Heinrich Zschokke
Das Goldmacherdorf
1 Wie Oswald aus dem Kriege kommt und was die Leute sagen
An einem Sonntag Nachmittag saßen im Dorfe Goldental die jüngeren Knaben und
Mädchen unter der alten Linde und sangen oder lachten wenn Einer aus dem
Wirtshaus hervorstolperte der zu tief ins Glas geschaut hatte Die andern
Bauern mit ihren Weibern saßen in drei Wirtshäusern und tranken und spielten
und jauchzten oder balgten wie es denn nun so geht wenn Wein und Bier wohlfeil
sind
Da kam ein großer starker Mann ins Dorf Er mochte in den Dreissigen sein
hatte einen grauen Rock an einen langen Säbel an der Seite auf dem Rücken
einen Habersack Er sah gar wild drein denn er trug über der Stirne eine große
Narbe und unter der Nase einen schwarzen Schnurrbart dass alle Kinder
davonliefen
Aber ein Paar alte Frauen die er anredete erkannten ihn sogleich und
schrien »Ei das ist ja Schulmeisters Oswald der vor siebenzehn Jahren unter
die Soldaten ging Nein schaut auch wie ist er gewachsen und groß geworden«
Und wie die Weiber so schrien kam Alt und Jung aus den Wirtshäusern und von
der Linde herbeigelaufen und bald war das ganze Dorf um den Oswald versammelt
Oswald gab allen seinen ehemaligen Bekannten die Hand war sehr freundlich
mit Allen und sagte er wolle nun wieder bei ihnen in Goldental wohnen habe
des Soldatenlebens satt und sei froh mit dem Leben davongekommen zu sein Nun
wollte ihn Jeder in ein Wirtshaus ziehen der Eine links der Andere rechts
man müsse eins zum Willkommen trinken er müsse von den Kriegsgeschichten
erzählen Oswald aber dankte ihnen und sprach »Ich bin vom Wandern müde und
will ausruhen Wer wohnt in meines verstorbenen Vaters Haus und wer besorgt die
Aecker desselben«
Alsobald trat der Müller hervor und sagte »Ich habe den Weber Steffen
hineingetan und ihm Haus und Feld in Zins gegeben Nun aber muss er ausziehen
da du wiedergekommen bist Der Gemeindsrat hat mich zum Vogt gesetzt über dein
Gütlein Kannst ein paar Tage bei mir herbergen bis Webers ausziehen und andere
Wohnung haben Da will ich dir auch Rechnung ablegen«
Also ging der Müller mit seinem Gast zur Mühle und ließ ihm ein gutes
Nachtessen und ein gutes Bett bereiten Oswald hatte aber viel zu fragen nach
dem und diesem wie es seitdem im Dorfe ergangen sei und der Müller und seine
Frau hatten viel zu antworten So plauderten sie bis Mitternacht in der Mühle
Und Oswald sah immer über den Tisch hinüber nach des Müllers zarter Tochter die
hieß Elsbeth Und es war wohl der Mühe wert ihr in die schwarzen Augen zu
sehen denn Elsbeth war schön Elsbeth aber sah ihrerseits auch gern über den
Tisch hinüber denn Oswald war ein hübscher Mann wenn man sich einmal an seinen
erschrecklichen Schnurrbart gewöhnt hatte und in seinen Gebärden hatte er etwas
Zierliches und Gefälliges als wäre er ein Herr aus der Stadt gewesen Darum
scheute sie sich mit ihm zu reden und wenn er sie ansah wusste sie nicht
wohin mit den Augen fliehen Doch sagte sie ihm etwas vom Schnurrbart
Und als er folgenden Morgens zum Frühstück kam war unter seiner Nase der
Schnurrbart schon verschwunden Oswald hätte Zeitlebens in der Mühle wohnen
mögen denn der Müller und seine Frau waren gute Leute und der Elsbeth sah die
Güte hell und klar aus den Augen Aber nach acht Tagen schon konnte Oswald in
das kleine Haus seines Vaters einziehen und nach seinen Feldern sehen Er hatte
fünf Juchart Baumgarten mit Wiesen und fünf Juchart Ackerland dazu kaufte er
sich eine schöne Kuh aus den vom Vogt ersparten Zinsen
Und weil das Haus alt und zerfallen war erhielt er Holz und Steine von der
Gemeinde Da ließ er alles ausbessern weißen und hobeln und waschen Er selber
mauerte handlangte fegte vom Morgen bis in die Nacht damit es schön werde
und ihn doch nicht viel koste
Im Herbst war sein kleines Haus das sauberste und schönste im ganzen Dorf
mitten in einem Garten am Bach Und der Garten war schön wie einer in der
Stadt Er hatte sogar in die Wege zwischen den Beeten Sand und Grien getragen
Er hatte es gern wenn Müllers Elsbeth zuweilen über den grün angestrichenen Hag
in den Garten sah sie hatte ihm auch Blumen beigesteuert und versprach ihm zum
Frühjahr noch mehr
Die Leute zu Goldental wussten lange nicht was aus dem Oswald machen Er
war so arm aus dem Kriege gekommen als er hineingezogen war das sahen sie
wohl Er hatte eine Kiste aus der Stadt bekommen mit Kleidern und Wäsche sogar
Bücher hatten darin gelegen Das war sein Reichtum Aber des Geldes wegen
mochte die Kiste nicht schwer gewogen haben
»Lasst ihn laufen« sagten die Einen »Er ist ein armer Teufel und ein
dummer Teufel dazu der im Kriege seine Sache nicht verstanden hat zu machen
Nicht einmal Sonntags kann er ins Wirtshaus gehen und sein Glas trinken
geschweige einen Tanz zahlen dabei muss er arbeiten wie ein Pferd von
Sonnenaufgang bis in die finstere Nacht Ein Glück für ihn dass er vom Vater
noch etwas geerbt hat sonst läge er der Gemeinde zur Last«
»Lasst ihn laufen« sagten die Andern »Heldentaten hat er nicht viel
verrichtet denn er weiß nicht viel zu erzählen Und wer weiß wo der Narr den
Hieb über die Stirn geholt hat Der ist froh dass er kein Pulver mehr riechen
muss«
»Lasst ihn laufen« sagten wieder Andere »Er gibt nur Keinem ein gutes Wort
und meint weil er Soldat gewesen müsse man Respekt vor ihm haben Wir wollens
ihm aber zeigen Er ist ein hochmütiger Bursch der froh sein soll wenn wir
ihm keinen Tritt geben«
»Lasst ihn laufen« sagten noch Andere »Der hat im Kriege nichts Gutes
gelernt Er hat Bücher die kein Mensch lesen kann vielleicht der Pfarrer
selber nicht Und Zeichen und Karaktere stehen darin dass es ein Graus ist Was
gilts der geht mit dem Teufel um und kann ihn beschwören«
»Gott sei bei uns« riefen Andere »Richtig ist es bei ihm nicht das weiß
man wohl Er hat noch keinen Menschen in seine kleine Hinterstube gehen lassen
selbst Müllers nicht die viel mit ihm zu tun haben Da sieht der Wächter alle
Nacht noch Licht brennen was durch die Fensterladen schimmert Die Stube hält
er beständig verschlossen und die Vorladen der Fenster sind auch bei hellem
Tage nie auf«
So sprachen die Leute und machten ans Oswald nicht viel
2 Was Oswald im Dorfe sieht
Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten war er doch sehr
zutunlich und mit Allen freundlich Anfangs ging er rechts und links zu Jedem
ins Haus und besuchte Einen um den Andern fragte nach den Kindern nach den
Gütern nach der Art die Felder zu bestellen und nach allen Umständen
Vorzeiten war Goldental ein recht stattliches Dorf gewesen zwar kein
übergrosser Reichtum darin doch Wohlhabenheit in allen Häusern Nun aber mit
Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirte wie auch des Müllers stand es
überall schlecht Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus und am Feuerherd
kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppen Von hundert Haushaltungen schickten wohl
zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus sechszig halfen sich kümmerlich im Druck
von Schuldenlasten durch und die andern waren zum Teil noch im Stande die
Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten und sich wohl aufrecht zu halten
Man sah es den Häusern schon von außen an wie übel es drinnen sein mochte
man sah es an den zerfallenen Dächern an den Mauern von welchen der Kalk
abgefallen war an den verschmierten Wänden und Türen an den zerbrochenen und
mit Papier verklebten Fenstern Kam man hinein war Kot und Gestank Tisch und
Bänke unsauber der Spiegel wenn noch einer war seit Jahren von Fliegen blind
der Fußboden voller Löcher die Dielen schwarz wie Erde vom verhärteten
Unrat In den Küchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr das nicht
einmal rein gewaschen da stand In den Gärten am Hause sah man keine Ordnung
keine Zierlichkeit sondern etwas Gemüs ganz nachlässig hingepflanzt Man schien
froh zu sein wenn man für Säue und Menschen nur Erdäpfel genug hatte Vor den
Häusern lagen Mistaufen Ackergeräte Holz und was man sonst nicht unter Dach
bringen konnte bunt durcheinander Männer und Weiber gingen in zerrissenen oder
grob geflickten besudelten Kleidern Stroh und Federn in den struppigen
ungekämmten Haaren Hände und Gesicht oft Tage lang nicht gewaschen Die kleinen
Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unflat liegen oder
waren sie größer spielten sie halbnackt vor den Häusern im Kote
Kein Wunder dass bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit häufig Krankheiten
entstunden Man ging aber lieber zu einem alten Weibe zum Scharfrichter zu
einem Harnbeschauer und Quacksalber wenn er es nur wohlfeil machte als zu
einem erfahrenen und gelehrten Doktor Wenn nun Mann oder Frau bettlägerig waren
und nicht arbeiten konnten ging es in der Wirtschaft den Krebsgang Da musste
ein Stück Hausgerät oder Vieh oder gar Land in der Not verkauft oder Geld
gegen schweren Zins entliehen werden Das dauerte dann bis man mehr Schulden
hatte als man zahlen konnte dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab
Wenn Oswald da und dort guten Rat geben wollte oder wenn er die
Unhäuslichkeit und Unordnung tadelte so bekam er mürrische Gesichter zum Dank
Die Einen sagten Arme Leute können nicht alles so schön haben sondern müssen
es nehmen wie es ist Andere sagten Was geht es dich an Steck du die Nase in
deinen eigenen Dreck
Bei den reichen Bauern sah es nun im Hause wohl besser aus und war mehr
Hausgerät und Kleidung vorhanden Aber doch fand man auch bei ihnen viel
Unsauberkeit und Nachlässigkeit Denn weil sie beständig und überall
Bettelwirtschaften vor Augen hatten so gewöhnten sie sich daran und trieben
es nicht viel anders Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen nur
Sonntags prunkten sie hoffärtig einher Daher hörte man auch bei ihnen nichts
als Klagen über die bösen Zeiten über die Regierung und über die Leute im Dorf
Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren so konnten die
wenigsten zahlen Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine große Schuld
von vielen tausend Gulden trug fiel das Zahlen der Zinsen der Gemeindesteuern
und Landesabgaben nur auf die Vermöglichern Das machte sie missvergnügt und
zornig
Überhaupt war in Goldental Einer wider den Andern und beständig Streit und
Zank Keiner traute dem Andern Jeder wusste dem Andern etwas Böses nachzusagen
Da war kein Treu und Glauben sondern eitel Lug und Trug Die Armen beneideten
die Reichen die Reichen drückten und plagten die Armen Die Reichen trieben
wenn sie Geld ausborgten schändlichen Wucher und nahmen von armen Leuten die
in der Not waren ihre zwölf zwanzig und mehr Prozent Zinsen ohne dass sich
darüber das christliche Gewissen schämen und grämen wollte Die Armen hinwieder
rächten sich wie Schelmen es machen sie beschädigten den Reichen Bäume und
Pflanzungen heimlich stahlen ihnen Gemüs und Obst Trauben und Holz und Hühner
und was sonst zugänglich oder leicht nehmbar war Man konnte sich auf kein Wort
auf keinen Eid mehr verlassen Selbst zwischen Eheleuten war eitel Hass und
Gezänk Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres
Trotz der sichtbaren Verarmung der Gemeinde und wiewohl jeder über
Regierung Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte und kein Geld hatte wenn er
das Notwendigste zahlen sollte taten die Leute doch insgesamt groß Das
Arbeiten ließ man sich nicht allzusauer werden Die Vermöglichen wenn sie
später aufs Feld gingen oder früher Feierabend machten sprachen bei sich
»Gottlob wir könnens wohl so haben« Und die Armen und Taglöhner wenn sie bei
der Arbeit die Hände fallen ließ und umhergafften sprachen sie »Nun
unsereins ist auch kein Vieh Man muss auch geruht haben«
Aber wenn der Samstag Abend kam oder der Sonntag hatte Jeder Geld um sich
im Wirtshaus bei Wein Bier und Branntwein gütlich zu tun Da hieß es »Herr
Wirt noch eine Halbe Juchhei Karten her« Da ward der Wochenverdienst
durch die Gurgel gejagt oft mehr noch Man spielte Der Eine verlor sein Geld
der Andere versoff oder vertanzte den Gewinnst Zwischenein in der Woche ward
auch das Wirtshaus nicht ganz vergessen Diese Leute litten die Kehle nicht
ganz trocken Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen War
aber Geld im Haus wenn auch nur wenig da musste Kaffee her und musste geküchelt
werden Dann hieß es »Lieber Gott es kommt an unsereins selten Man will doch
auch einmal seinen guten Tag haben Was hat man sonst vom Leben«
An Feiertagen fehlte es nicht und die wollte man doch gefeiert haben War
im benachbarten Städtlein Jahrmarkt so musste man doch auch hin und sehen wie
es in den Wirtshäusern der Stadt sei und hören was es Neues in der Welt gebe
Dann fehlte es außerdem nicht an allerlei Gängen und Läufen Prozesshändeln und
Schritten und Tritten vor Richter und Obrigkeit Das brachte viel Versäumnis und
Ausgaben wenig Gewinn und Vorteil Folglich nahm in allen Häusern das Vermögen
eher ab als zu Und darum fluchte Einer wie der Andere über schlechte Zeiten
über Regierung und über die Leute im Dorf
3 Was der verständige Müller erzählt
Als Oswald in seinem Dorfe so viel Lasten und Sünden sah ist ihm vor Zorn das
Herz geschwollen Er ging in die Mühle wie er allemal tat wenn er voll
Unmuts war Und wenn ihn da die holdselige Elsbeth anlächelte verschwand sein
Verdruss wie eine Nebelwolke an der Stirn des Berges vor dem Glanz der Sonne
Oswald sprach zum Müller »Nein wie sind doch die Leute so gottlos und die
Hütten so voll Jammers Das ist vor Zeiten nicht so gewesen Da war der Fleiß
auf den Feldern die Zierlichkeit im Dorfe die Eintracht in den Häusern und der
Reichtum in den Scheuern Da wurden die Bauern hochgeehrt von den Städtern und
man nannte sie auch wohl die Herren Goldentaler Nun ist Alles umgekehrt und
die Armut sitzt neben der Bosheit unter den Dächern Wie hat der Krieg so viel
Übels angerichtet«
Der Müller antwortete und sprach »Unser Dorf hat vom Kriege viel gelitten
gleichwie andere Dörfer und Städte Es lagerten sich fremde Völker bei uns ein
und verzehrten unsere Vorräte wir mussten den Kriegsleuten dienen und liefern
was sie wollten wir mussten der Obrigkeit Zins und Steuern zahlen wir hatten
schlechten Verdienst denn Handel und Wandel standen still alles Gewerb war
Verderb und schlechte Jahre und Witterungen kamen dazu dass das Gras auf den
Feldern das Getreide auf den Aeckern das Obst an den Bäumen und die Traube an
den Reben umkam Aber unser Unglück stammt nicht von Krieg und Teuerung her
Denn andere Städte und Dörfer haben gelitten wie wir und fangen doch wieder
an heiter aufzuschauen Aber in unserm Dörflein wird es alle Tage schlimmer
Andere Städte waren in Trübsal und Armut untergesunken wie wir doch heben sie
sich wieder daraus mit Gottes Hilfe hervor Aber dem Himmel seis geklagt wir
gehen nun darin unter«
»Das wolle Gott verhüten« rief Oswald »Woher kommt das«
Der Müller antwortete »Das kommt daher die Andern strengen ihre Kräfte an
und schwimmen an das Ufer wir überlassen uns dem Spiel der Unglückswogen und
unsere Rettung dem Zufall Ja diejenigen welche uns helfen können ziehen uns
noch tiefer in den Wasserstrudel hinein«
»Wer sind die«
»Ich will es dir wohl im Vertrauen unter vier Augen offenbaren« sagte der
Müller »Wenn es mit einer Gemeinde den Krebsgang geht so kannst du dich darauf
verlassen hat sie schlechte Obrigkeit Und das ist bei uns der Fall Unsere
Ortsvorgesetzten sind entweder eigennützige Menschen oder einfältige schwache
Leute Zwei von ihnen haben eigene Wirtshäuser und der Schwiegersohn des
dritten hat auch ein Trinkhaus Da ist es ihnen eben recht wenn die Leute
lieber bei ihnen hinterm Tisch als bei der Arbeit sind Wird die Gemeinde
versammelt so ist es bald in diesem bald im andern Wirtshaus und da muss am
Ende eins getrunken werden Haben die Durstigen kein Geld so wird ihnen
geborgt Können sie nicht zahlen so kauft man ihnen ein wohlgelegenes Stück
Land um das andere ab oder nimmt es für die Schuld an oder was die Leute
haben wird öffentlich versteigert Dann sind die Bettler fertig Daher kommt
nach und nach alles liegende Gut in die Hand einzelner reichen Leute Wer Geld
leihen will geht zu ihnen und bekommt um doppelten und dreifachen Zins So
werden die Bedürftigen durch unchristlichen Wucher desto schneller zu Grunde
gerichtet«
»Ei warum borgen die welche Geld brauchen nicht lieber das Geld an andern
Orten oder in der Stadt bei rechtschaffenen Leuten« rief Oswald
»Weil man unserer Gemeinde an andern Orten keinen Kreuzer mehr anvertraut«
erwiderte der Müller »Denn weil die Gemeindevorgesetzten bisher die
Geldaufbruchscheine für Bedürftige auf die lüderlichste und leichtsinnigste
Weise ausgestellt haben sind die welche Geld darauf liehen hintenach darum
halb oder ganz betrogen worden So haben wir durch die Nachlässigkeit der
Vorsteher allen Kredit verloren und alle Hoffnung auf fremde Hilfe Weil uns
Niemand in der Stadt mehr borgen will so schimpfen und fluchen unsere Leute
tagtäglich auf die Städter und drohen mit Mord und Brand Widerführe einmal der
Stadt ein Unglück so würde das die größte Freude unsers Lumpengesindels sein
obgleich wir von der Stadt noch viel Verdienst und Almosen haben«
»Das ist abscheulich« schrie Oswald »Aber wir haben ja noch ein
ordentliches Gemeingut«
»Ja das Gemeingut ist auch verschuldet und wird nur von den Reichen
benutzt« antwortete der Müller »Denn wenn die Vorgesetzten ein Geschäft
abtun einen Umgang an den Marchen und Grenzen halten eine Holzanweisung
machen oder sonst etwas extra verrichten so wird auf Kosten der Gemeinde
geschmauset und gezecht Damit geht das Vermögen der Gemeinde durch die Gurgel
der Vorsteher Jeden Gang wollen sie bezahlt haben Dazu kommt dass weil die
Reichen Kühe halten können und die Armen keine so benutzen sie den Weidgang im
Wald und auf den Almenden allein für sich und die Armen haben keinen Nutzen und
Vorteil von den Gemeindsgütern«
»Wenn du das Alles weißt Müller warum sagst du das nicht der ganzen
Gemeinde und öffnest ihr die Augen« fragte Oswald zornig
»Weil es nicht hilft« erwiderte der Müller »Denn da die Meisten im Dorfe
bei den Reichen verschuldet sind so tun die Reichen was sie wollen und es
darf ihnen Keiner widersprechen Und wenn unsereins gegen Missbräuche den Mund
auftun will so toben und lärmen die Lumpenkerle alle dass man seines Lebens
kaum sicher ist Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl Die
betrachten die verlumpten Leute wie ihre Hunde welche sie nach Belieben auf
jeden loslassen können der ihnen in die Quer kommt«
»Das ist entsetzlich« schrie Oswald »Wenn denn die Menschen keinen
Verstand haben so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben«
»Ja sie sollten wohl« sagte der Müller »aber woher nehmen Unser Herr
Pfarrer ist ein alter Herr der für seine Pfründe und Bequemlichkeit sorgt
immer vom Glauben predigt von Himmel und Hölle und seine Kirchengeschäfte
verrichtet wie ein Anderer sein Tagwerk und hat er es getan sich um Anderes
nicht bekümmert Was man tun müsse worin die christlichen Tugenden bestehen
und wie man sie erlangen und ausüben müsse das lehrt er nicht Er geht Jahre
lang in keines Bauern Haus als im Notfall wo er gerufen wird Folglich ist er
kein wahrer Ratgeber kein wahrer Tröster und kennt den Zustand der Familien
lange nicht genau genug um auch im häuslichen Leben auf ihre Frömmigkeit und
Besserung hin zu arbeiten Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche der
Pfarrer predigt aus Gewohnheit und mit dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei
den gewohnten Lastern und Lüderlichkeiten Und weil die Menschen von innen in
ihrem Herzen nicht besser werden wird es auch von außen nicht besser Und wie
die Alten so die Jungen«
»Was Taugt der Schulmeister auch nichts« fragte der Oswald
Der Müller sagte »Seit dein Vater gestorben ist der ein gottesfürchtiger
verständiger Mann war geht es mit der Schule schlecht Die Knaben und Mädchen
lernen zur Not lesen Schreiben und Rechnen auch wohl ein Gebet Aber von
ihren Eltern daheim lernen sie was sie sehen nämlich Lug und Trug Schwören
und Fluchen Unzucht und Heuchelei Raufen und Balgen Betteln und Stehlen
Spielen und Saufen Müßiggang und Mutwillen Hader und Neid Verleumden und
Lästern«
Als Oswald diese Dinge hörte schüttelte er den Kopf und ging in seiner
Seele betrübt von dannen
4 Wie der Oswald erschrecklich tut und es ihm nicht hilft
An einem Sonntage nach der Predigt wurde die ganze Gemeinde versammelt denn es
war guter Rat teuer woher Geld nehmen weil im Lande eine außerordentliche
Steuer ausgeschrieben und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekündet war
die bisher nicht gehörig verzinset worden Und das ganze Dorf kam nach alter
Übung unter der großen Linde auf dem Platz zusammen Die Vorsteher waren im
Kreise der Bürgerschaft und außer dem Kreise standen die Weiber Töchter und
Kinder zu hören was vorgehe
Oswald war auch dahin gegangen und hatte sich vorgenommen seinen
Mitbürgern über ihren traurigen Zustand die Augen zu öffnen Daher als die
Vorgesetzten ihre Anträge gemacht und ihre Reden geendet hatten stieg Oswald
auf einen Stein der mitten auf dem Wege lag Da ward er von Jedermann gesehen
Also hub er an zu reden
»Liebe Mitbürger Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den
Krieg und bin als Mann wieder zurückgekommen Aber wie ich in unser Dorf kam
habe ich es kaum wieder gekannt und mir ist in Wehmut das Herz gebrochen als
ich sah wie alles verändert worden ist Denn vorzeiten hieß unser Dorf mit
Recht Goldental weil es ein goldenes Tal war worin Gottes reicher Segen
wohnte mehr denn anderswo Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend nur
wenige arm und Bettler gar keine Damals pflegte man uns wegen unsers
Wohlstandes auch noch im ganzen Lande die Herren Goldentaler zu heißen Denn
wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern wie Bettler sondern stattlich einher
in sauberm doch einfachem Gewande und hatten nicht nur im Hause zur Notdurft
sondern auch einen Gulden darüber hinaus Damals hatte die Gemeinde keine
Schulden zu verzinsen sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen für
ausgeliehene Kapitalien die wir erspart hatten Damals war alles Land
wohlgedüngt und angebaut denn Jeder hatte seine Kuh und sein Ross im Stall und
auch wohl Geissln und Schaafe oder ein Paar Schweine daneben Damals glich unser
Dorf schon von außen einem zierlichen Marktflecken Die Häuser standen schön und
nett von innen wie von außen dass sich kein Herr aus der Stadt hätte schämen
dürfen darin zu wohnen Haus und Küchengerät verkündeten man sei wohl
versorgt und die Fenster glänzten wie Spiegel Wenige Leute hatten Schulden
und wer sie hatte dem war nicht bange wie er sie zahlen müsse Damals bekam
ein Goldentaler ohne Handschrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein
ehrliches Wort hundert und mehr Gulden geborgt Damals war für Goldental noch
eine goldene Zeit«
Wie Oswald so redete nickten ihm Alle freundlichen Beifall und Einige
sagten »Der Oswald hat wohl Recht«
Er aber redete weiter und sprach »Nun ist es nicht mehr so Man sollte
unser Dorf nicht mehr Goldental nennen sondern Kot und Dreck Dornen und
Disteltal Von unsern Aeckern ist meistens der Segen verschwunden denn die
Einen von uns haben zu viel Land die Andern gar keines die Übrigen können es
nicht in Ordnung anbauen und benutzen Die Bettelei ist von Vielen nicht mehr
für Schmach gehalten sondern für einen ordentlichen Beruf und Erwerb angesehen
Die meisten Haushaltungen sind verschuldet und eine um die andere sieht den Tag
vor da ihr Alles versteigert und sie ausgetrieben werden muss Die Schuldboten
verlassen unser Dorf nie Mit den benachbarten Orten haben wir Zank und Prozess
und unter uns selber Feindschaft und Parteien Wir haben noch den alten
Hochmut aber nicht mehr das alte Geld auf den Straßen Kot und in den Häusern
Unflat und Gestank den meisten Unflat aber im Herzen Denn hier versteht sich
fast Jedermann besser aufs Saufen als aufs Arbeiten besser aufs Borgen als
aufs Bezahlen besser aufs Prellen und Stehlen als aufs Geben besser auf
Hinterlist als auf Wahrheit Wenn das so fortgeht müssen wir in Elend und
Schande Alle untergehen Schon haben wir zu Stadt und Land keinen Kredit mehr
und wenn man Jemand einen Lump heißen will so sagt man er ist ein
Goldentaler«
Bei diesen Worten des Oswald erhob sich ein großes Gemurmel und Dräuen im
Volk und jeder sah den Oswald mit finsteren Blicken an also dass des Müllers
Elsbeth in große Furcht geriet Denn sie stand auf einer Bank am Hause und
verwandte kein Auge vom Oswald der ihr von Herzen lieb war
Oswald ließ sich jedoch von dem Gemurre und Gesurre nicht schrecken sondern
fuhr also fort
»Liebe Mitbürger wenn noch ein Tropfen redlichen und frommen Bluts in euren
Adern wallt so schlaget Hand in Hand und sprechet es soll und muss anders
werden Woher kommt unser Verderben Dahinten her kommt es aus den
Wirtshäusern Da sind eure Ländereien in die Wein und Bierfässer gefallen und
eure Kühe von den Spielkarten erschlagen Da habt ihr das Sparen verlernt und
das Arbeiten vergessen Armut macht Diebsmut und Müßiggang ist des Teufels
Ruhebank Das Geld eurer Väter ist verzehrt und ihre Sonntagsröcke traget ihr
mit Löchern in den Aermeln Habet ihr ein paar Kreuzer im Sack trinket ihr
lustig und Weib und Kind daheim hungern Was soll daraus werden Ich frage
die Vorgesetzten Wo ist das Vermögen der Gemeinde und wie habt ihr
hausgehalten mit der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren Warum leget ihr keine
treue Rechnung ab und gebet nicht aufrichtigen Rat wie zu helfen sei Warum
schmauset ihr lieber auf Gemeindsunkosten statt der Gemeinde Gut zu sparen
Warum verschliesset ihr nicht die Wirtshäuser und öffnet dafür Abzugsgraben für
das Wasser im versumpften Gemeindswald oder bessert unsere halsbrechenden
Dorfwege ans Warum macht ihrs den Leuten so leicht wenn sie Geld borgen
wollen und macht es ihnen so schwer wenn sie sich vor dem Bettelstab retten
möchten«
Wie Oswald so redete schrien einige der Vorgesetzten »Schweig du
Landstreicher und Taugenichts oder wir schicken dich bei Wasser und Brod in den
Turm achtundvierzig Stunden lang« Und die ganze Gemeinde brüllte »Schweig
Schweig«
Aber Oswald erwiderte »Ihr habet Macht mich in den Turm zu werfen aber
ich habe Macht euch vor die hohe Landesregierung zu rufen Wenn ich da eure
Wirtschaft aufdecke wird euch übler zu Mut sein als mir bei Wasser und Brod
ist Ihr alle aber Mitbürger beweiset mir dass ich falsch rede oder lästere
Fraget eure Gewissen ob das Gemeindegut vermehrt oder verheert ist Fraget eure
Gewissen ob ihr reicher oder ärmer geworden seid ob Treu und Glauben noch
unter uns gelten ob Gottesfurcht und Menschenliebe unter uns herrschen oder
harterziger Eigennutz Wucher Lüderlichkeit Hinterlist Tücke Meineid und
falsches Wesen Und wenn euer Gewissen keine Zunge hat so schauet eure
zerfallenen Häuser und Ställe eure verwilderten Felder und Gärten eure leeren
Geldbeutel und Truhen eure zerrissenen Kleider und Hemden an die sind meine
Zeugen wider euch Schauet eure armen verwahrlosten Kinder an sie sind meine
Zeugen wider euch Ihr habet mehr Sorgfalt für eure Kühe Säue und Ziegen als
für eure Kinder und Kühe Säue und Ziegen sind euch nicht so lieb als euch
Schwelgerei und Spiel Frass und Sauf sind«
Oswald wollte noch mehr sagen aber sie stießen ihn mit mörderischem Gebrüll
vom Stein und ließ ihn nicht mehr reden Einige wollten die Hand an ihn
legen aber er ergriff sie mit gewaltiger Faust und schleuderte sie gegen die
Andern dass sie mit den Köpfen zusammenschlugen Er nahm einen gewaltigen
Stecken und drohte den Ersten zu Boden zu schlagen der sich ihm nähern würde
Das Geschrei gegen ihn ward immer lauter und wilder Einige hoben Steine auf
Oswald ging beherzt mit geschwungenem Prügel gegen den dicken Haufen und mitten
durch denselben nach Hause Er wusch sich verband seine verwundete Stirn und
war ruhig
Da kam blass wie der Tod mit verweinten Augen Elsbeth und fragte »Oswald
wie gehts dir« Und sie konnte vor Wehmut nichts mehr sagen und er tröstete
sie und drückte sie gerührt an sein Herz
5 Wie Oswald von seinen Feinden verfolgt wird und was er dagegen tut
Oswald hatte seit dem Tage da er an die Gemeinde geredet eitel Verdruss und
Not Böse Buben warfen ihm Nachts die Fenster mit Steinen ein In einer andern
Nacht hatten sie ihm sechs junge Obstbäume abgebrochen die er im Garten
gepflanzt hatte In einer andern Nacht hatten sie ihm den Salat von den Beeten
gestohlen
Als er zu den Vorgesetzten ging und Klage führte lachten sie höhnisch und
sprachen »Du hättest wohl mehr Strafe verdient wenn wir mit dir nach aller
Strenge verfahren wollten Packe dich von hinnen du Lästermaul«
Oswald sagte »Wenn ihr mir gegen Bösewichter weder Recht noch Schutz
verleihen wollt so macht in der Gemeinde bekannt dass ich mich selber zu
beschirmen wissen werde und sich Jeder vor Schaden hüten solle«
Die Feinde aber fuhren fort ihn zu plagen doch nicht ohne ihren Schaden
und Schrecken Denn als er eines Abends in der Mühle war und sie es wussten und
sich in seinen Garten schlichen um ihm alles zu zerstören geschahen plötzlich
aus den Fenstern seines Hauses zwei Schüsse Da liefen sie mit Entsetzen davon
und meinten er müsse den bösen Geist im Hause zum Wächter haben Denn während
sie noch liefen begegnete ihnen Oswald der von der Mühle kam und er packte
einen von ihnen und sprach mit donnernder Stimme »Warum habt ihr wie Diebe in
meinem Garten einbrechen wollen« Doch tat er ihnen nichts zu leide Ein
andermal da schlechte Kerls ihm einen Possen spielen wollten und nach
Mitternacht vom Branntwein erhitzt über den Hag stiegen der sein kleines Gut
umfing wurden sie an den Füßen blutig verwundet dass sie vor Schmerzen laut
aufschrien und kaum über den Hag zurück konnten
Diese und andere Geschichten verbreiteten im Dorfe große Furcht und es
wagte sich Keiner mehr des Nachts in die Gegend von Oswalds Haus
Er aber blieb freundlich gegen Jedermann wie zuvor gab dem Einen guten
Rat dem Andern in der Not ein Stück Geld Doch tat ihm der elende Zustand
der Gemeinde leid und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es
Der Pfarrer sprach »Ich bin Pfarrer und habe hier nicht zu befehlen und
kann mich in eure Händel nicht mischen Alles Unglück dieses Dorfes kommt daher
dass die Leute im Schlamm und Unflat der Sünden untergehen Sie fragen dem Worte
Gottes nichts nach und verkürzen aller Orten das Einkommen meiner Pfründe Es
wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn über sie kommen und die Langmut
des Himmels nicht länger ihren Sünden nachschauen«
Oswald sagte »Herr Pfarrer mit Erlaubnis Ihr könnt doch wenn ihr
wollt Vieles zur Rettung der Gemeinde tun Denn das Herz dieser Menschen ist
verwildert weil ihr Verstand verfinstert ist Wenn Ihr Euch der Schule annehmen
und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unterrichten
wolltet dass sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte es würden die
guten Früchte der Besserung nicht ausbleiben«
Der Pfarrer antwortete »Dafür ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer
Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschäfte keine Zeit dazu übrig Die
Gemeinde selbst ist Schuld dass sie keinen rechten Schulmeister haben kann weil
sie ihn schlecht besoldet«
Oswald sagte »Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer ein guter Hirt der seine
Heerde wohl weidet bekümmert sich auch um jedes Einzelne in derselben Die
Leute sind unwissend und verderbe oft bloß aus Unverstand weil sie nicht
wissen wie sich helfen und ihre Sachen einrichten Wenn Ihr nun bald zu dieser
bald zu jener Haushaltung in müßigen Stunden ginget und sähet die Unvernunft
der armen Leute die oft nur zu Grunde gehen weil sie sich nicht recht zu
raten wissen sähet wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr
Verderben gewöhnen bis sie von Haus und Hof getrieben werden sähet wie die
Kinder erbärmlich verwahrloset unmöglich besser werden können weil sie nur
das Schlechteste auf der Welt hören und sehen o Herr Pfarrer wenn Ihr nun
einmal «
Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie »Was ficht Euch
an Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht was er als Pfarrer
zu tun habe Hebet Euch weg von mir mit Euren Versuchungen Ich bin ein
geistlicher Hirt der für die armen Seelen sorgt und bete täglich für sie Aber
Ihr wollt mich glaube ich zum Säutreiber machen«
Als der Herr Pfarrer so zornig sprach ging Oswald von dannen und sein Herz
war sehr betrübt Aber er konnte doch nicht ruhen und dachte es muss und soll
geholfen werden und Gott wird mir beistehen
Und er legte Feierkleider an nahm den Stab und wanderte in die Hauptstadt
des Landes Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten von Haus zu Haus
sein schweres Anliegen vorzubringen Aber der eine von den Herren hatte ein
großes Gastmahl und konnte ihn nicht hören der andere war spazieren gefahren
und konnte ihn nicht hören der dritte saß eben beim Spieltisch mit den Karten
in der Hand und konnte ihn nicht hören der vierte zählte die eingegangenen
Zinsen und konnte ihn nicht hören der fünfte führte ein junges Frauenzimmer zum
Tanzhaus und konnte ihn nicht hören Endlich kam er zu dem letzten der hörte
ihn an Es war ein steinalter Mann mit einer weißen Haarbeutelperrücke Vor
diesem schüttete Oswald sein Herz aus sprach vom Elend seines Dorfes von der
Schlechtigkeit der Vorgesetzten von der Gleichgültigkeit des Pfarrers von der
Unwissenheit des Schulmeisters
Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperrücke ganz freundlich
und sprach zu ihm »Du Flegel der du geistliche und weltliche Obrigkeit
verlästerst packe dich und raisonnire nicht weiter oder ich lasse dich ins
Zuchthaus bringen Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann denn er ist
mein eigener Vetter«
Mit diesem Bescheid verließ Oswald die Hauptstadt Als er wieder außer dem
Stadttor in die freie Luft kam brach ihm das Herz und er weinte laut
6 Der neuerwählte Schulmeister
Als er am Nachmittag in das Dorf zurückkam ließ er keinen Menschen wissen
warum er in die Hauptstadt des Landes gereist und wie es ihm da ergangen sei
Vielmehr stellte er sich wohlvergnügt und redete Jedermann freundlich an selbst
seinen ärgsten Feind den Löwenwirt Brenzel welcher im Dorfe der reichste
Mann und im Gemeinderat der Vornehmste war Der stand breitbeinig vor der
Haustür die Kappe schief auf dem Ohr die Hände über den Bauch gefaltet und
schaute gar gebieterisch rechts und links
»Guten Abend Herr Brenzel« rief ihm Oswald zu »Habt Ihr schon
Feierabend«
Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach ohne den Oswald anzusehen
»Ich verdiene meinen Taglohn wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und
die Bettler von meinem Hause treibe«
Wie Oswald diese unchristliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hörte
welcher ein Vater der Armen der Wittwen und Waisen sein sollte lief es ihm
heiß und kalt über die Haut und er verdoppelte seine Schritte um davon zu
kommen Desto mehr erquickte ihn da er an der Mühle vorüberging und er Elsbeth
sah die schöne Tochter des Müllers Siegfried Sie saß auf der Bank vor dem
Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nähte neue Hemden
Und sie ward feuerrot wie sie den Oswald erblickte reichte ihm die Hand
zitternd lächelte ihn holdselig an und ihre Augen glänzten von Tränen
»Warum weinest du Elsbeth« fragte Oswald erschrocken
Elsbeth wischte sich schnell die Augen lächelte noch freundlicher und
sagte indem sie den Kopf schüttelte »Heute sag ich dirs nicht lieber
Oswald du sollst es schon einmal erfahren« Sie schien ihm schöner und
zärtlicher als er sie je gesehen Aber wie viel er auch fragen mochte er
erfuhr nicht warum sie geweint habe
Darauf fragte ihn Elsbeth »Du aber bist in der Hauptstadt gewesen Gelt da
hast du dir ein paar lustige Tage gemacht wohl gar mit den schönen
Stadtjungfern getanzt Wie Oswald du seufzest Ei ei Oswald das will mir
nicht gefallen Nun hast du Heimweh zur Stadt und in unserm armen Dörflein ist
es dir nicht mehr schön genug«
So sprach sie und er schlug traurig die Augen nieder ohne zu antworten Da
trat sie näher nahm seine Hand in die ihrige und sagte wieder mit einer
zitternden Stimme die man kaum hörte »Oswald lieber Oswald was fehlt dir
Sage mir auch ehrlich was quält dich«
»Kind« rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf »Gott weiß es ich
könnte glücklich sein und ich bin es und in der Welt nirgends mehr als bei
dir denn du bist herzgut Aber mich jammern die Menschen denn ich kenne ihrer
so viele und die meisten sind herzschlecht Sieh nur an das Elend der Leute in
unserm armen Goldental Es würde doch so wenig kosten sie wieder zu erretten
Aber man macht die armen Leute Gott erbarms zum Vieh und den harterzigen
Reichen ist das eben recht Die Ortsvorsteher haben ihre Stellen nur um ihren
Hochmut zu kitzeln und gewaltig zu sein und sich allerlei Vorteil zu machen
Sie betrügen die Waisen und plündern die Wittwen und haben kein Gefühl und
kein Gewissen So wird es im Dorfe immer schlechter die Not der meisten
Haushaltungen immer größer und Keiner hilft Wir haben eine Regierung Gott
seis geklagt Die Herren wollen nur regieren um zu stolziren und sich
Vorteile zu machen aber des Volkes Not aus dem Grunde zu heilen das hält
Keiner für seine Pflicht und Schuldigkeit Es ist bei Allen nur auf Grosstuerei
Lustbarkeit und Geld abgesehen Da wollen sie nur ihre Familien bereichern
ihren Söhnen und Vettern aufhelfen da wäscht eine Hand die andere da hackt ein
Rabe dem andern die Augen nicht aus und das Land wird immer elender und das
kümmert die Herren nicht Sie lassen sich noch dazu für ihre Weisheit und große
Gnade loben so niederträchtig und schamlos sind sie«
Elsbeth sagte »Ach Oswald herzlieber Oswald warum grämt dich doch das
Es ist ein gerechter Gott im Himmel der wird die richten die ihre Pflichten
verachten Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes Warum grämst du dich
doch«
Oswald sagte »Kann mir denn wohl sein in der Hölle wo ich die
Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll So kann mir
auch nicht wohl sein auf Erden wo ich die Schändlichkeit der Herren in den
Städten und die Schändlichkeit unserer groben stolzen Dorfkönige sehe die das
arme Volk noch tiefer in den Kot und Staub niedertreten statt es
hervorzuziehen wie ihre Schuldigkeit wäre Wenn dann die Unglücklichen aus
Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden betrügen und stehlen oder gar morden
lässt man sie recht rührend und feierlich hinrichten oder wenn sie sich aus
ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen lacht man recht vornehm dazu
Ist das nicht ein Vorspiel der Hölle Und sind nicht unsere meisten Goldentaler
durch ihre Armut fast dem Vieh gleich geworden roh ekelhaft grob
unreinlich gefühllos Und sind sie nicht durch die Laster der Armut noch
schlechter als das Vieh geworden nämlich zänkisch schlägerisch
verleumderisch schadenfroh diebisch träg nur aufgelegt zum Fressen und
Saufen«
Elsbeth sagte »Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon
Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirt und zu nahe an den Weiher
stürzte ins Wasser und ertrank Gestern Morgens fand man ihn Heut ist er
begraben Zum Glück hat er nicht Weib noch Kind«
Diese Nachricht hörte Oswald nicht ohne Bestürzung Er fragte noch dies und
das Er schien etwas Wichtiges zu überlegen und ging gedankenvoll nach Hause
Elsbeth begriff nicht was ihm so plötzlich durch den Kopf geflogen war Aber
sie erfuhr es am nächsten Sonntag
Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen weil es
um die Erwählung eines neuen Schulmeisters zu tun war Oswald ging auch an die
Gemeinde Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Töchtern Sie hatte
große Angst dass Oswald reden werde was den Leuten missfallen könnte und darum
ihren Vater gebeten den Oswald wenn er aufbrause zu besänftigen Auch kam der
Müller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite
Der erste Vorsteher Herr Brenzel eröffnete der Gemeinde um was es zu tun
sei und sagte »Weil der Schulmeisterdienst erledigt und ein geringer Dienst
mit vieler Mühe sei indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe sei es
ein Glück dass er der Gemeinde einen wackeren Mann vorschlagen könne der das Amt
annehmen wolle Das sei der Schneider Specht dessen Profession schlecht ginge
und der ihm mütterlicher Seits etwas verwandt wäre«
Darauf schlug der Adlerwirt Kreidemann als zweiter Vorsteher seinen armen
Vetter den lahmen Geiger Schluck vor der um so eher Vorzüge verdiene weil er
statt vierzig Gulden zu nehmen wegen Dürftigkeit der Gemeinde mit
fünfunddreissig zufrieden sein wolle
Der Schneider Specht als er sah dass sich die meisten Bauern für den Geiger
erklären würden sagte demselben alle Sünd und Schande und erbot sich mit
dreißig Gulden zufrieden zu sein Der Geiger ward darüber so erboset dass er den
Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hieß und sich für
fünfundzwanzig Gulden zum Schulmeister antrug Der Schneider erklärte den
Geiger wegen seiner Schimpfreden vor Gericht zu ziehen aber um so geringen Lohn
wolle er nicht schulmeistern
Da sich nun weiter zu dem Dienst Niemand meldete weil sich kein Ehrenmann
zu einer Stelle hergab die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war
die sonst nichts hatten so war die Gemeinde schon entschlossen sie dem
Schluck als einen Nebenverdienst zu geben Denn dieser konnte doch notdürftig
schreiben und lesen
Aber nun drängte sich Oswald hervor ward blass und rot im Gesicht und rief
»Dem Küh und Säuhirten der euer Vieh auf die Weide treibt gebet ihr bessern
Lohn als dem Schulmeister der eure Söhne und Töchter in Gottesfurcht und
nützlichen Dingen unterrichten soll Eure Kinder sind Menschen geschaffen ein
Ebenbild Gottes zu sein aber nicht euer Vieh Schämet ihr euch nicht der Sünde
die Ihr tut Aber ich weiß gar wohl der Gemeindsseckel ist immer leer wenn
für das Nützlichste gesorgt werden soll und Schulgeld können die armen Leute
nicht zahlen die kaum Erdäpfel und Brod und Salz haben So will ich denn ein
Übriges tun und ich biete euch an Schulmeister zu werden und verlange gar
keinen Lohn Ich sage noch einmal ich will Schulmeister sein es soll weder der
Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten«
Die Leute sahen sich einander verwundert an und den Oswald Einige wollten
ihn nicht haben und sagten er könne oder wolle die armen Seelen der Kinder
vielleicht dem Teufel verkaufen Aber die Meisten bedachten dass kein Anderer
den Dienst so wohlfeil übernähme und lärmten und schrien Oswald solle
Schulmeister sein Also wurden die Stimmen abgehört und Oswald wurde zum
Schulmeister erwählt
Als dies Elsbeth hörte wollte sie vor Scham und Bestürzung in die Erde
sinken Denn im Dorfe war außer dem Dorfwächter und dem Säuhirten Keiner
geringer gehalten als der Schulmeister Sie rannte ganz außer sich zur Mühle
als wäre ihr das größte Unglück und die bitterste Schmach widerfahren Auch der
ehrliche Müller Siegfried schüttelte ärgerlich den Kopf und sagte »Ich glaube
der Oswald ist im Kopfe verrückt«
Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschluss So ward er von dem Gemeinderat
nach Vorschrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vorschlag gebracht Er musste
sich in der Stadt prüfen lassen und weil er eine zierliche Hand schrieb im
Rechnen mehr verstand als für Bauern nötig zu sein schien ward er förmlich
bestätiget
7 Wie Oswald Schule hält
»Elsbeth Elsbeth quäle mich nicht mit deiner Unzufriedenheit und deinem
niedergeschlagenen Wesen« sagte Oswald zu der betrübten Tochter Siegfrieds
»Siehe die Alten sind verderbt und kaum zu bessern Vielleicht kann ich unser
armes Dorf wieder durch gute Erziehung der Kinder in Ansehen und Ehren bringen
Andern Weg gibt es nicht Ein Dorfschulmeister ist freilich ein geringer und
verachteter Mann aber wie tief hat sich doch unser Herr und Heiland erniedrigt
um die Menschen zu bessern zu belehren und selig zu machen Hätten wir auch
verständige und gewissenhafte Regierungen denen es weniger um ihre als um des
Volkes Wohlfahrt zu tun wäre für die sie eigentlich da sind so würden sie
mehr Sorgfalt und Achtung für die Landschullehrer als für die Professoren an
den hohen Schulen beweisen Aber so ist es einmal nicht in der verkehrten Welt
Alles sieht und zieht nach oben und versäumt was unten ist Darum wird es
meistens oben zu schwer und unten zu leicht und viele Tronen stehen auf
schwachen Füßen«
»Ach Oswald Oswald« rief Elsbeth »Du weißt nicht wie übel du getan
hast« Sie sagte jedoch nicht warum
Inzwischen sobald die Wintertage kamen fing Oswald mit der Schule an Den
ersten Tag stellte er sich vor die Haustüre und empfing daselbst die
Schulkinder Hatten sie kotige Schuhe mussten sie dieselben erst mit Stroh rein
fegen und die Sohlen abkratzen am Eisen vor der Haustüre damit sie den
sauberen Fußboden des Zimmers nicht besudelten Dann reichte er jedem zum
Willkommen freundlich die Hand Waren aber die Hände unreinlich mussten sie erst
zum Brunnen und Gesicht und Hände waschen Waren ihre Haare nicht zierlich
gekämmt schickte er sie in ihre Häuser zurück sich kämmen zu lassen Die aber
welche reinlich und wohlgekämmt erschienen küsste er freundlich auf die Stirn
Die Buben und Mägdlein wunderten sich sehr einige schämten sich andere
lachten noch andere weinten So etwas war ihnen nie widerfahren
Den zweiten und dritten Tag stand Oswald wieder vor der Haustüre und so
noch manchen Tag bis alle so säuberlich zur Schule kamen wie er es befohlen
hatte Nachher empfing er sie im Schulzimmer Wer dann mit unreinlichem Haare
und Gesicht oder unsaubern Händen und Schuhen kam ward zum Gelächter Aller auf
einen Tritt zur Schau gestellt und nachdem er eine Stunde da gestanden war
heimgeschickt um sich reinigen zu lassen
Viele Leute im Dorfe verdross das allein sie hatten in der Schule nichts zu
befehlen und mussten geschehen lassen wie es Oswald wollte So kam es dass in
wenigen Wochen die Schulkinder groß und klein arm und reich alle äußerst
reinlich am Leibe wurden wenigstens so lange sie beim Schulmeister waren
Oswald ließ es aber dabei nicht bewenden Nachdem die Kinder ein Vierteljahr
lang zur Ordnung gewohnt waren gab er auf die Reinlichkeit der Kleider Acht
Schmutz Staub und Kot durften nicht daran haften wenn auch die Kleider alt
und zerrissen waren Letzteres verzieh er das war nicht der Kinder Schuld Wer
die ganze Woche am reinlichsten erschienen war sowohl in der Schule als außer
derselben im Dorfe auf den Gassen in der Kirche auf den Feldern ward sein
Liebling Dem gab er die erste Woche ein Bild oder ein Stücklein Seidenband
oder einen Bogen feines Papier zum Briefschreiben die andere Woche abermals ein
kleines Denkzeichen seiner Freundschaft zuletzt öffentlich vor Allen einen Kuss
auf den Mund und das geküsste Kind empfing das Recht am Sonntag mit Oswald
spazieren zu gehen oder wenn es schneite und unfreundliches Wetter war bei ihm
zu sein und sein großes Bilderbuch zu besehen aus welchem Oswald schöne
Geschichten zu erzählen wusste
Oswald war ein Mann der sich auch bei Erwachsenen in Ansehen zu setzen
wusste der zwar nie schwor und fluchte aber keinen fürchtete kein Wunder dass
alle Kinder Hochachtung für ihn empfanden und ihn zuletzt fast mehr lieb
hatten als sie ihre Eltern liebten Da hätte man sehen sollen wie ihm alle
mit Ehrfurcht schmeichelten wie freundlich sie zu ihm liefen wenn er ihnen
begegnete wie sie ihm seine Wünsche aus den Augen zu lesen suchten wie ein
Wink genug war zum freudigen Gehorsam
Das war den Bauern in Goldental ganz unbegreiflich um so mehr da dieser
Schulmeister sich weder des Haselstockes noch der Birkenrute bediente Manche
Leute wurden ängstlich und erzählten sich die Historie von einem Ratzenfänger zu
Hameln der auch die Kinder an sich zu locken gewusst und endlich alle in die
Höhle eines Berges geführt habe wo sie mit ihm verschwunden seien Einige alte
Bauernweiber sagten öffentlich das ginge nicht mit rechten Dingen zu und
rieten man solle keine Kinder mehr zum Schulmeister lassen Doch dazu kam es
nicht
Oswald aber redete und sprach »Reinheit des Herzens ist die Gesundheit der
Seele Reinlichkeit des Leibes ist die Gesundheit des Körpers Die Tiere mögen
sich wälzen im Kot aber der Mensch als Gottes Ebenbild soll sich rein erheben
zum reinen Himmel Solches muss der Anfang aller Kinderzucht sein dass die
Kindlein wissen sie seien Menschen und viel besser als Tiere Dann ist aus
ihnen Alles zu machen aus den Tieren lässt sich nichts machen«
Ferner redete Oswald und sprach »Ein Schulmeister welcher nicht einmal
versteht die zarten Kinderherzen durch Ernst und Liebe zu leiten dass sie ihm
willig folgen der versteht sein Handwerk schlecht Und man sollte billig den
Stock auf des Schulmeisters Rücken zerschlagen womit er die Kinder züchtigt
als hätte er Affen Hunde und andere Tiere abzurichten die keine Vernunft und
kein menschliches Herz haben«
8 Was ferner in der Schule vorgeht
Es ging aber ein Geschrei im Dorfe der Oswald verführe die Kinder und bringe
ihnen eine neue Religion bei und die Kinder können nichts bei ihm lernen Denn
es sei erschrecklich anzusehen wie die Kinder alltäglich daran treiben um in
die Schule zu kommen da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu
tun hat das sei wider die Natur Desgleichen sei es den ganzen Tag in dem
Schulhause todtenstill wie in einer Kirche wo man sonst Lärmen und Geschrei
der Lernenden weit hinaus über das Dorf seit Menschengedenken gehört habe
selbst in den Singstunden töne es nur wie Bienengesumse Ferner vernehme man
dass beim Gebet ärgerliche Neuerungen vorfallen und dass die Kinder zur Hexerei
angeleitet würden wozu sie schon die verdächtigsten Zeichen malen lernten
Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn
Pfarrers und der hochobrigkeitlichen Schulräte in der Stadt Und weil in der
Tat Niemand wusste und begriff was der Oswald treibe ward zur Untersuchung und
Abhülfe der Beschweren eine Kommission abgeordnet die aus zwei Herren von der
Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand Diese traten eines Morgens unerwartet ehe
die Schule angefangen war zum Oswald und sagten was ihr Auftrag sei und er
solle in ihrer Gegenwart lehren wie er gewöhnlich tue
Da nun die Kinder einzeln ankamen war auch in armen und zerrissenen
Kleidern Sauberkeit und Ordnung lieblich zu schauen und wie alle erst zum
Schulmeister gingen ihm die Hand küssten dann sich still zu ihren Sitzen
begaben wo sie fröhlich mit einander flüsterten und auf die Fremden schauten
Es waren der Kinder in allem fünfundfünzig die Knaben saßen auf der einen die
Mägdlein auf der andern Seite
Nachdem sie Alle versammelt waren sprach Oswald mit lauter Stimme »Ihr
lieben Kindlein lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwärtigen
lieben Gott unserm Vater uns demütigen und ihm unsere Gedanken und Bitten
ehrfurchtsvoll vortragen« Und wie er dies sprach falteten alle fünfundfünzig
Kinder ihre Händlein und sanken auf die Knie still vor sich zur Erde schauend
Auch Oswald kniete nieder und der Herr Pfarrer und die Ratsherren aus der
Stadt da sie alles sich demütigen sahen vor dem Ewigen folgten dem Beispiel
Aller und knieten auch Dann las der Schulmeister ein schönes rührendes Gebet
welches vor ihm auf dem Stuhle lag Es war so verständlich abgefasst dass es auch
dem Verstande des kleinen sechsjährigen Kindes begreiflich war Das bewegte das
Herz eines der Ratsherren so tief dass ihm die Augen voller Tränen wurden
Dann standen Alle auf und die Ältesten der Schule indem sie auf eine mit
Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen sangen mit sanfter Stimme
vierstimmig ein schönes Morgenlied Die Kleinen sumseten den Gesang für sich
ganz leise nach Darauf lasen die bessern Leser aus einem Buche abwechselnd
einen frommen Vers jede Zeile aber ward von der ganzen Schule mit halblauter
Stimme nachgesprochen dann das Buch geschlossen und erst von der Schule dann
wieder von einzelnen Kindern die Oswald aufrief der fromme Vers auswendig
hergesagt
Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen
Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln auf welchen teils lateinische teils
deutsche Buchstaben teils Sylben teils ganze Zeilen in großer Vorschrift
geschrieben zu sehen waren Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Tinte
und Feder die Vorschriften nach Oswald ging von Kind zu Kind belobte das eine
belehrte das andere ließ das dritte Feder und Griffel besser halten und
dergleichen mehr
Nach einer Stunde teilten sich die Kinder wieder in vier Haufen und man
sah statt eines Schulmeisters vier Schulmeister Denn die welche am besten
lesen konnten stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder
deutsche Buchstabe einzeln oder in Sylben oder ganzen Sätzen auf wie Oswald es
angab Die Buchstaben waren auf Pappe geklebt beweglich und einzeln Dann sah
Oswald nach ob Alles recht gemacht sei und jeder der kleinen Schulmeister ließ
seinen Haufen die Buchstaben die Sylben die Wörter und Sätze sprechen mit
halblauter Stimme Keiner störte den Andern Oswalds Auge und Ohr war bei Allen
und mit leiser Stimme half er bald links bald rechts nach
Und abermals nach einer Stunde verteilten sich die Haufen und statt der
Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln und neue
Lehrmeister und Lehrmeisterinnen dazu und die Einen sprachen Zahlen zusammen
die Andern addirten die Dritten subtrahirten die Vierten sagten das
Einmaleins und so weiter Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel
die rechneten für sich Am Ende sagte Jeder an was er herausgebracht Oswald
sah in einem Büchlein nach worin die gelösten Aufgaben standen und sagte auf
der Stelle ob recht oder falsch
Gar bewundernswürdig war die Stille die Ordnung die Lernbegierde Aller So
etwas hatten die Ratsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen
Als nun so der Morgen vollbracht war begaben sich die Kinder den
Schulmeister und die Fremden grüßend still hinweg Draußen aber war frohes
Gelächter und lauter Jubel der Kleinen
Und Nachmittags sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen
Tafeln Da zeichneten sie künstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf
ihren Rechentafeln und Papieren einige sogar schon Umrisse von Blumen und
wunderbaren Gefässen Dies getan lasen die besten Leser aus einem Buche lustige
und lehrreiche Geschichten und Gespräche vor Da hätte man die Freude der Kinder
sehen sollen über alles das was sie hörten Dann befahl Oswald denen die am
besten schreiben konnten die angehörte Geschichte aufzuschreiben und ihm morgen
zu bringen doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu begehen Zuletzt
nannte Oswald öffentlich mit Lobspruch die Namen derer die an diesem Tage ihre
Sache am besten getan Und weil derselben sechs waren machte er Allen die
Freude ihnen noch eine Stunde lang etwas Schönes zu erzählen Und er erzählte
ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne der in der strengsten
Winterkälte auf der Landstraße schläfrig geworden und erfroren sei dass man ihn
tot in ein Dorf gebracht und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine
warme Stube legen und auftauen wollen Aber ein geschickter Arzt sei gekommen
habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase in Schnee vergraben nachher
sogar in eiskaltes Wasser gelegt dass um die Gliedmaßen dünnes Eis geworden
dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht mit
Wollentüchern stark gerieben bis der Todtgeglaubte wieder zum Leben gekommen
wäre Wie das zugegangen erklärte Oswald Alles
So war der Schultag zu Ende
9 Von der Sonntagsschule und dem Vorfall in der Mühle
So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder alle Tage hatte er
etwas Neues für sie Die Ratsherren und der Herr Pfarrer gaben ihm große
Lobsprüche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande Das
konnten die Bauern in Goldental nicht begreifen und sprachen unter einander
»Wie wills doch der Oswald besser verstehen als die alten Schulmeister die
wir in unserer Jugend gehabt Aber er kann allerlei Blendwerk machen und hat es
selbst dem Pfarrer und den Ratsherren angetan Ganz richtig ist es mit ihm
nicht«
Im Sommer war zu Goldental nie Schule gehalten worden denn die größeren
Kinder mussten den Eltern in Feld und Hausgeschäften helfen Aber Oswald nahm
auch im Sommer die Kleinern zu sich und unterrichtete sie einige Stunden und
gab ihnen bei sich zu spielen oder kleine Geschäfte in seinem Garten und Feld
wohin sie ihn begleiteten und Steinchen aus dem Acker trugen Unkraut jäteten
und dergleichen Als das die andern Kinder sahen baten sie Oswald beweglich
sie nicht zu vergessen und er nahm sie wenn Feierabend war auch noch zu sich
und setzte den Unterricht mit ihnen fort An Sonn und Festtagen ging er mit
ihnen sogar spazieren in Feld und Wald zeigte ihnen die giftigen Kräuter und
erzählte gräuelhafte Geschichten davon oder er erzählte ihnen vom Leben und der
Haushaltung der Tiere der zahmen und wilden von den Quellen Strömen und
Meeren von den Bergen und Höhlen von den Ländern und Menschen auf Erden von
den Sternen und wie weit sie von uns entfernt wären und wie groß Das hatte er
Alles gesehen und in Büchern gelesen
Als das die großen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen bekamen einige Lust
Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein Und er erlaubte es ihnen denn ihre große
Unwissenheit jammerte ihn Und er lehrte sie noch allerlei und gab ihnen auf
was sie in müßigen Stunden der Woche zu Hause lesen rechnen und schreiben
mussten Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch So ward es eine wahre
Sonntagsschule Und es kamen immer mehr junge Leute dazu Wer aber nicht sehr
reinlich einherging wer die Wirtshäuser besuchte wer Karten spielte wer
jemals schwor und fluchte oder einen Raufhandel hatte den stieß er von sich Er
war ihr Schiedsrichter und tat doch immer als wäre er Ihresgleichen Sie
halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit ohne dass er es
forderte
Die jungen Leute aber welche es mit Oswald hielten wurden von ihren
Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet man hängte ihnen Übelnamen an
hieß sie Schulmeister und Gelehrte und spielte ihnen allerlei Possen Und die
Gemeindsvorsteher sahen es gern wenn man den Oswald und seine Freunde
verfolgte denn sie fürchteten er wolle sich Anhang machen um einst an ihre
Stelle gewählt zu werden Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Böse nach und
wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf
Oswald kam daher auch zu Niemanden nur regelmäßig besuchte er die Mühle wo er
allezeit willkommen war
Wie er aber eines Abends in die Mühle kam fand er die lieben Leute darin
alle mit verstörten Gesichtern Der alte Siegfried war still und nachdenkend
die Müllerin kalt und verdrießlich im Hause umherfahrend und die Türen hinter
sich zuwerfend Elsbeth hatte rotgeweinte Augen
Sobald Oswald mit Elsbeth allein war sprach er »Welches Unglück ist hier
geschehen und welcher böse Geist ist in dieses Haus des Friedens eingezogen
Ihr Alle seid wie verwandelt Sage mir Elsbeth was ist vorgegangen«
Elsbeth antwortete mit zitternder Stimme »Gott seis geklagt Oswald ich
muss es dir sagen Ja es muss heraus Ich bin recht unglücklich« So sprach sie
und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen
Nachdem er sie beruhigt hatte sagte sie »Nun ists ein Jahr Oswald da
fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich und ich sagte dirs
nicht Damals war der Löwenwirt Brenzel zu uns gekommen und hatte bei meinem
Vater und meiner Mutter um mich angehalten für seinen Sohn der schon eine Mühle
im Dorfe Altenstein hat Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen denn der
Löwenwirt ist der reichste Mann im Dorf und erster Vorsteher der Gemeinde der
uns viel schaden und nützen kann und mein Vater will keinen Schwiegersohn als
einen Müller Ich aber sagte ich sei noch jung und wolle noch ein Jahr warten
und blieb dabei und sie richteten bei mir nichts aus Nun ist das Jahr
vorbei und auf den Tag kam der Löwenwirt mit seinem Sohne wieder Sie haben
bei uns gespeist und Vater und Mutter hatten mit dem Löwenwirt schon alles in
Richtigkeit gebracht und die Verlobung sollte heute geschehen Aber ich habe
gesagt ich wollte mich nie verheiraten und bin dabei geblieben Denn der
junge Brenzel ist ein wüster Gesell gleichwie sein Vater ein harter und wüster
Mann ist Nun ist im Hause Unglück und Herzeleid«
Als Oswald dies hörte ward er sehr unruhig Er ging im Zimmer schweigend
auf und ab Er selber hatte sich im Stillen Hoffnung gemacht dass Elsbeth einmal
seine Frau werden müsse Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte
»Elsbeth liebe Elsbeth du willst dich niemals verheiraten So will auch ich
ohne Weib bleiben mein Lebenlang denn ich hätte kein anderes gewählt als dich
Und ich habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber und hoffte immer du
würdest mir noch recht gut werden«
Da sank Elsbeth weinend an die Brust Oswald und sprach mit gebrochener
Stimme »Ach Oswald Gott weiß es du bist mir allzulieb geworden mehr denn
recht ist Aber mein Vater ist reich und will einen reichen Sohn haben und
ändert seinen strengen Sinn nicht Du aber bist nur ein geringer Schulmeister
und kannst noch lange keine Frau ernähren«
Da schloss Oswald die gute weinende Elsbeth in seine Arme und drückte den
ersten Kuss auf ihre Lippen und sagte »Nun bist du meine Braut und Verlobte und
keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen Fürchte dich nicht du
Holdselige denn nun gehörst du mir an«
Und er ging hinaus den alten Siegfried und die Mutter zu suchen Und
Elsbeth hörte sie alle sehr laut und heftig mit einander reden aber verstand
nichts Und sie zitterte vor großer Angst und wusste in ihrer Not keinen Rat
Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Knie und faltete ihre Hände und betete
inbrünstig mit tränenvollen Augen zum Himmel während die Andern stritten Und
als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand sah sie draußen den Oswald
begleitet vom Vater und der Mutter von der Mühle weg ins Dorf gehen
Das vermehrte die Furcht und Angst über die Massen Keiner in der Mühle
wusste wohin die Eltern mit dem Oswald gegangen Sie wusste aber wohl Oswald
war hitzig und aufbrausend und konnte gegen die Eltern gefehlt haben und mit
ihnen vor den Richter gegangen sein und das war der Löwenwirt In übergrossem
Kummer betete sie viel für Oswald und sich
Es war zehn Uhr Nachts da hörte sie draußen Geräusch Es kamen Vater und
Mutter mit Oswald Und Siegfried nahm seine Tochter und sprach »Elsbeth du
hast also den Oswald lieb« Sie antwortete und sprach »Kann ich dafür Ihr
hattet ihn ja auch lieb« Da legten die Eltern die Hände Oswalds und Elsbets
in einander und segneten die Beiden als ihre Kinder Elsbeth war ganz
erschrocken und wusste nicht ob sie träume
10 Oswald kommt in schlechten Ruf
Als am folgenden Sonntag in der Kirche der Schulmeister Oswald und Elsbeth als
Brautleute von der Kanzel herab verkündet wurden da rissen die Goldentaler
Bauern die Augen gewaltig auf und die Weiber zischelten beständig einander
etwas in die Ohren und der Löwenwirt ging aus der Kirche wie ein grimmiger
Löwe und schwor er wolle nicht ruhen bis er den meineidigen Müller samt
seinem ganzen Hause und dem Schulmeister zu Grunde gerichtet aus dem Dorfe
vertrieben und Alle ins Zuchthaus gebracht hätte oder an den Galgen
Nichtsdestoweniger feierten Oswald und seine Elsbeth nach drei Wochen in der
Mühle sehr vergnügt ihre Hochzeit dem grimmigen Löwen zum Trotz
Und als die Neuvermählten Abends aus der Mühle heim kamen in Oswalds Hans
fiel Elsbeth ihrem Manne um den Hals und sagte »Ach Gott wie bin ich so
glücklich Ich kann noch nicht daran glauben dass Alles wahr sei Und man sagt
wohl es gibt betrübte übelgeratene Ehen könnten wir auch wohl Beide jemals
aufhören uns lieb zu haben und könnten wir jemals wünschen lieber getrennt
als ewig verbunden zu sein«
Oswald antwortete und sprach »Wir werden Beide mit einander glücklich sein
so lange wir leben auf Erden aber wir müssen ein dreifaches Gelübde tun Und
so lange wir es redlich halten wird Eintracht und Segen Gottes in unserer Ehe
sein Von heute an lebst du für mich und ich lebe für dich und wir wollen nie
vor einander das geringste Geheimnis haben und selbst wenn wir gefehlt haben
es uns einander sogleich offenbaren Dadurch werden wir manchen Fehltritt und
manches Missverständnis verhüten das oft schmerzliche Folgen haben kann Dann
aber wollen wir von unsern häuslichen Sachen Niemandem auch Vater und Mutter
nichts offenbaren dass Niemand in unsern Dingen reden könne oder sich zwischen
uns dränge Nur so gehören wir Beide uns ganz an als wären wir allein in der
Welt Endlich wollen wir niemals gegen einander böse werden und nicht einmal
zum Scherz mit einander böse tun denn aus Neckerei wird oft Ernst und was man
zuweilen tut daran gewöhnt man sich leicht«
So sprach Oswald Und Beide taten sich einander gegenseitig das Gelübde vor
Gott Und wie sie den Bund mit einem Kuss besiegelten stieg vor dem Hause in
nächtlicher Stille ein sanfter schöner Gesang von vielen Stimmen empor Das
waren Oswalds Schüler und Schülerinnen im Gesang die doch auch ihrem Lehrer
eine Freude machen wollten Und wie die Neuvermählten folgenden Morgens
aufgestanden waren sahen sie viele Männer Weiber und Kinder in der Ferne
zusammengelaufen stehen und auf das Haus schauen und darauf zeigen Oswald
öffnete neugierig das Fenster und sah sein ganzes Haus wunderbar mit
Blumenkränzen und Blumenschnüren umhängt und umsponnen Das hatten in der Nacht
still und heimlich seine Schüler und Schülerinnen getan Auch die kleinsten
Kinder hatten dazu Feld und Gartenblumen gesammelt So lange das Dorf
Goldental auf Erden war hatte man dergleichen nicht erlebt und als Oswald
wieder zur Schule ging kamen am ersten Tage nach seiner Hochzeit alle Kinder
groß und klein reich und arm und hatten sich mit Blumensträussen geschmückt
als wäre es ein großer Festtag Das freute den Oswald und seine junge Frau recht
innig denn das verriet doch gute Herzen voll Liebe und Erkenntlichkeit Und
sie küssten die Kinder ließ ihnen Kuchen backen und teilten Allen aus
Im Dorfe aber war viel eitles Geschwätz über die Hochzeit und Jeder hatte
seine Meinung darüber Denn Niemand konnte begreifen dass es dabei mit rechten
Dingen zugegangen sein solle sintemal unerhört war dass der reichste Müller im
Lande seine schöne Tochter und einzige Erbin einem armen Schulmeister zur Frau
gegeben Um die Elsbeth würden auch wohl vornehme Herren aus der Stadt gefreit
haben so schön und reich war sie Man wollte daher gern wissen warum der
Müller einen so einfältigen Streich gemacht habe Aber der alte Siegfried lachte
nur und die Leute brachten von ihm nichts heraus Auch die alte Müllerin ward
von ihren Gevatterinnen sehr geplagt und geneckt mit dem armen schlechten
Schulmeister und dass man einem hergelaufenen Kerl eine solche Tochter anhänge
Die Müllerin war bei aller Gottesfurcht doch eine stolze Frau Daher taten ihr
die verächtlichen Reden weh und als sie darüber einst vor Zorn fast weinte
sagte sie zur Adlerwirtin heftig »Schweigt mit eurem dummen Geschwätz ihr
wisst so viel als nichts Der Oswald könnte wohl den Adlerwirt und Kreuzwirt
auskaufen Er hat mehr als man glaubt Das hab ich mit meinen leiblichen Augen
gesehen Wenn ich nur reden dürfte ich könnte euch Dinge sagen ihr solltet
Maul und Nase aufsperren« So sprach sie und schwieg plötzlich und war
verdrießlich dass sie im Zorn mit etwas herausgeplatzt war das sie verschweigen
wollte Auch erfuhr die Adlerwirtin weiter nichts und musste noch dazu
versprechen es Keinem wieder zu sagen
Die Adlerwirtin sagte es auch Niemandem als ihrer Schwester und ihrem
Manne die vorher geloben mussten das Geheimnis bei sich zu behalten Aber sie
erklärten die Reden der Müllerin so als habe diese mit leiblichen Augen ganze
Haufen Goldes und Silbers bei Oswald gesehen und Oswald könne wenn er wolle
das ganze Dorf kaufen und es gingen im Hause Oswalds manchmal Dinge vor dass
wenn man sie sagen dürfte den Leuten die Haare zu Berge stehen würden Dem
Adlerwirt und seiner Schwägerin als sie dies hörten standen vor Entsetzen
wirklich schon die Haare gen Berge und sie konnten nicht anders und vertrauten
das Geheimnis nur einigen ihrer besten Freunde
Nach wenigen Tagen wussten die Leute in Goldental weit mehr als die
Müllerin gesagt hatte Da hieß es der Oswald stünde mit dem Fürsten der Hölle
im Bündnis dem habe er mit eigenem Blute seine arme Seele verschrieben Doch
dreißig Jahre lang solle der Böse den Willen des Schulmeisters tun am Ende des
letzten Jahres werde der Teufel Oswalds Seele in der heiligen Christnacht
zwischen Eilf und Zwölf holen und dem Unglücklichen den Kopf umdrehen dass das
Antlitz im Nacken stehen bleibe Der Schulmeister habe Gold so viel er begehre
und der schönen Elsbeth habe er einen Liebestrank beigebracht daran sie hätte
entweder rasend werden oder jämmerlich sterben oder ihn heiraten müssen
Ferner der Oswald könne Geister bannen Schätze heben das Fieber besprechen
den Kühen es antun dass sie blaue Milch oder wohl gar Blut geben müssten er
könne das Feuer bannen sich stich und kugelfest machen auf einem Besen durch
die Luft reiten und viele andere Dinge mehr Das habe er alles aus gefährlichen
Büchern erlernt er habe Doktor Fausts Höllenzwang Kaiser Karoli
Halsgerichtsordnung und das Buch von Salomonis Siegelring
Von diesem Augenblicke an fürchteten sich die Leute in Goldental vor dem
Schulmeister entsetzlich Keiner tat ihm etwas zu leid aus Angst vor Oswalds
Rache und höllischem Bundesgenossen Sogar der grimmige Löwenwirt unterstand
sich nicht ihm oder dem Müller etwas in den Weg zu legen Manche Leute schlugen
heimlich ein Kreuz wenn sie dem Oswald von ungefähr begegneten
11 Elsbeth steht in gutem Ruf
Wenn aber die jungen Leute des Dorfes der Elsbeth begegneten die da blühte wie
eine Rose schlug Niemand vor ihr ein Kreuz sondern Jeder nickte ihr den
freundlichsten guten Tag und wenn sie vorbei war blieb wohl Mancher gar still
stehen und sah ihr nach Denn Elsbeth war eine schöne Frau und sie schien mit
jedem Tage schöner zu werden dass sich selbst die Mädchen in Goldental darüber
wunderten Dennoch war sie nicht kostbarer gekleidet oder geputzter als andere
Frauen waren Aber man mochte sie sehen Sonntags oder Werkeltags Morgens oder
Abends sie war immer als wollte sie zum Tanz gehen Sie arbeitete in der
Sonnenhitze auf dem Felde und im Garten sie ging in den Stall und besorgte Kuh
und Schwein trug Gemüs und Eier zum Verkauf in die Stadt und dabei war sie
allezeit sauber und zierlich und kein Fleck an ihren Kleidern
»Ich glaube beinahe die kann auch schon hexen« sagte die Löwenwirtin
indem sie eine Prise Schnupftabak nahm und sich die Nase mit dem Ärmel
wischte
»Ja wohl« sagten die jungen Männer alle »Die kann es Wenn Elsbeth nicht
schon verheiratet wäre sie würde uns allen die Herzen aus dem Leibe hexen so
schön ist sie«
Und die verheirateten Männer im Dorfe verfuhren gar oft grob mit ihren
Weibern und gaben ihnen Schmähworte und Ohrfeigen dass sie nicht auch so schön
geblieben waren wie die Schulmeisterin Dann heulten die Weiber und fluchten
und schworen und zerkratzten ihren Männern das Gesicht mit ihren langgewachsenen
Nägelkrallen
Zwei Mädchen welche Elsbets Freundinnen waren und bald Hochzeit machen
wollten kamen zu Elsbeth und sprachen »Du bist nun seit Jahr und Tag eine
Frau und bist so hübsch wie eine Jungfrau Und alle Männer bewundern dich und
alle Weiber müssen dich beneiden O Elsbeth sage uns an wie du das machest
Denn siehe du weißt es sobald bei uns eine Tochter einen Mann hat wird sie
hässlich und wüst und die Liebe hört auf So ist es nicht bei dir«
Die junge Schulmeisterin antwortete und sprach »Ich will es euch sagen Die
Weiber haben allein die Schuld So lange sie Jungfrauen sind und den jungen
Burschen gefallen wollen schmücken sie sich und alles Geld was sie haben und
verdienen stecken sie in neuen Putz Da sind sie sauber und glatt dass ihre
Stirn glänzt an der Sonne und ihr Haar ist wie gemalt Haben sie endlich einen
Mann da denken sie nicht mehr daran gefallen zu wollen Da gehen sie des
Morgens lange umher mit Stroh und Bettfedern im ungekämmten Haar vergessen
sich jedesmal zu waschen wenn sie unrein werden und denken wenn sie recht
wüst kommen das stehe einer Frau gut und man sehe ihr an dass sie viel
handtiere Dann muss gespart werden der Mann braucht Geld und man kann es
nicht mehr wie als Tochter in allerlei Putzkram stecken Das Gewand wird alt
und beschmiert und schadhaft das Ausbessern kostet viel Geld und Selbermachen
hat keine gelernt So gewöhnt man sich an Lumperei und Sudelei und die Frau
wird vom Unflat entstellt und wüst weil sie nichts mehr auf sich hält Und sie
wird endlich dem Manne selbst gleichgültig oder zum Ekel und dann kommt der
Unfriede ins Haus sobald die Frau mit Löchern in den Strümpfen geht«
Die Mädchen sprachen »Elsbeth du hast wohl Recht«
Die junge Schulmeisterin sagte »Als ich den Oswald nahm dachte ich
sogleich darauf wie ich ihm beständig gefallen könne denn ich hatte ihn gar
lieb Und ich nahm mir vor noch mehr auf mich selber zu halten als zuvor und
nie vor seinen Augen zu erscheinen als gewaschen und zierlich allzeit mit
unbeflecktem Gewand Darum nahm ich sorgfältig meine Kleider in Acht darum
musst es in meinem Stall und in Küche und Keller so sauber sein als in einer
Stube Der geringste Fleck in meinem Anzuge musste sogleich ausgemacht werden So
blieben meine Kleider wie neu und ich selber blieb darin meinem Manne alle Tage
neu«
Die Mädchen sprachen »Aber Elsbeth die Zeit zerreißt endlich das sauberste
Gewand woher ein neues Kleid anschaffen wenn der Mann kein Geld gibt«
Elsbeth antwortete »Ich gebrauche weniger Geld zu Kleidern als Andere
Denn ich bessere mit wenigen Nadelstichen das kleinste Loch aus damit es nicht
größer werde So kostet es nichts als Faden und Zwirn Andere aber tragen ihr
Zeug bis es alt ist und lassen daran was schadhaft ist dann wird aus einem
kleinen Loch ein großes und in kurzer Zeit wird alles zu Fetzen und man muss
neues Gewand kaufen während ich immerfort mein altes trage und damit viel Geld
erspare Hausfrauen die nicht flicken und nähen können verschwenden großes
Geld und gehen doch wie aus dem Kot gezogen«
Als Elsbeth solche Worte redete wurden die Beiden Mädchen rot und fingen
an zu weinen und sprachen »Wir haben nicht so sauber nähen und flicken gelernt
wie du Das wird uns viel Schaden im Hause bringen und wir sehen viel Leiden
voraus und wir können es nicht ändern« Und die Mädchen gingen traurig weg
Darauf erzählte Elsbeth ihrem Manne das Gespräch mit den Freundinnen und
sagte sie wolle beide nähen und flicken lehren denn es erbarme sie wenn die
beiden Mädchen sollten unglücklich werden
Oswald drückte seine gute Frau an sein Herz und sprach »Damit wirst du dir
einen Segen Gottes verdienen und selber ein Segen dieses Hauses werden Nicht
nur die beiden Mädchen lehre sondern Alle die von dir lernen wollen Viele
Haushaltungen im Dorfe werden arm und elend bei aller Arbeit und Mühe weil die
Weiber nicht die rechte Haushaltungskunst verstehen Sie verstehen nicht ihre
Gärten mit allerlei gesundem Gemüse zu bepflanzen damit sie Abwechslung bei den
Speisen haben Wollen sie einmal gut kochen tun sie viel Speck und Fett und
Schmalz und Öl an und kostet viel und wird doch nichts Rechtes sondern ein
ungesundes Essen Die schlechte Nahrung setzt schlechtes Blut ab und böse Säfte
Davon kommen Krankheiten die kosten viel Geld und mit dem Arbeiten geht es bei
kränklichen Leuten schlecht Eben so ists mit den Kleidern In den Dörfern
sind wohl Näherinnen aber weil sie mit dem Nähen ihr Geld verdienen hüten sie
sich wohl Andere anzuweisen Die nun nicht flicken und nähen können gehen mit
Löchern in Aermeln und Strümpfen oder so grob geflickt dass das Geflickte ärger
dasteht als das Zerrissene Immer muss bald wieder Neues angeschafft werden das
kostet viel Geld und macht arm Es ist wohl himmelschreiend dass nicht in jedem
Dorfe wenigstens eine brave verständige Frau ist eine Pfarrerin oder
Haushälterin des Pfarrers eine Amtmannsfrau oder eine Müllerin oder Eine die
das Kochen und Gärtnen das Nähen und Flicken versteht und unentgeltlich die
Bauerntöchter unterrichtet Das würde viel Geld und Wohlstand im Dorfe behalten
und viele frohe glückselige Ehen machen Elsbeth geh verdiene dir einen
großen Gotteslohn«
So sprach Oswald
Und alsbald ließ Elsbeth freudig ihre zwei Freundinnen kommen und zeigte
ihnen alle Tage in einer Feierabendstunde die Kunst beim Nähen des Weisszeuges
feine gleichmäßige Stiche zu machen abgeriebene oder schadhafte Stellen der
Kleider oder Risse in denselben so säuberlich zu vernähen dass man den Schaden
kaum sah Sie lehrte sie Hemden für Männer Weiber und Kinder zuschneiden mit
möglichster Benutzung der Länge und Breite der Leinwand dass es nicht viel
Abfall gab eben so Strümpfe aus Wolle und Baumwolle stricken mit zierlichen
Zwickeln oder die Löcher darin unsichtbar machen Sie führte sie im Haus umher
da war beständig aufgeräumt denn Alles hatte seinen Platz und wer etwas
gebrauchte legte es sogleich wieder an den Platz wohin es gehörte Und sie
führte sie in den Stall und Keller da war es reinlich und trocken und weil man
immer gern säuberte war nie darin auf einmal viel zu tun Und sie führte sie
in den Garten und lehrte sie allerlei Küchenkräuter säen und setzen und wenn
sie reif waren wie man sie bewahren und benutzen könne zu schmackhafter
Nahrung Und sie führte sie in die Küche und lehrte sie die Speisen sauber und
reinlich bereiten und kochen mit wenigem Fett und einfacher Zutat dass dennoch
alles sehr angenehm nahrhaft und gesund ward Zuweilen wurde sogar ein Braten
gemacht und kostete wenig Elsbeth hatte von der Mutter gelernt in der
Geschwindigkeit allerlei Suppen zuzubereiten und das Fleisch auf allerlei Weise
zuzurichten und für den Winter Bohnen Sauerkraut Kohl Gurken und anderes
Gewächs einzumachen
Die beiden Mädchen wunderten sich sehr denn sie hatten dergleichen bei
ihren Müttern nie gesehen und freuten sich wenn sie Hochzeit gehabt hätten
wie sie ihren Männern gütlich tun wollten ohne dass es mehr kostete als sonst
Da sie nun andern Mädchen sagten was sie bei der Schulmeisterin alles
erfuhren und lernten und wie sie ganz wie die Elsbeth werden wollten kam von
den andern Mädchen eins um das andere zur Elsbeth und bat ebenfalls ein wenig
unterrichtet zu werden Zuletzt ward es bei der Elsbeth wie eine wahre Schule
Denn weil Elsbeth allen jungen Männern gefiel wollten alle Mädchen wie Elsbeth
werden
Oswalds Frau hatte wohl Anfangs etwas Mühe hintennach aber befand sie sich
gar wohl dabei Denn nun hatte sie viel Hilfe im Garten und im Stall und Andere
mussten für sie zuweilen kochen und Andere für sie feines Zeug nähen wenn es
sonst nichts zu tun gab Und man sah es schon folgendes Jahr vielen Gärten bei
den Häusern im Dorfe an dass da neue Ordnung hineingekommen sei Und eine
Nachbarin schaute der andern über den Hag und sah was sie pflanze oder säe
und wie sie es mache und bettelte um Setzlinge oder Samen Danach wie der
Sommer und Herbst kam trugen viele Bauernweiber vom Überfluss ihres schönen
Gemüses zum Verkauf in die Stadt und brachten schönes Geld wieder nach Hause
Das machte allen große Freude nur denen nicht die es nicht so hatten Die
gingen dann auch zur Elsbeth und fragten um dies und das Und Elsbeth gab guten
Rat und Alles was sie wusste und seitdem sie unterrichtete noch selber
gelernt hatte Sie tat das sehr gern denn sie war herzgut und Worte sind ja
nicht kostbar zumal jungen Weibern
Das erwarb der Schulmeistern viele Liebe und angenehmen Ruf und Jedermann
lebte ihr zu Gefallen Und alle Welt im Dorfe hatte rechtes Mitleiden mit der
hübschen guten Frau dass sie den Oswald zum Manne habe weil er doch in die
Hölle müsse Denn man wusste wohl er sei ein Hexenmeister der böse Künste
treibe und mit Leib und Seele verloren gehe
12 Wie der Löwenwirt auf die Nase fällt und was sich weiter begeben hat
Oswald mochte es anstellen wie er wollte man legte ihm alles übel aus Wenn er
die Kinder lehrte dass es keine Gespenster gäbe sondern dass das nur Einbildung
furchtsamer und abergläubiger Leute wäre so sagte man im Dorfe er glaube weder
einen Gott noch einen Teufel Oder wenn er den Kindern in der Schule die
giftigen Pflanzen in den Feldern und Wäldern zeigte damit sie solche kennen und
sich vor dem Genuss der Beeren und Wurzeln hüten lernten so sagte man im Dorfe
er wolle die Kinder Giftmischerei lehren Besonders lauerte ihm der Löwenwirt
Brenzel auf und sammelte sorgfältig alle bösen Reden über Oswald
Als er endlich genug wusste sprach er »Ich weiß genug um ihm den Hals zu
brechen Er muss vor Gericht und seine eigene Schwiegermutter die Müllerin
soll wider ihn zeugen und vor Gericht bekennen was sie von ihm weiß Als
Vorsteher ist es meine Pflicht zu reden Ich kann das nicht länger dulden ohne
verantwortlich zu werden«
Also machte er sich eines Sonntags auf und legte seine Staatskleider an
setzte den dreieckigen Hut recht majestätisch auf nahm das spanische Rohr mit
dem silbernen Knopf und ging mit breiten Schritten zum Dorf hinaus nach der
Stadt Er sagte aber keinem Menschen ein Wort davon dass er im Sinn habe dem
Oswald bei der hohen Obrigkeit böses Spiel zu machen Denn er fürchtete wenn
der Hexenmeister Wind davon bekäme der könne ihm Schaden zufügen ehe er noch
zur Stadt gelangt wäre
Und wie er auf der Landstraße allein ging sprach er im Eifer laut mit sich
selber als wenn er schon vor einem Herrn Ratsherrn stände und er lief dabei
immer schneller und fuhr im Zorn bald mit der rechten bald mit der linken Hand
in der Luft herum wie ein Pfarrer auf der Kanzel Bei diesem Eifer kam im
Laufen der lange Stock zwischen die Beine also dass er stolperte und über den
Stock auf den Erdboden fiel Der Hut flog weit hinweg die Nase schlug sich
platt und seine Beine stiegen hoch aufwärts als wolle er gar auf den Kopf
stehen Er stand ächzend und fluchend auf und nahm seinen Hut aus dem Staube
An seiner Stirn aber schwoll eine Beule als wollte ein Horn heranwachsen und
seine blutende Nase war blau wie eine dicke Pflaume »Das hat mir gewiss der
Oswald angetan« dachte er und fürchtete sich weiter zu gehen damit ihm
nichts Schlimmeres begegne
Indem er noch mit dem Schnupftuch das Blut von der Nase wischte kam die
Straße daher in vollem Galopp ein Herr zu Pferde Hut und Rock mit goldenen
Tressen besetzt Der hielt vor dem Löwenwirt still und fragte hastig »Wohnt
dort im Dorfe ein gewisser Herr Oswald und ist er zu Hause«
Der Löwenwirt sprach »Ja warum denn«
Der Fremde rief »Der Erbprinz will ihn besuchen« So sprach der Fremde und
jagte davon nach Goldental
Der Löwenwirt sperrte vor Verwunderung Maul und Nase auf und sagte »Wa
wa was Der Erbprinz Ein Prinz zu dem Oswald« Wie er dies sagte fuhr im
Galopp ein prächtiger Wagen mit sechs Pferden daher schöne Bediente vorn und
hinten auf Darin saß ein junger Herr im blauen Oberrock der hatte auf der
Brust einen silbernen Stern Der Wagen fuhr vorbei nach Goldental
»Der Blitz und der Hagel« schrie Brenzel »Der Prinz will gewiss bei mir
einkehren Ich bin nicht zu Hause und nun fährt er zum Adler« Brenzel lief
was er konnte ins Dorf zurück Da geriet ihm abermals im vollen Sprung der
lange Stock zwischen die langen Beine dass er wiederum zu Boden fiel wie ein
Baum Alle Rippen krachten ihm im Leibe und seine Staatskleider waren grässlich
gesalbt Er hinkte fluchend und langsam zum Dorfe Da er vor seinem Hause keinen
Wagen sah ward er voll Gift und Galle denn er dachte der Prinz sei beim
Adlerwirt Kreidemann eingekehrt Er hinkte also weiter aber er sah auch keinen
Wagen beim Adler So ging er in sein Haus zurück und keine Seele war darin Er
legte andere Kleider an und wusch sein Gesicht und erschrak wie er sich mit
der faustdicken Nase und gehörnten Stirn im Spiegel erblickte wiewohl man im
Spiegel wegen des Fliegenkotes nicht viel sah Nun wetterte er wie ein
grimmiger Löwe auf seine Leute die alle davon gelaufen waren Da kam die Magd
ganz odemlos und rief »Herr beim Schulmeister ist ein lebendiger Kaiser
angekommen oder wohl gar ein König Das ganze Dorf ist vor Schulmeisters Haus
zusammengelaufen«
Brenzel wusste nicht was tun ging endlich aber doch hinaus vor
Schulmeisters Haus zu den Leuten Nach einer halben Stunde kam der Erbprinz aus
der Haustür und hatte Oswalden an der einen und Elsbeten an der andern Hand
und war gar freundlich mit ihnen Und wie er in den Wagen gestiegen war reichte
er ihnen Beiden noch einmal die Hand zum Abschiede und dann fuhr er im
sausenden Galopp davon Reiter voraus Alle Bauern hatten die Hüte ab und vor
Erstaunen das Maul auf
Nun wars im ganzen Dorfe ausgemacht der Schulmeister könne mehr als Brod
essen Der Prinz komme zu keinem Dorfschulmeister bloß um ihn zu besuchen und
sei um nichts und wieder nichts so freundlich mit ihm gewesen Große Herren
brauchen viel Geld und dazu brauchen sie Schatzgräber und Goldmacher und
desgleichen Große Herren seien nicht immer die frömmsten das wisse man wohl
und machen sich nichts daraus wenn sie schlimm aus der Welt gehen sobald sie
nur gut in der Welt leben können
Diese und andere Reden gingen von der Zeit an im Dorfe und vielen
verlumpten und verarmten Bauern im Kopfe herum Und Viele wurden vertraulicher
und sprachen Einer zum Andern »Wüsste ich nur wie es anfangen ich machte mir
nichts daraus Ich verschriebe mich heute noch dem Teufel wenns sein müsste
und wäre ich nur meine Schulden los und hätte Geld genug und vollauf Ich wollte
es ganz anders machen wie der Schulmeister Der Schulmeister ist ein dummer
Teufel dass er hier wohnt und lebt wie unsereins Ich führe wie der Erbprinz
mit sechs Pferden Bedienten und Sternen und hätte die Küche voll Braten den
Keller voll Wein Ja noch heute gäb ich meine arme Seele drum«
Solche ruchlose Reden führten die Leute ohne Scheu Reichtum verdirbt das
Herz aber die Armut verdirbt es nicht weniger Und wenn Armut und Dummheit
und böse Lüste beisammen sind ist des Teufels Kleeblatt fertig So ist es in
manche Dorfe und so war es leider auch in Goldental
13 Der GoldmacherBund
Oswald wunderte sich nicht wenig wie von nun an bald Dieser bald Jener zu ihm
kam heimlich mit ihm reden wollte und dann mit der gottlosen Sprache
herausrückte und sagte »Oswald du kannst Gold machen das ganze Dorf weiß es
Lehre mich es auch Du verstehst die schwarze Kunst Wenn der Teufel erscheint
ich will mich gar nicht fürchten Wenn er die Unterschrift mit meinem Blute
verlangt ich will mich ihm mit Leib und Seele zuschreiben Siehst du es tut
mir Not sonst tät ichs nicht«
Lange wusste Oswald nicht was er zu der Verderbteit dieser Menschen sagen
sollte Da ihrer endlich aber immer mehr kamen und nicht mit Bitten nachliessen
beschied er sie alle doch jeden einzeln auf eine und dieselbe
Mitternachtsstunde zu sich
Und alle kamen in der finsteren Nacht die er ihnen angesagt zu seinem Hause
geschlichen sobald es im Turm der Dorfkirche elf Uhr geschlagen Er führte
Jeden wie er ankam schweigend in eine finstere Stube Es waren ihrer
zweiunddreissig Hausväter Jeder erschrak entsetzlich wenn er in der Dunkelheit
an den Andern stieß und etwas Lebendiges neben sich spürte Denn Keiner wusste
von den Übrigen Vielen floss der Angstschweiß vom Gesicht und einige hatten so
große Furcht dass sie wieder davon gelaufen wären Aber sie zitterten es könne
ihnen dann das Lebenslicht ausgeblasen werden
So standen sie eine Stunde in tiefer Stille und Angst und wagten kaum zu
atmen Da schlugs im Turm zwölf Uhr Und mit dem letzten Glockenschlage ging
abermals die Türe auf Es trat ein Offizier herein prächtig gekleidet mit
hohem Federbusch und langem Säbel auf der Brust einen Orden Der trug in den
Händen zwei brennende Kerzen die setzte er vor ihnen auf den Tisch Als nun
Alle sich einander erkannten schämten sie sich erst vor einander denn sie
merkten dass sie Alle aus gleicher Absicht gekommen wären Und sie sahen wieder
auf den glänzenden Offizier den sie für den bösen Geist hielten aber sie
erkannten in ihm den leibhaftigen Oswald
Oswald hatte ein ernstvolles Gesicht und sprach »Seht mich nur an ihr
Unglücklichen nun erkennet ihr wer ich bin Ich treibe keine schwarze Kunst
ich halte es mit Gott Ihr aber seid längst von Gott abgefallen ihr habet
gesoffen und geschwelgt ihr habet betrogen und gelogen ihr habet gestohlen und
verraten ihr habet gespielt und Weib und Kind vergessen ihr habet Teufelei
getrieben und Teufelswerk Darum seid ihr arm und verzweifelt geworden
Ehrlichkeit aber währt am längsten Gottesfurcht macht reich In Gottes Wegen
ist Gottes Segen Ich will nicht reich sein aber ich bin nicht arm Wollt ihrs
nun haben wie ich so macht es wie ich«
So sprach Oswald und zog einen großen Beutel hervor und leerte ihn auf den
Tisch aus Da fielen klingend eitel schöne Goldmünzen auf den Tisch und rollten
umher und verblendeten die Augen Die Bauern hatten in ihrem Leben so viel Gold
nicht beisammen erblickt Ihre Herzen schlugen gewaltig
Oswald aber tat den Mund auf und sprach »Wahrlich ich sage euch das hier
macht mich nicht glücklich aber die Weisheit macht glücklich mit der man dies
Geld erwirbt und benutzt Ihr seid zu mir gekommen ich sollte euch die Kunst
lehren Gold zu machen Ich will euch diese Kunst lehren Sie ist die beste
Weisheit des Lebens und mehr als das Gold selbst wert Habet ihr die Weisheit
so werdet ihr das Gold haben und es nicht mehr hochachten Aber ihr kommt nicht
zu dem Glücke ohne vorher geprüft worden zu sein Und die Zeit der Prüfung
währt sieben Jahre und sieben Wochen Wer ausharrt bis ans Ende wird Freuden
über Freuden ärnten Wahrlich ich sage euch wenn diese Zeit erfüllt ist wird
Jeder von euch mehr Gold auf seinen Tisch werfen als eure Augen hier sehen
Die Prüfung aber ist dem Gottlosen schwer und dem Sünder hart Denn er muss sein
ganzes Herz umkehren und ein neuer Mensch werden«
Die zweiunddreissig Hausväter hörten in banger Stille die Worte Oswalds Sie
betrachteten ihn alle mit starren Augen
»Wer von euch« sprach Oswald »die sieben Jahre und sieben Wochen der
Prüfung bestehen will kann bleiben Wer sich fürchtet oder im Glauben wankt
gehe fort von hier«
Keiner ging
»Wohlan« rief Oswald »so müsst ihr mir vor dem allgegenwärtigen Gott
sieben Gelübde geloben und solche während sieben Jahren getreu halten«
Erstens Ihr müsst sieben Jahre und sieben Wochen lang alle Wirtshäuser
meiden aber desto fleißiger zur Kirche gehen und Gottes Wort hören und danach
tun
Zweitens Sieben Jahre und sieben Wochen lang keine Karten keine Würfel
berühren und nichts womit man um Geld spielt
Drittens Sieben Jahre und sieben Wochen darf kein Fluch kein Scheltwort
aus eurem Munde gehen auch keine Bosheit Lästerung und unwahre Rede
Viertens Sieben Jahre und sieben Wochen muss euer Tagwerk Gebet und Arbeit
sein Morgens und Abends sollt ihr feierlich mit Weib und Kindern auf die Knie
fallen zu Gott beten eure Sünden bereuen Eure Arbeit sollt ihr mit Fleiß und
Treue verrichten keine Schulden mehr machen
Fünftens Wer binnen sieben Jahren und sieben Wochen sich mit Wein und
Branntwein ein einziges Mal berauscht und vergeht ist aus unserer Gemeinschaft
verstoßen
Sechstens Auf dem Acker welchen ihr bauet soll kein Unkraut wachsen in
euren Wohnungen kein Unflat liegen Eure Hütten und die Ställe des Viehes und
alles Geräte was ihr habet soll von Reinlichkeit glänzen Daran werde ich
euch erkennen
Siebentens Euer Leib soll sein ein Tempel Gottes darum keusch züchtig und
ehrbar auch von aller Unreinigkeit frei an Haut und Haar und Gewand So auch
bei Kindern Das soll unser Zeichen sein
»Wer nun diese sieben Gelübde geloben und halten will der trete hervor und
reiche mir die Hand zum Bunde Dem Schwachen wollen wir helfen«
Als Oswald so gesprochen hatte traten die Zweiunddreissig einer nach dem
andern hervor jeder reichte dem Oswald die Hand über den Tisch voller Gold und
sprach »Ich will«
»So geht denn heim in Frieden und wendet euch noch vor Schlafengehen im
Gebet zu Gott dass er euch Stärke verleihe das Gelübde zu halten Wahrlich
wahrlich ich sage euch wenn die Zeit erfüllt ist wird Jeder mehr Gold auf
seinen Tisch werfen als eure Augen hier sehen« So sprach Oswald und ermahnte
die Leute von Allem was sie diese Nacht gesehen und gehört hätten keinem
Menschenkinde etwas zu verraten ja sogar selbst nie von dem zu reden noch auf
das zu deuten was diese Nacht angehe
Damit entfernten sich die Zweiunddreissig in großer Stille Unterwegs sprach
Keiner mit dem Andern ein Wort So voll waren sie von allen dem Wunderbaren das
sie vernommen hatten Sie hatten ganz andere Dinge erwartet zu erleben und
gerade das Gegenteil erfahren Mancher wenn er an die Gelübde dachte fühlte
zwar Bangigkeit denn sie waren auch gar zu streng Aber das Geheimnisvolle und
die sieben Jahre und sieben Wochen und die Reden des Oswald und der Tisch voll
Goldes und der prächtige Offizier mit dem Orden auf der Brust und die schwarze
Mitternachtsstunde das konnte Keiner wieder vergessen und es war wie ein
seltsamer Traum
14 Die Leute verwundern sich sehr
»Was gibts denn Velten Kaspar was gibts denn« fragte der alte lahme
Wächter als er am andern Tage durchs Dorf entlang ging »Was gibts denn Kommt
wieder ein Prinz oder Kaiser oder gar ein Bürgermeister aus der Stadt Was ist
denn los dass ihr so aufputzet« So fragte er und man lachte
Es fiel aber wirklich vielen Menschen auf und war in vielen Häusern ein
sonderbares Leben Da wurden Fenster gewaschen Fußboden gescheuert Türen
gesäubert Tische Schemel und Bänke gefegt Sogar vor den Häusern wurde Alles
in Ordnung gebracht Schutt und Unflat auf die Seite geschafft und allem was
herum lag ein besserer Ort gegeben Die zweiunddreissig Hausväter wussten es
wohl sagten aber nichts Denn sie dachten in sieben Jahren haben wir alle
Kisten und Kasten voll Geld
Als Oswald die Geschäftigkeit der armen Leute sah sprach er zu Elsbeth
»Ich weiß nicht ob ich darüber traurig werden oder lachen soll Denn siehe was
die Leute nicht aus eigenem Gefühl nicht aus Liebe zu Weib und Kind nicht aus
Liebe zu Gott nicht aus Not und Überzeugung früher getan haben das tun sie
jetzt aus abergläubischer Furcht und Hoffnung Wie töricht sind doch die
Menschenkinder Aber sie sollen durch den Aberglauben zur Erkenntnis der
Wahrheit und durch ihre Verderbteit zur Rechtschaffenheit eingehen«
Die Verwunderung im Dorfe ward aber von Woche zu Woche größer Denn die
Wirtshäuser wurden fast leer Sonntags hörte man auf der Kegelbahn weder Kegel
noch Flüche noch Gelächter Kartenspiel und Würfel rührte fast Keiner mehr an
Den Wirten ward im Keller das Bier sauer weil es Keiner mehr trank Von Wein
und Branntwein hatten sie nur einen geringen Absatz Die meisten Leute blieben
daheim bei Frau und Kindern oder gingen auf die Felder und besahen ihre wenigen
Aecker und berieten was in der Woche daran zu machen und zu bessern sei Die
welche vormals zu den lustigen Brüdern gehörten taten jetzt gar ernstaft und
altklug die welche sonst ein wüstes Leben führten waren in der Kirche sehr
andächtig Die welche sonst gern herumlagerten und müßig gingen waren jetzt
vom Morgen bis zum Abend an der Arbeit im Taglohn oder auf ihren Feldern
Der Adlerwirt wenn er Sonntags seine leeren Bänke und Tische beschaute
brach vor Wehmut fast in Tränen aus »Sind denn die Leute alle verrückt
geworden im Kopf« schrie er »Was für ein Kukuk ist ihnen in den Leib gefahren
Das kann so nicht gehen dabei kann kein Ehrenmann länger bestehen Es muss im
Dorfe andere Ordnung werden Das ist schändliche Ordnung«
Der Gemeindsvorsteher Brenzel sagte »Wenn das Unwesen so fortgeht muss ich
die Wirtschaft aufgeben Aber ich merk es wohl das ist ein infames Komplott
gegen mich Man will mich zu Grunde richten Aber ehe das geschieht soll das
Dorf zu Grunde gehen Wenn ich nur dahinter kommen könnte wer diese Teufelei
angerichtet hat«
Sogar dem Herrn Pfarrer war die Sache aufgefallen Er rechnete nach und
fand dass die Änderung so vieler Menschen angefangen hatte seit dem Sonntag da
er eine sehr lange Predigt über die christliche Wiedergeburt durch den Glauben
gehalten hatte Er meinte damit habe er Alles ausgerichtet und sagte es auch
Nun aber verfolgten ihn seit einiger Zeit die Gemeindsvorsteher wo sie konnten
und die Wirte spielten ihm allerlei böse Streiche hinterrücks und gingen fast
gar nicht mehr zur Kirche
Der Adlerwirt um sein saures Bier anzubringen verkaufte es um halben
Preis er schwefelte seinen Wein und machte ihn süß und bezahlte alle Sonntage
Spielleute die mussten lustig aufspielen Aber von den zweiunddreissig
Hausvätern ihren Söhnen und Töchtern kam Niemand
Der Löwenwirt suchte gleichfalls seine Kunden wieder an sich zu locken
tat freundlich schenkte Manchem umsonst ein und fragte »Warum kommst du gar
nicht mehr trinken« Sie antworteten »Wir haben kein Geld« Dann rief er
»Ei Dummheit Ihr wisst ja ich bin nicht so streng und borge schon Ihr seid
mir lange gut genug« Aber die Leute kamen doch nicht
Da geriet der grimmige Löwe in Wut und sprach »Wenn ihr mir s so macht
will ich euch die Faust auch zeigen Ihr sollt an den Löwenwirt Brenzel glauben
lernen«
15 Die Schuldbücher werden aufgetan Die Sparkasse und die Garküche
Nun schlich bald der Eine bald der Andere von den armen Leuten die zu dem
Goldmacherbund gehörten in das Haus des Schulmeisters und klagte seine Not
und sprach »Siehe Oswald meine Gelübde so schwer sie sind halte ich sie
doch pünktlich Nun ists ein halbes Jahr ich bete und arbeite Nun ists ein
halbes Jahr ich spiele saufe und zanke nicht mehr Mein Haus ist schön
säuberlich Weib und Kind gehen reinlich Keiner kann über mich klagen Aber die
Ortsvorsteher plagen mich auf allerlei Weise Ich bin dem und diesem von ihnen
schuldig Nun drohen sie mich aus meinem Hause zu treiben wenn ich ihnen nicht
zahle oder nicht bei ihnen trinke Hilf mir Oswald sonst kann ich das Gelübde
nicht halten In sechs und einem halben Jahre habe ich Geld vollauf strecke mir
eine Summe vor ich will sie dir dann wieder zahlen«
Oswald antwortete »Das vierte Gelübde heißt Beten arbeiten keine
Schulden mehr machen Ich darf dir also kein Geld borgen Aber lass sehen wem
und wie viel du schuldig bist dann wollen wir nachdenken wie aus der Not
kommen«
So sprach er nahm eine Schreibfeder und Papier setzte sich hin und schrieb
das auf was man ihm antwortete wenn er fragte Er fragte aber Jeden einzeln
»Wem bist du schuldig Wie viel und mit welchem Zins Wofür hast du die Schuld
gemacht und hast du Unterpfand gegeben«
Nachdem er die ganze Schuldsumme des Mannes kannte fragte er wieder »Womit
willst Du bezahlen Wie viel kannst du oder können Weib und Kind in der Woche
mit Taglohn verdienen Wie viel Land und Vieh hast du und was kannst du wohl in
mittleren Jahren von dem verkaufen was du ärntest Wie ernährst du dich mit den
Deinigen Was brauchst du zur Nahrung in einer Woche in einem Tag Wie steht es
mit den Kleidern und Wäsche und Gerät Was muss angeschafft werden und wo kann
man ohne Schaden sparen«
Das alles schrieb Oswald von Jedem sorgfältig auf Nun kam die lüderliche
Haushaltungsordnung erst recht ans Tageslicht Denn Mancher wusste nicht einmal
genau wie viel er schuldig war und hatte nichts aufgezeichnet Da musste man
sich erst bei den Gläubigern erkundigen Mancher war drei vier fünf Zinse zu
bezahlen rückständig Da musste man erst für diese sorgen Mancher musste an
Gemeindsvorsteher von denen er in der Not Geld entliehen hatte acht auch
zwölf vom Hundert verzinsen Da musste Oswald in die Stadt gehen an drei und
vier Prozent Geld aufnehmen und gut dafür sprechen damit die Wucherer bezahlt
wurden und nicht mehr durch Wucher einen armen Mann zu Grunde richten konnten
Mancher hatte wohl gar mehr Schulden als Vermögen Da war schwer helfen Doch
sprach Oswald Allen Mut ein und sagte »Sparen und arbeiten soll euch mit
Gottes Hilfe schuldenfrei machen Folget nur in allen Dingen meinem Rat«
Nun erst sah er von diesen Leuten wie schlecht sie gehauset hatten und
dies tat den Leuten nun selbst in der Seele weh Nun erst erfuhr Jeder was er
nach Abzug aller Schulden von seinem Vermögen als wahres Eigentum betrachten
könne Das war oft blutwenig und ihnen schauderte die Haut vor Angst und
Entsetzen darüber Nun wollten Alle sparen Alle arbeiten Aber wie sollten sie
es anfangen
Oswald hatte unbeschreiblich viel Mühe Aber die Mühe machte ihm Freude
weil er ein wahrer Menschenfreund war Er machte Jedem ein Haus und
Schuldenbüchlein worin Jeder den Zustand seines Vermögens deutlich sah Dann
ging er wieder in die Stadt und suchte für Kinder und Erwachsene Arbeit von
allerlei Art Das gelang ihm nach und nach Und was so mit Taglöhnen verdient
wurde das musste wöchentlich aufgeschrieben und aufgespart werden Einige gaben
das Geld dem Oswald in Verwahrung Andere gaben es ihm wöchentlich um damit
nach und nach ein für sie aufgenommenes Kapital abzutragen
Als dies Mehrere taten und Oswald am Ende hundert und mehr Gulden
beisammenliegen sah dachte er »Wozu soll dies Geld da tot und ohne Nutzen
liegen Wenn es jährlich Zins trüge hilfe es den armen Leuten ohne ihre Mühe
schon wieder zu einem kleine Gewinn und verminderte die Schuld«
Also machte er sich ein Buch und schrieb hinein was Jeder wöchentlich von
seinem Verdienst in die Ersparnisskasse zurücklegte Dann ging er in die Stadt
und beredete einen rechtschaffenen Herrn dass er monatlich das ersparte Geld
wären es auch nur zehn oder zwanzig Gulden annehmen und auf Zins austun wolle
Es wäre zum Besten armer sparsamer Leute Der Herr welcher ein reicher
Kaufmann war und gern das Gute beförderte nahm das Geld und tat es an Zins
und wenn am Ende des Jahren die Zinsen einkamen tat er sie wieder als ein
kleines Kapital aus also dass die Zinsen wieder Zinsen eintragen mussten Oswald
aber schrieb in sein Ersparnisskassenbuch zu Hause immer auf wie viel jeder von
seinen Leuten an den Zinsen Anteil habe
Es war aber ein großes Glück dass die Leute und ihre Kinder da sie Arbeit
bekamen auch arbeiten konnten und fast nie krank wurden Das war sonst nicht
so Denn wenn sie sich ehemals am Sonntage vollgesoffen hatten waren sie am
Montage nicht zum Arbeiten aufgelegt und hatten Kopfweh und Übelkeit Und weil
sie sich insgesamt oft kämmten wuschen und gar reinlich hielten waren sie
von allen Übeln und Krankheiten befreit welche die natürlichen Strafen und
Folgen der Unreinlichkeit sind
Wie nun Oswald den mit ihm Verbündeten erzählte dass er eine Ersparnisskasse
errichtet habe und dass das Geld welche sie ihm wöchentlich zum Aufbewahren
brächten Zinsen tragen müsse erstaunten sie gar sehr und freuten sich Und
Jeder sah im Buche nach wie viel Geld er schon zusammengebracht habe und wie
viel Zins er am Ende des Jahres dafür zu erwarte habe Anfangs hatten nur wenige
Haushaltungen dem Oswald ihr Geld gebracht Nun aber sagten es die Einen den
Andern Und wie Einer hörte der Andere habe schon fünfzehn zwanzig und dreißig
Gulden und mehr zurückgelegt wurde er missvergnügt und wollte es auch so haben
und nahm sein weniges Geld und trug es auch zum Oswald und sprach »Ei Lieber
warum hast du mir nichts von der Ersparnisskasse gesagt Lege mein Geld das ich
wöchentlich entbehren kann auch hinein es sei viel oder wenig Denn wenn ich
es im Hause habe will es sich nicht vermehren sondern es schwindet immer Hat
man es so verbraucht man es wieder Drum besser aus den Augen aus dem Sinn
Kann ichs nicht so haben bei dir so kann ich noch lange nicht an Abzahlen
meiner Schulden denken«
So brachte nun Jeder alle Woche Etwas das er von seinem Verdienst erübrigen
konnte und Einer bemühte sich mehr als der Andere in die Ersparnisskasse zu
legen Einige wurden so begierig dass sie beinahe Weib und Kind hungern ließ
um desto mehr Geld zusammenzuscharren
Das verdross den Schulmeister und er hob an zu reden »Es ist wohl gut dass
ihr mäßig seid aber Weib und Kind müssen nicht hungern Wer wohlgenährt ist
der hat auch Kraft und Mut zu arbeiten Freilich manche Frau die auch wohl
im Felde arbeiten oder sonst Geld verdienen könnte muss jetzt zu Hause bleiben
und ihre Zeit beim Kochen verlieren Wäre für jede Haushaltung von selbst schon
Gekochtes da so würde man kein Holz kaufen und bezahlen oder es mit
Zeitverlust im Walde zusammenlesen müssen sondern man könnte vielleicht sogar
jährlich von dem Gabenholz das die Gemeinde gibt an Andere verkaufen und Geld
daraus lösen dabei wäre schön zu sparen Aber wir müssen das auf andere Weise
anfangen«
»Ihr wisst wir haben in teuren Zeiten elende Sparsuppen gegessen Warum
sparten wir damals da wir nichts hatten und nicht weit lieber jetzt wo etwas
zu sparen wäre Wir haben jetzt Erdäpfel Obst und Mehl und Brod und Fleisch
in wohlfeilerm Preis Wir können jetzt mit demselben Gelde wie in der teuren
Zeit bessere Kost haben und viel ersparen Wenn jetzt Einer für uns Alle kocht
ersparen viele Frauen Zeit und können auf andere Weise arbeiten und verdienen
Unter dreißig Kesseln und Häfen braucht es zwanzigmal mehr Holz an einem Tage
als unter einem einzigen Kessel für dreißig Haushaltungen Das begreift ihr
dabei ist Gewinn Aber wo für viele Menschen zusammen gekocht wird ist auch an
Salz und Schmalz und Zutat und Geschirr Ersparnis Lasst uns einen Versuch
machen«
So sprach Oswald Viele wollten Andere wollten nicht Oswald ging zum
Müller und beredete ihn die Sparsuppe zu kochen und dreimal wöchentlich
Fleisch dazu besonders zum Verkauf Diejenigen welche dazu einstanden sagten
wie viel Suppe und Fleisch sie täglich begehrten es waren ihrer zuerst
siebenzehn Haushaltungen
Nun musste der Reihe nach jede Haushaltung eine um die andere wenn der Tag
an sie kam das Holz zum Kochen und beim Kochen einen Aufwärter oder Gehülfen
geben Die Müllerin führte beim Kochen die Aufsicht Alle Tage war Abwechslung
in Suppe und Gemüse Wer kein Geld hatte konnte seine Portionen mit Mehl Obst
Gemüs und Erdäpfeln zahlen Das ward Keinem zu schwer Nur wer Fleisch nahm
zahlte Geld dafür Die Frau Müllerin verstand das Kochen Die andern
Bauernweiber und Mädchen wenn der Tag an sie kam da sie helfen mussten lernten
viel dabei was sie vorher nicht wussten
So geschah dass die zusammenstehenden Familien wozu auch der Schulmeister
und der Müller gehörten besser und nahrhafter aßen als andere Leute im Dorfe
und doch weit wohlfeiler Alle Tage Suppe und Gemüs dazu dreimal wöchentlich
Fleisch und Braten auf allerlei Art zugerichtet Wie dies die Andern sahen
dass es da keine Säutränke oder elende Sparsuppen gab und dass es noch für kranke
Personen und Genesende gesunde Nahrung nebenbei gab traten sie auch bei und
Viele die gar nicht zum Goldmacherbund gehörten Denn sie merkten bald dass da
viel an Holz Mühe und Zeit viel an Speisezutat erspart und Alles weit
wohlfeiler gemacht werden konnte
Es wurden für die Garküche der Müllerin endlich der Teilhaber zu viel
obgleich sie täglich mehrere Gehülfinnen erhielt Da legte der Adlerwirt zu
seinem Vorteil auch eine solche Küche an Aber alle die zum Goldmacherbund
gehörten blieben beim Müller Sie hatten die verständigsten Hausväter unter
sich ausgeschossen die mussten den Ankauf der Vorräte und deren Verwendung
beaufsichtigen Denn die Garküche sollte keinem Einzelnen zum Gewinn dienen
sondern Allen zum Vorteil gereichen
16 Wie sich die Wirtshäuser im Dorfe vermindern und was die alten Bauern dazu
sagen
In der Küche des Adlerwirts ging es anders zu Er kochte Sausuppe Davon wollte
Keiner essen So blieben seine Kunden weg weil sie nicht ihr teures Geld dafür
geben wollten Sie traten unter einander zusammen und wollten es machen wie
die Leute bei der Müllerin Aber es ging nicht weil keine Ordnung war und weil
Einer den Andern betrog Da lachte der Adlerwirt und freute sich dass es bei
Andern nicht besser ginge als bei ihm
Bei ihm ging es aber doch schlechter als bei Andern weil er ein
harterziger schlechter Mann war Er hatte viel Geld auf böse Weise
zusammengescharrt aber unrecht Gut gedeiht nicht Wenn in der teuren Zeit
Steuern und milde Gaben für die armen Leute nach Goldental gekommen waren
damit man Sparsuppen kochen und austeilen könne hatte er die Gemeindsvorsteher
beredet lieber das baare Geld an die armen Leute auszuzahlen Dann trat er mit
dem Löwenwirt zusammen und sie verkauften den armen Leuten Mehl und Brod in
ganz ungeheuerm Preise So kam das Geld alles wieder in ihren eigenen Sack
zurück Wenn Leute im Dorfe von ihrem Heu Vieh oder liegende Gütern aus Not
etwas öffentlich an die Steigerung bringen wollten so trat er mit dem
Löwenwirt und andern Vorstehern zusammen und sie machten Satz mit einander um
alles wohlfeil zu bekommen Sie boten erst kleine Summen und legten etwas zu
Dann trat einer nach dem Andern zurück und bot nicht mehr weil es zu viel und
die Ware zu schlecht sei So sagte Einer nach dem Andern Und weil man sie für
die verständigsten Männer hielt getraute sich kein Anderer mehr zu bieten So
bekamen sie die Sachen wohlfeil Wenn aber doch ein Anderer klug war und mehr
bieten wollte schreckte man ihn mit Drohworten zumal wenn ein solcher ihnen
schuldig war und sie sagten »Hast du Geld genug für so schlechte Ware und
willst du meinen Freund überbieten so verlange ich du sollst mir vorher deine
Schuld bezahlen«
So machte es der Adlerwirt Aber unrecht Gut gedeiht nicht Er war ein
stolzer und zornmütiger Mann und hatte beständig Händel und Prozesse vor
Gericht Sogar mit seinen Brüdern und Schwestern hatte er einen Rechtsstreit
gehabt weil er sie in der väterlichen Erbschaft durch Betrug und List bei der
Teilung sehr verkürzt hatte Viele Leute im Dorfe waren von ihm durch das
Prozessiren zu Grunde gerichtet worden
Überhaupt war die Streitsucht in Goldental eine Hauptursache von der
Verarmung des Dorfs gewesen Denn so lange die Leute noch im Wohlstand waren
wollten sie grosstun wer einen Prozess zu führen hatte meinte er habe etwas
Großes und Ehrenvolles weil Jedermann mit ihm davon sprach Dann kamen
arglistige Advokaten und hetzten noch mehr auf weil sie gern durch die Dummheit
und Prozesswut der Bauern Verdienst hatten Die prozesslustigen Leute waren dann
so sehr auf ihre Sache erpicht dass sie tausendmal schworen lieber Alles daran
zu setzen als nachzugeben Das gefiel den Advokaten sehr wohl Da wurden die
Prozesse durch allerlei Kunst in die Länge gezogen Jahr ein Jahr aus da wurde
replizirt triplizirt appellirt und den einfältigen Leuten das Geld aus dem
Sack herausgeführt bis der Handel zehnmal mehr gekostet als er wert war Wer
dann verlor schimpfte über Parteilichkeit der Richter und sog an den
Hungerpfoten Die Advokaten aber aßen Braten
Seit Oswald ins Dorf gekommen hatte er viele Leute vom Prozessiren
abgehalten Denn wenn ihn Einer um Rat befragte richtete er es immer so ein
dass die Sache in der Güte abgetan wurde Und er redete und sprach »Einst
fanden zween Hunde die sich auf einem schmalen Steg über dem Wasser begegneten
ein Stück Fleisch auf dem Brücklein Und sie gerieten in Streit wem es
gehöre« Ein dritter Hund der das Fleisch auch gern gehabt hätte kam dazu und
sagte bald diesem bald jenem ins Ohr »Gib nicht nach Es gehört dir von
Rechtswegen allein« Also fingen die Beiden an sich zu raufen und zu beißen
bis Beide in der Balgerei hinab ins tiefe Wasser fielen Dann ging der Dritte
gemächlich zum Fleisch und frass es und sah zu wie die Andern schwammen So geht
es den streitführenden Parteien in Prozessen
»Rechtaberei kostet viel Geld und bringt Spott und Schande nach Wer einen
Prozess anhebt hat schon die Hälfte von dem verloren was er gewinnen will
Boshafte Advokaten sind wie die zwei Schneiden einer Scheere sie vereinigen
sich um das zu trennen was man zwischen beide legt Wenn du am Ende Alles
gewinnst hast du doch mehr verloren als dir ersetzt werden kann Zeit und
Arbeit wohl gar an der Gesundheit Schaden genommen durch Verdruss und Ärger
Furcht Sorge und schlaflose Nächte«
So sprach Oswald Der Adlerwirt aber fragte ihn nie sondern hatte fast
alle Jahre einen neuen Prozess Die vielen Unkosten und Geschenke an Advokaten
und Schreiber die vielen Läufe und Gänge und Reisen brachten ihn nach und nach
um das Seinige Als er nun einen Streit gegen eine benachbarte Gemeinde verlor
den er mit derselben wegen einer alten Eiche geführt hatte von der er
behauptete sie stände auf seinem Lande und gehöre nicht der Gemeinde so kam er
in große Not Denn die Eiche hatte ihn über tausend Gulden gekostet und er
wusste nicht woher das Geld nehmen weil er mehr auf Haus und Land schuldig war
als man glaubte Und da er überall Geld aufnehmen wollte und nichts erhielt
gerieten die in Sorgen denen er schon schuldig war Und sie begehrten zurück
was sie ihm geborgt hatten Also blieb ihm nichts übrig als all sein Gut den
Gläubigern heimzuschlagen Er musste Haus und Hof verkaufen Das war die Folge
seiner Prozesssucht
Weil er seine Felder schlecht besorgt hatte gingen sie in mäßigen Preisen
ab Da die Leute nicht mehr häufig ins Wirtshaus gingen weil sie entweder kein
Geld hatten oder keins versaufen wollten brachte auch die
Wirtshausgerechtigkeit nicht viel ein Der Käufer des Hauses als er sah dass
Niemand bei ihm einkehren und Geld verzehren wollte stellte das Wirten ganz
ein So blieb nur der Löwenwirt noch Meister denn die andern Wirte und Bier
und Weinschenken hatten gar nichts mehr zu verdienen und die Wirtschaft schon
früher aufgegeben
Einige alte Bauern schüttelten den Kopf und sprachen »Es ist doch böse Zeit
und wir sehen wohl unser armes Dorf geht gänzlich zu Grunde Vorzeiten hatten
drei Wirte und noch einige Bier und Weinschenken bei uns vollauf zu tun
jetzt ist kaum Nahrung für einen einzigen vorhanden Wohl ist das eine Schande
für unser Goldental und ein Beweis wie schlecht es bei uns steht«
Oswald aber sprach zu ihnen und sagte »Mit nichten ihr guten Leute
sondern nun habe ich Hoffnung dass es bei uns bald besser gehen werde Ich bin
viel in der Welt umhergereiset und habe viele Dörfer gesehen Wo die meisten
Wirtshäuser waren da habe ich immer die meiste Armut gefunden Und wo kein
Wirtshaus war als etwa Reisende zu beherbergen da sah man einen gewissen
Wohlstand in den Häusern Die Wirte hängen nicht umsonst in ihre Schilde das
Bild eines Raubtieres aus Löwen und Adler Bären und Falken die Tiere
leben von Gut und Blut der Gemeinde Sie hängen ein goldenes Kreuz aus weil sie
Gold haben wollen und den Leuten Kreuz und Kummer dafür lassen Sie hängen
einen goldenen Engel aus aber es ist ein böser Engel der Rekruten wirbt für
das Zucht und Armenhaus und Gefängnis
Wir haben im Dorfe nur noch ein Wirtshaus aber nur zu viel daran Stände
es nicht da ständen die Nachbarshäuser besser Wer am Wirtstische die
Spielkarten nicht braucht kauft sich eine Bibel und Gotteswort ins Haus Wer
nicht bei den Zechern um teures Geld Kopfweh kauft freut sich daheim bei Weib
und Kind unentgeldlich Wer dem Wirt kein Geld zahlt behält es im Sack Es ist
mehr Ehre im eigenen Keller eine Flasche Wein als im Wirtskeller ein ganzes
Fass voll zu haben«
So redete Oswald und die alten Bauern nickten mit dem Kopf denn sie
merkten wohl er habe nicht Unrecht Aber der Löwenwirt wollte bersten vor
Zorn zumal da er hörte dass Oswald den goldenen Löwen ein Raubtier geheißen
hatte Und er würde dem Oswald gern einen Prozess angehängt haben wenn es
möglich gewesen wäre Aber der Schulmeister war klug nahm sich in Acht und ging
dem grimmigen Löwen überall aus dem Wege und ließ denselben brüllen und
schmähen
17 Vom Blitzstrahle im Pfarrhause und dem neuen Herrn Pfarrer
Zu dieser Zeit war in einer Nacht ein erschreckliches Gewitter Der ganze Himmel
stand in Flammen Der Donner rollte dass die Häuser bebten und die Fenster
klirrten Wenn die Bauern das ganze Jahr ruchlos blieben so beteten sie doch
allemal beim Gewitter recht laut und bereuten ihre Sünden von ganzem Herzen so
lange bis das Wetter vorüber war Dann lebten sie wieder wie vorhin
Plötzlich fuhr mit entsetzlichem Krachen und Prasseln der Blitz ins Dorf Er
fiel wie ein Feuermeer auf das Pfarrhaus doch zum Glück zündete er nicht und
beschädigte Niemanden Aber am folgenden Morgen sah man wie der Blitz das ganze
Dach zerschmettert hatte und der alte Herr Pfarrer war vom Schrecken so hart
befallen worden dass er nach wenigen Tagen starb
Da schimpften die Goldentaler auf die Regierung und sagten »Die Regierung
ist an dem ganzen Unglück Schuld Denn hätte sie nicht verboten beim
Hochgewitter mit der Glocke zu läuten so wäre das nicht geschehen Sonst hat
man doch das Wetter wenn es kam wegläuten können jetzt ist das verboten Die
großen Herren haben keine Religion mehr im Leibe Nun haben wir das Unglück«
So sprachen die Goldentaler
Oswald aber sagte »Wie denkt ihr doch in eurem Herzen so töricht und
sprechet mit eurem Munde so lästerlich Die Regierung hat den Blitz nicht auf
das Dach des Pfarrhauses gezogen sondern der metallene Knopf mit der eisernen
Wetterfahne hat es getan Denn es hat Gott in die Natur des Blitzes gelegt
immer dem Wasser oder den Metallen auf der Erde nachzugehen besonders den
metallenen Spitzen Das hat Gott getan auf dass der Mensch erkenne wie er sich
vor der Gewalt des Bljetzt verwahren könne Denn sobald der Blitz Metalle findet
an denen er bis in den Erdboden dringen kann ist er unschädlich«
So sprach Oswald und führte die Bauern auf das Dach des Pfarrhauses Da
sahen sie Alle in dem vergoldeten Knopf kleine eingeschmolzene Löcher und
sahen wie der Blitz den aufrechtstehenden Nägeln der Hohl und Eckziegel am
Dache nachgelaufen war bis unter das Dach zu einem Eisendraht an welchem man
vor der Haustür zu klingeln pflegte wenn man zum Herrn Pfarrer wollte Weil
nun der Blitz solch einen eisernen Weg zur Stunde gefunden war das übrige Haus
von ihm verschont worden und ein kalter Schlag geblieben wie die Bauern
sagten Er wäre aber hätte er jenes leitende Eisenzeug nicht gefunden wohl
leicht ein gar heißer Schlag geworden
Oswald sprach ferner »Weil die Kirchtürme hohe Spitzen tragen und viel
Eisenwerk im Innern geschieht es oft dass der Blitz sie trifft Und weil daher
schon mancher arme Mensch beim Gewitterläuten erschlagen worden ist hat die
hohe Obrigkeit das unnütze und abergläubige Läuten verboten«
So sprach Oswald und weil er merkte dass sich seit der Zeit viele Leute vor
dem Blitzstrahl mehr als vorher fürchteten tat es ihm leid Und er sprach
»Angst und Schrecken beim Gewitter sind ein Unglück das Gewitter selbst ist ein
Segen des barmherzigen Gottes für die Länder deren Lüfte er reinigen und deren
Boden er befruchten will Darum legt euren Kummer ab Gehet hin befestiget auf
dem Giebel eures Hauses eine eiserne Spitze eines Schuhes hoch knüpfet daran
einen eisernen Draht nicht dicker als die Spule einer großen Schreibfeder der
muss über das Dach herab bis zur Erde gehen in eine feuchte Stelle So habet ihr
dem Blitz einen Weg gemacht auf dem er unschädlich zur Erde fährt wenn der
Draht ein einziges Stück ist von oben bis unten und ihr ihn sauber haltet von
allem Rost und Schmutz Ein Blitzableiter ist ein Furchtableiter und bewahrt
zugleich Haus und Dorf gegen ein mögliches Unglück und Feuersbrunst durch den
Strahl«
Also redete der Schulmeister und setzte auf sein eigenes Haus eine
Eisenspitze mit dem daran herabhängenden Draht denn Elsbeth fürchtete sich
stark bei Gewittern Der Müller hatte dergleichen schon längst in der Stadt
gesehen und tat es auch Viele Bauern folgten dem Beispiel nach denn es
kostete nicht viel und half doch zur Beruhigung
Andere aber nahmen in ihrer Dummheit daran großes Hindernis und sagten
»Heißt das nicht unserm Herrgott nach den Augen stechen und ihm Gesetze
vorschreiben Kann er nicht mit seinen Blitzen treffen wen er will Werden die
vielen Wetterstangen nicht die fruchtbringenden Gewitter verhindern und
schlechte Witterung machen«
Da antwortete der Schulmeister und sprach »Ihr Toren die Wetter Gottes
gehen über tausend Spitzen der Bäume des Waldes wie über kahle Ebenen und
seine Blitze befruchten den Erdboden sie mögen in den Wipfel der Eiche oder in
Eisenstäbe oder in Seen Flüsse und Meere fallen Aber der Herr gab uns
Einsicht auf dass wir uns bewahren sollen vor dem Schaden den die herrlichste
Sache am unrechten Ort stiftet Das Feuer ist mit Licht und Wärme wohl ein
herrliches Ding aber nicht wenn das Haus brennt Darum gab uns Gott das Wasser
zum Löschen des Feuers Brauchet ihr nun das Wasser zum Löschen des Feuers
warum traget ihr Bedenken das Eisen zum Löschen des Blitzes zu gebrauchen Es
ist kein Übel in der Welt Gott hat uns dagegen ein Mittel gegeben Aber der
Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen Wer nun in blinder Verstockteit
das Mittel verschmäht ist ein Verächter von Gottes teuersten Gaben und leidet
gerechte Strafe es sei dass sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers oder
dass sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde«
Viele glaubten an diese verständige Reden Andere aber die Blöden und
Hochmütigen verachteten solche Worte in ihrem Herzen und wollten nicht
zugeben dass es der Schulmeister besser verstehe als sie denn sie schämten
sich dumm zu sein und wollten ihrer Unverständigkeit das Ansehen der Klugheit
verleihen
Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarrers blieb nicht lange unbesetzt Der
neu erwählte Herr Pfarrer Roderich damals noch ein junger Mann von
siebenundzwanzig Jahren kam ins Dorf
»Ei« riefen einige Bauern »was soll uns dieser Knabe Wenn die Regierung
keinen Glauben mehr hat so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen und
einen würdigen Mann schicken der Jahre und Erfahrung hat« Andere sprachen
»Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode Gott sei es geklagt Wenn
er predigt spricht er so wie unsereins und man kann wahrhaftig alles begreifen
und behalten Das taugt nichts Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr
lernen Da muss man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten Das war ein
ganz anderer Mann Der predigte so schön und gründlich gelehrt dass ihn
unsereins nur nicht verstand und wenn er anderthalb Stunden auf der Kanzel war
Der wusste unsereins herzunehmen wenn er von der Hölle und ewigen Pein anfing
und von Busse und Glauben und wenn er das ganze Sündenregister hersagte Zumal
im Winter wenn es in der Kirche fror dass man hätte Ach und Weh schreien mögen
dann machte ers am längsten« Wieder Andere sagten »Ja der alte Herr selig
das war ein Mann Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar da war doch von
seiner großen breiten Gestalt etwas zu sehen Der neue Herr Pfarrer ist viel zu
schmal und dünn wie ein Zwirnfaden Ja und wenn der alte Herr selig einmal
eifern wollte hörte man ihn weit übers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der
Almende und den Leuten wenn sie aus der Kirche kamen klangen die Ohren zwei
Stunde hernach Der hatte eine Stimme Aber der neue Herr Pfarrer spricht so
als wäre er bei uns in der Stube«
So urteilten die Leute zu Goldental doch auch nicht alle
18 Noch etwas von dem neuen Pfarrer
Es gab auch Leute im Dorfe die sahen wohl dass der Pfarrer Roderich ein recht
frommer würdiger und gelehrter Mann war ungeachtet seiner Jugend ein Mann
nach dem Herzen Gottes Ja wenn man ihn lange beobachtete ward einem zu Mute
als wäre er mehr als ein gewöhnlicher Mensch und von wahrhaft himmlischer
Abkunft Denn er war leutselig und doch voll Ernstes er war demütig und
flößte doch in seiner Demut große Ehrfurcht ein Er schalt nie er zürnte nie
und war immerdar voll Sanftmut und Geduld und wenn er tadelte hörte man nur
die Stimme der Liebe die den Verirrten zurechtwies
Als er in Goldental angekommen war besuchte er alle Familien im Dorfe und
machte sich mit allen bekannt Nachher verging kein Tag dass er nicht bald in
dieses bald in jenes Haus ging Er verstand da die rechte Kunst Vertrauen zu
erwecken Immer wusste er guten Rat zu geben immer die Bekümmertem zu trösten
das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Versöhnung zu stiften
Gleichwie Christus der Herr ward auch er bei armen Leuten gesehen oder bei
denen die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres
Herzens bekannt waren
Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete war es ein wunderbares
Wesen Denn Jeder glaubte der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein
Jeder hörte gleichsam da die Geschichte seines eigenen Herzens das Geheimnis
seiner eigenen Fehler und die wahren Ursachen wie man zu denselben gekommen
und von Gott abgefallen sei und die Art und Weise wie man wieder zum
himmlischen Vater zurückkehren müsse Und dabei wies er immer auf Jesum Christum
und die Heiligen Gottes als die Vorbilder des Wandels zu Gott Das erweckte
dann in jedem Zuhörer großes Nachdenken weil Jeglicher meinte es sei nur von
ihm die Rede Und man vergaß die Jugend des Lehrers und seine zarte Gestalt
und die Mildigkeit seiner Stimme Denn seine Worte waren Himmelsworte die da an
das Herz drangen mit Süßigkeit und Entsetzen
Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte um ihre
Einrichtung kennen zu lernen machte die Reinlichkeit Stille und Ordnung der
Kinder wie sie kamen ihm große Freude Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel
und die ganze Schule niedersank zum Gebet rührte ihn der schöne Anblick der
betenden Jugend Und er kniete und beugte sich vor Gott und die hellen Tränen
flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen Und er blieb liegen als Oswald
geendet hatte und streckte die gefalteten Hände zum Himmel und sprach »Mein
Vater im Himmel höre auch mein Gebet und Seufzen Bleibe mit deiner Gnade
gegenwärtig diesen unschuldsvollen Kindern dass sie sich nie von dir verlieren
bleibe bis es bei ihnen Abend wird und du sie aus der Welt voll Prüfungen
hinwegrufst an dein Vaterherz Dann o dann Barmherziger vergib um Jesu willen
auch mir meine Sünden dass ich knien darf mit diesen verklärten Engeln um deinen
Thron und drüben keiner fehle von uns Und segne den Lehrer dieser frommen
Jugend segne sein Wort und Werk dass er mächtig bleibe durch deine Macht dein
Reich herrlich zu erweitern«
So sprach er dann stand er auf und sagte zu den Kindern »Liebe Kindlein
betet fleißig für diesen euren Lehrer dass ihn Gott euch erhalte denn wahrlich
dieser Mann ist euer Vater und ohne ihn wäret ihr trostlose verlassene arme
Waisen« Dies und anderes Schöne redete er und die Knaben und Mägdlein
schluchzten laut und hatten nun den Schulmeister noch viel lieber als sonst
denn sie bedachten er könne ihnen einst sterben Und viele falteten die Hände
und sahen still und stumm mit betenden Augen durch die fallenden Tränen gen
Himmel
Und als endlich die Morgenschule vollendet war ging der Herr Pfarrer zum
Schulmeister und umarmte ihn vor allen Kindern und drückte ihn an sein Herz und
sprach »O du frommer und gerechter Mann du säest Saaten die dir herrlich in
der Ewigkeit aufblühen lehre mich deinem Beispiele nachfolgen denn du hast
vieles getan und ich noch so wenig Und wenn ich je den Mut verlieren sollte
will ich herkommen und mich zu den Kindern setzen und will werden wie sie
hoffend glaubend liebend und mich durch den Anblick deines Beispiels und
deiner Beharrlichkeit stärken«
Das war ein rechter Feiertag für alle Kinder im Dorfe gewesen Sie hatten
zwar den Oswald und die Elsbeth schon vorher lieb gehabt von Herzen Nun sie
aber gesehen hatten wie große Ehrfurcht selbst der Herr Pfarrer ihren Lehrern
bewies betrachteten sie Oswalden und Elsbeten recht wie höhere Wesen und in
ihre Liebe mischte sich eine wunderbare Hochachtung
Pfarrer Roderich war kein halbes Jahr im Dorfe so war er schon der rechte
Hausfreund und Ratgeber der meisten Familien Von ihm kam allezeit die beste
Meinung der beste Trost Die Mühseligen und Beladenen fanden bei ihm
Erquickung In den Hütten sprach er als ein irdischer Freund Sonntags aber ward
den Leuten immer zu Mut als sei der liebe heilige Mann gestorben und er rede
in der Kirche als ein Verklärter der aus den Himmeln gekommen oben herab und
wolle sie nachziehe in das EwiglichSchöne
Und er tat den Armen viel Gutes man wusste es nur kaum so bescheiden tat
er das Gute Und wo Kranke waren fehlte er nicht Er hatte in seinem Hause eine
kleine Apotheke von einfachen Hausmitteln Daraus half er oft Er las gern die
Schriften der Ärzte und wusste vieles zu heilen ohne große Kunst So ward er
nicht nur ein geistlicher sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen Das
brachte ihm großes Vertrauen und vielen Gehorsam Also tat er wie Christus der
Herr und seine Jünger und heilete die Kranken und predigte das Reich Gottes
Und so geschah dass er die unwissenden Leute von allerlei abergläubigen
sympatetischen und oft grundschädlichen Mitteln in Krankheiten abgewöhnte Sie
liefen nicht mehr zu den Kapuzinern um geweihte Zettel nicht mehr zu den
Henkern Scharfrichtern Wasserbeschauern und Quacksalbern Denn er forderte für
seine Mühe und Arznei kein Geld und half doch besser als zwei Pfuscher Wenn
aber eine Krankheit zu wichtig und schwer ward mussten die Leute sogleich auf
seinen Rat zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor in die Stadt senden
Anfänglich sträubten sich zwar viele dagegen und hatten mehr Zutrauen zu einem
alten Weibe oder einem verschmitzten Harngucker als zu einem rechtschaffenen
Mann der die Arzneikunst gründlich erlernt hatte oder sie liefen von einem
Doktor zum andern wenn die Arznei von dem einen nicht jählings half und
gebrauchten allerlei Mittel durch einander dass das Übel immer schlimmer werden
musste Der Herr Pfarrer aber wusste die Leute bald auf andern Sinn zu bringen
denn er musste es wohl besser verstehen da er selber im Heilen Erfahrung hatte
Das brachte ihm Vertrauen und Gehorsam
Er wusste auch sonst noch viele Dinge die man bei ihm nicht vermutete Er
war ein geschickter Bienenvater und wusste die Bienen aufs beste zu pflegen vor
Unfall zu hüten und ihnen gesunde Nahrung zu bereiten wenn es daran fehlen
wollte Er hatte seine Bienenstöcke aber nicht lange bei sich sondern
verschenkte sie an die ärmsten Haushaltungen und lehrte diese wie sie die
nützlichen Tiere besorgen mussten Nur behielt er sich vor wenn es neue
Schwärme gab sie aufzufangen und denen zu geben die noch keine besaßen bis
fast alle Familien mit Bienen versehen waren Und weil er die Sache meisterlich
verstand gedieh sie bei Allen Da ward viel Honig und Wachs zur Stadt getragen
und schönes Geld dafür heimgenommen Und mit der Zeit ist Goldental im ganzen
Lande berühmt geworden durch seinen Bienenstand also dass aus entlegenen
Ortschaften die Käufer kamen und den Preis des Wachses und Honigs im Dorfe
steigerten weil jeder den Goldentaler Honig pries Und sie hatten Heerden für
die sie kein Land und Futter gebrauchten sondern die auf ihren zarten Flügeln
über Felder und Wälder schwärmten und ihren Besitzern Gold ins Haus trugen
Und wie der Herr Pfarrer diese und andere löbliche Einrichtungen in den
Häusern machte so machte er auch dergleichen in der Kirche Hier aber hielt es
fast schwer besonders bei den alten Leuten die sehr hartnäckig am Alten
hingen Wenn die Gemeinde in der Kirche sang war es ein gewaltiges
Durcheinanderschreien ohne Lieblichkeit und Wohllaut Jeder schrie aus
Leibeskräften um die Wette mit dem Nachbar als sollten die Fenster springen und
die Gewölbe des Tempels zerbersten Die Leute wurden dabei zuweilen von der
Anstrengung kirschbraun im Gesicht
Schon Oswald hatte gegen dieses andachtlose Zetergeschrei viel geredet aber
er redete in den Wind und hatte das Ansehen nicht Darum ließ er die älteren
Leute gehen und hielt es mit den jüngeren und Kindern Die lehrte er feinen
lieblichen Gesang vierstimmig dass es recht erbaulich und rührend anzuhören
war Die Bauern und ihre Weiber hörten recht gern zu doch sie meinten das sei
wohl gut in der Schule aber nicht in der Kirche und ließ es beim alten
Geschrei bewenden
Da griff es der Herr Pfarrer anders an Ob er gleich die alten Lieder in
Ehren hielt teilte er doch als Anhang zu den alten Liedern in den
Haushaltungen ein kleines Büchlein mit das enthielt allerlei schöne Gebete in
Versen für solche Fälle die in den alten Liedern fehlen mochten Und dies
Büchlein war dasselbe was die Kinder schon längst in der Schule gehabt und
gesungen hatten Das war den Alten schon recht denn es kostete sie nichts
Nachdem manche Woche und mancher Monat vergangen war hielt eines Sonntags
der Herr Pfarrer eine bewegliche Predigt über den Nutzen der Feierlichkeit beim
öffentlichen Gottesdienst Und er sprach von König Davids heiligem Harfenspiel
und vom Halleluja der Engel am Throne Gottes Und jeder Bauer verspürte dass er
bisher nicht mit gehöriger Andacht gesungen habe wie die Engel Gottes singen
Dann sagte der Herr Pfarrer zuletzt »Der Heiland hat gesprochen lasset die
Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht Also wollen wir auch unsern
Söhnen und Töchtern nicht wehren zum Heiland zu kommen Und alle Sonntage
sollen sie zuerst ehe wir singen einen Satz aus dem Anhang singen zu unserer
Herzenserweckung künftigen Sonntag das erste Mal«
So sprach er Und am nächsten Sonntage war die Kirche gedrängt voll und an
den schwarzen Tafeln der Kirchtüren stand erst ein Vers aus dem Anhang dann
ein altes Lied angezeichnet Die Leute hatten von selbst das Anhangbüchlein
mitgebracht Und es scholl der Gesang der Jugend wie sanfter Engelgesang durch
die Kirchengewölbe Es wurden viele Leuten vor Rührung die Augen feucht die
Herzen warm Manche von den Alten sumseten leise und heimlich das schöne Lied
nach Dann ward von der ganzen Gemeinde das alte Lied gesungen Der Herr Pfarrer
sprach aber zuvor »Ihr Männer lieben Brüder und ihr christlichen Frauen
vergesset nicht dass unser Gott allgegenwärtig ist und er euch hört ob ihr
gleich vor ihm sanft singet wie Harfen Davids« So sprach er Die Gemeinde
sang und so sanft dass man die schönen vierstimmigen Töne der jungen Leute hell
und deutlich dazwischen hörte Das klang wunderlieblich Und wenn ein altes Weib
einmal allzulaut hineinkreischte stieß sie der Nachbar an sie solle die
Andacht nicht stören
So ging es manchen Sonntag Und jeden Sonntag mischten mehrere von den Alten
ihre Stimmen zu dem Gesang der Jugend denn er gefiel ihnen wohl Zuletzt sang
die gesammte Gemeinde leise mit sogar der Herr Pfarrer Oft geschah dass man
bloß aus dem Anhang singen musste
Wenn Fremde aus der Stadt oder aus benachbarten Dörfern einmal von Ungefähr
in die Goldentaler Kirche kamen und dem Gottesdienste beiwohnten ward ihnen
wundersam zu Mut Und sie waren andächtiger hier als anderswo Und im ganzen
Lande redeten sie davon
19 Glück führt oft zur UnglücksSchwelle Unglück oft zur GlücksQuelle
In denselben Tagen aber begab sich ein großes Unglück im benachbarten Dorfe
Ferkelhausen wo am hellen Tage eine Feuersbrunst ausbrach während die Leute
dort auf dem Felde gearbeitet hatten Zwar aus Goldental wie aus andern
naheliegenden Ortschaften war man sogleich zur Hilfe dahin geeilt Allein
binnen wenigen Stunde lagen sechs Wohnhäuser von den Flammen in Schutt und Asche
verwandelt und einige Stücke Viehs blieben in den Ställen lebendig verbrannt
Solches Unheil war durch Unvorsichtigkeit von Kindern gestiftet worden die in
einem der Häuser zurückgelassen worden waren als sich die Erwachsenen zur
Arbeit auf ihre Aecker und Wiesen begeben hatten Die Kinder hatten in der Küche
mit der Kohlenglut auf dem Herde gespielt Ein Unglück kommt selten allein
sagt man Und diesmal wars der Fall
Als Abends die Goldentaler vom Löschen heimkamen sahen sie vor der
Haustür des Adlerwirts Kreidenmann einen Haufen Weiber Knechte Mägde
versammelt Einige trockneten sich die Tränen vom Auge Andere seufzten
mitleidig Alle standen ernst und niedergeschlagen da Aus dem Hause aber
erschollen Stimmen lauten Jammers und Wehklagens Denn das jüngste vierjährige
Töchterlein hatte auf entsetzliche Weise sein junges Leben eingebüßt Es war
hinter dem Hause beim Stalle in die Mistjauche gefallen und elendiglich in
der stinkenden Pfütze ertrunken Jedermann hatte das Kind lieb gehabt denn es
war artig und hübsch wie ein kleiner Engel gewesen Darum sah man überall so
großes Herzeleid
Als Herr Pfarrer Roderich zwei Tage nachher beim Begräbnis des Mägdleins
rührende Worte des Trostes gesprochen hatte begab er sich zu seinem Freunde
Oswald und sagte »Lieber Freund gute Worte sind allerdings löblich aber gute
Taten viel löblicher Es ist besser Unglück verhüten als darüber trösten Es
ist unverantwortlich dass Leute zur Feldarbeit gehen und ihre unmündigen Kleinen
ohne Aufsicht zu Hause sich selbst überlassen Es ist unverantwortlich weil
unverständig gegen alle Aelternpflichten gesündigt und gefahrvoll für sie
selbst und Andre Warum richtet man bei uns kein Bewahrhaus der Unmündigen ein
keine sogenannte Kleinkinderschule wie man in vielen Städten und Ortschaften
hat Das ist ja gar nicht kostspielig erspart den Eltern Angst und Sorge wenn
sie um Geld zu verdienen von Hause sich entfernen müssen und beugt manchem
Jammer und Elend vor«
Oswald schüttelte den Kopf Er gestand er habe von dergleichen
Bewahrhäusern oder Kleinkinderschulen nie gehört noch weniger solche gesehen
Dessen verwunderte sich der Herr Pfarrer sehr Er erteilte ihm darüber Auskunft
und sagte man gebe die Kinder welche noch nicht alt genug wären die Schulen zu
besuchen der Aufsicht einer verständigen Frau Diese hüte und besorge die
Kleinen den ganzen Tag über während die Eltern außer Hauses in der Arbeit
wären spiele mit ihnen in der Stube oder bei gutem Wetter im Freien gewöhne
sie zur Reinlichkeit und zum Gehorsam lehre sie im Spielen mancherlei
Nützliches und gebe ihnen zu essen was man Morgens für sie geschickt hätte
Es hörte Oswald die Worte des Pfarrers mit großer Aufmerksamkeit schüttelte
dann aber mit bedenklicher Miene den Kopf und sprach »Die Bauern hier zu Lande
sind noch etwas rohes Volk Viele Eltern sind gewissenlose Menschen die sich
um ihre Schweine Ziegen und Kühe weit mehr als um ihre eignen armen Kinder
bekümmern Ich fürchte sie würden wenn sie ihre Kleinen anderswo aufgehoben
wissen ihre Aelternpflicht noch mehr vergessen lernen Dann aber glaub ich
auch taugt es nicht dass man die kleinen Geschöpfe ehe sie das sechste Jahr
zurückgelegt haben schon zum Lernen anhalte Es ist zu früh Man muss in so
zartem Alter vor allen Dingen nur für Pflege ihrer Gesundheit und für Stärkung
ihrer schwachen Kräfte Sorge tragen«
Der Herr Pfarrer konnte diesen Einwürfen des vorsichtigen
GemeindeVorstehers nicht ganz unrecht geben doch tat er die Gegenfrage Ob
sich denn die Eltern von ihrem Pflichtgefühl und ihren Kindern wohl mehr
entwöhnten wenn sie diese statt ohne alle Aufsicht den ganzen Tag unter guter
Obhut und Aufsicht ließ Und fügte er hinzu auch ist keine Rede davon dass
die jungen Geschöpfe dort schon Lesen Schreiben Rechnen lernen oder was sonst
in der Schule gelehrt wird sondern sie sollen beim Spielen nur allerlei Dinge
erfahren nennen und kennen lernen die auch ihrer zarten Jugend nützlich sind
und neben Übung ihrer geringen Leibeskräfte auch zur Vorübung ihrer
Verstandeskräfte dienen können Dazu führte der würdige Pfarrer manche Beispiele
aus Bewahrhäusern an die er selber gesehen und bewies die Wohltat solcher
Anstalten so sonnenklar und deutlich dass Oswald ihm endlich ganz überzeugt Hand
und Wort darauf gab der Plan müsse ausgeführt werden
Und von Stund an überlegte und sann Oswald wie die Sache am besten
anzustellen sei Er besprach sich mit dem braven Schullehrer Johannes Heiter
der neulich geheiratet hatte und dessen junge Frau geneigt schien unter
Elsbets und ihres Mannes Rat und Beistand die Aufsicht zu übernehmen Er
sprach mit dem Adlerwirt Kreidemann der in seinem Hause einen großen Saal
besaß welcher allsonntäglich sonst mit Trinkern und Karten und Würfelspielern
gefüllt war jetzt aber leer stand dazu befand sich auch hinter dessen Hause
ein geräumiger Baumgarten der zum Tummelplatz für Kinder dienen konnte Er
sprach mit den Beisitzern des Gemeinderats mit den zweiunddreissig geheimen
Bundesgenossen und vielen Andern im Dorfe Er nicht allein sondern überall war
ihm auch der tätige Seelsorger in der Gemeinde mit Rat und Tat und Zuspruch
zur Hilfe
Nachdem nun Alles und Jedes bedächtig eingeleitet und vorbereitet war trat
Oswald an einem SonntagNachmittag vor der versammelten Gemeinde auf redete und
sprach »Ihr Männer liebe Mitbürger vor wenigen Wochen haben die Rauchsäulen
und Feuerflammen von Ferkelhausen uns schreckhaft gewarnt junge Kinder welche
noch nicht zur Schule geschickt werden können tagelang ohne Beaufsichtigung zu
lassen Gedenket des grässlichen Todes welchen das Töchterlein eines unserer
Mitbürger sterben musste als es im unbedeckten Jauchebehälter ertrank Viele
andere ähnliche Unglücksfälle könnten angeführt werden und können wohl gar Euch
selbst noch bevorstehen Ich habe gelesen wie eine Frau die um einige Stunden
außer dem Hause zu arbeiten ihr zweijähriges Kind in der Wiege festband und in
Kot und Unflat liegen und schreien ließ bis es einschlief Als aber die
Rabenmutter zurückkam stürzte ihr durch die Stubentür des Nachbars Schwein
entgegen Sie fand die Wiege blutig das arme Kind tot darin und halb
aufgefressen
Deshalb lasst uns tun um ähnliches Unglück zu vermeiden wie anderer Orten
geschieht Da schicken die Leute welche bei ihren Geschäften im Hause oder im
Felde oder in den Fabriken nicht selber auf die Kinder Acht haben können
dieselben zu einer verständigen Person im Dorfe Die gibt ihnen die Nahrung
welche von den Eltern mitgeschickt worden ist Die hütet und bewacht die
unruhigen Kleinen hegt und pflegt sie spielt mit ihnen und hält sie
säuberlich bis der Abend kommt«
Oswald schilderte das Alles ausführlich also dass der Vorschlag Vielen
einleuchtete Besonders waren sämtliche Bauern in dem Punkt wohl zufrieden
damit dass es ihnen gar nichts kosten solle außer was sie den Kindern jeden Tag
zum Essen mitgeben würden Denn der Adlerwirt sei bereit um billigen Zins
seinen großen Saal und den Baumgarten herzuleihen und die junge Frau des
Schulmeisters Heiter willig um mäßigen Lohn die Aufsicht zu übernehmen Zins
und Lohn werden aus der Gemeindekasse und Beiträgen einiger hablichen Leute
bestritten werden Man solle es doch nur wenigstens auf einen Versuch ankommen
lassen
Auch der Herr Pfarrer sprach dann sein lehrreiches und frommes Wort dazu
dass man die Kindlein mit welchen Gott die Eltern gesegnet und erfreut habe
nicht schon von der Wiege an wie unvernünftige Tiere in Kot und Unflat
solle verwildern sondern frühzeitig an Zucht und Gehorsam Liebe und
Gottesfurcht gewöhnen lassen Darum habe schon Christus der Herr gerufen
»Lasst die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht«
Nach diesen Reden zu denen auch einige andere verständige Männer ihren
Beifall vernehmen ließ und sagten man lässt ja Pferde Ochsen und Schafe
hüten dass sie nicht Schaden nehmen und Schaden stiften warum denn nicht unsre
armen lieben Kinder willigten die Versammelten in den Vorschlag ein doch blieb
jedem überlassen wer Lust dazu habe sich für seine Kleinen beim Schulmeister
Heiter zu melden und einschreiben zu lassen
In den ersten Wochen war die Anzahl der Unmündigen gering welche man dieser
neuen Anstalt anvertraute Allein das Beispiel der Einen zog bald die Andern
nach zumal da selbst bemittelte Haushaltungen keinen Anstand nahmen ihre
Allerjüngsten dahin zu geben Frau Heiter war sogar endlich genötigt
Gehülfinnen anzunehmen die sich freiwillig dazu erboten und abwechselnd
Beistand leisteten Auch Elsbeth und Oswald zeigten sich dabei sehr tätig bis
Alles im rechten Gang war nicht minder der gute Pfarrer und mancher
rechtschaffene Hausvater im Dorfe Anfangs liefen viele Mütter neugierig dahin
das fröhliche Leben in der Bewahrschule zu schauen und sie konnten die artige
Einrichtung nicht laut genug loben und rühmen
Aber es war recht lustig das muntere Getümmel und Treiben der Heerde von
Kindern zu sehen wie die Einen mit einander spielten die Andern beisammen
plauderten Andre umherhüpften und tanzten Andre zankten Andre schliefen
Andre aßen Andre um die Aufseherin standen kleine Geschichten zu hören die
sie ganz kindlich erzählte
Gab dann die junge Frau Heiter mit einem Glöckchen das Zeichen ward Alles
still Mädchen und Bübchen nahmen durch einander auf niedrigen langen Bänken
ihren Sitz Dann zeigte ihnen ein Lehrer oder die Lehrerin allerlei Dinge vor
einen Vogel im Käfig ein Kleidungsstück eine Kugel einen Degen eine
Feldfrucht und dergleichen und fragte um den Namen solcher Dinge oder sprach
den Namen vor und alle sprachen ihn nach So lernten sie vielerlei Sachen
kennen und nennen das heißt sie lernten reden Auch hörten sie gern wozu man
dies und das gebrauche wozu es nützen oder schaden könne und wovon es
verfertigt sei
Recht erbaulich war es zum Beispiel mit anzuhören wenn sich während die
Kleinern Spiele machten die Grössern um die Lehrerin stellten diese dann einen
Bogen Papier in die Höhe hielt und fragte wo das Papier wachse und Alle gar
altklug über die Frage lachten und riefen »Nein Papier wächst nicht auf den
Aeckern es wird von Menschen gemacht« Dann aber ward ein Lumpen von Linnenzeug
vorgewiesen und erzählt wie daraus auf der Papiermühle Papier bereitet werde
dann wie Flachs und Hanf auf den Aeckern wachse gebrecht gehechelt gesponnen
und zu Leinwand gewoben und wenn diese verbraucht wäre zu Papier benutzt
würde Das unterhielt und belustigte die wissbegierigen Kleinen sehr sie bekamen
dabei noch allerlei zu sehen wie Samen Pflanze Flachs Zwirn usw
Wars Wetter irgend leidlich trieb sich die jugendliche Horde lärmend
schwärmend singend springend im Garten umher oder ward in Reih und Glied
aufgestellt Soldaten zu spielen Die Schulmeisterin ward General machte
Hauptleute aus denen die schon bis 10 und 20 abzählen und anführen konnten
ließ sie marschiren links und rechts schwenken und mit ihren einzelnen Reihen
bald ein Dreieck bald ein Viereck bald einen Kreis usw bilden Das gab
immer Jubel und immer neuen Wechsel der Spiele Niemand war dabei besser mit
Rat und Tat zur Hand als der würdige Pfarrer
Seitdem ist in Goldental allezeit eine Bewahrschule der unmündigen Kleinen
beibehalten worden Schon nach Jahr und Tag gaben die Eltern gern einen
geringen Beitrag zum Wochenlohn der Lehrerinnen oder Abwärterinnen In
Ferkelhausen und andern benachbarten Dörfern folgte man dem Vorgang der
Goldentaler bald nach denn man sah wie dort die Kinder auch die ärmsten
viel reinlicher gehorsamer gesünder und verständiger wurden als anderswo
So musste das Unglück einer Feuersbrunst und eines ertrunkenen Mägdleins zum
großen Glück und Segen vieler Haushaltungen gereichen
20 Was man von den Goldentalern im Lande redet
In der Stadt und in den umliegenden Dörfern gab es über die Goldentaler
mancherlei Gespräch Diese Leute hatten bisher immer Lumpen geheißen waren als
Saufbrüder bekannt als lüderliche Vögel als Schuldenmacher denen man keinen
Heller anvertrauen mochte Nun war es gar sonderbar dass es bei ihnen im Dorfe
gar nicht aussah wie bei armen Leuten Ihre Häuser waren sauber und reinlich
eben so Alles in schönster Ordnung auf der Gasse hinter den Häusern und in den
Gärten Es war bei ihnen artiger als in den reichsten Dörfern Man sah im
Sommer die Männer Weiber und Kinder schon früh Morgens auf den Feldern Da
trugen und streuten die Einen den Dünger Andere jäteten Unkraut aus Immer
hatten diese Leute etwas zu tun Und es war eine Lust sie arbeiten zu sehen
Es ging ihnen alles gar geläufig von der Hand Brauchte man in der Stadt
Taglöhner so fragte man am liebsten nach Goldentalern Gingen die Bürgerfrauen
zum Einkaufe auf den Markt so gingen sie am liebsten zu den Goldentalerinnen
Denn diese waren immer sehr nett in frischen weißen Hemden und reinlichen
Kleidern und sauberen Händen dass sie rechte Lust machten von ihrem Gemüs ihrem
Gespinnst und andern Waren zu kaufen
Die Goldentaler waren arm das wusste man wohl Aber sie verzinsten jedesmal
ihre Schulden richtig auf den Tag Und was gar außerordentlich war sie hatten
in der Stadt kleine Geldsummen an Zins ausgetan Das brachte den Leuten Kredit
und Glauben Wenn der Pfarrer Roderich und der Schulmeister Oswald für einen
Goldentaler gutsprachen lieh man lieber einem solchen als einem aus andern
Gemeinden Und man lieh das Kapital lieber um einen sehr mäßigen Zins aus weil
man vorher wusste dass es sicher stehe und richtig verzinset werde Das schaffte
den Goldentalern gar ansehnliche Vorteile Denn sie kündigten ihre Kapitalien
ab wo sie große Zinsen zu bezahlen hatten und nahmen da Geld auf wo sie es in
niedrigerem Zins erhielten
Man urteilte allerlei über das Dorf Man sagte wohl es sei da ein braver
Pfarrer ein sehr verständiger Schulmeister Allein Vielen war doch die Sache
ein Rätsel Denn ein Pfarrer und Schulmeister können doch auch nicht Alles und
jeder Pfarrer im Lande glaubte so klug zu sein oder auch noch klüger als die
Beiden in Goldental waren Das machte viel Kopfbrechens Die Bauern in der
Gegend sagten geradezu das Ding gehe nicht mit rechten Dingen zu Man hatte
etwas vom Oswald gehört und er könne Gold machen und lehre es in seinem Dorfe
Den und Diesen Und man neckte und höhnte die Goldentaler damit sie könnten
Gold machen
In der Tat war es auffallend dass die Goldentaler Dinge zu Markte
brachten man wusste nicht woher sie Alles hatten Ihr Gemüse ihr Obst ihr
Flachs ihr Hanf ihr Getreide Alles war gut Die Kinder handelten sogar mit
den schönsten Blumen und brachten solche in die Stadt Honigwaben ausgelassenen
Honig und Wachs hatten sie mehr als weit umher alle übrigen Dörfer zusammen
Man wusste sehr gut sie besaßen keine ansehnliche Viehheerden viele
Haushaltungen hatten etwa jede ein Paar Kühe und ein Paar Ziegen Demungeachtet
brachten arme Leute die bloß eine Kuh hatten zentnerschwere Käse und große
Ballen der reinsten Butter zum Verkauf Es war ganz unbegreiflich wie eine Kuh
so viele Butter und Käse liefern konnte Ebenso hatten die Goldentaler
jederzeit im Herbst die feinsten Obstsorten schmackhafte Äpfel und Birnen wie
Niemand anders Woher kam das so plötzlich in wenigen Jahren
Die Goldentaler mussten oft selbst bei sich lachen wenn man ihr Dorf im
Scherz das Goldmacherdorf nannte Denn der Oswald verstand sich auf die
Obstbäume und wo er in den Gärten der vornehmen Herren in der Stadt gute feine
Obstarten wusste ging er und bat um Zweige Dann hatte er seine jungen Leute an
der Hand die von ihm das Pfropfen Zweien und Aeugeln gelernt hatten Recht wie
ein Gärtner gingen sie damit um Sie hatten wirklich besondere Messer dazu Nun
wollte der Nachbar links und der Nachbar rechts in seinem Garten und auf seinem
Felde bessere Frucht vom Baum Da ward nun okulirt und gepropft nach
Herzenslust Manche Bauern hatten sich junge Wildlinge aus den Wäldern geholt
und veredelt Andere hatten aus Samen Bäume gezogen und Baumschulen angelegt
Jeder wollte es besser machen und besser haben als der Andere Im Eifer wurde
die Sache oft von Manchem übertrieben
Nun konnte man sichs in der Stadt wohl erklären wie die Goldentaler von
Jahr zu Jahr immer schöneres und immer mehr Obst hatten woraus sie bei gutem
Jahrgang so viel Geld lösten Das war kein Hexenstreich Aber keine große
Viehheerden haben und doch viel Käse und Butter machen das war allerdings ein
Kunststück
Das Kunststück hatte Oswald aber während seines Kriegslebens irgendwo in
einem Dorfe gesehen und gelernt und mit sich nach Goldental gebracht Es war
gar artig Die Leute wollten anfangs gar nicht daran hintennach aber wussten sie
ihm großen Dank Er machte es nämlich so
Er ging herum mit seinen Verbündeten die Kühe hatten und sagte »Ihr habet
von euren Kühen schlechten Nutzen Man muss von einer Kuh jährlich wenigstens
fünfzig bis hundert Gulden baares Geld lösen Wollet ihr mit mir einstehen so
will ichs machen Werbet dazu noch Andere an die Kühe haben Es gehören
wenigstens vierzig bis fünfzig Kühe zusammen dann gehts«
Als nun die vierzig bis fünfzig Kühe gefunden waren sagte er »Nun gehts«
Er kannte einen geschickten rechtschaffenen Senn der das Butter und
Käsemachen als ein Meister verstand Dem versprach er zweihundert Gulden
Jahrlohn dafür musste sich derselbe aber Kerzenlicht Tücher und Waschlumpen
selbst anschaffen so zum Käsemachen und Reinhalten der Gefäße und der Ware
nötig waren Geschirr und Salz schaffte Oswald auf Rechnung der Teilnehmer an
von denen drei redliche Männer zu Aufsehern bei dem neuen Gewerbe ernannt wurden
für das erste Jahr
Im ehemaligen Wirtshause zum Adler war der beste Platz zum Käsemachen ein
guter kalter Milchkeller ein großer Keller in dem geräumigen Waschhaus Der
Eigentümer gab den Platz her denn er hatte fünf Kühe und wollte die Probe
mitmachen und sehen was dabei herauskomme Nun musste Holz auf Unkosten Aller
herbeigeschaft werden Es kam Dann bestimmte Oswald einen Tag da mussten Alle
die zur neuen Käserei gehörten ihre Kuhmilch in äußerst sauber gewaschenen
Gefässen bringen War das Gefäß nicht sauber nahm der Senn die Milch gar nicht
an das war Gesetz Nachher machte man aber das Gesetz noch schärfer
Der Senn maß die Milch und schrieb unter eines Jeden Namen auf wie viel
derselbe gebracht habe Jeder konnte es für sich auch aufzeichnen So brachte
jede Haushaltung alle Tage Morgens und Abends die Milch ihrer Kühe Von fremden
Kühen aber durfte man bei schwerer Strafe keine Milch bringen
Die gesammte Milch eines Tages goss der Senn in der Milchkammer zusammen und
bereitete daraus Butter und Käse Das gab schöne frische große Ballen zudem
noch Käsewasser im Sommer ein gesundes kühlendes Getränk
Nun war die Frage Wem gehört die schöne Menge Butter und Käse von jedem
Tage Denn alle Tage war eine solche Partie von der Milch aller Kühe der
Beigetretenen fertig Es hätte sie gern Jeder gehabt um in die Stadt damit zu
laufen
Das richtete man folgendermaßen ein Alles was die zusammengebrachte Milch
eines einzigen Tages an Butter Käse usw abtrug ward auch nur einem einzigen
Teilhaber mit einem Male gegeben und zwar demjenigen dem man die meiste Menge
Milch in der Käserei schuldig geworden war In den ersten paar Tagen freilich
bekamen die Ersten weit mehr an Käse und Butter als sie Milch gebracht hatten
denn sie bekamen ja das was aus der Milch von allen Teilhabern gemacht war
Allein nun wurden sie für so viel als sie zu viel bekommen hatten den Übrigen
schuldig und was sie schuldig geworden waren ward ihnen von Tag zu Tag an der
Milch abgezogen die sie brachten Das ging so lange bis sie alle Schuld
abgetan und an Milch wieder mehr zu gut hatten als die Übrigen Dann bekamen
sie wieder die an einem Tage bereitete Ware Unterdessen hatte aber auch der
welcher nur eine einzige Kuh besaß und alle Tage nur ein paar Maas Milch
bringen konnte nach und nach mehr zusammengebracht als Jeder von den Übrigen
wie man das wohl im Milchbuche aufgeschrieben fand Und nun empfing er die
Frucht des Tages bei anderthalb Zentner Butter und Käse mit einem Male
Die Butter konnte Jeder den Tag gleich mit sich nehmen da sie fertig war
Buttermilch Käsewasser gehörten ihm auch Den Käse aber ließ man so lange im
Keller bis er gehörig fest und gut war Allemal an dem Tage da Einer das Recht
hatte die aus der Milch bereitete Ware zu beziehen musste er dem Senn bei der
Arbeit helfen und ihm handlangen und saubere Handtücher Linnen und was nötig
war herbeischaffen
Zuerst war den Goldentalern das ganze Wesen bedenklich und es meinte
Jeglicher er komme zu kurz dabei Wenn Einer aber seine Menge Käse und Butter
empfing und nun nachrechnet wie viel Milch er gegeben so war er hocherfreut
Und es fand sich am Ende des ersten Jahres schon dass auf diese Weise der
mittlere Ertrag und Gewinn von einer Kuh über 166 Gulden jährlich stieg und
zwar nach Abzug aller Unkosten Das war doch ein schöner Zins
Nun begriff man auch bald woher das komme Denn je frischer die Milch und
je mehr je besser wird die Ware daraus So was konnte eine einzelne Familie
für sich allein beim Aufsammeln ihrer Milch nicht leisten Ferner sonst war
in den Haushaltungen manche Maas Milch verschlampt und verzehrt jetzt in den
Milchkeller der Käserei an Zins gelegt Sonst verlor mau viel Zeit oder hatte
keine Zeit selber Käse zu machen jetzt ging das von selbst Sonst kostete es
Jedem mehr Holz zum Kochen jetzt war es ein großes Holzersparniss
Einige Goldentaler versuchten anfangs zwar mit ihrer Milch Betrügereien
aber man machte bald so strenge Gesetze dass es Keinem mehr in Sinn kam zu
betrügen er hätte denn um alle seine gebrachte Milch bestraft und aus der
Gesellschaft gestoßen sein wollen
Die Einrichtung aber brachte noch einen Vorteil an den vorher kein Mensch
gedacht hatte Nämlich weil Jeder gern viel Milch gebracht hätte um bald viel
Käse und Butter davon zu haben besorgte Jeder sein Vieh besser als ehemals
baute künstliche Grasarten an die viel Milch erzeugen suchte sich eine größere
Kuh zu verschaffen statt der schlechten kleinen oder stellte zwei Kühe in den
Stall wo er vorher nur eine hatte Und weil Jedem daran gelegen war dass man
keine Milch von einer kranken oder kalbenden Kuh bekomme hatten die drei
erwählten Aufseher Macht und Recht zu jeder Zeit in die Ställe zu gehen und
die Pflicht alle halbe Jahre darin Umgang zu halten So ward über die
Gesundheit alles Viehes wachsames Auge gehalten
21 Vom neuen Gemeindevorsteher und dem Löwenwirt
»Der Oswald ist doch ein Hexenmeister und Tausendsasa« sagten die Goldentaler
lachend wenn er wieder etwas angegeben hatte das gelungen war Und es gelang
ihm ziemlich Alles was er anfing denn er fing nichts ohne Vorbedacht an er
übereilte und überhaspelte nichts sondern tat einen Schritt um den andern und
nahm nie mehr auf seine Schultern als er tragen konnte
Nun hätte man wohl glauben sollen der Schulmeister habe sich und seine
herzige Elsbeth mit Arbeiten überladen gehabt Keineswegs er wusste Alles so
einzurichten dass zuletzt immer Andere ihm einen guten Teil der Arbeit abnehmen
konnten Sogar in der Schule hatte er wenig zu tun denn er hatte sich da einen
geschickten jungen Bauerssohn Namens Johanns Heiter nachgezogen Der war von
armen Eltern und Oswald gab ihm bei sich Wohnung und Kost aus der Garküche
und unterrichtete ihn in gelehrten Dingen Oswald hatte seinen Johannes sehr
lieb und dieser war in der Schule so meisterlich zum Unterricht dass er
Oswalden gleich kam Und die Kinder liebten den Johannes denn er war sanft und
freundlich und machte ihnen das Lernen beinahe noch leichter als Oswald
Dieser ging oft ganze Tage seiner Feld und Gartenarbeit nach und freute sich
wenn er sah wie im Dorfe Alles nach und nach anders ward
Und wirklich war es seltsam zu sehen wie Leute die vorder arme Schlucker
gewesen nach und nach sich von Schulden frei machten und wie ihre Häuser ein
stattliches Ansehen bekamen hingegen wie vormals wohlhabende Bauern die in
ihrer alten Gewohnheit verblieben nach und nach arm wurden weil sie das Ihrige
verwahrlosten verlumpten versoffen verprozessirten verspielten
Die zweiunddreissig Bundesgenossen Oswalds hielten sich wacker und waren
allenthalben voran wo eine neue Einrichtung von ihm gemacht ward Ihr Beispiel
munterte dann viele Nachbarn auf es auch so zu machen Die jungen Bursche
welche Oswald am Sonntage unterrichtete und die Mädchen aus Elsbets Nähschule
trugen bei ihren Eltern nicht wenig zum Guten bei Andere aber waren und
blieben im Dorfe unverbesserliche Lumpen Und an der Spitze des schlechten Volks
stand der Löwenwirt Brenzel Dieser war ein geschworner Feind aller neuen
Einrichtungen Er fluchte beständig auf die Neuerer und sagte die Religion
gehe dabei zu Grunde es müsse anders kommen so könne es nicht länger gehen
Doch hielt ihn der Herr Pfarrer welcher ihn viel besuchte immer im Zaum dass
er nicht viel Böses tun konnte Dazu kam dass Brenzel seine Hauptstütze
nämlich den dritten Gemeindsvorsteher von seiner Seite verlor Dieser hatte
schon längst bemerkt dass es mit seiner Wirtschaft den Krebsgang gehe und sich
darüber aus Verdruss dem Trunk ergeben dass er keinen Tag nüchtern war Und um
schnell wieder reich zu werden hatte er in mehrere Lotterien gesetzt und sein
Geld verlottert bis er nichts mehr hatte Da kamen die Gläubiger denen er
schuldig war und nahmen ihm das Letzte
Nun mussten neue Gemeindevorsteher gewählt und der hohen Landesobrigkeit
vorgeschlagen werden Da gab es im Dorfe zwei Parteien Die Lumpen wollten Einen
oder Zwei ihres Gleichen denen sie schuldig waren die rechtschaffenen Leute
aber wollten das nicht Es war viel Zanks Viele fragten den Herrn Pfarrer
darüber wenn er sie nach seiner Gewohnheit besuchte Er aber antwortete ihnen
und sprach
»Ich wundere mich sehr dass Keiner von euch noch an den braven Mann gedacht
hat der euch schon so viel Nutzen gestiftet der so klug so menschenfreundlich
und so tätig ist Ich meine den Schulmeister Wenn ihr den wählet so habet ihr
den rechten Mann an der Spitze Freilich er gehört nicht zu denen die sich zu
einer Ehrenstelle drängen Aber eben deswegen muss man zuerst auf ihn achten
Denn die welche um Ehrenstellen werben und Andern den Rang ablaufen wollen
haben gemeiniglich Nebenabsichten Sie sind stolz und ehrgeizig wollen nicht
das Beste der Gemeinde sondern ihren Hochmut befriedigt sehen«
Ferner sprach er »Es ist wohl gut dass man einen wohlhabenden Mann zum
Gemeindevorsteher wählt aber Reichtum nicht sondern Uneigennützigkeit ist die
höchste Tugend Wehe der Gemeinde die den zum Vorsteher macht dem die meisten
Bürger schuldig sind Denn sie machen ihn zum Gewaltaber und Richter in seinen
eigenen Angelegenheiten und sie werden Sklaven eines Dorftyrannen durch eigene
Torheit Sie sollen lieber den wählen der auch den harterzigen Gläubiger und
den reichen Tyrannen in Schranken halten kann«
Ferner sprach er »Ein guter Kopf tut viel aber ein redliches Herz tut
noch weit mehr Darum fraget erst ist der Mann ein grundredlicher hülfreicher
Mann nachher fraget hat er Klugheit genug und ist er keines Reichen
Schuldner Der Vorsteher einer Gemeinde soll unabhängig sein sonst ist nicht
er sondern sein Gläubiger den er fürchtet Vorsteher des Ortes«
»Ihr könnt nicht leicht irren den würdigsten Mann zu finden Denket nur
nach welchen Mann würdet ihr auf eurem Sterbebette am liebsten zum Vogt eurer
Wittwen und hinterlassenen Waisen machen in der Überzeugung er werde das
Glück der Eurigen wohl besorgen Nun diesen macht zum Vorsteher Oder wenn
ihr zu einem eurer Mitbürger in Dienst treten müsstet welchen wünschtet ihr am
liebsten zu eurem Herrn Nun diesen macht zum Vorsteher«
»Wenn an einem Orte die Mehrheit der Vorsteher guten Willen und redliches
Gemüt hat welche das Unrecht verabscheut so findet sich leicht zu Allem guter
Rat Ein einziger guter Kopf ist genug Drei gute Köpfe ohne gutes Herz
werden sich beisammen nicht vertragen Denn Jeder will es besser verstehen als
der Andere und so kommt Zwietracht unter sie und von ihnen in die Gemeinde«
»Saget mir wer ist der beste Vater bei seinen Kindern liebreich und doch
nicht schwach streng und doch nicht harterzig Oder sagt mir wer ist der
beste Hausherr dem sein Gesinde gern dienet und zugetan ist aber den es doch
fürchten muss der Alles in seinem Hauswesen geschickt ordnet und leitet ohne
Lärmen und Geräusch ohne Zank ohne Zorn und dass doch Alles dabei gut geht
wie von selber Diesen macht zum Hausvater der ganzen Gemeinde«
So sprach der weise Herr Pfarrer und Jeder dachte nun anders als vorher
Und als die Gemeinde sich versammelte um zween Vorsteher zu wählen ward von
den Meisten verlangt man solle nicht offen wählen sondern Jeder solle seine
Stimme auf einem verschlossenen Zettel eingeben damit Niemand wisse wer sie
gegeben auf dass Jeder frei und ohne Furcht und Rücksicht den wählen könne der
ihm der Würdigste scheine Der Löwenwirt Brenzel wollte zwar dagegen lärmen
denn er hatte schon bestimmt wen er zum Amtsgenossen verlange und nun wollte
er gern diejenigen sehen die es mit ihm hielten oder von ihm abtrünnig wären
Aber der grimmige Löwenwirt setzte es nicht durch Und es ward geheimes
Stimmenmehr gesammelt und in der ersten Wahl der Schulmeister Oswald in der
zweiten der Müller Siegfried zu Vorstehern des Dorfes erwählt Letzterer nahm
aber die Stelle nicht an dieweil er Oswalds Schwiegervater wäre das tauge
nicht dass aus einer Verwandtschaft zwei Glieder beisammen im Rat säßen Also
ward statt des Müllers gewählt Ulrich Stark ein stiller fleißiger
verständiger Mann
Dem Löwenwirt da er diese Wahl sah ward es ganz grün und gelb vor den
Augen Er hoffte noch Oswald werde sich ebenfalls weigern die Stelle
anzunehmen Aber er betrog sich Oswald dankte der Gemeinde für das Zutrauen
und empfahl nun seinen lieben Johannes Heiter zum Schulmeister Und Heiter ward
Schulmeister
Der Löwenwirt ging betäubt als wäre ihm ein Kirchturm auf den Kopf
gefallen nach Hause Daselbst ließ er seine Wut erst an der Katze aus die ihm
schmeichelnd zwischen die Beine kam dann an dem Hunde der freundlich an ihm
hinaufspringen wollte dann an der Magd die ihn nicht gleich verstand als er
ein Glas Branntewein begehrte dann an der Frau als die sagte der Ulrich Stark
sei eine ehrliche Haut
22 Der Gemeindsstall muss ausgemistet werden
»O Herr Jerum O Herr Jerum« rief der Löwenwirt und kratzte sich hinter den
Ohren so oft er daran dachte dass Oswald nun Ortsvorsteher geworden Doch
besann er sich und lief spornstreichs zum Oswald hin umarmte ihn als seinen
Kollegen gratulirte von ganzem Herzen sagte nun wollten sie beide rechte
Herzensfreunde werden und wie Brüder leben
Elsbeth wunderte sich über die gar zu schnelle Höflichkeit des Löwenwirts
und sprach als er fortgegangen war zu ihrem Manne »Oswald Oswald hättest du
doch die Stelle nicht angenommen Denn Brenzel ist ein falscher Mann und er
wird dir eine Grube graben und dich in die Falle bringen Oswald lieber Oswald
hüte dich vor dem Löwenwirt«
Oswald küsste Elsbets finstere Stirn und sprach »Brenzel ist kein grimmiger
Löwe ich sehe er ist nur ein feiger schmeichelnder tückischer Kater Aber
ich will ihm die Pfoten schon lähmen«
Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindeschreiber beisammen
saßen verlangten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen die Rechnungen
einzusehen und die Gemeindebücher Aber da fand sich Alles in großer Unordnung
Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen Die Gemeinde hatte bei
siebentausend Gulden Schulden Beinahe die Hälfte war sie dem Löwenwirt
schuldig der sich fünf Prozent zinsen ließ während er Geld zu drei und vier
Prozent für sich aufgenommen hatte Die jährlichen Gemeindssteuern waren
meistens für allerlei Unkosten Bemühungen Augenscheine und Besichtigungen für
Reisen Entschädigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvorsteher darauf
gegangen Besondere Rechnung war darüber nicht geführt sondern Alles nur in
runden Summen ausgestellt Eben so war es mit den Einkünften des Dorfspitals
oder Armenguts gegangen Mit den Vormundschaftsrechnungen für die Wittwen und
Waisen stand es nicht besser Aus den Waldungen hatte man im Einverständnis mit
dem Förster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft wie es hieß zum Besten
der Gemeinde ohne dass man jetzt wusste wohin und wie viel Hatte sich doch der
Löwenwirt manchmal selbst gerühmt »Mein Beil hat schon mehr Holz abgeschlagen
als der beste Hof im ganzen Lande wert ist« Genug es war mit dem Gut der
Gemeinde übel gehauset übel Rechnung gehalten hingegen sah man wohl die
Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen Es fand sich sogar dass
um den Spottpreis von tausend Gulden ein großes Stück Gemeindsland verkauft
worden war dass es die Vorsteher gekauft das Geld noch nicht einmal bezahlt und
seit fünf Jahren nicht verzinset hatten Ferner dass der Löwenwirt schon vor
elf Jahren im Einverständnis mit seinen Beisitzern viertausend Gulden Kapital
aufgenommen hatte Namens der Gemeinde dass dafür die Gemeindswälder
unterpfändlich verhaftet worden waren dass die Gemeinde den Zins unter den
übrigen Steuern hatte mitzahlen müssen und dass das Kapital in den Händen der
Vorgesetzten geblieben war
Da ergrimmte Oswald in seinem Gemüt und sprach »Man hat mich nicht in den
Gemeindsrat gesetzt sondern in den Gemeindsstall der da ist voller Unflat
und Verderben Aber wir wollen den Stall ausmisten und sollte der Gestank auch
durch das ganze Land dringen Ihr habet als Vorsteher nicht das Gemeinbeste
vertreten sondern ihr habet es zertreten Ihr Väter der Wittwen und Waisen
habet eure Kinder bestohlen und den armen Leuten verschimmeltes Brod
zugeworfen während ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet Ihr
habet den der vom Felde zwo Rüben stahl in den harten Kerker geworfen aber
euch weiche Betten gekauft vom Gelde das ihr der Gemeinde geraubet Ihr
Ottergezücht die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit
schwelget die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust
wahrlich wahrlich ihr sollt ärnten was ihr gesäet habt Armut für
Hochmut Galgenholz für Räuberstolz«
Als dies der Löwenwirt hörte kam großes Entsetzen über ihn dass er im
Innersten erzitterte Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Beisitzer und
fiel vor Oswald weinend und heulend nieder und beschwor denselben bei Allem
was heilig ist ihn nicht unglücklich zu machen
Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit
und deckte Alles auf Und im ganzen Dorfe war großer Schrecken und allgemeine
Bestürzung denn so viel Betrug hatte Keiner den ehemaligen Vorstehern
zugetraut Viele wollten es gar nicht glauben und schalten den Oswald einen
Verleumder und Bösewicht der sich großes Ansehen geben und unschuldige Leute
ins Verderben bringen wolle Und der Löwenwirt lief umher im Dorfe und suchte
bei seinen Freunden allerlei Zeugnis um sich gegen die schwersten
Beschuldigungen sicher zu stellen Jedoch seine besten Freunde zuckten die
Achseln und wollten sich in das Geschäft nicht mischen Und schneller als er
vermutete erschien eine Untersuchungskommission der Regierung Da kam alle
Schändlichkeit ans Tageslicht Der Löwenwirt ward gefangen hinweggeführt um
vor Gericht beurteilt zu werden Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins
Zuchthaus Aus seinem Vermögen wurde Vieles von dem wieder ersetzt um was er
die Gemeinde betrogen hatte So endete der stolze Löwenwirt denn unrecht Gut
gedeihet nicht und Hochmut kommt vor dem Fall
Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt und ihm ein
Ehrenmann aus dem Dorfe zum dritten Beisitzer erwählt
Über diese schrecklichen Begebenheiten hielt der Pfarrer Roderich eine
schöne lehrreiche Predigt Er sagte »Wenn Eltern ungeratene Kinder haben so
muss man nicht nur die Kinder sondern auch die Eltern wegen schlechter Zucht
anklagen Und wenn in einer Gemeinde Schande Armut und Laster zunehmen so ist
es ein Beweis dass die Vorgesetzten nichts taugen sondern Schuld an dem Unglück
sind Aber Gott sendet Jedem seinen jüngsten Tag zu«
23 Die Schulden müssen getilgt werden
Der Oswald hatte jetzt gar viel zu schaffen Keiner wusste was er trieb Bald
lief er in allen Feldern herum bald tagelang in den Wäldern bald wieder in die
Stadt
»Ach du armer Oswald« seufzte Elsbeth wenn sie ihm am Abend vor dem Dorfe
entgegenging und ihn mitleidig bewillkommte »Warum kümmerst du dich so sehr
armer Oswald und plagest dich Du wirst am Ende doch nur Undank und Verdruss von
aller deiner Mühe haben«
Oswald sprach »Undank ist die Münze womit das Volk am liebsten zahlt Wer
aber einer Gemeinde vorsteht der soll an seinen Gott und seine Pflichten
denken nicht aber auf Lohn und Dank Siehst du liebes Herz Gott lohnt endlich
auch gewiss alles Gute gleich wie er Böses straft«
So redete Oswald und tat was er sollte
Es ergab sich aber dass die Gemeinde noch über sechstausend Gulden schuldig
war teils von den Zeiten des Krieges und der Teurung her teils durch die
schlechte Haushaltung der ehemaligen Vorgesetzten Und Oswald sann Tag und
Nacht wie er diese Last von dem armen Goldental nehmen oder doch vermindern
könne Und als sein Plan endlich reif war legte er ihn seinen Amtsgenossen vor
die hießen ihn nach langer Beratschlagung gut und sprachen »Wollte Gott die
Schulden wären abgetan so wüsste doch auch Jeder wieder was er Eigenes hätte
und könnte frei atmen und müsste nicht fort und fort an das Zinsen denken«
Darauf ward eine Besichtigung und Schätzung aller liegenden Gründe der
Ortsbürger angeordnet damit man ungefähr wisse wie arm oder reich Jedermann
sei und damit Jeder auf gerechte Weise in Zukunft wegen der Steuer angelegt
werden könne Und Jeder musste bei den Gemeindevorstehern angeben und beweisen
wie viel Schulden er auf Haus und Gütern stehen habe und das ward treulich in
ein Buch eingetragen und danach Jedermann geschätzt
Dann trat Oswald am Sonntage nach der Kirche mit seinen zween Beisitzern vor
die versammelte Gemeinde und sprach »Ihr Männer liebe Mitbürger unser Dorf
hat sechstausend vierhundert Gulden Schulden Das Geld haben wir teils in den
benachbarten Städten zu verzinsen teils sind wir es hier im Dorfe uns selber
für Heu Haber Fuhren und Requisitionen schuldig Was wir auswärts zu zahlen
haben wollen wir ein andermal besprechen Jetzt wollen wir abtun was sich die
Gemeinde selber schuldig geworden ist«
»Viele von uns haben an der Gemeinde noch beträchtlich für Stroh Haber und
andere Lieferungen aus dem letzten Kriege zu fordern Man verzinset ihnen zwar
jährlich aber sie müssen doch allemal erst ihren Beitrag zur allgemeinen
Zinssumme geben Also verzinsen sich im Grunde Viele nur ihre Sache selber Das
ist mühsam und töricht Nun haben wir diese Schuld auf alle Bürger nach
Massgabe ihres Vermögens verteilt Den Reichen trifft davon mehr den Armen
weniger So wird die Gemeindschuld in eine Partikularschuld verwandelt Wer auf
diese Art so viel schuldig wird als er selber zu fordern hat der streicht
Schuld und Forderung und ist frei bekommt und zahlt keinen Zins mehr Wer mehr
zu fordern hat als er durch die Einteilung schuldig wird streicht erst so
viel von seiner Schuld weg als ihm die Gemeinde selbst schuldig ist und sagt
Wer zahlt mir den Überschuss dessen was mir herausgebührt Antwort
Diejenigen zahlen ihn die nichts an die Gemeinde geliefert haben im Kriege
Diese sind als Schuldner an die Zugutaber verteilt und tragen denselben
entweder die kleine Summe die sie trifft gleich baar ab oder verzinsen solche
zu Vier vom Hundert«
So redete Oswald Viele verstanden es anfangs nicht recht Da sie aber
einsahn dass dabei Keiner zu kurz kam waren sie es sehr zufrieden Denn die
Reichen welche am meisten zu fordern hatten die hatten auch nach Massgabe mehr
an Abtragung der Gemeindsschuld zu zahlen So blieb für die Aermern weniger zu
entrichten übrig und Jeder fand die Einrichtung darum billig weil die
Schatzung der Güter und des Vermögens sehr unparteiisch gemacht war
Am Sonntage darauf ward die Gemeinde abermals versammelt und Oswald redete
also »Ihr Männer liebe Mitbürger es ist uns gelungen das Geld was die
Gemeinde schuldig ist in benachbarten Städten zu geringerm Zins zu erhalten
also dass Goldental jährlich nur zweihundert und zwanzig Gulden Zins zu
entrichten hat Aber es wird manchem Hausvater schwer fallen den Beitrag zu
diesem Zins zu erschwingen aus seinem Gut Daher ist es besser es zahle Keiner
von euch den Zinsbetrag aus seinem Gut«
Da erhoben alle Goldentaler ein Gelächter und sie riefen »Das lässt sich
hören und gefällt uns über die Massen«
Oswald erhob die Stimme und redete weiter »Ihr Männer liebe Mitbürger wir
haben noch ein großes Stück Gemeinweide Das ist elendes Land vom Vieh
zertreten mit alten einzelnen Eichen darauf Jeder von euch dem dies Land
gehörte würde es besser benutzen Aber wer benutzt es jetzt Niemand Denn
die Reichen welche viel Vieh haben und es im Sommer darauf weiden lassen haben
offenbaren Schaden daran Nicht nur kommen ihre Kühe magerer und hungriger
Abends heim als sie des Morgens hinausgingen sondern es geht auch für die
Aecker aller Dünger vom Vieh dabei verloren Die Armen aber die keine Kuh
halten können haben gar keinen Nutzen davon und müssen ihn den Reichen
überlassen Ist das billig Warum sollen reiche Bürger mehr Vorteil vom
Eigentum der Gemeinde haben als arme Sind wir nicht allesammt Goldentaler
Hat Einer nicht so viel Recht wie der Andere Wer hat denn den Reichen den
Nutzen des Gemeinlandes allein gegeben Wenn die Armen ein Stück Feld davon
hätten und könnten Klee oder andere Grasarten darauf bauen so hätten sie für
ihre Ziegen und Schafe doppelt so viel und gesünderes nahrhafteres Futter als
jetzt Also ist unser Rat dass wir das Gemeinland in gleiche Teile unter die
Bürger verteilen dass Jeder seinen Teil davon benutzen könne wie er wolle
Das Land aber bleibt aber ewiges Eigentum der Gemeinde Jeglicher empfängt
seinen Anteil nur in Pacht und kann ihn weder verkaufen noch verleihen noch
vererben noch sonst veräussern sondern derselbe fällt jedesmal nach des
Besitzers Tode an die Gemeinde zurück Diese gibt ihn dann an einen jungen
Bürger der eigene Haushaltung führt und noch ohne Gemeinland ist Jeder zahlt
jährlich einen geringen Pachtzins von seinem Stück und damit wird der Zins von
der Gemeindsschuld abgetragen Also zahlt Niemand diesen Zins aus seinem eigenen
Gut sondern aus dem was er von der Gemeinde zum Lehen hat«
Nachdem Oswald geredet hatte entstand großes Nachdenken im Volk Gemurmel
Streit Wortwechsel Geschrei und Lärmen als wäre Mord und Todtschlag Denn die
reichen Bauern welche das Weidland bisher ausschließlich mit ihrem Vieh benutzt
hatten wollten die Teilung nicht zugeben schrien über Ungerechtigkeit und
drohten mit der Regierung Andere sagten »Wir sehen wohl man will die Lumpen
reich machen und die Ehrenleute im Dorfe zu Lumpen Wer Vieh hat der kann es
zur Weide schicken das ist eine alte Rechtsame die von den Vätern vererbt ist
und die lassen wir uns nicht nehmen«
Doch die Mehrheit der Bauern die nicht reich waren oder die ihr Vieh um
mehr Dünger zu gewinnen im Stall fütterten setzte es durch und hob den
Weidgang auf Alsbald musste ein Feldmesser kommen alles Gemeinland in so viel
Teile als Haushaltungen waren verteilen und dann wurden die Stücke
verlooset Die reichen Bauern gingen jammernd und klagend vor die Regierung und
beschwerten sich wegen der Bedrückung ihrer Rechtsame Die Regierung aber gab
folgenden Bescheid »Das Gemeinland ist eine Rechtsame der Bürger und nicht der
Kühe von Goldental Also kann jeder Bürger das Gemeinland oder seinen Teil
benutzen wie er will Ihr Herren aber verteidigt nicht eure alten Rechtsame
sondern euren von Alter stinkenden Eigennutz und verstehet noch dazu euren
Vorteil schlecht Derohalben bleibt von nun an der Weidgang aufgehoben Damit
packet euch ihr Esel und zieht hin in Frieden«
Die reichen Bauern bedankten sich für den gnädigen Bescheid und zogen heim
Nun erst bedauerten sie den Löwenwirt Brenzel im Zuchtause und sagten »Er
war doch bei allen seinen Fehlern ein braver Mann er hielt auf alte
Gerechtigkeiten und Herkommen unter ihm wäre so etwas nie geschehen Der Oswald
ist ein Franzos ein Jakobiner ein Neuerer ein Bonapartler und dergleichen«
24 Und abermals die Schulden müssen getilgt werden
Schon im folgenden Frühjahr war Jubel und Freude in der vormaligen Wüste des
Gemeinlandes Denn wo sonst einsame Kühe am kurzen schlechten oder saueren Grase
rupften und zupften blühete nun ein wahrer Garten Da sah man nun Bohnen
Hopfen und Hanf Erbsen und Flachs Kohl und Erdäpfel Klee und Getreide in
bunter Mannigfaltigkeit Jeder konnte leicht berechnen dass er mit der Aernte
nicht nur den kleinen Zins abtragen sondern Überschuss haben würde Selbst die
reichen Bauern sobald sie einmal zum rechten Verstand kamen was oft sehr
schwer bei ihnen hielt erkannten ihren Vorteil dabei Denn nicht nur hatten
sie Gewinn am Futter für ihre Kühe im Stall an Milch und Dünger sondern auch
an baarem Geld Denn hätte Jeder wenn es nach ihrem Kopf gegangen wäre zum
Schuldenzins der Gemeinde aus seinem eigenen Sack gesteuert so hätten sie
verhältnismäßig das Meiste dazu haben zahlen müssen während jetzt ein Jeder
von seinem Pachtland gleich viel Zins entrichtete Der Oswald aber war noch
nicht zufrieden und nicht vergebens so oft in den Wäldern Tage lang
umhergestrichen Er hatte sogar in einer benachbarten Stadt den Oberförster
besucht der in seinem Fach ein grundgeschickter Herr war und hatte denselben
links und rechts in den Goldentaler Gemeindswaldungen herumgeführt und um Rat
gefragt Der Oswald brütete wieder über etwas aber Keiner wusste recht worüber
Die reichen Bauern sagten »Wir wissens wohl es soll wieder über unser Fell
hergehen« Diesmal aber hatten sie sich doch geirrt
Jedermann war sehr neugierig als die gesammte Bürgerschaft von Goldental
wieder versammelt wurde um von den Vorgesetzten wichtige Anträge zu hören
Oswald trat wieder hervor und sprach mit lauter Stimme »Ihr Männer liebe
Mitbürger Ein Mann ohne Schuld hat Jedermanns Huld Unser Dorf hat aber noch
Schulden Wir verzinsen dieselben vom Pachtlande Besser wäre es wir behielten
den Zins vom Pachtlande Jeder in seinem eigenen Sack wenigstens zehn Jahre lang
oder länger Damit wäre uns allen geholfen«
Die Leute lachten und sprachen unter sich »Der Vorschlag ist nicht
unbillig«
Oswald fuhr fort zu reden »Ich und die ehrsamen Beisitzer wollen es
übernehmen dafür gut zu stehen dass die Gemeindeschuld ganz oder doch
größtenteils abgetragen werden soll ohne eure Unkosten sobald ihr einwilliget
drei Beschlüsse zu genehmigen und zu befolgen«
»Aha« schrien die reichen Bauern »Jetzt kommt der hinkende Bote nach«
Oswald sprach »Hört mich an und denkt wohl nach ob ich wahr rede oder
nicht Wir haben in Goldental ungefähr hundert Haushaltungen«
»Das ist wahr« riefen die Bauern
»Jede Haushaltung« sagte Oswald »bekommt jährlich drei Klafter Holz nebst
Reiswellen aus dem Gemeindswald«
Die Bauern sagten »Das ist wieder wahr«
»Und« fuhr Oswald fort »so viel braucht jede Haushaltung manche mehr
manche aber auch weniger die aus der Garküche speist Aber alle könnten sich
mit Wenigerem behelfen wenn sie nicht Jahr aus Jahr ein zum Brodbacken
Obstdörren und zu den Wäschen gar viel Holz nötig hätten Bedenket wenn in
einer einzigen Woche zehn zwanzig Familien Wäsche halten oder Brod backen wie
viel Holz in so vielen Häuseln auf einmal verbrannt wird«
Die Bauern murrten und sprachen »Das ist ganz richtig aber wir können
nicht ohne Brod leben und in unreiner Wäsche gehen«
Oswald sagte »Es gibt viele Gemeinden im Lande die weit reicher sind denn
wir und doch weit mehr hausen und besser sparen als wir Aber eben darum sind
sie reicher Es gibt Gemeinden sie haben nicht so viel Waldung als wir und
haben doch Holz genug und können davon sogar verkaufen Aber wie machen sie es
Da haben mehrere Häuser zusammen nur einen einzigen Back und Dörrofen Da trägt
jeder in der Woche seinen Teig und sein Obst hin wenn die Reihe an ihn kommt
Und weil der Ofen nie kalt wird braucht Jeder nur wenig Holz zur Feuerung
hineinzutun um ihm die gehörige Hitze zu geben Das nennt man hausen und
sparen Warum können wir das nicht Warum taten wir das nicht schon längst
Antwort Weil wir zum Guten entweder zu träg oder zu unverständig waren Und
bedenkt noch dazu wie leicht wir durch das Backen und Dörren in den Wohnhäusern
ein ganzes Dorf in Feuersgefahr setzen Bedenket wie viel Holz wir nur dadurch
sparen könnten wenn wir kleinere bequemere Stubenöfen hätten die weniger Holz
fressen statt der ungeheueren Steinmassen die wir haben müssen weil sie auch
zum Backen und Dörren dienen sollen Holz brennen heißt Geld verbrennen«
Bei diesen Worten kratzte sich die ganze ehrsame Gemeinde von Goldental
verdrießlich hinter den Ohren
Doch der erste Vorsteher ließ sich nicht stören und sprach weiter »Schauet
rechts und links Andere Gemeinden haben längst schon Gemeindswaschhäuser deren
sich alle Haushaltungen nach der Reihe bedienen und wozu sie sich einschreiben
lassen Da ist mit dem Holz das gleiche Ersparnis wegen Feuersgefahr die
gleiche Sicherheit für das Dorf Wir wissen das und wir finden das löblich
Warum muss denn bei uns jede Haushaltung noch ihre Wäsche bei sich im Hause
halten Durch das Feuer beim Backen werden unsere Oefen durch das Feuer beim
Waschen werden unsere Herde weit schneller ausgebrannt und schadhaft Wir müssen
daher beide öfters ausbessern lassen Das kostet Geld Hätte die Gemeinde ein
gemeinsames Waschhaus hätte eine ganze Reihe Häuser ihren gemeinsamen Backofen
zu unterhalten das würde ungleich weniger kosten«
»Nun denn liebe Männer und Mitbürger Wir machen euch den Vorschlag zur
Errichtung von Gemeindsbacköfen mit Einrichtung zum Dörren und zur Erbauung
eines gemeinsamen Waschhauses wie andere Gemeinden haben Die ersten Unkosten
dazu sollen aus dem Gemeindssäckel gegeben werden Wir alle wollen dazu
fuhrwerken und handlangen Was meint ihr«
Die Bauern meinten vielerlei Die Einen wollten beim Herkommen bleiben
mehrere aber sahen ein dass ein Gemeindswaschhaus besser wäre Doch die Backöfen
wollten sie nicht weil sie dergleichen noch nicht kannten Andere aber stimmten
auch zur Errichtung der gemeinsamen Dörr und Backöfen Als nun endlich einmal
abgestimmt werden sollte nach langem Streit geschah es dass sowohl für
Waschhaus als für Backöfen die größte Mehrheit war
Da sprach Oswald mit freudigem Antlitz »Bravo ihr Männer und Mitbürger
euer Beschluss macht euch Ehre und wird euch mit Nutzen belohnen Nun kommt das
Letzte Wenn ihr nun weniger Holz in Zukunft gebrauchet so brauchet denn
weniger Machet aus dem Holz was ihr auf diese Weise ersparet ein Geldkapital
und bezahlet damit die Gemeindsschulden ab Hört mich an und helfet mir
rechnen«
»Wenn sich jede Haushaltung die jetzt nebst Reiswellen drei Klafter Holz
empfängt im Jahr mit zwei Klaftern durchbringt so werden von den hundert
Haushaltungen in einem Jahr einhundert Klafter erspart Das Klafter ist fünf
Gulden wert bringt im Jahr fünfhundert Gulden Binnen zehn Jahren haben wir so
fünftausend Gulden gespart und unsere Schuld bezahlt«
»Hört mich weiter Wir haben etwas über sechshundert Jucharten
Gemeindswaldung Seit die hohe Regierung in den Wäldern den Weidgang verboten
hat wächst darin Alles wie ihr wisst freudig und hanfdick auf Ich bin mit
dem Herrn Oberförster durch den Wald gegangen Er sagte alle Jahr wächst auf
einer Juchart Land ein halbes Klafter Holz zu Ferner sagt er Wir müssen das
vom Stock ausgeschlagene Laubholz wie Buchen Erlen Hagebuchen Espen Ahorn
dreißig Jahre alt werden lassen große Eichen Buchen Tannen und was zu grobem
Bauholz dient muss siebzig hundert und mehr Jahre alt werden Folglich wenn
wir gehörig holzen so müssen wir alle niedere Laubholzwaldungen in dreißig
Portionen einteilen und alle Bauholzwaldungen in hundert und mehr Portionen
Wenn wir nun alle Jahre von jeder Art nur eine Portion nehmen so hätten wir
natürlich alle Jahre gleich viel Holz und schlügen nicht zu viel und nicht zu
wenig und wir und unsere Nachkommen hätten allezeit altes reifes Holz zu
schlagen Ferner sagt er Wir hätten im Tannenwald so altes Holz dass wenn wir
nach der Ordnung holzten vieles davon überalt und faul werden würde Wenn wir
dies in einigen Jahren wegschlügen würde in hundert Jahren da wieder für unsere
Nachkommen hundertjähriges Holz stehen So ist denn mein Rat und der Rat der
ehrsamen Beisitzer Wenn wir uns im Gebrauch alle Jahre hundert Klafter
absparen so sind tausend Klafter ungefähr das Ersparnis von zehn Jahren Statt
nun zehn Jahre zu warten holzen wir das Ersparnis in zwei Jahren ab bezahlen
unsere Schuld behalten den Zins im Geldsack für uns und behelfen uns zehn
Jahre lang in jeder Haushaltung mit zwei Klaftern nebst Reiswellen«
Als die Gemeinde diesen Vorschlag angehört hatte erhob sich wieder Streit
und tobendes Geschrei Die Meisten hätten gern zwar den Zins behalten aber auch
das Holz Man stritt bis es Nacht ward und kam zu keinem Schluss und lief
auseinander
25 Es geht immer besser
Die wohldenkenden und verständigen Männer im Dorfe schüttelten den Kopf und
sagten »Das Ding mit den Holzsparen setzen wir bei dieser hartnäckigen Gemeinde
nie durch« Oswald aber lachte und antwortete »Nur Geduld Gutes Ding will
seine Zeit haben Die Leute müssen das Ding erst besprechen beschlafen und
sattsam verdauen Goldental ward nicht in einem Tage gebaut Unsere Bauern
wenn ihnen ein nützlicher Vorschlag gemacht wird der ihnen neu ist sind wie
die Kinder wenn sie einen unbekannten Mann erblicken Die laufen erst schreiend
und erschrocken davon nachher schauen sie ihn aus der Ferne an dann kommen sie
wieder einen halben Schritt näher wenn sie merken dass er nicht beißt endlich
spielen sie mit ihm und werden gute Freunde«
So redete Oswald Unterdessen ward zur Erbauung des Waschhauses und der
Backöfen Anstalt gemacht Man fällte Holz brach Steine führte Leimen und Kalk
und Ziegel herbei Alles durch gemeines Werk Die Haushaltungen welche einen
Back und Dörrofen gemeinschaftlich haben wollten traten zusammen beredeten
die Reihenfolge im Gebrauch des Ofens und bestimmten den sichersten und
bequemsten Platz Oswald ließ einen sehr verständigen Maurermeister kommen der
die besten Vorteile bei Feuerherden und Oefen anzubringen wusste Er selbst
besuchte verschiedene Dörfer um dasige Einrichtungen kennen zu lernen und das
Beste davon für Goldental zu benutzen Gegen den Herbst waren das Waschhaus und
die Oefen schon aufgerichtet und zum großem Vergnügen der Goldentaler in vollem
Gebrauch Jetzt spürten die Haushaltungen in der Tat dass dabei viel Holz
erübrigt werde und größere Sicherheit vor Feuersbrunst sei
Aber Eins folgt aus dem Andern Manche Leute kamen nun von selbst auf den
Gedanken die unflätigen großen Stubenöfen wären nicht mehr so notwendig wie
ehemals man könnte kleinere haben die weniger Holz frässen Oswald und der Herr
Pfarrer hatten solche kleine Stubenöfen welche sogar auch zum Kochen bequem
eingerichtet waren in ihren Stuben In der Stadt sah man fast überall
dergleichen Der ehemalige Löwenwirt Brenzel hatte sich auch schon solche
angeschaut damit es bei ihm städtischer aussehe Es war Gewinn dabei Man
konnte das ersparte Holz verkaufen und Geld daraus machen Keinem kamen die
Worte Oswalds wieder aus dem Sinn Holz verbrennen heißt Geld verbrennen Man
scheute nur die Unkosten für das Umsetzen und Abändern der Oefen
Doch verschiedene von den zweiunddreissig heimlichen Genossen des
Goldmacherbundes auf welche Oswald noch immer durch sein Ansehen großen Einfluss
hatte ließ auf sein Zureden ihre Oefen schon im Herbst verändern besonders
da er einigen der Unbemitteltsten dazu etwas Geld vorschoss Ein geschickter Mann
aus der Stadt richtete Alles höchst vorteilhaft und einfach ein Nun hätte man
sehen sollen wie die Nachbarn und Nachbarinnen aus allen Winkeln des Dorfes
kamen die neuen Stubenöfen als wahre Wundertiere zu beschauen Alle lachten
darüber Alle spotteten und tadelten Hintennach da der kalte Winter mit Eis
Sturm und Schneeflocken ins Dorf einzog verwunderten sie sich dass die kleinen
von den Wänden freistehenden Oefen doch so warme Stuben machen konnten Als aber
im Frühjahre viele von den Besitzern dieser Oefen Holz verkauften kam den
Übrigen die Sache sehr annehmlich vor Die alten ungeheueren Oefen verloren
ihre alten Verteidiger und zuletzt wollte Jedermann in der Stube ein kleines
Wundertier haben Viele welche die Einrichtung bei den Andern gesehen hatten
bauten sich sehr kunstvoll die Oefen selbst auf und sogar noch mit kleinen
Verbesserungen die allgemeinen Beifall hatten Im Frühjahr ging der Weibel
herum von Haus zu Haus und sagte Geld her der Zins von der Gemeindsschuld soll
bezahlt werden darum bezahlet den Zins vom Pachtlande das ihr von der Gemeinde
habet
Das war ein böses Geschäft so mit einmal zwei Gulden und darüber für nichts
und wieder nichts wegzugeben Einige sagten »Hole der Kukuk die
Gemeindsschulden« Andere liefen zu Oswald und sagten »Herr Vorsteher warum
redet Ihr nicht mehr von Eurem Vorschlag die Gemeindsschulden mit Holz aus dem
Wald für immer abzutun Fangt doch wieder an«
Das wars was Oswald erwartete Und als die Gemeinde zusammen berufen war
sagte er »Die ganze Bürgerschaft ist darin einig wie ich von allen Seiten
vernehme die Schuld abzustossen Keiner will jährlich ein Klafter Holz weniger
empfangen Nun denn so macht es mit einem halben Klafter jährlich ab Das wird
bei den neuen Einrichtungen Keiner so stark vermissen als ein ganzes Nehmet
ihr also jährlich statt drei nur zwei und ein halbes Klafter so lange bis
wir wieder Holz im Walde genug haben so ist die Schuld in zwei drei Jahren
vernichtet«
Der Vorschlag erregte zwar auch Murren aber er ging durch Und als ihn die
hohe Landesregierung nicht nur billigte sondern auch belobte ward nahe und
fern der Holzschlag angekündigt Es kamen viele Käufer von nahe und fern zur
Steigerung Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Oberförsters das
älteste Bauholz auch an vielen Orten junges an wo es zu dicht stand verkaufte
aber daran zwei Jahre lang um die Preise nicht zu niedrig zu halten und in
zwei Jahren waren sechstausend Gulden gelöst so dass die Gemeindsschuld nicht
nur bezahlt sondern auch ein schöner Geldüberschuss für Notfälle der Gemeinde
an Zins getan werden konnte
Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberförsters und der Regierung
Nämlich um den Wald als das beste Stück vom Gemeindsvermögen recht ordentlich
bewirtschaften zu können ließ man einen Feldmesser kommen Der vermass alle
Waldungen und brachte sie in Karten Der Oberförster ging durch die Gehölze und
nachdem er sie besichtigt hatte teilte er sie in Portionen oder Schläge und
schrieb dazu welchen Schlag man in jedem Jahre abholzen könne Und so war dabei
für dreißig und für hundert Jahre Vorsorge getan Der Oberförster machte den
Ortsvorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu was sie alle Jahre
beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schläge zu beobachten hätten Und die
Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung darin als in einem
Gesetz fürs Dorf geschrieben war was künftig bei Fällung des Holzes bei
Austeilung der Gaben bei Anweisung notwendigen Bauholzes in der Gemeinde bei
Freveln bei Ernennung der Bannwarte oder Waldvögte usw zu beobachten sei
damit Alles recht unparteiisch und gemeinnützlich vor sich gehe
Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich Und wenn es einmal an einen
Schlag im Walde kam der zu wenig Holz gab ward das Fehlende aus dem Überschuss
eines andern ersetzt Der Bannwart empfing bessern Gehalt damit er den Lumpen
und Holzdieben Tag und Nacht fleißiger nachgehen könne Alle zwei Jahre wurden
die Marken und Grenzen der Wälder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten
Feldhütern Bannwarten Güterbesitzern usw von alten Männern und jungen
Knaben umgangen besichtigt und berichtigt Das verhütete vielen Grenzstreit
viele Prozesse die sonst aus Verwahrlosung der Marken entstanden waren
26 Es ist noch viel Not im Dorfe
Das ganze Land konnte sich nicht genug über die Goldentaler verwundern Denn
der Wohlstand der Leute nahm sichtlich zu Nicht nur das Dorf hatte keine
Schulden sondern Leute die sonst tief darin steckten trugen nach und nach
ihre kleinen Kapitale ab Jedermann in der Stadt welcher Geld austun wollte
lieh den Goldentalern am liebsten denn Jedermann wusste die Ortsvorgesetzten
waren bei Schätzung der Unterpfänder sehr gewissenhaft und kannten haargenau
wie viel Schuld auf einem Stück Landes haftete Das war nicht so in andern
Gemeinden darum hatten die Goldentaler überall den Vorzug und das Ansehen Und
wenn einmal ein Bettler kam und sagte er sei aus Goldental so sprach man
»Pfui schämst du dich nicht zu betteln und du bist aus Goldental« Man
bildete sich ein im Goldmacherdorf wären gar keine bettelarmen Leute
Darin aber irrte man sich sehr Denn in diesem neuaufblühenden Dorfe war
noch immer ein ansehnlicher Bodensatz ans der alten Zeit Da lebten einige
verlumpte Familien die nicht zu bessern waren der Herr Pfarrer mochte mit
ihnen reden oder die Obrigkeit drohen wie sie wollte Da lebten Leute die
lieber müßig gehen hungern und betteln wollten als im Schweiß ihres Angesichts
das saure Brod verdienen Da lebten Leute die sogar ihre Kinder zum Bettelund
Diebshandwerk abrichteten und sie Abends abprügelten wenn sie nicht genug
gesammelt hatten Da lebten Leute die immer wieder das was sie entweder
verdient oder als Almosen bekommen hatten für Wein Branntewein und allerlei
Nasch und Leckerwaare hingaben Man hatte auch keine Hoffnung dass die Menschen
endlich einmal aussterben würden Umgekehrt sie vermehrten sich mit dem
Wohlstande der Goldentaler Denn sie verheirateten sich unter einander und
setzten Kinder in die Welt ohne sich darum zu bekümmern wie sie sich und ihre
Kinder ernähren möchten Die Lumpen sagten nur »Die Gemeinde hat ein Armengut
das gehört uns an und es ist die Schuldigkeit der Gemeinde sie muss uns
erhalten sie mag wollen oder nicht Verstossen oder verhungern lassen darf sie
uns doch nicht«
Dem guten Herrn Pfarrer Roderich gingen diese frechen Redensarten des
Gesindels besonders zu Herzen Und er sagte vielmals zu den Vorstehern
»Arbeitet wie ihr wollt so lange ihr noch die Beispiele der Faulheit
Üppigkeit und Liederlichkeit die Pflanzschule alles Lasters im Dorfe habet
so lange kommt die Gemeinde auf keinen grünen Zweig Denn was rechtschaffene
Haushaltungen verdienen davon zehren die Müßiggänger auch mit Diese vermindern
immerdar das Vermögen der Andern und verführen durch ihre Schlechtigkeit andere
Leute zur Schlechtigkeit«
Die Ortsvorgesetzten sahen dies so gut ein wie der Herr Pfarrer Aber wie
sollte man dem mutwilligen Bettel und Müßiggang abhelfen Das war der Knoten
Im Dorfe befand sich zwar eine Art Armenhaus welches man das Spital hieß
allein es war für die Menge der Bettelschaft zu klein darum kamen Viele nicht
hinein Und man musste sich scheuen Menschen hinein zu tun Der Herr Pfarrer
ging oft in das sogenannt Spital und hoffte die Leute darin zu bessern aber
hoffte vergebens Hier wohnten Alt und Jung Männer Weiber die sonst kein
eigenes Obdach mehr hatten elend beisammen Das Haus war wie der Herr Pfarrer
oft sagte eine wahre Mördergrube der Seelen Denn die Kinder sahen und hörten
da von den Alten viele schändliche Sachen Das Beisammensein von Personen
beiderlei Geschlechts und von den schlechtesten Sitten gab zu vielen
Ausschweifungen Anlass Das Land welches zum Spital gehörte war immer am
unordentlichsten besorgt und Oswald hatte große Mühe im Hause selbst nur mehr
äußerliche Reinlichkeit herzustellen Aber wie sehr er auch den Kopf anstrengte
er konnte nichts ersinnen dies zusammengepackte müßige lüderliche Gesindel zu
ändern und er glaubte zuletzt selbst das sei nun einmal leider ein
notwendiges Übel
Hingegen der Herr Pfarrer hatte keine Ruhe und wollte nicht Zeuge so vielen
Sittenverderbnisses in seiner Gemeinde sein Er war aber ein kluger Herr der
sich nicht geradezu in Gemeindsangelegenheiten mischte weil er um heilsam zu
wirken mit allen Bewohnern des Dorfes in Freundschaft bleiben wollte Er gab
hin und her einen guten Rat warf einen guten Gedanken hin und freute sich
wenn er von diesem oder jenem Vorsteher aufgefasst wurde Dann tat er gar nicht
als wenn das von ihm herrühre sondern er ließ den Vorgesetzten die Ehre von
selbst den rechten Weg gefunden zu haben Das schmeichelte diesen und sie
verfolgten den rechten Weg um so williger Pfarrer Roderich meinte auch es sei
recht dass die Ortsvorgesetzten bei der Gemeinde in höchster Achtung ständen
und es schade ihrem Ansehen wenn es hieße sie ließ sich vom Herrn Pfarrer
gängeln und lenken Das sollte nicht sein Auf solche Weise wirkte der weise
Mann im Stillen ohne eigenen Ruhm und mehr als selbst diejenigen wussten oder
glaubten auf die er wirkte Und wenn auch nicht Alles so geschah wie er wohl
gewünscht hätte ward er deshalb doch nicht missvergnügt und zog die Hand nie
von der guten Sache zurück Denn er war bescheiden genug zu glauben dass andere
Leute ebenfalls Verstand von Gott und vielleicht in vielen Dingen bessere
Erfahrung und Kenntnis hätten als er Jedes Nützliche belobte er ungemein das
gab großen Mut und Freudigkeit Und wo man begriff dass gefehlt worden sei
entschuldigte er freundlich den Irrtum das gab wieder Trost und richtete die
Verdrossenen auf
»Das kann nicht länger so gehen mit unsern Gemeindsarmen und müßigen
Bettlern« sagte eines Tages Oswald zum Pfarrer Roderich »Aber ich weiß keinen
guten Rat zu schaffen Diese ErbBettler sind für eine ehrsame Gemeinde was
die Filzläuse für einen Menschenkörper sind eine Plage eine Schande und das
Ungeziefer sauget Blut Saft und Kraft aus dass man nicht geneset Ich habe ein
Grausen so oft ich unser Spital erblicke Die Verwaltung kostet so viel und
taugt offenbar nichts und ist nur eine Plage und Schande und Lüderlichkeit«
Pfarrer Roderich antwortete und sprach »Ihr habet mir endlich aus der Seele
gesprochen Oswald Hätte die Gemeinde kein Spital so hätte sie auch keine
Bewohner desselben Die meisten Bettler und Müßiggänger wird man allezeit in
denjenigen Orten finden in denen das meiste Armengut angehäuft ist und wo man
die meisten Almosen austeilt«
Oswald versetzte darauf »Ich habe freilich schon daran gedacht das Spital
abzuschaffen Aber damit ist nichts gebessert Es wird in den besteingerichteten
Gemeinden immerdar Arme geben und Taugenichtse Wohin mit diesen Ich habe in
andern Gemeinden gesehen dass man die dortigen Armen bei den vermöglichen Bauern
umherziehen lässt in die Runde oder eine Woche lang von einer bestimmten
Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhält Das ist
gegen Alte und Kranke oft unmenschlich und für die Arbeitsfähigen Bestätigung
im Müßiggang seelen und sittengefährlich Ich habe wieder in andern Gemeinden
die den Bettel abschaften gesehen dass sie ihre Bettler auf Unkosten der
Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten Man übergab dann die Verpflegung
des Gesindels denjenigen die am wenigsten dafür forderten Das waren nun wieder
höchst arme Leute die damit ein Stückchen Geld verdienen wollten und in so
ruchloser Gesellschaft ganz verdarben dabei hatte die Gemeinde gar keinen
Nutzen sondern Schaden denn die Bettler besserten sich nicht und steckten
Andere mit ihrer Liederlichkeit an bei denen sie wohnten Ja Herr Pfarrer
und Blut weinen möchte ich wenn ich zumal an arme verwaisete Kinder denke
welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in Verpflegung an
den Wenigstnehmenden gegeben worden sind Ich weiß wie man in den teuren
Zeiten für solche Kinder das Geld nahm aber sie hungern ließ und wenn die
armen Würmer jammerten und vor Hunger schrien wie man sie mit Ruten gestrichen
hat um sie zum Schweigen zu bringen damit die Leute es nicht vernehmen
sollten Ich weiß wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geöffnet wurde
fand sich im Magen nichts als etwas Gras und Wasser und der Rücken und die
Lenden waren blutrünstig Wahrlich wahrlich es ist unter Türken und Heiden
mehr Barmherzigkeit als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird«
»Ich weiß auch gar wohl« fuhr Oswald fort »dass die Vorsteher in vielen
Gemeinden an Errichtung von Armenhäusern und Spitälern dachten worein sie ihre
Bedürftigen tun wollten Das geschah aber nicht aus wahrer Menschlichkeit
sondern die harterzigen bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Mühe
erleichtern und die Plage abschaffen immer an die armen Leute denken zu müssen
Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im Dorfe die Würde aber erleichtert
sich auf ehr und gottvergessene Weise die Bürde wie es gehen mag«
So sprach Oswald Der Herr Pfarrer freute sich über des Vorstehers
gründliche Kenntnis der Dinge und sprach »Ich habe über diesen höchstwichtigen
Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfasst leset doch diese Blätter
Es sind viele unreife Gedanken darin aber ändert und bessert oder verwerfet
Alles was ihr wollt«
Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich Er las sie mehrmals durch Er
sprach darüber mit den Beisitzern Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei
Einwürfe hörte dessen Antworten und beriet sich wieder mit den Beisitzern
Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer über einen Plan zur bessern
Versorgung der Armen im Dorfe Dann versammelte er die achtbarsten Männer der
Gemeinde zog auch diese zu Rat und hörte ihre Einwendungen Da ward wieder
allerlei abgeändert und wieder verbessert
27 Was die Goldentaler mit ihren Bettlern machen
Nachdem Alles wohl beraten war ging man ans Geschäft Doch wussten Wenige im
Dorfe wie man so viele Bettler Müßiggänger hilflose Kranke Gebrechliche und
Kinder ohne ungeheure Kosten ernähren könne und wolle
Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes mit Genehmigung der hohen
Regierung erhoben damit schaffte man eine Dreherbank Aexte Hobel Sägen
Schaufeln Spaten Hacken und anderes Arbeitsgeräte an Man verbesserte auch
die Küche des Spitals um daselbst für viele arme Familien zugleich kochen zu
können und machte allerlei Aenderungen im Hause des Spitals also dass darin
eine Arbeitsstube für Männer eine andere für Weiber und zwei Krankenzimmer für
beiderlei Geschlechts angelegt wurden Auch ward dafür gesorgt dass für jeden
Gesunden ein eigenes Schlafkämmerlein eingerichtet wurde Das war eine enge
Zelle nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit am Boden nur Platz für einen
Strohsack ein Kopfkissen mit Stroh gefüllt mit grobem Bettuch und einer warmen
Wollendecke Jede Zelle hatte eine eigene Tür mit Luftloch »Man muss es
Bettlern nie ganz bequem machen« sagte Oswald »damit sie auch Lust bekommen
sich durch eigenes Bemühen eine bessere Lage zu schaffen« Darum ward jeder
Winkel im Hause zu Schlafstellen benutzt Unter dem Dache des Hauses bewahrte
man angekaufte Vorräte von Wolle Hanf Nutzholz und dergleichen
Sobald Alles und Jedes vorbereitet war nahmen die Vorgesetzten ein
Namensverzeichniss auf von denjenigen Personen im Dorfe welche nicht ohne
Unterstützung von der Gemeinde leben konnten Das war bald gemacht Man kannte
diese Leute nur allzugut Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene
Wohnungen Andere aber zogen ohne Obdach umher dem Bettel nach von Stall zu
Stall Diejenigen nun welche keine eigenen Wohnungen besaßen wurden
aufgefangen und ins Spital gebracht Sie gingen willig denn der kalte Winter
war vor der Tür Diejenigen welche zwar eine Stube hatten aber mit andern
armen Leuten gedrängt beisammen wohnten so dass Alt und Jung Leute beiderlei
Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mussten wurden ohne Umstände ins Spital
geführt Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen die darin nachweisen
konnten dass sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten
Also waren sämtliche Arme und Bedürftige des Dorfes in zwei Klassen
zerfallen Die welche eigene Wohnungen hatten hießen Häusler die welche ins
Spital kamen hießen Spittler Beide aber wurden als Genossen der gemeinen
Armenanstalt betrachtet ohne Unterschied Wo Kinder waren ließ man sie gern
bei ihren Eltern War aber die Behausung derselben zu klein oder waren die
Eltern ruchlos und unsittlich oder im Spital so suchte man die Kinder bei
guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen nicht bei armen
Leuten um Geld auch nicht bei reichen Leuten sondern bei solchen die durch
ihre Rechtschaffenheit bekannt waren Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der
Armenanstalt und die Pflegeältern wenn sie es verlangten auch geringe
Entschädigung Aber die Wenigsten die Kinder zu sich genommen hatten forderten
Entschädigung Sie taten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus
Frömmigkeit Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater Er hatte
zween böse mutwillige naschhafte Knaben die Keiner annehmen wollte zu sich
ins Haus genommen und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu
Jedermanns Verwunderung recht gutartig geworden Auf diese Weise brachte man die
Kinder an und sie sahen nicht täglich mehr das böse Beispiel ihrer Eltern und
lernten arbeitsam und gottesfürchtig werden da sie sonst nur zum Betteln
Stehlen und müßigen Herumschwärmen gewöhnt worden waren
Wie man die gesammten armen Leute mit ihren Kindern also verteilte und
Jeglichem sein rechtes Obdach gab ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein
Hauptgrundsatz aufgestellt nämlich Wer nicht im Stande ist sich selbst zu
erhalten und von Keinem versorgt wird den muss die Gemeinde versorgen Wen aber
die Gemeinde versorgen muss den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu
bevogten damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne Das war nicht
anders als recht und billig
Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffner Mann zum Vormund
oder Vogt gesetzt Dieser Vogt hatte über Nahrung Kleidung Vermögen Schulden
und Erwerb seiner ihm übergebenen Familie Vorsorge zu tun musste über Ordnung
und Reinlichkeit der Häusler in ihren Wohnungen und über die Arbeit wachen die
ihnen gegeben ward dabei verfuhr man sehr streng Denn da auch die Häusler ihre
Nahrung aus der Spitalküche bekamen wo wie in der teuren Zeit die Sparsuppe
gemeinschaftlich gekocht wurde und sie Kleider und Gerät von der Armenpflege
erhielten so mussten sie auch für die Armenanstalt arbeiten und damit ihr Brod
und was ihnen sonst zukam wieder abverdienen Was sie außer der aufgetragenen
Arbeit durch größeren Fleiß verdienten ward ihnen bezahlt Sowohl dies Geld als
das was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten bekamen sie nicht in die
Hände sondern wurde in die Ersparnisskasse für sie gelegt Denn Leute die zu
ihrem Unterhalt Alles und Jedes empfingen brauchten kein baares Geld sie
mussten aber erst sparen und haushalten lernen
Jeder Vogt musste dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit über das Betragen und
Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben Denn der Herr Pfarrer war
der rechte Oberaufseher aller Vögte er war der Pfleger aller Armen und führte
darüber ein eigenes Buch Fand er gegen einen Vogt zu klagen so dass derselbe
sein menschenfreundliches Amt übel versah so ward der Unwürdige von den
Ortsvorstehern geradezu abgesetzt
Diese beständige unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen
Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes Denn weil das
Geschäft der Aufsicht für jeden Vogt nur auf eine Familie ging war es weniger
mühsam und besser und sorgfältiger verrichtet Jeder tat das Wenige gern und
unentgeldlich aus christlichem Gemüt Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer
unter den Vormündern wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete die ihm
anvertrauten Personen durch Rat und Anweisung und Beihilfe emporzubringen So
hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen
Freund Vater und Fürsprecher und Schutzengel gefunden dem sie lebenslänglich
dankbar wurde
Nun aber war die Frage woher Nahrung und Kleider für die Armen nehmen Der
Zins des Armenguts reicht nicht zu Oswald aber sagte »Es wäre wohl böse wenn
die Leute mit gesunden Händen nicht ihr Brod verdienen könnten Alle zusammen
Häusler und Spittler Männer und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige
große Haushaltung und müssen Einer für Alle Alle für Einen arbeiten Die
Häusler müssen in der Woche arbeiten was ihnen aufgegeben wird die Spittler
müssen des Tages acht Stunden arbeiten mit Ausnahme der Sonn und Feiertage«
Und so ging es Wer nicht arbeiten wollte der ward ins finstere Loch des
Turms gesperrt da saß er und bekam zum Getränk kaltes Wasser und zur Nahrung
geschwellte Erdäpfel kalt und ohne Salz welche die Andern nicht hatten essen
mögen Das war Keinem angenehm Wer aber arbeitete hatte täglich warme Speisen
Suppe Gemüs und zweimal in der Woche Fleisch Wer außer den acht
Arbeitsstunden noch fleißiger sein wollte konnte sich damit Geld verdienen
Seine verfertigte Ware ward für ihn verkauft und das erlösete Geld für ihn als
ein kleines Kapital in die Ersparnisskasse an Zins getan So sammelten sie sich
ein kleines Vermögen Wer fluchte oder schwor unzüchtig redete Unordnung
trieb kam in das finstere Loch ohne Gnade und Barmherzigkeit Wer aber fein
still und ehrbarlich lebte der hatte Hoffnung seinen Zustand zu verbessern Er
konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spitalmeister werden Denn aus den
bravsten Leuten im Spital wurden die Aufseher über die Arbeiten und das Betragen
der Andern über Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Schlafstätten und
Kleider erwählt Die Aufseher berichteten Alles dem Spitalmeister der selbst
ein Spittler war Der Spitalmeister so wie die Köchinnen hatten den Vorteil
nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden Was sie neben ihren
Amtsgeschäften verdienen konnten das war ihr Eigentum und kam in die
Ersparnisskasse Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages für die
Gemeinschaft mitzuarbeiten die übrigen Stunden waren ihnen erlaubt für ihren
Vorteil fleißig zu sein Die Köchinnen hatten es eben so Elsbeth führte die
Oberaufsicht der Spitalküche Hier unterrichtete sie zwei arme Frauen im Kochen
Eine andere Spittlerin hatte Aufsicht über Wäsche Kleidung und Gerät der
Spittler Also wurden sämtliche Spittler zwischen Furcht der Strafe und
Hoffnung des Nutzens gestellt und zu ihrem eigenen Besten hingeleitet
Und Arbeit gab es für die Armenhaushaltung vollauf im ganzen Jahr Vor allen
Dingen mussten Spittler und Häusler gemeinschaftlich nicht nur die Gärten und
Felder des Spitals bestellen das Getreide Kohl Rüben Bohnen Salat
Erdäpfel Flachs Hanf Oelpflanzen usw bauen sondern auch gemeinschaftlich
ihr von der Gemeinde empfangenes Pachtland bearbeiten Doch behielt jeder
Besitzer den Nutzen von seinem Stückchen Gemeinlandes also dass er nach Abzug
dessen was er ebenfalls der Armenanstalt noch für Nahrung Kleidung und Obdach
schuldig geblieben das Übrige verkaufen lassen konnte von seinem Vogt der
Gewinn kam in die Ersparnisskasse
Ferner mussten die Männer Straßen verbessern Brunnen reinigen feuchte
moosige Stellen des Waldes durch Abzugsgraben trocken legen für das Spital und
die Häusler Holz fällen und spalten im Walde leere Stellen mit jungen Tannen
Buchen und Eichen besetzen und sonst allerlei Maurer und Zimmermannsarbeit zur
Ausbesserung des Spitals oder der Häuslerwohnungen verrichten Bei schlechtem
Wetter oder im Winter hatten die Männer noch weit mehr zu tun Da mussten die
welche mit Drehbank Hobel und Säge etwas umzugehen wussten Haus und Küchen
und Feldgerät aller Art verfertigen Andere lernten aus Wollen und Leingarn
ein ländliches Halbtuch weben das sehr dauerhaft war oder aus Hanf und
Flachsgarn Leinwand verfertigen Immer waren einige Webstühle Winters und
Sommers in Bewegung
Die Weiber selbst die Kinder der Häusler und Spittler mussten wenn es an
Leuten mangelte bei der Feldarbeit helfen außerdem bei dem Reinigen und
Ausbessern der Wäsche und Kleider sämmtlicher Häusler und Spittler tätig sein
Wolle Hanf und Flachs spinnen oder für die Weber spulen Strümpfe und Kappen
stricken Bettzeug und Hemden nähen und dergleichen mehr Alle arbeiteten für
Einen und Einer für Alle Die Leute befanden sich dabei so gut dass nachher
noch ein paar Familien freiwillig zur Armenanstalt übergingen da sie vorher aus
Furcht erklärt hatten sie könnten sich ohne allen Bettel und ohne Unterstützung
von der Gemeinde erhalten
Diese Einrichtung war darum sehr vorteilhaft weil die Verwaltung nun keine
Unkosten verursachte Denn der Spittlermeister die Unteraufseher und Köchinnen
die Mägde Holzspalter usw kosteten nichts Es waren Spittler Der Pfarrer
die Vormünder Oswald und Elsbeth nahmen für ihre Liebeswerke keinen Lohn Der
brave Schulmeister Johannes Heiter führte unentgeldlich die Buchhaltung und
Rechnung über Einnahme Ausgabe und erspartes Vermögen der Spittler und Häusler
mit ungemeiner Pünktlichkeit
Ferner die ganze Wirtschaft erhielt sich selbst Die Leute pflanzten und
kochten ihre Nahrung selber spannen woben und schneiderten ihre Kleider selber
aus selbstgezogenem Hanf und Flachs verfertigten ihre Tische Bänke Stühle und
Holzteller Schränke usw selber besserten Zimmer Gebäude und Geräte selber
aus Es wurde bald mehr Nahrung gewonnen mehr Garn und Tuch und allerlei Gerät
verfertigt als verbraucht Das wurde verkauft zum Nutzen der Anstalt und für
das Geld wieder eingekauft was man an Wolle Eisen usw nötig hatte Die
fleissigern Häusler verdienten noch außer den gesetzlichen Arbeitsstunden durch
mancherlei Arbeit oder Taglohn ein schönes Stück Geld Das ward ihnen an Zins
gelegt oder angewandt um ihnen zur Vervollkommnung ihrer Nebenarbeiten das
fehlende Werkzeug und rohe Stoffe zu verschaffen Schon im zweiten Jahre
brauchte man den Zins vom Armenfond nicht mehr ganz
Weil die Leute bei einfacher Kost viel arbeiteten und Männer und Weiber
ohnedem fast beständig getrennt lebten verging ihnen die Üppigkeit von selbst
Zudem war ein Gemeindsgesetz es konnte Keiner heiraten als der welcher sich
außer der Armenanstalt ohne Hilfe der Gemeinde ernähren konnte
Das Beste was man noch rühmen musste war die Gottesfurcht welche allmälig
bei diesen einst verwilderten Leuten immer mehr Eingang fand Und auch das war
ein Verdienst des Herrn Pfarrers Denn alle Wochen hielt er einigemal mit den
Spittlern die Abendandacht dazu kamen auch die Häusler Da sprach er dann viel
Heilsames und Lehrreiches über ihren Seelenzustand und zeigte ihnen wie durch
Gottes und Menschenliebe in der Welt wie in der Ewigkeit das reinste Glück
des Herzens gefunden werde Diese Erbauungsstunden fruchteten zur Besserung weit
mehr noch als die Drohungen und Strafen der Obrigkeit
Übrigens stand jedem Spittler und Häusler vollkommen frei die Anstalten zu
verlassen wenn er wollte Er musste nur zeigen wie er sich selbstständig und
auf ehrliche Weise durch die Welt bringen könne und wolle Und es war Gesetz
dass wenn Jemand die Anstalt verlassen und sich über ein Jahr lang ohne
Bettelei ohne fremde Unterstützung durch eigenen häuslichen Fleiß erhalten
und gutes Lob und Zeugnis erworben hatte dass er sodann den freien Gebrauch
seines kleinen in der Ersparnisskasse befindlichen Vermögens empfing Natürlich
hatte er dann auch keinen Vogt mehr und war gehalten wie jeder andere Bürger
Was die Goldentaler Armenanstalten vorzüglich von andern dergleichen
ruhmvoll und segensvoll unterschied war dass die armen Leute gezwungen wurden
Alles was sie zur Nahrung Kleidung und Bequemlichkeit gebrauchten durchaus
selbst zu machen Es sorgte Niemand für sie sie mussten für sich selbst sorgen
und arbeiten Hier war keine stillsitzende Lebensart hier keine ungewisse
leichte Fabrikarbeit wodurch arme Leute zu schwerer Arbeit nachher untauglich
werden hier gab es keinen leichten Verdienst wo junge Mädchen und Knaben bald
eben so viel Geld gewinnen können als die Alten was dann zur Üppigkeit zu
frühen Heiraten und zur Vermehrung des Lumpengesindels beiträgt Hier musste
Jeder seine Kraft für das anstrengen was ihm lebenslänglich wohltat wenn er
es konnte er musste graben hacken säen pflanzen dreschen zimmern hobeln
spinnen weben schneidern
28 Probieren geht über Studieren
Es war auch in Goldental wie an andern Orten Sobald irgend ein verständiger
Mann etwas Neues auf die Bahn brachte um damit etwas offenbar Schädliches
abzuschaffen machte sich Jeder ein Geschäft daraus es zu verhindern Dann ward
Jeder ein Bedenklichkeitskrämer und hatte Zweifel feil dann schüttelte Jeder
den Kopf zuckte die Achseln und sang das berühmte Lied aller feigen und trägen
Memmen
Lass es sein es ist zu schwer
Es geht nun und nimmermehr
Oswald wusste das wohl und war aus Erfahrung und Schaden klug geworden Hätte
er seinen Goldentalern den ganzen langen Plan von den Armenanstalten wie er
sie im Sinn hatte vorher bekannt gemacht so würde Jedermann erschrocken
gewesen sein sich in der Betrachtung desselben verwirrt ihn geradezu verworfen
und dabei gerufen haben
Lass es sein es ist zu schwer
Es geht nun und nimmermehr
Oswald aber dachte Probieren geht über Studieren Er hatte selbst seinen
ehrsamen Beisitzern nichts vom ganzen Umfang des Plans erzählt denn es waren
zwar wohlwollende brave Männer aber ängstliche schüchterne Leute Darum sagte
er nie mehr als immer stückweis etwas das eben ausgeführt werden sollte
Erst wurden die Armen und Bettler mit ihren Kindern aufgezeichnet und in
Häusler und Spittler eingeteilt Nun das ging Dann wurde für jede Familie ein
Vogt ernannt und ihm vom Herrn Pfarrer erklärt was er zu tun habe Das kam
endlich auch zu Stande Dann schaffte man Hobel Aexte Sägen auch Spinnund
Spulräder Wollenkarden und ein paar Webstühle aus dem Armengut an Das war
keine Hexerei eben so wenig der Ankauf von Wolle das Hanf und Flachssäen das
Einführen der Spinnerei und die Einrichtung der Spitalküche So ward allmälig
Eins ums Andere ins Werk gesetzt man fand jedes Einzelne nicht zu schwer so
kam das Ganze zu Stande und die hohe Regierung genehmigte den Plan mit
grossermunterndem Lobe Man hat hintennach erfahren dass selbst in der Regierung
einige Herren den Plan für unausführbar gehalten und bespöttelt hatten da
derselbe schon ohne dass sie es wussten ins Werk gesetzt war
Die meisten Sprünge machten anfangs die Spittler sie wollten nicht in den
engen Zellen schlafen Man sagte ihnen aber Arbeitet fleißig so könnt ihr
euch Wohnungen mieten oder Häuser bauen Sie wollten aber nicht arbeiten da
kamen sie tagelang ins finstere Loch bei kalter schmaler Kost Das gefiel ihnen
noch weniger Einige versuchten ihr Loos durch Gehorsam zu verbessern und
ergaben sich in ihr Schicksal zumal in den Wintertagen wo es auf der
Landstraße auch nicht angenehm zu reisen und zu schlafen war Als sie einmal
bessere Kost und bessere Behandlung genossen und die Arbeit gelernt hatten und
als sie schon in der Ersparnisskasse einige Gulden Eigentum für ihre alten Tage
oder für ihre Kinder besaßen blieben sie gern da Denn sie wollten das kleine
an Zins gelegte Vermögen nicht im Stich lassen und wurden begierig es zu
vermehren Andere aber liefen davon und in die weite Welt hinaus um müßig zu
gehen und zu betteln Nun dann wars ihr eigener Schade die Gemeinde hatte nur
den Nutzen sie nicht mehr erhalten zu müssen Einige von den Weggelaufenen
kamen nie wieder zum Vorschein Das war für Goldental kein Unglück Andere
wurden als Bettler von den Polizeibedienten des Landes aufgefangen und wieder
zurückgebracht Die besuchten zuerst das finstere Loch und dann kamen sie
wieder an die gemeine Arbeit wie zuvor Binnen drei Vierteljahren war es mit
allen Widerspenstigen in der Ordnung und es gab keinen bettelnden Goldentaler
mehr außer einige Weggelaufene in fremden Ländern
Die Häuslerfamilien wollten sich anfangs auch auf die Hinterfüsse stellen
und den Dreck und Unflat verteidigen worin sie zu leben gewohnt waren Und
sie klagten und schrien bitterlich über die Harterzigkeit der Goldentaler die
ihnen nicht mehr unentgeltlich wollten zu essen und zu trinken und ihnen nicht
einmal Geld in die Hände geben Allein der Hunger und das finstere Loch machten
zuletzt auch die Sprödesten geschmeidig und die Goldentaler blieben dabei wer
essen will soll arbeiten wer es gut haben will soll gut tun
Die Verwaltung des Spitals war vorzeiten kostbarer gewesen Jetzt kostete
sie nichts Nicht der Pfarrer nicht Oswald nicht Elsbeth wollten sich am
Armengut bereichern Die Spittler selbst mussten die angewiesenen Haus und
Unteraufsichtsgeschäfte verrichten Ward ihnen solch ein Aemtlein vertraut war
es Belohnung ihres Wohlverhaltens ward es ihnen genommen war es Strafe Einer
lauerte dem Andern dabei auf den Dienst Die SpitalGärten und Güter gaben
Nahrung genug und auch was die armen Familien am ehemaligen Weidland zum
Anteil empfangen hatten wurde abträglicher weil es gemeinschaftlich angebaut
und besorgt ward Die Unfleissigen bezahlten dem Spital mit dem was sie auf dem
Pachtland ärnteten ihre Kost und Kleidung und was sie noch erübrigten ward in
Geld verwandelt und für sie ein Schatz in der Ersparnisskasse
Die Männer im Spital stellten sich anfangs zum Hobeln und Sägen zum
Wollekrämpeln und Weben ungeschickt genug an Aber sie mussten lernen Ein
Meister aus der Stadt brachte das Ding bald ins Geleis der war ein verständiger
Mann und großer Verehrer und Freund des Herrn Pfarrers So kostete die
Bekleidung der Armen dem Spitalgut wenig und die Anschaffung von Bänken
Stühlen Bettgestellen Schränken und andern Gerätschaften wie auch
Ausbesserung am Hause fast nichts Die Spittler mussten auch für die Häusler
Gerät machen so ward jede Familie damit wohl versehen und gewöhnte sich an
einige Bequemlichkeiten
So wie das Armengut und Spital dabei gewann weil so viele Hände nur für
Kost und Kleidung arbeiteten so gewannen auch die Häusler und Spittler dabei an
Vermögen und Eigentum Denn was sie außer den acht üblichen Stunden mehr
arbeiteten konnten sie zu ihrem Nutzen in Geld verwandeln und in der
Ersparnisskasse an Zins legen eben so was sie von den Erzeugnissen ihres
Pachtlandes erübrigen und verkaufen lassen konnten Das war kein geringer
Vorteil Die Menschen wurden arbeitslustig und bekamen Freude am Sparen und
Vermehren ihres Eigentums weil sie die Zeit voraussahn da sie ganz unabhängig
leben und einen gewissen Wohlstand zu genießen im Stande waren
Am besten hatten es die Spitalmeister und die Aufseher welche selbst
Spittler waren Denn Alles was sie neben ihren Amtsverrichtungen arbeiten
konnten und verkaufbar war das wurde zu ihrem Nutzen verkauft Darum war
Jedermann beflissen sich wohl zu halten um zu einer solchen Stelle zu
gelangen Und diejenigen welche das Aemtlein hatten nahmen sich wohl in Acht
etwas von den ihnen übertragenen Pflichten zu versäumen Der kleinste Fehler
konnte sie um den vorteilhaften Dienst bringen auf welchen Viele hofften
Es gab zuletzt in der Armenanstalt Goldentals recht geschickte Arbeiter
Nicht nur die Bauern im Dorfe sondern selbst viele Leute aus der Stadt kauften
von den hier verfertigten Waren oder ließ hier arbeiten Und wenn so ein
geschickter Arbeiter spürte er verdiene mehr wenn er für sich allein arbeite
verließ er das Spital und mietete sich Wohnung im Dorf oder in der Stadt und
lebte für sich selber Das feuerte nun wieder die Andern an ebenfalls recht
geschickt zu werden
Im Dorfe war natürlich Jedermann froh nicht mehr vom Bettelgesindel geplagt
oder in Häusern und Gärten nächtlicher Weise bestohlen zu sein Jeder schickte
mit Freuden statt der Almosen etwas ins Spital wenn es irgend in demselben an
etwas fehlte Allein es zeigte sich noch ein anderer Vorteil für das Dorf an
den vorher Niemand gedacht hatte Nämlich hatte es im Sommer an Feldarbeit
gemangelt so waren andere Arbeiten im Freien vorgenommen worden Und so wars
gekommen dass alle Gassen des Dorfes wo man sonst bei schlechtem Wetter im Kot
bis über die Knöchel waten musste mit Steinen besetzt wurden dass der Bach im
Dorfe der sonst überlief und große Pfützen bildete mit Gemäuer eingefasst
stand dass die Feldwege und Fussstege ohne Löcher waren dass die
Gemeindswaldungen keine Stelle mehr hatten die nicht mit jungen Setzlingen den
erfreulichsten Nachwuchs zeigte Weit umher im Lande sah man keinen Wald in
besserer Ordnung und kein säuberlicheres Dorf als Goldental Es kamen sogar
große Herren von der Regierung und besichtigten die Goldentaler Anstalten und
Einrichtungen und hätten dergleichen gern überall gehabt Allein sie sahen sich
in andern Dörfern oft vergebens nach dem edelen Pfarrer Roderich nach dem
menschenfreundlichen Oswald und seiner eifrigen Gehülfin Elsbeth um Dennoch
ward es auch anderswo mit Abänderungen und mit Glück versucht Und daran tat
man Recht Probiren geht über Studieren Und wo man mit eifriger Menschenliebe
was Rechtes will da geschieht auch was Rechtes
29 Wieder etwas Neues
»Was hat auch der Oswald wieder« fragten sich die Bauern unter einander Denn
wenn alle Leute Feierabend hatten lief er noch mit dem Schulmeister und einigen
jungen Burschen in den Feldern herum Die schleppten sich mit Ketten steckten
lange Stangen in die Erde und Oswald sah immer über einen kleinen langbeinigen
Tisch nach den Stecken und konnte sich nicht satt daran sehen Und der
Schulmeister Heiter tat es auch gern Und an den Stecken war doch nichts zu
sehen
Das ging beinahe ein Jahr lang so Und da die Bauern hörten dass Oswald das
Land und alle Felder vermessen und alle Wege und Stege in einen Plan bringen
lasse ward Vielen bange Denn es ging wieder die Rede vom Krieg und sie
dachten der Oswald könne dem Feind das Land verraten wollen
Es verhielt sich aber folgendermaßen Oswald verstand das Feldmessen und
hatte Bücher die davon handelten Und er hatte seinen Liebling den Johannes
Heiter auch in dieser Kunst unterrichtet nebst andern Bauernburschen die Kopf
dazu besaßen Weil nun die Waldungen der Gemeinde sehr genau ausgemessen waren
kam er auf den Einfall nach und nach in den Nebenstunden alle Güter Wege und
Stege des ganzen Gemeindsbezirks zu vermessen und daraus eine große Karte zu
machen
Auf der Karte sah man sehr deutlich jedes Stück Land jeden Steg jeden Hag
jedes Haus Eine Juchart war beinahe einen Zoll ins Geviert groß Und die große
Karte wie sie fertig war wurde im Gemeindshause aufgehängt Da liefen nun
tagtäglich Bauern hin und beschauten den Plan und wunderten sich sehr Denn sie
fanden sich bald zurecht und Jeder erkannte seinen Acker seinen Garten seine
Wiese Und was das Beste war in jedem Stück Feld oder Acker stand die Größe
desselben genau bis auf einen halben Schuh geschrieben Nun erst wusste Jeder
recht eigentlich wie groß seine Aecker und Wiesen waren und er schrieb sich
die Zahlen sorgfältig ab Das war beim Kauf und Verkauf keine Kleinigkeit denn
bisher hatte man das Land nur nach Schritten geschätzt und Mancher zu wenig
angegeben Mancher zu viel Das war allerdings nun ein großer Nutzen
Der Vorsteher Oswald sagte aber zu den Leuten wenn sie den Plan
betrachteten »Das ist noch nicht der größte Nutzen ich weiß noch einen
bessern« Wenn sie ihn darum fragten antwortete er »Habet ihrs bis Lichtmess
nicht erraten so will ich es euch dann sagen« Sie errieten es aber nicht
Als nun Lichtmess kam und die Gemeinde wegen verschiedener Angelegenheiten
versammelt war trat Oswald nachdem man alles abgetan hatte hervor und
sprach »Ihr Alle kennet sattsam den Plan von unserm Gemeindsbezirk wie ihn der
Schulmeister Johannes Heiter mit seinen Schülern genau und zierlich verfertigt
hat Ihr Männer liebe Mitbürger Jedermann hat dabei seine besonderen Gedanken
gehabt und auch ich die meinigen Und diese will ich euch offenbaren«
»Wenn ich die Felder übersah die wir im Schweiße unsers Angesichts bauen
nicht ohne Segen von Gott dem Herrn so tat es mir oft weh im Herzen dass die
Arbeit uns so viel Mühe macht und es tat mir oft weh im Herzen dass dabei
Vieles nicht so gut angebaut ist und folglich auch nicht so viel abträgt als
wohl sein sollte Und ich warf meine Augen noch einmal auf den Plan und siehe
da wurden auch die Augen meines Geistes eröffnet und ich erkannte einen
Hauptfehler in unserer Feldwirtschaft«
»Ihr Männer liebe Mitbürger es liegt nun sonnenklar am Tage wenn ihr euch
unter einander verstehet so werden eure meisten Güter mit geringerem Aufwand
von Zeit und Unkosten besser besorgt werden und abträglicher sein können als
bisher«
Da riefen viele Bauern »Dazu wollen wir uns ohne Mühe mit einander
verstehen wenn es nicht einmal so viel kostet als sonst«
Oswald sprach »Ich wünsche Glück dazu Ich will euch sagen was bisher viel
Unkosten verursacht hat die ihr nun sparen könnt wenn ihr wollt Das ist die
Zeit Jeder von euch hat nämlich sein Land nach und nach zusammengeerbt oder
zusammengekauft wie es kam Da hat er ein Stück am Berg liegen ein anderes
hinterm Wald ein anderes wieder jenseits der Brücke ein anderes neben der
Landstraße wieder ein anderes am Bach und noch ein anderes beim Steinbruch Da
muss er nun Viertelstunden weit unnütz umherlaufen von einem Stück zum andern
eben so die Knechte und Mägde eben so die Fuhre mit dem Dünger Da wird ein
Teil des Tages bloß mit Gängen und Läufen verloren wo man hätte arbeiten
können Da werden Magd und Knecht für Hin und Hergehen bezahlt was doch nichts
einträgt Es wird daher um so viel weniger im Tage gearbeitet und das Land um
so weniger mit größtem Fleiß bearbeitet weil es an der nötigen Zeit gebricht
Mancher scheut sich noch etwas Land zu kaufen weil er das seinige kaum recht
in Ordnung besorgen kann und doch hat er nicht viel Aber das Umherziehen von
einem Stück zum andern nimmt die Zeit weg Lägen alle seine Felder beisammen und
wäre ein Ganzes er könnte mit eben so vielen Leuten in eben so vieler Zeit noch
einmal so viel Land besorgen als er jetzt hat und um so viel reicher sein«
Die Bauern sagten »Das ist ganz richtig aber es lässt sich nicht ändern
Man kann seine Aecker nicht auf den Rücken nehmen und an einen Haufen legen«
Oswald sprach »Das könnt ihr wenn ihr wollt nun ihr den Plan vom
Gemeindsbezirk habet und nun Jedermann weiß wie groß jedes seiner Stücke ist
Aber ich sage euch die Sache hat viel Schwierigkeiten Ihr müsst mit einander
die zerstreuten Stücke austauschen so dass endlich Jeder sein Land im
Zusammenhang hat als ein einziges Stück Da rede Jeder mit seinen Nachbarn und
Anstössern Entschädiget einander wo der Eine ein paar Schuhe Land mehr oder
bessern Boden hat als der Andere Und wenn Einer oder der Andere beim Tauschen
wirklich etwas einbüßen sollte so gewinnt er doppelt dadurch dass er Alles
beisammenliegend hat Wo ihr nicht eins mit einander werdet nehmt
unparteiische Schätzer oder billige Schiedsrichter oder zieht Loose Ich sage
lasset euch durch kein Hindernis abschrecken oder seid darum nicht zufrieden
weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid es kommt darauf an dass
ihr reicher werden könnt ohne größere Mühe«
Als der erste Vorsteher so geredet hatte ging die Gemeinde kopfschüttelnd
aus einander Zwar Alle sagten der Gedanke sei gar gut aber man würde nun und
nimmermehr einig werden
Inzwischen dachten doch Einige in müßigen Augenblicken daran welches Stück
von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem für das seinige geben könnten das an
das ihrige stieß Sie fingen sogar zum Spaß an davon mit den Angrenzern zu
reden Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen und wünschten ein
anderes das dem Dritten gehörte zu empfangen Da begrüßten beide Teile nun
den Dritten Einer stieß den Andern Bald machte Jeder Plane für sich seine
Besitzungen auszurunden und in ein einziges Stück zu verbinden In kurzer Zeit
griffen die Unterhandlungen um sich Manche gelang manche scheiterte Immer kam
dabei etwas heraus Es war in Goldental wie an einer Landversteigerung oder wie
auf einem Gütermarkt zumal im Winter da man mehr müßige Stunden hatte und
Abends zum Gespräch zusammenkam bald bei Diesem bald bei Jenem Denn ins
Wirtshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh
gleich zu werden schämten sich alle Ehrenleute im Dorfe Lieber tranken sie ihr
Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn und Festtage
Oswald hatte es vorausgesagt der Gütertausch hat Schwierigkeit So war es
auch Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Fünfen fast ganz gelungen
all ihr Land beisammen zu haben Das verdross die Andern Sie sahen den Nutzen
davon sehr wohl ein Nun setzten sie den Kopf daran es auch so weit zu bringen
Das Gemeinhaus ward beständig besucht am Abend Da standen immer einige Bauern
vor der großen Karte und handelten und stritten dass man es draußen hörte und
liefen aus einander im Zorn und traten wieder mit neuen Vorschlägen zusammen
Was war die Folge Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Güter immer besser zu
und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtbar
30 Wie es im Goldmacherdorf aussah
Wohl war Goldental nun ein rechtes goldenes Tal Da lag es mitten in den
fruchtbarsten Gärten wie vergraben in den vollen Obstbäumen umringt von Wiesen
und goldenen Saatfeldern wie mitten im Paradiese Die Feldwege zwischen den
Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben die Landstraßen auf beiden Seiten
mit Obstbäumen besetzt so weit der Gemeindsbezirk ging
Und trat man ins Dorf so glaubte man in kein Dorf zu treten sondern in
einen stattlichen Marktflecken Denn die Häuser waren wenn auch nicht alle
groß doch alle schön und wohl unterhalten von oben bis unten die Fenster
glänzend und hell die Türen und Gesimse stets gewaschen oder frisch
angestrichen die Dächer fast alle mit Ziegeln gedeckt denn durch ein
Gemeindsgesetz waren die Strohdächer wegen Feuersgefahr verboten Und wurde ein
neues Dach gedeckt mussten es Ziegel sein Auf mancher First sah man
Blitzableiter fast vor allen Fenstern Blumen neben den Häusern kleine Gärten
zierlich geordnet und daneben wohlgeschirmte Bienenkörbe
Die Leute grüßten Jeden so freundlich auf der Straße und neckten einander
im Vorbeigehen scherzend Man sah es ihnen wohl an dass sie unter einander gut
lebten und mit ihrem Zustande vergnügt waren Das konnte nicht anders sein
Sogar in der Woche bei Feld und Gartenarbeit gingen Alle zwar schlicht und
einfach aber doch reinlich gekleidet man sah keine beschmierten keine
zerrissenen Gewänder Es gab braune von der Sonne verbrannte Gesichter aber
keine kotigen mit struppigen Buschhaaren und die Kraft und Gesundheit lachte
Allen aus den Augen Die jungen Bursche in andern Dörfern sahen am liebsten nach
den Goldentaler Mädchen denn sie waren nicht nur wundernett und hübsch
sondern auch häuslich geschickt und wirtlich Mancher reiche Bauerssohn in
andern Dörfern holte sich ein Mädchen aus dem Goldmacherdorf wenn es auch nicht
viel Geld hatte hatte es doch viele Tugenden Und ging ein junger Mann aus
Goldental auf die Heirat aus so konnte er unter den Töchtern des Landes
wählen Man schlug einem Goldentaler nie leicht die Tochter ab wenn sie auch
mehr Vermögen hatte denn man wusste es war gar wohl angelegt Das vermehrte den
Wohlstand der Gemeinde nicht wenig
Dass man keine Bettler und Müßiggänger in Goldental sah verstand sich Aber
man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute Denn sogar die
Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand Und trat
man ins kleinste ärmste Bauernhaus so meinte man beinahe es sei etwas recht
Vornehmes darin Die Fussböden waren so reinlich und gefegt die Bänke Stühle
Tische so ohne Flecken und Fehl Fenster und Spiegel so hell kurz es war
nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften Man bekam
rechte Lust da zu wohnen unter den Biederleuten
Während der Sommermonate vom Frühjahr bis zum Herbst war es an den
Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldental Da wimmelte es
von Besuchen aus der Stadt Das große neu ausgestattete Wirtshaus welches
wer hätte es glauben sollen einer von den zweiunddreissig armen Genossen des
Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte war angefüllt mit
städtischen Familien die Erfrischungen nahmen Andere Familien kehrten in die
Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein saßen da in den Gärten bei Milch Obst
Honig und andern Näschereien des Dorfes oder lagerten sich plaudernd und
spielend auf grünen Rasenplätzen oder saßen auf den sauberen Bänken vor den
Häusern im Schatten weit vorragender Dächer und sahen die auf und abwandelnden
bunten Reihen der Spaziergänger oder traten auf den Platz unter die Linde wo
die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern Man kann
leicht denken die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das
Vergnügen welches sie in Goldental genossen nicht undankbar und die von den
gefälligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschönerungen ihrer
Häuser und Gärten trugen guten Zins Selbst im Winter fehlte es nicht an
Besuchen Da wurden aus der Stadt Schlittenpartien nach Goldental gemacht Wo
konnte mans besser haben
Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das und wunderten sich fast zu
Tode warum das bei ihnen nicht auch so sei Sie meinten in vollem Ernst die
Goldentaler hätten geheime Künste Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu
erkundigen blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen und blieben wie sie
waren Sie zeigten nur Neid und Missgunst wenn sie von Goldental sprachen und
spotteten und nannten es das Goldmacherdorf Aber dieser Übername war kein
Übelname
Auch machten sich die Goldentaler nicht viel daraus Denn wohin sie kamen
waren sie wertgehalten und geschätzt Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und
waren dabei des Lebens froh Hatten sie die ganze Woche gearbeitet war jeder
Sonntag ein rechter Ruhetag Ins Wirtshaus freilich gingen die Goldentaler
nicht Sie hatten ihren Labetrunk daheim Aber auch im Winter tanzten da des
Abends die jungen Leute bei guter Musik Einige Männer und Knaben waren durch
den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet
worden Sie hatten es ziemlich weit gebracht Oft führten auch die jungen Sänger
und Sängerinnen große Singstücke auf wie man dergleichen kaum in der Stadt
hörte Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander
da bewirteten sie sich mit einfacher Kost und hatten ihre munteren Gespräche
Von besoffenen Leuten von Raufereien von Prozessen von Ausschweifungen
anderer Art hörte man gar nicht Denn mit dem Wohlstande und der bessern
Erziehung die aus der Schule stammte hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und
eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet wovon man sonst
nicht leicht in andern Dörfern Ähnliches gewahr ward Man kannte und
unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern
Gegenden Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich in ihrer Rede
sanft und bescheiden in ihrem Benehmen offen und gutherzig Sie trugen zwar
keine feine Kleider aber dafür war ihr Betragen fein
Man muss wohl nicht glauben dass dies höfliche ehrbare und löbliche Wesen
eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen
es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze Denn wie einige Bauern reicher
geworden waren hatte es gar nicht an solchen gefehlt die wieder über die
Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten Da wollten Einige hochmütig
werden putzten ihre Töchter ungebührlich kleideten sich in kostbares Tuch
recht städtisch und taten in allen Dingen groß Einige andere nahmen die
Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirtshaus Das erweckte aber
großes Ärgernis bei den meisten rechtschaffenen Leuten und sie sprachen
»Fängt man es so wieder an werden wir bald wieder den Krebsgang gehen« Und es
war allgemeiner Unwille gegen diejenigen welche von der einfachen löblichen
Weise abwichen und man begehrte die Ortsvorgesetzten sollten besser über die
Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen
Dieser Vorwurf welchen man den Ortsvorstehern machte erfüllte den Oswald
gar nicht mit Verdruss sondern mit wahrer Freude So kam ein strenges
Gemeindsgesetz zu Stande darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und
jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben und auf Kartenspiel und alles Spiel um
Geld und Geldeswert auf das Laster der Trunkenheit auf Schimpfreden
Lästerungen Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde
einmütig harte Strafen gesetzt So kam es dass sich Keiner überhob und
übernahm dass wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte zu tun was weder
ehrbarlich noch recht war die Furcht vor Scham Schande und Bestrafung ihn
wieder zurückschreckte
Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen Da
mussten Alt und Jung Männer Weiber und Kinder es anhören Fand man Zusätze
nötig wurden sie gemacht Und wenn das Sittengesetz vorgelesen war musste der
erste Vorsteher jedesmal fragen »Wollet ihr dies Gesetz halten welches die
Grundlage unsers Wohlstandes unserer Eintracht und Ehre ist« Und Alt und
Jung antwortete mit lauter Stimme deutlich ein allgemeines Ja
31 Die Kindtaufe
Oswald genoss zu dieser Zeit eine rechte Herzenswonne nach der er sich lange
schon vergebens gesehnt hatte Nämlich die liebe gute Elsbeth hatte ihm einen
munteren Sohn zur Welt gebracht Da war er wie im Himmel
Und er ging darauf zu seinem Freund dem neuen Löwenwirt der einer von den
wohlbekannten zweiunddreissig Bundesgenossen war Zu diesem sprach er »Mein
Freund ich habe doch dich noch nie um eine Gefälligkeit angesprochen und ich
komme damit zum ersten Mal Meine Frau liegt im Kindbette und ich kann sie
nicht verlassen und zur Stadt gehen Ich gebrauche aber fünfhundert Gulden
wenn auch nur acht Tage lang und sie sollen wo möglich in Gold sein Willst du
mir so viel auf acht Tage leihen«
Der Löwenwirt antwortete »Ich bin dir für so Vieles Dank schuldig warum
sollte ich nicht Ich habe eben achthundert Gulden empfangen die liegen noch
immer bei mir Aber sie sind zum Teil in Silbermünze Willst du so nimm Alles
auf so lange du willst«
Oswald sagte »Ich möchte lieber Gold es liegt mir sehr daran«
Der Löwenwirt versetzte »Wohlan ich will Rat schaffen Wann musst du es
haben«
Oswald erwiderte »Bringe mir das Geld morgen Abend um die achte Stunde in
mein Haus Aber sage Niemandem davon«
Als er sein Geschäft hier vollendet hatte ging er fort und zu den übrigen
einunddreissig Bundesgenossen und sagte ihnen dieselben Worte wie dem Löwenwirt
und bat um fünfhundert Gulden wo möglich in Gold Und Jeder freute sich dem
wackeren Manne endlich einmal einen Freundschaftsdienst erweisen zu können und
versprach ihm das Geld zu bringen Er bestellte Jeden auf den folgenden Tag des
Abend um die achte Stunde zu sich
Und sie kamen um dieselbe Stunde da es schon dunkel war zu ihm Er führte
sie Alle in sein Zimmer aber es war noch kein Licht angezündet Die Leute
wunderten sich in der Stille über die Menge der Anwesenden Oswald ging um
Licht zu holen Und als er wieder in die Stube trat mit zwei brennenden Kerzen
in der Hand erblickten sie ihn wieder wie sie ihn schon einmal gesehen hatten
in prächtigen Offizierskleidern mit hohem Federbusch auf dem Hut einem Orden
auf der Brust und einem langen Säbel an der Seite Sie sahen einander verwundert
an und sahen wie vor sieben Jahren dieselben Gestalten in demselben Zimmer
um denselben Tisch auf welchen der Offizier die Kerzen niedersetzte
Oswald sagte darauf »Habet ihr mir gebracht liebe Freunde um was ich euch
gebeten habe so leget es hier auf den Tisch«
Da traten sie Alle Einer nach dem Andern zum Tisch und Mehrere
bedauerten ihm die Summe nicht in Gold zahlen zu können Er sagte darauf
liebreich »So ists gleichviel Gebet wie ihr es habet« Und sie schütteten
Gold Andere Silber auf den Tisch Andere legten ihm gute Kapitalbriefe und
Zinsschriften hin
Darauf erhob Oswald die Stimme und sprach »Erinnert euch es ist die Zeit
der Prüfung vorüber und die sieben Jahre und sieben Wochen sind zu Ende von
denen ich euch geredet Und ihr habet mehr Geld auf diesen Tisch geworfen als
ich vor sieben Jahren und sieben Wochen vor euren Augen ausschüttete Damals
wart ihr kaum im Stande fünfhundert rote Kreuzer auszuleihen in der Stadt
hätte sie euch Niemand anvertraut Jetzt habet ihr binnen vierundzwanzig Stunden
Jeder fünfhundert Gulden aufgebracht also dass sechszehntausend Gulden hier
plötzlich auf dem Tisch beisammen sind Also ist die Prüfungszeit vorüber und
ich habe euch die Kunst gelehrt Gold zu machen Und nun werdet ihr verstehen
was ich sagte da ihr das erste Mal hier standet Ich sagte aber die Kunst ist
selbst mehr noch als das Gold wert denn diese Kunst ist die beste Weisheit
des Lebens Bleibet euren Gelübden und Gott getreu und euer Glück und Wohlstand
wird wachsen von Tag zu Tag Wer vom Gelübde lässt der lässt von seinem Glück
Präget dies Gelübde euren Kindern ein und lasset sie es halten so werden sie
Fülle haben Nun habe ich mein Wort gelöst das ich euch gegeben Ihr seid darum
reich weil ihr wenig bedürfet und viel erwerbet und weil ihr Zutrauen genießt
bei den reichen Leuten dass ihre Geldsäcke euch offen stehen So habet ihr Gold
machen gelernt wie Ehrenmänner Gold machen sollen Oder habet ihr anderes
erwartet«
Sie lächelten allesammt und sprachen »Ei nun wir haben wohl längst schon
vermerken können wie du es mit der Goldmacherei gemeint hast Doch als wir
einmal zur rechten Erkenntnis gekommen waren schämten wir uns auch des dummen
Aberglaubens der uns vormals betörte und wussten es dir im Herzen Dank dass du
uns auf bessere Bahn gebracht Ohne dich und deine Hilfe wären wir aber doch nie
dahin gekommen«
Oswald freute sich dieser Worte und der dankbaren Herzlichkeit mit der ihm
Jeder die Hand drückte und schüttelte Und er stellte ihnen ihr Geld wieder zu
weil er es nicht hatte gebrauchen sondern nur ihre Zuneigung auf die Probe
setzen wollen Sie aber sagten »Gebiete über uns wie du willst Tag und Nacht
Denn wir Alle sind dir unser Hausglück schuldig Sprich wir sollen für dich
durchs Feuer gehen wir werden gehen Sprich wir sollen für dich sterben und
wir werden den Tod nicht fürchten«
Und wie sie sich so traulich und herzlich um ihn drängten betrachteten sie
sein schönes Kleid und den Orden auf der Brust und hätten gern erfahren was
das bedeute
Er antwortete »Ich danke es eurem alten Schulmeister meinem seligen Vater
noch in der Erde dass er mich in vielen nützlichen Dingen und sogar im
Feldmessen unterrichtete Denn als ich unter die Soldaten kam half es mir
nebst redlichem Sinn und herzhaftem Betragen dass ich meinen Kameraden
vorgezogen ward Ich tat meine Pflicht und ward zuletzt Rittmeister Und als
ich in einem Treffen da sich der Erbprinz zu weit vorwagte denselben mit
seinem Gefolge von feindlichen Reitern umgeben sah drang ich blitzschnell mit
meiner Schwadron unter die Feinde und rettete den Prinzen Dafür empfing ich
diese Wunde hier auf der Stirn und dieses Ordens und Gnadenzeichen auf der
Brust und als ich den Abschied beim Friedensschluss nahm einen anständigen
Jahrgehalt auf Lebenszeit Auch hat der Erbprinz als er unser Land
durchreisete mich nicht vergessen und mich wie ihr wisst sogar im
Vorbeireisen einmal besucht«
»Da ich aber heimkam nach Goldental in meine liebe Heimat und ich sah
wie elend und verlumpt hier Alles war verbarg ich meinen Wohlstand um nicht
von lüderlichen Bettlern belagert zu werden Auch hatte ich alle Lust verloren
hier zu bleiben und wäre wieder fortgezogen hätte ich nicht des Müllers
Elsbeth gesehen Meine Elsbeth hielt mich fest Da beschloss ich in meinem
Herzen zu versuchen ob ich mir das Leben bei euch lieb machen könne Und ich
stellte mich arm und den Übrigen gleich um Vertrauen zu erwecken Und ich
sagte Niemandem von meinen Ehren und Jahrgeldern so ich genösse Nur Elsbets
Eltern musste ich es am Abend da ich um die Tochter anhielt offenbaren sonst
hätten sie mir ihr Kind nicht gegeben denn sie hielten mich für arm Als ich
aber noch am Abend den Müller Siegfried und seine Frau zu mir ins Haus führte
und hier meine Uniform mit dem Orden anlegte ihnen mein gesammeltes Geld und
den königlichen Gnadenbrief wies woraus sie sahen dass ich mehr Jahrgehalt
bezog als des Müllers Mühle in drei Jahren verdienen konnte wurden sie andern
Sinnes Doch mussten sie verschwiegenen Mund halten denn es war nötig Nun aber
mag es Jedermann wissen es schadet nicht mehr«
So erzählte Oswald und die Leute verwunderten sich und freuten sich über
sein Glück Und sie hatten vor ihm so große Ehrfurcht bekommen dass sie ihn kaum
Du nennen wollten Er aber sagte »Was treibet ihr auch mit mir Nein ich
bleibe eures Gleichen darum seid und bleibt meine Brüder Kein Offizierrock
und kein Orden sondern ein wohlwollendes Herz voll Gottesfurcht macht zum
Ehrenmann« So redete er und umarmte Alle nach der Reihe da sie sich heim
begaben und sie dankten ihm denn er sei der wahre Stifter ihres irdischen und
ewigen Glücks und sie nannten ihn Vater Und wenn er Kindtaufe halten würde
versprachen sie Alle sich mit ihm zu freuen als wäre sein Fest ihr eigenes
Fest
Wie nun drei Tage nach diesem der Sonntag kam da Oswalds Sohn getauft
werden sollte war Alles im Dorfe schon früh wach Oswald aber trat zu seiner
Elsbeth an das Bette küsste die junge Mutter und ihren holten Säugling und
sprach »Sieh teure Elsbeth mein Herz bricht vor Freude und Wehmut Mein
Söhnlein das du geboren hast macht mir große Wonne aber noch größere Wonne
macht mir der Anblick unseres Dorfes Und es ist doch wahr die Menschen sind so
böse nicht und nicht so herzlos wie man oft sagt Man soll den Glauben an die
Güte der Menschheit nie verlieren Siehe in dieser Nacht haben sie unser
Wohnhaus wieder mit Blumenkränzen prächtig überdeckt und verziert wie es am
Tage unserer Hochzeit war Aber dabei ist es nicht geblieben Alle Häuser des
Dorfes sind mit Blumen und Zweigen verziert als wäre unser Fest das Fest jedes
Hauses Und hinten von unserm Haus hinweg bis zur Kirchtür haben sie grünende
Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnüre
von Birke zu Birke gezogen und den ganzen Weg mit grünem Laub und allerlei
Blumen überstreut«
So sprach Oswald und die junge Wöchnerin errötete in stiller Rührung und
ihre Augen wurden feucht Dann sagte sie nur »Hab ich doch in der Nacht oft
ein Gehen und Sumsen draußen gehört und wusste nicht was es gab« Sie konnte
nicht im Bette bleiben und musste auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeit
sehen Da weinte sie still denn nichts ist für ein zartes Gemüt rührender als
wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt Das ist
die wahre Verklärung der Menschheit und eine Ahnung des schöneren Himmels der
unserer wartet
Als Elsbeth wieder zu ihrem Säugling gegangen war kamen ihre Eltern denn
sie waren die erbetenen Taufzeugen Die Müllerin konnte nicht genug sagen wie
ausgeschmückt die Häuser wären wie lebendig Alles im Dorfe sei und sie rief
einmal um das andere aus »Nein solch eine Kindtaufe ist in Goldental noch nie
geworden So feiert man ja nicht die Geburt eines Fürsten«
Und wie sie noch so redete kam ein ganzer Zug junger Mädchen und Knaben
gegen Oswalds Haus sämtlich in Feierkleidern Paar um Paar Alle trugen ein
kleines Geschenk von ihren Eltern zur Wiege des Neugebornen die Einen
schneeweiße Leinwand die Andern Zucker oder Mandeln oder Blumen oder
selbstgestrickt Strümpfe oder Handschuhe die Andern niedliches Hausgerät
kleine Bedürfnisse für Küche und dergleichen So viele Haushaltungen im Dorfe
so viele Geschenke Und alle Kinder küssten Elsbets Hand und sagten Mutter
Elsbeth und küssten Oswalds Hand indem sie bloß dazu die Worte sprachen Vater
Oswald Aber welcher Wohllaut lag für Oswald und Elsbeth in diesen Vater und
Mutternamen Es gab keinen einfachern und rührendern Glückwunsch
Da läuteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche Der Säugling ward zur
Taufe getragen er voran ihm folgten die beiden Grossältern hintennach der
tiefgerührte Vater Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis
Alt und Jung und sah den Oswald kommen Sanft und freundlich sprach Alles wie
er vorbeiging an der Menschenmenge »Guten Morgen Vater Oswald« Dann folgte
ihm Alles in die Kirche
Hier hielt der Herr Pfarrer Roderich nach vollbrachter Taufhandlung eine
schöne Predigt über die Pflicht öffentlicher Dankbarkeit des Volks gegen eine
gute Obrigkeit Er schien noch nie so begeistert und salbungsreich geredet zu
haben Wort auf Wort traf die Herzen Es war im ganzen Volk die tiefste Andacht
und wachsende Rührung Jeder hielt an sich seine Tränen zu unterdrücken Als
nun aber der Herr Pfarrer aus Schlussgebet kam und er da die bebende Stimme zu
Gott erhob für die gute Obrigkeit von Goldental wobei Jeder im Stillen an
Oswald dachte als nun der Herr Pfarrer selber die Bewegung seines Gemüts nicht
länger zurückzwingen konnte und ihm unter Tränen der Name Oswald entschlüpfte
da ward lautes heftiges Schluchzen in der ganzen Kirche Da nun dachte Jeder
an das Alles was dieser Oswald der Gemeinde getan und gestiftet Jeder
erkannte in ihm den Urheber des allgemeinen Glückes Der Pfarrer konnte nicht
mehr reden Er schloss er sprach den Segen über die fromme und dankbare
Gemeinde Niemals war in Goldental mit höherer Inbrunst ein Gesang gesungen
worden als diesmal aus dem Anhangbüchlein der Vers Für das Leben der
Obrigkeit gen Himmel stieg
Der gute Oswald sehr verlegen und beschämt und doch froh gerührt konnte
kaum aufsehen da er aus der Kirche ging und begab sich tief sein Haupt
gesenkt durch die grüssende Menge zu seiner Elsbeth Er konnte kaum reden Zum
Mittagsmahl waren bei ihm seine Schwiegerältern und der Herr Pfarrer der
Schulmeister und die beiden Mitvorgesetzten Die erzählten dass fast in allen
Häusern des Dorfes Gastmähler gehalten würden wozu Einer den Andern eingeladen
habe die Aermern speiseten bei den Reichern Oswald schüttelte den Kopf und
sprach »Das ist mir der Ehre allzuviel ich habe es nicht verdient«
Doch die allgemeine Freude machte auch ihn wieder froh und wohlgemut Er
ging gegen Abend begleitet von seinen Gästen hinaus ins Dorf und ging da von
Haus zu Haus und setzte sich zu jeder Familie einige Augenblicke und dankte
Allen für so viel Liebe Goldental war voller Fremden denn man wusste in der
Stadt von dem Feste und wer konnte eilte nun hierher Zuschauer zu sein Bis
in die späte Nacht währte der Tanz der Jugend man hörte aller Enden Musik und
Gesang vor den Häusern unter der Linde unter den Blumenkränzen und in den
Gärten
Man sprach und spricht noch lange zu Goldental von diesem schönen Tage Und
Oswald hieß seit demselben nur Vater Oswald und die liebenswürdige Elsbeth hieß
Mutter Elsbeth
Wahrlich wahrlich was im Leben Gutes gesäet wird das findet endlich immer
seinen schönen Aerntetag Denn es lebt uns ein guter Gott ein Vergelter voller
Barmherzigkeit und Liebe