher Liebe ins Kloster gehen um sich von
der Welt deren Licht sie kaum erblickt hat schon wieder zurückzuziehn so ist
dadurch die Notwendigkeit einer Aufrechtaltung der Klöster in heutigen Zeiten
bewiesen und man setzt seiner unglücklichen Liebe die Kapuze auf und heißt sie
beten gehen Die Staatsverfassungen nehmen den Schleier und die
Volksrepräsentation schreibt in einer Stiftsbibliotek alte Handschriften der
Klassiker ab Der Geist der neuen Zeit bekennt sich zum Kölibat und zeugt keine
Kinder Die nationelle Oeffentlichkeit verkriecht sich in eine Nonnenzelle und
lässt sich vor keinem Menschen sehen Schade schade um die schöne Nonne So
schön so jung eine Nonne Dies Alles und noch weit mehr will ich wenn im
nächsten Wirtshause keine Gensdarmen sind in der DoppelPhantasie eines
zeitungsliebenden Klosterbruders und eines klosterliebenden Zeitungsbruders
auseinandersetzen
Aber nein wer wird es glauben wer hätte das gedacht Indem ich nur so mit
den Augen über die Blätter der Allgemeinen Zeitung hinfahre stoße ich gerade
auf den Artikel welcher die Aufhebung der Klöster in Portugal durch Dom Pedro
meldet Seltsames Ohngefähr Ungeheueres Schicksal Und diese Blätter müssen
gerade hier liegen auf dieser Stelle in einem CisterzienserRefectorium wo
ein Billard steht und Zeitungen gelesen werden Und gerade in demselben
Augenblick in dem ich mich selbst in einem der schönsten und angesehensten
Klöster befinde Dom Pedro Dom Pedro Hast Du mir diese schneidende Ironie zu
Gefallen getan
Ich sprang auf drückte dem Laienbruder aus Barmherzigkeit noch einen
Zwanziger mehr in die Hand als er sonst bekommen hätte wenn Dom Pedro die
Klöster nicht aufgehoben und verließ dann in der aufgeregtesten Stimmung das
CisterzienserKloster NeuOssegg
Ich ging in das Dorf hinein um mir in irgend einer der Hütten ein Glas
Milch zu meiner Erfrischung geben zu lassen Die Glut der Sonnenhitze hatte
sich mit dem nähernden Abend noch nicht gekühlt und die stillen unbewegten
Lüfte trugen ordentlich schwer an dem heißen Atem mit dem sie gefüllt waren
Es war ein ängstlicher und doch schöner Tag Der Vögel Lied irrte gedämpft oben
in den Wipfeln der Bäume und meine Brust hob sich wechselweise und fühlte sich
gepresst Aber die meisten Hütten der Ossegger an die ich mit dem Klöpfel
schlug wurden leider dem anklopfenden Wandrer nicht aufgetan und ich
erinnerte mich an die MadonnaWallfahrt welche den größten Teil der
Bevölkerung hinausgelockt haben mochte Die Madonna selbst war mir noch nicht
aus den Gedanken gekommen
Endlich fand ich gerade vor einer der ansehnlichsten Hütten Gehör und die
öffnende Magd belehrte mich dass ich in des Herrn Schulmeisters Haus getreten
Ich verlangte ohne Weiteres diesen großen Gelehrten zu sprechen da ich auch die
Dorfnotabilitäten dieser Gegend nicht übergehen durfte
Er saß ganz im Winkel seines ziemlich freundlich aufgeschmückten Zimmers in
einem hochgepolsterten Lehnstuhl ein großer mürrischer runzliger Alter mit
einem bigotten grollenden Gesicht wie man sie sonst nur tiefer in Böhmen hinein
anzutreffen pflegt Die Füße waren ihm in Kissen verpackt und es schien dass er
am Podagra heftige Schmerzen zu leiden hatte Er hielt ein Amulet zwischen den
Händen wahrscheinlich eine sehr kostbare Reliquie die er unaufhörlich zum
Munde führte und inbrünstig küsste
Meine Begrüßung erwiderte er kaum obwohl er sich über mein Eintreten zu
wundern schien Dann schlug er einige Male ein Kreuz gegen mich und blickte
wieder starr vor sich hin ohne im Mindesten auf mich zu achten und küsste
seinen in Gold gefassten Reliquienknochen
Ich glaubte nie ein steiferes und unempfindlicheres Götzenbild auf
böhmischen Heerstrassen gesehen zu haben Ein Schauer wandelte mich an und es
kam mir vor als sei ich ein Kind der Zeit vor den alten Saturnus getreten um
von ihm verschlungen zu werden Denn Saturnus verschlingt noch immer seine
Kinder und seine liberalsten wie seine legitimsten Söhne schluckt er doch am
Ende alle in den großen Magen hinunter Nur die Justemilieus sind ihm bislang
noch mitten in der Kehle stecken geblieben
Ich sagte endlich zu diesem böhmischen Saturn ich sei ein friedfertiger
Stubengelehrter aus Berlin und wollte mir die Ehre geben einen Kollegen in ihm
kennen zu lernen
Er sah mich groß an rückte ein wenig an seinem Sammetkäppchen wies dann
auf seine eingewickelten Füße und küsste wieder den Reliquienknochen Er schien
sich mit dieser Gebärde entschuldigen zu wollen dass er seines Podagras wegen
nicht aufstehen und mich bewillkommnen könne Dies war doch schon eine
Annäherung
Ich fragte ob er vielleicht zufällig die Analecta Monasterii Ossecensis von
dem unsterblichen Schoettgenius die in Dresden 1750 in Quarto herausgekommen
besitze Ich sei eben in diesem Kloster gewesen und wünschte jetzt alle Klöster
dieser Zeit aus ihren Quellen zu studieren
Er schüttelte abwehrend und etwas murmelnd sein Haupt
So besitzen Sie vielleicht das wertvolle und seltene Buch von Czerwenka
Splendor et gloria domus Waldsteinianae das ebenfalls in Quarto zu Prag 1673
erschienen ist Ich bin eben in Dur gewesen und wünschte jetzt alle
Aristokratieen dieser Zeit aus ihren Quellen zu studieren
Er schüttelte abermals sein graues von Alter Sorgen und Amtsverrichtungen
gebeugtes Haupt
So besitzen Sie vielleicht ein frisches Glas Milch mein Herr in Ihrem
Haushalt um einem dankbaren Reisenden den die Sonnenhitze ganz außer sich
gebracht hat damit zu bewirten
Da schlug er dreimal mit der Faust auf den neben ihm stehenden Tisch dass
Alles krachte und sogar die Fensterscheiben erzitterten Ich begriff nicht
wodurch ich seinen Zorn so erregt haben konnte
Es war dies aber nur ein wie es schien in seinem Staatshaushalt
gewöhnliches Signal gewesen das die Stelle einer Klingel ersetzte Denn bald
auf dieses Zeichen trat die ziemlich hübsche Magd ins Zimmer um die Befehle des
alten Schulregenten zu gewärtigen
Ein Glas Milch für den Herrn brummte er ihr zu in einem Ton und mit einer
Stimme die nicht gern gaben
Ich ließ mich aber dadurch nicht irre machen setzte mich in der ihm
gegenüber befindlichen Ecke des Zimmers nieder und nahm von der lächelnden Magd
die dargereichte Erquickung mit Dank und Lob an
Ich schlürfte die vortreffliche Milch und schwieg Eine tiefe Stille
herrschte rings um uns her
Es ist recht schön in Dux hörte ich es dann auf Einmal murmeln Ich sah
mich erschrocken um Wirklich der Alte hatte es zu mir gesagt Oho am Ende
schwatzt er doch gern und hat Lust sich in ein ehrsames Gespräch mit mir
einzulassen
In Dux ist es recht schön antwortete ich und sah freundlich zu ihm
hinüber
Er sah wieder freundlicher als sonst zu mir herüber Dann trat von neuem
eine Pause ein
Endlich schien er das Schweigen nicht länger mehr aushalten zu können Es
sind viele Merkwürdigkeiten in Dux sagte er dabei küsste er seinen
Reliquienknochen
Es ist sehr merkwürdig in Dux entgegnete ich
Haben Sie denn auch auf dem zweiten Schlosshofe das Bassin gesehen welches
der erlauchte und hochberühmte Albrecht von Waldstein Herzog zu Friedland aus
eroberten schwedischen Kanonen hatte gießen lassen fragte er zu meinem
Erstaunen weiter
Wahrhaftig der Mann konnte reden Er spricht jetzt ordentlich in
zusammenhängenden Sätzen fängt überhaupt an liebenswürdig zu werden und
beschämt mich dass ich ihn so sehr verkannt hatte
Ach mein Herr sagte ich auf dem Schloss Dux ist es mir ganz sonderbar
gegangen Statt an den großen Herzog von Friedland zu denken statt manche
andere historische Merkwürdigkeiten mit Andacht zu betrachten statt in den
schönen englischen Park lustwandelnd mit meinen Gefühlen spazieren zu gehen
dachte ich nur immer stellen Sie sich vor ich konnte meine Gedanken gar
nicht davon abbringen ich dachte immer nur
Nun ins Henkers Namen woran dachten Sie denn fuhr der heftige Alte
heraus
Ich dachte an Kasanova sagte ich kleinlaut
Kasanova fragte er verwundert und war wieder gleichgültig geworden Ich
kenne ihn nicht
Wie rief ich lebhaft aus und sah ernst zu ihm hinüber Sie kennen den
berühmten Jean Jacques Kasanova de Seingalt nicht
War er ein guter Katholik fragte er
Ja mittelbar Sein Katholizismus war der Weltgenuss eine großartige
Leidenschaft für das Leben war seine Religion und seine alleinseeligmachende
Kirche und wurde ihm dazu Religiös in Weltliebe weise im Leichtsinn
philosophisch in der Frivolität frivol aus Philosophie ein Würfelspieler mit
den Formen des Lebens ein Eingeweihter in die Tiefen des Daseins ein
Abenteurer und ein Denker in der Wollust und in der Wissenschaft gleich gelehrt
und gründlich das ist die Devise welche ich unter das Bild dieses JeanJacques
setzen möchte der ohne Zweifel die merkwürdigste Figur des geselligen Lebens
seines Jahrhunderts war
Der Alte küsste stillschweigend seinen Reliquienknochen
Man könnte Jean Jacques Kasanova den umgekehrten Jean Jacques Rousseau
nennen fuhr ich fort und zugleich beide Extreme in diesen Naturen sich wieder
berühren sehen Rousseau ein geistiger Wollüstling durchschwelgte mit dem
feinsten Nervenäter seiner Seele das ganze Reich der Schönheit das auf den
Höhen menschlicher Träume und Ideale blüht und an der Schwelgerei des Geistes
nahmen unvermerkt auch seine Sinne lebendigen Anteil Er stürzte sich in das
hohe Meer einer mächtig wogenden Geistigkeit und blieb mit sophistischem
Lächeln auf einer grünen Insel der Sinnlichkeit sitzen Kasanova ein kräftiger
Sohn derber Wirklichkeit wollte nur die schönen reichen Formen der Welt
genießen und des Körperlebens vollschwellende Reize sahen ihn schon früh mit
trunkenen Augen begehrlich an Mit Keckheit und Grazie griff er nach Allem was
ihn lockte in der Nähe und in der Ferne er trank sich satt und übersatt an den
weißen Brüsten der Sinnlichkeit und unvermerkt nahm an der Schwungkraft der
Sinne auch sein Geist lebendigen Anteil Er hatte mit den starken Fühlhörnern
seiner Sinne ausgegriffen nach allen Blütenstellen der sichtbaren Welt und war
mit tiefsinnigem Erstaunen in einem Wunderblumenkelch geistiger Reflexion sitzen
geblieben Er hatte sich an das Sichtbare weggeworfen und im Unsichtbaren
wiedergefunden Er fing an zu denken zu philosophiren Die Weltsünden wurden
Gedankenstoff Der Weltmensch war transcendent geworden Beide JeanJacques
schlugen nach den entgegengesetzten Polen ihres Wesens um und doch welcher
Kenner der menschlichen Natur wird zweifeln dass diese Antipolarität eine
Verwandtschaftlichkeit mithin eine Berührung der Extreme ist
Der Alte hatte schon wieder seinen Reliquienknochen geküsst Er sagte dass er
mich durchaus nicht verstehe Ich sollte ihm einige nähere Umstände über den
Mann angeben
Da er mich durchaus nicht verstand so konnte ich mich wohl ohne zu
erröten noch länger mit ihm über Kasanova unterhalten
Dieser außerordentliche Mann fuhr ich fort ist mein vielfältiges Studium
meine Bewunderung und mein Nachdenken gewesen Eine verdächtige Prüderie unseres
Zeitalters hat mit moralisirender Wegwerfung von seinen Memoiren gesprochen und
die Polizei ist der Prüderie zu Hilfe gekommen und hat in diesem und jenem
deutschen Staat das merkwürdigste aller Bücher verboten Ein höherer Standpunkt
der Betrachtung bleibt dem Unbefangenen noch immer nicht benommen In seinen
Lebensbekenntnissen ist nichts Absichtliches nichts auf Wirkung Beifall oder
Gunst Berechnetes sie sind ihren hauptsächlichsten Bestandteilen nach aus
lauter körniger Wirklichkeit einfach zusammengesetzt Kasanova schien sie kaum
selbst für den Druck bestimmt zu haben und durch einen Zufall gerieten sie
viele Jahre nach seinem Tode in die Hände eines deutschen Buchhändlers der das
französisch geschriebene Manuskript für einen Spottpreis erkaufte und nachher
Tausende damit gewonnen hat Sie brechen gegen das Ende fragmentarisch ab und
den Mitteilungen des geistreichen Fürsten von Ligne danken wir den Aufschluss
über des Venetianers spätere Lebensverhältnisse Sind jedoch seine Memoiren nur
zur Unterhaltung erfunden erlogen so bleibt Kasanova als Erfinder und Lügner
und als nach dem Leben treffender Charakterzeichner seiner Zeit und seiner
Zeitgenossen noch immer einer der größten Schriftsteller die je erfunden und
gelogen haben Sind aber seine Memoiren was ich glaube wahr das heißt in dem
durch Goethe bekannt gewordenen Sinne selbstbiographischer Wahrheit und
Dichtung sind sie wahr und hat der wunderbare Mensch alles dies wahrhaftig
erlebt was er mit seiner bezaubernden Feder wie aus raschen Erinnerungen
glänzend hinwirft so ist er der größte Weltmann den das moderne Zeitalter hat
geboren werden sehen Etwas Außerordentliches bleibt immer an ihm
Der Alte schlug hier wieder dreimal mit der Faust auf den Tisch so dass ich
obgleich an dieses Zeichen schon gewöhnt erschrocken innehielt Er befahl aber
nur mir von neuem ein Glas Milch vorzusetzen wahrscheinlich damit meiner
Apologie die Kehle nicht trocken werden möchte Mit größerer Aufmerksamkeit zu
ihm hingewandt fuhr ich fort mich auszusprechen
Den größten Weltmann neuerer Zeiten habe ich ihn genannt und möchte ihn
zugleich einen Ritter nennen Einen Ritter des Weltlebens einen Ritter und
einen Sieger In einer unchevaleresken Zeit in einer trägen bürgerlichen Epoche
seines Jahrhunderts war er der Mann der Avantüre der auf dem Schauplatz des
ganzen civilisirten und uncivilisirten Europa mit der siegenden Macht der
Persönlichkeit erschien überall sogleich der Mittelpunkt der interessantesten
Beziehungen wurde als Held des Tages sich der Meinungen und der Gemüter
bemächtigte und die Rolle die er übernommen jedesmal auf eine ritterliche
Weise zu Ende brachte Die Blüte der Mannhaftigkeit die mit kräftigen
Siegerarmen jedes Genusses ungestraft sich versichert ging zu einer sonnigen
Gestalt in ihm auf Lebensmut Eitelkeit Leidenschaft und Wissbegierde waren
die windschnellen Rosse die ihn schnaubend und mit verhängten Zügeln durch die
ganze Welt von dannen trugen ohne dass er mitten im Rasen und Stürmen jemals die
edle Haltung des Reiters verloren hätte So ist er mir immer wie eine in der
Klarheit des Weltmanns ausgesöhnte Mischung von Don Juan und Faust vorgekommen
Die Kritiker haben in neuerer Zeit viel von der Verwandtschaftlichkeit beider
Myten gesprochen während ich dabei immer an Kasanova gedacht der als der
Weltmann beider Richtungen dasteht und mit der Klugheit und Sicherheit eines
solchen dieser Polarität die ihn hin und her zieht Herr wird ohne wie Don
Juan und Faust mit einer tragischen Zerstörung seiner Natur zu endigen Ich
habe schon früher angedeutet wie der Weltmensch in Kasanova transcendent wird
und wo die transcendente Höhe der Don JuanMyte anhebt auf der sie mit
Geisterflügeln in die andere Sphäre des Daseins hinüberschlägt brauche ich
nicht erst auseinanderzusetzen Wie aber Jean Jacques Rousseau damit endigt
womit Jean Jacques Kasanova angefangen hat so greift auch die Myte von Faust
mit einer schneidenden Zuckung in den Don Juan hinüber und über den dunkeln
Tiefen des Geistes aus denen der Sehnsuchtsschmerz einer ganzen Menschheit
heraufklagt tummeln sich mit Karnevalsleichtsinn die lachenden Sinne Kasanova
aber war eine feste Gestalt der Welt eine auf dem Grunde seiner Zeit sich
ausprägende Figur ein Mann der Wirklichkeit Er war zu sehr ein Mann klarer und
scharfer Wirklichkeit als dass er an jene geheimnisvollen mytischdiabolischen
Elemente des Daseins jemals hätte verfallen können Er lebte den Don Juan von
ganzem Herzen aus sich heraus aber er war zu klug und gewandt zu kräftig und
geistig vornehm um damit zugleich das Gut seiner Seele an den Teufel zu
verschleudern Er besaß Ironie genug um sich über den Teufel zu stellen den er
in einem fortwährenden Respekt gegen sich erhielt Die Weltsünden wurden ihm
Gedankenstoff wie ich gesagt habe Aber dieser Gedankenstoff trieb ihn in die
philosophische Spekulation in die Metaphysik und Mystik die Chemie und
Alchemie und zuletzt sogar in die Kabbala hinein wovon einige seiner
Schriften die er noch selbst hatte drucken lassen hinlängliche Proben abgeben
Und so ward auf der andern Seite seines Don Juan in ihm der Faust mächtig Doch
dieser Mytus hatte wieder nicht tief genug in seinem Herzen geblutet um ihn
verzweifeln zu lassen Auch der Faust konnte ihn nicht an den Teufel
überliefern Der Mann der Wirklichkeit war wieder zu klug und zu stark um sich
die Kabbala über den Kopf wachsen zu lassen und das Stückchen Voltairescher
Ateismus mit dem sich sein Witz zuweilen Bewegung machte und mit dem er es im
Grunde nie ernstlich gemeint vermochte ihn vollends nicht um seine Seeligkeit
zu bringen weil Kasanova am Ende doch noch witziger war als Voltaire Aber wie
Faust in die Tiefen des Weltgeistes hineingestrebt hatte wie er liebesbrünstig
nach Vereinigung und Einheit mit demselben gerungen so kann man von Kasanova
sagen dass er gleich einem indischen Gott der sich in tausendfache Formen der
Weltmaterie verwandelt so alle nur möglichen Gestaltungen und Wandlungen der
äußeren Weltformen an sich erlebt und mit denselben eins gewesen ist Kaum ein
Stand ein Weltverhältniss eine Beziehung der menschlichen Gesellschaft worin
man nicht Kasanova eine Zeitlang heimisch und angesessen erblickt In seiner
Jugend war er Rechtsgelehrter gewesen hatte über Testamente geschrieben und
obwohl der Sohn einer umherabenteuernden Schauspielerin in den vornehmsten
Gesellschaften und bei den schönsten Damen Venedigs Glück gemacht Dann fing er
auf Einmal an zu predigen bahnte sich Aussichten zu den höheren geistlichen
Würden machte dumme Streiche und wurde Soldat Hierauf abwechselnd Militär
Glücksritter Spieler Gelehrter Musiker Wunderdoctor diplomatischer Agent
Freund und Gesellschafter der ausgezeichnetsten und berühmtesten Personen seiner
Zeit lebte und handelte er in diesen Eigenschaften bald in Deutschland bald in
Frankreich bald in Konstantinopel bald in Paris bald in Rom bald in
Petersburg in Riga und in der Schweiz in Warschau und in Neapel in Madrid und
London und sollte in Berlin sogar zum Director der KadettenAnstalt gemacht
werden was er nicht einmal annahm Wo er wollte sehen wir ihn in der
glänzendsten Gesellschaft sich bewegen mit den merkwürdigsten Männern auf
vertrautem Fuße umgehn die sachkundigsten Gespräche führen und wo er nicht
wollte ist er nicht minder interessant wenn er der spanischen
Schuhmachertochter in die Messe nachschleicht oder wenn es ihm auf Einmal
einfällt in Venedig als armer Violinspieler zu leben und in nachdenklicher
Einsamkeit seine Geige zu streichen Dann gefiel er sich wieder in
philologischen Beschäftigungen übersetzte die Iliade des Homer in italienische
Stanzen trieb Politik und Geschichte war Altertumsforscher und vertauschte
die Reize junger Frauen mit den Reizen alter Bücher Seine Belesenheit war
unglaublich und er hatte mindestens eben so viel Bücher aller Sprachen gelesen
als Mädchen aller Nationen geliebt und wie er sich für die Schönheiten des
weiblichen Geschlechts eine eigene mühsame Geschmackslehre gebildet so hatte
er auch in der Aestetik selbst manche neue Entdeckung gemacht und zB in
seiner Übersetzung des Erebillonschen Radamist zuerst den französischen
Alexandriner in die italienische Sprache eingeführt Er besaß ein ungeheueres
Gedächtnis und wusste die meisten Dichter seiner Nation auswendig er war ein
großer Matematiker und stellte tiefsinnige Kalcüls der höheren Analyse an Mit
den Waffen in der Hand geschickt auf dem Kampfplatz und in Ehrensachen mutig
und unerschrocken dort Mars und hier Adonis an den Toilettentischen der Damen
im Ballsaal graziöser Tänzer im Laboratorium erfahrener Chemiker auf der
Landstraße Ehrenretter bedrängter Frauenzimmer im Walde Schatzgräber am
Schmelztiegel Goldmacher in den magischen Kreisen der Kabbala Eingeweihter an
der Pharaobank ein unüberwindlicher Feldherr wer zweifelt noch dass in ihm das
perpetuum mobile der menschlichen Physik gefunden worden sei Am meisten aber
ist an ihm dies zu bewundern dass er sich selbst nie zum Ekel geworden Doch die
Stärke seines Geistes die Frische seiner Organe die Dauer seines Charakters im
Wechsel der Formen das kräftige Selbstbewusstsein bei aller scheinbaren
Selbstverlorenheit hielten in ihm eine immer glückliche Harmonie des Daseins
aufrecht Denn nachdem er auf dem Schloss Dux bei dem Grafen von Waldstein der
Kasanovas Goldmacherwissenschaft zu benutzen gedachte endlich einen erwünschten
Ausruhepunkt seiner Irrfahrten gefunden dachte er an sein vergangenes Leben
nicht mit Reue zurück sondern mit Liebe und ernsthafter Betrachtung Er bereute
sein Leben nicht sondern er schrieb es auf wie er es gelebt hatte und malte
einen romantischen Sumpf und ließ oben die Sterne darüber leuchten In ernster
Beschäftigung mit den Wissenschaften wurde er alt und starb von ihm kann man
wohl sagen lebenssatt erst zu Anfang dieses Jahrhunderts Den Achtzigern nahe
hatte er ein biblisches Alter erreicht und einen glänzenden Beweis für die
epikuräische Behauptung geliefert dass Lebensgenuss das Leben erweitert und
stärkt statt es abzuschwächen Der fleißige Meusel hat seine Schriften
verzeichnet
Ich hielt hier inne und sah mich nach meinem Zuhörer um Er saß noch immer
mit den eingewickelten Füßen und seinem Reliquienknochen da und schien mir
mit verwunderlicher Aufmerksamkeit gefolgt zu sein Ich wartete erst ein wenig
ob er nicht etwas sagen würde und stand dann auf um mich zu empfehlen Es war
unterdes Abend geworden dämmernde Schatten fielen in des Schulmeisters kleines
Zimmer und draußen im Tal musste der Sonnenuntergang Kühle gebracht haben Ich
machte also meinem versteinert dasitzenden Saturn einen Diener bedauerte ihn
seines Podagras wegen das er für sein Teil gewiss nicht einem zu starken
Lebens und Weltgenuss schuldete und griff dann nach der Tür Nun winkte er mir
mit der Hand zu bleiben und sagte ich möchte ihm doch das Alles ein wenig
aufschreiben wovon ich so viel geredet Es schien ihn also doch interessiert zu
haben
Da öffnete sich hinter meinem Rücken die Tür deren Klinke ich noch in der
Hand hielt Guten Abend Vater sagte eine schöne helltönende Mädchenstimme Es
war mir als müsste ich diese Stimme schon irgendwo gehört haben ich blickte
mich überrascht um Aber seltsam nicht den Klang dieser Stimme hatte ich schon
vernommen wohl aber das liebliche blasse Gesicht des Mädchens schon gesehen dem
sie angehörte Kein Wunder aber dass man den Gegenstand der uns erst durch das
Auge lieb und bedeutsam geworden auch in sich gehört zu haben und durch das
Gehör wiederzuerkennen glaubt Denn man denke sich es war meine Madonna
Ich trat mit einem unwillkürlichen Ausdruck des Erstaunens einige Schritte
zurück Und aus der Bewegung die sie machte als sie meiner ansichtig wurde
schien mir ebenfalls hervorzugehen dass ich ihr bekannt sei
Also sie die Tochter dieses alten Saturns Madonna ein Kind der Zeit Und
sie war keine Heilige die nur am heutigen Feiertage zur Belohnung der Frommen
sich auf diese Erde niedergeschwungen Diese wunderbaren trunkenen Augen
gehörten einer fühlenden Sterblichen an Und dieses feine von Geist und
Empfindung überschattete Antlitz diese sinnende weiße Stirn die mit tieferem
Leid und Lust menschlichen Seelenlebens vertraut schien diese zartbewegten
Glieder der jungfräulichen Gestalt sollten in einer niedrigen Schulmeisterhütte
ihre Heimat haben
Unmöglich Ich sage unmöglich Sie begrüßte mich mit einem so sichern
weltgebildeten Anstand sie war obwohl sie schüchtern den Kopf senkte wie ein
trauerndes Blumenglöckchen doch so wenig verlegen dass ich es ihr gegenüber
fast zu sein schien Sie nötigte mir Ehrfurcht ab sie war gewohnt gehuldigt
zu werden
Der alte Vater war sehr unfreundlich gegen sie Du bist lange ausgeblieben
Maria schalt er in seinem brummenden Ton
Maria nannte er sie Ich wurde immer verwirrter in meiner erhitzen
Einbildungskraft Madonna Maria Und wie ähnlich sah sie der von Rafael
gemalten Madonna del Giardino wenn man die Augen abnimmt Rafael hatte schöne
heilige Augen jener Madonna gegeben die Augen dieser Maria waren weltlich
Weltlich welttrunken weltgross Wahrhaftig ich wusste es nicht welchen Augen
der Vorzug gegeben werden müsse
Und nun stelle man sich vor dass ich durch Kasanova so sehr in die Gunst des
Alten gekommen war Er lud mich nämlich ein bei ihm zum Abendbrot zu bleiben
Am Fest von Mariä Heimsuchung sollte ich ein frugales christlich katolisches
Abendbrot wie er sich ausdrückte bei ihm nicht verschmähen Maria wurde von
ihm ausgescholten dass sie nicht schon Licht angezündet da es dunkel sei Sie
entfernte sich mehr gegen mich als gegen den Vater um Entschuldigung bittend
mit einer anmutigen Bewegung aus dem Zimmer
Ich saß wieder bei ihm allein und wusste nicht was ich sagen sollte Ihn zu
fragen ob er wirklich diese herrliche Tochter gezeugt hatte ich nicht den
Mut Von etwas anderem als von ihr zu sprechen hatte ich nicht die Lust
Er bat nur immer mit ihm vorlieb zu nehmen
Bald erschien sie wieder mit einem Licht in der Hand und beleuchtete sich
selbst einen Augenblick lang in den lieblichsten Reflexen Nun traf sie lächelnd
Anstalt den kleinen Tisch zu unserer Abendmahlzeit zu decken Sie besorgte
Alles selbst und wusste sich mit dem Kleinsten eine zierliche Beschäftigung zu
machen Ich fand den beneidenswert dem auf diese Weise der Hausstand geführt
würde und begriff nicht wie man in der beständigen Nähe einer so
wundertätigen Erscheinung deren warmes Incarnat gewiss mehr Heilkraft in sich
haben musste als ein ganzer Reliquienknochen am Podagra leiden konnte
Jetzt war Alles bereit Der Tisch wurde vor den Alten der sich nicht von
seinem Platze bewegte hingeschoben und Maria und ich nahmen jeder zu beiden
Seiten von ihm Platz Vorher sprach sie jedoch stehend das Abendgebet und mit
einem Ton der Stimme der mich mehr als Alles befremdete was ich bisher in
diesem Hause wahrgenommen Es ist wahr das Gebet bestand aus den hergebrachten
überlieferten Floskeln und Maria man sah und hörte es ihr an konnte schöner
beten aus ihrem eigenen Herzen heraus Daher lag im zitternden Ausdruck ihrer
Worte während sie sprach bald etwas schneidend Wehmütiges bald etwas erhaben
von innen her sich Aufschwingendes Ihre schwankende Stimme klagte bald bald
zürnte sie über ihren eigenen Text bald gewann sie wieder Flügel von der
geheimsten Seele her und bat rührend und lieblich zu ihrem Gott aufwärts dass
er doch nur Alles möge gut sein lassen Dann wurde die betende Stimme wieder
rau sie schien zu grollen über ein allzu eisernes Mädchenschicksal und
erstarb endlich leise und wie vor sich selbst erschrocken in einem halb
verschwiegenen Seufzer In dieser Bewegung welche das Mädchen so plötzlich
ergriffen war sie ganz rot geworden und der schöne Busen arbeitete mit den
heftigsten Schlägen auf und nieder Als sie geendet warf sie einen scharfen
spähenden Blick den ich wohl zu verstehen glaubte auf den Vater hin der aber
ruhig mit gefalteten Händen dem gewöhnlichen Sinn des Textes gefolgt war Lange
dauerte es jedoch ehe sie mir gegenübersitzend die vorige Freiheit ihres
Wesens wiedergewann Nur schienen wir da ich ihr verstehend in die Augen
blickte von diesem Moment an ohne es uns gesagt zu haben vertrauter
bekannter
Das Abendessen war wirklich ein christlich katolisches Eine vortreffliche
Mehlspeise wie man sie nur in katholischen Ländern zubereitet findet würde
jedem Andern als mir vorzüglich behagt haben Ich aber konnte meine Augen und
Gedanken nicht von dem auffallenden Wesen dieses Mädchens abbringen Wir
schienen alle mit etwas Anderem beschäftigt als mit dem gegenwärtigen
Augenblick und das Gespräch schlich wie eine stockende Stubenuhr welche der
eilenden Stunde ihre schwerfälligen Gewichte an die Ferse hängt Nur einzelne
Blitze fuhren oft lebhaft zwischen uns auf Und hierin war gerade Maria stark
dass sie unter unsern abgerissenen Bemerkungen Einzelnes unabsichtlich
hinzuwerfen wusste was in einen tieferen Zusammenhang ihres Geistes
hineinblicken ließ Sie steckte kleine Feuerzeichen der Laune auf und deutete
damit die Glut einer ganzen Seele an Sie streute einen zufälligen Witz aus
und verriet daran eine sorgfältige Bildung Nur war sie nicht in der Lage sich
ganz gehen lassen zu können Es drückte etwas in dieser Atmosphäre auf sie das
die freie Entfaltung ihres eignesten Wesens niederhielt Und der gute Alte was
tat er Warum sprach er kein Wort Dachte er noch immer verwundersam nach über
Kasanova Seine Sprosser die draußen vor den Fenstern in ihren Käfigen hingen
begannen schon gewaltig in das Nachtdunkel hinein zu schlagen Auf diese machte
er uns endlich aufmerksam und wir horchten beide still und dachten nicht an
die Sprosser
Mir fing an Manches klar zu werden und ich glaubte mir dies Verhältnis
zwischen Vater und Tochter nach und nach zu enträtseln Sie hatte unter andern
schöneren Umständen ihre über diese Hütte hinausgehende Erziehung genossen und
war jetzt wer kann wissen durch welche Wendung ihres jungen Geschicks an die
Pflege des alten mürrischen und ihr völlig fremden Vaters gefesselt Was früher
göttlich frei gewesen auserkoren für das heitere Glück gebildeter Umgebungen
hatte wieder unter das niedrige Dach sorgenvoller Beschränkung heimkehren
müssen Was sich ausgedehnt hatte in Lust und Liebe in zarten reinlichen Formen
des Daseins in Glorie gottgefälliger Frauenschönheit war wieder unter harte
Bande der Notdurft gelegt an die kalte freudlose Alltäglichkeit ohne Genuss
und ohne Blüten geschmiedet worden Ich verstand es ich verstand es Nicht
zum ersten Mal begegnet mir solch ein Leben dem die Blüten und die Sterne
genommen sind Ja es gibt viele Wesen die ganz ohne Sterne leben müssen Ein
Leben ohne Sterne ohne Duft ohne Grün ohne Laub ohne Fluss in der Nähe ohne
Abendgold in der Ferne Alles wird ihnen abgeschnitten es rauscht nichts um sie
her es spiegelt sich nichts bei ihnen kein Strauch wirft ihnen ein
Myrtenblättchen ins Haar Und gerade weibliche Naturen sind es am häufigsten
welche man an ein solches Leben ohne Sterne verbannt findet sie denen sonst
die Seele dazu gegeben ist immer einen Himmel in sich frei zu haben Aber das
häusliche Leben engt sich über ihnen zusammen die stillen Wände des
Familienzimmers drücken nieder auf ihre Brust Eine fromme Pflicht bindet sie an
eine abgeschiedene Alltäglichkeit Pflegerinnen am Sorgenstuhl der
menschenfeindlichen Alten Wärterinnen in der verhüllten verdunkelten
Krankenstube versäumen sie jedesmal die Stunde wann draußen ein Frühling
aufbricht und der goldene Mädchenmutwille lässt allmälig die Vogelschwinge
sinken Sie wehren sich kaum weil sie immer noch heimlich hoffen denn des
Weibes Geduld ist deshalb so stark weil sie einen so großen Schatz an Hoffnung
im Busen nährt Dann in spielender Wehmut binden sie wohl dem fortflatternden
Schmetterling ihrer Jugend heimlich ein rotes Fädchen unter die Flügel als
Symbol ihrer verborgen gebliebenen Lieblingswünsche und meinen ihn daran
wiederzuerkennen wenn er einmal wieder zu ihnen heimfliegen sollte in irgend
einem Spätsommer besserer Zeiten Nun stehen sie einmal an einem schönen Tage
früh auf sie haben das kümmerliche Leben ganzer Wochen und Monate vergessen
draußen lockt der Schmelz des Morgens zu neuen Freuden des Daseins alte Träume
werfen sich ihnen jubelnd ans Herz sie begreifen nicht warum sie nicht
glücklich sein sollten Und sie öffnen das Fenster und stehen lange und der
Schmetterling fliegt ihnen nicht heim ins Fenster und das rote Fädchen ist
nirgend zu sehen Und sie treten vor den Spiegel und eine abgeblühte Gestalt
blickt ihnen entgegen die sie sonst nicht gekannt haben und eine bleiche Wange
sagt ihnen dass sie alt geworden sind vor der Zeit Sie könnten noch jung sein
wenn sie gelebt hätten Aber sie haben nicht gelebt sie haben nicht leben und
nicht lieben dürfen denn die alte Tante war täglich und stündlich krank und
nur ein Vertrocknungsprozess unfruchtbarer Jahre ist an ihren holden Knospen
vorübergegangen Nun lassen sich Einige von innen her sterben Andere tröstet
die Religion und das Andachtsbuch
Ich weiß nicht es musste etwas Melancholisches in der ganzen Atmosphäre
dieser Stube liegen denn ich sah in meinen Gedanken schon das holdseelige
Geschöpf welches mir gegenüber saß hinwelken an diesem Dorfhüttenleben an
diesem freudlosen sie nicht verstehenden Vater an dieser Einsamkeit und
Verlorenheit eines verkümmerten Daseins Aber sie war noch so blutjung und so
blutwarm in diesen ersten raschen Pulsen der Jugend dass ihre Hoffnungen gar
nicht gezählt ihre Zukunft nicht gemessen werden konnte Ich sprang auf und
rief mich selbst vergessend Ein Madonnengesicht verbleicht nicht so bald
Sie war ebenfalls aufgestanden und ich glaubte sie über meine Worte lächeln
zu sehen und doch schimmerte zugleich etwas wie eine Träne in ihrem Auge Dann
zeigte sie als ich wieder näher zu ihr trat auf den Vater der es war seine
gewöhnliche Zeit in dem Lehnsessel eingeschlafen lag Sie winkte mir mit der
Hand Stille zu und traf mit Hilfe der herbeigerufenen Magd Anstalt den Alten
in sein Schlafkabinet zu bringen
Dann trat sie wieder heraus sichtlich erheitert und erleichtert Sie schien
freier leichtbewegter ja ihre Gestalt schien mir größer und gehobener
geworden Sie trat vor mich hin als wenn sie mir etwas sagen wollte doch sie
schwieg wieder und wiegte das Haupt mit stillem Sinnen
Ich forderte sie auf einen Spaziergang in den Garten zu machen Der
aufgegangene Mond schimmerte hell über den Bäumen und Gesträuchen die Nacht war
frisch anmutig und verschwiegen
Sie willigte ohne Zögern ein zutraulich hing sie ihren Arm in den meinigen
Sie war nicht zaghaft sie besaß einen selbstständigen Mut den Jeder geehrt
haben würde Aber sie war so heiß dass sie das verhüllende Umschlagetuch wieder
abnahm und zurückließ
Madonna del Giardino
Maria im Garten
Im Garten waren die schönsten Puncte von denen aus man die ganze Gegend in der
Mondbeleuchtung hätte überschauen können Hier malerische Berghöhen mit
Schlössern Ruinen Seen Dörfern dort hinten kahle Basaltfelsen die
sogenannten Borschen welche die abenteuerlichen Häupter zu uns herübersteckten
Aber wir waren indem ich sie durch die von den Mondscheinflocken überflogenen
Gänge hinführte mit ganz abweichenden Gesprächen beschäftigt
Was werden Sie von mir denken bemerkte sie lächelnd dass ich mich nicht
fürchte um diese nächtliche Stunde spazieren zu gehen
Vom hohen Nachthimmel steigen die Heiligen zu uns herunter sagte ich Die
schützen uns vor allem Bösen Vertrauen Andacht Begeisterung
Mitteilungslust erwachen in der heimlichen Stille der Nacht Das sind die
Heiligen die ich meine Unter ihren Fittigen lässt sich ein gutes Gespråch
führen Sie glauben doch an die Heiligen
Ich bin eine Katolikin erwiderte sie
Und heute ist ein Madonnenfest fugte ich hinzu Der heiligen Maria danke
ich Ihre Bekanntschaft Wer sollte heut nicht an die Heiligen glauben Ich bin
fortan der Maria dienstbeflissenster Anbeter
Und ließ doch vor ihrem geweihten Fahnenbilde den Hut sitzen mein Herr
sagte Maria ablenkend mit ernstaftem Nachdruck
Diese Sünde meiner Zerstreuung war groß genug erwiderte ich und doch zu
entschuldigen Ging denn nicht unter den Wallfahrtenden ein wunderbares
Madonnengesicht mit das ich für das einzig ächte halten zu müssen glaubte Das
auf der Fahne gemalte sah nur wie eine wahnsinnige Kammerjungfer zu ihr aus Ich
geriet also mit meinem Gruß in Verwirrung da ich überhaupt noch ein Laie im
Heiligendienst bin
Ein Spötter sind Sie mein Herr sagte sie und verwischte doch ein
verstohlenes Lächeln mit dem Schnupftuch
Dies Madonnengesicht fuhr ich fort musste mich um so mehr in Verwirrung
setzen da es feierlich still wie der Heiligen Art zu sein pflegt an dem
lauten Treiben der übrigen Frommen kaum einen Anteil verriet In sich selber
Göttliches sinnend schritt das herrliche glänzende Bild an mir vorüber und
ließ dem Staunenden ein unruhiges Herzklopfen zuruck das nun immer nachfragt
wer und was diese Erscheinung gewesen Warum sang Madonna nur nicht mit Gewiss
hat sie doch eine schöne Stimme Oder ist sie eine aufgeklärte Heilige welche
die Prozessionen nicht mehr liebt
Sie stand still und sah mich mit bittenden innigen ausdrucksvollen Augen
an Eine innere Bewegung der Seele schien über sie gekommen Ihre Wange hatte
sich hochrot gefärbt in ihren Blicken schimmerte es wehmutig und doch
spiegelte sich darin zugleich etwas wie kecker Trotz Dann sagte sie
weitergehend und ihren Arm fester auf den meinigen druckend Spotten Sie nicht
auf Kosten der Heiligen eine arme Irdische aus Ach wenn Sie wüssten was mir
diese Heiligen schon für Tränen gekostet haben und wie sehr ich hier für
unheilig gelte Ja ja ich bin ein gottloses Mädchen in einem frommen Lande
und bei einem frommen Vater setzte sie kaum horbar hinzu
Dann lächelte sie halb halb hätte sie weinen mögen Ihre Stimme schwankte
und klagte wieder wie vorher beim Tischgebet gleich einer Trauerblume im
Abendwinde Ich befragte sie meine ungeduldige Teilnahme nicht länger
zuruckhaltend um ihre Lebensgeschichte und was diese in der Frühe der Jugend
für schwere Schicksale auf ein so schönes Haupt gelegt
Meine Biographie ist ein Meisterstück schneidender Kürze sagte sie Ein
großer Schriftsteller würde sie in einen einzigen ironischen Satz
zusammendrängen können In den Aestetiken wurde man sie als Beispiel brauchen
wie aus den einfachsten Gegensätzen ein tragischer Witz entsteht In den
Sprachlehren würde sie als Redefigur dienen wie Schmucklosigkeit und Armut an
zierenden Beiwörtern oft die schärfsten Wirkungen hervorbringen Ich aber bin
ein armes ungebildetes der Darstellungsgabe nicht mächtiges Mädchen Ich wurde
vielleicht Jahre lang darüber plaudern wenn mein weitschweifiges Leid erst zu
erzählen anfinge Nein nein lassen Sie mich schweigen über mich mein
unbekannter Freund Sehen Sie mich für ein bizarres Abenteuer Ihrer Reise an
Ihre Freunde zu Hause werden es zweideutig nennen wenn Sie ihnen künftig davon
erzählen Lachen Sie künftig selbst einmal von Herzen über das taktlose
Dorfmädchen das sich einem Fremden zu nächtlichem Spaziergang an den Arm hängt
und das sich Ihrem Gespråch aufdrångt weil es mit seinen nächsten fahlen
Umgebungen das ganze Jahr über kein Wort zu sprechen weiß
Sie ließ bei diesen Worten die sie mit leidenschaftlicher Hast ausgestoßen
meinen Arm fahren eilte einige Schritte von mir fort und streckte sich mit
lautem Schluchzen ihr Haupt verhüllend auf eine Bank nieder die unter einem
Hollundergebüsch am Wege stand Ich folgte ihr setzte mich zu ihr und ergriff
des seltsamen Mädchens Hand ihr tröstliche Worte zuzusprechen versuchend Sie
ließ ihre warmen zitternden Finger lange in den meinigen duldete dass ich sie
drückte und an die Lippen führte und nachdem sie wie in sich selbst verloren
dagesessen richtete sie mit einer zuckenden Bewegung sich wieder empor und
fuhr sich wie besinnend mit der Hand über die Stirn
Ich verderbe Ihnen die schöne Nacht sagte sie sich die Augen trocknend
Sie sind vielleicht zu sanfteren Empfindungen aufgelegt und ich werfe meinen
wilden Trübsinn ungeschickt zwischen Ihre Mondscheinträume O ich verlerne in
dieser Verlassenheit hier alle Weltsitte allen besseren Ton des Umgangs Es mag
unausstehlich sein mit mir umzugehn Nicht wahr mein Herr
So sagte sie schneidend und ich hatte nicht viel Mühe ihr bemerklich zu
machen wie wenig ich an dem Mondschein und an meinen Träumen verloren Und dass
solche Leidenschaft ihres Schmerzes mir dennoch kein Rätsel sei wurde ihr
ebenfalls ans Herz gelegt
Nun so will ich Ihnen denn auch zur Abwechselung etwas Lustiges von mir
erzählen begann sie wieder mit erhöhter Stimme Nicht mein Leben nein nicht
mein armes junges kurzes Leben Sie sollen lachen Freund sie sollen lachen
Denken Sie mein guter Vater hat mir ein Pensum aufgegeben weil ich so
unwissend und gottlos bin In dieser ganzen Woche habe ich nichts weiter tun
dürfen als die Namen und Beschäftigungen aller Heiligen in der gesammten
katholischen Christenheit auswendig zu lernen Heut Abend nachdem ich zu
unserer heiligen Mutter Gottes gewallfahrtet sollte ich darin examinirt werden
und Ihr Besuch Ihre Gegenwart mein Herr hat meine strenge Prüfung
wahrscheinlich nur bis auf den morgenden Tag verschoben
Ihr fruherer Ernst klärte sich dabei allmälig zu einer Heiterkeit auf und
ich musste wirklich lachen soviel Piquirtes und Wehmutiges auch noch darin lag
Ich suchte sie damit zu trösten dass es in einer vielwissenden Zeit gar nicht
darauf ankomme wenn man auch noch die Heiligen alle in sein Gedächtnis
schließe denn nach der Lehre der speculativen Philosophie lågen Wissen und
Glauben himmelweit auseinander und sie brauche deshalb noch nicht an die
Heiligen zu glauben wenn sie auch sie auswendig wisse Ich selbst hatte da man
so vielerlei treibt wohl auch in den alten Heiligengeschichten fruher Manches
gelesen und schlug ihr vor dass wir ein vorbereitendes Examinatorium
gemeinschaftlich anstellen wollten
Die heilige Ottilia behutet die Augen begann ich und sah ihr dabei tief in
die Glut der ihrigen hinein vor deren Feuer es in der Tat der Hut einer
Heiligen bedurfte
Der heilige Florian waltet im Feuer sagte sie ernstaft einfallend als
hätte es wirklich noch eines Schutzpatrons gegen das von ihr ausstrahlende Feuer
nötig
Die heilige Katarina beschützt die Mühlen der Menschen fuhr ich fort
damit ihr inneres Räderwerk gewissermaßen ihr Herz nicht in Brand gerät wenn
es in zu heftigen Schlägen um seine Achse getrieben wird
Die heilige Cäcilia schenkt uns die Musik fiel sie sanft und feierlich ein
als läge ihr daran das pochende Räderwerk von dem ich gesprochen in eine
Koncertarmonie übereinstimmender Töne zu bringen
Der heilige Antonius hilft das Verlorene suchen sagte ich weiter um sie
daran zu erinnern dass sich ihres Lebens verlorenes Glück noch immer durch einen
Schutzpatron wiederfinden lassen werde Hier erwiderte sie lebhaft den Druck
meiner Hand
Dann nachdenklich an den Fingern zählend fiel sie wieder ein Die heilige
Agata behütet den weiblichen Busen damit er sich nicht einnehmen lässt von den
trüglichen Worten der Schmeichler und falschen Freunde Hier rückte sie weit von
mir ab an die andere Ecke der Bank und wandte ihr Gesicht seitwärts
Der heilige Rochus ist gut gegen die Pest rief ich ihr mit dem stärksten
Basslaut meiner Stimme nach Er muss angerufen werden wenn die Pest des
Misstrauens sich in die Gemüter schleicht
Die heilige Apollonia stärkt und schärft die Zähne sagte sie mit einer
kecken Wendung wieder näher rückend als fürchte sie sich gar nicht vor mir
denn dass die natürlichen Waffen ihres Geschlechts ihr gut geraten waren zeigte
die glänzende Perlenreihe ihres Mundes an als sie ihn jetzt zum lauten Lachen
öffnete
Der heilige Uldaricus verjagt die Mäuse sagte ich wenn sie mit ihren
weißen Zähnchen gefährlich zu werden ansangen
Der heilige Nepomuk weist einem den Weg über Straßen und Brücken erwiderte
sie Man ruft ihn an wenn man seiner losen Reden wegen fort und davon gejagt
wird
Der heilige Wendelin behutet die Lämmer entgegnete ich Das unschuldige
Lamm das verfolgt wird geht bei ihn klagen
Der heilige Christoph bewacht das Geld sagte sie Er wird angerufen in
zweifelhaften Fällen wo man falsche Münze von der ächten nicht unterscheiden
kann
Und nun hatte ich wahrhaftig keinen einzigen Heiligen mehr in meinem
Gedächtnis mit dem ich ihr auf ihre letzte Bemerkung hätte dienen können und
ich musste ihr in unserm HeiligenDuett schon diese triumphirende Schlusscadenz
lassen Es war aber merkwürdig sie zu sehen wie mit ihrer schmerzlichen
Stimmung mit der sie noch vor Kurzem gekämpft so schnell der holdeste
Mutwille hatte wechseln können So bricht durch die bittersten Tränen der
Jugend oft rasch ein unverwüstlicher Reichtum an Frohsinn wieder aus
Sie sehen im Heiligendienst bleiben Sie hinter mir zurück nahm sie wieder
das Wort Mein guter Vater bei dessen Erwähnung zuckte sie immer unwillkürlich
wird sich morgen einmal freuen über seine sonst so ungeratene Tochter Aber
was werden Sie sagen dass ich auch die Reliquien alle welche Kaiser Karl IV
auf seinem Schloss Karlstein besessen habe auswendig lernen müssen mit meinem
widerspenstigen Gedåchtniss
Da bedauerte ich sie Denn damit war ich freilich nie geplagt worden Ich
hatte zwar von dem ReliquienSchloss gehört das dieser fromme und in so vieler
Hinsicht hochverdienstliche Kaiser und Böhmenkönig eigens zur Aufbewahrung
seines HeiligenMuseums erbauen lassen aber meine Kunde von seinen Sammlungen
hatte sich bisher nur auf den Fetzen aus der ägyptischen Finsternis beschränkt
den er wirklich in Karlstein aufbewahrt haben soll
Sie nahm eine gelehrte Miene an und sagte mit einem komischen Seufzer Das
genaue Verzeichnis dieser weltberühmten ReliquienSammlung befindet sich hinter
der böhmischen Chronik Kronyka czeska des Wenceslaus Hagek a Liboczan einem
allen Heiligen sei es geklagt gerade hundert Pfund schweren Folianten aus dem
es sich diese armen Augen haben auflesen müssen vielleicht gar zur Strafe dass
sie früher in so viele Romane geblickt Lassen Sie mich von den Achseln Zähnen
Kinnbacken kleinen Fingern und großen Zehen Hemden Schuhsohlen
Strumpfzwickeln und Brustlatzen aller der Märtyrer Apostel und Patrone
schweigen Ich schaudere vor mir selbst über diese ganze GliederAnatomie die
ich davon in meinem unschuldigen Kopfe beherbergen muss und Nachts habe ich
unruhige Träume und nichts als Knochen und Skelette der Heiligen höre ich
rasseln in meiner geängstigten Phantasie Denken Sie neulich erschien mir die
abgezogene Haut St Mattäi des Apostels die sich ebenfalls auf Karlstein
befunden und daher auch in meinem Gedächtnis lebt im Schlaf und drohte mir
dass auch mir noch in meinen jungen Jahren nächstens die Haut abgezogen werden
solle wenn ich mich nicht zu einer besseren Christin bekehrte und meine
leichtsinnigen Hoffnungen die ich auf die bunten Freuden dieser Welt gesetzt
fahren ließe Doch ich will Ihnen lieber von den Heiligtümern unserer Jungfrau
Maria erzählen von denen das Verzeichnis in der Tat seltene und rührende
Schätze aufführt In der naiven Sprache dieses ChronikenRegisters heißt es
folgendermaßen »In einem silbernen vergüldeten Lädlein ist der wehrden
Jungfrawen Schlayers ein Stück im selben Kästlein ist noch ein Stück vom
Schlayer darinnen die Mutter des Herrn unterm Kreutze gestanden als ihr
liebster Sohn daran geheftet gewesen aus dessen heilichsten Leichnamb drei
Blutstropfen auff ihren Kopf gefallen und sind auff diesen Schlayer biss auff
Dato so schön als wann es diese Stunde geschehen allda ist auch ein Stück
Wachs aus der Kertzen so bei ihrem Tode gebrandt« Aber ich darf Ihre
ungläubigen Ohren mein Herr wohl nicht mit solchen Aufzählungen ermüden Doch
muss ich Ihnen sagen da Sie vorher meine Andacht zur Madonna in Zweifel gezogen
dass mein Herz wie andere Gedanken es auch oft haben mag doch am meisten mit
Liebe und Hingebung an ihr mildes Bild sich hängt Soll denn gar nichts
Katolisches an einem böhmischen Mädchen sein Nein nein die Madonna schenkt
mir sanfte Träume wenn ich zu ihr gebetet habe Und an ihren Schleier mit den
drei Blutstropfen drücke ich alle Abend so oft ich weinend schlafen gehe in
Gedanken die nassen Augen und dies große Symbol beglückt auch mich armes
Mädchen und kann mich sogar versöhnen mit den übrigen Abgeschmackteiten zu
denen frommer Unverstand mich zwingt Und nun still still Ich vergesse dass
Sie Protestant sind dass Sie protestiren werden auch gegen mein Fünkchen
katholische Andacht Nun sein Sie nur Protestant sein Sie Protestant Wie oft
wie oft habe ich in meinem stillen Kämmerlein ausgerufen O könnte auch ich es
sein
Das leidenschaftliche Mädchen war bei diesen Worten wieder ganz ernst
geworden und in mir knüpften sich die weitgehendsten Gedanken an Unterdes
veränderte sich um uns und über uns die Szene Hinter dunkel aufgetürmten
Wolken ging der Mond unter es wurde finster stürmisch die Nachtwinde bliesen
stark und wetterleuchtende Blitze spalteten von Zeit zu Zeit mit feurigen
Schweifen den mitternächtlichen Horizont War es zur Strafe unserer Sünden
Sollten mit dem Zorn des Wetters die Frevel unseres Gesprächs über die Heiligen
gerächt werden Wir hatten ja nur Selbstbekenntnisse getan Sinnend und
schweigend sahen wir beide eine Zeitlang in die düster wogende Nacht hinein
Maria schmiegte sich enger an mich sie sagte sie liebe den Sturm wenn er zu
ihren betrübten Gedanken Musik mache Sie könne noch nicht ins Haus zurückgehn
in ihr Gefängnis ihren Sorgenkäfig Sie wollte der große Nachthimmel wölbe
sich einmal zu einem Sarg über ihr zusammen dann möchte sie gern darin ruhen und
nichts mehr wünschen aber nur nicht lebendig begraben sein hinter den
Breterwänden ihrer Stube Ihr habe Gott ein rastloses Herz gegeben frei zu
sein Ich möchte sie nehmen wie sie sei in all ihrer Rätselhaftigkeit und
ihr etwas sprechen und erzählen zur Fortscheuchung der bangen Stunden dieser
Nacht
Ich erwiderte ich hätte ihr viel zu sagen Und die gelegene Stunde dazu
sei da Ganze Reihen an Betrachtungen seien durch die Heiligen und die Madonna
über mich gekommen und der Mitternacht und ihr wolle ich gern davon
vorphilosophiren Die Mitternacht mache ein ernstes Gesicht dazu und Sie wecke
die Begeisterung auf mit ihren Augensternen Der Madonnenschleier mit den drei
schönen heiligen Blutstropfen hänge drüben am Saum der trauernden Nacht und
flattere hoch in den klagenden Winden und strecke sich wallend aus über die
weite seufzende Erde und winke uns Ehrfurcht zu vor den Bildern an welche der
Menschen Herz sich hängt Und die Erde träume um uns her und die Träume gingen
irrend auf und nieder durch die Lüfte und die bösen Geister zitterten in den
Gräsern und ein großer Drang in der Brust brenne nach Wahrheit Und die
Wahrheit gehe einen Kampf ein mit den Bildern und der Madonnenschleier
zerreisse und die Blutstropfen verblichen vor dem hellen Morgenstrahl und die
aufgegangene Sonne winke uns Ehrfurcht zu vor der Wahrheit an welche der
Menschen Vernunft sich hängt Hiervon lass uns ausgehen Maria
Sie drückte mir schweigend die Hand sie deutete auf ihr schlagendes Herz
das an diese Dinge in quälender Unruhe schon so oft seinen Frieden verloren
Der Engel Gabriel klopfte an die Tür einer Jungfrau die hieß Maria fuhr
ich fort Er war von Gott gesandt und sie war die holdseeligste und süßeste im
ganzen Lande und wenn man ihre Schönheit leuchten sah an ihren Gliedern musste
man fühlen dass Gott mit ihr sei Und der Engel sprach zu ihr »Der heilige
Geist wird über Dich kommen und die Kraft des Höchsten wird Dich überschatten
Darum auch das Heilige das von Dir geboren wird wird Gottes Sohn genannt
werden« Da erschrak die Jungfrau denn sie wusste noch von keinem Manne aber
sie glaubte und bald verstand sie Ihre Seele erhob den Herrn der weibliche
Stolz regte sich und wie ein beglücktes Weib sich freut so freute sie sich
dass sie von nun an seelig gepriesen sein würde von allen Kindeskindern Lieblich
lächelte sie bei den Ahnungen einer großen Zukunft und wie eine kaum
herangewachsene Braut die den Welternst ihres älteren Geliebten noch nicht
begreift kindlich tändelt mit dem scharfen Schlachtschwert an seiner Seite so
lag das ernste Geheimnis einer unendlichen Weltumwandlung spielend an der
Jungfrau Busen und sie hegte es mit mädchenhafter Zärtlichkeit wie eine
Maienknospe In der stillen Überschattung des Höchsten hatte sie den Gott in
sich empfangen und sie hatte mit einem Kinderkuss an der Überschattung sich
satt gesogen Sie war Jungfrau geblieben denn das Wort hatte sie befruchtet
und das Wort war es gewesen das Fleisch wurde aus unberührtem Schoss der
Jungfrau Denn aus jungfräulicher Blüte musste der Gott einer neuen Weldordnung
sich aufrichten er der ein reines neues und jungfräuliches Zeitalter des
Geschlechts auf die Erde brachte So ruhte Gottes Unschuld an süßen
Mädchenbrüsten und trank von der unbefleckten Magd die Milch des irdischen
Lebens aus der er Mensch wurde Um des Menschen Sohn zu fein hatte er sich aus
dem Schoss des Weibes gewunden und sich an ihren Busen gelegt aber das Weib
hatte an der Überschattung Gottes gehangen und das Wort war zeugend in die
unbewusste Unschuld gedrungen und darum wurde das Heilige das von ihr geboren
worden Gottes Sohn genannt Die jungfräuliche Unbewussteit in die das
Bewusstfein Gottes gestiegen war hatte den Gottmenschen geboren denn das
menschliche Bewusstfein das nur der Begriff seiner selbst ist aber nicht der
Begriff Gottes hätte keinen christlichen Gott sich erzeugen können Darum war
es eine Unbewusste eine Jungfrau eine unmittelbare Offenbarung aus welcher
Gott hervortrat in die Täler der Erde Durch diesen Gedanken der notwendigen
Unbewussteit habe ich mir die Notwendigkeit der Virginität der
Jungfräulichkeit und der unbefleckten Empfängnis der Madonna bewiesen Durch das
menschliche Bewusstsein waren die heidnischen Götter gezeugt worden aber in
Jupiter und Apoll war eben nur menschliches Bewusstsein und ihre Altäre stürzten
zusammen und der Olymp des menschlichen Bewusstseins fiel Die Welt wurde
finster und war ohne Gott Sie philosophirte sie speculirte sie baute
Systeme sie gründete Geheimlehren aber kein Gott und kein Glück schien hinein
Da regte es sich im Schoss einer Unbewussten einer Jungfrau Die hieß Maria und
hatte von der ganzen Welt noch nichts gewusst Sie war schön und lieblich am
frühen Morgen ihres Lebens aber sie wusste von nichts Sie war wie eine Blume
auf dem Felde die nach dem Licht sich aufrichtet aber nicht weiß warum In
ihrem Städtchen hatte man nie etwas von Philosophie gehört und ihre Nachbarn
lebten und starben mit der Stunde Aber mit den Unbewussten ist Gott denn er
freut sich an ihrer Frische Er gießt keinen neuen Most in einen alten Schlauch
sondern er schafft sich einen neuen Das alte Weltbewusstsein war in tausend
unseelige Trummer auseinandergegangen und siehe an die unbewusste Unschuld
knüpft sich die neue Weltordnung an Die Unbewusste die Jungfrau trägt unter
ihrem reinen Herzen den Erlöser Die Unbewusste die Jungfrau wird von der Kraft
des Höchsten überschattet So werden später unter den Völkern nur die neuen
unbewussten jungfräulichen Germanen auserkoren um die erlösende Lehre des
menschlich geborenen Gottes in der Weltgeschichte siegreich zu machen Alles wird
auf einen reinen und neuen Stamm gepfropft Die Jungfräulichkeit ist die höchste
Macht aller Weltentwickelung das erste Gesetz in der Geschichte
Maria bat fortzufahren und legte in der Aufmerksamkeit des Zuhörens ihren
Arm vertraulich über die Schulter des Redenden Ringsumher begünstigte die
wieder ruhig gewordene Nacht den Gedanken
Die Madonna stand weinend am Kreuze und auf ihren Schleier sprützten die
Blutstropfen des Sohnes Er aber sprach zu ihr Siehe Weib das ist Dein Sohn
Und von dieser Stunde an ging die Mutter mit dem Sohne in die Weltgeschichte
über Die Menschen wollten Bilder haben denn ihnen wird bange vor dem reinen
Geist Sie wollten schöne Bilder hineinstellen in ihr kahles Dasein und erhoben
die Madonna in aller Glorie der Verherrlichung auf den Purpurtron ihrer
Andacht Die Jungfrau gründete den Olymp der christlichen Mythologie Es war
rührend an sie zu denken und wessen Herz riss es nicht hin wenn die
jungfräuliche Mutter der Christenheit vor ihn trat in seine Anschauung Eine
Mutter eine Jungfrau die zwei Blütenpuncte des Menschlichen Und sie
schenkten ihr schöne Kleider von Gold und Silber schwer und hingen schimmernde
Juwelen um ihren Lilienhals und wer den kostbarsten Diamant hatte steckte ihn
opfernd an der Madonna Busen Es wurde durch sie die geistige Erhabenheit der
neuen Religion näher hinangerückt an die alte Freundlichkeit der menschlichen
Gewohnheit Und so wurde der Madonnendienst wichtig in frühen Jahrhunderten
Wessen Seele in das Unsichtbare nicht hineingriff der betete das Sichtbare an
in der milden Gestalt einer Jungfrau und war doch gewiss dass diese Gestalt
zusammenhing mit dem unsichtbaren Geiste Maria wurde die Vermittlerin sie
wurde die Fürbitterin am Kreuze Gott war die Wahrheit und die Madonna war das
Bild Das Bild schien sanft wie der Abendstern in die Augen der Frommen und die
Wahrheit schnitt wie eine scharfe Sonne in den Grund der tiefsten Tiefen hinein
Es war die mytische Zeit des Christentums und die Frommen klammerten sich an
das Bild und wandten sich an die Sanftmut des Abendsterns In der Jungfrau
knüpfte sich wieder das Unbewusste in stillen schonenden Übergängen an das
göttliche Bewusstsein an Das Bild zeigte mit seiner vielverheissenden Miene auf
die Wahrheit hin Die Glorie der Jungfrau predigte von der Menschlichkeit des
Gottes Alles nahm sich heimlicher und traulicher aus für die Frommen und die
Gewalt des offenbarten Geistes die hinter diesen Zeichen wogte konnte sie
nicht mehr blenden Zum Überfluss wurde der christliche Olymp nun bald noch
vollständiger besetzt damit der Geist der auf Erden erschienen war von der
Schärfe der Geistigkeit verliere und in die Milderung der Bilder getaucht werde
So reihten sich die Heiligen und die Märtyrer in langen Schaaren um den
Purpurtron der Madonna Sie wurden so sehr zu mytologischen Figuren dass sie
gleich den Göttern der antiken Welt Begriffe bezeichneten in den Naturkräften
walteten und als Schutzpatrone besonderer Lebensverrichtungen gedacht waren
Jene Heiligen welche die Augen Ohren Nasen Brüste die Felder und Häuser
die Gärten und Wiesen behüteten waren nichts mehr als die Dryade die im
Wachstum des Baumes seufzt oder Priapus der die natürliche Fruchtbarkeit
fördert Nun vervielfältigten sich durch diese Halbgötter die Bilder Und die
Künste kamen von dem reichen Stoff gelockt und bemächtigten sich mit
Begeisterung ihrer Gegenstände Die Künste stehen zwischen dem Bild und der
Wahrheit in der Mitte Sie sind die herüber und hinübergehende Sehnsucht
zwischen beiden und zugleich eine echt menschliche Befriedigung dieser
Sehnsucht Sie bilden eine naive Harmonie der Unbewussteit und der Bewussteit in
ihren großen Erfindungen aus Der Geist lässt sich voll Liebe gehen in diesen
schönen Formen er offenbart sich in diesen Farben und sein Unsichtbares geht
fühlbar hindurch durch diese Lichter und Schatten Aber er ist nicht der Geist
als solcher sondern er spricht aus der bunten milden Form zu Dir Und die
Formen schwellen sie dehnen und runden sich und Engelshände scheinen all diese
Lieblichkeit gebaut zu haben Aber es ist nicht die Lust der Form sondern die
Form hat sich an Gott berauscht und ist in ihm seelig geworden Die Malerei
wurde die christlichste unter den Künsten und die erste Kunst des
Christentums weil sie diese Aufgabe ihrer Zeit am grosssinnigsten löste Rafael
sah die Modonna in seinem Geist und vertiefte sich in ihre Bedeutung und malte
sie wie noch Keiner sie gedacht hatte Rafael war der Erste der den
Katholizismus zu idealisiren begann In seinen Bildern ist katholische Andacht
Glanz und Mystik aber protestantische Klarheit und Gedankenerhellung zugleich
Seine Gesichter deuten alle wie im Geiste weissagend in die Zukunft hinein Er
ist der größte Maler denn er malte das Ideale aus dem Mytus heraus und
stillte durch die zarteste Form den Drang der Wahrheit im Bilde In diesem
Rafael ist etwas Prophetisches etwas Weltistorisches das ihn so bedeutsam in
das Zeitalter der Reformation hineinstellt Der katholische Mytus tritt
geläutert und reformirt in Rafael auf und zeigt in dieser Blüte seiner
Darstellung in welcher der mächtig werdende Gedanke den Fittig hebt auf die
höchste und letzte Stadie des christlichen Bilderdienstes hin Man vergleiche
nur seine Madonnen mit denen der andern Maler und werde gewahr wie er immer
aus der höchsten und tiefsinnigsten Idee seine Gestaltengebung geschöpft hat
Ich will jetzt nicht von seiner Madonna del Giardino in Wien reden an die ich
heut schon auf andere Weise so merkwürdig erinnert worden bin Am meisten steht
mir in diesem Augenblick die große Sixtinische Madonna vor Augen zu deren Füßen
ich ebenso lange in Anschauen versunken liegen möchte als die kleinen Engel
die so gedankenvoll zu ihr hinaufblicken Andere Maler haben mit mehr oder
minderem Glück in der Jungfrau mit dem Kinde die stolzbeglückte Mutter die
mütterliche Hoheit das Nimbusreiche das Strahlende hervorgehoben und zu den
meisten dieser Bilder denkt man sich sogleich und unwillkürlich eine katholische
Kirche dazu von deren Wänden und Kreuzgängen sie die Vorstellung sich kaum
abzutrennen vermag Rafael hat in seiner Madonna immer am entschiedensten das
Jungfräuliche gebildet und zwar das Jungfräuliche in der tieferen religiösen
und weltistorischen Bedeutung auf die ich vorhin gewiesen habe Dadurch hat er
das Verschämte das Süße und dann das allgewaltige mütterliche Glück das ihr
im Kinde zu Teil geworden keineswegs zu schaffen vernachlässigt Er hat mit
göttlichem Pinsel das Liebliche und das Tiefsinnige ineinandergemalt und jener
Tiefsinn der Jungfräulichkeit ist wohl nirgend so zum vollendeten Bilde
geworden als man an der Sixtina in Dresden sieht Ich weiß nicht ist es das
Hohe das Erhabene das Gedankenschwere oder ist es das Jungfräuliche das
Reine und Schlanke das Mädchenhafte was mein Herz vor diesem Bilde
niederwirft Die vom Geist überschattete Mutter Gottes und die zarte
unschuldige Magd sind gleicherweise ausgedrückt in diesen Zügen in diesen
Blicken in diesem wunderbaren Körper Die schwebende Bewegung der Gestalt der
gottesehrfürchtige Ernst der Augen ziehen die Gedanken in das Unendliche und
Unsichtbare aufwärts und die süße Leiblichkeit bindet sie wieder an die Anmut
der Form als an ihre irdische Gränze Das Mädchen zieht von der Göttin ab und
die Göttin von dem Mädchen Und so ist alles menschliche Denken Die Idee fasst
sich in ihrer tiefsten Geistigkeit und wird doch gern wieder Leib und muss es
werden weil für den Lebenden ein so seltsamer Zauber auf dem Irdischen ruht
Und das Kind der Welt ist von diesem jungfräulichen Leib geboren worden Wie
äterisch wie vergeistigt wie verklärt ist dieser Leib in allen seinen Formen
dass man sieht ein großes Weltgeheimniss leuchtet aus der feinen Durchsichtigkeit
dieser Glieder heraus Bei diesem Bilde fällt mir kein Kreuzgang einer
katholischen Kirche ein in dem ich es mir denken müsste Rafael hat hier wie
immer für die unsichtbare Kirche gemalt Seine Bilder sind Weltbilder er ist
ein Weltmaler Was die großen Helden der Geschichte mit dem Schwert verfochten
was die Dichter und die Weisen im Sinne gehabt hat Rafael mit Farben
geschrieben Die Weltfreiheit des Gedankens
Lass uns nun holde Maria auch die andern Künste in ihrem Madonnendienst
belauschen Wir sind einmal im Zuge wir haben uns weit in Betrachtungen
verloren Es wird spät aber Du bist ein freies Mädchen und wachst mit Deinen
sinnenden Augen gern in die Geisterstunde hinein und ich verehre Dich Die sich
verstehen sind für einander geboren und fragen beide nicht nach Zeit und
Stunde Die gemeine Ordnung der Dinge berührt nicht Die welche frei und mutig
sind im Geiste Ich habe immer im Stillen meine größte Schadenfreude daran
gehabt wenn ich die Regel der Verhältnisse verachten konnte Und Du bleibst bei
mir schönes freies geniales Mädchen Die Mitternacht ruht schwer und träge
über unsern Häuptern die Eule schreit drüben auf dem Kirchturm aber helle
wachsame Gedanken gehen auf und ab auf Deiner holdseeligen Stirn
Die Kunst des Katholizismus war die Malerei aber die andern Künste konnten
sich nicht emporschwingen an dieser Aufgabe Die Musik stimmte zwar erhabene
Töne an und führte große und herrliche Stücke auf zu Ehren der Kirche aber sie
blieb ihrer Natur nach ganz in bigott katholische Gefühle verloren und konnte
daher wegen dieser Einseitigkeit ihrer Andacht nicht dazu gebraucht werden an
jener weltistorischen Aufgabe der Versöhnung zwischen Bild und Wahrheit Mytus
und Gedanken mitzuarbeiten Die katholische Kirchenmusik blieb mit ihren
zerknirschten Empfindungen in den Mytus versunken während die Malerei in ihrer
höchsten Blüte ihn zu idealisiren unternahm Gehörte Rafael der Welt so waren
Palestrina und Marcello nur fromme Söhne ihrer Kirche Ihre Psalmen und
Motetten ihre Messen und Kantilenen rauschten von der Orgel und klagten und
jubelten durch den hohen Dom aber hinter ihnen waren die Kirchtüren
zugeschlagen und nur fern von draußen hörte man die Strömung des Lebens
Rafaels Altarblätter dehnen sich hinaus über die Bogenwölbung unter der sie
ruhen sie sprengen das Dach und die Kuppel und machen Dir oben den blauen
Himmel frei und eine weitblickende Fernsicht Die Musik der Messe macht Dich
ortodox wenn Du es noch nicht bist Ihr mytischer Ernst nimmt Deine Seele
gefangen die Heiligkeit der Tradition braust mit Posaunenklängen dazwischen
und auf süß verlockenden Saiten wird ein gefährlicher Friede des Herzens Dir
angeboten So haben noch bis in die neuesten Zeiten Cäciliens tönende Engel die
meisten Proselyten gemacht Und was tat die Poesie diese Göttin als sie
katholisch war Sie hat ein ungeheueres Gedicht hervorgebracht die göttliche
Komödie des Dante von dem ich hier nicht reden will weil es unter andern
Gesichtspunkten zu betrachten denn der katholische Mytus ist in dem Geist
dieses gigantischen Dichters speculativ geworden Nicht zu weltfreien Formen
idealisirt wie in Rafael nicht in dunkler Inbrunst des Gefühls ausklingend
wie in Palestrina hat bei Dante der Katholizismus um sich auf einen tieferen
und reicheren Lebensgrund zu stellen vielmehr fremde Elemente in sich
aufgenommen und mit scholastischer Philosophie und antiken Formen sich
gemischt Am meisten kirchlich blieb die katholische Poesie in den Autos des
Kalderon und über dem Haupt dieses spanischen Dichters drückte sich die Decke
der Kirche am Ende so eng zusammen dass er auf seinem Todbette alle die
wunderschönen weltlichen Dramen bereute die er gedichtet und die noch heut
seinem Namen einen lieblichen Klang unter uns geben Aber das Kirchenlied ließ
in seinen herrlich tönenden lateinischen Rhytmen manche rührende Laute hören
und dichtete das tiefbewegte Stabat mater das noch immer für jedes andächtige
Herz einen hinreissenden Schwung hat In wie kindlich frommen Weisen hat hier
nicht die Andacht zu der Madonna Worte gefunden Sie steht vor dem Kreuz des
Sohnes die Tränen stürzen ihr über die blasse Wange herab Das Todesschwert
das die heiligen Glieder durchdrungen ist auch tief in ihre Seele gefahren und
der Schmerz der ganzen Menschheit zuckt durch die Brust der gebenedeiten Mutter
Da schleicht sich die Andacht der Gläubigen leise an ihre Seite und schmeichelt
sich bittend zu ihren großen Schmerzen hinan Die menschliche Andacht will mit
der Madonna weinen sie will mit ihr am Kreuze stehen und mit der Königin der
Jungfraun die unstillbare Klage vereinigen Sie will gern Teil haben an den
Qualen die vom Kreuze ausgehn und sie fleht dass die Hochgebenedeite den
Menschenseufzer unter den ihrigen mische damit er aus ihrem Munde in den Himmel
komme Eine wunderbare durchdringende Beredtsamkeit spricht aus diesen
klagenden und flehenden Tönen und dazu haben die kurzen Verse und einfachen
Reime der lateinischen Sprache eine Naivetät über diese Andacht ausgegossen die
noch herzergreifender wirkt
Ich kann es singen sagte Maria Wenn sich der blutige Madonnenschleier in
meine Träume webt flüstert auch oft diese Melodie die dem Freunde bekannt sein
wird durch meine Seele O o ich bin ja auch eine Katolikin
Sie schwieg eine kleine Pause lang Dann überraschte sie mich durch die
herrlichste Stimme Bebend seufzend hingerissen in Erdenqual verloren und
dann doch wieder großartig abgemessen ruhig mit einer himmlischen
Überzeugung sang sie mehr recitirend die ersten Strophen
Stabat mater dolorosa
Juxta crucem lacrymosa
Dum pendebat filius
Cujus animam gemeatem
Kontristantem et dolentem
Pertransivit gladius
O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti
Quae moerebat et dolebat
Et tremebat cum videbat
Nati poenas inclyti
Hier stockte hier zögerte und zitterte ihre Stimme und sie wollte nicht
weitersingen Ihre Töne waren mit einer seltsamen Gewalt durch die stille Nacht
hingeklungen Mir selbst waren sie aufs Herz gefahren und ich fühlte mich wie
betroffen ich weiß nicht warum Ich stand unruhig auf und sie hing sich wieder
an meinen Arm und ging schweigend mit mir fort durch die finsteren Gartengänge
Es war mir lieb dass sie nicht weitergesungen denn in die Stimme dieses
Mädchens hatte sich plötzlich ein dunkler zweischneidiger Schmerz
hineingewälzt der Alles in mir aufzurühren drohte was jemals von Metaphysik
und Verzweiflung durch meinen jungen an der Welt hängenden Geist gegangen war
Maria hatte indem sie sang den Versuch machen wollen sich innerlich von der
Welt loszusagen die so arm und blütenlos für sie geworden war Sie hatte so
schien es mir sich ganz hingeben wollen an diese religiöse Inbrunst die mit
dem Liede von ihren Lippen floss um nun für immer Ruhe zu haben von den Stürmen
und Wünschen des Lebens Sie hatte sich mitten unter diesen Tönen inwendig
Gelübde abgerungen Alles zu lassen was der begehrliche Sinn noch von des
Lebens trügerischen Schätzen gehofft Aber ihre Seele war darin unterwegs stehen
geblieben und hatte nicht weiter gekonnt Sie musste noch unendliche Lust an der
Welt in ihren verborgensten Gedanken entdeckt haben und war vor sich selbst
erschrocken wie sehr sie am Leben hing Ihr Gesang auf dessen Flügeln sie sich
an die Seite der Madonna hatte flüchten wollen und unter den sanftverhüllenden
Schatten des Kreuzes war abgerissen in todesschmerzlichen Zuckungen Er seufzte
diesem Frieden noch einmal aber vergeblich nach und erstarb dann auf ihrem
Munde und verklang in die Nachtlüfte Sie gab den Frieden am Busen der Madonna
auf den Frieden und das gemeinschaftliche Tragen des Leides darum schwieg sie
aber sie hatte und sah noch nichts was sie sich dafür hätte schenken können aus
dem Reichtum des Lebens heraus Darum verstummte sie ermattet Zerrissen
zerrissen war das Lied von der mater dolorosa tief in der strebenden Seele
Hier und da waren aus dem verworrenen Dunkel der Wolken helle Sterne
aufgetaucht und standen den Himmel über uns erweiternd wie beruhigende
Zeichen über unsern Häuptern da Wir wandelten lautlos fort und ich wagte noch
nicht sie nach den geheimen Bewegungen ihrer Seele zu fragen
Dann sagte sie halblaut um nur unsere ängstliche Stille zu unterbrechen
warum ich noch nichts von der katholischen Baukunst bemerkt welche die
schönsten Kirchen hervorgebracht die sich nur für die Wohnstätte der Andacht
denken ließ
Diese Gegenstände alle erwiderte ich haben mir plötzlich eine solche
Bangigkeit erregt dass ich sie nicht weiter verfolgen mag Die wilden
Nachtgespenster Mädchen schleichen sich mit ihnen in unsere Seele Auch greift
die Baukunst der sogenannten gotischen Kirchen tiefer und umfassender in den
Sinn des ganzen modernen Lebens ein als dass sie in irgend einer engeren
Bedeutung dem Katholizismus angehören sollte Von der katholischen Sculptur
aber welche die Heiligen und die Madonna an den Heerstrassen und in den
Waldkapellen in dieser wie mich dünkt keineswegs anbetungswürdigen Gestalt
aufgerichtet hat will ich vollends nichts sagen Ich darf Deine Gedanken und
Deine Phantasie nicht noch mehr quälen Maria Armes Kind Du sollst Deine
heitern und mutigen Lebenshoffnungen noch nicht ins Grab legen und sollst
nicht zagen wenn Du der Welt mehr angehörst als den Heiligen und ihren Bildern
In jener Sculptur haben die Bilder an welche der Frommen Herz sich hängt
bereits ihre ausartendste Verzerrung erlitten Von dem Bilde ist die Schönheit
gewichen der Mytus ist in die hässlichsten Formen verkrüppelt Die katholische
Sculptur deutet den Verfall des katholischen Bilderdienstes an denn wo keine
ächte Kunst mehr ist ist auch keine Wahrheit da Die Sculptur ist die letzte
der katholischen Künste und noch täglich ist sie geschäftig neue Bilder und
Leiber der Heiligen in Holz oder Stein auszuhauen Aber es ist als hätte sie
den Mut nicht mehr dem hellen Tag unserer Zeit ins Angesicht diese Leiber und
Bilder mit der höchsten Weihe der Kunst zu schmücken Die Hand zittert ihr
kraftlos weil die Wahrheit bereits so mächtig geworden in dieser Zeit und das
Bild gerät ihr jetzt so schlecht dass man es ihm gleich ansehen muss es sei nur
ein Götze Das Bild zeigt nicht mehr auf die Wahrheit hin der Mytus hat den
Gedanken verloren Das Geschlecht hat sich verändert und ist sehr ernst
geworden und sehr vernünftig Zeichen und Wunder sind größere und mächtigere
geschehen in den Umwälzungen der Zeit als in alten Heiligengeschichten Die
Wahrheit hat sich von der Magie der Bilder in die sie verzaubert war befreit
und losgerissen und hat sich alleinherrschend um Leben und Tod auf den Zenit
der Menschheit hinaufgekämpft Die Besten wissen nichts mehr davon dass etwas in
ihnen klinge von der Wunderpoesie des Madonnenschleiers Die Madonna ist in die
schöne Vergangenheit der Bilder zurückgetreten sie lebt am herrlichsten in den
GemäldeGallerieen und hat ihre tiefste Bedeutung in der Myte Christus aber
schreitet als der Geist der Fortentwickelung durch die Geschichte und die
Religion bildet sich im Geist und in der Wahrheit in die Welt hinein Die Welt
wird arm an Zauber der Myte aber sie erhebt sich durch ideelle Einheit an der
sie reicher wird zu einem Ganzen Sie ist nicht mehr der abgefallene Engel
heut noch der Gegensatz des Geistes sondern der Geist hat sich in ihr
niedergelassen und hat Hütten in ihr gebaut Alles wird weltlich in unserer
Zeit und muss es werden selbst die Religion Denn es kann nichts Heiligeres mehr
geben als das Weltliche nichts Geistlicheres als das Weltliche Alles hat
jetzt eine und dieselbe Geschichte und was eine Geschichte hat gehört Gott an
mag es nun in einem Kloster wohnen oder liegen auf dem Schlachtfeld Nachdem
diese Gegensätze des Weltlichen und des Geistlichen gefallen haben die Völker
freiere und grossartigere Weltbildung unter sich heimisch gemacht Die Welt
trauert und krankt nicht mehr an einer unklaren Sehnsucht sie entfaltet sich
tatkräftig in sich selbst und vollzieht so das Höchste Alles Alles ist
Weltgeschichte es kann kein gottwohlgefälligeres Leben geben Man arbeitet
kämpft und stirbt für seine Zeit man ist heiter mit ihren Torheiten und ernst
mit ihren Bestrebungen und hat einen heiligen Wandel geführt Die Zeit in der
wir leben und wirken gibt uns die Weihe sie ist unsere Fürbitterin und
Vermittlerin vor Gottes Thron und eines andern Heiligen bedürfen wir nicht
dazu wenn wir geirrt haben Märtyrer sind wir uns selbst genug mit unserem
Herzen Was ist denn heilig Ich kann mir nichts Anderes darunter denken als
dass Gottes ganze Welt in Blüte steht und sich entwickelt Mit dem Heiligen ist
es mir immer eigen gegangen dass ich es nicht anders habe begreifen können Ich
muss im Grunde ein sehr profanes Gemüt haben jedem Geistlichen gegenüber Aber
tröste Dich Maria Mit mir tröste Dich Wahrlich wahrlich ich sage Dir Du
kannst keine größere Heilige auf Erden sein als wenn Du eine Weltliche bist
Schönes Mädchen ich erwähle Dich zu meiner Heiligen damit Du nicht zu sehr
verzagst an Dir Ich grüße Dich als meine Heilige eine Welteilige Ich küsse
Dich
Sie sank mir von selbst in die Arme Zärtlichere Lippen hatte ich nie
geküsst und doch vermischten sich mit der Glut dieses Kusses heiße Tränen die
ihr aus den schmerzlich glänzenden Augen stürzten Dann richtete sie sich still
auf und ruhte einen Augenblick ihr Haupt an mir und sagte ihr ganzes Herz
hätte ich erraten Ihr Herz mit ihren Schwächen und Wünschen mit all der
geheim nistenden Qual Dann riss sie sich ganz los von mir und sagte ihr sei
doch nicht zu helfen Sie ging mit heftigen Schritten auf und nieder und die
leichte feenhafte Gestalt zeigte sich in dem rührendsten Zauber ihrer
Bewegungen Sie sah unendlich reizend aus der Schmerz hatte eine liebliche
Unordnung über ihr Wesen verbreitet Sie weinte in sich hinein dass sie eine
Verlorene und Verstossene sei aus der Welt
Wie kann man verloren sein musste ich ihr erwidern wenn man jung ist und
eine Welteilige Die Welt hat Dich nicht ausgestoßen sie will nur dass Du Dich
wieder zurechtfinden sollst in ihr Sie ist groß und weit Sie ist gut und
göttlich
Ich habe sie genossen sie hat mich gelockt und verführt klagte sie Und
sie lockt mich noch immer Sie ist schön und lässt mir keine Ruhe Sie
versprach mir von ihrem Leben Alles aufzuschreiben und auf wenigen Blättern
mir Alles zu geben wann wir uns wiedersähen Ob wir uns wiedersähen
Dies erinnerte mich dass wir uns trennen mussten Wir hatten die Zeit schnell
mit diesen unruhigen Nachtgesprächen hingebracht Ich fragte halb lächelnd halb
schmerzlich ob sie mit mir gehen wolle in die weite Welt hinaus Wir wollten
gut zusammen wandern durch die weite Welt
Die Welt ist groß und weit die Welt ist gut und göttlich wiederholte sie
auflächelnd meine Worte Ach sagte sie dann zusammenzuckend ich ginge gern
als Jockei verkleidet mit auf die Reise wenn ich nur hinwegkommen könnte aus
des Vaters dumpfer Hütte und von diesen böhmischen Heiligenbildern die mich
bedrückend ansehen dass ich hier nicht atmen kann und die auf mich
herabzustürzen drohen wenn ich sie angstvoll grüße
Laut schluchzend stürzte sie auf mich zu und ich fing sie erschrocken in
meinen Armen auf Dann schien ihr selbst bange darüber zu werden dass sie sich
so unverholen ausgesprochen
Es ist Schade dass ein wandernder deutscher Schriftsteller keinen Jockei
brauchen kann Hilf Himmel wie bunt wirrt und zerrt sich das Leben
durcheinander in der Bedrängnis der Gemüter
Wir sehen uns wieder Maria Maria ich muss fort und wir sehen uns wieder
Gott behüte Dich meine Welteilige Glück schieße reich an Dir auf und bringe
Dir noch den Genuss der schönsten Tage Von jeder Reisestation aus will ich an
Dich schreiben wie es in der Welt hergeht und wie ich dort und hier fern und
nah es finde
Wie jener Bischof welcher dem Bettlerknaben wenigstens seinen Segen
schenkte der ihm geringer als Hellerwert zu stehen kam wollte ich gleich
einem ächten Deutschen ihr wenigstens etwas schreiben da ich vom Glück der
Welt ihr sonst nichts zu schenken hatte
Diesen Schriftstellersegen nahm sie an und ich versprach ihr feierlich ihr
alle meine Tagebücher zu schicken Darin sollte ihr nichts verschwiegen werden
Sie sollte miterleben wie der Strom der Welt meine junge Brust zerteilt
Dann sagte sie müsse ich auch ganz aufrichtig gegen sie sein Sich selbst
belächelnd fügte sie hinzu sie sei sehr neugierig hier in ihrer großen
Einsamkeit wie es die Welt draußen weiter treibe An Tugenden wie an Lastern
der Menschen wisse sie hohes Interesse zu nehmen sie verstehe längst das Leben
wie ein Buch zu lesen Ich solle selbst die verbotenen Stellen darin mit
sympatetischer Tinte für sie zeichnen Sie sei noch immer lüstern auf Alles
was Leben heißt Sie sei eine solche Närrin dass sie jedes Sumpfblümchen wenn
es nur im Freien gewachsen an ihr Herz drücken könne Ich sollte sie den
Jubelschrei der Volksfeste die Trauermusik der Leichenzüge die großen
Spectakelstücke von Liebe und Hass die Maskenbälle des Wahns und die Fackeltänze
der Leidenschaft bis in ihr Dorf spielen hören sehen empfinden lassen Ob
ich ihr denn auch wirklich Alles und Jedes selbst das Bedenklichste schreiben
wolle was der Wandel der Tage bringe Denn die Gefahr gehöre mit zum Leben
Was die Augen sehen was die Gedanken aufnehmen was das heiße Blut in
Wallung treibt wie der unruhige Sinn sich irrt und freut woran der Verstand
sich belehrt und das Herz sich verwundet solle sie Alles haben gelobte ich
Sie werde mit mir über die ganze Welt weinen und lachen sich wundern und sich
die Finger verbrennen Unter der Bedingung dass ich mit gleicher schonungsloser
Aufrichtigkeit ihre Biographie erhielte
Sie nickte und floh mit einem Abschiedskuss aus meinen Armen Dann schlug
sie den Rückweg ein durch die Gänge des Gartens Ich folgte ihr schweigend
Wir näherten uns dem kleinen Hause das in seiner düstern Stille wie
ausgestorben dalag An der Tür reichte sie mir noch einmal die Hand und sagte
ernst Es gibt für mich doch kein Glück mehr Gute Nacht Gute Nacht Lieber
Freund Lieber Fremdling Gute Nacht
Dann schlich sie sich leise weinend ins Haus
Ich eilte wie von rastlosen Herzschlägen getrieben ins Freie In
nächtlicher Wanderung wurde noch vor Anbruch des Morgens Teplitz wieder
erreicht
An meine Heilige
I Mein Philister in Teplitz
Noch einen Tag in Teplitz will ich Dir beschreiben meine Madonna ehe ich den
Eilwagen nach Prag besteige Es ist ein Sonntag und das ist gerade die rechte
Beleuchtung für einen Badeort um alles Schöne und Hässliche in seiner besten
Toilette zu erblicken Komm nur Schlag 11 Uhr mit mir in den anmutigen
Schlosspark wo vor dem Gartensaale des jungen Fürsten Klari allsonntäglich ein
Konzert im Freien gegeben wird welches zum Versammlungspunct des ganzen
badenden und nicht badenden Teplitz dient Nur falle Dir nicht ein wie mir
früher auszugehn um auf der Promenade oder etwa gar in der Kirche schon
interessante Figuren Dir aufzufangen Die Promenade ist leer und nur hier und
da kommt Dir ein schwererer Kranker der gebadet hat verhüllt und auf seinem
Rollstuhl entgegengefahren Und wenn Du die Frommen zu schauen liebst o
Madonna so suche sie nicht wie ich in der schönen Schlosskirche Ich hatte
gern einmal sehen wollen wie ein Badegast oder eine Badegastin betet aber es
war fast gar nichts zu hören und zu sehen von eleganter Welt vor Petri Pforte
Gott weiß was die Eleganten noch für Götter haben neben ihm Aber warte nur bis
11 Uhr warte nur bis 11 Uhr Dann werde ich die Brille aufsetzen und Dir die
ganze Flora zeigen Bis dahin frühstücken wir noch im Gasthof und lesen die
Zeitung oder blättern in der Badeliste Oder sprechen wir von Politik mein
Kind
Ja höre liebe Heilige mir ist eingefallen dass ich ein schlechter Preuße
sein müsste wenn es mir gar nicht in Teplitz gefiele Es muss mir also durchaus
hier gefallen denn Alles ist hier Preussisch und Berlinisch man mag hinsehen
wohin man will Ganz Teplitz ist eine preußische Provinz und meine
Vaterlandsliebe braucht hier ordentlich stärkende Bäder wenn ich über die
Straßen gehe Unser König welcher bekanntlich alle Sommer hier zubringt wird
von der sämtlichen hiesigen Bevölkerung die mit einem wahren
Herzensentusiasmus an seiner ehrfurchtgebietenden Erscheinung hängt nur immer
geradezu der König genannt und so sind wir Berliner alle natürlich wie zu
Hause Auch preussisches Militär jeder Art sieht man hier viel denn der
unermüdlich wohltuende Sinn des Königs hat selbst für gemeine Soldaten die
erkrankt sind einen Fonds angewiesen aus dem sie in die Bäder von Teplitz
geschickt werden Und so müssen mich mehrere Soldaten vom AlexanderRegiment
sogar an die Straße erinnern wo ich in Berlin wohne weil in deren Nähe die
Alexander ist Kurz nichts fehlt um mir den Berliner einzutränken und ich
darf es mir nicht einmal merken lassen dass ich verzweifele Ich muss ordentlich
wie ein dankbar vergnügter Berliner tun Und der reiche jüdische Banquier aus
der neuen Friedrichstrasse der mit seiner hübschen Frau hier ist hat mich
seinen jungen geistreichen Landsmann genannt und wir sind Dreie zusammen
gegangen auf den Schlackenberg und haben bewundert die süperbe Aussicht Itzig
Komp ist auch dagewesen und hat gesagt der Tempelhofer Berg bei Berlin
sei doch besser Hat Itzig Sohn geschrien aus Leibeskräften wie ein gebildeter
Berliner so wenig Natursinn haben könne Hat Itzig Vater es bekräftigt dass doch
der Tempelhofer Berg bei Berlin besser sei weil er sich leichter steigen lasse
zu Fuß Haben sie alle gelacht über den Witz Bin ich fortgeschlichen wie ein
frierendes Windspiel
Straßen und Häuser erinnern mich hier auch an Preußen Alles ist so
freundlich so abgeputzt so neu so reinlich wie ein jungfräulicher Staat Ein
jungfräulicher Staat der eine gewisse Schamhaftigkeit hat sich ganz zu
entfalten Und seltsam da kommen mir gleich noch andere Beziehungen die für
Preußen auf diesem Teplitz ruhen ins Gedächtnis zum Teil als Erklärung jener
Schamhaftigkeit In Teplitz in einem Badeort wurden gewissermaßen die ersten
Grundsteine zu der für jeden Patrioten so ernstaften Wahlverwandtschaft
zwischen Russland Preußen und Österreich aufgerichtet Denn diese Mächte
hatten schon nach der Schlacht bei Culm am 30 August 1813 ihre Hauptquartiere
nach Teplitz verlegt um es für die vielen Bedrängnisse welche diese Stadt
erlitten zu entschädigen und unterzeichneten daselbst im September desselben
Jahres jene AllianzTractate die damals für die Befreiung Deutschlands von so
großen Folgen wurden Und ich bin wahrhaftig unschuldig daran wenn es hier
Jemand einfallen sollte den Ton auf Damals zu legen Was in aller Welt geht
mich die Betonung meiner Sätze an In diesem accentlosen deutschen Leben habe
ich längst den Mut verloren auf die rechte Stelle den Ton zu setzen wo ich
wohl möchte Die Lehre mit Accent und Nachdruck zu sprechen ist eine
gefährliche Wissenschaft und sie wird Einem abgewöhnt in der Spiessbürgerprosa
unserer Redefreiheit Ein mattes Leben seine Aussprache ohne Accente Da kann
kein Schulmeister helfen
So komm denn Heilige lieber in den Schlossgarten Zeit ist es jetzt
Mädchen Mädchen es ist doch eine schöne Welt nämlich die welche sich dort
in den bunten Hüten und flatternden Schleiern im weißen Kleid und
durchsichtigen Busenflor mit den Phantasielocken und Backenbärten mit dem
englischen Frack und den französischen Pantalons über den Platz am Brunnen
hinbewegt Sie biegen alle in das hohe Portal des Schlosses ein und wir müssen
ihnen nach Ich höre schon aus der Ferne einige tüchtige Grundstriche der
Bassgeige die Musik im Park hat begonnen Wir mischen uns in das Gedränge wir
teilen mutig wie geschickte Schwimmer den glänzenden Strom im Vorübereilen
manchen schönen Arm streifend Nun sind wir in der großen Allee in der sich
Alles in wogenden Gruppen auf und niederbewegt die vornehmsten und reizendsten
Gestalten höchste Welt und anmutigstes Volk aller Art Elegantes im Großen
Elegantes im Kleinen Ausserordentlich gut und zahlreich ist besonders die
DamenVegetation geraten Ein unübersehbares Beet strahlender Blumen frischer
und gemachter Rosen Sie nehmen mehr als Dreiviertel des ganzen Gesichtskreises
ein und würden die Sonne verdunkeln wenn sie nicht hinter Wolken untergegangen
wäre Man hat eine auserlesene Flora und Fauna fast aller Nationalitäten in
einem bunten Festbouquet beisammen
Dem Konzert kehrt man bald den Rücken bald sucht man es wieder auf Man
lässt sich bald auf den Seitenbänken unter hübscher selbstgewählter Gesellschaft
nieder bald schiebt man sich in der Mitte der Allee unter auf und nieder
wandelnden Reihen fort und folgt diesem oder jenem Augenstern der in unser
Sonnensystem zu passen scheint Wahrlich so viel schöne Mädchengesichter sieht
man nur in einem Badeort der gewissermaßen ein Bazar so mancher
Frühlingserstlinge ist auf einen Punkt versammelt obwohl sonst Teplitz an
Eleganz und Reichtum der Toilette zurückstehen muss gegen die übrigen böhmischen
Bäder Dies ist jedoch nur Ergebniss der preußischen Einfachheit zu welcher der
hier verweilende Hof den Ton angibt
Wir sehen uns noch ein wenig die Damen an Jene Engländerin mit ihrer
äterischen Taille erkennst Du gleich heraus Ein hochgewachsenes fast
durchsichtiges Bild schwebt sie mit ihren schlanken Schritten an dem Arm eines
menschenfeindlichen in einen langen gelben vorn ganz zugeknöpften Überrock
gekleideten Lords vorüber Sie blickt wenig umher das blasse feine Gesicht ist
meist in etwas gleichgültiger Ruhe auf die Spitze ihrer kleinen Füße gerichtet
Ihre ganze Gestalt ist heller klarer Krystall aber ohne farbige Sonnenreflexe
An ihren Bewegungen verrät sich dort die Französin mit der kleinen zierlichen
Figur dunkelm Teint starker Gesichtszeichnung und den bedeutend blickenden
Augen Sie geht frei und lächelt sieggewohnt ihre Blicke beherrschen den ganzen
Umkreis der ihr begegnenden Gesichter Sie weiß unaufhörlich etwas zu sprechen
zu ihren Begleiterinnen sie scheint Esprit zu haben und macht Bemerkungen Und
das dort ist eine schöne Jüdin aus Berlin reizend in dem gewissermaßen
geklärten Orientalismus der ihre eigentümlich geschnittenen Gesichtszüge
färbt mit üppigen lebensvollen Formen Ein interessanter Schlag sehr häufig
in Berlin und in dieser anmutigen Klärung der Formen Abrahams gewissermaßen
die dortige halbe Emancipation des Judentums ausdrückend Denn die ganze
Emancipation müsste notwendig entweder rein christliche oder wieder durchaus
stockjüdische Formen geschaffen haben Jetzt aber erhebe den Blick zu jener
polnischen Gräfin die dort im vollen Glanz und Zauber ihrer Nationalität aus
der sie umgebenden Damengruppe hervorragt Sie ist ganz Polin die originelle
sarmatische Natur kann sich in den feurig sprühenden Bewegungen dieser Gestalt
keinen Augenblick verleugnen Die großen blauen Augen rollen umher und suchen
ein Ziel das Zucken und scharfe Ziehen um den schönen stolzen Mund scheint
jeder Annäherung zu spotten und doch verrät ein wunderbar blitzender
Gesichtszug dass die Polin genial und hingegeben in der Liebe ist wie keine
andere Frau Und wer ist die kleine Unschuld die auf jener Bank so tief
verschleiert dasitzt Ein hübsches gutes deutsches Mädchen Sie sieht aus als
hätte sie sich an frommen Erbauungsschriften an den Glockentönen von Strauss
und den Stunden der Andacht etwas schwindsüchtig gelesen Den Schleier aber hat
sie heut nicht aus ascetischer Frömmigkeit heruntergelassen Die Badekur scheint
eine bunte Schärfe auf ihrem nicht uninteressanten Gesicht hervorgelockt zu
haben und daher dieser Nonnenschleier Auch die Frommen dürfen sich der
Weltklugheit gar nicht schämen
Alles wäre indes schon gut und ich wollte mich mit noch einmal so großer
Lust unter diese frohbewegten Reihen mengen wenn ich nur allein wäre Ja ich
muss Dir nur gestehen Madonna ich bin nicht allein Es läuft mir immer Jemand
nach ein unausstehlicher Reisegefährte den ich schlechterdings hier nicht
loswerden kann Es ist der leibhafte und absolute Philister der sich in Gestalt
eines Postsecretairs aus Wittenberg an meine Fersen gehangen hat Einen
langweiligeren miserableren Menschen sahst Du nie und denke Dir er liebt
mich Ich bin mit ihm von Dresden hieher gefahren und nun drängt er mir
unaufhörlich seine Gesellschaft auf weil er sich allein nicht getraut sich die
Stadt zu besehen Er will überall mit mir gehen ich soll überall mit ihm denn
der deutsche Philister ist ängstlich sobald er unter Menschen gerät die zwei
Augen und eine Nase haben So ist er wie ein Kind und doch wieder wie ein
Teufel der Langeweile und ich könnte mich tot über ihn lachen wenn mir nicht
unheimlich würde vor der bewundernswürdigen Öde seiner Gestalt Stelle Dir
einen langen noch um zwei Kopfgrössen mich überragenden Jüngling vor mit einem
selbstgefälligen Blick einen Jüngling der einen hellblauen Frack mit
übernatürlich großen Messingknöpfen dazu ein Paar weiße grobe
Leinwandsbeinkleider von ungeheuerer Weite die einen Faltenwurf werfen wie ihn
kein Phidias nachmeisseln würde und auf dem Kopfe einen weißen Quäker trägt In
diesem Auszuge muss ich mit ihm gehen o Heilige und der eleganten Welt von
Teplitz mich präsentiren Und wenn er so mit seinen großen Plumpstiefeln die
immer so unverschämt unter ihm knarren dass uns die nervenschwachen Damen schon
fürchterliche Blicke zugeworfen haben wenn er so in dieser fragwürdigen
Erscheinung an meiner Seite hinschreitet ist mir in meiner Angst ordentlich zu
Mute als ginge unser ganzes philisterhaftes deutsches Wesen zu einer
allegorischen Figur ausgeknetet in Person eines Wittenberger Postsecretairs mit
mir spazieren Ich fange auch schon an ihn wirklich für eine Allegorie zu
halten deshalb schone ich ihn noch denn sonst wäre bei Gott entweder die
Bizarrerie oder die Gutmütigkeit dass ich ihn ertrüge zu verdammenswürdig an
mir Dennoch suche ich ihm zu entwischen so oft ich kann und jage mich
ordentlich mit ihm umher durch Teplitz aber der Philister muss etwas von dem
weltbekannten Überall und Nirgends besitzen denn wo ich nur um eine Ecke
herumbiege steht er vor mir und wenn ich ins Konzert oder Theater gehe hat er
sich schon unter der Tür an meinen Arm gehängt Er hält mich für einen Doctor
der Medizin und glaubt vielleicht dass ich ihn von einem alten Schaden curiren
könne an dem er zu leiden scheint deshalb besonders mag er so anschmieglich an
mich sein Jetzt hat er sich Gott sei es geklagt auch im Schlossgarten
plötzlich wieder zu mir gesellt Er marschirt wacker neben mir her schwenkt mit
einer Art von lächerlicher Majestät seinen langen Oberleib und tritt mir bei
Gelegenheiten einmal mit seinen großen stolpernden Beinen auf die Füße
wahrscheinlich um mich aufmerksam zu machen auf diese oder jene vorbeiwandelnde
Schönheit Wenigstens nehme ich es so an weil er sich nie enschuldigt
Nun aber habe ich dem Philister einen rechten Streich gespielt Mehrere hohe
Personen vom Hofe sind gekommen und es ist ein großes Gedränge der Neugierigen
und Schauenden um dieselben entstanden Da habe ich den Philister mitten
hineingestossen und bin ihm unter der Menge unvermerkt wieder entlaufen Während
er jetzt steht und sich den Hof ansieht eile ich weit weg mit freier atmendem
Herzen ich wische mir den Angstschweiß von meiner Stirn und wandle auf
leichter beflügelten Sohlen dem Ende der Allee zu wo ich einige höchst
interessante Gestalten ins Auge gefasst habe Es ist ja Heilige es ist eine
schöne Kokette die mir dort am Arm zweier andern Damen so merkwürdig und vor
allen auffallend erschienen ist Ich begebe mich aus alter astronomischer
Beobachtungslust in den gefahrvollen Dunstkreis dieses feuerstrahlenden
Kometen
Ich muss sie eine Kokette nennen aber sie ist die größte die genialste die
ich jemals sah Sie ist eine bewundernswürdige Virtuosin ihrer selbst Eine
Virtuosin ihrer selbst sage ich denn sie wendet eine Kunst und Begeisterung
daran um sich selbst zu spielen und sie spielt so ausgezeichnet dass man sie
bei jeder Bewegung herausrufen möchte Sieh nur wie sie geht wie sie blickt
wie sie stillsteht wie sie die Hand aufhebt wie sie die gedankenleichte
Gestalt davonträgt wie sie dem lebhaften Gespräch sich bald zu bald abwendet
bald eine Locke im Nacken zurechtdrückt bald sinnend ein flatterndes Band durch
die Finger gleiten lässt Keine Muskel regt sich an ihr unwillkürlich jede
Miene jede Handbewegung ist eine Rolle die sie mit Feinheit und Grazie
ausstudirt hat Und über all diese bewusste Absicht der Erscheinung hat die
Macht des Talents doch den Zauber einer gewissen bewusstlosen Unbefangenheit
ausgegossen Sie hat die ausgerechnete Mathematik der Teile zur tönenden Musik
eines Ganzen verschmolzen und über das abgezimmerte Fächerwerk der
ausgeklügelten Regel den freien Leichtsinn einer geistreichen Zerstreutheit
gehaucht So muss jeder gute Künstler seine Absichten verstecken Und sie ist
Schauspielerin und Künstlerin ihrer selbst ich habe es gesagt aber um die
Illusion zu erhöhen muss auch die Seele selbst mitspielen und muss mitreden und
mitzaubern Denn die allergrösste Verführung ist doch eine Seele Dies kannst Du
an ihr sehen zu Deiner Verwunderung Ihre Seele ist bildende Künstlerin geworden
in ihren Gliedern und lächelt wie eine triumphirende Göttin durch die
irdische Schönheit der Gestalt hindurch Dem Philosophen welcher die
Selbstkenntniss als die höchste Weisheit gepredigt hätte ich es gewünscht diese
Kokette zu sehen Die hatte es am weitesten gebracht in dieser Wissenschaft Sie
kannte sich selbst aus dem Grunde denn sie wusste Alles an sich zu gebrauchen
und auftreten zu lassen was der Mensch diese Fleischwerdung nach Gottes
Ebenbild Reizendes hat Ihre Augen ihre Blicke ihr Umsehn ihr Oeffnen des
Mundes zum Lachen wobei sie mit unbeschreiblicher Anmut die kleinen weißen
Kunstwerke ihrer Zähne zeigt Alles verrät die wohlangewandteste
Selbsterkenntnis und zugleich einen mildtätigen Sinn indem sie Jedem der
Vorübergehenden aus dem reichen Füllhorn ihres Überflusses eine Augenweide
spendet
Auch ich bin mit der Ironie eines stummen Bettlers schon mehreremal an
dieser holden Geberin vorübergegangen und habe mir manches überraschende
Almosen geholt Es ist ein Schauspiel ihren großen sicher blickenden Augen zu
folgen wie sie von einem Gegenstand auf den andern hinschwärmen keinen zu
versäumen und keinen zu beachten scheinen und doch jeden anziehn Bald schaut
sie freundlich lächelnd dann sobald Du den Blick erwiederst sieht sie Dich
finster und befremdet an und ergibt sich einer schönen Verwirrung Nun
schnell wie ein zündender Blitz zu einem ganz entfernten Gegenstande
hinschweifend lässt sie an diesem die Augen allmälig wieder heiter werden und
wirft dann am Ende diese neue Erheiterung doppelt beglückend auch auf Dich
zurück Wahrhaftig ich liebe eine Kokette Sie ist Rossinische Musik und
steigt aus dem Champagnerschaum des Lebens wie Venus aus der Meeresschäumung
in Glanzgestalt empor Sie ist eine Abart der Musik aber doch Musik Ich liebe
entweder eine Frau wie ich sie mir denke wünsche und kenne oder ich liebe
eine Kokette Aus der soliden und musiklosen Langeweile des hausbackenen
Mittelschlags steigt nimmer eine Anadyomene auf
Dann ging ich weiter und verließ diesen Kometen der in der Tat einen
ganzen Schweif brennender Blicke hinter sich herzog Ich fürchtete wenn ich zu
lange an einem Ort verweilte dass mich mein Philister doch unversehens wieder am
Rockschoss erfassen würde Ich hing mich daher an den Arm eines andern Bekannten
eines Hauptmann vB der mir hier unvermutet begegnet war Ein stattlicher
angenehmer Mann den ich in Dresden in einem Klubb von Schöngeistigen Gott
könnte man doch gegen dies Wort ein Vomitiv einnehmen um es aus der deutschen
Sprache loszuwerden kennen gelernt und der auch unter einem andern Namen
große und kleine Schriften herausgegeben hat Er unterhielt mich lange vom
Verfall der Literatur von Mangel an Anerkennung vom Epikureismus des Alles
geniessenden und Alles wieder vergessenden Publikums und dergleichen mehr was
man von jedem mittelmäßigen deutschen Schriftsteller bis zur Abgeschmackteit
hört Ich tat als sei mir das ganz etwas Neues als wisse ich gar nichts
davon und fragte ihn ordentlich genau aus was man denn in der Welt munkele von
dem Verfall der deutschen Literatur Ich selbst sei ein literaturliebender
Einsiedler der ortodox an Wiedergeburt glaube sowohl in sich selbst als in
der Seele seiner liebsten Freunde Ich wisse wahrhaftig nicht was man in der
Welt munkele Da geriet er in Feuer und erzählte mir dass von einem seiner
Werke nur zwölf Freiexemplare ins Publikum gekommen wären Wie soll man da
wirken setzte er hinzu Es muss an der Ursache liegen sagte ich Keine Wirkung
ohne Ursache keine Ursache ohne Wirkung Übrigens kann man in Deutschland auf
zwölf Freiexemplare zwei tausend Leser rechnen
Dann bat ich ihn um Gotteswillen von deutscher Literatur abzubrechen Er
bot mir an mich seiner Frau vorzustellen die ihm mit zwei andern Damen
vorausgegangen sei und die er suche Ich war artig genug um auf ihre
Bekanntschaft begierig zu sein aber wer schildert meine fast schreckenerregende
Überraschung als er mich aufmerksam machte dass sie uns eben entgegenkomme
Denn keine Andere war es als die große und schöne Virtuosin ihrer selbst deren
künstlerische Bewegungen ich vorher so genau belauscht hatte Wir standen still
und es knüpfte sich bald ohne Verlegenheit ein Gespräch an Sie hatte Geist
denn eine ächte Kokette muss auch Geist haben Nur war es sonderbar dass sich die
Unterhaltung nachdem die ersten zufälligen Wendungen abgetan plötzlich wieder
auf deutsche Literatur lenkte Denn auf die Frage wie sie sich in Teplitz
gefalle sagte sie dass ihr hier nichts als Jean Paul gefalle den sie den
ganzen Tag lese und hier zuerst vollständig kennen gelernt habe Guter Gott
Jean Paul Friedrich Richter Ich gratulirte ihr zu dieser Badelektüre In der
Tat eine Badelektüre Sonnenstaubbäder der Gefühle Jean Paulsche Schriften
Das ganze Herz badet sich und kann schwimmen lernen auf seinen Fluten Ich
sagte ihr dass mir Bäder nie gut bekämen und dass ich deshalb auch seit vielen
Jahren schon keinen Jean Paul gelesen hätte Mein Arzt sei ein Liberaler und
habe mir angeraten einmal eine Zeitlang alles Baden in den deutschen Gefühlen
einzustellen um glücklicher und freier zu werden Jean Paul bleibe darum doch
ein großer Dichter wenn ich ihn auch nicht lese Sie lächelte und schlug ihre
Augen so reizend zum Himmel auf dass mir war als säße auf ihrer Iris ein
sternenheller Jean Paulscher Gedanke Er stand ihr schön dieser Gedanke und
ich rückte mit unwillkürlicher Ehrfurcht an meinem Hut Dann bedauerte sie mein
Herz dass ihm die Bäder nicht gut bekämen Ich sagte ich müsse es trocken
halten das sei mir besser Da entstehe erst Feuersgefahr bemerkte sie
lautlachend Der trockene Zunder lodere am besten Nun musste ich ihr Recht
geben wenn die Feuersgefahr so nahe wäre wie mir jetzt
O Kokette O Jean Paul lesende Kokette Lebe wohl Meine Heilige hat jetzt
genug von Dir gehört Ich fliehe Deine verlockende Iris auf der Jean Paulsche
Gedanken sitzen Der Jean Paul Deiner Augen und die zwölf Freiexemplare Deines
Gemahls haben die ganze herzerweichende Melancholie der literarischen Germania
wieder in mir aufgefrischt Lebe wohl Und dort ja wahrhaftig dort kommt auch
schon mein Philister ich erkenne ihn von weitem an seinem großen weißen Quäker
Er kommt um mich wieder einzufangen ich Unglücklicher kann mich ihm gar nicht
entwinden Er lächelt mir schon aus der Ferne zu er blickt ordentlich
wohlgemut denn er hat den Hof gesehen Grüß Dich Gott Du vielgetreuer
Philister
Der Philister nahm mich in der Tat jetzt unter den Arm und stolperte
obwohl ich mich noch ein wenig sträubte mit mir von dannen Ich müsste durchaus
den Hof sehen suchte er mir begreiflich zu machen So trat ich mit ihm in den
dichtgeschaarten Kreis welcher sich um die höchsten Herrschaften gebildet
hatte Der König freundlich und mild aussehend wie immer in Teplitz hatte
sich mitten unter den Kurgästen auf einer Bank niedergelassen Neben ihm saßen
zu beiden Seiten die vor kurzem angekommene Königin von Württemberg und deren
erhabene Schwester Dieser zunächst sah man die Fürstin von Liegnitz diese
schöne anziehende sonnenklare Gestalt die den Augen wie Himmelblau wohltut
Und mehrere andere Sonnen und Sterne erster und zweiter Größe schimmerten umher
und dazwischen und manches berühmte Haupt das Welten entdeckt und Systeme
ausgebrütet neigte und beugte sich hier als schmiegsamer Trabant und
Nebenplanet Auch Alexander von Humboldt welcher den König diesmal ins Bad
begleitet ebenso groß als Hofmann wie als Naturforscher stand dienstgefällig
lächelnd in diesem Kreise Es war eine interessante Kour im Freien und die
Spazierengehenden bewegten sich vor dieser Gruppe unermüdlich auf und ab und
konnten sich nicht satt schauen
Ich hielt es endlich für Zeit zu Mittag zu essen und ging mit dem
Philister in meinen Gasthof zurück Hier hatte ich eine Zeitlang vor ihm Ruhe
weil er nicht mit an der Tabledhöte speiste wo er sich wahrscheinlich genirte
sondern allein auf seinem Zimmer sein Diner nach der Charte abhielt Und jetzt
Heilige lass Dir genügen wenn ich Dir bloß sage dass ich es mir vortrefflich
schmecken ließ und auch in ziemlich guter Nachbarschaft saß Die Küche wird zwar
in Prag erst ausgezeichnet wo sie sich zur Kunst erhebt aber wer wie ich
Norddeutscher nur ein Dilettant in der Gutschmeckerei ist konnte auch
allenfalls an diesem Diner seine Freude haben Schenke mir nur Deinen Segen zu
meiner Mahlzeit liebe Heilige
Nach dem Mittagessen machte ich in langsamer Beschaulichkeit meine mille
passus durch die Gassen der Stadt Überall flogen glänzende Equipagen mit Herr
und Dame oder sogenannte Gesellschaftswagen mit einer buntgemischten
Übervölkerung an Bord zu Lust Wall und Irrfahrten an mir vorüber Die
hellstrahlende Sonne warf über alles Leben und Treiben einen festlichen Schein
und der Himmel zeigte ein Feiertagsgesicht und lachte aus wolkenlosen Höhen Ich
schlenderte noch lange einsam umher und fing endlich an mich über den schönen
Sonnenschein zu langweilen und melancholisch zu machen Wer weiß nicht dass auch
der Sonnenschein melancholisch machen kann Während eine einzige Menschenseele
die Dein gehört unter Sturm und Ungewittern Dich heiter erhält Die liebe
Seele die mein gehört ist aber weit von mir entrückt nicht bloß durch
örtliche Fernen sondern durch Lebensfernen Nicht durch Raum nicht durch Zeit
nicht durch Glück sondern durch das Verhältnis Nicht durch Sinn nicht durch
Geist sondern durch die Form Nicht durch das Herz nicht durch das Auge
sondern durch die Hand Nicht durch den Gedanken sondern durch die Regel Nicht
durch das Verständnis sondern durch das Bekenntnis Nicht durch Nein sondern
durch das Ja Nicht für die Ewigkeit aber für das Leben Siehst Du Heilige
wie mich der Sonnenschein melancholisch machen kann
Da klopfte mir plötzlich Jemand von hinten auf die Schulter »Überall habe
ich Sie gesucht wo stecken Sie denn« wurde ich mit grober Stimme angeredet
Das war mein Philister Er hatte sein Opfer nur zu gut wieder gepackt Ich
aber wurde ärgerlich dass er mich gestört denn ich war gerade im Begriff
gewesen eine Elegie zu der ich sonst so selten komme in mir fertig zu
dichten Ich beschloss endlich Rache an ihm zu nehmen und indem ich es ihm
zusagte mit ihm spazieren zu gehen bog ich bei der KreuzKapelle der wir uns
jetzt näherten geradewegs in den Kirchhof ein Wie alte Frauen Sonntag
Nachmittags zu ihrem Vergnügen auf den Gottesacker hinausgehn mit Brille
Gesangbuch und einem Stück Kaffeekuchen im Pompadour so wollte ich auch meinen
Philister mit dem ich mir gar nicht mehr anders zu helfen wusste nach derselben
Analogie hierher unter die Gräber spazieren führen Vielleicht gelang es mir
ihn hier auf den Kirchhof abzusetzen Er wanderte auch gutwillig mit und ich
bedeutete ihm noch zum Überfluss dass ein Kirchhof eigentlich die größte
Merkwürdigkeit in der Welt sei Daher ein Reisender wie er durchaus auf den
Kirchhof müsse
Er sagte kein Wort und folgte mir mit einem sonderbaren Gesicht zwischen
den grünen Schlummerstätten der Toten hindurch Ein leiser Wind schien in den
trauernden Laubgehängen Wiegenlieder zu flüstern und durch dichte
Cypressenbüsche streute die Sonne ein gedämpftes träumerisches grünliches
Licht über die Gräber aus Ich setzte mich auf einen kühlen Grabstein und ließ
einen Augenblick das große Gefühl der Ruhe das hier ringsher aus gebrochenen
Herzen keimte über mich kommen Der Philister war stehen geblieben und las die
Inschrift eines Denksteins der mir gerade gegenüber aufgerichtet war
Und welchen Edlen nennt die Urne damit wir seiner Asche ein andächtiges
requiescat in pace zurufen fragte ich
Der Philister las mit seiner lauten trockenen Stimme den Namen Johann
Gottfried Seume gestorben am 13 Juni 1810
Ach Seume Guter ehrlicher deutscher Seume Hätte ich doch fast diese
Merkwürdigkeit von Teplitz vergessen dass Deine irdischen Gebeine gewiss recht
ermüdet von Deinem großen Spaziergang nach Syrakus hier sich ausruhen Und ein
Zufall und ein Philister müssen mich erst darauf bringen an Dein Grab zu
wallfahrten und Deiner zu denken Ich kenne Dich ich kenne Dich Schon als
Knabe Du alte wackere Haut hat mir Dein Spaziergang nach Syrakus viel
Vergnügen gemacht ich bin mit Dir gewandert und mit Dir eingekehrt habe die
Schuhe mit Dir zerrissen und Dein Vesperbrot am Wege mit Dir geteilt Seume
es hat mir gut sehr gut geschmeckt Und es hätte nicht viel gefehlt so wäre
ich meinen Eltern davongelaufen um gleich Dir wie ein frischer
Handwerksbursche mit Ränzel und Knotenstock nach Syrakus zu pilgern und in
jeder Kneipe wo Du übernachtet das Schenkmädchen zu fragen nach Seume Du
warst ein göttlicher Kerl am liebsten möchte ich Dich einen Burschen nennen
Solche Burschen wie Du versteht unser heutiges Zeitalter nicht mehr dazu ist
es zu salonsmässig dumm geworden Du ganz das Widerbild eines Salonsmenschen
ich gäbe etwas darum wenn ich Dich hätte küssen können O durchaus ein Mensch
wie ich sie liebe Und was habe ich herzlich gelacht über Deine närrische
Liebhaberei an dem langweiligen Teokrit Aber es war recht von Dir dass Du
Deiner Laune folgtest Guter guter Bursche herzlieber Sonderling spasshafter
Grillenfänger biedrer Menschenfeind weichherziger Timon O durchaus ein
Mensch wie ich sie liebe Ein Bursche ein Student bliebst Du zeitlebens Ein
Kernbursche ein Weltbursche der immer den Wanderstab in der Hand hat von
einer Erdenstation auf die andere geworfen wird nichts als vorübergehendes
Wirtshauslabsal und Strohlagerruhe im Leben findet aber überall etwas sieht
und lernt manchen grünen Zweig sich an die Mütze steckt und mit starkem Herzen
und rüstigem Pilgerschritt immer weiter zieht ohne Heimat und Ruhe nur
zuweilen mit einer verstohlenen Träne im Auge
Aber höre etwas Philister warst Du doch Und es ist sonderbar dass mir
gerade der Philister Dein Grab gezeigt hat Du warst ein Weltbursch mit dem
Weltpilgerstab ich lasse Dir als Mensch große Gerechtigkeit widerfahren Aber
Alles was Du geschrieben und gedichtet riecht etwas stark nach dem Bettelsack
den Dir das Schicksal schon früh auf Deine Schulter geladen Nimm es mir nicht
übel wer kann dafür Du warst ein Poet der seine Begeisterung bei Kartoffeln
und einem Heringskopf abfertigte und Dein Apoll wiegte sich immer erst lange
auf olympischen Tabakswolken hin und her ehe er in der ungeheizten Stube warm
werden konnte Dieser uralte Bettelsack des deutschen Literatenlebens war Dir
aber beinahe zu Deiner andern Natur geworden und Du fühltest Dich glücklich und
traulich in ihm Er war Dir ans Herz gewachsen Du renommirtest mit ihm und
schmecktest Dir am Ende eine Art spiessbürgerliche Romantik heraus Du hättest
ihn zuletzt um keinen Preis mehr vertauschen mögen mit einem ritterlichen Wams
Und was mich am meisten von Dir geärgert ist Das was Du über den Aufstand in
Warschau von 1794 als Augenzeuge geschrieben Du der Du auf dem Boden in einer
alten Tonne versteckt sassest als die Polen draußen stürmten wie konntest Du es
wagen die Nationalität dieser Revolution zu beschimpfen und jene Polen nur als
einen zusammengerotteten Haufen von Elenden in Deiner Brochüre zu schildern
Zwar standest Du in russischen Diensten aber Du warst doch Seume der deutsche
Mann Geh geh lass mich nicht daran denken Lieber suche ich Dich nachher in
der Göschenschen Druckerei in Grimma auf wo Du als ehrsamer Korrector aus
Wielands und Klopstocks Werken die Druckfehler herausstrichest Druckfehler
konntest Du besser beurteilen als Polen Hier habe ich Dich wieder gern ich
sehe Dich ordentlich sitzen in Deinem Eifer und wie ein strenger Moralist auf
correcten Lebenswandel der schwarzen Lettern dringen Nur Dich selbst konntest
Du nicht corrigiren und Deine alte Wanderunruhe störte Dich bald wieder auf Du
sagtest Ade Herr Göschen nahmst den Knotenstock zogest Dir die Schuhe an
und machtest Dich eines Morgens auf um nach Syrakus zu gehen Du wolltest bloß
dahin um einmal an Ort und Stelle Deinen Lieblingsdichter den Teokrit zu
lesen Lächerrlicher Kerl um den Teokrit sich die Stiefeln zu zerreißen Aber
wenn Du nur wandern wandern wandern konntest Dann war Dir recht und Du
verstandest es vortrefflich Dazu drückt Dich Deine große Lebenseinsamkeit nie
Du starkes Beduinenherz Schöne Frauen verführen Dich nicht und Deine
Grundsätze erlauben Dir nicht sie zu verführen Nur ein Kind sollst Du Dir oft
gewünscht haben das sich in treuer Neigung an Dein vereinzeltes Dasein lehne
und ich habe gehört dass Du einmal ausgerufen »Ich möchte wohl von einem
gesunden Bauermädchen einen Jungen haben wenn es nicht wider meine Grundsätze
wäre« Das nenne ich Grundsätze haben O Mann von Grundsätzen Du hast Dir das
Leben sauer werden lassen Dir muss nachher recht wohl geworden sein in Deiner
Gruft wo jetzt Dein längst verfallener Staub vor mir liegt Deine Jugend wurde
Dir durch Werber gestohlen die Dich bis nach Amerika in Kriegsdienste
schleppten und wenn Du von den Strapazen des Tages einmal ausruhtest machtest
Du Dir kein anderes Vergnügen als in Deiner Kasematte Horaz und Virgil zu
lesen und den Teokrit Immer und immer nur Teokrit Seume ich glaube der
Teokrit hat Dich ruinirt und aus Deinem Leben diese solide Philisteridylle
gemacht Ging aber Deine Jugend verloren so stieg auch über dem harten
Mannesalter keine wärmende Sonne mehr auf Kein Blütenschauer kein
Liebesstern kein unverhoffter Segen kein Geld und kein Glück kein Reichtum
und keine Fülle kein Schimmern und kein Strahlen Viel trockenes Brot viel
kalte Küche und viel Teokrit Deine ganze Bescheerung Nur das Wandern hattest
Du noch durch Stadt und Land das Wandern und die Lust an der freien Luft das
konnte Dir Keiner nehmen Großer Spaziergänger ich scheide doch mit Liebe und
Achtung von Deinem Hügel Schlummere sanft fort Du hast viel gepilgert Und
wenn ich Dir keine bessere Standrede gehalten so schreibe die Schuld dem
Philister zu der dort vor mir steht und mich durch seine Nähe verstimmt hat
Hiermit sprang ich auf und entfernte mich mit eiligen Schritten von dem
Kirchhof Der Philister der sich meine letzte Anspielung wenig zu Herzen zu
nehmen schien wieder hinter mir drein So gelangten wir nachdem ich mich noch
eine Zeitlang auf zwecklosen Kreuz und Querzügen mit ihm umhergetummelt
endlich ins Theater wo ein zusammengerührtes Quodlibet von Ballet Oper und
dramatischem Ennui gegeben wurde Ein sogenanntes Mixtum Kompositum das dem
liederlich zerstreuten Teatersinn der auf nichts Ganzes mehr zusammengehalten
werden kann am angenehmsten und natürlichsten entspricht
Es war sehr leer in dem kleinen Hause der eigentliche Flor der schönen Welt
fehlte Ehe der Vorhang aufgezogen wurde sah ich mir den neben mir sitzenden
Philister noch einmal recht genau an ob er auch wirklich ein Mensch sei Ich
fragte ihn warum er denn eigentlich reise da das Reisen doch so viele
Beschwerlichkeiten mit sich bringe Er antwortete mir er gedächte zu heiraten
Da wolle er sich vorher noch einmal die Welt ansehen Das fand ich allerliebst
und musste so laut darüber lachen dass sich das ganze Parterre nach uns umsah O
Welt Welt Welche Magie muss in dem Begriffe Welt liegen welcher hinreissende
bacchische Taumel muss von dem Begriffe Welt ausgehen dass selbst ein Philister
ehe er heiratet und das Haus hinter sich zumacht sich noch einmal die Welt
ansehen will
Jetzt hob die Vorstellung an Schauspieler wie Schauspielerinnen eine aus
den verschiedenartigsten Bestandteilen zusammengeraffte Truppe sprachen und
handelten gleich erbarmungswürdig und verstandlos Man gab auch wenig Acht auf
sie und die Teilnahme des Publikums begann sich erst zu regen als die beiden
anmutigen Schwestern Amiot auftraten um ein ländliches Pas de Deux zu tanzen
Schöne saftvolle sinnliche Gestalten ein gaukelndes glühendes Leben in den
runden Wellen der Glieder In diesem Augenblick wurde auch der König auf seinem
Platze gesehen Er war eben ins Theater getreten und mit ihm Alexander von
Humboldt der zu seiner Seite Platz nahm Die beiden reizenden Sylphiden
verdoppelten nur ihren Eifer und wie blumentrunkene Libellen hoben sich die
schlanken Beine und Füße auf und nieder und schienen sich in ihrem süßen Rausch
oft ganz zu vergessen Ein weites Feld für den Naturforscher eröffnete sich und
wenn auch hier für einen Humboldt nicht gerade ein Chimborasso zu ersteigen war
so gab es doch noch immer Anlass genug dass ein großer Naturgelehrter sich hier
an Höhenbestimmungen Längenmessungen und dergleichen versuchen konnte Denn
immer höher und höher flogen die trunkenen Libellen in das feurige Spiel der
Bewegungen flossen tausend verborgene Reize über die Erdenhülle verstob fast
vor dem entzückten Auge man sah die hellen Geister transparent man war
erstaunt außer sich man klatschte und machte dem gepressten Busen Luft in
einem entusiastischen Bravo Die Mädchen hatten in der Tat außerordentlich
getanzt sie hatten bewiesen dass der menschliche Körper ein Zauberer alle
Glieder Liebesgötter sein können und ich erfuhr dass ihnen der König nachher
seinen besonderen Beifall darüber zu erkennen gegeben
Hier lass mich abbrechen Heilige Ich will mich jetzt von der Seite des
Philisters fortschleichen und noch vor Schluss der Vorstellung in den Gasthof
zurückkehren um meine Sachen einzupacken Der Philister darf nicht wissen dass
ich morgen mit dem Frühesten nach Prag reise weil er mit mir wollte Von Allem
aber was mir sonst noch in Teplitz begegnet und von einem glänzenden Ball den
der Fürst Klari noch in derselben Nacht gegeben und dem ich zugesehen wirst Du
in meiner großen Reisebeschreibung die ich künftig einmal drucken lassen werde
etwas erfahren Bis dahin gedulde Dich Du liebes heiliges Madonnengesicht
Liebe Welteilige bete auch recht fleißig für mich denn mir ahnt dass ich noch
in große Anfechtungen geraten werde Und wo bleibt Deine Selbstbiographie
Dank Dank Als ich nach Hause kam fand ich Dein zierliches Kouvert und darin
die Blätter von Deiner Hand Ja ja Du bist eine große Heilige mit Deiner
weltlichen Seele Habe ich Dir nicht gesagt dass Alles was eine Geschichte hat
Gott angehört Und Dein Leben hat seine tiefbedeutende Geschichte Jede Sylbe
darin ein heißer roter Tropfe Blut aus geöffnetem Herzen Jedes Wort eine
schneidende Wahrheit des Daseins Den heimlichsten Atemzug Deiner Seele habe
ich darin behorcht und viel gelernt und viel genossen Du hast etwas erlebt in
der Welt Du bist eine Heilige Gott grüße Dich Du weltliche Seele Dank Dank
Bekenntnisse einer weltlichen Seele
So wenig hat wohl nie ein Kind von sich selbst gewusst als ich bis in mein
neuntes Jahr Frühere Erinnerungen sind mir fast gar nicht übrig geblieben und
nur eines einzigen bestimmten Gefühls erinnere ich mich sehr deutlich Dies war
dass mich Vater und Mutter gar nicht liebten und mir nie ein Vergnügen machten
Und noch eine Äußerung ist mir im Gedächtnis geblieben denn welches Mädchen
würde so etwas nicht behalten Nämlich dass einst der Pfarrer uneres Orts sagte
er habe noch nie ein Kind so hübsch lachen gesehen wie mich Es ist seltsam dass
manches Wort das wir als Kind in der ungewissen Dämmerung unserer Sinne nur wie
aus weiter Ferne über uns hören wie ein Blitz in uns einschlägt und ich
glaube noch auf dem Sterbebette uns wieder einfallen kann Diese Äußerung dass
ich hübsch lachen konnte habe ich nie vergessen Ich muss also doch schon auf
meine eigene Hand viel gelacht haben ungeachtet mir meine harten Eltern nie
Vergnügen machten Aber der freundliche Pfarrherr schenkte mir auch ein
Rotkehlchen das ich sehr lieb hatte mit dem ich viel sprach und mich freute
Es durfte auch nicht oft aus der Stube gehen sowie ich und musste sich in
seinen jungen Tagen damit abgeben Fliegen zu fangen sowie ich Sorgen Ich half
ihm redlich Fliegen fangen und es half mir seinerseits durch seine
possirlichen Sprünge über die ich herzlich lachen musste mir die Sorgen zu
verscheuchen Nur die Dummheit konnte ich ihm nie vergeben dass er sich die
Flügel hatte stutzen lassen und wenn ich ihn mir auf die Hand stellte und ihn
vor mir aufrichtete setzte ich ihn ordentlich deshalb zur Rede Hätte ich
Flügel dachte ich nie sollten sie mir die stutzen Ich flöge gerade mitten ins
Leben hinein über alle die finsteren böhmischen Berge hinweg hinter denen ich
geboren bin Aber das Rotkehlchen wetzte sich den Schnabel und schien sich mit
seinen grellen närrischen Augen über mich lustig zu machen
Ich hatte ich weiß nicht mehr wo etwas vom Leben gehört oder in meiner
Bilderfibel gelesen denn ich konnte schon lesen Ich stellte mir unter diesem
rätselhaften Worte etwas vor das weder in meinem böhmischen Dorfe zu Hause
ist noch von dem Vater oder Mutter eine Ahnung hätten Etwas ganz
außerordentlich Liebreiches und Angenehmes das hinter den Bergen zu haben wäre
Nie ging ich ins Bett ohne beim Abendgebet daran zu denken und jedesmal bat
ich den lieben Gott von ganzem Herzen um Leben So tat ich in meinem törichten
Sinn auch beim Morgengebet Mein Vater durfte nichts davon wissen weil er mich
sonst geschlagen hätte Freilich wusste ich auch selbst nicht um was ich bat
aber es war mir doch unbeschreiblich süß immer auf ein so ahnungsvolles Wort
meine Hoffnung zu setzen Es war wie eine geheime Liebschaft welche die
Kinderseele mit der Zukunft führte und oft jauchzte es in mir auf wenn ich mir
lebhaft vorstellte was Alles hinter den Bergen sein müsse Entweder hinter dem
großen Milleschauer oder dem ernsten Erzgebirge dachte ich mir das Leben
verborgen Ich stand oft stundenlang und wartete ab bis die Sonnenscheibe
hinter diesen Berggipfeln untersank
So stand ich auch einstmals am Fenster als ich plötzlich hinter mir die
Worte hörte dass ich nach Dresden solle Ich sah mich erschrocken um und die
Tränen stürzten mir vor Überraschung aus den Augen Der Vater hatte einen
Brief in der Hand und die Mutter sah ihm mit lang vorgestrecktem Hals lesend
über die Schulter Endlich erfuhr ich dass eine reiche Tante in Dresden mich als
ihr Kind anzunehmen wünsche und dass sich nichts Vorteilhafteres für mein Glück
finden lassen könne Ich hörte zum ersten Mal etwas von Dresden und fragte
indem alle Sehnsucht in mir losbrach ob es hinter dem Milleschauer liege wo
auch das Leben sei Dann wolle ich mit Freuden hingehn Ich wurde über meinen
Vorwitz ausgescholten und nur die Mutter die etwas milder war lächelte und
nahm mich auf den Schoss und machte mir die Zöpfchen zurecht damit ich hübsch
aussähe wann ich nach Dresden käme Der Vater ging aus dem Zimmer um seine
Schulstunden abzuhalten und sagte kein Wort Ich ließ mir doch im Stillen die
Hoffnung nicht nehmen dass ich in Dresden das Leben finden würde
In dieser Hoffnung sah ich vergnügt zu wie meine wenigen Sachen eingepackt
wurden Nur der Abschied von meinem Rotkehlchen das ich nicht mitnehmen
durfte war mir schwer und ich weinte bittere Tränen Es betrug sich aber so
unempfindlich bei unserer Trennung dass ich es endlich laufen ließ und noch in
der Tür zu ihm sagte fange Du nur Deine Fliegen ich will von jetzt an keine
Sorgen mehr fangen denn ich gehe nach Dresden ins Leben Dann kam der Vater mit
seinem langen Rohrstock aus der Schule und ich musste zu ihm Adieu sagen Er hob
mich mit beiden Armen ohne sich zu bücken in einer steifen Stellung zu sich
empor betrachtete mich mit hintenübergebeugtem Kopf eine Zeitlang ernstaft
küsste mich einmal auf die Stirn und stellte mich wieder herunter an den Boden
Darauf schenkte er mir ein Amulet segnete mich und befahl mir von dem
strengen katholischen Glauben nie einen Finger breit zu weichen Ich verstand
ihn nicht und versprach dass ich in Dresden Alles tun wolle Die Mutter fiel
mir um den Hals und schluchzte und sagte dass sie mich noch einmal als große
Dame wiedersehen würde Sie starb einige Jahre darauf
Indem ich in den Wagen gesetzt wurde nahm ich mir in meinen geheimen
Gedanken vor den ganzen Schatz meiner Liebe den ich bisher an das Rotkehlchen
verschleudert nun auf die hellblinkende Zukunft der ich entgegenging zu
übertragen Ein rieselnder Schauer durchlief mich indem ich mich in die
unbestimmte Ferne hineinzuträumen suchte und die Haare sträubten sich mir
ordentlich vor geheimnisvoller Erwartung empor Noch heut ist mir dieses
seltsame Gefühl in aller seiner Lebhaftigkeit gegenwärtig Da fing der Wagen an
fortzurollen ich sah die Eltern noch einmal am Fenster stehen und jetzt
überfiel mich plötzlich eine früher nie gekannte starke Empfindung für ihre
Gestalten Ich streckte die Hände nach ihnen aus ich begann zu weinen ich rief
Vater und Mutter und der liebe Klang dieser Namen fiel zum ersten Mal mit einer
süßen Beklemmung auf mein Herz Aber der Wagen rollte immer weiter ich war
allein in die Welt hinausgeschickt
Nur eine alte Frau saß neben mir in einer großen schwarzen Enveloppe die
von der Tante abgesandt worden war um mich zu geleiten Nachdem wir einen
halben Tag gefahren waren wurde es wunderschönes Wetter und ich wusste mich nun
vor Lustigkeit gar nicht zu lassen Der Sonnenschein lachte mich an die grünen
Täler breiteten sich meinen Träumen wie ein hoffnungsfarbener Teppich unter
die Häupter der Berge waren plötzlich freundlicher und mannigfaltiger geworden
als in unserm Böhmen und ein schöner heller Strom begegnete uns oft den wir
bald durchschneiden bald zur Seite liegen lassen mussten Dann ging es eine
steile Anhöhe hinauf die man den Nollendorfer Berg nannte Hier wurde einen
Augenblick Halt gemacht und ich musste von hier aus die Augen noch einmal
zurückwenden auf Böhmen das wie ein gesegnetes Wunderland mit unzähligen in
das Himmelblau verfliessenden Bergspitzen vor unsern Blicken ausgebreitet lag
Es verfloss Alles vor meinen Augen so rührte mich diese Aussicht die ich mit
meiner noch unentwickelten Vorstellungskraft natürlich nur wie ein unklares
Märchen mit Herzensschauern aufnehmen konnte Endlich schlief ich von aller
der Aufregung ermüdet ein und erwachte nicht eher als bis ich gegen Abend den
Wagen über das Strassenpflaster rasseln hörte Da hieß es dass wir in Dresden
angelangt wären und ich war Kind genug mir vor Freuden in die Hände zu
klatschen
Die Tante saß auf dem Sopha eine kleine sehr starkbeleibte Frau mit
freundlichen blitzenden Augen Sie wusste mich gleich durch ihren überaus
zärtlichen Empfang für sich einzunehmen obwohl ich mir eigentlich gestehen
musste dass ich mich vor ihren freundlichen Augen fürchtete Es fiel mir unsere
Katze dabei ein wenn sie mir liebkoste und ich dann nachher mit einer blutigen
Hand fortschlich Aber ich verfolgte diesen Gedanken nicht weiter Es wurden mir
gleich am andern Morgen schönere Kleider angezogen als ich bisher weder
getragen noch überhaupt gesehen und ich schlug die Hände über den Kopf
zusammen als ich ans Fenster trat und auf die Straße hinunterschaute Wir
wohnten in einem schönen großen Hause in der Schlossgasse und konnten noch den
schräg gegenüberliegenden Altmarkt mit seinem bunten heitern Treiben aus unsern
Fenstern übersehen Diesen ganzen Tag war ich fast gar nicht vom Fenster
fortzubringen und wollte auch nichts essen Ich sah mir nur immer die hübschen
geputzten Leute an die stattlichen Herren und die zierlichen Damen die
Equipagen und Reiter die Soldaten mit schallenden Trommeln und Pfeifen die
Ausrufer die Karrenschieber die Käufer und Verkäufer die da unten alle wie
es schien bloß zu ihrem Vergnügen vorüberspazierten Und wir selbst wohnten in
herrlichen mit Tapeten Seide und Purpurstoffen ausgeschmückten Zimmern So
hatte ich mir auf meinem böhmischen Dorfe das Leben nicht gedacht Es war Alles
reicher wie ich es mir vorgestellt und doch wieder auch um Vieles ärmer aber
Das was fehlte wusste ich noch gar nicht zu nennen es war wie in mir selbst
verhüllt und eingewickelt Ich lief zur Tante hin und hätte ihr gern gesagt
wie mir Alles gefiele und doch etwas fehle Aber sie saß in einer Ecke des
Kanapees und las in einem schön eingebundenen Buche das einen goldenen Schnitt
hatte Ich getraute mir nicht sie zu fragen doch fiel mir in meiner Torheit
ein ob vielleicht in dem schönen Buch stehen möchte was mir da draußen fehle
Es waren lauter Gedichte gewesen in denen sie gelesen hatte wie ich nachher
bei Tische auf mein naseweises Andringen von ihr erfuhr Bei Tische fiel mir
sonst noch auf dass nicht gebetet wurde und ich von selbst wollte nicht
anfangen Auch schlug die Tante nie ein Kreuz und als ich ihr mein Amulet
zeigte lachte sie mich dermaßen aus dass ich es vor Unwillen unter die alten
von Hause mitgebrachten Kleider warf die ich hier hatte ablegen müssen
Seit dieser Zeit aber hatte ich eine große Sehnsucht nach schönen Büchern
und ich folgte mit Lust und Liebe als ich nun fleißig zum Lernen angehalten
wurde Ich führte jetzt ein beneidenswertes Leben und war über die Massen
glücklich Meine Lehrer kamen und gingen ich erfuhr viel Neues wurde in allen
Dingen unterrichtet und erfreute mich besonders an meinen ersten Versuchen in
der Musik die mir zur Zufriedenheit Aller gelangen So gingen die Tage wie
stiller sinniger Wellenschlag vorüber und Abends war es mir leid wenn ich
mich zu Bette legen musste so sehr gefiel mir Alles was ich tat und trieb Ich
hatte mein eigenes kleines Zimmer in dem ich mir Jedes einrichten und stellen
durfte wie ich es wollte und so konnte ich zugleich an meiner Umgebung den
Haushaltungstrieb befriedigen der ein Mädchen so gern beschäftigt Ich
schmückte mir mein Fenster mit Blumentöpfen die ich nach einer gewissen Ordnung
gruppirte und meine Wände mit Bildern welche ich geschenkt bekam Vor meiner
kleinen Ottomane stand immer ein rundes Tischchen auf dem Bücher aufgeschlagen
lagen und zwar waren es jedesmal Gedichte aus der Bibliothek der Tante welche
ich so zur Schau legte Ich hatte große Ehrfurcht vor Gedichten und wenn mich
so zuweilen das Nachdenken beschlich glaubte ich in meiner Einfalt dass meine
Erziehung von der ich immer die Lehrer sprechen hörte dann beendigt wäre wann
ich die Gedichte alle würde verstehen können Auch fiel mir als ich einmal in
der Abenddämmerung auf dem Sopha saß der Gedanke ein dass ich obwohl nun schon
fast zwölf Jahr geworden doch bis jetzt noch gar nicht recht gewusst habe was
Leben sei Jetzt weiß ich es setzte ich in meiner kindischen Zuversicht hinzu
und legte den Finger altklug an die Nase Das Leben ist Lernen und wenn man
ausgelernt hat wird das Leben Genießen Ich freute mich dass mir das
eingefallen war und legte den Kopf träumend hintenüber und geheime lockende
dunkel reizende Bilder von einer Zeit wo das Leben aus Genuss bestehen würde
zogen mit einer unverstandenen Ahnung durch meine Seele Als ich aus diesen
Träumereien erwachte war es Nacht um mich geworden aber ich empfand mein Blut
in einer stürmischen Wallung die Wangen waren mir von Röte und Hitze wie
überglüht der Kopf schmerzte mich das Herz klopfte in pochenden Schlägen und
eine halb süße halb drückende Beklemmung schien sich wie ein unbefriedigtes
Verlangen über meine ganze Brust gelegt zu haben Ich fing an zu weinen und
lächelte gleich wieder darauf Schon seit einiger Zeit war ich manche
Veränderungen an mir gewahr geworden die mich bald befremdeten bald erfreuten
Ich wurde größer und unter dem Kinderkleide hob sich wie ein Drang junger
Knospen mein Busen In den Musikstunden musste ich plötzlich Altstimme singen
Die Tante bekümmerte sich sonst wenig um mich Sie sah viele Gesellschaft
bei sich von der ich jedoch noch entfernt blieb und nur Gelächter und Geräusch
derselben Klingen der Gläser und Klappern der Tassen tönte zuweilen in mein
verborgenes Stübchen herüber Etwas muss ich jedoch jetzt erwähnen von dem ich
eigentlich schon früher hätte sprechen sollen wenn es nicht meiner Zunge schwer
würde hier die zögernden Laute zusammenzufügen Schon seit meinem ersten
Eintritt in dies Haus hatte ich öfter einen schönen vornehmen Mann gesehen der
von Zeit zu Zeit die Tante besuchte und mir dem Kinde dann jedesmal eine
besondere Aufmerksamkeit widmete Gleich am andern Tag nach meiner Ankunft aus
Böhmen war er gekommen um sich nach mir zu erkundigen als schiene er um mein
ganzes Schicksal gewusst zu haben und die Tante hatte mich ihm nachdem ich
geputzt und geschmückt worden war mit einer Art von triumphirendem Wohlgefallen
gezeigt Er küsste mich immer und zwar so lange dass ich es nicht leiden konnte
und mich mit Unwillen und Fussstampfen ihm entriss denn ich konnte sehr heftig
werden Auch brachte er mir jedesmal kostbare Geschenke aller Art die ich
hastig nahm weil ich nach solchen Dingen ein großes Gelüst hatte Ehe ich es
dachte kam er jetzt und ich erschrak immer vor ihm Wenn ich fortgehen wollte
begegnete er mir auf der Treppe und ich musste wieder mit ihm hinauf wenn ich
zur Tante ins Vorderzimmer ging um zum Fenster hinauszusehen denn mein
Stübchen ging nach hinten war er unversehens auch da und ich musste mich ihm
auf den Schoss setzen so sehr ich mich sträubte Die Tante ließ Alles
geschehen und schalt mich nachher derb aus wenn ich gegen den Herrn Grafen
denn so wurde er von ihr genannt nicht recht freundlich und schmeichlerisch
gewesen war Oft kam er auch auf mein Zimmer wann ich unterrichtet wurde und
hörte aufmerksam zu und gab den Lehrern manche Winke über Das was sie mit mir
vornehmen sollten Dies war das Einzige was mir an ihm gefiel obwohl es mir
auch rätselhaft däuchte Aber es schien ihm viel daran gelegen zu sein dass ich
die feinste und sorgfältigste Ausbildung erhielte ich sah nicht ein warum Er
war ein großer hochgewachsener Mann in den mittleren Jahren mit immer lächelnden
Gesichtszügen etwas verzogenen Mundwinkeln blassen Wangen und einem
funkelnden Ordensstern auf dem Rock Ich mochte ihn nicht leiden und als Grund
dazu wusste ich noch kaum etwas Anderes als das Gefühl dass er mir meine
unbefangene Kinderfreiheit beschränkte
Außerdem war noch in der letzten Zeit ein junger Teologe Namens
Mellenberg in unser Haus gezogen dem die Leitung meines Unterrichts anvertraut
wurde Er war hässlich finster einsylbig und bekümmerte sich um nichts als
seine Bücher weshalb auch der Graf ein unbedingtes Vertrauen in ihn zu setzen
schien Sein düsteres in sich versunkenes Wesen hatte dennoch etwas sehr
Anziehendes für mich und da er sich zugleich große Mühe mit mir gab so lernte
ich bei ihm viel und in wenigen Stunden mehr als bei allen frühern Lehrern Er
war Protestant und belehrte mich zuerst über die Verschiedenheit beider
Glaubensformen die mir augenblicklich sehr überzeugend einleuchtete Diese
Überzeugung die ich gewann eröffnete mir zugleich einen freieren Blick über
die Weltgeschichte und deren Fortschritte da mir bis dahin wie jedem Mädchen
alles historische Interesse ziemlich fremd geblieben war Doch schärfte mir
Mellenberg ein dass ich unsere Unterredungen über diese Gegenstände geheim
halten müsse da er nur den Auftrag habe die neueren Sprachen mit mir zu
treiben Dies gab dem Verhältnis zu ihm in meiner Vorstellung einen noch
größeren Reiz da nun etwas Geheimes zwischen uns obwaltete in dem und durch
das wir uns verstanden Ich wurde aus ganzem Herzen Protestantin fühlte mich
klar frisch und gesund dabei und wenn ich an den lieben Gott dachte geschah
es mit einem lebensfrohen Mut wie niemals Um so schmerzhafter drückte es
mich dass ich nächstens wie mir die Tante angekündigt hatte durch den Bischof
eingesegnet werden sollte auf den katholischen Glauben Denn obgleich die Tante
wie ich wohl gemerkt hatte gar keine Religion besaß so ging fie doch alle
Sonntage um 11 Uhr nach der Schlosskirche in die Messe Mit lautem Weinen klagte
ich dies meinem protestantischen Kandidaten Er aber wehrte meine Arme die ich
in der Leidenschaft des Schmerzes um seinen Hals schlingen wollte langsam und
errötend von sich ab und verwies mich an die Macht Gottes die Alles zum
Besten lenke Mich verdross seine Kälte da ich geglaubt hatte in einem
innigeren Verhältnis mit ihm zu stehen und obwohl ich ihm nicht gram werden
konnte nahm ich mir doch vor ihm nächstens etwas zum Tort zu tun Ich bewies
mich nämlich jetzt dem Grafen der immer öfter und öfter kam freundlicher und
anhänglicher als je ungeachtet dass sein Benehmen gegen mich von Tag zu Tag
seltsamer und auffallender wurde und meinte damit den guten Mellenberg zu
kränken während ich doch selbst nur davon litt und heimlich manche Nacht
durchweinte
Jetzt trat plötzlich eine Wendung in meinen Ansichten und Schicksalen ein
die wie ich bei allen Begegnissen des Lebens bemerkt habe gleichsam mit dem
Hauch einer einzigen Stunde welche die entscheidende ist herbeigeweht zu
kommen schien Ich war vierzehn Jahre alt geworden und sah schon wie ein völlig
aufgeblühtes Mädchen aus denn das heissere Wachstum meiner Seele und meiner
Sinne mochte auch mein Äußeres früher gezeitigt und in die Fülle der Gestalt
hervorgetrieben haben Der Graf mich mit einem ganz besonderen Blick
betrachtend vor dem ich blutrot wurde hatte mir an diesem Tage ein
wunderschönes Kleid geschenkt und mir dabei viele Schmeicheleien gesagt dass
ich meinen Ohren kaum traute Es war mir in der letzten Zeit nur zu klar
geworden dass ich ganz auf seine Kosten gepflegt und gebildet wurde denn die
Tante gegen deren Lebensweise mich bei näherer Beobachtung ein immer
widerwilligeres Mistrauen beschlich besaß kein eigenes Vermögen wie ich bald
erfuhr Zuweilen war es mir in meinen Gedanken als wenn ich in einen
entsetzlichen Abgrund hinunterspringen müsste vor dessen bodenloser Tiefe und
Schwärze mir jeder Nerv bis in den Tod erbebte aber an diesem meinem
Geburtstage erfasste mich auf Einmal ein ungeheuerer Leichtsinn in meinem
innersten Herzen es war ein Moment ich wusste nicht wie mir geschah und mein
ganzes Denken flog plötzlich wie von rosigen Sommerwolken fortgetragen in eine
an endlosen Freuden Blüten Farben und Tönen reiche Ferne hinaus Als der Graf
fortgegangen war lachte und sang ich und beeilte mich das neue aus den
kostbarsten Stoffen gewählte Kleid das mir außerordentlich gefiel anzulegen
Die Tante war mir dabei behilflich und sagte zugleich dass es nun da ich so
schön und groß geworden Zeit sei mich in die Welt einzuführen wie sie sich
ausdrückte Ich horchte auf wie nach einem seltsamen goldenen Klang der mir
in die Seele ziehen wollte und stellte mich dann vor den Spiegel aus dem mir
meine ganze geschmückte Gestalt in blendender Überraschung entgegenstrahlte
Dieser Blick in den Spiegel traf mich wie ein verwirrender Zauber Es war mir
als besänne ich mich jetzt auf mich selbst dass ich bisher eigentlich noch gar
nicht gelebt hätte Ich seufzte und der Spiegel übertaute sich von dem Hauch
meines Mundes Da schienen indem ich noch träumend stand aus der überzogenen
Fläche des Glases holde Genien verlockende Gestalten zu mir herauszusteigen
sie hatten die Hände voll bunter Blumen und die Augen voll lockender Gefühle
sie steckten mir eine große volle rote Rose zwischen die schlagende Brust
Zusammenfahrend wischte ich schnell den Spiegel wieder ab und lachte laut als
ich keine Geister sondern nur den Glanz meiner Jugend darin sah Dieser
Augenblick aber war das für mich was für die Gespenstermährchen die
Mitternachtstunde ist Sie müssen diesen Moment abwarten ehe der Zauber in
ihnen wirksam werden kann Und so war es als hätte ich gerade an diesem Tage
und in diesem Augenblick in den Spiegel sehen müssen um seitdem plötzlich
andern Sinnes zu werden Der Spiegel der jetzt mein Freund wurde war der
Magier gewesen der mich verzaubert hatte
Von nun an zeigte sich die Tante öfter mit mir auf Spaziergängen in
Gesellschaften und im Theater auf Bällen Koncerten und bei andern öffentlichen
Gelegenheiten Es wurde wie es schien Alles hervorgesucht um mir Vergnügen zu
machen und meine Sinne in einen beständigen Taumel zu wiegen Von Vergnügen
hatte ich ja schon immer geträumt und danach mit Herzklopfen verlangt und nun
konnte ich den ganzen Flitter von dem vollen Goldstrom der Welt wegschöpfen wie
und wo ich nur wollte Kein Wunsch blieb mir versagt jeder Gegenstand den ich
gern hätte erhaschen mögen war auch schon mein und ich war unerfahren und
zugleich leidenschaftlich genug um mich sogar an Alltäglichkeiten zu
berauschen Jede Promenade im Mittagssonnenschein auf der ich den
Vorübergehenden auffiel war mir ein festliches Ereignis und ich konnte nachher
vor Freuden ordentlich in der Stube herumhüpfen Nur dämpfte es einigermaßen
mein aufjauchzendes Temperament wenn ich einmal zufällig daran dachte dass ich
diese neue feiertägige Lust die ich am Leben kennen gelernt hatte dem Grafen
verdanken sollte Dann war ich einige Tage traurig und von trüben Ahnungen
geplagt bis er mich durch ein neues Geschenk wieder heiter machte Seinen
Liebkosungen hatte ich mich übrigens noch immer standhaft widersetzt und mit
einer Entschlossenheit vor der ich nachher selbst erschrak denn was mein
Gefühl zuletzt am meisten gegen ihn empört hatte war die Bemerkung dass er sich
nie öffentlich mit uns zeigte sondern uns nur immer ganz im Geheimen zu
besuchen schien Dagegen hatte die Tante mit mehreren Familien Umgang zu denen
ich geführt wurde und wo es Feste Landpartieen Kränzchen und
Tanzgesellschaften in Überfluss gab Ich tanzte außerordentlich gern und war
immer auf dem Platze und die gesuchteste Tänzerin Der Tanz kam mir wie eine
festliche Dityrambe zu Ehren einer Göttin vor Sonst gefielen mir alle diese
Menschen nicht mit denen mich die Tante in Berührung brachte Sie erschienen
mir einfältig ungebildet seelenlos unsittlich und doch ohne Leidenschaft
verworfen und doch ohne Verzweiflung leichtsinnig und doch ohne Genialität
trübseelig und doch ohne Melancholie mithin ohne jedes menschliche Interesse
Ich schauderte zuweilen unwillkürlich vor diesem Blick in die
Menschenverhältnisse aber dennoch ließ ich mich nicht nüchtern machen aus
meiner selbstvergessenen Trunkenheit die mich wie ein rascher Wirbeltanz von
einer Stelle zur andern bewegte Und die Tante sagte in ihrer allerliebsten
fetten Naivetät das seien die Freuden der großen Welt wenn wir spät um
Mitternacht aus einem Pickenick von reichen Kaufmannssöhnen und jungen
heiratslustigen Offiziersund Beamtentöchtern nach Hause kehrten Dann warf ich
mich erschöpft und seufzend in einen Stuhl und betrachtete mir beim Auskleiden
noch einmal meinen schimmernden Putz und ließ mein Geschmeide und meine Juwelen
durch die Finger gleiten Ich betete nicht mehr zu Gott den ich als kleines
böhmisches Mädchen so heiß um Leben angerufen hatte Also statt des Lebens hatte
ich jetzt die große Welt wie es die Tante genannt gefunden Welt Welt große
Welt ist das Leben Doch ich dachte jetzt über nichts genau und flatterte nur
mochte es Welt oder Leben sein das ich mit meinen flüchtigen Sohlen berührte
Auch konnte ich um diese Zeit fast den ganzen Rossini vom Blatte singen
Ich muss doch auch wieder ein Wort von Mellenberg sagen Obwohl ich fast
keinen Unterricht mehr bei ihm nahm blieb er doch immer noch in unserm Hause
da er sehr arm war und die Tante ihm wenigstens die freie Wohnung gelassen
hatte Er schien mir seitdem ich mich so in diese glänzenden Zerstreuungen
gestürzt hatte heimlich zu zürnen und doch war es anfänglich von mir nur aus
Trotz geschehen weil ich mich in meiner Zuneigung zu ihm der ersten
wahrhaften die seit der Trennung von meinem Rotkehlchen in mein Herz gekommen
war geirrt zu haben glaubte Ach wo war Rotkehlchen wo war Böhmen wo waren
die abendroten Gipfel des großen Milleschauers Dennoch schien es mir auch
wieder als täte ich Mellenberg Unrecht wenn ich ihm eine von Büchern und
Wissen erkältete Seele zuschrieb Obgleich er mich vermied und ich ihn so
betrachtete er mich doch zuweilen wenn wir uns begegneten mit einem seltsam
schmerzlichen und teilnehmenden Blick der tief in mich hineinfuhr und nachher
lange in mir haften blieb Dann konnte er ordentlich schön aussehen wann er
mich so anblickte und sein edles ernstes tiefliegendes Auge beleuchtete sein
ganzes Gesicht mit einer stillen sinnreichen Anmut Über den Protestantismus
hatten wir nie wieder gesprochen Diese klaren Ausstrahlungen meines erwachten
Selbstbewusstseins waren für jene Zeit ganz in mir verdunkelt worden Hätte er
daran wieder angeknüpft so würden wir uns wieder inniger genähert haben und zu
meinem Heil Aber er war stumm verschlossen und hatte nicht den freien und
kecken Mut der Seele welcher einem Mädchen sonst immer als das
Liebenswerteste am Manne erscheint Und einmal kam mir sogar der wunderliche
Gedanke ein wie ein so edler begabter junger Mann als er in einem so
schlechten Hause wie dem unsrigen zu bleiben vermochte Ich schrak ordentlich
zusammen als mir dieser Gedanke klar zu werden anfing Ich dachte wenn ich ein
Mann wäre wollte ich fortlaufen und mich lieber in eine Bodenkammer bei einer
armen Weberfamilie einmieten als hier bleiben Hier wo ein zweideutiges Weib
der raffinirten Unterhaltung eines Grafen Opfer erzieht Und am andern Morgen
war immer Alles wieder vergessen was ich gedacht hatte
Inzwischen muss ich noch bemerken wie ich schon früher gleich nach dem
Anheben meiner großen innern und äußern Verwirrung durch den Bischof die
Firmelung auf den alleinseeligmachenden Glauben erhalten hatte obwohl während
ich sie empfing Etwas in mir war was dagegen protestirte Ich ging nun öfter
mit der Tante in die Messe oder auch allein und so sehr mich auch diese
feierliche musikalische Mystik teilweise anlockte und zuweilen wie mit
Wunderkerzen in meine horchende Seele hineinleuchtete so ging ich doch nie mit
einem befriedigten Gefühl aus der Kirche weg sondern war betäubt ermattet
mutlos Zudem bemerkte ich dass sehr Viele nur kamen um die beiden
italienischen Kastraten singen zu hören und diese letzteren waren es gerade
die mir eigentlich Alles verleideten und meine Andacht verdarben Meine ganze
physische Natur wurde nämlich empört und aufgeregt sobald der unendlich weiche
lauliche wollüstig hingeschlürfte bald weibisch aufkreischende bald in
gedämpften Mitteltönen sich lächelnd kitzelnde bald brünstig zitternde bald in
banger Lust klagende und sich verhauchende Ton dieser Sänger an mein Ohr fiel
und auf meine Nerven zu wirken anfing Dieses empfindliche Missbehagen ging
einigemal sogar in Krämpfe und Anfälle von Ohnmacht bei mir über und ich musste
aus der Kirche fortgetragen werden Das weibliche Gefühl muss es überhaupt
verletzen einen Kastraten zu sehen der für einen Mann bloß lächerlich für eine
Frau aber immer nicht anders als unerträglich und beleidigend sein kann
Dagegen wurde mir jedesmal wohl wenn ich von der Kirchentreppe heruntertrat und
die herrliche Aus und Fernsicht über die schöne freundliche Elbe mit den
dahinterliegenden weit in den blauen Horizont sich verlierenden Gegenden vor
mir erblickte Diese Aussicht verlor nie ihren aufheiternden Reiz für mich so
oft ich mich auch darin erging und wenn ich allein nach Hause kehrte machte
ich jedesmal einen Umweg und stieg die breiten steinernen Stufen zur Brühlschen
Terrasse hinauf dort oben unter den schattengebenden Alleen langsam und mit oft
verweilenden Umblicken hinwandelnd Da lag unten zur Seite die lange prächtige
Elbbrücke auf ihren hohen Pfeilern und Bögen drüben jenseit der Elbe kamen vom
Linckeschen Bade die verlorenen Klänge eines Morgenconcerts herüber und rings
um mich her ging in eleganten Gruppen und Gestalten das Gedränge der schönen
Welt Dresdens an mir vorbei Solche Spaziergänge genoss ich mit harmloser Lust
Die Gesichter der Dresdener hatten im Ganzen eine gewisse Gefälligkeit für mich
sie sind fast immer fein weiß und nett wenn auch ohne Ausdruck gebildet und
obwohl man ihnen im Durchschnitt weder Gemütlichkeit noch Gutmütigkeit
zuschreiben kann so ersetzen sie diese doch oft durch eine ich möchte sagen
technische und hübsch zugeschnjetzte Freundlichkeit
Jetzt ereigneten sich einige Vorfälle die mein Schicksal zeitigen halfen
Ich fühlte nämlich dass unwiderstehliche Leidenschaften in mir rege geworden
waren mehr in der allgemeinen heißen Strömung meiner Natur als dass sie noch
einem besonderen Gegenstande gegolten hätten am allerwenigsten aber Dem welcher
sie durch absichtliche künstliche und immer dringender werdende Mittel in mir
hervorzulocken suchte Es war ein mächtig lodernder Funke den die Kraft meiner
Phantasie aus den überschwenglichen Formen des reichen Lebens sich
herausgeschlagen und zündend in mein Blut geworfen hatte und dieses trieb nun
stärkere Wellen zu dem Herzen hinauf welches erbangend und überwältigt nirgend
Befriedigung und Frieden für sich ersah Wenn ich zuweilen spät aus einer
geräuschvollen Gesellschaft einem aufregenden Ball nach Hause kam fand ich
Niemand mehr zu beneiden als den stillen fleißigen sinnigen Mellenberg Er
saß dann immer noch in tiefer Mitternacht auf seinem Zimmer das in einer andern
Ecke des Hofgebäudes dem meinigen gegenüber lag und hatte Licht Ich konnte ihm
gerade in die Stube sehen jede seiner Bewegungen belauschen auf jedes Blatt
Papier das er beschrieb mit hinblicken Wahrhaftig zuerst war es dann das
Gefühl eines großen Neides das in mir aufstieg wenn ich ihn so vor seinem
Arbeitstisch dasitzen sah Ich hatte die Zeit wild hingebracht und nach Glück
und Vergnügen mich matt und müde gejagt und er war in wohltuender Ruhe bei
seinen Büchern zu Hause geblieben Der Friede ämsiger Gedankenvertiefung
lächelte auf seiner gewölbten Stirn Ich sah lange lange zu ihm hinüber Den
dunkellockigen Kopf in die Hand gestützt machte er sich mit großen Büchern zu
schaffen in denen er bald ganz versunken Seite für Seite umschlug und las bald
auf einem neben ihm liegenden Zettel etwas daraus notirte oder wieder andere
Bücher herbeiholte und darin etwas nachblätterte So trieb er es unermüdlich bis
ein zwei Uhr und mein Neid vermischte sich bald mit einer innern Ehrfurcht für
seine stille Beschäftigung und die Ehrfurcht ging mir ins Herz über und weckte
darin allmälig eine leise Flamme Zugleich dachte ich daran wie gleichgültig
ich ihm im Grunde zu sein schien und dies reizte meine ganze
Mädchenempfindlichkeit nicht gegen ihn sondern heimlich für ihn auf Ich lag
gewöhnlich schon im Bett während ich mich damit unterhielt ihm drüben
zuzusehen Er konnte in mein Zimmer nicht hineinblicken weil ich gleich
nachdem ich die Vorhänge wieder heruntergelassen das Licht löschte und er
selbst wie überhaupt nachlässig in allem Äußern war auch darin unvorsichtig
dass er die Gardine vor seinem Fenster nie zusammenzog Dann wenn sein Licht ihm
auszubrennen drohte legte er Alles bei Seite und begann sich zu entkleiden
Doch hier muss ich errötend abbrechen
Der Sommer des Jahres 1830 war herangekommen Es war ein schöner heller Tag
als der Graf uns die Einladung zu einer Landpartie zuschickte das erste Mal
dass er uns dabei mit seiner Gegenwart zu beehren gedachte Mit peinigenden
Ahnungen setzte ich mich in den Wagen die freie reine himmelblaue Luft wehte
mich vergeblich an und ich konnte mich heut zu dem sorglosen Leichtsinn der
über der Natur schwebte nicht stimmen Ich war melancholisch wie Appiani in
Emilia Galotti Der Graf gesellte sich erst eine gute Strecke vor dem Tore zu
uns Er war zu Pferde und ritt in lebhaften Gesprächen die er immer anzuknüpfen
verstand neben dem Wagen her Er war ohne Zweifel ein sehr gebildeter Mann und
ich musste mir oft gestehen dass ich ihn heimlich bewunderte wenn er sprach und
erzählte aber das ängstigende Verhältnis in dem ich zu ihm stand oder zu dem
ich vielmehr noch gezwungen werden sollte nötigte mich jede Beipflichtung
auch des Verstandes für ihn zu unterdrücken Denn nichts verfehlt mehr seinen
Endzweck auf ein jugendliches scharf wahrnehmendes Herz als die zur Schau
getragene Absicht Nur das Unabsichtliche verführt und verlockt uns am
wirksamsten Und doch verdanke ich seinen Absichten die sorgfältige Erziehung
und Bildung die ich genoss obwohl ich bei näherer Überlegung ihm keine
Dankbarkeit dafür schulden zu dürfen glaubte Denn ich war selbst nur als Mittel
dabei gedacht und nur für den größeren Reiz seiner Unterhaltung hatte er klug
gerechnet wenn er es vorzog sich lieber ein gebildetes Schlachtopfer zu
erwählen als ein unverständiges Werkzeug das keine geistigere Wirkung empfand
und wiedergab So sollte was ich Schönes und Gutes lernte und mir aneignete
nur die Koketterie eines Putzes sein womit ich mich um ihm mehr zu gefallen
behing aber Gott lenkte es anders dass die Gaben des Geistes die nur wie
Blumenblätter über den Abgrund meines Verderbens hingebreitet werden sollten
vielmehr Wurzel schlugen in meiner eigenen Seele und frei und stark machten
meinen Willen um in der Welt nur dem innersten Trieb und Zug meines Gefühls zu
gehorchen Und wenn ich auch bald an diesem meinem eigenen Gefühl mich verirrte
und sank so muss es doch glaube ich weniger Schande bringen durch sich
selbst durch das inwendige und unwiderstehliche Schicksal unserer Brust
gefallen und gescheitert zu sein Ich bin keck und frei genug die Augen noch
dreist und harmlos aufzuschlagen wenn mich die Südwinde meiner eigenen
Leidenschaft verschlagen haben an gefahrvolle Klippen ich bin dann noch ein
Kind meines Willens ein Kind meines Schicksals und ein Kind meines Gottes
Aber fremder Leidenschaft widerwillig gefallen zu sein ist eine Beschimpfung
des ganzen Daseins gegen die nichts Anderes mehr als Lucretias Tod hilft Ich
war in der letzten Zeit oft auf die Dresdener Gallerie gegangen und hatte mir
mit stillem Zucken die Lucretia angesehen die in dem letzten Zimmer nicht weit
von der Sixtinischen Madonna ganz oben hängt
Aber ich vergesse in diesem Hinundherreden über meine Lebenswirren ganz von
unserer Landpartie zu erzählen Wir fuhren nach Plauen das zu den reizendsten
Umgegenden Dresdens gehört Der liebliche Plauensche Grund mit der schäumenden
Weiseritz die sich hier durch hohe Felsen ihre Bahn bricht machte einen
wohltuenden Eindruck auf mich und erleichterte zuerst wieder meine
Vorstellungen Ich konnte immer entsetzlich bald Alles vergessen was mich
drückte selbst im Angesicht der Gefahr Ich wurde heiter nahm den dargebotenen
Arm des Grafen an ging lachend und hüpfend an seiner Seite und sang auf sein
Begehren sogar die tanti palpiti Ich war im Stande mir einzubilden wenn ich
wollte dass er mein wahrer Freund sei mit dem ich ganz gut sein müsse Auch
bezeigte er sich jetzt durchaus unbefangen sodass ich meinen Argwohn
zurückdrängte Nur die Figur der Tante ärgerte mich zuweilen wenn sie mir mit
ihren listigen freundlichen vielsagenden Augen bedeutungsvolle Blicke zuwarf
Wir hatten Wagen und Pferde im Dorfe gelassen und spazierten zu Fuß weiter bis
zu den Steinkohlenwerken Der Graf erzählte mir manches Lehrreiche über den
Grubenbau und ich hörte mit Aufmerksamkeit zu Auch besahen wir die
Dampfmaschinen Dann kehrten wir nach Plauen zurück wo wir Abendbrot aßen und
uns gut unterhielten und erst spät am Abend langten wir wieder in Dresden an
Meine fröhliche Laune trübte sich als ich sah dass der Graf vor unserer
Wohnung mit abstieg und uns hinausbegleitete Ich fühlte dass ich zitterte und
mein Blut stieg mir in dunkelroter Wallung ins Gesicht So seltsam war mir noch
nie zu Mute gewesen und als ich ins Zimmer trat erschien mir Alles wie
verändert Es dünkte mich als hätte ich früher weit wo anders gewohnt und käme
zum ersten Mal in dies Gemach um hier die unglücklichste Stunde meines Lebens
zu erleiden Ich sah mich betroffen um und wirklich das Zimmer in das man uns
geführt hatte war mir in seiner ganzen Einrichtung neu In der Ecke stand ein
großer Amor von Bronze mit einer brennenden Fackel in der Hand und beleuchtete
mir durch diese auf magische Weise das ängstigend geheimnisvolle Gemach Ich war
wie im Traum und halb besinnungslos ließ ich mich von dem Grafen der mich mit
raschen Arm umfasste zu ihm auf die Ottomane ziehen Diese war in Form eines
Himmelbettes mit roten seidenen Vorhängen die sich aus den goldenen Klauen
eines Greifs falteten überdeckt und sie drohten eben rauschend über mich
zusammenzuschlagen als ich plötzlich mich besinnend mich aufriß und in
wilder Bewegung fast einen Tisch umstürzte der mit Wein und Konfecten vor uns
gestanden Ich machte einige Schritte durch das Zimmer während der Graf nach
seiner Art lächelnd sitzen blieb und mir einige begütigende Worte zurief Es
war im Zimmer ein seltsamer starker Duft wie von abgebranntem Räucherwerk der
mich noch mehr drückte so dass ich das Fenster aufriß Die Tante war nirgend zu
sehen und zu hören Draußen auf der nächtlichen Straße lag ein beneidenswerter
ungetrübter Friede und kaum ging mehr ein Mensch vorüber kaum ließ sich noch
ein Geräusch vernehmen
Was soll das Alles fragte ich endlich mit ermutigter Stimme und wandte
mich wieder zu dem Grafen ins Zimmer zurück
Indem er mich von neuem an sich zu ziehen suchte sagte er heut sei die
schöne Feier unseres Bündnisses Er nannte mich ein wunderliches Kind und
fragte warum ich mich so fürchte Ich sei jetzt zu einer holden Braut
herangewachsen Jede Blüte habe ihren Augenblick wo sie sich plötzlich wie auf
sich selbst besinne dass sie Blüte geworden sei Von diesem Augenblick an
beginne ihr der Genuss ihres Seins Heut sei dieser Augenblick
Nein Nein rief ich aus allen Kräften und wand mich gewaltsam aus seinen
Armen Nein Nein schrie ich dass die Wände erdröhnten dass mir das Herz im
Busen fast sprang
Er hielt meine beiden Hände fest und hob sie an seinen Mund empor Er küsste
sie lange und ich fühlte durch meine Finger das elektrische Feuer seiner Lippen
rieseln Ich zog sie als hätte ich sie an einer Flamme versengt zurück und
verhüllte mir damit in tiefster Scham die Augen Ich weinte
Er trat vor mich hin und umfasste mich so unwiderstehlich dass ich glaubte
er habe ein Netz über meine Glieder geworfen Er war sanft und stark mild und
gewaltig zugleich wie er mich umschlungen hielt und ich wagte mich nicht zu
regen Ich hörte auf zu weinen und sah ihn mit stillen ruhigen Augen an Seine
Blicke begegneten den meinigen so nahe dass sie mich wie verzehrende Blitze
trafen Doch ich hielt seine Blicke aus ich erwiderte sie immer noch mit
stillen ruhigen Augen In diesem Moment erfuhr ich zuerst in mir dass es eine
Macht des Mannes gebe die unserer Natur weit überlegen sei Er kam mir schön
vor in der Glorie des Mannes wie noch nie und ich dachte dass mich nichts mehr
retten könne als Bitten Da beschloss ich ihn unendlich zu bitten und
flüsterte ihm viele gute flehende schmeichelnde Worte ins Ohr dass er mich
nur eine einzige Minute lang freilassen möchte Ich könne nicht mehr atmen Nur
eine einzige Minute lang
Er ließ mich los und ich seufzte laut auf als ich von ihm floh Ich eilte
zur Tür ergriff die Klinke und fand sie verschlossen Ich ging auf und ab
und empfand jetzt erst dass eine unbeschreibliche Angst in meinem Herzen poche
Da fielen meine Augen auf ein Klavier das an der Wand stehend noch nicht von
mir bemerkt worden war Es war ohne Zweifel ein neues Geschenk von ihm die
Tasten standen offen ein Musikblatt lag auf dem Notenpult In meiner Verwirrung
war ich davor stehen geblieben und griff wie in krampfhafter Betäubung einige
Töne auf dem klangreichen Instrument Dann schrie ich entsetzt auf als hätte
ich etwas Unrechtes begangen
Bravo Bravo rief eine Stimme hinter mir Ich sah mich um es war der Graf
Er hatte einen vollgeschenkten Becher in der Hand der schäumende Wein perlte
und duftete mir daraus entgegen Er hielt mir den Becher mit freundlichem Wort
an die Lippen und ich ließ Alles mit mir geschehen ich sog in langen durstigen
Zügen die stärkende Labung tief in mich hinein als könne mir das helfen Er
freute sich und küsste mir dabei die Stirn während ich trank
Nun glaubte er meinen ganzen Starrsinn überwunden und führte mich in sanfter
Umschlingung wieder zum Kanapee Ich aber fühlte plötzlich einen neuen glühenden
Mut in mir gewachsen und dachte dass es jetzt nur auf mich ankäme ihn zu
brauchen und anzuwenden alle Stärke meines Willens Er zog mich auf seinen
Schoss nieder und legte mit schmeichelnder Bewegung meinen Kopf auf seine
Schulter Das Tuch war mir vom Nacken geglitten ich empfand selbst wie heiß
ich war und fragte nicht danach Ich lag mit dem Kopf auf seiner Schulter und
dachte über etwas nach ich weiß selbst nicht über was Ich fühlte sein Herz
hörbar an mir schlagen und es kam mir der Gedanke ein dass wir beide nie
zusammengehörten Weil ich ihm jetzt so nahe war empfand ich die ungeheuere
Trennung zwischen uns um so überzeugender um so schneidender Jetzt erst auf
seinem Schoss wo er mich ganz gewonnen zu haben meinte sah ich es deutlich
ein wie fern ich ihm war Fern fern ewig fern und weit auseinander Sein
dicht an meiner Wange gehender Atem fing mir an abscheulich zu werden In
meiner auf und niederwogenden Brust regte es sich wie ein großer heldenmütiger
Hass Ich richtete mich langsam von ihm auf und sah ihn an Er hatte meine
Busenschleife ergriffen und zog sie auf sodass mir das Gewand
voneinanderschlug Ich dachte an Lucretias Dolch wie er ihren schneeweißen
Busen durchschnitten ich fasste mich noch einmal in meiner ganzen
Entschlossenheit zusammen es zuckte in meiner Hand und ich schlug mit allen
Kräften nach seiner Wange als führte ich ein Schwert der Rache Dann war ich
aufgesprungen rannte ans Fenster schrie laut um Hilfe auf die Gasse hinaus
und wollte mich hinunterstürzen Darauf wieder zurück durch das Zimmer noch
einen flüchtigen zitternden Blick auf ihn der erblasst und halb ohnmächtig vor
Schreck und Zorn dasaß dann griff ich mit aller Gewalt an die Tür sie wich
aus dem Schloss und ich eilte auf atemloser Flucht mit der Gebärde einer
Wahnsinnigen die Treppe hinab
Unversehens war ich in den Hof getreten der kühle Nachtwind schlug mit
feuchten Flügeln mein heißes Gesicht und brachte mich zuerst wieder zur
Besinnung Ich stand still Alles war ruhig nichts bewegte sich Ich richtete
die Augen zum Himmel auf wo einige Sterne in dunkler Glut brannten Da fielen
meine Blicke auch auf zwei erleuchtete Fenster des Hofgebäudes Es war
Mellenbergs Zimmer er war es der Gute der Verständige der wieder wie sonst
auch diese späte unglückliche Nacht mit seinem Fleiß durchwachte Seine Gestalt
trat vor meine Seele ich sehnte mich unbeschreiblich nach ihm ich wollte von
ihm Trost und Frieden Plötzlich war mir jedoch als hörte ich vorn im Hause
gehen und sprechen es kam die Treppe herunter ich glaubte die Stimme des Grafen
zu unterscheiden die Tante auch beide in einem heftigen Wortwechsel immer
näher und näher dann Licht und mein Name wurde genannt Nun wähnte ich mich
verfolgt und sah keine andere Rettung mehr vor mir als die Hoftreppe
hinaufzuflüchten Geradezu war Mellenbergs Zimmer ich stürze hinein und noch
ehe er von seinem Tisch aufsehend mich gewahr geworden habe ich schon hinter
mir die Tür verriegelt Dann springe ich mit weit geöffneten Armen auf den
Erschrockenen zu um mich an seine Brust zu werfen in seinen Schutz zu geben
Ich sagte es mir mit einer unendlichen Innigkeit und Genugtuung dass er der
einzig Redliche im ganzen Hause sei Unter den Schirm seiner Redlichkeit wollte
ich meinen Schmerz mein Unglück den Bruch meiner Verhältnisse stellen Er
sollte mir raten mir Mittel angeben und auf Hilfe für mich denken Er war
klug und gut Ich deutete ihm Alles an soviel ich konnte und mir mein Gefühl
erlaubte
Und hier hätte ich wohl Grund den Faden dieser Selbstbekenntnisse
abzubrechen wenn ich nicht auch die schonungsloseste Aufrichtigkeit gelobt
hätte Vielleicht ist es auch gut dass man Alles sagt für sich und für die
Andern Denn vor sich und vor den Andern kann man sein Herz nur rechtfertigen
wenn man es ganz und offen erschliesst und ein offenes Herz mit allen seinen
Strudeln und Untiefen ist ein Schauspiel für Götter Daher schäme ich mich
nicht die Wahrheit aufzuzeichnen weil sie die Wahrheit ist Die Feder zittert
mir bloß hinundher in der Hand Und auf das Wort Wahrheit das ich da
hingeschrieben fällt mir eine große Träne Ja ich schäme mich der Wahrheit
nicht Ich habe immer gehört dass die Wahrheit endlich zum Gedicht werde
nachdem sie mit ihren herben Stoffen in den Läuterungsflammen der Busse
geschmolzen Wohlan denn mein Gedicht
Ich hatte mich schutzsuchend an die Seite des Jünglings geschmiegt und
dachte gar nicht daran wie ich aussah Das Haar hing mir aufgelöst und
flatternd herunter der Busen war mir halb entblößt und alle Teile des
Gewandes hatten sich in dieser beispiellosen Verworrenheit verschoben Er schien
unschlüssig ob er mich fliehen ob er mich aufnehmen solle Dann drückte er
mich mit einem glühenden Blick an sich sein Antlitz verschönte sich mit einer
hohen Röte wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte In seine Augen trat der
lodernde Funke des Mitgefühls hervor nach dem ich immer bei ihm gesucht und
geforscht Er griff nach meiner Hand ich fühlte dass die seinige bebte zwischen
meinen Fingern und dann führte er mich zu seinem in der Ecke stehenden Sopha
Ich folgte ihm gern gern Wie einfach wie arm wie dürftig war hier Alles in
seinem kleinen Gemach und doch wie traulich und beruhigend wehte mich zugleich
Jegliches daraus an Ich hätte um Alles in der Welt gewünscht dass ich ganz
glücklich gewesen wäre um mich recht mit ihm freuen zu können Ich hätte ihm zu
Füßen sinken mögen Er sah so freundlich so unschuldig so heilig und doch so
liebesinnig aus in diesem Augenblick heut
Wir saßen nebeneinander auf dem Sopha Ich legte meinen Kopf erschöpft auf
seine Schulter und atmete schwer Hier war ich sicher hier vermuteten meine
Feinde mich nicht Keine Nachstellung traf mich hier in der stillen Werkstatt
des Fleißes Das spärlich flackernde Licht erhellte kaum den heimlichen Winkel
in dem wir aneinander ruhten Er sagte er habe Alles längst geahnt gewusst dass
es so kommen würde Er habe im Stillen über mich geklagt und doch nichts zu
tun vermocht Darüber sei ihm das Herz zerrissen und er habe sich stumm
zurückgezogen in seine liebesarme Einsamkeit
Ich weiß dass mir nicht zu helfen ist sagte ich mit leiser gefasster
Stimme An mir ist Alles verloren ich sehe nicht mehr ein noch aus In der
Ferne kein Ziel in der Nähe kein Anker Hoffnungslos grundlos Doch still
davon Freund Lass uns gar nicht mehr daran denken wie unglücklich ich bin Nur
zwei Minuten lang zwei schöne Minuten lang lass mich noch an Deiner Schulter
ohne Gedanken ruhen Ich bin matt ich bin wundgejagt ich will an gar nichts
denken Nur still still Ganz still Lass mich genug haben an diesem einzigen
Augenblick Deiner Gegenwart wenn mich auch mein Schicksal bald zum Aufbruch
mahnt Ich meine dieser Augenblick sei mein ganzes Leben und weiter brauche
ich nicht Höre lass mich auch an mein Schicksal nicht denken Lass mich an gar
nichts denken Nur still still Ganz still Und weißt Du denn wie sehr ich Dir
Freund bin Doch still Ach vom Kinderherzen ging es in das größer werdende
Mädchenherz über wie lieb Du mir bist O still still Lieb in Gestalt und
Wesen im Sinnen und Handeln im Reden und im Schweigen Lass mich bei Dir
bleiben bei Dir und Deinen Büchern Sprich nicht von liebesarmer Einsamkeit
Hier ist es gut Still will ich an Dir ruhen Still still still
So plauderte ich zu ihm hin meinen Schmerz ersterben lassend in süßer
Sehnsucht Er sagte ihm sei das Glück wie eine Königin der Nacht aufgeblüht
Wer könne ihn schelten wenn er an das Wunder ihrer Blüte glaube Denn in der
Liebe sei seine Seele wundergläubig Er frage nicht wie es dauern werde und ob
Er liebe mit seiner ganzen Seele mit seinem ganzen Glauben mit seinem ganzen
Ernst und seinem ganzen Leichtsinn Nie habe er zu träumen gewagt was jetzt
Leben geworden Und zum Leben fühle er sich erwacht nachdem er es lange an
todtes Wissen verloren Nachdem er lange kaum um sich hergeblickt in der Welt
habe sie sich ihm plötzlich bevölkert und ein Liebesauge zu ihm aufgeschlagen
Er sei unbegreiflich beglückt
Es war das erste Mal dass ich ihn so glühend reden hörte und das bewegte
mich tief Ich sah ihn mit meinen besten und zärtlichsten Blicken an und aus
der selbstvergessenen Ruhe in die ich mich noch eben in halber Verzweiflung
eingewiegt begann wieder eine heiße Unruhe in meiner Brust zu entlodern Er
spielte mit seiner Hand in meinen aufgebundenen Haarflechten Doch war er
schüchtern und zart kindlich und zurückhaltend dass ich mich vor ihm schämte
Ich fühlte eine solche Wallung bis in die Stirn dass es mich nicht mehr an
seiner Seite ließ Es war mir als hörte ich seinen auf und niedergehenden Atem
inwendig in meinem Herzen zum zweiten Mal schlagen und als drücke sich die Nähe
seiner Gestalt so fest und unwiderstehlich in mich ein dass ich mich selbst
darüber ganz und gar verlieren müsste Da wurde mir ängstlich ich sprang auf
und durchmass von einer wilden Hast getrieben mit raschen Schritten das Zimmer
Er blieb sitzen und sah mir tief sinnend nach als kämpfe er noch mit
Wirklichkeit oder Traum unserer Szene
Auf dem Fußboden standen und lagen viele Bücher umher es waren die stillen
Mitbewohner des kleinen Gemaches Ein großer breiter Foliant erhob sich dicht
neben dem Arbeitstisch und ich setzte mich endlich um auszuruhen auf die
starke feststehende Schaale des Buches So saßen wir uns lächelnd gegenüber
ich fern von ihm nur mit den Blicken einander erreichbar Wir sprachen nichts
eine große Stille herrschte rings um uns her Draußen die späte
Mitternachtstunde die vom Turm erklang hatte uns nichts zu sagen wir waren
nur vertieft in den Moment unsres Beisammenseins Ich hätte gern wieder neben
ihm gesessen Ich sehnte mich nach ihm Das Rot auf meiner Wange mochte sich
noch röter entflammen Da ergriff ich ein Buch das neben mir auf der Erde lag
und blätterte um mein Gesicht darin zu verbergen Nachher bemerkte ich erst
dass es Hebräisch war was ich so dicht an meine Wange hielt Schnell schleuderte
ich es wieder von mir wie aus Gespensterfurcht vor diesen entsetzlichen
Schriftzeichen und sprang dann lachend auf und stellte mich wieder vor den
guten teuren Freund hin mit übereinandergeschlagenen Armen die Hand
nachdenklich betrachtend an das Kinn gelehnt Unsere Augen trafen mit einem
kühner sich begegnenden Feuer zusammen und ließ sich nicht wieder los Er
hatte mich leise an seine Brust gezogen Auf dem Tisch verlosch das Licht das
sonst nur vor dem arbeitsamen Fleiß niederbrannte Heut verlosch es
Doch nichts will und darf ich mehr sagen Erst spät schlich ich mich halb
bewusstlos wieder fort um mein eigenes Zimmer zu erreichen Es gelang mir und
ohne mich vor Erschöpfung aller meiner Sinne auskleiden zu können sank ich dem
tiefsten Schlaf in die Arme
Als ich am andern Morgen erwachte schien bereits die helle Sonne auf mein
Bett Alles war still um mich her und indem ich mich nachsinnend aufrichtete
war es mir als hätte ich mein ganzes Gedächtnis für den gestrigen Tag verloren
Ich sprang rasch auf mir war wunderbar wohl zu Mute bis in mein innerstes
Wesen hinein In allen Teilen meiner Natur fühlte ich mich erquickt und
gehoben und mich dünkte als riesele in mir ein frischer Strom von Leben durch
jede Ader hin Ich kam mir auf Einmal aufgeblühter entwickelter vor voller in
meinen Formen und reicher in meinen Gedanken und neben einer unendlich
wohltuenden warmen Stimmung meiner physischen Natur empfand ich eine tiefe
ruhige befriedigte Heiterkeit in der Brust wie ich mich ihrer nie erinnern
konnte Es war mir als hätte ich jetzt erst einen kräftigen Blick ins Leben
gewonnen Alles schien an mir klarer bestimmter herausgetretener gerundeter
geworden Alles hatte Ton Klang und Duft in mir von innen und außen Ich war
mehr geworden diese Überzeugung drängte sich mir lächelnd auf Kein harmloses
Mädchen kein unschuldiges Kind mehr aber gewachsen und erwachsen gereift und
gezeitigt So seltsam war meine Sinnesart dass ich in diesem Moment an gar
nichts Anderes denkend mich nur unbeschreiblich glücklich pries Ja das eigene
Wonnegefühl das tief aus mir herausschlug überwältigte mich so sehr dass ich
mich nicht halten konnte ich sank auf mein Knie nieder und betete was ich so
lange nicht getan hatte zu Gott Seit jenen guten Kinderworten mit denen ich
ihn um das Leben gefleht das ich mir noch weit hinter den böhmischen Bergen
gedacht hatte ich nicht aus so voller und hingebender Seele gebetet Ich betete
und dankte dass er mich nicht verlassen und dass ich fühle wie er mit mir sei
und sein geistbeflügelnder Hauch mich im Innersten durchdringe selbst bis in
Fleisch und Blut hinein Er möge mich glücklich führen und leiten durch das
große Labyrinth der Welt So lange mir gut und fröhlich zu Mute sei wolle ich
immer glauben dass ich Alles was ich auch getan recht und mit seinem Willen
getan So sei ich Ich sei eine weltliche Seele Ein Kind der Welt Und durch
die Welt empfände ich ihn meinen Gott heraus Ich könne nicht anders Jetzt
sei mir wohl sehr wohl Dank Dank und Amen
Als ich aufstand fühlte ich dass meine Gedanken allmälig wieder nüchtern
werdend zu den Bildern des vorigen Tages in scharfer Erinnerung zurückkehrten
Nur an Mellenberg dachte ich noch einmal mit solchem süßen Zug der
Anhänglichkeit und Zugehörigkeit dass ich mich wie durch geheimnisvolle Fesseln
an ihn gebunden empfand Dann aber verdunkelte und verschüttete sich plötzlich
in mir Alles durch die schreckenerregendsten Vorstellungen Meine Verhältnisse
in diesem Hause was sollte aus ihnen und was aus mir werden Ich fürchtete dass
ich gestern meine bisherige sorglose Lage auf immer verändert und zerstört
hätte und zugleich wünschte ich es Denn wie konnte ich anders gegen den Grafen
handeln Es empörte mich an ihn und an die Tante zu denken und neben der
zagenden Besorgnis für meine Zukunft regte sich in mir zugleich der Zorn Dann
schüttelte es mich wieder wenn ich in die Ferne dachte mit Grauen und Angst
Niemand ließ sich blicken und ich war entschlossen heut allein auf meinem
Zimmer zu bleiben es werde auch wie es wolle Endlich brachte mir die
Aufwärterin mein Frühstück und ich fragte weder nach der Tante noch wurde mir
etwas von ihr gesagt Ich kleidete mich um setzte mich nieder und wollte erst
zeichnen dann lesen Nichts gelang mir und ich vermochte nicht meine
Anschauungen auf einen bestimmten Gegenstand zu fesseln Die Kreide zitterte mir
in der Hand die Buchstaben verschwammen mir vor den Augen und Alles was ich
anrührte benetzte sich bald mit Tränen So ging die schöne helle Stimmung mit
der ich diesen Morgen erwacht war bald in immer versunkenere Schmerzen über
und wich dem näher und näher heraufziehenden Schicksal dieses Tages welcher der
entscheidende für mich werden sollte
Indem ich so saß und an den Bildern meiner eigenen Phantasie mich
abängstigte dann wieder hin und her dachte um meine Gedanken zu zerstreuen
fiel mir plötzlich ein dass heut ein Festtag sein müsse über den ich schon
früher viel in den Zeitungen gelesen Freilich kein Festtag für mich Es war die
Jubelfeier der augsburgischen Konfession welche in dieses Jahr und auf diesen
Tag fiel und über deren festliches Begehen man aller Orten sprechen gehört
hatte Es war in der letzten Zeit davon um so mehr die Rede gewesen und deshalb
auch zu meinen oft mitten im Wirrwarr Manches erlauschenden Ohren gedrungen
weil wie man sagte die Protestanten in Dresden zu manchem drückenden Argwohn
welcher sie eine Beeinträchtigung ihrer Glaubensrechte besorgen ließ damals
Anlass gefunden Ich erinnerte mich jetzt da es mir wohltat auf andere
Vorstellungen zu kommen aus meinen früheren Geschichtsstunden bei Mellenberg
deutlich des ganzen Herganges den die Reformation genommen und wodurch eine
lebhafte Gedächtnisfeier jener augsburgischen Konfession für die Anhänger dieser
Kirchenpartei so bedeutend werden musste Dass aber die Feier in Dresden
keineswegs mit solchem Glanz vor sich gehen werde als es dieser historischen
Bedeutung würdig gewesen hatten die Protestanten die sich in ihrer Stellung zu
der herrschenden katholischen Partei nichts weniger als in ihrem Rechte
glaubten gefürchtet Mir fiel manches Wort wieder ein was Mellenberg in unsern
damaligen Unterhaltungen über diesen Gegenstand gesagt Ich wiederholte mir
ordentlich Alles soweit ich es noch im Gedächtnis hatte um jetzt alle andern
Gedanken nur immer weiter von mir zu scheuchen Zugleich war es mir süß weil es
mit Mellenberg zusammenhing Bald aber dachte ich bloß an ihn selbst und jedes
übrige Bild verwischte sich dagegen in mir
Da klopfte es leise an meine Tür und ein kleiner Knabe brachte mir einen
versiegelten Brief Ich griff hastig danach denn ich war überzeugt ich weiß
nicht warum dass er von Mellenberg sein müsse Ich steckte ihn rasch in den
Busen und entfaltete ihn erst nachdem der Knabe fortgegangen denn es war mir
als läge ein großes Geheimnis hinter seinem Siegel verborgen Endlich las ich
mit Entsetzen ohne daran glauben zu können die folgenden Worte »Arme
Freundin Ich habe ein großes Unrecht an Dir begangen Dies treibt mich von Dir
und treibt mich in den Tod Arme Freundin Ich habe ein großes Unrecht an meinem
Gott begangen Nur ihm und seiner Erkenntnis hatte ich in stetem Forschen und
Trachten mein Dasein gelobt Dies Gelübde und mit ihm der Gottesfriede meines
Lebens ist gebrochen Die irdischen Gedanken sind nun über meine Andacht
hergestürzt und fangen an mein dem Himmel geweihtes Herz zu verwildern Ich
fühle dass ich seit der gestrigen Nacht nicht mehr beten kann Lebe wohl Ich
will und darf nicht mehr leben Gott behüte und schütze und erleuchte Dich Mir
wird er drüben verzeihen denn ich muss vor seinem Thron erscheinen Lebe wohl
Lebe wohl Arme Freundin«
Ich weiß nicht wie lange ich diese Zeilen anstarrte aber es wurde mir so
schwer ihren Sinn zu begreifen und in mich aufzunehmen dass sie mich anfänglich
ganz kalt ließ Dann setzte sich mein Schrecken in eine dumpfe Betäubung um
in der ich mehrere Stunden verharrte Durch ein Geräusch wurde ich zuerst wieder
erweckt Es war meine Aufwärterin welche mir auf mein am Morgen gegebenes
Geheiß den Tisch deckte und das Mittagessen auftrug Ich ließ Alles stehen und
nahm nur den Brief um ihn noch einmal zu lesen Dann ergoss sich meine Brust in
ein langes unendliches Weinen das nicht aufhören und nachlassen wollte
Ich wusste nicht was ich beginnen sollte Nicht einmal getraute ich mir
mich von meinem Zimmer zu entfernen wie ein banges Kind das im Dunkeln keinen
Schritt zu tun wagt Es schien mir als müsse draußen etwas Entsetzliches sich
zusammengerottet haben wie eine Verschwörung wider mich aus der ich mit meinem
Leben nicht wieder entkommen würde Und zugleich fühlte ich in diesem Augenblick
fast stärkte mich die Wahrnehmung wie sehr mir noch immer das Leben lieb
sei Ich saß den ganzen Nachmittag und es wurde Abend Zuweilen schmeichelte
ich mir sogar mit der Vorstellung dass nur ein Augenblick der Hypochondrie wie
ich wohl früher hinundwieder ihn davon befallen gesehen ihn diesen Brief
schreiben ließ ohne dass es in der Wirklichkeit zu dem Schrecklichen käme das
darin angedeutet wurde
Endlich als die Abenddämmerung mein Zimmer immer mehr verdunkelte und die
Einsamkeit um mich her banger und unerträglicher wurde ergriff mich ein
unbeschreibliches Zagen Ich konnte es nicht mehr allein mit mir aushalten und
beschloss die Tante aufzusuchen um zu sehen was vorgehe was beschlossen
worden was mir bevorstehe Langsam schlich ich durch den Gang hin welcher mein
Zimmer von den ihrigen trennte Alles war still und lautlos und das ganze Haus
kam mir wie verlassen und ausgestorben vor In den vorderen Zimmern fand ich
Niemand und von der Gasse herauf schlug ein dumpfer ungewöhnlicher Lärmen an
mein Ohr Ich erbebte in meinem Innersten ich war krampfhaft gespannt auf das
Entsetzlichste das sich wie ich überzeugt war irgendwo jetzt ereignet haben
müsste Ich eilte in die Küche und erfragte von einer halbtauben Magd mit großer
Anstrengung so viel dass die Tante bereits seit Mittag das Haus verlassen und
noch nicht wieder zurückgekehrt sei Drüben auf dem Altmarkt aber wäre ein
Volksaufruhr ausgebrochen Ich sprang rasch wieder nach vorn riss die Fenster
auf und blickte auf die Straße hinunter Eine dichtgedrängte wogende Menge
bewegte sich in schwarzen Massen auf und nieder man konnte nichts
unterscheiden und Alles floss in einem wilden Geschrei mit einem hohlen gleich
Gespenstern durch die Gassen laufenden Gemurmel ineinander Von dem Markt schien
ein heller Lichterschimmer herüber Da erdröhnte die Lärmtrommel dass ich vor
Schrecken aufschrie und mir nach dem Herzen greifen musste Ich wähnte meiner
Tage und der ganzen Welt Ende herangekommen meine ungewisse Angst ließ mich die
ungeheuersten Schrecknisse glauben Hier allein vermochte ich nicht zu bleiben
ich fühlte bei weitem mehr Mut dazu mich unten in die Nähe des dichtesten
Getümmels zu wagen Mein verzweifelter Entschluss trieb mich hinunter Ich warf
rasch einen Shawl über und stürzte die Treppe hinab Vor der Tür blieb ich
stehen und eine Schaar dort versammelter Menschen nahm mich alsbald ehe ich es
gewahr wurde in ihre Mitte Niemand merkte auf mich und ich suchte mir aus den
verworrenen Reden der Leute zu entnehmen was vorgegangen sein möchte So viel
verstand ich dass das Volk durch die Nichtachtung welche die oberen Behörden dem
heutigen kirchlichen Fest bewiesen zuerst in Aufregung geraten war Es hatte
sich auf dem Markt versammelt der fast ringsum feierlich erleuchtet worden und
auf dem nur das Rathaus dunkel und ohne ein festliches Zeichen blieb Wilder
Ausruf erscholl von allen Seiten und die gereizte Stimmung steigerte sich immer
mehr In einem Hause waren Luthers und Melanchtons Bildnisse an den Fenstern
ausgestellt und zugleich hatte man in der Nähe desselben man wusste kaum woher
Spottlieder vernommen welche die erhitzte Menge auf ihre Glaubenshelden bezog
Nun hörte man Verwünschungen gegen die Katolischen ausstoßen den Anhängern des
Protestantismus aber ein Lebehoch bringen während Andere Hand anlegten die
Tür eines Hauses gegen dessen Bewohner man einen besonderen Argwohn gefasst
hatte gewaltsam zu sprengen Der Aufruhr war nicht mehr zu bändigen die
einschreitende Polizei erwies sich ohnmächtig in allen von ihr ergriffenen
Mitteln So wuchs die Verwirrung ein endloses Gedränge war entstanden man
schob sich in taumelnden Gruppen hin und her und ein banges Grauen begann sich
aller Gemüter zu bemächtigen
Indem ich so stand und auf die wüste Volksmasse hinblickte fing ich fast
an meine eigenen Schmerzen zu vergessen Da teilte sich links von der
Schlossgasse her die Menge und es schien ein neuer Auflauf entstanden zu sein
Bald näherte sich ein abgesonderter Zug von Leuten dem überall Platz gemacht
wurde Die Vorübergehenden sagten man bringe einen jungen Menschen der sich in
die Elbe gestürzt habe Man könne noch hoffen ihn wieder ins Leben
zurückzurufen da er kurz nach der Tat aufgefunden worden sei Ich schauderte
im tiefsten Innern zusammen mein Bewusstsein verdunkelte sich Noch ein Blick
des Entsetzens auf den näher kommenden Zug dann verloren sich meine Sinne ich
wusste nicht mehr wo ich war Ich fühlte mich wie fortgetragen der Strom des
Gedränges hatte mich ergriffen Von allen Seiten stieß und schob man mich und
ich wurde so aus meinem ohnmächtigen Zustande allmälig wieder emporgerüttelt
Doch sah ich nicht um mich her ich ließ mich mit geschlossenen Augen immer
weiter tragen und drängen Zuweilen blitzten Lichter Fackeln seltsame Schimmer
aller Art durch die Finsternis meiner Augen Dann war wieder einen Augenblick
lang Alles still und dunkel und ich wiegte mich mit Ergebenheit der
Verzweiflung in der schwarzen Nacht die mich umrauschte Nun zogen Soldaten mit
klirrendem Gewehr an mir vorüber ich wurde Jegliches gewahr und sah doch nicht
Dann merkte ich wieder wie ich in das wildeste Gewühl fortgerissen wurde Über
den Markt war ich längst hinweggeführt und das ganze Ziehen Drängen Treiben
und Stoßen wurde immer rascher tosender gefahrvoller Es war mir als säße ich
auf einer Meereswelle ein armes verlorenes Kind das Schiffbruch gelitten
Dann kam es mir wieder vor als befinde sich die ganze Menschheit auf einer
großen Flucht weil sie es auf der Erde nicht mehr aushalten könne und ich
Einzelne die den allertiefsten Schmerz davongetragen zog mit nicht wissend
wohin Doch ich freute mich dass es weiter und weiter und immer vorwärts ging
und das war mir klar dass ich nie wieder zurück könne und wolle Hinter mir lag
es wie Todesschauer wie ein giftspeiender Drache der an alles Gut und Glück
meines Lebens die Kralle gelegt Und neben mir und um mich her drängte es mich
mit immer gewaltsamerer Eile fort als käme etwas darauf an dass ich gerettet
würde Da fiel mir auf Einmal mitten in dieser seltsamsten Verwirrung die
Gestalt meines Vaters ein Ach wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht wie
war ich seit jener Kinderfurcht mit der ich ihm nur angehörte ihm entrückt
und entwachsen Und doch dünkte es mich als gewinne ich in diesem Augenblick
der Gefahr und des Gedränges wo ich wie im Wirbelwind ohne Rat und Trost
umhergetrieben wurde an ihm ein festes Bild an das ich mich halten und fassen
könne Was war mir denn noch übrig geblieben von den Bildern des Lebens Jedes
war zerstört ausgelöscht eingeäschert Ich hatte keine einzige Gestalt mehr in
der weiten Wüste der Zukunft an die ich durch Gefühl oder Natur gewiesen war
als die des Vaters O es muss etwas ungeheuer Großes sein wenn ein Mädchen einen
Vater hat der ihre Liebe und ihre Hilfe ist Und wie mochte es dem alten Vater
ergehn So wogten meine Vorstellungen mit dem mich hin und her drehenden Gewühl
auf und nieder
Endlich fühlte ich wie ich allmälig dem verworrensten Getümmel entzogen
wurde Schon fernab hinter mir verbrausten die wilden Stimmen des auseinander
stiebenden Aufruhrs Eine kalte Zugluft wehte mich an ich blickte umher und
fand mich schon in einer einsamen Gasse Mein Entschluss war gefasst und zur
Ausführung desselben trat mir plötzlich ein hoher Mut in die Seele In Dresden
konnte ich nicht bleiben ich musste fort nach Böhmen zu den alten geliebten
grünen Bergen in mein altes böhmisches Dorf in die Hütte des Vaters Ich
befand mich am entlegensten Ende der Pirnaischen Gasse und eilte ohne
Aufenthalt dem Tore zu Ich gedachte nicht dass die späte Nacht heraufzog dass
ich leicht bekleidet dass ich ermattet erschöpft und hilflos war Mit schnellen
Schritten zog ich über die öde finstere Landstraße hin Ich hatte eine solche
innere Zuversicht auf meinen Plan gesetzt dass er mich je weiter ich ging zu
beleben und zu erkräftigen begann Nicht schreckten mich die Gespenster der
nächtlichen Heide nicht die drohenden Schatten des Wolkenhimmels nicht die
schwarzen Gestalten der Bäume und Sträucher nicht die in mein Ohr säuselnden
und in mein Haar schlagenden Winde Mit einer mir selbst unbegreiflichen Kraft
legte ich ohne zu rasten ohne mich umzublicken die ungeheuersten Strecken
Weges zurück Ich lief wie eine Pilgerin welche die Busse über Stock und Stein
treibt und die in allen Mühsalen der Flucht ein Heil findet Endlich nachdem
ich viele Stunden gegangen sank ich mit völlig aufgelösten Gliedern vor der
Schwelle einer Bauerhütte zusammen Ich konnte nicht weiter mein Atem ging mir
aus in der Brust Es war noch Licht in der Hütte und auf mein Seufzen kam die
alte Bauerfrau heraus Sie legte mich in ein großes hohes Bette in dem mich bis
gegen Morgen ein fast todähnlicher Schlaf umfing Aber ich fühlte mich
unbeschreiblich danach erquickt und meine gesunde tüchtige Natur erwies sich
hier in den entscheidendsten Augenblicken von einer siegenden Stärke Von der
Bauerfrau erfuhr ich dass ich mich hier nur noch eine halbe Stunde von Pirna
entfernt befinde Ich hielt es selbst kaum für glaublich dass mich in der
vorigen Nacht mein fliehender Fuß so weit getragen hatte Der Frau erzählte ich
eine Geschichte die sie glaubte Ihr Mann fuhr diesen Morgen nach Tetschen und
nahm mich auf seinem Wagen mit So gelangte ich wieder nach Böhmen Von Tetschen
ging ich zu Fuß über grüne Feldwege langsam in mein Dorf zurück Jauchzende
Tränen möcht ich fast sagen entstürzten mir als ich unser kleines Haus
wieder erkannte Den Vater fand ich sehr krank und alt Er konnte sich gar nicht
auf mich besinnen Und noch heut ist es kaum als sähe er in mir eine Tochter
Doch ich will jetzt jedes weitere Ausmalen unterlassen Es fehlt mir auch
von nun an aller Mut der Farben dazu Diese Blätter zu schreiben hat mir
ohnehin schon viele Mühe und viele Überwindung gekostet und dann muss ich doch
am Ende mit Wehmut sehen dass sie eigentlich gar kein Resultat liefern Mich
hat Gott als eine der unverwüstlichen Naturen geschaffen die ihre Hoffnungen
auf das Leben nie aufgeben können selbst nach der Strandung aller ihrer Güter
nicht Und so sitze ich jetzt hier in einer gänzlich verlorenen und vereinsamten
Existenz auf meinem Dorfe und pflege meinen armen kranken Vater mit so viel
Liebe als ich kann und als er versteht Schon mehreremal hat die Schwalbe neue
Frühlinge gebracht und im Herbst hat der Kranich meine Wünsche mitgenommen in
ferne Länder Bald lache bald weine bald spotte ich und kann den Sonnenschein
nicht fahren lassen aus meinen Gedanken Ich kann mich an kein unbesonntes
Dasein gewöhnen Darum hoffe ich und hoffe ich hoffe mit einer wahren
Leidenschaft Denn alle die Seiten die mein bisheriges Schicksal in mir
anrührte sind noch ungelöst geblieben in meiner jungen Brust Noch immer falte
ich die Kinderhände zu Gott als müsste ich ihn um das Leben bitten Und wenn ich
an Mellenbergs abgeschiedene Gestalt denke schlagen ernstredende Stimmen in mir
empor die von unverstandener Liebe und von unverstandener Religion sprechen Er
hatte meine Liebe nicht verstanden und ich seine Religion nicht Zuweilen kommt
mir dann auch ins Gedächtnis zurück wie er mir damals den protestantischen
Glauben zu erklären unternahm und es ist mir dann als warte diese Klarheit
zugleich mit einem zukünftigen Glück noch in schöner Ferne auf mich
Unverstandene Liebe Unverstandene Religion Ist das nicht unendlich viel was
noch gelöst werden muss Darum hoffe ich Ich hoffe ich hoffe O Gott O Leben
An meine Heilige
II Prag
Katholizismus Legitimität Wiedereinsetzung
des Fleisches
Unter allen Städten die ich geschaut gefällt mir Libussa Deine Stadt Sie
gefällt mir denn sie ist nicht von Menschenhänden gemacht Sie ist ein Kind der
Geschichte Hier ist lauter Architektur der Geschichte wohin das
ehrfurchtergriffene Auge auch blickt und bei jedem Schritt der mich durch die
ernste Erhabenheit dieser Straßen und Häuserreihen weiter führt überrascht mich
die Geschichte Böhmens mit großen Erinnerungen Fast in der Mitte ihres Landes
gelegen steht diese Hauptstadt wie ein Product der Geschichte ihres Volkes da
und einzelne Ereignisse und ganze Perioden der Nation haben sich an diesem und
jenem Stadtteil angebaut und festgesiedelt in Stein und Mauer in Erz und
Eisen Kein Kunstmuseum der Vergangenheit wie Rom neigt Prag das ruhig stolze
Haupt aller Orten nur über echt nationales Leben seiner alten Zeit hin und
weist mit einem stumm melancholischen Zug auf die einstige Größe einer mächtig
strebenden Bevölkerung zurück Welch eine Reihe von hochgebauten Häusern
großartigen Palästen unzähligen Türmen und Kirchen volkbelebten Gassen und
Straßen Welche Märkte und Plätze mit hohen Bogengängen kunstgeformten
steinernen Brunnen glänzenden Gewölben und Läden Und dabei nicht wie in
Berlin und München den Maurermeister oder Baumeister zu kennen der dies und
jenes Haus gemacht und gezimmert hat sondern in dem erhebenden Gedanken
hinzuschreiten dass hier die historische Entfaltung eines gesammten Volkes
tätig gewesen ist um ein Ganzes eine Stadt eine Stadt im wahrsten und
höchsten Sinne des Wortes hervorzubringen entstehen zu lassen Denn eine Stadt
ist und muss noch etwas ganz Anderes sein als bloß eine geordnete Masse von
Häusern
Und doch bei allem diesem reichen Leben der Stadt bei allen diesen
genusslustigen Gesichtern der Menschen welche heimliche Trauer weht mich an aus
den Straßen von Prag Ich weiß nicht bin ich es der melancholisch ist oder
ist es Prag Sind es die dunkeln Geister der Vorzeit welche mit bangem Schritt
durch die Gasse wandeln Sitzt der faule Wenzel noch auf dem Thron und
verbreitet um sich her bleiche Schrecken Brennen die Hussiten wieder eine
katholische Kirche nieder haben sich neue Kämpfe um Glauben Recht Verfassung
und Satzung entsponnen Warum wird es zuweilen auf Einmal so still so
ängstlich so nachdenklich in Prag Horch da klirrt ein Fenster Es wird doch
kein katholischer Reichsrat herausgeworfen werden wie zu der Hussiten Zeiten
Nein es ist eine schöne Pragerin die ihre Blumentöpfe begiesst Schöne schöne
Pragerin Du machst Deinem Lande Deinem Volke Ehre Ein Volk das so schöne
Mädchen hat kann und darf und wird nie untergehen Es ist gar nicht möglich
Doch ehe wir in die Häuser und Stuben hineingehn und mit den Gesichtern
Bündnisse und Verträge schließen lass uns noch einmal die Stadt anschaun liebe
Heilige Komm komm ich weiß Du ziehst gern in der Welt herum Nachdem ich
Deine Bekenntnisse gelesen ist meine Sehnsucht zu Dir noch stärker und inniger
gewachsen Ich habe Dich verstanden und bin Deiner Seele an manchem Kreuzweg
begegnet an dem auch ich stand und bald gebetet bald geflucht habe Du aber
hast wie eine weibliche Seele gehandelt und geduldet und bist dabei schön
geblieben Aus mir hat Gott einen Mann gemacht und ich bin bei weitem ruchloser
ins Zeug der Welt hineingefahren Doch haben mich mitten in meiner Ruchlosigkeit
gute und weit ins Leben blickende Gedanken überrascht So geht es aber allen den
strebenden Geistern der heutigen Zeit sie lernen viel aus dem Fleisch der Welt
Und das Fleisch und die Welt werden für den Kundigen immer durchsichtiger denn
darin hat sich Gott offenbart So sei mir denn noch einmal ganz aus tiefstem
Herzen gegrüßt Du weltliche Seele Ich bin es wie Du Eine weltliche Seele
die oft an Gott denkt und an die Geschichte Warum bist Du nicht bei mir und
warum reisen wir nicht zusammen da ich Dir verwandt und Du mir Ich habe mein
Lebelang einen ungestillten Drang nach verwandten Seelen gehabt weil ich mich
immer so langweile in aller Gesellschaft So komm denn ich will denken Du bist
hier Ich denke gern an Dein weltliches Marienbild o Maria Madonna Komm ich
will Dir Prag zeigen hier ist viel worüber wir noch mit einander zu sprechen
haben In Prag ist viel Welt viel Fleisch und Blut viel Geschichte und für
Gott sind viele Kirchen wenn auch nur alleinseeligmachende gebaut
Von der Neustadt aus in der ich mich eingemietet habe lass Dich durch den
altertümlichen Pulverturm dem wir nur im Vorbeigehn unsere Ehrfurcht
beweisen die stattliche Zeltnergasse entlang und noch über manche Straße der
Altstadt fort zuerst bis zur Brücke von mir führen Deine Dresdener Brücke
über die Du nach der Messe oft spaziert bist kann sich mit dieser die den
heiligen Nepomuk selber trägt nicht vergleichen und auch die Elbe nicht mit
der inselreichen Moldau welche hier zu beiden Seiten in breiter Strömung vor
dem Auge hinwallt Nun sieh Dich um rechts und links während wir schnell über
die Brücke gehen und diesmal schau lüfte ich auch den Hut vor dem heiligen
Nepomuk mit seinen Sternen denn seitdem ich damals mehr aus Liebe als aus
Grobheit Deine Madonna nicht grüßte habe ich schon etwas gelernt in
katholischen Landen Und nun sind wir auf der Kleinseite der Wiege Prags und
oben vor Dir erblickst Du den erhabenen Hradschin wo die Könige Böhmens
tronten und jede Turmspitze in eine graue Vorzeit hineinragt Diesmal führe
ich Dich jedoch weder in das Schloss noch in die uralte Domkirche noch in das
Haus von Loretto noch auf die Sternwarte Tycho Brahes Unser Weg ist weit und
beschwerlich in der Hitze aber Du bist gut zu Fuß und so steigen wir trotz
der Mittagsglut der Sonne hoch oben hinauf auf den Laurentiusberg wo ich das
ganze vielgetürmte Prag Dir zu Füßen legen will Wir gehen immer die Mauer
entlang und gelangen endlich zu einem Höhepunct dieses felsigen Petrin wo wir
plötzlich tief unter uns Alles schöner reicher zauberhafter wiederfinden als
wir es verlassen hatten Nämlich die Stadt in der malerischen Perspective aller
ihrer Teile ein wunderbares Lebensbild das aus dem fernen Erdental die Augen
zu uns emporschlägt die Hände zu uns heraufstreckt
Hier oben haben wir den höchsten Standort von dem wir den ganzen Umkreis
bis weit hinaus über Böhmens Gränzen beherrschen erreicht Zu Häupten den
Hochziehenden Wolkenhimmel mit blauem und weißem Geäder und hinten an den
Säumen des Horizonts die ferngelagerten Reihen der Gebirge die wie Riesenadler
mit lang ausgreifenden Fittigen in den Lüften verschweben Aber werfen wir aus
unserer Abgeschiedenheit die Blicke dahin wo wir in seinen angewiesenen Gränzen
menschliches Leben und Bewegen zurückgelassen haben Ein wogendes blitzendes
Meer von Dächern Türmen Kuppeln Palästen breitet sich dort unten über den
grünenden Kessel der Moldau in pittoresk hingeworfenen Gruppen aus und
dazwischen schlängelt sich teilend der helle Faden des Stroms immer frohen
Laufes bald gekrümmt bald eben vorwärts eilend bald lautaufrauschend gegen
seine Wehre hindurch Je länger Du hinblickst je mehr tritt Harmonie in das
reiche mannigfaltige Gemälde und die Haufen der Häuser teilen sich und die
Straßen ziehen schöne Linien der Ordnung durch die dichten Massen des Steins
Immer deutlicher immer ausgearbeiteter immer näher scheinen die Bilder es ist
Dir als müsstest Du hineinschauen in die Häuser und während eine große
feierliche Stille über dem ganzen Panorama ruht meinst Du doch reden und
flüstern zu hören dort unten auf der Brücke die von Menschen nie leer wird und
auf ihren weitgewölbten Bogen majestätisch sich wiegt Das ist Prag das ist
Prag es gibt keine andere Stadt die eine ähnliche Malerei des Anblicks dem
Auge dem Gefühl gewährt Vielfarbig schimmernd im Glanz der Dächer
vielgestaltig sich dehnend in allen Formen und Manieren seiner Bauwerke
hochaufflatternd mit seinen unzähligen Turmspitzen und Kuppeln liegt es vor
Dir wie ein im bunten Gestein ausgehauenes Märchen auf dessen ernsthafte
Anmut der Sonnenstrahl des Tages herabfällt Goldene Träume finstere und
heitere Erinnerungen schweres Verhängnis alter Fluch glorreiche Tat Segen
Gottes und dunkler Dämon der Geschichte schweben hin und her mit
Geisterflügeln über ihrem Dunstkreis Sorgen und Leichtsinn Melancholie und
Genuss Leidenschaft und Phlegma Üppigkeit und Trauer prägen sich aus auf dem
Gesicht dieser Slawin Das ist Prag die geweissagte Stadt wie im achten
Jahrhundert Libussa sie im Geist aufsteigen gesehen als Seherkraft die Fürstin
ergriffen hatte mit großen Bildern Und indem ich hier hoch oben stehe still
und einsam nur von scharfgehenden Lüften umrauscht ist es mir als käme ein
Sehergeist auch über mich und zöge meine Blicke zurück in fernverflossene
wunderbare Zeiten Libussa erscheint mir von der ich in alten Chroniken viel
gelesen und ihre holde Fabelgestalt mahnt mich heut wie eine Wirklichkeit Dort
drüben dort drüben auf dem ernsten felsigen Wysserad den wir von hier
erschauen können und wo die gewandte Moldau tiefer sich eindrängt in das steile
Ufer dort drüben lag ja ihr altes Schloss Libin Und es ist mir als schlügen
die Pforten krachend auseinander und heraustritt die ernste kluge Fürstin mit
eilig bewegtem Schritt denn die Begeisterung hat sich ihrer bemächtigt Es ist
ein glutheisser Sommer schwer hängt die Augenwimper über dem träumenden
vielbedeutenden Auge Libussa setzt sich auf einen hohen breiten Felsen und
die Schaar ihrer Dienerinnen drängt sich bangerwartend um sie her und auch
Przemysl der Stammvater so vieler tapfern Fürsten steht da und harrt andächtig
auf Auge und Mund seines weissagenden Gemahls Und Libussa sprach Ich sehe eine
Stadt deren Ruhm bis an den Himmel reicht Dreitausend Schritte von hier im
Walde nächst der Moldau wo das Bächlein Brusky hineinfällt sehe ich eine
Stadt emporsteigen aus meinen Gedanken Und dort geht hin wo ein Mann die
Schwelle zu einem Haus zimmert und dort beginnt zu bauen an der Stadt meiner
Gedanken Und Praha sollt ihr sie nennen Praha die Schwelle denn sie wird die
Schwelle sein des Ruhmes und der Herrlichkeit der Böhmen So sprach die
Fürstin und reckt mit der Hand prophetisch hinaus in die Ferne und erhebt sich
von ihrem Sitz und schreitet langsam durch die jubelnden Reihen ihres Gefolges
zurück in ihr Schloss Libin Und krachend schlägt wieder die Pforte hinter ihr
zusammen
Da liegt sie jetzt still hingeschmiegt zu meinen Füßen die Schwelle des
Böhmenruhmes wie das Volkslied so oft sie nennt Da liegt der Gedanke Libussas
es war der Mühe wert ihn auszuführen Libussa muss schönere Gedanken gehabt
haben als ich Aus meinen Gedanken wird höchstens ein deutsches Buch nie eine
Tat am allerwenigsten aber eine Hauptstadt Ich gäbe etwas darum wenn ich
auch einmal aus meinem Haupt eine Stadt machen könnte eine Hauptstadt Wenn aus
allen meinen Ideen lieber Häuser aus meinen Bildern Paläste aus meinen
Gefühlen Straßen und Brücken aus meinem Verstand ein Marktplatz aus meiner
Vernunft eine Verfassung aus meiner Melancholie eine Kirche aus meiner Bosheit
ein Gesellschaftssalon aus meiner Phantasie ein Liebestempel aus meiner
Lebenserfahrung ein Theater aus meinem Humor ein Volksgarten aus meiner
Reflexion ein schiffbarer Strom würde dann hätte die Welt doch etwas davon und
sie sollte sich verwundern was sie davon hätte Wahrhaftig manche Menschen
tragen ganze Städte in ihrem Kopf aber sie können und dürfen sie nur nicht
bauen Sie müssen sie mitsammt den Dachzinnen und Turmspitzen die schon aus
ihnen hervorwollten wieder in sich hinunterschlucken und nur abgerissene
Giebelstücke halbe Stockwerke und zerbrochene Fenstergesimse dürfen sie von
sich geben in elenden Büchern die unter Censur gedruckt werden Darum verachte
ich alle meine Bücher die ich heut und morgen schreibe weil es keine Städte
sind in denen ein ganzes Volk zu Heil und Lust sich ansiedeln kann Es sind nur
Notbrücken in die Zukunft hinein Vielleicht gelingt es einmal eine ganze
öffentliche Stadt zu bauen und dann wird die deutsche Literatur erst eine
Weltliteratur werden Libussa ich beneide Dich Alle deutschen Dichter beneiden
Dich ganz ungeheuer Du hattest einen Gedanken und der Gedanke wurde eine große
Stadt des Nationalruhmes Schwelle Ein deutscher Dichter hat einen Gedanken
und aus dem Gedanken wird eine sechs Treppen hoch von dem Geräusch der Welt
entfernte Studirstube Man muss sich immer erst die Beine ablaufen ehe man so
hoch hinaufkommt denn es steht nicht mitten im Leben darin O Libussa Es muss
anders mit uns werden Die Welt und das Fleisch müssen wieder eingesetzt werden
in ihre Rechte damit der Geist nicht mehr sechs Treppen hoch wohnt in
Deutschland Wenn Geist und Welt sich ganz versöhnt und durchdrungen haben dann
bricht die Ordnung des neuen Lebens an für das wir jungen Geschlechter ich und
Der und Jener zu kämpfen und zu schaffen geboren sind Dann erst haben wir die
Poesie unsres Daseins erreicht Wehe Dem unter uns der jetzt schon seine Verse
für etwas hält O Libussa O Libussa Dann baue auch ich eine große Stadt aus
meinen Gedanken
Doch still still Wo gerate ich hin hier oben auf dem Laurentiusberg Noch
einmal will ich mit meinen Blicken weit in die Ferne streifen ich will mein
Herz daran starken Bilder der Ferne einzufangen Und es ist ein wunderbarer
herrlicher nie sättigender Anblick hier sich wieder und wieder umzuschaun
bald in das gestaltvolle Prag hinein bald in die blaue Himmelsweite der Gegend
Mit einer großartigen Perspective hat hier die Natur ihre Landschaftsmalereien
ersonnen sie ist besser daran als die Zeit und die Schriftsteller mit ihren
Perspectiven Sie kann mir hier selbst das Riesengebirge zeigen das ich dort
hinten mit deutlich geformten Gliedern erkenne wie es eine zackige Schneespitze
keck in die träge ruhende Wolke taucht Und links und rechts und vor und hinter
mir hundert andere duftumflossene Bergeshäupter wie eine ehrwürdige
Patriarchenfamilie mit langen silbernen Bärten zwischen den Wolken hingelagert
Die einen still und sanftgezeichnet wie junge Lämmer mit weißem Vliess die
andern ernstaft und feierlich wie weltverachtende Propheten diese mit den
hochemporgehobenen Nebelgesichtern dunkelschattig und kopfschüttelnd wie
philosophische Menschenfeinde jene mit den feuchten Wimpern die auf die
eisige Wange herniedertauen zu dem Himmel hinauf schluchzend wie uraltes Weh
des Universums Rings im Kreise stehen sie um mich her diese Berge und schauen
mich groß an und es ist als hätte mir Jeder etwas zu sagen Bald wie gebannte
Götter bald wie verzauberte Menschen bald wie fremde seltsame Tiere neigen
sie ihr Antlitz zu mir herüber Dann scheint es wieder als hüllten sie sich
tiefer und tiefer in den wallenden Schleier der ihnen Kopf und Busen
graugesponnen umfliesst und als wollten sie sich grollend zurückziehen vor der
Welt in unsichtbare Regionen Das ist ein Frieden und eine Schwermut eine
Erhabenheit und ein banges Schweigen eine Wildheit und eine Andacht welches um
diese Berggipfel spielt das sich gar nicht beschreiben lässt und doch wie mit
tausend Zungen in die Lüfte hineinredet Wie ungebändigte Genies welche die
Flachheit der Erde noch nicht hat hinabzwingen können in die Ebene stehen sie
alle da und machen mir viel zu denken ich weiß selbst nicht was
Und willst Du Dein Auge nun wieder in der Nähe wohltuend ansiedeln denn
die weite Ferne schmerzt auch so wie sie erhebt so lass es auf die grünen
Höhen fallen welche den Rücken der Stadt schmücken und schirmen Da ist vor
allen der Zizkaberg den Du Dir anschauen musst bei dem mir jedoch die
Historienmalerei die auf ihm ruht bedeutender däucht als die
Landschaftsmalerei welcher er in der Gegend hier dient Die Historienmalerei
die auf ihm ruht hat tief in Blut gemalt Blut in Blut mit fanatischen
Schwerterstreichen Die gräuelvollsten Tage der Hussitenkriege schweben wie
kreischende Gespenster über seiner Anhöhe Oder blicke noch einmal zu dem
hochwürdigen Hradschin hinauf und zähle die stolze Pracht seiner Kirchen
Klöster und Schlösser ermiss staunend den Bau der alten Königsburg der Böhmen
und bewundere die gotische Herrlichkeit des Domes zu St Veit an dem
verschiedene Zeiten gebildet haben Oder lass das Auge nun an den beiden
Brückentürmen der Kleinseite vorüber über die Moldaubrücke fort in die
buntbewegte Altstadt hineingehn und suche die Türme zu unterscheiden die sich
da wie eine ehrfurchterregende Gemeinde erheben Vor allen streckt die
altväterliche Teinkirche grauen Jahrhunderten entstammend die beiden
hochragenden Türme ihrer Kuppel wie gottanrufende Hände zum Himmel empor Und
horch es klingt und läutet und ein gedämpfter Ton der Glocken irrt in
halbverlorenen Schwingungen auch zu unserer abgeschiedenen Höhe aufwärts Ist es
die große Glocke der Tein welche an unser Ohr fällt eine berühmte Glocke die
auch in der Geschichte Klang und Namen erworben Und immer lauter verstärkt sich
der fromme Klang welcher mutig durch die Lüfte hinschwebt und sein tönendes
Gefieder hoch über der Stadt in die blaue Wolke trägt Immer mehrere Kirchen
fangen an da unten zu läuten mein Herz bewegt sich und unser Belvedere hier
oben wird uns zum Gottesdienst Nun steige ich hinunter nachdem ich Dir nur
noch zwei Türme der Neustadt gezeigt die dort in betrachtenswerten Gestalten
zu uns aufschauen Der Franziskaner mit der breiten Brust alle umstehenden
überragend und St Katarina in zarter jungfräulicher Bildung wie eine junge
Nonne die fromm und schön zugleich Fromm und schön zugleich das liebe ich
denn da kommt Gott und Welt zusammen das suche ich Und nun nimm noch einmal
rührenden Abschied mit einem einzigen ganzen Blick von Allem ringsum was Herz
und Auge gefangen genommen hatte mit großartigen Wundergemälden Dann steigen
wir stillsinnend den Laurentiusberg wieder hinab
Nachdem wir flüchtig in der freundlichen Hasenburg die uns noch in
ziemlicher Berghöhe hier begegnet eingesprochen und uns erfrischt haben
schreiten wir allmälig wieder der Nähe der Stadt zu Wenn ich lange im Freien
und im Angesicht der grünen Natur verweilt tritt mir alles Städtische jedesmal
als ein wohltuendes und kräftigendes Element neu entgegen Dann möchte ich
immer eine umgekehrte Elegie dichten wie Schiller wenn er in seinem
»Spaziergang« die Entfernung von der Stadt feiert und mit hochtönenden Grüssen
dem Laude zueilt Während er sich dort glücklich preist in runden Hexametern
dass er
endlich entflohn des Zimmers Gefängnis
Und dem engen Gespräch
und sich dann freudig in den grünenden Wald und auf den Berg mit dem rötlich
strahlenden Gipfel rettet möchte ich nun wie gesagt den umgekehrten
Spaziergang dichten welcher der Stadt zueilt und den wohnlichen Zimmern der
Menschen und nach einem lieben Gesicht und traulichem Gespräch sich sehnt Und
je länger ich jetzt bergab wandre rüstig zuschreitend auf das vor mir liegende
Prag je mehr quillt mir wieder meine Stadtelegie und so ganz unversehens aus
dem Herzen heraus Wie ein abenteuerliches Phantom hat Schiller die Stadt hinter
sich zurückgelassen deren beweglich wirkendes die tausendfach genutzten Kräfte
des Menschen zusammenfassendes Leben er zwar sinnreich auszumalen weiß das sich
ihm aber zugleich mitten in der Ausmalung wieder zu einem Alles
verschlingenden und vergiftenden Ungeheuer verzerrt vor dem er sich nur in die
Arme der Natur zu flüchten vermag Und dann tröstet er sich mit der Sonne
Homers die noch immer unter demselben Blau uns lache Ich habe mich in meinem
ganzen Leben noch nicht mit der Sonne Homers trösten können In dieser Hinsicht
hatte ich es mit dem städtebauenden Saitenspiel Amphions Der schlug die Harfe
gewaltig an und dann kamen auf den Klang die Steine von selbst herbeigelaufen
um eine mächtige Stadt zu bauen Eine Stadt Eine Stadt Ich liebe die
städtebauende Muse welche den Nomadentrieb des menschlichen Lebens einordnet in
feste Gränzen der beglückenden Harmonie
Sei mir gegrüßt o Stadt mit den rötlich strahlenden Dächern Sei mir
Sonne gegrüßt welche sie lieblich bescheint Mir wird wohl wenn ich das immer
näher kommende Geräusch welches hinter Deinen Mauern stündlich wühlt und
arbeitet in seiner bedeutsamen Geschäftigkeit vernehme Das ist der Mensch mit
seinen Bestrebungen mit seinen Hoffnungen und seinen Wünschen mit seinen
erfindenden und erwerbenden Händen welche sich dort in der drangvollen Eil des
Daseins bewegt und tummelt Das ist der Mensch der laut wird in der Angst des
Tages im Jubel der Stunde in der Atemlosigkeit der Gegenwart Das ist der
Mensch wie er sich einrichtet und abfindet wie er sich wehrt und ringt mit den
Mächten seines Daseins wie er pocht und hämmert zählt und rechnet webt und
zimmert sich nie genug tun kann und immer auf die unsichere Welle des
Augenblicks sein Liebstes hingibt Das ist der Mensch mit seinem frohen
Gesicht mit seiner ungeheueren Geduld mit seinem tragischen Schicksal mit
seinen ironischen Gegensätzen mit seinem zehrenden Herzen das immer Wunden
hat sei es aus Liebe oder Hass Aus allen seinen Bedürfnissen und Bedrängnissen
Gewohnheiten und Tugenden Freuden und Talenten aus seinem Wissen und Streben
hat er sich da eine Stadt gemacht das umzäunte Schlachtfeld seiner Bestimmung
Ein ehrwürdiger Ort vom Verhängnis gezeichnet ist ein Schlachtfeld Ein
ehrwürdiger Ort vom Verhängnis gezeichnet ist eine Stadt Draußen im Walde wo
das schattige Laubwerk mich gern zum Einsiedler machen möchte oder oben auf den
Bergen oder unten im quellenreichen Grund der lachenden Talnymphe mag die
Unschuld wohnen Ich kenne sie nicht Ich habe sie längst in frühen
Jugendstürmen verloren Nach dem Sündenfall gingen die Menschen hin und bauten
sich Städte Nicht der Fluch Gottes vertrieb sie aus dem Paradiese sondern ihre
Schuld stürzte sie vorwärts in die Weltgeschichte Sie sonderten sich in
Völkerstämme und bauten Städte Das Bewusstsein ihrer Schuld machte sie
gelehrig und sie trieben allerlei Künste und Gewerbe Beschäftigungen der Hand
und des Geistes In ihrer Schuld drängten sie sich an einander und diese sannen
darauf das Leben zu verschönern und jene studirten es und trachteten wie sie
es begreifen könnten So wohnten sie alle bei einander jeder an einem andern
Ende mit der Schuld des Lebens beschäftigt und schlossen einen Verein zur
gemeinsamen Sühne des Daseins Sie mehrten sich und ihre Städte blühten denn
der Eifer und Drang der Menschen war groß und unendlich er reichte bis an den
Himmel und bis an das verlorene Paradies zurück
In das Schuldgetümmel der Städte stürze ich mich Da sind meine Freunde und
meine Brüder Oeffne mir deine Tore sorgenbeladene Stadt bald mische ich mich
wieder in dein heißes Gedränge in deine kampfesmutigen Reihen Im Gedränge
finde ich wohl was ich liebe und was ich strebe im Gedränge neben andern
Herzen tröstet sich mein Herz Wald und Berg sinken immer ferner hinter mir
zurück und die Schauer der Wildnis die unheimlich über mein Haar hinstreichen
verkehren sich mehr und mehr in freundliche Ansiedelung städtischer Gewohnheit
Vor der Stimme der Unschuld die in der Natur säuselt wird mir bange In der
Natur blüht das verlassene Paradies der Menschen noch verstohlen fort es lauert
still in der geheimen Seele des Baumes aber die Menschen sind weggezogen in die
Städte Darum duften die Blumen oft Schwermut aus und das ganze Wachstum der
Natur netzt sich im Tau der Tränen wenn der Mensch lauschend davorsteht Doch
er kann in dieses Paradies nicht wieder zurück er muss es jetzt auf der andern
Seite der Schöpfung erobern
Die Stadt hat ihn in die rauschenden Wirbel der Tat hineingeschleudert er
hat sich brauchen und nutzen gelernt und aus seinem Funken der in ihn gelegt
war ist eine lodernde Flamme emporgeschlagen Die Stadt wölbt das heimische
Dach der Hütte über seinem Haupte und schließt ihn fest an die warme Brust der
Erde damit er weiß wo er steht um vom sichern Boden aus den Himmel zu
erwerben In der Hütte ist Platz für eine ganze Welt hier beherbergt er in
stiller Zelle die zukünftige Tat und den unermüdlichen Willen hier hütet er
seine Liebe und seine Verzweiflung hier wohnt er mit seinen Plänen seinen
Gedanken seinen Scherzen und seinen Göttern Wie das Haus vor den Elementen so
schützt ihn der Freund und das Weib vor den Schrecken der Einsamkeit die Liebe
schützt ihn gegen Selbstsucht der Hass gegen Gleichgültigkeit der Hunger gegen
Langeweile die Torheit gegen Altklugheit die Eitelkeit gegen
Selbstverachtung das unbefriedigte Herz gegen Ermattung des Strebens Damit der
Mensch den Menschen kennen lerne in Art Tauglichkeit und Hoffnungen seines
Wesens haben sie neben einander ihre Hütten aufgerichtet in den Städten Vor
der Natur verliert sich der Mensch in das Element in der Stadt gibt er sich an
die Menschen hin und findet in den Andern in ihrem Irrtum und in ihrer
Wahrheit sich selbst wieder aus ihrer Verzerrung setzt er sich seine Harmonie
zusammen Die Stadt ist der Panteonstempel menschlicher Zustände vor dessen
Altar drei heilige Priester stehen welche den Bund der Gemeinde geweiht und
bekräftigt haben Diese drei sind das Recht die Treue und die Sitte Wo
Menschen zusammen sind und zu einem Verein sich gesellen gibt es auch Recht
Treue und Sitte Das ist das Große an jeder menschlichen Gesellschaft dass sie
ohne diese drei nicht zu bestehen vermag sondern von selbst sie wie notwendige
Blüten aus ihrem Schoss erzeugt Ja in der Stadt wo Menschen sind suche ich
Recht Treue und Sitte und ich finde sie mitten unter ihren Leidenschaften
ich finde sie wie Edelsteine im schwarzen Schachte Wenn Menschen sich an
Menschen drängen im Trieb des Daseins wenn ihr Wollen und ihr Können wächst in
der Gemeinschaft wird ihnen in der Brust zugleich das Recht wach das die
Gesetze schreibt für Wollen und Können Unrecht liegt nicht in der menschlichen
Natur denn sie möchte nur allzugern Jedes ausgleichen und versöhnen selbst den
Teufel Das Recht ist der verständige Kopf des ganzen Gliedervereins in dem Maß
und Gleichgewicht des übrigen Körpers sich zusammengeschlossen halten Und die
Treue ist die Hand welche der Mensch dem Menschen gibt und woran sie sich
fassen über der Woge des Tages während das Leben schäumend mit ihnen
fortstürzt Und die Sitte ist das Auge mit dem sie sich gegenseitig anblicken
Das Auge ist die Jungfrauschaft der Seele und wenn es sich zu Dir aufschlägt
und Du tief in seinen Grund schauest wird Dir heilig zu Mute Weil die
Menschen sich in die Augen sehen haben sie Ehrfurcht vor einander und für
Jeden liegt in dem Andern ein leises Geheimnis da das er achten muss Die
Ehrfurcht der Augen ist die Sitte sie ist ein zartes Geheimnis wie der Blick
Wie dieser trifft sie auf den feinsten Zusammenhang des Lebens und spricht ihn
aus Wenn die Treue der Hand die Menschen an einander bindet in
festverschlungenen Gruppen so gießt das Auge der Sitte holdseeliges Licht der
Schönheit aus über den Bund Die Hand die vielgefurchte an der Arbeit des
Tages oft erprobte immer in den Stoffen des Lebens wühlende sie ist wichtig
für menschliches Sein und Tun Sie schließt Verträge bejaht mit ihrem Druck
die Bündnisse der Liebe schwört mit emporgehobenen Fingern zu Gott sagt guten
Tag und guten Weg zu den Nachbarn und zu den Freunden Die Hand gehört den
Notwendigkeiten des Lebens an aber das Auge ist ein freies Strahlen von
Poesie Die Sitte ist die Poesie der menschlichen Gesellschaft sie ist der Adel
der Form die Verklärung der Gewohnheit die Juwelenfassung des Umgangs und die
Ehrwürdigkeit der Überlieferung Und der Kopf sieht ernstaft darein und lässt
sich durch nichts bestechen und durch nichts beugen wenn er Recht hat Das
Recht ist der Matematiker des Lebens es urteilt streng nach dem Buchstaben
und misst genau Winkel an Winkel Größe an Größe ab Aber das genau gemessene
Leben wäre tot wenn nicht das Auge hineinlächelte und die Hand es
zusammenhielte Und so bewegen sich die Menschen mit Kopf Hand und Auge und
ihr Dasein steht in Flor und ihre Städte regen sich und tragen Frucht und
Blume Und so verbinden sich die Menschen mit Recht Treue und Sitte die wie
das Weichbild ihrer Städte einen heiligen Kreis um ihr Zusammenleben schließen
Das ist die Freiheit der Städte das ist der Gottesfrieden der Häuser
Mögen die Städte blühen und gesegnet sein ich liebe die Städte Ich liebe
Städte und Häuser
Städte Häuser Straßen Brücken und das Volk dazu welche großartige
Malerei für einen Menschenfreund Keine Naturmalerei mit ihren Abendröten und
Purpurwolken und allem Farbenschmelz der Täler keine Elegie und keine Hymne
der Landschaft reicht an dies hochdramatische Schauspiel der Städte hinan Komm
näher Stadt und empfange den Wandrer in Deinen zutraulich winkenden
Ringmauern Nimm ihn auf recht in die Mitte der menschlichen Gewohnheit und lass
ihn Alles sehen und schmecken wie der Mensch es treibt Ich will mich an die
Welt Deiner Gesichter hingeben und den Schöpfer loben wann mir eines gefällt
Ich will Deine Künstler verehren mit Deinen Gelehrten reden Deine Frauen
lieben und in Deinen Kirchen an die unsichtbare Kirche denken Ich will auf
Deinen Märkten etwas kaufen an Deinen Tischen essen unter Deinen Dächern
ruhen und in Deinen Gesellschaften lachen und lauschen Ich will jeden Moment
an Deinem Tun und Treiben wichtig achten denn jeder Moment an einer Stadt kann
weltistorisch sein
Sei mir jetzt in der Nähe gegrüßt meine Stadt Der Spaziergang von meinem
Berg herunter ist zu Ende und mit einigen Schritten gelange ich nun schnell an
den Fuß der Moldau denn ich bin den umgekehrten Weg hinabgestiegen Jetzt sehen
wir uns Stirn an Stirn Du herrliche Stadt und indem ich hiermit meinen
antischillerischen Spaziergang beschliesse segne ich noch einmal als
begeistertes Stadtkind die städtebauende Muse Amphions
Nun stelle ich mich auf die Moldaufähre und der Fährmann ein rechtes
böhmisches Gesicht bringt mich in dem langsam abgemessensten Takt hinüber
Indem wir die Breite des schönen Stroms durchschneiden kann ich Dir noch im
Vorbeigehn seine beiden Inseln zeigen die sich dort den Pragern vielbesuchte
Lustorte aus der Welle erheben Das ist rechts die anmutige mit dichten
Schattengängen duftiger Kastanien und Linden besetzte Schützeninsel und ihr
gegenüber gleich an der Stadt die kleinere Färberinsel deren hohe Pappeln
Kühlung und Frische verbreiten Sie sind noch leer von Spaziergängern und die
schöne Welt pflegt sich erst später einzufinden wann sich die Glut der Sonne
gemildert hat denn gegen nichts ist der Prager empfindlicher als gegen
Sonnenschein So gehen wir ein ander Mal hin wenn Leute da sind
Und heut kann ich nichts mehr schreiben Du Gute Heilige Ich hatte Dir
noch Vieles aufzeichnen wollen wie Du aus der Überschrift dieser Blätter
ersiehst Vielleicht morgen Denn ich reise erst in acht Tagen weiter nach Wien
Ich kann heut nicht mehr schreiben mir wird traurig zu Mute Das Herz tut mir
auf Einmal weh und meine Schreibfeder kann und darf es nicht sagen Darum
schleudere ich sie weit weg von mir diese Sklavin und sage nur noch Gott
befohlen
III Prag
Katholizismus Legitimität Wiedereinsetzung
des Fleisches
Was jetzt kommt Heilige da bitte ich Dich es Dir nicht etwa als eine
Lobhudelei anzunehmen Denn ich will und muss noch einmal über die böhmischen
Mädchen sprechen von denen sich wahrhaftig ein eigenes Buch schreiben ließe so
reichhaltig ist dieser Gegenstand Wer könnte in Prag leben ohne zu einem
solchen Buche dessen schönste Stellen gewiss kein Censor streichen würde
sorgfältige Studien zu machen Du aber bist eine Heilige Deshalb mach ein
erhabenes Gesicht dazu wo ich allzu unverschämt lobe und sehe Ich muss loben
und sehen und Du kannst Dir immer noch etwas Anderes dabei denken als ich
sage Aber soviel sage ich Dir dass sogar der alte seelige Kampe in seiner
»Reisebeschreibung von Braunschweig bis Karlsbad und Böhmen« nicht aufhören
kann die außerordentlichen Vorzüge der schönen und gutmütigen Pragerinnen zu
preisen Und das war Kampe ein Mann von Grundsätzen der aus Philosophie
Wassersuppe aß nur der Pädagogik wegen reiste einen plüschenen
Jelängerjelieberfrack und Schuhe mit großen silbernen Schnallen trug und
wohlerzogenes Blut hatte Als kleiner Junge wo ich mir für ein paar Dreier von
einer alten Frau Bücher borgte las ich diese Reisebeschreibung und weiß noch
recht gut wie es mir damals auffiel und Nachdenken machte Ich konnte den Kampe
nicht begreifen der mich in einem anderen Buch vor dem Umgang mit dem
weiblichen Geschlecht so sehr gewarnt hatte dass ich mir einmal die kleine
Nachbarstochter genau ansah ob sie wirklich ein so gefährlich Ding sei Jetzt
bin ich ein großer Mensch geworden schreibe selbst Bücher für ein paar Dreier
habe heißes Blut und begreife den Kampe Kampe Kampe ja Kampe hat meine Augen
zuerst auf die Schönheit der Pragerinnen hingelenkt und in die weltberühmte
Tugend dieses soliden Mannes dieses reellen Kindervaters und Pädagogen
wahrhaftig in seine Tugend hülle ich mich indem ich in diesen glühenden
Himmelstrich reizender Formen mich wage Kampe dieser zuverlässige Mann soll
Alles verantworten was mir hier begegnet ist und an ihn wende man sich wenn
mir Einer Vorwürfe machen will über die Folgerungen die ich aus meinen in Prag
regegewordenen Betrachtungen jetzt oder bald ziehen werde
Das sind hier Töchter des Landes die im wahrsten Sinne diesen Ehrennamen
verdienen Nationale Schönheiten denen an scharfgezeichneter Eigentümlichkeit
keine andere Bürgerin einer deutschen Stadt sich vergleichen lässt Das
langweilige Geschlecht der Berlinerinnen mag anziehen durch Tugend Tournüre
Vorzüge einer feinen und schlanken Gestalt die sinnliche Wienerin durch
lebhaftes Augenspiel großartige Grundsätze brennbare Lebensstoffe von Kopf bis
Fuß die leichtgeartete Münchnerin durch ein regelmäßig gebildetes sinnig
lauschendes Gesicht das einem Stieler zum Meisterwerk sitzen konnte die
niedliche naive Schwäbin durch freundlich zutätiges Alles gerade
heraussagendes convenienzloses Wesen die kleine heiratslustige Leipzigerin
durch selbstgefällige Zierlichkeit Freigebigkeit des Blickes redseelig
plauderndes Mundwerk die große farrenäugige Hamburgerin durch irdische Frische
Reichtümer der Natur und derbe Resultate des good eating Die Pragerin zieht
vor Allen an weil sie eine Pragerin ist ein böhmisches Mädchen Durchfliege
mit entzücktem Blick die Schwesterreihe dieser Gesichter von denen jedes dem
andern ähnlich sieht und frage wem Du den Preis zuerkennen sollst ob der
reizenden Mutter oder der reizenden Tochter Denn der Nationaltypus dieser
ausgezeichneten Bildung hat zugleich ein so dauerndes und erhaltendes Leben in
sich dass er oft noch bis in das höhere Frauenalter hinein wunderbar fortblüht
Die Gestalt ist selten groß und hervorragend aber fast immer von einer üppigen
Poesie des Ausdrucks die mit rund geschwungener Wellenlinie Hals Nacken Busen
und Hüften in lieblicher Fülle zeichnet In langem weichem dichtem Gelock
umfliesst das schöne Haupthaar oft blond öfter kastanienbraun die zärtliche
Schläfe und die etwas blasse Wange erhöht in einem anmutigen Oval den feinen
Glanz des Gesichtes Das am häufigsten gesehene blaue Auge strahlt ein dunkles
Feuer von sich und lässt in eine brennende Tiefe schauen aus der Mut Seele
Andacht und Liebe leuchtend auftauchen Es sprüht etwas Katolisches aus diesem
dunkel flammenden Blick der Pragerinnen und zugleich so viel Sinnenglut es
ist eine frivole Mystik welche das Auge zu uns emporschlägt und das unsere
Blick um Blick gefangen hält Wie gotisch wölbt sich der Blick dieser Augen
auch schwimmt um die trunkene Bewegung der Iris ein leiser Heiligenschein ich
kann es nicht leugnen Es ist mir als gingen sie alle in die Messe während ich
sie da hinwandeln sehe reich geschmückt in bezaubernder Haltung der
lebenstrahlenden Glieder Und ich folge ihnen bis an die Kirchtür und ihr Auge
trifft mich im Umwenden noch einmal wie ein versengender Blitz und ich weiß
nicht soll ich mit ihnen beten gehen und die Messe hören und meine Sinne erst
in frommer Musik berauschen dann im dreisten Glück der Liebe Wer nie einer
Pragerin tief in die Augen gesehen weiß nicht was Mystik ist und was
Sinnlichkeit er hat nie ein Gedicht gelesen das in Flammen der Erde spielt und
an Sternen des Himmels sich sonnt Die feingeformte Nase fast immer ein
zierlicher Adlertypus welcher die nationelle Gleichförmigkeit der Gesichter
hervorbringt vermehrt die liebliche Keckheit des Ausdrucks die den
Physiognomieen eigen und der Ernst bei aller Anmut welcher die Gestalt
umschwebt zaubert ein dunkelgesättigtes Kolorit über ihr ganzes Wesen hin das
von einer heimlichen Glut durchwärmt ist So zeigt sich Fülle und Energie des
Lebens Rundung und Harmonie der Formen sinnlicher Schmelz und poetische
Leidenschaft kräftiger und gesunder Drang der Natur ein Dasein für den Genuss
geschaffen aber ohne kränkelnde Sehnsüchtigkeit sondern mutig und sieghaft im
Herauskehren seiner Blüte
Es ist ein freibewegtes gestaltvolles Leben hier und im raschen Glück und
Wechsel der Stunde herrscht die Gunst die überall gesucht und überall gefunden
wird Diese schöne Gunst wetteifert jetzt fast in der entgegengesetzten Sphäre
mit der früheren Grausamkeit welche die böhmischen Mädchen gegen die Männer
ausübten und wodurch sie eigentlich weltistorisch geworden sind und es kommt
mir wie eine Rache der Geschichte vor dass die Pragerinnen jetzt so voll von
beglückender Freundlichkeit und zärtlicher Laune für unser Geschlecht sind Ja
es ist eine Rache der Geschichte und mitten auf der Promenade unter hundert
lockenden und blühenden Frauengestalten fiel mir heut der blutige böhmische
Mägdekrieg ein der die Frauen gegen die Männer ins Feld führte und nichts
anderes als eine gänzliche Vertilgung der letzteren vom Erdboden zum Endzweck
hatte Ich musste lachen und auf jedem hübschen böhmischen Gesicht das mir nun
begegnete spähte ich nach ob sich nicht zu einer kriegerischen
männerfeindlichen Wlasta Anlagen zeigten Aber dieser Stamm muss hier ganz
ausgestorben sein und wieviel ich auch umherschwärmte auf den Gassen oder wohin
mich meine Bekanntschaften führten überall sah ich zwar Kriegserklärungen aus
diesen dunkelschönen Augen schimmern aber hinter solchen Vorpostengefechten der
Blicke lauerte doch immer schon ein glänzender Friedenstractat Ich malte mir
den böhmischen Mägdekrieg in meinen Gedanken immer weiter aus und musste immer
mehr lachen Dann wollte ich zu Egon Ebert gehen ihm einen Besuch machen und
ihn fragen warum er in seiner »Wlasta« den böhmischen Mägdekrieg so sentimental
verhunzt habe Ein humoristisches Heldengedicht oder eine historischkomische
Novelle hätte er aus diesem Stoff machen sollen aber nichts LyrischHeroisches
à la Egon Ebert Ich wollte ihm auch sagen dass die jungfräuliche Wlasta ein
schöner wilder Löwe sei mit langer goldener Mähne aber kein exemplarisches
Stickermädchen das sich aus einer Leihbibliotek einen gefühlvollen Schwung
zusammengelesen hat Aber es ist schlimm sehr schlimm einem Poeten die
Wahrheit zu sagen und ich blieb deshalb unterwegs zu ihm da ich von der Hitze
großen Durst hatte in einem Weinhause sitzen Hier war es kühl und ich dachte
wieder an den böhmischen Mägdekrieg merkwürdig dadurch dass er schon im grauen
achten Jahrhundert der keckste Versuch zur Emancipation der Frauen war der in
der Geschichte der modernen Zustande sich aufweisen lässt und der damals in
mutigen Amazonentaten sich hervorwagte während in den letzten Zeiten diese
Frage nur auf halbphilosophische teoretisirende und St Simonistische Weise in
der Welt hin und her schwankt
Ich beschloss um mich für die Langeweile des Egon Ebertschen Mägdekriegs zu
rächen mir selbst einen zu Papiere zu bringen so wie ich ihn mir wenigstens
denke Ich ging zu einem Dominikaner mit dem ich bekannt geworden war und
borgte mir aus der Bibliothek des Kapitels den Hagek mit welchem ich dann
zurück in meinen Gasthof wanderte Nachdem ich es mir bequem gemacht auch in
Prag kennt und übt man schon die Wienerische Gewohnheit in bloßen Hemdsärmeln
dazusitzen und nachdem ich ungefähr eine Stunde in meiner alten geschwätzigen
Quelle gelesen schrieb ich mit üblichem Anruf der epischen Muse Folgendes
nieder
Bohemiconymphomachia
Libussa saß wie eine Prophetin auf dem Thron der Böhmen und nachdem sie die
Macht in den Städten die Kraft in dem Volke und das Gold und Silber in den
Bergen vorhergesagt hatte legte sie sich nieder an die Erde um zu sterben
Zuvor berief sie noch einmal alle ihre Jungfrauen eine schöne Reihe weinender
Mädchen die ihr treu gedient hatten in Leid und Freude und sie segnete und
beschenkte sie reichlich und ihr glänzendes Auge ruhte zum längsten und
bedeutsamsten auf diesen schmerzlich stummen Jungfrauen bis es brach Selbst
Przemysl der Herzog welcher betrübt in der Ecke stand war ihr nicht so teuer
gewesen als diese ihre Dienerinnen mit denen sie wie mit zarten weißen
Blütenzweigen ihr ernstsinnendes Leben sich geschmückt hatte Sie hatte sie in
allen Künsten unterrichten und in der herrlichsten Bildung erwachsen lassen und
die Mädchen waren schön und stolz geworden wie die Sonne und hell und klug wie
der Tag Sie klagten laut und schlugen sich an die blasse Wange und an die
blühende Brust und benetzten mit heißen Tränenströmen die Füße der Fürstin Am
stärksten weinte ein hohes schlankes Mädchen mit langem blondem Haar das in
üppiger Fülle der Locken ihr über die Schulter floss Sie hieß Wlasta und hatte
leuchtende Augen wie Sterne und ein Antlitz wie Frühlingspracht Libussa hatte
dieser ihrer Lieblingin die Hand gereicht und Wlasta wollte sie nun nicht mehr
loslassen so todeskalt sie geworden war Und alle klagten und weinten und das
Volk draußen das zusammengelaufen war heulte und schrie Sogar der verständige
Przemysl der noch nie geweint hatte feuchtete seine Wimper mit einer
Wittwerträne denn er saß nun allein auf dem Herrscherstuhl des Landes
Verschieden aber waren die Stimmen der Böhmen die sich draußen vor des
Schlosses Wäallen im unruhigen Getümmel durcheinandermischten Etliche
wehklagten dass es um Böhmen nun geschehen sei und etliche frohlockten dass das
Weiberregiment ein Ende habe und Andere erinnerten an ein altes Wort welches
ein vornehmer Czeche der Libussa selber spottend ins Gesicht gesagt dass Weiber
die lange Haare hätten aber einen kurzen Verstand besser zum Weben und Spinnen
taugten als zum Richten über Männer Und Wlasta hob sich zornig empor als der
rohe Volkswitz in ihrem erhabenen Schmerz sie störte und aus ihrem großen
rollenden Auge schossen dunkle Blitze der beleidigten Seele hervor Denn schöne
Seelen empört am heftigsten ein schlechter Witz Darauf verrichtete sie den
Todtendienst bei ihrer unsäglich geliebten Herrin und tat ihr ein köstliches
Gewand an und gab ihr fünf Silbergroschen in die Hand um sie dem unbekannten
Gott dort unten zu opfern Denn das Heidentum lag noch mit finsterer Gewalt
über diesen trefflichen Gemütern
Nachdem nun Libussa vor den Toren ihres Schlosses Libin begraben worden
kam der verwittwete Fürst Przemysl allmälig auf den Gedanken dass es doch gut
sei keine Frau zu haben Er fühlte sich äußerst behaglich und begann sich in
seinen Gemächern den ganzen Tag zu pflegen Früher war er ein ehrbarer
Ackersmann gewesen der seine Felder bestellte und die Ochsen am Pfluge trieb
als Libussa vom Wahrsagegeist ergriffen sich ihn zum Mann prophezeite Denn
obwohl ihrer Macht nichts fehlte und sie mit allen Geistern in Verbindung
stand so fehlte ihr doch ein Mann Und sie nahm ihn und machte ihn zum Herzog
und er setzte sich mit aller Ruhe an ihre Seite auf den Czechentron Bald aber
musste er einsehn welche Qual es mit sich bringe eine geistreiche Frau zu
besitzen Er konnte gar nicht mitreden wenn sie zu philosophiren anfing und so
oft sie in Begeisterung geriet machte er ein dummes Gesicht dazu und
geberdete sich wie ein geschlagener Mann Es graute ihm vor den Augen wenn die
Seherkraft über sie kam und es wurde ihm unheimlich dass er eine so kluge Frau
hatte Wenn er nach seiner Weise ein vernünftiges Wort zu ihr sagen wollte saß
sie in tiefen Gedanken und hörte ihn nicht Er konnte nicht begreifen wie man
Gedanken haben könne und wurde im Geheimen seines Lebens überdrüssig Er ließ
Alles geschehen wie sie es wollte und bekümmerte sich um nichts mehr aber der
Met schmeckte ihm nicht und die Jagd machte ihm nicht mehr Freude Es war ihm
immer als müsste er sich vor seiner Frau geniren in Allem was er tat Er
verwünschte die geistreichen Weiber und fürchtete sich doch zugleich sehr Wenn
sie ihn zuweilen mit ihren schönen tiefen Augen anstrahlte kam er sich selbst
ganz einfältig vor und wusste nichts dazu zu sagen Er wäre davongelaufen hätte
er sie nicht als eine Zauberin gekannt deren Gewalt sich über Alles erstreckte
Jetzt aber war ihm wohl Er schaukelte sich vergnügt auf dem purpurnen
Tronsessel auf dem sie sonst neben ihm gesessen und merkte dass er weit
bequemer sitzen konnte Er ließ seinen Freund Hinchvoch zu sich kommen Mit dem
schwatzte er sich aus und sie tranken ein Fass Met zusammen und rauchten eine
Pfeife Taback Sie sprachen von lauter langweiligen Dingen und Przemysl freute
sich zum ersten Mal wieder dass er ein ruhiges gewöhnliches alltägliches
Gespräch führen konnte bei dem er nicht viel zu reden brauchte Denn Hinchvoch
hatte keinen Geist Zuletzt aber befahl Przemysl dem Hinchvoch dass er
unverzüglich die ganze Budecer Mädchenanstalt aufheben solle Dies war die
preiswürdige Anstalt in welcher die Jungfrauen der Libussa erzogen gepflegt
und zu allen Tugenden und Vorzügen gebildet wurden Przemysl befahl dass diese
Mädchen zerstreut und zu ihren Eltern zurückgebracht werden sollten Denn es sei
gefährlich das mutwillige Geschlecht der Mädchen viel lernen zu lassen Es
würden geistreiche Weiber daraus Hier zuckte es ihm und er sah sich scheu nach
der Ecke des Zimmers um ob Niemand dort stehe Dann fuhr er fort und sagte nun
geh mein lieber Hinchvoch und führ es schleunig aus wie ich Dir geraten
Und Hinchvoch ging hin und tat es gern denn er hatte keinen Geist
Und nun o epische Muse löse mir die Homerische Zunge damit ich des
großen Unglücks würdig beschreiben und schildern kann wie gleich der
Trojerinnen beklagenswerter Schaar als sie aus dem brennenden Ilion
davonzogen jetzt diese böhmischen Mädchen reich an Zahl und jede schön und
jede der Liebe und der Tränen wert in langsam stummen Reihen sich
fortbewegten nachdem sie ausgetrieben und die Türen ihrer treugeliebten
Pensionsanstalt hinter ihnen geschlossen worden waren Sie wussten nicht wohin
und irrten wie eine Heerde zerstreuter Lämmer auf und ab und das Volk höhnete
sie in den Straßen Man verlachte sie und sagte wo ist nun eure Herrin vor
der wir uns beugen mussten und vor euch zugleich Seht das Blatt hat sich
gewandt und ihr die ihr so hoch hinauswolltet habt weder Wohnung jetzt noch
Schutz und Schirm Nun kehret in eurer Väter Hütten an den Spinnrocken zurück
und stellt euch zu eurer Frau Mutter vor den Kamin und helft kochen und fegen
Was habt ihr mit den Künsten zu schaffen und mit der Wahrsagung und mit der
Wissenschaft der Pflanzen und Kräuter Ihr seid armer Leute Kind Geht Geht
Die Welt lag dunkel da vor den Blicken der armen Mädchen und sie sahen in
der Nähe und in der Ferne nichts was sie trösten könnte In ihrer Eltern
niedrige Häuser zurückzukehren davor entsetzten sie sich alle denn der alte
Vater und die alte Mutter verstanden der Töchter adliches und freigebildetes
Wesen nicht mehr Sie hatten des Lebens göttliche Freiheit geatmet und ihr
Herz empörte sich wenn sie der häuslichen Sklaverei ihres Geschlechts
gedachten Des gemeinen Volkes Reden verachteten sie denn sie waren jung und
mutig und fühlten edlen Stolz in der Großes sinnenden Seele Die hohe Wlasta
aber trat mitten unter sie und versammelte sie alle um sich her und hieß sie
ihr folgen Dann eilte das schöne kecke Mädchen mit hastigen Schritten voran
und die übrigen die ihr gern vertrauten zogen der Führerin nach nicht
wissend was diese in ihrem oft erprobten Geist bewege Und Wlasta beeilte sich
immer stärker denn sie war geschwind wie ein Reh bis sie und ihre Jungfrauen
der Menschen Häuser und Gesichter verlassen hatten Sie schritt vor den Andern
her wie eine Königin und Haar und Busen flogen ihr wunderbar vor Wut und
Schmerz Sie war die Schönste und Stärkste unter Allen und die hochgebauten
Glieder waren weiß und frisch und gewaltig wie ein sprudelnder Bergquell
Heldenmütig und herausfordernd in ihrem Wesen war sie doch freundlich und
glänzend an Gestalt und wenn man sie in rascher Bewegung dahinschweben sah
leuchtete sie von Kraft und Anmut von Hoheit und süßer Lieblichkeit zugleich
Sie hatte etwas Kriegerisches in ihrer Natur und doch einen friedenschliessenden
Zug um die schwellenden Lippen Sie trat wie eine Siegerin auf wann sie den
schlanken Fuß setzte und wild blickte ihr holdes Auge wie auf einen Feind Und
in alle Wildheit mischte sich doch die weiche Jungfräulichkeit ihres
Mädchenwesens So war sie die Erste ihrer Gespielinnen und alle liebten und
ehrten die Wlasta der Keine glich
Die Jungfrauen traten jetzt in kühlende Waldesschatten und erreichten den
Berg Widowle auf dessen grünem Gipfel vertrauliche Einsamkeit lag Hier befahl
Wlasta den Mädchen sich zu lagern und sie selbst in ihrer Unruhe blieb vor
ihnen stehen und sagte Ihr lieben Gespielen hieher habe ich euch geführt
damit wir über unsere Bedrängnis die zu den Göttern klagt uns beraten können
O ihr trefflichen Mädchen gibt es wohl ein höheres Gut als die Freiheit die
Freiheit welche Luft und Himmel und Bewegung und Leben und Alles ist Die
Freiheit an deren Busen ihr groß und schön geworden seid von der ihr die Milch
der Erkenntnis getrunken und die Frucht eurer untadlichen Bildung geerntet habt
Die Freiheit in deren Schoss allein Sitte Tugend Liebe Tapferkeit und
Glauben an die Götter gedeihen Und mit unserer Frau Libussa ist uns auch unsere
Freiheit gestorben Nicht in uns und in unsern Gemütern ist sie gestorben
sondern in den wankelmütigen und unedeln Meinungen der Männer Libussa wollte
unser Geschlecht erlösen sie hatte ihm die Freiheit bestimmt denn nur in der
Freiheit können wir unser Wesen erheben auf eine höhere und schönere Stufe der
Achtung Libussa beherrschte das Land und die Männer gehorchten ihr und an uns
bildete sie wie sie das Frauengeschlecht in seiner künftigen Unabhängigkeit und
Geisteserweckung sich dachte Liberté pour toutes les fammes das war der
Grundsatz teure Freundinnen in dem wir erzogen wurden Ich hoffe wir machen
alle unserer großen Bildnerin keine Schande Freiheit Freiheit Freiheit für
uns Alle Denn dass dieser geistlose Herzog Przemysl unser Geschlecht verachtet
und ein arger Feind unserer liebsten Hoffnungen ist habe ich schon als unsere
hochseelige Fürstin noch lebte ahnungsvoll in meinem Geist erschaut Und seinen
Sohn den ihm Libussa geboren wird er gewisslich dazu anhalten dass er unserer
noch viel weniger achtet Auf also auf ihr Jungfrauen der Libussa Es gilt
einen Entschluss zu fassen dass wir und unser Geschlecht nicht schmählicher
Dienstbarkeit die uns droht anheimfallen Das Weib muss frei sein sonst ist es
verachtungswürdig denn zur Freiheit haben die Alles wohlbedenkenden Götter
nicht bloß den Mann erschaffen Die Freiheit ist überall und in jedem Herzen
das Flügel hat um sich über das Gemeine zu erheben
Hier endete die herrliche Wlasta ihre Rede und ließ sich mit einem lauten
brustzersprengenden Seufzer unter einen Baum sinken Dann stützte sie das
schöne gedankenvolle Haupt in die Hand und saß lange von einem wunderbaren
Tiefsinn umfangen da Die Andern schwiegen bange und es war still und heimlich
wie in einer Kirche Alle blickten nur mit scheuen Augen auf die tiefsinnig
gewordene Jungfrau hin und es war ihnen als müssten sie noch bedeutsam
geheimnisvollen Worten aus ihrem Munde entgegenlauschen Der Wind flüsterte mit
düster raschelnder Zunge über ihnen in den Wipfeln der uralten Eichen ein
grossmächtiger Adler flog mit verworrenem Geschrei auf aus einem Spaltenriss des
Berges tiefhängende Wolken verfinsterten die Fernsicht es wurde eine seltsame
magische Dämmerung ringsher um die näher an einander geschmiegten Mädchen Da
rief Stratka eine liebliche Brünette plötzlich Seht es ist über Wlasta der
Geist Libussas gekommen der Geist der Weissagung
Und Wlasta streckte die Hand aus und das strahlende Gesicht umflog eine
dunkle trunkene Röte Sie setzte sich hoch aufrecht es schien Allen als sei
das wunderbare Mädchen größer und ihre ganze Gestalt leuchtender geworden Dann
wies sie mit dem Finger in die Ferne und sprach Ich sehe die Zukunft Dort
hinten steigt sie in schwankender Gestaltenreihe aufwärts und wälzt sich bis zu
mir heran und beginnt mit meinem Geist vertrauliche Gespräche Die Sterne über
mir fangen an golden zu erglänzen wie in schöner Mainacht und Libussa sitzt
groß in den Wolken und reicht mit ihrer Hand von oben bis tief in mein Herz
Sie schreibt die Schrift der Sterne eifrig in meine Gedanken ein und ich halte
süssbewegt still wie wenn ein Gott mich berührte Und die Schrift der Sterne ist
es die mich lesen lässt was die hinten schwankende Zukunft bedeutet Und Wald
und Strom und Vogel und Blume und Luft und Licht werden lebendig und reden
ein Wort mit und ich kann Alles verstehen was ist und kommen wird Ich sehe
und verstehe großes Unheil immerwährende Kriege gespaltene Meinungen
himmelstürmende Verzweiflung philosophischen Jammer und politische
Leidenschaft jedem Jahrhundert seine Seuche und jedem Menschenherzen seinen
Todesschmerz Und bebend frage ich die Geister der Zukunft um unser Geschlecht
ob es frei sein wird Und seht seht seht es treten aus dem Nebelglanz der
Ferne seltsame Gestalten vor mich hin Unser eigenes Schicksal kann ich nicht
erkennen denn der Geist darf sich nicht selber schauen das verwehrt das
Verhängnis Aber ich höre Waffen an mein Ohr schlagen und die Blüte meines
Busens zwingt sich wie in einen eisernen Kriegspanzer und eine breite Wunde
bohrt sich bis in mein Leben hindurch Nun sehe ich schönere Jahre herankommen
ein lyrisches Zeitalter der Frauen spriesst auf Die Poesie schmückt sie die
Minne verherrlicht sie und das Rittertum holt seinen Dank aus ihren
huldspendenden Händen Auf dem Söller blinkender Schlösser stehen sie freundlich
da und begeistern durch ihren Anblick zum Sieg in der Schlacht zur Sitte im
Leben und zur Ehre im Wandel Aber das Zeitalter der Minne macht das Weib nicht
frei An Haus und Heerd und an die Stille des Zwingers gebannt überlässt sie des
Lebens freie Bewegungen den Männern Dann sehe ich fromme Gesichter meines
Geschlechts betende Jungfrauen in dunkeln Zellen verzückte Mädchen welche die
Gewalt eines Gottes ergriffen haben muss Alles große Versuche des Weibes sich
zu befreien und über das gemeine Alltagsloos ihrer Bestimmung sich zu erheben
zu höherer Erleuchtung des Geistes Aber auch die Mystik und die beschauliche
Klosterzelle macht das Weib nicht frei Es verliert sich in Gott und überlässt
des Lebens freie Bewegungen den Männern Und ich sehe eine liebliche Jungfrau
die erst die Lämmer im Tal weidete dann vom Geist gerufen den Helm auf ihr
Haupt setzte und gegen die Feinde des Vaterlandes in die Schlacht zog Sie will
zeigen dass das Weib auch ein Vaterland habe und Alle folgen jauchzend dem
Mädchen aus Orleans und siegen unter ihren jungfräulichen Bannern Aber dann
naht das alte schwarze Verhängnis unseres Geschlechts und es ruht ein Fluch auf
der Tat weil sie ein Weib vollbracht hat Sie können es nicht glauben dass das
Weib vom Vaterlandsgeist getrieben wird und verbrennen die Zauberin Das Weib
hat kein Vaterland sie können es dem hohen Mädchen aus Orleans nicht glauben
Auch die Vaterlandsbegeisterung macht das Weib nicht frei und es überlässt die
Freiheit der öffentlichen Bewegung den Männern
Jetzt sehe ich eine Kirchenversammlung von großen und gelehrten Männern wo
eigens untersucht und mit den genauesten Gründen und Gegengründen gestritten
wird ob die Frauen Menschen seien Dann dringt mein Auge weiter und weiter
durch den Schleier der Jahrhunderte und ich gewahre milde Zeiten des
Familienglücks auf den Gesichtern unseres Geschlechts Ich sehe ein häusliches
Stubenleben ein bürgerliches Zeitalter der Menschen in dem die Frauen viel
gelten sie stricken nähen schenken den Tee ein und sprechen angenehm Mir
wird kläglich dabei zu Mute und ich wende den Blick auf Andere hin und sehe
bücherschreibende Weiber mit Gelehrsamkeit und Künsten sich abgebende holde
Mägdlein wieder große Versuche das Weib zu befreien Aber das Familienglück
das bürgerliche Zeitalter und das Bücherschreiben machen unser Geschlecht nicht
frei Es muss noch immer des Lebens freie Bewegungen den verhassten Männern
überlassen Nun führt mich mein Geist fern gegen den Norden hin und ich sehe
einen Mann in seiner Studirstube sitzen der schreibt eifrig und sieht
gedankenvoll aus Ich weiß nicht ich muss den Mann lieben es ist mir als
schriebe er mir meine Gedanken auf und die Gedanken unserer Frau Libussa Er
heißt Hippel und er schreibt über die bürgerliche Verbesserung der Weiber und
über die Ehe Er will dass das Weib ein Vaterland haben solle und eine Stelle
im Staat und seinen schönen Teil an aller Freiheit der öffentlichen Bewegung
Er ist der Erste unter allen Männern in dem der große Gedanke Libussas wieder
hervortaucht denn kein Gedanke geht im Meer der Zeiten verloren Und o o
seht wie mir der Geist nun hilft die Erscheinungen zu verknüpfen Da zieht es
mich hin weit in eine andere Gegend und ich schaue eine mächtige Stadt die
heißt Paris und eine Straße die wird die Straße Taitbout genannt Dort ist ein
Saal in dem Männer mit langen Bärten versammelt sind die eine besondere
Weisheit unter sich verabredet haben die heißt der SaintSimonismus Sie tragen
eine weiße hinten zugeknöpfte Weste weiße Beinkleider eine blaue Jacke und
Kopf und Busen sind ihnen ganz entblößt Sie sehen närrisch aus und sprechen
über die Weiber In ihrer Mitte sitzt Einer mit Namen Enfantin der sich den
obersten Vater der Simonisten nennt und neben ihm steht ein leerer Stuhl auf
dem das freie Weib noch erwartet wird damit sie sobald sie erscheine in der
Welt sich gleich setzen könne Alle Anstalten zu ihrem Empfange sind gemacht
und ihre Unabhängigkeit vom Manne ist ausgesprochen Was Libussa gedacht was
Hippel geschrieben wollen die Simonisten endlich ausführen Lélévation de
lépouse au niveau de lépoux so hallt es wieder aus dem Munde des obersten
Vaters der das freie Weib sucht Es gibt eine gesellschaftliche Person das ist
nicht mehr der Mann allein sondern Mann und Frau und alle Geschäfte des Lebens
werden daher paarweise verrichtet Dieses Paaren ist die Ehe und in ihr nimmt
die Frau Anteil an den Geschäften des Mannes So wirkt sie zugleich für den
Staatsdienst mit und kann wie Libussa und Hippel ausdrücklich gewollt Aemter
bekleiden Der kühne Vater Enfantin aber hebt die Freiheit des Weibes noch über
die Ehe hinaus und erklärt die Ehe nicht für geschlossen Ein so freies Weib
aber will sich gar nicht finden lassen und darum sehe ich hier und dort
Simonisten hinauswandern in den Orient um das freie Weib da zu suchen Und es
entsteht eine große Verwirrung über die neue Lehre in der doch Wahrheiten
ruhen an denen ich alle Jahrhunderte arbeiten gesehen Schriftgelehrte erheben
sich um die Wahrheiten zu reinigen von den Schlacken aber es scheint als
könne lange Keiner das Wort dazu finden Aber das freie Weib doch ah
Hier hielt die herrliche Wlasta inne und der Geist der Weissagung schien
von dem schönen Munde gewichen Das Haupt sank ihr ermattet auf die Brust herab
und die Wange die noch eben von dunkler prophetischer Röte geglüht hatte
überzog sich wieder mit einer feinen Blässe Sie lehnte sich seufzend an die
Schulter ihrer Busenfreundin Stratka und fragte leise was habe ich euch
gesagt
Du hast uns die Zukunft unseres Geschlechts enthüllt riefen Alle
einstimmig und sprangen auf und umringten sie ehrerbietig und traurig
Mir ist das Herz wehe ich weiß nichts mehr was ich gesagt stöhnte Wlasta
Ein wunderbarer Traum umhüllte mir mit tausendfarbigen Bildern die Schläfe
Jetzt möchte ich weinen und kann nicht sagen warum Das erste Mal ist es dass
ihr die wilde fröhliche Wlasta betrübt seht bis in den Tod Ihr aber lieben
Gespielen lasset die Gedanken an die ferne Zukunft denn es bringt den
Sterblichgeborenen nur Schaden in den Spiegel der künftigen Gestaltungen zu
lauschen Denket an euer und unser allernächstes Unglück An euch ist es nun
zum Heil einen Ratschluss zu fassen Wlastislawa wird zu allem Ja sagen was ihr
beschliesset denn sie selbst ist traurig und gedankenlos und das tapfere Herz
ist ihr wie zerbrochen
Da trat die schmachtende Stratka in die Mitte der Jungfrauen und es war wie
ein linder Westauch wann sie sich bewegte Sie war als die Zweite und
Trefflichste nach der Wlasta geachtet und Alle waren ihr gut denn sie sah
lieblich und bescheiden aus und hatte Augen wie zwei stille Vergissmeinnichts
Die sprach indem sie ihre Hand ausstreckte gegen die noch am Boden sitzende
Wlasta O Wlastislawa du hochherzige tugendreiche und adlichgesittete
Jungfrau wir wissen Alle dass Du nichts Anderes denkest noch trachtest als
unsere Freiheit und Ehre und die unseres ganzen Geschlechts Welche wäre die
Dich nicht darum zum Allerhöchsten priese Aber ich bitte Dich Du
Tugendreiche was hilft uns armen Mädchen die Freiheit wenn wir keine Männer
haben Schickte nicht unsere hohe Frau Libussa selbst auf das Feld hinaus und
ließ sich einen Mann holen Und als sie ihn zum Mann gehabt wurde ihre Freiheit
und ihre Ehre um nichts desto geringer Wissen wir denn nicht wie sie den
Przemysl und das ganze Czechenland mit ihrem Rat und ihrer Klugheit regiert
hat In der Ehe erscheint erst das freie Weib von dem Du uns prophezeiht hast
aber ich bin der Meinung ihr lieben Gespielen dass um das freie Weib
erscheinen zu lassen die gewöhnlichen Begriffe der Ehe erst müssen umgewandelt
werden Dies ja dies sei unser Werk Vor allen Dingen müssen wir Frauen
Wahlrechte bekommen Ich will von diesen Wahlrechten jetzt nur insoweit reden
dass wir uns die Männer selbst wählen dürfen sowie Libussa den Ehegemahl
erwählet welcher ihr gefallen und worein das ganze Land willigen musste Denn
die Frau muss zuerst durch den selbständigen Willen frei werden Ohne den Willen
gibt es keine Freiheit und ohne die Freiheit keine Liebe und ohne die Liebe
kein Glück Darum nun auf dass wir allesammt die Freiheit erwerben rate ich
alles Ernstes dass Du o Wlasta möchtest zum Herzog Przemysl senden und ich
will zum Hinchvoch senden ob diese beide nicht wollten unsere Männer werden
Denn sobald sie nun als die Vornehmsten einwilligen so wird sich alsdann auch
unserer Aller Freiheit anfangen und die Budecer Mädchenanstalt soll wieder in
ihre alte Blüte kommen Verachten sie aber unser Begehr so hat dann endlich
die Rache der geschmähten Mägdefreiheit eine Ursache an allen diesen Männern
Willigen sie jedoch ein so wird dadurch das Wahlrecht fortan immer unserm
Geschlecht gewonnen sein Denn die freie Frau ist souverain sie spreche wer
der Mann ihrer Liebe sein soll Sie spreche offen denn sie darf reden Ach
Wlasta mir ist als führte mich auch der Geist der Prophezeihung wie Dich bis
in eine ferne simonistische Zukunft der Zeiten Ja das freie Weib ist
souverain sie entscheide sie spreche denn sie darf reden Und das Glück der
freien Liebe ist süß
So sprach die schmachtende Stratka und warf ihre lieblichen lauschenden
Augen mit einem fragenden Blick im Kreise der Gespielen umher Die Jungfrauen
aber waren von ihrer Rede alle wie begeistert sie sahen freundlich und
erheitert aus und riefen mit den schönsten Stimmen in einem lauten Chor dass
es sich anhörte wie Jubelhymne morgenfrischer Lerchen sie riefen alle »Das
freie Weib ist souverain sie entscheide sie spreche denn sie darf reden Und
das Glück der freien Liebe ist süß«
Und das Glück der freien Liebe ist süß wiederholte die schmachtende Stratka
noch einmal und hüpfte liebkosend zu der großen ernstsinnenden Wlasta hin
Diese erhob sich jetzt vom Rasen und schlug schwermütig die Augen zu den
Freundinnen auf Dann sagte sie zu der Stratka O du sanfterzige tugendreiche
und adlichgesittete Jungfrau von wannen kommt Dir dieser vortreffliche Rat
der mir und allen beisitzenden Mägdlein so gar wohl gefällt So tuet denn wie
ihr beschliesset
Weiter sagte sie nichts die schöne nachdenkende Wlasta und die Andern
beeilten sich aus ihrer Mitte vier erlesene Jungfrauen auszuwählen die zum
Przemysl und Hinchvoch abgesandt wurden Sie wählten vor allen die beredtsame
Budeslawka mit den klugen braunen Augen dann die kleine naive Wuschemila die
ernsthafte tiefsinnige Hrawka und die lammfromme stille Pietisyla Diese
zogen von den Übrigen tausendmal gesegnet aus gen des Herzogs Burg während
die Andern mit quälender Neugier zurückblieben
Przemysl und Hinchvoch saßen wieder bei einander vor einem Fass Met und
bekümmerten sich um die ganze Welt nicht Sie zechten um die Wette und ließ
nicht einmal Jemand leben denn das incommodirte sie zu sehr Sie schwitzten
ordentlich vor Langeweile weil sie nichts mitsammen zu reden wussten aber es
war ihnen dennoch heimlich wohl dabei Denn Hinchvoch hatte keinen Geist und
Przemysl liebte den Geist nicht So vertrugen sie sich beide vortrefflich und
gaben sich die Hand nie wieder von einander zu lassen Man muss das Leben
nutzen sagte Przemysl den das Getränk schläfrig machte
Die Zeit ist kostbar entgegnete Hinchvoch und streckte sich aus um zu
schlafen
Nur Eines noch rief Przemysl und ermannte sich
Auch mir fällt noch Etwas ein entgegnete Hinchvoch
Was denn fragte Przemysl
Nichts entgegnete Hinchvoch
Ich meine das Heiraten sagte Przemysl
Ja sagte Hinchvoch
Niemals werde ich wieder heiraten rief Przemysl
Wer hätte Zeit zum Heiraten seufzte Hinchvoch
Meine Zeit ist mir zu lieb und meine Freiheit sagte Przemysl
Gib Dich doch nicht mit solchen Gedanken ab sagte Hinchvoch ärgerlich
werdend denn ihn schläferte sehr
Ich muss auf meine Freiheit halten rief Przemysl auffahrend
Wenn Du nur eine einzige Lehre von mir annehmen wolltest sagte Hinchvoch
Welche denn fragte Przemysl
Dass sich Alles in der Welt von selbst versteht gähnte Hinchvoch
Wie meinst Du das fragte Przemysl aufmerksam
Ich meine wie hätte man Zeit und Ruhe zu schlafen wenn sich nicht Alles
in der Welt von selbst verstände explizirte Hinchvoch
Ich verstehe Dich nicht erkläre Dich deutlicher sagte Przemysl dringend
Lass erst noch ein Fass Met holen sagte Hinchvoch
Soll geschehen rief Przemysl und es war alsbald durch den Diener
herbeigeschaft
Nun sagte Hinchvoch nachdem er noch einmal getrunken dass sich Alles in
der Welt von selbst versteht ist klar Zum Beispiel dass du frei bist versteht
sich von selbst Ebenso dass Du nicht mehr heiraten wirst Was machst Du Dir
also Gedanken darüber Die Zeit ist kostbar Lass uns schlafen
Mir wird Angst bei Dir sagte Przemysl Du fängst an geistreich zu werden
Ich dachte Du hättest keinen Geist Und siehe mein Haar sträubt sich empor
und es ist mir als käme der neuerdings Mode gewordene Geist der Weissagung auch
über meine Seele Ja ja Hinchvoch ich bitte Dich um Alles in der Welt ich
sehe die Zukunft vor meinen Blicken aufsteigen Ich schaue eine Periode des
Menschengeschlechts wo Alle geistreich sind Es ist das glorreiche neunzehnte
Jahrhundert in dem jeder Ladendiener geistreich werden wird Man wird einem
Menschen nichts Schlechteres mehr nachsagen können als dass er geistreich ist
und überall wo man hinhört wird die Rede sein von geistreichen Jünglingen von
geistreichen Frauen von geistreichen Berliner Banquiersöhnen und Keiner wird
mehr ein Kleid machen lassen bei einem Schneider wenn der Schneider nicht
geistreich ist Die Recensenten wenn sie weiter nichts mehr zu sagen wissen
werden das Wort Geistreich zum Schimpfwort brauchen und diese klägliche Periode
wird damit endigen dass sich die Geistreichen alle unter einander mit Haut und
Haaren auffressen Ich sehe schreckliche Dinge die da kommen werden Keiner
sagt mehr zum Andern guten Morgen ohne dabei geistreich zu sein Keiner isst
mehr ruhig sein Butterbrot ohne eine geistreiche Bemerkung dabei zu machen
Kein Spitzbube wird gehängt ohne ein geistreiches Gesicht dabei zu schneiden
Kein Mann prügelt mehr seine Frau ohne geistreiche Motive dazu zu haben Alles
wird sich geistreich motiviren und es wird kein gesunder Discours bei dem man
sich bequem ausruhen kann mehr zu Stande kommen Diese klägliche Periode und
ihr klägliches Ende habe ich prophezeiht Ich bin dazu ausersehen vom
Verhängnis O Hinchvoch Hinchvoch halte mich mir wackelt der Kopf und ich
kann nicht wieder zu mir kommen mir schwinden die Sinne
Er sank in die Arme seines getreuen Hinchvoch zurück und dieser rüttelte
und schüttelte ihn bis die Kraft der Weissagung wieder von ihm wich Dann sahen
sich beide ganz erstaunt an und reichten sich gerührt die Hände Sie schwuren
dass sie nie wieder ein Gespräch mit einander führen wollten an dem sie sich
erhitzen könnten da heut um ein Haar ihre Freundschaft auf dem Spiele gestanden
hätte In diesem Augenblick trat ein Diener in den Saal und meldete dass eine
Gesandtschaft von vier Jungfrauen draußen stände die etwas Wichtiges an den
Herzog Przemysl und den Reichsobersten Hinchvoch auszurichten hätten
Die Jungfrauen wurden eingelassen und schritten mit schüchterner Gebärde
die beredte Budeslawka an ihrer Spitze vor die Beiden hin Budeslawka erhob
ihre helltönende Stimme und begann zuerst mit gesenkten Augen von dem
heiligen und allen Völkern stets ehrwürdig gewesenen Beruf des weiblichen
Geschlechts zu sprechen Sie nannte die Frauen die Ordnerinnen und Hüterinnen
des Lebens und erinnerte klagend und triumphierend zugleich an der Libussa
mächtigen Geist welche dieses hochemporblühende Reich zuerst eingerichtet und
in seinen Grundvesten geschaffen geordnet zusammengehalten habe Dann ging
sie mutiger werdend und mit durchdringenden Blicken aufschauend zu der
Behauptung über dass kein Reich kein Staat kein Volk ohne der Frauen
mitwirkende Hilfe ohne ihren Alles im Gleichgewicht erhaltenden Sinn bestehen
gedeihen könne Sie fügte leiser betonend hinzu dass sie und alle ihre
Schwestern draußen auf dem Berge Widowle entschlossen seien nur am Altar des
Vaterlandes ihre Lebenspflichten zu üben und Wlasta und Stratka ihrer
Schönheit und Tugend wegen allberühmte Jungfrauen hätten entschieden die
Ersten zu sein welche dem allgemeinen Besten des Staates sich opferten Sie
böten beide ihre Hand dar Jene dem Przemysl Diese dem Hinchvoch um mit ihnen
vereint im Bunde der Ehe Anteil zu haben an dem Wirken und Verrichten der
Männer Dies gäben sie durch diese Abgesandtschaft offen und frei zu erkennen
denn die Frau sei souverain sie dürfe reden Nun sei es an Przemysl und
Hinchvoch so würdigen Jungfrauen würdige Antwort zu erteilen
Budeslawka schwieg und trat sich verneigend wieder einige Schritte zurück
während Przemysl und Hinchvoch sich vor Verwunderung nicht zu lassen wussten Sie
begaben sich endlich beide in ein anliegendes Kabinet um sich dort miteinander
zu beraten
Ein seltsamer Fall sagte Przemysl
Ich dächte man fragte die Gelehrten sagte Hinchvoch
Was Gelehrten rief Przemysl entrüstet aus Wir müssen ihnen auf der Stelle
eine abschlägliche Antwort geben
Das müssen wir aber ohne allen Aufwand von Redekunst sagte Hinchvoch
So antworte Du sagte Przemysl
Nein antworte Du sagte Hinchvoch Du bist der Herzog
Eben weil ich der Herzog bin sagte Przemysl befehle ich Dir zu antworten
Ja so sagte Hinchvoch Ich werde mir etwas ausdenken was Keine beleidigen
und Keine erfreuen kann
Hierauf gingen sie wieder in den Saal zurück und Hinchvoch näherte sich den
Jungfrauen und sagte sich die Hände reibend nach einigem Besinnen Ihr
liebwerten und schönen Jungfrauen wenn sich einmal der unvorhergesehene Fall
ereignen sollte dass dem Przemysl und dem Hinchvoch die Wlasta und die Stratka
gefielen so könnte es wohl geschehen was ihr uns ansinnet Da man aber nicht
wissen kann wann dieser Fall eintreten möchte so lasst euch bis dahin Gutes
geraten sein und tut wie die andern Mägde im Lande und spinnet und
stricket nähret euch redlich und betet zu den Göttern Denn was seid ihr
Besseres Aber gedenkt auch zu eurem Trost daran dass sich bisweilen selbst
unvorhergesehene Fälle ereignen
Nach dieser Rede entließ er die Jungfrauen die alle in schweigendem Zorn
von dannen gingen Sie schlichen betrübt einher wie geschorene Lämmer und
getrauten sich kaum einander selbst anzusehen Sie sprachen kein Wort zusammen
auf dem ganzen Rückwege und nicht einmal ein Seufzer schlich sich aus der
gepressten Brust hervor Als sie so in stummer Reihe bei dem Berg Widowle
anlangten kamen ihnen die andern Mädchen schon von fern fragend
entgegengesprungen Aber Budeslawka winkte ernst mit der Hand und bedeutete
sie still zu sein Dann erzählte sie mit einer Stimme die wie gemessenes
Grabgeläute klang welche schnöde Antwort den Jungfrauen zugeteilt worden sei
Als Wlasta dies hörte warf sie sich lautschreiend an die Erde nieder und
brüllte wie eine Löwin welche des Jägers Schuss ins Herz getroffen Sie
zerraufte sich das wunderschöne Haar und jammerte dass sie diese Schande nicht
überleben werde Die schmachtende Stratka weinte bloß helle Tränen und fasste
ihre Freundin in die Arme um sie an ihrem Busen zu trösten Aber Wlasta wollte
von keinem Trost hören sie schlug bald auf mit donnernden Tönen einer
wutentbrannten Seele bald wimmerte sie in sich hinein wie eine sterbende
Nachtigall Dann ward sie ganz still während sich die andern Jungfrauen in
schmerzlicher Teilnahme um sie her drängten
Nachdem sie eine Zeitlang so gelegen ihr herrliches Antlitz der Erde
zugekehrt erhob sie sich plötzlich wieder und stellte sich aufrecht in ihrer
strahlenden Gestalt vor die Freundinnen hin Ihre Augen leuchteten wie zuckende
Blitze in ihrem hochgehobenen Arm bewegte sich wie zum Kampf die empörte
Muskelkraft Auf auf zur Rache ihr Schwestern rief sie aus Zur Rache an
allen Männern Kein einziges dieser Ungeheuer darf am Leben bleiben so lange
wir böhmischen Mägde walten in diesem Lande Zur Rache zu den Waffen Jede
suche sich ihre Waffe damit wir gerüstet sind Schlaget tot schlaget tot
jeden Mann schlagt tot Zu den Waffen zu den Waffen Jetzt will ich euch sagen
vom freien Weibe was es ist Das freie Weib ist die Amazone die gegen die
Männer sicht Die Amazone mit Schwert und Bögen und Pfeil ein freies Weib Sie
ist unabhängig sie streitet für ihre Freiheit gegen die Männer Darum auf zur
Rache zu den Waffen Die Amazone mit Schwert und Bogen und Pfeil ein freies
Weib
Da jubelten und jauchzten alle die böhmischen Jungfrauen und im ganzen
Kreise hallte und schallte es dass der Berg erzitterte »Zur Rache zu den
Waffen Die Amazone mit Schwert und Bogen und Pfeil ein freies Weib«
Und sie ordneten sich in Schaaren und beschlossen noch in derselbigen
Nacht die Veste Motol zu stürmen um sich darin zu verschanzen Wlasta der
Mägde hochherzige Führerin
Doch hier o Heilige muss ich wahrlich abbrechen Vielleicht schreibe ich Dir
den Rest ein anderes Mal auf vielleicht auch nicht Du musst bedenken ich sitze
im Wirtshause Und wer hat in den Wirtshäusern dieses Lebens Zeit und Ruhe
ein Kunstwerk zu schaffen Ich mindestens nie mit meiner flatterhaften Muse
die so wenig reelles Sitzfleisch jetzt hat Also gehe ich lieber spazieren da
ich einmal auf der Reise bin
Ich habe Dir jedoch wenigstens die Exposition zu dem böhmischen Mägdekrieg
gegeben wie ich ihn mir denke und ich wundere mich recht dass alle bisherigen
Bearbeiter dieser Geschichte sowohl der an manchen lyrischen Schönheiten reiche
Karl Egon Ebert als auch van der Velde in seiner bekannten Novelle die
eigentlichen Motive dazu wie ich sie aufgefasst so ganz verkannt haben Du musst
Dir nun aber weiter denken wie sich aus diesem kühnen Beginnen der Mägde der
blutigste Krieg entsponnen welcher einige Jahre lang das ganze Land verheerte
wie allmählig alle Frauen im gesammten Reiche Partei ergriffen wider ihre
Männer und den öffentlichen Kampf der Jungfrauen durch kleines häusliches
Gewehrfeuer unterstützten wie alle Morgen Männer welche die Oberherrschaft des
Weibes nicht anerkannten ermordet im Bette gefunden wurden wie die
kriegerischen Jungfrauen nachdem sie sich lange auf der Veste Motol verschanzt
sich endlich ein eigenes Schloss erbauten das berühmte Schloss Diewin von
diewicze die Jungfrauen weil es ganz von jungfräulicher Hand erstanden und
kein Mann auch nur einen Stein zu seinem Bau getragen wie in diesem Mägdeschloss
die Jungfrauen einen eignen Staat errichteten und sich in allen ritterlichen
und männlichen Künsten bald mit dem Speer bald mit dem Bogen bald zu Ross
bald zu Fuß beherzt und geschickt übten und ausbildeten wie von Przemysl und
seinen Schaaren das Schloss Diewin vergeblich belagert und bekriegt wurde wie
die Mägde viele und herrliche Jünglinge des Landes unter dem trügerischen
Versprechen ihrer Gunst zu sich auf das Schloss lockten und dort mit
schmählicher List ermordeten und verstümmelten wie Alles was einen Bart hatte
im Reich endlich in die allergrösste Verzweiflung geriet wie Przemysl einen
ordentlichen Landtag wider die Weiber ausschrieb wie die furchtbar schöne
Wlasta sich als die Königin des Reiches anzusehen begann und eine neue
Landordnung ein eigentliches AmazonenEdikt verfasste wonach jedem Knaben der
im Lande geboren worden der Daumen an der rechten Hand abgeschnitten das
rechte Auge aber ausgestochen würde damit er zu jeder Kriegstat unfähig sei
wonach ferner jedem Mägdlein das geboren worden die rechte Brust mit einem
glühenden Eisen abgebrannt werden solle damit sie ihr nicht wachsen und sie im
Spannen des Bogens verhindern könne wonach auch die Männer nur den Ackerbau
betreiben die Jungfrauen aber im Felde streiten sollten mit den Feinden und
wonach endlich eine Jungfrau Den der ihr wohlgefiele zum Manne zu nehmen die
Macht hätte und überhaupt alle Freiheit welche sonst ein ungerechtes Schicksal
den Männern zugewiesen für sich gewönne Dann wirst Du jedoch auch sehen wie
diese etischgesellschaftliche Revolution in welcher sich das freie Weib als
Amazone constituirte zuletzt einen entsetzlich tragischen oder vielmehr sehr
gewöhnlichen Ausgang nahm Denn als die Männer jene neue Landordnung der Wlasta
gehört erschraken sie so sehr und so gewaltig dass sie sich nun aus allen
Teilen des Landes zusammenrotteten und mit der letzten Kraft ihres Mutes auf
Leben und Tod einen Sturm unternahmen auf das Mägdeschloss Diewin Nach einer
fürchterlichen Schlacht betätigte sich endlich das biblische Wort Er soll Dein
Herr sein und die Jungfrauen die nicht durch das Schwert fielen wurden
geheiratet und gelobten Treue und Gehorsam und ein sanftes Gemüt
Doch genug davon Ich wünschte wohl dass ein junger talentvoller Dichter
diesen Stoff einmal nach meinen Ansichten wie ich sie in der Exposition
angedeutet bearbeiten möchte Du lieber Gott wer doch heut den Frieden dazu
hätte talentvoll zu sein Äußern Frieden und Heiterkeit ringt man sich wohl
ab aber die geheim in mir ziehenden schmerzhaften Gewitter lassen der Seele
doch selten Ruhe dass sie an fremde Stoffe mit ihrer innern Werdelust sich
hingebe
Auch manches Sonstige was ich schon das vorige Mal berühren wollte muss ich
wieder auf meine nächsten Blätter versparen Ich bringe jetzt Alles nur in
einzelnen Stücken zu Stande Es ist einmal ein zerstückeltes Leben in dieser
Zeit und das Herz hängt sich mit seinen Sympatieen an diese Zeit Darum ist es
auch zerstückelt Mein Herz freut sich seiner Fragmente und erschrickt
ordentlich vor der Harmonie als wäre der Welt Ende dann da Was soll ich auch
mit der Harmonie Ich bin nicht für sie geboren
Nimm vorlieb Du Heilige
IV Prag
Katholizismus Legitimität Wiedereinsetzung
des Fleisches
Zwei Dinge sind es welche auf den gemütlichen und gesellschaftlichen
Charakter der Prager besonders einwirken nämlich die Musik und das Bier Der
nationelle Sinn für Musik der in Prag fortdauernd mit großer Kunstliebe
gepflegt wird begunstigt eben so sehr eine gewisse Sanftmut und Zärtlichkeit
der hiesigen Sitten als das vortreffliche Bier der zweite Musengott der
Bevölkerung ein mildes Phlegma eine gedämpfte Gemütlichkeit in den Umgang
bringt Auch die schwermütige Stille die hier auf den Straßen herrscht
scheint es mir zuweilen zu sagen dass ich unter einer biertrinkenden Bevölkerung
weile der das künstliche Gebräu aus Malz und Hopfen über Alles gilt sogar über
die edleren Gaben des genialen Mannes Bacchus Das Prager Bier das in den
hiesigen Felsenkellern so außerordentlich gut und kühl erhalten wird besitzt in
der Tat bei einem eigentümlich wohltuenden Geschmack so substanzreiche
Teile dass es einmal ein Kenner mit Recht ein flüssiges Brot nannte Und als
solches wird es auch hier vielfältig genossen da man sogar schon des Morgens
mit Bier frühstücken sieht und die ganze Atmosphäre Prags schien mir beständig
so bierdurstig dass ich das was ich sonst für eine Barbarei gehalten haben
würde an mir selbst erlebte Ja so bin ich Heilige dass alle Sympatieen die
es nur in der Welt geben kann augenblicklich auf mich einwirken Ist das nicht
die alte lächerliche Vielseitigkeit an mir Aber nun denke Dir was es auf das
Temperament eines Volkes für Einfluss haben muss wo ein so starkes und schweres
Bier zum Lieblingsgetränk geworden Doch der Prager genießt sein Bier selten
ohne Musik Aus den niedrigsten Bierhäusern schallt Dir Harfe Flöte Geige
Trompete oder Trommel fast zu jeder Tageszeit entgegen und so wiegt sich die
sanfte Biermelancholie schnell in eine weiche Musiksymphonie hinüber die am
Ende sogar in die Füße tritt und die Schwere des Phlegmas zu einem rasch sich
drehenden Tanz bewegt
Doch ich merke jetzt erst dass ich eine seltsame Einleitung gewählt habe um
mich heut mit Dir zu unterhalten Denn wahrlich von ganz anderen Dingen habe ich
mir vorgenommen Dir zu sprechen Ich wollte Dir von der vertriebenen
französischen Legitimität die droben auf dem hohen Hradschin ihren Wohnsitz
aufgeschlagen erzählen Es ist bald vier Uhr und um diese Zeit hört Karl der
Zehnte in der Schlosskirche die Messe
»Wie schaffen« fragt die niedliche freundliche Kellnerin indem sie sich
mit einem wohlgelungenen Knix vor mich hinstellt
Ich schaffe heut nichts als einen Fiaker Der Regen gießt in Strömen
herunter die Straßen schwimmen und ich muss hinauf zu dem erhabenen Dom von St
Veit
Es waren bald Anstalten getroffen um mich fortzubringen Ich trat in den
bedeckten Säulengang und durch die Kirchtür und hatte noch Zeit den
merkwürdigen Eindrücken welche gotische Bauwerke immer auf die Stimmung und
das Gemüt hervorbringen mich zu überlassen Das auf hohen gotischen Bogen
getragene Schiff der Kirche die auf mächtigen Wandpfeilern ruhenden
Kreuzgewölbe die vielen in ehrwürdiger Pracht schimmernden Kapellen und Altäre
die stille andächtige Reihe der Betstühle große historische Denkmäler
ehrfurchterregend in ihrem Alter und in ihrer Kostbarkeit auf ihren Gräbern
schlafende in Stein gehauene Könige Heilige Märtyrer und Wundertäter
wunderbare Wandbilder bedeutsame Inschriften seltsam zierliches Schnitzwerk
bunte Malerei auf dem flimmernden Zwielicht der hohen Fenster reicher
Kirchenschatz der Metropolitane Silber Edelgestein und Vergoldung überall
Ballustraden Baldachine Kruzifixe Weihgefässe und silberne Lampen und zu
allen diesem Einzelnen die ganze in vielfache Ecken auslaufende Halle mit
ihrem geheimnisvollen Dunkel das zuweilen plötzlich von den aus Türen und
Fenstern hereinbrechenden Tageslichtern durchbljetzt wird und mit der luftig
schwebenden hohen Decke zu der das Auge in staunender Verwunderung sich
verliert dieser Anblick und dieser Eindruck ist so gemütserregend dass man
lange bei sich nachdenkt ohne zu wissen worüber und doch wiederholt er sich
fast bei jeder gotischen Kirche auf die ähnliche Weise Die historische
Ehrwürdigkeit dieses alten Domes der schon oft dem Sturm der Zeiten verfallen
sich immer wieder wenn auch nie mehr ganz vollständig in ehemaliger Pracht
erhoben möchte noch dazu beitragen die heiligen Schauer zu vermehren die beim
ersten Fußtritt den man vom Eingang aus auf den tiefer liegenden Marmorboden
setzt die Seele ergreifen Etwas Unendliches scheint sich vor Dir aufzutun
wenn Du die ehrfürchtigen Blicke durch die unbegränzte Tiefe der Kirche hinirren
lässest es ist Dir als öffne sich die weite geheimnisvolle dunkle Zukunft
des nach göttlichem Ebenbild geschaffenen Menschengeistes Und doch ist diese
Unendlichkeit der Anschauung die an Dich herantritt und in die Du alle Deine
Gedanken tauchen möchtest sie ist nur die Unendlichkeit der architektonischen
Perspective die der gotischen Baukunst eigentümlich ist Diese Perspective in
das Unbegränzte und Jenseitige an der sich in vergangener Epoche der
sehnsüchtige Geist des Christentums zu diesem kühnen Schwung der Bauformen
erhoben regt mich jedoch mehr auf zu Gedanken als dass sie mich mit einem
festen Gedanken beglückte Es ist eine sinnliche Unendlichkeit die darin auch
in ihrer Wirkung Ähnliches mit der Musik hat dass sie mehr Gedankenstimmungen
erzeugt als reine Gedanken zulässt Diese Baukunst ist die in trunkenen Formen
aufschwebende Andacht die zu dem Unbegreiflichen betet und so verbindet sie
sich als das nebenstehende und verwandte Element mit der Kirchenmusik um die
Mystik des katholischen Gottesdienstes hervorzubringen Der Katholizismus ist
die Religion der Kirche er bedarf der Kirche zu seinem Glauben und zu seiner
Andacht Unter freiem Himmel wo bloß die helle Luft der Gotteswelt scheint und
tagt könnte er nicht bestehen denn die heiligen Handlungen die sein eigenstes
Wesen ausmachen sind an die Halle der Kirche an Altar und Kapelle an
Messgewand Betstuhl und Wachskerze gefesselt Er bedarf der Baukunst der
sichtbaren Kirche der Dämmerung der Bogengänge der Vertiefung der
Kreuzgewölbe um alle seine absichtsvollen und künstlichen Wirkungen zu
erreichen um in der Charwoche bald durch plötzlich bewerkstelligte Finsternis
bald durch wieder aufglimmende Helle der heiligen Bedeutung der
Erlösungsgeschichte eine Illusion für die Sinne zu schaffen Er bedarf der
sichtbaren Kirche um Katholizismus zu sein Es ist gerade wie mit der
Legitimität die bedarf des sichtbaren Trones um Legitimität zu sein Sie
bedarf der Herrscherpracht unter goldenem Baldachin um zu herrschen sie bedarf
der Säulen des Königspalastes um die Macht des Bestehenden auch den Sinnen
anzudeuten Sie bedarf des Scepters und des Reichsapfels in der Hand um die
Heiligkeit der Überlieferung auf der sie ruht zu bezeichnen sie bedarf aller
durch Jahrhunderte geweihten Insignien ihrer Hoheit um zu zeigen dass sie über
der Gemeinde über dem Volke steht und nicht aus demselben hervorging
Doch was rede ich von der Legitimität Ich bin ja gekommen um sie zu sehen
Die Vesper hat bereits begonnen aber das königliche Oratorium oben ist noch
immer leer und meine Augen spähen vergeblich nach Karl dem Zehnten Die Kirche
ist mit manchen andern Neugierigen meiner Art gefüllt die sich flüsternd und
erwartungsvoll in den Gängen auf und nieder bewegen Es ist ein seltsames Leben
in der schon halb verdunkelten Kirche und ich irre unter lauter unbekannten und
fremdartigen Gestalten umher Hier und da höre ich französische Laute an mein
Ohr dringen Nun heißt es Karl X der arme kranke Verbannte werde heut nicht
erscheinen und die romantisch hochherzige Düchesse de Berry ist in Brandeis
Dagegen meldet der Kirchendiener dass der Herzog und die Herzogin von Angoulème
und der Herzog von Bordeaux zu sehen sein werden In der Tat befanden sich
diese drei Mitglieder der vertriebenen Königsfamilie auf einem Umzuge durch die
Kirche begriffen um mehrere Schätze und ReliquienKostbarkeiten der reichen
Metropolitane in näheren Augenschein zu nehmen Eben kamen sie den Gang
herunter um sich in die Wenzelkapelle zu begeben Sie schritten dicht an mir
vorüber und ich weiß nicht mich überfiel es auf Einmal als wäre ich im Grunde
meines Herzens ein Stocklegitimer denn ich machte der Herzogin von Angoulème
auf deren echt bourbonischem Gesicht der höchste Ausdruck von Trauer geschrieben
stand mit der tiefsten und ehrerbietigsten Verneigung Platz Fürchte jedoch
nichts von mir es war lediglich die Ehrfurcht vor dem Unglück Heiterer sah der
Herzog von Angoulème aus und schien sich den resoluten Mut der ihn in
mannigfach missgünstigen Schicksalen seines Lebens stets ausgezeichnet auch
jetzt noch bewahrt zu haben Den kleinen Duc de Bordeaux hatte ich noch nicht
genau gesehen und ich folgte daher dem Zuge nach der berühmten dem heiligen
Wenzel gewidmeten Kapelle dieser Kirche Die St WenzelKapelle die sich gleich
rechts vom Haupteingange befindet ist die reichste an alten merkwürdigen
Reliquien Denkmälern und heiligen Erinnerungen Sie war von Anwesenden ganz
angefüllt und es herrschte eine eigene ängstliche drückende Stille während
die verbannte Familie vor dem Altar stand und sich von dem Priester die aus
mehreren Kästchen und Schränken hervorgeholten Kostbarkeiten und Heiligtümer
vorzeigen ließ Der kleine Herzog von Bordeaux hat ein hübsches kluges
verstandvolles Gesicht mit einer sehr gemässigten Bourbonicität der Nase dazu
etwas Keckes und in die Zukunft Blickendes in seinem Auge was zugleich mit
einer Beimischung von leiser noch knabenhafter Trauer ihm einen höchst
interessanten Ausdruck gab Ich muss gestehen seine Erscheinung die ich mir
anders gedacht gefiel mir ganz außerordentlich und ich hatte mich dicht in
seine Nähe gedrängt um ihn recht beobachten zu können Hinten in der Ecke der
Kapelle standen zwei alte weissbärtige Franzosen zusammengekauert allem Anschein
nach mitausgewanderte begeisterte Legitime die den kleinen Duc den einzig
übrig gebliebenen Gegenstand ihrer Hoffnungen das einzig sichtbare Pfand der
wiederherzustellenden Legitimität Frankreichs mit leuchtenden Augen unverwandt
betrachteten Ich sah bald auf diese alten merkwürdigen Henriquinquisten hin
die von dem Anblick ihres letzten Bourbonen ordentlich trunken schienen bald
auf den jungen hoffnungsvollen Henri selbst der sich von der Herzogin von
Angoulème erst dazu am Arm stoßen ließ um eine ihm von dem Priester
vorgehaltene Reliquie zu küssen Ich nahm das für ein gutes Zeichen und obwohl
ich in Frankreich nicht zu den Legitimen gehören würde freute ich mich doch von
Herzen über den Duc de Bordeaux und die alten Henriquinquisten Der eifrigste
ReliquienKüsser war der Herzog von Angoulème welcher auf manche Gegenstände
dieser heiligen Überlieferung drei bis viermal die Lippen heftete und gar
nicht davon ablassen konnte Als sie die Kapelle verließen küsste er noch mit
wahrer Inbrunst den an der Tür derselben befindlichen berühmten Ring woran
sich wie mir der gutwillige Kirchendiener erzählte der heilige Wenzel als er
zu Altbunzlau von seinem Bruder ermordet wurde noch in der letzten Todesangst
angehalten haben soll
Die Szene war zu Ende und die versammelte Menge begann sich allgemach
wieder zu zerstreuen Ich schritt noch langsam in den Kreuzgängen auf und
nieder und konnte mich noch nicht von dieser wunderbaren Kirche trennen die
jetzt wo die großen Schatten der Dämmerung von den hohen ernsten Pfeilern
herabflossen am mächtigsten meine Einbildungskraft und meine Gedanken in
Bewegung setzte Ich hatte den Herzog von Bordeaux die Hoffnung der
Legitimität gesehen und er hatte mir gefallen Ich hatte bemerkt wie er nur
widerwillig einige heilige Gegenstände küsste und hatte mich darüber gewundert
weil ich den Katholizismus immer für die Religion der Legitimität gehalten
Dennoch hatte es mir auch wieder gefallen Jetzt wurden so weitgehende
Betrachtungen über diese Dinge in mir rege dass ich zu dem heiligen Veit
ausdrücklich flehte er möchte mich noch so lange hier in der vertraulich
einsamen Halle seines Domes lassen bis ich mich recht zur Genüge in meinen
auftauchenden Vorstellungen ergangen hätte
Dann wurde wieder die Lust größer in mir mich an irdischen Gestalten zu
zerstreuen statt in gefährliche Gedanken mich einzulassen Ich lief rascher in
den Gängen hin und her dass meine Tritte durch die ganze Wölbung wiederhallten
Hier und da traf ich noch vor einem Altar oder Heiligenbild der Kirche Betende
und Knieende an darunter einige schöngebildete Frauen die meine Aufmerksamkeit
auf sich zogen Der inbrünstige Ausdruck der Andächtigen in den katholischen
Kirchen hatte schon oft meine Bewunderung erregt vornehmlich bei den
Pragerinnen die zugleich nicht verfehlen alle Lieblichkeit ihrer Gestalt dabei
anschaulich zu machen In der anmutigsten Stellung sieht man sie den Kopf tief
auf den Busen heruntergeneigt wie selbstvergessen in ihrer Frömmigkeit
dastehen während zugleich die dadurch hervortretende Rundung des schönsten
Nackens an ein blühendes weltliches Element erinnert Und nachdem sie still und
zierlich gebetet machen sie zuletzt dem Bild ihres Patrons vor dem sie
gestanden noch einmal eine gefällige graciöse Verbeugung und entfernen sich
dann mit einem allerliebsten Knix aus der Kirche Das nenne ich gute Lebensart
in der Religion Fürwahr man ist auch dem lieben Gott einige gute Lebensart
schuldig und wenn man vor ihm betet mag es nicht gleichgültig sein ob man es
in anständigen und schönen Formen tut oder mit plumpen und ungebildeten
Manieren Der Katholizismus ist die Religion der schönen Lebensart vor Gott die
Religion der glänzenden Formen in der Andacht Es gab einmal einen gewissen
Pietismus der in ein höchst vertrauliches ich möchte sagen
bürgerlichfamiliäres Verhältnis mit dem lieben Gott geraten war Dies war die
Spenersche HauspostillenZeit die Morgen und AbendsegenPeriode in der
Theologie Diese Frommen und ich mag nicht untersuchen wieviel es ihrer noch
heutzutage gibt diese dachten sich den lieben Gott nicht anders als einen
alten guten Papa auf dem Grossvaterstuhl in Schlafrock und Pantoffeln mit dem
sie sich Abends selbst bis auf die Nachtjacke entkleidet bequem und ohne
Umstände unterhalten konnten Sie sprachen mit ihm Sachen aus der Wirtschaft
rechneten ihm ihre täglichen Ausgaben und Einnahmen vor baten ihn um Zuschuss
wo es mangelte und gelobten ihm dass sie sich vor Ostern keinen neuen Rock
machen lassen wollten Gott war wie ein Armenvorsteher gedacht die ganze Welt
als Spital angesehen und der Fromme wand sich wie ein geduldiger Hospitalit von
Tag zu Tag hin mit seinem pietistischen Krankensüppchen Es war ein erbärmliches
Leben eine bettelhafte Wirtschaft im Reiche Gottes Der Katholizismus hätte
einen solchen Pietismus nie erzeugen können sondern es war vielmehr die erste
Folge des Protestantismus welcher die romantischen Formen der Religion
zertrümmert hatte ohne dass jene Zeit noch die Kraft besessen die verloren
gegangene Hoheit der Kirche durch die größere Hoheit des Geistes zu ersetzen
Daher das spiessbürgerliche Verhältnis zu Gott in dem dieser Pietismus sein Heil
suchte und worin fast alle geistige Natur des höchsten Wesens in den bloßen
Eigenschaften eines mildtätigen Familienvaters zu Grunde ging
Der Katholizismus diese Religion der schönen Form hat dagegen immer etwas
Edles und Adliges etwas Anstandsvolles in seiner Andacht behalten Die Kirche
wird zum Tronsaal des Allerheiligsten dem lieben Gott werden hohe feierliche
Wachskerzen angezündet und der Priester legt prächtige Galla an und weiß
tausend Verneigungen zu machen wenn er sich vor den Altar stellt Glöcklein
klingen die strahlende Monstranz wird vorgezeigt und die umstehende Schaar der
Gläubigen stürzt anbetend auf ihr Knie nieder oder verbeugt sich tief mit
einem huldigenden Gruße Alles trägt den Charakter einer festlichen Versammlung
und die Frömmigkeit befolgt streng alle Gesetze des Ceremoniells und der
Konvenienz Messdiener in Tressenröcken eilen geschäftig auf und nieder es geht
zu wie in einem fürstlichen Salon Manchen Heiligenbildern rings umher sind
kostbare Schmucke umgehangen hier und da hat eine Madonna einen Orden bekommen
Es herrscht die größte Haltung in der Gemeinde Jeder ist wie von der
ehrfurchtgebietenden Gegenwart des Heiligen erfüllt und Gott steht in Glorie
unter seinen Schaaren die ihm als einem sichtbaren König huldigen Im
Katholizismus ist Gott als der sichtbare König der Welt gedacht und die Kirche
als Säule und Sessel seines Trones Darum geht der Katholik in die stündlich
offenstehende Kirche wenn er zu Gott seine Seele aufrichten will und der
innere Geheimdienst des Geistes in dem nur die Gedanken knieen und beten gehen
ohne dass sie nötig hätten die Kirche zu suchen liegt ihrer Gottesverehrung
fern und fremd Darum wird aber in der katholischen Kirche Gott als dem König
gedient und nicht Gott als dem Geist Dem Katholizismus liegt ein
royalistisches Element zu Grunde und indem sich dazu die Heilighaltung der
Tradition und die Stabilitätsidee der Kirche gesellt macht es sich von innen
heraus und durch sich selbst anschaulich wie Katholizismus und Legitimität sich
immer in die Hände gearbeitet haben
Für den Katholizismus wie für die Legitimität gibt es deshalb keine Gesetze
der Bewegung Sie sind unveränderlich in ihrem Wesen und während sich Alles in
der Geschichte um sie her bewegt können sie Geschichte und Bewegung nicht
anders ansehen als für einen Abfall von ihrem eigensten Dasein Dennoch kenne
ich auch Bewegungsmänner im Katholizismus Ich denke an Anton Günter in Wien
einen ausgezeichneten Mann dessen persönliche Bekanntschaft für mich von großer
Bedeutung war Günter hat den tiefsinnigen Strom der Spekulation als
Bewegungsidee in das Bestehende der Kirche hineingeleitet und sogar die
Tradition auf eine philosophische Grundlage geschoben sodass sie nicht mehr
einzeln und abgetrennt dasteht von einer geistigen Wurzel Dadurch hat er den
Katholizismus bewegt Ich nenne Günter einen Bewegungsmann des Katholizismus
denn wo Geist ist da wird Bewegung Und sein reicher poetischer Genius hat
einen die veralteten Formen überdeckenden Blütenschauer ausgestreut und selbst
der Humor kommt ihm zu Hilfe um einen frischen Jugendzauber hervorzulocken und
aus verfallenem Gemäuer grünes duftiges Gesträuch zu treiben Aber es ist
dennoch Alles vergeblich Günters Verdienst würde weltistorisch sein wenn es
nicht so ganz unhistorisch wäre Denn die Bewegung des Katholizismus war schon
die Reformation So bleibt denn einem Geist wie Günter nichts weiter übrig
als vermittelnde Tendenzen einzuschlagen die er auch bereits in seinem »letzten
Symboliker« auf eine merkwürdige Weise begonnen Auf seinem eignen Grund und
Boden ist der Katholizismus nicht zu bewegen wenn er Katholizismus bleiben
soll Ein legitimer Thron der bewegt wird wird erschüttert Die erschütterte
Legitimität kann nur durch neues Leben und neue Gesetze wieder befestigt werden
So geht es auch den Bewegungsmännern der Legitimität selbst die allen Parteien
nur in einer zweideutig schillernden Stellung gegenüberstehen Es gibt auch
Bewegungsmänner mitten in der Legitimität Einen solchen nenne ich
Chateaubriand Wie viel hat er nicht für die Bewegung gewirkt selbst indem und
während er für das Bestehende kämpfte Solche Geister treibt die eigene Unruhe
ihrer Kraft sogar wider Willen vorwärts da sie nirgends Frieden und Heimat
haben bis ihre Kraft endlich in der Auflösung des Gegensatzes durch den
Gegensatz mit zerrieben wird
Auch an den seltsamen Abbé de la Mennais denke ich und an seine Paroles
dun Croyant Ein wie verschiedener Mann von Günter und doch haben beide als
Männer des katholischen Fortschritts viel Ähnliches mit einander gemein Ja
ich glaube dass Günter sich den früheren Schriften von La Mennais anfänglich
angeschlossen hat wenn er auch die Paroles über die ich ihn jedoch nie
sprechen gehört schwerlich anders als verdammen wird Denn der Jacobinismus in
der Theologie dem sich La Mennais in dieser listig berechneten Schrift
hingegeben ist der sittlich edlen und geistig reinlichen Natur eines Günter
durchaus entgegengekehrt Er der Schöpfer des speculativen Katholizismus will
eine wissenschaftliche Bewegung welche die Parteien des Glaubens in der Idee
der Wissenschaft vermitteln und vereinbaren soll La Mennais aber predigt einen
religiösen Radikalismus einen frommen Strassenaufruhr so unglaublich auch immer
eine solche Zusammenstellung klingen kann Aber wer weiß was noch alles für
Wortformen für pikante Zusammenwürfelungen von Adjectiven und Substantiven
nötig werden um das was die Zeit immer bunter in einander übergreifen lässt
zu bezeichnen denn auch in die Sprache schlägt die Bewegung schneidend ein Und
La Mennais predigt zu den Ouvriers zu den Tagelöhnern zu den
Handwerksgesellen er führt eine demagogische Andacht in den Schenken und
niedrigeren Weinhäusern ein und bewaffnet die gefährlichste Klasse des Volkes
mit giftig scharfen Sentenzen Die Worte eines Gläubigen sind mehr aus kirchlich
politischer als aus religiöser Bedeutung anzusehen Es ist ein politischer
Feldzug auf dem Gebiet der Kirche mit einem großen zum Teil einzigen Talent
der Form ausgeführt In Frankreich war diese Erscheinung längst zu erwarten und
ich wundere mich dass sie nicht schon früher sich da gezeigt hat Der Abbé de la
Mennais nach vorhergegangener Excommunication kaum wieder zu Gnaden angenommen
vom heiligen Vater musste es sein der abermals durch eine mit dem größten und
salbungsvollsten Ernst versponnene Intrigue gewaltiges Ärgernis erregte vor dem
päbstlichen Stuhl Aber in Frankreich war der Katholizismus lange der Bewegung
verfallen in Frankreich das die ersten Kriegsheere gegen die Legitimität auf
den Schauplatz der Geschichte gestellt hat Sobald sich dies Volk bestimmt in
dem Gedanken gefasst hatte dass es das Volk der Bewegung sei für die neueren
Zeiten wurde es ihm notwendig den Begriff der Staatsreligion aufzuheben im
Lande Der Katholizismus die Religion der Legitimität konnte nicht mehr
Religion sein des an die Bewegung hingegebenen Staates So wurde die Idee der
Aufhebung der Staatsreligion zuerst unter den Franzosen lebendig aus keinem
andern Grunde aber als weil diese Staatsreligion der Katholizismus war Denn in
dem auf ähnlichen politischen Institutionen beruhenden England wo die
herrschende Kirche die protestantische ist bleibt der Begriff der
Staatsreligion bis jetzt noch erhalten
Mir gefiel der kleine Herzog von Bordeaux Er zögerte etwas den ihm
vorgehaltenen Reliquienknochen zu küssen Und der Herzog von Bordeaux ist noch
ein Kind Gehört ein Kind auch schon der Stabilität an Ich dächte das
mutigste Prinzip der Bewegung schlummert im Kinde durch die neugepflügte Seele
des Kindes geht ungeduldig der Blütendrang der Bewegung Ein Unterpfand des
Fortschrittes ein Kind Das Kind will und muss wachsen und werden mit hellen
Augen sieht es Alles aus dem Gesichtspunct der Zukunft an und die Welt ist ihm
noch die ganze Zukunft In der Gegenwart nicht festgewurzelt von der
Vergangenheit nicht zurückgehalten gibt es sich lächelnd an die Entwickelung
hin und zerstört in aller Unschuld alte Gesetze indem es auf den neuen wie ein
junger Gott sich wiegt Die Hoffnung weht um seinen lockigen Scheitel die
Sehnsucht dehnt Brust und Glieder aus zu schwellenden Formen und die innere
Wärme des Daseins macht eine knospende Gestalt des Frühlings aus ihm Das Kind
bricht auseinander in Blüte es weiß nicht wie Der Segen der allgemeinen
Entfaltung hat sich gleich befruchtendem Himmelstau über die Empfänglichkeit
seines Wesens ergossen Darum denke ich mir gern in einem eingefleischt
legitimen und absolutistischen Reiche plötzlich ein unschuldiges unmündiges
Kind auf den Thron und es ist merkwürdig wie mir die neueste Tagesgeschichte
diese meine echt historische Schadenfreude verwirklicht Zwar nicht meinen
kleinen Herzog von Bordeaux dessen kluges Knabengesicht mir so wohlgefallen
hat sie auf den französischen Thron gesetzt um ihn für die Bewegung zu
erziehen und so in ihm das Vergangenheitsrecht der Legitimität mit dem jungen
Recht der Zukunft zu verschmelzen Aber seht in Spanien dieser uralten dunkeln
Stätte des zwischen Katholizismus und Legitimität geschlossenen Schwesterbundes
in Spanien schaukelt sich ein kleines frisches Mägdlein in der Wiege und diese
Wiege an der im Lande früher nicht gesehene Engel sitzen ist der
castilianische Thron Und rings umher im Reiche welche Veränderung ja welches
Schicksal Ist es Spanien ist es wirklich das seit langen Jahren geschichtlich
tote Spanien das jetzt einzig nur in den freien und neuen Institutionen sich
beglückt gesichert und erlöst dünken kann Ein holdes Kind schläft in der
Wiege und das Volk gewinnt Mut zu erwachen Die Partei des Kindes ist die
liberale denn sie sieht das Kind an und denkt bei ihm an die Werdefreiheit der
Zukunft Und das Kind träumt auf seinem Wiegentron ruhig hin von fernen
Morgenröten und wenn es einst die größer gewordenen Augen um sich her
aufschlägt wird es die Sonne der Freiheit über Spanien heraufgeführt sehen und
unter diesem Sonnenschein von dem es geträumt dann herrschen Aber noch wird
Isabella blutige und kriegerische Tage an ihr Ohr schlagen hören ehe die
Bewegung der Freiheit den Segen des Friedens bringt Denn in Spanien weil es
katholisch ist wirkt jede Spaltung auch als eine religiöse und die Legitimität
lässt sich nicht erschüttern ohne auch dem Katholizismus ein Grab zu graben
Unabsehbar sind daher noch die Mittel der innern Beruhigung und ich glaube dass
Spanien vorerst nichts Wirksameres zu ergreifen hat als Frankreich in der
Aufhebung der Staatsreligion zu folgen Und nun seht auch hin auf die
alterrliche Nachbarin Spaniens das von Kamoëns gesungene Portugal Abermals in
einem von Legitimität und Katholizismus verwüsteten Lande ein Kind auf dem
Thron wenn auch schon fast eine Jungfrau Aber an der Sache des Kindes Maria da
Gloria entspann sich der Kampf und die Bewegung der nationalen Freiheit Und
wieder ein Thron der nicht anders als unter den freien und neuen Einrichtungen
sich für gesichert halten kann ein Thron uralter Legitimität an die Blüte
eines jungen Mädchens gefesselt die nur durch die Macht der Bewegung Königin
sich nennt die im Begriff steht mit einem Fürsten aus Napoleonischem Stamme
sich zu vermählen Wunderbare Romandichtung der Geschichte Wer hatte etwas
Ähnliches sich ausdenken können Doch während die Freiheit in Portugal
aufblüht verhüllt der Katholizismus trauernd sein Haupt nachdem ihm der kluge
Dom Pedro eine tödtliche Wunde geschlagen So sind diese beiden alten
Legitimitäten des westlichen Europas von der Bewegung ergriffen O Legitimität
wo wohnst Du noch wo habe ich Dich in Deiner ursprünglichen Reinheit und festen
Kraft und in nationaler Übereinstimmung mit dem Geist des Volkes selbst noch
zu suchen Ich weiß kein Land in dem sich die Legitimität reiner
ursprünglicher und unvermischter erhalten hätte als in dem streng katholisch
gebliebenen Österreich Und ich höre dass sich der unglückliche Karl der Zehnte
jetzt für immer in Österreich ankaufen wird nachdem er die Hoffnung
aufgegeben je wieder auf französischen Boden zurückzukehren Die alte Austria
steht noch fest sie hat eine reiche und großartige Aristokratie wie wenig
andere Länder und das Volk hat Ehrfurcht vor der Aristokratie wie kein anderes
Volk Kann es dauerhaftere Verheißungen für die Stabilität geben Selbst in
England ist der Toryismus bereits für untergraben anzusehen während die
österreichische Aristokratie ihren ganzen unversehrten Glanz noch erhalten ja
immer strahlender und mächtiger sich erhebt Daher gibt es fast keine einzige
zweideutig schillernde Richtung im österreichischen Staat nirgend liegen
verschiedenartige und entgegengesetzte Elemente im Kampf woraus eine Bewegung
ihren Anfangspunct nehmen könnte und diese patriarchalische Einheit der
Zustände die fernab von der übrigen europäischen Zivilisation steht verbürgt
noch auf unabsehbare Jahre die Legitimität Und da ich von dem Kampf
verschiedenartiger Elemente gesprochen fällt mir noch das Schloss des Grafen
Czernin ein das ich hier in Prag mit Verwunderung gesehen Dies ist vielleicht
das einzige Grafenschloss im ganzen Lande in welchem demokratische Bestandteile
ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben Ein herrlicher in dem grossartigsten Styl
erbauter Palast aber er steckt voll von pöbelhaftem Radicalismus Aus den hohen
Fenstern hängt an hölzernen Stangen zerlumpte Wäsche zum Trocknen heraus und
durch das colossale Portal geht nichts als armseeliges Bettlergesindel in
schmutzigen und dürftigen Gestalten aus und ein Ist das nicht ein Kontrast
verschiedenartiger Elemente in einem erhabenen Aristokratenschloss Doch der Graf
hat es um Gottes willen getan Mildtätigen Sinnes hat er den Armen und
Bedürftigen seinen ganzen Palast zum Wohnen überlassen Aber diese großartige
Verschmelzung von Aristokratie und Radicalismus hat etwas ungemein
Überraschendes und Nachdenkliches Zugleich freut man sich darüber Ich würde
mich auch freuen wenn einmal eine Königstochter aus altem Hause einen wegen
demagogischer Umtriebe relegirten Studenten aus purem Mitleid heiraten wollte
Doch wo bin ich hingeraten Oder wo bin ich In den abenddunkeln Gängen von
St Veit irre ich noch dem Anschein nach ein in sich selbst versunkener
Frommer auf und nieder und von draußen höre ich den starken Regen auf die
Steine herabschlagen Ich erbange und werde unruhig in dem einsamen
menschenentleerten Dom dessen hohe Säulen wie alte Mystiker mit schwarzen
Bärten sich immer schauerlicher in die wachsende Dämmerung einspinnen Meine
beständige Sehnsucht nach den Gestalten dieser Welt befällt mich mit
unverholener Wehmut und es brechen plötzlich in meiner Brust die Schleusen
unstillbarer Schmerzen auf Kein Laut wird um mich her wach nur hier und da
noch eine einzelne Gestalt an einem Pfeiler lehnend oder mit leiser Bewegung
an mir vorbeischwebend Die Perspective ins Jenseitige die zuvor an der
gotischen Baukunst dieses Domes meinen Gedanken sich aufgetan wird jetzt auf
Einmal zu einem großen Gefühl der Trauer tief in mir innen Das ferne Jenseitige
hilft mir nicht und das nahe Diesseitige kann mir nicht genügen Und Christus
sagt sein Reich sei nicht von dieser Welt und doch ist er zu uns gekommen und
ist selber Welt geworden Gott hat sich aus Liebeslust ins Fleisch getaucht und
das Fleisch dieser Welt ist geheiligt worden indem es Gott wurde So blüht
Gottes Reich überall auf der Erde aber es ist dennoch wie Christus verkündet
nicht von dieser Welt das heißt nicht von der Welt wie sie als das von der
Jenseitigkeit abgetrennte und in sich verlorene Diesseits hier dasteht Das
Diesseits welches ohne das Jenseits ist trägt aber noch den ganzen uralten
Fluch des Fleisches auf seinem ungesegneten Haupte sowie die Erde welche ohne
die Sonne finstrer Klumpen der Materie wäre ohne sie auch keine Wendepuncte der
Bewegung hätte um sich durch Schwingung zu erhalten und durch Licht und Farbe
zu wärmen und zu kleiden Und die Sonne mit ihren Alles bewegenden
Weltstrahlen bewegt auch den Klumpen und der große Gott mit seinem Alles
liebenden Geist hat auch das Fleisch geliebt Den erhabenen Bund zwischen Gott
und Welt hat Christus geflochten das Jenseits ist in das Diesseits eingeströmt
und der alte Fluch des Fleisches ist der Segnung gewichen Nur die Stabilität
des Klumpens nur die Legitimität des Fleisches möchte ich sagen ist es
welche ein unheilvolles Zerwürfnis zwischen Welt und Geist unterhalten kann
Denn sobald das Reich des Fleisches sich als ein legitimes abschliesst und auf
den Thron der Erde sich setzt ohne die freie Bewegung des Gedankens in sich
einzulassen tritt es bloß als die Ruchlosigkeit der weltlichen Form auf die
sich in sich selbst vernichten und verdammen muss Aber der Gedanke wenn er der
ächte und freie und nicht der abstracte ist hat auch ein erhabenes Verlangen
danach in das Fleisch hineinzuscheinen ohne das er nicht ist und dann
durchleuchtet er den irdischen Klumpen der durch seinen Lichtatem hell wird
und rein Die antike heidnische Welt war nichts als das legitime und stabile
Reich des Fleisches und darum das Zeitalter der Plastik Auch ihre Götter
wurden Fleisch und stiegen in menschlichen Formen und Bildern hernieder aber
nicht wie Christus Fleisch geworden war Diesen Göttern wurden menschliche
Formen gegeben weil sie nichts als menschliche Gedanken waren aber sie
erschienen dennoch als die erste Prophezeihung der Offenbarung Gottes im
Fleische Doch es war nur die Schönheit des Fleisches zu der es die ganze
antike Weltanschauung brachte und die auch Form ihrer Religion wurde Daher die
Aufgabe dieses Menschenalters die Schönheit hervorzubringen und eine seelige
Harmonie des Körperlebens an ihren Zuständen auszubilden Eine Aufgabe die nun
auch das Christentum in einer höheren und umfassenderen Bedeutung überkommen
hat Denn wird sich nicht endlich auf seiner Grundlage in einem tieferen Sinne
ein harmonischer Bildungszustand des Menschen entwickeln in dem Welt und Geist
sich in einer kräftig zusammenwirkenden Einheit mit einander bewegen und durch
Überwindung ihrer alten Trennung ein unendliches Glück gründen
Warum bin ich also traurig Warum ergreift mich diese plötzliche Wehmut
und lähmt mir die Freudigkeit meiner Gedanken Die gotische Dämmerung von St
Veit ist es und die Perspective in das Jenseitige die meine Seele erbangen
macht und Seufzer meinem Herzen entlockt Nun fliehe ich die späte Einsamkeit
dieser melancholischen Kirche mein Fuß durcheilt wie von Gespenstern
getrieben den finsteren Kreuzgang und die hohe Pforte schlägt langsam in einem
einförmigen Takt hinter mir zu Da bin ich entschlüpft Wieder hinaus in die
Welt Die helle strahlende brennende drängende farbige strömende
unaufhaltsame Welt Es hat aufgehört zu regnen Die Sonne ist blitzend
aufgegangen mit erneuten Flammen an dem blauen lächelnden Firmament
Und für heut sei zufrieden mit mir Ich will und kann diese Dinge die mich
schon seit einigen Jahren unaufhörlich beschäftigen jetzt nicht weiter
ausdenken Aber Du magst Dich nur gefasst machen dass ich bei der nächsten
Gelegenheit wieder darauf kommen und nicht ablassen werde diese Gedanken mit
Dir durchzusprechen und ins Klare zu bringen Zu Dir meine Heilige rede ich
gern davon und Du weißt doch warum Aber meine Ansichten über die sogenannte
Wiedereinsetzung des Fleisches wie ich sie Dir heut und früher schon
angedeutet drucken zu lassen könnte ich mich nie entschließen Wie sehr würden
mich Diejenigen missverstehen die überhaupt nicht verstehen Und doch wäre es
unserer Zeit wie keiner anderen höchst notwendig darüber aufs Reine zu
kommen Ich sage mit Absicht aufs Reine Freilich gibt es auch Reine denen
nicht Alles rein ist Nun Jedes auf gut Glück Was liegt auch am
Missverständnis Ich finde im Gegenteil dass es zu wenig Missverständnisse
heutzutage gibt und daher die viele klare Langeweile an der unsere
Zeitgenossen leiden Deshalb glaube ich man macht sich verdient um die
Bewegung wenn man sich recht tief dem Missverstande preisgibt
Bleibe Du mir nur gut o Heilige Und Du Du an die ich immer denke Du
Du Du weißt doch
An meine Heilige
V Wien
Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld
Seit acht Tagen wiederhole ich mir nun alle Morgen wann ich aufstehe das
Auch ich in Wien und doch habe ich noch keine Zeile an Dich darüber zu Papiere
gebracht In die unendliche Lebenslust wie sie hier in schaumenden Bechern
ausgeschenkt wird mag ich mich wohl für eine Zeitlang stürzen aber es ekelt
mich nachher an etwas davon aufzuschreiben oder gar Betrachtungen darüber zu
machen Es ist eben der Genuss der Stunde die nichts als Stunde sein will und
kann Und den guten tandelhaften kindischen liebenswürdigen Wiener mag ich
so lange ich einmal hier bin gern leiden obwohl ich nicht für das Leben mit
ihm umgehen könnte eben so wenig als für immer in einer ganz an den Augenblick
verlorenen Stadt wohnen in der man am Ende nur durch eine verzweiflungsvolle
Ascese wieder zu sich selbst käme Dieses an den Augenblick Verlorensein ist
jedoch nicht der historische Trieb der sich in Paris stündlich auf der Gasse
herumtummelt in der eiligen Begier vom laufenden Strom der Tagesgeschichte und
der öffentlichen Bewegung mit erfasst zu werden Wien will nichts als panem et
Circenses und hat keine andern historischen Triebe als zum Sperl zum Strauss
in den Prater in den Augarten zu Lanner und Morelly in den Volksgarten und
zur Promenade am Graben und Kohlmarkt Danach läuft und rennt es atemlos darum
schmückt und trägt es sich im festlichen Prunke und die Dreivierteltakte eines
Strauss füllen die Weltgeschichte eines ganzen Tages aus Darum nichts heut von
allen diesen Herrlichkeiten die mich zwar berauscht aber auch noch nicht
einmal zu einem Epigramm begeistert haben Doch wird es gewiss noch kommen und
meine nächsten Blätter an Dich sollen Dir eine kindisch frohe und mitfühlende
Beschreibung aller dieser Wienerischen Lustbarkeiten liefern Auch von der
herrlichen wunderbar großartigen Stephanskirche vor der ich noch immer in
staunender Ehrfurcht vorübergehe und von der Aussicht über die Stadt welche
ihr alle übrigen an Höhe überragender Turm gewährt rede und schildere ich Dir
heut nichts gute Madonna Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Schildern und zum
Beschreiben und ich könnte denken ich wäre krank so schreit mein Herz in mir
wie eine zersprungene Saite
Ich fuhr am heutigen Morgen in die schöne Vorstadt Mariahilf um die
Esterhazysche GemäldeGallerie zu besuchen Und davon lass Dir jetzt erzählen
liebe Heilige Dies trifft mit der Stimmung meiner Seele zusammen und hat auch
in die Deinige etwas hineinzureden
Ich war ganz allein in den schönen regelmäßig nach der Schulen Ordnung
abgeheilten Sälen Diese Gallerie ist besonders reich an spanischen Malern von
denen sie große und seltene Schätze besitzt aber nachdem ich nur erst eine
flüchtige Überschau durch die Reihen dieser Schule gehalten blieb ich vor
einem ungeheueren Bilde des Niederländers Rembrand stehen vor dem ich wie
eingewurzelt verweilen musste und nicht wieder mich abzuwenden vermochte Dies
Bild traf mich wie ein Schlag auf die Brust und es war als gerönne mir das
Herzblut und als stiegen Tränen in meine Augen die des Daseins ganzen Schmerz
ausweinten Mit wankender Stimme bat ich den Aufseher mir doch dies Bild aus
der Wand herauszuschrauben damit seine dunkelbräunlichen Töne in eine noch
schärfere Erhellung gegen das Licht sich mir rückten Er tat es und nun traf
es mich blitzend klar nun traf es mich mit seiner ganzen niederschmetternden
Gewalt und überirdischen Hoheit Nun stellte ich mich bald hier bald dort hin
vor das Bild und hielt die Hand vor die Augen und griff an mein zuckendes
scheu zurückbebendes Herz Wer hat nicht von diesem Bilde gehört Es ist
Christus vor Pilatus und Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld
Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld O es ist ein ungeheuerer
Weltgedanke der da in diese stille erhabene Gruppe sich zusammengedrängt hat
Und der Maler hat mit einem tiefsinnigen Ernst die ganze Größe des Moments in
sich durchempfunden und ein mächtiger Geist der Erfindung ist in seinen
schöpferischen Pinsel geströmt Der gebunden stehende Gott vor dem irdischen
Richter Diese Gestalt des Christus ist die merkwürdigste sie ist
unvergleichlich und unbeschreibbar In dem kräftig gedrungenen Körper in der
herausgehobenen Stärke der gefesselten Glieder liegt ein heimlich gewaltiges
Bewusstsein des Gottes das sich nur selbst verschweigt aber zugleich überstiegt
sein Antlitz ein unendlicher Gedanke der Trauer die es ausspricht dass der Gott
seine Stunde und sein Schicksal erfüllt Die große welterschütternde Frage cur
deus homo stürmt hier gewaltsam auf die bang betrachtende Seele ein Und der
Blick gleitet hinüber auf den Knecht welcher den gebundenen Gott festhält Dies
Gesicht des Knechtes hat der Maler vortrefflich erdacht und nicht minder darin
die Größe seiner Anschauung ausgedrückt Es ist die nichtsahnende Dummheit die
auch von Gott erschaffen ist damit Einer da sei der in der Welttragödie die
Bedientenrollen versehe Die Dummheit dieses Knechtsgesichtes ist darum nichts
desto weniger tragisch sie gehört eben in die Tragödie hinein Die
weltistorische Bedeutung der Dummheit ist hier von Rembrand mit einer
schneidenden Kälte und Ruhe des Pinsels ausgemalt Der Knecht hält den Gott
damit der Gott nicht etwa entlaufe Fest hält der Knecht den Gott und doch ist
der Gott keinem ferner und unerreichbarer als ihm Mahnender tritt die
Empfindung der göttlichen Nähe den Pilatus an Sein wehmütig edles Gesicht
während er sich das Wasser über die Hände schütten lässt ist sehr schön und ihn
überkommt eine Ahnung von Dingen die er nicht zu begreifen noch zu bewältigen
vermag Aber er muss das irdische Recht vollstrecken und er tröstet sich mit der
Pflicht Dort hat die Dummheit dieser Welt den Gott gebunden und hier wäscht
die Pflicht dieser Welt ihre Hände in Unschuld Da ist der Gott verraten und
jetzt gedenkt man daran wie sein Reich nicht ist von dieser Welt Aber durch
Pflicht und Dummheit muss der menschgewordene Gott in den Tod stürzen denn er
will das ganze Loos des Menschlichen teilen weil er Fleisch geworden ist
Dadurch hat er dann wieder das Fleisch dieser Welt geheiligt Und doch wäscht
Pilatus seine Hände in Unschuld
Cur deus homo diese Frage machte mich immer ernster diese Frage machte mir
tieftraurige Gedanken Ich ging mit zagenden Schritten vor dem Bilde auf und ab
und schaute bald hinauf zu seinen gewaltigen Gegenständen bald schlug ich die
Augen wie geblendet nieder In der ganzen Welt lag von Uranfang her eine
unendliche Zerrissenheit ausgesäet seufzte ich Gott wohnte im Himmel und die
Menschen wohnten auf der Erde und das war die ursprüngliche Weltanschauung es
gab eine andere nicht Durch diese Weltanschauung blitzte jedoch immer die
seltsame Ahnung einer längstvergangenen Einheit des Menschengeschlechts mit Dem
nach dessen Ebenbilde es erschaffen worden hindurch Daher in den Urgeschichten
aller Völker der wunderbare Frühsonnentraum des Paradieses Und durch jede Brust
ging nun das ewige Ziehen und Bewegen nach der Einheit sie war der
Universalschmerz des gesammten Geschlechts Der Schmerz ist der Vater aller
Bewegung und der Schmerz trieb die Menschen in allen Zustanden sich
herumzuwerfen es war der Schmerz um die wiedergesuchte Einheit Der Schmerz um
die Einheit machte die Geschichte Aber es war ein seltsames Schicksal wie
wenig Einheit gewinnen konnte der Mensch In seinem Herzen walteten nichts als
feindlich getrennte Mächte und sein Haupt umschwärmten wie unglückbedeutende
Vögel seine zwieträchtigen Wünsche Was er heute geliebt musste er morgen
hassen und der eine Teil seines Daseins wusste von dem anderen Teil nichts
oder stand kriegführend gegen ihn auf Es lagen zwei Welten in ihm auseinander
in schreiender Spaltung von denen die eine Abscheu trug vor der andern und
Gott und Welt Himmel und Erde Geist und Fleisch blickten sich aus
unabsehbaren Fernen ohne Liebe und ohne Versöhnung an Wer der Freiheit
nachstrebte fiel der Knechtschaft des Fleisches in die Arme und wer in der
Knechtschaft schmachtete weinte laute Tränen um Freiheit des Geistes Ein
ohnmächtiger Groll seufzte durch die ganze Existenz und die düstere Melancholie
des im Fleisch versunkenen Aegyptens und die in Verzweiflung endigende
Heiterkeit des an der Kunstverschönung des Fleisches bildenden Griechenlands
mischten als die beiden Hauptelemente die Weltgeschichte Und es war als hätte
Gott im Himmel nicht länger Ruhe so sehr erbarmte ihn der Welt die aus eigener
Vernunft ihn nicht finden konnte Er kam in die Welt und die Welt hat ihn nicht
begriffen Er trat in das Fleisch und musste sterben Er wurde Mensch und ward
mit Ruten gegeisselt bis aufs Blut Mit einem Todeskuss hatten Gott und Welt sich
umschlungen und die Erde dröhnte und zitterte und es war ihr als müsste sie
vergehen in die Ewigkeit hinein an dieser Umarmung Aber sie verging nicht und
in den Wehen durchdrang sie der Geist der Liebe und sie sog den neuen
Lebenskeim begierig und tief ein in ihren Schoss Doch man sah sie daran nicht
glücklich und heiter werden und des Christentums erste Jahrhunderte waren
finster Gott und Welt hatten sich in Christus umarmt und nun hoffte ich in
meinen Gedanken die alte Zerrissenheit müsste verschmerzt sie müsste Einheit
geworden sein Da schaue ich umher und schaue zurück und finde Welt und Gott
nur feindlicher getrennt sich gegenüber als früher wo die griechische
Kunstansicht sie wenigstens zu einer äußeren Lebensplastik verschmolzen und den
Fluch des Fleisches durch seelige Formen beschwichtigt hatte Ich erschrecke bis
in die innerste Stelle meines Herzens und weiß Das nicht zu deuten und Jenes
nicht anzunehmen was jetzt mir emporsteigt in unruhigen Gedanken Ich weiß mich
nicht darein zu finden dass die Welt nicht glücklich sein soll und ohne Einheit
Zu einer kräftig und sicher über die Erde schreitenden Einheit dehnt sich mein
ganzer Organismus mit geschwungenen Nerven und zugleich mit stolzer Ruhe des
Bewusstseins aus Gott und Welt haben beide in mir eine große Lust der
Befriedigung und ich fühle mich stark genug beiden ihre Lust in mir zu lassen
Nicht schwinde unter mir Welt Nicht stürze über mir zusammen Himmel Nicht
zerfliesse in das Unendliche du mein junger Geist nicht verliere und entleere
dich im Endlichen du genusslustige Form Und Ihr ruft mir entgegen ich sei kein
Christ Und ich sinne nach um Euch und mir es unwiderleglich zu sagen dass ich
ein Christ bin wenn Gott und Welt sich in meiner Menschenbrust zusammenfinden
Aber nein nein ich will jetzt von diesen Gedanken abspringen und
tiefverschleiert liegen lassen was Jedem in der Heimlichkeit des Herzens
unbewusst aufschiessen muss
Und jetzt eilte ich in ein anderes Zimmer der Gallerie ich verließ den
Christus vor Pilatus Nach Bildern derber Sinnlichkeit suchte ich um mich nicht
an mich selbst und an mein Denken zu verlieren Ich wollte mich zerstreuen denn
mein Geist fühlte sich von trüben Lebenserinnerungen umschattet Und wie oft gab
ich mich nicht an die bloße glänzende und glühende Form der Erscheinung hin
wenn mir Angst wurde in meinen Gedanken Eine nackte Diana von Floris ebenfalls
einem niederländischen Maler die im nächsten Zimmer hing und zu der ich
hinstürzte tat mir noch kein Genüge Wie gemein waren diese Formen des
Fleisches wie wenig Reiz fand ich an dieser phantasielosen Zeichnung
menschlicher Körperschönheit an diesen zu hartgeformten Schenkeln an diesem
blütenleeren Busen Ich wandte mich mit Ekel davon ab Ich ging zu den
Italienern zu der sitzenden Venus von Titian Schöner lieblicher zarter
weicher geistig gehobener poetisch duftiger sah ich das Fleisch noch nie
gemalt Wie ein Gedicht lag der menschliche Körper vor meinen Augen da ich
seufzte und andächtig und still wurden alle meine Gefühle Ich habe große
Ehrfurcht vor dem menschlichen Körper denn die Seele ist darin Und ich trachte
nach der Einheit von Leib und Geist darum bete ich auch an die Schönheit und
ein heiliger Anblick ist sie mir Siehe ich suchte nach Bildern derber
Sinnlichkeit und vor Titians Venus wurde mir wieder heilig zu Mute und ein
harmonischer Klang zog sich versöhnend durch meine ganze Stimmung Nicht mit
frivolen Augen schaue auf des Weibes ächte Schönheit hin sondern den guten und
heilerweckenden Gedanken hänge nach zu denen der Gottesfrieden dieser Formen
dich erhebt Himmel in welche Zauberwelt von süßer Gestaltung ist mein
froherschrockener Blick gedrungen und was das Leben der Erscheinung heißt
studire ich in trunkener Vertiefung Titian erhabener Meister großer Poet der
Menschenform lieblicher Schwan der die geheimnissreiche Musik des Körpers
austönt Dir danke ich Und wie danke ich Dir Diese Venus predigt Weisheit zu
mir her wie eine gottgewaltige Philosophie die mich mir selbst lehrt Venus
aus den Tiefen des Meeres emporgestiegen und in die herrschende Schönheit der
Gestalt geboren zum Sieg und zum Glück Die Tiefe verlangte nach der Gestalt
und den formlosen Abgrund der Schöpfung wandelte die Begierde an nach der
Erscheinung und es wirbelte oben der Meeresschaum in gewaltiger Sehnsucht dass
es war als müsse er sich formen Die frohlockenden Sonnenfunken schlugen vom
Himmel her rufend und zündend in die Schäumung und die Tiefe unten drängte vom
Abgrund herauf mit unwiderstehlicher Inbrunst Da lächelte es aus der Empörung
hervor wie ein niegesehenes Gesicht und schlug zwei wunderbare Augen auf und
streckte zwei lilienweisse Arme aus und ordnete sich in die sanftschwellende
Harmonie des Leibes Die Gestalt war geboren und die Tiefe hatte ihre Ruhe
gefunden Die Schönheit stieg mit verschämten Wangen an das Ufer der Erde Venus
wurde von den Dichtern und den Weisen und von den Göttern verehrt Und sie war
die Anadyomene der Tiefe
Leben Erscheinung Gestalt Wie drängt sich Alles danach was ist wie
stürmen alle Elemente auf diesen Frieden wie strömt die ganze Unendlichkeit auf
diese Gränze zu Und auch ich bin ein Wesen das erschienen ist ich bin ein
Körper der erscheint Ich bin Fleisch geworden und die Tiefe in mir drängt
nach Licht und das Licht schimmert sehnsuchtshell in die Finsternis Ich der
ich eine Erscheinung bin ich bin die Einheit von Licht und Finsternis denn
sonst könnte ich nicht erscheinen Licht gibt es nicht ohne Finsternis und
Finsternis nicht ohne Licht ohne beide aber keine Farbe und kein Bild Ich bin
ein Bild der Welt und zwei Verschiedenheiten sind in mir in die Einheit
vergangen sonst wäre ich nicht Bild und freute mich nicht meiner Erscheinung
Ich fühle mich als ein Ganzes in meiner Trennung und ich fluche Dir Ascet der
du mich wieder auflösen willst in meine getrennten Bestandteile Ja ich fluche
der Trennung von Geist und Leib von Diesseits und Jenseits denn ich fühle mich
ein Eines Ich bin eine gesunde Weltnatur ich bin ein Koncretes und fasse mich
als einen kräftigen Organismus zusammen so lange ich mit ruhiger
Pflichterfüllung über die Erde schreite In mir ist Diesseits und Jenseits in
mir ist Licht und Finsternis Und hier sage ich mir wieder dass das Licht nicht
ist ohne die Finsternis und die Finsternis nicht ohne das Licht Der Geist ist
nicht ohne den Körper und der Körper ist nicht ohne den Geist sondern beide in
einander sind das Bild als das ich erscheine Darum bin ich gesund ich bin
heiter weil ich ein Bild bin und ich würde krank sein wie ganze Jahrhunderte
krank waren wenn ich auseinanderfiele in Geist und Leib in Diesseits und
Jenseits Gott im Himmel könnte mir nicht helfen denn ich habe mich aus der
Bewegungslinie des Werdens herausgehoben sobald ich mich abtrenne von der
Verbundenheit in die mich Gott selbst gefügt Ich kann nicht mehr werden weil
ich auch aus Gott herausgetreten bin wenn ich heraustrete aus mir selbst Die
Trennung von Fleisch und Geist ist der unsühnbare Selbstmord des menschlichen
Bewusstseins
Und doch wie viele Jahrhunderte solcher Zerwürfnisse des ganzen Geschlechts
rollen sich auf vor meinen Blicken selbstmörderische Jahrhunderte wo der
Mensch seine Pflicht und seine Andacht darin suchte das Dasein nur als ein
Zersplittertes zu fassen Das Christentum durch das Gott in die Welt gekommen
war es aber gerade das diesen Zwiespalt zwischen Gott und Welt aufbrachte und
immer unheilbarer befestigte Jene Zeiten der christlichen Ascetik brachten den
Begriff der Weltentsagung hervor und die Kasteiung und Geisselung des Fleisches
sollte zu Gott führen der jenseits der Welt angebetet wurde Diese gottlose
Verzerrung des Christentums war jedoch die reine Lehre nicht selbst sondern
eben die aus dem Missverstand der Zeiten geborene Karicatur in welche sich der
ausgetriebene Teufel des Fleisches noch einmal hineinzuretten versuchte Denn in
der Zerwürfnis wirkt gerade der Teufel am mächtigsten und daher die heimlichen
Laster in welche das der Welt sich gegenüberstellende Mönchtum ebendesshalb
verfiel Aber wie falsche Propheten seid ihr gewesen ihr SaintSimonisten wenn
ihr verkündigt habt das Christentum sei ausgelebt und bedürfe euerer
Umgestaltung weil es noch lehre dass das Reich Gottes nicht sei von dieser
Welt Zwar hat die réligion stsimonienne das unendliche Verdienst zuerst
wieder darauf hingewiesen zu haben dass die Welt in Gott sei und Gott in der
Welt und ich habe mich geärgert dass einer meiner Bekannten Veit in seinem
Buche über den St Simonismus diese Lehre von der Wiedereinsetzung des Fleisches
so flach und ohne alle tiefere und weltistorische Beziehung zu nehmen vermocht
hat Dennoch aber sind der St Simonisten religiöse Meinungen verdammenswürdig
weil durch ihre Lehre von der Materie die Alles ist und auch Gott nur ein
heidnischer Panteismus herauskommt und selbst die Religion zur Industrie wird
weil die Welt zu einem Verarbeitungsartikel der Technik wird Falsche Propheten
seid ihr gewesen ihr St Simonisten sage ich Denn wenn ihr predigt Gott sei
Geist und Fleisch so betet den menschgewordenen Gott in Christus an Eure mit
unreinen Schlacken gemischte Lehre ist im Christentum längst und ursprünglich
als etwas Reines und in eine große Zukunft Hineindeutendes enthalten Ich meine
dass ich an eine Perfectibilität des Christentums glaube ja dass ich sie weiß an
mir selbst Das Christentum bedarf keiner künstlichen Umgestaltung keiner
systematischen Revolutionen aber es ist fähig einer Entwickelung bis in alle
Ewigkeit der Zeiten hinein Aus den Kirchen aus den Klöstern aus dem
Kämmerlein der Betenden hat sich das Christentum in die Geschichte hinein
entwickelt und steht nicht mehr wie eine abgelegene Zelle der Andacht in die
man sich vor dem Geräusch der Welt flüchten könne da Das Christentum ist
Geschichte geworden es ist nicht mehr bloß ein Asyl der Armen und Kranken
sondern es hat sich zu einem Welttempel der Völker ausgebaut So erfüllt es die
Bedeutung dass Gott in die Welt gekommen ist immer mehr und mehr denn diese
Verweltlichung Gottes durch das Christentum war nicht bloß ein einmaliger und
abgeschlossener Akt der Gnade sondern eine unendlich sich wiederholende
Emanation Diese unendlich fortdauernde Weltwerdung Gottes ist die
Entwickelungsfähigkeit in der Geschichte und so ist Gott in der Geschichte ein
sich entwickelnder Gott Und darum erweist sich das Christentum das sich aus
der Kirche in die Geschichte hinein entwickelt auch an allen fortwandelnden
Bewegungen der Weltzustande immer beteiligt und mitleidend ja es bringt
dieselben hervor und wird zugleich von ihnen hervorgebracht So kann und wird
das Christentum gleichwie es früher die Religion der Disharmonie war und eine
Spaltung der Lebenszustände begünstigte nun auch eine harmonische
Bildungsepoche der Völker die sich von allen Seiten mächtig vorbereitet nähren
und tragen ja erzeugen Denn in einer Zeit wo Geist und Welt gleich gewaltig
geworden sind und beide in den Strom einer Geschichte zusammenfliessen lässt sich
nicht mehr feindlich trennen was für die Verbindung geschaffen ist Und das
Geschlecht fasst sich echt menschlich zusammen in der gesunden Einheit seiner
göttlichen und weltlichen Bestimmung und vollbringt mit Freude und Ruhe die
Taten des Lebens Mit Freude mit Ruhe denn Gott ist Welt geworden
Die starre Lehre eines großen deutschen Philosophen vom Diesseits ist aber
nicht die meinige Zwar ist es ein bedeutender und hoch anzuschlagender Zug in
der Hegelschen Philosophie dass auch sie gleich dem St Simonismus
gewissermaßen die Wiedereinsetzung des Fleisches gepredigt und dem Diesseits
das früher nur als das Inhaltsleere gedacht wurde seinen Inhalt zurückzugeben
getrachtet hat Aber durch diese Philosophie wird dann auch sogleich ein
legitimes Reich des Gedankens auf Erden gestiftet und das Diesseits ist ein
Abgeschlossenes es ist das System Alles was sich gegen die Legitimität eines
Systems sagen lässt muss auch gegen das Hegelsche Diesseits oder was dasselbe
ist gegen seine Weltanschauung gesagt werden Es ist das Diesseits der sich
selbst bewegenden Idee die nur sich selbst zu ihrem Ziele und Endpuncte hat es
ist das Diesseits ohne Jenseits das Diesseits ohne Zukunft das Diesseits das
mit dem Begriff anfängt und mit dem Begriff aufhört das Diesseits das fertig
wird nachdem es sich construirt hat Sein Diesseits ist nicht die gestillte
Sehnsucht es ist das sehnsuchtslose Leben das keine Wünsche hat als sich und
darum diesseitig ist weil es sonst nicht sich hätte So war es mir immer
merkwürdig zu sehen wie Hegel das Sonnensystem erklärte indem er seine ganze
Weltanschauung dieses in sich selbst abgesperrte Diesseits scharf darin
ausdrückte Nicht die Sonne war ihm der eigentliche Mittelpunct des Systems
obwohl um diese die übrigen Körper sich bewegen sondern die Erde musste es sein
die er als den wahren geistigen Mittelpunct des Sonnensystems begriff
Notwendig die Erde Denn der Gedanke der sich nur in seinen Begriff fasst
erträgt die Abhängigkeit nicht dass er um ein Anderes sich bewege weil das
Andere nur für ihn da ist damit er sich daran hervorbringe oder durch den
Gegensatz sich beleuchte Er selbst aber der Gedanke er ist er selbst allein
wie von sich Richard III sagt Und in ein vollendetes System könnte die
Weltanschauung nie gebracht werden wenn sie nicht an dem sich selbst bewegenden
Diesseits die Möglichkeit ihrer fertigen Systementwickelung erhielte
Dies Diesseits mag ich nicht welches ohne das Jenseits ist Dies Diesseits
ohne Bild ohne Farbe ohne Sonne Ich meine zwar nicht dass die Hegelsche
Philosophie insofern ohne das Jenseits ist als verhielte sie sich in einer
leeren Abstraction zu demselben Das der absoluten Philosophie vorzuwerfen
könnte nur der Unverstand tun Aber das Jenseitige in ihr welches der Gedanke
ist hat in dem System ein diesseitiges Reich gegründet und die Bewegung des
Geistes darin geschlossen während doch Gott selbst als er in die Welt sich
tauchte die fortdauernde Weltwerdung seiner selbst in alle Zukunft hinein frei
ließ So ist alles Jenseitige in dem System aufgezehrt und in dem Begriff zu
einem Diesseitigen geworden eine Verdiesseitigung welche dann eben die
Konstruction des Absoluten ist Ein solches Diesseits welches das aufgezehrte
Jenseits ist kann sich aber nicht mehr fortbewegen weil es in der Tat bereits
aus der Geschichte herausgetreten ja ein Schlusspunct der Menschengeschichte
wäre Es ist wie gesagt ein stabil gewordenes ein legitimes Reich des
Gedankens das keine Zukunft hat Daher die Ungewissheit über die Unsterblichkeit
der Seele in dieser Philosophie Und ist ein System welches das Jenseitige in
sich abschliesst durch Verdiesseitigung des Absoluten ist diese versteinerte
Gegenwart ohne Zukunftshimmel nicht ein Diesseits ohne Jenseits Denn die
Einheit des Daseins welche durch dies System des Diesseits hergestellt und
begünstigt zu werden scheint ist doch nur eine erkünstelte Einheit des
Begriffs die auf Erden nicht leben und nicht sterben kann und sich nie in eine
tatkräftige Bildung des Geschlechts umzusetzen vermag Und wenn ich an eine
Einheit des Daseins mit erhobenem Herzen denke dann ist es jene tatkräftige
Harmonie der Menschheit jene befriedigte und befriedigende Lebensstärke die
dem Altertum vergönnt auch der modernen Welt wiedererrungen werden muss Es hat
im Gegenteil die Hegelsche Philosophie durch ihr Diesseits wieder eine Trennung
und Spaltung im Leben gegründet Denn weil sie ohne das Jenseits ist hält sie
die Sehnsucht nach demselben um so schmerzlicher wach da man sich nicht
zufriedengeben kann bei ihrer Verdiesseitigung des Jenseitigen Wie könnte man
sich zufriedengeben da die Zeit und die Geschichte uns noch täglich mahnen Wie
könnte man sich zufriedengeben da das Jenseitige unbekümmert um seine feste
Verabsolutirung im System noch mit tausend neuen Weltahnungen und
Zukunftsverheissungen in uns hineinredet und wer wollte zu beweisen vermögen
dass die Wahrheit so sehr die Eine und Unveränderliche ist dass nicht noch immer
neue Wahrheiten geboren werden welche die Idee der Wahrheit selbst unaufhörlich
bewegen in Flut bringen umgestalten Wer hat es nicht erlebt dass aus Ahnungen
und aus Verheißungen dass selbst aus Träumen die Wahrheit wird Wer darf das
überhören was mit Ahnungen und Verheißungen was selbst mit Träumen in ihn
hineinredet Wer der nicht tot ist darf sich zufriedengeben mit dem Tod und
mit der Todesnacht ohne milden Mond der Unsterblichkeit
Und dennoch dennoch stürze ich mich mit aller Inbrunst der Lebenslust in
das Diesseits ich empfinde mich jauchzend und mit des Bewusstseins Stärke als
ein diesseitiges Geschöpf Das Jenseits soll mein Diesseits nicht aufzehren und
das Diesseits nicht mein Jenseits sondern ich will sie beide wie sie sich in
einander hineinbewegen in diesem Menschenherzen tragen so lange es schlägt
Ihre Ineinanderbewegung in mir soll einen festen Organismus hervorbringen einen
mutigen Sohn der Welt der sich auf die Woge der Erde setzt um in die
unendliche Zukunft einzuströmen An die Woge hält er sich fest von der Woge
lässt er sich treiben er schaukelt sich an ihrem Busen und erfrischt sich
geniessend an ihrem Wasser Aber in seine Segel bläst schwellend und leitend ein
gewaltiger Geist der von Anfang her weht und der mächtiger ist als er und als
die Woge Ich gebe mich an das Diesseits hin welches das Bild hat und zugleich
den Geist den Geist und zugleich das Bild
O ihr Philosophen was euch fehlt ist das Bild Tollkühner
Studirstubengedanke eines Weisen ein Diesseits zu construiren das bloß der
Geist ist ein Diesseits das Logik geworden und eine Logik die Diesseits
geworden Ihr Philosophen setzt das Bild in seine Rechte ein und dann erst
wird die Wahrheit des Lebens in ihrer vollgereiften Blüte erscheinen Wir sind
Kinder dieser Welt Der Geist verlangt nach dem Bilde die Tiefe entbrennt in
Sehnsucht nach der Gestalt Ich kämpfe für die Wiedereinsetzung des Bildes
Um der Schwachen willen werde ich künftig wenn ich einmal öffentlich über
diese hochwichtige Sache sprechen sollte nie mehr von der Wiedereinsetzung des
Fleisches reden Das Fleisch in das Bild erhoben erweist sich auch darin schon
als das veredelte und geklärte Element und als die Durchleuchtung des Geistes
der im Bilde Fleisch geworden ist Überdiess ist wenn ich nicht irre Fasttag
heut in der katholischen Christenheit und so enthalte man sich wie billig
endlich des Fleisches von dem ich schon gar zu viel gesagt Ich kämpfe für die
Wiedereinsetzung des Bildes
Und hier denke ich daran o Heilige wie ich damals um stille Mitternacht
in Deinem Garten mit Dir über die Bilder gesprochen und über die Wahrheit dazu
Es war ein so seltsames Gespräch dass Manche es für erdichtet oder was solchen
Leuten dasselbe ist für erlogen halten werden wenn ich es einmal der leidigen
Gewohnheit unserer Sitten gemäß drucken lassen sollte Jetzt aber Heilige
meine ich nicht die Wiedereinsetzung der Bilder wenn ich des Bildes
Wiedereinsetzung meine
Ich meine nicht die von der Idee abgetrennten Bilder das Bunte der
Einzelnheit aus dem erst Idee werden soll Diese Herrschaft der Bilder dieser
Bilderdienst der Formen ist ja vergangen und bereits wie ausgetilgt aus der
modernen Weltanschauung die auf den Geist der Wahrheit gewiesen und gerichtet
ist Und wie lange wird der Katholizismus seine Bilder noch halten können ohne
die verfallenen zu restauriren zu restauriren durch die Idee sonder welche
kein Bild der Welt mehr bestehen kann Ein Vorfrühling der neueren Völkercultur
war es gewesen als die Weltanschauung in die blühende Einzelnheit der Bilder
noch versunken lag aber dunkelstürmisch und unsicher wie alle Vorfrühlinge
Und die Bilder bewegten sich über die Erde wie kosende Liebesgötter und die
Welt war leichtsinnig und froh und das Leben lag bewusstlos wie ein träumendes
Kind an der Brust der Elemente denn Alles war noch Element und der
Bilderdienst war eine elementarische Epoche des Geistes Allmälig aber wird die
Welt immer wieder weise in der Idee nachdem sie eine Zeitlang in den Bildern
leichtsinnig und bewusstlos gewesen ist Denn die Bilder diese Naturelemente der
Wahrheit ermatten auch zuletzt an ihrem eigenen flatterhaften Flügelschlag und
werden überdrüssig des fahrenden und abenteuerlichen Lebens das sie führen
müssen in bunter Weltzerstreuung Sie werden blass wenn sie in die Tiefe des
Grundes niederschauen dem sie ursprünglich angehören und sobald die Bilder in
ihren eigenen Grund niedergeschaut haben hören sie auf Bilder zu sein denn sie
sind die Wahrheit geworden Dann treten die Weltperioden des Bewusstseins in die
Geschichte ein das ernst wie ein erhabenes Unglück über die Völker und die
Menschen kommt Da entstehen Zeiten der innern Beschauung wo Alles still ist
und wo kein Vogel singt und kein scherzender Zephyr durch den unbewegten
Luftkreis zu gehen wagt Die Geschichte des Menschengeistes scheint still zu
stehen und sich selbst anzusehen in großer Bewunderung dass sie den Gedanken
hervorgebracht hat Sie denkt den Gedanken und ihr ist nicht wohl und nicht
wehe sie ist nicht traurig und nicht heiter denn sie hat den Begriff gefunden
Sie ist Begriff geworden wozu sollte sie traurig und wozu heiter sein Sie ist
der mit sich selbst eine Begriff und die Traurigkeit und die Heiterkeit gehört
dem Reich der Bilder an aus denen der Begriff geworden ist welcher alles Wohl
und Wehe in sich überwunden Aber diese Periode ungeachtet ihrer
Weltgerichtsmiene ist auch nur eine ÜbergangsPeriode zum Trotz und zum
Schrecken Denen welche einen Abschluss eine Endepoche darin gefunden wähnten
An diese Übergangsperiode ist dann bereits das Hegelsche System als ein solches
CulminationsSystem des sich selbst denkenden Gedankens als die Lehre der
nackten Wahrheit verfallen oder es ist vielmehr das eigentliche System dieser
Übergangsperiode selbst und als solches weltistorisch
Ich nenne den sich selbst denkenden Gedanken eine ÜbergangsPeriode bloß
der menschlichen Kultur Nicht damit enden wird die Menschheit sondern damit
anfangen wird sie die Erneuerung der Lebenszustände darauf zu gründen Und die
neue Bildungsepoche knüpft sich mit solcher Notwendigkeit an jenen
Übergangspunct an als die Dichtung mit der Wahrheit und die Wahrheit mit der
Dichtung die Schönheit mit der Weisheit und die Weisheit mit der Schönheit
notwendig zusammenhängt Aber wann sich die Wahrheit von der Schönheit
losgerissen hat kann sie selbst nicht lange ausdauern in der unheimlichen
Verlorenheit dieser Trennung und es wird eine Weltaufgabe daraus die Schönheit
wiederzusuchen
Immer wenn die Kultur gewisse Endpuncte erreicht hat beginnt sie sich
selbst umzubiegen und indem sie sich zurückbildet in ihren Grund aus dem sie
geworden erzeugt sie auf diesem Wege das Neue das noch nicht dagewesen war So
muss der Begriff der aus den Bildern geworden ist wieder in die Bilder
zurücktreten und die Idee zaubert sich um ihre höchste Bedeutung zu vollenden
noch in die Gestalt um mit der sie jetzt Eines wird während sie früher das
Andere war zu ihr Dies ist die Wiedereinsetzung des Bildes das nun auf
geistigem Grunde sicher und herrlich sich ausmalt und als glänzendes
Wahrzeichen mit der Verheißung in die Geschichte tritt dass zwischen Geist und
Welt das diesseitige Leben die Harmonie errungen Das Bild hat den Geist und
der Geist hat das Bild und das Diesseits hat die Einheit und die Kraft Der
nackte Begriff vermochte die Einheit nicht zu gründen denn ich traf bei ihm
gerade auf den Punkt wo er vielmehr die Spaltung im Leben festhält Des Bildes
Schönheit aber ist jetzt eine reiche und unendliche denn der ganze Reichtum
des Erkannten den der Menschengeist in seinen Tiefen aufgehäuft ist
emporgestiegen in die Glorie dieser Schönheit Die Weisheit an welcher die Zeit
so schwer und seufzend trug wie ein Greis an der Last seiner Jahre wandelt
sich in neue Götterjugend um und hebt leichte Flügel bei tiefem Herzen Nun
sänftigt sich die Strenge des Bewusstseins in jene göttliche Unbewussteit die
doch Alles weiß und die Das schon ist was sie weiß Nun wird der
frühlingfarbene Reiz des Unmittelbaren wieder hergestellt und das Unmittelbare
wiegt und schaukelt sich auf den goldenen Lebenswegen und weiß und hat sich
doch als ein Vermitteltes das seelig feststeht Nun muss die Reflexion wieder
zur kräftig hinlebenden Natur werden und was mit der Wurzel tief in das Innere
schlägt muss von außen lachend und leichtsinnig wie Strauch und Blume blühn
Dies dies ist die Einheit von Sein und Denken Und so führt uns die gewaltig
treibende Hoffnung einer Epoche zu wo Philosophie und Poesie nicht nur
versöhnt sondern Eines geworden sind Gebe Gott gebe Gott dass wir Strebenden
es noch alle erleben Und wann die Kraft des Diesseits in der wir uns so mutig
zusammenfassen einmal zerreißt in unserer Seele dann wollen wir von ganzem
Herzen sterben Denn der Tod zerbricht zwar wieder die Einheit von Körper und
Geist aber zugleich besiegt er das ganze Weltverhältniss von Form und Inhalt
Das Diesseits ist das Verhältnis von Form und Inhalt und die Unsterblichkeit
dieses Verhältnisses ist der Geist welcher die Einheit war von Form und Inhalt
Und nachdem das Verhältnis von Inhalt und Form in den Geist aufgegangen welcher
der unsterbliche ist gibt es nur Eines welches der Geist ist Der Geist ist
sich selbst Form geworden und diese höchste Einheit ist der Tod Es ist die
Einheit des Reiches Gottes von der die Einheit des Diesseits nur ein
abgeschattetes Ebenbild war sowie der ganze Mensch nach dem Ebenbilde Gottes
erschaffen
Und nun seid still ihr meine unruhig gewordenen Gedanken Ihr weit
ausgelaufenen Betrachtungen kehret in die vertrauliche Gewohnheit der nächsten
Nähe in den Schoss dieser Gegenwart zurück
Und was wirst Du dazu sagen o Heilige dass ich Dir das Alles so
aufgeschrieben als müsstest Du es genau wissen O meine Heilige o Welteilige
Ich habe ja auch jetzt nichts als beweisen wollen dass Du eine Welteilige bist
Kind Kind die Welt ist heilig und wäre das Lebenselend auch noch so groß
Noch einmal grüße ich mit entzückten Augen Titians Venus und neige mich tief
vor der goldnen Blüte der Erdenschönheit Dann wandele ich weiter durch die
Gallerie und suche nach Schönheit
Ich kam in die Zimmer der Spanier schritt auf und nieder vor manchen
herrlichen Werken und bewunderte die Eigentümlichkeit dieser Meister in
Kolorit und Zeichnung die mir bisher noch sehr unbekannt gewesen war Dann
blieb ich plötzlich mit übereinandergeschlagenen Armen vor einer Madonna stehen
der Ähnliches ich noch nie geschaut hatte Es war die Madonna des Sevilla
Jeder Sturm in mir schwieg meine ganze Seele wurde sanfte Wehmut die wie eine
Abendröte still und spielend durch mein Inneres leuchtete
Dieser spanische Maler hat die große Idee gehabt seiner Madonna
schwermütige Augen zu geben wie man es sonst nie sieht
Sie blickt trauernd aber scharf und geistvoll mit großen kecken Augen zum
Himmel während das Christuskind mit dem aus der einen Falte des Gewandes
herausschwellenden schonen Busen spielt Die irdische Schönheit des Busens und
die heitere Unschuld des Christuskindes contrastiren wundersam mit dem tiefen
Bewusstsein des ganzen Lebenselendes das in die Züge der Madonna gelegt ist Das
Kind scheint fast nichts davon zu wissen es wiegt sich harmlos in der
Morgenfrühe seines Daseins Aber eben dieses Lebenselend welches das Kind zu
erlösen geboren ward ist in der Mutter zum Bewusstsein geworden und mit Tiefsinn
ausgedrückt Schön groß erhaben ist dieser Gedanke Was das Kind nicht zu
wissen scheint weiß die Mutter nämlich dass der Jammer des Daseins ungeheuer
ist und dass der alte Fluch des Lebens schreiend zum Himmel klagt Und darum
weil dies trauernde Weib das erlösungsbedürftige Dasein so in sich durchfühlt
hat sie auch das Kind der Erlösung in ihrem Schoss getragen Denn dies ist das
Kind welches in die Welt gekommen ist um die Welt zu heiligen Dies ist das
Kind nach dem das ganze Lebenselend schreit und seufzt Dies ist das Weltkind
das die Versöhnung bringt der Mittler welcher den Segen spricht über die
Formen der Erde Und dies heitre Kind dies Kind der Weltschmerzen wie süß und
unbefangen spielt es mit der Brust der Mutter Und die von den Weltschmerzen
ganz durchdrungene Mutter wie lieblich in aller Trauer und wie hold in allem
Wehe ist zugleich ihr Gesicht ihre Wange Milde Tränen möchte man weinen man
möchte jauchzen und man möchte klagen
Madonna schreibt
1 und so kommt es dass ich jetzt so ganz unerwartet aus München schreibe
Hoffentlich sehen wir uns nun bald da ich für immer hier bleiben werde bei
meinen neuen Verwandten und Beschützern und da der reiselustige Freund auch
nach München kommen will Wie sehr freue ich mich auf dies Wiedersehen auf
diese längst herbeigewünschte Begegnung in der ich nicht mehr als das seltsame
eckige von der Leidenschaft des Unglücks hingerissene Mädchen erscheinen werde
wie damals auf meinem böhmischen Dorfe wo der Freund ein wunderliches
Reiseabenteuer an mir erlebte Ach wie vieles hat sich seitdem verändert wie
vieles hat sich zugetragen außer mir und in mir Ich bin glücklicher geworden
Ich bin ein frohes ausgesöhntes Geschöpf froh mit den Menschen und froh mit
Gott froh mit meinem ganzen Leben Froh möchte ich auch nun einmal mit dem
Freunde sein mit dem ich so gern Gefühl um Gefühl und Wort um Wort wechsele
Und mein armer Vater der nach einem finsteren selbstquälerischen Leben durch
einen finsteren Tod so plötzlich fortgerafft wurde sprach noch in seinen letzten
Lebensstunden viel von Dir Er hatte den Kasanova nie vergessen können und
staunte noch immer still in sich über das Unbegreifliche und Ungeheuere was Du
ihm davon vorerzählt haben musst In seinen unruhigen Träumen phantasirte er
davon schlafend und wachend nannte er den Namen Auch hoffte er noch immer dass
Du einmal eines Abends unversehens wieder in unsere Stube treten würdest um ihm
über Manches wonach er Dich fragen wollte Auskunft zu erteilen So schied er
endlich in einem völlig bewusstlosen Zustande ab der gute arme freudlose Mann
und ich weinte herzliche Tränen an seinem Hügel den ich noch selbst mit dem
hoffnungsvollen Grün bekleiden half Er hatte mich nie vielleicht auch nicht
ein einziges Mal in seinem Leben geliebt und ich schauerte recht in meiner
innersten Seele zusammen wenn ich daran gedachte Und doch kam ich mir nun noch
einsamer und verlassener in der Welt ja trostloser vor seitdem ich nicht mehr
für ihn zu sorgen mich nicht mehr vor ihm zu ängstigen mich nicht mehr gegen
ihn zu verstellen hatte Mein Verhältnis zu ihm war immer das der innern Furcht
gewesen aber jetzt empfand ich es wie in der Furcht auch die Liebe eine
heimliche leise wärmende Stelle gehabt So kann uns etwas genommen werden was
wir selbst kaum besessen zu haben glauben
Wie mein Schicksal dann sich wandte wie ich eine lebenslustige Pilgerin
mein böhmisches Dorf wieder verließ wie ich die bisher mir fremdgebliebenen
Verwandten gefunden und hier in München von den besten herrlichsten Menschen in
einem schönen häuslichen Kreise aufgenommen worden bin dies Alles scheint mir
noch selbst ein Wunder wenn nicht ein Traum Doch die fortgesetzten
Bekenntnisse der weltlichen Seele kann und mag ich wenigstens nicht schreiben
Ich bin bei weitem zu glücklich dazu um viel zu schreiben Ein Weib hat wenig
Talent zum Schreiben und zum Darstellen von der Natur erhalten und nur wenn es
recht unglücklich ist wird es etwas Besonderes hervorzubringen und zu leisten
verstehen Nur ein Weib das unglücklich ist sollte schreiben Dieser Gedanke
wurde mir neulich an den Briefen der Rahel die ich gelesen habe recht
deutlich Sie war eine große Unglückliche und ebendesshalb groß als Weib weil
sie unglücklich war und sie schrieb den erhabenen Geist ihres Unglücks ab in
ihren Briefen und schrieb Briefe wie sie kein Weib je geschrieben hat
Darum will ich Dir die fortgesetzten Bekenntnisse der weltlichen Seele Du
daran teilnehmender Freund erzählen Erzählen kann ich aber nur nicht
schreiben Meine Lebensgeister alle sind wieder ungeduldig geworden und halten
es nicht lange aus auf dem Papier Mündlich Mündlich Und komm recht bald her
lieber Freund Wir könnten uns auch vielleicht in Salzburg treffen wohin ich in
vierzehn Tagen mit meinen Verwandten eine Partie unternehmen werde Es wäre
schön und ich könnte mich dann zeigen wie mein neuer Lebensmut auf den Bergen
herumspringt und bis in die blauen Wolken hineinklettert
Soll ich Dir noch hier von München etwas sagen Du wirst es ja sehen oder
hast es vielleicht früher schon gesehen Die neue Stadt ist schön reinlich
festtäglich prächtig und man kann hier recht gewahr werden wie eine hübsche
Residenzstadt durch Händewerk gemacht wird Alles ist hier gemacht aber schön
gemacht und mir fiel sogleich zum Gegensatz die Beschreibung ein welche Du mir
von dein alten auf seiner Vergangenheit ehrwürdig getragenen Prag damals
gesandt München wie es jetzt im Werden begriffen ist steht blank da auf dem
ebenen Boden der Gegenwart und hat fast gar keine Vergangenheit an die es
mahnte oder sich knüpfte Und das ist mir lieb und darum lebe ich doppelt gern
in seinen Mauern Denn auch ich mag mich gern als losgetrennt von der
Vergangenheit ansehen ich mag nicht zurückblicken in die Vergangenheit in der
ich schwarze und grässliche Bilder meines Daseins begraben habe Ich habe viele
Ursache das Vergangene vergangen ja verblichen sein zu lassen So wird mir
denn wohl hier in diesem vergangenheitslosen München Neue Häuser neue Paläste
neue Museen ja neue Straßen erstehen hier unaufhörlich rings um mich und ich
freue mich wie ein Kind an allen diesen Neubauten dass ich jubelnd darüber die
Hände zusammenschlagen möchte Ich freue mich dass immer wieder etwas Neues
gebaut werden kann und es ist mir als würden auch schon in meinem Herzen ganz
neue Häuser und neue Straßen angebaut auf dem alten frisch umgegrabenen
Fundamente Die Baulust ist groß in meinem Herzen Grundstücke sind im Überfluss
da und ich könnte noch Freiwohnungen an die Armen die ganz ohne Liebe leben
müssen darin vermieten
Ich bin glücklicher geworden Bei einem Mädchenherzen kommt viel darauf an
ob es glücklich ist oder nicht Ein Mann denke ich kann vielleicht des Glücks
ganz entbehren und in der rastlosen Begeisterung seines Strebens und Arbeitens
dennoch zu einer ihm gemässen Bildung und Befriedigung kräftig gedeihen Ein
Weib ich habe es gefühlt muss durch Unglück immer aus seinen Fugen gerissen
werden Es wird entweder größer als ihm die Natur zu sein bestimmt hat oder es
wird hässlicher und verliert seine besten Eigenschaften in der Unschönheit der
es anheimfällt Dein böhmischer Mägdekrieg Freund hat mich empört Und Du
konntest boshaft genug sein Deine eigenen Ansichten über die Bestimmung unseres
Geschlechts dabei zu verschweigen Wlasta aber wie Du sie Dir gedacht hast ist
mir ein wahres tragisches Exempel des verfehlten weiblichen Berufs Siehst Du
ich hasche nach Glück Unser Geschlecht hat ein durchaus ästetisches Naturell
und die Aestetik unsres Herzens verlangt nach einem blauen heitern sonnigen
Himmel um gegen das Licht gekehrt schöne Farben und Formen entwickeln zu
können Diese Aestetik ist unsre Schwäche so gut wie sie unser Vorzug ist
Keine schöne Kunst aber vermag ohne eine von innen heraus geschaffene Begränzung
zu bestehn und wer weiß nicht dass auch die ganze schöne Kunst unsres
Frauenlebens nur in der Begränzung liegt In der Begränzung siedeln wir unser
Glück an in der Begränzung finden und erfüllen wir unsern Beruf in der
Begränzung sind wir für uns und für die Andern ein harmonisches in sich
befriedigtes Gebild Diese Reflexionen verzeih das Reflectiren denn es
gehört mit zu der Begränzungsund EinfriedigungsKunst unseres Geschlechts
sind mir der einzige Trost gegen Deinen böhmischen Mägdekrieg der wie gesagt
mich wahrhaft empört hat
Ich bin glücklich und ich bin fromm Ja ich bin auch fromm Ich glaube
ein Frauenherz kann und darf fromm sein und auch hier will ich den Männern gern
die Überlegenheit des Geistes einräumen eines Geistes der auch in der
Andachtslosigkeit und in der Lostrennung von einem bestimmten religiösen
Bekenntnis sich noch immer eigentümlich und selbständig zu gestalten vermag
Vor drei Tagen erlebte ich hier eine schöne rührende Szene die für mein ganzes
Leben Eindrücke in mir gegründet hat Vor dem Karlstor auf dem geräumigen
Karlsplatz steht die hiesige protestantische Kirche ein schönes einfaches
Gebäude das erst neu errichtet und vor Kurzem für den evangelischen
Gottesdienst eingeweiht worden ist Hier sollte ein junges katolisches Mädchen
das zu dem protestantischen Glauben übergetreten in einer feierlichen
öffentlichen Handlung zu demselben eingesegnet werden
Es war gerade ein MadonnenTag Freund O denke Dir ein MadonnenTag Mariä
Himmelfahrt war es und auf den Straßen in München die sonst so menschenleer
erscheinen sah man ein reges und bewegliches Treiben geputzter fröhlicher und
spazierengehender Leute Die Sonne schien in hellen blitzenden Strahlen über
Häuser und Wege die ganze Bevölkerung war in einer freudigen Erregung auf den
Füßen Dieser Tag wird in hiesigen Gegenden mit besonderen Volkslustbarkeiten
gefeiert
Auch ich hatte mich zu einer stillern Feier festlich geschmückt Wie eine
Braut hatte ich mir ein ganz weißes Kleid angelegt und einen schlichten weißen
Schleier in das Haar geflochten Ich fuhr mit meinen Verwandten nach der
protestantischen Kirche vor dem Karlstor Ein kleines schönes Madonnenbild
das ich noch bis jetzt in einem goldenen Medaillon nur als Schmuck getragen
hatte ich an demselben Morgen abgelegt aber mit einem Kuss Jetzt überfiel mich
ein tiefes Zagen als ich vor der Kirche ausstieg und doch brach zugleich eine
geheime Freude in mir los Mit bewegter Seele betrachtete ich das dem freien
Glauben geheiligte Gebäude dessen anspruchslose freundlich zuwinkende Bauart
zugleich den edelsten Gesetzen der Kunst genügte
Das Mädchen das ihr neues Bekenntnis an dieser heiligen Stätte ablegen
wollte stand vor dem Altar Ein großer tiefer Ernst schien es ihr mit ihrem
Vorhaben und nachdem sie die erste Schüchternheit und Scheu überwunden sich
als den Gegenstand der rings um sie versammelten Menge zu sehen blickte sie mit
ruhigem Bewusstsein und hellen klaren Augen um sich her Sie betrachtete mit
besonderer Freude den Ort an dem sie sich befand die Räume die in ihrer
hehren Stille in ihrer schmucklosen Weihe das trostbedürftige Kind so
freundlich umgaben O wie wohltuend sind die hellen Räume einer
protestantischen Kirche für ein nach Klarheit sich sehnendes Gefühl das bisher
in den Dämmerschauern katholischer Kapellen und vor der unverständlichen Sprache
des Hochamts sich seiner eigenen Andacht nie ohne eine peinigende Bangigkeit
bewusst werden konnte Wie drückt schon die erhabene edle Einfachheit dieser
Wölbungen Bögen und Mauern den Charakter eines Gottesdienstes aus in dein
nicht die Phantasie sondern das Wort in der Andacht gepflegt werden soll das
die Seele befreiende lösende erweckende verständigende Wort Die
protestantischen Kirchen sind die Kirchen des Wortes des Wortes Gottes Wie
kann man Gott besser dienen als durch das Wort da Gott das Wort ist
Und der ehrwürdige wohlsprechende Geistliche erhob seine Stimme die in
schöner Vernehmlichkeit die Halle durchtönte und die ganze versammelte Gemeinde
lauschte in geräuschloser Aufmerksamkeit dem rührenden gehaltvollen Sinn seiner
Predigt Es war eine heilige Stille in der Kirche dass man jeden Atemzug jeden
aufsteigenden Seufzer ringsum hören konnte Jetzt aber beugte das Mädchen
längst dieses wichtigen Augenblicks harrend ihre Knie auf die Stufe des Altars
nieder um ihr Bekenntnis zu sprechen
Doch wozu wozu Freund kleide ich die schönsten Gefühle meines Lebens
aus Furcht dass sie Dir zu weich erscheinen möchten in das Bild einer fremden
Szene
Brauche ich es Dir noch zu sagen dies Mädchen war ich
Maria
Fußnoten
1 Bruchstücke aus einem Originalbriefe
Nachwort zu dem ganzen Buche
Die allverbreitete Gewohnheit schlechte Vorreden zu schreiben mag auch die
schlechte Nachrede entschuldigen die ich nun noch zuguterletzt diesem Buche
als einem Buche zu halten habe Indem ich die gute Nachrede billigerweise der
Welt überlasse behalte ich mir als redlicher Herausgeber bloß die schlechte
vor und hoffe dass diese Bescheidenheit Jedermann rühren wird
Das Schlechteste aber was ich diesem Buche vor Allem nachreden kann ist
dass es durchaus unvollendet erscheint und dass Niemand daraus klug werden wird
der erst aus Büchern klug werden will Wie kann es auch anders sein Der
Verfasser ein vagabundirender deutscher Schriftsteller und was soll die
heimatlose deutsche Literatur Besseres tun als vagabundiren hat diese
Skizzen soweit sie von ihm herrühren samt und sonders in Wirtshäusern
geschrieben einige auf einem rippenbrechenden Postwagen sich ausgedacht andere
in Wind und Wetter auf der Landstraße geträumt Sollte aus solchem von der Luft
dieser Zeit selbst zusammengeblasenen Stoff Das was man im gemeinen Leben ein
Buch nennt werden so mochte es eines sein das alle ästetisch frommen
Kunstrichter in Ansehung von Gattung Form und Art unter die sie es
klassifiziren könnten zum Teufel wünschen müssen Und ich bete nur zu Gott
denn auch die armen Bücher dieser Welt haben ihren lieben Gott der ihrer waltet
dass nicht noch andere fromme Richter als bloß die ästetisch frommen
Kunstrichter zu einer Überantwortung an den leidigen Teufel das von mir in
bester Absicht Herausgegebene verurteilen möchten Der Teufel ist zwar
heutzutage nicht mehr fürchterlich nachdem ihm die moderne Gesellschaft
sonderbar dass ich aus bloßer Zerstreuung der Feder statt moderne immer
schreiben möchte modernde feine Sitten beigebracht nachdem ihn die
JustemilieuRegierungen zu einem Staatskünstler ausgebildet nachdem ihn die
Philosophen in ein System gepackt und die Poeten seine Dutzbrüder eine
sogenannte neue Poesie aus ihm abgeleitet haben Aber aufrichtig gestanden ich
möchte doch lieber bloß gegen die militairfromm gerittene Aestetik des
literarisch deutschen ancien régime an dem alle guten Köpfe dieser Zeit längst
das Köpfen verdient hätten angesündigt haben als gegen den Frieden jener guten
Seele die bisher an dem Glück der Überlieferung traulich festgehalten und
durch die hergebrachten Formen in Staat Kirche Leben und
Gesellschaftsgesittung seelig geworden ist Doch du gute Seele wenn du dem
Teufel überantworten willst dies Buch oder vielmehr die Luft dieser Zeit aus
der es den Verfasser in den Wirtshäusern und auf den Landstraßen angeflogen du
gute Seele dann bedenke doch dass wie gesagt auch ein Buch seinen Gott hat
Und ihr Richter wie wollt ihr dies Buch taufen da es doch nun einmal ein
christlich erzeugtes Buch ist und als solches wie jedes gute Kind Namen und
Taufe zu erhalten verdient Wollt ihr ihm die Nottaufe eines Romans geben es
mit dem Unschuldsnamen der Novelle benennen Helft mir bei Zeiten aus dieser
Verlegenheit da der Setzer stündlich auf das Titelblatt wartet Oder besser wir
zerbrechen uns lieber alle durchaus nicht den Kopf damit Ich erkläre mit
feierlicher Resignation dass es eigentlich gar kein Buch ist das ich
herausgebe sondern bloß ein Stuck Leben das sich wie Schlangenhäutung auf
diesen zerstreuten Blättern abgelöst hat Macht also nicht so viele Umstände mit
einem Stück Leben Seht zu ob ihr es brauchen könnt ob nicht und taugt es
euch zu keinem Dinge so lasst es laufen wie einen jungen Menschen mit dem sich
vor der Hand noch nichts Solides anfangen lässt Lasst es laufen lasst es laufen
Es läuft gern denn es liebt die Bewegung
Ja wollt ihr ihm durchaus einen Büchernamen geben so nennt es ein Buch der
Bewegung Nicht bloß weil es der vagabundirende Verfasser auf Reisen
geschrieben hat sondern weil wirklich alle Schriften die unter der Atmosphäre
dieser Zeit geboren werden wie Reisebücher Wanderbücher Bewegungsbücher
aussehen Die neueste Aestetik wird sich daher gewöhnen müssen diesen Terminus
ordentlich in Form Rechtens in ihre Teorieen und Systeme aufzunehmen Die Zeit
befindet sich auf Reisen sie hat große Wanderungen vor und holt aus als
wollte sie noch unermessliche Berge überschreiten ehe sie wieder Hütten bauen
wird in der Ruhe eines glücklichen Tals Noch gar nicht absehen lassen sich die
Schritte ihrer befriedigungslosen Bewegung wohin sie dieselben endlich tragen
wird und wir Alle setzen unser Leben ein an ihre Bewegung die von Zukunft
trunken scheint Und daher das Unvollendete dieser Bewegungsbücher weil sie
noch bloß von Zukunft trunken sind und keiner Gegenwart voll
Diese Skizzen werden hoffentlich noch fortgesetzt werden da die darin
unternommene Bewegung der Fortsetzung bedarf Ich erstaunte als sie mir der
Verfasser mit dem ich manches Glas Wein zusammen getrunken übergab einen
solchen Zusammenhang bis in die anscheinendsten Zufälligkeiten hinein darin zu
entdecken nämlich den Zusammenhang jenes Umwälzungsprozesses der sich heut
vornehmlich in der etischen Gesinnung der Zeit vorbereitet und durchführt Ich
bin und war immer der Meinung dass die gestörte Bewegung der Politik in unsern
Tagen in die rastlos durch die Gemüter fortgehende und nicht unterdrückbare
Bewegung der Gesinnung mit allen ihren Hoffnungen und Wünschen einstweilen
übertreten und auf diesem allgemeinen Grunde des Fortschritts doch endlich ihrer
grossten Erfolge gewiss werden kann Denn wenn die Politik notgedrungen in die
Gesinnung zurücktritt wird die Gesinnung nachdem sie ihre innere Umgestaltung
aus sich vollbracht hat allmälig wieder in die äußere Politik und dann
unwiderstehlich hinübertreten Und wer empfindet nicht das Ziehen und Zucken
einer etischen und gesellschaftlichen Umgestaltung eben so scharf und eben so
gewaltig in seinem einzelnen Menschenherzen als es das ganze Welterz jetzt
durchbebt Wer kann noch auf Wirkung hoffen wenn er nicht auf die Gesinnung zu
wirken unternimmt
Mögen die Papiere des Reisenden und die seiner Heiligen dazu als Blätter
und Bilder aus der etischen Stimmung dieser Tage so wie sie nun sind
hingenommen werden Gerade so wie sie jetzt sind habe ich sie herausgegeben
T Mundt