Adolph Freiherr von Knigge
Die Reise nach Braunschweig
Ein comischer Roman
Vorrede
Der kleine Roman den man hier dem Drucke übergibt ist in Stunden der
Erholung von ernstaften Geschäften geschrieben um das Gefühl der heftigen
cörperlichen Leiden wovon der Verfasser seit mehr als Jahres Frist unaufhörlich
gepeinigt wird durch unschuldigen Scherz zu mildern geschrieben um bei
Sorgen mancher Art durch leichten Witz sich in harmloser Stimmung zu erhalten
Er macht also auch keinen Anspruch auf die Musse solcher Leser die tiefsinnige
philosophische Betrachtungen und überraschend feine Blicke in die Natur des
menschlichen Herzens in solchen Romanen zu finden hoffen
Der Verfasser hat bis jetzt in seine Schriften ähnlicher Art die Behandlung
wichtigrer Gegenstände einzuflechten und die Sitten der sogenannten höheren
Menschenclassen zu schildern gesucht hier versteigt er sich nicht so hoch und
widmet daher diese Arbeit auch nur solchen Lesern denen es darum zu tun ist
ihre Augen einmal von Höfen Fürsten Staatshändeln und gelehrten Kampfplätzen
ab auf ländliche Szenen und lachende Bilder gelenkt wissen zu wollen
Das ist alles was der Verfasser von diesem Büchlein zu sagen weiß um den
Gesichtspunct anzuzeigen aus welchem er beurteilt zu werden wünscht
Bremen um Ostern 1792
Erstes Kapitel
Eine ländliche Gesellschaft rüstet sich zu einer Reise um merkwürdige Dinge zu
sehen
»Das mag possirlich aussehn Herr Pastor« sagte der Amtmann Waumann zu dem
geistlichen Herrn der mit dem andern Zeitungsblatte in der Hand ihm gegenüber
saß »Das mag possirlich aussehn wenn so ein Mann in der Luft herumfährt und
einen Ball unter dem Hintern hat« »Nicht unter dem salva venia Hintern
excusiren Sie« erwiderte der Pastor Schottenius »der Musjö Blanchard sitzt in
einem Schiffchen welches an dem mit künstlicher Luft gefüllten großen Ballon
befestigt ist« »Was Teufel« fiel ihm hier der Förster Dornbusch in die Rede
»wie macht es aber der Hexenkerl dass er damit herumkutschirt Das kann nicht
mit rechten Dingen zugehn« Nun ließ sich Ehren Schottenius auf eine weitläufige
Beschreibung der LuftKutschierMaschinen ein und bewies zuerst dass es auf
keine Weise sündlich sei Versuche von der Art zu machen wie wohl manche
abergläubische Leute meinen mögten Vielmehr diene die Erforschung der Natur und
deren Kräfte zur Verherrlichung des Schöpfers »wie ich dies« fügte er hinzu »in
meinen nun bald im Drucke erscheinenden Predigten zum öfteren bewiesen habe«
Dies war der Refrain welchen er in der gewöhnlichen Unterhaltung jedem Satze
den er vortrug anzuknüpfen pflegte Er hatte nämlich eine Sammlung von 57
schreibe sieben und funfzig Stück Predigten fertig liegen die er herauszugeben
längst beschlossen hatte und es gab wenig Gegenstände unter dem Monde und wenig
Wahrheiten und Vermutungen über welche er nicht in diesen KanzelReden
Gelegenheit genommen hätte seine unmassgebliche Meinung zu sagen Ehren
Schottenius war in der Tat ein aufgeklärter Geistlicher Es gibt böse
Menschen welche behaupten das sei eine contradictio in adjecto oder vielmehr
ein Prediger handle sehr inconsequent wenn er die Aufklärung befördre allein
unser Herr Pastor wiederlegte durch sein Beispiel diese Ketzerei Nur müssen wir
uns über den richtigen Begriff des Worts Aufklärung verstehen Er war kein Mann
der das Gegenteil von dem glaubte und lehrte als worauf er geschworen hatte
und wofür er sich besolden ließ Er nahm nicht das Lämpchen der Aufklärung in
die Hand um in dem AltertumsKabinette speculativer Raritäten und dogmatischer
Geheimnisse aufzuräumen sondern er verwaltete die ihm über diesen Schatz
anvertrauete Aufsicht nach Anweisung seiner Obern und so wie die mehrsten
Bibliotekare in und außer Klöstern die Aufsicht über die Sammlungen seltener
Handschriften zu führen pflegen denn er bewahrte sie vor nagenden Mäusen und
vor verbleichenden Sonnenstrahlen rührte jedoch nicht anders daran als wenn er
an hohen Festtagen einmal den Staub davon abkehren musste damit man doch den
besuchenden Fremden zeigen könnte dass sie noch da wären Seine Aufklärung aber
bestand darin dass er nicht alle andren menschlichen Kenntnisse auf den
einzigen Stamm der Ortodoxie propfen wollte sondern mit Vergnügen von neuen
Entdeckungen in allen Gebieten der Wissenschaften und Künste reden hörte ohne
sich darum zu bekümmern ob der Schlüssel dazu schon in den mosaischen
Geschichtsbüchern zu finden wäre oder nicht Er empfahl in seinen Predigten
neben der reinsten christlichen Moral eine edle Wissbegierde und Empfänglichkeit
für alles nützliche Gute und rief oft mit Paulus aus »prüfet alles und das
Gute behaltet« Diese vernünftige Stimmung hatte er dadurch erlangt dass er
einige Jahre in dem Hause eines Edelmannes in Halberstadt als Kinderlehrer
zugebracht und dort Gelegenheit gehabt hatte mit Männern von großen Einsichten
umzugehn Freilich hatte er sich nachher auf dem Lande wieder wie man zu sagen
pflegt ein wenig verlegen aber immer noch unterschied er sich vorteilhaft
unter seinen Amtsbrüdern weit umher Allein die innere Überzeugung dieses
Vorzugs gab ihm auch wohl zuweilen eine etwas zu hohe Meinung von sich selber
so dass er niemand lieber reden hörte als den Pastor Schottenius und man hätte
versucht werden mögen zu glauben er habe nur den seinem Stande sonst
vorgeworfenen geistlichen Hochmut gegen eine Art gelehrtem Stolze vertauscht
Diese Meinung könnte uns nun bewegen einige scharfsinnige Bemerkungen über die
Quellen mancher menschlichen Tugenden zu machen Wir würden dann zum Beispiel
finden dass wenn mancher große Mann durch seine Popularität und Herablassung
gegen kleine Leute sich beliebt macht er eigentlich nur deswegen sich so wenig
herausnimmt damit er die überwiegende Stimme des Volks vor sich gewinne dass
also seine Ruhmsucht sich hinter dieser angenommenen Demut versteckt oder dass
er stolz genug ist zu glauben er könne sich nie etwas vergeben durch
Herablassung gegen Leute denen es nicht einfallen dürfte mit ihm verglichen zu
werden wir würden ferner finden dass man einen bescheidenen Gelehrten nicht
ärger anführen kann als wenn man ihm nicht lebhaft genug wiederspricht sobald
er von dem geringen Werte seiner Schriften redet wir würden endlich finden
dass mancher Edelmann nur deswegen der Abschaffung des Adels womit man in
Frankreich den Anfang gemacht hat das Wort redet weil er sich bewusst zu sein
meint seine unleugbaren innern Verdienste würden ihn noch immer über Andre
erheben wenn auch alle äußere Rücksichten von Stand und Geburt wegfielen
Allein wir der Autor haben uns nun einmal vorgenommen die scharfsinnigen
Bemerkungen in unserm Büchlein eben nicht zu häufen sondern dieselben dem
geehrten Leser selber zu überlassen so sehr wir auch ratione honorarii dabei
gewinnen könnten Also fahren wir in der Erzählung dessen fort was in des Herrn
Amtmanns Waumann Hause in Biesterberg vorgieng
Hier war es nämlich wo die drei Herrn welche wir redend eingeführt haben
den 6ten August 1788 Nachmittags mit einem geselligen Pfeifchen im Munde
versammelt saßen und die eben angekommnen Zeitungsblätter durchliefen Folgender
Artickel veranlasste das obige Gespräch
Braunschweig den 2ten August 1788 Den zehnten dieses Monats wird der
berühmte Luftschiffer Herr Blanchard mit einem großen und schönen Ballon aus
unsrer Stadt in die Höhe fahren Der Zusammenfluss der Fremden welche dieses
bewundernswürdige Schauspiel herbeilockt wird an diesem Tage außerordentlich
sein indem schon jetzt in denen mit Messleuten angefüllten Gastöfen fast kein
Zimmer mehr leer ist
Nachdem der Pastor Schottenius nun deutlich auseinandergesetzt hatte was
für eine Bewandtnis es mit solchen LuftFuhrwerken hätte erschallte aus einer
Ecke des Zimmers eine Stimme welche rief »o Papa lassen Sie uns doch
hinreisen nach Braunschweig und das Ding mit ansehen« Diese Stimme kam von
sonst niemand als dem jungen Herrn Valentin Waumann dem eheleiblichen Sohne
des Herrn Amtmanns her Dieser liebenswürdige Jüngling hatte damals sein Alter
gebracht auf circa drei und zwanzig Jahre war ein breitschultriger Junggeselle
in der christlichen Religion auferzogen und nachher der edelen Landwirtschaft
zugetan und gewidmet welcher er sich auch so eifrig ergab dass sein Herr Vater
die Absicht hegte ihm ein benachbartes Vorwerk das er mit gepachtet hatte
nebst dem Inventario an Kühen Schweinen Pferden instrumentis rusticis und
einer für ihn ausgesuchten Gattin nächstens zu übergeben Musjö Valentin war
nie über die Grenzen des Amts Biesterberg hinausgekommen obgleich der Amtmann
oft versprochen hatte einmal bevor der junge Herr sich in den Stand der
heiligen Ehe begäbe mit ihm eine Fahrt von einigen Tagereisen zu machen um in
Hildesheim Braunschweig Hannover und andern schönen Städten in der
Nachbarschaft die Welt mit ihren Merkwürdigkeiten zu sehen Als der junge Herr
nun wie gesagt in der Ecke saß wo er sich beschäftigte neue Kerbhölzer für
die Dienstleute zu schnitzeln und er dort von den Zeichen und Wundern hörte
welche in Braunschweig in wenigen Tagen geschehen sollten erinnerte er seinen
Papa an das Versprechen der Reise Die Frau Amtmanninn deren Liebling dies
einzige Söhnchen war unterstützte sein Gesuch und so wurde dann kurz und gut
beschlossen am nächstkünftigen Sonnabende als dem Tage vor der großen
LuftBegebenheit die Reise nach Braunschweig geliebt es Gott zu unternehmen
»Potz Element« rief der Förster aus »Herr Amtmann da reise ich mit ja
so tue ich und von da fahre ich auf dem Rückwege die Paar Meilen weiter über
Gosslar wo ich doch hin muss um meine Grete aus der Penschon abzuholen Sie
verstehen mir Herr Amtmann und darüber wird denn Müsche Valentin auch nicht
böse werden denke ich so ha ha Und unser Herr Pastor muss auch mit und muss
uns seine halbe Schäse tun denn weil ich sonst mant immer reite so habe ich
keine eigne Karrete und so aber so fahren wir in zwei Kutschen und was der
Herr Pastor verzehrt das bezahle ich ja das tue ich«
Ehren Schottenius war leicht zu bereden diesen Vorschlag anzunehmen der
Kandidat Krebs aus Möllental hatte sich ohnehin die Erlaubnis erbeten am
nächsten Sonntage in Biesterberg predigen zu dürfen und außer dem Vergnügen der
Reise gab diese kostenfreie Lustfart dem Pastor noch Gelegenheit einen längst
gehegten Vorsatz auszuführen nämlich den sich in Braunschweig nach einem
Verleger für seine sieben und funfzig Predigten umzusehn Es kam nur noch auf
eine Kleinigkeit an auf die Einwilligung der Frau Pastorinn da indessen diese
selbst gegenwärtig war und neben der Frau Amtmanninn sitzend eben die fünfte
Tasse Kaffee auf vielfältiges Bitten sich hatte wohlschmecken lassen so ließ
sich die Sache bald aufs Reine bringen »Ja was meinst Du zu dem Vorschlage
mein Schatz« sprach der Pastor und sah nach den kleinen schwarzen Äuglein
seiner Gebieterinn ob sie zürnten oder lächelten »I nun da Du mit so guter
Gelegenheit umsonst hinkömmst warum nicht« So wars denn richtig alles
wurde gehörig verabredet und bald nachher trennte sich die Gesellschaft
Zweites Kapitel
Die Abenteuer des ersten Tages auf der Reise
Die liebe Sonne hatte am Neunten des Augusts kaum den ersten Blick in das enge
Tal geworfen in welchem an eine kleine Anhöhe gelehnt das Dorf Biesterberg
mit seinen schönen Amtsgebäuden lag die Hähne auf den Bauerhöfen weckten nun
krähend ihre Damen aus dem Schlafe der Schulmeister stand im Kamisol ohne
Ermeln unten im Turm und zog gähnend die Betglocke die Knechte schlichen
schwerfällig aus den Ställen hervor und klopften die Lünzen an den ErndteWagen
zurecht die Hirten bliesen in ihr Horn und gaben durch Klatschen das Zeichen
worauf die Mägde mit bloßen Beinen und mit aufgeraften Reisern in den Händen
das Vieh von den Höfen hinunter trieben Da war schon im Amtause auf dem
Pfarrhofe und in des Försters Wohnung alles auf den Beinen Des Herrn Amtmanns
ehrwürdiger Reisewagen stand geschmiert und bepackt vor der Tür der Gärtner
Kaspar bürstete an dem gelben geblümten Plüsche womit er ausgeschlagen war und
die Haushälterinn steckte Butterbröde und eine gebratne Rehkeule in die
SeitenTasche Oben an dem Fenster des Eckzimmers stand der alte Herr
reisefertig angekleidet in Stiefeln mit StiefelManschetten und umgürtet mit
einem Hirschfänger Musjö Valentin war unter den Händen seiner Mutter die ihm
die schwarze Halskrause umband und die blaue mohrne Weste welche zu enge
geworden war hinten aufschnitt Er sah stattlich aus der junge Herr in seinem
perlfarbnen Rocke die Haare weiß eingepudert hinten in einen langen dünnen
Zopf gebunden »Spann an Konrad« rief dann der Amtmann zum Fenster heraus
seinem Kutscher zu der schon in der grauen Livree mit grünem Kragen worauf
eine silberne Tresse prangte um die Kutsche herumgieng »Spann an aber ich
wette an dem Pastor liegt es wieder der wird zu lange geschlafen haben«
Ungerechte Beschuldigung Ehren Schottenius ging schon seit länger als einer
Stunde vom Kopfe bis zu den Füßen schwarz und vollständig angekleidet bis auf
die Perücke nach die er noch nicht gegen die weiße Nachtmütze vertauscht hatte
mit einer Pfeife Tabac vor seinem Hause auf und nieder Vor seiner in der Tat
sehr demütigen grünen halben Chaise die mit einem Rücksitze versehn war
standen schon die vom Förster geschickten NachbarsPferde angespannt Nun kam
auch Dieser nachdem er seinen Schnapps genommen hatte herbei die geistliche
Perücke wurde aufgesetzt der blaue Überrock angezogen man ging nach dem
Amtause das wackelnde Fuhrwerk folgte nach und rasselte auf dem Steinpflaster
alles im Dorfe kam an die Fenster Im Amtshofe waren indessen die vier
schwarzbraunen Wallachen angeschirrt worden Man nahm Abschied stieg ein
»Nun fahrt zu in Gottes Namen« rief der Pastor Man ließ ihn mit dem Förster
in ihrem Fuhrwerke voraus und so ging es denn auf dem Wege nach Hildesheim
fort
Unter den Eigenschaften durch welche man sich in dieser Welt beliebt und
geachtet machen kann behauptet die ein angenehmer muntrer Gesellschafter zu
sein keinen geringen Platz Sie wird sogar oft höher geschätzt als manche
ächte Tugend oder ersetzt wenigstens den Mangel derselben Nirgends aber ist
man mit angenehmer Unterhaltung und muntrer Laune willkommner als auf Reisen
seinen Gefährten Nun aber besaßen die vier Personen welche wir so eben des
Wegs nach Hildesheim zu spedirt haben von jener geselligen Eigenschaft herzlich
wenig daher war denn auch die Unterhaltung in den anderthalb Kutschen so
eintönig dass ich mich außer Stand sehe etwas daraus mitzuteilen das den
Leser interessieren könnte Der Förster klagte darüber dass die Taschen seines
geistlichen Nachbars zu dick wären und dass dies ihm den Raum beengte Unrecht
hatte er nicht denn in der linken ÜberrocksTasche war von der Frau Pastorinn
die mitzunehmende reine Wäsche auf einige Tage gesteckt worden und in der
andern wohnte das Manuskript der bewussten Predigten Der Förster ruhte daher
nicht eher als bis die Taschen ausgeleert und die darin beherbergten Sachen in
den SitzKasten gelegt waren Hierauf setzte er sich in eine Lage die
wenigstens für ihn bequemer als für seinen Nachbar war aber er bezahlte ja
auch für Diesen und fing dann an den einschläfernden Wirkungen des genossenen
Schnapses nachzugeben wobei er so oft der Wagen einen Stoß bekam mit seinem
sinkenden Haupte in die Perücke des geduldigen Pastors geriet der dies
Ungemach bei dem Genuße eines Pfeifchens und allerlei Meditationen ohne
Murren ertrug In den zweiten Wagen las der Herr Amtmann seinem Sohne Kollegia
über den Zustand der Felder durch welche sie fuhren wusste alle Dörfer mit
Namen zu nennen von welchen man in einiger Entfernung die Turmspitzen
wahrnahm und Musjö Valentin der indes die Witterung von den Butterbröden und
dem Braten bekommen hatte zog sein Taschenmesser hervor fing an sich
vorzulegen und antwortete seinem Vater nur eintönig und mit vollen Backen
So ging die Zeit hin bis gegen Mittag da die Gesellschaft in ein Dorf
eine Meile von Hildesheim kam wo man dann Anstalt machte Pferde und Menschen
mit einem ordentlichen Futter zu versehn weil man da wohlfeiler zu zehren
hoffte als in der bischöflichen Residenz Man fragte die Wirtin was sie auf
den Tisch liefern könnte und bekam Anweisung auf eine BierSuppe und ein großes
Stück frisch gekochtes PöckelFleisch Der Herr Amtmann aber vergrößerte diesen
Küchenzettel durch Bestellung eines dicken Pfannekuchens Indes nun zu diesem
letztern Anstalt gemacht wurde worüber wohl eine Stunde verstrich weil die
Pfanne nicht sogleich zu finden war indem der Knecht dieselbe gebraucht hatte
um darin einen warmen Umschlag für eines der Pferde zu bereiten entstand in
der Schlafkammer des Wirts ein fürchterlicher Lerm und Zank Der Herr Pastor
glaubte Beruf zu haben zu versuchen ob er hier nicht das Amt eines
Friedensstifters übernehmen könnte und ging in das Zimmer Er fand den
Hausherrn äußerst ergrimmt über sein Eheweib welches um das geräucherte
Rindfleisch das den angekommenen Gästen vorgesetzt werden sollte warm zu
halten ihres Mannes ledernes Beinkleid darüber gedeckt hatte Er hatte es eben
anziehn wollen und nun fand er es ausgespannt und rauchend
Man kann sich leicht vorstellen dass alle diese Zubereitungen zu dem
bestellten Gastmahle unsern Reisenden nicht viel Apetit erweckten Sobald daher
die Rosse gefüttert waren ließ man wieder anspannen und die Gesellschaft fuhr
fort nach Hildesheim wo sie in dem berühmten Gasthofe des Herrn Lauenstein
abtrat den sie im Schlafrocke eine Pfeife in der Hand und eine graue Mütze auf
dem Haupte im Vorplatze spazierend antrafen Da man noch zeitig genug zu dem
auf folgenden Nachmittag angekündigten großen aerostatischen Schauspiele in
Braunschweig sein konnte wenn man Sonntags früh aus Hildesheim fuhr und das
MittagsEssen in Peina einnahm so beschloss man bis zum andern Morgen in jener
merkwürdigen Stadt zu verziehn Die Pferde wurden zurückgeschickt weil sie in
der Erndte nötig waren und man bestellte sich Postpferde
Ein teutscher OriginalRoman und ein teutsches OriginalSchauspiel sind sehr
geschmacklos wenn nicht darin von Mahlzeiten die Rede ist und je weniger oft
der Autor selbst zu verzehren hat desto herrlicher lässt er die Personen seiner
Schöpfung speisen und tränken Ich hoffe daher meine Leser werden mirs nicht
ungnädig aufnehmen dass ich mit unter sehr viel von den MagenAngelegenheiten
meiner Reisenden rede Wir wollen ihnen nun noch in Hildesheim etwas Gebacknes
zum Kaffee reichen lassen um sie für die schlechte MittagsTafel zu
entschädigen und dann mögen sie es aushalten bis zum Abende und sich
unterdessen ein wenig in der Stadt umsehn Würklich taten sie das gingen in
den Dom und von da in andere Kirchen und Klöster begafften die Häuser die
ihrer Meinung nach schön gebaut waren deuteten mit den Fingern auf alles was
ihnen merkwürdig vorkam zogen vor jedem wohl gekleideten Manne die Hüte ab und
blieben voll Verwunderung stehen und sahen hinterdrein wenn ihnen ein
schmutziger Kapuziner oder ein andrer Mönch begegnete
Ermüdet von dem ungewohnten städtischen Steinpflaster kehrten sie zurück in
das Wirtshaus und traten in das allgemeine Gastzimmer dessen Fenster nach dem
Hofe hinausgehen Der Herr Amtmann forderte eine Bouteille Bier und Pfeifen
aber kaum hatten sie die Tür geöfnet als ihnen ein so fürchterlicher Lerm
entgegen tobte dass sie zurückprallten und gar nicht den Mut gehabt haben
würden einzutreten wenn ihnen nicht ein Mann mit einer Bassstimme zugerufen
hätte »Nur näher Messiöss es ist halt eine kleine Probe Wenn Sie beiwohnen
wollen viel Ehre Sie mögen unser Publicum vorstellen Setzen Sie Sich da
hinter den Tisch« Der Mann war ein kleiner dicker Knirps von etwa funfzig
Jahren dunkelbraunen Angesichts mit rollenden etwas rot gefütterten Augen
und ganz dünnen schwarzen Haaren Er trug einen hellgrünen Rock jetzt zum Frack
eingerichtet doch also dass man noch an den verschiedenen Nuancen der Farbe sehen
konnte wie er sich schon oft nach den Launen der Mode hatte hudeln lassen
müssen und wie er zuweilen mit langen zuweilen mit kurzen Schössen dann mit
großen und dann wieder mit kleinen Aufschlägen war versehn worden Jetzt war er
mit etwas geziert das man einst am Hofe des Herzogs von Würtenberg und nachher
so oft es auf andern Kleidern gesessen eine aufgeheftete Stickerei tour
appliquée genannt hatte Unsre Gäste waren durch das Geräusch welches in dem
Zimmer herrschte worin sich außer dem kleinen Herrn noch viel Personen
beiderlei Geschlechts befanden und durch einen fremden Anblick so betäubt dass
sie sich nur gleich auf die ihnen angewiesenen Plätze hinsetzten da dann der
Dialog unter allen gegenwärtigen Menschen folgendermaßen fortgieng
Ein ziemlich altes Frauenzimmer »Ein Verbrechen und mein Gewissen
schweigt und befiehlt mir zu beharren Was ist ein Staatsverbrechen«
Der alte Herr »Wenn Du mein Gewissen sagst musst Du den Zeigefinger auf die
Herzgrube legen aber nicht zu tief sonst zeigt es den Magen an Ich weiß
nicht Ihr Leute habt noch immer keinen Begriff von echter Gesticulation Nun
wird geläutet Wer läutet«
Ein junger Mensch »Ich« Er nimt ein Bierglas vom Tische und schlägt mit
der Tobacspfeife daran
Ein Andrer »Was läutet man«
Die Frau »Es ist Mittag«
Der Förster vor sich »Es mag den Teufel sein Es ist meiner Six bald
sieben Uhr«
Der Andre »Diese Glocke läutet Euch kein gutes Zeichen«
Die Frau ängstlich »Ich ahnde es ich weiß es mir wird so bange
Albrecht«
Der dicke Herr »Lauter lauter«
Die Frau brüllt »Albrecht und Du verliessest mich«
Der dicke Herr »Bravo«
Musjö Valentin leise»Papa die Menschen sind toll Lassen Sie uns machen
dass wir fortkommen«
Der Amtmann leise »Herr Pastor was bedeutet das«
Der Pastor leise zum Amtmanne »Ich glaube es sind Mimi Histriones
KommödiantenVolk«
Der Andre »Entschliesset Euch«
Die Frau »Ich bin ja entschlossen habs Euch ja oft gesagt hab nie
gewankt«
Der dicke Herr »Nun kommt der neunte Auftritt«
Ein Dritter tritt hervor »Es ist Zeit«
Der Andre »Hört Ihrs«
Die Frau »Gott was soll mir geschehen Wo ist Zenger o Albrecht«
Der Dritte »Soll ich«
Der Andre »Ja«
Ein Vierter kommt hinter dem Ofen hervor »Herr Kanzler wisst Ihr wie
Schurken und Verrätern mitgefahren wird«
Valentin leise »Papa Sie schimpfen«
Der Andre »Wozu diese Frage«
Der Vierte »Weil Ihrs an Euch selbst bald erfahren sollt Folgt mir
gnädige Frau«
Der Amtmann leise »Es ist Eine von der Noblesse«
Der dicke Herr rüttelt den auf dem Schenktische stehenden MesserKorb und
trommelt auf dem Tische »Das war das Waffengetöse und Trommeln Nun spricht
Tuchsenhauser«
Der Andre »Verwegner Agnes soll da bleiben auf des Herzogs Befehl«
Der Amtmann »Excusiren Sie hier hat niemand zu befehlen als der Fürst
Bischoff«
Der Vierte zieht ein Messer hervor »Verräter das gilt mehr als Dein
Herzog« Will die Frau fortreißen
Der dicke Herr »Bravo« Er gibt ein Zeichen durch Klopfen an der Tür
Mit einmal stürzen der Hausknecht ein Taglöhner und noch einige Andre mit
Knütteln bewafnet herein Es kommt zum Kampfe
Der Förster der als ein reitender Förster nie anders als mit Stiefeln
und Sporen und bewafnet mit einer Peitsche erschien »Nein das ist zu arg
Willst loslassen Du Sackermenter Ist das erlaubt über ein Weibsmensch
herzufallen«
Und nun fuhr der Förster hinter dem Tische hervor und Freilich konnte der
gute Mann der in seinem Leben kein ordentliches Schauspiel gesehen hatte nicht
wohl wissen dass was er da hörte eine Stelle aus dem großen
OriginalTrauerspiele Agnes Bernauer oder unteutsch zu reden Bernauerinn war
Der reisende SchauspielDirector Herr Stenge war nämlich mit seiner
zusammengeraften Gesellschaft Tages zuvor in Hildesheim angekommen woselbst er
die Erlaubnis erhalten hatte zum Besten der Moralität und zur Beförderung des
guten Geschmacks so lange Vorstellungen von unsern NationalMeisterstücken zu
geben bis die ehrlichen Bürger und Handwerksleute nichts mehr zu versetzen
haben würden um vierzehn Vagabonden zu füttern Bessere
SchauspielerGesellschaften hatten ihr Auskommen in Hildesheim nicht gefunden
und so war denn doch zu hoffen dass Mädchen und Jünglinge in romanhafter
schwärmerischer Stimmung und den Künsten der edlen Buhlerei wenigstens nicht
ganz hinter der Jugend andrer Städte zurückbleiben würden Des Herrn Stenge
sogenannte SchauspielerGesellschaft hatte übrigens noch das eigne Verdienst
dass sie eine wahre Mustercharte von allen deutschen ProvinzialDialecten war
doch führten die mehrsten Mitglieder die sanfte bayerische Mundart Da das
Brauhaus worin der Schauplatz errichtet werden sollte noch nicht in Ordnung
war und man am Montage das eben genannte Trauerspiel mit allem Pomp geben
wollte hatte der Directeur welcher mit seiner leider schon ein wenig
bejahrten Frau Liebsten in dem Gasthofe des Herrn Lauenstein sein Quartier
genommen hatte einen Teil seiner Gesellschaft zu sich bestellt um einige
Szenen aus dem vierten Acte zu probiren Es war nicht möglich alles so
vollkommen und täuschend darzustellen als es am Montage auf der Bühne
erscheinen sollte denn da waren die edle Schuster und die SchneiderZunft und
einige Perückenmacher eingeladen worden die Personen des Magistrats von
Straubingen der Fürsten und Ritter auf dem Turniere der Richter Knechte
Wachen udgl vorzustellen welche Rollen sonst in Berlin und andern Städten
wohl mit Musketiers besetzt zu werden pflegen Heute hatte man den Hausknecht
und ein Paar andre Lümmel die grade im Hause waren abgerichtet auf ein zu
gebendes Zeichen in das Zimmer zu stürzen wenn Tore mit den Kriegsknechten
erscheinen musste Dem Förster war das Ding zu bunt Er verstand es nicht
worüber der Streit herkam als man aber über die ältliche Dame welche Agnes
vorstellte herfiel hielt ers für Pflicht der schwächern Partei beizustehn
Also fuhr er wie wir schon gesagt haben hinter dem Tische hervor und
arbeitete mit seiner Peitsche auf die Kriegsknechte los Der dicke Herr Stenge
hielt den Mann im grünen Rocke für einen Spassvogel der den Kampf täuschender
darzustellen suchte und rief einmal über das andre aus »bravo bravo« Aber
nicht also der Hausknecht und Konsorten Man hatte ihnen als man sie zu dieser
Vorstellung instruirte nicht gesagt dass sie ernstlich Schläge bekommen
sollten Da die Sache nun diese Wendung nahm gefiel ihnen das sehr übel und
weil doch Jeder sich gern seiner Haut wehrt wenn er kann so blieben sie unserm
armen Dornbusch nichts schuldig Wenn es aber nach dem vortrefflichen alten
Spruche ein Trost ist Gefährten im Unglücke zu haben so wurde dieser Trost
auch dem Förster zu Teil denn als die Kriegsknechte glaubten der Grünrock
gehöre mit zu der Partei Derer welche sie anzugreifen befehligt waren und er
die Sache so ernstlich behandelte meinten sie auch ein Recht zu haben sich
wegen der empfangnen Hiebe an den Übrigen zu rächen In Kurzem war daher die
ganze Gesellschaft in zwei Parteien geteilt hier tummelten sich zwei auf der
Erde herum dort hatte sich ein Paar in die Haare gefasst Agnes Bernauer vergaß
die Ohnmacht die in ihrer Rolle stand und schrie laut ihr Gatte der
Principal versuchte es die Kämpfer aus einander zu reißen indes der Pastor
der Amtmann und sein Sohn kläglich und ängstlich um Hilfe riefen Endlich hörte
Herr Lauenstein der Wirt dass der Lerm größer war als zu einer bloßen Probe
unumgänglich nötig schien Er kam also mit seinen übrigen Hausgenossen herbei
Es wurde ein WaffenStillstand gemacht dann kam es zu Erläuterungen der
Principal versicherte er freue sich bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft
des Herrn Försters Dornbusch und seiner Gefährten gemacht zu haben und Dieser
schloss mit der Sentenz »Der Teufel hole solche Kommödien«
Indessen versäumte Herr Stenge nichts sobald die übrigen Schauspieler die
nicht in demselben Hause wohnten fort waren die gute Meinung der Männer aus
Biesterberg vor sich zu gewinnen Er konnte gar nicht aufhören seine Betrübnis
über das unangenehme Misverständniss zu erkennen zu geben Er kramte dabei so
viel herrliche aus Dramen und Trauerspielen zusammengeflickte Grundsätze aus
sprach so eifrig von den Anstalten die er getroffen hätte um unter den
Mitgliedern seiner Gesellschaft die strengste Sittlichkeit zu erhalten und von
seinen Beeiferungen durch gute Auswahl der aufzuführenden Stücke Wärme für
Tugend und Religion zu verbreiten dass selbst Ehren Schottenius sich geneigt
fühlte den Herrn Stenge und die Frau Gemahlin für sehr vortreffliche Personen
zu halten An der AbendTafel bei welcher der Herr Amtmann Waumann unter andern
ein Paar mitgenommne Flaschen voll alten Franzweins producirte der im vorigen
Jahre in Bremen war componirt worden öfneten sich nun vollends die Gemüter
und als unsre Reisenden nicht gewöhnt länger als bis zehn Uhr außer Bette zu
bleiben in die ihnen angewiesenen Zimmer gingen indes Herr Stenge noch unten
blieb schieden sie Alle mit Händeschütteln und viel verbindlichen Äußerungen
aus einander
Drittes Kapitel
Der zweite Tag fängt mit einem neuen Sturme an Fortsetzung der Reise bis Peina
Es war vier Uhr des Morgens und noch lag in der bischöflichen Residenz alles
Mann Weib und Kind in tiefer Stille versunken die gnädigen und hochwürdigen
Domherrn ruheten aus in den Armen des Schlafs von erhabenen Meditationen und
sammelten neue Stärke zu ihrem Leben voll frommer Aufopferung Mönch und
Nonne versteht sich jede einzeln weideten ihren aus dem ertödteten Fleische
zum Himmel emporstrebenden Geist in den seligen Gefilden des Paradieses und der
ehrliche Bürgersmann schlief sanft um Kräfte zu sammeln zu seinen nicht so
einträglichen aber doch nicht minder nützlichen Geschäften Da quälte den
Amtmann Waumann ein fürchterlicher Traum wie er noch keinen je geträumt hatte
Wir der Autor könnten diesen Traum des Breitern hier erzählen und füglich
einen halben Bogen damit anfüllen sind doch schon manche Bände in allen
Formaten geschrieben die nichts als Träume enthalten allein diesmal wollen
wir uns begnügen zu sagen dass dieses Traums HauptGegenstand der einzige
Waumannsche LeibesErbe unser liebenswürdiger Valentin war und zwar in dem
Augenblicke der größten Gefahr darin eine fromme ChristenSeele nur schweben
kann nämlich in den Klauen des leidigen Satanas und seiner Großmutter Es
dünkte den Amtmann das Winseln seines Eingebohrnen abwechselnd mit dem Gebrülle
des höllischen SchwefelpfuhlPrincipals zu vernehmen Geschworen hätte er
darauf dass es kein bloßer Traum wäre der vor seiner Phantasie schwebte und
nichts glich seinem Schrecken als er sich nun wirklich gänzlich erwacht fühlte
den geliebten Sohn nicht mehr neben sich im Bette sah wo er doch des Abends
zuvor seinen Platz genommen hatte sondern als die valentinschen Klagetöne in
einiger Entfernung vernehmlich und unverkennbar zu seinen Ohren drangen »Papa
Papa ach sie knebeln mich sie tun mir den Tod an« Der Amtmann sprang
sogleich von seinem Lager auf fuhr schnell in seine Beinkleider ergriff den
zweischneidigen Hirschfänger und riss die Tür auf durch welche seines Erben
Geschrei gedrungen war
Um die Leser deren Ungeduld wie wir der Autor das gar nicht anders
vermuten dürfen aufs höchste gespannt sein wird nicht länger aufzuhalten
wollen wir den ganzen traurigen Vorgang erzählen der diese Szene des Schreckens
veranlasste In des hochgeehrten Herrn Lauenstein Gasthofe kommt man vermittelst
einer kleinen Treppe die vermutlich aus Mangel des gehörigen Lichts ein
wenig dunkel ist zu einem mit einem Alcoven versehenen Zimmer Über demselben
ist ein Appartement von ähnlicher Art zu welchem man vermöge der Fortsetzung
jener Treppe gelangt Die übrigen FremdenZimmer liegen nach andern Seiten des
Hauses hin und in diese entlegne Wohnungen hatte man den Prediger und den
Förster einquartiert Der TheaterPrincipal war nebst Gattin wie bekannt
früher angekommen und hatte daher Besitz von dem untersten jener AlcovenZimmer
genommen dem Amtmanne und seinem Sohne hingegen war das im obersten Stockwerke
angewiesen worden Wir haben erzählt dass die Gesellschaft aus Biesterberg
Abends früher als die Priester der Talia zu Bette gingen Herr Stenge liebte
wie das zuweilen der Fall bei solchen Künstlern ist die starken begeisternden
Getränke und da sein SchutzPatron sanctus Apollo ihm keinen Nectar lieferte
pflegte er sich bescheiden mit KümmelAquavit oder dergleichen zu behelfen Des
Amtmanns alter Franzwein hatte seinen Durst vermehrt Er ließ sich also noch
Brandtewein vom Wirte geben schickte seine Frau zu Bette nahm seine Rolle als
Kaiser Ernst in Agnes Bernauer vor sich fing an trinkend zu studieren und
studierend zu trinken Nach und nach wurde sein kaiserliches Haupt schwerer Ein
kleines Geschäft dem sich Monarchen und Bauern zu gewissen Zeiten nicht
entziehn können rief ihn in den Hof Er taumelte irrend herum geriet endlich
in einen leer stehenden Pferdestall stolperte fiel auf das Stroh hin der
Genius des Hauses Bayern wachte über ihn er schlief sanft ein sanfter als
sonst wohl Kaiser und Könige schlafen Moral Man kann wohl je zuweilen auf
Stroh sanfter wie auf EiderDaunen ruhen
Unterdessen hatten die Zauberkräfte der ungewöhnten StadtKüche eine
sonderbare Umwälzung Revolution in den VerdauungsWerkzeugen des Musjö
Valentin Waumann bewürkt Er konnte nicht einschlafen vor Kneipen und Reissen
Wie wenn der Professor Aloisius Hoffmann in Wien nach unweisem Genuße der
gewürzten Speisen der Aufklärung seinen an WasserSuppen Fastenspeisen und
Klosterkost gewöhnten Magen in dem unsaubern heimlichen Gemache der Wiener
Zeitschrift zu entladen sucht so sehnte sich unser liebenswürdiger Jüngling
nach einer ähnlichen Anstalt für seine Bedürfnisse Er schlich weg von der Seite
seines fest schlafenden Erzeugers irrte im Hause umher fand endlich das quasi
hoffmannsche Institut und kehrte doch nicht verachtet und verspottet wie der
Professor nach seiner Schlafstelle zurück Allein unglücklicherweise geriet er
in das untre Zimmer und weil dies vollkommen wie das obre eingerichtet war
wurde ihm sein Irrtum nicht merklich sondern er ging dem Alcoven zu legte
sich behende neben Madam Stenge hin und schlief ein
Also schlief er die Dame schlief der Herr Amtmann schlief der
TheaterFürst schlief folglich wurde bis zu der Morgenstunde niemand der
Verwechselung gewahr Dann aber waren die Dünste des gestrigen Rausches bei dem
Herrn Stenge verflogen Er erhob sich von seinem Lager erstieg sein Zimmer und
fand was wir wissen
Als der Amtmann den Schauplatz der Gewalttätigkeit erreichte hatte eben
der Principal den einzigen waumannschen Erben mit einer Hand an der Gurgel
ergriffen indem er ihm mit der andern ein TaschenPistol auf die Brust hielt
und dabei fürchterlich declamirte »Räuber Ehrenschänder« rief er aus »Du
sollst mir den Frevel teuer bezahlen Und Du unkeusches Weib die Du mein
Ehebette befleckest hast Du vergessen dass Dein Leben mein Werk ist dass ich
Dir alles aufopferte dass ich hasse wie ich liebe1 Was hindert mich dass ich
jeden Eurer Otemzüge in banges Seufzen Euer verliebtes Girren in Heulen und
Zähnklappern verwandle« »Hat sich was zu klappern« rief der Förster der
indes wie alles was sonst noch im Hause lebte und webte herbeigekommen war
»Hat sich was zu klappern das alte Mensch hat ja keinen Zahn mehr im Rachen
Und nun sage mir gleich Du vermaledeiter Pritschmeister was Dir der junge
Mensch da getan hat Oder ist das wieder einer von Deinen KommödienSpässen
wobei ehrliche Leute Schläge kriegen Ich rate Dirs bleib uns mit Deinem
Hocuspocus vom Leibe oder Du sollst sehen dass der Förster Dornbusch auch
Kommödie spielen kann«
Weit entfernt sich durch diese Drohungen schrecken zu lassen erhob
vielmehr Herr Stenge nur noch lauter seine PrincipalStimme Von der andern
Seite trat seine Eheliebste mit den heiligsten Beteuerungen ihrer Unschuld
hervor Ein Gegenstand den sie in dreißig Jahren nicht Gelegenheit zu
verteidigen gefunden hatte Sie schwor bei den Lichtern des Firmaments sie
habe fest geschlafen und gar nicht geahndet dass ein Verführer den Platz ihres
Mannes bei ihr eingenommen hätte »Wodurch schändlicher Bösewicht« schrie sie
»habe ich Deine Frechheit ermuntert dass Du einen so höllischen Anschlag auf
meine Tugend wagen durftest« »Darum also« fiel ihr wieder Herr Stenge in die
Rede »habt ihr mich mit Euren betäubenden Getränken in einen Zustand versetzt
in welchem ich meiner Sinne nicht mächtig war« Kurz Beide spielten ihre
Rollen so gut und der dicke Herr war ein zu alter Practicus als dass er nicht
auf den ersten Blick hätte wahrnehmen sollen was für Vorteil sich aus dieser
Verwirrung ziehen ließ Der Amtmann und seine Gefährten standen in der Tat wie
bezaubert da und wussten nicht was sie anfangen sollten Alles sprach gegen
Musjö Valentin das Factum war nicht zu leugnen das Ehepaar drohte mit
gerichtlicher Klage der Wirt glaubte gleichfalls sein Haus beschimpft Welch
ein Aufsehn wenn Herr Stenge die Gesellschaft in Verhaft nehmen ließ Freilich
würde sich die Sache vor Gericht aufgeklärt haben aber der Schimpf Und die
Kutschen standen schon bespannt vor der Tür Es war keine Zeit zu verliehren
wenn man des Herrn Blanchards Himmelfart sehen wollte Was sollte man also
tun
Von der ganzen Gesellschaft war unstreitig der Pastor Schottenius der
Vernünftigste Er merkte bald dass dem Übel durch einen Aderlass den der Herr
Amtmann seinem Geldbeutel verordnen würde abgeholfen werden konnte Es bedurfte
nicht viel Feinheit um die GaunerFamilie zu bewegen hierzu die Hände zu
bieten Mit einer Anweisung auf dreißig Reichstaler die Herr Lauenstein
welcher den Beamten kannte bezahlte wurde die Sache ins Reine gebracht unsre
Freunde reisten ab verschworen sich ihr Lebenlang an Hildesheim zu denken und
kamen bald ohne weitern Unfall in Peina an
Viertes Kapitel
Begebenheiten in Peina TischGespräche Kuchen in des Pastors Unsterblichkeit
gehüllt Die Gesellschaft trennt sich
Wir sehen es denen Damen und Herrn an welche dieses unser wie wir uns
schmeicheln sehr unterhaltende Werk lesen dass sie bei der Überschrift dieses
Kapitels über die TischGespräche die Köpfe schütteln Sie mögten die Reisenden
nun gern sogleich weiter fortgeschaft wissen in der Hoffnung dass es da wieder
allerlei lustige Abenteuer absetzen würde die Gespräche hingegen werden ihnen
wie sie fürchten Langeweile machen Allein Sie irren Sich gewaltig wenn Sie
glauben dass wir der Autor uns darum bekümmern werden Das müsste doch wahrlich
mit andern Dingen zugehn wenn man uns vorschreiben dürfte auf welche Weise wir
unsre Geschichte erzählen sollten und wenn es uns verwehrt sein dürfte auch
einmal unsre Personen mit einander über Gegenstände raisonniren zu lassen über
welche wir unsre Meinung zu sagen einen Trieb fühlen Ist doch das die einzige
schickliche Gelegenheit die wir in diesem Buche finden können unsre
philosophischen und andern wissenschaftlichen Kenntnisse die ohne uns zu
rühmen nicht zu verachten sind auszukramen
Diesmal aber ist der Autor sehr unschuldig daran dass seine Reisende sich so
lange in Peina aufhalten Der Zufluss von Fremden die aus allen Gegenden zu der
blanchardschen Hannswursterei nach Braunschweig reisten war so unbeschreiblich
groß dass nicht jedermann sogleich Postpferde erhalten konnte Unsre Freunde aus
Biesterberg waren unter der Anzahl Derer die sich mussten vertrösten lassen bis
ein Paar Gespanne zurückgekommen sein würden Bei solchen Gelegenheiten pflegen
denn auch vornehme Herrschaften schneller bedient zu werden obgleich sie
gewöhnlich nicht besser bezahlen wie Andre Sie konnten noch von Glücke sagen
Ein Holländer der viel Meilen Weges deswegen gereist war musste sich gefallen
lassen statt des Herrn Blanchards Bekanntschaft mit der des Herrn Postmeisters
in Peina vorlieb zu nehmen ihnen hingegen versprach man doch sie zur rechten
Zeit nach Braunschweig zu liefern Und da sie nun einmal ein Paar Stunden in
Peina aushalten müssen und sie da in einer großen Gesellschaft von andern
Reisenden an der MittagsTafel sitzen muss ich doch entweder erzählen was sie
gegessen oder was sie gesprochen haben Das Erste würde sehr kurz zusammen zu
fassen sein wie Jeder weiß der einmal im Postause in Peina getafelt hat
folglich es hilft nichts davor werde ich nicht umhinkönnen mit den
TischGesprächen aufzuwarten
Des Herrn Amtmanns respectabler Bauch und sein mit Gold eingefasster blauer
Rock hatten ihm vermöge einer stillschweigenden Konvention den obersten Platz
am Tische verschafft Musjö Valentin ließ sich gleich neben ihm nieder band die
Serviette um den Hals und grinzte freundlich in die SuppenSchale Dem Vater zur
andern Seite saß in sehr zierlicher ReiseKleidung ein Mann mit einer
ProtectionsMine den unsre Freunde so obenhin für einen Regierungs Hof oder
Kammerrat hielten Hier neben nahm der Förster Platz dann der Pastor Mit
cavaliersmässigem leichten Anstande warf sich dann ein junger Herr auf den
nächsten Stuhl trillerte mezza voce das Fragment eines kleinen Liedes und
rümpfte die Nase über die wie es schien ihm zu gemeine Kost Der Rest der
Gesellschaft bestand aus unbedeutenden Personen die kein Wort redeten als wenn
sie Wein forderten und sich durch nichts als ihren vortrefflichen Apetit
bemerklich machten
Der Amtmann »Nach Ihnen mein hochgeehrtester Herr«
Der wichtige Mann »Ohne Umstände Ich bin nicht für Komplimente Apropos
wie fällt in ihren Gegenden die Erndte aus Sie haben wohl selbst Landhaushalt«
Der Amtmann »Ich habe die Ehre als Amtmann in Seiner Diensten zu stehen
und habe eine große Pachtung Ey nun mit der diesjährigen Erndte ist es «
Der wichtige Mann »Große Pachtung Das höre ich immer ungern Freilich
werdet Ihr Herren reich dabei lauter kleine Fürsten Aber das Land das Land«
Der junge Herr zu dem Pastor »Wie heißt der beste große Gasthof in
Braunschweig«
Pastor »Excusiren Sie Ich kann nicht dienen Es ist das erstemal dass ich
mit den «
Förster »Ich logiere mant immer im goldnen Engel Da ist gute Wartung für
Menschen und Vieh«
Einer von den Andern »Meine Herrn ich nehme mir die Ehre auf gutes
Wohlsein«
Alle »Danke ergebenst Obligirt Gleichfalls«
Der wichtige Mann »Bei unserm Kollegio sind wir jetzt darüber aus die
Ämter zu vereinzeln und die Ländereien an Bauern auszutun Wir sehen den Nutzen
davon ein Wir wollen den Profit mehreren Familien gönnen Wir haben darüber
jetzt gewisse Grundsätze angenommen wobei unser Land besser fahren wird«
Der junge Herr »Mich soll wundern wie man mich in Braunschweig behandeln
wird Ich finde viel Bekannte da Und ob ich den Herzog verändert finde Der
Kaiser wird es kaum glauben wenn ich ihm bei meiner Rückkunft sage wie weit
man noch in Hannover zurück ist Unsere Freunde machten große Augen Sind Sie
ein Liebhaber von Musik Herr Pastor«
Pastor »Ich habe ehemals ein wenig Harfe gespielt und gesungen aber die
Amtsgeschäfte lassen mir jetzt wenig Musse zum bloßen Zeitvertreibe übrig«
Der junge Herr »Zeitvertreib Ich bitte Sie Kann etwas edler sein als die
Tonkunst Was würkt mehr auf Herz und Empfindungen Kann ein Mensch ein gutes
Gemüt haben und kein Freund von Musik und kann ein großer Musiker wohl je ein
Bösewicht sein An dem Vortrage eines einzigen Adagio will ich hören ob ein
Virtuose edler Gefühle fähig ist oder nicht«
Pastor »Erlauben Sie mein Herr Ich habe das ehemals auch wohl gedacht
habe mich aber nachher überzeugt dass das alles nur ein Werk mechanischer Übung
ist Weich macht die Musik das ist gewiss aber nicht jede sanfte wollüstige
Empfindung ist darum Empfindung edler Art Die Musik hat keine bestimmte
Sprache sie regt luxuriöse Gefühle auf ohne ihnen eine geordnete Richtung zu
geben Das Herz wird dadurch empfänglich hier zum Wohlwollen zur Freundschaft
dort zur Sinnlichkeit und zu grober Wollust Die Menschen sind sehr geneigt
verschiedene Begriffe zu verwechseln die man mit denselben Worten ausdrückt Wir
sagen von einem sanguinischen Weichlinge der über RomanHelden Tränen
vergisst er habe Gefühl und dasselbe sagen wir von dem Manne dessen Herz sich
für große Gegenstände warm und tätig interessiert allein vergessen wir nicht
dass Jener darum doch ein ErzSchurke sein könne der wahrhaftig tugendhafte zu
erhabenen Taten und großmütigen Aufopferungen fähige Mann hingegen sich durch
die Gewalt seiner Vernunft über die Leidenschaften auszeichnen müsse Kurz die
Tugend besteht nicht in dunkeln Gefühlen wie ich dies in einer Predigt die
bald im Drucke erscheinen wird weitläuftig auseinander gesetzt habe Was ich
eben behauptete wird ja auch durch die Erfahrung bestättigt Findet man nicht
die verworfensten schlechtesten Leute und die kaum Menschensinn haben unter den
geschicktesten Virtuosen«
Hier stand der junge Herr einen Augenblick auf und ging hinaus
Der Amtmann zu dem wichtigen Manne »Um Vergebung kennen Dieselben den
Herrn der da von Musik sprach und der wie es scheint mit fürstlichen Personen
in genauen Verhältnissen stehen muss«
Der wichtige Mann »Ob ich den Schuft kenne Wie wollte ich nicht Das ist
ein reisender Flötenspieler Ein lüderlicher Hund der als ich in
herrschaftlichen Angelegenheiten in Wetzlar war dort ein ehrliches
BürgersMädchen verführte und mit ihr durchgieng Hernach ist er einmal
Komödiant gewesen Jetzt steht er in Wien bei der Kapelle eines Fürsten Sie
haben Recht gehabt dass Sie ihm die Wahrheit gesagt haben Herr Pastor aber das
muss man gestehen der Kerl spielt wie ein Engel Solche Pfeifer und Geiger
glauben dass sie die wichtigsten Leute im Staate sind und dass sie uns eine
Gnade erzeigen wenn sie uns die Taler aus dem Beutel dudeln Aber auf unser
voriges Gespräch zurück zu kommen Herr Amtmann Sie schüttelten den Kopf als
ich von Verteilung der AmtsLändereien sprach«
Der Amtmann »Ich bekenne dass ich nicht davor bin Sie werden vielleicht
glauben mein hochgeehrtester Herr dass ich aus Eigennutz rede aber das ist
gewiss nicht der Fall Sie belieben zu sagen die Beamten würden reich bei den
großen Pachtungen allein das hängt davon ab wie der Kontract gemacht ist Und
wäre das auch Was würde aus unsern Staaten werden wenn es keine reiche Leute
darin gäbe Wer sollte in Zeiten der Teurung und des Mangels den Armen Brod
und Arbeit geben ihnen Vorschüsse tun Der Bauer sammelt nicht Kommen nun
Misjahre so ist die Not allgemein Der wohlhabende Beamte hingegen ist in
solchen Kalamitäten der allgemeine Kassirer Sie sagen wenn die Ländereien
verteilt würden lebten mehrere Familien davon Allein ziehen denn nicht von
dem reichen Manne eben so viel Familien ihren Unterhalt Dem Wucher der
Kapitalisten und der übermäßigen Bereicherung aber kann ja die LandesRegierung
Einhalt tun«
Unser Herr Amtmann wollte seine cameralistische Abhandlung eben fortsetzen
als dem wichtigen Manne gemeldet wurde dass der Wagen in welchem er mit zwei
von den stummen Personen abreisen sollte fertig vor der Tür stünde Er ging
also von dannen und kaum hatte er die Tür hinter sich zugezogen als der
Virtuose in ein lautes Gelächter ausbrach »Nun bei meiner Seele« rief er »das
nenn ich einen Windbeutel Tut der Kerl nicht so dick als wenn er ein
Minister wäre Aber wir kennen uns Ich habe ihn gesehen als er in Wetzlar zur
Zeit der Visitation Bedienter bei den schen Gesandten war Er hat mir und
dem Kammerrichter manches Glas Wein eingeschenkt wenn wir bei dem Gesandten
speisten Jetzt ist er Scribent bei der Kammer in «
Den Herrn Amtmann reuete nun seine übergrosse Höflichkeit und seine
ländlichen Gefährten machten in der Stille ihre Bemerkungen über die Wahrheit
des Satzes dass in der großen Welt in welcher sie so fremd waren der Schein
gewaltig betröge Indessen war ein Gespann Pferde zurück gekommen Man konnte
also die Hälfte unsrer Freunde nach Braunschweig spediren Es war nicht ratsam
länger zu warten weil jeden Augenblick neue Fremde ankamen welche die Pferde
wegnahmen »So will ich denn« sprach Herr Waumann »mit Valentin vorausfahren
Sobald ein anders Gespann kommt folgen Sie nach und im goldnen Engel finden
wir uns wieder«
»Ich sehe« sagte der Virtuose »dass der Herr Amtmann einen Platz leer
haben Wollen Sie so gütig sein mich mitzunehmen so gewinne ich Zeit meine
Equipage kann nachkommen Ich wollte gern heute noch ehe der Lerm losgeht den
Prinzen sprechen der mich erwartet«
So etwas abzuschlagen dazu hatte der Herr Amtmann keinen Mut also nahm er
den musicalischen Reisenden mit »Mein Vetter der Förster da oben bezahlt für
mich« sagte der Virtuose dem Küfer leise in das Ohr als er hinunter kam und
damit stieg er schnell ein und sie fuhren ab
»Wir wollen« sprach der Pastor »dies Stück Kuchen mitnehmen Es muss doch
bezahlt werden Aufwärter hat er nicht ein Stück Papier« Der Aufwärter ging
hinaus kam bald wieder und brachte einen halben Bogen klein beschrieben »Ach
was ist das« rief Ehren Schottenius »das ist ja meine Hand Wo hat Er das
Papier gefunden Ach Du meine Güte das ist meine schönste Predigt Wie ist Er
an dies Blatt gekommen«
O Ihr unsichtbaren Mächte Schutzgeister Engel und Teufel Heilige und
Verdammte Genien Dämonen oder wie Ihr heißen möget die Ihr Eure Nasen in das
Gewebe unsrer Schicksale steckt sprechet was haben die armen Reisenden aus
Biesterberg verbrochen dass Ihr ihnen so übel mitspielet War es Euch nicht
genug dass der dienstfertige Förster Dornbusch für seine gute Absicht Agnes
Bernauer aus den groben Händen des Hausknechts zu erlösen mancherlei Streiche
leiden musste dass der unschuldige Valentin Waumann als ein Ehebrecher
angeklagt mit TodesGefahr bedroht wurde und dass sein würdiger Erzeuger sich
gezwungen sah aus seinem Seckel seinen einzigen LeibesErben von dem zwiefachen
Schimpfe loszukaufen Muss nun noch die Unsterblichkeit die sich Ehren
Schottenius in der Schulbuchhandlung in Braunschweig schwarz auf weiß wollte
geben lassen ein Spiel loser Buben werden Denn dass Du es nur wissest
geneigter Leser folgendermaßen war es mit der unglücklichen Predigt zugegangen
Die schönen Beschreibungen und Kupferstiche welche des berühmten Herrn
Blanchards WindReise vorstellten und wodurch die curiosen Liebhaber brodloser
Künste herbeigelockt werden sollten hatten die muntere Jugend in Peina bewogen
die Nachahmung der Luftbälle seit einiger Zeit zum HauptGegenstande ihrer
unschuldigen Spiele zu machen Drei lustige Knaben die ihr Wesen in dem Hofe
des Herrn Postmeisters trieben wiegten sich eine Zeitlang in der leer stehenden
halben Kutsche des Pastors Ehren Schottenius Ihre Neugier trieb sie endlich
auch in den Bock und in den Sitzkasten hinein zu blicken Da fanden sie dann
in letzterm unglücklicherweise das Manuskript unsers armen Pastors und weil sie
keinen Begriff von der Wichtigkeit dieser Papiere hatten erklärten sie das
ganze Bündel für eine res nullius nahmen einige Hefte davon holten Scheere
Nadeln und Zwirn herbei begannen von den Wahrheiten des Christentums
wegzuschneiden was nicht zu der Form eines Luftballs passte wie der Doctor
Bahrdt von den Kirchensystemen wegschneidet was ihm nicht rund genug ist und
fingen dann an die Stücke zusammen zu nähen um die Nachahmung einer
aerostatischen Maschine zu Stande zu bringen Der Aufwärter welcher Papier
suchte nahm den Knaben eines von den Blättern weg brachte es dem Pastor wie
wir gehört haben und in welche Klagelieder dann der ehrwürdige Herr bei dem
Anblicke dieses Fragments ausbrach das wollen wir aus Schonung gegen den
geneigten Leser verschweigen Unsre Erzählungen werden je zuweilen rührend sein
aber erschüttern wollen wir nicht Auch können wir Ihnen zumTroste sagen dass
der geistliche Herr noch früh genug in den Hof kam um den größten Teil des
Manuscripts zu retten Es war eigentlich nur Eine Predigt ganz und von einer
andern die NutzAnwendung verloren gegangen Ein erträglicher Schaden Geht
doch so manche Predigt ganz und von den mehrsten die Anwendung verloren Da
das zweite Gespann Pferde noch immer nicht zurückgekommen war und Ehren
Schottenius die beiden Seiten der SchlussVermahnung noch im Kopfe hatte ließ er
sich geschwind einen Bogen reines Papier geben schrieb sie wieder auf und
hatte doch nun sechs und funfzig Predigten vollständig Was in der sieben und
funfzigsten gestanden hatte war freilich im eigentlichsten Sinne in den Wind
geredet
Wir lassen den geistlichen Herrn schreiben und begleiten unsern Amtmann auf
seiner Reise nach Braunschweig
Fünftes Kapitel
Was dem Herrn Amtmanne und seinem Sohne nach der Trennung von ihren Gefährten
begegnet
Der reisende Virtuose den wir mit unsern beiden Freunden haben nach
Braunschweig abfahren lassen war wie leider die mehrsten Menschen die sich
dieser Lebensart widmen ein ErzTaugenichts der von den Schwächen andrer Leute
lebte Wenn er in einer Stadt die müßigen MusikLiebhaber durch sein Talent und
die manntollen Weiber durch seine seelenlose Figur bezaubert hatte nistete er
sich auf eine Zeitlang ein und blieb dort bis irgend ein verübtes Bubenstück
ihn nötigte bei Nacht und Nebel fortzugehn da ihm dann gewöhnlich die Flüche
betrogner Gläubiger mit Undank gelohnter Wohltäter und verführter Mädchen
nachfolgten Dann trat er zwölf Meilen von da unter anderm Namen auf hieß in
St Petersburg Monsieur Dubois in Berlin Signor Karino in Hamburg Herr
Zarowsky und in Wien Herr Leutammer erschien bald in gestickten Fracks mit
zwei Uhren bald im zerrissnen Überrocke als blinder Passagier auf dem
Postwagen Sein Herumtreiben unter Menschen aus allen Ständen hatte ihm eine
gewisse Wendung einen Anstrich von Feinheit und Welt gegeben obgleich er im
Grunde äußerst leer und unwissend war In dem Augenblicke da wir ihn hier haben
auftreten lassen war er ohne einen Heller Geld zu Fuße nach Peina gekommen in
der Zuversicht die ihn wie wir gesehen haben auch nicht trog dass er bei der
Menge von Fremden die jetzt nach Braunschweig ströhmten leicht einen
gutwilligen Mann finden würde der ihn dahin mitnähme wo er ein Konzert zu
geben oder sonst einen Fang zu tun hoffte Unsre Landleute aus Biesterberg
waren grade die Menschen deren er bedurfte Dass er beim Abfahren dem Förster
den er für seinen Vetter ausgab die Sorgfalt überließ seine Zeche zu bezahlen
war nur ein kleines Probestück seiner Kunst im Vorbeigehn von seinen
ReiseGefährten aber hoffte er größere Vorteile zu ziehen
Sobald nun die Kutsche das holprichte Steinpflaster in Peina verlassen
hatte fing Herr Karino an mit sanfter Stimme und bescheidnem ehrerbietigem
Wesen seine Gesellschafter zu unterhalten
»Der junge Herr« sprach er »sind wohl noch nie in Braunschweig gewesen
Das Gewühle von Menschen wird jetzt ungeheuer groß darin sein Man muss sich da
im Gedränge gewaltig in Acht nehmen dass man nicht bestohlen oder sonst
gemisshandelt werde Ich will wohl raten Uhr und Geldbeutel im Gasthofe
zurückzulassen Wir wollen uns dann immer nahe zusammenhalten und wenn mein
hochgeehrtester Herr Amtmann mir Dero Herrn Sohn anvertraun wollen will ich
schon aufs Beste für den jungen Herrn sorgen«
Dies Anerbieten konnte nicht anders als äußerst dankbar angenommen werden
die übrige Frist bis zur Ankunft in Braunschweig verwendete Herr Karino sich
vollends in dem Zutraun des alten Herrn festzusetzen und ihm mit angenehmen
Erzählungen die Zeit zu vertreiben
Im goldnen Engel fanden unsre Reisenden einen solchen Zusammenfluss von
Fremden aus allen Gegenden dass sie nur mit genauer Not noch ein kleines Zimmer
unter dem Dach eingeräumt bekommen konnten wo sie ihre wenigen Päckereien
absetzen ließ
»Dass Dich der Tausend« rief plötzlich der Herr Amtmann Waumann als ihm auf
der Treppe ein dicker Herr in einem braunen Rocke mit gelben Knöpfen und einer
roten Weste mit Gold besetzt begegnete »Alter Freund wie treffen wir uns hier
an« Es war der Licentiat Bocksleder aus Schöppenstedt sein
UniversitätsFreund den auch die Neugier hierher getrieben Und dann hatten
sie sich tausend Dinge zu erzählen »Und weißt Du denn Herr Bruder Amtmann dass
meine Frau auch mit hier ist und ihr Vater der Kaufmann Pfeffer Du musst mir
gleich mit zu ihnen Wir logiren nicht hier im Hause sondern im Prinzen Eugen
ich suchte nur hier jemand auf Wir haben noch über zwei Stunden Zeit ehe der
Ball aufsteigt Mit dem Anfüllen geht auch sehr viel Zeit weg Und Platz finden
wir immer Lass uns das Spectakel außer dem Tore jenseit des Grabens ansehen in
der Schanze ist das Gedränge zu groß und warum sollte man noch Geld dafür
ausgeben«
Der Amtmann machte einige Einwendung in Rücksicht auf seinen Sohn und wenn
er Den auch mitnehmen wollte hauptsächlich wegen der andern beiden Gefährten
die noch von Peina nachkommen würden allein Herr Karino erbot sich dem jungen
Herrn nicht von der Seite zu gehen mit ihm und sobald der Pastor und der
Förster da sein würden auch mit Diesen nach der KontreEscarpe zu folgen
»Dort wertester Herr Amtmann« sagte er »werden wir Sie schon finden und
wenn auch nicht so treffen wir doch sobald alles vorbei ist gegen Abend hier
wieder zusammen Lassen Sie Sich ja nicht von Ihrer angenehmen Gesellschaft
abhalten« Der Vorschlag wurde angenommen und der Amtmann ging mit seinem
Freunde
»Sie sind meiner Six ein netter Mann Herr Karino« sprach Musjö Valentin
als er mit dem Virtuosen allein war »Ich habe Ihnen recht lieb Sie sprechen so
artig dass man gern zuhört Ihr Gespräch ist gleichsam wie das WirtshausBier
Man wird immer durstiger danach jemehr man davon genießt« »Und Ihr Witz«
erwiderte Herr Karino »ist wie das MärzBier Er ist auch noch in künftigem
Sommer gut ohne schaal zu werden«
Hier wurde ihre Unterhaltung durch die Ankunft eines Boten aus Peina
unterbrochen den der Hausknecht hereinführte und der nach dem Herrn Amtmann
Waumann fragte Er brachte einen Brief an denselben und da zu vermuten war
dass der Inhalt vielleicht wichtig und von der Art sein könnte dass man eilig
etwas darauf antworten oder tun müsste Papa Waumann aber nicht herbeigeholt
werden konnte übrigens auch der Brief wohl keine Geheimnisse zu enthalten
schien indem er nur mit einer Oblate versiegelt war riet Herr Karino
denselben zu erbrechen welches auch geschahe Er lautete wie folgt
Wertgeschätzter Herr Amtmann
Ein äußerst unerwarteter Vorfall dessen Erzählung sich nicht wohl der Feder
anvertraun lässt nötigt den Herrn Förster seinen Reiseplan zu verändern und
von hier sogleich nach Goslar zu fahren Erwarten Ew Wohlgebohren uns also
nicht in Braunschweig Ich gestehe dass es mir ein wenig nahegeht das
merkwürdige Experiment des Monsieur Blanchard nicht mit ansehen zu können Auch
wegen der Edition meiner Predigten wäre ich gern in Braunschweig gewesen
Allein was ist zu tun Mündlich ein Mehreres Wir hoffen so Gott will gegen
Ende der Woche wieder in Biesterberg einzutreffen Ich empfehle mich gehorsamst
Peina im Postause
Sonntags Mittags
in Eil
Johann Gottlieb Schottenius
Musjö Valentin pflegte sich eben nicht den Kopf zu zerbrechen über die
GrundUrsachen würkenden Ursachen und andern Ursachen der Dinge also steckte
er den Brief in die Tasche und begnügte sich seinem Gefährten zu erzählen der
Förster habe eine Nichte in Gosslar die Grete hieße und die sie ihm dem jungen
Herrn Waumann gern zur Frau geben wollten die er aber nicht leiden möchte weil
sie ihm zu städtisch und zu gelehrt wäre Er fürchtete sich recht davor sagte
er dass der Förster sie nun mitbringen und dass man ihm dann gewaltig zusetzen
würde Hochzeit zu machen
Indes dies vorgieng sahen sie nach und nach Schaaren von Menschen zu dem
großen Schauspiele hinziehn und selbst aus dem goldnen Engel lief alles fort
was Beine hatte
»Nun ist es Zeit« sprach Herr Karino »dass wir uns auch zurüsten Allein
bei solchen Gelegenheiten tut man wohl durch seine Kleidung ein wenig
hervorzuleuchten damit man vom Pöbel mit Achtung behandelt werde Vermutlich
haben Sie noch einen bessern Rock im Koffer Hurtig den angezogen Ich habe
einen Kamm bei mir da will ich Ihnen in Eil ein wenig die Haare zurecht
kämmen«
Valentin zog Rock und Weste aus öffnete den Koffer holte ein grünes
Röckchen mit goldnen Knopflöchern hervor »Legen Sie dagegen Uhr und
Geldbeutel hinein Und wenn Sie nun noch einmal an einen gewissen Ort gehen
wollen« fuhr Herr Karino fort »so machen Sie geschwind Ich will indes alles
in den Koffer verschließen Es gibt böse Menschen man muss vorsichtig sein«
Herr Valentin lief im Hemde wie er war an den Ort den man nicht gern
nennt Signor Karino schlich nach verriegelte als Jener saß die Tür von
außen kehrte in das Zimmer zurück packte Geld Uhr und was er in der Eil
aufraffen konnte zusammen flog die Treppe hinunter verlor sich in den Haufen
und wird sich wohl in diesem unserm Büchlein gar nicht wiederfinden
Sechstes Kapitel
Fragment einer Predigt Unvermutete Zusammenkunft in Peina Wie mag das
zusammenhängen
Der Ort wo wir als ein gewissenhafter Geschichtschreiber den hoffnungsvollsten
Jüngling leider haben einsperren lassen müssen ist freilich kein angenehmer
Aufenthalt für ihn allein da wir ihn doch nun vorerst noch nicht von da erlösen
können fühlen wir so sehr wir uns auch für ihn interessieren dennoch keinen
Beruf ihm dort Gesellschaft zu leisten sondern kehren vielmehr nach Peina
zurück um zu sehen was aus unsern andern beiden Freunden geworden ist
Wir haben gehört dass der Herr Pastor sich angelegen sein ließ die Lücke
wieder auszufüllen welche böse Buben in eine seiner schönsten Predigten gemacht
hatten der Förster Dornbusch warf sich indes in einen alten Lehnsessel hin
streckte die Beine vorwärts schlug die Arme in einander schloss seine Augen
fing an zu gähnen und schlief ein Was können wir nun besseres tun als dass
wir ohne Einen von Beiden zu stöhren leise hinter Ehren Schottenii Stuhl
treten und was er zu Papier bringt heimlich in unsre Schreibtafel eintragen
Hoho meine Damen und Herrn schweigen Sie ja still Sie können froh sein dass
ich Ihnen nicht alle sechs und funfzig Predigten als Beilage zu diesem Romane
aufdringe Sie kommen noch wohlfeil davon und die Wahrheit zu gestehen es wäre
für die Mehrsten von Ihnen überhaupt nützlicher wenn Sie mehr Predigten und
weniger Romane läsen Schlimm genug dass wenn man Euch einmal wichtige
Wahrheiten an das Herz legen will man die bunte Jacke anziehn muss Und dann mag
man sich ja wohl in Acht nehmen dass man bei ernstaften Gegenständen nicht zu
lange verweile sonst blättert Ihr statt zu lesen Die Märchen und Possen sucht
Ihr auf und das um dessentwillen das Buch geschrieben ist überschlagt Ihr
»Ja Ihr Gnaden lesen nur um amüsirt zu sein von Dero Pflichten sind Sie
vollkommen informirt« tant mieux aber ich sehe doch noch keine Früchte
davon Doch wir geraten in Ärger und das schadet unsrer Gesundheit also
weiter in den Text
Fragment einer Predigt über die Bewegungsgründe zur Tugend welche aus eigenem
und fremdem Beifalle hergenommen werden
Die Tugend also bloß um ihrer selbst willen zu lieben und auszuüben ohne den
geringsten Eigennutz ja mit schweren Aufopferungen dazu gehört schon große
Stärke der Seele Aus bloßer Liebe zu Gott edel zu handeln das setzt schon ein
Herz voll Wärme für Religion voraus Näher liegen dem sinnlichen Menschen die
Bewegungsgründe die aus dem Beifalle der Menschen und den daraus zu erwartenden
Folgen hergeleitet sind So verstockt so schamlos ist kein Bösewicht so frech
keine Verirrte dass sie nicht wünschen sollten entweder auf andre Menschen
vorteilhafte Eindrücke zu machen oder wenigstens sich selbst innerlich wegen
irgend einer vorzüglichen Eigenschaft loben zu können Sie erklären lieber die
Tugend für ein Hirngespinst als dass sie bekennen sollten sie hätten nichts von
dem was sie an Andern schätzenswert finden müssen Dürfen sie keinen Anspruch
auf Zuneigung und Liebe machen so überreden sie sich andre Leute seien eben so
unfähig wohlwollende Empfindungen zu hegen als einzuflößen Können sie sich
nicht geachtet machen so wollen sie wenigstens gefürchtet sein Und mislingt
jeder Plan irgend eine Art von Aufmerksamkeit und Teilnehmung zu erwecken so
mögten sie sich gern so sehr über alle Menschen erhaben glauben dass niemand als
sie Richter über ihre Handlungen sein könnte Dann schaffen sie sich Tugenden
von eigener Erfindung Ihre Schwächen selbst ja ihre Laster erheben sie zu
diesem Range Sie schmücken die Gegenstände zu welchen ihre strafbaren
Neigungen und Begierden sie hinziehen mit den reizendsten Farben aus um ihre
Anhänglichkeit daran zu rechtfertigen und suchen hingegen Vorzüge
herabzuwürdigen gegen welche sie ihre Augen verblendet haben Wer aber so tief
gefallen ist dass fremder und eigener Beifall ihm gar nichts mehr wert sind der
ist der schrecklichsten Verzweiflung nahe für Den fleht vergebens sein guter
Engel um Barmherzigkeit vom liebreichen Vater im Himmel
Beide aber der innere Beifall des Herzens und die Meinung andrer Menschen
von unserm Werte können die würksamsten Triebfedern zu Erlangung höherer
Vollkommenheit werden beide können wohltätig auf unsre Besserung würken uns
in jeder Art Tugend befestigen zu jeder auch noch so mühsamen
PflichtErfüllung ermuntern Nur müssen Beide zu gleichen Schritten gehen keine
dieser Rücksichten der andern aufgeopfert werden Wer sich sclavisch abhängig
von dem Urteile des Volks macht wird bald alle Eigenheit des Characters
verliehren »Stellet Euch nicht dieser Welt gleich« ruft uns die göttliche
Stimme zu das heißt folgt nicht ohne Auswahl jedem guten und bösen Beispiele
Wer wenig bekümmert um den Beifall seines Gewissens in allem die herrschenden
Sitten nachahmt wird um sich dem lasterhaften Haufen gefällig zu machen auch
die herrschenden Sünden annehmen Er wird ein Schmeichler verderbter Größen ein
unsichrer Freund sein und nie die süße Wonne schmecken welche das innere
Bewusstsein gewährt ohne Menschenfurcht grade und redlich nach Pflicht und
Gewissen gehandelt zu haben eine Wonne ach die allein ruhig machen und
wahren SeelenFrieden geben kann
Eben so gefährlich aber ist es auch ohne alle Rücksicht auf fremden
Beifall keinen andern Richter als sein eigenes Ich anzuerkennen Das führt zu
der gefährlichsten Sicherheit zum Eigendünkel zum Selbstbetruge Da sehen wir
dann uns selbst nur in dem Lichte das die Leidenschaften auf unsre Handlungen
werfen und messen das Verdienst Andrer nach dem Maßstabe der Ähnlichkeit ab
die sie mit uns haben Wir schaffen uns Grundsätze die unsren Begierden
schmeicheln finden eine Entschuldigung für jede auch von jedermann getadelte
Handlung wenn nur unser eingeschläfertes Gewissen ruhig dabei bleibt Wir
verachten alle Regeln des Anstandes und der Übereinkunft die doch dem Menschen
welcher in der bürgerlichen Gesellschaft lebt unverletzliche Pflichten
auflegen Wir opfern unserm Eigendünkel und unsrer Sinnlichkeit Ehrgefühl
Schaam Dankbarkeit auf und zerreißen alle Bande des Bluts und der
Freundschaft Der treue Ratgeber scheint uns ein beschwerlicher Schwätzer der
strenge Warner ein rauer ungefälliger Mann Wir fliehen ihn verschließen ihm
unser Herz und eilen in die Arme des Niederträchtigen der unsre Leidenschaften
schmeichelt Jede Tugend scheint uns entbehrlich wenn sie Aufopferung kostet
als wenn es eine Tugend ohne Aufopferung gäbe Statt den Kampf gegen die
Sinnlichkeit zu kämpfen wo Ruhe und Seligkeit mit HerzensWunden erkauft werden
müssen finden wir es bequemer mit unserm Gewissen in Unterhandlungen zu
treten und der Vergleich ist bald geschlossen wenn Kläger Beklagter und
Richter nur Eine Person sind
O wie manche gute Seele ist durch zu große Sicherheit gefallen Zu
späte Reue allgemeine Verachtung Elend und Jammer sind dann
»Ho ho was Teufel ist nun wieder los« rief der Förster und sprang vom Stuhle
auf als ihn der Hausknecht der ungestüm in die Tür trat aus seinem
MittagsSchlafe weckte »Ich wollte nur sagen« antwortete der Hausknecht »dass
die Pferde nun gleich kommen werden Die Mamsel und der Offizier die im Zimmer
hier neben an logiren wollen auch fort sobald er nur wieder zurückkömmt«
»Was für eine Mamsell« sprach der Pastor Wir wollen in des Hausknechts Namen
antworten
In der Nacht vom Sonnabende zum Sonntage kam in Peina im Postause eine
kleine Kallesche an in welcher ein österreichscher Offizier mit einem schönen
jungen Frauenzimmer saß Auf die Frage ob sie gleich weiter wollten
antworteten sie nein sie müssten vielmehr hier die Ankunft eines Fremden
erwarten Das Frauenzimmer legte sich zu Bette der Offizier wünschte ihr mehr
ehrerbietig als vertraulich eine gute Nacht und ließ sich eine andre Kammer
anweisen Am folgenden Tage das heißt an eben dem an welchem unsre Freunde das
Mittagsmahl in Peina hielten lief der Offizier selbst und schickte auch
einigemal vor das Tor hinaus das nach Hannover führt Daselbst liegt ein
Wirtshaus welches wenn ich nicht irre die Eulenburg heißt Dort ließ er sich
nach einem Fremden erkundigen und bitten dass man es ihm sogleich melden möchte
wenn er angekommen sein würde Übrigens hielt sich das Pärchen sehr still in dem
Zimmer des Postauses und schien dem Anblicke so vieler Fremden welche an
diesem Tage da einkehrten auszuweichen Endlich als der Pastor Schottenius
eben mit seiner Predigt beschäftigt war kam ein Knabe aus der Eulenburg
gelaufen und brachte dem Offizier ein Briefchen »O Gottlob« rief der Offizier
und umarmte das Frauenzimmer »Er ist da Er ist da Nun geht alles nach
Wunsche Ich will hin Lass Dir die Zeit nicht lange währen meine Meta Wir
werden uns so mancherlei zu erzählen haben Sobald ich mich aber losreißen kann
eile ich zurück bringe ihn mit oder hole Dich ab Adieu mein Engel« Und
damit griff er nach Hut Stock und Degen und fort die Treppe hinunter zum
Hause hinaus nach der Eulenburg Das wars was der Hausknecht erzählte
»Es ist angespannt« sagte ein andrer Aufwärter der in das Zimmer trat der
Pastor raffte seine Papiere zusammen und der Förster fragte nach der Zeche
»Der Herr Amtmann« sprach er »hat mir aufgetragen für ihn und seinen Sohn
mitzubezahlen« »Ich weiß es« erwiderte der Aufwärter »und auch für Ihren
Herrn Vetter« »Was für ein Vetter« »Der Musicus« »Hole der Teufel den
Kerl Ich kenne den verfluchten Dudelsack gar nicht« »Ey er reist ja mit dem
Herrn Amtmanne« Doch kurz von dieser unbedeutenden Sache der Förster der
nicht geizig war und viel Ehrgefühl besaß zahlte freilich nicht ohne
Schimpfen und Fluchen und nun wollten sie fort allein als sie aus ihrem Zimmer
traten öffnete zufällig das Frauenzimmer eben auch die Tür des ihrigen
»Was zum Teufel« schrie der Förster »Grete Du bist es Da soll ja das
Wetter hineinschlagen Wo kommst Du her« Und damit drang er in ihre Stube
schlug die Tür hinter sich zu und ließ den Pastor verwundert draußen stehen
Sehr laut und stürmisch ging es nun in dem Zimmer her Nur einzelne Worte
konnte Ehren Schottenius Anfangs verstehen Dann sagte der Förster »Nur keine
Speranzien gemacht das sag ich Dir das hilft hier alles nichts und mit den
Ohnmachten wollen wir auch schon fertig werden Kurz und gut Du musst gleich
fort mit mir Nach Gosslar will ich Dich zurückführen Da magst Du Deine Sache
ins Reine bringen und habe ich Unrecht so ist die Justitz da Wollen doch
sehen ob ein unmündiges Mädchen mit einem Kerl davonlaufen darf Und ich rate
Dir nur hier im Hause kein Aufsehn zu machen Du hast nichts als den Schimpf
davon denn mit musst Du davor hilft nichts« Herr Dornbusch stürzte dann zum
Zimmer hinaus bat den Pastor den Brief zu schreiben den wir gelesen haben Es
wurde ein Bote fortgeschickt alles in größter Eil Jungfer Grete sehnte sich
vergebens nach der Zurückkunft ihres Retters Er kam nicht und sie musste sich
gebadet in Tränen die einen Stein hätten erweichen mögen von ihrem grausamen
Oheime in den Wagen heben lassen Fort nach Gosslar ging die Reise
Siebentes Kapitel
Der Herr Amtmann geht den berühmten Luftschiffer auffliegen zu sehen und trifft
bei seiner Zurückkunft den jungen Herrn in einem kläglichen Zustande an
Ein größeres Gewühl von Menschenkindern versicherte der Herr Amtmann auf seine
Ehre und Reputation habe er in seinem Leben noch nirgends gesehen als das hier
durch welches er sich mit seinen Freunden hindurchdrängen musste um vor das Tor
auf den Platz zu kommen der einer Schanze gegenüber lag aus welcher Herr
Blanchard in die Höhe stieg Wir sind bei manchen andern Kenntnissen die wir
besitzen und die ohne uns zu rühmen ein artiges ensemble ausmachen beim
ersten Unterrichte in der Fortification wie im Hebräischen sehr vernachlässigt
worden lieber Gott man kann ja auch nicht alles wissen meinen aber wollen
es jedoch nicht gewiss behaupten dass dieser Platz zu demjenigen Teile der
Festungswerke gehörte den man die KontreEscarpe nennt Genug es war ein
großer grüner Platz am Stadtgraben Doch so weit sind wir noch nicht Beim
Gedränge im Tore verlor die Frau Licentiatinn Bocksleder ihre Haube ein Pfund
Pferdehaare in einen Wulst gebunden womit der Boden der Mütze faute de mieux
ausgefüllt war fiel auf die Erde der Herr Amtmann welcher die Dame führte
wollte das Bündel aufheben ein Schuhknecht trat ihm auf die Hand Dem kleinen
David Bocksleder einem Kinde von zehn Jahren das eben erst die Blattern
überstanden und noch viel rote Flecke im Gesichte hatte riss ein ChorSchüler
aus Mutwillen den falschen Haarzopf aus Ein lustiger Student aus Helmstädt
der den alten Licentiaten einmal in Schöppenstädt gesehen hatte und dem dieser
würdige Mann nicht sehr gefiel steckte ihm einen Stock zwischen die Beine
worüber er stürzte Allein durch alle diese kleinen Ungemächlichkeiten des
Lebens arbeitete sich dennoch die Gesellschaft hindurch und kam glücklich auf
den Platz in der nun ja in der KontreEscarpe an Die Sonne brannte heiß auf
die Schädel Die wollnen Perücken sitzen wärmer als die von Haaren das kann man
uns auf unser Wort glauben obgleich wir keine tragen also litt der alte Herr
Bocksleder sehr viel von der Hitze »Es ist teufelmässig heiß« sprach er »Wenn
wir hier lange stehen müssen so schmelze ich wie Butter zusammen oder crepire
vor Durst« »Es dauert wenigstens noch eine Stunde« sagte ein dicker Mann der
mit aufgeknöpfter Weste und einem glänzenden braunen Gesichte als wäre es
laquirt gewesen neben ihm stand »Es dauert wenigstens noch eine Stunde ehe
der Hof von der Tafel aufsteht und herkömmt Dann erst wird mit der Füllung der
Anfang gemacht« »Wenn nur ein Wirtshaus in der Nähe wäre« seufzte der
Licentiat »Deren gibt es hier genug« antwortete der dicke Mann Würklich
waren rings umher einzelne Garten und andre Häuser gelegen in welchen echter
teutscher Pontac lübeckscher Franzwein und dergleichen verzapft wurde und unsre
Gesellschaft trat in eines von diesen
Für einen Physiognomiker für einen MenschenBeobachter und für einen Maler
wäre es ein herrliches Fest gewesen die Gesellschaft zu sehen welche hier
teils in den kleinen Zimmern teils im Vorplatze im Hofe und im Garten in
einzelne Gruppen verteilt ihr Wesen trieb indes der grüne Platz an welchen
das Haus stieß und von dem wir geredet haben einem bunten Gemälde von der
Speisung der fünftausend Mann glich wie man es hie und da in DorfKirchen
antrifft Unsre Gäste aber waren weder GesichterLeser noch SeelenSpäher noch
Künstler also blieb ihr ganzes Augenmerk auf ein Winkelchen gerichtet wo sie
in Ruhe ihren Durst löschen könnten und das wies man ihnen in einer Hinterstube
unter dem Dache an denn alle andren Zimmer waren gepropft voll Indessen fehlte
es auch hier nicht an Gesellschaft Zwei Tische fanden sie umringt von Personen
beiderlei Geschlechts an einem dritten war noch Raum für sie der Student aus
Helmstädt dessen wir vorhin erwähnt haben ein junger Gelehrter der mit
demselben noch auf der Universität gewesen war jetzt aber in Gandersheim
privatisirte und ein Landchyrurgus aus in Sachsen hatten die eine Seite
eingenommen unsre Leute setzten sich ihnen gegenüber
Wir fühlen einen unwiederstehlichen Trieb ein Bruchstück aus dem Gespräche
dieser interessanten Gesellschaft hier abdrucken zu lassen und da wir uns nun
einmal in Besitz gesetzt haben solchen Trieben unter angehoffter hoher
Approbation zu folgen so wollen wir mit diesem Dialoge andienen erlauben
übrigens den Rezensenten sobald wir von unserm Herrn Verleger das Honorarium
werden eingestrichen haben über die Weitschweifigkeit unsrer Erzählung Ach und
Weh zu schreien
Der junge Gelehrte »Nun wahrlich Es bedarf doch herzlich wenig um der
Menschen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen Da sind mehr als zehntausend Toren
aus allen Ecken zusammengelaufen um einen andern Narren einen Bockssprung in
die Luft machen zu sehen«
Der Student »Aber Herr Bruder Du hast Dich doch auch eingestellt«
Gelehrter »Meinst Du ich würde deswegen auch nur eine Meile reisen
Originale aller Art zu beobachten darum bin ich hergekommen Blanchard habe ich
in Frankfurt und in Hamburg aufsteigen gesehen Vermutlich wird er sich hier
wieder ein Document von fürstlichen und adelichen Personen ausfertigen lassen
dass er so viel tausend Toisen hoch über der Erde geschwebt hat von Menschen
die indem sie das schreiben nicht einmal wissen was eine Toise ist Wie sich
der Kerl nur einbilden kann dass er mit einem solchen Zeugnisse bei Gelehrten
und Männern von Kenntnissen sich Kredit verschaffen werde«
Die geneigten Leser werden es nicht ungütig aufnehmen dass der junge Herr
auf die Autorität von Fürsten und Edelleuten in wissenschaftlichen Dingen nicht
viel hält Teils hat er wohl nicht ganz Unrecht teils ist es jetzt unter den
jungen Gelehrten so eingeführt dass sie alles tadeln was die höheren Stände
sagen und tun außer wenn sie ihre Schriften loben Doch geht dieser
Widerwillen nicht so weit dass besagte Gelehrte nicht wo sichs tun lässt von
Fürsten und Edelleuten Schutz und Wohltaten vorliebnehmen sollten
Gelehrter »Der Augenschein kann jeden verständigen Menschen überzeugen dass
seine Angaben um mehr als zwei Drittel übertrieben sind Noch nie hat er sich
bis zu der Höhe irgend eines beträchtlichen Berges erhoben Betrachte man nur
die römischen Zahlen auf dem Zifferblatte eines mäßig hohen Turms Sie sind
mehrenteils über sechs Fuß lang und scheinen wenn man unten steht keine
Spanne zu messen Wie fast unsichtbar klein müsste nun nicht ein Ball erscheinen
dessen Durchschnitt ungefehr nur sechsmal größer ist als die Länge jener Zahlen
wenn er wirklich zu einer so erstaunlichen Höhe emporstiege und nun vollends
der kleine geputzte Franzose mit seinem blauen Wämschen und seinem Federbusche
Wie würde der dem Auge verschwinden«
Student »Kann sein kann sein Wir wollen sehen Nun Herr Licentiat Sie
gehen doch diesen Abend in die Komödie«
Licentiat »Ich denke wohl «
Landchirurgus »Ach was ist an so einer Komödie Hören Sie ich habe in
Stuttgard die großen Opern gesehen Da kamen Pferde und Wagen auf das Theater
Das war noch der Mühe wert«
Gelehrter »O ja so eine italienische Oper ist wenn man die gesunde
MenschenVernunft nur zu Hause lässt gar unterhaltend zu sehen Wenn da die
Kapaunen auf Triumphwägen von Papp sitzen in Reifröcken und seidenen Strümpfen
aus der Schlacht kommen mit ihren Stimmen durch die Nase im schneidensten
Discant Reden voll Heldenmut an die verkleideten Mousquetiers absingen welche
das römische oder griechische Heer vorstellen Wenn die Opferpriester in
Stiefeletten und KlebLocken Processionen anstellen wobei sie Tritt halten wie
auf der Parade Mützen von Silberpapier auf den Köpfen und mit Goldschaum
beschmierte hölzerne OpferGefäße in den Händen tragen Wenn Schlachten
geliefert werden in welchen Jeder nur auf sein eigenes Schild hauet und Mauern
niedergerissen die von Papier gemacht sind Wenn der DrachenWagen in dem
Medea fährt mit schwarzen Stricken am Himmel festgebunden ist und Apollo wenn
er auf dem bretternen Parnasse sitzt mit seiner FlachsPerücke den Staub von
den gemalten Wolken abfegt Ja es ist wahr das ist groß herrlich rührend
Pfui schämen sollten wir uns dass wir ein ernsthaftes Volk an den Anblick
solcher kindischen Vorstellungen gewöhnen«
Amtmann »Ey ei man kann doch aber nicht auf dem Theater alles so «
Gelehrter »Was man nicht mit einiger Täuschung darstellen kann das muss man
lieber gar nicht als auf so alberne Weise darstellen In einem Fingerhute kann
man nicht baden und auf unsern armseligen kleinen Teatern kann man keine
Schlachten liefern Sie haben vermutlich meine neue Abhandlung über die
ernsthafte Oper gelesen«
Amtmann »Um Vergebung darf ich fragen mit wem ich die Ehre habe «
Gelehrter »Ich bin der Dichter Klingelzieher Nun werden Sie schon wissen
wo Sie zu Hause sind Nicht wahr das dachten Sie nicht dass der Mann jetzt an
Ihrer Seite säße der Ihnen vielleicht zuweilen mit seinen Liedern eine
genussvolle Stunde gemacht hat Es weiß auch noch niemand in Braunschweig dass
ich hier bin ich bin eigentlich gekommen um einmal mit den hiesigen Gelehrten
eine Zusammenkunft zu halten«
Amtmann »Ich bin in der Tat sehr erfreut die Ehre zu haben obgleich
ich gestehen muss dass ich bis jetzt noch nichts von dem was aus Dero Feder
geflossen «
Gelehrter verächtlich »Der Herr Amtmann lesen wohl nicht viel«
Amtmann »O zu dienen ja Freilich im Fache der Belletters da ist es nun
so etwas Köhlers Gedichte habe ich indessen noch kürzlich wieder gelesen und
neulich fiel mir auch ein kleiner Tractat in die Hände betitelt Die Leiden des
jungen Herrn Werter«
Licentiat »Bruder Amtmann die Scharteke kenne ich das ist nichts für uns
Aber apropos Ich muss Dir doch meines ältesten Sohns dissertationem inauguralem
de feudis oblatis schicken Sie ist sehr gründlich abgefasst Er hat darin
hauptsächlich «
Student »o weh«
Landchirurgus »Es ist in der Tat erstaunlich was für eine Menge von neuen
Entdeckungen jetzt in allen Teilen der Wissenschaften gemacht werden besonders
aber in der NaturGeschichte Chemie Wundarzneikunst und überhaupt im
medicinischen Fache So hat man zum Beispiel jetzt gefunden dass zwar die
gewöhnliche ChinaRinde in periodischen Gesichtsschmerzen Durchfällen Fiebern
Brand Lungensucht und so ferner herrliche Dienste leistet dass aber die rote
Rinde der röhrichten weit vorzuziehn ist und noch überdies sichrer und ohne
Leibschmerzen würkt Die Hirnwut hielt man für unheilbar Ich selbst habe an
einem gewissen unglücklichen Professor Hoffmann in Wien vergebens alle Mittel
angewendet es schlug nichts bei ihm an Nur kürzlich erst hat man «
So weit war der Landchirurgus in seiner medicinischen Abhandlung gekommen
als plötzlich von allen Seiten her ein Geschrei erscholl »Se heft en wedder
Sie haben ihn wieder Sie haben ihn wieder« Die ganze Gesellschaft stürzte nun
aus dem Hinterzimmer heraus »Wen haben sie wieder« fragte Jeder »Wen« »I
den Musche Blanchard Se heft en wedder«
O dass ich berufen bin in diesem Büchlein das nur guten Humor erwecken und
die Gemüter der Leser erheitern sollte hier das Bild getäuschter Hoffnungen
aufzustellen Aber das Schicksal das sich gegen die Helden meiner Geschichte
verschworen zu haben scheint Im Vorbeigehen zu sagen dies Werk hat das ganz
Eigne dass nicht etwa nur eine einzelne Person der Gegenstand ist auf den sich
das Interesse zusammendrängt sondern dass die Schicksale der ganzen Gesellschaft
aus Biesterberg wie wir sie im ersten Kapitel auftreten ließ das Thema sind
welches wir in demselben durchführen Ein Plan dessen wie wir hoffen auch
diejenigen Kunstrichter welchen wir die Rezension nicht selbst einschicken mit
gebührendem Lobe gedenken werden das Schicksal will es also und ich muss
meinen Beruf erfüllen
So manche Meile war der Amtmann mit seinen Gefährten gereist um den
berühmten Blanchard aufsteigen zu sehen So manche Wiederwärtigkeit hatte er von
dem Augenblick an da er auf dem Amtshofe einstieg bis zu dem Momente wo er
nun die Nachricht erwartete dass der Luftball gefüllt wäre überwunden Seinen
hofnungsvollen Erben glaubte er der besten Aufsicht übergeben zu haben glaubte
er stünde jetzt mit ofnem Munde unter dem Haufen der Gaffenden und ach er saß
in diesem Augenblick eingekerkert und wo Das ahndete sein treues Vaterherz
nicht Noch ruhiger war er über sein eigenes Schicksal Voll Erwartung stürzte er
zum Hause hinaus und hoffte nun den Luftwagen über seinen Scheitel daherfahren
zu sehen und Herr Blanchard war schon vor einer Stunde aufgestiegen Sie
hatten ihn wieder er hatte sich fern von der Stadt niedergelassen Die
Nachricht die unsern Freunden der dicke lackirte Mann gegeben hatte war falsch
gewesen Schon als sie in das Hinterzimmer traten war der Franzose mit seiner
Füllung fertig gewesen und fuhr ab Unbegreiflich dass der Herr Amtmann den
Lerm des Volks und die Kanonenschüsse nicht gehört hatte Aber da machte er bei
seinem Eintritte der Gesellschaft so viele Kratzfüsse darüber war der Moment
vergangen Nachher herrschte eine große Stille denn jedermann verfolgte den
Ball mit seinen Augen Viele liefen der Gegend zu wo sie glaubten dass er sich
niederlassen würde bis endlich als die Nachricht erscholl dass er nun wirklich
gelandet sei ein neuer Lerm und der Ausruf »Se heft en wedder« unsern Beamten
aus seiner Ruhe weckte aber da wars zu spät
Vergebens würde ich es versuchen die verschiedenen Ausbrüche des Mismuts
und der Verzweiflung zu schildern denen einige Personen welche in dem
unglücklichen Hinterzimmer das schönste aller Schauspiele versäumt hatten sich
überließen Andre zogen sich den Unfall weniger zu Herzen Der Dichter
Klingelzieher lachte aus vollem Halse er hatte nun Stoff zu einem neuen
Epigramme Die Licentiatinn schimpfte auf ihren Mann los die einzige Art wie
sie sich über jeden Unfall des Lebens zu trösten pflegte »Nun es hat nicht
sein sollen« sprach der Amtmann mit trauriger Mine »Mir ist es nur lieb dass
mein Valentin und die andern Beiden die doch auch indes von Peina werden
angekommen sein diese Merkwürdigkeit in Augenschein genommen haben um davon zu
Hause erzählen zu können«
Da sich indessen keine Hoffnung fassen ließ die treuen Gefährten aus Biesterberg
in dem Gewühle von Menschen hier zu finden so dachte der alte Herr Waumann
jetzt nur an seinen Rückzug um verabredetermassen im goldnen Engel sie wieder
anzutreffen Um neuen Wiederwärtigkeiten in dem Gedränge bei dem Eintritte in
die Stadt auszuweichen beschloss unsre Gesellschaft durch die KontreEscarpe
nach einem andern Tore hin zu gehen wo sie vermutlich weniger Volk finden
würden Allein zum Unglück waren die mehrsten Zuschauer auf denselben Einfall
geraten so dass hier der Zusammenfluss noch größer war als vorhin beim
Herausgehn Sich wieder zurück durch alle diese Erdensöhne hindurch zu arbeiten
das ließ sich nicht wohl tun Nun musste man aber um das nächste Tor zu
erreichen sich über eine Art von Teiche oder Graben setzen lassen Einige
tausend Menschen standen am Ufer und harrten auf den Fährmann es war aber
unglücklicherweise nur ein einziger Nachen zum Überfahren da also ging es
langsam
Wie hieß doch der Fluss von welchem die verdammten Heiden fabulirten dass
ein gewisser Charon die Seelen der Verstorbnen da hinüber in die elisäischen
Gefilde transportiren müsste Ohrfeigen habe ich von meinem Informator bekommen
dessen erinnere ich mich noch als ich bei dieser Stelle im Ovidius nicht
Achtung gab aber wie der Fluss heißt dessen besinne ich mich nicht mehr Genug
grade wie diese WasserReise in jene Welt abgebildet zu werden pflegt so sah es
hier aus So oft der Charon eine Anzahl Pilger hinüber geschafft hatte und nun
wieder diesseits landete war das Herzudrängen der Ungeduldigen so groß dass
wirklich Passagiers die nicht wie Charons Gäste nur Seelen sondern zum Teil
dicke mit braunschweigscher Mumme wohl ausgemästete Körper waren Gefahr
liefen Schon war der Licentiat Bocksleder nebst seiner sanften Gemahlin und
dem lieben Kleinen im Nachen da wollte der Amtmann sich nicht von seinem
Freunde trennen Er drängte sich durch den Haufen wagte einen Sprung und hier
fällt mir aus Wehmut die Feder aus der Hand Wenden wir unsre Blicke nach
einer andern Seite
Herr Karino war kaum mit seiner Beute zum Hause hinaus als der wackre
Jüngling den er an dem bewussten Orte eingesperrt hatte nicht ahnend welch
ein Unfall ihm begegnet war die Tür des Kabinets ergriff sie öfnen wollte
aber verriegelt fand Vergebens wendete er alle Kraft seiner starken Arme an
Holz und Eisen zu sprengen die Tür wich nicht Vergebens rief er schrie er
brüllte er endlich niemand hörte seine Stimme Wie Hercules als er das Hemd
der nun wie hieß denn das Nickel ha Dejanira ja das Hemd der Dejanira
auf seinem Leichname kleben hatte so gebehrdete sich Musjö Valentin so
durchschnitt er mit seiner heulenden Stimme die mephitische Luft von welcher
der Leidende jetzt umgeben war alles umsonst Als endlich die Kräfte zu sinken
anfiengen und die Muskeln welche seine Lunge ausdehnten oder liegen da keine
Muskeln Ich weiß es nicht so eigentlich herabgespannt waren da ging sein
Gebrülle in Winseln Klagen und Seufzen über und seinen Augen entquollen
salzige Tränen Ich bitte meine hochgeehrtesten Leser dieser Schilderung einige
Aufmerksamkeit zu widmen Sie werden dann finden dass ich ohne mich zu rühmen
nicht ganz ungeübt in poetischen Malereien bin dass ich das Crescendo und
Diminuendo gut anzubringen weiß und dass mein Ausdruck wenigstens eben so edel
und kraftvoll ist als der unsrer mehrsten Romanen und Komödienschreiber
Der Schmerz kann nur auf einen gewissen Grad steigen wie wir Philosophen
das wissen und dann bricht die Welle und es erfolgt wenigstens auf einige Zeit
ein Stillstand Nachdem der junge Herr Waumann lange genug getobt und gejammert
hatte fand er in der Vorratscammer seiner Vernunft den Trost dass doch sein
Ungemach nicht ewig dauern könne Er setzte sich also so bequem wie sichs tun
ließ nieder seine Augenlieder vom Weinen müde sanken er schlief ein Was
konnte er auch bessers tun Zwar lagen ihm zur Seite wohl ein Paar Blätter von
der frankfurtischen gelehrten Zeitung die ein Reisender da nebst einigen
MaculaturBogen von dem Romane Nettchen Rosenfarb hatte liegen lassen aber Herr
Valentin las nicht gern und wer kann denn auch in einem solchen Zustande mit
Aufmerksamkeit lesen Lassen wir ihn nun noch ein Weilchen schlafen Es ist hohe
Zeit dass wir uns nach seinem teuren Herrn Vater umsehen Der Himmel weiß
wir haben jetzt alle Hände voll zu tun Man kann nicht aller Orten zugleich
gegenwärtig sein indessen ist es doch leichter zu verantworten einen Menschen
auf dem Abtritte eingesperrt als jemand der nicht schwimmen kann im Wasser
liegen zu lassen Und schwimmen konnte der Herr Amtmann nicht Er wurde aber
sogleich herausgezogen und als er am jenseitigen Ufer gehörig abgetröpfelt war
brachte der Ärger über diesen Vorfall und über das laute Lachen der zahllosen
Zuschauer seine durch die Kälte des Wassers erstarrten Glieder und betäubten
Lebensgeister wieder so lebhaft in den Gang dass wir weiter keine schädlichen
Folgen für seine Gesundheit zu befürchten brauchen Er eilte nun nach dem
Gasthofe zurück um seinen blauen mit Golde besetzten Rock auszuziehen und
trocknen zu lassen
Welcher neue Kummer ihn aber hier erwartete das wissen wir Indessen fand
er seinen geliebten Sohn schon aus der Gefangenschaft erlöst Er war kurz zuvor
erwacht hatte seine Klagetöne aufs Neue angestimmt und dazu ein so
vollstimmiges Accompagnement mit den Fäusten an der Tür gemacht dass endlich
von den Hausgenossen welche indes heimgekommen waren Einer ihn gehört und
befreit hatte Vater und Sohn klagten sich gegenseitig ihr Leid es war eine
herzbrechende Szene Zum Glück war der Wert dessen was Herr Karino
mitgenommen hatte nicht groß allein lag nicht in der ganzen Verkettung ihrer
Unglücksfälle schon Ursache genug zur Traurigkeit Doch überließen Beide sich
derselben nicht bis zur Verzweiflung Vielmehr sorgte der Herr Amtmann für seine
werte Gesundheit zog die nassen Kleidungsstücke aus legte sich zu Bette
bestellte ein gutes AbendEssen und unter anderm eine erquickende WeinSuppe
Valentin ließ sichs vor seines Vaters Bette wohlschmecken und ging dann auch
schlafen Wir wünschen ihnen eine angenehme Ruhe
Achtes Kapitel
Geschichte des Fremden der in der Eulenburg vor Peina abgetreten war
»So sehen meine Augen Dich endlich wieder mein teurer geliebter Louis« rief
der Fremde in der Eulenburg dem österreichschen Offizier entgegen als Dieser zu
ihm in das Zimmer trat und in seine Arme eilte »Mein Wohltäter mehr als
Vater Wie viel Dank« stammelte der Offizier »O rede nicht von Dank« »Wie
sollte ich nicht« »Komm an mein Herz« Und so ging es noch ein Weilchen
fort in abgebrochnen Worten Ein rührender Auftritt Der Hausknecht welcher
dem Offizier die Tür öffnete hat ihn uns beschrieben und wenn wir unsern
Verleger hätten bewegen können Kupferstiche zu diesem unserm Romane verfertigen
zu lassen so hätte die Darstellung dieser Zusammenkunft eines der schönsten
Blätter liefern müssen Vielleicht lässt er sich noch bewegen der sechsten
oder siebenten Auflage einige Bilderchen beizufügen bis dahin mag die jetzige
Generation der Leser sich die ganze Geschichte mit dem Pinsel ihrer Phantasie
vormalen
Nachdem diese ersten Entzückungen vorüber waren reichte der fremde alte
Herr dem Offizier einen schriftlichen Aufsatz dar »Hier mein Lieber« sprach
er »habe ich die HauptBegebenheiten meines Lebens in welche auch die
Geschichte Deiner Jugendjahre mit einverwebt ist zu Papier gebracht Längst
wollte ich Dir diesen Aufsatz schicken nur die jetzt erfüllte Hoffnung Dich
selbst wieder zu umarmen hielt mich davon ab Ich kann ihm ja dann alles
mündlich erzählen sprach ich zu mir selber Nun aber da ich wieder bei Dir
bin denke ich doch es sei besser ich lasse Dich das schriftlich lesen weil
es einmal aufgezeichnet ist vielleicht könnte ich außerdem manches vergessen
Lies es in müßigen Augenblicken durch und lass uns jetzt die Freude des
Wiedersehens recht genießen«
Der Offizier umarmte nochmals den alten Herrn und steckte das Papier in die
Tasche Da aber die Leser vielleicht ungeduldig werden könnten bis er es wieder
hervorholt wollen wir hier eine Abschrift dieses Aufsatzes mitteilen
Geschichte des fremden Herrn in der Eulenburg
Mein Vater war ein redlicher und geschickter Schullehrer in Blankenburg am
Harze Freilich war man damals in der Pädagogic noch weit zurück Man hatte noch
nicht die Entdeckung gemacht dass man der Jugend die ernstaftesten wichtigsten
wissenschaftlichen Kenntnisse selbst von philosophischer Art durch Kartenspiel
und sonst auf tändelnde Weise beibringen könne Man hielt bei dem Unterrichte
sehr viel auf Übung des Gedächtnisses durch Auswendiglernen besonders in den
Jahren wo man so leicht auffasst und so viel Stunden übrig hat die man nicht
besser anwenden kann als damit dass man in dem Magazine für die ganze übrige
Lebenszeit die rohen Materialien aufhäufe welche die reifere Vernunft in der
Folge ordnet auswählt und zum herrlichen Genuße für das Alter bearbeitet
Indessen gestehe ich gern dass wenn irgend etwas was man lernt unnütz sein
kann mein Vater seine Schüler manches unnütze Wort lernen ließ Übrigens fühlte
er schwer die Last seines undankbaren Berufs Geringe Besoldung schwere
vielleicht oft gänzlich verlohrne Arbeit vom frühen Morgen bis in die Nacht und
manche Demütigung von Seiten andrer weniger nützlicher aber darum nicht
weniger übermütiger Stände Er war daher fest entschlossen seine beiden Söhne
denn ich hatte oder vielmehr habe noch einen jüngeren Bruder eine andre
Laufbahn antreten zu lassen Der Eine sollte zu Hause in Blankenburg selbst
die Jägerei lernen mein Großvater war Oberförster gewesen ich aber wurde der
Kaufmannschaft gewidmet und desfalls zu einem Verwandten nach Nürnberg
geschickt
Wir hatten kaum beide ein Paar Jahre in dieser neuen Lebensart zugebracht
als mein Vater starb und gar kein Vermögen hinterließ Dies war grade zu der
Zeit des siebenjährigen Krieges Es wurde im Braunschweigschen ein Jägercorps
errichtet und mein Bruder nahm Dienste in demselben Was mich betrifft so
wollte mir das ruhige Leben am KomtoirPulte auch gar nicht gefallen von allen
Seiten her ertönte nichts als Kriegesgeschrei das machte mir dann Lust mein
Heil bei den Waffen zu suchen An einem schönen Morgen packte ich meine kleinen
Habseligkeiten zusammen ging fort aus Nürnberg und ließ mich bei dem Freicorps
des französischen Obersten Fischer anwerben
Es schien als wenn das Glück meinen raschen Schritt begünstigen wollte
gleich im ersten Feldzuge wurde ich Unterofficier und in dem darauf folgenden
wo ich Gelegenheit hatte bei einigen Vorfällen Mut und Gegenwart des Geistes
zu zeigen Offizier Hierzu kam noch dass ich ein paarmal sehr reiche Beute
machte jedoch unter Umständen die ich darf es mit gutem Gewissen behaupten
meinem Herzen nicht zur Schande gereichten denn ich hasste das Plündern und alle
die Grausamkeiten welche unsre Leute sich zuweilen erlaubten Einst es war im
Winter und wir hatten Ruhe von den Feinden war ich mit dem Major von Hoym und
dem Hauptmanne Faber nach einem Nonnenkloster geritten welches eben keine
strenge Klausur hatte am wenigsten jetzt im Kriege wo man es so genau nicht
nehmen durfte sondern muntere Gesellschaft ganz gern sah und sich sogar gefallen
ließ zuweilen ein Tänzchen mit Offiziers zu machen Dort lernte ich ein
Fräulein von Weissenbaum kennen ein liebenswürdiges edles Geschöpf das der
Eigennutz ihrer Familie wider ihre Neigung zu dem Klosterzwange verurteilet
hatte Bei wiederholten Besuchen fühlten wir uns zu einander hingezogen
gestanden uns gegenseitige Liebe und ohne uns die wir Beide kein Vermögen
hatten um die Zukunft zu bekümmern verabredeten wir dass ich sie entführen
sollte Mein Freund der Hauptmann Faber eine gute dienstfertige lustige
Seele Er lebt jetzt als Schlosshauptmann am Hofe des Fürsten von
NassauSaarbrück leistete mir bei Ausführung dieses Plans treue Dienste Ich
nahm meine Geliebte hinter mir auf mein Ross und brachte sie glücklich nach
Fritzlar wo uns niemand kannte und wo ein Geistlicher das Petschaft des
priesterlichen Segens auf unsre Verbindung drückte Acht Tage nach unsrer
Hochzeit mussten wir marschieren und meine Frau folgte mir bei der Bagage der
Armee nach Einbeck wo wir den Rest des Winters zubrachten Mein Herz schlug mir
voll Verlangen meine Vaterstadt wiederzusehn da ich ihr jetzt so viel näher
war aber der Dienst litt es nicht Das Frühjahr kam heran und wir zogen uns
zurück nach Hessen allein zu meinem Unglücke fiel meine liebe Frau in eine
schwere Krankheit und da sie sich noch obendrein im vierten Monate schwanger
befand war es durchaus unmöglich sie fortzubringen
In dieser Verlegenheit bat ich unsern commandirenden General um Erlaubnis
an meinen Bruder der bei der feindlichen Armee war schreiben zu dürfen Die
braunschweigischen Jäger standen nicht weit von uns also hielt es nicht schwer
den Brief sicher in meines Bruders Hände zu liefern der mir auch sogleich
freundschaftlich antwortete Ich bat ihn nämlich und beschwor ihn bei den Banden
des Blutes sich meines verlassenen Weibes anzunehmen bis ich Anstalten zu
ihrer WiederVereinigung mit mir treffen könnte und er versprach alles zu
tun was in seinen Kräften stünde und sich von einem zärtlichen Bruder erwarten
ließe Auch hielt er Wort Sobald die dortige Gegend wieder in den Händen der
alliirten Armee war eilte er nach Einbeck besuchte meine kranke Gattin gab
sich ihr zu erkennen bot ihr seine Hilfe an und empfahl sie als er mit der
Armee fortmusste einem geschickten und redlichen Arzte wollte auch Geld für sie
dort lassen dessen sie jedoch nicht bedurfte weil ich sie damit versehn hatte
Mein gutes Weib kränkelte noch fort bis zur Zeit ihrer Entbindung so dass
man es nicht wagen durfte sie von Einbeck wegzuführen Endlich brachte sie
einen Knaben zur Welt allein das schwächliche Kind starb gleich nach seiner
Geburt die Mutter hingegen wurde durch die treue Sorgfalt ihres Arztes
gerettet erhielt nach und nach ihre Kräfte und endlich ihre völlige Gesundheit
wieder Sobald sie im Stande war zu reisen dachte ich ernstlich darauf sie zu
mir kommen zu lassen Es war im Jahre 1762 die französische Armee hielt sich
nur mit Mühe noch in Hessen und weil ich sie also bei mir nicht sicher glaubte
ließ ich sie nach Strassburg bringen wohin auch ich gleich nach dem bald darauf
erfolgten Frieden in ihre Arme eilte
Allein der Frieden welcher Trost und Ruhe in so manches Herz senkte war
für mich eine Quelle peinlicher Sorgen Ich wurde reducirt Das Wenige was ich
durch Beute gesammelt hatte konnte nicht lange vorhalten einen großen Teil
davon hatte meine Frau schon in Einbeck zusetzen müssen Was für traurige
Aussichten hatte ich daher nicht für die Zukunft Da indessen doch ein Entschluss
gefasst werden musste folgte ich dem Rat eines Freundes zog nach Worms und
legte dort eine kleine Schule an in welcher wir mein Weib und ich Kindern von
beiden Geschlechtern Unterricht im Schreiben Rechnen und in weiblichen Arbeiten
gaben
Der Erwerb war kümmerlich den uns dort unser treuer Fleiß verschafte Wer
nicht die Gabe hat durch Schleichwege und Unverschämtheit sich hervorzudrängen
der bedarf um nicht zu verhungern aller Orten besonders aber in
Reichsstädten mächtiger Vorsprecher wenn er fortkommen will und mich kannte
niemand in Worms Die Häuser der Reichen waren uns verschlossen nur in den
niederen Klassen fanden wir Eltern die uns ihre Kinder anvertraueten nicht aus
Zuversicht zu unsrer Geschicklichkeit sondern weil wir nicht so viel Geld
bezahlt nahmen wie Andre Unser Umgang aber schränkte sich auf ein Paar
NachbarHäuser ein in welchen nicht weniger Armut wie bei uns herrschte Ich
erinnere mich unter andern dass uns zuweilen an Sonntagen eine Frau besuchte
deren Mann aus Verzweiflung sich dem Trunk ergeben hatte Wenn nun das arme Weib
zu uns kam pflegte sie das Wenige was sie noch an silbernen Löffeln und
dergleichen übrig hatte in die Tasche zu stecken aus Furcht dass ihr Mann es
unterdessen versetzen und das Geld im Wirtshause verzehren möchte
Drei Jahre hindurch hielten wir es in Worms aus dann hatte ich das Glück
durch einen sehr rechtschaffnen Kaufmann einen gewissen Herrn Schuler
Empfehlung an den Grafen in zu erhalten der eines PrivatSecretairs
bedurfte Mein Gesuch fand einige Schwierigkeit weil er lieber einen
unverheirateten Mann angenommen hätte doch erhielt ich die Stelle und erwarb
mir bald das Zutraun meines guten Herrn
Der Graf war in der Tat ein sehr edler Mann Wenn es irgend einen
Menschen auf der Welt gibt der fähig ist ohne allen Egoismus ohne Eigennutz
und ohne Eitelkeit das Gute bloß aus reiner Liebe zum Guten selbst zu tun
so war er es gewiss Man hielt ihn für harterzig rau und geizig aber wie
wenig kannte man sein Herz Seine jetzige Gemahlin selbst Er war zum
zweitenmal verheiratet suchte ihn in den Ruf zu bringen als wenn gar nicht
mit ihm auszukommen wäre als wenn er auch die unschuldigsten Freuden den
Personen seiner Familie nicht gönnte und über die geringsten Kleinigkeiten in
Zorn geriete und tobte Die Wahrheit war dass sie durch diese Vorwürfe ihn
zwingen wollte zu Schritten zu schweigen zu welchen kein ehrliebender Mann
schweigen darf dass Alle die ihn umgaben seine beispiellose Milde auf die
unverantwortlichste Art mit Füßen traten und wenn sie ihm lange genug das Maß
des Verdrusses voll gegeben hatten ohne dass er murrte sondern sich nur
innerlich grämte endlich aber wenn sie noch ein Quentlein in das Gefäß warfen
die Wagschale seiner Geduld in die Höhe schnellte dann schrie das Weib dann
hieß es »mein Gott über eine solche Kleinigkeit fährt der Mann auf Man kann
es ihm nie recht machen« Und wenn alle seine Hausgenossen seine Nachsicht und
die uneingeschränkte Freiheit die er ihnen ließ misbrauchten und er sich dann
betrogen seine Ehre und seinen guten Namen auf dem Spiele stehen sah dann gab
er wohl etwas strengere PoliceiGesetze in seinem Hause aber dann entstand auch
allgemeines Murren über seine Härte dann hieß es eine solche Behandlung reize
erst recht zu verbotnen Handlungen
Eben so ungerecht wie die Beschuldigung der Härte war die des Geizes welche
man dem Grafen machte Er hatte aber die Grille durchaus nicht gestatten zu
wollen dass die Welt seine wohltätigen Handlungen erführe und ihn desfalls
lobte Ich aber der das Glück hatte sein Vertraun zu gewinnen bin Zeuge
gewesen von so edelen großmütigen Taten die gewiss damals Keiner ahndete die
erst nach seinem Tode durch seine hinterlassenen Briefe offenbar wurden von
schweren Aufopferungen die ihn manchen herben Kampf kosteten den er aber in der
Stille kämpfte Ich habe gesehen mit welcher Verleugnung er es zuweilen ertrug
wenn er gerade da am bittersten getadelt wurde wo er am größten gehandelt
hatte wie er heimlich an der Wohlfart Derer arbeitete die ihn mehr als einmal
bübisch geneckt verfolgt und mit dem schwärzesten Undanke belohnt hatten wie
er nagenden unverschuldeten Kummer und Leiden aller Art mit Geduld ertrug und
nie auf Andre wälzte immer in sich selbst Trost und und Hilfe suchte Wer ihn
um Vorsprache oder Hilfe ansprach den wies er mehrenteils und zuweilen mit
Rauhigkeit zurück mir aber und zwei andern Vertraueten trug er auf
Hülfsbedürftige aufzusuchen und wenn er dann durch Geld oder unermüdete
Tätigkeit das Gute gewürkt und den Unglücklichen gerettet hatte dann wusste er
das Verdienst der Handlung auf einen Dritten zu schieben Diesen Dank und Ehre
einerndten zu lassen Glaubte ein Geholfner auf die Spur seines unbekannten
Wohltäters gekommen zu sein kam zu ihm und stammelte Dank so fuhr ihm der
Graf mit solchem Ungestüm an dass er sich geirrt zu haben glaubte und das gute
Wort bereuete dass er an diesem unfreundlichen Manne verschwendet hatte
Eine große Eigenschaft fehlte indessen dem Grafen eine Eigenschaft die
allen seinen Tugenden hätte die Krone aufsetzen können nämlich männliche
Entschlossenheit und Festigkeit gegen Andre ich sage gegen Andre denn wie
strenge er gegen sich selber war habe ich vorhin erwähnt Er den sein
unwürdiges Weib als einen Starrkopf und Tyrannen abschilderte war das Spielwerk
eben dieses Weibes ließ sich von ihr auf alle Weise hintergehn und bei der Nase
führen Machte sie mit ihrem Anhange es ihm gar zu bunt so tobte er wohl nach
seiner Art ein wenig allein wenn dann die Heuchlerinn die unschuldige
Gekränkte von Gram Niedergebeugte spielte glaubte er sich übereilt zu haben
und tat und litt alles sein vermeintliches Unrecht wieder gut zu machen Der
verstellten Reue wiederstand seine Weichherzigkeit nun vollends gar nicht
Derselbe Schelm konnte ihn zehnmal anführen und eine einzige anscheinend
herzliche Bitte konnte ihn in den wichtigsten überdachtesten Vorsätzen wanken
machen
Ich sah bald mit Wehmut und Abscheu welchen schändlichen Misbrauch die
Gräfin von dieser zu sanften Gemütsart ihres Gemahls machte Die ganze Stadt
wusste dass sie auf seinen Namen Schulden machte und dass sie ein
LiebesVerständnis mit einem elenden Komödianten unterhielt die ganze Stadt
wusste das sah das mit Verachtung nur der Graf sah nichts erfuhr nichts Oft
war ich in Versuchung ihm die Augen zu öfnen auch erwartete die Gräfin die
wohl fühlte welche Empfindungen mir ihre Aufführung einflößte nichts anders
von mir Indessen wenn ich bedachte wie diese Entdeckung meinem armen Herrn
das Herz brechen würde so verschob ichs von einer Zeit zur andern Die
Vorsehung aber die nie zugibt dass Schandtaten unentdeckt bleiben und die
Bosheit triumphiere brachte diese Händel ohne meine Mitwürkung ans Licht Der
Graf kam einst unerwartet zu Hause ertappte seine Gemahlin an der Seite ihres
niederträchtigen Buhlen und nun offenbarte sich das ganze Gewebe ihrer
Abscheulichkeiten Aber ach dieser Schlag war zu hart für meinen guten
gefühlvollen Herrn Der Kummer warf ihn auf das Krankenbette er litt nicht
lange und verschied in meinen Armen
Für mich war der Verlust dieses einzigen Wohltäters eine erschreckliche
Begebenheit Die Gräfin hasste mich und wäre das auch nicht der Fall gewesen
so hätte sie mir doch kein Brod geben können Sie selbst hatte die öconomischen
Umstände ihres Gemahls in die größte Verwirrung gebracht Ihre Schulden
überstiegen das baare Vermögen welches sie erben konnte die Güter aber waren
Lehn und fielen da der Graf keine Kinder hinterließ an den Landesherrn zurück
Die äußerste Armut war nun ihr Erbteil und in diesem Zustande den sie sich
selbst bereitet hat schmachtet sie noch von niemand bedauert und um so mehr
da sie jetzt hässlich ist von jedermann verlassen
Ich war also ohne Brod denn bereichert hatte ich mich nicht obgleich es
mir nicht an Gelegenheit gefehlt hätte etwas zu gewinnen wenn ich weniger
gewissenhaft gewesen wäre Es war im Winter am Ende des Jahres 1769 und meine
Frau die in sieben Jahren keine Kinder gehabt hatte war eben von einem
gesunden kleinen Mädchen entbunden worden Die Aussichten Waren trübe aber
Gott half Meines verstorbenen Herrn Freunde in denen das Zutraun welches er
mir bezeugt hatte eine gute Meinung von mir erweckte verschaften mir eine
kleine Stelle bei der fürstlichen Kanzellei Voll Hoffnung und Zuversicht und
mit heiterem Gemüte arbeitete ich nun in meinem neuen Berufe wurde nicht von
drückenden Nahrungssorgen gepeinigt genoss häusliche Freuden und war noch
glücklich genug auch gegen Andre wohltätig handeln zu können wie Du jetzt
hören wirst
Neuntes Kapitel
Fortsetzung dieser Geschichte Sonderbare Entdeckung Der Fremde und der
Offizier finden im Postause nicht was sie suchen
Unter den Hülfsbedürftigen deren sich mein guter Graf so wohltätig angenommen
hatte befand sich auch eine interessante Familie welche meiner Sorgfalt
anvertraut war und deren Umgang mir so viel reine Freuden gewährte dass ich
wenn auch der Beistand den ich ihr in meines Herrn Namen leisten musste mich
nicht zu ihnen rief doch manche Stunde nebst meiner Frau bei diesen guten
Menschen zubrachte Er und sie waren in Frankreich geboren und hatten einst
glücklichere Tage erlebt wovon ich die Geschichte besonders aufgezeichnet habe
und Dir mitteilen will Durch die schwärzeste Kabale und eine Reihe von
Wiederwärtigkeiten aus ihrem Vaterlande vertrieben hatte Er kein Mittel
unversucht gelassen was einem Manne von Ehre und Erziehung anständig sein kann
um in Deutschland für sich und die Seinigen Brod zu erwerben Hätte er dem
Beispiele so Vieler unter seinen leichtfüssigen Landesleuten folgen und mit
erborgten Titeln und gestohlnem Gelde an irgend einem deutschen Hofe als
Chevalier oder Marquis auftreten wollen so würde er seine Familie nicht nur mit
Brod sondern auch mit Pasteten haben speisen können Er hätte sich dann etwa mit
einem Paar tausend Gulden Besoldung zum directeur des plaisirs Seiner
Durchlaucht ernennen lassen und Madam welche jung und hübsch war hätte diese
Plaisirs vermehrt Allein wie gesagt er war ein Mann von Ehre und
Rechtschaffenheit Seiner Sprache war er mächtig Ein seltenes Phänomen bei
einem Franzosen Er hatte sie studiert folglich schien ihm eine Stelle als
Lehrer derselben die grade bei den Edelknaben in erledigt war die
anständigste Art seinen Unterhalt zu verdienen Mein würdiger Graf bei
welchem er sich desfalls meldete prüfte ihn und setzte ihn an Allein der arme
Mann war schwächlich Sorgen und Kummer hatten so lange an seinem Herzen
genagt bis es endlich brach Zwei Jahre vor des Grafen Tode verließ er die
Welt in welcher er so wenig frohe Stunden erlebt hatte Seine trostlose Witwe
die selbst kränkelte sah sich nun nebst dem kleinen vierjährigen Knaben
verlassen und blickte vor sich hin in eine traurige Zukunft
Die hohen Preise aller LebensBedürfnisse in den Städten stehen in gar
keinem Verhältnisse mit dem Lohne den man für gemeine nützliche weibliche
HandArbeiten hingibt indes Der welcher für Luxus und Üppigkeit würkt
reichlich bezahlt wird Ein ehrliches Frauenzimmer welches sich bloß mit Hemder
nähen und Strümpfe stricken beschäftigen will kann wenn sie dabei ihren eignen
kleinen Haushalt zu bestreiten hat oder sonst einmal ein Paar Stunden im Tage
oder ein Paar Tage in der Woche ausfallen wenn es zum Beispiel an Arbeit fehlt
unmöglich mit diesem Erwerbe auskommen Putzmacherinnen verdienen freilich
schweres Geld allein diese Lebensart schien der edlen Frau niedrig und
zweideutig und so litt sie dann da sie noch obendrein selten ganz gesund war
Mangel Das wohltätig ausspähende Auge meines lieben Grafen entdeckte bald ihre
Lage und ich bekam Auftrag zu Hilfe zu eilen Dies geschah auf eine Weise die
ihr Zartgefühl nicht beleidigen konnte und ich hatte die Freude zu sehen wie
das gute Weib sich nach und nach aufheiterte mit ihrer Gesundheit wurde es
jedoch immer mislicher Schon hatte sie seit einem Monate das Bette nicht
verlassen können als der Verlust unsers gemeinschaftlichen Wohltäters ihr den
Rest gab Einst schickte sie zu mir und ließ mich dringend bitten sie sogleich
zu besuchen Ich fand sie sehr schwach alle Anzeigen des nahen Todes waren da
Ihr Sohn Du mein Louis Du sassest weinend auf ihrem Bette Eine Deiner Hände
hielt sie zitternd in den ihrigen Als ich eintrat bestrebte sie sich ihre
trüben halb schon gebrochnen Augen freundlich aufzuschlagen Ein sehnlicher
Wunsch eine dringende Bitte schien ihr Herz zu pressen aber die matten Lippen
versagten ihr den Dienst sich durch Worte zu erklären Sie winkte ihrer
Wärterinn und diese brachte mir ein Päckchen mit Briefschaften begleitet von
einem Aufsatze von ihrer Hand geschrieben und an mich gerichtet Sobald sie
diese Papiere in meiner Verwahrung sah schob sie mir Deine Hand mein lieber
Louis hin faltete dann die ihrigen es schien als wenn sie dieselben dankbar
zum Himmel emporheben wollte Dann schloss sie die Augen fiel in einen
Schlummer und erwachte nicht wieder
Nachdem ich die nötigen Bestellungen wegen der Beerdigung Deiner lieben
Mutter gemacht hatte nahm ich Dich an meine rechte Hand das Päcklein mit
Briefschaften unter den andern Arm und so verließ ich das Haus und führte Dich
in meine Wohnung
»Gott hat uns noch ein Kind beschehrt« sprach ich zu meiner Frau als sie
mir in der Tür entgegen kam »Gott hat uns noch ein Kind beschehrt und seinen
Segen wird er uns auch dazu beschehren Dieser kleine Kostgänger soll ihn uns in
das Haus bringen« Und nun erzählte ich dem guten Weibe was vorgegangen war
Sie bückte sich zu Dir nieder blickte Dir ins Gesicht streichelte Dir die
Backen gab Dir einen mütterlichen Kuss nahm Dir Dein Hütchen ab und von dem
Augenblicke an warst Du unser Kind und teiltest unsre Liebe und Sorgfalt mit
der kleinen Margareta
Sobald ich Deine Mutter hatte zur Erde bestatten lassen die Unkosten davon
bestritt ich aus dem Verkaufe ihres wenigen Hausrats fing ich an die
Briefschaften zu untersuchen welche sie mir eingehändigt hatte Es waren
Documente welche Deine gegründeten Ansprüche auf ein beträchtliches Vermögen in
Frankreich bewiesen das man Deinem Vater auf die unrechtmässigste Weise
vorenthalten hatte In dem Aufsatze von Deiner Mutter Hand der bei den Acten
lag beschwor sie mich als ihren einzigen Freund Dich nicht zu verlassen
sondern Dich an Kindes Statt anzunehmen demnächst aber wenn es meine Umstände
irgend erlaubten selbst oder durch einen sichern Mann Deine Rechte in
Frankreich auszufechten welches mir unter der jetzigen Regierung gewiss nicht
würde fehlen können »Ey nun und wenn auch nicht« rief ich aus »denn mit
Processen ist es immer eine misliche Sache so wird die Vorsehung dem Knaben
sonst helfen Wenn er gesund redlich und fleißig ist muss sich auch schon in
Deutschland ein Stück Brod für ihn finden«
Ich fing nun an Deinem Unterrichte alle Stunden zu widmen die mir meine
NahrungsGeschäfte übrigliessen Das Schicksal begünstigte meine Beharrlichkeit
Dein heller Kopf und Deine gute Gemütsart unterstützten meine Bemühungen und
gleich als hättest Du neuen Segen in meine Hütte gebracht schien sich alles
unter meinen und meines wackeren Weibes Händen zu verdoppeln
Allein der Allweise hatte mich zu einem Werkzeuge ausersehn um Dich in eine
bessere Lage zu versetzen wie die war die den Pflegesohn eines armen
Zollschreibers erwartet hätte Ich fing schon an Deinen Prozess in Frankreich
ganz zu vergessen die Papiere lagen bestäubt in einem Winkel als neue
Unglücksfälle mich unsanft aus dieser Ruhe aufweckten um mir die Freude zu
bereiten die ich heute schmecke Meine würdige Gattin starb Du warst damals
zehn Jahre alt und meine Tochter hatte noch nicht den vierten Sommer erlebt
Fest entschlossen nicht wieder zu heiraten wenn ich auch ein Mädchen gefunden
hätte dass meine Armut mit mir hätte teilen wollen und dabei überzeugt dass
ein Vater bei aller Sorgfalt dennoch nicht im Stande ist der ersten Erziehung
eines weiblichen Geschöpfs gehörig vorzustehn war ich in der Tat sehr
verlegen was ich mit meiner kleinen Margareta anfangen sollte
Indessen hatte ich seit dem Frieden welcher dem siebenjährigen Kriege ein
Ende machte nicht aufgehört mit meinem Bruder in Briefwechsel zu stehen
obgleich unsre Umstände uns keine persönliche Zusammenkunft erlauben wollten Er
war wie ich reducirt worden hatte aber das Glück gehabt eine einträgliche
FörstersBedienung und dabei eine reiche Frau zu erhalten Als ich ihm nun den
Tod meines lieben Weibes und die Verlegenheit darin ich in Ansehung meines
Kindes war meldete erbot er sich großmütig das kleine Mädchen zu sich zu
nehmen da es doch schien als wenn seine Frau ihn nicht zum Vater machen
wollte Mit dankbarer Freude nahm ich dies an und schickte die Kleine begleitet
von einer treuen alten Magd auf der Post zu diesem redlichen Bruder Nun
warst Du lieber Louis meine einzige häusliche Gesellschaft und ich verwendete
allen Fleiß auf Deine Bildung als der Tod des alten Fürsten auf einmal mich um
meine kleine Bedienung brachte Das System des Erbprinzen war wie es fast immer
der Fall ist das Gegenteil von dem zu tun was sein Herr Vater getan hatte
Es wurde also auch mit dem Zollwesen eine Umkehrung vorgenommen manche
Besoldungen wurden eingezogen und unter diesen war auch die meinige
Mitten aus dieser trüben Aussicht die mich beinahe zur Verzweiflung
gebracht hätte ließ die weise Vorsehung einen neuen Strahl von Hoffnung für mich
hervorleuchten Ich hatte während des Krieges in wo ich einige Wochen in
Quartier lag einen Mann kennen gelernt der sich meine ganze Hochachtung und
Liebe erworben hatte Damals war er SchiffsKapitain und hatte schon mehrmals
die Reise nach Ostindien gemacht Diese Lebensart pflegt sonst zuweilen dem
Charakter Rauhigkeit zu geben und nicht selten sind solche Männer Prahler und
verschrobne Köpfe Eine merkwürdige Ausnahme davon machte Der von dem ich rede
Er war ein grader unbestechlicher redlicher Mann ein gefühlvoller
dienstfertiger großmütiger Menschenfreund und dennoch wo auf ehrliche Weise
etwas zu erwerben war ein achtsamer speculativer Kaufmann dabei ein heller
und gebildeter Kopf und im Umgange unterhaltend gefällig und duldend Der
langen Seereisen müde hatte er in seiner Vaterstadt einen Handel im Großen
angefangen und war zugleich kaiserlicher Konsul
Grade zu der Zeit als ich meine Bedienung verlor reiste er durch er
war in einem Bade gewesen und nun auf dem Rückwege nach Hause begriffen Mein
guter Genius ließ mich ihm auf einem öffentlichen Spatziergange begegnen wo ich
kummervoll auf und nieder ging Du mein Lieber sprangst munter vor mir her
Vielleicht erinnerst Du Dich noch dieses Tages denn was uns in dem zarten Alter
begegnet das pflegt sich dem Gedächtnisse welches dann noch nicht mit so viel
Bildern aller Art angefüllt ist tief einzuprägen
Es war für ihn und mich eine angenehme Überraschung uns hier wiederzusehn
Er befragte mich teilnehmend um meine Lage eine Träne die in meinem Auge
zitterte sagte ihm einen Teil dessen was ich auf dem Herzen hatte und da bei
ihm Unglück ahnden und retten wollen immer eins war ergriff er mich
stillschweigend bei der Hand und führte mich in den Gasthof wo er abgetreten
war
Sobald ich ihm meine Geschichte erzählt hatte war auch sein Plan gemacht
»Den Jungen nehme ich mit mir« sprach er »das ist ein feiner Knabe den wir
schon durch die Welt bringen wollen Mein Freund der Obrist von in schen
Diensten schlägt mirs nicht ab wenn ich ihn bitte dass er ihn als
Fahnenjunker bei seinem Regimente ansetze Das er unter guter Aufsicht sei
dafür soll gesorgt werden und wenn er einmal Offizier wird wollen wir auch
schon zu der Equipage und dem Zuschusse Rat schaffen Ihnen aber mein Freund
kann ich grade jetzt zu einer Stelle auf einem Schiffe dass nach dem Kap und von
da nach Indien geht verhelfen Die Stelle wird Anfangs klein sein aber ich
gebe Ihnen gute Addressen mit und Sie können wenn Sie wie ich nicht zweifle
der Instruction folgen die ich Ihnen aufschreiben werde es dort bald zu etwas
Höherm bringen«
Mich von Dir zu trennen mein Lieber das kam mir freilich hart an allein
wenn ich dann wieder überlegte wie wenig ich für Dich tun konnte der ich arm
und verlassen war wie viel Du bei dem Tausche gewannst und welchen sichern
Händen ich Dich anvertrauete so tröstete mich das und was meine Person betraf
so war mir jeder Winkel des Erdbodens wo ich Brod fände gleich willkommen
Ich legte nun die mir von Deiner Mutter anvertraueten Schriften versiegelt
in die Hände unsers großmütigen Wohltäters nieder da ich noch kein Mittel vor
mir sah Gebrauch davon zu machen Der redliche Konsul reiste mit Dir ab und
ich nachdem ich meine geringen Habseligkeiten verkauft hatte blieb grade nur
noch so lange bis er mir meine Empfehlungsschreiben und einen Vorschuss von
Reisegeld geschickt hatte da ich dann nach Holland abgieng
Der Gedanke dass ich meine einzige Tochter nun vielleicht nie wiedersehen
sollte machte mir den Abschied von meinem Vaterlande schwerer als ich bei dem
ersten Vorschlage meines Freundes geglaubt hatte Wenigstens wollte ich aber dem
Kinde in der Folge die Unannehmlichkeit für das Schicksal seines Vaters besorgt
zu sein und den Schmerz über eine so weite Entfernung von ihm ersparen
Desfalls bat ich meinen Bruder als ich ihm meinen Entschluss nach Indien zu
gehen meldete er möchte niemand hiervon etwas entdecken sondern jedermann und
selbst meiner kleinen Margareta sagen ich sei gestorben »Wenn mich« sprach
ich zu mir selber »die Vorsehung einst glücklich wieder aus jenem Weltteile
zurückführt wird die freudige Überraschung meiner Tochter Den wieder zu sehen
der ihr das Leben gegeben hat um desto größer sein« Und diesen frohen
Augenblick hoffe ich nun bald zu erleben
Meine Reise nach Holland und von da nach Indien ging so glücklich als
möglich von Statten und die Empfehlungen meines redlichen Beschützers waren
dort von solchem Gewichte dass ich sogleich als Aufseher über zwei
WarenLager in Tätigkeit gesetzt und versorgt wurde Meine Lage war also über
Erwartung angenehm das Klima hatte den wohltätigsten Einfluss auf meine
Gesundheit die Nachrichten die ich durch den Konsul von Deinem Schicksale
erhielt obgleich nur in allgemeinen Ausdrücken abgefasst waren sehr erfreulich
auch mein Bruder meldete mir dass die kleine Margareta ein gesundes hübsches
und gutes Mädchen sei und so war ich dann zufrieden heiter und dankte dem
gütigen Schöpfer in meinem Herzen
Auf diese Weise verfloss mir eine lange Reihe von Jahren ohne die geringste
Wiederwärtigkeit Unter den Kaufleuten deren Geschäfte ich zu besorgen hatte
war vorzüglich Einer mir sehr gewogen und vertrauete mir die wichtigsten Dinge
an nachdem ich mir bald eine Fertigkeit in dem Mechanischen dieser Arbeiten und
die nötigen SprachKenntnisse erworben hatte Endlich als dieser gute Mann
anfing schwächlich zu werden rief er mich einmal zu sich und sagte mir
ungefehr folgendes »Sie haben mir bis jetzt so redlich und eifrig gedient dass
ich nicht ruhig würde sterben können wenn ich nicht vorher Ihre Treue auf eine
Weise belohnt hätte die dem großen Vermögen angemessen ist das mir Gott
gegeben und das er unter Ihren Händen hat gedeien lassen Nun könnte ich Ihnen
hier wohl zu einer reichen Frau verhelfen oder Sie sonst ansässig machen
allein ich meine bemerkt zu haben dass Sie nicht geneigt sind Sich wieder zu
verheiraten und dass Sie Sich überhaupt nach Ihrem Vaterlande zurücksehnen
Diesen Wunsch zu befriedigen dazu fordern mich Dankbarkeit und Freundschaft
auf Ungern trenne ich mich von Ihnen Doch meine irdische Laufbahn wird nun
wohl bald vollendet sein Und wäre das auch nicht so würde ich mirs doch zum
Verbrechen machen wenn mir mein PrivatVorteil näher am Herzen läge als Ihre
Glückseligkeit Nehmen Sie daher diese Summe als ein freundschaftliches Geschenk
an Ich kann sie entbehren sie ist mir eine Kleinigkeit und Sie können in
Deutschland damit viel ausrichten Reisen Sie sobald dahin ab als Sie es gut
finden nehmen meine besten Wünsche mit und gedenken zuweilen eines Mannes dem
Sie außer den öconomischen Dienstleistungen auch noch durch ihre Bekanntschaft
den Vorteil gewährt haben dass er nun eine bessere Meinung von dem
Menschengeschlechte mit aus dieser Welt nimt wie die war welche ihm bis jetzt
so manche traurige Erfahrungen eingeflößt hatten«
Ich erstarrte fast vor Überraschung als ich die Papiere auseinanderschlug
die er mir eingehändigt hatte und nun fand dass es BancoNoten zwanzigtausend
Ducaten an Wert waren Meine Empfindungen der Dankbarkeit konnte ich nur
unvollkommen ausdrücken Der edle Greis verstand aber auch meine stumme Sprache
und fühlte sich vielleicht so glücklich wie ich mich
Vor zwei Jahren nun ließ ich mich nach Holland einschiffen Mit dem Briefe
den ich Dir damals schrieb und in welchem ich Dir die Freude Dich wieder zu
sehen zu erkennen gab ließ ich zugleich einen andern an unsern Konsul den
ersten Schöpfer meines Glücks abgehn Ich gab ihm von allem Nachricht und bat
ihn mir sogleich das Paquet welches Deine Forderungen in Frankreich betraf
nach Amsterdam zu schicken Nur meinem Bruder meldete ich weder die Veränderung
meiner Umstände noch meine Rückkehr nach Europa Ich wollte ihn auf angenehme
Weise überraschen und das ist auch noch mein Vorsatz
Sobald ich in Amsterdam in dem Besitze Deiner Documente war las ich alles
sorgfältig durch was Dein Vater aufgezeichnet hatte und besann mich dann nicht
lange sondern reiste sogleich nach Paris Ich will Dich nicht mit dem
weitläuftigen Berichte von den Schwierigkeiten aufhalten die ich dort fand
Deine gegründete Forderung ins Reine zu bringen aus den Acten selbst wirst Du
das sehen Genug dass mich der Himmel das Glück hat erleben lassen Dir ein
Vermögen von wenigstens fünfzehntausend Livres jährlicher Renten in Sicherheit
zu bringen Jetzt habe ich weiter keinen Wunsch mehr in dieser Welt als den an
meiner Tochter so viel Freude zu erleben wie mir die vorteilhaften Zeugnisse
meines Bruders von ihr zu versprechen scheinen und sie dann glücklich
verheiratet zu sehen Ich eile nach Biesterberg um dort diese mir so teuren
Menschen zu umarmen
Wie nach Biesterberg Herr Autor Ey nun ja mein hochgeehrtester Leser
stellen Sie Sich doch nicht so überrascht gleich als hätten Sie es nicht längst
gemerkt dass der Bruder welchen unser Fremder sucht kein andrer als der Herr
Förster Dornbusch und dass die jetzt von ihrem Herrn Onkel wieder nach Gosslar
geführte Jungfer Margareta das oft erwähnte Töchterlein ist Dies
Zusammentreffen hat übrigens so viel ich es einsehe nichts Unwahrscheinliches
und ich bitte Sie mir einen deutschen oder andern Roman zu nennen in welchem
nicht viel unglaublichere Begebenheiten vorkämen Übrigens muss ich zur
Erläuterung dieser ganzen Geschichte nur noch einige Worte hinzufügen
Der österreichsche Offizier wusste freilich dass seine Geliebte Margareta
Dornbusch hieß dass sein Pflegevater denselben FamilienNamen führte war ihm
auch nicht unbekannt allein da das Frauenzimmer gar nicht ahnden konnte dass
ihr Vater in Ostindien lebte sondern vielmehr oft erzählt hatte es sei
derselbe längst in Deutschland gestorben Monsieur de Previllier aber denn so
hieß der Offizier sichs aus den Zeiten seiner Kindheit nicht mehr erinnerte
dass sein Pflegevater zuweilen eines Bruders Erwähnung getan hatte ja da ihm
das Andenken an die jüngere Gefährtinn seiner ersten Jugend beinahe gänzlich aus
dem Gedächtnisse gekommen war konnte er unmöglich wissen dass seine ehemalige
Gespielinn und die jetzige Dame seines Herzens eine und dieselbe Person wäre
Jetzt aber denn der Ostindier teilte ihm wenigstens den HauptInhalt der
Geschichte welche dieser Aufsatz enthielt mündlich mit machte er eine
Entdeckung die ihn mit der lebhaftesten Freude erfüllte Er nahm sich aber vor
den alten Herrn Dornbusch damit zu überraschen Sobald sichs daher
schicklicherweise tun ließ bat er ihn mit ihm nach dem Postause zu gehen wo
er ihm in der Person seines Reisegefährten zu einer sehr interessanten
Bekanntschaft zu verhelfen versprach Sie gingen hin sobald der Alte sein
MittagsEssen verzehrt hatte
»Um Gotteswillen« rief der Hauptmann Previllier und stürzte in das Zimmer
in welchem er den Ostindier ein Weilchen allein gelassen hatte um indes die
bewusste Person zu holen »Was fange ich an Sie ist fort Sie ist fort« »Wer
ist fort« »Wie können Sie fragen Ihre Tochter meine Geliebte meine Braut
ist fort Der Förster Dornbusch hat sie mit Gewalt in den Wagen gehoben und ist
mit ihr wieder nach Gosslar gefahren« »Du bist von Sinnen Louis Wie soll
meine Tochter wie soll mein Bruder hierherkommen« »O verliehren wir keine
Zeit mit Erzählungen ich beschwöre Sie Lassen Sie uns nacheilen Unterwegens
sollen Sie alles erfahren jetzt nur geschwind angespannt« »Aber mein Wagen
meine Päckereien mein Bedienter alles ist draußen im Wirtshause« »Ich will
hinschicken Morgen können wir wieder hier sein Nur geschwind dass wir sie noch
einholen«
Der alte Herr sah wohl das hier nichts zu tun wäre als dem ungestümen
Menschen zu folgen Sobald daher des Offiziers kleine Kallesche angespannt war
setzte er sich mit ihm hinein und fort ging die Reise nach Gosslar
Zehntes Kapitel
Etwas von dem jungen Frauenzimmer Sie entwischt
Wir haben den Förster in Gesellschaft des Pastors Ehren Schottenii mit dem
jungen Frauenzimmer eben so eilig aus Peina fortgeschaft wie jetzt die beiden
Herrn welche ihnen nachreisen ohne es zu Erläuterungen unter allen diesen
Leuten kommen zu lassen Damit nun unsre GeschichtschreiberSchulden sich nicht
gar zu sehr häufen und wir wenn endlich alles sich zum Ziele neigt nicht gar
zu viel aus älteren Zeiten nachzuholen haben mögen was der Leser noch nicht
weiß wollen wir während diese fünf Personen auf der Reise sind der Herr
Amtmann aber und sein Erbe im süßen Schlafe der müden Natur balsamischen
Labsale sich erquicken eine kleine Skizze von dem kurzen Lebenslaufe der
Jungfer Margareta Dornbusch entwerfen
Sobald der Förster in Biesterberg das ihm von seinem Bruder anvertrauete
kostbare Unterpfand in Besitz genommen hatte beschloss er das kleine Mädchen
wie seine eigne Tochter zu behandeln Er selbst hatte mit seiner ehrlichen
Hausfrau keine Kinder erzeugt aber ein ansehnliches Vermögen erheiratet so
dass er an Margaretens Erziehung wenn er und sie auch nicht mit den nötigen
pädagogischen Gaben ausgerüstet waren doch genug verwenden konnten um das Kind
durch Andre zu einem feinen Frauenzimmer bilden zu lassen
Der Förster war ein biedrer aber freilich gänzlich uncultivirter Mann Sein
Handwerk verstand er aus dem Grunde in der politischen literarischen und
galanten Welt hingegen war er ein Fremdling Außer einigen Andachtsbüchern in
denen er Morgens und Abends seine bestimmte Seitenzahl gewissenhaft las wie man
das an den braunen Flecken unten auf dem Rande wo der geleckte Finger beim
Umwenden seinen Stempel hingedruckt hatte sehen konnte sodann außer einer alten
Chronic an welcher die vordersten Blätter fehlten und den Zeitungen die ihm
der Herr Amtmann mitteilte hatte er sich nie mit Lesen abgegeben und seit dem
Frieden da er seine jetzige Bedienung antrat war er des Herumschweifens müde
liebte die Ruhe kam nur äußerst selten in die benachbarten Städte und war
daher auf alle Weise in einer gewissen Art von Kultur sehr zurückgeblieben
Dagegen hatte er einige andre kleine unbedeutende Tugenden die in dieser Welt
wenig gelten und wobei auch in der Tat nichts herauskommt So hielt er zum
Beispiel immer strenge und redlich Wort teilte gern seinen Bissen mit dem
Notleidenden ohne nur einmal zu ahnden dass dies etwas anders als gemeine
Christenpflicht wäre und nahm sich jedes Gedrückten und Verlassenen an wenn er
dazu im Stande war wie wir denn gesehen haben dass er sich zu seinem großen
Schaden in die bayerischen Händel mischte als Agnese Bernauer sich im Gedränge
befand
Die kleine Grete wuchs unter der mütterlichen Sorgfalt der Frau Försterinn
auf versprach einst ein hübsches reizendes Frauenzimmer zu werden und war der
Augapfel ihrer Pflegeeltern Ehren Schottenius aber machte sichs zum Geschäfte
ihren Geist zu bilden jedoch ohne die Bestimmung ihres Geschlechts und ihres
künftigen Standes denn zu einer braven Landfrau schien sie ihm einst ausersehn
aus den Augen zu verliehren Neben dem Unterrichte in den Wahrheiten der
christlichen Religion in der Form des lutherischen KirchenSystems lehrte er
sie eine leserliche Hand und einen wohlgesetzten Brief schreiben erklärte ihr
ein wenig die Landcharte und das Firmamentswesen die vier Species der
Rechenkunst und die Bilderchen aus Raffs Naturgeschichte So erreichte sie das
vierzehnte Jahr da sie dann in einem neuen schwarzen seidenen Kleide mit
roten Schleufen und einem großen Blumenstrausse mit den übrigen Kindern aus dem
Dorfe confirmirt wurde wobei sämtliche Eltern Tränen vergossen
In dieser Zeit erweckte der Erzvater der neumodischen Aufklärung Satanas
der die ganze Welt verführt den Geist eines pädagogischen Ehepaars das sich
kürzlich in Gosslar niedergelassen hatte und nun durch die Posaune verschiedner
Zeitungsschreiber allen Völkern verkündigen ließ
Es haben Herr und Madam Deckelschall aus der Schweiz gebürtig sich
entschlossen sowohl zum Besten der Menschheit überhaupt als insbesondere zur
Gemächlichkeit derjenigen Eltern welche auf dem Lande wohnten und folglich
nicht Gelegenheit hatten ihren Kindern zu Hause denjenigen Grad der Bildung zu
geben welchen man jetzt in der feinern Welt fordert in der Reichsstadt Gosslar
am Harze eine PensionsAnstalt für junge Frauenzimmer zu errichten Daselbst
geben sie für den sehr mäßigen Preis von jährlich ihren Zöglingen Kost
Wohnung und Unterricht im Französischen und Italienischen in der Musik und
allen andern dem weiblichen Geschlechte nötigen Wissenschaften Kenntnissen
Künsten HandArbeiten in feiner Lebensart und der Gabe die besten classischen
Schriftsteller mit Geschmack Gefühl und Nutzen zu lesen
Dem guten Förster Dornbusch ging plötzlich ein Licht auf als er diesen
Artikel in der Zeitung las Es hatte seine Richtigkeit dass Gretchen von den
hier verzeichneten schönen Sachen noch wenig oder gar nichts verstand Da nun
diese Kenntnisse wie es doch offenbar gedruckt da zu lesen war einem wohl
erzognen Frauenzimmer unentbehrlich waren Gretchen aber es koste was es wolle
ein wohl erzognes Frauenzimmer werden sollte entschloss er sich kurz und gut
seine Nichte nach Gosslar zu bringen Ehren Schottenius äußerte einige Zweifel
meinte man müsse sich wohl zuvor genauer nach diesen Leuten erkundigen allein
bei Menschen von des ehrlichen Dornbusch Kultur hat das was gedruckt ist ein
großes Gewicht Sein ganzer Glaube an erhabnere Wahrheiten beruhete auf keinem
viel dauerhaftern Grunde also blieb es bei dem Vorsatze und die Nichte wurde
nach Gosslar gefahren
Jetzt muss ich die Leser ein wenig genauer mit dem Herrn Deckelschall und
seiner Frau Gemahlin bekanntmachen Er war auf Universitäten gewesen mithin
ein Gelehrter Nur auf solche langweiligen Dinge die man BrodWissenschaften
nennt hatte er nicht Lust gehabt sich zu legen und da man ohne diese in der
bürgerlichen Gesellschaft nicht fortkömmt war er auf alle Einrichtungen in der
jetzigen Welt und auf alle StaatsVerfassungen nicht wohl zu sprechen Nach
manchen vereitelten Versuchen dennoch irgend ein Ämtchen zu erwischen welches
ihn denn ohne Zweifel mit den Regierungen versöhnt haben würde beschloss er
endlich Hofmeister junger Herrn zu werden Er brachte ein Paar GrafenSöhne
die man ihm anvertrauete so weit dass der Eine dem er wie er es für Pflicht
hielt seinen Ekel gegen allen bürgerlichen Zwang und alle wissenschaftliche
Pedanterei mitgeteilt hatte durchaus keinem Fürsten dienen wollte sondern
zum größten Kummer seines nicht so aufgeklärten Vaters in seinem zwanzigsten
Jahre als MusenAlmanachsDichter und MusikLiebhaber privatisirte Der Andre
aber den er um ihm den Adelstolz aus dem Kopfe zu bringen überzeugt hatte
dass aller Unterschied der Stände eine Grille wäre aus seiner Eltern Hause nebst
dem GarderobenMädchen davonlief und auf einem großen transportablen
NationalTheater in den Rollen des Licentiaten Frank und des goldonischen
Lügners den Schneidern und Schustern in Speier Worms und den benachbarten
Städten ungemein gefiel
In einem von diesen Häusern wurde Herr Deckelschall mit seiner jetzigen
Ehefrau bekannt Sie war Gesellschafterinn und Vorleserinn der Frau Gräfin
Ihre Herzen sympatisirten Herr Deckelschall spielte ein wenig Klavier sie
sang ein wenig Was bedarf es mehr um vereint mit einander glücklich zu
leben An baarem Vermögen fehlte es freilich Beiden sie besaß jedoch
fünfhundert Reichstaler an Schaustücken und HarzGulden Es ist
himmelschreiend dass man in dieser Welt durchaus Geld haben oder irgend eine
nützliche Arbeit verstehen muss um auszukommen Indes verlässt der Himmel zwei
liebende Seelen nicht die mit einander Duetten singen können und in dieser
Hoffnung heirateten sich unsre guten Leute Nach der Hochzeit überlegte man
dann wovon man leben wollte und da man sich sogleich auf nichts besinnen
konnte zog man vorerst zu gastfreien Verwandten nach Gosslar
Hätte Herr Deckelschall nicht eine so sehr unleserliche Hand geschrieben so
würde er gewiss sich am liebsten als Kopist fortgeholfen haben weil er gehört
hatte dass Hans Rousseau mit Notenschreiben seinen Unterhalt erworben hätte
allein seine Buchstaben waren von der Art dass man sie eben so wohl für
arabisch als für teutsch ansehen konnte Da es nun mit dem Abschreiben nicht
gehen wollte beschloss er Autor zu werden Er schrieb einen Roman und nachher
eine Schmähschrift gegen einen Rezensenten der diesen Roman ein elendes Product
genannt hatte Beide Bücher fanden keinen Abgang und er konnte keinen Verleger
mehr finden Madam besaß wirklich einige nützliche Talente sie verstand die
Kunst allerlei seidene Zeuge zu färben und russische Talchlichter zu gießen
Aber das schien ihnen Beiden eine kleinliche elende Art von Erwerb und so
entschlossen sie sich dann ein ErziehungsInstitut anzulegen Ein
Menschenfreund der wie die mehrsten Menschenfreunde kein guter Wirt war
lieh ihnen eine Summe Geldes Dafür wurden Hausrat und Bücher angeschafft in
welchen das stand was sie zu lehren versprachen und damit gings los sie
hatten in Monats Frist sechs junge Mädchen bei einander
Die Operation hatte treflichen Fortgang den Eltern wurden vierteljährlich
angenehme Berichte eingeschickt und die Eltern schickten vierteljährlich
angenehme Louisdors was wollte man mehr Herr Deckelschall errichtete
nebenher eine LeseGesellschaft und einen gelehrten Klubb welchen alle
Honoratiores in Gosslar besuchten um dort eine Pfeife Tabac zu rauchen
Margareta Dornbusch kam als ein unerfahrnes aber an Häuslichkeit Fleiß
und Sittsamkeit gewöhntes hübsches junges Mädchen in dies Haus dabei war ihr
natürlich guter Verstand durch den Pastor Schottenius wie wir gehört haben ein
bisschen ausstaffirt worden wenigstens in so weit dass sie einigen Geschmack an
Büchern und wissenschaftlichen Dingen fand ja wir dürfen nicht verschweigen
dass der Herr Pastor ihr Gellerts Schriften zu lesen gegeben dass er dabei die
Unvorsichtigkeit begangen hatte ihr auch den Teil derselben zu schicken in
welchem die Geschichte der schwedischen Gräfin stand und dass dadurch in ihr
die erste Lust zur RomanLektüre war erregt worden Diese Lust nahm in Gosslar
ansehnlich zu Unter viel andern pädagogischen Gaben welche dem ErzieherPaare
in Gosslar fehlten war auch die ihre jungen Frauenzimmer in beständiger
nützlicher Tätigkeit und einer heitern ruhigen GemütsStimmung zu erhalten
Sie haben Recht Madam ja ich weiß es das ist grade das einzige
HauptGeheimnis in der weiblichen Erziehung Nun denn dies einzige
HauptGeheimnis besaßen sie nicht Wir haben aber gehört dass Herr Deckelschall
sich eine LeseBibliothek angeschafft hatte und was für eine Bibliothek
Romanen und Schauspiele wie des Sandes am Meere besonders RitterGeschichten
und dergleichen Dieser ganze Schatz von Literatur nun war den jungen
Frauenzimmern preissgegeben und eben aus diesem Magazine sollten sie die in der
Ankündigung versprochne Gabe die besten classischen Schriften mit Geschmack
Gefühl und Nutzen zu lesen schöpfen
Jungfer Margarete ging mit Riesenschritten auf dieser Bahn der Kultur
fort und schon begann ihr die nur in der Ideenwelt sich herumtummelte die
Alltagswelt niedrig und ekelhaft zu werden als ein Gegenstand in derselben sie
wieder mit dem wirklich lebenden Menschengeschlechte aussöhnte Welcher
Gegenstand das war ist leicht zu erraten es war kein andrer als unser
Freund der Hauptmann Previllier Dieser gute Mann stand als österreichschen
Offizier in Gosslar auf Werbung und war Mitglied des von dem Herrn Deckelschall
gestifteten GelehrtenKlubbs Dies literarische Institut gab ihm zugleich
Gelegenheit genauere Bekanntschaft mit dem Pädagogen zu machen welche sich
denn bald auch auf die weiblichen Zöglinge ausdehnte Er brachte manche
AbendStunde in diesem Zirkel zu
Der Kapitain war kein solcher süßer Geck der sich selbst und allen hübschen
Mädchen weiß macht er sei verliebt in sie auch war er kein ausschweifender
Jüngling der wie ein Wolf um die friedlichen Heerden herum geschlichen wäre
ein Schäfchen zu fangen das sich sorglos von dem Haufen getrennt hätte aber er
war ein gefühlvoller junger Mann Margareta Dornbusch gefiel ihm und wir
verdenken es ihm gar nicht
Indessen hatte der Herr Förster seit langer Zeit den Plan in seinem Kopfe
herumgedreht seine Nichte an den einzigen Erben des wohlhabenden Herrn Amtmanns
Waumann zu verheiraten Sein Gretchen glücklich an den Mann gebracht zu sehen
das war Tag und Nacht sein einziger Wunsch Die HauptErfordernisse des
Ehestandes waren bei ihm eine gute Versorgung und ein gesunder Leib Beides
hatte Musjö Valentin aufzuweisen Von der nötigen SeelenSympatie die
wenigstens in den ersten vier Wochen so viel Seligkeit in den Ehestand bringt
und von dem Einflusse des Mondenscheins auf dies Wonnegefühl ließ der arme Mann
sich gar nichts träumen »Dat hab ich mir so ausgedacht« sprach er zum Herrn
Amtmann »Meine Grete kriegt auch mal einen hübschen Taler Geld wenn ich und
meine Frau sterben Wenn aber der Herr Amtmann was anders mit Musche Valentin
vorhaben so soll mein Vorschlag niks gelten und wir bleiben doch mans gute
Freunde« Allein der Herr Amtmann fand den Vorschlag sehr annehmlich und der
Handel war unter den Eltern bald geschlossen
Während dieser Verabredungen kam im OsterFeste das junge Frauenzimmer zum
Besuche nach Biesterberg Jedermann fand sie verändert Leib und Seele waren
anders aufgestutzt allein sie blieb noch immer das gute unschuldige Mädchen
weiter als bis auf die Oberfläche hatte sich die Reform nicht erstreckt Der
Name Margareta klang ihr zu grob sie hatte sich Meta getauft der Förster
schüttelte den Kopf Sie beklagte in Elegien alle Hühner und Tauben die
geschlachtet wurden obgleich sie tapfer davon mitspeiste wenn sie auf den
Tisch kamen Doch diese und ähnliche kleine Torheiten abgerechnet war sie wie
gesagt gottlob noch unverderbt und Ehren Schottenius dessen Gutmütigkeit
und christliche Liebe größer wie seine practische Menschenkenntnis waren fand
sogar sie habe in Gosslar so etwas in ihrem Tun und Lassen angenommen welches
der angenehmen Gesichtsbildung so der liebe Gott ihr gegeben neue
Annehmlichkeit verleihe wofür man dem Schöpfer nicht genug danken könne An dem
Herrn Deckelschall und seiner Gattin lag es indessen nicht dass es mit Kopf und
Herz nicht ärger aussah
Während ihrer Abwesenheit von Gosslar erhielt der Hauptmann einen Brief von
seinem ehemaligen Pflegevater aus Paris und darin doch nur mit kurzen Worten
die Nachricht dass er so glücklich gewesen wäre ihm zu dem Besitze eines
ansehnlichen Vermögens zu verhelfen und dass er ihn bald persönlich zu umarmen
hoffte Jetzt erst konnte Previllier ernstlich daran denken sich eine Gehülfinn
zu wählen und er nahm sich vor gleich nach Margaretens Zurückkunft seinen
förmlichen Antrag zu tun Dies geschahe das junge Mädchen fühlte in dem was
die Frauenzimmer ihr Herz zu nennen pflegen und über dessen eigentlichen Sitz
bei diesem Geschlechte die Weltweisen noch nicht ganz einig sind Empfindungen
die dem wackeren Offizier das Wort redeten und so sank sie denn schmachtend und
schamhaft in seine Arme Auch diese Szene müsste sich in Kupfer gestochen
vortrefflich ausnehmen Es ist unbegreiflich dass mein Herr Verleger in der
Verstockteit seines Herzens dafür keinen Sinn hat aber wir werden ihm kein
Manuskript wieder geben wenn er sich weigert Bilderchen dazu verfertigen zu
lassen Und doch riskirt der Mann nichts bei unsern Schriften Sie gehen reißend
ab weil sie lustig zu lesen sind nicht viel Kopfbrechens kosten und nicht
übermäßig lehrreich sind Er ist ein ruinirter Mann wenn wir ihm unsre
Protection entziehen
Der Hauptmann erbat sich nun von seiner Schönen die Erlaubnis auch bei dem
Herrn Förster schriftlich die Bewerbung um ihre Hand anbringen zu dürfen und
sie wiedersetzte sich diesem Vorhaben um so weniger da der Oheim ihr nie etwas
von dem Plane sie an den jungen Waumann zu verheiraten eröfnet hatte Allein
der Erfolg fiel ganz anders aus als man erwartete Der alte Dornbusch konnte
sich mit dem Gedanken nicht gemein machen seine schöne Hoffnung auf die
Verwandschaft mit dem Hause des Herrn Amtmanns aufzugeben seine Nichte so weit
von sich zu lassen und sie noch obendrein einem Kriegsmanne zu geben der
vielleicht heute oder morgen nach Croatien in Garnison oder gar ins Feld ziehen
müsste Es erfolgten daher auf wiederholte Bittschreiben wiederholte abschlägige
Antworten bald nachher das Verbot den WerbeOffizier gar nicht mehr zu sehen
und endlich der Befehl sich bereit zu halten in wenigen Tagen nach Biesterberg
abgeholt zu werden
Nun qualificirte sich die Sache zu einer RomanSzene und es ließ sich gar
nicht mehr ändern man musste Anstalt zur Entführung machen Dennoch würde wie
man sicher behaupten darf unser redlicher Previllier noch vorher einen
gelindern Weg versucht und mündlich den alten Förster zu überreden getrachtet
haben Allein er bekam grade zu der Zeit abermals einen Brief von seinem
ostindischen Wohltäter welcher ihm seine Ankunft in Deutschland meldete und
den Hauptmann bat ihm einen Ort namhaft zu machen wo sie sich zuerst sprechen
könnten Hierzu schlug Previllier Peina vor und seine Absicht war seinem
zweiten Vater daselbst seine Geliebte zu zeigen und ihn dann zu bereden mit
ihnen nach Biesterberg zu reisen um dort alles anzuwenden den Förster zu
bereden Die Anstalten zur Entweichung wurden mit nötiger Vorsicht gemacht
hätte man deren aber auch weniger angewendet so würde doch das
PädagogenPärchen schwerlich der Flucht ein Hindernis in den Weg gelegt haben
denn übertrieben ängstliche Aufsicht über die jungen Frauenzimmer war ihr Fehler
nicht Übrigens wissen die Leser was den beiden Liebenden in Peina wiederfuhr
und ich könnte nun getrost in der Erzählung dessen fortfahren was der Jungfer
Margareta begegnete nachdem ihr Oheim sie auffieng und mit Gewalt wieder nach
Gosslar zurückbrachte Allein ich muss mich erst einer Bemerkung über diesen
ganzen Vorfall entledigen und dann einige moralische Sätze aus dieser
Geschichte ziehen zum Beweise dass doch im Grunde kein Buch so geringe ist in
welchem nicht einiger Stoff zur Erbauung für lehrbegierige Leser zu finden wäre
Die Bemerkung ist folgende Hätten wir diese interessante Geschichte
gänzlich erfunden oder wie man zu sagen pflegt aus den Fingern gesogen
gegen welchen Verdacht wir jedoch feierlich protestiren so würden wir
vielleicht zur Warnung und zur Lehre für andre eben so romanhaft gestimmte
Frauenzimmer die Person des Entführers den Herrn Hauptmann Previllier als
einen ErzBösewicht geschildert und das entlaufene Jüngferchen tausendfach Not
und Elend als die Folge dieser Verirrung haben erleben lassen Verdient hätte
es das Mädchen und ich hätte da Stellen anbringen können bei welchen selbst dem
Setzer dieser Bogen Tränen über die Backen geträufelt wären aber Wahrheit
bleibt Wahrheit Diesmal glückte es nun freilich mit der Entführung denn der
Offizier war ein Biedermann aber hätte er nicht eben so wohl ein Schuft sein
können Und wie hätte es dann mit ihr ausgesehn Mademoiselle Was meinen Sie
dazu
Und das führt mich nun zu den moralischen Lehren die sich sowohl bei des
Herrn Deckelschalls und seines Weibes als bei der holden Meta Geschichte
anbringen lassen und worauf ich fleißig Acht zu geben bitte denn je seltener
einen Autor das Moralisiren anwandelt um desto größeren Anspruch darf er ja wohl
auf die Aufmerksamkeit der Leser machen also
Erstlich Wer in dieser Welt fortkommen will der tut wohl wenn er so
irgend etwas lernt womit man im bürgerlichen Leben Brod verdienen kann es
müsste denn sein dass sein Magen so geschaffen wäre dass er vom Schimpfen auf die
verkehrten WeltEinrichtungen satt würde
Zweitens Wer heiraten will tut nicht übel wenn er vor der Hochzeit
überlegt wovon er nebst Frau Gemahlin leben wolle wobei er nicht gar zu viel
auf die Gastfreundschaft seiner Verwandten und die Hilfe der Menschenfreunde
rechnen darf
Drittens Menschen die zu sonst nichts in der Welt brauchbar sind sollen
keine ErziehungsInstitute anlegen noch überhaupt sich mit Bildung Andrer
abgeben was für Beispiele man auch vom Gegenteile anführen möchte
Viertens Für junge Leute sind alle Romane gefährlich außer versteht sich
die welche wir geschrieben haben und wills Gott noch schreiben werden wenn
wir immer Verleger finden die sich von uns ankörnen lassen
Fünftens Man vertraue einen HühnerHund der abgerichtet werden soll
unmassgeblich niemand an den man nicht selbst geprüft hat ob er das Ding auch
verstehe Item dieselbe Regel ist zu beobachten wenn man sein Kind einem
Fremden zur Erziehung übergeben will
Sechstens Wer seiner Tochter einen Mann anheiraten will kann allenfalls
gelegentlich bevor er die Sache gänzlich in Richtigkeit bringt das Mädel
fragen ob sie den Kerl auch leiden mag Sonst gibts zuweilen Unglück
Siebentes Mit dem Entführen ist es eine misliche Sache und nimt nicht
selten ein lamentables Ende
Diese sieben Moralien scheinen beim ersten Anblicke ganz gemein und
gleichsam trivial allein nicht nur ist das bei allen moralischen Sätzen der
Fall nämlich dass sie bekannt genug sind ohne dass man deswegen danach
handelt teils gehören diese sieben Stücke wirklich zu den auserlesensten und
haben viel in recessu zu Teutsch im Rückhalte Endlich auch gewinnen solche
alten Moralien durch eine feine angenehme Einkleidung neuen Reiz und darin
haben wir ohne uns zu rühmen unsre Stärke Nun weiter
Warum grade der Herr Förster sich entschloss mit seiner Nichte wieder nach
Gosslar und nicht vielmehr nach Biesterberg zu reisen das soll Euch meine
wertesten Zuhörer in dieser Stunde mit wenig Worten auseinandergesetzt werden
Er war ein Mann der gern alles ins Klare gebracht sah und der es nicht leiden
konnte dass auf seiner oder der Seinigen Ehre eine Makel haften bliebe Gretchen
war heimlich aus Gosslar entwischt öffentlich musste sie sich also wieder da
zeigen ehe die Sache ruchtbar würde dort musste zugleich die Untersuchung
angestellt werden ob sie auch durch ihre übrige Aufführung sich und ihre
Familie beschimpft und welche Rolle bei dieser ganzen Liebesgeschichte Herr und
Madam Deckelschall gespielt hätten Über das alles sollte ihm dann der Magistrat
in Gosslar ein Attestat schwarz auf weiß ausfertigen zu seiner Rechtfertigung
bei dem Herrn Amtmann Waumann
Man kann sich leicht vorstellen dass die Gespräche welche unsre drei
Reisenden unterwegens führten nicht von der lustigsten Art waren die holde
Meta klagte und beteuerte sie werde keinem andern Manne die Hand geben als
ihrem Hauptmanne der Förster fluchte und appellirte an die Obrigkeit der
Pastor aber kam je zuweilen mit einem von unsern sieben moralischen Sätzen
angezogen den er dann nach seiner Weise ausführte und hinzusetzte »Diese
wichtige Wahrheit habe ich in einer von meinen Predigten die ich drucken zu
lassen die Absicht hatte weitläuftiger auseinandergesetzt«
Auf diese Weise kamen sie in Steinbrüggen an welches ungefehr in der Mitte
zwischen Peina und Gosslar liegt es wurde hier angehalten und der Förster fühlte
Beruf sich mit einem vollständigen Frühstücke zu laben Während diese
Beschäftigung seine ganze Aufmerksamkeit fesselte ging Meta aus dem Zimmer
öffnete eine Tür welche in den kleinen Garten des Wirtshauses führte und ging
in demselben kummervoll auf und nieder Plötzlich erwachte in ihr der Gedanke
Wie wenn Du hier Deinen Hütern entwischtest in einem benachbarten Dorfe bei
gefühlsvollen Leuten Schutz suchtest Dich dort versteckt hieltest und indes an
den Geliebten schriebst dass er dann käme Dich abzuholen Dieser Plan hatte
etwas so Romanhaftes sie konnte unmöglich der Versuchung wiederstehn ihn
auszuführen Dass ihr Brief gewiss den Hauptmann verfehlen musste der doch wohl
nicht nachdem er sie verloren ruhig in Peina sitzen geblieben sein würde das
und sehr viel andre Dinge überlegte sie nicht Der Garten hatte eine Hintertür
die hinaus auf das Feld führte diese Tür stand offen Das Feld war mit Hecken
eingefasst hinter welche man sich verstecken oder vielmehr unbemerkt längs
denselben fortlaufen konnte bis man ein Wäldchen erreichte oder an eine Straße
geriete welche nach einer andern Richtung hinführte auch lagen einige Dörfer
in der Nähe kurz sie meinte das Ungefehr werde sie schon einen sichern Weg
leiten ehe man etwas von ihrer Flucht gewahrwürde also lief sie fort quer
über das Feld hin den Hecken zu zwischen welchen sie wirklich einen hohlen Weg
fand welchen sie verfolgte und das Übrige werden wir einst erfahren kehren
wir in das Wirtshaus zurück
Eine gute halbe Stunde beschäftigte den Förster das Frühstück und der
Pastor rauchte dabei sein Pfeifchen als endlich Jener seine Nichte vermisste
»Sie ist vorhin in den Garten gegangen wie ich gesehen habe« sagte Ehren
Schottenius »aber es wird nun auch wohl Zeit sein dass wir uns weiter auf den
Weg machen Ich will die Jungfer rufen« Er ging aber fort war sie war
nirgends zu finden Wir lassen die beiden Herrn die Wirtin den Hausknecht
und die Magd sie aufsuchen und knüpfen indes einen Faden unsrer Geschichte
wieder an den wir lange genug haben liegen lassen
Elftes Kapitel
Der Herr Amtmann beschliesst noch einen Tag in Braunschweig zu verweilen und
besucht nebst seinem Sohne das Schauspiel
Etwas Dramaturgisches
Der Herr Amtmann Waumann und sein liebenswürdiger Sohn hatten nun im sanften
Schlafe ihre müden Glieder erquickt und ihr erlittenes Ungemach vergessen »Sei
gutes Muts Valentinchen« sagte der Amtmann »Dass wir den Luftschiffer nicht
gesehen haben das ist freilich unangenehm aber dafür wollen wir heute in die
Komödie gehen Mein kaltes Bad ist mir auch so übel nicht bekommen und der
Diebstahl lässt sich noch verschmerzen Ich hätte dem Kerl nicht trauen sollen
Alle Musicanten taugen nichts das lerne Du von mir Früh oder spät wird man von
so einem Vagabonden immer angeführt Aber wenn mir der Lumpenhund einmal in das
Amt Biesterberg kommt so soll er seinem Galgen nicht entwischen«
Aus dieser Erklärung des Herrn Amtmanns erhellt dass in Biesterberg die
peinliche HalsgerichtsOrdnung der Nürnberger eingeführt war nach welcher man
niemand eher hängen lassen darf als bis man ihn hat »Aber Papa« rief der
junge Herr »Ich kann mich nun nicht sehen lassen mein grüner SonntagsRock ist
mit fort« »Tut nichts« erwiderte der Amtmann »der graue ist gut genug und
so bald wir nach Hause kommen soll Dir der Meister Bügelbock ein anders Kleid
machen«
Vater und Sohn kleideten sich nun an gingen nach dem Gasthofe zum Prinzen
Eugen und fanden dort ihre Freunde schon völlig gerüstet am Fenster stehen wo
sie sich an dem ungewöhnten Anblicke der Vorübergehenden und Fahrenden seit
sechs Uhr Morgens ergötzt hatten »Das hätte ich Dir voraussagen wollen Bruder
Amtmann« sprach der Licentiat »dass der Kerl Dich anführen würde« »Ich wollte
Du hättest mirs vorausgesagt« erwiderte Herr Waumann »Doch lass uns nicht
mehr daran denken sondern uns jetzt ein wenig in der Stadt umsehn« Und damit
begaben sie sich auf den Weg der Amtmann sein Sohn Herr Bocksleder nebst
Gattin und Kind und der Kaufmann Pfeffer aus Schöppenstädt Der Zug ging durch
die Hauptstrassen der Stadt nach dem Messhause zu Dann besahen sie die
Kunstkammer spatzierten im Schlossgarten umher sahen die Parade aufziehn und
schleppten sich dann ermüdet in den Prinzen Eugen zurück wo der Licentiat für
sie sämtlich das Essen bestellt hatte
»Aber diesen Abend gehen wir doch Alle so wie wir hier sind in die
Komödie« sprach der Amtmann als bei dem Braten seine Lebensgeister sich wieder
ein wenig gesammelt hatten »Das versteht sich« erwiderte der Licentiat »Seit
meinem zwölften Jahre habe ich dergleichen nicht gesehen Damals spielte ich
selbst mit Es war in Hildesheim auf der Schule Wie stellten Jonas im
Wallfische vor und die Geschichte von Judit und Holofernes«
Nun begann Herr Bocksleder die Beschreibung dieser geistlichen Schauspiele
womit ich jedoch dem Leser nicht zur Last fallen will Eine angenehme Nachricht
die der Aufwärter verkündigte unterbrach dies Gespräch Er meldete nämlich dass
heute vor dem Schauspiele noch ein Luftball mit einem lebendigen Hunde
aufsteigen und nach der AbendTafel Mascarade im Opernhause sein würde Das
alles nun wollten unsre Freunde genießen und es wurde dazu sogleich Anstalt
gemacht Außer ihnen saßen noch an demselben Tische denn man speiste in einem
allgemeinen Gastzimmer nebst verschiedenen unbekannten Gästen der mehrmals
erwähnte Student aus Helmstädt und der große Dichter Klingelzieher Diese beiden
jungen Herrn hatten ihre Freude daran unsre Landleute ohne dass sie es merkten
zum Gegenstande ihres Witzes zu machen Als daher von MascaradenKleidern die
Rede war die ein Jude welcher draußen stand der Gesellschaft zu liefern
versprochen hatte versicherten die Spassvögel es sei gar keine Freude dabei
nur im Domino oder Tabareau dort zu erscheinen sondern je auffallender die
Verkleidung sei um desto weniger werde man merken dass sie vom Lande und dass
ihnen solche Vergnügungen fremd seien Nur müssten sie ihre Rollen studieren und
sich dem Charakter gemäß betragen dessen Gewand sie trügen Der Jude wurde
gestimmt die nötigen Sachen herbeizuschaffen und folgendes Kostüm verabredet
Die Frau Licentiatinn Bocksleder sollte eine weiße Nonne vorstellen ihren Sohn
wie Amor gekleidet an ihre Hand nehmen und von ihrem Gemahle in Gestalt des
leidigen Satanas mit Hörnern versehn geführt werden Der Amtmann Waumann wurde
bewogen WeiberKleider anzulegen und zwar als Göttinn der Nacht aufzutreten in
einem schwarzen Gewande mit Sternen von GoldPapier benäht wovon Musjö
Valentin wie Arlekin gekleidet ihm den Schlepp nachtragen sollte Herr
Klingelzieher begnügte sich mit einem ZauberersGewande und der Student wählte
eine MatrosenMaske Übrigens wurden den leichtgläubigen Leuten ihre Rollen so
vorgeschrieben dass es an den beiden Spassvögeln nicht lag wenn die Gesellschaft
diesen Abend nicht von Knaben und Pöbel preisgemacht wurde
Indes rückte die Zeit heran wo man den vierfüssigen Luftschiffer auffliegen
sehen sollte Man ging hin staunte dies merkwürdige Wunderwerk an und eilte von
da in das Schauspiel
Der junge Herr Waumann ungewöhnt anders wie in der Kirche eine so große
Versammlung in einem Hause auf Bänken und Bühnen sitzend zu erblicken nahm aus
Gewohnheit seinen Hut vors Gesicht als wollte er sein Gebet verrichten Sobald
aber nun die edle Musica anhob und der Vorhang in die Höhe gezogen wurde Potz
Fickerment wie riss er da die Augen auf
»Aber Papa« rief er aus als er sich ein wenig von seiner ersten
Überraschung erholt hatte »tun denn die Leute nichts als singen und sprechen
gar nicht Und man versteht ja nicht Ein Wort davon« »Ja siehst Du mein
Söhnchen« erwiderte der Vater »das nennt man eine italienische Oper Ich
wollte indessen wir wären gestern darin gewesen da haben sie teutsch
gespielt aber da war der verdammte Vorfall dass ich im Wasser gelegen hatte«
Das welsche Singewerk fing endlich an unsern Leuten Langeweile zu machen
und da es ohnehin mit den Vorbereitungen zur Mummerei nicht so schnell gehen
konnte beschloss die ganze Gesellschaft welche sich im Parterre nahe bei
einander gehalten hatte nach dem Wirtshause zurückzukehren
»Ich glaube« sagte Herr Klingelzieher »Sie würden gestern eben so wenig
wie heute von dem verstanden haben was auf dem Theater gesprochen wurde denn
obgleich das was sie redeten für teutsch gelten sollte so waren doch ein Paar
Personen darunter deren oberländischer ProvinzialDialect immer noch zu raten
übrig ließ ob man seine Muttersprache oder eine fremde Mundart hörte
Besonders zeichnet sich bei dieser Gesellschaft Ein Pärchen aus Die Frau
arbeitet sich im Tragischen herum und Er macht den Buffo in den Singespielen
die aus dem Italienischen übersetzt sind allein er verwandelt diesen Buffo in
einen plumpen deutschen Hanswurst singt einen Bass den er aus dem Unterleibe
hervorholt und setzt vor jeden Lautbuchstaben noch ein u zum Beispiel uals
uich nuoch uein klueiner Knuabe wuar statt als ich noch ein kleiner Knabe war
Von der Dame habe ich mir eine Rede gemerkt die ich Ihnen doch mitteilen will
U ich Unklickliche Tass mich toch nie tie Sohne peschinnen hätt Und tu
unkeratner Sonn Kannst tu ketultig zusenn tass teine Muhter wie eine pissente
Sinterinn ta schtehn muss«
Herr Klingelzieher declamirte noch viel über die Unverschämheit solcher
Leute die aus dem niedrigsten Pöbel entsprungen ohne Menschen Welt und
SprachKenntnisse ohne Sitten ohne Gefühl ohne Grundsätze es wagten auf die
Bühne zu treten in dem Charakter von Personen aufzutreten mit deren Gleichen
sie nie den entferntesten Umgang hätten haben können und dennoch darauf
Anspruch zu machen auf den Geschmack zu würken den Ton anzugeben Moralität zu
befördern und für achtungswerte Männer von Wichtigkeit und Bedeutung im Staate
zu gelten Solches Lumpengesindel setzte er hinzu das sichs nicht einfallen
lassen sollte dem geringsten Tagelöhner den Rang streitig zu machen
Ein alter Mann dem Ansehen nach ein gewesener Offizier welcher bei seiner
Flasche Wein in der Ecke saß nahm nun das Wort »Mein Herr« sagte er »was
mich betrifft so muss ich gestehen dass ich mich wundre wenn ich höre dass wir
hie und da in Deutschland noch leidliche Schauspiele haben Im Ganzen ist die
Sache zwar überhaupt eben nicht der Mühe wert dass man viel davon rede aber
wenn man doch einmal ernstaft über diesen Gegenstand nachdenken will so möchte
ich wohl fragen wie es unsre TheaterDichter und Schauspieler anfangen sollten
ihren Geschmack zu veredeln sich zu bilden und wer ihnen die Anstrengung
lohnen würde Herrscht wohl auf zehn Meilen Weges in Deutschland einerlei
Geschmack und bleibt dieser Geschmack sich wohl zehn Jahre hindurch gleich Weiß
unter hundert Menschen Einer was er eigentlich von einem guten Schauspiele
fordern soll Nein er weiß nur dass er etwas Neues sehen will so ein Hin und
HerReden und Würken durch einander bei welchem zuweilen ein unerwarteter Zug
ihn überraschen oder ein lustiger Einfall ihm das Zwergfell erschüttern oder
eine einzelne rührende Situation ihn aus seinem Phlegma aufwecken soll Um die
Haltung des Ganzen bekümmert er sich wenig und wäre diese in einem Stücke
meisterhaft und es fehlte dagegen an Verwirrung an Buntschäckigkeit oder das
Stück wäre nicht neu mehr so würde ich doch keinem Directeur dem seine Kasse
am Herzen läge raten dergleichen Stücke oft zu geben Denn für den Genuss des
Erhabnen in der Kunst ein Genuss der für einen ächten Kenner je öfter er ein
Meisterwerk sieht um desto größer wird dafür hat das Gros des Publicums
nirgends in Deutschland mehr Sinn sondern will nur immer neue Spielwerke sehen
Ich sage es hat keinen Sinn mehr dafür aber hat es ihn je gehabt ja
wenigstens in einigen Gegenden von Deutschland zu Lessings Zeiten zur Zeit der
großen hamburgischen Entreprise Auch findet man noch in Hamburg kleine Haufen
von Männern neben denen unser Einer so gern im Parterre steht wenn der edle
unnachahmliche als Mensch und Künstler als Freund und Gesellschafter gleich
verehrungswürdige Schröder unfähig dem falschen frivolen Geschmacke zu
schmeicheln die alten ein und ausländischen Meisterwerke hervorholt gegen
welche unsre neueren Kotzebuiana usw so erbärmlich abstechen «
Klingelzieher »Wie des Herrn von Kotzebue Stücke lassen Sie nicht gelten«
Offizier »Davon nachher Lassen Sie mich jetzt nur mein Bild im Allgemeinen
ausmalen Lesen Sie die Verzeichnisse der Stücke die in den größten Städten
Teutschlands in den letzten Jahren sind aufgeführt worden und Sie werden
darüber erstaunen wie weit man noch in manchen Gegenden unsers Vaterlandes
zurück ist und wie weit man in andern schon wieder hinabsinkt Die mehrsten
Directionen müssen sich doch leider nach den Forderungen ihres Publikums
richten und wo das nicht der Fall ist wo der Hof die Stimme führt ja da
sieht es denn freilich noch kläglicher aus Ich machte im vorigen Winter eine
kleine Reise In einer nicht unbeträchtlichen Stadt wo damals ein Theater war
wurde das elende Stück Die Engländer in America zweimal begehrt da hingegen
Die Erbschleicher gar nicht gefielen und Götens Geschwister das herzige
Stück so voll Größe und Einfalt langweilig gefunden wurde In einer
benachbarten Residenz waren drei Vorstellungen der elenden Farce Der Teufel ist
los gestopft voll die herrliche Oper Kora fand gar keinen Beifall Der
Schauspieler welcher hier ausgepfiffen wird gilt dort für einen großen
Künstler und die Sprache welche man an der Donau für ächtes saubres Teutsch
verkauft hält man an der Elbe für unverständliche BeschwörungsFormeln böser
Geister
Was müssen die Folgen von diesem allen in Rücksicht auf Dichter und Künstler
sein Sie sind leicht an den Fingern abzuzählen ich will nur beim Dichter stehen
bleiben Wer etwas besseres in der Welt treiben kann der widmet seine Talente
keiner so undankbaren Arbeit An fleißiger Ausfeilung teatralischer Producte
ist gar nicht zu denken Wer will sich die Mühe geben wenn er weiß dass nach
einigen Jahren seine Ware aus der Mode gekommen sein wird Alles kommt nur
darauf an während dieser ephemerischen Existenz so viel Aufsehn als möglich zu
erregen und das wird am sichersten bewürkt je abenteuerlicher die
Kompositionen sind die man an den Tag fördert Da flickt man denn Charactere
zusammen von ungeheurer Schöpfung Situationen bei deren Anblicke man nicht
weiß ob man lachen heulen mit den Zähnen klappern vomiren oder purgiren soll
und Verwicklungen die nur das Messer einer verzweifelnden Phantasie lösen kann
Das alles wird auf einander gehäuft durch einander gepoltert und das
bewundern wir den FieberKranken der so etwas in die Welt faselt lobpreisen
posaunen wir aus der eitle Tor glaubt sich an der Spitze der Unsterblichen
aller Zeitalter und rast immer ärger darauf los vernachlässigt die würklichen
Talente die in ihm wohnen und die eine weise Critic ausgebildet haben würde
Nach einer kurzen Reihe von Jahren hat das Publicum diesen Rausch ausgeschlafen
kann nicht begreifen wie es so blind hat sein können und rächt seine eigne
Torheit an dem armen Schriftsteller den es ungerecht gegen seine guten
Anlagen jetzt um so heftiger schmäht und Seiner spottet je mehr es ihn vorhin
erhoben hatte«
Klingelzieher »Nun und unter diese unbedeutende ModeSchriftsteller zählen
Sie auch den Herrn von Kotzebue«
Offizier »Ihn mehr als irgend einen Andern Einzelne Szenen in den
theatralischen Producten dieses Schnellschreibers verraten seltene Anlagen
aber in keinem seiner Stücke findet man Ordnung Plan Einheit Würde und
Konsequenz des sittlichen Zwecks nicht einmal zu erwähnen2 Zum Beweise dass
ich das nicht so in den Wind hinein rede will ich wenn Sies erlauben von den
Schauspielen des Herrn von Kotzebue eines zergliedern und zwar eines das
vielleicht von allen am mehrsten allgemeinen Beifall gefunden hat wovon sogar
Ein Rezensent und Dramaturg dem andern das Lob nachgeleiert hat ich meine Die
Indianer in England«
Klingelzieher »Wahrlich ein schönes Stück«
Offizier »Wir wollen sehen Ich hoffe Sie werden kein Urteil fällen ohne
Gründe erwogen zu haben
Zuerst lassen Sie uns doch von dem Zwecke reden den der Verfasser vor Augen
hatte als er dies Stück zu schreiben begann Können Sie Sich einen solchen
einfachen Hauptzweck denken Ich kann es nicht Und doch darf man von jedem
Kunstwerke mit Recht verlangen dass es ein bestimmtes Ganze ausmache Das fühlen
selbst schlechte Kupferstecher und um ihre steifen Kompositionen von Dörfern
und Flüssen und Menschen und Ziegen und Hündlein nicht mit dem leeren Titel
Landschaften abfertigen zu lassen setzen sie irgend etwas darunter was Inhalt
hineinbringen soll zum Beispiel La tranquillité villageoise oder Le dimanche
à la campagne usf Dass bei einem Schauspiele eine einfache Handlung zum Grunde
liegen müsse daran hat noch niemand gezweifelt der die Sache versteht und ich
darf hinzusetzen nicht selten ist ein Schauspiel um desto vorzüglicher je
einfacher mit wenig Worten sich dieser Hauptzweck auf welchen die ganze
Handlung und alles Würken der handelnden Personen hinausgeht ausdrücken lässt
Auf welchen Punkt aber concentrirt sich in den Indianern in England das ganze
ungeteilte Interesse Wer ist die HauptPerson Welcher moralische Satz welche
Lehre welche Wahrheit welche Warnung soll hier anschaulich gemacht werden
kurz welchen HauptEindruck soll der Zuschauer mit nach Hause nehmen wenn der
Vorhang gefallen ist
So viel über den Zweck oder vielmehr über den Mangel an Zweck Nun zu den
einzelnen handelnden Personen und deren Charactern Eine eben so unbestrittene
Regel bei einem guten Schauspiele als die vorige ist die dass alle
auftretenden Personen an die Handlung geknüpft sein sollen dass sie zum Ganzen
nicht nur mitwürken sondern zu dieser Wirkung notwendig unentbehrlich sein
müssen Alles übrige nennt man FlickRollen die von der Armut des Dichters
zeugen Leider ist nun freilich in diesem Stücke überhaupt gar keine
eigentliche Handlung aber angenommen dass man das bisschen Tätigkeit worin
die Personen gesetzt werden also nennen möchte so könnte füglich das Ganze
seine Endschaft erreichen ohne den Herrn Musaffery ohne den Visitator ohne
den Bootsknecht ohne die beiden Notarien wenigstens ohne Einen derselben ohne
den kleinen Knaben allenfalls ohne die alberne Mistriss Smit ja ohne den
alten Herrn Smit der auf seinem Stuhle herausgefahren wird um zu hören und zu
sehen und wenn ihn der Dichter wieder fort haben will geschimpft oder gestoßen
wird da er dann anfängt zu fluchen oder zu klagen und sich wieder fortrollen
lässt
Verzeichnet sind fast alle Charactere Gurlis liebenswürdige Naivetät hat
ein Kunstrichter so meisterhaft geschildert gefunden und Andre haben es ihm
nachgelallt Lassen Sie uns doch ohne uns um diese Autorität zu bekümmern
untersuchen was für ein Werk der Schöpfung diese Gurli ist Eine alberne Gans
zu malen die von den Dingen dieser Welt nichts weiß gern einen Mann haben
will lacht wenn ihr etwas ungewöhnliches aufstösst weint wenn sie an etwas
Unangenehmes denkt sich zu freundlichen Gesichtern hingezogen fühlt und
unfreundliche Menschen nicht leiden mag ist es Kunst so ein Geschöpf zu
malen Allein dies Bild könnte interessant werden wenn man das rohe Kind der
Schöpfung in Lagen versetzt sähe wo es aus innerer Güte der menschlichen
Natur eben so groß und edel handelte wie die fein cultivirte Liddy aber
nichts von dem Doch was noch mehr ist dieser ganze Charakter ist ein
Hirngespinnst Denken Sie Sich wenn Sie können ein mannbares und noch
obendrein manntolles Mädchen das unter Wilden erzogen wo keine falsche
Delicatesse den Schleier über gewisse natürliche Dinge wirft noch nicht wissen
soll was ein Männchen und was ein Weibchen ist und dass Mann und Frau zum
Heiraten nötig sind Ein Mädchen das lange genug in England gewesen ist um
Schreiben gelernt zu haben und indem es zwei Notarien die beiden Brüder Smit
Miss Liddy und den alten Musaffery teils nach der Reihe teils auf einmal
heiraten will zeigt dass es noch nicht weiß dass so wenig in Grossbrittanien
wie vielleicht in irgend einem Lande des Erdbodens Vielmännerei erlaubt ist
Eine schöne Naivetät
Fazir ist ein Wilder aus Bengalen und winselt und empfindelt wie ein
Siegwart Kaberdars Charakter ist gar nicht ausgemalt Musaffery eben so wenig
Von dem alten Smit erfährt man nur so viel dass er ein guterziger
schwacher unbedeutender Sterblicher ist
Robert Liddy und Jack sind die einzigen Personen die Physiognomie haben
Samuel und der Visitator haben Originalität aber sie sind so offenbar von
teutscher Schöpfung dass wohl schwerlich in ganz Grossbrittanien zwei solcher
Charactere werden gefunden werden
Wenn sich ein teutsches Fräulein mit allen albernen Prätensionen des
Adelstolzes an einen englischen Kaufmann verheiratete so würde diese Torheit
doch gewiss in dem ersten Jahre ihres Aufenthalts in Grossbrittanien schon von ihr
weichen Nichts kann ihr dort Nahrung geben Man wird sie nicht einmal verstehen
Die ganze Art der Zusammenlebung die öffentliche persönliche Achtung deren ein
Kaufmann daselbst in viel grösserm Maße wie ein kleiner teutscher Edelmann
genießt das alles wird ihr die Grillen von ihren Ahnen bald vertreiben Wie
unnatürlich also dass Mistriss Smit nach zwanzig bis dreißig Jahren noch den
Versuch wagt diese Narrheit geltend zu machen 3
Die NotarienSzene ist äußerst comisch aber sie ist ein hors doeuvre und
gehört nicht dem Herrn von Kotzebue sondern dem alten Vater Moliere
Wer Schauspiele schreibt soll doch auch die Sitten des Landes studieren in
welches er seine Szenen versetzt auch das vergisst der Herr von Kotzebue in der
Eil mit welcher er schreibt Herr Smit heißt Sir John folglich ist er
Baronet denn kein Andrer führt in England vor seinem Taufnamen den Titel Sir
Er selbst aber sagt er sei von bürgerlicher Abkunft Aber sei er Baronet so
kann bei seinen Lebzeiten es doch sein Sohn nicht auch sein allein auch
Dieser nennt sich selbst Sir Samuel Smit
In England wird niemand zehntausend Pfund lieber in baarem Gelde als in
BancoNoten haben wollen wie Herr Samuel
In England wird gar kein Knaster verkauft und doch will Herr Smit Knaster
rauchen
Mysore ist nie von einem Nabob regiert worden
Dies alles soll nur beweisen wie wenig dieser Schriftsteller an seinen
Werken feilt und hiervon zeugen noch andre Stellen Der alte Smit klagt die
Frau habe ihm nicht einmal eine Kanne Porter geben wollen und doch verschenkt er
nachher ein ganzes Fass voll starken Biers an den Bootsknecht
Im ersten Auftritte teilt Herr Smit vier Segen aus Im neunten Auftritte
des zweiten Aufzuges abermals zwei Im dreizehnten bittet Liddy um ein dito und
erhält ihn von der Mutter Im sechsten Auftritte des dritten Aufzugs segnet
Kaberdar Im vierzehnten segnet wiederum Herr Smit und im funfzehnten nochmals
der Nabob Kaberdar Das sind viel christliche und heidnische Segen«
Der alte Offizier war in so gutem Zuge seine dramaturgischen Kenntnisse
auszukramen dass er vermutlich noch in einer Stunde nicht würde aufgehört
haben wenn nicht Einer aus der Gesellschaft dem diese Abhandlung vielleicht
eben so viel Langeweile verursachte als meinen Lesern die Bemerkung gemacht
hätte dass es wohl Zeit sein würde sich zur Mascarade auszurüsten Man nahm
also Abschied von ihm ging hinauf in des Licentiaten Zimmer wo die bestellten
BallKleider in Bereitschaft lagen steckte sich in dies abgeschmackte Kostum
zur großen Freude der beiden jungen Spottvögel und ging dann in diesem Aufzuge
mit einander zu Fuße den Bohlweg hinauf dem Opernhause zu
Der Offizier stand in der Tür des GastZimmers als sie die Treppe herunter
kamen »Aber wie mögen Sie« sprach er »Ihre Zeit mit einer so elenden
Unterhaltung verderben Was für Vergnügen kann ein verständiger Mann daran
finden sich in einem Gewühle von Menschen herumzutreiben die ausstaffirt wie
die Narren im Tollhause sich zwecklos durch einander herumtreiben und drängen
wo eigentlich getanzt werden sollte und doch niemand der gern ohne blaue
Flecke und Beulen nach Hause gehen will tanzen mag wo man verkleidet hingeht
ohne sich seinen Bekannten unkenntlich zu machen indes die Unbekannten sich
auch ohne Maske fremd bleiben würden«
Vermutlich würde der alte Critiker eine eben so lange Abhandlung über die
Mascaraden als über die Schauspiele zu Tage gefördert haben wenn nicht unsre
Freunde die Unterredung kurz abgebrochen und ihren Weg fortgesetzt hätten Sie
schlichen sich daher vor ihm vorbei und gingen
Zwölftes Kapitel
Was der Herr Hauptmann Previllier dem alten Dornbusch unterwegens erzählt
Zusammenkunft in Steinbrüggen
Dem Herrn Dornbusch kam die Entdeckung dass seine Tochter und sein Bruder noch
vor zwei Stunden mit ihm zugleich in Peina gewesen wären wie ein Traum vor Der
Offizier fing an ihm das ganze Rätsel aufzulösen sobald sie im Wagen saßen
und die Freude des alten Mannes so gute Nachrichten von den Seinigen zu
erhalten war jetzt unbeschreiblich Gern hätte Herr Previllier diese angenehmen
Empfindungen in vollem Masse mit ihm geteilt wenn nicht die Unruhe über den
Verlust seiner Geliebten jeden fröhlichen Gedanken von ihm verscheucht hätte
Doch da der Förster und der geistliche Herr kaum vor anderthalb Stunden
erst mit dem jungen Frauenzimmer abgefahren waren schien es mehr als
wahrscheinlich dass sie das Fuhrwerk noch disseits Gosslar einholen würden und
dann hörte ja die Gewalt des Oheims über die Nichte auf und er konnte die Schöne
aus der Hand ihres Vaters empfangen Diese Hoffnung erheiterte ihn wieder und da
sein Pflegevater nur kurze summarische Nachrichten von seinen erlebten
Schicksalen nach Ostindien bekommen hatte vertrieb er auf das Bitten des alten
Herrn ihm unterwegens die Zeit durch genauere Erzählung dieser Begebenheiten
die wir denn auch den Lesern in seinen eignen Worten mitteilen wollen
»Der redliche Konsul dem Sie mich anvertraut hatten handelte von dem
Augenblicke an da ich ihm war übergeben worden wie ein leiblicher Vater an mir
und mein Zutraun und meine Liebe zu ihm wuchsen mit jedem Tage Er schwatzte
nicht viel von zärtlichen Empfindungen und hatte überhaupt in seinem Äußeren
nicht jene unteutsche Geschmeidigkeit wodurch Menschen von geringerm innern
Werte so gern die gute Meinung Derer die sie fürchten zu erschleichen
pflegen aber ächte Feinheit des Gefühls die bei reellen Veranlassungen aus
seinem wohlwollenden Herzen hervorblickte tätige Hilfe ohne viel Wortprunk
vereinigt mit unbestochner Wahrheitsliebe und Würde des Characters waren die
Grundzüge des seinigen Sobald er mich nun ausgerüstet und meinetwegen Antwort
von seinem Freunde dem Obristen erhalten hatte schickte er mich begleitet von
einem treuen Mohren der sein Bedienter war mit dem Postwagen nach
Daselbst trat ich in einem Gasthofe ab kleidete mich sauber an steckte das
Empfehlungsschreiben des Konsuls in die Tasche und wanderte hin zu meinem
Obristen
Ich muss ehe ich in meiner Erzählung fortfahre Ihnen hier ein schwaches
Bild von diesem würdigen Kriegsmanne entwerfen Er war in seinem äußeren
Betragen rau doch von Herzen bieder sprach sehr wenig mehrenteils nur in
abgebrochenen Sätzen aber alles was er sagte hatte Kraft Originalität und
nicht selten einen Anstrich von eigentümlichem Witze Jeden solchen Kernspruch
pflegte er dann damit zu beschließen dass er ein Paar Noten hinterher sang Ich
bin sprach er nun einmal so tüh hü und wer mich so nicht leiden mag
der kann mich laufen lassen tü hü Nächst dem Soldaten schätzte er den
redlichen Handwerker am höchsten höher wie die Menschen aus andern Klassen
Gelehrte konnte er gar nicht ausstehn Sie hätten behauptete er fast sämtlich
ihre grade gesunde Vernunft wegstudiert Alles sei bei ihnen auswendig
gelernter Kram Ihre ganze Weisheit sei an einen langen gekauften Bindfaden Er
zielte damit auf den Systemsgeist gereiht Rührte man nun das eine Ende an
sagte er so polterte einem immer der ganze Plunder über den Leib und immer
derselbe Plunder man möchte das vorderste oder das hinterste Ende ergreifen
Strenge waren seine Begriffe von Gerechtigkeit und deswegen verzieh er nicht
leicht vorsetzliche Beleidigungen wenn er nicht ungeheuchelte Reue wahrnahm
besonders da wo nicht sowohl seine Person als die Tugend selbst war gekränkt
worden Nicht ärger konnte er entrüstet werden als wenn er darauf zu reden kam
dass gewisse Stände andre nützlichere MenschenKlassen geringschätzten Einem
Sattler der lange für ihn gearbeitet hatte entzog er seine Kundschaft so bald
er erfuhr dass er seinen Sohn kein Handwerk lernen lassen sondern ihn auf
Universitäten schicken wollte
So war der Mann beschaffen von dem ich mein künftiges Glück erwarten
sollte Als ich bei ihm angemeldet wurde ließ er mir zuerst meinen Brief
abfordern und nachdem er ihn gelesen hatte musste ich zu ihm hinaufkommen Er
nickte wiederholt freundlich mit dem Kopfe ohne ein Wort zu reden als ich mich
ihm näherte dann stand er auf ergriff mich bei den Schultern und drehete mich
dreimal herum Als er nun den kleinen Haarbeutel gewahrwurde den ich um mich
recht herauszuputzen eingebunden hatte fing er laut an zu lachen und rief
aus hah ein junk französch Marquis kann niks teutsch parlier tüh hü
Dieser seltsame Empfang verblüffte mich so dass mir die Tränen in die Augen
traten Das tat dem guten Manne weh Er streichelte mir daher die Backen und
sagte liebevoll Nur getrost mein Jüngelchen Ich will Dich bei mir behalten
und einen rechtlichen Kerl aus Dir machen und der Haarbeutel soll verauctionirt
werden tüh hü Noch an demselben Tage wurde dann der RegimentsSchneider
geholt um mir das Maß zu nehmen und sechs und dreißig Stunden nachher stand
ich als wohl bestallter Fahnenjunker da So lasse ichs gelten tüh hü
sang der Obrist und behandelte mich von nun an wie sein eigenes Kind Ich bekam
ein Zimmerchen angewiesen speiste an seinem Tische lernte das Exerciren bekam
Unterricht im Rechnen und Schreiben dann auch in den mathematischen
Wissenschaften im Französischen im Reiten und Fechten und noch obendrein gab
mir der großmütige Mann Taschengeld und erst nachher habe ich erfahren dass er
von dem Konsul keine Entschädigung dafür annahm Aller dieser Wohltaten
ungeachtet redete er selten ein einziges Wort mit mir aber auf seinem Gesichte
konnte ich es lesen ob er von meinem Fleiße und meiner Aufführung mehr oder
weniger zufrieden war
Der Haushalt meines Obristen bestand außer ihm und seinem Sohne dem
Fähndrich einem ErzTaugenichts der ihm viel heimlichen Kummer machte aus
einem alten tauben Koche einer einäugichten SoldatenWitwe welche die Betten
bereiten und das Haus rein halten musste einer dicken plumpen KüchenMagd zwei
Bedienten die zugleich Soldaten waren und einem Reitknechte Der alte Obrist
hatte seine Augen aller Orten und eine größere Ordnung und Pünctlichkeit wie in
seinem Hause herrschte konnte man sich kaum denken Das Gesinde liebte und
fürchtete ihn war treu fleißig häuslich und einig unter einander Des
Sonntags wenn der Herr im Klubb war holte der Koch eine schmutzige Violine vom
Hacken herunter wo sie hing fiddelte den Dessauer Marsch oder einige Tänze
die zu Georg des Andern Zeiten in Hannover wo er seine Kunst gelernt hatte
Mode gewesen waren und die Bedienten spielten im DamBrette wozu sie die
Steine selbst geschnitzelt hatten So ging alles Jahr aus Jahr ein seinen
ruhigen friedlichen Gang fort Der Obrist war gastfrei doch nur gegen die
Offiziers seines Regiments ging selten aus und las wenn er allein war alte
und neuere historische Bücher
Ich habe eben gesagt der Obrist hätte überall in seinem Hause die Augen
gehabt Nur über Einen Gegenstand schien er blind und der war die Aufführung
seines Sohns des Fähndrichs Das einzige Kind die Verlassenschaft einer früh
verlohrnen geliebten Gattin Das war es was sich zu Rechtfertigung dieser
Schwäche sagen ließ Der junge Mensch führte nicht nur ein ausschweifendes
Leben sondern belog und bestahl auch seinen würdigen Vater der ihm doch keine
Bitte versagte ja er rühmte sich dessen laut Sein Charakter und sein Wandel
waren aber auch auf seinen bleichen schlaffen Wangen in seinen matten Augen
und aus seinen unsicheren irrenden Blicken zu lesen Männern war dieser Mensch
unerträglich aber und leider habe ich nachher in der Welt oft diese
Bemerkung zu wiederholen Gelegenheit gehabt den mehrsten gewöhnlichen Weibern
gefiel der Unverschämte besser als ein blühender tugendhafter bescheidner
Jüngling Ich fühlte mich bei dem ersten Anblicke von ihm zurückgestoßen und
seine Abneigung gegen mich war nicht geringer sobald er sah dass ich mich nicht
nach seinem Muster bilden mit ihm nicht gemeinschaftliche Sache machen wollte
Allein er war der Einzige im Hause der mir abgeneigt war alle Andre liebten
mich und mein Wohltäter zeigte mir täglich mehr väterliche Zuneigung obgleich
der Fähndrich keine Gelegenheit versäumte mich bei ihm anzuschwärzen
Oft war ich in Versuchung dem Obristen die Betrügereien seines Sohns zu
entdecken Dankbarkeit schien mich dazu aufzurufen aber Vorsichtigkeit hielt
mich zurück Indessen begegnete ich dem Bösewichte selbst in des Vaters
Gegenwart mit der Verachtung welche er verdiente und so gerecht war der alte
Mann dass er mir dieses seines Lieblings wegen nie sein Wohlwollen entzog
Ich war beinahe noch ein Knabe als der Obrist mich dem Herzoge seinem
Herrn zum Fähndrich vorschlug und als mein Patent ausgefertigt war mir eine
größere Summe Geldes schenkte wie ich zu meiner Equipirung bedurfte Allein die
Glückseligkeit die ich an der Seite eines so guten Cheffs und edelen Wohltäters
genoss dauerte nicht lange Der alte Herzog dessen JugendFreund er war starb
und der neue Herr warf wie es zu geschehen pflegt alles über den Haufen was
sein Vater eingerichtet hatte Er war ein harter gefühlloser hochmütiger
unwissender und misstrauischer Mensch Mit dem Militär wurde eine große
Veränderung vorgenommen die Offiziers wurden aus einem Regimente in das andre
versetzt ohne Rücksicht darauf zu nehmen wie Wenige von diesen schlecht
bezahlten Leuten im Stande waren die Unkosten einer solchen Veränderung zu
bestreiten ja es war ihm Ursache genug jemand an einen andern Ort hin zu
verpflanzen wenn er merkte dass Dieser gern da geblieben wäre wo er war
Mein redlicher Obrist erhielt ein anders Regiment sein Sohn aber und ich
blieben in der bisherigen Garnison und bekamen einen andern Cheff Dieser war
ganz ein Mann nach des Herzogs Wunsche strenge pedantisch ein KamaschenHeld
der von unten auf gedient hatte und seine Untergebnen wie Sklaven behandelte
Ich hätte nun von meiner geringen Gage leben müssen wenn mein großmütiger
Beschützer mir nicht von Zeit zu Zeit ansehnliche Zuschüsse geschickt hätte
allein meine Lage war darum nicht weniger unangenehm denn mein neuer Obrist
konnte mich nicht leiden hatte immer etwas an mir auszusetzen und neckte mich
unaufhörlich
In der Stadt wohnte eine verwitwete Ritmeisterinn von Seebach nebst ihrer
Tochter einem liebenswürdigen sanften und tugendhaften Mädchen Ich hatte
Umgang in dem Hause wurde von Mutter und Tochter gern gesehen und würde wäre
ich nicht so arm gewesen gewiss Plan auf ihren Besitz gemacht haben so aber
lehrten mich Vernunft und Pflicht mich in den Gränzen der Hochachtung und
Freundschaft halten und jede andre Neigung unterdrücken Der Fähndrich aber
mein geschworner Feind hatte ein Auge auf das Fräulein so wenig sie ihn auch
leiden konnte und da alle seine Anträge verworfen wurden glaubte er ich
stünde seinem Glücke im Wege Eines Abends als ich grade bei der Frau von
Seebach war kam er betrunken herein und betrug sich so ungezogen dass ich
endlich die Geduld verlor und ihm Stillschweigen auflegte Dem jungen Herrn
schwoll der Kamm er stieß Beleidigungen gegen mich aus die Hitze überwältigte
mich ich warf ihn zur Tür hinaus und er ging drohend weg Nachdem ich den
Damen meine Entschuldigungen gemacht hatte blieb ich noch eine Stunde lang bei
ihnen und wollte dann nach Hause wo ich eine Ausforderung von meinem Feinde
erwartete Es war in der Dämmerung eines HerbstAbends Ich mochte ungefehr zwölf
Häuser vorbei gegangen sein und wollte nun in eine enge Gasse einbeugen als ich
von dem Bösewichte und einem andern eben so schlechten Menschen die sich an der
Ecke versteckt gehalten hatten meuchelmörderischerweise angegriffen wurde Sie
stürmten mit bloßem Degen auf mich ein und ich hatte kaum Zeit den meinigen zu
ziehen mich an eine Wand zu stellen um den Rücken frei zu haben und mich in
Verteidigungsstand zu setzen Bei dem ersten Anfalle hatte Einer von den
Schurken nach mir gestoßen mich aber nur leicht in den linken Arm verwundet
Jetzt drangen sie Beide ungestüm auf mich ein Anfangs verteidigte ich mich
nur da ich aber voraussah dass ich auf diese Weise leicht ihr Opfer werden
könnte suchte ich wenigstens mir Einen vom Halse zu schaffen Ich fiel also
unerwartet aus als mir der Fähndrich grade Blöße gab und wollte ihn etwa durch
einen Stich in den Arm wehrlos machen allein ich traf in den Leib Er stürzte
und der Andre entfloh
Es fiel gleich nach der Tat zentnerschwer auf mein Herz dass mein
unglückliches Verhängnis mich gezwungen hatte an dem Sohne meines Wohltäters
vielleicht zum Mörder zu werden Ich eilte ihm zu Hilfe Er war nur ohnmächtig
erholte sich bald wieder und war noch stark genug sich von mir nach seinem
Quartiere führen zu lassen Dort verschafte ich ihm einen Wundarzt welcher
gleich nach der ersten Untersuchung versicherte dass gar kein edler Teil
verletzt und durchaus keine Lebensgefahr da sei
Ich würde also über die Folgen welche dieser Vorfall für mich der ich nur
Notwehr geübt hatte haben konnte sehr ruhig gewesen sein wenn ich weniger
die schändliche Denkungsart meines Gegners und seines Beschützers des Obristen
gekannt hätte Dieser Letztere war jetzt mehr als jemals mein Feind Er hatte
kürzlich einen Unterofficier bloß deswegen weil er ihn in der neuen Mondirung
angetroffen hatte die er eigentlich nur auf der Parade tragen sollte so
gefuchtelt dass der arme Mann davon gestorben war4 Ich hatte mich nicht
enthalten können über diese Greueltat laut zu reden und das hatte der Obrist
wiedererfahren Jetzt war die Gelegenheit da mich seinen Hass fühlen zu lassen
und diese Gelegenheit ließ er nicht entwischen Die ganze Sache wurde so
verdreht und die Art der Untersuchung so unregelmäßig vorgenommen dass ich ohne
ordentliches Verhör zu einem FestungsArreste auf ein halbes Jahr verurteilt
wurde
Was war zu tun ich musste der Gewalt nachgeben Da mirs indessen erlaubt
war aus meiner Gefangenschaft Briefe fortzuschicken so schrieb ich nicht nur
an meinen würdigen alten Obristen um ihn um Verzeihung zu bitten sondern
meldete auch meinem guten Konsul den Vorfall und meinen Entschluss gleich nach
meiner Befreiung den schen Dienst zu verlassen und anderswo mein Glück zu
suchen
Der bayrische SuccessionsKrieg welcher grade in dieser Zeit ausbrach gab
mir einen ehrenvollen Vorwand meinen Abschied zu fordern indem ich den Herzog
bat mich zu entlassen damit ich bei der österreichschen Armee ein Paar
Feldzüge mitmachen und die militairischen Kenntnisse welche ich in seinem
Dienste zu erlangen das Glück gehabt hatte practisch ausüben lernen könnte Der
Abschied wurde mir nicht versagt Wieder die Gewohnheit junger Offiziers hatte
ich mir von den Geschenken meines Wohltäters eine Kasse von einem Paar hundert
Talern gesammelt Der Konsul vermehrte diese Summe auf die grossmütigste Weise
und schickte mir zugleich Empfehlungsschreiben an zwei österreichsche Generals
und so war ich denn im Stande meine Reise zur kaiserlichen Armee anzutreten
Allein ich hatte vorher noch eine Pflicht zu erfüllen ich musste dem
würdigen Obristen meine Dankbarkeit darbringen und mich bei ihm rechtfertigen
wenn auch ihm meine Aufführung vielleicht aus einem falschen Gesichtspuncte war
vorgestellt worden Beides glaubte ich am besten schriftlich tun zu können
doch schonte ich dabei so viel sichs irgend tun ließ seines Sohns
Ich konnte die Antwort nicht abwarten habe auch seit der Zeit nie wieder
eine Zeile von dem edelen Manne gelesen denn er starb wenig Monate nachher am
Schlagflusse
Da ich vorher an den großen guten Kaiser Joseph geschrieben und von ihm die
Zusicherung erhalten hatte als Kapitain bei einem der neu errichteten
FreiKorps angesetzt zu werden in so fern ich eine gewisse Anzahl Recruten
lieferte so machte ich dazu Anstalt brachte bald in den Rheingegenden einen
Teil dieser Mannschaft zusammen bezahlte für die Fehlenden eine bestimmte
Summe und ging dann zur Armee
Die kräftigen Empfehlungsbriefe des Konsuls und ein Paar glückliche
Vorfälle die mir Gelegenheit gaben Diensteifer und einigen Mut zu zeigen
erwarben mir die Achtung meiner Kameraden und die Zufriedenheit meiner
Vorgesetzten Der Krieg dauerte zum Glücke der Völker nicht lange die Freicorps
gingen dann auseinander allein ich erhielt die Versprechung in ein regulaires
Regiment eingesetzt zu werden Um diese Sache nun tätiger betreiben zu können
ging ich gleich nach dem Frieden nach Wien Dort brachte ich beinahe ein halbes
Jahr sehr vergnügt zu und machte manche recht interessante Bekanntschaft
Wichtiger wie alles Übrige war mir das Glück den liebenswürdigen Fürsten in der
Nähe bewundern zu können der ohne Prunk aus wahrer Wärme für das Gute so
tätig war Glück und Wahrheit zu verbreiten der gegen so unendliche
Schwierigkeiten die ihm Dummheit und Bosheit in den Weg legten mutig
ankämpfte kein Gift keinen Dolch und keine spitzige Feder fürchtete weil er
wusste dass die Vorsehung wahre Größe schützt und dass man nur dann Ursache hat
sich zu fürchten und das Licht zu scheuen wenn man sich selber nicht trauen
sich selber nicht respectiren darf und der wenn er eben so glücklich gewesen
wäre als er gut und eifrig war von der späten Nachwelt noch mit Bewunderung
angestaunt werden würde
Meine Hoffnung wieder in Tätigkeit zu kommen wurde bald erfüllt man
setzte mich in meinem vorigen Range im schen Regimente an und bald nachher
bekam ich den Befehl nach Gosslar auf Werbung zu gehen
Sie wissen bester Vater dass ich dort die Bekanntschaft Ihrer
liebenswürdigen Tochter machte und was weiter vorgefallen ist Mögten wir nun
nur den Zweck erreichen sie bald wieder einzuholen Dann ist es in Ihren
Händen mein Glück dessen erster Schöpfer Sie gewesen sind vollkommen zu
machen«
Während der Hauptmann Previllier diese seine Geschichte erzählte blickten
sie Beide oft zum Wagen hinaus um zu entdecken ob sich nicht ein Fuhrwerk vor
ihnen sehen ließe Sie fragten Jeden der ihnen begegnete und erfuhren endlich
dass die bewusste halbe Kutsche ungefehr eine Stunde früher denselben Weg genommen
hatte Diese Nachricht erhielten sie kurz vor Steinbrüggen und als sie dahin
kamen sahen sie den Wagen in einem Hofe stehen Ihre Freude war unbeschreiblich
sie sprangen aus der Kallesche aber alles im Wirtshause lief durch einander
diese Verwirrung prophezeiete ihnen nichts Gutes Der Förster rennte wie
unsinnig herum und fluchte wie ein Hesse Sein Bruder fiel ihm um den Hals er
wusste nicht wie ihm geschahe »Bruder lieber teurer Bruder Aber wo ist
sie Wo ist meine Margareta« »Wo sie ist der Teufel hat sie geholt das
Wettermädchen Aber finden muss ich sie und sollte ich die halbe Welt
durchrennen«
So standen die Sachen in Steinbrüggen Allein es ist Zeit dass wir wieder
zu der Demoiselle zurückkehren die wir auf freier Heerstraße allein gelassen
haben Wir sind zu galant um ihr nicht bald zu Hilfe zu eilen
Dreizehntes Kapitel
Jungfer Margareta Dornbusch begibt sich in den Schutz einer alten christlichen
Dame und setzt sich neuen Gefährlichkeiten aus
Ja nicht etwa auf ofner freier Heerstraße nur nein was noch ärger ist in
einem hohlen Wege haben wir unser Frauenzimmer gelassen Wie mancherlei Gefahren
konnte nicht das wehrlose schwache Geschöpf hier ausgesetzt sein Uns treten
die Tränen in die Augen wenn wir alles erwägen was dem armen Mädchen da hätte
begegnen können »O« würde hier ein Schriftsteller ausrufen dem es um die
moralische Besserung seiner Leserinnen zu tun wäre Darauf aber haben wir im
Vorbeigehn zu sagen es gar nicht angelegt sondern nur auf Belustigung und
Honorarium »O« würde er sagen »Ihr leichtsinnigen Kinderchen wohin kann
nicht eine einzige Übereilung führen Da spiegelt euch nun an dem Beispiele der
Jungfer Margareta Dornbusch die Ihr jetzt wie eine Landläuferinn an Hecken und
Büschen und in hohlen Wegen herumirren seht und lasset mir das vermaledeiete
RomanLesen unterwegens wodurch Ihr Euch nur Torheiten in den Kopf setzt«
Doch wir wollen uns bei den Ausrufungen nicht aufhalten sondern schlecht
weg erzählen was unsrer Schönen begegnete Sie mochte ungefehr ein Paar hundert
Schritte in besagtem hohlen Wege ängstlich eilig fortgerennt sein als sie auf
eine andere Straße stieß welche dies Defilé durchkreuzte zugleich auf
derselben eine Kutsche erblickte die von drei Pferden gezogen langsam daher
wackelte und ihr schon ziemlich nahe war Der Kasten dieses Fuhrwerks sah für
sein Alter noch ganz reputirlich aus war ein wenig groß und der Unterteil
bauchartig ausgeschweift Mit gelben Nägeln sah man an den beiden Türen die
Buchstaben vB angebracht Ein kleiner mit Seehundfell überzogener Koffer war
hinten aufgebunden und ein Bettler der gern mit Gelegenheit reisen wollte
hatte sich diesen zum Sitze gewählt Außerdem befanden sich noch zwei Körbe und
eine Schachtel an dem Bock mit Stricken befestigt der Fuhrmann aber in einem
so genannten Futterhemde mit einer kleinen TabacsPfeife im Munde ging neben
den drei Gäulen her die der Autor als ein wenig zu mager schildern müsste wenn
er nicht aus gewissen Ursachen die Partei magerer Geschöpfe nähme Der Zug
ging langsam und bedächtlich und unsre Demoiselle hatte volle Musse sich auf
den Schritt vorzubereiten den sie zu tun Willens war ehe die Kutsche den
Platz erreichte wo die Straße den hohlen Weg durchschnitt
Ein nicht ganz lieblicher und nicht sehr harmonischer zweistimmiger
weiblicher Gesang von einem grämlichen Alt und einem durchdringenden
NasenSopran in Octaven vorgetragen schallte aus der Kutsche heraus deren
disseitiges Fenster geöfnet war Der Fuhrmann brummte so oft er die Pfeife aus
dem Munde nahm um auszuspucken im Basse die letzte Note nach Übrigens war es
die Melodie des Abendliedes Nun sich der Tag geendet hat
»Ich bitte Sie um Gotteswillen meine wertesten Frauenzimmer« rief
Margareta und unterbrach dadurch das andächtige Lallen »Ich bitte Sie gönnen
Sie mir einen Sitz in Ihrer Kutsche Wo Sie auch hinreisen Ich verlange nichts
als Ihren Schutz bis zur nächsten Stadt Ich will Ihnen auf keine Weise
beschwerlich sein Nur einen sichern Platz gönnen Sie mir bis dahin« »Halt
still Nicolaus« sprach bedächtlich doch laut eine alte Dame indem sie ihre
Brille von der Nase nahm ein ProbeFlickchen von braunem Kamelot als ein
Zeichen in das Gesangbuch legte welches sie zuschlug dann das kupfrigte
Gesicht zum Schlage hinausstreckte und ziemlich unfreundlich fragte »Was will
Sie Jungfer« Meta wiederholte ihre Bitte und erzählte ihre Geschichte
Allein man merke wohl ihre Geschichte war es doch nicht die welche ihr
begegnet war sondern die sie erfunden hatte Es war ein Mixtum compositum von
Wahrheit und Notlüge Von grausamen Verwandten und einer verhassten Heirat
wozu man sie arme Wayse zwingen wollte kam etwas darin vor nur der Offizier
von welchem sie Rettung erwartete sobald sie an ihn schreiben würde wurde aus
einem Liebhaber in einen würdigen Vetter umgeschaffen Ich hoffe diese geringe
Abweichung von der Wahrheit soll unser junges Frauenzimmer in den Augen der
Leser nicht herabsetzen wenigstens werde ich die Leserinnen die jüngeren
nämlich auf meiner Seite haben
Die alte Dame schüttelte während dieser Erzählung bedächtlich ihr Köpfchen
und sagte dann »Nun Sie darf einsteigen Ich reise so Gott will nach
Braunschweig Dahin mag Sie mitfahren Aber dort muss Sie sehen wie Sie
unterkömmt denn ich kann mich nicht mit fremden Leuten behängen« Der Wagen
wurde geöfnet und Meta übersah jetzt die ganze Gesellschaft in welche sie
eingeführt werden sollte denn der untere Teil der Kutsche verbarg noch gleich
dem Bauche des trojanischen Pferdes mehr lebendige Wesen als von Außen
sichtbar waren Der alten Dame gegenüber saß ein junges schwarzäugichtes
Kammermädchen mit einer HaubenSchachtel auf dem Schoße An der Seite ihrer
Gebieterinn hatte ein garstiger grauer Kater Platz genommen Ein bejahrter
engebrüstiger Mops lag zu den Füßen und neben ihm ein kleiner weiß und braun
gefleckter so genannter SpionHund unter dem Himmel der Kutsche aber war
zwischen einigen in Tüchern aufgehängten Hauben auch ein kleines Vogelbauer
befestigt in welchem ein KanarienMännlein sein Wesen trieb Es fand sich grade
neben dem Kammermädchen noch Platz genug für Margareta Dornbusch um wenn sie
keinen großen Anspruch auf Raum für ihre Beine machte ziemlich bequem zu
sitzen
Jetzt halte ich es für meine Pflicht die Leser genauer mit den Personen
bekannt zu machen unter welche wir die Jungfer Dornbusch geführt haben und
dann soll uns nichts abhalten sie ihre Reise fortsetzen zu lassen Das Fräulein
von Brumbei5 war Stiftsdame in Da die Natur bei Entwerfung des Plans zu
ihrer sterblichen Hülle sich ein wenig verzeichnet und ihre gnädigen Eltern
kein baares Vermögen hinterlassen hatten so ergriff sie die Partei die Lüste
dieser Welt und die zeitlichen Güter zu verachten und sich nach den himlischen
zu sehnen auf welche sie sich durch fleissiges Beten und Singen ein Recht zu
erwerben trachtete Je älter sie wurde desto wärmer eiferte sie für Keuschheit
und Tugend und Margareta hatte den Schutz den sie ihr angedeien ließ
größtenteils der Versicherung zu danken dass sie dem Ehestande aus dem Wege
gelaufen wäre Weil aber der Geist des schwachen Menschen nur gar zu oft vom
Fleische niedergedrückt wird hatte sich das Fräulein nach und nach gewöhnt
jenem durch den Genuss eines reinen abgezogenen Kirschwassers einen höheren
Schwung zu geben und wirklich duftete unsrer Meta als sie zu ihr in den Wagen
stieg der süße Geruch dieser Panacäe entgegen Nun aber hatte es sich begeben
dass Beelzebub welcher den Frommen immerdar auflaurt einst den Augenblick
genützt als das Fräulein von Brumbei von der besagten KirschEssenz fast viel
genossen und dadurch das Fleisch so getötet hatte dass alle Achtsamkeit auf den
Gebrauch ihrer irdischen Gliedmaßen dahin war Es hatte sich begeben sage
ich dass in einer solchen Stunde Beelzebub sie verleitete die kleine Treppe in
ihren Keller hinabzusteigen ihr Fuß war ausgeglitten sie war hinabgestürzt und
hatte sich die linke Hüfte verrenkt Der StiftsChirurgus wendete alle Kräfte
seiner Kunst an den Schaden zu heilen nachdem die warmen Umschläge welche das
schwarzäugichte Kammermädchen ohne Unterlass auflegen musste nicht helfen wollten
alles vergebens Dann nahm sie ihre Zuflucht zu dem Scharfrichter in Gosslar
aber mit keinem glücklichern Erfolge Sie hatte auch einen ganzen Sommer
hindurch das Bad bei Verden gebraucht ohne Besserung zu spüren worauf sie sich
endlich entschloss nach Braunschweig zu reisen und sich einem Wundarzte
anzuvertraun von dessen Geschicklichkeit bei allerlei Vorfällen ihr ein junger
KavallerieOffizier viel Gutes gesagt hatte Auf dieser Reise war sie jetzt
begriffen
Sobald Margareta Platz im Wagen genommen hatte und der Fuhrmann die Pferde
antrieb weiter zu schleichen fing zuerst das alte Fräulein an mit ihren
Augen das junge Frauenzimmer zu mustern wobei sie aus einer kleinen silbernen
TabacsDose eine Prise nahm Dann ließ sie ihrer Neugier den Zügel schießen und
setzte Meta durch eine Menge Fragen in einige Verlegenheit doch half sich Diese
mit aller weiblichen Kunst heraus Hierauf kam die Reihe an die nützliche Moral
welche sich aus solchen Begebenheiten ziehen lässt und da hatte sie nun ein weites
Feld gegen die Falschheit der Männer gegen den Leichtsinn der heutigen Jugend
und zum Lobe der Sittsamkeit und Keuschheit zu eifern Der KanarienVogel oben
im Bauer pfiff zwischendurch sein Liedchen und machte ein wahres Melodrama aus
dieser Declamation Endlich fing sie an über Magenschmerzen zu klagen und
holte aus der KutschenTasche ein Fläschgen voll Kirschengeist hervor und als
sie sich damit gelabt hatte wurden die Gesangbücher wieder aufgeschlagen und
Meta musste sichs gefallen lassen die noch übrigen Strophen des Abendliedes
mitzusingen
Der Tag neigte sich nun wirklich zum Ende es war wie wir wissen der
Sonntag an welchem Blanchard in Braunschweig aufstieg Diese Stadt zu erreichen
war heute nicht möglich Es hatte aber das Fräulein von Brumbei in einem
seitwärts von der Straße gelegenen Dorfe einen alten Bekannten den Pastor
Reimers bei welchem sie sich ein Nachtlager erbeten hatte und der sie nebst
ihrem Gefolge gastfreundschaftlich aufnahm Da Dieser nur zwei Betten liefern
konnte musste Meta das eine derselben mit der Kammerjungfer teilen Susanna war
ein muntres Mädchen Sie hatte vormals in Braunschweig gedient und dort allerlei
kleine LiebesAbenteuer bestanden Die böse Welt pflegt solche unschuldige
Verirrungen zuweilen lieblos zu beurteilen das war auch Susannen begegnet
arge Lästerzungen hatten ihren Ruf zweideutig zu machen gesucht sie war von der
Dame bei welcher sie gedient hatte nicht auf die ehrenvollste Weise
verabschiedet worden und hierauf aus Verzweiflung aufs Land gegangen da sie
dann endlich Gelegenheit gefunden hatte durch den vorhin erwähnten
KavallerieOffizier dem alten Fräulein empfohlen zu werden Ihr Verlangen das
liebe Braunschweig wiederzusehn gab ihr kräftige Gründe ein ihre Herrschaft in
dem Vorsatze nach dieser Stadt zu reisen zu bestärken und niemand war froher
wie sie als diese Reise zu Stande kam
Nichts ist leichter gestiftet und leichter getrennt als die Freundschaft
und Vertraulichkeit unter jungen Mädchen Kaum war Susanna mit der Jungfer
Dornbusch allein in ihrem Cämmerlein die alte Dame pflegte sich mit schwerem
Haupte früh zu Bette zu legen als sie zuerst begann ihrem Spotte über das
fromme Fräulein freien Lauf zu lassen dann entlockte sie Margareten das
Geheimnis ihrer HerzensAngelegenheit und gewann bald durch die Teilnahme
welche sie ihr bezeugte ihr ganzes Zutraun Wir haben einmal in einem hübschen
Buche gelesen dass junge Frauenzimmer vor allen Andern Ursache haben in der Wahl
ihrer Vertraueten vorsichtig zu sein dass so Manche bloß dadurch fallen dass sie
sich solchen Personen in die Hände liefern und Denen tausend gute Eigenschaften
zutrauen welche ihren Leidenschaften schmeicheln Der Autor jenes Werks hatte
dies gar artig auseinandergesetzt ich kann aber das Buch jetzt nicht wieder
auffinden sonst schriebe ich die Stelle ganz ab Doch vielleicht nehmen die
Leserinnen Gelegenheit aus der Geschichte unserer Freundin selbst sich die
nötigen Lehren herauszuziehn wir fahren also in unsrer Erzählung fort
Am Montage ging die Reise weiter und unsre Damen erreichten vor Mittag noch
die Stadt Braunschweig Susanna hatte indes beim Ankleiden ihrer Herrschaft
Gelegenheit gefunden derselben die neue Freundin so warm zu empfehlen dass
jetzt schon nicht mehr die Rede davon war sich eher von Margareten zu trennen
bis diese von ihrem vorgeblichen Vetter würde abgeholt werden
Das Fräulein von Brumbei hatte sich auf Empfehlung ihrer Zofe die ihr
ganzes Zutraun besaß ein Paar kleine Zimmer in dem Hause des Schusters Wöllner
unfern dem Opernhause für die Zeit ihres Aufenthalts in Braunschweig gemietet
Dieser Schuster war ein andächtiger Heuchler der sehr viel von der reinen Lehre
und dem innern Lichte redete seines Amtsbruders Jacob Böhms Schriften las
Betstunden für Personen beiderlei Geschlechts in seinem Hause hielt übrigens
aber ein ErzSchurke war und auf Pfänder liehe Ich bitte die geneigten
Leserinnen nun nochmals zu überlegen welche schreckliche Folgen die erste
Übereilung der Jungfer Dornbusch für sie hätte haben können da wir sie jetzt
von solchen Menschen umgeben sehen müssen
Sobald die Gesellschaft Besitz von ihrer Wohnung genommen hatte setzte sich
Meta hin und schrieb dem Freunde ihrer Seele einen zärtlichen Brief Sie
urteilte nicht ohne Wahrscheinlichkeit es werde der Hauptmann sobald er in
Peina im Postause erfahren hätte wohin der Förster mit ihr gereist sei auch
seinen Weg nach Gosslar genommen haben wohin er als WerbeOffizier ohnehin in
wenig Tagen zurückkehren musste In jedem Falle also schien es ihr am sichersten
dahin ihren Brief mit der Post zu schicken Hätte sie das früher überlegt so
hätte sie in der Tat nicht nötig gehabt zu entlaufen denn sie konnte sich
doch leicht einbilden dass Previllier nicht lange säumen würde ihr nachzureisen
und dann war an der Seite dieses braven Kriegsmannes von der Gewalt des Oheims
nicht viel zu fürchten Allein die Idee der Flucht war romanhafter und folglich
wurde sie vorgezogen
Der Brief war nun fort und da sie bis Antwort oder der Liebhaber selbst
kommen würde sicher und unentdeckt in Braunschweig bleiben konnte fing sie an
sich zu erheitern und an dem ungewöhnten Anblicke der VolksMenge die zur
Messzeit die Straßen von Braunschweig anfüllt ihre Augen zu weiden Susanne aber
nützte diese muntere Stimmung stand neben ihr am Fenster und machte ihr reizende
Schilderungen von den Annehmlichkeiten dieser großen Stadt
So kam der Abend herbei ein schöner heiterer SommerAbend Die alte Dame
hatte aus Freude über ihre glückliche Ankunft ihrer gewöhnlichen Portion
Herzstärkung ein Paar Gläser Ratafia hinzugefügt Das pflegt denn den Schlaf zu
befördern und so war sie schon um acht Uhr zu Bette gegangen »Es wäre Sünde«
sagte Susanne zu ihrer neuen Freundin »wenn man sich bei dem herrlichen Wetter
im Zimmer einsperren wollte Wenigstens sollten wir doch vor der Haustür ein
wenig auf und abgehn« Margareta Dornbusch ließ sich den Vorschlag gefallen
sie schlenderten Arm in Arm längst dem Opernhause und auf dem benachbarten
Kirchhofe hin und her Nun wurde wie die Leser wissen an diesem Montage
Mascarade im Opernhause gegeben Susanne wusste das denn sie hatte schon
während unsre Freundin schrieb allerlei Besuche gehabt Leute verschickt und
Verabredungen genommen
Jetzt fing sie an Margareten die dergleichen Festen nie beigewohnt
hatte eine reizende Schilderung von dem Vergnügen zu machen das man auf einem
solchen Balle schmeckte »Ich habe einen guten Einfall meine Liebe« setzte sie
hinzu »Wir könnten uns leicht als Fledermäuse maskirt auf eine Stunde
hinschleichen Niemand kennt uns Wir gehen da miteinander durch das Gewühl von
verkleideten Menschen umher Arm in Arm wie wir hier gehen Es wird Sie
aufheitern da Sie doch noch nie keine Mascarade gesehen haben meine Alte
erfährt nichts davon unsre Wirtsleute sind gute Menschen und ehe es
BettgehnZeit ist sind wir wieder zu Hause«
Margareten wollte Anfangs dieser Plan nicht gefallen er kam ihr zu kühn
vor allein die Sache schien ja so unschuldig sie war in einer so ruhigen
Stimmung worauf die angenehme AbendLuft das Gefühl einer nie genossenen
Freiheit der Anblick der schönen lebhaften Straßen und die Hoffnung vielleicht
morgen schon den Freund ihres Herzens in ihre Arme eilen zu sehen vorteilhaft
würkten ihre Neugier ein ihr so fremdes Schauspiel kennen zu lernen wurde
immer aufs Neue gerejetzt so oft sie in Kutschen PorteChaisen und zu Fuße
einen frischen Transport von verkleideten Personen beiderlei Geschlechts in das
nahgelegene Opernhaus eintreten sah und kurz sie gab dem Vorschlage Gehör und
entschloss sich den Spaß in der Nähe anzusehen
Hier mein Herr liegen zwei Louisdor nehmen Sie dies Geld und lassen mir
dafür mit dem Postwagen einen Philosophen kommen der mir auf bescheidnere Art
diesen und ähnliche Wiedersprüche im weiblichen Charakter erkläre Ein
züchtiges junges Mädchen das noch vor vier und zwanzig Stunden voll
Verzweiflung war über die gewaltsame Trennung von dem einzigen geliebten
Gegenstande da sie nun unter fremden Leuten herumirren muss fern von allem was
ihr teuer und wert ist rennt jetzt leichtsinnig mit einer zweideutigen
Unbekannten in das Getümmel vermummter FreudenKinder Ein Frauenzimmer das so
viel Bücher über Menschenkenntnis gelesen und aus Romanen gelernt hat sich
entführen zu lassen ahndet nicht dass sie einer verdächtigen Ratgeberinn in
die Hände gefallen ist da sie doch gewiss zwanzigmal in ihren Büchern die
traurigen Folgen ähnlicher leichtsinniger Schritte geschildert gefunden Sollen
wir hier lauter gegen die schädlichen Wirkungen einer übel gewählten Lektüre
oder gegen die Inconsequenzen des schönen Geschlechts declamiren Es gibt
strenge Moralisten welche behaupten die Ursache warum auch die feinste
Menschenkunde oft bei Beobachtung des weiblichen Characters scheitre liege
darin dass die Frauenzimmer eigentlich gar keinen Charakter hätten sondern
unaufhörlich von unzusammenhängenden Launen und Grillen regiert würden Es sei
eben so wenig möglich vorauszusagen auf welche Weise ein Weib sich in der
folgenden Viertelstunde bei diesem oder jenem Vorfalle betragen möchte wie es
selbst dem geschicktesten Tanzmeister möglich sei zu bestimmen was für
Schritte ein herumspringender wilder Indianer machen würde Wir halten das für
baare Verleumdung und glauben vielmehr es liege die Schuld nur daran dass
teils dies Geschlecht die feinern Übergänge ihrer Leidenschaften wodurch ihre
Handlungen motivirt werden sorgfältiger verborgen hielte teils das Spiel
dieser Übergänge in ihnen schneller als in uns vorgienge Aber wo geraten wir
hin Bleiben wir bei der Klinge
Die beiden Frauenzimmer vermummten sich also en Chauvefouris schlichen
nach dem Opernsaale hin und mischten sich unter den Haufen der Masken Sie
hatten sich kaum einmal von dem Eingange bis zum Ende des Theaters gedrängt als
ein männlicher Domino sogleich die schwarzäugichte Kammerjungfer erkannte auf
sie zueilte ihr die Hand drückte und ausrief »Ey Susannchen wie kommst Du
hierher« »Um Gotteswillen« sagte Margareta »wer ist das« Es war ein
Vetter Aber bald kamen der Vettern so Viele und unter Diesen Manche die nicht
die bescheidenste Sprache führten »Wie führt dich der Teufel wieder nach
Braunschweig Du Wettermädchen« sprach der Eine »Bei meiner Seele da ist
unsre kleine runde Hexe« sprach der Andre und lachte laut auf »Und wen hast Du
denn da bei Dir« erschallte die dritte Stimme »Das ist gewiss neue Ware vom
Lande«
Nun erst fing unsre arme Meta an zu argwöhnen dass sie einen übereilten
Schritt getan hätte dass sie nicht in die beste Gesellschaft geraten wäre und
nun wurde ihr Herzchen schwer und traurig Indes hatte sich der Zirkel der alten
Bekannten um Susannen und ihre Begleiterinn vermehrt man fing an sich
allerlei freie Reden gegen sie zu erlauben und zwei junge Herrn drangen mit
Ungestüm darauf dass sie mit ihnen in eine von den Logen gehen sollten
Margareta geriet in die äußerste Verlegenheit und war im Begriff laut zu
schreien als ein Mann in einem schwarzen Tabareau der schon eine Zeitlang
beide Mädchen beobachtet und hauptsächlich seine Aufmerksamkeit auf Margaretens
Schuhschnallen oder waren es Bandschleufen geheftet hatte die ihm bekannt
vorkamen begleitet von einer andern Person sich mit Gewalt durch den Haufen
drängte »Bei Gott sie ist es« rief er aus und schloss Meta in seine Arme
Raten Sie nicht länger hochgeehrteste Leser Es war kein Andrer wie der
Hauptmann Previllier und wie der hierherkam das sollen Sie bald erfahren
Lassen Sie mich nur erst Otem schöpfen
Vierzehntes Kapitel
Auf der Mascarade in Braunschweig führt der Himmel die Seinigen wunderlich
zusammen
Wir haben die Gesellschaft in Steinbrüggen in dem Augenblicke verlassen als der
alte Dornbusch seinen Bruder den Förster nach einer so langjährigen
Entfernung wieder umarmte die Freude der beiden Brüder aber sowohl als die
des Pastors Schottenius und des Hauptmanns Previllier durch die Flucht des
lieben jungen Frauenzimmers sehr gemindert wurde Ich habe mich bei Schilderung
dieser Zusammenkunft nicht lange verweilt in allen Romanen und Schauspielen
können Sie dergleichen WiederfindungsSzenen beschrieben finden Zudem konnte
man sich nicht dabei aufhalten es war keine Zeit zu verliehren um wo möglich
Margareten wiederaufzufinden Die offenstehende Hintertür des Gartens in
welchem sie spazieren gegangen war ließ keinen Zweifel übrig dass sie da
hinaus entflohen wäre unsre vier Reisenden liefen desfalls von dort aus nach
verschiedenen Richtungen in das weite Feld hinein blickten um sich her so weit
sie konnten und fragten jeden Bauer der ihnen auf diesen Wegen aufstiess ob
ihm kein Frauenzimmer begegnet wäre Der Förster als ein guter Waidmann nahm
noch andre Merkzeichen zu Hilfe Er bemühete sich nämlich die Fährte von den
hohen weiblichen Absätzen aufzuspüren und dies gelang ihm Sobald er auf der
Spur war pfiff er auf der Hand und versammelte dadurch seine Gesellschafter
wieder um sich Nun gingen Alle den Fusstritten nach und kamen dann an den
vorhin beschriebenen Kreutzweg aber fort war hier die Spur
Indessen werden die Leser sich noch eines sichern Bettlers erinnern der auf
dem ReiseKoffer des Fräuleins von Brumbei Platz genommen Er hatte sich die
Erlaubnis dazu von dem Fuhrmanne durch Bitten und einem kleinen Rest Rauchtabac
erkauft zu welchem er ich weiß nicht wie gekommen war Als aber durch
Margareta Dornbusch die Gesellschaft im Wagen und folglich die Last der drei
mageren Pferde vermehrt wurde der Tabac auch schon längst verbraucht war fühlte
unser Kutscher nicht länger Beruf den fremden Gast bei der Bagage zu dulden
sondern zwang ihn abzusteigen Der Bettler fand sich christlich in sein
Schicksal bevor er aber seinen Weg zu Fuß fortsetzte lagerte er sich in das
Gras hin zog ein Stück schwarzes Brod und einen Käse aus seinem Sacke und hielt
ofne Tafel unter Gottes freiem Himmel Vornehme Leute pflegen schnell zu essen
ohne Zweifel weil sie mit ihren dem Besten der Menschheit gewidmeten Stunden
sparsam umgehen Wir selbst der Autor haben uns gewöhnt sehr geschwind zu
speisen vermutlich aus Begierde vornehm zu tun welche Begierde uns der
berühmte Professor Tölpelius Hoffmann kürzlich abgelauert hat Man lese das
dritte Stück seiner wohl geschriebnen Zeitschrift Gemeine Menschen hingegen
nehmen sich gewöhnlich alle Musse zu diesem Geschäfte das ist ja auch der
einzige Genuss bei welchem es ihnen vergönnt ist die schweren Mühseligkeiten
ihres Lebens zu vergessen Der Bettler speiste noch als die vier Fremden an
diesen Platz kamen Sie fragten also auch ihn ob er kein weibliches Geschöpf
hier wahrgenommen hätte und erfuhren dass Margareta zu der alten Dame in die
Kutsche gestiegen und mit ihr auf dem Wege nach Braunschweig fortgefahren wäre
Jetzt wurde Anstalt zum Nachsetzen gemacht allein durch die Langsamkeit der
Postknechte vergieng noch so viel Zeit dass das FrauenzimmerFuhrwerk nun einen
Vorsprung von wenigstens einer Stunde gewonnen hatte Da es jedoch mit den drei
Pferden gar nicht schnell ging so würden die vier Herren sie gewiss eingehohlt
haben hätte nicht wie im vorigen Kapitel ist erzählt worden das alte
Fräulein von der Straße ab den Weg nach dem Dorfe zu genommen wo sie bei dem
Pastor Reimers das Nachtlager bestellt hatte Des Sonntags trifft man wenig
Leute im Felde an unsre Freunde konnten daher niemand finden der ihnen über
diesen Punkt Aufklärung gegeben hätte und als sie nun immer weiter fuhren und
endlich ein Dorf erreichten zeigte sichs dass niemand eine solche
StiftsDamenKutsche wollte gesehen haben
Verschwunden konnte sie indessen nicht sein unsre Gesellschaft wusste dass
die Dame nach Braunschweig hatte reisen wollen folglich schien es ihnen am
zweckmässigsten diesen Weg zu verfolgen
Ich erzähle den Lesern nichts von den Gesprächen welche die Herrn
unterwegens führten Der alte Dornbusch war ein zu verständiger Mann um wenn
eine Sache nicht mehr zu ändern war hintennach lange darüber zu moralisiren er
machte also seinem Bruder um so weniger Vorwürfe über sein Betragen gegen
Margareten da er die gute Absicht desselben dem Mädchen einen reichen Mann zu
geben nicht miskennen konnte Der Förster von seiner Seite war sehr zufrieden
von der persönlichen Bekanntschaft des Hauptmanns der Pastor aber konnte nicht
ganz seine Neugier unterdrücken etwas von den FamilienUmständen desselben zu
erfahren da denn der alte Dornbusch sich bewogen fand die HauptUmstände aus
den Papieren welche ihm bei Führung des Processes in Paris zum Leitfaden
gedient hatten zu erzählen wie folgt
Nein meine hochgeehrtesten Leser wir wollen es dabei bewenden lassen die
Episoden nehmen sonst kein Ende Was kann Ihnen damit gedient sein genauere
Nachricht von dem Geschlechte der Previlliers zu erhalten Sind doch die Leute
sämtlich tot deren Schicksale wir da erzählen müssten bleiben wir bei den
Lebendigen Die einbrechende Nacht bewog die Reisenden in einem einzeln
gelegenen Wirtshause zu übernachten am andern Tage kamen sie in Braunschweig
an
Das erste Geschäft des Hauptmanns wurde nun zu erforschen ob die
Frauenzimmer gestern oder heute in das Tor einpassirt wären allein wie konnte
bei der Menge von Equipagen die jetzt ein und ausfuhren der wachtabende
Offizier davon Rechenschaft geben Es wurde also in allen Wirtshäusern
Nachfrage angestellt allein auch da war kein Trost zu holen Der Abend kam
heran ohne dass man etwas von Margareten erfuhr
Jetzt erst fiel es der Gesellschaft ein dass der Amtmann Waumann nebst
seinem Sohne vermutlich noch in Braunschweig sein müsste Man wusste dass er im
goldnen Engel abgetreten war ging dahin erfuhr dass er im Prinzen Eugen
gespeist hatte suchte ihn auch da auf und erhielt die Nachricht er sei zur
Mascarade gegangen Sprechen musste man den Amtmann doch um ihm von der
veränderten Lage der Sache Nachricht zu geben Es war zu vermuten dass er
vielleicht erst gegen Morgen zu Hause kommen und dann gleich fortreisen würde
ein guter Genius gab daher dem Hauptmanne den Gedanken ein einen Tabareau zu
mieten einen Augenblick auf den Ball zu gehen und Waumann Vater und Sohn dort
aufzusuchen Der alte Dornbusch begleitete seinen Pflegesohn
Hier war es nun wo auf einmal sehr unerwartet Previllier seine Geliebte
antraf und mit der Ausrufung »Bei Gott sie ist es« in seine Arme schloss
Eine Mascarade ist nicht der Ort zu zärtlichen Szenen von feinerer Art Ohne
daher sich die Zeit zu weitläuftigen Erläuterungen zu nehmen ja ohne einmal
Margareten zu sagen dass der Mann welchen sie an der Seite ihres Freundes
erblickte ihr Vater wäre bat Previllier sie nur sogleich mit ihm das Getümmel
zu verlassen Jungfer Susanna hatte sich weislich im Gedränge verloren sobald
der Kapitain seine Meta erkannt hatte und schon war man im Begriff aus dem
Saale zu gehen als zur größten Verwundrung unsrer Freunde von einer Menge
Stimmen laut die Worte erschallten »Guten Abend Herr Amtmann Waumann Guten
Abend« Wie dies zugieng soll jetzt erzählt werden ich bilde mir etwas darauf
ein dass keiner meiner hochgeehrtesten Leser es erraten kann
Die beiden jungen schönen Geister welche die Gesellschaft aus dem Prinzen
Eugen verleitet hatten die Mascarade zu besuchen hofften christlich diese
Menschen sollten durch ihre alberne Verkleidung so viel Aufsehn erregen dass sie
preisgemacht würden allein es fiel anders aus niemand bekümmerte sich um die
geschmacklosen Masken Um nun ihres Zwecks nicht zu verfehlen nahmen sie zu
andern losen Streichen ihre Zuflucht Der Licentiat Bocksleder war so enge in
seine BeelzebubsHaut eingezwängt dass er bei dem Gedränge der großen Menge
Leute beinahe ohnmächtig wurde ehe die Gesellschaft zweimal den Saal auf und
abspatziert war Der Student schlug ihm daher vor in ein Nebenzimmer zu gehen
wo Punsch geschenkt wurde Er tat es seine Familie ging mit ihm der Student
hatte sich mit einem MannaTränklein versehn welches er ihm auf listige Weise
mit dem Punsch eingab Wir hoffen es soll ihm nicht übel bekommen finden aber
für gut ihn zu verlassen ehe die Arzenei anfängt zu würken Vermutlich wird
er nicht mit den angenehmsten Empfindungen nach Hause geschlichen und am
folgenden Tage nach Schöppenstädt zurückgereist sein Musjö Valentin war bald
des verabredeten SchleppträgerAmts müde Er fing also an auf seine eigne Hand
im Saale umherzuwandeln Nun hatte denn der Dichter Klingelzieher den Herrn
Amtmann allein an seiner Seite und um sich für die Langeweile bezahlt zu machen
welche ihm diese Gesellschaft verursachte führte er ein Schelmenstück aus
worauf er sich vorbereitet hatte Er heftete nämlich ein Blatt Papier an den
Rücken seines Gefährten worauf mit großen Buchstaben geschrieben stand »Guten
Abend Herr Amtmann Waumann« Es war natürlich dass Die welche unmittelbar
hinter ihnen standen und gingen diese Worte laut herlasen Anfangs nun als
der gute Amtmann seinen Namen nennen hörte wunderte es ihn zwar woher es käme
dass man ihn hier erkannte doch glaubte er den guten Abend erwidern zu müssen
Allein kaum drehte er sich um »einen schönen guten Abend« zurückzugeben so
erschallte nun von der andern Seite das »Guten Abend Herr Amtmann« Bald war
ein großer Zirkel von Kindern und Spassvögeln um ihn versammelt Herr
Klingelzieher hatte sich unsichtbar gemacht und in dem Augenblicke der größten
Verlegenheit worin der Amtmann fortgetrieben von einem Haufen guten Abend
wünschender Leute sich befand kam er an den Platz wo Margareta der Hauptmann
Previllier und der alte Dornbusch standen Sobald Diese sahen worauf es ankam
näherten sie sich ihm rissen ihm den Zettel ab gaben sich zu erkennen und
baten ihn mit ihnen nach Hause zu fahren Der junge Herr wurde aufgesucht man
verließ die Mascarade und begab sich in den hôtel dAngleterre wo sie den
Pastor und den Förster antrafen
Funfzehntes Kapitel
Abreise von Braunschweig Neue Irrung die bei dieser Gelegenheit vorgeht
Wir trauen es dem feinen Geschmacke der Leser dieses Werks zu dass sie gewiss die
Kunst werden bewundert haben mit welcher der Autor alle HauptPersonen seines
Drama gleichsam zum fünften Act in Braunschweig zusammenzuführen gewusst hat
Jetzt scheint nichts zu fehlen als dass der Hauptmann Previllier mit seiner Meta
Hochzeit mache Ehren Schottenius könnte die Trauung verrichten und bei dieser
Gelegenheit seine acht und funfzigste Rede halten und der Dichter Klingelzieher
allenfalls für die Gebühr ein Karmen darauf verfertigen die WaumannsFamilie
aber ließe man mit langer Nase abziehn Allein da erhalten wir zu unserm großen
Schrecken so eben einen Brief von dem Herrn Verleger worin derselbe meldet
es komme diejenige Bogenzahl beim Drucke nicht heraus für welche er das
Honorarium vorgeschossen so dass uns dies in die Notwendigkeit setzt entweder
einen Teil des Geldes wiederherauszugeben oder aber noch einmal sorgfältig
unsre gesammelten Documente und Nachrichten durchzublättern um zu sehen ob sich
darin nicht noch Stof zu einigen Seiten findet Und siehe da uns ist
geholfen Wir dürfen nur ein Paar kleine Anecdoten aus der Geschichte des
Amtmanns und seines Sohnes die grade in diesen Zeitpunct fallen mit hier
anreihen wodurch zugleich den sonderbaren Begebenheiten welche diesen Personen
auf ihrer Reise begegnet sind die Krone aufgesetzt wird
Von den übrigen Personen haben wir wenig mehr zu sagen Dass Margarete sich
ganz gewaltig darüber freute ihren Vater lebendig vor sich zu sehen dass Dieser
in ihre Verbindung mit dem Hauptmanne einwilligte dass der Förster froh war die
Sache eine so gute Wendung nehmen zu sehen und dass der Herr Pastor Gottes
reichen Segen und alles erspriessliche Wohlergehn dazu wünschte das versteht
sich nun wohl von selber Der Herr Amtmann Waumann hingegen schien das Ding
Anfangs ein wenig krumm nehmen zu wollen besonders als er etwas von den
ostindischen Geldern witterte die das Jüngferchen einst erben würde Indessen
sah er bald ein dass in via juris die Sache gegen Vater und Tochter nicht würde
durchzusetzen sein Gern hätte er sich nun wenigstens ein rundes Sümmchen
SchmerzenGeld bezahlen lassen aber der Pastor redete ihm liebreich zu diesen
Wunsch nicht einmal laut zu eröfnen Da übrigens Herr Valentin aus Ursachen
die sich noch in diesem Buche entwickeln werden sich gewaltig froh bezeugte
dieser Heirat aus dem Wege zu kommen wurde endlich sein Vater ganz beruhigt
und stattete dem hochverehrten Brautpaare seine gehorsamste Gratulation ab
Nun wurden die nötigen Verabredungen sowohl wegen der Rückreise als wegen
der künftigen Einrichtungen genommen Herr Waumann hatte Pferde bestellt um
früh Morgens um vier Uhr nach Biesterberg zurückzukehren Die übrige
Gesellschaft aber hielt es für anständig erst auf einige Tage nach Gosslar zu
fahren um dort wo Meta künftig so lange die Werbung dauerte mit ihrem Gatten
wohnen sollte den bösen Leuten das Maul über ihre Flucht zu stopfen Dann aber
sollte die Hochzeit in des ehrlichen Försters Heimat gefeiert werden Der alte
Dornbusch ließ sich den Plan gefallen ein zwei Meilen von Biesterberg gelegenes
adeliches Gut zu kaufen und den Rest seines Lebens in der Nähe seines Bruders
hinzubringen Der Amtmann unternahm es den Handel zu schließen und rechnete
dabei auf ein Paar Procentchen Nach diesen Verabredungen schied die
Gesellschaft aus einander und empfahl sich gegenseitig bis auf Wiedersehen
Es war nahe an drei Uhr nach Mitternacht als die beiden mutwilligen jungen
Gelehrten vom Balle nach Hause kamen sie waren wie der Amtmann im goldnen
Engel abgetreten Nun schien es ihnen nicht mehr der Mühe wert sich zu Bette
zu legen folglich beschlossen sie den Morgen bei einer Pfeife Tabac zu
erwarten
Schon fingen Langeweile und Müdigkeit an sie diesen Vorsatz bereuen zu
lassen als ein Postknecht mit vier Pferden bestimmt die beiden Waumänner in
der schönen Amtskutsche bis Peina zu führen mehr Lebhaftigkeit in das Haus
brachte Er stieß in sein Horn Hausknecht und Mägde kamen nach und nach auf die
Beine der Amtmann wurde geweckt das Feuer zum Kaffee angelegt die Kutsche
hervorgeholt und geschmiert Dann stieg der Wagenmeister zu dem Herrn Amtmann
hinauf ließ sich das Geld bezahlen und sagte als er fortgieng zum Postillon
»Es ist alles richtig gemacht«
»Ich habe einen närrischen Einfall Bruder Klingelzieher« sprach der
Student »Der Postknecht weiß nicht wen er fahren soll Wie wäre es wenn wir
statt des Amtmanns einstiegen«
Gedacht getan Die Kutsche stand angespannt vor der Tür der Koffer war
aufgebunden Herr Waumann und sein Erbe beschäftigten sich noch in ihrem
abgelegenen Zimmer mit dem Frühstücke da kamen die beiden Genies in ihre
Überröcke eingehüllt schnell aus der Tür des goldnen Engels getreten und
stiegen ein »Fahr zu Schwager« riefen sie Fort rasselte der alte
Reisekasten ehe jemand im Hause etwas davon gewahr wurde
Als der Postillon vor das Petri Tor kam ließ er seine Pferde noch eine
kleine Strecke lang einen schnellen Trott laufen dann hielt er sie zum Schritte
an holte seine Pfeife aus der Tasche hervor und indem er sie stopfte und
sorglos vor sich hinsah öfneten die jungen Herrn leise eine KutschenTür
stiegen aus sprangen ohne von ihm bemerkt zu werden in einen Garten und
ließ das Fuhrwerk leer weiter fahren
»Jetzt wird es wohl Zeit sein mein Söhnchen« sagte der Amtmann bezahlte
seine Zeche und schritt die Treppe hinab »Wo ist denn unsre Kutsche« fragte er
den Hausknecht Der Hausknecht wusste keinen Bescheid zu geben niemand wusste zu
sagen was mit dem Fuhrwerke vorgegangen wäre Endlich nach vielfachen
Erkundigungen erfuhr man diese Equipage sei mit zwei Herrn besetzt längst
schon aus dem Tore gefahren »So ist es doch als wenn mir auf dieser
unglücklichen Reise alles verkehrt gehen soll« rief der Amtmann aus nahm einen
kleinen ofnen Wagen von der Post und fuhr nach
Sechzehntes Kapitel
Rückkunft nach Biesterberg Hochzeiten und Kindtaufe Schluss dieser Geschichte
Der Postillon fuhr mit seiner leeren Kutsche unbekümmert auf dem Wege nach
Vechelde und weiter fort Die Stille welche in derselben herrschte schrieb er
auf Rechnung des Schlafs wozu vermutlich die frühe Tagszeit die Herrn würde
eingeladen haben So kam er nach Peina und hielt vor dem Postause still Der
Aufwärter welcher den Wagen kannte öffnete den Schlag »Wo ist denn der Herr
Amtmann« fragte er »Is he nich drin« erwiderte der Postillon »so hät en de
Düwel hahlt denn innestegen is he self Ander dat heb eck seien« 6Was war zu
tun Fort war er
Nach Peina hatte der Herr Amtmann seine eignen Pferde bestellt um ihn da
abzuholen der Kutscher stand eben vor der Tür und nichts glich seiner
Bestürzung als man weder Vater noch Sohn im Wagen fand Wohl eine Stunde
vergieng unter Beratschlagungen was anzufangen sein möchte um die Verlohrnen
wiederzufinden und endlich war der Kutscher im Begriff sich zu Pferde zu
setzen und sie auf der braunschweigschen Straße zu suchen als die beiden Herrn
in ihrem offenen Wägelchen angefahren kamen
Nicht in der angenehmsten Laune nahm nun der Amtmann seine weitre Reise nach
Hause vor und ziemlich entschlossen dass es vorerst die letzte sein sollte wozu
er sich bereden lassen würde Doch welchen Verdruss vergisst man nicht in den
Armen einer zärtlichen Gattin Eine liebevolle Bewillkommung von der Frau
Amtmanninn mehr bedurfte der gute Herr nicht um wieder froh zu werden
»Nur Einen Druck der Hand nur sanfte Blicke«
Aber auch dieser Trost sollte ihm diesmal versagt werden Es gibt Perioden
im menschlichen Leben wo das ganze Heer der bösen höllischen Geister mit
vollen Backen alle GewitterWolken des Schicksals zusammen zu blasen scheint um
dem Lieblinge des Himmels auf der Reise durch diese Welt den Mut zu benehmen
Diese Allegorie gefällt mir ungemein ich wollte ich hätte sie nicht hierher
geschrieben so könnte ich sie einem unsrer neuen TrauerspielFabricanten
verkaufen denen es oft so schwer zu werden scheint eine Sprache zu führen die
man nicht redet
Schon das schien dem Amtmanne sehr verdächtig dass ihm niemand in der Tür
seines Hauses entgegen kam alle Domestiken waren oben um die Frau Gemahlin
versammelt deren heulende Stimme wie ein Nordwind bei Hagelwetter durch die
Luft tobte Voll banger Ahndung schlich er die Treppe hinauf und ließ seinen
Eingebohrnen den Liebling der Mutter vorausschreiten Allein wie erschrak er
als dieser sonst so geliebte Jüngling von der zürnenden Dame mit ungezählten
Maulschellen empfangen wurde und dann eine ganze Legion von herben Schimpfreden
auf Vater und Sohn losbrach Seine Ohren hörten Dinge worüber er den
vereitelten Zweck seiner Reise die GeldErpressungen des Herrn Stenge den
Diebstahl des Flötenspielers und den Mutwillen der helmstädtschen Gelehrten
vergaß Fassen wir uns um die Sache im Zusammenhange vorzutragen
Wir haben gehört dass Musjö Valentin stets Abscheu gegen seine Verbindung
mit der Jungfer Margareta Dornbusch bezeugt hatte Dieser Wiederwillen lag
weder in einer Kälte des Temperaments noch in einer gewissen unerklärbaren
Antipathie nein das zarte Herz des Jünglings war von andern sanften Banden
gefesselt Auf dem Amtshofe diente als Küchenmagd eine kleine runde Anna
Katrina zum Unglück für des edlen Jünglings Freiheit mit einem
StumpfNäschen echt deutschen roten Haaren und zärtlichen ins Grünliche
spielenden Äuglein von der Natur beschenkt Sie sehen und sie lieben war bei
Valentin der damals kaum achtzehn Sommer durchschwjetzt hatte als sie in den
Dienst trat sie sehen und sie lieben war eins Nun grausam war sie eben nicht
und so fern von Ziererei dass sie den blöden Schäfer sogar aufmunterte seine
dunkeln Gefühle zu berichtigen Da sie aber einen Bruder hatte welcher als
Dragoner dem Vaterlande diente und über die Ehre seiner Schwester wachte hatte
sie Diesem die Zusage getan dem Sohne des Herrn Amtmanns nicht eher den
Minnesold zu geben bis derselbe ihr ein bündig verfasstes EheVersprechen
ausgefertigt haben würde Dies wurde nun ohne Schwierigkeit erlangt Von dieser
Zeit an lebten sie in paradisischer Vertraulichkeit mit einander und niemand im
Hause ahndete etwas von ihrem Umgange Ja Anna Katarina hatte sogar bis zu dem
letzten Augenblicke die äußerlich sichtbar werdenden Folgen dieses Bündnisses
vor den Augen des neugierigen Publicums zu verbergen gewusst um nachher mit
desto grösserm Aufsehn hervorzutreten Hierzu hatte sie den Zeitpunct der Reise
ihres Geliebten nach Braunschweig genützt und Dienstags Abends um fünf Uhr einen
gesunden kleinen Waumann zur Welt gebracht Diese an sich sehr natürliche
Begebenheit machte großes Aufsehn im Amtause Madam Waumann rennte mit
funkelnden FurienAugen in die Kammer der von ihrer Bürde entledigten
Küchenmagd allein da fand sie als Wächter beim Wochenbette den entschlossenen
Kriegesmann stehen welcher seine teure Schwester gegen alle Gewalttätigkeiten
schützte und mit dem EheVersprechen in der Hand der Amtmanninn die Rechte der
neuen Mutter in die waumannsche Familie aufgenommen zu werden demonstrirte
Die alte Dame stürzte wütend hinaus berief dann ihr ganzes Haus zusammen
überschüttete Jeden einzeln mit Vorwürfen und in diesem Augenblicke erschienen
Vater und Sohn vor ihrem Angesichte
Nachdem der erste Ungestüm vorüber war wurde beschlossen sich mit dem
Dragoner in Tractaten einzulassen Man bot ihm eine ansehnliche Summe Geldes
aber priesterliche Trauung war der einzige SchlussReim der ihm zu entlocken
war und da der gewissenhafte junge Herr mit Tränen in den Augen erklärte er
werde nie ablassen von seiner Anna Katarina sah der Herr Amtmann wohl ein dass
man der eisernen Notwendigkeit nachgeben müsste
Im Grunde ließ sich hier nicht viel von Missheirat reden Einer ähnlichen
Begebenheit hatte Valentin sein Dasein zu danken Madam Waumann diente einst als
GarderobenMädchen auf dem adlichen Gute wo der Herr Amtmann Verwalter war
Also kurz denn wir eilen nun zum Schluße Sobald Ehren Schottenius nach
Biesterberg zurückkam wurden Hochzeit und Kindtaufe gefeiert Der junge Herr
Waumann nahm die ihm von seinem Vater abgetretene Pachtung an und lebt jetzt mit
seiner Frau welche die Haushaltung recht gut versteht vergnügt und glücklich
die Frau Amtmanninn ist versöhnt und hat noch im vorigen Jahre bei ihren Kindern
Gevatterinn Stelle vertreten
Der alte Dornbusch ist Besitzer eines hübschen Guts das er gekauft hat und
findet Geschmack an GartenAnlagen wozu ihm sein Bruder allerlei HolzArten
liefert Von Zeit zu Zeit kommt der Hauptmann Previllier mit seiner schönen
Gattin die ihm frohe Tage macht von Gosslar nach Biesterberg Der Pastor
Schottenius hat einige Hoffnung dass mein Herr Verleger in der nächsten Messe die
Herausgabe seiner sechs und funfzig Predigten besorgen wird Von den Schicksalen
der übrigen NebenPersonen haben wir nichts weiter in Erfahrung bringen können
Die HauptLehre aber die man aus diesem Werklein ziehen mag sei die dass wenn
ein Autor nur Leute findet die ein solches Buch verlegen und lesen wollen er
leicht mit der Beschreibung einer dreitägigen Reise sechzehn gedruckte Bogen
anfüllen kann
Fußnoten
1 Eine Stelle aus dem Duodrama Medea
2 Hier ist ein Anachronismus ich weiß es wohl Damals im Jahre 1788 waren die
wenigsten von den Schauspielen des Herrn von Kotzebue die nachher einiges
Aufsehn gemacht haben schon erschienen Ich denke aber die Leser werden es mir
verzeihn wenn ich um im Allgemeinen meine Meinung über diesen Gegenstand zu
sagen Beispiele anführe die noch in frischem Andenken sind
3 Kürzlich hat der Herr von Kotzebue der mit Recht so oft die Torheiten des
Adels lächerlich zu machen sucht auf einmal eine Verteidigung des ErbAdels in
die wienerische Zeitschrift einrücken lassen Vermutlich ist der ganze Aufsatz
Ironie Wie sollte auch ein Mann von seinen Talenten sich auf einmal so tief
gesunken fühlen dass er sich im Ernst zum Mitarbeiter eines solchen Schufts wie
Aloisius Hoffmann ist machen wollte
4 Diese Anecdote ist wahr wahr zur Schande des Bösewichts eines Obristen von
die Finger jucken mich den Kerl zu nennen der vor einigen Jahren diese Tat
begangen und zur Schande des Fürsten der sie nicht bestraft hat Wo dergleichen
geschehen und niemand murren darf nicht wahr da ist kein Despotismus da ist
das Volk durch die Propaganda aufgehetzt wenn es endlich ein wenig unruhig
wird
5 Wir wissen nicht ob der für die reine Lehre so eifrige Prediger Brumbei
welcher sich kürzlich bei der Inquisition gegen den Ketzer Schulz in ganz
Deutschland so berühmt gemacht hat ein Sprössling jener adelichen Familie ist
6 »Ist er nicht darinnen so hat ihn der Teufel geholt denn eingestiegen ist er
mit noch Einem das habe ich gesehen«