1792_Jacobi_AusEdPapieren.html




        
                           Friedrich Heinrich Jacobi
                            Eduard Allwills Papiere1
                 Wieviel Nebel sind von meinen Augen gefallen und doch bist du
                nicht aus meinem Herzen gewichen alles belebende Liebe die du
                mit der Wahrheit wohnst ob sie gleich sagen du seist
                lichtscheu und entfliehend im Nebel
                                                          Aus einer Handschrift
                                   Vorbericht
Von Allwills Papieren sind die fünf ersten Briefe bereits im IV Bande der
»Iris« erschienen Der Besitzer dieser Sammlung hat sich seitdem entschlossen
auch die folgenden soviel er davon gesammelt und aufbewahrt hat dem Publiko
nach der Reihe vorzulegen Diesemnach waren sie wie in kurzem jeder Leser
einsehen wird kein schicklicher Beitrag mehr zu einem Journal fürs
Frauenzimmer
    Ich habe alles angewendet meinen Freund zu bereden mit den ersten Briefen
seiner Sammlung gegenwärtig den Anfang zu machen aber er weigerte mir dieses
geradezu ohne meine Gründe widerlegen noch die seinigen angeben zu wollen
    Sein Vorhaben ist gewesen aus diesen Materialien einen Roman zu bilden da
dieses aber leider nicht in Erfüllung gegangen so folgt dass Allwills
Papiere in ihrem gegenwärtigen Zustande kein Roman sind Ich zweifle sogar ob
sie nur tauglichen Stoff dazu an die Hand gäben Die vorkommende Begebenheiten
sind nicht merkwürdiger als man sie alle Tage überall sehen wird wo nur
ebensolche Leute in ähnlicher Verbindung angetroffen werden um sie
hervorzubringen In der Tat sind hier die Menschen fast das einzige
Interessante wer sich mit diesen nicht befreunden wer überhaupt durch das
Leben so wie es sich gewöhnlich in unsrer Werktagswelt ergibt ohne herzliche
Teilnehmung an allem durchschleichen kann der muss viele Briefe dieser Sammlung
äußerst schal und langweilig finden Und da ich nun soeben belehret worden2 dass
selbst ein eigentlicher Roman nur zu den Auswüchsen der Literatur gerechnet zu
werden pflege so muss mir mein eigen Gewissen sagen dass dergleichen wie
Allwills Papiere wohl gar nur Unkraut sei welches kein anderer als ein Feind
unter den reinen Weizen unserer Literatur zu säen die Pflichtvergessenheit haben
mag
    Mit den philosophischen und moralischen Fähigkeiten dieser Briefe sieht es
insoferne misslich aus dass ihre Verfasser anstatt des ganzen Menschengeschlechts
immer nur eine einzelne Person im Auge  und mehrenteils andre zu dringende
Geschäfte vor der Hand haben um nicht die Angelegenheiten des großen Alls und
wohl gar ihre eigene gegenseitige Belehrung darüber zu versäumen O dass es
Helden wären die wie ich aus vielen Büchern verstanden habe ihre Taten bloß
andern zum Exempel verrichteten  uns zur Lehre nur das gewesen sind was sie
waren
    Von meinen unbedeutenden Leuten die so gar keine Helden sind muss ich
einiges vorerinnern denn sie konnten nicht wissen dass ein geneigter Leser sie
erwarte der ein und andre Umstände von ihnen zu wissen bedürfen werde sonst
hätten sie dächt ich dieselben wohl auf eine geschickte Weise einfliessen
lassen
    Sylli geborene von Wallberg stammte aus einer alten Patrizienfamilie in
C Als sie 15 Jahr alt war verlor sie ihre Mutter welche mehr als das
gemeine Erdeleben in sie geboren hatte und sich so ganz in ihr fühlte dass
davon in beider Herzen eine namenlose Liebe ward Ihr Vater von einer
unbezwinglichen Leidenschaft bis zum Wahnsinn gefoltert begrub sich zwei Jahre
nachher in ein Kartäuserkloster Er war als die folgenden Briefe geschrieben
wurden noch am Leben Nun geriet sie mit ihrem Bruder in Vormundschaft und in
eine so verwirrte Lage dass ihr Herz dabei um und um wund werden musste
    Sie mochte 21 Jahr alt sein als einer von den Gefährten ihrer Kindheit und
zartern Jugend August Klerdon sie wiedersah und die heftigste Liebe für sie
empfand  ein feuriger Mann von überschwenglichem Geist aber sehr unstetem
Sinne Die Verbindung kam zustande und Sylli zog nach E wo ihr Mann eine
der ansehnlichsten Stellen bekleidete Gleich darauf kam desselben Bruder
Heinrich Klerdon als Regierungsrat nach C Beide waren in der Schweiz
geboren aber schon als Kinder mit ihrem Vater nach Deutschland versetzet
worden
    Syllis liebster Gespiele war immer Heinrich gewesen Er hatte in ihren
Grundnoten die meisten Akkorde und von vielen Dingen tönten beider Seelen
reinen Einklang ineinander Demnach verstanden sie sich über manches vollkommen
über vieles sehr gut über einiges aber auch nur kaum erträglich
    In leidenfreiester Eintracht leben wir mit denjenigen die über einen
gewissen Punkt hinaus ausgemachterweise uns gar nicht verstehen daher dann
der entschlossene Menschenverächter allein den ewigen Frieden genießt Sylli und
Klerdon aber fanden es in jedem Falle unmöglich eine Idee bei sich
festzusetzen oder eine Partei zu ergreifen wodurch ihre gegenseitige Meinung
voneinander heruntergesetzt und ihre Freundschaft vermindert worden wäre
lieber harrten sie aufeinander im äußersten Schmerz und keinmal verfehlte diese
schöne Duldung ihren Lohn Es stieg ihre Freundschaft in immer wachsenden
Harmonieen durch Misslaute  starke und kühne Auflösungen zum reinsten
Engelsgesang worin Menschenatem sich verwandeln mag empor
    Es hatte Sylli geahndet dass August auf vielerlei Weise sie unglücklich
machen würde aber sie liebte den herrlichen Menschen und gab sich ihm hin Drei
Jahre nachher starb er mitten in der Verwicklung eines durch niederträchtige
Treulosigkeit gegen ihn angesponnenen Handels der ihm die völlige Zerstörung
seiner äußerlichen Glückseligkeit drohte Seine Witwe die wenig eigenes
Vermögen hatte und auch das noch in Gefahr sah musste diesen Rechtshandel von
schlechten Menschen unterstützt gegen schlechte Menschen fortsetzen und
deswegen zu E bleiben an einem Orte den sie nie geliebt und welcher ihr
nun um so mehr zuwider war da ihre ganze Seele nach C hing wo alles was sie
noch an die Erde fesselte vereiniget war Ein einziges Kind das sie geboren
hatte war dem Vater nachgefolgt Als sie die beikommenden Briefe schrieb
mochte sie achtundzwanzig Jahr alt sein
    Der sonderbare Gemütszustand der keinen Namen hat worin Sylli uns gleich
in den drei ersten Briefen dieser Sammlung erscheint lässt sich im Grunde weder
aus den angeführten noch aus andern äußerlichen Umständen hinlänglich erklären
Er kann nur in lebendiger Darstellung gezeigt und nur durch Sympatie begriffen
werden
    Amalia deren gleich im 2 Briefe ohne weiteres gedacht wird war Heinrich
Klerdons Gattin und die Schwestern Lenore und Klärchen von Wallberg Syllis
leibliche Kusinen Alle diese Leute hatten in verschiedenen Perioden viele
Jahre neben und miteinander zugebracht und lebten in brüderlicher
Vertraulichkeit Von Eduard Allwill und andern vorkommenden Personen etwas
voraus zu erinnern wäre überflüssig
    Der Besitzer von Allwills Papieren glaubte es sei gar nicht tunlich sie in
ihrer eigenen Gestalt dem Publiko vorzulegen die kleinen Details müssten
ausgemerzt der Gesichtskreis erweitert und das Ganze zur allgemeinen
Brauchbarkeit umgearbeitet werden Dawider führte ich ihm folgende Worte aus
Lavater an »Wer alles sehen will sieht nichts wer alles tun will tut nichts
wer mit allen redet redet mit keinem Sieh eins und du siehst alles tu eins
und du tust alles rede mit einem allein und du redest mit unzähligen« Ich
glaube in Shaftesbury etwas Ähnliches gelesen zu haben und daneben ist die
Sache an und für sich  wahr
    Geschrieben den 22 Febr 1776
                                                                              F
 
                                Sylli an Klerdon
                                                                    Den 6 März
Ja mein Freund noch alle Tage wird es öder um mich herum und so setzt sich
denn die sonderbare Gemütsstimmung die Sie an mir tadeln und wofür Sie keinen
Namen wissen immer fester Ich soll Ihnen nennen was es sei das weder
Milzsucht Trübsinn Menschenhass oder Menschenverachtung noch sonst etwas ist
das sich aus Romanen oder Schauspielen bedeuten ließe das aber mein Herz
zugleich so warm und so kalt macht meine Seele so offen und so zugeschlossen
Lieber Klerdon Vielleicht ein andermal diesmal hören Sie was mir gestern
begegnete
    Ich geriet auf einige Stunden lang an das Bett einer Sterbenden Sie war
eine gute Bekanntin von meiner Tante Mossel mich ging sie weiter nichts an
stand mit meiner eigentlichen Person nicht in dem mindesten Verhältnis ein
alltägliches Geschöpf sehr dumpfen Sinnes aber ohne alles Arge Ihre Leiden
auf dem Sterbebette waren groß Man hatte zu ihrer Genesung eine der
schrecklichsten Operationen versucht Das alles stand sie gelassen aus es war
die Fassung ihres Temperaments schlichte Fortsetzung ihres Lebens bis ans Ende
Vier Stiefkinder eigene hatte sie nie standen um ihr Bette näher ihr Mann
der es bloß gewinns und gewerbshalber geworden war Alle weinten und
schluchsten recht ernstlich gewiss Klerdon ihre Trauer ging von Herzen Aber
im Grunde was wars Etwa ein wenig Reue ein wenig Erkenntlichkeit armselige
Scheu vor der Befremdung wenn sie jetzt nicht mehr dasein würde Bangen vor dem
Bild des Todes  O wie gleicht doch alles einander so widerlich Ich saß da
ganz kalt körperlich gepeinigt von dem körperlichen Leiden der Kranken konnte
sonst mit niemanden sympatisieren
    Itzt kam der Geistliche hinzu und begann seine Geschäfte Ich versichere
Ihnen die gute Frau zagte nicht der Zukunft wegen hatte nicht die mindeste
Seelenangst nur das Dahinsterben ihrer Kräfte die Lebensermattung presste ihr
manches Ach aus der Brust und da kam jedesmal ein Zuruf ein Spruch ein Vers
aus einem Liede das dann nur die ohnmächtigen Organen zu einem marternden
Gebrauche wieder auffing die milde Hand des Todes bewaffnete und der Seele
wehrte still und sanft von dannen zu scheiden  O des Wusts von Welt
    Heute nun ist der Verstorbenen wegen ein Klagen ein Weinen auch hier bei
meiner Tante dass einem um Trost bange wäre der nicht wüsste dass unter allen
diesen Hochbetrübten keiner ist der die Gattin Mutter Freundin bei ihrem
Leben nicht immer ganz entbehren konnte Und nun ich welcher dies alles so klar
vorschwebt mitten unter diesem Haufen ganz ohne Teilnehmung aber ach im
Innersten meines Wesens erschüttert von unerträglichen Gedanken  Du mit den
vielen Namen das die Menschen alle zueinanderzerrt durcheinanderschlinget was
bist du Quell und Strom und Meer der Gesellschaft woher und wohin 
    Ich sehe die finstere Hohle und den großen Kessel worin »Macbets« Hexen
allerhand Stücke von Tier und Mensch Froschzehen Wolfszahn Fledermaushaar
Judenleber Türkennase Tartarlippe und wieviel andre Dinge sammeln um das
Werk ohne Namen zu bereiten kochen und kochen am Zauberwesen bis aus dem
Gemenge die Phantomen all hervorgehn
Erscheinen erscheinen erscheinen
Kommen wie Schatten und verschwinden wieder
Und dazu dann den grotesken Rundetanz und die herrliche Musik und die
bezauberte Luft die ganze beste vollständigste Lustbarkeit
    Doch so abenteuerlich mitunter so fürchterlich ists lange nicht Ich muss
des Grausens lachen das mich anstieß Nein guter Klerdon nein nur eine bunte
hölzerne Jahrmarktspuppe Rumpf und Rock aus einem Klötzchen Arme Füße Kopf
daran geleimt und ein Brettchen darunter dass es stehe ist denn das ein
Gespenst 
 
                                Sylli an Klerdon
                                                                    Den 7 März
Ich war heute lange vor Tag aus dem Bette Ein sonderbar schönes Licht das
immer heller mich umgab trieb mich aus meinem Kabinett in das Zimmer gegen
Morgen welches die weite Aussicht nach dem kleinen Gebirge hat Ich fuhr
zusammen von dem Anblick und blieb unbeweglich am Eingang des Gemachs Was mich
fesselte war die große Stille bei all dem Glanz bei all dem Werden am weiten
Himmel unüberschauliche unaufhörliche Verwandlungen und doch kein sichtbarer
Wechsel keine Bewegung Aber jetzt trat die Sonne näher und fuhr auf einmal
hinter den Hügeln herauf dass ich davon mit in die Höhe fuhr  Klerdon es
waren selige Augenblicke Und sehen Sie wie dieser Sonnenaufgang so war der
ganze heutige Tag Frühlingsanbeginn Anbruch des Jahrs erster Lichtstrahl
einer viel größeren Schöpfung als die Schöpfung eines einzelnen Tages Ich musste
heraus aus dem Gemäuer in die offene Welt Sophie die ich angerufen hatte
begleitete mich Welch ein Spaziergang Der Himmel war so rein die Luft so
sanft die ganze Erde wie ein lächelndes Angesicht voll Trost und Verheißung
Unschuld und Fülle des Herzens Dies alles konnte ich jetzt wunderbar auffassen
meine Blicke waren milde segnend und so ward ich unvermerkt wieder das gute
zuversichtliche Geschöpf das nichts als Wonne über der Gotteswelt Schönheit
und volle Hoffnung im Herzen hatte
    Ja volle Hoffnung bester Klerdon ohne zu wissen was ich hoffte alles
Gute alles Schöne und diese liebe Verworrenheit diese Dämmerung wars eben
was mir so wohl machte wars dass kein Unglaube mich wach stören konnte
    Dieser Tag sollte recht genossen werden Ich wollte unter freiem Himmel die
Sonne auch untergehen sehen Wir nahmen unsern Weg über die Wälle Ich verweilt
an dem Orte wo ich vor zwei Jahren im späten Herbst mit Ihnen stand und Sie
von der weiten mannigfaltigen Aussicht so entzückt waren »Säh er sie jetzt« Ein
lieber Frühlingshauch wehte mich an und stellte Sie neben mich O wie war rund
um uns herum alles so herrlich so schön Aber es ließ sich nicht lange so
ansehen ich begab mich weg Nun kam ich an die Stelle wo man den langen
breiten Weg um die Ecke nach Zielen3 gerade vor sich sieht  »Da kam ich her
vor sechs Jahren da kam vor zwei Jahren Klerdon her da geht der Weg hin  Ach
wann« Sie erinnern sich der Lage eine unabsehbare Fläche nichts das Auge zu
hemmen der Weg ganz geradaus und so breit und so eben  wie ich da drüber
hinrollen könnte  Indem ließ sich nahebei gleich hinter der Stadtmauer
zwei Instrumente hören Es war eine Flöte und eine Harfe die ganz vortrefflich
in meine Melodie einfielen sie begleiteten und fortführten Da ließ ich mich
denn gehen ließ mirs so werden dass ich die Augen recht nass kriegte Mein
gutes Mädchen neben mir wartete alles mit Freundlichkeit ab Auf mein Stöckchen
gelehnt blieb ich lange so dastehen endlich lief ich hurtig mit ihr nach Haus
und  Gute Nacht Klerdon Amalia und Schwestern gute Nacht
 
                                Sylli an Klerdon
                                                                    Den 8 März
Ich habe Ihnen gestern und vorgestern geschrieben lC doch muss ich Ihren eben
erhaltenen Brief auf der Stelle beantworten
    Wenn Sie wüssten wie es mich ängstigt dass Sie so viele Sorge so vielen
Kummer meinetwegen haben Glaubts doch Ihr guten Leute glaubts dass ich
lange nicht so übel dran bin als Ihr es Euch vorstellt Alles Schöne in der
Natur alles Gute ist mir ja schön und gut wirds noch alle Tage mehr Oder
wisst Ihr eine die jede menschliche Freude inniger kostet als Eure Sylli Und
wie sollte ich nicht an Liebe glauben ich der die Brust so enge davon ist Nur
die Hyazinte hier wie oft stand ich nicht vor ihr mit klopfendem Busen sog
an ihrem Wesen mit all meinem Sinn bis es meine Nerven durchbebte und ich die
schöne gute in mir lebendig hatte und  nennt es Torheit Unsinn Schwärmerei
 und ich Gegenliebe von ihr fühlte So pfleg ich eines jeden Dinges von
welchem Wohltun unmittelbar ausgeht es sei aus Gestalt oder Geist Liebe
Harmonie Gemälde was es wolle ich halte es an mich leih ihm Herd und Feuer
ruhe nicht bis sein inneres Wesen das Gute Schöne das Wohltun in mich
strömt Leben in mir empfangen hat und Liebe Ach nichts soll untergehen das
mir einen Blick der Vereinigung zuwarf das mir Leben gab und Leben von mir
nahm wenigstens so lange soll es nicht untergehen als ich selbst daure
    Nun bin ich hiermit freilich mancher Verletzung blossgestellt die ich ohne
das nicht empfände Alle die Dumpfheit Achtlosigkeit Geringschätzung
Flüchtigkeit der Menschen um mich her und die noch ärgere Schmach ihrer
vorüberrauschenden Entzückungen trifft mich verwundet mich So von allen Seiten
angefochten jedermanns Hand wider mich ist doch meine Hand ich schwör es
Euch wider keinen Ich seh immer noch viel Liebes und Gutes an den Menschen Da
hab ich hier einige rosenwangichte Mädchen die mich durchaus erquicken so oft
ich sie sehe Es wird einem unter ihnen als wandelte man zur Frühlingszeit in
einem Blütenregen So voll Mut so voll Lust sind sie dass sie Hilfe rufen
müssen Da hangen sie dann an meinen Armen an meinem Hals entladen ihre
Lippen und lassen in ihren schuldlosen Augen mich einen Zauber schöpfen der
mich alles vergessen macht Mit einer Wonne drück ich sie dann an mein Herz
fast als wenns Liebe dauernde Liebe wäre Und seht geradeso treib ichs mit
hundert andern Dingen lasse alles gut sein und mir zugute kommen was nur gut
sein mag Ich werfe nichts auf den Boden trete nichts unter die Füße mag aber
auch nichts aufspeichern nichts von Menschengunst und Achtung Seht wenn mirs
wohl einmal wird als sollte dergleichen dauern als erwartete ichs so
überfällt mich doch gleich eine Schwermut ein Zagen dass ich vergehen möchte
Wie warm auch von außen mein Herz sich anfühlt wie von sich scheinend es auch
ist so dünkt michs alsdenn doch in der Tiefe kalt Ja das ists dass jede
Anwandlung von Vertrauen von Freundschaft in meiner Seele zum Trauer und
Schreckengedanken wird dass ichs gleich so hell vor mir habe dass es nur
Wiedererscheinung ist jener längst entwichenen Engelsgestalt mit welcher ich
ein Totengerippe in den Schoss nahm Dann raschelts mir von neuem unter der
Haut und ich fühle die grinsende Frucht sich in meinem Busen regen
    Ach Klerdon Amalia Schwestern zürnt nicht über Eure Sylli Ihr wisst ja
meine Geschichte zum Teil  und wenn Ihr sie ganz wüsstet Euch das alles
offenbar wäre was hier tief und fest verschlossen liegt  Aber redet zeugt
ist es meine Schuld dass es so mit mir geworden War ich zaghaft weichlich
dachte ich wohl darauf mir Schmerz Tränen zu ersparen brachte ich je etwas in
Anschlag das nicht Liebe war Voller Mut voller Zutrauen im Glauben
unbeweglich duldete ich nicht alles wagt ich nicht alles gab ich nicht alles
dran alles alles  Was halfs Nacheinander und miteinander musst ich sie alle
verdorren sehen die Bäume und Lauben in den Gefilden meiner Jugend und sinkend
die Blumenbeete ihres Schattens verheeren
    O des unvergifteten Pfeils der aus Freundeshand in Euer Herz fährt den er
lächelnd darin umkehrt und voll Unschuld fragt »Wie kann das so schmerzen er
war ja nicht giftig«
    Nicht diejenigen die mit Grimm und böser Tücke mich von sich stießen waren
meine Verderber die warens die ohne sichtbare Verletzung mich nur so da
ließ gleich einer zeitig gewordenen Frucht die sich vom Zweige trennt und
mit ihrer Schwere davongeht Hört ich bin nicht vom Blitze zersplittert nicht
abgehauen nur ausgesogen bin ich habe noch Kron und Blätter und so mag denn
der Stamm bleiben bis auch diese einmal verwelken und nicht wiederkommen
    Wenn ich nur meinen Augen wehren könnte umherzuschauen wüsste sie wohin
abzuwenden weg von dem traurigen Einerlei menschlichen Lugs und Trugs Es ist
ein wahrer Jammer wieviel die Leute voneinander fordern erwarten hoffen sich
und ihren Brüdern zutrauen wirklich zu geben und zu nehmen meinen Jede Sonne
bringt unsterbliche Liebe unsterbliche Freundschaft auf die Welt wer nur nicht
weiß dass auch mit jedem Tag ein Abend kommt und was dreimal geschehen wird
ehe der Hahn krähet Am mehrsten dauern einen die guten Seelen die wenn sie
einige Jahre zusammen fortgeschlendert oder wohl gar von Kindesbeinen an ihr
Tun miteinander getrieben hatten und ihrer Sache recht gewiss zu sein glauben
nur ein Schicksal nur ein Grab sehen allen Stürmen Trotz bieten am Ende doch
sich unversehens einander in den Grund segeln oft der läppischsten
armseligsten Grille wegen gescheitert daliegen ohne Rettung Wohl ihnen dass
sie selten das Geheimnis ihres Schicksals verstehen
    Ich habe lange ein Bild alles menschlichen Tuns und Seins unserer
sogenannten Laufbahn in der Seele ein ärgerliches aber richtiges Bild den
Gang im Kranen Mit zugeschlossenem Auge rennt jeder vorwärts in seinem Rade
freut sich der zurückgelegten Bahn weiß soviel Torheiten soviel Jammer hinter
sich und merkt nicht dass nah an seinem Rücken alles das wieder emporsteigt
von neuem über sein Haupt vor seine Stirne und unter seine Tritte kommt Ich
mag hievon nicht reden denn wers am hellsten einsieht hats nur um so viel
besser dass er in seinem Rade stille stehen bleibt die andern auslacht oder
beseufzt  und sich mit   Oh er ist weit am schlimmsten dran
    Wo ich hingeraten bin  Das war mein Wille nicht aber nun sei es mein
Wille denn was schadets Ihr wisst ja was tausendmal gesagt worden dass
jedweder seine Not in Augenblicken wo er mit seinem ganzen Dasein in ihre
Vorstellung übergeht als die größte fühlen muss und so lasst Euch dann nochmals
gesagt sein dass Eure Sylli es im Grunde doch so schlimm nicht in der Welt hat
Glaubt mir glaubt den Worten unsers lieben Primrose »Die dunkelsten
Gegenstände je näher wir ihnen treten erhellen sich mehr und das Auge des
Geistes bequemt sich nach der trüben Lage« Auch führt ja Klerdon so oft die
Verse im Munde
»Kein Leiden ist so groß ein Chor von stillen Freuden
Gesellt sich ihm mitleidig bei«
O glaubt glaubt so wenig auch der Zeugen dafür sein mögen wer nicht weiß wie
man sich auf Dornen bettet den hat die beste Rast noch nie erquickt
    Freilich wär all dies Sagen nichts wenn mein Herz von den Menschen los
wäre aber gewiss es hängt an ihnen mit seinen besten Nerven und Gefässen Kann
doch niemand sich erwehren die Kinder zu lieben an denen wir sicher nicht mehr
haben und von denen wir nicht mehr erwarten als ich von meinen Menschen So
einen kleinen hübschen munteren Jungen wenn ihr den drückt und küsst und herzt
und ihn nicht lassen könnt ist das wohl dass ihr den vortrefflichen Mann denkt
der vielleicht in ihm steckt Nein das bloße Kind zieht euch an wie es in dem
gegenwärtigen Augenblicke vor euch leibt und lebt weil es ist lieblich
anzuschauen süßen Mund freundliche blickende Augen hüpfende Glieder Leib
und Leben hat wie ihr und seine Nerven mit den eurigen Triller schlagen Ihr
wisst dass ihr seine Zuneigung mit Naschereien und Spiel erkauft und genießt sie
nichtsdestoweniger mit herzlichem Wohlgefallen Ihr trauert nicht zürnt nicht
wenn ein anderer mit glänzendern Geschenken oder höherem Tanz es von euch
ablockt und es euch dann nicht mehr mag und euch »Bah« schilt oder wenn es
geradezu eurer müde wird weil ihr seine Laune nicht länger unterhalten seine
Begierden alle nicht erfüllen konntet Ich erstaune dass die Bemerkung wir
Erwachsene sein nur ältere Kinder mehrenteils wo nicht immer mit einer
verachtenden bitteren Miene und zum Behuf der Lieblosigkeit angebracht worden
da sie mir der zuverlässigste Lebensbalsam zu sein scheint Und dann  ein wenig
besser als Kinder sind wir  Mann und Weib Jüngling und Braut doch noch
allemal
    Ja helle Wonne ist es so die Menschen zu lieben ohne Eitelkeit ohne
Ansprüche eben mit lauter Liebe Da geht alles so gerad und rein zum Herzen
und das Herz ist so mächtig  O lasst lasst mich nur schweben im Limbus bis ich
vollendet werde
 
                                Klerdon an Sylli
                                                                    Den 8 März
Liebste Sylli dass Sie so lange nicht schrieben Wir alle zerbrechen uns die
Köpfe darüber die gute Amalia die Nichtchen und ich jeder nach seiner Weise
Aber nächsten Sonnabend kommt sicher ein Brief von Ihnen denn ich weiß Sie
lassen meinen letzten keinen Tag unbeantwortet In Fällen die das Herz angehen
will ich alles Gute mit weit größerer Zuverlässigkeit von Ihnen als von mir
selbst voraussagen denn Sylli kann da nicht straucheln Sie seufzen doch wohl
nicht über meinen starken Glauben
    Hier bei uns sollten Sie jetzt sein liebste Sylli dass wir Sie mit in unsere
Reihen schlängen den neuen Frühling zu umtanzen Die unwiderstehliche Wonne des
gestrigen Tages müssen auch Sie gefühlt haben Mich hat sie ganz durchdrungen
gelagert sich in all mein Gebein Mir ist wie einem Jünglinge der soeben aus
eines frommen Mädchens Auge sich die Seele voll Liebe und Hoffnung getrunken
hat so froh und zugleich so heimlich ist mirs im Busen
    Früh mit dem Morgen gings an Ich erwachte von der ersten sanftesten
Dämmerung fand mich aufgerichtet wie von dem Arm eines Freundes der mich zum
unerwarteten Wiedersehen aus dem Schlummer küsste Ich streckte meine Arme aus
nach dem Liebenswürdigen irrte ihm nach und fand ihn fand ihn schaffend am
Aufgange  Wer an einer Musik für das Auge zweifelt der hätte diese Morgenröte
sehen sollen Ein solcher Engelsgesang schwebte mir nie auf Tönen in die Seele
Doch was weiß ich mit welchen Sinnen ich empfand ich war außer mir Gleich im
ersten Moment beim Erreichen der Gegenwart überwandelte michs
durchschauderte michs dann tiefer in der Brust ein Beben immer tiefer und
inniger im geheimsten Busen auflösendes Beben das den ganzen Erdensohn tötete
Tod schöner himmlischer Jüngling Des verwesenden Teils entladen flog ich in
seine Arme sank in seinen Schoss war bei ihm war in ihm in Ihm der da ist
war und sein wird kostete Allmacht Schöpfung ewiges Bleiben in Liebe  Ach
Sylli dass ich wieder zurückkehren dass es Tag werden musste
    Aber dennoch ein herrlicher Tag wohl der schönste meines Lebens
    Mit dem ersten Blicke der Sonne der meine Augen auf die umher verbreitete
herrliche Gegend sich niedersenken machte und den von Erde Gebornen wieder
weckte schoss mir lichtschnell durch die Seele ein Strafgedanke welch ein
sündlich Wesen es doch sei diese herrliche Pracht Gottes so über Wall und
Graben nur zu beschielen nur etwa am Abend ein wenig daran vorbei oder
hinterherzuschleichen da doch nichts wehre sich hinein zu lagern in diese
Herrlichkeit ganze Tage lang sich anzukleiden über und über mit dieser Pracht
Gottes zu genießen das Seinige den weiten offenen Himmel und die große offene
Erde
    Ich raffte mich zusammen und zog hinaus in den vollen Sonnenglanz
wandelte und nahm Besitz von Acker Wiese Bach Wald und Strom Höh und Tiefe
Himmel und Erde Und als ich nun an den Hügel mein Ziel gelangte
hinankletterte endlich droben stand in meinem ganzen Vermögen und weit
umherschaute da hüpfte in meinem Blut und pochte auf meiner Brust und trotzte
in meinem Gebein und schauerte in meinem Haar jauchzte klang und sang in
allen meinen Nerven Liebe Lust und Macht zu leben
    Was hier weiter mit mir vorgegangen und die vollständige Geschichte dieses
Tages bekommen Sie wenigstens heute nicht Ich ward in meiner Begeisterung
durch einen Besuch von Eduard Allwill unterbrochen Er blieb mit uns zu Tische
und nun bin ich zerstreut und in ganz veränderter Stimmung Nicht wahr Sie
erkundigten sich ja ohnlängst nach unserm Eduard Geduld meine Frau soll Ihnen
ausführlich von ihm erzählen Seitdem Sie ihn sahen hat er sich sehr
ausgebildet aber ein eben unbegreifliches Durcheinander von Mensch ist er noch
immer Nie habe ich eine solche Allgemeinheit des Gefühls gesehen und das in
einem Alter von zweiundzwanzig Jahren wo sie nicht aus vielen Erfahrungen und
Bemerkungen abgezogene kalte mangelhafte Erkenntnis sondern nur unmittelbare
Empfindung sein kann Ein so schneller und fast gleich mächtiger Sinn für alles
muss eine wunderbare Mannigfaltigkeit seltsamer Erscheinungen hervorbringen
dabei ein so glühendes mutiges Herz seine ganze Seele so offen so lieb kurz
für mich ist dieser Eduard einer der interessantesten Gegenstände
    Sein Vater erzählte jüngst von ihm er wäre seit seinem dritten Jahre nie
heil gewesen hätte immer ein paar Beulen am Kopfe und Wunden überall gehabt
Man wird nicht müde den guten Major von den seltsamen Streichen des Knaben
erzählen zu hören und wie er selbst und die Herren Präzeptoren ihn eben für
kein Kind guter Hoffnung gehalten weil er mit aller seiner Lebhaftigkeit doch
im Studieren sehr träge und mit aller seiner Gutherzigkeit äußerst hartnäckig
ausgelassen beissend und trotzig gewesen Für etwas schwach am Geist hielt man
ihn weil seine Kameraden ihn beständig überlisteten ohne Müh ihn zu allem
beredeten und ihn alle Zechen bezahlen ließ Ein größerer Held in der
Freundschaft und Liebe ist nie gewesen und verliebt bis zur Raserei war er
schon in seinem neunten Jahre Mir fallen eben ein paar Züge ein die kurz und
leicht zu erzählen sind Gegen sein sechstes Jahr hatte er sich in den Kopf
gesetzt sein treues Schaukelpferd genannt der Fuchs würde lebendig werden
wenn er ihm eine lebendige Fliege beibringen könnte Er quälte sich ohnermüdet
mit den Zubereitungen zu seinem Versuch der so leicht nicht angestellt werden
konnte weil die Schaukelmaschine nicht hohl war Einst als er sie sehr heftig
in Bewegung brachte so dass sie mit den vordersten Enden beständig auf den Boden
stieß ward er unverhofft inne dass sie fortrutschte Nun trieb er sein Tier
stärker an und gelangte ziemlich geschwinde mit ihm bis ans entgegengesetzte
Ende des Gemachs Seine Freude war ausgelassen Kein Mensch vermochte ihm
auszureden dass sein Fuchs zu leben anfange und für nichts in der Welt wäre er
mehr von seiner Seite gewichen Es ward Mittag und Eduard hatte keinen Hunger
Sein Vater ließ ihm sagen wenigstens herunterzukommen aber sosehr er sonst den
Major fürchtete konnte er diesmal nicht gehorchen Alle Leute im Hause die
schon im Geiste ihren lieben Eduard bis aufs Blut peitschen sahen liefen
hinauf fleheten schmeichelten verhiessen droheten alles war umsonst Der
Major der schlechterdings gehorcht sein wollte befahl den Knaben mit Gewalt
herunterzuschleppen Das geschah Nachdem er weidlich ausgescholten worden
sollte er sich zu Tische setzen nein er hatte keinen Hunger Man drohte man
zwang alles vergeblich er sah nur seinen Fuchs und den Himmel offen Da nun
aber schlechterdings ihm der Kopf gebrochen werden sollte so blieb nichts
übrig als ihn tüchtig abzuprügeln und von seinem Fuchse zu trennen welches
dann ohnverzüglich also ins Werk gerichtet ward dass man ihn auf ein paar
Stunden in ein finsteres Loch sperrte
    Einige Zeit nachher hatte er sich abends im Dunkeln auf ein hohes Gestell
geschlichen in der Absicht einen großen Sprung zu versuchen den er nach
vielen Übungen und Sukzessen jetzt glaubte wagen zu dürfen Er sprang herzhaft
zu stürzte aber so gewaltig dass man fürchtete das Nasenbein wäre entzwei
Kleinigkeit Aber am folgenden Tage vor dem Vater zu erscheinen Alles in der
Welt nur das Ausschelten konnte der Junge nicht leiden Man hatte es diesmal
leicht beim Major dahin gebracht dass er seinem Eduard alle Strafe und noch
obendrein das ZuTischeSitzen erlassen Nun aber sollte nach dem Essen der
Junge denn doch vor ihm erscheinen und da entstand große Not Der schüchterne
Starrkopf wollte durchaus nicht hinunter bis sein älterer Bruder Wilhelm ein
feiner beredter doch aber grundguter Knabe ihn unter den heiligsten
Versicherungen der Vater werde der zerquetschten Nase mit keiner Miene
erwähnen endlich dazu vermochte Große Mühe hatte es dennoch gekostet weil
Wilhelms Kunst Eduard schon in so manchen schlimmen Handel verwickelt hatte
aber eine unversiegende Quelle von Glauben im Grunde seines Herzens
überschwemmte immer bald sein Gedächtnis so dass er auch noch von dieser Seite
nicht weiser geworden und es wohl nie werden kann Nun wanderte Eduard an des
Bruders Hand zum Major der ihn verheissenermassen ganz milde ansah doch aber zu
bemerken nicht unterließ er würde ihm wohl müssen ein Nasenfutteral machen
lassen Rasch dreht sich mein Eduard und zu Wilhelm »da Lügner« mit einem so
kräftigen Stosse dass dieser vier Schritte weit rücklings in einen Sandtrog
tummelte Der Major entsetzte sich und warf den Täter als das verächtlichste
Ungeheuer von sich
    Dergleichen begab sich alle Tage aber Eduards Mut und guten Humor konnte
von der Seite nichts beugen Schwerlich hat ein Mensch mehr Schläge erlitten
denn nie wollte er sie durch willige Übernehmung nur der kleinsten Schmach
abkaufen noch den Unwillen seiner Vorgesetzten durch Tränen oder Flehen
mildern Er selbst erzählte mir neulich dass er einst nah auf den Tod gegeisselt
worden da sein Präzeptor ihn durch sokratische Fragen zu dem Geständnisse
versuchet Prügel sein Wohltaten und er ihn immer durch verstellte Albernheit
aus der Folge gebracht Für seine Kameraden übernahm er mehrmals Schuld und
Strafe nicht sowohl aus Freundschaftsentusiasmus und Mitleiden als weil ihm
vor ihrem Flehen und Heulen während der Exekution unerträglich ekelte Bei allem
dem nicht ein Schatten von Keckheit im Gegenteil so schüchtern so demütig
gegen jedermann wovon er Gutes dachte zugleich so vorliebend so dankbar so
mild und so gut dass er den meisten teils für einen Tropf teils für einen
Schmeichler galt
    Vor Unwahrheit ja vor bloßem Irrtum  Gut dass ich hier ein neues Blatt
suchen musste sonst wäre mir schwerlich eingefallen dass in einer Viertelstunde
die Post abgeht Wenn Sie wollen so komme ich nächstens auf diese Materie
zurück und erzähle Ihnen von den Kontrasten im kleinen Eduard wie er bei aller
seiner Unbändigkeit nicht wild sondern zur Stille zum vertraulichen Leben
geneigt war wie er bei seiner heftigen Begierde nach sinnlicher Lust bei
seiner Unbesonnenheit im Handeln doch immer grübelte und mit ganzer Seele an
unsichtbaren Gegenständen hing wie er hierüber zu Ansichten gekommen deren
Größe sein ganzes Wesen zerrüttete ihn bis zur Ohnmacht drückte so dass er um
den Anwandlungen davon zu entrinnen sich oft die Hände blutig biss oder gar
sich die Treppe hinunter in den Keller wälzte wie er endlich im vierzehnten
Jahr ein Pietist geworden usw  Es ist unaussprechlich reizend alles dies vom
Kinde zu wissen und hernach den Jüngling zu beobachten wie es immer noch
dieselbigen Karten sind nur etwa ein paar dazu oder davon anders gemischt und
anders gespielt
NS Mir fällt ein Ihnen einen Brief beizulegen den Eduard mir jüngst aus
Kambeck schrieb Ich muss ihn aber unfehlbar zurückhaben um zu seiner Zeit die
erste Hälfte davon dem Verfasser wieder vorzulegen Der gute Allwill glaubt
schon geliebt zu haben Aber dennoch wieviel Wahres liegt nicht in seinem
leichtfertigen Geschwätz Die Waldbegebenheit wird Sie freuen
                           Beilage zu Klerdons Briefe
                                Eduard an Klerdon
Es war gar nichts von einem Schlagflusse mein Bester was Ihnen so fürchterlich
beschrieben worden nur ein heftiger Schwindel der seine guten Ursachen hatte
Es ist nun wieder besser und mir nicht mehr bei Strafe  des ewigen Lebens
oder  des Tollhauses verboten zu lesen zu schreiben oder sonst etwas
Menschliches zu beginnen Auch scheint die Sonne wieder am heitern Himmel die
Luft ist still ich und die ganze Natur wir sind bei gutem Humor
    In unserm C heißts also ich sei der Frau von Kambeck im Netze oder noch
besser ich liege ihr zu Füßen bete sie an Mags doch aber Sie lieber
Klerdon sollen die Sache besser wissen Hören Sie mein ganzes Geheimnis Der
Umgang des andern Geschlechts reizt mich unendlich die artigen Geschöpfe haben
so etwas Sanftes Anschmiegendes das mir behagt Neben ihnen stimmt allmählich
das allzu Heftige in meiner Empfindungsart sich herab sie stehlen mir
Gleichmütigkeit und Ruhe ins Herz Kömmt nun gar noch eine etwas nähere
Beziehung hinzu und ich fahre mit meiner Juno droben auf den Wolken und die
Stutzerchen unten klettern die Berge hinan und türmen ihre Felsen aufeinander 
oh Klerdon das bringt immer richtig meinen Satan um all sein Latein es ist so
gut als ob er in einem Weihkessel scheiterte und ich  habe gewonnen Spiel
Aber bei allem dem oder vielmehr eben deswegen ist es mir ein unerträglicher
Gedanke von eben belobten Göttinnen irgendeine anzubeten ihr in ganzem Ernst
zu Füßen zu liegen Vor Jahren ja da waren Rolands Taten auch meine Sache
allein ich ward doch ziemlich bald inne wie es im Grunde mit meinen
»Unsterblichen« beschaffen war und bemühte mich glücklich den Willen des
allgewaltigen Schicksals auch zu dem meinigen zu machen
    Lieber ich habe nichts dagegen dass es Klarissen Klementinen Julien und
sogar heilige Jungfrauen von unbefleckter Empfängnis überall gebe aber ich
bitte nur keinen zu großen Lärm davon Denn seht diese erhabenen Einbildungen
sind schuld dass so viele Menschen verächtlich von denen Weibern denken die 
Gott gemacht hat von Weibern für diese Erde und nicht für den Mond wohin die
Herren den Weg fragen Da schelten sie dann und klagen über Grausamkeiten
Treulosigkeiten Abscheulichkeiten Schandtaten die sie von ihnen erfuhren da
doch die guten Geschöpfchen mehrenteils nicht einmal wissen was das für Sachen
sind Toll dass wir so hart gegen sie verfahren Lassen wir sie wie die Natur
sie beliebt hat ohne sie zu Engeln martern und versuchen zu wollen alsdenn
werden sie uns sehr gerne lieben und mit so viel Innigkeit Festigkeit und
Großmut als ihre artigen lieben Seelchen nur vermögen
    Ich muss meiner spotten und mich ärgern wenn ich zurückdenke wie ich sonst
nie an einem Mädchen hangen konnte ohne mich aus allen Kräften zu bemühen es
nach einem gewissen Muster das ich im Kopf hatte umzubilden Sie erinnern sich
doch jener amerikanischen Wilden die zwischen zwei Brettern ihren Kindern Kopf
und Hirn zerquetschen und sie zu Ungeheuern verstellen in der löblichen
Absicht sie der vergötterten Sonne und dem vergötterten Monde ähnlich zu
machen Geradeso war auch mein Tun und während ich mit dieser Narrheit mich
schleppte hab ich schreckliche Leiden erduldet Alle Augenblicke waren meine
Gestirne in Verfinsterung und so arg ich auch lärmte um den hässlichen Drachen
der sie zu haschen lauerte fortzuscheuchen musst ich ihn zuletzt doch immer sie
vor meinem Angesichte jämmerlich verschlingen sehen Von so viel unglücklichen
Erfahrungen müde sprach ich einst an einem frühen Morgen sehr weislich zu mir
selbst es ist ja wahr dass weder Aspasia noch Danae noch Phyllis noch
Melinde noch so viele andre Namen die du wohl weißt Namen von Sternen am
Himmel sind aber sag an zecht man nicht oft beim Wachslichte fröhlicher als
man im höchsten Sonnenglanze tafelt Nun so genieße der kleinen Feste und lass
die wunderbaren ungeheuren Herrlichkeiten womit es ohne den Zauberstab des
großen Merlins doch nie recht gelingen kann  Seit dieser Zeit was für
Abenteuer mir auch im Gebiet der Liebe zugestoßen habe ich nie wieder an meinen
Schönen Hörner Fischschwänze oder Krallen wahrgenommen sondern  es mir immer
wohl sein lassen Von hier komm ich vor Anfang der künftigen Woche schwerlich
weg Ich ließ mich auch gerne halten wenn nur der junge Graf von Batuff nicht
wäre den mein böser Geist hieher gebannt hat und der mir alle Augenblicke
etwas Unangenehmes mit sich zu schaffen macht Er verstimmte mich gleich im
ersten Augenblicke da ich hier ins Schloss trat Sie wissen dass mein Präsident
mir den ärgerlichen Auftrag gab auf dem Wege hierhin ein paar Stunden
umzureiten um die neue Wassermaschine in dem Bergwerke zu D in Augenschein
zu nehmen Ich tat das so kurz ab als möglich und ritt nun in gestrecktem
Trabe durch den Wald nach Kambeck zu Ohngefähr in der Mitte des Waldes sah ich
zwei ausgespannte Pferde einen umgeworfenen Karren und den Führer an einen
Baum gelehnt daneben stehen Der arme Kerl hatte sein Holz alle abgeladen auch
das eine Rad ausgenommen war aber dennoch nicht imstande gewesen den
eingesunkenen Wagen in die Höhe zu lüften Der Vorfall  wie ichs nehmen mochte
 kam mir ungelegen Ich ritt vorbei aber vermutlich hatte mein rechter Arm
sich mechanisch zurückgezogen denn mein Pferd kam aus dem Trab Den Augenblick
wards mir auffallender dass ich  nicht auf der Flucht sei und so ward
Meister was recht war Ich stieg ab und bot dem armen Hülflosen meine Dienste
an Ein Blick auf meine goldene Einfassung mit einem bitteren Lächeln erwiderte
mir dass seinesgleichen von Vornehmen keinen Beistand wohl aber den grausamsten
Spott erwarten müsse Das war ein Blitz in meine Seele Klerdon Ich fühlte alle
die Schimpfreden und die Prügel die ich unfehlbar dem Menschen gegeben hätte
wenn er in ähnlichen Umständen mich angetroffen und seine Hilfe mir versaget
hätte Ohne weiters griff ich den Karren mit solcher Kraft an dass er in einem
Ruck auf der entgegengesetzten Achse ruhte dann flog ich auf das Rad zu und
rollte es herbei der Wagen ward hervorgezogen und das Rad eingesetzt Ich
wollte dem Manne auch sein Holz wieder aufladen heiren aber das litt er
schlechterdings nicht wie herzlich auch mein Bitten war Er fühlte nicht was
für eine Wohltat er mir erwiesen hätte  Ach wie zufrieden der Arme mit mir
war wie er mir dankte mich bewunderte es nimmer vergessen es seinen Kindern
dem ganzen Dorf erzählen wollte Großer Gott ich meinte vor Scham und Schwermut
zu versinken und wäre diesmal gewiss nicht nach Kambeck geritten wenn ich nur
sonst gewusst hätte wohin Ich kam spät an Aus meinem übelzugerichteten Anzuge
ward geschlossen ich sei mit dem Pferde gestürzt Ich erzählte meine
Geschichte Der Herr Graf standen ausgegreitscht mir dicht vor der Nase in
einer echt adelichen Positur die ich gemalt haben möchte und als ich geendiget
hatte sagte er mit einer albernen Fratze zur Frau von K »Es ist ein Glück
dass dem Bauern die Pferde nicht durchgegangen waren und er selbst mit einer
starken Blessur dalag sonst hätte Allwill seinen Engelländer einspannen und
den lieben Nächsten heimkarrigen müssen«  »Herr Graf« erwiderte ich »Sie
urteilen vielleicht zu günstig von mir denn ich hätte ja so nah meinen armen
Bauer hilflos gelassen und wäre  ein Schurke gewesen« So leise ich aus guter
Lebensart das Wort »Schurke« näher hin zu Ihr Hochgeboren aussprach so wars
doch gebräuchlichermassen der FvK nicht entgangen sie veränderte von Farbe
und in den Augen des Grafen sah man  dass es ihm seltsam ward in seinem
Eingeweide  Aber ich fuhr fort und schwatzte mir das Herz ganz rein und
ruhte nicht bis ich alle die Schimpfworte und Prügel worunter ich den Morgen
mich geängstiget auf Ihr Gnaden abgeladen hatte Damit wars denn gut  für
diesmal
    Wollen Sie wohl lieber Klerdon es bei meinem Präsidenten ins rechte Licht
stellen dass ich einige Tage länger ausbleibe und es auch meinem Vater zu
wissen tun Grüssen Sie das vortreffliche Weib auch Lenore und Klärchen wenn
Sie dieselben sehen
 
                                Amalia an Sylli
                                           Den 11 März morgens um halb sieben
Gestern nachmittag kamen Eduard der Herr von Kambeck und ein Offizier den Du
nicht kennst und entführten meinen Klerdon nach Born wo diesen Morgen eine
Kuppel englische Pferde hinkommt Dem guten Klerdon wars gar nicht drum zu tun
aber Du weißt er lässt sich seine Zeit die ihm so kostbar ist seine Ruhe
Gesundheit Verdienste Lust und Leben abschwätzen wie sein Geld ich werde ihn
noch müssen festsetzen lassen  Also bin ich jetzt allein in der betrübten
Lage all das Fette der vor mir sprudelnden Milch in meine eigene Tasse schöpfen
zu müssen sie hätte nur gerinnen mögen Ich fing an zu lesen aber schon auf
der zwoten Seite ging mir dies und jenes durch den Kopf das mit Dir zu schaffen
hatte ich konnte der Zerstreuung nicht wehren und legte das Buch weg Liebe
Sylli der Himmel ist nicht heiter und das macht dass mein Kabinett weniger
schön ist Ich habe ein Fenster geöffnet und bin ein Weilchen daran stehen
geblieben um nach meinen Freunden zu sinnen und jetzt bis meine Knaben kommen
will ich ein wenig mit Dir plaudern
    Ich finge gern mit sonst etwas an weil Du es schon von Klerdon hast und
ich ungern nachleire aber es steckt vorne in meiner Feder wie ein Pfropf der
muss vor allem heraus Also zuerst und abermals von unserm Jammer unserm
Verdruss Ärger Zorn was hievon es eigentlich sein müsse wissen wir eben
leider noch nicht über das ungewöhnlich lange Ausbleiben Deiner Briefe
Klerdon will all sein bares Geld darauf verwetten wieviel meinst Du dass wir
ihm dagegen setzen dass wir mit dem ersten Postillion mehrere Briefe auf
einmal von Dir erhalten werden So viel ist gewiss dass das Ur Paket schon zwei
Posttage ausgeblieben ist Eine Überschwemmung die bei E die Brücke
weggerissen und gewaltigen Schaden angerichtet hat soll schuld daran sein
Sonst könnte ja wohl auch zwischen Dir und uns die Erde sich ein bisschen
gespalten haben warum nicht nur war es sehr schlimm  Ernstlich gesprochen
liebe Sylli Du machst uns verlegen Schon am Montag glaubten wir es könne
nicht mehr fehlen ein Brief von Dir müsse kommen und doch wars gefehlt und
so gings all die folgenden Tage nur dass an jedwedem mit unserer Hoffnung auch
unsere Zweifel stiegen und wir von einer Unruhe ergriffen wurden mit der
schlechterdings kein Vertrag noch Auskommen war Die Nachricht von der großen
Überschwemmung und den ausgebliebenen Ur Paketen begleitet von Klerdons
Zureden und kühner Wette hat uns von neuem ein wenig eingewiegt Jene Sorge
abgerechnet liebste Sylli bin ich jetzt so ganz glücklich so ganz zufrieden
so ruhig froh des Lebens  Oh lass Dirs wohl gehen Sylli lass Dirs ja wohl
gehen und mache mir die schönen Tage nicht zuschanden
    Ich bin so ruhig so froh und konnte doch die verwichene Nacht wenig
schlafen für fremder Sorge Die gute Frau von   Die hier erzählte
Begebenheiten müssen wegen gewisser noch obwaltender Beziehungen für diesmal
unterdrückt bleiben   Wie unartig dass ich Dir diese lange Geschichten
machte da Du so viel eigenen Gram hast Auch will ich rein aufhören mich aus
dem Staube machen und diesen Abend mit lachender Laune wiederkommen
                                                           Abends um halb 5 Uhr
Da kommen meine drei Ältste mit großem Jubel von einer Spazierreise über die
Donau nach Hause und sind gar herrlich und guter Dinge gewesen haben mit zween
VetterFranzensKameraden sich himmlisch ergötzt Wieviel Freuden mir die Knaben
machen Alle drei führen sich ungemein gut  und Heinrich musterhaft gut auf
Dieser wird allgemach ein lieber Junge so dass auch sein Vater anfängt weniger
Arges von ihm zu denken und Karl den Topinambu nicht mehr so grausam
vorzieht Sein Virtuoso ist ordentlich verliebt in ihn in etlichen Wochen soll
er schon die Ouvertüre vom »Deserteur« spielen aus »Lucile« und andern
Operetten die er aufführen sehen geigt er eine Menge Sachen mit einer solchen
Herzenslust dass man sich gern dünken lässt er mach es so schön wie möglich
gewiss der Junge wird ganz musikalisch und verdient den ersten Platz in meiner
Kapelle und ich habs geschworen kein anderer soll ihn drum bringen  Auch
Herr Bering und Herr Kamp rühmen ihn sehr und da Georg ihn nun alle Tage fein
ordentlich frisieret so würdest Du viel Freude an ihm erleben Von diesem
kleinen Heinrich verkündigt Heinrich der Große dass er bei unserm Geschlecht
dereinst in hohem Ansehen stehen und zu großen Ehren gelangen werde In der Tat
wird seine Bildung täglich einnehmender er hat nicht mehr die hohlen Backen
noch die abgestümpften Haare sondern ein rundes Gesicht mit hübschen Locken
eingefasst und ist gepudert obendrein Aber ach der Knoten der Knoten unter
dem Kinn Beim Ansehen nimmt man ihn nicht wahr aber ich hab ihn in allen
Fingerspitzen und kann mir ihn unmöglich aus dem Sinn schlagen  Nun das
heißt von Buben geschwätzt Wenn Dirs diesmal Langeweile macht so bedenke
liebe Sylli dass Du mich durch Deine herzwillige Teilnehmung an all dergleichen
verwöhnt und verstockt hast Gegen andre Leute rede ich  Ich höre Klerdon
 
                                                                  Sonntagmorgen
Es ist schon neun Uhr Ich schlief bis halb sieben und erschrak fast so sehr
als ob ich  mich tot fände Lass mir das Gleichnis und höre weiter Ich bin im
Negligé öffne die Tür  Was um des Himmels willen  ja gewiss Denk Sylli da
sitzt meinem Klerdon gegenüber ganz impertinent in meinem Sessel Eduard und
lässt sichs wohl schmecken aus meiner Schale Ich wollt ihm in die Haare aber
er rief aus allen Kräften »Warten Sie doch ich bin ja nicht frisiert« Der
junge Mensch hatte recht ich beschied ihn auf den Mittag Nun ward mir
bedeutet er habe meinen Kaffee bloß deswegen zu sich genommen weil er kalt
gewesen wäre und mir ein besseres Frühstück gebührte Es war auch schon dafür
gesorgt Im Kamin stand ein Schokoladentopf welchen mit allem Zubehör der
wackere Ritter im Hui auf der Serviette hatte und hernach mit dem besten
Anstande mir bediente War das nicht sehr artig Sylli Aber Du magst es
glauben oder nicht unser Beisammensitzen und Geschwätz war doch wohl ebensoviel
wert Beide Mannsleutchen sagten gar herrliche Dinge so dass ich mit Mühe
überwand da mein Stündlein erschien von dannen zu scheiden
    Nun ist in meinem Hauswesen alles bestellt meine Toilette gemacht und für
Dich noch eine Stunde aufgehoben Heinrich Karl und Ludwig wurden gestern
abends nach Hainfeld4 abgeholt wo sie bis morgen bleiben und so kam heut
Ferdinand ganz allein »Morgen sagen« denn der arme Edmund wie Du weißt sagt
noch nichts Liebe Sylli ja alles genauso wie Du neulich schriebst soll
werden und sein und bald kommen Der kleine Edmund den Du bisher nur aus
denen Portraits kennst die Guido und Maratti von ihm gemacht haben mit seinen
großen hellbraunen Augen deren Augäpfel man so klar da sieht und wo eine
beständige Offenheit und Herzensfröhlichkeit ausstrahlt der soll Dich gleich
anlachen und anjauchzen wie er lacht und jauchzt wenn er recht ausgeschlafen
hat Ohne Gutsel soll der Knabe Dich liebhaben oder er wäre nicht unser Fleisch
und Blut hätte nichts von meinem Herzen mitgekriegt nichts von Klerdons
durchdringendem Gefühl alles Schönen und Guten von dem Reichtum seiner Liebe 
Sieh ich kann diese Saite nicht berühren ohne dass es mir inwendig zittert und
mir Tränen in die Augen kommen aber diese Tränen o wie süß Engel Sylli Du
musst kommen und den Mann sehen wie er alle Tage lieber und vortrefflicher
wird wie er sich seiner Kinder annimmt sich immer freut wenn ihm eins in den
Weg kommt und er diese Freude dem Unschuldigen immer lohnt Mit Ferdinand ist
des Singens und Springens oft kein Ende und da lässt er tausend Kindereien mit
sich treiben und sich zausen und hudeln dass wir alle drum herumstehen und oft
bange werden und lachen gewiss Sylli er wird als ordentlich mit zum Buben
hilft ihnen allerhand Streiche ausführen und erdenken und wenn sie denn wohl
einmal das Ding besser verstehen und ihn auslachen und er dasteht der Liebe 
Große  Schöne als der Kinder Spott er vor dem so viele in Bewunderung und
Ehrfurcht staunen und sich beugen  selbst der Edelsten so viele  vor dem
besonders ich o Gott du weißt mit wie echter Demut mich neige  wenn er so
dasteht der Anbetungswürdige und die ausgelassenen Knaben herumtaumeln um den
Kameraden und jauchzen und lachen und nur ich aus meiner Ecke in seinem
göttlichen Auge den Vater sehe und den Mann ach Sylli dann beben dem
schwachen wonnevollen Weibe die Glieder es sinkt in die Arme des
Unvergleichlichen hängt an seinem Halse  Und Erd und Himmel möchten nur
vergehen
    Bin ich nicht allzu glücklich Sylli So einen Gatten so wohl anlassende
Knaben so liebe treue Gefährtinnen wie Lenore und Klärchen die Engel meine
Schwestern und Töchter so braves Gesinde ein schickliches Auskommen Stand
Ansehen und Hoffnung und um das alles her ein so schöner  schöner lieber Kranz
von Freunden Aber sag mir Sylli ob die Leute meinen man könne das alles
haben ohne Freude darüber ohne herrlich zu sein Es muss wohl denn wie würde
ich sonst so oft gefragt was ich doch habe dass ich so heiter und vergnügt
aussehe gerad als ob das Wunder wäre was doch gar nicht anders sein kann Dir
beste Sylli sollte ich vielleicht das Bild meiner Glückseligkeit nicht so
lebhaft vor Augen stellen aber eben weil Du es bist darf ichs Du weißt wie
mich der Gedanke anzieht das alles mit Dir zu teilen wie mein Herz so laut
schlägt für Verlangen Dich zu haben und mit glücklich zu machen und wie ich
dann auf einmal wieder nicht glücklich bin manche Träne um meine Sylli fällen
lasse  oh das weißt Du alles meine Gute meine Beste denn Du kennst Deine
Amalia durch und durch War Dirs nicht als wenn Dein ganzes Inneres sich
beständig von einer Seite zur andern hin bewegte wenn Du etwas Widriges von uns
vernahmst So ist mir und eine stachelnde Unruhe lässt mich keinen Augenblick
stille wenn ich weiß dass Du unpässlich unzufrieden oder schwermütig bist Nach
Deinem letzten Briefe scheinst Du jetzt ziemlich gesund auch machen Dir die
und die noch manche Stunde angenehm wofür ich ihnen so herzlich gern dankte
wenn Dank hier Platz fände
    Von der endlichen Ankunft Deines langsamen Fuhrmanns hast Du schon
Nachricht Hier noch einen Dank über den Dank welchen Dir unsere Mädchen
übersandten für die schöne Besorgung aller unserer Sachen Das Wachstuch und
die Körbchen hast Du aufzurechnen vergessen Melde mir wie ichs mit dem Dir
noch zukommenden Gelde machen soll Die drei Karolins habe ich nach B sogleich
besorgt Die Tabatiere bleibt noch immer allerliebst und wird nicht anders als
in ihrem ledernen Säckchen getragen Das Tischblatt  die Girlande ist sehr
niedlich  aber der Grund  lass ich werde mich dran gewöhnen Wegen des
porzellanenen Deckels schreibe ich nächstens
    Du wirfst mir vor dass ich Dir nicht mehr von Ferdinand erzähle Der Junge
ist eben kaum erst zween Jahre alt daher sich nicht viel anders von ihm
erzählen lässt als wie er aussieht und dies  wie erzählt man dies Er ist
klein und rund hat von meinetwegen das heißt vom mütterlichen Großvater das
Dir bekannte etwas finster liegende Auge doch kann er sehr freundlich daraus
kucken und Feuer ist die Menge drin Du weißt dass Klerdon sich schon längst
verbürgt hat dass wir an diesem Ferdinand den besten freimütigsten Jungen von
der Welt bekommen würden An mir hängt er wie eine Klette und Bruder Heinrich
holt ihn alle Morgen ohne Fehl aus seinem Bettchen zieht ihm Schuh und
Strümpfe an und dann gehen wir zusammen frühstücken nach dem Frühstück muss
Bruder Heinrich mit ihm fort auf den Hof und ihm sein Spiel in Gang bringen
und das tut Bruder Heinrich mit immer gleicher Geduld und Freundlichkeit Liebe
Sylli wer hätte gedacht dass Heinrichs Charakter der so ganz lieblos und mit
allen Lastern furchtsamer Eigensucht besamt schien sich dergestalt ausbilden
würde Ich glaube Du hast ihm alle Morgen mit einem Kuss etwas von Deiner Seele
die lauter Liebe und Verleugnung ist eingehaucht denn erst seitdem Du ihn bei
Dir hattest ist er so merklich geändert Karl ist noch immer derselbe »Kapitano
Tempesta« wie Du ihn vor neun Monaten bei uns verliessest hat aber im Grunde
viel weniger Herz als Ludwig der sich täglich wackerer zeigt Alle vier sind
gut nur dann sind sie es nicht wenn man sie zu den Dienstboten lässt mit und
unter diesen verträgt sich keiner nur eine Viertelstunde lang Während ich dies
schrieb ist Ferdinand mit einem Freudengeschrei gekommen dass er mich funden
hat und läuft spielt und schwatzt um mich herum Für Deinen Garbetto5 ließ ich
auch gern hier ein Wörtchen einfliessen weil es mir vorkommt als gehörte er mit
zur Kinderfamilie allein die Kirche ist aus meine gute Mädchen sind lange da
und ich habe noch gar nichts heute mit ihnen geschwatzt Wäre Garbetto hier es
ging ihm recht gut denn Ferdinand teilte alle Bissen mit ihm wie mit einem
Hündchen zu B dem er alles und alles gab zum großen Skandal der Frau von
Dertrut und ihrer großen wohlconduisierten Gesellschaft  Wie das lacht und
plaudert hier neben um Klerdons Kamin herum Ich will einen Augenblick hin
liebe Sylli und mich dann anziehen und dann essen und dann in die Kirche und
dann  ach Himmel zur Frau Direktorin an den Spieltisch Ade Du Beste Du
Liebe 
 
                          Lenore von Wallberg an Sylli
                                                          Hainfeld den 12 März
Wir hatten gestern einen herrlichen Tag in Klerdons Hause und da entstand
zwischen Klärchen und mir ein großer Streit welche von uns beiden Dir heute von
dem herrlichen Tag erzählen sollte Ich  hatte leider nur das Recht auf
meiner Seite  und Klärchen wie immer die Gründe damit beschwatzte sie in der
Geschwindigkeit eh ich nur ein Wort anbringen konnte den leichtfertigen
Klerdon so artig dass er mit der ehrlichsten Miene von der Welt zu mir sagte
»Aber Lenore du hast ja wieder unrecht« Ich schalt ihn einen parteiischen
gewissenlosen Mann der er ist und rief Amalia zu Hilfe Mamachen sagte eine
von uns müsse ohnedem bis auf den Mittwoch bei ihr bleiben welche von beiden
das nun wäre die sollte nicht schreiben sondern es der andern überlassen Wir
loseten ums Bleiben Klärchen zog das größte Nun hättest Du hören sollen wie
der unartige Klerdon mich zum besten hatte wie er mir Glück wünschte dass ich
zu meinem Recht gelanget sei  Der Kutscher sollte den Phaeton anspannen und
die Galalivree anlegen um mich im Triumph nach Hause zu führen u dgl m
Gegenwärtig ists mir doch ganz wohl bei meinem kleineren Lose ich habe Dir von
meinem blauen Tische her unter dem frohen Gezwitscher einer Menge Vögel die in
unsern Hecken und Obstbäumen flattern und nisten einen sehr schönen Morgen zu
bieten der sich durch das alles hindurch recht frisch zu Dir hinbegeben soll
Du bist doch wach liebe Sylli  So lass Dir erzählen
    Du weißt wie Amalia zu uns an den Kamin kam Eben hatte sie uns jedwedem
besonders ihr frohes Gesicht angepasst und uns ein wenig geneckt als Bering
mit einem Schreiben von Hof hereintrat Es enthielt die Nachricht dass eine
Sache für die Klerdon nicht ohne Gefahr und Verlust aus allen Kräften gefochten
hatte nach seinem Wunsch entschieden sei Sie betraf vornehmlich den
grundehrlichen von Birk der die wackere Frau mit elf Kindern hat eine
vornehme Rotte wollte Unehre und Dürftigkeit über ihn verhängen Noch drei andre
gute Bürger waren in den Handel verflochten und mit ähnlichem Jammer bedroht
Der einzige Klerdon hielt bei den Unglücklichen stand welche sich
nichtsdestoweniger für verloren achteten da ihnen alle andre Stützen durch List
und Macht vor und nach entrissen worden Die guten Leute wie konnt es auch in
ihre Seelen kommen was man an solch einem Manne hat  Sie waren gerettet  
»Lieber Bering« rief Klerdon »laufen Sie doch zu Birk und den drei andern und
bringen Sie ihnen hurtig diese gute Zeitung«
    Bering mochte ungefähr unten an der Treppe sein als Klerdon ihm nachflog
und ihn zurückrief  »Ich bilde mir ein« sagte er zu ihm »die Leute werden im
ersten Freudentaumel zu mir laufen und ihren Dank gegen mich ausströmen wollen
Sie wissen wie mich dergleichen ängstiget also hindern Sies lieber Bering
erzählen Sie den guten Leuten was alles zu ihrer Rettung beigetragen dass ich
es nicht allein tat und dass was ich tat nicht einmal eigentlich um
ihrentwillen geschah Gott weiß mein Gemüt war so aufgebracht durch die
Tyrannei und Niederträchtigkeit ihrer Feinde so voll innern Grimms dass  dass
ich  Nun Sie wissens ja Sie wissen wie mir ums Herz war machen Sie das den
Leuten nur recht deutlich damit sies begreifen und sich in Ruhe geben«
    Der gute Bering schüttelte lächelnd den Kopf  »Ich will mein Bestes tun
Herr Regierungsrat aber wieviel ich ausrichten werde  Die Leute wissen
allzusehr  «
    »Was« unterbrach ihn Klerdon etwas hitzig »Ich wäre ja der schlechteste
Mensch wenn ich anders gehandelt hätte und ich hoffe Sie werden dies mit
gutem Gewissen aus sich selbst bekräftigen können Besinnen Sie sich nur und
bedeuten Sie nur gehörig diesen Leuten wie ich nicht ausstehen kann wenn man
viel Wesens davon macht dass einer seine Schuldigkeit getan hat und kein
Unmensch war«  Er klopfte Bering freundlich auf die Schulter  »Gehen Sie
gehen Sie und machen Sie Ihre Sachen gut«
    Ein Weilchen nachher wurden Riedersheimer Deputierte gemeldet Du musst
wissen dass unser Freund die Eingesessenen dieses Amts von einem fast
unausstehlichen Druck worunter sie seit 70 Jahren sich gekrümmt kürzlich
losgekämpft und losgebettelt hat Amalia und wir Mädchen taten uns ganz heimlich
etwas damit zugut dass Klerdon dem Verhängnis einer Danksagung an diesem Tage
nicht ausweichen können Die Männer traten herein ein Bürgermeister zwei
Schöffen und sechs der angesehensten Grundsassen Die drei ersten hatten
Klerdon mehrmals gesprochen Zuversicht und Liebe sprach aus ihrer ganzen
Gebärde besonders waren ihre ehrliche Gesichter so voll und schön davon dass
ich sie wohl hätte küssen mögen  »Herr Regierungsrat« sagte der
Bürgermeister »wir kommen mit leeren Händen das bei dergleichen Gelegenheiten
wohl nie passiert ist aber da sind sechs Männer mitgekommen die sollen mit uns
fürs ganze Amt zeugen dass wir alle in unserm Herzen und vor Gott Ihnen und
Ihren Kindern Haus und Hof zum Notpfennig verschrieben haben und wenns drauf
ankäme dass auch der Ärmste von uns dann seine letzte Kuh zuviel im Stall hätt«
 »Ja Ihr Gnaden« beteuerten die Männer »das ist so wahr als ein Gott im
Himmel ist und soll auch so wahr bleiben« dabei falteten sie ihre Hände in die
Höhe und man sah auf aller Stirne dass sie vor Gottes Angesicht standen unserm
Klerdon Du kennst ihn war die Sprache vergangen aber Aug und Mund lächelten
den Rechtschaffenen den Himmel seiner Seele in die ihrigen hinüber Er reichte
eben seine Hand dem nächsten dar und wollte zu reden versuchen als die Tür
aufging und hinter dem Bedienten drein der ihn melden sollte Birk
hereinstürzte der ohne ein Wort hervorbringen zu können sich ihm zu Füßen warf
 »Stehen Sie auf Birk« rief Klerdon »stehen Sie auf ich kann das durchaus
nicht leiden« Birk gehorchte schlug die Augen gen Himmel und deutete hinauf
dem Edlen mit beiden Armen Indem kamen auch die drei andern ergriffen Klerdons
Hände und überströmten sie mit Tränen Birk erzählte unterdessen den
Deputierten was Klerdon für ihn und die Gefährten seines Kummers getan und als
diese nun auch hinzukamen und die Deputierten mit ihrer eigenen Geschichte
erwiderten da fingen die guten Leute an unsre Gegenwart zu vergessen sie
drängten sich zusammen irrten in vertrauten Umschlingungen durcheinander und um
uns herum und von allen Stimmen hörten wir die Worte wiederholen  »Ja so
gibts keinen Mann mehr so hilft er allen Menschen  Stadt und Land muss für ihn
beten«   Laut rief unversehens einer aus dem Hauf »Gott der Vergelter segne
euch und erfreu euch auf ewig« Alle wurden wach umzingelten Klerdon küssten
uns die Hände und wiederholten immerwährend »Gottes Segen und die ewige Freud
Amen Amen«  Wir weinten recht herzlich Klerdon wusste nicht zu bleiben Er
fuhr mit der Hand sich an die Stirne und wankte so mit zurückgeschlagenem
Haupte in sein Kabinett Das Zimmer ward bald leer Unsern Klerdon fanden wir
ganz in sich gekehrt in seinem Kabinett sitzen Wir lagerten uns an ihn jede
so gut und dicht sie konnte Ein Meer von Liebe ergoss sich über uns aus seinen
Augen welche alles sahen was in unsern Herzen vorging   »O wie wohl mir von
eurer Liebe ist  Aber zuviel zuviel  Einst  vielleicht bald « hier flog
eine Blässe über sein Angesicht die wie ein Blitz kam und verschwand  Unser
Herz zerriss O des unbegreiflichen Zweiflers Wir verbargen uns in seine Arme
in seinen Schoss und weinten dass wir schluchzten  »Auch an mir« bebten
Amaliens Lippen  aber kein Wort der Zuversicht kam aus seinem Munde
    Kaum hatten wir uns ein wenig erholen und Amalia sich vollends ankleiden
können als es ein Uhr schlug und Allwill der zum Mittagsessen gebeten war
sich zu uns gesellte Wir erzählten ihm das Vorgegangene und gerieten darüber
in ein schönes herzliches Gespräch das uns zusammen in die reinste Stimmung zu
aller Wonn und Wehmut setzte So geleiteten wir einander die Treppe hinunter
nach dem Speisesaal   Es sollte einmal recht Sonntag sein an diesem Tage 
denn nun trafen wir noch im Vorhause zween Kinder in neuer Kleidung welche vor
ihre Pflegmutter Amalia zur Ehrenerscheinung kamen Sie gehören einem
Unglücklichen dessen Frau wegen Dieberei auf dem Raspelhause sitzt Der Knabe
war mit kleinen Heinrichs Überrock und Matrosenwams geputzt Das Mädchen hatte
Jacke und Rock von Tuch ein siamoisinen Schürzchen kattunen Halstuch usw
nicht zu vergessen ein neues Hemd deren Amalia für jedes zween hatte machen
lassen  »Gib du ihnen etwas Geld« sagte Amalia zu Klerdon er tats und wir
auch Der Bub 9 Jahr alt sah uns freundlich und vergnügt an und dankte das
kleine Mädchen aber ungefähr 8 Jahr alt wendete sich mit einem betrübten
Gesichtchen zu Amalia und stotterte leis und eilig  »O machen Sie doch dass
meine Mutter wieder zu mir kommt« Hiebei fing es an zu weinen versteckte sich
unter sein Händchen und schlich sich so zur Türe hinaus Man hatte ihm
vermutlich bei seinen kleinen Unarten wohl einmal gesagt es sollte sich was
schämen zu weinen und es wusste nichts davon wie sehr uns seine Tränen rührten
Allwill gab den Kindern nichts er hatte Klerdons und Amaliens Hände ergriffen
die er beide fest an seine Lippen gedruckt hielt Mann und Weib neigten sich
über ihn seine Stirne zu küssen nie habe ich eine so rührende Gruppe gesehen
    Leb wohl liebste Sylli
    Ich schicke diesen Brief an Klärchen damit sie noch etwas dran schreiben
kann wenn sie Lust hat
    Was uns allen auf dem Herzen liegt weißt Du   O dass Dirs wohl gehe
                                                                         Lenore
 
                           Nachschreiben von Klärchen
Lenorens Brief kam zu spät um noch gestern abend mit der Post abzugehen und
das war recht gut  sag ich denn nun kann ich Dir auch einen schönen Morgen
bieten einen so schönen als Lenorens ihrer immer sein mochte Ich sitze ganz
obenauf in dem grünen Zimmer und schaue über die Kastanienallee weg gerad
aufs freie Feld Am Himmel herum schwebt dünnes Gewölk welches die aufgehende
Sonne so schön bemalt dass es wohl schöner ist als sie selbst aber doch bin
ich auf der Lauer und meine alle Augenblicke sie hervorbrechen zu sehen Wie
meinst Du dass meinem Stumpfnäschen das lässt so hoch über die hohen Gipfel weg
in die Sonne zu blicken »gleich dem majestätischen Donnervogel« Ich muss selbst
darüber lachen Ärgerlich ists aber doch ein Gesichtchen zu haben dem so
etwas nicht lässt
    Liebe Sylli ich schäme mich anjetzt neulich darüber gemurrt zu haben dass
wir so früh aufs Land sollten aber wie bekannt ist Hainfeld eine Stunde weit
von Klerdons Hause und dann wer hätte binnen unsern dreifachen Mauern sich
einbilden können dass draußen schon der Frühling wäre Hecken und Sträuche sind
schon ganz grün und überall  aus der Erde herauf von allen Zweigen herab 
kriegts einen doch so lieb zwischen und äugelt dich an oh so herzig wie ein
Mutteraug den angeschlungenen Säugling Ich kann Dir nicht sagen wie mirs ans
Herz greift  so nah Sylli so nah und immer näher dass mir bange ist für
meinen lieben Mai wenn er kommt dass ich ihm wohl möcht ein wenig untreu
geworden sein
    Vorgestern spazierten wir noch nach Sonnenuntergang längst den Ufern der
Donau Ich setzte mich hin und sang »Mädchen lasst euch die Freude schmecken«
Hinaufwärts den Strom sah es dunkel  dunkel und dunkeler  und hell und heller
gegenüber so sahen wir den Tag von dannen ziehen und gerad über uns die Nacht
ihm an der Ferse Leise rauschte nah an mir vorbei der herrliche Fluss und
spiegelte den Himmel ab mit seinem Abendrot und schönfarbigen Gewölk und mit
seiner Nacht Ich erinnerte mich Deiner beste Sylli und segnete Deine Seele
mit der heitern Ruhe welche rund um mich her über alles und auch über mich
sich ergoss
    Beim Weggehen rief ich Dir gute Nacht eben blickte der erste Stern hervor
und ich warf Dir einen Kuss zu hast Du ihn gefühlt
                                                                       Klärchen
 
                               Klärchen an Sylli
                                                         Hainfeld den 18 März
Klerdon und Amalia sind seit gestern hier Als wir ihnen entgegenflogen und ich
mich an Klerdons linken Arm hing fasste er meine Hand und drückte sie leise an
die Rocktasche Leise rief ich »Briefe von Sylli Gute«  »Gute o ja etwas
schwermütig aber lass sie ist dennoch wohl dran«
    Tante war noch nicht angezogen Sie sollte alle Zeit haben Wir liefen ins
hinterste Boskett  »Nun Klerdon nun« jauchzten und hüpften wir  Er sah
uns an mit dem vollen stillenden Blick seines Auges lächelte weg war die Hast
Wir schlüpften aneinander her und lagerten uns auf die Rasenbank Klerdon stand
noch einen Augenblick dann ging auch er seinen Platz nehmen Nun kam die
Brieftasche hervor die er auf sein übergeschlagenes Knie legte seine Hände
gefalten darüber Wir hingen an seinem Auge das einen so wunderbar fassen und
füllen kann Eine eigene  schauerliche Freundlichkeit wandelte durch die
Stille Klerdon öffnete die Brieftasche und schlug hernach sie wieder zu 
»Ein herrliches liebes Weib« sagte er wenn sie sich erblickte wie sie vor
meiner Seele steht«  und gleich darauf »Gott wem du ein tief fühlendes Herz
schenkst dem schenkst du doch alles damit alle deine Gaben und dich selbst«
    Die Briefe wurden gelesen Zwo Stunden verstrichen darüber Wie sie
zugebracht wurden diese zwo Stunden  dies liebste Sylli erzähle Dir wer es
weiß kann und mag Meine 
 
                                    Klerdon
Keiner von uns wird es Dir erzählen Das Anschauen die Umarmung einer ganz
entüllten schönen tiefempfindenden Seele ist zu heilig um in Bildern und
Worten nachgespiegelt zu werden Und wer vermöchte jenen Blitzstrahl dahin
abzulenken
    Leblosen den lebendigen Kuss der Liebe zu geben  Nein schaue selbst  den
verklärten Blick  und Wonnegefühl sanft über ihn die Augenlider decken  und
dahingegeben die Seele
    Wohl glaub ich Dir dass Du es im Grunde so schlimm nicht in der Welt hast
wie arg es Dir auch ergangen und so viel auch jetzt noch Deiner Leiden sind
Eine immer reiner und voller klingende Saite auf der großen Leier der Natur ein
immer mächtigeres Organ in dem Ganzen des Alliebenden zu werden oh das lohnt
Dir jeden Schmerz
    Dornen malmen sie zu Pflaumfedern wühlen lernete ich lang und nun weiß
ich dass es für den Menschen eine Lauterkeit des Sinnes  mit ihr eine Kraft und
Stetigkeit des Willens gibt  eine Erleuchtung Wahrheit Eigenheit und
Konsistenz des Herzens und Geistes wodurch ihm der eigentliche Genuss seiner
göttlicheren Natur Rück und Aussicht wird und wozu niemand gelanget der
nicht mehrmals im äußersten Gedränge von allem außer sich verlassen war Da hat
die ganz auf sich selbst gestemmte Seele sich in allen ihren Teilen gefühlt
hat wie Jakob mit dem Herrn gerungen und seinen Segen davongetragen Wer
liebste Sylli wollte nicht gerne für diesen Preis sich eine Zeitlang mit einer
verrenkten Hüfte schleppen
 
                                    Klärchen
Schön was Klerdon sagte gut auch und wahr aber wenn es am Ende doch  nur
Trost wäre ein köstlicher Balsam aber nur lindernd und die Wunde  tödlich
Arme Sylli wohl bist Du übel dran wohl hast Du es schlimm in der Welt Ich hör
ihn ja so hell aus Deiner Brust hervorgehn den Schrei des tiefsten Schmerzes
Was hilft es mir dass Du hintennach lächelst damit machst Du mich nur
bitterlicher weinen Du weißt Arria lächelte auch  Ach Sylli Du kannst
nicht leben ohne Liebe und was ist Liebe ohne Zuversicht Sag was Du willst
Liebe die sich nicht ewig weiß und ewig erwidert das ist keine Liebe das ist
bloßes Ergötzen dem Du nur in der Angst jenen Namen liehest  Blumenfreude
Schmuck Tanz und Spiel Und hieran sollte Dir genügen  Dir Sylli 
Seifenblasen zu werfen  und alles alles Seifenblase  Je mehr ich nachgrübele
 Oh ich fühle dass Dirs das Herz zersprengen muss
 
                                     Lenore
Auf der Zunge »Bist du bald fertig Klärchen« so trat ich ins Zimmer
Klärchens Anblick hemmte mir Sprache und Gang und mein Herz hob sich zu dem
Schlag bei dem es einem auf einmal so ganz anders wird Leise nahete ich ihrem
Schreibtisch Sie schob ohne ihre Stellung zu verändern mit der einen Hand mir
das Geschriebene zu Nachdem ich es gelesen hierauf einen Augenblick gesessen
hatte ging ich an ihren Stuhl knien um sie zu küssen Wir kamen allmählich
einander in die Arme weinten  und fingen zu sprechen an
    Deine Briefe wurden stückweise wiederholt und so nach und nach zu einem für
uns eigenen Ganzen umgebildet das wir besser fassen konnten Alles drang jetzt
weit tiefer ein und dennoch wurden wir heiterer Wir ahndeten Deinen Zustand
gewonnen Teil an Deinem himmlischen Wesen Wer wollte nicht Sylli sein sagten
wir Der bloße Abglanz  nur eines Teils von ihrer Seele und den wir  ach nur
so schwach aufzunehmen vermögen was gibt er uns nicht Mut und Wonne und sie 
besitzt  sie ist diese Seele selbst hat in ihrem eigenen Wesen was so
unbegreiflich entzückt den Quell und die Fülle all der Schönheit all der
Größe  Wer wollte nicht Sylli sein gäbe nicht alles hin für die
Unabhängigkeit dieses hohen Selbstgenusses für die helle Wonne göttlich zu
lieben die allein aus solchem Reichtum überfliessen kann Glückliche glückliche
Sylli 
 
                                    Klärchen
Meine Schwester ist abgerufen worden und ich liebste Sylli bin nicht imstande
fortzufahren Mein Blick ist schon wieder getrübet jenes Wehklagen wovon ich
erst sagte dass ich es so hell aus Deiner Brust hervorgehen hörte dringt von
neuem in mein Ohr und kein Jubel wird es übertäuben Du kennst das an mir dass
ich nicht leicht in einem Gefühl mich so ganz verliere von einer Vorstellung so
ganz befangen werde dass ich nun weiter nichts sähe noch wüsste Wahr  Du hast
den Himmel in Dir selber und wer wird Dich nicht deswegen selig preisen Aber
auch nicht minder wahr ist alles was ich vorhin bemerkte und so sässest Du mit
Deinem Himmel dann doch in einer Art von Hölle Deine Briefe sind ein
eigentlicher Wechselgesang aus beiden voll Verzweiflung und Wonne Was muss ein
Herz nicht ausstehen in welchem so feindliche Töne zusammenkommen das sie
ineinanderschmelzen zu einer Melodie vereinigen soll Alle Saiten des
Instruments müssen nacheinander springen und der Sangboden selbst Liebste
Sylli ich ertrags nicht Oh dass ich bei Dir wäre oder ich dürfte meine
Lenore für Dich missen Wir entbehrten gern einander opferten noch viel mehr
auf wenn Dir damit geholfen wäre Sag ob Du eine von uns willst und welche So
unvollkommen auch die Teilnehmung wäre die Du bei uns guten Kindern fändest so
wäre sie doch rein voll in ihrem Maß und innig Unsere Augen Sylli ließ
gewiss die mehrsten Deiner Blicke ein  und weiter So gewönne Deine Seele Raum
erhielt eine Stätte wo sie einen Teil ihres Lebens hinflüchten und aufbewahren
könnte  Sag Liebe soll ich kommen Ich fühle seit einiger Zeit einen
außerordentlichen Trieb wieder einmal um Dich zu sein und wollte Dich schon
jüngst mit Anschlägen dazu unterhalten Damals war es mir fast allein um mich zu
tun Ich hätte gern mehr Freude an mir selber und die erhielt ich zuverlässig
wenn ich Dir ähnlicher würde Mir deucht  was Amalia jüngst vom kleinen
Heinrich sagte  jeder Deiner Küsse müsste mir etwas von Deinem holden Wesen
einhauchen
    Ich soll zusiegeln schickt Klerdon Also kriegst Du nichts von Amalia Die
Gute hat sich wohl nicht überwinden können unsere Frau von Reinach allein zu
lassen Ein wunderbares Weib so jung so sprudelnd von Leben und doch von
allem was nur einer Schuldigkeit ähnlich sieht so völlig hingerissen wie andre
von ihren Leidenschaften Wir fahren fort uns oft Vorwürfe darüber zu machen
dass wir ihre immerwährende Aufopferungen zulassen aber es ist als wenn die
Gottlose mit Fleiß einen gleich wieder verstockte Ich sage tausendmal wenn sie
einem Mägdedienst anböte man dächte kaum daran sich zu widersetzen so lieb und
schicklich geht ihr alles ab Und hüten kann sich einer nie genug vor ihr im
Hui hat er die Gefälligkeit das Gute weg und weiß von keinem Dank  Ade
Sylli so lauf ich hin und fall ihr um den Hals
                                      Note
Ich muss hier etwas nachholen das in der Vorrede vergessen worden Rousseau
dessen Unterredung über die Romane von der neuen Heloise ich gern dem Leser
ganz übersetzte da sie so manches enthält das diesen Briefen trefflich
zustatten käme soll für mich sprechen Dieser legt seinem Freunde die Bemerkung
in den Mund dass ein gewisser Zug von Ähnlichkeit in Sinn und Schreibart die
man bei den Personen der neuen Heloise wahrnehme nebst einigen andern
Unschicklichkeiten die Mutmaßung verstärke dass sie kein erdichtetes Werk sei
»Die Natur« sagt er »welche nicht besorgt dass man sie verkenne ändert oft
von Schein und oft verrät sich die Kunst indem sie natürlicher sein will als
jene ist der Grunzer in der Fabel der es besser kann als das Tier In dieser
Sammlung ist vieles so ungeschickt dass sich der ärgste Schmierer davor gehütet
hätte   Wo ist einer der nicht angefangen hätte sich zu sagen man muss die
Charaktere genau bezeichnen muss pünktlich den Stil verändern Ohnfehlbar hätte
er es bei diesem Vorsatz besser gemacht als die Natur
    Ich beobachte dass in einer sehr innigen Gesellschaft die Schreibarten sich
einander so nähern wie die Charaktere und dass wie die Seelen der Freunde sich
vermischen ebenso auch ihre Arten zu denken zu empfinden und sich
auszudrücken ineinanderfliessen«
    Wenn es hiemit seine Richtigkeit hat so wird man sich nicht wundern in den
Briefen Amaliens und der Fräulein von Wallberg Beobachtungen Ideen einen
Schwung der Seele anzutreffen die man an dem andern Geschlechte nicht gewohnt
ist Der Enthusiasmus womit diese guten Geschöpfe an ihrem Klerdon hangen die
Andacht in der sie immerwährend vor ihm schweben geben demjenigen der hievon
eine Vorstellung hat zu allem Aufschluss Warum aber indessen doch Amalia die
beinah Abgötterei mit demselben treibt mehr oder auffallendere Eigenheit in
Wesen und Stil behält wird sich in der Folge entwickeln
                                                                              F
 
                                 Fortsetzung
                     Eduard Allwill an Klemenz von Wallberg
Freilich wo eigentliche Freundschaft ist da sind auch Prätensionen und diese
müssen von beiden Seiten laut anerkannt werden und überall gelten oder der T
soll den ganzen losen nichtswürdigen Bettel holen Also verzeih Lieber und lass
mich Deine weiteren Vorstellungen übergehen Du weißt ja wie sehr ich Deiner
Meinung bin weißt was ich für ein Gesicht machte wenn ich von Leuten hörte
die sich einander so liebhätten dass sie sich gar nicht umeinander bekümmerten
denn im Grunde ists das wenn man sich einander alles nachsehen kann Fratzen
Mein Ekel daran nimmt von Tage zu Tage zu aber mich darüber zu erbosen wie
ehedem so kein Tor bin ich länger ich will mich nicht einmal darüber mehr
ärgern es behagt nun einmal den Menschen sie sind darüber einig sich einander
etwas weiszumachen und es kommt auch selten jemand dabei zu kurz Was brauchen
die Leute sich weiter liebzuhaben woher und wozu Sie haben ganz andre Dinge
aneinander zu bestellen gehts damit voran so bleibt das gute Vernehmen ohne
dass sich der eine um den andern viel zu scheren hat Indessen Lieber wollen
wir uns doch nicht verhehlen was der eigentliche Geist jener freundlichen
Toleranz und edlen Unbefangenheit sei Gleichgültigkeit und Bettelei  Also
noch einmal Bruder verzeih aber dass ich mich bessern werde darauf musst Du
nicht zu sicher rechnen Bisher hab ich es mit allem zu ernstlich gemeint ich
spüre dass man dabei zugrunde geht und für nichts Wie ichs hinfüro anders
machen werde weiß der Himmel Ich bin von innen und von außen in einem
wunderbaren Gedränge Etwas Ruhe hab ich wieder genossen weil ich einige Tage
her unpässlich war Blieb mein Kopf so dumpf so nebelicht wie diese Zeit über
dann sah ich der Verwirrung ein Ende alles sollte bald gerichtet und
geschlichtet sein und was einmal ausgemacht wäre dabei bliebs Du weißt beim
Nebel fließen die Dinge so hübsch ineinander es erscheinen einem nie mehrere
als nebeneinander in einem Gliede Platz haben keine Farbenverwirrung alles
grau alles flach und sieh Bruder so ist wahrhaftig der Nebel das treffendste
Bild weiser Gemütsfassung Wenn mein Geist umnebelt ist dann bin ich so
altklug so verständig wie ein Schulmeister dann weiß ich mich über alles zu
bescheiden und was ich mich heiße das tue ich dann räume ich mein Zimmer auf
bringe meine Papiere in Ordnung beantworte alle Briefe nach dem Datum ihrer
Ankunft und würde auch mein Testament machen wenn ich nur Erben wüsste die
sichs gefallen lassen könnten Klerdon der mich gestern besuchte glaubte in
der Tür geirrt zu haben so fremd sah ihm mein Zimmer aus was zu stehen gehört
stand was zu hängen gehört hing was zu liegen gehört lag In dergleichen
Rücksichten ist mir eine solche neblichte Disposition zuweilen eine wahre
Wohltat und je mehr ich der Sache nachdenke je heller leuchtet es mir ein dass
die Tugend der echten Schul Stadt und Heermoral welche die beliebte
durchgängig gute Aufführung das exemplarische Leben hervorbringt nichts anders
als eine Art von Nebel sei der alles leichtfertige Aussenwesen als da sind
Glanz Farbe Licht und Schatten an den Gegenständen verhüllt und nur das
solide Unveränderliche an ihnen beäugen lässt
    Die merkwürdige Entwicklung meines Romans mit Nannchen worüber ich Dir eine
eigene lange Epistel schreiben wollte Hör erst vor einer halben Stunde noch
dachte ich wunder was ich Dir zu erzählen hätte ich schnitt eine frische
Feder tunkte sie ein wusste nichts anders als dass es recht vom Fleck gehen
sollte als ich zu meinem nicht geringen Befremden innewurde es habe Not ich
besänne mich zuvor ein wenig Ich sann eine große halbe Stunde lang da war ich
fertig habs nun auf einmal  dass ich selbst nicht mehr weiß was ich mich so
eifrig angeschickt hatte Dich wissen zu machen Der Sachen erinnerte ich mich
genug nur konnte ich mich ihrer nicht auf die Weise erinnern wie sie Dich so
mächtig interessieren sollten Wer weiß vielleicht hätte meine Materie mir
weniger dürftig geschienen wäre zu ihrer Abhandlung die Feder nicht so schön
geschnitten und gleich anfangs so tief eingetaucht gewesen Nun ists drum
geschehen das ganze Abenteuer mit allen seinen Zufällen und Zubehören
Schelmereien Zaubereien Heldentaten und Wundern kommt mir in diesem
Augenblicke nicht viel interessanter als ein Ammenmärchen vor  zum Erzählen
wenigstens Versteh Du Klemenz von Wallberg warst es nicht welcher bei
dermaliger Katastrophe in dem Falle war  etwa vergiftet erstochen aus einer
Kanone geschossen oder in einen Papagei Drachen Teufel oder Gott verwandelt
zu werden ich war es und glaube mir so etwas will in eigener Haut erfahren
sein Demnach sollst Du mir erlauben und zwar recht gerne dass ich Dich heute
von ganz andern Dingen als von meinen Begebenheiten im Feenlande unterhalte
    Wo fang ich an Ich habe Dir die Menge Neues von mir und meiner hiesigen
Lage zu erzählen Meine besten Stunden bring ich in Klerdons Hause zu Es kostet
Mühe auf einen etwas vertraulichen Fuß darin gelitten zu sein aber mir wirds
glücken Klerdon fühlt und versteht mich ganz und durchgängig steh ich in sehr
gutem Rufe Dass ich immer eine oder die andre Prinzessin welche mich ihrer
vollkommensten Hochachtung würdigt ausnehmend verehre  zuweilen auch zwei
drei auf einmal  weiß kein Mensch so recht man sagt nur der Allwill ist
überall wie das Kind wie der Bruder im Hause  Du begreifst  und gewiss
bester Wallberg ich komme fast immer ganz unschuldig dazu stifte auch überall
viel mehr Gutes als Böses Einen Anschlag auf irgendein weibliches Geschöpf zu
machen um es zu verführen ist von jeher so ferne von mir gewesen dass ich
einen Menschen der dazu fähig ist nicht ohne Hass und Ekel ansehen kann Dass
aber eine freundschaftliche Verbindung so warm und innig werde dass sie ferner
kein Maß noch Ziel mehr wisse  wer könnte das Herz haben sich davor zu hüten
   Mit Deinen Kousinen hats davor gute Wege die wandeln in einem Lichte
das sie meiner Leuchte entübriget Und Amalia  den möcht ich sehen dem es nur
von fern einfallen könnte ihr etwas anders sein zu wollen als Gast an Klerdons
Herde Mir ist sie sehr gut weil ich ihrem Klerdon anstehe und weil mir der
treuherzige Junge aus den Augen sieht Ihre Jugend ihre Schönheit hindern mich
nicht dass ich sie beständig Mama heiße ich wüsste mir auch keinen andern Namen
für sie Liebe Mama Mutter Amalia auch wohl Mutter schlechtweg  wenn ich Dir
sagen könnte wie mir ist wenn ich sie so heiße und ich ihr dabei in das
spiegelhelle Angesicht schaue das nur gut ist und mich nur anlacht  Ich
fühle mich wie untergetaucht in Unschuld und Reinheit und ich wüsste nichts so
Saures in der Welt das ich alsdenn nicht unentgeltlich und mit Freuden tun
könnte Die Lauterkeit ihres Herzens übersteigt allen Glauben Jedes Gute jedes
Schöne darin ist so ganz für sich selber da so ganz was es ist und scheint
unversetzt und unauflösbar und kein Gefühl kein Hang kein Wunsch nichts das
sich zu verhehlen nichts das sich zu verstellen hätte Aber hiemit ist Dir
soviel als nichts gesagt denn wie ich mich eben besinne bin ich selbst der
ich doch Amalien persönlich kenne nicht einmal imstande mir das Eigentliche
dabei vorzustellen wenn ich sie mir nicht in den bestimmtesten Verhältnissen
als die Gattin ihres Klerdons als die Mutter ihrer Kinder als die Frau ihres
Hauswesens denke Sag ob Du etwas davon weißt dass es eine besondere
Leidenschaft gibt die sich eheliche Liebe nennt ganz verschieden von jener
Leidenschaft welche allgemein den Namen der Liebe trägt und die  Sag weißt Du
etwas davon denn was schwätz ich sonst Ich wusste nichts davon und ihre
Entdeckung in Klerdons Hause ist das Interessanteste was sich jemals meiner
Betrachtung dargeboten Der eigentlichen Liebe scheint das schönere Geschlecht
nicht fähig zu sein mir wenigstens ist noch kein Weib erschienen das den Zeug
dazu gehabt hätte Amalien traue ich über diesen Punkt weniger als hundert
andern zu und Klerdon und sie selbst sind hierüber mit mir eins Anfangs hat
ihr Mann weiter nichts als einen vorzüglichen Grad der Hochachtung ihr
abzugewinnen vermocht und bis auf diese Stunde weiß sie keine eigentliche
Rechenschaft zu geben wie sie hernach allmählich sich so ganz in ihn verloren
dass ihr Herz nun alle seine Rege allein von dem seinigen empfängt ihre gesamten
Kräfte sich unverrückt in seinem Willen fühlen Freiheit Leben Glück Tun und
Sein  ihre ganze Seele hingewaget auf ihn Ich weiß nicht ob es eine
herrlichere Liebe geben kann als diese wenn auch jene höhere wovon ich
ehemals so wunderbare Ahndungen hatte kein leeres Hirngespinst wäre alle andre
Liebe ist doch gewiss nur Schaum dagegen Wo findest Du bei den
entgegengesetzten Eigenschaften und Bedürfnissen der Menschen diese innige
Teilnehmung welche alle Kräfte in einen Willen zusammenschmelzt und den
Menschen wirklich verdoppelt Hier ist sie Die kleine Welt zu deren Schöpfung
und Regierung beide vereinigt sind wird ihnen tausendfaches Organ einander zu
fühlen zu fassen Das gemeinschaftliche Interesse gibt jedem Vermögen das dazu
beiträgt einen gefühlten Wert und so regen sich in dem Wesen des einen alle
die Kräfte des andern und je vielfacher je verschiedener nun diese Kräfte je
merkbarer der Gewinn je entzückender das Bündnis Bedenk einmal wie
unterschiedne auch einander entgegengesetzte Interessen jeden einzelnen Menschen
in ihm selber teilen und was für eine Wonne ihn erquickt sooft er ein
wahrhaftes Einverständnis nur zwischen etlichen davon bewürkt hat wie wir
einstimmig denjenigen für den Grössten und Glücklichsten schätzen welcher ohne
eine seiner Fähigkeiten seiner Kräfte dran zu geben oder zu schwächen alle
seine Triebe unter einen Willen gemeindet  mächtig zu einem Heere sie geordnet
hat  Und nun zween die so eins werden es muss eine Fülle sein eine
Seligkeit die  Oh dass ich dies alles so fühlen muss dass ich zu dem
glühenden Sinn zu dem tobenden Herzen dem hellen unbestechlichen Geist diese
stille himmelanschwebende Seele erhalten musste  Tränen guter Wallberg Tränen
über Deinen armen Eduard den die Liebe zum Schönen verzehrt und der in ewiger
Zerrüttung mit den Zähnen knirschen muss  der den Frieden Gottes ahndet und
verdammt ist zu täglicher Sünde  Nie nie wieder eine Stätte finden wo sein
Haupt ruhe  Nie  Doch doch es wird ja einst brechen ja brechen in Wonne
wirst du einst gutes qualvolles Herz  Aber es war ja von Glücklichen die
Rede Liebe Mutter Amalia  dein Antlitz dein Lächeln
    Sie ist allen Menschen so gut Mutter Amalia und könnte doch gewiss im
Fall der Not sie alle missen wenn ihr nur der Mann blieb und die Kinder Ich
mag Dir nicht verhehlen dass sie an diesen  an ihrem Hause auf eine sehr
sträfliche Weise hängt nämlich ebenso ungefähr wie die alten Republikaner an
ihrem Vaterlande hingen Aber Du gehörst ja nicht zu unsern mächtigen
Philosophen welche nie weniger als den ganzen Erdkreis  was  das ganze
Universum übersehen und gemässlich zu Herzen nehmen und aus brennender Liebe
zu den Menschen überhaupt dem Patriotismus der Alten und jeder andern
parteiischen Liebe so gram sind sie sollen herkommen die gütigen Herren mit
ihrem unbeschränkten göttlichen Wohlwollen mit ihrer allsehenden Gerechtigkeit
 mit ihrem ganzen Untadel sie sollen kommen die Fratzen und schauen und
fühlen wo von allem diesen  in Tat und Wahrheit am Ende dann doch mehr
angetroffen wird ob bei ihnen oder bei dem Weibe hier das für Mann Kinder
Haus sich gegen die ganze Welt empörte  Holde Mutter Natur o wie laut sagt
mein klopfendes Herz mir da wiederum dass doch allein auf deinem Pfade wahres
Heil zu suchen ist  Sieh das wohlgemute Weib wie die Befriedigung ihrer
reinen Triebe alle ihre Wünsche vollendet sie von allen andern Begierden so
losmacht und ihr teilnehmendes Herz das ja in jedem menschlichen Busen wohnt
sich nun so frei und allgemein ergießen kann  Ihr prächtigen Weltweisen ihr
lieblichen Herren und Damen mit euren erhabenen Grundsätzen und schönen
Sentiments sagt wie wirds euch  wie besteht ihr vor dieser Hausfrau Da
verschleudert da verpufft ihr eure Seele in die weite Welt seid überall und
nirgend euer unbefangenes richtungsloses Herz  jedwedem Anfalle bloß  ohne
Drang und ohne Ruh ohne Genuss und Gabe  strebend nach allem hängend an allem
 zu keinem Opfer willig bei keinem Unfall leicht  bebend durchaus bis in die
kleinste Faser  schwach elend zehrend  voll allgemeinen Wohlwollens  Weg
von diesen Allumfassern hinab zu Amaliens Schemel zu der Kurzsichtigen zu der
Armseligen die nur ihren Mann liebt und ihre Kinder allen übrigen Wesen nur
gut ist und in Wohltun gegen sie aus voller Genüge nur  überfliesst wie die
Sonne von sich scheint Licht und Wärme nur  weil sie Licht ist und warm und
die Fülle hat Tritt in den Umfang von Amaliens Sphäre du stehst in Segen das
ists alles Darum ist Amalia auch das bescheidenste Geschöpf  das demütigste
möcht ich sagen das man finden kann Dass sie Gutes aller Art unermesslich würkt
 darauf gibt sie nicht acht dass sie alle Pflichten erfüllt alle Gebote hält 
das weiß sie nicht hat von den Gründen ihres durchgängigen Verhaltens nichts
weniger als vollständige Begriffe gar keine eigentliche Moral kaum eine solche
wie schon vor Jahrtausenden dem uralten Hiob eine zu Diensten stand Wunderbar
dass Amalia auslangt denn sie ist auch nicht einmal was man fromm heißt Aber
ich fordere euren ekelsten Mückensäuger auf ihren Wandel nach der Strenge zu
prüfen und wenn er wird leugnen können dass sie sündenfreier dass sie
tadelloser sei selbst nach so vielen Fratzenbegriffen unserer Zeit als eine
so will ich vor dem Mückensäuger mich beugen und mich zu ihm bekehren
    Du lieber Wallberg siehst doch hier wohl kein Wunder oder argwöhnest kein
Blendwerk Komm näher Was ists als ein echtes Gottesgeschöpf in Gesundheit
und natürlicher Wohlgestalt auferzogen ohne Künstelei alsdenn befangen mit
einem Gegenstande in welchem seine Kräfte sich sammlen ordnen und zur
schicklichsten Wirksamkeit vereinigen konnten Sind doch alle Tugenden eine
freie Gabe des Schöpfers unmittelbare Naturtriebe nur verschieden gestaltet
nach den verschiedenen Formen und Zuständen menschlicher Gesellschaft keine die
nicht da war ehe sie Namen hatte und Vorschrift Alle Moral von jeher bloß
philosophische Geschichte spekulative Entwicklung Wissenschaft und jene
innere Harmonie jene Einheit in Tun und Dichten das Augenmerk emporstrebender
Menschheit allemal nur die Geburt irgendeiner erspriesslichen Hauptneigung
welche dem Menschen Beruf erteilte und Plan Wo Einheit der Neigungen entsteht
da macht sich die Einheit des Wandels von selbst da bildet der Mensch seine
erwählte Lage aus formt sich je mehr und mehr zum Ganzen und nun je
befangener von der einen Seite je freier von allen übrigen verletzbar nur in
einem Punkte seines Wesens in ihm selber gewiss mutig begnügt und darum
unabhängig edel gefällig und von ganzer Seele gut Greifs an allen Enden du
wirst finden gerader Sinn dringendes Geschäfte und darin Emsigkeit und Treue
mit Lust sind die Eckpfosten aller Glückseligkeit und Tugend
    Nun erinnere Dich was ich am Anfange dieses Briefs über Nebel und
ordentlichen Wandel philosophierte Vielleicht klang es Dir leichtfertig tiefer
erwogen wie wahr Wie dumpfen Sinnes wie erstorben muss der sein der seine
Neigungen sich aus lauter Moral bilden der mit lauter Moral sie nach Gefallen
unterdrücken kann Zehnmal besser ist mir da der gutherzige Wildfang der noch
Leben im Busen nährt und Liebe Und dann noch eins auch dem Menschen höherer
Art der ein geordnetes durchgängig zusammenhangendes Leben führt muss vieles in
Nebel verhüllt stehen aber es ist nur der Duft welcher von dem ganz
aufgehellten Plan seines Würkungskreises sich an desselben Grenzen gedrängt hat
Unsere Philosophen allein bewohnen himmelnahe Felsenhöhen von keinem Dufte
getrübt rundum endlose Helle und Leere Mir ginge da der Atem aus Schon ist
mir die Luft zu dünn wo ich bin und ich sinne darauf wie ich allmählich noch
etwas tiefer herabkomme Auch ist nicht wohl zu leugnen dass in einem engeren
Horizont uns die Gegenstände viel wärmer an Aug und Herz kommen Grenzenlose
Begrenzung Raum ohne Maß und Ende wo ichs erblicke machts mir Höllenangst
darum eng ich mich gern ein bisschen ein lasse mirs wohl sein in irdischem
Beginnen da ich ein Ende meines Tuns sehe und doch alle meine Kräfte
dransetzen muss
    Zum Schluße noch ein Wörtchen von Freundschaft  Das nichtswürdige lose
Wesen unter diesen Namen wovon es vorhin die Rede gab dass wir ihm beide eben
feind seien ist es nicht auch eine Missgeburt aus jenem toten Meere der
Unbestimmteit der Richtungslosigkeit der unendlichen Zerstreuung Schwache
Fäden aus veränderlichen Absichten und flüchtigen Ergötzen gesponnen wie bald
müssen die sich wirren und dann Riss an Riss Knote an Knoten Ganz anders die
Bande echter Freundschaft wo zween etwas zwischen kriegen wie rechte und linke
Hand um es zu einem Werke zu bilden zween etwas miteinander fortbewegen wie
beide Füße den Leib Tritt den mit Füßen der sagt dass eine solche Freundschaft
sich auf Eigennutz gründe Das Objekt warum sie sich vereinigen ist ihnen nur
Medium einer den andern zu fühlen  Sinn Organ Nicht denjenigen lieb ich ja am
mehrsten der das mehrste für mich tut sondern denjenigen mit dem ich das
mehrste ausrichten kann  Eigenliebe alles soll Eigenliebe sein was geh ich
mich dann selber mehr an als andre ich der ich mich nur im andern fühlen
schätzen lieben kann  Das heißt euren Philosophen Unsinn mags weiß doch
wers besser hat ob ich oder sie
                                                                         Eduard
        NS Grüße Luzie Ich schreibe ihr noch diese Woche Vielleicht hat sie
        Dir den Brief gezeigt worin ich ihr meinen Abschied von Nannchen
        erzählte Ich war damals in ziemlich patetischer Laune und muss
        wunderbare Hoffnungen von mir gegeben haben denn ich erhielt in Antwort
        einen schönen langen höchst ernstaften Glückwunsch Schade dass ich
        bei seiner Ankunft schon wieder ganz bei Sinnen war Ich mag das liebe
        Mädchen nicht im Traum lassen Wenn sie doch einmal wieder herkäme In
        Klerdons Familie hängt alles gewaltig an ihr Du weißt wie sie mir im
        Sinn liegt Wer wollte sie auch vergessen können
 
                          Sylli an Lenore und Klärchen
Ich habe kürzlich an Klerdon an Euch und zweimal an Amalia geschrieben aber
die arme Sylli muss nur wieder ganz geschwinde hinsitzen und abermals nach C
schreiben sonst hält sies nicht aus Es ist ihr von neuem so traurig ums Herz
ihr Sehnen nach Euch hin ist in so starkem Schwunge dass sie nicht wohl sich zu
lassen weiß  Diesen Morgen unterdessen Susanna sie anziehen half kam eine
Einladung  Antwort »Meine Empfehlung ich würde aufwarten gegen Abend« 
Und nun seufzte die arme Sylli und konnte sich nicht enthalten zu Susanna zu
sagen« »Wer nur fliegen könnte ich wüsste wohl wohin ich auf Besuch flöge« Die
hölzerne Susanna hatte nichts hierauf zu antworten Das Mädchen ist mir ein
allzu unbehülfliches Geschöpf Von Empfindung wäre keine Frage aber auch nicht
einmal so viel Phantasie so viel Glaube dass sie an mich und Euch auf
irgendeine Weise zu hangen käme  Doch ist es keine Gliederpuppe denke ich
wohl einmal und versuch es neuerdings dies oder jenes bei ihr anzubringen
aber da kommt sie mir ein wie allemal entgegen mit ihrer Seele ebenso hölzern
wie mit der vorgereckten Brust ihres Leibes Auch wenn sie wohl von selbst des
Herrn Regierungsraten oder der Frau Regierungsrätin erwähnt welche sie gekannt
gehabt zu haben die Gnade gehabt hat so hat sie dabei ein so unlebendiges
Aussehen wie die Toilettschachteln neben denen sie steht mir die Nadeln
herauszulangen  Seht Kinder so gehts mir
    Die vergangene Woche war wegen meines Prozesses ein Vergleich im Vorschlag
Ich musste bei dieser Gelegenheit allerhand fatale Leute sehen hauptsächlich
denn auch den grundschlechten Gierigstein Der alte Unhold war mir lange nicht
vor Augen gekommen ich erschrak vor seiner Gestalt die seitdem noch um vieles
widriger geworden ist Denkt nur der Mensch machte mir Vorwürfe und zuletzt
nach einigem Hin und Widerreden fing er gar an zu weinen Ach dass Augen wie
die seinigen  dass alle Augen Tränen haben Einem Gierigstein wenn er weinen
wollte sollte anstatt Tränen etwas aus den Augen kommen das man wie
Staubflocken weit von sich abschütteln könnte denn Tränen die rühren einen
doch immer betriegen einen An diesem Gierigstein ist mirs zum Schrecken
aufgefallen was für eine Gestalt zum Vorschein kommt wenn einem verkehrten
Menschen das Alter die Maske wegdorret Fleisch und Farbe seine Züge nicht mehr
verhüllen da weißt sich die abgehärtete Nerve erstarret im Wesen des Hässlichen
liegt sie da zur grässlichen Schau da bebt der nackende Mund der kalte
unholde da zittert das trübe Auge dessen Blick nicht mehr lenksam harren muss
im Ausdruck des Argen da schlappt odemleer die Nase verkündiget
Stadtneuigkeiten Skandale und weiter nichts da senkt sich die kraftlose
Stirne auf welche Furchtsamkeit und Misstrauen die Hauptrunzeln geprägt haben 
Es ist ein peinlicher Anblick ein wahres Höllenbild so ein ganz verkommener
Mensch der nun offenbar heillos in die Erde hinunterstarrt  Meine Mutter die
süße Liebe oh wie war die so schön von ihrer Seele  sie verschwand wie ein
Engel Nie werd ich das liebe Bild vergessen werd es noch oft wieder anfrischen
mit Tränen mit Freudentränen über die liebe Mutter dass sie so war und dass sie
so aussah
    Ich möchte wissen was Ihr heute treibt Beisammen seid Ihr gewiss denn es
ist Sonntag aber was für eine Art Wohlleben Ihr miteinander habt wie und wohin
Ihr Euch miteinander weidet darauf sinn ich Ist Amalia die Heerführerin dann
gehts wohl nach der Fasanerie und Ihr kriegt Gebackenes Milch und Musik ist
aber Klerdon an der Spitze dann gehts in den Wald oder über die Felder längst
der Donau und Ihr kriegt Hunger und Durst  Hört und Euer eigenes Geschäfte
dabei Ihr zwei lose Mädchen was wohl unter Euren Schalksaugen sich für Glück
und Unglück zuträgt  Dass nur von Eduard keine Frage sei An diesem Eduard in
Eurer Mitte kann ich unmöglich Behagen finden Alles was ich von ihm erfahre
was mir auch mein Bruder von ihm meldet der ihn doch über alles liebt macht
mich zittern für Unheil Der unbändige Mensch mag wohl außerdem ein herzguter
Junge mag wohl grundbrav sein und es mit andern gewöhnlich besser meinen als
mit sich selbst aber das macht ihn nur gefährlicher das gibt ihm die offene
unschuldige Miene wogegen kein Rat ist worauf man die Hand ihm von ferne
reicht sich ihm anschlingt und Gemeinschaft mit ihm macht erst hintennach
wird man dann gewahr was er für unsichere Straßen wandelt wie verwegen er im
Handel ist wie wohlfeil er seine Haut bietet und folglich die seines Genossen
mit  Nun ein Mädchen das seines Weges käme  das abzuweisen  wie wär es
möglich So ward unsere Luzie hingewagt so ging uns das süße Geschöpf verloren
denn sie stirbt Kinder und ihr Tod ist dieser Allwill Nie war der Holden ein
Jüngling erschienen wie Allwill  so sinnend so bescheiden und zugleich so
voll Geist und edlen Eifers Keine Tugend keine Liebenswürdigkeit die sich
nicht in ihm abspiegelte wie Sonn im Meer und das so ganz aus nackender
Eigenschaft seiner Natur Überall in vollem Entzücken über fremdes Verdienst
war sein einziges Bestreben dass er nur gelitten würde Eine so rührende
Einfalt bei so vielen Vortrefflichkeiten bei dem schönsten Jugendglanz musste
jedweden bezaubern Auch gab es niemand wie ehrenreich er war der sich nicht
gern Eduards Freund nannte  Unserer Luzie  dies alles vor Augen  Oh ich
seh den Engel  still unsichtbar in der Ferne schweben  beten für den seltenen
Jüngling  Entzündet nur in Freude in reiner Engelsfreude über den Edelen 
Und dennoch wars Gift  Kinder wenns Euch nur hiebei schaudern könnte wie
es mich schaudert  Töricht Es kann Euch so dabei nicht schaudern Aber wie
rett ich Euch Klerdon Amalia hütet mir die zwei lieben Geschöpfe
    Es soll unerhört sein dass dem Eduard je ein Anschlag misslungen wäre Er
wagt sein alles an die Erreichung jedes Zwecks Wer ihm abgewönne der gewönne
ihm nie weniger ab als sein Leben Klemenz nennt ihn einen Besessenen dem es
fast in keinem Fall gestattet sei willkürlich zu handeln  man brauche nur
einmal ihn gesehen zu haben um dies lebendig wie eigenes Dasein zu fühlen  Ein
schrecklicher Charakter  Und was für ein göttliches Ansehen der Mensch haben
muss wenn er das Gute das Schöne verfolgt  und es muss beinah scheinen als
verfolg er es immer denn alles Böse das durch ihn geschieht bleibt entweder
verborgen oder es lässt sich als zufällig nehmen  Oh hütet Euch Oh flieht 
Du Lenore besonders Du mit dem zarten durchdringlichen Sinn  Glaube mir
Beste Liebe macht uns Weiber immer unglücklich Die Männer verdienen so wenig
das Opfer unsers Daseins dass sie nicht einmal anzunehmen wissen was wir ihnen
geben Das Glück ein ganzes Herz zu besitzen  wie sollten sie das schätzen
können da ihr Herz nie einen Augenblick ganz da kein Gefühl desselben bei
ihnen lauter ist Keine Wonne nicht die höchste der Menschheit gilt ihnen so
viel dass sie dieselbe rein bewahrten Keine Empfindung ist ihnen in dem Grade
lieb dass sie dieselbe nicht durch ekelhafte Vermischungen trübten ihr Bild
entweihten Die Fülle des Köstlichen  Was die schmecken sie nie haben sie
nie darum kann ihnen nie genügen darum sind sie  ohnmächtig zur Liebe Wir
Arme merken das nicht gleich wir glauben wohl gar eine Zeitlang stärker geliebt
zu sein als wir selber lieben Aber o wie bald offenbart sich das anders  Da
stehen wir dann dem Geliebten gegenüber und fühlen durch unser ganzes Wesen
Dein  fühlen durch unser ganzes Wesen  nicht mein  Wenn du das Grässliche
 die unaussprechliche Schmach des Gefühls ahnden könntest  ich  Dein Du 
nicht mein   Verloren zu sein platt verloren an jemand  Unser eigenes
Selbst entflohen aus uns  entflohen aus Ihm  Gar kein Dasein mehr keins in
sich keins im andern Man ist verschwunden unter den Lebendigen getilget mit
Schande aus ihrer Zahl  Elend ohne Maß ohne Namen 
                            Eduard Allwill an Luzia
Ihr langes Sendschreiben gute Luzia hab ich soeben zum drittenmal wieder
gelesen habe alles beiseite geworfen und sitze Ihnen nun da auf meinem Stuhl
so fest als wenn der kleine Schreibtisch hier die ungeheure runde Tafel in
unserm Ratssaal wäre und Sie mein teures Fräulein wären das landesherrliche
Portrait unter dem grünen goldbefranzten Baldachin aber wohl zu merken dass Sie
nur insofern das Portrait Ihr    titulo pleno vorstellen als mein trautes
Tischlein hier die verwünschte ungeheure runde Tafel in dem Ratssaal vorstellt
und dass die ganze Vergleichung sich einzig und allein auf mein festes Sitzen
gründet  Närrisch genug mit allem dem dass ich so ganz von ungefähr und ohne
alles Arge Sie in das Bildnis eines gepanzerten Erdengottes verwandelte denn
in der Tat liebe Luzie jüngst als Du mit aller Weisheit Himmels und der Erde
vor mich tratest sah ich Dich wirklich von der Scheitel bis zu den Sohlen in
schön gebläutem Stahl  mächtig erhaben auf den Zehen des linken Fußes das
andre Bein künstlich von der Erde geschwungen empor die heilige Rechte das
Haupt mit einem Lorbeerzweig zu beschatten und Dein ganzes Wesen begriffen  in
der Verdauung der göttlichen Eule welche Du soeben roh und ungepflückt
hinuntergeschluckt hattest Gewiss hattest Du neulich meine geringe Person unter
einer nicht viel weniger veredelten Gestalt erblickt als da wär eine
unermessliche Perücke über meinem trotzigen Haarzopf die mir dicke
Schweißtropfen aus der Stirne presste zween Seraphimsflügel an den Schultern
deren ich mich statt zweener Fächer zum Anwehen bediente ebenfalls auf einem
Bein stehend fest wie ein Fels  O komm doch komm liebe Luzie lass uns
aufeinander zu hinken dann her Deinen Helm dass ich meine Perücke hineinlege 
und nun sieh dies ist Eduards Nase und jene Luziens wir sind unter vier
Augen schwatzen wir miteinander wie ich und Du
    Schade was liebe Luzie Schade was für unsere Weisheit für alle die
prächtigen Verwandlungen worüber wir uns so hoch zu gratulieren pflegen
gemeiniglich hat es am Ende so viel damit zu sagen dass  wir uns schämen
müssen Man schwitzt im Sommer und friert im Winter im ersten Fall kleidet man
sich in Taft und im letzten in Pelz das ist meist die ganze Geschichte Sie
wissen was die Ptolomäische Epizykloide für ein Ding ist sonst kann Wallberg
Sie daran erinnern Auf Ab und Durcheinanderschwingungen ohne Ende doch nur
ein Mittelpunkt und der Planet tritt immer wieder in die Grenzen seines Zirkuls
zurück Es liegt mir noch klar genug im Gedächtnis wie ich ehmals bei jedweder
merkwürdigen Sinnesändrung mich nun endlich zur wahren Weisheit bekehrt und
den einzigen Weg zur Glückseligkeit betreten zu haben glaubte dann vor
Entsetzen und Scham verging dass ich nur vor so wenig Tagen  oft vor nur so
wenigen Stunden noch ein so unbegreiflicher Tor hatte sein können Aber o
Tyrannei des Schicksals bald darauf kam mein unbegreiflicher Tor wieder ganz
stattlich als der weiseste Mann ans Licht und schämte sich seines Vorfahrs
nicht weniger als dieser vor kurzem seiner sich geschämt hatte
    Ein Schelm tut mehr als er kann sagt ein altes teutsches Sprüchwort Es
ließ sich ein schönes dickes Buch hierüber schreiben und es soll mein erstes
sein wenn ich je eins mache Ein feuriger geistvoller Jüngling der ein
Epiktet sein will will mehr als er kann und muss schlechterdings dabei zum
Schelm werden Wie kann er alles Gute alles Schöne mit Entzücken lieben und so
genaue Maß halten und nie irregehen Wie kann er schon wissen was jene Freude
zur Torheit macht Euch euren Überdruss euren Ekel eure Mattigkeit nachfühlen
liebe Graubärte Wie kann sein Mut sich vor euren Furchten entsetzen Er der
dem Schmerze trotzt und dem Tode und nur Lust wittert Kurz euren innern Sinn
könnt ihr ihm nicht geben und so hättet ihr ihm wenn er euch hörte vollends
allen Genuss des Lebens geraubt In seinem Kopf wenn er ein bisschen eigenes
Wesen hat muss eure Vernunft zum ärgsten Unverstande werden höchstens kann sie
durch Schreckbilder einige Schwermut in seine Einbildungskraft staffieren Ihre
Stimme tönt alsdann seinem Ohr wie ein verdriessliches Gegrein und macht ihm
Weh Sie heißt ihn die ärgsten Qualen unaufhörlich leiden damit ihm nur ja kein
Leid widerfahre
    Um die Lehren der Weisheit zu verstehen um sie annehmlich zu fühlen muss
die Seele sich in einem Zustande von Gleichgewicht befinden müssen ihre
lebhaftesten Begierden  eingeschläfert sein welches soviel gesagt ist als
sie muss außer Stande oder doch wenigstens außer der Lage sein irgend eine
entzückende Freude zu empfinden  Hole der Henker einen solchen Zustand für
jeden wackeren Jungen Genießen und Leiden ist die Bestimmung des Menschen Der
Feige nur lässt sich durch Drohungen abhalten seine Wünsche zu verfolgen der
Herzhafte spottet des ruft Liebe bis in den Tod und weiß sein Schicksal zu
ertragen
    Es ist die hohlste Idee von der Welt dass die bloße Vernunft die Basis
unsrer Handlungen sein könne Das Ding Vernunft woher hat es sein Wesen Ist es
mehr als helleres Bewusstsein durch zartere Sinnlichkeit hervorgebracht In
seinem ganzen Umfange genommen und zu einem besonderen Dinge abstrahiert mehr
als System unsrer Empfindungen und Neigungen Am Ende ist es doch allein die
Empfindung das Herz was uns bewegt uns bestimmt Leben gibt und Tat Richtung
und Kraft
    Nur ein Presswerk ihm das Blut durch die Adern zu sprützen kein Herz muss
derjenige im Busen tragen der sich zu einer fortdauernden Gemütsruhe stimmen
und darin die Erfüllung seiner Wünsche schmecken kann  Und der sollte
glücklich sein  glücklich vor allen Es gibt der Feigen genug die vor jedem
Zufall beben und doch fast keinen unter ihnen selbst unter Betagten der in
eure Freistätten flüchtete alle wagen immer von neuem ihre Haut um der Freuden
mehr zu haschen um die Fülle ihres Lebens zu genießen So schuf den Menschen
Gott und es ist doch wohl ein bisschen unsinnig zu behaupten er wäre besser
wenn er wäre wie Gott ihn nicht haben wollte   Glaube mir holde Liebe das
beste ist wir bleiben eines Sinnes mit Natur Ihr Wesen ist Unschuld und wenn
wir annehmen was sie uns nach Zeit und Umständen in die Ohren raunt werden wir
uns so wohl befinden als jemand unter dem Monde Wir brauchen starke Gefühle
lebhafte Bewegungen Leidenschaften Was man gewöhnlich mit einem vernünftigen
klugen Wandel meint ist eine erkünstelte Sache und der Seelenzustand den sie
voraussetzt ist zuverlässig derjenige der am wenigsten Wahrheit in sich fasst
 Nimm einer wollte ein Haus von so künstlicher Einrichtung bauen dass wenn er
sein Licht unter dem Dache aufsteckte das ganze Haus davon erleuchtet wäre Es
kann geschehen wenn er den Tacht ausspreitet und wohl auflockert dass etwas
Schimmer durch das ganze Gebäude dringe aber welche arme verwirrende Dämmerung
lieber gewöhnte ich mich im Dunkeln zu hantieren Indessen mags hingehen für
eine Kuriosität sonst wird doch jeder Verständige allemal lieber sein Licht
dahin tragen wo er gegenwärtig zu sehen braucht und es in Gottes Namen finster
sein lassen wo er nichts zu schaffen hat
    Ich soll mich um feste Grundsätze bemühen damit ich zu unwandelbarer Tugend
gelange Nun klingt es mir geradeso wenn mir jemand vorschlägt aus Grundsätzen
tugendhaft zu werden als wenn mir einer vorschlüge mich aus Grundsätzen zu
verlieben Ein Verliebter  nicht aus Empfindung sondern aus Grundsätzen wäre
freilich wohl sehr treu Und ebenso würde der Herzhafte der Grossmütige der
Wohlwollende der es nicht aus leidigem Triebe wäre der der Empfindung dazu
entbehren könnte nicht nur zu allen Zeiten herzhaft großmütig wohlwollend
sein sondern auch in jedem besonderen Falle so sehr und so nichtsehr als er
müsste  Mit dem Unsinn Ich weiß ja das alles bin ja mehr als einer gehütet
worden irgend zu wissen  was ich wollte zu empfinden   was ich empfand
strenge angewiesen wie ich etwas schön und gut und nur dies etwas so finden
müsse ausgestopft mit erkünsteltem erzwungenem Glauben verwirrt in meinem
ganzen Wesen durch gewaltsame Verknüpfung unzusammenhängender Ideen
hingewiesen hingestossen zu einer durchaus schiefen ganz erlogenen Existenz
    Dennoch wurde mir viel von meiner Beilage bewahrt und darum weiß ich an
wen ich glaube Der einzigen Stimme meines Herzens horch ich Diese zu
vernehmen zu unterscheiden zu verstehen heißt mir Weisheit ihr mutig zu
folgen Tugend So ward mir Eigenheit Freiheit  Fülle des Lebens und o
wieviel köstlicher das als die Behaglichkeit der Ruhe der Sicherheit als der
Friede des Heiligen sogar
    Noch mit jedem Tage wird der Glaube an mein Herz mächtiger in mir dass ich
wohl gar auf dringende Veranlassung des Moments meinen eigenen tief empfundenen
Vorschriften zuwiderhandle  Schrei nicht über Gefahr liebe Luzie Was geht
uns das an dass der Ruchlose ungefähr ebendas tut und so immer ruchloser wird
Jedes Wesen erspriesst in seiner eigenen Natur wird nicht auch die schöne Seele
aus eigenem Keim sich immer schöner bilden Was ist zuverlässiger als das Herz
des edel Gebornen   Nimm alle Moralen alle Philosophien des Lebens zusammen
und versuche streng nach ihren Vorschriften zu wandeln wenn Du wahres Gefühl
von Schönheit und Vortrefflichkeit hast auf wieviel Ausnahmen wirst Du stoßen
Willst Du nun aus Furcht zu verirren keine solche Ausnahme gelten lassen wie
muss da nicht endlich Dein Herz und Verstand sich verstocken Dein Geist zu
jedweder freien Bestrebung unfähig werden
    Nehmen Wir auch einen einzelnen Menschen den empfindsamsten stärksten und
lassen wir ihn nach unzählig gemachten Erfahrungen bloß für seine Person mit
dem freiesten Mut eine Philosophie des Lebens entwerfen er wird in der Folge
abermals auf Ausnahmen stoßen und fürchtet er sich diese zu gestatten so wird
er nach und nach zu einer Art von Maschine wiewohl zu einer vorzüglichen vor
jenem andern der in dem Rade noch allgemeinerer Vorschriften dreht Allzuoft
muss er sein gegenwärtiges Gefühl unterdrücken ihm nicht glauben nicht trauen
wollen folglich bloß nach dem Buchstaben handeln Eludiert verdreht er das
Gesetz so wird der Kerl ein Heuchler ein Schurke unterwirft er sich ihm
redlich  so kommt er allmählich um Sinn und Gefühl  wird je höher er die
Fertigkeit seiner Tugend treibt je kälter geschmackloser gehorcht immer nur
blindlings oder sehend  wie es kommt seinem ehmaligen Willen hat aber jetzt
keinen eigenen Willen mehr kann sich hinfüro nie weiter über sich selbst
emporschwingen
    
    Wir wissen dass der allgemeinen Sicherheit wegen jeder Richter nach dem
dürren Buchstaben der Gesetze urteilen und für jede andre Betrachtung blind
sein muss daher denn oft die abscheulichsten Untaten gerichtlich bestätiget
werden weil der Bösewicht nicht gegen den Buchstaben des Gesetzes gehandelt
und die Form der Prozedur zu seinem Schutz angewendet hatte der gewissenhafte
Richter konnte nicht anders er musste  war er auch der wärmste Menschenfreund 
Verderben über den vervorteilten Rechtschaffenen aussprechen Aber was für ein
Mensch wäre dieser Richter wenn er kein anderes als dieses gesetzmässige
öffentliche Gewissen hätte wenn er den Verurteilten nun wirklich für einen
Verbrecher hielte wenn er falls es diesem Ehre und Leben gölte und er ihn
könnte heimlich entrinnen lassen es nicht täte  Und siehe gerade solche
Richter sind doch alle unsere unbeweglichen Sittenbesteller Ich weiß nicht wie
fern ich ihnen aus dem Wege gehen möchte
    System der Glückseligkeit so heißt was sie uns lehren wollen  höchster
Genuss der Menschheit das wissen sie was das ist  und für alle und für
jedweden wissen was alle können und jedweder was alle müssen und wollen haben
im Auge jede Bestimmung und in der Seele das Maß aller menschlichen Kraft
    Hochweise hochgebietende Herren wir sind nicht füreinander Ich sing ein
ganz anderes Lied als wovon die Melodie auf die Walze eures heiligen
moralischen Dudeldeis genagelt ist Auch genießen wir ganz verschiedene Kost
können nicht an einem Tische miteinander sitzen mein gesunder Verstand meine
gesunden Sinne gingen mir bei eurer Krankendiät Zuschanden Deswegen überlasst
mich meiner guten Natur welche verlangt dass ich jede Fähigkeit in mir
erwachen jede Kraft der Menschheit in mir rege werden lasse Freilich drängt
sichs da wohl einmal aber die freie Bewegung hilft durch passt sondert und
vereinigt und so immer leichter der Geist immer mächtiger das Herz   Du
hohnlächelst weiser Mann Was soll das lange Register meiner Vergehungen
meiner Torheiten  Sag an bin ich schlimmer bin ich törichter geworden als
ich war  bin ich schlimmer törichter weniger glücklich als du   Dass ich
gestern den Himmel an den Kuss eines Mädchens wagte  Armer Tropf du hast weder
einen Kuss noch die Freuden des Himmels gekostet Himmel und Ewigkeit sind schon
lebendiger in meiner Seele als sie vorher waren ich tat wohl Und siehe so
sind alle meine Taten gut oder ihre Folge wirds denn durch alle meine
Empfindungen weht der lebendige Atem der Natur der vermehrende ewig neu
gebärende   Ja fallen werde ich öfter aber auch ebensooft wieder aufstehen
und herrlicher fortwandeln sagte dirs nicht deine Amme dass man nur durch
Fallen gehen lernt  O ihr doppelt gegliederten ihr Krüppel in eurem
Gängelwagen
    Es ist traurig anzusehen wie manche gute Leute so ängstlich und emsig  ja
zusehen dass sie  nur ja nichts Böses nur ja nichts Ungerechtes verursachen
oder zulassen und darüber in ihrem Trübsinn es nur zehnmal ärger anrichten oft
an unsäglichem Unheil schuld werden Um nicht pflichtwidrigermassen durch des
abwesenden Nachbars verschlossene Tür einzubrechen überließen sie euch
wahrscheinlicher dringender Gefahr als wohl in desselben Garten von seinem
ruchlosen Sohn ermordet zu werden nun verlöre dieser arme Nachbar darüber
Nährer Helfer und Freund und müsste seinen Sohn auf dem Rade sterben sehen
aber sie hätten dann doch kein Gesetz übertreten hätten sich nichts
vorzuwerfen behielten ein reines Herz und ein gutes Gewissen6
    Es ließ sich auf alle Weise dartun und durch eine Menge von Beispielen
erläutern dass in dem Begriff der entschiedensten Tugenden doch immer etwas
Schwankendes bleibe so dass zuweilen der Mensch sich am vortrefflichsten zeigen
könne indem er ihnen schnurstracks entgegenhandelt Ich kann mir Fälle
gedenken wo es das erhabenste Verdienst wäre  einen ewigen Stachel  aber das
leitete mich in ein zu weites Feld Nur noch ein Beispiel für was ich eben
vorhin sagte
    Die erhabenste aller Tugenden welche zugleich die allgemeinste Anwendung
verträgt die übrigen alle schützt vermehrt gebiert  ist wohl durchgängige
Wahrhaftigkeit Was für ein göttlicher Mensch müsste nicht aus einem werden der
sich entschlösse immer wahr zu sein Schon das würde notwendig zur
Rechtschaffenheit leiten wenn man den Vorsatz ausführte nur keine Unwahrheit
je zu sagen so groß ist unsre Achtung für unsre Mitmenschen  so brennend der
Spiegel der unsre Gestalt aus ihnen in uns zurückwirft Man erinnere sich
irgendeines Vorfalls wo man um eine Leidenschaft zu befriedigen einen Betrug
zu Hilfe genommen und stelle sich nun vor man hätte anstatt heimlich zu Werke
zu gehen demjenigen den man hintergangen die nackende Wahrheit sein
eigentliches Vorhaben entdecken müssen  wie wird man nicht auffahren und
erblassen von dem bloßen Gedanken  Leichtsinn in Absicht der Wahrheit ist
Sohn und Vater des Lasters sein Helm und Schwert und schon die kleinste Lüge
eins der ärgsten Verbrechen gegen uns selbst gegen die Menschheit  Aber wer
könnte zu unsern Zeiten den unüberlegten Entschluss fassen nie eine Unwahrheit
sagen zu wollen Und hat es nicht zu allen Zeiten Fälle gegeben wo es Trieb der
erhabensten Menschheit wo es Eingebung Gottes war zu lügen  »Oh wer hat
diese entsetzliche Tat getan«  »Niemand« antwortet Desdemona »ich selbst
lebe wohl bringe meinem gütigen Gemahl meinen letzten Gruß o lebe wohl« 
Otello ruft »Sie ist als eine Lügnerin zur Hölle gefahren ich wars der sie
ermordete « Aber o gerechtester Gott wer wollte nicht mit einer solchen Lüg
im Munde den Geist aufgeben und sich für deinen Richterstuhl stellen
    Auch ist schon das so gar schwankend was ich diesen Augenblick zum Behuf
der Wahrhaftigkeit der Unverstellteit der Offenherzigkeit vorbrachte als
zB wir verabscheuen nicht selten ebensosehr das Unschuldige das Ruhmwürdige
sogar zu offenbaren als das Böse und Schändliche und diese Schüchternheit zu
überwinden ist manchmal der größte Heldenmut nicht zureichend
    Das schöne Register eurer sogenannten Tugenden auf diese Weise
durchgegangen dann in dem Mischmasch sie betrachtet wie ihr sie ganz und alle
zusammen durch einen chymischen Prozess so gern in unsre Seelen treiben und
darin hermetisch versiegeln möchtet  Sollten wohl sein wir Menschen eine Art
von Gewächs das zugleich Kastanien trüge und Pomeranzen und auch eine Ananas
wäre und ein Erdapfel und ein Rosenstrauch  aber beileibe daran keine
Dornen  Sollte wohl  Asia gelegen sein in Europa  sollten uns wohl bemühen
die Kunst der Barometer und Termometer so weit zu treiben dass wir rund um die
Erde Zonam temperatam kriegten und immer schönes und fruchtbares Wetter
zugleich hätten  sollten wohl alle Tugenden erwerben und ausüben  beim
Kegelschieben oder beim Tarock à lhombre  sollten  sollten 
    Ja so in etwa  denken lässt sich freilich manches  noch so eben Aber von
der schimärischen Vorstellung bis zur eigentlichen vom Traum bis zur
Würklichkeit  wie weit
    Es wird überhaupt nie genug erwogen was für ein unendlicher Unterschied
zwischen Bild und Sache zwischen Idee und Empfindung ist Welch eine Menge der
entgegengesetztesten Dinge können wir in der Idee nebeneinanderstellen
aufeinanderfolgen lassen Ich denke Himmel und Hölle und mir ist ungefähr
einerlei dabei zumute Darum überwiegt so häufig sinnlicher Reiz die Ideen von
den schrecklichsten Plagen der Zukunft Und darum ists so ein Lumpenkram um
alle gelernte Religionen und alle gelernte Moral Ein Mensch der beständig in
der Anschauung edler Gegenstände ist wird gewiss nie unedel handeln wer aber
das minder Gute das minder Schöne in der Anschauung und das höhere Schön und
Gute in der Idee hat wie wollte der handeln können diesen gemäß Alles stimmt
zusammen die Menschen unsrer Zeit in diesen Fall zu setzen daher der beständige
Widerspruch zwischen Handlungen und Grundsätzen  daher die Irrungen selbst in
dem System der Grundsätze weil nichts irrleitender ist als die Kombinationen
bloß spekulativer Ideen  Was für Meinungen was für Entschlüsse werden in
unsrer Kindheit nicht in unsre Köpfe geschraubt was für Sentiments nicht
hineingedämmert  und wenn wir Arme dann hinausgestossen werden in die Welt wo
jetzt alles dawider angeht welch innerer Zwiespalt welche Zerrüttung welch
gegenseitiges Misstrauen zwischen Herz und Geist
    Oh schlage du nur fort mein Herz  mutig und frei dich wird die Göttin
der Liebe  es werden die Huldinnen alle dich beschirmen denn du ließest alle 
alle Freuden der Natur in dir lebendig werden  vertrautest unumschränkt der
allgütigen Mutter  schenktest ihrem zartesten Lächeln jedesmal von neuem dich
ganz  strömtest hin in verdachtlosem Entzücken lerntest empfingst darum von
ihr zu geben und zu nehmen wie sie selbst wie die Millionen Lichtstrahlen
die auf unzähligen Gegenständen reverberieren ohne sich zu verwirren dann im
Auge sich sammeln  wieder ohne sich zu verwirren  Oh unaussprechliches
Wohltun  unendliche Güte  Leben und Liebe 
    Luzie liebe Luzie dass ich Dir es mitteilen könnte könnte leben Dich
lehren dies unendliche Leben Nie würdest Du dann befestigen wollen die Sonne
weder in Osten noch in Westen sondern würdest wenden Dich nach Aufgang und
Untergang Und schön ist ja auch der Mond unter Sternen am Nachthimmel  Und
schön der dunklere Nachthimmel mit heller funkelnden Sternen im Neulicht  Oh
dass ich diese Gottesader in Dir rühren und zum immerwährenden Pulsschlag
bringen könnte 
 
                            Luzie an Eduard Allwill
Ihr jüngster Brief mein teurer Freund und Lehrer war beinah so viel als eine
persönliche Erscheinung Was Sie für ein Zauberer sind Als ich ihn gelesen
hatte diesen Brief war ich nein ich war nicht zwei Jahre jünger nur die
Zeit hatte sich um so viel verjüngt das Vergangene sich zu mir hinauf bemüht
Sie waren noch bei uns und ich hatte Sie ganz rund dastehen wie kurz vor
unserer Trennung Nun urteilen Sie wie mir das so toll im Kopfe herumgehen
musste dass ich an Sie geschrieben hatte und geschrieben hatte alles das wovon
Sie so lustig geworden waren und daneben so heldenwütig Meine herzliche Epistel
an Sie ward mir nun gerades Weges zur Posse ich musste lachen und erröten
Großer Mann verzeihen Sie meine Unbesonnenheit ich vergaß dass Sie ein Held
sind dass ich  nur ein unbedeutendes unschuldiges Mädchen bin und dass
Unschuld dem Helden etwas so Unnützes so Nichtswürdiges scheinen muss dass der
Göttliche  Unschuld verspottet der Göttliche  Unschuld mit Füßen tritt über
sie hin erhaben seine Bahn nimmt  Unschuld Eduard  lieber Eduard
Unschuld Unschuld Unschuld  Erwacht keine erste Erinnerung davon in Ihrer
Seele Besinnen Sie sich doch  weit weit zurück Dort in der schattigsten
Gegend Ihrer Seele schwebet da nicht etwas noch von dem Schauder der Sie
ergriff als  Ihr offenes Auge enger auf Ihrer lichten Stirn eine trübende
Kohle ward als das Gewölbe Ihres Busens wich Ihr Atem sich verminderte Stand
und Tritt  Ihr ganzes Wesen schwankte  als Unschuld Sie zu verlassen drohte
Und wallet da nicht noch in dumpfem Nachhall etwas von dem Donner  als Sie
Unschuld von sich warfen Und   Nein armer Eduard das ist verschwunden
Dir auf immer verschwunden Was will ich also Sie können ja unmöglich mich
verstehen  Ihr guten Leute überwachst euch in den Kinderschuhen Bevor ihr
euch in euch selbst ganz sammeln könnt ist euer Wesen schon angegriffen bevor
sich euer Herz selbst fühlen kann ist es schon betört Da entstehen denn
höchstens wo Schönheit und Größe in der Anlage waren solche herrliche
Ungeheuer wie ehmals die Zentauren
    Eduard ein sehr außerordentlicher Mensch sind Sie wahrlich Wer Sie
durchaus kennt dem muss es oft eben unbegreiflich vorkommen dass Sie nicht ein
Engel an Tugend oder ein Satan an Laster geworden Die Ungereimteit Ihres
Wesens lässt sich nicht denken lässt sich auf keine Weise darstellen Unbändige
Sinnlichkeit  und stoischer Hang weibische Zärtlichkeit der äußerste
Leichtsinn  und der kälteste Mut und die festeste Treue Tigerssinn  und
Lammesherz allgegenwärtig  und nirgendwo alles  und nie etwas  verdammter
zwiefacher Mensch Unschuldiges himmelauf steigendes Blut Abels und
mörderischer flüchtiger Kain Ja  aber auch gezeichnet mit dem Finger Gottes
dass kein Mensch Hand an Dich zu legen wagt
    Lassen Sie mich Eduard Sie sind ein unbehagliches Geschöpf wer teil an
Ihnen nimmt hat ein bitteres Leben alles machen Sie ihm sauer das Reden
sogar und selbst das Denken Ferne sei demnach von mir dass ich Ihre lange
Epistel Punkt vor Punkt beantworte nur beifügen ein Wörtchen will ich hie und
da
    Vorerst sollen Sie eine Stelle aus einem Briefe von Eduard Allwill lesen
den er an unsern D schrieb als dieser bei einer sichern Gelegenheit seinen
Nacheifer zu besänftigen und ihn zu mehrerer Nachsicht zu überreden suchte
    »Verträglich nachsehend tolerant« sagt der feurige Jüngling »bin ich
gewiss so sehr als ich es ohne Verderbung meines eigentümlichen Charakters ohne
wesentliche Inkonsequenz sein kann Mich deucht wer auf eine andre Weise
tolerant ist der missbraucht Sache und Wort der ist nicht tolerant der ist
wankelmütig schwach kindisch Ein Kind wird von allen Dingen entzückt die nur
im Vorübergleiten einen angenehmen Eindruck auf seine zarten Sinne machen es
unterscheidet es schätzt sie weiter nicht in jeder Stunde ist ihm etwas
anderes schön und was in dem gegenwärtigen Augenblick es vergnügt das Schönste
von allem Ein Mann im Gegenteil unterscheidet die Dinge an ihren Bestimmungen
er ordnet sie nach ihrem Gebrauch für sein ganzes Dasein und weiß was gut und
schön ist mit Namen zu nennen
    Alles mögliche von einer gewissen Seite betrachtet lässt sich in einem ganz
erträglichem Lichte ansehen denn nichts kann durchaus hässlich und böse sein
Aber ebenso wie wir von entfernten Körpern nur alsdann sagen dass wir sie in
ihrer wahren Gestalt erkennen wenn wir sie so sehen wie sie uns in der Nähe
in derjenigen Distanz erscheinen welche ich die Sphäre der Betastung nennen
möchte ebenso haben auch die moralischen Gegenstände ihre ausgemachte Distanz
oder Sphäre in der ihre verschiedenen Erscheinungen berichtiget und auf die
beständigen Gestalten der Gegenstände reduziert werden können und müssen Wer
nicht für sich eine solche bestimmte Sphäre unwandelbar annimmt sondern bald in
diese bald in jene flattert alle Augenblicke den Horizont wechselt und
überall zu Hause ist der kann  vielleicht die Hälfte seiner Lebenszeit ein
ganz guter Mensch scheinen die andre Hälfte aber scheint er zuverlässig ein
desto schlechterer ein würdiger nie ist keinen Augenblick ein ganzer Mann«
    An eben diesen D schrieb Eduard Allwill »Das romantische Gebrause Ihres
jungen Grafen ist unerträglich Ein Klodius der den Brutus spielen will Was
ich davon denke darf ich der Mutter nicht sagen wohl aber Ihnen So ein Laffe
der alle Tage regelmäßig seinen dummen oder schlechten Streich spielt mag sich
einfallen lassen die Welt sei nicht gut genug für ihn er soll doch nur ja mit
ihr vorliebnehmen denn so wie der junge Herr beschaffen ist ist er noch lange
nicht gut genug für sie und er mag nur zusehen dass wir ihm nicht heut oder
morgen auf eine unebne Weise seinen Abschied erteilen Mir fallen gleich
Ohrfeigen ein wenn ich Leute mit erhabenen Gesinnungen herankommen sehe die
nicht einmal nur rechtschaffene Gesinnungen beweisen Und es macht mich gar
nicht zufriedner mit ihnen wenn sie auch ihre schönen Gesinnungen mit
sogenannten schönen Handlungen begleiten wer ein weiches Herz hat etwas Feuer
im Blut und viel Leichtsinn besteht deren mehr als der Beste hat aber am Ende
eitel Ärgernis angerichtet und für jeden Segen der ihm ward doppelten Fluch
auf sich geladen Spreu und Wind Das Böse zu meiden darum gilts vor allem
daran übt daran erkennt sich der rechte Mann Mancherlei Gutes tun ich sag es
noch einmal ist leicht mancherlei Großes  eine Lust aber ohne Sünde bleiben
ohne Missetat  das ist  o wie schwer aber auch wie weit erhaben über alles
Was heißt der wunderbarste Luftspringer gegen den Unerschütterlichen im Kampf 
Ein vortrefflicher Schriftsteller sagt irgendwo Ich wüsste nichts
Preiswürdiges wozu nicht auch der äußerst missratene durchaus fehlerhafte
Mensch zuweilen sich erheben könnte  Ordnung Mäßigung und Beständigkeit
ausgenommen«
    Ich fordere Sie nicht auf guter Eduard diese Auszüge mit den erheblichsten
Stellen Ihres letzten Briefes an mich in Verbindung zu bringen Wer weiß was
Sie leisteten Ich hab eine solche hohe Idee von Ihren philosophischen Gaben
dass ich Ihnen beinahe das Unmögliche zutraue Allein Ihrem Herzen sei es
anheimgegeben wo die Fülle der Wahrheit sei dort oder hier Sie glauben ja
Ihrem Herzen alles ich glaub ihm auch fragen Sie es wann es sich am freiesten
fühlte wo es ganz einstimmte und mit Ihren Gedanken gleichen Strom nahm ob bei
den Briefen an D oder bei dem an mich
    Lieber offener  königlicher Jüngling Ach so tief herabgewürdiget  zum
bangen schielenden Sophisten
    Sie erinnern sich wohl schwerlich eines Briefes den Sie mir vor anderthalb
Jahren schrieben es war einer der ersten nachdem Sie Wien verlassen hatten
Ich bin äußerst versucht ihn hier ganz abzuschreiben aber lesen Sie nur
folgende Stellen wieder
    »Wenn in den vergangenen Tagen nachts vor Einschlafen früh beim Erwachen
in jedem stillen Augenblick mein Wiener Aufenthalt mir vor die Seele trat
mancher entseelte Rest des Vergangenen neues Leben erhielt was in Beziehung
stand sich einigte alles aufeinander wog ganzer und inniger ward  und ich
nun über vieles oh über so vieles in herbes tiefes Trauern versank so fuhrs
mir wohl unversehens wie ein giftiger Pfeil durch die Brust was soll dein
Jammer deine Reue dein Klagen Es ist nur Hohn damit Ein unbezwinglicher
Leichtsinn eine verruchte Achtlosigkeit liegt zu tief in deiner brausenden
unaufhörlich gärenden Natur Wer dich kennt traut dir nicht liebt dich nicht
 O Luzie bis zur Verwirrung hats mich fast gebracht dies Sinnen über mich
selbst dies Hadern mit mir Ich möchte nicht alles erzählen wenn ich auch
könnte«
    Wie groß wie lieb Damals wie nah mein Eduard den Besten seiner Gattung 
Aber was halfs Sie wurden dennoch nicht weiser und so mussten Sie bald nur
desto törichter desto unglücklicher werden Es kann nicht anders kommen die
unbesonnene Heftigkeit womit Sie sich überall anwerfen sich so vielfach
zertrennen muss die ungereimteste Verwirrung in Ihrem Wesen verursachen der
gänzlichen Zerrüttung es immer näher bringen Alle Hände voll wollen Sie doch
immer noch mehr greifen und können dann weder fassen noch halten Überdem soll
jeder Gegenstand des Genusses sich Ihnen noch in jedem andern Gegenstande
vervielfältigen Sie sind gerade der Mann über den Sie spotteten der von einem
Oranienbaum Kastanien und von einem Kastanienbaum Oranien verlangt die
leichtfertige Dirne soll auch die hohen Reize alle Tugenden die Liebe eines
frommen Mädchens und das fromme Mädchen hinwiederum die schnöden
Annehmlichkeiten die ganze Torheit der leichtfertigen Dirne besitzen und wenn
dergleichen sich nicht findet dann ists eine Not ein Jammer dass man
zweifelt ob auch wohl diese Welt einen Gott zum Urheber haben könne Und das
heißt denn doch eines Sinnes sein mit Natur  Allwill Sie eines Sinnes mit
Natur der Sie immerwährend die echtesten Bande der Natur auflösen wahre reine
Verhältnisse zerstören um erträumte schimärische an die Stelle zu setzen 
dann sich abarbeiten alle Schwarzkünsteleien zu Hilfe nehmen um den wankenden
Schatten zu befestigen und da nichtsdestoweniger die Sonn ihn verrückt dem
Segenswandel der Sonne fluchen  Sie eines Sinnes mit Natur Wenn ich nur etwas
wüsste das der Natur entgegengesetzter wäre als jene Unmässigkeit welche alle
Bedürfnisse vervielfältiget und grenzenlosen Mangel schafft mit seinen
unendlichen Nöten  Angst Schmerz Gevalttätigkeit Betrog Arglist und Tücke
Nur einen flüchtigen Blick auf die Welt  was sie vermindert verringert was
den schlechten Bürger gibt und den schlechten Staat was den Acker verödet und
des Lebens weniger macht überall  Nichts anders als eben jene Ungenügsamkeit
jenes blinde Ringen nach allem jenes Scheidekünsteln an den Dingen um das
Wesen von der Substanz und die Wirkung von der Ursache abzulösen um zu
widernatürlichen Bedürfnissen widernatürliche Mittel zu erfinden Ich weiß wohl
dass es wenig fruchtet dagegen zu predigen aber dafür zu predigen die Theorie
der Unmässigkeit des Lasters als die einzige Philosophie des Lebens als den
einzigen Weg zur Glückseligkeit ja zur höchsten Vortrefflichkeit anzupreisen
das wäre deucht mich doch wohl das unsinnigste Beginnen das sich erdenken
ließe und das böseste
    Ja Eduard Theorie der Unmässigkeit Grundsätze der ausgedehntesten
Schwelgerei das sind die eigentlichen Namen für das was Sie mit so vielem
Eifer mit so ungemeinem Aufwande von Witz Räsonnement und dichterischem
Schmuck an die Stelle der alten Weisheit zu setzen trachten und das gewiss
nicht auf Anraten Ihres Herzens das groß und edel ist sondern Ihrer
Sinnlichkeit zulieb welche Sie unter dem Wort Empfindung so gern mit Ihrem
Herzen in eins mischen wie wohl auch jeder andere Mensch mehr oder weniger tut
und nicht anders kann Sinnesfreude ist die Lichtwolke worauf alles Göttliche
vom Himmel zu uns herniedersteigt aber Dunst aus Moor und Grüften ist nicht
diese Wolke vom Himmel obschon er die Hügel hinanschleicht und Sonnenlicht
haschet Aber Sie können das nicht unterscheiden Doch unterscheiden Sie
übrigens so scharf empfinden so reinweg alles Schöne  freilich aber auch
alles Schöne so lebhaft dass jedweder Eindruck davon Sie berauscht Ihnen für
die Zeit alle weitere Besinnung raubt nur ein Tropfen Nektar an des Bechers
Rand und Sie verschlingen ohn es zu merken das abscheulichste Getränke 
Eine fürchterliche Bestimmung dieser Eduard Allwill zu sein Unaufhörlich auf
so mancherlei Weise bis ins Mark erschüttert und die Menge tiefer Leiden in der
Folge Armer  dass Du nicht endlich mit zugrunde gehst bei den Stößen da alles
an Dir zerschellt oder erstickst unter dem Schutt  Immer doch ein mächtiger
Genius Wie ich sagte gezeichnet mit dem Finger Gottes dass kein Mensch Hand an
Dich zu legen wagt
    Könnt ich nur jedes liebe unschuldige Geschöpf von Deinem Bann entfernen
Ach wie viele der Unglücklichen Du noch machen wirst die Du ihrer eigentlichen
Bestimmung ihrem natürlichen Verhältnis entsetzen sie aller Haltung für ihr
künftiges Leben verlustig machen wirst  Gutes Mädchen das sag ich nicht dass
er dich nicht liebt er liebt dich gewiss mit mehr Wahrheit vielleicht als
sonst kein Mensch dich lieben könnte liebt gerad alles wahrhaft Schätzbare an
dir gerade das worin deine gutgeschaffene Seele ihre angemessenste Tätigkeit
ihre eigenste Wonne fühlet Nicht wahr das fühlst du das sichert dich dass er
dich innig liebt wie du dich selbst und wie du ihn liebest und du hast recht
so an ihn zu glauben dein ist seine ganze Liebe Aber armes Kind Allwill
liebt nie anders er ist immer seinem Gegenstande ganz morgen vielleicht  der
Ehre einem vortrefflichen Manne einer Kunst vielleicht  einer neuen
Geliebten  Sieh dieser Allwill  der Elende muss unstet und flüchtig sein er
ist verflucht auf Erden  aber gezeichnet mit dem Finger Gottes dass kein Mensch
Hand an ihn zu legen wagt  Eduard guter Eduard jammert Dich nicht das arme
Geschöpf O so schone dann schone schone 
    Aber was hilft mein Flehen was hälfe das Flehen einer ganzen Welt Deine
Sinnen Deine Begierden sind Dir zu mächtig und da sie eine so bequeme
täuschende Hülle an Deiner schönen Phantasie haben wirst Du nie sie für das
erkennen was sie sind Ach die Bedürfnisse Deiner Sinne die Täuschungen
Deiner Sinne  glaube mir Allwill  schwindender Atem meiner Brust komm
sammle dich dass meine Stimme weniger bebe und ihr kranker Laut ihn erreiche 
Allwill es sind Mörder  Hie und da her wird es Dir immer grässlicher in die
Ohren gellen Mörder   Meuchelmörder
    So manches Unheil so unsäglicher Jammer allein in diesem Bezirk der
Menschheit durch Sie angerichtet würde Ihnen die Nichtigkeit Ihres Systems
hinlänglich blossstellen wenn es nicht ausdrücklich erfunden wäre um Sie gegen
dergleichen Ansichten zu erblinden Da soll nun eine Menge herrlicher
Empfindungen welche sich anders nicht erwarten und zusammenbringen ließ
alles Böse mit Wucher ersetzen und dieser innere Genuss alle seine Kosten
aufwiegen Hiebei fällt mir ein was ich Sie so oft vom Wissen sagen hörte Sie
verglichen den großen Haufen unsrer Studierenden mit Leuten die gar emsig hin
und her liefen um zu suchen  was sie nicht verloren hätten wessen sie auch
weiter nicht bedurften Es sei eine Schande für den menschlichen Verstand
behaupteten Sie dass wir Wissenschaft von Tag zu Tage mehr zu einem
abgesonderten absoluten Dinge machten da sie doch von bestimmten Zwecken
allein Ursprung und Wesen habe nur Bescheid auf eine dringende Frage sei wie
diesem oder jenem Bedürfnis abzuhelfen Baugerüste Maschine Instrument  Ich
fand und finde noch das so wahr dass man sich nicht bekümmern sollte etwas zu
wissen als nur  wie sich etwas mache oder tue das einem not ist belachte
gern mit Ihnen die Torheit alles müßigen Lernens und Spekulierens Aber sagen
Sie mir lieber Eduard ist es eine reellere Sache um das müßige Sammeln von
Empfindungen um das Bestreben Empfindungen  zu empfinden Gefühle  zu
fühlen findet nicht hier eine ebenso ungereimte Absondrung statt wie dort beim
Wissen Ich glaube wer eine schöne große Seele in der Tat besitzet hält sich
nicht damit auf die Empfindungen welche seine Handlungen betreiben die
entzückenden Gefühle welche sie begleiten auf solche Weise abzusondern wird
sich ihrer nie dergestalt bewusst dass er sie in Ideen aufbewahren und aus
derselben Betrachtung einen unabhängigen Genuss sich bereiten könnte er sagt
nicht es ist Seligkeit in dieser Empfindung in diesem Gefühl sondern es ist
Seligkeit in dieser Tat Und das Lieber macht die Bahn des Edlen richtig
    Vor einigen Monaten starb ein Greis mit Namen Wigand Erdig der hatte aus
dem elenden Flecken D eine ansehnliche Stadt voll glücklicher Bürger gemacht
Ich glaube nicht dass er außer seinem Gewerbe viel mehr als seinen Katechismus
wusste aber sein Gewerbe verstand er gut war an Ordnung Fleiß Mäßigkeit  an
gesunde Vernunft gewöhnt und so von Tag zu Tage klüger geschickter emsiger
und unternehmender geworden Nun legte er zu D eine Tuchfabrik an Der Fortgang
seines Unternehmens litt unzählige Hindernisse aber er war einmal im Gedränge
und musste durch Eine Not nach der andern wurde ausgedauert eine Schwierigkeit
nach der andern überwunden der Mann immer mutiger und weiser Wenige Jahre da
waren fünfhundert Familien in seinem Brot der benachbarte Bauer um dieses zu
schaffen vermehrte sein Haus und baute öde Ländereien an es wurden fruchtbare
Bäume gepflanzt und Gärten die Menge die ganze Gegend füllte und verschönerte
sich endlich ward diesen Glücklichen das Tal zu enge da sprengten sie Felsen
weg und stuften die Berge hinan Das alles brachte dieser einzige Mann zuwege
und ohne andre Absicht seines Bewusstseins als um sein Gewerbe in Flor zu
bringen sein Haus zu gründen und seine Nachkommen in Segen zu setzen Ebenso
wurden ihm selbst die Eigenschaften ehrwürdiger Menschheit Die Klugheit und die
Unsträflichkeit seines Wandels hatten ihn bei seinen Mitbürgern in solches
Ansehen gesetzt dass sie ihn gleich einem Vater über sich walten ließ sein
Begriff das Licht seines Gewissens galt ihnen mehr als alle Gesetzbücher In
den letzten Jahren wenn der alte Erdig über die Straße kam gingen die Leute
vor ihre Häuser und wer ihm begegnete auf die Seite um ihn mit gebührender
Ehrfurcht zu grüßen Man muss die Leute sehen wenn sie erzählen wie der
ehrenreiche Greis langsam so einhertrat gegen jedweden freundlich sein leichtes
Haupt neigte und einem all das Gute erinnerlich ward das er gestiftet hatte 
Nicht Tränen es kommt ihnen sonst etwas in die Augen verbreitet sich über ihr
ganzes Angesicht Verheißung des ewigen Lebens  Er ist bei Gott  Allwill
dieser Glanz der Heiligkeit  wissen Sie etwas drüber
    Eure Flitterphilosophie möchte gern alles was Form heißt verbannet wissen
alles soll aus freier Hand geschehen die menschliche Seele zu allem Guten und
Schönen sich selbst  aus sich selbst bilden und ihr bedenkt nicht dass
menschlicher Charakter einer flüssigen Materie gleicht die nicht anders als in
einem Gefäß Gestalt und Bleiben haben kann lasst euch deswegen auch nicht einmal
einfallen zu erwägen dass eitel Wasser in einem Glase mehr taugt als Nektar in
Schlamm gegossen
    Unter allen Formen zu Bildung unserer Natur ist freilich die Form eines
bloßen moralischen Systems die geringste und zerbrechlichste aber besser als
keine ist sie doch allemal Gar alle Grundsätze verwerfen weil man öfter
Grundsätze unzulänglich oder unwürksam befunden ist klarer Unsinn Was nützen
Erfahrungen wenn nicht durch ihre Vergleichung standhafte Ideen zuwege gebracht
werden und was wäre überall mit dem Menschen vorzunehmen wenn man nicht auf
die Würksamkeit solcher Ideen zu fussen hätte Auch nehmen wir so allgemein für
den eigentümlichsten Vorzug der Menschheit an nach Grundsätzen zu handeln dass
der Grad der Fertigkeit hierin den Grad unserer Hochachtung oder Verachtung
bestimmt Wir preisen denjenigen bei dem  der Empfindung das Gefühl und dem
Gefühl der Gedanke die Waage hält Also nicht unsere Gefühle verringern nicht
sie schwächen will die Weisheit sie nur reinigen will sie und dann bis zur
Lebhaftigkeit des Gefühls den Gedanken erhöhen also die Empfindung überhaupt 
schärfen vergrößern Ich weiß dass Sie mehrmals von hoher Idee begeistert
heftige Begierden überwanden Leidenschaften zu Boden schlugen Haben Sie jemals
sich größer gefühlt als in diesen Augenblicken waren Sie je freudiger
triumphierender Auf nichts dünken Sie ja sich mehr als dass gewisse Ideen so
fest in Ihnen halten dass kein Vorfall Ihren Glauben daran einen Augenblick
irremachen könnte Sinne und Imagination möchten vorspiegeln was sie wollten
Edler Stolz kann nie eine andre Quelle haben Jede Erhabenheit des Charakters
kommt von überschwenglichster Idee Als Portia den Brutus überführen wollte dass
ihre Seele fähig sei die seinige in allen ihren Unternehmungen zu begleiten
wusste sie kein besseres Mittel als ihm eine Probe vor Augen zu legen dass
sinnliche Eindrücke nichts über sie vermöchten Steigen wir von der Heldensitte
bis zum gefälligen Wesen unserer Tage herab überall sehen wir am mehrsten
geehrt was Obermacht des Gedankens über Triebe beweiset Seien die Lebensarten
noch so verschieden die Gebräuche noch so mannigfaltig und abwechselnd jene
Übereinstimmung wird bei genauer Untersuchung überall sich zeigen sie
erstreckt sich bis auf die Urteile von Mienen und Gebärden und führt uns selbst
zur Quelle aller Begriffe von Anständigem und Unanständigem Wo Gedanke den
Menschen zu verlassen scheint wo er ganz dem Triebe allein ist wo er von
diesem  nur sich übernehmen lässt wo er sich nur der Gefahr aussetzt von ihm
übernommen zu werden da fühlen wir Unanständigkeit
    Es ist ganz zum Vorteil der Grundsätze was Sie am Anfange Ihres Briefes von
denen widersprechenden Erscheinungen im Menschen anführen wo ihm wechselsweise
 seine Weisheit zur Torheit und seine Torheit zur Weisheit werde Man sollte
glauben eben die feine Organisation welche Sie zu dergleichen Bemerkungen
geschickt macht Ihnen Materie und Form dazu bietet müsste Ihnen auch die
Überzeugung aufdringen dass dem Menschen eine feste Lehre der Glückseligkeit
dass ihm unverbrüchliche Vorschriften des Verhaltens unentbehrlich seien was
anders kann in seinem Tun ihn sichern was als einen zuverlässigen Mann ihn
darstellen  In alle Wege muss er verlorengehen
    Den eingestandenen Wankelmut des menschlichen Herzens sogar beiseite und
angenommen das Ihrige wäre so beschaffen dass es Sie immer zum Guten leitete
nur aber auf eine Weise welche der eingeführten Ordnung zuwiderliefe so müsste
dennoch Ihr Charakter verwildern so müssten Sie eben darum ins ärgste Verderben
sinken weil Sie so sehr über Ihre Brüder erhaben wären Es könnte nicht fehlen
indem Sie diejenigen Gesetze angriffen welche der allgemeine Menschensinn für
unverbrüchlich erklärt dass Ihnen beinah jedweder im Wege stünde Ihre
Bestrebungen hemmte unwissend oder aus Absicht Ihnen die äußerste Qual
verursachte kurz dass jedermanns Hand sich wider Sie erhöbe zwiefach wäre dann
gegen jedweden die Ihrige Ekel Gram und Hass nähmen Ihre Seele ein mit der
Gewalt drängen Sie nicht durch Sie müssten also um Ihr erhabneres Leben zu
retten List Verstellung Betrug zu Hilfe rufen lauter krumme Wege gehen dies
entzweite Sie notwendigerweise mit sich selbst und so müssten Sie bald voll
tiefen Greuels sich und die Welt verfluchen
    Schnöde Prahlerei dass Ihr Herz immer freier und freier schlage es kann
nicht frei schlagen solang es Geheimnisse des Frevels und der Schande zu bergen
hat solang es vor dem Blicke des Unsträflichen sich zusammenziehen  von dem
Atem des Reinen ersticken muss in seinem Blut  damit nur Deine Stirne weiß
bleibe wenn er Dinge der Finsternis mit ihrem Namen bezeichnet und Du fühlest
er redet von Deinen Taten  Allwill mir schaudert die Haut wie ich Dich
manchmal beben  vergehen sah bis zur Ohnmacht in Verwirrung über dem
absichtlosen Worte eines Toren eines Kindes über den Mutwillen eines
Gassenbuben die Schmähreden eines Trunkenen
    Aber Sie haben wohl nunmehr dergleichen Schwachheiten von sich abgeworfen
Aus einem Stück Ihres Briefes wo Sie die Zweideutigkeit aller Tugenden zu
erweisen trachten erhellet dass Sie wenigstens mit großer Mühe daran arbeiten
Ich will Sie nicht stören Eduard Doch zur Erholung lassen Sie sich erzählen
was ich gestern von ungefähr in meinem ehrlichen Montaigne las und dann eine
Anekdote die ich weiß Der treuherzige Montaigne erzählt dass man ihn nie hätte
vermögen können für König und Vaterland sogar in etwas Schlechtes zu willigen
Er glaubte wenn er einmal sich selbst wäre untreu geworden würde er leichtlich
nachher es auch dem Staat werden Man muss eine Sache Gott überlassen sagt er
wenn menschlich zu helfen unmöglich ist und was ist unmöglicher als dass ein
rechtschaffener Mann Treu und Glauben verlasse Was kann weniger sein als was
ein Mann von Ehre nur mit Ehr und Wortesschmach bewerkstelligen könnte
Hiernächst erwähnt er unter andern des Epaminondas des vortrefflichsten unter
den Menschen bei welchem jede einzelne Pflicht in so hohem Ansehen war dass er
nie in der Schlacht einen Überwundenen zu Boden stieß der um des unschätzbaren
Gutes willen die Freiheit seinem Lande zu verschaffen sich ein Gewissen
machte ohne die Form der Gerechtigkeit einen Tyrannen oder seine Mitgenossen
umzubringen und der denjenigen für einen schlechten Menschen hielt so ein
guter Bürger er auch sein mochte der unter den Feinden und in der Schlacht
seinen Freund und seinen Gastgeber nicht verschonte  »Grässlich von Eisen und
Blut kommt er zertrümmernd und durchbrechend eine Nation unüberwindlich gegen
jeden andern als gegen ihn allein und geht seitwärts mitten im Handgemenge bei
Begegnung seines Gastes und seines Freundes Wahrhaftig dieser da regierte im
eigentlichen Verstande den Krieg vollkommen der ihn das Gebiss der Güte erdulden
machte im Beginn seiner stärksten Hitze so entflammt als er war und schäumend
vor Wut und Mord Es ist Wunderwerk mit dergleichen Handlungen einige Art von
Gerechtigkeit vereinbaren zu können aber es gehört nur für die Energie des
Epaminondas die Sanftmut der mildesten Sitten und der reinsten Unschuld damit
vereinbaren zu können«  »Wenn es Größe des Mutes ist und die Wirkung einer
seltenen und besonderen Tugend um des gemeinen Wohls willen und der Obrigkeit zu
gehorchen Freundschaft persönliche Pflichten Verwandtschaft und Wort für
nichts zu achten so ist es wahrhaftig genug um uns los davon zu sagen dass es
eine Größe ist die in der Größe des Mutes des Epaminondas nicht Platz finden
kann«
    Nun die Anekdote Sie kennen Auguste von G die treue makellose Seele
die so einzig ist weil sie nur für das Gute und Wahre Begriff hat nur für das
Gute und Wahre Witz und Laune Eine unselige Kokette verführte ihren Mann
Auguste im höchsten Grade arglos merkte lange nichts Weil aber G genötigt
war ihr manche Unwahrheit vorzutragen und wie bekannt eine jede Unwahrheit
Lügen ohne Zahl gebiert so musste das liebe Weib wohl endlich merken dass es
hintergangen wurde Nun begab es sich an einem Tage dass ihr in des Mannes
Gegenwart auf einmal zwo recht frappante Betrügereien offenbar wurden Sie
können sich Gs Zustand einbilden Kaum war der Freund welcher
unschuldigerweise die Sache ans Licht gebracht hatte zur Tür hinaus so hub
Auguste an »Höre doch Max du hattest mir ja diese Sache  so und jene  so
gesagt und ich hör es nun so ganz und gar anders Ich merke seit einiger Zeit
dass du mir öfters Unwahrheiten sagst  Wenn du wüsstest wie mich das betrübt«
 »Freilich« antwortete G »aber das ist nicht meine Schuld wer sich
unbescheidene Fragen erlaubt der zwingt den andern zur Lüge«  »O Gott« sagte
Auguste mit freundlicher weinender Stimme »Wenn ich denn nur wüsste was ich
nicht fragen muss ich wollte gewiss nie so etwas fragen damit du nie zu lügen
brauchtest« Ist Ihnen eine Lüge bekannt Eduard die an Kraft zum Guten auch
an Erhabenheit diesem unschuldigen Gebet meiner Auguste um Wahrheit gleich zu
schätzen wäre
    Unschuld Eduard lieber lieber Eduard Unschuld Unschuld So fing ich an
und so schliess ich  Süße reine ewige Wonne der Unschuld  das ist es doch
ja Eduard das ist es was auch Du suchst  ach auf dem Wege der Verstockung 
Liebes Mädchen eile Eile Freundin dass sein Auge dich erreiche und er
zurückfliege Liebe allein kann ihn retten kann seinem Herzen den Geschmack an
Unschuld wiedergeben So komm denn doch holdes Mädchen Zeuch den Blick aus
seinem Auge der alle Sehkraft verschlingt und er wird ferner nicht
leichtfertig umhergaffen füll ihm die Seele mit der Wonne die keinen Zusatz
verträgt und sie wird  lauter werden dann reich ihm deine Lippen und er wird
schwören und wirds halten dass er alle seine Freuden allein von dir nehmen
will  O der Tage wo ich noch glaubte selbst berufen zu sein Dein Wesen
durch Liebe zu heiligen  Ich merkte bald meinen Irrtum aber das trennte mich
nicht von Dir Was schadete das meiner Liebe dass Du mich nicht ebenso lieben
konntest bloß für Dein Bild in meiner Seele hätt ich den Himmel gelassen Aber
es kam eine Stunde da fühlte ich dass ich wohl einst Dich würde verachten
müssen dass ich wohl einst würde aufhören müssen Dich zu lieben da floh ich
da suchte ich von mir zu retten was noch zu retten wäre  Ich sei von
Schwärmerei ich sei an der Einbildung gestorben wird es heißen  Nun ja 
Wenn nur Du auf mein Grab kommst Eduard mit dem Mädchen das ich Dir rief mit
dem Mädchen das Dein Wesen erneuern zu jeder Freude der Menschheit Deine Sinne
wieder rein stimmen soll Dann wirst Du immer nur eins das Köstlichste wollen
anekeln alles andre wirst dies Köstlichste Liebste mit Deiner ganzen Kraft
genießen und darum jeden Genuss des ähnlichen Geringern für Verlust achten 
Ja Eduard Du kommst auf mein Grab mit dem Mädchen und küssest ihm da den
himmlischen ewig neuen Kuss der Treue  komm nur bald
 
                                    Fußnoten
1 Da die fünf ersten von diesen interessanten Briefen deren ganze Sammlung mein
Freund der Herausgeber dem »T Merkur« zugedacht hat vielen unsrer Leser aus
der »Iris« schon bekannt sind so habe ich für billig erachtet den Raum den
diese fünf Briefe hier einnehmen bei den sechs Bogen die der »Merkur«
monatlich schuldig ist nicht in Anschlag zu bringen
                                                                              W
2 In der Allg d Bibl T 26 S 343
3 Die erste Poststation nach C
4 Ein Landgut der Frau von Steinach bei welcher Lenore und Klärchen von
Wallberg sich aufhielten Sie war ihre Tante und folglich auch Klerdon
anverwandt
5 Syllis Hündchen
6 Wenn ich nur einen von diesen sachtsinnigen Herren angetroffen hätte der
nicht unerträgliche Seiten an sich gehabt der nur halb soviel Nutzen gestiftet
halb soviel Freuden um sich verbreitet und alles um ihn herum nicht zweimal
soviel geschoren hätte als unser einer ich wollte nie ein Wort mehr von der
Sache reden Randglosse von Allwills eigener Hand