1832_UngerSternberg_Zerissenen.html




        
                         Alexander von UngernSternberg
                                Die Zerrissenen
                                  Dem Freiherrn
                          Otto Magnus von Stackelberg
                                    gewidmet
                                                                   vom Verfasser
 
                        Verehrter Landsmann und Freund
Nicht als eine Gabe deren Gehalt Ihrem Geiste und Ihren Vorzügen schmeichelt
vielmehr als ein geringes Zeichen meiner hohen Achtung und Liebe für Ihre Person
empfangen Sie dieses Buch das sich mit Ihrem Namen schmückt Stets unvergesslich
wird mir der Winter bleiben wo es mir vergönnt war in Ihrer Nähe zu leben und
der Schätze teilhaftig zu werden die Sie in erleuchteter Wissenschaft und
Kunst während eines so reichen Lebens gesammelt haben möchte ich mich auch
fernerhin Ihres Andenkens freuen dürfen und ein Wohlwollen mich beglücken das
ich stets als den schönsten Erfolg meiner Bestrebungen ansehen werde
    Mannheim im Frühling 1831
                                                             A Baron Sternberg
Es war ein kühler Herbstabend als der Herzog Lothar seine Geliebte die in der
Vorstadt ein kleines Häuschen besaß zu besuchen ging Er schritt
stillschweigend durch die öden Gassen in Gesellschaft eines Mannes der unter
dem Mantel eine Zither trug auf der er manchmal einzelne Töne anschlug und
selbst dazu vor sich hinlachte als überdenke er eine komische Geschichte Als
der Torwächter sie anrief und um ihre Namen fragte rief er laut und zänkisch
»Wer denn anders als der Herzog Lothar und Massiello sein Musiker« Der Soldat
lachte und sagte »Ja doch Ihr seid auch der rechte Herzog wohl mögt Ihr zwei
lustige Vögel sein die in die nächste Schenke schleichen  nun immerhin ich
komme Euch nach wenn meine Stunde um ist«  »Tor der Du bist« brummte der
Herzog »wer hieß Dich meinen Namen nennen Du weißt dass mich Niemand kennen
soll« »Nun« entgegnete der lachende Begleiter »Ihr seht ja gerade die
Wahrheit hat uns am trefflichsten durchgeholfen dass ich dem Soldaten offen
gestanden wer wir sind das hat ihn gerade am sichersten überzeugt dass wir es
nicht sein können«
    Sie kamen jetzt an die letzten Häuser meistenteils elende halbverfallene
Hütten die von Fischern und Strandbauern bewohnt wurden vor einer derselben
die ein wenig besser aussah als die übrigen standen die Beiden und klopften
an Eine alte Magd öffnete leise und leuchtete vorsichtig mit der Laterne in die
Nacht hinaus als sie den Herzog erkannte wich sie demütig zurück die Beiden
traten gebückt hinein und hinter ihnen schloss sich die kleine Türe wieder Im
Innern des ärmlichen Hüttchens öffnete sich wider Erwarten eine Reihe wenn auch
nicht prachtvoller doch auf das zierlichste ausgestatteter Zimmer die auf eine
kluge Weise nach der Straße dem Auge verdeckt lagen und sich nur gegen den
einsamen Hof der sorgfältig verschlossen gehalten wurde ausdehnten Helle
glänzend gefärbte Wände prangten in reizenden pariser Wandgemälden die
tropischen Gewächse einer heißen Zone darstellend nebst Badescenen wo schwarze
afrikanische Schönen sich in silberhelle Gewässer tauchten Ein mit Gold und
Ketten geschmückter Armleuchter schwebte von der Decke nieder und strömte das
klare Licht von schlanken Wachskerzen auf die purpurnen Sammetsessel und Divans
welche längs den Wänden in orientalischem Luxus aufgestellt waren Große üppige
Rosen und Astern hingen aus blitzenden Kristallschaalen passend verteilt ihre
Blumenhäupter nieder und über dem eleganten Pianoforte hing ein süßes Bild von
Karlo Dolce einen schönen Heiligen darstellend dessen weichen Jünglingskörper
blutige Märtyrwunden mehr schmückten als entstellten
    Der Fuß dess Herzogs schritt leicht und siegreich über die feinen persischen
Teppiche hin er war eben im Begriff die Reihe der schönen Gemächer zu
durcheilen um den Gegenstand seines Wunsches zu suchen als dieser ihm schon
aus einer Seitentüre mehr entgegen flog als trat Ein helles lächelndes
Mädchen das goldne Haar kunstlos auf den Nacken niederflatternd das
strahlende große Auge mit einer Freudenträne gefüllt warf sich mit entzückter
Hast an die breite Brust des Geliebten hinter ihr trat eine Dienerin ein die
sich mit dem spasshaften Musiker auf das ceremoniöseste begrüßte Das Fräulein
hatte sich geschmückt denn sie hatte um diese Stunde den Herzog erwartet doch
ihr Putz bestand darin ungeputzt zu scheinen Das Köpfchen das sich an die
Schulter des Freundes lehnte trug weder Perlen noch Gold sondern nur ein
blasses Rosenknöspchen das kaum bemerkbar in dem hellgelben Haar sich verbarg
der Schnitt des seidenen Gewandes lief ohne Garnitur von Spitzen oder Blumen um
die Fülle des weißen Nackens und Halses herum und nur um den weichen
Marmorglanz des leztern zu heben schmiegte sich ein Halsband von schwarzem
Samt mit einem Demant fest gehalten um die schöne Form 
    Wer das freundliche liebliche Mädchen sah den leichten Schmuck der
Gemächer und damit den unfreundlichen Eingang von außen in eine niedre
Fischerhütte verglich der mochte wohl an Zauberei denken wenigstens an die
natürliche Zauberei die ein großer Herr sich mit dem Gegenstand seiner
heimlichen Neigung zu bereiten sucht um dem Gefühl seines Herzens die
Beimischung des Wunderbaren und Hochpoetischen zu geben welches bei den
alltäglich ihn umgebenden Dingen in der gewohnten Folge der fürstlichen
Gemächer und LivréenGesichter gänzlich zu fehlen pflegt Doch Jokonde schien
diese Gesinsinnung nicht zu teilen sie war ein gewöhnliches Mädchen das gerne
ihren Putz und ihren Liebhaber so wenig Ehre das Dasein eines solchen ihr
eigentlich machte der Welt zeigen wollte Es war ihrem mutwilligen Wesen etwas
höchst langweiliges sich in der einsamen Wohnung den ganzen Tag über
eingesperrt zu erhalten um ihren Geist mit Musikalien und Büchern zu nähren
die altklugen Gesichter des Papageis und der alten Dienerin waren eben auch
nicht ergözlich und erst am Abend kam Gesellschaft gewöhnlich der Herzog der
einige Freunde mitbrachte und wo dann gelacht gesprochen und gescherzt wurde
Heute da der Herzog heiterer als gewöhnlich schien nahm sich also das schöne
Mädchen den Mut ihm mit einem zärtlichen Geflüster die Bitte vorzutragen sie
aus ihrem FischerPallaste zu entlassen und in die Residenz oder irgend eine
Stadt zu schicken  »Ein schöner Vorschlag« sagte der Herzog etwas trocken
»Du hast in der letzten Stadt wo Du Dich aufgehalten kindisches Mädchen so
viel Schulden gemacht dass ich mir über meine Schwachheit mit der ich immer
wieder diese törichten Ausgaben besiritt öfters Vorwürfe gemacht habe Hier
kann sich Deine Verschwendungssucht ein weit größeres Feld verschaffen Du
kannst Tausende von Fischen einkaufen von allen Sorten und sie dann
meinethalben wieder ins Meer zurückwerfen oder die Armen mit ihnen speisen« 
Jokonde zog eine düstere Miene die aber sogleich in ein Lächeln überging 
»Überdies« sagte der Fürst »bin ich jetzt an eine Braut versprochen und da
geht dergleichen wie Du wünschest durchaus nicht Tröste Dich meine Liebe
und suche ein wenig mehr Gefallen an Büchern Dir anzueignen Du glaubst nicht
wie deinem Geschlechte geistige Ausbildung zahllose Reize mehr verleiht«  »Nun
schön« rief die Zurechtgewiesene »wenn Du das meinst Geliebter so will ich
morgen gleich das große Geschichtswerk zu studieren anfangen das auf meinem Pult
eingestäubt liegt und das der galante gelehrte Herr der es geschrieben die
Güte gehabt hat mir zuzueignen«
    Dieses Gespräch wurde unterbrochen durch ein leises Klopfen welches vom
Saale aus sich hören ließ Massiello war hingeschlichen und als die Türe sich
öffnete sah ein breites äußerst freundliches Gesicht hinein und sagte »Ist
es einigen alten Fischern erlaubt einzutreten«  »Aha« rief der Fürst »da
kommen unsre Freunde nur herein« Die Tür ging jetzt weit auf und zwei elegant
gekleidete Jünglinge und eine dicke Figur in der Kleidung eines Weltgeistlichen
traten ein Sie begrüßten die freundliche Wirtin auf das artigste und der
ältere von den jungen Männern ein bildschöner aber bleicher Jüngling nahm den
andern an der Hand indem er zu Jokonde sagte »Dieser mein Fräulein ist der
neue Freund und Schützling unseres Fürsten dem die Erlaubnis erteilt worden
ist dem schönsten Mädchen in dieser Stadt die Hand zu küssen« Eduard so hieß
der Vorgestellte neigte seine Lippen auf die dargebotenen zarten Finger und
der Herzog über die Schulter seiner Freundin gebeugt sah dem errötenden
Jünglinge mit Huld ins blühende Antlitz Die alte Aufwärterin und das junge
Kammermädchen beide ein wenig aufgeputzt reichten Erfrischungen umher Jokonde
stand am duftenden zierlichen Teetisch die Tassen und das glänzende Geräte
ordnend Der Abt Siegwart war eine jener behaglichen Erscheinungen die eine
innere joviale Weltanschauung nach aussenhin immer weiter und behaglicher
ausrundet auf dessen vollen Zügen immer ein heimliches Lachen nur auf den
Moment zu lauern scheint um in ein lautes auszuplatzen Er wusste tausend
Anekdötchen mit denen er Markt machte und in den Häusern herumging dabei
spielte er trefflich das Pianoforte und tanzte auch zu Zeiten wobei er zu
behaupten pflegte dass es ihm gelungen sei gewisse neue französische Tänze mit
aller ihnen gebührenden leichten Grazie aufzufassen und darzustellen Jetzt da
er eine heiße dampfende Tasse am Mund hatte lächelte er höchst vergnügt und
sagte »Sollte man nicht glauben teurer Prinz diese unscheinbare Hütte sei
die Zauberwohnung in der die liebliche Undine nach unsers Fouqués Zeugnis
ihr tolles Wesen mit den anständigsten und vornehmsten Leuten treibt«  »Wer
ist diese Undine« fragte Jokonde »vielleicht die Frau des Herrn Fouqué« Der
Herzog lachte »Schon wieder ein Irrtum« rief er »Du siehst wie Du noch
zurück bist geh morgen sogleich und hole Dir das Buch aus Deiner Bibliothek«
    Der ältere der jungen Männer den wir Robert nennen wollen trat jetzt zum
Fürsten und sagte »Dem alten Fleackwout habe ich heute auf das Heiligste
versprechen müssen seinen Leichnam einst an den Galgen hängen zu lassen Ich
will nicht in die Erde  in die Luft hinauf in die Luft da wird mir wohl
werden und jener satte Überdruss jener Erdgeschmack wird sich endlich aus
meinem Gaumen verlieren Am liebsten meinte er ginge ich als todter Mensch mit
einem Luftballon einsam in die Lüfte hinauf und triebe dann zwischen Wolken und
Gestirnen von träumerischen Winden hin und her geschaukelt Jahrelang dort oben
herum«  »Eine sonderbare Idee« rief der Fürst »vollkommen dieses alten
wunderlichen Mannes würdig der seinen Spleen noch mit sich in ein anderes
Dasein nehmen will Ist er etwa wirklich gefährlich krank«  »O ganz und gar
nicht« erwiderte der Abt »ich habe ihn noch gestern gesprochen doch da ich
den alten Toren kenne hüte ich mich wohl ihn nach seiner Gesundheit zu
fragen vielmehr erkundige ich mich angelegentlich wann er sein Begräbnis zu
veranstalten gedenke« Dann lächelt er gewöhnlich still vor sich hin und ruft
sehr bestimmt »Das sollen Sie schon erfahren«  »Jene Worte des Alten« nahm
Robert das Wort »mahnen mich an einen finsteren eiskalten Traum den einst
meine junge Seele träumte Es war mir als erwachte ich in dem Stübchen wo ich
mit meinem Vater zusammen schlief Es war ein kalter Wintermorgen und ich
bemerkte wie der lange etwas dürre Mann gebückt am Schreibtische saß und
unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd einzelne Notizen in ein großes Buch
eintrug Jetzt schlug er dieses zu und der dumpfe Ton der dabei durchs Zimmer
ging füllte mich mit einem tiefen Grausen Mein Vater trat zur Wanduhr und ich
sah wie er die Gewichte vorsichtig abnahm und hörte die Worte Jetzt ist
endlich das Ende da alle Erscheinungen haben sich schon zu Millionenmalen
wiederholt die Welt ist reif zum Untergang die jüngste Stunde ist vor der
Tür Ich kann es nicht beschreiben wie diese ruhig hingesprochenen fast
tonlosen Worte mein Innerstes erschütterten ich krümmte mich auf meinem Lager
zusammen meine Glieder bebten Frost durchrieselte mein Gebein Also jetzt 
jetzt rief ich bei mir  jetzt ist die letzte Stunde da Als ich mich aufrichten
wollte bemerkte ich den Kirchendiener welcher die Schlüssel des Gotteshauses
abgab die mein Vater samt den abgelösten Gewichten tönend in eine Ecke des
Gemachs hinwarf Die Leute aus dem Dorfe kamen mit Laternen um in der
Finsternis des Morgens den Weg zur Kirche zu finden als die verschlossene Türe
sie nicht einließ schüttelten sie die Häupter und ich sah mit Entsetzen in
ihre blassen Gesichter Man brachte eine Leiche und mein Vater trat ans
Fenster und rief Stellt guten Leute Euren Toten nur hierher in mein
Vorzimmer es lohnt nicht ihn zu beerdigen denn bald werden doch alle Toten
auferstehn Die Knechte gingen und ich hörte wie der Sarg mit dumpfem Geräusch
im Vorzimmer hingestellt wurde Jetzt lehnte sich mein Vater weit zum Fenster
hinaus und schnitt mit einem langen blitzenden Messer die Sonne und den Mond
die blassrot am Horizont standen vom Himmel ab und zog sie wie alberne bunte
Bilder ins Zimmer hinein Ich erschrack bis zum Tode jetzt war das kleine
Licht welches in unsrer Stube brannte das einzige der weiten kalten dunkeln
Schöpfung ein mitternächtlicher Sturm wehte ins Zimmer und drohte es zu
verlöschen ich sah wie mein Vater heftig zitterte Er blickte mich starr an
und schien in Erwartung eines mächtigen Ereignisses dazustehn Jetzt verlöschte
ein Windstoß das Licht und in dem Augenblick hörte ich wie die Leiche im
Nebenzimmer in ihrem Sarge sich aufrichtete Der Schreck der mich befiel war
so mächtig dass ich erwachte und lange nicht zur Besinnung kommen konnte Wie
groß war mein Entzücken als ich die Sonne am Himmel stehen sah wie sie ihre
freundlichsten Strahlen zu mir aufs Lager sandte nie hat mich ihr Anblick so
erwärmt und beseligt«
    Die Freunde hörten diese Erzählung ruhig an und nur Eduard erwiderte »Was
mich betrifft so stelle ich mir einen Weltuntergang weit großartiger vor viel
lieber will ich mit einem zerplatzenden Feuerball in die Ewigkeit hineinfliegen
als an einem kalten Wintermorgen verkümmern«  »Sie haben Recht« nahm der Abt
das Wort »auch mir geht es so ist nun einmal unser armer Leib dazu ersehen an
jenem merkwürdigen Tage zu erfrieren oder zu verbrennen so will ich doch das
leztere gewählt haben Das Feuer ist an und für sich schon Leben und Poesie aus
einer tüchtigen Winterkälte kann ich aber trotz alles Grübelns und Deutens
keine nur einigermaßen dichterische Bedeutung herausfinden«  »Jeder muss auf
seine Weise untergehn können« rief Robert »so wie Jeder auf seine Weise in den
Himmel steigt ich will nun einmal auf keine andre Art abhanden kommen Mir ist
jenes Erstarren das finsterste Bild der Vernichtung alles alles schwindet 
jeder die Seele wärmende Gedanke flieht  das Meer des Lebens erstarrt langsam
bis es endlich in seinen Grundtiefen bezwungen da liegt Ich kann mir denken
dass in diesem fürchterlichen Zustande der Gedanke an eine durch Feuer erzeugte
Pein noch ein Labsal ist dass die Seele dürstet nach Verzweiflung ja dass die
kälteste Resignation für sie noch zu warm ist um sie zu fassen« 
»Abscheulich« rief der Herzog »und doch wahr Ist denn unsre Zeit mit ihren
Wirkungen etwas anders als ein langsames bis zum Herzen vorrückendes
Erstarren« Er warf sich auf einen Sessel und stützte sein Haupt auf die Rechte
Jokonde ging unruhig hin und her es war ihr unlieb dass das Gespräch eine
Wendung genommen hatte welche die heitre Stimmung des Geliebten mit welcher er
heute Abend erschienen war zu vernichten drohte Sie wurde noch unzufriedener
als Robert sich jetzt erhob um Abschied zu nehmen da eine kleine Reise die er
vorhabe sich nicht länger aufschieben lasse der Abt begleitete ihn »So
verlässt mich denn alles« rief der verstimmte Fürst »ich soll es lernen wie
elend und traurig es ist allein im Leben dazustehn« Jokonde schmiegte sich an
feine Brust sie hatte den jungen Eduard gebeten die Harfe zu ergreifen und ein
erheiterndes Liedchen vorzutragen Massiello war auch fortgeschlichen unter dem
Vorwand er wäre zu einer Leichenbestattung gebeten von der er unmöglich
ausbleiben könne So blieb der Herzog mit Jokonde und Eduard allein Eine lange
Pause herrschte der Fürst hatte sich am Kamin hingeworfen sein Blick verfolgte
die züngelnden Flammen Eduard lehnte an der Harfe auf welcher er wie im
Traume einzelne Akkorde anschlug auf einer Fussbank beim Herzog das Köpfchen
an seine Kniee gelehnt lag Jokonde Am Himmel stand der Mond und glänzte im
Fluge hinter flatternden Fetzen des zerrissenen Mantels der Nacht hervor der
Herbstwind warf die nackten Zweige des Baumes am Fenster an einander und zog in
hohlen Tönen im Kamine auf und ab »Das Leben ist so arm« rief der Herzog »und
doch vermag eine liebliche Schwärmerei es reich zu machen«  Eduard sang das
Lied vom König von Tule  »Ja ja« seufzte der Fürst »so möcht ich enden
Jokonde prüfe Dich Du gutes Mädchen könntest Du wohl eben so handeln wie
jene Buhle«  »Noch mehr noch mehr für Dich« rief sie und ihr Lockenkopf hob
sich die Züge ihres engelschönen Angesichts im Ausdruck der reinsten
Zärtlichkeit zu enthüllen Es lag auf ihrem Antlitz die sinnliche Andacht eines
Raphaelischen Engels der vor einer Heiligen kniet der Herzog zog sie entzückt
an sich sein Auge flammte und Eduards Lied jubelte in hellen Tönen auf »Du
mein Geliebter Du mein angebetener König« lächelte das liebliche Kind weiter
»Du schönster unter den Männern nicht wahr Du bezahlst doch morgen meine
Schulden Neun hundert Gulden mein Geliebter« Der Herzog nickte ihr zu wand
sich aber aus ihrer Umarmung plötzlich los schlug die Falten seines Mantels
schnell übers Gesicht stand auf und warf einen zornigen Blick Eduarden zu der
sein begeistertes Lied eben mit einigen schreiend albernen Noten abspringen
lies Beide verließen das Gemach und Jokonde blieb ohne Antwort verstimmt und
verwundert am Kamine stehen
    Draußen war eben der erste Schnee gefallen der Himmel hatte sich umzogen
und lag wie ein kaltes enges GefängnisGewölbe über der Erde nur von dem
matten trüben Mond wie von der zurückgelassenen Laterne des GafangenenWärters
erleuchtet Der Sturm hatte sich gelegt Die Straße wo die letzten Häuser
aufhörten und das weite öde Meer sich ausdehnte lag in Schnee und Nebel
gehüllt kein Luftzug rührte sich alles war tot und stille Da kam die Straße
daher ein einsamer Wagen mühsam von einem alten Gaul geschleppt der von den
dumpfen Tönen des Fuhrmanns von Zeit zu Zeit angespornt wurde hinten drein
gingen zwei Männer hängenden Hauptes in weite Mäntel geschlagen Auf dem
Wagen als er näher kam bemerkte man etwas erhöht einen kleinen Sarg mit
einer Kinderleiche Der Herzog und Eduard standen bei diesem Anblicke tief
ergriffen stille und bemühten sich den wunderlichen Zug aufzuhalten endlich
gelang es ihnen einem der schwarzen Begleiter Antwort abzugewinnen er schlug
den Mantel vom Antlitz und der Herzog erkannte den alten Fleackwout neben ihm
stand Massiello »He was treibt Ihr hier Leute« fragte der Fürst »was ist es
mit dem Kinde ist es etwa eines von deinen vielen Massiello die Du jetzt mit
dem ersten Schnee abzuschütteln gedenkst« Der Alte sah den Herzog mit einem
schmerzlichen fast weinerlichen Ernst an und sagte hohl »O ich bitte Euch 
nur jetzt keine Scherze nur jetzt nicht haltet mich auch nicht auf denn ich
trage jetzt meine Jugend zu Grabe und dieser treffliche Mann hier folgt mit mir
der schönen Leiche«  »Ja ja« rief Massiello »so ists lasst uns gehen damit
wir anlangen ehe der Kirchhofwächter die Tore seiner Stadt schließt und wir
keinen anständigen Gasthof zur Verwesung mehr offen finden« Der Herzog sah den
Alten starr an ein Schauer schien ihn zu durchfrösteln er sah in die neblichte
Nacht hinaus dann auf den stillen gespenstigen Zug und auf die blasse
Kinderleiche und stöhnte »Seine Jugend begräbt er Ja wohl ja wohl ist es
dann erst Zeit dass das ganze alberne Fastnachtsspiel des Lebens zu Ende gehe«
Eduard hatte sich indes an die Leiche gemacht und rief »O seht Prinz ein
Kinderkopf aus Wachs geformt mit weißen Tüchern sauber umwickelt und diese
Puppe lässt der Alte wahrhaftig als Leiche vor sich hin tragen«  »Lasst ihn
lasst ihn« gebot der Herzog leise und kurz Der Zug setzte sich wieder in
Bewegung und Massiello sang mit lauter kreischender Stimme ein Lied aus einer
Kinderfibel nach einer frommen Melodie so dass die Töne aus dem fallenden
Schneegestöber hervortönten als der Zug schon längst den Blicken entschwunden
war »So« rief der Herzog indem er in seinen Mantel geschlagen von einer
trüb leuchtenden Laterne beschienen einsam dastand »so trägt jeder am Ende
seine Jugend heim einmal im Leben muss dies trübselige Leichenfest vor sich
gehen Ach die süße göttliche Jugend Da hatte der seltsame Alte nun alle jene
traulichen Pfänder der Lust Bänder und Tücher der verstorbenen Geliebten seiner
Jugend dem Püppchen umgebunden mit dem zärtlichen Andenken jeder glücklichen
geschwundenen Stunde es umhangen und geht nun mit der kleinen Leiche hinaus
Auf dem Grabe das diese Schätze in sich aufnimmt sizt nun der arme alte
Mensch und legt den kalten versteinerten von Jugend und Liebe verlassenen
Körper als Leichenstein auf den Hügel« Der junge Eduard sah den großen schönen
Mann schweigend und betrübt an er wollte eben einige Worte des Trostes
vorbringen als jener mit einer leidenschaftlichen Bewegung seine Rechte auf die
Schulter des Jünglings stüzte und mit einem Tone des tiefsten Jammers ausrief
»Schenke mir Deine Jugend fülle diesen Busen mit Wärme und Du sollst über mich
gebieten« Eduard schmiegte sich an die edle Gestalt ein geheimnisvolles Bangen
erfasste sein ganzes Wesen es herrschte eine minutenlange Pause und langsam
fielen die Flocken auf die beiden finsteren Gestalten herab »Lassen Sie uns
gehen« rief der Herzog »die Nacht wird kalt«  Sie gingen um die Ecke und
verschwanden bald in der Finsternis 
    In die Malerstube des alten Hofmalers Gottold hatte seine Tochter Emilie
ihren Verlobten hinbeschieden weil der junge Eduard ihr zu wissen gegeben es
drücke seine Brust ein Geheimnis und zwar ein freudiges welches sein Mädchen
erfahren müsse Dem aufhorchenden schönen Kinde berichtete jetzt der durch die
Eile noch fast atemlose Jüngling sein sich immer fester knüpfendes Verhältnis
mit dem Herzog und dessen Freunden die Ereignisse des gestrigen Abends er
beschrieb das freundliche Wesen der fürstlichen Geliebten und ihre zarte
Beachtung jedes Fremden der sich ihrem Zirkel nähere zuletzt fragte er das zu
Boden sehende Mädchen um ihre Meinung »Was soll ich zu dem allen sagen«
entgegnete sie mit sanfter Stimme »Du hast es ja gewollt Dein Bestreben ging
ja immer dahin mit diesen höheren Ständen in Berührung zu treten jetzt hast Du
es«  »Freilich hab ich was ich wollte« rief der begeisterte Jüngling
»doch freue Dich mit mir das fehlt mir noch«  »Freuen« entgegnete das
besorgte Mädchen »die Zeit wird lehren ob ich dazu Ursache habe Ich bin nur
zufrieden Dich deinen dicken Folianten und der pressenden Kante deines
Schreibpults entzogen zu haben Mir kam es öfters vor als stählen jene kleinen
schwarzen Zeichen deren Du so viele täglich auf das blendende Papier maltest
allmählig das schöne leuchtende Rot auf deinen Lippen und Wangen«  »Wie
poetisch« rief der Jüngling »Nicht das« entgegnete unwillig das Mädchen »ich
will nichts Poetisches sagen etwas Wahres meine Empfindung habe ich Dir
ausdrücken wollen«  »Nun ja  und ist es nicht hübsch dass deine Empfindungen
poetisch sind«  Emilie sah ihn mit einem langen fragenden Blick in die Augen
dann sagte sie etwas leiser und stockend »Ich habe eine Furcht vor der heutigen
Poesie ich glaube dass deswegen die Leute so bleich und hohläugig  und wieder
auf der andern Seite so elend und jämmerlich herumlaufen weil sie so poetisch
sind Der Vater wird Dir meine eigentliche Meinung besser erklären ich muss
immer fürchten ausgelacht zu werden wenn meine ungelenke und unwissende Zunge
dergleichen Dinge berührt«  Eduard küsste seine errötende und schmerzlich
lächelnde Geliebte Indem trat der Vater herein und packte einige mitgebrachte
Bilder aus er wurde sogleich ins Interesse gezogen und um seine Meinung
rücksichtlich des Fürsten und seiner Freunde befragt Gottold schob seine
Brille auf die Stirne hinauf die von einem Rest des silberhellen Greisenhaares
spärlich bekleidet wurde und sagte zu dem am Fenster lehnenden Jüngling »Ich
denke Du kennst meine Ansicht rücksichtlich dieser Herren es sind Zeitbilder
elegante Herren Der eine schreibt bittersüsse Verse der andere bringt ganz
unerhörte Noten zusammen aus dem dritten dem Dicken bin ich noch nicht recht
klug geworden der berühmte Mann scheint in ihm noch nicht reif geworden zu
sein gleichsam noch in der Hülse zu stecken Sie sind alle aber sehr
unzufrieden nicht allein über ihren übel zugeschnittenen schwarzen Frack
sondern auch sogar über das Leben Vielleicht haben sie auch Recht prüfe
selbst mein Sohn Du hast zu deinem Wissen einen tüchtigen Grund gelegt die
Meinungen der alten Weisen und Dichter haben deinen Geist bilden helfen nun
richte den Blick ins Leben besuche die weltverbesserlichen Tees die
Diners wo die vornehme Zerknirschung der zahme Egoismus und die kalte
Resignation samt der Sinnlichkeit Tafel halten und sich bei den Gerüchen der
Schüsseln aus fremden Zonen betäuben Mir ist nach vielem Streit unerwartet und
wider mein Verdienst ein schöner Friede geschenkt worden«
    Als Eduard am Abend sich entfernte um am andern Morgen zum Herzog zu gehen
winkte ihm das blaue Auge seines Mädchens in die tiefe Fensternische hinein Sie
sprach nicht sie zwang sich zum Lächeln doch eine Träne fiel über dies
falsche Lachen hinweg Jetzt hatte sie Eduarden geschwind etwas umgehängt und in
den Rock gesteckt »Nicht jetzt gesehen« rief sie »nicht jetzt  erst auf der
Treppe wenn Du fort bist es ist ein kleines Geschenk und Du musst nicht über
mich lachen« Sie wandte sich weg ergriff das Licht und leuchtete ihm herab
Als er unten war trat er an eine Laterne zog die Gabe aus dem Busen und
erkannte ein kleines goldnes Kruzifix »Wie sie heimlich und beschämt ihren
Gott wegschenkt« dachte er mit Lächeln bei sich »damit er mir folge wohin ihr
Auge nicht folgen kann gibt sie ihn« 
    Zu der bevorstehenden Vermählung des Prinzen war nebst andern Gästen auch
der Graf Eberhard angelangt ein Mann den man fürchtete weil er im Rufe stand
geheime Verbindungen zu leiten Eduard sah ihn beim Herzog und den nächsten Tag
erfuhr auch seine Emilie die neue Bekanntschaft »Er hat die ganze Welt
umreist« erzählte der Jüngling »alles gesehen Auf den Trümmern von Athen hat
er melancholische Nächte einsam durchwacht vor den Königsgräbern zu Memphis hat
er fragend gestanden an die Katheder unsrer größten Philosophen hat er
zerschmetternde Teses angeschlagen in Schottlands Gebirgen hat er mit Ossians
Schatten verkehrt und ein zweiter Manfred hat er die Gipfel himmelstürmender
Alpen bestiegen um in grässlicher Einsamkeit dem nahen Himmel Fragen vorzulegen
die das Blut eines Geschaffenen starren machen«  »Halt ein« rief das
erschrockene Mädchen »was will der wahnsinnige Mensch bei uns was bei Dir« 
Eduard musste lächeln aber Emilie sah ihn bittend an »Sprich von etwas Anderm«
sagte sie rasch »wie erscheint Dir diese Jokonde wie benimmt sie sich wenn so
viele Herren sie umkreisen Man sagt mir sie soll schön und freundlich sein« 
»Das ist sie« erwiderte der Gefragte »sie kann wie ein Kind scherzen und
mutwillig lachen wie ein Kind schuldlos unbefangen die frischen Lippen öffnet
und die leuchtenden weißen Zähnchen enthüllt Ihre Kleidung ist glaub ich
immer nach der neuesten Mode und ein vielfach gewundener Schawl läuft ihr
manchmal durch beide Arme durch«  »Das ist nicht möglich« rief Emilie »von
einer so sonderbaren Mode steht nichts im Journal«  Eduard entzog sich
geschickt einem Examen dem er so wenig gewachsen war 
    Wieder schimmerten die zauberhaft erleuchteten Fenster des stillen
Fischerhäuschens in den Hof hinein wieder trieb Massiello gleich einem bunten
abenteuerlichen Kobold die Gruppen der Gäste durch einander mit der
geschwungenen Geissel seiner Laune Vor dem leuchtenden Teetisch aber saß die
Graziengestalt in den faltigen breiten Aermeln mit dem Köpfchen dessen
Goldgeringel diesesmal auf modische Weise in einen Apolloknoten geschürzt in
zwei Psycheflügel sich spaltete gegenüber stand der Graf Eberhard in einer eckig
halbzusammengebrochenen Stellung und redete in unheimlicher Tiefe mit dem
schönen Kinde über die Kerzen herüber Eduard konnte sein Auge nicht von der
Gestalt fortbewegen seine Seele war in der größten Spannung denn der Graf
hatte versprochen heute ein kleines Manuskript vorzulesen Als er jetzt die
Worte Italien Schweiz hörte riss er sich fast gewaltsam vom sprechenden Abt
los und trat an den Teetisch eben als der Erzähler langsam und mit zuckenden
Lippen die Worte sprach »Es geht mir nichts über die pikante Fäulnis Roms
dieses ewigen Juden unter den Städten diese Stadt die nicht sterben kann so
tief sie auch von der Last des menschlichen Elends gebeugt worden Die
Geschichte dieser armen Roma ist die Geschichte eines Menschen der an einen
Gott geglaubt hat und dem nun jede Stunde spottend zuruft du hast geirrt es
gibt keinen« Diese Worte fielen brennend in Eduards Seele er fuhr lebhaft auf
um etwas zu erwidern als Jokonde ihm eine Tasse Tee hinreichte und zum Grafen
sagte »Hier ist ein junger Mann der auch in Rom gewesen ist und dem so wie
mir die Makaronis vortrefflich geschmeckt haben« Der Graf warf einen kurzen
matten Blick auf den Jüngling und dieser hätte vor Verdruss weinen mögen dass
das dienstwillige Fräulein ihm so täppisch die Makaroni in den Mund schob Der
Herzog trug jetzt Stühle herbei und der Graf indem er ein paar Blätter aus dem
Busen zog sagte zu diesem
    »Eure Durchlaucht haben es Ihrer großen Gnade mit der Sie mich beehren
zuzuschreiben wenn diese Mitteilungen Sie etwa belästigen sollten Es sind
Bekenntnisse eines Freundes von dem ich nicht entscheiden will ob ich ihn für
glücklich oder unglücklich halte Das Lebensrätsel lässt viele Deutungen zu
Mein Freund war bestimmt ein Geistlicher zu werden und in diesem Aufsatz wird
sein Eintritt ins Klosterleben geschildert«  Eine Pause herrschte und der
Graf erhob seine Stimme indem er folgende Worte las
    »Alle menschliche Größe ist Lüge alles Hohe und Heilige ein läppischer
Selbstbetrug Die wilde Naturflamme der Sinnlichkeit bläst üppige farbige Kugeln
vor sich hin die wir Tugend Glauben Wahrheit nennen und die im nächsten
Augenblick zerplatzen Die Seele ist die Krankheit des Leibes die Lügnerin die
ihm einen Himmel vorspottet und ihn aus sich und seiner Bestimmung reißt diese
Bestimmung aber ist zu keimen zu wachsen tierisch hinzuträumen und wieder
spurlos zu vergehen jeder Glaube an ein anderes Ziel an einen andern Zweck ist
der lächerrlichste Betrug Ich bin frühe zur Wahrheit hindurchgedrungen und
meine Lippen tranken aus dem Giftbecher als sie noch jung waren   Mein Oheim
der die Wünsche der Eltern erfüllte brachte mich als siebzehnjährigen Knaben
ins Kloster der schwarzen Brüder Schauerlich finster lag dieses Asyl
menschlichen Elends zwischen Felsenwände eingeklemmt ragten die Türme des
alten Baues in die Luft und um dem Strahl des Lichts den letzten Zugang fast zu
rauben warf ein Kranz finstrer Buchen und Tannen von oben herab seinen
bläulichen kalten Schatten in den dämmernden Klosterhof Hier schlich ich mit
ängstlich fragenden Blicken herum wenn die schwarzen Gestalten der Brüder sich
an mir vorbeibewegten wenn ich ihre wankenden Schritte hörte mit welchen sie
in die Nacht der hohen von einem spärlichen Lämpchen erhellten Kreuzgänge
verschwanden hier sann ich den trüben Wundern nach die die Knie meiner Brüder
beugen machten Ein langer dürrer Mönch mit einem Gesichte wie eine kalte
Steintafel ging mir nach und hütete die Einsamkeit meiner kleinen Zelle Oft
wenn ich ihn um Mitternacht durch die Kirche aufrecht wie ein im Sarge
erkalteter Körper schreiten sah fiel der Schatten seines vorüber wandelnden
Leibes wie eine schwarze stille Gottesläugnung auf die Bilder der göttlichen
Helfer Er war nie aus der dunkeln Kellertiefe des Klosters an den warmen Mittag
oben hinaufgestiegen nie mochte er lächeln nie eine bunte Blume einen grünen
Baum sehen ein grauer Vorhang verhüllte auf immer die Aussicht seines kleinen
Zellenfensters Dieser Mann war es der mir seine nähere Aufmerksamkeit
schenkte er gab mir eines Tages ein Buch in welchem sich schöne Abbildungen
jener frommen Helden der Kirche befanden deren Geschichte meine junge Brust
entflammt hatte Wie selig war ich im Besitz eines solchen Schatzes Wenn die
mitternächtliche Glocke ihre einsamen Laute durch die Nacht tönen ließ wenn
alles im Kloster ruhte dann fand ich Mittel von meinem Lager mich zu erheben
dem Korridor entlang dem heiligen Muttergottesbilde vorbei leise schleichend
eine kleine versteckte Tür zu öffnen die mich in ein hochgelegenes
Turmstübchen leitete wo sich eine Bank und ein Tisch von Stein befand Hier
hörte ich nun die Bäume auf den Felsen dicht über mir rauschen hier konnte ich
den Himmel mit seinen Sternen sehen hier fuhr oft der Sturm der unten schwieg
mit tönendem Brausen durch die Gitterstäbe meines kleinen Fensters und drohte
das flackernde Lämpchen zu verlöschen welches vor mir auf der Steinplatte seine
unruhigen Lichter und Schatten warf Ach ich kann die Seligkeit den
herzzerreissenden Schmerz die ahnende Wonne die träumerische Begeisterung und
die trunkene Entzückung nicht beschreiben die in jenen wunderbaren Nächten mein
armes Knabenherz befiel Ich lag auf beide Hände gestützt das Buch auf meinen
Knieen die blonden Locken meines Hauptes drüber hin fliessend  stundenlang auf
den kalten Steinen und hing mit verzehrender Glut an den Bildern meines Buches
Der Gedanke ging endlich in mir auf dass auch ich ähnliche Wunder wirken könne
dass auch mein schwacher Körper die Glut des Himmlischen durchströmen und weihen
könne Nicht achtend auf die Vermessenheit solcher Gedanken flog meine jubelnde
Phantasie immer höher bald zweifelte ich nicht mehr an meinem hohen Beruf
konnte wohl Gott ein Herz das so brünstig sich ihm näherte verstoßen Ich
fasste die ganze Stärke meiner Seele niederstürzend lag ich im Staube vor ihm
und erbat unter strömenden Tränen ein Wunder Gleich dem heiligen Faustinus
wollte ich die Stäbe meines Fensters schütteln und sie wie Rohrstäbe brechen
Busse und Geisselung huben jetzt an und sollten jeden Funken der irdischen
Begehrlichkeit in mir ersticken In der Einsamkeit meiner Turmzelle floss mein
Blut unter Geisselstreichen und färbte den Steinboden kein Gebet keine Fürbitte
wurde verabsäumt Hunger und Nachtwachen hatten meine Glieder der Fülle der
Jugend entkleidet endlich glaubte ich reif zu sein für das mächtige Werk In
einer Nacht wo ein fürchterliches Wetter sich über unserem Kloster entladete
fasste ich im Wahnsinn jene Eisenstäbe raste in Entzükung und wandte alle Kraft
an sie zu brechen  sie brachen nicht  und ohnmächtig stürzte ich auf die
Steine des Bodens Als mich die Brüder oben fanden erhielt ich eine strenge
Züchtigung und mein geliebter Turm blieb mir auf immer verschlossen Wenige
Tage nach diesem Ereignis hatte ich den Mut aus den Klostermauern
hinauszuschleichen um in den nahen Forst mich zu verlieren Meine Seele die in
Betäubung lag dürstete nach Einsamkeit Rastlos forteilend geriet ich bald in
viele Waldpartien und kaum hatte ich ein finsteres Rasenplätzchen mir
ausersehen um mich mit meinem Wunderbuch dort niederzulassen als ein Geräusch
in meiner Nähe mich plötzlich emporschreckte Wer beschreibt mein Entsetzen als
ich dicht vor mir ein Ungeheuer erblickte welches den heisshungrigen Rachen
schon aufsperrte um meine zitternden Glieder zu verschlingen Tränen stürzten
aus meinen Augen in der Angst und Verwirrung stürzte ich auf meine Knie und
meine Arme hielten einem dunkeln Triebe folgend dem Wolfe die Blätter meines
aufgeschlagenen Wunderbuches entgegen Nicht so bald hatten die grünen
funkelnden Augen des Scheusals die geweihten Schriftzüge erschaut als die
fürchterliche Gestalt langsam zu weichen begann ich rutschte auf den Knien ihr
nach immer das Buch gerade vor mich hin haltend und o dreimal herrliches
Wunder das mörderische Tier heulte laut auf und entfloh furchtsam ins
Dickicht Ich blieb noch auf meinen Knien liegend ein heißer Strom der
Entzückung überstürzte mein Gebein meine Besinnung drohte zu schwinden und
mein umherschauender Blick glaubte Gesträuch und Bäume Himmel und Wolken in
einem überirdischen Glanze leuchten zu sehen Grüne züngelnde Flammen lösten
sich von den Spitzen der Bäume rote Lichter entsprangen dem Schoße der
Waldrosen Sonnenflocken träufelten von oben herab und diese bunten Lichter
vereinigten sich und flossen zu einer hellen Krone um die gelben Locken meines
Hauptes mein Gewand ward Licht  ich selbst war in einen Heiligen verwandelt
Mir war ein Wunder gelungen der Himmel hatte meine Gebete erhört schon sah ich
im Geiste eine gläubige Menge zu meinen Füßen knieen Als ich im Kloster wieder
ankam hatte Niemand meine Abwesenheit bemerkt dem blassen Bruder der mich
besuchte warf ich mich an den Hals mit der Glut meines jungen Busens erwärmte
ich seine eiskalte knöcherne Brust  mein göttliches Geheimnis ward das
seinige Er sagte nichts doch zuckte es um seine bleichen Lippen An einem
Nachmittage rief er mich zu sich in seine Zelle Ich zweifle nicht mein junger
Bruder sprach er an deine wundertätige Kraft doch treibt der Lügengeist mich
an dich zu versuchen komm überzeuge erleuchte mich Mit diesen Worten
brachte er den wilden Hund des Klosterhofes herbei und indem er das
wutschnaubende Untier an der Kette festhielt sagte er zu mir Nun mein
Bruder jetzt nimm dein Buch halte es gegen dieses Tier und wenn du anders
wahr geredet und an den Himmel glaubst so wird die Wut des Hundes nichts
gegen dich vermögen Du sagst es rief ich mit starker Stimme so wahr der
Glaube an des Himmels Kraft kein Spott ist so wahr wird mir der Hund nichts
Böses antun können Jetzt sank ich auf meine Kniee und entblätterte mein Buch 
in dem Augenblick entsprang das Tier seiner aufgeknüpften Kette und  o es ist
lächerlich  die Bögen meiner Schrift lagen zerrissen vor mir und ich fühlte
die jähen Schmerzen wie die grimmigen Zähne des Hundes sich tief in mein
Fleisch einbohrten Als ich am andern Tage aus meiner Ohnmacht erwachte lag ich
in meiner Zelle der bleiche Bruder stand neben mir und ich bemerkte im hellen
scharfen Strahl des Mondlichtes wie sich sein blasses Gesicht in einem
grinsenden tonlosen Lachen weit spaltete und sich dicht über mich beugend so
dass sein kalter Otem an meiner heißen Fieberwange erwarmte sagte er leicht und
immer fortlachend Albernes warmes Kind dein Fleisch hat dich betört es gibt
keinen Himmel Merkst du nun endlich dass es ein böser Geist ist der mit uns
spielt Ich hörte diese Worte nicht mehr mein Herz brach und in einem
Blutstrahl den ich ausspie schwanden mir die Sinne von neuem In einem
Fiebertraum der mich zwischen Tod und Leben schwebend erhielt sah ich den
blassen Bruder öfters wie er in der Kirche herumging und mit dem weiten Ärmel
seiner Kutte die Bilder der Heiligen auslöschte dann leuchtete er hin und auf
dem matten schwärzlichen Grund zeigten sich nun scheussliche ekelhafte Fratzen
die Menge aber kam und kniete andächtig nieder und sah die entsetzliche
Verwandlung nicht Schuldlos lächelnde Knabengesichter blühende Mädchenköpfe
blickten vom Chor hernieder vor dem Allerheiligsten stand jedoch der
fürchterliche Blasse und sang schamlos wahnsinnige Lieder in andächtigen Tönen
ab Eine dreimonatliche Krankheit hielt mich am Lager fest in den
fürchterlichsten Krämpfen drohten meine entzündeten Sinne unterzugehen als
endlich die aufstrebende Natur siegte die Krisis vorüberging lag ich auch
eine kalte Leiche da mit einem Herzen das nichts mehr bewundern nichts mehr
lieben konnte Mein Auge war entsiegelt was Tausende von Menschen in ihrer
Blindheit fesselte hatte auf mich seine Macht ewig verloren ich sah das
höhnende Gerippe durch die bunten Fratzen durch mit denen die schmeichelnden
Sinne der Wahnsinn und die Torheit es umkleiden Als ich genesen führte der
bleiche Bruder mich nun immer weiter auf die eisige Höhe der Erkenntnis ich sog
von seinen Lippen den schneidenden Spott die kalte Verachtung den schlafmüden
gähnenden Überdruss mit Begierde ein ich verachtete die schwachen Seelen
welche dem Wurme gleich sich krümmten unter den Tritten eines tyrannischen
Geschicks mich mochte sein plumper eiserner Fuß zertreten was lag daran wusste
ich doch dass ich dann auf ewig dem Nichts wieder dahingegeben war aus dem ich
wider meinen Willen zu Qualen hervorgerufen worden Ich konnte in meiner
Überzeugung mich nicht einmal zu dem Glauben eines Lehrers zwingen als
beherrsche den Menschen ein böses tückisches Wesen wie möchte ein solches
Freude daran haben mit einem Geschöpfe zu spielen das wie ein läppisches
Uhrwerk sich selbst überlassen zeitig genug an seiner eigenen Erbärmlichkeit
sich aufrieb und vernichtete Die Träne der glühendsten Andacht ist sie mehr
als das Werk eines durch Sinnlichkeit und Eitelkeit hervorgekitzelten Nervs ist
sie etwas edleres als das Lächeln auf der Lippe eines Wollusttrunkenen« 
    Der Graf hatte geendet und lag zusammengesunken da der Herzog träumte vor
sich hin Eduards Seele war ganz Leben und Bewegung er glaubte einen Blick in
das Innere des wunderbaren Mannes getan zu haben und seine Überzeugung war
dass der Graf seine eigene Geschichte vorgetragen habe er wollte ihn mit einer
Rede voll Glauben und Frühlingswärme ansprechen da richtete jener das Auge auf
ihn und jener matte Überdruss blickende Strahl fiel entkräftigend in seine
Seele Selbst Jokonde erschrack vor diesem Blicke und fragte schnell ob der
Graf nicht noch eine Tasse Tee befehle oder ob sie um die Gesellschaft zu
erheitern etwas spielen solle Der Graf nickte und der Herzog sprang auf um
einen dankenden Kuss auf die Stirne des schönen Mädchens zu drücken Massiello
nahm förmlich Abschied und führte zur Entschuldigung an wie er jetzt gerade ein
altes höchst seltsames Liebeslied dichten wolle welches in seiner ganzen
Lebendigkeit in ihm aufgegangen sei als der edle Graf von der absoluten
Tierheit so vortrefflich gesprochen und da wolle er zwei recht gesunde Leute
denen es gelungen war auch das letzte Restchen von Seele Tugend und
Unsterblichkeit wegzuschleudern in recht kräftiger Naturfreude zusammenführen
Der Herzog ließ ihn gehen und auch der Graf nahm Abschied Ein freudiges
Ereignis war dass jetzt die Tür sich öffnete und die beiden Flüchtlinge Robert
und der Abt hineintraten Man hörte nicht viel auf ihre Reiseberichte der
Herzog umarmte leidenschaftlich einen um den andern Jokonde brachte allerlei
Possen vor und endlich musste der Abt sich an das Pianoforte setzen um einen
seiner französischen Tänze zu spielen Er protestirte heftig indem er
behauptete dass sein Verlangen unter den Tanzenden eine Stelle einzunehmen
viel zu mächtig sei besonders wenn sein Glück es ihm gestatten wolle an der
Seite des schönen Fräuleins seine Geschicklichkeit zu zeigen Man kam seinen
Wünschen zuvor Eduard setzte sich zum Spiel und lächelnd folgte das reizende
Mädchen seinem alten Grazioso indes der Fürst und Robert sich
gegenüberstellten Jokonde machte jene leichten Sprünge die ihr durch ihre
natürliche Anmut immer das Entzücken der Zuschauer erwarben indes der Abt ihr
schief gegenüberhängend sich in künstlichen Tanzfiguren erschöpfte und endlich
damit endete mit einem bösartigen keuchenden Husten einzugestehen dass er sein
schönes Vorbild unmöglich erreichen könne Ein leises Gelächter wurde hörbar
als er abtrat und jetzt stellte sich der schöne Robert an seine Stelle Die
Musik floss wie mit Inbrunst in die reizenden Verschlingungen und hob auf
klingenden Wogen die schönen Tänzer wie im Triumph auf und nieder Der Herzog
glaubte zu bemerken dass Jokonde die dunklen Augen des jungen Engländers suchte
und hustete verstimmt Als man geendet hatte trat die Dienerin herein und
meldete es stehe im Vorzimmer ein kleiner verdrießlicher Mann mit einer spitzen
äußerst sauberen Nachtmütze er habe kurz und ungeduldig anbefohlen ihn zu
melden Die Gesellschaft trat neugierig zusammen die Türe ging auf und eine
seltsame Figur mit rückwärts flatterndem Schlafrock eilte herein bemächtigte
sich eines Stuhles bestieg ihn und sich leise räuspernd und bückend hub sie mit
feiner Stimme zu sprechen an »O meine Herrn wenn Sie wüssten wie krank ich
bin man beobachtet mich und hält meine arme kleine Person in einem
weitläuftigen Gebäude verschlossen so weit ist es mit der Despotie des Pöbels
gekommen sie sezt die Zeit selbst gefangen indem sie vorgibt mich zu
befreien Ach es ist etwas beklagenswertes um die Ehre der Gott der Zeit zu
sein Ja Madame lächeln Sie nicht ich bin die Zeit Eigentlich sollte ich Sie
verspeisen da Sie mein Kind sind aber diese Untugend habe ich mir schon längst
abgewöhnt Du lieber Gott meine Kinder heut zu Tage schmecken erbärmlich
schlecht es ist eine grenzenlos fade Speise die den besten Magen verdirbt 
freilich wäre ich jung  ach damals damals still still das ist der Wurm 
ganz im Geheim lieben Freunde ich bin alt sehr sehr alt Sehen sie dieses
altgermanische blonde Lockenhaar das unter meiner Mütze auf die Schulter
herabwallt es ist falsch und deckt meinen nackten Scheitel der sonst ganz
erbärmlich frieren würde der lederne Koller den mir Götz von Verlichingen
geliehen ist nicht genug die enge kalte Brust zu wärmen unter ihm trage ich
eine Jacke von Flanell die ich aber sorgfältig verstecke den Werterfrack
ziehe ich manchmal noch drüber ich liebe ihn weil er so stark nach Pulver und
Lebensüberdruss riecht Übrigens ist mein Gebein von der Studierlampe durch und
durch gedörrt mein Körper hat allerlei seltsame Einbeugungen und Auswüchse von
den Ecken und Kanten des Schreibtisches erhalten und die innern Teile sind vom
beständigen Nachtsitzen jämmerlich zusammengewachsen Ach Madame Madame oft
überfällt es mich wie der Tod in Tränen wenn ich daran denke wie ich einst im
alten Hellas als Jüngling ewige Hymnen absang zu den Füßen Aspasiens lag wie
ich als Knabe Alcibiades an den Lippen des Sokrates hing der so schön war weil
er so weise wie ich in ausgelassener sinnverwirrter Jugend den trunkenen
Bacchus auf meinen Schultern durch den jauchzenden Sturm der mitternächtlichen
Orgien führte O Himmel Himmel und wie ich später an der Tafel des Mäcenas das
beste Glas Wein in meinem Leben trank und der alte Flaccus mir zur Seite mit
lächelndem Munde im Gefühl eines üppigen Lebens die Reize ländlicher
Einsamkeit pries wie mir als Antonius die ägyptische Königin in afrikanischer
Liebesglut die Wange bleich küsste wie ich in stürmischer Jugendbrust als
Hannibal dem völkerwimmelnden Erdkreis Verderben schwur Und später  Freunde
Euer Auge wird feucht  Ihr ahnt wovon ich sprechen will  ach von der Zeit
meiner ersten Liebe Die stürmische Jugend war vorüber aus dem Orient vom
Grabe des Erlösers kam ich zurück in meinem schwarzen Auge lag die dunkle süße
Elegie der Liebe meine Wange war bleich der Tod Jesu hatte einen finsteren
Schatten auf die Welt geworfen Die üppige feurige Blume der Sinnlichkeit
schloss sich eine heilige ewige Mondnacht der Liebe ging über die Erde auf und
die Schatten gewaltiger ernster gotischer Türme fielen kalt auf die bunten
Marktplätze des Lebens Damals Madame damals liebte ich  hatte ein krankes
schwaches doch unendlich liebenswürdiges Mädchen entdeckt es war meine eigne
Seele Kennen Sie Madame dies seltsame Geschöpf Die wahre Liebe zu ihr ist
wie jede Liebe mit ewigen Schmerzen verbunden doch diese Schmerzen sind süß
Nun trachtete ich nicht mehr nach den Genüssen meiner raschen Jugend sondern
saß die stillen Nächte bei meiner Liebe sie in den Schlaf wiegend mit süßen
Liedern in den goldnen Gärten der Provence gingen wir tändelnd mit einander an
den Altären prangender Münster knieten wir mit einander in den Minnehöfen bei
den Sprüchen schöner Frauen ewiger Sänger wurde uns das Rätsel unsrer eignen
Glut klar und in dem Zusammenklang göttlicher Harmonien in den stürmischen
Gebeten glühender Andacht in Farben Tönen Frühlingsglanz und Todesgrauen
schlug der goldene Kelch unserer Liebesblume seine prangenden Blätter mit Gesang
auseinander und wankte von Sonnenglanz umträufelt in den ewigen Himmel
hinein  Ach Freunde vergebt eine Träne o meine Jugend meine Jugend
Seitdem Madame seitdem  es muss heraus  bin ich alt geworden die Geliebte
auch Wir heurateten uns und bewohnen jetzt verschiedene Seiten Wir arbeiten
jetzt tüchtig an unsrer Vervollkommnung  ach was habe ich für Schriften und
Schriftchen lesen müssen Bücher Bücher und immer Bücher dabei tönt mir oft in
der Nacht bei der Arbeit das alte sehnsüchtige Lied meiner Jugend in die Ohren
es ist entsetzlich mir wird dann so erbärmlich zu Mute wie einer armen
zergangenen Semmel in einer kaltgewordenen Kaffeetasse Oh oh ich klagte meine
Leiden einem Arzte der lächelte und sagte er wüsste schon lange dass die Zeit
krank sei er verbot mir das lange Nachtsitzen die antiken Versmasse und gebot
mir dagegen von den neuen Tagblättern täglich ein Dutzend zu mir zu nehmen
Meiner Frau gehts nicht besser bei der treiben die Philosophen und Frommen ihr
Wesen und sie fühlt sich auch täglich kränker und gibt in matter Leutseligkeit
alles zu was man von ihr verlangt Ja es ist Zeit Freunde es ist Zeit
Madame dass wir endlich alle schlafen gehen Gute Nacht«
    Die Gestalt stieg jetzt vom Stuhl und wollte entschlüpfen doch sie wurde im
Triumph wieder eingeholt Man hatte Massiello erkannt und als er jetzt seine
seltsame Kleidung näher vorwies lachte alles der Herzog am meisten Die gute
Stimmung schien vollkommen wieder hergestellt Jokonde allein hatte sich im
Sessel zurückgelehnt und spielte mit ihren Locken sie mochte nicht mitlachen
weil sie nicht begriff worin der Scherz bei der sonderbaren Rede lag doch war
sie am tollen Massiello dergleichen gewöhnt Sie wusste dass der Herzog ihn
liebte und nicht ohne seinen Humor wie er es nannte leben konnte Die
Klostergeschichte des Grafen sagte der Fürst lässt noch immer ihre Bitterkeit
spüren da müssen wir schon zu der Musik unsre Zuflucht nehmen um durchaus jede
Spur zu vertilgen Jokonde und der Abt traten ans Pianoforte und Massiello der
in den Notenblätter wühlte rief »Wenn wir Deutschen nur nicht alle Dinge so
ernstaft nähmen so besitzen wir auch keine durchaus fröhliche Musik Wir
kennen die kleinen seltsamen Geschöpfe wie sie da aufs Blatt gezeichnet sind
noch lange nicht von ihrer schalkhaften Seite wie es uns an einer Musik fehlt
die den geistreichen Konversationston nachahmt so ist uns auch jene fremd
welche im bacchantischen Strudel das ganze Füllhorn des Momus umstürzt und auf
der Tonleiter bis in die schallenden possenhaften Laute hinauffliegt Ich wollte
einmal alle Torheiten der Jugend in einem wunderlichen Liede zusammenfassen es
müsste ein höchst ergötzliches Lied werden die Musik dazu wäre ein anhaltendes
ausgelassenes Gelächter Ich glaube damit könnte ich alle Greise und alte
Mütterchen wieder jung machen«  »Ein sonderbarer Gedanke rief der Herzog
doch nicht ganz ohne Wahrheit warum bewegt uns ein herzlich Lachender immerdar
zum Mitlachen wenn wir auch die Ursache des Gelächters nicht kennen offenbar
ist es der Zauber jener hüpfenden rollenden schrillenden breitzerplatzenden
Töne die so mächtig auf uns wirken Unsere Musik entfernt sich zu sehr von der
Natur sie sollte mehr Naturlaute in sich aufnehmen und weniger Regel und
Kombination« 
    Robert Massiello und Eduard entfernten sich um eine Gesellschaft von
Freunden zu besuchen die in zwangloser Laune in einem bekannten Weinhause
zusammen zu kommen pflegten Jokonde und der Abt hatten vor den Notenblättern
Platz genommen nebenbei lag der Herzog im Armsessel und spiele mit den Ohren
des kleinen Bolognesers Die Musik hub im weichesten Moll an die Töne gingen
wie fromme Einsiedler ins Gebirge dann rauschte und lärmte es wilde
Gebirgswasser stürzten in den Weg plötzlich tönte das laute Gespräch der
Einsiedler dazwischen die sich eine alte verblichene aber großartige Sage
erzählten alles war dunkel und trübe endlich zerriss der Wolkenflor lachende
Passagen zogen in die Höhe und ganz oben im Diskant erklang eine alberne Posse
und frische Mädchenkörper schüttelten sich im anmutig kichernden Gelächter
dabei plötzlich trat im Bass ein alter wahnsinniger König auf und warf ganze
Händevoll schwarzer Tulpen und glühender Feuerlilien in den Kreis der Mädchen
sie flohen erschreckt auseinander und der alte Wahnsinnige begann mit Krone
und Zepter geziert einen unheimlich wankenden Tanz in den tiefsten Tönen so
dass sich der wehende traumartige Mantel Mal auf Mal in die benachbarten Gebüsche
verfing Allen wandelte ein Schauer und Entsetzen an und es war gut dass der Abt
die Sprünge des Alten schnell mit einem hellen Lichtakkord abschnitt der
plötzlich ernst lieblich in einen vollen mit andächtigen Menschen und singenden
Priestern angefüllten Morgengottesdienst im Schiffe einer kühnen gotischen
Kathedrale fiel und das Allerheiligste drinnen sanft beleuchtete Nun war alles
Friede und hohe Duldung sanfter Ernst und heilige Bedeutsamkeit Die tiefen
Brustseufzer der Orgel hörte man nur die menschliche Sünde tönen Engel wehten
mit azurnen Fittigen kühle Frühlingsluft der Vergebung der Busse herab in den
Beichtstühlen lagen auf den rotsammetnen Kissen schöner Mädchenlippen kostbare
Festungsschlüssel die die festesten Plätze dem Himmel offen gaben
    Der Herzog lächelte bei dieser Stelle sanft in sich hinein er legte sich
über als zöge er mit dem Munde die Töne in sich und seine Lippen samt dem
warmen wehenden Atem drängten sich an Jokondens Wange die davon befangen wurde
und stockte Als sich Jokonde zum Kuss neigte warf sich der Herzog lachend
zurück und das gekränkte Mädchen spielte mit zwei brennenden Zorn und
Schaamröten weiter indem ihre Hände wie in geknickten Blumen wühlten 
    Die Freunde hatten sich beim alten Fleakwout versammelt um in später Nacht
zu helfen und zu ratschlagen denn der Alte war durch die halbgelungene
Ausführung eines seltsamen Versuches dem Tode nahe gebracht worden Massiello
der gekommen war ihn zu besuchen hatte ihn in seinem Armstuhl ohnmächtig und
mit Blut bespritzt gefunden in der herabgesunkenen Rechten ein Pistol
eingeklemmt Die alte Haushälterin war durch einen Schuss herbeigerufen
erschreckt ins Zimmer gestürzt wo sie dann vor einer halben Stunde schon den
Herrn in dem bedaurungswerten Zustand entdeckte Ein Arzt den die Freunde
herbeigerufen erklärte jedoch die starke Verwundung am Haupte nicht für
tötlich es wurden sogleich Umschläge besorgt Arzneimittel eingerührt und als
der Kranke mit den Zeichen eines dumpfen Bewusstseins das Auge öffnete ward er
aufs Bett gebracht und der Ruhe überlassen indes der Doktor und die Freunde
sich in das abgeschlossene Seitenzimmer begaben um über den wunderlichen
Vorfall sich zu verständigen
    »Ich kenne den alten halb wahnsinnigen Freund« sagte der Doktor »so viel
derlei finstere Charaktere sich erkennen und durchschauen lassen und so habe
ich schon lange eine Ahnung gehegt er werde sein Leben nicht auf dem
natürlichen Wege beschließen Besonders hat mir das Pistolenstückchen wie er es
zu nennen pflegte immer wenn er davon sprach Grausen und Entsetzen eingejagt
Es liegt in dem Gedanken etwas ganz Fürchterliches den letzten Lebenreiz noch
in einem Spiel mit dem Tode zu finden«
    »Wie meinen Sie das« fragte Eduard »was ist es mit jenem
Pistolenstückchen«
    Der Arzt fuhr in seiner Rede fort »In einer zwanzigjährigen Bekanntschaft
bin ich oft Zeuge der finstersten und drohendsten Anfälle der Melancholie des
Alten gewesen So traf ich ihn eines Abends allein im Gemach eine kleine Lampe
brannte vor ihm sein bleiches Haupt war auf beide Arme gestützt und den vor
ihm liegenden Raum des Tisches nahm eine Pistole ein die er mit weitgeöffneten
starren Augen betrachtete Er bemerkte mein Eintreten nicht obgleich die Flamme
des Lämpchens im Zuge der geöffneten Türe aufloderte und mein Schattenbild
riesiggross an der gegenüberstehenden Wand hinauffuhr« Als ich nun dicht hinter
ihm stand vernahm ich mit Entsetzen wie er folgende Worte leise doch deutlich
vor sich hinsprach »Die Ladung ist drin aber auf der Pfanne kein Pulver 
richte ich nun den Lauf gegen meine Stirne und drücke los so erfolgt wohl kein
Schuss  doch  es kann sich ja fügen  ein Körnchen von der schwarzen grässlichen
Masse blieb irgendwo in einem Ritzchen des Schlosses hängen es springt ein
Funke hinzu  die Ladung entzündet sich und    O wie süß und lieblich 
wahrlich den Witz muss ich loben Welch ein Kitzel von Wollust liegt in der
kurzen unbedeutenden Frage Wird es zünden wirds nicht Wie süß und zärtlich
umarmt sich Tod und Leben in dem kurzen flüchtigen Zeitpunkt einer Sekunde O
der herrlichen Spannung des markdurchrieselnden Schauers Der gekrümmte Finger
klopft an die Pforten der Ewigkeit und horcht ob ein Herein ertöne oder
nicht«
    »Wahrhaft grässlich« rief Robert und rieb sich die Hände »ich hätte den
Alten doch nicht für so originell gehalten« Eduard fühlte diese Worte wie einen
Stich in seine warme Brust es stöhnte im Nebenzimmer und die Freunde stürzten
hin Der Alte war erwacht und hatte sich vollkommen auf seinem Lager
angerichtet Als er die bekannten Gesichter gemustert hatte sagte er
verdrießlich »Also noch immer die alte Ware nichts Neues nichts Besseres 
und da hat man mir etwas um den Kopf gebunden einen neuen Reif um das alte
baufällige Fass Gebt Acht Freunde der Wein der drinnen gährt ist so böser
Natur dass er die morsche Tonne wohl noch einmal ganz zersprengen wird« 
Massiello trat dem angeschossenen Silberhaupte nahe schob die greisen
ehrwürdigen Locken vom Ohr und rief leise hinein »Das war Selbstmord was Ihr
versucht habt Alter schämt Euch« »Warum« war die Antwort »ein Jeglicher hat
sein Steckenpferd ich zum Beispiel liebe nun den Selbstmord« »Alter Alter«
rief Robert »wenn Du gesund wirst so geh in die Kirche da wird man Dir gute
Sitten lehren«  »Kirche« entgegnete der Greis und sein zahnloser Mund
lachte »was ist das Trifft man da lustige Gesellen gute Unterhaltung Fast
muss ichs glauben Söhnchen da Du es mir anrätst Ja ja Freundchen lass uns
einmal um Mitternacht hingehen ich nehme das abgeschossene Stückchen Schädel
mit und wir spielen damit Fangball Freund Massiello lässt sich auf der Orgel
hören  Hu hu das schmerzt ordentlich ich glaube einige alte wunderliche
Gedanken haben schon etwas reden hören vom Einsturz des Leibes und wollen nur
gradeswegs in die Unsterblichkeit schlüpfen Zu früh zu früh  binden Sie
wieder fester liebster Doktor lassen Sie durchaus nichts von meiner
Persönlichkeit eschappiren«  Robert hatte sich auf das Bett gesetzt und sah
mit seinen großen schönen Augen dem Alten ins Gesicht »Ich könnte« sagte
dieser »jetzt als ein Sterbender denn hoffentlich bin ich doch ein solcher
recht viele schöne Worte zu Euch Freunde sprechen ja es wäre gar nicht
unmöglich dass ich sogar rührend würde und Euren ganz unwürdigen Wandel zu etwas
recht Würdigem umkehrte doch ich weiß schon Du Robert denkst nun schon
daran wie sich meine beschädigte Person in einem Trauerspiel ausnehmen würde
Ihr Poeten liebt die Sünde und ohne sie könntet Ihr nichts machen das
allereinfachste Schüsselchen würde unschmackhaft werden wenn der spanische
Pfeffer der Hölle fehlte suche nur von Zeit zu Zeit etwas weniger zu spielen
etwas schwächeren Punsch zu trinken etwas weniger Leute um ihren ehrlichen
Namen zu bringen und jährlich ein hundert Mädchen weniger zu verführen so
wächst Dir allmählich etwas Christentum an Es kann nicht schaden ich habe es
mit allen Dingen im Leben versucht und alle haben so lang sie neu sind etwas
Ergötzliches  doch Freunde das größte Elend der entsetzlichste Jammer dem
Ihr nicht entgeht mit allen Grübeleien des Verstandes  das ist die
Notwendigkeit alle Morgen euren Rock anzuziehen alle Abend ihn abzustreifen
O fürchterliches Elend Marter über Marter«  Er sank in seine Kissen zurück
und seine Lippen wurden bleich  »O Himmel« stammelte er »welche Seligkeit
da meldet sich etwas bei meiner Seele ein Gefühl das mir ganz neu ist ich
sage Euch ganz neu Etwas so Kaltes Lachendes Spitzes Sollte es vielleicht
der Tod sein  Nein o nein doch nicht es ist ein altes bekanntes Etwas ich
glaube es ist die Reue doch freilich tritt sie diesmal besonders kräftig auf
nun immerhin ich werde mich auch von ihr etwas durchkitzeln lassen«  Der Arzt
trat jetzt ans Lager und verbat das weitere Sprechen die Freunde entfernten
sich still ins Nebenzimmer und der Alte blieb allein indem man ihn von Zeit
zu Zeit murmeln und lachen hörte
    Massiello warf sich weinend an Eduards Brust »Lass uns umkehren schöner
reicher Knabe« rief er »umkehren zu der einfachen hölzernen läppischen
Jugend O über das Gift der heutigen Poesie und aller Poesie Der Alte hat
Recht Ein Menschenkind das seinen Gott liebt das einen Kalender hat wo der
Mond und die Sonne rot gemalt drin stehen und ein Weib das nach diesem
Kalender sieht wenn Butter geschlagen und Leinwand gebleicht werden soll ist
solch ein Kind nicht glücklich« Er trat an das Fenster und sang in die Nacht
hinaus Die Turmuhr schlug drei Uhr Morgens Der Abt hatte sich davongemacht
um den Morgenschlummer so wie den Morgenkaffee nicht zu versäumen Robert
sprach finster vor sich hin »Der arme Fürst seine Lage ist wahrhaft
schrecklich er liebt seine Braut nicht kann sie nicht lieben und sieht nun
ihrer Ankunft und der Verbindung die ihn ewig in Fesseln schlagen soll
stündlich entgegen Sein Herz mit allen Genüssen schon frühe überhäuft fühlt
eine kalte Leere die Flamme der Sinnlichkeit befriedigt und erwärmt es nicht
und diese Jokonde Himmel diese duftlose schöne Tulpe kann sie geben was sie
nicht hat  Er sucht einen Freund und geht herum mit bebendem Finger an jede
Brust klopfend die ihm verwandt scheint und auch hier findet er nicht was er
sucht Mit einem gewissen coquetten Stolz will er bei mir durchdringen und weiß
doch dass jede Pretension mich unleidlich bindet und zwingt  da zürnt er da
verzweifelt er und sinkt kraftlos in sich selbst zusammen doch so gehts dem
Geiste der sich nicht selbst zu genügen weiß«  Eduard fühlte sich so bitter
gestimmt dass er hierauf nichts erwidern wollte und konnte er entfernte sich
als er hörte dass der Kranke in einen ruhigen Schlaf verfallen sei und schlich
am Hause Emiliens vorbei ohne zu ihren Fenstern aufzublicken
    Der Herzog hatte mehrere Gäste zu seiner schönen Jokonde geladen
Baumeister Tapezierer und Maler waren in der Stille versammelt gewesen um das
kleine Fischerhäuschen in der einsamen Gasse mit einem neuen versteckten Anbau
zu versehen der der Bewohnerin verborgen blieb so sehr die Neugierde das
schöne Mädchen plagte zu erfahren was im Werke sei Robert Massiello Eduard
und der Herzog hatten gedichtet componirt gemalt und Pläne entworfen zu dem
Feste dessen eingentlicher Grund ein Erröten auf Jokondens Wangen lockte denn
es galt den Jahrestag oder eigentlich die Jahresnacht zu feiern wo der Herzog
das schöne Kind von der Hand der Verschwiegenheit und Liebe sich antrauen ließ
Er war damals als ein junger unbedeutender Mensch ins Haus ihrer Eltern
getreten ermüdet durch eine Fussreise in die Alpen und fast bis zum Tode
ermattet dazu ohne Geld und mit einem angenommenen Bauernnamen so dass Jokonde
dem armen Burschen seiner schönen Augen wegen einen dem Vater abgezwungenen
Kronentaler ins Ränzchen steckte und ihn heimlich fragte Wie heißt Er denn
mein Freund Da hatte der Fürst sich lächelnd umgewendet und im Styl eines
altgriechischen Göttermytos höchst pathetisch gerufen Lothar Erbprinz von 
Den Kronentaler hatte das hübsche Mädchen bald wieder und die Reise des armen
Burschen in das Gebirge war für sie eine Reise aufs Gebirge der Hoheit und des
Erdenglücks geworden Als der Herzog sich jene ersten Liebesmomente
vergegenwärtigte sah er seine Jokonde mit einem so innigen Blick an dass diese
vor der Fülle von Seele erschrack die in einer Männerbrust liegen kann sie
konnte nichts dagegen geben als die gewöhnliche Dekoration  Sonnenschein
blauer Himmel Lächeln rechts im Vorgrunde ein Grübchen der Soufleur ihres
kleinen Herzchens lispelte die alten verbrauchten Worte hinauf Der Herzog
führte seine geputzte Schöne durch den Kreis der Gäste in jene bis jetzt
verschlossenen Gemächer Strahlende Helle goss aus bunten Krystalltulpen und
weißen Lilien ihr Feuermeer in ein zierliches Zelt das von der Liebesgöttin
geordnet und hier und da mit einzelnen goldenen Pfeilen festgesteckt war Es
zeigte sich eine kleine Bühne und vor derselben saß Massiello mit zwei Musikern
und blies eine sonderbare Musik ab deren Komposition Lachen erregte aber
zugleich auch Verdruss und Ärger Jokonde freute sich kindisch sie war über
alle Beschreibung reizend ein Brautkleid von weißer Seide umspannte den süßen
Leib goldene Schnüre hielten unten einige volle Myrtenbouquets gefesselt in
ihren gelben weichen Locken lag ein Kranz dessen klares Diamantenband auf der
hohen weißen Stirne festschloss Sie blickte nun nach Robert doch er war nicht
da indem endigte die Musik und Massiello stieg mit einem langen Schritt auf
die Bühne hinauf deren Vorhang sich gehoben hatte
    Man erblickte eine zauberhelle prächtige Blumenlaube wie sie so seltsam
und herrlich nur aus der Phantasie aufblühen mag Aus dem Boden empor flammten
dunkle Feuerlilien in dichter Üppigkeit und bildeten gleichsam den Grund
hochgefärbte Rosenkelche schlossen sich an sie und immer heller und geläuterter
erschien die Glut bis sie in stets blasser werdende Rosen und endlich in weiße
Centifolien endete deren letzte Sprosse hinauf silberhelle Sternblumen und
weiße Frühlingsglocken bildeten Ein mächtiges Blumenaroma überströmte das
Gemach beim Aufrollen des Vorhangs Die Landschaft hinter der Laube zeigte ferne
Bläue eine einsame Pinie stützte sich wie in Gedanken verloren auf die
Schultern einer breiten Eiche ein Paradiesvogel zog schweren langsamen Flugs
fern und immer ferner in die Landschaft hinein Jetzt flog ein schöner
geflügelter Knabe auf die Bühne er trug eine Lyra im Arm und senkte sich wie
im jauchzenden Entzücken der Jugend tief in die roten Blumen und schwankenden
Rosenkelche hinein dann begann er ein wunderlich feuriges Lied das eine
abenteuerliche aber liebliche Sage behandelte es war die Geschichte der
Liebe  »Gott liebte einst liebte menschlich liebte ein Weib aber ein
Götterweib wie er ein Gott Ihr Lächeln schuf den ersten Frühlingskeim und nach
ihren Träumen bildete Gott die Blumen sie aber liebte einen Raum im flutenden
Meere der Schöpfung besonders und bat einst den Ewigen Schaffe mir hierher ein
Gestirn und schenke es mir hier muss es köstlich sein zu wohnen mild flammt das
Licht des nächsten Firsterns herüber und süß fließt der Strom der Lüfte dahin
Sie hatte den Wunsch kaum ausgesprochen als in dem Momente die neugeschasfene
Erde ihre Bahn dahinrollte  die kleine Erde und der höchste Geist sprach mit
Lächeln da ist sie nimm sie schasse sie zu einem Paradiese um sie sei dein
Brautgeschenk schalte mit ihr wie es deiner Laune gefällt Da sah die
Gottgeliebte auf die kleine Erde mit rührender Freundlichkeit nieder und dachte
über Pläne nach wie sie sie am zierlichsten schmücken solle Endlich schuf sie
ein sonderbares Wesen mit einem Barte einem krausen Lockenkopf und in der Brust
mit einem rotenklopfenden Herzen und ihm zur Seite nach ihrem eigenen Bilde
ein süßes kränkliches Püppchen voll Sehnsucht und Tränen und voll Lächeln und
Narrenspossen Diese Beiden sagte sie sollen sich nun gegenseitig freuen und
betrüben beides bis zum Tode es soll eines die Lippen des andern suchen und
nicht wissen was es tun will und so entstehe der erste Kuss sie sollen viel
tolles einfältiges Zeug sprechen und über die albernsten Dinge zusammen weinen
sie sollen in den Mond blicken und lachen und weinen und weinen und lachen
durcheinander Er soll fluchen und zürnen wenn sie geht sie aber soll tanzen
wenn er sich ärgerlich fortschleicht lachen wenn er weint innerlich aber
ersticken wollen an zurückgehaltenen Tränen und all der neckende Unmut das
weinende Entzücken der Liebe soll bei ihnen wohnen und Hütten bauen in ihren
Herzen  Sie sprach es und die ersten Menschenherzen fingen ihr unruhiges
Geklopfe an Ein schöner Garten war erbaut mit düstern heimlichen Gängen wie
der quälende Dämon der Liebe es verlangt und die Gottgeliebte freute sich der
Genüsse und Qualen ihrer lieben Puppen Aber ach sie selbst musste untergehen
ihre Natur war zu schön um ewig zu sein sie starb am Geruch einer Blume Als
sie nicht mehr war fand der höchste Gott kein Gefallen mehr an der Erde er
mochte den Schauplatz der ihn an sein verlorenes Glück mahnte nicht mehr
schauen einsam ließ er die arme Erde in die Nacht hinrollen und sie kam unter
den Pöbel der übrigen Gestirne Alljährig aber o Himmel welch Entzücken wirft
er einen Blick auf sie und ein seliges Liebeserinnern gießt sich dann über sie
aus Dann sagen wir Menschen der Frühling ist da und freuen uns innig der hohe
Gottestraum der Liebe geht in den Blicken unserer Knaben und Mädchen in unsern
Blumen und klaren Brunnen auf« 
    Er schwieg und Massiello hob den schönen Pagen mit einem Kuss aus dem
Blumenbecken und trocknete ihm die Tränen von den vollen roten Wangen und
sprach »Tröste Dich mein Enzio wenn jene Frühlinge und Götterträume immer
kürzer werden so haben wir jetzt so viel Erziehung und Bildung dass wir das gar
nicht bemerken ja man kann bei einem wärmenden Schlückchen Magentee bei einem
Stümpfchen Licht und bei der Abendzeitung auf die alleranständigste Weise aller
Frühlinge entbehren Ist man nun auch so glücklich dass man von einem soliden
Frauenzimmer ein Paar grauer wollener Strümpfe zum Winter erhält dazu sich die
Füße und den Kopf warm hält so kann ein Billigdenkender die übertriebenen
Anstrengungen der Sonne und all das farbige Gras ganz entbehren« Er sprach die
letzten Worte mit fast kreischender Stimme indem er den weinenden Knaben an
sich drückte und wenig fehlte dass er nicht selbst in Tränen ausbrach Jokonde
lachte weil sie glaubte der Herzog wünsche das als dieser aber ihr sehr ernst
in die Augen sah wusste sie nicht was sie denken und tun sollte
    Der Vorhang rauschte jetzt von Neuem auf Die Bühne hatte sich gänzlich
verändert sie stellte eine dunkle Höhle vor in tiefer Nacht Eine düstere
niedergebrannte Ampel erhellte phantastisch die dicken Steinwände dunkles
Gebüsch dessen Enden vom Lichte smaragdgrün anliefen wehte im Nachtwinde Zwei
rohe aber schöne Buben saßen an einem Steintisch und würfelten ein schlankes
volles Mädchen lehnte zwischen beiden und ihr Antlitz besonders zwei große
schwarze Augen sogen das Licht ein und starrten in glänzender Pracht Es gab
einen warmen Streit jeder der Buben wollte die volle Schöne für sich sie
redeten heftig und das Mädchen trat mit einem lustigen Vorschlag hervor »Nun
Ihr Gesellen so will ich mich teilen wenn Ihr anders Frieden halten wollt
bis hierher  sie zeigte auf den goldenen Gürtel  gehöre ich mit dem oberen
Teil mit Mund Kuss und Rede dem Einen mit dem übrigen muss der Andere
zufrieden sein Nun würfelt« »Guten Dank« rief der Schwarze »ich soll also
die Füße erhalten die zu nichts weiter dienen als zum Davonlaufen« Sie
würfelten und der Blonde erhielt den Oberleib der Schwarze lachte dass der
volle Lockenkopf schüttelte und die dunkeln sinnlichen Augen blitzten im
höchsten Feuer das sonderbare Mädchen aber lehnte sich mit verschränkten Armen
zurück und sah gedankenvoll vor sich hin »Nun gut« rief der Blonde und
strich sich die goldenen Locken aus der hellen Stirne »ich bin zufrieden ich
will von Küssen Seufzern holden Blicken und süßen Träumen leben meine Seele
soll im Gesang aufblühen und diese Blüte soll Liebe heißen von der heißen
reifen Frucht der Sinnlichkeit will ich nichts wissen« Der Schwarze lachte aber
noch wilder und leerte einen hohen Becher mit Wein indem er die Schöne zu sich
auf den Schoss zog  sie aber blickte mit sehnsüchtigen Augen hinüber zum
Blonden und der hatte eine Zither hervorgeholt auf der er weiche rührende
Lieder sang die sich draußen mit dem stillen Lispeln der Gebüsche mit dem
ruhigen Walten der Mitternacht mischten
    »Das ist die Liebe im Mittelalter« erklärte der Herzog zu seiner Nachbarin
gewendet »so teilen sich in dieser wunderbaren Zeit Sinnlichkeit und Andacht
in ihre Flammen und die Feuerrosen der Poesie blühen mit den reinen Lilien
edler Sitte gepaart« Als sich die Szene von Neuem gestaltete saß Massiello im
Schlafpelz mit dem Almanach der Liebe und Freundschaft vor dem Ofen An den
Wänden hingen in sauberen Stahlstichen zwölf politische Küpferchen den übel
abgelaufenen Freiheitskampf der Griechen Polen und noch etlicher unterdrückter
Völker und Völkchen darstellend mit unterschriebenen liberalen Phrasen um
Feuer zu wecken verziert Die Büsten des Temistokles und Brutus lagen
zertrümmert auf dem Boden Ein altes Ritterschwert diente zur Kamingabel und
auf einem Schilde wurden Kastanien mit etwas Butter gebraten In einer kleinen
Bibliothek sah man die Memoiren des Kasanova und ein paar frivole Kupferwerke
hervorleuchten Es wurde nichts gesprochen sondern leise aber immerwährend
gegähnt zwischendurch hörte man den Mops schnarchen Der Vorhang fiel schnell
und verbreitete durch sein Niederschiessen einen kalten Luftzug über das
Parterre Der Fürst erhob sich und die alberne Musik ging wieder an Eduard und
der Abt schlichen verstimmt herum der Graf ließ sich nicht blicken der Herzog
lag mit Jokonden in den Polstern einer Fensternische Mit Unmut sprang er auf
als ein Kammerjunker vom Hof sich melden ließ er wechselte mit diesem einige
Worte und kehrte dann höchst verdrießlich zu seinem Platz zurück Es verbreitete
sich augenblicklich das Gerücht die Prinzessin Braut sei nur wenige Stunden von
der Residenz entfernt und wünsche und erwarte ihren hohen Geliebten zu sehen
Über Jokondens Antlitz zuckte es wie ein Schmerz sie hing in einem langen
Kusse an der Lippe ihres Freundes dann sank sie in die Polster zurück und die
Wellen ihrer Atlasrobe rauschten über sie zusammen 
    Der Herzog ging die Gäste zerstreuten sich und Eduard stand unschlüssig in
seinen Mantel gehüllt vor der Türe der Hütte Der Sturm wehte die Wolken
flogen auf der Himmelsbühne wie wimmernde Schatten durcheinander ziemlich hoher
Schnee lag auf den niederen Dächern wie auf der Gasse hier und da leuchtete ein
dünnes Lichtlein an dem ein altes Fischerweib die schadhaft gewordenen Netze
besserte Jetzt näherten sich zwei Männergestalten dem Hause ohne Eduard zu
bemerken »Er ist fort« rief eine Stimme die Roberten angehörte »kommen Sie
er darf er wird heute nicht wiederkehren« Eduard trat hervor und Robert eilte
auf ihn zu »Bist Du es Schön komme mit uns Du Jugendlicher ich will Dich
mit einem hübschen Menschen bekannt machen komm das Wetter ist kalt wir
trinken ein Glas Punsch« Eduard folgte und bemerkte jetzt dass ein bildschöner
erhitzter Jüngling in einen engen Überrock geknüpft mit ihm zur Türe sich
eindrängte Ein heißer Atem berührte seine Wange und ein offener Mund mit zwei
vollen Lippen kam ihm so nahe dass eine elektrische Bewegung ihn durchzuckte Es
ist ein Mädchen rief es in ihm das mystische Geheimnis der Form die im
Gedränge und in der Hitze seine Hüften berührte jagte sein Blut in Bewegung
Als der Fremde eingetreten war nahm er den Hut von einem schwarzen Lockenkopf
und blieb verlegen und befangen an der Türe stehen Jokonde begrüßte Robert mit
einem Freudenruf und im Entzücken duldete sie seinen Kuss auf ihren weichen
Oberarm Der Abt und Massiello betrachteten den vollen Jüngling an der Türe
durch ihre Gläser und winkten sich einander zu der schöne Page Enzio ordnete
mit Jokondens Mädchen den Tisch und beide schütteten wie übermütige
Frühlingsgötter den ganzen Raum voll Früchte Blumen und Zuckerwerk
zwischendurch schwankte das schwere goldne und purpurne Nass der köstlichsten
Weine in Krystallvasen Jetzt riss Robert den Fremden rasch zu sich nieder auf
den Teppich und beide knieten vor Jokonden die erstaunt und fast kindisch
verlegen aufsah »Glänzende Leere liebenswürdige Unbedeutenheit« rief Robert
zu ihr hinauf »erlaube dass ich Dir hier meinen Freund vorstelle oder wie Du
willst eine Freundin oder noch besser einen geschlechtslosen Engel der nicht
freit und sich nicht freien lässt mit Einem Worte die Gräfin Eva Sie hat in
Göttingen studiert in Bonn sich geschlagen in London wettgerannt in Spanien
gebetet für die Polen Charpie gezupft und in Rom einen dicken Abbate in die
Tiber gestürzt sie ist eine Katolikin und man sagt sie werde den Papst
heiraten und im zweispännigen Wienerwagen gen Himmel fahren«
    Jokonde empfing das wunderliche Mädchen in ihren Armen und Massiello machte
seitwärts die Bemerkung dass wenn ein Weib das andere umarme eine gewisse
diplomatische Feinheit und Kälte herrsche die auch die täuschendste Maske der
Leidenschaft durchbreche indes wenn Mann dem Manne an die Brust falle eine
trockene unendlich biedere langweilige Ehrlichkeit sich zeige und ein
Männerkuss gleichsam eine Travestie des wahren männlichweiblichen  gleichsam
nur ein fruchtloses LippenhautRauschen und künstliches Zungenschnalzen oft nur
ein mühsames Erwärmen der kaltgewordenen Wangen und Lippen sei  Die Gräfin
sprang vor den Spiegel und ordnete ihre Halsbinde sie warf den Überrock weg
und stand in einer kleinen engen HusarenJacke da die sie mit verliebter
kindischzärtlicher Hast zu verdecken strebte und noch lange mit dem Überrock
spielte ehe er ihr ganz entfiel und sie in der Nacktheit der enganschliessenden
Bubenkleidung dastand Enzio stand von fern und ein errötendes Erstaunen lief
seine vollen Wangen hinauf bis zur Stirne Massiello neigte sich andächtig die
Hände faltend und rief halb singend »O du Adam Eva und Schlange zugleich«
Der Abt schlug vor sich auf die Polster um den Tisch niederzulassen um doch
endlich Ruhe und Elegie in die bunte Posse zu bringen »Ihr werdet sonst
nimmermehr bekannt und der schöne Wein verduftet« Die beiden Mädchen ließ
sich auf den Divan nieder und Romeo so wollte die Gräfin während ihres Exils
ins Männerreich heißen umschloss mit kecker Umarmung die lachende
frischerrötende Jokonde Robert warf beiden eine Handvoll buntes Zuckerwerk in
den Schoss »Schön« rief Romeo »der Einfall ist trefflich diese ganz gemeinen
und wohlbekannten Dinge will ich mir von Neuem erklären lassen doch wer falsch
oder langweilig erklärt hört es Unsterbliche der verfällt in Strafe Da was
ist das« Sie hielt ein Zettelchen empor auf dem ein Pärchen gemalt war
welches sich vor dem Priester die Hände gab Der Abt ergriff es und rief »O
das sind Eheleute« »Was sind aber Eheleute törichter Vater« riefen beide
Mädchen »Ach« sagte der Abt »es sind zwei Geschöpfe denen in Gastäusern
immer nur Ein Bett angewiesen wird die gemeinschaftlich eine Quarantaine der
Treue aushalten müssen und die alle Dinge mit einander teilen ausgenommen das
Herz und den  Sarg« »Gut trefflich« rief Romeo »Ihr fallt nie aus Eurer
Rolle teurer Vater Was ist dies« fragte sie weiter Eduarden indem sie aus
Jokondens Schoss einen Zettel aushob der mit zwei umgestürzten Altären die
Unterschrift verband »Unglückliche« »Unglückliche« rief Eduard stockend und
warf einen glühenden Blick auf das reizende Knabenmädchen »Unglückliche sind
solche die wenn man ihnen Mandeln anbietet immer die bitteren herausfinden
denen das Butterbrod stets auf die rechte Seite fällt und die wenn sie einmal
an ihren Tränen ersticken auf dem Kirchhof im ärmlichsten dunkelsten Winkel
begraben werden« »O schön« triumphirten Robert und Massiello »das war in
unserem Styl gesprochen« »Nur still die Reibe kommt an Eure Hoheit« lachte
Romeo und wühlte unter dem Tuche sie zog eine Rose hervor und hielt sie dem
Komponisten hin Er erschrack »Erbarmen was lässt sich Neues hier sagen« Dann
zuckte aber ein schwindender Glanz über sein Antlitz und er lispelte vor sich
hin »Rosen sind Blumen mit sechs Staubfäden die schönsten findet man auf
Wangen von Mädchen die zum erstenmal gestehen dass sie aus einfachen Blumen
gern in doppelte oder gefüllte verwandelt sein möchten« Eine Stille herrschte
alle Wangen erröteten ausgenommen die Enzios und des Abts erstere weil sie
noch zu jung und zart letztere weil sie schon zu gelb und dickhäutig geworden
Die Gräfin warf die Blume fast zürnend dem Musiker hin und glitt schnell zu
einer neuen Frage sie wandte sich an Robert doch der entriss ihr mit einer
geschickten Wendung das Tuch mit den Devisen und streute sie bunt auf den Tisch
aus als Romeo zürnte küsste er ihr mit leidenschaftlichem Entzücken die Hand
»Sie eingehen uns nicht« rief Jokonde dazwischen »Massiello und Robert sind in
Strafe verfallen ersterer weil er zu viel letzterer weil er zu wenig gesagt
beide müssen uns etwas erzählen oder dichten oder beides zusammen wie Ihr
wollt« Sie war aufgesprungen und Enzio brachte ihr ein Glas Wasser sie standen
im Augenblick nebeneinander »Himmel« rief Massiello »welch ein himmlisches
Ebenmaass bei beiden und doch welche Verschiedenheit  Stehen Sie gräfliches
Mädchen und Du Enzio halte Dich gerade neben ihr nicht auf die Zehe erhoben
den Kopf in die Höh  knöpfe deine Jacke fester wahrlich Ihr könntet Brüder
sein oder Schwestern so lieblich variirt die Natur in den lüsternsten
süßesten Linien dasselbe Thema nur das kernige Dur der Rückenlinie bei ihm
gegen den MollWellenschlag der reizendsten Form dort dennoch aber beide
ineinanderspielend weiblich sehnsüchtig bei dem Buben knabenhaft trotzig bei
ihr Sein großes blaues Auge sucht durch den Nebel das Rätsel der Form zu
ergründen es ahnt Geheimnis auf Geheimnis und schrickt immer wieder zurück
sie zu enthüllen indes die jungfräuliche Psyche den blinden tappenden Amor gern
mit einemmal ans Ziel führen möchte um sich mit einem Triumphlächeln an seinem
Entzücken zu laben« Enzio errötete und richtete seinen Blick verstohlen aber
mit Glut auf Romeo als ihm dieser die Hand reichte drückte er seine Wangen so
heftig darauf dass die blonden glänzenden Locken über sein Antlitz
niederstürzten und es einhüllten Als er wieder aufblickte füllten Tränen sein
Auge Massiello schloss ihn in seine Arme und wünschte dem Gesunden heimlich
Glück zu seinem aufdämmernden Liebesmorgen Robert und Jokonde winkten und
riefen schon lange der erstere wollte etwas erzählen und hub jetzt an
    »Ich wohnte in Rom in einer Villa bei einem ehrlichen Pächter aus der
Kampagna Der Sommer war heiß doch vor meinem Fenster das ein dichtes
Laubgewebe umspann und wo mein Arbeitstisch stand war es kühl und wenn ich
dichtete pflegten die Blumen stärker zu duften Meine Stube war klein ein
Bett ein Tisch auf dem ein Kruzifix stand und eine Kopie der Schule von Athen
an der Wand  dies war alles über der Türe hing meine Flinte und auf einem
Schränkchen stand eine BronceBüste Byrons Mein Wirt war aus Albano und seine
Tochter Lucia in der Tat ein schönes Mädchen ihr Antlitz ihr Hals umspann
jenes süße geheimnisvolle Blassgelb das die ilalienischen Mädchen der Nacht
ähnlicher macht als dem Tage nur ihre Lippen waren vom lebhaftesten Rot die
Augen schwarz die Wimper lang Die Haare trug sie mit einem Knoten
hinaufgezogen so dass der Kontour des kleinen Ohres sich klar darstellte Nie
sah ich sie lächeln wenig sprechen ihr Gang war langsam aber fest männlich
fest Sie kam öfters in meine Stube und wir redeten mit einander von den
Heiligen und Märtyrern als ich aber einmal von Liebe sprach und ihre runde
Schulter küsste blieb sie weg und schickte ihren kleinen Bruder wenn ich etwas
nötig hatte Wo ist Lucia fragte ich diesen eines Morgens warum kommt sie
nicht hat der Vater es ihr verboten Nein sagte Matteo der Vater verbietet
der Lucia nichts  Warum kommt sie nicht  Weiß nicht Signor  Liebt deine
Schwester  Ja mich und den Vater  Sonst Niemand  Und die Heiligen 
Sonst Keinen  Nein  Hat sie einen Bräutigam Matteo sah mich mit großen
offenen Augen an und sagte Ich glaube es nicht die heilige Mutter zu St Marco
weiß am besten wenn die Mädchen sich einen Buben ins Herz schließen Lucia ist
noch nie in St Marco gewesen  Er ging und ließ mich allein Ein Unmut befiel
mein Herz ich war zu stolz um mir zu gestehen dass ich Lucia liebe und doch
kränkte mich ihre übermütige Kälte ich suchte sie zu vergessen allein in
meinen Liedern lebte das braune wunderliche Mädchen wieder auf Freunde aus Rom
kamen ich gab mich ihnen hin sie sollten mich zerstreuen doch auch sie
sprachen von Lucia und ihrer Schönheit Jetzt schloss ich mich ein und wählte die
Sehnsucht zu meiner Gesellschafterin Schlaflos brachte ich die kurzen
italienischen Nächte auf dem Lager zu ach es stieß dicht an Lucias Bette nur
durch eine Wand geschieden Ich schrieb Briefe schenkte Heiligenbilder und gab
Matteo mündliche Aufträge die er richtig besorgte Lucia nahm nichts
beantwortete nichts sie tat als wenn ich nicht auf der Welt wäre Ich
durchlief alle Künste der wagenden Liebespolitik ich erprobte sie alle und sah
jeden Pfeil abgleiten machtlos zu Boden sinken Wahrlich Lucia ist kein
Mädchen hinter diesen braungelben Wangen fließt kein Blut sie ist dem
Belvedere entsprungen ein kalter griechischer marmorner Traum eine lebendig
gewordene Demeter die ihre herbe Keuschheit unter den üppigen Leib einer
achtzehnjährigen Albaneserin verbirgt  Auf seiner Wanderung ins Gebirgskloster
von St Geovanni pflegte ein korpulenter Barfüssler mich zu besuchen ein
Fallstaff unter den Mönchen eine Figur voll Wunderlaune und behaglicher
Unwissenheit An seinem stämmigen roten Halse hing ein grotesker Rosenkranz und
an diesem zahllose Bündelchen Abbildungen heiliger Leute und ihrer Geschichten
Fra Bartolo handelte mit diesen und hatte mir mit heiserer erstickter Stimme
alle jene schaurigen Legenden erzählt welche Lucia aus meinem Munde wieder
erfuhr Jetzt kam er ließ sich keuchend nieder und auf seine Fragen musste ich
ihm nun begreiflich machen dass ich verliebt sei Er sah mich an zog ein sehr
ernstes Gesicht brachte die Augenbraunen dem struppigen Haarkranze fast nahe
schlüpfte mit dem Kinn in die Kutte hinein hob sich dann langsam und
gravitätisch so weit es der rote dicke Hals erlaubte und sagte  nichts Wir
saßen lange Zeit stumm bei einander und tranken eine Flasche Orvieto leer dann
ging er ins Gebirge indem er versprach nach zwei Tagen wieder zu kommen um
mir seinen Rat zu erteilen Er kam auch wirklich und sein Rat war eben so neu
als seltsam Don Roberto sagte er geht auf euer Lager stellt euch an als
wäret ihr krank lasset der Lucia sagen die heilige Teresia sei euch im Traume
erschienen und habe euch angedeutet dass euer Tod nahe sei wenn ihr nicht drei
Oliven auf einer Schaale von der Hand der Signora Lucia erhieltet Bruder
Bartolo rief ich ihr habt die Absicht ein lustiger Vogel zu werden so sagt
denn wozu sollen mir die drei Oliven nützen Bartolo lächelte in den Bart Die
nicht rief er die nützen dir nichts Söhnchen sie sind nur da um Lucien zu
bewegen dich zu sehen Bedenke nun aber welchen Eindruck das auf ihr Herz
machen wird wenn sie dich den sie bis jetzt stark und vielleicht nur zu
übermütig gesehen hat nun schwach und ihrer Hilfe bedürftig erblickt o
Bruder Bartolo kennt auch das Herz der Weiber Er suchte jetzt in seinem
Bettelsack und zog ein Büchelchen hervor das er aufschlug und mir hinhielt Es
war das alte Testament und die bezeichnete Stelle beschrieb die List die Amnon
der Sohn Davids ausübte um seine Stiefschwester Tamar zu gewinnen Ich
umarmte meinen dicken Freund nicht wahr rief er mit schalkhaft blinzelnden
Augen zu mir hinauf nicht wahr Söhnchen du bist eben so schön und listig als
Amnon und Lucia ist ein Mädchen wie Tamar Er holte drei Feigen hervor und
sagte soviel Dublonen gibst du deinem guten Bruder wenn er wahr geredet Er
ging und ich brachte eine unruhige Nacht zu in der ich die heilige Teresia zu
erblicken glaubte wie sie ihre Hand auf meine heiße Stirne legte so dass
augenblicklich ein böses Fieber in mir aufkochte Ich sah mich im Geiste
todtkrank auf dem Lager die Türe öffnete sich und Lucia schwankte hinein die
Sonne brannte hinter den niedergelassenen Vorhängen eine dumpfe heiße
sehnsüchtig süße Stille herrschte im Gemach Das erschreckte Mädchen zitterte
vor der Glut die meine halbgeöffneten fieberheissen Lippen atmeten ihr Blick
schamhast gesenkt verirrte sich auf eine entblöste Schulter die ein warmer
Pulsschlag mit einem erhitzen durchsichtigen Rot färbte kaum vermag es ihre
Hand mir die Oliven zu reichen ihr Arm bebt ich komme ihr zu Hilfe und meine
Berührung jagt die wahnsinnige Glut des Fiebers auch in ihre Adern Sie sieht
mir ins Auge und die rührendste Bitte klagt in dem halbgebrochenen Strahl es
ist die Seele selbst die für den armen in ungeheurem Verlangen dahinsterbenden
Körper fleht Ist es möglich da zu widerstehen wer kann dies süße Auge diese
weichen Lippen erkalten sehen zum Tode da ein Kuss sie retten kann ein einziger
Kuss Sie beugt sich nieder Lippe auf Lippe wurzelt fest ein Busen in dem die
Glut des Aetna kocht pocht an dem ihrigen  Arme Lucia
    Den Morgen darauf lag ich wirklich im Fieber Eine Nacht voll Sinnlichkeit
und trunkener Träume hatte mich zum Katholiken gemacht ein wilder
phantastischer Himmel brannte in meinem Gehirn ich glaubte an jedes Wunder
Lucia war mir eine Heilige von ihren Lippen erwartete ich Genesung Durch
Matteo erfuhr sie meinen angeblichen Traum und das andächtige Mädchen glaubte an
ihn und versprach zu kommen Sie kam« 
    Robert blickte mit einem dunkeln bedeutsamen Blicke hinauf »Meine
Erzählung ist aus« rief er dann kurz und schnell »Ja wohl« sagte der Abt mit
Lächeln »nur die drei Dublonen fehlen die Fra Bartolo bekam«  »Dergleichen
Geschichten« sagte Massiello »will ich mir einmal nur von meinem Freunde
Boccaz vorerzählen lassen in ihm allein herrscht eine gesunde Sinnlichkeit
überall anderswo mischt sich was krankhaftes bei« Beide Mädchen sahen
schweigend und verstimmt vor sich hin In Eduards Seele war ein Funke jenes
Feuers gefallen das von Roberts Lippen gesprüht seine Blicke suchten Romeo
langsam glitten sie herab und blieben an dem Goldnetz der Husarenjacke hängen
Massiello lockte den Abt aus Piano beide stürzten sich in eine dunkle sinnliche
Tonflut aus welcher nur hier und da einzelne Spotttöne wie nackende badende
Knabenköpfe auftauchten Robert war ganz Mutwille er schlürfte aus dem Becher
an der Stelle wo Romeos Lippen den Rand berührt er flocht Jokondens Goldlocke
mit Romeos schwarzem Haar zusammen und sprach über beide einen wunderlichen
Segen aus Als sich die Gräfin dem schönen Engländer zuneigte fühlte sie ihren
Fuß umklammert es war Enzio der unter dem Tisch auf seinen Knien lag und die
heiße Wange an den Schuh drückte so dass seine glühenden Tränen den Strumpf
durchdrangen und auf dem kleinen Fuß brannten »Was ist Dir« rief Romeo und
zuckte mit dem Fuß »steh auf wunderlicher Knabe was soll das wozu das« Er
erhob sich und indem er fortschlich trocknete er sich mit den langen seidenen
Locken die Augen
    Der Wagen der Gräfin fuhr vor Massiello trieb zum Fortgehen und die
Gesellschaft zerstreute sich 
    Eduard Gottold und der Fürst führten ein Gespräch über die Schönheit in
der Kunst Massiello hatte Abgüsse von den Bildsäulen der Apostel von Bernini
gesehen und in seiner Weise kurz geäußert sie seien ihm zu vornehm Der Fürst
griff diesen Tadel begierig auf und brachte ihn zum Diskurs »Und ist er nicht
vollkommen gegründet« fragte er lebhaft »kann wohl ein gerechterer Vorwurf dem
Maler oder Bildner gemacht werden der uns jene armen verkannten und
misshandelten Männer die nichts anderes waren als Bettler Taglöhner oder
Fischer als schöne prächtige Leute gleichsam als irdische Fürsten hinstellt«
Der Graf trat hinzu und sagte »Freilich das ist christlich gesprochen der
alte Adam der uns in den Nacken schlägt« »Und doch wie natürlich« rief der
Fürst »was der Mensch liebt verehrt das stellt er so hoch wie er es vermag
dem wirft er den Purpurmantel um er legt ihm gleichsam die süßesten
Schmeicheleien in Ton und Farbe zu Füßen und liebkost ihm mit den zärtlichsten
schönsten Lauten seiner Sprache liegt darin eine Verwirrung« »Doch wohl« nahm
Gottold das Wort »denn der Mensch zieht obwohl unbewusst das Hohe herab und
stellt sein Ich in kecker Vertraulichkeit nebenan Hier scheidet sich Heidentum
vom Christentum oder noch strenger Protestantismus und Katholizismus« Der
Fürst »Wir Protestanten sollten also eigentlich gar keine Bilder vom Höchsten
haben« Gottold »Eigentlich nicht denn wir sollen ihn anbeten im Geist und in
der Wahrheit« Der Fürst »Das verstehe ich nicht heißt das nicht eben so viel
als der unendliche prachtvolle Himmel mit seinen zahllosen Sternen breitet
sich vor uns aus der menschliche Geist erschrickt vor der Größe um sie zu
fassen um den Himmel menschlich zu umgrenzen fasst er die Sterne in einzelne
Bilder zusammen nun weiß er sich zu finden jetzt hat er gleichsam den Himmel
gewonnen da kommt eine Hand und raubt ihm die Bilder und lässt ihm den
bilderlosen unverständlichen Himmel und gebietet ihm an den fernen zu fernen
Stern zu glauben« Gottold »Nicht unrichtig das Licht des Sternes ist das
Symbol des Unauffassbaren Unbegreiflichen« Der Fürst »Wie kalt wie streng«
Gottold »Doch soll die Malerei es immer wagen in Demut und Selbsterkenntnis
nach einem sichtbaren Bilde des Ewigen zu streben da er auftrat in sichtbarer
Gestalt unter uns Hemling Schoreel Van Eyck auch Dürer sind Christusmaler
und Bilder wie sie sie gemalt befahl Luther in unsern Kirchen Aufzuhängen«
Der Graf und der Fürst drehten sich unwillig weg und Gottold sagte eifriger
»Auch wir haben eine Schönheit doch sie ist nicht jene falsche gleisnerische
die Kupplerin des Lasters die Schmeichlerin der Welt sondern eine ernste
große durch Schmerzen verherrlichte Die Magdalena des Koreggio fährt fort zu
verführen indes sie bekehren sollte« »O diese rührende Gestalt« sagte der
Fürst lebhaft »dieses süße bleiche Antlitz über das die herbe Träne rollt
dieser schöne Busen in dem ein Herz schlägt das im bitteren Schmerze mit sich
selbst und seiner Fülle im Kampfe ist Das vornehme und glänzend erzogene
Mädchen irrt barfuß im Walde herum ihr seidnes Haar früher mir köstlichen
Salben getränkt flattert dem Winde preisgegeben sie leidet vielleicht Hunger«
Gottold »Wie sinnlich ist dieses Mitleid ihr Hunger ihre verlassene Lage
bewegt nicht mein Herz aber wohl fühle ich innige Rührung um sie da sie in
Schwelgerei und Vollgenuss schwer an den ewigen Schätzen darbte ihr Inneres so
traurig verwahrlost ward«  Eduard brachte das Gespräch wieder auf die
Schönheit zurück »So ist es ausgemacht« sagte der Fürst »dass im Altertum die
Quelle künstlerischer Schöpfung die Natur in ihrer sich selbst genügenden Fülle
war indes sie bei uns in der Offenbarung besteht« Gottold »Ein vielsinniges
oft missverstandenes Wort« Der Fürst »Wollen wir dafür setzen Traum
Eingebung Abstraktion kurz ein geistiges Prinzip das wenn der Künstler
seine Aufgabe recht bedenkt eigentlich dem Meissel wie dem Pinsel ganz
entschlüpft« Der Graf »Durchaus denn wo Körper ist ist Sünde und die
Abzeichen einer gefallenen Natur dürfen wir dem Gotte nicht zusprechen die
Begriffe von Schönheit sind alle viel zu sinnlich um da Stand zu halten wo das
Übersinnliche eintritt Blut Leben Leib Sünde hat immerdar den Körper der
Poesie ausgemacht  Mit einer Berechnung lässt sich nichts anfangen das Symbol
ist nur Zahl der abstrakte Begriff ein Fazit das ein geschickter logischer
Rechenschüler seinem Meister nachrechnet die Gestalt aber ist ein vom Himmel
gefallener Funke zündend gewaltig geheimnisvoll wie der verschleierte Gott
selbst aller menschlichen Forschung verborgen die Schöpfung eines lebenden
Nervs das Ergebniss des bewegten Bluts Träumer Schwärmer Fanatiker haben eine
Kirche Philosophen keine ein wahrer Künstler gehört aber immer mehr zu den
ersteren zu den leztern nie« Er wandte sich und ging und Gottold sagte »Auch
ein trauriger Irrtum dem unsere Zeit sich zuwendet« Der Fürst »Der Graf hat
Recht ich sehe den Verfall der Kunst in ihrer Vergeistigung« Gottold
erwiderte »Freilich sollen wir den Geist wiederum erlösen den die Alten in
Bande wenn gleich in schöne fesselten auch wir müssen die Natur studieren
doch nicht sie allein da sie zugleich mit dem Menschen eine gefallene und
verderbte ist« Ein leiser Hohn zuckte hier über die Lippen des Herzogs er
brach das Gespräch schnell ab und ging auf rein religiöse Gegenstände über
Gottold sprach warm und kräftig und Eduard bemerkte wie ein aufdämmerndes
ernstes Nachdenken die Stirn des Herzogs umschattete Erst spät trennte man
sich 
    Robert hatte vom Fürsten die Erlaubnis erhalten Eduarden der Prinzessin
Braut vorzustellen Sie fanden Massiello dort und die Fürstin war eben mit
diesem in einem Gespräch über altitalienische Musik begriffen Eduard
betrachtete sie mit neugierigen Blicken  sie war nicht schön auch nicht mehr
jung doch in ihren Augen lag eine unbeschreibliche Klarheit und Güte ihre
Haltung war gezwungen ihr Anzug kostbar aber ohne Geschmack Neben ihr im
Sessel lag wie eine träumende trunkene Bacchantin Gräfin Eva wie gewöhnlich
in schwarzer Seide gehüllt mit dem großen katholischen Kreuze auf der Brust
Sie blickte nicht auf sie hob nicht den träumenden Lockenkopf und doch zeigte
ein feines Lächeln um ihren Mund dass sie alles sah und hörte Der Fürstin zur
Linken saß ein junges blasses Fräulein mit einer ziemlich starken Nase neben
dieser tief im Schatten eine Gestalt die mehr der Nacht als dem Tage
anzugehören schien  unbeweglich starr nicht mit einer Sylbe sich ins Gespräch
mischend ein Schleier deckte ihr Antlitz unter dem weit verhüllenden Gewande
sahen nur zwei kleine niedliche Füße hervor Als der Herzog sich zu ihr setzte
wandte sich der schwarze verschleierte Kopf langsam zu ihm um und schien einige
sibyllinische Weissagungen zu murmeln so ernst und schroff wurden die Züge des
Fürsten ihr gegenüber
    Im Herausgehen trafen beide junge Männer auf der Treppe mit Massiello
zusammen »Nun wie gefällt Euch ihr Genialen das fürstliche Mädchen« fragte
er mit mezza voce »nicht wahr so etwas kirchenverbesserliches
augsburgischkonfessionsartiges protestirend und refüsirend ein Eis von Tugend
und Ceremoniel das einen gesunden Magen bis zum Tode erkälten kann und neben
ihr das Büchlein voll buhlerischer Lieder welches ein Schalk des Kontrastes
wegen in schwarz Maroquin mit Goldschnitt gleich einem Gesangbuch hat binden
lassen mit einer frommen Titelvignette« »Wer war das junge Mädchen und ihre
verschleierte Nachbarin« fragte Eduard »Die Schwarze« entgegnete Massiello
»ist eine vagabondirende Hoffrau  beide Damen sind vom prophetischen Geiste
durchdrungen und die Grossnasige gehört zu den Gescheuten die nie der Alkoran
sagt sondern der Koran weil sie genugsam weiß das Al nichts geringeres ist
als der arabische Artikel sie heißt Magdalena«
    Als Eduard auf seiner Stube angelangt war erhielt er ein Briefchen von
Jokondens Hand das ihn einlud heute Abend zu ihr zu kommen ins
Fischerhäuschen der Fürst wünsche es Zugleich kam ein bloßes Papierchen
angeflogen mit leisen Bleistiftzügen »Komm heute Abend zu mir  zu uns  mein
Eduard ich bin krank und Du kannst trösten deine Emilie komm bei unsrer Liebe
gewiss« Eduard schob in quälender Ungewissheit seinen letzten Entschluss auf die
letzte Minute doch als diese schlug war er am Fischerhäuschen und
beschwichtigte sein Herz mit dem Versprechen nach ein paar Minuten sogleich zum
Maler hinüber zu fliegen
    Von einer einsamen Lampe beleuchtet in die Ecke des Sophas gedrückt saß 
Gräfin Eva
    Mitternacht war vorüber als Eduard über die dunkle Gasse zu seinem Hause
zurück schlich In Emiliens Wohnung war ein Fenster erhellt der Vorhang war
herabgelassen und dunkle Schatten glitten drüber hin In dem Augenblick rief
eine Stimme »Jesus Maria  so sind Sie da  und wie hab ich Sie gesucht«
Gottolds Diener stand vor Eduarden doch dieser hatte sein Haupt in den Mantel
gehüllt lehnte an dem eisernen Geländer der Treppe und gab kein Laut zur
Antwort »Was fehlt Euch Herr« rief der Erschreckte »Ihr seid ja taub und
stumm und Eure Hand Gott wie kalt so kommt doch herauf das Fräulein wird
sich sogleich erholen wenn sie Euch wieder sieht sie hat lange lange auf Euch
gewartet« Er lief in Eile die Treppe hinauf als er mit dem alten Gottold
zurückkehrte war Eduard verschwunden der schneidend kalte Nachtwind blies die
Lichter aus und ein dichtes Schneegestöber trieb vom Himmel herab
    Diese Nacht hatten die Freunde bestimmt um die wunderlichen Gebote des
alten Fleackwout zu erfüllen Er war nämlich an den Folgen seiner Verwundung
wirklich gestorben und Robert hatte erklärt er wolle durch nichts von seiner
Pflicht den Alten an den Galgen zu schaffen sich entbinden lassen Massiello
hatte der Polizei im Stillen Kenntnis von dem Vorhaben gegeben und da außer ihr
Niemand als die Freunde um die wunderliche Feierlichkeit wussten so war als der
Zug sich ordnete die ganze Nachbarschaft im tiefsten Schlafe begraben und
Niemand sah es wie sie im Schneegestöber und in der Nacht mit einer einzigen
trüben Fackel hinauszogen Als man mit der Leiche noch beschäftigt war trat
Eduard hinein und Robert sah seinen leuchtenden Augen seinen erhitzen Wangen
an von wo er kam Er trat stürmisch auf ihn zu drückte ihn an seine Brust und
rief »Du Seliger wie beneide ich Dich um diesen göttlichen Kontrast eben den
Becher der Lust von den Lippen gesetzt und nun jener strengen kalten
WeltgerichtsLarve dort gegenüber Ein bluterhjetzter Frühlingsleib und hier ein
schon verstäubender Wahrlich schnell muss die Traube deines DichterGenius sich
zeitigen wenn solche Sonnen sie bescheinen solche schwüle Blitze sie
umspielen« »Wahnsinniger« rief Eduard »so kannst Du bei allem diesem nichts
denken als wie ein Verslein daraus entstehen mag Dort Treubruch hier
Selbstmord und Du « Robert lachte laut auf »So alterire Dich doch nicht
schöner Bube das ist ja eben der hautgoût des Lebens so ein zerschossener
Schädel ist das delikateste Wildpret für einen Poetenmagen So lerne doch einmal
den Humor verstehen der da witzelt wo er ohnmächtig zusammen brechen möchte
vor ungeheurem Schmerz O göttlich wo der Blitz des Genies so riesenkräftig
alle elende Verhecke der alten Mutter Tugend und Moral zusammensplittert Ich
denke mir nichts Süsseres als einmal mit einem humoristischen Knalleffekt
unsterblich wie nur irgend ein großer Geist in den Himmel einzugehen nämlich
auf die Weise dass ich während die Pistole in meiner rechten Hand zum
Selbstmorde bereit ruht zu meinem Kammerdiener süß lächelnd spreche o sein Sie
so gut teurer Dienender und halten Sie mir gefälligst beide Ohren zu damit
ich nicht zu sehr erschrecke bei dem vielleicht etwas zu lauten Knall«  Am
Ausgang fühlte sich Eduard von zwei stürmischen Armen umschlossen es war
Massiello »Sie kommen doch mein teurer Eduard mit uns zum Galgen Die
Polizei erlaubt gütig dass wir diesen frühern Bewohner von AltEngland
hinausführen hat er ein halbes Stündchen gehangen und meine Rede mit angehört
so sorge ich für ein gutes Begräbnis Die Sache ist wirklich ein kleinwenig
entsetzlich und ich will in meiner Rede die Kumpane und besonders den Robert
ermahnen Religion anzunehmen das heißt etwas Solides zu treiben und an etwas
Solides zu glauben« Er sprach noch weiter doch der Wind verwehte seine Worte
Eduard bog um die Ecke indes der Zug ein Seitengässchen einschlug und sich bald
darauf in der Nacht verlor Die TurmUhr schlug ein donnerndes Eins
    Vierzehn Tage waren vergangen die Anstalten zu den
VermählungsFeierlichkeiten beschäftigten die Stadt Eduard hatte sich einen
freiwilligen Arrest gegeben und sein einsames Zimmer nicht verlassen die
Freunde wussten nicht anders als dass er krank sei seine Seele war es auch
wirklich Während der Einsamkeit beschäftigte er sich ein Bild zu componiren
welches den Zustand seines Gemüts ausdrücken sollte Am fünfzehnten Tage
öffnete sich leise die Türe und der Abt trat ins Zimmer »Ich gehe wie die
Braut im hohen Liede herum« sagte er freundlich »um meinen Freund zu suchen
denn der Weinstock gewinnt Knoten die Granatblüte duftet  wo weilst Du
schönster unter den Männern meine Seele ist krank vor Liebe O wer mir das
herrliche Lied nur einmal malen könnte aber bei Leibe nicht im streng
dogmatischen Styl wo Braut und Bräutigam in zwei symbolische Schnörkel sich
auflösen und das heiße duftende Aroma höchster Liebessehnsucht auf den simpeln
Weihteller einer kleinen Dorfkirche geschüttet wird um als ortodoxes
Räucherpulver in die knöchernen Dorfnasen zu ziehen Aber aber auf der letzten
verstecktesten Bank in der dunkeln Kirche sitzt ein armer blasser
zusammengebrochener Jüngling der schüttelt die weissgelben langen Locken wenn
das ortodoxe Pulver sich ihm naht in seine Seele schlägt eine laute Nachtigall
hinein Granat und Mandelblüte brechen in Frühlingshast auf und die Zeder
Libanons hebt ihr Haupt und der ganze orientalische Himmel mit seiner
Liebesglut dämmert im Busen des stillen Knaben auf er begreift die wundersame
zärtliche Sage und er sieht das Mädchen weinen im Keller bei den Krügen seine
bleiche Wange errötet wenn er an den Leib denkt gleich einem schimmernden
Weizenhaufen an den Busen gleich zwei Rehzwillingen Er belauscht das Gespräch
der Töchter Jerusalems und in seiner Brust tönt leise die Stimme Eine aber ist
meine Auserwählte meine Taube  komm du Schönste unter den Jungfrauen komm
und weile bei mir«  »Was macht man bei Hofe« fragte Eduard ziemlich prosaisch
dazwischen was macht  er stockte und eine Röte überflog sein Antlitz  er
bezwang sich und nannte kalt den Namen der Gräfin Eva  »Man sieht sie wenig
sie ist fromm Massiello ist immer am Hof er musizirt mit dem Fräulein
Magdalena Robert hat eine Liebschaft auf dem Lande und eine Zankangelegenheit
in der Stadt die der Fürst vergeblich zu vertuschen strebt Der Treffliche
nämlich unser Principe geht einer Crisis entgegen man sagt dass er den neuen
Weibern anheimfällt  Fräulein Magdalena ist Schwärmerin und Pietistin die
Arntal hat übernatürliche Zusammenkünfte und Erscheinungen  es sind einige
mystische Tees gehalten worden zu denen unser Einer keinen Zutritt erhält Die
kleine blonde Jokonde ist fast vergessen nur ich schleiche manchen Abend zu
ihr und wir weinen in Mollakkorden und regnigten Nokturnos unsere Tränen hin
Das arme Kind dauert mich sie steht oft vor ihrem Spiegel und scheint sich zu
fragen für wen zieh ich ein neues Kleidchen an für die Meereswellen die da
draußen rauschen oder für den Sturm der an mein Hüttendach schüttelt für den
alten Haushahn im Hofe Sie sehen Freund es hat sich manches geändert während
Sie in ihrer kleinen Bastille steckten« Er ging wieder und Eduard war so
zerstreut dass er das breite freundliche Gesicht noch vor sich sprechend
glaubte indes der Abt schon längst um die Straßenecke gebogen war und einem
schmackhaften Souper entgegenging Mögen sie doch treiben was sie wollen rief
er in sich hinein immer bunter immer toller meinethalben  ich will heiraten
und zwar meine Emilie es gibt doch nichts Solideres auf der Welt als eine Ehe

    Er warf seinen Mantel um und schritt in die Dunkelheit hinaus Der
fürstliche Pallast war erleuchtet und sein aufschauendes Auge glaubte am hellen
Fenster Massiellos kleine elegante Figur hinstreifen zu sehen Die
FranziskanerKirche lag wie ein schwarzer Riese vor ihm  die Türe war
angelehnt er trat hinein Ganz am Ende der hinabwandelnden Steinsäulen
flimmerte ein Licht als er darauf zuging bewegte es sich ihm entgegen den Gang
hinauf Es war eine Dame in schwarze schleppende Gewänder gehüllt vor ihr ein
Knabe mit einer Fackel Eduard staunte die roten Blumenwangen des schönen
Knaben an dessen Blicke im Strahl der Fackel blitzend über die Schulter sahen
und auf zwei dunkle Liebessterne trafen es war Enzio und Gräfin Eva Ihr
schwebender sinnlicher Gang floss wunderbar schwankend dahin das goldne Kreuz
schlug bei jedem Schritt an die Brust  ihr Auge blickte unverwandt auf den
rückschauenden Knaben so ging sie dahin in die Nacht die Andacht von der
Sinnlichkeit geführt  Amor und Venus Urania Das Steinbild eines alten
Heiligen an dem sie vorüberschritten sah sich verwundert nach dem schönen
Mädchen um und eine heilige Magdalena blickte aus einem Bilde von ihrer
Busspredigt auf nach dem schlanken Pagen Eduard trat aus seinem Dunkel hervor
und schritt auf die wandelnde Gruppe zu die Gräfin wich erschreckt aus doch
als sie den Jüngling erkannte glitt ein bittendes Lächeln über ihre schönen
Züge  sie winkte Schweigen und hob den Rosenkranz in die Höhe Als sie
vorübergegangen sah sich ihr Auge noch einmal nach ihm um sie wollte sprechen
doch der Page schritt so schnell dass sie im selben Augenblicke mit ihm in der
Torhalle verschwand Bald rasselte der Wagen mit seiner schönen Beute davon
Voll Sehnsucht streckte Eduard seine Arme nach der Entschwundenen in die Nacht
hinaus dann erschrack er über sich selbst er lenkte in die Gasse ein wo
Emilie wohnte doch willenlos blieb er an der Ecke stehen Er hätte die
Vorübergehenden fragen mögen wohin sie so eilig gingen ihm schien in der Welt
nichts mehr so wichtig dass er deshalb den Fuß zum Weitergehen aufsetzen möchte
In der Dunkelheit trat eine Gestalt ihm nach es war der alte Gottold »Wo
gehen Sie hin« fragte Eduard »In den Abendzirkel zur Fürstin« war die kurze
und schnelle Antwort »Sie dorthin« rief der Erstaunte doch der alte Mann war
schon verschwunden Ein Wagen fuhr vorbei und die Stimme des jungen Arztes den
Eduard bei dem tollenFleackwout gesehen rief »Guten Abend Freund nehmen
Sie doch Platz neben mir und fahren Sie wenn Ihnen nichts Besseres obliegt mit
mir ins nahe Dorf wo unser Freund Robert sich aufhält Mich rufen Geschäfte
aber Sie können bei der Gelegenheit dem beginnenden Frühling entgegenlauschen«
    In diesem Moment war unserem Träumenden nichts willkommener als eine solche
Einladung schnell setzte er sich ein und in ein paar Stunden hatte man das
Dorf erreicht dessen Lichter durch das nackte schwarze Gesträuch
durchschimmerten Der Doktor verließ unsern Freund bei einem Kreuzwege nachdem
er ihm umständlich beschrieben welche Richtung er einschlagen müsse um zu
Roberts Häuschen zu kommen Eduard drückte seinen Hut in die Stirne schlug
seinen Mantel fester und schritt langsam die Dorfgasse hinauf am Ende derselben
fand sich ein Häuschen mit der einen Seite an die Kirchhofmauer angebaut ein
kleiner dunkler Hofraum schloss ein paar Nebengebäude ein und das erleuchtete
Fensterchen nach der Gasse war der einzige Lichtpunkt in dem finsteren Gemälde
Eduard stellte sich vor das Fenster und spähte durch die Spalten der
festgezogenen weißen Vorhänge Er konnte nichts als eine rote Wange sehen und
etwas blondes Haar das an einem schöngeformten kleinen Ohr herabfiel nicht
lange so kam eine Hand und spielte mit diesem Haar zugleich tönte ein
Gelächter aus der kleinen Stube hervor Jetzt musste man ihn bemerkt haben denn
der Vorhang wurde fortgeschoben und Roberts Antlitz sah in die Nacht hinaus das
Fenster ward leise geöffnet und der blonde Kopf zeigte sich mit zwei großen
blauen Augen in die Finsternis starrend Eduard drückte sich zur Seite und die
Beiden zogen sich wieder zurück Er bestieg jetzt die niedrige Kirchhofmauer
und indem er sich auf ein Grab niederließ blickte er den Kopf in die Hand
gestützt unverwandt in das kleine erhellte Fenster Unerhört rief er bei sich
da bringt er nun seine vornehme Verderbteit seine vergifteten Gedanken und
Bilder seine geschwächten Küsse und entkräfteten Liebkosungen dem jungen Leben
dar und hängt sie einem Busen um der kalt frisch und glänzend sich eben der
Knospe entdrängt Er muss ja überall siegen denn schön wie er ward nicht
leicht Einer geschaffen
    Der Mond erhob sich jetzt voll und schwimmend über das schwarze Schieferdach
der Dorfkirche er ging leise mit seinem Licht immer vorwärts als überzähle er
die Gräber ob seit gestern kein neues hinzugekommen die halbversunkenen Kreuze
sahen wie schwarze seltsame Blumen aus die jedem darunter schlafenden
verstäubenden Schädel entwachsen zu sein schienen Vom Nachbardorfe kamen die
Straße herab einzelne Spielleute sie blieben vor dem Hause des Amtmanns stehen
und bliesen so lange und bittend bis sie eine spitze Nachtmütze aus einem der
oberen Fenster herausgeblasen hatten Es wurde gedankt Geld fiel herab und die
Bande zog weiter Eine Stille trat ein dann fing ein entfernter Hund zu bellen
an aus einer andern Gegend antwortete ihm ein Kamerad dann ließ sich in der
Nähe ein heiserer Kettenhund vernehmen und nicht lange so bellten alle Hunde
im Dorfe zwischendurch hörte man das elegische Knarren eines Ziehbrunnens und
dann die hüpfenden Töne des wieder niederfahrenden Eimers Eduard sah jetzt
mehrere Männergestalten die langsam um die Ecke bogen und sich dem Hause mit
dem hellen Fensterchen näherten sie waren im Streit mit einander ein ältlicher
Mann wie es schien wollte die drei jüngeren zurückhalten er hatte den einen
derselben am Arm den andern am Rockschooss den dritten bei der Hand gefasst und
von den vielen Worten die er bald bittend bald drohend außstieß konnte Eduard
nur folgende vernehmen »So nimm doch Rat und Vernunft an Kaspar wir können
ja offenbar weit mehr ausrichten wenn wir den Schulzen wecken und ihn
herbringen damit er mit eigenen Augen den Spitzbuben bei ihr entdeckt« 
»Einfältiges Zeug rief einer der jungen Leute ich soll wohl warten bis der
träge Schulze sich aus den Federn hebt die Nachtmütze abwirft und in die
Kleider fährt unterdes könnte wohl allerlei geschehen was du und der Schulze
nicht wieder gut machen können nein nein lasst mich los es ist am besten ich
verlasse mich auf meinen starken Arm und diesen Knüttel mag nachher geschehen
was da will hab ich nur erst mein Mütchen gekühlt und dem Burschen drinnen
bewiesen dass es geraten ist ein ehrliches Mädchen und dazu meine Braut in
Frieden zu lassen« Eduard begriff jetzt die ganze Intrigue ihm wurde für
Robert bange wenn er die drei kräftigen Gestalten betrachtete die jetzt auf
das Haus leise zuschritten nachdem sich der Alte von ihnen getrennt hatte und
zurückgeblieben war Sie gingen behutsam vorwärts und indem einer sich als Wache
am Fenster hinstellte drangen die zwei andern in den dunkeln Hofraum um von
dort wahrscheinlich in die Haustür zu gelangen Eine Zeitlang blieb es ganz
stille die Gestalt am Fenster gab nicht das mindeste Zeichen von Bewegung und
aus dem Stübchen tönte von Zeit zu Zeit eine lachende Stimme Plötzlich fing ein
Hund zu bellen an man hörte Jemanden stolpern und fallen dann fluchen zu
gleicher Zeit ward eine Tür aufgestoßen und mehrere Stimmen wurden laut Der
Vorhang am Fenster flog fort das Fenster ward aufgerissen und ein heftiges
anhaltendes Geschrei Gepolter Zank und Handgemenge tönte auf den ruhigen
Kirchhof hinaus Der Bauerbursche der sich als Bräutigam genannt lehnte weit
aus dem Fenster heraus und rief seinem Kameraden zu hereinzukommen um das
Mädchen einzufangen welches im Gedränge entschlüpft sei und sich
wahrscheinlich irgendwo versteckt halte Der Aufgeforderte sprang auch sogleich
ohne weiters mit einem Satze ins Fenster hinein Jetzt sah man viele schwarze
Gestalten sich im Handgemenge durcheinander bewegen das Licht wurde umgestossen
und fiel zu dem Fenster hinaus in das Gesträuch vor demselben ein Häuflein
Stroh fing sogleich Feuer und bald schlugen die lichten Flammen hinauf Ein noch
heftigeres Geschrei ertönte  in dem Moment sah Eduard eine schlanke Gestalt
sich mit graziöser Biegung aus dem Fenster stürzen und mitten durch die Flammen
durchspringen Es war Robert der sich vor den derben Fäusten nicht anders zu
retten wusste er eilte jetzt mit glimmenden Rockstössen die Straße hinab von
einer Menge Hunde verfolgt die ihm nachbellten Die Bauern hatten genug zu tun
die Flamme wieder zu dämpfen als dies geschehen war standen sie verblüfft da
und guckten in den Mond denn weder Robert noch das Mädchen waren in ihrer
Gewalt Murrend und scheltend gingen sie endlich miteinander fort und noch von
fern hörte man sie zanken Nach und nach hörte man jetzt im Dorfe die Haustüren
öffnen hier und da auch die Fenster es wurde in der Ferne und Nähe gesprochen
gefragt allmählig hörte dies auf und die tiefe klare Stille der Mondnacht lag
wieder mit glänzender Meisse über dem Schauplatz so wunderlicher Ereignisse
    »Du hast da« sagte Robert zu unserm Freunde als sie am andern Tage im
ärmlichen Wirtshause bei einem Schoppen schlechten Landweins beisammen saßen
»ein Histörchen mit angeschaut das glaub ich im Sinn des Boccaz angefangen
und beendet wurde denn bei einer guten Novelle dieses Meisters dürfen die
Prügel eben so wenig fehlen als die Küsse Nur hätte ich von deiner Kraft und
Freundschaft etwas anderes erwartet als ein ruhiges Hocken auf der
Kirchhofmauer indes ich die Schattenseite eines Idylls kennen lernte« Eduard
brachte einige Entschuldigungen vor doch Robert unterbrach sie und sagte
lachend »Lass dass mir sind diese Kraftäusserungen ganz gelegen ich werde jetzt
um so begieriger den Zarteiten nachgehen wie sie in den Solons uns geboten
werden mein Wunsch ist nur dass Du auch die Kleine kennen lernst um deren
willen diese Lärmtrommel geschlagen wurde Sie ist nicht sonderlich schön und
ich habe mich eigentlich nur in ihr Lachen verliebt das versteht sie
meisterlich eine reihe Zähne und ein Grübchen kommen dabei zum Vorschein wie
sie nie reizender gebildet worden Überhaupt wie selten versteht ein Mädchen
schön zu lachen die meisten schneiden unleidliche Grimassen Das eigentliche
süße Lachen muss den ganzen Körper lieblich durchschütteln und Wange Kinn
Busen und Hals mit hastig aufgeblühten Rosen überschütten am reizendsten lachen
in der Regel Blondinen denn bei denen treibt das Blut jenen durchsichtigen
Rosenschleier sogleich über die zarte blendende Haut und sie erröten bis unter
die goldnen Locken hinauf Wer anmutig zu lachen versteht der wird nie alt
ich habe eine bejahrte Frau gekannt die durch ihr frisches Gelächter sich in
die früheste Jugend hinauflachte und so viele altlachende junge Mädchen
beschämte Das Lachen ist recht eigentlich ein Volkslied es muss aus dem innern
Menschen gleichsam wie die wahre Poesie herauftönen die Regeln der Schönheit
und des vornehmen Anstandes werden nie ersetzen können was von der Natur
versagt worden Ich hab ein sehr gescheutes Mädchen gekannt die sehr
geistreich lachte das heißt nur bei passender Gelegenheit und wieder ein
halbblödsinniges Geschöpf das alle Augenblicke und stets über nichts lachte
dabei aber die süßeste Jugend entfaltete und ich zog sie unbedingt der ersteren
vor«
    Beide gingen jetzt die Gasse hinauf zu dem Häuschen an der Kirchhofmauer
Wie ganz alltäglich und prosaisch erschien der Platz am Tage Robert klopfte
gähnend an die kleine Pforte sie wurde von einem feisten Bauerburschen
aufgetan den der Bräutigam als Wache bei dem Mädchen gelassen hatte Marie so
hieß diese begrüßte ihre Gäste mit einem verschämten Lächeln Eduard band sich
sein neues Halstuch ab und knüpfte es ihr um den hübschen Hals sie fand alles
was man tat und sagte äußerst lächerlich und machte tausend ungeschickte
Bewegungen Es wurde abgemacht dass Eduard wenigstens eine Woche im Dorfe
bleiben sollte ein Stübchen in der Nähe war bald gefunden Als das Gespräch
eben am lebhaftesten war erschien plötzlich der Bräutigam und fing auf seine
Weise zu fluchen und zu lärmen an zugleich zeigte sich eine verknöcherte alte
Ehrenwächterin die sich ihres Amtes mit großem Eifer annahm Die Freunde
entfernten sich missmutig und es wurden Pläne geschmiedet wie man die Kleine
mitten aus ihrer Ehrenwache entführen könne
    Eduard der sich noch immer nicht mit Leichtigkeit in gewisse Ansichten des
Lebens finden konnte ging gewöhnlich seinen Weg für sich und zeigte nur zu
deutlich den innern Zwiespalt Er wollte diese ländliche Einsamkeit die ihm wie
ein plötzliches Geschenk zu Teil geworden mit ernsten und würdigen
Beschäftigungen hinbringen doch eine verworrene Unbehaglichkeit hatte sich
seines Gemüts schon in dem Grade bemeistert dass er es für bequem fand sich
Roberten immer mehr und mehr hinzugeben »Ist es nicht töricht« sagte er
einmal zu ihm »dass wir unser Leben und dessen schnell vergängliche Blüte alten
grauen Irrtümern verjährten Meinungen zahmen und missgestalteten Gesetzen
albernen Grillen zum Opfer bringen die nichts für sich haben als dass ein paar
tausend Menschen die gerade der Zufall mit uns in Eine Zeit warf jene
Irrtümer Meinungen Lehren und Gesetze als Norm und Regel aufgestellt haben
Zwängen wir nicht auf diese Weise den jungen aufsprossenden Baum früh in ein
steifes Gerüst damit er mit den übrigen Bäumen und Pflanzen im Garten ein
seltsam geregeltes Ganze ausmache Du aber mein Robert stehst in diesem
holländischen Garten als ein selbstständig keck auffliegendes Bäumchen da
dessen Saat wohl ein wundervoller Zugvogel aus fremden Ländern holte und fallen
ließ mit einem gewissen übermütigen Wahnsinn weinst und lachst Du deine hellen
Blüten heraus Du erzwingst mit Hast einen Frühlingshimmel über Dir und bist
zufrieden wenn auf diese schnellen glänzenden Sonnenflocken ein jäher Tod
deinem Leben ein Ende macht Und verdient das Leben denn auch Ernst und Sorge
Ich kann mir denken wie alte prächtige Könige aus grauer Vorzeit müde und
überdrüssig in ihr Grab gingen ja dass sie ganze Pyramiden darauf wälzen ließ
um sich die Rückkehr in das Leben das sie verachteten zu verbauen Wie
machtlos brach sich denn das nichtige Geräusch drauf folgender Jahrhunderte an
den gigantischen Mauern worunter die alten Übelgelaunten schliefen«  Robert
ergötzte sich an der letzten Bemerkung sehr und meinte von diesem Standpunkt
angesehen erschienen ihm jene ungeheueren Leichensteine wahrhaft grausig
    »Unerhörte Dinge Freund« rief der Abt Eduarden zu als dieser nach einigen
Wochen wieder in der Stadt erschien und dem dicken freundlichen Gesichte auf
dem Wege zum fürstlichen Pallaste begegnete »unerhörte Dinge sind geschehen
Liebwertester wo haben Sie denn in aller Welt gesteckt Es hat köstliche
Diners Soupers gegeben zu denen man Sie eingeladen hat O die Frommen essen
auch und wissen eine Trüffelpastete sehr gut von einem Grützkuchen zu
unterscheiden Aber wo waren Sie teuerster Jüngling  wie gesagt große Dinge
sind im Werke  kommen Sie  o es gibt eine lange Erzählung  mir nach mir
nach«  Er zog den sich Sträubenden fast mit Gewalt in eine nahe Restauration
dort ließ er Chokolade serviren und mit der dampfenden Tasse am Mund setzte er
seine Rede fort wiewohl mit leiser Stimme »Fürs Erste erfahren Sie nur dass
Serenissimus unser allergnädigster Principe ganz des Teufels ist man raunt
sich für gewiss ins Ohr dass der Treffliche den Thron quittiren will um mit
Fräulein Magdalenen eine kleine mystische Sekte zu formiren der Himmel weiß
wo Er sperrt sich Tagelang mit ihr ein die Theater und Gesellschaften stocken
die Vermählung geht einen Schneckengang die Fürstin Braut ist in einer höchst
peinlichen Lage Fräulein Magdalena liegt Tag und Nacht clairvoyant da und ein
paar andere Damen haben die Offenbarungen und Prophezeihungen auf ihren Teil
genommen und leisten in der kurzen Zeit etwas Erstaunliches Man vermutet dass
das ganze Schauspiel vom Nachbarhofe eingeleitet worden ist um die Verbindung
des Herzogs rückgängig zu machen und ihn vom Throne zu verdrängen Und das
Seltsamste ist noch  wen glauben Sie wohl an der Spitze der heiligen
Sippschaft  raten Sie einmal  den alten Gottold in den alle ganz verliebt
sind«
    Eduard war über diese Mitteilungen ganz erstaunt und nahm sich vor mit
eigenen Augen zu prüfen so bald als möglich indes schwatzte sein dicker
Gefährte weiter indem er die geleerte Tasse auf den Tisch setzte und sich
lächelnd die Lippen reinigte »Mir haben Sie wahrhaft satanisch mitgespielt
hören Sie nur süßes Wesen Ich komme einen Abend um Serenissimus zu sprechen
meine Seele ahnt nicht dass Fräulein Magdalena wieder ein magnetisches Solo
spielen will leise trete ich ins Gemach und sehe beim Scheine der trüben
Mondlampe ein liegendes Frauenzimmer auf den Polstern des Divans um sie herum
einige stille Gruppen die bei meinem Eintritt wie Pagoden mit den Köpfen
nicken der Fürst legt den Finger auf den Mund natürlich schweige ich und
bleibe stehen  was geschieht  plötzlich zuckt es im Antlitz des liegenden
Frauenzimmers ihre Brust hebt sich die Arme fahren auf und sie stößt einen
Schrei aus Alles stürzt hin  Bestürzung Furcht Besorgnis in allen Blicken 
man frägt leise was ihr fehle da ruft die Gnädige mit recht clairvoyanter
Grobheit Fort Hinaus  Es ist ein Ungeweihter ins Zimmer getreten dessen
Seele befleckt und sinnlich ist treibt den unreinen Geist hinaus oder ich
sterbe  Verdammte Affäre Alles sieht mich drohend an und ich stehe da wie
ein gescholtener Schulbube Nun was warten Sie noch  fort entfernen Sie sich
 rief jetzt der Allergnädigste und eine alte Dame gab mir den Arm um mich
hinauszuführen Hinter mir sah ich zwei Kammerjungfern mit Rauchfässern ins
Heiligtum stürzen und meine alte Führerin nachdem sie mich in den Vorsaal
gebracht ließ mich dastehen und verlor sich in die blauen Wolken des
Räucherpulvers hinein O du alter Kirchenstuhl zürnte ich ihr nach wandle nur
immerhin in deine Konferenz zurück mich soll keine Herrlichkeit mehr
hineinlocken und wäre es selbst eine Pastete von lauter Pfauenzungen Seht doch
 ich ein unreiner Geist  ich möchte doch sehen wie viel reiner
Serenissimus unser Durchlauchtigster ist oder Massiello und tausend andre die
seit Adams Fall noch nicht wieder aufgestanden sind Aber ich weiß schon
einmal habe ich leise leise von Fräulein Magdalenens ein klein wenig zu
bedeutender Nase gesprochen flugs wurde ihr mein unreines Wesen in seiner
ganzen Abscheulichkeit klar« Eduard musste lächeln bei diesem tragischen
Bericht obgleich seine ganze Seele voll war von jenen Ereignissen die er eben
vernommen er hätte gerne noch diesen Abend den Fürsten gesehen Als beide auf
die Straße kamen tritt ihnen ein fürstlicher Läufer nach und als er Eduarden
erkennt bringt er diesem die Einladung sich sogleich ins Schloss zu verfügen
Was konnte Erwünschteres kommen schleunig flog er nach Hause wechselte seinen
Anzug und stieg die breite Marmortreppe zu den Gemächern des Fürsten hinauf
Auf dem Portale sah ihm die wohlbekannte Statue der badenden Venus entgegen
»Also Du stehst noch hier griechisches Göttermädchen« rief er leise bei sich
»hat man dir nicht den Abschied gegeben und weißt du nichts von dem was
drinnen geschieht«  Er schritt leise über den Vorsaal und öffnete eine der
hohen Türen sie ging geräuschlos auf und die Teppiche auf welche sein Fuß
trat ließ seine Gegenwart von den im Gemache befindlichen Personen durchaus
nicht bemerken Eine hohe Frauengestalt die Eduard sogleich für die Fürstin
erkannte stand den Rücken gegen ihn gekehrt im Gespräche mit dem alten
Gottold vor einem Bilde »Nein nein« rief die Prinzessin fast heftig »ich
begreife Sie durchaus nicht Anfangs bei unserer Bekanntschaft schien es mir
als wenn Sie meine Ansicht teilten und für die wahre Erkenntnis kein Übel für
so gefährlich hielten als jene dumpfe blinde Frömmelei die ich wahrhaft
abgöttisch nennen möchte weil sie den Menschen verführt statt der klaren
vernünftigen Idee vom göttlichen Wesen das trübe Abbild seines eigenen
verfinsterten durch Irrtum und Sinnlichkeit besteckten Innern zu halten Wir
sehen in welche tiefe Verirrungen die Gemeine versank nach dem Tode des Grafen
wie sie die die reine Lehre Luthers noch geistiger und lebendiger auszubilden
gedachte dem niedrigsten Geiste der Erde anheimfiel und nun höre ich mit
Schreck Sie reden und streiten in denselben Grundsätzen die ich bis zum Tode
verabscheuen werde«  »Nicht also Gnädigste« rief der Maler »Sie sind zu
hart wenn Sie mich zu den Frömmlern und Pietisten oder zu den Anhängern jener
mir ehrenwerten Sekte rechnen so sind Sie im Irrtum dass ich aber zu der
absoluten Verstandeskälte in der Sie atmen Gnädigste nicht hinaufreichen
kann und will das gestehe ich gerne Lieber will ich verführt werden durch ein
Übermaass von Liebe als durch gänzlichen Mangel derselben von jeder Möglichkeit
des Falls geschützt dastehen« »Mann« rief die Fürstin mit einer unendlich
weichen Stimme »wer sagt Ihnen dass ich nicht liebe aber er den ich liebe
ist ja die ewige Reinheit und Klarheit selbst meine Liebe ist das schwache
aber unermüdliche Ringen klar hell und rein zu sein nach seinem Bilde aber
wohl mag sie kalt erscheinen diese Liebe weil keine Erdenliebe sich zu ihr
gesellt denn was ich irdisch und sinnlich geliebt habe hat sich mir als
unwürdig ausgewiesen« Sie schwieg und schien eine Rührung zu verbergen dann
fuhr sie fort indem sie den Arm des Malers mit Heftigkeit fasste »Stehen Sie
mir bei verlassen Sie mich nicht teurer Mann retten wir den unglücklichen
Prinzen noch ists möglich  bald könnte es zu spät sein« Der Greis sah der
hohen Frau ernst ins Antlitz »Sie täuschen sich Gnädigste  Das Fräulein 
die Baronesse « »Nichts von ihnen« rief die Fürstin heftiger Eduard glaubte
bei längerem Verweilen bemerkt zu werden und zog sich nachdenkend über das
Vernommene leise zurück Die Klingel des Herzogs rief ihn den Korridor entlang
und als er sich dem Gemach näherte trat ihm der Prinz schon entgegen
    »Willkommen Freund« rief der Gnädige freundlich   »mir ists lieb dass
Sie auf dem lande gewesen und so die Quellen der Einfachheit und Natur gesucht
vielleicht folge ich bald Ihrem Beispiel  der Frühling naht mit großen
Schritten« Eduard bemerkte in des Fürsten Aeusserem eine Veränderung die ihm
auffiel das Haar war schlichter gekämmt die Kleidung einfacher und an den
Wänden des Gemachs fehlten einige Gemälde von Rubens und Jordone statt dessen
hing ein kleines Bildchen da von dem man nicht sagen konnte was es darstellte
Der Fürst bemerkte den fragenden Blick des Jünglings und sagte flüchtig »Die
Gemälde habe ich fortgeschickt weil jetzt häufig Damen meine Zimmer besuchen
und man dem schwachen noch nicht genug künstlerisch gebildeten Geschlechte kein
Ärgernis geben soll  doch junger Mann« fuhr er fort »was hab ich hören
müssen Sie haben eine Braut und vernachlässigen das Mädchen  Sie sollen sogar
was ich nicht glauben will der Gräfin Eva den Hof machen teurer Freund  wenn
das wahr wäre und Sie könnten auf diesem Wege uns verloren gehen ich selbst
würde mir die bittersten Vorwürfe machen Sie nicht väterlich gewarnt und zum
Heile zurückgewiesen zu haben« Eduard errötete vor Unwillen und Beschämung
»Sollte Robert vielleicht Eure Durchlaucht«  »Reden Sie mir nicht von diesem
Unwürdigen« rief der Fürst und sein Auge blitzte zürnend »sein Name wie sein
Fuß kommt nie wieder über diese Schwelle er ist ein verlorener Mensch hüten
Sie sich vor seinem Umgange Nicht allein dass er auf das Gewissenloseste eine
Menge armer betrogener Mädchen seinem Rausche geopfert die Unglücklichen in
zeitliches und ewiges Verderben gestürzt hat er mordete auch rücksichtslos die
Ehre von Männern die die Welt achtet und die meine Liebe besessen haben Er ist
so tief gesunken dass ich ihn einer öffentlichen Beschimpfung der er nur zu
nahe war mit Mühe entrissen habe und Undank ist stets mein Lohn gewesen So
gefährlich mein Freund sind die glänzenden Eigenschaften die unser Auge
bestechen und das Herz zugleich einer schmerzlichen Enttäuschung entgegen
führen Hier lesen Sie einen Zettel in dem er beiläufig auch sein Urteil über
Sie ausgesprochen hat«
    Eduard empfing das Papier und steckte es zerstreut zu sich er war durch all
das Gehörte und Gesehene so befangen gemacht dass ihm kaum Achtsamkeit genug
übrig blieb um die Baronesse und das Fräulein die eben eintraten zu begrüßen
Der Fürst ging auf die Eintretenden zu und beugte sich über Magdalenens Hand
diese lispelte aber »Keinen Kuss Prinz Sie wissen dass ich solches nicht
liebe ein Händedruck genügt mir wovon Sie schon heute in « »Sie schauen in
meine Seele wunderbares Mädchen« sagte der Fürst leise »brauche ich noch zu
antworten«  Das Fräulein schüttelte wie zürnend das Haupt dann weilten aber
ihre großen blauen Augen fragend auf dem Jüngling der immer noch heftige Röte
im Gesicht stumm vor sich hinsah Der Fürst fasste ihn an der Hand und stellte
ihn nochmals den beiden Damen vor es wurden einige gleichgültige Worte
gewechselt und Eduard fühlte sich wieder leicht als er die Treppe
herabsteigend die Gasse betrat Sein Busen war zu voll er musste die Einsamkeit
suchen um mit der Welt zu grollen Vor allen war ihm der Fürst ordentlich recht
verhasst Kann man rief er bei sich wohl den Glauben und die Erkenntnis wie
eine Schlafmütze über die Ohren ziehen wenn einem der durch Jugendsünden nackt
gewordene Scheitel zu frieren anfängt Fratze über Fratze Und was soll der
Vorwurf rücksichtlich Emiliens  hat sie über mich geklagt oder hat es der Vater
getan Wie schwächlich und elend wie kleinbürgerlich und alttugendhaft will
man mich durch Ruten an die Schulbank zurückzwängen Freiheit und
Selbstständigkeit sind die atemholenden Lungen des geistigen Lebens soll ich
mit Schwindsüchtigen umgehen um selbst schwindsüchtig zu werden
    Aus diesen Gedunken schreckte ihn plötzlich ein Gelächter das neben ihm
erscholl er hörte dass über seinen Regenschirm gespottet wurde und eine Stimme
rief »Geben Sie Acht wenn diese tropfende Glockenhaube sich hebt so schaut
gewiss das sehr ehrwürdige Antlitz des Vikar von Wakefield uns entgegen« Eduard
glaubte die Stimme zu erkennen hob seinen allerdings etwas baufälligen Schirm
und erblickte an dem halbgeöffneten Fensterchen die Gräfin Eva mit Jokonden
Über die beiden Mädchen sah Massiellos lächelndes Antlitz hervor »O ein
guter Freund« riefen jetzt die drei Stimmen und Eduard musste sich selbst
fragen wie er denn an das einsame Fischerhäuschen gekommen sei Träumerisch
wie er den ganzen Weg gemacht kehrte er auch jetzt ein und wurde von den
Dreien mit herzlichem Jubel empfangen Jokonde war schöner wie jemals das
Gefühl ihrer verlassenen Lage warf über ihre kindische Heiterkeit einen leichten
Schleier von Melancholie der die Seele ersetzte und sie unendlich
liebenswürdig kleidete Beide Freundinnen hatten auf Anstiften Evas sich streng
bereitete Fastenspeisen zurichten lassen für die Ungläubigen oder
Schwergläubigen stand ein zweites Tischchen bereit mit leckern Speisen von
allerlei Art und Massiello hatte schon Platz daran genommen und bereits einige
Flaschen entsiegelt Wegen Eduard entstand der Streit zu welchem Tisch er
gehöre Die Mädchen wollten ihn durchaus auf ihrer Seite und auf Seite der
Religion haben Massiello zeigte dagegen nur auf die Flaschen und öffnete mit
kluger Weltlockung die Schüssel mit einer dampfenden Pastete Jokonde stand auf
und präsentirte in unendlich anmutiger Haltung als Herodias den Kopf ihres
ungewöhnlich großen Fastenhechts Gräfin Eva versicherte aber vollen Ernstes
dass hier durchaus nicht zu spassen sei und sie wolle Eduarden nimmermehr
freundlich ansehen wenn er zu der Pastete überliefe Dieses entschied und der
Jüngling wurde von den mutwilligen Mädchen im Triumph zu der Fischtafel
gebracht In dem Augenblicke ging die Türe leise auf und ein volles rotes
Gesicht ward hineingesteckt »Aha ha ha schrien alle Signore Abbato
carissimo padre  bona seria bona seria«  Der Abt war jetzt mit einer
geschwinden Bewegung im Gemach und seine Lippen ruhten zu gleicher Zeit auf
beiden zarten Händchen der Mädchen Drei schimmernde Astrallampen wurden
hereingebracht und die kleine Gesellschaft trieb sich in glänzender Helle unter
Küssen und Lachen bunt durcheinander Den Abt gaben beide Mädchen sogleich für
die Sache der Religion verloren er erhielt einen Stuhl neben Massiello und Eva
versicherte ihm dass er zu ihrem Vereine eben so wenig gehöre wie ein
gebratener Kapaunflügel in ein Bouquet weißer Rosen  Massiello hatte den
Kapaunflügel gefasst und ihn drohend erhoben ein Teil des Tischtuches floss über
seine Gestalt wie ein Mantel nieder indem er den Stuhl bestiegen hatte und mit
donnernder Stimme seine Fastenpredigt anhub »O ihr Gottlosen ists nicht
genug dass eure Passionszeit dauert so lange ihr jung und hübsch seid wollt
ihr nicht zuweilen im Alter noch Passionen haben die Niemand erwidern kann
Wohl nehmt ihr euer Kreuz auf euch und schleppt es aber nur wenn es modern
gefasst ist à quatre couleurs und wenn es schwer von Gold ist O Himmel  noch
heutzutage lasst ihr euch steinigen aber nur mit ächten nicht mit böhmischen
Steinen Vigilien und Nachtwachen zu halten ist euch was Leichtes nämlich wenn
die Gesellschaft gut der Tanz lebhaft das Soupé auserlesen und der Punsch nur
einigermaßen erträglich ist Noch heute kleidet ihr die Nackenden nämlich wenn
diese schön gewachsen sind und wer anklopfet dem tut ihr auf wenn es nur
nicht der Ehemann ist«
    Der Abt lachte laut und schallend Jokonde aber ergriff die Rose die dem
gekochten Hechtkopf im Munde steckte und warf sie über beide Tische herüber in
Massiellos blitzende Augen indes Eva ihr Haupt andächtig über die gefalteten
Hände hinabneigte und unter den überstürzenden schwarzen Locken hervorseufzte
»Pax nobiscum Domine« Der Abt trug eine ganze Schüssel von Zuckerwerk zum
Pianoforte um unter dem Spielen zu naschen und unter dem Naschen zu spielen
indem er behauptete die kränkliche Süßigkeit der Töne könne nur durch die
gesunde der Kuchen aufgehoben werden Eduards Seele trieb und blühte in einem
fieberischen Ungestümm er glaubte die Schätze der Jugend und Lust nicht teuer
genug von der gegenwärtigen Minute kaufen zu müssen die beiden Mädchen nahmen
ihn in ihrer Mitte auf und um ihn über ihn schlangen sich die Blumenketten
ihrer Scherze und Küsse flogen die glänzenden Feuerbälle des Mutwillens
stöberten die kalten spitzen Flocken der Neckerei und auf seinen offenen Busen
fielen und brannten die langen glühenden Balsamtropfen der Sehnsucht Er fühlte
sich durch und durch krank doch wie ein fallendes Herbstblatt nur um desto
glänzender gefärbt Jokonde sagte ihm tausend hübsche Dinge über seine Augen
und er ihr seltsam verworrene Ansichten über Weiber und Leben die sie belachte
weil sie sie nicht verstand Der Abt spielte die Ouvertüre aus dem Don Juan
zwischendurch tönten die Klagen Elvirens die Drohungen Don Antonios  die
ganze antike Schmerzensfülle der Anna über alle herüber warf ein jäh
auffahrender Glanz seine Strahlenkronen Don Juan tändelte Leporello machte
seine Possen dann drohten einzelne Laute und zuckten wie mattlaufende Blitze am
Horizont nieder der Donner rollte ihnen nach und es erklang die Stimme des
ersten Mahners aus der Tiefe wilde gellend ateistische Töne flatterten ihm
entgegen und fielen zerquetscht an der marmornen Brust nieder ein roter
breiter Glanz schloss Himmel und Hölle plötzlich Eduard und Jokonde
verständigten sich über die Göttlichkeit des Gedichts durch einen Kuss Massiello
war beschäftigt einem jungen Mädchen das erschienen war und sich stumm in eine
Ecke drückte einige Rede abzugewinnen Die Gräfin Eva sprang auf und rief »Ah
da ist meine Aimée hier meine Herrn stelle ich Ihnen meine Nichte vor nicht
wahr ein nicht ganz übles Geschöpf« Sie fuhr dem Mädchen das immer stärker
errötete unters Kinn und hob den Lockenkopf der Abt und Eduard sagten einige
Artigkeiten Massiello rang nach einem Kuss hinter dem Rücken der Gräfin und
versicherte die vollen weichen Lippen die frischen Zähne seien unendlich
reizend vor allen aber dieser wilde finstere Unwillen der aus den Augen
spräche der rote Zorn der die gewölbte Wange färbe Man entschloss sich eine
vollständige Musik aufzuführen die Gräfin ließ sich ihre Harfe geben
Massiello stimmte Notenblätter wurden hin und hergeschleppt der Abt zankte
und die Dienerinnen hatten vollauf zu tun die Reste der Mahlzeit
hinwegzuschaffen und statt deren Blumen und Früchte auf die Tische zu setzen
Unser Freund zog Jokonden sanft bittend nach sich und die Gefällige entschloss
sich ihm zu einem Bildchen zu sitzen das er schon lange angefangen und das
das reizende Mädchen als Kleopatra darstellte mit der Schlange an der Brust
Die Idee war vom Herzog ausgegangen doch hatte dieser sich weiter nicht um die
Ausführung bekümmert und jetzt wäre ihm der ganze Gedanke wahrscheinlich
verwerflich vorgekommen Ein Kabinet wurde ausgewählt die Lampe
zurechtgeschoben Jokonde hatte mit Hilfe von ein paar Tüchern eine graziöse
Drapperie hervorgebracht welche sie mit ihrer gewöhnlichen Anmut und
Geschicklichkeit ordnete Jetzt war sie fertig und warf sich in die Ecke des
Sophas Als Eduard darauf drang einen Teil des schönen Busens frei zu sehen
gab sie nach verhüllte sich aber augenblicklich wieder als Jemand ins Zimmer
trat Eduard sah sich um und entdeckte das junge Mädchen das schüchtern
eingetreten war und glühende Blicke auf Jokonden richtete Sie verschwand
wieder und die Liebenden blieben allein Die rauschenden Ströme der Musik
ergossen sich indes im Vorgemach doch bald trat Stille ein der Abt behauptete
Massiello mit Eva begingen Fehler auf Fehler die Gräfin lachte der Musiker gab
nichts zu von Worten ging es auf Töne über jeder Teil griff zu seinem
Instrument und führte den Streit fort Ein wildbrausender Sturm erscholl
zwischendurch gellte ein helles Harfencapriccio dann lachten alle zu gleicher
Zeit auf und der Abt warf die Noten zusammen »Es geht heute nicht« rief
Massiello »die Noten behaupten ihre Sinn wie alle Leute von Kopf« Man wollte
sich trennen als ein fürchterlicher Schrei aus dem Nebenzimmer hervorbrach
alle fuhren entsetzt zusammen zu gleicher Zeit ward die Türe aufgerissen und
Aimée sprang heraus Sie hatte ein Messer in der Hand ihre Augen funkelten und
an dem weißen Gewande brannten Blutspuren »Alle Götter« schrie der Abt »was
gibts da«  Man stürzte ins Zimmer  der Tisch mit dem Zeichengerät lag
umgeworfen mitten im Gemach  Jokonde ruhte auf dem Sopha Hals Arme und Kleid
in Blut getaucht Eva war auf den Teppich hingesunken und rang die Hände in dem
Moment trat Eduard hinein und zerrte das seltsame entsprungene Mädchen am Arme
nach sich Als er den Schreck der Freunde sah rief er »Nur keine Besorgnis
Ihr Lieben der Vorfall ist höchst unbedeutend was Ihr dort seht ist nicht
Blut sondern bloß roter Wein mir aber hat der bösartige Knabe eine leichte
Verwundung am Arme beigebracht«  »Knabe« rief Massiello und aller Blicke
richteten sich auf den Gefangenen der sich jetzt von Eduards Arm losmachte in
die Ecke eilte den dort stehenden Degen ergriff und mit der andern Hand in
Geschwindigkeit den Frauenrock abstreifend nun in seinen Pagenbeinkleidern
dastand Mit einem vor Zorn leichenblassen Gesicht und zitternden Lippen
stammelte er indem er sich trotzig in die Mitte des Gemachs hinstellte »Nun
ja was seht Ihr mich an  ich gehöre nicht zum lumpigen Weibsgesindel ich bin
ein Mann und Kavalier wie der da und habe meinen Degen wie jeder ehrliche
Junge dem man zu nahe tritt« Halbentkleidet wie er da stand den vollen
Lockenkopf schüttelnd im blassen Antlitz die rollenden schwarzen Augen die
brennend roten Lippen und blitzenden Zähne er sah einem jungen zürnenden Apoll
ähnlich Massiello eilte auf ihn zu und schloss ihn in seine Arme Enzio aber
riss sich los und kniete vor der noch immer leblos daliegenden Jokonde indem er
sein Haupt an ihre Knie drückte schluchzte er so heftig dass die Betäubte
erwachte und mit einem Angstruf vom Ruhebette sprang und Eduarden zueilte
»Bringt den Wahnsinnigen fort« kreischte sie »er wird ihn und mich morden« 
»Ich werde nicht« rief der Knabe »Ihr seid vor mir ganz sicher Mademoiselle
Jokonde liebt immerhin wen und wie Ihr wollt für Euch mag ich wohl noch zu
jung und unbedeutend sein da will ich warten bis ich das Offizierspatent in der
Tasche habe« Er entfernte sich mit diesen Worten ohne die Gesellschaft eines
Grusses zu würdigen im Vorzimmer fand er seine Jacke die er anzog den Mantel
überwarf und so hörte man ihn den Gang entlang in der Finsternis kappen
Eduards Wunde brannte ziemlich heftig Jokonde lag weinend im Arme der Gräfin
die Männer trennten sich und ein jeder schlich verstimmt und unangenehm berührt
nach Hause
    Eduard kam innerlich auf das heftigste zerrüttet in sein Zimmer er
erriet nur zu schnell den Zusammenhang des ganzen Vorfalls und den Grund von
Enzios Zorn Er verabscheute Jokonde und Eva dass sie sich einem Knaben
hingeben konnten seine eigene Leidenschaft erschien ihm im schwärzesten Lichte
das Gewissen presste ihn von neuem wegen des Treubruchs an Emilien Er nahm sich
vor nie mehr die Schwelle des Fischerhäuschens zu betreten Der Diener
erschien um ihn zu entkleiden als der Rock behutsam abgezogen wurde fiel ein
Blättchen zur Erde welches Eduard sogleich für das vom Herzoge ihm
eingehändigte Schreiben Roberts erkannte er ließ es sich geben und las folgende
Zeilen »Ihr deutet an Prinz dass unser Verhältnis sich lösen könne ich möchte
Euch versichern dass es nie bestanden Ihr sucht bei mir jene schwächlichen
Tugenden die charakterlose Menschen aneinanderknüpfen die besitze ich nicht
und meine großen Eigenschaften fangen an in Euren Augen als Laster zu
erscheinen immerhin ich forme mein Inneres nicht nach dem Urteil der
Menschen Ihr fabelt von Verführung und stellt mir das Bild des jungen Eduards
vor  was soll ich damit der Mensch ist mir immer gleichgültig gewesen er war
eine kurze Zeit meine Puppe mit der ich spielte macht er Ansprüche auf mich
so lasse ich ihn fallen denn meine Freiheit soll Niemand beeinträchtigen«
    
    Eduards Wunde brannte heftig als er diese Worte las er fühlte in diesem
Moment die Bande losgerissen so heftig tobte das unruhige Blut dann legte sich
eine beängstigende Kälte auf Stirn und Brust er fühlte sich einer Ohnmacht nahe
und stützte sich ans Bette indes die Wunde neu umbunden wurde Jetzt tönten
Schritte im Vorzimmer die Türe flog auf und Robert stand vor dem tief
Beleidigten Die Stimmung beider Jünglinge drängte zu einem furchtbaren
entscheidenden Moment Eduard zeigte den Brief vor Robert entschuldigte sich
nur halb antwortete kalt und verächtlich  Eduards Fieberhitze ward zur Flamme
er griff mit dem rechten gesunden Arm zum Degen Robert stellte sich ihm ruhig
gegenüber und der Kampf begann Robert empfing eine Verwundung an der Seite
Eduard kaum dies gewahrend warf sich ihm mit Tränen an die Brust doch in
demselben Moment schwanden seine Sinne und Finsternis umhüllte das Auge  Als
er wieder erwachte fand er sich allein im Zimmer im Nebengemach lag der Diener
eingeschlummert im Sessel die Lichter waren tief herabgebrannt und der
aufdämmernde Morgen lag mit farblosem Grau hinter den niedergelassenen
Fenstervorhängen
    So war durch eine rasche Handlung durch Blut Entsetzen tiefe Erniedrigung
der trügerische Himmel in dem unser Freund so lange herumgeirrt war plötzlich
geschlossen Massiellos Fastenpredigt tönte in seinen Ohren Jokondens Küsse
drückten noch seine Lippen Roberts Herzblut klebte an seiner Weste doch alle
diese Zeichen und Erinnerungen dünkten ihn durch eine weite Kluft von der
gegenwärtigen Minute geschieden Die Stille und Abgeschiedenheit in der er sich
jetzt durch seine Krankheit versetzt sah lähmte jede Wirksamkeit nach außen und
er hätte Zeit und Gelegenheit genug gehabt seine frühern Irrtümer zu bereuen
wenn seine Seele noch mit jener frischen jugendlichen Spannkraft begabt gewesen
wäre die einen großen Entschluss fasst und ausführt je mehr er strebte Klarheit
und Gewissheit zu erlangen desto gewaltiger bemächtigte sich seiner die innere
Verworrenheit Bald entschloss er sich Emilien aufzusuchen durch ein
offenherziges Bekenntnis seiner Schuld sein Loos in ihre Hände zu legen bald
schreckte ihn wieder der Gedanke ab dass sie es war die mit ihrem Vater und dem
Fürsten vereint dahin strebte seine Freiheit zu beeinträchtigen In diesem
Augenblick sah er die Unwürdigkeit derer ein mit denen er bis jetzt Umgang
geflogen im nächsten Moment erschienen ihm dieselben Personen höchst
liebenswürdig und nur sein eigenes Selbst fand er zu verdammen indem die
Schwäche ihn zu Missbrauch und Verirrung hingezogen Die Wissenschaft und ihre
Schätze erschienen im ebenfalls in einem zweifelhaften Lichte die rege
Lebenskraft die wenn sie gesund ist mir ihrem Atem jedes Verhältnis alles
Wissen mit Wärme und Lust füllt war in seinem Busen gebrochen und Zweifel und
Kälte waren eingetreten So lag er oft Nächte lang auf seinem Lager und sah mit
unermüdetem Geiste eine Fläche vor sich die in Nebel gehüllt sich in eine
unbestimmte Ferne zu verlieren schien In dieser Stimmung traf ihn ein Besuch
den er nicht erwarten konnte Eines Abends als er aus einem unruhigen Schlummer
erwachte stand der Graf Eberhard vor ihm der zur Ursache seines Kommens die
Besorgnis um seine Gesundheit anführte Eduard hatte ihn über die mancherlei
Begebenheiten fast ganz vergessen auch in den Zimmern des Herzogs war der Graf
als die Abendgesellschaften anfingen nicht erschienen und so war die Meinung
natürlich dass er die Stadt verlassen habe Jetzt da er so unvermutet erschien
da die lange dürre in Schwarz gekleidete Gestalt vor dem Ruhebette des
Jünglings stand erwachte bei diesem plötzlich das Bild jenes Abends im
Fischerhäuschen wo er den wunderbaren Mann zum erstenmal gesehen Er besann
sich dass Jokonde ihn versichert hatte dass sie den unüberwindlichsten Abscheu
gegen den Seltsamen fühle ja dass er ihr oft in seiner starren gebietenden
Größe in der Unbeugsamkeit seiner steinernen Gesichtszüge vorkomme als könne
er niemand Anders wie der ewige Jude sein Ein leiser Schauder überflog ihn als
jetzt der Graf seine Hand fasste und sie eine Zeitlang in der eiskalten Rechte
ruhen ließ »Wir haben uns lange nicht gesehen« rief er dann »Sie haben indes
Erfahrungen gemacht und jede derselben ist schon ein Schritt näher zu mir« 
»Zum Tode«  entgegnete Eduard in einer sonderbaren Spannung
    »Vielleicht ist das gleichbedeutend« fuhr der Graf fort und lächelte wie
über einen besonderen Einfall dem er selbst mit Vergnügen länger nachdachte 
»allein dieser Tod ist das Leben und die Freiheit obgleich ein verblendeter
Hause ihn die tiefste Knechtschaft nennt doch wir werden nicht mit Worten
spielen die Sache bleibt wahr so sehr sich auch unsere Eitelkeit dagegen
sträubt Nichts Elenderes gibt es als den Glauben wir könnten etwas Großes
leisten etwas Edles und Erhabenes darstellen Wir wollen Bürger des Himmels
sein und sind Sklaven des bewegten Nervs der jede Minute anders erzittert Eine
reichlichere schmackhaftere Tafel verrückt die Ansicht der Dinge um ein
Ungeheures und der Kuss eines schönen Mädchens hilft den Himmel anders bauen
Wenn es uns der Körper nicht sagte dass das Verbrennen schmerze so hätten
Millionen Menschen nie eine Hölle gefürchtet und die Dichters hätten den
Gegensatz derselben den Himmel nicht erdichten können Das Grundübel der Welt
liegt im Dasein streitender Gegensätze gelingt es uns diesen Streit zu lösen
so sind wir geheilt denn nur da herrscht Ordnung Ruhe Gesundheit wo kein
Widerspruch sich zeigt je höher der Widerspruch wächst desto kränker ist der
Mensch desto kränker ein ganzes Volk Tritt der Mensch freiwillig in seine
Schranken zurück ist er im vollen Begriff des Worts gesundsinnlich so hört
augenblicklich der schreiende Misston in ihm auf und er ist weder Betrüger noch
Betrogener mehr und alle jene WeltverbesserungsAnstalten fallen von selbst
weg«
    »Mich schwindelt vor einer solchen Ansicht« rief Eduard
    »Weil Sie noch nicht zur Gesundheit sich durchgerungen haben« versetzte der
Graf »ich habe es und befinde mich ganz wohl Ehe man von einem Thron
herabsteigt dessen Flitter uns blendeten kostet es manchen Kampf Die
Geschichte aller Religionen ist eine Geschichte der Krankheiten des menschlichen
Geistes Besuchen Sie die Lehrsäle der Philosophen saugen Sie an dem Marke
alter und neuer Weisheit lassen Sie sich in dunkeln gotischen Hallen in
griechischen Tempeln in jüdischen Sinagogen in türkischen Moscheen das
unverständliche Etwas predigen das die Menschenköpfe verrückt macht welches
das menschliche Fleisch vergiftet hat von Anbeginn an das den Wahnsinn auf die
Erde gerufen und alle Kammern des Elends und Gräuels geöffnet hat«
    Eduards Wunde brannte heftig der Graf brach das Gespräch kurz ab bald
darauf entfernte er sich Es vergingen einige Tage ehe er wieder kam Er sprach
von seiner nahen Reise und gab zu verstehen dass er es gerne sehe wenn Eduard
ihn begleitete Unmittelbar berührte er nie wieder jene zuerst geäusserten
Grundsätze doch blickten sie bei jedem Gespräche durch so mild und anscheinend
verträglich es auch geführt wurde »Wenn ich von Kunst spreche« sagte er eines
Tages »so habe ich immer nur die griechische im Sinn sie allein ist es die
unverhohlen dem Menschen dient nicht einem Gespenste Wenn ich die Reize eines
schönen Jünglings eines vollen Mädchens sehe so habe ich da etwas Wirkliches
der lachende Faun der drohende Zeus wer verstände sie nicht wer labte sich
nicht an der schönen frei ausgesprochenen Form das Kolorit des Titian ist
ebenfalls wirklich  gesund doch ein Bildchen von Fiesole ist eine Krankheit
mit Pinsel und Farbe beschrieben Poesie und Musik dulden ebenfalls kein anderes
Element als die Sinnlichkeit wenn sie sich nicht in ein Nichts auflösen
sollen Die meisten Legenden sind unter den Händen ihrer Bearbeiter
Liebesgeschichten geworden wo der Heilige den Liebhaber die Heilige die
Geliebte spielt Die Rigoristen die Bilder und Lieder verbannen wollen fallen
in noch gröbere Verirrungen«
    Eines Tages holte der Graf ein Buch aus der Tasche es waren Wilhelm
Meisters Lehrjahre »Ein sonderbares Buch« rief er »da ist nun ein Mensch der
durch das Leben geht ohne sich um das Schwarz und Weiß zu kümmern mit welchen
wir alle Dinge um uns bemalen« Eduard meinte dass das Buch geschrieben sei um
die Bühnenkunst auf eine höhere Stufe zu heben der Graf lächelte und kam mit
einer Wendung wieder auf seine eigentümlichen Meinungen und Ansichten zurück
»Dieses und ähnliche Bücher« sagte er »sind mir lebende Zeugnisse dass eine
gesunde sinnliche Entfaltung das Höchste in der Poesie leistet Den Tumult der
Leidenschaften das rote Pulsiren eines heißen Herzens das lechzende Verlangen
sinnlicher Glut und das höhnende Gespött über die Anmassungen des Geistes das
ist der heftige Lebensatem der die Brust der Göteschen Muse schwillt
nirgends Krankheit überall Muskelfülle eines Laokoon und süßer Aphroditenreiz«
    Eduard wandte kleinlaut ein dass eine solche Ansicht ihm gefährlich schiene
indem dadurch der Unterschied zwischen Recht und Unrecht Tugend und Sünde sich
verdunkle Der Graf rief dazwischen »Es gibt keine Sünde wie es keine Tugend
gibt Nennen wir den Orkan der Bäume entwurzelt und Felsen erschüttert Sünde
er ist ein und dasselbe mit dem Frühlingsgesäusel  eine Naturkraft eine bloße
Erscheinung nur unsere kurzsichtigen Begriffe nennen das Eine verderblich das
Andere beglückend Ein durch sinnlichen Übergenuss sich hinrichtender Mensch
ist mir nichts als eine Erscheinung ich tadle oder lobe ihn eben so wenig als
ich einen Baum lobe oder tadle der durch Blütenfülle hinwelkt Sonnenschein
früher Regen zu fetter Boden waren die Ursache seines Falls dagegen gibt es
Tausende die anders gestellt günstigere Strahlen saugen aber ich bedaure das
arme krüppelhafte Gewächs das ein Ziergärtner frühe in ein trocknes Gerippe
einsperrte Es wird eine Zeit kommen wo alle Religionen alle Philosopheme in
den Staub sinken und die Menschen von aller Krankteit von allem Elend
genesen wieder nackend in die ewigen Quellen des Paradieses tauchen«
    Nach einer Weile setzte der Graf hinzu »Da ist nun der Herzog anstatt sich
gesund auszubilden wie er Anfangs versprach nährt er den geheimen Schaden und
jetzt ist die Krankheit da Schade um die schönen Anlagen Mit einem am Felsen
angeschlossenen Prometeus der mit seinen Ketten gen Himmel zürnt kann ich
Mittleid haben nicht aber mit einem Knaben der aus Furcht vor der Rute auf
die Worte seines läppischen Lehrers schwört«
    Eduards Krankheit brach immer dergleichen Gespräche ab doch ließ der Graf
es sich nicht nehmen täglich am Lager des Jünglings zu erscheinen ja er wachte
sogar Nächte hindurch und horchte den Fieberphantasien Oefters zog er ein
Manuskript aus der Tasche und las die Geschichte seines Lebens die sich in
finsteren Bildern um das Kloster in den Apenninen bewegte Einst entschlief unser
Freund und ein seltsamer Traum neigte sich auf ihn herab Wie aus weiter Ferne
tönte ein altes vergessenes Wiegenliedchen das er seine verstorbene Mutter
singen gehört zu haben sich erinnerte Die Töne rannen wunderbar in ein Bild
zusammen und er sah sich selbst in der Kinderstube wo er aufgewachsen wieder
eine Gestalt saß abgekehrt von ihm am Fenster am Band der Haube am Kontour der
Wange erkannte er seine Mutter Ein Schauer der Rührung befiel ihn es trieb
ihn das Antlitz zu sehen aus dessen süßen Liebesaugen sich einst der Himmel in
seiner Brust entzündet hatte doch ein inneres Grauen dessen Grund er sich
nicht erklären konnte bannte ihn fest an seinen Sitz Er betrachtete einen
Tisch vor sich er lag voll Spielzeug wohlbekannte Püppchen doch die
Vergoldung an den Soldaten war matt geworden und ein dicker Staub lag auf jedem
Dinge In seinem Herzen brachen die Knospen der ersten Jugend auf seine Seele
trank jene frühe Unschuld und Engelsfreudigkeit die Töne der Wiegenlieder
drangen mit Ungestüm in seine Brust und weiteten mit kühlendem Flügelschlage
sein Inneres aus Vergnügt schob er jetzt die Sachen zusammen und sie in eine
bunte Reihe ordnend konnte sein Auge sich nicht satt sehen an dem bunten
Schmucke der Puppen Sie alle waren ihm bekannt er wusste den Namen einer jeden
doch während er sie eine nach der andern aus dem Kästchen hervorholte riess
sich sein Finger von ungefähr an ein hervorragendes Nägelchen das Blut tropfte
heftig und befleckte die zarten Gestalten Wie er im Schmerze nun die Puppen
von sich warf bemerkte er wie jedes Figürchen auf dem Boden sich krampfhaft
herumwand wie sie immer größer wuchsen und endlich ihn und seinen Stuhl
umringten indem sie die bleichen verzerrten Gesichter über seine Schulter
senkten Es waren Robert Massiello der Herzog der Abt Jokonde und Eva auch
Enzio und der alte Fleackwout fehlten nicht doch allen klebte ein schwarzer
riesiger Blutstropfe im Gesicht und an der Kleidung Ein ungeheures Entsetzen
erfasste den Armen er fühlte wie er zum Spotte dasitze am Kindertischchen als
siebenundzwanzigjähriger Jüngling er schrie laut auf und rief den Namen seiner
Mutter da  o es war schrecklich  zitterte das Bild am Fenster wie ein
wankender Schatten den die Laterne eines Vorübergehenden auf die Wand eines
gegenüberstehenden Hauses wirft das Antlitz wandte sich langsam um und Eduard
erkannte ein seltsames fremdes Gesicht Die Haube war verschwunden statt ihrer
zog sich ein weißes Tuch halb über die Stirne und eine Seitenlocke die sich
gelöst hing auf den Hals herab Die Gestalt hob die Arme als wollte sie den
Jüngling zu sich winken ein ernstes Lächeln lag wie ein schwindender Glanz auf
den stolzen Zügen Mit Gewalt wollte er zu ihr da fühlte er seine Hand gefasst
von einer kalten Berührung zugleich schob ein voller Mädchenarm über die
Schulter ihn ein Billet in den Busen Ein stechender Schmerz stieg wie ein
Misston in die feinsten Nervengänge seines Gehirns hinauf er fühlte wie die
Mädchengestalt sich über ihn beugte und ihre Lippen seine offene Brust glühend
berührten Er erwachte die Wunde auf der Brust war aufgesprungen der Graf saß
an seinem Lager und hielt die Rechte des Kranken gefasst »Wo ist meine Mutter«
schrie dieser und warf den irren Blick in das dämmernde Gemach  »wo ist sie
sie hat mir etwas sagen wollen« Der Graf beugte sich über ihn er hatte den
Zustand der Wunde bemerkt und indem er die Tücher neu ordnete fiel ein
zusammengefaltetes Papier ihm in die Hände Eduard griff danach »ich weiß«
rief er »eine Gestalt die mir bekannt schien hat es mir eben in den Busen
gesteckt« Der Graf sah ihn mit großen Augen an  »Sie träumen noch« rief er
»es ist Niemand im Zimmer gewesen als ich und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort
dass ich nichts von diesem Papier weiß« Eduard hatte es entfaltet und las die
Worte mit einer zierlichen Hand geschrieben »Überdruss Kälte und Verachtung
umklammern ein Herz das für Liebe Freiheit und Tugend geschaffen ward O wenn
Du mir folgtest Jüngling«  In Eduards Kopfe vermischte sich Traum und
Wirklichkeit mit dumpfer Beharrlichkeit dachte er den rätselhaften Gestalten
nach ohne zu einem Resultat kommen zu können bis er endlich erschöpft in die
Polster seines Lagers zurücksank der Graf ergriff jene Zeilen die der Hand des
Erschöpften entglitten und rief nachdem er sie flüchtig durchlaufen »Nun
wahrlich hasste ich nicht ohnedies alles Geheimnisvolle so würde ich mich
dennoch schämen der Beförderer solcher Gemeinplätze und abgeschmackter Phrasen
zu sein Wo dergleichen Torheiten beginnen hört sogleich alle gesunde Vernunft
auf Lassen wir den Spuck junger Freund wahrscheinlich hat ein verschmitzter
Bote von irgend einem schönen Kinde gesandt Mittel gefunden das läppische
Geheimnis Euch unvermerkt aufs Lager zu schleudern« Eduard antwortete nicht
sein inneres Auge war auf die Gebilde des Traums geheftet besonders auf die
Gestalt die seine Mutter vorstellte und dennoch nicht war Er hätte weinen
mögen als er leise jenes alte Jugendlied vor sich hinsang und nur die
Gegenwart des Grasen drängte Tränen wie Worte in seine Brust zurück Als jener
fortging verfiel er in einen langen wohltätigen Schlummer
    Mehrere Wochen waren auf diese Weise dahingegangen die Nachricht war
eingelaufen dass die fürstliche Braut bedeutend krank liege und sich auf ein
nahe gelegenes Lustschloss zurückgezogen habe der Herzog war verreist man wusste
nicht wohin es herrschte in der Residenz Trübsal und Verwirrung im Geheim
erzählte man sich von der Ankunft eines Mannes welcher als Haupt einer
weitumfassenden Verbindung politische Reformen zur Absicht habe Es hatte sich
ein Kreis von Missvergnügten um ihn gebildet und die Gestalt der Dinge war durch
die mannigfaltigsten Umstände schon wesentlich verändert worden In diesen Tagen
erhielt unser Eduard ein Schreiben von der Oberhofmeisterin in dem sie ihn
aufforderte das Bild des Fräuleins Magdalena welches er einmal dem Fürsten
versprochen hatte zu malen Als er eben diese Zeilen las traten der Abt und
Massiello herein Sie freuten sich ihren Freund so gesund zu sehen und es
wurde von nichts als von Reiseplänen gesprochen Eduard konnte sein Missbehagen
nur schlecht verbergen er hatte sich vorgenommen den Fürsten das Fräulein
den ganzen Hof nicht wieder zu sehen und nun wurde er durch jenen Brief wieder
in den verhassten Kreis hineingezogen »Auch wir reisen« rief Massiello in einer
exaltirten Laune »ich will doch wirklich sehen ob alles so gut und trefflich
ist wie Gott seine Schöpfung rühmt im ersten Buch Mose heutzutage muss man
durchaus keiner gegebenen Versicherung glauben beimessen übrigens will ich
diesen jungen Menschen  er zeigte auf den Abt  in die Welt einführen« Der Abt
lächelte und sagte »Wir entfliehen eigentlich nur dieser
StillenFreitagStimmung welche sich hier Platz gemacht hat Man redet und isst
seit langer Zeit nichts Gutes mehr« »Vielleicht« rief Massiello »treffen wir
Dich Du Süsser in irgend einer kapitalen Stadt wo Du mit deinem Prinzip der
reinen Bestialität herumwandelst indessen wir als ein paar essende und singende
Menschen hinein und wieder durchschwärmen Es ist in diesen Tagen mir auch ein
ganz neuer Stoff zu Oper und Ballet gekommen und zwar aus einer erzfrommen
Zeit wo jeder auftretende Vater gleich von vorn herein ein ErzVater ist
nämlich aus Abrahams Zeit durch welches Stück ich mir dereinst einen sehr
warmen bequemen Platz im Schoße dieses Mannes im Himmel zu bereiten gedenke
Die Oper führt den Titel Die Bitte um Fruchtbarkeit Zuerst erscheint Abraham
und tanzt ein etwas frivoles Solo im Hintergrunde sekundirt ihn Sara mit
einigen Hirtinnen des Tals Mamre dann tritt eine Hirtin vor und gesteht unter
Begleitung von Janitscharenmusik vermischt mit Trompeten und Pauken in zarter
Verschämteit dass sie sich Mutter fühle wobei sie einige decente Sprünge macht
und sich entfernt Abraham hat sie verstanden und wütet indem er sein Loos
beklagt es folgt ein Pas de deux mit Sara das in leidenschaftlichen kurzen
Sätzen von der Musik begleitet wird Der Erzvater lässt sich offenbar zu
zürnender Ungerechtigkeit verleiten Sara spielt im gekränkten Selbstgefühl das
leidende Weib und bleibt zuletzt mit dem rechten Fuß radschlagend und es
wagerecht stolz gegen Abraham hinschleudernd auf dem linken drei Minuten lang
stehen mit dem vollen glänzenden Lächeln gekränkter Unschuld Ungeheures
Applaudissement der Vorhang fällt Den zweiten Akt eröffnet ein Engel mir der
Arie di tanti palpiti  er zieht sich in ein Gebüsch zurück Sara erscheint
indem sie ihre Bitten vorträgt man bemerkt im Hintergrunde einige moralisch
verdorbene Hirten welche sich moquiren Die Musik ist bei dieser Stelle
durchaus unfruchtbar und deshalb aus einigen beliebten neuen Komponisten
entlehnt Jetzt tritt der Engel hervor und Sara tanzt mit ihm doch merkt man
schon dass es ihr schwer wird Abraham hat sich indes bei den Hirten erkundigt
wer der junge Mann sei und da er nichts hat erfahren können stürzt er
eifersüchtig in den Vorgrund Sara lächelte still und spielt in einer artigen
naiven Arie auf ihr fast hundertjähriges Alter an der Engel erklärt sich und
seine Sendung Abraham jauchzt auf Hirten und Hirtinnen füllen die Bühne und
die Szene schließt mit der Menuet aus dem Don Juan Im dritten und letzten Akt
erscheint Isaak er macht eine anständige Verbeugung gegen das Publikum und
gesteht dass er es selbst nicht geglaubt habe dass er noch erscheinen werde Er
nimmt darauf Unterricht im Tanz und leistet etwas Unglaubliches die gerührten
Eltern und das ganze Tal Mamre klatscht Beifall Die moralisch verdorbenen
Hirten sind zu ihren Verwandten in die Städte Sodom und Gomorrha gegangen und
man sieht diese beiden verdammten Residenzen im Hintergrunde aufbrennen In der
Schlussscene erscheint Adam als Harlekin Eva als Kolombine der böse Geist als
Dottore die Gegend verwandelt sich in das Paradies ein Orangoutang tanzt mit
einer jungen Aeffin ein komisches Pas de deux Löwen und Kameele gehen über das
Theater ihnen folgt der Hund des Aubri und der Kater Murr alles treibt sich
bunt durcheinander ein militärisches Manöver und der marseiller Marsch
beschließen das Ganze Nicht wahr Freunde eine großartige Komposition« 
    Eduard und der Abt hatten gelacht doch der letzte lenkte schnell ab und
sprach vom Grafen »Haben Sie bemerkt Teurer dass dieser Mann sich nichts
geringeres vorgesetzt hat als der Zeit eine Richtung zu geben Wenn ich nur
dergleichen nicht fände was soll das wozu führt das Da sitzt eine halbe
Million Menschen auf dem Erdboden verteilt und horcht und lauscht an den Boden
gedrückt ob sie nicht den Schritt der Zeit vernehmen Mit lauter Entwürfen die
Zeit einzurichten und zu gestalten geht sie ihnen selbst ganz ungenützt dahin
sie gleichen einem Kinde das so viele weitläufige Anstalten zu einem Spiele
trifft dass darüber die Spielstunde zu Ende läuft Doch an dieser Krankheit
liegt jetzt die ganze Welt nieder Wir ahnen Großes und Entsetzliches und
stämmen Hände und Leiber vor als wollte eine Wand einstürzen und nachher wenn
nichts stürzt so stehen die tausend gehobenenArme und gebückten Leiber äußerst
possirlich da Ein kluger Mann muss wie in einem übelgebauten Wagen so auch in
einer schlimmen Zeit immer noch ein Plätzchen ausfinden können wo es sich
leidlich bequem sitzen und träumen lässt«  Massiello hatte sich auf einen
Lehnsessel geworfen und indem er beide Hände vors Gesicht schlug stieß er einen
tiefen und durchdringenden Seufzer aus »O ich bin müde zu leben« rief er
»ich finde keine Worte für den Ekel der mich ergreift Alle Erscheinungen
haben sich schon bis zum Überdruss in mir wiederholt und ich bin jeder
Erbärmlichkeit vertraut geworden Es ist alles nichts alles fad alles tot
staubig verkohlt  erbärmlich« 
    Eine lange Pause entstand dann gingen die Freunde still auseinander keiner
vom Wesen des andern erbaut und erkräftigt
    Eine Frist die unser Freund vom Arzte sich hatte vorschreiben lassen war
verlaufen und es fand sich keine Entschuldigung mehr die den längeren Aufschub
des Besuches im Schloss hätte möglich machen können so trat er denn eines
Abends zu Pferde von einem Diener begleitet die Reise an Der Frühling war in
seinem vollen Glanze erwacht die letzten rauen Atemzüge des Winters
verhauchten in dampfende Nebel der die tiefsten Täler noch einhüllte goldne
Strahlen entzündeten die Welt und leichte süße Gesänge wiegten sich auf den
sprossenden Zweigen Gegen die Nacht kam ein Gewitter herauf und ein warmer
qualmender Brodem stieg mit einem betäubenden Geruch aus dem Boden des Waldes
einige dumpfe Schläge ertönten dann herrschte tiefe Stille und während der
matte Glanz der Blitze um die Blüten herumfuhr tropfte ein warmer Regen
nieder Eduard hatte sich mit seinem Diener unter einem Baume niedergelassen und
den Rock aufgeknüpft zum erstenmal wieder schmerzte ihn seine Wunde
empfindlich und er musste gebückt sitzen die Hand auf dem entblößten Busen Das
geheimnisvolle Blatt kam ihm wieder in die Hände er heftete in der Dunkelheit
sein Auge drauf und es war ihm als sähe er wieder jene blendend weiße Hand
über seine Schulter reichen um ihm das Papier zu entreißen heftiger schloss er
es an sich und blickte um Tiefe Finsternis hüllte jetzt den Wald heftig
rauschte der Regen und leuchtende Blitze schossen nieder Eine Unruhe die er
sich nicht erklären konnte trieb ihn an das Pferd zu besteigen und in die
Nacht hinein sein Ziel zu verfolgen Das Wetter ließ bald nach und als unser
Reiter bei den ersten frischen Morgenstrahlen aus dem Walde herausritt zeigte
sich ihm das Schloss und seine Umgebungen Es lag in romantischer Wildheit am
Abhang eines Berges und ein Teil desselben lehnte sich in starren Umrissen an
eine schroff emporsteigende Felswand Brücken hier und da noch mit dem
altertümlichen Schmuck früher Jahrhunderte versehen liefen über Abgründe und
verbanden die schweren Massen mit einander sicher und zierlich aufsteigende
Türme und Türmchen umstellten den Bau wie schützend nach allen Weltgegenden
hin und auf den spitzigen Dächern blitzten im Abendlicht die blanken Knöpfchen
Weiter unten halb im Tal erhob sich ein modernes Gebäude zierlich
ausgestattet vom hellen Grün schön geordneter Baumgruppen umschlossen Eduard
stieg hier vom Pferde und auf seine Frage nach dem Schlossintendanten wies man
ihn hinauf in die fürstlichen Zimmer Alsobald machte er sich auch auf den Weg
Oben auf der altertümlichen Stiege kam ihm ein Diener der Oberhofmeisterin
entgegen ihm den Eingang in den Saal öffnend Bei seinem Eintritt erblickt er
ein Frauenzimmer welches am letzten Fenster mit dem Rücken gegen ihn saß und
sein Erscheinen nicht zu bemerken schien Bestürzt blieb er stehen und strich
sich über die Stirne  es war nur zu deutlich die Gestalt aus seinem Traume saß
vor ihm Der voraneilende Diener meldete ihn in dem Augenblick erhob sich die
Dame und Eduard erkannte die Fürstin die ihn huldreich begrüßte Von ihrem
Schoße fiel indem sie aufstand ein Stickmuster zur Erde und als sie sich
bückte es wieder aufzuheben löste sich die eine Seitenlocke und sank auf den
Hals nieder Eduard starrte die Prinzessin an einige Worte stammelnd welche
nur zu deutlich seine innere Bewegung verrieten in dem Moment öffnete sich
eine Tür und Fräulein Magdalena trat herein Ein ausgewählter Morgenanzug
schloss sich ihrem schönen Wuchse an in ihrem Gesichte lag eine ungewöhnliche
Blässe mit der das volle rötlich braune Haar contrastirte »Werden Sie mir
vergeben« nahm die Fürstin zu Eduard gewendet das Wort »wenn ich die
Veranlassung bin dass Sie aus dem Kreise ihrer Freunde aus den bunten Zirkeln
der Residenz sich haben losreißen müssen um meinem Wunsche zu genügen das Bild
meiner lieben Freundin« sie zeigte auf das Fräulein »zu malen sie will uns
verlassen meine zärtlichsten Wünsche haben nichts über ihren unbeugsamen Willen
vermocht als nur die eine Vergünstigung ihr Bild mir ausbitten zu dürfen« Das
Fräulein neigte sich bei diesen Worten mit einem Kusse auf die Hand der Fürstin
nieder Diese Handlung gab Eduarden plötzlich seine ganze Fassung wieder er
glaubte die Heuchlerin zu entdecken der kein Mittel zu gering war sich in die
Gunst der durch sie beleidigten Fürstin wieder einzudrängen ja er meinte das
Feuer dieser großen blauen Augen die eine Zeitlang auf ihm geruht hatten zu
verstehen das Rätsel jener geheimnisvollen Worte löste sich  sie sie rief
er bei sich sie hat dich hergerufen  ihr entschlüpften jene Drohungen und
Winke Eine Kälte erfüllte seinen Busen das Gespräch die Umgebung die Wände
des Gemachs ja das ganze finstere Schloss drängte jetzt beängstigend auf ihn
ein Der Widerwille der Hass gegen das Fräulein stieg so hoch dass er jeden
Augenblick fürchten musste dass sein offener Charakter an ihm zum Verräter
werden möchte nur der Anblick der Fürstin die ihn immer von Neuem an seine
Mutter erinnerte war im Stande ihm den Gedanken an einen längeren Aufenthalt in
dieser Umgebung nicht zur Marter zu machen
    Als unser Freund später zur Abendtafel erschien trat mit ihm ein ältlicher
Mann mit ehrwürdigen Zügen den die Fürstin als Freiherrn von Werner den
Intendanten des Schlosses vorstellte wo Eduard seinen Wohnort aufschlagen
sollte ein Das Fräulein sprach wenig ein grüner Schirm bedeckte ihre Augen
vor dem Glanze der Kerzen und da sie den Kopf gesenkt hielt gewahrte der Blick
nur die zarte Rundung und Weiße des Kinnes so wie ein schön gebildetes
blassrotes Lippenpaar Oefters reichte ihr die Fürstin die Hand über den Tisch
und sagte »Nun Liebe  so traurig« Eduard höhnte im Innern die welke Zartheit
und spröde Resignation alles an diesem Wesen erschien ihm falsch er sehnte
sich nach der heißen offenen Sinnlichkeit Eras Mit Entzücken vernahm er den
Abschiedsgruss der Damen Ketten sanken von seiner Brust und er eilte mit dem
Baron über die vielen Brücken und Stiegen dem neuen lichten Gebäude zu in dem
er die erste Nacht nun zubringen sollte Hier hatten alle Gegenstände ein
durchaus verschiedenes Äußere im Wohnzimmer in welches der Freiherr ihn
führte war die Familie versammelt und begrüßte den Ankömmling offen und
freundlich Der Baron war Wittwer seine Gemahlin hatte ihm eine Tochter und
einen Sohn geschenkt Die erste war ein kleines lebendiges Wesen mit
hellbraunen unstäten Augen sie besorgte die Wirtschaft es zeigte sich jedoch
bald dass sie bei diesem Geschäft mit der größten Eilfertigkeit und
Zerstreutheit zu Werke ging und hundert Dinge vergaß oder falsch ausrichtete
man sah ihr den Wunsch an immer wieder so schnell als möglich ihren Platz
einzunehmen bei einem Manne in den mittleren Jahren der sich unserem Freunde
als einen Journalisten aus der Residenz ankündigte Den Bruder Sophiens ein
junger Mensch von blühendem Aussehen bezeichnete seine Kleidung als einen
Forstzögling aus einem nahen Waldstädtchen Bei seiner kräftigen Jugend und
männlichem Geschäfte trat eine große Weichheit seltsam contrastirend bei seinem
Benehmen so wie bei der Gesichtsbildung deutlich hervor Er stand lange
während ein munteres Gespräch in der Stube durcheinanderkreuzte stillschweigend
ans Fenster gelehnt und blickte hinaus auf das einsam erleuchtete Zimmer im
Schloss welches in die Nacht herab glänzte sein Vater trat endlich zu ihm
und indem er etwas unsanft in die blonden Haare des Träumers fuhr fasste er ihn
um den Leib und zog ihn in die Stube hinein »Mein Sohn August« rief er
Eduarden zu den Jüngling vorstellend  »Forstkadet in R « Man setzte sich zum
Nachtische den Sophie besorgt hatte und in dem Moment trat ein ältlicher Mann
ein den der Hausherr Ottfried nannte und als seinen jüngsten Bruder
bezeichnete »Ich bin mit meiner Familie« fuhr der Baron fort »in eine
sonderbare Verwirrung geraten ein Teil zu dem mein Bruder auch gehört ist
offenbar zu alt der andere  dort meine lieben Kinder möchten fast ein wenig
zu jung sein es fehlt an einem gewissen Mittelstand«  »Den bildet doch wohl
unser Freund dort« sagte Ottfried indem er auf den Journalisten zeigte 
»Gott behüte« rief dieser »ich gehöre unbedingt der neuen und neuesten Zeit
an es gibt kein Bündnis mit alten Irrtümern Krieg offener Krieg und keine
Vermittlung ist mein Wahlspruch« Er sprach diese Worte wie im Scherze leicht
hin dennoch war es nicht zu verkennen dass seine wahre Ansicht sich nur dürftig
maskirte um in Gegenwart eines Fremden dessen Gesinnungen ihm noch ein
Geheimnis waren nicht zu entscheidend aufzutreten Sophie ließ sich angelegen
sein ihrem Freund allerlei Leckerbissen zuzuwenden und dieser zog endlich zum
Dank für diese zarte Aufmerksamkeit die neuesten politischen Blätter hervor
indem er sich anschickte Einiges daraus vorzulesen »Halt halt Teuerster«
rief der Baron »lassen wir unsern jungen Freund nicht gleich zum Willkommen die
alten kreischenden Trompeterstückchen hören die jetzt alle Ohren gellen machen
 nachher nachher findet sich wohl ein Stündchen besser wird es sein etwas
über unsere Bekannten in der Residenz zu vernehmen« Der Doktor schlug seine
Blätter mit merklichem Unwillen zusammen und Eduard ward aufgefordert zu
erzählen Das Gespräch kam auf die Poesie und die neuesten Erscheinungen in
diesem Fach »Wenn wir davon reden sollen« nahm der Journalist wieder das Wort
»so ist die erste und wichtigste Frage was suchen wir heutzutage in der
Poesie«  »Zerstreuung Erheiterung Erhebung aus der verwirrten dumpfen Zeit«
rief der Baron mit Nachdruck  »Freilich wohl« nahm der Erstere wieder das
Wort »Erhebung  das soll sie uns geben und das wird sie Gottlob die Zeit ist
vorüber wo diese edle Kunst wie alle übrigen nur dem Kitzel der Höfe diente
und ein paar tausend Menschen mit ihr wie mit der Puppe spielten Drum nichts
von Zerstreuung Erheiterung  wir sollen nicht zerstreut erheitert werden
eine finstere tatendrängende Zeit fordert Arbeit Mühe schnelle begeisterte
Wirksamkeit Der Brand umgestürzter Reiche der alten Gerüste und Satzungen hat
so wie das Blut untergegangener Generationen den Boden gedüngt und die
hellstrahlende Sonne echter Aufklärung zeitigt jetzt in jäher Schnelle die
aufkeimende Saat alles ist Regung und Bewegung der scharfe tragische Dolch der
Muse mit dem die Hand früher gespielt jetzt gilt es in einer Männerfaust
seine Schärfe seine hartgeschliffene Spitze zu erproben Hinweg mit der
markausspülenden Weichlichkeit jener Poeten deren Faunsgesichter von
Perückenlocken umschattet mit lüsterner Gier in den Falten des alten
Paradebetts lauschen wo die alte buhlerische Koquette der Despotie sich ziert
und winkt Die morschen Pendülen mit den Porzellanmöpschen und Schäferinnen
haben ihre letzte Stunde gewispert ein wunderbarer Sturm rauscht hinter jenen
Tapeten und rüttelt an den versteckten Türen durch welche Wollust und Verrat
einschlichen Ein flammenschöner in jungfräulicher Herbigkeit felsenharter
Joseph reißt sich die junge Freiheit aus den verfolgenden Armen der alten
Koquette welche in welker Ohnmacht zurückbleibt gerne opfert er den Mantel
alles irdische Gut wenn er nur das himmlische seines Busens rettet«
    Ein Schweigen trat ein nach diesen lebendigen Worten Sophie schmiegte sich
an den Sprecher und sah ihm in die funkelnden Augen Der Baron nahm das Wort und
sagte »Ihr habt vollkommen recht Doktor unter den grauen mittelalterlichen
Schutt von zerbröckelten Kirchtürmen den altmodischen Porzellanmöpschen und
Perücken gehören auch jene albernen gotischen Irrtümer von Andacht Liebe
Begeisterung und Ihr tut wohl daran wenn Ihr drauf besteht dass alles
miteinander ausgekehrt werde damit aus der alten wunderlichen Kinderstube des
Menschengeschlechts voll summender Märchen und Kindergebete ein feiner
offener Salon werde wo politische Zeitschriften gelesen werden können und man
über den neuesten Wechselcours verständige Betrachtungen austauschen kann« 
»Wir werden uns nimmermehr verstehen« fuhr der Journalist auf »und es wäre
besser es käme nie zu einem so unfruchtbaren Austausch desto besser hat mich
hier meine junge Freundin verstanden nicht wahr«  Sophie errötete und neigte
ihr Antlitz tief herab dann hob sie es langsam und ein Blick auf den Vater
zeigte dass ihre Zunge es nicht wagen dürfe offen den Beifall zu äußern den
sie im Geheimen den Worten des Redners gab  »Ich erlebe es noch« fuhr der
Baron fort »Sie Herr Doktor im offenen Kampf mit Fürst und Thron zu sehen
vielleicht treffen wir uns noch in einem engen Gewahrsam wieder wo wir beide
Zeit genug behalten einer an dem andern Proselyten zu machen«  »Ich stehe
überall meinem Mann« erwiderte der Angegriffene »und gehe wie Jeder
heutzutage gewappnet umher doch möchte mir gerade das tätliche Eingreifen
nicht als Beruf gegeben worden sein es gibt im Felde der Ideen noch zahllose
rühmliche Kämpfe zu bestehen Hier wie in jeder kräftigen Weltsache gehen der
falschen Apostel in Menge herum und es fehlt am Judas nicht der die Freiheit
um dreißig Silberlinge verläugnet Zahllose Meinungen schweifen in der Irre
umher und bekämpfen im Irrtum und in der Finsternis sich selber der Taumel
wächst hier zum frechen Übermut indes der Eifer für die gute Sache dort im
trägen Indifferentismus unterzusinken droht dort ist also Zaum hier sind
Sporen nötig und so gibts für einen Kopf dem Ernst und Klarheit geworden
genug zu tun Einheit und Richtung in die wogende drängende Masse zu bringen
Gab es einmal eine Zeit wo es lieblich erlaubt und schön war den Geist in
eine poetische Ferne zu tauchen am verklärten Schmerz und Entzücken sich zu
berauschen im Reiche der Phantasie zu leben so muss das jetzige Geschlecht
diesen Genuss aufgeben und dafür die Ehre haben Taten auszustreuen die den
kommenden Geschlechtern Stoff zu Liedern und Hymnen geben Es genügt nicht in
Ruhe die kunstreichen Gebilde auf dem Schilde der Minerva zu betrachten sondern
es gilt ihn zu führen im Streite«
    Der Baron erhob sich und auch die Andern brachen auf man trennte sich um
zu Bette zu gehen Ottfried kam auf unsern Freund zu und indem er ihm die Hand
drückte bat er ihn sich in das Profil zu stellen Eduard tat es und der
freundliche Mann sagte nach einer Pause während deren er ihn aufmerksam
beobachtet hatte »Nicht wahr Sie sind ein Dichter gestehen Sie es nur ich
trüge mich nicht« Eduard gestand dass er Verse niedergeschrieben »Ja ja«
rief Ottfried »o mein Freund ich habe Ihnen viel zu vertrauen doch das zur
gelegenern Stunde«
    Als Eduard sein Zimmer erreicht hatte löschte er schnell die Kerzen aus
und ließ den vollen silbernen Strom des Mondlichts über den Schreibtisch und
Armstuhl auf den Boden fallen er trat ans Fenster und es öffnend blickte er
auf das gegen die finstere Wolkenwand weisslich hervortretende Schlossgemäuer Die
Fenster schillerten im Mondglanz und es sah aus als gäbe es drinnen ein
prächtiges Fest Alles umher war Ruhe und Stille noch eben hatten
leidenschaftliche Worte einer Menschenrede an sein Ohr getönt sie waren
verhallt und durch das Schweigen des Grabes tönte das leise Geflüster der
Blätter der unter seinem Fenster aufstrebenden Baumgipfel Jetzt strich ein
Luftzug durchs Gemach und die Papiere auf dem Tische flogen auf er sah im
Schloss ein einsam wandelndes Licht die lange Fensterreihe durchstreifen und
die Uhr im nahen Dorfe schlug die zwölfte Stunde Er suchte das Bett und sank
bald in einen tiefen Schlaf
    Als er am Morgen sich zum Frühstücke einfand saß Sophie allein da und
beschäftigte sich mit den Tassen Sie stand sogleich auf und nach einigen
gleichgültigen Reden sagte sie »Die Augenblicke sind selten wo es einem
gestattet wird Blicke in das Innere eines Menschen zu tun Sie mein Herr
haben zufällig gestern den wunden Fleck offen gesehen der nach Innen zehrend
das Unglück unserer sonst so zufriedenen Gesellschaft macht Ich kann es nicht
leugnen ich hege den tiefsten Hass gegen die alten Formen und den Dünkel einer
Kaste die dem Übermut und der Tyrannei keine Gränzen zu setzen weiß offen
bekenne ich dass mir die höhere philosophische Entwickelung der Ideen um die es
sich handelt gänzlich fremd ist und dass zur Bildung meiner Ansichten gekränkte
Eitelkeit einen großen wenn auch nicht den größten Teil beiträgt Ist es Ihnen
recht so benutze ich das halbe Stündchen wo mein guter Vater noch zu
erscheinen zögert um Ihnen eine Begebenheit zu erzählen die die plötzliche
Änderung meiner Ideen bewirkt hat und an die ich nie ohne Bewegung
zurückdenken kann« Eduard setzte sich zu ihr und sie fuhr fort »Meine gute
Mutter war nicht von adeliger Abkunft sie hatte durch Tugenden die eines
leeren Schimmers nicht bedürfen das Herz meines Vaters an sich zu fesseln
verstanden ihr früher Tod ließ ihn ihren Wert auf das schmerzhafteste
empfinden Man veranstaltete ein ehrenvolles Leichenbegängnis und die
gewöhnlichen Festlichkeiten gingen vor sich die noch ein Erbteil einer
steifen törichten Zeit eben so drückend als belästigend für die armen
Hinterbliebenen sind Meine Mutter besaß ein kleines Ordenskreuz welches sie
von einer teuren Freundin die Stiftsdame gewesen als ein Andenken erhalten
hatte und welches immer auf ihrer Brust zu ruhen pflegte auch jetzt befand es
sich dort obgleich das Herz welches in diesem Busen schlug schon erkaltet
war Wer hätte es wagen können dieses Zeichen einer zärtlichen Erinnerung zu
entreißen Und dennoch geschah es Eine Dame von Adel die sich mit unter den
Trauergästen befand und noch zu jenem Fräuleinstift gehörte bemerkte nicht
sobald das Kreuz als sie an den Sarg trat um es abzulösen Fast mit kindischer
Hast sprang ich hinzu umklammerte ihren Arm indem ich sie bat und beschwor
von diesem Vorhaben nachzulassen ja ich besinne mich dass ich in ohnmächtiger
Wut nahe daran war ihr in den Arm zu beißen allein sie drängte mich von sich
indem sie leise und mit schneidender Kälte sagte Mademoiselle soll ich Ihre
Bonne rufen um Sie zu züchtigen Dann wandte sie sich zu einer nebenstehenden
Dame und sagte spottend Das ist nun eine Erziehung wie sie eine Bürgerliche
geben kann Mein ganzes Wesen war Erbitterung ich verstand jene Worte sehr
wohl und ein grelles Licht drang in mein Inneres O Himmel ich glaubte die
arme Mutter jetzt jedes Schmuckes beraubt zu sehen mein einziges Verlangen war
mich nur gleich zu ihr ins kalte einsame Grab zu legen In der Folge gab es
Kränkungen der Art eine Menge So besinne ich mich dass ich die schmerzlichsten
Tränen vergoss an einem Abende wo alle meine Gespielinnen tanzten und jubelten
man hatte meine vertrauteste Freundin ein Mädchen von bürgerlicher Abkunft auf
das Empfindlichste gekränkt und da ich mich lebhaft ihrer annahm musste auch
ich erfahren dass man mir den Stand meiner Mutter vorwarf Dies empörte mich es
kam aufs Äußerste und als mir die Gescholtene zu rechtfertigen im Eifer der
Rede die hellen Tränen über die Wangen liefen musste ich ein schadenfrohes
tückisches Lachen hören welches mir das Herz vollends zerschnitt Mein guter
Vater verließ mit mir den Saal und als ich zu Hause anlangte musste der Arzt an
meinem Bette erscheinen denn die Symptome eines bösartigen Fiebers zeigten
sich welches mich auch später drei volle Monate am Krankenlager fesselte Als
ich genas blieb ein Stachel in meiner Brust zurück und zum erstenmale empfand
ich eine Art von Genugtuung als es in meine Hand gegeben ward einem jungen
Mann von adeliger Geburt der um meinen Besitz sich bewarb eine abschlägige
Antwort mit aller Bitterkeit meines gekränkten Herzens zu erteilen Bald
suchten nun Spötter auszubreiten meine liberalen Ideen brächten den Thron in
Gefahr und was des Geschwätzes mehr war indes fühlte ich nur zu deutlich dass
mein Geist zur Selbstständigkeit gereift war meine natürliche Offenheit trat
zurück und während des Kampfes in mir beobachtete ich die strengste Kälte nach
außen In jener Zeit ward der Doktor den Sie gestern kennen gelernt in unserm
Hause bekannt und ich kann wohl sagen dass er mich über mich selbst völlig ins
Klare setzte Ich gelangte immer weiter bis zuletzt die Nähe eines so hohen und
schönen Wesens deren Erscheinung der Doktor wie eine göttliche Sendung
betrachtet mir eine Festigkeit ja einen Trotz verliehen hat mit dem ich gegen
eine ganze Welt mit den Waffen meiner Überzeugung anzukämpfen im Stande sein
könnte Dies mein Herr sind in der Kürze die Beweggründe meiner veränderten
Sinnesart welche ich Ihnen gestern glaube ich nicht undeutlich an den Tag
gelegt habe«
    Eduard hatte dem geläufigen Fluss der Rede so wie den sonderbaren
Erfahrungen des kleinen Wesens ruhig zugehört und dabei seine Morgentasse
geleert Auf der einen Seite konnte er ihr seine Achtung nicht versagen auf der
andern musste er herzlich bedauern dass seine offenherzige Vertraute nur zu gewiss
den Schranken entrückt sei für die sie bestimmt war Er erkundigte sich nach
jener wundervollen Erscheinung deren sie am Schluße ihrer Worte erwähnt hatte
»Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen« entgegnete Sophie »es ist ihr Wille
im Verborgenen zu wirken gleich einer Priesterin im Allerheiligsten wie mein
Doktor sich ausdrückt«  »Doch nicht Fräulein Magdalena« sagte Eduard halb
gedankenlos vor sich hin und wunderte sich nicht wenig als hohe Röte die
Wangen seiner kleinen Freundin übergoss  »Sie ists« rief sie mit leiser
Stimme »ich kann nun einmal kein Geheimnis auf meiner Zunge bewahren ja Sie
habens erraten Fräulein Magdalena ists nur bitte ich  Verschwiegenheit
teurer Mann Sie könnten mich sonst beim Doktor auf ewig in Misskredit stürzen«
 »Dacht ichs doch« rief Eduard bei sich »Priesterin Sonnambüle
Jakobinerin Buhlerin Alles in Allem« Sophie wollte in ihren Erörterungen und
Geständnissen von Neuem beginnen als die Türe sich öffnete und der Baron
eintrat Er grüßte und nahm Platz indem er seine Tochter aufmerksam von der
Seite ins Auge fasste sie tat unbefangen und fing sogar an ein Liedchen zu
singen das durch seine falschen Töne Eduards Ohr nicht wenig beleidigte »Ich
wette« sagte der Alte zu ihr »Du hast wieder allerlei Bekenntnisse zu Markte
gebracht und nach deiner Art räsonnirt der Kaffee ist kalt geworden und ein
Teil der Sahne ist aufs Tuch verschüttet« Sie begütigte mit einem Handkuss den
Scheltenden und schlüpfte zur Türe hinaus »Wenn ich doch den Unfug in meinen
alten Tagen nicht noch zu erleben brauchte« rief der Baron indem er ihr
nachsah »wahrlich in die Tiefen des Meeres möchte ich mich betten die Kammern
der Felsen möchte ich aufschließen um mich vor dem Unsinn dem leeren
polternden Treiben zu verstecken Ich weiß dass es nur ein Schwindel ein Traum
ist worin die heutige Welt befangen ist dass dieser jammervolle Zustand bald
vorübergehen wird und muss  doch dauert er mir jetzt schon viel zu lange« Er
saß grimmig da und erst dann gelang es Eduarden ihn in eine bessere Stimmung
zu bringen als er einen Gang in die würzige Frische des Morgens vorschlug
Unser Freund konnte sich nicht entschließen aufs Schloss zu gehen um sein Werk
anzufangen Als man den Garten entlang ging wurde Sophie bemerkbar die
Küchenkräuter einsammelte »Das wird eine echt liberale Suppe werden« spöttelte
der Alte »da sie wiederum es sich nicht nehmen lässt selbst die Ingredienzen
einzusammeln wir werden uns wohl teurer Freund den Hunger heute vergehen
lassen müssen« Nach einer Pause fragte er »Kennen Sie das Fräulein Magdalena
oben im Schloss«  Eduard schüttelte das Haupt »Ein treffliches Geschöpf« fuhr
der Baron fort »ich könnte Ihnen von Wohltaten erzählen von in der Stille
verübten trefflichen Handlungen doch lassen wir das man muss seinem
Nebenmenschen auch nichts Gutes hinter dem Rücken nachsagen« Er schwieg und
Eduard empfand durchaus keine Neigung den Discurs fortzusetzen in dem
Augenblick holte sie ein Diener vom Schloss ein und brachte von der Fürstin
eine Einladung an Eduard aufs Schloss zu kommen Der Alte trennte sich von ihm
und sobald er fort war erschien Sophie mit dem Bündel gepflückter Kräuter
»Nicht wahr« sagte sie »der treffliche Alte hat schon wieder über mich
gelästert o ich bin oft der Verzweiflung nahe wie schwer wird es uns doch den
Schatz zu verbergen den wir über Nacht gehoben haben Er will mich nun einem
vernünftigen kalten Mann verbinden einem eingefleischten Altgläubigen der sich
nicht scheut noch eine Perücke zu tragen und den Uz und Gleim zu lesen mit
einem Worte er will mich einem Pfarrer vermählen der im nächsten Städtchen
wohnt und von Zeit zu Zeit seine dürren aristokratischen Beine hierher in
Bewegung setzt um mir seine Person anzutragen Wahrlich man kann einen Abscheu
gegen jede Verbindung bekommen wenn man sieht wie Ihr Geschlecht sich
vereinigt das unserige in ein unbedeutendes läppisches Nichts hinab zu drücken
Kindische Tändeleien füllen unsere Jugend Sitte Vorurteil Männerstolz
beraubt uns nach und nach jeder höheren Wirksamkeit und indem die Eitelkeit
Ihres Geschlechts einen Kitzel darin findet mit unserer Erscheinung wie mit
einer geputzten Puppe zu spielen so lange dieser der Flitter vergänglicher
Jugend und Schönheit anklebt so findet zugleich der Stolz der Männer seine
Berechnung dabei durch eine so unwürdige Verweichlichung unsere Teilnahme den
Angelegenheiten des Gemeinwesens zu entziehen und unsern Geist zur Führung der
Staatsgeschäfte untauglich zu machen Was sind wir Weiber jetzt und was könnten
wir sein Wer mag heutzutage an Tusnelden erinnern ohne fürchten zu müssen
lächerlich zu werden und doch ist nicht Liebe Vaterland Freiheit ein und
dasselbe im Busen eines jeden edleren Weibes kann sie den Mann lieben der
unwürdigem Joche seinen Nacken beugt«  Aus ihrem Auge stürzten als sie dieses
sprach Tränen zugleich entfielen ihr die Küchenkräuter und ein Hündchen
welches sie begleitete stürzte sogleich über den grünen Haufen her und
verschleppte unter Gebell und Sprüngen die farbigen Wurzeln die neue Tusnelde
hatte Mühe indem sie ihm nachjagte ihre Schätze wieder zu erlangen als sie
zurückkehrte war Eduard schon auf dem Wege nach dem Schloss begriffen ein
Diener trug ihm das Malergerät nach
    Eine Woche war vergangen während er ziemlich eifrig an dem Bilde arbeitete
doch mit innerem Widerstreben Magdalena schien seine eisige Kälte zu empfinden
manchmal zog sich ein bittendes Lächeln über ihre Züge doch lag sie stumm in
ihrem sammetnen Lehnsessel Die Fürstin ging ab und zu die Oberhofmeisterin las
zuweilen ein kleines französisches Lustspiel vor Eduard hatte nie eine ähnliche
Qual empfunden er sah wie unter seinen Händen die Arbeit verkümmerte wie jede
volle Linie jede warme Form ermattete und erstarrte dennoch konnte er sich
einen gewissen Triumph nicht verhehlen der in der Überzeugung bestand dass es
ihm gelungen sei auch jeden Reiz aus einer Gestalt zu verbannen den diese nur
anwendete um verderblich zu wirken Er bat sich jetzt eine Ruhezeit aus und
das Bild wurde auf sein einsames Zimmer gebracht wo er es verhüllte und tief in
einen Winkel stellte dann riss er das Fenster auf und lehnte sich weit in die
Dämmerung des Abends hinaus Der Hollunder hing seine Blüte dicht am Fenster
nieder und flüsternde Pappeln ragten in den rosigen Schein hinein In seltsame
Träume versenkt griff er nach dem Papier und entwarf eine Zeichnung welche er
durch die eintretende Dunkelheit verhindert liegen lassen musste er lehnte
wieder zum Fenster hinaus und sein Blick verlor sich in der unermesslichen Bläue
über ihm dann sah er am Gebirge den ersten Stern mit rätselhaftem Glanze
aufgehen Es war ihm unmöglich in dieser Stimmung zur Gesellschaft hinabzugehen
oder überhaupt Menschen aufzusuchen seine Türe verschliessend warf er sich
aufs Lager und in wunderbaren Bildern zog eine ferne Zeit an seiner Seele
vorüber ein nagender Schmerz bemächtigte sich seiner zugleich gab ihm das
Bewusstsein dieses Schmerzes ein seliges Gefühl das er in diesem Grade noch nie
empfunden hatte so sank er zuletzt in einen wohltätigen Schlummer durch das
offengebliebene Fenster strömte Kühlung über seine heiße Stirne
    Als er sich am Morgen erhob fühlte er sich abgespannt und verstört einen
Teil der Nacht hatten Träume gefüllt die ihm durchaus kein klares Bild
hinterliessen Missmutig setzte er sich an den Tisch und wühlte unter den
Papieren da kam ihm das Blatt von gestern in die Hände er betrachtete es
aufmerksam und war nicht wenig verwundert über die Zeichnung die es enthielt
Sie stellte einen Wald vor ein Mann im Jägerkleide stand im Vorgrund durch die
Bäume wurde im Hintergrunde eine fliehende weibliche Gestalt bemerkbar die das
Antlitz mit einem schmerzlich fragenden Ausdruck umwandte und die Worte zu rufen
schien »Warum verfolgst du mich« Er führte das Bild vollends aus und schrieb
jene Worte unter dasselbe
    Als er in das Familienzimmer hinunter ging fand er darin den Journalisten
allein der die Arme auf der Brust verschränkt mit langen Schritten auf und
nieder ging und durch die Brillengläser feurige und unstäte Blicke umherwarf
Als er Eduarden bemerkte rief er freudig »Schön dass Sie kommen ich muss
meinen Geist der unerhört glüht durch einige heitere gleichgültige Gespräche
abkühlen lassen Sie uns von Kunst von Malerei sprechen Sie malen jetzt das
Fräulein nicht wahr eine geistreiche Physiognomie o das ist ein weiblicher
Marquis Posa Man sagt Sie werden auch vielleich die Prinzessin Braut malen 
ein anderes Geschöpf wert eine schlichte Bürgerin zu sein  und wie wird sie
behandelt doch klagt sie nicht so gibt es andere Zungen welche klagen  es
ist weit gekommen sage ich Ihnen das Land  die Stände « Er hielt inne
schlug sich vor die Stirne und rief »Doch wir wollten ja leichte und kühlende
Dinge sprechen« hiermit zog er einen Pack Zeitungen hervor und schrie Eduarden
ins Ohr »Haben Sie schon gelesen Freund  doch still still« Eduard musste
lächeln er nahm einen Vorwand sich zu entfernen und stieg in den Park hinab
Sein Wunsch war Niemanden zu begegnen dennoch verging keine halbe Stunde als
er einen Mann auf sich zu wandeln sah der ihn durch ein Glas fixierte und
endlich mit einem herzlichen Gruß zu ihm trat es war Ottfried »Oh sieh da
unser Maler« rief der freundliche Mann »so bringt uns eine günstige Stunde im
Tempel der schönen Natur zusammen« Sie gingen jetzt beide den Gang hinab und
über einen romantischen hoch gelegenen Pfad der zu einer einsamen Talmühle
führte welche im Gebüsche lieblich und idyllisch geschmückt da lag Ottfried
erzählte wie er hier seine früheste Jugend verlebt wie er alle Blumen und
Bäume kenne und liebe er sprach mit Wärme und Begeisterung von der Einsamkeit
und jener Stille des Gemüts in der es den süßesten beglückendsten Gefühlen
allein möglich werde zu keimen »Doch glaube ich« fuhr er fort »dass
Beschaulichkeit und Andacht nicht allein den Dichter so wie den ächten
Religiösen bilden es gibt einen Zustand der hier wie überall wo etwas
Tüchtiges sich gestalten soll dem Menschen gleichsam die erste und heiligste
Weihe gibt« Eine Pause entstand und Eduard sah seinen Begleiter fragend an »Es
ist der Schmerz« sagte dieser »glauben Sie einem Manne der aus Überzeugung
spricht der Schmerz die Träne bringt uns dem Gott wieder nah wenn wir durch
Witz und Lachen uns von ihm entfernt haben ebenso in der Poesie ohne Unglück
keine Größe ohne Kampf kein Sieg ohne Erniedrigung keine Erhöhung wen die
Musen lieben den züchtigen sie Wem nicht das Hindernis von Außen kommt der
findet im Innern eins Eine große Seele findet überall Schmerz weil sie groß
ist und der Kampf mit dem Schmerz ist Poesie« Eduard sah dem seltsamen Manne
ins Auge und bemerkte dass dieses sich mit Tränen füllte »Ja« fuhr er fort
»mein ganzes Unglück besteht darin dass ich die Zeit meines Lebens über
glücklich gewesen bin o Freund lächeln Sie nicht ich spreche im heiligsten
Ernst ich fühle ich bin zum Dichter geboren allein es sollte trotz dessen
nicht sein deswegen ging es mir überall wohl O meine Karoline warum musstest
du mich auch gleich mit deinem Jawort beglücken gab es denn durchaus kein
Hindernis das uns wenn auch nicht ganz hemmte doch wenigstens mit Hemmung
bedrohte Nein es sollte durchaus glücklich gehen ich bekam nicht Raum zur
kleinsten Beschwerde Ach und so ging es überall ich hatte Hoffnungen mein
Vermögen einzubüssen arm und elend zu werden welche Aussicht da tritt mein
Freund auf und rettet mit eigener Ausopferung mein Geld und es bleibt mir
gesicherter als jemals Ein Jugendgespiele an dem mein Herz hing schien
plötzlich den Verräter gegen mich spielen zu wollen schon spitzte ich die
Feder ein poetischer Schmerz über die Unbeständigkeit alles menschlichen edlen
Gefühls erfasste mich da in dem Moment stürzt der Verkannte in meine Stube es
tut sich der Irrtum kund mein Freund ist meiner Liebe doppelt würdig und mit
dem Gedichte wars aus Ein Kaufmann oder sonstiger praktischer Weltmensch
könnte sich nichts Besseres wünschen als an meiner Stelle zu sein allein für
mich ich fühle es nur zu deutlich ist dieses Glück ein Fluch der den
innersten Keim meines Wesens vergiftet Ich gehe herum wie einer der an
Gespenster glaubt und dem sich wider Willen unter der Hand alles natürlich und
prosaisch auflöst O wie trefflich ist die Antwort die die Königin Elisabet
einem jungen törichten Dichterling gegeben haben soll als er ihr seine Verse
vorgelesen Sir ich werde dafür sorgen dass ihr auf ein paar Monate in den
Tower kommt damit eure Verse Tiefe erlangen  Und so gibt es der dunkeln
Kammern im Leben viele wo der Dichter zum Bewusstsein erwacht  mir nur nur mir
ist keine aufgeschlossen worden«
    Man langte jetzt bei der Mühle an und die freundliche Müllerin erschien
ihren Gästen einige ländliche Erfrischungen zu reichen Ottfried ließ sich in
seinen Betrachtungen nicht stören »Erst durch Schmerz« fuhr er fort »wird
jedes Gut unser wahres Eigentum die erste Träne löst das Siegel vom Herzen
an dem gewöhnliche Behaglichkeit vielleicht Jahrelang vergebens sich abgemüht
hat Lange wandeln wir herum und glauben zu lieben zu verehren zu empfinden 
da in der letzten Minute vielleicht unseres Lebens beugt sich unser Herz einem
endlosen Jammer es spaltet sich die erste Träne stürzt heraus  und wir
lieben Geht es mit den Wundern der Andacht des Glaubens anders So schreitet
auch unsere Zeit jetzt einem großen Schmerze entgegen und dieser wird erst jenen
heiligen Ernst gebären mit dem unsere junge Reformatoren so voreilig schon
prahlen Mir fällt bei derlei Gedanken immer ein kleines Gedicht ein welches
ich einst in Begeisterung für jene Ideen niederschrieb es lautet
folgendermaßen
Der nur lebt das wahre Leben
Der nur Eines ewig denkt
Der mit glühnden Liebesarmen
Sich ans Eine brünstig hängt
Der ist nimmer nah dem Ziele
Der noch andre Lust vermisst
Nein nur der der alles alles
Um das Einzige vergisst
Der in dunkeln Kummernächten
Tief gebeugt am Lager weint
Dem die weite Welt so öde
Oed sein eigenes Herze scheint
Der sich ganz verwalset achtet
Der sich ganz verloren gibt
Der im bitteren Leid verschmachtet
Der bis zum Sterben sich betrübt
Ja zu dem neigt es sich nieder
In dessen Herzen zieht es ein
Dem will es sich zu eigen geben
Ja dessen Tröster will es sein«
    Eduard war tief bewegt und bemühte sich nicht seine Rührung zu verbergen
Ottfried sah ihn lange an dann schloss er ihn heftig in seine Arme und sagte
»Mögen Sie teurer Freund glücklicher sein als ich Ihr Auge Ihr ganzes Wesen
sagt mir immer dass Sie schon diesen heilbringenden Schmerz gekostet haben  o
seien Sie stark wenn nun die ganze Fülle des Leids auf Sie einbrechen sollte
um Sie durch Nacht und Dunkel zur Verklärung zu bringen Ja ich wusste es wohl
dass Sie mich verstehen würden so genügen oft wenige Worte um ein festes Band
zu schließen zwischen zwei Menschen die sich sonst rücksichtslos vorbeigegangen
wären auf dieser weiten Erde« Eduard suchte die Hand des Mannes und drückte sie
warm dann erhob er sich und trat zurück denn es nahte der Baron mit zwei
fremden Gestalten Er ging auf sein einsames Zimmer und zeichnete die Verse
auf welche ihn so sehr gefesselt hatten Als sie auf dem Papier dastanden
wollte er sich wiederum jeden Eindruck ableugnen sie kamen ihm höchst
gewöhnlich vor und das Geheimnis welches sie ihm früher enthalten zu haben
schienen war am Ende eine Bemerkung die ihm äußerst bekannt dünkte Er schalt
sich dass er von Ottfrieds Wesen sich so gleich habe einnehmen lassen die
Worte desselben erschienen ihm jetzt fast lächerlich besonders das Verlangen
nach Missgeschick In diesem Zwiespalt der sich seines Wesens gewöhnlich nach
jedem stärkeren Eindruck zu bemächtigen pflegte brachte er den übrigen Teil des
Tages zu am andern Morgen vermied er Ottfried und suchte geflissentlich Sophien
auf um sich auf ihre Kosten zu ergötzen Des Grafen erinnerte er sich aufs
lebhafteste und wünschte ihn und seine Gespräche zurück so arbeitete er an
sich bis wieder die alte Kälte an die Stelle der aufkeimenden Wärme getreten
war
    Zu dieser Zeit kam Sophiens Bestimmter aufs Schloss es war ein langer
ziemlich wohl aussehender Mann in einem schwarzen Überrock der ihm bis auf die
Fersen reichte und den er als er den Schlossberg hinausschritt hoch
aufgeschürzt und um den Leib festgebunden hatte so dass er auf den ersten Blick
fast wie ein Jägerbursche aussah Der Journalist nahm ihn sogleich bei Seite und
examinirte den Ermüdeten scharf über seine politische Ansicht »Lassen Sie
mich« rief der Pastor indem er atemlos auf einem der breiten Lehnsessel Platz
nahm »das Bündnis das ein redlicher Mann mit dem Staate schließt ist eben so
zart wie eine Herzenssache und wer spricht gern von seiner Braut mit Leuten
die über ihren Wert anders denken könnten übrigens bin ich ja da Friede und
Eintracht zu predigen allezeit und schon deswegen würden Sie nichts aus meinem
Munde erfahren was zu Ihrem Kram passt« 
    »Himmel« rief der Journalist »wie kann man sich nur so ganz simpel
ausdrücken von welchem Kram reden Sie Mann Mann wissen Sie nicht dass Ihre
Kirche selbst auf blutgedüngtem Boden aufspross und sich festigte«  »Wohl«
entgegnete der Geistliche »das Ärgernis muss kommen doch wehe dem durch
welchen es kommt es wäre besser ihm hinge ein Mühlstein am Halse und läge im
Meere da wo es am tiefsten ist« Der Baron warf einige Bemerkungen dazwischen
die einen ernsten Streit verhinderten und wirklich gelang es ihm den Pastor zu
einem gutmütigen Lächeln zu bringen »Uns Landprediger« sagte er »sieht man
gewöhnlich im Leben als die beschränkte leidlichgesunde Mittelmässigkeit an
und als solche treten wir auch in Büchern Romanen und Novellen auf wenn es
sich um Glauben Philosophie und Lebensgenuss handelt Eben so weit entfernt von
den herrschenden Zepterträgern der hohen Aufklärung wie sie zur Verzierung
großer Residenzen hie und da gefordert und verschickt werden als von den
überirdischen Schwärmern und Wundertätern geht unsre Einsicht und Lehre Hand
in Hand mit den niederen immer wiederkehrenden Bedürfnissen des einfachen
Menschen Der liebe Gott auf dem Lande der Pfarrer im schwarzen Rock und der
Bauer in der roten Sonntagsweste sind drei Personen die nicht zu trennen sind
und die sich gegenseitig ehrlich lieb haben und zusammen bedenken was zum Bau
des Ackers zur Saat und Erndte nötig Wenn einer von ihnen stirbt so muss
notwendig der andere seine Stelle ersetzen ja mir sagte einmal ein Bauerbursch
in aller gutmütigen Einfalt Herr Pfarrer wenn der liebe Herr Gott krank wird
und stirbt so wird man gewiss im Himmel Euch zum lieben Gott machen Der Baron
lachte herzlich über diese Worte und jener fuhr fort Doch möchte ich die hohe
Stelle dort oben heutzutage am wenigsten einnehmen wo es so bunt in der Welt
zugeht und Niemand weiß was er will Wie leicht könnte es sein dass ich meinen
lieben französischen Kindern ein Schicksal gebe worüber sie in allen Journalen
lästerten und indes ich eilte es ihnen recht zu machen verdürbe ich es mit
einer andern Partei Aus Furcht nun ja keinen dummen Streich zu machen würde
ich recht viele begehen denn ich muss bedenken dass Leute wie der König Salomo
der alte Plato und der Imperator August im Himmel hinter mir stehen und mir auf
die Finger sehen O ganz verdammt böse Sache Da könnte ich wohl in der
Übereilung wenn das Ding nicht gleich ginge wiederum das alte Meer über den
ganzen Wirwarr hinspülen lassen wo dann freilich geholfen wäre Nein nein es
bleibe beim Alten und es herrsche der vor dem alle Kreatur fleucht und dessen
Fussschemel die Erde ist  Als ich noch studierte und die erste Kunde von den
fürchterlichen ewig denkwürdigen Revolutionstagen aus Frankreich an unser Ohr
scholl da war keine Seele die sich nicht empört auflehnte gegen die frechen
Satzungen mit denen der bandenlose Übermut gegen die bestehenden Formen
ankämpfte Der Deutsche war in Liebe und Einigkeit mit seinem Lande verwachsen
in Verehrung für sein Fürstenhaus die gränzenlose Albernheit und die frivolen
Formen die aus jenem Lande der Unnatur und des Leichtsinns kamen hatten nur
eine höchst geringe Anzahl Bekenner für sich und unter diesen traten nur solche
als Sprecher auf die entweder den deutschen Charakter nie begriffen hatten
oder die Ehrgeiz und Leidenschaft zu Verrätern stempelten wir Übrigen ließ
es geduldig geschehen dass man unsere Köpfe puderte und frisirte unsere Röcke
nach französischen Mustern verschnitt doch Herz und Hirn blieben unverrückt und
unverfälscht dem Lande das wir liebten und das unsere Liebe verdiente getreu
Es mochte wohl schwerlich damals in allen deutschen Gauen ein Deutscher gefunden
werden der an einem so antideutschen Charakter wie der jenes großen Mannes
war Gefallen gefunden geschweige denn zu dieser perfiden Abgötterei sich
herabgelassen hatte in der jetzt ein sich selbst und alles Wahre und Edle
verkennender Hause wahrhaft wütet Schlimm sehr schlimm steht es wenn ein
Mann der Held einer Nation werden kann dessen Charakter eine kalte folgerechte
Verknüpfung von Lüge und Selbstsucht war und dieser Missgriff konnte von einem
Volke getan werden welches zu Grundzügen seines Wesens Treue Anhänglichkeit
Wahrheit und Liebe hat Zwar der Götze ist gestürzt doch es fehlt nicht an
neuen Ausgeburten eines kranken Geistes die auf den Altar gehoben werden um
die verführte und verblendete Menge in immer regem Taumel zu erhalten« Der
Journalist hatte sich erhoben und drohte mit der Rolle Zeitungsblätter wie
entrüstet dem Sprecher der ruhig in seiner Rede fortfuhr »Es tut wahrlich
Not dass wir den Himmel bitten dass er uns demütige damit die Welt wieder
glauben lerne denn wo keine Andacht keine Verehrung mehr herrscht wo dreiste
Klügelei jede Autorität wegspottete darf kann man wohl da etwas anders
erwarten als Elend Verderben tiefe Erniedrigung In meiner Jugendzeit
vereinigte sich Schule und Erziehung jene Einheit zu befestigen in der das
Leben seinen Stützpunkt findet es wurde vor allen Dingen ein guter ökonomischer
Haushalt mit dem Leben gelehrt dass man nicht zu frühe mit der Lebenslust fertig
werden möchte auf der hohen Schule zeigte man dem Jünglinge die Wissenschaft
und Kunst in ihrer spröden jungfräulichen Herbigkeit und ließ erst nach und
nach ihre Süße ahnen Strenge und Arbeit waren Gesetz  die großen Poeten und
Philosophen tronten gleich Königen unzugänglich für den großen Haufen im
Heiligtum ihrer Studierstube und dort reichten sie dem demütig nach Belehrung
dürstenden Schüler kostbare goldene Äpfel in silbernen Schalen dar«
    »Ach ja  freilich wohl« nahm der Baron das Wort mit gerührter Freudigkeit
 »damals  damals hatten wir ja unsern großen einzigen Dichter noch  er war
der Mann unsrer Liebe und Verehrung Damals ging am Hofe der Fürsten ein feines
Gespräch um Ich weiß es ja noch und wenn ich daran denke muss ich noch lächeln
 damals als der Treffliche seinen Faust geschrieben hatte der alle deutschen
Gauen in Flammen setzte schrieb ich ihm im Namen von fünfzig engverbrüderten
Jünglingen er möchte doch den Mephistopheles die tolle Wette nicht gewinnen
lassen demütig baten wir darum denn es sei zu herrlich anzuschauen wie der
himmlischteuflische Kampf vom genialen Meister siegend zum Lichte hinaufgeführt
werde Was erfolgte  nach einigen Wochen lief ein eigenhändiges Schreiben vom
Dichter ein worin er uns scherzhaft versicherte dass er uns zu Liebe in einer
so bösen Sache nichts entscheiden könne und dass er es fürs Geratenste halte
wenn ein jeder Leser nach seiner Eigentümlichkeit sich das Ende selbst hinzu
dächte Und so ist es auch geblieben  der Herrliche hat sein Schauspiel nicht
beendet«
    »Kann es wohl etwas Trostloseres geben als den Werter« rief der
Journalist heftig »ist es wohl möglich die Verirrung so weit zu treiben den
Leuten glauben machen zu wollen solch ein Charakter sei edel stark wahr Ich
finde nur Einen Gesichtspunkt in welchem betrachtet dieses Produkt Leben und
Wahrheit einigermaßen erhält nämlich der Leser muss annehmen der junge Mann
tödte sich nicht aus LiebesVerzweiflung diese hat meinetwegen auch einen
großen Teil an seinem Tode sondern der eigentliche Grund desselben sei die
bewusst gewordene Ohnmacht das uns allen vor Augen stehende ewige Rätsel
unseres Daseins zu lösen Aus innerem Zwiespalt und Lebensüberdruss flüchtet er
ins Nichts So nur kann ich Seelengrösse und Selbstmord vereinigt denken und
von dieser Seite angesehen gewinnt die Fabel Bedeutung indem durch sie jene
Stürme angedeutet worden sind die bald darauf durch alle Länder dahinbrausen
sollten und die zu beschwören die heutige Welt berufen scheint Das gewöhnlich
angenommene Motiv des Werterschen Mordes ist aber so siegwartisch
schwindsüchtigweichlich dass sich im Ernst kein poetisch kräftiges Gemüt
darein verlieben kann« Ottfried war hinzugetreten und rief »Wenn Sie doch
Teuerster nicht von Poesie reden wollten deren Wesen und Gehalt Sie nun
einmal durchaus nicht begriffen haben Wie ein schöner Park nicht dazu dienen
kann eine Stadt zu befestigen und Türme und Mauern entbehrlich zu machen eben
so wenig sollte ein Politiker von Poesie reden genug dass man ihm zugibt dass
seine Kanonen Mörser Säbelklingen und DeputirtenKammern samt allem
kriegerischen Löschpapier notwendige Übel sind da sollte man sich doch
zufrieden geben und uns unsern Teil lassen«   »Schon wieder ein großer
Irrtum« rief der Zurechtgewiesene »nur die höchste Einseitigkeit kann das
Leben und seine Erscheinungen in starre Klassen teilen wollen Dieses ist die
Quelle so vielen Streits und Elends unsrer Tage dass nämlich ein Teil der Menge
sich ausschliesst und behauptet die Sache gehe ihn nichts an Jeder und alle
müssen vereint wirken wenn die Aufgabe genügend gelöst werden soll«  »Tun
Sie was Sie wollen« sagte Ottfried empfindlich »nur kann ich es nicht leiden
dass unser großer Dichter getadelt wird und von Leuten die nicht wert sind
ihm die Schuhriemen aufzulösen«  »Mit einer einseitigen Bewunderung« nahm der
Journalist das Wort »kommen wir heutzutage nicht weit Das Repräsentiren
einzelner Geister hat aufgehört und an die Stelle ist die begeisterte
Wirksamkeit Aller getreten die Gesammteit hat Stimme erhalten und in dieser
findet die Poesie wenn sie sich aussprechen will ihr würdiges Organ Fragen
wir doch was denn jener große Geist dem es vergönnt war in so mancherlei
Beziehungen aufs Ganze zu wirken was er denn Treffliches geleistet Wo sind
die löblichen Einrichtungen die der Staat ihm seinem ersten Staatsmanne
verdankt was hat eine Generation die bittend zu ihm hinaufsah von ihm zur
Förderung und Feststellung der edelsten und schönsten Menschenrechte gewonnen
Auf welche Weise wucherte er mit dem Schatze der in erläuterter Wissenschaft
und Kunst ihm anvertraut worden Die Antwort ist um sein eigenes Selbst zu
verherrlichen um seinem Haupte die Krone aufzusetzen tat er Alles was er
tat Selber der Fürst seines Fürsten übte er die heilloseste Geistesdespotie
über seine ganze Zeit aus die zu schwach und verweichlicht war um dieses Joch
zu fühlen und abzuschütteln« Eine Pause entstand während welcher Ottfried
sich im höchsten Grade verstimmt abgewendet hatte endlich sagte er »Es hört
ja aller Streit sogleich auf wenn man die Poesie als eine milchende Kuh
betrachtet und dafür sieht unsere Zeit freilich alles Edle und Große an«
    Zum Glück trat jetzt der junge August herein er kam aus der Residenz und
brachte Nachrichten und politische Blätter mit Der Journalist eilte auf ihn zu
der Geistliche wollte den Zeitpunkt benutzen und mit seiner kleinen Braut
einige herzliche Worte wechseln doch sie fand Gelegenheit ihm zu entschlüpfen
und der Gruppe zuzufliegen die sich um ihren Bruder bildete Der Pastor nahm
mit einer Miene der Resignation eine Priese und tat einen mächtigen Zug aus der
Kaffeetasse
    Den nächsten Tag hatte Eduard dazu bestimmt an dem Bilde fortzuarbeiten er
nahm es hervor und erschrack davor wie vor einer Erscheinung Aus bleichen
schroffen Zügen sahen ihn in einem kranken Antlitz zwei erloschene Augen mit dem
höchsten Ausdruck des Schmerzes an War das das schöne achtzehnjährige Mädchen
waren das die Formen denen er Anmut und edle Größe nicht absprechen konnte
Sorgsam verdeckte er das Bild und ließ er sich nachtragen aufs Schloss Er wurde
ins bestimmte Gemach geführt es war leer nach ein paar Sekunden erschien eine
Kammerfrau und führte ihn zur Fürstin hinüber diese empfing ihn freundlich und
bedauerte dass eine kleine Unpässlichkeit das Fräulein verhindere zu erscheinen
Unschlüssig was er tun solle ging unser Freund in den Saal zurück Er setzte
sich ans Bild um daran zu ändern doch je mehr er versuchte und übermalte
desto lebhafter fühlte er wie er vom Urbilde sich entfernte missmutig legte er
den Pinsel nieder Tiefe Stille herrschte im Gemache Magdalenens
LieblingsPapagei hing im goldenen Käficht und sah ihn mit klugen Augen an
indem er sich langsam in seinem Ringe hin und herbewegte und zuweilen durch
die warme Stille des Gemachs einen lauten Schrei tat Der Mittag lag auf den
geöffneten hohen Fenstern und nur von Zeit zu Zeit wölbte ein Luftzug die
schweren rotseidenen Falten der niedergelassenen Vorhänge Eduard stand am
Pfeiler gelehnt und schaute auf die in der Schwüle daliegende Natur dann
verließ er den Saal und betrat in Gedanken vertieft die daran stossenden
Gemächer Immer weiter und weiter wandelnd gelangte er in ein mit
Sammetteppichen bekleidetes Eckzimmer eine in der Tiefe des Gemachs ertönende
Spieluhr zog ihn weiter und endlich blieb er vor einem Bilde stehen welches
die Prinzessin darstellte von einem vorzüglichen Künstler gemalt Eine Uhr
schlug in den inneren Gemächern Eduard hörte nichts jetzt wandte er sich aus
seinen Träumen nach der Türe um da stand sie  Magdalena  groß in weicher
Stellung gebogen an die Türe gelehnt Einen Moment blieben sich beide stumm
gegenüber Eduard konnte den Blick des großen blauen Auges das mit einem
unaussprechlichen Ausdruck auf ihm ruhte nicht ertragen er erhob seine Stimme
um sie anzureden da plötzlich stürzte mit einem kurzen kaum hörbaren Laut das
schöne Bild zusammen und lag leblos da auf dem roten Teppich des Bodens Der
dumpfe Ton mit dem das Haupt auf dem Absatz der Schwelle niederschlug hallte
durch die tiefe Stille und presste dem erstarrten Jünglinge einen Schrei des
Entsetzens aus er stürzte nieder fing den Busen und das von den aufgelösten
bleichen Locken umspielte Antlitz in seinen Armen auf und schaute in trostlosem
Schmerze auf die gebrochene Gestalt nieder Endlich hob sich die leblose Brust
wieder ein langer aus der Tiefe des gepressten Herzens aufzitternder Seufzer
brachte das entflohene Leben zurück doch noch lag auf den geschlossenen Augen
auf den marmorgleichen Zügen der Ausdruck eines unendlichen Schmerzes Die
Bewegungen des Busens wurden heftiger und ließ den Ausbruch eines Krampfes
fürchten in Besorgnis und Angst presste Eduard seine heiße Hand ihr unter die
Brust Jetzt erwachte die Arme und ein Strom von Tränen rann auf die weiße
Atlasrobe herab der besorgte Jüngling leitete sie zu dem nächsten Armstuhl
dort lispelte sie einige Worte des Danks und ein bittender Wink sprach den
Wunsch aus sich allein zu sehen Er gehorchte augenblicklich im Vorbeigehen
hob er ein kleines einfaches Kreuz auf welches sich von einer Kette am Busen
des Fräuleins gelöst hatte betäubt und an allen Sinnen erregt langte er auf
seiner einsamen Stube an Seiner Aufmerksamkeit entging es dass alles im Hause
wild durcheinander lief dass Verwirrung und Bestürzung der Gemüter selbst des
Barons sich bemächtigt hatte die Türe hinter sich abschliessend warf er sich
auf sein Ruhebett und Tränen quollen unwillkürlich aus seinem Auge Wie ein
zündender Strahl kam ihm jetzt der Gedanke jenes kleine Bild auszuführen Er
arbeitete bis in den sinkenden Abend unausgesetzt und als er es vollendet
hatte waren es Magdalenens Züge die jene umschauende Gestalt zeigte sie war
es  der hohe siegreiche Wuchs die Fülle der hellen Locken dem Nacken
entflatternd so eilte sie dahin und in dem rückschauenden Auge lag jener
wunderbar schmerzliche und doch beseligende Blick angedeutet den sie auf ihn
geheftet hatte Ein tiefes Weh zog durch seine Brust er presste beide Hände
gegen das Antlitz und eine Stimme leise aber durch alle seine Pulse zuckend
klang »Warum verfolgst du mich« Ja er fühlte es er liebte liebte das
Mädchen das er mit so schneidender Kälte verfolgt  sich selbst marternd hatte
er ihren weichen Busen gemartert ihr edles Herz zerfleischt Ottfrieds Worte
vom Schmerz jenes Liedchen die bewusstlosen Träume und Bilder die ihn bis
jetzt verfolgt endlich der fürchterliche Augenblick wo er das angebetete
Mädchen in der Qual ihres gebrochenen Herzens niederstürzen sah  Alles stürmte
jetzt auf ihn ein und wie ein Kind weinend warf er sich in seinen Stuhl und
zitternd im ungemessenen Ausbruche des ersten tiefen Gefühls flogen seine
Glieder Immer und immer tönten die Worte
    »Warum verfolgst du mich« Immer wieder traf jener Blick in sein Herz immer
von Neuem vernahm sein Ohr den dumpfen gebrochenen Laut mir dem sie
niederstürzte seine Marter erstieg den höchsten Gipfel Die Nacht kam auf
leisen Fittichen die Sterne zogen hinauf noch immer lag er im Sessel Armes
armes süßes Mädchen Du konntest in der gemisshandelten warmen Brust das Bohren
des kalten Dolches nicht länger erdulden es warf die Kälte des Freundes dich
eine Leiche zu Leichen dein schöner Leib schlug zu seinen Füßen nieder Wider
deinen Willen sollte dein brechendes Auge das seinige öffnen Wie kalt wie arm
wie dürftig lagst du da und dennoch gegen deine Engelglorie wie höflich wie
elend stand ich da in der Verzerrung meines Innern ausgehöhlt von kalten Hohn
gegen alles Edle und Schöne was die Erde trägt Ich Tor erschlossen glaubte
ich mir schon jede Erdenseligkeit auf den Höhen des Lebens meinte ich gewandelt
zu haben und stehe als Neuling geblendet vor den ausfliegenden Toren eines nie
geahneten Paradieses Sie liebt mich Du liebst sie O seltsames schmerzliches
Rätsel  habe ich nicht oft geträumt zu lieben in süßer Trunkenheit suchten
im Kusse sich die Lippen Auge entzündete sich im Auge und ein kurzer Schmerz
drückte das Erwachen aus  hier aber greift der Schmerz zuerst in das Leben
vernichtend entsetzlich o Magdalena Magdalena 
    Sturmwolken trieben am Himmel hinauf und verhüllten den Glanz der Gestirne
ein Gewitter ließ sich in leisen dumpfen Schlägen vernehmen und gestaltlos
feurige Scheine flogen am Horizonte hin Eduard hatte seinen Blick fest aufs
Schloss gerichtet er suchte eifrig das Fenster des Gemachs wo ihn heute das
Schicksal erfasst hatte um sein ganzes Leben plötzlich umzugestalten Die Zimmer
waren dunkel doch weit davon wo die Gemächer der Prinzessin begannen
leuchtete noch ein einsames Licht durch rote Vorhänge wie ein feuriges Auge
durch die Nacht herüber An diesem Lichte sitzt sie in Träume versenkt rief
er bei sich auch ihre Seele flieht der Schlaf die süße Ruhe auf immerdar Auch
ihr geht in Ahnungen dein erwachender Liebesmorgen auf Das Wetter zog näher
und die schwülen Töne rollten jetzt dumpf die tiefe Leiter hinab heller zuckten
die breiten zerfliessenden Strahlen Die Gerüche der Blüten unter dem Fenster
von der Schwüle entzündet verbreiteten fast betäubende Düfte die Luft selbst
war ein heißer Atem der sich vergeblich zu kühlen strebte an der Stirn dem
Busen des armen Jünglings Die Erschütterung seines Wesens ging jetzt in tiefe
Ermattung über er entschlief auf dem Ruhebette und indes die Gewitter sich
über seinem Haupte entladeten glaubte er im Traume finster drohende Stimmen
über sich zu vernehmen Er erblickte Gestalten über sich die zusammentraten um
über ihn Gericht zu halten es erschien Emiliens Bild dann schütterte ein
ungeheures Krachen dicht neben ihm nieder ein gelber Schein füllte das Gemach
Entsetzen fasste ihn er sah das Schloss in vollen Flammen stehen Mit der
Schnelligkeit des Sturmwindes flog er die wohlbekannten Wege hinauf durchlief
die Gemächer welche von einem ungeheueren Angstruf widerhallten und drang
mitten ins Getümmel Wehende Schleier fliehende Gestalten zugeschleuderte
Türen qualmende Rauchwolken und züngelnde Flammen warfen sich ihm in den Weg
durch sie alle fand sein Fuß den Weg  und dort dort im roten Gemach  dort
lag sie noch auf dem Sessel wo er sie verlassen eine bleiche niedergeknickte
Lilie das Haupt in die Arme geschlossen von der Glut der Flammen blassrot
angehaucht Mit riesiger Kraft umfing er den schönen Leib der süße Busen von
einem Gott mit dreifacher Glut durchströmt küsste auffliegend seine heiße Wange
sein Auge trank Reize die sein innerstes Mark berauschten und der Wahnsinn der
höchsten Leidenschaft spielte mit dem Moment des Todes Nirgends ein Ausgang
Flammen wie Säulen umstanden zu einem Tempelrund geschlossen das trunkene Paar
 da war es ihm vergönnt in einem Kusse zu sterben  Geständnis und Erhörung
krönten sich gegenseitig in dem Moment krachten die Balken der Decke zusammen
und unser Freund erwachte aus seinem Traum Die abgekühlte nasse Luft strich
durchs Gemach  der Mond aus dem zerissenen Wolkenmeer sich erhebend warf
seinen Blick auf das ruhig daliegende Schloss und die friedliche Gegend
    Als Eduard hinunter zur Familie kam erfuhr er den Grund des gestrigen
Aufruhrs  Sophie war mit dem Journalisten entsprungen und man musste glauben
dass die Flüchtlinge ihren Weg nach der Residenz genommen doch war es eben so
wahrscheinlich der Zeitungsschreiber habe seine Beute mit in sein Vaterland in
die Schweiz entführen wollen wo wie man wusste seine Familie einige
Besitzungen inne hatte August war beauftragt worden mit einigen Knechten den
Flüchtlingen nachzusetzen denn es ließ sich erwarten dass das ungewöhnlich
starke Gewitter in der Nacht ihre beschleunigte Reise bedeutend aufgehalten
haben musste  Der Baron hatte anfangs lebhaft gezürnt doch jetzt schien ihm
die Hoffnung gewiss die Entflohenen wieder einzuhaschen er saß in seinem
Armstuhl am Fenster und begrüßte unsern Freund mit einem trüben Lächeln »Das
ist« rief er »ein Stückchen vom neuen Regime so äußert sich diese
interessante Wut wahrlich ich werde noch müssen für meine alten Tage eine
bezahlte Pflegerin annehmen um nicht elend zu verkümmern denn meine eigene
Tochter läuft als Marketenderin in die Reihen der Unsinnigen« Der Geistliche
ging ebenfalls mit bekümmerter Miene im Gemach auf und ab indem er von Zeit zu
Zeit das Haupt schüttelte nach einer Pause begann er »Höchst seltsam das
Übel fing so gering an sie zupfte Charpie für die armen unterdrückten
Freiheitler zwar bemerkte ich dass allemal die Woche ein Pfund mehr von diesen
heilsamen Fäden durch ihre artigen Finger zerzaust wurde allein welcher
prophetische Geist hätte dergleichen Dinge vorher sagen mögen«  »Trösten Sie
sich« rief der Baron seinem alten Freunde zu »besser dass sie jetzt entlief
als dass sie als ihre Gattin sich in die weite Welt flüchtete wo sie dann
vielleicht noch gar ihre Perücke mitgenommen hätte die sie nie hat leiden
mögen« Der Pastor sah seinen Freund und Gönner mit großen Augen an erwiderte
aber nichts sondern sah wiederum mit bekümmerten Blicken hinaus auf die
vorbeiführende Landstraße Eduard ließ die beiden Alten bald allein seine
glühende Seele vernahm nur halb was um ihn vorging es trieb ihn die Sehnsucht
ins Schloss Die Fürstin ließ ihn vor sich und teilte ihm mit dass Magdalena
seit gestern sich unpässlich fühle und daher die heutige Malerstunde aufgegeben
werden müsse Eduard stand wie vernichtet er entfernte sich mit einer stummen
Verbeugung auf dem Zimmer angelangt vertraute er seines Herzens Geheimnis
einem Papier welches Magdalenens Zofe zur heimlichen und sicheren Bestellung
erhielt Jetzt waren die Pforten des Tempels gesprengt und Glanz und Segen
überströmte den Glücklichen eine neue Sonne stieg am Horizonte empor und
verklärte sein verarmtes Leben Am Abend erschien die treue Zofe und leitete
unsern Freund auf einem verborgenen Pfade in das Zimmer ihrer Gebieterin Da saß
sie auf den Polstern des Divans hingegossen das goldene Haar aufgelöst in ein
fast klösterliches weißes Gewand eingehüllt dessen reiche Falten auf den Boden
niederflossen eine Träne blinkte in ihrem Auge als sie den Glücklichen
hereintreten sah Auf einem mit schwarzem Tuch bedeckten Tische stand ein
Kruzifix von zwei hohen Wachskerzen eingefasst deren Flammen im Abendwinde
spielten »Magdalena« rief Eduard und stürzte zu ihren Füßen »wunderbares
heiliges Mädchen warum hast Du mich nicht früher in deinen Himmel schauen
lassen warum gegen mich diese Kälte diese Verachtung  Doch ich
Wahnsinniger verdiente ich etwas Anderes War ich es nicht der verblendet und
verführt dieses überreiche Herz von mir stieß war ich es nicht der den
nichtswürdigsten Verläumdungen mein Ohr lieh«  »Eduard« flüsterte Magdalena
und neigte sich zu dem Verzweifelnden herab »keine Selbstanklage es ist genug
die Prüfungszeit ist vorüber der Himmel wollte dass ich auch den letzten
bittersten Trank bis auf die Hefe leeren sollte ach ich Elende ich vermochte
es nicht meine Kraft brach und ich zeigte Dir ein schwaches Herz Ja mein
edler Freund auch Du solltest mich verkennen auch von Dir sollte ich verdammt
werden gleich wie die Welt mich verdammt und lästert Doch es ist vorbei und
meine Seele fliegt im jubelnden Gebete himmelwärts« Sie beugte sich nieder und
der entzückte Jüngling keines Wortes mächtig umschloss mit glühenden Armen die
jungfräulich Erbebende Der Nachtwind spielte in den rauschenden Falten der
Vorhänge und drohte die Kerzen auf dem Tische zu verlöschen Magdalena entzog
sich dem Kusse des Freundes die leidenschaftliche Glut des Moments glitt an der
reinen Höhe ihres Wesens nieder Hoch aufgerichtet die Hand auf den Tisch
gestützt stand sie da und staunend sah der Jüngling an ihr hinauf »Eduard«
rief sie nach einer Pause mit einer ernsten feierlichen Stimme »Eduard folgen
Sie nicht dem Erdgeiste der uns beide umstricken will der Augenblick ist
heilig er gießt die Weihe über zwei Menschenleben aus Eduard bei dem
Erkennungskusse den unsere Seelen sich heute zugehaucht bei dem Siegesfeste
unserer Liebe  bei den ewigen Gestirnen die ihre prophetischen Kreise in
diesem Moment über unser Haupt beschreiben und endlich bei diesem Bilde das
hier aufgerichtet zwischen uns steht  geloben Sie mir einen teuren Eid 
geloben Sie mir hinfort nur für Gott und die Freiheit zu leben Eduard Die
Stimme unterdrückter Völker tönt an Ihr Ohr Die edelsten Rechte der Menschheit
fordern Ihren Arm zum Verteidiger die unterdrückte Unschuld fleht zu Ihrem
Männerherzen Sie sind ein Mann in Ihre Rechte gehört das Schwert Feigheit
wäre es sich mit taubem Ohr wegzuwenden vom allgemeinen Jammer Eduard geloben
Sie es mir hinführo für Gott und die Freiheit zu leben und wenn ein Dank eines
Weibes Sie beglücken kann so soll es der meinige« Sie schwieg und mit einem
seligen Lächeln blickte sie auf den Freund nieder »Magdalena« rief dieser
»mein früheres Leben sinkt in diesem Augenblick vor mir herab alles was ich
hoch und schön genannt es hat seinen trügerischen Glanz verloren die junge
Sonne dieser Stunde gibt mich einem neuen Leben hin führt mich in die Arme der
reinsten Liebe des Glaubens der Tugend soll ich da noch anstehen ihren
segensreichen Strahlen zu folgen wohin sie mich auch immer rufen Ja
göttliches Mädchen Dir will ich gehorchen ein tatenloses armes Dasein möge
sich in ein kräftiges reges Wirken umgestalten an Deiner Hand durch Deine
Leitung Ich schwöre für Freiheit Gott und mein Vaterland zu leben« Magdalena
war niedergesunken das weiße sie umfliessende Gewand breitete sich in weiten
Falten um sie herum sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände eine tiefe
Pause herrschte im Gemach Eduard beugte sich zu ihr herab sie leise aber
innig umfassend wandte er das zarte goldgelockte Oval sanft zu sich über Mit
niedergeschlagenen Augen und noch gefaltenen Händen duldete die schöne Gestalt
den glühenden Verlobungskuss den er ihr aufdrückte
    Unser Freund verlebte jetzt paradiesische Tage es war ihm ein Bedürfnis
glückliche Menschen um sich zu sehen und deshalb bekümmerte es ihn dass im
Hause des Barons noch immer keine befriedigende Nachrichten wegen der
Flüchtlinge eingelaufen waren Es schien als wenn ihre Spur sich plötzlich
unter die Erde verloren hätte denn im ganzen Umkreis des Schlosses sowohl als
auf den Stationen der verschiedenen Straßen hatte man sie weder beherbergt noch
ihnen begegnet Es neigte sich der dritte Tag schon zu Ende und ein paar
abgeschickte Boten kamen ebenfalls unverrichteter Sache zurück da zeigte sich
August der von seinen gewöhnlichen Streifereien im Forste heimgekehrt war mit
besonders heiterer Miene Er winkte Eduarden zu sich und flüsterte ihm ins
Ohr dass er sich jetzt getraue die Schwester zu finden er wüsste gar wohl wo
man sie verborgen habe und wenn Eduard die Entdeckungsreise mitmachen wolle so
stehe er ihm für den besten Erfolg und außerdem für vielen Spaß Unser Freund
entschloss sich dem jungen Kadetten zu willfahren es wurden noch an demselben
Nachmittag Anstalten ingeheim getroffen der Pastor der von der neuen Hoffnung
etwas erlauscht hatte schloss sich den beiden Jünglingen an und so gingen sie
in den benachbarten Forst Unterwegs tat der lebhafte August sein Geheimnis
kund er hatte es nämlich vor dem Vater verbergen müssen dass er auf seinen
Gängen im Walde ein hübsches Bauermädchen entdeckt habe mit welcher es dem
bildschönen lustigen Jägerburschen eben nicht schwer geworden war ein
Liebesverständniss anzuknüpfen »Es war damit« erzählte er »ganz so wie es in
jenem Liedchen von der schönen Müllerin heißt sie kam auch in des Morgens
Frische ihr liebes Angesicht zu baden indes ich hinter dem nächsten Baum auf
meine Flinte gelehnt dastand und ihr zusah Ich werde es nie vergessen wie ich
damals den ersten Kuss von einem Mädchen erhielt wie ich mit meinen Lippen ihre
vom Bade nassen und kalten Wangen erwärmte und ihre volle kleine Gestalt mit
meinem Arm umschloss es ist wahrlich schade dass ich sie euch nicht zeigen kann
doch pflegt sie mit ihrem Vater erst später nach Hause zu kommen Von ihr nun
hab ich es erfahren dass meine gute Schwester hier im Walde sich verbirgt und
der Journalist mit seinen Freunden in der Residenz correspondirt um einen Wagen
herkommen zu lassen in welchem es ihm dann leicht möglich wird die nahe Gränze
zu erreichen ohne die Stadt und die bekannten Wege zu passieren So gut als
gewiss ist es dass heute der Wagen angelangt ist und wenn er nun aus dem Walde
eilen will so muss er hier vorüber und läuft uns dann gerade in die Arme Es
gilt also nur ein Stündchen hier zu warten wozu der freundliche schöne von
Sonnenschein und Vogelgesang belebte Waldplatz ohnedies einladet Aber was
geschieht da unserm Pastor« Der Prediger war während des Gesprächs
vorausgeeilt an einen kleinen Abhang geraten und trotz seiner großen Vorsicht
hingestürzt jedoch ziemlich glücklich bei nachgleitenden Rockschössen auf dem
Sande in die Tiefe niedergefahren als Eduard und August dem verschwindenden
Manne nacheilten fanden sie ihn schon unten angelangt und zwei Bauerburschen
beschäftigt die ehrwürdigen Amtskleider auszuklopfen und auszustäuben Jetzt
war man im Tale wo die geschwätzige Mühle ihre Räder mit einem heimlichen
Rauschen trieb als erzähle sie den jungen Waldbäumen uralte wundersame
Märchen das Häuslein selbst lehnte so schmeichelnd zärtlich mit seinen grünen
umsponnenen Fenstern an der hellen Felswand dass den beiden Jünglingen das Herz
aufging und sie ihre Arme dagegen ausbreiteten Der Kadet warf sich an die Brust
seines älteren Freundes und zog ihn auf die kleine Bank nieder auf der er mit
seiner Marie so oft gesessen hatte indes ließ sich der Pastor von seinen beiden
klopfenden und stäubenden Dienern in ein nahes Gebüsch führen wo neue
Reinigungsversuche mit frischen Baumzweigen vorgenommen werden sollten Der
Abend war entzückend schön das Gold der niederflammenden Sonne lag im matten
Purpurglanz auf dem klaren Spiegel des Baches hier und da zogen sich brennend
rote Streifen über den dunkeln Waldteppich und noch ferne spielten die bunten
Lichter wie hinflatternde Vögel auf den zurücktretenden Baumstämmen »Lassen Sie
uns ein Bad nehmen« rief August »das Wasser muss äußerst erfrischend sein mich
dürstet nach der Flut«  Eduard ließ sich bereden beide Jünglinge warfen ihre
Kleider ab und wählten sich den tauglichsten Platz zum Einsteigen Endlich
entdeckten sie ein Plätzchen auf dem ein paar junge Pferde weideten und sich
das gute Futter trefflich schmecken ließ Kaum hatte sich August dem Wasser
vertraut und die frischen Wellen flogen im Schaum gespalten um seinen Leib als
der Pastor welcher unter einem Baum ruhend zurückgeblieben war ein
Zetergeschrei erhob In dem Moment hörte man das Gerassel eines Wagens den Huf
der Pferde und es zeigte sich eine leichte Reisechaise die dem Ausgange des
Waldes mit großer Eile zuflog ein Herr und eine Dame hatten drinnen Platz
genommen »Sie sinds« schrie der Kadet und mit einem Sprunge ans Ufer
setzend schwang er sich im Augenblick auf eines der Pferde und jagte ohne
Umhüllung wie er war in die Waldnacht hinein dem fliehenden Wagen nach Er
holte ihn bald ein zwang die Rosse still zu stehen und hielt nun von seinem
Pferde herab eine Strafpredigt der wiedergefundenen Schwester »Wie war es Dir
möglich Sophie uns alle in Schreck und Bestürzung zu versetzen War es denn
nicht viel natürlicher und passender dass Du Deiner Stellung als Tochter
eingedenk dem Vater Dein Herz ausschüttetest oder mir Deinem Bruder der Dir
doch wie Du weißt auf das treueste zugetan ist und Sie Herr Doktor wir
hätten uns viel eher des Himmels Einsturz vermutet als diesen Schritt von
einem Manne der so viel von Recht und Gerechtigkeit spricht« Sophie fand für
gut während dieser Worte ihr Gesicht mit beiden Händen zu verhüllen sei es nun
aus Bestürzung Schmerz und Busse oder um sich dem Anblick ihres nackenden
Bruders zu entziehen der in seinem Eifer gänzlich den Zustand in dem er sich
befand vergessen zu haben schien Auf der andern Seite des Wagens hatte sich
der Pastor aufgeschwungen und drang ebenfalls mit glühenden Worten auf die
beiden Schuldigen so dass der Journalist der lange mit der Lorgnette bald
links bald rechts hinausgeschaut hatte endlich sich überwunden gab und
versicherte er wolle nun umkehren um sein Schicksal und das seiner Braut in
die Hände des Alten zu legen der im Ernste nicht ihrem Glücke entgegen sein
könne Nach dieser Erklärung ward dem Kutscher befohlen umzukehren der Pastor
bat um einen Platz im Wagen und August der unterdes schleunig in die Kleider
geschlüpft war stieg hinten auf So ging der Zug wie im Triumphe zurück ins
Schloss wo er natürlich höchst unerwartet eintraf
    Eduard machte den Weg zu Fuß es war ihm ein Bedürfnis in der Einsamkeit
über die plötzliche Umgestaltung seines Innern einen klaren Blick zu gewinnen
Magdalenens Wünsche die für ihn Gebote waren schienen ihn jetzt in eine
öffentliche Wirksamkeit rufen zu wollen Er fühlte Kraft und Mut zu einer
solchen in seinem Busen keimen seine im müßigen Gefühlswechsel dahingebrachte
Jugend drückte ihn mit dem Bewusstsein der Schaam dennoch wurde ihm der Beruf
den er jetzt wählen sollte nach allen seinen Richtungen hin nicht klar Die
herrschenden zum Teil sehr dunkeln Ideen welche ihm aus Jedermanns Munde
entgegentönten die Worte Freiheit Volksrecht Deutschtum und die Ansichten
darüber welche an der Tagesordnung waren hatte er bis jetzt als Quelle so
vielen Elends so allgemeiner Verirrung immer möglichst weit umgangen jetzt
schien es wurde es erforderlich sich eng mit ihnen vertraut zu machen ja
sogar selbst tätig bei dem Streite mitzuwirken den man leider vor Augen sah
Er hoffte aus Magdalenens Munde nähere Erläuterungen ihrer Ansichten und Wünsche
in Betreff seiner zu erfahren ihm genügte das süße Bewusstsein dass ein edles
hohes Wesen sich des Inhalts seines Lebens bemächtigt hatte um aus diesem
Stoffe ein würdiges Gebilde zu formen
    Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen weckte ihn Ottfrieds Erscheinen der
ihm am Ausgange des Waldes entgegentrat Nach einigen flüchtigen Bemerkungen
über die wiedereingeholten Reisenden teilte der ältere besonnenere Freund die
Empfindungen die den Busen des jüngeren bewegten »Sie sind glücklich Eduard«
rief er mit einem warmen Händedrucke »wer gönnt Ihnen dieses Glück wohl mehr
als ich dennoch Geliebter ist mein Herz nicht frei von Besorgnissen für Sie
Erlauben Sie mir nur eine Frage missdeuten Sie mir diese nicht Kennen Sie auch
dieses wundersame Mädchen«  »Welche Frage« rief Eduard bestürzt »dass ich Sie
liebe glühend liebe beweist ja wohl dass ich sie kennen muss O nur zu lange
habe ich diesen Engel verkannt« Ottfried schwieg und blickte zur Erde Eduard
fasste ihn scharf ins Auge »Sie wollen mir etwas sagen Freund Ihre Zunge
scheint es weigert sich das Wort auszusprechen  reden Sie frei nichts
Schlimmeres können Sie von diesem Mädchen sagen was ich nicht selbst in meinem
Wahn von ihr geglaubt gesagt habe drum reden Sie frei«  »Nun wohl«
entgegnete Ottfried »man sagt mit ziemlicher Gewissheit dass das Fräulein des
Fürsten « Eduard unterbrach seinen Freund »Still« rief er »still  Mann der
Wahrheit auch Sie können einem so elenden Gerüchte Glauben beimessen auch
Ihnen ist die Heilige die sich zum Sünder herablässt nichts als eine gemeine
Buhlerin Ists möglich« Ottfried blieb kalt bei diesen Vorwürfen des Freundes
stumm wandelte er an seiner Seite und ließ den leidenschaftlichen Jüngling
seinem begeisterten Gefühl Worte leihen dann entgegnete er mit gleicher Ruhe
»Wenn ich jetzt rede so tue ich es mit schwerem Herzen denn ich muss fürchten
von dem Gegenstand meiner Neigung und Achtung verkannt zu werden dennoch rede
ich Hören Sie was man noch für gewiss behauptet Das Fräulein ist ein Werkzeug
in den Händen politischer Schwärmer sie ist in geheimer Mission am Hofe um den
Fürsten und seine Anhänger zu stürzen sie in dem Ansehen beim Volke
herabzusetzen und den ersten vom Thron zu entfernen«  »Genug« rief Eduard
»genug von den tollen Missverständnissen und finsteren Verläumdungen die von
Unverständigen dem unruhigen Haufen mitgeteilt werden Lassen Sie mich
dergleichen nie wieder hören teurer Freund ich verachte dies Geschwätz Wie
ist nicht die Wiedervereinigung des Fürsten mit seiner Braut ein Werk des
Fräuleins ist die moralische Wiedergeburt jenes gewissenlosen Mannes nicht
durch sie erzeugt Sind Milde Aufopferung Güte Geduld Glaube und Andacht die
Eigenschaften eines verderbten Sinnes der sich zum Werkzeug niedriger Zwecke
brauchen lässt Ottfried o wenn Sie in dieses klare Auge sehen dürften so
hineinschauen dürften wie ich es darf nie würden Worte der Art mehr über Ihre
Lippen kommen glauben Sie mir« Die Freunde hatten jetzt das Schloss erreicht
und indem sie im Begriff waren hinaufzusteigen wandte sich Ottfried noch
einmal zu seinem jungen Begleiter um eine Träne glänzte in seinem Auge seine
Stimme zitterte als er die Worte sprach »Erinnern Sie sich der Stelle im
Liede Nur wer sich ganz verwaiset achtet nur wer sich ganz verloren gibt nur
wer im heißen Weh verschmachtet wer bis zum Sterben sich betrübt nur bei dem
zieht die ewige Verklärung ein o Freund wenn einmal dieser furchtbarste aller
Schmerzen über sie einbricht wird ihre junge Seele ihn ertragen können wird
sie Kraft genug behalten um dann sich dem ewigen Lichte zuzuschwingen« Er
umarmte Eduarden und entfernte sich dann schnell Als der Gewarnte sich auf
seinem einsamen Zimmer befand dachte er über jene Worte nach doch sie schienen
ihm ein Rätsel zu sein dessen Lösung er in Ottfrieds trüber oft seltsamer
Stimmung suchen zu müssen glaubte
    Sophie und ihr Geliebter waren vom Baron über alle Erwartung gnädig
aufgenommen worden und es hatte allerdings den Anschein als habe der
Journalist auf die Willfährigkeit des Alten in Betreff der Erfüllung seiner
kühnen Plane nicht mit Unrecht gezählt Alles im Hause ließ sich wiederum zu
Freude und Lust an als ein neuer unerwarteter Vorfall die größte Bestürzung
erregte Man erfuhr nämlich dass sich die Prinzessin rüste so bald als möglich
das Schloss zu verlassen und das wie es schien auf immer  Die Beweggründe
dieser Abreise die wie eine Flucht aussah wusste Niemand mit Bestimmtheit
anzugeben doch gab es hier und da Vermutungen die nur leise ausgesprochen
werden durften man raunte sich in die Ohren die fürstliche Verbindung gehe
zurück der Herzog habe seine erwählte Braut auf das Empfindlichste gekränkt
und sie eile jetzt den Ihrigen zu welche gewiss nicht unterlassen würden die
erwiesene Schmach auf das Strengste zu rächen Zur Verbreitung dieser Meinung
hatte der Journalist viel beigetragen denn er gab vor die genauesten
Nachrichten von seinen Freunden erhalten zu haben man maß ihm völligen Glauben
bei um so mehr da das geheimnisvolle Wesen welches jetzt auf dem Schloss
umging ein Unheil dieser Art nur zu deutlich zu bekunden schien Zwei fremde
Kavaliere anscheinend von sehr hohem Range waren angekommen und die von ihnen
mitgeteilten Briefe und Aufträge mussten in dem Entschluss der Fürstin jene
auffallende Änderung bewirkt haben welche die ganze Umgegend die mit Liebe
und Verehrung an der so höchst liebenswürdigen Dame hing in Trauer versetzte
Der Leibarzt war zu der plötzlich Erkrankten gerufen worden und so viel Mühe
man anwandte alle diese Ereignisse der Umgebung zu verschweigen hatte doch
Neugier und Teilnahme Mittel gefunden hinter den verhüllenden Schleier zu
dringen Eduard war natürlich einer der Ersten gewesen der an der Seite seiner
angebeteten Magdalena nach der Lösung des Rätsels geforscht doch die Geliebte
selbst zeigte ein durch diese trüben Vorfälle so verwundetes Gemüt sie war
augenscheinlich so heftig erschüttert und bewegt bat ihren Freund so zärtlich
ihrem Busen nicht ein Geheimnis entwinden zu wollen an dessen Bewahrung sie so
schwer trage dass dieser nicht weiter in sie drang sondern sich begnügte mit
ihr zusammen das Schicksal anzuklagen das sie einer teilnehmenden edlen
Freundin beraubte in dem Moment wo beide sich entschlossen hatten aus dem
Bunde ihrer Herzen kein Geheimnis mehr zu machen Es war festgesetzt worden dass
die Oberhofmeisterin und zwei junge Damen die Prinzessin begleiteten Magdalena
jedoch sollte in Gesellschaft ihrer Tante noch einige Tage zurückbleiben
    Die endlich erfolgende Abreise war ein allgemeines Trauerfest obgleich die
Anstalten so getroffen worden dass man in der Stille den Pallast verlassen
konnte so hatte sich trotz dessen eine große Menge Landvolks eingefunden
welches mit Gewalt darauf bestand des Anblicks der hohen Frau teilhaftig zu
werden Einige Männer vom Amt aus dem nächsten Städtchen die ehrwürdigsten
Greise des Dorfes umstanden den Reisewagen den Schlosshof und als nach Verlauf
einer Stunde die Prinzessin erschien begrüßte sie allgemeiner froher Zuruf man
ging so weit sie daran verhindern zu wollen den Wagen zu besteigen Greise
Männer Kinder und Frauen drängten sich um die hohe Gestalt ihr Gewand zu
küssen und sie mit den rührendsten Bitten zu beschwören das Schloss nicht zu
verlassen denn es hätte sich das Gerücht verbreitet sie wolle auf immer
scheiden Die Fürstin zeigte sich innig bewegt bei den Beweisen so herzlicher
Anhänglichkeit sie ließ Geschenke austeilen nahm auf das Huldvollste
Abschied und konnte nur so zu ihrem Zwecke gelangen indem sie laut erklärte
dass sie bald wieder zu kommen hoffe Der alte Freiherr stand mit entblösstem
Haupte zur Seite des Wagens und sie hineinhebend benutzte er die Gelegenheit
die ihm gereichte Hand mit dankbaren Küssen zu bedecken Ottfried Sophie und
der Journalist erhielten ebenfalls freundliche Zeichen der Huld und Gnade
August hatte es sich nicht nehmen lassen in seiner glänzenden Forstuniform auf
einem schönen Rosse die edle Fürstin bis aus dem Dorf hinaus zu begleiten und
so ging endlich der Zug der Wägen von einem Schwarm der Landbewohner gefolgt
durch das Dorf der nahen Gränze zu Eduard dem die Abreisende sich besonders
freundlich bezeigt empfand es schmerzlich dass seine geliebte Magdalena sich im
Augenblick der Trennung nicht blicken ließ der Schmerz die Unruhe dieser Tage
hatte sie jedoch so angegriffen dass sie das Zimmer nicht verlassen zu dürfen
behauptete Der Baron Ottfried Sophie und der Journalist gingen in tiefster
Niedergeschlagenheit ihrer Wohnung wieder zu die ihnen jetzt so verwaiset und
verödet vorkam  »Muss denn jede schöne Hoffnung auf Glück und Frieden
heutzutage zu Grunde gehen« rief der alte Freiherr indem er sich eine Träne
aus dem Auge drückte »ich glaubte nun in meiner Einfalt im Dienste dieser über
Alles teuren und verehrten Frau meine Tage zu beschließen und nun wird sie uns
so plötzlich und auf eine so dunkle seltsame Weise geraubt Wer bürgt uns
dafür dass sie wiederkommt sie selbst schien daran nicht zu glauben als ihr
Mund mit schmerzlichem Lächeln es uns versicherte Ach wer zählt die Leiden
die sie in ihrem Leben schon erfahren und die sie mit vieler Fassung mit so
edler Geduld trägt ich habe das Recht über sie ein Wort zu sprechen denn mir
war es vergönnt schon an ihrer Wiege zu stehen der Zeuge ihrer aufkeimenden
Tugenden zu sein freilich die Gabe irdischer Schönheit war ihr nicht gegeben
auch nicht jener gefällige Glanz der den Sinnen schmeichelt aber die
himmlischen Schätze der Demut und Liebe lagen wie reines Gold in ihrer Brust«
 »Zum Glück« rief der Journalist »bleibt uns das Edelfräulein die wohl
würdig ist ihre Stelle zu vertreten«  »Auch sie dauert nicht lange bei uns
aus« seufzte der Baron »auch sie geht« Ottfried schwieg er wollte seine
Ansicht über des Fräuleins Charakter nicht laut werden lassen obgleich ihr
Nichterscheinen beim Abschied ihm ein Beweis mehr schien dass diese Abreise und
die Trennung des schon angeknüpften Bundes ihr Werk war »Wer weiß es uns zu
sagen« nahm der Journalist wieder das Wort »wen diese Mauern jetzt wieder in
ihrer Mitte empfangen werden Beim Alten bleibt es nun einmal gewiss nicht
möchte nur das Neuere auch das Bessere sein wir gehen einer ungewissen Zeit
entgegen«
    Eduards einsame Stunden füllten jetzt die reizendsten Pläne die
entzückendsten Aussichten er dachte daran wie er sein Leben gestalten wolle
um es würdig zu führen an der Seite seiner Magdalena An Emilien an Gottold
waren Briefe geschrieben worden die das schon längst als aufgelöst betrachtete
Verhältnis vollends zernichteten Er war willens in Civil oder Militärdienste
zu treten je nachdem die Lage der Dinge ihn überzeugt haben würde an welchem
Platze er schicklicher die Ideen die ihn jetzt beseelten in Wirksamkeit
übertragen könnte Magdalena sah mit gerührter Teilnahme den Eifer den der
Geliebte zeigte ihren Anforderungen Genüge zu leisten doch zeigte sich stets
in den Stunden die Eduard seine glücklichsten nannte eine seltsame
Befangenheit bei ihr Der Jüngling glaubte das Beben dieser schönen Seele zu
erraten wenn er bedachte dass sie seinetwillen einen verhüllenden Schleier
dulde dessen die Tadellose stets in ihrem Leben für ihre reinen Handlungen nie
bedurft hatte
    In diese Träume versenkt störte ihn eines Abends der junge Forsikadet der
in sein Zimmer stürzte »Eine Neuigkeit« rief er »eine saubre Neuigkeit  es
spukt oben im Schloss ja ja Sie können es nur glauben Eduard es spukt und
schon heißt es allgemein dass des Gespenstes wegen die Fürstin so schleunig
fortgegangen sei« Der muntere Jüngling ließ sich jetzt in einen umständlichen
Bericht ein dessen Schluss war dass er den Geist in Gestalt eines in ein graues
Wamms gekleideten Mannes selbst erschaut als er in der Dämmerung heute den
Schlossverwalter der in den oberen Gemächern zu schaffen gehabt aufgesucht »Er
wandelte an mir dicht vorbei« erzählte der Geisterseher »ohne dass ich das
leiseste Geräusch eines Trittes wahrnehmen konnte und verschwand im Korridor
der zu den Gemächern des Fräuleins und ihrer Tante führt Schon vor einigen
Tagen habe ich von den Schlossknechten dergleichen erzählen gehört doch lachte
ich darüber heute aber versichere ich Sie wandelte mich ordentlich ein
kleines Grausen an ich gestehe es zu meiner Schande denn wenn wir es
untersuchen so wette ich dass sich der Spuk in eine bloße und vielleicht recht
läppische Täuschung auflöst« Eduard musste ihm versprechen eines Abends in
seiner Gesellschaft dem seltsamen Wandler aufzulauern und ihn zur Rede zu
stellen
    Als beide Jünglinge hinuntergingen kam ihnen Sophie mit einem besonders
heitern Gesichte entgegen »Sie haben mein Freund« sagte sie zu Eduard »die
Epoche meiner Trauer meiner kleinen Verirrungen mit erlebt es ist billig dass
Ihnen der freudige Schluss des Romans nicht verborgen bleibe ich heirate
heirate den Doktor der gute Alte hat eben seine Zustimmung gegeben wir
bleiben fürs Erste hier wohnend doch unter der Bedingung dass nicht von
Politik die Rede sei« Eduard ergriff Sophiens Hand und drückte sie herzlich
indem er seinen Glückwunsch aussprach »Sie sind sehr teilnehmend und gütig«
fuhr die Braut fort »ich nehme Ihren Glückwunsch geradezu als eine
Prophezeihung an denn welchem Missgeschick sollte ich jetzt wohl noch
entgegengehen Der Geliebte dem ich angehöre zählt sich zu der Klasse von
Menschen bei denen heutzutage offenbar die richtige entscheidende Ansicht zu
treffen ist und so bin ich ruhig meine Stellung im Leben und gegen die
Gesellschaft ist gesichert und festgestellt meine Achtung für mich selbst ist
durchaus begründet denn ich hätte es mir nie vergeben können wenn ich anders
gehandelt hätte«  »Und was wird aus dem Pastor« fragte Eduard »Es ist ein
trefflicher Mann« erwiderte Sophie »dem ich mich herzlich verpflichtet fühle
treu jenen alten biederen Gesinnungen seiner Tage hat er auch jetzt da er
deutlich wahrnahm dass es meinem Glücke gelte nicht einen Moment gezögert mit
seinen Ansprüchen zurückzutreten und denen meines Bräutigams noch das Wort zu
reden er selbst wird unsere Trauung verrichten die in diesen Tagen vor sich
gehen soll« Kaum hatte Sophie diese Worte geendet als Ottfried der Journalist
und der Prediger im heftigen Zank hervortraten Der Journalist hatte wiederum
Angriffe auf Ottfrieds gefeierten Dichter gemacht und durch diese den Poeten
und den Pastor in Zorn gesetzt  »Was wollen Sie mit Ihrem ächtdeutschen
Charakter« schrie Ottfried »was soll ich unter dem vagen Begriff von
Deutschheit Deutschtum verstehen Ist unser großer Dichter kein Deutscher
Kein vaterländischer«  »Nein« entgegnete der Journalist ruhig »denn er hat
kein Vaterland«  »Eine neue seltsame Behauptung« rief der Pastor
kopfschüttelnd  »Und nennen Sie es mir« setzte der Doktor eben so ruhig
hinzu »wie heißt es wo liegt es Ists etwa das kleine Ländchen in dessen
Hauptstadt er ein Haus einen Garten besaß ists das Gebiet jener Stadt in der
er das Licht der Welt erblickte Ist nicht eben so gut Frankreich Italien das
alte Griechenland England der Norden wie der Süden Europas samt dem Orient
sein Vaterland«  »Ich fasse Ihre Ansicht« rief Ottfried »Sie zielen auf die
große Objektivität unsres Poeten und ist es nicht diese gerade mit deren Hilfe
es ihm gelang so mächtig zu wirken wie er gewirkt hat indem er mit einem
Bilde zu reden die Perlen aus dem Meere das bunte Geflügel der Luft die
schimmernden Erze der Tiefe die Gewächse fremder Zonen alle zusammen vereinigt
hat um sie aus seinem goldenen Füllhorn dem mit ihm lebenden Geschlechte
vorzuschütten Alles Schöne und Treffliche einer Zeit ja diese Zeit selbst
kommt nur durch den Mund der Dichter auf die Nachwelt sie sind das Organ und
die mannigfaltigsten Richtungen des Geistes vereinigen sich hier um in einem
tönenden Prophetenspruche offenbart zu werden In dieser Beziehung schreiben
Dichter die Geschichte und in diesem Sinn wird für das entfesselte Verständnis
die Geschichte zum Gedicht«  »Ich trete vollkommen Ihrer Ansicht bei« rief
der Journalist »doch um den Poeten mit einer solchen weltgeschichtlichen Würde
zu bekleiden muss er einen festen Standpunkt haben von welchem aus es ihm
möglich wird seine Bestimmung nach allen Seiten hin zu erfüllen er muss sich
als Glied einer Kette fühlen aus der er nicht herausstrebt sondern die er nur
fester verbinden hilft mit einem Wort der Poet muss ein Vaterland haben
Geziemt es dem Denker frei von umschränkenden Verhältnissen der Gegenwart dem
Ziele das er sich über alle Zeit hinausgesteckt hat auf dem Wege einsam
grübelnder Betrachtung nachzugehen so sitzt der Dichter ein Genosse seiner
Zeit auf dem bunten Markte des Lebens da er leidet kämpft und siegt mit den
Leidenden er jubelt mit den Jubelnden und beständig wandelt der bewegte Zug
vor seinem Auge vorüber Wolken Sonne die ganze vaterländische Natur sieht man
als Hintergrund zu seinen Gemälden er ist eben so wenig von dem Lande wo er
geboren zu trennen als Duft und Farbe von der Rose zu scheiden ist denn die
Liebe die Achtung seiner Mitbürger ist die Nahrung mit der die Wurzel seines
Daseins sich sättigt der feste Grund der allgemeinen Wohlfahrt ist der sichere
Boden auf dem er fusst Nähme man dem Poeten sein Vaterland so nähme man seiner
Harfe den Klang Erscheinen nicht die großen Epiker und Dramatiker der Griechen
von diesem Standpunkt aus gesehen so großartig Stehen nicht Ariost Dante der
Dichter der Nibelungen der große Britte und endlich unser deutscher Sänger des
Messias hierin als Muster da  Der letztere ist der Dichter der Nation bei ihm
findet man deutsches Wort deutschen Glauben deutsche Vaterlandsliebe und
Innigkeit«  »Sie mögen Recht haben« nahm Ottfried das Wort »die Poesie wie
alle andern freien Künste sagten sich in unserer Zeit von dem nächsten Bedürfnis
der gegenwärtigen Zeit los sie will keinem vorgeschriebenen Zwecke dienen und
verlangt selbstständig dazustehen und diese Selbstständigkeit hat sie erlangt
seitdem sie aus dem Stande unbewusster Kraft herausgetreten und an der Hand der
Kritik sich auf ihren jetzigen Standpunkt geschwungen hat Heutzutage muss nun
natürlich die Stellung eines großen Dichters eine andere sein er findet bei
seinem Erscheinen eine völlig eingerichtete Welt die seiner nicht bedarf er
muss also um auf seine Weise wirksam einzutreten sich der Laune Einzelner
anschließen abgesehen davon ob diese Einzelnen sich in seinem Geburtslande
oder am entfernten Pol befinden um seine innere Unabhängigkeit zu behaupten
muss er in eine äußere Abhängigkeit sich fügen und statt des kleinen Bodens den
er früher in Liebe und Treue mit seinen Mitbrüdern teilte öffnet sich jetzt
ihm die ganze Welt Der sinnliche mit Gesang begabte Naturmensch der früher
den Dichter machte vereint sich heutzutage mit dem forschenden Denker und
diese Beiden im Bunde mit der Kritik bringen jene große Weltanschauung hervor
die wir beim Genius unseres großen Dichters bewundern und durch die er auch
bei allen kommenden Jahrhunderten leben wird indes der Poet der die
vorüberrauschenden Interessen der Zeit nur auffasst längst vergessen ist Und am
Ende was bleibt dem Dichter wenn es ihm nicht erlaubt wird über den kleinen
Streit die niedrigen Armseligkeiten mit denen der Bürger der Staatsgesellschaft
sich abquälen muss hinweg zu fliegen und hinauf zu streben«  »Wem alle diese
Dinge nur Erbärmlichkeiten scheinen« rief der Doktor heftig »wem der Glaube
seiner Väter der Heerd seiner Ahnen die Liebe seiner Zeitgenossen nur
Gegenstände der Reflexion nicht des Herzens sind freilich der hat Recht sich
von Allem loszusagen und von der kalten Höhe des Berges herab zu erklären dass
er die Dinge zu seinen Füßen nur höchst klein und unbedeutend finde«  Der
Pastor nahm das Wort und sagte »Ich habe so sehr ich auch den Sänger des
Messias verehre doch nie rechtes Gefallen an seinen spröden kalten
Vaterlandsliedern finden können ja sogar Gott verzeih mir die Sünde der gute
Herrmann und seine Cherusker sind mir ordentlich etwas abgeschmackt erschienen
und Gleim hat für mich weit mehr Wärme und Begeisterung«  »Ich sehe« rief der
Journalist »für die Poesie nur Ein Heil nämlich sie muss sich entschließen den
eingebildeten hohen Standpunkt die kalte Höhe auf der sie sich doch nicht wird
erhalten können zu verlassen um sich wieder an die einfachen Bedürfnisse der
Menschen anzuschließen sonst geschieht was durchaus nicht ausbleiben kann dass
sie entweder auf dem Wege der Reflexion sich selber zerstört oder dem kalten
Indifferentismus anheimfällt der sie schonungslos zernichtet Sehen wir sie
nicht in den Versen unserer neuesten Dichter diesem drohenden Verderben schon
ganz nahe  Wir wir eilen ihr wieder Haus und Vaterland zu geben der
hülfelos herumirrenden bieten wir die sichere Stätte das schützende Obdach«
    Sophie unterbrach den Diskurs indem sie ihren Bräutigam zu einem
Spaziergange aufforderte Ottfried gesellte sich mit dem Pastor zum Baron und
Eduard eilte von der vertrauten Zofe gerufen hinauf in Magdalenens Zimmer wo
die Geliebte ihn bereits einige Zeit erwartet hatte Sie kam ihm mit einem
bezaubernden Lächeln entgegen in ihrer Hand schwebte ein Papier welches sie
auf einen der Tische niederlegte und den Jüngling zu sich aufs Sopha zog
»Schelten Sie nicht teurer Eduard« lispelte sie »wenn ich jetzt eile meine
schwärmenden Träume in Wirklichkeit zu verwandeln die Zeit ist reif für unsere
Pläne es könnte leicht ein günstiger Augenblick versäumt werden entschließen
Sie sich mein Freund dieses Papier hier dem General Erlfeld der sich jetzt
gerade in der Residenz befindet zu überbringen erforschen Sie dessen Inhalt
nicht ersparen Sie mir ein Erröten wenn Sie erführen wie kindisch besorgt um
Ihr Wohl die zaghafte Seele Ihrer Magdalena ist Versprechen Sie mir die Bogen
nicht zu entfalten bei unsrer Liebe bei diesem Kruzifix versprechen Sie mir
das«  »Magdalena« erwiderte Eduard »Sie wissen ja dass Ihr Wunsch ein Befehl
ist wozu also noch ein Gelöbnis ich reise und wann darf ich wiederkommen«
Das Fräulein sank mit einem Kuss an die Wange des Jünglings sie schien ganz
Zärtlichkeit und Rührung und eine Pause verging ehe sie sich fassen konnte
»Wir müssen uns trennen auf wenige Tage Freund meiner Seele« hauchte sie in
schmachtenden Tönen »das erste Wort welches Sie mit meinem Verwandten dem
General Erlfeld sprechen werden wird Sie überzeugen dass ich ein paar
schmerzliche Tage ihre Gegenwart entbehren muss doch verspreche ich Ihnen Sie
hier zu erwarten« Eduard erfasste ihre Hand und seine in weiche Stimmung sich
ergiessende Seele gab ihm die süßesten schmeichelndsten Worte des Danks und der
Zärtlichkeit ein Magdalena erwiderte seine Liebkosungen doch war in ihrem
Wesen heute mehr wie jemals die Befangenheit zu spüren die störend auf den
Geliebten zurückwirkte er blickte manchmal wie fragend ins große blaue Auge
wie zu einem rätselhaften Stern hinauf Als die Abschiedstunde schlug zog er
von wunderlichen Träumen getrieben die zarte schöne Gestalt mit sich ans
offene Fenster vor dem die ganze Landschaft sich im Mondenglanz verklärend
ausbreitete »Mädchen meiner Liebe« rief er mit Ernst und doch mit
schmerzlichem Lächeln »wisse dass wenn Du mich täuschtest mein Leben ein
verlorenes wäre nur einmal vermag es der Mensch mit voller jugendlicher Kraft
und Zuversicht den Glauben zu erfassen irrt ihn da ein Trugbild so sinkt er
auf ewig in Ohnmacht dahin«  »Eduard« rief Magdalena und sah den Jüngling
mit befremdetem fast zürnendem Blicke an »es ist nichts« rief dieser und
warf sich wie in Reue vergehend an ihre Brust dann stürzte er fort
    Beim Herausgehen traf er in den unrechten Korridor als er ihn hinabeilte
sah er bei ungewissem Lichte eine Gestalt ihm entgegen kommen er hielt Stand
und ließ sie an sich heran denn er meinte es sei Ottfried doch als die
wandelnde Figur gerade den Streifen des Mondlichts durchschnitt sah er eine
fremde seltsame Kleidung die keinem Bewohner der heutigen Welt anzugehören
schien Eduard kannte keine Furcht er trat beherzt näher da glitt die Gestalt
rasch an der Mauer hin und dem Bestürzten war es als blickten aus der
Mantelumhüllung die Züge des Herzogs ihn an Als er sich von seinem Befremden
ermannte war der nächtliche Wandler schon in der Tiefe des Ganges verschwunden
    Von den Furien eines fürchterlichen Argwohns erfasst konnte der arme
Jüngling nicht lange in der dumpfen Stille seines Zimmers ausdauern Ottfrieds
Winke die Erzählungen Augusts vom Gespenste die plötzliche Abreise der
Fürstin Magdalenens seltsames Betragen Alles schien auf eine finstere
entsetzliche Katastrophe hinzuarbeiten der Unglückliche entschloss sich die
gegenwärtige Stunde zur Entscheidung zu rufen Mit einem Gefühl das ihm das
Herz zusammenschnürte stieg er leise den wohlbekannten Gang hinauf ins Schloss
und nach wenigen Augenblicken stand er vor der geheimen Tapetentür durch die
er stets in den Tempel seines Glücks eingeschritten war Noch einen Moment
zögerte er sie zu öffnen da glaubte er deutlich eine fremde Stimme im Gemach
zu vernehmen von einem Tritt seines Fußes flog die Wand zurück und  der
Herzog ward sichtbar der sich aus den Armen des Fräuleins loswand 
    Der Sommer war dahingegangen der Herbst streute seine falben Blätter in
Garten und Flur da hielt ein zierlicher Reisewagen vor dem Schloss des
Freiherrn und Massiello zeigte sich darin der gekommen war den aus einer
schweren Krankheit kaum genesenen Eduard zurück in die Residenz zu seinen
Freunden zu bringen Man traf alle Anstalten die blasse zusammengesunkene
Gestalt des sonst so blühenden jungen Mannes mit aller ersinnlichen Schonung und
Sorgfalt zu hüten August wollte sich von seinem Freunde durchaus nicht trennen
und bat sich darum einen Sitz im Wagen aus den der Musiker auch mit Vergnügen
ihm einräumte der alte Baron und Ottfried vergossen Tränen als sie den
liebgewonnenen unglücklichen Jüngling von ihren Fluren scheiden sahen die
nunmehr gänzlich verwaiset blieben da einige Zeit vorher der Journalist und
seine junge Frau sie auch verlassen hatten um in die Schweiz zu ziehen
Fräulein Magdalena und ihre Tante waren aus der Gegend verschwunden man wusste
nicht wohin
    Massiellos Plan mit seinem leidenden Freunde war diesen der Residenz und
allen jenen Plätzen die alte schmerzhafte Erinnerungen wecken könnten
vorbeizuführen und die Waldeinsamkeit aufzusuchen wohin der Abt sich
zurückgezogen hatte Die Verwirrung in der Residenz der Umsturz bestehender
Verhältnisse ja sogar der Wechsel der Regierung indem es nunmehr bestimmt
ausgemacht war dass Fürst Lothar den Thron verließ hatten den Musiker und
seinen Freund von der Ausführung ihres Reiseplans bis jetzt zurückgehalten
dafür sollte er jedoch nun da sich die Aussicht zeigte Eduarden zum
Reisegesellschafter zu haben die ernstlichsten Anstalten zum Aufbruch getroffen
werden
    Es war Mittag als das bestimmte Wäldchen erreicht wurde Massiello gab an
in welcher Richtung man es durchschneiden müsse  Der Tag war ungewöhnlich
heiß erst als man tiefer in Schatten hineingeriet wehte eine angenehme
Kühlung vermischt mit dem würzigen Dufte des Waldharzes den Fahrenden
entgegen hier und da fielen einzelne Sonnenstrahlen durch die grüne Nacht und
spielten im Smaragdlichte auf dem Boden Vögel flogen mit lachendem Gezwitscher
über den Weg die Rosse zogen den leichten Wagen wie im Spiel die Krümmungen des
harten Waldweges fort Jetzt hielt der Kutscher und die Freunde stiegen aus um
auf einem Fusswege tiefer ins Dickicht zu dringen Man vernahm rollende Passagen
auf dem Fortepiano und zugleich ward die Einsiedlerhütte bemerkbar deren Türe
offen stand Oben an der Hütte war ein purpurglänzender Papagei in seinem
Goldringe aufgehängt unten spielten im Sonnenstrahl zwei weiße Kaninchen Der
Abt saß in einem braunen herabfliessenden Gewande mit dem Rücken gegen den
Eingang am Instrumente und spielte eine Sonate von Betoven Als er den
Ankommenden entgegentrat bemerkten die Freunde dass er sich hatte einen Bart
wachsen lassen der seinem Gesichte nicht übel stand »Karissimo padre« rief
Massiello und schloss sich in die Arme des Erfreuten indem er einige flüchtige
Küsse auf den neuangeschossenen Bart drückte »wie gehts welches Befinden« er
trat gleich darauf ans Klavier und spielte die fehlenden Bögen der Sonate
vollends ab indes der Abt Eduard und seinen jungen Freund herzlich begrüßte
»Gewiss« sagte er zu dem ersteren »wird dieser kühle Waldschatten sich wie eine
liebe Vergessenheit auf Ihren Busen legen und dem empörten Blute Milde lehren 
und dann tun Reisen Postäuser italienische Villen und neue
Liebesbekanntschaften das Übrige« Eduard äußerte dass er seinem Schwure
getreu Dienste suchen wolle und dass der Militärstand stets für ihn etwas
Anziehendes gehabt habe August jubelte über diesen Ausspruch und meinte in dem
Falle wolle auch er ein Bajonet an seine Flinte schrauben lassen Man machte
einen kleinen Spaziergang in den Wald hinein indes der Abt Einrichtungen
treffen ließ um seinen Gästen eine anständige Mahlzeit und ein gutes Nachtlager
anbieten zu können Eduard der den andern etwas vorausgeeilt war betrat nicht
sobald die Landstraße als er einen Wagen heranrollen sah in dem ein Offizier
und eine junge Dame saßen sie waren so eifrig im Gespräch begriffen dass sie
den einsamen Wanderer nicht bemerkten er aber erkannte ihre Physiognomien wohl
es war Robert und die Gräfin Eva Massiello lief ihnen nach indem er schrie und
mit dem Tuch winkte doch schon war der Wagen um die Ecke gebogen und
verschwunden »Da eilen Sie nun hin« rief der Atemlose »ihr Bestreben ist
uns in der Stadt aufzusuchen um Abschied zu nehmen und jetzt hören die
zerstreuten Leute auf kein abmahnendes Wort nun meinethalben so mögen sie denn
das leere Haus finden« Eduard erkundigte sich nach Roberts Schicksalen und
erfuhr dass der Poet eine reiche Erbschaft getan und jetzt an der Seite der
Gräfin in der Uniform eines Malteserritters London zueile wo er sich
anzusiedeln gedenke  »Die Erbschaft« lächelte der Komponist »kam so zur
rechten Zeit dass unser Held ohne sie von seinem vornehmen Beschützer
verlassen notwendig in eine üble Lage hätte geraten müssen so aber scheinen
die äußeren Schätze ihm immer voller zuzuströmen je tiefer sein Gemüt in
innere Zerrüttung und Armut sinkt ich sehe das verzweifelte Ende voraus das
er notwendig nehmen muss«  »Und wie gehts der kleinen Jokonde« fragte
Eduard von einer wehmütigen Erinnerung angehaucht »Fragen Sie nicht nach
ihr« sagte Massiello mit weicher Stimme indem er zu Boden blickte »wollte der
Himmel ich könnte von ihr sagen dass man sie eines Morgens tot am Strande des
Meeres gefunden« Eduard wurde merklich blässer bei dieser Antwort er schwieg
und eine tiefe Stille herrschte während die drei Freunde den Weg zurück in die
Einsiedlerhütte nahmen
    Man brachte den Abend trübe zu und ging zeitig zur Ruhe als am andern
Morgen sich die Freunde versammelten fehlte Eduard in ihrer Mitte er hatte
sich in der Nacht leise fortbegeben der Abt fand sein Taschenbuch in dem ein
kurzer Abschied eingezeichnet war dann zog er ein Papier hervor und es fand
sich dass es Magdalenens Brief war den der Unglückliche bis jetzt bei sich
getragen Massiello entfaltete es und las die Worte »Teurer Oheim den
Überbringer dieses schicke ich Ihnen als einen Menschen zu den ich für unsere
Sache gewonnen habe und den Sie überall brauchen können nur nicht da wo es
Künste der Klugheit gilt denn er hat die Offenheit und Ungeschicklichkeit eines
Kindes Der Fürst ist vom Throne und der Prinzessin geschieden und geht in ein
Asyl wo er uns nicht mehr schädlich sein kann Fällt dieser Brief in unrechte
Hände so sind wir schon längst gesichert und ich bin einen Überlästigen los
dessen Neigung jetzt da ich sie gewonnen mich schon zu langweilen anfängt
mich dürstet nach einem neuen Wirkungskreis«
    Die Freunde legten das unglückliche Blatt hin und sahen einander mit
schmerzlichen Blicken an August lehnte das Antlitz auf den Arm gebeugt am
nächsten Baum er wollte es den beiden Männern verbergen dass seine jugendliche
Wange von Tränen befeuchtet war