1809_Fischer_Guenstling.html




        
                            Karoline Auguste Fischer
                                 Der Günstling
                            Von der Verfasserin von
                          Gustavs Verirrungen und der
                                  Honigmonate
 Ich bin angekommen Ob sie ihrem Rufe entspricht O ja viel Geist viel Würde
und dennoch viel Milde  mehr als ich erwartete  dann aber auch viel
Selbstvertrauen Das ist kein Tadel Was wäre sie was wären ihre Völker wenn
sie es nicht hätte Sie nennen sie Mutter und tun Recht daran Sie ist es
freilich mehr dem Sinne als der Tat nach die leider nur selten ihre Tat ist
    Nun so bin ich dann hier und bin ausgezeichneter empfangen worden als ich
wünschte Die Sorge für meine Wohnung war überflüssig Mein Haus steht leer Ich
habe auf ihren ausdrücklichen Befehl im Pallaste bleiben müssen Auch meine
Leute sollten mit andern vertauscht werden Diesem ausdrücklichen Befehle habe
ich aber ein ausdrückliches Verlangen entgegen gesetzt und so ist der Befehl
nicht vollzogen worden
    »O Herr«  rief Wilhelm  »welch fürchterliche Pracht welche unendlichen
Zimmer Man erschrickt vor seinem eigenen Fußtritte«
    Ja wohl ehrlicher Wilhelm Man erschrickt vor seinem eigenen Fußtritte 
Schwermütig Nun ja aber ich tue meine Pflicht Mit leichtem Herzen Das habt
Ihr gewiss nicht erwartet Heiterkeit wer kann sich am Hofe der Heiterkeit
rühmen Verlangt nur keine unmöglichen Dinge
    Mit euren Briefen seid vorsichtig Sie werden geöffnet Vielleicht auch die
Meinigen Vielleicht  Ohne Zweifel Dieses Paket welches zugleich die
verlangten Papiere enthält wird durch einen Reisenden besorgt Ihr schreibt nun
nicht eher bis Ihr von Wilhelm eine Addresse bekommt Er hat Anverwandte in der
Hauptstadt ehrliche Bürger und wird prüfen welchen man am sichersten
vertrauen kann
    Seht das ist nun schon die erste Frucht Eures mühseligen Treibens und
Drängens Nebenwege müssen wir suchen um uns Gedanken mitteilen zu können
Vergesst nicht dass Ihrs gewollt habt 
Nein keine Vorwürfe mehr Es ist wahr auch ich hab endlich gewollt Euch
reizte der Ruhm mich reizte die Pflicht Schön und des Begehrens würdig ist
Euer Höchstes schön und des ganzen Daseins würdig ist das Meinige Sollt ich
geirrt haben  Sollte das Eurige auch das Meinige gewesen sein  Ich sehe sie
ernten wo ich säe  Vielleicht dies der wahre Grund meines Unmuts  Das sei
fern
    Wohlan in die Schranken bin ich getreten so will ich dann kämpfen bis zu
Ende Wohl gilt es auf Tod und Leben aber wahrlich der Tod ist es nicht den
ich fürchte Und was was ist es dann  Stehe Rede Plagegeist der mich
wachend und träumend verfolgt Was ist es denn  Ach du nennst es mir nicht
und schon übermannt mich wieder die fürchterliche Beklemmung Fort ich will das
Gute will es mit allen Kräften meines Geistes und Herzens wie kann das Böse
mir schaden 
Ihr könnt Recht haben Freilich liegt er sehr schwer auf mir dieser nordische
Himmel Aber die Nebel sind endlich zerstreut und wir atmen eine reine
erquickende Luft
    Mit einer Sorgfalt die mich ängstigt ist sie um mein Wohlsein bemüht
Gestern hatte ich von Morgens vier Uhr den ganzen Tag mit drei Secretairen
gearbeitet es schlug fünf und wir waren nicht fertig Auf diesen Fall habe ich
mir ein für alle Mal die Erlaubnis verschafft nicht zur Tafel kommen zu
dürfen So blieb ich denn auch heute ohne zu ahnen dies werde für etwas
Außerordentliches genommen werden Ich irrte Nachdem sie zwei Mal meines
Befindens wegen geschickt hatte sagte sie mir heute sie sei auf dem Punkt
gewesen selbst zu mir zu kommen Ich fühlte meine Wangen erkalten dann mein
Blut gewaltsam hineinströmen Sie schien auf irgend eine Antwort zu warten
Vergebens Ich verneigte mich tief und trat schnell da P sich näherte
zurück
Was fragt Ihr Versteht sich nicht Alles von selbst  Der törichte Mensch dass
er des warnenden Gottes in seinem Busen nicht achtet Dass er wähnt irgend ein
Anderer verstehe ihn besser als er sich selbst O wäre ich dieser heiligen
Stimme gefolgt ich wandelte jetzt im Lichte statt dass nun immer tieferes
Dunkel mich einhüllt
    Ich werde reden müssen Sie wird mich zwingen Warum zittre ich gleich
einem Verbrecher Ach ich möchte sie schonen  O wehe wehe dass ich in dieses
Labyrinth geraten bin
Sie scheint mir verändert Doch wer weiß Vielleicht war ich ein eitler Tor 
Wie dem auch sei ich atme freier und danke dem Himmel dafür besonders da sich
meine Geschäfte täglich vermehren Gern will ich auf diese Weise mich opfern
aber meinen Leuten muss ich Erholung gönnen Ach sie liegen wie ich an goldenen
Ketten
Ist es wahr o Gott Ist es endlich dahin gekommen Sie die grösseste der
Frauen bittet um meine Liebe Warum konnt ich ihr gar nichts erwidern Nichts
auf dieses Auge voll Tränen Nichts auf diesen zitternden Händedruck Nichts
auf diese Sprache der wahrsten und tiefsten Leidenschaft  Bin ich kein Mensch
Ist sie nicht schön nicht edel  Aber ich wußt es vorher O hätte sie
geschwiegen Unglückliche und ich ich Unglücklicher Wie wird das enden
Noch begreift sie nicht mein niedergeschlagenes Auge mein Schweigen glaubt
vielleicht das Glück habe mich betäubt O wäre der Augenblick vorüber wo ich
die Decke wegreissen muss Aber bin ich nicht auch ein Mensch und hat mein Herz
keine Rechte  Nein sie wird mich nicht hassen Eben weil sie edel und
menschlich ist wird sie mich begreifen und das Unmögliche nicht fordern Ach
Tausende wagten ihr Leben an das Glück was mir nicht frommt Wohlan ich rede
Ich mache sie selbst zum Richter über mein Herz Und wer weiß  vielleicht ist
es auch nur eine Laune
Ihr habt sonst viel Wesens von meinem Mute gemacht Seht jetzt handle ich wie
ein Feiger Jeden Morgen stehe ich mit dem Vorsatze auf frei wie es einem
Manne ziemt mit ihr zu reden aber beim Annähern der Stunde wo ich sie sehen
muss fühle ich meinen Mut immer mehr verschwinden die Nacht überfällt mich
und das schreckliche Verhältnis besteht wie vorher
    Mir selbst unbegreiflich muss noch immer etwas ihre Hoffnung Nährendes in
meinem Betragen liegen sonst hätte sie mich des Redens längst überhoben Würde
mir nicht die Freude gegönnt Gutes zu wirken ich risse mich plötzlich heraus
möchte daraus folgen was da wollte
                                                                         Abends
In ihren Zimmern soll ich arbeiten So will sie Entscheidung  Wohlan sie möge
ihr werden
Vorüber ist die schreckliche Stunde Vielleicht folgen ihr schrecklichere  Es
sei scheine ich doch jetzt was ich bin
    Zwei martervolle Tage waren ganz in ihrer Nähe verflossen Wichtige
Geschäfte waren beendigt Dass ich sie mit Geistesfreiheit in dieser drückenden
Nähe beendigte ist mir noch jetzt unbegreiflich aber mein Entschluss das
abscheuliche Dunkel zu zerstreuen war fest Dies ohne Zweifel der Grund meiner
unbefangenen Besonnenheit
    Sie bemerkte sie bemerkte sie abwechselnd mit Bitterkeit und Wohlgefallen
Endlich da ich ihr die Papiere zwar mit niedergeschlagenen Augen aber doch
ruhig überreichte ergriff sie plötzlich meine Hand und ein kalter Schauer
durchdrang mein Innerstes
    Sie wollte reden die Stimme versagte ihr So standen wir einige
Augenblicke Des Todes Bitterkeit kann mir von nun an nicht fremd sein ich habe
sie während dieses Schweigens empfunden
    »Sie sollten immer hier arbeiten«  sagte sie endlich  »mich dünkt dieses
Geschäft wurde schneller als gewöhnlich beendigt«
    »Ich war in einer besonders glücklichen Stimmung«
    »Eben deswegen«  antwortete sie schnell und richtete ihr durchdringendes
Auge fest auf das Meinige  Ich schwieg aber mein Blick muss geantwortet haben
denn ein hohes Rot überflog ihre Wangen und meine Hand fiel aus der Ihrigen
Sie wandte sich schnell von mir ab und ich glaubte mich entlassen aber kaum
hatte ich einige Schritte getan als ich mich plötzlich umfangen fühlte Von
ihr von ihr  Fast leblos starrt ich vor mir hin bis ein Tränenstrom aus
ihren Augen mir die Besinnung wieder gab
    »Hassest du mich«  rief sie mit halb erstickter Stimme  »Hassest du
mich«  rief sie lauter Plötzlich entstand ein Geräusch Ich wollte antworten
als das Geräusch dicht vor den Türen sich verstärkte und ich schnell aus
ihren Armen mich windend hinaus eilte
Ich warf mich an den Schreibtisch und gebot meinen Leuten jedermann zu
entfernen schilderte ihr dann den Zustand meines zerrissenen Herzens Die Nacht
hatte mich abermals überfallen an Ruhe war nicht zu denken Ich hieß meine
Leute sich niederlegen und eilte in die Wildnis  so nennt sie den schönsten
ihrer Gärten
    Das Papier das vielleicht über mein Leben entschied ruhte auf meinem
Busen Lang irrt ich herum Nur Augenblicke trat der Mond aus den düstern
Wolken Das Bild meiner seligen Kindheit glitt in seinem Strahl bei mir vorüber
Bittrer Unmut wollte mich ergreifen da warf ich mich auf eine Rasenbank und
mein Blick fiel auf ihre noch immer erleuchteten Zimmer
    »Sie leidet wie du«  rief eine Stimme in meinem Innern  »Vielleicht mehr
noch als du«  Mitleid besiegte den Unmut und ich kehrte zurück fest
entschlossen sie auf das Äußerste zu schonen 
Vergebens sie wollte Offenheit Schon früh am Morgen wurde eine Jagd angesagt
    Es sei ihr ausdrücklicher Befehl ich solle dabei sein Mit banger Ahnung
hört ich die Worte des Boten unterdrückte aber bald unwillig über mich
selbst diese lähmende Empfindung und ging Iwanova mit Zuversicht entgegen
    Strahlend von Schönheit erhob sie sich über ihre Frauen und ich schalt mich
undankbar und gefühllos Ach sie missverstand mich abermals und freute sich
ihres Sieges »Unglückliche«  dacht ich  »der es so schwer wird an Unglück
zu glauben reißt dich dein Schicksal um einen Schritt weiter so ist die
Täuschung auf immner verschwunden«
    Aber sie war fern etwas ihr Widriges zu ahnen und benutzte jeden
Augenblick wo sie in meine Nähe gelangen konnte Ein Reh wurde verfolgt
Abermals schoss sie mit flammendem Blick an mir vorüber als ihr Pferd schäumend
sich bäumte und sie unfehlbar gestürzt sein würde hätt ich sie nicht in
meinen Armen aufgefangen
    Sie war heftig erschrocken und schien an mir niedersinken zu müssen Sanft
legt ich sie auf den Rasen und kniete an ihre Seite allenthalben nach Hilfe
umherblickend
    Aber jetzt schlug sie das große brennende Auge zu mir auf zog meine Hand an
ihr Herz und fragte noch einmal mit einer Stimme die mein Innerstes
durchbebte Hassest du mich 
    »Jetzt oder niemals« dacht ich zog das Papier aus meinem Busen legt es
zu ihren Füßen drückte ihre Hand an meinen Mund und zog mich schnell da ihre
Leute herbeieilten ins Gebüsch
    Lasst mich Atem holen
S hatte sie auf sein Lustschloss gebeten in dessen Nähe die Jagd
veranstaltet war Man hatte sie in einen offenen Wagen gebracht und eilte das
Schloss zu erreichen Anfangs schien sie in dumpfer Betäubung dem Schwarm zu
folgen aber dann riss sie plötzlich wie von einem schweren Traume erwachend
das Papier aus ihrem Busen Feuerröte und Todesblässe wechselten auf ihren
Wangen Dann schoss ein Blick aus ihrem Flammenauge und traf gerade den den er
treffen sollte Aber ich war gefasst und denke mein Äußeres müsse weder Trotz
noch Feigheit verraten haben Ich folgte in stiller Ergebung
    Ihr Wagen hielt Schon war ich am Eingange sie zu empfangen wurde aber von
S übereilt Ihr Unmut darüber war sichtbar doch erzwang sie ein Lächeln und
rauschte mit Majestät an mir vorüber
    S hatte alles aufgeboten ihre Gegenwart zu verherrlichen und den
ganzen benachbarten Adel zu Hilfe genommen Aber sie verlangte allein gelassen
zu werden um sich  wie sie sagte  zur Freude zu sammeln Ein Glück für S
der mitten in seinen Anstalten überrascht war
    Kaum hatte sich der Schwarm zerstreut als ich zu ihr gerufen wurde Ich
ging ohne Beklemmung
    An die Büste ihres großen Ahnherrn gelehnt das Auge von Tränen umdüstert
schien sie mich Anfangs nicht zu bemerken plötzlich aber wurde sie mich gewahr
und kam schnell mir entgegen
    »Wer«  sagte sie mit dumpfer Stimme  »wer gab dir den Mut mir zu
schreiben mir also zu schreiben Vergassest du wer ich bin«
    Nein gewiss nicht
    Wie
    Ich schrieb der grössesten und gerechtesten der Frauen
    Du liebst
    Nein
    Hast nie geliebt
    Niemals
    Unmöglich  kein Weib rührte dein Herz
    Ich suchte und fand keins
    Was erfüllte dann deine Jugend
    Das Schicksal meines Hauses
    Ach das Schicksal deines Hauses War der Gedanke deiner nicht würdig den
Glanz deines Hauses zu erneuern
    Träume des Jünglings müssen dem Manne scheinen was sie sind
    Wie das müssten sie auch dir  das müssten auch Träume für dich sein für
dich der  Ha Undankbarer   Hier lies lies mir die Worte die mein Herz
wie giftige Dolche durchbohrt haben Lies aus deinem Munde will ich sie hören
    »Was hält dich«  rief sie abermals mit einem Blicke der mein Innerstes
durchdringen sollte  »Mitleiden Fort fort aus meinen Augen«
    Sie selbst eilte fort das Gesicht in den Händen verbergend
    
    Endlich erschien sie wieder das Auge von Tränen geschwollen aber mit
lächelndem Munde mit Hoheit auf der blendenden Stirn Ein Haufen
blumenbekränzter Mädchen eilte ihr entgegen Das erste brachte ihr kniend ein
Danklied Plötzlich flog ihr Blick über die Menge er suchte mich fiel dann
wieder auf das Mädchen dann wieder auf mich  Sie konnte einen großen
entsetzlichen Kampf nicht verbergen Doch fragte sie nach dem Namen des
Mädchens nach dem Vater und ein grauer Krieger der Graf P trat hervor
    Noch immer kniete das Mädchen bis es endlich von ihrer Hand aufgerichtet
zur Seite trat
    Jetzt verstand ich ihren Blick Das Mädchen schien besonders in seiner
idealischländlichen Kleidung ein überirdisches Wesen das Bild der reinsten
vollendetsten Weiblichkeit doch wahrlich meinem Herzen blieb es fremd Ich
fühlte mich  leider möcht ich sagen  gezwungen den Schein sogleich von der
Wirklichkeit zu trennen
    Die Unglückliche welche Qual sie selbst sich bereitet  Ach von Allem was
sie umgibt ist sie meinem Herzen immer noch das Nächste Sie leidet und leidet
durch mich
    Das Fest dauerte bis tief in die Nacht Einige lobten Andere tadelten Mir
blieb alles wie in Nebel gehüllt Nur die Gestalt der großen Leidenden wurde mir
sichtbar und verfolgte mich selbst noch im Traume
Ein Sieg war erkämpft und ich musste ihr diese Nachricht ohne Aufschub
verkündigen Ein schwerer Gang Für andere ein Triumphzug Ich ahnte mein
ungewöhnliches Erscheinen werde ihre Erwartung aufs höchste spannen und ich
hatte nicht geirrt Sie empfing mich mit strahlendem Auge in jedem Blicke eine
Frage
    Schweigend überreichte ich ihr die Zusicherung ihrer vergrösserten Macht Sie
las aber das Papier entfiel ihren Händen Wie plötzlich gelähmt sank sie
zurück und sichtbarer Unmut war über ihr ganzes Wesen verbreitet »Ist das
Alles«  sagte sie endlich
    Ich bekenne dass diese Nachricht meine Erwartung weit übertrifft Durch
diesen Sieg ist beinahe ein halber Weltteil erobert
    Und wenn ein ganzer Weltteil nun mein ist bin ich dann reicher 
    Reicher an Macht Segen über Tausende zu verbreiten
    Diese Tausende sind dann gesegnet und ich darbe unter diesen Tausenden
    Mitten unter einem treuen Sie bis zur Anbetung liebenden Volke
    Mitten unter diesem Volke
    Das wird der Nachwelt unbegreiflich scheinen
    Auch dir Auch dir
    Monarchin  sagt ich nach einigem Stillschweigen  darf ich um eine Gnade
bitten
    Grausamer Ob du darfst 
    Sie umschließen Tausende mit Ihrer Liebe und Sorgfalt haben Sinn für ihre
Freuden und Leiden  muss ich der einzige Verwaisthe sein unter diesen Tausenden
Hat Iwanova keinen Sinn für meine Leiden
    Die Gnade die Gnade die du erbittest
    Gerechtigkeit
    Du du Gerechtigkeit von mir Falscher Wer ist der Ungerechte 
    Fordert Iwanova Gerechtigkeit Fordert sie das Mögliche 
    »Das Mögliche«  rief sie und Todesblässe bedeckte ihre Wangen  »Barbar
Also fordert Iwanova das Unmögliche  Geh du hast mich von der Hoffnung auf
ewig geschieden Komme nun wieder mit Siegesnachrichten meiner zu spotten Hüte
dich«  und plötzlich brannten ihre Wangen  »Hüte dich die Hoffnungslosen
sind gefährlich« 
    So seid denn nun auf Alles gefasst Ich bin es und war es
Sie wird heftig launisch könnte grausam werden wenn ich es duldete Oft
erstaune ich selbst über die Wahrheiten die der Augenblick mir entreisst Doch
wie könnt ich anders ohne den Lebensmut gänzlich zu verlieren Auch scheint
sie das zu begreifen freilich auf eine andere Weise als ich wünsche
    Noch ist ihr die Stimme der Nachwelt etwas wert aber an meiner Erhaltung
liegt ihr mehr Sonderbar und mir selbst kaum begreiflich sie nennt sich
hoffnungslos und ist es nicht Ich liebe keine Andere darin glaub ich liegt
Alles
Die Höflinge haben nicht umsonst gespürt Unser Verhältnis ist entdeckt Die
mitleidigen Seelen wollen sich der großen Leidenden annehmen und den schönen
R auf das schleunigste berufen Sie zweifeln keinen Augenblick an meinem
Falle und halten das beispiellose Verbrechen was sie mir doch jeder für sich
von ganzem Herzen verzeihen wenigstens der ewigen Verweisung würdig
    Gebe ich meiner Sehnsucht nach Freiheit und Ruhe Gehör so wünsche ich es
möge ihnen gelingen Aber leider ist der schöne R nur sehr schön und Iwanova
liebt ihren Ruhm und ihr Volk Ich fürchte meine Ketten werden jetzt nicht
gelöst
Wunderbar bedeutet das Freude oder Schmerz  Ich bin im Besitze eines
Schatzes zu dem sich meine kühnsten Wünsche nicht erheben konnten weil ich an
seinem Dasein verzweifelte Die schönste reinste Seelenvollste Jungfrau ist
mein Ihr erstaunt Ich erstaune wie Ihr
    Graf G kehrte aus neunjähriger Gefangenschaft zurück Ich trug sein
Schicksal an meinem Herzen und eilte ihm entgegen Seine Schwester war vor einem
Monate gestorben und hatte Gs einzige Tochter verwaist zurückgelassen Als
fünfjähriges Kind war Maria aus seinen Armen gerissen Jetzt sah er die schönste
Jungfrau seine Knie umfassen hörte sich Vater von ihr nennen Es war zu viel
Er sank mit schmerzhaftem Lächeln zurück und was wir auch taten ihn zur
Freude zu stärken er vermochte sie nicht mehr zu tragen
    »Sieh das ist mein Retter möcht er der Deinige werden« mit diesen Worten
verschied er in unsern Armen und Maria nannte mich Vater Fast könnt ich es
dem Alter nach sein dem Herzen nach bin ich es schon Ihres Vermögens bleibt
sie beraubt Immerhin das Meinige ist das Ihrige
    Gs Schwester lebte auf einem Gute zwei Meilen von der Hauptstadt Das
Gut ist an des Mannes Verwandte zurück gefallen von denen ich es aber sogleich
gekauft habe Der Ort wo eine Jungfrau erblühte scheint mir mit ihr ein
heiliges Ganzes auszumachen Mich dünkt sie werde dort allenthalben von
schützenden Göttern umschwebt die sie nur trauernd selbst dann wann der Gatte
sie raubt dem Schicksal überlassen
    Eine verständige Frau altadlicher aber dürftiger Familie welche Mariens
Erziehung seit acht Jahren leitete wird die Führung des Hauswesens übernehmen
und wie sie es von jeher tat Mutterstelle bei Maria vertreten
    Geheim kann das Alles nicht bleiben und so muss ich Iwanova davon
unterrichten Aber wann
Schon fühl ich die Wirkung des Reichtums zittere schon vor dem Verluste
meines Schatzes  Doch warum zittern  Er ist und bleibt mein im höchsten
Sinne des Wortes
    Wer darf mir wehren für die Bildung dieses herrlichen Mädchens Alles zu
tun Ihr Wohl als das Meinige zu betrachten So lange sie selbst mir bleiben
will wer darf sie mir rauben
    Sanft mögt ich sie durch alle Klippen der Jugend in einen blumen und
fruchtreichen Lebensgarten führen Dahin gelangt wähle sie dann einen andern
Führer wofern sie einen sicheren findet
    Vor Euch darf ich so denken Ihr kennt und begreift mich aber sicher heiß
ich Iwanoven ein Betrüger den Höflingen ein Wahnsinniger Es sei Was wär ich
wenn ich Ihnen jemals anders erschiene
Ich bin im höchsten Grad unzufrieden mit mir selbst Maria ist seit vier Wochen
unter meinem Schutze und Iwanova noch mit keinem Worte unterrichtet Ohne
Zweifel würden mir die Höflinge zuvorgeeilt sein läge ihnen nicht alles daran
Iwanovens Aufmerksamkeit ausschließend für den schönen R zu gewinnen Auch
gelingt es ihnen über Erwarten so dass sie sich des lauten Frohlockens kaum
enthalten können Möchten sie doch ihren Sieg allenthalben verkündigen wüsste
Iwanova nur was ich ihr sicher zu meinem Nachteile so lange verschwieg
    Will ich wahr bleiben so muss ich gestehen über den eigentlichen Grund
dieses tadelhaften Stillschweigens nicht mit mir einig zu sein Bald war es
Furcht Iwanovens Schmerz zu errneuern bald die Angst Maria die Schuldlose
irgend einer Gefahr Preis zu geben bald wähnt ich  freilich nur
augenblickliche Täuschung  gänzliches Schweigen sei dennoch das sicherste
    Welchen von allen diesen Gründen werde ich nun als den wahren angeben 
Alle denn sie sind alle wahr Und so erwarte ich dann keine Gelegenheit mehr
sondern rede noch heute wie es mir ziemt
    Lebt wohl Mein Leben war nichts als ein Kampf und wird es bleiben
Noch hat sie nicht den Mut mich warten zu lassen Ich bekam schneller Gehör
als die Mienen der Höflinge versprachen und eilte Gebrauch davon zu machen
    Treu und lebhaft schilderte ich ihr meine Verlegenheit klagte über mein
fehlerhaftes Betragen und gestand es könne mir mit dem vollen Scheine des
Rechts zur Last gelegt werden
    »Sei ruhig«  unterbrach sie mich mit erzwungenem Lächeln  »die
Rechtfertigung wird dir erlassen Du hast die Tochter eines Verwiesenen in
Schutz genommen Das arme Geschöpf wird seiner bedürfen und dir aus Dankbarkeit
eine treue Magd werden«
    Es ist die Tochter des Grafen P
    Nun ja des verwiesenen Grafen P
    Der von allen Rechtschaffenen geliebt und verehrt dennoch einer
schändlichen Kabale unterliegen musste
    Er war unbesonnen und verscherzte die Gnade seines Monarchen
    Ach er wurde verkannt von seinem unglücklichen Monarchen Er war edel und
wahr und so musste er fallen
    Du verschwendest dein Bedauern spare es für deine Untergebene
    Monarchin dieses Wort soll mich schmerzen  doch fühl ich keinen Schmerz
Maria P ist Niemands Untergebene und kann es nicht werden so wenig Iwanova
es werden kann
    Verschwunden war die künstliche Fassung »Entferne dich«  rief sie glühend
vor Zorn und ich entfernte mich gern
Iwanovas Zorn schützt Maria vor dem gefährlichen Glücke bei Hof erscheinen zu
müssen und befreit mich von einer Menge ängstlicher Sorgen
    Du schöne zarte Blume blühe fort in Einsamkeit Möge kein Sturm dich
bedrohn  Meine angelegentlichste Sorge wird es sein dir Licht und Freiheit zu
erhalten
    Das himmelreine Wesen Wie der bloße Anblick meine umdüsterte Seele
erheitert Wie Vergangenheit und Zukunft vor mir schwindet Wie tiefer seliger
Frieden mich rings in ihrer Nähe umfängt
    Nur fern von Getümmel der Stadt und ihrer verderbten Sitte war es möglich
diesen heiligen Kindersinn zu bewahren O Maria Maria wer ihn nur trübte
    Ich hatte gestern mit ihrer Pflegemutter eine lange Unterredung darüber Sie
wähnt Maria trete nun in die Jahre wo gewisse Anstandsregeln unvermeidlich
wären Das Entgegeneilen mit ausgebreiteten Armen sei doch von nun an nicht
mehr schicklich Man könne uns für Verlobte halten
    Und wenn man uns dafür hielte
    Sie dürfen es wahrscheinlich nie werden
    Weswegen
    Das fragt mich Fürst Alexander 
    Allerdings
    Nun so bitte ich dass er sich selbst darauf antworte
    Das würde doch nur meine nicht Ihre Antwort sein
    Liegt Ihnen an meiner Antwort
    Würde ich sonst darum bitten
    Wohlan denn Iwanova herrscht in diesem Reiche So lang Fürst Alexander
darin lebt wird er sich nie vermählen dürfen
    Ich bin ein freier Mann und kann leben wo ich will
    Ah das verändert die Sache Ich rechnete nicht auf einen so festen
Entschluss
    Konnten Sie einen andern erwarten
    O ja ich konnte glauben Fürst Alexander wolle und dürfe Maria nur Vater
sein
    In der Tat war das bis diesen Augenblick mein Wille aber es war mein
freier Wille Ich hoffe sie jetzt davon überzeugt zu haben
    Gebe der Himmel meine Überzeugung möge hinlänglich sein Mariens Ruhe zu
schützen
    Was fürchten Sie
    Ist mir statt der Antwort eine ähnliche Frage erlaubt  Was fürchtete Fürst
Alexander vor nicht gar langer Zeit denn dass er fürchtete war sichtbar
    Er fürchtete den Schein irgend einer Schuld auf sich zu laden
    Nicht die Schuld selbst
    Wo wäre hier Schuld
    Ich schweige
    Und möchten Sie hinzusetzen ich bin ruhig Mutter meiner Maria sein Sie
es Vertrauen Sie einem Manne der weiter nichts beschliesst als in jedem
Verhältnisse ein Mann zu sein und zu bleiben Ist das so außerordentlich
    Bei Fürst Alexander ist weder das Große noch das Schöne außerordentlich
    Ich danke Ihnen für die Schmeichelei möge sie Wahrheit werden Nur wenn Sie
mich Ihres Vertrauens würdig glauben versagen Sie mir nicht meine Bitte Lassen
Sie uns Mariens Unbefangenheit als heilig betrachten Sie ist es Auch würden
wir ihr das Unersetzliche rauben  Ich könnte Sie zu rühren versuchen könnte
Sie beschweren mir nach einem arbeitsvollen Tage dieses Labsal nicht zu
versagen Aber Sie fühlen wohl dass ich das nicht darf und eben deswegen nicht
will Nur von Maria soll unter uns die Rede sein nicht von mir selbst
    Sie reichte mir zutrauungsvoll die Hand und wir schieden als nähere
Freunde
Der schöne R von einer Menge Orden fast erdrückt verlässt nicht mehr seine
große Beschützerin Meine Freunde beschuldigen mich eines gewissen Lächelns bei
seinem Annähern Er komme zu mir wie ein asiatischer Despot und gehe wie ein
gezüchtigter Schulknabe
    Ich bin mir dessen nicht bewusst und werde von nun an über mich wachen
Meinen Weg ruhig fortzugehen das ist mein Wunsch nicht jemand zu reizen
    Iwanovens Betragen setzt Alles in Erstaunen aber mein Erwarten hat es nicht
übertroffen Ich wusste sie werde die Pflicht niemals der Leidenschaft opfern
hier mehr als jemals ihre Größe behaupten Freilich scheint ihr der Eindruck
den die Erhebung des schönen R auf mich macht nicht gleichgültig Ein paar
Orden hat er offenbar diesem Umstande zu danken Um so mehr liegt mir daran
meiner Freunde Ansicht möge nicht die wahre sein wenigstens nicht bleiben
    Fast wäre der Jubel des Volks über mein unverhofftes Erhalten zu laut
geworden fast hätte Iwanova ihrer Größe dabei vergessen können Menschlich wäre
es gewesen der Versuchung zu unterliegen groß und wahrhaft bewundernswürdig
war es ihr zu widerstehen Wie könnten nach solchem Beispiele noch kleinliche
Empfindungen bei mir herrschen  Sie besitzt alle männlichen Tugenden dass ihr
die weiblichen fehlen ziemt mir nicht weder zu bespötteln noch wenn ich es
auch könnte zu bestrafen
Wohl dem Manne der dich du Reine Holdselige für das Leben gewinnt Werd ich
es sein  Aber bin ich es nicht schon  Nein Nein noch bin ich es nicht
noch hat sie keine Ahnung von mehr als kindlicher Liebe Von einer Leidenschaft
wird sie dennoch beherrscht Sonderbar genug von der Leidenschaft des Wissens
Alles möchte sie lernen Ergreift das wozu sie Gelegenheit bekommt mit einer
Liebe mit einer Treue die mich wie ihre Pflegemutter in Erstaunen setzt
    Manches hielten wir für Laune besonders war dies der Fall bei der Musik
Sie wollte fast alle für sie schickliche Instrumente lernen spielt jetzt
wirklich das Klavier die Harfe die Laute mit seltener Fertigkeit und mit
unbeschreiblichem Ausdruck Ihre seelenvolle himmelreine Stimme übertrift das
Alles
    Seh ich sie am Klavier in der tiefen Trauer um ihren Vater die sie trotz
allen Bitten nicht ablegt den blendenden Hals von schweren blonden Locken
umflossen himmlische Unschuld in den kindlichen Zügen aber das Feuer der
Begeisterung im Auge  O was sagt dieses Auge  Wenn ich sie so sehe  ja dann
wend ich mich ab denn meiner Ruhe droht Gefahr Meiner nicht der ihrigen die
ist mir heilig und wird es bleiben
    Allwina ihre Pflegemutter sprach noch heute von der Unschicklichkeit
dieser beständigen Trauer wie sie weder ihrem Alter noch den Umständen
angemessen sei »Endlich«  setzte sie hinzu  »werden Sie sie doch ablegen
müssen«
    »Ich zweifle«  antwortete Maria 
    »Wie so«  fragt ich anscheinend befremdet aber im Innersten ergriffen
denn ich glaubte diese Worte von düstrer Ahnung begleitet
    »Bin ich nicht eine Vater und Mutterlose Waise«  sagte sie mit
schmerzhaftem Lächeln  »Muss ich nicht mein ganzes Leben hindurch trauern
Verzeihung mein teurer geliebter Vater Ich weiß wohl wie reichlich mir das
Schicksal ersetzt hat aber seh ich nicht auch meinen geliebten Vater immerfort
trauern« 
    Mich Sie haben mich niemals in Trauerkleidern gesehen
    »Mein Vater trauert im Herzen«  sagte sie schnell mühsam das Weinen
unterdrückend  Ich verstummte »Sehen Sie dass ich Recht habe«  rief sie nun
zu Allwina sich wendend  »Lassen Sie mir immer meine Trauer Sie passt besser
als Sie glauben«
    Sie behielt Recht denn wir schwiegen beide sehr betroffen
Brennende Liebe für das Gute Kraft Gelegenheit es auszuüben es weit zu
verbreiten  ach ich wähnte das könne des Mannes Brust ganz erfüllen  Ich
irrte  O Iwanova Iwanova wie vieles von dem was ich dir einwandte könntest
du jetzt mir zurückgeben und es träfe mich mehr als es dich traf
    Unglückliche auf deinem einsamen Throne flehtest du um Liebe und sie wurde
dir versagt Der ungeheure Schmerz drohte dich zu vernichten und du fliehest in
die Arme der Wollust Ach das scheinbare Leben hast du gerettet das wahre
geopfert Warnend ist mir dein Beispiel und eben darin liegt mein Unglück  Du
wolltest mit dem Mute der Verzweiflung Liebe erzwingen Wer kann mehr als ich
wissen dass auch der Verzweiflung Mut an diesem Unmöglichsten scheitert 
Nein Maria ich schütze dich schütze dich vor mir selbst Und wolltest du
Dankbarkeit Liebe nennen und wolltest du dich betrügen um die schönsten
Freuden des Lebens ich stehe dir zur Seite und wehre der Täuschung
    Zurück dann in die innersten Tiefen meines Herzens Du Ahnung des
göttlichen Lebens der Liebe dass kein Hauch kein Blick dich verrate Frei soll
sie wählen und sich keiner Wahl unterwerfen
Ich danke Euch Ihr reicht Balsam für die Wunde Ich danke Euch auch dann wenn
sie unheilbar wäre
    Maria ist fünfzehn Jahr Maria weiß nichts von allem was Ihr mir mit
bestochnem Herzen und Auge so hoch anrechnet Und wüsste sie es soll sie rechnen
wie Ihr Soll sie rechnen Ist von ihrer Achtung die Rede  Seht wie schnell
Ihr verwechselt Wie Ihr vielleicht wähnt es sei bei diesem Verwechseln wenig
oder gar nichts zu wagen
    Wohl dir Maria dass sie fern sind diese grausam Liebenden Sie würden dich
ihrem Götzen opfern
Hab ich geläugnet hab ich vergessen dass Ihr mich liebt O glaubt es nicht
Wie könnte der Liebende Liebe vergessen verkennen Aber Ihr habt mich
vergessen mich mit meiner ganzen Art zu empfinden und zu wollen
    Könntet Ihr beobachten wie ich Ihr würdet weniger hoffen Wie soll Liebe
Platz finden in diesem Herzen das einem unersättlichen Geiste nur dienet Von
den Künsten zu den Wissenschaften rastlos hin und her eilend wann bliebe ihr
Zeit für die Liebe
    Im Triumphe kommt sie mir jedes Mal entgegen Weswegen  Oft sagt mein
törigtes Herz um dich schneller zu sehen  Wohl ist es ein törigtes Herz 
Ein schönes Lied ein anziehendes Gemälde eine große in der Geschichte
aufgefundene Handlung die sie mit leuchtendem Auge mit glühender Wange
erzählt das ist es weswegen sie meine Ankunft mit Sehnsucht erwartet Ich weiß
es fühl es tief in meinem blutenden Herzen und täusche mich dennoch von
neuem
    Aber nun wird eine Menge Sachen herbeigeholt Da muss ich hören prüfen
wählen Dann werde ich um diesen um jenen Lehrer so dringend so angelegentlich
gebeten als wäre kein Augenblick zu verlieren Dann muss ich erzählen von
römischen griechischen Kunstwerken Künstlern wie wann sie den Künsten sich
widmeten Ob sie später anfingen als sie Ob sie sich Vorbilder wählten oder
nur ihrem Genius folgten Ob es möglich sei ohne die Muster der Alten es zu
irgend etwas Vorzüglichem zu bringen
    Wie einem Unglücklichen aus seliger Heimat in fremde Lande
Umhergetriebenen so wird mir dann Sie sieht es sie fühlt es Nur schneller
reißt sie mich fort bis sie mich endlich in ihren Zauberkreis gebannt hat
    Endlich gesättigt entlässt sie mich Entlässt mich wie einen Bettler
nachdem sie mich wie einen König empfangen hat
    Noch zögre ich noch hoff ich auf einen einzigen Blick  Vergebens ich
bin schon für sie nicht mehr da Tief mit sich selbst beschäftigt das lockige
Haupt auf den Busen gesenkt so steht sie der äußern Welt gänzlich verschlossen
und o Schmerz nie ist sie schöner
    »Leben Sie wohl Maria« sag ich dann  »Leben Sie wohl mein geliebter
Vater«  ruft sie schnell wie aus einem Traume erwachend  »Werden Sie Mariens
Bitte vergessen«
    Schweigend eil ich fort damit mich der Schmerz nicht verrate
Und was war ihre Bitte Wie gewöhnlich irgend ein Lehrer für diese oder jene
Kunst für diese oder jene Sprache ein Kupferstich nach irgend einem berühmten
Meister die Lebensbeschreibung irgend eines großen Mannes  So muss ich Alles
herbeiführen was ihren Blick von mir abziehen kann und ich tue es mit der
gewissenhaftesten Treue
    Schon gleichen ihre Zimmer wirklichen Kunstsälen und das ist nicht etwa
spielende Liebhaberei oder gar Eitelkeit Ach nein Sie könnte von der ganzen
Welt vergessen die ganze Welt vergessend hier anstaunen vergleichen wählen
dann selbst begeistert erfinden Hier unter diesem zusammengedrängten Großen
und Schönen hier ist ihr Schatz hier ist auch ihr Herz
    Allwina sagt nein Alles was ich bei Maria für Zweck halte sei nur Mittel
Frage ich dann nach diesem verborgenen Zwecke so schweigt sie bedenklich
Dringe ich weiter in sie so bittet sie mich eben so dringend die Zeit
antworten zu lassen
    Dann will ein törigter Eigendünkel mich irre führen dann glaub ich hie
da einen Lichtstrahl zu erblicken Voll Lebenshoffnung eil ich zu Maria  Sie
sie ist es die mit grausamer Unbefangenheit alles zerstört
    Es soll nicht sein Ich bin der Pflicht und dem Schmerze gewidmet
Allwina hat Recht Neben oder vielmehr über dem Großen und Schönen was ihre
Seele erfüllt tront dennoch ein Mann Aber wer ist dieser Mann Ein vor
mehreren Jahrhunderten verstorbener Raphael  Sein Bild wurde mit unbegrenzter
Freude unter ihre Schätze aufgehangen bald mit Rosen bald mit Lorbeern
gekrönt Damit es nie daran fehle bin ich als gälte es das Wohl der ganzen
Welt gebeten worden ein Paar lebendige Lorbeerbäume zu besorgen Rosen werden
schon jetzt für den Winter mit ängstlicher Sorgfalt gezogen
    Fast jedes Mal wenn ich komme ist eine Veränderung mit dem Bilde
vorgenommen und schnell werd ich hingeführt um darüber zu entscheiden Ich
heiße dann alles gut aber damit genügt ihr noch nicht Es werden Zeichnungen
nach seinen Gemählden herbeigeholt Jetzt muss ich die Idee die Gruppirung die
ganze mahlerische Anordnung bewundern muss gestehen das Alles liege schon in
diesen Engelzügen in diesen Himmelaugen 
    Ja ich gestehe das Alles lobe bewundere aber schon hab ich mich im
Hintergrunde des Zimmers auf einen Stuhl geworfen ohne von ihr die immer noch
im Anschauen versunken ist weiter bemerkt zu werden Endlich blickt sie zurück
eilt nun mich in den Garten zu ziehen hoffend die so eben für Raphael
aufgeblühten Rosen werden mich zerstreuen
    Allwina lächelt und lächelt ohne sich weiter zu erklären
Und wenn ich glauben wollte was Allwinens Lächeln verrät und wenn ich taub
sein wollte gegen die lauten Klagen meines Herzens dennoch bleibt ihre Liebe
das zweifelhafte Gut Iwanova ist beschäftigt und so fehlt mir ein Grund
Maria der Welt länger zu entziehen Kann sie in der Einsamkeit wählen 
    So soll ich das Kostbarste dann Preis geben dem Leichtsinn der Verführung
 Doch muss der Kampf einmal gewagt sein bald gewagt damit mir die Kräfte nicht
fehlen Das weiß ich das fühl ich und warte dennoch auf ein bestimmendes
Zeichen Von wem  von Maria
    Nur das unaussprechlich süße Gefühl von dieser herrlichen Natur alle
gewaltsamen Eindrücke entfernt aus ihrem eigenen reinen Herzen ihr ganzes
Schicksal entsponnen zu haben  nur dieses Gefühl ich ahn es wird mir Kraft
geben Alles zu überwinden darum will ich es ehren und ihm gerne vertrauen
So spielt das Schicksal mit dem blindgebornen Menschen der gleichwohl wähnt
alles zu überschauen War ich nicht entschlossen sie niemals in ihrem Gange zu
irren nun werd ich dennoch gezwungen mich ihr gerade in den Weg zu stellen
Sie will ins Kloster Konnt ich das ahnen
    Eine halbe Stunde von dem Gute wurde eins der schönsten Mädchen
eingekleidet die Zeremonie machte Aufsehen und Maria bezeigte Lust ihr
beizuwohnen
    Die Orgel der Nonnengesang der Anblick des schönen Mädchens das Alles in
einem tief erschütternden Bilde vereinigt weicht nicht mehr aus dem jungen
sich alles mit Liebe und Heftigkeit aneignenden Gemüte
    Mit leuchtendem Auge mit glühender Wange schildert sie mir die Seligkeit
dieser Gottgeweihten Mädchen Auch die Gefahren der Welt die sie vor der
Einkleidung weder gekannt noch geahnt jetzt aber aus der Rede des Abtes
treulich gemerkt hat werden nicht vergessen
    Dass die Orgel die schöne Kirche der vereinigte Nonnengesang wesentliche
Bestandteile der geschilderten Seligkeit ausmachen dass eben deswegen die
Gefahren der Welt sehr fürchterlich dargestellt werden  bemerkt man dies auch
mit unwillkührlichem Lächeln so fühlt man sich dennoch für den Augenblick
hingerissen
    Das merkt sie schnell und glaubt nun Alles gewonnen »Sehen Sie Allwina«
 ruft sie triumphierend  »mein geliebter Vater wendet nichts ein Er versagt
mir nicht seine Erlaubnis«
    Wozu Maria
    Ins Kloster zu gehen
    Diesen Winter werden wir in der Hauptstadt zubringen Sind Sie dann im
Frühlinge entschlossen so muss man die Sache überlegen
    Sehen Sie Allwina
    »Recht wohl«  sagt diese und schweigt mit ihrem gewöhnlichen Lächeln
Es ist ein sonderbar schmerzhafter Genuss sie so nahe zu wissen und sie doch
nur zu einer bestimmten Zeit sehen zu können Ach nur jetzt da Maria hier
atmet ist mir diese Stadt wert ja sie ist mir plötzlich eine Heimat
geworden
    Morgens fliegt mein erster Blick vom hohen drückenden Pallaste nach dem
einfachen Hause das sie verbirgt Oft dünkt mich die liebe Gestalt wandle auf
dem Altane Unaussprechliche Sehnsucht will mich dann fortreißen aber es
klirren die goldenen Ketten und ich bleibe Schnell stürz ich mich in das
Gewühl der Geschäfte die Sehnsucht entflieht aber beim Sinken des Tages kehrt
sie mächtiger wieder
    Wie eil ich das widrige Prachtkleid mit dem schlichten Gewande zu
vertauschen dem spähenden Höfling der starrenden Wache zu entfliehn Jetzt
hab ich die Letzte habe die Brücke das jenseitige Ufer erreicht und mit weit
geöffneter Brust atme ich die kühlende Nachtluft Himmlische Ahnung der
Freiheit der Liebe strömt mit ihr in mein Herz mein Gang wird Flug und in
wenig Minuten ist das geliebte Haus schon erreicht
    Jetzt hör ich den Hund höre die Tritte des Dieners  die Pforte wird
geöffnet und ich stehe auf heimischem Boden
    Wie lieb ich das Licht auf der bräunlichen von keinem Marmor belasteten
Treppe Sie führt zu Ihr zu Ihr  Das ist ihr liebliches Geflister Das ist
Harfengetön Der Diener will mir zuvoreilen aber ich stehe schon ihr zur Seite
in Mantel gehüllt den Hut tief in die Augen gedrückt Sie erschrickt kennt
mich nicht  sinkt dann mit lautem Freudengeschrei mir in die Arme
Die Oper mit ihren Wundern hat wie ich es erwartete alle Klostergedanken
verdrängt
    Maria umarmte bald mich bald Allwina unter Tränen des Entzückens Es
schien als könne die jugendliche Brust so viel Seligkeit nicht umschließen
Noch mehr als das was Maria hörte und sah wirkte die mächtig geweckte Ahnung
eines höheren Lebens Sie glaubte nicht verstanden zu werden und bestrebte sich
das Unaussprechliche in Worte zu kleiden Wir konnten nichts als sie trösten
denn ihre Freude wurde Klage
    So sehe ich sie allen schönen Täuschungen der Jugend hingegeben Noch steht
ihr die grösseste bevor Werde ich dann noch ihr Führer sein oder mit ihr
unterliegen 
    Einen bedeutenden Schritt hat sie ohne Leitung getan die Malerei
verlassen und sich für immer zur Musik hingewandt Ich glaube sie hat den Wink
ihres Genius richtig gedeutet und wird dies immer noch mehr inne werden
    Auch Allwina ist darüber erfreut Sie behauptet das leidenschaftliche
Eingreifen beider Künste würde Marien verderblich geworden sein und man müsse
nun Alles tun ihren Entschluss zu befestigen
    Ich habe ihr deswegen uneingeschränkte Vollmacht gegeben überzeugt sie
werde die besten Mittel erwählen
Ob ich stark genug gewesen sein würde Allwinas Wahl zu treffen  weiß ich
nicht wenigstens habe ich es über mich erhalten sie zu billigen Der erste
Opersänger hat auf ihr Bitten Marias Unterricht übernommen Er ist einer der
schönsten anziehendsten und gewandtesten Männer Maria hat ihn zuerst in einer
Heldenrolle gesehen und scheint es jetzt noch für unmöglich zu halten dass
dieser Halbgott ihr nahen werde
    Ich lächle über den Helden den mir das Schicksal entgegenstellt lächle
über meinen Schmerz möchte lächeln über die Täuschung der Maria wahrscheinlich
unterliegen wird und vermag es nicht
Ich war nicht bei Tibaldys Ankunft sondern fand ihn schon am Klavier Maria
dicht ihm zur Seite beide im Wechselgesange begriffen Allwina verstand meinen
Wink und ließ mich unbemerkt in dem Hintergrund des Zimmers Alles Licht fiel
auf die Sänger und ich war wider Erwarten unbefangen genug beobachten zu
können
    Maria  dies war sichtbar  hatte schon den Helden über der Musik vergessen
war mit schönem Ernst und himmlischer Einfalt bemüht die Kunstaufgabe zu lösen
Jeder Ton kam rein aus dem unentweihten Munde während die Stimme des Meisters
wankte
    Er sang die Worte der Liebe mit Bedeutung sie mit kindlicher Unschuld
Gerade das schien den Mann im Innersten zu ergreifen Der Gesang war geendigt
noch horchte Tibaldy den verklingenden Tönen suchte dann sich zu fassen um
einige Regeln mitteilen zu können
    Jetzt horchte Maria mit gespannter Aufmerksamkeit Jedes Wort schien ihr
Götterbotschaft Aber die Regel wirkte was sie Anfangs immer wirkt Mariens
Unbefangenheit ging verloren Sie zitterte wankte und fehlte
    Dies brachte den Sänger zum ganzen Gefühl seiner Überlegenheit der nun die
Arie statt ihrer meisterhaft ausführte
    Ich glaubte ihm in keiner vorteilhafteren Stimmung nahen zu können und
sagte ihm so viel Wahres und Schmeichelhaftes wie ich nur konnte Er empfing
es wie ein Mann der des Beifalls gewohnt ist und gab mir dafür die
Versicherung Mariens Stimme sei der höchsten Ausbildung fähig und er werde
alle seine Kräfte daran wagen
    Maria war in Bewunderung und Beschämung versunken So dankt ich ihm dann in
ihrem Namen Er ging das Auge langsam und schmerzhaft von ihr entfernend Kaum
war er fort so stürzte sie mir weinend in die Arme
    Was ist Ihnen Maria
    Ach mein geliebter Vater was wird der Mann von mir denken ich habe nie
schlechter gesungen
    Liegt Ihnen so viel an der Meinung dieses Mannes  Sie verstummte im
höchsten Erstaunen  Wie Maria
    Können Sie zweifeln
    Wie meinen Sie das Maria
    Ein so großer außerordentlicher Mann Kennen Sie ihn so genau
    Ich lieber Vater
    Allerdings Sie sind es die von seiner Größe jetzt spricht
    Aber Sie waren ja mit in der Oper
    Ist Ihnen da etwas Großes von ihm bekannt geworden
    Teuerster Vater Alles was er sagte und tat war ja groß rührend und
schön Sie selbst gaben Ihren Beifall laut zu erkennen
    Er spielte mit außerordentlicher Kunst
    Ja und wie könnt er so spielen wenn er nicht wirklich so empfände wenn
er nicht fähig wäre unter ähnlichen Umständen eben so zu handeln
    Liebe Maria man kann vieles darstellen was man nicht nachzuahmen
vermöchte
    Ja aber so darstellen 
    Sie mögen in einem gewissen Sinne Recht haben und darum will ich Ihren
Glauben nicht wankend machen Halten Sie den Mann immer für so gut und so groß
wie Sie es bedürfen
    Allwina lächelte Das schmerzte mich denn Maria wandte sich mit Bitterkeit
von ihr weg und versank in düsteres Nachdenken
Während die Blicke der Männer auf das schöne Mädchen in tiefer Trauer gerichtet
sind wendet sie kein Auge von dem Helden des Stückes der oft seiner Rolle
vergessend Rede und Gesang an sie richtet Sie scheint das gar nicht
außerordentlich zu finden und hört ihn mit sichtbarem Entzücken
    Schon besitzt sie die Partituren aller gegebenen Opern und studiert sie mit
leidenschaftlichem Fleiße Tibaldys Arien werden jedes Mal wenn sie gehört
sind bis tief in die Nacht wiederholt Allwina will ihr Einhalt tun aber ich
bitte sie dringend Maria gewähren zu lassen
    »Ich begreife Sie nicht«  sagt die besorgliche Frau Ich aber versichere
sie dass sie mich nach einiger Prüfung sehr wohl begreifen werde Sie kann sich
nicht überzeugen tut aber doch warum ich sie bitte
Liebt sie ihn Nein noch glaub ich es nicht Er stellt ihr die göttliche Kunst
dar in der sie lebt und webet das ist es Aber er liebt sie dies ist keinem
Zweifel unterworfen
    Graf Perçy ein Schüler von ihm wünschte bei Maria eingeführt zu werden
und bat ihn darum Er verschob es unter mancherlei Vorwand Aber der junge Mann
wurde dringender Nun glaubte Tibaldy zu einem nicht edelen aber notwendigen
Mittel greifen zu müssen und schilderte mich wie einen der eifersüchtigsten
Tyrannen
    Perçy beobachtete den Italiener ahnte Betrug und fasste sich ein Herz mir
alles zu entdecken Ich versprach ihm die Erfüllung seines Wunsches und trat
mit ihm in Mariens Zimmer gerade als Tibaldy in einer leidenschaftlichen Arie
begriffen war
    Ich bat ihn fortzufahren aber vergeblich Führte dann Perçy zu Maria die
uns voll heiterer Unschuld entgegen kam Die beiden jungen Leute freuten sich
nun ihrer gegenseitigen Neigung zur Musik während Tibaldy voll Grimm und
Beschämung sich zu entfernen bemüht war Aber ich nötigte ihn Perçys und
Marias Gesang zu begleiten Die einzige Rache die ich an ihm zu nehmen
gedachte Er fühlte das schützte plötzlich ein Übelbefinden vor und
verschwand
    Schwerlich wird er den Unterricht fortsetzen In Ansehung der Kunst ein
großer Verlust für Maria doch hoffentlich kein unersetzlicher
    Perçy ein liebenswürdiger Engländer von untadelhaften Sitten ist nun
durch meine Erlaubnis zu einem fortgesetzten Umgange mit Maria berechtigt Für
Allwina schwer zu begreifen  Weiß der Himmel welch ein Bild sich die gute
Frau sowohl von mir wie von der Liebe entworfen hat  Es scheint ihr alles
gezwungen und erzwungen werden zu müssen
Perçy hat alles verraten Maria empfing mich mit einer Rührung die ich mir
Anfangs nicht zu erklären wusste Sie hielt mich mit beiden Armen umschlungen
drückte das liebe Gesicht an meine Brust und konnte auf mein dringendes Bitten
sich zu erklären nur mit Tränen antworten
    Endlich sank sie mir zu Füßen umfasste meine Knie und rief im Ausdruck des
höchsten Schmerzens O mein geliebter Vater war es möglich  Ich erstarrte
denn ein Gedanke vor dem ich jetzt noch erröte flog mir wie ein zerstörender
Blitz durch die Seele »Maria«  sagte ich  »ich beschwöre Sie meiner zu
schonen Was Sie mir auch zu vertrauen haben verlassen Sie diese für mich so
peinigende Stellung«
    »Vertrauen«  rief Allwina  »Sie hat Ihnen nichts zu vertrauen als dass
sie durch Tibaldys niedrige Ränke auf das innigste gekränkt ist«
    »Ist es nur das«  sagt ich mit frohem Erstaunen  »O sein Sie ruhig
Maria ich habe ihm längst vergeben«
    »Ich nicht«  rief sie und ihre Tränen hörten plötzlich auf zu fließen 
»Er hat das Höchste was ich auf der Welt kenne gelästert«
    Es lag zu viel in den Worten Von einer namenlosen Empfindung betäubt fast
gedankenlos fragt ich Wen
    »Wen« rief sie mit leuchtendem Auge mit brennender Wange und lag ehe ich
es hindern konnte wieder zu meinen Füßen  »Wen« rief sie abermals und
drückte den Engelmund auf meine zitternde Hand
    »O Gott Maria«  sagt ich  »hören Sie auf Ihre Dankbarkeit geht zu
weit«
    Aber nur mit vieler Mühe gelang es mir ihrem Schmerze Einhalt zu tun
Tibaldy wieder zu sehen dagegen äußerte sie fortwährend den lebhaftesten
Abscheu Perçy der sehr viele gründliche Kenntnisse mit vielem Geschmacke
verbindet ist nun an seine Stelle getreten
Ich sah sie diese Nacht wieder zu meinen Füßen hob sie voll Entzücken in meine
Arme und  o Gott mein Mund berührte den ihrigen Wie von einem Heiligtum
habe ich mich wachend von diesem Engelmunde entfernt und nun  Vergebens ich
tilge diesen Traum nicht aus meinem Gedächtnisse O Iwanova du wirst gerächt 
    Darf ich sie heute sehen Mich ihr nahen Ich zittre vor mir selbst
    Aber in welche Unruhe wird sie geraten  Wird Entfernung nicht die
Lebhaftigkeit ihrer Empfindung erhöhn Will und kann ich dann diese Täuschung
benutzen  Fort Nichts Außerordentliches Nichts Reizendes Alles gehe seinen
ruhigen Gang Das wollt ich da ich noch frei war das muss ich auch jetzt noch
wollen
Perçy war bei ihr Sie sangen Warum erschütterte mich seine Stimme noch mehr
als die ihrige 
    Allwina bat mich einige Augenblicke in ihr Zimmer zu treten Ich folgte in
schmerzhafter Betäubung Sie schwieg und schien sich zu sammeln Ach lange hätte
sie schweigen können ohne von mir unterbrochen zu werden
    »Ich bin es«  sagte sie endlich  »Ihnen und Maria schuldig eine Bitte zu
wagen«
    Ich sah sie fragend an vermochte aber nicht etwas zu erwidern
    »Vielleicht bin ich unbescheiden«
    Ich gab ein verneinendes Zeichen
    Graf Perçy ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann
    Gewiss
    Sollte es möglich sein dass sich die beiden jungen Leute täglich sähen ohne
sich für einander zu interessieren 
    Ich schwieg
    Und wenn aus diesem Interesse Liebe würde 
    Könnten wir es hindern
    Sollten wir es zulassen
    Liebe ich begreife sie nicht
    Ich begreife Fürst Alexander noch weniger
    Ist mein Betragen so rätselhaft
    Vielleicht scheint es nur so und eben weil ich dies ahne wollt ich die
Bitte wagen er möge sich darüber erklären
    Gern sobald Sie mir einen Widerspruch zeigen
    Fürst Alexander ist gegen Maria verändert Er liebt sie nicht mehr mit
väterlicher Empfindung Sie liebt ihn ebenfalls nicht mehr so kindlich wie
vormals
    Und doch fürchten Sie Graf Perçy 
    Maria ist jung sie empfindet lebhaft und tief doch wird sie oft von einer
Empfindung zu einer ganz entgegengesetzten fortgerissen
    Eben weil sie jung ist
    Ja Aber soll man ihr da nicht raten Ihr nicht helfen Sie nicht schützen
    Auf welche Weise
    Soll sie sich nicht selbst verstehen soll sie das wahrhaft Wünschenswürdige
nie kennen lernen
    Was wäre hier das wahrhaft Wünschenswürdige
    »O mein Gott«  rief sie ungeduldig  »will Fürst Alexander mich quälen
oder quält er sich selbst«
    »Ich weiß die Zeit«  sagt ich nach einigem Stillschweigen   »wo Allwina
das im höchsten Grade fürchtete was ihr jetzt als das Wünschenswürdigste
erscheint«
    Die Umstände sind verändert mithin auch mein Urteil Es war nachdem was
ich zu jener Zeit voraussetzen musste sehr richtig und wahr es ist es jetzt 
wie mich dünkt  nicht minder
    Doch scheint es mir als komme es gerade jetzt auf eine Wahrheit an welche
unter allen Umständen dieselbe bleibt
    Die wäre
    »Dass Liebe«  sagt ich aufstehend und ihre Hand ergreifend  »dass Liebe
aus Zwang nicht gedenkbar ist«
    Sie sah verdrießlich vor sich nieder Ich drückte ihr noch ein Mal die Hand
und ging zu Maria
    Noch war sie im Wechselgesange mit Perçy begriffen und bemerkte mich nicht
er aber sah mich und errötete  Endlich schlug Maria das Himmelauge zu mir auf
und flog wie gewöhnlich mit lautem Frohlocken in meine Arme
    Perçy glühte Maria noch mit meiner Linken umschliessend reichte ich ihm
lächelnd die Rechte Er zögerte mir die seinige zu geben
    Ich muss mit dem jungen Manne reden
Heute traf ich Maria allein in tiefen Gedanken Sie kam mir langsam entgegen
»Ist Ihnen nicht wohl liebe Maria«  fragt ich schnell  »O ja«  sagte sie
 »aber ich denke nur an Graf Perçy«
    Und das macht Sie betrübt
    Ach wie wird es im Frühlinge werden 
    Wie so
    Da wird er nicht zu mir kommen können Wir wohnen zu weit von der Stadt
    Möchten Sie lieber den Sommer hier zubringen
    »Das wäre herrlich«  rief sie meine beiden Hände ergreifend
    So gefällt Ihnen die Stadt besser als das Land
    Dies eben nicht Es ist nur wegen Graf Perçy
    Aber er kann ja zu Ihnen kommen
    Wenn das möglich wäre
    Warum sollt es nicht möglich sein Ich kam ja alle Tage
    Ja Sie Was täten Sie nicht Sie ließ Ihr Leben für Maria Maria ließ es
für Sie
    »O Maria Maria«  rief ich und zog mit Heftigkeit ihre Hand an mein Herz
Da trat plötzlich Allwina herein
Iwanova ist unpässlich und die Bestürzung allgemein Man flistert der schöne
R habe das Ende seiner Laufbahn schon erreicht Er ist mehrmals nicht
vorgelassen worden und soll der Verzweiflung sehr nahe sein
    Schon reichen die Tage zu den Beratschlagungen der Höflinge nicht mehr hin
Sie scheinen bis die wichtige Stelle besetzt ist auf Schlaf und Bequemlichkeit
Verzicht tun zu wollen Besonders aber fürchten sie in Ansehung meiner einen
Rückfall bei Iwanova Gott verhüte ihre Furcht möge gegründet sein 
    Während dessen häufen sich die Geschäfte Einige sind ohne Iwanovas
Entscheidung gar nicht zu beendigen Bald wird es unmöglich sein sie weiter zu
verschieben Ich gestehe dass ich vor der ersten Zusammenkunft zittre Ist sie
erwacht so muss dieses Erwachen schrecklich sein Ein Lichtstrahl wollte meine
umdüsterte Seele erhellen aber schon ist es wieder Nacht um mich her O Maria
weiß ich dich nur gesichert 
Vergebens hatt ich dem gefürchteten Augenblicke zu entfliehen gesucht
vergebens alles Wichtige in einem möglichst gedrängten Auszug ihr überreichen
lassen hoffend sie werde schriftlich darüber entscheiden Gestern da ich eben
zu Maria gehen wollte wurde mir mit vieler Ängstlichkeit hinterbracht sie
habe nach mir gefragt
    R kam mir am Eingange der Vorzimmer wo er noch immer Schattenähnlich
umherirrt entgegen und fiel mir mit einem Tränenstrome um den Hals Bald
hätte der Unwille über dieses so ganz unmännliche Betragen das Mitleid in
meinem Herzen erstickt Doch fasst ich mich und bat ihn ebenfalls sich zu
fassen
    »Ihre Ketten«  sagt ich  »sind gelöst Wäre es möglich dass Sie dieses
Glück unbenutzt lassen dass Sie es verkennen sollten«
    Er starrte mich an als höre er eine ihm durchaus unverständliche Sprache
»Mut und Freiheit«  fuhr ich fort seine Hand zum Abschiede ergreifend In
dem Augenblicke gingen ein Paar Höflinge vorüber Dass ich seine Hand dessen
ungeachtet immer noch hielt schien ihm vollends unbegreiflich
    Ich verlangte gemeldet zu werden aber man antwortete nur mit tiefen
Verbeugungen »Wie«  sagt ich  »dürfen Sie mich nicht melden«  »O mein
Gott«  rief der Mensch in einem Tone als habe ich eine Blasphemie
ausgesprochen als stehe die Welt mir zu Gebote Noch betrachtete ich ihn eine
Weile mit fragendem Blicke eilte dann schnell durch den kriechenden
flisternden Schwarm der sich mir aus dem hellerleuchteten Vorzimmern
entgegendrängte
    Ohne Zweifel war es dies blendende Licht weswegen mir Iwanovens Gemach
gänzlich verfinstert erschien Ganz außer Stand irgend etwas zu unterscheiden
aber mir doch bewusst ich befinde mich im Audienzsaal wo mich Iwanova niemals
empfing stand ich einige Sekunden unbeweglich wollte dann weiter forteilen
als mir plötzlich ein herzzerreissendes Aechzen aus dem Hintergrunde des Zimmers
entgegen schallte Mein Auge folgte dem Schalle und entdeckte eine menschliche
Gestalt auf dem Boden des Zimmers  Iwanova  Ich glaubte mich in einem
schrecklichen Traume aber es wurde heller und heller und ich fühlte schaudernd
dass ich wachte
    Da lag sie mit zerstreutem Haare mit hochschlagendem Busen mit düsterm
von Tränen geschwollenem Auge »Darf ich«  sagt ich vor ihr niederknieend 
»darf ich nach Hilfe rufen«
    »Wo ist Hilfe«  antwortete sie mit dumpfer gebrochener Stimme
    Wenn auch nirgends doch sicher in Iwanovens Herzen in ihrem Geiste
    Das Herz bleibt hoffnungslos darum wendest du dich schnell zu dem Geiste
    Ich schwieg und versuchte sie aufzuheben »Wohin«  fragte sie schnell 
»Dort«  sagt ich auf den Sessel des Trons den einzigen in der Nähe
deutend  »dort auf die Stelle wohin Iwanova gehört« Plötzlich wandte sie
sich nach der entgegengesetzten Seite und lag jetzt mit der Stirn auf dem Boden
Meine Empfindung war unbeschreiblich
    »Muss ich an jeder Hilfe verzweifeln«  sagt ich endlich  »verlässt Iwanova
ihr Volk«
    Du hast mich verlassen
    »O Gott«  rief ich meiner nicht mehr mächtig  »bin ich zum Schmerze
verdammt  Blüht nun und nimmer eine Freude für mich«
    Nach einem langen schrecklichen Stillschweigen stützte sie plötzlich das
Haupt auf den Arm sah mich durchdringend an und fragte »Was macht Maria«
    »Sie lebt«  sagt ich indem das Bild des herrlichen Mädchens wie ein
tröstender Engel vor mich hin trat  »das Leben der Unschuld«
    »Ha Verräter«  rief Iwanova aufspringend  »Was soll dieser Ton« Ich
verstummte im höchsten Erstaunen denn bei Gott meine Worte waren fast tonlos
»Folge mir« sagte sie mit glühendem Blicke und wir gingen in das innerste
Gemach die Geschäfte zu beendigen 
    Sie entschied mit harten einsylbigen Worten Ich milderte wo ich konnte
wollte dann da sie in ein dumpfes Stillschweigen versank mich entfernen
»Bleib«  rief sie schnell und nach abermaligem Stillschweigen »Wie stehst du
mit Maria Liebt sie dich«
    Als Freund als Beschützer Ob sie mehr noch empfindet bin ich außer Stande
zu bestimmen
    Und das konntest du so lange so ruhig abwarten
    Freiheit des Herzens ist das heiligste Gut
    Ich wollte keine Sentenz sondern Antwort
    Ich glaube sie gegeben zu haben Wie kann ich Freiheit als ein Heiligtum
betrachten und es dennoch verletzen
    So empfindet dein Herz nichts als was die Vernunft ihm befiehlt 
    Mein Herz kann hier nicht in Betracht kommen
    Ihr Eismassen wer wird Euch begreifen Aber es ist der Zwang unter dem Ihr
von Jugend auf seufzt So glaubt Ihr dann seufzen entbehren sei das
menschliche Loos
    Glauben wir dies wehe denen die uns in diesem Glauben bestärken
    Nichts von der Art Ich bin jetzt am wenigsten aufgelegt es zu hören 
Warum ist Maria nicht am Hofe erschienen
    Iwanova nannte sie vormals die Tochter eines Verwiesenen Wusste Maria ob
sie als eine solche erscheinen dürfte 
    Ah du wolltest sie den öffentlichen Blicken entziehn  So bist du doch
eifersüchtig
    Woher das Bedürfnis durchaus etwas Tadelhaftes an mir zu finden
    »Weil ich dich hassen will und muss«  rief sie sich mit flammendem Blicke
entfernend
    Weil sie mich hassen will und muss  Warum wallt mein Blut so heftig bei
dieser Erinnerung Hab ich etwas Anderes erwartet
Ich hatte Marien die Ursache meines Aussenbleibens gemeldet und ihr die
Hoffnung sie den folgenden Tag zu sehen mitgeteilt Doch musst ich vorher zu
Iwanova da sie Morgens nicht sichtbar ist Ich trat hinein und fand Maria bei
ihr 
    Wie gewöhnlich flog diese mir mit einem lauten Ausrufe der Freude in die
Arme und Iwanova erblasste so schrecklich dass auch mein Herz plötzlich aufhören
wollte zu schlagen
    »Was ist meinem geliebten Vater«  fragte Maria in himmlischer Unschuld 
»Nicht wahr solch ein Glück hat er schwerlich erwartet«
    Immer auf Iwanova blickend drückte ich das geliebte Mädchen sanft von mir
weg bis ihr Auge dem Meinigen folgte Mit einem eben so lauten Ausrufe des
Schreckens flog sie nun zu Iwanova und die Große Gefürchtete Verzweifelnde
lag in den Armen der Unschuld
    Sie fühlte es und aus ihrem Flammenauge das zum ersten Male im gemilderten
Schmerz niederblickte ergoss sich ein Tränenstrom den die Hand des lindernden
Engels vergebens aufzuhalten bemüht war
    »Willst du bei mir bleiben«  fragte sie mit einem Tone den ich seit den
Tagen der Liebe nicht von ihr hörte  »Gern o gern«  rief Maria  »Mein
geliebter Vater ist ja auch immer hier«
    Sonst bliebest du nicht
    O ja denn ich fühle Ihren Schmerz ob ich ihn gleich nicht kenne Ich liebe
Sie und mein geliebter Vater würde ja zu uns kommen
    Du liebst mich
    Wär es möglich Sie nicht zu lieben
    Dieser Mund kann nicht schmeicheln
    »Nein gewiss nicht«  rief ich begeistert  »Reiner kann die Wahrheit
Iwanoven nicht nahn«
    »Mädchen«  sagte Iwanova indem sie Maria forschend betrachtete  »Nein
dein Gesicht kann nicht lügen So bleibe dann bei mir Wir wollen einen Bund
gegen ihn machen«
    »Gegen wen«  rief Maria im höchsten Erstaunen
    Gegen ihn Gegen ihn
    Ach Sie sind noch sehr krank oder Sie scherzen
    »Beides beides«  rief Iwanova sie mit sich fortziehend  »Heute nichts
von Geschäften«
    So reißt sie mit schonungsloser Hand den Schleier weg der mir heilig war
Perçy setzt auf ihren Befehl den Unterricht fort und Allwina ist ebenfalls bei
Marien geblieben Diese hat mit ihrer gewöhnlichen Offenheit darauf gedrungen
mich wie vormals jeden Abend und zwar nur in Allwinas Gegenwart sehen zu
dürfen Das meldete sie mir diesen Morgen Die ersten Zeilen von der geliebten
Hand Wie oft hab ich sie gelesen Wo kann ich sie besser verwahren als an
meinem Herzen
Ich fand Maria mit Allwina im Wortwechsel und fragte nach der Ursache »Ich
sollte«  sagte Maria unwillig  »heute öffentlich am Hofe erscheinen und
behauptete dies könne ohne meines Vaters ausdrückliche Erlaubnis nicht
geschehen Allwina meinte da Iwanova es befehle so könne eine solche Antwort
gar nicht Statt finden und ich müsse entweder gehorchen oder eine
Unpässlichkeit vorschützen Ich habe aber weder das Eine noch das Andere getan
und das findet Allwina sehr tadelhaft«
    »In der Tat«  fragte ich mich zu Allwina hinwendend
    »Unsre Lage«  sagte sie verwirrt und beschämt  »ist verändert und so kann
das was vormals lobenswürdig war jetzt sehr unschicklich sein«
    »Daraus sollte man fast schließen«  antwortete ich lächelnd  »es könne
etwas sehr schicklich und doch nicht lobenswürdig sein Maria  fuhr ich
ernster fort  ist jetzt wie Sie richtig bemerken in eine ganz veränderte Lage
gekommen und wird sich noch oft in dem Falle befinden zwischen dem
Schicklichen und Lobenswürdigen wählen zu müssen Nach dem was Sie jetzt
äußern ist es nicht zweifelhaft welchem von beiden Sie den Vorzug geben
werden« 
    Das müssen die Umstände bestimmen
    »Ah die Umstände«  rief Maria  »Geliebter Vater ich beschwöre Sie
sagen Sie mir ist es wahr dass die Umstände Alles und alles bestimmen Ja dass
der Mensch sein Heiligstes den Umständen unterwerfen müsse
    Das wolle der Himmel verhüten
    Sehen Sie Allwina
    »Sie drücken das«  sagte Allwina errötend  »was ich unter ganz andern
Bedingungen behauptete so hart aus dass es hier als Unsinn erscheint«
    »Das würde es unter jeder Bedingung«  antwortete ich mit Verachtung 
»Nicht allein hat Maria Sie sondern Sie selbst haben sich missverstanden Wer
aber  fuhr ich mit gehaltenem Unwillen fort  sich selbst nicht versteht
vermag nicht einem Andern zu raten noch weniger ihn zu leiten Somit haben Sie
sich selbst an die Stelle gesetzt wo Sie nun nach meinem ausdrücklichen Willen
verbleiben Sie sind nicht mehr Mariens Ratgeberin sondern ihre
Gesellschafterin und bleiben dieses nur so lange Sie sich jedes Rates
enthalten«
    Ich bin hier auf Iwanovens Befehl
    Und bleiben hier auf ihren Befehl bei Maria aber nur unter der Ihnen
mitgeteilten Bedingung
    Sie eilte fort zitternd und glühend vor Zorn
»Ach mein geliebter Vater«  sagte Maria nachdem sie bestürzt eine Weile
geschwiegen hatte  »Wär ich doch bei Ihnen bei Ihnen allein Fern von diesen
Menschen  O Gott seitdem ich hier bin fühl ich eine Angst eine
Beklemmung«
    Auch ich Maria fühlte diese Beklemmung Auch mich wollte düstere Ahnung zu
Boden drücken doch Mut und Beharrlichkeit hielten mich aufrecht Maria wird
sich auf ihre Unschuld stützen
    Was will Iwanova mit mir
    Ihr Scherz hat es verraten
    Wär es möglich
    Was ist denen die kein anderes Gesetz als ihren Willen kennen nicht
möglich  Noch befindet sich Iwanova nicht in diesem Falle 
    O ja ja Eine schreckliche Leidenschaft wütet in ihrem Inneren Schon kann
sie die gemeinste Billigkeit nicht mehr erkennen Ach geliebter Vater darf ich
Ihnen etwas gestehen
    Maria mir
    Man nennt Iwanova die Große  wohl mag es verwegen sein  aber ich bekenne
dass sie mir sehr klein erschienen ist
    Maria versicherte sie liebe Iwanova 
    Ich kannte sie nicht
    Glaubt Maria sie jetzt schon zu kennen
    Ich ahnte wohl dass mein Urteil unbesonnen und verwegen war
    Ihr Urteil war Ihrer jedesmaligen Empfindung angemessen »Geliebte« 
sagt ich ihre Hand ergreifend  »Iwanova verdient wirklich den Namen der
Großen doch in einem andern Sinne als den das Volk fassen kann in einem
Anderen als den Maria mit diesem Worte verbindet«
    »Den Falschen«  rief sie erstaunt  »Den Wahren«  sagt ich schnell
einfallend  »Maria spricht von der Größe welche ohne die höchste Weisheit und
Güte nicht bestehen kann von der göttlichen Iwanova besitzt die menschliche
Sie sucht große schöne Zwecke mit kräftigen zweckmässigen Mitteln standhaft
zu erreichen Dass sie aber in der Wahl der Mittel ja sogar in Ansehung der
Zwecke manchmal irrt macht eben ihre Größe zu einer menschlichen Mit mehrerer
Kraft und Einsicht würde sie sich zur göttlichen erheben«
    »Ach mein Vater«  rief Maria meine Hand fest in die ihrige schließend 
»Wie wird mir so wohl in Ihrer Nähe Werden Sie Maria nicht den Irrtümern
diesen Menschen nicht entreißen die ihren Verstand verfinstern in ihrem Herzen
widersprechende Empfindungen wecken«
    Wir leben ja in denselben Mauern Maria sieht mich täglich kann schriftlich
ihre Empfindungen zu jeder Stunde mit mir teilen
    Schriftlich
    Abends mündlich
    Abends und den ganzen Tag seh ich Sie nicht
    Das wünscht Maria
    Das fragt mein geliebter Vater  O Gott der Tag ist mir ja nur erträglich
weil der Abend darauf folgt Alles was ich tue was ich denke und empfinde
bezieht sich nur auf den Abend Auf den Abend  auf meinen geliebten Vater Wie
der allgegenwärtige Gott so umgibt er mich Ich lebe und empfinde nur durch
ihn möchte nicht leben ohne ihn Ach ach ich kann nicht sagen was ich
empfinde und möchte es doch so gern
    »Maria«  sagte ich all meine noch übrige Kraft zusammenfassend  »suchen
Sie kein Wort für das was der Worte nicht bedarf Auszusprechen was Sie
empfinden tut nicht not aber sich Ihrer Empfindung deutlich bewusst werden 
darum möcht ich Sie bitten Sie haben sich in Tibaldy in Iwanova geirrt Wie
wenn Sie sich auch in mir oder vielmehr in der Empfindung gegen mich irrten 
Wie wenn Ihnen meine Gesellschaft minder angenehm oder wohl gar lästig «
    O reden Sie nicht aus mein geliebter Vater Tibaldy Iwanova und Sie 
Ach Maria ist unglücklich ist sehr unglücklich Alles verwirrt verfinstert
sich um sie her Wird Niemand sie retten Wird Niemand ihr sagen das ist wahr
das ist Recht das halte fest das bist du das wirst du sein
    Kann ein Mensch dem andern sagen das wirst du sein
    O ja Maria kann es Maria kann sagen das ist mein geliebter Vater das
wird er sein Und ob Alles sich verändert seine Güte 
    Doch wie kann ich nachschreiben was sie sagte Es war die feurigste
leidenschaftlichste Lobrede die ein Mensch auf den Andern halten kann Ihr
würdet mich den Unersättlichen nennen würdet sagen du quälst dich um Liebe
und hier ist Vergötterung Ja hier ist Vergötterung darum traur ich um Liebe
»Du bist angeklagt«  rief mir Iwanova da ich heute zu ihr eintrat entgegen 
»Von Allwina«  sagt ich lächelnd  »das hab ich erwartet«
    Weil du dich schuldig fühlst
    Weil sie sich schuldig fühlt
    Sie hat Mutterstelle bei Maria vertreten und du hast ihr mit Undank
gelohnt
    Ich habe den Mutternamen an ihr geehrt Aber sie erniedrigte sich zu einer
schändlichen Verführerin und so ist sie schonender behandelt worden als ich es
vor der strengen Gerechtigkeit verantworten kann
    In Mariens Gegenwart
    Maria darf nicht schwanken zwischen Tugend und Laster muss beides in seiner
wahren Gestalt kennen lernen Allwina musste unschädlich werden
    Doch hast du ihr nur mit Entfernung gedroht
    Darin hab ich gefehlt
    Der Fehler kann gut gemacht werden Ich nehme sie unter meine Damen Ihr
Geschlecht ist eines der ältesten im Lande
    So wünsche ich dass sie sich dieser Stelle würdig machen und ihr Geschlecht
ehren möge
    Meine Wahl macht diesen Wunsch überflüssig Dass sie eine mönchische Tugend
für unser Zeitalter nicht passend findet benimmt ihr in keines Vernünftigen
Augen etwas von ihrem Werte
    Im Gegenteil muss dieses ihren Wert in jedes Vernünftigen Augen erhöhen
    So zählst du dich nicht zu den Vernünftigen 
    Was ich von mir halte kann nicht in Betracht kommen Was Iwanova von mir
hält beweist sie durch ihr Vertrauen Sie legt das Wohl ihrer Völker in meine
Hände
    Von etwas Anderem  Maria ist nun allein
    Ich bedaure es  doch ist sie unter meinem Schutze und wird es bleiben
    Den Meinigen scheinst du gar nicht zu rechnen 
    Er ist ein unerwartetes Glück Stolz und vermessen würde es sein wenn Maria
darauf rechnete
    Nicht wahr du wünschest ihr weder jenen Stolz noch diese Vermessenheit 
    Ich müsste ihr Feind sein
    »Nun was gibt es dort«  sagte sie sich verdrießlich zu den Papieren
wendend  »du kamst ja heute entsetzlich gesegnet«
    Gesegnet und mit Segen Das Volk jauchzt über die Befreiung von der
drückenden Abgabe
    Ach ja es will genießen und wir sollen denken und arbeiten
    Seine Gedanken auf das Wohl von Tausenden richten welch ein göttliches
Loos
    Eine Träne stieg in ihr Auge und sie wurde wild und freundlich
                              Maria an Alexander
Guten Morgen mein teurer geliebter Vater
    Wie prächtig ist die Sonne aufgegangen Immer wenn ich die Sonne sehe
denk ich an Sie
    Mein teurer geliebter Vater ich habe diese Nacht einen sehr herrlichen
Traum gehabt Ich träumte wir wären in einem wunderschönen Garten wo Sie immer
mir zur Seite waren Darum glaub ich war mir auch so wohl als mir wachend
niemals ist Wir schwebten mehr als wir gingen und Sie waren nicht mein Vater
was Sie aber waren weiß ich nicht mehr
    Der allgütige Gott möge es mir verzeihen aber es war mir lieb dass Sie
nicht mein Vater waren denn ich fühlte mich unbeschreiblich glücklich und
selig
    Sie hatten ein weißes fliegendes Gewand an und einen Lorbeerkranz in den
Haaren und ich hatte auch ein weißes fliegendes Gewand und einen Rosenkranz in
den Haaren Sie schienen nicht viel älter als ich  ungefähr so alt wie Graf
Perçy  und waren nicht freundlicher und gütiger aber viel freudiger Ihr
Gesicht war wie lauter Morgenrot und Ihre Augen glänzten wie ein paar
Sonnen Doch konnt ich recht gut hinein sehen und das machte mich eben so
glücklich denn ich sah dass Sie gar keine fremde Gedanken und keine Sorgen mehr
hatten sondern immer an mich dachten
    dabei fällt mir ein mein geliebter Vater ob es denn wohl möglich sein
sollte dass ein Paar Menschen nur immer an einander dächten und sich nur immer
über einander freuten Das müsste ein unbeschreiblich seliger Zustand sein Aber
o Gott wenn nun Einer von beiden stürbe 
    Dieser Gedanke hat mich ganz verwirrt und betäubt und ich muss das Übrige
ein ander Mal schreiben
    Ich lese das wieder über was ich geschrieben habe und sehe wohl dass es
sehr schlecht geschrieben ist Sie sagten mir zwar immer wenn ich Sie um
Unterricht bat schreiben Sie so wie Sie sprechen und Sie werden immer gut
schreiben Aber geliebter Vater ich kann wirklich nicht so schreiben wie ich
spreche denn das Sprechen wird mir sehr leicht und das Schreiben wird mir sehr
schwer
    Das Ende meines Traumes wollt ich Ihnen nun erzählen
    Als wir so durch den herrlichen unabsehlichen Garten flogen begegnete uns
mit einem Male Iwanova in einem brennenden Gewande Ich erschrak und wollte
entfliehen Sie aber blieben unbeweglich So konnt ich dann auch nicht weiter
und verbarg mich hinter Ihrem Gewande
    Plötzlich ergriff uns Iwanova und schleuderte uns in einen brennenden
Abgrund Die Empfindung während des Sturzes werde ich in meinem Leben nicht
vergessen Aber die Flammen teilten sich und ganz unten in der fürchterlichen
Tiefe saß ein großer herrlicher Engel der uns mit seinen Flügeln auffing
    Mit einem Male waren die Flammen verschwunden eine himmlische Musik
ertönte und ein rosiges Licht erfüllte den Abgrund Wir schwebten immer höher
und höher viel Tausend Sterne um uns her
    Es war als komme die Musik von den Sternen Es war als wären Sie ich und
als wäre ich Sie und ich wusste  was ich mir so tausend Mal gewünscht habe 
Alles was Sie dachten In dieser seligen Empfindung erwachte ich
    Ach sie ist verschwunden aber die Furcht vor Iwanova und der Widerwille
gegen sie ist geblieben
    Glauben Sie mir geliebter Vater Iwanova meint es weder gut mit Ihnen noch
mit mir So unbegreiflich es auch scheint  ich darf es nicht verschweigen 
Iwanova hasst Sie
    Lange hab ich darüber nachgedacht wie das möglich wäre endlich glaub ich
die Ursache gefunden zu haben Iwanova fühlt dass sie nicht so gut ist wie Sie
und niemals so gut werden will dass sie die Große heißt und dass Sie der Große
sind
    Geliebter Vater ich bin wohl ein unerfahrnes Mädchen und habe wohl oft
unrichtig und voreilig geurteilt aber was ich hier schreibe ist gewiss wahr
es ist so wahr dass ich darauf sterben könnte Für Sie  pflegt mein geliebter
Vater dann wohl zu sagen Nein nicht allein für mich Für alle Menschen die
Sie so lieben und Iwanova so beobachten können wie ich
    Hat die menschliche Seele ein AhnungsVermögen Mein geliebter Vater sagt
ja Nun so ahne ich denn so gewiss ich lebe so gewiss die Liebe zu meinem
teuren Vater das Beste ist was ich empfinde und empfinden kann so gewiss
beschliesst Iwanova unser Verderben
    Ist keine Rettung mein geliebter Vater
Diesen Brief empfing ich gestern von Marien Ihr könnt denken wie mich die
letzten Worte ergriffen Wilhelm den ich alle Morgen mit Blumen und Früchten zu
ihr schicke sagte mir im Tone des Vorwurfs sie habe gezittert und geweint »O
Herr«  setzte er leiser und finsterer hinzu  »Fräulein Maria ist nicht gut
aufgehoben Der arme Engel«
    »Wilhelm«  erwiderte ich mit schmerzhaftem Lächeln  »die Engel sind nie
arm und allenthalben gut aufgehoben« Er schüttelte den Kopf und deutete
schweigend auf den Brief Ich las und sah dass er Recht hatte
    Nur lange Gewohnheit mit zerrissenem Herzen zu arbeiten machte es mir
möglich die Geschäfte zu beendigen Endlich konnt ich Atem holen eilte dann
sobald die zwei peinlichen Stunden der Mittagstafel überstanden waren in die
Gärten
    Lange irrt ich umher ohne mit mir selbst einig zu werden doch blieb der
Gedanke Maria was es auch koste zu retten der Erste und Letzte
    Sie erschrak da ich zu ihr eintrat Ich hatte in der Bestürzung das
verhasste Staatskleid nicht gewechselt wollte es nun  die Zeit war kostbar 
vergessen aber Mariens Ängstlichkeit machte es unmöglich Ich sah der Abend
würde verloren gehen eilte fort und kehrte nach wenig Minuten in meiner
gewöhnlichen Kleidung zurück
    Jetzt flog mir Maria mit lautem Freudengeschrei entgegen ich empfing sie
mit offenen Armen und  als wäre mit dem verhassten Kleide Alles was uns
trennte hinweggeschaft  mein Mund berührte den ihrigen
    »O Gott«  rief Maria  »mein Traum wird erfüllt« Ich gestehe dass diese
gerade jetzt wie eine fürchterliche Prophezeihung klingenden Worte mich auf das
heftigste erschütterten »Maria«  sagte ich sie mit bebender Hand zum Sofa
leitend  »hören Sie mich Oft haben Sie gewünscht zu wissen was ich denke 
Wohlan so mögen Sie es nun ohne Rückhalt erfahren
    Ich wollte Ihr Vater sein wollte es bleiben wollte keiner andern
Empfindung Raum geben  Ich vermochte es nicht Ich liebte Sie früher als Sie
mich«
    »Nein«  rief sie und wollte mir wieder zu Füßen sinken aber ich hielt
sie fest gedrückt an meiner Brust und fuhr fort »Als Ihr Herz nur für alles
Große und Schöne und keiner vorzüglich lebhaften Empfindung für mich
empfänglich war schon da liebte ich Sie und war schwach genug Raphael um
seine Rosen zu beneiden Doch vermochte diese Schwäche nicht mich zu
eigentlicher Ungerechtigkeit zu verleiten Ihre Freiheit blieb mir heilig und
meine Liebe tief in meinem Herzen verschlossen
    Eigennutz lag gleichwohl dem Allen zum Grunde Ich wollte Alles aufgeben um
Alles zu gewinnen Ihre Liebe sollte ein durchaus freies Geschenk werden und
nur dann wollt ich Sie für das höchste irdische Gut erkennen
    Aber dieser feine Eigensinn diese eigensinnige Feinheit machte mich dennoch
ungerecht Ich forderte Liebe ohne als Mann um Liebe zu werben So forderte ich
dann das Opfer des Heiligsten das Opfer der Weiblichkeit
    Ich wurde bestraft vielleicht härter als ich verdiente Indem ich mich
über menschliches Streben über menschliche Begierde erhob verlor ich
menschliches Glück erntete was ich säete Achtung Bewunderung aber nicht
Liebe«
    »O mein Vater«  rief Maria da ich einen Augenblick von Empfindung
überwältigt einhielt  »ist das auch wahr« 
    Ich drückte einen zitternden Kuss auf die Engelstirn und fuhr fort »Wäre es
nicht wahr müsste es nicht wahr werden Darf ich um Liebe werben Darf ich
geliebt werden  Iwanova trägt verschmähte Liebe im brennenden Herzen will
hassen weil sie nicht lieben soll Aber ich bin ein freier Mann kann mich
ihrem Hasse entziehen So dacht ich vormals Darf ich auch jetzt so denken da
ein ganzes Volk die Hände flehend zu mir erhebt mich Retter nennt Da ich
täglich überzeugter werde dass ich es bin Da ich vergebens unter Allen die
Pflicht und Vaterland im Munde führen Einen suche der den Sinn dieser Worte zu
fassen der die Hälfte von dem was auf mir liegt zu tragen vermöchte Und so
heißt dann die Losung nicht mehr Liebe oder Hass Freiheit oder Zwang sondern
Liebe oder Pflicht  Wenn Maria entscheiden dürfte was würde sie sagen«
    Liebe und Pflicht Iwanova kann hier nur gerecht oder verabscheuungswürdig
sein
    Wie wenn sie das Letzte wäre  Maria staunt mich an  Wer war es der mir
schrieb Iwanova beschliesst unser Verderben Wer war es der da fragte Ist
keine Rettung möglich 
    O Gott
    Ja sie ist möglich sie soll möglich sein Maria wird muss gerettet muss
glücklich werden
    Wie
    Graf Perçy liebt Maria Sein Alter passt besser zu dem ihrigen Das hat sie
selbst im Traume gefühlt
    O mein Vater
    Ja Alexander bleibt Mariens Vater Und so liebt sie ihn wie sie ihn immer
geliebt hat vielleicht lieben kann
    Und was wird dann aus Maria
    Graf Perçy führt sie als Gemahlin nach England und sie ist für immer
gerettet
    Gerettet Maria gerettet Wenn sie nach England geführt wird  Wo bleibt
Mariens Vater
    Hier wo Pflicht und Vaterland ihn binden
    Und Maria in England Nimmermehr Maria wird nicht Graf Perçys Gemahlin
    Warum nicht
    Weil Maria keinen Mann lieben kann der ihr gleich ist
    Der ihr gleich ist 
    Ja Graf Perçy ist nicht mehr wert als Mann wie Maria als Mädchen Er kann
Mariens Gespiele nie ihr Gemahl werden Maria ist gewohnt das über sich zu
sehen was sie liebt Sie würde in schlaffe Untätigkeit versinken entrisse man
ihr den sichtbaren Gott durch den sie lebt und empfindet
    Maria Maria
    So ist es So wird es sein Soll nun Maria nach England gehen
    Ich verhüllte mein Gesicht und schwieg
    »Soll nun Maria nach England gehen«  wiederholte sie und lag eh ich es
hindern konnte zu meinen Füßen Verschwunden war die Zukunft Ich zog sie
schnell in meine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit brennenden Küssen »O mein
Vater mein Geliebter«  rief sie  »jetzt leben wir Müssen wir nun sterben
weil wir lebten Ist keine Rettung«
    Vielleicht  Doch ehe von Rettung gesprochen werden kann muss Maria Alles
wissen und bedenken
    Was
    »Heute nichts mehr«  sagt ich mich losreissend  »Morgen Maria Morgen
Und dann gilt es einen festen Entschluss«
    Ich drückte sie noch ein Mal fest an mein Herz und eilte davon
Am andern Tage fand ich Maria in tiefen Gedanken Sie eilte mir nicht wie
gewöhnlich entgegen sondern reichte mir schweigend die Hand »Was denkt
Maria«  fragt ich besorgt
    Mein geliebter Vater sagte gestern er habe das Opfer des Heiligsten das
Opfer der Weiblichkeit gefordert  Hat Maria dieses Heiligste wirklich
geopfert
    Nein Maria ist rein und weiblich geblieben wie vorher Aber das bestätigt
meine Furcht Mariens Liebe sei nur zärtliche Achtung Bewunderung  Die
eigentlich menschliche immer mehr oder minder leidenschaftliche Liebe kann von
dem reinen Weibe nie mit dieser Unbefangenheit bekannt werden
    Und wenn Mariens Liebe nun höchste Bewunderung wäre 
    So könnte sie zu spät eine lebhafte Empfindung kennen lernen welche
gleichwohl diese höchste Bewunderung nicht ausschlösse
    Durch einen Mann
    Durch einen Mann der Graf Perçys Jugend mit der Achtungswürdigkeit die
Maria nicht erlassen kann verbände
    Ich kenne einen solchen Mann
    Und Maria ist sich keiner lebhafteren Empfindung bewusst
    Maria ist sich bewusst dass sie so lange sie atmet nach dem Höheren werde
streben müssen denn nur das heißt ihr leben Maria ist sich bewusst dass nur
dieses Höhere das wahrhaft Liebenswürdige für sie sein und bleiben wird Maria
hat den Mann gefunden der diese Liebenswürdigkeit im höchsten Grade besitzt So
ist sie dann ihrer Empfindung gewiss Denn gäbe es auch einen Zweiten der dem
Geliebten ähnlich wäre ihm gleich ist keiner so fesseln sie ja schon tausend
Bande an den Ersten
    »Ach Maria«  rief ich innigst bewegt  »Sie mögen wohl Recht haben Doch
bleibt meine Furcht nicht weniger gegründet Aber gesetzt alle Schwierigkeiten
wären gehoben Iwanovens Hass überwunden bleibt in meiner Bestimmung nicht ein
unüberwindliches Hindernis  Maria hat verraten was sie unter lieben sich
denkt Es ist ein unaufhörliches Eins sein mit dem Geliebten eine Allwissenheit
seiner Gedanken und Empfindungen ja sogar ein Ausschliessen Alles zu dieser
Liebe nicht Gehörigen  So liebt Gott nur die Welt So kann die Welt nur von
Gott geliebt werden Diese vollkommenste Ehe ist dem Menschen ein nie zu
erreichendes Ideal Wer dürfte ohne Betrug Marien eine solche versprechen 
Der freie Mann darf es nicht denn er ist Mensch Alexander darf es noch
weniger denn er ist Mensch und Staatsmann zugleich  Aber wenn er sich dem
Staate opfert darf er von einem weiblichen Wesen dasselbe verlangen  Und
vielleicht ist es nicht einmal dasselbe vielleicht ist das Opfer viel größer 
Dem Manne mag er sich von Lob und Tadel so frei dünken wie er will wird immer
die Stimme der Nachwelt etwas gelten wird ihm noch hörbar sein wenn Alles
Andere verstummt  Aber was bleibt dem zarteren Weibe wenn der Mann ihre Liebe
wie die erquickende Luft ohne die er nicht leben kann aber doch nur unbewusst
empfindet Wenn der Teil seiner Kraft den er im Streben nach ihrem Besitze
verwandte nun auch dem Staate anheim fällt Wenn er sich am Ende durch ihre
Großmut verwöhnt nur lieben lässt wähnend das könne und müsse nun so sein
    So wäre Alexander So würde es sein
    So war Alexanders Vater ein Mann den Alexander jetzt noch bei weitem nicht
erreicht
    Und wusste Alexanders Mutter vor ihrer Verheiratung was Maria jetzt weiß
    Nein denn sie fand sich bitter getäuscht aber trug ihr Schicksal mit
unbeschreiblicher Milde
    So übertrift dann Alexander seinen Vater entweder an Offenheit oder an
Einsicht und so muss das Schicksal seiner Gattin von dem seiner Mutter ganz
verschieden sein
    Und wie
    Weiß Alexanders Gemahlin dass sie sich wie er dem Staate opfern muss so
kann sie ihre Kräfte ja prüfen und nur sie selbst kann sich dann täuschen Weiß
Alexander dass sie mit ihm sich opfert so kann er das Opfer ja würdigen In
beiden Fällen muss ihr Schicksal von dem seiner Mutter verschieden sein
    Es könnte verschieden und dennoch sehr traurig sein
    Es ist es schon Alexanders Mutter war glücklich denn sie wurde obgleich
getäuscht dennoch geliebt Maria ist niemals geliebt worden
    Maria Maria
    Vielleicht ist sie auch dieses Glückes nicht würdig und so war ihr Wunsch
ins Kloster zu gehen sehr passend Dort ist sie sichrer als in England
    Darf sich Maria ihrer Bestimmung entziehen 
    Mariens Bestimmung kann nicht sein einen Mann zu betrügen oder sich einem
hinzugeben der sich mit dem Bewusstsein er werde nicht geliebt dennoch mit ihr
verbände O nein Maria geht ins Kloster Ist dort glücklicher als Tausende in
der Welt es sind In ihrem Herzen ist das ewige Leben Die Liebe auf ihrem
Altare ein sichtbarer Gott das herrlichste Ebenbild des Unsichtbaren und
Ewigen Dann wann die Glocken läuten wann die geweihten Jungfrauen sich nahn
dann schließen sich die eisernen Tore zwischen ihr und dem irdischen Wechsel
auf ewig Dann gehört sie ganz ihrer Liebe
    Sie schwebte fort und ich blieb mit namenloser Empfindung zurück
Welch ein Schmerz nagt so schrecklich an meinem Inneren Ist es Reue Was was
hab ich zu bereuen  Sollt ich sie täuschen Sie ins Elend führen  Aber ist
sie jetzt nicht elend Will sie sich selbst nicht auf das schrecklichste
täuschen  Wer gibt mir Licht in dieser Finsternis  Und dabei diese sich
stündlich häufenden Geschäfte Iwanova die sich mit Sterndeutern und Wahrsagern
einschliesst Jedem unglaublich der es vor seinen Augen nicht sieht Die
geistvollste Frau in den schändlichsten Banden  Unglückliches Volk wer
könnte jetzt dich verlassen
Wilhelm hat Euch geschrieben und so wisst ihr schon dass ich von dem
schrecklichen Traume erwacht bin Die Grausame Getäuschte Bedauernswürdige
Sie leidet jetzt mehr als ich litt Dieses Leiden hatten die Schändlichen bei
ihren Zaubertränken nicht berechnet Sie versprachen ihr Liebe Liebe bis zum
Wahnsinn Sie haben ihr nur gelassen was sie schon hatte und ihr statt
dessen was sie gelobten nur Reue gegeben Wo soll ich anfangen Euch mit der
ganzen Abscheulichkeit bekannt zu machen
    Im vorigen Monate bekamt Ihr den letzten Brief von mir Ich schrieb Euch
von einem entsetzlich nagenden Schmerze Aber das was ich damals für
Seelenleiden hielt war körperliches zugleich Ich hatte von den schändlichen
Giftmischern durch Iwanovens eigne Hand einen sogenannten Wundertrank
bekommen der bis an Wahnsinn grenzende Liebe wenn auch nicht in meinem Herzen
doch in meinem Blute entzünden sollte
    Schon fühlt ich das schreckliche Feuer in meinen Adern Aber eine Menge
wichtiger Geschäfte war zu beendigen Ich arbeitete fort mit brennendem Blute
machte schnell eine Verfügung auf alle mir gedenkbaren Fälle und widerstand
dann noch dem wütenden Fieber bis mir mit dem Bewusstsein alle Kraft zum
Widerstand geraubt wurde
    Jetzt da mir das Vergangene allmählich wieder deutlich wird erinnere ich
mich in den beiden letzten Tagen vor meiner Krankheit oft zu Iwanova gerufen
worden zu sein und eine sonderbare neugierige Freundlichkeit an ihr bemerkt zu
haben
    Aber mein Ernst und ein eben so sonderbarer nie empfundner Widerwille
schien in eben dem Grade zuzunehmen Mit einer Härte derer ich bis dahin nicht
fähig war schilderte ich ihr die Folgen ihrer gänzlichen Pflichtvergessenheit
Mein exaltirter Zustand machte mir jede Vorsicht jede Schonung unmöglich »Ich
bin krank«  rief ich mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend  »Ich bin krank
Sie klag ich an denn Sie haben Uibermenschliches von mir gefordert mit
unbegrenzter Sorglosigkeit Alles auf meine Schultern geworfen Ach Sie wussten
dass ich das unglückliche Volk nicht verlassen würde Jetzt werf ich die
ungeheute Last auf Sie zurück Hören Sie mich Sind Sie erwacht«  Sie
antwortete mit einem lauten Ausrufe des Schmerzens denn ich hatte mit wütender
Kraft ihre Hand fast zerquetscht  »Von Ihnen fordere ich dieses Volk mag ich
der fürchterlichen Krankheit unterliegen oder sie überwinden von Ihnen will ich
es fordern«
    Mit diesen Worten verließ ich sie und war von nun an der Krankheit
überlassen
    Folgendes hab ich aus Wilhelms Erzählung der Nacht und Tag nicht von mir
weichend nur das Allgemeine Euch melden konnte
    Er empfing mich beim Eintritt in mein Zimmer mit einem Tränenstrome und
dankte Gott dass ich mich endlich für krank erklären und die Hilfe der Ärzte
annehmen wollte »Maria«  rief ich Er stürzte bei diesem Ausrufe mir zu
Füßen schlug heftig an seine Brust und streckte dann die Rechte gen Himmel
Ich sah dass er mich verstanden hatte und sank auf mein Lager
    Dies ist das Letzte dessen ich mir bewusst bin Alles Andere scheint mir nur
ein fürchterlich verworrner Traum
    Mein Fieber wurde jetzt so heftig dass die Ärzte nur wenig von ihrer Kunst
erwarteten Bei Iwanovens Anblick schien es Raserei werden zu wollen Die
Unglückliche Betrogene war selbst von diesem schrecklichen Zustande nicht mehr
fern und vertrauete von Verzweiflung getrieben ihrem Leibarzte das ganze
schändliche Geheimnis
    Er gab nun einige Hoffnung drang aber sogleich auf die Entfernung der
übrigen Ärzte welche mit dem wahren Ursprunge der Krankheit nicht vertraut
ihm entgegen handeln konnten Eben so dringend bat er Iwanova sich entfernt zu
halten und nur solche Personen bei mir zu dulden deren Anblick mich nicht zu
beunruhigen schien
    Aber diese waren nur Wilhelm und Maria welche von nun an meine Pflege
übernehmen mussten Ich erkannte sie im heftigsten Fieber und ließ mich von
ihnen bedeuten Besonders schien Mariens Spiel und Gesang wunderbar auf mich zu
wirken doch konnte sie mir nur immer durch ein und dasselbe Lied ein Lächeln
abzwingen Bei allen Anderen verriet ich obwohl beruhigt minder oder mehr
schmerzhafte Empfindungen Sie hatte es kurz vor unserer entscheidenden
Unterredung gedichtet und ich setze es Euch seiner Einfalt und Herzlichkeit
wegen her
Du bist bei mir ich bin bei Dir
Bis an mein Lebens Ende
Und trennte Dich der Tod von mir
Wüsst nicht wies um mich stände
Ach schleuss mich in Dein Herz hinein
Dann kann ich ewig bei Dir sein
Sie sang dieses Lied zu ihrer Laute nach einer alten herzerschütternden
Melodie Oft  sagt Wilhelm  haben Tränen ihre Stimme erstickt Dann habe ich
 sonderbar genug  mich unwillig von ihr abgewandt und die Augen geschlossen
Endlich aber vermochte sie es das Lied ohne Tränen zu singen und bewirkte
dadurch selbst nach dem Zeugnisse des Arztes meine Genesung augenscheinlich
    Durch den Anblick schöner Blumen schöner Gemälde suchte sie gleichfalls
wohltätig auf mich zu wirken Aber bei den Blumen alle grelle Farben bei den
Gemählden alle leidenschaftlichen Gegenstände vermeidend Oft wählte sie wenn
ich schlummerte stundenlang unter den Blumen und weinte immer stärker je
länger sie wählte bis sie dann bei meinem Erwachen plötzlich erheitert zu mir
hineilte
    Anfangs hatte ich die Gemälde nur in finsterer Betäubung angestarrt Aber
nun verfiel sie darauf mir das Dargestellte zugleich vorzusingen und die im
Gesange vorkommenden Personen mit der Hand anzudeuten Das erheiterte mich
augenscheinlich und ich horchte nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
    So vergingen zehn Tage Kein Schlaf kam in Mariens Auge Oft versuchte
Wilhelm sie zu bereden wenigstens die Zeit wo ich schlummerte für ihre Ruhe
zu benutzen aber das leiseste Geräusch schreckte sie auf und so stand sie
plötzlich wieder mit zurück gehaltenem Atem mir zur Seite
    Auch konnte sich Iwanova nur während meines Schlummers mir nähern musste
fliehen wenn ich erwachte irrte so schattenähnlich hin und her Verzweiflung
im Blick in jeder Bewegung
    Anfangs bezeigte ihr Maria von Ahnung getrieben einen fast eben so großen
Widerwillen wie ich selbst vermochte aber doch nicht dem Anblicke ihres tiefen
Leidens lange zu widerstehen Die Verzweiflung der Großen Gefürchteten lösthe
sich endlich am Busen des tröstenden Engels in Wehmut auf
    Aber nun wurde Maria auch mit der ganzen schrecklichen Leidenschaft
Iwanovens bekannt Ach wie sorgfältig hatte ich ihre reine Seele davor gehütet
 Ihr Erstaunen war unbeschreiblich das Liebe äußerste Liebe nennen zu hören
was sie mit empörtem Gefühle Hass nennen musste Wie oft es ihr auch beteuert
wurde sie bestand darauf es sei ein schrecklicher Irrtum
    »Sehen Sie«  rief sie aus  »ich liebe ihn auch werde nicht von ihm
geliebt und doch sind alle meine Empfindungen von den Ihrigen verschieden Wäre
es möglich dass er ein Weib seiner würdig fände ich wurde mich dennoch
glücklich schätzen in seiner Nähe zu atmen Wird nicht Alles was er sein
nennt geheiligt Ist seine Wahl nicht das sicherste Kennzeichen der
Vortrefflichkeit  Da ein törichter Eigendünkel mich noch irre führte da ich
mich seiner Liebe noch würdig hielt weil ich die meinige zum Maasstabe meines
Wertes machte da wollte mich auch eine kleinliche Empfindlichkeit
niederdrücken entfernen Ach das ist Alles verschwunden Nur in seiner Nähe
ist Leben Alles Tod Finsternis wo sein Auge nicht leuchtet Das hab ich
jetzt bei der Möglichkeit seines Verlustes begriffen«
    Denkt Euch meine Empfindung als Wilhelm mir Alles dieses in seine
treuherzige Sprache übersetzt bald mit zurückgehaltener Träne bald mit
triumphirendem Lächeln berichtete Er saß während dieser Unterredung an meinem
Bette Vielleicht glaubte man ihn ganz mit mir beschäftigt vielleicht setzte
Iwanova voraus er sei doch von Allem unterrichtet oder was mir das
Wahrscheinlichste ist sie hielt es wie gewöhnlich nicht der Mühe wert ihn
irgend einer Rücksicht zu würdigen Solche Menschen scheinen den Großen Würmer
die sie zerdrücken können wann sie wollen
    In dieser ganzen Ergiessung des unschuldsvollen himmlischen Herzens fiel
Iwanoven nur die Versicherung auf Maria werde nicht geliebt Sie forderte
Beweise und Maria erzählte mit ihrer alle Herzen gewinnenden Offenheit den
Traum und die darauf folgende Unterredung
    »Er wollte mich also«  fuhr sie fort  »nicht allein entfernen er
zweifelte sogar an der Dauer seiner Empfindung ja er sagte vorher dass sie
nicht dauern werde und könne Wer der da liebte hat jemals Ähnliches
versichert oder geahnt  Bei wahrer Liebe ist schon der Zweifel unmöglich
Liebe hält sich für ewig und ist es«
    »Mädchen woher weißt du das Alles«  rief Iwanova
    Woher O Gott ich liebe ihn ja
    Jetzt erfolgte ein langes Stillschweigen Iwanova blieb unbeweglich in
tiefen Gedanken mir gegenüber Maria eilte an das andere Ende des Zimmers mir
Erfrischung zu bereiten
    Aber jetzt schien ich zu erwachen Iwanova warf noch einen Feuerblick voll
Rührung und Bewunderung auf Maria entfernte sich dann schnell die sorgenvolle
Stirn mit der Hand unterstützend
    Noch am selbigen Abend wurde eine spanische mit durchsichtigem Zeuge
bedeckte Wand in mein Zimmer gebracht hinter welcher Iwanova mich und Maria
Stunden lang beobachtete Maria wusste das aber es war nicht die geringste
Veränderung in ihrem Betragen zu erspähen Ach was konnte was sollte das
Engelherz auch verbergen
    Oft wenn ich nun einschlummerte und Iwanova hervortrat griff sie schnell
nach Mariens Hand zog sie mit Heftigkeit an das andere Ende des Zimmers und
schien das was ihr Innerstes bewegte nicht mehr unterdrücken zu können Aber
plötzlich stand sie dann wieder unbeweglich die Worte erstarben auf ihren
Lippen und nur finstere Unglück verkündende Blicke fielen auf das zitternde
Mädchen
    Endlich war die Krankheit überwunden und mit meiner Kraft kehrte mein
Bewusstsein auch wieder Doch schien mir Mariens beständiges Umschweben im
Anfange nichts als ein beseligender Traum Ach dass nicht große schreckliche
Sorgen dass nicht blutige Weltändel mich beschäftigten mir nicht jeden
Lebensgenuss entrissen dass ich sie die ewig Teure wie in stiller seliger
Häuslichkeit um mich mit mir beschäftigt sah  musst es mir nicht wie ein
Traum erscheinen
    Die Krankheit hatte mich weicher auch gegen mich selbst gemacht Ich
schien mir losgerissen freigegeben nahe dem Lohne für tausendfältigen Schmerz
Ich begriff das Glück dem ich entsagen wollte ich sah dass ich es grausam
gegen mich selbst absichtlich meinem Auge entrückt hatte um mich sicherer
täuschen zu können Ach ich begriff dass ich ein Mensch war und menschliche
Rechte hatte
    Unwillig über diese absichtliche Verblendung schalt ich mich feige ein Gut
preis gegeben zu haben nach dem die Weisesten trachten und beschloss nun es auf
das äußerste zu verteidigen
    Worte verrieten mich nicht aber was bedurft es der Worte  O wie wurde
das Engelgesicht durch Erstaunen verschönt wenn ich die liebe Hand sie die
mich dem Grabe entriss an mein Herz zog mit tausend Küssen bedeckte und mein
von Bewunderung Dankbarkeit und Liebe trunkenes Auge den Blick des Himmelsauges
verfolgte Ich fühlte dass ich lebte ich war ich bin entschlossen zu leben
Die entscheidende Stunde rückt heran Ich soll sie wiedersehen sie die mein
Leben der Leidenschaft preis gab Dass sie selbst mich zu sehen verlangt zeugt
von einer Verhärtung die wollt ich noch einen Augenblick wanken mir meine
ganze Kraft wiedergibt
    Sie kennt meine schwache Seite sie wird sie benutzen wollen aber auch
darauf bin ich gefasst Will sie mich dem Vaterlande entreißen sie möge es
verantworten Ich will die Bürde wieder aufnehmen deren ganze Last ich jetzt
da ich frei bin erkenne Ich will es aber Maria ist mein bleibt mein oder
ich rette diesen Schatz mit ihm meine Freiheit um welchen Preis es auch sei
    Morgen also Wohlan ich bin bereit
Darauf war ich nicht gefasst Ich weiß schon Ihr werdet mich tadeln Hört
hört Ich sah sie wie ich sie niemals gesehen Werde ich Alles sagen dürfen 
flehend um das was ich nicht geben kann  und wie flehte sie  Nein das
sterbe mit mir  Das ist mein Trost das ist mein einziger Trost dass sie die
Liebe nicht kennt Wie könnte sie sonst darum bitten  sie für irgend einen
Preis feil halten Sie bot einen Thron Das hat selbst sie die doch einen Thron
nicht überschätzen sollte verblendet Das wird Euch verblenden wie sie
    Seht es schmerzt mich dass ich das im voraus schon weiß Was soll ich
weiter schreiben Ich will Eure Antwort mit Eurem Tadel erwarten
O ich wußt es vorher Die Hoffnung Euch zu überzeugen geb ich auf Aber
glaubt Ihr wirklich ich habe nicht Alles was Ihr mir vorrechnet erwogen Von
Pflicht schweiget nur Das bitt ich »Sei es ein Rausch«  sagt Ihr  »möge er
verfliegen möge sie inne werden dass es nichts war als ein Rausch Dir bleibt
die Macht ein Volk zu beglücken das jetzt schon Retter Dich nennt«
    Groß gedacht Auch schön gedacht  Ich zweifle Auch recht gedacht  Nein
denn ich erkaufe diese  ich gebe es zu  verführerische Macht mit Betrug
    Ihr zuckt die Achseln spöttisch und mitleidig starrt unverwandt auf den
Zweck und scheltet jeden kleinlich der auf sich selbst zurück blickt Ich
nicht Das ist der Unterschied Er wird unter uns bleiben wie er von jeher
unter uns war
    O glaubt mir ich könnte Euren Gründen noch manche die Ihr nicht ahnt
hinzufügen Glaubt mir ich begreife Euch Dass Ihr mich nicht begreift ist ein
Unglück Ich könnte ausruhen bei Euch könnte mich nach dem schweren Kampfe
Eures Beifalls erfreuen Auch das nicht  Nun es sei aufgegeben wie so
vieles
Das war falsch Das war Bestechung noch dazu verschwendete Bestechung Also
glaubt Ihr Maria halte mich Maria müsse man bewegen mich frei zu geben O
wie Ihr das Engelherz verkanntet Vergasset Ihr wie schnell sich ihre Liebe über
Selbstsucht erhob Wie sie hoffnungslos ihr ganzes Leben mir weihte  Sagt ihr
sie müsse Der die ich wähle dienen und sie tut es Dienst und Dienstbarkeit
adelnd
    Maria Maria sie kennen dich nicht Werden sie dich begreifen wenn sie
dich kennen  Und welche Beredsamkeit Ihr verschwendet an der Kunstlosen
Reinen  Ach ich fühle ein ordentliches Mitleiden dass Ihr so gar keinen
Begriff von ihr habt  Ich reicher reicher tausendfältig belohnter Mann Ich
kenne sie verstehe sie Jeder Blick dieses Himmelauges dringt bis in mein
Innerstes und durchglüht es mit heiligem Feuer Maria ich lasse Dich nimmer Du
bist für die Ewigkeit mein
Ob Iwanova Alles weiß Ob ich die ganze Zukunft vergessend ein bestimmtes Nein
gewagt habe  Eben die ganze Zukunft erwägend habe ich Iwanova in den Fall
gesetzt dieses Nein selbst sagen zu müssen
    Sie fordert Liebe Vorgeblich  sagt Ihr Desto schlimmer für Euch und für
sie wenn dem so ist Aber dem ist wahrlich nicht so Ohne die Liebe zu kennen
fühlt sie gleichwohl das Bedürfnis geliebt zu werden Kann ich dieses Bedürfnis
befriedigen  Nicht wahr Ihr fühlt die Unmöglichkeit  Diese Unmöglichkeit
habe ich ihr vors Auge gerückt »Wie vormals«  ruft Ihr Nein nicht wie
vormals Noch freier noch offener Was das gewirkt hat  Eine Erniedrigung von
ihrer Seite die ich nicht erwartete Welche  Das fragt nicht Eine Wut auf
die ich gefasst war Die Folge von dem Allen  Meine Entlassung die ich
gefordert habe und die ich wofern sie mir nicht bald gegeben wird durch meine
Abreise für überflüssig erkläre
Unbesonnen und härter gegen sie als ich jemals gewesen Was hieße Euch wohl
besonnen Wie weich müsste ich Eurem Sinn nach wohl sein  Ihr fürchtet Was
fürchtet Ihr Ihr denkt an vormals Aber vormals ist nicht jetzt Mich schützt
das Volk was von ihr gefürchtet wird Seid ruhig sie krümmt mir kein Haar
Darf es nicht Aber wenn sie es dürfte ich rettete Maria und handelte wie
jetzt
    O wenn sie begriffe was ihrer Größe hier ziemt Sie hat ja nur
Leidenschaft nicht Liebe zu bekämpfen Oder wenn sie wahrhaft lieben könnte
wollte  welch ein herrliches Ende könnte das Alles noch gewinnen
Unglückliches Volk in welche Hände bist du gefallen Ich glaubte mein Herz
verschlossen aber deine Leiden waren mir fern Ach ich sehe dass ich mich
abermals verkannte Verlassen wollt ich dich  Kann ich es o Gott  Wer soll
hier siegen  Das Recht das Recht die Unschuld soll siegen und sie die das
Recht die Unschuld beugen wollte sie soll nachgeben Das schwöre ich mir
selbst
Sie ließ mich rufen denn die Verwirrung war aufs äußerste gestiegen Ihr Blick
war unstät oft schrecklich Sie winkte mir und ich nahte »Du musst«  sagte
sie endlich mit dumpfer kaum vernehmlicher Stimme  »Du musst die Geschäfte
sogleich übernehmen Das Vaterland Dein Vaterland braucht schleunige Hilfe«
    »Monarchinn«  erwiderte ich ebenfalls mit gedämpfter Stimme aber zugleich
mit Festigkeit  »ich fühle das ganze Gewicht dieser Worte Aber zu dieser
schleunigen Hilfe bedarf es der Kraft Sie gebricht mir wofern ich die lauten
und gerechten Forderungen meines Herzens nicht befriedige«  Ein Blick aus
ihrem Flammenauge würde mich hier wär ich nicht fest entschlossen gewesen
verwirrt haben Aber ich fuhr fort »Maria rettete mein Leben Ihr und dem
Vaterlande werde ich es widmen Müssen die Geschäfte sogleich von mir übernommen
werden so muss noch heute meine Verlobung sein morgen meine Vermählung mit
Marien vollzogen werden«
    Dass ich diese Worte je sprechen würde muss sie für unmöglich gehalten haben
Das sah ich an der fürchterlichen Wirkung die sie hervorbrachten Ihr ganzer
Körper wurde convulsivisch erschüttert Doch mussten sie gesprochen werden diese
Worte Sie sind es nun Heute  Morgen  Schneller als ich dachte Maria
Maria so hab ich nun dein Schicksal bestimmt 
Dieses die letzten Zeilen Alexanders an seine Verwandten Sie hatten ihm
Unbesonnenheit und Härte leider mit Recht vorgeworfen Er der sonst immer
Herr seiner selbst blieb konnte jetzt den Widerwillen gegen die Feindin nicht
unterdrücken Oder vielmehr sie erschien ihm als Feind seitdem ihre
Leidenschaft durch Tat sich geäußert ein männliches Ansehen bekommen hatte So
setzte er nun Kraft gegen Kraft und Härte schien ihm Gerechtigkeit
    Aber diese Härte brachte die Unglückliche auf das Äußerste Sie suchte
Gehülfen zur Befriedigung ihrer Rache und fand sie in Allwina und Tibaldy
Perçy der schon lange seine Liebe dem größeren Mitwerber geopfert hatte ahnte
ein schreckliches Geheimnis und eilte zu warnen Vergebens Man entdeckte und
verhinderte es
    So wurde dann Alexanders und Mariens Vermählung mit der größten Pracht
vollzogen aber das Brautbett war vergiftet In der schönsten Nacht des
irdischen Lebens erhoben sich ihre Geister zu den Sternen
»Du bist bei mir ich bin bei Dir
»Bis an mein Lebens Ende«
So sang Maria noch zu ihrer Laute eine Stunde vor der ewigen Vereinigung mit
Alexander