Jean Paul
Die unsichtbare Loge
Eine Lebensbeschreibung
Motto
Der Mensch ist der große Gedankenstrich im Buche der Natur
Auswahl aus des Teufels Papieren
Erster Teil
Entschuldigung
bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge
Ungeachtet meiner Aussichten und Versprechungen bleibt sie doch eine geborene
Ruine Vor dreißig Jahren hätte ich das Ende mit allem Feuer des Anfangs geben
können aber das Alter kann nicht ausbauen nur ausflicken was die kühne Jugend
aufgeführt Ja man setze sogar alle Kräfte des Schaffens ungeschwächt so
erscheinen ihnen doch nicht mehr die vorigen Begebenheiten Verwicklungen und
Empfindungen des Fortsetzens wert Sogar in Schillers Don Karlos hört man daher
zwei Zeiten und zwei Stimmen
Noch ein Werk die biographischen Belustigungen unter der Hirnschale einer
Riesin steht in der Reihe dieser Sammlung ohne Dach und Baurede da aber es
ist auch das letzte und sind denn zwei unausgebaute Häuserchen so gar schwer
zu verzeihen in einem Korso von Gebäuden aller Art von Gartenhäusern großen
Sakristeien wenn auch ohne Kirchen Irren und Ratäusern kleinen Hörsälen
vier Pfählen Dachstuben Erkern und italienischen Kellern Wenn man nun
fragt warum ein Werk nicht vollendet worden so ist es noch gut wenn man nur
nicht fragt warum es angefangen Welches Leben in der Welt sehen wir denn nicht
unterbrochen Und wenn wir uns beklagen dass ein unvollendet gebliebener Roman
uns gar nicht berichtet was aus Kunzens zweiter Liebschaft und Elsens
Verzweiflung darüber geworden und wie sich Hans aus den Klauen des Landrichters
und Faust aus den Klauen des Mephistopheles gerettet hat so tröste man sich
damit dass der Mensch rund herum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten
und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen und die ganze
Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman
Baireut im Oktober 1825
Jean Paul Friedrich Richter
Vorrede zur zweiten Auflage
Wer einigen wohlwollenden Anteil an den kleinen Haus ja Studierstubenfesten
der Schriftsteller nimmt der läuft gewiss ihre Vorreden zu zweiten Auflagen mit
Vergnügen durch denn in diesen feiern sie ihr BuchJubiläum und haben darin
fast nichts zu sagen als das Angenehmste nämlich von sich Wenn der
Schriftsteller in der Vorrede zur ProbierAuflage sich so gar matt und scheu
handhaben muss und aus weit getriebner und doch unentbehrlicher Bescheidenheit so
viele Besorgnisse und Zweifel sie betreffen seine Gaben an den Tag zu legen
hat wieviel ungebundner und heiterer geht es dagegen her nach dem Übergange des
JubelAutors aus der streitenden Kirche der ersten Vorrede in die triumphierende
der zweiten und der Jubilarius bringt sich selber ohne Angst sein Ständchen und
sein vivat und vivam
Gegenwärtiger Schreiber ist auf diesem Bogen selber im Begriffe zu
jubilieren und ein Familienfest mit einem seiner liebsten Kinder eben dem
gegenwärtigen Buche seinem romantischen Erstling zu begehen und redet hier
zur zweiten Auflage vor
Aber mitten im Feste erwägt er wohl dass ein Autor wie er auf diese Weise
am Ende mehr Vorreden als Bücher macht zB zu einem dreimal aufgegangnen
Hesperus drei Vorreden als Morgenröten und dass folglich beinahe des Redens
mehr ist als des Machens Das Alter spricht ohnehin gern von sich aber
nachteilig genug vermehren sich eben mit den Jahren die neuen Auflagen und
mithin die Vorreden dazu worin man allerlei über sich vorbringt
Das wenige was ich hier von mir selber zu sagen habe beschränkt sich auf
das gewöhnliche vorrednerische Eigenlob und auf den als Lobfolie untergelegten
Eigentadel
Stehende Verbesserungen aller meiner Auflagen blieben auch hier die Land
oder BuchVerweisungen von faulen Tag oder Sprachdieben oder Wortfremdlingen
und die Ausrottung falscher GenitivS und Ungs Ferner auf allen Blättern wo
es nottat wurden Lichter und Schatten und Farben gehoben oder vertieft aber
nur schwach und da bloß meistens in komischen Stellen Denn wenn ich hätte um
mit dem Lobe fortzufahren an den ernsten stärken oder ändern wollen welche
die Natur und die Liebe und das Große in uns und über uns malen so hätt ich es
in meinem späteren Alter nicht zu machen vermocht indem ich bei jenen Stellen
schon Gott danken muss dass ich sie nur das erste Mal gemacht Diese Not wird
sich erst recht zeigen so dass ich lieber und leichter nach den vier gedruckten
Flegeljahren noch so viele neue als ich Jahre habe gäbe wenn ich einmal den
dritten oder Schlussband dieser Loge bauen muss und ich wünschte herzlich
irgendein anderer Nachahmer von mir als ich selber übernähme die Last
Denn die Gründe liegen offen da Der Verfasser dieses blieb und arbeitete
nach den im 19ten Jahre geschriebnen Skizzen noch neun Jahre lang in seiner
satirischen Essigfabrik Rosen und Honigessig lieferte aus ihr die Auswahl aus
des Teufels Papieren bis er endlich im Dezember 1790 durch das noch etwas
honigsauere Leben des Schulmeisterlein Wutz1 den seligen Übertritt in die
unsichtbare Loge nahm so lange also ein ganzes horazisches Jahrneun hindurch
wurde des Jünglings Herz von der Satire zugesperrt und musste alles verschlossen
sehen was in ihm selig war und schlug was wogte und liebte und weinte Als es
sich nun endlich im achtundzwanzigsten Jahre öffnen und lüften durfte da ergoss
es sich leicht und mild wie eine warme überschwellende Wolke unter der Sonne
ich brauchte nur zuzulassen und dem Fliessen zuzusehen und kein Gedanke kam
nackt sondern jeder brachte sein Wort mit und stand in seinem richtigen Wuchse
da ohne die Schere der Kunst Gerade ein lange zugedrücktes übervolles Herz
bewahrt in seiner Flut mehr das Richtige und Gemässigte als ein immer offen
gelassnes sich leer rinnendes in seiner Ebbe das Wellensprünge machen muss für
die nächste Buchhändlermesse Ach man sollte alles Beste zumal des Gefühls
nur einmal aussprechen Die Blüten der Kraftbäume sind schmal und haben nur
zwei einfache Farben die weiße und rote Unschuld und Scham hingegen die
Blumen auf ihren dünnen Stengeln sind breiter als diese und schminken sich mit
brennenden Farben Aber jedes erste Gefühl ist ein Morgenstern der ohne
unterzugehen bald seinen Zauberschimmer verliert und durch das Blau des Tags
verhüllt weiterzieht
Ich gerate hier beinahe in dasselbe blumige Unwesen durch Sprechen darüber
aber eben wieder aus der angeführten Ursache weil ich über die jungfräuliche
Kraft und Schönheit womit frische Gefühle zum ersten Male reden schon so oft
und besonders in Vorreden gesprochen ich verweise in dieser zur zweiten Auflage
der Mumien auf die neueste zur zweiten Auflage der grönländischen Prozesse und
so beweiset sich der Satz schon dadurch wie er sich ausspricht
Man wird vielleicht dem Verfasser es nachsehen dass er seinen ersten Roman
zwei Jahre zu früh geschrieben nämlich schon in seinem 28ten aber im ganzen
gesteht er selber sollte man Romane nicht vor dem Jahre schreiben wo der alte
Deutsche seinen spielte und ihn sogleich in Geschichte durch Ehe verwandelte
nämlich im 30ten Jahre An Richardson Rousseau Goethe nicht im lyrischen
Werter sondern im romantischen Meister an Fielding und vielen bewährt sich
der Satz Der Verfasser der unsichtbaren Loge hatte von Lichtenberg so starke
Busspredigten gegen die Menschenunkunde der deutschen Romanschreiber und Dichter
gelesen und gegen ihre so große Unwissenheit in Realien ebensowohl als in
Personalien dass er zum Glück den Mut nicht hatte wenigstens früher als im 28
ten Jahre das romantische Wagstück zu übernehmen Er fürchtete immer ein
Dichter müsse so gut wie ein Maler und Baumeister etwas wissen wenn auch wenig
ja er müsse die Sache noch höher getrieben sogar von Grenzwissenschaften und
freilich umgrenzen alle Wissenschaften die Poesie manches verstehen so wie der
Maler von Anatomie von Chemie Götterlehre und sonst Und in der Tat hat sich
niemand so stark als Goethe der unter allen bekannten Dichtern die meisten
Grundkenntnisse in sich verknüpft von der Reichspraxis und Rechtslehre an durch
alle Kunststudien hindurch bis zur Berg und Pflanzen und jeder
Naturwissenschaft hinauf als den festen und zierlichen Pfeiler des Grundsatzes
hingestellt dass erst ein Dichter welcher Licht in der einen und andern Sache
hat sich kann hören lassen so dass sichs hier verhielte mit den Dichtungen wie
mit den Pflanzen welche bei aller Nährung durch Wärme Feuchte und Luft doch
nur Früchte ohne Geschmack und Brennstoff bringen wenn ihnen das Sonnenlicht
gebrach
Glücklicherweise hat sich freilich seitdem seit dem eingegangnen
Predigtamte Lichtenbergs und anderer Prosaisten sehr vieles und zwar zum
wahren Vorteile der Dichter geändert Menschenstudien vorzüglich werden ihnen
von Kunstverständigen und Leihlesern willig erlassen weil man dafür desto mehr
im Romantischen von ihnen erwartet und fodert Daher sind sogenannte Charaktere
wie etwa die vorkömmlichen bei Goethe oder gar bei Shakespeare ja wie nur
bei Lessing gerade das wodurch sich die neueren Roman und DramaDichter am
wenigsten charakterisieren sondern es ist ihnen genug sobald nur sonst
gehörige Romantik da ist wenn die Charaktere bloß so halb und halb etwa etwas
vorstellen im ganzen aber nichts bedeuten Ihre Charaktere oder
MenschenAbbilder sind gute Konditor oder Zuckergebilde und fallen wie alle
Kandis und Marzipanmänner sehr unähnlich ja unförmlich aber desto süßer aus
und zerlaufen mild auf der Zunge Ihre gezeichneten Köpfe sind gleichsam die
Papierzeichen dieser höheren Papiermüller und bedürfen keiner größeren Ähnlichkeit
mit den Urbildern als die Köpfe der Könige von Preußen und Sachsen auf dem
preußischen und sächsischen KonzeptPapiere die und deren Unähnlichkeit man
erst sieht wenn man einen Bogen gegen das Licht hält Da nun gerade neue
Charaktere so schwer und ihrer nur so wenige zu erschaffen sind wenn man sich
nicht zu einem Shakespeare steigern kann hingegen neue Geschichten so leicht zu
geben zu deren Zusammensetzungen schon vorgeschriebene Endreime der Willkür die
organischen Kügelchen oder den Froschlaich darbieten so wird durch stehende
Wolkengestalten von Charakteren welche unter dem Anschauen flüssig aus und
einwachsen und sich selber eine Elle zusetzen und abschneiden dem Dichter
unglaubliche Mühe und Zeit die er fruchtbarer an Begebenheiten verwendet im
Schaffen erspart und er kann jede Messe mit seinem frischen Reichtum neuer
Geschichten und alter Charaktere auftreten er ist der Koch Andhrimmer in der
nordischen Mythologie und hat den Kessel Eldhrimmer und kocht das Schwein
Sährimmer das jeden Abend wieder lebendig wird und bewirtet damit die Helden
in Walhalla jeden Tag
Dieser romantische Geist hat nun in Romanen und Trauerspielen eine Höhe und
Vollkommenheit erreicht über welche hinaus er ohne Selbstverflüchtigung
schwerlich zu gehen vermag und welche man in der ganz gemeinen Sprache
unbedenklich schon Tollheit oder Wahnwitz nennen kann wenn auch nicht in der
Kunstsprache Von den Trauerspielen an des ohnehin nicht verstandreichen Werners
bis hinauf zu dem Yngurd und der Albaneserin des verstandüberreichen Müllners
regiert ein seltener luftiger keines Bodens bedürftiger Wahnwitz die Charaktere
und dadurch sogar einen Teil der Geschichte deren Schauplatz eigentlich im
Unendlichen ist weil verrückte und verrückbare Charaktere jede Handlung die
man will motivieren und rücken können Sogar bei den größten Genien anderer
Völker und früherer Zeiten sucht man KunstVerrückungen und Anamorphosen und
Anagrammen des Verstandes wie zB in des gedachten Proselyten Luther oder
Attila umsonst Sogar ein Sophokles glaubte von seinen erbsüchtigen Kindern
des Alterwahnwitzes angeklagt sie durch ein so verstandreiches Trauerspiel wie
der Ödipus zu Boden zu schlagen aber in unserer Zeit würde wohl ein deutscher
Sophokles vor Gericht den Beweis seines Verstandes durch kein anderes Gedicht
führen als durch eines worin er seinen HauptCharakteren den ihrigen genommen
hätte
Dieser romantische KunstWahnwitz schränkt sich glücklicherweise nicht auf
das Weinen ein sondern erstreckt sich auch auf das Lachen was man Humor oder
auch Laune nennt Ich will hier der VorredenKürze wegen mich bloß auf den
kraftvollen Friedrich Hoffmann berufen dessen Kallotische Phantasien ich früher
in einer besonderen Vorrede schon empfohlen und gepriesen als er bei weitem
weniger hoch und mir viel näher stand Neuerer Zeit nun weiß er allerdings die
humoristischen Charaktere zumal in der zerrüttenden Nachbarschaft seiner
Morgen Mittag Abend und Nachtgespenster welche kein reines Taglicht und
keinen festen Erdboden mehr gestatten zu einer romantischen Höhe
hinaufzutreiben dass der Humor wirklich den echten Wahnwitz erreicht was einem
Aristophanes und Rabelais und Shakespeare nie gelingen wollen Auch der heitere
Tieck tat in frühern Werken nach diesen humoristischen Tollbeeren einige
glückliche Sprünge ließ aber als Fuchs sie später hangen und hielt sich an die
Weinlese der Bacchusbeeren der Lust
Dieses wenige reiche hin um zu zeigen wie willig und freudig der Verfasser
den hohen Stand und Schwebepunkt der jetzigen Literatur anerkenne Unstreitig
ist jetzo die Belladonna wie man die Tollkirsche nennt unsere Muse Primadonna
und Madonna und wir leben im poetischen Tollkirschenfest Desto erfreulicher
ist es dass auch die Lesewelt diese poetische Hinaufstimmung auf eine
freundliche Weise begünstigt durch ihre Teilnahme und dass sie wie das
Morgenland Verrückte als Heilige ehrt und was sie sagen für eingegeben hält
Überhaupt eine schöne Lorbeer und Kirschlorbeerzeit
Bei allen neuen zweiten Ausgaben wird es dem Verfasser der sie so gern zu
recht verbesserten machen möchte von neuem schmerzhaft dass keine seiner
Dichtungen ein um und eingreifendes Kunsturteil über Charaktere und Geschichte
und Sprache jemal hat erobern können Mit einem allgemeinen Lobe bis zur
Übertreibung und mit einem ähnlichen Tadel bis zu einer noch größeren ist einem
rechtschaffenen Künstler nicht gedient und geholfen Natürlicherweise wurden
zweite Auflagen noch weniger beurteilt und geprüft als erste und der Verfasser
sah jeden Abend vergeblich auf ein Lob seiner Strenge gegen sich selber auf Wie
gern er aber bessert und streicht noch mehr als ein Wiener Schauspieldirektor
der bloß fremde Stücke zerstückt und wie emsig er aus jedem bedornten oder
gestachelten Tadel sei er entweder Rose oder Wespe den Honig der Besserung
saugt dies könnte ein Kunstrichter erfahren ohne mehr Bücher zu lesen als
zwei nämlich die zweite Ausgabe neben der ersten ja sogar aus einem einzigen
könnte er alles wegbekommen wenn er einen Herrn Verleger bloß um gefällige
Vorzeigung des letzten mit weisen Runzeln und mit Druck und Dintenschwärze
zugleich durchfurchten AltExemplars ersuchte der Mann würde im Buchladen sich
wundern über das Bessern ihm so gerade gegenüber
Aber wie leider gesagt gegenwärtig wird in Deutschland wenig
Belletristisches rezensiert und die Taschenkalender sind hier wohl die einzigen
Ausnahmen von Belang nämlich ihre verschiedenen kleinen Aufsätze und die
verschiedenen kleinen Urteile dazu
Es ist eigentlich ziemlich spät dass ich erst nach 28 Jahren sage was die
beiden Titel des Buchs sagen wollen Der eine »unsichtbare Loge« soll etwas
aussprechen was sich auf eine verborgne Gesellschaft bezieht die aber freilich
so lange im Verborgnen bleibt bis ich den dritten oder Schlussband an den Tag
oder in die Welt bringe Noch deutlicher lässt sich der zweite Titel »Mumien«
erklären der mehr auf meine Stimmung so wie jener mehr auf die Geschichte
hindeutet Überall werden nämlich im Werke die Bilder des irdischen
Vorüberfliegens und Verstäubens wie ägyptische Mumien und griechische
KunstSkelette unter den Lustbarkeiten und Gastmahlen aufgestellt Nun soll
aber die Poesie mehr das Entstehen als das Vergehen zeigen und schaffen und mehr
das Leben auf den Tod malen als das Gerippe auf das Leben Der Musenberg soll
als der höchste alle Wolken überflügelnde Berg der uns sowohl den Himmel als
die Erde heller schauen lässt und zugleich die Sternbilder und den blumigen
Talgrund uns näher bringt dieser soll der Ararat der im Wasser arbeitenden und
schiffbrüchigen Menschheit sein wie sich in der Myte2 Deukalion und Pyrrha aus
der Sündflut auf dem Parnassus erretteten So verlangt es besonders unser Goethe
und dichtet danach die Dichtkunst soll nur erheitern und erhellen nicht
verdüstern und bewölken Und dies glaub ich auch ja ohne eine angeborene
unwillkürliche was man eben Hoffnung und Erinnerung nennt wäre keine
Wirklichkeit zu ertragen wenigstens zu genießen
Aber ebenso gewiss ist es dass gerade die Jugend diese lebendige Poesie
mitten unter ihren Blütenästen für sie aber schon Fruchtäste und auf ihren
sonnigen warmen Anhöhen nichts lieber dichtet und gedichtet liest als
Nachtgedanken und nicht nur vor der liebekranken Jungfrau sondern auch vor dem
liebestarken Jüngling der darum einem Schlachttode weit begeisterter
entgegenzieht als ein Alter schweben die Gottesäcker als hangende Gärten in
Lüften und sie sehnen sich hinauf Die Jugend kennt nur grüne blumige
Grabhügel aber das Alter offene Gräber ohne grünende Wände
Diese jugendliche Ansicht komme nun dem Verfasser der in einem für ihn noch
jugendlichen Alter schrieb bei seinen zu häufigen Grablegungen und seinen
Nachtstücken der Vergänglichkeit in diesem Werke zugute Indes ist hier eben
eine nicht zu furchtsame Rechtfertigung notwendig denn da wir doch einmal alle
in der immer vernichtenden und vernichtetwerdenden Zeit fortschwimmen und wir
auf den kleinen Gräbchen jeder Minute in das große der letzten Stunde steigen
müssen so kann hier kein scheues Seitwärtsschielen der Poesie was etwa bei
Übeln gelten könnte die nur einzelne und nur zeitweise ergreifen sondern
bloß ein tapferes Aufwärtsschauen dichterisch und erquickend werden Die Poesie
mache nur keck die Erdgruft auf aber sie zeige auch wie sie zwischen zwei
Halbhimmeln liegt und wie wir aus dem zugedeckten uns dem aufgedeckten zudrehen
Und wenn wir nur als spielende Eintagmücken eigentlich Einabendmücken in den
Strahlen der untergehenden Sonne uns sonnen und dann senken so geht nicht bloß
die Mücke auch die Sonne unter aber im weiten Freien der Schöpfung wo kein
Erdboden sich dazwischenstellt haben Sonnen und Geister keinen Untergang und
kein Grab
Und so mögen denn diese zwei Mumien weniger mit neuen Gewürzen zur
Fortdauer einbalsamiert als hie und da mit den ZeichenBinden anders
eingewickelt sich wieder der frühern Zuziehung und Einladung zu den Gastmahlen
der Leser zu erfreuen haben Und die dritte oder Schlussmumie soll nachgeschickt
werden als die dritte Parze im schönen griechischen Sinne wenn nicht den
MumienVater selber vorher das Schicksal zur großen Mumie macht Also im einen
und im andern Falle kann es an einer dritten Schlussmumie nicht fehlen
Baireut den 24ten Jun 1821
Jean Paul Fr Richter
Fußnoten
1 Es steht am Ende des zweiten Bandes der Loge wurde aber früher als diese
gemacht und das Schulmeisterlein zog denn als Logemeister und Altmeister und
Leitammel meinen romantischen Helden Gustav Viktor Albano etc voran
2 Ovid Metamorph VI
Vorredner
in Form einer Reisebeschreibung
Ich wollte den Vorredner anfangs in Sichersreut oder Alexandersbad bei
Wonsiedel verfertigen wo ich mir das Podagra wieder in die Füßen hinunterbaden
wollte das ich mir bloß durch gegenwärtiges Buch zu weit in den Leib
hinaufgeschrieben Aber ich habe mir meinen Vorredner auf den ich mich schon
seit einem Jahre freue aus einem recht vernünftigen Grunde bis heute
aufgespart Der recht vernünftige Grund ist der Fichtelberg auf welchen ich
eben fahre Ich muss nun diese Vorrede schreiben damit ich unter dem Fahren
nicht aus der Schreibtafel und Kutsche hinaussehe ich meine damit ich die
grenzenlose Aussicht oben nicht wie einen Frühling nach Kubikruten die Ströme
nach Ellen die Wälder nach Klaftern die Berge nach Schiffpfunden von meinen
Pferden zugebröckelt bekomme sondern damit ich den großen Zirkus und
Paradeplatz der Natur mit allen seinen Strömen und Bergen auf einmal in die
aufgeschlossene Seele nehme Daher kann dieser Vorredner nirgends aufhören als
unweit des Ochsenkopfs auf dem Schneeberg
Das nötigt mich aber unterwegs mich in ihm an eine Menge Leute
gesprächsweise zu wenden um nur mit ihm bis auf den Ochsenkopf hinauf zu
langen ich muss wenigstens reden mit Rezensenten Weltleuten Holländern
Fürsten Buchbindern mit dem Einbein und der Stadt Hof mit Kunstrichtern
und mit schönen Seelen also mit neun Parteien Es wird mein Schade nicht sein
dass ich hier wie es scheint in den Klimax meiner Pferde den Klimax der Poeten
verflechte
Der Wagen stösset den Verfasser dermaßen dass er mit Nro 1 den Rezensenten
nichts Vernünftiges sprechen sondern ihnen bloß erzählen will was sein guter
grauer Schwiegervater begeht nämlich alle Tage seinen ordentlichen Mord und
Totschlag Ich geb es zu viele Schwiegerväter können hektisch sein aber
wenige sind dabei in dem Grade offizinell und arsenikalisch als meiner den ich
in meinem Hause ich habs erst aus Hallers Physiologie T II erfahren dass
Schwindsüchtige mit ihrem Atem Fliegen töten können statt eines giftigen
Fliegenschwamms mit Nutzen verbrauche Der Hektiker wird nicht klein
geschnitten sondern er gibt sich bloß die kleine Mühe den ganzen Morgen statt
einer Seuche in meinen Stuben zu grassieren und mit dem Schirokkowind seines
phlogistischen Atems aus seiner Lunge der Fliegen ihre anzuwehen aber die
Rezensenten können sich leicht denken ob so kleine Wesen und Nasen die sich
keinen antimephitischen Respirator vom Herrn Pilatre de Rozier applizieren
können einen solchen abscheulichen Schwaden auszuhalten fähig sind Die Fliegen
sterben hin wie Fliegen und statt der bisherigen MückenEinquartierung hab
ich bloß den guten giftigen Schwiegervater zu beköstigen der mit ihnen auf den
Fuß eines MückenFreundHein umgeht Nun glaub ich den ordentlichen guten
Rezensenten einem Schwiegervater von solchem Gift und Wert gleichsetzen zu
dürfen ja ich möchte jenen bei der Hand anfassen und auf den grassierenden
Phtisiker hindeutend ihn anfeuern und fragen »ob er nicht merke dass er
selber gar nicht zu verachten sei sondern dass er wenn der Hektikus mit
seinen Lungenflügeln das feinste und nötigste Miasma unter die Fliegen wehend
ein edles seltenes Glied in der naturhistorischen Welt vorstelle ein ebenso
nützliches in der literarischen ausmache wenn er in der Gelehrtenrepublik auf
und abschleichend das summende Insektengeflügel mit seinem ätzenden Atem so
treffend anhauche dass es krepiere wie eine Heuschreckenwolke ob er dieses
und noch besseres möcht ich den Rezensenten fragen nicht merke und nicht
daraus schließe dass der Vorredner zu der unsichtbaren Loge dies zehnmal
weitläufiger haben werde«
Er hat es aber natürlicherweise viel kürzer weil ich sonst auf den
Ochsenkopf hinaufkäme mitten in der Vorrede ohne nur der Weltleute gedacht zu
haben geschweige der andern
Diese wollen nun die zweite Nummer und Sprosse meines Aufklimmers abgeben
Kampe wirft nicht ungeschickt durch dieses Wort den Klimax aus seinen und meinen
Büchern allein ich werde wenig mehr bei ihnen anzubringen haben als eine
Rechtfertigung dass ich mich in meinem Werke zu oft anstellte als macht ich
mir aus der Tugend etwas und aus jener Schwärmerei die so oft den Namen
Enthusiasmus trägt Ich besorge wahrhaftig nicht dass vernünftige Leute meine
Anstellung gar für Ernst ansehen ich hoffe wir trauen beide einander zu dass
wir das Lächerliche davon empfinden statt der Namen der Tugenden diese selber
haben zu wollen und heutzutage sind die wenigsten von uns zu den tollen
Philosophen in Lagado in Gullivers Reisen zu rechnen die aus Achtung für ihre
Lunge die Dinge selber statt ihrer Benennungen gebrauchten und allemal in
Taschen und Säcken die Gegenstände mitbrachten worüber sie sich unterhalten
wollten Aber ob man mir nicht eben dies verdenken wird dass ich Namen so oft
gebrauche die nicht viel modischer als die Sache selber sind und deren man sich
in Zirkeln von Ton so wie der Namen »Gott Ewigkeit« gern enthält darüber
lässt sich disputieren Inzwischen seh ich doch auf der andern Seite auch dass
es mit der Sprache der Tugend wie mit der lateinischen ist die man jetzo zwar
nicht mehr gesprochen aber doch geschrieben duldet und die deswegen längst aus
dem Mund in die Feder zog Ich berufe mich überhaupt auf einsichtige
Rezensenten ob wir dichtenden Schriftsteller ohne tugendhafte Gesinnungen die
wir als poetische Maschinen gebrauchen so wie die ebenso fabelhafte Mythologie
nur eine Stunde auszukommen vermögen und ob wir nicht zum Schreiben hinlängliche
Tugend haben müssen als Wagenwinde Steigeisen Montgolfiere und Springstab
unsrer gedruckten Charaktere widrigenfalls gefallen wir keiner Katze und es
ergeht den armen Schauspielern auch nicht anders Freilich Autoren die über
Politik Finanzen Höfe schreiben interessieren gerade durch die
entgegengesetzten Mittel Eben damit kann sich ein Schreiber decken der in
seine Charaktere das was die Poeten und Weiber ihr Herz nennen eingeheftet es
muss drin hangen nicht nur in geschilderten auch in lebenden Menschen es mag
Wärme haben oder nicht ebenso versieht der Büchsenmacher die Windbüchsen so gut
mit einer Zündpfanne wie Feuergeschoss ob gleich nur mit Wind getrieben wird
Es kann wahrlich um den ganzen Fichtelberg kein so kalter pfeifen als
gerade im Holzweg wo eben mein Wagen mitten im Auguste geht
Mit Nro 3 den Holländern wollt ich mich in meinem Kasten zanken wegen
ihres Mangels an poetischem Geschmack das war alles Ich wollte ihnen
vorwerfen dass ihrem Herzen ein Ballenbinder näher liege als ein Psalmist ein
Seelenverkäufer näher als ein Seelenmaler und dass das ostindische Haus keinem
einzigen Poeten eine Pension auswerfen würde als bloß dem alten Orpheus weil
seine Verse Flüsse ins Stocken sangen und man also sein Haberrohr und seine Muse
anstatt der belgischen Dämme gebrauchen könnte Ich wollte den Niederländern den
kaufmännischen Unterschied zwischen Schönheit und Nutzen nehmen und ihnen es
hinunterschreiben dass Armeen Fabriken Haus Hof Äcker Vieh nur das
Schreibund Arbeitszeug der Seele wären womit sie einige Gefühle worauf alle
Menschentätigkeit auslauft errege erhebe und äußere dass den indischen
Kompagnien Schiffe und Inseln dazu dienten wozu den poetischen Reime und Federn
taugten und dass Philosophie und Dichtkunst die eigentlichen Früchte und Blüten
am Baume des Erkenntnisses ausmachten aber alle Gewerb und Finanz und
StaatWissenschaften und Kameralkorrespondenten und Reichsanzeiger bloß die
einsaugenden Blätter wären und der Splint der WurzelnEfeu und das unter dem
Baume treibende Aas Ich wollt es sagen ließ es aber bleiben weil ich
besorgte die Deutschen merkten es dass ich unter Holländern bloß sie selber
meine denn wie käm ich auch sonst unter die mit Tee ausgelaugten belgischen
Schlafröcke Ich habe ohnehin wenig mehr zu fahren und viel noch abzufertigen
Ich untersag es den europäischen Landständen mein Werk Nro 4 einem
Fürsten zu geben weil er sonst dabei einschläft welches ich da ein
fürstlicher Schlaf nicht halb so spasset wie ein homerischer recht gern
geschehen lasse sobald die europäischen Landstände das Gesetz wie ein Arcuccio1
so über die Landeskinder wölben dass sie der Landesvater im Schlafe nicht
erdrücken kann er mag sich darin werfen wie er will auf die Seiten auf den
Rücken oder auf den Bauch
Da hundert Buchbinder Nro 5 mich unter den Arm und in die Hände nehmen
werden um mich ganze Wochen früher zu lesen als zu beschneiden und zu pressen
gute Rezensenten täten gewiss das Widerspiel so müssen die guten Rezensenten
auf die Buchbinder warten die Leser auf die Rezensenten und ich auf die Leser
und so darf ein einziger Unglückvogel uns alle verhetzen und in den Sumpf
ziehen aber wer kanns den Buchbindern verbieten als ich der ich in dieser
Nachricht an Buchbinder mein Buch für dergleichen Binder eigenhändig
konfisziere
Mit dem Einbein der sechsten Nummer viel zu reden wie ich verhieß
verlohnt der Mühe gar nicht da ich das Ding selber bin und noch überdies der
einbeinige Autor heiße Die Höfer die Einwohner der Stadt Hof der 7ten Nr
worunter ich hause mussten mich mit diesem antiepischen Namen belegen weil
mein linkes Bein bekanntlich ansehnlich kürzer ist als das andre und weil noch
dazu unten mehr ein Quadrat als Kubikfuss dransjetzt Es ist mir bekannt
Menschen die gleich den ostindischen Hummern eine kurze Schere neben der langen
haben können allerdings sich mit der chaussure behelfen die ihre Kinder
ablegen aber es ist ebenso unleugbar dass das Zipperlein einem solchen Mann
dennoch an beiden Füßen kneift und diesen den verdammtesten spanischen Stiefel
anschraubt den je ein Inquisit getragen
Ich hätte gar nicht sagen sollen dass ich mit meinem lieben Hof in Voigtland
schriftlich am Fichtelberge sprechen wollte da ichs mündlich kann und mein
eigener Kerl daraus her ist Mein Wunsch und Zweck in einem solchen Werke wie
diesem ist und bleibt bloß der dass diese betagte und bejahrte Stadt den Schlaf
den ich ihr darin mit den harten Federn einer Gans einflößen will auf den
weichen dieses Tiers genießen möge
Endlich hab ich nun den Ochsenkopf
Diese Zeile ist kein Vers sondern nur ein Zeichen dass ich droben war und
da viel tat meine Sänfte wurde abgeschnallet und ich mit geschlossenen Augen
hineingeschaft weil ich erst auf dem Schneeberg der Kuppel des
Fichtelgebirgs mich umsehen will Unter dem Aussteigen strömte vor meinem
Gesicht eine äterische Morgenluft vorüber sie drückte mich nicht mit dem
schwülen West eines Trauerfächers sondern hob mich mit dem Wehen einer
Freiheitfahne Wahrhaftig ich wollte unter einem Luftschiffe ganz andre
Epopöen und unter einer Täucherglocke ganz andre Feudalrechte schreiben als die
Welt gegenwärtig hat
Ich wünschte Nro 8 die Kunstrichter würden in meiner Sänfte mitgetragen
und ich hätte ihre Hände ich würde sie drücken und sagen Kunstrichter
unterschieden sich von Rezensenten wie Richter von Nachrichtern Ich würde
ihnen gratulieren zu ihrem Geschmack dass er wie der eines Genies dem eines
Kosmopoliten gleiche und nicht bloß einer Schönheit räuchere etwa der
Feinheit der Stärke dem Witze sondern dass er in seinem Simultantempel und
Panteon für die wunderlichsten Heiligen Altäre und Kerzen dahabe für Klopstock
und Crebillon und Plato und Swift Gewisse Schönheiten wie gewisse
Wahrheiten wir Sterbliche halten beide noch für zweierlei zu erblicken muss
man das Herz ebenso ausgeweitet und ausgereinigt haben wie den Kopf Es
hängt zwischen Himmel und Erde ein großer Spiegel von Kristall in welchen eine
verborgne neue Welt ihre großen Bilder wirft aber nur ein unbeflecktes
KindesAuge nimmt sie wahr darin ein besudeltes TierAuge sieht nicht einmal
den Spiegel Nur einen öffentlichen Richter den mein Herz verehrt schenke
mir dieses Jahr und wär er auch wider mich parteiisch denn ein parteilicher
dieser Art fället ein lehrreicheres Urteil als ein unparteiischer aus der
WochentagKaste
Über den Plan eines Romans aber nicht über die Charaktere muss man schon
aus dem ersten Bande zu urteilen Befugnis haben alle Schönheit und Ründe mit
der die folgenden Bände den Plan aufwickeln nimmt ja die Fehler und Sprünge
nicht weg die er im ersten hatte Ich wüsste überhaupt keinen Band und kein
Heft worin der Autor recht hätte den Leser zu ärgern Die Nähe des
Schneeberges hindert mich es zu beweisen dass die französische Art zu erzählen
zB im Kandide die abscheulichste von der Welt und dass bloß die umständliche
dem Homer oder Voss oder gemeinen Manne abgesehene Art die interessanteste ist
Ferner käm ich auf dem Schneeberg an eh ichs nur halb hinaus bewiesen hätte
dass wir Belletristen ein abscheulicher Name insgesamt zwar den Aristoteles
für unsern magister sententiarum und seine Gebote für unsre 39 Artikel und 50
Dezisionen halten sollten dass wir aber doch für nichts von ihm so viele
Achtung zu tragen hätten als für seine drei Einheiten die ästhetische
Regeldetri gegen die nicht einmal Romane sündigen sollten Der Mensch
interessiert sich bloß für Nachbarschaft und Gegenwart der wichtigste Vorfall
der in Zeit oder Raum sich von ihm entfernt ist ihm gleichgültiger als der
kleinste neben ihm so ist er wenn er die Vorfälle erlebt und mithin auch so
wenn er sie lieset Darauf beruht die Einheit der Zeit und des Orts Also der
Anfang in der Mitte einer Geschichte um daraus zum anfangenden Anfang
zurückzuspringen das zeitwirre Ineinanderschütteln der Szenen Episoden so
wie das Knüpfen mehrer Hauptknoten ja sogar das Reisen in Romanen das den
Maschinengöttern ein freies aber uninteressantes Spiel erlaubt kurz alle
Abweichungen von dem Tom Jones und der Klarissa sind Sekunden und Septimen im
Aristotelischen Dreiklang Das Genie kann zwar alles gutmachen aber Gutmachen
ist nicht aufs beste machen und glänzende verklärte Wundenmale sind am Ende
doch Löcher am verklärten Leibe Wenn manche Genies die Kraft die sie aufs
Gutmachen übertretner Regeln wenden müssen in der Befolgung derselben arbeiten
ließ sie täten mehr Wunder als der heilige Martin der ihrer nicht mehr
bewerkstelligte als zweihundertundsechs Goethe in seiner Iphigenie und Klinger
in seiner Medea tuns vielleicht dem heiligen Martin zuvor
Gegenwärtig trägt man das Einbein mich über den Fichtelsee und über
zwei Stangen die statt einer Brücke über diese bemooste Wüste bringen Zwei
Fehltritte der Gondelierer die mich aufgeladen versenken wenn sie geschehen
einen Mann in den Fichtelsumpf der darin an seinem Vorredner arbeitet und der
mit acht Nummern Menschen gesprochen und dessen Werk zum Glück schon in Berlin
ist Berge über Berge werden jetzo wie Götter aus der Erde steigen die
Gebirge werden ihre Arme länger ausstrecken und die Erde wird wie eine Sonne
aufgehen und dann wird ihre weiten Strahlen ein MenschenBlick verknüpfen und
meine Seele wird unter ihrem Brennpunkt glühen Nach wenigen Schritten und
Worten ist die Vorrede aus auf die ich mich so lang gefreuet und der
Schneeberg da auf dem ich mich erst freuen soll Es ist gut wenn ein Mensch
seine Lebensereignisse so wunderbar verflochten hat dass er ganz widersprechende
Wünsche haben kann dass nämlich der Vorredner dauere und der Schneeberg doch
komme
In diesen Gegenden ist alles still wie in erhabenen Menschen Aber
tiefer in den Tälern nahe an den Gräbern der Menschen steht der schwere
Dunstkreis der Erde auf der einsinkenden Brust zu ihnen nieder schleichen
Wolken mit großen Tropfen und Blitzen und drunten wohnt der Seufzer und der
Schweiß Ich komme auch wieder hinunter und ich sehne mich zugleich hinab und
hinauf Denn der irre Mensch die ägyptische Gottheit ein Stückwerk aus
Tierköpfen und MenschenTorsos streckt seine Hände nach entgegengesetzten
Richtungen aus und nach dem ersten Leben und nach dem zweiten seinen Geist
ziehen Geister und Körper So wird der Mond von der Sonne und Erde zugleich
gezogen aber die Erde legt ihm ihre Ketten an und die Sonne zwingt ihn bloß zu
Ausweichungen Diesen Widerstreit den kein Sterblicher beilegt wirst du
geliebter Leser auch in diesen Blättern finden aber vergib ihn mir wie ich
dir Und ebenso habe für unverhältnismässige Ausbildung die Nachsicht des
Menschenkenners Eine unsichtbare Hand legt den Stimmhammer an den Menschen und
seine Kräfte sie überschraubt sie erschlafft Saiten oft zersprengt sie die
feinsten am ersten nicht oft nimmt sie einen eilenden Dreiklang aus ihnen
endlich wenn sie alle Kräfte auf die Tonleiter der Melodie gehoben so trägt sie
die melodische Seele in ein höheres Konzert und diese hat dann hienieden nur
wenig getönet
Ich schrieb jetzt eine Stunde nicht ich bin nun auf dem Schneeberg
aber noch in der Sänfte Erhabne Paradiese liegen um mich ungesehen wie um den
eingemauerten Menschengeist zwischen dem und dessen höherem Mutterland der
dunkle Menschenkörper innen steht aber ich habe mich so traurig gemacht dass
ich in das schmetternde Trommeten und Laubhüttenfest das die Natur von einem
Gebirge zum andern begeht nicht hineintreten will sondern erst wenn die Sonne
tiefer in den Himmel gesunken und wenn in ihren Lichtstrom der Schattenstrom der
Erde fällt dann wird unter die stummen Schatten noch ein neuer beglückter
stiller Schatten gehen Aufrichtiger zu sprechen ich kann bloß von euch
ihr schöneren Leser deren geträumte zuweilen erblickte Gestalten ich wie Genien
auf den Höhen des Schönen und Großen wandeln und winken sah nicht Abschied
nehmen ich bleibe noch ein wenig bei euch wer weiß wann und ob die
Augenblicke wo unsre Seelen über einem zerstiebenden Blatte sich die Hände
geben je wiederkommen vielleicht bin ich hin vielleicht du bekannte oder
unbekannte teuere Seele von welcher der Tod wenn er vorbeigeht und die unter
Körnern und Regentropfen gebückte Ähre erblickt bemerkt sie ist schon zeitig
Und gleichwohl was kann ich jenen Seelen in den Augenblicken des Abschieds
die man so gern mit tausend Worten überladen möchte und eben deswegen bloß mit
Blicken ausfüllt noch zu sagen haben oder zu sagen wissen als meine ewigen
Wünsche für sie findet auf diesem von uns Erdball genannten organischen
Kügelchen das mehr begraset als beblümet ist die wenigen Blumen im Nebel der
um sie hängt seid mit euren elysischen Träumen zufrieden und begehret ihre
Erfüllung und Verkörperung dh Verknöcherung nicht denn auf der Erde ist ein
erfüllter Traum ohnehin bloß ein wiederholter von außen seid gleich eurem
Körper von Erde und bloß innen beseelt und vom Himmel und haltet es für
schwerer und nötiger die zu lieben die euch verachten als die die euch
hassen und wenn unser Abend da ist so werfe die Sonne unsers Lebens wie
heute die draußen die Strahlen die sie vom irdischen Boden weghebt an hohe
goldne Wolken und als wegweisende Arme an höhere Sonnen nach dem müden Tage
des Lebens sei unsre Nacht gestirnt die heißen Dünste desselben schlagen sich
nieder am erkälteten hellen Horizont ziehe sich die Abendröte langsam um Norden
herum und bei NordOsten lodere für unser Herz die neue Morgenröte auf
Nun tritt auch die Erdensonne auf die Erdengebirge und von diesen
Felsenstufen in ihr heiliges Grab die unendliche Erde rückt ihre großen Glieder
zum Schlafe zurecht und schliesset ein Tausend ihrer Augen um das andre zu Ach
welche Lichter und Schatten Höhen und Tiefen Farben und Wolken werden draußen
kämpfen und spielen und den Himmel mit der Erde verknüpfen sobald ich
hinaustrete noch ein Augenblick steht zwischen mir und dem Elysium so stehen
alle Berge von der zerschmolzenen Goldstufe der Sonne überflossen da
Goldadern schwimmen auf den schwarzen NachtSchlacken unter denen Städte und
Täler übergossen liegen Gebirge schauen mit ihren Gipfeln gen Himmel legen
ihre festen MeilenArme um die blühende Erde und Ströme tropfen von ihnen
seitdem sie sich aufgerichtet aus dem uferlosen Meer Länder schlafen an
Ländern und unbewegliche Wälder an Wäldern und über der Schlafstätte der
ruhenden Riesen spielet ein gaukelnder Nachtschmetterling und ein hüpfendes
Licht und rund um die große Szene zieht sich wie um unser Leben ein hoher
Nebel Ich gehe jetzo hinaus und sink an die sterbende Sonne und an die
entschlafende Erde
Ich trat hinaus
Auf dem Fichtelgebirg im Erntemond 1792
Jean Paul
Fußnoten
1 Das ist ein Gehäuse in Florenz in Krünitz ökon Enzykl 2 B ists
abgebildet worin die Mutter bei Strafe das Kind unter dem Säugen legen muss
um es nicht im Schlummer zu erquetschen
Erster Sektor
VerlobungSchach graduierter Rekrut KopulierKatze
Meines Erachtens war der Obristforstmeister von Knör bloß darum so unerhört aufs
Schach erpicht weil er das ganze Jahr nichts zu tun hatte als einmal darin der
Gast die Santa Hermandad und der teure DispensationbullenMacher der
Wildmeister zu sein Der Leser wird freilich noch von keiner so unbändigen
Liebhaberei gehört haben als seine war Das wenigste ist dass er alle seine
Bediente aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb wo man durch das Schach so gut
Steuerfreiheit gewinnt als ein Edelmann durch einen sächsischen Landtag damit
er obwohl in anderem als katonischen Sinne ebenso viele Gegner als Diener
hätte oder dass er und ein oberysselscher Edelmann in Zwoll mehr Postgeld
verschrieben als verreiseten weil sie Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern
sondern Federn zogen Auch das kann man sich gefallen lassen dass er und die
Kempelsche Schachmaschine Briefe miteinander wechselten und dass des hölzernen
Moslems Konviktorist und Adjutant Herr v Kempele ihm in meinem Beisein aus
der Leipziger Heustrasse im Namen des Muselmanns zurückschrieb dieser rochiere
Man wird seine Gedanken darüber haben dass er noch vor zwei Jahren nach Paris
abfuhr um ins Palais royal und in die Société du Salon des Echecs zu gehen und
sich darin als Schachgegner niederzusetzen und als Schachsieger wieder
aufzuspringen wiewohl er nachher in einer demokratischen Gasse viel zu sehr
geprügelt wurde da er im Schlafe schrie gardez la Reine Bloß frappieren
kanns einen und den andern dass seine Tochter ihm nie einen neuen Hut oder eine
neue Soubrette die ihn ihr ansteckte anders abgewann als zugleich mit einem
Schach Aber darüber wundert und ärgert sich alles was mich lieset Leute
von jedem Geschlecht und jedem Alter dass der Obristforstmeister geschworen
hatte seine Tochter keiner andern Bestie in der ganzen Ritterschaft zu geben
als einer die ihr außer dem Herzen noch ein Schach abgewänne und zwar in
sieben Wochen
Sein Grund und Kettenschluss war der »Ein guter Matematiker ist ein guter
Schachspieler also dieser jener ein guter Matematiker weiß die
Differentialrechnung zehnmal besser als ein elender und ein guter
Differentialrechenmeister versteht sich so gut als einer aufs Deployieren und
Schwenken1 und kann mithin seine Kompagnie und seine Frau vollends zu jeder
Stunde kommandieren und warum sollte man einem so geschickten so erfahrnen
Offizier seine einzige Tochter nicht geben« Der Leser hätte sich gewiss
sogleich ans Schachbrett hingesetzt und gedacht der Zug einer solchen Quaterne
aus dem Brette wie die Tochter eines Obristforstmeisters ist sei ja
außerordentlich leicht aber er ist verdammt schwer wenn der Vater selbst
hinter dem Stuhle passet und der Tochter jeden Zug angibt womit sie ihren König
und ihre Tugend gegen den Leser decken soll
Wers hörte begriff gar nicht warum die Frau Obristforstmeisterin welche
lange Gesellschaftdame einer Gräfin von Ebersdorf gewesen bei ihrem feinen
Gefühl und ihrer Frömmigkeit eine solche Jägerlaune dulde sie hatte aber eine
herrnhutische durchzusetzen welche begehrte dass das erste Kind ihrer Tochter
Ernestine für den Himmel sollte groß gezogen werden nämlich acht Jahre unter
der Erde »Meinetwegen achtzig Jahre« sagte der Alte
Ob man gleich in jedem Falle Teufelsnot mit einer Tochter hat man mag
Abonnenten an sie anzulocken oder abzutreiben haben so hatte doch Knör bei der
Sache seinen wahren Himmel auf Erden unter so vielen Schachrittern die
sämtlich seine Ernestine bekriegten und verspielten Denn mit einem Kopfe in
den der Vater Licht und mit einem Herzen in das die Mutter Tugend eingeführt
hatte eroberte sie leichter als sie zu erobern war daher ärgerte und spielte
sich an ihr eine ganze Brigade ehelustiger Junker halb tot Und doch waren unter
ihnen Leute die auf allen nahen Schlössern den Namen süßer Herren behaupteten
weil sie keine Matrosensitten hatten wie man in Vergleichung mit dem
Seewasser unser schales süßes nennt
Aber ich und der Leser wollen über die ganze spielende Kompagnie wegspringen
und uns neben den Rittmeister von Falkenberg stellen der bei dem Vater steht
und auch heiraten will Dieser Offizier ein Mann voll Mut und Gutherzigkeit
ohne alle Grundsätze als die der Ehre der um sich nichts hinter seine Ohren zu
schreiben die sonst bei einiger Länge das schwarze Brett und der Kerbstock
empfangner Beleidigungen sind lieber andre Christen hinter die ihrigen schlug
der feiner handelte als er sprach und dessen Kniestück ich nicht zwischen
diesen zwei Gedankenstrichen ausbreiten kann warb in dieser Gegend so lange
Rekruten bis er selber wollte angeworben sein von Ernestinen Er hasste nichts
so sehr als Schach und Herrnhutismus indessen sagte Knör zu ihm »abends um 12
Uhr fingen weil er so wollte die sieben SpielTurnierwochen an und wenn er
nach sieben Wochen um 12 Uhr die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde ins
Brautbette hineingeschlagen hätte so tät es ihm von Herzen leid und aus der
achtjährigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden«
Die ersten 14 Tage wurd in der Tat zu nachlässig gespielt und geliebt
Allein damals hatten weder andre gescheite Leute noch ich selber jene hitzigen
Romane geschrieben wodurch wir wir habens zu verantworten die jungen Leute in
knisternde wehende Zirkulieröfen der Liebe umsetzen welche darüber zerspringen
und verkalken und nach der Trauung nicht mehr zu heizen sind Ernestine gehörte
unter die Töchter die bei der Hand sind wenn man ihnen befiehlt »Künftigen
Sonntag so Gott will werde um 4 Uhr in den Herrn AZ wenn er kommt
verliebt« Der Rittmeister biss im Artikel der Liebe überhaupt weder in den
gärenden Pumpernickel der physischen noch in das weiße kraftlose Weizenbrot
der parisischen noch in das Quitten und Himmelbrot der platonischen sondern
in einen hübschen Schnitt Gesindebrot der ehelichen Liebe er war 37 Jahre alt
Sechzehn Jahre früher hatt er sich einen Bissen vom gedachten Pumpernickel
abgeschnitten seine Geliebte und sein und ihr Sohn wurden nachher vom ehrlichen
KommerzienAgenten Röper geheiratet
Wir Belletristen hingegen könnens recht sehr bei unsern Romanen gebrauchen
dass es unserem Magen und unserer Magenhaut guttut wenn wir in einem Nachmittage
jene vier Brotsorten auf einmal anschneiden denn wir müssen aller Henker sein
um allen Henker zu schildern wie wollten wirs sonst machen wenn wir im
nämlichen Monat aus dem nämlichen Herzen wie aus dem nämlichen Buchladen ich
ärgere hier Herrn Adelung durchs Wort »nämlichen« Spottgedichte Lobgedichte
Nachtgedanken Nachtszenen Schlachtgesänge Idyllen Zotenlieder und
Sterbelieder liefern sollen so dass man hinter und vor uns erstaunt übers
Panteon und Pandämonium unter einem Dache mehr als über des Galeerensklaven
Bazile nachgelassenen Magen in welchem ein Mobiliarvermögen von 35 Effekten
hausete zB Pfeifenköpfe Leder Glasstücke und so fort
Wenn die beiden jungen Leute am Schachbrett saßen das entweder ihre
Scheidewand oder ihre Brücke werden sollte so stand der Vater allemal als
Markör dabei es war aber wirklich nicht nötig nicht bloß weil der Rittmeister
so erbärmlich spielte und seine Gegenfüsslerin so philidorisch auch darum nicht
weil ihr die weibliche Kleiderordnung ohnehin verbot matt oder verliebt zu
werden denn am Ende kehren Weiber und Ruderknechte allzeit eben den Rücken dem
Ufer zu an das sie anzurudern streben sondern aus einem noch sonderbarern
Grunde war der Auxiliarforstmeister zu entraten die Ernestine wollte nämlich um
alles gern schachmatt werden und eben deswegen spielte sie so gut Denn aus
Rache gegen das zögernde Schicksal arbeitet man gerade Dingen die von ihm
abhängen absichtlich entgegen und wünschet sie doch Die beiden kriegenden
Mächte wurden zwar sich einander immer lieber eben weil sie einander einzubüssen
fürchteten gleichwohl stands in den Kräften der weiblichen nicht nur einen Zug
zu unterlassen der gegen ihre doppelseitigen Wünsche stritt in fünf Wochen
konnte der Werbeoffizier nicht einmal sagen Schach der Königin Die Weiber
spielen ohnehin dieses Königspiel wie andre Königspiele recht gut Da aber
das eine Digression der Natur zu sein scheint und doch keine ist so kann eine
schriftstellerische daraus gemacht werden aber erst im 20ten Sektor weil ich
erst ein paar Monate geschrieben haben muss bis ich den Leser so eingesponnen
habe dass ich ihn werfen und zerren kann wie ich nur will
Wäre die Liebe des Rittmeisters von der Art der neueren gigantischen Liebe
gewesen die nicht wie ein aufblätternder Zephyr sondern wie ein schüttelnder
Sturmwind die armen dünnen Blümchen umfasset welche sich in den
belletristischen Orkan gar nicht schicken können so wäre das wenigste was er
hätte tun können das gewesen dass er auf der Stelle des Teufels geworden wäre
so aber wurd er bloß böse nicht über den Vater sondern über die Tochter
und nicht darüber dass sie das Schachbrett nicht zum Präsentierteller ihrer Hand
und ihres Herzens machte oder dass sie gut gegen ihn spielte sondern darüber
dass sie so sehr gut spielte So ist der Mensch und ich ersuche den Menschen
meinen Rittmeister nicht auszulachen Freilich hätt ich die weiblichen Reize
und die Rolle Ernestinens gehabt und hätt ich ihm indes er seine
Kontraapproche aussann ins betretne Gesicht geschauet auf dessen gerundetem
Munde der Schmerz über unverdiente Kränkung stand der so rührend an Männern von
Mut aussieht sobald ihn nicht die Gichtknoten und Hautausschläge der Rache
verzerren so wär ich rot geworden und wäre wahrhaftig geradezu mit der Königin
und mir dazu ins Schach hineingefahren denn was hätt ich da geliebt als
strenge Selberbüssung
Beinahe hätte am 16 Junius Ernestine diese Büssung geliebt wie man aus
ihrem Briefe sogleich ersehen soll Denn allerdings ist eine Frau imstande
zweimal 24 Stunden lang eine und dieselbe Gesinnung gegen einen Mann aber auch
gegen weiter nichts zu behaupten sobald sie von diesem Manne nichts vor sich
hat als sein Bild in ihrem schönen Köpfchen allein steht der Mann selber
unkopiert fünf Fuß hoch vor ihr so leistet sie es nicht mehr ihre wie eine
besonnete Mückenkolonne spielenden Empfindungen treibt auseinander
widereinander und ineinander ein Fingerhut voll Puder am besagten Mann zu viel
oder zu wenig eine Beugung seines Oberleibs ein zu tief abgeschnittener
Fingernagel eine sich abschälende schurfichte Unterlippe der Puder und
Spielraum des Zopfs hinten auf dem Rock ein langer Backenbart alles Aus
hundert Gründen schlag ich hier vor den Augen des indiskreten Lesers
Ernestinens Brief an eine ausgediente Hofdame in der Residenzstadt Scheerau
auseinander sie musste jede Woche an sie schreiben weil man sie zu beerben
gedachte und weil Ernestine selber einmal so lange bei ihr und in der Stadt
gewesen war dass sie recht gut eilftausend Pfiffe mit wegbringen konnte drei
Wochen nämlich
»Die vorige Woche hatt ich Ihnen wirklich nichts zu schreiben als das alte
Lied Unser Gespiele ennuyiert mich unendlich und es dauert mich nur der
Rittmeister es hilft aber bei meinem Vater kein Reden sobald er nur jemand
haben kann den er spielen sieht Wärs nicht besser der gute Rittmeister ließe
seinen Kutscher der den ganzen Tag in unserer Domestikenstube schnarcht
aufwecken und anspannen und führ ab Seit dem Sonntage martern wir uns nun an
einer Partie herum und ich habe mir schon den Ellenbogen wund gestützt abends
soll sie zu Ende
Abends um 12 Uhr Er verlierts allemal mit seinen Springern und durch meine
Königin Wenn er einmal geheiratet hat so will ich ihm seine Fehlgriffe und
meine Kunstgriffe zeigen Ich bin recht verdrießlich gnädige Tante
Den 16 Jun In vier Tagen bin ich von meinem Spieler und Schachbrett los
und ich will dieses nicht zusiegeln bis ich Ihnen schreiben kann wie er sich
gegen seine müde und unschuldige Korbflechterin benommen Heute spielten wir
oben im sinesischen Häuschen Da die Abendröte die gerade in sein Gesicht
hineinfiel verwirrte Schatten unter die Figuren warf und da mich sein rechter
Zeigefinger dauerte der von einem Säbelhiebe eine rote Linie hat und der auf
der Schachbande auf lag so kam ich aus Zerstreuung wahrhaftig um meine Königin
und das abscheuliche Kindtaufgeläute des sinesischen Glockenspiels ließ mir fast
kein Dessein zum Glück kam mein Vater wieder und half mir ein wenig ein Ich
führte ihn nachher in unsern neuen Anlagen im Wäldchen herum und er erzählte
mir glaub ich die Historie seines linierten Fingers er ist gegen
seinesgleichen sehr wild aber dabei ungemein verbindlich gegen Frauenzimmer
Den 18 Jun Seit gestern sind wir alle etwas lustiger Abends brachten zwei
Unteroffiziere fünf Rekruten und da man sagte es wär ein Mensch darunter der
eine ganze geschlagene Armee zum Lachen brächte gingen wir alle mit hinunter
Unten erzählte der Mensch gerade halblaut einem andern Rekruten ins Ohr er habe
ein eingesetztes Gebiss von lauter falschen Schneidezähnen und sie fielen alle
bis auf einen Eckzahn heraus wenn er eine Patrone anbisse er habe aber bloß
das Handgeld wegkapern wollen Er schraubte unsertwegen den Hut vom Kopf ab
aber eine weiße Mütze die sich bis über die Augenbraunen hereinsenkte zerrete
er noch tiefer nieder zög er sie ab sagt er so käm er in seinem Leben
nicht zum Regiment Der eine Unteroffizier fing an zu lachen und sagte Er tuts
bloß weil er drei abscheuliche Muttermäler darunter hat weiter nichts und
ein Kamerad streifte ihm heimlich die Mütze von hinten herunter Kaum war zu
unserem Erstaunen ein Kopf daraus vorgesprungen der an beiden Schläfen zwei
brennende Muttermäler wies eine Silhouette mit einem natürlichen Haarzopf und
gegenüber zwei IltisSchwänzchen so fasste zu unserm noch größeren Erstaunen der
Rittmeister den bemalten Kopf an und küsste ihn so heftig wie seinen leiblichen
Bruder und wollte sich totlachen und totfreuen Du bist und bleibst doch der
Doktor Fenk sagt er Er muss sehr vertraut mit dem Rittmeister sein und kommt
unmittelbar von Oberscheerau Kennen Sie ihn nicht Der Fürst lässt ihn als
Botaniker und Gesellschafter mit seinem natürlichen Sohn dem Kapitän von
Ottomar nach der Schweiz und Italien reisen wie Sie schon wissen werden Er
setzt tolle Streiche durch wenns wahr ist was er schwört dass dieses seine 21
the Verkleidung sei und dass er ebenso viele Jahre habe Er sieht übel aus er
sagt selber sein breites Kinn stülpe sich wie ein Biberschwanz empor und der
Bader rasier ihm im Grunde die halbe Wüste gratis so viel wie zwei Bärte
seine Lippen sind bis zu den Stockzähnen aufgeschnitten und seine kleinen Augen
funkeln den ganzen Tag Er spasset auch für Leute die nicht seinesgleichen sind
viel zu frei«
Ernestine silhouettiert hier den äußern Menschen des Doktors der wie
viele indische Bäume unter äußern Stacheln und dornigem Laub die weiche kostbare
Frucht des menschenfreundlichsten Herzens versteckte Ich werd ihn aber ebenso
gut zeichnen können wie die Briefstellerin Da Humoristen wie er selten schön
sind weibliche Humoristinnen noch weniger und da der Geist sich und das
Gesicht zugleich travestiert so würde ja sagt er seine schönste Kleidung
keinem Menschen etwas nützen ihm selber und den Schönen am wenigsten als
bloß den Schnittändlern Daher waren seine Montierstücke in zwei Fächer
gesondert in kostbare damit die Leute sähen dass er die elenden nicht aus
Armut trüge und in eben diese elenden die er meistens mit jenen zugleich
anhatte Stachen nicht die KlappenSegel der schönsten gestickten Weste allemal
aus einem fuchsbraunen Überrock heraus der fast in seiner HaarMause verschied
Hart er nicht unter einem Hut für 112 Ldor einen schimpflichen Zopf
aufgehangen den er für nicht mehr erstanden als für drei hiesige Sechser
Freilich wars halb aus Erbitterung gegen diesen so geschmacklosen Krebsschwanz
des Kopfes gegen dieses wie ein Tubus sich verkürzendes und verlängerndes
NackenGehenk an der vierten gedankenvollen Gehirnkammer Sein SchreibGeschirr
musste schöner als sein EssGeschirr und sein Papier feiner als seine Wäsche sein
er konnte nirgends schlechte kleine Federn leiden als bloß auf seinem Hute den
sein Bette und seine den Ehelosen natürliche Unordnung sozusagen in einen
adeligen Federhut umbesserte indessen setzte er seinen Bettfedern in den Haaren
gute Seekiele hinter den Ohren an die Seite der Prinzipalkommissarius hätte
sie auf dem Reichstag mit Ehren hinter seine stecken können
Um aber keinen AnzugsSonderling und KleiderSeparatisten zu machen ließ er
sich von Jahr zu Jahr nach den besten Moden des NarrheitJournals abkonterfeien
und schützte vor er müsse den Leuten doch zeigen dass er oder sein Kniestück
vielleicht gleichen Schritt mit den neuesten Elegants zu halten wüssten Der
untere Saum seines Überrocks war gleich dem Menschen oft aus Erde gemacht
allein er drang darauf man sollt es ihm sagen was es verschlüge wenn ers
leibhaftig wie der Strumpfwürker triebe dessen Historie ich sogleich erzählen
will um nur nicht ohne alle Moral zu schreiben Der Mann hatte nämlich das Gute
und Tolle an sich dass er den kotigen Anschrot womit sich sein Überrock
besetzte wenn er seine Strümpfe in die Stadt auf seinem Rücken ablieferte
niemals herausbürstete oder ausrieb sondern er griff in eine breite Schere und
zwickte damit den jedesmaligen Schmutzkragen und kotigen Horizont mit Einsicht
herunter je länger es nun regnete desto kürzer schürzte sich sein Frack
hinauf und am kürzesten Tage ging der Epitomator wegen des unerhörten Wetters
im kürzesten Überrock herum in einer niedlichen SedezAusgabe der vorigen
LangfolioAusgabe Die Moral die ich daraus holen kann möchte die Frage sein
sollte ein gescheiter Staat der doch gewiss siebzigmal klüger ist als alle
Strumpfwürker zusammengenommen die ja selber nur Glieder desselben sind den
eingesäumten Strumpfwürker nicht dadurch am besten einholen dass er auch seine
schmutzigen Glieder Diebe Ehebrecher etc statt lange an ihnen zu reiben und
zu säubern mit dem Schwerte oder sonst frisch herunterschnitte
Der Doktor Fenk zerstreuete durch launigen Trost die einsamen Flüche die
sein Freund Rittmeister statt der Seufzer tat Er sagte er habe an Ernestinen
mehr als einmal über einen besonders guten Zug den er getan kein andres
Erschrecken bemerkt als ein freudiges Er wolle sein Reisegeld daransetzen dass
sie da sie ihn liebe einen Pfiff in ihrem Kopfe grossbrüte der die Treppe zum
Brautbette zimmern werde er riet ihm sich zerstreuet und achtlos anzustellen
damit er sie nicht im Ausbrüten des Pfiffes ertappe und wegstöre er fragte
ihn »Kennst du den kleinen Dienst der Liebe vollkommen« Kein Deutscher
verstand Metaphern weniger als der Rittmeister »Ich meine« fuhr er fort
»kannst du denn nicht der listigste Vokativus von Haus aus sein Kannst du
nicht die Schachfigur die du ziehen willst lange fassen um deine Hand lange
über deiner Schachmiliz zu behalten und die Generalissima mit der Hand irre und
verliebt zu machen Kannst du nicht deine Positionen jede Minute gegen diese
Feindin wechseln und besonders Anhöhen suchen weil ein stehender Mann einer
sitzenden Frau schöner vorkommt als einer stehenden Ich und sie sollten dich
bald auf den Stuhl zurückgebogen bald vorwärts bald links bald rechts
gerankt bald im Schatten bald ihre Hand bald ihren Mund fixierend erblicken
im Spiele Ja du solltest drei oder vier Bauern ins Zimmer herunterstossen bloß
um dich zum Aufheben nachzubücken damit etwa dein schwellendes Gesicht auf ihr
Herz Eindrücke machte und damit du das Blut in deinen und ihren Kopf zugleich
emportriebest Lass deinen Zopf eine AchtelsElle dem Hinterkopfe näher oder
ferner schnüren falls etwa diese Schnürung und diese Elle sich bisher eurer Ehe
entgegengesetzet hätte« Der arme Rittmeister begriff und tat vom ganzen
Dienstreglement kein Jota und dem Doktor wars ebenso lieb denn er redete aus
Humor in nichts lieber als in den Wind Ernestine schreibt in ihrem Briefe fort
»Morgen gehen gottlob meine Karwochen zu Ende und es ist ein Glück für den
Rittmeister der alle Tage empfindlicher wird dass nur der Doktor da ist der
über jede gezogne Figur einen Einfall weiß Sein Witz sagt er beweise dass er
selber jämmerlich spiele weil gute Spieler über und unter ihrem Spielen niemals
ein Bonmot hätten
Den 20 Jun um 3 Uhr Heute abends um 12 Uhr werd ich endlich vom
SchachFussblocke losgeschlossen Er will an der DefinitivPartie nennt sie
Fenk den ganzen Tag spielen er lässt aber weil er aus seinen TagsKampagnen
den Ablauf der nächtlichen errät nachts den Kutscher mit dem Wagen halten um
sogleich wie ein Leichnam traurig abzufahren Er sollte mir nur nicht zumuten
so schlecht zu spielen wie er Er ist aber in allem so hastig und hält vor allen
Vorstellungen die Ohren zu
Um 12 Uhr nachts Ich bin außer mir Wer hätt es von meinem Vater geglaubt
Mein Spiel konnte kaum besser stehen es war auf meines Vaters Sekundenuhr die
neben dem Schachbrett lag schon viel über halb Zwölf er hatte nur drei
Offiziere und ich noch alle meine ohn ein Wunderwerk war er in 18 Minuten
matt eine fliegende Röte spannte einmal ums andre sein ganzes Gesicht wir
wurden zuletzt ordentlich beklemmt und selbst der Doktor sagte kein lustiges
Wort mehr bloß mein weißes Miezchen marschierte schnurrend auf dem Spieltisch
herum kein Mensch denkt natürlicherweise auf die Katze und er bietet mir im
Spiele das erste Schach nun mocht er oder war ichs denn ich schlage
zuweilen auch solche Pralltriller auf dem Tische mit den Fingern einen auf der
Bande machen wie der Blitz fährt die Bestie die es für eine Maus halten muss
darauf hin und schmeisset uns das ganze Spiel um und da sitzen wir Stellen Sie
sich vor Ich halb froh dass ihm diese Mittelsperson die Beschämung des
förmlichen Korbes abnimmt er mit einem Gesicht voll Trostlosigkeit und Zorn
mein Vater mit einem voll Verlegenheit und Zorn und der Doktor der in der
Stube mit den zehn Fingern herumschnalzet und schwört der Rittmeister hätt es
gewonnen so gewiss wie Amen Kein Mensch wich mit seiner Fusssohle von der
Stelle der Doktor blieb keine Minute auf der seinigen und warf sich endlich in
einem Enthusiasmus den unsre verlegne Stille immer mehr erhob vor einer weißen
Amorbüste vor einem Miniaturporträt meines Vaters und vor seinem eignen Bilde
im Spiegel auf die Knie hin und betete Heiliger Herr von Knör heiliger Amor
heiliger Fenk bittet für den Rittmeister und schlagt die Katze tot Ach würdet
ihr drei Bilder lebendig so würde Amor gewiss die Gestalt des Doktor Fenks
annehmen und der lebendig gewordene Amor würde die Hand des lebendig gewordenen
Knörs ergreifen und ihr die der Spielerin geben seine gäbe ihre dann
vielleicht weiter Ihr Heiligen bittet doch für den Rittmeister der gewonnen
hätte Das ist aber nicht wahr und zum Unglück war nur der Termin zu einem
neuen Spiele zu kurz«
Da nun der IltisDoktor ich selber erzähle als Autor wieder aufstand und
wirklich die Hand von Knör in Ernestinens ihre legte und sagte er sei der Amor
da überhaupt durch die Versicherungen des Doktors und durch die
Unentschiedenheit des Spiels die Ehre des empfindlichen von Menschen und Katzen
geneckten Spielers ebensoviel zu verlieren hatte als die Liebe desselben da
ich in einem ganzen Sektor zeige dass Falkenberg vom ältesten Adel im ganzen
Lande war und da zum Glück im Obristforstmeister die Sitten seiner rohen
Erziehung wie bei mehren Landedelleuten halb unter dem Firnis der Sitten
seines feinern Umgangs verborgen lagen wie seine alten Möbel unter modischen so
ging der elektrische Enthusiasmus des Doktors in großen Funken in des Vaters
Busen über und Knör legte hingerissen die Hand Ernestinens die zum Scheine
erstaunte in des Rittmeisters seine ders im Ernste tat und der Bräutigam
drängte und warf sich in einem Sturm von Dankbarkeit an den Hals des neugebornen
Schwiegervaters eh er weil seine Ehre mehr als seine Liebe triumphierte
etwas kälter die geschickte Hand nachküsste welche ihm bisher diesen doppelten
Triumph entzogen
Dies verdachte ihm die Inhaberin der Hand aber ich verdenk es wieder ihr
mit welchem Grund will sie dem Manne der gar keine Seele seine eigne kaum und
eine weibliche nie erriet ansinnen dass er seine Weisheitzähne und seinen
PhilosophenBart soll so außerordentlich lang gewachsen tragen wie der geneigte
Leser beide trägt dem es freilich nicht erst hier vorgedruckt zu werden braucht
er merkte alles schon vor drei guten Stunden dass hinter der Kopulierkatze
etwas stak und steckte Ernestine nämlich selber
Es war so Ich brauch es aber dem Leser kaum zu berichten da ers schon
längst gewusst dass Ernestine die Kitt und Heftkatze vier Abende vorher täglich
privatissime auf den Tisch stellte und sie abrichtete auf die Finger
loszufahren wenn sie trillerten und ich freue mich dass der Scharfsinn des
Lesers kein gewöhnlicher ist weil er weiter mutmasset denn sie ließ also auch
am letzten Abend das Kleisterälchen von Katze als Leimrute nachschleichen
versenkte es bis um 1112 Uhr in ihren Schoss und hob endlich mit dem Knie diesen
Katzenterminus medius aus dem Schoße auf den Spieltisch und der terminus tat
nachher das Seinige Armer Rittmeister
Nachdenklich ist es aber Denn wenn auf diese Art Weiber Anordnung für
Zufall und Zufall für Anordnung auszumünzen wissen wenn sie schon vor den
Verlöbnissen folglich nachher noch mehr in die erste Linie gegen die Männer
wie Kambyses gegen die Ägypter2 Bundeskatzen stellen die wie Untergötter ex
machina das männliche Spiel umwerfen und das weibliche aufstellen wenn unter
hundert Menschen nur fünf Männer sind welchen tierische Katzen oder gar
menschliche ausstehlich sind und nur zehn Weiber denen sie es nicht sind
wenn also ganz offenbar die besten Weiber entsetzliche Bündel Männergarn unter
den Armen halten Hasengarne Steckgarne Spiegelgarne Nacht und Hänggarne
was soll da das Einbein3 machen das am nämlichen Tag wo es einen Roman zu
schreiben anfing zugleich einen zu spielen anhob und so beide wie auf einem
Doppelklavier nebeneinander zu Ende führen wollte Am vernünftigsten seh ich
mach ich wenn meine Frau den ganzen Tag am Bärenfange steht und Zweige darauf
wirft damit ich hineinstolpere nur durchaus keinen Bären obwohl auch keinen
Affen Nein ihr gefügigen gedrängten Geschöpfe ich setze mirs noch einmal vor
und gelob es einer von euch hier öffentlich im Druck Geschäh es dennoch dass
ich die eine nach den Flitterwochen quälen wollte so les ich bloß diesen
Sektor hinaus und rühre mich mit dem kommenden Gemälde eurer ehlichen Pilatus
das ich deswegen hieher trage wie nämlich der dümmste Mann sich für klüger
hält als die klügste Ehefrau wie diese vor ihm der vielleicht außer dem Haus
vor einer Göttin oder Götzin auf den Knien liegt um beglückt zu werden gleich
dem Kamele auf die ihrigen sinken muss um befrachtet zu werden wie er seine
ReichskammergerichtErkenntnisse und seine Plebiszita nach den sanftesten nur
mit zweifelhafter Stimme wie verloren gewagten Gegengründen mit nichts versüsset
als mit einem »wenn ichs nun aber so haben will« wie eben die Träne die ihn
bezauberte im freien Auge der Braut ihn entzaubert und ganz toll macht wenn
sie aus dem ankopulierten fällt so wie in den arabischen Märchen alle
Bezauberungen und Entzauberungen durch Besprengen mit Wasser geschehen
wahrhaftig das einzige Gute ist doch dies dass ihr ihn recht betrügt Ach und
wenn ich mir erst denke wie weit ein solcher EhePetz gegangen sein muss bis
ihr so weit ginget dass ihr um nicht von ihm gefressen zu werden euch wie man
auch bei den Waldbären tut gar ohnmächtig anstellet und der Petz schritt mit
seinen müßigen Tatzen um die Scheintote herum
»In meinem Alter soll das Einbein schon anders pfeifen« sagt der
verheiratete Leser allein ich bin selber schon neun Jahre älter als er und
noch dazu unverheiratet
Fußnoten
1 Das wüsst er nicht wenn ers nicht aus den neuen Taktikern Herrn Hahn und
Herrn Miller hätte die den jungen Offizier die Differentialrechnung lehren
damit es ihm nicht schwer werde mitten im Treffen beim Deployieren und
Schwenken die Grundwinkel herauszurechnen Ebenso hab ich hundertmal ein Buch
schreiben und darin die armen visierenden Billardspieler in den Stand setzen
wollen bloß nach einigen Auflösungen aus der Mechanik und höheren Matesis mit
zugemachten Augen zu stoßen
2 Kambyses eroberte Pelusium mit Sturm weil er unter seine Soldaten heilige
Tiere Katzen usw mengte auf welche die ägyptische Garnison nicht zu
schießen wagte und an die sie statt der Pfeile Gebete abschickte
3 Das Einbein bin ich selber Ich habe die Vorrede die man wird überschlagen
haben und diese Note die nicht zu überschlagen ist gemacht damit es einmal
bekannt werde dass ich nicht mehr habe als ein Bein wenn man das zu kurze
wegrechnet und dass sie mich in meiner Gegend nicht anders nennen als das
Einbein oder den einbeinigen Autor da ich doch Jean Paul heiße Siehe das
Taufzeugnis und die Vorrede
Zweiter Sektor oder Ausschnitt
AhnenPreiskurant des AhnenGrossierers der Beschäler und Adelbrief
Es gibt in der ganzen entdeckten Welt keine verdammtere Arbeit als einen ersten
Sektor zu schreiben und dürft ich in meinem Leben keine andern Sektores
schreiben keinen zweiten zehnten tausendsten so wollt ich lieber
Logaritmen oder publizistische Kreisrelationen machen als ein Buch mit
ästhetischen Hingegen im zweiten Kapitel und Sektor kommt ein Autor wieder zu
sich und weiß recht gut im vornehmsten Cercle den es vielleicht gibt Knäsen
sitzen in meinem was er mit seinen schreibenden Händen anfangen soll und mit
seinem Hute Kopfe Witz Tiefsinn und mit allem
Da ich durch das Ehepaar von dessen Verlobung durch Schach und Katze wir
sämtlich zurückkommen mir in neun Monaten den Helden dieses Buches abliefern
lasse so muss ich vorher zeigen dass ich nicht unbesonnen in den Tag
hineinkaufe sondern meine Ware di meinen Helden aus einem recht guten
Hause um kaufmännisch zu reden oder aus einem recht alten um heraldisch zu
sprechen ausnehme Denn der reichsfreien Ritterschaft den Landsassen und den
Patriziern muss es hier oder nirgends gesagt und bewiesen werden dass mein
Heldlieferant Herr von Falkenberg von älterem Adel ist wie sie alle und zwar
von unechtem
Nämlich Anno 1625 war Mariä Empfängnis wo sein Urgroßvater sich ungemein
besoff und dennoch aus dem Glücktopfe die volle Hand mit etwas Ausserordentlichem
herausbrachte mit einem zweiten Adeldiplom Denn es trank mit ihm aber
siebenmal stärker ein gescheiter Rosstäuscher aus Westfalen auch ein Herr von
Falkenberg aber nur ein Namenvetter ihre beiden Stammbäume bestreiten und
anastomosierten sich weder in Wurzelfäserchen noch in Blättern Ob nun gleich
der Sippschaftbaum des Westfälingers so alt und lang im Winde und Wetter des
Lebens dagestanden war dass er mit manchem Veteranen auf den Bergen Libanon und
Ätna zugleich aus der Erde vorgeschossen zu sein schien kurz obgleich der
Rosshändler 64schildig war indes der Urgroßvater zu seiner größten Schande und
zu dessen seiner der ihn in seinen Roman mitineinnimmt wirklich sowohl Zähne
als Ahnen mehr nicht zählte als 32 so wars doch noch zu machen Der alte
Westfale war nämlich der Stammhalter und die Schlussvignette und das hogartische
Schwanzstück seines ganzen historischen Bildersaals nicht einmal in beiden
Indien wo wir alle unsre Vettern haben und erben hatt er noch einen Darauf
fusste der Urgroßvater der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln
suchte um es für sein eigenes auszugeben »Denn wer Teufel weiß es« sagte er
»dir hilft es nichts und ich heft es an meines« Ja der AhnenKompilator der
Urgroßvater wollte christlich handeln und bot dem Ross und Ahnentäuscher für
den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an einen solchen Grosssultan und
Ehevogt eines benachbarten RossHarems wie man noch wenige gesehen Aber der
Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt »ich mag nicht«
und trank Zerbster Flaschenbier Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose
bloß versucht hatte fing er schon an über das Ansinnen zu fluchen und zu
wettern was schon etwas versprach Da er etwas Königslutterischen Duckstein
denk ich daraufgesetzt hatte denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de
cerevisiis nämlich seine Biere auf dem Lager so ging er gar mit einigen
Gründen seines Abschlagens hervor und die Hoffnung wuchs sehr
Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schön
milchen fand so befahl er das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu
führen und da er ihn etwa zwei oder dreimal mochte haben springen sehen so
gab er dem Urgroßvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin Da nun der
Falkenbergische Urgroßvater das erkaufte Adelpatent das einige Ahnenfolgen
tausendschildiger Motten fast aufgekäuet hatten mit einem Pflasterspatel weil
es porös wie ein Schmetterlingfittich war auf neues Pergament aufstrich und
aufpappte Buchbinderkleister aber vorher so tat kann man leicht denken das
Pergament seiner ganzen adeligen Vorwelt den nämlichen Dienst der Veredlung den
der Beschäler in Westfalen der Rossnachwelt leistete und über hundert begrabene
Mann an denen kein Tropfen Blut mehr adelig zu machen war kamen wenigstens zu
adeligen Knochen Also brauchen weder ich noch irgendeine Stiftdame uns zu
schämen dass wir mit dem künftigen jungen Falkenberg so viel Verkehr haben als
man künftig finden wird Übrigens möcht ich nicht gern dass die Anekdote
weiter auskäme und einem Lesepublikum von Verstand braucht man dies gar nicht
zu sagen
Die HochzeitLuperkalien hab ich samt ihrem längsten Tage und ihrer
kürzesten Nacht niemals hersetzen wollen doch den Einzug darauf wollt ich
gut beschreiben Allein da ich mich gestern zum Unglück mit dem Vorsatze ins
Bett legte heute morgen das Schach und Ehepaar mit drei Federzügen aus dem
Brautbette ins Ehebette zu schaffen das 19 Stunden davon steht nämlich im
Falkenbergischen Rittersitz Auental und da ich ganz natürlich nur mit drei
kleinen Winken das wenige schildern wollte das wenige Pfeifen Reiten und
Pulver womit die guten Auentaler ihre gnädige Neuvermählten empfingen so ging
die ganze Nacht in meinem Kopfe der Traum auf und ab ich sei selber ein
heimreisender Reichsgraf und der ReichsErbKasperl und würde von meinen
Untertanen weil sie mich in 15 Jahren mit keinem Auge gesehen vor Freuden fast
erschossen In meiner Grafschaft wurde natürlicherweise tausendmal mehr
Bewillkommunglärm und Honneurs gemacht als im Falkenbergischen Feudum ich will
deswegen die Honneurs für den Rittmeister weglassen und bloß meine bringen
Erstes Extrablatt
Ehrenbezeugungen die mir meine Grafschaft nach meiner Heimkehr von der grand
tour antat
Wenn gräfliche Untertanen einem Grafen seine sechs nicht natürlichen Dinge1
nehmen so weiß ich nicht wie sie ihn besser empfangen können Nun ließ mir
die meinigen kein einziges nicht natürliches Ding
Sie nahmen mir das erste unnatürliche Ding ohnehin weg den Schlaf Da ich
von Chalons nach Strassburg so watend langsam als wär ich schwanger gefahren
war um von da aus so donnernd dass ich mehr hüpfte als saß meinen Läufer
umzufahren so wär ich um Flörzhübel den ersten Marktflecken in meiner
Grafschaft für mein Leben gern schlafend und war das nicht im Traume so leicht
zu machen vorübergeflogen allein gerade an der Grenze und einer Brücke da
ich die Augen bergunter auf und bergauf zumachte wurd ich überfallen nicht
mörderisch sondern musikalisch von 16 Mann besoffnem Ausschuss der schon seit
früh 7 Uhr mit dem musikalischen Gerümpel und Ohrenbrechzeug hier aufgepasset
hatte um mich und meine Pferde zu rechter Zeit mit Trommeln und Pfeifen in die
Ohren zu blessieren Glücklicherweise hatten die SturmArtisten den ganzen Tag
zum Spasse oder aus Langweile vorher mehr getrommelt als aus Ernst und Liebe
nachher Unter dem ganzen Weg während Orchester und Kaserne neben meinen
Pferden ging zankt ich mich aus dass ich Flörzhübel vor 17 Jahren zu einer
Stadt habilitiert und graduiert hatte »Ich meine nicht deswegen« sagt ich
zu mir »weil nachher das landesherrliche Reskript dem Flörzhübel das Stadtrecht
und seiner Gendarmerie die Monturen wieder auszog oder deswegen weil wir die
überzähligen Monturen in Kassel versteigern wollten sondern weil sie mich
jetzt nicht schlafen lassen welches doch das erste nicht natürliche Ding
bleibt«
Essen ließ sie mich gar nicht weils das zweite unnatürliche Ding eines
regierenden Herrn ist Sann mir nicht der flörzhübelsche Restaurateur der für
mich das ganze gekochte und gesottene Mussteil meiner Grafschaft ans Feuer
gesetzet hatte geradezu am Kutschenfusstritt an ich sollte anbeissen und da ich
ihn wir Großen setzen nicht ungern den Pöbel durch Verschmähen beneideter Kost
in ein hungriges Erstaunen mit eigenem Munde nur um eine Biersuppe ansprach
machte da nicht der Restaurateur eine eitle Miene und sagte »im ganzen Hotel
hätt er keine und hätt er sie so sollten ihm doch die künftigen Traiteurs
nicht nachsagen er habe unter so vielen jus und bouillons seinem gnädigsten
Herrn nichts präsentiert als einen Napf Biersuppe«
Um das dritte Ding um die Bewegung und Ruhe zugleich hätte mich bei einem
Haare die Ehrenpforte meines Begräbnisdorfes gebracht maßen sie mich beinahe
erschlug weil sie und die musizierende Galerie auf ihr hart hinter meinem
letzten Bedienten einpurzelten aber zur Freude der Grafschaft keinem Menschen
etwas zerbrachen als dem Bader die GlasSchröpfköpfe die er der Ehrenpforte
angesetzt und vorgestreckt hatte damit doch etwas daranhinge worein die nicht
schlechte Illumination zu stecken wäre Ich wollte schon an und für sich etwas
toll werden über die satirischen Schröpfvasen die ich für satirische Typen und
Nachbilder meines gräflichen Ausschröpfens der vollen Allodial und Feudaladern
nehmen wollte und ich fragte den Schultheiß ob er dächte es fehle mir echter
Witz allein sie taten sämtlich Eide an Witz wäre bei der ganzen Ehrenpforte
gar nicht gedacht worden
Luft das vierte nicht natürliche Ding eines ReichsErbKasperls hätt ich
schon haben können denn bloß etwa des kurzen Missbrauchs wegen den die
Instrumente und Lungen meiner Vasallen von einem so herrlichen Elemente machten
hätt ich wahrlich nicht mich und den Luftsektor um mich so fest in meinen Wagen
eingesperrt als ich wirklich tat ich muss das ausdrücklich sagen damit nicht
der gute Kelzheimer Kantor sich einbilde es habe mir nicht gefallen dass mir
sein musikalisches Feuerrohr seine Trompete doppelt aus dem Schalloch sowohl
seines Kirchturms als seines Körpers dermaßen entgegenstach dass die
melodischen Luftwellen aus beiden mir vier Äcker weit entgegengingen indes noch
dazu unten im Turm seine Frau die Glocken melkte als würd ich begraben und
nicht sowohl empfangen als verabschiedet wie gesagt des musikalischen
Ehepaars wegen hätt ich den Wagen gar nicht zugeschlossen aber der Todesgefahr
wegen denn ein freudiges Pikett Fronbauern schoss mir aus 17 Vogelflinten und
einem paar Taschenpuffern sowohl Ehrensalven als einige Ladstöcke entgegen
Sitzt ein Graf einmal ohne vier nicht natürliche Dinge da so darf er an das
fünfte gar nicht denken an Ausleerung der Sphinkter aller selbst der größten
Poren bleibt samt der Wagentüre zu Es war also kein Wunder da ich gar kein
Hephata zu irgendeinem Porus sagen konnte dass ich auffuhr »Den Henker hab ich
davon von meinem Sitzen auf der Grafenbank in Regensburg wenn ich hier auf dem
Kutschkissen hocken muss und nichts verrichten kann nicht einmal «
Echte Leidenschaft die das sechste nicht natürliche Ding des Menschen ist
wird von nichts so leicht erstickt als von einem atlassenen Hundekissen auf dem
die Pfarrer Schuldiener und Amtleute die ein ReichsErbKasperl hat ihm die
Karmina überreichen die sie auf ihn haben fertigen lassen denn darüber ist
weder zu lachen noch zu greinen noch zu zanken noch zu loben noch zu reden
Meine Lehnleute und Hintersassen die mir so viel von meinen sechs
unnatürlichen Dingen abfischten gaben mir eben dadurch die Hälfte des ersten
wieder das Wachen sie hatten sich aber meinetwegen so in Schweiß gesetzt dass
ich ihrentwegen auch darin lag Da ich aufwachte dacht ich anfangs es wär
ein Traum aber bei mehrem Aufwachen merkt ich dass es die Namen ausgenommen
die gestohlne Geschichte meiner Nachbarschaft war Freilich ärgert michs so gut
als würde die Illumination und der musikalische Lärm meinetwegen veranstaltet
dass die Untertanen beide bloß in der boshaften Absicht machen ihren großen oder
kleinen Regenten durch Ekel und Plage wieder auf seine Reise zurückzujagen was
sie offenbar den orientalischen Karawanen abgelernt die gleichfalls durch
Trommeln und Feuerschlagen wilde Tiere sich vom Leibe halten
Fußnoten
1 Darunter meinen die Ärzte 1 Wachen und Schlafen 2 Essen und Trinken 3
Bewegung 4 Atmen 5 Ausleerungen 6 Leidenschaften
Dritter Sektor oder Ausschnitt
Unterirdisches Pädagogium der beste Herrnhuter und Pudel
Jetzt geht erst meine Geschichte an die Szene ist in Auental oder vielmehr auf
dem Falkenbergischen Bergschlosse das einige Ackerlängen davon lag Das erste
Kind der Schachamazone und des sterbenden Fechters und Rittmeisters im Schach
war Gustav welches nicht der erhabene schwedische Held ist sondern meiner Sei
gegrüsset kleiner Schöner auf dem Schauplatze dieses Lumpenpapiers und dieses
Lumpenlebens Ich weiß dein ganzes Leben voraus darum beweget mich die klagende
Stimme deiner ersten Minute so sehr ich sehe an so manchen Jahren deines Lebens
Tränentropfen stehen darum erbarmet mich dein Auge so sehr das noch trocken
ist weil dich bloß dein Körper schmerzet ohne Lächeln kommt der Mensch ohne
Lächeln geht er drei fliegende Minuten lang war er froh Ich habe daher mit
gutem Vorbedacht lieber Gustav den frischen Mai deiner Jugend von dem ich ein
Landschaftstück ins elende Fliesspapier hineindrücken soll bis in den Mai des
Wetters aufgehoben um jetzo da alle Tage Schöpfungtage der Natur sind auch
meine Tage dazu zu machen um jetzo da jeder Atemzug eine Stahlkur ist jeder
Schritt vier Zolle weiter und das Auge weniger vom Augenlid verhangen wird mit
fliegender Hand zu schreiben und mit einer elastischen Brust voll Atem und Blut
Zum Glück bleibt es vollends vom 2ten bis zum 27ten Mai länger beschreib
ich nicht daran recht hübsches Wetter denn ich bin ein wenig ein
meteorologischer Klair voyant und mein kurzes Bein und mein langes Gesicht sind
die besten Wetterdarmsaiten in hiesiger Gegend
Da Erziehung weit weniger am innern Menschen und weit mehr am äußern
ändern kann als Hofmeister sich einbilden so wird man sich wundern dass bei
Gustav gerade das Gegenteil eintrat denn sein ganzes Leben klang nach dem
Chorton seiner überirdischen dh unterirdischen Erziehung Der Leser muss
nämlich aus seinem ersten Sektor noch im Kopfe haben dass die herrnhutisch
gesinnte Obristforstmeisterin von Knör ihre Tochter Ernestine nur unter der
Bedingung sich selber durch das Schach ausspielen ließ dass der gewinnende
Bräutigam in den Ehepakten verspreche das erste Kind acht Jahre unter der Erde
zu erziehen und zu verbergen um dasselbe nicht gegen die Schönheiten der Natur
und die Verzerrungen der Menschen zugleich abzuhärten Vergeblich stellte der
Rittmeister Ernestinen vor »so verzög ihm ja die Schwiegermutter den Soldaten
zu einer Schlafhaube und man sollte nur warten bis ein Mädchen käme« Er ließ
auch wie mehre Männer den Unmut über die Schwiegermutter ganz am Weibe aus Aber
die Alte hatte schon vor der Taufe einen himmlischschönen Jüngling aus Barby
verschrieben Der Rittmeister konnte wie alle kraftvolle Leute das herrnhutische
Diminuendo nicht ausstehen am meisten redete er darüber dass sie so wenig
redeten sogar das war nicht nach seinem Sinne dass die herrnhutischen Wirte ihn
nicht sowohl überschnellten als zu sehr überschnellten
Allein der Genius diesen schönen Namen soll er vorjetzt auf allen Blättern
haben lag nicht an jenen das Herz einschraubenden Krämpfen des Herrnhutismus
krank und er nahm bloß das Sanfte und Einfache von ihm Über seinem
schwärmerischen trunknen Auge glättete sich eine ruhvolle schuldlose Stirne die
das vierzigste Jahr ebenso unrastriert und ungerunzelt ließ wie das vierzehnte
Er trug ein Herz welches Laster wie Gifte Edelsteine zerbrochen hätten schon
ein fremdes von Sünden durchackertes oder angesäetes Gesicht beklemmte schwül
seine Brust und sein Inneres erblasste vor dastehenden Schmutzseelen wie der
Saphir an dem Finger eines Unkeuschen seinen Blauglanz verlieren soll
Gleichwohl musste eine solche vieljährige Aufopferung für ein Kind sogar auf
eine so schöne Seele wie des Herrnhuters schwer und hart aufdrücken aber er
sagte »o welche himmlische Anlässe hab er dazu die er aber nur seinem Gustav
der gewiss mit Gottes Hilfe so aufblühe wie er hoffe künftig vertraue und
niemand solle sich doch über sein scheinbares SelbstHinopfern zu einem wahren
tiefen ErdenLeben wundern« Und in der Tat werden feinere Leser die weit
denken hoff ich nicht sich wundern sondern vielmehr sich anstellen als
fänden sie ein solches ErziehHeldentum eben recht natürlich Übrigens ist wohl
die Tugend der meisten Menschen mehr nur ein Extrablatt und Gelegenheitgedicht
in ihrem Zeitung und Alltagleben allein zwei drei und mehre Genien sind doch
vorhanden in deren epischem Leben die Tugend die Heldin ist und alles übrige
nur Nebenpartie und Episode und deren Steigen vom Volke mehr angestaunet als
bewundert werden kann
Die ersten dunkeln Jahre lebte Gustav mit seinem Schutzengel noch in einem
überirdischen Zimmer er trennte ihn bloß von den heillosen Kipperinnen und
Wipperinnen der Kindheit denen wir ebenso viele lahme Beine als lahme Herzen zu
danken haben Mägden und Ammen Ich wollte lieber diese Unhuldinnen erzögen
uns im zweiten Jahrzehend als im zweiten Jahr
Der Genius zog darauf mit seinem Gustav unter eine alte ausgemauerte Höhlung
im Schlossgarten von der es der Rittmeister bedauerte dass er sie nicht längst
verschütten lassen Eine Kellertreppe führte links in den Felsenkeller und
rechts in diese Wölbung wo eine Kartause mit drei Kammern stand die man wegen
einer alten Sage die DreibrüderKartause nennte auf ihrem Fußboden lagen drei
steinerne Mönche welche die ausgehauenen Hände ewig übereinander legten und
vielleicht schliefen unter den Abbildern die stummen Urbilder selber mit ihren
untergegangnen Seufzern über die vergehende Welt Hier waltete bloß der schöne
Genius über den Kleinen und bog jeden knospenden Zweig desselben zur hohen
Menschengestalt empor
Elende Umständlichkeit zB über die Lieferanten der Wäsche der Betten und
Speisen werden mir Frauenzimmer am liebsten erlassen aber sie werden
begieriger sein wie der Genius erzog Recht gut sag ich er befahl nicht
sondern gewöhnte und erzählte bloß Er widersprach weder sich noch dem Kinde ja
er hatte das größte Arkanum ihn gut zu machen er wars selbst Ohne dieses
Arkanum könnte man ebensogut den Teufel zum Informator dingen als sich selber
wie die Töchter schlimmer Mütter zeigen Der Genius glaubte übrigens beim
ersten Sakramente der Taufe gehe die Bildung des Herzens an beim zweiten
Abendmahl die des Kopfes
Von guten Menschen hören ist so viel als unter ihnen leben und Plutarchs
Biographien wirken tiefer als die besten Lehrbücher der Moralphilosophie zum
Gebrauche akademischer Lehrer Für Kinder vollends gibts keine andere
Sittenlehre als Beispiel erzähltes oder sichtbares und es ist erzieherische
Narrheit dass man durch Gründe Kindern nicht diese Gründe sondern den Willen
und die Kraft zu geben meint diesen Gründen zu folgen O tausendmal
glücklicher als ich neben meinem Tertius und Konrektor lagst du Gustav auf dem
Schoße in den Armen und unter den Lippen deines teuren Genius wie eine
trinkende Alpenblume an der rinnenden Wolke und sogest dein Herz an den
Erzählungen von guten Menschen groß die der Genius sämtlich Gustave und Selige
nennte von denen wir bald sehen sollen warum sie mit Schwabacher gedruckt
sind Da er gut zeichnete so gab er ihm wie Chodowiecki dem Romanenmacher die
Zeichnung jeder Geschichte und umbauete den Kleinen mit diesem orbis pictus
guter Menschen wie der allmächtige Genius uns mit der großen Natur Aber er gab
ihm die Zeichnung nie vor sondern nach der Beschreibung weil Kinder das Hören
zum Sehen stärker zieht als das Sehen zum Hören Ein anderer hätte zu diesem
pädagogischen Hebebaum statt der Reissfeder den Fiedelbogen oder die Klaviertaste
genommen aber der Genius tat es nicht das Gefühl für Malerei entwickelt sich
wie der Geschmack sehr spät und bedarf also der Nachhülfe der Erziehung Es ist
der frühesten Entwicklung wert weil es das Gitter wegnimmt das uns von der
schönen Natur absondert weil es die phantasierende Seele wieder unter die
äußern Dinge hinaustreibt und weil es das deutsche Auge zur schweren Kunst
abrichtet schöne Formen zu fassen Die Musik hingegen trifft schon im jüngsten
Herzen wie bei den wildesten Völkern nachtönende Saiten an ja ihre Allmacht
büsset vielmehr durch Übung und Jahre ein Gustav lernte daher als Taubstummer in
seiner taubstummen Höhle so gut zeichnen dass ihm schon in seinem dreizehnten
Jahre sein Hofmeister saß ein schöner Mann der weiter unten im Buche auftreten
muss
Und so floss beiden ihr Leben sanft in der Katakombe wie eine Quelle davon
Der Kleine war glücklich denn seine Wünsche langten nicht über seine Kenntnisse
hinaus und weder Zank noch Furcht rissen seine stille Seele auseinander Der
Genius war glücklich denn die Ausführung dieses zehnjährigen Baues wurd ihm
leichter als der Entschluss desselben der Entschluss drängt alle Schwierigkeiten
und Entbehrungen auf einmal vor die Seele Die Ausführung aber stellt sie weit
auseinander und gibt uns erst das Interesse daran durch die sonderbare Freude
ohne die man bei tausend Dingen nicht ausdauerte etwas unter seinen Händen
täglich wachsen sehen
Für beide Menschen war es gut dass unten in diesem moralischen Treibhaus ein
Schulkamerad des Gustavs mit wohnte der zugleich ein halber Kollaborator und
Adjunktus des Genius war indes von der ganzen Erziehung wegen gewisser Mängel
seines Herzens nur schlechten Vorteil zog ob er gleich so gut wie Gustav zu den
Tieren mit zwei Herzkammern und mit warmen Blute gehörte Wenn ich sage dass
der größte Fehler des Mitarbeiters war dass er keinen Branntwein trinken wollte
so sieht man wohl dass er klein wie Gustav groß gezogen werden sollte weil er
der netteste schwärzeste Pudel war der jemals über der Erde mit einer weißen
Brust herumgesprungen war Dieser verständige Hund und Unterlehrer löste den
Oberlehrer oft im Spielen ab zweitens konnten die meisten Tugenden nicht sowohl
von als an ihm durch Gustav ausgeübt werden und er hielt dazu die nötigen
ungleichnamigen Laster bereit im Schlaf biss der Schulkollege leicht um sich
nach lebendigen Beinen im Wachen nach abgezauseten
In diesem unterirdischen Amerika hatten die drei Antipoden ihren Tag dh
es war ein Licht angezündet wenn es oben bei uns Nacht war Nacht dh Schlaf
hatten sie wenn bei uns die Sonne schien Der schöne Genius hatte des äußern
Lärms und seiner Tagausflüge wegen es so eingerichtet Der Kleine lag dann unten
in seiner Kartause während sein Lehrer Luft und Menschen genoss mit
zugeschnürten Augen weil dem Zufall und der Kellertür nicht zu trauen war
Zuweilen trug er den schlafenden verhüllten Engel in die frische Luft und in die
beseelenden Sonnenstrahlen hinauf wie Ameisen ihre Puppen den Brutflügeln der
Sonne unterlegen Wahrlich wär ich der zweite oder dritte Chodowiecki so
ständ ich jetzo auf und stäche zu meinem eignen Buche den Auftritt in
schwedisches Kupfer nicht bloß wie unser herausgetragner blassroter Liebling
unter seiner Binde in einem gegitterten Rosenschatten schlummert und ähnlich
einem gestorbenen Engel im unendlichen Tempel der Natur still mit kleinen
Träumen seiner kleinen Höhle vor uns liegt Es gibt noch etwas Schöners du
hast deine Eltern noch Gustav und siehst sie nicht deinen Vater der mit dem
von der Liebe verdunkelten Auge neben dir steht und sich freut über den reinern
Atem der die kleine Brust beweget und darüber vergisset wie du erzogen wirst
und deine Mutter die an dein Angesicht auf welchem die zweifache Unschuld
der Einsamkeit und der Kindheit wohnt die liebehungrigen Lippen presset die
ungesättigt bleiben weil sie nicht reden und nicht schmeicheln dürfen Aber
sie drückt dich aus deinem Schlummer heraus und du musst nach einer kurzen Zeit
wieder in deine PlatosHöhle hinunter
Der Genius bereitete ihn lange auf die Auferstehung aus seinem heiligen
Grabe vor Er sagte zu ihm »Wenn du recht gut bist und nicht ungeduldig und
mich und den Pudel recht lieb hast so darfst du sterben Wenn du gestorben
bist so sterb ich auch mit und wir kommen in den Himmel« womit er die
Oberfläche der Erde meinte »da ists recht hübsch und prächtig Da brennt man
am Tage kein Licht an sondern eines so groß wie mein Kopf steht in der Luft
über dir und geht alle Tage schön um dich herum die Stubendecke ist blau und
so hoch dass sie kein Mensch erlangen kann auf tausend Leitern und der
Fußboden ist weich und grün und noch schöner die Pudel sind da so groß wie
unsere Stube im Himmel ist alles voll Seliger und da sind alle die guten
Leute von denen ich dir so oft erzählt habe und deine Eltern« deren
Abbilder er ihm lange gegeben hatte »die dich so lieb haben wie ich und dir
alles geben wollen Aber recht gut musst du sein« »Ach wenn sterben wir denn
einmal« fragte der Kleine und seine glühende Phantasie arbeitete in ihm und
er lief unter jeder solchen Schilderung zu einem Landschaftgemälde worin er
jede Grasspitze betastete und befragte
Auf Kinder wirkt nichts so schwach als eine Drohung und Hoffnung die nicht
noch vor abends in Erfüllung geht bloß solange man ihnen vom künftigen Examen
oder von ihrem erwachsenen Alter vorredet so lange hilfts daher manche dieses
Vorreden so oft wiederholen dass es nicht einmal einen augenblicklichen Eindruck
mehr erzeugt Der Genius setzte daher den langen Weg zur größten Belohnung aus
kleineren zusammen die alle den Eindruck und die Gewissheit der großen
verstärkten und die im folgenden Sektor stehen
Apropos Ich muss es nachholen dass es unter allen Übeln für Erziehung und
für Kinder wogegen das verschriene Buchstabieren und Wichsen golden ist kein
giftigeres keinen ungesundern Misspickel und keinen mehr zehrenden pädagogischen
Bandwurm gibt als eine Hausfranzösin
Vierter Sektor oder Ausschnitt
Lilien Waldhörner und eine Aussicht sind die TodesAnzeigen
Auf allen meinen Gedächtnisfibern diesen Denkfäden und Blättergerippen von so
manchem schlechten Zeug schläft keine schönere Sage als die aus dem Kloster
Korbei wenn der Todesengel daraus einen Geistlichen abzuholen hatte so legte
er ihm als Zeichen seiner Ankunft eine weiße Lilie in seinem Chorstuhl hin Ich
wollt ich hätte diesen Aberglauben Unser sanfter Genius ahmte dem Todesengel
nach und sagte dem Kleinen »Wenn wir eine Lilie finden so sterben wir bald«
Wie alsdann der Himmellustige der noch keine gesehen überall danach suchte
Einmal da sein Genius ihm den Genius des Universums nicht als ein
metaphysisches RobinetsVexierbild sondern als den größten und besten Menschen
der Erde geschildert hatte zog sich ein nie dagewesenen Wohlgeruch um sie
herum Der Kleine fühlt aber sieht nicht er tritt zur Klause hinaus und drei
Lilien liegen da Er kennt sie nicht diese weißen Juniuskinder aber der Genius
nimmt sie entzückt von ihm und sagt »Das sind Lilien die kommen vom Himmel
nun sterben wir bald« Ewig zitterte die Rührung nach späteren Jahren noch vor
jeder Lilie in Gustavs Herzen fort und gewiss gaukelt einmal in seiner wahren
Todesstunde eine Lilie als das letzte glänzende Viertel der verlöschenden
Monderde vor ihm
Der Genius hatte vor ihn am ersten Junius seinem Geburttage aus der Erde
zu lassen Aber um seine Seele noch höher zu spannen vielleicht zu hoch ließ
er ihn in der letzten Woche noch zwei heilige Vorfeste des Sterbens erleben
Als er ihm nämlich die Seligkeiten des Himmels dh der Erde mit seiner Zunge
und mit seinem Gesichte vorgemalet hatte besonders die Herrlichkeiten der
Himmel und Sphärenmusik so endigte er mit der Nachricht dass oft schon zu
Sterbenden die noch nicht oben wären dieses Echo des menschlichen Herzens
hinuntertönte und dass sie denn eher stürben weil davon das weiche Herz
zerflösse In das Ohr des Kleinen war Musik diese Poesie der Luft noch nie
gekommen Sein Lehrer hatte längst ein sogenanntes Sterbelied gemacht in diesem
bezog natürlicherweise Gustav alles was es vom zweiten Leben sagte auf das
erste und sie lasen es oft ohne es zu singen Aber in der letzten Woche erst
fing der Genius auf einmal an seine milde Lehrstimme zu der noch weichern
Singstimme des herrnhutischen Kirchengesanges zu verklären und das sehnsüchtige
Sterbelied vorzutragen indes er durch Veranstaltungen sich oben von einem
Waldhorne dieser Flöte der Sehnsucht begleiten ließ und die ziehenden
AdagioKlagen sanken durch die dämpfende Erde in ihre Ohren und Herzen wie ein
warmer Regen nieder
Gustavs Auge stand in der ersten Freudenträne sein Herz drehte sich um
er glaubte nun stürb es an den Tönen schon
O Musik Nachklang aus einer entlegnen harmonischen Welt Seufzer des Engels
in uns Wenn das Wort sprachlos ist und die Umarmung und das Auge und das
weinende und wenn unsre stummen Herzen hinter dem BrustGitter einsam liegen o
so bist nur du es durch welche sie sich einander zurufen in ihren Kerkern und
ihre entfernten Seufzer vereinigen in ihrer Wüste
Wie bei einem wahren Sterben näherte der Genius seinen Zögling in diesem
nachgeahmten auf der Stufenleiter der fünf Sinne dem Himmel Er schmückte den
scheinbaren Tod zum Vorteile des wahren mit allen Reizen aus und Gustav stirbt
einmal entzückter als einer von uns Anstatt dass andere uns die Hölle offen
sehen lassen verhieß er ihm er werde wie Stephanus an seinem Sterbetage den
Himmel schon offen sehen eh er in ihn aufsteige Dies geschah auch Ihr
unterirdisches JosaphatsTal hatte außer der erwähnten Kellertreppe noch einen
langen waagrechten Kreuzgang der am Fuße des Bergs ins Tal und ins Dörfchen
darin offen stand und den zwei Türen in verschiedenen Zwischenräumen
versperrten Diese Türen ließ er in der Nacht vor dem ersten Junius als bloß
die weiße Mondsichel am Horizonte stand und wie ein altergraues Angesicht sich
in der blauen Nacht nach der versteckten Sonne wandte mitten in einem Gebete
unvermerkt aufziehen und nun siehst du Gustav zum ersten Male in deinem
Leben und auf den Knien in das weite 9 Millionen Quadratmeilen große Theater
des menschlichen Leidens und Tuns hinein aber nur so wie wir in den nächtlichen
Kindheitjahren und unter dem Flor womit uns die Mutter gegen Mücken überhüllte
blickest du in das Nachtmeer das vor dir unermesslich hinaussteht mit
schwankenden Blüten und schiessenden Feuerkäfern die sich neben den Sternen zu
bewegen scheinen und mit dem ganzen Gedränge der Schöpfung O du
glücklicher Gustav dieses Nachtstück bleibt noch nach langen Jahren in deiner
Seele wie eine im Meere untergesunkne grüne Insel hinter tiefen Schatten
gelagert und sieht dich sehnend an wie eine längstvergangne frohe Ewigkeit
Allein nach wenigen Minuten schloss der Genius ihn an sich und verhüllte die
suchenden Augen mit seinem Busen unvermerkt liefen die Himmeltüren wieder zu
und nahmen ihm den Frühling
In zwölf Stunden steht er darin aber ich werde ordentlich beklemmt je
näher ich mich zu dieser sanften Auferstehung bringe Es rührt nicht bloß daher
dass ich nur ein einziges Mal in meinem Leben einen solchen des Himmels werten
Geburttag wie Gustavs seinen in meinem Kopfe auf und untergehen lassen kann
einen Tag dessen Feuer ich an meinem Pulse fühle und wovon nur Widerschein aufs
Papier herfällt auch nicht bloß daher kommt es dass nachher der schöne Genius
ungekannt von Autor und Leser wegziehet sondern daher am meisten dass ich
meinen Gustav aus der stillen Demantgrube wo sich der Demant seines Herzens so
durchsichtig und so strahlend und so ohne Flecken und Federn zusammensetzte
hinauswerfe in die heiße Welt welche bald ihre Brennspiegel auf ihn halten wird
zum Zerbröckeln aus seiner Meerstille der Leidenschaften heraus in den
sogenannten Himmel hinein wo neben den Seligen ebenso viele Verdammte gehen
Aber da er alsdann auch der großen Natur ins Angesicht schauen darf so ists
doch nicht sein Schicksal allein was mich beklommen macht sondern meines und
fremdes weil ich bedenke durch wieviel Kot unsere Lehrer unsern innern
Menschen wie einen Missetäter schleifen eh er sich aufrichten darf Ach
hätte ein Pythagoras statt des Lateinischen und statt der syrischen Geschichte
unser Herz zu einer sanft erhebenden Äolsharfe auf welcher die Natur spielet
und ihre Empfindung ausdrückt und nicht zu einer lärmenden Feuertrommel aller
Leidenschaften werden lassen wie weit da das Genie aber nie die Tugend
Grenzen hat und jeder Reine und Gute noch reiner werden kann könnten wir nicht
sein
So wie Gustav eine Nacht wartet will ich auch meine Schilderung um eine
verschieben um sie morgen mit aller Wollust meiner Seele zu geben
Fünfter Sektor oder Ausschnitt
Auferstehung
Vier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Altären den
Bergen der eisgraue Winter mit dem schneeweißen Chorhemd der sammelnde
Herbst mit Ernten unter dem Arm die er Gott auf den Altar legt und die der
Mensch nehmen darf der feurige Jüngling der Sommer der bis nachts arbeitet
um zu opfern und endlich der kindliche Frühling mit seinem weißen
Kirchenschmuck von Blüten der wie ein Kind Blumen und Blütenkelche um den
erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebete alles mitbetet was ihn beten
hört Und für Menschenkinder ist ja der Frühling der schönste Priester
Diesen Blumenpriester sah der kleine Gustav zuerst am Altar Vor
Sonnenaufgang am ersten Junius unten wars Abend kniete der Genius schweigend
hin und betete mit den Augen und stummzitternden Lippen ein Gebet für Gustav
das über sein ganzes gewagtes Leben die Flügel ausbreitete Eine Flöte hob oben
ein inniges liebendes Rufen an und der Genius sagte selber überwältigt »Es
ruft uns heraus aus der Erde hinauf gen Himmel geh mit mir mein Gustav« Der
Kleine bebte vor Freude und Angst Die Flöte tönet fort sie gehen den
Nachtgang der Himmelleiter hinauf zwei ängstliche Herzen zerbrechen mit ihren
Schlägen beinahe die Brust der Genius stösset die Pforte auf hinter der die
Welt steht und hebt sein Kind in die Erde und unter den Himmel hinaus
Nun schlagen die hohen Wogen des lebendigen Meers über Gustav zusammen mit
stockendem Atem mit erdrücktem Auge mit überschütteter Seele steht er vor dem
unübersehlichen Angesicht der Natur und hält sich zitternd fester an seinen
Genius Als er aber nach dem ersten Erstarren seinen Geist aufgeschlossen
aufgerissen hatte für diese Ströme als er die tausend Arme fühlte womit ihn
die hohe Seele des Weltall an sich drückte als er zu sehen vermochte das grüne
taumelnde Blumenleben um sich und die nickenden Lilien die lebendiger ihm
erschienen als seine und als er die zitternde Blume tot zu treten fürchtete
als sein wieder aufwärts geworfnes Auge in dem tiefen Himmel der Öffnung der
Unendlichkeit versank und als er sich scheuete vor dem Herunterbrechen der
herumziehenden schwarzroten Wolkengebirge und der über seinem Haupt schwimmenden
Länder als er die Berge wie neue Erden auf unserer liegen sah und als ihn
umrang das unendliche Leben das gefiederte neben der Wolke fliegende Leben das
summende Leben zu seinen Füßen das goldne kriechende Leben auf allen Blättern
die lebendigen auf ihn winkenden Arme und Häupter der Riesenbäume und als der
Morgenwind ihm der große Atem eines kommenden Genius schien und als die
flatternde Laube sprach und der Apfelbaum seine Wange mit einem kalten Blatt
bewarf als endlich sein belastetgehendes Auge sich auf den weißen Flügeln
eines Sommervogels tragen ließ der ungehört und einsam über bunte Blumen wogte
und ans breite grüne Blatt sich wie eine Ohrrose versilbernd hing so fing
der Himmel an zu brennen der entflohenen Nacht loderte der nachschleifende Saum
ihres Mantels weg und auf dem Rand der Erde lag wie eine vom göttlichen Throne
niedergesunkene Krone Gottes die Sonne Gustav rief »Gott steht dort« und
stürzte mit geblendetem Auge und Geiste und mit dem größten Gebet das noch ein
kindlicher zehnjähriger Busen fasste auf die Blumen hin
Schlage die Augen nur wieder auf du Lieber Du siehst nicht mehr in die
glühende Lavakugel hinein du liegst an der beschattenden Brust deiner Mutter
und ihr liebendes Herz darin ist deine Sonne und dein Gott zum ersten Mal sieh
das unnennbar holde weibliche und mütterliche Lächeln zum ersten Male höre die
elterliche Stimme denn die ersten zwei Seligen die im Himmel dir
entgegengehen sind deine Eltern O himmlische Stunde Die Sonne strahlt alle
Tautropfen funkeln unter ihr acht Freudentränen fallen mit dem milderen
Sonnenbilde nieder und vier Menschen stehen selig und gerührt auf einer Erde
die so weit vom Himmel liegt Verhülltes Schicksal wird unser Tod sein wie
Gustavs seiner Verhülltes Schicksal das hinter unsrer Erde wie hinter einer
Larve sitzet und das uns Zeit lässt zu sein ach wenn der Tod uns zerleget
und ein großer Genius uns aus der Gruft in den Himmel gehoben hat wenn dann
seine Sonnen und Freuden unsere Seele überwältigen wirst du uns da auch eine
bekannte Menschenbrust geben an der wir das schwache Auge aufschlagen O
Schicksal gibst du uns wieder was wir niemals hier vergessen können Kein Auge
wird sich auf dieses Blatt richten das hier nichts zu beweinen und nichts dort
wiederzufinden hat ach wird es nach diesem Leben voll Toter keiner bekannten
Gestalt begegnen zu der wir sagen können willkommen
Das Schicksal steht stumm hinter der Larve die menschliche Träne steht
dunkel auf dem Grabe die Sonne leuchtet nicht in die Träne Aber unser
liebendes Herz stirbt in der Unsterblichkeit nicht und vor dem Angesichte Gottes
nicht
Sechster Sektor oder Ausschnitt
Gewaltsame Entführung des schönen Gesichts wichtiges Porträt
Das Erstaunen Gustavs zu dem ihn den ganzen Tag ein Gegenstand nach dem andern
anstrengte und die Entbehrung des Schlafs endigten seinen ersten Himmeltag mit
einem Fieberabend den er würde verweint haben auch ohne einen Grund Aber er
hatte einen sein Genius war während des Tumultes im Garten mit einem
sprachlosen Kusse von dem Liebling fortgezogen und hatte nichts zurückgelassen
als der Mutter ein Blättchen Er hatte nämlich ein Notenblatt in zwei Hälften
zerschnitten die eine enthielt die Dissonanzen der Melodie und die Fragen des
Textes dazu auf der andern standen die Auflösungen und die Antworten Die
dissonierende Hälfte sollte sein Gustav bekommen die andere behielt er »Ich
und mein Freund« sagt er »erkennen einmal in der wüsten Welt einander daran
dass er Fragen hat zu denen ich Antworten habe« Auch den Pudel der immer
größer wurde nahm er mit Wo werden wir dich wiedersehen unbekannter
schöner Schwärmer Du erfährst es nicht wie dein verwaiseter Zögling abends
rufet und schluchzet nach dir und wie ihm der neue gestirnte Himmel nicht so
gefället als seine Stubendecke mit dir und wie ihm die Lichtkerzen jedes Zimmer
zur stillen Höhle ummalen in der er dich geliebt hatte und du ihn Ebenso
bücken wir uns am LebensAbend an alten Gräbern unsrer frühen Freunde die
niemand bedauert als wir bis endlich den letzten Greis aus dem liebenden Zirkel
ein fremder Jüngling beerdigt aber keine einzige Seele erinnert sich der
schönen Jugend des letzten Greises
Am Morgen war er wieder gesund und froh die Sonne trocknete sein Auge aus
und das Nebelbild seines Genius zog in der Hülle der letzten Nacht sich weit
zurück Es tut mir leid dass ichs seinen Jahren und seinem Charakter beizumessen
habe dass er die Abendstunden der schmerzlichsten Sehnsucht ausgenommen ein
wenig zu leicht das Bild eines Freundes durch nähere Bilder in den Hintergrund
verschieben ließ Alle Blumen waren jetzo Spielzeug für ihn jedes Tier ein
Spielkamerad und jeder Mensch ein Vogel Phönix jede Himmelsveränderung jeder
Sonnenuntergang jede Minute überschüttete ihn mit Neuigkeiten
Es war ihm wie vornehmen Kindern die aufs Land hinauskommen alles
begucken betasten bespringen sie in der neuen Erde und dem neuen Himmel Denn
es ist ein unbeschreibliches Glück für stiftfähige Kinder dass ihre Eltern die
sonst aus der Natur sich wenig machen sie dennoch zwischen hohen Zimmern und
hohen Häusern die nicht 38 Quadratschuhe vom Himmel sichtbar lassen wie in
Treibgärten mit hohen Mauern erziehen damit die Natur ihnen so wenig als ihre
Eltern unter die Augen komme dadurch erhält sich ihr Gefühl für beide ebenso
unverhärtet über der Erde als würden sie wirklich unter ihr erzogen ja sie
sehen den Sonnenaufgang zum ersten Male fast noch später als Gustav auf der
Postkalesche oder in Karlsbad
Seine Eltern ließ ihn als einen Neugebornen ungern von der Seite kaum in
den Schlossgarten und nicht zum Berg hinunter wo ihm die Poststrasse gefährlich
war Auch hatt er aus seiner unterirdischen Schulpforte eine gewisse
Verlegenheit mit heraufgebracht die mittelmäßige Menschen und fast sein Vater
für Einfalt nehmen welche aber höhere Menschen sobald sie in Gesellschaft
eines nicht stieren sondern überfüllten schwärmerischen Auges wie bei ihm
erscheint für das Ordenkreuz ihres Ordenbruders halten Gleichwohl bereueten es
seine Eltern acht Tage darauf nicht ihn eingesperrt sondern ihn
hinausgelassen zu haben
Die Obristforstmeisterin von Knör und ein Faszikel Herrnhuter und
Herrnhuterinnen waren mit ihr gekommen den Zögling des Grabes zu hören ein
Grummetschober alter Fräulein hatte schon vier Wochen vorher eingesprochen und
jetzo wieder um nur ein solches Wunderkind ansichtig zu werden Die
herrnhutischen Brüder waren lebhaft und frei mit Anstand die Schwestern
mauerten sich sämtlich um eine Standuhr deren Gehäuse mit Engeln als Hornisten
gerändert war sie waren von den Hornisten nicht wegzubringen Beizubringen war
ihnen auch nichts Maul und Augen machten sie auch nicht auf und der
Rittmeister wurde schwarz vor verhaltenem Ärger Endlich tippte die Lippe einer
Schwester an ein Weinglas die andern tippten nach so viel die eine vom
Gebacknen abknickte so viel bröckelten die andern sich zu ein Zuck regte die
ganze obligate Kompagnie dieser auf zwei Füße gestellten Schafe Der
Fräuleinschober hingegen hieb in alles ein im Flüssigen und Festen war er wie
ein Amphibium zu Hause sie hatten in ihrem kauenden und klappernden Leben nie
etwas gereget als die Zunge Als nun für so viele Zuschauer das Wundertier her
sollte wars weg Alles wurde ausgestöbert langverlorne Dinge wurden
gefunden in alles hineingeschrien in jeden Winkel und Busch kein Gustav Der
Rittmeister dessen anfangende Betrübnis immer eine Art Zorn war ließ die ganze
sehlustige Schwesterschaft sitzen die Rittmeisterin aber deren Betrübnis noch
weichere Teile angriff setzte sich kosend zu ihr Als aber alle ängstliche
fragende laufende Gesichter immer trostloser zurückkamen und als man gar hinter
dem offenen Schlosstor wo der Kleine abgerissne Blumen in kleine beschattete Beete
steckte diese noch nass von seinem Begiessen fand so zerknirschte die
Verzweiflung die Gesichter der Eltern »ach der Engel ist gewiss in den Rhein
gestürzt« sagte sie er aber sagte nichts dagegen Zu einer andern Zeit hätt
er einen solchen Fehlschluss mit den Füßen zerstampft denn der Rhein floss eine
halbe Stunde vom Schloss aber hier schloss in beiden die Angst die weit
tollere Sprünge tut als die Hoffnung Ich rede hier deswegen von einer andern
Zeit weil mir bekannt ist wie sonst der Rittmeister war nämlich aus Mitleiden
aufgebracht gegen den Leidenden selber Niemals zB fluchten seine Mienen mehr
gegen seine Frau als wenn sie krank war und ein einziges schnelles
Blutkügelchen stieß sie um klagen sollte sie dabei gar nicht war das auch
nicht seufzen war auch das nur keine leidende Miene machen gehorchte sie
überhaupt gar nicht krank sein Er hatte die Torheit der müßigen und vornehmen
Leute er wollte stets fröhlich sein
Hier aber da einmal sein Glücktopf in Scherben lag versüssete ein fremder
Seufzer seinen eignen und seinen Zorn über die unachtsame Hausdienerschaft und
über den dürren Schwester und Grummetschober
Als das Kind die Nacht ausblieb und den ganzen Vormittag und als man gar im
Walde auf der Kunststrasse sein Hütchen antraf so verwandelten sich die Stiche
der Angst in das forteiternde Schmerzen dieser Stichwunden Gegen keine
Gemüterschütterung ist ein guter Gegenbeweis so schwer zu führen als gegen die
Angst ich führe daher gar keinen seit Jahr und Tag sondern ich gebe ihr das
Ärgste was sie behauptet sofort willig zu und falle dann bloß die andere
Gemütbewegung die aus dem besorgten Ärgsten kommen kann mit der Frage an »Und
wenns nun wäre«
Jeder Fliegenschwamm im Walde wurde breitgetreten und jeder Baumspecht
aufgejagt um den Kopf zum Hut zu finden aber vergeblich und am dritten
Tage ging der Rittmeister dessen Gesicht eine Ätzplatte des Schmerzes war ohne
Absicht zu suchen so vertieft im Walde herum dass er einen mit Koffern und
Bedienten ausgelegten Reisewagen durch das Gebüsch schwerlich hätte fliegen
sehen wenn nicht daraus wie ein FreudenDonnerschlag die Stimme seines
verlorenen Sohnes ihn erschüttert hätte Er rennt nach der Wagen schießt
voraus und im Freien sieht er ihn schon hinter seinem Schloss stäuben Außer
sich kommt er in Schlosshof angestürmt um nachzusprengen und um es bleiben zu
lassen Denn oben an der Haustüre stand die in einen Knäul zusammengelaufne
SchlossGenossenschaft schon um den Gustav die Schlosshunde bellten ohne einen
gescheiten Grund zu haben und alles sprach und fragte so dass man gar keine
Antwort des Kleinen vernahm Der vorbeifliegende Wagen hatte ihn ausgesetzt Am
Halse hing in einem schwarzen Bande sein Porträt Seine Augen waren rot und
feucht von den Qualen der Heimsucht Er erzählte von langen langen Häusern
wofür er Gassen hielt und von seinem Schwesterchen das mit ihm gespielt und
vom neuen Hute es wär aber keine Seele daraus klug geworden hätte nicht der
Koch eine entfallne Karte zu seinen Füßen erblickt Diese las der Rittmeister
und sah dass er sie nicht lesen sollte sondern seine Frau Er verdolmetschte es
aus dem mit weiblicher Hand geschriebenen Italienischen so
»Kann sich denn eine Mutter bei einer Mutter entschuldigen dass sie ihr Kind
ihr so lang entzogen Wenn Sie mir auch meinen Fehler nicht vergeben ich kann
ihn doch nicht bereuen Ich traf Ihren lieben Kleinen vor drei Tagen im Walde
irrend an wo ich ihn in meinen Wagen stahl um ihn vor schlimmern Dieben zu
bewahren und um seine Eltern auszufinden Ach ich will es Ihnen nur sagen
ich hätt ihn auch mitgenommen wenn auch beides nicht gewesen wäre O nicht
weil er so himmlisch schön sondern weil er so ganz sogar bis auf die Haare
wie mein teuerer verlorner Guido aussieht kann ich ihn kaum lassen Ach es sind
schon viele Jahre dass mir das Schicksal auf eine sonderbare Art mein liebstes
Kind lebendig aus dem Schoss genommen Ihres kommt heute wieder meines
vielleicht nie Das HalsGehenk verzeihen Sie Das Porträt werden Sie für
seines halten so ähnlich ist er meinem Sohn aber es ist das meines Guido Sein
eigenes ließ ich mir auch malen und behalt es um das Ebenbild meines Guten
doppelt zu haben Sollt ich einmal Ihren Gustav aufgeblüht zu Gesicht bekommen
so würd ich ihn lange anschauen ich würde denken so muss mein Guido jetzt auch
aussehen so viel Unschuld wird er auch im Auge haben so sehr wird er auch
gefallen Ach meine Kleine weint dass ihr Spielgenosse wieder wegfahren soll
und ich tu es auch sie gibt nur einen Bruder aber ich einen Sohn zurück
Mögen Sie und er glücklicher sein Meinen Namen schenken Sie mir«
Sie rieten alle über die Verfasserin hin und her Der Rittmeister allein
sagte traurig nichts ich weiß nicht ob aus Kummer über die Erinnerungen an
seinen ersten verlorenen Sohn oder weil er gar wie ich über die ganze Sache
dachte Ich vermute nämlich der verlorne Guido ist eben sein eigenes Kind und
die Briefstellerin ist die Geliebte die ihm der KommerzienAgent Röper aus den
Händen gewunden hatte Ich werde erst nachher sagen warum
Gustavs Schönheit kann man erstlich aus der Vernunft oder von vornen dartun
zweitens von hinten Sein Treibhaus das ihn auferzog und zudeckte bleichte
ganz natürlich seine Lilienhaut zu einem weißen Grund auf welchen zwei blasse
Wangenrosen oder nur ihr Widerschein und die dunklere feste Rosenknospe der
Oberlippe geblasen waren Sein Auge war der offene Himmel den ihr in tausend
fünfjährigen und nur in zehn funfzigjährigen Augen antrefft und dieses Auge
wurde noch dazu von langen Augenwimpern und von etwas Schwärmerischen
verschleiert oder verschönert Endlich hatten weder Anstrengung noch
Leidenschaften ihren Waldhammer und die scharfen Lettern desselben in dieses
schöne Gewächs geschlagen und ihm war noch kein Todesurteil das seinen Fall
bezeichnet in seine Rinde eingeschnitten Alles Schöne aber ist sanft daher
sind die schönsten Völker die ruhigsten daher verzerret heftige Arbeit arme
Kinder und arme Völker
Es ist aber noch kein Jahr dass ich Gustavs Schönheit von hinten beweisen
kann Denn da der Auktionproklamator damals mein intimster Freund war so beging
er mir zu Gefallen den kleinen Schelmenstreich dass er die Gemälde und
Kupferstiche gerade an einem Tage versteigerte wo der Maskerade wegen kein
Mensch gerade von der großen Welt aus Unterscheerau in die Versteigerung kam
mich ausgenommen ich erstand für Sündengeld tausend Dinge Die ganze Stadt und
Vorstadt hatte zu diesem Schuttaufen von Möblen zugetragen und war Verkäuferin
und Käuferin zugleich In dieser Auktion erschienen alle europäische Potentaten
aber elend gezeichnet und koloriert und ein Edelmann von bon sens hielt seine
beiden Eltern feil und wollte sie als gute Kniestücke verstechen in Rom
verhandelten umgekehrt die Eltern die Kinder aber in natura Der Edelmann
hoffte ich würde auf seinen Papa und seine Mama bieten aber ich war bei nichts
der Mehrbieter als bei Gustavs Porträt das er auch losschlug Der Edelmann hieß
Röper von dem ich oben gesagt dass er an einem Tage Ehemann und Stiefvater
geworden
Und hier hängst du ja Gustav mir und meinem Schreibtisch gegenüber und
wenn ich über etwas sinne so stösset mein Auge immer auf dich Viele tadeln
mich mein kleiner Held dass ich dich hier zwischen Shakespeare und Winckelmann
von Bause aufgenagelt aber hast du nicht das bedenken zu wenige einen
NasenSchwibbogen auf dem schwere und hohe Gedanken ruhen einen solchen der
oft unter der Hand des Todes sich noch schöner wölbt und hast du nicht unter
dem KnochenArchitrav ein weites Auge durch das die Natur wie durch eine
Ehrenpforte in die Seele zieht und ein gewölbtes Haus des Geistes und alles
womit du deine in Kupfer gestochne Nachbarschaft verdienest und aushältst
Der Leser sollte wissen es geschieht aber weiter hinten was mich jetzo
nötigt meinen Sektor plötzlich auszumachen und einzusperren
Zweites Extrablatt
Strohkranzrede eines Konsistorialsekretärs worin er und sie beweisen dass
Ehebruch und Ehescheidung zuzulassen sind
Ich gesteh es hier unser aufgeklärtes Jahrhundert sollte man das ehebrechende
nennen Ich sagte allerdings einmal auf dem Marktplatz zu Marseille ich hielt
den Bettel für recht den Ehebruch schon weit vor München sagt ich man
sollte an die Mutterkirche des Ehebettes noch ein Ehefilial stoßen im
Obersächsischen sagt ich wenn jene Gräfin ein ganzes Jahr fortgebar jeden Tag
etwas so wäre noch jetzo bei Gräfinnen wenigstens das vorhergegangene Jahr zu
haben in den zehn deutschen Kreisen drückt ich mich gewiss auf zehn
verschiedene Arten aus aber es war damals nirgends der Ort die Sache klar
aus der Physiologie dazutun als bloß hier
Sanktorius wars1 der sich auf einen delphischen Nachtstuhl setzte und da
die Wahrheit aussass dass der Mensch alle 11 Jahre einen neuen Körper umbekomme
der alte wird wie der deutsche ReichsKörper stückweise flüchtig und es bleibt
von der ganzen Mumie nicht so viel sitzen als ein Apotheker klein geschabt in
einem Teelöffel eingeben will Bernoulli widersprach gar diesem ganz und
rechnete uns vor Sanktorius stolpere denn nicht in 11 sondern in 3 Jahren
dampfe der eine ZwillingBruder weg und schieße der andere an Kurz Russen und
Franzosen wechseln den Körper öfter als das Hemd des Körpers und eine Provinz
bekommt allzeit neue Leiber und einen neuen Provinzial miteinander in 3 Jahren
wie gesagt
Die Sache ist gar nicht gleichgültig Denn es ist sonach unmöglich dass ein
Kahlkopf der sein Ehejubiläum begeht an seinem ganzen Leibe auf ein Stückchen
Haut hellersgross hinweise und anmerke »Mit diesem Läppchen Haut stand ich vor
25 Jahren auch am Altar und wurde samt dem übrigen an meine jubilierende Frau
hinankopuliert« Das kann der Jubelkönig unmöglich Der Ehering ist zwar nicht
herunter aber der Ringfinger längst um welchen er saß Im Grunde ists ein
Streich über alle Streiche und ich berufe mich auf andre Konsistorialsekretäre
Denn die arme Braut steigt freudig mit der Statua curulis von einem
Bräutigamkörper unter den Bettimmel und denkt was weiß sie von guter
Physiologie am Körper habe sie etwas Solides ein eisernes Stück ein
Immobiliargut kurz einen Kopf mit Haaren von denen sie einmal sagen könne an
meinen und an meiner Haube sind sie grau geworden Das hofft sie indes schafft
unter ihrem Hoffen der Schelm von einem Körper seine sämtliche Glieder wie ein
Student sein verschuldetes Studentengut nach 3 Jahren
infinitesimalteilchenweise bei Nacht und Nebel fort Wendet sie sich am
Neujahrabend um so liegt im Ehebette bloß ein Gipsabguss oder eine zweite
Auflage neben ihr die der vorige Körper von sich darin gelassen und in welcher
kein altes Blatt der alten mehr ist Was soll nun eine Frau wenn der
KubikInhalt des Brautbettes und der des Ehebettes so verschieden sind von der
Sache denken ich meine wenn zB ein ganzes weibliches Konsistorium zB
die Frau Konsistorialpräsidentin die Vizepräsidentin die
Konsistarialsekretärin nach 3 Jahren auf dem Kopfkissen ein ganz anders
männliches Konsistorium antrifft als das aufgelöste war das die Ehe versprach
was soll eine Frau da anstellen die wenns eine KonsistorialHälfte ist recht
gut weiß quid juris Sie sag ich die es hundertmal über dem Essen gehört
haben muss dass eine solche Entweichung des männlichen Körpers eine verfluchte
bösliche Verlassung oder desertio malitiosa ist die sie von ihren Ehepflichten
ganz losknüpfet und es kann vollends eine solche Strohwitwe gar Luterum de
causis matrimonii gelesen haben und sich daraus entsinnen dass er einer böslich
Verlassenen nach einem oder einem halben Jahre eine neue Ehe nicht verbeut
Sich in besagte neue Ehe zu begeben wird offenbar die erste Pflicht und Absicht
einer solchen Verlassenen sein da aber der neue restierende EhemannsKörper
nichts für den fortgedünsteten kann so wird sie es um ihn nicht zu kränken
ohne sein Wissen und ohne Rachsucht tun wenn er etwan auf der Börse ist oder
auf dem Katheder oder auf der Messe oder zu Schiffe oder hinter dem
Sessiontisch oder sonst aus
Inzwischen ist der Mann kein Narr sondern so viel hat er von der
Physiologie allemal innen dass auch die Frau ihren Körper ebensooft als ihre
Mägde tausche mithin braucht er auf nichts zu passen Nov 22 c 25 reicht
ihm das Recht der Ehescheidung schon wenn sie auf eine Nacht von ihm gelaufen
hier aber ist die Konsistorialrätin gar auf immer weggedünstet und repetiert
noch dazu in jedem Dreijahr diese Wegdünstung sie die doch nach »Langens
geistlichem Recht« dem Konsistorialrat ders selber in seiner Büchersammlung
hat nachziehen müsste wenn er Landes verwiesen würde gesetzt sogar in den
Ehepakten hätte sie sich ausbedungen zu Hause zu bleiben So redet Lange mit
den Männern aus der Sache In der großen Welt wo echte Keuschheit und
Vielwissen und also auch Physiologie zu Hause ist traktierte man den Punkt
längst mit Anstand und Verstand und trieb Gewissenhaftigkeit weit Denn da ein
Mann allda an seiner Gemahlin 3 Jahre nach dem Vermählungfest nicht ein
Apotekerlot Blut nicht eine dünne Vene worins läuft mehr von der alten
auszuspüren hofft da er mithin die weggewanderten Teile seiner guten Gemahlin
an jeder andern viel eher und sicherer wiederzufinden glaubt als an ihr selbst
da er also vielmehr Liebe zur ankopulierten für eigentlichen Ehebruch an ihr und
mit ihr halten muss und genau genommen ists auch so so ists ihm jetzo
hauptsächlich um reine Sitten zu tun er lässt also zwar derjenigen Sammlung
von Pulsadern Nervenknoten Fingernägeln und edleren Teilen die man insgemein
seine Frau benennt seinen Namen seinen halben Kredit und seine halben Kinder
weil man überhaupt in der großen Welt ungern öffentliche Verbindungen öffentlich
aufhebt und lieber am Ende an tausend aus Luft geflochtenen Ketten geht aber
das gestattet ihm seine Achtung für Moral und Publikum nicht eine und dieselbe
Wohnung Tafel Gesellschaft mit einer Frau zu haben die einen andern Körper
hat er erscheint sogar welches vielleicht zu skrupulös ist ungern mit ihr
öffentlich und enthält sich wenigstens in seinem Hause alles dessen wozu er
oder Origenes sich unfähig machten
Es sind schlechte abgefärbte Katheder die mir den Einwurf machen können
die verehelichten Seelen blieben ja doch zurück wenn die Leiber verrauchten
Denn mit der Seele also mit dem Gedächtnis mit dem Denkvermögen sittlichen
Vermögen usw lässt man sich heutzutage wenig oder nicht kopulieren sondern
mit dem was um sie herumhängt Zweitens ist es ja bei jedem Materialisten auf
der philosophischen Börse zu erfahren dass die Seele nichts ist als ein
Wassersprössling des Körpers der also bei Mann und Frau mit dem Leib zugleich
weggeht Man braucht es aber gar nicht sondern man darf nur Humen beifallen
welcher schreibt die Seele wäre gar nichts sondern bloße Gedanken leimten sich
wie Krötenlaich aneinander und kröchen so durch den Kopf und dächten sich
selbst Bei solchen Umständen kann das Brautpaar Gott danken wenn sein Paar
kopulierter Seelen nur so lange halten will wie die zwei Paar TanzHandschuhe
des Hochzeitballs Auch sieht man es am Vormittag nach den Flitterwochen
Also wie gesagt alle Kanonisten können die Woche wo Mann und Frau zum
Ehebrechen schreiten darf nicht weiter hinausschieben als ins vierte Jahr nach
der Verlobung allein für Leute von Welt und von Stand ist das hart und zu
rigoros zumal wenn sie aus ihrem »Keil« dem Anatomiker wissen dass schon in
einem Jahre der ganze alte Körper wegtauet bloß elende 16 Pfund
Fleischgewicht ausgenommen Daher warens oft meine Gedanken dass ich wenn ich
meinen Ehebruch schon ins erste Jahr verlegte wies viele tun wirklich nur
sehr wenigen Pfunden meiner Gattin die 107 hat untreu würde den 16 Pfund
nämlich die noch restierten
Auf den nämlichen Körpertausch worauf man seinen Ehebruch gründet muss das
Konsistorium seine Scheidung gründen Denn wenn Leute oft 9 18 Jahre nach der
Trauung offenbar noch in der Ehe beisammen bleiben indes alle Physiologen
wissen dass zwei neue Ehekörper und zwar ohne priesterliche Einsegnung beisammen
sind so ist nun das Konsistorium verbunden dreinzusehen und dreinzuschlagen
und die zwei fremden Leiber zu scheiden durch ein paar Dekrete Daher wird man
auch niemals hören dass ein gewissenhaftes Konsistorium Schwierigkeiten macht
Christen die schon in der Ehe sind zu trennen man wird aber auch von der
andern Seite ebensowenig hören dass es solche die sich die Ehe bloß
versprochen ohne die größten Schwierigkeiten scheide eben ganz natürlich
denn dort bei der langen Ehe ist wahrer Ehebruch durch die Scheidungbulle
abzuwenden weil unkopulierte Leiber da sind hier aber bei der Verlobung sind
die Körper die den Vertrag gemacht noch völlig da und sie müssen erst lange
in der Ehe leben bevor sie zur Scheidung taugen Das ist die wahre Auflösung
eines Scheinwiderspruchs der so viele Schwache schon verleitet hat uns
sämtlich im Konsistorio für sportelsüchtig mich für den Markör und unsre grünen
Sessiontische für grüne Billarde zu halten um welche sich Präsident und Räte
mit langen Queues herumtreiben um die Partien auszuspielen ach ein
Konsistorialsekretär schneidet ohnehin mehr Federn als Geld
Warum wird uns überhaupt nicht von den Pastoren jedes eingepfarrte Ehepaar
das über 3 Jahre beisammen geschlafen einberichtet damit mans scheide zu
rechter Zeit Eine solche Scheidung wozu man keine weitern Gründe braucht als
den dass die zwei Leute lange beisammen waren hat in allen Ländern ja keine
andere Absicht als die dass sie nachher sich wieder ordentlich kopulieren lassen
mit den erneuerten Leibern Das Konsistorium und ich fahren am fatalsten dabei
falls die Sache sich nicht etwa bessert wenn der neue Minister den Thron
besteigt Wahrlich ein solches geistliches Landeskollegium legt oft die lange
Säge an und zersägt Eheblöcher oder Betten in denen Ehepaare 21 Jahre lang
gehauset hatten die in so langer Zeit wenigstens siebenmal alle drei Jahre
sind Ehebruch und Ehescheidung fällig wären zu scheiden und zu trauen gewesen
was für Sportelneinbusse da wir die Scheidungkosten die wir hätten
versiebenfachen können vervierfachen mussten Es ist ohnehin an einer solchen
Scheidliquidation wenig weil sie bekanntlich moderiert wird und zwar vom
Konsistorium selber Man gebraucht noch dazu im Konsistorialzimmer die Vor und
Nachsicht dass ich allemal den Sportelzettel wenn ihn das geschiedne Paar
abgezahlt hat nach 15 20 Jahren wieder extrahiere und dem Konsistorialboten
und Pfennigmeister von neuem mitgebe nicht sowohl um die Sporteln zweimal
einzukriegen welches Nebensache ist als um zweimal darüber zu quittieren
falls das getrennte Paar die erste Quittung etwa verloren hätte und auch um es
vor einer dritten Zahlung sicherzustellen Man will dem Paare alles leicht
machen wenn man es in mehren und großen Terminen zahlen lässt
Und heute vor drei Jahren kopulierte man mich für meine Person auch
aber die damalige Strohkranzrede war zu schlecht
Fußnoten
1 In Hallers großer Physiologie steht es dass der Mensch nach Sanktorius alle 11
Jahre den alten Körper fahren lasse nach Bernoulli und Blumenbach alle 3 Jahre
nach dem Anatomiker Keil jedes Jahr
Siebenter Sektor oder Ausschnitt
Robisch der Star Lamm statt der obigen Katze
Nach einer solchen Entführung schränkte man Gustavs Spielteater und Lustlager
ganz auf den Wall des Schlosses ein in die wogende Flur und ins Dörfchen
Auental das wohl eine 117 deutsche Meile davon ablag durft er nur hinein
sehen Dieses blumige EmporEiland umkreisete er den ganzen Tag um jeden roten
Käfer niederzuschlagen jedes marmorierte Schneckenhäuschen von seinem Blatte
abzudrehen und überhaupt alles was auf sechs Füßen zappelte einzufangen in
seinem eignen Kerker Auf Kosten seiner unerfahrnen Finger unternahm er anfangs
auch die Biene an ihrem Hinterleibe aus ihrem Freudenkelche zu ziehen Die
bunten Arrestanten drängte er nun wie Fürsten alle Menschenklassen in eine
Hauptstadt sämtlich in einen schönen SalomonsTempel oder in eine Silberschlag
Noachitische Arche von Pappendeckel mit mehr Fenstern als Mauer zusammen Der
Baumeister dieses vierten salomonischen Tempels war nicht wie bei dem ersten
der Teufel oder der Wurm Lis1 sondern ein Mensch der leicht beiden glich der
sogenannte Kammerjäger Robisch Dieser Hintersasse des Rittmeisters besuchte
jährlich die besten Zimmer und Gärten des ganzen Landes um beide nicht sowohl
von ihren schlimmsten als von ihren kleinsten Bewohnern zu säubern von Mäusen
und Maulwürfen Ich will die GelehrtenRepublik eben nicht bereden dass dieser
Mausschächter so viele unterirdische Maulwürfe aus der Welt fortschickte als
jährlich schriftstellerische hineintreten um sich auf die Hinterfüsse zu setzen
und dann mit den Vorderfüssen die an beiden Maulwurfarten Menschenhänden
gleichen in den Buchläden und auf dem Leipziger Buchhändlermarkte ihre
Erdhäufchen als kleine Musenberge aufzuwerfen inzwischen bezahlt wurde
Robisch gerade so als habe der Kammerjäger alles Ungeziefer verjagt Denn die
Leute glaubten wenn man diesen Kelchvergifter der Nagetiere erbose und nicht
bezahle so mach er Moses Wunder nach und verdoppele durch dagelassene
Kolonien das Ungeziefer das man seinem Königs und Blutbann entziehe Ich will
von dieser morastigen Seele die sich nie meinem Gustav näher wälze mich
wegbegeben wenn ich geschrieben habe dass er oft im Falkenbergischen Hause war
dass er wenn Fremde da waren den Extra und Kasualbedienten und wenn
Rekrutenwildpret zu fangen war für den Rittmeister den Leitund machte und dass
er sich an den kleinen Gustav mit seinen Fabrikaten drängte Ein solches
Anhäkeln an Kinder ist ohne elterliche Kindlichkeit zweideutig Kinder aber
lieben Bediente besonders und Gustav vollends der schlechterdings auch später
nicht vermochte jemand zu hassen den er in seiner Kindheit lieb gehabt von
allen Untaten die Robisch an ihm verübt hätte wäre gleichwohl das Band der
Dankbarkeit für das elende Insektenstockhaus das den Wall entvölkerte nicht
entzwei gegangen
Was in der salomonischen Schlosskirche war und sumsete sollte Zucker
fressen weil Kinder ihn für das Vortisch und NachtischEssen ansehen und es
wären die schönsten Inhaftaten verhungert wenn nicht ihr Fronvogt Gustav vom
Kammerjäger noch einen Starmatz zum Geschenk bekommen hätte denn den Matz ließ
er auch in das Panteon hineinspringen und der frass alles was nichts zu
fressen hatte Wenn ich hier unter die Flügeldecken der Insekten und in den
Schnabel des Matzes die nächsten Reflexionen und die kühnsten Winke versteckt
habe so hoff ich man finde sich in dergleichen schön
Außer mir hatte wohl niemand Gustavs Namen so oft im Schnabel als der Star
der gleich Hofleuten nichts weiter im Kopfe hatte als ein nomen proprium Der
Kleine dachte der Star denke und sei so gut ein Mensch wie Robisch und liebe
ihn für alles daher konnt er sich nicht satt an ihm hören und lieben Er
konnte sich eben an nichts satt umarmen Bloß lebendige Geschöpfe waren sein
Spielzeug Der Pachter hatte dazu noch ein schwarzes Lamm gesellt das er mit
einem roten Band und mit Brotrinden um den Wall herumlockte Das Lamm musste wie
ein Dorfkomödiant alle Rollen machen bald musst es der Genius bald der Pudel
sein bald Gustav bald Robisch So spielte also unser Freund seine ersten
Erdenrollen Solo und war zugleich Regisseur Einbläser und Teaterdichter
Solche Komödien die sich Kinder machen sind tausendmal nützlicher als die die
sie spielen und wären sie aus Weisses Schreibtisch in unsern Tagen wo ohnehin
der ganze Mensch Figurant seine Tugend Gastrolle und seine Empfindung lyrisches
Gedicht wird ist diese Verrenkung der armen Kinderseelen vollends gefährlich
Indes ist es zuweilen auch nicht wahr denn ich machte den vollständigen Filou
bloß ein zwei oder dreimal in meinem Leben aber wirklich noch eh ich zum
erstenmal gebeicht hatte
Die Verordnung die ihn nicht vom Schlossberg hinunterliess unterschied sich
von den Verordnungen unserer transzendenten Eltern der Obrigkeit dadurch
rühmlich dass sie erstlich der Partei bekannt gemacht und zweitens dass sie
wenigstens 14 Tage lang gehalten wurde Gustav hätte für sein Leben gern sich
und das Lamm vom Walle hinab an den Fuß des Berges getrieben Da nun der
Rittmeister aus Quistorps peinlichen Beiträgen wusste dass man an die Stelle der
Verstrickung oder Konfination Einsperrung auf den Wall die Distrikt oder
Gebieträumung setzen kann so diktierte er die letzte Strafe statt der ersten
und sagte »Kann man denn nicht das Lamm des Pachters Regel Regina mitgeben
solang sie da am Berge weidet Meinetwegen kann der Junge mittreiben wenn ich
ihn nur immer im Gesicht behalte« Ich muss es noch abwarten was die
Reichsritterschaft dazu sagen oder schreiben wird dass ein Ehrenmitglied
derselben mein Held nachmittags um 4 Uhr sich allemal eine lange Haselgerte
abdrehte und damit ein Ochsenjunge wurde und neben der eilfjährigen Strössners
Regina die Schaf und Rindherde und das Lamm am Band mit solchem Stolze und mit
solchen JupitersAugenbraunen austrieb dass er leicht andeutete er lenke den
ganzen Stall und die Reichsritterschaft solle ihm nur jetzo kommen
Nur im tausendjährigen Reiche gibt es solche Nachmittage wie Gustav an der
Anhöhe gleichsam auf dem Schoße der Erde hatte Mein Vater hätte mich in die
Zeichenschule senden sollen könnt ich nicht jetzt die ganze Landschaft in
meinem Farbenstrom statt im Dintenstrom auffangen und hinausspiegeln Wahrhaftig
ich könnte jedes Gebüsch mit dem hineinschlüpfenden Vogel dem Leser in die Augen
zurückspiegeln jede lippenfarbige Rotbeere der FelsenAbdachung jedes von
Anflug überwachsene Schaf und jeden Baum den das Eichhörnchen mit zerbröckelten
Tannzapfen umsäete Inzwischen gibt es Dinge an denen wieder die Iltishaare des
Pinsels vergeblich bürsten die aber schön aus meinem Kiele rinnen das auf
Genüssen schwimmende Auge Gustavs schifft leicht hinüber und herüber zwischen
dem Lamme dem hellen Blumengrund mit der SchattenLandspitze und zwischen dem
ZauberGesichte Reginens und braucht nirgend wegzublicken
Warum sagt ich ein ZauberGesicht da es ein alltägliches war weil mein
kleiner Apollo und Schafhirt mit trinkenden Augen auf dieses Gesicht wie auf
eine Blume flog Unter einer Hirnschale wie seine zu welcher den ganzen Tag die
weiße Flamme der Phantasie und kein blaues BrannteweinFlämmchen des Phlegma
auffackelte musste jedes weibliche Gesicht mitvergüldeten Reizen in Götterfarbe
und nicht in Totenfarbe dastehen Alle Schönen hatten bei ihm den Vorteil noch
dass er sie nicht seit zehn Jahren sondern seit zehn Tagen sah Indessen ist das
nicht seine erste Liebe sondern nur ein Frühgottesdienst ein Vorfest ein
Protevangelium irgendeiner ersten Liebe mehr nicht
Zwei ganze Wochen trieb er sein Lamm auf die Weide eh sein Mut so weit
stieg dass er nicht sich neben ihr Strickzeug hinsetzte dies überstieg
Menschenkräfte sondern nur dass er das Schaf an seinem postillon damour
festhielt nicht um es zu Reginen hinzuziehen sondern um selber von ihm
hingezogen zu werden denn die beste Liebe ist am blödesten wie die schlimmste
am kühnsten Wie ein stillender Mond legte sich alsdann wenn sie mehr in seinen
Gedanken als in seinen Augen war ihr Bild an seine träumende Seele und so viel
war ihm genug Sein zweites Mittel ihr Akzessist zu werden war der runde
Schatten eines tiefer unten schwankenden Lindenbaums hinter dem die Abendsonne
wie hinter einem Jalousieladen sich zersplitterte Mit diesem Schatten rutscht
er nun der Regina immer näher unter dem Vorwand als mied er die eine Sonne
rückte er einer andern rötern zu Von solchen kleinen Spitzbübereien läuft die
Liebe über sie werden aber alle erraten und alle verziehen und sie werden oft
mehr vom Instinkt als vom Bewusstsein eingegeben Wenn freilich der Abend langsam
aus dem Tal sich in die Höhe richtete wenn die einschlummernde Natur in
abgebrochenen Lauten des zu Bette gegangnen Vogels gleichsam noch ein paar Worte
im halben Schlafe sagte wenn das Glockenspiel am Halse der Herde die
unschuldige Blumen der Freude aus Wiesen pflückte und der eintönige Guckguck
und das verwirrte Abendgeräusch die Tasten der leisesten Saiten gedrückt hatten
so nahm sein Mut und seine Liebe um ein Namhaftes und nicht selten in dem Grade
zu dass er den Kuchen den er für sie eingesteckt öffentlich aus der Tasche
holte und ohne Bedenken ins Gras legte um ihr wirklich den Antrag dieses
Backwerks zumachen sobald sie in der Dämmerung beim Schlosstor auseinander
mussten hier stieß er ihr die Schenkung mit hastiger Verwirrung zu und sprang
mit freudiger Beschämung davon Gelang es ihm ihr dieses Abendopfer zu
insinuieren so war jede Pulsader seines Arteriensystems ein entzückt klopfendes
Herz denn die Sprache und Freude seiner Liebe war Geben und unter seiner
Bettdecke pflanzte er die ganze Nacht kühne Plane auf morgen die der
NachmittagGlockenhammer mit vier Schlägen sämtlich bis auf ihre HerzWurzel
in die Erde schlug Sie tat immer das breite Halstuch ihrer Mutter um daraus
musste sein Philosoph von Verstand ableiten dass ihm später die großen Halstücher
der Damen gefielen die ich selber den vorigen Tändelschürzen des Halses
vorziehe aus dem nämlichen Grunde gefielen ihm wie mir auch breite Kopfbinden
und breite Schürzen Ich habe schon mit Philosophen Lhombre gespielt die es
umwandten und behaupteten alles das gefalle ihm nicht weil das Zeug an der
Schönheit Reginens war sondern weil die Schönheit am Zeuge war
Im Grunde schäm ich mich dass ich hier während die zerrissendsten
Bakkalaureen eintunken und den übrigen Bakkalaureen die feinsten Sponsalien von
Königinnen und Marquisinnen ausmalen meine Schreibmaterialien auf das Weiden
und Verlieben zweier Kinder verwende Beides lief bis in den Herbst hinein fort
und ich möchte es abschildern aber wie gesagt die Scham vor den Bakkalaureen
Und doch gönn ich dir winziger Träumer so sehr diese weiße Sonnenseite
deines Lebens an deinem Berge und dein Lamm und dein Auge Und ich möchte so
gern die Tage die vor dir vorüberlaufen und deinen kleinen Schoss mit Blumen
überlegen zum Stehen bringen damit der Leichenzug der bewaffneten Tage hinten
halten müsste die deinen Schoss entlauben können dein Lustölzchen lichten
dein Lamm stechen deiner Regina Dienstgeld zur Magd geben
Aber im Oktober fährt alles nach Unterscheerau und die Kinder wissen noch
nicht einmal dass es Lippen und Küsse gibt
O Wochen der vorersten Liebe warum verachten wir euch mehr als unsre
späteren Narrheiten Ach an allen eueren sieben Tagen die an euch wie sieben
Minuten aussehen waren wir unschuldig uneigennützig und voll Liebe Ihr schönen
Wochen ihr seid Schmetterlinge die aus einem unbekannten Jahre2 herüberlebten
um unserem LebensFrühlinge vorzuflattern Ich wollte ich dächte von euch noch
so entusiastisch wie sonst von euch wo weder Genuss noch Hoffnung an Grenzen
stockten Du armer Mensch wenn der zarte weiße die ganze Natur überzaubernde
Nebel deiner Kinderjahre herunter ist so bleibst du doch nicht lange in deinem
Sonnenlichte sondern der gefallene Nebel kriecht wieder als dichtere
Gewitterwolke unten rings am Blauen herauf und am JünglingsMittage stehest du
unter den Blitzen und Schlägen deiner Leidenschaften Und abends regnet dein
zerschljetzter Himmel noch fort
Fußnoten
1 Nach den Rabbinen half der Teufel den Tempel mit bauen und der Wurm nagte die
Steine zurecht
2 Die Schmetterlinge im Frühling haben sich durch das Zölibat aus dem vorigen
Jahre hergefristet die im Herbst sind Kinder des gegenwärtigen Jahres
Achter Sektor
Abreise weibliche Launen zerschnittene Augen
Da die Edelleute und Waldratten im Sommer das Land im Winter die Stadt
bewohnen so tats der Rittmeister auch denn die schöne Natur meint er und
sein Gerichtalter läuft am Ende auf nichts als auf ein Inventarium von Bauern
hinaus deren Ellbogen und Schenkel in einer Scheide halb von Zwillich halb von
aufgeflicktem Leder stecken auf Sumpfwiesen auf Brachfelder und auf
Schweinvieh und es gibt da nichts zu empfinden als Gestank in der Stadt
hingegen ist doch ein Stück Fleisch zu haben ein Spiel französischer Karten
einiger wahrer Spaß und ein Mensch Es ist jugendliche Unduldsamkeit einem
Manne der kein Gefühl für Musik und Gegenden hat auch das für fremde Not und
Ehre abzusprechen besonders dem Rittmeister
Noch viel wichtigere Gründe trieben ihn nach Scheerau er suchte da 13000
Rtlr eine Menge Rekruten und einen Hofmeister Den letzten zuerst Seine
Frau sagte »Gustav muss jemand haben es fehlt ihm noch an Lebensart« Aber
Hofmeistern fehlts nicht daran diese Infanten aus dem Alumneum die nichts
hebt als eine Kanzeltreppe die so lange die Seelenhirten des jungen Edelmanns
sind bis sie die Seelenhirten der Gemeinde werden welche ihr Zögling regiert
diese ErziehPoussierer sind imstande nicht bloß den Kopf des Junkers wie der
Vater hofft sondern auch den Rumpf desselben wie die Mutter hofft recht
gut zu formen und zu glätten erstlich ohne eigne Glätte zweitens in
Lehrstunden drittens mit Worten viertens ohne Weiber fünftens auf eine
sechste Art dadurch dass der Hofmeister das weiteste Löwenherz zu einem
schläfrigen Dachsherzen einkrempt
Der zweite metallische Sporn der den Rittmeister nach der Stadt forttrieb
war das Geld Niemand kam so leicht in den Fall ein Gläubiger sowohl als ein
Schuldner zu werden als er die halbe Nachbarschaft hatt er weil er weder
sich noch andern etwas abschlug zuletzt in seine Gäste und seine Schuldner
verwandelt aber jetzt verwandelte er darüber sich beinahe selber in beides
wenn nicht der Landesherr seinen zerrollenden Geldhaufen wieder aufbauete Er
musste also nach der Residenz Oberscheerau die missliche Bitte mitbringen dass ihm
jener 13000 Rtlr nicht sowohl schenken oder leihen das wäre zu machen gewesen
als bezahlen möchte als ein Kapitel von sieben Jahren Der scheerauische
Sophi hatte nämlich die Gewohnheit keine Geliebte abzudanken ohne ihr ein
Landgut oder ein Regiment oder einen gestirnten Mann mitzugeben er ließ von
einer Geliebten allzeit noch so viel übrig dass noch eine Ehefrau für einen
Ehetropfen daraus zu machen war wie der Adler und Löwe auch Fürsten der Tiere
allemal ein Stück vom Raube unverzehrt für anderes Vieh liegen lassen Mitin
trennte er sich auch von der Mutter seines natürlichen Sohnes des Kapitän von
Ottomar auf dem Rittergute Ruhestatt das er an einem Tage mit Falkenbergs
Gelde kaufte und verschenkte
Drittens wollte der Rittmeister in Scheerau seinen Unteroffizieren die
meistens da lagen ein paar Schritte ersparen denn er schlug zwar mit dem Stock
so leicht wie eine Dame mit dem Fächer zu aber er brach nicht gern einer
Heuschrecke das sechste Bein aus und daher schonte er die seiner Leute die
viere weniger hatten um so mehr
Endlich packen sie ein die Falkenbergischen wir wollen dabei sein Da
Falkenbergs Seele wie Uhren und Pferde nur unter dem Reisen nicht stockte so
war er am Abzugmorgen am frohesten und raschesten liebte keine Fortschreitung
durch Sekunden sondern durch Nonen fluchte über sämtliche Hände und Füße im
Schloss weil sie nicht flogen drückte und stauchte das weibliche Schiff und
Geschirr mit ehernen Händen in die nächste Schachtel hinein und hatte keine
andern abfahrenden Haarseile seiner ungeduldigen Langweile als seine Füße die
stampften und seine Hände mit denen er teils den Kutscher aus solchen Gründen
wie dieser die Pferde auswichste teils die Zurückbleibenden im Schloss
sämtlich recht gut beschenkte
Die Rittmeisterin aber weiß alles so komplett und vernünftig zu tun dass sie
mit nichts fertig wird Hätte sie drei Sprünge zu tun um dem herunterplumpenden
Monde auszuweichen so streifte sie doch eh sie spränge noch eine Falte aus
der Fenstergardine heraus beim Plätten wärs noch ärger Gleich Gelehrten
liegt sie neben dem Brotstudium noch einem Nebenstudium und Beiwerk ob und tut
mit jeder Sache die benachbarten mit »Ich kann nun einmal nicht so lüderlich
sein wie andre Weiber« sagte sie eben zum knirschenden Ehemann der acht stumme
Minuten ihr zusah »Ich wollt ins Teufels Namen lieber du wärest die
lüderlichste in der ganzen schriftsässigen Ritterschaft« sagt er Da sie nun
sooft sie Sturm und unrecht hatte bloß auf den zornigen Hyperbeln des andern
ankerte wie ich als appellatischer Sachwalter häufig muss so bewies sie auch
dasmal geschickt dass an lüderlichen Frauen wenig wäre und da einen hitzigen
Rittmeister nichts noch mehr aufbringt als ein stolzer Beweis dessen was er gar
nicht leugnet so gings wie allemal los die ZungenStreitflegel bewegten sich
seine Speicheldrüse ihre Tränendrüse und beider Lebern mit Gallenblasen
sonderten so viel ab als in christlichen Ehestunden gesondert werden muss aber
15 Minuten und 15 Packereien sogen wie Blutadern alle diese ehelichen
Absonderungen wieder ein Beim Abreisen hat kein Mensch Zeit sich zu erbosen
Sie war auf meine Ehre eine recht gute Frau aber nur nicht allemal zB
beim Abreisen am wenigsten sie wollte erstlich dableiben und keifte in alle
hörende Wesen hinein zweitens wollte sie fort Niemals wenn ihr Mann am Morgen
sich und seinem Hunde den Halsschmuck umlegte um Besuche zu machen begehrte
sie mit sie müsste denn die völlige Unmöglichkeit mitzukommen vorausgesehen
haben sondern wenn er am zweiten Tage nur ein Wort von einer Dame die mit
dagewesen schießen ließ so klagte sie ihm ihre Not »Unsereine riecht nun den
ganzen Sommer nicht aus dem Hause hinaus« Wollt er sie das nächste Mal
mitzwingen so war entsetzlich zu tun es war zu bleichen zu jäten
Fleischfässer und Serviettenpressen zuzuschrauben Wäschzettel und alles zu
machen oder das vorzuschützen »Ich bin am liebsten bei meinem Kleinen« Allein
ihre Absicht die wenige errieten war bloß an zwei Orten auf einmal zu sein
in und außer dem Hause und es ist für unsre Weiber schlimm wenn unsre
Philosophen und Männer nicht so viel einsehen wie die katholischen Philosophen
und Männer die kombrischen Ariaga Bekanus längst einsahn1 dass der nämliche
Körper leicht zur nämlichen Sekunde an zwei Orten oder mehren nicht nur auf
einmal sitzen reden wachsen sondern auch in der einen Stadt empfinden könne
indem er in der andern denkt zu gleicher Zeit in der Kirche lachen und in dem
Theater weinen könne
Extrablättchen
Sind die Weiber Päpstinnen
Alle Fragen dieses Blättchen tat ich an eine Äbtissin die lieber Münzen als
Fromme machen ließ Ist nicht die dreifache Krone des Papstes jetzt auf den
weiblichen Köpfen als eine vier fünffache da und schossen nicht ihre Hüte in
die Höhe wie Salat in den Hundstagen Ists nicht den Weibern selber schon
bekannt dass sie so untrüglich sind wie der Papst und wenn dieser es mehr in
dogmatischen als in historischen Dingen ist wie die Jansenisten glauben ist es
bei den Päpstinnen nicht umgekehrt Und wer hat den Mut eine zu widerlegen
die er nicht geheiratet Der Papst ist Gottes Vizekönig oder gar Gott selbst
wenn dem Felinus2 zu glauben sind aber die Päpstinnen nicht bekannte Göttinnen
Allerdings sagt ein Papst selbst Klemens VI dass er Engeln befehlen könne
jeden Kerl aus dem Fegefeuer in den Himmel zu spedieren3 brauchen aber unsre
Päpstinnen Engel dazu Bloß eine Woche brauchen sie um uns ins Fegefeuer und
eine Stunde um uns zurück in den Himmel zu werfen Marianus Soccinus welcher
behauptet4 dass ein Papst aus Nichts Etwas aus Unrecht Recht und aus allem
Henker allen Henker machen könne muss nur nicht glauben dass unsre Päpstinnen es
nicht auch vermögen und sind ihm ihre Ohrenbeichten nicht erinnerlich Wer
exkommuniziert seine Ketzer oder dispensieret seine Rechtgläubigen öfter
Päpste oder Päpstinnen Und wer macht heutzutage durchlauchtige Äbtissin
allmächtigere Augenbreven und Lippenbullen wer kreieret mehr Heilige mehr
Selige und mehr Nuntien a und de latere Petri Nachfolger oder Petri
Nachfolgerinnen Päpste sollen sonst immerhin Königreiche weggeschenkt oder
abgenommen haben beherrschen nicht Päpstinnen diese Königreiche Päpste
konnten von Amerika nichts verschenken als den Namen ist aber nicht das was
einige Päpstinnen von diesem Lande uns mitteilen etwas viel Reelleres
Könige die sonst von Päpsten gequält wurden werden jetzt von Päpstinnen
beglückt und wenn jene höchstens einen oder ein paar Könige schufen werden
nicht die Könige unter den meisten europäischen Tronhimmeln von Päpstinnen
gemacht und zwar in niedlichem Taschenformat bis sie aus der Taufschüssel nach
und nach heranwachsen dass sie so lang sind wie ich oder ihr Thron Küssen wir
ihnen nicht den Pantoffel öfter als dem seligsten Vater indem die zwei Arme vom
Professor Moskati zu Padua längst als zwei Vorderfüsse befunden worden auf deren
lederne oder seidene Schuhe wir alle Wochen unsre Lippen drücken Legen nicht
Papst und Päpstin den alten Namen ab wenn sie den Thron beschreiten den der
eine durch Alter die andre durch Jugend behauptet Und wenns wahr wäre dass
Papst und Päpstin ursprünglich nur Bischöfe einer Provinz eines Mannes sein
sollen und dass es weiter keine Päpstin gibt als die gute Johanna würd ich wohl
gerade das Gegenteil öffentlich in einem Extrablättchen oder heimlich zu Ihnen
zu sagen wagen durchlauchtige Äbtissin
Ende des Extrablattes
Fortsetzung des vorigen Sektors
Während ich die Äbtissin befragte kam ich von der wildlaunischen Rittmeisterin
weg Ich will setzen ich oder der Leser hätten sie geheiratet so würden wir
zwar dem Himmel danken an ihren Ringfinger unsern brillantierten Ring
geschraubt zu haben aber doch würden wir uns täglich wie man sieht mit ihr
herumzubeissen haben so gewiss bleibts dass nicht die weiblichen Laster sondern
die weiblichen Launen so viel Pferdestaub und Dornen in das Ehelager säen dass
oft der Satan darauf liegen möchte
Ohne Gustav der so viel zuschleppt kämen wir vor zehn Minuten nicht aus
dem Schloss Mein Leser malt sich ihn wider meine Erwartung ganz falsch vor
traurig nämlich weil er aus seiner KindheitErdenwiege aus seinem Adamsgarten
und von seinem Abendberge weichen soll So falsch Ein anderer Leser würde
sich ihn freudig denken weil für Kinder denen noch jede andre Szene eine neue
ist Reisen die Schöpfung eines neuen Himmels und einer neuen Erde wird und weil
die Phantasien eines Kindes noch keine kummerhaften sind Scheerau musste in
seinen Vermutungen durchaus die Stadt mit langen Häusern sein worin er mit
seiner Schwester gespielt Noch dazu wurde was allen Kindern eine
Naturalisationakte ist sein Spielmagazin eingeschifft sogar den Starmatz der
als geschüttelter Hierarch in der salomonischen Filialkirche auf und absprang
hielt er auf den stauchenden Knien Jeden Winkel des Schlosses bedauerte er samt
dem was darin war dass es nicht mit einsteigen dürfte dieses ganze
Konchyliengehäus kam ihm so eng so abgegriffen so abgeschossen vor Leute die
wenig gereist schauen ihre Stube in den Augenblicken der Abreise der Ankunft
und in den übrigen mit drei verschiedenen Gefühlen an aber für
Zugheuschrecken und Zuggeflügel sind die Kunststrassen und Residenzstrassen nur
Korridore zwischen den Zimmern
Schon eine halbe Stunde saß er auf dem nackten Kutschenkasten voraus mit
den Beinen in Gepäck eingekeilt und in zappelnder Erwartung wann die Pferde den
ersten Riss täten Endlich wurde die Wagentüre zugeworfen und alles rollte
dahin den Berg hinab den Gemeindeanger hinüber auf welchem der weissgeschälte
Baum der zur Kirchweih sich mit gerötelter Fahne und Bänderwimpeln noch einmal
in die Erde bohren sollte unserem Gustav ganz verächtlich wurde der jetzt in
Scheerau hundert schöneren Maienbäumen und Kirchweihen entgegenfuhr Aber als
es vor der an Freuden fruchtbaren Region seines Berges vorüberging so zog er
vom Trauergerüste der gestorbnen Nachmittage vom klingenden Vieh das am Gipfel
grasete von einem Weideadjunktus der ihm schlecht gefiel vom
zusammengetragenen Steinpferch in den er sein Lämmchen gestellt das nun ohne
Band und ohne Liebe droben stand und endlich vom Markstein auf dem sonst seine
Traute seine Schöne strickte davon freilich zog er die zurückgewandten Blicke
sehnend langsam weg »Ach« dacht er »wer wird dir Zitronenkuchen geben und
meinem Lämmchen Brotrinden Ich will euch aber schon alle Tage recht viel
herschicken«
Es war ein reiner Oktobermorgen der Nebel lag zusammengefaltet dem Himmel
zu Füßen der wegfliegende Sommer schwebte mit seinen blauen Schwingen noch hoch
über den Ästen und Blumen die ihn getragen und schaute mit dem weiten still
erwärmenden Sonnenauge den Menschen an von dem er Abschied nahm Gustav wollte
aus dem Wagen um den betaueten fliegenden Sommer der zartgesponnen wie ein
Menschenleben die Erde überzog zusammenzuwickeln und mitzunehmen Aber du
Mensch hängst so oft als stinkende Pest und Nebelwolke in die reine Natur
herein
Denn sie mochten kaum eine Stunde gefahren sein nach der er schon jedes
Dorf für Scheerau hielt Ich will aber erst angeben wos war Bei Issig
schrie er im Wald »O nun dort wird der schwarze Arm hineinlangen und mich
hinausziehen« Als sich der Alte noch darüber wunderte woher der Kleine wüsste
dass jetzt eine Armsäule komme die wirklich aus den Bäumen herauswies so fings
auf einmal darhinter an zu schreien »Ach meine Augen meine Augen« Den Kleinen
und die Mutter versteinerte der Schrecken aber der Rittmeister stürzte sich aus
oder durch den Wagen zerstiess die Gläser und prallte in den Wald hinein und
an ein kniendes feines Kind hinan aus dessen zerschnittenen Augen Tränen und
Wasser liefen »Ach tu mir nichts ich kann nimmer sehen« sagt es und griff
mit den Händchen um sich um die Lanzette wegzuschlagen die zu seinen Knien
lag »Wer hat dir denn das getan« sagt er mit der sanftesten vom heftigsten
Mitleid brechenden Stimme aber eh es sprach kam ein altes verwüstetes
Bettelweib näher und sagte im Gebüsch wär ein Bettler hingeschossen ders Kind
blenden hätte wollen um darauf zu betteln Allein das Kind krümmte sich mit
größeren Konvulsionen an seine Hand und sagte »O sie will mich wieder
schneiden« Der Rittmeister erriet die Spitzbüberei schljetzte den nächsten Ast
herab peitschte die Elende mit verfehlender Wut ins Angesicht und lief mit dem
Blinden auf dem Arm dem furchtsamen Wagen zu Es war ein herzerdrückender
Anblick der unschuldige Wurm mit feinen Zügen und Bewegungen in Lumpen und mit
rot eingerunzelten Augen
Fußnoten
1 Affirmant idem corpus existens in duobus locis habere posse utrobique formas
absolutes non dependentes ita ut hic moveatur localiter illic non hic
calidum sit illic frigidum etc hic moriatur illic vivat hic eliceret actus
vitales tum sensitivos tum intellectivos illic non Voetii disp teol TI
p432 Bekanus beschränkt es mit philosophischem Scharfsinn so weit dass ein
solcher Körper also eine Frau nicht an einem Orte fromm und zugleich am
andern gottlos sein könne dieses leuchtet mir auch ein
2 Wolfii lect memorab Cent XVI p 994 etc
3 loco cit
4 loco cit
Neunter Sektor
Eingeweide ohne Leib Scheerau
Nicht bloß Lügner und Lhombrespieler sondern auch Romanenleser müssen ein
gutes Gedächtnis haben um die ersten 10 oder 12 Sektores gleichsam als
Deklinationen und Konjugationen auswendig zu lernen weil sie ohne diese nicht
im Exponieren fortkommen Bei mir steht kein Zug umsonst da in meinem Buche und
in meinem Leib hängen Stücke Milz aber der Nutzen dieses Eingeweides wird schon
noch herausgebracht Da ein Romanschreiber wie ein Hofmann bloß darauf
hinarbeiten muss dass er seinen Freund und Helden stürze und in geladene Gewitter
führe so bild ich seit einem Quartale am Himmel hie ein graues Wölkchen das
schwindet dort eines das zerläuft aber wenn ich endlich alle Zellen des
Horizonts unsichtbar elektrisiert habe fass ich den ganzen Teufel in ein
Donnerwetter zusammen nach dem Abdruck von 14 Bogen kann der Setzer das
Krachen schon hören und setzen Im Grunde ist freilich kein Wort wahr aber
da andre Autoren ihre Romane gern für Lebensbeschreibungen ausgeben so wird es
mir verstattet sein zuweilen meiner Lebensbeschreibung den Schein eines Romans
anzustreichen
Das Kind gab statt seiner Geschichte bloß die Klagen über seine Geschichte
Es schien über sieben Jahre alt akzentuierte das Deutsche italienisch und sein
kränklich zarter blassroter Körper legte sich um seine Seele wie ein bleiches
Rosenblatt um das Würmchen darin Sein Vater hieß Doktor Zoppo kam aus Pavia
botanisierte sich aus Italien nach Deutschland und ließ die Kleinen unterwegs
gelbe Blumen reißen Der blinde Amandus wollte in diesem Walde auch Kräuter
pflücken aber die teuflische Augenärztin traf ihn half ihm gelbe Blumen finden
und lockte ihn damit so tief in den Wald hinein dass sie ihm Kleider und Augen
rauben konnte
Gustav fragte ihn jede Minute ob er noch nicht sähe schenkte ihm sein
Morgenbrot damit er nicht mehr weinen sollte und konnte seine Blindheit da
seine Augen so offen waren nicht begreifen Im nächsten Landstädtchen ließ sich
Falkenberg rasieren und Amandus verbinden Ich sah einmal auf der letzten
Station vor Leipzig eine so reizende Querbinde über der Stirn und dem Auge eines
Mädchens dass ich wünschte meine Frau würde von Zeit zu Zeit dorthin geritzt
weil es nett ausfällt hingegen Amandus Verband über zwei Augen machte ihn zu
einem Kinde des Jammers
Da Amandus in besserer Einkleidung und mit der traurigen Binde im Wagen saß
konnte Gustav gar nicht zu weinen aufhören und wollte ihm seinen Matz
herauslangen und schenken denn nicht die Größe sondern die Gestalt des Leidens
bestimmt das Mitleiden
Wenige Menschen die nach Scheerau fahren werden das närrische Glück haben
dass ihnen zwei Stunden davor ein einsamer Magen ohne den PertinenzMenschen
aufstösset Falkenberg und seine Leute und Pferde hatten dieses Glück Es kam
angefahren der Magen das dünne und dicke Gedärm die Leber worin die Fürsten
ihre Galle sieden die Lunge deren Luftbläschen die fürstliche Gallenblase
sind wie die Luftröhre der Gallengang derselben ist und das Herz aber kein
Leichnam kam mit denn der Leichnam der regierender Herr von Scheerau war lag
schon in der Erbgruft Dieser ganze Magen verdaute so viel wie sein Gewissen
nämlich ganze Hufen Landes und besser als sein dünner Kopf dem Wahrheiten und
Gravamina eine schwere Speise waren die papinianische Magenmaschine blieb noch
im Alter feurig als schon alles andre kindisch war Er ritt kurz vor seinem
Tode stundenlang einen Kammerherrn den er wohl leiden konnte gleichwohl
schob er wie ein ganz Verständiger den Teller und das Glas weg wenn nicht der
alte rechte Inhalt in beiden war Hinter dem Eingeweidesarge dem
Reliquienkästchen des Unterleibes fuhren der Obristküchenmeister einige
Beiköche der Hofkellereiadjunkt und noch größere Glieder des Hofetats zB
der Medizinalrat Fenk Dieser und Falkenberg bemerkten einander nicht Letzter
stieß heute auf lauter Seltenheiten auf den Doktor den er in Italien und den
Fürsten den er noch auf der Erde suchte Die gekrönten insolventen Eingeweide
die ihm auf diese Weise das Geld nicht zahlten verwickelten ihn nun mit dem
Kronerben in ein Gläubigergefecht
Der Leichenzug des fürstlichen Gedärms ging in die Abtei Hopf wo das
Erbbegräbnis derer fürstlichen Glieder war die wenn dem Plato ein Wort zu
glauben ist wahres Vieh sind und mit denen der Mensch er überschnüre sie mit
Ordenbändern oder Tragriemen allemal seine Höllennot hat Ich will der
Darmkapsel nur drei Schritte nachziehen weil der Medizinalrat jetzo nach
seiner lustigen Sitte an allen Orten in Theater und Kirchenlogen und
Gastöfen nur in seinem Museum nicht zu schreiben in der Begräbniskirche der
Eingeweide seine Schreibtafel aufwickelte und Sachen hineinschrieb die
wahrhaftig so lauten »Da Fürsten sich an mehren Orten auf einmal beerdigen
lassen wie sie auch so leben so möcht ichs auch allein nicht anders als so
mein Magen müsste in die Episkopalkirche beigesetzt werden meine Leber mit
ihrer bitteren Blase in eine Hofkirche das dicke Gedärm in ein jüdisches
Betaus die Lungenflügel in eine Simultan oder doch Universitätkirche das
Herz in die triumphierende und die Milz in ein Filial Wenn ich aber erster
Leichenprediger eines gekrönten Unterleibes wäre so hätt ich einen andern
Gang ich nähme den Schlund zum Eingange der Trauerrede und den Blinddarm zum
Beschluss Und könnt ich nicht in den drei Teilen der Predigt die drei
Konkavitäten durchgehen darin die edleren Teile des Körpers flüchtig berühren
und endlich auf den letzten Wegen desselben mich weinend und preisend aus dem
Staube machen Denn so scherzt man hienieden« Es gibt einen poetischen
Wahnsinn aber auch einen humoristischen den Sterne hatte aber nur Leser von
vollendetem Geschmack halten höchste Anspannung nicht für Überspannung
Der Falkenbergische Reisezug kam in Scheerau abends an abends der
schönsten Zeit um anzulangen daher so viele abends in der andern Welt
anlangen Gustav schien schon dort gewesen zu sein während seiner Entführung
Da aber von meinen Lesern die wenigsten der Schönheit wegen nach Scheerau sind
entführt worden und sie also die Stadt nicht kennen so soll sie ihnen der
zehnte Ausschnitt vorzeigen
Zehnter Sektor
Ober Unterscheerau Hoppedizel Kräuterbuch Besuchbräune Fürstenfeder
Es ist noch keinem Geographen und Oberkonsistorialrat das Unglück begegnet das
Herr Büsching hatte dass er in seinem topographischen Atlas ein ganzes gutes
Fürstentum ausliess das auf der wetterauischen Grafenbank mit sitzt und Scheerau
heißt das nach dem Reichsmatrikularanschlag 89 zu Ross und 923 zu Fuße und
zum Kammerzieler 21 Fl l19 Xr gibt das unter Karl IV gefürstet wurde das
seine fünf hübschen Landesstände hat die allerhand zu sagen aber nichts zu tun
haben nämlich den Kommentur des deutschen Ordens die Universität die
Ritterschaft die Städte und die Dörfer und das unter andern Einwohnern auch
mich hat Ich möchte nicht an der Stelle eines solchen SchreibMannes sein der
sonst in jede Sackgasse mit seinem geographischen Spiegel kriecht um sie
zurückzuspiegeln der aber hier ein ganzes Fürstentum samt seinen fünf
paralytischen Landständen rein übersprungen hat ich weiß wie es ihn kränkt
aber nun da ich mit der Welt darüber gesprochen ist ihm nicht mehr zu helfen
Die Hauptstadt Scheerau besteht eigentlich aus zwei Städten aus Neu oder
Oberscheerau wo der Fürst residiert und aus Alt oder Unterscheerau wo der
Rittmeister logiert Ich meines Orts bin längst überzeugt dass die Sachsenhäuser
nicht halb so weit von den Frankfurtern abstehen als die Altscheerauer von den
Neuscheerauern in Ton Gesicht Kost und allem Der Neuscheerauer hat Hofton
genug um Anstand und Schulden und Wut zu ausserhäuslichen Freuden zu haben und
doch wieder zu viel Kanzleiton weil alle höchste Landeskollegien da sind um
nicht überall steife Subordination entweder anzuerkennen oder abzufodern und um
nicht aus dem Kammerherrn in den Kanzelisten und Rechnungrevisor zurückzufallen
Das sieht nun der Altscheerauer ein Der Neuscheerauer hingegen sieht ein dass
jener folgende Züge hat wenn in China die Mäuler einer Tischgenossenschaft sich
wie ein Doppelklavier zu gleicher Zeit bewegen müssen wenn in Monomotapa das
Land dem Kaiser nachzuniesen pflegt so gehe man nach Altscheerau wo es noch
viel besser ist in derselben Minute müssen alle Gassen weinen husten beten
laxieren hassen und pissen ihre Konduitenliste sieht wie eine Partitur aus
aus der alle das nämliche Stück nur mit verschiedenen Instrumenten und Stimmen
spielen bloß in der Musik regiert sie einiger wahre Freiheitgeist und keiner
bindet seinen Ellen oder Fiedelbogen oder Tangenten sklavisch an seines
Nachbars seinen sie hassen schöne Wissenschaften so sehr wie sich
untereinander unfähig gesellschaftliches Vergnügen zu entbehren zu
veranstalten zu genießen unfähig zu wagen einander offen zu hassen und zu
lieben und zu ertragen bohren sie sich in ihre Geldhügel und achten öffentlich
den Reichsten und geheim den Verwandten oder gar niemand ohne Geschmack und
ohne Patriotismus und ohne Lektüre
Ich mach es aber gar zu toll kein Leser wird hinter dem Rittmeister einen
Fuß nach Unterscheerau setzen wollen Ihr größter Fehler ist dass sie nichts
taugen aber sonst sind sie fleißig voll lauter Kaufleute entaltsam und fegen
die Gassen und Gesichter hübsch Residenzstädte haben wie Höfe
Familienähnlichkeit aber Landstädte haben je nachdem nicht kaufmännische
militärische juristische bergmännische seemännische Säfte in ihnen rinnen
ein verschiednes Vollgesicht und Halbgesicht
Vor der überblechten Haustür des Professors der Moral Hoppedizel stieg die
Falkenbergische Schiffgesellschaft aus ihrer fahrenden Arche sie hielt in des
Professors zweitem Stockwerk gewöhnlich ihr Winterquartier Gleich hinter der
Haustüre stieß der Rittmeister auf ein tolles Melodrama Nämlich der
Flössinspektor Peuschel lehnte sich an die Wand und vomierte und schimpfte und
wechselte mit beidem regelmäßig wie mit Pentameter und Hexameter Der
Professor der Moral schrieb mit einem uneingetunkten Finger ruhig die Züge
folgender Worte an die Wand die er unaufhörlich ablas »Ekelhaft wars wohl
verteufelt ekelhaft« Jeden andern hätte ein eintretender alter Freund wie
Falkenberg sogleich in der ganzen Szene gestört aber der Professor war nicht
aus seinem Spaß zu ziehen sondern hob seine Umhalsung in unverändertem Tone mit
dem Rapport des gegenwärtigen Vorfalls an »gegenwärtiger Herr Flössinspektor
Peuschel« begann Hoppedizel »zeche gern Wein nämlich es habe nichts
verfangen dass die Frau Inspektorin« denn schonende Diskretion war nie auf
Hoppedizels Lippen »ihn habe umbessern wollen durch einen lebendigen Frosch den
sie in seinem Weine krepieren lassen Er selber habe daher heute Hand angelegt
ihm das Nippen zu verleiden Denn er habe zum Glück einen Blasenstein so dick
wie eine Muskatellerbirn aus einem Universitätkadaver geschnitten den hab er
zu einer Trinkurne ausgebohret und Herr Peuscheln weisgemacht aus Lava sei sie
und heute habe er seinen vomierenden Freund echten ungarischen Ausbruch daraus
saugen lassen damit es ihn nun geekelt und zu einem andern Ausbruch genötigt
hätte hab ers vor einem Paar Minuten dem Patienten klar dargetan dass das
vulkanische Spitzglas wahrer Harn oder Nierenstein gewesen Und er hoffe sein
Freund schlage sich das urinöse Steingut eine Zeitlang nicht aus dem Kopf« Der
Professor ging den Inspektor an ihm den Gefallen zu tun und sobald der Ekel
nachliesse heute abends in der Gesellschaft des Herrn Rittmeisters zu einem
Löffel voll Suppe dazubleiben
Man komme noch so oft in gewisse Häuser so erblickt man alles revidiert und
umgesetzt und umgestürzt aber im Hoppedizelschen am meisten und des
Rittmeisters Winterlager sah immer aus wie ein Gartenhaus im Winter Menschen
von feinem Gefühl bezaubern durch eine gewisse zärtliche Aufmerksamkeit auf
kleine Bedürfnisse des andern durch ein Erraten seiner leisesten Wünsche durch
eine stete Aufopferung ihrer eignen durch Gefälligkeiten deren seidenes
Geflecht sich fester und sanfter um unser Herz herumlegt als das schneidende
Liebeseil einer großen Wohltat Hoppedizel bediente sich weder des Flechtens
noch Seiles und fragte nach nichts Es war nicht Abwesenheit des feinen Gefühls
sondern Ungehorsam gegen dasselbe dass er wenn der Rittmeister die erste Woche
Quartier und Verleiher verfluchte dazu lachte
Der zarte Amandus bewohnte den ganzen Abend das Siechbett und Gustav kroch
an seine Seite um mit ihm zu spielen Wie heitern uns im steinichten Arabien
der hassenden Welt Kinder wieder auf die einander lieben und deren gute kleine
Augen und kleine Lippen und kleine Hände noch keine Masken sind
Am andern Tage nahm beide Kinder ein Zufall wieder auseinander Der
Rittmeister führte sie durch alle Gassen der Stadt wie durch eine Bildergalerie
und hielt endlich mit den zwei Herzensmilchbrüdern vor seines Freundes des
Doktor Fenks Hause still und sah sehnend das Gemälde desselben an es bildete
eine DoktorsKutsche vor mit einem Arzt innen mit dem Tode vorn der in die
Gabel eingespannt war und mit dem Teufel oben der auf dem Bock saß »Der
gute Narr« dacht er »könnt auch einmal aus seinem Italien abziehen und
seinen Freunden eine Freude machen« Denn er wusste von seiner Ankunft nichts
»Mandus Mandus lauf rauf« schrie plötzlich ein zappelndes Mädchen oben und
kam selber gesprungen und zerrte und guckte am Kleinen Der gutmütige
Rittmeister wanderte gern aus dem großen Parterre den Kindern nach ins vertraute
Haus und seine Verwunderung über alle Zeichen der Rückkehr Fenks endigte nichts
als der hereinbrechende Doktor selbst Dieser prallte vom halben Wege zu seiner
Umarmung auf den kleinen Blinden zurück und riss unter Tränen und Küssen die
Bandage auf besah die Augen lange am Fenster und sagte nach einem tiefen
Atemzug »Gott Lob und Dank er wird nicht blind« Erst jetzt schlug der Doktor
seine Arme mit doppelter Wärme um den Freund »Verzeihs es ist mein Kind«
Gleichwohl nahm er Amandus wieder ans Licht und beschauete ihn noch länger und
sagte mit hinaufgezogenen Augenbrauen »Bloß die Sclerotica scheint lädiert die
Okulistin zapfte die wässerige Feuchtigkeit heraus In Pavia sah ichs alle
Wochen an Hunden denen die Zahnärzte unsre medizinischen Lehnsvettern die
Augen aufschnitten und eine dumme Salbe daraufstrichen Wenn nachher die
Feuchtigkeit und das Gesicht von selber wiederkamen so hatt es die Salbe
getan«
Ich übergehe den Strom von gesprächiger und freudiger Ergiessung beider
Freunde vor dem sie kaum mehr hörten und sahen am wenigsten die Uhr »Ach sie
kommen« sagte Fenk nämlich die Gäste Da meine Leser Verstand genug haben
so können sie mich hoff ich auserzählen lassen eh sie ihre Zornrute gegen
den bildlichen Steiss des Doktors hinter dem Spiegel vorholen
Niemand als er hasste so brennend das Enge das Unduldsame und Kleinstädtsche
der Unterscheerauer womit sie sich ein so kurzes Leben verkürzten und ein so
saueres versäuerten »Mich ekelts von ihnen gelobt zu werden« sagt er nicht
bloß sondern er erboste auch gern mit dem schlimmsten Anstrich seiner reinsten
Sitten alles von einem Tore zum andern indes vermocht er aus HerzensWeichheit
mehr nicht zu ärgern als die ganze Stadt in grosso einen allein nie Deswegen
grassierte er am zweiten Morgen seiner Ankunft wie eine Influenza von einem
Hause zum andern und bat alle Muhmen Basen Blutfeinde Leute die ihn nichts
angingen als die liebe Christenheit zB den Flössinspektor Peuschel den
Lottodirektor Eckert mit seinen vier Spätbirnen von Töchtern und was nur
unterscheerauschen Atem hatte das bat er sämtlich zusammen auf den Nachmittag
auf eine Reiseseltenheit nämlich auf ein Herbarium vivum das er zeigen werde
»es sei kein lebendiges Kräuterbuch sondern etwas ganz Besondres und von den
Gletschern wäre das Beste her«
Diese kamen eben jetzo alle nicht weil sie das geringste nach einem
Kräuterbuch fragten sondern weil sie es doch sehen wollten und die Haushaltung
des unbeweibten Doktors nebenbei Ich muss den europäischen Höfen so viel
gestehen dass sich die Landsmannschaft und Basenschaft mit Grazie hineinhustete
hineinfegte und räusperte und den vier Spätbirnen fehlt es nicht an Welt
sondern sie machten statt der Verbeugung eine Vertiefung und bewegten sich sehr
gut steilrecht Der Hauswirt trug alsdann zwei lange Kräuterfolianten herein und
sagte freundlich er wolle gern alles herweisen nun zündete er die Hölle an
in die er die Gesellschaft warf er kroch mit Raupenfüssen und Schneckenschleim
von Blatt zu Blatt des Buches sowohl als des Krautes er zeigte nichts
oberflächlich er ging die Pistillen die Stigmen die Anteren eines jeden
Gewächses genau durch er sagte er würde sie ermüden wenn er weitläufiger
wäre und beschrieb also Namen Land Naturgeschichte eines jeden Grases ganz
kurz alle Gesichter brannten alle Rücken brühten sich alle Fusszehen
zuckten Vergeblich versuchte eine Base dem blinden Amandus mit den Augen
nachzulaufen um nur etwas Animalisches zu ersehen der Kräuterkenner befestigte
sie an einen neuen Staubbeutel den er gerade anpries Schon bis an die
Pentandria hatte er seinen Klub geschleift als er sagte »Der heutige Abend
soll uns nahe um die Dodecandria finden aber Schweiß und Fleiß kostets« Er
wurde beim allgemeinen Jammer über einen solchen FegfeuerNachmittag
dergleichen noch kein Scheerauer erlebt hatte immer vergnügter und sagte ihre
Aufmerksamkeit feuere am meisten ihn an Gleichwohl ließ sich die
botanischen Magistranden aus einem Blatte ins andere martern und wollten
verbindlich bleiben bis der Rittmeister ob er gleich den Scherz erriet
teufelstoll wurde und fort wollte Der Doktor sagte »den zweiten Folianten
müsst er ohnehin für eine andre Stunde versparen aber er wünschte sie kämen
bald wieder das soll ihm erst ein Beweis sein dass es ihnen heute gefallen«
Der bloße Gedanke an den zweiten Torturfolianten wogegen der Teresianische
Kodex mit seinen Folterabrissen nur ein Taschenkalender mit Monatkupfern ist
führte etwas von einem Fieberschauer bei sich So hatten sie also einen ganzen
halben Tag schändlich ohne eine Verleumdung ohne eine Erzählung verloren die
hätte nach Haus können mitgebracht und von da weitergegeben werden Die älteren
Damen besuchten Konzerte und Bälle gewöhnlich aber gar nicht um gesehen zu
werden sondern um zu sehen und darin physiognomische Fragmente zur Beförderung
der Menschenkenntnis obwohl nicht der Menschenliebe auszuarbeiten ja sie
besuchten auch ihre erklärten Feindinnen gern wenn über eine abwesende Feindin
loszufallen war wie Wölfe die einander fliehen sich doch verbunden zum Tode
eines andern Wolfs Ich habe immer mit Vergnügen bemerkt wie ein Paar
Scheerauerinnen sich einander so herzlich und mit reiner Freundschaft dann
mitteilen wenn sie gerade das geheimste Schlimme von einer dritten auszupacken
haben Nur wenn zwei auf dem Kanapee nicht mehr nebeneinander sitzen sondern
sich die Gesichter statt der Hüften zuwenden so mag ich der nicht sein den sie
gerade handhaben
Extrazeilen über die Besuchbräune die alle Scheerauerinnen befällt bei dem
Anblick einer fremden Dame
Männern schadet daselbst der Anblick einer fremden Dame wenig bloß alle
Friseure und Barbiere kommen später als sonst auf dem Billard zeichnen die
Queues oder die Tabakpfeifen ihre Gestalt in die Luft und die Lehrer des
löblichen Gymnasiums hören gar nicht darauf Hingegen die Weiber
Auf der Insel St Kilda geschieht wenn ein Fremder da aus dem Schiff
aussteigt ein Unglück das noch kein Philosoph erklären konnte das ganze Land
hustet seinetwegen1 Alle Dörfer alle Körperschaften alle Alter husten kauft
sich der Passagier etwas ein so umhustet ihn der Nährstand unter dem Tor tuts
der Wehrstand und der Lehrstand hustet in seine Lehren hinein Es hilft gar
nichts zum Arzt zu gehen der bellt selber ärger als seine Kunden und ist sein
eigener Kunde
In Unterscheerau ist dasselbe Unglück aber größer Eine fremde Dame setze
ihren netten Fuß in das Postaus in den Konzert oder Tanzsaal in irgendein
Visitenzimmer sogleich sind alle Scheerauerinnen genötigt zu husten und was
allzeit von einem schlimmen Hals herkommt leiser zu reden allen fliegt die
Bräune an dh die angina vera An den armen Damen erscheinen alle Zeichen der
giftigsten Halsentzündung Hitze daher das Fächern Kälte schweres Atemholen
Phantasien aufgeblähte Nasenflügel steigender Busen Kühlende Mittel Wasser
Entledigung der Luftröhren tun den Patientinnen noch die besten Dienste Ist
aber welches der Himmel abkehre die eintretende Fremde die schönste die
bescheidenste die reichste die geehrteste die am meisten gefeierte die
geschmackvolleste so wird keine einzige Leidende im Krankensaale kuriert ein
solcher Engel wird ein wahrer Todesengel und man sollte am Tor gar keine Fremde
von Verdienst einpassieren lassen
Die Besuchbräune grassiert wie jede andre am meisten im Herbste und Winter
unter den Winterlustbarkeiten und Wintergästen Diese Bräune schreibt Witz
oder Verstand zwei Gründen zu erstlich den äußern oder Schalenverdiensten
innern nie so glaubt auch Unzer dass Schaltiere auf den Hals am meisten
wirken daher zB Austern schweres Schlucken kalzinierte Krebse gegen
Wasserscheu Dunst von Krebsen Stummheit Skorpionen Zungenlähmung wirken Der
zweite Grund ist dass Damen in einer Stadt wie auf einem Isolatorium wohnen und
dass wenn eine Fremde die mit ihnen sich nicht in Rapport gesetzt die
manipulierten Klairvoyanten berührt oder auch nur in der Ferne von ihnen steht
diese lauter hässliche Empfindungen in allen Gliedern spüren
Ende der Extrazeilen
Den weggehenden Scheerauerinnen gab Fenk nach dem botanischen Gottesdienste noch
die Nachricht als einen Altarsegen mit nach Haus bei welchem er das Kreuzmachen
ihnen selber überließ »dass die beiden Kinder die man gesehen den Kleinen und
die Kleine keine andere Wiege gehabt als den Reisewagen dass aber er
gegenwärtig Pestilenziarius samt Medizinalrat geworden jedoch nur Frauen
kurieren wolle und mit der Zeit eine ehelichen und er bitte inständig«
Wenn die Unterscheerauer etwas das süß sauer und toll zugleich scheint
vorbekommen so horchen sie erstlich auf dann lächeln sie an dann sinnen sie
nach dann sehen sie es nicht ein dann mutmaßen sie drei Tage danach nichts
Gutes und endlich werden sie darüber recht aufgebracht Fenk fragte nichts
danach und sagte von Zeit zu Zeit etwas was sie nicht verstanden oder er
selber nicht
Er erklärte alsdann dem Rittmeister und ich dem Leser alles Die
aufgeklebten Kräuter sagt er hielten von nun an alle Basen und Tröpfe und
Visitenameisen von seiner Stube ab wie umzäunender Hanf die Raupen vom
Krautfeld Seine Reisegeschichte und ein paar Rätsel daraus zeig er nur halb
weil man sich für die Menschen am meisten interessiere an denen man noch etwas
zu erraten suche und die neugierigen Patientinnen würden die seinigen sein
Ob er verheiratet sei wiss er selber nicht und andere solltens auch nicht
wissen weil man ihn in alle Häuser wo ein Warenlager von Töchtern steht als
Arzt hineinrufen werde damit er als Bräutigam wieder herausgehe Endlich
nehm er deshalb nur weibliche Kranke an weil diese die häufigsten wären weil
man zu ihm für diese ausschliessende Praxis ein besonderes Zutrauen fassen würde
weil dieses Zutrauen das ganze Dispensatorium eines Weiberdoktors sei weil die
meisten Krankheiten der Weiber bloß in schwachen Nerven und deren ganze Kur in
Entaltung von Arzeneien bestände weil Apoteken nur für Männer nicht für
Weiber wären und weil er sie ebensogern anbetete als kurierte
Ein anderer Punkt war der wienach er so geschwind nach Scheerau und so
geschwind zum Medizinalrat gekommen Es ist so der Erbprinz der jetzt auf dem
hohen Tronkutschersitz mit dem Staatwagen zum Teufel fahren wird liebt
niemand auf seiner Reise spottete er über seine Mätressen seine Freundschaft
ist nur ein geringerer Grad von Hass seine Gleichgültigkeit ist ein größerer
den größten aber der ihn wie Sodbrennen beisset hegt er gegen seinen
unehelichen Bruder den Kapitän von Ottomar Fenks Freund der zu Rom in der
schönsten natürlichen Natur sowohl als artistischen geblieben war um im Genuss
und Nachahmen der römischen Gegenden und Antiken zu schwelgen Ottomar schien
ein Genie im guten Sinne und im bösen auch Er und der Erbprinz ertrugen
einander kaum in Vorzimmern und waren dem Duelle oft nahe Nun hasset der
scheerauische Grossfürst auch den armen Fenk erstlich weil dieser ein Freund
seines Feindes ist zweitens weil er dem dritten Bruder des Erbregenten einmal
das Leben und mithin die Apanagengelder wiedergab drittens weil der Fürst weit
weniger oder gar keine Gründe brauchte um jemand zu hassen als um zu lieben
Nun wäre der Doktor schon unter der vorigen Regierung deren Magen uns
entgegenfuhr gern Medizinalrat geworden unter der künftigen Regierung deren
Magen sich noch in Italien füllte war wenig zu machen Der Doktor suchte also
sein Glück noch ein paar Wochen vor der neuen Krönung festzupflanzen Er fand
den alten Minister noch der sein Gönner war und dessen Gönner der Erbprinz aus
dem Grunde wenig war aus welchem Erbprinzen gewöhnlich glauben dass sie die
Kreaturen des verstorbenen Vaters ebensowohl nur delikater und langsamer unter
die Erde bringen müssen als wilde Völker die auf den Scheiterhaufen des Königs
auch seine Lieblinge und Diener legen Als Fenk kam machte ihn der verstorbene
Regent zu allem was er werden wollte denn es war so
Da der selige Landesvater ein Landeskind im physiologischen Sinne geworden
war dh wieder so alt als er gewesen da man ihm das erste Ordenband statt
eines Laufbandes umflochten nämlich 612 Jahr so wurde dem Fürsten das ewige
Unterschreiben seiner Kabinettdekrete viel zu sauer und zuletzt unmöglich Da
er indessen doch noch regieren musste als er nicht mehr schreiben konnte so
stach der Hofpetschierstecher seinen dekretierenden Namen so gut in Stein aus
dass er den Stempel bloß einzutunken und nass unters Edikt zu stoßen brauchte so
hatt er sein Edikt vor sich Auf diese Weise regierte er um 15 Prozent
leichter der Minister aber um 100 Prozent welcher zuletzt aus Dankbarkeit
um dem geschwächten Fürsten sogar das schwere Handhaben des Stempels abzunehmen
das schöne Petschaft er zog es MichelAngelos seinem vor selber in sein eigenes
Tintenfass eintunkte so dass der alte Herr ein paar Tage nach seinem eignen Tode
verschiedene Vokationen und Reskripte unterschrieben hatte aber dieser
Poussiergriffel und Prägstock der Menschen wurde der Legestachel und Vater der
besten Regierbeamten und laichte zuletzt den Pestilenziarius
Extragedanken über Regentendaumen
Nicht die Krone sondern das Tintenfass drückt Fürsten Grossmeister und
Kommenturen nicht den Zepter sondern die Feder führen sie mit so vieler
Beschwerde weil sie mit jenem bloß befehlen aber mit dieser das Befohlne
unterschreiben müssen Ein Kabinettrat würde sich nicht wundern wenn ein
gequälter gekrönter Skribent sich wie römische Rekruten den Daumen amputierte
um nur vom ewigen NamenMalen wie diese vom Kriege loszukommen Aber die
regierenden und schreibenden Häupter behalten den Daumen sie sehen ein dass das
Landeswohl ihr Eintunken begehrt das wenige Unleserliche aus
Kabinettbefehlen was man ihren Namen nennt macht wie eine Zauberformel
Geldkästen Herzen Tore Kaufläden Häfen auf und zu der schwarze Tropfe ihrer
Feder dünget und treibet oder zerbeizet ganze Fluren Der Professor Hoppedizel
hatte da er erster Lehrer der Moral beim scheerauischen Infanten war einen
guten Gedanken wiewohl erst im letzten Monat könnte der Oberhofmeister nicht
dem Unterhofmeister befehlen dass er den KronAbcschützen der doch einmal
schreiben lernen müsste statt unnützer Lehnbriefe lieber mitten auf jedem leeren
Bogen seinen Namen schmieren ließe Das Kind schriebe ohne Ekel seine
Unterschrift auf so viele Bogen als es in seiner ganzen Regierung nur bedürfe
die Bogen legte man bis zur Krönung des Kindes zurück und dann fuhr er fort
wenn es genau überschlagen wäre wie oft ein Kollegium seinen Namenzug jährlich
haben müsste wenn folglich am Neujahrtage die nötige Zahl signierter Ries Papier
zum Gebrauche aufs ganze Jahr den Kollegien zugeteilt würde was hätte nachher
das Kind unter seiner Regierung für Not
Ende der Extragedanken
Noch ein Wort nach neun Wochen tat dem Doktor die Rache mit dem Kräuterbuche
wie jedem guten Menschen die kleinste wieder wehe »Das Herbarium« sagte er
Ȋrgert mich sooft ich hineinklebe aber es ist gewiss wahr ein Mann sei
immerhin durch alle Residenzstädte bescheiden passiert unter dem Tor seiner
Vaterstadt fährt der Hochmutteufel in ihn und macht mit ihm die ersten Besuche
seine guten Landsleute will er haben sollen während seiner Reise vernünftig
geworden sein«
Fußnoten
1 Sogar Kinder im Mutterleibe S Allgem deutsche Bibl Bd 67 S 138
Eilfter Sektor
Amandus Augen das Blindekuhspiel
Die Sympatie welche Erwachsene in der ersten Viertelstunde ablaktiert fügt
auch oft Kinder aneinander Unser Paar lief einander täglich über vierzigmal in
die Arme und herzte sich Ihr guten Kinder seid froh dass ihr eure Liebe noch
stärker ausdrücken dürfet als durch Briefe Denn die Kultur schneidet dem
Ausdruck der Liebe das Gebet des Körpers immer kleiner vor diese hagere
Gouvernante nahm uns erstlich den ganzen Körper dessen weg den wir lieben
dann die Hand die wir nicht mehr drücken dürfen dann die Knöpfe und die
Achseln die wir nicht mehr berühren dürfen und von einer ganzen Frau gab sie
uns nichts zum Küssen zurück als wie ein Gewölle den Handschuh wir
manipulieren einander jetzt alle von ferne Amandus hing mit seinem mehr
weiblichen Herzen an Gustavs mehr männlichem mit aller der Liebe die der
Schwächere dem Stärkern reichlicher gibt als er sie ihm abgewinnt Daher liebt
die Frau den Mann reiner sie liebt in ihm den gegenwärtigen Gegenstand ihres
Herzens er in ihr öfter das Gebilde seiner Phantasie daher sein Wanken kommt
Dieses Vorredchen soll nur eine Anfurt zu einer kleinen Schlägerei zwischen
unserem kleinen Kastor und Pollux sein
Sie waren nämlich ungern so lange auseinander als die Augen auf und
zugebunden wurden Sooft der Verband wegkam stellte sich Gustav vor ihn und
verlangte durchaus er sollte ihn sehen und tat seinen Finger sich an die Nase
und sagte »Wo tipp ich jetzt hin« Aber er examinierte den Blinden nicht
sehend Nach einer wöchentlichen Abwesenheit fuhr Amandus auf ihn zu »Schieb
mein Band auf« sagte er »ich kann dich gewiss auch sehen wie meinen
Katzenheinz« Da Gustav es aufgelüftet hatte und da er wirklich in das Auge des
operierten Freundes einging ganz wie er war mit allem mit Rock Schuhen und
Strümpfen so war er froher als ein Patriot dessen Fürst die Augen oder den
Verband aufmacht und ihn sieht Er inventierte sein ganzes Bilderkabinett vor
seinen Augen mit einem ewigen »Guck« bei jedem Stück Aber weiter Die Welt
wird wenig davon wissen die kleinen Partikelchen derselben ausgenommen die
Kinder von denen eben ich reden will dass diese bei Hoppedizel Blindekuh
gespielt Ein fatales Spiel wenn Mädchen dabei sind wie hier war zumal so
schlimme wie des Professors seine Amandus ließ sich in das Spiel ein und rannte
hinter seinem Schnupftuch das weibliche Pfiffigkeit über seine Augen gefaltet
hatte im Zimmer umher nichts fangend als entkörperte Kleider Zum Unglück
stießen die Mädchen unter dem Ofen worunter sie gegen alle gute Spielordnung
geschlichen waren auf die volle Milchschüssel des Spitzhundes Da sie nun
damals zu wenige Moralphilosophen gelesen obgleich deren genug gesehen hatten
so schoben sie aus Mangel an reiner praktischer Vernunft die Schüssel so weit
leise vor dass der greifende Häscher ohne Mühe hineintrampelte und drüberschlug
Gustav musste als Kind ein wenig lachen Auf ihn schoben es die Sünderinnen und
riefen »O du wenn nun Amandus ein Unglück genommen hätte« Er riss sich von den
nassen Scherben auf und puffte dem Gustav der ihn tröstend bei den Händen
fasste ein wenig hinten ans Schulterblatt da wo nach den Kompendien der
Milchsaft mit dem Blut zusammenrinnt »Ich habs doch nicht hingestellte« sagt
er »Ja ja und hast mir nichts gesagt« versetzte der Blinde und stieß ihn
wieder aber heftiger und doch weniger zornig »Schlag immer ich hab dir
nichts getan« und die Stimme brach meinem guten Helden jener schlug wieder
nach und sagte »Ich bin dir auch gar nimmer gut« aber so als würd er
sogleich zu weinen anfangen »Ach du hast dir gewiss einen Splitter
eingestochen« fragte Gustav mit der mitleidigsten Stimme mitten im Versuch zu
einem neuen Stosse glitt die dünne Eisrinde vom erwärmten Herzen Amandus
herunter er umfasste den Unschuldigen und sagte unter hellen Zähren »Du hasts
ja nicht getan und ich geb dir all meine Spielware schlag mich doch recht«
und schlug sich selber Bloß die Empfindung der Liebe kämpft mit solchen
bittersüssen Sonderbarkeiten Amandus gestand oft noch immer wandle ihn wenn er
jemand unrecht getan mitten in seiner Kränkung darüber die Neigung an
fortzubeleidigen um sich selber so weit fortzukränken dass er endlich vor
Schmerz sich mit der heißesten Liebe ans versehrte fremde Herz werfen müsste
Aber o lieber Amandus wenn gerade ein Pädagog in Gestalt einer Moral die Tür
aufgemacht hätte
Man muss niemals glauben als wollt ich hier persönlichen Groll an
sämtlichen Hofmeistern auslassen denn erstlich hatt ich gar niemals einen
Hofmeister zweitens war ich selber einer und ein rechter
Zwölfter Sektor
Konzert der Held bekommt einen Hofmeister von Ton
Ich habe mich in einen neuen Ausschnitt begeben weil ich darin dem Leser eine
neue Person zu präsentieren habe den Hofmeister meines Helden
Ich brauche keinen Menschen daran zu erinnern dass der Rittmeister ein so
närrisches bald zu gefügiges bald zu sprödes moralisierendes mutloses Ding
als ein Informator ist in Scheerau suchte damit sein Kind zu gleicher Zeit mit
dem Lande einen Regenten bekäme Nun hatt er eine Pate da welche advozierte
musizierte badinierte lorgnierte und Welt hatte aber er hatte nicht den Mut
ihr in einem Pädagogium dessen Schuljugend auf einen Mann belief die
Lehrstelle anzutragen Ich will es nur heraussagen dass ich selber diese Pate
und diese neue Person bin aber es wird meiner Bescheidenheit mehr zustatten
kommen wenn ich mich in einem Sektor wo ich so viel zu meinem Lobe vorbringen
muss aus der ersten Person in die dritte umsetze und bloß sage Pate nicht ich
Diese Pate blies im Unterscheerauer Konzert um mit der Flöte in die
Sphärenstimme eines sehr jungen Fräuleins von Röper zu spielen dessen Kehle
sich oft kaum von der Flöte scheiden ließ Die ganze Seele dieses Mädchens ist
ein Nachtigallton unter Blütenüberhang der Leib desselben ist eine fallende
himmelreine Schneeflocke die nur im Äther dauert und auf dem Kot des Bodens
zerläuft Dem Flötenisten fiel während den Pausen ein schönes in phantasierende
Aufmerksamkeit verlornes Kind in die Augen und auf das Herz Gustav wars Der
erste Blick nach der Begleitung war auf die Nachbarschaft des Kindes um den
Eigner desselben zu finden der erste Schritt den die Pate tat war zur andern
Pate zum Rittmeister dessen Freundschaft mit mir bekannt genug ist Das
männliche Geschlecht ist glücklicher und neidloser als das weibliche weil jenes
imstande ist zweierlei Schönheiten mit ganzer Seele zu fassen männliche und
weibliche hingegen die Weiber lieben meistens nur die eines fremden
Geschlechts Ich hab aber vielleicht zu viel Enthusiasmus für die erhabene
männliche Schönheit so wie für poetische Schwärmerei ungeachtet ich wenigstens
letzte selber nicht habe Aus Gustav wirkte die doppelte Zauberei auf mich ich
vergaß alle Zauberinnen des Konzerts über den Zauberer aber ich ward am Ende
traurig dass ich dem Schönen mehr Blicke als Worte abzuschmeicheln vermochte
Auf das Konzert gab ich gleich andern Zuhörern ohnehin nur so lange acht als
ich selber ein Mitarbeiter war oder als eine meiner Schülerinnen spielte denn
die Scheerauer Konzerte sind bloß in Musik gesetzte Stadtgespräche und
prosaische Melodramen worin die Sesselreden der Zuhörer wie gedruckter Text
unter der Komposition hinspringen Übrigens unterzeichnen wir auf unsere
Konzerte mehr unserer Kinder als unserer selber wegen die musikalische
Schuljugend bekommt darin einen Tanz und Tummelplatz ihrer Finger und von
meinen artistischen Katechumenen kantschuet wöchentlich wenigstens einer den
Flügel Ich frische die Eltern dazu an und sage in einem solchen Konzertsaal
lernen die Kleinen Takt weil da nicht nur genug sondern auch überflüssig Takt
ist indem jeder dasige Musikoffiziant seinen eignen originellen pfeift hackt
streicht stampft den erstlich kein anderer neben ihm pfeift hackt streicht
stampft und den er zweitens selber von Minute zu Minute umbessert »Und wenn
auch das nicht wäre« sag ich »so ist doch wahrer musikalischer Ausdruck im
Überfluss da jeder drückt darin seine Empfindungen die der Verlegenheit des
Erstarrens auf seinem Instrumente aus und Bachs Regel Dissonanzen stark und
Konsonanzen schwach vorzutragen weiß in einem Saale jeder wo die Konsonanzen
so sanft eingeschmolzen werden dass man fast keine hört und nur die Dissonanzen
zu vernehmen meint«
Am andern Morgen flog ich unfrisiert zum Rittmeister und da ich den guten
Kleinen um keinen niederen Preis erhalten konnte brachte ihn ganz ans erste
Ziel seiner Reise hinan nämlich das einen Hofmeister mitzubekommen Man muss
nicht denken dass ich Informator geworden um Lebensbeschreiber zu werden dh
um pfiffigerweise in meinen Gustav alles hineinzuerziehen was ich aus ihm
wieder ins Buch herauszuschreiben trachtete denn ich brauchte es erstlich ja
nur wie ein RomanenManufakturist mir bloß zu ersinnen und andern vorzulegen
aber zweitens damals wurde an eine Lebensbeschreibung gar nicht gedacht
Mir ist weit weniger daran gelegen meine scheerauischen Verhältnisse
bekannt zu sehen als der Welt denn ich kenne sie schon Aber die Welt nicht
Ich formierte eine Dreieinigkeit von Personen da ich war Klaviermeister
Rechtskonsulent und Weltmann Drei närrische Rollen Ich studierte in der
Stadt die sonst die größten Juristen und jetzo die kleinsten Hunde liefert in
Bologna zwei ganz entgegengesetzte Lieferungen wie Paris sonst die Universität
aller europäischen Theologen war jetzo der Philosophen In Paris war ich auch
hätte auch da ein geschickter Parlamentsadvokat werden können ich wollt aber
nicht und nahm nichts daraus mit so wie aus Bologna und aus einigen deutschen
Reichsstädten als die schwarze juristische Kleidung die ihren Grund hat denn
da unsere Klienten uns ernähren und bezahlen und mehr Recht und Not als Geld
behalten so trauern wir Patronen um sie schwarz hingegen bei den Römern legten
die Klienten die mehr bekamen als gaben für den Patronus wenn es ihm schlimm
erging Trauerkleider an
Zweitens war ich Klaviermeister aber vielleicht kein gesetzter denn ich
verliebte mich im ersten Quartal in alle meine Schülerinnen für Schüler dankte
ich und richtete mich nach meinen Stunden mit meinen Empfindungen Ich hegte
wahre Zärtlichkeit erstlich gegen eine Dame von Rang die ich nie
kompromittieren werde zweitens gegen ihre Schwester eine Äbtissin weil sie
Generalbass bei mir lernte drittens gegen viertens gegen die Hofkaplänin
die zwar hektisch aber geschmackvoll ist und die eher zu viel als zu wenig
Zieraten an nicht auf dem Klaviere liebte und es auf das schönste wichste
überzog und aufstellte fünftens in die Residentin von Bouse die gar nicht
einmal die Sache weiß und an deren Hüften und Reizen ich ordentlich vor
Bewunderung dumm wurde bis ich zum Glück ihre allgemeine Koketterie und ihre
Untreue gegen ihren InkognitoLiebhaber verspürte sechstens in den ganzen
Scheerauer Hof wo ich nach dem Recht der toten Hand den Empfang einer
lebendigen Hand die eine Schülerin der meinigen werden wollte für eine
Investitur zum ganzen Herzen und Vermögen ansah siebentens sogar in ein wahres
Kind in Beata die obgedachte Tochter von Röper für welche ich alle Wochen
einmal bei schlechtem Wetter und ebenso schlechtem Honorar aufs Land lief und
bei der an gar nichts anders zu denken war als an Liebe kurz in alles in
Laubknospen Blütknospen Blüten und Früchte verschiesset sich ein Mensch der
ein Klaviermeister ist
Nun kommt der Weltmann Ich kann mich zwar meinen Lesern wovon ich mir die
Volkmenge und richtigere Tabellen wünschte nicht persönlich zeigen aber die
Scheerauer denen dieses Blatt vorkommt werden hier aufgefordert ihre Gedanken
zu sagen und abzuurteln ob ein Mann der der großen Welt täglich drei
Klavierstunden gibt mehr ihr Lehrer als ihr Schüler ist Anstand Gang
geschmackvoller Anzug Attitüden steilrechte waagrechte und quere sind zwar
nicht die geforderten Vorzüge des Autors obwohl des feinen Gesellschafters und
können nicht gedruckt werden aber ich verfechte nur so viel bloß an einem Hofe
lernt mans zumal bei einigem Einfluss und wenn man mitspielt es sei am
Lhombretisch oder am Klaviertisch1 der wie manche Brust am Hofe unter der
stummen Holzplatte ein holdes Saitenspiel verbirgt Wenn man freilich wieder in
seinem Museum auf und abgeht unter großen Büchern und großen Männern
begleitet von der ganzen republikanischen Vergangenheit emporgerichtet zur
tiefen Perspektive der unendlichen Welt hinter dem Grabe so verachtet selber
der Inhaber seine KonchylienVorzüge er fragt sich gibt es nichts Bessers als
über seinen Körper anstatt über Leidenschaften Herr zu sein und ihn so leicht
zu tragen wie nach den drei ersten Gläsern Champagner seinen Ton in den
allgemeinen Ton hineinzustimmen weil an Höfen und Klavieren keine Taste über
die andre hinausklingen darf auf dem dünnen schaukelnden Brette der weiblichen
Launen so fliegend wegzueilen dass unsere Tritte die Schwankungen bloß begleiten
schön zu tanzen und zu gehen soweit es mit einem langen Bein tunlich ist
denn freilich wenn ein Klaviermeister mit einem Kurzbein zu kämpfen hat so mag
der Henker auf beiden so zierlich aufstehen wie der Prinz von Artois kurz
allen Verstand zu Narrheit zu sublimieren alle Wahrheiten zu Einfällen alle
Kraftgefühle zu pantomimischen Nachäffungen Nichts Bessers fragt der
Läufer im Museum gibt es
Etwas viel Bessers gibts ein Informator zu werden in Auental bei so
einem HimmelKinde wie Gustav ist und den ganzen Spuk drucken zu lassen
Fußnoten
1 Ich meine ein in die Gestalt eines Tisches verstecktes Klavier
Dreizehnter Sektor
Landestrauer der Spitzbuben Scheerauer Fürst fürstliche Schuld
Der Kronprinz auf dessen Zahlen der Rittmeister wartete war noch auf der
ausländischen Kunststrasse von der er auf den Thron wie auf einen Turm
hinauffuhr Drei arme Spitzbuben hielten ihren Einzug noch früher als er Es
kann erzählt werden Seitdem Tode des Höchstseligen der Papst ist der
Allerseligste wurde eine Kirche um die andre im Scheerauischen nicht
ausgestohlen sondern ausgekleidet die Kirchendiebe schälten bloß das
Landtrauertuch das unsere Kanzeln und Altäre anhatten wieder ab Die Kirchner
und Kantores fanden alle Morgen skalpierte heilige Stätten und die Pfarrer
mussten darin stehen in dem Frühgottesdienst Nun hatte neulich der
Geldgreifgeier KommerzienAgent Röper in der Maussenbacher Kirche Altar und
Kanzel am Busstage mit einem Frack von schwarzem Tuch buntes war ihm nicht
heilig und wohlfeil genug übersohlen lassen Diese schwarze Emballage blieb
daran als Landtrauer Der alte Röper hatte mithin wenig Schlaf mehr weil er
besorgte die KirchenGreifgeier zögen dem Maussenbacher Altar das Ehrenkleid aus
und nähmen den mit silbernen und seidenen Lettern aufs Tuch genähten Schuldschein
mit welcher besagte wer alles hergeschenkt Sein Gerichtalter Kolb dem ein
Diebfang Zobelfang und Perlenfischerei ist umgab daher die Kirche mit allerlei
Falkenaugen es wäre auch nichts gewesen wenn nicht der Falkenbergische
Bediente Robisch am Sonntage abends sobald die Kirche zugeschlossen war zum
Schulmeister gesagt hätte »er solle sie zulassen er habe die Kirchleute
gezählet und drei wären nicht mit herausgegangen« Kurz man blockierte den
Tempel bis nachts und zog glücklicherweise drei versteckte Tuchkorsaren aus
dem Andachtorte heraus Am Morgen erstaunt alles die drei Kirchgänger fahren
auf einem Leiterwagen zum Scheerauer Tor hinein und haben sämtlich schwarze
Röcke und Unterkleider an abends sind sie verschwunden Für den Hof wenn er
nicht noch geschlafen hätte wars ein hässlicher Prospekt dass eine Räuberbande
so gut wie er Hoftrauer angelegt und sich deswegen die Trauergarderobe aus
Kirchen gestohlen hatte
»Henken sollte man dich« sagte der Rittmeister zu seinem Kerl »arme Diebe
ins Unglück zu bringen die keinem Menschen etwas nehmen sondern nur Kirchen«
»Aber für solche Schufte« sagt ich »gehört doch auch keine Hoftrauer schon
des Aufwands wegen Warum darf man überhaupt nicht seinen leiblichen Vater1
aber wohl den Landesvater betrauern Oder warum verstattet die Kammer den
Landeskindern noch das Weinen da doch das die Tränendrüsen des Staats erschöpft
und da die Tränen noch steuerfrei sind«
»Sie greifen zu weit« sagte der Rittmeister »gerade so wie bisher muss die
zeitige Regierung bleiben wenn sie sich von allen vorigen durch die Sorgfalt
auszeichnen soll womit sie über unsern Flor über alle unsere Pfennige und
Pulsschläge wacht«
»Die Negermarketender« sagte der Doktor aber unpassend genug »wachen noch
mehr denn einen Sklavenhandelsmann kümmert die Unpässlichkeit eines solchen
StückMenschen oder Sklaven mehr als seiner Frau ihre Sogar Bewegung und Tanz
soll sein menschlicher Viehstand haben und er prügelt ihn dazu«
»Ackerbau« fuhr er fort »Handel Fabriken Volksreichtum und
Volkswohlleben sogar kurz die Körper der Untertanen kann der schlimmste Despot
erheben und nähren aber für ihre Seelen kann er nichts tun ohne alles wider
seine zu tun«
Ich bin oft auf den Gedanken gefallen ob nicht die Trauerordnungen oder
abordnungen haben wollen dass der pfiffige und traurige Staatsbürger die
Erlaubnis der Landtrauer benütze und seine Haustrauer mit ihr zusammenwerfe
Könnt er nicht seinen Einzelkummer über die Sterblichkeit seiner Tanten seiner
Vettern aufheben bis ein allgemeiner einfiele und so wenn das Land den
Kondolenzflor um Arm und Degen gewickelt hätte alles in Pausch und Bogen
wegtrauern und sich hinter dem nämlichen Flor über eine Landsmutter und eine
Stiefmutter betrüben Höfen wärs leicht Ja könnten diese nicht in der
Landestrauer ihre Sippschaft gar voraus betrauern Könnte man überhaupt nicht
die ganze Narrheit bleiben lassen
Mein neuer Landesherr stieg endlich aus dem Reisewagen auf den Thron und
verwechselte den Kutschenhimmel mit dem Tronhimmel Der Rittmeister hielt vor
der Krönung eine Bittschrift bereit worin er so trotzig wie ein Sattler sein
Geld verlangte nach der Krönung hatte der Fürst wie ein Demant so viel
Feuerglanz aus seiner Krone und seinem Zepter eingeschluckt dass sein Gläubiger
vom Gerichtalter ein neues Memoriale machen ließ und bloß um die Zinsen
anhielt Da er nichts bekam nicht einmal eine Resolution so wollt er mehr
fordern Denn er bedachte nicht dass unsere regierende Broterrn in Scheerau
selten Geld haben Wenn wir außerordentliche Gesandtschaften bekommen oder
senden wenn wir taufen oder begraben lassen der Kriege gar nicht zu erwähnen
so haben wir wenig oder nichts als Extrasteuern diese metallischen Stützen
und Klammern des mürben Trones In dem Kammerbeutel deuten wir wie in der
Heraldik das Silber durch leeren Raum an
Aber dem Schuldner und Gläubiger war bald geholfen Letzter der
Rittmeister marschierte als Cicerone mit seinem Gustav durch das Kadettenhaus
und zeigte ihm alles um ihm alles zu loben weil er mit seinem Kopf einmal in
einen Ringkragen hinein sollte als der junge Fürst auch ankam und auch alle
Gemächer besah nicht um alles wieder auf dem nächsten Sattel zu vergessen
sondern um gar nichts zu bemerken Es tat mir leid denn ich war auch
mitgekommen dass jeder Professor sich darauf verließ der Regent zähle wenn
nicht jedes Haar auf seinem Haupte doch jede Locke an seiner Perücke denn er
wurde nicht einmal meiner und meines Anstandes ansichtig aber ganz natürlich
da ihm ein solcher Anstand in den feinsten Sälen aller Länder schon etwas Altes
geworden war Er trug denn wie lang war er vom Reisen heim den Fürstenhut
mit der Ungezwungenheit eines Damenhutes keine lange Regierung hatte noch die
Krone finster hereingedrückt und die geraden Menschen brachen sich in den
Medien Feuchtigkeiten und Häuten seines Auges noch nicht zu krummen
Baugefangnen Seine Worte bot er mit der Freigebigkeit eines Weltmanns noch wie
Schnupftabak herum Endlich erhielt auch Falkenberg eine Prise Ich sehe meine
beiden Prinzipale noch gegeneinander stehen meinen adeligen und verborgenden
Prinzipal mit dem festen aber gehorchenden Anstande eines Soldaten in
Embonpoint und aufquellende Muskeln gedrückt und mit dem leichtgläubigen
Wohlwollen das gutmütige Menschen für jeden hegen der gerade mit ihnen spricht
den gekrönten und insolventen Prinzipal aber mit dem malerischen Anstand
worin jedes Glied sich in den andern hinein verbeugt und worin selbst die
Stellung eine fortdauernde Schmeichelei ist mit einem vielblätterigen
Faltenwurf im lahmgespannten Gesicht mit einer Gefälligkeit die weder
verweigert noch hält Meine Pate sah die allgemeine Gefälligkeit des Kronträgers
für eine ausschliessende gegen sich an sie dachte er tue seine Fragen um eine
Antwort zu haben und als vollends mein gnädigster Fürst und Landesherr geäußert
hatten »der kleine Gustav sei hier an seiner Stelle er interessiere durch sein
air de reveur stärker als man sich selber die Rechenschaft zu geben wisse und
man würde ihn sobald er für diese Zimmer groß genug wäre dem Vater mit 13000
Rtlr Handgeld abkaufen« so war der Rittmeister außer sich oder vielmehr aus
seiner Bitte seine Bittschriften wurden Dankadressen sein Wunsch war dass ich
schon acht Jahre Hofmeister bei ihm gewesen wäre seine Hoffnung war das Geld
komme nach und der wahre Vorteil war dass der Sohn ins beste deutsche
Kadettenhaus käme
Man tut mir keinen Gefallen wenn man ihn auslacht Freilich schwur er auf
seinem Schloss »Hofleuten traue er keine Hand breit und die ganze Nation
stink ihn an« hingegen solchen Hofleuten mit denen er gerade zu tun hatte
traut er mehr allein militärische Unwissenheit der Rechte ist bei ihm an
vielem schuld wie soll er als Soldat wissen dass ein Fürst zu keiner Bezahlung
verbunden ist Vielleicht ists nicht einmal allen Lesern so bekannt als sie
vorgeben werden Ein Regent braucht aus drei Gründen nicht einen Heller zu
bezahlen den er seinen Landeskindern abgeliehen borgte sein Herr Vater so
versteht sichs von selber Erstlich ein Gesandter er sei vom ersten oder
dritten Rang stiesse die ältesten Publizisten vor den Kopf wenn er seine
Schulden abtrüge nun kann er der ja der bloße Repräsentant und die abgedrückte
Schwefelpaste des Regenten ist unmöglich Rechte haben die dem Urbilde abgehen
folglich wird nicht bezahlt Zweitens der Fürst ist oder wir dürfen unsern
akademischen Nachmittagstunden kein Wort mehr glauben der wahre summarische
Inbegriff und Repräsentant des Staates wie wieder der Envoyé ein Repräsentant
des Repräsentanten ist oder ein tragbarer Staat im kleinen und stellt folglich
jedes Staatsglied das ihm einen Kreuzer leihet so vor als wenn ers selber
wäre mithin leihet er sich im Grunde selber wenn ein solches zu seinem
repräsentierenden Ich gehöriges Glied ihm leihet Gut man gesteht es aber dann
gestehe man auch dass ein Fürst sich so lächerlich machen würde wenn er seinen
eignen Landeskindern wieder bezahlen wollte als sich der Vater des Generals
Sobouroff machte der die Kapitalien die er sich selber vorstreckte sich
ehrlich mit den landesüblichen Interessen heimzahlte und sich nach dem
Wechselrecht bestrafte Woher käm es denn als aus der Verwandtschaft mit dem
Throne und dessen Rechten dass sogar Große im Verhältnis ihres Standes und ihrer
Schuldenmasse fallieren dürfen Oder warum ist ein gerichtliches Konsens oder
Hypotekenbuch der richtigste Hofadresskalender oder almanac royal
Drittens der geflickteste Untertan kann sich von seinem Fürsten
Anstandbriefe oder Moratorien verschaffen wer soll sie aber dem Fürsten geben
wenn ers nicht selber tut Und tut ers Gewissens halber nicht so kann er sich
doch wenigstens alle fünf Jahre ein erneuertes Quinquennell bewilligen
Einen vierten Grund wüsst ich aber nicht
Fußnoten
1 Im Scheerauischen war damals wie in noch einigen Staaten den Untertanen alle
Trauer verboten
Vierzehnter Sektor
Eheliche Ordalien fünf betrogene Betrüger
Einen Hofmeister hatte Falkenberg also jetzt und die Hoffnung der 13000 Rtlr
und eine Kadettenstelle für seinen Sohn Rekruten braucht er nur noch Auch
diese führte ihm und seinen Unteroffizieren der MaulwurfsMoloch Robisch
reichlich zu ich weiß aber nicht was die Kerle wollten dass sie wenn Robisch
seinen Kuppelpelz und sie ihr militärisches Patengeld hatten mit letztem
meistens davongingen Im Maussenbacher Wald fielen Diebe den Transport an und
nach dem Ende der Schlacht waren Feind und Transport vom Schlachtfelde geflohen
Den Rittmeister drückt es sehr weil er der für sich und seine Familie nicht
die nützlichste Ungerechtigkeit beging zuweilen auf dem Werbplatz eine kleine
verstattete
Dem stillen Gustav machte der laute Stadtwinter die längsten Stunden Er sah
keine weiße Kopfbinde und kein schwarzes Lamm vorbeitragen ohne auf einem
Seufzer hinüber zu seinem zauberischen Wall und unter seine Sommerfreuden
zurückzufliegen Wenn ihn die ungezogne Nachkommenschaft Hoppedizels für dumm
hielt weil er nicht listig für stolz weil er nicht laut war so stillte er
das Bluten seines Innern das verlacht und geneckt wurde mit dem Gedanken an
die Menschen die ihn geliebt hatten an seinen Genius und an seine Schäferin
Um seinen Amandus hätt er so gern eine andere als Hoppedizelische Nachbarschaft
gehabt so gern die Fluren und den freien Himmel seiner Heimat Er liebte das
Stille und Enge neben sich und das Unermessliche in der Natur O wenn du bei mir
bist Trauter wie will ich dich schonen und lieben Dein Auge soll nie trübe
neben meinem Lehrstuhle werden dein Herz nie schwer Du zarte Pflanze sollst
nicht mit einschneidendem Bindfaden um mich wie um eine richtende Hopfenstange
geschnüret sein sondern mit lebendigen Efeuwurzeln sollst du selber mich als
etwas Lebendiges umfassen
Überhaupt hatte man im Hoppedizelischen Hause ein verdammtes Hundeleben wie
ich selber oft sah wenn ich und der Hausherr einander über die ersten
Prinzipien der Moral bloß moralisch bei den Haaren hatten denn alles hatte da
einander dabei aber physisch ein Hund den andern die Knaben die Mädchen
die Dienerschaft einander die Herrschaft die Dienerschaft der Professor die
Professorin wovon ein merkwürdiges Faktum abgedruckt werden soll und alle
diese einander wechselseitig nach der Vermischrechnung Zum Unglück hatte
Hoppedizel nie Achtung für irgendeinen Menschen mithin Verachtung auch
nichter borgte alles besudelte alles kompromittierte jeden verzieh jedem
und zuerst sich Im Winterquartier des Rittmeisters waren die ölfarbigen Tapeten
Elle zu 24 Gr eine spanische Wand zwischen des Rittmeisters leerem Raum und
zwischen der Wanzen Wandspalten der Ofen war gut aber wie der Babylonische
Turm ohne Kuppel die Zimmerdecke drohte wiewohl gleich manchen Tronhimmeln
schon lange ohne Schaden einzubrechen und den größten Philosophen die Köpfe
einzuschlagen die von Stein auf dem Spiegeltische standen Er hatte oft darum
wenig Zartheit für die Leute weil er sich darauf verließ dass sie deren zu
viele hätten um die Unsichtbarkeit der seinigen zu rügen in Unterscheerau
machen wirs nicht anders Aber nun kommt der Zufall der uns alle eher daraus
wegtrieb
Der Professor hatte nämlich wie die meisten Leute keinen Geschmack in
Möbeln am liebsten stellte er die besten unter die elendesten die feinste
Pissvase unter ein Grossvaterbett und gegenüber einem sandigen Waschgefäss eine
geputzte Livree seines Bedienten hinter versäumten Anzug seiner Kinder usw
Nun beging er allemal einen Friedensbruch an seiner Frau dadurch dass er nie
leer heimkam er hatte immer etwas erhandelt das nichts taugte er hatte die
Schwachheit unzähliger Männer sich weiszumachen er verstände die Haushaltkunst
so gut wie die Frau wenn er nur anfangen wollte Sachen die man lange treiben
sieht glaubt man zuletzt selber treiben zu können Sie hatte die Schwachheit
unzähliger Weiber sich vorzuschmeicheln der Eheherr sei ein wahrer Ignorant im
Haushalten und könn es nicht einmal erlernen wenn er auch wollte »Red ich in
deine Büchersachen auch« fragte die sehr grob verkörperte Professorin Man
konnt es also bei jeder Möbelversteigerung oder auf jedem Jahrmarkt in einer
Kalenderpraktika neben den Kriegen der großen Herren prophezeien dass hier ein
kleiner zwischen dem Ehepotentaten und der andern feindlichen Macht ausbrechen
werde weil diese seinen KommerzienTraktat nicht leiden konnte das Ehepaar
feierte dann seine olympischen Spiele der Zunge und Hände und konnte die
Zeitrechnung der Ehe nach diesen Olympiaden abteilen
Weiter Unser neue Regent ließ da das Volk in Italien den Palast des
verstorbnen Papstes und Doge gratis erhält die Möbeln seines Herrn Vaters um
Weniges versteigern er tats wie alle Kronprinzen aus Achtung gegen ihn damit
das Volk ein Andenken vom Seligen wie das römische die Gärten von Cäsar erben
könnte Der Professor wollte auch erben und erstehen Er bot also zum Besten des
Rittmeisters in dessen Zimmer die Kommode der Spiegel und die Sessel
jämmerlich waren nicht auf diese drei Dinge sondern auf drei benachbarte auf
zwei schöne BronzeVasen mit Ziegenköpfen und Myrtenblättern für die elende
Kommode auf einen gerad und spitzbeinigen Spiegeltisch unter den elenden
Spiegel auf eine prächtige Bergere zwischen die elenden Sessel Es wurde ihm
zugeschlagen Sein erstes Wort als er aus dem Auktionzimmer in seines trat war
an seine Frau »Ist der Rittmeister droben Ich hab schöne Dinge für ihn
erstanden« Jetzt sang sie schon den ersten Vers ihres Kriegliedes ohne ein
Kaufstück noch zu kennen Er nannte ihr keines denn er hatte das größte Unglück
eines Ehemannes nämlich Verachtung gegen seine Frau so wie sie hingegen ihm
gegen alle Menschen sogar gegen die besten beitrat außer gegen sich nicht
Unter dem Abholen der Kaufstücke antwortete er auf den ersten Vers des
Krieggesanges und nannte doch keines und so antiphonierten sie bloß Endlich
wurden die Ziegenköpfe und Spitzbeine ins Haus gesetzt Da ging das
Krieggeschrei los »Das ist dumm dumm dumm Ei du dummer Mann du das Zeug
den Bettel wo waren heute deine fünf Sinne Ich bezahle keinen Deut« sie war
ohnehin nie Kassierer »Und so teuer Aber wenn man Kinder und Narren zu Markt
etc« Er sagt ganz kalt »Lasse nur nichts drankommen und schaff es hinauf zum
Rittmeister mein Schatz« Sie gehorchte den Augenblick ging aber in seine
Stube und öffnete alle Schleusen ihres rauschenden Zorns Spät unter diesem
Rauschen sagt er endlich drohend »Du weißt Frau « Nun wurde in ihrem
Munde aus dem Wind ein Sturm Er war kein Mann den Zorn oder irgendeine
Leidenschaft fortrissen sondern ein echter Stoiker war er und immer bei sich
daraus lässt sichs erklären warum er da Epiktet und Seneka Stoikern den
verbotnen innern Zorn durch den äußern Schein desselben zu ersetzen raten um
die Leute zu bändigen sich sogar dieses zornigen Scheins befliss und gelassen
seine Faust petrifizierte und diesen Knauf als eine Leuchtkugel auf diejenigen
Gliedmaßen seiner Gattin warf die ohne Licht in der Sache waren Dieser stumpfe
Wilsonsche Knopfableiter ihres Zorns zog erst die größten beredten Funken aus
ihr hervor und in der Tat ists in der Ehe wie in den alten Republiken die
nach Homes Bemerkung nie größere Redner trugen als in stürmenden kriegerischen
Zeiten Er machte das Sinnliche bloß zum Fahrzeug des Geistigen und begleitete
seine Hand mit ausgewählten Bruchstücken aus Epiktets Handbuch »Ich bin
wahrlich ganz bei mir« sagt er »aber du schreiest gar zu sehr wenn ich mich
nicht dreinschlage« Sein weltlicher Arm bewegte sich auf ihr fort »Ich fahre
immer fort« fuhr er fort »inzwischen danke Gott dass dein Mann so viel
Gelassenheit hat dass er alles abwägen kann was er tut« Sie wurde nicht eher
kalt als bis er hitzig wurde dieses merkte sie daraus wenn er wie Sokrates
stumm wurde und seine Hand mit seiner herabgerissenen Schlafmütze bewaffnete und
beflügelte So heiß ihr vor seinem einschlagenden Gewitter seine stechende
Sonnenfreundlichkeit vorkam so unangenehm kalt war ihr nach demselben sein
Gewölke kurz beide spielten vor und nach dem Kampfe umgekehrte Rollen
Diesesmal traf ihr Zorn eine Wetterscheide an und zog sich ganz über den der
unter den ziegenköpfigen Vasen auf der Bergere saß auf den Rittmeister Dieser
ließ auf die erste Zeitung dieses ekelhaften Krieges sein Wintergeräte in
Scheerau einpacken und das Sommergeräte in Auental auspacken und ging zwar
Aber er wäre beinahe geblieben
Übrigens wünsch ich dieses geschilderte schlagfertige Ehepaar mit seinen
Ehe und Schlagringen nicht zu sehr von der feinern Ehewelt die sich nie
ausprügelt verachtet zu sehen denn wahrlich die ätzenden Giftworte die das
raffinierte Ehepaar einander zutröpfelt das verhaltene wie ein Blasenpflaster
ziehende Kränken womit sie einander wund und heil machen wollen reißt die
Wunde bloß tiefer unter der Haut und macht zwar nicht den Chirurgus aber wohl
den Doktor nötig
Jetzt will ich berichten warum der Rittmeister beinahe geblieben wäre
Hoppedizel hatte außer ihm an einem Nachmittag fünf Leute bei sich den
Gerichtalter Kolb den Flössinspektor Peuschel einen alten Karmenmacher einen
Hofzimmerfrotteur und einen Hofjunker denn was wird der Leser nach Zunamen
dieses Volks fragen Er zog erstlich den Gerichtalter beiseite und sagte zu
ihm »heute sollt er einen Spaß machen und den vier andern Herren mit gefärbtem
Wasser das sie für Wein hielten zutrinken damit diese sich in wahrem Wein
besöffen« »Recht gut« sagte der Gerichtalter »sie sollen alle an den
Gerichtalter gedenken« Das nämliche sagte der Professor dem Flössinspektor dem
Karmenmacher usw alle antworteten »Recht gut sie sollen alle an den
Flössinspektor an den Karmenmacher usw gedenken« Jeder wollte vier Mann zum
Narren haben der Professor wollte fünf Mann dazu haben allen gelang es
Abends wurden fünf Körbe gefärbtes Wasser ins Zimmer getragen jeder rückte
hinter sein Schenktischchen und schraubte den Korkstöpsel vom QuasiWein ab Die
ersten Flaschen Bouteillenwasser wurden still von der Gesellschaft eingezogen
wahre Pfiffigkeit musste der Lust und Wasserpartie diesen Schein stufenweiser
Berauschung vorschreiben
Nun aber hob das Sonnensystem sein Wasserziehen an »Der Wein könnte stärker
sein« sagte jeder und wollte jeden betrügen Der Gerichtalter mit rosenroter
Nasenknospe spritzte seinen Kadaver statt des Spiritus mit mehr Wasser aus als
er in seiner ganzen Ewigkeit a parte ante selbst getrunken oder gep·ss·t oder
aus fremden Augen gedrückt Ein Mensch der so wasserhaltig wie er wird dass er
sich schwer aufrecht erhält vor Nüchternheit macht andern Trunkbündnern leicht
glaublich es sei vor Betrunkenheit und alle lächelten sehr da er lachte
Der Flössinspektor Peuschel leitete einen ganzen Wasserschatz in den Magen
und machte seine Blutadern zu Wasseradern aber er ärgerte sich halb dass er die
andern mit seinem ScheinGesöff betrügen musste und sehnte sich heimlich statt
der verstellten Betrunkenheit nach echter
Der Zimmerfrotteur mazerierte und laugte sich im Grunde durch das
geschminkte Wasser aus und ersäufte beinahe sein gallisches Übel so schluckte
der Schadenfroh
Dem Hofjunker der sich fast den Magen entzweisoff schlugs schlechter zu
drei Tage nachher schmolz er an einer incontinentia urinae hin Bloß durch den
zellulösen Karmenmacher fuhr eine ganze aufgefärbte Sündflut ohne Schaden glatt
hinein und hinaus er sah aber munter und satirisch herum und lauerte darauf
wenn sein Nächster hinter den vier Tischen besoffen wäre
Etwan eine flammende Scheune wäre mit ihren WalfischBescheiden zu retten
gewesen Nun kam die Zeit da jeder betrunken scheinen musste wer Spaß
verstand sie diskutierten und lallten widereinander mit überschweppender
bäumender Zunge der Junker und Frotteur streckten sich gar in die Stube als
zwei Lagerbäume hin und ihre bauschenden Unterleiber sollte die Welt denken
lägen als Weinschläuche auf den Bäumen der Amtmann machte die Augen zu das
Maul auf der Karmenmacher stellte sich vor am tollsten und plausibelsten
würd ers machen wenn er erstlich gleich wahren Betrunknen vorschwüre er sei
nüchtern und zweitens wenn er so gegen die Bettpfoste umsänke dass er ein
wahres Löchelchen kriegte Er hatte sich auch glücklicherweise eine Wunde
verschafft die größer war als seine Trunkenheit und wollte aus Rache mit der
Nachricht vorbrechen er habe die Vierherren zum Narren und bloß Wasser gehabt
der Professor wollte auch alles heraussagen wie alles und der Wein wäre die
andern wolltens auch und lachten schon sämtlich voraus als zum Unglück der
längst übersättigte Flössinspektor sich zum Frotteur abgeschlichen und diebisch
statt eines Gegengiftes und Konfortativs gegen seinen nachgedruckten Wein die
vorgebliche Originalausgabe desselben gekredenzt hatte aus des Frotteurs oder
Reibers Kelch es war auch Wasser darin wie in seinem blitzschnell und
halbnärrisch kredenzte er die Kelche aller Wassergötter in allen war Wasser
da fuhr er mit allen heraus und die ganze Marine kredenzte fliegend herum und
jeder sollt es im Ernste sagen ob er toll und voll wäre Leider war die
ganze Spassbrüderschaft nüchtern Der Rittmeister dem solche Scherze lieber
waren als Fastnachtühner verwandelte aus Liebe zur Moral die allgemeine
Verstellung der Betrunkenheit in reine Aufrichtigkeit und vollführte es durch
echten Wein Als nachher das Fünfeck nach Hause hüpfte und diese fünf törichte
Jungfrauen als fünf kluge wiewohl mit der WasserPletora heimzogen so sagt
er »Bei meiner Seele so etwas sollte man drucken lassen« Und wahrhaftig
hier lässt man es ja drucken
Ich möchte gern von diesem Hoppedizel eh ich und der Leser aus seinem
Hause ziehen ein Medaillon eine Abschattung zum Andenken mit uns nehmen aber
es grauet mir vor der Arbeit lieber bossier ich alle Charaktere dieses
Werkchens in Papier oder Wachs als diesen Mann Sein Charakter besteht aus
hundert kompilierten Charaktern seine Kenntnisse aus allen Kenntnissen sein
Scharfsinn aus Skeptizismus seine Laster aus Stoizismus seine Tugend aus einem
System über die Tugend und seine Handlungen aus Schnurren Schnacken und
Charakterzügen
Dennoch oder demnach liebte ihn der Rittmeister weil er ihn oft sah er war
fast jedem gram der ihn nicht besuchte und weil beide lustig waren und weil
hundertmal Menschen einander lieben ohne dass ein Teufel weiß warum Falkenberg
hätte sich für jeden Freund selbst für den der ihn erst berückt hätte mit dem
Behemot selber geschossen aus Ehre und Gutherzigkeit der Professor hingegen
zog reine Moral gleichsam als reine Mathematik der angewandten weit vor und
handelte selten Man erinnert sich daher gern an seine schöne Selbständigkeit in
Grundsätzen die er einmal in Auental als Gast bewies da nachts um 12 Uhr
statt des Rittmeisters aus dem aufgetürmten Schnee bloß der leere Gaul heimkam
Ein andrer zB der Rittmeister selber wäre auf demselben Gaule aufgesessen
und hinausgeritten um den Ausgebliebenen zu suchen und zu retten allein der
Professor schneuzte nett das Talglicht und setzte sich an die trostlos
fortweinende Ehefrau welche schon früher bei einem bloßen kurzen Verspäten in
jeder Nacht sich abängstigte ob sie gleich an jedem Morgen darauf sich
ausschalt und sagte mit Fassung zu ihr »sie möge nur weinen so viel sie
wolle er erlaub es gern es schade wenig erleichtere vielmehr das Herz und
wasche dabei die Augäpfel ab und breche zu heftiges Licht die übrigen Tränen
müssten ohnehin durch die Nasenhöhle in den Schlund und Magen sickern und dem
Verdauen helfen ihren Mann aber anbelangend so könne das Schlimmste was ihm
zugestoßen ohnehin nur sein dass er erfroren wäre er kenne aber halb aus
Erfahrung kein sanfteres Sterben als das aus Kälte denn es sei im Grunde so
viel als werde man gehenkt oder ersäuft denn man sterbe am Schlagfluß«
Aber wie gesagt der Rittmeister liebte und verließ ihn doch
Funfzehnter Sektor oder Ausschnitt
Der funfzehnte Sektor oder Ausschnitt
Vor der Abreise gab ich allen besonders der Residentin von Bouse die geborgten
Musikalien zurück und dieser die mir so viel aus Italien geliehen lieh ich
noch etwas Bessers aus Deutschland meine Schwester Philippine nämlich diese
soll da die kleine Tochter der Residentin bilden helfen aber sie wird unter den
zarten Fingern einer solchen talentvollen Dame selber mehr gebildet werden als
sie bildet Möge sie da nur nie ihr rasches zitterhaftes scherzendes und doch
fehlendes Herz zu einem koketten umsetzen Möge sie ihrer Laura eben der
Tochter der Residentin das Joch der koketten Erziehung lüften da das arme Kind
beständig unter der Glasglocke des Fensters schmachtet den Leib unter der
Bettdecke in 4 Lot Fischbein einkeilt die Händchen auch wieder nachts in die
HandschuhHülsen sperret und das Köpfchen mit einem Blei an Haaren rückwärts
gewöhnt Bekanntlich lebt die Mutter die Residentin eine halbe Stunde von der
Stadt zu Marienhof im sogenannten neuen Schloss das mit einem alten
zusammenstösset welches glaub ich vermietet ist
Aber zu meinem Gefolge in dieser Lebensbeschreibung stoßen mit jedem
Bogen seh ich mehr Leute und machen mir das Lenken und Schwenken sauerer Ich
wollte lieber ich wär ein Reichstand und hätte Millionen zu regieren und
einzunehmen als hier dieses fatale MenschenSiebeneck das mit Mühe in die
rechten Ausschnitte zu treiben ist und worunter ich selber der widerhaarigste
bin Denn mir als bloßem Lebensbeschreiber stehen weder Reichskammergericht
noch Exekutiontruppen gegen mein Siebeneck bei wär ich aber ein Reichstand so
täten sie schon manches versprechen
Unsern Abschiedwagen in Scheerau umgab die lustige Kälte des Professors
das arbeitsam Geschrei seiner Stoikerin das zärtliche Lächeln des
Pestilenziarius mit Iltisschwänzen das gute Herz seines Söhnchens das kaum
mit Lügen von Gustav abzuschneiden war und meine dankbaren Erinnerungen an
unsichtbare Stunden an geliebte Menschen und an alle meine Schülerinnen O
dass doch der Mensch hier so viel vergehen sieht eh er selber vergeht
Unterweges weinte Gustav im Wagen immerfort in unsere Gedankenstille hinein
aber der Alte dem doch selber das Herz so leicht zerläuft wurde endlich
darüber toll und sagte zu mir »Ich sehe immer mehr dass mir ihn der Herrnhuter«
er meinte den Genius »zu einer Milchsuppe eingerührt hat und wenn Sie ihn
nicht Herr Hofmeister ein bisschen kernhaft machen so wird einmal ein
weinerlicher Soldat herauskommen der kaum zu einem Feldprediger taugt denn
auch der muss manchmal sich auf einen Kernfluch verstehen«
Den Herrnhuter brachte er im Kopfe nach dem Städtchen Issig als folgendes
Selbgespräch vor unserem Wagen vorbeiging »Ich bin ein Esel und ein rechter
Spitzbube von Hause aus ich elender Schlingel O ich Racker allzumal und
verfluchtbekannter alter Höllenbrand Sollte man mich denn nicht entzweisägen
und braten mich Teufel mich Matz und Vieh« sagte ein Schulknabe den alle
Schulkameraden umliefen und beklatschten »Er spricht« sagte mein Prinzipal
»wie eine herrnhutische Bestie die sich heruntersetzt um jeden andern noch
mehr herabzusetzen« Aber nicht im geringsten ein armer Teufel wars der Hunger
hatte und Humor und für welchen die ganze Schule Brotkrumen und Äpfel
zusammengeschossen hatte wenn er ihr den Gefallen täte und auf sich entsetzlich
schimpfte
Schönes Auental dein Schnee ist schon weg
Sechzehnter Sektor
ErziehVorlegblätter
Da ich meine Pretiosen Manuskripte warens und meine Effekten das Güterbuch
derselben war über dreißig Zeilen dick und mein Väterliches und Mütterliches
das war ich selber in meiner Wohn und Schulstube herumgestellet hatte da ich
schon vorher mit drei langen Schritten an meine Fensteraussicht getreten war
die in einer Windmühle in der Abendsonne und einem Starenhäuschen an einer
Birke bestand so konnte ich sogleich ein ausgemachter Hofmeister sein und ich
durfte nur anfangen ich konnte jetzt die ganze Woche ernstaft aussehen und
meinen Zögling auch dazu nötigen alle meine Worte konnten Wochenpredigten
alle meine Gesichter Gesetztafeln sein ich hatte sogar zwei Wege vor mir ein
Narr zu sein ich konnte eine unsterbliche Seele sich halbtot deklinieren
konjugieren memorieren und analysieren lassen im Lateinischen ich konnte aber
auch seine junge Zirbeldrüse in höhere Wissenschaften eintunken und versenken
so sehr dass sie ganz aufschwölle und sich groß anschluckte von Logik Politik
und Statistik ich konnte mithin wer wehrte es die Beinwände seines Kopfes zu
einem dürren Bücherbrett aushobeln den lebendigen Kopf zu einem
Silhouettenbrett woran sich gelehrte Köpfe abschatten entzweidrücken sein
Herz hingegen ließ sich verarbeiten aus einem Hochaltar der Natur zu einem
Drahtgestell des alten Testaments aus einer Himmelkugel zu einem engen
Paternosterkügelchen der Frömmelei oder gar zu einer Schwimmblase der
Weltklugheit wahrhaftig ich konnte ein Tropf sein und ihn zu einem noch
größeren machen
Dich Trauten Dich Arglosen Freundlichen der du dich mit deinem ganzen
Schicksal mit deiner ganzen Zukunft in meine Arme warfst O es tut mir schon
wehe dass so viel von mir abhängt
Da aber vom Hofmeister meiner künftigen Kinder ebensoviel abhängt so will
ich für ihn hier folgende ErziehVorlegblätter drucken lassen die er nicht
übelnehmen kann weil ich den guten Mann ja noch nicht kenne und nicht meine
»Mein lieber Herr Hofmeister
Wär ich der Ihrige so setzten Sie sich gewiss nieder und schrieben mir folgende
recht gute Regeln auf
Die Naturgeschichte sei das Zuckerbrot das der Schulmeister dem Kinde in
der ersten Stunde in die Tasche steckt um es anzuködern so auch Geschichten
aus der Geschichte Aber nur nicht komme die Geschichte selber Was könnte
nicht diese hohe Göttin deren Tempel auf lauter Gräbern steht aus uns machen
wenn sie uns zum ersten Male dann anredete wann unser Kopf und Herz schon offen
wären und beide die großen Wörter ihrer Ewigkeitsprache Vaterland Volk
Regierform Gesetze Rom Athen verständen Was Herrn Schröckh anlangt der
noch ehrliche Gelehrtenhistorie und reine WaisenhausMoral mit beigeschaltet so
schneiden Sie mir Herr Hofmeister nur nicht aus seinem Buche die Kupferblätter
mit heraus und am englischen Einband ist mir auch gelegen
Geographie ist ein gesundes Voressen der kindlichen Seele auch Rechnen und
Geometrie gehört zum frühen wissenschaftlichen Imbiss nicht weil sie denken
lehren sondern weil sie es nicht lehren die größten Rechenmeister und
Differentialisten und Mechaniker sind oft die seichtesten Philosophen und weil
die Anstrengung dabei die Nerven nicht schwächt wie Rechenrevisoren und
Algebraisten beweisen
Philosophie aber oder Anspannung des Tiefsinns ist Kindern tödlich oder
knickt die zu dünne Spitze des Tiefsinns auf immer ab Tugend und Religion in
ihre ersten Grundsätze bei Kindern zurückzerspalten heißt einem Menschen die
Brust abheben und das Herz zerlegen um ihm zu zeigen wie es schlägt
Philosophie ist keine Brotwissenschaft sondern geistiges Brot selber und
Bedürfnis und man kann weder sie noch Liebe lehren beide zu früh gelehrt
entmannen Leib und Seele
Es gefället mir dass Sie selber erklärten Sie würden das Französische dem
Lateinischen das Sprechen den grammatischen Regeln dh den Laufwagen den
Theorien von der Muskelbewegung vorausschicken und die toten Sprachen später
vornehmen weil sie mehr durch den Verstand als durch das Gedächtnis gefasst
werden Latein wird zum Teil darum so schwierig weil es so frühzeitig vorkommt
im funfzehnten Jahre tut man darin mit einem Finger wozu man früher die Hand
brauchte
Abscheulich ists dass auch schon unsere Kinder lesen und sitzen und den
Steiss zur Unterlage und Basis ihrer Bildung machen sollen Das belehrende Buch
ersetzt ihnen den Lehrer nicht das belustigende das gesündere Spielen nicht
die Dichtkunst ist für ein unbärtiges Alter noch zu unverständlich und ungesund
der Lehrer der vorlieset muss erbärmlich sein wenn er nicht weit
nachdrücklicher spricht Kurz keine Kinderbücher
In ein pädagogisches Stammbuch würden wir beide schreiben Vergeblich tadeln
ist schlimmer als gar nicht tadeln Fehler die das Alter nimmt nehme der
Lehrer nicht der dauerhaftere zu bekämpfen hat usw Ihr Katechismus sei
Plutarch und Feddersen aber ohne seinen elenden Stil dh keine Moralien
sondern Erzählungen danach und noch dazu in keiner besonderen Stunde sondern
zur rechten damit der Kopf meiner Kinder nicht ein Vokabelnsaal von Moralen
sondern ihr Herz eine durchglühte Rotunda der Tugend werde
Da der blöde enge ängstliche Anstand der dümmste und unnatürlichste ist
so lehren Sie den Kindern den besten wenn Sie ihnen keinen befehlen von Natur
achten sie weder silberne Sterne noch silberne Köpfe gewöhnen Sie ihnen
dergleichen nicht ab
Meine größte Bitte ist die ich viele Jahre vorher drucken lassen dass
Sie der spasshafteste Mann in meinem Hause sind Lustigkeit macht Kleinen alle
wissenschaftliche Felder zu Zuckerfeldern Meine müssen bei Ihnen durchaus nach
ihrem Wohlgefallen scherzen reden sitzen dürfen Wir Erwachsene ständen den
abscheulichen Schulzwang unserer Abkommenschaft keine Woche aus so vernünftig
wir sind gleichwohl muten wir es ihren mit Ameisen gefüllten Adern zu
Überhaupt ist denn die Kindheit nur der mühselige Rüsttag zum geniessenden
Sonntag des späteren Alters oder ist sie nicht vielmehr selber eine Vigilie
dazu die ihre eigne Freuden bringt Ach wenn wir in diesem leeren
niederregnenden Leben nicht jedes Mittel für den nähern Zweck wie jeden Zweck
für ein entferntes Mittel ansehen was finden wir denn hienieden Ihr
Prinzipal ein abscheuliches Wort hat sich auf seine Verlobung ebensosehr
gefreuet als auf seine Hochzeit
Spielender Unterricht heißt nicht dem Kinde Anstrengungen ersparen und
abnehmen sondern eine Leidenschaft in ihm erwecken welche ihm die stärksten
aufnötigt und erleichtert Nun taugen dazu durchaus keine unlustigen
Leidenschaften zB Furcht vor Tadel vor Strafe etc sondern freudige
spielend würden alle Mädchen von Scheerau das Arabische erlernen wenn ihre
Liebhaber in keiner andern Sprache an sie schrieben als in dieser synonymischen
Hoffnung des Lobs ist es das Kindern das Lob äußerer Vorzüge ausgenommen weit
weniger schadet als Tadel und gegen welches sich keines am wenigsten das beste
verstecken kann Ich will Ihnen hier sagen was mein eigener Hofmeister für
ErziehRänke anwandte er nähte sich ein Zifferbuch in diesem gab er jedem
Glied seines Lyzeums 19 waren es für jede Arbeit eine große oder kleine Zahl
diese Zahlen erwarben wenn sie auf eine gewisse festgesetzte Summe gestiegen
waren einen Adel und Fleissbrief worauf man sein Lob mit nach Hause nahm Da
Belohnungen kraftlos werden die zu oft oder erst von weitem kommen so setzte
er auf diese geschickte Art den Weg zur entfernten Belohnung aus täglichen
kleinen zusammen Wir konnten ferner unsere Zahlen zusammensparen und Kinder
heftet nichts so sehr an Fleiß als ein wachsendes Eigentum von Ziffern oder von
Schreibbüchern Solche Zahlen wegstreichen war Strafe Er machte uns alle
dadurch so fleißig besonders mich dass ich wenige Jahre darauf imstande war
eine Biographie zu schreiben die noch jetzt gelesen wird
Reden Sie mit meinen Lieben nie kurz nie allgemein sondern sinnlich und
erzählen Sie so ausführlich wie Voss seine Idyllen
So hab ich die Poussiergriffel und Formzeuge an meinem Gustav gebraucht
wahrhaftig nicht um ihn seiner Lebensbeschreibung die ich verfasste sondern
dem Leben anzupassen ich wollt aber der Henker holte das Menschenherz das
für eigne Kinder nicht tun will was es für ein fremdes tat
Meine Töchter hingegen werter Herr Hauslehrer die älteren sowohl als die
jüngeren geb ich Ihnen nicht in die nämliche Schulstunde Mädchen könnten mit
Knaben ebensogut Schlafzimmer als Schulstube teilen und in gar keine Ein
Hofmeister der Mädchen zu erziehen wüsste und Sie könnens müsste so viel Welt
so viel Weiberkenntnis so viel Witz so viel launige Gewandtheit bei ebenso
vieler Festigkeit besitzen inzwischen erzieht eine recht gescheite Gouvernante
die meinigen häusliche Arbeit unter dem Auge einer gebildeten Mutter
Ehe ich diese geheime Instruktion beschliesse merk ich noch an dass sie
ganz unnütz ist erstlich für Sie weil ein Mann von Genie auch mit jeder
andern Methode allmächtig bleibt zweitens für den lahmen Kopf weil er Kindern
die Geisteskräfte er mags machen wie er will wie ein alter Schlafgenoss einem
jungen die körperlichen stets auszehren wird Ich habe überhaupt diesen
pädagogischen Schwabenspiegel lange vor meinen Kindern in die Welt
vorausgeschickt mithin gar nicht für Sie sondern für ein Buch«
Nämlich für dieses
Um meinem Prinzipal zu zeigen was ich in der Erziehung getan hätte sagt
ich so »Der Superintendent in Oberscheerau hat einen Wachtelhund Hetz genannt
den er für keine Menagerie Schosshunde weggibt Nun sollte man denken der Mann
da er Beichtkinder eigne Kinder und Weine und indianische Hühner genug hat
wäre gut daran aber falsch Hetz leidet es nicht Denn sobald die Suppe auf dem
Tische raucht so umschifft Hetz den Tisch springt in die Höhe seine Schnauze
liegt dann wasserpass in einer Ebene mit der Rehkeule und billt und stochert
mit dem Kopfe an jedes Knie so sehr besonders ans geistliche dass der Mann
seines Orts wie in einem Fegefeuer fortschlucket und häufig nicht weiß käuet er
Zucker oder Salz Es rettete ihn nicht dass er oft den Hund selber anboll die
Radikalkur dagegen aber wäre bloß die Hetzen nie einen Bissen zu geben Er
hielt es auch oft tagelang aber in der nächsten Mahlzeit bewarf er aus
Vergessen oder Unwillen den Plagegeist mit einem Knochen Dieser einzige Knochen
verhunzte den ganzen Hund Dem Seelenhirten ist besorg ich so lange nicht zu
helfen bis Hetz der von selbst sich nicht ändert etwa verreckt Mir hingegen
begegnet Hetz mit Vernunft und Schonung warum Solang ich an jenem Tische aß
schenkt ich Hetzen keine Faser ohne Ausnahme Auf Hetze und Menschen wirkt
Festigkeit allmächtig Wer keinen Hund erziehen kann Herr Rittmeister kann
auch kein Kind erziehen ich würde Hofmeister welche in mein Brot wollten an
keinen Probierstein streichen als an den dass sie mir Eichhörnchen und Mäuse
zähmen müssten wers am besten verstände zög ein zB Wildau wegen seiner
Bienenzähmung« Aber meine gnädige Pate lachte nie herzhaft über meine oder
Fenkische Scherze hingegen über einen Hoppedizelischen lachte sie sehr und
doch hat sie uns beide lieber
Wenn ich noch zwei ErziehIdiotismen wovon der eine ist dass ich den Witz
meines Zöglings so stark als seinen Verstand übte der zweite dass ich lauter
Autores aus Zeitaltern von unedlen Metallen mit ihm traktierte in einem
Extrablatt werde gerettet haben so gehen wir weiter in sein Leben hinein
Extrablatt
Warum ich meinem Gustav Witz und verdorbne Autores zulasse und klassische
verbiete ich meine griechische und römische
Ich muss vorher mit drei Worten oder Seiten beweisen dass und warum das Studium
der Alten niedersinke1 und dass es zweitens wenig verschlage
Wir sind bekanntlich jetzt aus den philologischen Jahrhunderten heraus wo
nichts als die lateinische Sprache an Altären auf Kanzeln auf dem Papier und
im Kopfe war und wo sie alle gelehrte Schlafröcke und Schlafmützen von Irland
bis Sizilien in einen Bund zusammenknüpfte wo sie die Staatsprache und oft die
Gesellschaftsprache der Großen ausmachte wo man kein Gelehrter sein konnte
ohne ein Inventarium alles römischen und griechischen Hausrats und einen Küchen
und Waschzettel dieser klassischen Leute im Kopfe zu führen Jetzt ist unser
Latein Deutsch gegen das eines Kamerarius ders also nicht nötig gehabt hätte
seinen schmalkaldischen Krieg griechisch abzufassen jetzo wird selten eine
Predigt lateinisch geschweige wie sonst griechisch geschrieben und kann also
nicht wie sonst ins Lateinische sondern bloß ins Deutsche übersetzt werden In
unsern Tagen drängt keine Frau mehr ihren eingepuderten infulierten Kopf durch
das klassische enge Kummet wenns nicht Hermes Töchter tun Dieses war meinem
Leser noch eher bekannt als mir weil ich jünger bin so wie uns beiden auch
das jetzige bessere Kommentieren Rezensieren und Übersetzen der Alten bekannt
genug ist Nur wuchs mit dem Werte ihrer Verehrer nicht die Zahl dieser
Verehrer alle andre Wissenschaften teilen sich jetzt in eine Universalmonarchie
über alle Leser aber die Alten sitzen mit ihren wenigen philologischen
Lehnleuten einsam auf einem S MarinoFelsen Es gibt jetzo nichts als
Vielwisser die alles gelesen haben nur die Alten nicht
Der Geschmack am Geiste der Alten muss sich so gut abstumpfen als der an
ihrer Sprache Ich behaupte nicht dass man in den klassischen
PapageienJahrhunderten diesen Geist besser fühlte als jetzo denn Vossius hing
am Lukan Lipsius am Seneka Kasaubon am Persius ich sage nicht dass damals ein
Faust eine Iphigenie eine Messiade ein Damokles geschrieben wurden wie jetzt
Allein ich rede vom jetzigen Geschmack des Volks nicht des Genies
Wenn der Geist der Alten in ihrem geraden festen Gang zum Zweck bestand in
ihrem Hasse des doppelten dreifachen ManschettenSchmucks in einer gewissen
kindlichen Aufrichtigkeit so muss es uns immer leichter werden diesen Geist zu
fühlen und immer schwerer ihn in unsre Werke zu hauchen mit jedem Jahrhundert
müssen in unserm Stile die Ein Über und Rücksichten mit unserm Lernen
schimmernd wachsen die Fülle unserer Komposition muss ihre Ründe verwehren wir
putzen den Putz an binden den Einband ein und ziehen ein Überkleid über das
Überkleid wir müssen den weißen Sonnenstrahl der Wahrheit da er uns nicht mehr
zum ersten Male trifft in Farben zersetzen und anstatt dass die Alten mit
Worten und Gedanken freigebig waren sind wir mit beiden sparsam Gleichwohl
ists besser ein Instrument von sechs Oktaven zu sein dessen Töne leicht unrein
und ineinander klingen als ein Monochord dessen einzige Saite sich schwerer
verstimmt und es wäre ebenso schlimm wenn jeder als wenn niemand wie Monboddo
schriebe
Mit unserer Unfruchtbarkeit an Werken im alten Stil nimmt zugleich der
Geschmack für diese Werke zu Die Alten fühlten den Wert der Alten nicht und
ihre Einfachheit wird bloß von denen genossen von denen sie nicht erreicht
werden von uns Ich denke aus diesem Grunde die griechische Einfachheit ist
von der der Morgenländer Wilden und Kinder2 nur durch das höhere Talent
verschieden womit das heitere griechische Klima jene Simplizität auszeichnete
Das ist die angeborene nicht erworbene Die künstliche erworbene Einfachheit ist
eine Wirkung der Kultur und des Geschmacks die Menschen des 18ten Jahrhunderts
waten erst durch Sümpfe und Giessbäche zu dieser AlpenQuelle hinauf wer aber
droben bei ihr ist verlässet sie nie mehr und nur Völker nicht einzelne
können von Monboddos Geschmack zu Balzacs seinem herabfallen Dieser erworbne
Geschmack den das junge Genie immer antastet und das bejahrte meistens bekennt
muss von Messe zu Messe durch die Übung an allem Schönen bei Einzelwesen
empfindlicher und schärfer werden die Völker selber aber verlieren sich jedes
Jahrhundert weiter von den Grazien weg die sich wie die homerischen Götter in
Wolken verstecken Die Alten konnten mithin die natürliche Einfachheit ihrer
Hervorbringungen so wenig empfinden als das Kind oder der Wilde die der
seinigen Die reinen einfachen Sitten und Wendungen eines Älplers oder Tirolers
bewundert weder der eigne Besitzer noch sein Landsmann sondern der gebildete
Hof der sie nicht erreichen kann und wenn die römischen Großen sich am Spielen
nackter Kinder labten mit denen sie ihre Zimmer putzten so hatten die Großen
aber nicht die Kinder die Labung und den Geschmack Die Alten schrieben also mit
einem unwillkürlichen Geschmack ohne damit zu lesen wie die jetzigen
genievollen Autoren zB Hamann mit weit mehr Geschmack lesen als schreiben
daher jene Speckgeschwülste und Hitzblattern an den sonst gesunden Kindern eines
Plato Äschylus sogar eines Cicero daher beklatschten die Atener keine Redner
mehr als die AntitesenDrechsler und die Römer die Wortspieler Zur übermäßigen
Bewunderung Shakespeares fehlte ihnen nichts als Shakespeare selber Eben
deswegen konnten diese Völker wie das Kind von der natürlichen Einfachheit zum
gleissenden lackierten Witzeln heruntergehen
Zweitens versprach ich auf drei Seiten zu behaupten dass die
Vernachlässigung der Alten wenig schade Denn was nutzet denn ihre Bearbeitung
Sie werden wie die Tugend weit weniger gefühlt und genossen als man sagt3 Das
Vergnügen an ihnen ist die richtigste NeunerProbe des besten Geschmacks aber
dieser beste Geschmack setzt eine solche geistige Aufschliessung für alle Arten
von Schönheiten ein solches Rein und Schönmass aller innern Kräfte voraus dass
nicht bloß Home Geschmack unvereinbar mit einem bösen Herzen findet sondern
auch dass ich nächst dem Genie das ihn nach Entladung seiner geistigen
Vollsaftigkeit immer bekommt nichts Seltners kenne als ihn den vollendeten
Geschmack O ihr Konrektoren und Gymnasiarchen die ihr über die Devalvation der
Alten winselt und greint wenn sie noch Augen hätten sie würden über eure
Valvation weinen O es gehören andre Herzen und Seelenflügel nicht bloße
Lungenflügel dazu als in euren pädagogischen Rümpfen stecken um einzusehen
warum die Alten Plato den Göttlichen nannten warum Sophokles groß und die
Antologen edel sind Die Alten waren Menschen keine Gelehrten was seid ihr
Und was holt ihr aus ihnen
Kopiam vocabulorum In mittleren Jahrhunderten war auch jeder kleine Nutzen
der Alten ein großer aber jetzt im 18ten wo alle Völker gradus ad parnassum in
den MusenGranit eingehauen kommt es auf zwei Treppen mehr oder weniger nicht
an Haben denn die jetzigen Nationen nichts im alten Geschmacke geschrieben
Wär es so so würden ohnehin Muster die sich in keinen Ebenbildern
vervielfältigt haben leicht zu entraten sein es ist aber nicht einmal so und
die Omarsche Verbrennung aller Alten könnte uns nur ein wenig mehr entreißen
als wenn man den ganzen noch stehenden Herbstflor von einigen griechischen
Tempeln und andern Ruinen umbräche wir würden doch noch Häuser im griechischen
Geschmack bekommen Die Muster haben ja selber ohne Muster geschrieben und
Polyklets Bildsäule wurde nach keiner Polyklets Bildsäule geregelt Trotz dem
Studium der geschriebenen Antiken lag sonst in Deutschland und liegt noch in
Italien die dichtende Schöpferkraft auf dem Siechbett
Wer wie Heine die alten Sprachen zur formalen Ausbildung der Seele dingen
will der vergisset dass jede Sprache es kann und dass eine unähnlichere wie
die orientalischen es noch besser kann und dass diese Ausbildung uns zuweilen
so teuer zu stehen kommt als manchem Baron sein Französisches Die Griechen und
Römer wurden Griechen und Römer ohne die formale Bildung von griechischen und
lateinischen Autoren sie wurden es durch Regierung und Klima
Es ist ein Unglück für das Schönste was der menschliche Geist geboren hat
dass dieses Schönste unter den Händen der Primaner Sekundaner und Tertianer
zerrieben wird dass das Scholarchat glauben kann die bessere Ausgabe oder die
besseren Nominal und RealErklärungen setzten die jungen Gymnasiasten mehr
instand die erhabenen klassischen Ruinen zu fassen als eine bessere von
Druckfehlern gesäuberte Ausgabe des Shakespeares und die beigefügten Novellen
nebst den Noten einen Schulmann oder Franzosen instand setzen würden die Augen
vor diesem englischen Genius aufzuschließen dass sonach das Scholarchat sich
einbildet einen Hämling oder Täufling erhalte nichts kalt gegen die Reize einer
Kleopatra als die Hüllen dieser Reize und dass die Scholarchate nicht mir und
der Natur nachgehen4
Die Natur erzieht nämlich unsern Geschmack durch vorragend Schönheiten für
feinere der Jüngling zieht den Witz der Empfindung vor den Bombast dem
Verstand den Lukan dem Virgil die Franzosen den Alten Im Grunde hat dieser
minderjährige Geschmack nicht darin unrecht dass er gewisse niedere Schönheiten
stärker empfindet als wir sondern dass er die damit verbundnen Flecken und
höhere Reize schwächer empfindet als wir alle denn wir würden nur desto
vollkommener sein wenn wir zugleich mit dem jetzigen Gefühl für das griechische
Epigramm das verlorne JugendEntzücken über das französische verknüpfen könnten
Man sollte also den Jüngling sich an diesen Leckereien wie der Zuckerbäcker
seinen Lehrjungen an andern so lange sättigen lassen bis er sich daran
überdrüssig und für höhere Kost hungrig genossen hätte jetzo aber übersetzt
er sich umgekehrt an den Alten satt und bildet und reizet damit seinen Geschmack
für die Neuern In unserer AutorenWelt erscheinen die traurigen Folgen davon
dass Scholarchate den Anfang mit dem Ende machen und von Schriftstellern die
bloß dem zartesten besten Geschmacke die letzte Ründe geben den
gymnasiastischen aus dem Groben wollen hauen lassen und so weder der Natur
folgen noch mir
Die Scholarchate besorgen freilich »dadurch käme unter die jungen Leute
mehr Witz als schicklich ist wenn man den Seneka Epigrammen und verdorbne
Autores lese« Meine erste Antwort ist dass die Konstitution des Deutschen
robust und gesund genug ist um dem Fleckfieber des Witzes weniger ausgesetzt zu
sein als andre Völker ZB das witzige Buch »Über die Ehe« oder Hamanns
Schriften machen wir durch tausend reine Werke wieder gut wo der Witz nicht
darin ist Ich habe daher oft gedacht so wie der Deutsche von seinen Vorzügen
wenig weiß so weiß er auch von dem nichts dass er nicht überflüssigen Witz hat
obgleich die Rezensenten mir und den Verfassern der Romane diesen Überfluss oft
genug vorwerfen Aber ich und diese Verfasser verlangen unparteiische Richter
hierüber sogar diese sonst unbedeutenden Rezensenten selber sind hierin einem
Seneka und Rousseau die beide den witzigen Stil verdammten bekämpften und doch
haschten zu ihrem Ruhm so wenig ähnlich dass sie den Fehler des Witzes strenge
an andern rügen und glücklich selber vermeiden
Meine zweite Antwort ist tiefer eh der Körper des Menschen entwickelt ist
schadet ihm jede künstliche Entwicklung der Seele philosophische Anstrengung
des Verstandes dichterische der Phantasie zerrütten die junge Kraft selber und
andre dazu Bloß die Entwicklung des Witzes an die man bei Kindern so selten
denkt ist die unschädlichste weil er nur in leichten flüchtigen Anstrengungen
arbeitet die nützlichste weil er das neue IdeenRäderwerk immer schneller
zu gehen zwingt weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft über die Ideen
gibt weil fremder und eigener uns in diesen frühen Jahren am meisten mit seinem
Glanze entzückt Warum haben wir so wenig Erfinder und so viele Gelehrte in
deren Köpfen lauter unbewegliche Güter liegen und die Begriffe jeder
Wissenschaft klubweise auseinandergesperrt in Kartausen wohnen so dass wenn der
Mann über eine Wissenschaft schreibt er sich auf nichts besinnt was er in der
andern weiß Bloß weil man die Kinder mehr Ideen als die Handhabung der Ideen
lehrt und weil ihre Gedanken in der Schule so unbeweglich fixiert sein sollen
wie ihr Steiss
Man sollte Schlözers Hand in der Geschichte auch in andern Wissenschaften
nachahmen Ich gewöhnte meinem Gustav an die Ähnlichkeiten aus entlegnen
Wissenschaften anzuhören zu verstehen und dadurch selber zu erfinden ZB
alles Große oder Wichtige bewegt sich langsam also gehen gar nicht die
orientalischen Fürsten der Dalai Lama die Sonne der Seekrabben weise
Griechen gingen nach Winckelmann langsam ferner tut es das Stundenrad der
Ozean die Wolken bei schönem Wetter Oder im Winter gehen Menschen die
Erde und Pendule schneller Oder verhehlt wurde der Name Jehovas der
orientalischen Fürsten Roms und dessen Schutzgottes die sibyllinischen
Bücher die erste altchristliche Bibel die katholische der Vedam etc Es
ist unbeschreiblich welche Gelenkigkeit aller Ideen dadurch in die Kinderköpfe
kommt Freilich müssen die Kenntnisse schon vorher da sein die man mischen
will Aber genug der Pedant versteht und billigt mich nicht und der bessere
Lehrer sagt eben genug
Fußnoten
1 Diese Bemerkung über den Verfall hat seit 20 Jahren wenn nicht in Frankreich
doch in Deutschland viel von ihrer Ausdehnung verloren
2 In der Erzählung des Kindes ist die nämliche Verschmähung des Putzes der
Seitenblicke und der Kürze dieselbe Naivetät die uns oft Laune zu sein scheint
und keine ist und dasselbe Vergessen des Erzählers über die Erzählung wie in
den Erzählungen der Bibel der älteren Griechen etc
3 Was die Neuern im Geschmack der Alten schreiben wird wenig verstanden und
die Alten selber sollen so häufig verstanden werden
4 Fühlen denn alle Deutsche die Messiade die der deutschen Sprache und
biblischen Geschichte kundig sind
Siebzehnter Sektor
Abendmahl darauf Liebemahl und Liebekuss
O geliebter Gustav die ausgewinterten Tage unserer Liebe schlagen in meinem
Dintenfasse wieder in Blüten aus indem ich sie vorzeichne Hast du Leser
irgendeinen Frühling deines Lebens gehabt und hängt noch sein Bild in dir so
leg es im Wintermonat des Lebens an deinen warmen Busen und gib seinen Farben
Leben wie Erwärmung das unsichtbare Frühlinggemälde des Ofens enthüllt und
belebt denk dir alsdann deine Blumentage wenn ich unsere zeichne Unsere
vier kleinen Wände waren die Staketen eines reichern Paradieses als sich durch
einen Augarten ausstreckt unser Kirschbaum am Fenster war unser Dessauisches
Philantropinwäldchen und zwei Menschen waren glücklich ob sie gleich befahlen
und gehorchten Das Maschinenwerk des Lobes das ich in dem Regulativ meinem
Hofmeister so sehr anpries legt ich beiseite weil es nicht an einen sondern
an eine ganze Schule anzusetzen ist mein Paternosterwerk war seine Liebe zu
mir Kinder lieben so leicht so innig wie schlimm muss ders treiben den sie
hassen Auf der Skala meiner StrafenKarolina oder Teresiana standen statt
der pädagogischen Ehren und Leibesstrafen Kälte ein trauernder Blick ein
trauernder Verweis und die höchste das Drohen fortzugehen Kinder von zartem
Herzen und von einer immer durch den Wind aufgehobnen Phantasie wie Gustav sind
am leichtesten zu wenden und zu drehen aber auch ein einziger falscher Riss des
Lenkseils verwirrt und verstockt sie auf immer Besonders sind die Flitterwochen
einer solchen Erziehung so gefährlich wie die in der Ehe mit einer feinfühlenden
Frau bei welcher ein einziger kakochymischer Nachmittag durch keine künftigen
Jahr und Tagzeiten wieder auszutilgen ist Ich wills nur bekennen eben einer
solchen sensitiven Frau wegen bin ich Hofmeister geworden Da die Weiber hieß
es in mir in einem auffallenden Grade alle Vollkommenheiten der Kinder haben
die Fehler derselben schon weniger so kann ein Mensch der an den so weit
auseinanderstehenden Ästen der Kinder sein Gespinste anzukleben und anzuziehen
weiß dh der sich in Kinder schicken kann so sehr schlimm unmöglich fahren
als andre wenn er heiratet
Wo der Tadel das Ehrgefühl des Kindes versehrte da unterdrückte ich ihn um
meine Kollegen in der Runde durch das Beispiel zu lehren dass das Ehrgefühl das
unsere Tage nicht genug erziehen das Beste im Menschen sei dass alle andre
Gefühle selbst die edelsten ihn in Stunden aus ihren Armen fallen lassen wo
ihn das Ehrgefühl in seinen emporhält dass unter den Menschen deren Grundsätze
schweigen und deren Leidenschaften ineinanderschreien bloß ihr Ehrgefühl dem
Freunde dem Gläubiger und der Geliebten eine eiserne Sicherheit verleihe
Sieben Tage früher als recht war kommunizierte mein Gustav denn das
Konsistorium die Ferne der Pfarrherren die Pönitentiaria der Gemeinden und
die Widerlage der Regierung schickte uns mit Vergnügen als geistige
Fastendispensation oder AltersErlass venia aetatis diese sieben Tage um
welche sein KommunionAlter zu leicht war für ebensoviel Gulden geschenkt aufs
Schloss heraus Mein Zögling musste also der geschickteste Religionlehrer saß
vergeblich zu Hause wöchentlich zweimal zum dummen Senior Setzmann in Auental
abmarschieren der zum Glück kein Jurist wie ich war und in dessen Pfarrwohnung
ein Rudel Katechumenen die Schnauzen in geronnene KatechismusMilch stecken
mussten Gustav brachte statt des TierRüssels einen zu kurzen Mund mit
Gleichwohl war der Senior Setzmann nicht übel auf einem
ParlamentsWollensack hätt er sich zu einem Redner gesessen dh zu einem
Ding das unter den Personen die ihm anfangs nicht glauben zuerst seine eigne
überredet Ein Redner ist so leicht zu überreden als er überredet Der Senior
war jeden Sonntag in den ersten Stunden nach der Predigt fromm genug er kann
zwar verdammt werden aber bloß Mangel an Predigten würd es tun und der an
Bier Eine vernünftige Betrunkenheit kommt beides dem aszetischen und dem
poetischen Enthusiasmus unglaublich zustatten Die Leser sind meine Freunde
nicht welche sagen aus bloßem Ärger und Neid dass mein Gustav seine Stunden
hörte schrieb ich es hier in die Welt hinaus dass der Keller die Pauls und
Peterskirche des Seniors war dass seine Seele wie geflügelte Fische nur so
lange emporflog als die Schwingen eingeölet waren dass er immer betrunken und
gerührt zugleich erschien und eher nicht in den Himmel hineinbegehrte als bis
er ihn nicht mehr sehen konnte Hermes und Oemler sagen ich würde Ärgernis
vermeiden obgleich das Beispiel Setzmanns ein größeres geben muss als der Spaß
darüber wenn ichs lateinisch vortrüge dass die aquae supra coelestes seiner
Augen allemal seine zwei Schuh tieferen humores peccantes begleiteten
Gustav ging an wehenden Frühlingnachmittagen auf jungem Grase zu ihm und
freute sich unterwegs auf zwei hübsche Dinge erstlich auf diesen Missionar
der heidnischen Dorfjugend selber dessen schwärmerischer Atem Gustavs Ideen
deren jede ein Segel war wie ein Sturmwind bewegte und der besonders in der
letzten sechsten Woche wo er die jungen Sechswöchner über den Leisten des
sechsten Hauptstücks schlug meines Gustavs Ohren so verlängerte dass zwei
Flügel daraus wurden die mit seinem Köpfchen davongingen Zweitens spitzte
dieser sich auf eine breite Binde über einem breiten Halstuch und dergleichen
Schürze welches alles noch dazu so blütenweiss war wie er und am schönsten Leibe
in der ganzen Pfarrei saß an Reginens ihrem welche darin sich auf das zweite
Kommunizieren vorbereitete So etwas mein Gustav machte dich ganz natürlich
aufmerksamer als zerstreuet und wenn mir das Scholarchat nur eine halbe solche
Muse statt des Bauchkissens meines lecken Konrektors auf dem Lehrstuhle
entgegengestellt hätte Himmel ich würde gelernt haben ferner memoriert
ferner dekliniert desgleichen konjugiert und endlich exportiert Deshalb war
es zweitens eben keine Hexerei Gustav da bloß dein Ohr der Windseite vom
Pastor entgegenlag das Auge aber der Sonnenseite von Reginen dass du wenig
dir aus der halben Stunde machtest die der Senior darüber gab um sein Gewissen
zum Narren zu haben Er hielt um den Frais und Zenterrn und Feimer im Herzen
das Gewissen stille zu machen seine Kinderlehren eine halbe und seine
Predigten dreiviertel Stunden länger als die ganze Diözes Der Mensch tut lieber
mehr wie seine Pflicht als seine Pflicht
Da Gustav nicht wusste dass Mädchen nichts übersehen und alles überhören so
war ihm der ganze Katechismus ein Liebebrief in dem er sich mit ihr
unterredete Wenn sie dem Senior zu antworten hatte wurd er rot »der Senior«
dacht er »kann sein Fragen und Quälen nicht verantworten« und sein Sehnerve
wurzelte auf ihrem Gesichte
Da die Falkenbergischen kein besonderes Kommunizierzimmer mit samtnen Dielen
hatten so ging meine Pate der Rittmeister an der Spitze ihrer Lehnleute um
den Altar also auch Gustav
Am Beichtsonnabend O ihr stillen Tage meiner frömmsten Entzückungen geht
wieder vor mir vorüber und gebt mir eure Kinderhand damit ich euch schön und
treu beschreibe Am Sonnabend ging Gustav nach dem Essen schon unter
demselben konnt er vor Liebe und Rührung seine Eltern kaum ansehen die Treppe
hinauf um nach einer so schönen Sitte den Seinigen seine Fehler abzubitten Der
Mensch ist nie so schön als wenn er um Verzeihung bittet oder selber verzeiht
Er ging langsam hinauf damit seine Augen trocken und seine Stimme fester würde
aber als er vor die elterlichen kam brach ihm alles wieder er hielt lange in
seiner glühenden Hand die väterliche um etwas zu sagen um nur die drei Worte
zu sagen »Vater vergib mir« aber er fand keine Stimme und Eltern und Kind
verwandelten die Worte in stille Umarmungen Er kam auch zu mir in gewissen
Verfassungen ist man froh dass der andre in der nämlichen ist und also unsre
vergibt Ich wollt Gustav ich hätte dich jetzt in meiner Stube Wenn
Kinder sich Gott nicht wie Erwachsene als ihresgleichen nämlich als ein Kind
sondern als einen Menschen denken so ist das für ihr kleines Herz genug
Gustav ging nach diesen Abbitten wankend zitternd betäubt wie wenn er das
sähe was er dachte Gott in die verlassene Kindheitöhle hinab wo er unter
der Erdrinde erzogen wurde und wo seine ersten Tage und ersten Spiele und
Wünsche begraben lagen Hier wollt er knien und in dieser zerbrochnen
Andachtstellung worin der Genius der Sonnen und Erden in jener vielleicht
frömmsten Zeit unsers Lebens alle gefühlvolle Kinder erblickt seine ganze Seele
in einen einzigen Laut in einen einzigen Seufzer verwandeln und sie opfern auf
dem Dankaltar aber dieser größte menschliche Gedanke riss sich wie eine neue
Seele von seiner los und überwältigte sie Gustav lag und sogar seine Gedanken
verstummten Aber die Stimme wird gehört die in der Brust bleibt und der
Gedanke gesehen der zurücksinkt unter den Strahlen des Genius und in der
andern Welt betet der Mensch seine hiesigen verstummten Gebete hinaus
Am Abende dieses heiligseligen Tages trug eine wiegende Ruhe auf ihren
sichern Händen sein überfülltes Herz er schlug nicht gewaltsam die kurzen
Kinder und MenschenArme um die Freude sondern diese schloss die Mutterarme
leis um ihn Dieser Zephyr der Ruhe wehte anstatt dass der Orkan des Jauchzens
den Menschen durch und wider alles reißt noch am Pfingsttage spielend um sein
Leben voll kleiner Blüten und sein Wesen lag wie auf einer sanft tragenden
Wolke da die heitere Pfingstsonne ihn fand aber als der Blumengeruch der
geschmückten Brust das Gefühl des pressenden rauschenden Anzugs das
Glockengeläute dessen fortlaufende Töne wie goldne Fäden um alle einzelne
Auftritte liefen und sie in einem verbanden der Birkenduft und das grüne
Helldunkel der Kirche sogar das Fasten da all dies seine Gefühle und seine
Blutkügelchen in fliegende Kreise warf so stand in seiner Brust eine
angezündete Sonne das Bild eines tugendhaften Menschen brannte nie in so
großen über die Wolken hinaustretenden Umrissen vor ihm als da
Aber der Abend Die kleinen Kommunikanten spazierten da mit leichterem
Herzen und vollerem Magen in sittsamen Gruppen herum und fühlten Essen und Putz
Gustav von dessen Flammen das Abendessen einiges überleget hatte wiewohl sich
noch eine sanfte Glut verhielt wandelte seinen Garten da sein Kopf kein
Tanzplatz sondern eine Moosbank froher Gefühle war langsam auf und ab und zog
die eingeschlafnen Tulpenblätter auseinander um aus diesem Blumenkerker manches
verspätete Bienchen loszulassen Endlich lehnte er sich an den Türstock des
hinteren Gartentürchens und sah sehnend über die Wiesen ins Dörfchen hinab wo
die gereiheten Eltern zusammen plauderten und den Kindern mütterlicheitel
nachschaueten welche heute zum ersten und wohl zum letzten Male spazieren
gingen weil Bauern und Morgenländer nur Sitzen lieben Da rückte ein scheues
BauerkinderPikett behutsam um die Gartenmauer herum weil dasselbe den alten
Starmatz den Gustav heute mit seinem Bauer ins Freie getragen gern näher hören
wollte in seiner echtironischen Laune voll derber Schimpfwörter Kinder sind in
fremden Kleidern und an fremden Orten sich fremd aber Gustav hatte seinen
Leitton um mit ihnen ins Gespräch überzugehen zum Glücke bei der Hand den
Matz mit welchem er bloß in eines zu geraten brauchte Und alles gelang und
die redenden Künste des Vogels machten bald die Konversation so allgemein und
unbefangen dass man über alles mit allen sprechen konnte Gustav fing an
Geschichtchen zu erzählen aber vor einem jüngeren und billigern Publikum als
ich seine Geschichtchen erdachte und erzählte er im nämlichen Augenblick und
seine Phantasie stieß mit ihren Flügeln im unermesslichen Tummelplatz an nichts
Überhaupt erfindet man gescheitere Kontes unter dem Sprechen als unter dem
Schreiben und Madame dAunoy die ich lieber heiraten als lesen möchte würde
uns großen Kindern bessere Feenmärchen gegeben haben wenn sie solche vor den
Ohren der kleinen erfunden hätte
Unter dem Vorwande des Niedersetzens lud und bat er sein ganzes HörPublikum
auf einen Altan der um einen Lindenbaum im Garten samt einer Treppe geflochten
und gewölbet war Ich lasse so zeitig meine Leser nicht herab denn Bienen
Bildschnitzer und ich lieben Linden sehr jene des Honigs diese des weichen
Holzes und ich des weichen Namens und des Duftes wegen
Aber hier ist noch etwas ganz anders zu lieben Drei Kommunikantinnen
horchten zur offenen Gartentür hinein und verdoppelten von weitem den Hörsaal
mit einem Worte Regina war darunter und ihr Bruder schon mit droben die
Galerie oder die Logen mussten endlich da das Hinaufrufen nichts half das
weibliche Parterre hinaufzerren Ich erzähle selber jetzt feuriger nach kein
Wunder dass auch Gustav es tat Regina setzte sich am weitesten von ihm aber
ihm gegenüber Er fing eine ganz frische Historie an weil das bureau desprit
viel stärker geworden Ein elendes blutjunges Mädchen Kinder wollen in der
Geschichte am liebsten Kinder malte er vor eines ohne Abendbrot ohne Eltern
ohne Bett ohne Haube und ohne Sünden das aber wenn ein Stern sich putzte und
herunterfuhr unten einen hübschen Taler fand auf dem ein silberner Engel
aufgesetzt war welcher Engel immer glänzender und breiter wurde bis er gar die
Flügel aufmachte und vom Taler aufflog gen Himmel und dann der Kleinen droben
aus den vielen Sternen alles holte was sie nur haben wollte und zwar herrliche
Sachen worauf der Engel sich wieder auf das Silber setzte und sehr nett da sich
zusammenschmiegte Welche Flammen schlugen unter dem Schaffen aus Gustavs
Worten heraus aus seinen Augen und Mienen in die Zuhörerschaft hinein Noch
dazu stickte nebenbei der Mond die Lindennacht auf dem Fußboden mit wankenden
SilberPunkten eine verspätete Biene kreuzte durch den glühenden Kreis und ein
schnurrender Dämmerungvogel um einen bekränzten Kopf auf dem DoppelGrund von
Lindengrün und Himmelblau zitterten Blätter neben den Sternen der Nachtwind
wiegte sich auf dünnem Laube und auf Goldflittern der geputzten Regina und
bespülte mit kühlen Wellen ihre Feuerwange und Gustavs Flammenatem Aber
wahrhaftig ich behaupte den Katheder brauchte er nicht einmal so herrlich
waren Katheder und Redner Wie konnt ihm dieser nötig sein da er der Braut
Christi und seiner eignen erzählte da der ganze heutige Tag mit seinem
blendenden Nimbus wieder aufstand da er das Mitleid in die Brust der
unbefangenen Kinder einführte und aus ihren Augen es wieder vorpresste und da er
gewisse weibliche sich benetzen sah Seine eignen zergingen in Wonne und er
dehnte sein Lächeln immer weiter auseinander um damit sein Auge zu bedecken
das sich schon schöner bedecket hatte »Gustav« hatt es schon zweimal vom
Schloss her gerufen aber in dieser seligen Stunde hörte es keiner bis zum
dritten Male die Stimme nahe unten im Garten erklang Die betäubte geheime
Gesellschaft rollte die Treppe hinab neben Gustav verweilte nur noch Regina
unter der dunkeln Laube um eiligst mit ihrer Schürze die Spuren der Erzählung
aus den Augen zu bringen und mit einer Nadel sich etwas hinaufzustecken er
stand dem Gesichte auf dem so viele schöne Abendröten seines Lebens
untergegangen waren so nahe und so stumm und hielt sie ein wenig als sie
nachwollte wäre sie stille gestanden so hätt er sie nicht halten können
aber da sie riss so umfasste er sie fester und im größeren Bogen ihr Ringen
vereinigte beide aber seiner trunknen Seele ersetzte die Nähe den Kuss das
Sträuben führte seine zuckende Lippen an ihre aber doch erst als sie seine
Brust von ihrer wegstemmte und seine mit der Nadel zerrjetzte dann erst strickte
er sie mit unaussprechlicher vom eignen Blute berauschter Liebe an sich und
wollte ihren Lippen ihre Seele aussaugen und seine ganze eingiessen sie standen
auf zwei entfernten Himmeln zueinander über den Abgrund herübergelehnt und
einander auf dem zitternden Boden umklammernd um nicht loslassend zwischen die
Himmel hinunterzustürzen
Könnt ich seinen ersten Kuss tausendmal brennender abmalen ich tät
es denn er gehört unter die ersten Abdrücke der Seele unter die Maiblumen der
Liebe er ist die beste mir bekannte Dephlegmation des erdigen Menschen Nur ist
es in diesem deutschen und belgischen Leben nicht möglich zu machen dass der
Mensch über fünf oder sechs Male zum ersten Male küsse Später sieht er allezeit
in seine Sachdefinition die er von einem Kusse im Kopfe hat ordentlich hinein
und zitiert den Paragraphen wos steht der ganze Inhalt des dummen Paragraphen
ist aber der die eigentliche Sache sei ein Zusammenplätten roter Häute
Wahrlich ein Autor von Gefühl kann sich nicht niedersetzen und bedenken dass ein
Kuss eines von den wenigen Dingen ist die nur genossen werden wenn unter dem
Geistigen das Körperliche nicht vorschmeckt ohne dass ein solcher Autor von
Gefühl es ist niemand als ich die ausfilzet die nicht so viel Verstand haben
wie er er filzet nicht bloß die Herren Veit Weber und Kotzebue in deren
Schriften zu viele Küsse stehen sondern auch andre Leute aus in deren Leben zu
viele kommen namentlich ganze Pickenicks die einander nach dem Tischgebet die
Wangen mit den Lippen abbürsten und anschröpfen Kommt es gar so weit dass diese
schöne Lippenblüte unsers Gesichts sich an Häuten von Schafen und von
Seidenraupen an Handsandalen zerknüllen muss so will ein Autor von so viel
Empfindung der leidenden Partei die Hände und der tätigen die Lippen
wegschneiden
Ich begiesse den vom letzten Kusse erhitzen Leser mit diesem kalten
Wasserschatze wirklich nicht deshalb um mit ihm so umzuspringen wie das
Schicksal mit mir denn dieses hat sichs einmal zum Gesetz gemacht jedesmal
wenn ich mitten im Freudenöl solcher Auftritte wie der Gustavische oder auch
nur der Beschreibung solcher Auftritte stehe mich sogleich in Salzlaken und
Vitriolöle unterzutauchen Sondern ich wollte gerade umgekehrt die hässliche
Empfindung über den Tausch entgegengesetzter Szenen dem Leser halbieren die der
arme Gustav ganz bekam da es unten rief
»Wollt ihr gleich« Die Rittmeisterin legte in den Ton mehr Beleidigendes
als mein unschuldiger Gustav noch zu fühlen verstand Die Liebhaberin verliert
in solchen Überraschungen den Mut den der Liebhaber bekommt Die ersten
Versikel des abgefluchten Strafpsalms durchlöcherten das Ohr der schuldlosen
Regina welche stumm und weinend aus dem Garten schlich und so den freudigen Tag
trübe beschloss Die sanftern Verse erfassten den Geschichtdichter der seine
Kontes moraux ästetisch und mit Patos1 auszumachen vorhatte und nun selber von
einem fremden Patos erwischt wurde Ernestinens Herz Lippen und Ohren waren
hinter den strengsten Gittern erzogen daher wich ihre so melodische Seele bei
einem bloßen Kuss in eine fremde harte Tonart aus sie gab vom schönsten Mädchen
nichts zu als »Ein gutes Mädchen ists« Überhaupt ist mir die Frau die
gewisse Fehltritte einer andern sehr schonend beurteilt mit ihrer Duldung
verdächtig eine ganz reine weibliche Seele erzwingt an sich höchstens die Miene
dieser Toleranz für eine weniger reine
Auf unschuldige Lippen drückte Gustav den ersten und letzten Kuss denn in
der Pfingstwoche zog die Schäferin nach Maussenbach als SchlossDienstbote Wir
werden nichts mehr von ihr hören So wird es durch das ganze Buch fortgehen
das wie das Leben voll Szenen ist die nicht wiederkommen Nun tritt schon die
Sonne höher an Gustavs Lebenstage und fängt an zu stechen eine Blume der
Freude um die andre bückt sich schon vormittags zum Schlummer nieder bis nachts
um 10 Uhr der gesenkte Flor mit verschwundnen Blüten schläft
Fußnoten
1 Gustavs Mut zum Kuss ist übrigens natürlich Unser Geschlecht durchläuft drei
Perioden des Muts gegen das schöne die erste ist die kindliche wo man beim
weiblichen Geschlecht noch aus Mangel an Gefühl etc wagt die zweite ist die
schwärmerischer wo man dichtet aber nicht wagt die dritte ist die letzte wo
man Erfahrung genug hat um freimütig zu sein und Gefühl genug um das
Geschlecht zu schonen und zu achten Gustav küsste in der ersten Periode
Achtzehnter Sektor
Scheerauische Molukken Röper Beata offizinelle Weiberkleider Oefel
Ich würde närrisch handeln und schreiben wenn ich da uns alle Leser sowohl
als Einwohner dieser Biographie Scheerau so nahe angeht da Gustav der Held
dahin als Kadett kommt da ich der Hofmeister daraus komme da Fenk der
Doktor noch daselbst ist und da Fenk in dieser Geschichte noch wichtig werden
kann drei Papiere von Dr Fenk trotz aller dieser Gründe nicht einrückte Die
Rede ist von zwei Zeitungsartikeln und einem Brief die der Pestilenziar
geschrieben
Ich weiß gewiss dass es einigen hohen Fremden die durch die scheerauischen
höheren Zirkel gereist bekannt ist dass der Doktor eine Zeitung schreibt die
nicht gedruckt wird nämlich eine geschriebne Gazette oder Nouvelles à la main
wie mehre Residenzstädte sie haben Dörfer haben gedruckte Neuigkeiten kleine
Städte mündliche Residenzstädte schriftliche Das Papier ist Fenks Marforio und
Pasquino der seine satirischen Arzneien austeilt
Seinen ersten Zeitungartikel flecht ich ein schon bloß des Journals für
Deutschland wegen Dieses so platte und so wortreiche Journal denn sonst wär
es weder von noch für Deutschland geschrieben rückte eine gute Abhandlung von
mir nicht ein die ich über den außerordentlichen Handelflor in Scheerau
eingeschickt weil vielleicht keine Regierung in Deutschland weniger bekannt ist
als die scheerauische Wahrhaftig man sollte denken dieses Fürstentum verstecke
sich wie ein Walfisch unter die Eisrinde der Polarmeere so unbekannt sind die
wichtigem Nachrichten von ihm zB solche wie die dass wir Scheerauer seit der
neuen Regierung den ganzen ostindischen Handel und die Molukken an uns gezogen
von denen wir jetzo unsere Gewürze selber holen welche letzte die Regierung
eigenhändig dazu aus Amsterdam verschreibt Aber das steht ja eben im ersten
Zeitungsartikel
Nro 16
Gewürzinseln und Molukken in Scheerau
Der Brandenburger Weiher bei Baireut ist ein ausgegrabner Landsee von 500
Tagwerken und vor einigen Monaten saß ich eine Stunde darin denn man trocknet
ihn jetzt zum Besten seiner bleichen Küstenbewohner aus Der scheerauische
Weiher an dem vier Regenten weitergraben ließ hat 129 Tagwerke mehr und ist
für Deutschland wichtig denn durch seine aërostatischen Dünste wird er so gut
wie das Mittelländische Meer das Wetter in Deutschland ändern sobald der Wind
über beide geht Die Ebbe und Flut muss genau genommen sogar auf einer Träne oder
im Saufnäpfchen eines Zeisigs stattfinden wie viel mehr auf einem solchen
Wasser die Diözes von Inseln die diesen Teich so putzt und furniert zB
Banda Sumatra Zeilon und das schöne Amboina die großen und kleinen Molukken
traten erst unter der jetzigen Regierung aus dem Wasser oder vielmehr ins
Wasser Herrn Buffon wenn er noch lebte und andre Naturforscher müsst es
frappieren dass die Inseln auf dem Scheerauischen Ozean nicht durch Auftürmungen
von Korallen entstanden auch nicht durch Erdbeben die den DromedarRücken des
Meergrundes aus dem Wasser aufkrümmten selber durch keinen Vulkan in der Nähe
der diese Berge ins Wasser hineingesäet hätte denn Sumatra die großen und die
kleinen Molukken wurden bloß in kleinen Partien auf unzähligen Schubkarren und
Leiterwagen an die Küsten herbeigeschoben und weil auf den Karren Steine
Sand Erde und alle Ingredienzien einer hübschen Insel waren so brachten die
Fronbauern landesherrliche sowohl als ritterschaftliche die ebenso viele
Tabak rauchende und Inseln bildende Vulkane waren in kurzem die Molukken
fertig indes die ritterschaftlichen Brücken über landesherrliche Wasser noch
nicht angefangen sind Die Absicht des Landesherrn ist den ganzen ostindischen
Handel bei Asien in Scheerau so bei der Hand zu haben wie eine Rappémühle und
ich denke wir haben ihn nur mit dem Unterschiede dass die scheerauischen
Gewürzinseln noch besser sind als die holländischen Auf den letzten muss man
erst das Reifen des Pfeffers der Muskatnüsse etc abpassen aber auf unsern
liegt schon alles reif und trocken da und man darfs nur ans Essen reiben das
macht weil wir alle diese Früchte schon ganz zeitig aus Amsterdam
verschreiben Es ist nämlich so
»Entweder alles oder nichts ist ein Regale Der Rechtskundige kann es nicht
billigen dass die Fürsten wiewohl sie die kostbarsten aber seltensten Produkte
zu ihren Regalien erheben gleichwohl die gemeinen aber desto ergiebigern in
den Händen der Landeskinder lassen und dadurch den Fiskus schwächen Der Jurist
findet bei den südasiatischen Fürsten so despotisch sie sonst sind mehre
Folgerichtigkeit welche nicht das Wild oder Salz oder Bernstein oder Perlen
sondern das ganze Land und den ganzen Handel nehmen und beide bloß jährlich
verpachten Die deutschen Fürsten haben hiezu größere Befugnis als alle andre
denn alle europäische Reiche haben indische Besitzungen haben ein NeuEngland
Neu NeuHolland aber ein NeuDeutschland hat das AltDeutschland nicht und
das einzige Land welches ein Fürst noch wegzunehmen hat ist sein eigenes man
müsste denn aus Polen oder der Türkei ein NeuÖsterreich NeuPreußen etc zu
machen wissen
Allein dieses sah bisher kein Regent als der scheerauische ein der diese
Grundsätze seinem geheimen Kabinette vorlegte aber schon vor dem Abstimmen
seinen Entschluss gefasst hatte dass nun die Leute alles Gewürz bei ihm nehmen
sollten Er selber schafft nun gleich der Natur auf seinen Molukken die
Gewürze die sein Land isset indem er sich durch den KommerzienAgenten von
Röper den Samen dieser Gewürze PfefferKörner Nüsse etc aber nicht zum
Pflanzen sondern zum Kochen aus Amsterdam spedieren lässt Daher umschnüret
weil die Molukken bei der GewürzDefraudation litten ein Pfefferund
ZimtKordon von Kadetten und Husaren das Land niemand könnte eine Muskatnuss
einschwärzen als die Muskattaube in ihrem dicken Gedärm Alles was meine
scheerauische Leser aus den Läden nehmen der Kaufladen mag einem großen Hause
gehören das mehr Schiffe und Reisediener auf den Beinen erhält als ich Setzer
oder er mag von einem armen Höker gemietet sein dessen Schilderung mich schon
dauert dessen Strazza eine Schiefertafel ist und dessen Kapitalbuch eine
schmierige Stubentür und dessen Kaufmannsgüter nicht zu Schiffe sondern als
Landfracht unter dem Arme oder auf der Achse dh an einem Stocke auf der
Achsel gebracht werden in beiden Fällen käuet der scheerauische Leser
Erzeugnisse aus Molukken die vor seiner Nase sind
Einer der dergleichen beurteilen kann fället nachher dem GewürzInspektor
von Herzen bei welcher im scheerauischen Intelligenzblatte schreibt 1 dass
jetzt das Land Pfeffer und Ingwer um niedrigern Preis erhalten könnte weil bloß
der Fiskus imstande wäre sie in größeren mithin in wohlfeilern Partien zu
beziehen 2 dass der Regent jetzt vermögend sei diese Leckereien die unsern
Beutel über Indien leeren unter allen Deutschen zuerst den Scheerauern
abzugewöhnen indem er bloß den Preis beträchtlich zu steigern brauchte 3 und
dass eine neue Dienerschaft ihr Brot hätte
Ich brauch es nicht zu verteidigen dass unser Fürst da die russische
Kaiserin Dörfern das Stadtrecht gibt SchuttHügeln das Inselrecht erteilt
oder dass er ihnen ostindische Namen schenkt da jeder Tropf von Schiffer bei der
größten Insel die er noch dazu mehr entdeckt als macht Patenstelle vertreten
darf Unser Sumatra ist über 14 Quadratviertelstunde groß und hat hauptsächlich
Pfeffer die Insel Java ist noch größer aber noch nicht fertig auf Banda
das dreimal so groß als der Konzertsaal ist liefert die Natur Muskatnüsse auf
Amboina Gewürznelken auf Teidor steht ein artiges Landhaus eines bekannten
Scheerauers des Doktors hier selber die kleinen Molukken die in den Weiher
hineinpunktiert sind kann ich samt ihren Produkten in die Westentasche stecken
sie haben aber ihr Gutes Wer noch in keiner Seestadt in keinem Hafen war
der kann hieher in den Scheerauer reisen und selber nachmittags ein Zeuge davon
werden was in unsern Tagen der Handel ist den die verbundnen Hände aller
Völker heben hier kann er sich einen Begriff von Kauffahrteiflotten machen
von denen er so viel aber nur blind gelesen und die er hier wirklich über
unsere Teich segeln sieht er kann die sogenannte Gewürzflotte des Herrn
KommerzienAgenten von Röper sehen die gleich einem hitzigen Klima die nötigen
Gewürze die er verschrieben unter alle Inseln austeilt er kann auch auf arme
Teufel stoßen die auf ein wenig Flossholz sich aus Ostindien die wenigen
Kaufmannsgüter abholen die sie kreuzerweise absetzen am Hafen und Ufer wo er
selber steht kann er bemerken was der Küstenhandel ist den da sogenannte
FratschlerWeiber mit Pfeffer und WelschenNüssen im kleinen treiben«
Ende von Nro 16
Das zweite Stück der Fenkischen Zeitung ist eine Schilderung eben dieses
KommerzienAgenten von Röper ohne seinen Namen Wenn der Leser diese
Abschweifung gelesen hat so wird er sagen es war gar keine
Nro 21
Ein unvollkommner Charakter so für Romanenschreiber im Zeitungkomptoir zu
verkaufen steht
Im Roman gefallen wie in der Welt keine vollkommengute Menschen aber auch auf
der andern Seite wird einer weder Lesern noch Nebenmenschen gefallen der ganz
und gar ein Schelm ist bloß halb oder dreiviertel muss ers sein wie alles in
der großen Welt Lob und Zote und Wahrheit und Lüge
Im Zeitungkomptoir steht ein halber Schelm und wird allen Romanschreibern im
Scheerauischen um das wenige was sie dafür geben können verkäuflich erlassen
Ich versichere die Herrn Schreiber dass ich etwa nicht die Unvollkommenheiten
dieses Schelms übertreibe um ihn teuerer abzusetzen der Inhaber nimmt den
Schelm wieder zurück wenn er nicht Bosheit genug hat
Dieser unvollkommne Charakter wurde im Kirchenstaat gezeugt und an der
Grenze von UnterItalien geboren und kaufte sich nach seiner Taufe und
Mündigkeit Hecheln und Mausfallen Die wenigsten Deutschen wissen dass sie die
Italiener bei denen dieser Handelzweig blühet reich auskaufen Unser Charakter
schwang sich bald von einem HechelKommissionär zu einem HechelAssocié empor
er verfertigte die Mausfallen die er aus Italien bezog in Deutschland und die
Mauslöcher waren sein Ophir und die Flachsfelder seine Münzstädte Die Hechel
die er vor dem Einkauf seines Adeldiploms an gegenwärtigen Tiermaler verkaufte
schlug er ihm für sechstehalb Gulden los
Er muss schon vor seiner Geburt in der andern Welt in einem großen Hause
gehandelt haben denn er brachte eine KaufmannSeele schon fertig mit Es war
nicht klug von mir dass ichs nicht eher erzählt habe dass er als Knabe von neun
Jahren in seiner Blatterkrankheit einen kleinen Kaufladen aufsperrte und mit dem
Pockengifte feil hielt das man aus seiner Apotheke nämlich von seinem Körper
nahm zum Einimpfen Er gab keine Blatter umsonst her sondern verlangte sein
Geld dafür und sagte er sei ein PockenSämereihändler aber noch ein junger
Anfänger Diesen Handel mit eigener Manufaktur legt ihm bald der Arzt und die
Natur und der Doktor sagte er sei so teuer wie ein Apotheker Daher wollt er
sogar selber einer werden
Er wurd auch einer aber nach dem mecklenburgischen Idiotikon denn in
diesem heißt jeder Materialladen eine Apotheke Nämlich in Unterscheerau
änderte er die Religion und den Nährzweig und bauete sich einen Laden der bloß
für Käufer Hechel und Mausfalle war Hier hielt er sich einen Ladenjungen ein
Küchenmensch einen Friseur einen Barbier und einen Vorleser des Morgensegens
alle diese Personen machten nur eine Person aus seine eigne diese war und tat
wie ein Ensoph alles
Da bei unserem Schelm als einem unvollkommnen Charakter Tugenden in Fehler
vererzt sein müssen ich würd ihn sonst keinem RomanBauherrn antragen so
nehme man mirs nicht übel dass ich auch seine weiße Seite neben seine schwarze
bringe wie man auf böheimischen Tafeln immer weiße und schwarze Gerichte
nebeneinander stellt
Er ging damals Sonntags aus seinem Laden bei aller erlaubter Sparsamkeit
doch gut gekleidet heraus Seinen Hut seine Ringfinger und seine Weste
bordierte echtes Gold seinen Magen und seine Waden spann der Seidenwurm ein und
seinen Rücken das englische Schaf Es ist ganz der menschlichen Bosheit gemäß
das Verschwendung zu nennen was hier seltene verheimlichte Wohltätigkeit war
alles was der unvollkommne Charakter anhatte waren Pfänder denn um die
Leute vom Verpfänden abzubringen drohte er jedem jedes Pfand worauf er leihe
würd er so lange anziehen als es bei ihm stände Auf diese Art hielt er
manchen ab und die Kleidung dessen bei welchem menschenfreundliches Warnen
nichts verfing legte er wirklich Sonntags nach dem Essen an Es war daher
weniger Mangel an Geschmack als an Geiz und Härte dass er an sich so wie mehre
DienstPersonen so auch mehre Kleider vereinigte und so bunt aufschritt wie ein
Regenbogen oder wie eine Kleidermotte die sich von Tuch zu Tuch durchfrisst
Da ich so gewiss weiß dass Verschwendung ihn nicht verunzierte so sehr es
den Anschein hat so will ich allen Anschein durch die Nachricht wegnehmen dass
er jeden Sonnabend sein Pfund Fleisch im Zölibate kaufte aber denn sonst
bewiese es noch nichts nicht aß Er aß allerdings eines und mit dem Löffel
aber es war vom vorigen Sonnabend Der unvollkommne Charakter holte nämlich
jeden Sonnabend sein Andachtfleisch aus der Bank und veredelte und dekorierte
damit sein SonntagGemüs Aber er nahm nichts zu sich als den vegetabilischen
Teil Am Montag hatt er den tierischen noch und würzte mit ihm ein zweites
Gemüs am Dienstage arbeitete das abgekochte Fleisch mit neuem Feuer an der
Kultur eines frischen Krautes am Mittwoch musst es vor ihm mit matten
Fettaugen auf einer andern Kräutersuppe liebäugeln und so ging es fort bis
endlich der Sonntag erschien wo das ausgelaugte Fleischgeäder selber zum Essen
aber in einem andern Sinne kam und Röper das Pfund wirklich aß Ebenso kann man
mit einem Pfund Leibnizischer Rousseauischer Jakobischer1 Gedanken ganze
Schiffkessel voll schriftstellerischen Blätterwerks kräftig kochen
Diese Sparsamkeit legierte der unvollkommne Charakter noch mit einigem
Betrug Er interpolierte die Güter die er gut bekam und schrieb zurück er
habe sie schlecht bekommen sie wären so und so und er könnte sie nur um den
halben Preis gebrauchen Ein Drittel des Preises spielt er so dem Kaufmann
geschickt genug aus der entfernten Tasche Waren Fässer Säcke die in seinem
Hause nur ein AbsteigQuartier hatten und weiterreisen mussten gaben ihm den
TransitoZoll durch ein kleines Loch heraus das er in sie hineinmachte um das
wenige daraus sich zu entrichten was dem Fuhrmann aufgebürdet werden konnte
wenns fehlte Er legte ein Münzkabinett oder Hospital für arme invalide
amputierte Goldstücke an Andern verrufenen Münzen gab er den ehrlichen Namen
den sie verloren wieder und zwang seine Faktore sie als legitimiert und
rehabilitiert anzunehmen Ein Goldstück mochte noch so schlecht in sein Haus
gekommen sein er dankte es wie einen Offizier nie ohne Avancement ab So decken
solche edlere Seelen sogar die Mängel des Geldes mit dem Mantel der Liebe zu
Auf diese Art breiteten sich seine Kaufmanns und Feldgüter immer mehr aus
und in seinem von der freundschaftlichen Wärme des Publikums angebrüteten Herzen
regte sich wie ein EiInfusiontierchen ein federloses durchsichtiges mattes
Ding das er Ehre nannte Der unvollkommne Charakter ließ sich also einen
Charakter als Kommerzienrat kommen
Jetzt da er die Ehre recht beim Flügel und aufs Papier befestigt hatte
konnt er sie eher beleidigen als vorher als er sie noch nicht unter seinen
Papieren besaß Er machte also seine Lieberklärung dem reichsten und geizigsten
Vater einer schönen Tochter welche die Liebe gegen einen Offizier zum letzten
Schritte hingerissen hatte Die Tochter hasste seine Lieberklärung aber der
Charakter mit Hilfe des Vaters bemächtigte sich ihrer sträubenden Hand zog sie
daran zum Altar schraubte den Ring ihr an und pfählte ihre Hand in seine Ihr
zweites Kind war sein erstes2
Da indessen seine Ehre sich nach diesem Blutverlust und diesen Ausleerungen
schlecht auf den Füßen erhalten konnte so musst er daran denken ihr ein recht
stärkendes Amulett ein IgnatiusBlech einen Lukas und Agatazettel umzuhängen
ein Adeldiplom Sie wurde aus der ReichshofratsKanzlei von Wien auch
glücklich hergestellt
Da er nicht mit seiner Frau sondern nur mit seinen Gläubigern
GüterGemeinschaft hatte beurlaubte er sich vom Kaufmannstande mit einem
unschuldigen Falliment und rettete sich und sein reines Gewissen und die Güter
seiner Frau und seine eigne auf seinen Landgütern um da seinem Gott zu dienen
Ich meine seinen Göttern Freunde hatte übrigens der unvollkommne
Charakter nicht Seine Begriffe von Freundschaft waren zu edel und hoch und
verlangten die reinste uneigennützigste Liebe und Aufopferung vom Freunde daher
ekelten ihn die niedrigen Tröpfe um ihn an die nicht sein Herz sondern seinen
Beutel verlangten und die ihn bloß an sich drückten um etwas aus ihm
herauszudrücken Er konnte einen solchen Eigennutz nicht einmal vor sich sehen
und sein Haus litt daher wie die menschliche Luftröhre oder wie Sparta nichts
Fremdes in sich Er glaubte mit Montaigne man könne nicht mehr als einen
Freund so wie eine Geliebte recht lieben daher schenkt er sein Herz einer
einzigen Person die er unter allen am höchsten schätzte seiner eignen nämlich
diese hatt er geprüft ihre uneigennützige Liebe gegen ihn selber vermochte
ihn dass er Ciceros Ideal erreichte welcher schrieb dass man für den Freund
alles sogar das Schlimme tun könne was man für sich nicht täte
Er ist der größte Stoiker im Scheerauischen er sagt nicht bloß an allen
Vergnügungen sei nichts sondern er verachtet auch alle zeitliche Güter weil
sie ihn nicht glücklich machen können Diese Verachtung derselben ist vom
heftigsten Bestreben nach ihnen wohl nicht zu trennen weil ein Weiser wie die
Stoiker in der Note3 sagen ein Leben in dessen Mobiliarvermögen nur eine
Kratzbürste oder ein Stallbesen drüber ist einem Leben dem bloß dieses wenige
fehlte vorziehen wird ob er gleich nicht durch jenes glücklicher wird Daher
legt der unvollkommne Charakter auf die kleinsten Effekten wie der alte Shandy
auf die kleinsten Wahrheiten einen so großen Wert wie auf die größten daher
muss er mit den Nussschalen heizen mit abgelösten Siegeln siegeln auf fremde
leere Briefräume eigne Briefe schreiben etc Der unvollkommne Charakter hat
hierin Ähnlichkeit mit dem Geizigen der mit ähnlichen Kleinigkeiten wuchert und
den keine Gründe widerlegen können denn wenn ich einen Groschen nicht wegwerfen
darf so darf ich auch keinen Pfennig keinen halben Pfennig keinen 1100000
Pfennig die Gründe sind dieselben
Im Menschen liegt ein entsetzlicher Hang zum Geiz Den größten Verschwender
könnte man zu noch etwas Schlimmern zum größten Knicker machen wenn man ihm so
viel gäbe dass er es für viel und der Vermehrung wert hielte und umgekehrt So
will der Wassersüchtige desto mehr Wasser je höher er davon geschwollen ist
mit seinem Wasser fället zugleich der Durst danach
Der unvollkommne Charakter dankt dem Himmel für zweierlei erstlich dass er
in keinen Geiz zweitens in keine Verschwendung gefallen sei dass er seiner
Frau und seinem Kinde nichts versagt alles gibt und bloß dummen Leuten die
Stoff zur Verschwendung behalten wollen diesen Stoff aus den Händen nimmt wie
die alten Deutschen Araber und Otaheiter nur Fremde nie aber Inländer
bestehlen dass er keusch ist und lieber die Geldkatze eines Kaufmanns als den
Gürtel der Venus löset dass er Armen ganz anders beispringen wollte wenn er so
viel Pfennige hätte wie der und der dass er aber gleichwohl sein bisschen sich
so wenig wie der Traurige seinen Kummer nehmen lasse und dass er einmal am
Jüngsten Tage werde befragt werden ob er mit seinen Pfunden Sterling
gewuchert
Dieser verkäufliche Charakter im Zeitungkomptoir ist wie ein englischer
Missetäter Ware und Verkäufer zugleich und will vom Romanschreiber nichts für
sein ganzes Wesen haben als gratis den Roman in den er geworfen wird
So weit Fenk der alle Menschen trug aber keinen Unmenschen keinen Filz
Ich habe diesen unvollkommnen Charakter für meine Biographie an mich gehandelt
denn er selber existiert auch biographisch unter dem Namen Röper es fehlt
ihr ohnehin an echten Schelmen merklich ja wenn ich auch Röpern mit den Teufeln
der epischen Dichter vergleiche und mich mit den Dichtern selber so sind wir
beide doch nicht sehr groß
Wenn die Leser einen Brief vom Doktor Fenk hätten der seine vorige Härte
entschuldigte der uns an Scheerau an den Doktor und an eine mir so liebe
Person erinnerte und der zum Ganzen recht passte so würden sie den Brief in die
Lebensbeschreibung mit einknüpfen Ich habe den nämlichen Brief und das nämliche
Recht und schicht ihn hier ein
Fenk an mich
»Nimm den armen Überbringer dieses zum Klienten an der Maussenbacher hat seine
Saug und Schöpfwerke dem armen Teufel eingeschraubt und zieht Die sämtlichen
Spitzbuben von Advokaten in Scheerau dienen ihm gegen keinen reichen Edelmann zu
Patronen den sie einmal zu ihrem eignen zu bekommen wünschen
Ich bin zwar selber täglich in Maussenbach und advoziere aber der Knicker
nimmt keine uneigennützigen Gründe an und sonst hat Röper für alles andre
Gefühl und Vernunft Es wird einmal eine Zeit kommen wo man unsre vergangne
Dummheit so wenig begreifen wird als wir künftige Weisheit ich meine wo man
nicht bloß wie jetzo keine Bettler sondern auch keine Reichen dulden wird
Vom Vater einer schönen Tochter zwingt man sich gut zu denken Ich nötige
mich auch an deiner Klavierschülerin Beata sahst du nur die grünen Blätter
unter der Knospe jetzo könntest du die aufbrechenden Rosenblätter selber sehen
und den DuftNimbus darum Eine solche Tochter eines solchen Vaters Das heißt
die Rose blüht auf einem schwarzen im Schmutze saugenden Wurzelgeflecht
Ich bin dort sie zu heilen der Alte will für sein Geld was haben aber in
Maussenbach bedenkt kein Mensch dass der Abt Galiani den man vier Tage vor
meiner Abreise aus Italien begrub gesagt hat dass die Weiber ewige Kranke sind
Jedoch bloß an Nerven die Gefühlvollsten sind die Kränklichsten die
Vernünftigsten oder Kältesten sind die Gesündesten Wenn ich ein Fürst wäre ich
resolvierte fürstlich und setzte in einem allerhöchsten Reskript Hausarrest
darauf wenn eine Frau auch nur einen einzigen Medizinlöffel austränke Ihr
armen hintergangnen Geschöpfe warum habt ihr so viel Zutrauen zu uns Männern
überhaupt und zu uns Doktoren insbesondere und lasset es euch gern gefallen dass
wir die Arzneigläser wie in einer Reiheschank verzapfend euch auf einem
Medizinwagen so lange spazieren fahren bis wir euch auf den Leichenwagen
abladen So sagt ich manchmal zu ihnen und dann nahmen sie alle Arzneien
noch lieber ein die ich ihnen verordnete
Die einzigen Arzneien die Weibern mehr nützen als schaden sind höchstens
Kleider Nach vielen Naturforschern verlängert das Mausern das Leben der Vögel
aber auch das der Weiber setz ich dazu die allemal so lange siechen bis sie
wieder ein neues Gefieder anhaben Aus der Terapeutik lässt sichs schlecht
erklären aber wahr ists und je vornehmer eine ist mithin je kränklicher
desto öfter muss sie sich mausern wie auch der Sumpfsalamander sich alle fünf
Tage häutet Ein weiblicher Krebs der auf eine neue Schale wartet hockt
erbärmlich in seinem Loche Jedes Gift kann ein Gegengift werden und da gewiss
ist dass Kleider Krankheiten geben können zB die Hektik Pest etc so müssen
sie unter Anleitung eines vernünftigen Arztes auch Krankheiten heben können Ein
aufgeklärter Medikus wird meines Bedünkens wenn die Hällische Hausapoteke
di die Kleiderkommode nichts hilft aus keiner Apotheke als aus dem
Auerbachischen Hofe in Leipzig rezeptieren Da du mancher Presshaften damit
beispringen kannst so will ich dir aus meiner weiblichen materia medica
folgende offizinelle Halstücher Kleider etc hersetzen
Stahlarzneien sind Stahlrosetten und Stahlketten Der Stahl und Magenschild
des atlassenen Gürtels erwärmt den Magen und andre intestina sehr
Die Edelsteine die sonst aus Apoteken gegeben wurden sind noch jetzo
äußerlich gut zu gebrauchen
Blumenbouquets sobald sie von Seide sind sind probate Arzneipflanzen und
stärken durch den Geruch das Gehirn
Schals sind Brustarzneien und nicht ein roter Faden welches Aberglaube
ist sondern ein Halsband mit einem Medaillon ist nach neueren Ärzten kranken
Hälsen dienlich
Mit der peruvianischen Rinde wird viel betrogen aber echte ist ein Rock à
la peruvienne
Da alle Wunden nach der neueren Chirurgie durch bloße Bedeckung geheilet
werden so tut statt des englischen Taftpflasters bloßer Taft am Leibe dieselben
Dienste
Ein neuer Visitenfächer ist bei starken Ohnmachten unentbehrlich ob aber
ein Muff unter die erweichenden Mittel falsche Touren unter die Haarseile und
ein Sonnenschirm unter die kühlenden Mittel und eine Kleidgarnitur unter die
Bruchbänder und Bandagen gehöre das können ein oder dreihundert Beispiele noch
nicht erweisen
Wir halten uns lieber daran dass ein Frisierkamm ein Trepan gegen Kopfübel
eine Repetieruhr gegen intermittierenden Puls und ein Ballkleid ein Universale
gegen alles ist
So ist also scherzhaft zu reden der Damenschneider ein Operateur sein
Nähfinger ein Arzneifinger sein Fingerhut ein Doktorhut
Warum vergaß ich dich edle Beata Dich heilt eine Parüre nicht und
wenn künftig einmal dein schönes Herz erkrankte so würde nichts es heilen als
das beste Herz oder es stürbe
Wundere dich über mein Feuer nicht Ich komme gerade von ihr und vergesse
alle Fehler die ich vor vierzehn Tagen noch von ihr wusste Mädchen die oft
krank sind gewöhnen sich eine Miene von geduldigem Ergeben an die zum Sterben
schön ist Ich habe ihren Lieblingausdruck unterstrichen aber nur von ihrer
Zunge kann er im schönsten sterbenden sinkenden Laute fließen Diese Geduld
gewöhnet ihr außer ihren ewigen Kopfschmerzen auch ihr Vater an der sie gleich
sehr quält und liebt und der ihr zu Gefallen nach dem Egoismus des Geizes eine
Welt abschlachtete Wenn die Seele mancher Menschen sicher auch diese zu zart
und fein für diese MorastErde ist so ist es auch oft der Körper mancher
Menschen der nur in KolibriWetter und in TempeTälern und in Zephyrn
ausdauert Ein zarter Körper und ein zarter Geist reiben einander auf Beata
hängt wie alle von dieser Kristallisation ein wenig zur Schwärmerei
Empfindsamkeit und Dichtkunst hin aber was sie in meinen Augen hoch
hinaufstellt ist ein Ehrgefühl eine demütige Selberachtung die meinen
wenigen Bemerkungen nach ein Erbteil nicht der Erziehung sondern des gütigsten
Schicksals ist Diese Würde sichert ohne prüde Ängstlichkeit die weibliche
Tugend Wenn man aber dieses weibliche point dhonneur erst einerziehen ja
einpredigen muss ach wie leicht ist nicht eine Predigt besiegt Weiber die
sich selber achten umringt eine so volle Harmonie aller ihrer Bewegungen
Worte Blicke Ich kann sie nicht schildern aber die sind zu schildern die
der Rose gleichen welche unten wo man sie nicht bricht die längsten und
härtesten Dornen hat aber oben wo man sie genießt sich nur mit weichen und
umgebognen verpanzert
Ich weiß nicht ob es dir etwas Altes ist dass Töchter ihren Müttern jede
Wahrheit und alle Geheimnisse sagen mir ists etwas Neues und nur eine beste
Tochter wie Beata kann es
Vor vierzehn Tagen erinnerte ich mich eines Fehlers von ihr nicht so schwach
als heute welcher der ist dass sie zu wenig Freude an der Freude und zu große
an traurigen Phantasien hat Es gibt zu weiche Seelen die sich nie freuen
können so wie nie beleidigt fühlen ohne zu weinen und die ein großes Glück
eine große Güte mit einem seufzenden Busen empfangen Wenn aber diese vor rohen
Seelen stehen die den verborgenen Dank und die stumme Freude nicht erraten
können so werden sie gezwungen nicht Empfindung aber den Ausdruck derselben
vorzuheucheln Beatens Vater will für jedes seiner Geschenke deren Wert er bis
zu Apotekergranen auswiegt eine springende Freude sie hingegen fühlt
höchstens später darauf eine die Erscheinung irgendeines lichten Glücks selber
blitzet ihr auf einmal über alle traurige Tage hin die wie Gräber in ihrer
Erinnerung liegen Auch an dieser Beata seh ichs wieder dass der weibliche Leib
und Geist zu zart und zu wallend zu fein und zu feurig für geistige Anstrengung
sind und dass beide sich nur durch die immerwährende Zerstreuung der häuslichen
Arbeit erhalten die höheren Weiber erkranken weniger an ihrer Diät als an ihren
exzentrischen Empfindungen die ihre Nerven wie den Silberdraht durch immer
engere Löcher treiben und sie aus Fadennudeln in geometrische Linien zerdehnen
Eine Frau wenn sie Schillers Feuerseele hätte stürbe wenn sie damit eines
seiner Stücke machte im fünften Akte selber mit nach
Ich verstehe deine verliebte Fragartikel recht gut freilich steigt der
geheime Legationrat von Oefel hier oft aus Er scheint zwar keine zärtlichern
Geschäfte hier zu haben als kaufmännische und vom KommerzienAgenten nichts
verschrieben zu fodern als Pfeffer für Zeilon und Muskatnüsse für Sumatra
folglich seine Tochter und ihre Güter am allerwenigsten Desgleichen ist die
Ministerin dieser Zoll und Almosenstock voll männlicher Herzen zwar auch mit
da und hat Oefels angeöhrtes oder gehenkeltes schon an ihren Reizen hängen aber
der Teufel trau geheimen Legationräten zumal Oefeln Ich sage dir er mag
Beaten kapern oder nicht so wundert mich jedes Du wirst dich freilich damit
trösten lieber Jean Paul dass du erstlich größere Reize hast als er und
zweitens gar nicht weißt dass du die Reize hast welches in der Konversation
viel tut Es ist wohl etwas daran denn Oefel will nicht sowohl gefallen als
bloß zeigen dass er gefallen könnte wenn er nur wollte und er erlaubt sich
daher alle Launen bloß damit man etwas zu tadeln und zu vergeben und er
gutzumachen habe er ist auch weil ein Hofmann und ein Demant außer der Härte
noch reine Farbenlosigkeit haben müssen um fremde Farben und Lichter treuer
nachzustrahlen sogar zu einem Hofmann zu eitel und kauft sich mit fremder
Gunst nur seine eigne Ich will dich mit noch mehr Zwars trösten bis ich meine
Aber hole Beata sieht zwar aus als ob sie sich alle Minuten frage warum
bewunder ich ihn nicht die Ministerin sieht aus als ob sie jene alle Minuten
frage warum beneidest du mich nicht da mein Lehnmann ein FortePiano mit
hundert Zügen und Tritten ist wie ich selber denn er behält keine Stellung
und kann sich in jede wagen jede Bewegung scheint aus der andern herzufliessen
seine Seele ändert ebenso spielend wie der Körper die Positionen und biegt sich
wie ein Springbrunnen bei Wind in die entlegensten Materien hinüber ihn macht
nichts irre er jeden er weiß hundert Eingänge zu einer Predigt fängt an um
anzufangen bricht ab um abzubrechen und weiß selber nicht eher als seine
Zuhörer was er will kurz es ist ein Nebenbuhler lieber Paul Ich kann
jetzt das versprochene Aber nicht recht hereinbringen
Aber obgleich meine schöne Patientin ihn so kalt überblickt wie einen der
uns ein Kleid anprobiert so setzt er doch das Gegenteil voraus und wirft
Leuchtkugeln zu seiner Erhellung und Dampfkugeln zu ihrer Verfinsterung in sie
und sticht schon im voraus die Münzstempel für seine künftige
EroberungMedaillen Männer oder Männchen wie Oefel haben einen solchen
Überfluss von Treue dass sie ihn nicht einer sondern unter tausend Weibern
verteilen müssen Oefel will ein ganzes weibliches Sklavenschiff kommandieren
er fragt dabei nach dir so wenig wie nach der Ministerin die ihn liebt weil es
ihr letzter Liebhaber ist und die er liebt erstlich weil er an ihrem
Triumphwagen vor welchem sonst mehre Tröpfe eingespannt waren gern als
Gabelpferd allein ziehen will zweitens weil sie mehr List und weniger
Empfindung als er besitzt und ihn beredet es sei gerade umgekehrt
Da ich nun unsere Beata die du gern in dein Leben und in dein Buch
hineinhaben möchtest in das Leben und das Buch des Oefels er ist auch über
einem verflechte so hab ich trauter Paul dem alten Röper so viele
KabinettPredigten darüber gehalten dass die Kränklichkeit seiner Tochter nicht
durch einen sondern durch ein paar hundert Ärzte zu besiegen sei dh durch
Gesellschaft dass der Alte ihr eine Gesellschaft oder vielmehr sie einer geben
will ohne selber für eine die Alimentengelder auszugeben Er will sie auf
irgendein Beet des Hofgartens verpflanzen Sie soll auch Welt mitkriegen sagt
er und hat selber keine Er würde wenn er dürfte die ganze weibliche Welt von
ihren Altären und Bilderstühlen und Präsidentenstühlen und ordentlichen Sesseln
auf Melkstühle und Werkstühle und Schemel herabziehen und drücken gleichwohl
sollen seiner Tochter durch Juden und durch DiamantPulver Facetten oder
Glanzecken angeschliffen werden die er selber hasset Ist sie am Hofe so sieht
sie nachher der Legationrat alle Tage und Jean Paul hat nichts
Dieser Jean fragte mich auch pfiffigerweise ob er nicht Gerichtalter beim
Vater der besagten Tochter werden könne weil er der Jean von dem Abdanken des
jetzigen gehört habe Herr Kolb eben der Gerichtalter ist aber noch da
zankt sich noch sagt jede Woche Wenn jeder die Streiche von Röper wüsst die
ich Röper sagt jede Woche Wenn jeder die Streiche von Kolb wüsste die ich
und so sind beide aneinander durch wechselseitige Besorgnisse geleimt
Jetzt ist ohnehin nicht daran zu denken denn in vierzehn Tagen lässt sich der
alte Röper von seinem Rittergute huldigen Ein Geiziger scheuet sich zu ändern
und zu wagen
Warum lässest du deine gute Schwester so lange im giftigen Hüttenrauche des
Hofes stehen Ist das was sie dort gewinnen kann wohl so viel wert wie das
was sie mitbringt und dort verlieren kann ihr reines weiches obgleich
flüchtiges Herz Auf meinen Reisen dacht ich anders aber jetzt in der
Einsamkeit ist mir ein kokettes Insekt eine kokette Krebsin die bald vor
bald rückwärts kriecht die ihre große und kleine Scheren immer aufsperrt und
sie immer wieder erzeugt wenn man sie abgerissen die in der Brust statt des
Herzens einen Magen trägt und doch kaltblütig ist wie alle Insekten eine solche
inkrustierte Krebsin ist mir widerlicher als eine schalenlose in der Mause der
Empfindsamkeit die zu weich ist und aus der Romanschreiber die empfindsame
Krebsbutter machen Empfindelei bessert sich mit den Jahren Koketterie
verschlimmert sich mit den Jahren Warum schaffst du deine Philippine nicht
nach Haus Auf diese Fragen hat mir Jean Paul nicht geantwortet ich aber auf
seine denn ich räche mich nicht ich wünschte vielmehr besagter Paul drückte
Beatens Finger heute an unrechte Finger mehr als auf die rechten Tasten und
jetzt im LenzAlter sähe sie sich neben dem Klavier fragend nach Paulo um und
überleuchtete ihn mit dem blauen Himmel ihres weiten Auges der arme Teufel
eben der Paul würde sich nicht mehr kennen und dann sagen Ohn ein schönes
Auge geb ich für alles andre Schöne nicht einen Deut geschweige mich aber
über ein HimmelsAugenpaar vergess ich alle benachbarte Reize und alle
benachbarte Fehler und den ganzen Bach und Benda wie er ist und meine
Mordanten und die falschen Quinten und weit mehr Leb wohl Vergesslicher
Dr Fenk«
Wir verstehen uns herzlicher Freund wer selber einmal Satiren geschrieben hat
vergibt alle Satiren auf sich zumal die boshaftesten bloß die dummen nicht
Aber ob es der Doktor gleich im Scherze verfochten hat so muss ich doch solche
Leser die weit von Scheerau wohnen ohne Rücksicht auf mich benachrichtigen
dass der besagte Legationrat Oefel die unbedeutendste Haut ist die wir beide nur
kennen wie er denn bloß unter Weibern weniger aber unter Männern allzeit
verlegen ist und im kleinen Zirkel viel mehr als im großen zu geschweigen dass
er immer die Aufmerksamkeit aufsucht und auch erjagt welche bescheidne Leute
geschickt vermeiden die allgemeine nämlich Wenn ihm diese überall gelingt so
soll er sie doch nicht in meinem Buche haben Die folgende Sache ist
freilich unmöglich zumal meiner verdammten lang und kurzbeinigen oder
spondäischen Stellage und Konsole wegen auf die mein übrigens von Kennern
beurteilter Torso gelagert ist aber ausmalen kann sich doch ein Mensch die
unmögliche Sache welche diese ist dass ich mich einmal Beaten mit einer
Lieberklärung zeigte und so wider eigne Erwartung selber der Held dieser
Lebensbeschreibung und sie die Heldin würde ich bin ordentlich verdutzt
denn ich wollte wahrhaftig nur sagen und setzen dass ich bei Röper Gerichtalter
würde und hernach im Grunde weil ich jeden Gerichttag zärtlich wäre oder eine
zärtliche Bestie wie eine Frau sich ausdrückt die mehr zum schönen als
schwachen Geschlecht gehört gar sein Schwiegersohn Mit Freuden wollt ich
dem so guten Leser der Mitfreude fühlt alles biographisch beschreiben und ihn
ergötzen Aber wie gesagt die Sache ist fatalerweise wohl unmöglich so
weit ich in die Zukunft schauen kann und dies bloß eines verdammten
unsymmetrischen Drahtgestelles wegen das doch der den sein Unglück darauf
geheftet durch tausend Glasuren und Rasuren wieder gutmachen will und auf
welchem ja Epiktet gleichfalls lange stand
Im Feuer bin ich ganz aus meinem biographischen Plan herausgegangen es
sollte bisher der Lesewelt geschickt verhalten werden und glückte auch dass
alle diese Avantüren noch nicht alt sind und dass in kurzem das Leben dieser
Personen mit meiner Lebensbeschreibung davon Hand in Hand gleichzeitig gehen
werde jetzt aber hab ich alles losgezündet Es muss nun überhaupt ein neuer
Sektor angefangen werden worin mehr Vernunft ist
Fußnoten
1 Friederich Jakobi in Düsseldorf Wer an seinem Woldemar das Beste was noch
über und gegen die Enzyklopädie geschrieben worden oder an seinem Allwill
wodurch er die Stürme des Gefühls mit dem Sonnenschein der Grundsätze
ausgleichet oder an seinem Spinoza und Hume das Beste über für und gegen
Philosophie die zu große Gedrungenheit die Wirkung der ältesten Bekanntschaft
mit allen Systemen oder den Tiefsinn oder die Phantasie oder einige Züge die
gewisse seltnere Menschen heben bewundert einem solchen wird dabei das erste
Anbellen unter welchem Jakobi in den Tempel des deutschen Ruhms treten musste
sehr widrig ins Ohr fallen aber er muss sich nur erinnern dass in Deutschland
nicht in andern Ländern neue Kraftgeister immer an der Tempelschwelle anders
empfangen werden zB von bellenden Dreiköpfen als im Tempel selber wo die
Priester sind und sogar einem Klopstock Goethe Herder ging es nicht anders
Aber vollends du armer Hamann in Königsberg Wie viele Mardochais haben in der
Allgemeinen deutschen Bibliothek und in andern Journalen an deinem Galgen
gezimmert und an deinem Hängstrick gesponnen Inzwischen bist du doch
glücklicherweise nur scheintot vom Galgen gekommen
2 Gebe doch der Himmel dass der Leser alles versteht und sich hier nur
einigermaßen noch der ersten Sektoren erinnert wo ihm erzählt wurde dass die
Frau des KommerzienAgenten Röper die erste Geliebte des Rittmeisters Falkenberg
gewesen und dem Agenten ihren Erstgebornen von dem Rittmeister als Morgengabe
zugebracht
3 Si ad illam vitam quae cum virtute degatur ampulla aut strigilis accedat
sumturum sapientem eam vitam potius quo haec adjecta sint nec beatiorum tamen ob
eam causam fore Cic de finib bonor et mal Lib IV
Neunzehnter Sektor
Erbhuldigung Ich Beata Oefel
Vierzehn Tage nach Fenks Brief Ist aber auf Leser zu bauen Ich weiß
nicht wohers beim deutschen Leser kommt ob von einem Splitter im Gehirn oder
von ergossener Lympha oder von tödlichen Entkräftungen dass er alles vergisset
was der Schriftsteller gesagt hat oder es kann auch von Infarktus oder von
versetzten Ausleerungen herrühren genug der Autor hat davon die Plackerei So
hab ichs schon auf einer Menge Bogen dem Leser durch Setzer und Drucker sagen
lassen es hilft aber nichts dass wir 13000 Taler beim Fürsten stehen haben
welche kommen sollen dass ich zwar keine Jura studiert dass ich aber doch
während ich mich zum Advokaten examinieren lassen manchen hübschen juristischen
Brocken weggefangen der mir jetzo wohl bekommt dass Gustav Kadett werden soll
und ich Gerichtalter werden will dass Ottomar unsichtbar und sogar unhörbar
ist und dass mein Prinzipal zu viel verschleudert
Leider freilich denn solang er noch ein Zimmer oder einen Pferdestand ohne
tierischen KubikInhalt weiß so hängt er seine Angelrute nach Gästen ein Er
ist wie die jetzigen Weiber nirgends gesund als im gesellschaftlichen Orkan und
VisitenDickicht er und diese Weiber steigen aus einem solchen lebendigen
MenschenBad so verjüngt und neugeboren wie aus einem Ameisen und
SchneckenBad Er kann sich nie schmeicheln hier nur die geringste Ähnlichkeit
geschweige mehr mit dem KommerzienAgenten Röper zu haben der in der
Einsamkeit eines Weisen und Rentierers stille nachdenkt über Hausprozesse und
rückständige Zinsen und der es weiß dass sein Schloss nur Schenk und
Kruggerechtigkeit besitzt und also niemand über Nacht beherbergen darf
Falkenberg hör auf den Biographen Ziehe deinen Beutel dein Schlosstor und dein
Herz zuweilen zu Glaube mir das Schicksal wird deine großmütige Seele nicht
schonen das rennende Glück wird dein weiches Herz mit seinem Rade überfahren
und zerschneiden um sein Lottorad hinter seiner Binde vor einem Röper
auszuladen O Freund es wird dir alles nehmen was du dem fremden Elend oder
der eignen Freude geben willst nicht einmal den Mut wird es dir lassen dein
beschämtes Herz mit seinen Wunden an einem Freunde zu verbergen und wie soll
es dann deinem Sohn ergehen
Und doch ich tadle dich nur vorher aber nachher wenn du dich einmal
unglücklich gemacht durch GlücklichMachen so findest du Achtung in jedem guten
Auge Liebe an jeder guten Brust
Also vierzehn Tage nach Fenks Briefe als mein Zögling schon achtzehn
Jahre aber noch ohne die Kadettenstelle war saß bei meinem Prinzipal ein
bureau desprit böheimischer Edelleute und hatte feurige PfingstZungen und
MärzBier Ich hatte nichts war aber mit drunter ich konnt es meinem guten
Rittmeister nie abschlagen sondern vermehrte wenn nicht die Gesellschafter
man schätzet Menschen von einer gewissen zu großen Feinheit erst dann am
meisten wenn man von ihnen weg ist unter Menschen von einer gewissen Grobheit
doch die Leute Manche Menschen sind wie er VisitenPressknechte und können
nicht genug Leute zusammenbitten ohne zu wissen weswegen ohne sie zu lieben
Taubstumme lüde Falkenberg ein Es hat für die Leser Folgen dass ich sagte
»Heute lässt sich Röper huldigen« Falkenberg der gern Böses von andern sprach
und ihnen nichts als Gutes tat und der seinen abwesenden Erbfeinden dh
Geizigen gern Erbsen auf den Weg streuete und diese doch wieder wegfegte wenn
jene fallen wollten dieser war froh über meinen Gedanken und über seinen »Wir
sollten« sagt er »ihm Röper zum Ärgernis heute alle hinreiten« In sechs
Minuten saß das trinkende bureau desprit und der Hofmeister auf den Gäulen
Gustav nicht er war für ein schöneres Schwärmen gemacht als für ein lautes
Daher verwickelte Gustavs inneres Leben mich oft bei seinem Vater der äußeres
forderte in den verdrießlichen und vergeblichen Versuch dass ich ihm beibringen
wollte worin eigentlich der hohe Wert seines Sohnes läge für einen
Hofmeister der auf Ehre hält ist dergleichen zu fatal
Wir sahen auf unsern Pferden Maussenbach das vor seinem adeligen Bojaren
stand und ihm die FeudalKrone auf seinen italienischen Kopf setzte Neben dem
gehuldigten Lehenherren stand sein JustizDepartement sein AkzisKollegium
seine geheime Landesregierung sein Departement der auswärtigen Angelegenheiten
nämlich Herr Kolb der Gerichtalter der alle diese Kollegien vorstellte
Dieses MiniaturMinisterium des MiniaturSouveräns hatte auf einer Wiese das
konnten wir von weitem sehen einen langen Brief in der Hand woraus es den
Leuten alles vorlas was zu beschwören war die hundert Hände der
Eidgenossenschaft zogen sich dann durch die härtenden zwei Hände Röpers und
Kolbes hindurch und versprachen dem Edelmann gern zu gehorchen falls er seines
Orts versprechen wollte zu befehlen
Aber nach Freud kommt Leid nach Erbhuldigung ein bureau desprit Im
achtzehnten Jahrhundert sind allerdings viele Menschen erschrocken und sehr
zB die Jesuiten die Aristokraten auch Voltaire und andre große Autores
erschraken oft ziemlich aber es erschrak doch keiner im ganzen aufgehellten
Jahrhundert so als der KommerzienAgent da er sah was kam da er sah 15
Menschenköpfe und 15 Rossköpfe zwischen einem Artillerietrain von Hunden oben
über den Berg hinunterziehen die sämtlich in seinem Schloss nichts zu suchen
hatten aber zu finden genug Da aber auch zweitens niemand im achtzehnten
Jahrhundert seltener zu Hause war als er er war es zwar hockte aber hinter
SpiegelglasFenstern wie hinter Brandmauer und Schanzkorb weil sie ihm wie ein
GygesRing die Sichtbarkeit benahmen so hätt er sich helfen und für so viele
Säugetiere ebenso viele Meilen entfernt sein können aber auf der Wiese wars
nicht zu machen Ein fröhlicher Mensch und wär es ein Geiziger will Fröhliche
machen Röper erschrak erstaunte resignierte und empfing uns freudiger
als wir errieten Er blieb im Geben heute weil er einmal im Geben war
Denn seine Lehnleute die heute den Verstand verschworen hatten sollten ihn
auch vertrinken einige sauer erworbene und ebenso sauer schmeckende zwei Eimer
hatt er als Gefangne aus ihrem Burgverlies am Kröntage losgelassen er hatte
die Fässer ihnen mit doppelter Kreide weniger angeschrieben als getünchet und
leuteriert und Fleckkugeln von Kreidenerde so lange in Hängbettchen darein
eingesenkt gehabt dass das Gesöff fast am Ende zu gut war um verschenkt zu
werden Der Filz sucht zu ersparen sogar indem er verschenkt Übrigens sprang
er mit seinen LehnUntertanen zutraulicher und freigebiger um als mit uns
geadelten Gästen »so handelt ein Mann stets der keinen Adelstolz besitzt«
sagt der Rezensent aber »so handelt der Knicker stets dem geringere aber
silberhaltige Leute lieber sind als standmässige nehmende Gäste und der einen
eignen Bedienten über einen fremden Freund und über den Stand die Nutzbarkeit
hinaufsetzt« sag ich Luise die KommerzienAgentin von Röper legte jeder
BierArche ihres Mannes noch eine kleine Schaluppe zu seine Geschenke waren ihr
allemal ein Vorwand geheime Zusätze dazu zu machen Nur befahl sie dem
Dorfrichter ein wachsames Auge darauf zu haben dass ihr von der Bierhefe nichts
verloren gehe Die Natur hatte ihr eine freie liebende Seele gegeben aber eben
diese Liebe für ihren Mann ließ ihr von seinen Fehlern wenigstens den Schein
Du treues Herz Lasse mich einige Zeilen bei deiner ehelichen
Uneigennützigkeit verweilen die alle eigne Wünsche für Sünden und alle Wünsche
ihres Mannes für Tugenden hält und der kein Lob gefället als eines auf den
welchen du übertriffst Warum bist du nicht einer Seele zugefallen die dich
nachahmt und kennt und belohnt Warum waren dir für deine Aufopferungen für
deine Herzensrisse hienieden keine schmerzstillenden Tropfen als die beschieden
die deinetwegen aus den schönen Augen deiner Tochter fallen Ach du erinnerst
mich an alle deine LeidensMitschwestern Ich weiß es zwar aus meiner
Seelenlehre recht gut ihr armen Weiber dass eure Leiden nicht so groß sind
als ich mir sie denke eben weil ich sie denke und nicht fühle da der Blitz
der in der Ferne der Vorstellung zu einer FlammenSchlange wird in der
Wirklichkeit nur ein Funke ist der durch mehre Augenblicke schießt aber kann
sich ein Mann ihr weiblichen Wesen die SeelenSchwielen und Brüche denken die
sein grober von Waffen gehärteter Finger in eure weichen Nerven drücken muss
da er nicht einmal so sanft mit euch umgeht wie ihr mit ihm oder er selber mit
saftvollen glatten Raupen die er nur mit dem ganzen Blatte worauf sie liegen
wegzutragen wagt Und vollends eine Luise und eine Beata Aber wäre Jean
Paul nur euer Gerichtalter wie ihm der Alte zugesagt er wollt euch trösten
genug
Es ist aber auf den Alten schlecht zu bauen schleicht er nicht in ganz
Unterscheerau umher und voziert im voraus alle Advokaten zu seiner
Gerichtalterei um uns Rechtsfreunde durch die Hoffnung unter ihm zu dienen
vom Entschlusse wegzubringen gegen ihn zu dienen Inzwischen muss ers doch mit
einem ehrlich meinen der ich wohl bin
Als die böheimische Ritterschaft und ich von der Wiese ins Schloss eintraten
so stieß sie und ich auf etwas sehr Schönes und auf etwas sehr Tolles Das Tolle
saß beim Schönen Das Tolle hieß Oefel das Schöne hieß Beata Der Himmel sollte
einem Autor eine Zeit geben sie zu schildern und eine Ewigkeit sie zu lieben
Oefeln kann ich in drei Terzien ausmalen und auslieben Es gereichte mir und ihr
zur Ehre dass sie in ihrem alten KlavierLehrer sogleich den Bekannten
wiederfand aber es gereichte mir zu keiner Freude dass sie am Bekannten nichts
Unbekanntes entdeckte und dass sie bei meinem Anblick sich nicht erinnerte aus
einem Kind ein Frauenzimmer geworden zu sein Es gibt ein Alter wo man
Schönen doch verzeiht wenn sie uns auch nicht bemerken und nicht annehmen O
ich verzieh dir alles und der größte Beweis ist der dass ich davon spreche
Der junge Jüngling bewundert und begehrt zugleich der ältere Jüngling ist
fähig bloß zu bewundern Beatens Empfindungen und Worte sind noch der blendend
weiße und reine frische Schnee wie sie vom Himmel gefallen sind noch kein
Fußtritt und kein Alter hat diesen Glanz beschmutzt Sie wurde noch schöner
weil sie heute tätiger war als sonst und ihre schönen Schultern den Lasten der
Mutter lieh die blasse MondAurora die sonst auf ihren Wangen den ganzen
Himmel weiß ließ überfloss ihn mit einem RosenWiderschein auch die fremde
Freude für die sie heute tätig war gab ihr das erhöhte Kolorit das sie sonst
durch eigne verlor Die Mädchen wissen nicht wie sehr sie Geschäftigkeit
verschönere wie sehr an ihnen und den Taubenhälsen das Gefieder nur schillere
und spiele wenn sie sich bewegen und wie sehr wir Männer den Raubtieren
gleichen die keine Beute haben wollen welche festsjetzt
Ihre Mutter sagte mir freudig die Ursache weswegen der Legationrat dasitze
er hatte Beaten eine Einladung von der Residentin von Bouse gebracht auf ihr
Landgut zu kommen wo meine Schwester auch ist Das neue Schloss Marienhof liegt
eine halbe Stunde von der Stadt am neuen hat Oefel das alte innen das
vielleicht durch geheime Türen mit jenem zusammenhängt Er gab unhöflicherweise
zu erraten ohne sein feines Intrigieren dh er machte wie die Advokaten
über den schmalsten Bach eine Brücke statt eines Sprunges wär es hinkend
gegangen Unmöglich kann ein solcher eitler Narr von seinem Herzen einen
SchieferAbdruck in einen so edlen Stein als Beata ist ausprägen Wenn sie
auch der Faselhans künftig alle Nachmittage im neuen Schloss umlagert wie er
tun wird so kann ich mich doch darauf verlassen ja ich wollte dafür schwören
Ein Haselant seiner Größe kann zwar ein paar eckige begrasete Landfräulein wie
heute geschah zu einem verliebten Erstaunen über seine
GlockenpolypenDrehungen über seinen Mut über seinen Verstand dh Witz und
seine Unverschämtheit zwingen statt Damen und Schönen bloß zu sagen Weiber
das kann er und mehr sag ich aber von Beatens Herz werden ihn ewig alle ihre
Tugenden trennen sie wird neben seiner Liebe zur Ministerin seine zu ihr selber
gar nicht sehen und nicht glauben sie wird ihre Seele keinen Oefelschen
empfindelnden Floskeln öffnen die wie das falsche Geld bald zu groß sind
bald zu klein Sie wird vielmehr finden mit einem ehrlichen Jean Paul sei
mehr anzufangen sie wird hoff ich besagtem Paul die Ähnlichkeit die er mit
Oefel in einigen Vorzügen haben mag gern verzeihen da er ohne seine Fehler ist
und mit einem treuen bescheidenen Herzen vor ihr steht das kaum den Mut hat
ihr das feinste Goldblatt des Lobes leise aufzuhauchen und welches schweigt
auch missverstanden und zurückweicht auch ohne versucht zu haben Sie
wird in ihrem Urteile gerade so von den alten Landfräulein abweichen wie ich von
den jungen Landjunkern die mit dasassen Denn Oefels Erscheinung nahm ihnen
allen vorigen Witz und Verstand und sein quecksilberner Anstand goss alle ihre
Glieder mit Blei aus sie zogen in einer Falkenbeize wo ein solcher Vogel die
weiblichen Herzen stieß ihre plumpen Schwingen an sich und bewunderten vermöge
der männlichen Aufrichtigkeit statt der weiblichen Reize seine Hingegen Jean
Paul blieb wie er war und ließ sich nichts anhaben
Ich würde manchen deutschen Kreis auf die Vermutung einer heimlichen
Eifersucht bringen wenn ich gar nichts zum Lobe Oefels sagte er versprach am
nämlichen Nachmittag meinem Zögling einen großen Dienst Er hielt sich nämlich
ob er gleich das alte Schloss neben der Residentin zur Miete hatte nicht darin
sondern im Scheerauer Kadettenhause auf und rückte von Zimmer zu Zimmer um da
ihm sein hoher Stand verbot sich sonderbar zu kleiden wenigstens sonderbar zu
handeln er wollte da Menschen studieren um sie in Kupfer stechen zu lassen Er
setzte nämlich einen Roman als eine kurze Enzyklopädie für Erbprinzen und
Kronhofmeister auf und schrieb auf den Titel »Der Grosssultan« Dieser Fenelon
machte den Harem seines Telemachs zu einem Spiegelzimmer das den ganzen
weiblichen Scheerauer Hof widerspiegelte sein Werk war ein Herbarium vivum
eine Flora von allem was auf und am Scheerauer Throne wächset vom Fürsten an
bis wenn er sich noch erinnert zu mir Wenns erscheint verschlingen wirs
alle weil er uns selber darin verschlungen Die Rezensenten werden nichts darin
finden sondern sagen »Triviales Zeug« Da er nichts tat was er nicht vorher
und nachher aller Welt vortrompetete so hatt es sogar mein Rittmeister gehört
dass er beim Kadettengeneral so lange und so fein intrigiert hatte bis er statt
eines aufsehenden Offiziers die Zimmer des Kadettenschulhauses bewohnen und
wechseln durfte und so kam unser Fürst diesem MenschenNaturforscher ebenso mit
einer menschlichen Menagerie zu Hilfe wie Alexander dem Aristoteles mit einer
tierischen Der Rittmeister trat also mit seiner siegenden
Menschenfreundlichkeit zu ihm und bat ihn sich für seinen Gustav beim
Kadettengeneral geschickt zu verwenden damit er einmal unter dessen Fahne käme
Der Protektor Oefel sagte nunmehr sei es schon so gut als richtig er entzückte
sich selber mit der Vorstellung einen unter der Erde erzognen Sonderling zum
Stubenkameraden und zum sitzenden Urbilde zu bekommen
Die Strahlenbrechung zeigt Schiffern das Land allezeit um etliche hundert
Meilen näher als es liegt und stärkt durch so einen unschuldigen Betrug sie
mit Hoffnung und Genuss Aber auch in der moralischen Welt ist die wohltätige
Einrichtung dass Fürsten und ihre Ministerien uns Bittsteller so will Kampe
statt Supplikant hören dadurch froh und munter erhalten dass sie uns durch eine
AugenTäuschung die Hofstellen Ämter Gnaden die wir haben wollen allzeit um
einige hundert Meilen oder Monate näher wir können sie mit der Hand erlangen
denken wir sehen lassen als sie wirklich sind Diese Täuschung der Annäherung
ist auch alsdann nützlich und gewöhnlich wenn die geistliche oder weltliche
Bank die den Sitzern auf der langen Expektantenbank näher gewiesen wird am
Ende gar bloß eine Nebelbank ist
»Der KommerzienAgent« sagte unterwegs der Rittmeister zu mir »ist doch
kein so übler Mann als sie ihn machen und der Legationrat braucht nur
vollends in die Jahre zu kommen«
Zwanzigster Sektor
Das zweite LebensJahrzehend Gespenstergeschichte NachtAuftritt
Lebensregeln
Oefel hielt Wort Vierzehn Tage darauf schrieb uns der Professor Hoppedizel er
werde den neuen Kadetten abholen Nun wurde unser bisheriger Wunsch unsre
Pein Gustavs und mein Bund sollte auseinandergedehnt und verrenkt werden jedes
Buch das wir nun zusammen lasen kränkte uns mit dem Gedanken dass es jeder
allein zu Ende bringen würde ich wollte meinem Gustav kaum etwas mehr lehren
dessen Ausbau ich an fremde Architekten übergeben musste und jeder schöne
Blumenplatz war uns die Gartentür des Edens die ein bewaffneter Cherub
abschloss Die Sturmmonate seines Herzens rückten nun auch näher Ich hatte
ohnehin den Flügeln seiner Phantasie nicht Federn genug ausgerisssen und ihn aus
seiner Einsamkeit nicht oft genug verjagt In dieser trieb seine Phantasie ihre
Wurzeln in alle Fibern seiner Natur hinein und verhing mit den Blüten die
seinen Kopf auslaubten die Eingänge des äußern Lichts
Wahrhaftig weder der klappernde Mentor noch seine Bücher dh weder die
Gartenschere noch die Giesskanne sättigen und färben die Blume sondern der
Himmel und die Erde zwischen denen sie steht dh die Einsamkeit oder
Gesellschaft in der das Kind seine ersten KnospenMinuten durchwächset
Gesellschaft treibt im Alltagkind das seine Funken nur an fremden Stößen gibt
Aber Einsamkeit zieht sich am besten über die erhabnere Seele wie ein öder
Platz einen Palast erhebt hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und
Träumen harmonischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen Um so mehr haben
GeneralAkziskollegien darauf zu sehen dass große poetische Genies im Grunde
taugt keines zu einem gescheiten Kammer oder Kanzleiverwandten vom zehnten
Jahre bis zum fünfunddreissigsten in lauter Besuch Schreib und Votierzimmern
herumgehetzet werden ohne in eine stille Minute zu kommen sonst ist keines in
einen Archivar oder Registrator umzusetzen Daher hält auch das Marktgetöse der
großen Welt allen Wuchs der Phantasie so glücklich am Boden
Daran dacht ich oft und warf mir manches vor Würde nicht hielt ich mir
vor ein gründlicherer Schulkollege deinen Gustav wenn er mit dem Rücken auf
dem Grase liegt und in den blauen Himmelkrater hinaufzusinken oder auf Flügeln
an den Schulterblättern durch das All zu schwimmen träumt mit dem Spazierstock
an ein Buch von Nutzen treiben Und sagt ich wenn ich zum gründlichern
Kollegen sagte es sei einerlei woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde
ob an einem lackierten Stäbchen oder an einer lebendigen Ulme oder an einem
schwarzen Räucherstecken würde der Kollege nicht witzig versetzen eben
deshalb es sei also einerlei
Inzwischen besäss ich meines Orts auch Witz ich würde auf die Replik
verfallen »Glauben Sie denn Herr Konfrater dass unter dem größten Spitzbuben
und dem größten komischen Dichter den Sie vertieren ein Unterschied ist
Allerdings ein guter Plan des Kartouche ist von einem guten Plan des Dichters
Goldoni darin verschieden dass der erste die Komödie selber ausführet die der
letzte von Schauspielern ausführen lässt«
Gustav war jetzt in der Mitte des schönsten und wichtigsten Jahrzehends der
menschlichen Flucht ins Grab im zweiten nämlich Dieses Jahrzehend des Lebens
besteht aus den längsten und heißesten Tagen und wie die heiße Zone zugleich
die Größe und den Gift der Tiere mehrt so kocht sich an der Jünglingglut zwar
die Liebe reif die Freundschaft der WahrheitEifer der Dichtergeist aber
auch die Leidenschaften mit ihren Giftzähnen und Giftblasen In diesem
Jahrzehend schleicht das Mädchen aus ihren durchlachten Jahren weg und verbirgt
das trübere Auge unter derselben hängenden Trauerweide worunter der stille
Jüngling seine Brust und ihre Seufzer kühlt die für etwas Nähers steigen als
für Mond und Nachtigall Glücklicher Jüngling in dieser Minute nehmen alle
Grazien deine Hand die dichterischen die weiblichen und die Natur selber und
legen ihre Unsichtbarkeit ab und schließen dich in einen Zauberkreis von Engeln
ein Ich sagte selber die Natur denn an ihr glühen noch höhere Reize als die
malerischen und der Mensch für dessen Auge sie ein meilenlanges Kniestück voll
Zaubereien war kann ihr ein Herz mitbringen das aus ihr ein PygmalionsGebilde
macht welches tausend Seelen hat und mit allen eine umschlingt O sie kehrt
niemals niemals wieder die zweite Dekade des armen Lebens die mehr hat als
drei hohe Festtage ist sie vorüber so hat eine kalte Hand unsre Brust und
unser Auge berührt was noch in diese dringt was noch aus ihnen dringt hat den
ersten Morgenzauber verloren und das Auge des alten Menschen öffnet sich dann
bloß gegen eine höhere Welt wo er vielleicht wieder Jüngling wird
Drei Tage eh der Professor kam war Gespensterlärm im Schloss zwei Tage
vorher währte er noch fort einen Tag zuvor machte der Rittmeister Anstalten zur
Entdeckung der Schelmerei Er hatte einen Wasserscheu vor Gespenstergeschichten
und gab jedem Bedienten der eine wie Bokaz erzählte als ein Honorar seiner
Novelle nach der Bogenzahl Prügel Die Rittmeisterin ärgerte ihn durch ihren
Leichtglauben und sie bekam oft den Blick von ihm den Männer werfen wenn die
Hoffnungen oder Befürchtungen ihrer Weiber Hasensprünge wie Erdhalbmesser tun
Sie hatte nachts ein dreifüssiges Gehen durch den Korridor gehört ein Blitz war
durch ihr Schlüsselloch gefahren und eine andre Taschenuhr als ihre hatte 12
geschlagen und alles war verflogen
Er lud also seine Doppelpistolen um den Teufel mit dem Pulver das er nach
Milton früher als die Sineser erfunden anzufallen sein Gustav musste mit dabei
sein um mutig zu werden Die Schlossuhr schlug 11 es kam nichts sie schlug
12 wieder nichts sie schlug 12 noch einmal ohne Hilfe des Uhrwerks jetzo
wickelte sich auf dem Schlossboden ein hieroglyphisches Gepolter heran drei Füße
traten die vielen Treppen herab und erschüttern den Korridor Er der selten in
Leiden aber immer in Gefahren mutig war ging langsam aus dem Zimmer und sah im
langen Gange nichts als die ausgeblasene Hauslaterne an der Haupttreppe etwas
ging im Finsteren auf ihn zu und indem er auf das stumme Wesen feuern wollte
rief er »Wer da« Plötzlich blitzte fünf Schritte von ihm und hier fasste der
Tetanus der Angst Gustavs Nerven das Licht einer Blendlaterne auf ein Gesicht
das in der Luft hing und das sagte »Hoppedizel« Der wars warf sein
Stiefelholz und andern Apparat dieser Farce weg und niemand hatte etwas
darwider als der Rittmeister weil er seinen Mut nicht beweisen konnte und die
Rittmeisterin weil sie keinen bewiesen hatte
Aber in Gustavs Gehirn riss dieses in der Luft hangende Gesicht mit der
Ätznadel ein verzerrtes Bild hinein das seine Fieberphantasien ihm einmal
wieder unter die sterbenden Augen halten werden Bloß heftige Phantasie nicht
Mangel an Mut schafft die Geisterfurcht und wer jene einmal in einem Kinde zum
Erschrecken aufwiegelte gewinnt nichts wenn er sie nachher widerlegt und sie
belehrt »Es war natürlich« Daher fürchten sich in der nämlichen Familie nur
einige Kinder dh die mit geflügelter Phantasie daher zieht Shakespeare in
seinen Geisterszenen die Haare des Ungläubigen in der Frontloge zu Berge
offenbar vermittelst seiner aufgewiegelten Phantasie Die Geisterfurcht ist
ein außerordentliches Meteor unserer Natur erstlich wegen ihrer Herrschaft über
alle Völker zweitens weil sie nicht von der Erziehung kommt denn in der
Kindheit schauert man zugleich vor dem großen Bären an der Türe und vor einem
Geiste zusammen aber die eine Furcht vergeht warum bleibt die andre
Drittens des Gegenstandes wegen der Geisterfurchtsame erstarret nicht vor
Schmerz oder Tod sondern vor der bloßen Gegenwart eines ganz fremdartigen
Wesens er würde einen MondInsassen einen FixsternResidenten so leicht wie
ein neues Tier erblicken können aber in den Menschen wohnt ein Schauer
gleichsam vor Übeln die die Erde nicht kennt vor einer ganz andern Welt als
um irgendeine Sonne hängt vor Dingen die an unser Ich näher grenzen
Ich musste den einfältigen ProfessorSpaß aufschreiben weil er nach zwei
Tagen um den fliegenden Gustav folgende Szene erzeugte die ihm ebensogut das
Herz zerquetschen als erheben konnte
In der Frist vor seiner Abreise trug er sein schweres Herz und schweres Auge
an alle Orte die er liebte und verließ in das heilige Grab seiner Kinderjahre
unter jeden Baum der ihm die Sonne genommen auf jeden Hügel der sie ihm
gezeigt hatte er ging zwischen lauter Ruinen des sanften Kinderlebens
hindurch über seinem ganzen Jugendparadies lag die Vergangenheit wie eine Flut
vor ihm hinter ihm zog sich das Marsch und Ackerland worein das Schicksal so
bald den Menschen treibt Das war die Minute wo ich vor der Sonne die wie
er von dannen ging und vor der ganzen großen Natur die mit unsichtbaren Händen
den blinden Menschen in weite reine unbekannte Regionen hebt meinem geliebten
Schüler das Bild seines Guido1 das ich ihm bisher entzog ans Herz drückte in
solchen Minuten sind Worte nicht nötig aber jedes das man spricht hat eine
allmächtige Hand »Hier Gustav« sagt ich »hier vor dem Himmel und der Erde
und vor allem Unsichtbaren um den Menschen hier übergeb ich dir aus meinen
bewahrenden Händen fünf große Dinge in deine ich übergebe dir dein
unschuldiges Herz ich übergebe dir deine Ehre den Gedanken an das Unendliche
dein Schicksal und deine Gestalt die auch um Guidos Seele liegt Die großen
Stunden stehen nicht auf der Erde die dich fragen werden ob du diese fünf
großen Dinge erhalten oder verloren hast aber sie werden einmal deine künftige
Seele mit deiner jetzigen vergleichen ach lass mich an mich nicht denken
wenn du alles verloren hast«
Ich ging und umarmte ihn nicht die besten Gefühle haften stärker wenn man
ihnen nicht erlaubt sich auszudrücken Er blieb und seine Gefühle wendeten
sich an Guidos Bild aber das konnte ihn nicht an seine eigne Gestalt erinnern
denn eine Mannsperson kann 20 Jahre alt werden ohne ihre Zähne und 25 Jahre
ohne ihre AugenWimpern zu kennen indes ein Mädchen dahinter kommt vor der
Firmelung sondern das Bild regte alles was in ihm von dem Andenken und der
Liebe gegen seinen Genius den ersten Erzieher schlummerte wieder auf ja er
fand am Bilde lauter Ähnlichkeiten mit seinem weggeflohenen Freunde aus und sah
dessen Gestalt im gemalten Nichts wie in einem Hohlspiegel
Sein Gehirn brannte wie eine glimmende Steinkohlenmine im Traume auf dem
Kopfkissen fort Ihm kams darin vor als zerlief er in einen reinen Tautropfen
und ein blauer Blumenkelch sög ihn ein dann streckte sich die schwankende
Blume mit ihm hoch empor und höb ihn in ein hohes hohes Zimmer wo sein Freund
der Genius oder Guido mit dessen Schwester spielte dem der Arm sooft er ihn
nach Gustav ausstreckte abfiel und dem die Schwester ihn wieder reichte Auf
einmal knickte die Blume zusammen und niederfallend sah er drei weiße
Mondstrahlen seinen Freund in den Himmel ziehen der die Blicke abwärts gegen
den Gefallnen drehte Er erwachte außer dem Bette am offenen Fenster lehnend
das über den Garten ins schlafende Auental sah Der Himmel sank in einem
stummen StrahlenRegen nieder am leuchtenden Universum regte sich nichts als
die Strahlenspitzen der Fixsterne die Häuser standen wie Grabmäler in denen
die Sterblichen ausschliefen die Träume gingen in den geschlossenen Sinnen der
Sterblichen aus und ein und der Tod trat zuweilen ein Haupt und den Traum darin
entzwei Der Himmel schien Gustaven an sein Fenster gesunken »O kehr um komm
wieder Geliebter« rief er durch Traum und Gegenwart dahingerissen »o du
warst da du suchest mich Erscheine mir töte mich Ach du tausendfach
Geliebter sende mir von deinem Himmel wenigstens deine Stimme« Unversehends
schnitt etwas vor dem Fenster die Luft entzwei und rief »Gustav« und im fernen
Weiterfliegen riefs zweimal höher herab »Gustav Gustav« Ein Eisberg fiel auf
seine starrende Haut in der ersten Sekunde aber in der zweiten glühte er wieder
an gab seine Arme dem Tode und dem Freunde und schlug das Auge an einer
Luftstelle unter dem Mondblenden ein um etwas zu sehen Die zwei Welten waren
nun für ihn in eine zusammengefallen gefasst erwartete er den Freund aus der
Welt hinter den Sonnen und wollte an seine Äterbrust stürzen mit einer von
Erde Er glühte sich ab und ging endlich mit dem Schaudern der Seele und der
Haut ins Bett zurück Aber lange werden von dieser Stunde her wie von der
Gegend eines Gewitters die Winde die Bewegungen seiner Seele wehen
Der alte Starmatz tats vermutlich der so viel ich weiß aus dem Bauer
entkommen war Gustav erfuhr es nicht Ob eine Seele Wellen gleich einem
Setzteich so hoch wie HemdJabots oder gleich dem Ozean solche wie Alpen
schlage das ist zweierlei ob diese hohen Bewegungen ein Star erregt oder ein
Seliger das ist einerlei
Der Professor lehrte ihm unter meinen Ohren güldne Brokardika der
Menschenkenntnis die er durch das Lehren selber übertrat zB Nicht bloß die
Liebe sondern auch der Hass der Menschen ist veränderlich und beide sterben
wenn sie nicht wachsen Die meisten reden bloß gegen die Laster die sie
selber haben Je größer das Genie je schöner der Körper ist desto mehr
verzeiht ihnen die Welt je größer die Tugend ist desto weniger verzeiht sie
ihr Jeder Jüngling denkt keiner gleiche ihm in Gefühlen etc aber alle
Jünglinge gleichen sich Man muss sich nie entschuldigen denn nicht die
Vernunft sondern die Leidenschaft des andern zürnt auf uns und gegen diese
gibt es keinen Grund als die Zeit Die Menschen lieben ihre Freuden mehr als
ihr Glück einen guten Gesellschafter mehr als den Wohltäter Papageien
Schosshunde und Affen mehr als nützliche Lasttiere Man errät die Menschen
wenn man ihnen keine Grundsätze zutraut und der Argwöhnische hat allemal recht
er errät wenn nicht die Handlungen des andern doch seine Gedanken die
Niederlagen des Schlimmen und die Versuchungen des Guten Die Sünde gegen den
heiligen Geist die dir keiner vergibt ist die gegen seinen Geist dh gegen
seine Eitelkeit und der Schmeichler gefället wenn nicht durch seine
Überzeugung doch durch seine Erniedrigung etc
Es gibt gewisse Regeln und Mittel der Menschenkenntnis die der bessere
höhere Mensch verschmäht und verdammt und die gerade diesen nicht erraten
helfen und die ihn weder belehren noch erforschen Der Professor riet noch
meinem Gustav sein Gesicht zu formen Tugend auf demselben zu silhouettieren
es vor dem Spiegel auszuplätten und es mit keinen heftigen Regungen zu
zerknüllen Ich weiß es selber für Weltleute ist der Spiegel noch das einzige
Gewissen das ihnen ihre Fehler vorhält und das man wie das Gehirn ins große
und kleine einteilen muss das große Gewissen sind Wand und Pfeilerspiegel das
kleine steckt in Etuis und wird als Taschenspiegel herausgezogen für die
Weltleute aber für dich Gustav du der du den obigen Dekalogus für
Spitzbuben nicht annehmen nicht einmal verstehen oder nützen kannst denn man
nützt und versteht nur solche Lebensregeln von denen man die Erfahrungen
worauf sie ruhen so durchgemacht dass man die Regeln hätte selber geben können
du den ich gelehrt dass Tugend nichts sei als Achtung für das fremde und für
unser Ich dass es besser sei an keine Laster als an keine Tugend zu glauben
dass die Schlimmsten nur ihre eigne Kaste und die Besten noch eine mehr kennen
Wenn Gustav nicht gegen jene Lehren die meistens Wahrheiten sind und gegen
den Lehrer aufgefahren wäre wenn er nicht geschworen hätte dass diese ekelhafte
KankerPhilosophie nie über eine Ecke seines Herzens sich spinnen und kleben
sollte so hätt ich von ihm nicht einmal so gut gedacht als von der Residentin
von Bouse der das System des Helvetius so schön wie sein Gesicht vorkommt denn
in ihrem Stande hat oft das beste Herz die schlimmste Philosophie
Es wird kaum die Mühe verlohnen dass ichs hersetze dass der Spitzbube
Robisch zum Henker gejagt wurde weil er einen entwischten Rekruten für einen
neuen ausgab und verrechnete Wenn ich sagte zum Henker gejagt so satirisierte
ich denn zum Herrn von Röper wars der keine Bediente annimmt als die welche
LivreePolyhistore wie Robisch sind dh zugleich Jäger Gärtner Schreiber
Bauern und Bediente
Fußnoten
1 Das Bild des verlorenen Kleinen das er an seinem Halse von der Entführerin
mitbrachte und das ihm so ähnlich sah
Einundzwanzigster oder MichaelisSektor
Neuer Vertrag zwischen dem Leser und Biographen Gustavs Brief
»Ziehe hin Geliebter« sagt ich »den das WeltMeer mitnimmt das Sonnenbild
deines verborgen fühlenden Herzens lächle aus dem Meergrund und schwimme mit
dir Dein junges Herz bringest du nicht mehr nach Auental O dass doch die
Früchte am Menschen ein andres Wetter haben müssen als seine Blüten statt des
Hauches des Lenzes den Stich des Augusts und den Sturm des Herbstes« Ich dachte
dies solange sein Wagen in meinen Augen blieb nachher ging ich in die
Gartenhöhle hinunter zu den zwei Mönchen und als ich dachte in euerer kalten
SteinBrust wohnt kein Wunsch kein Sehnen kein Schmerz kein Herz »Eben
darum« sagt ich in anderem Sinn
Heute ist Michaelis und heute ich kann mich nicht länger verstellen
bejährt sich seine Abreise Heute fängt zwischen mir und dem Leser ein ganz
neues Leben an und wir wollen ruhig alles miteinander vorher ausmachen
Erstlich bin ich zwar ein Jahr hinter Gustavs Leben zurück aber in acht
Wochen gedenk ich solches erschrieben zu haben Ich verhoffte freilich schon
vor einem halben Jahre nun käm ich ihm nach aber ein Leben ist leichter zu
führen als zu schildern zumal gut stilisiert Überhaupt kann ein Autor ein
guter leichter die Sterne des Himmels zählen als seine zukünftigen Bogen die
auch Sterne sind Schlüsslich erwartet man dass die LiteraturZeitung wenigstens
so viel bedenke dass ich ein Rechtsfreund bin und unmöglich für sie so viel zu
schreiben vermag wie für ganze Kollegien Fakultäten und höchste Reichsgerichte
Kennt die LiteraturZeitung meine entsetzlichen Arbeiten Man muss meinen
Speiseschrank voll Manualakten gesehen haben in denen noch dazu kein Wort
steht weil ich sie erst aus der Papiermühle holen ließ oder man muss in meiner
Gerichtalterei in Schwenz worin die 12 Untertanen und der Lehn und
Gerichterr selber Bauern sind gewesen sein um von mir nicht mehr zu fordern
als jährlich ein Buch Wer ist um ganz Scheerau derjenige Sachwalter der in
einem Prozesse dient welcher mit nächstem der Teufel müsste sein Spiel haben
zum Wetzlaer Tor unter die Sessiontische des Reichskammergerichts das von gutem
Stil weiß dürfte hingetrieben werden Und doch diente der Prozess wie Peter der
Große von unten auf und bestieg wie die StylitenSekte immer höhere Stühle
Zweitens oder das ist noch erstlich ich kann folglich gleich den Juden
nur am Sabbat oder Sonntag auf die Plastik meines SeelenFötus denken an
Wochentagen wird nichts geschrieben als zwar auch Biographien aber nur von
Schelmen man meint Protokolle und Klaglibelle
Zweitens oder drittens bin ich der Insass eines Schulmeistertums Der gute
Rittmeister wollte mich da sein Sohn zur Tür hinaus war mit Personalarrest
belegen der bei mir zugleich Realarrest ist weil mein MobiliarVermögen in
meinem Körper und mein ImmobiliarVermögen in meiner Seele besteht ich sollte
auf seinem Schloss so lange advozieren und satirisieren als ich wollte Es
wäre zu wünschen sein alter Gerichtalter verbliche so würde ich der neue
denn abdanken kann sein gutes Herz dem doch mein spitzbübisches an
Hoffeinheiten verwöhntes den Mangel der letzten nicht allemal vergeben mag
keinen Menschen Behalte deinen gesunden NordOstAtem behalte deine Hände mit
dem prügelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem Paar Donnerwettern und
tausend Teufeln mein Falkenberg
Ich blieb auch bei ihm im Winter aber heuer im Frühjahr zog ich an den Ort
herab wo ich dieses schreibe in die obere Stube des Auentaler Schulmeister
Sebastian Wutz1 Ich hatte vielleicht die drei vernünftigsten Gründe von der
Welt dazu ich schwind erstlich nirgends mehr ein als in einem Vatikan voll
öder Klüfte in SaraWüsten von leeren Zimmern ein Esssaal mit seiner
MöblenArmut ist für mich ein Patmos und bloß in kleinen Stübchen wird man
größer Der Mensch sollte von Jahr zu Jahr in immer kleinere Zellen kriechen
bis er in die kleinste schlüpfte dh ins engste Loch dieses gequetschten
Silberdrahts Der zweite Grund war Herr Fortius in Morhof Polyhist L II
c 8 welcher Gelehrten anrät alle halbe Jahre die Städte zu wechseln damit
sie besser schrieben und in der Tat schreibt man besser nach jeder
Veränderung und wäre es eine des Schreibepults Ohne solche auffrischende Luft
schreibt sich die Seele so tief in ihren Hohlweg hinein dass sie darin steckt
ohne Himmel und Erde zu sehen Aus gegenwärtigem Werke könnte vielleicht etwas
werden aber jeden Monat und jeden Sektor muss ich in einer andern Kajüte
schreiben
Der dritte und vernünftigste Grund ist meine Schwester sie ist wieder von
der Residentin von Bouse zurück erstlich weil sie ihre Stelle einer schönen
Bücherpatientin leer zu machen hatte der guten Beata nämlich welche der Vater
der Doktor der Liebhaber der dumme Oefel er wird aber gar nicht begünstigt
endlich mitten in diese Zusammenströmung aller Freuden und Visiten
hinberedeten zweitens ist meine Schwester da weil ichs so haben wollte aber
Schwester Schwester warum hab ich dich nicht eher aus diesem übersinternden
MineralStrudel gerissen Warum hast du dich so verändert Wer kann dich zurück
verändern Wer will dir aus dem Herzen scheuern deine Gedanken an fremde Blicke
deine Gier bewundert aber nicht geliebt zu werden deine Gefallsucht welche
Liebe nur erregen nicht erwidern will und alles das was dein Herz
unterscheidet von deinem vorigen Herzen und von Beatens ewigem Mit meiner
Schwester wollt ich also nicht gern das Schloss verengern auf dem sie übrigens
alle Tage ein paar Stunden versitzet
Jetzt hab ich dem Leser beigebracht woran er ist wir wenden uns wieder zu
Gustavs Wagen und sind alle zufrieden Leser Setzer und Schreiber
Gustav fuhr in einer Trunkenheit des Schmerzes die der schöne Himmel in
Tränen auflösete nach Scheerau und hielt jede Schwalbe und Biene die unserem
Schloss zuflogen für glücklich die nächsten zehn Jahre hingen als zehn
Vorhänge vor ihm düster nieder »und liegen« fragt er sich »Totengerippe
Raubtiere oder Paradiese hinter den Vorhängen« Was ohne Vorhang vor ihm saß
und dozierte sah er auch nicht den Professor Zwei Stunden vor Scheerau
schrieb er mir mit jener flammenden Dankbarkeit die aus dem Menschen nur in
seinem zweiten Jahrzehend so strahlend bricht Wie bei allen Seelen die sich
mehr von innen heraus als von außen hinein verändern stand in ihm der Barometer
seines Herzens oft unbeweglich auf demselben Grade Die Regenwolken und den
Regenbogen in seinem innern Himmel brachte er nach Scheerau mit er trug sein
überhülltes Herz in das weite widerhallende Kadettenhaus und in dessen
Jahrmarktlärm auf den Treppen und in das KadettenFeldgeschrei wie unter die
Schläge einer Kupferschmiede und Walkmühle hinein er wurde noch trauriger
aber mit mehr Schmerzen
Das Merkwürdige im Zimmer das er betrat und bewohnte waren nicht drei
Kadetten denn sie waren KurrentMenschen Scheidemünze und prosaische Seelen
dh lustig witzig ohne Gefühl ohne Interesse für höhere Bedürfnisse und von
mäßigen Leidenschaften sondern der StubenEphorus Herr von Oefel der mit
dem Degen wie eine gespiesste Fliege mit der Nadel lief Oefel fing ihn sogleich
zu beobachten an um ihn abends zu beschreiben in Gesellschaften aber
beobachtete er jeden nicht um fremde Pfiffe zu erlauschen sondern um seine
vorzuweisen So lobte er auch ohne zu achten und schwärzte an ohne zu hassen
glänzen wollt er bloß
Unter diesen Verhältnissen ehe Gustav den schweren Gang über Schmerzen zu
Geschäften tat kam der Trost in der Gestalt der Erinnerung zu ihm und Gustav
sah was er nicht hätte vergessen sollen seinen Amandus seinen
Kindheitfreund Aber der gute Jüngling trat vor ihn nicht in der ersten Gestalt
eines Blinden sondern in der letzten eines Sterbenden er hatte die
Nervenschwindsucht die alles sein Mark aus der noch stehenden Rinde ausgezogen
hatte an der Rinde grünte nichts mehr als hängende Zweige mit fahlem gesenkten
Laub Er bereitete sich auf kein Amt und kein Leben vor sondern erwartete und
wollte empfangen an der Schwelle des Erbbegräbnisses den Tod der die Treppe
heraufstieg Aber dass seine Seele in einer lebendigen Wunde lag daran kann
uns nichts wundern als das Geschlecht denn die schönsten weiblichen Seelen
wohnen selten anders aber die Männer schonen diese Wunde nicht es erweicht sie
gegen ein so weiches Geschlecht der Anblick nicht dass die meisten nicht von
einem Tage zum andern sondern von einem Schmerze zum andern leben und von einer
Träne zur andern
In Gustav wohnte das zweite Ich der Freund fast mit dem ersten unter einem
Dache unter der Hirnschale und Hirnhaut ich meine er liebte am andern
weniger was er sah als was er sich dachte seine Gefühle waren überhaupt näher
und dichter um seine Ideen als um seine Sinne daher wurde oft die
FreundschaftFlamme die so hoch vor dem Bilde des Freundes emporging durch den
Körper desselben gebogen und abgetrieben Daher empfing er seinen Amandus weil
überhaupt eine Ankunft weniger erwärmt als ein Abschied mit einer Wärme die
aus seinem Innern nicht völlig bis zu seinem Äußeren reichte aber Oefel der
beobachtete hatte mit sechs Blicken heraus der neue Kadett sei adelstolz
Unter allen KriegsKatechumenen hatte Gustav die meiste Not Aus einer
stillen Kartause war er in ein PolterZimmer verbannt wo die drei Kadetten ihm
den ganzen Tag die Ohren mit Rapierstössen Kartenschlägen und Flüchen beschossen
aus einer Dorfburg war er in ein Louvre geworfen wo die Trommel das
Sprachorgan und die Sprachmaschine war wodurch das Scholarchat mit den Schülern
sprach wie die Heuschrecke allen ihren Lärm mit einer angeborenen Trommel am
Bauche macht Zum Essen zum Schlafen zum Wachen wurden sie wie das Parterre
eines Dorfkomödianten zusammengetrommelt Im Marschschritt und hinter dem
Kommandowort erstieg diese Miliz den Speisesaal als ihren Wall und nahm von der
Festung nichts weg als die Mundportion auf einen halben Tag Der Kommandozuck
riss sie von ihren Stühlen auf und lenkte sie zur Zitadell wieder hinaus Man
konnte nachts die Schritte eines einzigen Kadetten zählen und man wusste die
aller übrigen weil der kommandierende Luftstoss diese Räder auf einmal trieb
Eben deswegen ich meine weil der Dank vor dem Essen ordentlich kommandiert
wurde hatte das ganze Korps die gleiche Andacht keine Sekunde sprach einer
länger mit Gott als der andre Ich weiß nicht in welchem scheerauischen
Regimente der Kerl stand der einmal bei der Kirchenparade wo der Offizier die
Seelen einmal zu Gott kommandierte die er sonst zum Teufel gehen hieß so sehr
wider vernünftige Subordination verstiess dass er wenigstens vier Minuten länger
dem Himmel auf seinem frommen Knie dankte als der Flügelmann ich sag es
deswegen weil ich nachher als der Beter darüber Fuchtel bekam öffentlich die
Frage tat ob nicht eben auf diese Weise den Kompagnien die Logik beizubringen
wäre die ihnen so nötig ist wie die Schnurrbärte und noch nützlicher da man
diese aber nicht jene zu wichsen braucht Könnte man nicht kommandieren und das
Wörtchen »macht« weglassen »Macht den Vordersatz macht den Hintersatz macht
den Schluss« So wär ich nicht zu tadeln wenn ich mir eine Kompagnie kaufte und
sie die drei Teile der Busse etwa so durchmachen ließe bereuet glaubt
bessert nämlich euch oder sonst soll das liebe in euch fahren wie
jüngere Offiziere beisetzen
Der östreichsche Soldat hatte bis Anno 1756 zweiundsiebzig Handgriffe zu
lernen nicht um damit den Feind zu schlagen sondern den Satan
In dieser Stimmung worin Gustav gegen Krieg und seine Kameraden war
schrieb er mir einen Brief dessen Anfang hier wegbleibt weil unser
Briefsteller dabei allemal so kalt wie beim Empfang zu sein pflegte
»Das Exerzieren und Studieren machen mich zu einem ganz andern
Menschen aber zu keinem glücklichern Ich ärgere mich oft selber über meine
Weichheit über meine Augen aus denen ich die Spuren ingeheim wegzuwaschen
suche und über mein Herz das bei Beleidigungen die ich jetzo häufig aber
gewiss ohne Absicht der Beleidiger erfahre nicht hart aufschwillt sondern sich
zusammenpresst wie zu einer großen Träne über die unheilige Welt Meine
Stubenkameraden unter denen ich nichts höre als Rapiere und Flüche lachen mich
über alles aus Sogar dieses Blatt schreib ich nicht unter ihnen sondern unter
freiem Himmel im stillen Lande2 zu den Füßen und auf dem Fussgestell einer
Blumengöttin von welcher Arm und Blumenkorb abgebrochen sind Der gute Herr von
Oefel ist unterdessen im alten Schloss bei der Residentin
Sobald ich nicht arbeite drückt jedes Zimmer jedes Haus jedes Gesicht auf
mich herein Und doch wenn ichs wieder tue zwar wenn trübes Wetter ist wie
in voriger Woche mach ich mein matematisches Reisszeug so gern wie ein
Schmuckkästchen auf aber wenn ein Flammenmorgen unter dem Geschrei aller Vögel
sogar der gefangenen von den Dächern in unsere Gassen niedersinkt wenn der
Postillon mich mit seinem Horn erinnert dass er aus den eckigen spitzigen
verwitternden unorganisch zusammengeleimten Schuttaufen der getöteten Natur
die eine Stadt heißen nun hinauskomme in das pulsierende drängende knospende
Gewühl der nicht ermordeten Natur wo eine Wurzel die andre umklammert wo alles
mit und ineinander wächset und alle kleinere Leben sich zu einem großen
unendlichen Leben ineinander schlingen da tritt jeder Bluttropfen meines
Herzens zurück vor den Pechkränzen Trancheekatzen und vor den Wischkolben
womit die Artillerie unsere blauen Morgenstunden ausstopfet Dennoch vergess
ich die grünende Natur und die Kontraminen womit wir sie in die Luft
aufschleudern lernen und sehe bloß die langen Flöre die an den Stangen aus dem
Hause eines Färbers gegenüber in die Höhe fliegen schon wie Nächte über den
Gesichtern armer Mütter hängen damit der Tau des Jammers im Dunkeln hinter den
Leichen falle die wir am Morgen machen lernen Ach seitdem es keinen Tod
mehr für sondern nur wider das Vaterland gibt seitdem ich wenn ich mein Leben
preisgebe keines errette sondern nur eines binde seitdem muss ich wünschen
dass man mir wenn mich der Krieg einmal ins Töten hineintrommelt vorher die
Augen mit Pulver blindbrenne damit ich in die Brust nicht steche die ich sehe
und die schöne Gestalt nicht bedaure die ich zerschnitze und nur sterbe aber
nicht töte O da ich noch aus Kartausen noch aus Ihrem Studierzimmer in
die Welt hinaussah da breitete sie vor mir sich schöner und größer aus mit
wogenden Wäldern und flammenden Seen und tausendfach gemalten Auen jetzo steh
ich auf ihr und sehe das kahle Nadelholz mit kotigen Wurzeln den schwarzen
Teich voll Sumpf und die einmähige Wiese voll gelbes Gras und Abzuggräben
Vielleicht könnt ich aber doch meine Träume den Menschen zu nutzen mehr
verwirklichen wenn ich eine andre Laufbahn einschlüge und statt des
Schlachtfeldes den Sessiontisch wählen und den Zweck der Aufopferung veredeln
dürfte3 Die rote Sonne steht vor meiner Feder und bewirft mein Papier mit
laufenden Schatten o du wirkst stehend Himmeldiamant und machst licht wie der
Blitz aber ohne seinen mörderischen Knall Die ganze Natur ist stumm wenn sie
erschafft und laut wenn sie zerreisset Große im Abendfeuer stehende Natur
der Mensch sollte nur deine Stille nachahmen und bloß dein schwaches Kind sein
das deine Wohltaten dem Dürftigen hinausträgt
Wenn Sie heute von Auental zu den im Sonnengolde wogenden Fenstern unsers
Schlosses aufsehen so schauet jetzt meine Seele auch hinüber aber mit einem
Seufzer mehr« etc
Die Offiziere sehen ein dass Gustav keiner werden will aber er hat seinen
ganzen Vater wider sich der bloß den stürmenden Krieger liebt und ruhigere
Geschäftmänner ebenso verschmähst wie diese den noch ruhigern geschäftlosen
Gelehrten verachten
Fußnoten
1 Den ganzen Lebenslauf seines Vaters Maria Wutz hab ich dem Ende des zweiten
Bandes beigegeben Allein ob er gleich eine Episode ist die mit dem ganzen
Werke durch nichts zusammenzuhängen ist als durch die Heftnadel und den Kleister
des Buchbinders so sollte mir doch die Welt den Gefallen erweisen und ihn
sogleich lesen nach dieser Note
2 So hieß der englische Garten um Marienhof den die Gemahlin des verstorbenen
Fürsten mit einem romantischen gefühlvollen über Kunstregeln hinausreichenden
Geiste angelegt Der Kummer gab ihr den Namen und die Anlage des stillen Landes
ein Jetzt ist ihrer sterbenden Seele selbst dieses Land zu laut und sie lebt
verschlossen Diejenigen Leser die nicht da waren will ich mir durch eine
Beschreibung des Gartens verbinden
3 Ich kann nichts dafür dass mein Held so dumm ist und zu nützen hofft Ich bins
nicht sondern ich zeige unten dass das Medizinieren eines kakochymischen
Staatskörpers zB bessere Polizei Schul und andre Anstalten einzelne
Dekrete etc dem Arzneieinnehmen des NervenSchwächlings gleiche der gegen die
Symptome und nicht gegen die Krankheitmaterie arbeitet und der sein Übel bald
wegschwitzen bald wegbrechen oder weglaxieren oder wegbaden will
Zweiundzwanzigster oder XVIIII TrinitatisSektor
Der echte Kriminalist meine Gerichtalterei ein Geburttag und eine
KornDefraudation
Als ich am Donnerstag darauf meinen Gustav besuchen und ein wenig belehren will
hat ihn Herr von Oefel aus einer Ursache die bloß ein ganzer Sektor vor und
auswickeln kann mit einigen Husaren an die Grenze verschickt wo sie einen
FruchtKordon bildeten der kein Korn hinaus und keinen Pfeffer hereinliess Da
die meisten Bewegungen des Volks sich von peristaltischen anfangen so wollten
es manche feine Leute gerochen haben der Landesvater täte die Sache damit
seine Landskinder etwas zu brocken und zu beißen hätten
Ich bekam aber am Ende die größte Teufelei damit und man soll es jetzo
hören aber nur von vornen an
Nämlich so das große Rittergut Maussenbach hat wie bekannt die
Obergerichtbarkeit obgleich ich und der Rittergutbesitzer Herr
KommerzienAgent von Röper darüber aus entgegengesetzten Gründen ärgerlich
sind Ich bin ärgerlich weil ich das Leben wenigstens die Ehre von einigen
hundert Menschen nicht in den Händen eines ganzen römischen Volks sondern eines
Amtmanns etc sehe der Erb Lehn und Gerichterr ist ärgerlich weil der
Blutbann nichts einträgt da es mehr kostet das Richtschwert schleifen zu
lassen als alles abwirft was damit in den Beutel hineinzumähen ist »Ehebruch
ist für eine malefizische Obrigkeit noch das einzige« sagt der Erbherr Ganz
das Gegenteil sagte sein Gerichtalter Kolb hohe Frais war seine hohe Oper
peinliche Akten waren ihm Klopstocks Gesänge und ein Scherge sein Orest und
Sancho Pansa Er hätte die Welt in zwei Reihen zerteilt in die aufhängende
und in die aufgehangne Reihe und er wäre Kriminalist geblieben Ein
unrasierter Malefikant im Karzer war ihm ein sinesisches Goldfischchen in einer
gläsernen Bowle beide wurden Gästen vorgestellt Freie SpitzbubenPürsch nur
in ein paar Weltteilen wäre seine Sache und Lust gewesen Mich hasste er auf den
Tod weil ich ihm einmal einen vom Tode ins Zuchthaus wegdefendieret hatte Er
besaß die Sterbelisten aller Hingerichteten und eine Matrikul oder ein
genealogisches Saatregister aller Räuber Ehrenräuber ausgenommen die in allen
deutschen Kreisen zu ernten standen und wahre Spitzbuben waren für ihn was für
den biographischen Plutarch gutgesinnte Menschen Kurz er war ein echter
Kriminalist ganz wie ihn die alten deutschen oder neuen englischen Gesetze
haben wollen denn nach beiden soll jeder bloß von seinesgleichen gerichtet und
verdammt werden Kolben aber musste jeder Spitzbube und Mörder für einen ebenso
großen halten und Inkulpat konnte mithin sagen dass er die Rechtswohltat
genösse von einem seinesgleichen gerichtet zu werden Ich kenne nicht viele
ebenbürtige Malefizräte und Fakultisten auf welche dieses anzuwenden wäre
Das verdross Röpern ungemein denn sein Malefizrat zog ihm alle Monate einen
kostensplitterigen Fraisfall zu und hohen FraisGerichterrn ist doch nicht
sowohl mit der Einfangung als Beerbung der Inquisiten gedient Kurz als der
Amtmann eine neue GalgenrekrutenAushebung im Maussenbacher Walde vorzunehmen
gedachte woran vielleicht Robisch schuld war so stellte Herr von Röper
diese DiebPressgänge dadurch ab dass er seinem Malefizrat so viel Grobheiten
antat als dazu vonnöten waren dass der Amtmann nichts tun konnte als abdanken
Er tat doch noch etwas der Schelm er malte meine Wenigkeit ab Da er mein
Defensorat nicht vergessen konnte so verwaltete er das Fiskalat und sagte zu
Röpern ich taugte nichts ich wäre ein Mensch der ihn und mehre Edelleute
hasste und der den feinsten Hofton hätte Paul nähme jeden Prozess von Untertanen
gegen ihre Lehnherrn an und hätte selber einmal gegen den Herrn
KommerzienAgenten die Feder geführet Du elender Kolb warum sollen Einbeine
das nicht tun Meine wichtigsten Prozesse sind noch heute keine andern Und
warum soll nicht gar ein Vorschlag wirklich werden den ich sogleich tun will
Der dass man nach dem Muster der ArmenAdvokaten UntertanenAdvokaten einführt
die bloß gegen Patrimonialgerichte wie die Malteserritter gegen Ungläubige
fechten
Ich hab es aus Röpers eigenem Munde denn kurz er installierte mich doch
zum Maussenbacher Amtmann die Advozier und Lesewelt erstaune wie sie will
Die Kolbisschen Angriffe waren eben meine Wendeltreppe zu diesem Gerichtstuhle
Mein Gerichtprinzipal muss zu seinen ewigen Kämpfen mit allen Instanzen und
Edelleuten einen juristischen Taureador einen hitzigen FedermesserHarpunierer
haben Kolb sagte aber ich wäre einer Zweitens präsentierte mir Herr von Röper
den Gerichtstuhl weil ich weder ritt des kurzen Beines wegen noch fuhr des
seekranken Magens wegen und mithin zur Justizpflege ohne den PferdeNachtrab
den sein Stall bisher zu apanagieren hatte gegangen kam Für Rezensenten und
deren Redakteurs wird der Wink kein Schade sein dass sie bedenken mögen dass sie
von nun an Papier nehmen und einen Mann rezensieren der nicht etwa wie sie
nichts ist sondern einen der so gut richtet wie sie aber über ein reelleres
Leben als das literarische und der solche Rezensenten selber henken kann wenn
sie in seinem Gerichtsprengel etwas anders stellen als Ehre
Jetzt kommt die Hauptsache Ich war zum erstenmal als Richter in Maussenbach
und trat meine Amtmannschaft an Es ging alles recht gut ich und Untertanen
wurden einander vorgestellt und ich hatte an diesem Tage über fünfhundert Hände
in meiner Freilich muss ich noch manches saure Gesicht wegscheuern das sie mir
mit machen weil sie es meinem weniggeliebten Prinzipal machen denn Volk und
Adel liegen nicht bloß in Rom sondern auch in heutigen Dörfern stets einander
in Haaren und Zöpfen und fechten über Schuldensachen Außer meiner
Gerichtalterei feierte heute noch etwas seinen Geburttag der Verleiher
derselben Röper wir aßen also recht gut zweierlei Dingen zu Ehren erstlich
weil das von ihm aufgelöste Parlament in mir heute wieder zusammenberufen und
zweitens weil der Berufer vor vielen Jahren geboren worden Ich kann sagen mir
war wohl dabei trotz meiner Verschiedenheit von dem Wiedergebornen von dir ist
gar nicht die Rede Luise und Gerichtprinzipalin Welches lahme Herz schlüge
nicht mit deinem in sympatetischer Harmonie zusammen wenn es dein Auge über
das Vergnügen deines Mannes und von Wünschen für sein Leben glänzen sieht
Sondern von deinem Eheherrn selber red ich er sei nun wie er will mir ist es
unmöglich von einem Manne mit dem ich unter einer Stubendecke sitze das
Schlimme zu denken das ich bisher von ihm gehört oder auch geglaubt und es ist
wahrlich nicht einerlei ob uns ein Tisch oder eine Kunststrasse trennt Wenn du
einen Menschen von Hörensagen hassest so gehe in sein Haus und sehe zu ob du
wenn du in seinen Gesprächen so manchen freundlichen Zug in seinem Betragen
gegen das Kind oder Weib das er liebt so manches Zeichen der Liebe aufgefunden
hast ob du da mit dem hineingebrachten Hasse wieder hinausgehest War
gegenwärtiger Verfasser in seinem Leben gegen etwas eingenommen so waren es die
Großen seitdem er aber in seinen Klavierstunden zu Scheerau Gelegenheit gehabt
mit manchem Großen unter einem Deckengemälde zu stehen seitdem er selbst unter
diesen Riesen mit herumspringt so sieht er dass ein Minister der ein Volk
drückt seine Kinder lieben und dass der Menschenfeind am Sessiontisch ein
Menschenfreund am Nähpult seines Weibes sein kann So haben die Alpenspitzen in
der Ferne ein kahles steiles Ansehen in der Nähe aber Platz und gute Kräuter
genug
Ich gesteh es also da nach altväterischer Sitte an Geburttagen bei Hofe
speist ich dergleichen nie eine BiskuitTorte aufgetragen wurde auf der das
Vivat und der Name Röper mit Typen von Mandeln aufgesäet zu lesen und zu essen
war da ferner der Inhaber des Namens zwar sagte »Solche dumme Streiche machst
du nun« aber sogleich das Auge voll bekam und beifügte »Schneid unsern Leuten
draußen auch einen Bissen« ich gestehe sagt ich ich wünschte alsdann manche
Sage von ihm aus meinem Gedächtnis die sich mit dem lapidarischen Mandelstil
nicht wohl vertrug und ich hätte besonders etwas darum gegeben die Krebse am
allerliebsten wenn er weniger um das Steingut in ihren Köpfen besorgt seine
Luise nicht angebrummt hätte die in der Freude einige Beiträge zu seiner
KrebsDaktyliotek verschüttet hatte Ich will nur aufrichtig sein der Henker
hätte mich holen müssen wenn ich hart wie ein Krebsauge hätte bleiben wollen
da du meine MusikSchülerin geliebte Beata welche aus der Hofluft1 wie andre
Blumen aus der mephitischen nichts eingezogen als zartere Reize und höheren
Schmelz da du holde Schülerin mit dem weiblichen Gefühle des väterlichen
Ansehens hingingest und dem Vater mit dem Munde auf seiner Hand die
aufrichtigsten Wünsche brachtest und da du erst am Halse deiner Mutter die euch
beide mit Blicken der Liebe überschüttete dein Herz in ein näheres übergossest
Erst jetzo kommt die versprochne Hauptsache nämlich mein Gustav Ich
wollt er wär ausgeblieben Er tritt vor zwei Husaren voraus die einen
Kornwagen eskortierten Der Wagen wollte sich über der Grenze das Fürstentum
Scheerau stösset wie der menschliche Verstand überall auf Grenzen abladen die
zwei Husaren wollten sich bestechen lassen es war alles gut aber Gustav wars
nicht der Kondukteur der Pachter hatte die Schleichware für Röperisches Gut
ausgegeben und vor Röper sträubte sich der ganze Gustav schon vom Vater her
zurück Zweitens lebte er jetzt mit der Tugend im Brautstand und in den
Flitterwochen wo man gute Werke und moralische hors doeuvre für einerlei nimmt
und wo zugleich Stil und Tugend zu viel Feuer haben Kurz der Pachter und Wagen
mussten zurück und der Kadett war ins Geburttagzimmer getreten um es mit
überwallendem Hasse gegen Röperische Betrügereien anzusagen Aber war er dies
imstande als er mich nach vielen Wochen und meine Schülerin zum ersten Male sah
und unter die fröhlich geröteten Gesichter trat aus denen er auf einmal Blut
und Freude jagen wollte Er konnte nichts als mich beiseite ziehen und mir
alles entdecken aber das Belauschen und das anfahrende corpus delicti
entdeckten dem KommerzienAgenten das nämliche Er geriet ohne weiteres in eine
schimpfende Wut gegen den Kadetten den die Sache wie er sagte nichts angehe
und steigerte sich so lange darin bis ihm ein Heilmittel gegen das ganze
Unglück beifiel Ich musste mit ihm vor die Haustür hinaus und er sagte mir ich
würde als sein Amtmann leicht einsehen dass man das Getreide für das Getreide
seiner Pächter ausgeben müsste weil der Fürst mit einem Beamten kein Schonen
hätte Das letzte sah ich als sein neuer Amtmann ein dass der geizige
Arsenikkönig der den ÄmterHandel JustizUnfug und ähnliches duldete doch auf
Ungehorsame gegen ihn wie ein giftiger Wind zufähret aber das sah ich nicht
ein dass eine zweite Betrügerei der Verhack und Advokat der ersten sein müsse
Zu unserem Gefechte stieß endlich der Gegenstand desselben der Pachter selber
der mit zerrüttetem Gesicht und mit der stotternden Bitte zulief »Ihr Gnaden
sollten es nicht ungnädig vermerken dass er in der Angst sein Korn für Ihr
Gnaden Ihres ausgegeben hätte« Nun war der Knoten auseinander mein Prinzipal
hatte bisher bloß seine glücklich über die Grenze gebrachte Schleichware mit der
ertappten fremden vermengt Dem Pachter hielt er sogleich als gesunder Moralist
die Bosheit vor auf einmal ihn das Land und den Fürsten zu betrügen »und er
wünschte er bräche jetzt das Schreiben der Regierung auf er würde ihn auf der
Stelle ausliefern« Zu meinem Gustav eilt er hinein und warf ihm mit der Hitze
der verkannten Unschuld so viel Grobheiten entgegen als man von einem
beleidigten HalbMillionär erwarten kann da Besitzer des Goldes wie Saiten von
Gold am allergröbsten klingen Mich dauerte mein lieber Gustav mit seiner
TugendPletora ihn dauerte das Unglück des armen Pachters und Beaten dauerte
unsere allseitige Beschämung Mit reißenden Gefühlen floh Gustav aus einem
stummen Zimmer wo er vom weichsten Herzen das noch unter einem schönen Gesicht
gezittert von Beatens ihrem die Blumen kindlicher Freude weggebrochen und
herabgeschlagen hatte
Im Grund ging jetzt der Henker erst los nämlich das Röperische Gebelle
gegen das Falkenbergische Haus und gegen dessen abscheuliche Verschwendung und
gegen den Kadetten Beata schwieg aber ich nicht ich wäre ein Schelm gewesen
ein größerer mein ich wenn ich dem Rittmeister die Verschwendung in dem
Sinne worin sie der Gegner nahm hätte beimessen lassen ich wäre auch dumm
oder dümmer gewesen wenn ich ihn nicht in meinem ersten AmtmannsAktus an
Widerstand zu gewöhnen getrachtet hätte sondern erst im zehnten zwanzigsten
Aber das Öl das ich herumfliessen ließ um seine Wellen zu glätten tropfte
statt ins Wasser ins Feuer Es half uns beiden wenig dass uns meine Schülerin
mit den silberhaltigsten Stellen aus Bendas Romeo anspielte der alte Spaß war
nimmer zurückzubringen wir zuckten und lenkten vergeblich an unsern
Gesichtern Röper sah wie ein indianischer Hahn aus und ich wie ein
europäischer Ich hatte vorgehabt gegen Abend nach Mondaufgang etwas
sentimentalisch zu sein in Beisein von Beaten da sie mir ohnehin der Hof
entriss ich weiß gewiss ich hätte hinlänglich empfunden und gefühlt ich würde
unter einem Schatten oder Baum mein Herz hervorgenommen und gesagt haben
»prenez« ja ich schien sogar heute Beaten mir weit näher heranzuziehen als
sonst welches bei allen Mädchen gelingt mit deren Eltern man die Geschäfte
teilt Das war nun sämtlich zum Henker ich musste kalt und zähe davongehen
wie ein Kammergerichtbote und empfand schlecht War der neue Amtmann
verdrießlich den man in sein Amt hineingeärgert hatte so wars sein Prinzipal
noch mehr der in sein Jahr hineingezankt geworden So hinkte ich davon und
sagte unter dem ganzen Weg zu mir »So und mit dem Gesicht und Aussehen ziehest
du also glücklicher Paul von deiner Maussenbachischen Gerichtalterei heim von
der du schon in deinen Sektoren voraus geplaudert Du brauchst meinetwegen
nicht aufzugehen Mond ich brauche dein PuderGesicht heute nicht der einzige
verdammte KornKarren und der Fürst und der Filz dazu und auch die
Jünglingtugend Ich wollt dass ihr alle Wär ich aber nur so gescheit
gewesen und hätte gleich vormittags gefühlt und hätte vor dem Essen etwas von
meinem Herzen vorgezeigt nur ein Herzohr nur eine Faser«
»Ei Herr Amtmann« fuhr mir mein Wutz entgegen »wieder da Hats hübsche
Ehebrüche gegeben Hurenfälle Raufereien Injurien«
»Bloß einige Injurien« sagt ich
Fußnoten
1 Der Leser muss sich erinnern dass sie von der Residentin von Bouse bloß zur
Feier des väterlichen Geburttags hierhergereiset war
Dreiundzwanzigster oder XX TrinitatisSektor
Andrer Zank das stille Land Beatens Brief die Aussöhnung das Porträt
Guidos
Noch am heutigen Sonntag hab ichs nicht heraus warum Gustav fünf Tage später
in Scheerau eintraf als er konnte er wich sogar meinen Erkundigungen
ängstlicher als listig aus Oefel ließ sich alles rapportieren und machte daraus
ein paar Sektores in seinem Roman den ich und der Leser hoffentlich noch zu
sehen bekommen Ich wollte seiner käme eher als meiner in die Welt so könnt
ich den Leser darauf verweisen oder vielleicht einige Anekdoten daraus nehmen
Gustav schien ein geistiges Wundfieber zu haben Er trug sein vom bisherigen
Bluten erkältetes Herz zu Amandus um es an des Freundes heißer Brust wieder
auszuwärmen und anzubrüten und um die Achtung gegen sich selber die er nicht
aus der ersten Hand bekommen konnte aus der zweiten zu erhalten Und dort
erhielt er sie stets aus einem besonderen Grunde In seinem Charakter war ein
Zug der ihn wenn er unter einer Brüdergemeinde wäre längst als Wildenbekehrer
aus ihr nach Amerika hinabgerollet hätte er predigte gern Ich kann es anders
sagen seine quellende Seele musste entweder strömen oder stocken aber tropfen
konnte sie nicht und wenn sich ihr denn ein freundschaftliches Ohr auftat so
regnete sie nieder in Begeisterung über Tugend Natur und Zukunft Dann wehte
eine heitere frische Luft durch seine Ideenwelt die niedergestürzten
Ergiessungen deckten den schönen lichten tiefblauen Himmel seines Innern auf und
Amandus stand unter dem offenen Himmel entzückt Dieser dem die Übermacht seines
herzlich Geliebten ein Postament war das ihn nicht belastete sondern emporhob
genoss im fremden Wert seinen eignen ja in seinem minder ausgelichteten Kopf
entstand noch größere Wärme als im redenden war wie etwa dunkles Wasser sich
unter der Sonne stärker als helles erwärmt Gustav erzählte ihm den Vorfall und
sprach mit ihm so lange über sein Recht und Unrecht dabei bis sein Schmerz
darüber weggesprochen war dies ist das freundschaftliche Besprechen des innern
Schadenfeuers Bloß Liebe und ein wenig Schwäche war es dass Amandus mit
größerer Teilnahme eine herausgeweinte als eine hervorgelachte Träne aus dem
geliebten fremden Auge wischte er kam deswegen um sich das Interesse an
fremdem Kummer zu verlängern noch einmal auf die Sache und tat die zufällige
Frage wo mein Held die übrigen fünf Tage war Gustav überhörte es ängstlich und
rot jener drang heftiger an dieser umfasste ihn noch heftiger und sagte
»Frage mich nicht du quälest dich nur« Amandus dessen hysterisches Gefühl
nicht so fein als konvulsivisch war feuerte sich erst recht damit an Gustavs
Herz war innigst bewegt und daraus kamen die Worte »O Lieber du kannst es
nie erfahren von mir nie« Amandus war wie alle Schwache leicht zur
Eifersucht in Freundschaft und Liebe geneigt und stellte sich beleidigt ans
Fenster Gustav heute nachgiebiger und wärmer durch das Bewusstsein seiner
neuesten Vergehung in der KornAnklage ging hin zu ihm und sagte mit nassen
Augen »Hätt ich nur keinen Eid getan nichts zu sagen« Aber an Amandus
Seele waren nicht alle Stellen mit jenem feinen Ehrgefühl bekleidet an welchem
Wortund Eidbruch fressender Höllenstein ist Auch setzten in ihm wie in allen
Schwachen die Bewegungen seiner Seele sogar wenn die Ursache dazu gehoben war
wie die Wellen des Meers wenn auf den langen Wind ein entgegenblasender folgt
noch die alte Richtung fort Er sah also weiter durchs Fenster und wollte
vergeben musst aber die mechanisch aufspringenden Wellen allmählich
zusammenfallen lassen Hätte Gustav sich weniger um seine Vergebung beworben so
hätt er sie früher bekommen beide schwiegen und blieben »Amandus« rief er
endlich im zärtlichsten Ton Keine Antwort und kein Umkehren Auf einmal zog der
einsame Gequälte das Porträt des verlorenen und ihm ähnlichen Guido das in
seinen schönen Kindheittagen über seine Brust gehangen worden und das er ihm
heute zu zeigen willens gewesen vom Schmerze übermannt hervor und sagte mit
zerschmelzendem Herzen »O du gemalter Freund du geliebtes FarbenNichts du
trägst unter deiner gemalten Brust kein Herz du kennst mich nicht du vergiltst
mir nichts und doch lieb ich dich so sehr Und meinem Amandus wär ich
nicht treu« Er sah plötzlich im Glase dieses Porträts sein eigenes mit
seinen Trauerzügen nachgespiegelt »O blicke her« sagte er in einem andern
Tone »ich soll diesem gemalten Fremden so ähnlich sehen sein Gesicht lächelt
in einem fort schau aber in meines« und er richtete es auf und weit offene
aber in Tränen schwimmende Augen und zuckende Lippen waren darauf Die Flut
der Liebe nahm beide in fester Umfassung hinweg und hob sie und als Amandus
erst danach seine halbeifersüchtige Frage »er habe geglaubt das Porträt sei
Gustavs« mit Nein und mit der ganzen Geschichte beantwortet erhielt so tat es
keinen Schaden denn die Bewegungen seines Herzens zogen schon wieder im Bette
der Freundschaft hin
Nach solchen Erweiterungen der Seele bietet eine Stube keine angemessenen
Gegenstände an sie suchten sie also unter dem Deckengemälde von dem nicht ein
gemalter sondern ein lebendiger Himmel nicht Farbenkörner sondern brennende
und verkohlte Welten niederhängen und gingen hinaus ins stille Land das keine
halbe Stunde von Scheerau liegt Ach sie hättens nicht tun sollen wenn sie
ausgesöhnet bleiben wollten
Willst du hier beschrieben sein du stilles Land über das meine Phantasie
so hoch vom Boden und mit solchem Sehnen hinüberfliegt oder du stille Seele
die du es noch in der deinigen bewachst und nur ein irdisches Bild davon auf die
Erde geworfen hast Keines von beiden kann ich aber den Weg will ich
nachzeichnen den unsre Freunde dadurch nahmen und vorher teil ich noch etwas
mit das den sonderbaren Ausgang ihres Spaziergangs gebar
Ich wusste ohnehin nicht recht wohin ich den Brief tun sollte welchen Beata
sogleich nach meiner und ihrer Rückkehr von Maussenbach an meine Schwester
schrieb Sie war in den wenigen Tagen die sie mit meiner Philippine bei der
Residentin zugebracht ihre Freundin geworden Die Freundschaft der Mädchen
besteht oft darin dass sie einander die Hände halten oder einerlei Kleiderfarben
tragen aber diese hatten lieber einerlei freundschaftliche Gesinnungen Es war
ein Glück für meine Schwester dass Beata keine Gelegenheiten hatte ihrem sie
halb bestreifenden Widerschein von Gefallsucht zu begegnen denn Mädchen erraten
nichts leichter als Gefallsucht und Eitelkeit zumal an ihrem Geschlecht
»Liebe Philippine
ich habe bisher immer gezögert um Ihnen einen recht munteren Brief zu
schreiben Aber Philippine hier mach ich keinen Mein Herz liegt in meiner
Brust wie in einer Eisgrube und zittert den ganzen Tag und doch waren Sie hier
so freudig und niemal betrübt als bei unserem Abschiede der fast so lange
währte wie unser Beisammensein ich bin wohl selber schuld Ich glaub es
manchmal wenn ich die lachenden Gesichter um die Residentin sehe oder wenn sie
selber spricht und ich mir in ihrer Stelle denke was ich ihr mit meinem
Schweigen und Reden scheinen muss Ich darf nicht mehr an die Hoffnungen meiner
Einsamkeit denken so sehr werd ich von den Vorzügen fremder Gesellschaft
beschämt Und wenn mich eine Rolle die für mich zu groß ist freilich
niederdrückt so weiß ich mit nichts mich aufzurichten als dass ich ins stille
Land wegschleiche da hab ich süssere Minuten und mir gehen oft die Augen
plötzlich über weil mich da alles zu lieben scheint und weil da die sanfte
Blume und der schuldlose Vogel mich nicht demütigen sondern meine Liebe achten
dann seh ich den Geist der trauernden Fürstin einsam durch seine Werke
wandeln und ich gehe mit ihm und fühle was er fühlet und ich weine noch eher
als er Wenn ich unter dem schönsten blauesten Tage stehe so schau ich sehnend
auf zur Sonne und nachher rings um den Horizont herum und denke Ach wenn du
deinen Bogen hinabgezogen bist so hast du doch auf keine Stelle der Erde
geschienen auf der ich ganz glücklich sein könnte bis zu deinem Abendrot und
wenn du hinunter und der Mond herauf ist so findet er dass du mir nicht viel
gegeben Teure Freundin verübeln Sie mir diesen Ton nicht schreiben Sie
ihn einer Krankheit zu die mich allemal hinter diesem Vorboten anwandelt O
könnt ich Sie mit meinem Arme an mich ketten so wär ich vielleicht auch nicht
so Glückliche Philippine aus deren Munde schon wieder der Witz lächelnd
flattert wenn noch über ihm das Aug voll Wasser steht wie die einzige
Balsampappel in unserem Park Gewürzdüfte ausatmet indes noch die warmen
Regentropfen von ihr fallen Alles zieht von mir weg Bilder sogar ein totes
stummes Farbenbild hinter einer Glastür war der ganze Bruder den ich zu lieben
hatte Sie können nicht fühlen was Sie haben oder ich entbehre jetzo scheidet
sogar sein Widerschein von mir und ich habe nichts mehr vom geliebten Bruder
keine Hoffnung keinen Brief kein Bild Ich vermisse dieses Porträt zwar seit
meiner Rückkehr von Maussenbach aber vielleicht ists schon länger weg denn ich
hatte mich bisher bloß einzurichten vielleicht hab ichs selber mit unter die
Bücher die ich Ihnen gab verpackt Sie werden mich benachrichtigen Ich weiß
gewiss in unserem Hause war noch ein zweites etwas unähnlicheres Porträt meines
Bruders aber seit langem ists nicht mehr da« etc
Natürlich denn der alte Röper hatt es publice versteigert weil es das von
Gustav war Aber wir wollen wieder ins stille Land unsern beiden Freunden
nach
Sie mussten vor dem alten Schloss vorbei das wie eine AdamsRippe das neue
ausgeheckt das seinerseits wieder neue Wasseräste ein sinesisches Häuschen
ein Badhaus einen Gartensaal ein Billard usw hervorgetrieben hatte Im
neuen Schloss wohnte die Residentin von Bouse die diesen architektonischen
Fötus das ganze Jahr nicht zweimal bewunderte Hinter dem zweiten Rücken des
Schlosses fing sich der englische Garten mit einem französischen an den die
Fürstin stehen lassen um den Kontrast zu benützen oder um den zu vermeiden in
welchem sich ein brillantierter GalaPalast neben die patriarchalische Natur im
Schäferkleide postiert Wer nicht vor den beiden Schlössern vorbei wollte
konnte durch ein Fichtenwäldchen in den Park gelangen und vorher in eine
Klausnerei deren Väter der alte Fürst und sein FavoritKammerherr gewesen
waren Beide waren in ihrem Leben nicht einen halben Tag allein gewesen außer
wenn sie sich auf einer Jagd oder sonst verirrten daher wollten sie doch
allein sein und setzten deswegen was fragten sie danach dass sie ein Plagiat
und einen Nachdruck der vorigen Baireuter Eremitage veranstalteten neun
Häuserchen aufs Papier nachher auf den Tisch und endlich auf die Erde oder
vielmehr neun bemooste Klafter Holz In diesen ausgehöhlten VexierKlaftern
steckte sinesisches Ameublement Gold und ein lebendiger Hofmann wie man etwa
in lebendigen Baumstämmen auf eine lebendige Kröte mit Erstaunen stösset weil
man nicht sieht wo ihr Loch ist Die Klafter umrangen eine Klause die man
weil am ganzen Hof keine Seele zu einem lebendigen Einsiedler Ansatz hatte
einem hölzernen anvertrauete der still und mit Verstand darin saß und so viel
meditierte und bedachte als einem solchen Manne möglich ist Man hatte den
Anachoreten aus der Scheerauischen Schulbibliotek mit einigen aszetischen
Werken versehen die für ihn recht passten und ihn zu einer Abtötung des
Fleisches ermahnten die er schon hatte Die Großen oder Grössten werden entweder
repräsentiert oder repräsentieren selber aber sie sind selten etwas andere
müssen für sie essen schreiben genießen lieben siegen und sie selber tun es
wieder für andre daher ist es ein Glück dass sie da sie zum Genuss einer
Einsiedelei keine eigne Seele haben und keine fremde finden doch hölzerne
Geschäftträger welche die Einsiedelei für sie genießen bei Drechslern
auftreiben aber ich wünschte nur die Großen die nie mehr Langweile erleiden
als bei ihrer Kurzweile ließ auch vor ihre Parks vor ihre Orchester ihre
Bibliotheken und ihre Kinderstuben solche feste und unbelebte Geschäft und
Himmelträger oder GenussCuratores absentis und Schönwetterableiter machen und
hinstellen entweder in Stein gehauen oder bloß in Wachs bossiert
In die Decke der Klause sollte wie an der Decke der Grotte beim Kloster S
Felicita hinlängliche Baufälligkeit sechs Ritzen und ein paar Eidechsen die
daraus fallen eingemalet werden Der Maler war auch schon auf Reisen blieb
aber so lange darauf und aus dass sich die Sache zuletzt selber hinaufmalte und
gleich offenen Menschen nichts war als was sie schien Allein als die künstliche
Einsiedelei sich zu einer natürlichen veredelt hatte war sie längst von allen
vergessen Ich halt es daher mehr für Persiflage als für reine Wahrheit dass
der Kammerherr wie so viele Oberscheerauer sagten Holzwürmer hätte
zusammenfangen und in den Stuhl des Eremiten impfen lassen damit die Tiere
statt der Haarsägen und Trennmesser daran arbeiteten und den Sessel früher antik
machten wahrhaftig das Gewürm beisset jetzo Stuhl und Mönch um Noch
lächerlicher ists wenn man einem vernünftigen Mann weismachen will anfangs
hätte der architektonische Kammerherr ein künstlich laufendes Räderwerk mit
einem Mausfell kuvertiert und papillotiert damit die KunstEidechse oben eine
KorrespondenzMaus unten hätte und so für Symmetrie hinten und vorn gesorgt
wäre hernach hätte der Herr sich der Natur genähert und über eine lebendige
rennende Maus ein künstliches zweites Mausfell als Überrock und Frack gezogen
damit Natur und Kunst ineinander steckten lächerlich Mäuse fahren zwar stets
um den Einsiedler herum aber sicher nur in einer UnterziehHaut
Unsere zwei Freunde sind weit von uns und schon im sogenannten langen
Abendtal des Parks durch welches aus der untergehenden Sonne ein schwebender
Goldstrom fiel Am westlichen sanft erhöhten Ende des Tales schienen die
zerstreuten Bäume auf der zerrinnenden Sonne zu grünen am östlichen sah man
über die Fortsetzung des Parks hinüber bis ans glühende Schloss auf dessen
Scheiben sich die Sonne und das AbendFeuerwerk verdoppelten Hier sah die alte
Fürstin allemal den ersten Untergang der Sonne dann hob sie ein sanft
aufgewundner Weg auf das hohe Gestade dieses Tals wo der Tag noch in seinem
Sterben war und noch einmal mit dem brechenden SonnenAuge väterlich den großen
Kinderkreis anblickte bis ihm seine Nacht das Auge zudrückte und diese in ihren
mütterlichen Schoss die verlassene Erde nahm
Gustav und Amandus hier versöhnet euch noch einmal der rote Sonnenrand
steht schon auf dem Rande der Erde das Wasser und das Leben rinnen fort und
stocken unten im Grabe nehmt euch an den Händen wenn ihr auf das zerstörte
Ruhestatt1 hinüberschauet und auf seine stehende Kirche das Bild der
unglücklichen Tugend oder wenn ihr auf die Blumeninseln blickt wo jede Blume
auf ihrem grünen Weltteilchen einsam zittert und ihr kein Verwandter
entgegenschwankt als ihr gemalter Schatten im Wasser drückt euch die Hände
wenn eure Augen fallen auf das Schattenreich wo heute Licht und Schatten wie
Leben und Schlafen nebeneinander und ineinander zitternd flatterten bis die
schwarze Schattenflut über allem was an der Erde blinket steht und den Tod
nachspielt und wenn ihr an des stummen Kabinetts dreifachem Gitter Alphörner
und Äolsharfen lehnen seht so müssen eure Seelen die Harmonien im Einklang
nachbeben Es ist eine elende rhetorische Figur die ich aufstelle dass ich
hier so lange an und zugeredet habe sind denn nicht die zwei Freunde in einem
größeren Enthusiasmus als ich selbst Ist nicht Amandus über freundschaftliche
Eifersucht emporgehoben und hält eigenhändig das heutige angeredete Porträt des
unbekannten Gustavischen Freundes vor sich hin und sagt »Du könntest der Dritte
sein« Ja legt er nicht in der Begeisterung das Bild ins Gras um mit der linken
Hand Gustav zu fassen und mit der rechten auf ein Zimmer des neuen Schlosses zu
deuten und gesteht er nicht »Hätt ich auch in der rechten das was ich liebe
so wären meine Hände mein Herz und mein Himmel voll und ich wollte sterben«
Und da man nur in der größten Liebe gegen einen Zweiten von der gegen einen
Dritten sprechen kann können wir unserem Amandus mehr ansinnen der hier auf
dem Berge seine Verliebung in Beaten bekennt
Das Unglück war dass sie eben selber heraufstieg um am Sterbebette der
Sonne zu stehen noch schöner als die die ihre Augenlust war immer langsamer
gehend als wollte sie jeden Augenblick still stehen mit einem Auge das erst
sah nachdem sie es einigemal schnell auf und zugezuckt kein lebender
europäischer Autor könnte Amandi Entzückung vormalen wenn es dabei geblieben
wäre aber ihr kleines Erstaunen über die zwei Gäste des Berges floss plötzlich
in das über den dritten auf dem Grase über Eine hastige Bewegung gab ihr das
brüderliche Bild und sie sagte unwillkürlich zu Amandus gekehrt »Meines
Bruders Porträt Endlich find ichs doch« Aber sie konnte nicht vorbeigehen
ohne aus jenem weiblichen feinen Gefühl das in solchen ManualAkten zehn Bogen
durchhat ehe wir das erste Blatt gelesen zu beiden zu sagen »sie dankte
ihnen wenn sie das Bild gefunden hätten« Amandus bückte sich tief und
erboset Gustav war weg als stände sein Geist auf dem Berg Horeb und hier bloß
der Leib sie wandelte als wär es ihre Absicht gewesen gerade über den Berg
hinüber mit den eignen Augen auf dem Bilde und mit den vier fremden auf ihrem
Rücken
»Jetzt sind ja deine fünf Tage heraus und ohne deinen Meineid« sagte
Amandus erzürnet und die hohe Oper des SonnenUntergangs rührte ihn nicht mehr
Gustaven hingegen rührte sie noch stärker denn das Gefühl Unrecht zu leiden
floss mit dem irrigen Gefühle Unrecht angetan zu haben zarte Seelen geben in
solchen Fällen dem andern allzeit mehr Recht als sich in eine bittere Träne
zusammen und er konnte kein Wort sagen Amandus der sich jetzt über seine
Versöhnung ärgerte wurd in seinem eifersüchtigen Verdachte noch dadurch
befestigt dass Gustav in der pragmatischen Relation die er ihm von der
Maussenbacher Avantüre gemacht Beaten völlig ausgelassen allein diese
Auslassung hatte Gustav angebracht weil ihn beim ganzen Vorfall gerade der
Zarten Gegenwart am meisten schmerzte und weil vielleicht in seinem wärmsten
Innersten eine Achtung für sie keimte die zu zart und heilig war um in der
freien harten Luft des Gesprächs auszudauern »Und sie war natürlich neulich mit
in Maussenbach« sagte der Eifersüchtige im fatalsten Tone »Ja« aber so viel
vermochte Gustav nicht beizufügen dass sie da kein Wort mit ihm gesprochen
Dieses dennoch unerwartete Ja zerstückte auf einmal des Fragers Gesicht der
seinen Stumpf in die Höhe gehalten falls die Hand wäre abgeschossen gewesen
und geschworen hätte »es brauche weiter keines Beweises Gustav halte Beaten
sichtlich in seinem magnetischen Wirbel schweig er nicht jetzt Ließ er ihr
das Bildnis nicht sogleich Wird sie da sie die Kopien verwechselte nicht auch
die Originale verwechseln da sie sich alle vier so gleichen usw«
Amandus liebte sie und dachte man lieb ihn auch und man merke wo er
hinauswolle Er hatte Delikatesse genug in seinen eignen Handlungen aber nicht
genug in den Vermutungen die er von fremden hegte Er hatte nämlich oft an der
medizinischen Seite seines Vaters die sieche Beata in Maussenbach besucht er
hatte von ihr jene freimütige Zutraulichkeit erfahren die viele Mädchen in
siechen Tagen immer äußern oder in gesunden gegen Jünglinge die ihnen
tugendhaft und gleichgültig auf einmal vorkommen das gute Partizipium in dus
Amandus mutmasste daher nach einigem Nachdenken dass ein Brief den Beata als
ein Spezimen aus Rousseaus Heloise auf feinem Papier auf grobes schreibt keine
verdolmetschet hatte und der an den seligen St Preux geschrieben war an das
Partizipium selber gerichtet wäre Mädchen sollten daher nichts vertieren
Amandus war in einen Liebhaber vertiert
In Gustavs wogendem Kopf brach endlich die Nacht an die außer ihm vortrat
Stürme und Mondschein waren in seiner nebeneinander Freude und Trauer er
dachte an einen unschuldigen vom Verdacht angefressenen Freund an das
eingebüsste Porträt an die Schwester mit der er einmal in seiner Kindheit
gespielt hatte an den unbekannten abgemalten Freund der also der Bruder dieses
schönen Wesens sei usw Amandus brach einseitig auf Gustav folgte ihm
ungebeten weil er heute nichts als verzeihen konnte Noch unter dem
Hinuntergehen rangen Hass und Freundschaft mit gleichen Kräften in Amandus und
erst ein Zufall war einem von beiden zum Siege vonnöten der Hass errang ihn
und der AuxiliarZufall war dass Gustav parallel an Amandus Seite ging Gustav
hätte voraus oder höchstens hintennachschleichen sollen zumal mit seiner
freundschaftlich gebeugten Seele so hätte die Freundschaft vermittelst seines
Rückens gesiegt weil ein Menschenrücken durch den Schein von Abwesenheit mehr
Mitleiden und weniger Hass mitteilt als Gesicht Brust und Bauch Man kann
die Menschen gar nicht oft genug von hinten sehen
Ihr Bücherleser keift nicht mit dem armen Amandus der sein morsches Leben
verkeift Ihr solltet nur nachsehen wie in einem Nervenschwächling der Sitz der
Seele ist verteufelt hart ausgepolstert mit keinen drei Rindhaaren
einschneidend wie eine Schlittenpritsche kurz alle mir bekannte Ich sitzen
weicher Dennoch wird mein Mitleiden gegen den wunden Schelm durch ganz andre
Dinge als durch seine harte steinige Zirbeldrüse der Seele erregt es sind
Dinge die den Leser weich machen würden und zu denen ich mich trotz meines
Austunkens nur leider noch nicht habe hinzuschreiben vermocht
Überhaupt versteck ichs vergeblich wie sehr es meiner Historie noch
mangelt an wahrem Mord und Totschlag Pestilenz und teuerer Zeit und an der
Patologie der Litanei Ich und der Bücherverleiher finden hier das ganze weiche
Publikum im Laden das aufpasset und schon das weiße Schnupftuch dieses
sentimentalische Haarseil heraushat und das Seinige beweinen will und
abwischen und doch bringt keiner von uns viel Rührendes und Totes Von der
andern Seite bleibt mir wieder die besondere Not dass das deutsche Publikum
seinen Kopf aufsetzt und sich nicht von mir ängstigen lassen will denn es bauet
darauf ich könne als bloßer platter Lebensbeschreiber es zu keinem Morde
treiben ohne welchen doch nichts zu machen ist Aber ist denn nur der Romanen
mit dem Blut und Königsbann beliehen und ist nur sein Druckpapier ein
Greveplatz Wahrhaftig Zeitungschreiber die keine Romane schreiben haben
doch von jeher eingetunkt und niedergemacht was sie wollten und mehr als
rekrutieret war Geschichtschreiber ferner diese Grosskreuze unter den
gedachten Kleinkreuzen denn aus 100 ZeitungAnnalisten extrahier ich höchstens
einen Geschichtschreiber als Absud sind fortgefahren und haben so viel
umgebracht als der Plan ihrer historischen Einleitungen ihrer Abrégés ihrer
Kaiserhistorien und Reichsgeschichten durchaus erforderte Kurz ich bin
nicht zu entschuldigen wenn ich hier gar nichts tot und interessant mache und
ich erschlage am Ende aus Not einen oder ein paar Lakaien die noch dazu außer
Scheerau kein Henker kennt
Ich fahre aber in meiner Geschichte fort und rücke aus des Pestilenziarius
Nouvelle à la main folgenden Artikel in meine für mehre Weltteile geschriebene
Nouvelle à la main herein
»Es bestätigt sich aus Maussenbach dass der dasige Bediente Robisch Todes
verfahren ist wie seine Mäuse Sein Tod hat zwei medizinische Schulen gestiftet
wovon die eine verficht sein Sekten stiftender Tod komme von zu vielem Prügeln
und die andre vielmehr von zu wenigem Essen«
Es ist nicht ein Wort daran wahr der Mensch hat zwar Striemen und Appetit
lebt aber noch dato und der Zeitungartikel ist erst seit einer Minute von mir
selber gemacht worden Das kühne Publikum ziehe sich aber daraus auf immer die
Witzigung dass es keinen Lebensbeschreiber reize und aufbringe weil auch der
durch die Kelchvergiftung seines Dintenfasses und durch das Rattenpulver seiner
Streusandbüchse Robische und Fürsten und jeden umwerfen und auf den Gottesacker
treiben könne es lerne daraus dass ein rechtschaffenes Publikum stets unter dem
Lesen beben und fragen müsse »Wie wirds dem armen Narren oder der armen
Närrin ergehen im nächsten Sektor«
Fußnoten
1 Diese wenigen Partien beschreib ich nur kurz Ruhestatt ist ein abgebranntes
Dorf mit stehender Kirche die beide bleiben mussten wie sie waren nachdem die
Fürstin den Einwohnern Platz und alles eine Viertelstunde davon mit den größten
Kosten und durch Hilfe des Herrn von Ottomars dem es gehört und der noch nicht
da ist vergütet hatte Die Blumeninseln sind einzelne abgesonderte
Rasenerhöhungen in einem Teiche jede mit einer andern Blume geputzt Das
Schattenreich besteht in einem mannigfaltigen SchattenGegitter und Geniste
durch großes und kleines Laubwerk durch Äste und Gitterwerk durch Büsche und
Bäume verschieden auf den Grund von Kies Gras oder Wasser gemalt Sie hatte die
tiefsten und die hellsten Schattenpartien angelegt einige für den abnehmenden
Mond andre für das Abendrot Das stumme Kabinett war ein schlechtes Häuschen
mit zwei entgegengesetzten Türen über deren jeder ein Flor hing und die
durchaus keine Hand aufschließen durfte als die der Fürstin Noch jetzo weiß man
nicht was darin ist aber die Flöre sind zerstört
Vierundzwanzigster oder XXI TrinitatisSektor
Oefels Intrigen die Infammachung der Abschied
Schlecht genug ergehts ihm wenn das fragende Deutschland anders unsern Gustav
meinte Oefel ist daran schuld Ich will aber dem erschrocknen Deutschland alles
eröffnen die wenigsten darin wissen warum dieser ein Romanschreiber und ein
Legationrat ist
Kein empfindsamer Offizier im Kadettenhause trug er Uniform hat weniger
Kugeln und mehr Hemden und Briefe gewechselt als Oefel Letzte wollt er an alle
Leute schreiben denn seine Briefe ließ sich lesen weil er selber las und
zwar belletristische Sachen die er noch dazu nachmachte Er war nämlich ein
schöner Geist hatte aber keinen andern Sämtliche französische Buchhändler
sollten eine närrische Dankadresse an ihn erlassen weil er ihr sämtliches Zeug
einkaufte sogar gegenwärtige Lebensbeschreibung worin er selber steht wird
einmal wieder bei ihm stehen wenn er von ihrer Ausgabe und von ihrer
Übersetzung ins Französische hört Sich selber Leib und Seele nämlich hatt er
schon in alle Sprachen übersetzt aus seinem französischen MutterPatois Die
schönen Geister in Scheerau vielleicht auch mich und in Berlin und Weimar
verachtete der Narr nicht bloß weil er aus Wien war wo zwar kein Erdbeben
einen Parnass aber doch die MaulwurfsSchnäuzchen von hundert Broschüristen
DuodezParnässchen aufstiessen und wo die daraufstehenden Wiener Bürger denken
der Neid blicke hinauf weil der Hochmut herunterguckt sondern er verachtete
uns sämtlich weil er Geld Welt Verbindungen und Hofgeschmack hatte Der Fürst
Kaunitz zog ihn einmal wenns wahr ist zu einem Souper und Ball wo es so
zahlreich und brillant zuging dass der Greis gar nicht wusste dass Oefel bei ihm
gespeist und getanzt Da sein Bruder Oberhofmarschall und er selber sehr reich
war so hatte niemand in ganz Scheerau Geschmack genug seine Verse zu lesen
als der Hof für den waren sie der konnte solche Verse wie die Graspartien des
Parks ungehindert durchlaufen so klein weich und beschoren war ihr Wuchs
zweitens gab er sie nicht auf Druckpapier sondern auf seidenen Bändern
Strumpfbändern Bracelets Visitenkarten und Ringen heraus Unter andern Flöhen
die auf dem Ohrentrommelfell des Publikums auf und abspringen und sich hören
lassen bin auch ich und donnere mit aber Oefel ahmte keinen von uns nach und
verachtete dich sehr mein Publikum und setzte dich Höfen nach »Mich« sagt
er »soll niemand lesen wenn er nicht jährlich über 7000 Livres zu verzehren
hat«
Künftigen Sommer reist er als Envoyé an den schen Hof ab um die
Unterhandlungen wegen der Braut des Fürsten die schon neben ihrer Wiege
angesponnen und abgerissen wurden neben ihrem DoktorGrahamsBette wieder
anzuknüpfen Der Fürst musste sich im Grunde mit ihr vermählen weil ein gewisser
dritter Hof der nicht genennt werden darf sie dadurch einem vierten den ich
gern nennen möchte entziehen wollte Man glaube mir aber es glaubt kein Mensch
am ganzen Hofe des Bräutigams dass er an den Hof der Braut verschickt werde
weil dort etwa schöne Geister und schöne Körper gesuchte Ware sind wahrhaftig
in beiden Schönheiten war er von jedem zu überbieten aber in einer dritten
Schönheit war ers nur leider nicht die einem Envoyé noch nötiger und lieber als
die moralische ist im Geld An einem insolventen Hof hat der Fürst die erste
und der Millionär die zweite Krone Ich habe oft den verdammten Erbschaden des
scheerauischen Fürstentums verflucht und besehen dass selten genug da ist und
wir hälfen uns gern durch einen Nationalbankerutt wenn wir nur vorher
Nationalkredit bekämen Aber außer diesem Fürstentum hab ich auf meinen Reisen
folgende vier Regionen nirgends angetroffen als am Ätna selber erstlich die
fruchtbare und zweitens die waldige Region unten am Throne wo Früchte und
grasendes und jagdbares Pöbelwild zu haben ist drittens die Eisregion des
Hofes die nichts gibt als Schimmer viertens die Feuerregion der Tronspitze
wo außer dem Krater wenig da ist Ein ThronKrater kann selber Goldberge
einschlucken verkalken auswerfen als Lava
Zum Unglück gefiel ihm Gustav weil er seine jugendliche
Menschenfreundlichkeit für ausschliessende Anhänglichkeit an sich ansah seine
Bescheidenheit für Demütigung vor Oefelscher Größe seine Tugenden für
Schwachheiten Er gefiel ihm weil Gustav für die Poesie Geschmack und folglich
schloss er für die seinige den größten hatte denn Oefels adeliges Blut lief
wider die Natur in einer dünnen poetischen Ader und in einer satirischen dazu
dacht er Vielleicht fand auch Gustav in seinen Jahren des Geschmacks wo den
Jüngling die poetischen kleineren Schönheiten und Fehler entzücken zuweilen die
Oefelschen gut Wie nun schon Rousseau sagt er könne nur den zum Freund
erwählen dem seine Heloise gefalle so können Belletristen nur solchen Leuten
ihr Herz verschenken die mit ihnen Ähnlichkeit des Herzens Geistes und
folglich des Geschmackes haben und die mithin die Schönheiten ihrer Dichtungen
so lebhaft empfinden als sie selber
Was indessen Oefel an Gustav am höchsten schätzte war dass er in seinen
Roman zu pflanzen war Er hatte in der KadettenArche siebenundsechzig Exemplare
studiert aber er konnte davon keines zum Helden seines Buchs erheben zum
Grosssultan als das achtundsechzigste Gustav
Und der ist gerade mein Held auch Das kann aber unerhörte Leselust mit der
Zeit geben und ich wollte ich läse meine Sachen und ein andrer schriebe sie
Er wünschte meinen Gustav zum künftigen Erben des ottomanischen Trons
auszubilden ihm aber kein Wort davon zu sagen dass er Grossherr würde weder im
Roman noch im Leben er wollte alle Wirkungen seines pädagogischen Lenkseils
niederschreiben und übertragen aus dem lebendigen Gustav in den abgedruckten
Aber da setzte sich dem Bileam und seiner Eselin ein verdammter Engel entgegen
Gustav nämlich Oefel wollte und musste aus dem Kadettenhause wo seine Zwecke
befriedigt waren ins alte Schloss zurück wo neue seiner warteten Erstlich aus
dem alten Schloss konnt er leichter in die kartesianischen Wirbel des neuen der
Visiten und Freuden springen und sich von ihnen drehen lassen zweitens konnt
er da mit seiner Geliebten der Ministerin besser zusammenleben die alle Tage
hinkam und welche der Liebe die Tugend und die Liebe der AssembleenJagd
aufopferte drittens ist die zweite Ursache nicht recht wahr sondern er machte
sie der Ministerin nur weis weil er noch eine dritte hatte welche Beata war
die er in ihrem Schloss aus dem seinigen zu beschiessen wenigstens zu
blockieren vorhatte Fort musst er also aber Gustav sollte auch mit
»Das ist den Augenblick zu machen« dachte Oefel »er soll mich am Ende
selber um das bitten um was ich ihn bitte« Ihm war nichts lieber als eine
Gelegenheit jemand zu seinem Zweck zu lenken das Lenken war ihm noch lieber
als das Ziel wie er in der Liebe die Kriegzüge der Beute vorzog Er hätte als
Gesandter aus Krieg Frieden und aus Frieden Krieg gemacht um nur zu
unterhandeln Er zog um Gustaven nahezukommen seine erste Parallele dh er
stach ihm mit seiner spitzen Zunge ein schönes Bild der Höfe aus dass sie allein
das savoir vivre lehren und alles und das Sprechen wie denn auch die Hunde je
kultivierter sie sind desto mehr bellen der Schosshund mehr als der Hirtenhund
der wilde gar nicht dass durch sie ein ParadiesesStrom von Freuden brause
dass man da an der Quelle seines Glücks am Ohre des Fürsten und am Knoten der
größten Verbindungen stehe dass man intrigieren erobern etc könne Es war in
Oefels Plan dem kleinen Grosssultan nicht einmal die Möglichkeit ins alte
Schloss mitzukommen zu verraten »Um so mehr reiz ich ihn« dacht er Es ging
aber nicht mit dem Reizen weil Gustav noch nicht aus den poetischen
IdyllenJahren wo der aufrichtige Jüngling Höfe und Verstellung hasset in die
abgekühlten hinüber war wo er sie sucht Oefel studierte wie Hofleute und
Weiber nur Einzelwesen nicht den Menschen
Nun wurde die zweite Parallele gezogen und der Festung schon näher gerückt
Er ging einmal an einem Vormittage mit ihm in den Park spazieren als er gerade
die Residentin da zu treffen wusste Während er sie unterhielt beobachtete er
Gustavs Beobachten oder errötendes Staunen der noch in seinem Leben vor keiner
solchen Frau gestanden war um welche sich alle Reize herumschlangen
verdoppelten einander verloren wie dreifache Regenbogen um den Himmel Und du
BlumenSeele Beata deren Wurzeln auf dem irdischen Sandboden so selten die
rechte Blumenerde finden standest auch dabei mit einer Aufmerksamkeit auf die
Residentin die eine unschuldige Maske deiner kleinen Verwirrung sein sollte
Gustav brachte für seine große keine Maske zustande Oefel schrieb diese
Verwirrung nicht wie ich der gegenseitigen Erinnerung an die
GuidoBilderstürmerei sondern die Gustavische der Residentin und die weibliche
sich selber zu
»So hab ich ihn denn wo ich ihn haben will« sagt er und ließ sich von
ihm bis ins alte Schloss bereiten »A propos Wenn wir nun beide dablieben«
sagt er Die aus anderen Gründen herausgeseufzete Antwort der Unmöglichkeit
war was er eben begehrte »Gleichviel Sie werden mein Legationsekretär« fuhr
er mit seinem feinen auf Überraschung lauersamen Blicke fort den er eigentlich
niemal mit einem Augenlide bedeckte weil er stets alles zu überraschen glaubte
Es lief aber einfältig für Oefel ab Gustav wollte nicht sondern sagte
nie sei es nun aus Furcht vor Höfen vor seinem Vater aus Scham der
Veränderung aus Liebe der Stille kurz Oefel stand dumm vor sich selber da und
sah den schwimmenden Stücken seines gescheiterten Baurisses nach Es ist wahr
es blieb ihm doch der Nutzen daraus dass er den ganzen Schiffbruch in seinen
Roman tun konnte nur aber der Sekretär war fort Er hatte ihn auch nicht
unvernünftig schon im voraus zum GesandtschaftSekretariat voziert denn an den
Scheerauer Thron ist eine Leiter mit den tiefsten und den höchsten Ehrensprossen
angelehnt die Staffeln aber stehen sich so nahe dass man mit dem linken Beine
auf die unterste treten und doch die höchsten noch mit dem rechten erspannen
kann wir hätten ja beinahe einmal einen Oberfeldmarschall erschaffen Zweitens
hängt und picht an Höfen wie in der Natur alles zusammen und Professores
sollten es den kosmologischen Nexus nennen jeder ist Last und Träger zugleich
so klebt am Magnet das eiserne Lineal an diesem ein Linealchen an diesem eine
Nadel an dieser Feilstaub Höchstens nur was auf dem Throne oben sitzt und was
unter ihm unten liegt hat nicht Nexus genug mit der wirksamen Kompagnie so
werden in der französischen Oper nur die fliegenden Götter und schiebenden Tiere
von Savoyarden gemacht alles übrige von der ordentlichen Truppe
Also musste Oefel die dritte Parallele ziehen und daraus auf den Kadetten
schießen Er machte ihm nämlich seine Uniform täglich um einen Daumen spannender
und knapper um ihn aus ihr hinauszuängstigen Er hatte ihn schon neulich in
dieser Absicht zum GetreideKordon versenden helfen wo dem warmen nur an
mildes Geben gewöhnten Jüngling scharfe Neins neue und harte Pflichten waren
aber nun wurde der Dienst von unten auf noch mehr erschwert und die
militärischen Übungen zerbrachen beinahe seinen feinen porzellanenen Leib so
oft und strenge schleppte ihn der Romancier in die Gesellschaft des Vaters aller
Friedenschlüsse nämlich des Kriegs
Wie schmerzlich musste die raue Außenwelt seine wunde innere berühren Vor
ihm stand seit seinem Zerfallen mit seinem sterbenden Liebling fest jener
Trauerabend mit seinen Tränen und wich nicht auf sein verlassenes Herz
schimmerte noch die blutrote Sonne und ging nicht unter Der stumme Abschied
seines Amandus der ihn und andre Wünsche verlor die abnehmenden Herbsttage
seines Lebens und die vorige Liebe drückten sein Auge und Herz zum Trauern
zusammen Die Freundschaft duldet Misshelligkeiten weniger als die Liebe diese
kitzelt damit das Herz jene spaltet es damit Amandus der ihn so missverstanden
und betrübet und doch dessen innigste Liebe nicht verloren hatte verzieh ihm
alles bis abends um 5 Uhr dann hört er oder es war ihm genug wenn er sichs
nur dachte dass Gustav den Park und mithin die Spaziergängerin besucht hatte
dann nahm er seine Versöhnung bis auf 11 Uhr abends zurück dann legte die
Nacht und der Traum wieder einen Mantel auf alle Fehler der Menschen und auf
diesen Abends um 5 Uhr fing es von vornen an Lacht ihn aus aber ohne Stolz
und mich und euch auch denn alle unsre Empfindungen sind ohne ihre Löwen und
Narrenwärterin die Vernunft ebenso toll wenn nicht in unserem Leben doch in
unserem Innern Aber endlich hatte er seine Verzeihung so oft zurückgenommen
dass ers bleiben lassen wollte falls nur Gustav anklopfte und von ihm alle die
Beschuldigungen anhörte welche er ihm zu verzeihen vorhatte Man schiebt oft
das Vergeben auf weil man das Vorwerfen aufzuschieben gezwungen ist Aber
trauter Amandus konnt er denn kommen Gustav und ließ ihn der Romancier
Letzter triebs noch weiter und kartete es listig ab dass Gustav dieser
Grosssultan dieser Held zweier gut geschriebner Bücher an einem Abend wo der
Kadettengeneral großes Souper gab vor dessen Haus kam als Schildwache Beim
Henker wenn die schönsten Damen vorfahren die bekannte Residentin die mit
einem zufälligen Blick unsre gute Schildwache ausbälgte und ausgestopft unter
ihrer Hirnschale aufstellte und ihr Gesellschaftfräulein Beata und wenn man
vor solchen Gesichtern das Gewehr präsentieren muss so will mans viel lieber
strecken und überhaupt statt stehen knien um nicht sowohl den Feind zu
verwunden als die Freundin Beim Henker ich werde hier mehr Witz gehabt
haben als wohl gern gesehen wird aber es versuch es einmal ein lebhafter Mann
und schreib über die Liebe und entschlage sich des Witzes Es geht fast
nicht Ich behaupt es nicht und widerleg es nicht dass Oefel vielleicht aus
den Träumen Gustavs die immer sprechend und oft nach dem Erwachen nachwirkend
waren die Namen der gedachten weiblichen SchönheitAmbe mag vernommen haben
Der Romanschreiber hat also einen Vorteil vor dem Lebensbeschreiber ich bins
voraus er schläft neben seinem Helden
Er ängstigte seinen und unsern Helden ders aber nur im ästhetischen nicht
im militärischen Sinne war mit der Herbsteerschau denn jeder kleine Fürst
spielt dem großen Soldaten auf der Gasse nach neben noch kleineren Kindern daher
haben wir Scheerauer eine niedliche TaschenLandmacht eine tragbare Artillerie
und eine verjüngte Kavallerie Es macht ein Landesherr ohnehin einen Spaß wenn
er einen Menschen zu einem Rekruten macht es widerfährt dem Kerl nichts
sondern nur Bewegung soll er haben weil jetzt1 unsre wichtigern Kriege wie
sonst die italienischen in nichts bestehen als in Marschieren aus Ländern in
Länder So bestehen auch die Feldzüge auf dem Theater bloß in wiederholten
Märschen um das Theater aber in kürzern Ich ging vor einem Jahre zum Scherze 1
2 Stunde neben einem Regimente her und machte mir weis »Jetzt tuest du im
Grunde einen halbstündigen Feldzug gegen den Feind mit aber die Zeitungen
gedenken deiner schwerlich ob du und das Regiment gleich durch diese
kriegerische VexierProzession ebensoviel Landplagen abwenden als die Klerisei
durch geistliche singende Prozessionen«
Er ängstigte ihn sagt ich er schilderte die Heerschau nämlich »Friedrich
II tat kleinere Wunder als man da vom KadettenKorps fordern wird Mehr
Blessierte als Blessierende wird es geben Unter allen Zelten und Kasernen wird
man reden von der letzten Scheerauer Heerschau« Gustav hatt es im kleinen
Dienst längst so weit gebracht dass er imstande war mit der Fortifikation
seines Leibes wenigstens einen zu verwunden diesen Leib selber Ich werde die
Angst der Welt sicher nicht vermindern wenn ich noch erzähle dass Gustav
regelmäßig alle sieben Wochen auf fünf Tage verreiset woraus seine Freunde und
der Biograph selber gerade so klug werden als die ältesten Leser dass Oefel ihm
durch geheimes Intrigieren seinen Urlaub so sauer machte dass er ihn um diesen
Preis kein zweites Mal begehren konnte dass Gustav vom letzten Verreisen an den
Dr Fenk einen Brief von Ottomar heimbrachte den man zwar dem Leser nicht
vorenthalten wird von dessen Überkommung man ihm aber nichts entdecken kann
weil man selber nichts davon weiß
Aus allen diesen Dornen und aus der blessierenden Heerschau rettete unsern
Gustav eine fremde Infamie Nach der gedachten Rückkehr wurde in Oberscheerau
ein Offizier dessen Namen und Regiment man hier aus Schonung seiner vornehmen
Familie unterdrücken will für ehrlos erklärt weil er mit Spitzbuben Verbindung
gehabt Als der Profos ihm in der Mitte des Regiments das er entehret hatte
den Degen und das Wappen zerknickte und die Uniform abriss und ihm alles nahm
was den gebückten Menschen noch in die Höhe richtet im Unglück so stürzte
Gustav dessen Ehrgefühl sogar aus den Wunden eines fremden blutete und der noch
nie den schwarzen Anblick einer öffentlichen Bestrafung erlebt hatte in
Ohnmacht zusammen sein erster Laut nach der Belebung war »Soldat gewesen auf
ewig Wenn der arme Offizier unschuldig war oder wenn er besser wird wer gibt
ihm die ermordete Ehre wieder Nur der untrügliche Gott kann sie nehmen aber
der Kriegsrat sollte nichts nehmen als das Leben Die Bleikugel aber nicht
die Infamie« rief er wie in einer Verzuckung Ich denke er hat recht Zwei
Tage war er krank und seine Phantasien schleiften ihn in die RäuberKatakomben
des Infamierten hinein zum neuen Beweis dass die Fieberbilder der armen aus
dem Krankenbette ins Grab hineingefolterten Menschen nicht immer die Steckbriefe
und Abdrücke ihres Innern sind Gemarterte Brüder wie lieb ich euch jetzt
und den sanften Gustav in dieser Minute wo meine Phantasie unter euch alle
hineinblickt wie ihr vom Zickzack des Schicksals herumgetrieben mit eueren
Wunden und Tränen müde nebeneinander steht einander umfasset einander beklagt
und einander begrabet
Solang er krank war und phantasierte hing Amandus an seinen glühenden
Augen und litt so viel wie er und vergab ihm alles Als der Doktor Fenk
versicherte am Morgen sei er genesen so kam Amandus am Morgen nicht und wollte
wieder harterzig sein
Oefel genoss den Sieg seines Plans Er trug sich selber die Einlenkung des
alten Falkenbergs auf und schrieb eigenhändig an den Mann Da er mit Tinte den
guten Vater auf den mosaischen Berg stellte hinter dem Berg den Prospekt des
gelobten Landes der Gesandtschaft und mitten ins Kanaan den jungen
Legationsekretär so hatte der gute Mann die Freude vieler Eltern die ihre
Kinder gern das werden sehen was sie selber zu werden hasseten oder nicht
vermochten Er kam zu mir mit dem Briefe und ritt unter mein Fenster Alles
was Gustav noch innerlich gegen seine Versetzung ins alte Schloss zu sagen hatte
war dass die schöne Beata im neuen wohnte welches vom alten bloß durch eine
halbierte Mauer abgeschieden war und dass er Amandus Verdacht bewährte Aber
zum Glück verfiel er nach dem Entschlusse auf den eigentlichen Beweggrund der
ihm denselben eingegeben hatte und der Veredlung und Erweiterung seines
Wirkkreises war »er könnte« sagte er »nach der Ablösung vom
Gesandtschaftposten in einem Kollegium angestellet werden und da dem liegenden
Lande aufhelfen usw« Kurz die größte Schönheit Beatens hätt ihn nun nicht
dahin bringen können sie zu meiden
Überhaupt schälte ihn der Romanschreiber so eifrig aus seiner militärischen
Hülse dass man da er wie Ehemänner und Fürsten den Zügel öfter im passiven
Munde als in den aktiven Händen hatte hätte denken sollen er werde gelenkt
um zu lenken aber ich denk es nicht
Gustav legte den Abschiedbesuch bei Amandus ab Ein gutes Mittel dem zu
vergeben den eine eingebildete Beleidigung auf uns erbitterte ist ihm eine
wahre anzutun Gustav dachte in den freiwilligen Umwegen von Gassen durch die
er zu seinem gekränkten Amandus ging an Beata die nun seine Wandnachbarin
wurde an die Liebe und den Verdacht seines Freundes an die Unmöglichkeit den
Verdacht zu heben und da gerade um 6 Uhr vom eisernen Orchester um den
Stephansturm die abendliche Sphärenmusik in die Gassen niederfloss so sank sein
Herz in die Töne hinein und er brachte seinem Freunde das weichste mit das es
außer der Brust Beatens gab Ich und der Leser haben hierüber unsre Gedanken
eben diese versöhnliche Weichheit schrieb sich bloß vom versteckten Bewusstsein
her dass er halb den Verdacht der Nebenbuhlerei verdiene denn sonst hätt er
von Stolz gehoben dem andern zwar auch vergeben aber ihn darum nicht stärker
geliebt Er fand ihn in der schlimmsten Stimmung für seine Absicht in der
freundschaftlichsten nämlich denn in ZärtlichKranken ist jede Empfindung ein
gewisser Vorbote der entgegengesetzten und alle haben abwechselnde Stimmen
Amandus war im AnatomierZimmer seines Vaters der Sonnenstrahl fiel vor seinem
Untergang in die leere Augenhöhle eines Totenschädels in Phiolen hingen
MenschenBlüten kleine Grundstriche nach denen das Schicksal den Menschen gar
ausziehen wollte Menschchen mit verhängendem großen Kopf und großen Herzen
aber mit einem großen Kopfe ohne einen Irrtum und einem großen Herzen ohne einen
Schmerz auf einer Tafel lag eine schwarze FärbersHand an deren Farbe der
Doktor Proben machen wollte Welche Nachbarschaft für eine Aussöhnung und
einen Abschied Drei Blicke machten und versiegelten jene schon Blicke reden
in dieser nackten Entkörperung der Seelen eine zu schreiende Sprache aber als
Gustav diesen vom schönsten Enthusiasmus über Verdacht und Furcht
hinübergehoben seinem Freunde ansagte als er ihm der noch nichts davon
begriff seine neue Wandnachbarschaft und den Verlust der alten kundtat
zerflogen war der Freund und ein schwarzer Feind sprang aus seiner Asche heraus
diese Minute benützte der Tod und schlug die letzten Wurzelfasern seines
wankenden Lebens gar entzwei Gustav stand zu hoch um zu zürnen aber er
musste sich noch höher stellen er fiel um ihn und sagte mit entschlossener
reiner Stimme »Zürne und hasse aber ich muss dir vergeben und dich lieben
mein ganzes Herz mit allem seinem Blut bleibt deinem getreu und sucht es auf in
deiner Brust und wenn du mich auch künftig verkennest so will ich doch alle
Wochen kommen ich will dich ansehen ich will dir zuhören wenn du mit einem
Fremden redest und wenn du mich dann mit Hass anblickst so will ich mit einem
Seufzer gehen aber dich doch lieben ach ich werde alsdann daran denken dass
deine Augen da sie noch zerschnitten waren mich schöner anblickten und besser
erkannten o stoße mich nicht so weg von dir gib mir nur deine Hand und
blicke weg«
»Da« sagte der zertrümmerte Amandus und gab ihm die kalte schwarze
FärbersFaust Der Hass überlief wie ein Schauer das liebreichste Herz das
sich noch in einer menschlichen Brust verblutete Gustav zerstampfte auf der
Erde seine Liebe und seinen Hass und ging verstummt mit erstickten Empfindungen
aus dem Hause und am andern Tage aus Oberscheerau
Kaum hatte Amandus den gemisshandelten Jugendfreund über die Gasse zittern
sehen so ging er in sein Zimmer hüllte sich mit dem Kopfkissen zu und ließ
ohne sich anzuklagen oder zu entschuldigen seine Augen so viel weinen als sie
konnten Wir werden es hören ob er sein krankes Haupt wieder vom Kopfkissen
erhob und wann er wieder von Gustav ins stille Land begleitet wurde aus dem er
ihn zurückzustossen suchte O der Mensch warum will dein so bald in Salz
Wasser und Erde zerbröckelndes Herz ein anderes zerbröckelndes Herz zerschlagen
Ach eh du mit deiner aufgehobnen Totenhand zuschlägst fällt sie ab in den
Gottesacker hin ach eh du dem feindlichen Busen die Wunde gegeben liegt er
um und fühlt sie nicht und dein Hass ist tot oder auch du
Fußnoten
1 Nämlich 1791
Fünfundzwanzigster oder XXII TrinitatisSektor
Ottomars Brief
Wenn wir Ottomars Brief gelesen so wollen wir uns an Gustavs neues Theater
stellen und ihm zuschauen Im folgenden Briefe herrscht und tobt ein Geist der
wie ein Alp alle Menschen höherer und edler Art drückt und oft bewohnt und den
bloß so viel er auch holländische Geister überwiege ein höherer Geist
übertrifft und hinausdrängt Viele Menschen leben in der Erdnähe einige in der
Erdferne wenige in der Sonnennähe Fenk sehnte sich so oft nach seinem
Ottomar zumal nach seinem Stillschweigen von einigen Jahren und er sprach so
oft von ihm gegen Gustav dass es gut war dass die Adresse des Briefes von
fremder Hand und an Doktor Zoppo in Pavia war sonst hätte der Doktor sogleich
gegen die erste Zeile des Briefes gesündigt
»Nenne ewiger Freund meinen Namen dem Überbringer nicht ich muss es tun
Auf meinem letzten Lebensjahre liegt ein großes schwarzes Siegel zerbrich es
nicht halte die Vergangenheit für die Zukunft ich mache sie zur Gegenwart für
dich aber jetzo noch nicht und wenn ich stürbe ich träte vor dich und sagte
dir mein letztes Geheimnis der Erde
Ich schreibe dir damit du nur weißt dass ich lebe und dass ich im Herbste
komme Mein Reisedurst ist mit AlpenEis und Seewasser gelöscht ich ziehe nun
heim in meine Ruhestatt und wenn mich dann unter meiner Haustüre wieder über
die Berge hinüberverlangt so denk ich in den Guadiana und in den Wolgastrom
sieht das nämliche lechzende Menschenherz hinein das in dir neben dem Rheine
seufzet und was auf die Alpen und auf den Kaukasus steigt ist was du bist
und wendet ein sehnendes Auge nach deiner Haustüre herüber Wenn ich aber hier
sitze und alle Morgen auf den Nachtstuhl gehe und froh bin dass ich hungrig und
nachher dass ich satt werde und wenn ich alle Tage Hosen und Haarnadeln
ausziehe und anstecke ach was ists denn da am Ende Was wollt ich denn haben
wenn ich in meiner Kindheit auf dem Stein meines Torwegs saß und sehnend dem Zug
der langen Straße nachsah und dachte wie sie fortliefe über Berge schösse
immer immerfort und endlich Ach alle Straßen führen zu nichts und wo
sie abreißen steht wieder einer der sich rückwärts herübersehnt Was wollt
ich denn haben wenn mein kleines Auge sonst auf dem Rhein mitschwamm damit er
mich hinnähme in ein gelobtes Land in welches alle Ströme dacht ich zögen
ach sonst wo ich nicht wusste dass er wenn er manches schwere Herz getragen
neben mancher zerquetschten Gestalt vorbeigebrauset die nur er von ihren Qualen
erlösen konnte dass er dann wie der Mensch sich zersplittere und zertrümmert
einsickere in holländische Erde Morgenland Morgenland auch nach deinen Auen
neigte sich sonst meine Seele wie Bäume nach Osten Ach wie muss es da sein wo
die Sonne aufgeht dacht ich und als ich mit meiner Mutter nach Polen reiste
und endlich in das nach Morgen liegende Land und unter seine Edelleute Juden
und Sklaven trat Weiter gibts aber auf dieser optischen Kugel kein
MorgenSonnenland als das welches alle unsere Schritte weder entfernen noch
erreichen Ach ihr Freuden der Erde alle ihr sättigt die Brust bloß mit
Seufzern und das Auge mit Wasser und in das arme Herz das sich vor euerem
Himmel auftut giesset ihr eine Blutwelle mehr Und doch lähmen uns diese paar
elenden Freuden wie Giftblumen Kindern die damit spielen Arme und Beine Nur
keine Musik diese Spötterin unserer Wünsche sollt es geben fließen nicht auf
ihren Ruf alle Fibern meines Herzens auseinander und strecken sich als so viele
saugende Polypenarme aus und zittern vor Sehnsucht und wollen umschlingen wen
was Ein ungesehenes in andern Welten stehendes Etwas Oft denk ich
vielleicht ists gar nichts vielleicht geht es nach dem Tode wieder so und du
wirst dich aus einem Himmel in den andern sehnen und dann zerdrücke ich unter
diesem phantastischen Unsinn die Klaviersaiten als wollt ich aus ihnen eine
Quelle auspressen als wär es nicht genug dass der Druck dieses Sehnens die
dünnen Saiten meines innern Tonsystems verstimmt und absprengt
In Rom wohnte ein Maler der Kirche von S Adriano gegenüber der unter dem
Regen sich allemal unter die Dachrinnen stellte und sich toll lachte der sagte
oft zu mir Einen Hundetod gibts nicht aber ein Hundeleben Fenk nimm
wenigstens was der Mensch wird oder tut so gar gar wenig Welche Kraft wird
denn an uns ganz ausgebildet oder in Harmonie mit den andern Kräften Ists
nicht schon ein Glück wenn nur eine Kraft wie ein Ast ins Treibhaus eines Hör
oder Büchersaals hineingezogen und mit partialer Wärme zu Blüten genötigt wird
indes der ganze Baum draußen im Schnee mit schwarzen harten Zweigen steht Der
Himmel schneiet ein paar Flocken zu unserem innern Schneemann zusammen den wir
unsre Bildung nennen die Erde schmelzt oder besudelt ein Viertel davon der
laue Wind löset dem Schneemann den Kopf ab das ist unser gebildeter innerer
Mensch so ein abscheuliches Flickwerk in allem unseren Wissen und Wollen Vom
Einzelwesen auf die ganze Menschheit mag ich gar nicht übergehen ich mag nicht
daran denken wie ein Jahrhundert untergeegget und untergeackert wird zur
Düngung des nächsten wie nichts sich zu etwas runden will wie das ewige
Bücherschreiben und Aufschlichten des Scibile kein Ziel kein Ende hat und alle
nach entgegengesetzten Richtungen graben und laufen Was tut der Mensch Noch
weniger als er weiß und wird Sage mir was verrichten denn vor dem fürstlichen
Porträt über dem Präsidentenstuhl oder gar vor einem verschnittenen regierenden
Gesicht selbst dein Scharfsinn dein Herz deine Schnellkraft Die
zurückgepressten ineinander sich krümmenden Zweige drücken das Fenster des
Winterhauses der Regent lässt in der compotière ihre Frucht vor seinem Teller
vorübergehen der blaue Himmel fehlt ihnen das Gescheiteste ist noch dass sie
verfaulen Was tun denn die edelsten Kräfte in dir wenn Wochen und Monate
verströmen die sie nicht brauchen nicht rufen nicht üben Wenn ich oft so der
Unmöglichkeit zusah in allen unsern monarchischen Ämtern ein ganzer ein edel
tätiger ein allgemeinnützlicher Mensch zu sein selbst der Monarch kann nicht
mit denen unendlich vielen schwarzen subalternen Klauen und Händen die er erst
als Finger oder Griffe an seine Hände anschienen muss etwas vollendet Gutes tun
sooft ich so zusah so wünscht ich ich würde gehenkt mit meinen Räubern
wär aber vorher ihr Hauptmann und rennte mit ihnen die alte Verfassung nieder
Geliebter Fenk dein Herz reißt mir niemand aus meiner Brust es treibet
mein bestes Blut und nie kannst du mich verkennen ich sei so unkenntlich als
ich wolle Aber o Freund es kommen Zeiten heran wo dir dieses Verkennen doch
leichter werden kann
Verhüllter Genius unserer verschatteten Kugel ach wär ich nur etwas
gewesen hätte meine Gehirnkugel und mein Herz nur wie Luther mit irgendeiner
dauerhaften weit wurzelnden Tat das Blut abverdient das sie rötet und nährt
dann würde mein hungriger Stolz satte Demut vier niedrige Wände wären für mich
groß genug ich sehnte mich nach nichts Grossem mehr als nach dem Tode und vorher
nach dem Herbst des Lebens und Alters wo der Mensch wenn die JugendVögel
verstummen wenn über der Erde Nebel und fliegender FadenSommer liegt wenn der
Himmel ausgeheitert aber nicht brennend über allem steht sich entschlafend auf
die welken Blätter legt Lebe wohl mein Freund auf einer Erde wo man
weiter nichts Gutes tun kann als in ihr liegen im nächsten Herbst sind wir
aneinander«
Zu diesem Briefe der meine ganze Seele nimmt und meine Irrtümer sowohl als
meine Wünsche erneuert kann ich nichts mehr sagen als dass heute der erste
Mensch in dieser Geschichte auf einem Berg begraben worden ist Wenn ich nach
vier oder fünf Sektoren von seinem abendrötlichen Tode rede so werden schon die
Züge seiner Gestalt bleicher und zerrissen sein sowohl im Sarge als im Herzen
der Freunde
Extrablatt
Von hohen Menschen und Beweis dass die Leidenschaften ins zweite Leben und
Stoizismus in dieses gehören
Gewisse Menschen nenn ich hohe oder Festtagmenschen und in meiner Geschichte
gehören Ottomar Gustav der Genius der Doktor darunter weiter niemand
Unter einem hohen Menschen mein ich nicht den geraden ehrlichen festen
Mann der wie ein Weltkörper seine Bahn ohne andere Abirrungen geht als
scheinbare noch mein ich die feine Seele die mit weissagendem Gefühl alles
glättet jeden schont jeden vergnügt und sich aufopfert aber nicht wegwirft
noch den Mann von Ehre dessen Wort ein Fels ist und in dessen von der
Zentralsonne der Ehre brennenden und bewegten Brust keine anderen Gedanken und
Absichten sind als Taten außer ihr und endlich weder den kalten von
Grundsätzen gelenkten Tugendhaften noch den Gefühlvollen dessen Fühlfäden sich
um alle Wesen wickeln und zucken in der fremden Wunde und der die Tugend und
eine Schöne mit gleichem Feuer umfasset auch den bloßen großen Menschen von
Genie mein ich nicht unter dem hohen und schon die Metapher deutet dort
waagrechte und hier steilrechte Ausdehnung an
Sondern den mein ich der zum größeren oder geringem Grade aller dieser
Vorzüge noch etwas setzt was die Erde so selten hat die Erhebung über die
Erde das Gefühl der Geringfügigkeit alles irdischen Tuns und der Unförmlichkeit
zwischen unserem Herzen und unserem Orte das über das verwirrende Gebüsch und
den ekelhaften Köder unsers Fussbodens aufgerichtete Angesicht den Wunsch des
Todes und den Blick über die Wolken Wenn ein Engel sich über unsern Luftkreis
stellte und durch dieses trübe mit Wolkenschaum und schwimmendem Kot
verfinsterte Meer herniedersähe auf den Meergrund auf dem wir liegen und kleben
wenn er die tausend Augen und Hände sähe die geradeaus waagrecht nach dem
Inhalte der Luft nach Gepränge fangen und starren wenn er die schlimmern
sähe die schief niedergebückt werden gegen den Frass und Goldglimmer im
morastigen Boden und endlich die schlimmsten die liegend das edle
Menschengesicht durch den Kot durchziehen wenn dieser Engel aber unter den
Seetieren einige aufrecht gehende hohe Menschen zu sich aufblicken sähe und er
wahrnähme wie sie gedrückt von der Wassersäule über ihrem Haupte umstrickt
vom Geniste und Schlamm ihres Fussbodens sich durch die Wellen drängten und
lechzeten nach einem Atemzuge aus dem weiten Äther über ihnen wie sie mehr
liebten als geliebt würden das Leben mehr ertrügen als genössen gleich fern
von stehendem Emporstaunen und rennendem Geschäftleben Hände und Füße dem
Meerboden ließ und nur das aufwärts steigende Herz und Haupt dem Äther außer
dem Meere gäben und auf nichts sähen als auf die Hand die das Gewicht des
Körpers das den Täucher mit dem Boden verbindet von ihm trennt und ihn
aufsteigen lässt in sein Element o dieser Engel könnte diese Menschen für
untergesunkne Engel halten und ihre Tiefe bedauern und ihre Tränen im Meer
Könnte man die Gräber eines Pythagoras dieser schönsten Seele unter den Alten
Platos Sokrates Antonins aber nicht so gut des großen Kato oder
Epiktets Shakespeares wenn sein Leben wie sein Schreiben war JJ
Rousseaus und ähnlicher in einem Gottesacker zusammenrücken so hätte man die
wahre Fürstenbank des hohen Adels der Menschheit die geweihte Erde unserer
Kugel Gottes Blumengarten im tiefen Norden Aber warum nehm ich mein
weißes Papier und durchstech es und bestreu es mit Kohlenstaub oder
Dintenpulver um das Bild eines hohen Menschen hineinzustäuben indes vom Himmel
herab das große nie erblassende Gemälde herunterhängt das Plato in seiner
Republik vom tugendhaften Manne aus seinem Herzen auf die Leinwand trug
Die größten Bösewichter sind einander am unkenntlichsten hohe Menschen
einander in der ersten Stunde kenntlich Schriftsteller die darunter gehören
werden am meisten getadelt und am wenigsten gelesen zB der selige Hamann
Engländer und Morgenländer haben diesen SonnenStern öfter auf ihrer Brust als
andre Völker
Ottomar führte mich auf die Leidenschaften ich weiß dass er wenigstens
sonst nichts so hasste als Köpfe und Herzen die von der stoischen SteinRinde
überzogen waren dass er in seine Pulsadern Katarakten hineinwünschte und in
seine Lungenflügel Stürme dass er sagte ein Mensch ohne Leidenschaft sei noch
ein größerer Selbstling als einer mit heftigen einen den das nahe Feuer der
sinnlichen Welt nicht entzünde flamme das weite Fixsternlicht der
intellektuellen noch viel weniger an der Stoiker unterscheide sich vom
abgenutzten Hofmann nur darin dass die Erkältung des ersten von innen nach außen
fortgehe die des andern aber von außen nach innen Ich weiß nicht obs bei
dem innen brennenden außen glatteisenden Hofmann so ist aber beim Glase ists
so dass es wenn es von außen und nach dem glühenden Kern zu erkaltet hohl und
zerbrechlich wird es muss umgekehrt sein
Alle Leidenschaften täuschen sich nicht über die Art oder den Grad sondern
über den Gegenstand der Empfindung nämlich so
Darin irren unsere Leidenschaften nicht dass sie irgendeinen Menschen hassen
oder lieben denn sonst verfiele alle moralische Hässlichkeit und Schönheit
auch darin nicht dass sie über etwas jammern oder frohlocken denn sonst wär
auch die kleinste Freuden oder Kummerträne über Glück und Unglück unerlaubt
und wir dürften nichts mehr wünschen nicht einmal wollen nicht einmal die
Tugend Auch irren die Leidenschaften über den Grad dieser Ab und Zuneigung
dieses Freuens und Betrübens nicht denn sobald ihnen die Sinne und die
Phantasie den Gegenstand mit tausendmal größeren moralischen oder physischen
Reizen oder Flecken vorlegen als sie andre sehen so muss doch das Lieben und
Hassen nach Verhältnis des äußern Anlasses zunehmen und sobald irgendein
äußerer Reiz den geringsten Grad von Liebe und Hass rechtfertigt so muss auch der
vergrößerte Reiz den vergrösserten Grad der Leidenschaft rechtfertigen Die
meisten Gründe gegen den Zorn beweisen nur dass die vermeintliche moralische
Hässlichkeit des Feindes mangle nicht dass sie da sei und er doch zu lieben
die meisten Gründe gegen unsre Liebe beweisen nur dass unsre Liebe weniger den
Grad als den Gegenstand verfehle usw Nicht bloß ein mäßiger sondern der
höchste Grad der Leidenschaften würde zulässig sein sobald sich ihr Gegenstand
vorfände zB die höchste Liebe gegen das höchste gute Wesen der höchste Hass
gegen das höchste böse Da aber alle Gegenstände dieser Erde die Beschaffenheit
nicht haben die solche Seelenstürme in uns verdienen kann da also das Größte
was uns zu sich reißen oder von sich stoßen kann in andern Welten stehen muss
so sieht man dass die größten Bewegungen unsers Ich nur vielleicht außerhalb des
Körpers ihren vergönnten geräumigern Spielraum antreffen
Überhaupt ist Leidenschaft subjektiv und relativ die nämliche
Willensbewegung ist in der stärkeren Seele unter größeren Wellen nur ein Wollen
und in der schwächern auf der glattern Fläche ein innerer Sturm Unser ewiges
Wollen fliesset immerfort durch uns und in uns wie ein Strom und die
Leidenschaften sind nur die Wasserfälle und Springfluten dieses Stroms sind wir
aber zur Verdammung derselben bloß durch ihre Seltenheit befugt Ist nicht dem
kleinen Bach das Flut was dem Strom nur Welle ist Und wenn wir im Feuer
unsre Kälte und in der Kälte unser Feuer schelten wo haben wir recht Und gibt
die Dauer des Scheltens das Recht
Ich fühle Einwürfe und Schwierigkeiten voraus ja ich weiß es und fühle dass
auf dieser umwölkten RegenKugel uns nichts gegen die äußern Stürme einbauen und
bedecken kann als das Besänftigen der innern gleichwohl fühl ich auch dass
alles Vorige wahr ist
Sechsundzwanzigster oder XX TrinitatisSektor
Diner beim Schulmeister
Wenn ein Autor wie ich so viele Wochen hinter seiner Geschichte zurückgeblieben
so denkt er mag der Henker den heutigen PostTrinitatis auch gar holen ich
will also darin von nichts reden als vom heutigen PostTrinitatis von meiner
Schwester meiner Stube und von mir Wenige Geschichtschreiber werden heute
hinter ihren Dintenfässern einen solchen guten Tag haben wie ihr Zunftgenoss
Ich sitze hier in des Schulmeister Wutzens EmporStube und halte seit einem
Vierteljahr meinen Arm als Armleuchter zum Fenster hinaus mit einem langen
Licht um in die zehn deutschen Kreise hineinzuleuchten Ich werde in jedem
Herbst und Winter alle meine Sektores wie den heutigen am Morgen um 412 Uhr bei
Licht zu machen anfangen denn wie die erhabene Finsternis vor Mitternacht den
Menschen über die Erde und ihre Wolken hinaushebt so legt uns die nach
Mitternacht wieder in unser ErdNest herein schon nach 12 Uhr nachts fühl ich
neue Lebenslust die so zunimmt wie das herübergegossene Morgenlicht die
Finsternis verdünnt und durchsichtig macht Gerade die feinsten und
unsichtbarsten Fühlfäden unserer Seele laufen wie Wurzeln unter der groben
Sinnenwelt fort und werden von der entferntesten Erschütterung gestoßen ZB
wenn der Himmel gegen Osten licht und wolkenlos gegen Westen mit
Wolkenschläuchen verhangen ist so kehr ich mich scherzhafterweise mehr als
zehnmal um steh ich gegen Osten so fliegen alle innern Wolken aus meinem
Geiste weg fahr ich gegen Westen um so hängen sie sich wieder um ihn her
und auf diese Art zwing ich durch schnelles Umdrehen die entgegengesetztesten
Empfindungen vor mir ab und zuzulaufen
An logische Ordnung ist in diesem LustSektor gar nicht zu gedenken einige
geschichtliche soll zu finden sein Nur wird mancher Gedanke mit tausend
Schimmerecken von meiner Lichtschere erdrückt werden wenn ich das Licht
schneuze oder in meiner Tasse ersaufen wenn ich gestrigen Kaffee daraus
trinke Dem Publikum ist letzter mehr anzuraten unter allen warmen Getränken
ist kalter Kaffee zwar vom abscheulichsten Geschmack aber doch von der
geringsten Wirkung Der schlafende Tag wird schon wie eine schlafende Schöne in
der die Morgenträume glühen rot und muss bald das Aug aufschlagen Sein erstes
wird poetisch zu reden sein dass er meine Schwester weckt und mit ihr als
Schlafgenoss in meine Stube tritt Ich sollte wie ein mährischer Bruder ein paar
tausend Schwestern haben so lieb ich sie überhaupt alle Wahrlich manchmal
will ich mit den stössigen SatyrsBockfüssen gegen das gute weibliche Geschlecht
ausschlagen und lass es bleiben weil ich neben mir die kleinen Kirchenschuhe
meiner Philippine sehe und mir die schmalen weiblichen Füße hineindenke welche
in so manches Dornengeniste und manche Gewitterregenlache die beide leicht
durch die dünnen weiblichen Fusstapeten dringen treten müssen Die leeren
Kleider eines Menschen zumal der Kinder flössen mir Wohlwollen und Trauern ein
weil sie an die Leiden erinnern die das arme Einschiebsel darin schon muss
ausgestanden haben und ich hätte mich einmal in Karlsbad leicht mit einer
Böhmin ausgesöhnet wenn sie mich ihre Hauskleidung ohne dass sie darin war
hätte beschauen lassen
Diese Punkte stellen verrollte Zeitpunkte vor Jetzt sind die Blinden heil
die Lahmen gehen die Tauben hören wach ist nämlich alles unter meinen Füßen
zerhämmert der Schulmeister schon den Sonntagzucker meine Schwester hat mich
schon viermal ausgelacht der Senior Setzmann hat schon aus seinem Fenster
meinem Hausherrn die nötigsten heutigen Religionedikte zugepfiffen die Uhr ist
wie Hiskias Sonnenuhr von der Wunderkraft des dekretierenden Pfeifens eine
Stunde zurückgegangen und ich kann eine länger schreiben bin aber dadurch
mit meinem Pinsel aus meinem MorgenGemälde gekommen Die Sonne steht meinem
Gesichte gegenüber und macht mein biographisches Papier zu einem blanken
MosisAngesicht daher ists mein Glück dass ich ein Federmesser und Östreich
oder Böhmen oder das JesuiterDeutschland nehme nämlich Homannische Karten
davon und mit dem Messer diese Länder über meinem Fenster aufnagele und
einpfähle ein solches Land hält allemal die Morgensonne so gut ab und wirft so
viel Schatten herüber als hätt ich die Tändelschürze oder das Pallium eines
Fenstervorhangs daran
Meine Feder fährt nun im Erdschatten des Globus so fort Wutz führt in
seinem Hause nicht drei gescheite Stühle keine Fenstervorhänge und
HautelisseTapeten Indes mein viel zu prunkendes Ameublement in Scheerau steht
letz ich mich hier an dem jämmerlichsten und sage ein Fürst weiset kaum in
einer KunstEinsiedelei ein elenderes vor Sogar den Kalender schreiben wir uns
ich und mein Hausherr eigenhändig wie Mitglieder der Berliner Akademie aber
mit Kreide und an die Stubentüre jede Woche geben wir ein Heft oder eine Woche
von unserem Almanach und wischen die Vergangenheit aus Auf dem vierschrötigen
Ofen können drei Paare tanzen die er wie die jetzigen Tragödien trotz der
unförmlichen Zurüstung und Breite schlecht erwärmen würde Es muss beiläufig noch
zu Hand und Taschenöfen kommen wenn man einmal aus den Bergwerken statt der
Metalle das Holz womit man sie jetzt ausfüttert wird holen müssen
Ein Schöps wird entsetzlich geprügelt nämlich sein toter Schenkel die
zinnernen Patenteller der zwei Wutzischen Kinder werden abgestaubt mein
SilberBesteck wird abgeborgt das Feuer knackt die Wutzin rennt ihre
Kinder und Vögel schreien Alle diese Zurüstungen zu einem viel zu großen
Diner das heute unten gegeben wird hör ich in mein Studierzimmer herauf
Vielleicht sind solche Zurüstungen dem Range der beiden Gäste die das
Traktement annehmen sollen angemessener als dem Stande der beiden Schulleute
die es geben Gegenwärtigem Geschichtschreiber und seiner Schwester dürfen sie
nämlich ein Essen geben und selber mit am Tische sitzen Der Schulmeister hatte
viel von seinem ausgeräumten Ameublement eine Woche lang in meine Stube
einpfarren dürfen weil die seinige endlich nach langem Bittschreiben denn das
Konsistorium sieht Reparaturen an der sichtbaren wie an der unsichtbaren Kirche
nicht gern reformiert dh repariert nämlich geweisset wurde Daher
invitierte er mich aus Hofton zum Dinieren und ich nahm ebenfalls aus
Hofton die Karte an
Ich werde den Sektor erst abends ausschreiben teils um mir nicht die Esslust
wegzudenken teils um mir draußen noch einige zu erhinken wo ich noch dazu ein
paar Emmerlinge und die Kirchenleute singen hören kann Überhaupt ist der
Nachsommer der heute mit seinem schönsten himmelblauen Kleide und der
OrdenSonne darauf auf den Feldern draußen steht ein stiller Karfreitag der
Natur und wenn wir Menschen höfliche Leute wären so gingen wir da öfter ins
Freie und begleiteten den verreisenden Sommer höflich bis an die Türe Ich seh
es voraus ich würde mich heute an der milden Sonne die ein sanft um uns
schleichender Mond geworden ist und die im Nachsommer den weiblichen Artikel
verdient nicht satt sehen können wenn ich nicht mein Auge nach Scheeraus Berge
richten müsste wo meine Guten wohnen und von wannen heute mein Doktor mich
besuchen wird
Unter die Erde ist nun der Tag und seine Sonne Komme glücklich heim
geliebter Freund Auf den SilberGrund den der Mond auf deinem Weg anlegt male
deine Seele das verlorne Eden der Jugend und der schwarze Schatten den du und
dein scheues Ross auf den Strahlenboden werfen müsse euch nachschwimmen aber
nicht voraus
Warum sind die meisten Einwohner dieses Buchs gerade Fenks Freunde Aus
zwei recht vernünftigen Gründen Erstlich verquickt sich das humoristische
Quecksilber das aus ihm neben der Wärme des Herzens glänzt mit allen
Charakteren am leichtesten Zweitens ist er ein moralischer Optimist Zehn
metaphysische Optimisten würd ich für einen moralischen auszahlen der nicht
ein Kraut wie die Raupe sondern einen ganzen Blumenflor von Freuden wie der
Mensch zu genießen weiß der nicht fünf Sinnen sondern tausend hat für alles
für Weiber und Helden für Wissenschaften und Lustpartien für Trauer und
Lustspiele für Natur und für Höfe Es gibt eine gewisse höhere Toleranz
die nicht die Frucht des Westfälischen Friedens noch des Vergleichs von 1705
sondern die eines durch viele Jahre und Besserungen gesichteten Lebens ist
diese Toleranz findet an jeder Meinung das Wahre an jeder Gattung des Schönen
das Schöne an jeder Laune das Komische und hält an Menschen Völkern und
Büchern die Verschiedenheit und Eigentümlichkeit der Vorzüge nicht für die
Abwesenheit derselben Nicht bloß das Beste muss uns gefallen auch das Gute und
alles
Als die Leute aus der kleinen und ich aus der großen Kirche zurück waren
fing man im Wutzischen Hause das Dinieren an Unser Broterr empfing das
GastPaar mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit und mit einer ungewöhnlichen
dazu denn er hatte heute aus seiner Kirchenkollekte er kroch nach dem
Gottesdienst in alle Stühle und zog alle unter dem Einlegen niedergefallnen
Pfennige magnetisch an sich eine ansehnliche Silberflotte von 18 Pfennigen
mitgebracht Die Pracht des Mahls erdrückte in dieser Stube das Vergnügen nicht
Messer und Gabel waren wie schon gesagt von Silber und von mir aber wer
sollte nicht damit mit Vergnügen an einer Tafel agieren wo der Braten und die
Sauce aus einer Pfanne gespeist werden Unsere Schaugerichte waren
vielleicht für einen Kurfürsten zu kostbar denn sie bestanden nicht etwa aus
Porzellan Wachs oder aus AlabasterSämereien auf Spiegelplatten und waren nicht
etwa bloß wenige Pfund schwer sondern die beiden Schaugerichte wogen sechzig
und waren vom nämlichen Meister und von der nämlichen Materie wie die
Kurfürstenbank von Fleisch und Blut nämlich Wutzens Kinder Ein geistlicher
Kurfürst würde vor Vergnügen keinen Bissen essen können wenn er wie wir neben
seiner RiesenTafel ein ZwergTäfelchen mit seinen Kleinen darum stehen hätte
Ihr Tisch war nicht viel größer als eine Heringschüssel sie sahen aber auf
Verhältnis und speiseten auf dem lilliputischen TafelService wovon sie seit
Weihnachten mehr spielenden als ernstaften Gebrauch gemacht hatten Die Kleinen
waren außer sich ihr Fleisch auf Oblaten von Tellern und mit Haarsägen von
Messern zu zerschneiden Spiel und Ernst flossen hier wie bei essenden
Schauspielern ineinander und am Ende sah ich dass es bei mir auch so war und
dass mein Vergnügen von erkünstelter Kleinheit und Armseligkeit käme
An der großen Tafel ging andere Tafeln kehren es um das individuelle
Gespräch bald ins allgemeine über ich und der Kantor sagten jeden Augenblick
der Preuße der Russe der Türk und verstanden gleich dem Premierminister
unter der Nation den Regenten derselben Ich hatte heute eine solche besondere
Freude an erbärmlichen Sitten dass ich mir jeden Bissen hineinpredigen ließ und
dass ich über zwanzig Gesundheiten trank Frauenzimmer von Stande können sonst
nicht so leicht wie Männer sich zu unfrisierten Leuten herunterbücken am
wenigsten zu solchen von weiblichem Geschlecht aber meine Schwester verdient
dass ihr Bruder ihr in seinem Buche das Lob der schönsten liebreichsten
Herablassung erteilt Je weiblicher eine Frau ist desto uneigennütziger und
menschenfreundlicher ist sie und die Mädchen besonders die das halbe
menschliche Geschlecht lieben lieben das ganze von Herzen ZB von der
Residentin von Bouse weiß man nicht schenkt sie Armen oder Männern mehr Alte
Jungfern sind geizig und hart Mein Doktor und eine Flasche Wein kamen als
Nachtisch Da er im gegenwärtigen Buche alle Wochen lieset so will ich ihn
darin lieber schelten als preisen Am besten ists ich webe hier ein
Zwitterding was ihn bei manchen weder lobt noch tadelt ein seine herzliche
Zuneigung gegen das weibliche Geschlecht die zwischen gefühlloser Galanterie
und FeuerLiebe mitten innen steht Diese nämliche Zuneigung steht unserem
Geschlechte gut aber dem weiblichen nicht und meine Schwester ist doch von
diesem Die Sache kam bloß von ihrem linken Ohre her Das Ohrgehenk hatte sich
durch das Ohrläppchen durchgerissen sie hätte aber füglich bis auf den Montag
warten können wo ihr Bruder das Läppchen ihr wie einem jüdischen Knecht auf
die geschickteste Weise würde durchlöchert haben Allein heute sollte es sein
und sein Doktorhut war der Bettschirm ihrer Absicht Es hätte gemalet werden
sollen wie der arme Pestilenziarius das Ohrläppchen zwischen den drei
Vorderfingern scheuerte und rieb wie ein offizinelles Blatt an das man
riechen will um es geschwollen und unempfindlich zu machen Nichts ist mir
und dem Medizinalrat gefährlicher als wenn wir nur mit zwei drei Fingern an
ein Frauenzimmer picken und anstreichen mit dem ganzen Arm hinanzukommen ist
für uns ohne alle Gefahr so wie etwa die Nesseln weit mehr brennen leise
bestreift als hart gefasst Vielleicht ists mit diesem Feuer wie mit dem
elektrischen das durch die Fingerspitzen mit größerem Strome in den Menschen
fährt als durch eine große Fläche Meine Schwester ging weiter und brachte
einen Apfel der Doktor musste mit seinen Pulsfingern den roten Ohrzipfel an den
Apfel pressen und dann eine Zitternadel oder was es war durch dieses
Sinnwerkzeug das die Mädchen weit seltener als das nächste spitzen drücken
nun konnte hinangeschnallet und hineingeknöpfet werden was dazu passt Der Stahl
kettete beinahe den Künstler selber an ihr Ohr »Mit nichts strickt eine Schöne
uns mehr an sich als wenn sie uns Anlass gibt ihr eine Gefälligkeit zu tun«
sagte der Doktor selber und erfuhr es selber Daher klagte der Operateur und
OhrenMagnetiseur es sei schwer eine Schöne zu heilen und doch nicht zu
lieben und seine erste Patientin hab ihn beinahe zu einem Patienten gemacht
Gegen den Doktor hab ich nichts er sei immer ein Weltbürger in der Liebe
aber Schwester ich wollte du wärest schon zu Bette weil ich keine Minute in
der ich nur drei Schritte auf und abtue sicher bin dass du nicht in meine
Sektoren schielest und liesest was ich an dir tadle Ach ich tadle weniger
als ich bedauere deine so niedlich um fremden und eignen Kummer spielende Laune
und dein aus den weichsten Fibern gesponnenes Herz dass die blanke Krone scheuer
Weiblichkeit die alle diese Vorzüge erst putzt und hebt in den volkreichen
Zimmern der Residentin ein wenig schwärzlich angelaufen ist wie Silber im
sumpfigen Holland und dass deiner Tugend der nichts fehlt die Gestalt der
Tugend fehlt Ihr Eltern eure Jungen machen sich in der Hölle kaum schwarz
aber für eure Töchter und ihren schneeweißen Anzug ist kaum der Himmel
gescheuert und sauber genug
Sie sind selten schlechter als ihre Gesellschaft aber auch selten besser
Dieser geistige Wein zieht den Obstgeschmack der Evas und ParisÄpfel die um
ihn liegen ein er schmeckt alsdann noch gut aber nur wie Wein nicht
Der Doktor gab mir über Gustavs Lage viel Licht das zu seiner Zeit den
Lesern wieder gegeben werden soll
Eine gewisse Person die fast alle vierzehn Tage nachlieset was ich
geschrieben ist satirisch und fragt mich auf welchem Bogen ob auf dem Bogen
Aaa oder Zzz der fernere Liebehandel zwischen Paul und Beata bearbeitet werde
sie fragt ferner obs dem Leser schon erzählt ist dass der kokettierende Paul
Verse Schattenrisse Sträusser und Adagios seitdem gemacht um sein Herz auf
diesen Deserttellern auf diesen durchbrochnen Fruchttellern in diesen
Konfektkörbchen zu bringen und zu präsentieren diese fatale mokante Personage
fragt endlich ob es der Welt schon berichtet ist dass aber Beata sich nichts
ausgebeten als das leere Körbchen und den leeren Desertteller Im Grund
ärgert mich diese Maliz niemal aber der Doktor Fenk und der Leser haben
offenbar die boshafteste Geschicklichkeit HerzensSachen falsch zu stellen und
zu sehen Wahrhaftig es war bisher lauter Scherz meine vorgegebene Liebe und
wenn sie keiner war so müsste sie einer werden weil ich einen so schönen und so
verdienstvollen Nebenbuhler als ich wie es scheint an Gustav bekommen soll
nicht einmal überflügeln und verdunkeln möchte wenn ich auch könnte oder
dürfte wie doch wohl nicht ist
Ende des ersten Teils
Zweiter Teil
Siebenundzwanzigster oder XXI TrinitatisSektor
Gustavs Brief Fürst mit seinem Frisierkamm
Nun ist Gustav im alten Schloss sein Schauplatz hob sich bisher täglich von
der Erdhöhle in eine Ritterburg dann in ein KadettenPhilantropin endlich in
ein Fürstenschloss Der reiche Oefel mietete es weil es an das neue anstieß wo
der Blocksberg der großen Welt von Scheerau war Die Residentin von Bouse hatte
beide von ihrem Bruder geerbt der hier unter ihren Küssen und Tränen verschied
Die Natur hatte ihr alles gegeben was das eigne Herz erhebt und das fremde
gewinnt aber die Kunst hatte ihr zu viel gegeben ihr Stand ihr zu viel
genommen sie hatte zu viele Talente um an einem Hofe andre Tugenden zu
behalten als männliche sie vereinigte Freundschaft und Koketterie Empfindung
und Spott Achtung der Tugend und Philosophie der Welt sich und unsern
Fürsten Denn dieser war ihr erklärter Liebhaber welchem sie ihr Herz mehr aus
Ehre als aus Neigung ließ Sie war zu etwas Besserem gemacht als zu schimmern
allein da sie zu nichts Gelegenheit hatte als zum Schimmer so vergaß sie dass
es jenes Bessere gebe Aber wer zu etwas Höherem geboren ist als zur Welt oder
Hofglückseligkeit der fühlt in bitteren Stunden seine versäumte Bestimmung Es
wird sich hieher eine neue Ursache anzugeben schicken die Oefeln aus Scheerau
warf er sollte und wollte auf fürstlichen Befehl für den Geburttag der
Residentin ein Drama auf der Drehscheibe seines Pultes auskneten Das Drama
sollte Beziehungen haben Auf dem Liebhaberteater zu Oberscheerau wo der
Fürst nicht wie auf dem Kriegteater Figurant sondern erster Akteur war und wo
er eine ordentliche Hoftruppe ersetzte und ersparte sollte es vom Fürsten von
Oefel und einigen andern gespielt werden Der Fürst hatte noch Augen die
Residentin anzublicken noch eine Zunge sie zu lieben noch Tage es ihr zu
beweisen noch ein Theater ihr zu huldigen gleichwohl hasste er sie schon weil
sie zu edel für ihn war denn seine Teaterrolle sollte wie unten gedruckt
werden soll mehr ihm als ihr Dienste tun Oefel welcher Ambassadeur und
Hofteaterdichter und Akteur auf einmal war weil ein schlechter Unterschied
ist malte in sein Drama Beaten hinein und wollte ihr durch ihr Abbild
schmeicheln und verhoffte sie werde mit agieren und ihr Porträt zu ihrer Rolle
machen Alles dies glaubte er von Gustav auch aber unten werden wir eben sehen
Gustav fühlte im alten Schloss indes über seine Ohrennerven alle
Visitenräder gingen und alle BesuchProzessionen um seine Augen schwärmten
sich totenallein Er arbeitete sich in seine künftige Bestimmung hinein Mehr
als funfzig Gesandtschaftschreiber werden daher denken er lernte Briefe und
Herzen aufmachen Weiber und Berichte dechiffrieren Amour Kour und
Spitzbübereien machen die funfzig Schreiber irren sie werden ferner denken
er lernte klein schreiben um das Porto zu schwächen ferner Chiffern und Titel
machen ferner wissen wessen Name im öffentlichen Instrument das an drei
Potenzen kommt zuerst stehe und dass jede Potenz in ihrem Instrument zuerst
stehe sie haben recht aber er tat mehr er lernte in der Einsamkeit die
Gesellschaft ertragen und lieben Fern von Menschen wachsen Grundsätze unter
ihnen Handlungen Einsame Untätigkeit reift außer der Glasglocke des Museums zur
geselligen Tätigkeit und unter den Menschen wird man nicht besser wenn man
nicht schon gut unter sie kommt
Seine Geschäfte gingen in schöne Unterbrechungen über Denn vor seinem
Fenster draußen stand die schöne und fast kokette Natur von ParisÄpfel umhangen
und mitten in ihr eine Spaziergängerin die die Äpfel alle verdiente Wer kann
es sein als Beata Ging sie in den Park so wars ihm ebenso unmöglich ihr
nachzuspazieren als ihr nicht nachzuschauen durchs Fenster und seine Augen
suchten aus dem Gebüsche alle vorbeiblinkende Bänder heraus Wandelte sie
rückwärts mit dem Gesichte gegen seine Fenster so trat er nicht bloß von
diesen sondern auch von den Vorhängen so weit wie möglich zurück um ungesehen
zu sehen Vielleicht aber schwerlich kehrten sich die Rollen um wenn er nach
ihr sich auf ihre Gänge wagte die für ihn Himmelwege waren Eine herabgewehte
Rose die er einmal in der dunkelsten Nacht unter ihrem Fenster aufhob war eine
Ordenrose für ihn ihr welker Honigkelch war das Potpourri seiner schönsten
Träume und seines Freudenflors so legest du hohes Schicksal für den ewigen
Menschen seinen Himmel oft unter ein falbes Rosenblatt oft auf den Blütenkelch
eines Vergissmeinnichts oft in ein Stück Land von 305000 QuadratMeilen
Wer zu viel verziehen hat will sich nachher rächen Gustavs Freundschaft
gegen Amandus war in eine so hohe Flamme aufgeschlagen dass sie notwendig Asche
auf ihren Stoff herunterbrennen musste Wenn er Beaten nachblickte blickte er
auf Amandus zurück und tadelte sich so oft dass er anfangen musste sich zu
rechtfertigen Was vom Aschenberg worunter seine Liebe glimmte abgetragen
wurde wurde dem Aschenberge seiner Freundschaft zugeschüttet Gleichwohl würde
er zu jeder Stunde für Amandus alles geopfert haben was das Volk Freuden nennt
denn in der neuen Zeit einer ersten Freundschaft werden Opfer noch wärmer
gesucht als in der späteren gebracht und der Geber ist beglückter als der
Empfänger O die rechte Seele hat nicht bloß die Kraft sondern auch die
Sehnsucht aufzuopfern Das Leben das Gustav jetzo von Frühling und Garten
und von Wünschen der Liebe umgeben genoss soll er selber malen in seinem Briefe
an mich Diesen Brief werden freilich die verwerfen die vor dem
NaturSchauspiel als kalte Zuschauer als entfernte LogenPächter stehen aber
es gibt bessere und seltnere Menschen die sich für hineingerissene Spieler
halten und jede Grasspitze für beseelt ansehen jedes Käferchen für ewig und das
unbändige Ganze für ein unendliches schlagendes Adersystem in welchem jedes
Wesen als ein saugendes und tropfendes Ästchen zwischen kleineren und größeren
pulsiert und dessen volles Herz Gott ist
Gustavs Brief
»Heute stieg ich zum zweiten Male aus meiner Höhle in die unendliche Welt alle
meine Adern fluten noch vom heutigen Nachmittage mein Blut möchte sich mit den
Erden um die Sonnen drehen und mein Herz mit den Sonnen um das funkelnde Ziel
das neben dem Schöpfer steht
Die Nachtluft die mein Licht umkrümmt kühlet mich vergeblich ab wenn ich
nicht die brennende Brust vor dem Auge des Freundes aufdecke und ihm alles sage
Ich nahm nachmittags mein Reisszeug womit ich bisher statt der Landschaften die
Festungen die sie verwüsten schaffen müssen und ging ins stille Land hinaus
Der Erdball glitt so leise wie der Schwan unter den Blumeninseln an die ich
mich lagerte durch den ÄtherOzean dahin der freundliche Himmel bückte sich
tiefer zur Erde nieder es war dem Herzen als müsst es im stillen weiten Blau
zerfließen als müsst es von fernen ein verhalltes Jauchzen hören und es sehnte
sich nach arkadischen Ländern und nach einem Freund vor dem es zerginge Ich
setzte mich mit der Reissfeder auf einen künstlichen Felsen neben dem See und
wollte meine Aussicht zeichnen die einander umarmenden Erlenbäume die das
Ende des umgekrümmten Sees zuhüllten und belaubten die bunte Reihe der
Blumeninseln um deren jede schon ein doppeltes Blumenstück ihrer geschmückten
Insulanerin gemalet schwamm nämlich das bunte Blumenbild das unter dem Wasser
zum SpiegelHimmel hinabging und der Schattenriss der auf dem zitternden
Silbergrunde schwankte und die lebendige Gondel der Schwan der zu meinen
Füßen sich in hungriger Hoffnung drehte aber als die ganze hoch
aufgerichtete Natur mir saß und mich mit ihren Strahlen ergriff die von einer
Sonne zur andern reichen so betete ich an was ich nachfärben wollte und sank
Gott und der Göttin zu Füßen
Ich stand auf mit gelähmter Hand und übergab mich dem steigenden Meere das
mich hob Ich ging an alle Ecken der großen Tafel mit Millionen Gedecken für
riesenhafte Gäste und für unsichtbare denn meine Brust war noch nicht voll und
ich ließ die Wellen die hineinschlugen leidend in mir steigen Ich drängte
mich in den tiefsten Schatten der Schattenwelt in welcher die in einen Stern
zergangene Sonne entlegner schimmerte Ich ging im Fichtenwald vor dem Gezänk
der Kohlmeise und vor dem einsamen Wüstenlaut der Drossel vorüber unter die
singende Lerche hinaus Ich ging im langen Abendtal an dem bewohnten Bach
hinauf und ein entzücktes Wesenchor wandelte mit mir die hineingetauchte Sonne
und die Mücke mit ihren SchrittschuhFüßen liefen neben mir auf dem Wasser
weiter die grossäugige Wasserlibelle floss auf einem Weidenblatte dahin ich
watete durch grünes aus und einatmendes Leben umflogen umsungen umhüpfet
umkrochen von freudigen Kindern kurzer warmer Augenblicke Ich stieg auf den
Eremitenberg und meine Brust war noch nicht von dem Weltstrome voll dem sie
leidend offen stand Aber dort richtete sich die liegende Riesin der Natur
vor mir auf in den Armen tausend und tausend saugende Wesen tragend und als
meine Seele vom Gedränge der unzähligen bald in Mückengold gefasster Seelen
bald in Flügeldecken gepanzerter bald mit ZweifalterGefieder überstäubter
bald in Blumenpuppen eingeschlossener Seelen angerühret wurde in einer
unendlichen unübersehlichen Umarmung und als sich vor mir über die Erde
legten Gebirge und Ströme und Fluren und Wälder und als ich dachte alles
dieses füllen Herzen die die Freude und die Liebe bewegt und vom großen
Menschenherzen mit vier Höhlungen bis zum eingeschrumpften Insektenherzen mit
einer und bis zum Wurmschlauch nieder springt ein fortschaffender ewiger eine
Zeugung um die andre entzündender Funke der Liebe
Ach dann breitete ich meine Arme hinaus in die flatternde zuckende
Luft die auf der Erde brütete und alle meine Gedanken riefen o wärest du sie
in deren weitem wogenden Schoss der Erdball ruht o könntest du wie sie alle
Seelen umschließen o reichten deine Arme um alles wie ihre die da beugen das
Fühlhorn des Käfers und das bebende Gefieder des LilienSchmetterlings und die
zähen Wälder die da streicheln mit ihrer Hand das Raupenhaar und alle
BlumenAuen und die Meere der Erde o könntest du wie sie an jeder Lippe ruhen
die vor Freude brennt und kühlend um jeden gequälten Busen schweben der
seufzen will Ach hat denn der Mensch ein so schmales versperrtes Herz dass
er vom ganzen Reiche Gottes das um ihn tront nichts lieben nichts fühlen
kann als was seine zehn Finger fassen und fühlen Soll er nicht wünschen dass
alle Menschen und alle Wesen nur einen Hals nur einen Busen haben um sie alle
mit einem einzigen Arm zu umschließen um keines zu vergessen und in gesättigter
Liebe nicht mehr Herzen zu kennen als zwei das liebende und das geliebte
Heute wurd ich mit der ganzen Schöpfung verbunden und ich gab allen Wesen mein
Herz
Ich kehrte mich nach Osten gegen das neue Schloss und gegen Auental Hinter
dem Auentaler Wald brausete durch einen zerbrochnen RegenSchwibbogen ein
aufgerichteter Ozean ich stand hier einsam in einer weiten Stille ich wandte
mich zur heruntergegangnen Sonne ich dachte daran dass ich sie einmal für Gott
gehalten und es fiel heute schwer auf mich dass ich den ders war bisher so
selten gedacht O Du Du rief so nahe an ihm mein ganzes Wesen aber allen
Sprachen und allen Herzen und allen Gefühlen entfällt vor ihm die Zunge und
Beten ist Verstummen nicht bloß mit den Lippen auch mit dem Gedanken Aber
der große Geist der die Schwäche des guten Menschen kennt hat ihm Mitbrüder
herabgesandt damit der Mensch sich vor dem Menschen öffne und vor ihnen das
Gebet in dem er verstummte vollende
O Freund meiner schönsten Jahre der du Dankbarkeit und Demut in meinem
Innersten befestigt hast diese hab ich empfunden als ich auf dem Eremitenberg
mich einsam über das geschaffne Gewürm erhob und fühlte was der Mensch fühlt
aber nur er auf der Erde als ich einsam vor dem bis in das Nichts
hinausreichenden großen Spiegel an den sich das Insekt mit Fühlhörnern stösset
mit Menschenaugen knien konnte vor dem Spiegel aus dem der unendliche
SonnenRiese flammt Nein In Erdfarben und auf der Leinwand von Tierfellen
und auf allem was vor mir liegt ist bloß das Bild des UrGenius aber im
Menschen ist nicht sein Bild sondern er selbst
Die Sonne glühte noch halb über dem Erdball der sie zerschnitt aber ich
sah sie durch mein zerrinnendes Auge nicht mehr vergangen verstummt verhüllt
versunken im treibenden flammenden reißenden uferlosen Meere um mich
Die Sonne nahm den entzückten Tag mit hinunter und jetzo steht der
ÄtherDiamant den die Nacht schwarz einfasset der Mond über diesen
zugehüllten Szenen und strahlet wie andre Diamanten den entlehnten Schimmer aus
O du stille MitternachtSonne du schimmerst und der Mensch ruht deine
Strahlen besänftigen das irdische Toben deine herunterrinnenden Funken wiegen
wie ein schimmernder Bach den liegenden Menschen ein und der Schlaf bedeckt
dann wie eine Graberde das ruhende Herz das trocknende Auge und das
schmerzenlose Angesicht Leben Sie wohl und die weiße LunaScheibe zeige
Ihnen alle Paradiese der vergangenen und alle Paradiese der zukünftigen Jugend
Gustav«
So weit war er als Oefels Bedienter mit einem Paket an ihn in seine Stube trat
welches leichter als die kälteste Nachtluft und der wärmste Brief die Bewegungen
seiner Seele anhielt und abkühlte Ein Brief vom Doktor lag mit der Nachricht
darin dass die Frau von Röper ihm in Maussenbach gegenwärtiges Porträt
mitgegeben das ihre Tochter für ihr eigenes verlornes gehalten auf dessen
Rücken aber der Name Falkenberg stehe der alle übrige Ähnlichkeiten widerlege
So lieb ihm das Porträt war so ärgerlich wars ihm da es nun ein neuer Beweis
seiner Vermutung war Mutter und Tochter hasseten ihn wegen des
KornAvertissements Die Spinne des Hasses die bei jedem Menschen über eine
Ecke der Herzkammer ihr Gespinste hängt nur überspinnen große Kanker in
manchen alle vier Kammern mit ihren fünf Spinnwarzen lief auf ihren Fäden
hervor die Amandus erschüttert hatte und verlangte Fang kurz die kalte
FärberHand berührte sein Herz und macht es ein wenig kälter gegen seinen
Amandus dessen seines durch das zurückgehende Porträt wärmer geworden war Die
gestörte Liebe macht den besten Menschen nicht besser bloß die glückliche
In sieben Minuten war alles vorbei denn im geistigen Menschen ist die
nämliche herrliche Einrichtung wie im physischen dass um eine bittere scharfe
Idee so lange andre Ideen als mildere Säfte zufliessen bis sie ihre Schärfe
verdünnt und ersäuft haben Das Porträt wurde nun die zweite gefundene Rose es
war angehaucht mit Leben und Rosenduft durch die schönsten Augen und Lippen die
auf ihm gewesen waren
Jetzt sah er Beata einige Zeit nicht im Garten aber dafür den Fürsten mit
und ohne die Residentin Gehet beide aus dem stillen Lande in euer
rauschendes Ihr genießt doch die schöne Natur nur als eine größere Landschaft
die in euerem Bilderkabinett oder an der Leinwand euerer Opernteater hängt
oder als eine nur breitere Tafel und KaminVerzierung wo euch die Felsen von
Bimsstein und die Bäume von Moos geformet vorkommen höchstens als den größten
englischen Park der neuerer Zeiten in Europa an irgendeinem Hofe anzutreffen
ist In allen Sessionzimmern war wegen der Kanikularferien Arbeit im Winter
könnte man wegen der Kälte Frostferien erlauben und ebensogut einen Winterschlaf
der Geschäfte als die SommerSieste derselben in Gebrauch setzen wie denn auch
die bekannten Tiere beider Extreme wegen aus Scheu vor ihrer Wasserscheu zu
Hause bleiben müssen mithin konnte der Minister leichter mit dem Fürsten
abkommen und beide waren länger da Ohne mich würde der Leser nie erfahren
warum das fürstliche Dasein Anlass war dass Beata das stille Land gegen ihr
stilles Zimmer vertauschte So wars Unser Fürst ist zwar ein wenig hart ein
wenig geizig und weidet seine Herde öfter mit dem Hirtenstabe als mit der
Hirtenflöte aber er wird ebensogern ein Schäfer in einem schöneren Sinne und
geht gern vom Throne wo ihn die Landeskinder anbeten zu jeder Staffel
desselben herunter um selber ein schönes anzubeten er kann zwar das Volk
aber keine Schöne seufzen hören er wendet emsiger eine gesellschaftliche
Verlegenheit als eine Teuerung ab er bleibt lieber den Landständen als seinem
Gegenspieler etwas schuldig und bauet keine abgebrannte Stadt aber eine
eingerissene Frisur willig wieder auf Kurz der Landesvater und der
Gesellschafter sind in seinen Herzkammern Wandnachbaren aber Todfeinde Dieser
Gesellschafter subdividierte sich wieder in zwei Liebhaber in den kurzen und in
den langen Seine lange oder weitergrünende Liebe besteht in einer kalten
verachtenden Galanterie und in dem Vergnügen an der Feinheit an dem Witze und
an der Grazie womit er und der geliebte Gegenstand ihre gegenseitigen Siege zu
verzieren wissen Seine kurze Liebe besteht in seinem Vergnügen an jenen Siegen
insofern sie jene Dekoration nicht haben Damit man dieses unschuldige Pasquill
auf einen nicht für Satire auf die meisten Großen halte so will ich so
fortfahren
Lange Liebe hegte er gegen die Residentin von deren Gunstbezeugungen man
nicht sagen konnte das ist die unschuldigste die erste die letzte Eine
solche Immobiliarliebe durchflocht er zu gleicher Zeit mit hundert kursorischen
SekundenEhen oder Liebschaften und über dem schleichenden Monatzeiger der
langen fixen Liebe oder Ehe wirbelte sich der fliegende Terzienweiser der
abbrevierten Ehen unzähligemal um
Darwider hatte die Residentin nichts sie konnte auf dieselbe Weise
durchflechten darwider hatte er nichts
In diesen kurzen Ehen tun die Großen vielleicht manches Gute über welches
Moralisten zu leicht wegsehen die lieber ihre Druckbögen als die Geburtlisten
voll haben wollen Gleich jungen Autoren lassen junge Große ihre ersten
Ebenbilder anonym oder unter geborgten Namen erscheinen und ich kann zu
Montesquieus Bemerkung dass das Namengeben der Bevölkerung nütze weil jeder
seinen fortzupflanzen trachte nichts setzen als meine eigne dass die
Namenlosigkeit ihr noch besser fortelfe In der Tat geht es hierin den
erhabensten Personen wie den griechischen Künstlern die unter die schönsten
Statuen womit ihre Hand Tempel und Wege ausschmückte ihren Vaternamen nicht
setzen durften indessen findet der pfiffige Phidias auch seine Nachahmer der
statt des Namens sein altes Gesicht an der Statue Minervens einhieb
Der Fürst hatte im Sinn Beaten die ihm zu viel Unschuld und zu wenig
Koketterie zu haben schien eine kurze Liebe anzubieten Ihr Widerstand machte
dass er auf eine längere dachte Unter den Augen der Residentin waren vor ihm
alle ihre Sinne gesichert nur das Ohr nicht im Park keiner Die Residentin
die wusste dass ihr Geist sich für jede Minute in einen neuen Körper umwerfen
könne indes ihre Nebenbuhlerin nicht mehr hatte als einen in welchem noch dazu
weiter nichts als Unschuld und Liebe steckte diese sah die ganze Sache mit
keinen andern Augen an als mit satirischen So weit wars als der Fürst in dem
HundtagsInterregnum kam und am andern Morgen statt des Zepters nichts in der
Hand hatte als den Frisierkamm und den Kopf der Residentin Er hatte es an
seinem Hofe Mode gemacht jeder Kammerherr bis auf den Hofdentisten herunter
hatte seitdem seine preteuse de tête um an ihrem Kopfe so viel zu lernen als
er am Kopfe einer schöneren preteuse auszuüben hatte Es war ebenso notwendig
dass man frisierte als dass man frisiert war
Ich könnt es in der Note sagen dass eine preteuse de tête ein Mädchen in
Paris ist das an einem Tage hundertmal frisieret wird weils die Innung daran
lernen will unmöglich kann es unter ihrer Hirnschale so viele Veränderungen
und Versuche geben als über derselben die Koalition und Einkindschaft der
unähnlichsten Frisuren ist so groß Dappieren und Auskämmen kommen
hintereinander so schnell oder Aufbauen und Umreissen dass es nur auf dem Kopfe
der Göttin der Wahrheit noch ärger zugehen kann den die Philosophen frisieren
und aufsetzen oder in ganzen Staatkörpern an denen die Regenten sich üben
Am nämlichen Morgen wo unserer die Regentin coiffierte sagte er der
träumerischen Beata am andern Tage komm er mit dem Friseur zu ihr Die
Residentin sagte nichts als »Die Männer können alles aber das Leichte selten
sie wirren leichter zehn Prozesse als zehn Haare ein« Beata konnte nicht reden
nachts konnte sie nicht schlafen Ihr ganzes Innere entsetzte sich vor des
Fürsten Frostgesicht und stechendem Feuerblick der so wenig sie es deutlich
dachte die Präliminarsiege im neuen Schloss so abzukürzen brannte als wär er
im Palais royal Am andern Morgen hatte sich ihr Wunsch krank zu werden
beinahe in die Überzeugung es zu sein verwandelt Sie sah mit lebenssatter
Leerheit zum Fenster in das stille Land hinaus in dem zwei Kinder des
Hofgärtners eine bunte Glaskugel herumkegelten als der Kanarienvogel der auf
den Achseln des Fürsten wohnte und der ihn wie eine Mücke umflog von seinem
Kopf der durch sechs Fenster von ihr geschieden war auf ihren geflattert kam
Sie zog den Kopf mit dem Vogel hinein aber auch mit dem Inhaber des Tiers der
sogleich ohne Bedenken kam und sagte »Bei Ihnen hat man das Schicksal zu
verlieren aber meinem Vogel können Sie die Freiheit nicht nehmen« Leuten
seiner Art entfliesset dies alles ohne Akzent sie reden mit gleichem Tone vom
Sternen und vom KutschenHimmel und von der Bewegung beider
Ohne Umstände wollt er ihr den Pudermantel umtun sie nahm ihn aber aus
andern Rücksichten selber um und sagte sie wäre schon für den ganzen Tag
aufgesetzt bis aufs Pudern Allein sie mochte ihren Weigerungen immerhin die
schönsten Gestalten umgeben die ihr sein Stand und die von ihrer Mutter
anerzogene Hochachtung gegen sein Geschlecht befahlen am Ende sah sie sein
Widerlegen sei nicht viel besser als sein Frisieren Als er das letzte anfing
und so nahe vor ihr stand sah sie wieder das Gegenteil Jedes Haar wurd an ihr
zu einem Fühlfaden und ihr war als berührte er ihre wunden Nerven als ginge
mit ihm eine flammende Hölle um sie Auf einmal quoll ihre Bangigkeit nach den
Gesetzen der weiblichen Natur von der mittleren Stufe zur höchsten auf ich
möchte wissen obs von seinen eigennützigen Stellungen kam die ihm nichts
halfen oder von einem Kusse als der Einnahme der Benefizkomödie die er zu
seinem Besten aufführte oder von ihrem Blick auf die Pyramide des
Eremitenbergs der ihre zagende Brust mit dem Bilde und Ebenbild ihres Bruders
überfüllte genug sie sprang fieberhaft auf und nach den Worten »sie hätte so
gewiss versprochen der Residentin den Hut aufsetzen zu helfen und wäre noch
hier« erwartete sie gewiss dass ihn dieser demütigstolze Vorwurf forttriebe Er
war nicht fortzutreiben Dieses Misslingen zerriss ihre zarten Kräfte und sie
lehnte sich wankend mit dem Arme und frisierten Kopfe an die Tapete Er
vielleicht gelangweilt oder froh sie an seine Nachbarschaft gewöhnt zu haben
nahm seinen Vogel und sie und führte sie selber zur Residentin hier holte er
mit ihr das Belachen der Benefizkomödie nach und so fort
Indessen hatten sich dennoch die Qualen des äußern Kopfs in die Migräne des
innern aufgelöset sie blieb von der Tafel und solang er dasmal da war auch
aus dem Parke
Welches letzte zu erweisen nicht sowohl als zu erklären war
Achtundzwanzigster oder Simon JudäSektor
Gemälde Residentin
Vorgestern den 26 Oktober war dein Namentag Amandus Hast du wohl in deinem
Leben einen mit freudigen Augen gefeiert Hast du je am Ende eines Jahrs gesagt
möge das neue ebenso sein Ich will nicht darauf antworten um nicht trauriger
zu werden
Gustav sah nichts mehr im Garten als was er nicht suchte den Fürsten und
dergleichen er trug unnötiges dh verliebtes Bedenken sich bei jemand über
Beatens Unsichtbarkeit zu erkundigen bei den zwei GärtnersKindern
ausgenommen die nichts wussten als dass Beata wie er noch immer mit ihnen
tändle und sie beschenke Vielleicht gab sie ihnen weil er ihnen gab denn er
gab ihnen weil sie es tat Die einzigen Reliquien von ihr ihre Spazierwege
zogen ihn desto öfter an sich O wäre doch der Kies weicher oder das Gras länger
gewesen damit beide ihm den matten Abriss einer Spur dass sie dagewesen
aufgehoben hätten so würde dieser Dornengarten seiner Unsichtbaren seinen
Wünschen noch größere Flügel und seiner Wehmut größere Seufzer gegeben haben
Denn ich muss es nur einmal dem Leser und mir gestehen dass er jetzt in jenem
schwärmerischen sehnenden träumenden Zustand war der vor der erklärten Liebe
ist Dieser Traumflor muss über ihm gelegen haben da er einmal statt des
Schlangenbachs im Abendtal den er zeichnen wollte die schöne Statue der Venus
die aus diesen Wellen gezogen schien abgerissen hatte und zweitens da er
nicht sah wer ihn sah die Residentin Er kam ihr vor wie ein schönes Kind
das fünf Fuß hoch gewachsen ist er konnte mit allen seinen innern Vorzügen noch
nicht imponieren weil auf seinem Gesicht noch zu viel Wohlwollen und zu wenig
Welt geschrieben war Mit jener scherzhaften KokettenFreimütigkeit die die
erstgeborne Tochter der KokettenGeringschätzung des männlichen Geschlechts ist
sagte sie »Ich geb Ihnen für die Zeichnung das Original« und nahm die erste
und besah sie mit schöner über etwas anders denkenden Bewunderung Oefel dem
ers erzählte schalt ihn dass er nicht fein gesagt hatte »Welches Original«
Denn er hatte zur lebendigen Venus nichts gesagt
Er war es auch nicht imstande denn sie stand vor ihm mit allen Reizen die
einer Juno bleiben wenn man ihr die holde Farbe der ersten Unschuld nimmt mit
ihrem PlümagenWalde den ihr in Unterscheerau hundert nachtragen weil sie mit
wenigen meiner Leserinnen die auch mehr Federn aufsetzen als sie in ihrem
Leben Federn schließen werden so viel herausgebracht haben dass jede Juno eine
Göttin und jede Göttin eine Juno sein und dass man Damenköpfe und Klaviere stets
bekielen müsse
Sie fragte ihn nach dem Namen seines Zeichenmeisters des Genius seinen
eignen sagte sie ihm selbst Sie konnte Achtung sich erwerben bei allen ihren
Fehltritten und ihre Sünden und der Teufel schienen ihr nur als Kammermohren
nachzutreten ihr Gesicht wie ihr Benehmen trug das innere Bewusstsein ihrer
nachgebliebnen Tugenden und ihrer Talente Gleichwohl merkte sie an der scheuen
Ehrfurcht die Gustav weniger ihrem Stande und Werte als ihrem Geschlecht
erwies dass er wenig Welt habe Sie verließ alle Umwege und ging ihn geradezu um
eine Abzeichnung des ganzen Parks für ihren Bruder in Sachsen an Ich nenne das
Bitte was sie eigentlich allemal im scherzhaften Tone einer Kabinettordre an
Männer komponierte und man konnte ihren weiblichen Ukasen nichts
entgegensetzen als männliche
Eine Frau trage dir nur einmal ein Geschäft auf so bist du mit Leib und
Seele ihr alle deine saueren Tritte alle deine Mühwaltungen für sie legen sich
an ihrem Bilde das du an die Beinwände deines Kopfes ausgebreitet als Reize
an Eine retten rächen lehren schützen ist fast nicht viel besser bloß
ein wenig als sie schon lieben Gustav hörte nie eine willkommnere Bitte Den
Park riss er in kurzem ab und er konnte den Vormittag kaum erwarten an dem er
ihn überreichen durfte Wir wissen alle was er in der Residentin Zimmer noch
außer der Residentin zu erblicken suchte aber alles was er außer ihr da fand
war die kleine Elevin Laura der abwesenden Beata am Silbermannischen Klavier
Die Residentin heftete einen langen Blick in die Zeichnung »Haben Sie«
sagte sie »Stücke von unserem Hofmaler gesehen Sie sollten sein Schüler
werden und er Ihrer er hat noch kein schönes Porträt gemalt und noch keine
schlechte Landschaft Sie machen einen schöneren Fehler und geben dem Bewohner
was Sie der Landschaft nehmen in Ihrer Zeichnung sind die Statuen schöner als
der Garten behalten Sie Ihren Fehler und verschönern Sie Menschen« und sah
ihn an Meines geringen artistischen Erachtens denn man ließ noch keines aller
meiner Stücke als Akzessist in eine Bildergalerie auch suche ich mit mehr Ehre
solche Ausstellungen lieber öffentlich zu rezensieren als zu bereichern ist
gerade das Gegenteil wahr und mein Held macht gleich seinem Biographen weit
bessere Landschaften als Porträte »Versuchen Sie es« fuhr sie fort »mit
einem lebendigen Original« er schien verlegen über die Absicht ihres Rats
»nehmen Sie eines das Ihnen so lange sitzt als der Maler selber sitzt«
Oefels Eitelkeit mit Gustavs Voreiligkeit hätten hier eine dumme Höflichkeit
zusammenbringen können »Hier das darin mein ich« und sie wies auf einen
Spiegel jetzt wollt er doch mit der palingenesierten Höflichkeit herausfahren
ihre Gestalt sei über seinem Pinsel als sie zum Glück dazufügte »Malen Sie
sich und zeigen Sie mirs« Über eine zufällig verschluckte Sottise wird man
ebenso rot wie über eine herausgestossene du schöner rotglühender Gustav
Daher schreib ich hier für Kinder die noch nicht auf Winterbällen getanzt
diesen Titel aus der Kleiderordnung heraus Leuten die euch eine Erklärung
geben wollen eine in den Mund zu legen ist ebenso unhöflich als misslich
»Ich will Ihnen nur zeigen warum« sagte sie und ging mit ihrer Hand den
halben Weg zu seiner und wieder zurück und nahm ihn mit durch ihr Lesekabinett
durch ihr Bücherzimmer in ihr Bilderkabinett Wenn sie ging konnte man selber
kaum gehen weil man stehen wollte um ihr nachzusehen Bilder waren neben ihr
noch schwerer anzuschauen Sie wies ihm im Kabinett eine bunte Kette Abbilder
welche die berühmtesten Maler von sich mit eigener Hand gemalet hatten und welche
die Residentin aus der Galerie zu Florenz kopieren lassen »Sehen Sie wenn Sie
ein berühmter Maler würden und das müssen Sie werden so hätt ich Ihr
Porträt noch nicht in meiner Sammlung« Auf dem Fenster lag der steilrechte
weibliche Sonnenschirm ein grüner Spazierfächer den er vor einem gesessenen
Gericht für Beatens ihren eidlich erkläret hätte Einige Heuwägen von
Wouvermans Gras einige Zentner von Salvatore Rosas Felsen und eine Quadratmeile
von Everdingens Gründen hätt er hingeschenkt für den bloßen Fächer
Aber das ihm abgedrungne Versprechen sich selber zu malen wurde einem
Natursohne wie er welchem die Kunst noch keine Eitelkeit gegeben zu erfüllen
äußerst schwer Hundert jetzige Jünglinge zeigen mehr Kraft sich in einer
Gesellschaft vor dem Spiegel zu besehen als er hatte es in der Einsamkeit zu
tun Er fürchtete ordentlich er begehe in einem fort die Sünde der Eitelkeit
Auf diese Weise wird mein Held der sich aus dem Spiegel zu holen sucht von
drei Zeichenmeistern auf einmal besehen und gemalet von dem Lebensbeschreiber
oder mir vom Romancier oder Herrn von Oefel der in seinen Roman ein Kapitel
setzt worin er von Gustavs Liebe gegen die Bouse anonymisch handelt und vom
Maler und Helden selber So muss er denn wohl wohl getroffen werden
Von Oefels Roman »Grosssultan« erscheinet in der Hofbuchhandlung künftige
Messe nichts als das erste Bändchen und es wird dem minorennen Publikum das
unsre meisten Romane lieset und macht angenehm zu hören sein dass ich in den
Oefelschen Grosssultan ein wenig geblickt und dass darin die meisten Charaktere
nicht aus der elenden wirklichen Welt die man ja ohnehin alle Wochen um sich
hat und so gut kennt wie sich selber sondern meistens aus der Luft gegriffen
sind diesem Zeughaus und dieser Baumschule des denkenden Romanmachers denn
wenn nach dem System der Dissemination die Keime des wirklichen Menschen neben
dem Samenstaub der Blumen in der Luft herumflattern und aus ihr als dem
Repositorium der Nachwelt von den Vätern müssen niedergeschlagen und
eingeschluckt werden so müssen Autoren noch vielmehr die Zeichnungen von
Menschen aus der Luft wo alle epikurische Abblätterungen wirklicher Dinge
fliegen sich holen und auf das Papier schmieden damit der Leser nicht brumme
Einige Tage war die von Bouse nicht zu sprechen als das Original seine
Kopie zu ihr tragen wollte Endlich schickte sie nach beiden Sein Gesicht wurde
dem gemalten sehr unähnlich als sein Blick bei dem Eintritt auf seine
physiognomische Schwester fiel die mit der kleinen Bouse am Klaviere sang auf
Beata Wir armen Teufel die wir nicht an Stammbäumen sondern von Stammgebüsch
herauswuchsen werden von vier Wänden so nahe aneinander gerückt dass wir uns
warm machen hingegen die veloutierten Wände der Großen halten ihre Insassen so
sehr als Stadtmauern auseinander und es ist darin wie in Wirtzimmern wo unser
Interesse nur einige vom ganzen Haufen ablöset Beata fuhr also fort und er
fing an für ihn wars so viel als säh er sie durch das Fenster im Garten Sein
Porträt fand die günstigste Rezensentin Sie flog damit durch einige Zimmer
hindurch Gustav konnte nun seine Augen dahin tun wo seine Ohren längst waren
sein einziger Wunsch war die Elevin wäre außerordentlich dumm und sänge alles
falsch bloß damit die reizende Diskantistin ihr öfter vorsänge Es war jenes
göttliche »Idolo del mio cuore« von Rust bei dem mir und meinen Bekannten
allemal ist als würden wir vom lauen Himmel Italiens eingezogen und von den
Wellen der Töne aufgelöset und als ein Hauch von der Donna eingeatmet die unter
dem SternenHimmel mit uns in einer Gondel fährt Durch solche verderbliche
Phantasien bring ich mich im Grunde um allen wahren Stoizismus und werde noch
vor dem dreissigsten Jahre achtzehn Jahre alt
Um so leichter kann ich mir denken wie es dem jungen Gustav war der Augen
und Ohren so nahe an der magnetischen Sonne hatte wahrhaftig tausendmal lieber
will ich ich weiß recht gut was ich wage mit der Schönsten im Fürstentum
Scheerau ganz durch letztes fahren und sie nicht nur in sondern auch was weit
schädlicher ist aus dem Wagen heben noch mehr lieber will ich ihr das
Beste was wir aus dem poetischen und romantischen Fache haben gerührt vorlesen
ja lieber will ich mich mit ihr aus einem Redoutensaale in den andern tanzen
und sie wenn wir sitzen fragen ob sie heiter ist und endlich stärker kann
ichs nicht ausdrücken lieber will ich den Doktorhut auftun und ihre matte Hand
an den Aderlassstock mit meiner anschließen indes sie um nicht den Blutbogen
über dem SchneeArm zu erblicken mir in einem fort erblassend in das Auge
schauet lieber versprech ich will ich Wunden hol ich mir freilich mehre
und weitere als das Aderlassmännchen im Kalender alles das tun als die Schönste
singen hören dann wär ich leck und weg wer wollte mir helfen wer wollte
meine Notschüsse hören wenn sie in der ruhigsten Stellung den rechten
SchneeArm weich über irgend etwas Schwarzes hinschneiete die Knospe der
RosenLippen halb voneinander schlösse die tauenden Augen auf ihre Gedanken
senkte und darein verhüllete wenn der weiche DunenBusen1 wogend wie ein weißes
Rosenblatt auf den AtemWellen läge und mit ihnen auf und niederflösse wenn
ihre Seele sonst in den dreifachen Überzug der Worte des Körpers und der
Kleider geschlagen sich aus allen Hüllen wände und in die Wellen der Töne
stiege und im Meer des Sehnens untersänke Ich spräng nach
Gustav war noch im Nachspringen begriffen als die Residentin mit zwei
Porträten wiederkam »Welches ist ähnlicher« sagte sie zu Beata und hielt ihr
beide entgegen und heftete ihr Auge statt auf die drei Gesichter die zu
vergleichen waren bloß auf das welches verglich Das mitkommende war nämlich
das echte brüderliche und verlorne um das Beata an meine Philippine geschrieben
hatte »O mein Bruder« sagte sie mit zu viel Bewegung und Akzent welches zu
vergeben ist da sie erst vom Klavier herkam unter dem schnellen Ergreifen
erschrak sie so lange bis sie mit einem ungezwungnen Blick über den Rücken des
Bildes heruntergeglitscht war und keinen Namen darauf gefunden hatte Von
solchen Erdstäubchen hängt das Pochen des menschlichen Herzens oft ab den
Zentnerdruck der ganzen LebensAtmosphäre trägt und hebt es allein unter dem
schwülen Atem einer gesellschaftlichen Verlegenheit fällt es kraftlos zusammen
Wer nicht hat wohin er sein Haupt hinlegt leidet oft kleinere Pein als der
nicht hat wo er seine Hand hinlege
»Ich dachte Ihr Bruder wäre ein weitläuftiger Verwandter von Ihnen« sagte
die Residentin vielleicht boshaftdoppelsinnig um sie in die Wahl irgendeines
Sinnes zu verstricken Allerdings standen der Residentin alle Worte Ideen und
Glieder so behend zu Gebote dass die Kraft in Beatens und Gustavs Verstand und
Tugend kaum wie sonst in der Mechanik zureichte die Geschwindigkeit zu
ersetzen Aber Beata erzählte standhaft ohne Entschuldigung ohne Übergänge
alles von diesen Bildern was die Leser aus meinem Munde wissen Gustav hätte
eine solche Erzählung nicht liefern können Die Nachricht wie es in der
Residentin Hände gekommen vergaß die Residentin zu geben weil sie hundert
Antworten dazu wusste Beata vergaß sie zu verlangen weil sie das eben merkte
»Für Ihr Gesicht« sagte sie im lustigsten Tone in dem sie ohne Bedenken
das Gute von ihren Reizen sagte das andre im ernstaften davon sprachen
»könnt ich Ihnen keines geben als mein eigenes das muss ich aber meinem Bruder
in Sachsen samt dem Garten schicken malen können Sie es mit zum Park damit
beide Stücke einen Meister hätten« Dem scherzhaften Tone ist weit schwerer
etwas abzuschlagen als dem ernstaften höchstens nur wieder im lustigen aber
zu diesem waren in Gustav alle Saiten abgerissen Beata hatte die Anspielung auf
den Park nicht verstanden Bouse brachte die ganze Landschaftzeichnung und
fragte sie was ihr am meisten gefiele Diese war für das Schattenreich und
Abendtal warum ließ sie den Eremitenberg aus »Aber die Menschen im Garten«
fuhr sie fort die arme Inquisitin heftete ihren stillen Blick fester aufs
Abendtal »besonders die schöne Venus hier im Abendtal« Sie musste endlich
reden und sagte unbefangen »Der Bildhauer wird sich nicht über den Zeichner zu
beschweren haben aber vielleicht der Maler über den Bildhauer vielleicht hat
auch bloß der Frost diese Venus ein wenig verdorben« Die Residentin machte
durch ihr Lachen und ihr witziges Anblicken Gustavs ein Bonmot daraus sie ein
wenig rot ihn flammendrot sie durch letztes wieder röter und vollends durch
die Antwort »So würde mein Bruder auch denken wenn er die Venus so bekäme Sie
tun mir aber den Gefallen meine Liebe und sitzen unserem Herrn Maler mit so
kommt in unsern Park eine schönere Venus Es ist mein Ernst Die zwei nächsten
Morgen geben Sie unsern Gesichtern Herr von Falkenberg« Die Gute schwieg
Gustav der schon eingewilligt hatte mit seinem Pinsel Bousens Antlitz zu
verdoppeln wäre bei einem Haare mit der Anmerkung losgebrochen Beaten ihres
vermög er nicht mit seinem nachzudrucken Zum Glück fiel ihm ein dass sie sich
zur Tafel ankleiden würde Am Sonntag über acht Tage muss ich meinen Sektor
mit »Denn« anfangen
Fußnoten
1 Denn bekanntlich ist die männliche Brust viel härter und unbiegsamer und dem
ähnlich was zuweilen von ihr umschlossen wird Sonderbar ists dass die Eltern
ihre Töchter Dinge mit allem Gefühle singen lassen die sie ihnen nicht
erlaubten vorzulesen
Neunundzwanzigster oder XXII TrinitatisSektor
Die Ministerin und ihre Ohnmachten und so weiter
Denn er war in jenem grünen Gewölbe das Scheeraus größte Schönheiten umfing in
Bousens Zimmer nur vormittags nachmittags und später rauschten durch dasselbe
die Ströme des Vergnügens aus den Freudenkelchen von FreudenNajaden
ausgeschüttet Der halbe Hofstaat fuhr aus Scheerau her Bekanntlich hat dieser
indes das Volk nur Sabbate hat lauter Sabbatjahre und die nähern Diener des
Fürsten suchen sich von den Dienern des Staates dadurch auszuzeichnen dass sie
gar nichts arbeiten so wurden auch schon in den alten Zeiten den Göttern nur
Tiere die noch nichts gearbeitet hatten auf den Altar gelegt Ich weiß es
recht gut dass mehr als einer der paralytischen großen Welt Arbeit zumutet die
nämlich sich und andre in einem fort zu amüsieren diese ist aber so herkulisch
schwer und nützt alle Kräfte so sehr ab dass es genug ist wenn sie sämtlich
nach einer Fête morgens bei dem Auseinanderfahren oder am Tage darauf sich
verstellen und sagen »Bei alledem wars heute ein deliziöser Abend und überhaupt
alles so brillant« Große QuartantenTheologen haben längst bewiesen dass Adam
vor dem Falle kein Vergnügen aus dem Essen und andern Vergnügungen geschöpfet
habe unsre Großen sind vor ihrem Falle ebenso schlimm daran und verrichten
alles das in ihrer Unschuld ohne den geringsten Spaß dabei zu haben Ich
wollt ich könnte dem Hofstaat helfen
Ein Mensch der eine festgesetzte Arbeitstunde und wäre sie nur 30 Minuten
lang hat sieht sich für emsiger an als einer der gerade heute seinem
12stündigen Pensum 30 Minuten abgebrochen Oefel warf sich selber seine
übertriebene Anspannung vor und sagte er wüsste sich nicht zu entschuldigen dass
er jeden Morgen eine volle Stunde schreibe am »Grosssultan« Erst danach waren
die ernstaften Geschäfte des Tages zu Ende er ließ sich nun zum ersten Male
frisieren und einstäuben um als Tagschmetterling gegen alle Toilettenspiegel
anzuflattern auf den Blumenkopf der Défaillante so hieß noch die Ministerin
ließ er sich nieder Alsdann ließ er sich zum zweiten Mal frisieren und
beflügeln um als bestäubter Dämmerung und Nachtschmetterling zwischen den
Spielmarken und Schaugerichten und ihren Ebenbildern herumzusausen Ich würde
auf dieses Gleichnis nicht gekommen sein wenn mich nicht sein gehörntes und in
eine Kapsel zusammenlaufendes Abendhaar auf die Raupen der Nachtschmetterlinge
geführet hätte denen auch hinten ein Horn oder Zopf ansjetzt den Tagraupen
sitzt nichts an so wie sein abbreviertes aufgestecktes Morgenhaar es verlangte
damit sie diesem glichen
Da ich die Ministerin die Défaillante genannt und da man ihr überhaupt die
Einfalt zutrauen konnte als ob sie dem Legationrat treuer wäre als er ihr so
will ich alles sagen und für sie reden Die Eitelkeit die ihn wie eine
eingeschränkte Monarchin beherrschte regierte wie eine uneingeschränkte über
sie sie hatte und machte italienische Verse Epigrammen und alle schöne Künste
und es ist stadtkundig dass sie weil sie aufgehört hatte zur schönen Natur
zu gehören sich unter die Werke der schönen Künste warf und sich aus einem
Modell durch Schminke in ein Gemälde veredelte durch Pantomime in eine Aktrice
durch Ohnmachten in eine Statue
Das letzte ist der Kardinalpunkt sie starb wöchentlich und öfter wie jede
wahre Christin nicht ihrer Keuschheit wegen sondern sogar vor ihrer
Keuschheit ich meine ein paar Minuten sie und ihre Tugend fielen
hintereinander in Ohnmacht Wenn ich über so etwas nicht weitläufig bin so bin
ich nicht wert eine Feder zu schneiden und der Henker soll meine Produkte
holen Die Tugend also war bei der Ministerin so verdammt schlimm daran wie
bei einem Kind die junge Lieblingkatze Ich will von Tagzeiten gar nicht reden
sondern nur von Wochentagen ich will setzen an jedem Tage hätte ein andrer
Antichrist und Erbfeind ihrer Tugend statt der Visitenkarte seinen Leib
geschickt so hätt es etwa so gehen können am Montag war ihre Tugend im
strahlenlosen Neumond für Herrn v A am Dienstag im Vollmond für Herrn v B
der sagte »Zwischen ihr und einer Devote ist kein Unterschied als das Alter«
am Mittwoch im letzten Viertel für Herrn v C der sagt »je la touche dejà«
nämlich ihre âme am Donnerstag im ersten Viertel für Herrn v D der sagt
»Peutêtre que« und so fort mit den übrigen Feinden der Woche denn jeder
Gegner sah wie seinen eignen Regenbogen so an ihr seine eigne Tugend Ehre und
Tugend waren bei ihr keine leeren Wörter sondern hießen ganz gegen die
Kantische Schule der ZeitZwischenraum zwischen ihrem Nein und ihrem Ja oft
bloß der OrtZwischenraum Ich sagte oben sie hatte immer eine Ohnmacht wenn
der Montag ihrer Tugend war Es lässt sich aber erklären ihr Körper und ihre
Tugend sind an einem Tag und von einer Mutter geboren und wahre Zwillinge wie
die Gebrüder Kastor und Pollux nun ist der erste wie Kastor menschlich und
sterblich und die andre wie Pollux göttlich und unsterblich wie nun jene
mytologische Brüderschaft es pfiffig machte und Sterblichkeit und
Unsterblichkeit gegeneinander halbierten um miteinander in Gesellschaft eine
Zeitlang tot und eine Zeitlang lebendig zu sein so macht es ihr Körper und ihre
Tugend ebenso listig beide sterben allezeit miteinander um nachher miteinander
wieder zu leben Das artistische Sterben solcher Damen lässt sich noch von
einer andern Seite anschauen eine solche Frau kann über die Stärke und die
Proben ihrer Tugend eine Freude haben die bis zur Ohnmacht gehen kann ferner
über die Leiden und Niederlagen derselben eine Betrübnis die auch bis zur
Ohnmacht reichen kann nun denke man sich ob eine Frau beim vereinigten Anfall
von zwei Gemütbewegungen wovon jede allein schon töten kann noch aufrecht zu
verbleiben vermöge Bekanntlich stirbt die Ehre der Damen von Welt so wenig
wie der König von Frankreich und es ist das eine bekannte Fiktion wenigstens
ist dieser Ehre der Tod wie den Frommen ein Schlaf der über 12 Stunden nicht
dauert Ich kenne an unserem Hofe eine Art Ehre oder Tugend die gleich einem
Polypen an nichts stirbt sie kann wie die alten Götter verwundet aber nicht
umgebracht werden gleich Hornschrötern zappelt sie an der Nadel und ohne alle
Nahrung fort Naturforscher von Stand tun oft einer solchen Tugend wie Fontana
den Aufgusstierchen tausend Martern an an denen bürgerliche weibliche Tugenden
sogleich verscheiden nichts kein Gedanke von Sterben Es ist eine
wohltätige Anordnung der Natur dass gerade in den höheren Damen die Tugend eine
solche achilleische Lebens oder Wiedererzeugkraft hat damit sie erstlich
leichter die einfachen und doppelten Brüche Knochensplitterungen und
Gliederabnehmungen und überhaupt das Schlachtfeld jenes Standes ausdauere
zweitens damit jene Damen im Vertrauen auf die Unsterblichkeit und lange
Lebenslinie ihrer Tugend ihren Freuden deren physische Grenzen ohnehin so enge
sind wenigstens keine moralischen zu setzen brauchen
Ich komme wieder zu den tugendhaften Ohnmachten oder erotischen Sterben der
Ministerin zurück ich will mich aber nicht dabei aufhalten dass ich etwa sagte
wie die alte Philosophie die Kunst sterben zu lernen sei so sei es auch die
französische HofPhilosophie nur aber angenehmer oder dass ich witzigerweise
sagte qui quae scit mori cogi nequit oder dass ich Senekas Ausspruch über
Kato auf die Ministerin zöge majori animo repetitur mors quam initur sondern
ich erzähle bloß warum sie überall in Oberscheerau die Défaillante heißt
bloß darum weil ein gewisser Herr auf die Frage wie sie einen wichtigen Prozess
trotz dem versäumten Präklusiontermin doch gewonnen hätte doppelsinnig
erwiderte en défaillant
Ich komme zurück Aber ich wäre ein glücklicher Mann wenn die Zeit sich
niedersetzte und mich heranliesse so aber setz ich ihr in einer Entfernung von
mehren Monaten nach die AvantürenFracht wird täglich schwerer ich muss Papier
zu einer doppelten Geschichte zu der jetzt geschriebnen und zu der jetzt
vorfallenden haben ich ängstige mich ab und am Ende werd ich mit Mühe
gelesen Ist mir aber zu helfen
Amandus lag damals auf dem härtesten Bette von der Welt die Dornen und
SteinMatrazen der alten Mönche fühlen sich dagegen wie Eiderdunen an auf dem
Krankenbette sein ödes Auge ruhte oft auf der Stubentüre ob sie kein Gustav
öffne ob nicht der Tod in der Gestalt einer Freude einer Aussöhnung eintrete
und die Blume seines Lebens mit einem LiebeDruck gelinde niederlege aber
Gustav lag von seiner Seite auf einem Zauberbette an das ihn ein besserer Gott
als Vulkan mit unsichtbaren Kettchen heftete kaum regen konnt er sich unter
seinem Drahtgeflecht
Am Morgen wo er sich vorbereitete der Residentin das Porträt und die
Visite zu machen zündete Oefel um ihn eine Menge Raketen des Witzes an und
gestand ihm mit der Zufriedenheit mit welcher ein Belletrist stets die Armut an
leiblichen Gütern und die schwerere an geistigen an Verstand etc erträgt so
viel geradezu er habe an Gustav die Neigung zur Residentin vielleicht eher
entdeckt als beide Interessenten selbst Jede Gustavische Verneinung war ein
neues Blatt in seinen Lorbeerkranz »Ich will aufrichtiger sein« sagt er »ich
will mein eigener Verräter werden weil ich keinen fremden habe Im Zimmer wo
Sie einen Altar haben steht einer für mich es ist ein Panteon1 Sie knien
mehr vor einem Gott als einer Göttin ich aber finde da meine Venus Beata
Ihr mangelt zu einer Mediceischen nichts als die Stellung ich weiß aber
nicht welche Hand ich ihr dann in dieser Stellung küssen würde« Vor
Gustavs reiner Seele flog zum Glück dieser Klumpe von boue de Paris vorbei in
die an Höfen sogar gute Menschen ohne Bedenken treten selber Schriftstellern
aus dieser Zone hängt dieser Schmutz noch an
Ihm gefiel an Beaten und an jedem Mädchen nichts als dieses dass er wie
er dachte ihr gefalle er würde die fünfhundert Millionen Weiber auf der Erde
alle lieben wenn er ihnen allen gefiele er wieder keine einzige wenn er
keiner einzigen Er erzählte jetzt dem Gustav durch welches Fenster er im
Winterhaus von Beatens Herzen ihre Liebe zu ihm habe blühen sehen Außer einem
gewissen Tropf den ich in Leipzig gekannt und außer einer Katze die neun
Leben hat hatte kein Mensch mehre Leben als er er büsste eines ein sogleich
hatt er wieder ein frisches ich meine er hatte mehr Ohnmachten als ein andrer
Einfälle Einen solchen VexierSelbstmord konnt er begehen wenn er wollte und
wenn er ihn in seinen Dramen so nötig hatte als ein rührender Teaterdichter am
häufigsten aber taten er und der Tropf in Leipzig sich diesen Tod in effigie an
wenn sie unter einem Bündel Frauenzimmer das herauszuvisitieren hatten das in
sie am verliebtesten war Denn sie unterschieden sagten die beiden Tröpfe sich
sämtlich voneinander nicht im Dasein sondern im Grade der Liebe gegen beide
Ohnmächtige Der größte Schrecken über den pantomimischen Schlagfluß ist sagte
das ohnmächtige Paar das Notariatsiegel der größten Liebe Da also Oefel vor
drei Wochen Beaten seinen SondierTod vormachte so zitterte unter allen
SchalFichus die da waren kein so zartes und mitleidiges Herz als ihres das
weder fremden Betrug noch eigne Härte kannte Gleichgültig legte sich Oefel in
den optischen Tod verliebt stand er wieder auf und er hätte mit seiner
scheinbaren Ohnmacht beinahe eine wahre gewirkt »Ich konnte sie nur seitdem
nicht darüber sprechen« sagt er Gustav kämpfte mit einem großen Seufzer nicht
über Oefels gefühllose Eitelkeit sondern über sich selbst und über Oefels
Glück »O Beata in dieser Brust« redete sie sein Innerstes an »hättest du
ein verschwiegneres und aufrichtigeres Herz gefunden als das ist das du ihm
vorziehest es würde sein Glück verborgen haben wie jetzt seine Seufzer es
wäre dir ewig treu geblieben ach es wird dir doch treu bleiben« Dennoch
empfand er das Ekelhafte in Oefels Eitelkeit nicht ganz weil ein Freund sich
unserem Ich so sehr inokuliert und damit verwächset dass wir seine Eitelkeit so
leicht wie unsre eigne und aus gleichen Gründen übersehen
Da es meinem Gustav im Buche wie im Leben gehen kann so hätt ich folgende
Anmerkung noch eher machen sollen niemand war leichter zu verkennen als er
alle Strahlen seiner Seele brach die Wolkenhülle milder Demut ja seitdem Oefel
ihm Stolz auf dem Gesichte vorgeworfen sucht er gerade so demütig auszusehen
als er war sein Äußeres war still einfach voll Liebe ohne Ansprüche aber
auch ohne durchbrechenden Witz und Humor Phantasie und Verstand arbeiteten in
ihm wie in einem einsamen Tempel Altarblätter mit großen Massen und ließ
mithin nicht wie andre Dosenstücke und Medaillons von der Zunge purzeln er
war was Descartes von der Erde glaubt eine inkrustierte Sonne aber unter den
phosphoreszierenden Lichtern des Hofes ein dunkler Erdkörper er war das äußere
Gegenteil von Ottomar der mit seiner Sonne seine Kruste durchgebrannt hatte und
nun vor den Leuten stand blitzend knisternd glühend anreissend einäschernd
und ausbrütend Gustavs Seele war ein gemässigtes Land ohne Stürme voll
Sonnenschein ohne Sonnenhitze ganz mit Grün und Knospen überzogen ein
magisches Italien im Herbst Ottomars seine aber war ein Polarland das sengende
lange Tage lange EisNächte Orkane EisBerge und Tempische TälerFülle
durchstrichen
Der Gustavischen Bescheidenheit kam also nichts natürlicher vor als dass
Beata einen der seinen Geist und Körper so gut zu zeigen wusste über ihn
stellte der beides nicht konnte und der dazu einmal ihren Vater halb tot
geärgert hatte Sein Blut ging mithin langsam traurig da er zur Residentin
schlich Es war ihm als könnt er heute sie als seine Freundin ansehen das
tat er wirklich halb als sie ihm noch dazu ein ebenso trauriges Air und Gesicht
entgegentrug dem ähnlich in dem eine Frau eine Woche nach dem Verlust ihres
Geliebten mit leeren Augen und erkälteten Wangen am meisten rührt Es sei sagte
sie der Sterbetag ihres jüngsten Bruders den sie und der sie am meisten
geliebt Sie ließ sich in Trauerkleidung malen Nichts wirkt stärker als der
Lustige der einmal in die Halbtöne des Kummers fällt Gustav hatte überhaupt zu
viel Zuneigung für Menschen in deren Ohren das Trauergeläute irgendeines
Verlustes widertönte ein Unglücklicher war ihm ein Tugendhafter Die Residentin
sagte ihm sie hoffe er werde den heutigen Kummer aus ihrem wirklichen Gesichte
wegmalen und ihn bloß ins gemalte bannen sie habe deswegen diese Zerstreuung
auf heute verlegt morgen sei ihr gewiss besser sie spielte nachlässig mit der
bloßen rechten Hand einige Tänze aber nur ein paar Takte und mit vergeblichem
Kampfe gegen ihren Trübsinn er sollte ihr etwas erzählen eh er anfinge
damit er nicht einem Gesicht das sie nur ein paar Tage im Jahr trüge ein
ewiges Leben in seinen Farben gäbe Aber er hatte noch am Hofe weder Stoff noch
Manier zu erzählen gewonnen endlich fiel sie auf seine unterirdische
Erziehung Bloß ihrem heutigen Gesichte war er so etwas in dem Wolkenbruch von
Herzergiessung den er seit Amandus Groll entbehret hatte zu erzählen fähig Da
er fertig war sagte sie »Zeichnen Sie nur Sie hätten mir etwas anders
erzählen sollen«
Sie nahm ihre kleine Laura auf den Schoss dem Fürsten der ein
leidenschaftlicher Tiermaler ist musste sie statt mit der Kleinen mit einem
Seidenpudel sitzen welche Gruppe fällt aber jetzt sein Auge sein Herz und
seine Zeichenfeder an um diese drei Dinge zu verrücken Sie zittern wenigstens
alle indem die Mutter die Händchen der Laura in eine malerische und kindliche
Umschlingung legt indem sie schweigend traurend mit den Lippenwellen gegen
den Kummer des Auges streitend ihm denkend in das seine blickt und mit der
nächsten Hand das Haar der Kleinen spielend krümmt Wahrhaftig zehnmal dacht
er wenn ein Engel einen Körper umtun wollte der menschliche wäre nicht zu
schlecht dazu und er könnte in dieser ReiseUniform in jeder Sonne erscheinen
Seine Zeichnung wurde so treffend dass der Residentin vielleicht ein paar
Unähnlichkeiten lieber gewesen wären sie hätten größere Ähnlichkeit ihres
zweiten Bildes in ihm angesagt Sie kam jetzt durch sanfte nicht wie sonst
scherzhaftspringende Übergänge von seinem MalerLohn und von den Nachteilen
seiner Erziehung auf die Vorbereitungen zu seiner Legationrolle sie deckte
ihm aber mit langsamer vertraulicher Hand seinen Mangel an Welt auf sie bot
ihm ihren Zutritt zu sich an und lud ihn zum Souper auf morgen ein »Aber
vormittags« setzte sie lächelnd hinzu »kommen Sie nicht schon Beata will
durchaus nicht gemalet sein«
Der Leser hat im ganzen Buche noch nicht drei Worte reden oder schreiben
dürfen jetzt will ich ihn ans Sprachgitter oder ins Parloir lassen und seine
Fragen nachschreiben »Was hat denn« fragt er »die Residentin vor Will sie
aus Gustav ein gezähntes Kammrad schnitzen das sie in irgendeine unbekannte
Maschine setzt Oder bauet sie den Jägerschirm und zwirnt die Prallnetze um
ihn zu fällen und zu fangen Wird sie wie jede Kokette dem ähnlich der ihr
nicht ähnlich werden will wie nach Platner der Mensch das was er empfindet so
sehr wird dass er sich mit der Blume bückt und mit den Felsen hebt«
Der Leser bemerke dass der Leser selber hier Witz hat und gehe weiter
»Oder« geht er also weiter »geht die Residentin nicht so weit sondern
will sie aus Edelmut worüber man oft die optischen Kunststücke ihrer Koketterie
verzeiht den schönsten uneigennützigsten Jüngling aus den schönsten
uneigennützigsten Gründen aufsuchen und ausbilden Oder könnens nicht auch
alles bloße Zufälle sein und nichts leuchtet mir so ein an welche sie als
Rennerin durch Lustaine die flatternde Schlinge eines halben Planes fliehend
befestigt ohne in ihrem Leben am andern Tag nach dem strangulierten Fang der
Dohnenschnait im mindesten zu sehen Oder irr ich gänzlich lieber Autor und
ist vielleicht von allen diesen Möglichkeiten keine wahr« Oder lieber Leser
sind sie alle auf einmal wahr und du errätest darum eine Launenhafte nicht
weil du ihr weniger Widersprüche als Reize zutrauest Der Leser bestärket mich
in meiner Bemerkung dass Personen die niemals die Gelegenheit haben konnten
der großen Welt tägliche Klavierstunden zu geben wie zB leider der sonst
treffliche Leser zwar alle mögliche Fälle irgendeines Charakters vorzurechnen
aber nicht den wirklichen auszuheben vermögend sind Übrigens verlasse sich
der Leser auf mich der ich schwerlich ohne Grund Vorzüge verkleinern würde die
mir selber ansitzen übrigens hat er die Armut an gewissen konventionellen
Grazien an gewissen leichten modischen und giftigen Reizen die ein Hof nie
versagt weit weniger zu bedauern als andre Höflinge der Autor wünschte
nicht darunter zu gehören ihren Reichtum an dergleichen GiftSpezies wirklich
zu beklagen haben denn auf diese Art blieb er ein ehrlicher und gesunder Mann
der Herr Leser aber wer ihn kennt würde der Bürge gewesen sein dass er falls
alle Bänder und Zügel der großen Welt an ihm gezuckt und gezogen hätten außer
seiner Ehrlichkeit auch seine Unähnlichkeit mit den Leuten von Ton behalten
hätte die die Misshandlung des schönsten Geschlechts mit verlorner Stimme und
verlorenen Waden büßen wie nach den ältesten Theologen die WeiberVersucherin
die Schlange die vorher reden und gehen konnte durch die aktive Verführung
Sprache und Beine verscherzte
Fußnoten
1 Im römischen Panteon standen nur zwei Götter der Mars und die Venus
Dreissigster oder XXIII TrinitatisSektor
Souper und Viehglocken
Heut arbeit ich im Hemd wie ein Hammerschmied so abscheulich lang und schwer
ist der dreissigste Sektor Da Gustav von Oefel erfuhr dass ein kleines Souper
bei der Residentin so viel heiße wie bei uns das größte so teilte er in seinem
Kopf eh er es zieren half Personen und Rollen aus und sich die längste
den einzigen Fehler beging er allemal dass wenn er endlich auf die Bühne kam
und spielen sollte er nicht spielte Eh er in eine große Gesellschaft ging
wußt er Wort für Wort was er sagen wollte kam er wieder heraus so wußt er
in der Kulisse auch was er hätte sagen sollen aber gesagt hatt er darin
weiter nichts Es kam nicht von Menschenfurcht denn es war ihm fast leichter
etwas Kühnes als etwas Witziges zu sagen sondern davon kams dass er das
Gegenteil einer Frau war Eine Frau lebt mehr außer als in sich ihre fühlende
SchneckenSeele legt sich fast außen um ihre bunte KörperKonchylie an sie
zieht ihre Fühlfäden und Fühlhörner nie in sich zurück sondern betastet damit
jedes Lüftchen und krümmt sie um jedes Blättchen mit drei Worten das Gefühl
das der Arzt Stahl der Seele von der ganzen Beschaffenheit ihres Körpers
zuschreibt ist bei ihr so lebendig da sie in einem fort fühlt wie sie sitzt
und steht wie das leichteste Band aufliegt welchen Zirkelbogen die gekrümmte
Hutfeder beschreibt mit zwei Worten ihre Seele fühlt nicht nur den Tonus
aller empfindlichen Teile des Körpers sondern auch den der unempfindlichen der
Haare und der Kleider mit einem Worte ihre innere Welt ist nur ein Weltteil
ein Abdruck der äußern
Bei Gustav aber nicht seine innere Welt steht weit abgerissen neben der
äußern er kann von keiner in die andre die äußere ist nur der Trabant und
Nebenplanet der innern Seiner Seele in den GehirnWeltglobus den der Hut
bedeckt eingesperret verbauen die bunten eignen Gewächse auf denen sie sich
wiegt und vergisset die Aussicht auf die Gegenstände jenseits ihres Körpers
die nur dünne Schatten auf ihre GedankenAuen werfen sie sieht also die äußere
Welt nur dann wenn sie sich ihrer erinnert dann ist diese in die innere
versetzt und verwandelt Kurz Gustav beobachtet nur das was er denkt nicht was
er empfindet Daher weiß er niemals seine Ideen und Worte mit den
vorüberschiessenden Ideen und Worten andrer Leute zu amalgamieren Der Hofmann
schraubt auf und zu und die Kaskaden seines Witzes springen und schimmern
Gustav hingegen wirft erst den Eimer in den Ziehbrunnen und will darin den Trunk
mit der Zeit herausdrücken Eine feinere Ursache geb ich unten an
Oefel rühmte ihm am Morgen dieses wichtigen Souper so viel von Beaten vor
er würde heute ihr coeur so sehr im Gleichgewichte mit dem esprit der Residentin
sehen dass er alles Sehen verwünschte und einen zweiten Grund bekam sein
schweres Herz ins stille Land zu tragen Sein erster war er schickte sich
allemal zu einer großen Gesellschaft dadurch an dass er vorher in die größte
ging unter den großen blauen Himmel Hier unter kolossalischen Sternen an der
Brust der Unendlichkeit lernt man sich erheben über metallene Sterne neben das
Knopfloch genäht von der Betrachtung der Erde bringt man Gedanken mit durch
die man die Erdstäubchen die man Menschen nennt kaum wirbeln sieht und die
farbigen GoldInsekten womit sich das Gewächsreich musivisch stickt werden von
der Gold und Juwelenstickerei der Hofpracht nicht übertroffen nur nachgeahmt
Gegenwärtiger Verfasser stattete allemal dem großen Erd und Himmelzirkel
einen Besuch vor und einen nach dem Besuche ab den er einem kleineren Cercle
machte damit der große die Eindrücke des kleinen verhütete und verlöschte
Ich werde rot wenn ich mir denke wie unbehülflich sich mein Gustav durch
zwei Vorzimmer in einen Salon mag haben führen lassen wo wenigstens schon an
sieben Spieltischen Streiter saßen Feinheit der Denkart ist Anlage Feinheit
des Ausdrucks ist eine Frucht wozu nicht gerade Hofgärtner nötig sind aber
Feinheit des äußern Anstands ist nirgends zu holen als da wo sie alles gilt in
der großen Welt voll Mikrokosmen Sollt ich von letzterer Feinheit mehr
aufzuweisen haben als man gewöhnlich bei meinem AdvozierStand sucht so bin
ich nie so eitel sie aus etwas anderem abzuleiten als aus meinem Leben am
Scheerauer Hof Die Residentin Beata ohnehin nicht spielte selten und mit
Recht eine Frau die mit ihrem Gesichte andre Herzen gewinnen kann als
lackierte auf der Karte und die den Männern einen andern Kopf nehmen kann als
den auf Metalle gedrückten tut übel wenn sie sich mit dem Kleinern begnügt
sie müsste denn mit den schönsten Fingern taillieren und coupieren können die
ich noch in weiblichen Handschuhen und Ringen gesehen Vor dem funfzigsten Jahre
sollte keine spielen und nach ihm nur die die der Mann und die Tochter
verspielen sollte Hingegen der poetische Gladiator Herr von Oefel diente
unter der Armee die nach dem Modejournal in jeder Winternacht 12000 Mann
stark ist in den vorderen deutschen Reichskreisen nämlich mit und gegen
LhombreSpieler Die Residentin war eine brillante Sonne der immer Beata als
Abendstern nachzog Sanfter holder Hesperus am Himmel du wirfst deine
StrahlenSilberflitter auf unser ErdenLaub und schließt leise unser Herz für
Reize auf die so sanft wie deine sind Alle Sommerabende die mein Auge in
Träumen und Erinnerungen auf deinen über mich erhöhten UnschuldAuen verlebte
belohn ich dir versilberter schönster Tautropfe in der blauen
ÄtherGlockenblume des Himmels indem ich dich zu einem Bilde der schönen Beata
mache O könnt ich doch ihre Heiligengestalt aus meinem Herzen heben und
hieher auf meine Blätter legen damit es der Leser sähe nicht bloß begriffe
wie von der junonischen Bouse aus der alle weibliche Reize brechen selber
seltene Uneigennützigkeit doch aber Unschuld und weibliche bescheidne
Zurückgezogenheit nicht wie von ihr alle diese hölzernen Strahlen abfallen
wenn sich neben ihr mehr verhüllt als zeigt Beata welche über die heftigsten
weiblichen Wünsche den innern Sieg erhält und doch weder Sieg noch Kampf verrät
die ohne Bousens TrauerHülse und Trauerspielen ein erweichtes Herz dir gibt
und deinen Blick unwiderstehlich beherrschet und mit der du im Mondschein
gehen kannst ohne sie oder den Nachthimmel auf der Erde minder zu genießen
Gustav fühlte noch mehr als ich und ich fühle in meinen biographischen Stunden
wieder mehr als sonst in meinen musikalischen
Bei Gelegenheit wenn sie essen werd ich auch die übrigen Gäste abfärben
Unter dem gesellschaftlichen Tumult der sowohl Gustavs Sinnen als Ideen
betäubte fiel freilich nur Beatens halbes Sonnenbild in seine Seele Aber
nachher freilich Vorher aber lagen beide mit der Residentin unter dem
Fensterbogen die ironisch Gustaven vor Beaten entschuldigte dass er heute nicht
mit dem Pinsel gekommen eine Menge zufälliger Zwischenredner zu geschweigen
Die Residentin wurde ihnen entrissen die nahe und einsame Stellung nötigte
beide zum Sprechen und Beaten zum Bleiben Gustav der schon vor der Assemblee
im Kopfe hatte was er sagen wollte sagte nichts Aber Beata endigte das vorige
Gespräch über das Abzeichnen und sagte »Wenn Sie mich nicht schon entschuldigt
haben so kann ich mich nicht entschuldigen« Ein andrer von mehr Wendung hätte
geradezu Nein gesagt und so im Scherze der keine Verlegenheit zuließ die Fäden
der Vogelspinne um das arme Kolibri herumgewunden Gustav hatte zu starke
Gefühle um hier zu scherzen An einer Menge schwerer Materien wovon euch alle
Handhaben abbrechen hält bloß die des Scherzes fest und ihr könnt sie damit
regieren besonders wenn ihr mit Mädchen unter Fensterbögen sprecht
Gustav suchte längst Gelegenheit Beaten andre Teile seiner Seele zu zeigen
als damals in der KornSache zum Vorschein gekommen jetzo hätt er die
Gelegenheit obwohl keine Mittel gehabt wenn nicht der Park mit dem
AbendSchmuck sich vor das Fenster gelagert hätte Aber NaturSchönheit war die
einzige Sache worüber er mit andern Schönheiten begeisternd und begeistert
sprechen konnte und er konnte am frischesten alle Weltreize in einen Morgen
zusammendrängen wenn er seinen Eintritt aus der Erde hinauf in das hohe
Weltgebäude beschrieb Auf jedes Wort und Bild das er sagte oder sie
zurückgab war eine Seele geprägt die sie einander zugetrauet hatten Plötzlich
schwieg er mit weiten glänzenden Augen ihm war als gehe in seiner Seele ein
ZauberMond auf und scheine über ein weites dämmerndes Land und ein Engel seiner
Kindheit steh im Blütenlande und nehm ihn in seine Arme und drück ihn so an
sich dass das Herz an ihm zerflösse Und worauf ruhte dieses innere
Landschaftstück Worauf das berühmte Strassburger Uhrwerk ruht auf einem
Tierhals dieses liegt nämlich auf einem PegasusNacken seines trugen die Hälse
des zufällig vor dem Schloss heimgehenden Weideviehs an denen solche Glocken
hingen die denen der Herde Reginens ähnlich klangen und die mithin die ganze
Jugendszene mit ihren Tönen wieder in seine Seele setzten In einer solchen
Stimmung hätt er in einer NationalVersammlung geredet auch machte der Tumult
der beide einfasste sie einsamer und vertraulicher kurz er erzählte ihr mit
Feuer und historischen Auslassungen seine Schäferei mit einem Lamm auf dem Berg
Dieses Schwärmen steckte sie wie jedes alle Weiber so sehr an dass sie
anfing zu schweigen
Die Not zwang beide jetzt einen äußern Gegenstand wie ein Schwert im
fürstlichen Bett zwischen ihre zusammenfliessenden Seelen zu bringen sie sahen
auf die beiden GärtnersKinder unten hinab und zwar so begierig dass sie nichts
sahen Der Junge sagte »Mich hat das Fräulein Beata so lieb« und streckte
beide Arme auseinander das Mädchen sagte »Mich hat der Herr Gustav so groß
lieb wie das Schloss« »und mich« replizierte er »so groß wie den Garten«
»und mich« exzipierte das Mädchen »so groß wie die ganze Welt« Darüber
konnten die Flügel des Jungen nicht hinaus und hätten seine Schwanzfedern über
den KathederHorst hinausgestochen Jedes zählte dem andern die Liebepfänder
die es von den oben über gegenseitiges Lob erfreueten Zuhörern erhalten hatte
und sagte bei jedem Stück »Hast du das gkriegt«
Mit jenem hastigen Sprung der Kinder zu einem neuen Spiel sagte das Mädchen
»Jetzt musst du der Herr Gustav sein und ich will das Fräulein Beata sein
Jetzt will ich dich liebhaben nachher musst du mich« Sie strich ihm sanft die
Backen und dann die Augenbraunen und endlich die Arme und manipulierte den
Herrn »Jetzt mich« sagte sie mit schnell herunterhängenden Armen Der Junge
warf seine Arme so eng um ihren Hals dass die zwei Ellenbogen sich
durchschnitten und schürzten und als überflüssige Bandschleifen über den
Liebeknoten hinausragten er küsste sie derb Plötzlich fand ihre kritische Feile
einen verdammten Anachronismus an diesem historischen Schauspiele und sie sagte
fragend »Ja der Herr und das Fräulein haben sich ja nicht lieb«
Das war zu viel für die Frontloge oben die zugleich das Auditorium und das
Original der kleinen Spieler war und die Kopie derselben zu werden in Gefahr
geriet Gustav hielt das Augenlid gewaltsam offen damit es das Wasser worin
sein Auge stand zu keiner sichtbaren auf die Wange fallenden Träne vereinigte
und die gerührte Beata ließ ohne oder mit Absicht ihre Rose abgeknickt zu
Boden zittern er bückte sich nach ihr lange und ließ seine Träne verborgen
wegsinken aber da er ihr die Rose gab und beide furchtsam die gesenkten Augen
auf der Blume versteckten und hefteten und da sie ein herspringender Tropf
unterbrach so standen plötzlich ihre aufgeschlagnen Augen einander wie der
aufgehende Vollmond der untergehenden Sonne gegenüber und sanken ineinander und
in einem Augenblick unaussprechlicher Zärtlichkeit sahen ihre Seelen dass sie
einander suchten
Der springende Tropf war Oefel der Beatens Arm haben wollte sie in den
Speisesaal zu führen Jetzt Leser trag ich dir statt lebendiger Rosen wie
unser SeelenPaar ist lauter in Butter gesottene Rosen auf Sechs oder
siebenundzwanzig Gedecke glaub ich waren Ich will hier statt eines
Küchenzettels einen Passagierzettel der Gäste verfertigen Erstlich waren am
Tische und im Schloss zwei keusche Menschen Beata und Gustav welches ein
Beweis ist dass schöne Seelen an allen Orten wachsen sogar an den höchsten so
ließ der Kaiser Joseph jährlich einige Nachtigallen in den Augarten werfen
damit man da was hörte
Nro 2 war der Fürst der in seinem kurzen Leben mehr Weiber in der Nähe
gesehen als der Ochs Apis dessen Leben doch so lang war wie das ägyptische
Alphabet Er war an dieser Tafel was er auf seinen Reisen an mancher table
dhôte nicht zu sein vermochte der Bruder Redner und der Hauptwind unter 63
andern Nebenwinden Seine Krone hatten sämtliche Damen auf
Nro 3 war sein apanagierter Bruder den der gekrönte hasste nicht weil er
zu viel Volkliebe hatte und verdiente sondern weil er einmal todkrank war und
nicht starb sondern von der Apanage fortlebte Das Gerippe dieses Bruders würde
den Fürsten wie ein jedes Gerippe Ägypter und Griechen zu einem freudigern
Genuss des Gastmahls überredet haben
Nro 4 war ein Michaelisritter aus Spaa Herr v D dessen Ordenstern in
Scheerau noch Strahlen abschickte nachdem er in Paris längst vernichtet war So
sagt Euler dass ein Fixstern am Himmel noch wegen seiner Entfernung sein
Schimmern fortsetzen kann ob er gleich längst eingeäschert worden
Nro 5 war Kagliostro der unter so vielen pointierenden Köpfen das
Schicksal der Ärzte und Gespenster und Advokaten hatte dass seine öffentlichen
Spötter zugleich seine geheimen Jünger und Klienten sind
Nro 6 war mein Gerichterr von Röper der weil er mit dem Fürsten etwas zu
sprechen hatte dageblieben war Er war der einzige im ganzen Esskonvent der
zweierlei tat erstlich dass er alle Weinsortiments des Bousischen
WeinInventariums sich reichen ließ um von allen Weingütern der Residentin
denjenigen deutlichen oder doch klaren Begriff in seinen Magen zu bringen
worauf die älteren Logiken so sehr dringen zweitens dass er einen so großen Wert
auf das frikassierte marinierte etc Essen legte als wenn ers gäbe und nicht
bekäme und immer höflicher und gebückter wurde je satter und voller er wurde
gleich einer Wurst die sich krümmt wenn man sie füllet
Nro 7 8 9 waren zwei grobe Regierungräte und ein grober
Kammerpräsident wovon die zwei ersten den ganzen Hof verachteten weil er
keine andern Pandekten im Kopfe hatte als literarische und der dritte weil er
sich es ausmalte wie viel Pensionen und Gagen der ganze Hof ohne die Kammer
dh ohne ihn wohl hätte und sämtliche drei weil sie glaubten sie hielten den
Thron ob sie gleich nichts hätten tragen können als in Salomons Tempel das
eherne Meer
Nro 10 war die Residentin die sich nach dem Tone eines jeden stimmte und
doch durch ihren eignen sich von allen Weibern unterschied gleich dem König
Mitridates redete sie die Sprachen aller ihrer Untertanen
Nro 11 12 war eine durchreisende Äbtissin und eine verwittibte Fürstin von
die ihrem Stande gemäß einsilbig und hautain waren
Nro 13 war die Défaillante deren größte Reize und Anziehkraft in den
kleinen Füßen angebracht waren wie in den zwei Füßen eines armierten Magneten
Der Kopf ihr zweiter Pol stieß ab was der untere zog
Nro 00000 gehen mich nichts an es waren alte in den Schminksalpeter
eingepökelte DamenGesichter denen aus dem Schiffbruch ihres untergesunknen
Lebens nichts geblieben war als ein hartes Brett auf dem sie noch sitzen und
herumfahren nämlich der Spieltisch
Nro 00000 gehen mich auch nichts an es waren eine Garbe Hofdamen
verschnittene Spaliergewächse an den Tapeten oder vielmehr Einfassunggewächse
um fruchtbare Beete sie hatten Witz Schönheit Geschmack und Betragen und
wenn man zur Flügeltür hinaus war hatte mans schon wieder vergessen
Nro 0000 war eine Kompagnie Hofleute mit roten und blauen Ordenbändern
durchschnitten welche an ihnen wie die rote und blaue Farbe des Spiritus in
Termometern stehen damit man ihr Steigen besser sehen könne die gleich dem
Silber glänzten und alles was sie berührten schwarz machten die keinen
höheren und breitern Himmel sich denken konnten als den Tronhimmel und keinen
größeren Tag im Jahr als einen Kourtag die in ihrem Leben weder Väter waren
noch Kinder noch Ehegatten noch Brüder sondern bloß Hofleute die Verstand
hatten ohne Grundsätze Kenntnisse ohne Glauben daran Leidenschaften ohne
Kräfte satirisches Gefühl der Torheiten ohne Hass derselben Gefälligkeit ohne
Liebe und Freimütigkeit zum Spaß deren Echteit man wie die des Smaragds daran
prüft dass sie wie er kalt bleiben wenn man sie mit dem Munde erwärmen will
und die die Wahrheit zu sagen der Satan schildern mag und nicht ich
Oefel war zwischen Beata und die Ohnmächtige eingemauert Gustav wars ihnen
gegenüber zwischen zwei kleine witzige Dämchen aber er vergaß die Nachbarschaft
seiner Arme über die seiner Augen Aus Oefels Gliedern schossen Witzfunken als
wenn ihn die Seide die ihn umlag elektrisieren hälfe Die Ohnmächtige war
ihrer Lehnherrschaft über ihn so gewiss dass sie es für keinen Lehnfehler ansah
wenn ihr Lehnmann Beaten seiner TellerNachbarin die schönsten Dinge sagte
»Er wird sich« dachte sie »ärgern genug dass er aus Höflichkeit nicht anders
kann« Dem Herrn von Oefel war am Ende nie um etwas anders zu tun als um den
Herrn von Oefel er lobte nicht um seine Achtung sondern um seinen Witz und
Geschmack auszukramen er unterdrückte weder Schmeicheleien noch Satiren wenn
sie gut und ungegründet waren er tadelte die Weiber weil er beweisen wollte
er erriete sie und weil er das für schwer hielt und ich halte ihn für einen
Narren
Drei Bergbohrer setzte er gewöhnlich an einem Mädchenherzen an um eine
Lücke darein zu bringen in die er das Schiesspulver legte womit er die vererzte
Liebeader aus dem Mädchen hervorsprengen wollte Seine erste Miniergrube die er
heute wie allemal im weiblichen Herzen lud war bei Beaten dass er mit ihr lange
von ihrem Anzug sprach es ist ihnen behauptete er einerlei ob man von ihren
Gliedern oder ihren Kleidern redet aber ich behaupte die Hässliche trägt ihren
Anzug als ihre Frucht die Kokette als die bloße Gartenleiter oder den
Obstbrecher und die Gute als das Laub der Frucht Beata trug ihn wie Eva als
Laubwerk
Zweitens stellte er um Beaten die Schlag und Garnwände der Metaphern um
sie darin zu jagen er behauptete wie die Mädchen das singen was sie nie
sagen würden gleich denen die zu stammeln aufhören wenn sie zu singen
anfangen so lassen sie in Bildern und Allegorien alle die Geständnisse ihres
Innern aus sich winden die man ihnen mit eigentlichen Worten nie abföchte ob
es gleich einerlei wäre ich hingegen behaupte diese taugen nichts und die
die so viel taugen als Beata können nicht mit Worten gefangen werden weil ihre
Gedanken nie schlimmer sind als ihre Worte Freilich aus einem Zimmer oder
Herzen wo es innen brennt und raucht lodert die Flamme aus der ersten Öffnung
heraus die du aufmachst
Seine dritte Behauptung und List war Männer fühlten den Wert des Einfachen
und das Erhabene der Aufrichtigkeit und der geraden Versicherung »ich habe dich
lieb« aber Mädchen wollten tournure und Feinheit und Umschweife in diese
Versicherung die türkische Briefstellerei durch gewachsene Blumen wär ihnen
lieber als die mit poetischen eine tätige Schmeichelei lieber als eine
wörtliche ich aber behaupte dass er recht hat Daher ließ er zB seine
Repetieruhr vor der Ohnmächtigen allemal die Stunde ihres letzten Rendezvous
repetieren und er gefiel ihr unendlich daher sah er eine allemal wenns zu
machen und zu merken war schielend hinter dem Rücken im Spiegel an daher
steckt er gegen Beaten voll Teufeleien die ich fast alle nennen sollte Zwei
nenn ich auch Er erinnerte sich erstlich dass er sich zu vergessen und auf
ihre Hand die seinige im Feuer des Redens zu legen habe darauf stellt er sich
als besänn er sich als nähm er seiner Hand ein Lot ums andre in der Absicht
sie unvermerkt wegzuheben sobald sie mehr nicht wöge als ein Fingerglied »So
handelt« sagt er zu sich »feinere Delikatesse immer und ich werd es sehen
was sie verfängt« Seine zweite Teufelei war dass er in der Spiegelplatte woran
er saß ihr Gesicht seinem eignen gab er statt des Preises nur das Akzessit
anschielte und bewunderte da er doch das Original näher hatte Eine Schäferin
von Porzellan trieb Schäfchen über den Spiegel »Ich habe noch keine schönere
Schäferin unter Glas gesehen« sagt er doppelsinnig »aber ich ein schöneres
Schaf« sagte die Défaillante und meinte ihn
Diese Spiegelplatte kam mit ihrer Schäferin die über ein umblümtes Ufer in
das gläserne Wasser sah und mit ihrem Lamm und Schäfer fast dem Gustavischen
Kindheitspiele nahe Beatens Auge verlor sich unwillkürlich zwischen diese
Blumen und nahm ihr Ohr mit sich in welches der Legationrat vergeblich mit
seinem krieglistigen Witze einzubrechen trachtete Gustavs Augen suchten und
mieden nur Augen nicht Szenen aus dem gesellschaftlichen Gewühl unter dem
seine innern Flügel erlagen konnt er nur durch einen Springstab von außen in
die Höhe Denn die ausgenommen die ihm ähnlich war rjetzten und beizten die
andern alle die es nicht waren sein Inneres so sehr mit ihren Tischreden dass
er nie in größerer Beklemmung war als heute Ich will das fliegende
Tischgespräch das die Tugend betraf in Gedankenstrichen abgemarket hersetzen
weil mehre Köpfe daran sprachen wie am BauernTischgebet die ganze Familie
antiphonierend betet
»Man hat keine Tugend sondern nur Tugenden Die Weiber haben sie die
Männer bekriegen sie Tugend ist nichts als eine ungewöhnliche Höflichkeit
Tugend ist un peu de pavillon joint à beaucoup de culasse1 mais le moyen de
nêtre que lun ou que lautre Sie ist wie die Schönheit überall anders
die Köpfe sind hier spitz dort breit so ists mit den Herzen die darunter sind
Schönheit und Tugend zanken und lieben sich wie ein Paar Schwestern und doch
geben sie einander ihren Putz bezog sich Man denkt nie so gern an die
Tugend als wenn man die Rosenmädchen in Salency sieht Sie wird auch an andern
Orten gekrönt bezog sich wieder usw«
Kurz jeder Ton und Blick erwies nicht sondern setzte es schon voraus dass
Tugend nichts wäre als der Ökonomus des Magens die Konviktoristin der Sinne
die Offiziantin und Tochter des Körpers Der Liebe gings wie der Tugend »Die
Julie des Jean Jaques« sagte einer »ist wie tausend Julien oder wie Jean
Jaques selber sie beginnt mit Schwärmen endigt mit Beten aber das Fallen ist
zwischen beiden«
Niemand als wer einmal in Gustavs Lage war wer einmal das verheerende
Bestürmen seiner tiefsten Überzeugung von der Möglichkeit und Göttlichkeit der
Tugend in einem Kreise witziger und entscheidender Leute von Stande erlitt wen
unter solchen Erschütterungen deren jede ein Riss in die Seele ist sein eigenes
Unvermögen kränkte solche Tugend und HeiligenStürmer zu beschämen geschweige
zu bekehren wen unter diesen HerodesBeschimpfungen seiner Heilandin nicht
einmal der Stolz aufrichtete der zwar gern mit uns auf unserm besonderen Zimmer
isset aber an der table dhôte aus unserem Innern eilt bloß also wer in
solchen Lagen keuchte kann sich Gustavs Alpdrücken in der seinigen denken
Selbst Beatens Angesicht das die Partei der Tugend und der Liebe nahm
konnt ihn nicht gegen jene persiflierenden Frostgesichter decken aus denen
wie aus GletscherSpalten bei wechselnder Witterung schneidende Winde bliesen
und die das Herz zerphilosophierten und das Gefühl des eignen Werts zerrissen
In Gustavs Alter machen die Gustave zwei grundfalsche Schlüsse sie suchen
erstlich unter jeder tugendhaften Zunge ein tugendhaftes Herz zweitens aber
auch unter jeder schlimmen ein schlimmes
Gustav würde wenig danach gefragt haben dass er nicht viel antworten
geschweige fragen konnte wären ihm nicht zwei Ohren gegenüber gesessen die
etwas Bessers wert waren als was sie zu hören bekamen Er glitschte allemal
neben der rechten Taste hinaus und griff Konsonanzen wo Dissonanzen in der
Partitur geschrieben standen und umgekehrt Bald erstaunte er über die fremden
freimütigen Lizenzen bald erstaunten seine Nachbarn über seine und Witz wär
ihm leichter gewesen als einen Ton zu treffen der ihm bald zu kühn bald zu
feig vorkam Das wars aber nicht eigentlich sondern sein wichtiger Fehler
der wie ein Fussblock seine Füße hielt war
dass er logisch richtig dachte
Den Fehler haben viele und ich selber musste mich viele Vormittage üben und
mit der Seele voltigieren eh ich einigermaßen unzusammenhängend und hüpfend
denken konnte nur wie ein halber Narr Ich hätt es am Ende doch zu nichts
gebracht wenn ich mich nicht zu Weibern in die Schule und auf die Schulbank
gesetzet hätte Diese denken weit weniger logisch und wer bei ihnen den guten
Ton nicht erlernt aus dem ist nichts zu machen als ein deutscher
Metaphysiker Antworten sie wohl jemals Ja oder Nein statt dessen was nicht
zur Sache gehört Drücken sie sich über das Wichtigste bedachtsam und mit
prozessualischen Weitläuftigkeiten aus oder über das Frivolste frivol Hören und
üben sie Persiflieren ungern oder legen sie Ballköniginnen und Gouvernanten
der bureaux desprit freilich ausgenommen wohl je den geringsten Akzent
Accent und Wert auf ihre Tisch Nachttisch Spiegel und andre Reden Oder
legen sie einen auf Wahrheiten Zum Glück nimmt diese Feinheit des Tons die das
Fakultätsiegel und der Handwerkgruss der Weiber ist mit der Feinheit der Stoffe
zu die eine umhat Ein paar kleine deutsche Städte etwa Unterscheerau ua
müssen sich mir nicht entgegenwerfen wo freilich die dasigen Weiber die sich
lieber Damen nennen hören mit nichts Laute von sich geben als mit dem
artikulierten Fächer und Schlepprock den Insekten gleich deren Stimme nicht
aus dem Munde sondern aus dem schwirrenden Flugwerk und Bauchtrommelfell
hervorsauset
Viele muten mir zu diese Ähnlichkeit des weiblichen und des Hoftons gar
hinaus zu beweisen ich habe ja die Feder in der Hand und brauche bloß
einzutunken Ein Sopranist im guten Ton ich werde des Wohlklangs wegen »Hof
und guter Ton« abwechselnd gebrauchen wird stets den Blitz der Wahrheit durch
Pointen so zuzuleiten und zu entkräften wissen wie den elektrischen durch
Spitzen Der wirkliche Sopranist schneidet aus dem ewigen Zirkel der Wahrheit
bunte Segmente und Bogen aus die auf nichts hängen und ruhen wie die farbigen
herausgeschnittenen Fragmente des Regenbogens Er ists von dem man fordert dass
er wie Spiegelquecksilber alles was vor ihm vorüberrennt fremde Charaktere und
eigne Meinungen abfärbend abschatte und alles Äußere zeige und alles Innere
berge Wird es für einen Weltmann genug sein es reiche immer für einen
Gelehrten zu wenn er ein Feld ist das satirische Dornen umstecken und
müssen diese nicht vielmehr statt des Raines alle Furchen erfüllen und mehr die
Frucht als der Zaun des Ackers sein Und wer anders als er und die Schwefelleber
die sich aber nur auf Metalle einschränkt muss alle Heilige und alle Teufel
schwarz zu präzipitieren wissen Allein Leute die so hohe Forderungen zu
machen wagen bedenken nicht immer dass nur ein Latitudinarier und
Indifferentist aller Wahrheiten sie befriedigen könne dh ein Mann der
gänzlich sich über den KathederEiländer erhebt welcher vielleicht jahrelang
die nämlichen Meinungen und Hosen behält Nichts verengert den Tanzplatz des
Witzes so sehr als wenn eigne Meinungen und Wahrheitliebe darin als feste dicke
Säulen stehen
Dieses sind eben die Mittel wodurch Weltleute sowohl andre als sich selber
im feinsten lächerlichen Lichte darzustellen wissen Der Hofmann kann allerdings
den deutschen Komödienstellern vorwerfen dass sie das attische Salz und das
feine Komische das er stets an seiner Person zu haben weiß unter ihren
SchwielenHänden meistens verfliegen lassen Er der Hofmann macht sich stets
auf eine feine nie niedrige Weise lächerlich und würzet mit einem echten hohen
Komischen das seinem hohen Stande anpasst seine Person leicht aber er kann
fragen »Studieren mich die deutschen Tröpfe oder salzet Terenz den sie
studieren seine Charaktere so delikat wie ich meinen eigenen«
Ich denke durch meine Verirrungen hab ich den Umstand in meiner Geschichte
zureichend motiviert dass Gustav am Ende weil er niederlag unter so schnell
witzigen Damen und unter dem zu bescheidenen Gefühle fremder Talente und etwa
weil von ihm die Residentin durch ihre Gesellschaft und Beata durch ihren Herrn
Vater abgezogen wurde sich gar fortmachte Aber draußen richtete sich unter
dem kühlenden Nachttau die hängende Blume erfrischt wieder auf im stillen Lande
ging er vor dem viereckigen Schimmer den die Wandleuchter ins Gras herunter
warfen ohne Sehnen vorüber und drehte sich rund umher um alle Wände des weiten
schwarzgemalten Ballhauses wo das Schicksal den SonnenBall in große und den
Erdball in kleine Kreise wirft ins Auge zu nehmen Als er hier den großen
Schattenriss des Tages die Nacht wie den einer weggegangnen Freundin kühlend
und tröstend an seinem Busen hatte so dachte er aber ohne Stolz »O zu dir
große Natur will ich allzeit kommen wenn ich mich unter den Menschen betrübe
du bist meine älteste Freundin und meine treueste und du sollst mich trösten
bis ich aus deinen Armen vor deine Füße falle und keinen Trost mehr brauche«
»Können Sie mich nicht berichten wo hier der junge Herr von Falkenberg
logiert« redete ein Nachtbote ihn an Er überbrachte ihm einen Brief den er
eilig im Fixsternlicht der fernen Wandleuchter durchlief Aber sie schienen
heute lauter trübe Auftritte beleuchten zu sollen Amandus hatte ihm darin auf
dem Deckbette seines Krankenlagers so geschrieben
Fußnoten
1 Bekanntlich heißt an einer Doublette der in der Fassung versteckte Kiesel
oder Bergkristall culasse und der darauf blühende Demant pavillon
Einunddreissigster oder XXIIII TrinitatisSektor
Das Krankenlager die Mondfinsternis die Pyramide
»Wenn du wieder mein Freund geworden bist so gehe zu deinem der bald sterben
wird Söhne dich aus mit mir eh ich in das ewig stille Land ziehe wie wir das
letztemal taten eh wir in das irdische stille Land hinausgingen Ach
unaussprechlich Geliebter ich habe dich zwar oft beleidigt aber allezeit
geliebt O komm lasse nicht den kurzen Atem meiner brechenden Brust der auf
dieser Erde aus lauter unerfüllten Seufzern bestand mit dem letzten
vergeblichen Seufzer nach dir versiegen Du sahst mich das erste Mal als meine
Augen blind waren sieh mich zum letzten Male wenn sie es wieder werden«
Dieses Blatt riss ihn in dieser Stunde wo ihm die Liebe eines Menschen so
wohl tat aus dem Schloss fort aber die Stellen des Herzens an denen es ihn
anfasste bluteten Ein solcher Gang durch die Nacht beugt die Seele nieder und
seinen Freund sah er auf diesem kurzen Wege mehr als zehnmal sterben Bei jedem
Vogel den sie aus dem Bette jagten dacht er wie wirst du im Finsteren dein
Ästchen wiederfinden bei jedem zerfliessenden Licht das weit von ihm durch
die Nacht wandelte dacht er welchen Seufzern welchen saueren Schritten wird
es jetzt den langweiligen Steig beleuchten und es war ihm als säh er das
menschliche Leben gehen Es machte ihn nicht fröhlicher als er einige
Sonnenwagen von einem Sonnenhof aus Fackeln umlegt die unnützen Gäste des
Souper das sie wie er verließen so fliegend heimrollen sah als führen sie
einem sterbenden Freunde entgegen Endlich wickelte sich die schlummernde Stadt
aus den Schatten heraus das Pharuslicht des Türmers und einige weit auseinander
gesäete Lichter die wahrscheinlich die lange Nacht eines Kranken trübe und
ungeputzt abmassen fielen auf den TrauerGrund seines Innern
Leise pochte er am Krankenhause leise wurde aufgemacht leise stieg er
hinauf bloß die Uhr lärmte wie ein Trauergeläute ins stumme Trauerhaus mit
ihren zwölf Schlägen die er da so oft gehört Ach im Bett litt eine Gestalt
der man alles verzeihen will und die man noch ein wenig zu lieben und zu
erfreuen eilt eh sie sich nicht mehr regt Nicht das schmutzige eingedorrte
Krankengesicht nicht die von Fiebern weggebeizte Lebensfarbe nicht die Runzeln
der Lippe waren es an Amandus oder sind es an andern Kranken was Gustavs Herz
und Hoffnungen zerschnitt sondern das schwer gedrehte aufflackernde wilde und
doch ausgebrannte verglasete Krankenauge in das alle Leiden der vorigen Nächte
und die Nähe der letzten so leserlich geschrieben waren
Amandus streckte ihm seine Totenhand weit heraus entgegen als ob es möglich
wäre dass jemand anders als er sich noch an die fremde schwarze Färber oder
Totenhand erinnerte die er ihm neulich gereicht Für ihn war die
Wiedervereinigung süßer als für Gustav der hinter ihr die lange Trennung warten
sah
Der Morgen und die Freude hielten den Vorhang seines Lebens ein wenig im
Niederfallen auf Gustav trat als Krankenwärter an die Stelle der
Krankenwärterin erstlich weil diese alles so gut und mit so vielen Umständen
und Randnoten zu machen wusste dass sie noch in seine letzten Minuten Galle
schüttete zweitens weil es ja in der Stunde wo die ganze Natur in Gesellschaft
des Todes mit harten Griffen dem Menschen allen Putz und alle Kleidungstücke
abzieht die sie ihm geliehen für die ohnmächtigen Freunde die diese
unerbittliche Hand nicht halten können noch der einzige Trost ist unter dem
Entkleiden Erfrieren und Einschlafen des Bekannten durch Lächeln durch
unbedingte Gefälligkeit gegen alle seine Launen durch Erfüllung seines
Eigensinns stille zu sein Auf solche Herz und Liebedienste gegen arme
Sterbende schauet man nach vielen Jahren mit mehr Zufriedenheit zurück als auf
die gegen alle Gesunde auf einmal und doch sind beide nur um ein paar Stunden
verschieden denn du steigest nicht oft in deinem Bette aus und ein so bleibst
du darin liegen
Lieber Tod ich denke jetzt an mich Wenn du einmal in meine Stube trittst
so erweise mir den Gefallen und schieße mich an meinem Secrétaire oder
Schreibtische Knall und Fall tot wirf mich lieber Tod nicht hinter die
Vorhänge aufs Krankenbette und suche mit deinem Trennmesser langsam jede Ader
um sie vom Leben loszutrennen so dass ich dir ganze lange Nächte ins
zergliedernde Gesicht sehen muss oder dass unter deinem langen Seidenzupfen meines
Seelenkleides alles herläuft und gesund zuschaut der Rittmeister der
Pestilenziarius und meine gute Schwester Reitet dich aber der Henker dass du
keine Vernunft annimmst so lieber Tod da keine Hölle ewig dauert scher
ich mich auch nichts darum um die letzte Schererei nach tausend Scherereien
Der Doktor Fenk hatt in seinem Gesicht nicht die Ängstlichkeit vor einem
kommenden Verlust sondern das Trauern über einen dagewesenen er hielt seinen
Sohn für ein zerschlagenes PorzellanGefäß dessen Scherben man noch in der
alten Zusammensetzung auf den Putzschrank stellt und das von dessen kleinster
Erschütterung auseinanderfällt Er verbot ihm daher nichts mehr Er nahm sogar
einige männliche Patienten an »weil er zu Hause einen hätte und sich den
Gedanken an ihn wegkurieren wollte« Der Kranke selber hörte schon den Abendwind
seines Lebens wehen Vor einigen Wochen glaubte er zwar noch im Frühlinge
könnt er den Scheerauer Gesundbrunnen in Lilienbad trinken und dann würd es
schon anders mit ihm werden Armer Kranker es ist eher anders mit dir
geworden Allein ein gewisses Fieberbild das er nicht entdeckte sprach ihm
sein krankes Leben ab und sein Aberglaube an diesen Traum war so fest dass er
seitdem seine Blumenstöcke nicht mehr begoss seine Vögel weggab und alle Wünsche
auslöschte bloß den Wunsch nach Gustav nicht
Es war am andern Tage gerade Markttag Dieses Getöse hatte für seine der
Todesstille geweihten Ohren zu viel Leben und Gustav musste sich an sein Bette
setzen damit er unter dem Sprechen und Hören nicht auf den Markt
hinunterhorchte Gustav erschrak als er endlich lebhaft fragte »ob er Beaten
noch liebe« Er wich dem Ja aus aber Amandus raffte das wenige Leben das noch
in seinen Nerven wärmte zusammen und sagte wiewohl in langen Pausen zwischen
jedem Satze »Ach nimm ihr dein Herz nicht o wenn du sie kenntest wie ich
ich war oft bei ihrem Vater ich sah wie sie mit stummer Geduld seine Hitze
trug wie sie die Fehler ihrer Mutter auf sich nahm voll Güte voll Sanftmut
voll Demut voll Verstand so ist sie ach ohne ihr Bild wär in meinem Leben
wenig Freude gewesen gib mir die Hand dass du sie mehr liebest wie mich« Er
nahm sie selber aber den Freund schmerzte das Nehmen
Plötzlich drängte sich in seine eingesunkenen WangenAdern vielleicht die
letzte Schamröte die oft wie Morgenröte vor einer guten Tat voreilt er
verlangte seinen Vater her An diesen tat er mit so viel Feuer mit so viel
Sehnsucht in Aug und Lippe die Bitte Beaten herzuholen die ja einem
Sterbenden nicht die letzte Bitte versagen könne dass sein Vater es auch nicht
konnte sondern versprach trotz dem Gefühle der Unschicklichkeit zu ihrer
Mutter zu fahren und durch diese jene herzubereden und beide zu bringen Fenk
wusste dass in seiner ganzen Krankheit kein Abschlagen etwas verfing dass er
wenn er ihn am letzten vergeblichen Wunsche gestorben sähe den Gedanken nicht
tragen könne dem Leichnam die Todesminuten die er noch ausschlürfte
verbittert zu haben und dass Mutter und Tochter zu gut wären um nicht gegen
seinen Sohn zu handeln wie er kurz er fuhr
Als der Vater hinaus war sah der Kranke unsern und seinen Freund mit einem
solchen Strom von lächelnd versprechender Liebe an dass Gustav von der treuen
müden Seele deren Scheiden so nahe war den längsten Abschied dieses Lebens
nehmen wollte »Meine Lippen« dacht er »sollen nur noch einmal gedrückt auf
seinen liegen und meine Brust auf seiner nur noch einmal will ich den warmen
Leichnam umschließen da noch eine Seele darin mein Umfassen fühlt nur noch
einmal will ich seinem wegziehenden Geiste da ich ihn noch erreiche nachrufen
wie ich ihn geliebt habe und lieben werde« Unter diesen Wünschen heiligte das
schönste Weihwasser des Menschen sein Auge Aber er unterließ dennoch alles
weil er besorgte unter diesem Sturm des letzten Liebens ließ die gerissenen
Bande des Körpers die bewegte Seele los und an seinem Munde stürbe der Schwache
Diese Zärtlichkeit die sich selbst aufopfert und nicht aus der Nonnenzelle
des Herzens tritt gefällt mir mehr als ein belletristischer und teatralischer
FinalOrkan wo man empfindet um es zu weisen um eine Tränen und
DintenFistel zu haben wie andre um von seinen Empfindungen wie vom
Schnupftuch womit man sie trocknet einen Zipfel aus der Tasche herauszuhenken
Der Doktor von dem man in Maussenbach noch kein betrübtes Gesicht gesehen
gewann schon durch seine überflorte Heiterkeit seine traurige Bitte Mein
Gerichterr der sein angebornes Mitleid allezeit gewaltsam dämmte weil es
gleich einem Papagei sein Geld wegtrug überließ alles dem fremden wohltätigen
Tränenstrom hier desto williger weil er ihm nichts davonführte als auf eine
Stunde Frau und Tochter Der schlimmere Mensch hat eine größere Freude über eine
sich abgerungene gute Tat als der bessere Röper schrieb selber an die Tochter
seinen Befehl mitzufahren und brachte die besten Gründe dafür aus der
natürlichen und der theologischen Moral kurz bei Aber der beste Grund welchen
der Doktor Beaten ins neue Schloss mitbrachte war ihre Mutter ohne sie hätte
sie ihre scheuen politischen und weiblichen Besorgnisse schwerlich überwältigt
Sie kamen unter Gebeten in dem Sterbezimmer an dieser Sakristei eines
unbekannten Tempels der nicht auf dieser Erde steht Ich fahre fort obgleich
hier so manches meinem Herzen und meiner Sprache zu groß wird Als der
Kranke die Geliebte seines sterbenden Herzens sah so schimmerten seine
untergegangnen Jugendtage mit ihren goldnen Hoffnungen tief unter dem Horizont
hinauf wie das Abendrot der Juniussonne gegen Mitternacht er drückte dem
schönen Leben noch einmal die Hand vom Hauch der letzten Freude glimmten noch
einmal seine blassen Wangen an und der Engel der Freude ließ ihn am Seile der
Liebe langsam ins Grab hinab Ein Sterbender sieht die Menschen und ihr Tun
schon in einer tiefen Entfernung verkleinert ihm sind unsre kleinen
Höflichkeitregeln wenig mehr alles ist ihm ja nichts mehr Er bat ihn mit
Gustav und Beata allein zu lassen seine Seele hielt noch den sich
niederbeugenden Körper mit einer abgebrochnen aber genesenen Stimme redete er
das bebende Mädchen an »Beata ich werde sterben vielleicht heute Nacht in
meinen schöneren Tagen hab ich dich geliebt du hast es nicht gewusst ich gehe
mit meiner Liebe in die Ewigkeit O Gute reiche mir deine Hand« sie tats
»und weine nicht sondern spreche ich habe dich so lange nicht gesehen und
nicht gehört Aber weinet ihr beide nur eure Tränen machen mich nicht mehr
weich in meine heißen Augen kamen solang ich liege keine o weinet sehr bei
mir wenn man träumt man wein auf einen Toten so bedeutet es Gewinn Ja
ihr zwei schönen Seelen ihr findet niemand der euch gleichen der eure Liebe
verdienen kann ihr seid allein O Beata auch Gustav liebt dich und sagt es
nicht Wenn du dein schönes Herz noch hast so gib es ihm auf der ganzen Erde
verdient nur ers gib es ihm du machest ihn und mich glücklich aber gib mir
kein Zeichen wenn du ihn nicht lieben kannst« Jetzt ergriff er noch die Hand
Gustavs dessen Gefühle gegeneinander wehende Stürme waren und sagte mit
aufgerichteten Augen der beglückenden Tugend »Du unendliches gütiges Wesen das
mich zu sich nimmt schenke diesen zwei Herzen alle schöne Tage die mir
vielleicht hier beschieden waren ja nimm sie aus meinem künftigen Leben wenn
ich etwa in diesem keine mehr zu erwarten hatte« Hier zog der fallende Körper
die fliegende Seele zurück ein Tropfen in seinem Auge verkündigte die schwere
Erinnerung an seine zertrümmerten Tage drei Herzen bewegten sich heftig drei
Zungen erstarrten diese Minute war zu erhaben für den Gedanken der Liebe bloß
die Gefühle der Freundschaft und der andern Welt waren groß genug für die große
Minute
Ich bin jetzt nicht imstande von den Folgen der letzten und von jemand
anders zu reden als vom Sterbenden Seine zurückgespannten Nerven bebten in
einem entkräftenden Schlummer fort Die erschöpfte betäubte Beata ging mit
ihrer Mutter ab Gustav sah nichts mehr kaum jene Der Vater hatte keinen Trost
und keinen Tröster
Der Fieberschlummer währte fort bis nach Mitternacht Eine totale
Mondfinsternis hob den Himmel und zog das erschrockne Auge des Menschen empor
Gustav sah bewegt und gequält nass zu dem weltenhohen Erdschatten hinauf der
am Monde wie an einem Silhouettenbrette lag Er verließ die Erde sie wurd ihm
selber ein Schatten »Ach« dacht er »in dieser hohen fliegenden
SchattenPyramide werden jetzt tausend rote Augen wunde Hände und trostlose
Herzen stehen und werden eingegraben damit der Tote noch finstrer liege als der
Lebendige Aber rückt denn nicht dieser SchattenPolyphem mit einem Mondauge
täglich um diese Erde herum und wir bemerken ihn nur dann wenn er sich auf
unserem Mond anlegt Und so denken wir der Tod komme nicht eher auf die
Erde als bis er unsern Garten abmähet und doch ist nicht ein Jahrhundert
sondern jede Sekunde seine Sense« Auf diese Art betrübte und tröstete er
sich unter dem beflorten Mond Amandus wachte ängstlich auf beide waren
allein der Mond ruhte mit seinem Schimmer auf seinem kranken Auge »Wer hat
denn den Mond zerschnitten« sagt er sterbheiss »er ist tot bis auf ein
Schnitzchen« Auf einmal wurden die Stubendecke und die entgegengesetzten Häuser
flammend rot weil die Leichenfackeln mit einem Edelmann der auf sein
Erbbegräbnis gefahren wurde durch die stumme Gasse zogen »Es brennt es
brennt« rief der Sterbende und suchte aus dem Bette zu eilen Gustav wollt ihm
verbergen wie ähnlich ihm der sei der unten zum letzten Male über die Gasse
ging aber Amandus ängstlich als wenn ihn der Tod erdrückte wankte über das
halbe Zimmer in Gustavs Arme eh er die Leiche sah legte ihn ein
Nervenschlag tot in diese Arme
Gustav trug so kalt wie der Tote den Eingeschlafnen aufs verlassene Lager
ohne Träne ohne Laut ohne Gedanken setzte er sich ins verhüllte Mondlicht
und ins herflimmernde Leichenlicht der starre Freund ohne Bewegung lag ihm
gegenüber Amandus war eher als die Mondkugel aus dem Erdschatten geflogen
Gustav sah nicht auf den Toten sondern auf den Mond in der dichtesten
Trauerstunde sieht man vom Gegenstande weg auf den kleinsten hin »Streife nur
hin« dacht er »Schatten der Kugel aus Staub du liegst noch über mir
aber ihn erreicht deine Spitze nicht alle Sonnen liegen nackt vor ihm
o Eitelkeit o Dunst o Schatten wo ich noch bin« Plötzlich schlug die
Flötenuhr ein Uhr und spielte ein Morgenlied des ewigen Morgens so aufrichtend
so herübertönend aus Auen über dem Mond so schmerzenstillend dass die Tränen
unter denen sein Herz ertrank den Schmerzendamm umbrachen und sanftern weniger
tödlichen Empfindungen ein Bette ließ Es war ihm als läge sein Körper
auch ausgeleert neben dem kalten und seine Seele flöge auf der breiten durch
alle Sonnen gehenden Lichtstrasse der vorausgeeilten nach er sah sie
vorausziehen er sah durch den Dunst der paar Jahre die zwischen ihr und
ihm selber lagen deutlich hindurch
Und mit seiner Seele im Gesicht trat er aus dem Totenzimmer in das Zimmer
des Vaters und sagte mit irdischer Wehmut im Auge und himmlischer Heiterkeit im
Angesicht »Unser Freund hat unter der Mondfinsternis ausgekämpft und ist dort«
Ach sein Leben in seinem wurmstichigen Körper war ja eine wahre totale
Mondfinsternis sein Austritt aus dem Leben war der Austritt aus dem Erdschatten
und sein Verweilen im Schatten nur kurz
Gustav war durch kein Zureden im Trauerhause zu erhalten Wenn dem Herzen
der Körper zu enge ist so wird es ihm auch die Stube Er ging nach Marienhof
Unter dem blauen Gewölbe an dem kristallisierte Sonnentropfen hängen und unter
dem kämpfenden Monde der wie er von seiner Beschattung rot glühte begegneten
ihm Gedanken die über die menschlichen Farben erhaben sind so wie über die
Erde Wer in solchen Stunden nicht die Kahlheit dieses Lebens und das Bedürfnis
eines zweiten so lebendig fühlt dass das Bedürfnis feste Hoffnung wird mit
diesem streite keiner über das Höchste unsers tiefen Lebens
Unter dem Getümmel des Sterbetages der ihn sonst in eine ganz dunkle
Einsamkeit fortgetrieben hätte ging er doch nach Marienhof der Verstorbene
hatte ihn gebeten es zu machen dass er sein Winterlager für seine Gebeine auf
dem Eremitenberg bekäme den er so oft bestiegen hatte und dessen Erscheinungen
uns bekannt sind Gustav hofft es leicht von der Residentin auszuwirken da sie
ohnehin selten und nur gewisse Partien des stillen Landes betrat Oefel sagte
aber am Morgen wo er ihn bei seiner Bitte zu Rat zog gerade umgekehrt
wenn ihr um den Park und dessen bauliche Würden zu tun wäre so müsste sie da
etwas recht gern begraben lassen weil es den besten englischen Gärten an Toten
und wahren Mausoleen so sehr fehlte dass sie bloß nachgemachte VexierMausoleen
hätten Oefel erbot sich einige Verzierungen in einem Geschmacke dass sie der
Hof goutierte für das Grabmal zu entwerfen Gustav war bloß heute zu weich ihn
heute zum ersten Male zu verachten Wie ganz anders hörte die Residentin seiner
Bitte und gedrängten Stimme zu ob er gleich kein Zeichen seines Schmerzes zu
geben arbeitete Wie teilnehmend mit einer Miene als legte sie leise eine
Rose in des Toten Hand schenkte sie dem letzten das Stückchen Erde zum
Ankerplatz Wie schön begleiteten ihre vollen Augen dieses Geschenk mit dem
Geschenk aus ihrem weichen Herzen Und als der fremde Kummer seinem eignen den
Sieg wiedergab mit welchem schönen Trost nie ist die weibliche Stimme schöner
als im Trösten bestritt sie ihn Er fühlte hier den Unterschied zwischen
Freundschaft und Liebe lebendig und er gab ihr die erste ganz Er war froh den
Gegenstand der letzten nicht da zu finden weil er die Verlegenheit der ersten
Blicke scheuete Beata lag krank
Er sperrte sich ein er machte seine Brust jenem Schmerze auf der nicht
wohltätige blutende Wunden in sie schneidet sondern ihr dumpfe Schläge gibt
jenem nämlich der in dem Zwischenraum zwischen dem Todes und dem Begräbnistage
bei uns ist Der letzte war am Sonntage wo ich meinen Sektor betrübt bloß mit
Ottomars Briefe ausfüllte und wo ich so traurig schloss Ich tats gerade in der
Stunde wo der Entschlafne aus dem kleinen Sterbebette ins große Bette aller
Menschen getragen wurde wie die Mutter die auf Bänken entschlummerten Kinder in
die größere Ruhestätte legt Sonntags floh Gustav aus dem Schloss wo die
lärmenden Staatswägen und Bedienten gleichsam über sein Herz gingen mit
eingehüllten Sinnen hinaus Er fühlte zum ersten Male dass er auf der Erde nicht
einheimisch sei das Sonnenlicht schien ihm das in unsere Nacht gewebte
Dämmerlicht eines größeren Monds zu sein Ob er gleich jetzo seinem weggerückten
Freunde sich auf dieser Erde weder nähern noch entziehen konnte so sagte sein
Schmerz doch es würde ihm wenn er auch nicht den Leichnam nicht den Sarg
sondern nur das GrabesBeet umfasste das auf diesen Samen einer schöneren Erde
drückte es würde ihm Tröstung werden und er stellte sich daher auf einen
entfernten Hügel um zu sehen ob noch Leute auf dem Eremitenberge wären
Sein Auge begegnete gerade dem größten Jammer den es an diesem Abend für
ihn hienieden gab der durch den Abend hindurch blinkende weiße Sarg wurde
herausgehoben eine entzweifallende Rose eine durchlöcherte Puppe ein sich
ausspannender Schmetterling der jene als Würmchen zernagt hatte waren auf die
Sargpuppe gemalet und kamen mit ihren beiden Urbildern unter die Erde der
kinderlose Vater stützte sich mit Hand und Kopf an die Pyramide und hörte hinter
seinen verhüllten Augen jede Erdscholle wie den Flug eines niederbohrenden
Pfeiles der kalte Nachtwind kam vom Totenberg zu Gustav herüber Zugvögel
eilten wie schwarze Punkte über sein Haupt davon und der Naturtrieb nicht die
Länderkunde führte sie durch kalte Wolken und Nächte zu einer wärmern Sonne
der Mond arbeitete sich aus einem Blutmeere von Dünsten ohne Strahlen herauf
endlich verließen die Lebendigen den Berg und den Toten bloß Gustav blieb auf
dem andern Hügel bei ihm die Nacht ruhte schwer hingestreckt um beide
Genug
Schenkt mir diese Totengräberszene Ihr wisst nicht welche herbstliche
Erinnerungen dabei mein Blut so leichenlangsam machen wie meine Feder ach in
diese Geschichte schreib ich ohnehin ein Blatt ein Trauerblatt dessen breiter
schwarzer Rand kaum den Zügen und Klagen mit Tränen eine weiße enge Stelle
lässt ich schenk euch diese Szene auch denn ich weiß auch nicht Leser mit
dem schöneren Herzen wen ihr schon verloren habt ich weiß nicht welche liebe
dahingegangne Gestalt deren Grab schon so eingesunken ist als sie selber ich
gleich einem Traume wieder auf ihrer Grabplatte in die Höhe richte und eueren
tränenden Augen von neuem zeige und an wie viel Tote ein einziges Grab
erinnere
Verschwundner Amandus in dem großen breiten Heer welches das Leben dem
feindlichen Tod von Jahrhundert zu Jahrhundert entgegenschickt gingest du
wenige Schritte mit er verwundete dich oft und bald deine Kriegkameraden
legten Erde auf deine großen Wunden und auf dein Angesicht sie kämpfen fort
sie werden dich von Jahr zu Jahr unter ihrem Kriege mehr vergessen in ihre
Augen werden Tränen kommen aber um dich keine mehr sondern um Tote die erst
begraben werden und wenn deine LilienMumie sich auseinander gebröckelt hat
so denkt man nicht mehr an dich bloß der Traum lieset noch deine in den Erdball
gemengte PastellGestalt zusammen und schmücket mit ihr im graugewordnen Kopfe
deines Gustavs seine hinter dem Leben ruhenden JugendAuen die wie der
Venusstern am Himmel des LebenMorgens der Morgenstern und am Himmel des
LebenAbends der Abendstern sind und flimmern und zittern und die Sonne ersetzen
Ich mag nicht zu deiner SeelenScheide zum Leichnam sagen Amandus liege
sanft Du lagst in ihr nicht sanft o noch jetzo dauert mich dein unsterbliches
Ich dass es mehr in seinem knappen Nervengebäude als im weiten Weltgebäude leben
musste dass es den edelen Blick nicht zu Sonnenkugeln aufheben sondern auf seine
quälenden Blutkügelchen einkrümmen und für die große Harmonie des Makrokosmus
seltener Wallungen fühlen als für die Misslaute seines Mikrokosmus Die Kette
der Notwendigkeit schnitt tief in dich ein nicht bloß ihr Zug auch ihr Druck
führte dich Narben zu So jämmerlich ist der Lebendige Wie können von ihm
die Toten ein Andenken verlangen da er schon indem er darüber redet ermattet
Als nun Gustav zu Hause war setzte er einen Brief an den Doktor auf der
ringende Kummer worin dieser sich an die Pyramide gelehnt und gehalten hatte
bewegte ihn unaussprechlich und er fiel im Briefe ihm an diese zersplitterte
wunde Brust und mehrte ihre Schmerzen durch seinen Liebedruck indem er ihn bat
ihn zum Sohne anzunehmen und sein väterlicher Freund zu werden
Mit der hohen Flut der Traurigkeit entschuldige man es dass Gustav der
bisher immer die Paroxysmen seiner Empfindungen zum Besten des andern
versteckte sie hier auf Kosten eines andern hervorbrechen ließ Sein Schmerz
ging so weit dass er vom Vater den Alltagrock und Hut des Seligen statt seines
Kniestückes begehrte er fühlte wie ich dass Alltagkleider die besten
Schattenrisse Gipsabgüsse und Pasten eines Menschen sind den man lieb gehabt
und der aus ihnen und dem Körper heraus ist Die Antwort des Doktors lautet
so
»Ich habe mich oft an die Polster meines medizinischen Wagens gelehnt und mir
vorgestellt und vorgenommen wenn ich einmal graue Augenbraunen und Kopfhaare
oder gar keine mehr habe wenn mir alle Jahrzeiten immer kürzer und alle Nächte
darin immer länger vorkommen welches vor der Annäherung der längsten vorausgeht
wenn ich dann in den ersten Frühlingtagen ins stille Land hinausgehe um
meinen kalten interpolierten Körper zu sonnen wenn ich dann außen die
klebenden treibenden Knospen sehe unter denen ein ganzer Sommer steckt und in
mir innen das ewige Abblättern und Umbeugen das kein Erdenfrühling heilt wenn
ich mich dann doch an meine eigne Jugend erinnere an meine SpazierGallopaden
um Scheerau an die in Pavia und an die Leute die mit mir gingen wenn ich
mich dann natürlicherweise nach denen umsehe die mir vom gefallnen Tempel
meiner Jugend noch als hohe Ruinen stehen geblieben und wenn mich dann weil
ich mich umdrehe um zu schauen ob keiner aus Wäldern über Wiesen von Bergen
an einem so schönen Tage zu mir gegangen kommt der Gedanke wie Herzklopfen
anfällt dass nach allen vier WeltEcken wohin ich mich gedrehet Gottesäcker
und Kirchen liegen in denen die die mich jetzo trösten und begleiten sollen
unter der undurchsichtigen Erdrinde und ihrem Blumenwerk mit geraden Armen
versteckt und gefangen liegen und dass bloß ich allein außen geblieben und den
Herbst in meiner Brust hier im Frühling herumtrage so werd ich gar nicht ins
stille Land gehen sondern einsam nach Hause gehen und mich einschliessen und
meinen Kopf auf den Arm mit den Augen legen und wünschen dass mir das Herz
breche so gut wie meinen Bekannten ich werde sagen ich wollt es wäre
vorbei Dann geliebter Sohn geliebter Freund der du als der Jüngste meiner
Freunde mich schon überleben wirst wird deine Gestalt vor meine satten müden
Augen treten dann werde ich sie auswischen und mich an alles erinnern und
deine Hand wird mich doch ins stille Land hinausführen ich werde den Frühling
der Erde so lange genießen als ich ihn besehen kann und ich werde dir mit
drückender Hand ins Gesicht sagen es tut mir heute recht wohl dass ich dich vor
vielen Jahren zum Sohne angenommen
Morgen will ich kommen um meinen Freund zu einer Reise auf die nächsten
Tage mitzunehmen damit wir den vergangenen aus dem Wege gehen« Am andern
Morgen geschahs
Zweiunddreissigster oder 16 NovemberSektor
Schwindsucht Leichenrede in der Kirche des stillen Landes Ottomar
Es wäre mir vielleicht auch besser ich suchte beiden weniger mit der Feder
nachzukommen als zu Fuß Die Lesewelt kann jetzt an meinen Sachen kosten und
naschen indes ich der Ostermesse entgegenhuste weil ich mir an jenen Sachen
und am Schreibtisch woran ich mich niederkrümme eine hübsche vollständige
Hektik in die zwei Lungenflügel geschrieben Das sämtliche Publikum sagt nicht
»hab Dank« zu mir dass ich mich um meinen gesunden Atem und um meine sedes
gedacht und empfunden es ist fast alles an mir zu und es kann wegen der
doppelten Sperrordnung nach entgegengesetzten Richtungen wenig durch mich
passieren Ich wandele daher hinter den Pflugscharen aller Auentaler um den
Broden der Furchen wie die besten britischen Hektiker tun1 einzuziehen als
Mittel gegen meine Luftsperre und andere Sperre Gleichwohl würde mich das
einfältige Publikum in dessen Dienst ich mich so elend gemacht auslachen wenn
es mich den PflugOchsen wie eine Krähe nachschreiten sähe Ist das
Rechtschaffenheit Muss ich nicht ohnehin alle Nacht zwischen den Armen von
zwei Pudeln schlafen die ich mit meiner Lungensucht anstecken will wie ein
Ehemann von Stande Bin ich aber dann wenn ich die zwei Beischläfer durch
Nacht und Morgengabe mit meinem Übel dotiert habe des Malums selber los oder
sagt nicht vielmehr Herr Nadan de la Richebaudière neue Hunde müsst ich kaufen
und infizieren weil eine halbe HundeMenagerie zum Auslader eines einzigen
Menschen nötig ist So kann ich mein Honorar bloß in Hunden vertun Ich will den
Schaden sogar verschmerzen den meine Rechtschaffenheit dabei leidet weil ich
mich gegen die armen einsaugenden Hunde deren Lungenflügel ich lähmen und
beschneiden will so freundlich wie Große gegen die Opfer ihrer Rettung stellen
muss
Inzwischen ist doch das noch das verdrüsslichste Skandal dass ich gegenwärtig
im Viehstall schreibe denn dieser soll auch nach neueren schwedischen
Büchern eine Apotheke und einen Seehafen gegen kurzen Atem abgeben Meiner
wollte sich indes noch nicht verlängern ob ich gleich schon drei Trinitatis
hier sitze und drei lange Sektores gleichsam JosephsKinder am Geburtorte viel
dümmerer Wesen in die Welt setze Man muss selber an einem solchen Orte der
Hektik wegen im juristischen oder ästhetischen Fache weil ich beides Belletrist
und Rechtskonsulent bin gearbeitet haben um aus Erfahrung zu wissen dass da
oft die erträglichsten Einfälle viel stärkere Stimmen als die der literarischen
und juristischen Richter gegen sich haben und dadurch zum Henker gehen
Während Fenk und Gustav mehr Traurigkeit als Geld verreiseten ob sie gleich
nicht so lange ausblieben wie alle meine inrotulierten Akten so ging auch Oefel
weiter nämlich in seinem romantischen Grosssultan und tockierte mit dem größten
Vergnügen den Kummer seines Freundes hinein Oefel dankte Gott für jedes
Unglück das in einen Vers ging und er wünschte zum Flor der schönen
Wissenschaften Pest Hungernot und andre Grässlichkeiten wären öfter in der
Natur damit der Dichter nach diesen Modellen arbeiten und größere Illusion
daraus erzielen könnte wie schon den Malern welche geköpfte Leute oder
aufgesprengte Schiffe malen wollten mit den Urbildern dazu beigesprungen wurde
So aber musst er oft aus Mangel an Akademien selber seine sein und war einmal
einen ganzen Tag genötigt tugendhafte Regungen zu haben weil dergleichen in
seinem Werk zu schildern waren ja oft musst er eines einzigen Kapitels wegen
mehre Male ins B gehen welches ihn verdross
Es geht andern Leuten auch so der Gegenstand der Wissenschaft bleibt kein
Gegenstand der Empfindung mehr Die Injurien bei denen der Mann von Ehre flutet
und kocht sind dem Juristen ein Beleg eine Glosse eine Illustration zu dem
PandektenTitel von den Injurien Der HospitalArzt repetiert am Bette des
Kranken über welchen die Fieberflammen zusammenschlagen ruhig die wenigen
Abschnitte aus seiner Klinik die herpassen Der Offizier der auf dem
Schlachtfeld dem FleischhackerStock der Menschheit über die zerbrochnen
Menschen wegschreitet denkt bloß an die Evolutionen und ViertelSchwenkungen
seiner Kadettenschule die nötig waren ganze Generationen in physiognomische
Fragmente auszuschneiden Der Bataillenmaler der hinter ihm geht denkt und
sieht zwar auf die zerlegten Menschen und auf jede daliegende Wunde aber er
will alles für die Düsseldorfer Galerie nachkopieren und das reine
MenschenGefühl dieses Jammers weckt er erst durch sein Schlachtstück bei andern
und wohl auch bei sich So zieht jede Erkenntnis eine SteinKruste über
unser Herz die philosophische nicht allein
Beata opferte fast ihre Augen dem Anteil auf den sie an niemand anderem
wie sie dachte nahm als an dem Hingeschiednen Ihre schweren Blicke waren oft
nach dem Eremitenberg gerichtet abends besuchte sie ihn selbst und brachte dem
Schlafenden das Letzte was die Freundschaft dann noch zu geben hat im Übermaß
So dringen also die Griffe des Unglücks in weiche Herzen am tiefsten so sind
die Tränen die der Mensch vergiesset desto größer und schneller je weniger ihm
die Erde geben kann und je höher er von ihr steht wie die Wolke die höher als
andre von der Erde sich entfernt die größten Tropfen wirft Nichts richtete
Beaten auf als die Verdopplung des Almosens das sie gewissen Armen wöchentlich
oder nach jeder Freude gab und der einsame Umgang mit der Residentin mit ihrer
Laura und den beiden GärtnersKindern
Die zwei Reisenden waren besser daran Da der Doktor Fenk die Ärzte des
Landes ex officio visitierte welche Arzneien machten nebst den Apotekern die
Repressalien gebrauchten und Rezepte machten so ärgerte er sich zum Glück so
oft dass er keine rechte Stunde hatte sich zu betrüben auf diese Weise
brachten Landphysici die immer auf dem Lande waren es müssten denn gerade
Seuchen grassieret haben und Hebammen die in der Nottaufe die Wiedergeburt
junger Nichtchristen noch besser besorgen als deren Geburt und welche Pharao
hätte haben sollen diese brachten den bekümmerten Pestilenziarius wieder etwas
auf die Beine Zorn ist ein so herrliches Abführmittel der Betrübnis dass
Gerichtpersonen die bei Witwen und Waisen versiegeln und inventieren diese
nicht genug ärgern können daher legier ich künftig meinen Erben die mein Tod
zu sehr kränkt nichts testamentarisch als das Mittel dagegen Erbosung über den
Seligen
Beide kehrten endlich unter entgegengesetztem Herzklopfen wieder zurück und
ihr Weg führte sie vor Ruhestatt dem Rittersitze Ottomars und neben dem
verwaiseten Tempel des Parks vorbei Der Tempel war aber erleuchtet es war weit
in die Nacht um den Tempel hing ein summender Bienenschwarm von Jagdkleidern
in denen der halbe Hof steckte Fenk und Gustav drängten sich also durch immer
größere Herren und Pferde hindurch gingen wie Kometen vor einem Stern nach dem
andern vorbei und in die Kirche hinein darin waren ein oder zwei unerwartete
Dinge der Fürst und ein Toter denn das hinten am Altar fechtende Ding war
kein unerwartetes sondern der Pastor Gustav und Fenk hatten sich in den
Beichtstuhl gestopft Gustav konnte sein Auge kaum vom Fürsten reißen der mit
jenem edelen gleichgültigen Gesicht das Leuten von Ton oder aus großen Städten
und Leichenbittern selten mangelt über den Toten wegstreifte der Fürst hatte
jenes Herz der Großen das ein Petrefakt im guten Sinne und unter ihren festen
Teilen der erste ist und das recht schön verrät dass sie sich an die
Unsterblichkeit der Seele halten und dass sie wenn sie einen von den Ihrigen
begraben lassen nicht zu Hause sind
Auf einmal legte sich der Doktor auf das Pult des Beichtstuhls nieder und
bedeckte das Gesicht er stand wieder auf und sah mit einem Auge das er nicht
abtrocknen konnte nach dem aufgedeckten Leichnam hin und suchte vergeblich zu
sehen Gustav schaute auch hin und die Gestalt war ihm bekannt aber kein
Name um welchen er vergeblich den sprachlosen Doktor fragte endlich nennte
der Leichenredner den Namen Ich brauch es nicht erst in Doppelfraktur zu
sagen dass der Tote auf dem jetzo so viele harte Augen und ein Paar trostlose
ruhten so aussah wie der Schauspieler Reinecke dessen edle Bildung nun auch
der schwere Grabstein auseinanderdrückt ich hab es nicht nötig dem Pastor
den Namen Ottomar nachzusprechen Der arme Doktor schien seit einiger Zeit
bestimmt zu sein dass der Schmerz seine Nerven zu einem NervenPräparat
herauslösete und sich daran übte Sonderbar wars dass Gustav nicht am
gestorbenen sondern bloß am traurenden Freunde Anteil nahm
Der gute Medizinalrat knüllte das Gesangbuch das unter seiner Hand lag
gewaltsam zusammen er hörte nicht das Abreiten des Fürsten der nur drei
Minuten dagewesen um sich den Totenschein zu holen aber jedes Wort des Pastors
vernahm er um von der neuesten Krankheitgeschichte seines Freundes etwas zu
erfahren allein er erfuhr nichts als seine Todesart hitziges Fieber Endlich
war alles vorbei und er ging stumm und zwischen die Trauerkerzen hineinstarrend
auf die Bahre zu schob ohne Blick und Laut was ihn hindern konnte weg mit
der linken Hand und zuckte hin nach des Schläfers seiner mit der rechten Als er
endlich die Hand welche Alpen und Jahre von seiner abgerissen hatten wieder
damit umschlossen hielt ohne doch dem näher zu sein nach dem er sich so lange
gesehnet und ohne die Freude des Wiederfindens so war sein Schmerz noch dicht
dunkel und warf sich schwer über seine ganze Seele her ohne eine Gestalt zu
haben Aber als er in jener Hand zwei Warzen wiederfand die er sonst bei
ihrem Druck so oft gefühlet hatte so nahm der Schmerz die Schleiergestalt der
Vergangenheit an Mailand ging mit den Blüten seiner Weinberge und mit den
Gipfeln seiner Kastanien und mit den schönen Tagen unter beiden vorüber und sah
traurig die zwei Menschen an die nichts mehr hatten Hier wär er mit den zwei
giessenden Augen auf die zwei ewig trocknen gefallen wenn nicht der
Leichenmarschall gesagt hätte »Das tut man nicht gern es ist nicht gut« Bloß
eine Locke gab ihm das Grab vom ganzen geraubten Freunde zurück eine Locke die
für das Auge so wenig und für den fühlenden Finger so viel ist Er schlichtete
die Hand die den letzten Brief so traurig geschlossen sanft wieder über die
unberührte und verließ seinen Ottomar auf lange
Er hatte nicht bemerkt dass des Verstorbnen Spitzhund und zwei tonsurierte
fremde Menschen da waren wovon der eine sechs Finger hatte Außer der Kirche
auf dem Wege dessen eine Richtung nach dem Ottomarschen Schloss und dessen andre
um den Eremitenberg lief sahen Gustav und Fenk einander mit einer stummen
trostlosen Frage an sie antworteten einander durch den Abschied Der Doktor
kehrte um und setzte seine Reise fort Gustav ging in den Park und dachte unten
am Fuße des Eremitenberges dem Schicksale nicht seines Freundes noch seinem
eignen sondern dem aller Menschen nach
Und wann schreib ich dies Heute am 16 November wo der Namentag des
eingesargten Ottomars ist
Fußnoten
1 Die drei Kuren die ich oben im Texte gegen meine Lungensucht gebrauche hab
ich von drei Völkern das Nachspazieren in frisch gepflügten Furchen raten die
Engländer das Stärken durch eine HundeSchlafgenossenschaft rät ein Franzos
de la Richebaudière das Atmen der Luft in ViehStällen wird schwedischen
Hektikern vorgeschrieben
Dreiunddreissigster oder XXV TrinitatisSektor
Große AloeBlüten der Liebe oder das Grab der Traum die Orgel nebst meinem
Schlagfluß Pelzstiefel und EisLiripipium
In Gustav rückten die höchsten Lichter aus des Freundes Bild langsam in das der
Geliebten über Jetzt trat erst ihr Gesicht das am Totenbette ewige Strahlen in
ihn geworfen hatte aus dem ZypressenSchatten vor Die einsame Pyramide stand
erhaben als WachEngel neben dem Begrabnen Er trug sich hinauf mit Schmerzen
aber mit sanftern er hatte nun doch den unbeschreiblich süßen Trost den
Menschen in der Erde nie gekränkt und ihm oft verziehen zu haben er wünschte
Amandus hätte seine Verzeihung noch öfter veranlasst sogar dies deckte seinen
wunden Busen mit warmem Troste zu dass er jetzt ihn so liebe so betrauere
ungesehen unbelohnet
Oben trat er noch in einige LeidensDornen worüber man laut aufschreiet
aber bald flogen seine Augen sehnend auf der LichtBrücke die von einer Lampe
aus Beatens Zimmer über den Garten zum Berg hinüberlief gleich andern Phalänen
ihren hellen Fenstern nach Er sah nichts als bald das Licht bald einen Kopf
der es verbauete aber diesen Kopf schmückte er im seinigen schöner aus als
irgendeine Frau den ihrigen Er legte und lehnte sich halb kniend und halb
stehend mit dem Blick gegen den langen Lichtstrom zugewandt an das Postement
der Pyramide an Müdigkeit und schlaflose Nächte hatten seine TränenDrüsen mit
jenen drückenden und doch reizenden Tränen gefüllet die oft ohne Anlass und so
bitter und so süß kurz vor Krankheiten oder nach Ermattungen ausströmen
Dieselben Ursachen breiteten zwischen ihn und die äußere Welt gleichsam einen
dunkeln Nebeltag oder Heerrauch seine innere Welt hingegen wurde aus einer
Federzeichnung ohne seine Anstrengung ein gleissendes Ölgemälde dann ein
musivisches endlich eines in erhobner Arbeit Welten und Szenen bewegten sich
vor ihm auf und ab endlich schloss der Traum die ganze nächtliche Außenwelt mit
seinen Augenlidern zu und machte hinter ihnen eine neu geschaffne paradiesische
auf gleich einem Toten lag sein schlummernder Körper neben einem Grabmal und
sein Geist in einer über den ganzen Abgrund hinüberreichenden HimmelAu Ich
werde den Traum und sein Ende sogleich erzählen wenn ich dem Leser die Person
gezeigt habe die den Traum zugleich verlängerte und endigte
Nämlich Beata kam Sie konnte weder seine Wiederkunft noch seine letzte
Station wissen Die Nähe des Ottomarschen Leichenbegängnisses die Entfernung
Gustavs dessen Bild seit dem letzten Auftritt tief in und gleichsam durch ihr
Herz gepresset war und die Entfernung des Sommers der sein buntes blühendes
Gemälde täglich um einige Zoll wieder zusammenrollte alles das hatte sich in
Beatens Brust zu einem drückenden Seufzer gesammelt den das laute Jagdschloss
mit seinen Dunstkreisen einklemmte und mit dem sie reinere Äterkreise suchte
um ihn an einem Grabe auszuhauchen und aus ihm den Stoff zu neuen einzuatmen
Schwärmerisches Herz du treibest mit deinen fieberhaften Schlägen freilich dein
Blut zu reißend um und spülest mit deinen Güssen Ufer Blumen und Leben fort
aber dein Fehler ist doch schöner als wenn du mit phlegmatischem Getriebe aus
dem stehenden Wasser des Blutes bloßen FettSchlamm anlegtest
Die Nachtwandlerin fuhr zusammen da sie den schönen Schläfer sah sie hatte
im ganzen Garten den sie in diesen stillen Minuten durchstrichen hatte niemand
vermutet und gefunden Er lag auf einem Knie sanft zusammengesunken sein
blasses Gesicht wurde von einem schönen Traum vom aufgehenden Monde und von
Beatens Auge angestrahlt Ihr fiel nicht ein dass er sich vielleicht nur
schlafend stelle sie zitterte also um einen halben Schritt näher um erstlich
gewiss zu sein wers wäre und um zweitens mit vollem Auge auf der Gestalt zu
ruhen vor der sie bisher nur vorüberstreichen durfte Unter dem Anschauen wusste
sie nicht recht wann sie es eigentlich endigen sollte Endlich wandte sie ihrem
Paradiese den Rücken nachdem sie noch einmal ganz an ihn getreten war aber
unter dem trägen Rückwärtsgehen fiel ihr ohne Schrecken ein »Er wird doch
nicht gar tot sein« Sie kehrte also wieder um und behorchte seine wachsenden
Atemzüge Neben ihm lagen zwei spitze Steinchen so groß wie mein Tintenfass sie
bückte sich zweimal neben ihm nieder sie wollt es nicht auf einmal oder auch
mit dem Fuße tun um sie wegzunehmen damit er nicht in ihre Spitzen
hineinfiele
Wahrhaftig ein Alphabet oder 23 Bogen sollt ich mit diesem Auftritt
vollzumachen haben zum Glück geht er erst recht an wenn er erwacht und der
Leser ist heute der glücklichste Mann
Sie war nun schon wie ein Veteran vertrauter mit der Gefahr und war so
gewiss er würde nicht erwachen dass sie aufhörte es zu befürchten und beinahe
anfing es zu wünschen Denn es fiel ihr ein »die Nachtluft könnt ihm
schädlich sein« Es fiel ihr ferner ein wie beide Freunde so erhaben
nebeneinander ruhten und ihr blaues Auge befreiete sich von einem Tautropfen
von welchem ich nicht weiß ging er für das außer der Erde pochende oder für das
in ihr stillstehende Herz herab Endlich machte sie ernsthafte Anstalten
abzugehen um überhaupt in der Entfernung ihn durch ein Geräusch zu wecken und
um ihren Rührungen ohne Furcht seines Erwachens nachzuhängen Sie wollte bloß
noch bei ihm vorbeigehen denn 412 Schritte stand sie ab weil sie auf der
andern Seite des Berges hinunter musste sie hätte denn umkehren wollen Sein
Lächeln verkündigte immer größere Entzückungen und sie war freilich begierig
wie es noch auf seinem Gesichte ablaufen würde aber sie musste den lächelnden
Träumer verlassen Da sie also zwei zögernde Schritte sich ihm genähert hatte
um sich mehre von ihm zu entfernen so fing auf einmal die Orgel der einsamen
Kirche von Ruhestatt wo heute Ottomar begraben worden mitten in der Nacht so
ernst und klagend zu gehen an als wenn der Tod sie spielte und Gustavs
Angesicht wurde plötzlich vom Widerschein eines innern Elysiums verklärt und er
richtete sich mit zugeschlossnen Augen auf erhaschte schnell die Hand der
erstarrenden Beata und sagte schlaftrunken zu ihr »O nimm mich ganz glückliche
Seele nun hab ich dich geliebte Beata auch ich bin tot«
Der Traum der mit diesen Worten ausging war der gewesen Er sank in eine
unabsehliche Aue nieder die über schöne aneinander gestellte Erden
hinüberlief Ein Regenbogen von Sonnen die wie zu einer Perlenschnur aneinander
gereihet waren fasste die Erden ein und drehte sich um sie Der Sonnenkreis sank
untergehend dem Horizonte zu und auf dem Rande der großen runden Flur stand ein
BrillantenGürtel von tausend roten Sonnen und tierliebende Himmel hatte tausend
milde Augen aufgetan Haine und Alleen von RiesenBlumen die so hoch wie
Bäume waren durchzogen im durchsichtigen Zickzack die Aue die hochstämmige
Rose bewarf diese mit einem goldroten Schatten die Hyazinte mit einem blauen
und die zusammenrinnenden Schatten von allen bereiften sie mit Silberfarbe Ein
magischer Abendschimmer wallete wie ein freudiges Erröten zwischen den
Schattenufern und durch die Blumenstämme über die Flur und Gustav fühlte das
sei der Abend der Ewigkeit und die Wonne der Ewigkeit Beglückte Seelen
tauchten sich weit von ihm und näher den weggleitenden Sonnen in die
zusammengehenden Abendstrahlen und ein gedämpftes Jauchzen stand verhallend wie
eine Abendglocke über dem himmlischen Arkadien nur Gustav lag verlassen im
Silberschatten der Blumen und sehnte sich unendlich aber keine jauchzende Seele
kam herüber Endlich dufteten in der Luft zwei Leiber in eine dünne Abendwolke
auseinander und das fallende Gewölk entblößte zwei Geister Beata und Amandus
dieser wollte jene in Gustavs Arme führen aber er konnte nicht in den
Silberschatten hinein Gustav wollte ihr in die ihrigen entgegenfallen aber er
konnte nicht aus dem Silberschatten hinaus »Ach du bist nur noch nicht
gestorben« rief Amandus Seele »aber wenn die letzte Sonne hinunter ist so
wird dein Silberschatten über alles fließen und deine Erde von dir flattern und
du wirst an deine Freundin sinken« eine Sonne um die andre zerging Beata
breitete ihre Arme hernieder die letzte Sonne versank ein Orgelton der
Welten und ihre Särge zerzittern konnte klang wie ein fliegender Himmel herüber
und löste durch sein weites Beben die FaserHülle von ihm ab und über den
ausgebreiteten Silberschatten wehte ein Entzücken und hob ihn empor und er nahm
die wahre Hand von Beata und sagte indem er wachte und träumte und nicht
sah die Worte zu ihr »O nimm mich ganz glückliche Seele nun hab ich dich
geliebte Beata auch ich bin tot« Ihre Hand hielt er so fest wie der Gute die
Tugend Ihr versuchtes Loswinden zog ihn endlich aus seinem Eden und Traum
seine glücklichen Augen gingen auf und vertauschten die Himmel vor ihnen stand
erhaben der weiße vom Monde überschwemmte Grund und die Aue des Parks und die
tausend zu Sternen verkleinerten Sonnen und die geliebte Seele die er vor dem
Untergange aller Sonnen nicht erreichen konnte Gustav musste denken der Traum
sei aus seinem Schlafe ins Leben übergezogen und er habe nicht geschlafen sein
Geist konnte die großen steilen Ideen vor ihm nicht bewegen und nicht
vereinigen »In welcher Welt sind wir« fragte er Beata aber in einem erhabenen
Tone der beinahe die Frage beantwortete Seine Hand war mit ihrer ziehenden
fest verwachsen »Sie sind noch im Traume« sagte sie sanft und bebend Dieses
Sie und die Stimme stieß auf einmal seinen Traum in den Hintergrund aus der
Gegenwart zurück aber der Traum hatte ihm die Gestalt die an seiner Hand
kämpfte lieber und vertrauter gemacht und die geträumte Unterredung wirkte in
ihm wie eine wahre und sein Geist war noch eine erhabenfortbebende Saite in
die ein Engel seine Entzückung gerissen und da jetzt drüben im öden Tempel die
Orgel durch neues Ertönen die Szene über den irdischen Boden erhob wo beide
Seelen noch waren da Beatens Stellung schwankte ihre Lippe zitterte ihr Auge
brach so war ihm wieder als würde der Traum wahr als zögen die großen Töne
ihn und sie aus der Erde weg ins Land der Umarmung hinauf sein Wesen kam an
alle seine Grenzen »Beata« sagt er zu der schönen an bekämpfenden
Empfindungen dahinsterbenden Gestalt »Beata wir sterben jetzt und wenn wir
tot sind so sag ich dir meine Liebe und umarme dich der Tote neben uns ist
mir im Traum erschienen und hat mir wieder deine Hand gegeben« Sie suchte
auf das Grab desselben aufzusinken aber er hielt den fallenden Engel in seinen
Armen auf er ließ ihr entschlummertes Haupt unter seines fallen und unter
ihrem stockenden Herzen glühten die Schläge des seinigen es war eine erhabene
Minute als er die Arme um eine schlummernde Seligkeit gelegt einsam ansah die
auf der Erde schlafende Nacht einsam anhörte die allein redende Orgel einsam
wachte im Kreise des Schlafs
Die erhabene Minute verging die seligste fing an Beata erhob ihr Haupt und
zeigte Gustav und dem Himmel auf dem zurückgebognen Angesicht das irre
überweinte Auge die erschöpfte Seele die verklärten Züge und alles was die
Liebe und die Tugend und die Schönheit in einen Himmel dieser Erde drängen
können Da kam der überirdische durch tausend Himmel auf die Erde fallende
Augenblick hier unten an der Augenblick wo das menschliche Herz sich zur
höchsten Liebe erhebt und für zwei Seelen und zwei Welten schlägt der
Augenblick vereinigte auf ewig die Lippen auf denen alle Erdenworte erloschen
die Herzen die mit der schweren Wonne kämpften die verwandten Seelen die wie
zwei hohe Flammen ineinanderschlugen
Begehrt kein Landschaftstück der blühenden Welten von mir über welche sie
in jenem Augenblicke hinzogen den kaum die Empfindung geschweige die Sprache
fasset Ich könnte ebensogut einen Schattenriss von der Sonne geben Nach
jenem Augenblicke suchte Beata deren Körper schon unter einer großen Träne wie
ein Blümchen unter einem Gewittertropfen umsank sich aufs Grab zu setzen sie
bog ihn sanft mit der einen Hand von sich indem sie ihm die andre ließ Hier
schloss er seine weite Seele auf und sagte ihr alles seine Geschichte und seinen
Traum und seine Kämpfe Nie war ein Mensch aufrichtiger in der Stunde seines
Glücks als er nie war die Liebe blöder nach der Minute der Umarmung als hier
Bei Beaten schwamm wie allemal das Freudenöl dünn auf dem Tränenwasser ein
vor ihr stehendes Leiden sah sie mit trocknen festen Blicken an aber kein
erinnertes und keine vor ihr stehende Freude Sie hatte jetzo kaum den Mut zu
reden kaum den Mut sich zu erinnern kaum den Mut entzückt zu sein Zu ihm
hob sie das scheue Auge nur hinauf wenn der Mond der über eine durchbrochne
Treppe von Wolken stieg hinter einem weißen Wölkchen verschattet stand Aber
als eine dickere Wolke den MondTorso begrub so endigten beide den schönsten
Tag ihres Lebens und unter ihrer Trennung fühlten sie dass es für sie keine
andre gebe
Im einsamen Zimmer konnte Beata nicht denken nicht empfinden nicht sich
erinnern sie erfuhr was Freudentränen sind sie ließ sie strömen und als sie
sie endlich stillen wollte konnte sie nicht und als der Schlaf kam ihre Augen
zu verschließen lagen sie schon unter himmlischen Tropfen bedeckt
Ihr unschuldigen Seelen zu euch kann ich besser wie zu Verstorbnen sagen
schlaft sanft Gemeiniglich gefallen uns nämlich mir und dem Leser die
Bravour und ForceRollen der RomanenLiebhaber schlecht weil entweder die eine
Person nicht würdig ist solche Lichtwolkenbrüche der Freude zu genießen oder
die andere sie zu veranlassen hier aber haben wir beide gegen nichts etwas
Wollte nur der Himmel ihr Liebenden euer lahmer Lebensbeschreiber könnte
seine Feder zu einem BlanchardsFlügel machen und euch damit aus den
Grubenzimmerungen und Grubenwettern des Hofes in irgendeine freie Pappelinsel
tragen sie sei im Süd oder im Mittelmeer Da ichs nicht kann so denk ich
mirs doch und sooft ich nach Auental oder Scheerau gehe so zeichne ich mir es
aus wie viel ich euch schenkte wenn ihr in jenem Pappel und Rosental das ich
in Wasser gefasst hätte ohne den deutschen Winter unter ewigen Blüten ohne
die SchneideGesichter der moralischen Febrikanten ohne ein gefährlicheres
Murmeln als das der Bäche ohne festere Verstrickungen als die in verwachsenen
Blumen und ohne den Einfluss härterer Sterne als der friedlichen am Himmel in
schuldloser Wonne und Ruhe Atem holen dürftet nicht zwar immerfort aber doch
die paar Blumenmonate eurer ersten Liebe hindurch
Das ist aber unmenschlich schwer und ich bin am wenigsten der Mann dazu
Ein solches Glück ist schwer zu steigern und eben darum schwer zu halten Werde
lieber hier ein Wort vom Glücke eines schreibseligen Kränklings vorzubringen
erlaubt der doch auch eines haben will und der eben der Beschreiber der vorigen
Seligkeit selber ist ich meine nämlich ein Wort von meiner kranken
Persönlichkeit Vom Kuhstall bin ich wieder herauf und von der Lungensucht
glücklich genesen nur der Schlagfluß setzt mir seitdem mit Symptomen zu und
will mich erschlagen wie einen Maulwurf gerade indem ich wie letzter seinen
Hügel so den babylonischen Turm meines gelehrten Ruhms aufwerfe Zum Glück geb
ich mich gerade mit Hallers großer und kleiner Physiologie ab und mit Nikolais
materia medica und mit allem Medizinischen was ich geborgt bekomme und kann
also mit meinen medizinischen Kenntnissen auf den Schlagfluß ein tüchtiges
Kartätschenfeuer geben Das Feuer mach ich an meinen Füßen indem ich das lange
Bein in einen großen Pelzstiefel wie eine Vorhölle setze und das
zusammengegangne in ein PelzSchnürstiefelchen ich habe die ältesten
MondDoktores und Pestilenziarien auf meiner Seite wenn ich mir einbilde dass
ich gleich einem Demokraten durch diese Stiefel und ein breites Senfpflaster
womit ich wie mehre Gelehrte meine Füße besohle die materia peccans aus den
oberen Teilen in die niederen heruntertreiben könne Gleichwohl geh ich weiter
wenns gefriert Ich schabe und kerbe mir nämlich eine hohe Eismütze1 aus und
denke unter der gefrornen Schlafmütze alsdann wirds kein Wunder sein wenn die
Apoplexie und ihre Halbschwester die Hemiplexie durch mich angefallen von
oben und unten am einen Pol durch den heißen FußSokkus am andern durch den
EisKnauf oder die gefrorne MartererKrone hingeht wo sie herkam und mich
der Erde schenkt deren einer Pol gleichfalls unten Sommer hat wenn der andre
oben Winter Der Leser werfe aber einmal von guten Büchern ein
philantropinisches Auge auf uns deren Verfasser wir Verfasser strengen uns an
und verfertigen Fibeln Mordpredigten periodische Blätter oder Reinigungen
Ausschnitte und andern aufklärenden Henker aber unsern Madensack zerzausen und
schaben wir ja darüber entsetzlich ab und doch meints kein Teufel ehrlich mit
uns So steh ich und die ganze schreibende Innung aufrecht da und verschiessen
gern lange Strahlen über die ganze Halbkugel denn mehr ist auf einmal von Welt
und andern Kugeln nicht zu beleuchten und dem ganzen Amerika fehlen unsre
Kiele indes wir doch den ersten Christen gleichen die das Licht womit sie
in Pech und Leinwand eingeklemmt als lebendige Pechfackeln über Neros Gärten
schienen zugleich mit ihrem Fett und Leben von sich gaben
»Und hier« sagen RomanenManufakturisten »erfolgte ein Auftritt den der
Leser sich denken ich aber nicht beschreiben kann« Das kommt mir viel zu dumm
vor Ich kann es auch nicht beschreiben beschreib es aber doch Haben denn
solche Autoren so wenig Rechtschaffenheit dass sie bei einer Szene nach der die
Leser schon im voraus geblättert haben zB bei einem Todesfall auf den alle
Eltern und Kinder lauern wie auf einen Lehnfall oder Hängtag vom Sessel
aufspringen und sagen das macht selber Es ist so als wenn die Schikanedrische
Truppe vor den verzerrendsten Auftritten des Lears an die TheaterKüste ginge
und das Publikum ersuchte es möchte sich Lears Gesicht nur denken sie ihres
Orts könnte es unmöglich nachmachen Wahrhaftig was der Leser denken kann das
kann ja der Autor beim vollen Puls aller seiner Kräfte sich noch leichter
denken und es mithin schildern auch wird des Lesers Phantasie in deren
Speichen einmal die vorhergehenden Auftritte eingegriffen und die sie in
Bewegung gesetzt leicht in die stärkste durch jede Beschreibung des letzten
Auftritts hineinzureissen sein außer durch die jämmerliche nicht dass er nicht
zu beschreiben sei
Von mir hingegen sei man versichert ich mache mich an alles Ich redete es
daher schon auf der Ostermesse mit meinem Verleger ab er sollte sich um einige
Pfund Gedankenstriche um ein Pfund Frage und Ausrufungszeichen mehr umtun
damit die heftigsten Szenen zu setzen wären weil ich dabei um meinen
apoplektischen Kopf mich so viel wie nichts bekümmern würde
Fußnoten
1 Ausgehöhltes Eis wird bekanntlich auf den Kopf gelegt wenn Kopfschmerzen
Schwindel Tollheit darin sind
Vierunddreissigster oder I AdventSektor
Ottomar Kirche Orgel
Am andern Morgen war ein Lärm im Schloss über eine Sache die der Doktor Fenk
um eine Woche später durch einen Brief von Ottomar erfuhr
Nie hab ich einen Sektor oder Sonntag so traurig angefangen als heute
mein vergehender Körper und der folgende Brief an Fenk hängen wie ein Hutflor an
mir Ich wollt ich verstände den Brief nicht ach es wäre dann eine
unvergessliche Novemberstunde nie in mein Leben getreten die nachdem so viele
andre Stunden bei mir vorübergegangen bei mir stehen bleibt und mich immerfort
ansieht Dunkle Stunde du streckest deinen Schatten über ganze Jahre aus du
stellest dich so vor mich dass ich den phosphoreszierenden Nimbus der Erde
hinter dir nicht flimmern und rauchen sehen kann die 80 menschlichen Jahre
sehen in deinem Schatten wie der Ruck des Sekundenweisers aus ach nimm mir
nicht so viel Ottomar hatte dieselbe Stunde nach seinem Begräbnis und
beschreibt sie dem Doktor so
»Ich bin seitdem lebendig begraben worden Ich habe mit dem Tode geredet und er
hat mich versichert es gebe weiter nichts als ihn Als ich aus meinem Sarg
heraus war so hat er die ganze Erde dafür hineingelegt und mein bisschen Freude
oben darauf Ach guter Fenk wie bin ich verändert Komm nur bald zurück
Seitdem stehen vor mir alle Stunden wie leere Gräber hin die mich oder meine
Freunde auffangen Ich hab es wohl gehört wer meine Hand noch einmal am Sarge
gedrückt komm recht bald Teurer
Weißt du nicht mehr wie ich mich von jeher vor dem lebendigen Begräbnis
gefürchtet Mitten im Einschlafen fuhr ich oft auf weil mir einfiel ich könnte
ohnmächtig und so beerdigt werden und meine aufwollenden Arme triebe dann der
Sargdeckel nieder Auf Reisen drohte ich überall wo ich kränklich wurde ich
wollte ihnen wenn sie mich innerhalb acht Tagen beisetzten als Gespenst
erscheinen und auflasten Diese Furcht war mein Glück sonst hätte mich mein
Sarg getötet
Vor Wochen kam meine alte Krankheit wieder zu mir das hitzige Fieber Ich
eilte mit ihr nach meinem Ruhestatt und mein erstes Wort zu meinem
Hausverwalter da ich dich nicht haben konnte war mich sogleich als ich
ohne Leben wäre zu beerdigen weil die Gewölbluft leichter erweckt aber nichts
zuzusperren weder Sarg noch Erbgruft die einsame Kirche am Park steht ohnehin
offen Auch sagt ich ihm meinen Spitzhund der nicht von mir bleibt überall
mitzulassen Noch in der Nacht nahm das Fieber zu aber beim Blutlassen bricht
meine Zurückerinnerung ab Ich weiß bloß noch dass ich das Blut mit einigem
Schauder um meinen Arm sich krümmen sah und dass ich dachte Das ist das
Menschenblut das uns heilig ist welches das Kartenhaus und das Sparrwerk
unsers Ichs ausküttet und in welchem die unsichtbaren Räder unsers Lebens und
unserer Triebe gehen Dieses Blut sprützte nachher an alle Phantasien meiner
Fiebernächte das eingetauchte All stieg blutrot daraus herauf und alle
Menschen schienen mir an einem langen Ufer einen Strom zusammenzubluten der
über die Erde hinaus in eine saufende Tiefe hinabsprang Gedanken hässliche
Gedanken rückten vor mir grinsend vorüber die kein Gesunder kennt keiner
nachschaft keiner erträgt und die bloß liegende Krankenseelen anbellen Wäre
kein Schöpfer so müsst ich vor den verborgenen AngstSaiten erzittern die im
Menschen aufgezogen sind und an denen ein feindseliges Wesen reißen könnte Aber
nein du allgütiges Wesen du hältst deine Hand über unsre Anlage zur Qual und
legest das ErdenHerz worüber diese Saiten aufgewunden sind auseinander wenn
sie zu heftig beben
Der Kampf meiner Natur wurde endlich zu einem ohnmächtigen Schlummer aus
dem so viele bloß erwachen um unter der Erde zu sterben Darin trug man mich in
die einsam stehende Kirche Der Fürst und mein Spitz waren mit dabei aber bloß
der erste ging wieder fort Ich lag vielleicht die halbe Nacht bis das Leben
durch mich zuckte Mein erster Gedanke riss die Seele immer auseinander Von
ungefähr trat der Hund auf mein Gesicht plötzlich senkte sich eine Beklemmung
wie wenn eine Riesenhand meine Brust böge tief auf mich herein und ein
Sargdeckel schien mir wie ein aufgehobnes Rad über mir zu stehen Schon die
Beschreibung schmerzt mich weil die Möglichkeit der Wiederholung mich ängstigt
Ich stieg aus der sechseckigen Brutzelle des zweiten Lebens der Tod
streckte sich vor mir weit hin mit seinen tausend Gliedern den Köpfen und
Knochen Ich schien mir unten im chaotischen Abgrund zu stehen und oben weit
über mir zog die Erde mit ihren Lebendigen Mich ekelte Leben und Tod Auf das
was neben mir lag sogar auf meine Mutter sah ich starr und kalt wie das Auge
des Todes wenn er ein Leben zerblickt Ein rundes Eisengitter in der
Kirchenmauer schnitt aus dem ganzen Himmel nichts heraus als die schimmernde
zerbrochne Scheibe des Mondes der als ein himmlisches Sarglicht auf den Sarg
der die Erde heißt herunterhing Die öde Kirche dieser vorige Markt des
redenden Gewimmels stand ausgestorben und untergraben von Toten da die langen
Kirchenfenster legten sich vom Mond abgeschattet über die Gitterstühle hinüber
an der Sakristei richtete sich das schwarze TotenKreuz auf das Ordenkreuz
des Todes die Degen und Sporen der Ritter erinnerten an die zerbröckelten
Glieder die sie und sich nicht mehr bewegten und der Totenkranz des Säuglings
mit falschen Blumen hatte den armen Säugling hieher begleitet dem der Tod die
Hand abgebrochen eh sie wahre pflücken konnte steinerne Mönche und Ritter
machten das längst verstummte Gebet an der Mauer mit verwitternden Händen nach
nichts Lebendiges sprach in der Kirche als der eiserne Gang des Perpendikels der
Turmuhr und mir war als hört ich wie die Zeit mit schweren Füßen über die
Welt schritt und Gräber austrat als Fußstapfen
Ich setzte mich auf eine Altarstufe um mich lag das Mondlicht mit trübenden
eilenden Wolkenschatten mein Geist stand hoch ich redete das Ich an das ich
noch war Was bist du was sitzt hier und erinnert sich und hat Qual Du ich
etwas wo ist denn das hin das gefärbte Gewölk das seit dreißig Jahren an
diesem Ich vorüberzog und das ich Kindheit Jugend Leben hieß Mein Ich zog
durch diesen bemalten Nebel hindurch ich konnt ihn aber nicht erfassen weit
von mir schien er etwas Festes an mir versickernde Dufttropfen oder sogenannte
Augenblicke Leben heißt also von einem Augenblick diesem Dunstkügelchen der
Zeit in den andern tropfen Wenn ich nun wäre tot geblieben so wär also
das was ich jetzo bin der Zweck gewesen weswegen ich für diese lichtervolle
Erde und sie für mich gebaut war Das wäre das Ende der Szenen und über
dem Ende hinaus Freude ist vielleicht dort hier ist keine weil eine
vergangne keine ist und unsre Augenblicke verdünnen jede gegenwärtige in
tausend vergangne Tugend ist eher hier sie ist über die Zeit Unter mir
schläft alles aber ich werd es auch tun und wenn ich mir noch dreißig Jahre
weismache dass ich lebe dann legen sie mich doch wieder hieher die heutige
Nacht kommt wieder ich bleibe aber in meinem Sarg und dann Wenn ich nun
drei Augenblicke hätte einen zur Geburt einen zum Leben einen zum Sterben zu
was hätt ich sie denn würd ich sagen Alles aber was zwischen der Zukunft
und Vergangenheit steht ist ein Augenblick wir haben alle nur drei
Großes Urwesen fing ich an und wollte beten du hast die Ewigkeit aber
unter dem Gedanken an den der nichts als Gegenwart ist erhält sich kein
menschlicher Geist aufrecht sondern beugt sich an seine Erde wieder O ihr
abgeschiedenen Lieben dacht ich ihr wäret mir nicht zu groß erscheinet mir
hebt das Gefühl der Nichtigkeit von meinem Herzen ab und zeigt mir die ewige
Brust die ich lieben die mich wärmen kann Von ungefähr sah ich meinen armen
Hund der mich anschauete und dieser rührte mich mit seinem noch kürzern noch
dumpfern Leben so dass ich bis zu Tränen weich wurde und mich nach etwas sehnte
womit ich sie vermehrte und stillte
Das war die Orgel über mir Ich ging zu ihr wie zu einer löschenden Quelle
hinauf Und als ich mit ihren großen Tönen die nächtliche Kirche und die tauben
Toten erschütterte und als der alte Staub um mich flog der auf ihren stummen
Lippen bisher gelegen war so zogen alle vergängliche Menschen die ich geliebt
hatte nebst ihren vergänglichen Szenen vorüber du kamest und Mailand und das
stille Land ich erzählte ihnen mit Orgeltönen was zu einer bloßen Erzählung
geworden war ich liebte sie alle im Fluge des Lebens noch einmal und wollte vor
Liebe an ihnen sterben und in ihre Hand meine Seele drücken aber nur
Holztasten waren unter meiner drückenden Hand Ich schlug immer wenigere Töne
an die um mich wie ein ziehender Strudel gingen endlich legt ich das
Choralbuch auf einen tiefen Ton und zog die Bälge in einem fort um nicht den
stummen Zwischenraum zwischen den Tönen auszustehen ein summender Ton strömte
fort wie wenn er hinter den Flügeln der Zeit nachginge er trug alle meine
Erinnerungen und Hoffnungen und in seinen Wellen schwamm mein schlagendes Herz
Von jeher machte ein fortbebender Ton mich traurig
Ich verließ meine Auferstehungstätte und sah nach der weißen Pyramide des
Eremitenberges wo nichts auferstand und wo das Leben fester schlief die
Pyramide stand in Mondschimmer getaucht und mit mir wandelte ein langer
Wolkenschatten Blätter und Bäume krümmte der Herbst über die stachlichten
Wiesenstoppeln wiegte sich die Blume nicht mehr die im Maule des Viehs verging
die Schnecke sargte sich in ihr Haus und Bett mit Geifer ein und als am Morgen
sich die Erde mit vollgebluteten fleckigen Wolken gegen die matte Sonne drehte
so fühlt ich dass ich meine vorige frohe Erde nicht mehr hatte sondern dass ich
sie auf immer in der Gruft gelassen und die Menschen die ich wiederfand
schienen mir Leichname die der Tod hergeliehen und die das Leben aufrichtet und
schiebt um mit diesen Figuren zu agieren in Europa Asia Afrika und Amerika
So denk ich noch Ich werde auch zeitlebens den TrauerEindruck von dieser
Gewissheit herumtragen dass ich sterben muss Denn das weiß ich erst seit acht
Tagen ob ich mir gleich vorher recht viel auf meine Empfindsamkeit an
Sterbebetten an Teatern und Leichenkanzeln einbildete Das Kind begreift
keinen Tod jede Minute seines spielenden Daseins stellt sich mit ihrem
Flimmern vor sein kleines Grab Geschäft und FreudenMenschen begreifen ihn
ebensowenig und es ist unbegreiflich mit welcher Kälte tausend Menschen sagen
können das Leben ist kurz Es ist unbegreiflich dass man dem betäubten Haufen
dessen Reden artikuliertes Schnarchen ist das dicke Augenlid nicht aufziehen
kann wenn man von ihm verlangt sieh doch durch deine paar Lebenjahre hindurch
bis ans Bett worin du erliegst sieh dich mit der hängenden plumpen
TotenHand mit dem bergigen KrankenGesicht mit dem weißen MarmorAuge höre
in deine jetzige Stunde die zankenden Phantasien der letzten Nacht herüber
diese große Nacht die immer auf dich zuschreitet und die in jeder Stunde eine
Stunde zurücklegt und dich Ephemere du magst dich nun im Strahl der Abendsonne
oder in dem der AbendDämmerung herumschwingen gewiss niederschlägt Aber die
beiden Ewigkeiten türmen sich auf beiden Seiten unsrer Erde in die Höhe und wir
kriechen und graben in unserem tiefen Hohlweg fort dumm blind taub käuend
zappelnd ohne einen größeren Gang zu sehen als den wir mit Käferköpfen in
unsern Kot ackern
Aber seitdem ists auch mit meinen Planen ein Ende man kann hienieden nichts
vollenden Das Leben ist mir so wenig dass es fast das Kleinste ist was ich für
ein Vaterland hingeben kann ich treffe und steige bloß mit einem größeren oder
kleineren Gefolge von Jahren in den Gottesacker ein Mit der Freude ists aber
auch vorbei meine starre Hand die einmal den Tod wie einen Zitteraal berührt
hat reibet den bunten Schmetterlingstaub zu leicht von ihren vier Flügeln und
ich lasse sie bloß um mich flattern ohne sie zu greifen Bloß Unglück und
Arbeit sind undurchsichtig genug dass sie die Zukunft verbauen und ihr sollt
mir willkommen in meinem Hause sein zumal wenn ihr aus einem andern ausziehet
wo der Mieterr die Freude lieber hineinhat O euch ihr armen bleichen aus
Erdfarben gemachten Bilder ihr Menschen lieb und duld ich nun doppelt denn
wer anders als die Liebe zieht uns durch das Gefühl der Unvergänglichkeit wieder
aus der Todesasche heraus Wer sollt euch eure zwei Dezembertage die ihr 80
Jahre nennt noch kälter und kürzer machen Ach wir sind nur zitternde Schatten
Und doch will ein Schatten den andern zerreißen
Jetzt begreif ich warum ein Mensch ein König in seinen alten Tagen ins
Kloster geht was will er an einem Hofe oder auf einer Börse machen wenn die
Sinnenwelt vor ihm zurückweicht und alles aussieht wie ein ausgespannter großer
Flor indes bloß die höhere zweite Welt mit ihren Strahlen in dieses Schwarz
hereinhängt So leget der Himmel wenn man ihn auf hohen Bergen besieht sein
Blau ab und wird schwarz weil jenes nicht seine sondern unsrer Atmosphäre
Farbe ist aber die Sonne ist dann wie ein brennendes Siegel des Lebens in diese
Nacht gedrückt und flammt fort
Ich schaute gerade zum Sternenhimmel auf aber er erhellet meine Seele
nicht mehr wie sonst seine Sonnen und Erden verwittern ja ebenso wie die
worein ich zerfalle Ob eine Minute den MadenZahn oder ein Jahrtausend den
HaifischZahn an eine Welt setze das ist einerlei zermalmt wird sie doch
Nicht bloß diese Erde ist eitel sondern alles das neben ihr durch den Himmel
flieht und das sich nur in der Größe von ihr trennt Und du holde Sonne selber
die du wie eine Mutter wenn das Kind gute Nacht nimmt uns so zärtlich
ansiehest wenn uns die Erde wegträgt und den Vorhang der Nacht um unsre Betten
zieht auch du fällest einmal in deine Nacht und in dein Bette und brauchst eine
Sonne um Strahlen zu haben
Es ist also sonderbar dass man höhere Sterne oder gar die Planeten und ihre
Tochterländer zu Blumenkübeln macht in die uns der Tod steckt wie etwa der
Amerikaner nach dem Tode nach Europa zu fahren hofft Die Europäer würden seinen
Wahn erwidern und Amerika für die Walhalla der Abgeschiednen halten wenn nur
unsre zweite Halbkugel statt 1000 Meilen etwa 60000 wie die bekannte des
Mondes entfernt von uns hinge O mein Geist begehrt etwas anders als eine
aufgewärmte neu aufgelegte Erde eine andre Sättigung als auf irgendeinem Kot
oder FeuerKlumpen des Himmels wächset ein längeres Leben als ein
zerbröckelnder Wandelstern trägt aber ich begreife nichts davon
Komm nur recht bald zu meinem Kopfe dem du die eine Locke genommen solange
ich lebe soll die Seite an der du den Lockenraub begangen zum Andenken was
ich war und werde ohne Zierde bleiben etc
Ottomar«
Dichtende Genies sind in der Jugend die Renegaten und Verfolger des Geschmacks
später aber Proselyten und Apostel desselben und den verzerrenden
mikroskopischen und makroskopischen Hohlspiegel schleift das Alter zu einem
ebnen ab der die Natur bloß verdoppelt indem er sie malt So werden die
handelnden und empfindenden Genies aus Feinden der Grundsätze und aus Stürmern
der Tugend größere Freunde von beiden als fehlerlosere Menschen niemals werden
Ottomar wird einmal die übertreffen die ihn jetzo tadeln können Übrigens werd
ich ihn im Verfolge dieser VielLebensbeschreibung nicht schelmisch behandeln
sondern ehrlich ob ers gleich nicht hofft denn vor seiner Reise wo ich
einigemal in den heißen Brennpunkt seiner Fehler geriet zerfielen wir ein wenig
miteinander seitdem glaubt er ich hass ihn von Herzen allein ich glaube
ich lieb ihn von Herzen hab aber wie hundert andre eine besondere Freude an
meiner verheimlichten leidenden Liebe
Fünfunddreissigster oder AndreasSektor
Tage der Liebe Oefels Liebe Ottomars Schloss und die Wachsfiguren
Ich tunke heute schon wieder in mein biographisches Tintenfass weil ich nunmehr
mit meinem Gebäude bald an die Gegenwart stoße am heiligen Weihnachtfeste
hoff ich nach zu sein ferner weil heute Andreastag ist und weil mein
Hausherr unter dem Geschrei seiner Kinder einen Birkenbaum in die Stube und in
einen alten Topf eingestellt hat damit er zu Weihnachten die silbernen Früchte
trage die man ihm anbindet Über so etwas vergess ich Gerichttage und Termine
Gustav wachte am Morgen nach der Liebeerklärung nicht aus seinem Schlafe
denn darein konnte nach diesem Königschuss im Menschenleben nur ein menschlicher
Dachs oder eine Dächsin fallen sondern aus seinem brausenden Freuden
Ohrenklingen auf Entzückungen zogen im Ringeltanz um sein inneres Auge und
sein Bewusstsein langte kaum zu seinem Genießen zu welcher Morgen In einem
solchen Brautschmuck trat die Erde nie vor ihn Es gefiel ihm alles sogar
Oefel sogar das Oefelsche Prahlen mit Beatens Liebe Das Schicksal hatte heute
den Verlust seiner Liebe ausgenommen keine giftige Spitze keinen eiternden
Splitter den er nicht gleichgültig in seine von der ganzen Seligkeit bewohnte
und gespannte Brust eingelassen hätte So ersetzt oft die höchste Wärme die
höchste Kälte oder Apathie und unter der Täucherglocke einer heftigen Idee
sei es eine fixe oder eine leidenschaftliche oder eine wissenschaftliche
stecken wir beschirmt vor dem ganzen äußern Ozean
Beaten gings ebenso Diese sanfte fortvibrierende Freude war ein zweites
Herz das ihre Adern füllte ihre Nerven beseelte und ihre Wangen übermalte
Denn die Liebe steht indes andre Leidenschaften nur wie Erdstösse wie Blitze
an uns fahren wie ein stiller durchsichtiger Nachsommertag mit ihrem ganzen
Himmel in der Seele unverrückt Sie gibt uns einen Vorschmack von der Seligkeit
des Dichters dessen Brust ein fortblühendes tönendes schimmerndes Paradies
umfängt und der hineinsteigen kann indes sein äußerer Körper das Eden und sich
über polnischen Kot holländischen Sumpf und siberische Steppen trägt
O ihr Wollüstlinge in Residenzstädten wo reicht euch die Gegenwart nur eine
solche Minute als hier die Vergangenheit meinem Paare ganze Tage vorsetzt
euch deren harte Herzen vom höchsten Feuer der Liebe wie der Demant vom
Brennspiegel nur verflüchtigt aber nicht geschmolzen werden
Aber wie Abendrot am Himmel so umherfliesset dass es die Wolken des
Morgenrots besäumt so war auf Beatens Wangen neben dem Rot der Freude auch das
der Schamhaftigkeit wiewohl nicht länger als bis des Geliebten Gestalt wie
ein Engel durch ihren Himmel flog Beide sehnten sich einander zu sehen
beide fürchteten sich von der Residentin gesehen zu werden die Entdeckung und
noch mehr die Beurteilung ihrer Empfindungen hätten sie gern gemieden Es gibt
einen gewissen stechenden Blick der weiche Empfindungen wie der Sonnenblick
das AlpenTierchen Sure zersetzt und umbringt die schönste Liebe schlägt ihre
Blumenblätter zusammen vor dem Gegenstande selber wie sollte sie den sengenden
Hofblick ausdauern
Mit Einsicht ergreift hier der Lebensbeschreiber diese Gelegenheit die Ehen
der Großen mit zwei Worten zu loben denn er kann sie mit den unschuldigen
Blumen vergleichen Wie Florens bunte Kinder bedecken Große ihre Liebe mit
nichts wie sie gatten sie sich ohne sich zu kennen oder zu lieben wie
Blumen sorgen sie für ihre Kinder nicht sondern brüten ihre Nachkommen mit der
Teilnahme aus womit es ein Brütofen in Ägypten tut Ihre Liebe ist sogar eine
dem Fenster angefrorne Blume die in der Wärme zerrinnt Unter allen chymischen
und physiologischen Vereinigungen hat also bloß eine unter Großen das Gute dass
die Personen die miteinander aufbrausen und Ringe wechseln eine entsetzliche
Kälte verbreiten so findet man die nämliche Merkwürdigkeit und Kälte bloß bei
der Vereinigung des mineralischen Laugensalzes und der Salpetersäure und Herr
de Morveau sagt aus Einfalt es fall auf
Da Beata sich so sehr sehnte ihren und meinen Helden zu sehen so ging
sie um ihren Wunsch zu verfehlen einige Tage nach Maussenbach zu ihrer Mutter
Ich will ihr Schirmvogt sein und für sie reden Sie tat es weil sie ihm niemals
anders aufstossen wollte als von ungefähr bei der Residentin aber wärs allemal
mit Absicht gewesen Sie tat es weil sie sich gern selber kränkte und wie
Sokrates den Becher der Freude erst weggoss eh sie ihn ansetzte Sie tat es
weswegen es selten eine täte um ihrer Mutter um den Hals zu fallen und ihr
alles zu sagen Endlich tat sie es auch um zu Hause das Porträt Gustavs das
der Alte versteigert hatte aufzusuchen
Ich erfuhr alles schon am Tage ihrer Rückreise da ich in Maussenbach als
eine ganze adlige Rota anlangte um eine arme Wirtin weniger zu bestrafen als zu
befragen weil sie wie man in der Pariser Oper für wichtige Rollen die Spieler
doppelt und dreifach in Bereitschaft hält die erhebliche Rolle ihres Ehemannes
anstatt mit einem Double sogar mit zwölf Leuten aus der Gegend vorsichtig
besetzt hatte damit fortgespielet würde sooft er selber nicht da wäre Und
hier war es wo ich abnehmen konnte wie wenig mein Herr Gerichtprinzipal zum
Ehebruch geneigt sei sondern vielmehr zur Tugend er war ordentlich froh dass
das ganze Flöz von eingepfarrten Ehebrechern gerade vor seinem Ufer vorbeikam
und dass er das Werkzeug wurde womit die Gerechtigkeit diese geheime
Gesellschaft heimsuchte und auswichste Daher suchte er in der Wirtin wie in
Jöchers GelehrtenLexikon mit Lust nach den Namen wichtiger Autoren und sie war
seinem tugendhaften Ohr ein Homer der die verwundeten Helden sämtlich bei Namen
absingt daher schenkte er ihr aus Mitleiden weil sie gar nichts hatte seine
Geldstrafe ganz aber die ehebrechende Union und Truppe wurde unter die
Stampfmühle und in die Kelter gebracht oder ihr Saugwerke und Pumpenstiefel
angelegt
Also in Maussenbach beim Auspressen des ehebrechenden Personale erzählte mir
die Gerichtprinzipalin was ihr die Tochter erzählt um mich zu bitten dass
ich als voriger Mentor des Liebhabers das Paar auseinanderlenken sollte weil
ihr Mann die Liebe nicht litte Ich konnte ihr nicht sagen dass ich über der
Biographie vom Paare und ihrer eignen wäre und dass die Liebe das Heftpflaster
und der Tischlerleim sei der die ganze Lebensbeschreibung und das Paar
verkittete und ohne welchen mein ganzes Buch in Stücken zerfiele dass ich also
die Jenaer Rezensenten beleidigen würde wenn ich ihm seine Liebe nehmen wollte
Aber so viel konnt ich ihr wohl sagen es sei unmöglich denn die Liebe eines
solchen Paars sei feuerfest und wasserdicht Ich kam ihr mit meinem Gefühl ein
wenig einfältig vor denn sie dachte an ihre eigne Erfahrung Ich fügte
verschlagnerweise hinzu »das Falkenbergische Haus hebe sich seit einigen Jahren
und tue hübsche Kapitalien aus« Sie antwortete mir bloß darauf »zum Glück
erfahr es ihr Mann nie« denn eine Menge Geheimnisse sagte sie allen Menschen
aber nicht ihrem Manne »denn der habe ihrer Beata schon eine ganz andre
Partie zugedacht« Mehr konnt ich nicht erforschen
Aber eine hübsche Suppe wird da für den Helden nicht bloß sondern auch
für den Lebensbeschreiber eingebrockt denn letzter hat am Ende doch das meiste
wegen der Schilderung heftiger Auftritte auszubaden und muss oft an solchen
SturmSektoren ganze Wochen verhusten Ich wills dem Leser nur aufrichtig
vorausgestehen ein solcher Schwaden und Sturmwind ist schon am vorigen Freitag
über das neue Schloss gesauset und am Sonnabend durch Auental und meine Stube
gefahren wo Gustav zerstöret zu mir kam und bei mir Nachricht einzog ob die
Rittmeisterin von Falkenberg die mit ihrer MitteltintenKatze meinen ersten
Sektor einnimmt und die bekanntlich Gustavs Mutter ist ob die sie wirklich
sei Inzwischen wird doch mutig fortgeschritten denn ich weiß auch dass
wenn ich mein biographisches Eskurial und Louvre ausgebauet und endlich auf dem
Dache mit der Baurede sitze ich etwas in die Bücherschränke geliefert habe
dergleichen die Welt nicht oft habhaft wird und was freilich vorübergehende
Rezensenten reizen muss zu sagen »Tag und Nacht Sommer und Winter auch an
Werkeltagen sollte ein solcher Mann schreiben wer kann aber wissen obs keine
Dame ist«
Nun fället also auf allen nächsten Blättern das Wetterglas von einem Grad
zum andern eh der gedrohte Sturmwind emporfährt Wie Gustav die abwesende
Beata liebte errät jeder der empfunden hat wie die Liebe nie zärtlicher nie
uneigennütziger ist als während der Abwesenheit des Gegenstandes Täglich ging
er zum Grabe des Freundes wie zum heiligen Grabe an den Geburtort seines
Glücks mit einem seligen Beben aller Fibern täglich tat ers um eine halbe
Stunde später weil der Mond das einzige offene Auge bei seiner
SeelenVermählung täglich um eine halbe später kam Der Mond war und wird ewig
die Sonne der Liebenden sein dieser sanfte Dekorationmaler ihrer Szenen er
schwellet ihre Empfindungen wie die Meere an und hebt auch in ihren Augen eine
Flut Herr von Oefel warf den Blick des Beobachters auf Gustav und sagte »Die
Residentin hat aus Ihnen gemacht was ich aus dem Fräulein von Röper« Hier
rechnete er meinem Helden die ganze Patognomik der Liebe vor das Trauern
Schweigen Zerstreuetsein das er an Beaten wahrgenommen und woraus er folgerte
ihr Herz sei nicht mehr leer er sitze drin merk er Mit Oefeln mochte eine
umgehen wie sie wollte so schloss er doch sie lieb ihn sterblich Gab sie
sich scherzend erlaubend zutraulich mit ihm ab so sagte er ohnehin »Es ist
nichts gewisser aber sie sollte mehr an sich halten« bediente sie sich des
andern Extrems würdigte sie ihn keines Blicks keines Befehls höchstens ihres
Spottes und versagte sie ihm sogar Kleinigkeiten so schwor er »unter 100 Mann
woll er den herausziehen den eine liebe es sei der den sie allein nicht
ansehe« Schlug eine die Mittelstrasse der Gleichgültigkeit ein so bemerkter
»die Weiber wüssten sich so gut zu verstellen dass sie nur der Satan oder die
Liebe erraten könnte« Es war ihm unmöglich so viele Weiber die in die Rotunda
seines Herzens wollten darin unterzubringen daher steckt er den Überschuss
sozusagen in den Herzbeutel worin das Herz auch hängt wie in einen Verschlag
hinein mit andern Worten er verlegte den Schauplatz der Liebe vom Herzen aufs
Papier und erfand eine dem Brief und PapierAdel ähnliche Briefund
PapierLiebe Ich habe viele solche chiromantische Temperamentblätter von ihm in
Händen gehabt wo er wie Schmetterlinge bloß auf poetischen Blumen Liebe
treibt ganze Rotuln von solchen Madrigalen und anakreontischen Gedichten an
Damen welche die Madrigale nicht die Damen sowohl die Süßigkeit als die
Kälte der Geleen haben So ist der Herr von Oefel und fast die ganze
belletristische Kompagnie
Da man nur vor Leuten vor denen man nicht rot wird sich selber lobt vor
gemeinen vor Bedienten vor Weib und Kindern und da ers gegen Gustav im Punkte
der Liebe tat so war seine Eitelkeit einer lauteren Rache wert als Gustav an
ihm nahm dieser malte sich bloß im stillen vor wie glücklich er sei dass er
indes andre sich täuschten oder sich bestrebten das Herz seiner Geliebten zu
haben zu sich zuversichtlich sagen könne »Sie hat dirs geschenkt« Aber diese
aussergerichtliche Schenkung dem Nebenbuhler und Botschafter zu notifizieren
oder überhaupt jemanden das verbot ihm nicht bloß seine Lage sondern auch sein
Charakter nicht einmal mir eröffnete er sie eher als bis er mir ganz andre
Dinge zu eröffnen und zu verbergen hatte Ich weiß recht gut dass diese
Diskretion ein Fehler ist dem neuere Romane nicht ungeschickt entgegenarbeiten
hat darin ein Romanheld oder Romanschreiber ein Herz bei einer Romanheldin
erstanden und das gibt sie so leicht her als säss es vorn wie ein Kropf
daran so zwingt der Held oder Schreiber die meistens einer sind die Heldin
das Herz heraus und hineinzutun wie der Stockfisch seinen Magen ja der Held
holet selber das Herz aus der verhüllenden Brust und weiset den eroberten Globus
über zwanzig Personen wie der Operateur ein geschnittenes Gewächs handhabt
den Ball wie eine Lorenzodose führt ihn ab wie einen Stockknopf und versteckt
das fremde Herz so wenig wie das eigne Ich gesteh es dass die Züge solcher
Göttinnen von den Schreibern aus keinen schlechtern Modellen zusammengetragen
sein können als die waren wonach die griechischen Künstler ihre Göttinnen
oder die römischen Maler ihre Madonnen zusammenschufen und man müsste wenig
Weltkenntnis haben wenn man nicht sähe dass die Fürstinnen Herzoginnen etc in
unsern Romanen sicher nicht so gut getroffen wären wenn nicht dem Autor an
ihrer Stelle Stuben und noch andere Mädchen gesessen hätten und so indem sich
der Verfasser zum Herzog und sein Mädchen zur Fürstin machte war der Roman
fertig und seine Liebe verewigt wie die der Spinnen die man gleichfalls in
Bernstein gepaaret und verewigt antrifft Ich sage dies alles nicht um meinen
Gustav zu rechtfertigen sondern nur zu entschuldigen denn diese Romanschreiber
sollten doch auch bedenken dass die angenehme Sittenroheit deren Mangel ich an
ihm vergeblich zu bedecken suche auch bei ihnen fehlen würde wenn sie so wie
er mehr durch Erziehung Umgang zu feines Ehrgefühl und Lektüre zB
Richardsons wären verdorben worden
Ich schäme mich dass Gustav eine solche Ignoranz in der Liebe hatte dass er
in einigen der besten Romanen nachsehen wollte ob er jetzt einen Liebebrief an
Beata zu schreiben habe ja dass ihre Abwesenheit ihn in Sorgen wegen ihrer
Gesinnung und in Verlegenheit über sein Betragen setzte Aber die Stärke der
Gefühle macht so gut die Zunge arm und schwer als der Mangel derselben Zum
Glück hüpfte ihm oft die kleine Laura nicht im Park denn nichts macht mehr
Dinten und Kaffeekleckse auf eine schöne Haut als die schöne Natur sondern
unter vier Mauern entgegen und die Schülerin ersetzte die Lehrerin
Aber eine auferstandene höhere Gestalt betrat jetzo das Land seiner Liebe
Ottomar von dessen beidlebigem Körper als Amphibium zweier Welten bisher so
viel Redens in Vorzimmern gewesen trat damit selber im Zimmer der Residentin
auf Sein erstes Wort zu dieser war »sie mög ihm verzeihen dass er nicht eher
in ihrem Vorzimmer erschienen er wäre beerdigt worden und hätte nicht eher
gekonnt Aber er sei der erste der nach dem Tode so bald ins Elysium« hier sah
er schmeichelhaft an den Landschaftstücken der Tapeten herum »und zu den
Göttern käme« Das war bloß satirische Bosheit Bekanntlich ists schon ein
bewährter Paragraph in der Ästetik aller Elegants dass sie und ist mein
Bruder in Lyon anders den Schmeicheleien die sie den Weibern sagen müssen
den Ton und die Miene der Aufrichtigkeit völlig zu benehmen haben womit die
antiken Stutzer sonst ihre Fleuretten versahen In diese SpottSchmeicheleien
kleidete er seinen Unmut über Weiber und Höfe Die Weiber brachten ihn auf weil
sie wie er glaubte in der Liebe nichts suchten als die Liebe1 indes der
Mann damit noch höhere religiöse ehrgeizige Empfindungen zu verschmelzen wisse
weil ihre Regungen nur Eilboten und jede weibliche Hitze nur eine fliegende
wäre und weil sie wenn Christus selber vor ihnen dozierte mitten aus den
größten Rührungen auf seine Weste und seine Strümpfe gucken würden Die Höfe
erzürnten ihn durch ihre Gefühllosigkeit durch seinen Bruder durch den
Volkdruck dessen Anblick ihn mit unüberwindlichen Schmerzen erfüllte Daher war
seine Reisebeschreibung anderer Länder eine Satire seines eignen und wie die
französischen Schriftsteller unter den Sultanen und Bonzen des Orients einige
Zeit die des Okzidents abmalten und abstraften so war in seinen Erzählungen der
Süden der Lehnträger und Pasquino des Nordens Die sanfte MenschenDuldung die
er sich in seinem letzten Briefe vorgesetzt hielt er nicht länger als bis er
ihn gestippt und gesiegelt hatte oder solang er spazieren ging oder während
der sanften NervenHerabschraubung nach einem Weinrausch Auch war ihm wenig
daran gelegen von denen geachtet zu werden die er selber nicht achtete mitten
unter großen philosophischen republikanischen Ideen oder Idealen wurden ihm die
Kleinigkeiten der Gegenwart unsichtbar und verächtlich jetzt zumal wo die
künftige Welt oder die künftigen Welten die dünne verfinsterte auf der er nach
jenen hinsah wie man durch das geschwärzte Sehrohr keinen Gegenstand erblickt
als die Sonne So brachte er zB fünf groteske Minuten bei der Residentin damit
zu dass er da den eigentlichen Körper der Seele nur Gehirn und Rückenmark und
Nerven ausmachen den vernünftigsten Hofdamen und den schönsten Hofherrn die
Haut abschund in Gedanken ihnen ferner die Knochen herauszog und das wenige
Fleisch und Gedärm was sie umlag wegdachte bis nichts mehr auf der Ottomane
saß als ein MarkSchwanz mit einem GehirnKnauf oben dran Darauf ließ er diese
umgekehrten Klöppel oder aufgerichteten Schwänze gegeneinander anlaufen und
agieren und Fleuretten sagen und lachte innerlich über die gescheitesten Leute
von Geburt die er selber skalpiert und abgeschuppet hatte Das nennen viele das
philosophische Pasquill
Aus dem neuen Schloss eilt er ins alte zu Gustav der ihn zu fliehen schien
Aber auf welche Art er mit Gustav schon längst bekannt geworden wie er ihm den
ersten Brief geben können warum er wie Gustav noch jetzt sich an einen
unbekannten Ort regelmäßig verfügte warum er von ihm geflohen wurde und was
sie miteinander im alten Schloss für ein dreistündiges Gespräch gehalten das
sich mit der wärmsten Liebe in beiden Herzen schloss darüber deckt sich noch
ein langer Schleier den meine Mutmaßungen nicht aufheben können denn ich habe
allerdings verschiedene aber sie klingen so außerordentlich dass ichs nicht
wage sie dem Publikum eher vorzulegen als bis ich sie besser rechtfertigen
kann Jede Ader jeder Gedanke und Herz und Auge wurden in Gustav weiter und
vergrösserten sich für eine neue Welt da er mit dem genialen Menschen sprach O
was sind die Stunden der seelenverwandtesten Lektüre selbst die Stunden der
einsamen Emporhebung gegen eine Stunde wo eine große Seele lebendig auf dich
wirkt und durch ihre Gegenwart deine Seele und deine Ideale verdoppelt und deine
Gedanken verkörpert
Gustav nahm sich vor sich aus dem Schloss zu Ottomar zu begeben um es zu
vergessen wer noch weiter darin fehle Es war ein stummer ausgewölkter Abend
ein Schatte nicht des schon weit weggezognen Sommers sondern des Nachsommers
als Gustav aufbrach nachdem er vergeblich auf die Rückkehr und Gesellschaft des
Doktors gewartet hatte In der leeren Luft durch die keine gefiederte Töne
keine klopfende Herzen mehr flogen zeigte sich nichts Lebendiges als die ewige
Sonne die kein Erdenherbst bleicht und fället und die ewig offen unsern Erdball
immerfort ansieht indes unter ihr tausend Augen sich öffnen und tausend sich
schließen An einem solchen Abend springt der Verband von alten Wunden auf die
wir in uns tragen Gustav kam still im Dorfe an am Eingange des Gartens der
das Ottomarsche Schloss halb umlief stand ein Knabe der die erhabene Melodie
eines erhabenen Lieds2 auf einer Drehorgel dem Gehör eines Kanarienvogels
vordrehte der sie singen lernen sollte »Ich krieg schon viel wenn ers
pfeifen kann« sagte der winzige Organist An einen Baum gelehnt stand Ottomar
der weiten Abendröte und diesen Abendtönen gegenüber die Sonne außer ihm ging
hinter einer bleifarbenen großen Wolke in ihm unter Gustav musste eh er ihn
erreichte vor einer dichten Nische und einem alten Gärtner darin vorbei an
welchem ihn zweierlei wunderte dass er ihm erstlich mit keinem Worte für seinen
Gutenabend dankte und zweitens dass so ein alter vernünftiger Mann ein
Kindergärtchen auf dem Schoße hatte und besah Durch die Laube nahm er an einer
Sonnenuhr eine Erhöhung wie ein Kindergrab und einen Regenbogen von Blumen wahr
der es umblühte und überlaubte auf der Erhöhung lagen die Kleider eines Kindes
so geordnet als wär etwas darin und hätte sie an Ottomar empfing ihn mit
einer Sanfteit die man nur in heftigen Charakteren in so unwiderstehlichem
Grade findet und sagte mit leiser Stimme »er feiere den Todestag aller
Jahrszeiten und heute wäre des Nachsommers seiner« Sie kamen indem sie ins
Schloss gingen vor dem Gärtner vorbei und er nahm den Hut nicht ab ferner vor
dem leeren Kleid auf dem Grab und es lag noch unter den Blumen und vor dem
Klavieristen der noch das Lied spielte »Jüngling den Bach der Zeit etc« Da
wir das Feierliche nur in Büchern selten im Leben finden so wirkt es im
letzten nachher desto stärker
Man muss noch merken dass in Ottomar der Ausdruck der stärksten Gefühle durch
eine gewisse Sanfteit womit sein Weltumgang und sein Alter sie brach
unwiderstehlich in den stillen Strudel zog Er öffnete Kinder waren die
Lakaien ein Zimmer des dritten Stockwerks Die Hauptsache waren nicht darin
die Gemälde mit schwarzen Gründen und weißen Särgen oder die Worte über den
Särgen »Darin ist mein Vater darin meine Mutter darin meine Frühlinge«
auch der sehr große gemalte Sarg nicht worüber stand »Darin liegen sechs
Jahrtausende mit allen ihren Menschen« Sondern das Wichtigste war das
Ungemalte wovor sich Gustav tief bückte eine schöne Frau die sich zu einem
unserm Gustav fast ähnlichen Kinde herabneigte weil es ihr etwas leise sagen
wollte ferner bückt er sich vor einem alten Offizier in Uniform der eine
zerrissene Landkarte und vor einem schönen jungen Italiener der ein fliegendes
Stammbuch hielt Das Kind hatte einen VergissmeinnichtStrauss auf der Brust die
Frau und die zwei Männer hatten einen schwarzen Strauss Aber was noch mehr ihn
überraschte war der Doktor Fenk am Fenster mit einer Rose an der Brust
Gustav eilte ihm zu aber Ottomar hielt ihn »Es ist alles von Wachs« sagt
er nicht mit einem kalten gegen das Schicksal erbitterten Ton sondern mit
einem ergebenen »Alles was mir in meinem Leben Liebe und Freude gab steht und
bleibt in diesem Zimmer wer gestorben ist dem gab ich schwarze Blumen bei
meinem verlorenen Kinde weiß ichs noch nicht und seine Kleider liegen draußen im
Garten O wem Gott Ruhe in den Busen schickt dass sie das nackte Herz
umwickele und seine Zuckungen besänftige dem ist so wohl wie denen die er
betrauert er tut sanft und fest sein Auge auf wenn ihm das Schicksal holde
Gestalten zuschickt und wenn sie wieder gehen und grässliche heranfahren so
schließt ers ruhig wieder zu«
O Ottomar das kannst du nicht bevor deine wogenden Kräfte am Alter sich
gebrochen haben Mach immer dein Herz drei Tage lang für die Ruhe weit am
vierten zieht es der Krampf der Freude oder des Schmerzens zusammen und drückt
sie tot
Manche Menschen können ohne Schauder keine Wachsfiguren sehen Gustav
gehörte darunter er nahm Ottomars Hand um sich gleichsam ans Leben zu klammern
gegen so viel Spiele und Nachäffungen des Todes Plötzlich lärmt etwas durch
das stille Schloss die Treppen herauf ins Zimmer hinein an Ottomars Hals
hinan Fenk wars der ihn hier nach der Auferstehung von Toten zum ersten
Male umfing und dem unter der engen Umarmung keine Entfernung von dem zwischen
welchem und ihm sich Länder und Jahre und Tod gelegt hatten klein genug zu sein
vermochte Gustav noch an der Hand Ottomars wurde in den Bund der Liebe mit
hineingeschlungen und wäre der Tod selber vorbeigegangen er hätte seine kalte
Sichel nicht durch drei eng sprachlos und warm verknüpfte Herzen gedrängt
»Rede Ottomar« sagte der Doktor »das letztemal warst du stumm« Ottomars
Ruhe war nun zergangen »Auch die die Wachsfiguren reden ewig nimmer« sagt
er mit zerdrückter Stimme »sie sind nicht einmal bei uns wir selber sind
nicht beisammen Fleisch und BeinGitter stehen zwischen den MenschenSeelen
und doch kann der Mensch wähnen es gebe auf der Erde eine Umarmung da nur
Gitter zusammenstossen und hinter ihnen die eine Seele die andre nur denkt«
Alle wurden still die Abendglocke sprach über das schweigende Dorf hinüber
und tönte klagend auf und nieder Ottomar hatte wieder seine erschreckliche
VernichtungMinute wie er sie nennt er trat zur wächsernen Frau und nahm das
schwarze TodesBouquet und steckt es über sein Herz er besah sich und seine
zwei Freunde und sagte kalt und eintönig »Sonach leben wir drei das ist das
sogenannte Existieren was wir jetzt tun wie still ists hier überall um die
ganze Erde eine recht stumme Nacht steht um die Erde herum und oben bei den
Fixsternen wills nicht einmal Lichter werden« Zum Glück trabte und
waldhornierte der Fürst und seine JagdGenossenschaft durch das Dorf und
verscheuchte die Nacht aus drei Menschen so sehr hängen wir vom Gehör ab so
sehr gibt die äußere Welt unsrer innern Lichter und Farben
Ich habe von allem was sie nachher in andern Zimmern taten keine
Merkwürdigkeit und von allem was sie darin sahen nur dreie einzurücken die
dass Ottomar fast lauter Kinder zu Bedienten lauter ganz junges Vieh und lauter
Blumen um sich hatte denn heftige Charaktere hängen sich gern ans Sanfte
Das Schulmeisterlein Wutz tritt eben in meine Stube herein und sagt er für
seine Person habe noch an keinem Andreastage so viel geschrieben Nun so soll
denn aufgehört werden
Fußnoten
1 Desto schöner antwortet ihm die Note zur zweiten Auflage dass sie sich die
Empfindung der Liebe rein und dadurch allmächtig erhalten andere Empfindungen
schwimmen darin aber aufgelöst und undurchsichtig bei den Männern stehen jene
bloß neben ihr und selbständig
2 »Jüngling den Bach der Zeit hinab schau ich in das Wellengrab des Lebens
hier versank es etc« Der Anfang heißt eigentlich »Traurig ein Wandrer saß am
Bach sah den fliehenden Wellen nach« Volkslieder
Sechsunddreissigster oder II AdventSektor
Kegelschnitte aus vornehmen Körpern GeburttagDrama Rendezvous oder wie
Kampe sich ausdrückt Stell dich ein im Spiegel
Auf dem Steindamm nach dem neuen Schloss fürchtete Beata sich in diesem ihren
Gustav zu finden im Schloss selber wünschte sie das Gegenteil sobald sie
hörte er sei in Ruhestatt Ihre Mutter hatte ihr indem sie mit ihr die
Regimenter der Roben Mäntel etc teils reduzierte teils überkomplett machte
so viel bewiesen Beata werde von ihrer eignen Empfindung getäuscht und das
Paradies ihrer unschuldigsten Liebe sei nach ihrer mütterlichen Empfindung
blutschlecht und wirklich ein pontinischer Sumpf die Blütenbäume darin seien
Giftbäume der Blumenflor bestehe teils aus giftigen Kupfer teils aus
falschen PorzellanBlumen auf den Grasbänken darin sitze man sich Schnupfen an
und das sanfte Wiegen des magischen Bodens sei eine ErdErschütterung Diese
Eidesverwarnung nach dem Eide der Liebe ließ sich noch hören aber dass sie noch
Beatens Jugend einwandte die gewöhnlichste einfältigste unwirksamste und am
meisten aufbringende Einwendung gegen eine lebendige Empfindung das begann
den kleinen Eindruck ihrer Wochenpredigt zu schwächen den die Nutzanwendung gar
weglöschte dass ihr Vater ihr schon den Gegenstand ihrer Liebe halb und halb
gewählt Meine Gerichtprinzipalin war recht gescheit aber meinem
Gerichtprinzipal zuliebe auch oft recht dumm
Beata brachte also dem Gustav ein durch dieses Zersetzen äußerst weiches und
zärtliches Herz über den Steindamm mit und er kam auch mit einem solchen
wunden an um welches kein Blättchen eines Kallus mehr hing Ottomars
salomonische Predigten über und gegen das Leben hatten seine Puls und Blutadern
mit einer unendlichen Sehnsucht gefüllet die armen zerfallenden Menschen zu
lieben und mit seinen zwei Armen eh sie auf die Erde fielen das schönste Herz
an sich zu ziehen und zu pressen eh es unter die Erdschollen niedersänke Die
Liebe heftet ihre SchmarotzerpflanzenWurzeln an alle andre Empfindungen
Es war Zeit dass sie kamen des Herrn von Oefels wegen Denn am Hofe
vermisste man sie wie überhaupt jeden gar wenig Ein russischer Fürst von
ein Mulatte und Deponens von Hofmann und Vieh dessen sichtbare Extremen sich in
die unsichtbaren Extreme von Kultur und Wildheit endigten war samt einem Rudel
von Franzosen und Italienern dagewesen die sämtlich wie ihr Altmeister die für
die große Welt alltägliche Sonderbarkeit hatten dass sie nicht ganz waren
für einen Weltmann ist heutzutage nichts schwerer als aus seinem Körper nicht
das zu machen was ich mit Recht aus meiner Lebensbeschreibung mache einen
Sektor oder Ausschnitt In der Tat sah diese fragmentarische Division wie ein
Phalanx von Krüppeln aus der zu einem Wundertäter reist Der meisten Glieder
die wir bei der Auferstehung nicht wiederkriegen zB Haare Magen Fleisch
H und andre1 daher freilich der große Konnor leicht verfechten kann ein
auferstandner Christ falle nicht größer aus wie eine Stechfliege solcher
Glieder hatte sich die amputierte Junta schon vor der Auferstehung entladen oder
doch viel davon weggetan
Ich hab oft darüber nachgedacht warum tuns die Großen und machen sich zu
Kleinen im physischen Sinn aber ich war zu unwissend andre Gründe zu erraten
als folgende der Sitz des Zorns wofür nach Winckelmann die Griechen die
menschliche Nase hielten kann nicht bald genug ausgerottet werden weil weder
ein Hofmann noch ein Christ Zorn beweisen soll Zweitens verkleinerte Körper
sind wenig von bucklichten auch in der Größe verschieden diese aber wie wir
an Äsop Pope Scarron Lichtenberg und Mendelssohn sehen haben viel Witz Nun
zieht der Weltmann aus den starken Fässern unserer Vorfahren geschickt den
Spiritus auf kleine Körper und solche Einschnitte und optische Verkürzungen und
Kuren des Leibes machen unfähig etwas anders zu werden als witzig oder
höchstens stupid so kann eine Flöte in die Risse kamen keine andre Töne von
sich geben als feine und hohe Witz wird aber bekanntlich in der großen Welt
wenn nicht mehr doch ebensoviel geschätzt wie Unmoralität Drittens wie die
alten Patriarchen darum ein langes Leben bekamen um die Erde zu bevölkern so
haben sich viele Kosmopoliten in der nämlichen Absicht ein kurzes vorgenommen
und gern das Leben von andern Menschen mit einem CurtiusSturz in den tödlichen
Schlund erkauft Es ist aber noch die Frage ob ich recht habe Die vierte
Ursache kenn ich aus geheimen mystischen Gesellschaften wo eben jene
MenschenSegmente sie kennen lernten Heutiges Tages muss jede Seele von Stand
desorganisiert und entkörpert werden Hier hat man nun nicht mehr als zwei ganz
verschiedene Operationen Die kürzeste und schlechteste meines Erachtens ist die
dass sich der Mensch aufhenkt und dass so die Seele den Körper von sich wie eine
Warze abbindet Ich wurde keinen Großen deshalb tadeln wenn ich nicht wüsste
dass er die weit bessere und sanftere Operation vor sich habe wodurch er seinen
Leib gleichsam als die Form worein die geistige Statue gegossen ist bloß
gliedweise ablösen kann Ich will hier nicht in den Fehler der Kürze sondern
lieber in den entgegengesetzten fallen Also der Körper ist nach Philosophen
die auch eine Seele haben bloß ein Werkzeug ihre und unsre auszubilden und sie
an die Entbehrung dieses Werkzeugs zu gewöhnen Die Seele muss alle Fäden die
sie an den Klumpen schnüren nach und nach zerfressen und abbeissen Er ist ihr
das was den Kindern die schwimmen lernen der korkene Kürass2 ist täglich muss
sie diesen Kürass zu verkleinern suchen um endlich ohne ihn zu schwimmen Der
philosophische Mann von Welt und das Mitglied geheimer desorganisierender
Unionen schafft also von diesem SchwimmPanzer anfangs nur das Fleisch an Beinen
und Backenknochen beiseite Das ist noch wenig Darauf brennt er durch Glühfeuer
Gehirn Nerven und anders Zeug weg weil sie das Küchenfeuer aushielten Die
Haare oder das menschliche Rauchwerk bringt jeder ohne Mühe weg Der wichtigste
Schritt bei dieser KürassSektion ist der dass man ohne das Barbiermesser des
Origenes so viel bewerkstellige nur sanfter wie er Ist das vorbei so hat
man zu jener völligen Ertötung nicht mehr weit wo der ganze Kürass rein herunter
ist und wo die Seele im Meere des Seins endlich schwimmen gelernt hat ohne von
ihrem Schwimmkleid nur so viel als man zum Verkorken einer Flasche bedarf noch
um sich zu haben Nachher wird man beerdigt So wenigstens trägt man in geheimen
Gesellschaften von Ton die menschliche Entkörperung vor
Diese zerbrochne Gesellschaft deckte unsern und jeden Hof so schön wie
zerbrochne PorzellanGefäße holländische Beete zweitens hatte sie die
höflichste Art von der Welt grob zu sein Wäre unter diesen Leuten ein gewisses
je ne sais quoi nicht der Unterschied zwischen Laune und Grobheit zwischen
Feinheit und Beleidigung so fehlte er
Ich sagte oben es war Zeit dass unser Paar ankam des Herrn von Oefels
wegen Denn das Geburtfest der Residentin rückte heran gleichwohl hatte noch
kein Mensch eine Seite von seiner Rolle memoriert Die Leser haben noch
ebensowenig vom GeburttagDrama im Kopfe als die Spieler daher soll ihnen hier
ein dünner Absud dieser Oefelschen Pflanze vorgesetzt werden
Dekokt aus dem GeburttagDrama
In einem französischen Dorfe waren zwei Schwestern so gut dass jede verdiente
das Rosenmädchen zu werden und so uneigennützig dass jede wollte die andre
würd es Marie hieß die eine und Jeanne die andre Am Tage vor der Austeilung
der Preismedaille von Rosen stritten sie sich darüber wer sie ausschlagen
sollte denn sie wussten von recht guter Hand dass bloß auf eine von ihnen die
Rosenkrone fallen würde Jeanne von der Ministerin gespielt wischte durch
den schönen Einfall unter der Laubkrone hinweg dass sie ihren Liebhaber Perrin
Oefel stellte den vor öfter und öffentlicher um sich hatte als eine
RosenKompetentin soll Marie die Rolle von Beata konnte also die Krönung
nicht von sich wie es schien abwenden indessen bat sie ihren Bruder Henri
Gustav wars der sie besonders liebte und der seit seiner Kindheit aus ihrem
Hause durch seine Reisen weggewesen diesen bat sie um Sieg in diesem
uneigennützigen Wettstreite Er suchte sie zum entgegengesetzten Siege zu
bereden endlich aber da er die Unerbittlichkeit ihrer schwesterlichen Liebe so
entschieden sah versprach er für eine rechte Belohnung ihr die ihrige zu
ersparen »Aber du musst noch größere Liebe für mich haben« sagt er »die
schwesterliche« sagt sie »eine noch stärkere« sagte er »die
freundschaftlichste« sagte sie »eine noch viel stärkere« sagt er
»weiter gibts keine größere« sagte sie »o doch ich bin ja dein Bruder
nicht« sagt er und fiel mit liebetrunknen Augen vor ihr nieder und gab ihr ein
Papier das sie aus ihrem bisherigen Irrtum zog und sie dafür in eine kleine
FreudenOhnmacht stürzte Sie erschienen alle vier vor dem Gutsherrn und
KranzKollator der Fürst spielte diese Rolle sogar auf dem Theater und jede
kam seiner Wahl durch eine Bitte und Lobrede für ihre Schwester und durch feine
Invektiven auf sich selber zuvor Der kokettierende Wicht Perrin quästionierte
sollte die Liebe andre Rosen brauchen als ihre eigne Marie gab eine fliegende
Schilderung von den Vorzügen denen eine solche Bekrönung gebühre und die zum
Teil feine Züge aus Bousens Bilde waren Der Gutsherr sagte diese
schwesterliche Unparteilichkeit die so sehr zu bewundern sei wie die
Verdienste die sie zu belohnen suche verdiene zwei Rosenkronen eine um
belohnt zu werden und eine um selber zu belohnen niemand fiel der scheinbar
den Damen und wirklich dem Fürsten schmeichelnde Oefel ein teilt Kronen schöner
aus als wer sie selber trägt und sie würden sich von ihm in nichts als in der
Unparteilichkeit und Schönheit unterscheiden wenn sie an seiner Statt
vielleicht wie er wählten wem der Rosenkranz eh der Schmetterling von ihm
flöge einer von Brillanten war mit einer Zitternadel in die größte Rose
gesteckt aufzusetzen sei »Unserer RosenKönigin« riefen die Schwestern
und brachten den Kranz der Residentin hin
So weit das Drama Oefel war nichts lieber und glücklicher als die schmeichelnde
Folie des andern Übrigens sah sein Stück wie eine Idylle von Fontenelle aus
Die Phantasie die den von der Kultur dünn geschliffnen Leuten gefallen will
muss schimmern aber nicht brennen muss das Herz kitzeln aber nicht bewegen die
Äste einer solchen Phantasie werden nicht von schweren gedrängten Früchten
sondern von Schneelast niedergebogen An solchen HofPoeten und an Ohrwürmern
sind die Flügel gleichsam unsichtbar und winzig aber beide finden leichter die
Wege zum Ohr An deutschen Gedichten ist nichts hingegen die meisten
französischen riechen nicht nach der Studier und Sparlampe sondern eher nach
parfümierten Strumpfbändern Handschuhen usw und je weniger sie haben was
den Menschen interessiert desto mehr haben sie was den Weltmann reizt weil
sie nicht mehr die Natur und Himmel und Hölle sondern ein paar Besuchzimmer
abmalen und so nicht ungeschickt in immer engere Windungen des Schneckenhauses
sich zurückdrängen
Oefel war zugleich TheaterDichter Spieler und RollenSchreiber Er zog aus
dem Drama die Rolle Beatens heraus die er mit den feinsten Anspielungen auf ihr
gegenseitiges Liebeverständnis dacht er oder auf ihr einseitiges denk ich
in die Welt gesetzet hatte Die zärtlichsten Winke hatt er in den Stellen wo
er mit Beata zusammen spielte hinein versteckt Er zog deswegen unter manche
feine Liebeerklärung und Empfindung bei dem Abschreiben eine exegetische Linie
und bezifferte verständig seinen Generalbass »Über tausendmal wird die
Schalkhafte das überlesen« sagt er zu sich
Darauf überreichte er ihr bald nach ihrer Ankunft ihre Rolle mit weit mehr
scheuer Ehrfurcht als er selber wusste Zum Unglück für unsern guten
dramatisierenden Hasen fiel Beata in zwei Fehler auf einmal aus einer Ursache
Die Ursache war bloß der Amor hatte in ihrem Herzen sein Laboratorium
aufgerichtet und hatte seine chemischen Ofen und alles hineingesetzt daraus
musste ihr erster Fehler entstehen dass sie schöner aussah als sonst ohne diese
Wärme denn jede Empfindung und jede innere Streitigkeit nahm auf ihrem Gesicht
die Gestalt eines Reizes an Von der Liebe kam auch ihr zweiter Verstoss dass sie
sich gegen Oefel heute weit zutraulicher und freimütiger betrug als sonst denn
ein liebendes Mädchen hat von allen übrigen Gegenständen dh von den eignen
Empfindungen für sie nichts mehr zu befahren Herr von Oefel aber addierte auf
seiner Rechenhaut ein ganz andres Fazit heraus er nahm alles für Freude dass er
nun wieder zu haben sei Er ging folglich mit einem Herzen fort das der Amor
so mit lilliputischen Pfeilen vollgeschossen hatte wie ein Nähkissen mit Nadeln
Er sagte noch an jenem Tage »Ist das Herz einer Frau einmal so weit so
braucht man nichts zu tun als dass man sie tun lässt« Das war ihm herzlich
lieb denn es ersparte ihm die Bedenklichkeit sie zu verführen Sooft er
Lovelacens oder des Chevaliers3 Briefe las so wünschte er sein einfältiges
Gewissen ließ ihm zu ein ganz unschuldiges widerstrebendes Mädchen nach einem
feinen Plane zu verführen Aber sein Gewissen nahm keine Vernunft an und er
musste sein ganzes KaperVergnügen auf die Verführung solcher unschuldigen
Personen die er in seinem Kopfe oder in seinem Roman agieren ließ
einschränken so sehr herrschet im schwachen Menschen die Empfindung über die
Entschließungen der Vernunft sogar in philosophischen Damen Mitin blieben der
Weiberkenntnis Oefels statt der Fangeisen für die Unschuld nur die für die
Schuld zu legen übrig und das einzige wo er noch mit Ruhm arbeiten konnte war
das der Verführer von Verführerinnen zu sein
Man erlaube mir eine scharfsinnige Bemerkung zu machen Der Unterschied
zwischen Lovelace und dem Chevalier ist der moralische Unterschied zwischen den
Nationen und Jahrzehenden von beiden Der Chevalier ist mit einer solchen
philosophischen Kälte ein Teufel dass er bloß unter die Klopstockschen Teufel
gehört die nie zu bekehren sind Lovelace hingegen ist ein ganz anderer Mann
bloß ein eitler Alcibiades der durch einen Staats oder EhePosten halb zu
bessern wäre Sogar dann wo seine Unerbittlichkeit gegen die bittende
kämpfende weinende kniende Unschuld ihn mehr den Modellen aus der Hölle zu
nähern scheint mildert er seine gleissende Schwärze durch einen Kunstgriff der
seinem Gewissen einige und dem Genie des Dichters die größte Ehre macht und
welcher der ist dass er um seine Unerbittlichkeit zu beschönigen den
wirklichen Gegenstand des Mitleidens die kniende etc Klarisse für ein
teatralisches malerisches Kunstwerk ansieht und um nicht gerührt zu werden
nur die Schönheit nicht die Bitterkeit ihrer Tränen nur die malerische nicht
die jammernde Stellung bemerken will Auf diesem Wege kann man sich gern gegen
alles verhärten daher schöne Geister Maler und ihre Kenner bloß oft darum für
das wirkliche Unglück keine oder zu viele Tränen haben weil sie es für
artistisches halten
Ich muss aber schneller zum Festtage der Residentin eilen dessen Gewebe
unsern Gustav mit Fäden so vieler Art berührt und ankittet
Er brachte mit dem größten Vergnügen seine Rolle im Drama wovon noch viel
wird gesprochen werden seinem Gedächtnis bei und wünschte nichts als er könnte
sie noch nicht auswendig Beata macht es auch mit der ihrigen so der Grund
war ihre Rollen waren auf dem Theater aneinander gerichtet mithin waren es
jetzt ihre Gedanken auch und für die scheue Beata war es besonders süß dass sie
zarte Gedanken der Liebe für ihn die sie kaum zu haben und nicht zu äußern
wagte mit gutem Gewissen memorieren konnte Um nicht immer an ihn zu denken
zerstreuete sie sich oft durch das Geschäft des Auswendiglernens der besagten
Rolle Gute Seele suche dich immer zu täuschen es ist besser es zu wollen
als garnichts danach zu fragen Ihr AdoptivBruder konnte bisher durchaus
kein Mittel finden ihr zu begegnen die Residentin hatte ihn und dadurch dieses
Mittel über den russischen Sektor und Torso vergessen er selber hatte nicht
Zudringlichkeit genug noch weniger den Anstand der sie schön und pikant macht
bis ihm Herr von Oefel mit einer feinen Miene sagte die Residentin woll ihm
einige Gemälde die der Knäse dagelassen zu sehen geben »Ich wollt ohnehin
schon lange das Kopieren im Kabinett anfangen« sagt er und täuschte weniger
jenen als sich Über seine errötende Verwirrung sagte Oefel zu sich »Ich weiß
alles mein lieber Mensch«
Endlich führte ein schöner Vormittag die zwei Seelen die sich leichter als
ihre Körper fanden bei der Residentin zusammen Das Taglicht die bisherige
Trennung die neue Lage und die Liebe machten an beiden alle Reize neu alle
Züge schöner und ihren Himmel größer als ihre Erwartungen aber schauet euch
weder zu viel noch zu wenig an man blickt auf euer Anblicken Oder tut es nur
einer Bouse verbirgst du es doch nicht Gustav dass dein Auge das der
Scharfsinn nicht zusammenzieht sondern die Liebe aufschliesset immer nur bei
benachbarten Gegenständen sich aufhält um ein Streiflicht von ihr wegzufangen
es hilft auch dir nichts Beata dass du es mehr wie sonst vermeidest ihm nahe
zu stehen und ihn zu veranlassen dass seine Stimme und seine Wangen seine
Verräter werden Es half dir wie du selber sahst nichts dass du der
Wiederholung des »Idolo del mio cuore« bei seiner Ankunft auszuweichen suchtest
denn bat ihn nicht die Residentin deiner Stimme auf dem Klaviere mit den
Fingern nachzufliessen und seinen innern FreudenSturm durch den Schimmer des
Auges und durch den Druck der Tasten und durch die Sünden gegen den Takt zu
offenbaren Diejenigen meiner Leser die die Residentin frisiert oder bedient
oder gesprochen oder gar geliebt haben können mir es gegen andre Leser
bezeugen dass unter anderen Kaminverzierungen ihres Toilettenzimmers weil die
Großen nichts als Zieraten essen bewohnen anziehen besitzen und beschlafen
etc mögen auch Schweizerszenen waren und unter diesen eine tragantene Kopie
des Eremitenberges auf diesen FreudenOlymp stiegen vor den Augen Gustavs
Beatens ihre nicht mehr sooft diese auch vorher den Berg beschienen hatten
endlich befeuchteten sich auch beider Augen wenn Amandus Name beide
durchtönte mit einer süssern lebhaftern Rührung als die über einen
Dahingegangnen ist Kurz sie würden sich wie alle Liebende weniger verraten
haben wenn sie sich weniger verborgen hätten Die Residentin schien heute was
sie allemal schien sie hatte eine stille denkende nicht leidenschaftliche
Verstellung in ihrer Gewalt und auf ihrem Gesicht sah man nicht die falschen
Mienen die aufrichtigen erst verjagen Das schönste Gemälde aus dem Nachlasse
des Russen war nicht zu Hause sondern unter dem Kopierpapiere des Fürsten
So stumm und doch so nahe muss Gustav der Geliebten gegenüber bleiben nur
mit drei Worten nur mit einem Druck der ziehenden Hand wenn er seine von
Empfindungen elektrisierte Seele zu entladen wüsste Warum wollen alle unsere
Empfindungen aus unserem Herzen in ein fremdes hinüber Und warum hat das
Wörterbuch des Schmerzens so viele Alphabete und das der Entzückung und der
Liebe so wenige Blätter Bloß eine Träne eine drückende Hand und eine
Singstimme gab der WeltGenius der Liebe und der Entzückung und sagte »Sprecht
damit« Aber hatte Gustavs Liebe eine Zunge als er bei einem Abwenden der
Residentin auf 7 Sekunden im Spiegel dem er am Klavier gegenübersass mit
seinen dürstenden Augen das darin flatternde Bild seiner teuren Sängerin küsste
und als das Bild ihn ansah und als das blöde Bild vor dem Feuerstrom seines
Auges das Augenlid niederschlug und als er sich plötzlich nach dem nahen
Urbild des wegblickenden FarbenSchattens umdrehte und sitzend in das gesenkte
Auge der stehenden Freundin mit seiner Liebe eindrang und als er in einem
Augenblicke den Sprachen nicht malen sich nicht einmal in eine nicht einmal
in einen Laut ergießen durfte Denn es gibt Augenblicke wo der tief aus der
fremden Seele emporgehobne Schatz wieder zurücksinkt und im Innersten
verschwindet wenn man redet ja wo das zarte bewegliche schwimmende
brennende Gemälde der ganzen Seele sich kaum in oder unter dem durchsichtigen
Auge wie das zerstiebende Pastellgebilde unter dem Glase beschützt
Deswegen wars meiner Einsicht nach recht wohl getan dass er zu Hause sofort
einen Liebebrief verfasste Durch einen solchen Assekuranzbrief des Herzens
verbriefte der Lebensbeschreiber von jeher seine Liebe im eigentlichen Sinne
Aber als ihn Gustav fertig hatte wußt er nicht wie er zu insinuieren sei auf
welcher PennyPost Er trug ihn so lange herum bis er ihm nicht mehr gefiel
dann schrieb er einen neuen bessern und trug ihn wieder so lange bei sich bis
er den besten schrieb den ich im nächsten Sektor hereinschreiben will Bei
dieser Gelegenheit kündige ich dem Publikum auf Ostern meinen »expediten und
allzeitfertigen LiebebriefSteller« an den alle Eltern ihren Kindern bescheren
sollten
Apropos Der PelzKurierstiefel und der Beschlag mit Senf und die EisKrone
haben glücklich mein Blut in die Füße gefüllet und dem Kopfe nicht mehr davon
gelassen als er haben muss um für ein deutsches Publikum anmutige Ab oder
Ausschnitte aufzusetzen
Fußnoten
1 Nach den älteren Theologen zB Gerhard loc teol T VIII p 1161 stehen
wir ohne Haare Magen Milchgefässe etc auf Nach Origenes stehen wir auch ohne
Fingernägel und ohne das was er selber schon in diesem Leben verloren auf
Nach Konnor med mystic art 13 kommen wir mit nicht mehr Materie aus dem
Grabe als wir bei der Geburt oder Zeugung umhatten
2 Zückert in seiner Diätetik schlägt einen korknen Kürass vor der über dem
Wasser aufrecht erhält und den man so wie die Fertigkeit oben zu schweben
wachse beschneiden könne
3 In den Liaisons dangereuses
Siebenunddreissigster oder heil WeihnachtSektor
Liebebrief Komédie Souper bal paré zwei gefährliche Mitternachtszenen
Nutzanwendung
Ich habe in dieser fröhlichen Zeit keinen recht fröhlichen Sinn vielleicht weil
mein auseinander wollender Körper so wenig wie eine Längen und Seeuhr richtig
geht vielleicht liegt mir auch der Inhalt dieses Sektors im Kopfe vielleicht
schleicht auch beim Anblick der allgemeinen Kinderfreude das Blut so traurig
fort zwischen dem Wintergrün und Herbstflor jener Erinnerung wie es sonst war
wie die Freuden des Menschen dahinrollen wie sie ihre Entfernung von uns durch
einen aus fernen Ufern herüberblinkenden Widerschein bezeichnen und wie unsre
längsten Tage uns selten so viel geben als dem Kind der kürzeste oder die
Christnacht im Genießen oder Hoffen gibt
Von Gustavs herzlichem Brief hätte ich vor vierzehn Tagen nicht so
leichtsinnig reden sollen als ich tat Er heißt so
»Eh ich dieses schrieb gingen Sie unaussprechlich Teuere mit Lauren den Park
hinauf um die ermattende Sonne die zwischen zwei großen Wolken herabschien
noch ein wenig zu genießen zu Ihren Seiten flogen Wolkenschatten dahin aber
mit Ihnen ging der Sonnenschein Ich dankte dem Laube dass es zu Ihren Füßen lag
und mir Sie nicht verdecken konnte aber ich hätte alle dornichte Blätter von
der Stechpalme pflücken wollen hinter denen Sie verschwanden und von mir
gingen O könnt ich ihr dacht ich den herbstlichen Weg mit jungen Blumen
und Schmetterlingen bestreuen könnt ich sie mit Blüten und Nachtigallen
umzingeln und vor ihr die Berge und die Wälder mit dem Frühling überdecken ach
wenn sie dann vor Freude bebte und mich ansehen und mir danken müsste Aber
diese Blüten diese Nachtigallen diesen Frühling haben Sie mir gegeben Sie
haben über mein Leben einen ewigen Mai gesandt und aus einem MenschenAuge
Freudentränen gepresset allein was vermag ich zu geben Ach Beata was hab
ich Ihnen zu geben für dieses ganze Elysium womit Sie das schwarze Erdreich
meines Lebens durchwinden und überblümen und für Ihr ganzes ganzes Herz
Meines das hatten Sie ja schon ohne das und weiter hab ich nichts für
alle schöne Stunden für alle Ihre Reize für alle Ihre Liebe für alles was
Sie geben hab ich nichts als nur dieses treue glückliche warme Herz
Ja ich habe nur dieses aber wenn der göttliche Funke der höchsten Liebe im
MenschenHerzen glühen kann so ruht er in meinem und brennt für die die ich
nur lieben aber nicht belohnen kann Du höherer Funke wirst in meinem Herzen
für sie fortglimmen wenn es Tränen überschwemmen oder Unglück zusammendrückt
oder der Tod einäschert Beata auf der Erde kann kein Mensch dem andern
sagen wie er ihn liebe Die Freundschaft und die Liebe gehen mit verschlossenen
Lippen über diese Kugel und der innere Mensch hat keine Zunge Ach wenn der
Mensch draußen im ewigen Tempel der sich bis an die Unendlichkeit hinaufwölbt
mitten im Kreise von singenden Chören heiligen Stätten opfernden Altären vor
einem Altare betäubt niederfallen und beten will o so sinkt er ja so gut wie
seine Träne zu Boden und redet nicht Aber die gute Seele weiß wer sie liebt
und schweigt sie übersieht das stille Auge nicht das sie begleitet sie
vergisset das Herz nicht das stärker klopft und doch nicht reden kann und den
Seufzer nicht der sich verbergen will Aber Beata doch wenn einmal
dieses Auge und dieses Herz ihr Schweigen geendigt wenn sie in der seligsten
Stunde mit allen Kräften der liebenden Natur zur geliebten Seele haben sagen
dürfen Ich liebe dich so ists hart und schwer wieder stumm zu werden es tut
so wehe das emporgehobne flammende drängende Herz wieder in eine enge kalte
Brust zurückzudrücken dann will im Innersten die stille Freude in stillen
Kummer zerrinnen und schimmert traurig in diesen wie der Mond in den
Regenbogen den die Nacht aufrichtet Beata ich kann keine Bitten haben und
keine wagen ich kann mir das Eden malen das mir Beatens Blicke und Worte geben
können aber ich darf es nicht begehren ich muss ans Ufer des Silberschattens
der uns schon im Traum und jetzo wie ein breiter Strom im Leben scheidet mich
mit allen meinen Wünschen heften aber Teuere wenn ichs nicht zuweilen höre
wem das kostbarste Herz sich geschenket hat wie soll ich den Mut behalten es
zu glauben Wenn ich dieses holde Herz unter so viel guten und erhöhten
Menschen erblicke und dann zu mir sagen muss ach ihr alle verdient es gleichwohl
nicht so sinkt ein freudiges Staunen auf mich dass es meiner Seele sich
gegeben und ich glaub es kaum Geliebte tausend waren Deiner würdiger aber
keiner wäre durch Dich glücklicher geworden als ich es bin«
Das Schwerste war jetzt den Brief auf andern Flügeln als unter denen einer
Brieftaube Venus hing wahrscheinlich einen Postzug Brieftauben ihrer Gondel
vor an Ort und Stelle zu schaffen Zu so etwas sah er keine Möglichkeit weil
er unter allen Möglichkeiten solche am schwersten sieht Meine Schwester sieht
solche am leichtesten
Es gab sich alles in der Komödienprobe
Ordentliche Komödien werden nämlich nicht wie ihre Schwestern die
politischen aufgeführt ohne probiert zu sein Ich will gern zwischen der
Komödienprobe und der Komödie einen so schmalen papiernen Zwischenraum als
möglich lassen aber der Leser muss seines Orts auch behend zublättern und nicht
sowohl die Hände in den Schoss legen als das Buch Die Probe war im alten
Schloss Oefel machte seine Sache gut genug Beata noch besser und Gustav
am aller schlechtesten Denn die Gesichter des Fürsten und der Ohnmächtigen
setzten wie Salpetersäure und Salz sein Herz fast zu einem Eiskegel um vor
manchen Menschen ist man schlaff und unfähig begeisterte Gefühle zu haben
Sonderbar nur die seinigen aber nicht Beatens ihre wurden von dieser durchs
Theater streichenden Nordluft erkältet Es ist aber doch nicht sonderbar denn
die Liebe wirft den Jüngling aus seinem Ich hinaus unter andre Ich das Mädchen
aber aus fremden in das ihrige hinein Kaum oder wenig nahm Beata die Approchen
des regierenden Akteurs oder agierenden Regenten wahr Oefel aber sah es und
dachte seinem Siege über den hohen Nebenbuhler nach welcher sich ihr in einer
nicht sehr großen Schneckenlinie näher drehte was er an Hofdamen gewohnt war
die nur in der Jugend ihre Tugend à la minutta weggeben im Alter hingegen einen
größeren Handel damit in grosso treiben Ich sagte eben etwas von einer
Schneckenlinie weil ich einen Einfall im Kopfe hatte der so heißt dass Weiber
von Welt und die Sonne die Planeten unter dem Schein sie in einem Kreise um
ihre Strahlen herumzulenken in der Tat in einer feinen Schneckenlinie zu ihrer
brennenden Oberfläche hinanreissen
Mitten im ProbeDrama gerade als Gustav oder Henri der Marie das leere
Papier als ein Diplom hinreichte das ihre Verwandtschaft für null erklärte
fiel ihm das als Henri ein was einem andern längst als Gustav eingefallen wäre
dass auf dem leeren Papier etwas könnte geschrieben stehen und zwar das beste
Etwas sein Liebebrief den wir schon längst gelesen haben Kurz er nahm sich
vor seinen Brief in der Gestalt jenes Diploms ihr im Drama zuzustecken wenns
nicht anders zu machen wäre Sogar das Romantische des Entschlusses seine
teatralische Rolle in seine wirkliche hineinzuziehen und so vielen Zuschauern
eine andre Täuschung zu machen als eine poetische hielt ihn nicht ab sondern
trieb ihn an Ich will es nur gestehen lieber Gustav und fiele mein
Geständnis selber in deine Hände auf deine himmlische Bescheidenheit war der
Honigtau des Beifalls den du an einem solchen Orte nicht einmal für
Schmeichelei sondern bloß für eine Façon zu reden berechtigt warst anzusehen
zerstörend gefallen Unter allen Dingen ist menschliche Bescheidenheit am
leichtesten totgeräuchert oder totgeschwefelt und manches Lob ist so schädlich
wie eine Verleumdung Im Narrenhause sehen wir dass der Mensch andern aufs Wort
glaubt er sei närrisch1 und in Palästen sehen wir dass er ihnen aufs Wort
glaubt er sei weise Überhaupt war Gustav denn ein Mann ist oft an einem
Abend bestimmt nicht nur lauter schlechte Spiele hintereinander zu machen
sondern auch oft lauter unbedachtsame Streiche am Komödienabend fast zu
letztem ausersehen
Endlich ist Bousens Geburtfest da Mein Gustav Noch heute weinen
deine Augen nach
Das Fest zerspällt sich in drei Gänge Komédie Souper und bal paré Im
Grunde ist noch ein vierter Gang ein Fall
Am Tage des Drama leerte sich das neue Schloss in das fürstliche zu
Oberscheerau aus Gustav dachte unterwegs im Wagen Oefels an seinen Brief den
er übergeben wollte und an den guten Doktor Fenk ein wenig aber die
abgekürzten Tage gaben ihm zu Besuchen keine Musse Sein Fehler war dass die
Gegenwart vor ihm allemal wie ein Wasserfall alle ferne Laute überrauschte
und er wäre vielleicht nicht einmal zu mir gekommen wenn mich mein beschwerter
juristischer Arbeittisch in die Stadt gelassen hätte
Er sah seine Marie zehnmal hunderttausend neue Reize ich will aber
über mich herrschen so viel ist psychologisch wahr dass ein bekanntes Mädchen
uns an einem fremden Orte auch fremd aber nur desto schöner wird Dieses hatte
Beata mit der strahlenden Residentin gemein aber ein gewisser Hauch von
bescheidner Furchtsamkeit verschönerte sie mit seinem Schleier allein Warum war
Gustav diesesmal von ihr verschieden Darum die männliche Blödigkeit liegt bloß
in der Erziehung und in Verhältnissen die weibliche tief in der Natur der
Mann hat innerlichen Mut und bloß oft äußerliche Unbehülflichkeit die Frau hat
diese nicht und ist dennoch scheu jener drückt seine Ehrfurcht durch
Hinzutreten diese durch Zurückweichen aus
Die Ohnmächtige die sogenannte Défaillante oder die Ministerin heute
ausgenommen Ihr Winken und Blinken ihr Lispeln und Zappeln ihr Witzeln und
Kitzeln ihr Fürchten und Wagen ihr Kokettieren und Persiflieren wie soll das
der einbeinige Jean Paul biographisch kopieren in gemeiner schlechter Prose
Gleichwohl ists gar nicht anders zu machen und er muss Wenn die bunten Köpfe
der Weiber im großen Garten der Natur die blauen roten Glaskugeln auf
lackierten Stativen vorzustellen hätten welches unter hundert Männern nicht
einer glaubt so würd ich in meiner Schilderung so fortfahren der Ministerin
ihrer war nicht übel sondern bunt dieser Kopf war ein kurzer pragmatischer
Auszug aus zehn andern Köpfen die nämlich Haare Zähne Federn dazu
zusammenschossen
Sie war eine Antike von großer Schönheit die aber nach den Verwüstungen der
Jahre und Menschen nicht mehr unbeschädigt zu haben war sie musste also durch
geschickte Bildhauer mit neuen Gliedern zB Busen Zähnen ergänzet werden
Auf den Wangen war die Legierung mit Rot die tiefere Nachbarschaft wurde
mit Weiss2 legiert
Diejenigen Zähne die den Menschen in die Reihe der grasfressenden Tiere
setzen die Schneidezähne waren um so mehr so weiß wie Elfenbein weil sie
selber eines waren und waren aus dem Munde eines grasfressenden Tieres ich
mag nun darunter einen Elefanten oder einen gemeinen Mann verstehen der die
Zähne die er als Ableger einem edleren Stamm einimpfet selten in etwas anders
als Vegetabilien setzt so ist doch so viel gewiss dass kein andrer Nachsatz
dieses Periodens herpasset als der sie hatte noch einmal so viel Zähne als
andre Christinnen und zwei Goldfäden dazu weil der Zahnarzt die einen allemal
im Hause und unter der Bürste hatte während die andern die DentalBuchstaben
aussprachen
Da man nach den neuesten Lehrbüchern die Trigonometrie und die Busen bloß in
ebene und sphärische einteilen kann und da sie ganz die scheinbare Wahl vor
sich hatte so zog ihr messkünstlicher Geist diejenigen Größen die dem
Messkünstler die meiste Anstrengung und das meiste Vergnügen geben vor die
sphärischen
Der Anzug selber suchte von den Schuhrosetten bis zu den Hutrosetten
seinen Wert in der Form weit weniger als in der Materie und konnte mithin
weniger mit den Augen als auf JuwelierWaagen geschätzet werden weniger nach
Schönheitlinien als nach Karats es blieb also zwischen ihr und ihrer
gesetzgebenden Puppe immer ein Unterschied übrigens musste sie sich nach dieser
so gut wie jede andre tragen Ich will nur ein Wort zu seiner Zeit über die
Puppen sagen
Das Wort über die Puppen
Diese Hölzer haben bekanntlich die gesetzgebende Macht über den schöneren Teil
der weiblichen Welt in Händen denn sie sind die Legaten und Vizeköniginnen
welche aus Paris von der im Putz regierenden Linie abgeschickt werden damit sie
die weiblichen deutschen Kreise regieren und diese hölzernen Plenipotentiare
senden wieder ihre Köpfe Haubenköpfe als missi regii weiter herunter damit
diese die gemeinem Honoratiorinnen beherrschen Können diese regierenden Häupter
von Holz nicht selber kommen so schicken sie wie lebende Fürsten im geheimen
Rate ihre Stelle durch ihr Porträt versehen lassen ihre Gesetze und ihre
Bildnisse in Schmaussens Korpus aller Reichsabschiede der Mode welches Korpus
wir alle unter dem Namen Modejournal in Händen haben Bei solchen Umständen da
ein Holz dem andern in die Hände arbeitet aber uneigennütziger als ganze
Kollegien da ferner jährlich neue wie die Prokonsule gewählet werden wunder
ich mich nicht dass es mit dem Regimentwesen an den Toiletten gut bestellt ist
und dass das ganze weibliche gemeine Wesen das Männer nicht beherrschen können
von den in Bassgeigenfutteralen geschickten Wahlregentinnen die in dieser
Aristokratie von Petersburg bis nach Lissabon stehen und lenken vortrefflich in
Ordnung und unter Gesetzen erhalten wird
Ich bin der Mann nicht dem man es erst zu sagen braucht dass die Puppen
auch die hölzernen überkleidete Statuen sind die man verdienten Frauen in
Rücksicht des Anzugs setzt vielmehr bin ich überzeugt dass diese
öffentlichen Denkmäler die man dem ankleidenden Verdienste errichtet schon
recht viele zur Nacheiferung angefrischet haben und hoffentlich noch mehre
anfrischen werden da ein großer Mann selten so viel Gutes wirkt als seine
Statue die man verehrt aber ein Hauptpunkt ohne den sonst alles hinkt ist
offenbar der dass die Statuen zu sehen sein müssen Ohne den geb ich keinen
Deut für alles Was Sokrates an der Philosophie tat möcht ich an den besten
Puppen tun und sie vom Himmel der Großen auf die Erde des Pöbels ziehen Ich
meine dass wenn man die Marienbilder oder auch selber Apostel und Heilige die
man in katholischen Kirchen bisher ohne den geringsten Nutzen und Geschmack aus
und anzog vernünftiger und zweckmässiger ankleidete nämlich so wie die
französischen Puppen wenn die Kirche sich allemal jedes Monat des Modejournals
kommen ließe und nach dessen farbigen Vorbildern die Marien als Damen und die
Apostel als Herrn umkleidete und um die Altäre stellte so würden diese Leute
mit mehr Lust nachgeahmet und verehret werden und man wüsste doch weswegen man
in die Kirche ginge und was sie gerade in Paris oder Versailles anhaben man
würde die Moden zu rechter Zeit erfahren und selbst der Pöbel würde etwas
Vernünftigeres umlegen die Apostel würden die Flügelmänner des Anzugs und die
Marie die wahre HimmelKönigin der Weiber werden So müssen kirchliche
Vorurteile zu StaatsVorteilen genützet werden ebenso wendete der
DominikanerMönch Rocco in Neapel nach Münter die Verschwendung am Altar der
Maria auf der Straße Lampen zu brennen zur Vermehrung dieser GassenAltäre und
zur StraßenErleuchtung an
Ende des Worts über die Puppen
Ich bin dem Leser noch die Ursache schuldig aus der die Ministerin sich zur
JeannenRolle drängte es war weil ihre Rolle ihr einen kürzern Rock erlaubte
oder mit andern Worten weil sie alsdann ihre lilliputischen GrazienFüße
leichter spielen lassen konnte An ihrer Schönheit waren sie das einzige
Unsterbliche wie am Achilles das einzige Sterbliche in der Tat hätten sie wie
des Damhirschchen seine zu Tabakstopfern getaugt
Wie viel besser nahm sich Oefel aus Der ist ein Narr geradezu aber in
gehörigem Masse Die Residentin überholte jene in jeder Biegung des Arms den ein
Maler und in jeder Hebung des Fußes den eine Göttin zu bewegen schien sogar
im Auflegen des Rots woran die Bouse ihre Wangen bei einer Fürstin angewöhnen
musste welche von allen ihren Hofdamen diese flüchtige Fleischgebung zu fodern
pflegte ihr Rot bestreifte wie der Widerschein eines roten Sonnenschirms sie
nur mit einer leisen Mitteltinte In Rücksicht der Schönheit unterschied
sich die ihrige von der ministeriellen wie die Tugend von der Heuchelei
Das Drama wurde von den fünf Spielern nicht im Operhause sondern in einem
Saale des Schlosses der die Krönung der Residentin begünstigte in die Welt
geboren Ich war nicht dabei aber man hinterbrachte mir alles Die gute Marie
Beata hatte zu viele Empfindung um sie zu zeigen sie fühlte dass sie die
Wiederholung ihres Schicksals dramatisiere und sie besaß zu viele von den guten
Grundzügen des weiblichen Charakters um sie vor so vielen Augen zu entblössen
Ihre beste Rolle spielte sie also innerlich Henri Gustav spielte außer der
innerlichen auch die äußerliche gut aus der nämlichen Ursache Nebst der Musik
isolierte und hob ihn gerade die Menge die ihn umsass aus der Menge und das
Feierliche gab seinen innern Wellen die Stärke und Höhe um die äußern zu
überwältigen Der Brief den er überreichen wollte verwirrte seine Rolle mit
seiner Geschichte die ich schreibe und das falsche Lob das die Ministerin
seiner neulichen Proberolle aus eben der unüberzeugten Affektation gegeben
hatte woraus sie die ihrige überspannte half ihm wahres ernten Der blödeste
Mensch ist wenn viel Phantasie unter seinen Taten glimmt der herzhafteste
wenn sie emporlodert
Es wäre lächerlich wenn mein Lob von der Wärme seines Spiels bis zur
Feinheit desselben ginge aber die Zuschauer vergaben ihm gern weil die Armut
an letzter3 sich mit dem Reichtum an erster verband um sie in die Täuschung zu
ziehen er sei von Lande und bloß Henri
Dieses Feuer gehörte dazu um seiner geliebten Marie Beata an der Stelle wo
er ihr die Brüderschaft aufkündigt den wahren Liebebrief zu geben sie faltete
ihn zufolge ihrer Rolle auf unendlich schön hatt er die sein ganzes Leben
umschlingende Worte gesagt »O doch ich bin ja dein Bruder nicht« sie blickte
auf seinen Namen darin sie erriet es schon halb aus der Art der Übergabe denn
sicher mankierte noch kein Mädchen einer männlichen List die es zu vollenden
hatte aber es war ihr unmöglich in eine verstellte Ohnmacht zu fallen denn
eine wahre befiel sie die Ohnmacht überschritt die Rolle ein wenig Gustav
hielt alles für Spaß die Ministerin auch und beneidete ihr die Gabe der
Täuschung Henri weckte sie bloß mit Mitteln die ihm sein RollenPapier
vorschrieb wieder auf und sie spielte in einer Verwirrung die der Kampf aller
Empfindungen der Liebe der Bestürzung und der Anstrengung gebar und in einer
andern als theatralischen Verschönerung bis zu Ende Henris Geliebte um nicht
Gustavs seine zu spielen Nach dem Spiele musste sie allen übrigen Lustigkeiten
des heutigen Abends entsagen und in einem Zimmer das ihr der Fürst so wie der
Doktor mit vielem empressement aufdrang Ruhe für ihre nachzitternden Nerven und
im Briefe Unruhe für ihren schlagenden Busen suchen Ich hebe Teure den
Vorhang immer höher auf der damals noch das verhüllte was jetzt deinen Nerven
und deiner Brust die Ruhe nimmt
Gustav sah nichts an der Tafel woran er sie vermisste hatt er nicht den
Mut seine fremden Nachbarinnen um sie zu fragen Andre Dinge fragt er kühner
heute nicht bloß der heutige Beifall war eine Eisenund Stahlkur für seinen Mut
gewesen sondern auch der Wein den er nicht trank sondern aß an den närrischen
Olla Potridas der Großen Dieses gegessene Getränk feuerte ihn an die Bonmots
wirklich zu offenbaren die er sich sonst nur innerlich sagte Und hier bezeug
ich öffentlich dass es mich noch bis auf diese Minute kränkt dass ich sonst bei
meinem Eintritte in die große Welt ein ähnlicher Narr war und Dinge dachte die
ich hätte sagen sollen Besonders bereu ich dies dass ich zu einer
TrancheeMajorin die ihr kleines Mädchen an der Hand und eine Rose aus deren
Mitte eine kleine gesprosset war am Busen hatte nicht gesagt habe Vous voilà
und dass ich nicht auf die Rose gewiesen ob ich gleich das ganze Bonmot schon
fertig gegossen im Kopfe liegen hatte Ich führte nachher die Saillie lange in
den Gehirnkammern herum und passte auf brennte sie aber zuletzt doch auf eine
recht dumme Weise los und darf die Person hier nicht einmal nennen
Da eine Winterlandschaft mit einem künstlichen Reife der in der Wärme des
Zimmers zerfloss und einen belaubten Frühling aufdeckte unter den
SchauGerichten den optischen PrunkGerichten der Großen mit stand so hatte
Gustav einen hübschen Einfall darüber den man mir nicht mehr sagen konnte
Gleichwohl ob er gleich unter dem schönsten Deckenstücke und auf dem
niedlichsten Stuhle aß so nahm er doch als ein bloßer HofAnhänger an allem
Anteil was er sagte und an jedem mit dem er sprach dir war noch du Seliger
keine Wahrheit und kein Mensch gleichgültig Aber er steht dir noch bevor jener
herbe Übergang von Hass und Liebe zur Gleichgültigkeit welchen alle auszustehen
haben die mit vielen Menschen oder mit vielen Sätzen für die sie kalt bleiben
müssen sich abgeben
Die Residentin zog seine scheuen Talente heute mehr als sonst ans Licht und
beschönigte den Anteil den sie an ihm nahm leicht mit seinen
TheaterVerdiensten um sie Endlich fing das dritte Schauspiel an worin mehre
als in den beiden andern glänzen konnten denn es wurde nur mit den Füßen
gespielt der Ball kam Tanzen ist der weiblichen Welt das was das Spielen der
großen ist eine schöne Vakanzzeit der Zungen die oft unbeholfen oft
gefährlich werden Für einen Kopf wie der Gustavische der so viele Bestürmungen
seiner Sinne heute zum ersten Male erfahren war ein Tanzsaal ein neues
Jerusalem In der Tat ein Tanzsaal ist etwas seht in den hinein wo Gustav
springt Jedes Saiten und Blasinstrument wird zum Hebebaum der die Herzen aus
dem kargen misstrauischen Alltagleben aufhebt die Tänze mengen die Menschen
wie Karten in und auseinander und die tönende Atmosphäre um sie fasset die
trunkne Masse in eines ein so viele Menschen und zu einem so freudigen Zwecke
verknüpft durch umringende Helldämmerung geblendet durch ihre klopfenden
Herzen begeistert müssen den Freudenbecher wenigstens kredenzen welchen Gustav
gar austrank denn ihn dem jede Dame eine Dogaressa4 ist begeisterte jede
HandBerührung und der Tumult von außen weckte seinen ganzen innern so auf dass
die Musik wie zurückprallend ihren äußern Geburtort verließ und nur in seinem
Innern unter und neben seinen Gedanken zu entspringen und herauszutönen schien
Wahrhaftig wenn man seine Ideen um einen lodernden Kronleuchter herumträgt
so werfen sie ein ganz anderes Licht zurück als wenn man damit vor einer
ökonomischen Lampe hockt In phantasiereichen Menschen liegen wie in heißen
Ländern oder auf hohen Bergen alle Extreme enger aneinander bei Gustav wollte
jeden Augenblick die Entzückung zur Wehmut werden und die Freude zur Liebe und
alle die Empfindungen die ihm die Tänzerinnen einflössten wollt er seiner
Einzigen bringen die einsam wegstand Gleichwohl war ihm als würde sie durch
diese alle nicht sowohl als durch die Residentin ersetzt Sogar durch das Drama
das mit dieser sich geschlossen und worin er für ihre Krönung gespielt wurde
sie ihm lieber ja ihr heutiger Geburttag selber war einer ihrer Reize in seinen
Augen Anders oder vernünftiger empfindet der Mensch nie Kurz die Residentin
gewann bei allem wessen ihn heute das Wegsein seiner Beata beraubte Er hatte
heute zum ersten Male von der Residentin die er außerordentlich achtete mehr
angefasset als einen Handschuh mehr nämlich ihre Arm und Rückenschienen mit
andern Worten ihr Kleid darüber an Arm und Rücken obwohl nicht an Händen ist
Bekleidung so viel wie keine Gustav philosophiere und schlafe lieber
Aus ist der bal paré aber der Teufel geht erst an Oefels Wagen fuhr
hinter dem Bousischen am letzten entzündet sich eine versäumte Radachse unter
der unnützen Eiligkeit Freilich wars Zufall aber gewisse Menschen kennen
keinen schlimmen und ihre Absichten legen sich um jeden an Oefel musst ihr
seinen anbieten Die gute Beata war in ihrem Krankenzimmer mit einer kleinen
weiblichen Dienerschaft gelassen Er nahm ein Pferd von dem Wagen der
Residentin ihr ließ er ich weiß nicht ob aus Galanterie gegen ihr Geschlecht
oder aus Scharfsinn und Freundschaft für seines und für seinen Roman meinen und
ihren Helden Ich wollt es vor einem akademischen Senat ausführen dass es für
einen der erst ein Engel werden will nichts Fataleres gibt als mit einer die
er schon für einen hält nachts aus einem Tanzsaale nach Hause zu fahren
dennoch wurde meinem Helden kein Haar gekrümmt und er krümmte auch keines
Aber verliebter wurd er ohne zu wissen in wen
Beata hatte keine ebenso gefährliche Mitternacht oder Nachmitternacht aber
ich will erst seine abfertigen Er kam mit der Residentin in ihrem Zimmer an
Er konnte und wollte von seinen heutigen Szenen gar nicht los Dieses Zimmer
stellte ihm alle die vergangenen dar und in den Saiten des Klaviers verbarg sich
eine ferne geliebte Stimme und hinter der Folie des Spiegels eine ferne geliebte
Gestalt Sehnsucht reihete sich wie eine dunkle Blume unter den bunten
FreudenStrauss die Residentin gewann auch bei dieser dunkeln Blume Sie war
keine von den Koketten welche die Sinne früher zu bewegen suchen als das Herz
sie fiel erst in dieses mit dem ganzen Heer ihrer Reize ein und führte nachher
aus diesem gleichsam in Feindes Land den Krieg gegen jene Sie selber war
nicht anders zu erobern als sie bekriegte Wenn die Weiber der höheren Klasse
wie die Epigrammen in solche die Witz und in andre die Empfindung haben
einzuteilen sind so glich sie mehr dem griechischen als dem gallischen
Sinngedicht wiewohl die griechische Ähnlichkeit täglich kleiner wurde Die
Maienluft ihres frühern Lebens hatte einmal eine weiße Blüte edler Liebe an ihr
Herz geweht wie oft ein Blütenblatt zwischen die gebeizten Federn oder
BrillantenBlumen des Damenhuts herunterzittert aber ihr Stand formte bald
ihren Busen zu einem Potpourri um auf dem gemalte Blumen der Liebe und in
welchem ein faulender BlütenSchober ist Alle ihre Verirrungen blieben jedoch
in den engeren und schöneren Grenzen an denen eine unsichtbare Hand eines
unauslöschlichen Gefühles sie anhielt Die Ministerin hatte dieses Gefühl nie
gehabt und ihre HerzensSchreibtafel wurde immer schmutziger je mehr sie
hineinschrieb und herauswischte Diese konnte durchaus keinen edlen Menschen
blenden jene konnt es
Jetzt nach dieser Abschweifung kann der Leser nicht mehr irre werden wenn
Bousens Betragen gegen Gustav weder aufrichtig noch verstellt sondern beides
ist Sie zeigte ihm das Nachtstück das der russische Fürst dagelassen und das
sie der richtigern Beleuchtung wegen in ihrem Kabinette aufgehangen hatte Es
stellte bloß eine Nacht einen aufgehenden Mond eine Indianerin die ihm auf
einem Berge entgegenbetet und einen Jüngling vor der auch Gebet und Arme an
den Mond die Augen aber auf die geliebte Beterin an seiner Seite richtete im
Hintergrund beleuchtete noch ein Johanniswürmchen eine mondlose Stelle Sie
blieben im Kabinett die Residentin verlor sich in die gemalte Nacht Gustav
sprach darüber endlich erwachte sie schnell aus ihrem Schauen und Schweigen mit
den schlaftrunknen Worten »Meine Geburtfeste machen mich allemal betrübt« Sie
zeichnete ihm zum Beweise fast alle dunklern Partien ihrer Lebensgeschichte vor
das TrauerGemälde nahm seine Farben von ihrem Auge und ihrer Lippe und seine
Seele von ihrem Ton und sie endigte damit »Hier leidet jeder allein« Er
ergriff in mitfühlender Begeisterung ihre Hand und widerlegte sie vielleicht
durch einen leisen Druck
Sie ließ ihm die Hand mit der unachtsamsten Miene schien aber bald eine
Laute neben ihnen die sie ergriff zum Vorwand zu nehmen um die schöne Hand
zurückzuführen »Ich war nie unglücklich« fuhr sie bewegt fort »solange mein
Bruder noch lebte« Sie nahm nun das Bild desselben das sie auf ihrem
schwesterlichen Busen trug nach einer leichten aber notwendigen Enthüllung
hervor und teilte es karg seinen Augen mit und freigebig den ihrigen Ob Gustav
bei der Enthüllung so verschiedner Geheimnisse bloß auf das gemalte Brustbild
hingesehen das beurteilt mein Konrektor und sein Fuchspelzrock am
vernünftigsten welcher glaubt es gebe keine schönere Ründe als der Perioden
ihre und keine neueren EvasÄpfel als die im Alten Bunde Mein PelzKonrektor
hat gut vordozieren aber Gustav der der trauernden Residentin gegenübersjetzt
welche sonst bloß die Form nie die Farbe jener umlaubten verbotnen Frucht
erraten ließ hat schwer lernen
Die wenigsten wären wie ich und der Konrektor imstande gewesen ihr das
Bild eigenhändig wieder einzuhändigen
»Dieses Kabinett« sagte sie »lieb ich wenn ich traurig bin Hier
überraschte mich mein Alban Name des Bruders da er aus London kam hier
schrieb er seine Briefe hier wollt er sterben aber der Arzt ließ ihn nicht
aus seinem Zimmer« Sie ließ unbewusst einen in die Luft versinkenden Akkord aus
ihrer Laute schlüpfen Sie blickte Gustav träumerisch an ihr Auge umzog sich
mit immer feuchterem Schimmer »Ihre Schwester ist noch glücklich« sagte sie
mit einem Trauerton der allmächtig ist wenn man ihn das erstemal von schönen
und sonst lachenden Lippen hört »Ach ich wollte« sagte er mit sympatetischem
Kummer »ich hätte eine Schwester« Sie sah ihn mit einer kleinen forschenden
Verwunderung an und sagte »Auf dem Theater machten Sie heute gerade die
umgekehrte Rolle gegen die nämliche Person« Dort nämlich gäb er sich
fälschlich für einen Bruder der Beata hier fälschlich für keinen aus oder
vielmehr hier kündige er ihr seine Liebe auf Sein fragendes Erstaunen hing an
ihrem Munde und schwebte ängstlich zwischen seiner Zunge und seinem Ohre Sie
fuhr gleichgültig fort »Freilich sagt man dass leibliche Brüder und Schwestern
sich selten lieben aber ich bin die erste Ausnahme Sie werden die zweite
sein« Sein Erstaunen wurde Erstarren
Es würde dem Publikum auch so gehen wenn ich nicht einen Absatz machte und
es belehrte dass die Residentin gar wohl die Lüge geglaubt haben kann im Grunde
muss die sie ihm sagte Leute ihres Standes denen das Furioso der
LustbarkeitenKonzerts immer in die Ohren reißt hören unebenbürtige
Neuigkeiten nur mit tauben oder gar halben sie kann mithin noch leichter als
der Leser und wer steht mir für den den verlorenen Sohn der Röperin und des
Falkenbergs mit dem gegenwärtigen der Rittmeisterin und des Falkenbergs
vermenget haben Ihr bisheriges Betragen ist so wenig wider meine Vermutung
als das bisherige des angeblichen Geschwisterpaars gegen ihre war gleichwohl
kann ich mich verrechnen
Dieses Verrechnen wird aber durch ihr weiteres Betragen ganz
unwahrscheinlich Seine Verlegenheit gebar ihre sie bedauerte ihre
Voreiligkeit ein Geschwisterpaar für glücklich und liebend gepriesen zu haben
das sich meide und ungern von seinen Verhältnissen spreche Sie verbarg mit
ihren Mienen ihre Absicht nicht das Gespräch abzulenken sondern zeigte sie mit
Fleiß aber zu ihrem Kummer keinen Bruder zu haben gesellete sich der Kummer
dass Gustav zwar eine Schwester habe aber nicht liebe und sie drückte ihre
Sympatie mit dem ähnlichen Unglück auf ihrer Laute immer schöner und leiser
aus Gustavs getäuschte Seele auf der noch das heutige Fest mit seinem Glanze
stand überzogen die heftigsten und unähnlichsten Wogen Misstrauen kam nie in
sein Herz ob er gleich in seinem Kopfe genug davon zu haben meinte jetzt
hatt er die Wahl zwischen dem Throne und dem Grabe seiner heutigen Freude
Denn starke Seelen kennen zwischen Himmel und Hölle nichts kein Fegefeuer
keinen limbus infantum
Die Residentin entschied sein Schwanken Sie nahm sein MienenChaos oder
schien es weil ich nicht das Herz habe der Schöppenstuhl und die letzte
Instanz so vieler tausend Leser zu sein für die doppelte Verlegenheit und
Betrübnis über die Kälte womit seine angebliche Schwester ihn behandle und
über seine Familiengeschichte Sie hatte bisher in seinen Augen ein Sehnen
gefunden das schönere Reize suchte als die übrigen HofAugen sie hatte den
Morgen wo er Amandus Grab erbat und die Augen voll Liebe die er vor ihr
trocknete in ihrem gefühlvollen Herzen aufbewahrt folglich goss sie den
zärtlichsten Blick auf seinen heißen zog die zärtlichste Stimme ihrer
sympatetischen Brust aus ihren LautenSaiten wollte zuhüllen ihr pochendes
Herz und konnte nicht einmal sein Schlagen verstecken und fiel als er die
Bewegung des heftigsten Affektes machte verloren hingerissen mit zitterndem
Auge mit überwältigtem Herzen mit irrender Seele und mit dem einzigen großen
langsamen tief heraufgeseufzeten Laute »Bruder« an ihn
Er an sie Sie fühlte das erstemal in ihrem Hofleben eine solche
Umarmung er das erstemal eine empfangne denn an Beatens reinem Herzen hatt er
ihre Arme nie gefühlt O Bouse hättest du ihr doch geglichen und wärest eine
Schwester geblieben Aber du gabest mehr als du bekamest und reizetest zum
Nehmen du rissest ihn und dich in einen verfinsternden GefühlOrkan an
deinem Busen verlor er dein Gesicht dein Herz sein eigenes und als alle
Sinne mit ihren ersten Kräften stürmten alles alles
Schutzgeist meines Gustavs Du kannst ihn nicht mehr retten aber heil ihn
wenn er verloren ist wenn er verloren hat alles seine Tugend und seine Beata
Ziehe wie ich den traurigen Vorhang um seinen Fall und sage sogar zur Seele
die so gut ist wie seine »Sei besser«
Ehe wir zur Seele gehen der ers sagt zu Beata wollen wir wenigstens einen
einzigen Verteidiger für den armen Gustav vernehmen damit man ihn nicht zu tief
verdamme Der Verteidiger gibt bloß dieses zu bedenken wenn die Weiber so
leicht zu besiegen sind so ist es weil in allen KriegVerhältnissen der
angreifende Teil die Vorteile vor dem angegriffenen voraushat kehret sich aber
einmal der Fall um und tritt eine Versucherin statt eines Versuchers auf so
wird derselbe Versuchte der nie eine Unschuld angefeindet hätte die seinige
verlieren in der ungewöhnlichen Umkehrung der Verhältnisse und zwar um so
leichter je mehr die weibliche Versuchung zärter feiner und durchdringender
ist als die männliche Daher verführen zwar Männer aber Jünglinge werden
gewöhnlich anfangs verführt und eine Versucherin bildet zehn Versucher
Verzeihe reine Beata uns allen den Übergang zu dir Du hütest in dieser
Spätnacht ein Zimmer des fürstlichen Schlosses ganz einsam aber mit Freuden an
Freuden denn du hattest Gustavs Brief an dich in der Hand und an der Brust und
im ganzen Palast war heute die kränklichste Seele die glücklichste denn der
Brief den sie einsam lesen küssen ohne innere und äußere Stürme ausgeniessen
konnte leuchtete ihrem zarten Auge milder als die Gegenwart des Gegenstandes
dessen Glühfeuer erst durch eine Entfernung zur wehenden Wärme fiel seine
Gegenwart überhäufte sie mit Genuss zu sehr und sie umarmte da jeden Augenblick
den Genius ihrer Tugend wenn sie glaubte bloß ihren Freund zu umfassen In
dieser LenzEntzückung als sie in der einen Hand den Brief und in der andern
den Genius der Tugend hatte störte sie der scheerauische Fürst So schiebt
sich auf dem Bauch eine Kröte in ein Blumenbeet
Einer Frau wird ihr Betragen in solchem Fall nur dann schwer wenn sie noch
unentschlossen zwischen Gleichgültigkeit und Liebe schwankt oder auch wenn sie
trotz aller Kälte aus Eitelkeit doch gerade so viel bewilligen möchte dass die
Tugend nichts verlöre und die Liebe nichts gewönne hingegen im Fall der
vollendeten tugendhaften Entschlossenheit kann sie sich frei der innern Tugend
überlassen die für sie kämpfet und sie braucht kaum über Zunge und Mienen zu
wachen weil diese schon verdächtig sind wenn sie eine Wache begehren Die
Art wie Beata den Brief einsteckte war der einzige kleine Halbton in dieser
vollen Harmonie einer gerüsteten Tugend Der scheerauische ThronInsass
entschuldigte seine Erscheinung mit seiner Sorgfalt für ihre Gesundheit Er
setzte sein folgendes Gespräch aus der französischen Sprache der besten wenn
man mit Weibern und mit Witzigen sprechen will und aus jenen Wendungen
zusammen mit denen man alles sagen kann was man will ohne sich und den andern
zu genieren die alles nur halb und von dieser Hälfte wieder ein Viertel im
Scherze und alles mehr verbindlich als schmeichelnd und mehr kühn als aufrichtig
vortragen
»So hab ich Sie« sagt er mit einer verbindlichen Verwunderung »heute
den ganzen Abend in meinem Kopfe abgemalt gesehen meine Phantasie hat Ihnen
nichts genommen außer die Gegenwart Wenn das Schicksal mit sich reden ließe
so hätt ich auf dem ganzen Ball mit ihm gezankt dass es gerade der Person die
uns heute so viel Vergnügen gab das ihrige nahm«
»O« sagte sie »das gute Schicksal gab mir heute mehr Vergnügen als ich
geben konnte« Obgleich der Fürst unter die Personen gehört mit denen man über
nichts sprechen mag so sagte sie dieses doch mit Empfindung die aber nichts
als ein Dank ans Schicksal für die vorherige frohe LeseStunde war
»Sie sind« sagt er mit einer feinen Miene die einen andern Sinn in
Beatens Rede legen sollte »ein wenig Egoistin Das ist Ihr Talent nicht
Ihres muss sein nicht allein zu sein Sie verbargen bisher Ihr Gesicht wie Ihr
Herz glauben Sie dass an meinem Hofe niemand wert ist beide zu bewundern und
zu sehen« Für Beata die glaubte sie hätte nicht nötig bescheiden zu sein
sondern demütig war ein solches Lob so groß dass sie gar nicht daran dachte es
zu widerlegen Sein Blick sah nach einer Antwort aber sie gab ihm überhaupt so
selten als möglich eine weil jeder Schritt die alte Schlinge mit in die neue
trägt Er hatte ihre Hand anfangs mit der Miene gesucht womit man sie einem
Kranken nimmt sie hatte sie ihm gleichgültig gelassen aber wie einen toten
Handschuh hatte sie ihre in seine gebettet alle seine Gefühlspitzen konnten
nicht das geringste Regsame an ihr aushorchen sie zog sie weder langsam noch
hurtig bei der nächsten Erweiterung aus der rostigen Scheide heraus
Der Tanz der Tag die Nacht die Stille gaben seinen Worten heute mehr
Feuer als sonst darin lag »Die Lose« sagt er und spielte pikiert mit einer
Münze der Westentasche um die geflohene Hand zu ersetzen »sind unglücklich
gefallen Die Personen die das Talent haben Empfindungen einzuflößen haben
zum Unglück oft das feindselige selber keine zu erwidern« Er heftete seinen
Blick plötzlich auf ihre Hemdnadel an der eine Perle und das Wort »lamitié«
glänzte er sah wieder auf seine bolognesische Münze auf der wie auf allen
bolognesischen das Wort »libertas« Freiheit stand »Sie gehen mit der
Freundschaft wie Bologna mit der Freiheit um beide tragen das als Legende was
sie nicht haben« Die edleren Menschen können die Worte »Freundschaft
Empfindung Tugend« auch von den unedelsten nicht hören ohne bei diesen Worten
das Große zu denken wozu ihr Herz fähig ist Beata bedeckte einen Seufzer mit
ihrer steigenden Brust der es nur gar zu deutlich sagen wollte was Empfindung
und Freundschaft ihr für Freuden und für Schmerzen gäben aber den Fürsten ging
er nichts an
Sein haschender Blick den er nicht seinem Geschlecht sondern seinem Stande
verdankte erwischte den Seufzer den er nicht hörte Er machte auf einmal wider
die Natur der Appellation und der Natur einen dialogischen Sprung »Verstehen
Sie mich nicht« sagt er mit einem Tone voll hoffender Ehrerbietung Sie sagte
kälter als der Seufzer versprach sie könne heute mit ihrem kranken Kopfe
nichts tun als ihn auf den Arm stützen und bloß der mache ihr es schwer die
Ehrfurcht einer Untertanin und die Verschiedenheit ihrer Meinungen von den
seinigen mit gleicher Stärke auszudrücken Gleich Raubtieren haschte er wenn
Schleichen zu nichts führte durch Sprünge »O doch« sagt er und machte
Henris Liebeerklärung zur seinigen »Marie ich bin ja Ihr Bruder nicht« Eine
Frau gewinnt wenn sie zu lange gewisse Erklärungen nicht verstehen will nichts
als die deutlichsten Er lag noch dazu in Henris Attitüde vor ihr »Erlassen
Sie mir« antwortete sie »die Wahl es für Scherz oder für Ernst zu halten
außer dem Theater bin ich unfähiger den RosenPreis zu verdienen oder zu
vernachlässigen aber Sie sinds die Sie ihn überall bloß geben müssen« »Wem
aber« sagt er und man sieht daraus dass gegen solche Leute keine Gründe
helfen »ich vergesse über die Schönen alle Hässlichen und über die Schönste
alle Schönen ich gebe Ihnen den Preis der Tugend geben Sie mir den der
Empfindung oder darf ich mir ihn geben« und hastig zuckten seine Lippen nach
ihren Wangen auf denen bisher mehr Tränen als Küsse waren allein sie wich ihm
mit einem kalten Erstaunen das er an allen Weibern wärmer gefunden hatte weder
um einen Zoll zu viel noch zu wenig aus und reichte bei ihm in einem Tone in
dem man zugleich die Ehrfurcht einer Untertanin die Ruhe einer Tugendhaften und
die Kälte einer Unerbittlichen fand kurz in einem Tone als hätte ihre Bitte
mit dem Vorgegangnen gar keine Verbindung auf diese Art reichte sie ihre
untertänige Supplik ein er möchte allergnädigst sich da ihr der Doktor gesagt
hätte sie könne heute nichts Schlimmers tun als wachen sich wie ich mich
ausgedrückt haben würde zum Henker scheren Eh er so weit ging badinierte er
noch einige Minuten kam darüber beinahe wieder in den alten Ton legte seine
InhäsivProReprotestationen ein und zog ab
Nichts als die Ruhe die sie aus den Händen der Tugend und der Liebe und
des Gustavischen Briefes hatte gab ihr das Glück dass dieser Jakob oder Jack
sich an diesem Engel eine Hüfte ausrenkte was freilich den matten Jaques um
so mehr verdross je mehr der Engel sich unter dem Ringen verschönerte da jede
weibliche Unruhe bekanntlich ein augenblickliches Schmink und Schönheitmittel
wird
In euerem ganzen Leben Gustav und Beata schluget ihr eure Augen nie mit so
verschiednem Gefühl vor einem Morgen auf als an dem wo sich Beata nichts und
Gustav alles vorzuwerfen hatte Über den ganzen versunkenen Frühling seines
Lebens schlichtete sich ein langer Winter er hatte außer sich keine Freude in
sich keinen Trost und vor sich statt der Hoffnung Reue
Er riss sich mit so vieler Schonung als seine Verzweiflung zuließ von den
Gegenständen seines Jammers los und jagte sein sprudelndes Blut nach Auental zu
Wutz in meine Stube Ich sah an nichts mehr dass er noch Gefühl und Leben
hatte als am Gewitterregen seiner Augen Er fing vergeblich an unter Blut
Ideen und Tränen sanken seine Worte unter endlich wandte er sich
hochaufglühend von mir gegen das Fenster und erzählte mir auf einen Ort
blickend seinen Fall den er von sich selbst herunter getan Darauf um sich
an sich selber durch seine Beschämung zu rächen ließ er sich ansehen hielt es
aber nicht länger aus als bis er zum Namen Beata kam hier wo er mich zum
ersten Male vor den gewichnen Blumengarten seiner ersten Liebe führte musst er
sich das Gesicht zuhüllen und sagte »O ich war gar zu glücklich und bin gar zu
unglücklich«
Die Täuschung der Residentin welche ihn für den Bruder Beatens gehalten
konnt ich ihm leicht aus der Ähnlichkeit der Bildnisse von ihm und dem ersten
Sohne ihrer Mutter erklären Zuerst sucht ich ihm den wichtigsten Kredit
wieder zu geben den den man bei sich selber finden muss wer sich keine
moralische Stärke zutrauet büsset sie am Ende wirklich ein Sein Fall kam bloß
von seiner neuen Lage an einer Versuchung ist nichts so gefährlich als ihre
Neuheit die Menschen und die PendulUhren gehen bloß in einerlei Temperatur am
richtigsten Übrigens bitt ich die Romanenschreiber die es noch leichter
finden als das Gefühl und die Erfahrung es bestätigen dass zwei ganz reine
seelenvolle Seelen ihre Liebe in einen Fall verwandeln nicht meinen Helden zum
Beweise zu nehmen denn hier mangelte die zweite reine Seele hingegen die
Vereinigung aller Farben von zwei schönen Seelen Gustavs und Beatens wird
immer nur die weiße der Unschuld geben
Sein Entschluss war der von Beaten sich auf immer in einem Briefe abzureissen
das Schloss mit allen Gegenständen die ihn an seine schönen Tage oder an
seinen unglücklichen erinnerten zu verlassen den Winter bei seinen Eltern
die ihn allemal in der Stadt zubrachten zu verleben oder zu verseufzen und dann
im Sommer mit Oefel die Karten zum Spiel des Lebens von neuem zu mischen um zu
sehen was es noch wenn die Seelenruhe verloren ist zu gewinnen oder
einzubüssen gäbe Schöner Unglücklicher warum legt gerade jetzt deine
gegenwärtige Geschichte da ich mit ihr meine geschriebne zusammenführen könnte
Flöre um Warum fallen gerade deine kurzen trüben Tage in die kurzen trüben des
Kalenders hinein O in diesem TrauerWinter wird mich keine Himmelleiter des
Enthusiasmus mehr in die Höhe richten um die BlütenLandschaft deines Lebens zu
überschauen und abzuzeichnen und ich werde wenig von dir schreiben um dich
öfter in meine Arme zu nehmen
Und ihr entsetzlichen Seelen die ihr einen Fehltritt an dem Gustav sterben
will unter eure Vorzüge und eure Freuden rechnet die ihr die Unschuld nicht
wie er selber verliert sondern fremde mordet darf ich ihn durch eure
Nachbarschaft auf dem Papier besudeln Was werdet ihr noch aus unserem
Jahrhundert machen Ihr gekrönten gestirnten turnierfähigen infulierten
Hämlinge Davon ist die Rede nicht und ich hab es nie getadelt dass ihr aus
euren Ständen die sogenannte Tugend dh den Schein davon die ein so spröder
Zusatz in euren weiblichen Metallen ist mit so viel Glasfeuer als ihr
zusammenbringen könnt herausbrennt und niederschlagt denn in euren Ständen
hat Verführung keinen Namen mehr keine Bedeutung keine schlimme Folgen und
ihr schadet da wenig oder nicht aber in unsere mittleren Stände auf unsere
Lämmer schießt ihr Greif und Lämmergeier nicht herab Bei uns seid ihr noch
eine Epidemie ich falle wie ihr in eine Vermischung aber nur der Metaphern
die mehr wegreisset weil sie neuer ist Raubet und tötet da lieber alles andre
als eine weibliche Tugend Nur in einem Jahrhundert wie unsers wo man alle
schönen Gefühle stärkt nur das der Ehre nicht kann man die weibliche die bloß
in Keuschheit besteht mit Füßen treten und wie der Wilde einen Baum auf immer
umhauen um ihm seine ersten und letzten Früchte zu nehmen Der Raub einer
weiblichen Ehre ist so viel als der Raub einer männlichen dh du zerschlägst
das Wappen eines höheren Adels zerknickst den Degen nimmst die Sporen ab
zerreissest den Adelbrief und Stammbaum das was der Scharfrichter am Manne tut
vollstreckest du an einem armen Geschöpfe das diesen Henker liebt und bloß
seine unverhältnismässige Phantasie nicht bändigen kann Abscheulich Und
solcher Opfer welche die männlichen Hände mit einem ewigen Halseisen an die
Unehre befestigt haben stehen in den Gassen Wiens zweitausend in den Gassen
von Paris dreissigtausend in den Gassen von London funfzigtausend
Entsetzlich TodesEngel der Rache zähle die Tränen nicht die unser Geschlecht
aus dem weiblichen Auge ausdrückt und brennend aufs schwache weibliche Herz
rinnen lässt Miss die Seufzer und die Qualen nicht unter denen die
FreudenMädchen verscheiden und an denen den eisernen FreudenMann nichts
dauert als dass er sich an ein andres Bett das kein Sterbebette ist begeben
muss
Sanftes treues aber schwaches Geschlecht Warum sind alle Kräfte deiner
Seele so glänzend und groß dass deine Besonnenheit zu bleich und klein dagegen
ist Warum beweget sich in deinem Herzen eine angeborene Achtung für ein
Geschlecht das die deinige nicht schont Je mehr ihr eure Seelen schmücket je
mehr Grazien ihr aus euren Gliedern macht je mehr Liebe in eurem Herzen wallet
und durch eure Augen bricht je mehr ihr euch zu Engeln umzaubert desto mehr
suchen wir diese Engel aus ihrem Himmel zu werfen und gerade im Jahrhundert
eurer Verschönerung vereinigen sich alle Schriftsteller Künstler und Große zu
einem Wald von Giftbäumen unter denen ihr sterben sollt und wir schätzen
einander nach den meisten Brunnen und Kelchvergiftungen für eure Lippen
Fußnoten
1 Denn man könnte einen Menschen durch die Versicherung närrisch machen er sei
närrisch Die Freunde vom jüngeren Crebillon beredeten sich einmal an einem
geselligen frohen Abende über keinen Einfall von ihm zu lachen sondern nur
mitleidig zu schweigen als hab er nun allen Witz verloren Und die Sache wurd
ihm auch glaublich gemacht Wieder andere Schriftsteller werden durch ihre
Freunde gerade mit dem umgekehrten Irrtum noch lebhafter getäuscht dass sie
glauben Witz zu haben
2 Legierung des Goldes mit Kupfer heißt die mit Rot die mit Silber heißt die
mit Weiß
3 Nämlich bloß an konventioneller denn es gibt eine gewisse bessere von der
nicht allemal jene aber wohl allemal gebildete Güte des Herzens und Kopfes
begleitet wird
4 Frau des Doge
Achtunddreissigster oder NeujahrSektor
Nachtmusik Abschiedbrief mein Zanken und Kranken
Ich hatte auf heute vor Spaß zu machen meine Biographie einen gedruckten
Neujahrwunsch an den Leser zu nennen und statt der Wünsche scherzhafte
NeujahrFlüche zu tun und dergleichen mehr Aber ich kann nicht und werd es
überhaupt bald gar nicht mehr können Welches plumpe ausgebrannte Herz müssen
die Menschen haben welche im Angesichte des ersten Tages der sie unter 364
andre gebückte ernste klagende und zerrinnende hineinführet die tobende
schreiende Freude der Tiere dem weichen stillen und ans Weinen grenzenden
Vergnügen des Menschen vorzuziehen imstande sind Ihr müsst nicht wissen was
die Wörter »erster« und »letzter« sagen wenn ihr nicht darüber sie mögen einem
Tage oder einem Buche oder einem Menschen gegeben werden tieferen Atem zieht
ihr müsst noch weniger wissen was der Mensch vor dem Tiere voraushat wenn in
euch der Zwischenraum zwischen Freude und Sehnsucht so groß ist und wenn nicht
beide in euch eine Träne vereinigt Du Himmel und Erde eure jetzige Gestalt
ist ein Bild wie eine Mutter einer solchen Vereinigung die in unser
frierendes Auge tröstend hineinblickende Lichtwelt die Sonne verwandelt den
blauen Äther um sich in eine blaue Nacht die sich über den blitzenden Grund der
beschneiten Erde noch tiefer schattiert und der Mensch sieht sehnend an seinem
Himmel eine herübergezogene Nacht und eine LichtRitze die tiefe Öffnung und
Straße gegen hellere Welten hin
Die vergangne Nacht führt noch meine Feder Es ist nämlich in Auental wie
an vielen Orten Sitte dass in der letzten feierlichen Nacht des Jahrs auf dem
Turm aus Waldhörnern gleichsam ein Nachhall der verklungnen Tage oder eine
Leichenmusik des umgesunknen Jahrs ertönt Als ich meinen guten Wutz nebst
einigen Gehülfen in der unteren Stube einiges Geräusch und einige ProbeTöne
machen hörte stand ich auf und ging mit meiner längst wachen Schwester ans enge
Fenster In der stillen Nacht hörte man den Hinauftritt der Leute auf den Turm
Über unser Fenster lag jener Balken unter dem man in prophetischen Nächten
hinaushorchen muss um die Wolkengestalten der Zukunft zu sehen und zu hören Und
wahrhaftig ich sah im eigentlichen Sinn was der Aberglaube sehen will ich
sah wie er Särge auf Dächern und Leichengefolge an der einen Türe und
Hochzeitgäste und Brautkranz an der andern und das MenschenJahr zog durch das
Dorf und hielt an seiner rechten Mutterbrust die kleinen Freuden die mit dem
Menschen spielen und an seiner linken die Schmerzen die ihn anbellen es
wollte beide nähren aber sie fielen sterbend ab und sooft ein Schmerz oder
eine Freude abwelkte so oft schlug einer von den zwei Klöppeln zum Zeichen an
die Turmglocken an Ich sah nach dem weißen Wald hinüber hinter welchem die
Wohnungen meiner Freunde liegen O junges Jahr sagt ich zieh zu meinen
Freunden hin und leg ihnen in ihre Arme die Freuden aus deinen und nimm die
zurückgebliebnen zähen Schmerzen des alten mit die nicht sterben wollen Geh in
alle vier Weltstrassen und verteile die Säuglinge deiner rechten Brust und mir
lasse nur einen die Gesundheit
Die Töne des Turms verströmten in die weite mondlose Nacht hin die ein
großer mit Sternblüten übersäeter Wipfel war Bist du glücklich oder
unglücklich kleiner Schulmeister Wutz dass du auf deinem Turm der weißen Mauer
und einem weißen Stein des Auentaler Gottesackers entgegen stehest und doch
nicht daran denkest wen Mauer und Stein verschließen denselben nämlich der
sonst an deinem Platze in dieser Stille auch wie du das neue Jahr begrüßte
deinen Vater der wieder ebenso ruhig wie du über die verwesenden Ohren des
seinigen hinüberblies Ruhiger bist du freilich der du am neuen Jahre an
kein anderes Abnehmen als an das der Nächte denkst aber lieber ist mir meine
Philippine die hier neben mir ihr Leben von neuem überlebt und gewiss
ernsthafter als das erstemal und in deren Brust das Herz nicht bloß
FrauenzimmerArbeit tut sondern auch zuweilen zum Gefühl anschwillt wie wenig
der Mensch ist wie viel er wird und wie sehr die Erde eine KirchhofMauer und
der Mensch der verpuffende Salpeter ist der an dieser Mauer anschiesset Gute
weinende Schwester in dieser Minute fragt dein Bruder nichts danach dass du
morgen nicht viel danach fragest in dieser Minute verzeihet er dirs und
deinem ganzen Geschlechte dass eure Herzen so oft Edelsteinen gleichen in denen
die schönsten Farben und eine Mücke oder ein Moos nebeneinander wohnen denn
was kann der Mensch der dieses verwitternde Leben und seine verwitternden
Menschen besieht und beseufzet mitten in diesem Gefühle Bessers tun als sie
recht herzlich lieben recht dulden recht Lass dich umarmen Philippine und
wenn ich einmal dir nicht verzeihen will so erinnere mich an diese Umarmung
Meine Lebensbeschreibung sollte jetzo weiterrücken aber ich kann meinen
Kopf und meine Hand unmöglich dazu leihen wenn ich nicht auf der Stelle mich
aus der gelehrten Welt in die zweite schreiben will Es ist besser wenn ich
bloß den Setzer dieser Geschichte mache und den schmerzhaften Brief abschreibe
den Gustav seiner verscherzten Freundin schickte
»Treue tugendhafte Seele Die jetzige dunkle Minute die nur ich verdient habe
aber nicht du quäle dich nicht lange und verziehe sich bald O zum Glück
kannst du doch nicht mein Auge nicht meinen von Schmerzen zitternden Mund und
mein zertrümmertes Herz erblicken womit ich nun allen meinen schönen Tagen ein
Ende mache Wenn du mich hier schreiben sähest so würde die weichste Seele
die noch auf der Erde getröstet hat sich zwischen mich und meinen schlagenden
Kummer stellen und mich bedecken wollen sie würde mich heilend anblicken und
fragen was mich quäle Ach gutes treues Herz frage mich es nicht ich
müsste antworten meine Qual meine unsterbliche Folter meine VipernWunde
heißt verlorne Unschuld Dann würde sich deine ewige Unschuld erschrocken
wegwenden und mich nicht trösten ich würde einsam liegen bleiben und der
Schmerz stände aufrecht mit der Geissel bei mir ach ich würde nicht einmal das
Haupt aufheben um allen guten Stunden die sich in deiner Gestalt von mir
wegbegeben verlassen nachzusehen Ach es ist schon so und du bist ja schon
gegangen Amandus trennt dich der Himmel ganz von mir und kannst du der du
mir die LilienHand Beatens gegeben nicht meine befleckte sehen die nicht mehr
für die reinste gehört Ach wenn du noch lebtest so hätt ich ja dich auch
verloren O dass es doch Stunden hienieden geben kann die den vollen
Freudenbecher des ganzen Lebens tragen und ihn mit einem Fall zersplittern und
die Labung aller aller Jahre verschütten dürfen
Beata nun gehen wir auseinander du verdienst ein treueres Herz als meines
war ich verdiente deines nicht ich habe nichts mehr was du lieben könntest
mein Bild in deinem Herzen muss zerrissen werden deines steht ewig in meinem
fest aber es sieht mich nicht mehr mit dem Auge der Liebe sondern mit einem
zugesunknen an das über den Ort weint wo es steht Ach Beata ich kann
meinen Brief kaum endigen sobald seine letzte Zeile steht so sind wir
auseinander gerissen und hören uns nie mehr und kennen uns nimmer O Gott
wie wenig hilft die Reue und das Beweinen Niemand stellt das heiße Herz des
Menschen her wenn nichts in ihm mehr ist als der harte große Kummer den es
wie ein Vulkan ein Felsenstück empor und herauszuwerfen sucht und der immer
wieder in den lodernden Kessel zurückstürzt nichts heilt uns nichts gibt dem
entblätterten Menschen das gefallne Laub wieder Ottomar behält recht dass das
Leben des Menschen wie ein Vollmond über lauter Nächte ziehe
Ach es muss doch sein Lebe nur wohl Freundin Gustav war der Stunde die du
haben wirst nicht wert Dein heiliges Herz dem er Wunden gegeben verbinde ein
Engel und im Bande der Freundschaft trage du es still Meinen letzten freudigen
Brief wo ich mich nicht mit meinem überschwenglichen Glück begnügte leg in
diesen trostlosen in dem ich nichts mehr habe und verbrenne sie miteinander
Kein Voreiliger sage dir künftig nach vielen Jahren dass ich noch lebe dass ich
den langen Schmerz mit dem ich mein versunknes Glück abbüsse wie Dornen in
meine verlassene Brust gedrückt und dass in meinem trüben Lebenstage die Nacht
früher komme die zwischen zwei Welten liegt Wenn einmal dein Bruder mit einem
schöneren Herzen an deines sinkt so sag es ihm nicht so sag es dir selber
nicht wer ihm ähnlich sah und wenn einmal dein TränenAuge auf die weiße
Pyramide fällt so wend es ab und vergiss dass ich dort so glücklich war Ach
aber ich vergess es nicht ich wende das Auge nicht ab und könnte der Mensch
sterben an der Erinnerung ich ginge zu Amandus Grabe und stürbe Beata
Beata an keiner Menschenbrust wirst du stärkere Liebe finden als meine war
wiewohl stärkere Tugend leicht aber wenn du einmal diese Tugend gefunden hast
so erinnere dich meiner nicht meines Falles nicht bereue unsre kurze Liebe
nicht und tue dem der einmal unter dem SternenHimmel an deiner edlen Seele
lag nicht unrecht O du meine meine Beata in der jetzigen Minute gehörest
du ja noch mir zu weil du mich noch nicht kennest in der jetzigen Minute darf
noch mein Geist mit der Hand auf seinen Wunden und Flecken vor deinen treten
und um ihn fallen und mit erstickten Seufzern zu dir sagen liebe mich Nach
dieser Minute nicht mehr nach dieser Minute bin ich allein und ohne Liebe
und ohne Trost das lange Leben liegt weit und leer vor mir hin und du bist
nicht darin aber dieses MenschenLeben und seine Fehltritte werden
vorübergehen der Tod wird mir seine Hand geben und mich wegführen die Tage
jenseits der Erde werden mich heiligen für die Tugend und dich dann komm
Beata dann wird dir wenn dich ein Engel durch dein irdisches Abendrot in die
zweite Welt getragen dann wird dir ein hienieden gebrochnes dort geheiligtes
Herz zuerst entgegengehen und an dich sinken und doch nicht an seiner Wonne
sterben und ich werde wieder sagen Nimm mich wieder geliebte Seele auch ich
bin selig alle irdischen Wunden werden verschwinden der Zirkel der Ewigkeit
wird uns umfassen und verbinden Ach wir müssen uns ja erst trennen und
dieses Leben währet noch lebe länger als ich weine weniger als ich und
vergiss mich doch nicht gänzlich Ach hast du mich denn sehr geliebt du Teure
du Verscherzte
Gustav F«
Abends unter dem Zusiegeln des Briefs fuhr Beata zum SchlossTor hinein Als er
ihre Lichtgestalt die bald mit so vielen Tränen sollte bedeckt werden
heraussteigen sah prallte er zurück schrieb die Aufschrift ging zu Bette und
zog die Vorhänge zu um recht sanft zu weinen Dem RomanenSteinmetz Oefel
eilte er vorzüglich aus dem Wege weil seine Mienen und Laute nichts als unedle
Triumphe seines weissagenden Blickes waren und sogar Gustavs
Niedergeschlagenheit rechnete er noch unedler zu seinen Triumphen
Im Grunde wollt ich der Henker holte alle Weltteile und sich dazu denn
mich hat er halb Wenige wissen dass er mich diese Biographie nicht zu Ende
führen lässt Ich bin nun überzeugt dass ich nicht am Schlage wie ich mir
neulich unter meinem gefrornen Kopfzeug einbildete noch an der Lungensucht
welches eine wahre Grille war sterben kann aber bürgt mir dieses dafür dass
ich nicht an einem Herzpolypen scheitern werde wofür alle menschliche
Wahrscheinlichkeit ist Zum Glück bin ich nicht so hartnäckig wie Musäus in
Weimar der das Dasein des seinigen den er so gut wie ich den meinigen mit
kaltem Kaffee groß geätzet nicht eher glaubte als bis der Polype sein schönes
Herz verstopft und ihm alle Wiegenfeste und alle Wünsche für die seiner Gattin
genommen hatte Ich sage ich merke besser auf Vorboten von Herzpolypen ich
verberge mir es nicht was hinter dem aussetzenden Pulse steckt nämlich eben
ein wirklicher Herzpolype der Zündpfropf des Todes Die fatale literarische
Ferne der RezensentenBund schleicht mit Stricken um uns gutwillige Narren
herum die wir schreiben und gleich Schmetterlingen an der Umarmung der Musen
sterben aber keine KreuzerPiece nicht eine Zeile sollten wir edieren für
solche gewissenlose Stossvögel wer dankt mirs dass ich Szenen aufstelle die den
Prospektmaler beinahe umbringen und biographische Seiten schreibe die auf mich
nicht viel besser wirken als vergiftete Briefe Wer weiß es nach Scheerau
komm ich jetzo selten als meine Schwester dass ich in diesem biographischen
Lustschloss das mein Mausoleum werden wird oft Zimmer und Wände übermale die
mir Puls und Atem dergestalt benehmen dass man mich einmal tot neben meiner
Malerei liegen finden muss Muss ich nicht wenn ich so in die Schlagweite des
Todes gerate aufspringen durch die Stube zirkulieren und mitten in den
zärtlichsten oder erhabensten Stellen abschnappen und die Stiefel an meinen
Beinen wichsen oder Hut und Hosen auskehren damit es mir nur den Atem nicht
versetzt und doch wieder mich daran machen und so auf eine verdammte Art
zwischen Empfindsamkeit und Stiefelwichsen wechseln Ihr verdammten
Kunstrichter allzumal
Dazu gesellen sich noch tausend Plackereien die mich seit einiger Zeit viel
öfter zwicken weil sie etwa merken dass der Polype mir bald den Garaus
versetzen und sie mich nicht lange mehr haben werden Meinen Maussenbacher
Hummer der mich immer zwischen seine gerichterrlichen Scheren nimmt und der
glaubt ein armer Gerichtalter müsse an nichts anderm sterben als an Arbeiten
ex officio diesen ägyptischen Fronvogt will ich überspringen auch meine
Schwester und Wutzen unter mir die beide wider alles Maß lustig sind und mich
fast tot singen Aber was mich drückt ist der Druck der Untertanen das
metallene Druckwerk das man unsern Fürsten nennt
Ich hätte mich beinahe neulich in einer Exzeptionschrift in einen
ehrenvollen Festungarrest hineingeschrieben Hier aber auf dem biographischen
Papiere kann ich schon eher meine Orangen ohne KarzerGefahr an den gekrönten
Kopf werfen Pfui bist du darum Fürst um eine Wasserhose zu sein die alles
worüber sie rückt in ihren Krater hinaufschlingt Und wenn du uns einmal
bestehlen willst tu es mit keinen andern Händen als mit deinen eignen fahre
terminierend vor allen Häusern durch das Land und erhebe selber die ordentlichen
Steuern in deinen Wagen aber so wie bisher langen unsre Abgaben nach dem
Transitozoll den sie den Händen aller deiner Kassenbedienten geben müssen so
mager wie weitgereisete Heringe oben in deiner Schatulle an dass du im Grunde
von beschwerlichen Summen nicht mehr bekommst als bequeme Logaritmen Die
Fürsten haben wie die ostindischen Krebse eine RiesenSchere zum Nehmen und
eine ZwergSchere den Fang an den Mund zu bringen
Und so ist die ganze Hauptstadt wo jeder sich für regierendes Mitglied
ansieht und doch jeder darüber schreiet dass der andre sich ins Regieren mengt
und dass die Kinder unter den Hermelin wie unter den väterlichen Schlafrock
kriechen und vereinigt den Vater nachmachen wo die Paläste der Großen aus
Höllensteinen gemauert sind die wie aussätzige Häuser kleinere zernagen wo
der Minister den Fürsten auf seiner unempfindlichen Hand wie der Falkonier den
Falken auf der beschuhten trägt wo man die Laster des Volks für die Renten
ihrer Obern ansieht und alles moralische Aas wie die Bienen ihr physisches
bloß mit Wachs umklebt anstatt es aus dem Bienenkorb zu tragen dh wo die
Polizei die Moral ersetzen will wo wie an einem jeden Hofe eine moralische
Figur so unausstehlich und so steif gefunden wird als in der Malerei eine
geometrische wo der Teufel völlig los und der heilige Geist in der Wüste ist
und wo man Leuten die in Auental oder sonst krumme Sonden in den Händen halten
und damit die fremden Körper und Splitter aus den Wunden des Staates heben
wollen ins Gesicht sagt sie wären nicht recht gescheit
Ich wollt es wär wahr so wär ich wenigstens recht gesund Nach einem
solchen Klumpen von Ich woraus ein Staatskörper wie aus Monaden besteht ist
das meinige zu winzig um vorgenommen und besehen zu werden Sonst könnt ich
jetzo nach den Besorgnissen um den Staat die um mich selber erzählen
Und doch will ich dem Leser meine Qualen oder Sieben Worte am Kreuze
sagen wiewohl er selber mich an das Kreuz unter welchem er mich bedauern will
hat schlagen helfen Im Grunde fragt kein Teufel viel nach meinem Siechtum Ich
sitze hier und stelle mir aus unvergoltener Liebe zum Leser den ganzen Tag vor
dass Feuer kann geschrien werden das gleich einem Autodafé alle meine
biographischen Papiere in Asche legt und vielleicht auch den Verfasser Ich
stelle mir ferner vor und martere mich dass dieses Buch auf dem Postwagen oder
in der Druckerei so verdorben werden kann dass das Publikum um das ganze Werk so
gut wie gebracht ist und dass es auch nach dem Druck in ein Hetzhaus und eine
Marterkammer geraten kann wo ein kritischer Broterr und
KunstrichterOrdengeneral seine Rezensenten mit ihren langen Zähnen sitzen hat
die meiner zarten Beata und ihrem Amanten Fleisch und Kleider abreißen und deren
Stube jener Stube voll Spinnen gleicht die ein gewisser Pariser hielt und die
bei seinem Eintritt allemal auf seine ausgezognen blutigen Taubenfedern zum
Saugen von der Decke niederfuhren und aus deren Fabrikaten er mit Mühe jährlich
einen seidenen Strumpf erzielte Alle diese Martern tu ich mir selber an
bloß des Lesers wegen der am meisten verlöre wenn er mich nicht zu lesen
bekäme aber es ist diesem harten Menschen einerlei was die ausstehen die ihn
ergötzen Hab ich endlich meine Hand von diesen Nägeln des Kreuzes
losgemacht so ekelt mich das Leben selber an als ein so elendes langweiliges
Ding von Monochord dass jedem Angst werden muss ders ausrechnet wie oft er noch
Atem holen und die Brust auf und niederheben muss bis sie erstarret oder wie
oft er sich bis zu seinem Tode noch auf den Stiefelknecht oder vor den
Rasierspiegel werde heben müssen Ich betrachte oft die größte Armseligkeit
im ganzen Leben welche die wäre wenn einer alle in dasselbe zerstreuet
umhergesäete Rasuren Frisuren Ankleidungen Sedes hintereinander abtun müsste
Der dunkelste Nachtgedanke der sich über meine etwa noch grünenden Prospekte
lagert ist der dass der Tod in diesem nächtlichen Leben wo das Dasein und die
Freunde wie weit abgeteilte Lichter im finsteren Bergwerk gehen mir meine teure
Geliebten aus den ohnmächtigen Händen ziehe und auf immer in verschüttete Särge
einsperre zu denen kein Sterblicher sondern bloß die größte und unsichtbarste
Hand den Schlüssel hat Hast du mir denn nicht schon so viel weggerissen
Würd ich von Kummer oder von Eitelkeit des Lebens reden wenn der bunte
JugendKreis noch nicht zerstückt wenn das Farbenband der Freundschaft das die
Erde und ihren Schmelz noch an den Menschen heftet noch nicht voneinander
gesägt wäre bis auf ein oder zwei Fäden O du den ich jetzo aus einer weiten
Entfernung weinen höre du bist nicht unglücklich an dessen Brust ein geliebtes
Herz erkaltet ist sondern du bists der ists der an das verwesende denkt wenn
er sich über die Liebe des lebendigen Freundes freuen will und der in der
seligsten Umarmung sich fragt »Wie lange werden wir einander noch fühlen«
Neununddreissigster oder 1ter EpiphaniäSektor
Erst jetzt ists toll die Krankheit hat mir zugleich die juristische und die
biographische Feder aus der Hand gezogen und ich kann trotz allen Ostermessen
und Fatalien in nichts eintunken
Vierzigster oder 2ter EpiphaniäSektor
Mich wird wie es scheint nebenbei auch der schwarze Star befallen denn Funken
und Flocken und Spinnweben tanzen stundenlang um meine Augen und damit sagen
Plempius und Ritter Zimmermann meldet sich stets besagter Star an Schielen
sagt Richter der Starstecher nicht der Starinhaber in seiner Wundarzeneikunst
B III S 426 läuft untrüglich dem Stare voraus Wie sehr ich schiele sieht
jeder weil ich immer rechts und links zugleich nach allem blicke und ziele
Werd ich denn wirklich so stockblind wie ein Maulwurf so ists ohnehin um mein
bisschen Lebensbeschreiben getan
Einundvierzigster oder 3ter EpiphaniäSektor
Ich besitze ein paar Fieber auf einmal die bei andern glücklichern Menschen
sonst einander nicht leiden können das dreitägige Fieber das Quartanfieber
und noch ein Herbst oder Frühlingfieber im allgemeinen Indessen will ich
solang ich noch nicht eingesargt bin dem Publikum alle Sonntage schreiben und
es etwa zu zwei oder drei Zeilen treiben Auch der Stil sogar wird jämmerlich
hier wollen sich die zwei Verba reimen
Zweiundvierzigster oder 4ter EpiphaniäSektor
O ihr schönen biographischen Sonntage ich erlebe keinen wieder Zu den Übeln
die ich schon bekannt gemacht habe stösset noch eine lebendige Eidechse die
sich in meinem Magen aufhält und deren Laich ich im vorigen Sommer aus einem
unglücklichen Durst muss eingeschluckt haben
Dreiundvierzigster oder 5ter und 6ter EpiphaniäSektor
Von Kirschkernen die im Magen aufgekeimt wie von Erbsen im Ohre hat man
Beispiele Noch aber hab ich nicht gelesen dass der Same von Stachelbeeren den
man gewöhnlich mit einschluckt in den Gedärmen getrieben hätte wenn diese
durch Verstopfung etwa zu wahren Lohbeeten des gedachten Staudengewächses
gediehen wären O guter Himmel was wird endlich meine Krankheit sein deren
unsichtbare Tatze meine Nerven ergreift erdrückt ausdehnt entzweischljetzt
Vierundvierzigster oder SeptuagesimäSektor
Wenns eine Krankheit gibt die aus allen Krankheiten aus allen Kapiteln der
Patologie auf einmal kompiliert ist so hat sie niemand als ich Apoplexie
Hektik Magenkrampf oder eine Eidechse dreierlei Fieber Herzpolypus
aufgehende Stachelbeerstauden das sind die wenigen sichtbaren Bestandteile
und Ingredienzien die ich bisher an meinem Übel auskundschaften können eine
vernünftige tiefere Sektion meines armen Leibes wird auch gar die unsichtbaren
wenn ihn beide Bestandteile erlegt haben noch dazu gesellen
Fünfundvierzigster oder SexagesimäSektor
Eine bedenkliche Pleuresie wenn man anders der ganzen Semiotik und den harten
Pulsschlägen und Bruststichen glauben kann umarmt und hält mich seit
vorgestern und ist willens mein gemisshandeltes Leben und diese
Lebensbeschreibung zu schließen es müsste denn durch eine glückliche Kur der
Tod in ein Empyema gemildert werden oder in eine Phtisis oder Vomica oder
in einen Scirrhus oder auch in einen Ulkus Nach dieser Heilung braucht man
bloß meine Brust anzubohren um aus ihr aus der einmal ein Buch voll
Menschenliebe kam das Leben und die Krankheitmaterie miteinander herauszuziehen
Sechsundvierzigster oder Esto MihiSektor
Ihr guten Leser die ihr mit eurem vergebenden Auge vom Schachbrett des ersten
Sektors an bis zum Sterbelager des letzten mir nachgezogen seid meine Bahn und
unsre Bekanntschaft haben ein Ende das Leben mög euch niemals drücken euer
Geschäftblick möge nie über das kleine Feld das große vergessen über das erste
Leben das zweite über die Menschen euch euer Leben mögen Träume bekränzen
und euer Sterben mögen keine erschrecken Meine Schwester soll alles
beschließen Lebt froh und entschlaft froh
Siebenundvierzigster oder InvokavitSektor
Mein guter und gemarterter Bruder will haben dass ich dieses Buch ausmache Ach
seine Schwester würd es ja vor Schmerzen nicht vermögen wenns so wäre Ich
hoff aber zum Himmel dass mein Bruder nicht so kränklich ist als er meint
Nach dem Essen denkt ers wohl Und ich muss ihn wenn wir beide Friede haben
sollen darin bestärken und ihn für ebenso krank ausgeben wie er sich selber
Gestern musst ihm der Schulmeister an die Brust klopfen damit er hörte ob sie
hallete weil ein gewisser Avenbrügger in Wien geschrieben hatte dieses Hallen
zeige eine gute Lunge an Zum Unglück hallete sie wenig und er gibt sich
deshalb auf ich will aber ohne sein Wissen an den Herrn Doktor Fenk schreiben
damit er seine Qualen stille Ich soll noch berichten dass der junge Herr
von Falkenberg krank in Oberscheerau bei seinen Eltern ist und dass meine
Freundin Beata auch kränklich bei den ihrigen ist Es ist für uns alle ein
finstrer Winter Der Frühling heile jedes Herz und gebe mir und den Lesern
dieses Buchs meinen lieben Bruder wieder
Achtundvierzigster oder MaiSektor
Der hämmernde Vetter Kur BadeKarawane
Er ist wieder zu haben der Bruder und Biograph Frei und froh tret ich
wieder vor der Winter und meine Narrheit sind vorüber und lauter Freude wohnt
in jeder Sekunde auf jedem Oktavblatt in jedem Dintentropfen
Es ging so Eine jede eingebildete Krankheit setzt eine wahre voraus aber
eingebildete Krankheitursachen gibts dennoch Mein Wechsel zwischen Gesundund
Siechsein zwischen Froh und Traurig zwischen Weich und Hartsein war mit
seiner Schnelligkeit und seinen Abstichen aufs höchste gekommen ich konnte vor
Mangel an Atem kein Protokoll mehr diktieren und die Szenen dieser
Lebensbeschreibung durft ich mir nicht einmal mehr denken als ich an einem
rotglühenden Winterabend durch den rotgeschminkten Schnee draußen herumschritt
und in diesem Schnee das Wort »heureusement« antraf
Ich werde an dieses Wort der SchneeWachstafel immer denken es war mit
einem Bambusrohr lapidarisch schön hineingezeichnet »Fenk« rief ich
mechanisch »Weit kannst du nicht weg sein« dacht ich denn da jeder Europäer
sogar auf seinen Plantagen den Schnitt seiner Feder an einem eignen Worte
prüfet und da der Doktor schon ganze Bogen mit dem Probierlaut »heureusement«
als erstem Abdrucke seiner Feder vollgemacht so wußt ich sogleich wie es war
Und bei mir saß er und lachte sicher mehr über die Krankheitistorie von
meiner Schwester als über meine InvalidenGestalt mich solange aus dass ich da
ich nicht wusste sollt ich lachen oder zürnen am besten eines um das andre
tat Aber bald kam er in meinen Fall und musste auch eines um das andre tun
bei einer Historie die uns nämlich dem ganzen hypochondrischen
Wohlfahrtausschusse zur Schande gereicht und die ich doch erzähle
Es befand nämlich ein naher Vetter von mir Fedderlein genannt sich auch in
der Stube der beides ein Scheerauer Schuster und Türmer ist er sorgt für die
Stiefel und für die Sicherheit der Stadt und hat mit Leder und Chronologie
wegen des Läutens zu tun Mein naher Vetter war kohlschwarz und betrübt nicht
über meine Krankheit sondern über die seiner Frau weil sie daran verstorben
war Diesen Krankheit und Totenfall wollt er mir und dem Doktor auch
hinterbringen um den letzten zu belehren und den ersten zu rühren Es wäre auch
gegangen hätt er nicht zum Unglück ein Trennmesser meiner Philippine erwischt
und damit während seiner eignen Aufmerksamkeit auf die Todespost sehr auf den
Tisch gehämmert Ich setzte mirs sogleich vor es nicht zu leiden Meine Hand
kroch daher meine Augen hielten seine fest dem gedachten Hammer näher um
ihn zu hindern
Aber des Vetters Hand wich ihr höflich aus und klopfte fort Ich hätte mich
gern tief gerührt denn er kam den letzten Stunden meiner seligen Base immer
näher aber ich konnte meine Ohren vom MesserHammerwerk nicht wegbringen Zum
Glück sah ich den kleinen Wutz dort stehen und lieh eiligst dem Klopfer das
unglückliche Trennmesser ab und schnitt dem Kinde damit ein paar halbe
Fastnachtbrezeln vor in der Angst
Nun stand ich gerettet da und hatte selber das Messer Aber er begann jetzt
auf der Klaviatur des Tisches mit den entwaffneten Fingern zu spielen und versah
in seiner Novelle seine Frau mit dem heiligen Abendmahl Ich wollte mich und
meine Ohren überwinden aber da mich teils der innere Krieg teils meine
horchende Aufmerksamkeit auf seine trommelnden Finger die ich nur mit der
größten Mühe vernehmen konnte gänzlich von meiner guten Base wegzogen die
gewiss eine Frau und Türmerin war wie wenige so hatt ichs satt und fing nach
seiner orgelnden QualHand legte sie in Arrest und brach aus »O mein lieber
Herr Vetter Fedderlein« Er mutmasste ich sei gerührt und wurd es selber immer
mehr vergaß sich und schnipsete mit den linken noch arrestfreien Fingern zu
stark an den Tisch
Ich wollte mir wie ein Stoiker auf dieser neuen UnglückStation von innen
heraus helfen und stellte mir während des äußern Schnipsens hinter mir meine
gute Base und ihr Totenlager vor »Und so« sagt ich beredt zu mir selber
»liegst du arme Abgeblühte denn drunten und bist steif und unbeweglich und
sozusagen tot« Er schnipsete jetzo ganz toll Ich konnte mir nicht helfen
sondern ich zog auch die linke Hand des Historikers gefänglich ein und drückte
sie halb aus Rührung »Sie können beide denken« sagt er »wie mir erst war
als fiele der Turm auf mich da sie einer wie einen Sack auf den Rücken fassen
musste und sie die sieben Treppen so heruntertrug« Ich war außer mir erstlich
darüber und zweitens weil ich in meiner Hand die Anstrengung der seinigen zu
neuem Schnipsen verspürte überwältigt sagt ich »Ums Himmels willen mein
teurer Herr Vetter um der guten Seligen willen wenn Er seinen eignen Vetter
lieb hat «
»Ich will schon aufhören« sagt er »wenn Sies so angreift«
»Nein« sagt ich »schnips Er mir nur nicht so Aber so eine Base
bekommen wir beide schwerlich so bald wieder« Denn ich besann mich nicht mehr
Und doch besteht das Leben wie ein Miniaturgemälde aus solchen Punkten aus
solchen Augenblicken Der Stoizismus hält oft die Keule der Stunde aber nicht
den Mückenstachel der Sekunde ab
Mein Doktor nahm mich ernstaft unter dem unbefangnen Fragen meines
Vetters »Wie wollte mein Herr Vetter« aus der Stube hinaus und sagte »Du
bist lieber Jean Paul mein wahrer Freund ein Regierungadvokat eine
Maussenbacher Audienza ein Schriftsteller im lebensbeschreibenden Fache aber
ein Narr bist du doch ich meine ein Hypochondrist«
Abends tat er mir beides dar O an jenem Abend zogest du mich guter Fenk
aus dem Rachen und aus den Giftzähnen der Hypochondrie heraus die ihren
beissenden Saft auf alle Minuten sprützen Deine ganze Apotheke lag auf deiner
Zunge Deine Rezepte waren Satiren und deine Kur Belehrung
»Setz in deine Biographie« fing er an und steckte seine Hände in seinen
Muff »dass es bei dir keine Nachahmung des Herrn Tümmels und seines Doktors
und ihres medizinischen Kollegiums ist das halb aus dem Patienten halb aus dem
Arzte bestand dass ich dich auch ausfilze denn ich will es in der Tat tun
Sag mir wo hast du bisher deine Vernunft ja nur deine Einbildkraft gehabt dass
du des Henkers lebendig warst Antworte mir nicht dass die Gelehrten hier zu
verschiedner Meinung wären dass Willis die Einbildkraft in die Hirnschwiele
verlegte Posidonius hingegen in die Vorderkammer wie auch Aetius und Glaser
ins eiförmige Zentrum Die Sach ist nur eine lebhafte Redensart weil du mich
aber damit irre machst so will ich dich anders angreifen Sag mir oder sagen
Sie mir liebe Philippine wie konnten Sie zulassen dass der Patient bisher so
viel erhabene rührende und poetische Empfindungen hatte und niederschrieb für
andre Menschen Hätten Sie ihm nicht das Tintenfass oder den Kaffeetopf umwerfen
können oder den ganzen Schreibtisch Die Anstrengung der empfindenden Phantasie
ist unter allen geistigen die entnervendste ein Algebraist überlebt allemal
einen Tragödiensteller«
»Und auch« sagt ich »einen Physiologen Hallers verdammte und doch
vortreffliche Physiologie hätte mich beinahe niedergearbeitet die acht Bände
hier«
»Eben darum« fuhr er fort »diese anatomische Oktapla spannt die
Phantasie die sonst nur über fliessende poetische Auen zu schweben pflegte auf
scharf abgeschnittene und noch dazu kleine Gegenstände an daher «
»Zum Glück« unterbrach ich ihn »richtete ich mich und meine Phantasie
ziemlich durch braunes Bier1 wieder auf das ich wenn ich Atem holen wollte so
lange nehmen musste als ich über dem Herrn von Haller saß In diesem Vehikel und
in dieser Verdünnung bracht ich diese Arznei des Geistes die Physiologie
leichter hinein Ich kann also wenn ich nicht der größte Trinker werden will
unmöglich der größte Physiolog werden«
»Es ist gut« sagt er ungeduldig und zog aus seinem Muff den Schwanz
heraus »aber so wird nichts Ich und du stehen hier in lauter
AusschweifReden anstatt in vernünftigen Paragraphen die Rezensenten deiner
Biographie müssen glauben ich wäre wenig systematisch
Ich will jetzt reden wie ein Buch oder wie eine Doktordisputation ich
sollte ohnehin eine für einen Doktoranden mit der Doktorsucht schreiben und
wollte darin entweder den nervus ischiaticus oder den nervus sympateticus
durchgehen ich wills bleiben lassen und hier und in der Disputation von
schwachen Nerven überhaupt reden
Jeder Arzt muss eine FavoritKrankheit haben die er öfters sieht als eine
andre die meinige ist Nervenschwäche Reizbare schwache überspannte Nerven
hysterische Umstände und deine Hypochondrie sind viele Taufnamen meiner
einzigen Lieblingkrankheit
Man kann sie so zeitig wie den Erbadel bekommen der Erbadel selber fast
die höheren Weiber und höchsten Kinder haben sie aus dieser ersten Hand dann
kann sie durch alle DoktorHüte gleich den ewigen Höllenstrafen nicht
weggenommen sondern nur gelindert werden
Du aber hast sie dir wie den Kaufadel durch Verdienste erworben«
»Sie ist vielmehr selber ein Verdienst« sagt ich »und ein
Hypochondrist ist der Milchbruder eines Gelehrten wenn er nicht gar selber
dieser ist so wie die Blattern die den Affen so gut wie uns befallen auf
seine Verwandtschaft mit dem Menschen das Siegel drücken«
»Aber dein Verdienst« fuhr er fort »ist viel leichter zu kurieren Wenn
man dir dreierlei nämlich deine patologischen Fieberbilder deine
Arzneigläser und deine Bücher nimmt so wird die Krankheit mit dreingegeben
Ich vergesse immerfort dass ich wie eine Disputation reden will Also die
Fieberbilder Die jämmerlichste Semiotik ist sicherlich nicht die sinesische
sondern die hypochondrische Deine Krankheit und eine stoische Tugend gleichen
sich darin dass wer eine hat alle hat Du standest als eine tragende
Pfänderstatue da der die Patologie alle ihre Insignien und Schilde aufpackte
und umsteckte jämmerlich schrittest du herum unter deinem medizinischen
Gewehrtragen und deiner semiotischen Landfracht von Herzpolypus mazerierten
Lungenflügel MagenInsassen usw«
»Ah« versetzte ich »alles ist abgeladen und ich trage bloß noch auf der
Gehirnkugel ein Kapillaroder Haarnetz von geschwollnen Blutadern oder so eine
Art Täucherkappe des Todes welche die Leute sehr gemein einen Schlagfluß
benamsen«
»Eine Narrenkappe hast du innen auf denn die Sache ist nicht anders als so
im Hypochondristen sind zwar alle Nerven schwach aber die am schwächsten die
er am meisten gemissbraucht Da man sich diese Schwäche meistens ersjetzt
erstudiert und erschreibt und mithin gerade dem Unterleib der doch der Moloch
dieser Geisteskinder sein soll alle die Bewegung nimmt die man den Fingern
gibt so vermengt man den siechen Unterleib mit siechen Nerven und hofft Kämpfs
ViszeralSprütze sei zugleich eine Doppelflinte gegen jenen und gegen diese
Glaub es aber nicht es kann ein hypochondrisches Bruststück auf einem rüstigen
Unterleib sitzen Nicht deine Lungenflügel sind zerknickt wenn sie zuweilen
erschlaffen sondern deine Lungennerven sind entseelt von denen sie gehoben
werden sollten oder auch deine Zwerchfellnerven Spannen sich deine Magennerven
ab so hast du so viel Schwindel und Ekel als läge wirklich diätetischer
Bodensatz im Magen oder irgendeine Aderflut im Kopfe Sogar der schwache Magen
ist nicht immer im Gefolge schwacher Nerven sieh nur zu wie ein matter
Hektiker frisst und verdaut eine halbe Stunde vor seinem Sterben Daher hat
deine gelbe Herbstfarbengebung deine fleischlose KnochenVersteinerung dein
aufhörender Puls sogar deine Ohnmachten haben nichts zu sagen mein lieber
Paul«
»Ei den Henker« sagte der Patient
»Denn« sagte der Doktor »da alles durch Nerven wovon oft Gelehrte nicht
einmal die Definition wissen worunter ich gehöre ausgeführet wird so müssen
die periodischen und wandernden aber flüchtigen Krämpfe und Ermattungen der
Nerven nach und nach die ganze Semiotik durchlaufen aber nicht die ganze
Patologie Jetzt tritt mein zweiter Paragraph in der umgoldeten Disputation
hervor«
»Wo war denn der erste« fragt ich
»Schon da gewesen Daher wirft der zweite alle Arzneigläser auf die Gasse
bläset alle Pulver in die Luft legt mit Bannstrahlen alle verdammte
MagenArzneien in Asche giesset sogar warme und oft kalte Badewannen aus und
schiebt Kämpfs KlistierMaschinen weit unter das Krankenbett und tobt sehr
Denn die Nerven werden so wenig in einer Woche es sei die beste Eisenkur da
gestärkt als in einer Woche es sei die größte Ausschweifung da entmannt ihre
Stärke kehret mit so langsamen Schritten zurück als sie sich entfernte Die
Arzneien müssen sich also in Speisen und da dieses schadet mithin die
Speisen sich in Arzneien verwandeln«
»Ich esse vom Wenigsten«
»Das ist die unangenehmste Unmässigkeit und der Magen treibt alsdann nach
seinen Kräften eine Art von Skeptizismus oder Fohismus oder doch Apathie Kehre
lieber die literarische Regel multum non multa um und esse vielerlei aber
nicht viel Die Diätetik hat in Essen Trinken Schlafen etc nichts über die
Art aber alles über den Grad zu befehlen Höchstens hat jeder seinen eignen
Regenbogen seinen eignen Glauben seinen eignen Magen und seine eigne
Diätetik Und doch ist das alles nicht mein dritter DoktorandenParagraph
sondern erst dieses bloß Bewegung des Körpers ist erster Unterarzt gegen
Hypochondrie und da ich schon Hypochondrie und Bewegung vereinigt im
beweglichen tiers état gesehen bloß Mangel aller Bewegung der Seele ist der
erste Leibarzt gegen den ganzen Teufel Leidenschaften sind so ungesund wie ihr
Feind das Denken oder ihr Freund das Dichten bloß ihre sämtliche Koalition
ist noch giftiger«
»Unter den Leidenschaften« fuhr er fort »löset Kummer wie Tauwetter alle
Kräfte auf so wie Vergnügen unter allen NervenHebmitteln das stärkste ist
Jetzt will ich alle deine medizinischen Schnitzer und Waldfrevel auf einen
Haufen bringen damit du nur hörest was du bist«
»Ich höre nicht darauf« sagt ich
»Du hast aber doch wie alle Hypochondristen und alle lecke Weiber fatal
gehandelt und bald den Magen bald die Lunge dh bald das Kammrad bald das
Hebrad bald das Zifferblattrad ölend eingeschmiert indes der treibende
GewichtStein abgerissen oder abgelaufen auf der Erde lag Du sogest dich wie
die einbeinige Muschel an deinen Studierfelsen an und dies war im Grunde das
einzige Schlimme drücktest dich mit der brennenden und matten Brust einer
Brutenne auf deine biographischen Eier und Sektores und wolltest den Lebenden
nachkommen Wo blieb dein Gewissen deine Schwester dein gelehrter Ruhm dein
Magen«
»Wedele nicht so heftig Fenk mit dem MuffSchwanz und wirf ihn lieber ins
Bett«
»Meine DoktorDisputation und deine Krankheit sind auch aus wenn deine
Tätigkeit sich wie in einem Staate von oben herab vermindert den Kopf
untätig das Herz in heiteren Schlägen die Füße im Laufe und dann komme der
März nur heran«
Ich tats einige Monate hintereinander um den armen Leib wieder in integrum
zu restituieren und als ich mich so des gelben Ratzenpulvers und Mehltaues für
die Nerven nämlich des Kaffees und des Witzes enthielt und statt zu beiden zu
braunem Bier und zu meinem Wutze griff so wurde einmal plötzlich die Stube
hell Auental und der Himmel flammend die Menschen legten ihre Fehler ab alle
Flächen grünten alle Kehlen schlugen alle Herzen lächelten ich niesete vor
Licht und Wonne und dachte entweder eine Göttin ist gekommen oder der Frühling
es war gar beides und die Göttin war die Gesundheit
Und bloß auf deinem Altar will ich meine biographischen Blätter
weiterschreiben der Pestilenziar leidet es nicht anders seine Schlüsse und
Rezepte sind die »Ich würde« sagt er »in meiner Biographie gleich der
heißen Zone den ganzen Winter mit allen seinen Tatsachen überspringen da er
ohnehin nur wie der in jener Zone im Regnen der Augen besteht Ich würde
wenn ich an deiner Stelle säße sagen der Doktor Fenk wills nicht haben nicht
leiden nicht lesen sondern ich soll statt in einer Entfernung von 365 Stunden
der vorausschreitenden säenden Geschichte keuchend mit der Feder nachzueggen
lieber hart hinter der Gegenwart halten und sie ans Silhouettenbrett andrücken
und sogleich abreißen Ich würde« fuhr Fenk fort »dem Leser raten bloß den
Doktor Fenk anzupacken der allein schuld sei dass ich vom ganzen Winter nur
folgenden schlechten Extrakt gäbe Der gute Gustav verschmerzte den Winter in
des Professor Hoppedizels Hause bei seinen Eltern welche da ihr gewöhnliches
Winterquartier hatten er mattete seinen Kopf ab um sein Herz abzumatten und
ein anderes zu vergessen bereuete seinen Fehler aber auch seinen voreiligen
Abschiedbrief setzte seine Wunden dem philosophischen Nordwind des Professors
aus der auf einem zarten Instrument wie Gustav wie auf einem Pedal mit den
Füßen orgelt und zehrte durch Einsperren Denken und Sehnen seine Lebenblüten
ab die kaum der Frühling wieder nachtreiben oder übermalen kann«
Beata würde zu Hause denn ihr weibliches Auge fand wahrscheinlich die
Parze ihrer Freuden leicht heraus von der sie sich unter dem ihr verdankten
Vorwand der Kränklichkeit ohne Mühe geschieden hatte noch mehr sich
entblättert und umgebogen haben wäre mein romantischer Kollege Oefel nicht
gewesen der ärgerte sie hinlänglich und mischte ihrem Kummer die Erfrischungen
des Zornes bei indem er immer kam und im schönsten gebrochnen eingeschleierten
Auge der verlorenen Liebe seine eigne aufsuchte und herausforderte Jetzt trinkt
sie auf Fenks Treiben den Brunnen in Lilienbad und lebt allein mit einem
Kammermädchen der Mai hebe die gesenkte BlumenKnospe deines Geistes empor
den dein Flockenleib wie Blumen neu gefallner Schnee umlegt und drückt und aus
dessen aufgerissenen BlumenBlättern die SchneeRinde erst unter der
Frühlingsonne des entfernten zweiten Himmels rinnen wird
Ottomar hat den Winter verzankt und verstritten hat viele Korrespondenz
advoziert wie ich aber gegen jeden giftigen Stammbaum und Hundstern auf dem
Rock am meisten gegen den Fürstenhut seines Bruders der damit Untertanen wie
Schmetterlinge erwirft und fängt Er glaubt ein Advokat sei der einzige
Volktribun gegen die Regierung nur sei das bisherige Lesen der Advokaten
schlimmer gewesen als selbst das Buchstabieren das der selige Heinecke für
schlimmer ausschrie als Erbsünde und Pest Ich möchte ihn fast für den Verfasser
einer Satire über den Fürsten halten die im Winter vor den Thron kam und die
der Patenbrief eines Räubers mit der Bitte war der Fürst möchte dem kleinen
DiebsDauphin seinen Namen geben wie einem Minister und sich seiner annehmen
wenn die Eltern gehenkt wären Am meisten fielen mir einige pasquillantische
Züge auf die eine feinere Hand verraten zB der Staat sei eine
Menschenpyramide wie sie oft die Seiltänzer formieren und die Spitze derselben
schließe sich mit einem Knaben Das Volk sei zähe und biegsam wie das Gras
werde vom Fußtritt nicht zerknickt wachse wieder nach es möge abgebissen oder
abgeschnitten werden und die schönste Höhe desselben für ein monarchisches Auge
sei die glattgeschorne des ParkGrases Diebe und Räuber würden für
Separatisten und Dissenters im Staate gehalten und lebten unter einem noch
ärgern Druck als die Juden ohne alle bürgerliche Ehre von Ämtern
ausgeschlossen in Höhlen wie die ersten Christen und ebensolchen Verfolgungen
ausgesetzt gleichwohl fahre man solchen Staatsbürgern die den Luxus und
GeldUmtrieb und Handel stärker beförderten als irgendein Gesandter bloß darum
so hart mit weil diese Religionsekte besondere Meinungen über das siebente
Gebot hegte die im Grunde nur im Ausdruck sich von denen anderer Sekten
unterschieden etc
Der Verfasser kann aber auch ein wirkliches Mitglied dieser geheimen
Gesellschaft sein die überhaupt weit humoristischer und unschädlicher stiehlt
als jede andre Neulich hielten sie den Postwagen an und nahmen ihm nichts als
ein GrafenDiplom das jemand zugefahren wurde der kaum die Emballage desselben
verdiente ferner sie forderten einmal wie ein höherer Gerichtstand dem
Beiwagen gewisse wichtige Akten ab über die ich hier nichts sagen darf und
vor vierzehn Tagen hielten ihre KaperSchiffe vor den Schränken der Theater und
der RedoutenGarderobe und warfen ihre Zuggarne über die darin hängenden
Charaktere aus es waren nachher keine Kleider zum Agieren und Maskieren da als
bäuerische Ich halte sie für dieselben die wie der Leser weiß vorlängst
den leidtragenden Kanzeln und Altären die schwarzen Flügeldecken abgelöset
haben
So wäre also der biographische Winter abgetan und weggeschmolzen »Hast du
so viel geschrieben« sagte Fenk »so reise nach Lilienbad und gebrauche den
Brunnen und den BrunnenDoktor welches ich bin und den BrunnenGast welches
Gustav ist denn dieser heilet ohne das LilienWasser und ohne die LilienGegend
dort nicht aus ich muss ihn hinbereden es mag dort schon sein wer will Freue
dich wir gehen einem Paradies entgegen und du bist der erste Autor im
Paradiese nicht Adam«
»Das schönste Beet« sagt ich »ist in diesem Eden das dass mein Werk
kein Roman ist die Kunstrichter ließ sonst fünf solche Personen auf einmal
wie uns nimmermehr ins Bad sie würden vorschützen es wäre nicht
wahrscheinlich dass wir kämen und uns in einem solchen Himmel zusammenfänden
Aber so hab ich das wahre Glück dass ich bloß eine Lebensbeschreibung setze und
dass ich und die andern sämtlich wirklich existieren auch außer meinem Kopfe«
Jetzt kann der Leser den Geburttag dieses Sektors erfahren er ist
gerade einen Tag jünger als unser Glück kurz morgen reisen wir ich und
Philippine und heute schreib ich an ihm Gustav wird bloß durch einen Strom
von freundschaftlichen und medizinischen Vorstellungen mit fortgeführet und
morgen von uns fortgezogen Die Fortuna hat diesesmal keine Vapeurs und keine
einseitigen Kopfschmerzen alles glückt uns eingepackt ist alles meine
Fristgesuche sind geschrieben aus Maussenbach darf mich niemand stören der
Himmel ist himmlisch blau und ich brauche nicht meinen Augen sondern dem
Cyanometer2 des Herrn von Saussure zu glauben ich sehe wie der Frühling und
seine gaukelnden Schmetterlinge aus und blühe kurz meinem Glück fehlte
nichts als dass gar der heutige Sektor glücklich geschrieben war den ich bis
heute hinausspielte um die ganze Vergangenheit hinter mir zu haben und morgen
nichts beschreiben zu müssen als morgen
Und da der nun auch fertig ist so blauer Mai breite deine LiebeArme
aus schlage deine himmelblauen Augen auf decke dein JungfrauenAngesicht auf
und betrete die Erde damit alle Wesen wonnetrunken an deine Wangen in deine
Arme zu deinen Füßen fallen und der Lebensbeschreiber auch wo liege
Fußnoten
1 Da keine Leser weniger Ernst verstehen als die die keinen Spaß verstehen so
merk ich für diese Klasse hier unten an dass die Sache oben wirklich so ist und
dass ich als gleich unmässiger Wasser und Kaffeetrinker kein andres
nervenstärkendes Mittel gegen aussetzenden Puls und Atem und andre Schwächen
die mir alle innere Anstrengung verbitterten von solcher Wirkung fand als
HopfenBier
2 Ein BlauMesser um die Grade des Himmelblaues abzumessen
Neunundvierzigster oder 1ter FreudenSektor
Der Nebel Lilienbad
Nimm uns in dein BlumenEden auf eingehülltes Lilienbad mich Gustav und meine
Schwester gib unsern Träumen einen irdischen Boden damit sie vor uns spielen
und sei so dämmernd schön wie eine Vergangenheit
Heute zogen wir ein und unser Vorreiter war ein spielender Schmetterling
den wir vor uns von einer BlumenStation auf die andre trieben Und der Weg
meiner Feder soll auch über nichts anders gehen
Der heutige Morgen hatte die ganze Auentaler Gegend unter ein NebelMeer
gesetzt Der Wolkenhimmel ruhte auf unsern tiefen Blumen aus Wir brachen auf
und gingen in diesen fließenden Himmel hinein in welchen uns sonst nur die
Alpen heben An dieser DunstKugel oben zeichnete sich die Sonne wie eine
erblassende Nebensonne hinein endlich verlief sich der weiße Ozean in lange
Ströme auf den Wäldern lagen hangende Berge jede Tiefe deckten glimmende
Wolken zu über uns lief der blaue Himmelzirkel immer weiter auseinander bis
endlich die Erde dem Himmel seinen zitternden Schleier abnahm und ihm froh ins
große ewige Angesicht schaute das zusammengelegte Weißzeug des Himmels wie
meine Schwester sagte flatterte noch an den Bäumen und die Nebelflocken
verhingen noch Blüten und wogten als Blonden um Blumen endlich wurde die
Landschaft mit den glimmenden Goldkörnern des Taues besprengt und die Fluren
waren wie mit vergrösserten Schmetterlingflügeln überlegt Eine gereinigte
hebende Maienluft kühlte mit Eis den Trank der Lunge die Sonne sah fröhlich auf
unsern funkelnden Frühling nieder und schaute und glänzte in alle Taukügelchen
wie Gott in alle Seelen O wenn ich heute an diesem Morgen wo uns alles zu
umfassen schien und wo wir alles zu umfassen suchten mir nicht antworten
konnte da ich mich fragte »War je deine Tugend so rein wie dein Vergnügen und
für welche Stunden will dich diese belohnen« so kann ich jetzo noch weniger
antworten da ich sehe dass der Mensch seine Freuden aber nicht seine
Verdienste durch die Erinnerung erneuern kann und dass unsre GehirnFibern die
Saiten einer Äolsharfe sind die unter dem Anwehen einer längst vergangenen
Stunde zu spielen beginnen Der große Weltgeist konnte nicht die ganze spröde
ChaosMasse zu Blumen für uns umgestalten aber unserem Geist gab er die Macht
aus dem zweiten aber biegsamern Chaos aus der GehirnKugel nichts als
RosenGefilde und SonnenGestalten zu machen Glücklicherer Rousseau als du
selber wusstest Dein jetziger erkämpfter Himmel wird sich von dem den du hier
in deiner Phantasie anlegtest in nichts als darin unterscheiden dass du ihn
nicht allein bewohnest
Aber das macht eben den unendlichen Unterschied und wo hätt ich ihn süßer
fühlen können als an der Seite meiner Schwester deren Mienen der Widerschein
unsers Himmels deren Seufzer das Echo unserer verschwisterten Harmonie gewesen
Sei nur immer so teure Geliebte die du vom Kranken so viel littest als ich von
der Krankheit Ich weiß ohnehin nicht was ich öfter von dir zurücknehme meinen
Tadel oder mein Lob
Wir langten unter sprachlosen Gedanken in Unterscheerau an und fanden unsern
bleichen Reisegenossen schon bereit meinen Gustav Er schwieg viel und seine
Worte lagen unter dem Drucke seiner Gedanken der äußere Sonnenschein erblich zu
innerem Mondschein denn kein Mensch ist fröhlich wenn er das Beste sucht oder
zu finden hofft was hienieden zu verlieren ist Gesundheit und Liebe Da in
solchen Fällen die Saiten der Seele sich nur unter den leichtesten Fingern nicht
verstimmen dh unter den weiblichen so ließ ich meine ruhen und weibliche
spielen die meiner Schwester
Als wir endlich manchen Strom von Wohlgeruch durchschnitten hatten denn
man geht oft draußen vor BlumenLüftchen vorbei von denen man nicht weiß woher
sie wehen und als alle FreudenDünste des heutigen Tages im Auge zum Abendtau
zusammenflossen und mit der Sonne sanken als der Teil des Himmels den die
Sonne überflammte weiß zu glühen anfing eh er rot zu glühen begann indes der
östliche Teil im dunkeln Blau nun der Nacht entgegenkam als wir jedem Vogel und
Schmetterling und Wanderer der nach Lilienbad seine Richtung nahm mit den
Augen nachgezogen waren so schloss uns endlich das schöne Tal in das wir so
viele Hoffnungen als Samen künftiger Freuden mitbrachten seinen Busen auf
Unser Eingang war am östlichen Ende am westlichen sah uns die zur Erde
herabgegangene Sonne an und zerfloss gleichsam aus Entzücken über ihren
angewandten Tag in eine Abendröte die durch das ganze Tal schwamm und bis an
die LaubGipfel stieg Nie sah ich so eine sie lag wie herabgetropfet in dem
Gebüsch auf dem Grase und Laube und malte Himmel und Erde zu einem RosenKelch
Einzelne zuweilen gepaarte Hütten hüllten sich mit Bäumen zu lebendige
JalousieFenster aus Zweigen pressten sich an die Aussichten der Zimmer und
bedeckten den Glücklichen der heraus nach diesen Gemälden der Wonne sah mit
Schatten Düften Blüten und Früchten Die Sonne war hinabgerückt das Tal legte
wie eine verwittibte Fürstin einen Schleier von weißen Düften an und schwieg mit
tausend Kehlen Alles war still still kamen wir an still war es um Beatens
Hütte an deren Fenster ein Blumentopf mit einem einzigen Vergissmeinnicht noch
vom Begiessen tröpfelte still wählten wir unsere gepaarte Hütten und unsre
Herzen zergingen uns vor ruhiger Wonne über diesen heiligen Abend unsrer
künftigen Festtage über diese schöne Erde und ihren schönen Himmel die beide
zuweilen wie eine Mutter sich nicht regen damit das an sie gesunkene Kind nicht
aus seinem Schlummer wanke
O sollten einmal unsre Tage in Lilienbad auf Dornen sterben sollt ich
statt der FreudenSektores einen JammerSektor schreiben müssen wenns einmal
ist so sieht es der Leser daran voraus dass ich das Wort »Freude« vom Sektor
weglasse und statt der Überschrift nur Kreuze mache Es ist aber unmöglich ich
kann meinen Bogen ruhig beschließen Beata haucht noch ein leises Abendlied in
ihr mit Saiten überzognes Echo wenn beide ausgetönet so wird der Schlaf das
Sinnenlicht der Menschen in Lilienbad auslöschen und das Nachtstück des Traums
in den dämmernden Seelen ausbreiten
Funfzigster oder 2ter FreudenSektor
Der Brunnen die Klagen der Liebe
Ich bin im ersten Himmel eingeschlafen und im dritten aufgewacht Man sollte an
keinen Orten aufwachen als an fremden in keinen Zimmern als denen in welche
die Morgensonne ihre ersten Flammen wirft vor keinen Fenstern als denen wo
das Schattengrün wie ein Namenzug im himmlischen Feuerwerk brennt und wo der
Vogel zwischen den durchhüpften Blättern schreiet
Ich wollte mein künftiger Rezensent lebte mit mir auf der Stube zu
Lilienbad er würde nicht wie er tut über meine FreudenSektores den
ästhetischen Stab brechen sondern einen Eichenzweig um den Vater derselben zu
bekränzen
Dieser Vater ist jetzt ein Damenschneider aber bloß in folgendem Sinn in
der Mitte von Lilienbad steht der medizinische Springbrunnen aus dem man die
aus der Erde quellende Apotheke schöpft von diesem Brunnen entfernen sich in
regelloser Symmetrie die KunstBauerhütten die die Badgäste bewohnen jede
dieser kleinen Hütten putzt sich scherzhaft mit dem heraushängenden Malzeichen
oder der Signatur irgendeines Handwerks Mein Häuschen hält eine Schere als eine
technische Insignie heraus um kundzutun wer darin wohne welches ich tue
treibe das DamenschneiderHandwerk Meine Schwester ist nach dem Exponenten
eines hölzernen Strumpfs zu urteilen ein Strumpfwirker neben ihr schwankt ein
hölzerner Stiefel oder ein hölzernes Bein wer kanns wissen und sagt uns so
gut wie ein Handwerkgruss den darin sesshaften Schuster an welches niemand als
mein Gustav ist
Auf Beatens Hütte die wie jetzige Damen einen Hut oder ein Dach von Stroh
aufhat liegt eine lange Leiter hinauf und kündigt die schöne Bäuerin darin an
und ist die Himmelleiter unter der man wenigstens einen Engel sieht
Es ist auch auswärts bekannt dass unser Fürstentum so gut seinen
Gesundbrunnen hat und haben muss als irgendeines auf der Fürstenbank denn
jedes muss eine solche pharmazeutische Quelle wie einen Flakon bei sich führen
um gegen kameralistische Ohnmacht daran zu riechen ferner kann es bekannt
sein dass sonst viele Gäste hierher kamen und jetzt keine Katze und dass daran
nicht der Brunnen sondern die Kammer schuld ist die zu viel hineinbauete und
zu viel heraushaben will und die so teuer anfing als der Seltersbrunnen endigte
dass mithin unser Brunnen so wohlfeil endigen will als jener anfing und dass
unser Lilienbad bei allen medizinischen Kräften doch die wichtigere nicht hat
einen wenigstens nur so krank zu machen als eine Kammerjungfer ist ich
sagte das wär alles bekannt genug und ich hätt es also gar nicht zu sagen
gebraucht
Freilich ists nicht das Verdienst der andern Gesundbrunnen wenn sie
angenehme Krankheitbrunnen sind um die sich die ganze große und reiche Welt als
Priester stellt hätten wir nur hier in Lilienbad auch solche weibliche Engel
wie in andern Bädern die den Teich von Betesda erschüttern und ihm eine
medizinische Kraft mitteilen die der des biblischen Teiches entgegengesetzt
ist hätten wir Spieler die zum Sitzen Brunnenärzte die zum Brunnensaufen
nicht Brunnentrinken zwingen so würde unsere Quelle so gut wie jede andre
deutsche fähig sein die Zechgäste instand zu setzen dass sie jedes Jahr
wiederkämen Aber so wird unsere Brunneninspektion ewig sehen müssen wie die
kranke Phalanx der großen Welt vor uns vorbeirollt und um andre Brunnen sich
drängt wie die wilden Tiere um einen in Afrika und wenn Plinius1 aus diesen
Tierkonventen das Sprichwort in der Note erklärt so wollt ich auch ähnliche
Neuigkeiten aus den Brunnenkongressen erklären
Die Kammer ist am Ende am meisten zu bedauern dass in unserem JosaphatsTale
bloß Natur Seligkeit Mäßigkeit und Auferstehung wohnet
Heute tranken wir alle am WasserBaquet das über Eisen abgezogne Wasser
unter dem Lärm der Vögel und Blätter und schlangen das daraus schimmernde
Sonnenbild und zugleich ihr Feuer mit hinein Der KummerWinter hat um die
Augenlider der Beata und um ihren Mund die unaussprechlichholden Buchstaben
ihres verblichnen Schmerzes gezogen ihr großes Auge ist ein sonnenheller
Himmel dem glänzende Tropfen entfallen Da ein Mädchen die Pfauenspiegel ihrer
Reize leichter an einem andern Mädchen als an einer Mannsperson entfalten kann
so gewann sie sehr durch das Spiel mit meiner Schwester Gustav war
unsichtbar er trank seinen Brunnen nach und verirrte sich in die Reize der
Gegend um eigentlich den größeren Reizen ihrer Bewohnerin zu entkommen Das
Glück ausgenommen sie zu sehen kannt er kein größeres als das sie nicht zu
sehen Sie spricht nicht von ihm er nicht von ihr seine herauswollenden
Gedanken an sie werden nicht zu Worten sondern zu Errötungen Wollte der
Himmel ich fasste statt einer Lebensbeschreibung einen Roman ab so führt ich
euch schöne Seelen einander näher und konstruierte unsern freundschaftlichen
Zirkel aus seinen Segmenten wieder dann bekämen wir hier einen solchen Himmel
dass wenn der Tod vorbeiginge und uns suchte dieser ehrliche Mann nicht wüsste
ob wir schon darin säßen oder von ihm erst hineinzuschaffen wären
Ich habe verständig und delikat zugleich gehandelt dass ich einen gewissen
Aufsatz den Beata im Winter machte und zu dem ich auf eine ebenso ehrliche als
feine Weise kam vor Gustav so gut brachte wie vor meine Leser hier Er ist an
das Bild ihres wahren Bruders gerichtet und besteht in Fragen Der Schmerz liegt
auf den weiblichen Herzen die geduldig unter ihm sich drücken lassen mit
größerer Last als auf den männlichen auf die sich durch Schlagen und Pochen
unter ihm wegarbeiten wie den unbeweglichen Tannengipfel aller Schnee belastet
indes auf den tieferen Zweigen die sich immer regen keiner bleibt
An das Bild meines Bruders
»Warum blickst du mich so lächelnd an du teures Bild Warum bleibt dein
Farbenauge ewig trocken da meines so voll Tränen vor dir steht O wie wollt
ich dich lieben wärest du traurig gemalt
Ach Bruder sehnest du dich nach keiner Schwester sagt dirs dein Herz gar
nicht dass es in der öden Erde noch ein zweites gibt das dich so
unaussprechlich liebt Ach hätt ich dich nur einmal in meine Augen in meine
Arme gefasst wir könnten uns nie vergessen Aber so wenn du auch
verlassen bist wie deine Schwester wenn du auch wie sie unter einem
RegenHimmel und durch eine leere Erde gehest und keinen Freund in den Stunden
des Kummers findest ach du hast alsdann nicht einmal ein verschwistertes
Bild vor dem dein Herz ausblutet O Bruder wenn du gut und unglücklich bist
so komm zu deiner Schwester und nimm ihr ganzes Herz es ist zerrissen aber
nicht zerteilt und blutet nur O es würde dich so sehr lieben Warum sehnest du
dich nach keiner Schwester O du Ungesehener wenn dich die Fremden auch
verlassen auch täuschen auch vergessen warum sehnest du dich nach keiner
treuen Schwester Wann kann ich dirs sagen wie oft ich dein stummes Bild an
mich gepresset wie oft ich es stundenlang angeblicket und mir Tränen in seine
gemalten Augen gedacht habe bis ich selber darüber in strömende ausgebrochen
bin Verweile nicht so lange bis deine Schwester mit dem ermüdeten Herzen
unter der Leichendecke ausruhet und mit allem ihren vergeblichen Sehnen mit
ihren vergeblichen Tränen mit ihrer vergeblichen Liebe in kalte vergessene Erde
zerfällt Verweile auch nicht so lange bis unsere JugendAuen abgemähet und
eingeschneiet sind bis das Herz steifer und der Jahre und Leiden zu viele
geworden sind Es wird auf einmal meinem Innern so wehe so bitter Bist
du vielleicht schon gestorben Teurer Ach das betäubt mein Herz wende dein
Auge wenn du selig bist von der verwaiseten Schwester und erblick ihre
Schmerzen nicht ach ich frage mich schwer im blutenden Innern was hab ich
noch das mich liebt und ich antworte nicht «
Die Leser haben den Mut daraus mehr zu Gustavs Vorteil zu erraten als er
selber Ihm als Helden dieses Buchs muss dieses Blatt willkommen sein aber ich
als sein bloßer Geschichtschreiber hab nichts davon als ein paar schwere Szenen
mehr die ich jedoch aus wahrer Liebe gegen den Leser gern verfertige
Billionen wollt ich deren ihm zu Gefallen ausarbeiten Nur tut es meiner ganzen
Biographie Schaden dass die Personen die ich hier in Handlung setze zugleich
mich in Handlung setzen und dass der Geschichtoder Protokollschreiber selber
unter die Helden und Parteien gehört Ich wäre vielleicht auch unparteiischer
wenn ich diese Geschichte ein paar Jahrzehende oder Jahrhunderte nach ihrer
Geburt aufsetzte wie die die künftig aus mir schöpfen werden tun müssen Die
Maler befehlen dem Porträtmaler dreimal so weit vom Urbilde abzusitzen als es
groß ist und da Fürsten so groß sind und da sie folglich nur von Autoren
gezeichnet werden können die in einer dieser Größe gleichen Entfernung des Orts
oder der Zeit von ihnen wegsitzen so wäre zu wünschen ich stände nicht neben
unserem Fürsten damit ich ihn nicht so vorteilhaft abmalte als ich tue
Fußnoten
1 Nach den Alten versammelten die seltenen Brunnen alle wilde Tiere um sich und
diese Zusammentreffungen gaben wie die in Redouten zu noch sonderbarern und
zum Sprichwort »Afrika bringt immer etwas Neues« oder zu Missgeburten
Gelegenheit
Einundfunfzigster oder 3ter FreudenSektor
Sonntagmorgen offene Tafel Gewitter Liebe
Welch ein Sonntag Heut ist Montag Ich weiß kein Mittel mich der ich wie
wir alle durch unser Isolieren ein FreudenElektrophor geworden auszuladen als
durch Schreiben ich müsste denn tanzen Gustav hör ich herüber der hat zum
Auslader einen Flügel und spielt ihn Der Flügel wird mir diesen Sektor sehr
erleichtern und mir manchen funkelnden Gedanken zuwerfen Ich hab mir oft
gewünscht nur so reich zu werden dass ich mir wie die Griechen taten einen
eignen Kerl halten könnte der so lange musizierte als ich schriebe Himmel
welche opera omnia sprössen heraus Die Welt erlebte doch das Vergnügen dass da
bisher so viele poetische Flickwerke zB die Medea der Anlass zu musikalischen
Meisterwerken waren sich der Fall umkehrte und dass musikalische Nieten
poetische Treffer gäben
Vor Tags machten wir uns gestern aus dem Bette ich und mein musikalischer
Souffleur »Wir müssen« sagt ich zu ihm »vier volle Stunden draußen
herumjagen eh wir in die Kirche gehen« nämlich nach Ruhestatt wo der
vortreffliche Herr Bürger aus Grossenhayn1 als Gastprediger auftreten sollte
Alles geschah Bis diese Stunde weiß ich nicht zieh ich eine laue Sommernacht
oder einen kalten Sommermorgen vor in jener rinnt das zerschmolzene Herz in
Sehnen auseinander dieser härtet das glühende zur Freude zusammen und stählet
sein Schlagen Unsere vier Stunden zu palingenesieren müsste man aus hundert
Lust und Jagdschlössern die Minuten dazu zusammentragen und es hinkte doch
Die Morgendämmerung ist für den Tag was der Frühling für den Sommer ist wie
die Abenddämmerung für die Nacht was der Herbst für den Winter Wir sahen und
hörten und rochen und fühlten wie allmählich ein Stückchen vom Tag nach dem
andern aufwachte wie der Morgen über Fluren und Gärten zog und sie wie
vornehme Morgenzimmer mit Blüten und Blumen räucherte wie er sozusagen alle
Fenster öffnete damit ein kühlender Luftzug den ganzen Schauplatz durchstriche
wie jede Kehle die andre weckte und sie in die Lüfte und Höhen zog um mit
trunkner Brust der steigenden vertieften Sonne entgegenzufliegen und
entgegenzusingen wie der bewegliche Himmel tausend Farben rieb und verschmolz
und den Faltenwurf seiner Wolken versuchte und färbte So weit war der
Morgen da wir noch im tauenden Tale gingen Aber als wir aus seiner östlichen
Pforte hinaustraten in eine unabsehliche mit wachsenden Girlanden und regem
Laubwerk musivisch ausgelegte Aue deren sanfte Wellenlinie in Tiefen fiel und
auf Höhen floss um ihre Reize und Blumen auf und nieder zu bewegen als wir
davor standen so erhob sich der Sturm der Wonne und des lebenden Tages und der
Ostwind ging neben ihm und die große Sonne stand und schlug wie ein Herz am
Himmel und trieb alle Ströme und Tropfen des Lebens um sich herum
Gustav spielt eben sanfter und seine Töne halten meinen noch immer leicht
in hypochondrische Heftigkeit übergehenden Atem auf
Als jetzt die Mühle der Schöpfung mit allen Rädern und Strömen rauschte und
stürmte wollten wir in süßer Betäubung kaum gehen es war uns überall wohl wir
waren Lichtstrahlen die jedes Medium aus ihrem Wege brach wir zogen mit der
Biene und Ameise und verfolgten jeden Wohlgeruch bis zu seiner Quelle und gingen
um jeden Baum jedes Geschöpf war ein Pol der unsere Nadel zu Abbeugungen und
Einbeugungen lenkte Wir standen in einem Kreis von Dörfern deren Wege alle mit
fröhlichen Kirchgängern zurückkamen und deren Glocken die geistige Messe
einläuteten Endlich zogen wir auch der wallfahrtenden Andacht nach und zur
Kirchtür der kühlen Ruhestätter Kirche hinein
Wenn ein Maitre de plaisirs einem Fürsten eine Operndekoration vorschlüge
die aus einer aufziehenden Sonne tausend Leipziger Lerchen zwanzig läutenden
Glocken ganzen Fluren und Floren von seidenen Blumen bestände so würde der
Fürst sagen es kostete zu viel aber der Freudenmeister sollte versetzen
einen Spaziergang kostets oder eine Krone sag ich weil zu einem solchen
Genuss nicht der Fürst sondern der Mensch zulangt
In der Kirche ließ ich mich auf dem Orgelstuhl nieder um die plumpe Orgel
zu kartätschen zum Erstaunen der meisten Seelen Als Gustav in eine adelige Loge
trat saß in der gegenüberstehenden Beata denn eine Predigt war ihr so lieb
als einer andern ein Tanz Gustav bückte sich mit niederfallenden Augen und
aufströmender Röte vor ihr und war tief gerührt über die blasse gekränkte
Gestalt die sonst vor ihm geglühet hatte sie wars gleichfalls von der
seinigen auf der sie alle traurige Erinnerungen las die in ihre oder seine
Seele geschrieben waren Ihre vier Augen zogen sich vom Gegenstand der Liebe zu
dem der Aufmerksamkeit zurück auf Herrn Bürger aus Grossenhayn Er fing an ich
hatte als zeitiger Organist vor gar nicht auf ihn acht zu geben ein Kantor
macht sich aus einer Predigt so wenig wie ein Mann von Ton allein Herr Bürger
predigte mir mit den ersten Worten das Choralbuch aus der Hand worin ich lesen
wollte Er trug die Vergebung der menschlichen Fehler vor wie hart die
Menschen auf der einen und wie zerbrechlich sie auf der andern Seite wären wie
sehr jeder Fehler sich ohnehin am Menschen blutig räche und gleich einem
Nervenwurme den durchfresse den er bewohne und wie wenig also ein anderer das
Richteramt der Unversöhnlichkeit zu verwalten habe wie wenig es Verdienst habe
Unvorsichtigkeiten kleine oder zu entschuldigende Fehler zu vergeben und wie
sehr alles Verdienst auf Übersehung solcher Fehler die uns mit Recht
erbitterten ankomme etc Da er endlich auf das Glück der Menschenliebe zeigte
so ruhte das brennende und strömende Auge Gustavs unbewusst auf Beatens Antlitz
aus und als endlich ihre Augen sich dem Pfarrer zugekehrt mit der wahren
Kummer und FreudenAuflösung anfüllten und als sie unter dem Abtrocknen sie auf
Gustav wandte so öffneten sie sich einander ihre Augen und ihr Innerstes die
zwei entkörperten Seelen schaueten groß ineinander hinein und ein
vorüberfliegender Augenblick des zärtlichsten Enthusiasmus zauberte sie an den
Augen zusammen Aber plötzlich suchten sie wieder den alten Ort und Beata
blieb mit ihren an der Kanzel
Ich kanns nicht behaupten ob er Herr Bürger diese nützliche Predigt schon
unter seine gedruckten getan oder nicht gleichwohl soll mich dieses Lob nicht
hindern zu gestehen dass seinen an sich guten Predigten eigentliche Kraft
einzuschläfern vielleicht fehle ein Fehler den man sowohl beim Lesen als beim
Hören wahrnimmt Hier will ich zum Besten andrer Geistlichen einige Extraseiten
über die falsche Bauart der Kirchen einschichten
Extraseiten über die falsche Bauart der Kirchen
Ich hab es schon dem Konsistorium und der Bauinspektion vorgetragen aber es
verfängt nichts Wir und sie wissen es alle dass jede Kirche eine
KatedralKirche so gut als ein Filial für den Kopf oder das Gehirn der Diözes
zu sorgen habe dh für den Schlaf derselben weil nach Brinkmann jenes nichts
so stärkt als dieser Es wäre lächerlich wenn ich mich hersetzen und erst lange
ausführen wollte dass dieser desorganisierende Schlaf auf eine wohlfeilere Art
und für weniger Pfennige und Opium als bei den Türken zu erregen steht denn
unser Opium wird wie Quecksilber äußerlich eingerieben und hauptsächlich an den
Ohren angelegt Nun ist niemand so gut wie mir bekannt was man in der ganzen
Sache schon getan Wie man in Konstantinopel nach de Tott besondere Buden und
Sitze für die Opiumesser aber nur neben den Moscheen hat so sind sie bei uns
darin und heißen Kirchenstühle Ferner brennen ordentliche Nachtlichter auf
dem Altar Die Fensterscheiben haben in katholischen Tempeln Glasgemälde die so
gut wie Fenstervorhänge Schatten geben Zuweilen sind die Pfeiler so geordnet
oder vervielfältigt dass sie zur kirchlichen Dunkelheit mitelfen die der Zweck
des Schlafens so sehr begehrt Da die Schlafzimmer in Frankreich lauter matte
glanzlose Farben haben so ist in dem großen kanonischen Schlafzimmer wenigstens
insofern für den Schlaf gesorgt worden dass doch die Teile der Kirche auf die
das Auge sich am meisten richtet Altar Pfarrer Kantor und Kanzel schwarz
angestrichen sind Man sieht ich unterdrücke keinen Vorzug und es ist nicht
Tadelsucht wenn ich tadele
Aber es fehlt einem Tempel noch viel zu einem wahren Dormitorium Ich stand
ich könnt auch sagen ich lag in Italien und auch in Paris in mehren
Teaterlogen die vernünftig eingerichtet und möbliert waren man konnte darin
weil alles dazu da war schlafen spielen pissen essen und mehr Man
hatte seine Freundinnen mit Das haben nun die Großen gewohnt wie will man
ihnen ansinnen sie sollen in die Kirche fahren und darin schlafen da ihnen ihr
Geld eher alle Freuden als den Schlaf verschafft Beim tiers état beim Bauer
und Bürger selber beim BürgermeisterKollegium das sich die ganze Woche matt
votiert ists kein Wunder sondern freilich leicht dahin zu bringen dass sie
leicht auf jedem Stuhl auf jeder Empor entschlafen ich leugn es nicht aber
der Libertin der Schläfer auf Eiderdunen wird euch und predigte ein
Konsistorialrat auf keinem bloßen Sessel schlafen er geht daher lieber in
keine Kirche Für solche Leute von Ton müssen daher ordentliche Kirchenbetten in
den Logen aufgeschlagen werden damit es geht so wie auch Spieltische
Esstische Ottomanen Freundinnen u dergl in einer Hofkirche so unentbehrliche
Dinge sind dass sie besser an jedem andern Orte mangeln könnten als da
Man kann es also ohne mich und die Wahrheit zu beleidigen kein Schmeicheln
nennen wenn ich verfechte dass bloß die dumme KirchenArchitektur und der
Mangel alles Haus und Kirchengeräts aller Betten etc daran schuld sind nicht
aber die gut und philosophisch oder mystisch ausgearbeiteten Predigten
geschickter Hof Universität Kasernen und VesperPrediger wenn die Leute
von Stand weit weniger darin schlafen können als man sich verspricht
Ende der Extraseiten
Nach der Kirche trafen wir alle an der Sakristei zusammen Ich gehe über
Kleinigkeiten hinweg und komme sogleich dazu dass wir sämtlich abzogen und dass
Gustav unserer schönen Dauphine den Arm gab und nahm Es war ein ruhiges Wandeln
unter der festlichen Sonne und unter den Blüten der Gebüsche hinweg Der Putz
die getäfelte Stirn die wie FiedelbogenHaare hinübergespannten StirnHaare
die wie Zwiebelhäute übereinander liegenden Röcke des weiblichen Bauerstandes
malten samt dessen anlachendem Angesicht uns den Sonntag heller vor als alle
halbe und ganze Parüren der Städterinnen können Auch find ich am Sonntage viel
schönere Gesichter als an den sechs Werkeltagen die alles im Schmutz vermummen
Das Gespräch musste gleichgültig bleiben ich denke selbst beim
Vergissmeinnicht Beata sah nämlich eines im Grase liegen und eilte hinzu und
da wars von Seide »O ein falsches« sagte sie »Nur ein gestorbnes« sagte
Gustav »aber ein dauerhaftes« Unter Personen von einer gewissen Feinheit wird
leicht alles zur Anspielung Wohlwollen ist ihnen daher unentbehrlich damit sie
an keine andern Anspielungen als an gutmütige glauben Ich labte mich unter
dem ganzen Wege am meisten daran dass ich der Hintergrund und der Rückenwind
war der hintennach ging denn wär ich vorausgezogen so hätt ich den
schönsten Gang nicht gesehen in dem sich noch die schönste weibliche Seele
durch ihren Körper zeichnete Beatens ihren Nichts ist charakteristischer als
der weibliche Gang zumal wenn er beschleunigt werden soll
Im Tal fanden wir außer dem Schatten und Mittage noch etwas Schöneres den
Doktor Fenk Er hatte ein kleines SpeiseKonzert spirituel unter den Bäumen
angeordnet wo wir alle wie Fürsten und Schauspieler offene Tafel aber vor
lauter satten musikalischen Zuschauern vor den Vögeln hielten Wir hatten
nichts darwider dass zuweilen eine Blüte in den Tunknapf oder in das
Essiggestell ein Blättchen flatterte oder dass ein Lüftchen das Zuckergestöber
aus der Zuckerdose seitwärts wegblies dafür lag der größte plat de ménage die
Natur um unsern freudigen Tisch herum und wir waren selber ein Teil des
Schaugerichts Fenk sagte und spielte mit einem herabgezognen Aste »unser Tisch
hätte wenigstens den Vorzug vor den Tischen in der großen Welt dass die Gäste an
unserem einander kennten die Großen aber zB in Scheerau oder Italien
speiseten mehr Menschen als sie kennen lernten wie im Fette des Tieres das
von den Juden so sehr verabscheuet und nachgeahmet würde Mäuse lebten ohne dass
das Tier es merkte«
Ein Arzt sei noch so delikat im Ausdruck er ists doch nur für Ärzte
Unter dem Kaffee behauptete mein lieber Pestilenziar alle Kannen Kaffee
Schokolade Teekannen Krüge etc hätten eine Physiognomie die man viel zu
wenig studiere und wenn Melanchton der Missionär und Kabinettprediger der
Töpfe gewesen so fehle noch ein Lavater derselben Er habe einmal in Holland
eine Kaffeekanne gekannt deren Nase so matt deren Profil so schal und
holländisch gewesen wäre dass er zum Schiffarzt der mitgetrunken gesagt in
dieser Kanne säße gewiss eine ebenso schlechte Seele oder alle Physiognomik sei
Wind da er eingeschenkt hatte so war das Gesöff nicht zum Trinken Er sagte
in seinem Hause werde kein Milchtopf gekauft den er nicht vorher wie
Pythagoras seine Schüler in physiognomischen Augenschein nehme
»Wem haben wirs zuzuschreiben« fuhr er in humoristischem Enthusiasmus fort
»dass um unsere Gesichter und Taillen nicht so viele Schönheitlinien als um die
griechischen beschrieben sind als bloß den verdammten Tee und Kaffeetöpfen
die oft kaum menschliche Bildung haben und die doch unsere Weiber die ganze
Woche ansehen und dadurch kopieren in ihren Kindern Die Griechinnen hingegen
wurden von lauter schönen Statuen bewacht ja die Sparterinnen hatten die
Bildnisse schöner Jünglinge sogar in ihren Schlafzimmern aufgehangen«
Ich muss aber zur Rechtfertigung von vielen hundert Damen sagen dass sie
dafür ja das nämliche mit den Originalen tun und dass damit auch schon etwas zu
machen ist
Da ich in diesem FamilienSchauspiel für keine Göttin Achtung habe als für
die der Wahrheit so kann ich sie auch meiner Schwester nicht aufopfern
obgleich ihr Geschlecht und ihre Jugend sie noch unter die Göttinnen stellen Es
ärgert mich dass sie zu wenig Stolz und zu viel Eitelkeit ernährt Es ärgert
mich dass es sie nicht ärgern wird sich hier gedruckt und getadelt zu lesen
weil ihr mehr am Gewinst der Eitelkeit durch den Druck als am Verlust des
Stolzes durch den Tadel gelegen ist
Stolz ist in unserem kriegslistigen Jahrhundert der treueste Schutzheilige
und LehnsVormund der weiblichen Tugend Niemand wird zwar von mir fodern die
Damen von meiner Bekanntschaft öffentlich zu nennen die gewiss wie Mailand 40
mal nach Keissler wären belagert und 20 mal erobert worden wären sie nicht
brav stolz gewesen ja wäre nicht eine davon an einem Abende voll Tanz
zweiundeinhalbmal stolz gewesen aber nennen könnt ich sie wollt ich sonst
Du lehrest mich liebe Philippine dass die edelsten Gefühle nicht immer die
Gefallsucht ausschließen und dass ich außer dem Geschäfte dich zu lieben kein
besseres haben kann als das dich zu schelten und deinen Medizinalrat Fenk
auch der gegen dich seiner sorgenlosen Laune zu weit nachhängt zum Glück ist
sie noch im Alter wo Mädchen allemal den lieben den sie am längsten
gesprochen und wo ihr Herz wie ein Magnet das alte Eisen fallen lässt wenn
man ein neues daran bringt
Beata und Gustav berührten einander die wunden Stellen wie zwei
Schneeflocken sogar in der Stimme und der Bewegung schilderte sich zärtliches
schonendes ehrliebendes aufopferndes Ansichhalten O wenn die Weigerungen der
Koketterie schon so viel geben wie viel müssen erst die gegenwärtigen der
Tugend geben
Der Nachmittag war auf den Flügeln der Schmetterlinge die neben uns ihre
tieferen Blumen suchten davongeeilet die Gespräche nahmen wie die Augen an
Interesse zu und wir schlenterten oder schreibt mans mit einem weichen D auf
der AlleeTerrasse hin die den Berg wie ein Gürtel umwindet und auf der das
Auge über die Einzäunungen des Tales in die Fluren hinübergehen kann Gegen
Westen rückte ein Gewitter mit seinem DonnerTritt über den Himmel und hing sein
Bahrtuch von schwarzem Gewölk über die Sonne Die Gegend sah wie das Leben eines
großen aber nicht glücklichen Menschen aus der eine Berg glühte vom
Flammenblick der Sonne der andre verdunkelte sich unter der niederfallenden
Nacht einer Wolke drüben in der Abendgegend brauste im Himmel statt des
Vogelgesangs das himmlische Pedal der Donner und in Reihen von weißen
Wassersäulen riss sich der wärmende Regen vom Himmel los und füllte seine
Blumenkelche und Gipfel wieder aus denen er gestiegen war es war der Seele so
feierlich als würde ein Thron für Gott errichtet und alles wartete dass er
darauf niederstiege
Gustav und Beata gingen in den Himmel versunken auf der Terrasse voraus
der Doktor meine Schwester und ich in einer kleinen Ferne hinter ihnen Endlich
platzten auf dem Laube der Allee einzelne Regentropfen die aus dem Saume der
breiten Wetterwolke über uns flogen und fielen so bestreift ein donnerndes
niederblitzendes Unglück der Nachbarschaft die entlegnen Länder nur mit einigen
Tränen die aus dem Auge des Mitleids entwischen Wir stellten uns alle unter
die nächsten Bäume Gustav und Beata standen seit vielen Monaten zum ersten Male
wieder einsam nebeneinander ohne Ohrenzeugen obwohl neben Augenzeugen Sie
waren gegen Abend gekehrt und schwiegen Es gibt Lagen wo der Mensch sich zu
groß fühlt ein Gespräch heranzulenken oder fein zu sein oder Anspielungen zu
machen Beide verstummten fort bis Gustav in der heißesten Sonnenwende seiner
Empfindungen sich von der überschwemmten Abendgegend umkehrte zu Beatens Augen
hin ihre hoben sich langsam und unverhüllt zu seinen auf und der Mund unter
ihnen blieb ruhig und ihre Seele war bei niemand als bei Gott und der Tugend
Die Wolke war verronnen und verzogen Der Doktor hatte heimzueilen Niemand
konnte aus seinem geniessenden Schweigen heraus So stumm waren wir alle die
Terrasse hinunter gekommen und jedes war auch schon von seinem belaubten
Regenschirme hinweg als auf einmal die tiefe Sonne die schwarze Wolkendecke
durchbrannte und entzweiriss und den Leichenschleier des Gewitters weit
zurückschlug und uns überstrahlte und die glimmenden Gesträuche und jeden
feurigen Busch Alle Vögel schrien alle Menschen verstummten die Erde
wurde eine Sonne der Himmel zitterte weinend über der Erde vor Freude und
umarmte sie mit heißen unermesslichen Lichtstrahlen
Die Gegend brannte im himmlischen Feuerregen um uns aber unsere Augen sahen
sie nicht und hingen blind an der großen Sonne Im Drang das Herz von Blut und
Freude loszumachen versank Gustavs Hand in Beatens ihre er wusste nicht was
er nahm sie wusste nicht was sie gab und ihre gegenwärtigen Gefühle erhoben
sich weit über geringfügige Versagungen Endlich legte sich die umdonnerte Sonne
wie ein Weiser ruhig unter die kühle Erde ihr Abendrot ruhte glühend unter dem
blitzenden Wetter sie schien wie eine Seele zu Gott gegangen zu sein und ein
Donnerschlag fiel in den Himmel nach ihrem Tode
Es dämmerte die Natur war ein stummes Gebet Der Mensch stand
erhabener wie eine Sonne darin denn sein Herz fasste die Sprache Gottes
aber wenn in das Herz diese Sprache kommt und es zu groß wird für seine Brust
und seine Welt so hauchet der große Genius den es denkt und liebt die
stillende Liebe zu den Menschen in den stürmenden Busen und der Unendliche
lässt sich von uns sanft an den Endlichen lieben
Gustav empfand die Hand die in seiner pulsierte und aus ihr herausstrebte
er hielt sie schwächer und sah in das schönste Auge zurück seines bat Beaten
unendlich rührend um Vergebung der vergangenen Tage und schien zu sagen »O nimm
in dieser seligen Stunde auch meinen letzten Kummer weg« Als er nun leise mit
einem Tone der so viel war wie eine gute Tat fragte »Beata« und als er nicht
weitersprechen konnte und sie das errötende Angesicht zur Erde wandte und
aufhörte ihre Hand aus seiner zu ziehen und tief gerührt wieder aufsah und ihm
die Träne zeigte die zu ihm sagte »Ich will dir vergeben« so wurden aus zwei
Seelen die noch größer waren als die Natur um sie zwei Engel und sie fühlten
den Himmel der Engel sie standen und schwiegen in unendliche Dankbarkeit und
Entzückung verloren er nahm endlich zitternd vor hochachtender Freude ihren
bebenden Arm und erreichte uns
Den Sabbat schlossen stille Gedanken stille Entzückungen stille
Erinnerungen und ein stiller Regen aus allen entladenen Gewittern
Fußnoten
1 Seine vor einem Jahre gedruckten Predigten werden nach dem Geschmack eines
jeden sein der meinen hat
Vierter FreudenSektor
Der Traum vom Himmel Brief Fenks
Seitdem ich neben meinem lebenbeschreibenden Handwerk noch das eines
Damenschneiders betreibe wächst ein ganz neues Leben in mir auf Gleichwohl muss
man dem künftigen Schröckh der in sein Bilderkabinett berühmter Männer mich
auch als einen hineinhängen will den Rat geben dass er sich mäßige und aus
meiner Schneiderei nicht alles ableite sondern etwas aus meiner Phantasie Die
letzte hat sich im vorigen Winter und Herbst durch das Malen so vieler
Naturszenen so gestärkt dass der gegenwärtige Frühling an mir ganz andre Augen
und Ohren findet als die vorigen alle Das hätten wir alle ich und Leser eher
bedenken sollen Wenn der Reiz gewisser Laster durch die täglich wachsenden
Anstrengungen der Phantasie unbezwinglich wird warum geben wir ihrem
hinreissenden Pinsel nicht würdige Gegenstände Warum richten wir sie nicht im
Winter ab den Frühling aufzufassen oder vielmehr auszuschaffen Denn man
genießt an der Natur nicht was man sieht sonst genösse der Förster und der
Dichter draußen einerlei sondern was man ans Gesehene andichtet und das
Gefühl für die Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe
In keinem Kopfe aber kristallisierten sich holdere Traum und
Phantasiegestalten als im Gustavischen Seine Gesundheit und sein Glück sind
zurückgekommen das zeigen seine Nächte an worin die Träume wie Violen wieder
ihre Lenzkelche auseinandertun Ein solcher Edenduft wallet um folgenden Traum
Er starb kam ihm vor und sollte den Zwischenraum bis zu seiner neuen
Verkörperung in lauter Träumen verspielen Er versank in ein schlagendes
BlütenMeer das der zusammengeflossene SternenHimmel war auf der
Unendlichkeit blühten alle Sterne weiß und nachbarliche Blütenblätter schlugen
aneinander Warum berauschte aber dieses von der Erde bis an den Himmel
wachsende Blumenfeld mit dem rauchenden Geiste von tausend Kelchen alle Seelen
die darüberflogen und in betäubender Wonne niederfielen warum mischte ein
gaukelnder Wind unter einem Schneegestöber von Funken und bunten Feuerflocken
Seelen mit Seelen und Blumen zusammen warum wölkte die verstorbnen Menschen ein
so süßer und so spielender Totentraum ein O darum die nagenden Wunden des
Lebens sollte der Balsamhauch dieses unermesslichen Frühlings verschließen und
der von den Stößen der vorigen Erde noch blutende Mensch sollte unter den Blumen
zuheilen für den künftigen Himmel wo die größere Tugend und Kenntnis eine
genesene Seele begehrt Denn ach die Seele leidet ja hier gar zu viel Wenn
auf jenem Schneegefilde eine Seele die andre umfasste so schmolzen sie aus Liebe
in einen glühenden Tautropfen ein er zitterte dann an einer Blume herab und sie
hauchte ihn wieder entzweigeteilt als heiligen Weihrauch empor Hoch über dem
Blütenfeld stand Gottes Paradies aus dem das Echo seiner himmlischen Töne in
Gestalt eines Bachs in die Ebene herniederwallete sein Wohllaut durchkreuzte in
allen Krümmungen das UnterParadies und die trunknen Seelen stürzten sich aus
Wonne von den UferBlumen in den Flötenstrom im Nachhall des Paradieses
erstarben ihnen alle Sinne und die zu endliche Seele ging in eine helle
FreudenTräne aufgelöset auf der laufenden Welle weiter Dieses Blumengefilde
stieg unaufhaltsam empor dem erhöheten Paradiese entgegen und die durcheilte
Himmelluft schwang sich von oben herab und ihr Niederwehen faltete alle Blumen
auseinander und bog sie nicht Aber oft ging Gott in der dunkelsten Höhe weit
über der wehenden Aue hinweg wenn der Unendliche dann oben seine Unendlichkeit
in zwei Wolken verhüllte in eine blitzende oder die ewige Wahrheit und in
eine warm auf alles niederträufelnde und weinende oder die ewige Liebe alsdann
stand gehalten die steigende Au der sinkende Äther der nachhallende Bach das
rege Blumenblatt alsdann gab Gott das Zeichen dass er vorübergehe und eine
unermessliche Liebe zwang alle Seelen in dieser hohen Stille sich zu umarmen und
keine sank an eine sondern alle an alle ein WonneSchlummer fiel wie ein Tau
auf die Umarmung Wenn sie dann wieder auseinander erwachten so gingen aus dem
ganzen Blumenfelde Blitze so rauchten alle Blüten so sanken alle Blätter unter
den Tropfen der warmen Wolke so klangen alle Krümmungen des tönenden Baches
zusammen es wetterleuchtete das ganze Paradies über ihnen und nichts verstummte
als die liebenden Seelen die zu selig waren
Gustav erwachte in eine nähere Welt die ein schönes Gegenspiel seiner
geträumten war die Sonne war in einen einzigen glühenden Strahl verwandelt und
dieser Strahl knickte auch an der Erde ab die Wolke der Dämmerung zog herum
Blumen und Vögel hingen ihre schlafenden Häupter in den Tau hin und bloß der
Abendwind kramte noch in den Blättern umher und blieb die ganze Nacht auf
So schleichen unsere grünen Stunden durch unser unbesuchtes Tal sie gleiten
mit einem ungehörten SchmetterlingFittich durch unsern Luftkreis nicht mit der
schnurrenden KäferFlügeldecke die Freude legt sich leise wie ein Abendtau an
und prasselt nicht wie ein Gewitterguss herab Unsere glückliche Badzeit wird uns
zum Mut zu Geschäften zum Erdulden auf lange auf immer erfrischen das grüne
Lilienbad wird in unserer Phantasie eine grüne Rasenstelle bleiben auf der
wenn einmal die Jahre alle elysische Felder die ganze Gegend unserer Freude
tief überschneiet haben unter ihrem warmen Hauche aller Schnee zergeht und die
uns immer angrünet damit wir auf ihr wie Maler auf grünem Tuche unsere alten
Augen erquicken Ich wünsch euch meine Leser für euer Alter recht viele
solche offen bleibende Stellen und jedem Kranken sein Lilienbad
Tät ichs nicht dem deutschen Publikum zu Gefallen so würd ich schwerlich
vor Freude zur Beschreibung derselben gelangen Und doch werd ich keinen neuen
FreudenSektor anfangen vor dem Geburttage Beatens Dieser wird auf der kleinen
Molukke Teidor begangen dahin sind wir vom Doktor eingeladen der hat sein
Landhaus auf dieser Insel das Wetter wird auch schön verbleiben Ich kann
so viel ohne großes prophetisches Talent leicht voraussehen dass der Geburttags
oder TeidorsSektor alles Schöne was je in der Alexandrinischen Bibliothek
verbrannt oder in Ratbiblioteken vermodert oder in andern erhalten worden
nicht sowohl vereinigen als völlig überbieten werde
Im nämlichen Brief der uns nach der molukkischen Insel lockt schreibt mir
der Doktor eine Neuigkeit die insofern hier einen Platz verdient weil einer da
ist und ich den Sektor gern voll haben möchte indem ich bloß abschriebe
»Der Professor Hoppedizel der außer dem Philosophieren und Prügeln nichts
so liebt als Spassmachen will sobald der Mond wieder später aufgeht den
machen dass er ein Spitzbube ist Ich traf ihn vor einigen Tagen an dass er sich
einen langen Bart zurechtsott ferner Brecheisen versteckte und Masken wählte
Ich fragte ihn auf welcher Redoute er stehlen wolle Er sagte in der
Maussenbachschen kurz er will deinen Gerichtprinzipal dadurch dass er mit der
kleinen Bande einbricht und statt Beute Spaß macht in einen theatralischen
KunstSchrecken jagen Zu wünschen wäre dieser artistische und satirische
Räuberhauptmann würde für einen wahren genommen und mit seinem BrechApparat auf
einen ArrestantenWagen gebracht und öffentlich hereingefahren nicht etwa
damit der gute Hoppedizel dabei versehret würde sondern nur damit dieser
korsarische Stoiker auf die Folter käme und dadurch drei Menschen auf einmal ins
Licht setzte erstlich sich indem er weniger das Verbrechen als seine stoischen
Grundsätze bekennte zweitens den Pestilenziar oder mich indem ich bei der
Tortur wie wir bei allen Schmerzen tun die Rücksichten auf seine Gesundheit
vorschriebe drittens den Justitiar oder dich der du zeigen könntest dass du
deine akademischen Kriminalhefte schon noch im Koffer hättest«
Ich glaube es wird dem Leser auch so gehen wie mir dass uns auf dem
Blumengestade unter den Wohllauten der Natur dieses Seetreffen des großen
Weltmeers und dieses Schießen desselben eine schreiende Dissonanz zu machen
scheint
Dreiundfunfzigster oder der größte FreudenSektor oder der Geburttags oder
TeidorsSektor
Der Morgen der Abend die Nacht
Heute ist Beatens Fest und wird immer schöner mein Schreibepult ist neun
Millionen Quadratmeilen breit nämlich die Erde die Sonne ist meine
EpiktetsLampe und statt der Handbibliotek rauschen die Blätter des ganzen
Naturbuchs vor mir Aber von vornen an Übrigens lieg ich jetzt auf der
Insel Teidor
Die Tage vor schlechtem Wetter sind auch meteorologisch die schönsten Da
wir heute als die friedlichste QuadrupelAllianz die es gibt durch unser
singendes Tal eh noch die Morgenstrahlen hereingestiegen waren hinausgingen
um noch vor neun Uhr recht gemächlich auf der kleinen Molukke Teidor anzukommen
so streckte sich ein ganzer kristallener quellenheller Tag auf den weiten Fluren
vor uns hin wir waren bisher an schöne gewöhnt aber an den schönsten nicht
Die Erdkugel schien eine helle aus Dünsten und Lüften herausgehobene Mondkugel
zu sein die Berg und Waldspitzen standen nackt im tiefen Blau sozusagen
ungepudert von Nebeln alle Aussichten waren uns näher gerückt und der Dunst
war vom Glase wodurch wir sahen abgewischt die Luft war nicht schwül aber
sie ruhte auf den GewürzFluren unbeweglich aus und das Blatt nickte aber nicht
der Zweig und die hängende Blume wankte ein wenige aber bloß unter zwei
kämpfenden Schmetterlingen Es war der Ruhetag der Elemente die Sieste der
Natur Ein solcher Tag wo schon der Morgen die Natur eines schwärmerischen
Abends hat und wo schon er uns an unsere Hoffnungen an unsre Vergangenheit und
an unser Sehnen erinnert kommt nicht oft kommt für nicht viele darf für die
wenigen in deren schwellendes Herz er leuchtet nicht oft kommen weil er die
armen Menschen die ihm ihre Herzen wie Blumenblätter auftun zu sehr erfreut
sie vom kameralistischen Feudalboden wo man mehr Blumen mähen als beriechen
muss zu weit ins magische Arkadien verschlägt Aber ihr Finanziers und
Ökonomen und Pächter wenn fast alle Jahrzeiten der Haut und dem Magen dienen
warum soll nicht ein Tag zumal für Brunnengäste bloß dem zu weichen Herzen
zugehören Wenn man euch Härte vergibt warum wollt ihr keine Weichheit
vergeben O ihr beleidigt ohnehin genug ihr gefühllosen Seelen die schönere
feinere ist euch bloß unbedeutend und lächerlich aber ihr seid ihr quälend und
verwundet sie Sonderbar ists dass man andern zuweilen die Vorzüglichkeit der
Talente aber nie die Vorzüglichkeit der Empfindungen zugesteht und dass man
seiner eignen Vernunft aber nicht seinem eignen Geschmack Irrtümer zutraut
Ein durchsichtiges Dockengeländer von Waldbäumen stand bloß noch zwischen
uns und dem indischen Ozean worin Teidor grünte als uns der Steig durch das
hohe Gras das über ihn hereinschlug an einer Einöde oder einem isolierten
Hause vorübertrug das zu entzückend in diesem BlumenOzean lag als dass man
hätte vorbeigehen oder reiten können Wir lagerten uns auf einer abgemähten
Rasenstelle zur rechten Seite des Hauses zur linken eines runden Gärtchens
das sich mitten in die Wiese versteckte Im armen Gärtchen waren und nährten
sich wie in einem toleranten Staate auf dem nämlichen Beete Bohnen und Erbsen
und Salat und Kohlrüben und doch hatte im ZwergGarten ein Kind noch sein
InfusionsGärtchen Im blendenden und roten Vogelhäuschen betrieb eine flinke
Frau gerade ihre wohlriechende Feldbäckerei und zwei Kinderhemdchen hingen am
Gartenzaun und zwei standen an der Haustür in welchen letzten zwei braune
Kinder spielten und uns beobachteten ihnen tat am heutigen Morgen nichts wohl
als ihren entblößten Füßen die Sonne O Natur o Seligkeit du suchest wie die
Wohltätigkeit gern die Armut und das Verborgne auf
Das Klügste was ich heute gesagt habe und vermutlich sagen werde ist gewiss
die GrasRede am Morgen neben dem Häuschen Als ich so den stehenden Himmel die
Wind und Blätterstille betrachtete in der der steilrechte Flügel des
Schmetterlings und das Härchen der Raupe unverbogen blieb so sagt ich »Wir
und dieses Räupchen stehen unter und in drei allmächtigen Meeren unter dem
Luftmeer unter dem Wassermeer und unter dem elektrischen Meere gleichwohl sind
die brausenden Wogen dieser Ozeane diese MeilenWellen die ein Land zerreißen
können so geglättet so bezähmet dass der heutige SabbatTag herauskommt wo
den breiten Flügel des Schmetterlings kein Lüftchen ergreift oder um ein
gefiedertes Stäubchen berupft und wo das Kind so ruhig zwischen den
ElementenLeviatans tändelt und lächelt Wenn dies kein unendlicher Genius
bezwungen hat wenn wir diesem Genius keine Zusammenordnung unsers künftigen
Schicksals und unserer künftigen Welt zutrauen «
O unendlicher Genius der Erde an deinen Busen wollen wir unsre kindlichen
Augen schmiegen wenn sich der Sturm von der Kette losreisset an dein
allmächtiges heißes Herz wollen wir zurücksinken wenn uns der eiserne Tod
einschläfert indem er vorbeigeht
So wandelten wir unschuldigzufrieden ohne Hastigkeit und Heftigkeit den
Wellen zu die an Fenks Landhaus spülten Sonderbar ists es gibt Tage wo wir
freiwillig unser stilles fortvibrierendes Vergnügen von den äußern Gegenständen
uns zureichen lassen wodurch wir ungewöhnlich gegen echten Stoizismus
verstoßen noch sonderbarer ists dass manche Tage dieses wirklich tun
Ich meine das ein gewisses leises wellenglattes Zufriedensein nicht verdient
durch Tugend nicht erkämpft durch Nachdenken wird uns zuweilen von dem Tage
von der Stunde beschert wo alle die jämmerlichen Kleinigkeiten und Fransen
woraus unser ebenso kleinliches als kleines Leben zusammengenäht ist mit unsern
Pulsen einstimmen und unserem Blute nicht entgegenfliessen zB wo wie heute
geschah der Himmel unbewölkt der Wind im Schlaf der Fährmann der nach Teidor
bringt bei der Hand der Herr des Landhauses Doktor Fenk schon vor einer
Stunde gegenwärtig das Wasser eben das Boot trocken der AnlandungHafen tief
und alles recht ist Wahrhaftig wir sind alle auf einen so närrischen Fuß
gesetzt dass es zu den Menschenfreuden worüber der Zerbster Konsistorialrat
Sintenis zwei Bändchen abgefasset mit gerechnet werden kann in Deutschland
aber in Italien und Polen weit weniger zuweilen einen oder den andern Floh zu
greifen Will man also einen solchen paradiesischen Tag erleben so muss
nicht einmal eine Kleinigkeit über die man in stoischenergischen Stunden
wegschreitet im Wege liegen so wie sich über die Sonne wenn ein Brennspiegel
sie herunterholen will nicht das dünnste Wölkchen schieben darf Ich bin
jetzt im Feuer und versichere ich kann mir unmöglich etwas Närrischeres denken
als unser Leben unsere Erde uns Menschen und unsre Bemerkung dieser Narrheit
Der indische Ozean war ein lärmender Marktplatz wie ein sinesischer Strom
überall bewegte sich auf ihm Freude Leben und Glanz von seiner Oberfläche bis
zu seinem Grunde wo die zweite Halbkugel des Himmels mit ihrer Sonne zitterte
Im Landhause waren die Wände weiß weil für einen Menschen sagte Fenk welcher
aus der in lauter Feuer und Lichtern stehenden Natur in eine enge Klause tritt
kein Kolorit dieser Klause hell genug sein könne um einen traurigen
beschränkten Eindruck abzuwenden
Alsdann ruhten wir aus indem wir von einer beschatteten Grasbank der Insel
zur andern gingen von Birkenblättern und indischen Wellen angefächelt dann
musizierten dann dinierten wir erstlich am Tische eines Wirtes der auf eine
lustige Art fein und delikat zu sein weiß zweitens vor den in alle Weltgegenden
aufgeschlossenen Fenstern die uns noch mehr in alle Strudel der freudigen Natur
hineindrehten als wären wir draußen gewesen und drittens jeder von uns mit
einer Hand welche die weiche Beere des Vergnügens abzunehmen weiß ohne sie
entzweizudrücken Ottomar kommt abends die zwei Mädchen haben unter Blumen
und der glückliche Gustav unter Schatten sich verloren der Lebensbeschreiber
liegt hier wie der Jurist Bartolus auf dem hebenden Grase und schildert alles
Fenk ordnet auf Abend an Erst abends tritt das Vollicht unserer heutigen
Freude ein und ich danke dem Himmel dass ich jetzt mit meiner biographischen
Feder nachgekommen bin und niemals mehr weiß als ich eben berichte anstatt dass
ich bisher immer mehr wusste und mir den biographischen Genuss der freudigsten
Szenen durch die Kenntnis der traurigen Zukunft versalzte So aber könnt in der
nächsten Viertelstunde uns alle das Weltmeer ersäufen in der jetzigen lächelten
wir in dasselbe hinein
Da ich so ruhig bin und nicht spazieren gehen mag so will ich über das
Spazierengehen das so oft in meinem Werke vorkommt nicht ohne Scharfsinn
reden Ein Mann von Verstand und Logik würde meines Bedünkens alle Spazierer
wie die Ostindier in vier Kasten zerwerfen
In der I Kaste laufen die jämmerlichsten die es aus Eitelkeit und Mode tun
und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen
In der II Kaste rennen die Gelehrten und Fetten um sich eine Motion zu
machen und weniger um zu genießen als um zu verdauen was sie schon genossen
habe in dieses passive unschuldige Fach sind auch die zu werfen die es tun
ohne Ursache und ohne Genuss oder als Begleiter oder aus einem tierischen
Wohlbehagen am schönen Wetter
Die III Kaste nehmen diejenigen ein in deren Kopfe die Augen des
Landschaftmalers stehen in deren Herz die großen Umrisse des Weltall dringen
und die der unermesslichen Schönheitlinie nachblicken welche mit Efeufasern um
alle Wesen fliesset und welche die Sonne und den Bluttropfen und die Erbse ründet
und alle Blätter und Früchte zu Zirkeln ausschneidet O wie wenig solcher
Augen ruhen auf den Gebirgen und auf der sinkenden Sonne und auf der sinkenden
Blume
Eine IV bessere Kaste dächte man könnt es nach der dritten gar nicht
geben aber es gibt Menschen die nicht bloß ein artistisches sondern ein
heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen die in diese blühende Welt die
zweite verpflanzen und unter die Geschöpfe den Schöpfer die unter dem Rauschen
und Brausen des tausendzweigigen dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und
mit dem darin wehenden Genius reden wollen da sie selber nur geregte Blätter
daran sind die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde
und Statuen sondern als eine heilige Stätte der Andacht brauchen kurz die
nicht bloß mit dem Auge sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen
Ich weiß kein größeres Lob als dass ich von solchen Menschen leicht auf
unser liebendes Paar hinübergleiten kann die Liebe desselben ist ein solcher
Spaziergang das Leben der hohen Menschen ist auch ein solcher Ich will nur
noch eh ich mich vom erdrückten Gras aufrichte so viel bemerken dass Gustavs
Liebe ganz in die Realdefinition einpasset die von ihr in einer schwärmerischen
SommerMitternacht zu machen ist Die edelste Liebe kann man definieren ist
bloß die zarteste tiefste festeste Achtung die sich weniger durch Tun als
durch Unterlassen offenbaret die sich wechselseitig errät die auf beide Seelen
bis zum Erstaunen die nämlichen Saiten zieht die die edelsten Empfindungen
mit einem neuen Feuer höher trägt die immer aufopfern nie bekommen will die
der Liebe gegen das ganze Geschlecht nichts nimmt sondern alles gibt durch das
Einzelwesen diese Liebe ist eine Achtung in welcher der Druck der Hände und
der Lippen sehr entbehrliche Bestandteile sind und gute Handlungen sehr
wesentliche kurz eine Achtung die vom größeren Teile der Menschen ausgehöhnet
und vom kleinsten tief geehret werden muss Eine solche herzerhöhende Achtung war
Gustavs Liebe welche edle Augenzeugen nicht nur vertrug sondern auch erfreuete
und wärmte weil sie ohne jenes unschuldigsinnliche Getändel mit Lippen und
Händen war woran der Zuschauer gerade so viel Anteil wie an rollenmässigen
theatralischen Viktualien der Schauspieler nehmen kann Ein Zeichen der
tugendhaften Achtung oder Liebe ist dies wenn der Zuschauer desto mehr Anteil
daran nimmt je größer sie ist Gustavs Liebe hatte seit seinem PetrusFalle
und noch mehr seit der Vergebung dieses Falls denn viele Fehler fühlt man erst
am tiefsten wenn sie verziehen sind einen solchen Zusatz von Zartheit von
Zurückhaltung von Bewusstsein des fremden Werts gewonnen dass er sich mehre
Herzen gewann als das weichste und andre Augen beherrschte als die schönsten an
Beaten vor denen seine Blicke wie Schneeflocken unter der nackten Sonne im
Blauen rein schimmernd zitternd und zerrinnend niederfielen
Eben langt alles an Ottomar und die andern
Meine Uhr schlägt zwei Uhr nach Mitternacht und noch ist Beatens und des
Paradieses Wiegenfest nicht beschlossen denn ich setze mich jetzt her es zu
beschreiben wenn ich anders auf dem Stuhl bleibe und nicht wieder in das blaue
Gewölbe das über so viele heutige Freuden seine Sternenstrahlen warf
hinausirre
Gegen Abend flog Ottomar über das Wasser herüber Er sieht immer aus wie ein
Mann der an etwas Weites denkt der jetzt nur ausruhet der die hereinhängende
Blume der Freude abbricht weil ihn seine fliehende Gondel vor ihr
vorüberreisset nicht weil er daran denkt Er hat noch seine erhabenleise
Sprache und sein Auge das den Tod gesehen Immer noch ist er ein Zahuri1 der
durch alles Blumengeniste und alle Graspartien der Erde durchschauet und zu den
unbeweglichen Toten hinabsieht die unter ihr liegen So sanft und stürmisch so
humoristisch und melancholisch so verbindlich und unbefangen und frei Er
behauptete die meisten Laster kämen von der Flucht vor Lastern aus Furcht
schlimm zu handeln täten wir nichts und hätten zu nichts Grossem mehr Mut wir
hätten alle so viel Menschenliebe dass wir keine Ehre mehr hätten aus
MenschenSchonung und Liebe hätten wir keine Aufrichtigkeit keine
Gerechtigkeit wir stürzten keinen Betrüger keinen Tyrannen etc
Ihn wunderte Beata die nicht den gewöhnlich erzwungenen sondern steigenden
Anteil an unsern Reden nahm denn er glaubt mit einer Frau könne man von Himmel
und Hölle von Gott und Vaterland sprechen so denke sie doch unter dem ganzen
Hören an nichts als an ihre Gestalt ihr Stehen ihren Anzug »Ich nehme« sagte
Fenk »erstlich alles aus und zweitens auch die Physiognomik auf diese horchen
alle weil sie alle sie sogleich gebrauchen können«
Der magische Abend trieb immer mehr Schatten vor sich voraus er nahm
endlich alle Wesen auf seinen wiegenden Schoss und legte sie an sich um sie
ruhig sanft und froh zu machen Wir fünf Eiländer wurden es auch Wir gingen
sämtlich hinaus auf eine kleine künstliche Anhöhe um die Sonne bis zur Treppe
zu begleiten eh sie über Ozeane nach Amerika hinabschifft Plötzlich ertönten
drüben in einer andern Insel fünf Alphörner und gingen ihre einfachen Töne
ziehend auf und ab Die Lage wirkt mehr auf die Musik als die Musik auf die
Lage In unserer Lage wo man mit dem Ohr schon an der Alpenquelle mit dem
Auge auf der am Abend übergoldeten Gletscherspitze ist und um die Sennenhütte
Arkadien und Tempe und JugendAuen lagert und wo wir diese Phantasien vor der
untergehenden Sonne und nach dem schönsten Tage fliegen ließ da folgt das
Herz einem Alphorn mit größeren Schlägen als einem Konzertsaale voll geputzter
Zuhörer O das Einlassblatt zur Freude ist ein gutes und dann ein ruhiges
Herz Die dunkeln wolkigen durchschimmerten Begriffe die der Weltweise von
allen Empfindungen verlangt müssen langsam über die Seele ziehen oder gänzlich
stehen wenn sie sich vergnügen soll so wie Wolken die langsam gehen schönes
Wetter und fliegende schlimmes bedeuten »Es gibt« sagte Beata »tugendhafte
Tage wo man alles verzeiht und alles über sich vermag wo die Freude gleichsam
im Herzen kniet und betet dass sie länger dableiben und wo alles in uns
ausgeheitert und beleuchtet ist wenn man dann vor Vergnügen darüber weint so
wird dieses so groß dass alles wieder vorbei ist«
»Ich« sagte Ottomar »werfe mich lieber in die schaukelnden Arme des
Sturms Wir genießen nur blinkende glühende Augenblicke diese Kohle muss heftig
herumgeschleudert werden damit der brennende Kreis der Entzückung erscheine«
»Und doch« sagt er »bin ich heute so froh vor dir untersinkende Sonne
Je froher ich in einer Stunde in einer Woche war desto mehr stürmte dann
die folgende Wie Blumen ist der Mensch je heftiger das Gewitter werden wird
desto mehr Wohlgerüche verhauchen sie vorher«
»Sie müssen uns nicht mehr einladen Herr Doktor« sagte lächelnd Beata
aber ihr Auge schwamm doch in etwas mehr als in Freude
Unter dem Rotauflegen des Himmels trat die Sonne auf ihre letzte Stufe von
farbigen Wolken umlagert Die Alphörner und sie verschwanden im nämlichen Nu
Eine Wolke um die andere erblasste und die höchste hing noch durchglühet herab
Beata und meine Schwester scherzten weiblich darüber was diese illuminierten
Nebel wohl sein könnten Die eine machte daraus Weihnachtschäfchen mit
rosenroten Bändern eine rote Himmelschärpe die andre feurige Augen oder
Wangen unter einem Schleier rote und weiße NebelRosen einen roten Sonnenhut
usw
Punsch denk ich wurde endlich für die Herren gebracht von denen einer
ihn in solcher Mäßigkeit zu sich nahm dass er noch um 212 Uhr seinen Sektor
setzen kann Wir wandelten dann unter dem kühlenden rauschenden Baum des
Himmels dessen Blüten Sonnen und dessen Früchte Welten sind hin und her Das
Vergnügen führte uns bald auseinander bald zueinander und jeder war gleich
sehr fähig ohne und durch Gesellschaft zu genießen Beata und Gustav vergaßen
aus Schonung über die fremde Liebe und Freude ihre besondere und waren unter
lauter Freunden sich auch nur Freunde O predigt doch bloß die Traurigkeit die
das Herz so dick wie das Blut macht aber nicht die Freude aus der Welt die in
ihrem Taumeltanz die Arme nicht bloß nach einem Mittänzer sondern auch nach
einem wankenden Elenden ausstreckt und aus dem JammerAuge das ihr zusieht
vorüberfliehend die Träne nimmt Heute wollten wir einander alles verzeihen
ob wir gleich nichts zu verzeihen fanden Es war nichts zu vergeben da sag
ich denn als ein Stern um den andern aus der schattierten Tiefe herausquoll und
als ich und Ottomar vor einer schlagenden Nachtigall umgekehret waren um durch
die Entfernung den gedämpften Lautenzug ihrer Klagen anzuhören und als wir
einsam von lauter Tönen und Gestalten der Liebe umgeben nebeneinander standen
und als ich mich nicht mehr halten konnte sondern unter dem großen jetzigen und
künftigen Himmel mein Herz dem zeigte dessen seines ich längst gesehen und
geliebt so war so etwas kein Verzeihen und Versöhnen sondern Davon
übermorgen
In veränderlichen Gruppen bald die zwei Mädchen allein bald mit einem
dritten bald wir alle betraten wir die in Gras umgekleideten Blumen und
gingen zwischen zwei nebenbuhlerischen Nachtigallen wovon die eine unsre Insel
die andre die nächste Insel besang und begeisterte In diesem musikalischen
Potpourri hatten die Blumenblätter die wohlriechenden Potpourri zugedeckt aber
alle Birkenblätter hatten die ihrigen aufgetan und wir teilten uns mit Absicht
auseinander um nicht eilig aus unserem zauberischen Otaheiti abschiffen zu
können
Endlich gerieten wir zufällig unter einer Silberpappel zusammen deren
beschneiete Blätter durch den Glanz im Abend uns um sie versammelt hatten »Wir
haben hohe Zeit zum Fortgehen« sagte Beata Allein da wirs wollten oder wollen
mussten so ging der Mond auf hinter einem gegitterten Fächer von Bäumen schlug
er so bescheiden als er still über die blinde Nacht wegfliesset seine
WolkenAugenlider auf und sein Auge strömte und er sah uns an wie die
Aufrichtigkeit und die Aufrichtigkeit sah auch ihn an »Wollen wir nur« sagte
Ottomar in dessen heißer FreundschaftHand man gern jede weibliche entriet
»bleiben bis es auf dem Wasser lichter wird und der Mond in die Täler
hereinleuchten kann wer weiß wann wirs wieder so haben« Endlich füge er
hinzu »Ich und Gustav verreisen ohnehin morgen früh und das Wetter hält nicht
mehr lange« Es ist das siebenwöchentliche unbekannte Verreisen von dem ich
alle Mutmaßungen die es bisher so wichtig und rätselhaft vorstellten gern hier
zurücknehme
Wir blieben wieder das Gespräch wurde einsilbiger der Gedanke vielsilbiger
und das Herz zu voll so wie uns der abnehmende Mond an der Aufgangschwelle auch
voll vorkam Wenn einmal eine Gesellschaft die Hand vom Türdrücker woran sie
sie schon hatte wieder wegtut so erregt dieser Aufschub die Erwartung größerer
Vergnügungen und diese Erwartung erregt Verlegenheit wir aber wurden bloß um
einander stiller verbargen unsere Seufzer über die Falkenflügel fröhlicher
Stunden und vielleicht brachte manches weggewandte Auge dem Monde das Opfer
das ihm der traurigste und der freudigste Mensch so schwer versagen kann
Gerade jetzt drängte ich mich wieder hinaus in seine Strahlen und komme
wieder an meinen Schreibtisch und danke dem Schleier der Nacht der um das
Universum doppelt herumreicht dass er auch über den größten Schmerzen und
Freuden der Menschen sich faltet Wir waren also auf unserer Insel so
schwermütig stumm wie an einer Pforte der fröhlichen Ewigkeit der länderbreite
Frühling zog mit seiner Herrlichkeit mit seinem gesunknen lauen Monde mit
seinem schillernden Venusstern mit seiner erhabenen Mitternachtröte mit
seinen himmlischen Nachtigallen vor fünf Menschen vorüber er warf und häufte in
diese fünf Überglückliche seine Knospen und seine Blüten und seine dämmernden
Aussichten und Hoffnungen und seine tausend Himmel und nahm ihnen nichts dafür
weg als ihre Sprache O Frühling o du Erde Gottes o du unumspannter Himmel
ach regte sich heute doch in allen Menschen auf dir das Herz in freudigen
Schlägen damit wir alle nebeneinander unter den Sternen niederfielen und den
heißen Atem in eine JubelStimme ergössen und alle Freuden in Gebete und das
hohe Herz nach dem hohen Himmelblau richteten und in der Entzückung nicht
Kummer sondern WonneSeufzer abschickten deren Weg so lang zum Himmel wie
unserer zum Sarge ist Du bitterer Gedanke oft unter lauter Unglücklichen
der Fröhliche zu sein du süsserer unter lauter Glücklichen der Betrübte zu
sein
Endlich flossen vom Silberblick des steigenden Mondes die trübenden
Schlacken hinweg er stand wie eine unaussprechliche Entzückung höher in der
Nacht des Himmels aus dessen Hintergrund in den Vorgrund gemalt Die Frösche
durchschlugen wie eine Mühle die Nacht und ihr forttönender vielstimmiger Lärm
hatte die Wirkung eines Schweigens O welcher Mensch den der Tod zu einem
über die Erde fliegenden Engel gemacht hätte wäre nicht auf sie niedergefallen
und hätte unter irdischem Laub und auf der irdischen vom Monde übersilberten
Erde wie von der Sonne übergoldeten nicht an seinen verlassenen Himmel gedacht
und an seine alten MenschenAuen seine alten Frühlinge hienieden und an seine
vorigen Hoffnungen unter den Blüten
Ihr Rezensenten vergebt mir nur heute und lasset mich fortfahren
Endlich stiegen wir in die Gondel wie in einen CharonsNachen ein wir
räumten entzückt und unwillig das buschige Ufer und den aus dem Wasser an seine
Blätter aufgestrahlten Widerschein Das größte Vergnügen der größte Dank
treiben nicht waagrechte sondern senkrechte ins Herz greifende versteckte
Wurzeln wir konnten also zu Fenk nicht viel sagen der von der Freudenstätte
heute nacht nicht weggeht Du Freund der mir teurer als allen andern ist
vielleicht wenn alles stiller und der Mond höher und reiner und die Nacht ewiger
ist gegen Morgen hin wirst du zu weinen anfangen über beides was die Erde dir
gegeben was sie dir genommen Geliebter wenn du es jetzt in dieser Minute
tust so tu ich es ja auch
Mit unserem ersten Tritt ins Boot durchdrangen wahrscheinlich auf Fenks
Anordnung die Alphörner wieder die Nacht jeder Ton klang in ihr wie eine
Vergangenheit jeder Akkord wie ein Seufzer nach einem Frühling der andern Welt
der NachtNebel spielte und rauchte über Wäldern und Gebirgen und zog sich wie
die Grenze des Menschen wie Morgenwolken der künftigen Welt um unsere
Frühlingerde Die Alphörner verhallten wie die Stimme der ersten Liebe an
unseren Ohren und wurden lauter in unsern Seelen das Ruder und das Boot schnitt
das Wasser in eine glimmende Milchstrasse entzwei jede Welle war ein zitternder
Stern das wankende Wasser spiegelte den Mond zitternd nach den wir lieber
vertausendfältigt als verdoppelt hätten und dessen sanftes Lilienantlitz unter
der Welle noch blasser und holder blühte Umzingelt von vier Himmeln dem
oben im Blauen auf der Erde im Wasser und in uns schifften wir durch
schwimmende Blüten hin Beata saß am einen Ende des Bootes entgegengerichtet dem
andern dem Monde und dem Freund ihrer zarten Seele ihr Blick glitt leicht
zwischen dem Monde und ihm hinab und hinauf er dachte an seine morgendliche
Reise und an seine längere Gesandtschaftreise und bat uns alle um schriftliche
Denkmäler damit er immer gut bleibe wie jetzt unter uns und erinnerte Beata an
ihr Versprechen ihm auch eines zu geben Sie hatt es schon geschrieben und
gab es ihm heute beim Abschied Der frohe Tag der frohe Abend die himmlische
Nacht füllte ihre Augen mit tausend Seelen und mit zwei Tränen die stehen
blieben Sie deckte und trocknete das eine Auge mit dem weißen Tuche und sah
Gustav mit dem zweiten rein und strömend an wie ein Spiegelbild Du gute
Seele dachtest du verbärgest auch das zweite Auge
Endlich o du ewiges unaufhörliches Endlich brach auch unsere silberne
WellenFahrt an ihrem Ufer Das gegenüberliegende lag öde und überschattet dort
Ottomar riss sich in der wehmütigsten Begeisterung los und unter dem Verklingen
der SchweizerTöne sagte mein erneuerter Freund »Es ist wieder vorüber alle
Töne verhallen alle Wellen versinken die schönsten Stunden schlagen aus und
das Leben verrinnt Es gibt doch gar nichts du weiter Himmel über uns was uns
füllet oder beglückt Lebt wohl ich werde von euch Abschied nehmen auf meinem
ganzen Weg hindurch«
Die AlpenEchos klangen in die weite Nacht zurück und fielen zu einem
tönenden Hauche der nicht der Erinnerung aus der Jugend sondern aus der tiefen
Kindheit glich Wir schwankten ausgefüllt vom Genuss durch tauende Gesträuche
und umgebückte schlaf und tautrunkne Fluren aus denen wir entschlummerte
Blumen rissen um morgen ihre zugefaltete Schlafgestalt zu sehen Wir dachten an
die sonnenlosen Pfade des heutigen Morgens wir gingen ohne Laut vor dem
zwerghaften Gärtchen und Häuschen vorüber und die Kinder und die brotbackende
Frau wurden von den Todesarmen des Schlummers gedrückt und umflochten Die Zeit
hatte den Mond wie einen Sisyphusstein auf den Gipfel des Himmels gewälzet und
ließ ihn wieder sinken In Osten stiegen Sterne in Westen sanken Sterne mitten
im Himmel zersprangen kleine von der Erde abgesandte Sternchen aber die
Ewigkeit stand stumm und groß neben Gott und alles verging vor ihr und alles
entstand vor ihm Das Feld des Lebens und der Unendlichkeit hing nahe und tief
über uns wie ein Blitz herein und alles Große alles Überirdische alle
Verstorbne und alle Engel hoben unsern Geist in ihren blauen Kreis und sanken
ihm entgegen
Wir traten endlich ich an der Hand meiner Schwester Gustav an Beatens
Hand stiller voller heiliger in unser kleines Lilienbad als wir es am Morgen
verlassen hatten Gustav schied zuerst von mir und sagte »In fünf Tagen sehen
wir uns wieder« Beaten führt er ihrer Hütte zu die in Lunens Silberflammen
loderte Die weiße Spitze der Pyramide auf dem Eremitenberge schimmerte tief
entfernt über den langen grünenden Weg zum Tal und durch die Nacht herüber
Neben dieser Pyramide hatten sich die zwei Glücklichen ihre Herzen zuerst
gegeben neben ihr ruhte ein Freund von seinem Leben aus und ihre weiße Spitze
zeigte den Ort wo sein Frühling schöner ist Sie hörten die Blätter der
Terrasse lispeln und den Lebensbaum unter welchem sie nach dem Untergang der
Sonne sich zum zweiten Mal ihre Seelen gegeben hatten O ihr zwei
Überseligen und Guten Jetzt schöpft ein guter Seraph für euch eine
SilberMinute aus dem FreudenMeere das in einer schöneren Erde liegt auf
diesem eilenden Tropfen blinkt die ganze Perspektive des Edens worin der Engel
ist die Minute wird zu euch herunterrinnen aber ach so schnell wird sie
vorübergehen
Beata gab Gustav als Wink zum Abschied das begehrte Blatt er drückte die
Hand aus der es kam an seinen stillen Mund er konnte weder Dank noch
Lebewohl sagen er nahm ihre zweite Hand und alles rief und wiederholte in
ihm »Sie ist ja wieder dein und bleibt es ewig« und er musste weinen über seine
Seligkeit Beata sah ihm in sein überströmendes Herz und ihres floss in eine
Träne über und sie wußt es noch nicht aber als die Träne des heiligsten Auges
auf die Rosenwange glitt und an diesem Rosenblatte mit erzitterndem Schimmer
hing als seine fesselnde und ihre gefesselte Hände sie nicht trocknen konnten
als er mit seinem flammenden Angesicht mit seiner überseligen zerspringenden
Brust die Zähre nehmen wollte und sich nach dem Schönsten auf der Erde wie eine
Entzückung nach der Tugend neigte und mit seinem Gesicht das ihrige berührte
dann führte der Engel der die Erde liebt die zwei frömmsten Lippen zu einem
unauslöschlichen Kusse zusammen dann versanken alle Bäume vergingen alle
Sonnen verflogen alle Himmel und Himmel und Erde hielt Gustav in einem
einzigen Herz an seiner Brust dann gingest du Seraph in die schlagenden
Herzen und gabest ihnen die Flammen der überirdischen Liebe und du hörtest
fliehen von Gustavs heißen Lippen die gehauchten Laute »O du Teure
Unverdiente und so Gute so Gute«
Es sei genug die hohe Minute ist vorübergeflossen der Erdentag schickt
sein Morgenrot schon an den Himmel mein Herz komme zur Ruhe und jedes andre
auch
Fußnoten
1 Die Zahuri in Spanien sehen durch die verschlossene Erde hindurch bis zu ihren
Schätzen hinab zu ihren Toten zu ihren Metallen etc
Vierundfunfzigster oder 6ter FreudenSektor
Tag nach dieser Nacht Beatens Blatt Merkwürdigkeit
Ich bitte die Kritik um Verzeihung wenn ich diese Nacht zu viele Metaphern und
zu viel Feuer und Lärm gemacht ein FreudenSektor so wie die Kritik darüber
muss sich dergleichen gefallen lassen sobald einmal der Verfasser sich eine
ähnliche Überfracht von Zitronensäure Teeblüte Zuckerrohr und Arrak gefallen
lässt wie ich tat
Ich legte mich heute gar nicht nieder die Vögel fingen schon wieder zu
singen an und als der Traum kaum das vergangne Schauspiel einige 40mal wieder
vor den zugesunknen Augen aufgeführet hatte macht ich sie wieder auf weil die
Sonne mich umflammte
Eine durchwachte und durchfreuete Nacht lässt einen Morgen zurück wo man
in einer süßen Abspannung weniger empfindet als phantasieret wo die nächtlichen
Töne und Tänze unsere innern Ohren immerfort anklingen wo die Personen mit
denen wir sie verbrachten in einem schönen Dämmerlichte das unsre Herzen
zieht vor unsern innern Augen schweben In der Tat man liebt nie eine Frau
mehr als nach einer solchen Nacht morgens eh man gefrühstückt
Ich dachte heute tausendmal an meinen Gustav der vor Tage seine fünftägige
Reise angetreten und an meinen festen Ottomar der mit ihm geht Möchtet ihr an
keine Dornen kommen als solche die unter die Rose gesteckt sind unter keine
Wolke treten als die die euch den ganzen blauen Himmel lässt und bloß die
GlutScheibe nimmt und möchte euren Freuden keine fehlen als die dass ihr sie
uns noch nicht erzählen könnt
Alles Sonnenlicht umzauberte und überwallte mir bloß wie erhöhtes
Mondenlicht alle Schattengänge von Lilienbad die vorige Nacht schien mir in den
heutigen Tag herüberzulangen und ich kann nicht sagen wie mir der Mond der
noch mit seinem abgewischten Schimmer wie eine Schneeflocke tief gegen Abend
herhing so willkommen und lieb wurde O blasser Freund der Not und der Nacht
ich denke schon noch an dein elysisches Schimmern an deine abgekühlten
Strahlen womit du uns an Bächen und in Laubgängen begleitest und womit du die
traurige Nacht in einen von weiten gesehenen Tag umkleidest Magischer
Prospektmaler der künftigen Welt für die wir brennen und weinen wie ein
Gestorbner sich verschönert so malest du jene auf unsre irdische wenn sie mit
allen ihren Blumen und Menschen schläft oder schweigend dir zusieht
Ich gäbe heute die vornehmste Visite darum wenn ich eine bei den
Glücklichen des gestrigen Tages machen könnte es ist aber nicht zu tun Sogar
Beata hat heute eine von ihrer Mutter und mein Auge konnte noch nichts von ihr
habhaft werden als die fünf weißen Finger womit sie einen Blumentopf an ihrem
Fenster aus dem Schatten eines Zweiges wegdrehte O wenn unser altes Leben und
unsre Wandelgänge wieder anheben und alles wieder beisammenlebt was soll da die
GelehrtenRepublik nicht zu lesen bekommen
Heute reich ich ihr nichts mehr als Beatens Geleitbrief an Gustav weil ich
ihn nur abzuschreiben brauche Ich schlüpfe dann wieder ins Freie beschiffe
nach der Seekarte meines Kopfes den gestrigen Weg noch einmal und indem ich die
verzettelten Blumen die gestern unsre vollen Hände fallen ließ als Nachflor
auflese find ich die höheren auch Man wird einige Stellen im folgenden
Aufsatze Beaten verzeihen wenn ich voraussage dass sie vielleicht durch ihr
Herz so gut wie durch ihren Vater überlistet der nur ein äusserlicher Renegat
des Katholizismus war von den Engeln und ihrer Anbetung mehr glaubte als
Nicolai und die Schmalkaldischen WarenArtikel einer Luteranerin verstatten
können Denn das schwache und so oft hülflose Weib das nicht weit über diese
Erde zu steigen wagt legt in der Stunde der Not so gern ihre Bitten und ihre
Seufzer vor einer Marie vor einer Seligen vor einem Engel nieder aber der
festere Mann wird nachsichtig einen Wahn nicht rügen der so trösten kann
Wünsche für meinen Freund
»Es ist kein Wahn dass Engel um den bedrohten Menschen mitten in ihren Freuden
wachen wie die Mutter unter ihren Freuden und Geschäften ihre Kinder hütet O
ihr unbekannten Unsterblichen schliesset euch ein einziger Himmel ein Dauert
euch nie der wehrlose Erdensohn Solltet ihr größere Tränen abzutrocknen haben
als unsre Ach wenn der Schöpfer seine Liebe so in euch wie in uns gelegt
hat so sinkt ihr gewiss auf diese Erde und tröstet das umstürmte Herz unter dem
Monde fliegt um die gedrückte Seele deckt eure Hand auf die versiegende Wunde
und denkt an die armen Menschen
Und wenn hienieden ein Geist geht der euch einmal gleichen wird könnt ihr
euren Bruder vergessen Engel der Freude sei mit meinem und deinem Freunde
wenn die Sonne kommt und lass Ihn schöne fromme Morgen angrünen Sei mit Ihm
wenn sie höher geht und wenn Ihn die Arbeit drückt O nimm den entfernten
Seufzer einer Freundin und kühle damit Seinen Sei mit Ihm wenn die Sonne
weicht und richte Sein Auge auf den im weißen Trauergewand aufsteigenden Mond
und auf den weiten Himmel worin der Mond und du gehen
Engel der Tränen und der Geduld Du der du öfter um den Menschen bist Ach
vergesse mein Herz und mein Auge und lass sie bluten sie tun es doch gern
aber stille wie der Tod das Herz und das Auge meines Freundes und zeig ihnen
auf der Erde nichts als den Himmel jenseits der Erde Ach Engel der Tränen
und der Geduld Du kennst das Auge und das Herz das sich für Ihn ergiesset du
wirst Seine Seele vor sie bringen wie man Blumen in den Sommerregen stellt
Aber tu es nicht wenn es Ihn zu traurig macht O Engel der Geduld ich liebe
dich ich kenne dich ich werde in deinen Armen sterben
Engel der Freundschaft vielleicht bist du der vorige Engel ach
Dein himmlischer Flügel hülle Sein Herz ein und wärm es schöner als die
Menschen können ach du würdest auf einer andern Erde und ich auf dieser
weinen wenn an einem kalten Herzen Sein heißes wie am gefrierenden Eisen die
warme Hand anklebte und blutig abrisse O bedeck Ihn aber wenn du es
nicht kannst so sag mir Seinen Jammer nicht
O ihr immer Glücklichen in andern Welten euch stirbt nichts ihr verliert
nichts und habt alles Was ihr liebt drückt ihr an eine ewige Brust was ihr
habt haltet ihr in ewigen Händen Könnt ihrs denn fühlen in euren glänzenden
Höhen droben in eurem ewigen Seelenbunde dass die Menschen hienieden getrennt
werden dass wir einander nur aus Särgen eh sie untersinken die Hände reichen
ach dass der Tod nicht das einzige nicht das Schmerzhafteste ist was Menschen
scheidet Eh er uns auseinandernimmt so drängt sich noch manche kältere Hand
herein und spaltet Seele von Seele dann fliesset ja auch das Auge und das
Herz fällt klagend zu ebensogut als hätte der Tod zertrennt wie in der
völligen Sonnenfinsternis so gut wie in der längeren Nacht der Tau sinkt die
Nachtigall klagt die Blume zuquillt
Alles Gute alles Schöne alles was den Menschen beglückt und erhebt sei
mit meinem Freunde und alle meine Wünsche vereinigt mein stilles Gebet
Ich tue sie alle mit nicht bloß für Gustav sondern für jeden Guten den ich
kenne und für die andern auch«
Ob es gleich schon elf Uhr nachts ist so muss ich dem Leser doch etwas
MelancholischSchönes melden das eben vorüberzog Ein singendes Wesen schwebte
durch unser Tal aber von Blättern und Dämmerung verdeckt weil der Mond noch
nicht auf war Es sang schöner als ich noch hörte
Niemand nirgends nie
Die Träne die fällt
Der Engel der leuchtet
Es schweigt
Es leidet
Es hofft
Ich und Du
Offenbar fehlt jeder Zeile die Hälfte und jeder Antwort die Frage Es fiel
mir schon einige Male ein dass der Genius der unsern Freund unter der Erde
erzog ihm beim Abschiede Fragen und Dissonanzen dagelassen deren Antworten und
Auflösungen er mitgenommen ich denk ich hab es dem Leser auch gesagt Ich
wollte Gustav wäre da Aber ich habe nicht den Mut mir die Freude auszudenken
dass auch der Genius sich in unsre FreudenGirlande zu Lilienbad eindränge Ich
höre noch immer die gezognen Flötentöne aus diesem unbekannten Busen hinter den
Blüten klagen aber sie machen mich traurig Hier liegen die ewig schlafenden
Blumen die ich heute auf dem Steige unsrer letzten Nacht zusammentrug neben
aufgefalteten wachenden die ich erst ausriss sie machen mich auch traurig
Es gibt für mich und meine Leser nichts Nötigeres als jetzt einen neuen
Freuden anzuheben damit wir unser altes Leben fortsetzen
O Lilienbad du bist nur einmal in der Welt und wenn du noch einmal
vorhanden bist so heissest du Vzka
Letzter Sektor
Wir unglücklichen Brunnengäste Es ist vorbei mit den Freuden in Lilienbad
Die obige Überschrift konnte noch mein Bruder machen eh er nach Maussenbach
forteilte Denn Gustav liegt da im Gefängnis Es ist alles unbegreiflich Meine
Freundin Beata unterliegt den Nachrichten die wir haben und die im folgenden
Briefe vom Herrn Doktor Fenk an meinen Bruder heute ankamen Es ist schmerzhaft
für eine Schwester dass sie allzeit bloß in Trauerfällen die Feder für den
Bruder nehmen muss Wahrscheinlich wird die folgende Hiobspost dieses ganze Buch
so wie unsere bisherigen schönen Tage beschließen
»Ich will dich mein teuerer Freund nicht wie ein Weib schonen sondern dir
auf einmal den ganzen außerordentlichen Schlag erzählen der unsere glücklichen
Stunden getroffen hat und am meisten die unserer beiden Freunde
Drei Tage nach unserer schönen Nacht erinnerst du dich noch an eine
gewisse Bemerkung von Ottomar über die Gefährlichkeit der Entzückungen will
der Professor Hoppedizel seinen unbesonnenen Spaß ausführen im Maussenbachschen
Schloss einzubrechen Der pfiffige Jäger Robisch war gerade nicht zu Hause
sondern mit deinem Vorfahrer dem Regierungrat Kolb auf einer Streiferei nach
Diebgesindel bei der sie aus Lust mitzogen Bemerke eine Menge Umstände und
Personen verknüpfen sich hier die schwerlich der Zufall zusammengeleitet hat
Der Professor kommt mit sechs Kameraden und hat eine Leiter mit um sie an
dem seit Jahren zerbrochnen Fenster das nach Auental hinübersieht anzulegen
Aber als er unter das Fenster tritt steht schon eine daran Er nimmts für den
besten Zufall und sie steigen sämtlich beinahe hintereinander hinauf Oben
langt eine Hand eine silberne Degenkuppel heraus und will sie geben der
Professor ergreift beide und springt über das Fenster hinein Darin war was er
schien ein Dieb welcher Handlanger auf der Leiter erwartete Der diebische
Realist fällt den Nominalisten mit wütender Verzweiflung an die Galerie auf
der Leiter stürzet gar nach und vermehrt das fechtende Gewimmel Die Stöße auf
dem Fußboden lärmen den horchenden Röper weniger aus seinem Schlafe als Bette
auf er sein ganzes Haus und dieses seinen Gerichtdiener es kurz zu sagen
in wenigen Minuten hatt er mit der Wut womit der Geizige seine Güter rettet
und hält die spasshaften Diebe und den ernstaften zu Gafangenen gemacht der
wahre Dieb mochte noch so sehr um sich schlagen und der Professor noch so sehr
disputieren Jetzt sitzt alles fest und wartet auf dich
Ach hältst du es aus wenn ich dir alles sage Die Streifer Kolb und
Robisch finden um Maussenbach die Bundgenossen des ertappten Diebs dringen in
den Wald gehen einer Höhle zu als wüssten sie dass sie zu etwas führe finden
eine unterirdische Menschenwelt O dass gerade du zu deinem Unglück da
getroffen werden musstest du Unschuldiger und Unglücklicher nun schlägt dein
sanftes Herz auch an der Kerkerwand soll ich dir deinen Freund Gustav nennen
Eile eile damit es sich anders wende
Sieh nicht bloß auf deine auch auf meine Brust hat dieser Tag sich heftig
geworfen Hältst du es aus wenn ich noch mehr sage dass es nur ein Zufall
ist dass Ottomar noch lebt Ich brachte ihm die Nachricht unseres Unglücks
Mit einem schrecklichen Sträuben seiner Natur in der jede Fiber mit einem
andern Schauer kämpfte hört er mir zu und fragte mich ob keiner mit sechs
Fingern gefangen genommen worden Ich habe in jener Waldhöhle sagt er einen
schweren Eid getan unsere unterirdische Verbindung niemand zu offenbaren
ausgenommen eine Stunde vor meinem Tode Fenk ich will dir jetzo die ganze
Verbindung offenbaren Mein Sträuben und Flehen half nichts er offenbarte mir
alles Gustav muss gerechtfertiget werden sagt er Aber diese Geschichte ist
nirgends sicher kaum im getreuesten Busen geschweige auf diesem Papier
Ottomar wurde von seiner sogenannten VernichtMinute angefallen Ich ließ seine
Hand nicht aus meiner damit er über seine Stunde hinauslebte und seinen Eid
bräche Es gibt nichts Höheres als einen Menschen der das Leben verachtet
und in dieser Hoheit stand mein Freund vor mir der in seiner Höhle mehr gewagt
und besser gelebt hatte als alle Scheerauer Ich sah es ihm an dass er sterben
wollte Es war Nacht Wir waren in der Stube wo die wächsernen Mumien mit
schwarzen Sträussern stehen die den Menschen erinnern wie wenig er war wie
wenig er ist Beuge sagt er denn ich kettete mich an ihn deinen Kopf weg
dass ich in den Sirius sehe dass ich in den unendlichen Himmel hinaussehe und
einen Trost habe dass ich mich hinwegsetze über eine Erde mehr oder weniger O
mache mir Freund das Sterben nicht so sauer und zürne und traure nicht O
schau wie der ganze Himmel von einer Unendlichkeit zur andern schimmert und
lebt und nichts droben tot ist die Menschen aller dieser WachsLeichname
wohnen darin in jenem Blau O ihr Abgeschiednen heute zieh ich auch zu euch
in welche Sonne auch mein menschlicher Lichtfunke springen möge wenn der Körper
von ihm niederschmilzt ich find euch wieder
Das Ausschlagen jeder Viertelstunde hatte bisher mein Herz durchstochen
aber die letzte Viertelstunde tönte mich wie eine Leichenglocke an ich bewachte
ängstlich seine Hände und Schritte er fiel um mich Nein nein sagt ich hier
ist kein Abschied ich hasse dich bis ins Grab hinein wenn du etwas im Sinne
hast umarme mich nicht Er hatt es schon getan sein ganzes Wesen war ein
schlagendes Herz er wollte in der Empfindung der Freundschaft vergehen er
presste seine Brust an meine und seine Seele an meine Ich umarme dich sagt
er auf der Erde in welche Welt auch der Tod mich werfe ich vergesse deiner
nicht ich werde dort nach der Erde sehen und meine Arme ausbreiten nach dem
irdischen Freunde und nichts soll meine Arme füllen als die getreue die
belastete Brust derer die mit mir hier gelitten die mit mir hier die Erde
getragen haben Sieh du weinst und wolltest mich doch nicht umarmen o
Geliebter an dir fühl ich die Eitelkeit der Erde nicht du wirst ja auch
sterben Großes Wesen über der Erde Hier riss er sich von mir und
stürzte auf seine Knie und betete Zerstör mich nicht bestraf mich nicht ich
gehe weg von dieser Erde du weißt wo der Mensch ankommt du weißt was das
Erdenleben und das Erdentun ist Aber o Gott der Mensch hat ein zweites Herz
eine zweite Seele seinen Freund Gib mir den Freund wieder mit meinem Leben
wenn einmal alle Menschenherzen stocken und alles Menschenblut in Gräbern
verfault o gütiges liebendes Wesen hauch dann über die Menschen und zeige der
Ewigkeit ihre Liebe Ein Aufsprung ein Flug an mich eine umarmende
Zerdrückung ein Schlag an die Wand ein Schuss aus ihr
Er lebt aber noch
Fenk«
Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auental
Eine Art Idylle
Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille du vergnügtes
Schulmeisterlein Wutz Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit
Gewölk sondern mit Duft um dein Leben herum deine Epochen waren die
Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie deren Blätter auf
stehende Blumen flattern und schon außer dem Grabe schliefest du sanft
Jetzt aber meine Freunde müssen vor allen Dingen die Stühle um den Ofen
der Schenktisch mit dem Trinkwasser an unsre Knie gerückt und die Vorhänge
zugezogen und die Schlafmützen aufgesetzt werden und an die grand monde über
der Gasse drüben und ans Palais royal muss keiner von uns denken bloß weil ich
die ruhige Geschichte des vergnügten Schulmeisterlein erzähle und du mein
lieber Christian der du eine einatmende Brust für die einzigen feuerbeständigen
Freuden des Lebens für die häuslichen hast setze dich auf den Arm des
Grossvaterstuhls aus dem ich heraus erzähle und lehne dich zuweilen ein wenig
an mich Du machst mich gar nicht irre
Seit der Schwedenzeit waren die Wutze Schulmeister in Auental und ich
glaube nicht dass einer vom Pfarrer oder von seiner Gemeinde verklagt wurde
Allemal acht oder neun Jahre nach der Hochzeit versahen Wutz und Sohn das Amt
mit Verstand unser Maria Wutz dozierte unter seinem Vater schon in der Woche
das Abc in der er das Buchstabieren erlernte das nichts taugt Der Charakter
unsers Wutz hatte wie der Unterricht anderer Schulleute etwas Spielendes und
Kindisches aber nicht im Kummer sondern in der Freude
Schon in der Kindheit war er ein wenig kindisch Denn es gibt zweierlei
Kinderspiele kindische und ernsthafte die ernstaften sind Nachahmungen der
Erwachsenen das Kaufmann Soldaten HandwerkerSpielen die kindischen sind
Nachäffungen der Tiere Wutz war beim Spielen nie etwas anders als ein Hase
eine Turteltaube oder das Junge derselben ein Bär ein Pferd oder gar der Wagen
daran Glaubt mir ein Seraph findet auch in unsern Kollegien und Hörsälen keine
Geschäfte sondern nur Spiele und wenn ers hoch treibt jene zweierlei Spiele
Indes hatt er auch wie alle Philosophen seine ernstaftesten Geschäfte
und Stunden Setzte er nicht schon längst ehe die brandenburgischen
erwachsenen Geistlichen nur fünf Fäden von buntem Überzug umtaten sich dadurch
über große Vorurteile weg dass er eine blaue Schürze die seltener der geistliche
Ornat als der in ein Amt tragende Dr FaustsMantel guter Kandidaten ist
vormittags über sich warf und in diesem himmelfarbigen Messgewand der Magd seines
Vaters die vielen Sünden vorhielt die sie um Himmel und Hölle bringen konnten
Ja er griff seinen eignen Vater an aber nachmittags denn wenn er diesem
Kobers Kabinettprediger vorlas wars seine innige Freude dann und wann zwei
drei Worte oder gar Zeilen aus eignen Ideen einzuschalten und diese
Interpolation mit wegzulesen als spräche Herr Kober selbst mit seinem Vater
Ich denke ich werfe durch diese Personalie vieles Licht auf ihn und einen Spaß
den er später auf der Kanzel trieb als er auch nachmittags den Kirchgängern die
Postille an Pfarrers Statt vorlas aber mit so viel hineingespielten eignen
Verlagartikeln und Fabrikaten dass er dem Teufel Schaden tat und dessen Diener
rührte »Justel« sagt er nachher um 4 Uhr zu seiner Frau »was weißt du unten
in deinem Stuhl wie prächtig es einem oben ist zumal unter dem Kanzelliede«
Wir könnens leicht bei seinen älteren Jahren erfragen wie er in seinen
Flegeljahren war Im Dezember von jenen ließ er allemal das Licht eine Stunde
später bringen weil er in dieser Stunde seine Kindheit jeden Tag nahm er
einen andern Tag vor rekapitulierte Indem der Wind seine Fenster mit
SchneeVorhängen verfinsterte und indem ihn aus den OfenFugen das Feuer
anblinkte drückte er die Augen zu und ließ auf die gefrornen Wiesen den längst
vermoderten Frühling niedertauen da bauete er sich mit der Schwester in den
Heuschober ein und fuhr auf dem architektonisch gewölbten HeuGebirge des Wagens
heim und riet droben mit geschlossenen Augen wo sie wohl nun führen In der
Abendkühle unter dem SchwalbenScharmuzieren über sich schoss er froh über die
untere Entkleidung und das Deshabillé der Beine als schreiende Schwalbe herum
und mauerte sich für sein Junges ein hölzerner Weihnachtahn mit angepichten
Federn wars eine KotRotunda mit einem Schnabel von Holz und trug hernach
Bettstroh und Bettfedern zu Nest Für eine andere palingenesierende
WinterAbendstunde wurde ein prächtiger Trinitatis ich wollt es gäbe 365
Trinitatis aufgehoben wo er am Morgen im tönenden Lenz um ihn und in ihm mit
läutendem SchlüsselBund durch das Dorf in den Garten stolzierte sich im Tau
abkühlte und das glühende Gesicht durch die tropfende JohannisbeerStaude
drängte sich mit dem hochstämmigen Grase maß und mit zwei schwachen Fingern die
Rosen für den Herrn Senior und sein Kanzelpult abdrehte An eben diesem
Trinitatis das war die zweite Schüssel an dem nämlichen DezemberAbend
quetschete er mit dem Sonnenschein auf dem Rücken den Orgeltasten den Choral
»Gott in der Höh sei Ehr« ein oder ab mehr kann er noch nicht und streckte
die kurzen Beine mit vergeblichen Näherungen zur ParterreTastatur hinunter und
der Vater riss für ihn die richtigen Register heraus Er würde die
ungleichartigsten Dinge zusammenschütten wenn er sich in den gedachten beiden
Abendstunden erinnerte was er im KindheitDezember vornahm aber er war so
klug dass er sich erst in einer dritten darauf besann wie er sonst abends sich
aufs Zuketten der Fensterläden freute weil er nun ganz gesichert vor allem in
der lichten Stube hockte daher er nicht gern lange in die von abspiegelnden
Fensterscheiben über die Läden hinausgelagerte Stube hineinsah wie er und seine
Geschwister die abendliche Kocherei der Mutter ausspionierten unterstützten und
unterbrachen und wie er und sie mit zugedrückten Augen und zwischen den
BrustwehrSchenkeln des Vaters auf das Blenden des kommenden Talglichts sich
spitzten und wie sie in dem aus dem unabsehlichen Gewölbe des Universums
herausgeschnittenen oder hineingebauten Kloset ihrer Stube so beschirmet waren
so warm so satt so wohl Und alle Jahre sooft er diese Retourfuhre seiner
Kindheit und des Wolfmonats darin veranstaltete vergaß und erstaunt er
sobald das Licht angezündet wurde dass in der Stube die er sich wie ein
LorettoHäuschen aus dem KindheitKanaan herüberholte er ja gerade jetzt säße
So beschreibt er wenigstens selber diese ErinnerunghohenOpern in seinen
Rousseauischen Spaziergängen die ich da vor mich lege um nicht zu lügen
Allein ich schnüre mir den Fuß mit lauter Wurzelngeflecht und Dickicht ein
wenn ichs nicht dadurch wegreisse dass ich einen gewissen äußerst wichtigen
Umstand aus seinem männlichen Alter herausschneide und sogleich jetzo aufsetze
nachher aber soll ordentlich a priori angefangen und mit dem Schulmeisterlein
langsam in den drei aufsteigenden Zeichen der Alterstufen hinauf und auf der
andern Seite in den drei niedersteigenden wieder hinab gegangen werden bis
Wutz am Fuß der tiefsten Stufe vor uns ins Grab fällt
Ich wollte ich hätte dieses Gleichnis nicht genommen Sooft ich in Lavaters
Fragmenten oder in Komenii orbis pictus oder an einer Wand das Blut und
Trauergerüste der sieben LebensStationen besah sooft ich zuschauete wie das
gemalte Geschöpf sich verlängernd und ausstreckend die AmeisenPyramide
aufklettert drei Minuten droben sich umblickt und einkriechend auf der andern
Seite niederfährt und abgekürzt umkugelt auf die um diese Schädelstätte liegende
Vorwelt und sooft ich vor das atmende Rosengesicht voll Frühlinge und voll
Durst einen Himmel auszutrinken trete und bedenke dass nicht Jahrtausende
sondern Jahrzehende dieses Gesicht in das zusammengeronnene zerknüllte Gesicht
voll überlebter Hoffnungen ausgedorret haben Aber indem ich über andre mich
betrübe heben und senken mich die Stufen selber und wir wollen einander nicht
so ernstaft machen
Der wichtige Umstand bei dem uns wie man behauptet so viel daran gelegen
ist ihn voraus zu hören ist nämlich der dass Wutz eine ganze Bibliothek wie
hätte der Mann sich eine kaufen können sich eigenhändig schrieb Sein
Schreibzeug war seine Taschendruckerei jedes neue Messprodukt dessen Titel das
Meisterlein ansichtig wurde war nun so gut als geschrieben oder gekauft denn
es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt und schenkt es seiner
ansehnlichen Büchersammlung die wie die heidnischen aus lauter Handschriften
bestand ZB kaum waren die physiognomischen Fragmente von Lavater da so ließ
Wutz diesem fruchtbaren Kopfe dadurch wenig voraus dass er sein Konzeptpapier in
Quarto brach und drei Wochen lang nicht vom Sessel wegging sondern an seinem
eignen Kopfe so lange zog bis er den physiognomischen Fötus herausgebracht
er bettete den Fötus aufs Bücherbrett hin und bis er sich dem Schweizer
nachgeschrieben hatte Diese Wutzische Fragmente übertitelte er die Lavaterschen
und merkte an »er hätte nichts gegen die gedruckten aber seine Hand sei
hoffentlich ebenso leserlich wenn nicht besser als irgendein
MittelFrakturDruck« Er war kein verdammter Nachdrucker der das Original
hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt sondern er nahm gar keines zur Hand
Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklären erstlich die dass es
manchmal mit ihm haperte und dass er zB im ganzen Federschen Traktat über Raum
und Zeit von nichts handelte als vom SchiffsRaum und der Zeit die man bei
Weibern Menses nennt Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache da er einige
Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte
so nahm er die Meinung an seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen
Urkunden und die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschriebnen nur
das klagt er könn er und böten die Leute ihm Balleien dafür an nicht
herauskriegen wienach und warum der Buchführer das Gedruckte allzeit so sehr
verfälsche und umsetze dass man wahrhaftig schwören sollte das Gedruckte und
das Geschriebne hätten doppelte Verfasser wüsste man es nicht sonst
Es war einfältig wenn etwa ihm zum Possen ein Autor sein Werk gründlich
schrieb nämlich in Querfolio oder witzig nämlich in Sedez denn sein
Mitmeister Wutz sprang den Augenblick herbei und legte seinen Bogen in die Quere
hin oder krempte ihn in Sedezimo ein
Nur ein Buch ließ er in sein Haus den Messkatalog denn die besten
Inventarienstücke desselben musste der Senior am Rande mit einer schwarzen Hand
bestempeln damit er sie hurtig genug schreiben konnte um das OstermessHeu in
die Panse des Bücherschranks hineinzumähen eh das MichaelisGrummet
herausschoss Ich möchte seine Meisterstücke nicht schreiben Den größten Schaden
hatte der Mann davon Verstopfung zu halben Wochen und Schnupfen auf der andern
Seite wenn der Senior sein Friedrich Nicolai zu viel Gutes das er zu
schreiben hatte anstrich und seine Hand durch die gemalte anspornte und sein
Sohn klagte oft dass in manchen Jahren sein Vater vor literarischer Geburtarbeit
kaum niesen konnte weil er auf einmal Sturms Betrachtungen die verbesserte
Auflage Schillers Räuber und Kants Kritik der reinen Vernunft der Welt zu
schenken hatte Das geschah bei Tage abends aber musste der gute Mann nach dem
Abendessen noch gar um den Südpol rudern und konnte auf seiner Kookischen Reise
kaum drei gescheite Worte zum Sohne nach Deutschland hinaufreden Denn da unser
Enzyklopädist nie das innere Afrika oder nur einen spanischen MauleselStall
betreten oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte so hatt er desto mehr
Zeit und Fähigkeit von beiden und allen Ländern reichhaltige
Reisebeschreibungen zu liefern ich meine solche worauf der Statistiker der
MenschheitGeschichtschreiber und ich selber fussen können erstlich deswegen
weil auch andre Reisejournalisten häufig ihre Beschreibungen ohne die Reise
machen zweitens auch weil Reisebeschreibungen überhaupt unmöglich auf eine
andre Art zu machen sind angesehen noch kein Reisebeschreiber wirklich vor oder
in dem Lande stand das er silhouettierte denn so viel hat auch der Dümmste
noch aus Leibnizens vorherbestimmten Harmonie im Kopfe dass die Seele zB die
Seelen eines Forsters Brydone Björnstähls insgesamt sesshaft auf dem
Isolierschemel der versteinerten Zirbeldrüse ja nichts anders von Südindien
oder Europa beschreiben können als was jede sich davon selber erdenkt und was
sie beim gänzlichen Mangel äußerer Eindrücke aus ihren fünf KankerSpinnwarzen
vorspinnt und abzwirnt Wutz zerrete sein Reisejournal auch aus niemand anders
als aus sich
Er schreibt über alles und wenn die gelehrte Welt sich darüber wundert dass
er fünf Wochen nach dem Abdruck der Werterschen Leiden einen alten Flederwisch
nahm und sich eine harte Spule auszog und damit stehendes Fußes sie schrieb die
Leiden ganz Deutschland ahmte nachher seine Leiden nach so wundert sich
niemand weniger über die gelehrte Welt als ich denn wie kann sie Rousseaus
Bekenntnisse gesehen und gelesen haben die Wutz schrieb und die dato noch unter
seinen Papieren liegen In diesen spricht aber JJ Rousseau oder Wutz das ist
einerlei so von sich allein mit andern EinkleidWorten »er würde wahrhaftig
nicht so dumm sein dass er Federn nähme und die besten Werke machte wenn er
nichts brauchte als bloß den Beutel aufzubinden und sie zu erhandeln Allein er
habe nichts darin als zwei schwarze Hemdknöpfe und einen kotigen Kreuzer Woll
er mithin etwas Gescheites lesen zB aus der praktischen Arzneikunde und aus
der KrankenUniversalhistorie so muss er sich an seinen triefenden
Fensterstock setzen und den Bettel ersinnen An wen woll er sich wenden um den
Hintergrund des FreimäurerGeheimnisses auszuhorchen an welches DionysiusOhr
mein er als an seine zwei eignen Auf diese an seinen eignen Kopf angeöhrten
hör er sehr und indem er die FreimäurerReden die er schreibe genau
durchlese und zu verstehen trachte so merk er zuletzt allerhand Wunderdinge
und komme weit und rieche im ganzen genommen Lunten Da er von Chemie und
Alchemie so viel wisse wie Adam nach dem Fall als er alles vergessen hatte so
sei ihm ein rechter Gefallen geschehen dass er sich den Annulus Platonis
geschmiedet diesen silbernen Ring um den BleiSaturn diesen GygesRing der so
vielerlei unsichtbar mache Gehirne und Metalle denn aus diesem Buche dürft
er sollt ers nur einmal ordentlich begreifen frappant wissen wo Bartel Most
hole« Jetzt wollen wir wieder in seine Kindheit zurück
Im zehnten Jahre verpuppte er sich in einen mulattenfarbigen Alumnus und
oberen Quintaner der Stadt Scheerau Sein Examinator muss mein Zeuge sein dass es
keine weiße Schminke ist die ich meinem Helden anstreiche wenn ichs zu
berichten wage dass er nur noch ein Blatt bis zur vierten Deklination
zurückzulegen hatte und dass er die ganze GeschlechtAusnahme torax caudex
pulexque vor der Quinta wie ein Wecker abrollte bloß die Regel wußt er nicht
Unter allen Nischen des Alumneums war nur eine so gescheuert und geordnet
gleich der Prunkküche einer Nürnbergerin das war seine denn zufriedene
Menschen sind die ordentlichsten Er kaufte sich aus seinem Beutel für zwei
Kreuzer Nägel und beschlug seine Zelle damit um für alle Effekten besondere
Nägel zu haben er schlichtete seine Schreibbücher so lange bis ihre Rücken so
bleirecht aufeinander lagen wie eine preußische Fronte und er ging beim
Mondschein aus dem Bette und visierte so lange um seine Schuhe herum bis sie
parallel nebeneinander standen War alles metrisch so rieb er die Hände riss
die Achseln über die Ohren hinauf sprang empor schüttelte sich fast den Kopf
herab und lachte ungemein
Eh ich von ihm weiter beweise dass er im Alumneum glücklich war will ich
beweisen dass dergleichen kein Spaß war sondern eine herkulische Arbeit
Hundert ägyptische Plagen hält man für keine bloß weil sie uns nur in der
Jugend heimsuchen wo moralische Wunden und komplizierte Frakturen so hurtig
zuheilen wie physische grünendes Holz bricht nicht so leicht wie dürres
entzwei Alle Einrichtungen legen es dar dass ein Alumneum seiner ältesten
Bestimmung nach ein protestantisches KnabenKloster sein soll aber dabei sollte
man es lassen man sollte ein solches PräservationsZuchthaus in kein
Lustschloss ein solches Misantropin in kein Philantropin verwandeln wollen
Müssen nicht die glücklichen Inhaftaten einer solchen Fürstenschule die drei
Klostergelübde ablegen Erstlich das des Gehorsams da der SchülerGuardian und
Novizenmeister seinen schwarzen Novizen das Spornrad der häufigsten widrigsten
Befehle und Ertötungen in die Seite sticht Zweitens das der Armut da sie nicht
Kruditäten und übrige Brocken sondern Hunger von einem Tage zum andern aufheben
und übertragen und Karminati vermochte ganze Invalidenhäuser mit dem
SupernumerärMagensaft der Konviktorien und Alumneen auszuheilen Das Gelübde
der Keuschheit tut sich nachher von selbst sobald ein Mensch den ganzen Tag zu
laufen und zu fasten hat und keine andern Bewegungen entbehrt als die
peristaltischen Zu wichtigen Ämtern muss der Staatsbürger erst gehänselt werden
Verdient denn aber bloß der katholische Novize zum Mönch geprügelt oder ein
elender Ladenjunge in Bremen zum Kaufmannsdiener geräuchert oder ein
sittenloser Südamerikaner zum Kaziken durch beides und durch mehre in meinen
Exzerpten stehende Qualen appretiert und sublimiert zu werden Ist ein
luterischer Pfarrer nicht ebenso wichtig und sind seiner künftigen Bestimmung
nicht ebensogut solche übende Martern nötig Zum Glück hat er sie vielleicht
mauerte die Vorwelt die Schulpforten deren Konklavisten insgesamt wahre Knechte
der Knechte sind bloß seinetwegen auf denn andern Fakultäten ist mit dieser
Kreuzigung und Radbrechung des Fleisches und Geistes zu wenig gedient Daher
ist auch das so oft getadelte Chor Gassen und Leichensingen der Alumnen ein
recht gutes Mittel protestantische Klosterleute aus ihnen zu ziehen und
selbst ihr schwarzer Überzug und die kanonische MohrenEnveloppe des Mantels ist
etwas Ähnliches von der Mönchkutte Daher schießen in Leipzig um die
Tomasschüler da doch einmal die Geistlichen die PerückenWammen anhängen
müssen wenigstens die Herzblätter eines aufkapfenden Perückchens herum das wie
ein Pultdach oder wie halbe Flügeldecken sich auf dem Kopfe umsieht In den
alten Klöstern war die Gelehrsamkeit Strafe nur Schuldige mussten da lateinische
Psalmen auswendig lernen oder Autores abschreiben in guten armen Schulen wird
dieses Strafen nicht vernachlässigt und sparsamer Unterricht wird da stets als
ein unschuldiges Mittel angeordnet den armen Schüler damit zu züchtigen und zu
mortifizieren
Bloß dem Schulmeisterlein hatte diese Kreuzschule wenig an den ganzen Tag
freute er sich auf oder über etwas »Vor dem Aufstehen« sagt er »freu ich
mich auf das Frühstück den ganzen Vormittag aufs Mittagessen zur Vesperzeit
aufs Vesperbrot und abends aufs Nachtbrot und so hat der Alumnus Wutz sich
stets auf etwas zu spitzen« Trank er tief so sagt er »Das hat meinem Wutz
geschmeckt« und strich sich den Magen Niesete er so sagte er »Helf dir Gott
Wutz« Im fieberfrostigen Novemberwetter letzte er sich auf der Gasse mit der
Vormalung des warmen Ofens und mit der närrischen Freude dass er eine Hand um
die andre unter seinem Mantel wie zu Hause stecken hatte War der Tag gar zu
toll und windig es gibt für uns Wichte solche Hatztage wo die ganze Erde ein
Hatzhaus ist und wo die Plagen wie spaßhaft gehende Wasserkünste uns bei jedem
Schritte ansprützen und einfeuchten so war das Meisterlein so pfiffig dass es
sich unter das Wetter hinsetzte und sich nichts darum schor es war nicht
Ergebung die das unvermeidliche Übel aufnimmt nicht Abhärtung die das
ungefühlte trägt nicht Philosophie die das verdünnte verdauet oder Religion
die das belohnte verwindet sondern der Gedanke ans warme Bett wars »Abends«
dacht er »lieg ich auf alle Fälle sie mögen mich den ganzen Tag zwicken und
hetzen wie sie wollen unter meiner warmen Zudeck und drücke die Nase ruhig ans
Kopfkissen acht Stunden lang« Und kroch er endlich in der letzten Stunde
eines solchen Leidentages unter sein Oberbett so schüttelte er sich darin
krempte sich mit den Knien bis an den Nabel zusammen und sagte zu sich »Siehst
du Wutz es ist doch vorbei«
Ein andrer Paragraph aus der Wutzischen Kunst stets fröhlich zu sein war
sein zweiter Pfiff stets fröhlich aufzuwachen und um dies zu können bedient
er sich eines dritten und hob immer vom Tage vorher etwas Angenehmes für den
Morgen auf entweder gebackne Klösse oder ebensoviel äußerst gefährliche Blätter
aus dem Robinson der ihm lieber war als Homer oder auch junge Vögel oder
junge Pflanzen an denen er am Morgen nachzusehen hatte wie nachts Federn und
Blätter gewachsen
Den dritten und vielleicht durchdachtesten Paragraphen seiner Kunst
fröhlich zu sein arbeitete er erst aus da er Sekundaner ward
er wurde verliebt
Eine solche Ausarbeitung wäre meine Sache Aber da ich hier zum ersten
Male in meinem Leben mich mit meiner Reisskohle an das Blumenstück gemalter Liebe
mache so muss auf der Stelle abgebrochen werden damit fortgerissen werde morgen
um 6 Uhr mit weniger niedergebranntem Feuer
Wenn Venedig Rom und Wien und die ganze LuststädteBank sich zusammentäten
und mich mit einem solchen Karneval beschenken wollten das dem beikäme welches
mitten in der schwarzen KantorsStube in Joditz war wo wir Kinder von 8 Uhr bis
11 forttanzten so lange währte unsre Faschingzeit in der wir den Appetit zur
FastnachtHirse versprangen so machten sich jene Residenzstädte zwar an etwas
Unmögliches und Lächerliches aber doch an nichts so Unmögliches wie dies
wäre wenn sie dem Alumnus Wutz den Fastnachtmorgen mit seinen
Karnevallustbarkeiten wiedergeben wollten als er als unterer Sekundaner auf
Besuch in der Tanz und Schulstube seines Vaters am Morgen gegen 10 Uhr
ordentlich verliebt wurde Eine solche Faschinglustbarkeit trautes
Schulmeisterlein wo denkst du hin Aber er dachte an nichts hin als zu
Justina die ich selten oder niemals wie die Auentaler Justel nennen werde Da
der Alumnus unter dem Tanzen wenige Gymnasiasten hätten mitgetanzt aber Wutz
war nie stolz und immer eitel den Augenblick weghatte was ihn nicht einmal
eingerechnet an der Justel wäre dass sie ein hübsches gelenkiges Ding und
schon im Briefschreiben und in der Regeldetri in Brüchen und die Patin der Frau
Seniorin und in einem Alter von 15 Jahren und nur als eine GastTänzerin mit in
der Stube sei so tat der GastTänzer seines Orts was in solchen Fällen zu tun
ist er wurde wie gesagt verliebt schon beim ersten Schleifer flogs wie
Fieberhitze an ihn unter dem Ordnen zum zweiten wo er stillstehend die warme
Inlage seiner rechten Hand bedachte und befühlte stiegs unverhältnismässig er
tanzte sich augenscheinlich in die Liebe und in ihre Garne hinein Als sie
noch dazu die roten Haubenbänder auseinanderfallen und sie ungemein nachlässig
um den nackten Hals zurückflattern ließ so vernahm er die Bassgeige nicht mehr
und als sie endlich gar mit einem roten Schnupftuch sich Kühlung vorwedelte und
es hinter und vor ihm fliegen ließ so war ihm nicht mehr zu helfen und hätten
die vier großen und die zwölf kleinen Propheten zum Fenster hineingepredigt
Denn einem Schnupftuch in einer weiblichen Hand erlag er stets auf der Stelle
ohne weitere Gegenwehr wie der Löwe dem gedrehten Wagenrade und der Elefant der
Maus Dorfkoketten machen sich aus dem Schnupftuch die nämliche Feldschlange und
Kriegmaschine die sich die Stadtkoketten aus dem Fächer machen aber die Wellen
eines Tuchs sind gefälliger als das knackende TrutahnsRadschlagen der bunten
Streitkolbe des Fächers
Auf alle Fälle kann unser Wutz sich damit entschuldigen dass seines Wissens
die Örter öffentlicher Freude das Herz für alle Empfindungen die viel Platz
bedürfen für Aufopferung für Mut und auch für Liebe weiter machen freilich
in den engen Amtund Arbeitstuben auf Ratäusern in geheimen Kabinetten liegen
unsre Herzen wie auf ebenso vielen Welkboden und Darrofen und runzeln ein
Wutz trug seinen mit dem Gas der Liebe aufgefüllten und emporgetriebnen
Herzballon freudig ins Alumneum zurück ohne jemand eine Silbe zu melden am
wenigsten der SchnupftuchFahnenjunkerin selber nicht aus Scheu sondern weil
er nie mehr begehrte als die Gegenwart er war nur froh dass er selber verliebt
war und dachte an weiter nichts
Warum ließ der Himmel gerade in die Jugend das Lustrum der Liebe fallen
Vielleicht weil man gerade da in Alumneen Schreibstuben und andern Giftütten
keucht da steigt die Liebe wie aufblühendes Gesträuch an den Fenstern jener
Marterkammern empor und zeigt in schwankenden Schatten den großen Frühling von
außen Denn Er und ich mein Herr Präfektus und auch Sie verdiente Schuldiener
des Alumneums wir wollen miteinander wetten Sie sollen über den vergnügten
Wutz ein Härenhemd ziehen im Grund hat er eines an Sie sollen ihn Ixions Rad
und Sisyphus Stein der Weisen und den Laufwagen Ihres Kindes bewegen lassen
Sie sollen ihn halb tot hungern oder prügeln lassen Sie sollen einer so
elenden Wette wegen welches ich Ihnen nicht zugetrauet hätte gegen ihn ganz
des Teufels sein Wutz bleibt doch Wutz und praktiziert sich immer sein bisschen
verliebter Freude ins Herz vollends in den Hundtagen
Seine Kanikularferien sind aber vielleicht nirgends deutlicher beschrieben
als in seinen »Werters Freuden« die seine Lebensbeschreiber fast nur
abzuschreiben brauchen Er ging da sonntags nach der Abendkirche heim nach
Auental und hatte mit den Leuten in allen Gassen Mitleiden dass sie dableiben
mussten Draußen dehnte sich seine Brust mit dem aufgebaueten Himmel vor ihm aus
und halbtrunken im Konzertsaal aller Vögel horcht er doppelselig bald auf die
gefiederten Sopranisten bald auf seine Phantasien Um nur seine über die Ufer
schlagende Lebenskräfte abzuleiten galoppierte er oft eine halbe Viertelstunde
lang Da er immer kurz vor und nach SonnenUntergang ein gewisses wollüstiges
trunknes Sehnen empfunden hatte die Nacht aber macht wie ein längerer Tod den
Menschen erhaben und nimmt ihm die Erde so zauderte er mit seiner Landung in
Auental so lang bis die zerfliessende Sonne durch die letzten Kornfelder vor
dem Dorfe mit Goldfäden die sie gerade über die Ähren zog sein blaues Röckchen
stickte und bis sein Schatten an den Berg über den Fluss wie ein Riese wandelte
Dann schwankte er unter dem wie aus der Vergangenheit herüberklingenden
Abendläuten ins Dorf hinein und war allen Menschen gut selbst dem Präfektus
Ging er dann um seines Vaters Haus und sah am oberen Kappfenster den Widerschein
des Monds und durch ein ParterreFenster seine Justina die da alle Sonntage
einen ordentlichen Brief setzen lernte o wenn er dann in dieser
paradiesischen Viertelstunde seines Lebens auf funfzig Schritte die Stube und
die Briefe und das Dorf von sich hätte wegsprengen und um sich und um die
Briefstellerin bloß ein einsames dämmerndes TempeTal hätte ziehen können wenn
er in diesem Tale mit seiner trunknen Seele die unterwegs um alle Wesen ihre
Arme schlug auch an sein schönstes Wesen hätte fallen dürfen und er und sie und
Himmel und Erde zurückgesunken und zerflossen wären vor einem flammenden
Augenblick und Brennpunkte menschlicher Entzückung
Indessen tat ers wenigstens nachts um elf Uhr und vorher gings auch nicht
schlecht Er erzählte dem Vater aber im Grunde Justinen seinen Studienplan und
seinen politischen Einfluss er setzte sich dem Tadel womit sein Vater ihre
Briefe korrigierte mit demjenigen Gewicht entgegen das ein solcher
Kunstrichter hat und er war da er gerade warm aus der Stadt kam mehr als
einmal mit Witz bei der Hand kurz unter dem Einschlafen hörte er in seiner
tanzenden taumelnden Phantasie nichts als SphärenMusik
Freilich du mein Wutz kannst Werters Freuden aufsetzen da allemal
deine äußere und deine innere Welt sich wie zwei Muschelschalen aneinander löten
und dich als ihr Schaltier einfassen aber bei uns armen Schelmen die wir hier
am Ofen sitzen ist die Außenwelt selten der Ripienist und Chorist unsrer innern
fröhlichen Stimmung höchstens dann wenn an uns der ganze Stimmstock
umgefallen und wir knarren und brummen oder in einer andern Metapher wenn wir
eine verstopfte Nase haben so setzt sich ein ganzes mit Blumen überwölbtes Eden
vor uns hin und wir mögen nicht hineinriechen
Mit jedem Besuche machte das Schulmeisterlein seiner
JohannaTereseCharlotteMarianaKlarissaHeloiseJustel auch ein Geschenk mit
einem Pfefferkuchen und einem Potentaten ich will über beide ganz befriedigend
sein
Die Potentaten hatt er in seinem eignen Verlage aber wenn die
ReichshofratsKanzlei ihre Fürsten und Grafen aus ein wenig Tinte Pergament und
Wachs macht so verfertigte er seine Potentaten viel kostbarer aus Russ Fett
und zwanzig Farben Im Alumneum wurde nämlich mit den Rahmen einer Menge
Potentaten eingeheizet die er sämtlich mit gedachten Materialien so zu kopieren
und zu repräsentieren wusste als wär er ihr Gesandter Er überschmierte ein
Quartblatt mit einem Endchen Licht und nachher mit Ofenruss dieses legte er mit
der schwarzen Seite auf ein andres mit weißen Seiten oben auf beide Blätter
tat er irgendein fürstliches Porträt dann nahm er eine abgebrochne Gabel und
fuhr mit ihrer drückenden Spitze auf dem Gesichte und Leibe des regierenden
Herrn herum dieser Druck verdoppelte den Potentaten der sich vom schwarzen
Blatt aufs weiße überfärbte So nahm er von allem was unter einer europäischen
Krone saß recht kluge Kopien allein ich habe niemals verhehlet dass seine
OkulierGabel die russische Kaiserin die vorige und eine Menge Kronprinzen
dermaßen aufkratzte und durchschnitt dass sie zu nichts mehr zu brauchen waren
als dazu den Weg ihrer Rahmen zu gehen Gleichwohl war das russige Quartblatt
nur die Bruttafel und ÄtzWiege glorwürdiger Regenten oder auch der Streich
oder Laichteich derselben ihr Streckteich aber oder die AppreturMaschine der
Potentaten war sein Farbkästchen mit diesem illuminierte er ganze regierende
Linien und alle Muscheln kleideten einen einzigen Grossfürsten an und die
Kronprinzessinnen zogen aus derselben Farbmuschel Wangenröte Schamröte und
Schminke Mit diesen regierenden Schönen beschenkte er die die ihn regierte
und die nicht wusste was sie mit dem historischen Bildersaale machen sollte
Aber mit dem Pfefferkuchen wusste sie es in dem Grade dass sie ihn aß Ich
halt es für schwer einer Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken weil man
ihn oft kurz vor der Schenkung selber verzehrt Hatte nicht Wutz die drei
Kreuzer für den ersten schon bezahlt Hatt er nicht das braune Rektangulum
schon in der Tasche und war damit schon bis auf eine Stunde vor Auental und vor
dem Adjudikationtermin gereist Ja wurde die süße VotivTafel nicht alle
Viertelstunde aus der Tasche gehoben um zu sehen ob sie noch viereckig sei
Dies war eben das Unglück denn bei diesem Beweis durch Augenschein den er
führte brach er immer wenige und unbedeutende Mandeln aus dem Kuchen
dergleichen tat er öfters darauf machte er sich statt an die Quadratur des
Zirkels an das Problem den gevierteten Zirkel wieder rein herzustellen und
biss sauber die vier rechten Winkel ab und machte ein AchtEck ein SechzehnEck
denn ein Zirkel ist ein unendliches VielEck darauf war nach diesen
mathematischen Ausarbeitungen das VielEck vor keinem Mädchen mehr zu
produzieren darauf tat Wutz einen Sprung und sagte »Ach ich fress ihn
selber« und heraus war der Seufzer und hinein die geometrische Figur Es
werden wenige schottische Meister akademische Senate und Magistranden leben
denen nicht ein wahrer Gefallen geschähe wenn man ihnen zu hören gäbe durch
welchen MaschinenGott sich Wutz aus der Sache zog durch einen zweiten
Pfefferkuchen tat ers den er allemal als einen Wand und TaschenNachbar des
ersten mit einsteckte Indem er den einen aß landete der andre ohne Läsionen
an weil er mit dem Zwilling wie mit Brandmauer und Kronwache den andern
beschützte Das aber sah er in der Folge selber ein dass er um nicht einen
bloßen Torso oder Atom nach Auental zu transportieren die Krontruppen oder
Pfefferkuchen von Woche zu Woche vermehren müsse
Er wäre Primaner geworden wäre nicht sein Vater aus unserem Planeten in
einen andern oder in einen Trabanten gerückt Daher dacht er die Melioration
seines Vaters nachzumachen und wollte von der Sekundanerbank auf den Lehrstuhl
rutschen Der Kirchenpatron Herr von Ebern drängte sich zwischen beide Gerüste
und hielt seinen ausgedienten Koch an der Hand um ihn in ein Amt einzusetzen
dem er gewachsen war weil es in diesem ebensogut wie in seinem vorigen
Spanferkel1 tot zu peitschen und zu appretieren obwohl nicht zu essen gab Ich
hab es schon in der Revision des Schulwesens in einer Note erinnert und Herrn
Gedikens Beifall davongetragen dass in jedem Bauerjungen ein unausgewachsener
Schulmeister stecke der von ein paar Kirchenjahren groß zu paraphrasieren sei
dass nicht bloß das alte Rom WeltKonsule sondern auch heutige Dörfer
SchulKonsule vom Pfluge und aus der Furche ziehen könnten dass man ebensogut
von Leuten seines Standes hier unterrichtet als in England gerichtet werden
könne und dass gerade der dem jeder das meiste Scibile verdanke ihm am
ähnlichsten sei nämlich jeder selber dass wenn eine ganze Stadt Norcia an
dem appenninischen Gebirg nur von vier ungelehrten Magistratgliedern li quatri
illiterati sich beherrschen lassen will doch eine Dorfjugend von einem
einzigen ungelehrten Mann werde zu regieren und zu prügeln sein und dass man
nur bedenken möchte was ich oben im Texte sagte Da aber die Note selber der
Text ist so will ich nur sagen dass ich sagte ein Dorfschule sei hinlänglich
besetzt Es ist da 1 der Gymnasiarch oder Pastor der von Winter zu Winter den
Priesterrock umhänge und das Schulhaus besucht und erschreckt 2 steht in der
Stube das Rektorat Konrektorat und Subrektorat das der Schulhalter allein
ausmacht 3 als Lehrer der unteren Klassen sind darin angestellt die
Schulmeisterin der wenn irgendeinem Menschen die Kallipädie der Töchterschule
anvertraut werden kann ihr Sohn als Tertius und Lümmel zugleich dem seine
Zöglinge allerhand legieren und spendieren müssen damit er sie ihre Lektion
nicht aufsagen lässt und der wenn der Regent nicht zu Hause ist oft das
Reichsvikariat des ganzen protestantischen Schulkreises auf den Achseln hat 4
endlich ein ganzes Raupennest Kollaboratores nämlich Schuljungen selber weil
daselbst wie im Hallischen Waisenhause die Schüler der oberen Klasse schon zu
Lehrern der unteren groß gewachsen sind Da man bisher aus so vielen
Studierstuben heraus nach Realschulen schrie so hörten es Gemeinden und
Schulhalter und taten das Ihrige gern Die Gemeinden lasen für ihre Lehrstühle
lauter solche pädagogische Steisse aus die schon auf Weber Schneider
SchusterSchemeln sesshaft waren und von denen also etwas zu erwarten war und
allerdings setzen solche Männer indem sie vor dem aufmerksamen Institute Röcke
Stiefel Fischreusen und alles machen die Nominalschule leicht in eine
Realschule um wo man Fabrikate kennen lernt Der Schulmeister treibts noch
weiter und sinnt Tag und Nacht auf RealSchulhalten es gibt wenige Arbeiten
eines erwachsenen Hausvaters oder seines Gesindes in denen er seine DorfStoa
nicht beschäftigt und übt und den ganzen Morgen sieht man das expedierende
Seminarium hinaus und hineinjagen Holz spalten und Wasser tragen usw so
dass er außer der Realschule fast gar keine andre hält und sich sein bisschen Brot
sauer im Schweiße seines Schulhauses verdient Man braucht mir nicht zu
sagen dass es auch schlechte und versäumte Landschulen gebe genug wenn nur die
größere Zahl alle die Vorzüge wirklich aufweiset die ich ihr jetzt
zugeschrieben
Ich mag meine FixsternAbirrung mit keinem Wort entschuldigen das eine neue
wäre Herr von Ebern hätte seinen Koch zum Schulmeister investieret wenn ein
geschickter Nachfahrer des Kochs wäre zu haben gewesen es war aber keiner
aufzutreiben und da der Gutsherr dachte es sei vielleicht gar eine Neuerung
wenn er die Küche und die Schule durch ein Subjekt versehen ließe wiewohl
vielmehr die Trennung und Verdopplung der Schul und der Herrendiener eine viel
größere und ältere war denn im neunten Säkulum musste sogar der Pfarrer der
Patronatkirche zugleich dem KirchenschiffPatron als Bedienter aufwarten und
satteln etc2 und beide Ämter wurden erst nachher wie mehre voneinander
abgerissen so behielt er den Koch und vozierte den Alumnus der bisher so
gescheit gewesen dass er verliebt geblieben
Ich steuere mich ganz auf die rühmlichen Zeugnisse die ich in Händen habe
und die Wutz vom Superintendenten auswirkte weil sein Examen vielleicht eines
der rigorosesten und glücklichsten war wovon ich in neueren Zeiten noch
gehört Musste nicht Wutz das griechische Vaterunser vorbeten indes das
ExaminationKollegium seine samtnen Hosen mit einer Glasbürste auskämmte und
hernach das lateinische Symbolum Atanasii Konnte der Examinandus nicht die
Bücher der Bibel richtig und Mann für Mann vorzählen ohne über die gemalten
Blumen und Tassen auf dem Kaffeebrette seines frühstückenden Examinators zu
stolpern Musst er nicht einen Betteljungen der bloß auf einen Pfennig aufsah
herumkatechesieren obgleich der Junge gar nicht wie sein UnterExaminator
bestand sondern wie ein wahres Stückchen Vieh Musst er nicht seine
Fingerspitzen in fünf Töpfe warmes Wasser tunken und den Topf aussuchen dessen
Wasser warm und kalt genug für den Kopf eines Täuflings war Und musst er nicht
zuletzt drei Gulden und 36 Kreuzer erlegen
Am 13ten Mai ging er als Alumnus aus dem Alumneum heraus und als
öffentlicher Lehrer in sein Haus hinein und aus der zersprengten schwarzen
AlumnusPuppe brach ein bunter Schmetterling von Kantor ins Freie hinaus
Am 9ten Julius stand er vor dem Auentaler Altar und wurde kopuliert mit der
Justel
Aber der elysäische Zwischenraum zwischen dem 13ten Mai und dem 9ten Julius
Für keinen Sterblichen fällt ein solches goldnes Alter von acht Wochen wieder
vom Himmel bloß für das Meisterlein funkelte der ganze niedergetauete Himmel
auf gestirnten Auen der Erde Du wiegtest im Äther dich und sahst durch die
durchsichtige Erde dich rund mit Himmel und Sonnen umzogen und hattest keine
Schwere mehr aber uns Alumnen der Natur fallen nie acht solche Wochen zu nicht
eine kaum ein ganzer Tag wo der Himmel über und in uns sein reines Blau mit
nichts bemalt als mit Abend und Morgenrot wo wir über das Leben wegfliegen
und alles uns hebt wie ein freudiger Traum wo der unbändige stürzende Strom
der Dinge uns nicht auf seinen Katarakten und Strudeln zerstösset und schüttelt
und rädert sondern auf blinkenden Wellen uns wiegt und unter hineingebognen
Blumen vorüberträgt ein Tag zu dem wir den Bruder vergeblich unter den
verlebten suchen und von dem wir am Ende jedes andern klagen seit ihm war
keiner wieder so
Es wird uns allen sanft tun wenn ich diese acht WonneWochen oder zwei
WonneMonate weitläuftig beschreibe Sie bestanden aus lauter ähnlichen Tagen
Keine einzige Wolke zog hinter den Häusern herauf Die ganze Nacht stand die
rückende Abendröte unten am Himmel an welchem die untergehende Sonne allemal
wie eine Rose glühend abgeblühet hatte Um 1 Uhr schlugen schon die Lerchen und
die Natur spielte und phantasierte die ganze Nacht auf der
NachtigallenHarmonika In seine Träume tönten die äußern Melodien hinein und
in ihnen flog er über 2 BlütenBäume denen die wahren vor seinem offenen Fenster
ihren BlumenAtem liehen Der tagende Traum rückte ihn sanft wie die lispelnde
Mutter das Kind aus dem Schlaf ins Erwachen über und er trat mit trinkender
Brust in den Lärm der Natur hinaus wo die Sonne die Erde von neuem erschuf und
wo beide sich zu einem brausenden WollustWeltmeer ineinander ergossen Aus
dieser MorgenFlut des Lebens und Freuens kehrte er in sein schwarzes Stübchen
zurück und suchte die Kräfte in kleineren Freuden wieder Er war da über alles
froh über jedes beschienene und unbeschienene Fenster über die ausgefegte
Stube über das Frühstück das mit seinen AmtRevenuen bestritten wurde über 7
Uhr weil er nicht in die Sekunda musste über seine Mutter die alle Morgen froh
war dass er Schulmeister geworden und sie nicht aus dem vertrauten Hause fort
gemusst
Unter dem Kaffee schnitt er sich außer den Semmeln die Federn zur
Messiade die er damals die drei letzten Gesänge ausgenommen gar aussang
Seine größte Sorgfalt verwandte er darauf dass er die epischen Federn falsch
schnitt entweder wie Pfähle oder ohne Spalt oder mit einem zweiten Extraspalt
der hinausniesete denn da alles in Hexametern und zwar in solchen die nicht
zu verstehen waren verfasset sein sollte so musste der Dichter da ers durch
keine Bemühung zur geringsten Unverständlichkeit bringen konnte er fasste
allemal den Augenblick jede Zeile und jeden Fuß und pes aus Not zum Einfall
greifen dass er die Hexameter ganz unleserlich schrieb was auch gut war Durch
diese poetische Freiheit bog er dem Verstehen ungezwungen vor
Um elf Uhr deckte er für seine Vögel und dann für sich und seine Mutter
den Tisch mit vier Schubladen in welchem mehr war als auf ihm Er schnitt das
Brot und seiner Mutter die weiße Rinde vor ob er gleich die schwarze nicht
gern aß O meine Freunde warum kann man denn im Hôtel de Bavière und auf dem
Römer nicht so vergnügt speisen als am Wutzischen Ladentisch Sogleich nach
dem Essen machte er nicht Hexameter sondern Kochlöffel und meine Schwester hat
selber ein Dutzend von ihm Während seine Mutter das wusch was er schnitzte
ließ beide ihre Seelen nicht ohne Kost sie erzählte ihm die Personalien von
sich und seinem Vater vor von deren Kenntnis ihn seine akademische Laufbahn zu
entfernt gehalten und er schlug den Operationplan und Bauriss seiner künftigen
Haushaltung bescheiden vor ihr auf weil er sich an dem Gedanken ein Hausvater
zu sein gar nicht satt käuen konnte »Ich richte mir« sagte er »mein
Haushalten ganz vernünftig ein ich stell mir ein Saugschweinchen ein auf die
heiligen Feiertage es fallen so viel Kartoffeln und RübenSchalen ab dass mans
mit fett macht man weiß kaum wie und auf den Winter muss mir der
Schwiegervater ein Füderchen Büschel Reisholz einfahren und die Stubentür muss
total gefüttert und gepolstert werden denn Mutter unsereins hat seine
pädagogischen Arbeiten im Winter und man hält da keine Kälte aus« Am 29ten
Mai war noch dazu nach diesen Gesprächen eine Kindtaufe es war seine erste
sie war seine erste Revenue und ein großes Einnahmebuch hatte er sich schon auf
dem Alumneum dazu geheftet er besah und zählte die paar Groschen zwanzig Mal
als wären sie andere Am Taufstein stand er in ganzer Parüre und die
Zuschauer standen auf der Empor und in der herrschaftlichen Loge im
AlltagSchmutz »Es ist mein saurer Schweiß« sagt er eine halbe Stunde nach
dem Aktus und trank vom Gelde zur ungewöhnlichen Stunde ein Nössel Bier Ich
erwarte von seinem künftigen Lebensbeschreiber ein paar pragmatische
Fingerzeige warum Wutz bloß ein Einnahme und kein AusgabeBuch sich nähte und
warum er in jenem oben Louisdor Groschen Pfennige setzte ob er gleich nie
die erste Münzsorte unter seinen SchulGefällen hatte
Nach dem Aktus und nach der Verdauung ließ er sich den Tisch hinaus unter
den Weichselbaum tragen und setzte sich nieder und bossierte noch einige
unleserliche Hexameter in seiner Messiade Sogar während er seinen
Schinkenknochen als sein Abendessen abnagte und abfeilte befeilt er noch einen
und den andern epischen Fuß und ich weiß recht gut dass des Fettes wegen
mancher Gesang ein wenig geölet aussiehet Sobald er den Sonnenschein nicht mehr
auf der Straße sondern an den Häusern liegen sah so gab er der Mutter die
nötigen Gelder zum Haushalten und lief ins Freie um sich es ruhig auszumalen
wie ers künftig haben werde im Herbst im Winter an den drei heiligen Festen
unter den Schulkindern und unter seinen eignen
Und doch sind das bloß Wochentage der Sonntag aber brennt in einer Glorie
die kaum auf ein Altarblatt geht Überhaupt steht in keinen Seelen dieses
Jahrhunderts ein so großer Begriff von einem Sonntage als in denen welche in
Kantoren und Schulmeistern hausen mich wundert es gar nicht wenn sie an einem
solchen Kourtage nicht vermögen bescheiden zu verbleiben Selber unser Wutz
konnte sichs nicht verstecken was es sagen will unter tausend Menschen allein
zu orgeln ein wahres ErbAmt zu versehen und den geistlichen KrönungMantel
dem Senior überzuhenken und sein Valet de fantaisie und Kammermohr zu sein
über ein ganzes von der Sonne beleuchtetes Chor TerritorialHerrschaft zu
exerzieren als amtierender ChorMaire auf seinem OrgelFürstenstuhl die Poesie
eines Kirchsprengels noch besser zu beherrschen als der Pfarrer die Prose
desselben kommandiert und nach der Predigt über das Geländer hinab völlige
fürstliche Befehle sans façon mit lauter Stimme weniger zu geben als abzulesen
Wahrhaftig man sollte denken hier oder nirgends tät es not dass ich
meinem Wutz zuriefe »Bedenke was du vor wenig Monaten warst Überlege dass
nicht alle Menschen Kantores werden können und mache dir die vorteilhafte
Ungleichheit der Stände zunutze ohne sie zu missbrauchen und ohne darum mich und
meine Zuhörer am Ofen zu verachten« Aber nein auf meine Ehre das
gutartige Meisterlein denkt ohnehin nicht daran die Bauern hätten nur so
gescheit sein sollen dass sie dir schnakischem lächelndem trippelndem
händereibendem Dinge ins gallenlose überzuckerte Herz hineingesehen hätten was
hätten sie da ertappt Freude in deinen zwei HerzKammern Freude in deinen zwei
HerzOhren Du numeriertest bloß oben im Chore gutes Ding das ich je länger je
lieber gewinne deine künftigen Schulbuben und Schulmädchen in den Kirchstühlen
zusammen und setztest sie sämtlich voraus in deine Schulstube und um seine
winzige Nase herum und nahmest dir vor mit der letzten täglich vormittags und
nachmittags einmal zu niesen und vorher zu schnupfen nur damit dein ganzes
Institut wie besessen aufführe und zuriefe Helf Gott Herr Kantner Die Bauern
hätten ferner in deinem Herzen die Freude angetroffen die du hattest ein
Setzer von Folioziffern zu sein so lang wie die am Zifferblatt der Turmuhr
indem du jeden Sonntag an der schwarzen Liedertafel in öffentlichen Druck gabst
auf welcher Pagina das nächste Lied zu suchen sei wir Autores treten mit
schlechterem Zeuge im Drucke auf ferner die Freude hätte man gefunden deinem
Schwiegervater und deiner Braut im Singen vorzureiten und endlich deine
Hoffnung den Bodensatz des KommunionWeins einsam auszusaufen der sauer
schmeckte Ein höheres Wesen muss dir so herzlich gut gewesen sein wie das
referierende da es gerade in deinem achtwöchentlichen EdenLustrum deinen
gnädigen Kirchenpatron kommunizieren hieß denn der hatte doch so viel Einsicht
dass er an die Stelle des KommunionWeins der Christi Trank am Kreuz nicht
unglücklich nachbildete Christi Tränen aus seinem Keller setzte aber welche
Himmel dann nach dem Trank des Bodensatzes in alle deine Glieder zogen
Wahrlich jedesmal will ich wieder in Ausrufungen verfallen aber warum macht
doch mir und vielleicht euch dieses schulmeisterlich vergnügte Herz so viel
Freude Ach liegt es vielleicht daran dass wir selber sie nie so voll
bekommen weil der Gedanke der ErdenEitelkeit auf uns liegt und unsern Atem
drückt und weil wir die schwarze GottesackerErde unter den Rasen und
Blumenstücken schon gesehen haben auf denen das Meisterlein sein Leben
verhüpft
Der gedachte KommunionWein moussierte noch abends in seinen Adern und
diese letzte Tagzeit seines Sabbats hab ich noch abzuschildern Nur am Sonntag
durft er mit seiner Justine spazieren gehen Vorher nahm er das Abendessen beim
Schwiegervater ein aber mit schlechtem Nutzen schon unter dem Tischgebet wurde
sein Hundshunger matt und unter den Allotriis darauf gar unsichtbar Wenn ich es
lesen könnte so könnt ich das ganze Konterfei dieses Abends aus seiner
Messiade haben in die er ihn ganz wie er war im sechsten Gesang
hineingeflochten so wie alle große Skribenten ihren Lebenslauf ihre Weiber
Kinder Äcker Vieh in ihre opera omnia stricken Er dachte in der gedruckten
Messiade stehe der Abend auch In seiner wird es episch ausgeführet sein dass
die Bauern auf den Rainen wateten und den Schuss der Halme maßen und ihn über das
Wasser herüber als ihren neuen wohlverordneten Kantor grüßten dass die Kinder
auf Blättern schalmeiten und in BatzenFlöten stießen und dass alle Büsche und
Blumen und Blütenkelche vollstimmig besetzte Orchester waren aus denen allen
etwas heraus sang oder sumsete oder schnurrte und dass alles zuletzt so
feierlich wurde als hätte die Erde selber einen Sonntag indem die Höhen und
Wälder um diesen Zauberkreis rauchten und indem die Sonne gen Mitternacht durch
einen illuminierten Triumphbogen hinunter und der Mond gen Mittag durch einen
blassen Triumphbogen heraufzog O du Vater des Lichts mit wie viel Farben und
Strahlen und Leuchtkugeln fassest du deine bleiche Erde ein Die Sonne kroch
jetzt ein zu einem einzigen roten Strahle der mit dem Widerscheine der
Abendröte auf dem Gesichte der Braut zusammenkam und diese nur mit stummen
Gefühlen bekannt sagte zu Wutz dass sie in ihrer Kindheit sich oft gesehnet
hätte auf den roten Bergen der Abendröte zu stehen und von ihnen mit der Sonne
in die schönen rotgemalten Länder hinunterzusteigen die hinter der Abendröte
lägen Unter dem Gebetläuten seiner Mutter legt er seinen Hut auf die Knie und
sah ohne die Hände zu falten an die rote Stelle am Himmel wo die Sonne
zuletzt gestanden und hinab in den ziehenden Strom der tiefe Schatten trug
und es war ihm als läutete die Abendglocke die Welt und noch einmal seinen
Vater zur Ruhe zum ersten und letzten Male in seinem Leben stieg sein Herz
über die irdische Szene hinaus und es rief schien ihm etwas aus den
Abendtönen herunter er werde jetzo vor Vergnügen sterben Heftig und
verzückt umschlang er seine Braut und sagte »Wie lieb hab ich dich wie ewig
lieb« Vom Fluße klang es herab wie Flötengetön und Menschengesang und zog
näher außer sich drückt er sich an sie an und wollte vereinigt vergehen und
glaubte die Himmeltöne hauchten ihre beiden Seelen aus der Erde weg und
dufteten sie wie Taufunken auf den Auen Edens nieder Es sang
O wie schön ist Gottes Erde
Und wert darauf vergnügt zu sein
Drum will ich bis ich Asche werde
Mich dieser schönen Erde freun
Es war aus der Stadt eine Gondel mit einigen Flöten und singenden
Jünglingen Er und Justine wanderten am Ufer mit der ziehenden Gondel und
hielten ihre Hände gefasst und Justine suchte leise nachzusingen mehre Himmel
gingen neben ihnen Als die Gondel um eine Erdzunge voll Bäume herumschiffte
hielt Justine ihn sanft an damit sie nicht nachkämen und da das Fahrzeug
dahinter verschwunden war fiel sie ihm mit dem ersten errötenden Kusse um den
Hals O unvergesslicher erster Junius schreibt er Sie begleiteten und
belauschten von weitem die schiffenden Töne und Träume spielten um beide bis
sie sagte »Es ist spät und die Abendröte hat sich schon weit herumgezogen und
es ist alles im Dorfe still« Sie gingen nach Hause er öffnete die Fenster
seiner mondhellen Stube und schlich mit einem leisen Gutenacht bei seiner Mutter
vorüber die schon schlief
Jeden Morgen schien ihn der Gedanke wie Tageslicht an dass er dem
Hochzeittage dem 8ten Junius sich um eine Nacht näher geschlafen und am Tage
lief die Freude mit ihm herum dass er durch die paradiesischen Tage die sich
zwischen ihn und sein Hochzeitbett gestellt noch nicht durchwäre So hielt er
wie der metaphysische Esel den Kopf zwischen beiden Heubündeln zwischen der
Gegenwart und Zukunft aber er war kein Esel oder Scholastiker sondern grasete
und rupfte an beiden Bündeln auf einmal Wahrhaftig die Menschen sollten
niemals Esel sein weder indifferentistische noch hölzerne noch bileamische
und ich habe meine Gründe dazu Ich breche hier ab weil ich noch überlegen
will ob ich seinen Hochzeittag abzeichne oder nicht Musivstifte hab ich
übrigens dazu ganze Bündel
Aber wahrhaftig ich bin weder seinem Ehrentage beigewohnt noch einem
eignen ich will ihn also bestens beschreiben und mir ich hätte sonst gar
nichts eine Lustpartie zusammen machen
Ich weiß überhaupt keinen schicklichern Ort oder Bogen als diesen dazu dass
die Leser bedenken was ich ausstehe die magischen Schweizergegenden in denen
ich mich lagere die Apollos und Venusgestalten denen sich mein Auge ansaugt
das erhabene Vaterland für das ich das Leben hingebe das es vorher geadelt
hat das Brautbett in das ich einsteige alles das ist von fremden oder eignen
Fingern bloß gemalt mit Tinte oder Druckerschwärze und wenn nur du du
Himmlische der ich treu bleibe die mir treu bleibt mit der ich in arkadischen
JuliusNächten spazieren gehe mit der ich vor der untergehenden Sonne und vor
dem aufsteigenden Monde stehe und um derenwillen ich alle deine Schwestern
liebe wenn nur du wärest aber du bist ein Altarblatt und ich finde dich
nicht
Dem Nil dem Herkules und andern Göttern brachte man zwar auch wie mir nur
nachbossierte Mädchen dar aber vorher bekamen sie doch reelle
Wir müssen schon am Sonnabend ins Schul und Hochzeitaus gucken um die
Prämissen dieses Rüsttags zum Hochzeittag ein wenig vorher wegzuhaben am
Sonntag haben wir keine Zeit dazu so ging auch die Schöpfung der Welt nach den
älteren Theologen darum in sechs Tagwerken und nicht in einer Minute vor damit
die Engel das Naturbuch wenn es allmählich aufgeblättert würde leichter zu
übersehen hätten Am Sonnabend rennt der Bräutigam auffallend in zwei corporibus
piis aus und ein im Pfarr und im Schulhaus um vier Sessel aus jenem in dieses
zu schaffen Er borgte diese Gestelle dem Senior ab um den Kommodator selbst
darauf zu weisen als seinen Fürstbischof und die Seniorin als Frau Patin der
Braut und den Subpräfektus aus dem Alumneum und die Braut selbst Ich weiß so
gut als andre inwieweit dieser mietende Luxus des Bräutigams nicht in Schutz zu
nehmen ist allerdings papillotierten die gigantischen Mietstühle Menschen und
Sessel schrumpfen jetzt ein ihre falschen RindhaarTouren an Lehne und Sitz mit
blauem Tuche Milchstrassen von gelben Nägeln sprangen auf gelben Schnüren als
Blitze herum und es bleibt gewiss dass man so weich auf den Rändern dieser
Stühle aufsass als trüge man einen Doppelsteiss wie gesagt diesen SteissLuxus
des Gläubigers und Schuldners hab ich niemals zum Muster angepriesen aber auf
der andern Seite muss doch jeder der in den »Schulz von Paris« hineingesehen
bekennen dass die Verschwendung im Palais royal und an allen Höfen offenbar
größer ist Wie werd ich vollends solche Metodisten von der strengen Observanz
auf die Seite des Großvater oder Sorgestuhls Wutzens bringen der mit vier
hölzernen Löwentatzen die Erde ergreift welche mit vier Querhölzern den
SitzKonsolen munterer Finken und Gimpel gesponselt sind dessen HaarChignon
sich mit einer geblümten ledernen Schwarte mehr als zu prächtig besohlet und
welcher zwei hölzerne behaarte Arme die das Alter wie menschliche dürrer
gemacht nach einem Insass ausstreckt Dieses Fragzeichen kann manchen weil
er den langen Perioden vergessen frappieren
Das zinnene TafelService das der Bräutigam noch von seinem Fürstbischof
holte kann das Publikum beim Auktionproklamator wenn es anders versteigert
wird besser kennen lernen als bei mir so viel wissen die Hochzeitgäste die
Salatiere die Sauciere die Assiette zu Käse und die Senfdose war ein einziger
Teller der aber vor jeder Rolle einmal abgescheuert wurde
Ein ganzer Nil und Alpheus schoss über jedes Stubenbrett wovon gute
Gartenerde wegzuspülen war an jede Bettpfoste und an den Fensterstock hinan und
ließ den gewöhnlichen Bodensatz der Flut zurück Sand Die Gesetze des Romans
würden verlangen dass das Schulmeisterlein sich anzöge und sich auf eine Wiese
unter ein wogendes Zudeck von Gras und Blumen streckte und da durch einen Traum
der Liebe nach dem andern hindurch sänk und bräche allein er rupfte Hühner
und Enten ab spaltete Kaffee und Bratenholz und die Braten selbst kredenzte
am Sonnabend den Sonntag und dekretierte und vollzog in der blauen Schürze
seiner Schwiegermutter funfzig KüchenVerordnungen und sprang den Kopf mit
Papilloten gehörnt und das Haar wie einen Eichhörnchenschwanz emporgebunden
hinten und vornen und überall herum »denn ich mache nicht alle Sonntage
Hochzeit« sagt er
Nichts ist widriger als hundert Vorläufer und Vorreiter zu einer winzigen
Lust zu sehen und zu hören nichts ist aber süßer als selber mit vorzureiten
und vorzulaufen die Geschäftigkeit die wir nicht bloß sehen sondern teilen
macht nachher das Vergnügen zu einer von uns selbst gesäeten besprengten und
ausgezognen Frucht und obendrein befällt uns das Herzgespann des Passens nicht
Aber lieber Himmel ich brauchte einen ganzen Sonnabend um diesen nur zu
rapportieren denn ich tat nur einen vorbeifliegenden Blick in die Wutzische
Küche was da zappelt was da raucht Warum ist sich Mord und Hochzeit so
nahe wie die zwei Gebote die davon reden Warum ist nicht bloß eine fürstliche
Vermählung oft für Menschen warum ist auch eine bürgerliche für Geflügel eine
Parisische Blutochzeit
Niemand brachte aber im Hochzeitaus diese zwei Freudentage missvergnügter
und fataler zu als zwei Stechfinken und drei Gimpel diese inhaftierte der
reinliche und vogelfreundliche Bräutigam sämtlich vermittelst eines
Treibjagens mit Schürzen und geworfnen Nachtmützen und nötigte sie aus ihrem
TanzSaale in ein paar DrahtKartausen zu fahren und an der Wand in Mansarden
springend herabzuhängen
Wutz berichtet sowohl in seiner »Wutzischen Urgeschichte« als in seinem
»Lesebuch für Kinder mittleren Alters« dass abends um 7 Uhr da der Schneider dem
Hymen neue Hosen und Gilet und Rock anprobierte schon alles blank und metrisch
und neugeboren war ihn selber ausgenommen Eine unbeschreibliche Ruhe sitzt auf
jedem Stuhl und Tisch eines neugestellten brillantierten Zimmers In einem
chaotischen denkt man man müsse noch diesen Morgen ausziehen aus dem
aufgekündigten Logement
Über seine Nacht so wie über die folgende fliegen ich und die Sonne
hinüber und wir begegnen ihm wenn er am Sonntage gerötet und elektrisiert vom
Gedanken des heutigen Himmels die Treppe herabläuft in die anlachende
Hochzeitstube hinein die wir alle gestern mit so vieler Mühe und Tinte
aufgeschmückt haben vermittelst Schönheitwasser mouchoir de Venus und
Schminklappen Waschlappen Puderkasten Topf mit Sand und anderem
ToilettenSchiff und Geschirr Er war in der Nacht siebenmal aufgewacht um sich
siebenmal auf den Tag zu freuen und zwei Stunden früher aufgestanden um beide
Minute für Minute aufzuessen Es ist mir als ging ich mit dem Schulmeister zur
Tür hinein vor dem die Minuten des Tages hinstehn wie Honigzellen er schöpfet
eine um die andre aus und jede Minute trägt einen weitern Honigkelch Für eine
Pension auf Lebenlang ist dennoch der Kantor nicht vermögend sich auf der
ganzen Erde ein Haus zu denken in dem jetzo nicht Sonntag Sonnenschein und
Freude wäre nein Das zweite was er unten nach der Türe auftat war ein
Oberfenster um einen auf und niederwallenden Schmetterling einen
schwimmenden Silberflitter eine BlumenFolie und Amors Ebenbild aus Hymens
Stube fortzulassen Dann fütterte er seine VogelKapelle in den Bauern zum
voraus auf den lärmenden Tag und fiedelte auf der väterlichen Geige die
Schleifer zum Fenster hinaus an denen er sich aus der Fastnacht an die
Hochzeitnacht herangetanzt Es schlägt erst 5 Uhr mein Trauter wir haben uns
nicht zu übereilen Wir wollen die zwei Ellen lange Halsbinde die du dir
ebenfalls wie früher die Braut antanzest indem die Mutter das andre Ende
hält und das Zopfband glatt umhaben noch zwei völlige Stunden vor dem Läuten
Gern gäb ich den Grossvaterstuhl und den Ofen dessen Assessor ich bin dafür
wenn ich mich und meine Zuhörerschaft jetzt zu transparenten Sylphiden zu
verdünnen wüsste damit unsere ganze Brüderschaft dem zappelnden Bräutigam ohne
Störung seiner stillen Freude in den Garten nachflöge wo er für ein weibliches
Herz das weder ein diamantnes noch ein welsches ist auch keine Blumen die es
sind abschneidet sondern lebende wo er die blitzenden Käfer und Tautropfen
aus den Blumenblättern schüttelt und gern auf den Bienenrüssel wartet den zum
letzten Male der mütterliche Blumenbusen säuget wo er an seine
KnabenSonntagmorgen denkt und an den zu engen Schritt über die Beete und an das
kalte Kanzelpult auf welches der Senior seinen Strauss auflegte Gehe nach Haus
Sohn deines Vorfahrers und schaue am achten Junius dich nicht gegen Abend um
wo der stumme sechs Fuß dicke Gottesacker über manchen Freunden liegt sondern
gegen Morgen wo du die Sonne die Pfarrtüre und deine hineinschlüpfende Justine
sehen kannst welche die Frau Patin nett ausfrisieren und einschnüren will Ich
merk es leicht dass meine Zuhörer wieder in Sylphiden verflüchtigt werden
wollen um die Braut zu umflattern aber sie siehts nicht gern
Endlich lag der himmelblaue Rock die Livreefarbe der Müller und
Schulmeister mit geschwärzten Knopflöchern und die plättende Hand seiner
Mutter die alle Brüche hob am Leibe des Schulmeisterleins und es darf nur Hut
und Gesangbuch nehmen Und jetzt ich weiß gewiss auch was Pracht ist
fürstliche bei fürstlichen Vermählungen das Kanonieren Illuminieren
Exerzieren und Frisieren dabei aber mit der Wutzischen Vermählung stell ich
doch dergleichen nie zusammen seht nur dem Mann hintennach der den Sonnen
und Himmelweg zu seiner Braut geht und auf den andern Weg drüben nach dem
Alumneum schauet und denkt »wer hätts vor vier Jahren gedacht« ich sage
seht ihm nach Tut es nicht auch die Auentaler Pfarrmagd ob sie gleich Wasser
trägt und henkt einen solchen prächtigen vollen Anzug bis auf jede Franse in
ihren Gehirn und Kleiderkammern auf Hat er nicht eine gepuderte Nasen und
Schuhspitze Sind nicht die roten Torflügel seines Schwiegervaters aufgedreht
und schreitet er nicht durch diese ein indes die von der Haarkräuslerin
abgefertigte Verlobte durch das Hoftürchen schleicht Und stoßen sie nicht so
möbliert und überpudert aufeinander dass sie das Herz nicht haben sich Guten
Morgen zu bieten Denn haben beide in ihrem Leben etwas Prächtigers und
Vornehmeres gesehen als sich einander heute Ist in dieser verzeihlichen
Verlegenheit nicht der lange Span ein Glück den der kleine Bruder zugeschnjetzt
und den er der Schwester hinreckt damit sie darum wie um einen Weinpfahl die
BlumenStaude und GeruchQuaste für des Kantors Knopfloch winde und gürte
Werden neidsüchtige Damen meine Freunde bleiben wenn ich meinen Pinsel eintunke
und ihnen damit vorfärbe die Parüre der Braut das zitternde Gold statt der
Zitternadel im Haar die drei goldnen Medaillons auf der Brust mit den
Miniaturbildern der deutschen Kaiser3 und tiefer die in Knöpfe zergossenen
Silberbarren Ich könnt aber den Pinsel fast jemand an den Kopf werfen
wenn mir beifällt mein Wutz und seine gute Braut werden mir wenns abgedruckt
ist von den Koketten und anderem Teufelszeuge gar ausgelacht glaubt ihr denn
aber ihr städtischen destillierten und tätowierten Seelenverkäuferinnen die
ihr alles an Mannspersonen messet und liebt ihr Herz ausgenommen dass ich oder
meine meisten Herren Leser dabei gleichgültig bleiben könnten oder dass wir
nicht alle eure gespannten Wangen eure zuckenden Lippen eure mit Witz und
Begierde sengenden Augen und eure jedem Zufall gefügigen Arme und selber eure
empfindsamen Deklamatorien mit Spaß hingäben für einen einzigen Auftritt wo die
Liebe ihre Strahlen in dem Morgenrot des Schämens bricht wo die unschuldige
Seele sich vor jedem Aug entkleidet ihr eigenes ausgenommen und wo hundert
innere Kämpfe das durchsichtige Angesicht beseelen und kurz worin mein
Brautpaar selbst agierte da der alte lustige Kauz von Schwiegervater beider
gekräuselten und weissblühenden Köpfe habhaft wurde und sie gescheit zu einem Kuss
zusammenlenkte Dein freudiges Erröten lieber Wutz und dein verschämtes
liebe Justine
Wer wird überhaupt diesen und dergleichen Sachen kurz vor seinen Sponsalien
schärfer nachdenken und nachher delikater spielen als gegenwärtiger
Lebensbeschreiber selber
Der Lärm der Kinder und Büttner auf der Gasse und der Rezensenten in Leipzig
hindern ihn hier alles ausführlich herzusetzen die prächtigen Eckenbeschläge
und dreifachen Manschetten womit der Bräutigam auf der Orgel jede Zeile des
Chorals versah den hölzernen Engelfittich woran er seinen Kurhut zum Chor
hinaushing den Namen Justine an den Pedalpfeifen seinen Spaß und seine
Lust da sie einander vor der Kirchenagende der Goldnen Bulle und dem
Reichsgrundgesetze des Eheregiments die rechten Hände gaben und da er mit
seinem Ringfinger ihre hohle Hand gleichsam hinter einem Bettschirm neckte und
den Eintritt in die Hochzeitstube wo vielleicht die größten und vornehmsten
Leute und Gerichte des Dorfs einander begegneten ein Pfarrer eine Pfarrerin
ein Subpräfektus und eine Braut Es wird aber Beifall finden dass ich meine
Beine auseinander setze und damit über die ganze Hochzeittafel und Hochzeittrift
und über den Nachmittag wegschreite um zu hören was sie abends angeben einen
und den andern Tanz gibt der Subpräfektus an Es ist im Grunde schon alles außer
sich Ein TobakHeerrauch und ein SuppenDampfbad woget um drei Lichter und
scheidet einen vom andern durch Nebelbänke Der Violoncellist und der Violinist
streichen fremdes Gedärm weniger als sie eigenes füllen Auf der
Fensterbrüstung guckt das ganze Auental als Galerie zappelnd herein und die
Dorfjugend tanzt draußen dreißig Schritte von dem Orchester entfernt im ganzen
recht hübsch Die alte DorfLa Bonne schreiet ihre wichtigsten Personalien der
Seniorin vor und diese nieset und hustet die ihrigen los jede will ihre
historische Notdurft früher verrichten und sieht ungern die andre auf dem Stuhle
sesshaft Der Senior sieht wie ein Schossjünger des Schossjüngers Johannes aus
welchen die Maler mit einem Becher in der Hand abmalen und lacht lauter als er
predigt Der Präfektus schießt als Elegant herum und ist von niemand zu
erreichen Mein Maria plätschert und fährt unter in allen vier Flüssen des
Paradieses und des FreudenMeers Wogen heben und schaukeln ihn allmächtig
Bloß die eine Brautführerin mit einer zu zarten Haut und Seele für ihren
schwielenvollen Stand hört die FreudenTrommel wie von einem Echo gedämpft und
wie bei einer Königleiche mit Flor bezogen und die stille Entzückung spannt in
Gestalt eines Seufzers die einsame Brust Mein Schulmeister er darf zweimal
im Küchenstück herumstehen tritt mit seiner Trauunghälfte unter die Haustür
deren dessus de porte ein SchwalbenGlobus ist und schauet auf zu dem
schweigenden glimmenden Himmel über ihm und denkt jede große Sonne gucke
herunter wie ein Auentaler und zu seinem Fenster hinein Schiffe fröhlich
über deinen verdünstenden Tropfen Zeit du kannst es aber wir könnens nicht
alle die eine Brautführerin kanns auch nicht Ach wär ich wie du an einem
Hochzeitmorgen dem ängstlichen den Blumen abgefangnen Schmetterling begegnet
wie du der Biene im Blütenkelch wie du der um 7 Uhr abgelaufnen Turmuhr wie du
dem stummen Himmel oben und dem lauten unten so hätt ich ja daran denken
müssen dass nicht auf dieser stürmenden Kugel wo die Winde sich in unsre
kleinen Blumen wühlen die Ruhestätte zu suchen sei auf der uns ihre Düfte
ruhig umfliessen oder ein Auge ohne Staub zu finden ein Auge ohne Regentropfen
die jene Stürme an uns werfen und wäre die blitzende Göttin der Freude so nahe
an meinem Busen gestanden so hätt ich doch auf jene Aschenhäufchen
hinübergesehen zu denen sie mit ihrer Umarmung aus der Sonne gebürtig und
nicht aus unsern Eiszonen schon die armen Menschen verkalkte und o wenn mich
schon die vorige Beschreibung eines großen Vergnügens so traurig zurückließ so
müsst ich wenn erst du aus ungemessenen Höhen in die tiefe Erde
hereinreichende Hand mir eines wie eine Blume auf einer Sonne gewachsen
herniederbrächtest auf diese Vaterhand die Tropfen der Freude fallen lassen und
mich mit dem zu schwachen Auge von den Menschen wegwenden
Jetzt da ich dieses sage ist Wutzens Hochzeit längst vorbei seine Justine
ist alt und er selber auf dem Gottesacker der Strom der Zeit hat ihn und alle
diese schimmernden Tage unter vier fünffache Schichten Bodensatz gedrückt und
begraben auch an uns steigt dieser beerdigende Niederschlag immer höher auf
in drei Minuten erreicht er das Herz und überschlichtet mich und euch
In dieser Stimmung sinne mir keiner an die vielen Freuden des Schulmeisters
aus seinem FreudenManuale mitzuteilen besonders seine Weihnacht Kirchweih
und Schulfreuden es kann vielleicht noch geschehen in einem Postumus von
Postskript das ich nachliefere aber heute nicht Heute ists besser wir sehen
den vergnügten Wutz zum letzten Mal lebendig und tot und gehen dann weg
Ich hätte überhaupt ob ich gleich dreissigmal vor seiner Haustür
vorübergegangen war wenig vom ganzen Manne gewusst wenn nicht am 12ten Mai
vorigen Jahrs die alte Justine unter ihr gestanden wäre und mich da sie mich im
Gehen meine Schreibtafel vollarbeiten sah angeschrien hätte ob ich nicht auch
ein Büchermacher wäre »Was sonst Liebe« versetzt ich »jährlich mach
ich dergleichen und schenke alles nachher dem Publiko« So möcht ich dann
fuhr sie fort mich auf ein Stündchen zu ihrem Alten hineinbemühen der auch ein
Buchmacher sei mit dem es aber elend aussehe
Der Schlag hatte dem Alten vielleicht weil er eine Flechte talersgross am
Nacken hineingeheilet oder vor Alter die linke Seite gelähmt Er saß im Bette
an einer Lehne von Kopfkissen und hatte ein ganzes Warenlager das ich sogleich
spezifizieren werde auf dem Deckbette vor sich Ein Kranker tut wie ein
Reisender und was ist er anders sogleich mit jedem bekannt so nahe mit dem
Fuße und Auge an erhabnern Welten macht man in dieser räudigen keine Umstände
mehr Er klagte es hätte sich seine Alte schon seit drei Tagen nach einem
Bücherschreiber umschauen müssen hätt aber keinen ertappt außer eben »er
muss aber einen haben der seine Bibliothek übernehme ordne und inventiere und
der an seine Lebensbeschreibung die in der ganzen Bibliothek wäre seine
letzten Stunden falls er sie jetzt hätte zur Komplettierung gar hinanstiesse
denn seine Alte wäre keine Gelehrtin und seinen Sohn hätt er auf drei Wochen
auf die Universität Heidelberg gelassen«
Seine Aussaat von Blattern und Runzeln gab seinem runden kleinen Gesichtchen
äußerst fröhliche Lichter jede schien ein lächelnder Mund aber es gefiel mir
und meiner Semiotik nicht dass seine Augen so blitzten seine Augenbraunen und
MundEcken so zuckten und seine Lippen so zitterten
Ich will mein Versprechen der Spezifikation halten Auf dem Deckbette lag
eine grüntaftne Kinderhaube wovon das eine Band abgerissen war eine mit
abgegriffnen Goldflitterchen überpichte Kinderpeitsche ein Fingerring von Zinn
eine Schachtel mit ZwergBüchelchen in 128Format eine Wanduhr ein
beschmutztes Schreibbuch und ein Finkenkloben fingerlang Es waren die Rudera
und Spätlinge seiner verspielten Kindheit Die Kunstkammer dieser seiner
griechischen Altertümer war von jeher unter der Treppe gewesen denn in einem
Haus das der Blumenkübel und Treibkasten eines einzigen Stammbaums ist bleiben
die Sachen jahrfunfziglang in ihrer Stelle ungerückt und da es von seiner
Kindheit an ein Reichsgrundgesetz bei ihm war alle seine Spielwaren in
geschichtlicher Ordnung aufzuheben und da kein Mensch das ganze Jahr unter die
Treppe guckte als er so konnt er noch am Rüsttage vor seinem Todestage diese
Urnenkrüge eines schon gestorbenen Lebens um sich stellen und sich zurückfreuen
da er sich nicht mehr vorauszufreuen vermochte Du konntest freilich kleiner
Maria in keinen Antikentempel zu Sanssouci oder zu Dresden eintreten und darin
vor dem Weltgeiste der schönen Natur der Kunst niederfallen aber du konntest
doch in deine KindheitAntikenStiftshütte unter der finsteren Treppe gucken und
die Strahlen der auferstehenden Kindheit spielten wie des gemalten Jesuskindes
seine im Stall an den düstern Winkeln O wenn größere Seelen als du aus der
ganzen Orangerie der Natur so viel süße Säfte und Düfte sögen als du aus dem
zackigen grünen Blatte an das dich das Schicksal gehangen so würden nicht
Blätter sondern Gärten genossen und die bessern und doch glücklichern Seelen
verwunderten sich nicht mehr dass es vergnügte Meisterlein geben kann
Wutz sagte und bog den Kopf gegen das Bücherbrett hin »Wenn ich mich an
meinen ernstaften Werken matt gelesen und korrigiert so schau ich stundenlang
diese Schnurrpfeifereien an und das wird hoffentlich einem Bücherschreiber
keine Schande sein«
Ich wüsst aber nicht womit der Welt in dieser Minute mehr gedient ist als
wenn ich ihr den räsonierenden Katalog dieser Kunststücke und Schnurrpfeifereien
zuwende den mir der Patient zuwandte Den zinnenen Ring hatt ihm die
vierjährige Mamsell des vorigen Pastors da sie miteinander von einem
Spielkameraden ehrlich und ordentlich kopuliert wurden als Ehepfand angesteckt
das elende Zinn lötete ihn fester an sie als edlere Metalle edlere Leute und
ihre Ehe brachten sie auf vierundfunfzig Minuten Oft wenn er nachher als
geschwärzter Alumnus sie mit nickenden FedernStandarten am dünnen Arme eines
gesprenkelten Elegant spazieren gehen sah dachte er an den Ring und an die alte
Zeit Überhaupt hab ich bisher mir unnütze Mühe gegeben es zu verstecken dass
er in alles sich verliebte was wie eine Frau aussah alle Fröhliche seiner Art
tun dasselbe und vielleicht können sie es weil ihre Liebe sich zwischen den
beiden Extremen von Liebe aufhält und beiden abborgt so wie der Busen Band und
Kreole der platonischen und der epikurischen Reize ist Da er seinem Vater die
Turmuhr aufziehen half wie vorzeiten die Kronprinzen mit den Vätern in die
Sitzungen gingen so konnte so eine kleine Sache ihm einen Wink geben ein
lackiertes Kästchen zu durchlöchern und eine Wanduhr daraus zu schnitzen die
niemals ging inzwischen hatte sie doch wie mehre Staatkörper ihre langen
Gewichte und ihre eingezackten Räder die man dem Gestelle nürnbergischer Pferde
abgehoben und so zu etwas Besserem verbraucht hatte Die grüne Kinderhaube
mit Spitzen gerändert das einzige Überbleibsel seines vorigen vierjährigen
Kopfes war seine Büste und sein Gipsabdruck vom kleinen Wutz der jetzt zu
einem großen ausgefahren war AlltagsKleider stellen das Bild eines toten
Menschen weit inniger dar als sein Porträt daher besah Wutz das Grün mit
sehnsüchtiger Wollust und es war ihm als schimmere aus dem Eis des Alters eine
grüne Rasenstelle der längst überschneieten Kindheit vor »Nur meinen Unterrock
von Flanell« sagte er »sollt ich gar haben der mir allemal unter den Achseln
umgebunden wurde« Mir ist sowohl das erste Schreibbuch des Königs von Preußen
als das des Schulmeisters Wutz bekannt und da ich beide in Händen gehabt so
kann ich urteilen dass der König als Mann und das Meisterlein als Kind
schlechter geschrieben »Mutter« sagt er zu seiner Frau »betracht doch wie
dein Mann hier im Schreibbuch und wie er dort in seinem kalligraphischen
Meisterstück von einem Lehnbrief den er an die Wand genagelt geschrieben ich
fress mich aber noch vor Liebe Mutter« Er prahlte vor niemand als vor seiner
Frau und ich schätze den Vorteil so hoch als er wert ist den die Ehe hat dass
der Ehemann durch sie noch ein zweites Ich bekommt vor welchem er sich ohne
Bedenken recht herzlich loben kann Wahrhaftig das deutsche Publikum sollte ein
solches zweites Ich von uns Autoren abgeben Die Schachtel war ein
Bücherschrank der lilliputischen Traktätchen in FingerkalenderFormat die er in
seiner Kindheit dadurch herausgab dass er einen Vers aus der Bibel abschrieb es
heftete und bloß sagte »Abermals einen recht hübschen Kober4 gemacht« Andre
Autores vermögen dergleichen auch aber erst wenn sie herangewachsen sind Als
er mir seine jugendliche Schriftstellerei referierte bemerkte er »Als ein Kind
ist man ein wahrer Narr es stach aber doch schon damals der Schriftstellertrieb
hervor nur freilich noch in einer unreifen und lächerlichen Gestalt« und
belächelte zufrieden die jetzige Und so gings mit dem Finkenkloben ebenfalls
war nicht der fingerlange Finkenkloben den er mit Bier bestrich und auf dem er
die Fliegen an den Beinen fing der Vorläufer des armlangen Finkenkloben hinter
dem er im Spätherbst seine schönsten Stunden zubrachte wie auf ihm die Finken
ihre hässlichsten Das Vogelstellen will durchaus ein in sich selber vergnügtes
stilles Ding von Seele haben
Es ist leicht begreiflich dass seine größte Krankenlabung ein alter Kalender
war und die abscheulichen 12 Monatkupfer desselben In jedem Monat des Jahrs
machte er sich ohne vor einem Galerieinspektor den Hut abzunehmen oder an ein
Bilderkabinett zu klopfen mehr malerische und artistische Lust als andre
Deutsche die abnehmen und anklopfen Er durchwanderte nämlich die 11
MonatVignetten die des Monats worin er wanderte ließ er weg und
phantasierte in die HolzschnittAuftritte alles hinein was er und sie nötig
hatten Es musste ihn freilich in gesunden und in kranken Tagen letzen wenn er
im JennerWinterstück auf dem abgerupften schwarzen Baum herumstieg und sich
mit der Phantasie unter den an der Erde aufdrückenden Wolkenhimmel stellte
der über den Winterschlaf der Wiesen und Felder wie ein Bettimmel sich
hinüberkrümmte Der ganze Junius zog sich mit seinen langen Tagen und langen
Gräsern um ihn herum wenn er seine Einbildung den JuniusLandschaftHolzschnitt
ausbrüten ließ auf welchem kleine Kreuzchen die nichts als Vögel sein sollten
durch das graue Druckpapier flogen und auf dem der Holzschneider das fette
Laubwerk zu Blättergerippen mazerierte Allein wer Phantasie hat macht sich aus
jedem Abschnitzel eine wundertätige Reliquie aus jedem Eselkinnbacken eine
Quelle die fünf Sinne reichen ihr nur die Kartons nur die Grundstriche des
Vergnügens oder Missvergnügens
Den Mai überblätterte der Patient weil der ohnehin um das Haus draußen
stand Die Kirschblüten womit der Wonnemond sein grünes Haar besteckt die
Maiblümchen die als Vorsteckrosen über seinem Busen duften beroch er nicht
der Geruch war weg aber er besah sie und hatte einige in einer Schüssel neben
seinem Krankenbette
Ich habe meine Absicht klug erreicht mich und meine Zuhörer fünf oder sechs
Seiten von der traurigen Minute wegzuführen in der vor unser aller Augen der
Tod vor das Bett unsers kranken Freundes tritt und langsam mit eiskalten Händen
in seine warme Brust hineindringt und das vergnügt schlagende Herz erschreckt
fängt und auf immer anhält Freilich am Ende kommt die Minute und ihr Begleiter
doch
Ich blieb den ganzen Tag da und sagte abends ich könnte in der Nacht
wachen Sein lebhaftes Gehirn und sein zuckendes Gesicht hatten mich fest
überzeugt in der Nacht würde der Schlag sich wiederholen es geschah aber
nicht welches mir und dem Schulmeisterlein ein wesentlicher Gefallen war Denn
es hatte mir gesagt auch in seinem letzten Traktätchen stehts nichts wäre
schöner und leichter als an einem heitern Tage zu sterben die Seele sähe durch
die geschlossenen Augen die hohe Sonne noch und sie stiege aus dem
vertrockneten Leib in das weite blaue Lichtmeer draußen hingegen in einer
finsteren brüllenden Nacht aus dem warmen Leibe zu müssen den langen Fall ins
Grab so einsam zu tun wenn die ganze Natur selber dasässe und die Augen sterbend
zuhätte das wäre ein zu harter Tod
Um 1112 Uhr nachts kamen Wutzens zwei besten Jugendfreunde noch einmal vor
sein Bette der Schlaf und der Traum um von ihm gleichsam Abschied zu nehmen
Oder bleibt ihr länger und seid ihr zwei Menschenfreunde es vielleicht die ihr
den ermordeten Menschen aus den blutigen Händen des Todes holet und auf eueren
wiegenden Armen durch die kalten unterirdischen Höhlungen mütterlich traget ins
helle Land hin wo ihn eine neue Morgensonne und neue Morgenblumen in waches
Leben hauchen
Ich war allein in der Stube Ich hörte nichts als den Atemzug des Kranken
und den Schlag meiner Uhr die sein kurzes Leben wegmass Der gelbe Vollmond
hingt tief und groß in Süden und bereifte mit seinem Totenlichte die Maiblümchen
des Mannes und die stockende Wanduhr und die grüne Haube des Kindes Der leise
Kirschbaum vor dem Fenster malte auf dem Grund von Mondlicht aus Schatten einen
bebenden Baumschlag in die Stube Am stillen Himmel wurde zuweilen eine
fackelnde Sternschnuppe niedergeworfen und sie verging wie ein Mensch Es fiel
mir bei die nämliche Stube die jetzt der schwarz ausgeschlagene Vorsaal des
Grabes war wurde morgen vor 43 Jahren am 13ten Mai vom Kranken bezogen an
welchem Tage seine elysischen Achtwochen angegangen Ich sah dass der dem
damals dieser Kirschbaum Wohlgeruch und Träume gab dort im drückenden Traume
geruchlos liege und vielleicht noch heute aus dieser Stube ausziehe und dass
alles alles vorüber sei und niemals wiederkomme und in dieser Minute fing
Wutz mit dem ungelähmten Arme nach etwas als wollt er einen entfallenden
Himmel erfassen und in dieser zitternden Minute knisterte der Monatzeiger
meiner Uhr und fuhr weils 12 Uhr war vom 12ten Mai zum 13ten über Der Tod
schien mir meine Uhr zu stellen ich hörte ihn den Menschen und seine Freuden
käuen und die Welt und die Zeit schien in einem Strom von Moder sich in den
Abgrund hinabzubröckeln
Ich denke an diese Minute bei jedem mitternächtlichen Überspringen meines
Monatzeigers aber sie trete nie mehr unter die Reihe meiner übrigen Minuten
Der Sterbende er wird kaum diesen Namen lange mehr haben schlug zwei
lodernde Augen auf und sah mich lange an um mich zu kennen Ihm hatte geträumt
er schwankte als ein Kind sich auf einem Lilienbeete das unter ihm aufgewallet
dieses wäre zu einer emporgehobnen RosenWolke zusammengeflossen die mit ihm
durch goldne Morgenröten und über rauchende Blumenfelder weggezogen die Sonne
hätte mit einem weißen MädchenAngesicht ihn angelächelt und angeleuchtet und
wäre endlich in Gestalt eines von Strahlen umflognen Mädchens seiner Wolke
zugesunken und er hätte sich geängstigt dass er den linken gelähmten Arm nicht
um und an sie bringen können Darüber wurd er wach aus seinem letzten oder
vielmehr vorletzten Traum denn auf den langen Traum des Lebens sind die kleinen
bunten Träume der Nacht wie Phantasieblumen gestickt und gezeichnet
Der Lebensstrom nach seinem Kopfe wurde immer schneller und breiter er
glaubte immer wieder verjüngt zu sein den Mond hielt er für die bewölkte
Sonne es kam ihm vor er sei ein fliegender Taufengel unter einem Regenbogen
an eine DotterblumenKette aufgehangen im unendlichen Bogen auf und
niederwogend von der vierjährigen Ringgeberin über Abgründe zur Sonne
aufgeschaukelt Gegen 4 Uhr morgens konnte er uns nicht mehr sehen obgleich
die Morgenröte schon in der Stube war die Augen blickten versteinert vor sich
hin eine Gesichtzuckung kam auf die andre den Mund zog eine Entzückung immer
lächelnder auseinander FrühlingPhantasien die weder dieses Leben erfahren
noch jenes haben wird spielten mit der sinkenden Seele endlich stürzte der
Todesengel den blassen Leichenschleier auf sein Angesicht und hob hinter ihm die
blühende Seele mit ihren tiefsten Wurzeln aus dem körperlichen Treibkasten voll
organisierter Erde Das Sterben ist erhaben hinter schwarzen Vorhängen tut
der einsame Tod das stille Wunder und arbeitet für die andre Welt und die
Sterblichen stehen da mit nassen aber stumpfen Augen neben der überirdischen
Szene
»Du guter Vater« sagte seine Witwe »wenn dirs jemand vor 43 Jahren hätte
sagen sollen dass man dich am 13ten Mai wo deine Achtwochen angingen
hinaustragen würde« »Seine Achtwochen« sagt ich »gehen wieder an dauern
aber länger«
Als ich um 11 Uhr fortging war mir die Erde gleichsam heilig und Tote
schienen mir neben mir zu gehen ich sah auf zum Himmel als könnt ich im
endlosen Äther nur in einer Richtung den Gestorbnen suchen und als ich oben auf
dem Berge wo man nach Auental hineinschauet mich noch einmal nach dem
Leidensteater umsah und als ich unter den rauchenden Häusern bloß das
Trauerhaus unbewölket dastehen und den Totengräber oben auf dem Gottesacker das
Grab aushauen sah und als ich das Leichenläuten seinetwegen hörte und daran
dachte wie die Witwe im stummen Kirchturm mit rinnenden Augen das Seil unten
reiße so fühlt ich unser aller Nichts und schwur ein so unbedeutendes Leben
zu verachten zu verdienen und zu genießen
Wohl dir lieber Wutz dass ich wenn ich nach Auental gehe und dein
verrasetes Grab aussuche und mich darüber kümmere dass die in dein Grab
beerdigte Puppe des Nachtschmetterlings mit Flügeln daraus kriecht dass dein
Grab ein Lustlager bohrender Regenwürmer rückender Schnecken wirbelnder
Ameisen und nagender Räupchen ist indes du tief unter allen diesen mit
unverrücktem Haupte auf deinen Hobelspänen liegst und keine liebkosende Sonne
durch deine Bretter und deine mit Leinwand zugeleimten Augen bricht wohl dir
dass ich dann sagen kann »Als er noch das Leben hatte genoss ers fröhlicher wie
wir alle«
Es ist genug meine Freunde es ist 12 Uhr der Monatzeiger sprang auf
einen neuen Tag und erinnerte uns an den doppelten Schlaf an den Schlaf der
kurzen und an den Schlaf der langen Nacht
Fußnoten
1 Die bekanntlich besser schmecken wenn man sie mit Rutenstreichen tötet
2 Langens geistliches Recht S 534
3 In manchen deutschen Gegenden tragen die Mädchen drei Dukaten am Halse
4 Kobers Kabinettsprediger in dem mehr Geist steckt freilich oft ein
närrischer als in zwanzig jetzigen ausgelaugten Predigtaufen
Ausläuten oder Sieben Letzte Worte an die Leser der Lebensbeschreibung und der
Idylle
Am 21ten Junius oder längsten Tage
Heute wird also meine kleine Rolle wenigstens für den ersten Auftritt aus
sobald ich die sieben Worte gar geschrieben habe so gehen ich und die Leser
auseinander Aber ich trete trauriger weg als sie Ein Mensch der den Weg zu
einem weiten Ziel vollendet hat wendet sich an diesem um und sieht unbefriedigt
und voll neuer Wünsche über die zurücklaufende Straße hin die seine schmalen
Stunden wegmass und die er wie eine Medea mit Gliedern des Lebens überstreuete
Eh es heute Nacht wurde hab ich alle die Papierspäne die von diesem Buche
fielen eingesargt aber nicht wie andre Schreiber eingeäschert ich habe
zugleich alle Briefe der Freunde die mir keine neue mehr schreiben können als
Akten der in der ErdenInstanz geschlossenen Prozesse inrotuliert und hingelegt
So etwas sollte der Mensch stets deponieren und alle Freudenblumen aufkleben
trotz ihrer Vertrocknung in einem Kräuterbuche nicht einmal seine alten
Fracks Pikeschen und Bratenröcke die übrigen Kleiderstücke charakterisieren
wenig sollte er verschenken oder versteigern sondern hinhenken sollt er sie
als Hülsen seiner ausgekernten Stunden als Puppengehäuse der ausgeflognen
Freuden als Gewandfall oder tote Hand die der Erinnerung heimfällt von den
gestorbenen Jahren
Sobald ich heute am Tage der so lang war als dieses Buch mit dieser
Leichenbestattung fertig war so ging ich in die Nacht heraus die so kurz ist
wie die des Lebens und hier steh ich unter dem Himmel und fühl es wieder
wie allemal dass jede überstiegne Treppe hienieden sich zur Staffel einer höheren
verkürzt und dass jeder erkletterte Thron zum Fussschemel eines neuen
einschrumpft Die Menschen bewohnen und bewegen das große Tretrad des
Schicksals und glauben darin sie steigen wenn sie gehen Warum will ich
schon wieder ein neues Buch schreiben und in diesem die Ruhe erwarten die ich
im alten nicht fand Ein buschichter Felsen der sich über einen Steinbruch
bückt hält mich hier mit meiner Schreibtafel in der ich dieses Buch zu Ende
führen will in der Nacht des Junius empor den die Maler wie den Tod mit
einer Sense malen Es ist über 11 Uhr auf dem erloschnen blauen
HimmelsOzean über mir glimmt nur hier und da ein zitterndes Pünktchen der
Arkturus wirft aus Westen seine kleinen Blitze auf seine Erden und auf meine
der große Bär blinkt aus Norden und die Andromeda aus Osten der breite Mond
liegt unter der Erde neben dem Mittage der neuen Welt aber die eingesunkne
Abendröte dieser bunte SonnenSchatte beugt den Tagschimmer der neuen Welt
gemildert in die alte herein und wirft ihn über zehn überlaubte Dörfer um mich
und über den schwarzen allein fortredenden Strom diese lange Wasseruhr der
Zeit die damit ein Jahrtausend ums andre misset
So jämmerlich ist der enge Mensch wenn er ein Buch hinaus hat so blickt er
zu allen entlegnen Sonnen auf ob sie ihm nicht zusehen bescheidner wäre es
er dächte er werde bloß von Europa und dessen indischen Besitzungen bemerkt
Ich wünsche nicht dass mich hier ein Cherub ein Seraph oder nur ein Berggeist
mit meiner Schreibtafel und meinen Narrheiten gewahr werde Mich sehe lieber ein
Mensch stehen und schreiben der wird mild sein und von seinem eignen Herzen
lernen die Schwächen eines fremden tragen der gebrechliche Mensch wird es
fühlen und vergeben dass jeder das Nest worin er sitzt und quiekt und welches
das einzige ist worüber er mit Schnabel und H hinaussticht für den Fokus des
Universums hält für eine Frontloge und Rotunda die sämtlichen Nester aber auf
den andern Bäumen für die Wirtschaftgebäude seines Fokalnestes O ihr guten
Menschen warum ist es möglich dass wir uns untereinander auch nur eine halbe
Stunde kränken Ach in dieser gefährlichen DezemberNacht dieses Lebens
mitten in diesem Chaos unbekannter Wesen welche die Höhe oder Tiefe von uns
entfernt in dieser verhülleten Welt in diesen bebenden Abenden die sich um
unser zerstäubendes Erdchen legen wie ist es da möglich dass der verlassene
Mensch nicht die einzige warme Brust umschlinge in der ein Herz liegt wie
seines und zu der er sagen kann »Mein Bruder du bist wie ich und leidest wie
ich und wir können uns lieben« Unbegreiflicher Mensch du sammelst lieber
Dolche auf und treibest sie mitten in deiner Mitternacht in die ähnliche
Brust womit der gute Himmel deine wärmen und beschirmen wollte Ach ich
schaue über die beschatteten Blumengründe hin und sage mir dass hier
sechstausend Jahre mit ihren schönen hohen Menschen vorübergezogen sind die
keiner von uns an seinen Busen drücken konnte dass noch viele Jahrtausende über
diese Stätte gehen und darüber himmlische vielleicht betrübte Menschen führen
werden die uns nie begegnen sondern höchstens unsern Urnen und die wir so
gern lieben würden und dass bloß ein paar arme Jahrzehende uns einige fliehende
Gestalten vorführen die ihr Auge auf uns wenden und in denen das verschwisterte
Herz für uns ist nach dem wir uns sehnen Umfasset diese eilenden Gestalten
aber bloß aus euren Tränen werdet ihr wissen dass ihr seid geliebt worden
Und eben dieses dass die Hand eines Menschen über so wenige Jahre
hinausreicht und dass die so wenige gute Hände fassen kann das muss ihn
entschuldigen wenn er ein Buch macht seine Stimme reicht weiter als seine
Hand sein enger Kreis der Liebe zerfliesset in weitere Zirkel und wenn er
selber nicht mehr ist so wehen seine nachtönenden Gedanken in dem papiernen
Laube noch fort und spielen wie andre zerstiebende Träume durch ihr Geflüster
und ihren Schatten von manchem fernen Herzen eine schwere Stunde hinweg
Dieses ist auch mein Wunsch aber nicht meine Hoffnung Wenn es aber eine schöne
weiche Seele gibt die so voll ihres Innern ihrer Erinnerung und ihrer
Phantasien ist dass sie sogar bei meinen schwachen überschwillt wenn sie sich
und ein volles Auge das sie nicht bezwingen kann mit dieser Geschichte
verbirgt weil sie darin ihre eigne ihre verschwundnen Freunde ihre
vorübergezognen Tage und ihre versiegten Tränen wiederfindet o dann geliebte
Seele hab ich an dich darin gedacht ob ich dich gleich nicht kannte und ich
bin dein Freund wiewohl nicht dein Bekannter gewesen Noch bessere Menschen
werden dir beides sein wenn du den schlimmern verbirgst was du jenen zeigst
wenn das Göttliche in dir gleich Gott in einer hohen Unsichtbarkeit bleibt
und wenn du sogar deine Tränen verschleierst weil harte Hände sich
ausstrecken die gern sie mit dem Auge zerdrücken wie man nach dem Regen alle
grünen Spitzen des englischen Gartens niederschleift damit sie nicht
weiterkeimen
Der helle Stern oder Tautropfe in der Ähre der Jungfrau fällt jetzt unter
den Horizont Ich stehe noch hier auf meiner blumichten Erde und denke noch
trägst du auf deinen Blumen alte gute Erde deine Menschenkinder an die Sonne
wie die Mutter den Säugling ans Licht noch bist du ganz von deinen Kindern
umschlungen behangen bedeckt und indes Geflügel auf deinen Schultern
flattert Tiermassen um deine Füße schreiten geflügelte Goldpunkte um deine
Locken schweifen führest du das aufgerichtete hohe Menschengeschlecht an deiner
Hand durch den Himmel zeigest uns allen deine Morgenröten deine Blumen und das
ganze lichtervolle Haus des unendlichen Vaters und erzählest deinen Kindern von
ihm die ihn noch nicht gesehen haben Aber gute Mutter Erde es wird ein
Jahrtausend aufgehen wo alle deine Kinder dir werden gestorben sein wo der
feurige SonnenStrudel dich in zu nahe verzehrende Kreise an sich wird gewirbelt
haben dann wirst du verwaiset mit Stummen im Schoss mit Todesasche bestreuet
öde und stumm um deine Sonne ziehen es wird das Morgenrot kommen es wird der
Abendstern schimmern aber die Menschen alle werden tief schlafen auf deinen
vier WeltArmen und nichts mehr sehen Alle werden es Ach dann lege eine
höhere tröstende Hand unserem Mitbruder der zuletzt entschläft den letzten
Schleier ohne Zögern über das einsame Auge
Das Abendrot schimmert schon in Norden auch in meiner Seele ist die
Sonne hinunter und am Rande zucket rotes Licht und mein Ich wird finster die
Welt vor mir liegt in einem festen Schlafe und hört und redet nicht es setzt
sich in mir zusammen eine bleiche Welt aus Totengebeinen die alten Stunden
stäuben sich ab es brauset wie wenn an den Grenzen der Erde eine Vernichtung
anfinge und ich herüberhörte das Zerbrechen einer Sonne der Strom stockt und
alles ist stille ein schwarzer Regenbogen krümmt sich aus Gewittern zusammen
über diese hülflose Erde
Siehe es tritt eine Gestalt unter den schwarzen Bogen es schreitet
über die JuniusBlumen ungehört ein unermessliches Skelett und geht zu meinem
Berge heran es verschlingt Sonnen erquetscht Erden tritt einen Mond aus und
ragt hoch hinein in das Nichts das hohe weiße Gebein durchschneidet die Nacht
hält zwei Menschen an den Händen blickt mich an und sagt »Ich bin der Tod
ich habe an jeder Hand einen Freund von dir aber sie sind unkenntlich«
Mein Mund lag auf die Erde gestürzt mein Herz schwamm im Gifte des Todes
aber ich hörte noch sterbend ihn reden
»Ich töte dich jetzt auch du hast meinen Namen oft genennt und ich habe
dich gehört ich habe schon eine Ewigkeit zerbröckelt und greife in alle Welten
hinein und erdrücke ich steige aus den Sonnen in euren dumpfen finsteren Winkel
nieder wo der MenschenSalpeter anschiesset und streich ihn ab Lebst du
noch Sterblicher«
Da zerging mein verblutetes Herz in eine Träne über die Qualen des Menschen
ich richtete mich gebrochen auf und schaute nicht auf dieses Skelett und auf
das was es führte ich blickte auf zu dem Sirius und rief mit der letzten
Angst »Verhüllter Vater lässest du mich vernichten Sind diese auch
vernichtet Endigt das gequälte Leben in eine Zerschmetterung Ach konnten die
Herzen die zertrümmert werden dich nur so kurz lieben«
Siehe da entfiel droben dem nachtblauen Himmel ein heller Tropfe so groß
wie eine Träne und sank wachsend neben einer Welt nach der andern vorbei Als
er groß und mit tausend Farbenblitzen durch den schwarzen Bogen drang so grünte
und blühte dieser wie ein Regenbogen und unter ihm waren keine Gestalten mehr
und als der Tropfen großglimmend wie eine Sonne auf fünf Blumen lag so
überfloss ein irrendes Feuer die grüne Fläche und erhellete einen schwarzen Flor
der ungesehen die Erde umfasset hatte Der Flor zog sich schwellend auf zu einem
unendlichen Zelte und riss von der Welt ab und fiel zu einem Leichenschleier
zusammen und blieb in einem Grabe Da ward die Erde ein tagender Himmel aus
den Sternen stäubte ein warmer Regen von lichten Pünktchen nieder am Horizont
standen weiße Säulen aufgepflanzt von Westen her walleten kleine Wolken
herüber perlenhell grünlichspielend rotglühend und auf jeder Wolke
schlief ein Jüngling und sein AtemZephyr spielte mit dem rinnenden Dufte wie
mit weichen Blüten und wiegte seine Wolke die Wogen eines lauen Abendwindes
spülten an die Wolken an und führten sie Und als eine Welle in meinen Atem
floss so wollt in ihr meine Seele dahingegeben in ewige Ruhe auseinanderrinnen
weit gegen Westen erschütterte eine dunkle Kugel sich unter einem Gewitterguss
und Sturm von Osten her war auf meinen Boden ein Zodiakallicht wie ein
Schatten hingeworfen
Ich wandte mich nach Osten und ein ruhiggroßer in Tugend seliger wie ein
Mond aufgehender Engel lächelte mich an und fragte »Kennst du mich Ich bin
der Engel des Friedens und der Ruhe und in deinem Sterben wirst du mich
wiedersehen Ich liebe und tröste euch Menschen und bin bei eurem großen Kummer
Wenn er zu groß wird wenn ihr euch auf dem harten Leben wundgelegen so nehm
ich die Seele mit ihren Wunden an mein Herz und trage sie aus eurer Kugel die
dort in Westen kämpft und lege sie schlummernd auf die weiche Wolke des Todes
nieder«
Ach ich kenne einige schlafende Gestalten auf diesen Wolken
»Alle diese Wolken ziehen mit ihren Schläfern nach Morgen und sobald der
große gute Gott aufgeht in der Gestalt der Sonne so wachen sie alle auf und
leben und jauchzen ewig«
O siehe die Wolken gen Osten glühen höher und drängen sich in ein GlutMeer
zusammen die steigende Sonne nahet sich alle Schlummernden lächeln
lebendiger aus dem seligen Traum dem Wachen entgegen
O ihr ewig geliebten kenntlichen Gestalten wenn ich in eure großen
himmeltrunknen Augen wieder werde schauen können
Ein Sonnenblitz schlug empor Gott ruhte flammend vor der zweiten Welt
alle geschlossene Augen fuhren auf
Ach auch meine nur die Erdensonne ging auf ich klebte noch auf der
streitenden AbendKugel die kürzeste Nacht war über meinen Schlummer
vorübergeeilet als wäre sie die letzte des Lebens gewesen
Es sei Aber heute richtet sich mein Geist auf mit seinen irdischen Kräften
ich erhebe meine Augen in die unendliche Welt über diesem Leben mein an ein
reineres Vaterland geknüpftes Erdenherz schlägt gegen deinen Sternenhimmel
empor Unendlicher gegen das Sternenbild deiner grenzenlosen Gestalt und ich
werde groß und ewig durch deine Stimme in meinem edelsten Innern du wirst nie
vergehen
Und so wer mit mir sich einer Stunde erinnert wo ihm der Engel des Friedens
erschien und ihm teuere Seelen aus der irdischen Umarmung zog ach wer sich
einer erinnert wo er zu viel verlor der bezwinge das Sehnen und sehe mit mir
fest zu den Wolken auf und sage Ruhet immerhin auf eurem Gewölke aus ihr
entrückten Geliebten Ihr zählt die Jahrhunderte nicht die zwischen eurem Abend
und eurem Morgen verfliessen kein Stein liegt mehr auf eurem bedeckten Herzen
als der Leichenstein und dieser drücket nicht und euer Ruhen störet nicht
einmal ein Gedanke an uns
Tief im Menschen ruht etwas Unbezwingliches das der Schmerz nur betäubt
nicht besiegt Darum dauert er ein Leben aus wo der beste nur Laub statt
Früchte trägt darum wacht er fest die Nächte dieser westlichen Kugel hinaus wo
geliebte Menschen über die liebende Brust in ein weit entlegenes Leben wegziehen
und dem jetzigen bloß das Nachtönen der Erinnerung hinterlassen wie durch
Islands schwarze Nächte Schwanen als Zugvögel mit den Tönen von Violinen fliegen
Du aber den die zwei schlafenden Gestalten geliebt und in dem sie mir ihren
und meinen Freund zurückgelassen du mein mit ewiger Hochachtung geliebter
Christian Otto bleibe hienieden bei mir