Friedrich Hölderlin
Fragment von Hyperion
Es gibt zwei Ideale unseres Daseins einen Zustand der höchsten Einfalt wo
unsre Bedürfnisse mit sich selbst und mit unsern Kräften und mit allem womit
wir in Verbindung stehen durch die bloße Organisation der Natur ohne unser
Zutun gegenseitig zusammenstimmen und einen Zustand der höchsten Bildung wo
dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten
Bedürfnissen und Kräften durch die Organisation die wir uns selbst zu geben im
Stande sind Die exzentrische Bahn die der Mensch im Allgemeinen und
Einzelnen von einem Punkte der mehr oder weniger reinen Einfalt zum andern
der mehr oder weniger vollendeten Bildung durchläuft scheint sich nach ihren
wesentlichen Richtungen immer gleich zu sein
Einige von diesen sollten nebst ihrer Zurechtweisung in den Briefen wovon
die folgenden ein Bruchstück sind dargestellt werden
Der Mensch möchte gerne in allem und über allem sein und die Sentenz in der
Grabschrift des Loyola
non coerceri maximo contineri tamen a minimo
kann eben so die alles begehrende alles unterjochende gefährliche Seite des
Menschen als den höchsten und schönsten ihm erreichbaren Zustand bezeichnen In
welchem Sinne sie für jeden gelten soll muss sein freier Wille entscheiden
Zante
Ich will nun wieder in mein Jonien zurück umsonst hab ich mein Vaterland
verlassen und Wahrheit gesucht
Wie konnten auch Worte meiner durstenden Seele genügen
Worte fand ich überall Wolken und keine Juno
Ich hasse sie wie den Tod alle die armseligen Mitteldinge von Etwas und
Nichts Meine ganze Seele sträubt sich gegen das Wesenlose
Was mir nicht Alles und ewig Alles ist ist mir Nichts
Mein Bellarmin wo finden wir das Eine das uns Ruhe gibt Ruhe Wo tönt sie
uns einmal wieder die Melodie unsers Herzens in den seligen Tagen der Kindheit
Ach einst sucht ich sie in Verbrüderung mit Menschen Es war mir als
sollte die Armut unsers Wesens Reichtum werden wenn nur ein Paar solcher Armen
Ein Herz Ein unzertrennbares Leben würden als bestände der ganze Schmerz
unsers Daseins nur in der Trennung von dem was zusammengehörte
Mit Freud und Wehmut denk ich daran wie mein ganzes Wesen dahin trachtete
nur dahin ein herzlich Lächeln zu erbeuten wie ich mich hingab für einen
Schatten von Liebe wie ich mich wegwarf Ach wie oft glaubt ich das Unnennbare
zu finden das mein mein werden sollte dafür dass ich es wagte mich selbst an
das Geliebte zu verlieren Wie oft glaubt ich den heiligen Tausch getroffen zu
haben und forderte nun forderte und da stand das arme Wesen verlegen und
betroffen oft auch hämisch es wollte ja nur Kurzweil nichts so Ernstes
Ich war ein blinder Knabe lieber Bellarmin Perlen wollt ich kaufen von
Bettlern die ärmer waren als ich so arm so begraben in ihr Elend dass sie
nicht wussten wie arm sie waren und sich recht wohl gefielen in den Lumpen
womit sie sich behangen hatten
Aber die mannigfaltige Täuschung drückte mich unaussprechlich nieder
Ich glaubte wirklich unterzugehn Es ist ein Schmerz ohne gleichen ein
fortdauerndes Gefühl der Zernichtung wenn das Dasein so ganz seine Bedeutung
verloren hat Eine unbegreifliche Mutlosigkeit drückte mich Ich wagte das Auge
nicht aufzuschlagen vor den Menschen Ich fürchtete das Lachen eines Kindes
dabei war ich oft sehr still und geduldig hatte oft auch einen recht
wunderbaren Aberglauben an die Heilkraft mancher Dinge Oft konnte ich ingeheim
von einem kleinen erkauften Besitztum von einer Kahnfahrt von einem Tale das
mir ein Berg verbarg erwarten was ich suchte
Mit dem Mute schwanden auch sichtbar meine Kräfte
Ich hatte Mühe die Trümmer ehemals gedachter Gedanken zusammenzulesen der
rege Geist war veraltet ich fühlte wie sein himmlisch Licht das mir kaum erst
aufgegangen war sich allmählich verdunkelte
Freilich wenn es einmal wie mir deuchte den letzten Rest meiner verlorenen
Existenz galt wenn mein Stolz sich regte dann war ich lauter Wirksamkeit und
die Allmacht eines Verzweifelten war in mir oder wenn sie einen Tropfen Freuden
eingezogen hatte die welke dürftige Natur dann drang ich mit Gewalt unter die
Menschen sprach wie ein Begeisterter und fühlte wohl manchmal auch die Träne
der Seligen im Auge oder wenn einmal wieder ein Gedanke oder das Bild eines
Helden in die Nacht meiner Seele strahlte dann staunt ich und freute mich als
kehrte ein Gott ein in dem verarmten Gebiete dann war mir als sollte sich eine
Welt bilden in mir aber je heftiger sich die schlummernden Kräfte aufgerafft
hatten desto müder sanken sie hin und die unbefriedigte Natur kehrte zu
verdoppeltem Schmerze zurück
Wohl dem Bellarmin wohl dem der sie überstanden hat diese Feuerprobe des
Herzens der es verstehen gelernt hat das Seufzen der Kreatur das Gefühl des
verlorenen Paradieses Je höher sich die Natur erhebt über das Tierische desto
größer die Gefahr zu verschmachten im Lande der Vergänglichkeit
Aber Eines hab ich dir noch mitzuteilen brüderliches Herz
Ich fürchtete mich noch vor gewissen Erinnerungen als wir uns fanden über
den Trümmern des alten Roms Unser Geist gleitet so leicht aus seiner Bahn
müssen wir doch oft dem Säuseln eines Blatts entgehen um ihn nicht zu stören in
seinem stillen Geschäfte
Itzt kann ich wohl manchmal spielen mit den Geistern vergangner Stunden
Mein alter Freund der Frühling hatte mich überrascht in meiner Finsternis
Sonst hätt ich ihn noch von ferne gefühlt wenn die erstarrten Zweige sich
regten und ein lindes Wehen meine Wange berührte Sonst hätt ich für jedes Weh
Linderung von ihm gehofft Aber das Hoffen und Ahnden war allmählich aus meiner
Seele verschwunden
Itzt war er da in aller Glorie der Jugend
Mir war als sollt ich doch auch wieder fröhlich werden Ich öffnete meine
Fenster und kleidete mich wie zu einem Feste Er sollte auch mich besuchen
der himmlische Fremdling
Ich sah wie alles hinausströmte ins Freie aufs freundliche Meer von
Smyrna und sein Gestade Sonderbare Erwartungen regten sich in mir Ich ging
auch hinaus
Da zeigte sich recht die Allmacht der Natur Fast jedes Gesicht war
herzlicher überall wurde offener gescherzt und wo man sich sonst recht
feierlich begrüßt hatte bot man sich jetzt die Hände Alles verjüngte und
begeisterte der herrliche süße Frühling
Der Hafen wimmelte von jauchzenden Schiffen wo Blumenkränze wehten und
Chierwein blinkte die Myrtenlauben tönten von fröhlichen Melodien und Tanz und
Spiel durchrauschte die Ulmen und Platanen
Ach ich suchte mehr als das Das konnte nicht vom Tode retten
Unwillkürlich verloren in meinem Gram kam ich in den Garten des Gorgonda
Notara meines Bekannten
Ein Rauschen aus einem Seitengange störte mich auf
Ach mir in diesem schmerzlichen Gefühl meiner Einsamkeit mit diesem
freudeleeren blutenden Herzen erschien mir Sie hold und heilig wie eine
Priesterin der Liebe stand sie da vor mir wie aus Licht und Duft gewebt so
geistig und zart über dem Lächeln voll Ruh und himmlischer Güte tronte mit
eines Gottes Majestät ihr großes begeistertes Auge und wie Wölkchen ums
Morgenlicht wallten im Frühlingswinde die goldnen Locken um ihre Stirne
Mein Bellarmin könnt ich dirs mitteilen ganz und lebendig das
Unaussprechliche das damals vorging in mir Wo waren nun die Leiden meines
Lebens seine Nacht und Armut die ganze dürftige Sterblichkeit
Gewiss er ist das höchste und seligste was die unerschöpfliche Natur in
sich fasst ein solcher Augenblick der Befreiung Er wiegt Aeonen unsers
Pflanzenlebens auf Tot war mein irdisches Leben die Zeit war nicht mehr und
entfesselt und auferstanden fühlte mein Geist seine Verwandtschaft und seinen
Ursprung
Jahre sind vorüber Frühlinge kamen und gingen manch herrlich Bild der
Natur manche Reliquie deines Italiens aus himmlischer Phantasie
hervorgegangen erfreute mein Auge aber das meiste verwischte die Zeit nur Ihr
Bild ist mir geblieben mit allem was mit ihm verwandt ist Noch steht sie da
vor mir wie in dem heiligen trunknen Momente da ich sie fand ich press es an
mein glühendes Herz das süße Phantom ich höre ihre Stimme das Lispeln ihrer
Harfe wie ein friedlich Arkadien wo Blüte und Saat in ewig stiller Luft sich
wiegt wo ohne des Mittags Schwüle die Ernte reift und die süße Traube gedeiht
wo keine Furcht das sichere Land umzäunt wo man von nichts weiß als von dem
ewigen Frühling der Erde und dem wolkenlosen Himmel und seiner Sonne und
seinen freundlichen Gestirnen so steht es offen da vor mir das Heiligtum
ihres Herzens und Geistes
Melite o Melite himmlisches Wesen
Ich möchte wohl wissen ob sie meiner noch zuweilen gedächte Sie bedauert
mich vielleicht Ich werde sie wiederfinden in irgend einer Periode des ewigen
Daseins Gewiss was sich verwandt ist kann sich nicht ewig fliehen
Ach der Gott in uns ist immer einsam und arm Wo findet er alle seine
Verwandten Die einst da waren und da sein werden Wenn kommt das große
Wiedersehen der Geister Denn einmal waren wir doch wie ich glaube alle
beisammen
Gute Nacht Bellarmin gute Nacht
Morgen werd ich ruhiger erzählen
Zante
Der Abend jenes Tages meiner Tage ist mir mit allem was ich noch gewahr ward in
meiner Trunkenheit unvergesslich Mir war er das schönste was der Frühling der
Erde geben kann und der Himmel und sein Licht Wie eine Glorie der Heiligen
umfloss Sie das Abendrot und die zarten goldnen Wölkchen im Äther lächelten
herunter wie himmlische Genien die sich freuten über ihre Schwester auf Erden
wie sie unter uns einherging in aller Herrlichkeit der Geister und doch so gut
und freundlich war gegen alles was um sie war
Alles drängte sich an sie Allen schien sich ein Teil ihres Wesens
mitzuteilen Ein neuer zarter Sinn eine süße Traulichkeit war unter alle
gekommen und sie wussten nicht wie ihnen geschah
Ohne zu fragen erfuhr ich sie komme von den Ufern des Paktols aus einem
einsamen Tale des Tmolus wohin ihr Vater ein sonderbarer Mann aus Verdruss
über die itzige Lage der Griechen sich schon gar lange von Smyrna weg begeben
hätte um dort seines finsteren Grams zu pflegen und ihre Mutter ehemals die
Krone von Jonien sei eine Verwandte des Gorgonda Notara
Notara bat uns den Abend mit ihm unter seinen Bäumen zuzubringen und so
wie wir jetzt gestimmt waren dachte keines gerne an ein Auseinandergehen
Allmählich kam immer mehr Leben und Geist unter uns Wir sprachen viel von
den herrlichen Kindern des alten Joniens von Sappho und Alcäus und Anakreon
sonderlich von Homer seinem Grabe zu Nio von einer nahen Felsengrotte am Ufer
des Meles wo der Herrliche manche Stunde der Begeisterung gefeiert haben soll
und manchem andern wie neben uns die freundlichen Bäume des Gartens wo vom
Hauche des Frühlings gelöst die Blüten auf die Erde regneten so teilten unsre
Gemüter sich mit jedes nach seiner Art und auch die Ärmsten gaben etwas
Melite sprach manch himmlisches Wort kunstlos ohne alle Absicht in lautrer
heiliger Einfalt Oft wenn ich sie sprechen hörte fielen mir die Bilder des
Dädalus ein von denen Pausanias sagt ihr Anblick habe bei all ihrer
Einfachheit etwas Göttliches gehabt
Lange saß ich stumm und verschlang die himmlische Schönheit die wie
Strahlen des Morgenlichts in mein Inneres drang und die erstorbenen Keime
meines Wesens ins Leben rief
Man sprach endlich auch von so manchen Wundern griechischer Freundschaft
von den Dioskuren von Achill und Patroklus von der Phalanx der Sparter von
all den Liebenden und Geliebten die aufund untergingen über der Welt
unzertrennlich wie die ewigen Lichter des Himmels
Da wacht ich auf Wir sollten davon nicht sprechen rief ich
Solche Herrlichkeit zernichtet uns Arme Freilich waren es goldne Tage wo
man die Waffen tauschte und sich liebte bis zum Tode wo man unsterbliche
Kinder zeugte in der Begeisterung der Liebe und Schönheit Taten fürs Vaterland
und himmlische Gesänge und ewige Worte der Weisheit ach wo der ägyptische
Priester dem Solon noch vorwarf »ihr Griechen seid alle Zeit Jünglinge« Wir
sind nun Greise geworden klüger als alle die Herrlichen die dahin sind nur
schade dass so manche Kraft verschmachtet in diesem fremden Elemente
Vergiss das zum wenigsten für heute Hyperion rief Notara und ich gab ihm
recht
Melites Auge ruhte so ernst und groß auf mir Wer hätte nicht alles
vergessen
Auf dem Wege nach der Stadt kam ich an ihre Seite Ich drückte die Arme mit
Macht gegen mein schauderndes Herz Ich zwang den verwirrenden Tumult in mir
dass ich sprechen konnte
O mein Bellarmin Wie ich sie verstand und wie sie das freute wie ein
zufällig Wörtchen von ihr eine Welt von Gedanken in mir hervorrief Sie war ein
wahrer Triumph der Geister über alles Kleine und Schwache diese stille
Vereinigung unsers Denkens und Dichtens
An Notaras Hause schieden wir Ich taumelte fort in rasender Freude schalt
und lachte über den Kleinmut meines Herzens in den vergangenen Tagen und sah
mit namenlosem Stolze auf meine alten Leiden zurück
Wie ich aber nun nach Hause kam und vor die offenen Fenster trat und meine
verwilderten und halb verdorrten Blumen und hinaufsah zu der verfallnen Burg
von Smyrna die vor mir lag im dämmernden Lichte wie sonderbar überfiel mich
das alles
Ach da war ich ehmals so oft gestanden um Mitternacht wenn ich den Schlaf
nicht finden konnte auf meinem einsamen Lager und hatte den Trümmern aus bessrer
Zeit und ihren Geistern meinen Jammer geklagt
Itzt war er wiedergekehrt der Frühling meines Herzens Itzt hatt ich was
ich suchte Ich hatt es wiedergefunden in der himmlischen Grazie Melites Es
tagte wieder in mir Das hohe Wesen hatte meinen Geist aus seinem Grabe gerufen
Aber was ich war war ich durch sie Die Gute freute sich über dem Lichte
das in mir leuchtete und dachte nicht dass es nur der Widerschein des ihrigen
war Ich fühlte nur zu bald dass ich ärmer wurde als ein Schatten wenn sie
nicht in mir und um mich und für mich lebte wenn sie nicht mein ward dass ich
zu nichts ward wenn sie sich mir entzog Es konnte nicht anders kommen ich
musste mit dieser Todesangst jede Miene und jeden Laut von ihr befragen ihrem
Auge folgen als wollte mir mein Leben entfliehen es mochte gen Himmel sich
wenden oder zur Erde o Gott es musste ja ein Todesbote für mich sein jedes
Lächeln ihres heiligen Friedens jedes ihrer Himmelsworte das mir sagte wie
ihr an ihrem ihrem Herzen genüge Sie musste ja über mich kommen diese
Verzweiflung dass das Herrliche was ich liebte so herrlich war dass es mein
nicht bedurfte Verzeih es mir die Heilige oft flucht ich der Stunde wo ich
sie fand und raste im Geiste gegen das himmlische Geschöpf dass es mich nur
darum ins Leben geweckt hätte um mich wieder niederzudrücken mit seiner Hoheit
Kann so viel Unmenschliches in eines Menschen Seele kommen
Pyrgo in Morea
Schlummer und Unruhe und manche andre seltsame Erscheinung die halb sich
bildete in mir und verschwand ließ indes nichts was ich dir mitteilen
wollte zur Sprache kommen Oft hab ich schöne Tage Dann lass ich mein Inneres
walten wie es will träumen und sinnen lebe meist unter freiem Himmel und die
heiligen Höhn und Tale von Morea stimmen oft recht freundlich in die reineren
Töne meiner Seele
Alles muss kommen wie es kommt Alles ist gut Ich sollte das Vergangne
schlummern lassen Wir sind nicht fürs Einzelne Beschränkte geschaffen Nicht
wahr mein Bellarmin Mir wuchs ja nur darum kein Arkadien auf dass das
Dürftige das in mir denkt und lebt sich ausbreiten sollte und das Unendliche
umfassen
Das möcht ich auch o das möcht ich Zernichten möcht ich die
Vergänglichkeit die über uns lastet und unsrer heiligen Liebe spottet und wie
ein Lebendigbegrabner sträubt sich mein Geist gegen die Finsternis worin er
gefesselt ist
Ich wollte erzählen Ich will es tun Von außen stört mich nichts in meinen
Erinnerungen Meer und Erde schläft in der Schwüle des Mittags und selbst die
Quelle die sonst hier unter mir rieselte ist vertrocknet Kein Lüftchen
säuselt durch die Zweige Ein leises Ächzen der Erde wenn der brennende Strahl
den Boden spaltet hör ich zuweilen Aber das stört wohl nicht Auch gibt die
Zypresse die über mir trauert Schatten genug
Der Abend da ich von ihr ging hatte mit der Nacht gewechselt und die
Nacht mit dem Tage aber für mich nicht In meinem Leben war kein Schlaf und
kein Erwachen mehr Es war nur Ein Traum von ihr ein seliger schmerzlicher
Traum ein Ringen zwischen Angst und Hoffnung Endlich ging ich hin zu ihr
Ich erschrak wie sie nun vor mir stand so ganz anders als in mir es
aussah so ruhig und selig in der Allgenügsamkeit einer Himmlischen Ich war
verwirrt und sprachlos Mein Geist war mir entflohen
Ich glaube nicht dass sie es ganz bemerkte wie sie überhaupt bei all ihrer
himmlischen Güte nicht sehr genau darauf zu achten schien was um sie vorging
Sie hatte Mühe mich dahin zurückzubringen wo wir den Abend zuvor geendet
hatten Endlich regte sich doch hie und da ein Gedanke in mir und schloss sich
fröhlich an die ihrigen an
Sie wusste nicht wie unendlich viel sie sagte und wie ihr Bild zum
Überschwenglichen sich verherrlichte wenn das Hohe ihrer Gedanken an ihrer
Stirne sich offenbarte und der königliche Geist sich vereinigte mit der Huld
des arglosen alliebenden Herzens Es war als träte die Sonne hervor im
freundlichen Äther oder als stiege ein Gott hernieder zu einem unschuldigen
Volke wenn das Selbstständige das Heilige neben ihrer Grazie sichtbar ward
Solang ich bei ihr war und ihr begeisterndes Wesen mich emporhub über alle
Armut der Menschen vergaß ich oft auch die Sorgen und Wünsche meines dürftigen
Herzens Aber wenn ich weg war dann verbarg ichs mir umsonst dann klagt es
laut auf in mir sie liebt dich nicht Ich zürnte und kämpfte Aber mein Gram
ließ nicht ab von mir Meine Unruhe stieg von Tage zu Tage Je höher und
mächtiger ihr Wesen über mir leuchtete desto düstrer und verwilderter ward
meine Seele
Sie schien mir endlich auszuweichen Auch ich beschloss sie nimmer zu sehen
und hatt es auch wirklich unter namenloser Peinigung meinem Herzen abgetrotzt
dass ich einige Tage wegblieb
Um diese Zeit begegnete mir da ich eben von der Einöde des Korax
zurückkehrte wohin ich vor Tagesanbruch hinausgegangen war Notara mit seinem
Weibe Er sagte mir dass sie zu einem benachbarten Verwandten geladen wären und
auf den Abend wieder da zu sein gedenken Melite setzte er hinzu sei zu Hause
geblieben die fromme Tochter müsse Briefe schreiben an Vater und Mutter
Alle meine niedergedrückten Wünsche erwachten wieder Einen Augenblick
darauf ermannt ich mich zwar und sagte dem Sturm in mir dass ich heute gerade
sie schlechterdings nicht sehen wolle ging aber doch an ihrem Hause vorüber
gedankenlos und zitternd als hätt ich einen Mord im Sinne Darauf zwang ich
mich nach Hause schloss die Türe ab warf die Kleider von mir schlug mir
nachdem meine Wahl ziemlich lange gezögert hatte den Ajax Mastigophoros auf
und sah hinein Aber nicht eine Silbe nahm mein Geist in sich auf Wo ich
hinsah war ihr Bild Jeder Fußtritt störte mich auf Unwillkürlich ohne Sinn
sagt ich abgerissene Reden vor mich hin die ich aus ihrem Munde gehört hatte
Oft streckt ich die Arme nach ihr aus oft floh ich wenn sie mir erschien
Endlich ergrimmt ich über meinen Wahnsinn und sann mit Ernst darauf es von
Grund aus zu vertilgen dieses tötende Sehnen Aber mein Geist versagte mir den
Dienst Dafür schien es als drängen sich falsche Dämonen mir auf und böten mir
Zaubertränke dar mich vollends zu verderben mit ihren höllischen Arzneien
Ermattet von dem wütenden Kampfe sank ich endlich nieder Mein Auge schloss
sich meine Brust schlug sanfter und wie der Bogen des Friedens nach dem
Sturme ging ihr ganzes himmlisches Wesen wieder auf in mir
Der heilige Frieden ihres Herzens den sie mir oft auf Augenblicke
mitgeteilt hatte durch Red und Miene dass mirs ward als wandelte ich wieder im
verlassenen Paradiese der Kindheit ihre fromme Scheue nichts zu entweihen
durch übermütigen Scherz oder Ernst wenn es nur ferne verwandt war mit Schönem
und Gutem ihre anspruchlose Gefälligkeit ihr Geist mit seinen königlichen
Idealen woran ihre stille Liebe so einzig hing dass sie nichts suchte und
nichts fürchtete in der Welt alle die lieben seelenvollen Abende die ich
zugebracht hatte mit ihr ihre Stimme und ihr Saitenspiel jeder Reiz ihrer
Bewegung die wo sie stand und ging nur sie ihre Güte und ihre Größe
bezeichnete ach das alles und mehr ward so lebendig in mir
Und diesem himmlischen Geschöpfe zürnt ich Und warum zürnt ich ihr Weil
sie nicht verarmt war wie ich weil sie den Himmel noch im Herzen trug und
nicht sich selbst verloren hatte wie ich nicht eines andern Wesens nicht
fremden Reichtums bedurfte um die verödete Stelle auszufüllen weil sie nicht
unterzugehen fürchten konnte wie ich und sich mit dieser Todesangst an ein
anderes zu hängen wie ich ach gerade was das göttlichste an ihr war diese
Ruhe diese himmlische Genügsamkeit hatt ich gelästert mit meinem Unmut mit
unedlem Groll sie um ihr Paradies beneidet Durfte sie sich befassen mit solch
einem zerrütteten Geschöpfe Musste sie mich nicht fliehen Gewiss ihr Genius
hatte sie gewarnt vor mir
Das alles ging mir wie ein Schwert durch die Seele
Ich wollte anders werden O ich wollte werden wie sie Ich hörte schon aus
ihrem Munde das Himmelswort der Vergebung und fühlte mit tausend Wonnen wie es
mich umschuf
So eilt ich zu ihr Aber mit jedem Schritte ward ich unruhiger Melite
erblasste wie ich hereintrat Dies brachte mich vollends aus der Fassung Doch
war mir das gänzliche Verstummen von beiden Seiten so kurz es dauerte zu
schmerzhaft als dass ich es nicht mit aller Macht zu brechen versucht hätte
Ich musste kommen sagt ich Ich war es dir schuldig Melite Das Gemässigte
meines Tons schien sie zu beruhigen doch fragte sie etwas verwundert warum ich
dann kommen müsste
Ich habe so viel dir abzubitten Melite rief ich
»Du hast mich ja nicht beleidigt«
O Melite wie straft mich diese himmlische Güte Mein Unmut ist dir sicher
aufgefallen
»Aber beleidigt hat er mich nicht du wolltest ja das nicht Hyperion Warum
sollt ichs dir nicht sagen Getrauert hab ich über dich Ich hätte dir so gerne
Frieden gegönnt Ich wollte dich oft auch bitten ruhiger zu sein Du bist so
ganz ein andrer in deinen guten Stunden Ich gestehe dir ich fürchte für dich
wenn ich dich so düster und heftig sehe Nicht wahr guter Hyperion du legst
das ab«
Ich konnte kein Wort vorbringen Du fühlst es wohl auch Bruder meiner
Seele wie mir sein musste Ach so himmlisch der Zauber war womit sie dies
sprach so unaussprechlich war mein Schmerz
Ich habe manchmal gedacht fuhr sie fort woher es wohl kommen möchte dass
du so sonderbar bist Es ist so ein schmerzlich Rätsel dass ein Geist wie der
deinige von solchen Leiden gedrückt werden soll Es war gewiss eine Zeit wo er
frei war von dieser Unruhe Ist sie dir nicht mehr gegenwärtig Könnt ich sie
dir zurückbringen diese stille Feier diese heilige Ruhe im Innern wo auch der
leiseste Laut vernehmbar ist der aus der Tiefe des Geistes kommt und die
leiseste Berührung von außen vom Himmel her und aus den Zweigen und Blumen
ich kann es nicht aussprechen wie mir oft ward wenn ich so dastand vor der
göttlichen Natur und alles Irdische in mir verstummte da ist er uns so nahe
der Unsichtbare
Sie schwieg und schien betroffen als hätte sie Geheimnisse verraten
Hyperion begann sie wieder du hast Gewalt über dich ich weiß es Sage
deinem Herzen dass man vergebens den Frieden außer sich suche wenn man ihn
nicht sich selbst gibt Ich habe diese Worte immer so hoch geachtet Es sind
Worte meines Vaters eine Frucht seiner Leiden wie er sagt Gib ihn dir diesen
Frieden und sei fröhlich Du wirst es tun Es ist meine erste Bitte Du wirst
sie mir nicht versagen
Was du willst wie du willst Engel des Himmels rief ich indem ich ohne
zu wissen wie mir geschah ihre Hand ergriff und sie mit Macht gegen mein
jammerndes Herz hinzog
Sie war wie aus einem Traume geschreckt und wand sich los mit möglichster
Schonung aber die Majestät in ihrem Auge drückte mich zu Boden
Du musst anders werden rief sie etwas heftiger als gewöhnlich Ich war in
Verzweiflung Ich fühlte wie klein ich war und rang vergebens empor Ach dass
es dahin kommen konnte mit mir Wie die gemeinen Seelen sucht ich darin Trost
für mein Nichts dass ich das Große verkleinerte dass ich das Himmlische
Bellarmin es ist ein Schmerz ohne gleichen so einen schändlichen Fleck an sich
zu zeigen Sie will deiner los sein dacht ich das ists all »Nun ja ich
will anders werden« Das stieß ich Elender unter erzwungenem Lächeln heraus und
eilte um fortzukommen
Wie von bösen Geistern getrieben lief ich hinaus in den Wald und irrte
herum bis ich hinsank ins dürre Gras
Wie eine lange entsetzliche Wüste lag die Vergangenheit da vor mir und mit
höllischem Grimme vertilgt ich jeden Rest von dem was einst mein Herz gelabt
hatte und erhoben
Dann fuhr ich wieder auf mit wütendem Hohngelächter über mich und alles
lauschte mit Lust dem grässlichen Widerhall und das Geheul der Tschakale das
durch die Nacht her von allen Seiten gegen mich drang tat meiner zerrütteten
Seele wirklich wohl
Eine dumpfe fürchterliche Stille folgte diesen zernichtenden Stunden eine
eigentliche Totenstille Ich suchte nun keine Rettung mehr Ich achtete nichts
Ich war wie ein Tier unter der Hand des Schlächters
»Auch sie auch sie« Das war der erste Laut der nach langer Zeit mir über
die Lippen kam und Tränen traten mir ins Auge
»Sie kann ja nicht anders sie kann sich ja nicht geben was sie nicht haben
kann deine Armut und deine Liebe « Das sagt ich mir endlich auch Ich ward
nach und nach ruhig und fromm wie ein Kind Ich wollte nun gewiss nichts mehr
suchen wollte mir fortelfen von einem Tage zum andern so gut ich konnte ich
war mir selbst nichts mehr forderte auch nicht dass ich andern etwas sein
sollte und es gab Augenblicke wo es mir möglich schien die Einzige zu sehen
und nichts zu wünschen
So hatt ich einige Zeit gelebt als eines Tages Notara zu mir kam mit einem
jungen Tinioten sich über meine sonderbare Eingezogenheit beschwerte und mich
bat mich den andern Tag abends bei Homers Grotte einzufinden er habe etwas
Eignes vor dem Tinioten zulieb der so recht mit ganzer Seele am alten
Griechenlande hänge und jetzt auf dem Wege sei die äolische Küste und das alte
Troas zu besuchen es wäre mir heilsam setzte er hinzu wenn ich seinen Freund
dahin geleitete er erinnere sich ohnedies dass ich einmal den Wunsch geäußert
hätte diesen Teil von Kleinasien zu sehen Der Tiniote bat auch und ich nahm es
an so wie ich alles angenommen hätte beinahe mit willenloser Lenksamkeit
Der andre Tag verging unter Anstalten zur Abreise und abends holte Adamas
so hieß der Tiniote mich ab zur Grotte hinaus
Es ist kein Wunder begann ich um andern Erscheinungen in mir nicht Raum
zu geben nachdem wir eine Weile am Meles auf und nieder unter den Myrten und
Platanen gegangen waren dass die Städte sich zankten um die Abkunft Homers Der
Gedanke ist so erheiternd dass der holde Knabe da im Sande gespielt habe und
die ersten Eindrücke empfangen aus denen so ein schöner gewaltiger Geist sich
mählich entwickelte
Du hast recht erwiderte er und ihr Smyrner müsst euch den erfreulichen
Glauben nicht nehmen lassen Mir ist es heilig dieses Wasser und dies Gestade
Wer weiß wie viel das Land hier nebst Meer und Himmel teilhat an der
Unsterblichkeit des Mäoniden Das unbefangne Auge des Kindes sammelt sich
Ahndungen und Regungen aus der Beschauung der Welt die manches beschämen was
später unser Geist auf mühsamem Wege erringt
In diesem Tone fuhr er fort bis Notara mit Melite und einigen andern
herankam
Ich war gefasst Ich konnte mich ihr nähern ohne merkliche Änderung im
Innern Es war gut dass ich unmittelbar zuvor nicht mir selbst überlassen war
Sie litt auch Man sah es Aber o Gott wie unendlich größer
In die Regionen des Guten und Wahren hatte sich ihr Herz geflüchtet Ein
stiller Schmerz wie ich ihn nie bemerkt hatte an ihr hielt die frohen
Bewegungen ihres Angesichts gefangen aber ihren Geist nicht In unwandelbarer
Ruhe leuchtete dieser aus dem himmlischen Auge und ihre Wehmut schloss sich an
ihn wie an einen göttlichen Tröster
Adamas fuhr fort wo er unterbrochen worden war Melite nahm teil ich
sprach auch zuweilen ein Wörtchen
So kamen wir an die Grotte Homers
Stille traurende Akkorde empfingen uns vom Felsen herab unter den wir
traten die Saitenspiele ergossen sich über mein Inneres wie über die tote Erde
ein warmer Regen im Frühlinge Innen im magischen Dämmerlichte der Grotte das
durch die verschiedenen Öffnungen des Felsen durch Blätter und Zweige
hereinbricht stand eine Marmorbüste des göttlichen Sängers und lächelte gegen
die frommen Enkel
Wir saßen um sie herum wie die Unmündigen um ihren Vater und lasen uns
einzelne Rhapsodien der Ilias wie sie jedes nach seinem Sinne sich auswählte
denn alle waren wir vertraut mit ihr
Eine Nänie die mein Innerstes erschütterte sangen wir drauf dem Schatten
des lieben blinden Mannes und seinen Zeiten Alle waren tiefbewegt Melite sah
fast unverwandt auf seinen Marmor und ihr Auge glänzte von Tränen der Wehmut
und der Begeisterung
Alles war nun stille Wir sprachen kein Wort wir berührten uns nicht wir
sahen uns nicht an so gewiss von ihrem Einklang schienen alle Gemüter in diesem
Augenblicke so über Sprache und Äußerung schien das zu gehen was jetzt in
ihnen lebte
Es war Gefühl der Vergangenheit die Totenfeier von allem was einst da war
Errötend beugte sich endlich Melite gegen Notara hin und flüsterte ihm
etwas zu
Notara lächelte voll Freude über das süße Geschöpf nahm die Schere die
sie ihm bot und schnitt sich eine Locke ab
Ich verstand was das sollte und tat stillschweigend dasselbe
Wem sonst als dir rief der Tiniote indem er seine Locke gegen den Marmor
hielt
Auch die andern gaben ergriffen von unsrem Ernste ihr Totenopfer
Melite sammelte das andere zu dem ihrigen band es zusammen und legte es an
der Büste nieder indes wir andern wieder die Nänie sangen
Das alles diente nur um mein Wesen aus der Ruhe zu locken in die es
gesunken war Mein Auge verweilte wieder auf ihr und meine Liebe und mein
Schmerz ergriffen mich gewaltiger als je
Ich strengte mich umsonst an auszuhalten Ich musste weggehn Meine Trauer
war wirklich grenzenlos Ich ging hinab an den Meles warf mich nieder aufs
Gestade und weinte laut Oft sprach ich mir leise ihren Namen vor und mein
Schmerz schien davon besänftigt zu werden Aber er war es nur um desto
unaufhaltsamer zurückzukehren Ach für mich war keine Ruhe zu finden auf
keiner Stelle der Welt Ihr nahe zu sein und ferne von ihr die ich so namenlos
liebte und so namenlos so unaussprechlich schändlich gequält hatte das war
gleich Beides war Hölle für mich geworden ich konnte nicht lassen von ihr und
konnte nicht um sie bleiben
Mitten in diesem Tumulte hört ich etwas durch die Myrten rauschen Ich
raffte mich auf und o Himmel es war Melite
Sie musste wohl erschrecken so ein zerstörtes Geschöpf vor sich zu sehen
Ich stürzte hin zu ihr in meiner Verzweiflung und rang die Hände und flehte nur
um Ein Ein Wort ihrer Güte Sie erblasste und konnte kaum sprechen Mit
himmlischen Tränen bat sie mich endlich den edleren stärkeren Teil meines Wesens
kennen zu lernen wie sie ihn kenne auf das Selbstständige Unbezwingliche
Göttliche das wie in allen auch in mir sei mein Auge zu richten was nicht
aus dieser Quelle entspringe führe zum Tode was von ihr komme und in sie
zurückgehe sei ewig was Mangel und Not vereinige höre auf Eines zu sein
sowie die Not aufhöre was sich vereinige in dem und für das was allein groß
allein heilig allein unerschütterlich sei dessen Vereinigung müsse ewig
bestehen wie das Ewige wodurch und wofür sie bestehe und so Hier musste sie
enden Die andern kamen ihr nach Ich hätte in diesem Augenblicke tausend Leben
daran gewagt sie auszuhören Ich habe sie nie ausgehört Über den Sternen hör
ich vielleicht das übrige
Nahe bei der Grotte zu der wir wieder zurückkehrten fing sie noch von
meiner Reise an und bat mich die Ufer des Skamanders und den Ida und das
ganze alte TrojerLand von ihr zu grüßen Ich beschwur sie kein Wort mehr zu
sprechen von dieser verhassten Reise und wollte geradezu den Adamas bitten mich
loszusprechen von meinem gegebnen Worte Aber mit all ihrer Grazie flehte
Melite das nicht zu tun sie sei so gewiss nichts sei vermögend Frieden und
Freude zwischen ihr und mir zu stiften wie diese Reise ihr wäre als hänge
Leben und Tod daran dass wir uns auf eine kleine Weile trennten sie gestände
mir es sei ihr selbst nicht so deutlich warum sie mich so sehr bitten müsste
aber sie müsste und wenn es ihr das Leben kostete sie müsste
Ich sah sie staunend an und schwieg Mir war als hätt ich die Priesterin
zu Dodona gehört Ich war entschlossen zu gehen und wenn es mir das Leben
kostete Es war schon dunkel geworden und die Sterne gingen herauf am Himmel
Die Grotte war erleuchtet Wolken von Weihrauch stiegen aus dem Innern des
Felsen und mit majestätischem Jubel brach die Musik nach kurzen Dissonanzen
hervor
Wir sangen heilige Gesänge von dem was besteht was fortlebt unter tausend
veränderten Gestalten was war und ist und sein wird von der Unzertrennlichkeit
der Geister und wie sie Eines sein von Anbeginn und immerdar so sehr auch
Nacht und Wolke sie scheide und aller Augen gingen über vom Gefühle dieser
Verwandtschaft und Unsterblichkeit
Ich war ganz ein andrer geworden Lasst vergehen was vergeht rief ich unter
die Begeisterten es vergeht um wiederzukehren es altert um sich zu
verjüngen es trennt sich um sich inniger zu vereinigen es stirbt um
lebendiger zu leben
So müssen fuhr nach einer kleinen Weile der Tiniote fort die Ahndungen der
Kindheit dahin um als Wahrheit wieder aufzustehen im Geiste des Mannes So
verblühen die schönen jugendlichen Myrten der Vorwelt die Dichtungen Homers und
seiner Zeiten die Prophezeiungen und Offenbarungen aber der Keim der in ihnen
lag geht als reife Frucht hervor im Herbste Die Einfalt und Unschuld der
ersten Zeit erstirbt dass sie wiederkehre in der vollendeten Bildung und der
heilige Friede des Paradieses geht unter dass was nur Gabe der Natur war
wiederaufblühe als errungnes Eigentum der Menschheit
Herrlich herrlich rief Notara
Doch wird das Vollkommne erst im fernen Lande kommen sagte Melite im Lande
des Wiedersehens und der ewigen Jugend Hier bleibt es doch nur Dämmerung Aber
anderswo wird er gewiss uns aufgehen der heilige Morgen ich denke mit Lust
daran da werden auch wir uns alle wiederfinden bei der großen Vereinigung
alles Getrennten
Melite war ungewöhnlich bewegt Wir sprachen sehr wenig auf unserem
Rückwege An Notaras Hause bot sie mir noch die Hand »lebe wohl guter
Hyperion« das waren ihre letzten Worte und so entschwand sie
Lebe wohl Melite lebe wohl Ich darf deiner nicht oft gedenken Ich muss
mich hüten vor den Schmerzen und Freuden der Erinnerung Ich bin wie eine
kranke Pflanze die die Sonne nicht ertragen kann Leb auch du wohl mein
Bellarmin Bist du indes dem Heiligtum der Wahrheit näher gekommen Könnt ich
ruhig suchen wie Du
Ach bin ich nur dort einmal angekommen dann soll es anders werden mit mir
Tief unter uns rauscht dann der Strom der Vergänglichkeit mit den Trümmern die
er wälzt und wir seufzen nicht mehr als wenn das Jammern derer die er
hinunterschlingt in die stillen Höhen des Wahren und Ewigen heraufdringt
Kastri am Parnass
Vom Gegenwärtigen ein andermal Auch von meiner Reise mit Adamas vielleicht ein
andermal Unvergesslich ist mir besonders die Nacht vor unserem Abschiede wo wir
an den Ufern des alten Ilion unter Grabhügeln die vielleicht dem Achill und
Patroklus und Antilochus und Ajax Telamon errichtet wurden vom vergangenen und
künftigen Griechenlande sprachen und manchem andern das aus den Tiefen und in
die Tiefen unsers Wesens kam und ging
Der herzliche Abschied Melites Adamas Geist die heroischen Phantasien und
Gedanken die wie Sterne aus der Nacht uns aufgingen aus den Gräbern und
Trümmern der alten Welt die geheime Kraft der Natur die überall sich an uns
äußert wo das Licht und die Erde und der Himmel und das Meer uns umgibt all
das hatte mich gestärkt dass jetzt etwas mehr sich in mir regte als nur mein
dürftiges Herz Melite wird sich freuen über dich sagt ich mir oft ingeheim mit
inniger Lust und tausend güldne Hoffnungen schlossen sich an an diesen
Gedanken Dann konnte mich wieder eine sonderbare Angst überfallen ob ich sie
wohl auch noch treffen werde aber ich hielt es für ein Überbleibsel meines
finsteren Lebens und schlug es mir aus dem Sinne
Ich hatte am Sigäischen Vorgebirge ein Schiff getroffen das geradezu nach
Smyrna segelte und es war mir ganz lieb den Rückweg auf dem Meere an Tenedos
und Lesbos hin zu machen
Ruhig schifften wir dem Hafen von Smyrna zu Im süßen Frieden der Nacht
wandelten über uns die Helden des Sternenhimmels Kaum kräuselten sich die
Meereswellen im Mondenlichte In meiner Seele wars nicht ganz so stille Doch
fiel ich gegen Morgen in einen leichten Schlaf Mich weckte das Frohlocken der
Schwalben und der erwachende Lärm im Schiffe Mit allen seinen Hoffnungen
jauchzte mein Herz dem freundlichen Gestade meiner Heimat zu und dem
Morgenlichte das über dem Gipfel des dämmernden Pagus und seiner alternden
Burg und über den Spitzen der Moskeen und dunkeln Zypressenhaine hereinbrach
und ich lächelte treuherzig gegen die Häuserchen am Ufer die mit ihren
glühenden Fenstern wie Zauberschlösser hervorleuchteten hinter den Oliven und
Palmen
Freudig säuselte mir der Inbat in den Locken Freudig hüpften die kleinen
Wellen vor dem Schiffe voran ans Ufer
Ich sah und fühlte das und lächelte
Es ist schön dass der Kranke nichts ahndet wenn der Tod ihm schon ans Herz
gedrungen ist
Ich eilte vom Hafen zu Notaras Hause Melite war fort Sie sei schnell
abgeholt worden auf Befehl ihres Vaters sagte mir Notara wohin wisse man
nicht Ihr Vater habe die Gegend des Tmolus verlassen und er habe weder seinen
jetzigen Aufenthalt noch die Ursache seiner Entfernung erfahren können Melite
hab es wahrscheinlich selbst nicht gewusst Sie habe übrigens am Tage des
Abschieds überhaupt beinahe nichts mehr gesprochen Sie hab ihm aufgetragen
mich noch zu grüßen
Mir war als würde mir mein Todesurteil gesprochen Aber ich war ganz stille
dazu Ich ging nach Hause berichtigte notwendige Kleinigkeiten und war sonst
im Äußeren ganz wie die andern Ich vermied alles was mich an das Vergangne
erinnern konnte ich hielt mich ferne von Notaras Garten und dem Ufer des
Meles Alles was irgend mein Gemüt bewegen konnte floh ich und das
gleichgültige war mir noch gleichgültiger geworden Abgezogenheit von allem
Lebendigen das war es was ich suchte Über den ehrwürdigen Produkten des
altgriechischen Tiefsinns brütet ich Tage und Nächte Ich flüchtete mich in ihre
Abgezogenheit von allem Lebendigen Allmählich war mir das was man vor Augen
hat so fremde geworden dass ich es oft beinahe mit Staunen ansah Oft wenn ich
Menschenstimmen hörte war mirs als mahnten sie mich aus einem Lande zu
flüchten worein ich nicht gehörte und ich kam mir vor wie ein Geist der sich
über die Mitternachtsstunde verweilt hat und den Hahnenschrei hört
Während dieser ganzen Zeit war ich nie hinausgekommen Aber mein Herz schlug
noch zu jugendlich sie war noch nicht in mir gestorben die Mutter alles
Lebens die unbegreifliche Liebe
Ein rätselhaft Verlangen zog mich fort Ich ging hinaus
Es war ein stiller Herbsttag Wunderbar erfreute mich die sanfte Luft wie
sie die welken Blätter schonte dass sie noch eine Weile am mütterlichen Stamme
blieben
Ein Kreis von Platanen wo man über das felsige Gestade weg ins Meer
hinaussah war mir immer heilig gewesen
Dort saß ich und ging umher
Es war schon Abend geworden und kein Laut regte sich ringsumher
Da ward ich was ich jetzt bin Aus dem Innern des Hains schien es mich zu
mahnen aus den Tiefen der Erde und des Meers mir zuzurufen warum liebst du
nicht MICH
Von nun an konnt ich nichts mehr denken was ich zuvor dachte die Welt war
mir heiliger geworden aber geheimnisvoller Neue Gedanken die mein Innerstes
erschütterten flammten mir durch die Seele Es war mir unmöglich sie
festzuhalten ruhig fortzusinnen
Ich verließ mein Vaterland um jenseits des Meeres Wahrheit zu finden
Wie schlug mein Herz von großen jugendlichen Hoffnungen
Ich fand nichts als dich Ich sage das dir mein Bellarmin Du fandest ja
auch nichts als mich
Wir sind nichts was wir suchen ist alles
Auf dem Citäron
Noch ahnd ich ohne zu finden
Ich frage die Sterne und sie verstummen ich frage den Tag und die Nacht
aber sie antworten nicht Aus mir selbst wenn ich mich frage tönen mystische
Sprüche Träume ohne Deutung
Meinem Herzen ist oft wohl in dieser Dämmerung Ich weiß nicht wie mir
geschieht wenn ich sie ansehe diese unergründliche Natur aber es sind heilige
selige Tränen die ich weine vor der verschleierten Geliebten Mein ganzes Wesen
verstummt und lauscht wenn der leise geheimnisvolle Hauch des Abends mich
anweht Verloren ins weite Blau blick ich oft hinauf an den Äther und hinein
ins heilige Meer und mir wird als schlösse sich die Pforte des Unsichtbaren
mir auf und ich verginge mit allem was um mich ist bis ein Rauschen im
Gesträuche mich aufweckt aus dem seligen Tode und mich wider Willen zurückruft
auf die Stelle wovon ich ausging
Meinem Herzen ist wohl in dieser Dämmerung Ist sie unser Element diese
Dämmerung Warum kann ich nicht ruhen darinnen
Da sah ich neulich einen Knaben am Wege liegen Sorgsam hatte die Mutter
die ihn bewachte eine Decke über ihn gebreitet dass er sanft schlummre im
Schatten und ihm die Sonne nicht blende Aber der Knabe wollte nicht bleiben
und riss die Decke weg und ich sah wie ers versuchte das freundliche Licht
anzusehen und immer wieder versuchte bis ihm das Auge schmerzte und er weinend
sein Gesicht zur Erde kehrte
Armer Knabe dacht ich andern ergehts nicht besser und hatte mir beinahe
vorgenommen abzulassen von dieser verwegnen Neugier Aber ich kann nicht ich
soll nicht
Es muss heraus das große Geheimnis das mir das Leben gibt oder den Tod