1788_Ehrmann_Amalie.html




        
                                Marianne Ehrmann
                                     Amalie
                       Eine wahre Geschichte in Briefen
                                        
                Von der Verfasserin der Philosophie eines Weibs
                                   Erster Band
                         Vorerrinnerung des Herausgebers
Feinheit der Gedanken und Leichtigkeit des Ausdruks zeichneten von jeher die
Schriften der Frauenzimmer aus welche sich zu Selbstdenkerinnen
emporgeschwungen hatten
    Auch diese Briefe tragen das Gepräge dieses karakteristischen Kennzeichens
an sich woran die Leser und Leserinnen der Geschichte Amaliens leicht das
Frauenzimmer erkennen werden das ihnen durch ihre so liebenswürdige Philosophie
schon allzuwol bekannt sein wird als dass ich nötig hätte meiner wenigen
Beredsamkeit aufzubieten um ihr Lobredner zu werden
    Das edle jedem Wohlwollen offene Herz der ausgebildete Verstand der
muntere kühne Wiz dieser Denkerin bedarf keiner Empfehlung an alle Die welche
Tugend und Geistesfähigkeiten zu schäzzen wissen aber Schade ist es dass bisher
die Talenten dieser liebenswürdigen Schriftstellerin nicht allgemeiner bekannt
geworden sind da doch so manches Frauenzimmer im lieben Deutschland auf den
Flügeln wohlwollender Freude zum Tempel des Ruhms emporgetragen wird welcher
vielleicht selbst vor der Höhe schwindelt
    Warum sollte es nicht Pflicht sein im Verborgenen schimmernde Talenten
hervor ans Licht zu ziehen damit auch Andre sich drob freuen sich daran laben
können  damit sie blühen diese verkannte Talenten und Früchten tragen mögen
zum Vorteile der Gesellschaft 
    Einen kleinen Teil dieser Pflicht glaube ich nach meinem wenigen Vermögen
zu erfüllen indem ich dem Publikum dies Werkchen vorlege dessen unverkennbare
Schönheiten das Zischen des Neides überstimmen werden der so selten den
Verdiensten eines denkenden Frauenzimmers Gerechtigkeit widerfahren lässt
    Es sind Briefe die eine im Grunde wahre Geschichte enthalten  Briefe in
welchen die feinsten Empfindungen mit den edelsten Grundsäzzen verwebt sind 
Briefe deren natürlicher ungeschminkter launigter Ton deren warmgefühlte
Ausdrükke und kühne vorurteilfreie Schreibart sich den Lesern ebensowohl
als das Interessante der Geschichte selbst empfehlen werden
    Treffende Schilderungen von Situazionen  tiefe Blikke ins menschliche Herz
 launigte Erzählungen  satirische Anmerkungen  kühne Ausfälle auf verjährte
Vorurteile wechseln mit der Sprache des Gefühls und der Leidenschaften ab die
mit ihren feinsten Schattirungen in diesen Briefen ausgemalt werden
    Unter die ersten Verdienste dieses Werkchens gehört auch die edle
Freimütigkeit mit welcher unsre Denkerin die Torheiten bekriegt und dem
verkappten Laster die Maske vom Gesichte reißt nicht in heiliges Dunkel
verhüllte Rechte tief eingewurzelter Vorurteile nicht Furcht vor dem Gekrächze
blödsinniger Dummköpfe hält sie ab die selbstgefühlte Wahrheit zu denken und zu
schreiben und jeder Denker wird mit innigem Vergnügen ein Werk lesen das bloß
ein Kind der Natur ist und als ein solches ohne künstlichen Wortprunk ohne
gesuchten Schmuk ohne Ziererei so geradehin sich jedem Freunde der Aufklärung
empfiehlt der den Kern nicht über der Schale vergessen und an pedantischen
Wortklaubereien hängen bleiben wird
    Wenn man schon gewöhnlich dem schönen Geschlechte das Denken untersagt weil
es Kopfweh machen soll so glaube ich doch meine Leser versichern zu dürfen dass
selbst Männer von geübterem Nachdenken bei der Größe der Gedanken und
Empfindungen dieser Schriftstellerin staunen und wenn ihre Eigenliebe es ihnen
schon verbietet ihre Früchte des Nachdenkens zu bewundern doch den stillen
Beifall nicht versagen werden
    Ich bin zu wenig von den Künsten gedungener Lohntrompeter unterrichtet als
dass ich es wagen wollte durch meinen Posaunenton das laute Jubelgeschrei zu
überstimmen womit so manche weniger denkende Frauenzimmer von gewissen Leuten
ausgeschrieen werden deren Stimme auch bei der besten Lunge doch am Ende
heischer wird
    Ich schweige  dies Werk mag seine Verfasserin selbst empfehlen und diese
Wirkung wird es auch bei jedem Freunde des Nachdenkens hervorbringen der
geborgten Wiz von dem eigentümlichen Gedankenschwunge einer Schriftstellerin zu
unterscheiden weis die ohne auf das Prädikat einer Gelehrten Anspruch zu
machen vielleicht weiter denkt als manche von hoher und tiefer Gelehrsamkeit
strozzende Dame
    Genug davon  Die Leser dieses Werks werden sicher mit mir darin
übereinstimmen dass es unverantwortlich wäre eine Schriftstellerin nicht
aufzumuntern deren erste Arbeiten uns noch so vieles für die Zukunft erwarten
lassen
    Aber freilich ist es das gewöhnliche Loos der Frauenzimmer die sich
erkühnen ihre Geistesprodukten dem Publikum vorzulegen dass man ihnen die Ehre
Verfasserinnen zu sein rauben will wenn ihre Arbeiten sich über das
Mittelmässige erheben und sie mit lautem Spotte belohnt wenn sie ihre Gedanken
nicht gerade nach der einmal üblichen Form gemodelt haben wenn ihre Schreibart
nicht eben so fehlerfrei ist als der Styl des Gelehrten der seine Jugendjahre
mit Silbenstechereien zugebracht hat
    Der Beifall der Denker wird der Verfasserin dieses Werks Reiz genug sein
auch fernerhin der Lesewelt ihre Arbeiten aufzutischen
    Mehr darf ich izt nicht sagen und ich glaube schon zu viel gesagt zu haben
als dass ich mich nicht gefasst machen sollte mich mit den Abgesandten des Neides
recht schriftstellerisch herumzubalgen die wohl nicht unterlassen werden auch
dies Werk mit ihrem Gifte zu besudeln
    Für alle Andere bedarf es keiner Empfehlung es empfiehlt sich selbst und
ich befürchte den Unwillen der Leser auf mich gezogen zu haben da ich sie durch
meine geschwäzzige Vorrede so lange von der Lektur des Werkes selbst abhielt
Im Dezember 1787
                                                                        T F E
 
                                    I Brief
                                Amalie an Fanny
                           Besste teuerste Freundin
Wenn Du jenes gutherzige Mädchen bist so öffne deinen Busen meinem Kummer Seit
einer Stunde  Gott im Himmel  Seit einer Stunde ist meine Mutter tot 
Diese teure für mich so gütige Freundin ist nicht mehr  O fühle wenn Du
kannst die Last dieses Schmerzens Aber Du kannst unmöglich das mit mir fühlen
denn Du verlorst keine Mutter keine Führerin keine Beschüzzerin wie ich O
Mutter Mutter Könnten Dich meine Tränen zurückrufen Könntest Du sehen wie
dieser Verlust in mir tobt wie er mir hineingreift in das Innerste meiner
Seele wie es mich drückt dieses Andenken wie es mich ängstigt meine Leiden
spannen sich auf den höchsten Grad der schwarzen Schwermut  O Fanny Sage mir
doch nie wieder dass Enthusiasmus die Menschen glücklich mache Matt und ohne
Tränen überdenke ich meine Lage finde nirgends Trost und außer deinem Busen
scheint mir alles hart und unbarmherzig Die Menschen sagen immer Luft müsse man
sich machen und seinen Brokken Elend wegseufzen  Gut wäre dies  für mich
besonders gut Aber sind doch die meisten Menschen zum wahren Anteil so
ungeschikt so hölzern  Doch Du meine Freundin bist keine von diesen Du
bist nicht von der Alltagsgattung dein Gefühl ist fein genug um mich zu
verstehen O ich erinnere mich noch recht gut wie sich deine Tränen mit den
meinigen mischten Und wenn ich dann gleichwohl diese Tränen unter stärkeren
Herzensstössen herausweinte so war mein Weinen doch nicht so bitter weil Du
mitweintest Wahrhaftig es rollt diesen Augenblick etwas feuchtes aufs Papier 
o Gott sei Dank es ist eine Träne Jetzt kommen sie diese Erleichterungen
meines schweren Herzens ich will sie zu tausenden wegschluchzen und dann sez
ich meinen Brief weiter fort  Um etwas ist es mir jetzt leichter doch freilich
ist dieses Etwas nur wenig Glaube mir Fanny auch bei kälterem Blute scheint
mir der Verlust meiner Mutter grässlich Alles erinnert mich augenbliklich daran
Die Leere in unsern Zimmern der Mangel meiner Mutter in allen Anlässen ihre
müßigen Kleidungsstükke  Gott Gott ich habe sie verloren sie kommt nicht
wieder meine innigstgeliebte Mutter Bis izt war ihr Tod für mich bloß ein
halbwahrer dumpfer Gedanke mein Gehirn war zu heiß um seiner Ursache
nachzudenken aber jetzt liebe Mutter erinnere ich mich dass Unglück und
Misvergnügen deine Mörder waren Die Blüte deiner Jahre ist doch ein zu teurer
Preis  Nicht wahr Fanny Du kennst die Güte meines Vaters Wehe uns armen
Kindern wenn sein verheirateter Bruder fortfährt auf den Sturz unsers Hauses
anzutragen Er ist ein verschwenderischer Heuchler und mein Vater ist zu gut
und zu leichtgläubig Welch eine gefährliche Gabe ist doch ein gutes Herz Wie
oft muss es sich tretten lassen und wie wenig bindet es sich an Erfahrung
Selten entwischt ein zu gutes Herz der Gefahr betrogen zu werden und wenn es
ihr entwischt so wirkt eigener Unwille kontrastmässig auf seinen Hang zur
verschwenderischen Guteit immer wird so ein Herz von Bösewichtern umgeben und
bezaubert und ehe sich der Betrug sonnenklar entwikkelt bleibt solch ein Herz
gewiss hartnäkkig gut Lebe wohl gutes liebes Mädchen und bedaure deine arme
                                                                         Amalie
 
                                   II Brief
                                Amalie an Fanny
                             Meine Besste Liebste
Weist Du es wohl dass der denkende Mensch weit mehr leidet als der
nichtdenkende Der letzte fühlt weiter nichts als den ersten Streich des Unglücks
aber der erstre den ganzen Wiederhall Die Grade unsres Gefühls misst unsre
Einbildungskraft ab und wo der Tiefsinn mehr oder minder wirkt da drükt er
mehr oder weniger  Enge Köpfe und steife Herzen sind arme aber ruhige
Geschenke Das ist nun richtig dass auch mit meiner Einbildung mein Kummer
wächst Jener unersättliche Oheim reißt unser Vermögen mit Riesenmacht ins
Verderben Vater dacht ich leztin deine Güte ist Verschwendung aber keine
lasterhafte Verschwendung möchte Dich der Himmel entschuldigen  Weiter würd
ich noch gedacht haben aber mein Herz war Wachs Tränen rollten gewaltig auf
meinen Busen  Nun Mädchen jetzt wirst Du ausrufen zu was all dein Jammern
Hast schon Recht Fanny Wenn nur die lokkende Hoffnung kein so elender Trost
wäre so möcht ich mich an diesen Pfad allein halten aber sich von dieser
Heuchlerin täuschen und so oft täuschen lassen das ist hart Nicht wahr
Liebe Glük und Unglück hat einen gewissen Lauf und wen das leztre schlägt der
hat Stärke nötig seine Streiche auszuhalten Denn es ist eine so hartnäkkige
Schlange die sich von einem Gliede zum andern windet überall den Elenden
verwundet und doch nicht tötet Wenn für mich eine so lange Reihe von Martern
bestimmt wäre   Wie ich mich doch so eigensinnig in die Zukunft drängen
möchte Das Hineingukken ist eine Plage die der melancholische Mensch überall
mit sich schleppt klein und rasch sind seine Erholungen aber anhaltend und
schwarz seine darauffolgende Leiden O Fanny mein Vater scheint gebeugt und
ich bin zu blöde um ihm seinen Kummer abzuzärteln Ich möchte ihm kein
Geständnis ablokken das ihm hart ankäme Ach Mutter  Warum bist Du hin für
uns alle hin Mädchen mir ahndet und meine Ahndung ist gewiss nicht ohne Grund
Mein Vater stekt in Schulden und die rohen Menschen gaben ihm nur wenige Wochen
Termin Kein Ausweg ist vorhanden keine nahe Rettung lässt sich blikken Gott
wir sind im Elend
                                                                         Amalie
 
                                   III Brief
                                Fanny an Amalie
                          Liebe unglückliche Freundin
Wenn es Mittel gäbe einen so tiefen Gram wie der deinige ist zu lindern dann
hätt ich Dich gewiss nicht so lange warten lassen was hätt ich Dir wohl mitten
in deinem Jammer sagen sollen Es gehört eine gewisse Kunst dazu Unglückliche zu
trösten und Du sagtest mir schon selbst dass ich hiezu sehr ungeschikt wäre
Ich habe Dich also im Innern bedauert und viele stille Tränen für Dich
verweint Wenn ich schon nicht wie Du alles exzessmässig fühle so fühle ich
doch gewiss tief sehr tief Tröste Dich besste Amalie tröste Dich über den
Verlust deiner Mutter überdenke das menschliche Schicksal und sieh zu ob
dieses Opfer nicht eine Folge der Menschlichkeit sei Wahr ist es die Natur
empört sich wenn ein so teurer Teil sich in Nichts verwandelt wenn es aber
so sein will so sein muss warum soll denn ein Mensch gegen eine unabänderliche
Bestimmung rasen Ja Freundin Enthusiasmus macht glücklich wenn er nicht
überstimmt wird und Du besonders liebes Kind Du räumst ihm nur im Tragischen
einen Platz ein deine Einbildung wird mehr dein Tirann als dein Wohltäter
Besstes Mädchen suche Dich gelassener zu stimmen vielleicht ist es noch Zeit
wenn Du anders deine Heftigkeit nicht schon zu stark gezögelt hast Und dann
meine Liebe wo ist dein Zutrauen auf die Vorsicht Willst Du nicht lernen groß
denken und im Elend sich fest an Den halten der die Tränen der Unglücklichen zu
belohnen weis an Den der uns retten kann wenn wir es verdienen gerettet zu
sein Dein Vater Du und deine Schwester sind bedaurungswürdig Es ist eine
grausame Gabe um ein gutes Herz es lässt sich so leicht bis zum Leichtsinn
heruntertäuschen Doch liebes Mädchen es ist einmal dein Vater ehre seine
Würde und beweine seine Handlungen Ich kenne dein Herz besste Amalie es ist so
edel gestimmt es schlägt so rein glaube deiner Freundin es kann nicht
unbelohnt bleiben  Nein es kann nicht Gutes Mädchen Wie edel ist nicht dein
Kummer über einen innerlichen Vorwurf deines Vaters Du duldest so viel und
bist doch noch so sanft so äußerst gutherzig Amalie Dein Gefühl hat einen
Wert der sich nicht bestimmen lässt weil es so selten unter Kindern zu finden
ist All dein Unglück muss Dich doch weniger drükken wenn Du denkst mein Herz
verehrt ihn dennoch Den  der mir das Leben gab Fahre fort Freundin so zu
handeln ich will Dich ewig verehren und nie aufhören zu sein deine teuerste
                                                                          Fanny
 
                                   IV Brief
                                    An Fanny
                                Teures Mädchen
Was mit uns vorgeht verdient aller Menschen Mitleid Mein Vater weint und
seine Tochter badet sich in seinen Tränen Die fühllosen Gläubiger Die
garstigen Menschen Ich weis es freilich schon dass die bestimmte Zeit vorbei
ist Man schreit um Geld und Freunde entfernen sich Welch ein Anblick  Wie
barbarisch muss der Vorwurf an meines Vaters Herzen nagen Seine Liebkosungen
gleichen einer freudigen Verzweiflung Er flieht mich zuweilen  Ja ja er
flieht Ha  Das schröklichste was er mir tun kann Du gütige sanfte Stimme
des Bluts häng dich an ihn reiss ihn mit Gewalt an den Busen seiner Tochter
hin lass es ihm nicht fühlen lass ihm seine Schuld nicht fühlen Man sagt mir
er würde seinen Aufenthalt ändern wenn es wahr wäre wenn er sich von seinem
Bruder losrisse wenn er es täte  O Gott leite sein Herz Wie gerne wie
warm wie zärtlich sollte er von mir seine Tage verlängern sehen Sein Alter
wäre für mich ein Heiligtum dass ich ohne Aufhören küssen und verehren würde
Mit der sorgfältigsten Aufmerksamkeit würde ich seiner pflegen dem
unbedeutendsten seiner Wünsche zuvorkommen um ihn der möglichsten Ruhe genießen
zu lassen Kein Elend dürfte sich zu unserer Oekonomie drängen ich würde eine
gute Hausmutter machen alles so mäßig einzurichten suchen als möglich nicht
prahlen und doch glücklich sein Sein gutes Herz würd ich geizig an mich ziehen
und sein Bruder sollt und könnt es sodann nicht weiter aussaugen Ich würde ihn
aufzuraffen suchen und mitten im mutwilligsten Scherze wollt ich ihm
Freudentränen ablokken ihm um den Hals fallen und sagen Vater wir sind so
glücklich   Wie gefällt Dir mein Ideal meinst Du wohl dass es wahr werden
könnte Du glaubst nicht was ich mir oft für himmlische Situazionen zu schaffen
weis O wenn doch nur einige wahr würden Wie leicht lies sich hernach aller
Gram wegdenken Lebe wohl und sei meiner Zärtlichkeit gewiss
                                                                         Amalie
 
                                    V Brief
                                    An Fanny
Liebe gute Fanny unsre Abreise ist nach Verfluss einiger Tage festgesezt Freue
Dich Das ist nun seit zwei Jahren der erste Brief den ich Dir mit leichtem
Herzen schreibe Mein Gefühl ist also der Freude noch offen Aber wenn mein
Ausschnaufen nur ein Anschein von Erholung wäre und wenn sich alles das bald
wieder ins Trübe zöge Unglückliche sind doch gegen alles mistrauisch  Mein
Vater überließ einen Teil seiner Güter den Gläubigern und der Überrest ist
für seine noch übrigen Tage bestimmt Klein und rasch ist diese Erholung Doch
wenn er sich von diesem Wuste losreisst so kann uns kein hülfloses Elend drohen
Glüklicher Entschluss der Himmel hat dich gezeugt Jetzt scheint mir der gute
Mann nicht mehr so finster seine Zärtlichkeit wirkt übernatürlich auf mein
Herz Er zürnt nicht mehr und fährt mich auch nicht mehr so hizig an Wenn
schon mein ganzes Wesen ihm zu lebhaft scheint so lächelt er und zankt nicht
Mich dünkt es als ob er sich über meine Haspelei freute und wenn ich mich
nicht irre so sieht er meine Lebhaftigkeit für eine gute Grundlage an Mehrmal
nennt er mich einen kleinen Husar und ich säume gar nicht diesen Namen zu
verdienen Zu Dir im Vertrauen Oft dacht ich bei mir selbst ein wakrer Junge
möchte ich gar zu gerne sein Das ist ein Wunsch den ich beständig im Kopf
herumjage und dessen Grund ich kaum angeben kann Wenn ich mich oft so selber
frage warum dann bleibt meine Antwort über dem Zwang unsres Geschlechts
stehen Kann etwas Unbemerkteres auf der Welt sein als ein Weibergeschöpf und
gibt es was Elenderes wenn sie zu stark bemerkt wird Sind wir nicht ein
wahres Schlachtopfer eines gewissen Vorurteils und ist dieses Vorurteil bei
unsrer Erziehung nicht nötig um unsre Eitelkeit zu schrökken und der Männer
Herrschsucht ihr Opfer zu bringen Das ist doch allerliebst Was uns zum Laster
angerechnet wird das ziert ihre Freiheit und wenn es ihnen gleichwohl keinen
Ruhm macht so bestraft oder beschnarcht sie doch Niemand darüber am wenigsten
aber sie sich selber untereinander Sie reizen uns zu Fehltritten wir geben
ihnen Gehör und wenn es alsdann fehlschlägt so fällt die ganze Last nur auf
uns Sie nennen uns schwach und wir sind doch in gewissen Fällen weit stärker
als sie Überhaupt finde ich sie in vielen Stükken äußerst ungerecht und gäbe
es unter uns nicht so viele leere hirnlose Puppen ich würde die erste Rebellin
werden alle andere zur gesunden Vernunft aufzuhezzen Dass man uns so fad
erzieht und dass sich so wenige von uns auszeichnen und zu regieren wissen das
mag wohl die Ursache eines so strengen Gesezzes sein und da haben die Männer
Recht Denn dumme Weiber sind oft aus Notwendigkeit tugendhaft und gescheide
Weiber schweifen aus Eitelkeit aus Bei einem andern Anlass ein Mehreres über
diesen Punkt Gute Nacht Liebe
                                                                         Amalie
 
                                   VI Brief
                                   An Amalie
Lose Freundin schon wieder kein Mittelweg Wie reimen sich wohl deine leztern
Briefe mit den übrigen  Meine Lage ist anders also auch andere Briefe wirst
Du sagen Ja ja Aber lauter lauter Extreme in allen Sachen Doch um deine
Briefe zu beantworten Dein Vater hat also seinen Wohnort geändert Nu das mag
gut gehen nur wünscht ich dass er recht weit wegzöge Doch was nüzt mein
Wunsch Es wird doch gehen wie es gehen muss und wir Menschen wissen meistens
zum Voraus dass wir für Nichts wünschen und doch wünschen wir Er mag schon
Recht haben dass in Dir zu viel Feur braust Mädchen Mädchen sieh zu und mach
es mir nach sonst wirst Du bald stürmischer als ein junger Bursche und Du
weißt wie gram die meisten Geschöpfe bei unsrer Zeit einer Amazonin sind 
Kleine Närrin wie kommst Du auf den Einfall ich möchte ein Junge sein Glaubst
Du wohl dass die Männer so gar vielen Vorzug vor uns haben Du hast Recht sie
können freier handeln als wir aber im Gegenteil setzen sie sich auch mehreren
Zufällen aus Ihr Leben steht bei ihnen beständig auf der Waagschale ein
Streit ein Krieg  und weg ist es Es ist nun einmal so eingeführt dass wir auf
dieser Weltbühne als zerschiedene Geschöpfe agiren müssen Kann es wohl anders
sein Man legt uns Zwang an aber es gibt würdige Weiber für die kein Zwang
bestimmt ist Zwang ist nur für armselige blöde widerspenstige Weiber die
sich an Kleinigkeiten binden und große Pflichten verabsäumen weil sie in allen
Stükken aus Dummheit maschinenmässig nachhandeln müssen Ein ungebildetes Weib ist
das schlimmste Geschöpf auf Erden ein Ding dass der Menschheit zur Last
herumwandelt ein Geschöpf voll Eigensinn und Hochmut eine Kreatur die alles
was um sie ist fast zu Tode martert Wenn ein Weib boshaft ist so ist sie es
in einem Grade wozu kein Mann gelangen kann Siehst Du Freundin so ist unser
Geschlecht bestellt Glaubst Du also wohl dass solche Geschöpfe keinen Zwang
nötig haben Was würde wohl aus einer menschlichen Gesellschaft werden wenn
man einen solchen Haufen denn auszeichnen tun sich nicht viele wenn man sie
nach ihrer blöden Einsicht und ihrer Dummheit angemessen handeln ließe  Meine
Amalie es ist so schon recht bleib du immer ein Mädchen kannst dessentwegen
doch männlich denken Lebe wohl und schlafe wohl
                                                                          Fanny
 
                                   VII Brief
                                    An Fanny
Das Abschiednehmen ist doch eine unnüzze aber traurige Sache Liebe hat bis
daher von mir noch keinen Tribut gefodert aber ebendeswegen weil sie mich so
lange durchschlüpfen lies schnürt sie mich jetzt bis zur Tirannei Wenn ich nur
in diesem Fache mich zu mäßigen wüsste Aber es reißt so gewaltig an meinem
Herzen und drükt so stark in meinem Kopfe dass ich selbst nicht weis ob es mich
zum Weinen oder zum Seufzen zwingen will Wenn ich so nacheinander meine Wünsche
untersuche dann gehen sie wie Lauffeuer straks zu Dem hin der mir gefällt und
wenn sie dort sind  diese Wünsche und ich mit ihnen dann ist es mir wohl 
Du glaubst es nicht Besste das ist ein so namenloser Hang den ich nicht
Laster aber auch nicht Tugend nennen kann Jetzt wieder auf das Abschiednehmen
 Ich stehe mit einem Jungen in Bekanntschaft ich möchte mich gerne bereden
dass er mir gut wäre aber gegen meine Zärtlichkeit gegen meine Wärme ist es
ausgemacht ist er ein wahrer Hakstok Ich versuche alles um ihn recht oft zu
sehen aber so zornig bin ich wenn ich mich an den verzweifelten Kontrast
seiner Kaltblütigkeit erinnere Warum fühlt er nicht auch meine Unruhe Warum
ist er nicht auch eifersüchtig wenn andere Herrchen mich reizend finden Seine
Seele ist so gedankenlos so einbildungsleer wenn ich so im Taumel von
Zufriedenheit recht unschuldig und doch wie Glut an seiner Seite sizze Ich
sollte also fortfahren ihn zu lieben Mich quält es ja doch und ich finde kein
wahres Mitleid  Halt Amalie wirst Du denken Du fiengst deinen Brief mit
Abschiednehmen an und nun ist Liebe dein Thema Vielleicht hast du Recht aber
wer plaudert denn nicht gerne von Liebe besonders wem sie noch so fremd ist 
Alle Alle müssen opfern nur ist diese Einbildung ohne Ende so verschieden
Gestern um diese Stunde sah ich ihn das leztemal ich weinte eins zwei drei
Tränchen und er  er zupfte indessen an seinen Manschetten Pfui pfui dacht
ich meine Zärtlichkeit ist übel angerannt  Adieu Monsieur und husch zur Tür
hinaus Ich schreibe Dir bald wieder Lebe wohl 
                                                                         Amalie
 
                                  VIII Brief
                                   An Amalie
Nicht wahr liebes Mädchen wie sich meine Laune Troz meinem Flegma nach der
deinigen stimmt da ich sonst jeden deiner Briefe nicht so geschwind
beantwortete Aber nun siehst Du dass ich Dir schon zum zweiten Male keine
Antwort schuldig bleibe Freilich ist das Abschiednehmen eine unnüzze Sache und
ein Zeremoniel wider welches alle empfindsame Herzen protestiren sollten Doch
zu was Wichtigerm Gott helfe Dir Du dauerst mich denn Liebe ist für ein Herz
wie das deinige eine gefährliche Sache Ich erschrak als ich die Ausdrükke
die Dir deine erhitzte Einbildungskraft eingab überlas Mädchen Du hast viele
Anlagen zu einer unglücklichen Schwärmerin Wenn ich Dir raten darf so schränke
deine Einbildungskraft mehr ein wenn sie Dir so feurig von Liebe
vorschmeichelt und tust Du das nicht so glaube mir Du wirst gewiss noch
elend Sei nicht böse über meine Einwendung ich kenne Dich und nie würde ich
Dir so nahereden wenn ich nicht wüsste dass dein zukünftiges Loos aus Träumen
bestehen könnte Wahr ist es jetzt lachest jetzt tändelst Du noch deine Seele
ist nur obenhin berührt Leichtsinn und Unerfahrenheit lassen Dir und deinem
Kopfe nicht so vielen Raum übrig um Dich unzufrieden und taub zu machen
Findest Du aber einmal Den der sich in dein Herz schleicht Den worauf sich
dein Eigensinn steif angeheftet hat dann magst Du Acht haben was aus Dir
werden wird Du bist keine gemeine Seele die ohne Kopf lieben wird deine
Eigenliebe wird sich stark ins Spiel mischen Du wirst Gegenliebe fodern und
vielleicht von einem Menschen den der Zufall zu ungeschikt geschaffen hat um
deine Eitelkeit zu nähren Das wird Dich aufbringen und doch wenn Du
vielleicht schon zu stark hingerissen bist so wirst Du leiden und dennoch mit
Dem nicht brechen der Dich von der Weiber Lieblingsseite zu küzzeln weis Nun
wird sich noch Eifersucht Furcht Wünsche und was weis ich alles dazu
gesellen dann merk auf wie Dirs um das Herz sein wird  Du wirst Dir Ideale
in deinem Liebling schaffen und findest Du Dich in etwas getäuscht so wirst Du
murren und üble Laune bekommen Dein Stolz wird sich empören Du wirst keinen
Anbeter nach deinen Schimären stimmen wollen widerspricht er Dir so wirst Du
toll werden dann wird es Zank absetzen und nach diesem Maulhenkerei und nach
diesem Tränen Schwermut und so kann es sich leicht fügen dass Du Dich
schlaflose Nächte hindurch mit deiner Todfeindin mit der Liebe herumbalgest
Morgen sag ich Dir noch mehr magst sauer oder süß drein sehen musst es doch
wissen Lebe wohl
                                                                          Fanny
 
                                   IX Brief
                                    An Fanny
Teure Fanny Wir kamen in W glücklich an Der Graf empfing uns sehr gut Mein
Vater ist jetzt heiterer als jemals Die Reise und das Lossein von seinem Bruder
machten ihn munter Meine Hausgeschäfte sind häufig alles liegt mir jetzt auf
dem Halse Doch Kleinigkeiten für ein williges Mädchen Mein Schwesterchen
wächst recht artig heran sie ist der Liebling meines Vaters und da er mir
nebst dem auch noch ziemlich wohl will so kann ich die häufigen Liebkosungen an
sie leicht ertragen  Nun für Dich ein Reisehistörchen Wir kamen in F
Abends in einer ehrbaren sauberen Schenke an ein halbreifer Junge empfing uns
an der Treppe Mein Vater hatte Louisen an der Hand und ging der Stube zu ich
hintendrein und das an der Seite besagten Kerlchens Seine emsige Bedienung
sein Mademoiselle schaffen sie nicht machten mich lachen Mein Vater merkte
den Eifer dieses Jungen nicht weil er sich eben mit Fremden in ein Gespräch
eingelassen hatte aber stelle Dir nur vor Der Flegel machte sich dieser
Gelegenheit zu Nuzze und wich nie von meiner Seite Er tat sein Möglichstes
aber mit dem half es bei mir nichts Halte mich ja nicht etwa für spröde aber
lies zuvor die Schilderung dieser drolligten Kreatur Ein junger müßiger Held
mit glattem Kinn ohne Gehirn kraftlos und ungeschikt in seinen Ausdrükken und
im Hut verliebt wie eine Kazze Du weist dass ich der Liebe gar nicht feind bin
aber da hieß es Mein Herr Sie sind zu gütig  ich wünschte Ihnen eben so
viele Vorsicht  und so weiter Aber Mademoiselle können sie mir verdenken
wenn ich in Sie rasend verliebt bin  Ich könnte unmöglich rasende Leute
entschuldigen  So haben sie denn kein Herz O ja sagte ich und das ein recht
zärtliches Nun wenn das so ist warum denn jetzt fiel ich ihm in die Rede Das
Warum und das Darum sind keine Sachen für Sie  Sie wollen also meine Pein Sie
wollen dass ich  Hier haben Sie mein Riechfläschchen wenn Sie es nicht mehr
ausstehen können Lose Schöne schrie er aus wie schalkhaft sind Sie nicht und
Sie mein Herr wie unerträglich sind Sie nicht Ich ich  fragte er betroffen
bin doch gegen Sie mit keinem zweideutigen Worte aufgetretten Das hätten sie
noch wagen sollen um ganz ihre Schwäche von einem Mädchen bestrafen zu lassen 
O diese Strafe wäre ja süß Noch hatte er den halben Gedanken im Munde als der
Papa rief Amalie nimm deine Schwester bei der Hand wir gehen zu Bette Und
das taten wir auch schliefen so ziemlich wohl stunden wieder früh auf und
nun giengs weiter nach W zu  Bleibe mir gut Besste Du weist wie sehr ich
bin
                                                                   Deine Amalie
 
                                    X Brief
                                   An Amalie
Vermutlich musst Du meine Liebe deinen letzten Brief den ich Dir heute auch
beantworten werde abgeschikt haben ehe Du meine leztre Antwort erhieltest Ich
sagte Dir rund heraus wie es Dir gehen könnte wenn Du Dich einmal im Ernste
vergaftest Freilich kannst Du mir entgegenschreien Freundin nicht Allen muss
es so gehen Lass sehen armes Kind was Du allenfalls einzuwenden hast O schon
höre ich Dich widersprechen Wenn ich liebe so werde ich aus Simpatie und
nicht aus Eigensinn lieben Gut meine Besste muss ich Dir sagen können wir uns
nicht täuschen Glaubt nicht oft ein entusiastischer Kopf dass er da oder dort
Simpatie erhascht habe Lass ihn nur wieder kälter werden diesen Kopf lass ihn
seinen Abgott den er sich nach seiner ganzen glühenden Hizze so schuf wie es
ihm gefiel noch einmal lass ihn denselben mit kaltem Blute und kritischer
Menschenkenntnis untersuchen dann gib Acht ob es noch Simpatie ist Glaubst
du denn dass die Menschen so leicht und so oft simpatisiren Ist nicht der
größte Menschenteil so sehr verdorben dass man unter einer großen Zahl
Geschöpfe wenige wahre Menschen findet und wird nicht ein gutes gefühlvolles
Herz zehnmal betrogen ehe es das Glük hat eine andere gute Seele zu finden Es
gibt gleichdenkende Menschen aber selten oder nie findet man sie Sei
mistrauisch liebes Mädchen ich bitte Dich wenn Du dein Herz keinen
Mishandlungen aussetzen willst Ich mag Dir nun keine Silbe mehr weiter zureden
Du möchtest sonst Ekkel bekommen und das mag ich nicht also zu deiner
Reisebeschreibung Du bist ein näkkisches Ding Wenn Du deine Avanturen alle so
komisch behandeln könntest dann würde ich weniger Sorge haben aber nicht
allemal wird deine Kritik über deine Neigung siegen so lang dein Herz noch
gesund bleibt und deine Einbildung nicht verstimmt wird so hast Du nichts zu
fürchten wenn Dich aber einmal wizzige galante schöne Herrchens statt solchen
halbreifen Jungen verfolgen werden wie wird es dann aussehen Es gibt Männer
die unser Geschlecht so gut kennen und die uns tändelnd zur Liebe zu reizen
wissen Du bist offenherzig und empfindsam Du hast Menschen gesehen aber sie
nicht studiert und was braucht es mehr um deine Leichtglaubigkeit zu täuschen
Der Himmel bewahre Dich vor solchen Ruhestörern Sei aufrichtig gegen mich und
Du wirst finden dass Dich niemand mehr liebt als deine
                                                                          Fanny
 
                                   XI Brief
                                    An Fanny
Besste Ich möchte Dir von uns Neuigkeiten sagen und weis doch keine Bisher
geht alles im alten Trabe fort und außer deiner Amalie gibts in unserm Hause
nichts Abenteuerliches Du kennst ja meinen Oheim in K er ist ein
seelenguter Mann Von ihm erhielt ich zwei schöne Kopfzeuge die mir aber mein
Vater recht sehr verbitterte Ihm will die alte Mode durchaus nicht aus dem
Kopfe und ich habe mich ganz in die neue vergaft Wir Mädchen haben ja unsern
besonderen Abgott ich kann eben nicht sagen dass ich ihm eigensinnig durchaus
alles opfern will aber eitel bin ich doch wie wir alle sind Die Männer sind
es mit einem gelindern Überzug und wir sind es in Kindereien Wenn doch dieser
Vater nur suchte meine Eitelkeit mit gelindern Mitteln zu bändigen Aber so
raschweg alles was nicht erst grossmuttermässig aussieht zu verbieten das
schmerzt Vorhin ging ich nie so oft zum Spiegel aber seit mein Vater mir es
so macht bespiegle ich meine altfränkische Haube so oft und sinne auf Alles
um ihn zu bewegen dass er mich einen andern Puz tragen lässt Mein Oheim weis
auch schon dass eine ziemliche Porzion Eitelkeit in mir stekt aber er zankt
nicht in seinen Briefen er lärmt nicht vielmehr sucht er sie auf Nachahmung
und Ehrgeiz festzusetzen und wenn ich mein Herz recht untersuche so ist es
mehr auf das Ernstafte Nüzliche als auf das Lächerliche angewandt Es wird
sich zeigen  Wenn Du meine Liebe wissen könntest was für eine Menge
avantürische Hoffnungen mir durch den Kopf kreuzen Du würdest lachen Sollten
das wohl Ahndungen von einer besonderen Zukunft sein Das wollen wir uns von
heute in acht Jahren sagen können Noch Eins Ich bin eben so faul nicht wie Du
Dir vorstellest meine Tagesordnung scheint mir doch so ziemlich wohl
eingerichtet und vollständig Aufstehen und ankleiden in die Kirche gehen und
nach diesem hurtig im Hause herumhüpfen und anordnen so wird es Abend ehe ich
mir es versehe Dann heißt es meinem Vater vorlesen eins mit ihm in Karten
spielen hernach auf mein Zimmer noch eins lesen und ins Bett Du kennst ja
den jungen B den mein Vater vor zwei Jahren nach Mainz schikte Er bildet
sich treflich und schreibt wakkere Briefe Und wenn er ja gleichwohl ein Kind
von jenem vielgeliebten Bruder meines Vaters ist so zeichnet er sich doch aus
Mein Vater liebt ihn unaussprechlich ich bin ihm auch recht gut und da meine
Brüder tot sind so wünsch ich einen Ersaz in ihm Wie lebst denn Du Steht es
gut um deine Gesundheit  Bist du noch immer so flegmatisch Wie glücklich bist
Du nicht mit deinem ruhigen Temperament Ich liebe Dich gewiss feurig glaube es
deiner
                                                                         Amalie
 
                                   XII Brief
                                    An Fanny
Gutes Mädchen So hat doch nichts eine Dauer Schon wiederum Auftritte die mein
Vater mit mir durchlebte und nun laufen Nachrichten ein die uns schon wieder
drohen Mir scheint es natürlich was man sagt Stelle Dir nur einen Mann vor
wie sein Bruder ist der durch üble Kinderzucht alles in Abgrund liefert einen
Mann der auf der Haut meines Vaters ruhig forttrommelte und nun fehlt ihm
Lezteres er ist bloß sich selbst und der Verschwendung seiner Kinder
überlassen Der Aufwand ist gros die Stüzze ist weg also wohin wo aus Das
mag die Vorsicht wissen ich nicht Himmel wenn dieser Bruder uns samt seinem
Anhang wieder  Nein ich mag es nicht ausdenken Wie eine solche Last sollte
uns wieder aufs neue drükken Klein ist jetzt unser Aufwand aber doch
hinlänglich Ja weis Gott wenn er größer würde so wäre bitteres Elend unser
Ziel O Freundin wir sollten darben Kennst Du was Grausamers Es schrekt mich
der blose Anblick wenn ich Andere in solch einer bedaurungswürdigen Lage sehe
wie schwer würde mich erst die Erfahrung selbst drükken Der Philosoph schränkt
seine Wünsche ein aber was Natur und Gesellschaft fodert an das wird er sich
doch nicht wagen Seitdem wir Menschen so viele Bedürfnisse haben seitdem sind
wir auch unglücklicher Es ist ja Alles so unregelmäßig ausgeteilt der Schurke
ist reich und der Rechtschaffene arm und doch reich aber nur in seinem Herzen
Der Mensch muss dem Interesse nachjagen weil er dazu gezwungen wird Meinetwegen
möchte man Alles versuchen um ehrlicher Weise Geld zu gewinnen wenn nur die
Menschen es wieder für andere Menschen verwendeten aber wer hat mehr Geld als
viele Menschen und wer ist harterziger als eben diese Höre doch noch was
Mein Vetter in Mainz schreibt mir vieles artiges Zeugs Der Lose wie er meiner
Eitelkeit küzzelt er nennt mich ein erhabnes Mädchen er schwört mir Liebe
Freundschaft und Treue zu Was meinst Du wohl Sind denn die Männer so gutherzig
wie wir Dies Geschlecht ist noch für mich ein Rätsel Möchte es immer eins
bleiben aber ich zweifle Mein Gefühl wächst und ich wünsche mir bald ein
solches Untier Mein Herz mein Enthusiasmus Alles in mir ist zum Lieben
geschaffen Oft wenn ich einsam bin fühle ich mich so leer so öde überdies
so wünschvoll und Tränen sind gemeiniglich das Ende meiner Schwärmerei Wie
nötig hätte ich jetzt den Rat meiner Mutter Aber ach Freundin  Du musst sie
sein nicht wahr Du willst
                                                                         Amalie
 
                                  XIII Brief
                                    An Fanny
Dass doch meine Ahndungen fast immer eintreffen müssen Begreife wenn Du kannst
liebes Mädchen meinen wirklichen Zustand Vor wenigen Wochen kam der Bruder
meines Vaters mit acht Kindern hier an mein Vater vergaß bei diesem Anblikke
Folgen und Zukunft nahm sie auf und nun ist unser Schicksal gänzlich in des
Himmels Händen Ja Freundin wäre auch diese Last unsern ökonomischen Umständen
angemessen so würde doch eine solche pöbelhafte Gesellschaft für mich
Zuchtausstrafe sein Fünf Mädchen und drei Buben lauter grobe boshafte
Kinder die kurzweg Kontraste von meiner Erziehung sind Kreaturen die zur
Plage andrer guten Menschen in der Gesellschaft herumirren Geschöpfe die ohne
Grundsäzze erzogen wurden und im Unflate aufwachsen Mancher Plage kann man
wenn man sie vorsieht ausweichen aber dummen bösen Menschen die täglich um
uns sind wie ist es möglich diesen auszuweichen Ach Fanny wie bitter ist doch
die Jugend deiner Amalie Mein Leben besteht aus zu manchfaltigem Verdruss als
dass in mir nicht verschiedene Wünsche entstehen sollten Ich liebe meinen Vater
aber ich würde seine Kniee weit feuriger umfassen wenn er sich von den
Unwürdigen loszureißen suchte aber sein gutes Herz lässt ihn nicht geduldig
stürzt er sich in sein eigenes Verderben und ist ungehalten wenn ihn seine
Tochter deswegen ahndet So ganz von Gram übertäubt fiel mir leztin ein weg 
weit weg von diesem Hause  Undankbare Deinen Vater kannst du verlassen 
Gott kennt mein Herz es ist nicht Undank es ist eine volle Seele die alles
dieses nicht länger erträgt Überdenke nur Freundin wie gräslich mir alle die
Ausschweifungen alle die unsinnigen Schwärmereien meiner Vettern und Basen
auffallen müssen Keine Ordnung keine Ehre keine Tugend lässt sich in der
geringsten Handlung blikken Meinem Vater selbst muss es heimlich über diese
zügellose Kinder ekkeln Unser Haus gleicht einem Zuchtause in dem man alle
Gattungen von Gebrechen antrift nur bin ich unter diesen Tollen am meisten zu
bedauern denn ich muss das werden aus Gram was die andern aus Leichtsinn sind
Wahrhaftig meine Besste ich fühle mich ganz am Rande des Trostes Ich ehre die
Vorsicht aber wenn der Mensch sich selbst gedankenlos stürzt dann verdient er
ja diese Vorsicht nicht Und was tut denn mein Vater anders als aus seinen
Kindern Elend zögeln Meinem Oheim zu K werde ich schreiben der soll reden
der muss reden sonst ist er mein Oheim nicht Schlafe wohl Es schlägt zwei Uhr
und noch versagt mir die Natur ihren Zoll
                                                                         Amalie
 
                                   XIV Brief
                                   An Amalie
Liebe Freundin Dein Schicksal ist wirklich wider Dich und besonders in Rüksicht
deiner wirklichen Lage Schon freute ich mich über deine Ruhe schon dachte ich
es wird besser werden denn sie sind fort von Dem der sie zu Grunde richten
wollte O Freundin wie oft täuschen wir Menschen uns doch und freuen uns über
ein Nichts Das ist gerade der Fall wenn ich auf Dich zurücksehe ich möchte
Dich so gerne gründlich trösten aber finde ich wohl hinlänglichen Trost um
Dich zu beruhigen Ich will tun was mir möglich ist Wahr ist es das
ungeschliffene Betragen deiner Basen ist und muss für Dich auffallend sein Denn
deine Bildung und ihre Ungezogenheit sind zu starke Widersprüche als dass Du
dadurch nicht solltest gekränkt werden Doch was ist zu tun Aendern wirst und
kannst Du sie nicht dulde sie so lange es dein Schicksal fodert beruhige Dich
mit einem edlen Stolz der Dich weit über sie wegsetzen muss Es gibt Geschöpfe
in der Welt die man nicht einmal einer Verachtung würdiget und Verachtung ist
doch der letzte Grad mit dem man einen Beleidiger strafen kann Deine Basen
verdienen Mitleid aber ihre Eltern verdienen Verachtung denn ihr Betragen ist
eine blose Folge ihrer Erziehung Strafbar sind jene Eltern die ein so
wichtiges Werk versäumen wovon unser ganzes Leben abhängt aber noch
unglücklicher sind ihre Kinder wenn sie ein Opfer der dummen Nachlässigkeit ihrer
Eltern werden müssen Dein Vater ist sehr bedaurungswürdig und ihr armen Kinder
seid es mit ihm Siehst du Freundin dass zu gut nicht gut ist Ein allzu guter
Mensch ohne Überlegung gleicht einem trägen Insekte das sich aus Schlafsucht
tretten lässt ohne seinen Untergang zu fühlen Nie muss man über Andern sich
selbst vergessen Die Menschheit selbst bürdet uns keine Pflicht auf wenn sie
auf Unkosten unsers eigenen Wohls geht Es gibt auch blöde Menschen die man
für gut ausgibt und im Grunde sind sie es nicht Ihre Wohltaten verschwenden
sie mehr aus Schwachheit als aus überzeugter Güte Jede Wohltat muss ihren
Endzwek haben aber bei solchen Menschen kann sie keinen haben weil sie sie
ohne Vernunft so oft unwürdig verschwenden Das ist wirklich der Zustand deines
Vaters er macht sich und seine Kinder elend tut Gutes aus Unbesonnenheit und
nährt das Laster weil es über seine Schwachheit siegt Traue auf Den der die
Quelle deines Kummers einsehen muss Ich bin zu sehr über deinen Gram gerührt
als dass ich Dir mehr sagen könnte Schreibe mir bald wieder nie soll es an mir
fehlen Dir ewig zu sagen dass ich Dich mit Tränen in den Augen heute verlasse
Lebe wohl Amalie
                                                                          Fanny
 
                                   XV Brief
                                    An Fanny
Ich schrieb Dir lange nicht Besste und würde es jetzt noch nicht tun wenn Du
nicht ein so gutes Geschöpf wärest Es muss Dir ja über meinen Ton ekkeln doch
nur mein Schicksal und deine Güte sind Anlas zu meinen Klagen Ich könnte es
nicht allein ertragen wenn ich es auch nicht mitteilen dürfte Oft weine ich
so in einem Winkel und umfasse eine Säule oder einen Fensterstok und bilde mir
ein er nehme Anteil an meinen Leiden Könnten wir uns nicht mitteilen wir
wären weit unglücklicher das ist so etwas worin wir fühlen wie gut unser
Schöpfer ist Stelle Dir nur vor liebe Freundin ein neuer Mischmasch von
Unordnungen nimmt jeden Tag in unserm Hause seinen Anfang und endet nicht eher
bis diese Kreaturen sich genug herumgebalgt haben Ihre Spötteleien ihre
Bosheiten ihre Tollheiten sind mir unerträglich sind Sachen worüber ich den
Verstand verlieren möchte Selbst mein Vater ihr Wohltäter dient öfters zum
Gegenstand ihrer Ungezogenheit kurz wo ich nur immer hinsehe sehe ich nichts
als garstige unflätige Herzen Kinder die im Zorne Gottes müssen geschaffen
sein wie schröklich bange ist mir für meine arme Schwester Gott im Himmel was
könnte wohl aus einem so zarten Kinde bei einem solchen Beispiele werden Das
Mädchen muss um sie sein ich kann es nicht ändern O könnte ich das Fanny
könnte ich das heute noch würde ich sie mir alle vom Halse schaffen aber Du
weißt es Freundin ich kann es nicht gar nicht denn mein Vater verbot mir die
geringste Anmerkung über diesen Punkt und drohte mir dabei so fürchterlich dass
ich es nun nicht mehr wage meine Tränen an seinem Busen zu verweinen Auch
dieser Trost ist für mich nicht mehr ich zittre jetzt mehr als je vor seinen
Blikken und verberge meinen Kummer der so tief in meiner Seele herumschleicht
Glaube mir Freundin jetzt schon fangen wir alle an die Folgen einer solchen
Last zu fühlen denn es geht so abgekürzt in unsrer Oekonomie zu als ob sie
schon an Mangel gränzte Mein Vater sucht es zu verbergen aber für mich nüzzen
solche Kunstgriffe nichts denn ich allein vor allen Andern überrechne unsre
Ausgaben und jammere gewiss nicht um des blosen Schattens willen Könnte mein
Gram uns retten so hättest Du meine Liebe heute gewiss den letzten Abriss unsers
Elends Lebe wohl Denke doch an deine
                                                                         Amalie
 
                                   XVI Brief
                                    An Fanny
Liebe Fanny Siehe doch wie geschwind das Menschenschiksal sich ändert Du
weißt wie sehr ich mich hinwegsehnte und schon heute erhältst Du diesen Brief
aus meiner Vaterstadt Geschäfte die Niemand anders besorgen konnte bestimmen
mich hieher Meinen Vater verlies ich unter tausend Tränen und ohne seinen
Willen wäre ich gewiss nicht fort Er selbst fand es nötig ich sah es auch ein
und so reiste ich in Gesellschaft seines Bruders und eines seiner Söhnen ab
Müde bin ich noch ziemlich denn wir mussten die Reise aus Geldmangel zu Fuße
machen Es war ein kleiner Spaziergang von dreißig Meilen schlechter Weg und
eine harterzige Gesellschaft dazu Das Leztere besonders fiel mir schwer sehr
schwer auch mein Herz empfand eine solche Demütigung aber dennoch überhüpfte
meine Jugend diese Epoche mit einer Art von Leichtigkeit Meine Begleiter waren
wie gesagt harterzig und unartig oft verdoppelten sie ihre Schritte ließ
mich stundenlang in den fürchterlichen Gegenden zurück und dann musste ich sie
atemlos einholen Ja Freundin so muss ich mein Schicksal nachschleppen Ich
gewöhne mich nach und nach an verschiedene Arten von Unbequemlichkeiten und
lerne recht fleißig Sachen ertragen die nur für Unglückliche bestimmt sind zum
Glükke dass mein Körper dauerhaft ist sonst müsste ein Mädchen von meinem Alter
gewiss unterliegen Tausend Dank meiner Mutter dass sie mich ohne Weibersucht
erzog Wenn mich auf dieser Reise meine Einbildung gemartert hätte wenn ich
über ein rohes Lüftchen über eine Erhizzung einen Jammer aus Gewohnheit
andern Leuten zur Last angestimmt hätte da Fanny wäre es mir gewiss übel
ergangen aber geduldig wie ein Schulfrazze mussten mich meine Beine
fortschleppen fort hieß es und so kamen wir hier an Ein Vetter und eine Base
nahmen mich in ihr Haus auf Mit Nächstem etwas weitläufiger von dieser Base
Für jetzt schlaf wohl recht wohl Ich bin
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XVII Brief
                                    An Fanny
Besste teuerste Freundin Wieder ein neuer Auftritt und für mich ganz neu
Meine Base die Törin ist auf mich eifersüchtig Was wird mein Vater sagen
wenn ihm das tolle Weib im Taumel ihrer Leidenschaft schreibt Doch er kennt
mich wird nichts schlimmes glauben Gewis Freundin ich bin unschuldig Ich
konnte ja die kleinen Gefälligkeiten ihres Mannes nicht mit Gewalt von mir
abwenden Oft stund mir der Schweis auf der Stirne wenn er so auf mich lauerte
und nach jeder Gelegenheit haschte um mir seinen Eifer zu zeigen Bis jetzt kann
ich Dir in Rüksicht seiner keinen Bescheid geben denn wenn er nicht dringender
wird so mag es noch immer hingehen Indessen kümmert mich doch diese Avantüre
denn zu was ist wohl eine eifersüchtige Frau nicht fähig Ich wünschte Dich bei
mir um von Dir zu lernen wie man dergleichen Auftritte mit Vernunft ausharren
muss Jetzt noch ein Bischen von meinen hiesigen Verrichtungen Du weist dass
meine Mutter ein Vermögen hinterlies so für uns Kinder in Verwahr genommen
worden Du kannst leicht denken wie es aussehen mag da mein Vater schon seit
zwei Jahren keine Rechnung von unserm Vormunde erzwingen kann Stelle Dir vor
ich bin hier um meinen rohen fühllosen Vormund zur Gewissenhaftigkeit zu
zwingen und das mag wohl eine nicht kleine Unternehmung sein denn mein Vormund
sieht einem geizigen Advokaten ähnlich der unter dem Schein der
Rechtschaffenheit seinen Beutel spikt  Er empfing mich mit einer Staatsmine
die an Barbarei gränzt In wenig Tagen mehr von diesem Toffe  Jetzt rufen mich
Geschäften Lebe wohl meine Fanny
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XVIII Brief
                                   An Amalie
Nicht wahr meine Besste meine Kleinmut die Du in meinem letzten Briefe magst
bemerkt haben war Ursache dass Du mir so lange nicht schriebst  Vergieb mir
ich bitte Dich  Es war Liebe zu Dir die mir auf einmal das Herz brach und
mich zur armseligsten Philosophin machte Es gibt gewisse Augenblicke wo man
fühlt dass man Mensch ist und keine Moral ist in einem solchen Zeitpunkte
kräftig genug unserm Kummer Schranken zu setzen Du hieltest mich immer für
flegmatisch aber nicht Flegma war es sondern eine Art von Philosophie die ich
mir frühe schon eigen machte um etwas ruhiger die Leiden der Menschheit zu
durchwandern  Doch auch im Auge eines Philosophen steht eine mitleidige Träne
reizend  Und nun meine Liebe bist Du also in deinem Vaterland  Fürwahr
deine Reise war ziemlich mönchenmässig  Nicht wahr Freundin wie künstlich das
Schicksal uns auch an Unbequemlichkeiten zu gewöhnen weis Hätte Dich deine
Mutter in der Erziehung verzärtelt so würdest Du nicht mit solchem Mut eine
Reise vollendet haben die Dir Ehre macht Man kann vieles Elend ertragen wenn
es nur nicht durch Lästerzungen verbittert wird  Einem Menschen von guter
Geburt und Erziehung ist die Erniedrigung mehr Qual als dem Bettler weil er
nie was anders als Bettler war und noch ist  Aber was meine Teuerste was
sagst Du  Deine Base ist auf Dich eifersüchtig Mein Gott  Welcher Unsinn 
Ein Mädchen die nicht die geringste Spur von Ausschweifung an sich blikken
lässt wie kann man die mit Argwohn kränken  Übrigens meine Liebe hast Du
Überlegung genug die Gefälligkeiten deines Vetters zu untersuchen findest Du
sie anstößig so gibts ja Mittel und Wege seinen Lüsten zu entgehen Jedes
Mädchen muss so viel Vernunft besizzen um den Männern Ehrfurcht einzuflößen
wollen sie nicht nachgeben je nun so straft man ihre Verwegenheit durch eine
tüchtige Satire  Die Männer sind nun einmal zum Angriffe bestimmt und gewöhnt
und oft kommt es auf uns Mädchen an sie durch Delikatesse zu gewinnen  Gibt
ein solcher stürmischer Ritter nicht nach dann verdient er weiter nichts als
einen troknen Verweis  Das liebe Freundin ist mein angenommenes Sistem und
meine unmassgebliche Meinung in Ansehung der Herren Männer Und ich denke immer
die Angriffe von Seiten der Männer würden seltener sein wenn die meisten
Mädchen mehr Denkkraft über diesen Punkt im Kopfe trügen  Nun noch eins meine
Traute ich bin recht zufrieden über den guten Fortgang deiner Geschäfte gib
mir bald nähere Nachrichten von ihrem Ausgang und sei indessen der Redlichkeit
deiner Fanny gewiss
 
                                   XIX Brief
                                    An Fanny
O meine Besste  Ich bin ganz außer mir Mein hirnloser nervenstumpfer Vormund
jagt mir täglich mehr Galle ins Blut  Unter seiner schwarzen zerzaussten
Perrükke stekt eine große Portion Spizbüberei verborgen  Du kannst Dir leicht
vorstellen dass dieser Mann uns arme Kinder gewissenlos einem schändlichen
Eigennutz aufopfert Er entwandte uns einige Kleinodien von großem Werte und
ich armes Mädchen konnte ihm diese Dieberei nicht beweisen ob ich sie
gleichwohl sichtbarlich entdekte Aber so wahr Gott lebt  Er soll es mir
gewiss unter vier Augen zu verstehen bekommen wie klar ich seine betrügerische
Larve durchsah  Und nun meine Teuerste zu etwas anderm Du erinnerst Dich
doch noch jener eifersüchtigen Base wovon ich Dir schon einmal schrieb  Das
Weib wird immer wütender und bald macht sie mir es zu bunt  Du lieber
gütiger Himmel  Was diese Kreatur für Bosheiten in sich trägt  Sie macht
selbst Seitensprünge und sucht sorgfältig die Laster in ihrem Manne auf um die
ihrigen damit zu vermänteln  Jeder Bissen Brod den ich in diesem Hause
genieße wird mir von ihr verbittert sie ist ein gallsüchtiges Untier nährt
sich vom Mistrauen und lauert dabei auf jeden meiner Schritte Meine selige
Mutter hat viele Wohltaten an sie verschwendet und mich lohnt sie dafür mit
Undank Freundin  Wenn es nicht mehrere gute Menschen in der Welt gibt als
ich bis jetzt kennen lernte so ist ja die Welt ein Sammelplaz von Misgeburten
die sich an der sanften Mutter Natur versündigen Möchte sich doch das
eifersüchtige Fieber meiner Base von selbst heilen durch mich soll es
wenigstens nicht tötlich werden eher brech ich auf und ziehe weiter  Zu dem
wird ihr Mann gegen mich immer dringender Seine Sinnen scheinen ganz betäubt
aber die meinigen um desto wachender und so hat es noch keine nahe Gefahr
Freilich ist das Gewinsel eines solchen Weichlings für mich ekkelhaft wenn ich
so einen Sklaven der Wollust um mich herum muss kriechen sehen  Doch Freundin
wundere Dich ja nicht über meine Kälte gegen so viele Versuche auf mein
siedheisses Blut halte sie nicht für Romanenstärke sie ist die natürlichste
Folge meiner noch unentwikkelten Empfindung  Ich bin zu wenig noch mit dem
Gebrauch der Sinnen bekannt um nach dem lüstern zu sein was mein sauberer
Vetter mir wider meinen Willen abdringen will  Mein Herz ist frei von
Leidenschaft und Interesse das sind zwo gefährliche Klippen woran so viele
Mädchen scheitern  Nicht dass ich etwa ein Triumphlied über meine
Enthaltsamkeit anstimmen will mich deucht ich würde dadurch die Menschheit
lästern wenn ich ihre Triebe für unbezwinglich hielte  Ich glaube zwar gerne
dass einige Mädchen von gelindem Temperamente gewisse Jugendjahre rein
platonisch durchwandern nur ahndet mir ob mich meine Ahndung betrügt weis
ich nicht dass der dümmere Teil strauchelt noch eh er Hymens Brautbett
besteigt Ein Mädchen das nicht denkt kann ihren Sinnen ja keine Überlegung
entgegensetzen  Der Vernunft einiger Romandichter muss es also sehr sauer
ankommen wenn sie durchaus alle Mädchen bloß schimärisch engelrein in Romanen
handeln lassen  Mir scheint dergleichen Bücher bilden aus jungen Leuten
Fantasten und dienen dem Menschenkenner zum Gespötte  Du wirst mir sagen ob
mein Schluss richtig ist  Wäre es denn nicht besser die jungen Mädchen durch
eine wahre Schilderung der Welt von Irrwegen abzuhalten als durch eine
erdichtete Romanenmoral ihre Einbildung bis zur Engelssphäre zu spannen damit
sie noch tiefer fallen wenn ein empfindsamer Schurke an ihrer Seite seine Rolle
gut zu spielen weis  Ich meines Teils würde nicht halb so neugierig sein
wenn ich ganz wüsste wie es in der Welt zugeht und was allenfalls das
Verhältnis der menschlichen Kräfte nicht überstiege  Nicht wahr Freundin
eine allerliebste Anmerkung für so ein junges Ding von meiner Art  Je nun
Bin ich denn nicht alt genug um über eine Sache zu plaudern die alle durchaus
alle Mädchen von Fleisch und Blut angeht  Also nichts für ungut Und nun gute
Nacht von
                                                                  Deiner Amalie
 
                                   XX Brief
                                   An Amalie
Vortrefliches Mädchen  Du räsonnirst ziemlich deutsch über einen für euch
junge Mädchen so gefährlichen Punkt  Doch das Mehrere hierüber hernach  Für
jetzt wünsche ich Dir Geduld bis dein verworrener Handel mit deinem Vormund zu
Ende geht Indessen tröste Dich Teure  Es gibt ja doch noch viele gute
Menschen in der Welt leider dass eben die meisten davon unglücklich sind und
sich aus eigenem Elend ihren Mitmenschen nicht bemerkt machen können Aber nun
rate ich Dir Mädchen mache Dich von deinem dringenden Verführer bald los wir
sind Menschen und eh wir es uns versehen fühlen wir es nur zu sehr dass wir es
sind  Gegen unsere Sinnen lässt sichs weder tändeln noch trozzen das erstere
ist gefährlich und das leztere lächerlich  Wohl Dir Meine Liebe wenn deine
Eimpfindung noch lange unentwikkelt bleibt sonst würdest Du vielleicht zu bald
erfahren wie schwach wir alle sind Du kennst Dich selbst und unser Geschlecht
zu wenig wir haben so reizbare Nerven so feurige Sinnen eine so baufällige
Vernunft und können so leicht überrascht werden wäre es auch bloß aus
Gutherzigkeit  Viele Männer sind undankbar genug diese Himmelsgabe an uns
Weibern zu ihrem Vorteil zu nüzzen  Was nun den Dichter eines Romans betrifft
so will ich Dir sagen dieser muss seine Heldin engelrein schildern um zu
beweisen dass er bloß als Dichter  und nicht als Mensch schreibt  In so
vielen Duzzend Romanen erscheinen die meisten Heldinnen mit Larven was
darhinter stekt muss sich der Vernünftige selbst denken denn die Fälle in der
Welt sind zu verschieden und die wenigsten originell geschildert  Wäre der
Stoff des Dichters immer Original so würde die Welt voll von unschuldigen
Mädchen strozzen  Dergleichen gute Beispiele sollen nun freilich zur guten
Nachahmung führen sie würden auch ihren Zwek erreichen wenn ihr Verfasser
nicht über die Menschheit hinausschwärmte und nicht unnachahmlich wäre Wir
wissen ja dass es in der Natur des Menschen liegt Fehler zu begehen warum
wollen wir sie verleugnen Und findet man auch zuweilen einige seltene Menschen
in der Welt die beinahe völlig Herren über ihre Sinnen sind so können doch
diese einzelne nicht zum Beweis für viele hundert schwächere dienen worunter
der Hauptteil von gröbern Empfindungen bloß zur Einschränkung ihrer Begierden
nicht aber zu Heldenzügen von gänzlicher Enthaltsamkeit Anlage in sich fühlt 
Zur Ausübung einer geistigen Schwärmerei gehören ganz eigne Köpfe bisweilen
finden sich solche gleichgesinnte Entusiasten Furcht  Neuheit der Liebe 
Stolz  Blödigkeit  gegenseitige Schamhaftigkeit und Ehrfurcht schrökken die
wärmsten Begierden zurück ob aber dies reine platonische Feuer nach mehreren
Jahren von Umgang rein bleibt  Diese Frage beantworte ich mir ganz still in
mein eigenes Ohr und für Dich junges Mädchen mags so lang ein Geheimnis bleiben
bis Du mir einstens selbst die Frage bejahest oder verneinest  Liebe traute
Kleine  Sei während deiner Unerfahrenheit geizig auf die Ruhe deiner Seele und
die Reinheit deines Körpers die Stunden sind selig so lang der leztere
schweigt Tobende Leidenschaft möge Dich nie quälen das ist der aufrichtigste
Wunsch
                                                                   Deiner Fanny
 
                                   XXI Brief
                                Amalie an Fanny
Nun ists entschieden meine liebe Fanny  Die Eifersucht meiner Base wurde mir
unausstehlich  Ich verlies dieses Haus ging zu einer andern Verwandtin und
nun endlich gar von dem nämlichen Orte weg  Auch erhältst Du jetzt diesen Brief
aus dem Hause meines Oheims von mütterlicher Seite der in L wohnt Auch
dessen Weib ist eine von den Alltagsseelen die man so häufig gerade unter
Blutsverwandten findet Sie empfing mich mit einer stolzen Fühllosigkeit die
mich beim ersten Eintritt zurückgeschrökt hätte wenn mir nicht meine gute
Großmutter desto zärtlicher um den Hals gefallen wäre Die arme alte Frau  Wie
dauert sie mich Sie hatte die gutherzige Unbesonnenheit ihr ganzes Vermögen
ihrem Sohne und seiner unbarmherzigen Ehehälfte zu überlassen Wofür sie sich
ein Leben voll Zank und Mishandlungen eintauschte Die junge ausgemästete
Schwiegertochter poltert schreit lärmt wie eine Furie in ihrem Hauswesen
und stopft mit der armen Alten die Dienste einer Kindsmagd aus  Die bitteren
Tränen einer grauen Mutter rühren den Sohn nicht weil ihn sein Weib bei seiner
Schwäche pakt und ihm alle Klagen dieser Frau als Grillen des Alters schildert
 Hier denke ich wohl nicht lange mehr zu verweilen denn ich kann die
allzusauren Gesichter meiner Tante eben so wenig leiden als die allzusüssen
womit mich mein Oheim beehrt  Blos um meiner lieben Großmutter willen zögere
ich noch einige Tage denn das Bild meiner verlorenen Mutter erneuert sich in mir
durch ihren Anblick  Auch wünscht mich mein lieber Vater durch seine Briefe
mit jedem Posttage zurück  Und wie leid tut es mir dass ich ohne Rechnung von
meinem Vormund zurückkehren muss da dies doch eigentlich die Absicht meiner Reise
war  Muss mich nun mein Vater nicht für nachlässig in diesem Geschäfte halten 
Aber wer kann Schurken zur Redlichkeit zwingen  Wenigstens konnte ich keine
Rechnung von ihm erzwingen Auch muss ich Dir noch sagen nicht weit von der
hiesigen Stadt wohnt eine Bekannte von mir die ich ehemals als ein gutes
Mädchen kannte vorher noch will ich diese besuchen und dann kehre ich in die
Arme meines Vaters zurück  Dieses Mädchen hat sich erst vor Kurzem
verheiratet und ich bin äußerst neugierig wie ihr das neue Eheband schmeckt
 Ehemals sprachen wir Beide oft miteinander von Liebe aber sehr wenig von der
Ehe weil wir zu verschiedene Begriffe davon hatten und uns oft ein wenig
darüber zankten  Sie hielt den Ehestand für Tändelei für Blumenfesseln ich
hingegen hielt ihn für den gefährlichsten Schritt in unserer weiblichen
Laufbahne Sie war eine Schäkkerin von der ersten Gattung und immer etwas
leichtsinniger als ich Eben darum bin ich begierig wie es mit ihr ausgefallen
ist  Das nächstemal ein mehreres lebe wohl liebe ernsthafte Freundin
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XXII Brief
                                   An Amalie
Liebe Freundin  Dass doch fast alle deine Blutsverwandte ein einiger
ausgenommen so roh dich behandeln  Was mag wohl für Blut in diesen Geschöpfen
rinnen wenn sie die Stimme dieses Bluts so wenig hören wollen  Sei froh dass
Du entfernt von der eifersüchtigen Base bist sie ist deiner zu ihrer Beruhigung
los und Du ihrer Der kalte Empfang deiner Tante ist Hochmut und dieser ist
fast überall die Folge der Dummheit Sezze Dich darüber hinweg dies ist die
besste Rache des Vernünftigen  Deiner bedaurungswürdigen Großmutter bin ich
herzlich gut und ich wünsche ihr hinlängliche Seelenstärke die Bosheiten ihrer
Schwiegertochter mit Geduld zu ertragen  Hat denn ihr undankbarer Sohn keine
Augen keine Ohren oder trägt er diese bloß für sein boshaftes Weib  So einem
Halbmann gehört die Rute der sich von seinem Weibe bis zur Harterzigkeit
einschläfern lässt Was ist das für eine Schande wenn der Mann ein kriechender
Hausknecht seines Weibes ist  So einer feigen Memme könnt ich mehr gram sein
als einem in seinen Schranken stürmischen Manne der sein Hausrecht nicht so
leicht vergibt Doch genug hievon Du bist jetzt vermutlich schon bei dem
jungen Eheweibchen  Ich bin sehr neugierig auf Nachrichten von ihrer neuen
Verbindung Der Ehestand wird ihren Leichtsinn schon dämpfen er ist ein
tüchtiges Mittel wider die gute Laune besonders wenn er nach der alltäglichen
Mode gestiftet wird Zum Ehestand gehört eine große standhafte Vernunft um
eines Andern Gebrechen und Torheiten mit Güte zu bessern oder geduldig zu
ertragen Und dann die ewige Gewohnheit die jedem Dinge den bessten Geschmak
raubt bringt oft im Ehestand Wirkungen hervor die grässlich sind wenn nicht
durch beiderseitige Nachsicht und Güte des Herzens alle übelen Folgen verhütet
werden Der Ehestand ist bei den Meisten ein Kaos voll rosenfarbenen Elendes Du
hast Recht Mädchen diesen Schritt für gefährlich für entscheidend zu halten
er reizt lokt beglückket und vergiftet eben so geschwind das Leben je nachdem
mans trift und  leider sind so wenig Treffer in diesem Glükstopfe  Ich
möchte Dir zwar nicht gerne einen übelen Vorschmak von einem Stande beibringen
der auch Deiner wartet Aber kann ich wohl von einer Sache schweigen die in
unserm Leben eine so unglückselige Epoche ausmacht  Neigung Vernunft Güte des
Herzens sollten diese Bande knüpfen und nicht Eigennutz Übereilung
Sinnlichkeit Konvenzionen oder Eitelkeit Die wenigsten Ehen haben wahre
Harmonie der Herzen zum Grund und die jungen Eheleute finden sich eben darum
nach dem abgekühlten Taumel getäuscht Grobe Herrschsucht Gebieterei des Mannes
wekt die Eitelkeit den Starrsinn des Weibes auf Zank Widerspruch Brausen
gegen einander sind die richtigen Merkmale zweier misverstandener Gemüter
Ekkel und beiderseitige Verbitterung ist die Glokke welche der Liebe zu Grabe
läutet und das Ende davon ein schändliches beiderseitiges Lasterleben unter
dem Dekmantel der heiligsten Verbindung Lass uns abbrechen Freundin von so
schröklichen Auftritten der Menschheit  Ein Mädchen wie Du darf vorsichtig
wählen aber deswegen sich nicht abschrökken lassen  Schreibe mir bald wieder
und erinnere Dich deiner bessten
                                                                          Fanny
 
                                  XXIII Brief
                                    An Fanny
Dass ich zu dem neuverheirateten Weibchen reisen wollte sagt ich leztin und
dass ich nun bei ihm bin sag ich Dir heute  O Gott  Wie hat sich dies
Geschöpf geändert  Weg ist aller Leichtsinn weg alle Lebhaftigkeit weg alle
Freuden der Jugend  Sie lebt mit ihrem Manne in einer Kälte die nahe an
Gleichgültigkeit gränzt Sie schweift nicht aus aber erfüllt mürrisch ihre
Pflichten sie lässt ihn keine Bosheit fühlen aber zeigt ihm auch kein gutes
Herz sie ist nicht munter aber auch nicht empfindsam traurig sie liebt nicht
und hasst nicht kurz sie ist eine freudenlose Maschine Ihr Mann ist auf sie
eifersüchtig und mistrauisch und sezt dem guten Weibchen gerade auf der rohen
Seite zu Gelinde Vorwürfe sind dermalen schon von beiden Seiten aus ihrem
Umgange entfernt und es wird nicht lange dauern so bricht eine Rebellion gegen
das Bischen Duldung aus das sie einander aus Wohlstand noch schuldig sind und
dann gute Nacht Hausfrieden gute Nacht Ehre  Ich mag jetzt der Unglücklichen
keine Vorwürfe über den zu leichten Begriff den sie von der Ehe hatte machen
sie würde sonst den Betrug und ihr Elend doppelt fühlen Und zu Dir im
Vertrauen liebe Freundin ich habe wenig Hoffnung zu glücklichern Zeiten für
diese zwei jungen Leutchen denn beide besizzen einen so halsstarrigen
Eigensinn der für den Zuschauer bis zum Ekkel geht Überdies noch sind die
Mutter und Schwester des Mannes sehr wider die junge Frau eingenommen und die
schieben Holz zum Feuer so oft und viel sie können Übrigens bin ich hier wohl
aufgenommen und gut bewirtet worden Auch will ich mich einige Tage länger hier
aufhalten und wäre es auch bloß um eines gewissen Doktors willen der mir so
ziemlich ans Herz geht Du weist ja dass es nur einer schmachtenden süßen
Schwärmerei bedarf um meiner schon fertig gestimmten Einbildungskraft zu
begegnen Und denk Dir nur das allerliebste Herrchen scheint mich ganz zu
verstehen Er ist wizzig schäkkernd tändelnd und bringt meiner Eigenliebe
manches Opfer Stürmisch ist er nicht aber sanft gut und gefällig kurz was
weis ich was meine gährende Einbildung noch alles für Vorzüge in ihm entdekt 
Du wirst mir wieder mit einem tüchtigen Sittenspruch in deiner Antwort entgegen
kommen das weis ich schon zum Voraus Aber bei einer Träumerin von meiner
Gattung bleibt es leider immer beim Sittenspruch und nicht bei seiner Wirkung
Sage mir aber dennoch deine Meinung darüber aber liebe Freundin nur nicht
mehr so strenge  Ich freue mich auf deine Strafpredigt und küsse Dich zur guten
Nacht 
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XXIV Brief
                                   An Amalie
Kannst wirklich froh sein ausgelassnes Dingelchen dass ich Dir mitten in meinen
vielen Geschäften doch antworte Ohne Strafpredigt wirds zwar nicht ablaufen
das darfst Du Dir nicht einbilden aber vorher zur Sache des jungen Weibchens 
Die hat sich also so sehr geändert  Ja mein liebes Mädchen  Die Männer im
Ehestand bleiben weiter nichts als Männer und keine Anbeter die ehemals auf
den Knieen krochen und jetzt mit den Füßen stampfen wenn das liebe Weibchen
nicht hübsch folgen will Im Ehestand fällt der Schleier von beiden Seiten weg
und man erblikt sich als Mensch wo man zuvor den Engel sah Die Wünsche sind
befriedigt und keine Furcht einander zu verlieren hält die gegenseitigen
Ungefälligkeiten im Zaum Der Mann wird finster befehlend das Weib das
ehedessen an tausend Schmeicheleien gewohnt war rasst tobt gegen so neue
Auftritte und wird zuletzt ein unnachgiebiger Haust Fehlt es dergleichen
Eheleuten obendrein an Erziehung dann sind niedrige Schlägereien der tägliche
Schluss eines solchen Jaunerlebens  Doch denke ich die meisten Ehen würden
glücklicher sein wenn mehrere Menschen hinlänglich gute Herzen hätten um
dasjenige was man aus tausend Gründen nicht mehr schwärmerisch lieben kann
doch wenigstens nicht zu verachten und nicht zu kränken Es gibt eine Art von
vernünftiger Duldung die jede Ehe vor öffentlichen Auftritten schüzt Es muss
aber sowohl vom Manne als vom Weibe dazu beigetragen werden sonst arbeitet der
eine Teil bloß um den andern in der Bosheit zu bestärken Von beiden Seiten
gutwillig nur halb seine Pflicht erfüllen ist besser als sie ganz zu erfüllen
scheinen und dabei  besonders von Seiten des Mannes  mancherlei Betrügereien
hinter dem Rükken zu spielen Hinterlist heimlicher Aufwand von einem
lüderlichen Ehemanne ist tausendmal sträflicher als seine Unbeständigkeit in
der Liebe Unsere Neigung ist das Spiel eines Augenbliks und nicht jeder findet
liebenswürdige Abwechslung genug in seinem Weibe um sie ewig fort
leidenschaftlich lieben zu können Aber sein Weib mishandeln seine Kinder ins
Elend stürzen aus Unbeständigkeit sogar harterzig werden so was kann nur ein
Schurke tun Seine Gattin freundschaftlich ehren sein Hauswesen nicht
versäumen seine Kinder gut erziehen das hängt von jedem Ehemann ab er mag
übrigens auch noch so flatterhaft denken Aber sogar wie es jetzt Mode wird
sein Weib verlassen das ist teuflisch und unmenschlich  Wie wenig kostet
nicht einem vernünftigen Ehemanne Güte des Herzens gegen die ehemalige
Schöpferin seiner Freuden  Ist es nicht Pflicht ist es nicht Stimme der
Natur dass man seine unglückliche Gattin wenigstens mit einer schönen Lüge
schadlos hält  Und dann sie mit Sanftmut und Aufrichtigkeit belehren dass
Kälte gegen sie nicht Mangel an Pflicht sondern bloß in der unbeständigen
Menschheit liege dass zu langer Besiz endlich ermüde und die Einbildungskraft in
etwas abspanne  Jedes vernünftige Weib wird sodann mit ihrem Manne Mitleid
fühlen und das nicht mit Gewalt fodern was ihre Bemühung durch Großmut durch
Nachsicht mit den Schwachheiten ihres Mannes wieder nach und nach zu erlangen
hofft Wie viele würdige Weiber bezauberten schon ihre Männer aufs Neue durch
Nachgiebigkeit durch Rüksichten die ein Undankbarer nicht vermutet hätte Und
wie viel Freundin könnte ich Dir noch über diesen Punkt sagen Aber nun zur
Geschichte deines Doktors Ich sage deines und kann mich doch nicht bereden
dass er dein ist oder werden wird Warum  wirst Du fragen Aufrichtig
Freundin um Dir Schwärmerin ans Herz zu gehen brauchts eben so viel Mühe nicht
Ob aber Du ihm wirklich auch ans Herz gehst  Ja das ist nun eine andere
Frage Es braucht ein wenig mehr als bloß lebhafter Wiz um der Männer ihre
ernsthafte Seite zu treffen Sie tändeln oft statt der Liebe mit unserer
Eitelkeit wir desgleichen mit der ihrigen bis eine jüngere Tändelei der älteren
Platz macht  Die Herrchen sind galant weil es ihnen nur um Galanterie zu tun
ist wizzig um mit ihrem Wiz zu glänzen aus Stolz nicht stürmisch aber desto
schlauer im Schleichen Du verstehst mich doch  Überhaupt Mädchen bist Du
zu leichtgläubig Mistrauen am rechten Ort angebracht ist ein trefliches Mittel
für junge unerfahrne Seelen Lebe wohl lose Schwärmerin  Lebe wohl
                                                                    Deine Fanny
 
                                   XXV Brief
                                    An Fanny
Herzliebe Freundin  Du bist ja eine leibhafte Misantropin geworden 
Freudenstörerin will ich eben nicht sagen denn dazu ließ es dein gutes Herzchen
nicht kommen Aber sag mir nur warum bist Du denn so äußerst mistrauisch gegen
die Männer  Die armen Narren dünken mich doch so gut oder wenigstens scheinen
sie es zu sein Freilich könnte Leichtgläubigkeit bei mir ein Fehler werden
aber noch ist er es nicht Ich kann mir doch nicht vorstellen dass ich gerade
das Unglück haben müsse auf einen Modegekken zu stoßen der mich betrügen will 
Noch hab ich am Doktor keine Spur von Schleicherei bemerkt Lass mir doch diese
liebe Träumerei ist doch alles Traum was man Gutes hat auf der Welt  Wenn
ich in der Liebe kein Vergnügen suchen dürfte wo sollt ich es denn finden 
Menschen die nicht lieben haben Sand im Herzen und Wasser im Gehirne Die
Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft fodert durchaus Liebe und alle deine
Kernworte werden diese glühende Einbildungskraft vielleicht leiten aber nicht
abkühlen Der liebe Wohlstand mag es mir nicht übeldeuten wenn ich ungeheuchelt
einem Triebe folge den ich mir nicht in die Seele gelegt habe  Alle
Einwendungen die ich mir darüber mache sind ein schwacher Damm die den Strom
zwar aufhalten aber desto heftiger anschwellen Es wohnt in mir nur ein großer
feuriger Gedanke und wenn ich ihn verdrängen will so teilt er sich in tausend
kleinere aber husch ist der große Gedanke wieder in meinem Kopfe da und
herrscht in meiner Seele Kurz Freundin meine Einbildungskraft muss ziemlich
brennen denn weil ich mir unter Tags Zwang antun muss so rebellirt sie desto
heftiger bei der Nacht  Als ich leztin Schäkkerei halber bei meiner
Freundin im nämlichen Bette schlief ihr Mann war abwesend begieng ich einen
Streich der mich des andern Morgens schamrot machte Denk dir einmal Im
Schlaf umfasste ich meine Freundin küsste herzte sie und seufzte laut den Namen
des Doktors dazu Die boshafte Beischläferin störte mich gar nicht in meiner
Freude und als ich aufwachte schämte ich mich fast zu Tode denn ich erinnerte
mich nur zu gut meines begeisterten Traumes Läugnen half jetzt nichts und der
unschikliche Ort wo ich meine Gefühle ausdrükte war für mich eine ärgerliche
Erinnerung Was mich aber vor Zorne weinen machte war der Leichtsinn mit dem
meine Freundin diesen Vorfall dem Doktor erzählte  Nun ist der junge Herr von
meiner Schwachheit ganz überzeugt  Wirklich Schwachheit denn meine Neigung
ist um viele Grade heftiger als die seinige Bin ich nicht eine Törin dass ich
meinem Gefühl so den Zügel lasse  Vielleicht wieder für einen Undankbaren
lasse  Nun ja wieder Liebte ich nicht schon einmal und das umsonst ohne
Gegenliebe  Hilf mir der liebe Gott Was wird aus meinem weichen Herzchen
werden wenn es nicht bald seinen Wiederhall findet  Und ist denn ein solcher
Wiederhall so leicht zu finden Gegenliebe scheint mir ein so seltenes Ungefähr
dass es einem schaudern sollte welche zu suchen Haben denn die Männer in der
Liebe wirklich so selten eine ernsthafte Seite  Was gäbe ich nicht Freundin
wenn ich ganz mistrauisch sein könnte  Wie soll ich es denn anfangen um es zu
werden  Mein ganzes Wesen ist offen und immer dachte ich mir andere Menschen
auch so Und besonders Dich Freundin kann ich zu meinem Trost nicht anders
als äußerst redlich und äußerst liebevoll denken 
                                                                         Amalie
 
                                  XXVI Brief
                                   An Amalie
Wahrhaftig  Du bist ein tolles Mädchen In deiner verliebten Schwärmerei sehr
gefährlich für deine eigene Ruhe Es würde Dir sehr übel bekommen wenn man Dich
so deinen Trab fortschlendern ließ Höre Mädchen meine Furcht in der Liebe hat
ihre Ursachen wenn Dir diese Liebe die bei Dir so herzlich willkommen ist so
oft und so garstig den Kopf verrükt hat wie mir denn wirst Du Dich gewiss auch
vor ihr hüten Noch einmal Du bist zu leichtgläubig gegen die Männer  oder
hast Du etwa mit den Zufällen in der Welt einen Bund geschlossen dass sie just
dich vor einem Modegekken schüzzen  Dünkt Dich denn die Zahl der bieder
Liebenden so groß  Warum willst Du Dich so leicht von einer Hoffnung täuschen
lassen die so lokkend zum Abgrunde führt und nur Wenige nicht betrügt 
Blinde Träumerin  Dein Doktor wird so dumm nicht sein und sein Schleichen
merken lassen Dem Feind zur Schlacht Mut machen tut kein erfahrner
Kriegsheld  Fahre meinetwegen fort so oft und so lange zu lieben als Du
willst nur nicht zu aufrichtig zu heftig eh Du gewiss bist dass man Dich
wieder liebt  Freundin sei mir nicht zu gutherzig gegen die Männer die
wenigsten verdienen es Adle deine Neigung mit Mistrauen hernach darfst Du Dir
nicht so vielen Zwang antun denn jedes Mädchen das in der Liebe sich
verstellt stolpert um desto geschwinder weil Zwang einen feurigern Ausbruch
zubereitet Es gibt Menschen die eine Zeitlang unterdrükt handeln aber um so
viel närrischer nach der Hand wenn der Daum wieder wegglitscht den sie auf die
Leidenschaften drükten  Dein Traum vom Doktor war drolligt so etwas muss
freilich die Eitelkeit eines Liebhabers kizzeln  Nur hätte deine Freundin ihn
nicht wieder erzählen sollen das war unvorsichtig von ihr gehandelt  Es taugt
gar nicht dass er nun ganz überzeugt von deiner Liebe ist Wer weis ob er bei
dieser Gewisheit nicht aufs Neue nach einer andern lüstern wird wenigstens ist
dies die herrschende Krankheit unserer jezzigen Adamssöhnen  Ich wünsche zum
Schluss von Herzen dass Du bald einen harmonischen Wiederhall finden mögest  für
izt kann ich es noch nicht glauben Lebe wohl
                                                                    Deine Fanny
 
                                  XXVII Brief
                                    An Fanny
Freundin  Die Zeit meiner Abreise kam ich musste zurück zu meiner alten
Grossmama  Kannst Dir leicht denken wie mirs so bang war dass ich alle meine
guten Bekannten verlassen musste  Der Abschied vom Doktor war von meiner Seite
äußerst angreifend er aber zeigte sich kälter und munterer als ich und das
ging mir durch die Seele Während als mein Wagen einige Stunden fortrollte
schwärmte ich in einer Hizze fort von dem Zurükgelassenen und mein Blut war so
in Wallung dass ich gar nicht mehr weis wie ich in das Haus meines Oheims
zurückkam Der zweite Empfang meiner hochnasigten Tante schien mir etwas milder
ich war aber gar nicht heiter genug um auf das was vorgieng hinlänglich
aufzumerken denn mich verlangte nach Einsamkeit ich trug eine Last im Herzen
die mich sehr drükte Wenn alle Verliebten sich so lange fühlen wie ich mich
fühlte so sind sie arme Würmchen die sich mit Herzensfreude tretten lassen
und sich wenig um die Folgen kümmern Ich war so ganz voll Qual voll Unruhe
voll Leiden  Meine heitere Laune wo ist sie hingekommen  Ich wage es kaum
Dir zu sagen der Doktor liebte mich nie Wäre er nicht noch zum letzten Abschied
in meine Arme geflogen  Er versprach mir heilig nach L zu kommen ehe ich
gänzlich diese Gegenden verlassen würde  Aber der Elende kam nicht  Heißt
das nicht harterzig sein  Auch nicht einmal schrieb er mir Warum wekte der
Leichtsinnige meine Empfindung auf  Warum reizte er mich zur Liebe Warum
nährte er einen Hang in mir den kein ehrlicher Mann nährt wenn er nicht wieder
lieben will  Man sagte mir er habe schon ein Mädchen vor mir geliebt sie
soll sehr schön sein wenn das wahr ist dann muss ich es leiden  Muss  Ein
garstiges Wort für freigeborne Menschen  O meine verwünschte Eigenliebe die
war an der ganzen Geschichte Schuld  Diese garstige Betrügerin ist es die mir
von Gegenliebe vorschwazte und nun bin ich getäuscht Aber mit Blut will ich
das Wort Täuschung in mein Herz schreiben und der es auslöschen will muss es
tausendfach würdig sein oder es bleibt stehen Ich weis auch gar nicht warum
die Männer kühn genug sind mit uns zu wizzeln und mit jedem Wort auf Liebe zu
zielen wenn sie denn durchaus nur lügen und nicht lieben wollen Das sind doch
abgefeimte Heuchler die ihre Lügen mit so vieler Anmut in ein junges
Mädchenherz hineinräsonniren Mich reut meine gute Laune mit der ich den
Bösewicht so viele Stunden unterhielt Aufs Gesicht hätt ichs ihm schreiben
sollen Du bist ein Betrüger  Damit das vor mir betrogene Mädchen noch frühe
genug von ihrem Schicksal wäre unterrichtet worden Ich mag wohl seinem Kopf
besser als seinem Herzen getaugt haben sonst hätte er nicht so viele Stunden
mit mir verplaudert Wäre ich von seiner ersten Bekanntschaft unterrichtet
gewesen so hätte ich ihn wie Gift geflohen und kein nagender Gram hätte sich
meiner bemächtigt Nun sei es aber geschworen ich will die Männer von nun an
fürchten ich will sie fliehen ich will ihnen ausweichen wenn sie mein Gefühl
in Versuchung führen wollen Aber die verwünschte Verkettung meines Schiksals
bringt mich auch immerfort in die Gesellschaft der Männer es dauert nur wenige
Tage so muss ich schon wieder mit zween andern zu meinem Vater reisen Aber ich
beteuere Dir Freundin sie mögen gut oder böse sein wild oder zahm mein Herz
soll Stein bleiben Es sollen so wie ich höre Kaufleute sein denen mich meine
ökonomische Tante nur deswegen übergibt damit ihre Börse besser geschont
werde denn diese ist ihr Abgott  Es mag nun bequem oder nicht bequem sein
meine Reisegefährten mögen höfliche oder unhöfliche Leute sein mir ist es
gleichviel nur von Liebe soll mir keiner sprechen wenn er nicht Zank haben
will Du erhältst bald eine vollständige Reisebeschreibung von deiner bessten
                                                                         Amalie
 
                                 XXVIII Brief
                                    An Fanny
Vergieb mir Freundin dass ich schon wieder an Dich schreibe eh ich Antwort von
Dir erhielt Du weist Aufrichtigkeit ist für mich Bedürfnis geworden Eben mit
der nämlichen Aufrichtigkeit muss ich Dir doch zeigen was ich für ein
flatterhaftes Ding bin  Stell Dir einmal vor auf der ganzen Reise dachte ich
sehr wenig auf den hinterlassenen Doktor Wars Zerstreuung der Reise oder was
wars  Das ist nun sehr natürlich jede Schwärmerei muss aufhören wenn sie
nicht erwidert wird Aber so geschwind meinem Herzen Richtung zu geben das
habe ich mir nicht vermutet Was ich Dir leztin von Standhaftigkeit gegen die
Männer vorschwazte war ein Vorsaz wie aller Menschen Vorsäzze sind feurig
wenn man sie nimmt aber um desto schwächer wenn es zur Ausführung kommt Denn
meine Schwüre keine Artigkeiten mehr vom andern Geschlecht anzuhören sind
gebrochen An hartnäkkiger Unglaubigkeit lies ich es Anfangs gegen einen meiner
Reisegefährten nicht fehlen aber sein sanftes ehrerbietiges Wesen reizte mich
doch zur Aufmerksamkeit aber weiter soll es auch nicht kommen Er ist ein
feingebildeter Protestant ganz Duldung ganz edler Mensch ganz voll von allem
dem was diese Art von guten Menschen an sich haben die mehr empfinden als sie
sagen können Alle seine Reden waren überdacht und so mit einer gewissen
reizenden Schwermut begleitet dass ich ihn bewunderte Er säumte gar nicht mit
seiner Menschenkenntnis einen Blick in mein Herz zu werfen und wenn ich aus
Groll gegen die Männer ganz bittere Säzze verteidigte so versicherte er mich
dass das nicht die Sprache eines aufrichtigen eines redlichen Gefühls wäre und
dass nichts in der Welt existirte das nicht eine Ausnahme litte Er traf meinen
Sinn so stark dass ich mit allem meinem Geplauder gutwillig schwieg und nur ihm
zuhörte Dieser Mann liebe Freundin ist fürwahr ein ganz neues Original er
hat gar nichts von der grellen Lüsternheit von der lächerlichen
Selbstgefälligkeit die so viele seines Geschlechts haben Er ist so viel
möglich Herr über seine Begierden und Mann über seine Eigenliebe Seine Gefühle
sind nicht entlehnt oder auf Worte geschraubt sie kommen vom Innern und gehen
wieder dahin zurück Nun auch ein paar Wörtchen von seinem Mitgesellschafter
Dieser gehört ohne Widerrede unter die Alltagsmenschen und empfindet weiter
nichts als das Quantum seiner Prozenten Mich deucht es also wohl nicht der Mühe
wert weiter von ihm zu sprechen  Endlich kamen wir alle sehr guten Muts in
St an Meines Freundes Gattin drükte küsste mich bloß weil ich in
Gesellschaft ihres Mannes war Ich musste mit Gewalt einige Tage da verweilen
sah die schöne Gegend ganz und mir ward recht wohl Tausend Menschen die einen
ähnlichen Fall nicht kennen werden es nicht begreifen wollen dass außer einem
schüchternen Mäulchen mit meinem Freund weiter nichts vorgieng Ich verehrte
den Mann so dass er mir in wenig Tagen nach meiner Abreise unentbehrlich wurde
Seine Lehren seine Macht über sich selbst seine Großmut meine Schwachheit
nicht einmal prüfen zu wollen seine Gefälligkeiten nähren in mir ein ewiges
heiliges Andenken Von seiner Hand geführt stieg ich ins Schiff das mich von
ihm trennen sollte er drükte mir mit dem Ausdruk einer kämpfenden Seele einen
Kuss auf unter den Worten Freundin Leben Sie wohl bis aufs Wiedersehen ist
es hier nicht so ist es dort Das ausgeredt und verschwunden war er aus meinen
Augen Ich weinte ihm häufige Tränen des Danks nach und empfand um mich herum
eine Leere die meine Reise zur See sehr traurig machte Denn izt erst lernte
ich den Verlust wahrer Menschen kennen Nun bin ich zu Hause und gestern traf
wider Vermuten ein Brief von meinem sanften Freunde ein Vor der Hand hatte ich
nicht so viel Zeit gefunden das Bild dieses vortrefflichen Mannes meinem Vater
zu entwerfen Mein Vater stuzte gewaltig über den Anblick dieses Briefs weil er
überzeugt ist dass ich ihm nie etwas verhele Auch hatt ich nie Ursache ihm
etwas zu verbergen denn er ist äußerst duldend gegen junge Leute Nur kann er
keine Verstellung leiden denn daher sagt er käme das Verderbnis der jungen
Herzen Sehr ernstaft stellte er mich vor Eröfnung des Briefs zur Rede aber
kaum las er die Züge eines herrlichen Mannes so freute er sich herzlich über
diese Bekanntschaft und befahl mir ihm zu antworten Hier hast Du die ganze
Beschreibung dieser Reise so wie ich Dirs versprach Lebe wohl und vergiss
dein Malchen nicht
 
                                  XXIX Brief
                                   An Amalie
Ja wohl Freundin bist Du ein flatterhaftes Mädchen Mit einem solchen Grade
Überspannung über den Verlust eines Liebhabers zu winseln und dann doch diesen
Verlust nicht länger beklagen als bis sich der Ort aus den Augen verloren den
er bewohnt  Ich würde Dir Vorwürfe über diese geschwinde Veränderung machen
wenn es der Undankbare nicht um Dich verdient hätte Siehst Du wir Menschen
alle sind in unsern Handlungen so widersprechend  Besonders ist die Liebe ein
unbeschreibliches Wesen die von Umständen und Begriffen ihre Karakteristik
erhält und da die meisten Menschen sich in jeder Handlung ihres Lebens so wenig
verstehen und mit einander nicht übereinkommen so muss also auch die Liebe
dieser Unordnung und Verschiedenheit der Gemüter ausgesezt sein Für
nichterwiederte Liebe ist Stolz das besste Heilungsmittel Man muss sich seine
Ruhe durch stolze Verachtung wieder zurückbringen die so ein Schandbube
vielleicht auf einige Zeit raubte Doch ist bei einem empfindsamen Mädchen der
feste Entschluss nicht wieder zu lieben ein elendes prahlendes Nichts dass bei
der ersten bessten Gelegenheit wie ein Hauch zusammenstürzt Diese Erfahrung
habe ich leider mehrmalen selbst gemacht und beinahe glaube ich dass Du
Mädchen mit der Zeit mehr von diesem Punkt wirst sprechen können als ich
wenigstens ist deine Anlage dazu gefährlicher Ich habe schon manches betrogne
Mädchen während ihren Tränen über einen verlorenen Liebhaber aus Eitelkeit
lächeln gesehen wenn ein geschikter Schmeichler ihre schwache Seite zu berühren
wusste Ich kann einmal nicht anders von unserm Geschlechte sprechen die Güte
unserer Herzen und die Reizbarkeit unserer Nerven machen uns zu schwachen
Geschöpfen Ein Weib mit dem bessten Herzen wird am leichtesten überrascht weil
ihre Guteit in der Liebe keinen Widerspruch kennt  Blos Religion Vernunft
und Ehre kann uns Weiber im Zaum halten aber die Liebe spielt über kurz oder
lang ihre Rolle und wir alle spielen mit mehr oder weniger doch gerade so
viel als uns Schiksale und Umstände ins Spiel mischen Indessen freut es mich
doch dass Du Dich mit deinem neuen Freunde so tapfer hieltest und um so mehr
freut es mich weil es so wenig Männer gibt welche die Gesellschaft eines
reizenden Mädchens bei einer solchen Gelegenheit nicht misbraucht hätten Dein
sanfter Freund muss bessere Grundsäzze haben als unsere meisten brutalen
Mädchenstürmer die alles was ihnen unter die Hände kommt pflükken wollen  
Doch Mädchen erlaube mir auch über deinen Freund eine Anmerkung Glaube ja
nicht dass ein Mann mit so vielem Gefühl wie dieser war lange um Dich herum
ohne Leidenschaft hätte ausdauern können Der strengste Moralist über diesen
Punkt ist so wohl Mensch als andere wenn ein überraschender Augenblick ihn
hinreisst Und wenn er vielleicht seine Gattin bloß ehrt und nicht liebt was
würde ihm übrig geblieben sein als ein volles Herz und unbefriedigte Wünsche
für Dich  Du bist nun schon in den Jahren wo man so etwas mit Dir sprechen
darf schaffe Dir das leichtgläubige Zeug aus dem Kopfe und schaue den Männern
scharf hinter ihre Larve  und Du wirst Menschen finden Doch ist ein Mann der
mit seinen Leidenschaften kämpft viel verehrungswürdiger und reizender als ein
frecher Weichling der ohne Rüksicht auf die Person bloß den Trieben seines
Temperaments folgt Es schmeichelt uns Weibern gar zu sehr wenn wir an unserer
Seite einen so stillschmachtenden Liebhaber seufzen sehen der aus lauter
Ehrfurcht sich beinahe zu Tode martert Die Männer heißen das Koketterie  Lass
Dir aber nichts darüber in Kopf setzen Ein Mädchen muss bis zur Überzeugung dass
es wahrhaft geliebt wird ein wenig die Kokette spielen sonst weh ihrem guten
Herzchen es würde zerrissen getretten und äußerst oft betrogen  Ich weis
dass Dir diese Lehre nicht behagen wird denn ich kenne deine Liebe zum
Romanenmässigen Künftig ein Mehreres über dieses Kapitel von
                                                                   Deiner Fanny
 
                                   XXX Brief
                                    An Fanny
Liebe ernsthafte Freundin  Du ahndest in deinem Leztern meine
Flatterhaftigkeit aber sag mir nur was blieb mir bei einer so traurigen
Verfassung übrig  Musste ich nicht Den vergessen lernen der mich betrog 
Ganz vergessen hab ich ihn demungeachtet nicht es gibt dann und wann noch
stille ungestörte Augenblicke wo das Bild des Undankbaren lebhaft vor meinen
Augen schwebt Aber sich so fest an etwas zu ketten wie ich mich zu ketten
pflege ist Unsinn ist Höllenmarter  Doch was nüzt es ich bin einmal schon
so unglücklich gestimmt und Betrug ist mir so wenig bekannt dass ich ihn hinter
keinem Sterblichen vermute Ja wohl sind wir Menschen widersprechend in unsern
Handlungen ja wohl ist die Liebe eine Sache die vom Zufall regiert wird Ich
glaube immer die mehresten Menschen fangen umgekehrt zu lieben an Wenn unser
Geschlecht ein Widerspruch in der Liebe ist so liegt es gewiss in unserer
unfesten Erziehung Bis dahin haben mich die Herren Männer mit
Temperamentsversuchen so ziemlich in Ruhe gelassen Mein sanfter Freund war
gerade von Denen einer die ihre Seligkeit nicht bloß im Körper finden  Und
was in Zukunft aus ihm geworden wäre  das hätte ich erwarten müssen Dass der
Kampf eines wünschenden Liebhabers für uns ein Opfer ist mag wahr sein doch
liebe Fanny  Lass mir meinen Glauben an platonische Liebhaber es würde übel
genug für mich sein wenn ich vom Gegenteil überzeugt sein müsste Koketterie
heißt in meinen Augen so viel als seine Empfindungen vertuschen und Freude an
den Martern der Männer haben Gott bewahre mich vor einer solchen Verstellung 
Ich würde ja mein Herz lästern und die liebe Natur beleidigen die uns zum
Fühlen schuf Weh dem der einst mein redliches aufrichtiges Gefühl nicht
erwidert und doppelt weh ihm wenn mich die Rükerinnerung schmerzte wenn ich
mich ihrer zu spät schämen müsste Hier hast Du meine Gesinnung noch sind wir um
ein ziemliches in unserer Denkungsart von einander entfernt Vielleicht kommt
ein Tag wo Du Recht erhalten wirst aber für jetzt lass mir meinen glücklichen
Schlendrian in der Liebe Doch demungeachtet höre von mir noch ein Geständnis
 Es wacht in mir seit der Zeit meines hiesigen Aufenthalts ein gewisser
avantürischer Geist auf der mir die einsame Lebensart meines Vaters
unschmakhaft macht Ich möchte so gerne die Welt sehen und mehrere Menschen
kennen lernen Eben aus dieser Ursache wandte ich mich an meinen Oheim in K
der nichtsweniger als geizig ist  Er ist mir sehr gut und wird den Mittler
zwischen mir und meinem Vater machen denn mein Vater will von meinem Wunsche
bald wieder in die Welt hinein zu reisen nichts weiter hören aber mein Oheim
ist desto billiger und wird gewiss bald Auswege finden mich unter fremde Leute
zu bringen damit ich mich in Puzarbeiten so gut als möglich für die Zukunft
bilden kann Gibt mein Vater aber seine Einwilligung nicht so reise ich nicht
denn ungehorsam war ich nie Bald schreibe ich Dir wieder dann kannst Du mir
mit einer Mühe zween Briefe beantworten Deine besste
                                                                         Amalie
 
                                  XXXI Brief
                                    An Fanny
Über dein Stillschweigen bin ich weiter nicht böse und um Dich vollkommen
davon zu überzeugen so fiel mirs gerade jetzt ein an Dich zu schreiben und
zwar eine Neuigkeit die darin besteht dass ich mit nächstem nach A abreisen
werde  Ich komme dort in das Haus einer Bekannten um als Kostgängerin
Modearbeiten zu lernen Mein Vater gab auf das gütige Ansuchen meines Oheims
seine Einwilligung weil er einsieht dass alle Arten Arbeiten für ein Mädchen
nötig sind  Wie es mir dorten gehen wird und was ich auf der Reise für
Bemerkungen machen werde sollst Du alles hören Es hat sich hier während dieser
Zeit ein junger Laffe an mich gemacht der mir unausstehlich ist Nur Schade
dass ihn mein Vater gut leiden kann und er uns unter diesem Vorwande öfters
besucht Ich glaube mein Vater hätte Lust mir dieses Geschöpf zum Manne
anzuhängen Das wäre entsezlich wenn ich so einem jungen Springer zu Teil
würde Er stüzt seine Neigung für mich auf das Ansehen meines Vaters und wird
dabei den Kürzern ziehen denn in meinen Herzensangelegenheiten kenne ich keinen
Zwang Dieser Mensch hat mir seit meinem Hiersein schon manche bittere Stunde
gemacht ich würde mich darüber ärgern wenn mich nicht der Umgang meines
Vetters aus Mainz dafür schadlos hielte Erinnerst Du Dich noch was ich Dir
einmal alles für gute Sachen von diesem Jungen sagte  Er war immer mein
Liebling und hat sich auf der Universität treflich gehalten Wir bewohnen einen
der schönsten Gärten in unserer Gegend und oft schleichen wir beide zusammen
ganz Gefühl mit einem Buch in dem Garten herum  Er ist noch weit romanenmässger
als ich und wären wir beide nicht so nahe verwandt so gäbe es aus uns ein
nettes Pärchen Der Junge liest so reizend vor und empfindet so vieles dabei
dass ich ihm mit der größten Wollust manche liebe Stunde zuhöre Auch sind seine
Gefühle so harmonisch mit den meinigen er fühlt alles so heftig und wird
leider mit seinem Herzen eben so wenig glücklich werden als ich  Er ist sehr
traurig über meine baldige Abreise Auch meine Schwester ist durch seine Leitung
ein artiges Mädchen geworden nur Schade dass sie noch so jung ist O Freundin
könnt ich doch das Glük dieser Lieben machen  Sie darben nicht aber wenn mein
Vater sterben sollte dann weh den Hinterlassenen  Diesmal verlass ich meine
Familie mit schwerem Herzen Gott soll meine Ahndung nicht übel ausschlagen
lassen  Ich küsse Dich herzlich und bin wie allezeit
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XXXII Brief
                                   An Amalie
Lass Dir mein Stillschweigen nicht auffallen meine Liebe Du weist man kann
nicht allezeit wie man will  Du willst also schon wieder reisen oder musst
vielmehr zu deinem Nuzzen reisen  Die Absicht deiner Reise ist gut nur bin
ich böse dass dein unruhiger Kopf nirgends fest hält Zu was soll all das
Avantürische in deinem Kopfe  Die verwünschten Romanen haben deine Einbildung
mit Schimären angefüllt Glaube mir Mädchen unter jedem Himmelsstriche findet
man mehr Böses als Gutes und ein Mädchen wird heute oder morgen unzufrieden
wenn es sich in seinen Hoffnungen getäuscht sieht  Dein Wunsch die Welt zu
sehen wäre so übel nicht aber dass Du Dir von der Welt mehr versprichst als Du
erhalten wirst ist für mich ein trauriger Gedanke Du kennst den Wirrwarr unter
den Menschen zu wenig um nicht davor zu zittern Leider bist Du eines von jenen
Geschöpfen die wider ihren Willen den Aenderungen des Schiksals ausgesezt sind
aber deine bestimmten Wege vernünftig durchzuwandern ist nun deine Pflicht
Schreib mir so oft Dir etwas Widriges aufstösst Du kennst mein Herz mit dem
ich Dich immer leitete und noch ferner leiten werde Ich bin in der Tat froh
wenn Du von deinem schwärmenden jungen Vetter wegkömmst der würde Dir den Kopf
vollends verrükken Empfindelei und wahres Gefühl sind zwei verschiedene Dinge
das erstere ist schädlich das leztere für die Menschheit rühmlich Dass man Dich
in dem Hause worein Du bestimmt bist lieb haben wird dafür ist mir nicht
bange denn Du hast eine Art von gutem Willen an Dir der Jedermann an sich
reißt  Die Stadt worein du kommst ist groß und folglich mit mehreren
Verführern angefüllt Du weist was ich sagen will und dessen magst Du Dich
erinnern wenn es nötig sein wird Schreibe deinem lieben Vater oft damit er
nicht Anlass bekommt über Dich zu murren  Sei rechtschaffen liebenswürdig und
bescheiden wenn Du deiner Fanny Freude machen willst
 
                                 XXXIII Brief
                                    An Fanny
Vor allem Fanny muss ich Dir den ersten Saz deines Briefs beantworten Ist es
wohl meine Schuld wenn sich eine Art avantürischer Hang in meiner Einbildung
festgesezt hat  Mich deucht jeder Mensch reitet sein Stekkenpferd und das
ist nun gerade das meinige Ich würde diesen Hang ganz unterdrükken lernen wenn
mich nicht mein abwechselndes Schicksal darin bestärkte Wäre ich zu einem
ruhigen einfachen Leben bestimmt so würde sich mein flüchtiger Geist nach und
nach legen so aber wird er durchs Reisen und durch die vielen unwillkührlichen
Abänderungen genährt Wenn meine Ahndung wahr spricht so wartet auf mich eine
gewaltig unruhige Zukunft Wer nicht Meister über seine ökonomischen Umstände
ist der muss sich in der Welt wie ein Ball herumwerfen lassen und dann bei
solchen Lagen wohl dem Mädchen das Grundsäzze hat Dass es so viele böse
Menschen in der Welt gibt habe ich wie mich dünkt schon bemerkt es wird
Unglück genug für mich sein wenn ich in der großen Welt die wenigen guten eben
nicht finde Ob ich nun meine Schiksale gelassen und vernünftig durchwandern
werde  das weis Gott aber dass meine Schwachheiten nicht zu Bosheiten ausarten
sollen dafür steh ich  Dann müsste mich alles Gefühl meiner Erziehung
verlassen haben und der Gedanke an eine Freundin nicht mehr in meinem Herzen
wohnen die so nachsichtsvoll mich von jedem Irrwege zurückrufen würde Mein
phantasirender Vetter schreibt mir jetzt eben so phantasirende Briefe und ich
gesteh es seine Schwärmerei ist für mich anstekkend  Ich bin nun schon einige
Wochen hier der Abschied von meinem Vater war mir diesmal äußerst drükkend ich
weinte bitter und doch riss mich die Notwendigkeit von den Meinigen weg
Notwendigkeit ist ein grässlicher Tirann unter den Menschen sie trennt die
bessten Geschöpfe  Ich stieg so traurig so schluchzend in den Postwagen dass
meine Reisegefährten die schon im Wagen saßen darüber stuzten  Ich fühlte
mich zwo Stunden lang äußerst fremd unter dieser Gesellschaft und mein Herz
wollte sich durchaus nicht der Freundlichkeit öffnen mit der mir alle diese
Leute begegneten Ich weis nicht war es Zagheit genug ich war den ganzen Tag
für alles kalt was um mich vorgieng Die Gesellschaft bestund aus einem
Frauenzimmer zween jungen Offiziers und einem Juristen Man schäkkerte lachte
philosophirte moralisirte durcheinander bis es dunkel ward Ich blieb bei allem
dem stumm und würde es ferner geblieben sein wenn mich der Wohlstand nicht zum
Danken genötigt hätte indem der Wagen stille hielt und mich gleich darauf der
eine Offizier heraushob Jetzt ging alles ins Postaus das Mädchen an der Seite
des einen Offiziers und ich mit meinem Nachbar der mir um vieles schüchterner
zu sein schien als sein Reisegesellschafter  Man aß man trank und während
als ich mit meinem Nachbar und mit dem Juristen schwazte verlor sich jener
Offizier mit unserer Reisegefährtin und kamen beide nach einer halben Stunde
sehr zerstört zur Gesellschaft zurück Was zwischen ihnen unterdessen
vorgegangen mag der Göttin der Wollust besser bekannt sein als mir Das
Mädchen schien mir an das löbliche Handwerk schon ziemlich gewöhnt denn sie
schäkkerte mit einer Frechheit die mich erzürnte doch dünkte sie mich dabei
äußerst arm und eben darum entschuldigte ich sie mit einer Duldung die jeder
Vernünftige seinem Nebenmenschen schuldig ist Endlich fing der Postillion an
zu blasen wir stiegen wieder in den Wagen und rollten so die ganze Nacht durch
fort An meiner Seite saß jetzt der stürmische Krieger dem es vermutlich nach
etwas Neuem gelüstete weil es ihm an seiner ersten so leichten Eroberung schon
zu ekkeln schien Es war dunkel und was braucht es mehr um das Zügellose eines
solchen Geschöpfes zu reizen  Der Ritter fing an an meiner Seite unruhig zu
werden und zwar so unruhig dass ich um mich vor ihm zu sichern ihm seine
neugierigen Hände fast blau zwikte Schreien wollt ich nicht denn das schien
mir zu affektirt zu heldenmässig und plagen wollt ich mich doch auch nicht
lassen also was glaubst Du wohl dass ich in dieser kritischen Lage tat  Ich
nahm ein Paar Steknadeln zu Hilfe und peinigte seine Hände so dass er heimlich
darüber zu allen Teufeln fluchte Das Schnaufen das Geräusche der Kleider
mussten einige im Wagen bemerkt haben denn die Dirne fing helllaut an zu lachen
und wollte eben zotigte Anmerkungen darüber machen als der andere sanftere
Offizier sich meiner annahm und sagte Bruder lass mir deinen Platz und nimm Du
den deinigen wieder denn gleich und gleich gesellt sich gerne  Nun wechselte
man die Pläzze ich verkroch mich in eine Ekke des Wagens und hütete mich sehr
meinem neuen Nachbar nur mit einem Finger zu begegnen Zwo Stunden vergiengen
ganz ruhig alles schnarchte wieder nur ich und mein Nachbar schliefen nicht
Durch ein Ungefähr erhaschte er meine Hand hielt sie fest und drükte sie an
seine Lippen Mir fing bei diesem neuen Sturm an bange zu werden doch als ich
merkte dass er sehr mit sich selbst kämpfte und nicht so unverschämt wie der
andere war schlief ich ruhig ein  Aber wie das zugieng weis ich nicht 
genug als ich erwachte fand ich dass mein Kopf an seinen Busen gelehnt war Ob
mich nun das fatale Stoßen des Postwagens in diese Stellung gebracht oder ob
der junge Herr mich im Schlafe selbst hinzog  ist mir unbewusst  Doch schlief
ich in dieser Lage ruhig und süß und wenn ich mich nicht irre so träumte
mirs als ob mich mein Nachbar im Schlafe recht sanft geküsst hätte Wir Mädchen
sind doch närrische Dinger nichts reizt uns mehr als wenn die Männer sanft
genug sind mit ihren eignen Trieben recht lange zu kämpfen und mit uns recht
platonisch zu schwärmen Fanny löse mir doch dies Rätsel in deiner Antwort
auf ich bitte Dich darum  Auf diese Art also verstrich der erste Tag meiner
Reise und für heute nichts weiter mehr als lebe wohl 
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XXXIV Brief
                                   An Amalie
Mädchen grüble mir nicht schon wieder in die Zukunft hinein  Dass Du zu einem
abwechselnden Schiksale bestimmt bist glaube ich selbst dafür hat Dir aber
auch der Schöpfer Geist und Talente gegeben nun kömmts auch viel auf Dich an
guten Gebrauch davon zu machen Du hast völlig Recht dass die ökonomischen
Umstände den Menschen in der Welt manchmal zum Untiere machen Denn man sagt
gewöhnlich Not hat keine Gesezze und der größte Philosoph ist ein elender
Wurm wenn ihn hungert Mässig essen und uns standsmässig kleiden das müssen wir
wenn aber uns alles das Troz unserer Bemühung versagt wird  Nicht wahr dann
fallen wir Menschen in die rohe Natur zurück suchen wo wir finden um unsere
Bedürfnisse zu befriedigen die wir unwillkürlich an uns haben  Es gibt nun
eine Menge dummdenkender Köpfe die weder die Welt noch ihre Zufälle und am
allerwenigsten das heimlich dringende Elend mancher Unglücklichen kennen Diese
Strohköpfe behaupten es dürfe kein Mensch verhungern wenn er nur arbeiten
wolle  Der Bettler verhungert auch nicht wenn er nur täglich seine
Kapuzinersuppe genießt Aber gibt es nicht noch tausend andere Klassen von
Menschen denen sogar diese armselige Suppe versagt ist  Gibt es nicht Winkel
der Erde wo Schande Gefühl Mangel und Verzweiflung an den Herzen der
Notleidenden nagt  Findet man nicht oft in den finstersten Löchern arme
Familien aufs Stroh hingestrekt die von ihrem Kummer sich nähren ihren Durst
mit eignen Tränen stillen und dem Zufall fluchen dass er seine Reichtümer
bloß an harterzige Teufel verschwendet hat  Keine Tugend ist seltener als
Menschenfreundlichkeit und keine wird so wenig geübt als eben diese Der
Reiche pralt mit diesem herrlichsten Gefühle der Schöpfung und kennt es nicht
will es nicht kennen oder wendet dieses Gefühl gerade nicht da an wo er dazu
aufgefodert wird Der wahre Menschenfreund muss geizig jeden Anlass suchen die
Tränen der Notleidenden zu stillen er muss Gefühl gutes Herz
Menschenkenntnis besizzen er muss vom Vorurteil frei ohne Rüksicht auf Stand
oder Person das Elend oder die gekränkte Ehre untersuchen er muss sich vor der
ganzen Welt nicht schämen einen zerfezten Elenden an seinem Arm zu führen wenn
er in ihm das gelungene Meisterstük der Schöpfung entdekt hat  Er muss stolz
auf eine solche Handlung sein weil sie ihn vom gemeinen Trosse wie einen Gott
unterscheidet Er muss selbst dem Spötter kaltblütig den Rükken zeigen und sich
größer dünken als der tapferste Krieger der sich durch seine Mordsucht adelt
Er muss im vollen Verstand gut gegen sein Mitgeschöpf sein und das nur für Zufall
ansehen dass er reicher als sein Nebenmensch ist auch muss er seine Wohltaten
bescheiden und mit der feinsten sanftesten Kunst austeilen sonst martert er
das fühlende Herz eines Unglücklichen weit ärger als ihn der langsam verzehrende
Mangel mordete  Elend ohne Zeugen ist für den Denkenden schwer aber Elend mit
Zeugen ist noch schwerer besonders für Den der nicht Vernunft genug hat sich
auch in der Armut erhaben zu fühlen und den übel ausgeteilten Durcheinander
für weiter nichts als Kaos anzusehen Wenn Du länger in der Welt lebst meine
Liebe wirst Du noch viele solche dürftige Geschöpfe finden die aus Mangel an
Nahrung mit ihrem Körper Gewerb treiben müssen doch gibt es mehrere dergleichen
Mädchen die aus Liebe zum Puz aus Hang zum Wohlleben aus Gewohnheit und
Übertäubung aus Faulheit und Unverschämtheit aus Mangel an richtigem Gefühl
und Erziehung sich im Lasterleben fortwälzen bis zu gewissen einsamen Stunden
wo der Ekkel der Natur in diesen Elenden aufwacht und ihr Inneres weit ärger
martert weit ärger zerreißt als Reue über ihre Sünden deren sie aus
Verzweiflung aus Abscheu gegen sich selbst keiner mehr fähig sind  So
ungefähr kommt mir der Zustand dieser Bedaurungswürdigen vor Denn wenn weder
Gesez noch Religion wäre so liegt doch wider ein solches Leben etwas
Schauderndes in der Natur  Woher käme sonst die Verachtung der Abscheu die
Scham der Ekkel eines abgekühlten Wollüstlings gegen so eine Verworfene  Ich
habe mehr als einmal das Geständnis der größten Weichlinge mit Erstaunen
angehört die mich versicherten dass der bitterste Hass auf den Genuss folge und
dass der erste Augenblick von Überlegung ein bitterer Fluch über sich und die
Gehülfin ihrer Ausschweifungen sei  Was ist nun dieses Erwachen anders als
Scham über sich selbst  Was ist es anders als Eingeständnis des Lasters und
Meineids an der Liebe  Was ist es anders als ein übelverschwendeter Instinkt
der einem jeden ohne Herz ohne reine Liebe ohne Empfindung ohne Dank
erwidert wird Muss sich da nicht bei kaltem Blute der Stolz eines jeden sich
fühlenden Mannes empören dass er seine Triebe mit so etwas Allgemeinem
beschmuzte  Ist sein eigener Wert nicht dadurch sehr erniedrigt  Ein Mann
der denkt opfert seine Triebe einer Herzensfreundin und der Liebe  Mich
deucht nur Männer die sich unwürdig fühlen wahrhaft geliebt zu werden können
Schritte tun wovor sie sich selbst im Innern schämen müssen  Genug hievon 
Nun zu deiner Steknadelanekdote Du bist wahrlich eine tapfere Heldin  Glaube
mir Mädchen wenn sich alle bösen Buben durch Steknadeln zurückschrökken ließ
so würden ihrer eine Menge mit blutenden Händen umherlaufen Der Einfall war
indessen launigt und fein ausgedacht nur glaub ich nicht dass Du immerfort bei
jedem Angriffe mit Steknadeln bei der Hand sein wirst Dass Stürmer Dir nichts
abgewinnen das weis ich schon lange aber um desto gefährlicher sind deinem
empfindsamen Herzen die sanften Männer Nimm Dich in Acht Malchen und schlafe
mir ja nicht so leicht ein wenn Du wieder an die Seite eines solchen Nachbars
zu sizzen kommst Die Männer lauren immerfort und heucheln sich zuerst in unser
Zutrauen damit sie hernach mit einem unwiderstehlichen Feuer uns um desto
sicherer überraschen können Heute deucht mich genug geplaudert zu haben Lebe
wohl Besste 
                                                                    Deine Fanny
 
                                  XXXV Brief
                                    An Fanny
Traute liebe Freundin  Ich habe Dir in meinem letzten Briefe vieles von meiner
zurückgelegten Reise vorgeplaudert dass ich Dir gar nichts in Rüksicht des
Hauses darin ich mich gegenwärtig aufhalte sagen konnte Die Familie bei der
ich wohne besteht aus Vater Mutter und einer erwachsenen Tochter Von dem
Charakter der beiden Alten lässt sich eben nicht viel Gutes aber auch nicht viel
Böses sagen Sie folgen beide dem gewöhnlichen Schlendrian alter Leute der in
Andächtelei und pedantischer Moral besteht Die Tochter aber lebt schon auf
einem aufgeklärteren Fuß und liebt mich eben so herzlich als ich sie Wir
schäkkern und lesen oft zusammen und schwazzen überdies von unsern kleinen
Liebeshistörchen Leztin erlaubte uns Frau Mama nach vielen Bitten das
Schauspielhaus zu besuchen Für mich wars ganz was Neues denn in meinem Leben
hatte ich noch kein Schauspiel gesehen Wie stark aber dieses erste auf meine
Nerven wirkte kann ich Dir nicht sagen   Ich weinte staunte fühlte
und das Bild der Liebe das darin erschien riss mich bis zum Entzükken hin 
Ich habe die Tage meines Lebens keine Unterhaltung gefunden die für mich mehr
zur Leidenschaft werden könnte als eben diese Als wir beiden Mädchen wieder zu
Hause waren sprach ich den ganzen Abend durch kein Wort aß nichts und träumte
unaufhörlich von dem was ich gesehen hatte Die Vorstellung war ein
Trauerspiel Romeo und Julie genannt Ob die Schauspieler gut spielten kann ich
Dir nicht sagen weil meine Kenntnis in diesem Fache noch klein ist Aber so
viel weis ich dass mir die Liebe des guten liebevollen Romeo äußerst ins Herz
drang und dass ich vollkommen das ängstliche ungeduldige Sehnen und Warten der
Julie mitfühlte wenn sie voll Liebe und Wollust voll Furcht und Zärtlichkeit
bange nach ihrem Geliebten seufzt  Unter so vielen unangenehmen Dingen denen
die Menschen unterworfen sind deucht mich für einen feurig ungeduldig
wünschenden Kopf das Warten das allergrausamste Wie schröklich mag es wohl erst
für Verliebte sein wenn furchtsame Phantasien ihre Augenblicke zu Jahrhunderten
schaffen Ich muss jetzt von dem Artikel der Liebe abbrechen sonst würde er zu
sehr auf mein Herz wirken und nun zu einigen Stellen deines Briefs gerükt
Deine Äußerung dass die Not so viel Unheil unter den Menschen stiftet
erfüllte mich mit Traurigkeit Bald hätte ich Lust mit Dir die Einrichtungen in
der Welt zu verwünschen welche die Menschen aus Eigennutz erfunden haben Die
Natur fodert doch so wenig und gibt uns alles was wir am nötigsten brauchen
Hätte sich nicht Politik und Herrschsucht unter uns eingeschlichen so wüsste man
nichts vom Reichtum nichts vom Vorzug nichts von überflüssigen Wünschen aber
so müssen die Menschen gleichsam in einer Kette durcheinander geschlungen leben
wovon dem einen ein großes Stük dem andern aber gar nichts zu Teil wird  Und
hat denn der Arme der vom gleichen Stoff wie der Reiche geschaffen ist nicht
Ursache sich zu beklagen  Was kann er dafür dass ihm seine Eltern in einem
Augenblicke des Vergnügens sein Dasein gaben um ihn durch unverdiente Armut
von dem Schiksale martern zu lassen Unsere Geburt ist unwillkürlich und die
Last unserer Schiksale drükt uns so oft unschuldig aber desto schröklicher 
Ich will gerne glauben Freundin dass es Dummköpfe gibt die das heimliche
Elend so vieler Menschen nicht kennen Überfluss macht den Reichen faul
gedankenlos und hart Wenn die lüsternen Wünsche des Reichen befriedigt sind
dann wird er schläfrig untätig auch ist die Vernunft und das Gefühl da am
wenigsten zu Hause wo Taumel von aller Art Wollust herrscht  Fast gar keine
Reiche gibt es die mitten im Wohlleben der Menschheit eine Träne zollen Du
hast meine Liebe das Bild eines Menschenfreundes so vortrefflich entworfen dass
sich selbst der Schöpfer darüber freuen müsste wenn er Viele unter seinen
Geschaffenen fände die diesem Bilde glichen  Auch muss die Wollust die der
Menschenfreund nach einer schönen Tat empfindet die größte Seligkeit sein 
Kein Andenken in der Welt gräbt sich tiefer ins fühlende Herz als
Menschenfreundlichkeit und die Erinnerung an eine gute Handlung alle übrigen
wezt die Zeit aus aber der Gedanke einen Elenden unterstüzt zu haben bleibt
ewig und muss dem Wohltätigen in seiner letzten Todesstunde Vorgeschmak des
Himmels sein  Die Tränen des Danks Die Freude eines Geretteten Die
Verlängerung seines Lebens sind lauter Lorbeeren die sich der Menschenfreund
um sein Haupt sammelt die seine Todesstunde versüßen und ihn triumphierend zum
gerechten Richter führen Wie viele Laster kann der Menschenfreund verhindern
die oft von Generation zu Generation erblich sind wenn Armut die Quelle davon
war Den Großen der Erde und ihren Vertrauten käme es zu in ihren Städten jeden
Stand in Klassen einzuteilen und Alles was darin lebt und webt durch
vernünftige Anstalten so viel möglich vor Mangel zu schüzzen Warum richtet man
nicht für so viele müßige Freudenmädchen eine Art von Fabrikke auf wo jede
ihrem Stand angemessene Beschäftigung bekäme  Dirnen die aller Besserung
unfähig wären wärfe man nach allen nur möglichen vorhergegangenen Versuchen
an den Ort der für öffentliche Bedürfnisse privilegirt wäre  Dann bekäme doch
das Laster lauter freiwillige Auswürflinge und keine Unschuld mehr durch Armut
verführt zum Raub  Überhaupt um bessere Grundsäzze der Jugend einzuflößen
als sie oft bei ihren nichtswürdigen Eltern bekommen wäre ein allgemeines
Erziehungshaus für arme Kinder der zuträglichste Ort von dem unsere
Nachkömmlinge bessere Sitten zu hoffen hätten Wider den Willen der Eltern
hätten die Großen das Recht nach befundener übler Erziehung und Armut für das
Wohl der Jugend zu sorgen und sie in besagtes Haus aufzunehmen Gewalt zum Guten
hat jeder regierende Herr  Wenn von der Erziehung nicht so viel geschrieben
und mehr ausgeführt würde so bekäme die Menschheit eine ganz andere Wendung
Denn in der Erziehung liegt Glük oder Verderben  So ungefähr meine Freundin
denke ich mir die Sachen  Lebe wohl meine Besste 
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XXXVI Brief
                                   An Amalie
Mich freut es außerordentlich liebe Amalie dass Du Dich bei so redlichen Leuten
befindest  Lass dem Alter immer seine Gewohnheiten dafür sind wir jung um
diese Schwachheiten zu ertragen  Du warst also in dem Schauspiele  Will es
gerne glauben dass es deinen Sinnen auffiel Du hast ja ohnehin Überfluss an
Gefühl ein unverdorbenes Herz und Sinnen die reizbar sind Und nichts bringt
diese Sinnen mehr in Gährung als eben das Schauspiel  Es ist der Weg zur
Bildung für junge Leute wenn es nicht von einer falschen Seite genommen wird
aber auch zur Ausschweifung  Übrigens hast Du ganz Recht meine Freundin
Armut und Not sind die herrschenden Leiden in dieser Welt und es wird so
wenig über diese zween Gegenstände nachgedacht dass es unglaublich scheint wenn
so viele Elende Verlassne ohne bemerkt zu werden heimlich ihr Grab finden Der
überflüssige Aufwand ist nun einmal eingeführt wer ihn nicht bestreiten kann und
der Tugend getreu bleiben will wird verspottet verachtet und verhönt  Kein
Wunder wenn sich so viele Schwache an der Armut zu rächen suchen und nur zu
oft auf Irrwegen nach Hilfe schnappen Der einzige Trost der einem Armen übrig
bleibt ist Religion diese allmächtige Mutter kann Stärke kann Seelenkraft
geben und wo diese nicht ist tritt Ausschweifung und Verzweiflung an ihre
Stelle  Was könnte sonst den darbenden Armen vom Selbstmord abhalten wenn er
nicht auf eine bessere Belohnung hoffen dürfte Er müsste gegen die Vorsicht
murren statt dass er sie im Herzen segnet er müsste über sein Leben bitter
eifern wenn er nicht eine Seele hätte die auf dauerhaftere Glückseligkeit
Ansprüche machen könnte  Religion macht den Armen duldsam den Elenden
standhaft den Verfolgten erhaben den Gekränkten stark den Verlassenen mutig
überall hofft der Unglückliche von seinem Schöpfer Hilfe  Er überlässt sich der
Vorsicht und grübelt nicht über ihre herrlichen Fügungen nach weil er sie
verehrt Dass es nun in der Welt so wenig Menschenfreunde gibt ist auch wieder
Mangel an Religion Liebe Gott und deinen Nächsten sind Worte die man der
katholischen Jugend zu wenig ins Herz schreibt Überflüssige Bigotterie
sinnloses Gebet Frazzereien damit wird ein junges Herz angefüllt  Liebe
Gefühle und Duldung für seine unglücklichen Mitgeschöpfe wird es nicht gelehrt
Daher so viele Afterchristen die ihre Religion zum Handwerk machen und
grausame Untiere statt liebender Brüder werden Wie kann der Mensch in seinen
alten Tagen menschlich handeln wenn er in seiner Jugend nicht hat fühlen
gelernt  Wie kann er Mitleid empfinden wenn er nicht gelernt hat seine
Brüder zu lieben  Wie kann die Stimme der Religion auf ihn Eindruk machen
wenn er nicht durch sie überzeugt wird dass wir alle Brüder und Schwestern sind
 Auch der niedrigste Pöbel hat wenigstens ein Fünkchen Gefühl für seinen
Mitmenschen im Herzen wenn es durch die Lehrer der Religion erhalten statt
erstikt wird  Aber Unmenschlichkeit Menschenhass Höllenfluch ist meistens
die Sprache der bigottischen Lehrart ihr Eigensinn ihre Dummheit macht der
Natur Schande die uns doch alle für einander schuf Ist es nicht ein hässliches
Vorurteil dass man den gemeinen Katholiken das Lesen so vieler vortrefflichen
Bücher verbietet oder seine Leichtgläubigkeit durch Sündenfurcht abschrökt 
Wenn der Mensch fühlen will so muss er zuerst denken lernen und wie kann der
gemeine Mann bei den Katholiken über die Pflichten der Religion und
Menschenliebe denken wenn er so selten durch ein gutes Buch durch eine
vernünftige Predigt oder durch die sanfte Anweisung seines Seelsorgers dazu
geleitet wird  Gebt dem gemeinen Manne so viel Aufklärung als er nötig hat
und er wird ein guterzigerer Mensch und ein besserer Christ werden   Aber
nun meine Besste will ich dir das Übrige deines Briefs beantworten Du hast
Recht meine Freundin die Großen der Erde könnten alles was unter ihrer
Obsicht steht vor Mangel schüzzen wenn sie nur wollten oder wenn sich ihre
Vertrauten weniger in der Wollust herumwälzten damit es ihnen zu dergleichen
rühmlichen Projekten nicht an Zeit fehlte  Den großen Schwarm von
Freudenmädchen zu vertilgen stünde bloß in der Gewalt der Großen weil durch
ihre Schuld so viele tausend Menschen vom Tode hingerafft werden und durch
deren Abschaffung oder Verminderung diesem Übel gesteuert würde  Wenn man die
häufigen Opfer in mehreren Städten Deutschlands bedenkt die an Lustseuchen
elend dahin sterben so möchte man bis zu Tränen gerührt werden  Dein
Vorschlag meine Liebe Fabrikken zu errichten könnte für die Zügellosigkeit
unseres Zeitalters trefliche Dienste tun wenn sich die Großen der Erde mit
Ernst darein mischen wollten Doch müssten diese Häuser mit den mildesten
vernünftigsten Gesetzen geziert werden damit Vernunft und Religion durch
anständige Freiheiten die man diesen Mädchen zukommen lies über sie den Sieg
erhielten der vielleicht noch bei vielen zu finden wäre die aus Armut und
Verführung zum Lasterleben hingerissen wurden Man dürfte nur die Verfertigung
und den Verkauf der Puzwaaren außerhalb diesen Fabrikken verbieten und es
würden dadurch die Einkünften hinlänglich genug alle Mädchen nach ihrem Stande
zu nähren zu kleiden und zu beschäftigen  Die Mädchen müssten nach Maassgabe
ihrer Aufführung Freiheit genießen  Den vernünftigen Aufseherinnen stünde es
dann zu die Mädchen zu untersuchen ob mit Sanftmut oder mit Gewalt mehr
auszurichten wäre Die welche Troz aller Ermahnungen die Stimme der Ehre
überhörten müssten dann einer schärfern Züchtigung übergeben werden  Fremde
und Einheimische könnten in einem solchen Hause zu einer Besserung ihres
Schiksals gelangen O meine Besste  Welch eine Wonne wäre es für uns wenn
diese unsere gute Meinung in die Hände eines Menschenfreundes fielen und irgend
einem Großen der Erde zum Wohl der Menschheit übergeben würden Lebe wohl meine
Liebe  
                                                                    Deine Fanny
 
                                 XXXVII Brief
                                    An Fanny
Wenn ich Dich so lange Zeit auf einen Brief warten lies so schreibe diese
Nachlässigkeit nicht auf Rechnung meines Herzens Die vielen Modearbeiten gaben
mir und meiner Freundin so viel zu tun dass ich mein Lieblingsgeschäft Dir zu
schreiben hintansetzen musste Ich habe seither im Puz wakker arbeiten gelernt
und Frau Mama lies mich zur Belohnung meines Fleißes öfters das hiesige
Schauspielhaus besuchen Da sah ich allerhand Zeugs und besonders mehr schlechte
als gute Stükke  Meine Kenntnisse in diesem Fache fangen nun an sich zu
entwikkeln weil ich jede Vorstellung in Gesellschaft von Kennern mitansehe und
beobachte Da wird denn nun vieles über diese Kunst gesprochen und kritisirt
bei welcher Gelegenheit ich mir immer das Wichtigste merke Das Schauspiel ist
mir nun nicht mehr so neu als da ich es zum erstenmale besuchte und eben darum
sind jetzt meine Urteile mit kälterm Blute abgefasst und wie mir dabei dünkt
richtiger als zu Anfang wo meine lebhafte Einbildungskraft alles gierig
verschlang was ich vorher noch nicht gesehen hatte Der Direktor der
Gesellschaft ist Herr Sch ein schöner junger Mann Schade nur dass seine
Gesundheit durch ein unregelmässiges Leben auf der Neige steht  Eine gewisse
M spielt die Rolle einer Liebhaberin auf der Bühne mit viel treuer
Schwärmerei wenn sie nur außer der Bühne nicht das Gegenteil behauptete  Des
Direktors Weibchen ist ein lebhaftes feuriges Ding handelt aber wie die
meisten Schauspielerinnen denen es an Erziehung fehlt ohne Grundsäzze bloß
sinnlich  Mangelt es bei solchen herumreisenden Gesellschaften dem Haupte
davon an guten Sitten so weis man was sich von den Übrigen denken lässt
Während der Zeit dass diese Schauspielergesellschaft sich hier aufhielt fielen
unter ihnen einige merkwürdige Auftritte vor die dem Zuschauer jede Moral die
aus dergleichen Leute Munde kommt unwahrscheinlich machen muss So feurigen Hang
ich in mir fühle mich einstens dieser Kunst widmen zu können so sehr schrökt
mich der zügellose Wandel dieser Leute davon ab  Ist es nun zu verwundern
wenn der gesittete Mann die Türe vor solchen Geschöpfen schließt  Ist es zu
verwundern dass der gemeine Mann der nicht Einsicht genug hat hie und dort
eine Ausnahme zu machen den Schauspieler bei lebendigem Leibe für verdammt
hält  Ich finde es unverzeihlich dass die Obrigkeit auf reisende Schauspieler
kein wachsameres Auge hat Sie machen doch einen wichtigen Gegenstand aus und
sollten eben darum weil sie zu Verbesserung der Sitten bestimmt sind zu einem
exemplarischern Lebenswandel als andere Menschen gehalten werden Doch jetzt zu
andern Neuigkeiten Ich schrieb meinem Vater von hier aus schon einige Briefe
und leztin antwortete mir der junge schwärmerische Vetter B im Namen meines
Vaters Ich kann Dir nicht genug sagen wie sehr er meine Schreibart erhebt
Lies einmal eine Stelle aus einem seiner Briefe die ich Dir hersetzen will 
Du bist ein teures vortrefliches Geschöpf und wirst einstens manchem von
unserm Geschlecht den Kopf verdrehen Dein Geist bildet sich täglich mehr und
welche Wonne für Den der Dich einstens mit deinen Engelsvorzügen ganz besizzen
wird  Ei du kreuzbraver Schmeichler dachte ich mir bei Lesung seines Briefs
und antwortete ihm mit einer beissenden Satire  Aber nicht wahr meine
Freundin er hat sie verdient  Warum schreibt mir der Junge Albernheiten von
der Art  Die gefährlichen Jungens wenn sie kaum lallen können so fangen sie
schon an uns zu schmeicheln und wissen recht gut dass das bei den meisten
Mädchen der Weg zum gefallen ist Zu allem Unglück für uns hat uns die Natur
weich genug gemacht diesen Weihrauch mit Güte des Herzens zu erwidern Ich
wünschte dass alle Mädchen philosophisch dächten um jedes Gefühl vom andern
Geschlecht für Betrug anzusehen und die Männer so lange mit Ungewisheit zu
kränken bis sie uns besser und treuer behandelten Überall findet man so viele
von beiden Geschlechtern betrogen Woher kommt denn doch ein so ungeheures Kaos
von beiderseitigem Betrug  Ich bin so böse wenn ich die wechselseitigen Lügen
betrachte die man sich in der Liebe so leicht so ungezwungen hinsagt  In
meinen vaterländischen Alpen da gehts nicht so zu man sagt einander nie was
von Liebe wenn man es nicht fühlt aber wenn man es sagt dann hält man sich
auch Wort Mich deucht nur standhafte Liebe allein kann das Band der
Glückseligkeit im menschlichen Leben knüpfen und ich freue mich so herzlich
wenn ich so von ungefähr auf zwei Verliebte stoße ich möchte alsdann den
Schöpfer laut loben der der Urheber dieser beiderseitigen namenlosen
Gutherzigkeit ist die zwei Zärtliche so gränzenlos mit einander teilen 
Länger kann ich aber heute nicht mehr mit Dir schwazzen und außer einem
Mäulchen das ich dir aufdrükke sag ich bloß noch dass ich bin
                                                                   Deine Amalie
 
                                 XXXVIII Brief
                                   An Amalie
Hättest Du mir noch einen Monat länger nicht geschrieben so würde ich mich
schon bei Dir selbst gemeldet haben denn mir war für dein Schicksal bange 
Übrigens meine Liebe bin ich mit deinen Bemerkungen über das Schauspiel sehr
zufrieden und will Dir izt auch meine Meinung darüber sagen Die Sitten
reisender Schauspieler sind fast durchaus verdorben Der Grund davon liegt in
unendlichen wovon ich nur den Hauptteil berühren will Die Bühne ist der letzte
Zufluchtsort aller Gattung verlassner Menschen Die meisten sind lüderliche
Bursche oder ausgelassne Mädchen die die Kunst bloß zum Dekmantel wählen Die
allerkleinste Anzahl davon sind wahre Unglückliche die aus Schicksal aus Mangel
diesen Stand wählten Wenn nun diese erstere Klasse von Menschen ohne Erziehung
ohne Ehrengefühl mit gränzenlosen Leidenschaften begabt eine Bahn betreten wo
so viel tausend Gelegenheiten diese Leidenschaften reizen so müssen solche
Menschen weit ausschweifender werden als andere die in den engen Schranken
ihres bürgerlichen Lebens nichts vom Neid nichts vom Eigennutz und nichts von
der Wollust wissen Schwäche der Seele wenige Moral bei so häufigen
Versuchungen sind die Fehler dieser Unglücklichen die sich den Lüsten eines
Jeden darstellen müssen und nicht Stärke genug haben den Angriffen auszuweichen
die das Vorurteil so frei so allgemein besonders bei den Schauspielerinnen
wagt Man rechnet diese Frauenzimmer unter die allgemein buhlenden und die
meisten leider beweisen es auch mit der Tat dass man ihnen nicht Unrecht tut
sie darunter zu rechnen Veränderung der Lage Armut weibliche Eitelkeit
Liebe zur Verschwendung die durch schwärmerische Rollen gereizte Nerven
Neuheit der Bekanntschaften wozu diese Leute auf ihrem Herumreisen verleitet
werden alles das zusammen genommen bringt diese Schwachen zu so vielen
Ausschweifungen und da die meisten aus ihrer Kunst ein Handwerk machen so ist
es sehr wahrscheinlich dass die Moral die sie täglich auf der Bühne im Munde
führen auf sie selbst nicht mehr wirkt Ich habe Schauspielerinnen gekannt die
es so weit im Mechanismus brachten dass sie hinter den Kulissen manche der
Moral widrige Handlungen trieben und einen Augenblick hernach mit allem
möglichen Schein auf der Bühne ernsthafte Empfindungen und eine Art Träume
nachahmten dass der gröbere Teil des Publikums ihnen sogar Beifall zuklatschte
 Der Kenner sieht nun freilich durch so eine Larve hindurch und weis recht gut
zu unterscheiden was für Gefühle Mutter Natur in eine Schauspielerin gelegt
hat oder nicht  Es ist kein richtigerer Weg um die hervorragenden Züge der
Karakteristik eines Schauspielers zu entziffern als sein Spiel selbst
besonders bei dem Frauenzimmer kann man es beinahe auf den Wink erraten
welcher Charakter im bürgerlichen Leben ihnen eigen ist wenn man sie lange und
ohne Vorurteil beobachtet Die Kokette wird in der sanftesten Rolle mit einer
gewissen Frechheit hervorblikken und das gutgezogene Mädchen wird im Gegenteil
in der ausschweifendern Rolle der Kokette doch hervorschimmern  Und gesezt
beide von dieser Art Schauspielerinnen hätten es auch in ihrer Kunst so weit
gebracht die Täuschung fast glaubbar zu machen so ist es doch für den ächten
Menschenkenner nichts Unmögliches so eine Person in Rollen die sie bloß als
Künstlerin liefert zu karakterisiren und ihren sittlichen Wandel zu entdekken
Wenn der Kopf einer Schauspielerin in Rollen die nicht auf ihren Charakter
passen allein arbeitet so merkt es der feinfühlende Kenner recht gut dass das
Herz dabei fehlt  Wenn gewisse Sinnen des empfindsamen Zuschauers nicht durch
das vollkommene Spiel des Schauspielers befriedigt werden so wird er über kurz
oder lang das Fehlende am Schauspieler entdekken woraus er die
Hauptleidenschaften seines Karakters von seiner spielenden Rolle unterscheiden
kann  Der Schauspieler selbst so weit er es auch im Studium gebracht hat muss
es an sich fühlen dass ihm entweder der Ton das Gefühl oder das Wahre fehlt
wenn er in einer Rolle spielt die nicht mit seinem Charakter harmonirt Erinnere
Dich meine Liebe dieser Bemerkungen und sie werden Dich zu Kenntnissen führen
die bloß in der Natur liegen und also untrüglich sind Es gehört aber lange
Erfahrung und eine genaue Beobachtung dazu sonst kann man sich leicht irren
besonders junge Mädchen die des Schauspielers sittlichen Charakter bloß aus der
glänzenden Rolle beurteilen und ihm eben die Tugenden außerhalb der Bühne
zuschreiben die ihnen ihre Neigung für sein Spiel es mag gut oder schlecht
sein eingibt Man ist auch gar zu sehr geneigt den Charakter im sittlichen
Leben nach der Güte einer Rolle abzumessen und man betrügt sich nur zu oft
grässlich denn die Moral ist auch in dem Munde eines Nichtswürdigen geduldig
und sträubt sich nicht ob sie ein guter oder böser Mensch auf die Welt bringt
Dazu gehört aber tiefe Kenntnis der Kunst wenn man unterscheiden will ob der
Spielende der Natur seines Karakters gemäß arbeitete ob er die Moral als
trugloser Heuchler so darstellte dass man es für Harmonie mit seinen Tugenden
halten kann oder ob er bloß durch die Kunst eine glänzende Larve trägt die
durch Festigkeit auf der Bühne durch seine eigne Einsicht für den Zuschauer so
täuschend wird dass man das für die Sprache der Tugend hält was blose
Gewohnheit im Handwerk ist  Manchem unschuldigen Mädchen glitscht so ein
moralischer Pasquillant unvermerkt ins Herz und reizt mit seinem Flitterstaat
ihr Auge so sehr als ihr Zutrauen Denn dem Mädchen oder dem Jungen ohne
Erfahrung ists unbegreiflich dass es Schauspieler geben könne die mit der Moral
so vertraut sind und doch dabei so ausschweifend handeln Die Jugend ist gar zu
sehr geneigt für die Schauspieler und Schauspielerinnen Leidenschaften der Liebe
zu empfinden weil ihre vorteilhaften Rollen und überhaupt ihr ganzes
Aeusserliches unendlich reizt  Nun zum Beschluss ein warmes Mäulchen von deiner
Freundin
                                                                          Fanny
 
                                  XXXIX Brief
                                    An Fanny
O teure Besste  Schlag auf Schlag donnert das Elend meine Jugend nieder 
Noch kann ich die entsezliche Nachricht kaum fassen die mich vollends zur Waise
machte  Mein Vater ist tot und mit ihm alle Freuden der Schöpfung die mich
durch die vertrauten Bande der Natur noch an sie fesselten So schnell so früh
hat sie ihn mir entrissen die Hand des Schiksals  Und mich nebst meiner noch
unerzognen Schwester zu verlassenen Waisen gemacht  Alle Menschen die um mich
herum waren suchten mit dem äußersten Gefühl des Mitleids mir diese
herzerschütternde Neuigkeit zu verbergen weil man die Heftigkeit meines Grams
kennt O das war ein grausam barmherziger Aufschub  Denn die Ungewisheit die
ich auf allen Gesichtern im Hause las folterte meine Seele um so mehr weil ich
zum Voraus von der Krankheit meines Vaters unterrichtet war Sinnlose Betäubung
so behutsam diese Menschenfreunde ihre Nachricht einkleideten schlug mich zur
Erde hin  Und als ich zum neuen Menschenelend wieder erwachte war
anhaltender Gram mein Loos  Die Trennungen des Bluts sind die schröklichsten
in der Natur wenn diese Urheberin unsers Daseins einen Teil ihrer schönsten
Harmonie von uns reißt dann fühlt sich der übrig gebliebene einem kränkelnden
Blümchen ähnlich das bloß noch zur marternden Strafe sein Leben behält Ich
dünke mich jetzt elternlos so verloren in der ganzen weiten Schöpfung 
Gepeinigt von dem drükkenden für glückliche Menschen so unbegreiflichen Kummer
und erst jetzt bin ich überzeugt dass Furcht Zagheit und äußerster Jammer das
Erbteil des nervenschwachen Weibes sind  Meine Schwester  Das unschuldige
Opfer des Zufalls  Meine Schwester Was wird aus ihr werden  Ihre Erziehung
die ich aus Mangel an Glüksgütern nicht besorgen kann ist ein Gegenstand mehr
der mir meinen Kummer noch verbittert  Gott im Himmel wie mich der Gedanke
durchzittert  Dass vielleicht ihre junge weiche Seele aus Zwang in die Hände
ihres Vormunds fällt unter die Aufsicht eines Manns der zwischen Tier und
Mensch bloß den Unterscheid der Gestalt trägt  Ich muss hin zu meiner
Schwester ich will sie ihm aus den geizigen Klauen reißen diese arme verwaiste
Unschuld deren verwahrloste Bildung mich einstens schröklich in meiner letzten
Stunde drükken würde  Die Natur hat mir Jugend ein gutes Herz Kopf und
Gesundheit gegeben ich muss dies alles mit meiner Schwester teilen das sagt
mir die wohltätige Stimme der Natur das sagt mir mein Gewissen das sagt mir
der Geist meines Vaters der mich diesem Kinde zur Trösterin zur Mutter
hinterlies  Wie viel bittere Tränen wird das arme Mädchen auf dem Grabe ihres
Vaters verweinen  Was sie jammern wird die Verlassne um meine Zurükkunft  
Was ihrem jungen Gefühle die Bilder des Grams für Wunden schlagen werden Kaum
öfnet sich ihr zartes Herz den Eindrükken der Freude und schon wird diese
Freude durch Angst und Leiden getrübt  O Schicksal  Du bist manchmal gegen
deine Untergebenen zu hart dass du nicht einmal die blühende Unschuld
verschonst  Fanny  Wenn ich mir das Kind neben dem kalten Leichnam meines
Vaters blass und verweint denke wie sie da steht einsam und verlassen seine
starre Hand ergreift sie tausendmal küsst und nicht weis an welches fühlende
Menschenherz sie sich wenden soll weil ihr mit dem Vater Alles starb woran sie
sich ketten konnte  Ich muss mich wegwenden von diesem schröklichen Bilde
sonst beugt es mich zu tief  Gott  Wie elend ist der Mensch wenn er das
Bischen Freude wegrechnet das er während seines unschuldigen Puppenspiels
genießt  Mit ihm wird Gram und Drangsal geboren und die Freude über seine
Geburt ist der Tod seiner Zufriedenheit Traum des menschlichen Glüks du bist
es der das hervorragende Elend nur mehr vergiftet  Weil du die lüsterne
Sinnen der Menschen auf einige Minuten zu belügen weißt  Immer behält das
Unglück unter der Menschheit die Oberhand und wer sich auf etwas besseres freut
hält sich an eine Seifenblase die mit jedem Hauche wieder verschwindet Bei
meinem Alter sollte mich die Natur von allen Seiten anlachen und doch ist
finsterer Tiefsinn das Loos was sie mir zuwarf  Nicht einmal ein wenig
Leichtsinn gab sie mir diese Mutter ihrer Kinder nein  So barmherzig war für
mich die Natur nicht sie hat mich dafür tief fühlen gelehret sie hat mir
weiche Nerven gegeben damit ich die Härte meiner Schiksale weit schröklicher
als ihre Lieblinge empfinde die mit ihren kalten Herzen eben dieser Natur nicht
einmal eine Träne des Danks zu weinen im Stande sind Teuerste  Du allein
bist Zeuge meiner unglücklich verlebten Tage sei also auch Zeuge meines Dankes
den ich jetzt knieend dem Schöpfer bringe der mich zu allen diesen Martern
bestimmt hat  Bitte mit mir Fanny den Vater im Himmel um seinen Beistand für
meine trostlose Schwester und mich  Gerne würde ich jetzt beim Troste der
Religion mit Dir verweilen aber man ruft mich wegen einem Brief der vom guten
Oheim aus K eintraf Ich muss hineilen vielleicht enthält er Trost Und dann
meine Liebe bin ich bald wieder bei Dir Fanny  Das Herz meines Oheims
in K ist einer Krone wert  Ist es möglich dass der Mann bei seinen wenigen
Einkünften die reiche Tiegerbrut meiner übrigen Anverwandten in der Großmut so
sehr beschämt  Im Kloster S G lebt noch ein reicher Oheim zu mir 
Ein Mann der heimliche Schäzze besizt und sich aus Fühllosigkeit in die Kutte
wikkelte  Kalt harterzig voll Bigotterie und Pfaffenstolz ist seine Seele
Geiz und Eigennutz haben die Unmenschlichkeit in ihm erzeugt  auch nicht eine
Träne dringt von uns armen Waisen in sein Felsenherz das er mit Heuchelei der
leidenden Menschheit verschließt Und dieser Unmensch der der geistlichen Würde
Schande macht ist eben sowohl mein leiblicher Oheim als der in K Lezterer
hat ihn zur Hilfe für uns elternlose Kinder aufgefordert und ein lügenhaftes
Kazzengeschrei von geschworner Armut und dergleichen Gaukeleien war seine
Antwort Es ist doch bewiesen dass dieser harte Mann jährlich eine ansehnliche
Summe Spielgeld von seinen Obern erhält die er freilich mit mehr Sinnlichkeit
verschwenden wird als wenn er es für die hinterlassenen Kinder seines gegen ihm
so wohltätig gewesenen Bruders anwenden würde Es scheint unbegreiflich dass so
verschiedene Herzen durch das nemliche Blut belebt werden können  Auch mein
teurer gütiger Oheim in K ist ein Diener Gottes aber zur Ehre dieses
Gottes gefühlvoll und menschlich wohltätig aufgeklärt barmherzig ohne
Heuchelei und nicht wie jener unreine Priester der Religion der aus Eigennutz
die Stimme der Natur erstikket  Vergieb mir meine Liebe wenn ich keine Larve
leiden kann die mancher gutherzige Tor nicht so leicht durchsieht wenn sie
ihm unter dem Dekmantel der Andächtelei aufgetischt wird Tugend an einem
Gesalbten zu vermissen kränkt mich weit mehr als an andern Menschen weil er
als ein treuer Diener der Tugend wenigstens nur öffentlich erscheinen soll 
Wahr ists der würdige Priester hat bei den so sehr verdorbenen Sitten der
Priesterschaft Stärke der Vernunft nötig um das Vorurteil zu beschämen und
verdient Lorbeeren wenn er seine Moral aufs gute Beispiel und auf das Wohl der
Menschheit festsezt In diese leztere Klasse gehört gewiss mein würdiger Oheim in
K Er steht in Diensten seines Fürsten hat keine andere Einkünften als die
Belohnung seiner Dienste und ist doch dabei so überschwenglich
menschenfreundlich als ob ihm das Schicksal überflüssige Glüksgüter zugeworfen
hätte  Reich an gutem Herzen wird dieser Mann von allen Unglücklichen verehrt
geliebt und ich darf es wohl sagen als eine feste Stüzze der Religion als ein
duldender Christ als ein sanfter biederer Freund der Elenden beinahe angebetet
 O dieser Gute  Er beschwört mich über den Verlust meines Vaters nicht
meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen er wundert sich über meine übertriebene
Kleinmut und öffnet mir sanft sein neues Vaterherz drükt mich in Gedanken
tröstend an seinen Busen und ist willig sein Aeusserstes für uns arme Waisen zu
tun Nur bittet er um Zutrauen um Beruhigung um Schonung meiner Gesundheit
In wenig Tagen reise ich auf seinen Wink zu dem Grabe meines Vaters und in die
Arme meiner bessten einzigen Schwester  Vergiss deine gebeugte Amalis nicht 
 
                                   XL Brief
                                   An Amalie
Liebe teure unglückliche Freundin  Wenn mich in meinem Leben jemals mit all
meiner Religion ein Schicksal gebeugt hat so ist es das deinige  So anhaltend
 so unaussprechlich wie es Dich verfolgt  so Kummer auf Kummer  ist meinem
Gefühle unbegreiflich  Die feurigste Einbildungskraft des geschiktesten
Dichters wäre zu schwach um das hartnäkkige Unglück so hinlänglich zu ersinnen
wie die Wahrheit deines bitteren Schiksals es mit sich führt   So bist Du denn
zum Leiden geboren  Bist Du denn geboren um Alles neben Dir unglücklich zu
machen was mit Dir harmonirt  Die gütige sonst so mitleidige Natur rächt
sich wahrlich an Dir denn sie gab Dir ein schmelzendes Herz einen unglücklichen
Schwung der Einbildungskraft Weiberschwäche und ein unendliches ineinander
gewebtes unerbittliches Schicksal  Aber sie gab Dir auch Vernunft eine
Vernunft deren Stärke über die leidenden Teile des Körpers mächtig zu herrschen
im Stande ist  Lass sie immer auf den gekränkten Busen rinnen die Tränen des
schwächlichen Körpers lass es ausklopfen das bange vom Schicksal geängstigte
Herz es ist das Loos der unvollkommnen Menschheit es ist die Versicherung
künftiger Belohnungen wenn wir mit Christenstandhaftigkeit die Hand küssen die
uns dazu bestimmte Wenn der Tod einen Vater oder eine Mutter vom Kinde reißt
so lässt dieser traurige Verlust einen Wiederhall zurück der die ganze Natur im
Kinde erschüttert  Trift es nun ein fühlendes bebendes schwaches Mädchen
dann schleppt er sie hin der zehrende Gram zum Altar der Tränen und der
Wehmut  Ich begreife deinen Jammer fühle ihn mit und wenn warme Tränen der
innigsten Teilnahme Linderung schaffen können nun so drükke ich Dich an mein
Herz Amalie und diese Tränen seien Dir so lange geweint bis es Dir leichter
wird ums kranke Gemüt  Du mildes gutes Geschöpf  Mit welcher Engelsgüte
sprichst Du von dem Wohl deiner Schwester Er wird deine Seufzer hören der
mächtige Vater der Waisen er wird sie aufzeichnen ins Buch der Ewigkeit die
Güte deines unverbesserlichen Herzens Wenn deine Schwester das Ebenbild deiner
Güte wird so seid ihr zwei Mädchen die der Schöpfung zur Ehre ihr Dasein
erhielten Ich will Dir nicht schmeicheln aber innigst gerührt über den
großmütigen Zug deiner Sorgfalt wegen der Erziehung deiner noch unmündigen
Schwester möchte ich es die ganze Welt wissen lassen was Du für ein Mädchen
bist  Vortrefliche Freundin  Die schönste Gabe Gottes ist dein Herz ein
Geschenk worinnen für Dich und Andere tausendfaches Wohl liegt  Wohl für
Andere weil es sich so gränzenlos mitteilt aber auch Weh für Dich weil es zu
unaussprechlich tief fühlt  Bei dem festen Band unserer Freundschaft beschwöre
ich Dich verkürze die Tage deines Lebens nicht durch übermäßigen Gram Lerne
Dich selbst schonen um deines bessten Oheims um meinetwillen  Die Stunden
unsers Traums sind so kurz und warum willst Du in der Blüte deiner Jahre mit
gewaltsamer Hand ihren Lauf hemmen  Deine Schwermut ist Dir zur Wollust
geworden ich gönne sie Dir gerne diese Schmeichlerin des leidenschaftlichen
Tiefsinns ich selbst opfere dieser Göttin der denkenden Leiden oft genug mit
blutendem Herzen aber nur überlasse Du Dich nicht zu viel dem schmeichelnden
Gifte das deine Gesundheit untergräbt  Ich kann zwar die allzu lustigen
Mädchen auch nicht leiden denn ihr Leichtsinn macht ihre Seele stumpf und
verjagt jedes Gefühl was zum ernstaftern Glükke der Menschheit beiträgt 
Eine zum stillen Leiden gewöhnte Seele ist allen Eindrükken der Tugend offen
nur muss Wiz und Laune bei einem ganz liebenswürdigen Mädchen durch eigne
Überlegung die Wunde der Schwermut zuweilen ausheilen die durch die Kenntnis
des menschlichen Elends in ihr ist aufgerissen worden Dein Oheim in S G
ist das wozu ihn der Eigennutz umschuf das abscheulichste aller Laster  Ein
Laster das alle andere überwägt und den Menschen zur grässlichsten
Harterzigkeit verleitet Siehst Du nun meine Liebe die gute Mutter Natur hat
Schatten ins Licht geworfen da sie ihn und seinen herrlichen Bruder schuf
damit der Leztere das in der Religion verherrliche was der Andere der
gleichfalls ihr Beschüzzer sein sollte an ihr versäumte Die Priester sind
Menschen wie wir und hangen was ihren moralischen Charakter betrifft von der
Erziehung vom Beispiel und von ihren Leidenschaften ab die nur darum auf
Unkosten ihrer Nebenmenschen gehen weil man so wenig Priester in ihrer Jugend
fühlen und unterscheiden lehrt Deinem Herzen muss freilich ein solcher grausamer
Mann Zentnerschwer auffallen  Aber glaube mir ein einziger guter
Geistlicher der sein Herz vor Religionshass vor Dummheit und Vorurteil
verwahrt hält uns für alle übrigen schadlos In jedem Stande findet man eine
größere Anzahl Sünder als Tugendhafte nur ist dieser geheiligte Stand mehr den
Vorwürfen ausgesezt weil er von der Religion zum guten Beispiel bestimmt ist 
Die Beschreibung deines edeldenkenden Oheims in K versüsste mir den Ärger
wieder den mir dein anderer Oheim verursachte Was für ein trefliches Herz was
für gute Grundsäzze muss dieser Menschenfreund nicht haben  So ein glänzendes
Beispiel der Menschheit sollte billig die Verehrung eines jeden gränzenlos
genießen Tausend Segen dem Wohltätigen und Dir tausend Küsse von
                                                                   Deiner Fanny
 
                                   XLI Brief
                                    An Fanny
So wie ich Dir leztin schrieb reisste ich von A nach W und diese
gefühlvolle Träne die jetzt in meinem Auge glänzt hat sich auf dem einsamen
Grabe meines Vaters darein gedrängt  Wie war es mir möglich diesen
schaudernden Anblick zu ertragen als ich in das fürchterlich stille Zimmer trat
wo bloß der Geruch des Todes und meine arme weinende Schwester mich
bewillkommten  Das arme Kind fiel mir hastig um den Hals und stotterte etwas
vom Papa und dergleichen  Dieser Auftritt der sprechenden Natur würde jedem
eine Träne des Mitleids entlokt haben wenn er anders zum geheiligten Tempel
der Empfindung jemals Zutritt gehabt hätte  Ein treues gutes Dienstmädchen
die sich schon lange bei uns aufhält und meine Schwester leidenschaftlich liebt
entzükte mich bei dem Eintritt ins Haus durch den herzlichen Anteil den sie an
unserm Schicksal nahm Gewis Fanny  Auch unter gemeinen Leuten gibt es Seelen
von höherm Schwung der Empfindungen und manches gute Menschengefühl geht im
niedrigen Stande verloren weil es so selten Anlass bekommt sich zu üben Der
junge Vetter B ist auch noch hier empfing mich aber flüchtiger als ich
vermutet hatte Man sagt der gute Junge hienge an dem Umgang eines Weibs die
eben nicht viel taugte und daher mag wohl sein ehmaliges Gefühl für
Freundschaft und Wohlwollen einen kleinen Stoß erlitten haben Indessen war er
doch äußerst gebeugt über den schnellen Hintritt meines Vaters und seines
Wohltäters  Man versicherte mich dass er beim Begräbnis desselben in ein
lautes fürchterliches Stöhnen ausgebrochen wäre Der Bedaurungswürdige verlor
mit mir Unterstüzzung und Trost und wird eben so wohl als ich dem flüchtigen
ungewissen Schiksale Preis gegeben Noch ist unser Aller Schicksal unentschieden
Unser Oheim in K befahl sein Gutdünken darüber abzuwarten Was mich aber sehr
kränkt ist der verachtungswürdige niederträchtige Vormund der so bald er den
Todesfall erfuhr unverzüglich hieher reiste vermutlich um seine interessierte
Grausamkeit aufs Äußerste zu treiben Er überraschte mich mit der schröklichen
Nachricht dass er entschlossen wäre meine Schwester mit sich zu führen und von
den Interessen unsers Vermögens im Kloster erziehen zu lassen Ich verbat mir
diese Unternehmung aufs Ernstafteste und berief mich auf die Entscheidung
unsers Oheims der jetzt Vaterstelle bei uns Kindern vertretten würde  Großer
Gott  Freundin  Was höre ich  Was ist das für ein Lärm der mein Ohr
erschüttert   Ich muss nachsehen mein Herz schlägt ängstlich  Bald bin ich
wieder bei Dir                                
                               O bei dem
Allmächtigen das ist zu viel  Zu viel in einer Christenheit die uns
Gerechtigkeit vorheuchelt und dabei Barbarei ausübt  Ha  So hat er es denn
mit Gewalt weggerissen das Opfer seines unersättlichen Geizes  O meine
Schwester  Meine Schwester  Du bist auf ewig für mich verloren  Teure
einzige  So bist du denn wirklich in der Gewalt dieses hungrigen Satans der
zu sehr Andächtler ist um kein Bösewicht zu sein Barmherziger Richter der
Gekränkten  In diesen von den Tränen armer Waisen feuchten Händen liegt also
die ewige und zeitliche Glückseligkeit meiner Schwester  Wenn mir dieser
einzige Gedanken nicht meine Seele zerreißt o dann hat diese Seele
Heldenstärke um mehrere Angriffe von dergleichen Scheusalen zu ertragen
Verzeihe Liebe dem Schwindel meines Kopfs und den Bangigkeiten meines Herzens
wenn ich in Wildheit ausarte  Wenn mir jetzt die Sinnen nicht ihren Beistand
versagen so will ich Dir erzählen was ich gesehen was ich gehört habe Als
ich mich dem Auftritt nahte der mich im Schreiben dieses Briefs unterbrach
fand ich wegen der Übergab meiner Schwester den heftigsten Streit zwischen
Vetter B und meinem vor Galle rasenden Vormund Wir alle sträubten uns bis
zum Entsetzen gegen sein Vorhaben wir hielten das Kind fest das er uns mit
Gewalt wegreissen wollte B eilte nach Hilfe mich riss in dem entscheidenden
Augenblick meine Heftigkeit zur Sinnlosigkeit hin  Gewalt ging während dieser
Pause über Recht er schleppte das wehrlose Kind zum Wagen und führte sie mit
sich ins Kloster  Die Natur hatte mir während dieser Ohnmacht nicht den letzten
Stoß gegeben ich musste noch einmal zum neuen Elend erwachen Heulend lief ich
zum Richter foderte meine Schwester aber seine Fühllosigkeit ging so weit
dass er sie in den Händen dieses Mannes für besser versorgt hielt als in den
meinigen indem er mir meine Jugend und meine wenige Erfahrung vorwarf Gebeugt
bis zum Unsinn kehrte ich jammernd in meine Wohnung zurück und nun mag der
Menschenvater aus mir machen was er will ich bin meiner nicht mehr Meister
 Deine bitterweinende
                                                                         Amalie
 
                                  XLII Brief
                                    An Fanny
Ich zittre liebe Freundin Dir die Verstimmung meiner Seele zu entdekken sie
ist nur allein mir begreiflich an jedem andern Kaltblütigern glitscht sie ab
muss abglitschen  Eine fürchterliche Kleinmut ein feuriges Sehnen nach
Auflösung kühne wollüstige Reize die nach glücklichern Gegenden verlangen
setzen meine grässlich arbeitende Phantasie in Bewegung Die Angst des Todes
scheint sich von mir zu entfernen und der Gedanke meiner Rettung tritt
verführerisch lokkend an ihre Stelle Die Religion allein hält noch die
schwachen Bande da es bloß eines mutigern Augenbliks bedürfte um sie zu
zerreißen  Der Selbstmord ist nicht immer Zagheit der schwachen Seele er ist
nur gar zu oft ein Rätsel das in dem ewigen Kaos verborgen liegt  Jemehr die
Einbildungskraft feurigen Schwung hat jemehr naht sie sich jener unglücklichen
Sphäre wo die Vernunft vom Gram übertäubt nicht mehr mächtig genug ist dem
Sturm zu gebieten Der Schwermütige sieht hoffnungslos dem Labyrinthe seines
Elends entgegen träumt sich in einer andern Welt bessere Zeiten und nährt den
lindernden Gedanken einer augenbliklichen Zernichtung so lange in seinem
jammernden Busen bis der schwindelnde Kopf sich vergisst  und den innerlich
tobenden Leidenschaften zum Ausbruch den Weg öffnet  Der Hang zur Schwermut
liegt bei vielen Menschen im Temperamente nur wird er durch Nachsinnen und
durch harte Schiksale mehr in einem Herzen genährt dass sich von allen Seiten
gepeitscht zerfleischt und getretten sieht  Der heimliche Wurm der im
Innern frisst ist dem Gesunden dem Nichtschwermütigen so fremd als dem
Schwermütigen die Freuden sind die von seinen stumpfen kranken Nerven
zurückprellen  O wenn nur kein diknerviges Menschengeschöpf diesen Brief
einstens zu lesen bekommt die Empfindung darin würde mich noch in der Ewigkeit
reuen  Es gibt leere Köpfe genug die den Zustand eines Schwermütigen nicht
fassen können  die es sogar wagen über solche Unglückliche zu spotten  Mir
sind diese Art Märtirer ihrer Leidenschaften ihres feinen Gefühls nicht neu 
Verrükkung der Sinnen ist ja eine Krankheit die man so häufig in der so vielen
Gebrechen unterworfenen Menschheit erblikt  Und braucht es denn mehr als
einen Augenblick Verrükkung um einen Selbstmord zu begehen und dem kochenden
Blute Luft zu machen das wie sprudelndes Feuer sich nach dem Gehirne drängt 
Eine Melankolie die schon zur Krankheit geworden hat ihre reifenden
Zeitpunkte rasch steigt manchmal durch eine Gährung die würkende Galle auf 
und geschehen ists um das Leben eines Menschen auf dessen Vernunft man Häuser
gebaut hätte Ich zeige Dir heute mit Vorbedacht die Spuren meiner kränkelnden
Vernunft damit Du sie durch deine milde sanfte Güte wieder in die Schranken
zurückbringst worinnen sie als Führerin des duldenden Menschen ihren Wohnsiz zum
Triumph der Religion behaupten soll Ja meine Liebe scharfe Vorwürfe würden
mir jetzt tödtendes Gift sein Denn nichts in der Welt ist delikater zu
behandeln und leichter zu Grunde zu richten als ein schwermütiger Mensch dem
man roh begegnet Wenn bei solchen Elenden das Fieber sich meldet wenn
fürchterliche Stöße das schwellende Herz bäumen wenn die Nerven sich verdähnen
wenn die Träne aus dem Auge flieht wenn der Zustand der eiskalten
Fühllosigkeit dem dikken Blute seinen Lauf hemmet wer kann denn da die
Gefahren des Selbstmords begreifen wenn er diesen Zustand nicht schon selbst
empfunden hat  Und es gibt leider nur zu viel Menschen in der Welt deren
Seelen eben so bengelstark als ihre Nerven sind und Weh dann dem
Schwermütigen wenn er in solche Gesellschaft gerät  Solche Klözze von
Menschen opfern oft aus Mangel an Menschenkenntnis und Gefühl manches
unglückliche Wesen dem Selbstmord  Erst kürzlich hat ein liebekrankes Mädchen
sich in die kalten Arme des Todes gestürzt  Das ruhigere kälter gestimmte
Gefühl ihres Liebhabers ahndete nichts Arges hielt ihre Schwermut für
Romanensprache und trauete einer weichgeschaffenen Weiberseele den Mut nicht
zu eigenmächtig ihren Kerker zu sprengen Du wirst Dirs leicht vorstellen
meine Teure warum der finstere melankolische Ton von mir heute so unendlich
verfolgt wird  warum ich mich so lange bei Schilderungen aufhalte die meinem
armen Herzen so eine gewisse Erleichterung geben Das ungewisse Schicksal meiner
so sehr geliebten Schwester die kalte Begegnung des jungen B der tükkische
Troz seines protegirten Weibes das frische Grab meines Vaters die unendlichen
Gefühle meiner herumirrenden Seele Alles das wird Dir hinlänglich sein um mich
heute zu verstehen
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XLIII Brief
                                   An Amalie
Zween Briefe auf einmal will ich Dir heute beantworten doch ist der erstere
nicht so wichtig für deine Ruhe als der leztere  Um Gotteswillen reiss Dich
weg Freundin von dem Grabe deines Vaters  dies traurige Andenken wütet zu
sehr in deinem Innern  Eben darum will ich Dich so viel möglich von diesen
Gedanken abzuleiten suchen Und nun zu einer andern Stelle deines Briefs 
Freilich meine Besste gibt es manchmal unter gemeiner Gattung Menschen recht
gute Herzen weil die Natur sie einförmig und ohne Falten schuf  Auch sind die
Wünsche gemeiner Menschen mäßiger als derjenigen ihre welche seit ihrer Geburt
an Überfluss und Bedürfnisse gewöhnt worden sind Menschen von gemeiner Gattung
bleiben meistens ohne raffinirten Eigennutz ohne Forderungsgeist ohne
Lüsternheit unverdorben und zufrieden mit jener Lage worein sie ihre niedrige
Geburt setzte Doch weiter Wahrhaftig meine Liebe der junge B muss seinen
Verstand verloren haben dass er Dir nicht mit derjenigen Sanftmut und Liebe
begegnet die deinem blutenden Herzen so nötig ist  Es ist in der Tat
unstreitig die Leitung eines Weibs kann den Mann gut oder schlimm machen 
Das Wort Mann verfängt sich so leicht in den Schlingen der Wollust und verliert
durch einen einzigen hinreissenden Blick seine Stärke Denn nie ist das Herz eines
Mannes zur Tugend und zum Laster empfänglicher als wenn er in den Armen der
Liebe schwelgt  Sonst wäre es schon mancher Buhlerin nicht geraten ganze
Länder zu Grunde zu richten Ich verzeihe zwar diesem Jungen eine Schwachheit
gerne aber nur soll er nicht ein Mädchen roh behandeln das die Schonung aller
Menschen verdient Weist Du noch was der Junge Dir ehemals für entusiastische
Briefe schrieb  Und das Alles sollte bloß Federwiz gewesen sein wovon sein
Herz keine Silbe wusste  Aber so machen sies die Helden der Falschheit
schwärmend schreiben sie ihre Moral ohne ihr Herz zu fragen ohne Überlegung
aufs geduldige Papier hin üben ihren Wiz und ihr Herz bleibt nicht länger an
diesen schönen Lügen kleben als bis der Brief aus ihren Händen ist Es ist mir
wirklich unbegreiflich wie man so von Grundsäzzen von Moral von Großmut von
Liebe und Standhaftigkeit in Briefen windbeuteln kann ohne danach zu handeln
 Ich selber habe mich einstens sechs Monate lang von dergleichen giftigen
Lokspeisen hintergehen lassen und als ich nach der Hand die Briefe gegen den
Handlungen abwog da entsezte mich der Abstand und ich zitterte für junge
Mädchen die sich so gerne und so oft solche gefährliche Speise auftischen
lassen  um nach der Hand zu rasen wenn das Zutrauen gegen ihren Liebhaber
durch seinen Wankelmut in Kot sinken muss  Jetzt ein Paar Worte von deinem
Vormunde Mir graute über sein Betragen Aber beruhige Dich Besste er wird
nicht Unmensch genug sein um deine Schwester darben zu lassen Du kannst Dich
ja bisweilen unter der Hand nach ihr erkundigen oder dein Schicksal ändert sich
vielleicht während dieser Zeit damit Du sie selbst retten kannst Der tobende
Ausbruch deiner leidenschaftlichen Schwesterliebe über die Christenheit war von
Dir sehr stark sehr feurig Du fängst an stark kolerisch zu werden An deinem
Feuer gienge ein Mann verloren Du würdest aus Liebe zur Rechtschaffenheit
manchem lokkern Buben die Hölle warm gemacht haben  Doch nun zur Beantwortung
deines leztern Briefs den Du sicher nicht mit gesunder Vernunft schriebst 
Aber Liebe und Güte seien allein meine Wegweiserinnen zu deinem gepressten
Herzen zu diesem Herzen dessen Leiden einen großen Teil seiner Veredlung
ausmachen  Du bist eine duldende Streiterin für das unsterbliche Wohl deiner
Seele und nie wirst Du es wagen über unsere sterbliche Hülle zu murren die
nach einem schnell hineilenden Traume des Lebens sich von selbst losreisst 
Lass meine Traute deinen Geist nicht bis zur Schwachheit heruntersinken er ist
zu großen Opfern bestimmt und schimmert erst alsdann mit wahrem Glanz wenn ihn
keine gemeine Tugend adelt So meine Amalie kenn ich den Wert deiner
Seelenstärke und so meine Freundin wollen wir einst eng aneinander geschlossen
hin zum barmherzigen Richter wenn dieser Richter endlich die Fesseln der
rebellischen Menschheit von uns lösst Sanfte gute Seele kniee hin vor den
allmächtigen Tröster der Unglücklichen ruf ihm deine Leiden mit warmer feuriger
Zuversicht zu lass sie ausbrechen die lindernden Seufzer der Wehmut weine
laut weine so lange bis es Dir leichter wird  Denn der gütige Vater im
Himmel lässt auch nicht eine Träne unvergolten  Ich weis es recht gut dass der
Schwermütige bei der kalten alltäglichen Moral nur noch schwermütiger wird
dass er seinen eignen den verrükten Sinnen angemessnen Ton haben will wenn er
von dem schaudernden Scheideweg unverlezt zurückkehren soll der zwischen seinem
verhassten Dasein und dem Tode liegt  Der Selbstmord könnte ganz gewiss öfter
verhütet werden wenn Menschen für Menschen aufmerksamer vernünftiger und
sanfter handelten Derjenige welcher am meisten denkt und nachsinnt nährt auch
diese Krankheit am meisten in seinem Körper und gesellt sich dann die
hinreissende Wirkung eines gallsüchtigen Temperaments noch dazu so wird sie zur
gefährlichen Hypochondrie deren Folgen oft durch Lebhaftigkeit des Temperaments
die gefährlichsten sind  Fast überall wirket die Sorgfalt der Ärzte in jeder
andern Krankheit zur Ehre ihrer Kunst aber in dieser Art Krankheit sind noch
wenig ausgezeichnete Kuren gemacht worden So viele Ärzte kennen nicht einmal
das heimlich schleichende Gift der innern Schwermut und werfen dabei keinen
Blick in die stille Seelenkrankheit die beim ruhigsten Puls um sich frisst und
manchmal plötzlich den Faden des Lebens abreisst eh sichs der Arzt versieht 
Ich fodere durchaus dass ein Arzt ein vorzüglicher Menschenkenner sein muss 
Ich fodere dass er die Teile der verschiedenen Leidenschaften bei jeder Gattung
von Krankheiten genau kennen muss  Ich fodere dass er die verschiedenen Grade
der Reizbarkeit der Nerven zu unterscheiden weis  Ich fodere dass er solche
Patienten so gelassen so gefühlvoll so sanft so gutherzig wie ein Kind
behandelt denn wenn der Arzt den Grad der Krankheit nicht durch Zutrauen zu
erfahren sucht wenn er bloß den dummen troknen Pulsverkündiger beim
Krankenbett vorstellt so prellt seine Kur am melankolischen Kranken ab und er
bleibt Doktor fürs Geld und weiter nichts  Ich bin weit in der Welt gekommen
und die meisten Ärzte die ich antraf waren entweder alte steife
eigensinnige Pedanten deren Gefühl eben so rostig als ihre Beurteilungskraft
aussah oder junge flüchtige schwindelnde unerfahrne Gekken die ihre Kunst
eben so handwerksmässig trieben als ob es in der lieben Natur eine Lüge wäre
dass alle Krankheiten nach den Verschiedenheiten der Temperamenten müssten
behandelt werden Einsicht Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften
Überlegung genaue Untersuchung des herrschenden Temperaments werden immer die
Wege sein die einem schlussfähigen Mann seine Kuren bei Melankolischen
erleichtern  Eine starke Gemütsbewegung wilde Konvulsionen eine Erstarrung
der Glieder dumpfes Aechzen die Ergiessung des Bluts durch Mund und Nasen und
dann die darauf folgenden Schwachheiten sind lauter Grade der Krankheit denen
besonders das weibliche Geschlecht unterworfen ist und die dem forschenden Auge
des Arztes nicht entgehen dürfen Nur ist es leider traurig dass die Herren
Doktoren dergleichen Krankheiten manchmal nicht zu unterscheiden wissen von
welchen Leidenschaften sie eigentlich herrühren  und das öfters für Mannssucht
halten was im Grunde die tiefste eingewurzeltste Schwermut ist deren Wirkung
von der Verschiedenheit der Schiksale herkömmt  Unvermerkt eilt der Raum
dieses Briefs zu Ende und Du meine Besste hättest Ursache über seine Länge zu
klagen wenn Du mich nicht liebtest 
                                                         Deine ganz eigne Fanny
 
                                  XLIV Brief
                                    An Fanny
Dank Millionen Dank meine Werteste für den Trost den Du mir in deinem
leztern Brief mitteiltest  Du wälztest mir durch deine vortreffliche Moral den
Stein der drükkenden Schwermut vom Herzen Wie künstlich Du mir in meinem
verstokten Zustand des Schmerzens Tränen abzulokken wusstest  Wie Du
hineindrangst in die schwache empörende Natur wie Du sie hervorsuchtest die
wankende Tugend aus dem gefährlich kranken Körper Gott lohne deine Mühe deine
Güte  Lass nicht ab Freundin mich von den Abgründen zurückzurufen denen mich
mein tirannisches Schicksal Preis gibt  Dort in jenen ruhigen Gefilden wirst
Du den Lohn deiner Bemühungen einärndten O Freundschaft Gütige Wohltäterin
der Menschheit  Dein Besiz ist Götterseligkeit für den Unglücklichen  Mit
einem Herzen voll unaussprechlicher Güte mit einem Kopf voll Sorge und
Wachsamkeit über den innerlichen Zustand des der Freundschaft anvertrauten Guts
hängst du dich fest an die Seite des jammernden Freundes ruhst nicht eher als
bis der Friede wieder in seine Seele zurückkehrt woraus ihn namenlose Leiden
verbannten Dieser unendliche Hang des beiderseitigen Wohls dieses Zittern bei
irgend einer Gefahr seines Freundes diese unersättliche gegenseitige Guteit
diese lautschreiende nachsichtsvolle Stimme im bekümmerten Herzen gegen die
Schwachheit eines Freundes dieses Echo der unauflösslichen Harmonie ist
Übereinstimmung der Seele ist Freundschaft ist Wohltat die der Schöpfer nur
Wenigen erteilte  Kein Alter kein Stand ist von dieser festen Vereinigung
ausgeschlossen es braucht nur ein unverdorbenes Herz gleiche Grundsäzze dazu
und geknüpft ist der Knoten der unzertrennlichen Freundschaft So gar
Lasterhafte fühlen eine Art von Entzükken in ihren Verbindungen und wie weit
seliger müssen die Reize sein wenn Rechtschaffenheit wenn Religion wenn
Streben nach dem Zwecke unserer Bestimmung wenn standhaftes Dulden wenn
Menschenpflichten dieses Band unauflösslich durcheinander schlingen bis der Tod
zur ewigen Dauer es auf wenige Zeit von einander reißt um es sodann vor dem
gütigen Schöpfer desto fester auf ewig zu binden Die Menschen sind blind dass
sie mehr nach dem Taumel der sinnlichen fieberhaften Liebe greifen als nach der
zweklosen unveränderlichen Freundschaft  Die Menschen sind rasend unbesonnen
dass sie so kalt so wenig aneinander gekettet so freudenlos ohne Freundschaft
ihr Leben verschlummern Die Freundschaft hat ihren Wohnsiz im Heiligtum des
Herzens die meiste Liebe klebt am Körper und stirbt ohne Freundschaft für alle
Menschen nach der Sättigung  Nur Freundschaft kann sie zur Beständigkeit
anfeuern Der Kopf des Liebenden muss in dem Gegenstand seiner Liebe durch
Betrachtung seiner moralischen Vorzüge Beschäftigung finden seine Verehrung
muss für diesen Gegenstand zunehmen so wie die Neuheit der Sinnlichkeit sich
verliert die Reize der Seele müssen die Wollust zu neuen Entzükkungen auffodern
es muss nach dem Genuss der Liebe eine ausgedähnte Freundschaft daraus
entspringen sonst scheitert die Standhaftigkeit mit dem Rausche der Liebe und
das Ende davon ist tolle abscheuliche Flatterhaftigkeit von beiden Seiten Doch
meine Freundin rede ich hier nur von denkenden Menschen denn die übrigen
gehören unters Vieh und werden wie Missetäter von dem Tempel der Freundschaft
ausgeschlossen So viel sagt mir meine natürliche Vernunft so viel sagt mir mein
Herz das zur freundschaftlichen Liebe ein unstreitiges Recht behaupten will 
Wenn also je ein Glük in der Welt noch auf mich harret so will ich es in der
Freundschaft erwarten Doch wie kann ich vom Warten sprechen Fand ich dieses
Glük nicht schon überschwenglich in Dir  Bist Du nicht meine Führerin meine
Wohltäterin meine Freude mein Alles  Sind wir beide nicht bloß eine Seele
bloß ein Gedanke  Giesst sich nicht mein ganzes Dasein mit dem schröklichsten
Gewebe seiner Leiden in deinen für mich offenen Busen  Lass uns dieses
Ineinandergiessen mit dem feurigsten Kuss versiegeln lass uns einander
unaufhörlich auch in den Stunden unserer Verirrungen mit der offenherzigsten
Aufrichtigkeit begegnen und die Wirkung dieses Betragens wird mächtiger auf
unsere schwachen sündhaften Anlagen zur Besserung wirken als das donnernde
Gebrumm im Beichtstuhl eines gewaltätigen unduldsamen halsstarrigen
Priesters der von der schwachen Menschheit oft ohne Einsicht ohne Überlegung
ohne in die Natur der Dinge zu dringen mit Feuer und Schwert als strenger
Teolog mehr fodert als er selbst in der nämlichen Lage zu vollbringen im
Stande wäre Auch im Beichtstuhl so wie am Krankenbette meine Freundin gehört
tiefe Menschenkenntnis und viele sehr viele Unterscheidungskraft den Schwachen
von dem Boshaften den Bigotten von dem wahren Andächtigen den vernünftigen
Mann von dem leichtgläubigen phantastischen Bürger zu unterscheiden  Auf das
Herz auf den guten Willen des Menschen auf seine Begriffe von der Sünde muss
der einsichtsvolle Priester einen Blick werfen da muss er hineindringen und das
Laster nach dem Grade von Zutrauen seines Beichtkindes zu vertilgen wissen Er
muss nicht Einen wie den Andern mit der nämlichen feuerspeienden Moral behandeln
Der Pöbel will sklavisch sein Urteil hören der Vernünftige will überzeugte
Beruhigung haben Aendert doch so oft bei dem weltlichen Richter der kleinste
Umstand der zur Entschuldigung des armen Sünders angeführt werden kann das
Todesurteil warum denn nicht im Beichtstuhl wenn die Fehler aus der Natur der
Dinge in etwas können entschuldigt werden  Die Protestanten beichten
freiwillig und öffentlich ihre Fehler und diese Fehler werden von ihnen keinem
schwachen gebrechlichen Nebenmenschen dem Detail nach zur Schau aufgetischt 
Und doch dringt wahre Reue dieser Christen sowohl und oft viel besser zum
Schöpfer als wenn die Reue bloß aus Furcht der Höllenstrafe bei den Katholiken
von ihren Priestern erpresst wird Man lasse dem katholischen Pöbel die
Ohrenbeicht weil es einmal heißt dass die Gewohnheit hie oder dort einige
Schamhafte von der Sünde abhält  doch gehört diese mechanische diese von der
Politik erzwungne Tugend in die Reihe jenes pöbelhaften Verdienstes das nicht
aus freiwilliger Pflicht das Böse unterlässt Wenn der Priester in der Beicht
nicht künstlich in das menschliche Herz zu schleichen weis wenn er den Grund
desselben nicht zu erforschen sucht wenn er nicht hartnäkkige Laster von
Schwachheit Gleisnerei und Mechanismus von der wahren innigen Zerknirschung des
Sünders zu unterscheiden weis was nüzt denn dem Lasterhaften und dem Schwachen
ein solches einförmiges Geschwäz von Zuspruch das an dem Erstern aus Gewohnheit
abglitscht und den Leztern gar nicht rührt  Überhaupt meine Freundin ich
könnte Dir über diesen Punkt noch vieles sagen was meinem Verstand
unbegreiflich ist wenn ich nicht dächte dass dergleichen Spekulationen für
andere Köpfe als die unsrigen gemacht sind  Und nun zu einer Neuigkeit  Mein
lieber Oheim in K hat sich entschlossen mich bei einem anverwandten
Landgeistlichen zu Besorgung seines Hauswesens unterzubringen  Eine Aussicht
zu deren Ergreifung mich die Notwendigkeit zwingt auch weil mir der hiesige
Aufenthalt beim jungen B täglich saurer gemacht wird Du weist ja dass mein
Oheim keine eigne Wirtschaft führt sondern am geistlichen Hofe lebt und mich
nicht zu sich nehmen kann  Von dem Charakter dieses Landgeistlichen weis ich
Dir nichts zu sagen aber so viel weis ich dass sich mein Oheim sehr lange
bedachte eh er sich entschloss mich ihm zu übergeben Er hätte gewiss nicht
darein gewilligt wenn ich ihn nicht so dringend um die Abänderung meiner
verdrießlichen Lage gebeten hätte  Der junge B taumelt jetzt blind fort in
den Armen seiner Buhlerin Glük der Liebe kann es für diesen Jungen nicht sein
denn sie stekt sein Herz zur Verderbnis an Ich bedaure ihn herzlich und
wünschte dass ihn ein würdigeres Geschöpf von dieser garstigen Leidenschaft
heilte die ihm diese künstliche Kokette einzuflößen wusste Für heute genug des
Geschwäzzes und nun lebe wohl Besste Einzige Liebe aller Lieben
                                                                   Deine Amalie
 
                                   XLV Brief
                                   An Amalie
Liebes gutes Malchen  Dein lezter Brief freute mich unendlich weil er das
Gepräge der wieder heranrükkenden Heiterkeit auf deiner Stirne an sich trug 
Deinem Herzen ist Anteil nötig Ich fühle es ich bin es überzeugt dass Du die
ganze Zeit deines Lebens nicht ohne Etwas wirst aushalten können woran Du Dich
nicht in deinen Trübsalen ketten kannst das ist das Schicksal jedes gefühlvollen
Herzens jedes feurigen Kopfes sie müssen sich ergießen sie müssen sich
mitteilen können sonst gerät dieses Herz und dieser Kopf aus Mangel an
Mitteilung auf Abwege die nach dem Gang des Temperaments schon manchmal in
gefährliche Leichtgläubigkeit ausarteten Dein Temperament ist nun eben nicht
das glücklichste es gränzt zu sehr an Schwermut Doch lass es gut sein meine
Freundin und arbeite ihm wakker entgegen diesem Feind deiner heitern Stunden
Dein warmes Herz ist ja zu allem Guten offen und wie unendlich sind diese
Gefühle fürs Gute und Schöne in der lieben Natur die deine Aufmerksamkeit
beschäftigen können Der Denkende hat nie Langeweile der Denkende fühlt jedes
Glük doppelt der Denkende ist auch einsam zufrieden  Nur hüte Dich Dir zum
Denken solche Gegenstände zu wählen die deine Schwermut reizen und dein
Temperament in Gährung bringen Deine Empfindungen über die Schwermut sind
meisterlich aus deinem Herzen entworfen Mit Wollust las ich diesen herrlichen
Schwung von Einbildungskraft mit Entzükken wiederholte ich diese Gefühle der
innigsten vertrautesten Freundschaft unter uns und bedaure die Menschen denen
dieser Vorgeschmak des Himmels nicht zu Teil wird  Wie ist es möglich dass
man das Wort Freundschaft in der Welt so mishandelt  Der Schurke der
Heuchler der Lasterhafte der Fühllose der Dumme der Niederträchtige Jeder
verschwendet dieses heilige Wort so leichtsinnig an den ersten Bessten der ihm
begegnet Es wird zur gemeinen Ware herabgewürdigt ein Schleichhandel des
Eigennuzzes wird damit getrieben Betrügereien angesponnen Guterzige damit
hintergangen Unschuldige verführt Weinende auf lügnerische Art getäuscht und
das alles unter der Larve der Freundschaft  Warum ist doch diese sanfte
Leiterin der menschlichen Fehler so selten unter den Menschen  Fehlt es denn
in der Welt so sehr an Gutmütigen an Verständigen an Tugendhaften  Mich
dünkt der Jüngling ist aus Übermas seiner zügellosen Leidenschaften nicht so
leicht der Freundschaft fähig wird er zum Mann dann hält ihn Eigennutz und
mürrische Laune davon zurück wird er zum Greis o dann ist sein Herz vollends
kalt für diese herrlichste der Gaben  Und bei unserm Geschlecht da meine
Besste sieht es vollends traurig um die Freundschaft aus Das junge tändelnde
Mädchen hascht gieriger nach einem Kopfpuz als nach einer Freundin Der Neid
die Eitelkeit die Verläumdungssucht halten frühe schon eine weiche Weiberseele
in ihrem Nezze und erstikken jedes Gefühl für Wohlwollen und Freundschaft noch
ehe der junge Verstand reift Die meisten Weiber haben ihren angewöhnten Ton
unter sich feiner oder gröber nach der Art ihrer Erziehung doch ist es immer
der kalte Komplimententon das abgeschmakte Alltagsgeschwäz das am Ende doch
immer mit Verleumdung aufhört  So wenig Weiber wissen liebenswürdige
Lebhaftigkeit in Gesellschaften ohne Koketterie Offenherzigkeit ohne Ziererei
Anstand ohne Sprödigkeit Freimütigkeit ohne sklavische Furcht anzubringen Da
sizzen sie zusammengeschraubt an die fade Etikette gebunden an teuflische
Verstellung und Politik gewöhnt falsch eine gegen die andere aus Hochmut aus
Dummheit oder aus Eifersucht  Der Mund ist süß die Komplimenten zierlich und
das Herz eiskalt und zurückhaltend  Würden die Weiber ihrem Leben durch
natürlichen wizzigen gesellschaftlichen Umgang mehrere Nahrung geben so
würden beide Geschlechter glücklicher sein und die Verleumdung müsste aufhören
wenn man bei den Weibern etwas mehr etwas besseres als bloßen Genuss ihres
Körpers suchen könnte  Aber so lange es so wenig unterhaltende Weiber im
Umgange gibt eben so lange wird die Vernünftige an der Seite ihrer Besuche mit
all ihrer Unschuld unter die Buhlerinnen gerechnet  Die meisten zur guten
Gesellschaft unfähigen Weiber kennen nur zween Wege im Umgang den fleischlichen
oder den gleichgültigen Daher kommt der Unglauben an den reinen Umgang einer
vernünftigen Frau mit Männern  Doch nun wieder zur Freundschaft zurück  Da
nun die Verläumdungssucht den dummen Weibern so sehr anhängt so sind sie ohne
Grundsäzze für Menschenliebe ohne Standhaftigkeit im Charakter ohne Gefühl fürs
wahre gesellschaftliche Leben bloß Insekten die sich untereinander vertilgen
so oft sie können und durchaus mit solchen Denkungsarten zur Freundschaft
unfähig  Die Weiber teilen sich mit ihren Torheiten und Bosheiten in Klassen
ein und jede Klasse hat ihr Anstössiges woran die Bande der Freundschaft
scheitern Die Wizzige ist nasenweise und verschließt ihr zu wenig gutes Herz
aus Stolz  Die Eitle opfert der Misgunst ihr Herz für ihre Moden für ihre
Stuzzer wagt es eine andere in der Gestalt einer reizenden Freundin ihren Neid
zu empören o dann stößt die Eitle den blutigen Dolch der Rache der
Freundschaft die ihr begegnet tief ins Herz  Die Geschwäzzige naht sich der
Freundschaft mit dem leichtsinnigen Geplauder einer faselnden unsinnigen
Törin beschimpft die Tugend der Freundschaft durch niedriges Gassengewäsch
und so wird auch die Geschwäzzige als eine Unwürdige von jedem fühlenden Herzen
zurückgestoßen  Die Fühllose schleppt ihr Maschinenherz in der Welt herum und
wird von der Freundschaft ungesucht dem elenden Schlendrian ihres ungeselligen
Lebens überlassen  Die ganz Dumme ist tot für die Natur tot für die
Freundschaft tot für die Liebe und ein unerträgliches Untier das jede
Gesellschaft mit ihrer Dummheit zum Stillschweigen zwingt  Die Spielerin
erstikt durch ihren Eigennutz die wohltätige Freundschaft und sezt ihrer
göttlichen Großmut Geldbegierde entgegen  Die Kokette misbraucht die arme
Freundschaft in lauter Lügen sie zerfezt sie und wirft die Teile davon
verschwenderisch überall hin und wird doch am Ende als eine unwürdige Tochter
derselben aus dem Tempel der Redlichkeit und der Freundschaft verbannt  Die
Buhlerin ist ohnehin schon von der Natur von jedem Genuße des feinen Gefühls
ausgeschlossen und folglich auch von der Freundschaft  Die Heuchlerin entsezt
sich bei den offenen freien Blikken der Freundschaft und kriecht beschämt zum
heimlichen Laster zurück  Die Andächtlerin ermüdet dieselbe mit ihrer
Afterreligion und erhascht zu ihrer Geisel einen skrupulösen Schwarzrok zum
Vertrauten ihres Aberglaubens  Die freudenlose finstere Hausmutter wagt es
auch nicht sich den Freuden zu nahen die sie verschafft und wird von der
geselligen Freundschaft zum Umgang ihrer Bosheitsvollen pöbelhaften
Dienstboten verdammt  Die adeliche Dame versagt dem unadelichen ehrlichen
Manne nur zu oft aus Ahnenstolz ihre Freundschaft und gerät zur Schande ihrer
wenigen Philosophie aus Langeweile aus Bedürfnis in die freundschaftlichen
Arme ihres unadelichen Kammerdieners  Ist es nicht traurig meine Freundin
dass es unserm Geschlecht so sehr an einer guten zur Freundschaft fähigen
Denkungsart fehlt die doch das Glük der meisten Weiber machen würde  Ich
staune über mein Geschlecht bemitleide es und schweige Doch nun zur
katholischen Beicht  Der Menschenkenner der Philosoph im Beichtstuhl ist mir
immer verehrungswürdig aber den übrigen Lastträgern der Bigotterie sollte man
dieses Amt durchaus verbieten Sie machen den gemeinen Mann zum Märtirer seiner
Sünden und haben nicht Kopf genug das Zutrauen des Denkers zu gewinnen Warum
wählt denn die weltliche Obrigkeit die Mitglieder ihres Gerichts so viel
möglich aus der aufgeklärten Klasse von Menschen  Nicht wahr bloß darum
damit keinem Schuldigen zu wenig und keinem Unschuldigen zu viel geschehe 
Eben so gerecht sollte es im Beichtstuhl aussehen Die Vernunft muss da ohne
Vorurteil mit offenen Augen hinblikken das Ohr muss mit Weltkenntnis zu
unterscheiden wissen und das weiche Herz des Priesters muss da Mitleid fühlen
wo es selbst vielleicht schon oft mit der nämlichen Schwachheit gefehlt hat 
Nun aber meine Liebe will ich abbrechen mit dem Gefühl der ewigen festen
Freundschaft 
                                                                    Deine Fanny
 
                                  XLVI Brief
                                    An Fanny
Ha  Meine Freundin  So ist denn alles Betrug Heuchelei und Verführung wo
ich nur immer meinen Fußtritt hinsezze  Der Oheim in K rief mich vor kurzem
zu sich und übergab mich mit Tränen der Rührung jenem weitschichtigen
geistlichen Vetter wovon ich Dir leztin sprach Du hättest sie hören sollen
die seelendringende Moral mit der mich mein Oheim diesem schwarzrökkichten
Heuchler empfahl  »Sie kennen meine Lage sagte er zu ihm Sie wissen dass ich
dieses Mädchen nicht bei mir behalten kann handeln Sie großmütig handeln Sie
edel an ihr sie ist eine Waise und in den Jahren wo sie Schuz wo sie Hilfe
benötigt ist  Die Rechtschaffenheit dieses Mädchens sei Ihnen heilig Sie ist
lebhaft aber hat dabei ein gutes Herz  Rein und unverdorben ist ihr Charakter
er teilt sich mit vollem Zutrauen Andern mit  Sie hat Vernunft aber nicht
hinlängliche Menschenkenntnis Sie ist gerade in den Jahren wo jeder Trieb in
ihr zum Kampf und jede Leidenschaft zur Gefahr wird«  So dringend sprach
dieser Edle dem Verführer ins Herz  Endlich reiste ich in seiner Gesellschaft
ab  Die Reise ging nach einem benachbarten gräflichen Hofe wo eben dieser
Geistliche noch zuvor den Grafen seinen Freund besuchen wollte Arglos voll
Zutrauen saß ich neben ihm im Wagen dachte an nichts als an meinen
zurückgelassenen Oheim  Der Stern den dieser Elende auf der Brust trug glänzte
mächtig aber um destoweniger das Herz das darunter schlug Seine prächtige
Equipage die vielen Bedienten die auf jeden Wink von mir lauerten um ihn zu
erfüllen kurz der große Ton auf den wir reisten gefiel meiner Eitelkeit
unbeschreiblich bis mir endlich auf einmal die schleichenden Gefälligkeiten
dieses Weichlings verdächtig wurden Ich hätte eher die Welt verwettet als von
so einem Manne Absichten auf mich armes verlassenes Ding vermutet Und doch
meine Fanny fiel es diesem Verworfnen ein mich mit Reden zu ängstigen die mir
die ganze Abscheulichkeit seiner Seele verrieten Gott  Was werden das für
Tage werden in der Gewalt eines solchen Weichlings  Zwar ist mir mein freier
Wille und mein Abscheu fürs Laster Bürge für jeden Fehltritt wenn derselbe auch
zu unverschämt dringend würde Ein Mädchen das Ehrengefühl und Kopf hat läuft
wohl Gefahr geplagt aber nicht so leicht überrascht zu werden Doch weiter Wir
blieben also etliche Wochen an obbemeldtem Hofe Die Tage die ich daselbst
verlebte waren mir zur Last Ich sah da die Falschheit mit Schmeicheleien mit
Büklingen und mit Küssen verschwistert ich sah die Lüge im goldenen Kleide
prangen ich sah Wollust Harterzigkeit Eigennutz Betrug Heuchelei vom
Morgen bis in die späte Nacht in voller Bewegung Dummheit Neid Torheit
Verleumdung wurden in das Gewand des Wizzes gehüllt Redlichkeit Gefühl
Menschenliebe hatte der Überfluss sogar aus dem Herzen des untersten
Küchenjungen verjagt Diese Höflinge schwelgten wie unsinnig im Laster und waren
unter einander so wenig vertraut dass sich Einer vor dem Betrug des Andern
fürchtete Du kannst Dir leicht denken was bei diesem Gaukelspiel das arme
simple Naturmädchen für eine alberne Rolle spielte Man gaffte mich an ich
machte es wieder so man lachte ich weinte und als man mich um die Ursache
fragte war meine Antwort in meinem Lande wäre es gebräuchlich die Verrükten
aus Mitleid zu beweinen  und doch küsste man mir für diese aufrichtige Grobheit
die Hand  Diese Begegnung gab mir Mut bei jedem andern lächerlichen Anlass
ohne Herzdrükken zu räsonniren  Es geschah rundweg schweizerisch wie ich mir
es dachte  Einige Zofen rümpften zwar bisweilen die Nase darüber aber die
Männer hielten mich dafür ziemlich schadlos Es ist doch immer wahr dass es
leichter ist mit Männern fortzukommen als mit Weibern besonders wenn die
leztern einmal anfangen ins Antike zu gehen dann mischt sich die Schlange
Eifersucht gleich ins Spiel Auf einmal hatte nun dieser Hofbesuch ein Ende und
wir reisten der Pfarrei zu Der Ort besteht aus einem großen Schloss das Dorf
ist eine halbe Stunde weit davon entfernt  Diese Pfarrei hat sieben Kirchen
unter sich ist groß und ihre Einkünften beträchtlich Sieben Kapläne sind zur
Besorgung der Pfarrei bezahlt  Sie halten sich im Schloss auf speisen mit uns
und verfaullenzen ihre übrigen Stunden auf ihren einsamen Zimmern Ich kann Dir
die wenige Lebensart und den Mangel an Aufklärung dieser Klözze nicht
hinlänglich beschreiben Ihr Verstand ist verwildert ihre Sitten sind
pöbelhaft ihre Andacht maschinenmässig und ihr Umgang bis zum Entsetzen roh und
bäurisch Es scheint sogar dass sie ihr Bischen auf den Schulen gelernten
Studentenwiz vergessen haben denn sie reden die ganze Tischzeit entweder gar
nichts oder doch alles mit einem solchen gravitätischen Tone den sie sich
gewiss bei den Bauern müssen angewöhnt haben Wenn mir so von ungefähr die Namen
Gellert Gessner usw entwischen o dann rasen diese Bigotten vollends und
nennen mich öffentlich einen Freigeist Ich habe die Wut des Despotismus
nirgends fürchterlicher gefunden als sie hier in B unter diesen Söhnen der
Dummheit herrscht Menschenscheu ungesellig mürrisch leben sie alle von
einander entfernt  Einer von diesen Kaplänen ist dem Geize bis zum Entsetzen
ergeben Er verbirgt sein zusammengescharrtes Geld in alte Scherben von
zerbrochnen Krügen er trägt so wie unsere Bedienten sagen bei der Sommerhizze
kein Hemde um die Wäsche zu ersparen und läuft im bloßen Schlafrok im Zimmer
herum Er rafft auf der Straße die kleinsten Stükchen Papier zusammen und
schreibt seine Predigten darauf  brennt kein Licht und hört fleißig Beicht
weil sie hier in B bezahlt wird  Er hält sich eine alte Rosinante von Pferd
um beim schlimmen Wetter auf die Pfarre und beim guten Wetter zu den Bäurinnen
auf die Sammlung zu reiten Sein Anzug besteht aus einem uralten Kapotrokke aus
einem schmuzzigen Häubchen aus dem man Oehl sieden könnte aus selbstgeflikten
Schuhen die Peitsche in der Hand und den Sporn im Kopf macht er manchen
solchen Ritt und kommt nie ohne Beute zurück  Ich erstaunte als ich diese
Priester sah die unmöglich zur Ehrfurcht reizen können Sie haben leztin über
mich und meine kleinen Spöttereien meinem Vetter dem Pfarrer heimlich in die
Ohren geflüstert als stünde ich mit meiner Lebhaftigkeit auf dem geraden Weg
zur Hölle  Wunderlich  Als ob die Tugend nirgends als in einem geschraubten
Wesen stekken könnte  Ich habe sie alle zusammen bei Tische für diesen Einfall
büßen gemacht ich nekte sie dafür bis ich satt war die Herren in Harnisch
kamen mürrisch aufstanden und brummend meine Gesellschaft verließen  So
einsam dieser Ort ist so unterhält mich doch die drolligte Karakteristik dieser
Herren mit Herzenslust So viel also meine Liebe für heute Lebe wohl und
erinnere Dich deiner bessten
                                                                         Amalie
 
                                  XLVII Brief
                                    An Fanny
Du musst gewiss auf deinem Landgut sein meine Freundin dass Du mir meinen letzten
Brief so lange unbeantwortet lässest oder es halten Dich vielleicht deine vielen
Geschäften ab  Bei mir ist es nun ganz anders ich habe dann und wann ein
müssiges Stündchen das ich Dir schenken kann und meine Leidenschaften haben in
meiner Seele nicht allein Platz sie müssen sich ergießen können Wirklich liefert
mir mein Schicksal hinlänglichen Stoff um täglich davon schreiben zu können
Stell Dir vor unsere Haushälterin bekam aus Eifersucht auf einmal den Raps
davon zu laufen Nun so muss mich denn der Neid immer und ewig verfolgen  Ich
habe diesem Geschöpf nichts zu Leide getan es müssen Heimlichkeiten dahinter
stekken sonst hätte sie nicht den Mut gehabt mich als Anverwandte um kleine
Vorzüge zu beneiden die mir der Herr des Hauses einräumte Ich habe nun um ein
anderes Mädchen geschrieben der dieser Dienst sehr willkommen sein wird Es
wird mir in jedem Betracht sehr lieb sein wenn diese neue Haushälterin bald
eintrift  Denn der Herr Pfarrer mein Vetter wird täglich stürmischer gegen
mich und sein Betragen schmerzt mich um so mehr weil es das Zutrauen meines
Oheims hintergeht Ich wage es nicht diesem Wohltäter etwas von den zügellosen
Absichten dieses Mannes zu melden es möchte ihn zu sehr schmerzen Ich studiere
Tag und Nacht um diesem Verführer mit Vernunft auszuweichen Meine hülflose
Lage entfernt von meinem Oheim fodert durchaus eine gemässigte Sprödigkeit und
doch die strengste Rechtschaffenheit wenn er es zu weit triebe Unglück macht
den Menschen überlegen und nötigt ihn zu handeln wie es die Klugheit fodert
Leib und Seele zittern mir oft wenn er mich zur Ausrede umsonst und um nichts
auf sein Zimmer rufen lässt Ich habe immer eh ich dahin komme eine Treppe zu
steigen auf welcher ein Kruzifix steht Die Gefahr des drohenden Fehltritts
empört sich in mir bei dem Anblikke dieses Bildes unsers Erlösers  Mein
unverdorbnes Herz wallt der religiösesten Empfindung entgegen und noch immer
flehte ich knieend vor diesem Bild um Mut um Standhaftigkeit in diesen
Versuchungen Schamhaftigkeit und Ehrengefühl haben mich bis jetzt noch nie
verlassen und ich kann es nicht begreifen warum just ich ohne schön zu sein
doch die Sinnen reizen muss  Just ich muss durch solche Gefahren laufen da mir
die Natur reizbare Nerven und ein fühlendes Herz in den Busen gab  Doch ist
wahrlich der Kampf eines jungen Mädchens die ihr Herz frei hat kein so großer
Triumph wie ihn die Romanendichter schildern denn der Widerstand gegen einen
Ungeliebten streitet mit keiner Neigung und die Verachtung gegen den Verführer
erwekt in dem Mädchen hinlänglichen Ekkel der es zu jenem halsstarrigen
Eigensinn der Widerspenstigkeit bringt den ein solches Mädchen mehr der
Disharmonie der Gemüter als der Tugend zu verdanken hat  Meine Sinnen habe
ich so ziemlich durchs Denken in Ordnung gebracht und wenn mich Liebe einstens
nicht überrascht dann glaube ich schwerlich dass es andere Wege dahin bringen
werden Es ist übrigens ein trauriges Schicksal um dasjenige eines Mädchens der
die Natur keine Glüksgüter zuwarf Armut ist fast immer das Grab der Unschuld
und ein armes Mädchen muss äußerst aufmerksam die lokkenden Wünsche zum Wohlleben
aus ihrem Herzen zu verbannen suchen wenn ihre Enthaltsamkeit nicht wanken
soll Gestern erhielt ich einen Brief von meiner lieben Schwester Der Vormund
hat sie ins Kloster gestekt wo sie zwar ordentlich bedient wird aber wenig
Hoffnung zur Bildung ihres Geistes haben kann Sie beschreibt mir mit sehr
naiven Zügen die steife Erziehungsart der Nonnen und bittet ich möchte sie so
bald als möglich aus diesem Hause der Sklaverei erretten Bitter nagt der
Gedanke der Unmöglichkeit an meinem Herzen Mit der feurigsten Wollust würde ich
es tun wenn es in meiner Gewalt stünde Wenn ich mich je einstens zu einer
Heirat entschliesse geschieht es bloß um den Schuz dieses Mädchens auszumachen
Nun meine Besste schreibe mir bald deine Briefe sind für mich alles was man
Entzükken in den Stunden der trüben Einsamkeit nennt  Lebe wohl bis dorthin
Das wünscht Dir dein trautes
                                                                        Malchen
 
                                 XLVIII Brief
                                   An Amalie
Schon wieder meine gütige nachsichtsvolle Freundin lies ich zween Briefe von
Dir zusammenkommen aber da Du meine Familiengeschäften kennst so wirst Du mir
es gewiss nicht übel deuten Dein Schicksal liebes Malchen hasst Dich entsezlich
dass Du immerfort auf unrechte Menschen stössest gerade als ob alle bloß auf Dich
lauerten nur um Dich zu kränken und zu martern  Du hast Dich indessen
unverbesserlich in einer Lage gezeigt wo jedes Mädchen vielleicht gestrauchelt
hätte Bleib standhaft meine Freundin der Tag der Rettung ist vielleicht nicht
mehr ferne  Mit Abscheu durchdrang mich die Schilderung jenes Mannes der
deinem Oheim hoch und teuer versprach Vaterstelle an Dir zu vertretten  jenes
Mannes der mit der heiligsten Würde seine Begierden nicht zu bemeistern weis
jenes Mannes der mit seinem grauen Kopfe auch graue Leidenschaften in sich
nährt Glaube mir meine Liebe wenn sich die katholischen Geistlichen begatten
dürften so gerieten sie auch minder auf Abwege Die Natur ist eine mächtige
Bestürmerin des menschlichen Herzens und wenig Menschen sind ihrer Triebe
mächtig Ich begreife nicht warum man in dem Menschen durch Gesezze
Empfindungen erstikken will die dem Schöpfer und seiner Macht Ehre machen Der
Mensch ist ein Tier dessen Willen der Vernunft untergeordnet ist er hat durch
diesen Willen seine tierischen Triebe einzuschränken zu verfeinern gelernt
aber aus dem Körper ganz vertilgt sind sie darum nicht diese Triebe der
schwachen Menschheit  und eben darum verdienen die Menschen die man zwingt
den Keim der gährenden Menschheit zu unterdrükken mein wahrhaftes Mitleid 
Nur müssen Geistliche von gewissem Alter wie dein Verführer ist nicht darunter
gerechnet werden denn da sind es nicht mehr Wallungen der hinreissenden Jugend
es sind Überbleibsel der sich angewöhnten Wollust  Du hast vollkommen Recht
Dich so gegen diesen Mann zu betragen wie es deine Grundsäzze erlauben  Die
Tugend verdient erst alsdann eine Krone wenn sie von der Vernunft einen
strengen und wichtigen Sieg erhält Die Beschreibung deines Hoflebens war
lebhaft Am Hofe findet man freilich das meiste Verderbnis  Häufig eilen da
die Herzen der Fäulnis zu die Vernunft wird durch das Geräusch verjagt die
Überlegung vom Taumel übertäubt und die Sitten durch das Beispiel vergiftet
Kaltblütig lernen da die Menschen lügen der Leichtsinn ist die herrschende
Triebfeder Galanterie die Sprache der Gewohnheit und so weicht das
Menschengefühl für Wohlwollen und Tugend aus dem Herzen eines Höflings
Mistrauen wird einem jeden Höfling zur Regel weil er selbst schwarze Falschheit
im Busen trägt und eben darum fürchtet er diese Falschheit mit so vieler
Überzeugung an Andern Wenn dann unter diese Menschen hinein ein unverdorbnes
Herz gerät so wird es von ihnen gleich einem Fremdlinge betrachtet Die Weiber
buhlen bei Hofe bis es ihnen die Natur versagt und die Männer werden durch
frühe Ausschweifungen zu jungen Greisen Doch weiter zu deinen possierlichen
Kaplänen  Nimmermehr hätte ich mir in einem Winkel der Erde solche Originale
geträumt Ist es möglich dass man sie duldet ist es möglich dass das Vorurteil
noch so in voller Stärke da tront  Diese Menschen müssen gar nicht denken
sonst würde sie die Natur selbst der Aufklärung etwas näher bringen Ich bilde
mir ein dass diese Geschöpfe ihre Stunden so gleichgültig wegschlummern so
lange sich die Maschine in der sie stekken fortwälzt Unwissenheit ist ihnen
zu vergeben denn es ist Mangel an Erziehung an Einsicht aber Eigensinn
Verdammungsgeist Teologenwut ist sträflich ist Meineid an der Natur die
alle Menschen von jeder Religion zum ewigen Frieden schuf  Der Mensch kommt
unwillkürlich zur Welt der Mensch wird in der Folge das was seine Eltern aus
ihm ziehen und wer wollte es da wagen dem Unschuldigen die Belohnung
abzustreiten die ihm von der Vorsicht in seiner Religion geöffnet wurde  Wozu
denn Eigensinn und Zänkereien in der Religion wenn es dem mächtigen Richter im
Himmel selbst gefiel mich in dieser oder jener Religion geboren werden zu
lassen  Das Kind in Mutterleib ist das Werk der Allmacht seine Geburt macht
es zum Menschen die Erziehung zum Christen und die gute Ausübung seiner
Pflichten zum Seligen Man lasse jedem was ihm zur Beruhigung dient und zanke
sich nicht bloß untereinander um den gegenseitigen Hochmut zu empören Die
Religion braucht keine Verteidiger sie verteidigt sich in ihren wichtigsten
Punkten selbst  Jeder Schulfuchs glaubt sich an Dinge wagen zu dürfen die
bloß dem Vernünftigen dem Hellsehenden zur Entscheidung überlassen werden
müssen Die Kopfrebellion ist die gefährlichste weil die Dummheit am meisten in
den Köpfen stekt Duldung für Alle ruft uns der Schöpfer zu und wer seine
Stimme überhört sündigt gegen die Rechte der Religion und Menschheit Der Kern
der Moral ist einfach ein jeder genieße ihn nach seiner Weise Der Willen
steigt zum Ewigen das Übrige ist das Werk der unruhigen Köpfe Und nun auch
noch ein Wörtchen von deinem geizigen Kaplan  Ich habe mich über diese
Schilderung fast krank gelacht Dass doch die Leidenschaften überall ihren
Wohnsiz haben  So ein Mann hat ja sein Auskommen warum wagt er es sich und
seine Würde durch Geiz zu erniedrigen Was sagt denn der Pfarrer zu dieser
Aufführung  Oder ist es vielleicht schon so stark zur Gewohnheit geworden dass
man diese Unanständigkeiten gar nicht mehr ahndet  Üble Gewohnheiten fassen
tiefe Wurzeln die der Wohlstand nicht so leicht mehr ausrottet wenn sie
verjährt sind  Spare übrigens deinen Wiz nicht gegen solche Menschen
vielleicht lässt sich einst noch ein Schein von Empfindung blikken  Was Du mir
nach der Hand von der Eifersucht der Haushälterin erzählst ist mir nicht
unbegreiflich ich kenne dieses Ungeheuer das immer tief in dem Herzen der
Weiber wohnt Wenn die neue Haushälterin eintrift so gib Acht sie ist gewiss
kaum warm so wirds das Nemliche sein Schone deinen Oheim noch mit der
Nachricht von den Verfolgungen die Du duldest es ist noch Zeit genug ihm
Kummer zu machen wenn Dir sonst keine Rettung mehr übrig bleibt  Zum Beschluss
eine feste Umarmung und gute Nacht
                                                                          Fanny
 
                                  XLIX Brief
                                    An Fanny
Drei volle Monate schrieb ich Dir nicht weil mich seither die Schwermut die
Verwirrung meines Schiksals davon abhielt Dafür sage ich Dir aber auch heute
sehr vieles  Erstens hat deine Prophezeihung bei der Haushälterin
eingetroffen Der Anlass zu dieser Frechheit liegt in einem Geheimnis das Du
leicht erraten kannst Wenn die Herren ihre Untergebenen zu Vertrauten machen
denn ist es immer schlimm in einem solchen Hause zu wohnen Ich habe dieses
Mädchen aus dem Staub des Elendes gezogen ich habe ihr Brod verschafft und nun
ist sie samt dem Pfarrer meine erklärte Feindin Wo des ersteren Verfolgung
herrührt weißt Du schon lange und die Feindschaft der leztern liegt in der
Herrschsucht im Eigennutz in der weiblichen Eitelkeit Sie arbeitet mit aller
Macht ihrer Reize wider mich Was nun der fühllose unmoralische Pfarrer weiter
aus mir machen wird weis ich nicht  Wir haben jetzt eine Menge Gäste in unserm
Hause worunter sich auch der junge Vetter B befindet Seine Donna hat ihn
betrogen beschimpft und verlassen Das ist so das gewöhnliche Ende von
unvorsichtigen Liebeshändeln Die übrigen Gäste bestehen aus einer adelichen
Familie von M die hier der freien Landluft genießen  Mann Frau und
Stieftochter des ersteren Der Vater ist ein ausschweifender Mann der sein
liebes Stieftöchterchen zur Verzweiflung der Mutter mit schändlichen Absichten
verfolgt  Die Mutter ist ein Weib in ihren bessten Jahren voll Gefühl und
Menschenliebe das Fräulein ein junges vortrefliches Mädchen und ganz das
Ebenbild ihrer Mutter Der junge schöne Vetter B die Einsamkeit auf dem
Lande die schwärmerischen Bücher das einfache Landleben das wallende Blut
eines feurigen Mädchens rissen diese liebenswürdige Unschuld bald zu den
Gefühlen hin die dem Vetter B und ihrer Mutter sehr willkommen waren aber
um desto wütender raste im Stillen der Stiefvater darüber Der Umgang wurde nun
diesen beiden jungen Leuten von demselben untersagt die Leidenschaften bäumten
sich um desto heftiger und jetzt sah man sich heimlich aber desto öfter Diese
durch einander geflochtene Intrigue von Eifersucht und Liebe von Stolz und
gährenden Leidenschaften bringt manchen bitteren Streit unter dieser Familie
hervor Der Vater widerspricht die Mutter widerspricht und die Tochter kämpft
fürchterlich mit dem Gefühl der Liebe und des Gehorsams Das Mädchen ist mir in
die Seele gewachsen wir schlafen beide in einem Zimmer Sie weint ganze Nächte
durch die arme Gekränkte Ihr Zustand wirkt auf den meinigen die Leiden des
Unglücks sind für mein wundes Herz anstekkend und wir beide sind durch die Bande
der teilnehmenden Freundschaft unzertrennlich aneinander gekettet Sie ist nun
freilich als ein Stadtfräulein eitler als ich aber unsere Seelen harmoniren
durch gleiche Grundsäzze Und dann hängt die Arme wie eine eigensinnige Klette
immer an meinem Halse wenn es ihr nicht gegönnt ist den jungen B zu sehen
Die liebe Schwärmerin sagt ich wäre sein Bäschen und sie glaubte an meinem
Busen sein Herz schlagen zu hören Die Mutter ist ganz die Vertraute dieser
Leidenschaft und wünscht dem jungen Vetter B bald eine gute Versorgung um
das Glük ihrer Tochter zu machen  Das Mädchen und der junge Mann sehen
hoffnungslos einer finsteren Zukunft entgegen und doch fühlen sie sich zu
ohnmächtig ihre schröklich herrschenden Leidenschaften zu unterdrükken Ich bin
trostlos für meine Freundin ich leide mit ihr  Sie nährt in ihrem Busen eine
zehrende Schwermut und das Mitleid ihrer Mutter brachte sie auf den Einfall
mich zur tröstenden Gesellschaft auf einige Zeit vom Pfarrer auszubitten Noch
hat er ihr es nicht zugesagt Wenn es diese Dame dahinbringt so warten auf mich
in der großen lebhaften Stadt M einige Tage Erholung für ein Jahr voll
ausgestandner Leiden  Schon vor einigen Wochen drang der eifersüchtige Vater
meiner Freundin auf die Abreise aber die vernünftige Gattin wusste es mit
Anstand zu verhindern denn seither ist sie noch immer mit Entwürfen
beschäftigt die jungen Leute zu verbinden und ihre Tochter den Augen des
sträflichen Stiefvaters zu entziehen  Eben dieser Mann ist gar mein Freund
nicht weil ihn das Vertrauen seiner Tochter zu mir ärgert  Er blikt mit einem
gewissen kalten Stolz auf mich herab Er ist der Busenfreund des Pfarrers weil
gleiche Grundsäzze gleiche Laster die Harmonie ihres Umgangs befestigen Man
begegnet mir in diesem Hause jetzt schröklich erniedrigend es scheint als ob
man mir mit jedem Blick die wenigen Wohltaten vorwerfen wollte die man mich so
aus ungefährer Barmherzigkeit genießen lässt  So ist denn überall die Tugend
den wütenden Fusstritten des Lasters ausgesezt  Wird sie denn so fortdauern
diese feste aneinanderhängende Kette von unendlichen Verfolgungen  Bei Gott
 Es ist unbegreiflich dass ich rastlos und ohne Aufhören wo ich nur hinkomme
Menschen finde die mich durch und durch peinigen und verfolgen Dieses
hartnäkkige unleidentliche Schicksal muss mit mir zur Welt gekommen sein sonst
könnte es mich nicht so grässlich anhaltend verfolgen Manchem würden diese
schnell aufeinander folgende Unglücksfälle unbegreiflich scheinen und doch sind
es lautere reine Wahrheiten Wer kann in das unendliche Kaos der Schiksale
hineindringen  Wer kann es fassen dass eine Waise von der ganzen Natur gehasst
wird  Wem wird es glaublich scheinen dass die Jugend eines elternlosen
Mädchens der Tirann ihrer Ruhe ist  Will so ein Mädchen der Stimme ihrer
rechtschaffenen Erziehung folgen will sie ohne ins Abenteuerliche zu
verfallen ihr Herz rein behalten was für Stürmen ist sie da nicht ausgesezt 
Es gibt ja der Niederträchtigen so viele die auf die Verfolgung einer
schwachen wehrlosen Waise ein Recht der Unverschämtheit zu haben glauben  Die
Menschen sind fast alle verdorben und nach dem Sturze desjenigen lüstern der
sich durch seine Unschuld auszeichnet Wenn der ewige Vater nicht über mich
wacht so weis der Himmel was in der Zukunft noch aus mir wird  Wer bürgt mir
für Standhaftigkeit in gränzenlosen Verfolgungen in unbeschreiblichen Lagen 
Romanenheldinnen doch nicht  Die Menschheit bleibt Menschheit und der
Gebeugte unterliegt oft da am ersten wo er sich sicher glaubt Ich habe bisher
alle Gründe der Moral streng zu meiner Beruhigung hervorgesucht ich habe mich
fest an sie gekettet ich habe jede Lage wohl überdacht aber wer steht mir bei
drohendem Mangel für die Zukunft  Mein Oheim ist gütig aber nicht reich
meine Schwester lebt von meinen Zinsen die gerade für sie hinlänglich sind
durch Händearbeit zu leben dazu brauchts Überlegung Geld um sich dazu
einzurichten und hinlängliche Kunst sich mit Prahlerei zu empfehlen Du kennst
meine Schüchternheit Freundin besonders da sich bei so einem Gewerbe eine
gewisse Art Schamhaftigkeit bei mir einschleicht Ich bin nicht dazu geboren
nur das Schicksal würde mich dazu erniedrigen Zwar tausendmal besser als
lasterhaft werden aber doch immer ein schwerer Kampf für die Eitelkeit eines
Mädchens von gutem Hause Wahrlich meine Teure ich würde noch einen solchen
Brief anfüllen wenn ich Dir die Gedanken über mein künftiges Schicksal ganz
hersagen sollte wie sie in meinem Kopf herumirren Nahrungssorge ist eine
schrökliche Sache für ein denkendes Mädchen Du wirst so gut sein und mir nicht
eher schreiben als bis Du wieder einen Brief von mir erhältst Ich möchte etwa
während dieser Zeit abreisen und der Brief in unrechte Hände kommen Lebe wohl
                                                                   Deine Amalie
 
                                    L Brief
                                    An Fanny
Wie wirst Du aufspringen vor Wut meine Fanny wenn Du hören wirst was seither
mir begegnete  Die unbarmherzigste grässlichste Handlung ist nun an mir
vollendet  Von jenem geistlichen Vetter vollendet der mich aus Rache
verstoßen hilflos ohne Geld der Verführung dem Elend und der großen Welt
Preis gab  Schröklich wird der Richter einst von ihm Rechenschaft fodern für
eine junge Seele die er auf eine so niederträchtige schlechte Art in die Welt
hineinstiess  Die Verzweiflung mag nun aus mir machen was sie will so geht es
auf Rechnung dieses Ungeheuers der mich gewissenlos und heuchlerisch von sich
entfernte Er hat die Pflichten der Menschheit leichtsinnig zerrissen er ist
meineidig geworden an meinem Oheim er hat an Gott und an mir ein Verbrechen
begangen das man nur bei Barbaren und nicht unter gesalbten Christen suchen
würde Sein Groll die Anstiftung seiner Haushälterin die gute Gelegenheit mich
mit einer schiklichen Ausrede vom Halse zu bringen alles half dazu seine
giftigen Anschläge zu erfüllen  Sie waren gut ausgesonnen diese Schlingen der
überdachten Bosheit Man lies mich ruhig und ohne dass ich je diese Falschheit
hätte merken können mit der Dame und ihrer Familie nach M abreisen Wir alle
argwohnten nichts saßen zufrieden beisammen im Wagen und vollendeten in zween
Tagen unsere kleine Reise Ein feiler Schurke von Bedienten wurde mir unter dem
Vorwand dass er mich bedienen sollte mitgegeben Kaum waren wir in M als
dieser Bote des Lasters mir ein Billet folgenden Innhalts von seinem Herrn
zustellte
»Madememoiselle Sie haben sich durch ihre wenige Verträglichkeit ihres hiesigen
Aufenthaltes unwürdig gemacht Wenn man nicht viel Vermögen hat muss man sich in
alle Menschen schikken können Schreiben Sie sich nun alle Folgen selbst zu Sie
sind jung schön gesund und wizzig suchen Sie nun ihr Glük in der großen Welt
 Das Versprechen das ich Ihrem Oheim tat war willkührlich und folglich in
meiner Gewalt es aufzuheben Wenn Sie Ihren eignen Vorteil verstehen so werden
Sie in dem Hause Ihres jezzigen Aufenthalts so lange schweigen bis sich Ihnen
einige Aussichten öffnen damit Sie nicht zu frühzeitig das Recht der
Gastfreiheit verscherzen Der Bediente hat Ordre unter einem politischen Vorwand
zurückzukehren und von ihm werden Sie auch ihre wenigen Kleidungsstükke zu Ihrem
Gebrauche erhalten Ich wünsche dass Ihr Köpfchen geschmeidiger werde und mehr
können Sie doch wahrhaftig nicht von mir fordern«
                                                             Ihr ergebner Diener
                                                                          
Ha  Fanny  Ich glaubte zu versinken als ich diese Beweise der
marmorherzigen Grausamkeit las  Ich warf mich wie unsinnig aufs Bett  Ich
fühlte die Trostlosigkeit eines Fremdlings der wie ein überflüssiges Mitglied
von keinem Menschen geschäzt und geliebt freudenlos in der Natur herumwandelt
Meine Börse war so schlecht bestellt dass sie mir für keinen Monat Unterhalt
bürgte Unentschlossen der Dame vom Haus etwas zu entdekken mistrauisch gegen
ihren Mann niedergebeugt und schüchtern gegen das junge Fräulein verlebte ich
zween schrökliche Tage  Meine Schwermut lag mit hellen Zügen auf meiner
Stirne Tränen glänzten in meinen Augen so oft man mich um die Ursache dieser
Schwermut fragte Die Verstellung die Unterdrükkung meines Kummers presste
meine Seele zusammen mein Kampf machte Aufsehen und die Dame drang in mich 
Antworten konnte ich durchaus von Anfang nicht denn die Wehmut erstikte mich
beinahe Ich gab ihr das empfangene Billet und harrte zitternd auf ihren
Entschluss Zu allem Glük beruhigte mich diese Menschenfreundin so gut sie
konnte Nur sagte sie mir dass dieser Vorfall ihrem Gemahl noch ein Geheimnis
bleiben müsste bis sie die Entscheidung meines Schiksals von meinem Oheim dem
sie den ganzen Vorfall berichten wollte erhielte  Das Fräulein die bei
dieser Unterredung zugegen war brausste feurig auf über die schlechte Behandlung
eines Verwandten eines Geistlichen Mit dem heftigsten Feuer der beleidigten
Freundschaft eilte sie zur Feder und schrieb diesem Unmenschen einen sehr
beissenden empfindlichen Brief  Sie lies ihn alle die Verachtung fühlen die
er verdiente So harre ich ungewis und bange bis zu ferneren Nachrichten von
meinem Oheim Gewis meine Liebe nichts ist quälender als wenn man es weis
wenn man es fühlt dass man der Menschenhülfe bedarf Ich saß oft mit marternder
Furcht bei Tische wagte es kaum das Bischen Gastfreiheit zu genießen weil ich
alle Minuten ahndete dass der Herr des Hauses meine Lage erfahren und mich für
einen überflüssigen Gast ansehen könnte Er war ohnehin kalt und mürrisch gegen
mich und das bloße Wiedervergeltungsrecht für die bei dem Pfarrer genossenen
Höflichkeiten hielten diesen Mann noch in den Schranken des Wohlstandes Auf
diese Art meine Freundin ist deine arme Amalie für diesmal in den Händen des
Ungefährs Ob es mich nun in Abgrund hinschleudert oder nicht das sollst Du
bald hören von deiner unglücklichen
                                                                         Amalie
 
                                   LI Brief
                                   An Amalie
Ich würde lügen meine Teure wenn ich diese schändliche Entehrung der
Menschheit kaltblütig übergehen könnte Ha  Religion  Ha  Tugend  Ha 
Menschlichkeit  Was ist aus euch geworden  So seid ihr denn von einem
Strafbaren auf einmal heruntergewürdigt der nicht einmal den Schein seiner
Würde zu behaupten wusste So hat er es denn ohne Bedenken gewagt dieser Elende
deine Jugend deine Schwachheit dem Laster und seinen Lokkungen entgegen zu
stoßen  Mir steht vor Kummer der Verstand stille wenn ich das Getümmel der
großen Welt überdenke dem er Dich ohne Rüksicht ohne Mitleid ohne
Gewissensangst ohne Vorwurf blosgab  Mit Abscheu ist meine Seele für so ein
Andenken angefüllt  Und ein Priester wagte es die Unschuld den Verführungen
des Lasters zu opfern  Wo soll die Tugend Trost finden wenn er ihr von den
Dienern der himmlischen Moral versagt wird  Ist so ein Ärgernis nicht
tausendmal mehr Sünde als das strafbarste Laster das doch wenigstens vor den
Augen der Welt verborgen bleibt Wenn Nächstenliebe in so einem Mann ihren
Wohnsiz nicht hat wo soll man sie denn finden  So hat denn die Unschuld
keinen Retter die Tugend und Menschheit keine Stimme mehr  Kein Vieh lässt
sein Junges verhungern und Menschen begegnen sich einander so fühllos 
Menschen die durch die Vernunft ihre Pflichten kennen mit dem Mund vor den
Augen Gottes Wahrheit schwören und dabei eine garstige rachsüchtige Seele im
Busen tragen  Ich bin hingerissen vom Gefühl der äußersten Traurigkeit über
die Bosheit die in dem Herzen der Menschen sich heimlich einnistet Es ist ein
trostloser Gedanke für den Guten wenn er seinen Nebenmenschen bis in Staub der
Niederträchtigkeit gesunken neben sich erblikt In welchem Sturm der zerrütteten
Leidenschaften mag dieser harte Mann wohl das für dich drükkende Billet
geschrieben haben  Verblendung für jene Dirne muss ihn hingerissen haben sonst
wäre es unmöglich dass er mit einem Herzen im Leibe so hätte gegen Dich handeln
können Ich will Dir gerne glauben meine Inniggeliebte dass Dir dieser letzte
unvermutete Streich des gebrandmarkten Zutrauens bis in die Seele stürmte 
Nichts ist grässlicher als auf unsere Unkosten das Lasterhafte zu entdekken wo
ein geheiligtes Ansehen uns für das Gegenteil bürgte Falschheit Mishandlung
böses Herz drükken den Verfolgten weit ärger wenn sie unerwartet erscheinen
Nun meine Liebe halte Dich indessen an jene Dame die nun deine einzige
Beschüzzerin ist  Wie entzükte mich der gütige Eifer des wakkern jungen
Fräuleins  Unverdorbene Menschen müssen über die schwarzen Handlungen von
Bösewichtern brausen weil es ihnen schwer fällt fremdes Laster zu dulden
wovon ihr eigenes Herz so rein ist Wie beschämend ist die Moral eines so jungen
Mädchens für einen Mann der nach seinem Berufe eben diese Moral Andern predigen
sollte Wenn dieser Verdorbene diese Stimme der Warnung fühlen könnte wenn er
merken wollte dass ihm der Himmel eben durch die Moral dieses Fräuleins Besserung
zuruft  Aber wie kann er es fühlen wie kann er es merken wenn die Gewohnheit
schon die Gewissensbisse übertäubt hat  Doch überlassen wir ihn der ängstlichen
Stunde des Todes da mag er dann ringen um die gränzenlose Barmherzigkeit die
der gütige Schöpfer Keinem versagt wenn er sein Laster wahrhaft bereuet
Übrigens meine Liebe sind die wenigen Wohltaten die Du bei dieser Familie
geniessest nur so lang Wohltaten bis sie dein Oheim bezahlt welches denn auch
geschehen wird Geniesse sie also nicht mit so großer Zaghaftigkeit Du möchtest
dadurch dem unartigen Hausherrn zum Argwohn Anlass geben eh es Zeit ist 
Heitere Dich auf Amalie noch ist keine nahe Gefahr dass Du Dich mit
Handarbeiten abgeben musst  Du wirst sehen dass die Hilfe am nächsten wenn das
Unglück am größten ist Und nun ein Kuss von deiner teilnehmenden
                                                                          Fanny
 
                                   LII Brief
                                    An Fanny
Heute meine gütige Fanny kann ich Dir schon etwas Mehreres von meinem Schicksal
sagen Der liebe Oheim will in Zukunft für meinen Unterhalt sorgen Doch
wünschte er mich in dem stillen Aufenthalt eines Klosters zu sehen Ich bin
seinem Wunsche gar nicht entgegen mich verlangt selbst nach Einsamkeit nach
Ruhe Nur fürchte ich dass die Stille des Klosters zu stark auf meinen lebhaften
Geist wirken wird und dass sich meine Leidenschaften erst dann zu empören
anfangen werden wenn der Mangel an Freiheit sie aufwekt Dieser Aufenthalt wird
mir Anfangs ein Grab scheinen wo man leblos den Freuden der Natur entsagt und
sich der Schöpfung nur verstohlner Weise in den traurigen Winkeln der Zellen
freuen darf Nie würde ich mich entschließen ein Mitglied dieses unsinnigen
Vorurteils zu werden Aber so als Zuschauerin als Beobachterin dieser heimlich
Unzufriedenen auf einige Zeit einen solchen Aufenthalt zu wählen dient mir zur
Menschenkenntnis Da mich mein Oheim nicht dazu zwingt so ist meine Neugierde
die Triebfeder meines freien Willens Man wollte mich versichern dass es in
solchen Gefangenschaften eben so viel Zufriedene als Unzufriedene gebe Dies
kann ich unmöglich glauben bald sollst Du hierüber mein Urteil aus Erfahrung
hören Der Mann meiner Wohltäterin hat nun meine Lage durch ein Ungefähr
erfahren  Dieses und die fortdauernde Liebe des Fräuleins mit meinem Vetter
B hat ihn so sehr in Harnisch gejagt dass er mir es derb fühlen ließ Seine
Frau wusste diesem Groll vorzubeugen und gab mich in das Haus ihrer Schwester
Das Fräulein und ihre Mama eiferten freilich wider meine Klostergedanken  und
haben mir zu einer Heiratsabsicht die Bekanntschaft eines Mannes angezettelt
der jetzt eine ansehnliche Stelle beim hiesigen Hofe begleitet Dieser Mann hat
Talenten stund ehedessen in spanischen Diensten als Offizier Er hat Amerika
Spanien Portugal Frankreich Italien und mehrere Länder durchreist  Das
stille bürgerliche Leben will nun freilich seinem unruhigen Geiste nicht
behagen er wird nächstens in andere Kriegsdienste treten und dieser junge Mann
buhlt um meine Liebe Sein Blick ist etwas finster und untersichgeschlagen er
hat Lektur genug um von Moral zu plaudern Was übrigens für Leidenschaften in
ihm herrschen und wie sein Herz aussieht weis ich nicht denn er ist mehr
verschlossen als offen in seinem Wesen  Frau von D das Fräulein und meine
Hausfrau loben ihn übrigens mit vielem Affekt Er scheint in seinen Briefen
einen fliegenden Enthusiasmus zu behaupten denn er schrieb mit feurigem Schwung
der Liebe wegen meiner an meinen Oheim  Wenn ich mich je entschließen könnte
so ein Band zu knüpfen so wäre meine liebe Schwester die Hauptursache davon
Denn ich muss das Mädchen bald in meine Arme rufen sie ist es satt eines
Kerkers satt den sie aus Zwang wählen musste  Indessen bleibt mein Entschluss
für jetzt fest mich auf einige Zeit nach A ins Kloster zu begeben Vielleicht
entscheidet die Vorsicht bald mein Schicksal wenn mein Freier mit
Standhaftigkeit auf meine Liebe dringt Er hat zwar nicht vollkommen das an
sich was die Eitelkeit eines Mädchens befriedigen könnte Doch ist er ohne
hässlich zu sein nur etwas steif und kalt nach spanischer Art  Wenn ich nun
sein Herz besser kennen lernen wollte so müsste das meinige weniger gut sein
denn eben dieses zu gute Herz macht mir bei jeder kritischen Anmerkung einen
Dunst vor die Augen der am Ende mein Unglück machen könnte  Ich bin durchaus
nicht im Stande Menschen zu untersuchen weil es mir an Erfahrung und
hinlänglicher Kälte fehlt die Menschen zu erforschen Ich finde aus angeborner
Guteit überall mein Echo bis die leidige Überzeugung von Menschenfalschheit
mich leider zu spät immer vom Gegenteile überführt  Noch warte ich deine
Antwort ab und dann fort ins Kloster Bis dorthin
                                                                   Deine Amalie
 
                                  LIII Brief
                                    An Fanny
Freundin  Dein Malchen wird zur Lügnerin ich muss Dir noch eh Du mir
schreibst vor meiner Abreise die gefährlichen Auftritte für mein Herz erzählen
 Das ist ausgemacht entschieden und ich bins auch jetzt zum erstenmale in
meinem Leben überzeugt dass die Liebe beim ersten Anblick einer Person hinreisst
bis zur süßen Schwermut hinreisst  Mein Unglücksstern führte mich gestern ins
Schauspiel ich kam gerade neben einem schwarzbraunen schönen Jungen zu sizzen
Kaum war der düstere Nebel von dem man gewöhnlich beim Eintritt überfallen
wird meinen Augen entflohen so stieg mir auf den ersten Blick den ich auf
meinen Nachbar warf eine brennende Röte ins Gesicht Wir saßen beide
sprachlos wie angenagelt nur zuweilen begegneten wir uns mit Blikken  Er
fing endlich zu sprechen an ich antwortete ihm so gut ich konnte und dabei
bat er mich um die Erlaubnis mich bis an meine Haustüre zu begleiten Schon
wartete ich auf den Antrag einer Bekanntschaft aber mit einer getäuschten
Hoffnung die mir durch die Seele zitterte sah ich mich auf einmal betrogen 
»Lange schon fing er nun an liebe ich Sie mich deucht dass sie erwidert
würde von Ihnen diese Liebe wenn mich die Ehre nicht davon abhielt nach einem
Gut zu greifen dessen Entbehrung mich vielleicht eben so schröklich für immer
verdammt  Ich bin arm unversorgt um ihre Hand buhlt ein Anderer der Sie
wenigstens durch seinen Stand glücklich machen kann Gott segne Sie beide und
mir gebe er Ruhe oder Tod«  Rasch flog dieser Jüngling von mir und ich
sah ihn seither nicht wieder auch weis ich nicht einmal wer er ist Sein
Andenken ist ein schleichender Wurm in meinem Herzen und meine schmeichelnde
Eigenliebe sagt mir immer er hätte nicht entfliehen sollen der Undankbare 
Während dieser Zeit wuchs die Leidenschaft meines Freiers bis zum Grade dass er
Mitleiden verdient  Der obige Auftritt hat mein Herz in etwas gegen ihn
verstimmt und da er mit seiner Leidenschaft vorbeieilte ohne auf den Grad der
meinigen zu achten so sind wir beide noch um ein ziemliches von einander
entfernt  Mitleiden wallt in meinem Herzen für ihn aber Mitleiden ist noch
lange nicht Liebe  Er hat übrigens einen Anschein von stiller Gemütsart wenn
es Solidität ist dann wäre schon ein starker Grad meines Zutrauens gewonnen
Die Leute die mit aller Überredungskunst auf diese Heirat dringen behaupten
durchaus dass es wirklich ein fester gebildeter Charakter sei Furcht Angst
und Begierde nach Versorgung um meine Schwester zu retten streiten in meinem
Kopfe  Ich bin das elendeste Mädchen unter der Sonne wenn sich mein gutes
Herz leichtgläubig ins Spiel mischt ehe die Vernunft und ihre Überlegung den
Rat zu dieser Heirat gibt Du weist ich habe noch ein artiges Vermögen auch
spricht er mir davon dass er welches besäße Doch was kümmert mich Vermögen
wenn nur mein armes Herz Ruhe bei ihm fände  Ich bin traurig bis zum Tiefsinn
 Lebe wohl Deine schwermütige
                                                                         Amalie
 
                                   LIV Brief
                                   An Amalie
Nun so verfällst Du denn schon wieder ins Abenteuerliche meine Besste  Ich
muss Dich zanken über deinen Klostergedanken Vielleicht kommt dieser Brief zu
spät und dann gute Nacht heitere Täge meiner Amalie  Du mit deiner Anlage
zur Schwermut willst die Einsamkeit suchen  Du mit deiner Lebhaftigkeit
willst Dich unter die Kostgängerrute beugen  Du mit deinem Freiheitssinn
willst heucheln lernen oder Dich hassen lassen  Du mit deiner Anlage zum
Natürlichen willst Dich in das Joch des Überspannten werfen  Du mit deinem
Herzen voll Liebe willst zwischen Riegel und Gitter die Männer entbehren  O
Du wirst gewiss auf meine Gründe der Warnung denken  Ich wette was Du willst
dein Bräutigam siegt in dieser Lage über deine Liebe Du bist dann entfernt von
allen andern Männern dein Herz muss Beschäftigung haben und die Notwendigkeit
wird gewiss das Loos auf deinen Freier lenken  Wenn mir je eine Übereilung im
Geiste vorgeht so ist es gewiss diese hier  Und warum wähltest Du denn dieses
Leben da dein Oheim es nicht geradezu foderte  Nicht wahr aus Dankbarkeit um
diesen lieben Mann auch nicht mit einem Winke zu widersprechen  O Ich kenne
deine Großmut Du bist aus Freundschaft und Dankbarkeit großer Handlungen
fähig  Was würdest Du erst aus Liebe tun wenn Dich Einer recht zu bezaubern
wüsste  Es ist ewig Schade dass der braune Junge so schnell von Dir ablies Ihr
zwei würdet euch fest aneinander gekettet haben Harmonische Liebe wäre das
Losungswort gewesen und eine glückliche Ehe die Belohnung für deine Drangsalen
 Dass doch die bessten Menschen arm sein müssen  Dass es dort liegen muss das
elende Metall auf einem Haufen an der Seite des fühllosen Dummkopfs  Doch
Freundin  Hänge dem Verlust dieses Jünglings nicht zu sehr nach er war Dir
nicht von der Vorsehung beschieden Was nun deinen Freier betrifft so hast Du
mich fast durch einige Anmerkungen über ihn erschrökt  Wenn mich anders nicht
die Versicherung deiner Wohltäterin in Betreff seines Karakters beruhigt hätte
so würde ich dieses zurückhaltende Wesen in ihm für verborgene Heuchelei halten
Sei vorsichtig die Frau von D kann mit dem bessten Herzen mit Dir betrogen
werden  Du kannst leicht die Züge seines Karakters unrecht deuten und das für
Ruhe nehmen was oft böses Gewissen oder tükkisches Wesen ist Überhaupt
Menschen die keinen offenen Charakter haben sind gefährlich Ich will lieber
Spuren der Leidenschaften in einem Mann erblicken so kann man doch untersuchen
wie weit diese Leidenschaften gehen  Dasjenige was verschlossen ist wütet
beim Ausbruch desto heftiger Ich zweifle gar nicht dass Du seine Begierden
entflammt hast  Ein so hübsches schlankes vollbusigtes lebhaftes
Schweizermädchen kann schon Zerrüttungen in den Sinnen eines Mannes stiften
Doch wäre es mir weit lieber wenn dein Anbeter minder heftig und mehr mit
Überlegung liebte Treibt man die Leidenschaften zu hoch dann spannen sie sich
um desto geschwinder ab  Untersuche deine Wünsche wohl prüfe Dich selbst ob
Du ihn lieben könntest  Denn die Ehe ist ein ewiges Band und knüpft auch
ewiges Verderben wenn nicht Liebe den Grund dazu legt  Lebe wohl in deiner
Einsamkeit wenn Du allenfalls schon darinnen sein solltest  Deine treue
                                                                          Fanny
 
                                   LV Brief
                                    An Fanny
Dein lezter Brief meine Liebe wurde mir ins Kloster nach A nachgeschikt
Mit allem Fleis hab ich ihn einen ganzen Monat bis zur Beantwortung liegen
lassen  Um Dir jetzt desto besser sagen zu können wie mir meine Einsamkeit
behagt  Du hast alles erraten meine Freundin  Die fürchterlich stillen
Mauern reizen mich zum tiefsten Nachdenken Das von Menschen entfernte Leben
häuft Empfindungen in meinem Herzen die in eine völlige Sehnsucht der
Mitteilung ausbrechen Ich finde dass die Natur durchaus keinen andern Zwang
leidet als den der von der gesunden Vernunft gebilligt wird  Ein Herz das
mit gesunden Gefühlen und mit einem heitern Kopfe geschaffen worden muss etwas
haben wo es sich anschmiegen kann Liebe ist nun freilich das erste nach
welchem ein solches Herz greift und wenn es dann im Kerker des Vorurteils
eingesperrt nichts erhaschen kann was zur Befriedigung seiner Leere beiträgt
dann ist es lebendig tot dieses Herz  Unzufrieden mit einer todkranken
Seele schleichen die armen Nonnen dem Grabe zu das ihrer Jugend von
Naturfeinden von Menschenhassern so frühzeitig ist gegraben worden  Das ist
nun der erbärmliche Zustand so mancher gefühlvollen Nonne die aus
Leichtgläubigkeit oder Übereilung auf ewig der Liebe und ihren Seligkeiten
entsagte  So manches gute Mädchen welkt da mit den tobenden Trieben der Natur
im Busen als eine Märtirin der Grausamkeit dahin  Die ganze Natur erinnert sie
im düstern Klostergarten an Freiheit an Liebe mit Wehmut sieht sie die
kleinsten Insekten sich paaren und schröklich schwer drükt dann der Gedanke der
Unmöglichkeit ihr unglückliches Herz  Sie flucht im Stillen der Schöpfung weil
sie ihr Triebe gab die ihr zur lebenslänglichen Marter dienen  Zwang reizt
ohnehin jede Schwachheit zum Laster und eine gute Seele braucht keine
Schranken weil sie sie selbst hinlänglich zu setzen weis  Dummköpfe und von
der Natur Verwahrloste schleppen blind die Kette des Vorurteils und kleiden
ihre Ausschweifungen in die Maske der Heimlichkeit ein     Es ist zum
Entsetzen was man da leblose gebeugte Mädchen an den hohen fürchterlichen
Klostermauern herumschleichen sieht  Die Unglücklichen können sich der Natur
nicht freuen weil sie ihnen eine fürchterliche Tirannin scheint der sie mit
tausend Kämpfen mit tausend Tränen entgegenstreiten müssen  Natur und
Vernunft können recht gut miteinander bestehen und die leztere gibt der
ersteren mit gewisser Mäßigung nach Aber Dummheit Vorurteil Bigotterie und
Natur sind von jeher die schröklichsten Feinde gewesen  Mich deucht die
Einsamkeit des Klosters ist der Tugend eben so schädlich als das große Getümmel
der Welt Das leztere überstimmt die Tugend und führt aus Taumel aus
Zerstreuung aus Beispiel zum Laster und die erste aus Langeweile aus Mangel
der nötigen Erholung wozu die Natur uns schuf  Aber im mittelmäßigen
Bürgerleben entfernt von den Torheiten frei vom Zwang in den Armen eines
Gatten scheint mir ist der Weg zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit Der
Mensch braucht in diesem mühsamen Leben Aufmunterung und wo findet er sie
besser als in den Armen der tugendhaften Liebe  Weich gestimmt ist dann seine
Seele und selten wird man einen wahrhaft Liebenden lasterhaft sehen Zufrieden
im Zirkel seiner Wünsche arbeitet er fleißig flieht das Geräusch und lebt ohne
übrige Leidenschaften bloß für sich und seine Familie  O meine Teuerste 
Die Liebe hat für mich unendlich viele Reize  Noch kenne ich zwar ihre
Schiksale nicht ganz aber wenn sie sich meinem schönen Ideal nur halb nahen
dann verlasse ich diese Mauern in aller Eilfertigkeit so bald sich die Liebe
meldet Zum Denken ist mir zwar dieser Ort reizend aber das Denken macht
wollüstig und eben dadurch fühlt ein junges Herz die traurige Leere desto
heftiger Ich habe hier eine Freundin sie ist schon seit einigen Jahren Nonne
Jung feurig und voll Schwärmerei musste sie aus tollem Eigensinn ihrer Eltern
den Schleier ergreifen Sie kann weder dem Gefühle der Liebe noch der
Frömmigkeit opfern ihr Wille ist zwar der Sklave ihrer Handlungen aber ihr
Herz ihr Kopf murrt bis zum Grausen über die vorgesezten Regeln womit man die
Natur tirannisirt  Die Frömmigkeit die man in Gesezze einkleidet ist immer
das Werk der träumenden Bigotten und nicht des freiwilligen Herzens  Wenn das
arme menschliche Herz nicht von selbst aus Überzeugung nach Moral greift so
ist das übrige ein erpresstes Opfer aus Gewohnheit aus Menschenfurcht  Andacht
und Laster haben ihre Extremen beide werden zur kalten Gewohnheit und manchmal
ist das leztere nicht weit vom ersteren wenigstens in Gedanken Mich deucht man
kann in der Welt eben so gut das Gute üben und das Böse lassen wie in Klöstern
und vielleicht besser denn wer will in diesen Häusern des Haders dem Neid und
der Feindschaft entgehen  Es gibt ja in Klöstern vollkommene
Sündenerfinderinnen die in ihren phantastischen Köpfen an ihrem Nebenmenschen
Alles als strafbar verdammen Kurz unser Geschlecht ist zu seicht im Kopfe um
die reine Moral nicht ins Abenteuerliche zu verwandeln Ebendeswegen sollte man
durchaus keine solche Pflanzschulen des Aberglaubens dulden Die Weiber die
sich auf ein Häufchen sammeln sind zu blödsichtig um das Ehrwürdige der
Religion nicht auf lächerliche Abwege zu leiten Ihre Absicht in den Mauern der
Natur zum Troz aus Selbstbezwingung zu vergrauen mag für kurzsichtige
Weiberköpfe gut sein aber für hellere taugt sie nicht Die Tugend die keinen
öffentlichen Streit auszuhalten vermag hat keinen Wert Die Gelegenheit zur
Sünde die man in der Welt freiwillig meidet verdient weit mehr Belohnung als
die Aufopferung seiner Begierden in Klöstern die nie anders als durch eigne
Gedanken gereizt werden  Wenn ein Mädchen in der Welt frühe ans Denken gewöhnt
wird wenn ihre Leidenschaften geordnet ihr Herz gefühlvoll und gut ist dann
wird sie triumphierend mit ihrem Ehrengefühl durch das Verderbnis der Welt
hinwandern und wenn sie auch zuweilen strauchelt so versöhnt ihre empfindsame
Reue den Schöpfer weit besser als jene monotonen Bussgebeter der Nonnen die nur
die Oberfläche von den bei ihnen im stillen wütenden Leidenschaften berühren 
Du wirst über meine Anmerkung lachen und beinahe glauben dass ich diesen
Aufenthalt bloß wählte um die darin herrschenden Torheiten auszukundschaften
 Ganz Unrecht hast Du darin wohl nicht Lebe wohl Deine
                                                                         Amalie
 
                                   LVI Brief
                                   An Amalie
Es freut mich meine Liebe dass bei Dir meine Prophezeihung in Ansehung deines
Klosterlebens eingetroffen hat Nun siehst Du doch dass meine Überlegungen eben
nicht die unrichtigsten sind  Das Einförmige die wenige Beschäftigung in
Klöstern nährt überhaupt alle Leidenschaften Die Wünsche haben da mehr Macht in
den Herzen der Menschen zu toben weil keine Hoffnung diese Wünsche jemals zu
erfüllen diese Macht hindert Unzufriedenheit nagende Schwermut ist das
Erbteil dieser unglücklichen Schlachtopfer  Melankolie Hypochondrie sezt
sich in ihrem Busen fest und wählt zum Gegenstand ihrer Nahrung diese oder
jene Leidenschaft Doch ist Liebe die allgemein herrschende Qual für solche arme
Mädchen Sie opfern der Liebe oft im Stillen ihre Ruhe ihre Gesundheit ihre
Seligkeit auf denn Verzweiflung ist gewöhnlich die Nachbarin der Sklaverei 
Selbst die reinste unerfahrenste Unschuld fühlt nicht so leicht Hang zum
Laster aber doch Hang zur Liebe zur Begattung  Die größte Schwärmerei der
Religion ist nicht vermögend einen Trieb zu besänftigen der so unwillkürlich
im menschlichen Körper wohnt  Auch die größten Bigotten halten im Stillen
Liebe nicht für sträflich und wenn sie über diese große Menschenbezwingerin
siegen so ist es tief eingewurzeltes Vorurteil Heuchelei oder glückliches
Temperament  Der Mensch hat da keinen freien Willen wo die Natur ihr Recht
fodert aber diese Natur nicht durch gesezwidrige Ausschweifungen zum Gegenstand
der Zügellosigkeit zu machen dazu hat der Mensch vom Schöpfer freien Willen
erhalten Jedes Mädchen hat doch wenigstens bisweilen einige Spuren der
urteilenden Vernunft in sich Eben diese Spuren werden ihr in den Stunden der
Langweile laut ins Ohr rufen Törin  Die Natur hat Dich frei geschaffen und
Du wagst es zu deiner eigenen ewigen innerlichen Qual Dich von Unwissenden in
das Joch einer gezwungenen Enthaltsamkeit werfen zu lassen Die Religion selbst
billigt Liebe und zwischen Liebe und Laster ist ein grossmächtiger Unterschied
 Die Klostermenschen versäumen immer die erstere und haschen nach dem leztern
Die Weltkinder hingegen vertauschen wahre Liebe mit Wollust mit Sinnlichkeit
Liebe hat ihre besondere Gesezze und das ist eben nicht Liebe was man ohne
Vereinigung der Moral bloß zur Befriedigung der Begierden genießt Wenn die
Nonnen von ihren Eltern den wahren würdigen Gebrauch der Liebe gelernt hätten
wenn sie gelernt hätten diesen Alles belebenden Trieb mit Vernunft mit
Überlegung ohne Absichten bloß zur Seelenentzükkung zu genießen welche Nonne
würde nicht über die Mauern hinaus ohne Sündenfurcht in die Arme der Liebe
springen  Die Begriffe die man diesen armen Kindern beibringt gehen meistens
auf Unkosten der tugendhaften Liebe man malt diesen unerfahrnen Mädchen
Ausschweifungen statt gemässigten Trieben vor man zeigt ihnen Laster statt
Tugend in der wahren Liebe  Man schreit über die böse Welt und endlich
überrascht von solchen schwarzen Schilderungen eilt das junge leichtgläubige
Mädchen hin zum Altar und von diesem  in ewige Fesseln  So verlieren aus
Gewohnheit aus Übermas der Andächtelei die wenig zufriedenen Nonnen die etwa
noch in Klöstern zu finden sind ihr Gefühl für Gott und die Menschen  Denn
wer für Wohlwollen für die Natur für das gesellige Leben kein Gefühl hat der
hat auch keines für seinen Schöpfer Unnüz fürs Gute leben diese Geschöpfe bloß
der Nahrung dem Schlaf dem Neid der Weiberei und der mechanischen
Religionsübung die sie eben so wenig verstehen als die Erziehung der Kinder
mit der sich einige Klöster zum Unheil der Menschheit beschäftigen Du hast
Recht meine Liebe ein mittelmässiges Leben ist dem Kloster und dem Geräusch der
großen Welt vorzuziehen Beides ist überspannt beides gefährlich Indessen musst
Du Dir in den Armen eines Gatten nicht lauter Himmel versprechen es kommt erst
darauf an in wie weit deine Wahl gut ausschlägt  Nicht jeder Jüngling hat
gutes Herz genug in der Ehe die beiderseitige Zufriedenheit zu befestigen Du
weißt was Du mir selbst leztin über jenes junge Weibchen schriebst  Für dein
Herz für deine Vernunft steh ich gut wenn Du nur an Jemanden gerätst der
dieses Herz mit Güte zu leiten weiß  Nur meine Freundin sind die bessten
Herzen immer die schwächsten und geraten sehr leicht auf Irrwege wenn ihnen
Rohheit oder brutales Betragen entgegengesezt wird  Du bist lebhaft meine
Teuerste  Du hast einen hellen Geist und sehr wenig Vorurteil zu welchen
Exzessen wärest Du nicht aufgelegt wenn Dich ein Gatte übel behandeln sollte 
Überlege deine Heirat wohl und versage deiner Freundin das Zutrauen nicht
                                                                          Fanny
 
                                  LVII Brief
                                    An Fanny
Teuerste besste Fanny  Ich muss mich heute schon wieder ans Klosterleben
halten denn dieses liefert mir täglich mehr Stoff zum Lachen und zum Erbarmen
Zwar sind diese Sammelpläzze der Dummheit in den kaiserlichen Ländern jetzt sehr
vermindert aber um desto schröklicher schmachten die armen Nonnen in andern
Gegenden ohne Rettung umsonst nach Freiheit und beneiden jene um das Glük
ihrer Sklaverei entledigt zu sein Nun will ich Dir doch das Wichtigste vom
Klosterleben entwerfen Gehorsam und unverlezte Keuschheit ist der Nonnen
Hauptregel Die geringste Übertretung des ersteren wird unter ihnen frazmässig
gestraft  Da kann man alle Tage Nonnen am Kazzentischchen andere mit
hölzernen Kochlöffeln im Munde wieder andere auf der Erden sizzend sehen
usw Zwanzigjährige Mädchen müssen da wie Kinder vor der Rute ihrer Mutter
zittern müssen der Vernunft widrige Strafen dulden die ihnen durch
Weibergesezze aufgelegt werden  Müssen einer kindischen Moral folgen die ihren
Kopf zum Starrsinn und ihr Herz zur Fühllosigkeit bringt  Steif zusammen
gedrängt trauen sich die armen Kinder kaum Gottes freie Luft zu genießen Denn
wohin reicht nicht das scharfe Auge einer stolzen aufgeblasenen würdigen
Mutter  Der Neid und die natürliche Schwazhaftigkeit der Weiber dringt in den
Klöstern bis zu den geringsten Fehlern des Nebenmenschen Man besucht sich unter
einander bloß um Anmerkungen unter sich zu machen man plaudert zusammen um
Neuigkeiten zu erfahren kurz man macht willkührlich Jagd auf die Vergehungen
Anderer um sie zu verachten und der Misgunst Nahrung zu geben Was nun die
Keuschheit betrifft diese wird in Heuchelei eingekleidet so gut es einer Jeden
möglich ist  Freilich sind ihre Gedanken dabei zollfrei  Nun wollen wir ihre
Andachtsübungen untersuchen  Die Nonnen beten viel und doch nichts Sie
beichten oft aber immer aus Gewohnheit kalt Der Schlaf wird bei ihnen um
Mitternacht gestört aber desto träger desto untüchtiger sind sie in ihren
Empfindungen zum Lobe des Schöpfers weil es ihrem Körper an der nächtlichen
Ruhe mangelt  Bei Tische genießen sie die Früchten der gütigen Natur mit
milzsüchtiger Laune denn ihre melankolischen Vorlesungen hemmen die Säfte der
Verdauung Ein barbarisches Stillschweigen man denke sich das Wort Weib
hinzu martert ihre Seele und macht sie jede Fröhlichkeit vermissen die der
gute Gott bloß zur Erholung der Tugendhaften schuf Speis und Trank muss ihnen
zur Last sein weil sie es unter der Obsicht der Tirannei genießen Es ist zum
Entsetzen wie erfinderisch der Unsinn da jede Freiheit vergiftet die der liebe
Vater im Himmel uns Allen zur Erholung der leidenden Menschheit mitteilte
Die Erholungsstunden der Nonnen bestehen aus Gaukeleien aus Kinderspielen
worüber die Vernunft weinen möchte  Die jungen Nonnen unterhalten sich aus
Raserei aus Langeweile mit dergleichen läppischen Possen weil ihnen jede
geschmakvollere Unterhaltung untersagt ist Die alten Nonnen verkriechen sich
mürrisch in ihre Zellen und freuen sich sehnsuchtsvoll auf ihren Tod Bücher
sind durchaus bis auf ein Paar Kapuzinerautoren bei hoher Strafe verboten
Schreiben darf keine Nonne ohne die Erlaubnis ihrer Oberin Alle Briefe werden
von dieser versiegelt und auch die Antworten wieder von ihr gelesen  Das ist
doch eine unverzeihliche Nasenweisheit  Das beweist doch recht dass man den
Nonnen jeden Weg abschneidet freiwillig im Kloster zu bleiben und freiwillig
sich der Enthaltsamkeit zu opfern So verleben diese Armseligen im ewigen Streit
ihrer Leidenschaften mit dem herznagenden Hang zur Freiheit ihre Tage entfernt
von allen Freuden des Lebens entfernt von der gesunden Vernunft entfernt von
den Rechten der Menschheit Unwissenheit Menschenhass Vorurteil Einfalt
begleitet die Vorsteherin solcher Häufchen überall  Ja wohl meine Freundin
ist Klostererziehung die abgeschmakteste von der Welt Wie können die
Frauenzimmer denen es selbst an Weltund Menschenkenntnis fehlt junge Seelen
bilden  Wie können sie in jungen Mädchen Leidenschaften erforschen wenn sie
über ihre eigenen nicht nachdenken dürfen  Wie können sie die rohe Natur in
Kindern zu verfeinern suchen wenn sie die Stimme derselben in sich selbst
erstikken und mit übertriebener Selbstverläugnung brandmarken müssen Wie können
sie das Temperament eines Kindes nach seiner gehörigen Art zur Tugend ordnen
wenn in ihren eigenen Köpfen nichts als Rohheit verwirrte Leidenschaften und
wütender Gähzorn herrscht  Unzufriedene Menschen sind überhaupt mürrisch und
unfähig das zarte Herz eines weichen Kindes zu bilden Wie viele zufriedene
Nonnen haben wir denn denen es nicht an Geduld zur Erziehung fehlte  Diese
Eigenschaft die nebst eigener Erziehung zu diesem Geschäfte höchst nötig
ist mangelt den Nonnen vorzüglich  Das wenige Menschengefühl das sie ins
Kloster bringen wird durch Vorurteil unterdrükt verdorben oder gar
ausgerottet  und im Gefühl liegt doch der größte Keim der Tugend  Aber um zu
fühlen muss man zuerst denken lernen und um gut zu handeln muss man fühlen
lernen Es ist ein wahres Elend wenn man die an Seel und Sitten schwachen
Klosterkostgängerinnen betrachtet  Unerfahren steif blöde ohne Herz ohne
wahren Begriff von Gott ohne Menschenverstand schüchtern wie Hasen trippeln
sie mit abgemessenen Schritten in der Schule umher Jeder Keim von aufsteigendem
Wiz wird in diesen Schülerinnen zurückgeschrekt  Die Lebhaftigkeit der Kinder
wird in tükkisches Wesen verwandelt  Sie lernen heucheln lügen sie lernen
sich aus sklavischer Furcht verstellen sie lernen Falschheit und Bosheit  Man
spricht den Kindern von Lastern und öffnet ihnen dabei den Weg darüber
nachzudenken Man lehrt sie die Mannspersonen ohne Ausnahme verabscheuen Liebe
zu ihnen schildert man den jungen Zöglingen als Verbrechen Sie lernen dieses
Geschlecht nicht anders als mit Vorurteil kennen bleiben von ihm entfernt so
lange die Natur schweigt überlassen sich dann aber desto zügelloser den
Schmeicheleien der Stuzzer wenn sie in die Welt tretten und nehmen in ihrer
Leichtgläubigkeit das für baare Münze an was ihnen jeder Gek vorlügt
Unerfahrenheit Neuheit wachsende Leidenschaften Eitelkeit Liebe zum
Weihrauch sind die baufälligen Säulen ihrer Klostertugend Ihr Lärvchen blendet
den Wollüstling und ihr Körper wird allen Denen zu Teil die den Mut haben
sie zu überraschen  Ein dummes Mädchen ist tausendmal schwächer als ein
vernünftiges Wiz Wohlstand und Beurteilungskraft sind für junge Mädchen
durchaus nötige Dinge wenn sie nicht das Spiel eines jeden Angrifs werden
will Und wie ist es denn möglich meine Besste dass ein Mädchen zwischen den
Mauern die Welt kennen lernen kann  Wie ist es möglich dass man
Nonnenerziehung nicht völlig abschaft  Sie taugt zu nichts kann zu nichts
taugen Jetzt nur noch etwas weniges von meinem Freier Er schreibt mir so
schwärmerische Briefe die gewiss jedes andere Mädchen zur unheilbarsten
Leidenschaft hinreißen würden So viel mich deucht liebt mich der Mann mit
einiger Leidenschaft nur tut es mir leid dass diese Leidenschaft ihn so sehr
martert  Denn man schreibt mir dass er seit meiner Abwesenheit kränklich sei
Was nun aus dieser Bekanntschaft noch werden wird sollst Du bald hören von
deiner ewig treuen
                                                                         Amalie
 
                                  LVIII Brief
                                    An Fanny
Ich konnte unmöglich Deine Antwort abwarten denn heute habe ich Dir viele und
wichtige Dinge zu sagen Meine arme Schwester schreibt mir und ruft mich im Tone
des äußersten Jammers um Hilfe an  Der Vormund ist im Begrif sie wider ihren
Willen zur Nonne zu machen Die übrigen Nonnen die um sie herum sind wenden
alle Kunstgriffe an dieses unschuldige Geschöpf zum Vorteil ihres Klosters zu
erobern  Sie schreibt sie vermute ganz sicher der Vormund habe mit den
Nonnen einen gewissen Kontrakt geschlossen kraft dessen der vierte Teil ihres
Vermögens dem Vormund in Händen bliebe der Überrest aber dem Kloster bestimmt
wäre Eigennutz muss doch dahinterstekken sonst würde mein Vormund nicht so
gewaltig auf die Einkleidung meiner Schwester dringen  Sie lebt wirklich aus
Zwang in den Tagen der Prüfung und schaudert vor Furcht wenn man sie zu einem
Schwur zwingen sollte wovon ihr Herz durchaus nichts wissen will  Ewiger
Gott  Ich würde rasend wenn ich sie müsste hinschleppen lassen diese arme
Waise zum Altar und schwören lassen die schwärzeste Lüge  Stürmen wollte
ich den Altar und laut ausrufen Betrüger gebt mir sie zurück Wie doch die
lasterhaften Kreaturen aus Eigennutz um das Unglück einer Seele buhlen Wie sie da
stehen die Heuchlerinnen mit Zukkerbrod um das leichtgläubige Mädchen in das
grässliche Joch einer ewigen Gefangenschaft zu lokken  Wie die
Frazzenpriesterinnen der Tugend dem Kinde mit täuschender Wahrscheinlichkeit
bloß das wenige Gute des Klosterlebens schildern und dabei das Übermaß der
Plagen verschweigen  Wie sie die Laster der Welt herzählen und dabei ihre
eigene verbergen  Nein  Beim Allmächtigen ich kann meine Schwester nicht
einer so gränzenlosen Verzweiflung zueilen lassen  Ich will ich muss auf
Rettung denken und wenn es auch auf Kosten meiner eigenen Ruhe wäre  Der Kopf
möchte mir bersten weil ich mir ihn durch unaufhörliches Projektiren beinahe
verrükte  Seit dieser Nachricht ist der Schlaf aus meinen Augen entflohen so
wie ich das Bett besteige ist marterndes Nachsinnen meine unzertrennliche
Gesellschaft  Den Anbruch jedes Tages erlebe ich mit offenen Augen Matt von
den Anstrengungen einer schlaflosen Nacht sind meistens bittere Tränen mein
erstes Frühstük Fanny  Fanny  Was wird es noch werden mit deiner armen
Amalie  Wie werde ich mich herausreissen aus diesem neuen Auftritt meines
unglückseligen Lebens  Alles stürmt wieder mit neuen Kräften auf mich los 
Mein Oheim in K ist mit seinem Fürsten auf sechs Monate in entfernte Länder
verreisst und kommt zu meiner Schwester Verderben zu spät zurück  Er befahl mir
in meinem jezigen Aufenthalt bis zu seiner Zurükkunft ruhig zu harren Noch will
er nicht zu meiner Verheiratung seine Einwilligung geben und mein Freier
dringt jetzt mehr als jemals auf meine Entscheidung Seine Klagen über
Ungewisheit zerreißen mein Herz  Es ist mir unmöglich jemanden um
meinetwillen leiden zu sehen Er war vor einigen Tagen heimlich hier und
jammerte so fürchterlich dass mein banges Herz darüber laut pochte  Ich bin
äußerst traurig über seinen Zustand seine Leidenschaft erwekt in mir jene
taumelnde Unruhe die so oft an Liebe gränzt  Ich fühle dass ich ihm mehr als
bloß gut bin Die Entfernung von andern Männern sein eifriges Bestreben
sein weiches Herz die Hoffnung dass ich durch diese Verbindung meine unglückliche
Schwester retten könnte o diese Hoffnung ist es die einen Wunsch in mir nährt
den ich mir kaum einzugestehen traue  Ich will ihn zum Vertrauten meiner
Leiden machen diesen rechtschaffenen Mann ich will ihn bitten sich meiner
Schwester anzunehmen und er wird es tun  Dann meine Liebe dann gebe ich ihm
zum Lohne meine Hand  Frau von D schreibt mir dass ich die Hoffnung dieses
jungen Mannes nicht länger martern sollte Sie schreibt dass er seit unserer
letzten Zusammenkunft weit unglücklicher herum irre als vorher Dass er zum Spotte
der Menschen wie ein bleicher Schatten herumschleiche und dass sie es mir auf
mein Gewissen gäbe wenn ich die Verbindung nur noch um einen Monat verzögerte
 Aber um Gotteswillen die Frau muss nicht wissen dass mein Oheim abwesend ist
und dass mir seine Befehle heilig sind  Sie muss nicht wissen dass ich keinen
Schritt aus dem Kloster wagen darf der meine Ehre meinen guten Namen und das
Zutrauen meines Oheims enteiligen würde  Warum will mich denn die Frau zu
einem Verbrechen zwingen um die schmachtende Leidenschaft eines Mannes zu
befriedigen der mein Mitleid meine Liebe ohnehin schon hat  Die Frau hat für
diesen Mann viel gutes Herz sie hat alles angewandt meine Eitelkeit für ihn in
Gährung zu bringen Sie schilderte mir ihn so reizend als es ihr nur möglich
war Sie schreibt dass er wirklich wieder in Kriegsdienste getretten wäre und
dass er mir in der niedlichen Uniform gewiss mehr als vorher gefallen würde Das
ist wohl eine böse Frau von D Nicht wahr Fanny 
                                                                         Amalie
 
                                   LIX Brief
                                   An Amalie
Liebstes besstes Malchen  Ich bin Dir zwo Antworten schuldig Aber Du sollst
sie heute reichlich ersezt bekommen Also zum Voraus zu deinem ersteren Briefe
in welchem Du mir so treffende Klosterschilderungen lieferst Du bist glücklich
dass Du nicht unter die Klasse von armen Nonnen gehörst Menschen die sich mit
gesundem Körper begraben  Menschen die es wagen aus Eigendünkel der
Schöpfung zu widersprechen  Menschen die aus Fantasterei ihren Leib kasteien
und dabei ihre Seele zu Grunde richten  Menschen die dem Ewigen freventlich
ins Richteramt greifen  Kurz arme bedaurungswürdige Menschen die blind nach
Fesseln nach ewiger Unzufriedenheit haschen Möchte es doch jedem Monarchen
einfallen Bande zu lösen die unmöglich zur Seligkeit dienen können Möchten
die Großen der Erde mit forschendem Blick hineinschleichen in die von Tränen der
Unzufriedenen feuchten Mauern des Klosterkerkers  Möchten sie fühlen möchten
sie hören wie der wütende Gram so vieler Nonnen laut wimmert  O dass eine
milde Hand diese nach Freiheit seufzenden Mädchen trösten und retten möchte 
O dass diese Hand rächen möchte die misbrauchten Rechte der Natur  Dies meine
Teuerste sind gewiss die wärmsten Wünsche meines Innern  Was nun die
Erziehung anbelangt die in Klöstern gegeben wird so ist es leicht zu
begreifen dass sie die Kinder mehr verderbt als bessert Weiber die aus
Vorurteil sich untereinander selbst martern können unmöglich gute Menschen
bilden Das leidige Vorurteil ist das Grab der Vernunft der Tod der Tugend und
des guten Herzens Man muss hell sehen selbst empfinden und viel denken wenn
man Kinder erziehen will  Es erfodert den schärfsten Blick die reifste
Überlegung und die richtigsten Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften die
in jedem Kinde verschieden wirken Besonders sollten die Nonnen einen
mitleidigen nachsichtsvollen Blick mehr auf mannbare Mädchen werfen bei denen
sich der erste und heftigste Trieb der Liebe zu melden pflegt Sie sollten sich
dieser jungen Mädchen Zutrauen zu erwerben suchen dies wäre der einzige Weg
sie durch eben diesen Trieb der Liebe sanft zu ihrer Pflicht zu führen Aber wie
roh wie unmenschlich wie strenge werden von den Nonnen eben diese armen
Mädchen behandelt Man bewacht ihre Handlungen aber nicht ihre Begierden man
droht ihren Leidenschaften und macht die Liebe zum Eigensinn ausarten man
kerkert sie ein und zeigt ihnen dadurch den Weg zu heimlichen frechen
Zusammenkünften Die Nacht muss alsdann die Stelle des Tages vertretten und
tollkühn besteigt das feurig verliebte Mädchen die hohen festen Mauern der
Unempfindlichkeit schwelgt von dem Verbote gereizt in den Armen ihres
Lieblings Liebe kann auch die bessten Herzen zu Grunde richten wenn ihr
Züchtigung oder hässlicher Kontrast entgegengesezt wird Das unverdorbene Mädchen
kämpft willig mit ihrer Leidenschaft aber eine teilnehmende vernünftige
Vertraute muss ihr Aufmunterung und Hilfe darbieten  Heftig brennt das Feuer
der ersten Liebe und gewaltsame Mittel fachen es nur noch mehr an Vernunft 
möchte ich laut diesen Schulvorsteherinnen zurufen   Nun zu deinem zweiten
Briefe  Das Schicksal deiner Schwester liegt auf einer gefährlichen Wagschale
sie steht am Scheideweg die Arme ihres ewigen Unglücks  Man will ihr
barbarisch eine Freiheit rauben deren Wert in dem Buche des gerechten Richters
musste verrechnet werden Der Vormund und die Nonnen sind leichtfertige Menschen
dass sie sich an den Willen eines Mädchens wagen dem selbst der Schöpfer
Freiheit gab  Es ist unverantwortlich den freigebornen Menschen auf Zeit
Lebens mit Leib und Seele dem Eigennutz zu verhandeln Die Nonnen geben zwar
diesem Freiheitstausche einen ganz andern Namen sie nennen es Beruf wenn ein
junges unwissendes Mädchen aus Furcht aus Mangel an Selbstkenntniss gereizt von
falschen Lokspeisen ein zaghaftes Ja daherstottert Der freie Willen eines
Mädchen wird vom öfteren Zureden übertäubt ihre Vernunft ist noch zu schwach um
den Folgen nachzudenken sie sieht nur das Gegenwärtige und will Denen die
über ihr sind nicht gerne widersprechen sie kann aus Mangel an Erfahrung nicht
urteilen und hält das selbst für Beruf was ihr Leben vergiften wird  Das
was die Nonnen Noviziat nennen ist keine wahre Prüfung sondern eine bloße
Spiegelfechterei ihrer eigennüzzigen Absichten Das schüchterne an tausend
Bussen gewöhnte Mädchen kann ihre Geduld in diesen Prüfungstagen nicht viel mehr
auf die Probe setzen als in der Kostgängerschule wo sie eben so oft beten
fasten und auf dem Boden sizzen musste Blos zu Rettung ihres guten Namens
brauchen die Nonnen bei der Aufnahme einer Schwester diese Zeremonie damit die
Welt glauben solle dass jedes Mädchen seinen eignen Willen dazu gäbe Nun kann
doch ein Mädchen vor fünf und zwanzig Jahren zu einem solchen Schwure keinen
freien Willen haben besonders wenn sie die Welt gar nicht kennt und mehr
Böses als Gutes von ihr weis  Ich bleibe bei meinem Saz Jede Einkleidung
eines jungen unerfahrnen Mädchens ist ein mörderischer Raub an dem
Menschengeschlecht  Raffe Dich auf Freundin und schleppe sie weg vom Altar
deine arme Schwester wenn es je so weit mit ihr kommen sollte  Dein Oheim ist
abwesend Du bist diesem Kinde Elternpflicht schuldig Doch beschwöre ich Dich
handle mit Vorsicht und begehe keine Übereilung  Ich kenne deinen hizzigen
Kopf und zittere für Dich  Schreibe Dir diese Worte tief ins Herz meine
teure unglückliche Amalie  Jetzt auch noch ein Wörtchen von deinen
Herzensangelegenheiten Du liebst also deinen bestimmten Bräutigam  Doch nicht
mit der lebhaften Leidenschaft glaub ich wie er Dich liebt  Eben dieser
Unterschied meine Liebe verspricht mir von deiner Seite mehr Standhaftigkeit
als von der seinigen  Man will behaupten was in der Liebe zu überspannt sei
müsse brechen  Doch in der Liebe ist nicht leicht zu raten ich muss Dich für
diesmal schon deiner eigenen Führung überlassen weil ich den Mann nicht kenne
der sich mit Dir verbinden will Nur scheint er mir  vergib mir meine
Aufrichtigkeit  durch seinen zügellosen Wunsch Dich so bald zu besizzen etwas
verdächtig Ist es Furcht Dich zu verlieren  Du bist ja im Kloster gut
verwahrt  Ist es reine gränzenlose Liebe  Nun sie wird ihm ja erwidert 
Aber meine Liebe wenn es bloß Begierde nach Genuss wäre  Wenn es ein
stürmisches Sehnen nach Sättigung seiner Wollust wäre  Ich würde unsinnig
wenn Du Dich täuschtest  Sei vorsichtig  Das ruft Dir zu deine liebe
                                                                          Fanny
 
                                   LX Brief
                                    An Fanny
Meine Besste Es sei nun in der Welt wie es wolle wir Menschen hängen
unstreitig von gewissen Augenblikken ab Gestern trat er zu mir ins Zimmer der
liebe Junge  Du musst aber auch wissen dass ich außer der Klausur wohne und
folglich unter der Aufsicht meiner Aufseherin den Besuch meines Bräutigams
annehmen darf Also gestern sah ich ihn in seinem völligen Glanze Er war gepuzt
wie ein Engel und die Uniform steht ihm göttlich  Wie sie da stund vor mir
die symmetrisch gepuzte Puppe meinem Auge so reizend und meiner Eitelkeit so
lokkend Der stille Gram der Liebe hat sein Gesicht gebleicht und dieses
schmachtende Aussehen stimmt ganz mit seinen langen blonden Haaren überein 
Meine Sinnen hiengen heute zum erstenmal an der äußern Seite eines Jünglings
und irrten verschwiegen und wollüstig auf seinen Reizen umher Man mag mir sagen
was man will ein artiger Junge in der Uniform ist für das Auge eines Mädchens
gefährlich besonders wenn kein zügelloser Wildfang darinnen stekt der zu wenig
der Delikatesse der Mädchen schont  Es ist nichts reizender als ein milder
denkender empfindsamer gutgezogener bescheidener junger Offizier 
Überrascht von einem so seltenen Funde muss jedes freie Mädchenherz schmelzen
wenn es anders die rohe Wildheit die ungezogene Brutalität die
Verläumdungssucht der meisten übrigen Offiziers kennt  Ich fodere nicht dass
ein Krieger Weib sein soll  Aber an der Seite seines Mädchens in den Armen
der Liebe gewinnt seine Lebhaftigkeit unendlich wenn weiches Gefühl der
Dankbarkeit wenn sanfter Affekt seine fühlende Seele adelt  Stürmerei im
Umgang Unverschämtheit der Sitten ist doch immer die Sache des gemeinen
Mannes und lässt in der Uniform gar nicht  Ich habe schon mehrere Offiziere
von diesem Schlag in Gesellschaft gefunden und es schien als ob ihnen die
Uniform ein Recht zur Ausgelassenheit gäbe Sie erhoben öfters ihren gebietenden
Hochmut über die Tugend eines armen Mädchens gerade als stünde diese Tugend
unter der Subordinazion ihrer Begierden Doch mein zukünftiges Männchen ist
artiger wenigstens hat er sich bis daher sehr liebevoll betragen Du sprichst
mir zwar in deinem Brief von Begierde nach Genuss O du lieber Gott  Wer kann
die Absichten eines Liebhabers so genau bestimmen  Er zeigt sich immer auf der
bessten Seite und weis unsere Leichtgläubigkeit so täuschend zu beruhigen Ich
versichere Dich meine Besste je mehr man den Liebhaber studiert je weniger
kennt man ihn Ich schmeichle mir doch auch ein Bischen Gehirne zu haben und
doch bin ich mit meiner unendlichen Bemühung ihn zu untersuchen nicht weiter
gekommen als bis dahin wo er mich vielleicht mit voller Überlegung wollte
kommen lassen  Denn der Mann hat Kopf  Was ist nun zu tun  Wie übel ist
derjenige daran der zwischen Liebe und Furcht zu wählen hat  Die erstere ist
bisweilen so übereilt so geschwind entschlossen dass keine späte Reue den
Schritt mehr zurück tun kann den sie vielleicht unbesonnen bloß aus Üreilung
wagte  Mit banger Ängstlichkeit werde ich mich vielleicht einer Verbindung
nahen die mich zum glücklichen Weibe oder zum elendesten Wurm machen kann  So
eben erhalte ich durch einen expressen Boten einen Brief von meiner Schwester
Ich will ihn lesen und wenn er Wichtigkeiten enthält so werde ich ihn Wort für
Wort hier einrükken    
    Ja wohl enthält er Wichtigkeiten dieser Brief  Die schröklichsten die wir
Beide uns je denken könnten  Lies  und schenke ihr eine Träne der
Verfolgten 
    »Liebe gute Schwester   Schreibe mein langes Stillschweigen auf die
Rechnung meiner Gefangenschaft in der ich seit deinem leztern Briefe halb
verzweifelt schmachte  Du hieltst diese Pause meines Schiksals vermutlich für
eine gute Wendung aber Du irrst Dich denn mein Elend ist aufs Höchste
gestiegen  Meine Prüfungszeit geht in wenig Tagen zu Ende und dann will man
mich hinschleppen zu jenen fürchterlichen Gebräuchen der Einkleidung  Sie
haben mir meine Einwilligung abgezwungen die grausamen Mörder meines
Seelenheils  Ich werde mich in die finstere Todtengruft unter die rasselnden
Knochen meiner verweseten Vorfahrerinnen verbergen wenn Du einzig geliebte
Schwester mich nicht rettest  Meine Gesundheit ist ohnehin angegriffen aber
doch möchte ich die wenigen Tage meines Lebens nicht unter dem Drukke einer
schändlichen Lüge verseufzen  O meine verstorbene Eltern  Hört hört eure
nach Hilfe schreiende Tochter  Steigt hervor aus dem Grabe ihr schleichenden
Schatten meiner Erlösung  Reisst es weg das Leichentuch wenn man es mir nahe
am Altar der milden Gottheit über meinen Kopf wirft  Ich will den Kranz meiner
Unschuld den Brautschmuk meines Hochzeittages in Stükken zerfezzen denn mein
Schwur ist gezwungen und folglich ungültig  Ich bin eine Waise Alles ist
taub für mein Geschrei  Man wusste meine Zunge durch Furcht und Zagheit zu
binden Die Gutherzigkeit einer verliebten Nonne half mir zu dieser Gelegenheit
an Dich zu schreiben Zögerst Du nur noch auf wenige Tage so ist auf ewig für
Dich verloren deine jammernde Schwester Louise von B«
    Verloren auf ewig für mich  Fühle diesen Schlag der mein Herz zerreißt
wenn Du kannst und lass mich  
 
                                   LXI Brief
                                    An Fanny
Es ist geschehen meine Freundin  Zittere nicht deine Amalie ist vermählt 
Und nun ist sie aus dem Kloster entflohen  Die harten Nonnen haben mir meine
Bitte abgeschlagen zu meiner Schwester zu reisen und was war mir in einer so
dringenden Lage anders übrig  Ich bin undankbar an meinem Oheim geworden ich
habe pflichtlos an ihm gehandelt und den Nonnen einen Streich gespielt an
den sie denken werden  Ich habe einem Mann mit Zittern die Hand gegeben
dessen dürstende Leidenschaft den entscheidenden Zeitpunkt zu benüzzen wusste 
Ich habe vielleicht unsinnig rasend gehandelt und das alles aus Liebe zu
meiner Schwester  Aber eigennüzzig hätte mein Gatte meine Hand nicht
erschleichen sollen es verrät zu viel Liebe zur Befriedigung Doch was konnte
ich da in so verwirrten Augenblikken viel untersuchen  Ich sah meine Schwester
im Todtengewande vor meinem Bette knieen ich sah sie im Sarg liegen sprang
hastig aus meinem Schlafzimmer und kroch im Dunkeln über Stiegen und Brükken
öffnete mit Kühnheit Schlösser und Türen achtete nicht des nächtlichen
Grausens das mir durch die Glieder schauerte und so kam ich eine Stunde vor
unserer Abrede in den Klostergarten Schweiß und Kälte lag auf meiner Stirne
das Rauschen eines jeden Blattes folterte mein Gewissen bis zur Todesangst  Ich
fluchte der Erde ihren Bewohnern und dem Schicksal  Ich fühlte Rache gegen die
Nonnen im Herzen weil sie mir meine Bitte abschlugen und doch zitterte ich vor
dem Anblick dieser Schwestern der Fühllosigkeit  Bang wie ein entspringendes
Reh irrte ich im finsteren Garten herum Mein Freund Mond hatte sich verhüllt
um meinen Frevel zu bedekken den ich aus Schwesterliebe begieng Bald sah ich
vor meinen Augen den durch mich gekränkten Oheim bald den funkelnden Zorn der
beleidigten Nonnen die mir mit Bigottengrausamkeit nachfluchten sobald sie
meine Flucht entdekten  Mit Seelenangst erwartete ich jede Minute meinen
Liebhaber  Fürchterlich bis zum Entsetzen tobte der Gedanke der Ungewisheit
in meinem Busen  Wenn er dich nicht heiratet  Wenn er dich bloß entführt
und entehrt  fuhr mir dann bei seinem langen Ausbleiben donnernd durch den
Kopf  Schon hob ich den Fuß um ins Zimmer zurückzukehren wo das Andenken
meines Vergehens unauslöschlich eingeprägt bleiben wird  Aber eine heilige
sympatetische Macht hielt mich zurück Ich sah meine Schwester mir wieder
leibhaft nachschleichen ich fühlte gleichsam wie sie mich am Rokke festhielt
ich sah sie ihre Hände ringen ich hörte ihr dumpfes Aechzen sie bat mich um
die letzte schwesterliche Umarmung ich haschte nach ihr mit leidenschaftlicher
Phantasie als auf einmal der Wurf eines Steines meinen Sinnen wieder Richtung
gab  Ich eilte schnell dem Orte zu da dieses Zeichen gegeben worden  sank
ohnmächtig wohin  in die Arme meines Geliebten  Mein Herz schlug heftig
an seinem Busen ich bat ihn um Schonung und um Rettung meiner Schwester 
Kampf Furcht weniges Zutrauen durchkreuzten meine Seele  Ich hatte leichte
Kleider an war ohne Schuhe und der Morgentau überfiel mich mit einer
fieberhaften Kälte  Meinem Liebhaber war für meine Gesundheit bange er schwur
mir vor Gott noch eh der Tag anbräche mein Gatte zu werden  So ließ ich mich
fortschleppen um das unauflösliche Band des Ehestandes zu knüpfen Er hielt
auch Wort denn ehe zwo Stunden vergiengen waren wir vermählt  Berauscht von
Liebe und Wollust taumelten wir einige Stunden fort  Doch gränzte mein
Entzükken mehr an Wehmut als an das gewöhnliche Entzükken junger Eheleute 
Mein Gatte machte sich Tages darauf fertig zur Reise nach dem Kloster wo meine
Schwester mit Angst seiner wartete Er hatte den Entschluss gefasst sie gutwillig
oder mit Gewalt den Händen der Grausamkeit zu entreißen  Jede Stunde erwarte
ich Briefe von ihm und schröklich ängstlich sehne ich nach der Entwiklung
dieses traurigen Romans  Teure  Bleib doch meine Freundin meine Vertraute
im Kummer Solltest Du in meiner Handlung Schwachheit entdekken so ahnde sie
mit Nachsicht denn sie kommt gewiss aus dem bessten Herzen
                                                                  Deiner Amalie
 
                                  LXII Brief
                                   An Amalie
Mädchen Du lässt mich Dinge erleben die mein Herz angreifen  So wirst du denn
immer und ewig fortbrausen im Wirbel deiner hizzigen Leidenschaften  Ich
möchte die Klosterweiber bei den Köpfen kriegen dass sie Dir die Ausführung
einer Handlung versagten die deinem guten Herzen Pflicht war  Warum hast Du
ihn aber auch gewählt diesen Aufenthalt der eigensinnigen Bosheit  Ich wusste
es schon vorher recht gut dass dein Temperament durchaus keinen Widerspruch
dulden würde  und besonders da nicht wo Natur Teilnahme und
Rechtschaffenheit Dich zur Rettung auffoderten Ewiges Weh über die
Nichtswürdigen wenn dein übereilter Schritt übel ausschlägt  Gutes
unbegreifliches Geschöpf  Aus Gutherzigkeit opferst Du Dich selber auf um
deine Schwester zu retten Aus Gutherzigkeit wagst Du Ehre guten Namen und
vielleicht die ganze Ruhe deines Lebens  Wer kann so ein Herz begreifen  Wer
kann es bezahlen  Wer kann ihm an Güte gleichkommen  Es ist wahr der Brief
deiner Schwester dringt bis ins Innerste  Aber Freundin  Freundin  Wie
kühn und männlich wagtest Du es aus einem Kloster zu entspringen da
unbeschreibliche Schande dein Loos gewesen wäre wenn man Dich eingeholt hätte
 Du bist rasch in deinen Unternehmungen Du bist standhaft in deinen
Entschlüssen Du bist fürchterlich in deinem Zorne wenn man ihn reizt  Darf
ich es sagen ohne Dich zu beleidigen Du besizzest große Tugenden hast aber
auch zugleich Anlage zu großen Ausschweifungen Blos dein Herz bürgt mir dafür
dass die lezteren nie zum Ausbruch kommen werden wenn es so geführt wird wie
ich es wünsche Also jetzt liebes Malchen bist Du in den Armen deines Gatten
ruhst unter dem Schuzze Dessen der dir Alles sein muss  Amalie  Darf ich
Dich wohl mit wenigen Worten um Nachsicht um Sanftmut um die strengste
Erfüllung deiner Pflichten gegen ihn bitten  Erwarte in deinem Mann bloß den
Menschen mit allen seinen anklebenden Gebrechen und Du wirst Dich dadurch
weniger selbst täuschen Du wirst Geduld mit seinen Fehlern haben Die Männer
sind oft launigt mürrisch und roh Fasse Dich auf alles liebes Kind dann
wirst Du jeder seiner Leidenschaften mit Vernunft begegnen  Wenn dein Mann
seine Pflichten erfüllt so bist Du ihm die der deinigen doppelt schuldig  als
Gattin und als dankbare Freundin  Und wirst Du endlich einst Mutter o dann
teile mir deine Freude mit lass mich sie mitempfinden diese reizende Hoffnung
deines verjüngten Ebenbildes  Gerne würde ich mich heute länger mit Dir
unterhalten aber die Krankheit meiner Mutter hält mich davon ab  Lebe ruhig 
glücklich  und mir hold  Das wünscht deine ewig zärtliche Freundin
                                                                          Fanny
 
                                  LXIII Brief
                                    An Fanny
Von tiefem Schmerz angeschwollen ist mein Herz über die Streiche meines
grausamen Schiksals  Sie ist hin meine innig geliebte Schwester sie ist
tot  Der Gram hat sie geopfert  Sie haben ihren Zwek erreicht die Mörder
ihres Lebens  Sie haben sie so lange gequält gemartert gepeinigt bis der
schwache Körper mürbe war zum Grabe das man ihr vorsezlich grub  
MenschenGrausamkeit geht über allen Ausdruk denn sie ist so manchfaltig und
hat so viele heimliche Triebfedern zu ihrer Ausübung  Ich glaube dass der
Richter einst nichts so unbarmherzig strafen wird als die Tränen die man
seinem Nebenmenschen abpresst  Wenigstens scheint in der Natur nichts
sträflicheres als dieses  Und doch richten sich die Menschen untereinander
lachend zu Grunde  Also habe ich denn jetzt Alles mit dieser einzigen Schwester
verloren was meinem Herzen teuer war  Nun so bin ich denn hingeworfen in
die weite für mich trostlose Schöpfung  Vater Mutter Schwester alles ruht
in der unendlichen Ewigkeit  Sie haben mich zurückgelassen die Grausamen in
einer Welt wo vielleicht keine Seele mehr mein Herz zu schäzzen weis In einer
Welt wo ich ohne von den Banden des Bluts gefesselt zu sein verlassen
herumirre  Nichts werde ich diesen Teuren mehr mitteilen können jede Last
muss ich jetzt allein tragen  Zutrauen Mitteilung Linderung im Kummer in
welchem Menschenherz werde ich euch wieder finden  Wenn mein Gatte mein
unendlich fühlbares Herz verkennte wenn er mit Leichtsinn darüber hinweghüpfte
 Wenn ihm die Feinheit meiner Empfindungen unbegreiflich wäre  Wenn ich mich
irren sollte in seinem Charakter  O Tod  Tod  wie willkommen wärst du mir
dann  Noch ist er nicht zurück dieser einzige Mann in der Natur auf dem mein
Wohl oder mein Elend beruht  Er schrieb mir dass er meine Schwester mitten im
hizzigen Fieber angetroffen hätte dass ihr erster und lezter Laut mein Namen
gewesen wäre dass es ihn fast vor Wehmut erstikt hätte diese Unschuld diese
Jugend am Rande des Grabes zu finden  Dass die Nonnen die Ursache ihrer
Krankheit läugneten und dass der Vormund mehr als jemals den Heuchler spielte
Mit Engelssanftmut starb diese Dulderin der Menschenbosheit  Mit inniger
Seelengüte drükte sie meinen Mann statt meiner an ihre sterbenden Lippen 
Mit der heiligsten Wahrheit einer Sterbenden beschwor sie ihn mir Alles zu
werden was zu meinem Trost gereichen könnte  Und so meine Fanny flog ihr
Geist in die Arme ihres Erlösers Ewig wird mir diese einzige geliebte Schwester
unvergesslich bleiben  Ich liebte sie eben so leidenschaftlich wie ich
überhaupt ohne Unterschied des Geschlechts zu lieben pflege Denn meine Liebe
ruht in der Güte des Herzens und nicht in der Wollust Mit brennender Sehnsucht
mit marternder Ungeduld kann ich den Tag kaum erwarten wo mein Gatte
zurückkehren wird  Er wird mein Vermögen mitbringen und wie glücklich bin ich
dass ich dadurch das seinige vergrößern kann  Bis jetzt hab ich aus Verwirrung
der Umstände nicht im geringsten Einsicht in seine ökonomische Lage bekommen
Wenn er ein Betrüger sein wollte er könnte sein Vermögen ganz verschwenden
ohne dass ich den geringsten Anspruch darauf machen könnte denn ich habe mich in
der rasenden Angst bloß an seine Ehrlichkeit verheiratet  Glaube mir Fanny
der Mensch gehört in gewissen entscheidenden Augenblikken nicht sich selbst zu
Ist meine Heirat nicht ein Beweis davon  Die Leidenschaft des Mitleidens
bemächtigte sich meiner und die kalte Überlegung bei einem so gewagten Schritt
kam da zu spät wo die Schwesterliebe so mächtig sprach  Ich habe gelernt das
Elend Anderer tiefer zu fühlen als das meinige Ich habe ein Herz das nur dann
zufrieden ist wenn Andere es auch sind Nächstenliebe war mir von Jugend an
heilig und feurig ins Herz geschrieben und wenn es etwa eine Strohseele
gelüsten sollte meine Handlung für übertrieben anzusehen die will ich auf das
Gesez Gottes zurückweisen das uns laut zuruft Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst  Und wer war mir näher als meine Schwester  Wen liebte ich dazumal
feuriger als meine teure Louise  O du holder verklärter Schatten blikke
zuweilen herab mit Mitleiden auf deine hinterlassene Amalie  Sei mein
Schuzgeist im Leiden meine Führerin auf den felsigten Wegen der gefährlichen
Welt  Deine Unschuld sei meine Fürsprecherin vor dem Throne des Allmächtigen
 Deine Tugend meine Begleiterin und dein Andenken halte mein Herz der
Rechtschaffenheit offen Traurig ohne Dich werden meine Tage dahinschleichen
aber die Hoffnung Dich einstens dort wieder zu sehen wird mir Stärke und Mut
verleihen Die Tränen die ich jetzt während dieses Briefs weine seien deiner
Liebe geweiht die Du mir in deinem letzten Atemzug noch zuhauchtest  Liebste
besste Fanny  Schreibe es meiner Lage zu wenn ich deine Seele mit Bildern der
finsteren Schwertnut anfülle Wer sollte nicht darüber nachdenken and empfinden
 wenn eben diese Lage mein Herz von allen Seiten angreift  Hab Geduld habe
Nachsicht mit deiner unendlich leidenden
                                                                         Amalie
 
                                  LXIV Brief
                                   An Amalie
Liebe gute Amalie  Die neue Wunde die Dir wieder dein Schicksal schlug muss
tief in dein Herz gedrungen sein  Aber ist es nicht der Vorsehung Werk 
Beruhige Dich um Gotteswillen du bist es Dir Du bist es deinem Gatten Du bist
es deiner Fanny schuldig  Ich will Dir ja mit einem fühlenden Herzen Alles
sein Schwester Mutter und Freundin  Kannst Du in einer an guten Menschen
darbenden Welt mehr fodern  Mein Geschik ist zwar neidisch genug mich nicht
an deiner Seite zu lassen  Aber Trost Freundschaft Rat Tränen Mitleid
das alles mit Dir auch in der Entfernung zu teilen ist für mich
Götterwollust Lass es austoben dein hartes Schicksal es kann nicht immerfort so
rasen es muss brechen wenn seine Wut auf den höchsten Gipfel gestiegen ist
Tröste Dich mit dem Leiden Anderer es gibt noch weit Unglücklichere Es gibt
Menschen in der Welt die im Stillen am tiefsten Gram dahinzehren Die sich
nicht einmal können nicht einmal dürfen mitteilen die finster in sich
geschlossen zurückgeschrökt von der Menschheit durch die Folter ihrer Ruhe bis
zum Grabe hingeschleppt werden Verlust der Ehre des guten Namens
Gefangenschaften verfolgte oder betrogne Armut Falschheit der Freunde
Todesfälle unglückliche Ehen böses Gewissen sind so ungefähr die herrschenden
Plagen dieser Welt auf die wir uns gefasst halten müssen Schon hast Du mehrere
dieser Klassen durchwandert und Dir dadurch einige Stufen zum ungestörten Leben
jenseits gebaut  Ist diese Hoffnung nicht reizend  Ist sie nicht ein starker
Schuz gegen die Kleinmut  Sagt Dir nicht deine Vernunft es eilt dahin dies
träumende Leben zu einem bessern  Werden nicht alle irrdischen Hoffnungen in
dem unglücklichen Menschengehirn gestört  als gerade diese nicht wenn sie in
einem Herzen liegt das sich der Religion öffnet Diese Stimme die jeden
Christen bei den Abgründen seines grausamen Schiksals zurückruft muss untrügliche
Warheit sein denn sie ist zu mächtig zu tröstend für den armen Wanderer  Sei
billig meine Freundin gegen die Fügungen des Schöpfers Empfinde sie aber
murre nicht Dein Herz ist zu groß deine Seele zu erhaben um nicht über kurz
oder lang mit Standhaftigkeit eine Änderung abzuwarten Anhaltendes Unglück
untergräbt freilich unsere Gesundheit wenn die Natur uns schwache Nerven gab
aber es bildet das Herz veredelt die Seele klärt den Verstand auf und macht
uns zu wahren denkenden Menschen Unsere Empfindung wird durchs Unglück feiner
unser Herz mitleidiger und unsere Tugend erhabner  Ich glaube immer der
wahre gute Mensch muss wenigstens einmal in seinem Leben unglücklich gewesen sein
sonst kann er nicht wahrhaft gut sein denn Befriedigung aller Wünsche im
menschlichen Leben stumpft die Seele ab erwekt Ekkel und Harterzigkeit Die
Menschen die in ungestörten Freuden des Lebens dahin taumeln mit nichts zu
kämpfen haben besizzen wenig Seelenkräfte und besonders gar keine
Standhaftigkeit wenn es darauf ankömmt Andern zu helfen oder mit ihnen zu
fühlen Sie sind Maschinen die wenn sie dem Wohlleben entrissen werden nichts
weiter empfinden als den Verlust ihrer unbefriedigten Sinnlichkeit Im Unglück
lernt man denken und moralisch handeln denn kein Herz das einmal selbst
geblutet hat wird ein anderes zum bluten bringen Man muss die Leiden selbst
empfunden haben wenn man Andere damit schonen will Man muss schon mehrmalen das
Opfer der Untreue der Falschheit der Niederträchtigkeit gewesen sein um sie
nicht an Andern auszuüben Kurz das Herz wird unstreitig durchs Unglück besser
Streite also mutig Freundin mit deinem Schiksale Nimm es auf wie es die
Absicht des gütigen Schöpfers ist Hättest Du nicht mit so unendlichen
Schwierigkeiten zu kämpfen wer weis ob nicht Leichtsinn und Ausschweifung bei
deiner äußersten Lebhaftigkeit Dir zu Teil geworden wäre  Wer weis ob Du
nicht schon als ein Opfer der Wollust auf dem Krankenbette jammertest  Wer
weis ob dein Herz nicht stolz ob alle deine Leidenschaften nicht über den Kopf
geherrscht hätten  Komm meine Amalie lass uns fest entschlossen mit aller
Tugend der Sanftmut mit aller Ergebenheit für die Geheinmisse des
unbegreiflichen Schiksals bis zu jenen schaudernden Augenblikken fortwandeln
wo die Natur ihr Nichts wieder zurückfodert und der Schöpfer eine Seele
erwartet die er zu seiner Verherrlichung in einen zertrennlichen Körper legte
Das ist unser Endzwek meine Teure das übrige was in dem menschlichen Leben
vorgeht ist ein Traum der länger oder kürzer dauert 
                                                                    Deine Fanny
 
                                   LXV Brief
                                    An Fanny
Du liebe Freundin wirst über mein Stillschweigen gestaunt gezittert und
unablässlich der Ursache davon nachgeforscht haben Ich weis dass ich dadurch
dein Herz zerrissen deine Freundschaft beleidigt und deiner Seele Kummer gemacht
habe Es war nicht meine Schuld Fanny halte es zurück dein Verdammungsurteil
 Ich habe deinen leztern Brief wohl tausendmal gelesen eben so innig gefühlt
und ihn bei seiner Durchlesung durch Tränen des guten Willens völlig
aufgezehrt Bei Gott sei es geschworen meine Freundin  Ich habe alles
versucht mein neues Unglück das deine ganze Vernunft niederdonnern wird zu
dulden  Ich lebte vier ganzer Monat ohne Trost mit der Gelassenheit einer
Christin aber nun harre ich nicht länger in der entsezlichen Lage aus ich muss
mir Luft machen Du sollst es erfahren was mit deiner Amalie vorgeht Du sollst
mich in der Welt allein bedauern denn von Andern mag ich nicht bedauert sein 
Ich kann ihn nicht wieder zurücktun diesen Schritt der mir eine schaudervolle
Zukunft verspricht  Er ist geknüpft vor dem Altar der Knoten meines ewigen
Kummers  Und nun höre wie deine Freundin für ihr gutes Herz belohnt wird 
Ungefähr einen Monat nach der Zurükkunft meines Mannes genos ich noch selige
wonnevolle Tage doch die Täuschung wurde kurz hernach in eine schrökliche
Aussicht verwandelt Ich entdekte in meinem Manne den leidenschaftlichsten
Spieler den je die Erde trug  Er war schon so tief in diesem Laster gesunken
dass er mich in dem zweiten Monate meiner Ehe ganze Nächte durch von ihm
verlassen mit der Verzweiflung ringen lies Ich versuchte alles um ihn durch
Sanftmut davon abzuhalten anfänglich schien es auf ihn zu wirken er versprach
mir Besserung aber der Schwache täuschte sich selbst denn er war wieder auf
dem alten Weg eh er mir nur Zeit lies neue Kunstgriffe der Zärtlichkeit gegen
ihn anzuwenden Die Gewohnheit des Spiels half ihm zur Verstellung zur Lüge er
täuschte meine Leichtgläubigkeit mit Unwahrheit wenn er sein langes Ausbleiben
mit nichts anders zu entschuldigen wusste Er ist kalt rau leichtsinnig
nachlässig in seiner Pflicht durchs Spiel geworden Er nährt nur den Endzwek des
Eigennuzzes und diesen verfolgt er auf Kosten seiner Ehre und seines guten
Namens Er war von jeher Spieler von Profession und die niederträchtigen Stifter
meiner Ehe sagten mir es nicht oder wussten es vielleicht selbst nicht  Aus
Barmherzigkeit Freundin gib mir Rat gib mit Auskunft wie ich mich in
dieses Elend finden soll  Mein Mann herrscht unumschränkt über unser
beiderseitiges Vermögen und ist schon so weit verwildert dass er mir keinen
Blick in seine ökonomische Lage erlaubt Er befriedigte zwar bis jetzt die
Bedürfnisse des Hauses lies es mir an nichts fehlen aber ist übrigens
verschlossen und geheimnisvoll Ich habe ihn beobachten lassen er verspielt
täglich große Summen und gewinnt selten er hat noch überdies die rasende Sucht
an sich das Spiel zwingen zu wollen und nichts bringt ihn vom Spieltisch weg
wenn er sichs in den Kopf gesezt hat zu gewinnen Gott  Gott  Wie kann ein
fühlender Mensch seine Ruhe die Liebe seines Weibs die Glückseligkeit seines
Hauses dem eigensinnigen Glük des Spiels entgegensetzen  Lokkere Gesellen sind
sein Umgang eine Art kalter Sorglosigkeit seine Philosophie Ekkel an Allem
außer dem Spiel scheint seine Seele zu bemeistern Sein Herz dünkt mich nicht
ganz böse aber seine Grundsäzze sind nicht weit her Er scheint mich mehr im
Taumel seiner Leidenschaften zu vergessen als zu verachten Seine Liebe sucht
nicht die moralische Nahrung in meinem Herzen die unser Beider Glük ausmachen
könnte Er sieht mehr auf die Befriedigung körperlicher Pflichten bei mir als
auf die Beruhigung meines verstimmten Gemüts Er hat nicht unbefangenen Geist
genug um in den innern unglücklichen Zustand meines Herzens zu dringen Er hält
mein sprachloses Leiden für Schüchternheit meine Tränen für Schwachheit meine
Guteit für Einfalt mein Nachgeben für Sklaverei meine Liebe für überspannt
So beurteilt er mich und so bin ich sein Geschöpf aus dem er machen kann was
er will Heimliche Raserei hat sich schon oft meiner bemächtigt oft war ich im
Begrif bei Erblikkung der nächsten lebenden Kreatur in lautes Geheul
auszubrechen und ein Menschenherz zu suchen das Anteil an meinen Leiden nähme
Blos die Schonung unsers beiderseitigen guten Namens hielt mich bis jetzt noch
von Entschlüssen ab die fürchterlich ausfallen könnten  In vier Wochen kommt
mein Oheim von seiner Reise zurück wie werde ich mein Verbrechen vor ihm
entschuldigen können  Wie werde ich erscheinen vor einem Manne der Freude an
mir zu erleben glaubte  Wie werde ich beben ihm das Geständnis meiner übel
getroffenen Ehe zu entdekken  Wie grässlich wird mein selbstgewähltes Schicksal
seine Vorwürfe erschweren  Er wird mich von sich stoßen er wird mich meinem
Gram überlassen  Ich werde erliegen unter der Last meines Elends  O
Freundin  Mitleiden  Mitleiden mit deiner äußerst schwermütigen
                                                                         Amalie
 
                                  LXVI Brief
                                   An Amalie
Du hast mich meine Liebe während dieser vier Monaten manche Träne vergießen
machen  Nichts ist quälender als Ungewisheit über den Zustand einer Freundin
die man so liebt wie ich Dich liebe  Oft nahm ich mir vor Dir zu schreiben
aber doch wagt ich es nicht weil ich eine Ahndung im Herzen fühlte die mich
zurückschrökte  Wer weis in welcher Lage sie lebt  Wer weis ob sie Briefe
ohne Aufsehen empfangen kann  Wer weis ob sie ihrem Gatten diese geheime und
offenherzige Korrespondenz anvertraut hat  So und dergleichen sagt ich mir
wohl tausenderlei vor bis endlich dein Brief kam der mich bis zum
unbegreiflichsten Gefühl beugte  Über jedes andere Laster das dein Gatte an
sich haben möchte wäre ich nicht so erschrokken als über seine Spielsucht
denn diese ist das entsezlichste unter allen  Ein Spieler vergisst Gott Natur
und Menschen  Jedes Laster der Männer kann gesättigt werden wenn ein
vernünftiges Weib den Zeitpunkt zu nuzzen weis wo die Leidenschaften den Mann
zum Kinde machen Aber Spielsucht ist ohne Sättigung ist beinahe untilgbar aus
dem Herzen eines Mannes der das Spiel zur Hauptleidenschaft werden lies Der
Wollüstling kehrt zurück wenn die Nachsicht seines Weibs ihn zur Überlegung
zwingt wenn er einzusehen anfängt dass er das reine Herz seiner Gattin mit dem
feilen Körper einer Buhldirne vertauschte Der Trinker entsagt manchmal dem
Trunk wenn ein vernünftiges Weib seine Ehre vor den Menschen hinlänglich zu
reizen weis oder wenn er durch den Trunk seine Gesundheit in Gefahr sieht Der
Geizige vergisst aus Liebe zu seiner Gattin den Reiz des Geldes und überlässt ihr
willig seine Oekonomie wenn sie sich sein Zutrauen zu gewinnen weis Der
Brausende mildert sein Feuer wenn eine verstohlne Träne im Auge seiner Gattin
ihn entwaffnet Der Untätige wird fleißig wenn er sein liebes Weibchen dankbar
dafür sieht Der Leichtsinnige lernt denken wenn ihm die Tugenden seiner Gattin
so häufig begegnen dass er ihnen selbst folgen muss  Aber der Spieler ist fast
für alles fühllos denn der Reiz des Gewinnstes versüsst ihm die Gefahr des
Verlusts und tilgt in ihm den Vorwurf der Verschwendung Sein lasterhaftes Ideal
ist auf eine trügerische Hoffnung gegründet  Die Gewohnheit macht kühn die
Kühnheit im Spielen unternehmend und nicht selten ist Verzweiflung Dieberei
und andere Niederträchtigkeiten das endliche Loos eines leidenschaftlichen
Spielers Es schmerzt mich schröklich teure Amalie dass ich Dir alles das sagen
muss es geschieht auch bloß um Dich anzufeuern dein Alleräusserstes zur
Besserung deines Mannes anzuwenden Wer weis vielleicht hat diese Leidenschaft
nicht gar zu tiefe Wurzeln  Vielleicht ist es Langweile oder Verführung 
Mache ihm ja keine Vorwürfe darüber Du würdest ihn in dieser Gewohnheit
stärken Such ihn zu Hause in Gesellschaft guter Freunde zu unterhalten
Vielleicht vergisst er nach und nach seine übrigen Bekanntschaften Zeig ihm
nicht zu viel Guteit aber auch keinen Troz suche seine Vernunft durch ein
muntres Gespräch zu fesseln lass nur unvermerkt ein Wort in Betreff seiner üblen
Gewohnheit fallen Vielleicht gelingt Dir ein Meisterstük der Besserung an ihm
Ich hoffe alles von deinem Kopfe und Herzen Ich weis dass wenn er sich nicht
bessert es gewiss nicht deine Schuld ist Darum bitte ich Dich Liebe Teure
lass deinen Gram nicht zu hoch steigen Es ist ja nicht deine Schuld wenn er
durchaus mit vollen Schritten dem Verderben zueilt  Du verkennst übrigens das
Herz deines Oheims wenn Du Bitterkeiten von ihm erwartest die gewiss nicht in
seinem Charakter liegen Er wird freilich ein wenig über deinen Ungehorsam
zürnen aber nie wird er ihn auf Rechnung deines Herzens schreiben Ein Mann
wie dieser kann keine Handlung verdammen die aus Überfluss des Gefühls
unternommen wurde Er wird über deinen Ehestand trauren weinen aber Dich nie
aus einem Herzen verstoßen worin Du so tief eingegraben bist Sei ruhig in
Ansehung dieses meine Liebe Du kannst es sein Du darfst es sein Schreib mir
ich bitte Dich bald wieder denn meine Angst um dein Wohl ist nicht klein 
Mitleiden gegen deinen Mann und Liebe für Dich erfüllen meine ganze Seele und
stündlich flehe ich den Himmel an Dir in deiner traurigen Lage Geduld zu
verleihen 
                                                                    Deine Fanny
 
                                  LXVII Brief
                                    An Fanny
Vier Wochen sind wieder vorbei und ich habe sie durchgeweint und durchgeseufzt
 Es ist aus meine Fanny mit der Besserung meines Mannes  Ich habe Alles
angewandt Alles versucht und nichts hat auf ihn gewirkt  Er fängt an über
meine Sanftmut mürrisch zu werden er bleibt jetzt des Nachts länger als jemals
aus Wenn er dann zu Hause kommt so beherrscht ihn eine Laune die mich durch
und durch erschüttert  Schlaflos voller Furcht unter banger Erwartung
schleichen meine Stunden des Nachts dahin bis ich die Türe öffnen höre Mein
ganzer Körper fängt an zu zittern noch eh er sich mir naht Erwürgen möchten
mich beinahe der innerliche Schmerz über beleidigte Liebe der Verdruss und
Ärger über seine Zügellosigkeit und doch wagte ich es noch nie nur eine Silbe
von Vorwurf gegen ihn fahren zu lassen  Ich bin gewiss dass in dieser kurzen
Zeit unser halbes Vermögen verspielt worden ist Dieser Gedanke an seine
Verschwendung tobt fürchterlich in mir ich betrachte ihn als einen
Niederträchtigen der mich unsinnig dem Elend Preis geben wird  Du weißt
Freundin wir sind Menschen wir haben Galle und wenn Du empfändest wie
eiskalt mir seine Schmeicheleien denen er sich bisweilen aus Temperament
überlässt durch den ganzen Körper schaudern Du würdest Dich entsetzen und für
meine Liebe zittern  Ich habe sein Herz seinen Anteil an mir verloren und
nichts ist mir übriggeblieben als die Bedürfnisse seines Temperaments O das ist
eine abscheuliche Enteiligung der Liebe wenn ihre Triebe nicht aus gutem
Herzen quillen  Und wie kann sein Herz gut sein wenn er mich mit sich zur
Dürftigkeit hinschleppt  Wenn er mich hinschleppt zu jenen Abgründen der
Armut die das wohlgezogene Weib entweder zum Grab führen  oder wenn sie nicht
standhaft genug ist wenn sie glitscht die Elende in die Arme der
Ausschweifung Gott  Ich kann den Überrest unsers Vermögens durch keine
Zwangsmittel verwahren lassen Ich laufe Gefahr von seiner Wut mishandelt zu
werden  Und wer lässt überhaupt gerne die Streitigkeiten der Ehe wissen 
Gutgezogene Menschen scheuen sich ihr Unglück öffentlich bekannt zu machen denn
der Mitleidigen sind wenige aber desto mehr der Verläumder besonders bei einer
unglücklichen Ehe wo die Stimmen so geteilt sind Oft trag ich in Gesellschaft
worein mich der Wohlstand zwingt die lachende Gestalt der Freude und im Herzen
sieht es finster wie die Nacht aus  Der Kummer welkt meine blühende Farbe sie
sind beinahe abgepflükt vom Gram die Rosen des Frühlings Alles neigt sich bei
mir immer mehr und mehr zur Schwermut Jede Kleinigkeit rührt mich bis zu
Tränen jeder Hauch erschüttert mich jeder Schatten macht mich zittern sie
fangen an zu sinken die weichen Nerven der weiblichen Natur  Und wenn ich denn
vollends einen Blick auf mein Kind werfe das ich unter dem Herzen trage o dann
wacht alles Feuer der Leidenschaft wieder in mir auf ich möchte ihm dann um den
Hals fallen dem Vater meines Kindes ich möchte so lang an seinem Halse hängen
bleiben bis mein Schluchzen die Natur erweichte  Kurz war die Freude die
diese Nachricht meiner Schwangerschaft auf sein Herz machte kalt ist dieses
Andenken des Entzükkens in ihm übertäubt ist sein Gefühl vom Eigennutz  Kein
Mitleid keine Schonung keine Sorgfalt für die Mutter seines Kindes lässt er
blikken Das Spiel macht ihn grausam hart und unmenschlich  Gott gib mir
Mäßigung  Ich fürchte ich fürchte wenn meine Heftigkeit einstens losbricht
dass ich dann die Schranken der Gattin übertretten werde  Lange lässt sich der
Wurm tretten aber wenn er sich loswindet so sind seine letzten Krümmungen die
schrekhaftesten  Blos um meines Kindes Willen trag ich die Last mit der
möglichsten Duldung Aber wer bürgt mir für die Standhaftigkeit dieses
Vorsazzes  Wer ist fühlloser Mensch genug mich zur andauernden Marter zu
verdammen  Fanny  Fanny  Ich bin in der gefährlichsten Stimmung  Nur die
Religion ist mir noch ehrwürdig sonst würde ich sie zerreißen diese Bande der
Barbarei die den Pflichtlosen an den Unschuldigen zu des Leztern Verzweiflung
ketten  Mein Oheim ist zurück er hat mir vergeben und fodert Rechenschaft von
meines Mannes Verhalten Weh mir  Was kann ich ihm sagen als  o Gott Lass
mich nicht murren lass mich dulden so lange es Dir gefällig ist
                                                                   Deine Amalie
 
                                 LXVIII Brief
                                    An Fanny
Gegenwärtiger Brief wird meinen leztern an Gram übertreffen denn er hat seither
in meinem Herzen Wurzeln gefasst dieser Gram ist gewachsen und reif geworden 
Alles stürmte auf mich los  Und ich wagte in der Verzweiflung einen Schritt
den nur eine Wahnsinnige wagen kann  Lebhafte Temperamente sind die Mörder der
Überlegung man rast der ersten bessten Aussicht entgegen die man sich im
Anlauf der Galle so willkommen sieht  Hizzige gallsüchtige Köpfe denen es an
guten Herzen fehlt nehmen meistens ihre Rache an dem Beleidiger aber ich nahm
sie an mir selbst an meinem Kinde an meiner Gesundheit an meiner Ehre an
meiner Familie  Es ist freilich wahr ich wurde mit mörderischer Hand
mishandelt  Mein Kind ist durch Grausamkeit vertilgt worden aus dem Schoos
ihrer Mutter  Sie ist dahin die Frucht meiner süßesten Hoffnungen  Ein
wütender Augenblick meines Mannes hat mich bis zu dem Rande des Todes geschleppt
dem ich mit entzükkender Erwartung entgegen sah  Ich will Dir diesen Auftritt
seiner abscheulichen Leidenschaften schildern um Dir wenn es möglich ist nur
einen Schatten meines Elendes zu zeigen  Mein Mann blieb einstens wie
gewöhnlich bis spät in die Nacht hinein in seiner Spielgesellschaft  Was ich
während diesen langen sechs Stunden die ich schlaflos auf ihn vergebens harrte
ausstund das lässt sich nicht beschreiben  Angst Furcht Schrekken grässliche
Bilder der Zukunft der hofnungslose Gedanke seiner Besserung die Kälte meines
Oheims den er durch Heuchelei zu gewinnen wusste Sehnsucht nach einem andern
bessern Herzen die Herannahung der drohenden Dürftigkeit machten meine Seele in
einem Labyrinth des unbegreiflichsten Schmerzens verirren  Ich konnte weder
weinen noch klagen ich konnte weder schlafen noch wachen ich träumte fort
bis es mein Gehirn angriff und der trostlose Zustand meiner Lage mich beinahe
ums Leben brachte  Auf einmal hörte ich Lärm und Gepolter ein kalter Schauer
durchzitterte meine Nerven mein Mann stürzte rasend mit zerrissenen Haaren
ins Zimmer ich bebte er sprang auf mich zu fasste mich an und fluchte
schröklich  Die Todesangst trieb mich aus dem Bette ich suchte ihn zu
entwaffnen stürzte zu seinen Füßen aber seine Raserei wurde immer heftiger er
wand meine langen Haare um seine Hand und schleppte mich barbarisch im Zimmer
herum Ich schrie nicht ich klagte nicht und das machte ihn noch boshafter
denn er hätte gern eine Furie in mir getroffen um seiner Wut mehr Nahrung zu
geben Er tobte über meine Gelassenheit und sehnte sich nach Anlass mir mit
Recht so begegnen zu können  Meine Standhaftigkeit meine Seelengrösse schien
seine Wut zu verdoppeln  Er schäumte nach einer Mordtat und wusste nicht ob
er sich oder mich zuerst umbringen sollte  Meine Natur und meine Leibesfrucht
wurden über diesem Auftritt erschüttert  Ich sank in Betäubung hin und er
ließ mich mehrere Stunden sinnlos ohne Hilfe liegen  Keine Seele von unsern
Bedienten durfte ins Zimmer worin ich mit ihm war Endlich fiel ihm der
Gedanke an sein Kind ein und erweichte ihn in etwas er nahte sich mir und
fragte um meinen Zustand  Die erste Träne zitterte jetzt seit so vielen
Stunden aus meinem Auge  Ich verhelte ihm die Gefahr meiner Frucht und meines
Lebens fragte ihn sanft um sein Befinden und um die Ursache seiner Krankheit 
Er gestand mir dass er diese Nacht beinahe das ganze Vermögen verspielt hätte
dass Verzweiflung sich seiner bemächtigt hätte die ihn am Leben ekkelnmachte
dass er mich in dem Augenblick gehasst hätte weil ihm mein Anblick eine tödtende
Erinnerung seiner Ausschweifungen gewesen sei  Er gestund es selbst dass ihn
ewig und ewig nichts von der Spielsucht retten könnte  Er schien mich zu
bedauern und ging doch wieder aufs Kaffeehaus seiner Neigung entgegen
Während dieser Zeit verließen mich meine Kräften ich verlor mein Kind und
niemand zweifelte an meinem nahen Tode  Man hinterbrachte ihm diese Nachricht
er schien darüber zu stuzzen aber kam demungeachtet mehrere Tage nicht nach
Hause Die Sorgfalt der Aufwärterin und meine Jugend beförderten bald wieder
meine Gesundheit Man riet mir meinen Mann zu verlassen um mein Leben zu
schonen das bei ihm in augenbliklicher Gefahr stünde Ich hielt diesen Rat
anfangs für abscheulich bis ich endlich überlegte dass die Pflichten gegen sich
selbst immer die ersten sind und verließ ihn heimlich zwar ohne Plane bloß
mit der kleinen Hoffnung auf die Hilfe meines Oheims und so harre ich schon seit
mehreren Wochen auf das Gutdünken desselben Wies weiter mit mir gehen wird
weis ich nicht aber so viel weis ich dass ich die Elendeste unter den
Sterblichen bin 
                                                                         Amalie
 
                                  LXIX Brief
                                   An Amalie
Arme bedaurungswürdige Freundin So ist denn immer und ewig wahr dass Du die
Unglücklichste unter den weiblichen Geschöpfen bist  Grässlich ist deine Lage
grausam das Betragen deines Mannes tirannisch dein Schicksal ich möchte weinen
bis mir das Herz bräche ich möchte trauern bis zum Tage deiner Auflösung wenn
ich der Stimme ganz Gehör geben wollte die mir laut zuruft Herr Jesus  Wie
wird mit deiner Amalie gehandelt  Man martert Dich bis auf den Tod  Man
raubt Dir Gesundheit und Seelenruhe  So jung und so unendlich unglücklich 
So jung und so erbärmlich mishandelt  Mein Gott  Mein Gott  Wenn ich nur
bei Dir sein könnte  Wenn ich sie nur auffangen könnte die Streiche deines
schröklichen Schiksals  Wenn ich nun vollends deine Lebhaftigkeit bedenke
wenn ich denke dass ein beleidigtes gutes Herz zu Allem fähig ist wenn ich
denke dass Dich einst Verzweiflung zu Allem verleiten könnte o dann schwindelt
mir vor der Zukunft  Aber wie  Auch dein guter Oheim ist für Dich nicht mehr
das was er war  Nein das ist unmöglich Malchen  Die Heuchelei deines
Mannes hat bloß die Oberfläche berührt sie ist nicht in sein Herz gedrungen
Ich kenne sein Menschengefühl ich kenne seine Liebe für Dich Vaterliebe
Gewissen Vernunft Mitleiden werden bald wieder an die Stelle dieser Kälte
tretten Du wirst siegen über ihn dein Mann mag ihm geschrieben haben was er
will  Hat dieser Oheim Dich nicht erzogen  kennt er nicht die innersten
Falten deines Herzens  Liebt er Dich nicht innig und warm  Getrost Liebe
bald wird dein Oheim Dich selbst trösten  Herr Gott im Himmel  Wie der
Gedanke an deinen Mann wieder von neuem in meinem Kopf stürmt  Und dieses
Ungeheuer hatte den Mut Dich arme Dulderin bei den Haaren herumzuschleppen 
Und Du Engel der Sanftmut ließest Dich ohne Murren ohne den geringsten Laut
von Dir zu geben so teuflisch behandeln  O diese Standhaftigkeit ist
unbegreiflich ist die größte Seelenstärke die je in einem Weibe wohnte 
Auftretten mag sie das Weib in der Schöpfung wenn es noch eine gibt und mit
Dir um Preis einer solchen Tugend ringen  Malchen  Malchen  Du musst schon
Überdruss an deinem Leben fühlen sonst könntest Du nicht mit der Gelassenheit
die Gefahr Deiner Gesundheit ertragen  Herrliche brave Seele von einem Weib
 Schone Dich um Gottes Willen kehre zurück zu den Freuden der Natur  Höre
auf Dich selbst zu töten Welches Gesez wird es billigen   Höre auf dein
Leben zu Grunde zu richten  Natur Gott und Menschen sind nicht so grausam
dass sie eine Unschuldige mit den Ausschweifungen eines Lasterhaften geisseln
wollen  Dein Mann ist verloren keine Besserung ist mehr zu hoffen  Sein
Gefühl ist weg für Dich für ihn selbst  Wer könnte Dir raten an der Seite
eines Barbaren zu schlafen der alle Augenblicke bereit ist dein Mörder zu
werden  Wer wäre unempfindsam genug ein holdes weibliches Geschöpf länger
unter der Tirannei eines Verrükten zu lassen  So ein armes schwaches Weibchen
sollte bei dem geringsten Geräusche bei dem mindesten Knarren der Wand
zittern beben und Todesangst fühlen  sollte sich gutherzig unter den Klauen
eines Unsinnigen würgen lassen  Und warum  Weil ihre Guteit an einen
Unglückseligen geriet der sie nicht zu schäzzen weis  An einen Mann der
seine Übermacht bloß darum fühlt weil seine Frau nicht pöbelhaft genug ist
bei dem Richter Hilfe zu suchen  Bei Gott  Das wäre wider die Menschheit 
Da sinkt sie hin in einem Winkel des Zimmers das Opfer der schröklichsten
Grausamkeit kämpft mit der augenscheinlichsten Lebensgefahr schreit zu Gott um
Beistand ringt die Hände und bittet im Stillen ihren Henker um den letzten
Todesstreich  So ein armes schwaches empfindsames Weib sollte noch länger
ihre feinen Glieder peinigen lassen  O menschliches Gesez ich würde dich
verabscheuen wenn du das fodern wolltest  Du hast wohl getan Freundin Dich
zu entfernen jede Pflicht ist nur dann heilig wenn unsere Selbsterhaltung
nicht darunter leidet  Wie kann die Religion wie können die Gesezze von Dir
ein so teures Opfer fodern  Ist Deine Entfernung nicht Klugheit  Nimmermehr
kann ich zugeben dass Du Dich neuen Auftritten blosgiebst Lass ihn fortwandeln
den Verworfnen auf dem Wege der zum Abgrunde führt  Bleib seinem Auge
verborgen sorge für deine Gesundheit und bitte den Allgütigen um
Standhaftigkeit in deinem Entschluss O Amalie  Was wäre Dir bevorgestanden
wenn Du geblieben wärest  Mord und Tod wäre vielleicht das Ende dieser
unglückseligen Ehe  Wer weis ob Dich nicht Raserei zu einem blutigen Entschluss
verleitet hätte  Ich kenne den Grad deiner Leidenschaften und deiner
Melankolie Dank dem Ewigen im Himmel dass Du weg bist  Nimm hin tausend Küsse
von Deiner
                                                                          Fanny
 
                                   LXX Brief
                                    An Fanny
Dein lezter Brief traf mich etwas ruhiger Nimm meinen wärmsten Dank für dein
Mitleiden Noch nie hab ich Dich mit solchem Feuer mein Wohl verteidigen
gehört  Noch nie hast Du Dich unterstanden als aufgeklärte Philosophin
Pflichten gegen Andere mit der gesunden Vernunft abzuwägen  Die Liebe zu mir
riss Dich hin die Liebe zu mir lies Dich vergessen dass kleine Tugend kleines
Opfer und große Tugend großes Opfer fodert  Was wäre es denn auch gewesen
wenn er ihn zum Krüppel gestoßen hätte diesen elenden Körper der über kurz
oder lang doch zu Staub werden wird  Seine Mishandlung war doch im Grunde bloß
Übereilung und Krankheit des Gehirnes Wäre ich so glücklich nur eine Spure von
Besserung in ihm zu entdekken so müssten tausend solche Mishandlungen nichts
gegen meine Geduld sein  Die ganze Welt sollte mich dann nicht von ihm
trennen die ganze Menschheit nichts über mich vermögen und alle Leiden meines
kranken Körpers würde ich für lauter Andenken ansehen die mir halfen über mich
selbst zu siegen Tugend ist in wahrhaft tugendhaften Menschen eben so äußerst
standhaft als groß das schwelgende Laster beim Niederträchtigen ist 
Unverdorbene Menschen können unmöglich mit Willen lasterhaft werden denn die
Leidenschaften unterjochen ihre Begierden aber nicht ihren Willen Noch hängt
mein gutes Herz an dem bedaurungswürdigen Gegenstand der schröklichsten
Erinnerung Noch kann ich mir den Gedanken der süßen Wiedervereinigung nicht aus
dem Kopfe bringen Was wird er machen  Wie wird er gerast haben über meine
plözliche Entfernung  Wie wird ihn in einsamen Stunden das Andenken an sein
Weibchen ängstigen  Wie werden beissende Vorwürfe seinen Schlaf stören und
sein Leben vergiften  O du gütiger Gott im Himmel und an allem dem bin ich
Schuld  Warum verlies ich einen unglücklichen Gatten den die Leidenschaft des
Spiels zu Boden drükte um diese Frazze von einem jugendlichen Gesicht um diese
mürben Knochen zu schonen  Ha  Ich bin eine Verworfene  Eine Pflichtlose
 Eine Nichtswürdige  Wie konnte ich mich so zur gemeinen Gattung von Weibern
herabstimmen  Wie konnte Rache in meinem Herzen Platz finden das bloß der
Pflicht offen stehen soll  Freundin deine Philosophie mag gut sein aber sie
beruhigt weder mich noch mein Gewissen  Lass mich hineilen in die Arme meines
Gatten der mir gewiss verzeihen wird  Handlungen die nicht aus bösem Herzen
kommen verzeiht man ja so leicht Auch mein Oheim wünscht unsere
Wiedervereinigung  O Gott  Wenn das Zurükkehren nur schon überstanden wäre
 Ich schäme mich vor meinem Manne zu erscheinen der jetzt Beweise von meiner
wankenden Tugend hat  Nun habe ich sein Zutrauen verloren ich Arme  Sieh
herab Vater meines Schiksals sieh herab auf mich Elende erfülle meinen
feurigsten Wunsch wieder zu meinen ehemaligen Pflichten zurückkehren zu können
Sünde ist ja nur das was mit Vorsaz und Bosheit geschieht und davon weis ich
nichts  Schwachheit ist das Erbteil eines gefühlvollen Herzens aber Tugend
wohnt darin wenn der Gram es nicht verwildert O hätte mein Gatte Überlegung
genug dränge er mit tiefer Untersuchung in mein Herz wie glücklich könnte er
sein  Ich fühle mich so ganz Nachsicht gegen seine Fehler so ganz Guteit
gegen sein wildes Wesen so ganz Sorgfalt für sein Wohl  Es sollen nicht zween
Tage vergehen so bin ich wieder bei ihm diesen Schritt bin ich den Augen der
Welt und meiner Pflicht schuldig Ist es wieder nicht von Dauer so habe ich mir
doch nichts vorzuwerfen so bin ich doch nicht sträflich Siehst Du Freundin
so kämpft der Mensch auf dieser armseligen Erde mit Tugend und Laster mit Leben
und Tod mit Elend und Glückseligkeit mit Rechtschaffenheit und Versuchung bis
sie heranrükt die Stunde wo wir Rechenschaft geben müssen und wo der
barmherzige Richter alles selbst untersucht Wohl mir wenn ich einst vor ihm
mit reinem Herzen erscheinen kann wohl mir wenn er nur Schwachheit und kein
Laster in mir entdekt und doppelt wohl mir wenn mir die Belohnung zu Teil
wird die auf alle guten Seelen wartet  Lebe wohl Fanny  Antworte mir nicht
bis Du wieder Nachrichten von mir hast Es küsst Dich innig
                                                                   Deine Amalie
 
                                  LXXI Brief
                                    An Fanny
Seit wenigen Wochen bin ich wieder an dem Orte meiner Bestimmung Mein Mann
holte mich selbst zurück Er schien Reue über sein Betragen zu fühlen  Er
bleibt nun Nachts nicht mehr so lange aus wie sonst aber ich denke dass seine
leere Börse die Ursache davon ist denn er lässt mich jetzt förmlich darben Bald
wird mir meine Haushaltung den Spott der Dienstboten zuziehen bald werde ich
außer Stand gesezt sein mit Anstand vor der Welt zu erscheinen Einige
Nichtswürdige von seinen Freunden nahmen sich die Kühnheit heraus mir
Unterstüzzung anzubieten Wenn das eine Probe von Seiten meines Mannes ist so
könnte ich ihn verachten  Und eine Probe muss es sein denn sonst hätten diese
Elenden den Mut nicht so etwas zu wagen Armut ist ohnehin für Tausende eine
Klippe aber für mich ist sie es nicht denn ich habe denken und entbehren
gelernt Ich bin auf Alles gefasst ich murre über nichts als über den Verlust
seines Herzens  Tödtliche Langeweile plagt ihn jetzt sehr oft Geldmangel
versagt ihm das Spiel und so sizt er oft acht ganzer Tage in stummer
Hypochondrie zu Hause sorgt für nichts arbeitet nichts und scheint heimlich
sein Schicksal zu verfluchen  Es ist traurig wenn zween Menschen zur
beständigen Gesellschaft so aneinander gekettet sind um sich das Leben zu
verbittern Er rast und tobt nicht mehr mit mir aber dagegen lebt er so
unempfindlich fort ohne an sein Dasein oder an meine Ruhe zu denken Wenn ich
ihm schmeichle so stößt er mich mit einer geschikten Ausrede von sich Und ich
muss gestehen Freundin dass mein Herz seit dem leztern Auftritt eine gefährliche
Wunde bekommen hat die ich in der Abwesenheit nicht so fühlte und die mir
nichtsweniger als Abneigung schien So bald Eheleute gegen einander die Achtung
verlieren dann ist Liebe und Zärtlichkeit ebenfalls dahin Diese Achtung allein
beherrscht das Herz den Kopf und die natürlichen Triebe So bald es unter
Eheleuten zu niedrigen Auftritten kommt so mischt sich eine Art von Hass ins
Spiel man vergisst wohl die Mishandlung aber der Eindruk bleibt doch und der
beiderseitige Stolz ist unversöhnlich beleidigt Ich vergebe meinem Manne von
Grund der Seele aber Mistrauen übler Begrif ist an die Stelle der Achtung
getretten mit der ich einen sanften gutandelnden Gatten verehren würde Ein
gutgezogenes Weib ist in diesem Punkt äußerst delikat  Mit guter Art mit wohl
eingerichter Behandlung kann ein Mann von Erziehung alles mit einem solchen
Weibe ausrichten  Aber wenn er sich durch sein Betragen bis zum Pöbel
erniedrigt wenn er sich an ihren Körper wagt  o dann duldet das gute Weib
aber entsezt sich dennoch über so ein gemeines Betragen Doch weg davon Liebe
Ich hoffe dass er sich nicht so leicht wieder vergessen wird denn in weniger
Zeit reisen wir beide zu meinem Oheim er ist dorten für die Werbung bestimmt
Mein Oheim lernt ihn bei dieser Gelegenheit näher kennen denn ich muss Dir
sagen dieser gute Oheim ist dem Vorgegangenen ungeachtet noch sehr für meinen
Mann eingenommen er lässt sichs nicht aus dem Kopf reden dass er nach seinen
Briefen mehr Gefühl haben müsse als ich ihm zugestund Er erwartet uns beide mit
Verlangen Niemand ist darüber froher als ich Da ist denn der Ort wo sich mein
Unglück dem Auge meines Oheims klar zeigen wird Vielleicht bessert dieser gute
Vater meinen Mann durch seinen Umgang  Vielleicht öffnet er sein Herz seinen
Charakter die so sehr verschlossen sind vielleicht erhalte ich seine Liebe
wieder  Ach  Wie viele Vielleicht wüsste ich mir noch zu sagen um meinem
kranken Herzen Freude zu machen  Aber leider dass es nur bloße Vielleicht und
keine Gewisheiten sind Ich muss Dir noch einen Sturm erzählen den mein Herz
durch einen Leichtfertigen ertrug Jener Junge den ich vor meinem Mann kannte
und der mich so großmütig zum Altar hinschleudern lies hatte die Kühnheit mir
einen sehr schwärmerischen Brief heimlich zuzuschikken  Er klagt über die
Heftigkeit seiner jetzt aufwachenden Leidenschaften er flucht den Banden die
mich fesseln er erfuhr mein Unglück und verabscheut seinen Urheber Der
Unglückselige macht mich zu einer heimlichen Verbrecherin indem er jenes alte
Feuer der Leidenschaft wieder anfacht und in einer Lage anfacht wo es nur zu
gerne und zu geschwinde in helle Flammen ausbrechen könnte  Mitleid
Misvergnügen Anlage zu schwärmerischen Neigungen Leere meines Herzens der
Wunsch leidenschaftlich beklagt zu sein alles das reizte mich unwiderstehlich
zum Antworten Er ist zwar von mir entfernt aber bin ich dadurch minder
strafbar  Das Herz eines empfindsamen Weibes ist doch ein unbegreifliches
Rätsel das sich so leicht und so strafbar auflösst  Da setzte ich mir so
philosophische Säzze in Kopf und bildete mir ein dass sie nicht erwidert würde
meine Liebe die ich für meinen Mann nährte  und hielt sie also für
Verschwendung Undank schmerzt schröklich und unbelohnte Liebe ist Hölle für
ein zur Liebe geschaffenes Weib  So viel heute von deiner unzufriedenen
                                                                         Amalie
 
                                  LXXII Brief
                                   An Amalie
Du bist also wieder bei deinem Manne und mein Brief worin ich Dich so innig
bat von ihm weg zu bleiben tat auf Dich keine Wirkung  Liebes liebes
Malchen diese Tugend ist übertrieben aber sie macht demungeachtet deiner
Denkungsart Ehre Gott gebe dass es lange bei ihm gut tun möge Wenn ich aber
aufrichtig reden soll so zweifle ich sehr daran  Ihr beide habt nun einmal
eure Herzen gegen einander verstimmt und schwerlich werden sie sich wieder
finden Ist es möglich dein Mann vernachlässigt sein Hauswesen und lässt Dich
darben  Wahrhaftig Stoff genug zur vollkommenen Abneigung  Ein Herz dessen
Güte durch die Not muss auf die Probe gestellt werden hält selten die Probe
aus Ich zweifle nun nicht an der Güte deines Herzens aber Mangel macht doch
den willkührlichen Urheber desselben verabscheuen  Wenn es in einer
Haushaltung zu fehlen anfängt o dann kommen tausend unerwartete
Verdrießlichkeiten dazu die dem bessten Menschen seine Geduld benehmen Schulden
Troz von Seiten der Dienstboten Kummer für Nahrung beugen ein empfindliches
Herz zu sehr als dass es nicht oft in üble Laune ausarten sollte Man fühlt sein
Unglück weit lebhafter wenn man die Ursache davon vor Augen sieht die Galle
wirkt heftiger sobald ihr der Stoff dazu alle Augenblicke aufstösst  Gute
Herzen sind zwar nicht unversöhnlich aber wenn gute Herzen zu stark beleidigt
werden dann werden sie gleichgültig  Dass Dir in deiner harten Lage
niederträchtige Mannspersonen Unterstüzzung anboten darüber wundere ich mich
keineswegs Es gibt ja eine Menge solcher Elenden die ein kummervolles
zerrissenes Herz bloß um ihrer teuflischen Wollust willen unterstüzzen Wie kann
man doch an einem Körper Freude haben wenn die Seele darin blutet  Wie kann
der reiche Schwelger um sein Geld bei armen aber fein denkenden Frauenzimmern
Gunstbezeugungen genießen wenn jeder Angrif von ihm ein Schlangenbiss für so
eine Unglückliche ist  O Menschen wie lange wird es noch dauern bis ihr
denken lernt und dadurch euer Gefühl verfeinert  Doch um jetzt auf was
anderes zu kommen ja wohl ist es traurig meine Freundin dass oft so
disharmonirende Charakter in der Ehe ewig an einander gefesselt bleiben müssen 
Wir haben doch nur eine Glückseligkeit im menschlichen Leben die in der
Zufriedenheit eines mit uns gleichdenkenden Geschöpfs besteht und wenn wir nun
gerade das Unglück haben an etwas Unrechtes zu geraten so ruht der Fluch einer
zeitlichen Verdammnis schwer auf unserm Herzen Sie schleichen dahin die
schröklichen Tage des Hasses in Gesellschaft einer Person mit der man nichts
gemein hat als den Zwang sich einander zur Last sein zu müssen So lange die
Eltern nicht in der Wahl für ihre Kinder vorsichtiger werden so lange die
Mädchen und Jungens nicht denken und absichtlos bloß aus Güte des Herzens und
mit Überlegung lieben lernen eben so lange werden die vielen unzufriedenen
Ehen nicht aufhören und die Menschheit wird durch dieses göttliche Band mehr
unglücklich als glücklich sein Galanterie schleicht sich an die Stelle der Liebe
Eigennutz an die Stelle der Güte Verstellung an die Stelle der Redlichkeit
Widerspruch an die Stelle der Nachsicht Falschheit an die Stelle des
Nachdenkens und so leben diese Mietlinge des Lasters mit entferntem Herzen
bloß zum Schein in einer entlehnten und nie empfundenen Glückseligkeit ihre Tage
fort ohne Vergnügen ohne Zutrauen ohne wechselseitigen Anteil kalt gegen
einander bis ins Grab Die adeliche Dame schämt sich des Worts Mann sie nennt
ihren Gatten den Herrn von  Sie mag der Redlichkeit keine Lüge aufbürden
wenn sie ihren Gatten nach deutscher biederer Art ihren Mann nennen würde  Der
vertrauliche Ton der gefühlvollen Gutherzigkeit ist aus den adelichen Ehen
verbannt Komplimenten steife Zurükhaltung süße Betrügereien affektirte
Zierereien ist der Gang ihrer beiderseitigen Lebensart  Der Mann schläft in
der vorderen Ekke des Hauses voll Projekten für das Wohl seiner Konkubinen die
Frau in der hinteren Ekke voll Beschäftigung für die Erhaltung ihrer Sklaven
Keines kümmert sich um das Andere Die Kinder wenn je der erste Taumel der
Triebe noch welche erzeugt hat werden wie Fremdlinge weit von Vater und Mutter
erzogen lernen wenn sie wieder zu ihnen kommen dürfen Stolz und Fühllosigkeit
vom Vater Torheit und Eitelkeit von der Mutter  Das sind die sogenannten
adelichen Verbindungen wo bei der Wahl weder gesunde Vernunft noch Neigung
sondern bloß Eigennutz und Konvenienz herrscht Doch nun wieder auf deine Ehe
zurück Du bist wirklich geschaffen das Glük eines guten Mannes zu machen
Musstest Du denn gerade auf so einen Wildfang stoßen der dein Herz verstimmt
und deinen Kopf widerspenstig macht  O Schade  Schade Amalie für Dich 
Das will ich Dir wohl glauben dass seine rohe Behandlung deine Neigung
verkleinert Wenn sich der Stoff zur Hochachtung für einen Mann durch sein
Betragen verliert was bleibt denn dem guten Weib übrig als Mitleid und
Abneigung  Wir Weiber sind in diesem Stük zu tieffühlend um den Mann
schwärmerisch fortzulieben der sich selber unserer Hochachtung unwürdig
machte Wir bleiben einem solchen Manne wohl so treu als möglich aus Pflicht
aber Pflicht ist doch noch lange nicht das entzükkende Opfer der Liebe  Ein
Opfer das sonst ein schwärmerisch liebendes Weib so frei so feurig ihrem
Gatten bringt Wenn es den Männern gerät ein Weiberherz zur wirklichen Liebe zu
reizen o dann darf bei Gott keiner besorgen dass sie ihm untreu werde  Aber
er muss Vernunft Leidenschaft Güte des Herzens besizzen und das Ehrengefühl
eines Weibes anfachen können auch manchmal kleinen Grillen auszuweichen wissen
und dann möchte ich das empfindsam denkende Weib sehen die so einen Gatten
nicht bloß lieben sondern anbeten würde Versteht sich wenn anders ihr Herz
noch von Modesucht und Lastern frei ist Die angeborene Güte eines Weibes ist so
leicht für die Glückseligkeit eines Mannes zu gebrauchen wenn der Mann Feinheit
genug hat diese Güte zu seinem Vorteil zu nüzzen und ihren Schwachheiten mit
männlichen Grundsäzzen zu Hilfe kommt Das Weib ist nicht als Furie geboren sie
wird erst zur Furie gemacht wenn ihre Güte durch Mishandlung verhärtet ihre
Schwachheit durch Bosheit gereizt und ihre Sanftmut durch Undank beleidigt
wird Das meine Liebe wäre gerade dein Fall Du würdest das besste getreueste
herrlichste Weibchen auf Gottes Erdboden sein wenn deine Güte erkannt und nach
Verdienst behandelt würde Harre standhaft meine Traute vielleicht knüpfest Du
einst ein anderes Band das Dir doppelte Seligkeiten verspricht  Doch noch
Eins Brich den Briefwechsel mit dem Jungen ab der an Dich schrieb er ist ein
undankbarer Tollkopf der zu spät an deine Rettung dachte Die Liebe ist
erfindsam sie zwingt zwar nicht immer die Umstände aber bei kalten
furchtsamen Menschen zwingen immer die Umstände die Liebe Ein Weibergeklatsch
das Gebrumm der Verwandten kann leicht einen haasenfüssigen Liebhaber wanken
machen Aber so etwas das wanken kann war nie Liebe  es war Lüge es war
Betrug es war elender Alltagskram  Warum ließ denn der Einfältige von Dir ab
sobald er fand dass Du das Mädchen wärest welches sein Leben beglückken könnte
 Warum überließ er ein junges unerfahrnes Mädchen dem Ungefähr der Lage 
Warum überdachte er nicht statt Deiner die Folgen deiner Verbindung  Du gabst
ihm ja Nachricht von deinen Aussichten hätte er sich nicht wenigstens als
Menschenfreund um den Charakter deines Mannes erkundigen sollen  Er brachte
Dir aus Stolz ein Opfer seiner Leidenschaft und ließ sich dabei fühllos
unvorsichtig einem Abgrund zugängeln worein er sich jetzt selbst gerne noch
stürzen möchte Brich ab Amalie mit diesem unvernünftigen Geschöpfe und
erinnere Dich deiner Dich liebenden
                                                                          Fanny
 
                                 LXXIII Brief
                                    An Fanny
Zürne doch nicht Herzensfreundin dass ich Dir erst jetzt Nachricht von mir und
meinem Schicksal gebe Gerade so meine Traute wie ich Dir leztin schrieb kam
es mit dem Werbungsgeschäft zu Stande ich und mein Mann sind dermalen schon bei
meinem Oheim in K Du würdest staunen Liebe wenn ich Dir die vielen
Verdrießlichkeiten hinlänglich beschreiben könnte die mir aus übler Wirtschaft
meines Mannes noch vor meiner Abreise über den Hals fielen  Ich glaube es
kann keine verdrüsslichere Lage in der Welt sein als die wenn man Schulden
bezahlen soll und es aus Unvermögen nicht kann  Ich meines Teils wüsste mich
in diese Lage gar nicht zu finden Mein Mann kümmerte sich gar nichts darum
lief aus dem Hause und überließ mich armes schüchternes Ding leichtsinnig den
Grobheiten des Pöbels Du glaubst nicht was ich da für eine einfältige Figur
spielte als man Anforderungen an mich machte zu stolz um eine solche
Erniedrigung nicht zu fühlen und zu redlich um unsere Gläubiger mit Lügen
abzuweisen  Endlich raffte ich mein Bischen Geschmeide zusammen zahlte wie
ich konnte und wir reisten in Gottes Namen ab Dass uns nun mein Oheim mit aller
Wärme empfing das versteht sich von selbst und davon bist Du auch zum Voraus
überzeugt weil Du sein Herz kennst Dass aber mein guter Oheim beim ersten
Anblick meines Mannes blind war das wirst Du wohl nicht ganz begreifen können
Es war wirklich ein sonderbarer Auftritt  Denn Du weißt mein Mann trägt die
untrüglichste Larve eines sehr soliden Mannes an sich Der feinste
Menschenkenner hat Mühe verborgene Leidenschaften auf seinem Gesichte zu
entdekken Er scheint gleichgültig gegen alle Versuchungen des Lasters und trägt
das Ansehen eines tiefdenkenden Philosophen auf seiner Stirne Als ihn nun mein
Oheim mit dieser Maske zu sehen bekam rief er mir bei Seite und flüsterte mir
ins Ohr Malchen Malchen Du hast mir die Unwahrheit geschrieben dein Mann
sieht zu redlich aus um das zu sein was du behauptest Nur Geduld lieber
Oheim sagt ich ihm wieder ganz leise zurück  es wird sich schon zeigen wenn
Sie ihn einst näher kennen  Jetzt wurde mein Mann auf unsere geheime
Unterredung aufmerksam und wir kehrten beide wieder zur Gesellschaft zurück die
sich eben versammelt hatte  Dann fing man zusammen an zu essen zu trinken
und sich wechselseitig über unsere Ankunft zu freuen Ich saß sehr nahe an der
Seite meines guten Oheims griff nach seiner Hand so oft es sich schikte und
küsste sie mit Entzükken Mein Herz klopfte diesem herrlichen Manne bei jeder
Bewegung entgegen und ich ärgerte mich über die eiskalten Gespräche von Reisen
und dergleichen mit denen man sich während der Essenszeit unterhielt Mein von
Dankbarkeit volles Herz war unter dieser Zeit zum Weinen zum Küssen gestimmt 
Ich hätte gerne mit der feurigsten Liebe alles getan was nur ein fühlendes
zärtliches Kind zu tun im Stande ist wenn es nach einigen Jahren seinen
Wohltäter seinen Erzieher seinen Vater wieder findet Allgütiger im Himmel
wie glücklich ich mich da dünkte wie ich mich auf die Tage freute die ich nun
an der Seite dieses guten Vaters verleben würde  O liebe liebe Freundin der
Mann ist gar zu sanft gar zu gut gegen mich ich verdiene es beinahe nicht
Aber schröklich stark fühlte ich den Abstand zwischen der Behandlung meines
Mannes und ihm Was der liebe Vater sich meiner freute wie er jedem Ausdruk von
mir holden Beifall zulächelte wie er heimlich stolz war auf mein Herz dessen
Bildung sein Werk ist wie er mit Vergnügen sah dass ich seit einigen Jahren
Abwesenheit so gewachsen sei und wie er dann wieder sein Auge von wir
wegwandte um einer melankolischen Träne Luft zu machen Gott dabei muss ihm
das Unglück meines Ehestandes eingefallen sein   Und denk Dir nur meine Gute
alle diese Auftritte sah mein stoischer Mann mit einer fühllosen Kälte mit an O
du lieber Gott was es doch für Menschen in der Welt gibt  Nichts rührte den
Empfindungslosen als bloß die vorzüglich gute und höfliche Behandlung mit der
ihm mein Oheim und die Übrigen des Hofes begegneten Sehr natürlich musste so
etwas seiner Eitelkeit schmeicheln denn der Fürst selbst hatte in Rüksicht
meines Oheims viele Gnaden für ihn Den nämlichen Abend ging mein Oheim um
unserer Gesellschaft willen nicht zur fürstlichen Tafel  Wir speisten alle
zusammen auf seinem Zimmer und kaum waren wir einige Minuten zusammen so
versammelten sich mehrere Kavaliers und freuten sich über unsere Ankunft Baron
Sch war auch einer davon wahrlich ein sehr herrlicher junger Mann Er ist
der besste Freund meines Oheims und so ganz gefühlvoller Mensch ohne
Ahnenstolz ohne Forderungsgeist nebst einer großen Seele trägt er ein
vortrefliches Herz im Busen und den lebhaftesten Geist im Kopf der ihn weit
über alle Andern erhebt es ist ein Mann ohne Vorurteil der bloß der
Freundschaft der Redlichkeit und der Tugend lebt Er ist sanft ohne
Schüchternheit gut ohne Schwachheit lustig ohne Wildheit erhaben ohne
Hochmut wizzig ohne Ziererei kurz das Muster eines sehr würdigen Kavaliers
Die übrigen so zugegen waren sind muntere Herrchens denen man es ansieht dass
es ihnen nicht am Wohlleben fehlt  Du kannst Dir nicht vorstellen liebe
Fanny wie aufgewekt den nämlichen Abend mein Oheim noch geworden ist Ich
säumte gar nicht meinen ganzen Wiz aufzubieten um alles so gut als möglich zu
unterhalten  Du kennst ja meine Lebhaftigkeit wenn ich anfange munter zu
werden Schon oft wurde ich nachher über mich selbst ärgerlich wenn meine
Überlegung mir sagte dass eben diese Lebhaftigkeit mir den Schein des
Leichtsinns gäbe der doch gar nicht in meinem Charakter liegt  Aber ich bin
nun einmal schon so und kann nichts halb genießen sondern alles ganz alles
äußerst Doch freut mich in Gesellschaften nichts mehr als wenn ich Anlass
bekommen kann die Männer recht tüchtig zu satirisiren Oefter treffen mich dann
dabei auch tüchtige Hiebe und Fanny ich bin Dir dann Mäuschenstille dazu
wenn man mir wieder die Wahrheit zurücksagt Überhaupt gefällt mir der
feinsatirische Ton in Gesellschaften unendlich Er muss zwar an keine
Beleidigungen gränzen aber er muss munter vernünftig frei nach Laune handeln
dürfen Es ist in Gesellschaften eine wahre Freude wenn man die Stunden so
unter frohem Gelächter dahineilen sieht O möchten sich doch die Frauenzimmer
mehr aufs Gesellschaftliche verlegen  Möchten doch die langweiligen unnüzzen
Geschöpfe lernen die Männer mit etwas Besserem als mit ihrem blosen Körper zu
unterhalten Ausschweifung und Verachtung würde dann weniger obwalten wenn die
Männer nicht an der Seite der Weiber zur ersteren aus Langeweile und zur
leztern aus Überzeugung schreiten müssten  Es ist eine ewige Schande dass die
Männer bei den Weibern bloß Genuss suchen können und dass die Weiber nichts
Besseres zu geben wissen Daher kommt die gewaltige Mishandlung der Männer weil
so wenig Weiber den guten Ton der Gesellschaft verstehen Lebe wohl besste
liebste meiner Freundinnen 
                                                                   Deine Amalie
 
                                  LXXIV Brief
                                    An Fanny
Da bin ich Dir schon wieder meine Teuerste und will mich recht herzlich mit
Dir unterhalten Wenn Du mir aber so oft antworten müsstest als ich Dir
schriebe so würdest Du wahrlich nicht viele andere Geschäfte darneben treiben
können Indessen will ich es mit Dir nicht so genau nehmen wenn Du mir auf drei
Briefe nur eine Antwort zukommen lässest so bin ich völlig zufrieden Genug ich
habe es mir einmal vorgenommen Dir so oft und so viel zu schreiben als es mich
gelüsten wird Und auf diese Art sollst Du heute schon wieder etwas von meinem
ungezogenen Mann zu lesen bekommen  Bedenke einmal kaum sind wir Beide einige
Wochen hier und schon fängt der Leichtsinnige seine alten Ausschweifungen
wieder an ohne sich Schranken zu setzen  Mein guter Oheim hat ihm mit dem
besten Zutrauen Geld vorgestrekt das war gerade sein Verderben weil er wieder
damit aufs Neue zu spielen anfing  Ich habe bis jetzt seine Aufführung mit
allem Fleiß  bloß um nachher meinen Oheim desto augenscheinlicher davon zu
überzeugen  verborgen gehalten  Wenn der Elende aber so fortfährt so wird er
sich selbst bald in einem Lichte zeigen worüber mein Oheim staunen wird  Da
er nebst dem so viele Werbungsgelder in Händen hat so ängstige ich mich fast zu
Tode denn es sind lauter Reize fürs Spiel  Auch ist er sehr unordentlich und
nachlässig in seiner Pflicht  Gott wie kann bei so einem Betragen sein guter
Name vor den Stabsoffizieren ohne Argwohn bleiben  Selbst seine Untergebnen
murren über seine Lüderlichkeit und Militärdienste sollten doch heilig sein
die geringste Nachlässigkeit darin ist ein Verbrechen  Will denn um
Gotteswillen dieser Mann nicht begreifen lernen dass er ganz anders handeln muss
wenn er seiner Uniform Ehre machen will  Allgütiger gib ihm doch Vernunft
und Rechtschaffenheit  O möchte er als ehrlicher Mann sein Leben durchwandeln
Möchte es mir nie an Geduld fehlen seine Aufführung zu ertragen denn bessern
werde ich ihn doch nimmermehr  Nun aber holde Fanny will ich von diesem
Punkte abbrechen sonst werde ich wieder schwermütig und schade meiner
Gesundheit  Also zu etwas anderm  Und das wäre Was meinst Du wohl  Eine
kleine Beschreibung vom hiesigen Orte will ich Dir jetzt liefern Der Hof ist ein
altes adeliches Stift das aus lauter stiftsmässigen Kavalieren besteht Sie
erwählen unter einander selbst ihren eigenen Fürsten der zugleich souveräner
Herr seines Landes wird  Dieser Fürst hält sein eigen Militär und alle Zierden
eines vornehmen Hofes ist aber nebst den übrigen Stiftsherren einem geistlichen
Orden zugetan zu dessen Pflichterfüllung einige Stunden des Tages in der Frühe
gewiedmet werden  So bald nun diese Stunden der Andacht vorüber sind so
genießen die Geistlichen alle möglichen Freuden eines weltlichen Hofes Sie
halten große Tafel fahren reiten haben prächtige Zusammenkünften ergözzen
sich auf ihren Landgütern stellen Jagden an usw Doch geschieht dies alles
wie ich glaube mit Erlaubnis ihres Fürsten  Ich muss überhaupt die ganze
schöne Einrichtung dieses Hofes loben nur eines gefällt mir nicht und es will
mir durchaus nicht in den Kopf dass zwischen diesem Hofe und der so nahe daran
gebauten protestantischen Stadt bei unsern aufgeklärten Zeiten noch ein
Bischen Religionshass Platz findet  Aber leider ist es nur zu wahr man nekt
sich von beiden Seiten man ist gegen einander mehr kalt als brüderlich mehr
mistrauisch als gütig mehr böse als christlich und das alles aus
eingewurzeltem Vorurteil das sich wie Klettensamen in den Familien
fortpflanzt  Übrigens haben bei allem dem die schönen Wissenschaften auch in
der Stadt ihren Wohnsiz  Versteht sich wie in den meisten Reichsstädten nur
in einigen Häusern Eben das ist auch die Ursache warum der vortreffliche
aufgeklärte junge Baron Sch so wie mein Oheim sehr freundschaftlich mit
diesen Häusern verbunden ist Es herrscht unter diesen Denkern troz der
Verschiedenheit ihrer Religion eine Harmonie des Geistes die kein katholischer
Bigottismus und kein protestantischer Eigensinn zerstören kann  Pressfreiheit
Duldung der bessten Schriften ist auch da zu Hause und was braucht es mehr um
sich einstens die herrlichste Aufklärung von beiden Seiten zu versprechen 
Mein Oheim arbeitet unermüdet an der beiderseitigen Duldung Überall erblicke
ich in ihm den tätigen Menschenfreund Wirklich hat er auch einen jungen
Anverwandten bei sich den er selbst erzieht Was der neunjährige Knabe für
Talenten zeigt ist nicht zu beschreiben und dann die liebevolle schöne Art
meines Oheims ihn zu bilden lässt mir von diesem Jungen alles Gute hoffen  Er
ist jetzt schon frei und natürlich in seinem Betragen offenherzig gut und
sanft sein Herz öffnet sich allem Guten das in der lieben Natur liegt Der
wakkere Junge liebt seinen Oheim eben so sehr als ich ihn liebe So viel für
heute traute liebe Fanny von deiner Dich gewiss liebenden
                                                                         Amalie
 
                                  LXXV Brief
                                   An Amalie
Willkommen liebe Freundin mit deinen herzigen zween Briefen  Armes
bedaurungswürdiges Malchen so quält Dich denn dein Mann noch immerfort  Der
Unbesonnene konnte Dir vor eurer Abreise durch seine Schulden noch Plagen
verursachen  Weis denn der Fühllose nicht dass um Schuldner zur Geduld zu
verweisen eine gewisse Unverschämtheit oder Schamlosigkeit erfodert wird die Du
gewiss nicht in deiner Gewalt hast Fast immer ziehen mit Schulden beladene
Menschen denen es an Kühnheit mangelt den Kürzern und werden von
eigennüzzigen Gläubigern aufs empfindlichste beleidigt  Besonders wenn sie es
mit Pöbel oder noch weit ärger wenn sie es mit jüdischen Kaufleuten zu tun
haben  Nichts macht den Kaufmann harterziger als Eigennutz  Man wird sehr
wenig wahre gutherzige Leute in dieser Menschenklasse finden  Der
hassenswürdige Eigennutz macht die meisten von ihnen grausam unempfindlich und
stolz  Um dieses Lasters willen haben die wenigsten Kaufleute Gefühl für
Großmut und fürs gesellschaftliche Leben An den Eigennutz gewöhnt fühlen sie
nicht den Mangel Anderer von dem Geize beherrscht tirannisiren sie ihre
Nebenmenschen im Überfluss vergraben kennen sie die Empfindungen der Armut
nicht und so bleiben sie von der Gesellschaft zurückgezogen für sich stolz auf
ihr Geld und unerträglich für den Vernünftigen Kann man etwas Widrigeres
sehen als einen alten Geizhals von Kaufmann der steif wie Holz und mürrisch
wie ein Menschenhasser hinter seinem Geschäftpult neben seinem Geldkasten sizt
 Taub für das Elend der Dürftigen lebt derselbe bloß für seinen Eigennutz
Möchte sich doch dieser Stand mehr für Menschenfreundlichkeit bilden Möchten
die lieben Leutchen in ihren Reichsstädten aufhören ihre steife Etikette zu
behaupten welche sie zum Spott für Fremde und zur Ehre ihrer Geldkisten
beibehalten  Männer und Weiber aus diesem Stande verfallen fast immer auf zwo
Extremitäten Die ersteren sind entweder kahle pedantische unerträgliche
Murrköpfe oder aufgeblasene französirende junge Gekken Und so geht es gerade
mit den Weibern auch Ein Teil opfert der Alfanzerei und dem Vorurteil und
der andere dem Hochmut und der Koketterie Ich kenne keinen dümmern
hervorstechendern Stolz als den Stolz einer Kaufmannsfrau  Bald werden sie
anfangen sich in Gesellschaften ihre Kapitalien vorzurechnen um dadurch den
ersten Platz auf einem Sofa zu erringen Wem dies etwa unglaublich scheint dem
mag folgende wahre Geschichte zum Beweise dienen
    Zwei hochmütige auf ihr elendes Geld stolze Kaufmannsweiber befanden sich
vor einigen Wochen in einem Schauspielhause und nahmen den Platz einer
dreisizzigen Loge ein Die Loge war nicht geschlossen sondern fürs Geld dem
ersten Bessten zu Befehl Ein braves munteres Weibchen die Gattin eines
Tonkünstlers geriet aus Zufall in diese nemliche Loge und wollte den dritten
noch unbesezten Platz einnehmen Die Kaufmannsweiber von sinnloser Eitelkeit
hingerissen weigerten sich dieser Frau Platz zu machen aber unser Weibchen die
als Künstlersfrau sich besser fühlte als diese seichten lieblosen Seelen
bestund auf dem begehrten noch freien Sizze und lies sich für ihr Geld nicht
abweisen nach langem Zanken mussten die Kaufmannsweiber dennoch rükken  aber
jetzt ging es unter ihnen an ein Ohrenflüstern das gar kein Ende nahm Unser
liebes kleines Weibchen aber dachte indessen auf Wiedervergeltung für diese
abgeschmakte Aufführung und siehe da auf einmal wusste sie die schönste
Ohnmacht zu fingiren die ihre Nachbarinnen nicht wenig erschrökte Nun trat
Heuchelei bei diesen Frazzenseelen an die Stelle der Menschenliebe und
geschwind wurde der Ohnmächtigen mit Riechfläschchens zu Hilfe geeilt  Das
Weibchen wurde gerüttelt aufgeschnürt und mit wohlriechenden Wassern begossen
bis sie sich wieder erholte und die eine Kaufmannsfrau sie fragte Madame wird
Ihnen noch nicht besser O Sie haben uns sehr erschrökt  Ach nein 
erwiderte die boshafte Kranke  Ach nein  Es kann mir hier unmöglich besser
werden denn es riecht zu stark nach Stokfischen nach Oehl nach Sardellen
usw Im nämlichen Augenblicke erscholl von den Umstehenden ein lautes
Gelächter und jede Ekke des Theaters war mit dieser Anekdote in einem Hui
angefüllt  Alles was im Schauspielhause war fing an zu zischen zu
stampfen und zu pfeifen bis die zwo Huldgöttinnen der Dummheit von einer Menge
Buben begleitet nach Hause eileten  Die Künstlersfrau aber trug das Lob eines
wizzigen Weibes davon und würde um diesen Preis wohl gerne noch mehr solche
Ohnmachten ausstehen
    Und nun meine Besste hast Du hier den wahren Beweis meines obigen Sazzes
über den hervorragenden Hochmut der meisten Kaufmannsweiber  Doch jetzt auch
ein Paar Wörtchen über die Liebe zu deinem Oheim  Dieser Edle muss nun ganz
gewiss seine Herzenslust an Dir gehabt haben wenn Du so glühend von Dank an
seiner Seite sassest  O wie sehr verdient dieser Vortrefliche deinen Dank und
Du das namenlose Entzükken danken zu können Übrigens Teuerste kümmere Dich
nicht in Gesellschaften über das Vorurteil in Ansehung deiner Lebhaftigkeit
Der Umgang eines denkenden Mädchens muss Feuer muss Freiheit haben sonst tut er
keine Wirkung und macht die Männer in Gesellschaften gähnen Munterkeit und ein
Bischen wildes Wesen an einem Mädchen ist reizender als der geschraubte
ängstliche Ton der Blöden die unter dem Wort Wohlstand ihre wenige Beredsamkeit
und ihre flegmatische Dummheit verbergen Gerade diese Mädchen müssen die Männer
lehren den blosen Schein vom Laster selbst zu unterscheiden  Sie müssen sie
lehren einen Blick ins Innere eines Mädchenherzens zu werfen Sie müssen über
alles das die Männer lehren dass nichts als ein liebenswürdiger Umgang das ächte
Mittel ist die Männer vom Tierischen abzuhalten  Die herrlichste aller
weiblichen Künsten ist die Männer mit Kopf zu unterhalten  Dieser Vorzug
gehört der Hässlichen so wie der Schönen und nur zu oft welkt die leztere durch
Krankheit frühe schon dahin dahingegen die erstere mit ihren untilgbaren Reizen
ihr ganzes Leben hindurch glänzet O Mädchen Mädchen wie lange wird es noch
dauern eh ihr die Kunst durch Vernunft zu gefallen so hinlänglich werdet
studiert haben dass die Männer den Körper ausgenommen über euren Umgang nicht
mehr die Nase rümpfen  So eben unterbricht man mich Noch einen Kuss und jetzt
ein warmes Lebewohl von
    
                                                                   Deiner Fanny
 
                                  LXXVI Brief
                                    An Fanny
Liebe traute Freundin  Muss mich doch gleich hinsetzen und Dir dein Leztes
beantworten  der Stoff den Du darin über den Stolz der Kaufmannsweiber
berührst verdient wirklich meine Aufmerksamkeit Deine Gedanken darüber sind
richtig ich selbst habe es auf meinen Reisen erfahren wie trokken ungesellig
hochmütig und von oben herab einer Fremden in den meisten Handelsstädten
begegnet wird Und was mich noch dabei am empfindlichsten ärgerte ist die
niedrige Behandlung ihrer Dienerschaft  Wenn ich so von ungefähr einen Blick in
ein Komptoir tat was ich da für dummen Stolz erblikte  Dieser unzeitige
Despotismus der Kaufleute gegen ihre Bedienten schien mir ungerecht und
verachtungswürdig   Jeder Untergebene gehört in der Menschheit in eine
gewisse Klasse aber dass die Kaufmannsbedienten nicht in die Livereiklasse
gehören ist doch gewiss Jedem begreiflich  Kann der große vorurteilsfreie
Kaiser Joseph zu dem letzten seiner Beamten Sie sagen so dünkt mich wirds der
Kaufmann gegen seine Bedienten auch tun können wenn er anders nicht beim
blosen Häringsfang ist erzogen worden Der Kaufmann und sein Bedienter
verrichten beide die nämlichen Geschäfte und wenn der erstere den größten
Nuzzen davon zieht so sehe ich gar nicht ein warum er dem leztern grob
begegnen soll  Der Unterschied zwischen dem Herrn und seinem Diener besteht
nicht in der niedrigen sklavischen Behandlung wohl aber in der gegenseitigen
Achtung die sich beide verhältnismäßig und nach Masgabe des beiderseitigen
Betragens schuldig sind Geld und Glük gibt uns kein Recht auf minder
Glükliche verächtlich herabzusehen Verdienste Fleis und Talente sind unserer
Achtung würdig sie mögen wohnen in welcher Gegend der Erde sie wollen Es muss
einem Handlungsdiener von gutem Hause äußerst empfindlich sein wenn er mit den
Livereibedienten per Er behandelt wird Woher hat ein Kaufmann das Recht seinem
Mitgehülfen so viel Übergewicht fühlen zu lassen  Vorurteil ist es vom
Stolz erzeugtes Vorurteil das ohnehin harte Schicksal eines Untergebenen nicht
erleichtern zu wollen  Wenn der Herr sein Ansehen auf keine gelindere Art als
durch dergleichen Herabsezzung zu behaupten weis dann ist er mit seinen
Untergebenen zu beklagen weil der erstere die ihm gehörige Ehrerbietung
sklavisch erzwingt und der leztere aus Zwang bloß mürrisch seine Pflichten
erfüllt  Der Kaufmannsstand sollte sich in unsern Gegenden so viel möglich von
den Sitten des Pöbels zu unterscheiden suchen  Es ist ein würdiger nüzlicher
Stand Fleiß und gute Einrichtung sind seine ersten Pflichten schmuzziger
Eigennutz aber Rohheit und Hochmut erniedrigen ihn  Es ist mir unbegreiflich
wie man unter diesem Stande bei so häufigen Glüksgütern doch so wenig Bildung
des Herzens und der Sitten trift  Der Fehler liegt in der Erziehung
Kaufmannssöhne werden in ihrer ersten Jugend als Ladenjungen zu Knechtsarbeiten
verdammt  Mancherlei niedrige Verrichtungen und schmuzzige Arbeiten sind ihre
Beschäftigungen In Gesellschaft von Knechten und Mägden vergessen sie ihr
Herkommen lernen eine pöbelhafte Lebensart in welcher sie sich noch zu
vervollkommnen suchen weil es ihnen Pflicht scheint sich in diese Gesellschaft
schikken zu müssen  Endlich geht in so einem armen Jungen alles Ehrengefühl
verloren erhabene Begriffe werden bei ihm erstikt er lernt nicht denken nicht
empfinden und lebt wie ein gutwilliges Lasttier auf seiner unwürdigen Laufbahn
fort bis ihn sein Schicksal zum Bedienten erhöht  Da sizt er nun wieder vom
Morgen bis in die späte Nacht am Schreibtisch wie angenagelt krizzelt seinen
troknen Schlendrian fort und zittert wie ein Gefangener wenn ihn sein roher
eigennüzziger Gebieter in einer augenbliklichen Erholung überrascht So viele
mit Vorurteil bestrikte Herren nehmen sich sogar die Freiheit heraus ihren
Bedienten nüzliche Bücher zu verbieten und schränken junge Leute bei müßigen
Stunden zuchtausmässig ein O der steifen Dummheit die ihrem Nebenmenschen
jeden Weg zur Weltkenntnis und zur Bildung abschneidet Wie kann so ein junger
Mensch Geist und Denkkraft erhalten  Wie kann er ein taugliches Mitglied der
menschlichen Gesellschaft werden Wie kann er als Herr einst vernünftiger gegen
seine Untergebenen handeln wenn er selbst so elend ist behandelt worden 
Pöbelhafte Sitten Unempfindlichkeit Grobheit Vorurteil müssen bei ihm ewig
hervorscheinen weil es die ersten Eindrükke sind die er als sogenannter
Hundsjunge in seiner frühen Jugend einsog  Väter und Mütter lasst eure
Kinder Zuschauer von allen Beschäftigungen werden die zu diesem Stande gehören
aber hütet euch wohl sie außer einem Notfall selbst an niedrige Arbeiten zu
gewöhnen sie kommen dadurch mit dem Pöbel in Gemeinschaft  Ladenkehren
Einheizen Kinder herumschleppen Betten machen usw sind lauter unwürdige
Beschäftigungen die ihr Herz und ihre Bildung verunedeln  Bald schreib ich
Dir wieder mit eben dem Herzen das nur Dir gehört
                                                                         Amalie
 
                                 LXXVII Brief
                                    An Fanny
O meine gutherzige Freundin  Das war wieder für mich ein entsezlicher
Auftritt  Ein Auftritt der jedes warme fühlende Menschenherz zum innigen
Mitleiden hinreißen muss  Ich will Dir ihn schildern diesen Auftritt wenn ich
es vermag  Vor einigen Tagen musste mein Mann einen Transport Mannschaft nach
G liefern  Mein Oheim befürchtete diese Mannschaft möchte in den Händen
der Unteroffiziere eben nicht am sichersten sein  Aus diesem Grund riet er
meinem Mann er möchte aus Vorsicht selbst mitreiten  So sauer nun diese
kleine Reise meinen Mann ankam so durfte er meinem Oheim doch nicht
widersprechen und es geschah  Er machte sich nebst seinem Bedienten auf den
Weg geriet aber auf der Rükreise in eine Spielgesellschaft und  Gott erbarme
sich seiner und meiner   Er verspielte in eben dieser Gesellschaft Pferd
Geld und alle übrigen Kostbarkeiten die er bei sich führte  Ha  Meine
Fanny Wie erschrak ich als sein Bedienter mit dieser Nachricht bei mir
anlangte  Der Kerl versicherte mich dass Verzweiflung auf dem nächsten Dorf
sich seines Herrn bemächtigt hätte  Starrend staunend sah ich dem Burschen
ins Gesicht konnte weder denken noch handeln alle Fassung hatte mich verlassen
  Es war mir unmöglich dieses Elend meinem Oheim anzukündigen  Ich sah jetzt
seine Wut seine Verwünschungen zum voraus  Und konnte ich es ihm verdenken
diesem guten Manne der sein ganzes Vermögen seine Ruhe seine Gesundheit an
einen lüderlichen Spieler gewagt hatte Ja Fanny Alles Alles bloß aus Liebe
zu mir aus Menschenfreundlichkeit aus Hoffnung dass er sich bessern würde Er
gab diesem Undankbaren was er nur immer entbehren konnte und nun betrogen von
einem Elenden dessen Aufführung ihm und seiner Ehrenstelle bald öffentliche
Schande gedroht hätte  Jesus Christus Ich komme fast von Sinnen wenn ich die
Folgen bedenke die unserer Familie zur ewigen unauslöschlichen Beschimpfung
durch diesen Leichtsinnigen noch bevorstehen Trostlos kämpfte ich lange mit
fürchterlicher Bangigkeit unentschlossen irrte ich im Hause herum mehr als
zehen Mal nahte ich mich der Treppe um diese Nachricht meinem Oheim zu bringen
aber umsonst es war mir geradezu unmöglich  Was  den größten Wohltäter
unter den Sterblichen soll ich so schröklich beugen  Dies fuhr mir dann wieder
durch den Kopf  Endlich fing ich an zu rasen zu wüten mit den Zähnen zu
knirschen warf mich aufs Bett rang die Hände bis meine sinnlose Betäubung
meine Qual einschläferte  Ich phantasirte rief meinem Mann mit grässlicher
Stimme  so viel erzählte man mir nachher  Rette dich armer Sünder  schrie
ich  rette dich  vor den Händen der Henker  Siehst du wie sie dich pakken
wollen  Siehst du Haltet ein um Gotteswillen haltet ein  Hier ergriff ich
den Bedienten beim Halse der jammernd an meinem Bette stund und riss ihm in der
Verzweiflung seinen Halskragen in Stükke  Der arme Junge wand sich von mir
los und lief mit Angstschweis bedekt nach Hofe zu meinem Oheim Gott wie
dieser gefühlvolle Mann zusammenfuhr wie er hereilte zu meinem Krankenbette 
Mit aller Wärme eines leidenden Freundes bemühte er sich lange umsonst mich ins
Leben zurückzurufen Grässlich schwer drükte der Anblick meines so schnelldrohenden
Todes sein blutendes Herz  Dieses ängstliche Gefühl schien den Eindruk zu
lindern den er durch die pflichtvergessene Aufführung meines Mannes tief
empfunden hatte  Wenn mehrere Leiden auf den Sterblichen zusammenstürmen
sagte er mir nach der Hand so sind doch immer diejenigen am stärksten wofür
sich die Stimme des Bluts verwendet  Meine kalte konvulsivische Erstarrung
dauerte noch so lange bis die Tränen und Küsse meines Oheims mich wieder zum
Leben erwekten  In seinen Armen öffnete ich meine Augen an seinem Herzen
fühlte ich das meinige wieder zum ersten Male klopfen Hoch pochte mein Busen
auf aber sprachlos war meine Zunge bis mein Oheim mich versicherte dass er von
Allem unterrichtet wäre Jetzt fing bei dieser Erklärung neuer Schrekken an
durch meine Glieder zu schaudern alle Umstehenden zitterten vor einem Rükfall
der Krankheit und mein Oheim beschwor mich um seiner Liebe willen ruhig zu
sein  Die Natur hatte sich ermattet ein schwermütiger Schlaf gab mir die
wenigen Kräften wieder die sich noch in meinem kränkelnden Körper zu neuen
Leiden befanden  Als mich nun mein Oheim etwas stärker glaubte fing er mit
Männerkraft an über die Zügellosigkeit jenes Ehrvergessenen auszubrechen Er ist
ein Betrüger  Er mordet dich und mich  Wir wollen dieses Ungeheuer der
menschlichen Gesellschaft verabscheuen  Fliehe ihn meine Tochter Fliehe ihn
 Er hat mutwillig mit Vorsaz alle Bande zerrissen  Ach um seines
Seelenheils willen mein Oheim nur diesmal noch Verzeihung  Nur diesmal 
Heilige Mutter Gottes hilf mir bitten  Nur diesmal noch  Strafbares zu
guterziges Weibchen versezte er soll ich seine Laster durch neue
Unterstüzzung nähren  Soll ich mich der Gefahr aussetzen Schimpf und Schande
an einem Buben zu erleben der die Kühnheit hatte fremde Gelder anzugreifen 
Soll ich mein Ansehen meinen guten Ruf meine geistliche Würde dem Tadel Preis
geben verstokte Sünder durch unbesonnene Guteiten im Laster gestärkt zu haben
 Gewis liebes Malchen ich bin es bei Gott müde länger einen Undankbaren zu
schonen  Er hat meine Ruhe zerstört er hat dich meinen Liebling dem Grab
zugeschleppt er hat mich an Glüksgütern entblöst was will er denn mehr der
Verwegene  Um der Barmherzigkeit Gottes willen mein Oheim nicht weiter 
Sie töten mich  Vergieb arme gute Seele vergib Der Eifer riss mich hin 
Siehst Du mein Kind Dir zu Gefallen will ich jetzt Mann sein und aus Liebe zu
Dir HerzensMalchen will ich auch diesmal auf Mittel denken unsere
allerseitige Ehre zu retten Nur hüte Dich dass mir dein Mann nicht zu frühe
unter die Augen kommt denn noch blutet die Wunde die der schwärzeste Undank
mir schlug  Noch siehst Du blass aus wie der Tod meine Arme und trägst die
Zeichen der Grausamkeit auf deinem Gesichte  Ich gab diesem Edelen mein Wort
dass ich dafür sorgen würde meinen Mann seinem Anblick zu entziehen und so
verlies mich der gute sanfte Vater  Es dauerte aber nur wenige Stunden so
folgte eine Summe Gelds die dieser Herrliche auf seinen Kredit hin geborgt
hatte zum Ersaz für meines Mannes Rükstand Tages darauf kam der niedrige
Sklave seiner Leidenschaften wie ein Verdammter von seiner Reise zurück Sein
Gesicht war zerstört seine Züge in Unordnung seine Augen hohl seine Farbe
gelb seine Haare zerrauft seine Kleider kotigt und seine Laune stumm 
Rasch trat er ohne Gruß ins Zimmer  Angst Seelenangst überfiel mich
Armselige  Er schien weder meine Krankheit noch meinen Gemütszustand
bemerken zu wollen Der beleidigte Hochmut empörte sich in ihm bei dem Gedanken
sträflich zu sein und übermannte ihn so sehr dass er sich einen ganzen Tag lang
ohne Speise zu sich zu nehmen in sein Zimmer verschloss Er schien gar keine Reue
zu fühlen Die Notwendigkeit wieder von meiner Seite Hilfe annehmen zu müssen
machte ihn beinah rasend  Und doch zwangen ihn seine Werbungsgeschäften dass
er mir durch seinen Diener Geld abfodern lies Ohne den mindesten Vorwurf
schikte ich ihm die ganze Summe Seit dieser Zeit sah ich ihn mit keinem Auge
Mein Unglück ist meine einzige Gesellschaft  O Fanny Warum nicht auch der Tod
Wenn es in einer solchen Lage Verbrechen ist ihn zu wünschen o so vergib
Allsehender der gebeugten
                                                                         Amalie
 
                                 LXXVIII Brief
                                   An Amalie
Holdes liebes Malchen es würde mir Sünde scheinen Dich in deiner wirklichen
Verstimmung nicht zu trösten Meine Amalie ich schrieb eine Lüge Denn welches
menschliche Wesen hat in einer solchen Lage Trost für Dich  Keine Macht keine
Gründe keine bittende Freundschaft vermögen Dich von einem Untier zu trennen
das Dich mit Hohngelächter zum Abgrunde hinschleppt  Bist Du denn seiner
Misshandlungen noch nicht müde  Hängt dein Herz noch immer an einem Barbaren
der Dich lebendig tausendfach würgt und doch nicht tötet  O das Weiberherz
ist eine geringe Ware die jeder Schandbube misbrauchen kann wenn er sie
einmal im Besiz hat  Teure Märtirerin der unaussprechlichsten Leiden komm in
meine Arme verlass ihn den verabscheuungswürdigsten Unmenschen er ist für Dich
und für die Tugend unwiederbringlich verloren  Wo Ehre weicht weicht alles
was zum rechtschaffnen Mann gehört  Gott im Himmel  Er stürzt Dich und
deinen Oheim ins Verderben  Sei vorsichtig entferne Dich dieweil es noch
Zeit ist  Deine Standhaftigkeit ist eine Sünde die Du auf Kosten deines
Lebens und deiner Gesundheit begehst  Warum hörtest Du nicht schon lange auf
meine Warnungen  Warum folgtest Du nicht meinem Rate  Warum öffnetest Du
ihm wieder ein Herz das der Leichtfertige in Stükke zerreißt  Du bist Weib im
vollen Verstande ein schwaches Weib sonst würdest Du deinem Mörder nicht
selbst den Nakken darbieten Deine sträfliche Gutherzigkeit ist anstekkend Du
betörst damit deinen Oheim reissest ihn mit ins Verderben Grausames
unbesonnenes Geschöpf Höre die Wahrheit deiner Dich liebenden Freundin und
folge der Stimme der Vernunft  Ich bitte ich beschwöre Dich jetzt zum letzten
Mal folge meinem Rat  Wer kann wer darf ihn tadeln  Ist er nicht der
Menschheit angemessen  Grausamkeit zu dulden kann kein Gesez fodern 
Verhärtetes Laster muss hier oder dort gestraft werden sonst weh dem
Unschuldigen wenn Niemand seine Klagen hören will  Und gesezt denn auch die
Ohren der geistlichen Richter wären unter euch Katholiken für so ein Elend taub
so dürfen es doch die deinigen nicht sein gegen ein Leben dessen Verkürzung Du
einstens schwer deinem Schöpfer wirst verrechnen müssen Was könntest Du wohl
länger einem Schurken an seiner Seite nüzzen der sich mit Lasterwut im Kote
herumwälzt  Oder sind Spielsucht Mordsucht und Betrügerei etwa nicht
hinlängliche Gründe zur ewigen Trennung  Wenn der eigene Mann sein angetrautes
Weib durch Spielsucht der Armut und ihren Versuchungen Preis gibt ist er denn
nicht sträflicher als der gekannte Böswicht der nicht wie dieser öffentlich
sondern im Stillen unter dem Dekmantel der Religion Seelen mordet  Wenn so
ein Meineidiger der am heiligsten Altar Fleis Sorgfalt und alle Arten von
Pflichten schwur wenn so ein heuchlerischer Lügner mit Satans Grausamkeit
durch Hunger selbstverursachten Mangel und Misshandlung die Gesundheit seiner
Gattin schwächt und ihr Leben verkürzt O dann sagt mir ihr eiskalten Richter
wo gibt es unter der Sonne einen verdammungswürdigern Mörder als in einer
solchen Ehe  Wie er dann im Dunkeln das an ihn gefesselte Weib dahinwürgt 
Wie er als Mann überall den Stärkern behaupten kann wie die Menschen geneigt
sind Männerhärte zu entschuldigen und wie sie dann schreien und wimmern kann
die arme gepeinigte Unschuld bis der Tod sie von Banden befreit die leider nur
bei den wenigen vernünftigen Protestanten auf dieser Erde gelösst werden können
 Beim Himmel  Meine Freundin zu wenig kann das Auge des Richters in die
verschlossene Mauern so vieler unglücklichen katholischen Eheleute dringen wo
Tirannei des Mannes und sanfte Duldung des gekränkten Weibes das leztere
hinwelken machen weil dasselbe zu viel Ehrengefühl besizt um zur Schande des
ersteren ihr Hauskreuz öffentlich bekannt zu machen Es ist doch die
schröklichste Unmenschlichkeit dass Tugend und Laster in einer solchen Ehe in
einem Hause wohnen an einem Tische speisen und in einem Bette schlafen muss 
Wie leicht kann eine unerfahrne junge Waise aus Umständen aus Übereilung mit
einem leidenschaftlichen Bösewicht ein Band knüpfen und sich dadurch für die
ganze Zeit ihres Lebens eine Hölle bereiten  Bei jeder Klage die über üble
Ehen vor den Richter kommt sollte derselbe genau alle Umstände der
beiderseitigen Unzufriedenheit untersuchen Oft sind es disharmonirende
Gemüter oft Ausschweifungen und verhärtete üble Gewohnheiten die eine Ehe
ohne Hoffnung dass sie besser werden könnte vergiften  Wir haben in
katholischen Ländern kein häufigers Übel als unzufriedene Ehen Würde man die
vielen menschlichen Teufel die einander täglich stündlich wie Furien plagen
ohne Umstände von einander scheiden so gäbe es minder boshafte Kinder und
minder unglückliche Ehen  Der Richter muss Menschenkenner genug sein um ins
Innere zweier Gemüter zu dringen er muss mit Überlegung untersuchen ob wegen
Verschiedenheit der Herzen der Temperamenten der Gemütsarten der Grundsäzze
alle Hoffnung verloren ist solche Leute je wieder zu vereinigen dass kein
Rükfall zu befürchten ist Eingewurzelte überwiesene Ausschweifung oder
Sorglosigkeit des Mannes sind auch Ursachen die durchaus Ehen für immer
scheiden sollten besonders dann wenn keine Kinder vorhanden sind Man urteile
nur selbst ob nicht die Religion weit mehr durch die Unmöglichkeit der Trennung
eines Bandes enteiligt werde welche oft beide Eheleute zur Verzweiflung
bringt und sie in ihrem heimlichen Lasterleben nur noch hartnäkkiger und
verstokter macht als durch die Lösung desselben vermöge welcher vielleicht
noch Besserung für den einen oder den andern Teil zu hoffen ist  Zwang nährt
überhaupt alle Laster aber freiwillige Tugend macht der Religion und ihren
sanften Banden Ehre  Es geschieht dann doch im Stillen in solchen Ehen so viel
Übels als man sich kaum denken kann Und ist denn bei dergleichen Entdekkungen
das Ärgernis nicht weit sträflicher als die Trennung  Sollen denn zwei
abgeneigte verbitterte Gemüter wie Kettenhunde so lange mit Wut an ihren
Ketten nagen bis sie von selbst zerbrechen  O Menschheit  Menschheit Wenn
werden deine Gesezze anfangen der lieben Vernunft und der schönen Natur Ehre zu
machen  Aber nun meine bedaurungswürdige Amalie sei Dir das genug gesagt
von einem Gesez das auch Dich unglücklich macht  O meine Arme wach auf aus
deinem gutherzigen Schlummer suche Ruhe suche Zufriedenheit Du bist nicht
dazu geschaffen Dich durch eines Andern Laster in Staub tretten zu lassen
Amalie ich fühle dein Elend jetzt wieder aufs Neue zu tief um Dir etwas
weiter zu sagen als dass ich mit Dir unglücklich bin Deine fühlende
                                                                          Fanny
 
                                  LXXIX Brief
                                    An Fanny
Ja wohl meine einzige vortreflichste guterzigste Freundin Ja wohl scheint
mir Alles in meiner Lage trostlos  Nicht taub gegen deine Bitte nicht taub
gegen die Vernunft aber unfähig zu jeder Unternehmung schleppe ich meine
Geschikke von Gedanke zu Gedanke und kann keinen finden der mich beruhigt  Ob
ich der Mishandlungen meines Manns nicht müde bin  O meine Besste  Mein
schwacher Körper ist es schon lange aber mein Herz ist es nicht  Lass es immer
an dem Pflichtvergessenen hängen dieses zu gute Herz mag er es bis zum letzten
Schlage peinigen so bleibt ihm die Strafe und mir die Belohnung dort oben
übrig Und wenn denn doch Schandbuben so leicht aus teuflischem Leichtsinn das
Herz eines guten Weibes zerfleischen können so muss es unter unserm Geschlecht
auch Weiber geben die es bei ihnen so lang als möglich auszuhalten wissen Wo
bliebe sonst das sanfte gutherzige Gefühl der Natur das bloß dem Weibe zur
Zierde von dieser gütigen Führerin zugeteilt wurde  Mein Gatte ist nun auf
ewig für mich verloren aber werde ich glücklicher sein wenn die Entfernung von
ihm an meiner Seele noch schröklicher nagt  Er hat mich arm gemacht in
Schande gestürzt aber bin ich denn bei seiner Abwesenheit reicher  Ha 
Meine Fanny ich will Dir folgen wenn Du mir die Seelenruhe wieder geben
willst deren Verlust mich sonst martern würde  Meine Standhaftigkeit wäre
Sünde sagst Du  O dann ist seine Behandlung teuflisch und mein Nachgeben
himmlisch  Doch pfui was meine Eigenliebe mir da wieder vorgaukelt  O ich
schäme mich  Das zu tun wozu wir verbunden sind verdient kein Lob sonst
verliert es seinen Wert  Aber wahrlich wahrlich Du hast Recht
liebenswürdige Denkerin ich bin ein schwaches schwaches Weib die gutwillig
ihrem Tod zueilt Bei Gott das Weib ist wie es alle Menschenkenner sagen 
entweder Engel oder Teufel  Und nun auch zum letzten Mal meine Freundin lass
ab von deiner Foderung ich kann ich darf ihn nicht verlassen Was würde die
Welt was würden meine Feinde sagen Die Richter meinst Du  O die Richter
unserer Religion sind bloß Maschinen die vom Vorurteil oder vom Eigennutz in
Bewegung gebracht werden  Soll ich mich ihren fühllosen Untersuchungen und
wenigen Einsichten Preis geben  Mein Schmerz würde mich vor ihrem Angesichte
stumm machen da indessen der kaltblütige beredtere Ehemann seine Sache unter
dem Schuz der Bigotterie mit Nachdruk verteidigen würde Sollte ich unverschämt
genug sein können ihm vor Andern seine Fehler vorzurückken und mir selbst durch
seine Galle vergrößerte andichten lassen Nur gemeine Weiber können in den
Gerichtssaal hinstehen und ihre Männer mit sich öffentlich beschimpfen  Und
wenn sie dann auch zu meinem Vorteil vollendet würde diese Scheidung was würde
es mir bei meiner Religion nüzzen Bin ich hernach freier  Kann ich meine Hand
einem Andern geben die ewig durch Kirchengesezze gefesselt bleiben muss  O des
grässlichen Gedankens der mir jetzt zentnerschwer aufs Herz fällt  Hinstürzen
möchte ich zu den Füßen eines Josephs und seine Weisheit sein Menschengefühl
mit aufgehobnen Händen anflehen  Dieser große Monarch der die bigottische
Tirannei von dieser Art auch im Einzelnen untersucht der ohne Geld ohne
Nebenwege gedrängten Eheleuten zu Hilfe eilt   Ha  Meine Fanny Das war
bloß ein kleiner vorübereilender Trost der mir in meiner kummervollen Lage
nichts hilft  Zaghaft ist jeder Unglückliche und selten wagt es ein Weib sich
dem Throne eines Fürsten zu nahen wenn es auf Unkosten eines Gatten gehen soll
Und nun sage selbst meine Freundin was bleibt mir übrig Soll ich mich an
geistliche Richter wenden die eine unglückliche Ehe kaum dem Namen nach kennen
 Soll ich diesen harten ans Zölibat gewöhnten Menschen meine Leiden vorjammern
die nur zu oft fremdes Elend gar nicht einmal begreifen  Angejocht an ihren
geistlichen Stand tragen sie zu wenig Kenntnis der Welt in ihrem umnebelten
Kopfe um sich hinlänglich in die Lage einer unglücklichen Ehe hinein denken zu
können Und wenn denn auch unter diesen Richtern zuweilen ein denkender Kopf
ist der von keinem Vorurteil sein Gefühl erstikken lässt was würde mir dieser
einzelne nüzzen da hingegen so viele andere zum Unheil der Menschheit ihre
eingeführten grausamen Rechte behaupten müssen O für mich ist in dieser Welt
keine menschliche Hilfe mehr Ich bin an Bande gefesselt die Menschendummheit
so enge so unauflöslich bei meiner Religion zusammenknüpfen  Es ist
schröklich schröklich die ganze Zeit seines Lebens lebendig tot ans Laster
verheiratet sein zu mussen aber doch ist es nun einmal so und der gütige
gerechte Gott im Himmel gebe mir Stärke das fürchterliche Verhängnis zu dulden
das mir seine Geschöpfe auflegten Glaube mir Fanny wenn unsere Geistlichen
sich begatten dürften so würde hie oder dort einer fühlen wie übel
ausgeschlagene Ehen das Leben zur Hölle machen können Ha  Wie würden sie
eilen diese nun so kurzsichtigen Schwärmer um ein Band zu lösen unter dessen
Druk auch sie schmachten müssten  Nun aber leben diese vom Vorurteil selbst
gefolterte Menschen schwer  schwer ihrer erzwungenen Enthaltsamkeit nach und
befriedigen ihre Triebe im Stillen mehr oder weniger nach der Anlage ihres
Temperaments und vermöge ihrer Grundsäzze  Mich deucht dass nur durch langes 
langes Nachdenken und durch strenge Beobachtung ihrer selbst in ihnen können
Triebe erstikt werden denen so viele Tausend unterliegen Der Körper wird beim
bequemen Leben bei nahrhaften Speisen so leicht Herr über die Seele wenn er
nicht durch äußerste Aufmerksamkeit fleißig bewacht wird So viel gestund mir
leztin ein helldenkender braver junger Geistlicher selbst  Doch liebe
Fanny wo gerate ich hin ich moralisire über Andere und vergesse mein eigenes
Elend  Vergessen  O gewiss nicht  gewiss nicht  Meine teilnehmende
Freundin es drükt zu schwer in dem Herzen deiner armen armen
                                                                         Amalie
 
                                  LXXX Brief
                                   An Amalie
Meine teuerste Amalie Was kann ich Dir auf deinen letzten Brief weiter sagen
als was ich Dir schon zu wiederholten Malen gesagt habe  Du bist zu gut zu
nachsichtsvoll gegen Fehler die einer dritten Person Abscheu erwekken müssen
Nicht immer meine Freundin ist Guteit Tugend Wenn diese Guteit das Laster
nährt dann wird sie sträflich Erschöpft sind beinahe meine Worte Dich zu
einem Entschlusse zu bewegen den Du über kurz oder lang doch ergreifen musst Ich
wollte mein Leben daran setzen dass dein heilloser Mann Dich noch einstens von
selbst verlässt  Gib Acht wenn die Hilfsmittel erschöpft sind an denen er
sich bis hieher erholte was dann geschieht  Ich sehe ins Innerste seines
Herzens Eigennutz hält ihn noch an Dich und sonst kein anderes Gefühl  Dein
Heldenmut Dich im Stillen martern zu lassen ist überspannt  Der gütige Gott
im Himmel fodert von seinen Geschöpfen kein so teures Opfer das dieselben
zernichtet  Er schuf uns zur Eintracht und wenn wir in der Welt unglücklich
genug sind diese Eintracht unter unsern Mitbrüdern nicht zu finden dann ist es
unsere Pflicht die Verfolger zu bedauern aber nicht unsere gebrechlichen
Körper unter ihre leichtsinnigen Bosheiten zu schmiegen Ein jedes getrettene
Tierchen sucht Rettung und Hilfe und wenn es sich dann zur Verteidigung zu
ohnmächtig fühlt dann ist Flucht der erste Trieb dem es folgt Und kann denn
etwas Hüfloseres unter den Menschen gefunden werden als ein Weib die in
Ansehung der Stärke sogar bei ihrer Schöpfung den Kürzern zog  Wenn Sanftmut
und Tränen das Herz eines Mannes nicht zum Mitleiden bewegen was bleibt ihr
dann übrig einen so mächtigen Wütrich zu besänftigen Das Vorurteil hat schon
von Anbeginn der Welt seinen Thron aufgeschlagen der Mann fühlt sein
Übergewicht und lässt es so oft dem armen schwächern Weib auch wieder fühlen 
Aber jetzt meine Werte komme ich auf den Punkt ob Du in der Entfernung von
deinem Manne glücklicher sein wirst oder nicht  Hier sagt mir meine Vernunft
Ja Du wirst glücklicher sein Ist es nicht besser bloß das traurige Andenken
seiner Misshandlungen zu tragen als die Misshandlungen selbst  Und wie kann Dir
dein Gewissen über einen Schritt Vorwürfe machen zu dem er Dich selbst durch
sein Betragen reizt  Du verlässt ja keinen Gatten Du verlässest einen Peiniger
der Dich nur desto ärger martert weil er deine Mutlosigkeit kennt Ich wette
alles dass er sich in lokkern Stunden über deine Gutherzigkeit noch tapfer
lustig macht  Ich kenne das menschliche Herz hat es einmal einen übelen Bug
dann ist es zu tausend Verwirrungen fähig  Wenn das Herz eines Gatten an
kleinen Gefühlen die zur häuslichen Glückseligkeit gehören keine Freude mehr
hat so ist in einer solchen Ehe der Friede auf ewig verloren  Rechnen wir
einmal die großen Laster deines Mannes hinweg und bleiben wir bloß bei den
Kleinigkeiten stehen die ein sorgender Mann seiner Gattin schuldig ist  Aber
weh uns meine Freundin  Ich finde nicht einen Zug in ihm der von
Menschlichkeit zeugte  Ist er nicht mürrisch gebieterisch starrsinnig
unordentlich in seinem ganzen Wesen  Musst Du ihn nicht wie einen achtjährigen
Knaben pflegen  Bist Du nicht seine Magd die aus Gutherzigkeit seine
Erziehungsfehler mit Engelsgeduld erträgt  Genug davon Amalie ich weis
tausend Dinge die Du mir nicht einmal schriebst und die Dich in meinen Augen
zur unbegreiflichsten Märtirerin machen  Übrigens meine Freundin was
kümmert Dich das Gezisch deiner Feinde bei einer Trennung die jeder
Vernünftige nach genauer Untersuchung billigen muss  Die Welt und deine Feinde
geben Dir ja deine Gesundheit nicht wieder wenn Du vor Gram da liegst am Rande
deines jungen Lebens  Dass Du Dich nun meine Liebe in deinem Unglück keinen
geistlichen Richtern anvertrauen willst billige ich recht sehr Sie würden Dir
unstreitig dein Elend noch schwerer machen wenn Du bei Menschen Hilfe suchen
wolltest die Dir sie am Ende des Prozesses doch nur zur Hälfte reichten Du
hast selbst Vernunft und edles Herz genug um in dieser Sache dein eigener
Richter zu sein Wozu brauchst Du Erlaubnis zu einer Trennung die die
natürlichste Folge einer so unglücklichen Ehe ist  Lass sie auftretten die
strengen Richter und deine Standhaftigkeit bei solchen ausgestandenen Leiden
mit der ihrigen abwägen und ich will verloren sein wenn einer davon Dir den
Sieg streitig machen würde  Was nun traute Amalie die Art bei euch
Katholiken Ehen zu scheiden betrifft kraft welcher man Unzufriedene von Tisch
und Bett trennt so gefällt mir dieselbe durchaus nicht  Die gegenseitigen oft
vorkommenden skandalösen Klagen sind für denkende Zuhörer solcher
Prozessführungen ekkelhaft und die Kosten solcher Prozesse zu groß um eine
blose Trennung von Tisch und Bette dadurch zu erhalten  Diese Art Trennung
macht im Grunde genommen Eheleute noch weit unglücklicher Sie entgehen
freilich dadurch vielen Zänkereien aber nur zu oft werden feurige an Ehestand
gewöhnte Temperamente noch weit unzufriedener  An solche harte Fesseln
gebunden zu sein die Natur für alle Triebe wegen diesen Fesseln erstikken zu
müssen fühllos gegen alles zu werden was uns aus Liebe das Leben versüsst mag
so ein Zustand nicht eine schleichende Verzweiflung hervorbringen  Doch
Liebe jetzt kein Wort weiter mehr über einen Zustand der mich für Dich arme
gedrängte gefühlvolle Seele so manche Tränen kosten wird  Sei stark meine
Besste bring darin der Tugend ein Opfer das mehr wert ist als tausend
heuchlerische Ordensgelübde einer Gattung Menschen die sich so leicht der
Enthaltsamkeit wiedmen können weil ihre Gefühle abgestorben sind  Doch bei
dieser Gelegenheit etwas mehr über die Geistlichen von deiner Religion wozu mir
dein Anmerkung Anlass gibt Erst seit einigen hundert Jahren trauern diese Armen
unter der Last des Zölibats Vorzeiten war es ihnen erlaubt an dem sanften Busen
einer Gattin hinzuschmelzen und im Gefühl der Liebe ihren Schöpfer zu preisen
der Natur zu danken und ihr Herz wärmer zu stimmen für Religion und
Rechtschaffenheit die sie jetzt ehelos und kalt treiben müssen  Es ist eine
wahre Freude wenn man den zärtlichen den warmen gefühlvollen protestantischen
Geistlichen betrachtet wie er sein von Gattenliebe angefülltes Herz jedem
seiner Nebenmenschen öffnet wie er weich ist für Religion und Pflicht wie er
als Vater seiner Kinder als guter Bürger seine Tage in den Armen seines
liebevollen Weibes dahineilen sieht  Da indessen der katholische Geistliche
sein Gefühl tirannisirt von Langeweile gemartert wird die Religion kalt und
unzufrieden ausübt oder gar aus Menschenschwäche auf ärgerliche Irrwege gerät
 Gott  Gott  Warum duldest Du im Menschen so viele Erfindungskraft sich
unter einander selbst zu Grunde zu richten Warum legtest Du Gefühle in die
Natur deren mäßiger Gebrauch uns unaussprechlich glücklich macht  Und warum
werden denn diese Gefühle von versengten Menschengehirnen uns zum Laster
angerechnet O du guter Gott  Besser bist Du in deinen Geboten als es die
Menschen sind  Du strafst nur den Misbrauch deiner Wohltaten Du schufst uns
ja zur Liebe zur Begattung und Menschen wollen es wagen deine Schöpfung zu
tadeln Triebe zu unterdrükken die uns doch so weich zum Guten machen  Es ist
unstreitig wahr meine Amalie nur tugendhafte auf Grundsäzze befestigte Liebe
macht den Menschen zum wahren Menschen O was man da alles fühlt In den Armen
der Liebe ist Seligkeit genug um jede andere Leidenschaft mit leichter Mühe zu
unterdrükken Aber so lange die Menschen nicht lieben und nicht durch das
Lieben denken lernen eben so lange wird das Laster noch überall seinen Wohnsiz
behaupten Lebe wohl für heute teures Malchen
                                                                   Deine Fanny
 
                                  Zweiter Band
                                   LXXXI Brief
                                Amalie an Fanny
                              Liebenswürdigste 
Ich habe Dir heute eine sehr interessante Begebenheit zu erzählen und kann mich
also nicht an die Beantwortung deines letzten Briefs binden Zudem ist ja der
Inhalt desselben auch schon beiderseits beantwortet also nichts weiter davon
Es wird Dir aber fast unbegreiflich scheinen wenn ich Dir sage dass mein Mann
zu seinen übrigen Fehlern auch noch Tollkühnheit hinzusezt  Eine Tollkühnheit
die vom wahren Mut zu weit entfernt ist um Lob zu verdienen  Aber nun höre
 Ganz von Ungefähr lief vor einigen Tagen durch unsere Unteroffiziere die
Nachricht ein dass sich an dem jenseitigen Ufer des hiesigen Flusses sechs sehr
wohlgewachsene Desertörs aufhielten die auf einen fremden Werboffizier passten
der sie anwärbe und übers Wasser brächte  Eigennutz und Unbesonnenheit rissen
meinen Mann bei dieser Nachricht bis zum kühnsten Entschlusse hin  Er wagte es
ohne Überlegung mit seinem Bedienten in falscher Uniform ein fremdes Gebiet zu
betretten wodurch er Ehre und Leben aufs Spiel setzte wenn mich nicht die
Vorsicht noch frühe genug zu seiner Rettung gesandt hätte  Ich beschwur ihn
mit ängstlicher Ahndung einen Schritt zu unterlassen der mein ganzes Wesen
erschütterte  Aber es half nichts er lief wie ein Rasender von der
Werbungswut beseelt zu einem Schiffer an unserm Ufer Donnernde
Offiziersdrohungen und Geld beschleunigten eine Fahrt auf deren Unternehmung mit
Militärpersonen der Verlust des Kopfes steht wenn ein Schiffer es wagt solche
Dienste zu leisten  Aber genug die kleine Reise ging vor sich und bald kam
mein Mann an den Ort hin wo diese Unglücklichen mit heisshungriger
Rettungsbegierde seiner warteten  Er fand sie in einer Scheune aufs Stroh
hingestrekt mit Verzweiflung und Hunger ringend  Schon mehrere Tage harrten
die Elenden unter Kummer und Jammer auf den nahen Tod den ihnen Verzweiflung
oder Strafe drohten wenn sie entdekt würden  Mutlos lagen die Kerls mit dem
ängstigenden Gefühl des Verbrechens im Herzen da  Blos mit leichten
Leinwandkitteln bedekt starrten ihre sonst nervigten Glieder vor dem rauen
Frost des herannahenden Winters  Die Furcht erkannt zu werden machte sie
diesen armseligen Anzug wählen Einige davon fluchten jetzt bei reiferer
Überlegung ihrem Schiksale das sie sich selbst so unbesonnen zugezogen andere
würden gerne den Rükweg angetretten haben wenn sie nicht die Furcht der Strafe
davon zurückgeschrökt hätte  Endlich kam mein Mann und kündigte ihnen eine
Erlösung an bei der er selbst alles wagte um sie zu Stande zu bringen  Nun
wurde die Abrede genommen und der Entschluss gefasst erst bei der dunkeln Nacht
den Weg ihrer Rettung miteinander anzutretten Das Schwelgen raubte nun Allen
die Besinnungskraft und keiner davor ahndete das nahe Unglück das ihnen wegen
der herumstreifenden Häscher drohte Meines Mannes Bedienter allein blieb bei
gesundem Verstand und eilte so geschwind er konnte auf seinem Pferd zu mir
zurück  Todesfurcht hatte unterdessen meine Einbildungskraft gefoltert  Schon
sah ich meinen Mann in den Händen der Gerechtigkeit für sein Vergehen bluten 
Der Bediente traf mich in einer Verstimmung an die an stumme Verzweiflung
gränzte  Seine Erscheinung ohne meinen Mann drang mir ein lautes Geschrei ab
denn er schien mir ein Bote des Unglücks zu sein Der gute Kerl beschwur mich um
Gotteswillen meine Sinnen zu sammeln und auf eilige Mittel zu denken seinen
Herrn aus dieser schröklichen Gefahr zu retten  Unglück macht erfinderisch und
die Angst bringt oft gute Köpfe in der Eile zu den bessten Entschlüssen  Von der
Furcht getrieben riss ich schnell meine Kleider vom Leibe zog bürgerliche
Mannskleider an lies mir ein Pferd satteln und meine Frauenzimmerkleidung dem
Burschen in den Mantelsak stekken Wie wir beide eilten kannst Du leicht
denken und dass unsere Eile nötig war ist unstreitig denn kaum waren wir ein
halbes Stündchen vorwärts galoppiert so begegneten uns jene fürchterlichen
Diener der Gerechtigkeit die auf dem Lande herumstreiften um Strafbare
aufzufangen  Diese schnurrbärtigen Männer hielten den guten Lorenz an und
fragten nach meinem Namen da ich gerade eine Strekke Weges vorausgeritten war
Aber der brave treue Kerl hatte Mut genug ihnen trozzig zu erwidern »Mein
Herr ist ein Jurist aus dieser Gegend der sich mit einem Spazierritt
erlustigt« Doch ohne ihre Antwort abzuwarten spornte er sein Pferd und wir
kamen in einer Stunde an den Ort wo mein verwegner Mann ruhig im Taumel des
Schlafes schnarchte  Kaum vermochte ich so viel über den flegmatischen
Wagehals ihn leise zu bereden meine Kleider anzuziehen seine Uniform mit
Steinen beschwert ins Wasser zu werfen und auf meinem mitgebrachten Pferde
zurückzureiten Zum Glükke schliefen die berauschten Desertörs hart genug um von
unserer Unterredung nichts zu vernehmen sonst wären sie aus hofnungsloser
Verzweiflung vielleicht die ersten Verräter an meinem Manne geworden Denn nun
war für diese Armseligen alle Hoffnung der Rettung verloren  Sie mussten
entweder ihren Rükken der Spiesrute bieten oder sich ins Wasser stürzen da
sie ohne Beistand eines Schiffmanns nicht überkommen konnten  Während dieser
geheimnisvollen Umkleidung musste der wakkere Lorenz Wache halten dabei sah er
mit bebendem Herzen die Häscher in der Gegend umher lauern  Mein Mann stund
izt in Bürgerskleidern bereit zum Rükweg und ich hatte nun auch meine
mitgebrachten Frauenzimmerkleider wieder angezogen  Endlich setzte sich mein
Mann aufs Pferd und sprengte mit Lorenz in diesem Aufzug unerkannt vor den
herumschwärmenden Häschern vorbei  Meine List hatte den erwünschtesten Erfolg
man sah ihn jetzt für mich an Laut pochte aber mein Herz bei dieser gewagten
Unternehmung die vor meinen Augen eine fürchterliche Wendung hätte nehmen
können weil man schon lange zuvor bei ähnlichen Anlässen der Kühnheit meines
Mannes nachgespürt hatte  Ich folgte mit bebenden Schritten hintendrein zu
Fuße und sah meine Flüchtlinge den Zoll ohne Anstand passieren Das Glük war auch
meiner Verkleidung günstig und bei meiner glücklichen Nachhausekunft dankte ich
feurig dem Vater im Himmel für diesen Mut bei Drangsalen von so besonderer Art
 Mein Mann schien sich der überstandenen Gefahr zu freuen aber doch wurmten
ihm noch die schönen hinterlassenen Rekruten im Kopfe Statt des Dankes erhielt
ich von ihm ein unzufriedenes Gebrumm über übereilte Zagheit eines furchtsamen
Weibes und so weiter Mein Oheim hingegen drükte und küsste mich für diese
Handlung  Du meine Fanny sollst mich aber bei Leibe nicht darüber loben 
Hörst Du Liebe Besser gar keine Antwort auf diesen Brief Denn Du weist ja
Lob verderbt nur zu gerne das ohnehin so sehr zur Eitelkeit gestimmte Herz eines
Weibes  So denkt Dein
                                                                   Dein Malchen
 
                                 LXXXII Brief
                                Amalie an Fanny
                          Innigstgeliebte Freundin 
Fünf volle Wochen schrieb ich Dir keine Zeile  Gewis meine Teuerste ich
wollte Dir durch die Nachricht von meiner sehr wankenden Gesundheit keinen
Kummer verursachen Ein schleichendes Fieber hat mich seither keinen Tag
verlassen Die Ärzte bezweifeln mein Aufkommen und behaupten es wäre
verschlossner Gram der im Innern wütete  Mein Zustand gleicht jetzt einem im
Stillen lodernden Feuer das heimlich um sich frisst Bei mir sind die Leiden nun
so hochgespannt dass ich weder weinen noch klagen kann Eine sprachlose Kälte
für alles was in der Natur ist hat meine Seele eingenommen und beherrscht mich
von frühe bis Abends Diese stumme Fühllosigkeit  sagen die Ärzte  sei
meiner Gesundheit weit nachteiliger als das in laute Klagen ausbrechende
Gefühl das sonst bei geringeren Leiden als die jezzigen sind bei mir
gewöhnlich war Mich dünkt eine heimlich nagende Verzweiflung hat sich in
meiner Seele eingeschlichen und der letzte empfindliche Streich den mir mein
Mann ohnlängst versezte wird vielleicht auch der letzte Stoß sein den er meinem
Leben gab  Ich fühle so etwas Drohendes in diesem kranken Körper das mir izt
sehr willkommen sein würde wenn es lindernde Ankündigung meiner nahen Auflösung
wäre  Aber ach eine so schnelle und glückliche Erlösung gönnt mir die Natur
nicht  Sie hat sich an mir vergriffen da sie meinem Körper dauerhafte Anlage
schenkte diese unbarmherzige Erhalterin meines Lebens  Sie hat mich zur
anhaltenden Verzweiflung geschaffen und ahndete wohl nicht dass gränzenloses
Elend meine armseligen Tage verbittern würde  Doch wozu diese Klagen für ein
Herz das nicht einmal mehr die süße Wonne der Mitteilung fühlt  Sonst war es
mir Linderung Dir Tränen vorzuweinen die mir das Unglück abnötigte Aber nun
ist sie vertroknet die Quelle dieser Erleichterung aller Trost ist unvermerkt
aus meiner Seele gewichen und dumpfe Raserei an seine Stelle getretten  Ich
will Dir izt mit dem eiskalten verstokten Gefühl einer Trostlosen die
barbarische Grausamkeit erzählen die ich wieder aufs Neue von meinem Manne
duldete  Eines Abends hatte das Spiel denselben wie gewöhnlich gehasst Schon
rükten die schwermütigen Dämmerungsstunden heran und noch harrte ich seiner
von bangen Ahndungen gemartert am Fenster Tausendmal blickte ich mit
hochangeschwollenem Herzen den schönbeleuchteten Himmel an als ob ich seine
Gestirne um Mitleid anflehen wollte  Die schauerliche Stille der Nacht
harmonierte so ganz mit dem Kummer der schwer auf meinem Herzen lag  Eine
wollüstige Schwermut riss mich zu Träumen hin die man gedankenlos genießt wenn
der leidenschaftliche Gram in dem Herzen eines Melankolischen ein Kaos von
unnennbaren Ideen erzeugt Nur bisweilen wekte mich die schauervolle Erinnerung
meines abwesenden Mannes aus diesem fürchterlichen Schlafe  Ich sah ihn jetzt
am Spieltische fremde Gelder in leidenschaftlicher Hizze darwerfen zur
Befriedigung des schändlichen Eigennuzzes seiner lokkern Mitgesellen  Meine
Tränen rollten auf seine sträflichen Hände und flehten um Mitleid um
Erbarmung  Erschrokken blickte der Leichtsinnige um sich und sah sein vom
Kummer blasses Weib vor seinen Augen stehen  Das Gefühl schien einige Minuten
seine Rechte behaupten zu wollen aber rasch von dem übermannenden Laster
hingerissen vergaß er im nämlichen Augenblicke wieder seine leidende Gattin die
zitternd am Spieltische ihr Schicksal erwartete  So meine Freundin schwärmte
meine herumirrende Phantasie fort bis das Knarren meiner Türe mich darin
störte und der Bediente Licht brachte Es war schon neun Uhr vorbei und noch
schwelgte mein Mann in den Armen des Lasters da indessen meine Tränen
stromweise flossen  Ich hatte nicht den Mut mich um ihn zu erkundigen denn
wie leicht würde sein vom Spiel gereizter Zorn mir Tod und Verderben gedroht
haben  So oft nun die Glokke eine neue Stunde anzeigte eben so oft fuhr mir
ein schmerzhafter Stich der grausamsten Ungewisheit durch die Seele In dem
Drang meiner unbeschreiblichen Marter eilte ich zu meinen Büchern und wählte
Cäciliens Leiden zur Zerstreuung  Der Jammer dieser Dulderin milderte auf
einige Minuten den meinigen  Ich sah dieses gutherzige Mädchen als eine
Gehülfin meiner Leiden an die durch gleiches Schliksal an mich gekettet meine
Drangsalen mit mir teilte Ganz in diese für mich so passende Lektüre vertieft
durchblätterte ich mehrere Stellen dieses so herrlich schönen Buchs das so ganz
meinem Kummer Nahrung gab  Auf einmal öffnete sich die Türe des Zimmers und
mein Mann erschien in der Furiengestalt eines Wütrichs  Kaum vermochte ich
mich aufrecht zu halten  Noch staunte ich ihn zitternd an als er rasch mit
verbissner Wut das aufgeschlagene Buch vom Tische auf den Boden warf  Wie eine
unschuldige zum Gericht verurteilte arme Sünderin hob ich das Buch mit
gänzlicher Ergebung wieder vom Boden auf Ich fühlte den Angstschweiß auf meinem
Gesichte doch ohne den geringsten Laut von mir zu geben erwartete ich jeden
Augenblick den letzten willkommenen Druk von einem Rasenden der seine Vernunft
verloren hatte  Auch hatte das Leben für mich wirklich zu wenig Reize mehr um
wegen dieser elenden Last nach Hilfe zu rufen Ich schämte mich seiner
Ausschweifungen zu sehr um ihre schändlichen Folgen fremden Leuten zu
offenbaren Ehrengefühl übertäubte jetzt in mir die Furcht des Todes und so sehr
sich auch mein junges Blut gegen diese vielleicht plözliche Zernichtung
sträubte so war doch meine Seele stolz genug mit Männerstärke den Ausgang
dieser Mörderszene ohne das geringste Winseln abzuwarten  Kaum hatte ich dem
Schöpfer einen reuigen Seufzer über meine Sünden zugeschikt so ergriff mich das
Ungeheuer beim Halse und war zum Morden bereit  Jesus sei mir gnädig 
rief ich ihm halb röchelnd zu  Dieser halb erstikte Schrei brachte ihn wieder
zur Vernunft und er lies ab von einer Handlung die ihn in Henkershände würde
geliefert haben wenn er sie vollendet hätte  Die Todesangst mit all ihren
Bangigkeiten trieb mich Arme jetzt von einem Zimmer ins andere  Überall suchte
ich Erbarmen und Rettung  Bis ich endlich auf einmal dem Ausgang der Türe
zutaumelte forteilte zu meinem Oheim und mehr tot als lebendig zu seinen
Füßen hinstürzte  Ich lag bis den andern Morgen betäubt im Blute das durch
die heftige Wallung durch Mund und Nase sich drängte  Die geschwinde Öffnung
einer Ader kühlte aber auch bald wieder die fieberischen Zukkungen ab welche
diese Angst mir zugezogen hatte Doch kaum konnte ich meinen Mund vor
Schwachheit wieder öffnen so war mein erstes Wort Verzeihung dem Unsinnigen
der bloß aus kranken Sinnen nach meinem Blute dürstete  Noch stand mein Oheim
versteinert an meinem Bette als diese Erinnerung ihn schnell aufwärmte zur
feurigsten Rache 
    »O des marmorherzigen Mörders  schrie er jetzt  Ha  Bei meiner
Priesterwürde seis geschworen ich will ihm durch meinen Fürsten Schranken
setzen lassen diesem grässlichen Untier  Ich will hineilen zu den Füßen
meines Fürsten meine grauen Haare sollen meiner Forderung das Gewicht der
Wahrheit geben  Ich will ihm diese brennenden Tränen eines Greises auf sein
Herz weinen er wird mich hören er wird ihn aufsuchen lassen den Böswicht der
meine alten Tage mit der unmenschlichsten Grausamkeit vergiftet  Lass mich
mein Kind  lass mich  Bald sollst du von deinem Vertilger befreit werden «
    Schon wollte der gefühlvolle Mann aus meinen kraftlosen Händen sich
loswinden als ich meine letzten Kräfte sammelte und mich ihm fest an den Hals
warf  Mein heulendes dumpfes Schluchzen tönte unserm nahen Freunde grässlich
in die Ohren  Ganz unvermuter kam jetzt Baron von Sch ängstlich ins Zimmer
geeilt und fand uns beide in dieser erschütternden Stellung  Aber doch war
dieser würdige Mann stark genug meine fest angeklammerten Hände von dem Halse
meines Oheims zu lösen Er wandte alle Künste der Beredsamkeit an ihn zu
besänftigen
    »Nein mein Freund  sagte er  Sie müssen sich nicht durch ihn beschimpfen
wenn Sie seine Schande dem Richter aufdekken Trennen Sie Amalien auf ewig von
ihm und überlassen Sie den Verworfenen seinem eigenen Verhängnis «
    Nun liebste teuerste Fanny hast Du hier eine Nachricht die Dir gewiss
willkommen sein wird Gott gebe mir Kraft zur Ausführung und Dir gebe er
glücklichere zufriedenere Stunden als deine Amalie erlebt  
 
                                 LXXXIII Brief
                                Fanny an Amalie
                                  Meine Besste
Wollte der Himmel dass alle Martern deiner sinkenden Kräfte deinem abscheulichen
Manne auf die Seele fielen damit er büßen möchte für deine Gesundheit die er
Dir so mörderisch raubte  Gott verzeihe mirs  Noch nie hat mein Herz Böses
gewünscht Aber wäre es denn auch möglich den Wert und die Leiden einer Amalie
zu kennen und nicht Dem zu fluchen der so einen Engel mishandelt  O meine
guterzigste Dulderin  Wenn Du mich je liebtest so raffe Dich auf von den
Gefahren des Todes die so drohend deiner warten  Um Gotteswillen pflege mit
aller Vorsicht deiner Gesundheit  Bei meiner Liebe bei den heiligsten Banden
der Freundschaft beschwöre ich Dich muntere Dich auf verscheuche durch
Zerstreuung den Kummer der dein armes Herz benagt Der Gedanke Dich vielleicht
zu verlieren ist für mich eine folternde Angst und reißt mich zur tiefsten
Wehmut hin  So selten findet man auf Erden ein Herz wie das deinige und wer
würde mir denn die Wonne der süßesten Vereinigung wiedergeben wenn Du für mich
hinwelktest in den Staub der Verwesung  Ha  deine fürchterliche Schwermut
hat mich durch und durch erschüttert  Was doch dein Schicksal ein unglaubliches
Labyrinth ist nur wenige Menschen würden seine andauernde Härte begreifen 
Ich selbst mit all meiner Überzeugung stand schon oft staunend dabei stille
und schlug die Hände über mir zusammen wenn mir die Erfahrung für die
Wirklichkeit bürgte Die meisten Menschen würden deine Geschichte für das
Hirngespinste irgend eines melankolischen Dichters halten wenn sie ihnen unter
die Augen käme denn man ist zu sehr gewöhnt in Romanen Lügen zu finden Auch
fehlt es den meisten Menschen zu sehr an Erfahrung um das so mannigfaltige
heimliche Elend ihrer Mitmenschen zu glauben  Bosheit und Verfolgung wird
unter ihnen zu heuchlerisch getrieben um den Umfang ihrer Vertilgung zu kennen
 Nur dem Auge des Menschenkenners sind solche Schiksale begreiflich der große
Haufen hüpft darüber weg sobald er das Unglück nicht auf dem öffentlichen Markte
ausgeschrieen findet  Besonders gehen in der Liebe und Ehe oft Dinge unter
beiden Geschlechtern vor die man bei den wildesten Nazionen kaum antrift  Es
scheint als ob alle Güte des Herzens bei Männern und Weibern in der Liebe und
Ehe verschwunden wäre Man findet gerade da die unmenschlichsten Grausamkeiten
wo die sanften Bande des Gefühls ihre besste Wirkung tun sollten  Da doch aber
Liebe und Ehe in dem menschlichen Leben die größten Epochen ausmachen so
sollten sich die Moralisten besonders Mühe geben die gegenseitigen so sehr
einreissenden Mishandlungen durch gute vernünftige Lehren zu verhindern Wenn
die Liebe den Menschen zum sanften Nachdenken hinreisst warum sollte die Liebe
nicht auch in jedem Stand Gutherzigkeit und Vernunft hervorbringen  Aber
leider wird in unsern verdorbenen Zeiten die Liebe zur Buhlerei herabgewürdigt
 Man knüpft ihre tugendhaft sein sollende Bande nur körperlich und dann bleibt
ihr nichts mehr übrig als Sättigung Selbst die Romanendichter enteiligen die
Liebe mit ihren unächten Schilderungen  Sie machen diese vortreffliche
Lehrmeisterin zur empfindelnden Sucht oder im Gegenteil zur heuchlerischen
Heldin die in der schwachen Menschheit keine Nachahmer findet Die Menschen
würden ihre beiderseitigen Betrügereien in der Liebe weit eher unterlassen wenn
das Männer Herz durchs Denken moralischer besser und das weibliche stärker
würde  Von übelm Beispiele angestekt scheut sich kein Jüngling mehr die
Liebe durch Leichtsinn zu entweihen und eine weinende genossene Unschuld
barbarisch der öffentlichen Schande zu opfern  Eben so wenig als eine
diebische Kokette es für Verbrechen hält ganze Reihen voll Jünglinge an Seel
und Leib zu Grunde zu richten Gerade so sündhaft geht es in den jezzigen
meisten Ehen zu Der Mann brutalisirt das schwächere Weib und sie beschimpft
ihn dafür im Dunkeln in den Armen eines Eheschänders  Doch weg meine
Freundin von einem Gemälde das jetzt gar nicht für dein blutendes Herz taugt
Könnt ich Dich doch mit etwas Besserm trösten als mit der Hoffnung einer
glücklichern Zukunft die Dir in diesem Leben noch alles versüßen muss was Dich
bisher so grässlich peinigte  Ha  Wie gerne würde ich all meine Vernunft zu
diesem Vorsaz aufbieten die meiner Freundin vielleicht Linderung verschafte 
Aber wir arme Menschen sind so ohnmächtig in unsern Unternehmungen und können
weiter nichts als bloß wünschen  Doch sei ruhig mein liebes gutes sanftes
Malchen und freue Dich über ein wohlwollendes freundschaftlich pochendes
weibliches Herz weil Du keines unter den Männern fandest das feurig genug für
Dich schlug Ist dieses Andenken in einer so feindseligen Welt nicht Trost
genug um die Stunden deines Harrens zu erleichtern  Fasse Dich meine sanfte
Amalie Fasse Dich und wähle Dir je eher je lieber einen ruhigern Aufenthalt
wo bessere Tage deiner warten als in dem Umgang eines blutdürstigen Tiegers
der Dich in seiner Gallsucht unmenschlich würgte  Tausend Segen Teuerste zu
deiner Trennung   und von mir Millionen Küsse mit einem Herzen voll
schwesterlicher Liebe 
                                                          Deine zärtliche Fanny
 
                                 LXXXIV Brief
                                    An Fanny
Sie ist vollbracht die Trennung meine Fanny die meinem Herzen doch noch so
viel Mühe kostete  Mich dünkt es ist für eine gute Seele leichter sich
martern zu lassen als Jemand zu kränken Mein Herz bleibt mir ein ewiges
Rätsel  Wenn alle Weiberherzen so viel Schwachheit besizzen dann wundere ich
mich nicht mehr über die vielen gutherzigen Fehler die unserm Geschlechte so
häufig ankleben Kannst Du es begreifen meine Freundin Ich habe bei seinem
Abschiede noch Tränen der äußersten Wehmut vergossen Er schien mir jetzt ein
hingeworfenes Opfer das auf dem schlüpferigen Pfade des Lasters ohne Freunde
dem Abgrunde zustrauchelt  Der Friede wurde geschlossen die Werbungen
eingeschränkt und er musste zu seinem Regimente zurück  Mein Oheim verließ den
Armseligen mit einer empfindsamen Bitterkeit die seinem so sehr beleidigten
männlichen Charakter leicht zu vergeben ist
    »Nimmermehr  sagte er leztin  soll er es wieder wagen dich oder mich zu
beunruhigen «
    Er hat aber auch diesen guten Oheim fast ganz an Glüksgütern entblöst und
nun zwingt ihn die Not die Hilfe eines Freundes zu meiner ferneren
Unterstüzzung anzurufen  Ich habe mir selber eine Art Kloster zu meinem
Aufenthalte gewählt dessen Orden mehr ans Weltliche gränzt  Ich werde bald
mit gewissen kleinen Vorbehältnissen dorten als Kostgängerin meine traurigen Tage
verleben Die Welt ist mir jetzt zu verhasst um ihrer Reize zu genießen denen
mein armes Herz sich gewiss nicht öffnen würde Wenn die Schwermut einmal Wurzel
gefasst hat dann hat sie ihre stillen Entzükkungen und man genießt ihrer im
einsamen Nachdenken Ich kann oft heftig zürnen wenn es Jemand wagt mich in
einer Seligkeit zu stören die ich in den stillen sanften Stunden einer
denkenden Schwermut genieße  Traurigkeit wird durch Gewohnheit zu einer
Leidenschaft die überall Stoff zur Nahrung findet wenn sie in einem fühlenden
Herzen ihren Wohnsiz hat Das Unglück macht denken das Denken wehmütig und
diese Wehmut vergilt dann wieder mit süßer unaussprechlicher Wonne den Eindruk
des ersten Schmerzens Wenn die Menschen das entzükkende stille Gefühl einer
schleichenden Melankolie recht zu empfinden wüssten sie würden es gerne mit den
wilden rauschenden Vergnügungen vertauschen die nur den gröbern Teil des
Menschen sättigen O Fanny  Ich will mich laben an meiner Lieblingslaune in
den stillen Mauern der Einsiedelei Kein Zwang wird mich dann wie ehmals nach
den Freuden der Welt lüstern machen Ich werde freiwillig einer Unterhaltung
entsagen deren Genuss in meiner Willkür stünde Du wirst Dich wundern Fanny
ich darf Besuche annehmen und auch wieder geben nur alles unter gewissen
Einschränkungen Auch will ich in meinen Büchern schon Unterhaltung genug
finden die mich sättigen wird an Leib und Seele und denn wird es ja doch im
Kloster etwa eine gute Seele geben an die ich mich werde ketten können sonst
würde ich die Leere wohl nicht aushalten das für empfindsame Herzen eine
völlige Unmöglichkeit ist  Ich will dann auch meine Fanny Dir zu Gefallen
einer Gesundheit so viel möglich pflegen von welcher deine Ruhe so sehr
abhängt Das Andenken meiner vorigen Tage soll mir dann die Ruhe der
gegenwärtigen schmekken lassen  und sollten sich dann auch meine übrigen
lebhaften Leidenschaften melden die so stark in meinem Körperbau liegen dann
sei Du meine Freundin der Schuzengel der mich leitet Du hast einen so
aufgeklärten Verstand dass ich Dir nicht einmal meine Fehler verschweigen würde
weil ich deine sanfte Leitung kenne  Aber nun meine Teuerste Reiseanstalten
machen den heutigen Brief etwas kürzer Doch nichts in der Welt soll im Stande
sein ein Herz mit Kälte zu erfüllen das ewig ewig nur an Dir hangen wird
    
                                                                         Amalie
 
                                  LXXXV Brief
                                   An Amalie
Millionen Glükwünsche zu deiner Erlösung gutes sanftes Weibchen  Die
Nachricht davon erfüllte mich mit unbeschreiblichem Entzükken  Meine Freude
über deine Rettung brachte mich in einen Taumel von Seligkeit dem ich mich
nachher freiwillig überlies um mich von der Wirklichkeit derselben ganz zu
durchdringen  O du gute vortreffliche Seele vergossest noch Tränen bei dem
Abschiede eines Undankbaren der Dich vielleicht für die ganze Zeit deines
Lebens unglücklich gemacht hätte  Aber meine geliebte Amalie deine gutherzige
Schwachheit ist demungeachtet weit von jener sinnlosen Schwäche verschieden die
man bei unserm Geschlechte leider so oft findet  Ein Weib das nicht denkt 
und wie viele denken denn  Ein Weib ohne moralisches System ist ein Wesen
ohne Grundfeste das der blose Hauch des Lasters zu jeder Ausschweifung
hinreißen kann Wenn der Kopf eines Weibes ihrer Reizbarkeit nicht Grundsäzze
entgegensezt dann ist sie verloren für Ehre und Tugend  Mangel an Denken
macht sie bei ihrer ohnehin schwachen Anlage wankelmütig leichtsinnig eitel
und bereitet ihr am Ende manchmal unwillkürlich das Grab ihrer Tugend Bei den
meisten Weibern wird Liebe und Freundschaft verwahrloset oder gar verraten
wenn ihre angeborene Schwachheit durch Gewohnheit zum Laster ausartet Ihr Herz
führt sie ohne Beistand des Kopfs bei den geringsten Versuchungen irre Das
weibliche Herz ist von der Natur zu weich geschaffen und ist durch seine
Schwäche wenn es nicht durch Vernunft zum Nachdenken geleitet wird allzu
empfänglich fürs Böse  Die Ausschweifung der Weiber hat von jeher an Größe und
Mannigfaltigkeit die Tollheiten der Männer übertroffen Man wird immer weit mehr
sträfliche Weiber als sträfliche Männer finden denn der Kopf taugt bei den
wenigsten Weibern etwas und dann sinken sie gedankenlos hin in alle Fehler der
Menschheit die sich ihrer Schwachheit darbieten Bosheit Dummheit und
Eitelkeit sind ihre mächtigsten Triebfedern zu allen übrigen Ausschweifungen
Die meisten Weiber sind zu wankelmütig um in der Liebe und Freundschaft jene
Standhaftigkeit zu behaupten die das Glük derselben ausmacht Aus Romanensucht
verliebt sich wohl hie und dort ein Mädchen aber kaum hat sie die Hindernisse
der Liebe überstiegen so gelüstet es ihrem lekkern Gaumen schon wieder nach
etwas anderem  Das Wort Weib ist ein ewiges Geheimnis dessen Karakteristik
nie kann entwikkelt werden Ich habe manches Weib durch Liebe sehr glücklich
gesehen die in den Armen ihres Gatten alle nur mögliche Glückseligkeit zu
genießen schien und doch war oft der elendeste Stuzzer im Stande die
geheiligten Bande eines Biedermannes zu beflekken Die abscheuliche Eitelkeit
macht so viele Weiber zu tändelnden Kindern denen man so leicht Flittergold
statt dem ächten in die Hände drükken kann Das nichtdenkende Weib bleibt bloß
am Sinnlichen hangen und ist samt seinem weichen Herzen nur zu oft das Opfer
eines schöngewachsenen Schandbubens Schmeichelei und Eigennutz macht den größten
Haufen von Weibern zu elenden Werkzeugen der Wollust dessen sich jeder
Bösewicht bedienen kann wenn er Kunst dazu besizt  Siehst Du Amalie so ist
unser Geschlecht beschaffen Ein Geschlecht dem die meisten männlichen
Schriftsteller so vielen Weihrauch streuen so dass es sich nicht einmal bessern
kann wenn es auch schon wollte  Fehler aus Höflichkeit nicht aufdekken
wollen war nie meine Sache und das Bestreben die Mängel meines eigenen
Geschlechts zu verbergen würde mich zu jener elenden Eigenliebe herabwürdigen
die so leicht an kriechendes Wesen gränzt  Wenn ich mir denn auch das
Nasenrümpfen meiner eitlern Mitschwestern dadurch zuziehe so ertrage ich es
weit leichter als die Beschuldigung einer heuchlerischen Schilderung die mir
von Kennern zur Last gelegt werden könnte die mit Aufmerksamkeit unser
Geschlecht studiert haben Gibt es nun unter unserm Geschlechte zuweilen auch
Ausnahmen so mögen mir diese Wenigen durch ihr ruhiges Gewissen beweisen dass
sie über eine Wahrheit nicht böse sein können die nur die Schuldigen trift 
Keine Würdige wird sich so leicht in meine Schilderung eindringen dahingegen
eine Getroffene sich vielleicht von selbst aus beleidigter Eitelkeit verrät
Aufrichtigkeit war von jeher mein erster Grundsaz und ich kann unmöglich durch
dieselbe meine Mitschwestern beleidigen wenn bei ihnen die Verstellung nicht
schon ganz die Aufrichtigkeit verdrängt hat  Zu dem kümmere ich mich auch um
unser Geschlecht zu wenig als dass sein Zorn mich kränken könnte Weiberzorn ist
ja oft so ungegründet und gränzt so sehr an tausendfache Dummheit  Der Neid
meines Geschlechts war von meiner ersten Jugend an mein Gegner und meine
Gespielinnen verfolgten mich oft aus Gewohnheit aus Langeweile aus Hang zur
Verleumdung aus Misgunst nie aber aus Überzeugung eines an mir entdekten
Lasters Ich liebte sie als Menschenfreundin alle wie sie mir aufstiessen aber
schäzzen konnte ich wegen ihren abgeschmakten Bosheiten nur wenige 
Wirklich meine Amalie außer Dir wird wohl mein Herz ewig der Freundschaft und
Achtung für dieses Geschlecht verschlossen bleiben  Aber nicht wahr meine
Teuerste heute verweile ich zu lange bei einem Punkte der fast den ganzen
Raum dieses Briefs anfüllt  Nun will ich aber auch geschwind wieder zu dem
Aufenthalt deines Klosters zurückeilen Ich zittere für deine Gemütsruhe meine
Liebe ich entdekte in deinem Briefe zu viel Schwermut um diese einsamen
Mauern nicht als deine heimlichen Mörder zu betrachten die Dich durch ihre
betrügerischen Reize zur tötlichen Melankolie hinreißen werden  Es liegt eine
gefährliche Anlage zur Verrükkung der Sinnen in Dir Du nährst mit Wollust einen
Hang den das Unglück schon so tief in deiner Seele Wurzel fassen lies um ihn
wieder so leicht ausrotten zu können Hüte Dich Amalie vor zu langwieriger
Einsamkeit sie würde in kurzer Zeit dein Blut vollends verdikken  Und dann
wenn ich noch die Bedürfnisse deiner Empfindsamkeit bedenke o so möchte ich
laut aufrufen O gütiger Allvater im Himmel schenke meiner Amalie bald wieder
einen andern bessern Gatten in dessen Armen sie für Leib und Seele Nahrung
findet  Lebe wohl liebenswürdiges Weibchen und vergiss nicht deine traute
                                                                          Fanny
 
                                 LXXXVI Brief
                                    An Fanny
Seit vierzehn Tagen bin ich hier bei den sogenannten englischen Fräulein  Das
Kloster ist ein sehr altes Gebäude hat aber einen sehr hübschen Garten  Die
Damen dieses Stifts sind meistens adeliche die aus Familienverdrüsslichkeiten
aus Hang zur Einsamkeit oder sonst aus geheimen Ursachen diesen Aufenthalt
wählten Auch nach dem Gelübde haben sie immer noch die Freiheit zu heiraten
Ihr Orden scheint bloß eine Geburt des weiblichen Eigensinns zu sein um unter
Müßiggang und verschiedenen Zänkereien ihren Launen abzuwarten Die älteren
Fräulein hängen sich an Bigotterie und ihre hässlichen Folgen die jüngeren
ergeben sich den schönen Wissenschaften und der Liebe Doch muss ich es gestehen
es gibt unter diesen Damen troz den vielen männlichen Besuchen selten
auffallende Szenen die ans Aergerliche gränzten Sie misbrauchen ihre Freiheit
nicht sondern folgen willig der weisen Leitung einer vernünftigen Oberin wenn
sie das Glük haben eine solche Führerin zu besizzen  Die Beschäftigung
einiger Damen ist Erziehung der Jugend und die Schulen worinnen mehrerlei
Sprachen gelehrt werden Aber auch da hat das Vorurteil in der Erziehungsart
seine Stelle eingenommen freilich nicht so stark wie in andern Nonnenklöstern
aber dennoch werden die Kinder steif und abgeschmakt erzogen  Ein mechanisches
Einerlei ist die Beschäftigung ihrer Kostgängerinnen von frühe bis Abends  Die
Arbeiten dieses Häufchens von jungen Mädchen teilen sich unter Nähen Strikken
Beten Essen Schlafen Schwazzen und die Erlernung eines unregelmässigen
Dialekts der französischen Sprache  Die Schulaufseherinnen geben sich zu wenig
Mühe die aufkeimenden Gefühle der Liebe in ihren schon etwas erwachsenen
Kostgängerinnen zu studieren Das achtzehnjährige Mädchen wird eben so strenge
als das achtjährige bewacht und muss seine Gefühle heuchlerisch unterdrükken
Männer statten bei ihren Lehrmeisterinnen Besuche ab und reizen dadurch die
Einbildungskraft eines empfindsamen Mädchens die bei ihrer harten Einschränkung
sich das nemliche Vergnügen wünscht Und dann die Verschiedenheit der Herkunft
dieser Mädchen die alle beisammen wohnen und schlafen müssen ist die
gefährlichste Lage für ein gutartiges Gemüt das vom übelen Beispiele
hingerissen alle Unsittlichkeiten einsaugt die durch Kinder aus dem Pöbel
getrieben werden Die jüngeren werden von den älteren in allerhand Untugenden
unterrichtet und lernen oft vor der Zeit die Triebe der Natur kennen
Schwazhaftigkeit Neid Boshaftigkeit und andere üble Gewohnheiten keimen unter
ihnen im Stillen durch böses Beispiel erzeugt hinter dem Rükken ihrer
Lehrmeisterinnen auf die ihre kurzsichtigen Augen nicht überall haben können
um so viele Kostgängerinnen in ihren einzelnen Leidenschaften zu beobachten Die
Tochter eines Edelmanns wird oft von der Tugend eines Bürgermädchens beschämt
und dann im Gegenteil wieder die Tochter eines Edelmanns durch das rohe Laster
eines Bürgermädchens verdorben ohne dass es ihre Lehrmeisterin einmal gewahr
wird Keine von diesen Mädchen erhält ihrem Stand angemessene Bildung  Mich
dünkt der blose Eigennutz ist der Endzwek dieser Erziehungsanstalt denn
mehrmalen wird eine reiche unartige Bürgerstochter im Schoss ihrer bestochenen
Lehrmeisterin verzärtelt da indessen die ärmere adeliche unter der rohen
Behandlung des großen Haufens mitlaufen muss Man untersagt zwar den Kindern die
Lesung guter Bücher nicht aber man lehrt sie über kein Buch urteilen
öffentliche Vorlesungen durch welche die Kinder so viele Vorteile auf einmal
erhalten sind gar keine hier gebräuchlich Man sucht den Kindern bloß das
Gedächtnis durch Auswendiglernen zu überladen ob sie dann mit oder ohne Gefühl
lesen das ist den Lehrmeisterinnen völlig gleich  Diese mechanische Lesart
erzeugt Dummköpfe welche in der Zerstreuung hastig und eintönig die schönste
Moral hinwegplappern wobei sie gar nicht denken und also ihrem Geiste wenig
oder gar keine Nahrung dadurch geben können Wer nicht beim Lesen denken lernt
kann nichts verstehen und wer nichts versteht der fühlt auch nichts  Das
laute Vorlesen beschäftigt fast alle Sinnen und gibt jedem eine regelmäßige
Richtung Die Fertigkeit im Lesen der edle Ausdruk werden unvermerkt einer
solchen Schülerin zur Gewohnheit da indessen ihr Herz ihr Verstand ihr
Gefühl ihre Beurteilungskraft auch unendlich viel dabei gewinnen  Man lege
den jungen Mädchen Fragen über das Vorgelesene vor damit solche von einer jeden
nach ihren Begriffen schriftlich beantwortet werden und dann wird die
Lehrmeisterin entdekken können wer mit Vorteil gelesen oder zugehört hat 
Diese Art junge Seelen unterhaltend zu bilden ist die größte Kunst Menschen
leicht denken und schließen zu lehren  Es gibt auch bei Tische und in den
Erholungsstunden so viele nüzliche Unterhaltungen die den jugendlichen Geist
lehrreich und angenehm beschäftigen aber freilich dazu gehört ein Bischen mehr
als bloß ein weiblicher Klosterkopf um so eine Unterhaltung zum Nuzzen
anzuwenden Jedes Alter unter denen Kostgängerinnen sollte seine besondere
Lehrmeisterin seinen besonderen Tisch und seine besonderen Zimmer haben Kinder
müssen wieder kindisch und spielend zum Denken und Fühlen angeleitet werden
hingegen Mädchen von gewissen Jahren müssen durch ernstaftere Anweisung die
gerade zu den sich allmählich entwikkelnden Ideen passt geführt werden Liebe
Freundschaft Großmut Ehestands und Mutterpflichten Religion und Lebensart
müssen ihnen im reinen Lichte ohne Fantasterei ohne Vorurteil vorgelegt werden
damit sie untereinander durch solche ungezwungene Unterredungen erhaben denken
und handeln lernen Alle Moral hat für die Jugend ihre Reize wenn sie ihr sanft
und offenherzig genug so wie es der gütige Schöpfer haben will ins Herz
geprägt wird  Die Lehrmeisterinnen dürfen an einem Zögling in Rüksicht auf
Liebe durchaus keine Verstellung dulden sie lehrt heucheln und ist der erste
Grund zum Verderben eines jungen Herzens So bald aber die jungen Mädchen
einsehen lernen dass reine wahre Liebe nicht sträflich ist so haben sie sich
nicht eines Triebes zu schämen der öfters bloß aus Zwang ausartet  Die zu
scharfen Verbote einer sinnlosen Lehrerin in Ansehung der Liebe verderben die
bessten Herzen  Ohne Zutrauen gegen ihre strenge Führung folgen dann solche
Mädchen heimlich ihren Wünschen und finden den Weg zum doppelten Laster zur
Lüge und zur fleischlichen Befriedigung  Das Verbot macht ihnen die Sünde
kennbar wo eine bessere Leitung in der Liebe sie zur Rechtschaffenheit geführt
hätte  Doch genug meine Fanny von einer Erziehungsart die unter Weibern
ewig nie zu Stande kommen wird  Warum  Das beantworte Dir selbst Und nun
für heut ein recht warmes Mäulchen von
                                                                  Deiner Amalie
 
                                 LXXXVII Brief
                                    An Fanny
                                Meine Traute 
Ich kann unmöglich deine Antwort abwarten die Zeit würde mir sonst tötlich
lange werden  Ich habe Dir leztin die hiesige Erziehung in etwas entworfen 
Aber wie viel Stoff wäre noch vorhanden um sie auszumalen diese elende
Erziehungsart Täglich erwekt sie mir mehr Ekkel  Wo ich nur hinblikke fallen
meinem Auge neue Mängel darin auf  Kaum kehrt die Lehrmeisterin ihren
Zöglingen den Rükken so geht es an ein Hadern an ein Schreien unter diesen
Mädchen dass man gehörlos werden möchte Schwazhaftigkeit ist ohnehin von Natur
der Fehler unsers Geschlechts  Man denke sich nun so ein Häufchen weiblicher
Geschöpfe in ihrer Freiheit zusammen die in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin
keinen Laut von sich geben durften  Da sizzen sie dann die armen Schlachtopfer
der Dummheit flüstern sich einander heimlich in die Ohren und zittern bei dem
geringsten Wort ihrer mürrischen Lehrerin  Durch das strenge Verbot gereizt
werden sie lüstern nach Freiheit und hängen dann in Gedanken dieser Lüsternheit
so sehr nach dass ihr Geist unfähig wird zum Lernen  Unter einer vernünftigern
Einschränkung frei und munter begreifen die Kinder mit unendlich weniger Mühe
Der gute Willen eines Kindes durch Ehre angefeuert erfüllt weit leichter und
besser seine Pflichten und führt dem Zwecke näher als die raue Art womit man
sie dazu zwingen will  Sie werden durch eine solche strenge Art verstokt
hinterlistig verschmizt und lernen nie aus eigenem Trieb ihre Pflichten
kennen  Auch die Art die etwas älteren Mädchen zu bestrafen will mir durchaus
nicht gefallen  Durch öffentliche kindische Züchtigungen wird das Ehrengefühl
eines solchen armen Mädchens mehr verdorben als gebessert  Sobald das
erwachsene Mädchen mit dem Kinde einerlei Strafe dulden muss so wird ihm diese
kindische Beschämung zur Gewohnheit und erstikt in ihr jene edle Begriffe von
wahrer Schamhaftigkeit die für ihre Jahre die erste Triebfeder zum Guten werden
könnten  Doch weg hievon meine Fanny und in den Speisesaal dieser
Kostgängerinnen Du wirst Dich wundern wie sie ihr französisches Tischgebet so
kalt und flüchtig daherschnattern dass es dem lieben Gott im Himmel gewiss nicht
gefallen kann  Weder ihr Herz noch ihr Kopf sind von den dankbaren Gefühlen
durchdrungen die wir doch Alle so warm dem Ewigen schuldig sind  Gemein weg
wie man es unter so vielen Katholiken antrift sind ihre Begriffe von Gott nie
das was sie sein sollten Ihr Religionsgefühl ist der seichten Lehrart ihrer
Vorsteherinnen angemessen Sie werden Christinnen ohne Empfindung bloß dem
Munde nach  Der Mangel ihres Gefühls lässt sie nicht weiter über die Größe
Gottes nachdenken als ihre Begriffe ihn fassen können diesen so gütigen Gott
dessen Allmacht sie nicht einmal aus der Natur einsehen und verehren lernen
Weinen möchte man darüber dass der heiligste Gegenstand der Religion in der
weiblichen Erziehung so verstümmelt wird  Bei ihren Mahlzeiten genießen diese
armen Kinder Gottes gütige Gaben mit der äußersten Schüchternheit Keine Silbe
von Gespräch durch welches man die Denkungsart der Kinder so leicht kennen
lernt darf in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin unter ihnen geführt werden  Sie
lernen nicht einmal mit Anstand ohne Zwang ihre Speisen genießen die Furcht
schraubt sie in jeder ihrer Bewegungen wie Dratpuppen zusammen Nach Tische
besteht ihre Erholung in einem Spaziergang im Garten aber auch hier dürfen sie
nicht einmal der lieben Freiheit genießen Wenn nun zwo sympatisirende
Freundinnen sich einander gerne allein ihr Herz mitteilen möchten so werden
sie wie ein Bliz von der mistrauischen Lehrmeisterin getrennt weil sie
befürchtet ihr Herz möchte sich dem Gefühl der Freundschaft öffnen Sonntags
müssen die Zöglinge paarweis in Gesellschaft einer Lehrerin den Jünglingen zur
Schau eine Hauptkirche besuchen Ganze Reihen junger Mannsleute stellen sich
ihnen alsdann in den Weg und reizen die schon zu fühlen beginnenden Mädchen zu
heimlichen Leidenschaften Diese sklavische Behandlung bringt sie nach und nach
zur schändlichsten Erkältung in der Religion  Hingerissen beim Kirchengehen
vom Wohlgefallen am männlichen Geschlecht opfern sie bei ihrer Andachtsübung
eher dem Gott der Liebe als dem Allgewaltigen im Himmel  Kann man die
Religion den jungen Mädchen gefährlicher einkleiden als in solche gleissnerische
Bigotterie  Kurz meine Fanny überall finde ich dass dieser Erziehungsplan
gar nicht zum Wohl der Menschheit entworfen ist Wäre ich auch mit Kindern
überhäuft so würde ich sie lieber an meiner Seite einfach nach dem schönen
Wink der Natur erziehen als an solche Orte hingeben wo jedes gute Gefühl in
ihnen erstikt wird  Die Erziehung ist ja so wichtig für unsere Glückseligkeit
und doch gibt es Eltern die sogar ihr Vermögen daran wenden ihre Kinder an
solchen Orten verderben zu lassen  Kein Monarch sollte Erziehungshäuser
dulden wenn sie nicht vorher strenge untersucht worden sind Vorurteil
Religionshass Bigotterie und Weibergrille sollten da durchaus nicht ihren
Wohnsiz haben wo es darauf ankömmt liebenswürdige Gattinnen vernünftige
Mütter und rechtschaffene Bürgerinnen zu bilden  Aber was meinst Du wohl
Fanny wenn die Weiber unter einander es wüssten dass ich es wage Anmerkungen
über sie zu machen  Hu  wie würde mich ihre gereizte Eitelkeit verfolgen 
Doch Misbräuche mit Wahrheit anfeinden darf eine jede Denkerin Ich schwöre
Dir dass ich es ungerne tue Dinge zu entdekken die unserm aufgeklärten
Jahrhundert nichts weniger als Ehre machen  So viel für heute von
                                                                  Deiner Amalie
 
                                LXXXVIII Brief
                                   An Amalie
Deine beiden Briefe meine Freundin bestätigen ganz meinen Grundsaz dass mit
den wenigsten Weibern etwas vernünftiges anzufangen ist  Ich kann nicht
begreifen wie man ihren Köpfen die beinahe alle verdorben sind das Werk der
Erziehung anvertraut  Die Nonnen erschleichen sich durch den Schein der
Frömmigkeit das Zutrauen der leichtgläubigen Eltern auf Unkosten der armen
Jugend Die Eltern sind gewohnt das Kloster als eine sichere Festung der Tugend
für ihre Kinder zu betrachten  Riegel und Schlösser scheinen solchen
blödsichtigen Leuten das besste Mittel das jugendliche Feuer eines raschen
Mädchens einzuschränken Die Kurzsichtigen begreifen nicht dass gerade das der
Weg ist ihre Töchter dem Abgrund zu nähern dem sie an der Seite einer guten
Mutter leichter entgehen würden Lebhafte Temperamente bahnen sich durch
Einsperrung den Weg zum hartnäkkigen Laster  Das besste Mädchen wird dann durch
Zwang zur boshaften Dirne und befolgt nur widerspenstig ihre Pflichten
Klostererziehung ist eine verderbende Seuche die durch schiefe Leitung die
bessten Herzen zur Fäulnis bringt Doch ist die üble Lehrart unter diesen Weibern
nicht so sehr Nachlässigkeit als Mangel an Einsichten  Dumme Erziehung pflanzt
sich von einer Nonne zur andern fort und nur selten gibt es ein Weib die
Fähigkeit genug besizt Menschen im ganzen Verstande dieses Wortes zu bilden
Ihr Despotismus ist gerade das gefährlichste Mittel junge Seelen zu Grunde zu
richten Guteit Sanftmut Vernunft Nachdenken Ergründung der Temperamenten
ist zwar nicht die Sache einer Jeden weil ihr dieser Weg aus Mangel an eigener
Erziehung selbst fremd ist Solche Nonnen arbeiten meistens fürs liebe Brod
und kümmern sich wenig um das einzelne Wohl eines Zöglings der für sein Geld
sich seinen Untergang eintauscht  Wäre es diesen Weibern um das Glük ihrer
Zöglinge zu tun so würden sie nicht mehr Kostgängerinnen annehmen als sie
übersehen können Die Vernünftigste unter ihnen kann denn doch in ihren Mauern
die nötige Erfahrung nicht haben um ein Mädchen mit Welt und Menschenkenntnis
zu erziehen Wo findet man unter den Weibern so leicht selbsterworbene
Menschenkenntnis  Ihre Köpfe sind mit etlich Duzzend Alltagssäzzen angefüllt
und auf diese gründet sich ihre ganze Erziehung ohne Rüksicht auf die
Verschiedenheit der Temperamente Die klügern Protestanten lehren ihre Kinder in
keinem Kloster sondern im Kindersesselchen schon die Pflichten gegen Gott und
ihre Nebenmenschen kennen da hingegen die katholischen Klosterzöglinge manchmal
ihr ganzes Leben hindurch kaum ihr Dasein fühlen  Das Buch der göttlichen
Offenbarung ist ihnen eben so fremd als das schöne Gefühl der lieben Natur
worin die Allmacht des Schöpfers so kennbar geschrieben steht Gellert dieser
vortreffliche Lehrer der erhabensten Begriffe von der Herrlichkeit Gottes ist in
den Augen der meisten Nonnen ein Kezzer Ihre rasende Ignoranz geht bis zum
Abscheu  Die Wut des Vorurteils sizt mächtig stark in ihren elenden Köpfen
und so pflanzen sie die Unerträglichkeit auch in ihren Zöglingen fort Die
Protestanten sind weit guterziger und sorgen feuriger für das Wohl ihrer
Kinder  Ich selbst war einst Augenzeuge dass die katholischen Starrköpfe von
Nonnen ein protestantisches junges Mädchen nicht in ihre Verpflegung aufnehmen
wollten  Kann man den unsinnigen Hass weiter treiben Wer gibt diesen
Boshaften das Recht eine andere Religion anzufeinden  Die Elenden wagen es
ihrem unschuldigen Nebenmenschen Liebesdienste zu verweigern die der Heiland
selbst nicht versagte  Von elenden Grillen angestekt wandeln sie auf dieser
Erde den verdienstlosen Weg fort der ihnen von einem gallsüchtigen
Gewissensrat vielleicht in der Beicht ist angewiesen worden Wie kann denn ein
junges Herz bei so einem Beispiel Menschenliebe lernen  Wer das Unglück seiner
Mitbrüder nicht erleichtert wer sie nicht liebt sie mögen auch hingehören wo
sie wollen der wird meineidig am Schöpfer  Und nun genug von einer Sache die
wir doch nicht ändern werden Lebe wohl gutes Malchen   Lebe wohl 
                                                                          Fanny
 
                                 LXXXIX Brief
                                    An Fanny
                                  Teuerste 
So einsam mein Aufenthalt auch immer ist so findet sich doch immer etwas zum
plaudern Durch meine Beobachtungen erweitere ich meine Kenntnisse und erhalte
dadurch eine Beschäftigung die mich vor Langeweile schüzt Unter den Menschen
findet man überall Stoff genug zum Denken Unvermerkt lernt man Tugend von
Gleissnerei Schwachheit vom Laster unterscheiden Wie nüzlich wäre jedem
Frauenzimmer Menschen und Sittenkenntnis Wie unterhaltend ist dieses Studium
für ein denkendes Weib Die Frauenzimmer wären in der Glückseligkeit zu beneiden
wenn sie ihre müßigen Augenblicke dazu verwendeten Sie würden eigene Fehler
durch fremde kennen lernen und überall den schlechten Zustand des menschlichen
Herzens entdekken Sie würden auch ihre Stunden weniger mit Puz an der Toilette
töten und dadurch ihrer sträflichen Eitelkeit eine Nahrung benehmen die so
oft in Laster ausartet  Sie würden dann aufhören ihre übrige Zeit mit
verläumderischer Schwazhaftigkeit zu brandmarken  Kurz sie würden denken
lernen und durchs Denken fühlende nüzliche Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft werden Weibliche Tändeleien die den Kopf stumpf und das Herz zum
Biedersinn unfähig machen sind die unrühmlichen Beschäftigungen womit sich
unser Geschlecht abgibt  Die Weiber sind oft in ihrem fünfzigsten Jahre noch
unmündige Kinder die in ihren eitelen Puz verliebt vom frühen Morgen bis Nachts
damit spielen leer im Kopf und fühllos fürs Moralische im Herzen freuen sie
sich einer Arbeit die bloß dem törichtsten Gott der Mode opfert  Schöpfer
und Pflichten werden über diesen allwichtigen Punkt ihrer Eitelkeit vergessen
und nur selten bleibt ein junges eitles Weib bloß eitel  Ist doch eine
Modekleinigkeit im Stande ihr schwaches Herz zu entzükken um so viel leichter
wird es die Schmeichelei eines Stuzzers zum Laster bereden Die Liebe zum Puz
wird unter den Frauenzimmern zur umsichfressenden Seuche und raubt unterstüzt
vom Eigennutz ihnen ganz gewiss Ehre Tugend und guten Namen So viele Weiber
machen aus Eitelkeit die Schande ihrer Männer den Fluch ihrer Eltern und den
Abscheu eines ganzen Publikums aus  Sie wollen durch Verschwendung ihre Larve
zum gefallen zwingen und erkaufen sich diese Reize durchs Laster um sie wieder
zum Laster zu benuzzen Es ist zum Erbarmen wenn man unser Geschlecht
betrachtet wie erfinderisch es sich bemüht durch Körper zu gefallen  Die
Männer werden gleichsam gezwungen nur nach dem lokkenden Körper zu haschen
weil sie darin fast überall eine edle Seele vermissen Die ganze Zeit ihres
Lebens an physische Reize gewöhnt leugnen die Männer sogar die seltene Tugend
der Frauenzimmer rundweg Würden die Frauenzimmer nicht ihre Verehrer bloß durch
blendende sinnliche Reize an sich ziehen so gäbe es nicht eine so große Menge
Lotterbuben die durchgehends dem blosen Genus nachjagen O Freundinnen  Bei
dem geheiligten Gefühl der Mutterliebe beschwöre ich euch um das Wohl euerer
künftigen Töchter leitet das verwöhnte Männergeschlecht durch moralische
Vorzüge zu der Achtung zurück die es unserm Geschlecht schuldig ist  Lehrt es
die wahre Liebe im Glanz ihrer göttlichen Zufriedenheit kennen  Macht das
durch Brutalität verwilderte Männerherz sanft empfänglich für eine Liebe die
der Schöpfer zur Triebfeder alles Guten so wonnevoll in den Bau unsers Körpers
legte  Liebe Freundinnen  denkt über die Anträge der Männer selbst nach und
lernt genau Liebe von Wollust Gutherzigkeit von Galanterie Temperament von
wirklicher Zärtlichkeit unterscheiden Beide Geschlechter werden dann aufhören
unter dem Vorwand der Liebe einander zu hintergehen und gegenseitige Treue wird
in der wahren Liebe das blose schändliche Bedürfnis beschämen das man außer
dieser so tierisch untereinander befriedigt Gewis meine Fanny wenn ich den
traurigen Zustand der gegenwärtig herrschenden Mishandlungen von Afterliebe
erzeugt überdenke so kostet es mich Tränen wenn ich sehen muss dass so viele
Unschuldige den schändlichsten Betrügereien ihren Nakken aus Leichtgläubigkeit
darbieten  Jeder Betrug wird doch von den Gesetzen scharf bestraft aber
Betrug in der Liebe ahndet keine Seele da er doch unter jungen Leuten um
tausend Grade stärker als der andere getrieben wird Man wechselt jetzt unter
beiden Geschlechtern bloß Körper um Körper und kein leichtsinniger Schurke
bedenkt dass oft die Seligkeit eines beschimpften Mädchens auf dem Scheideweg
steht zur ewigen Verdammnis  Befriedigt sind nun seine Triebe im Schoose einer
vertraulichen Unschuld die durch Schwüre erweicht das hingab was an ihr
heilig sein sollte um dann durch seinen gebrochnen Eid reif zu werden als
Kindermörderin zum Schaffot  Schröklich wird Gott einst so einen Bösewicht
richten der mit Tiegergrausamkeit zwei Geschöpfe auf einmal mordete  Wie er
dann da stehen wird der meineidige Ehrendieb eines gutherzigen Geschöpfs die
von Kunstgriffen besiegt ihm eine lange Ewigkeit durch flucht  Gott  Gott
 wie mich dieser Gedanke hinreisst zum heftigsten Eifer  Ich muss abbrechen
Fanny  Mein Herz fühlt zu viel bei einer Sache die man in der Welt so häufig
antrift  Gute Nacht für diesmal  gute Nacht 
                                                                         Amalie
 
                                   XC Brief
                                   An Amalie
                              HerzensWeibchen 
Du hast in deinem Brief mit Wahrheit und Nachdruk über den beiderseitigen Betrug
in der Liebe gesprochen und ich stimme Dir von Grunde des Herzens darin bei
Nur zuerst noch ein Wörtchen von der weiblichen Eitelkeit  Ja meine Freundin
diese abscheulichste aller Torheiten beherrscht das weibliche Geschlecht bis
zur Sträflichkeit  Auch das dümmste Weib ist selten zum Puz zu dumm Es
scheint als ob die Eitelkeit im Mutterleibe schon auf die Töchter fortgepflanzt
würde Diese sträfliche Neigung hält unser Geschlecht vom Denken ab und macht
aus Menschen bloß Affen die sich nach der Modegrille drehen So viele Weiber
taumeln träumend mit ihrer Eitelkeit beschäftigt die Tage ihres Lebens durch
und erinnern sich erst auf dem ungepuzten Sterbebette dass sie Diebinnen der
kostbaren Zeit waren  Der Fehler rührt von der Mutter her weil sie durch
eigenes Beispiel ihrer Tochter leichtsinnig den Weg des zeitlichen und ewigen
Verderbens zeigt Ein elender Wunsch zu gefallen macht die alte Matrone eben so
erfinderisch im Puzze als das junge schlecht erzogene Mädchen die unter der
Leitung ihrer koketten Mutter ihre größten Pflichten über der Mode versäumt 
Die erfinderischen eitelen Frauenzimmer haben die Reinlichkeit in kostbaren Staat
verwandelt der Ehemänner zu Grunde richtet und Jungfrauen zu Buhldirnen macht
Dieser abscheuliche Hang öffnet das Herz eines Weibes dem Neid und der Misgunst
 Ehrabschneiderei hat unter den Frauenzimmern am meisten ihren Aufenthalt weil
ihre eitelen Herzen so leicht über den schöneren Puz ihrer Gespielinnen bluten
Kurz Eitelkeit ist für ein schwaches weibliches Herz der erste Wegweiser zu
allen Ausschweifungen Kein Laster hält schwerer unter den Weibern auszurotten
als gerade Eitelkeit  Eben durch diese wird oft im ehrlichsten Weibe eine
heimliche Eroberungssucht genährt die über kurz oder lang ihren Mann gewiss
beschimpft  Nur die liebende Gattin unterhält mit Geschmak und mässigem
Aufwande ihre reinlichen Kleider und gefällt ihrem liebenden Manne weit besser
als die übertünchte Kokette ihrem buhlenden Stuzzer dessen flatternder Neigung
sogar am schönsten Puzze ekkelt  Würden die Weiber über ihre Bestimmung mehr
nachdenken lernen so bliebe ihnen zur verschwenderischen Eitelkeit keine Zeit
übrig die sie dann mit Buhlen oder Schminken töten müssen Sie tragen ja bloß
ihre verhunzte Larve zu Markte und kümmern sich nicht um den leichtgläubigen
Käufer wenn er nur ihre Eitelkeit ihren Eigennutz befriedigt  Die Männer
haschen mit ihren feurigern Trieben bloß nach dem was sich ihnen so leicht
darbietet und vergessen im Taumel ihrer Befriedigung dass sie eine öffentlich
feile Ware vor sich haben Eine Menge solcher feiler eitler Weiber sind nicht
im Stande eine Männerseele zu reizen und mitten im Genuss schon verlieren sie
des Mannes Achtung  Dann eilt dieses Männervolk auf den Flügeln der Wollust
und Galanterie von Körper zu Körper und vermisst bei so vielen Weibern das
wodurch er zur ernstaften moralischen Liebe gefesselt werden könnte Gewis
Freundin  Viel ist es auch die Schuld der Weiber dass die Mannsleute überall
hin flattern und so oft der bloßen Schale nachjagen Die üble Gewohnheit nur
Bedürnisse zu befriedigen reißt unter jungen Leuten so sehr ein dass sie darüber
Menschenliebe Ehre gutes Herz und Rechtschaffenheit aus der Acht lassen Wenn
ihre rohen Triebe gesättigt sind dann kümmern sie sich wenig um das Geschehene
und wenn es auch die grässlichsten Folgen nach sich zöge Der vorbeieilende
Taumel des Temperaments verhärtet das Herz eines Jünglings gegen das Weheklagen
eines Gegenstandes der seinem Körper bloß augenblikliche Dienste leistete Kopf
und Seele wird bei einer solchen Handlung zu wenig in dem flatternden Jüngling
interessiert als dass eine solche Gehülfin durch ihren Dienst auf einige Schonung
und Rüksicht hoffen könnte Die bloß tierische Befriedigung ist der äußersten
Harterzigkeit fähig Jünglinge die ihre Leidenschaften nicht durchs Denken
verfeinern verkennen am Rande des Grabes noch ihr eigenes Blut und nur zu oft
fließen die Tränen einer verführten Unschuld für ihren angewöhnten Leichtsinn
ohne sie zu rühren leicht vergessen ist von den Grausamen ein Mädchen die sich
ihren Lüsten anvertraute  Treulosigkeit in der Liebe ist ein so gemeines
Laster dass man es unter den Menschen schon ohne Ahndung duldet Der Fehler
dieser Unbeständigkeit liegt auch sehr viel im weiblichen Geschlechte weil es
die Männer aus Mangel am Denken zu nichts Besserm gewöhnt  Leichtsinn in der
Liebe ist so üblich unter den Mannsleuten geworden dass ein rechtschaffenes
Frauenzimmer bei einem Liebesantrag eher zwanzig Jünglingen ins Gesicht schlagen
sollte ehe sie es wagte Einem zu glauben  Die guterzigsten Mädchen werden
gerade am meisten betrogen weil ihnen Unbeständigkeit fremd ist Wie manche
gute weibliche Seele überlässt ihr ganzes Dasein einem heuchlerischen Schurken
der schlechtes Herz genug hat sie nach dem Genuss zu verlassen Aber alle Flüche
der Erde sind eine zu leichte Strafe für so einen Lügner der die Kühnheit hat
die ganze Ruhe eines armen Geschöpfs zu zernichten  Galere und Gefängnisse
sollten für dergleichen Ungeheuer eben so wohl offen stehen als für andere
Missetäter die vielleicht nie mit Vorsaz ein gutes Herz zerfleischten  Wenn
der vertrauliche Umgang eines ehrlichen Frauenzimmers so schändlich misbraucht
wird so hat die Arme das Recht einer Natur zu fluchen die ihr Triebe gab um
sie aus Gefühl und Gutherzigkeit zur ewigen Schande von einem Ehrenräuber
misbrauchen zu lassen  So bald der Ruf eines Frauenzimmers untadelhaft ist so
begeht ein Jüngling das größte Verbrechen wenn er sie nach dem Genuss verlässt 
Dieses enge entzükkende Band der seligsten Wonne kann von einem denkenden
Jüngling nie ohne Meineid gebrochen werden So wie es ihm bei der feilen
Befriedigung keine Pflichten nur Abscheu auflegt eben so unzerreisslich muss es
ihn in den Armen eines ehrlichen gefühlvollen Frauenzimmers binden die voll
Zutrauen ihre Ehre ihre Ruhe ihre ganze Seligkeit einem Geliebten überlies 
O der unmenschlichen Grausamkeit nach so einem warmen Zutrauen nach so vielen
Entzükkungen diejenige zu verlassen welche die Schöpferin eines Vergnügens war
das man ewig nie in den Armen einer feilen Dirne findet  Möchten nun Jünglinge
und Mädchen über meine Beobachtung nachdenken Sie würden hineilen in die Arme
der Liebe  und Schwelgerei Eitelkeit und Bedürfnis nur den Lasterhaften
überlassen  Nächstens ein Mehreres von deiner Dich liebenden
                                                                          Fanny
 
                                   XCI Brief
                                    An Fanny
                               Liebes Fannchen 
Ich habe Dir heute einen komischen Auftritt zu beschreiben der Dich gewiss
unterhalten muss  Was tut doch das Vorurteil nicht besonders unter einer
gewissen Art Menschen die ohnehin einen teuflischen Eigensinn besizzen  Vor
einigen Wochen fühlte ich große Anlage zu meiner gewöhnlichen Schwermut Ich
fiel darüber auf den Gedanken mir mit unsern Kostgängerinnen einen nützlichen
Zeitvertreib zu verschaffen um durch Zerstreuung dieser Krankheit vorzubeugen
 Du kennst nun meinen großen Hang zu Schauspielen  Schon lange hätte ich
darinnen gerne meine Anlage geprüft aber bis izt hatte es sich noch nie
schikken wollen Zwo von unsern aufgeklärten jungen Damen wovon die Oberin eine
ist billigten mein Vorhaben und halfen mir in den Anstalten zur Aufführung
eines Trauerspiels  worinnen ich nebst einigen wenigen von diesen
Kostgängerinnen zu spielen bestimmt waren Ich unternahm da eine Sache die mit
nicht wenigen Schwierigkeiten verbunden war denn ich musste mich dazu
entschließen Mädchen für Mädchen abzurichten Die wohlgebautesten wählte ich zu
männlichen Rollen und die übrigen zu Nebenrollen Das war für mich eine schwere
Unternehmung denn keine von den Mädchen hatte im mindesten Kenntnis vom
Schauspiel Einige darunter haben ihre ganze Lebenszeit kein Schauspielhaus
betretten Natürliche Anlage den Dichter bei Lesung zu verstehen und ihn
wieder richtig auf die Welt zu schaffen war bei keinem von diesen Mädchen zu
finden  Demungeachtet nahm ich mir vor durch fleißigen Unterricht die Mädchen
wenigstens mechanisch nur zu einer einzigen Rolle tauglich zu machen Ich
teilte unter ihnen die Rollen so gut als möglich nach ihren Temperamenten aus
und befahl dass sie dieselben bloß leise in Gedanken recht fest memoriren
sollten  Eine solche Arbeit war den jungen Mädchen sehr willkommen und sie
befolgten auch willig meine Vorschrift  Nun nahm ich eine um die andere auf
mein Zimmer und lies sie ihre Rolle ohne die mindeste Deklamation bloß eintönig
herunterbeten Meine Absicht war zu entdekken ob sie gut memorirt hätten um
dass sie nach der Hand bei Erlernung der Deklamation nicht irre würden  Die
Mädchen waren izt bald in ihren Rollen fest aber plapperten sie auch erbärmlich
eintönig herab  Nach diesem ersten Schritt in der Kunst unterstrich ich in
ihren Rollen diejenigen Worte wo der Nachdruk hingehörte Dann mussten sie mir
diese Unterscheidungswörter des Sinns aufs Neue memoriren Endlich schritt ich
mit ihnen zur lauten Deklamation und lies sie fast alle Stellen so lange
wiederholen bis sie den ächten Konversazionston in etwas trafen  Das war für
mich nun freilich eine unbeschreibliche Mühe und doch glückte es mir diese
Mädchen in Zeit von einem Monat ohne eigene Kenntnis bloß papageimässig zu
einer erträglichen Vollkommenheit zu bringen  Ihren Gang Bewegung und
Mienenspiel reinigte ich so viel möglich von lächerlicher Stellung von
Grimassen und falschen Gesten Genug die Kinder machten mir die äußerste
Freude  Ich lies sie öfters in ihren bestimmten Mannskleidern probieren um
durch die Übung eine Gewohnheit zur Natur zu machen Das vielfältige
Wiederholen brachte sogar in diesen Mädchen Empfindung hervor und schon fingen
sie an ihre Worte mit besserm Gefühl herzusagen  Ihr Herz nahm an der Handlung
einigen Teil so wenig auch ihr Kopf davon verstund Jede Stelle des Stüks
erklärte ich ihnen so richtig als es sein konnte und hielt mit den Mädchen
Vergleichungen aus dem menschlichen Leben um ihnen den Sinn des Autors
begreifen zu machen Die wizzigsten davon fanden eine tausendfache Unterhaltung
in dieser Beschäftigung und die dümmern brachten mir aller Mühe ungeachtet
eine Menge oratorischer Mistöne hervor und ich hatte außerordentlich viel
Arbeit um wenigstens die wichtigsten Stellen vor falschem Sinn und Monotonie zu
schüzzen  Mein mühsames Werk war nun beinahe vollendet  und Niemand außer
den zwo Damen wusste im Kloster ein Wörtchen davon Bei dieser Verschwiegenheit
bis zur Aufführung glaubte ich den Verdrießlichkeiten desto leichter zu entgehen
die mir zum voraus ahndeten Ich hatte ziemliche Unkosten gehabt und aus meiner
Börse im großen Gartensaal ein artiges Theater aufrichten lassen Der Tag der
zur Aufführung des Stüks bestimmt war rükte heran die letzten Hauptproben
wurden gehalten die Noblesse der Stadt dazu eingeladen kurz alles war jetzt
richtig  Als auf einmal der Satan zwei alte Fräulein mit FurienZorn zur
Oberin führte die darwider feierlich protestirten  Man lies mich zur Oberin
rufen und ich musste von den Weibern Dinge anhören die mich bis zur Tollheit
ärgerten  »Was  fingen die Betschwestern an  was  Sie wollen unser
Kloster durch solches Teufelszeug entehren  Sie wollen junge Mädchen in
Beinkleider stekken und ihnen mit uns Anfechtungen bereiten  Sie wollen der
ganzen Stadt Anlass geben über unsere Aufführung zu lästern  Sie wollen
Komödiantinnen aus unsern Mädchen ziehen damit sie samt Ihnen der Hölle
zufahren können  O du keuscher heiliger Aloysius Steh den armen Kindern und
uns bei gegen die Versuchungen des Fleisches   Nein Madame das geschieht
gewiss nicht  Eher wollen wir unsern Schuzpatron bitten dass er das ganze Haus
samt der Teufelskapelle worin sie spielen wollen abbrennen lasse  Ei  das
wäre schön  fuhren die Weiber in einem Atem fort  ei das wäre schön dass
Sie uns durch ihre Komödie den Weg zur Unkeuschheit zeigten Wir haben ohnehin
genug Feinde und kaum betritt ein ehrwürdiger Pater unsre Schwelle so schreit
die Welt gleich er sei unser Liebhaber da wir doch noch so rein wie Kinder im
Mutterleibe sind«  Zehenmal wollte ich diese hizzigen Schnattergänse
unterbrechen aber erst nach einer halben Stunde kam ich zum Wort Meine Damen
fing ich an legen Sie meine Absicht nicht so schwarzgallicht aus ich kann Sie
versichern sie ist gut Ich will weder Andere noch Sie dadurch verführen wenn
Sie nicht schon lange ohnehin zum Verführen reif waren Die Beinkleider können
für Sie meine Damen keine Versuchung sein wenn Sie noch unschuldig genug
sind ihr Herkommen nicht zu kennen  Wer heißt Sie über die Vorzüge der
Beinkleider nachdenken  Wer nötigt Sie den Unterschied zu bemerken ob sie
einen weiblichen oder männlichen Körper bedekken  Ihre Tugend muss sehr schwach
sein wenn der blose Anblick von Beinkleidern Sie wanken macht Lernen Sie erst
Ihren Gedanken gebieten wenn Sie den Willen in Ihrer Gewalt haben wollen sonst
gebe ich für ihre Enthaltsamkeit nicht einen Heller die beim blosen
Beinkleideranschauen schon lüstern wird Aber sehen Sie meine Damen ehe Sie
die Beinkleider fliehen müssen Sie zuerst dem Männerbesuch entsagen denn
Versuchungen von der Art sind weit gefährlicher als die Beinkleider an
Mädchenkörpern »O du heiliger Antonius von Padua « wollte mich jetzt eine
davon vor Galle schäumend unterbrechen  Erlauben Sie Madame  versezte ich
kalt  dass ich ihre Vorwürfe vollends beantworte  Glauben Sie nicht dass
vernünftige Leute in der Stadt über die Aufführung eines moralischen Stüks
lästern werden Diese Beschäftigung gehört ja zur Erziehung und bildet in den
Zöglingen Herz Kopf und Verstand Auch wird keine davon so leicht eine
öffentliche Schauspielerin werden  Und gesezt denn auch so wird sie alsdann
bloß ihre Aufführung nicht aber ihr Stand zur Hölle liefern  Wenigstens
gerät eine wohlgesittete Schauspielerin nicht so geschwind wie Sie in
Versuchung über unschuldige Beinkleider  »Aber ums Himmelswillen  schrie die
eine  so hören Sie doch einmal auf diesen sündlichen Namen zu wiederhoholen 
Wahrhaftig Sie machen mich ganz weich zum weinen « Doch nicht aus
Schamhaftigkeit Madame  Aber nun genug meine Damen  Ich habe die Erlaubnis
der Oberin  und werde von meinem Vorhaben nicht abstehen Sie mögen meinetwegen
mit Bigottenwut das Kloster bestürmen es gilt mir gleich viel  Jetzt brannte
das Feuer aufs Neue über mich los  »So fahren Sie denn hin verstokte
Sünderin ins Gott verzeihe mir  bald hätte ich geflucht  Aber dass Sie
es nur wissen schrien die Weiber zusammen  dass Sie es nur wissen unsere
Oberin hat nicht Macht so was zu erlauben  Und kurz und gut wir wollen gewiss
Mittel finden diese Kezzerei zu hintertreiben  Gott bewahre uns  Unser
Gotteshaus soll nicht so angefochten werden von einer Freigeistin  Nein das
soll es nicht « Und so rasten die Furien zur Türe hinaus und schlugen sie
hinter sich zu dass alle Wände zitterten  Der armen Oberin wurde izt ein
Bischen bange  sie lief hinter ihnen drein um sie zu besänftigen  kam aber
bald wieder zurück um mir einen Vorschlag zu machen der mich beinahe vor Lachen
erstikt hätte 
    So weit treibt es das Vorurteil  Die Weiber ließ mir durch die Oberin
den Vorschlag machen  ich sollte den Mädchen wenigstens Schürzen vor die
Beinkleider hängen dann sollt ich ihrentwegen das Stük aufführen  sie wollten
schon den Himmel bitten dass der Teufel nicht sein Spiel dabei triebe 
»Madame die Fräuleins sind neidisch sie beneiden sogar Andere um diesen
Anblick  Nein das kann ich unmöglich eingehen liebe Frau Oberin ich würde
mich und das Trauerspiel lächerlich machen  Für heute schlafen Sie nur ruhig
morgen ein Mehreres von ihrer ergebensten Dienerin«  Und so verlies ich sie 
 Du sollst nächstens den Ausgang der Geschichte erfahren  Das verspricht Dir
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  XCII Brief
                                    An Fanny
Denk um aller Welt willen liebe Fanny  Denk das Weibergeschmeiss hatte den
Mut mich beim hiesigen Bischoff wegen der Aufführung des Trauerspiels zu
verklagen Die bissigen Schlangen raunten heulend und schluchzend diesem Manne
manche Lüge ins Ohr die ihren Klagen über mich sicher Gewicht gegeben hätten
wenn sie nicht zum Glükke an einen würdigen vorurteilfreien Mann geraten
wären  Dieser brave unparteiische Richter lies unsere Oberin nebst mir zu
sich rufen und foderte mit Sanftmut und Menschenliebe Beruhigung über eine
Sache der man den Schein des Bösen angehängt hatte  Was mir die Kühnheit
dieser Weiber im Kopfe wurmte O das kann ich Dir nicht genug sagen
Demungeachter aber antwortete ich dem Bischoff mit einer satirischen Fassung
die mehr an Spott als an Bitterkeit gränzte  Der vernünftige Vorsteher lachte
am Ende selbst über die tolle Grillenfängerei womit die Weiber ihn bestürmt
hatten  Nun durfte ich frei eine Unternehmung fortsetzen auf der ich jetzt
eigensinniger als jemals beharrte  Die Andächtlerinnen verkrochen sich während
dieser Zeit brummend in ihre Zellen Eine lief izt zur andern und es ging an
ein heimliches Flüstern dass der Himmel sich darüber hätte erbarmen mögen 
Ebenfalls von Galle gereizt lies ich diesen Friedensstörerinnen geradezu den
Eintritt in mein Schauspiel verbieten und kümmerte mich wenig um die ihrige
die sie jetzt untereinander über mich versprüzten  Alle meine Anstalten zum
Stük waren so lärmend so pompös dass ich dadurch nicht wenig ungeachtet ihres
Zorns die Neugierde dieser Bigotten reizte  Kaum hatten die schönen
Vorbereitungen ihren Anfang genommen und die glänzende Gesellschaft von
Zusehern sich versammelt als eine nach der andern aus Neugierde hinzuschlich
und sich unter der Menge versteckte  Der Saal war enge angefüllt von Zusehern
welche größtenteils die Begierde zu spotten hergetrieben hatte weil sie hier
hinlänglichen Stoff dazu zu finden glaubten  Schöngeister Stuzzer
Muttersöhnchen Maulaffen Komödianten allerhand Zeugs hatte sich ungeachtet
der guten Anstalten unter die Zuseher gedrängt Nur die Noblesse saß voll
nachsichtlicher Erwartung stille an ihrem angewiesenen Orte  und machte ihrer
Erziehung nicht durch voreiligen Spott Schande wenigstens geschah es nicht
laut Schon bei den Proben hatte ich von Kennern zu vielen Beifall in einer
Rolle erhalten die zu sehr zu meiner Schwermut passte als dass mich izt
Bangigkeit hätte überfallen können Auch selbst meine Schülerinnen waren zu gut
geübt um nicht weit erträglicher zu spielen als so viele hölzerne
Schauspieler die mit ihrer stumpfen gefühllosen Seele so manches gute Publikum
verstimmen  Endlich war das Stük aufgeführt und Vernünftige waren mit uns
zufrieden Fühlende weinten Spötter schwiegen und einige gegenwärtige eitle
Gekken schlichen beschämt davon  Mehrere Personen kamen zu mir hinter die
Kulissen und küssten mich wegen meiner wohlgespielten Rolle mit einer
Begeisterung die mich entzükte  Ich fühlte aber auch ohne Eigenliebe mit
meiner eigenen Teaterkenntnis dass uns Allen außer gehöriger Einrichtung des
Theaters nicht viel zur guten Aufführung eines Stüks gefehlt hätte dessen Gang
rasch auf einander folgte so wie es die Leidenschaften erfoderten Selbst die
boshaften Frazzengesichter von Nonnen weinten über die richtige Vorstellung des
Gefühls  Reichlich durch den allgemeinen Beifall für die Verdrießlichkeiten
belohnt die ich vorher auszustehen gehabt hatte verlies ich mit innigem
Vergnügen den Gartensaal Gewis Freundin  Es kostet mich Mühe diesem
leidenschaftlichen Hang fürs Theater zu widerstehen  Aber der Himmel bewahre
mich ja vor seiner Befriedigung an öffentlichen Oertern Nein außer der
dringendsten Not würde ich nie so einen Schritt wagen  Zu viel kenne ich die
jezzige schändliche Verfassung der meisten Bühnen als dass mich nicht eine
solche Aussicht abschrökken sollte  Leb für izt tausendmal wohl gute besste
liebste Freundin
                                                                         Amalie
 
                                  XCIII Brief
                                   An Amalie
                          Teuerste liebste Amalie 
Ich habe mich satt über deinen Weiberkrieg gelacht  Der Sieg den Du aber auch
davon trugst war herrlich  Du hast es gewagt dem Vorurteil und seinen
Anhängern zu beweisen dass man ihnen trozzen kann wenn man anders den Mut dazu
hat Aber nimm Dich in Acht Amalie Du wirst überzeugt werden dass diese
Geschichte Dir unter dem Weibsvolke Feindseligkeiten zuziehen wird Die Nonnen
werden Dich durch tausend Nekkereien so lange quälen bis Du ihr Kloster gerne
freiwillig verlässest Die Verfolgung der Bigotterie ist anhaltend hartnäkkig
und ruht nicht eher als bis der verfolgte Gegenstand sie von selbst flieht
oder zu Boden liegt  Wie viele brave Männer haben leider dies Schicksal schon
erlebt  Der äußerste Winkel der Erde war oft keine sichere Freistätte für
solche Märtirer der Wahrheit die es wagten den Misbräuchen und Vorurteilen
die Stirne zu bieten Kaiser Joseph und König Friedrich waren die Schuzgötter so
vieler von der Andachtssucht ins Elend verwiesener Unglücklichen die mit der
Aufrichtigkeit eines ehrlichen Mannes die Heuchelei entwaffneten womit
gutherzige Christen so viele Jahre durch geprellt wurden Sei vorsichtig meine
Liebe die Schlingen unter dem Dekmantel der Religion gelegt sind weit
gefährlicher als Du Dir vorstellst Weißt Du nicht Weiberhass ist gränzenlos
er erreicht erst dann sein Ende wenn die so ihn besizt in den letzten Zügen
liegt Also vorsichtig mein Malchen  Doch nun zu der Unterrichtung deiner
Kostgängerinnen die mir äußerst wohlgefiel Es dürfte sich wohl mancher
Vorsteher einer deutschen Schauspielergesellschaft diese Art merken damit er
sein Häuschen erträglicher stimmte als die vielen herumschweifenden schlechten
Gesellschaften die außer dem Schuldenmachen und der Buhlerei nicht das
geringste von der Kunst verstehen Du hast es durch deine Bemühung bewiesen dass
die Kunst bloß durch starke Übung und Fleis zu einer gewissen Vollkommenheit zu
bringen ist Aber noch immer verfehlt die deutsche Bühne ihren Endzwek noch
immer stiftet sie mehr Schlechtes als Gutes schaffet mehr unerträgliches Zeugs
als Unterhaltung Noch immer nicht ist diese Bühne rein von schlechtem
Lebenswandel und abscheulichen Lastern Noch immer predigt die Ausschweifung
selbst eine verdächtige Moral die im Munde des lüderlichen Schauspielers
enteiligt wird Ordnung und Gesezze zieren nur ganz wenig einige
Nazionalteater unmöglich sind diese wenigen gutgesitteten Theater im Stande
den moralischen Nuzzen zu ersetzen der von so vielen herumziehenden Dieben und
Diebinnen der Tugend durch ihr übles Beispiel geraubt wird Man möchte vor
Entsetzen schaudern wenn man das herumstreichende verkappte Laster in den
kleinsten Städten willkommen sieht  Keine Obrigkeit scheint sich um diese
heimlichen Stifter des Verderbens zu kümmern Würde man nur wenige Bühnen
dulden und diese wenigen durch scharfe Gesezze in Ansehung der Sittlichkeit im
Zaume halten so hätte die kleinere Anzahl gesitteter Schauspieler bequemeres
Brod zu genießen und die übrige Menge von Landstreichern würden in ihre
schändliche Atmosphäre zurückkehren woselbst sie dem Zuchtause gewiss nicht
entgangen wären wenn sie nicht bei einer solchen Gesellschaft Zuflucht gefunden
hätten  Amalie um Gotteswillen tue nur in der äußersten Not diesem Hang
zum Theater Genüge  Du würdest Dir unbeschreibliche Leiden über den Hals
laden Denke nur einmal dem giftigen Neide nach der Dich armes gefühlvolles
Mädchen so geschwind ins Grab drükken würde  Ewig nie würdest Du eben so
wenig als ich mit deiner Aufrichtigkeit die wetterläunische Gunst der boshaften
Teaternimphen erhalten gerade so wenig als Du mit deiner
Beinkleidergeschichte den Anmerkungen einiger alten Zieraffen von Weibern
entgehen wirst So naiv launigt und wahr Du sie skizzirtest so wird sie doch
ihrer Heuchelei mit der sie gewohnt sind ihre Keuschheit zu übertünchen ein
großes Hindernis sein Diese heimlichen Sünderinnen scheuen sich nur öffentlich
von Beinkleidern zu sprechen und sättigen dann ihre verborgene Lüsternheit
unter vier Augen  O man traue nur keinem Weibe wenn sie Ziererei affektirt
denn dadurch verrät sie gerade Kenntnis des Lasters  Ein schuldloses Geschöpf
gibt jedem Kleidungsstük den einfachen Sinn und findet ohne Erfahrung des
Gegenteils nicht leicht eine Zweideutigkeit darin  Glaube mir Besste die
Frauenzimmer welche am ersten über ein anstössiges Wort in Gesellschaft
schreien hören es am liebsten und entdekken nichts Neues darin Die wahre
Tugend bleibt mitten in allen Versuchungen kalt und hängt unerschütterlich fest
an den Grundsäulen ihrer Reinheit  Das Frauenzimmer das beim übelen Beispiel
zwischen Verachtung und Wohlgefallen einen Mittelweg findet ist gewiss das
vernünftigste und tugendhafteste Ein feiner Scherz entehrt ein Frauenzimmer
eben so wenig als ganz gewiss eine grobe kühne Zote sie in Gesellschaften
beschämt  Aftertugend herrscht so allgewaltig in diesem Punkt unter den
Frauenzimmern und nur wenige wissen sich durch feinen Wiz die Achtung eines
Menschenkenners zu erwerben der heuchlerische Ziererei von der Aechteit des
Karakters zu unterscheiden weiß  Wenn die Weiber über ihr Loos nachdenken
wollten sie würden bis zu ihrer letzten Stunde nicht fertig  Doch meine
Besste für heute muss ich von Dir Abschied nehmen weil es meine Geschäfte
erfodern  Leb indessen ruhig zufrieden bis deine Fanny Dir bald wieder sagen
wird wie sehr sie Dich liebt  
 
                                  XCIV Brief
                                    An Fanny
                             Liebste Teuerste 
Lass mich an deinem Busen ausweinen und hilf mir dann tragen  Der Kummer fängt
wieder aufs Neue an in mein Herz zu schleichen  und meine Schwermut rükt an
ihre vorige Stelle  O des elenden Kerls von einem Manne Er schreibt seit
seiner langen Abwesenheit auch nicht eine Zeile des Dankes an meinen Oheim Er
kümmert sich mehr um seine Hunde als um sein armes Weib Dürftigkeit und Gram
könnten mich hinraffen ehe der Undankbare nur einen Laut von Erbarmung von sich
hören ließe Das Herz dieses Ruchlosen ist verstokt er hat mich izt auf ewig
verlassen Nun so lebe denn wohl grausamer Störer meiner zeitlichen Ruhe 
Geniesse dein leichtsinniges Leben Bösewicht bis wir uns einst an jenem Tage
wiedersehen wo der Allgewaltige dir die Last meines Elends vorwägen wird 
Gott möge an dir die Flüche nicht ahnden die dein Leichtsinn mir abzwingt  Du
 du Verworfener  wusstest mich in Ketten zu lokken die ich nun mein ganzes
Leben hindurch verzweiflungsvoll nachschleppen muss  Gebunden ist izt meine
Freiheit an dich Sünder  O Freundin  verloren sind in der Zukunft für mich
alle Freuden der Liebe  Erstikken soll ich meine Gefühle für fremde aber
bessere Herzen Widerspenstig gegen dieses Gebot werde ich hinwelken bis mein
Blut aus Raserei stokt  Gott im Himmel  Sieh herab auf meine Kämpfe 
Erbarme dich meines Händeringens  Sieh wie ich ringe und streite um der
Menschen grausame Gesezze zu befolgen  Sieh wie die Wallung meines
jugendlichen Bluts mir Angstschweis kostet  Schon in meinen Kinderjahren war
Liebe für mich das einzige Geschenk deiner Güte das für mein fühlendes Herz so
sehr passte Liebe war die einzige Empfindung nach welcher ich so feurig
haschte  Mein ganzes Wesen schien nur Liebe zu atmen Alle meine
Glückseligkeit suchte ich bloß in ihr und die seligste Wonne mich an etwas
Liebendes vertraut schmiegen zu dürfen wurde mir dann zum Bedürfnis Feurig
klopfte mein warmes Herz einem zukünftigen Gatten entgegen und O
Allmächtiger  wie grässlich fand ich mich betrogen  So soll ich denn auf
immer meine Stunden so einsam verwimmern Soll ich gänzlich entsagen allen
meinen schönsten Hoffnungen die mir dieses irdische Leben in den Armen eines
gutdenkenden Gatten schon zum voraus zum Paradiese schufen  Und das alles um
eines Bubens willen der mich so künstlich zu einem unzerbrechlichen Schwur vor
dem Altare lokte  Ha  weh mir  weh mir  Ich werde entweder rasend oder
unterliege  Außer der Liebe ist für mich alles zu einsam zu leer eine
tödtliche Langeweile richtet mich zu Grunde  Meine unbeschäftigte
Einbildungskraft kann sich an nichts mehr halten was ihr in der Liebe
Schwungkraft zu allem Entzükken gab O die Augenblicke des herrlichsten
Vergnügens wo die stärkste Liebe um noch stärkere gegenseitige zu erringen sich
bemüht dürfen sich mir von nun an nicht mehr nähern  Ich kann nicht
hinsinken an den Busen eines andern Gatten um dorten unter wollüstigen Tränen
meinen Kummer zu verschwärmen  Das feurigste Verlangen nach einer andern
harmonischeren Vereinigung darf in meinem Herzen nicht auflodern Ich bin
verbannt aus dem Vergnügen der seligsten Gattenliebe für immer und ewig Man
würde mich sonst als eine Verbrecherin mit Schande belegen bei einer Religion
die keinen mislungenen Schritt zurücktun lässt  Und wenn ich darüber meinen
Verstand verlöre so muss ich Fesseln tragen lernen die mir meine gutherzige
Leichtgläubigkeit aufbürdete Gott  Gott  wie werde ich mich in einen
Zustand schikken können der alle meine Gefühle für Liebe in mir lebendig
begraben soll  Freundin  Der hiesige Aufenthalt ist mir izt schröklich zur
Last Die Nonnen schleichen um mich herum wie falsche Kazzen Schon bei ihrer
Erschaffung teilte die Natur diesen Weibern den Fluch der Unempfindlichkeit
mit und ich verachte sie um ihres wenigen Gefühls willen  Auch nicht einer
einzigen davon möchte ich eine Träne anvertrauen  Ihr kalter dummer Trost
würde mich vollends unsinnig machen  Das Blut in ihren Adern ist zu
eingefroren um dem meinigen harmonisch zu begegnen Nur die wenigen
gefühlvollen Nonnen haben meine Achtung wenn sie wonnetrunken an dem Busen
ihrer Lieblinge schwärmen  Doch auch diese Auftritte reizen mich izt zum
schröklichsten Fluche über mein wirkliches Loos  Ich beneide die Freuden
dieser Glüklichen und empfinde dann meine Leiden desto schwerer  Gerechter
Himmel  nimm zurück ein Leben das ich nicht länger mehr zu schleppen vermag 
 Liebe Fanny  o habe Mitleiden mit
                                                       Deiner kämpfenden Amalie
 
                                   XCV Brief
                                    An Fanny
                                 Meine Besste 
Vor einigen Tagen hat man mir auf die letzten Pulsschläge gewartet  Dass
Krankheit in mir lag musst Du aus meinem letzten Briefe schon gemerkt haben 
Dass es aber so weit in dieser Krankheit mit mir kommen würde hätte ich selbst
nicht geglaubt  Kaum war der Brief aus meinen Händen so überfiel mich ein
unüberwindlicher Menschenhass  Ich floh alles im ganzen Kloster ging nicht
zum Tische und saß ganze Täge allein auf meinem Zimmer Von frühe bis Abends
dachte ich in einer unbeweglichen Stellung bloß der Schröklichkeit meines
Schiksals nach  Selbst die Nonnen durften es nicht wagen meine stille
Schwermut zu stören Ich verriegelte mit der größten Entschlossenheit meine
Türe und blieb einstens einen Tag lang ohne Nahrung  Sie schrien und
pochten umsonst  Ich blieb troz ihrem Gelärme fest auf meinem Stuhl wie
angenagelt und hörte aus Übermacht des Grams nicht weiter auf ihr Geschrei 
Endlich entschlossen sie sich vermittelst einer Leiter in mein Zimmer zu
steigen weil sie mich für tot hielten  Kaum aber erblikte ich am Fenster den
Kopf einer Nonne so brach auch auf einmal meine schlummernde Wut los Sie
hatten Mühe mich von Gewalttätigkeit abzuhalten  Ich pakte sie an aber man
bemächtigte sich meiner  Meine gallsüchtige Raserei stieg von Minute zu
Minute bis zu einem Grad dass mich die Nonnen wirklich an Ketten legen wollten
 Der eilends beschikte Arzt war während dieser Zeit auch gekommen und verbot
den Nonnen ihre fürchterliche Unternehmung  Schon hatten diese Unbesonnenen
meine Hände gefesselt und eine blaurote Farbe auf meinen schwachen Knochen
bewies die Schwere dieser drükkenden Eisen  Der Arzt zögerte izt nicht lange
mir zwo Adern auf einmal zu öffnen und lies das sprudelnde Blut so lange
herauslaufen bis Kraftlosigkeit meine Raserei entwaffnete  Ohnmächtig sank
ich dann in seine Arme und Dank sei es seiner Sorgfalt bald erhielten meine
Sinnen wieder ihre vorige Richtung  Dieser Mann war bescheiden genug nicht in
das Geheimnis meines Kummers zu dringen ob er gleichwohl eine starke
Gemütskrankheit in mir entdekte  Er schrieb sogleich durch einen Expressen an
meinen Oheim  Was  das weis ich bis auf die jezzige Stunde noch nicht Zween
Täge danach kam der Bote zurück und stellte mir ein Briefchen von meinem guten
Oheim zu worinnen er mir schrieb dass ich mich zu Herstellung meiner Gesundheit
entschließen möchte eine Lustreise zu unternehmen Die Wahl einer Stadt in
Italien oder Frankreich überlies mir dieser gefühlvolle Mann  Doch wäre ihm
das erste Land weit lieber weil er mich dort Anverwandten empfehlen könnte
usw  Freudig dankte ich izt dem gütigsten der Menschen für diesen neuen
Beweis seiner Liebe und beschäftigte mich von nun an mit Reiseanstalten Die
Nonnen hatten Befehl mir in der Eile für ein Dienstmädchen zu sorgen und es
dauerte nicht lange so brachten sie mir zu dieser Absicht eine etwas ältliche
Figur aufs Zimmer  Das Gesicht dieses Mädchens gefiel mir ganz und gar nicht
aber die gute Empfehlung der Nonnen und meine Eile machten bald alle
Schwierigkeiten vergessen In etlichen Tagen reise ich nebst ihr von hieraus mit
dem Postwagen nach Venedig  Ein kühner Entschluss für meine Jugend nicht wahr
 Aber doch nicht zu kühn gegen meine Grundsäzze die mir auch außer den Mauern
eines Klosters für alles bürgen  Du weist übrigens dass ich die italienische
Sprache hinlänglich spreche um durchzukommen auch meine Börse hat der gute
Oheim in den nötigen Stand gesezt und nun fehlt mir nichts als die völlige
Herstellung meiner Gesundheit um Dir bald eine umständliche Reisebeschreibung
zuschikken zu können  Lebe indessen wohl meine ewig geliebte Freundin und
nimm hin diese Küsse auf Abschlag bis deine Amalie wieder nach Deutschland
zurückkehrt 
 
                                  XCVI Brief
                                   An Amalie
Ich eile meine teure Amalie Dir deine zween Briefe zu beantworten Holdes
Weibchen  Vergiss doch einmal deinen abwesenden Henker  Hast Du denn je von
ihm was anders erwartet als dass Dich der Verabscheuungswürdige nicht auch ganz
vergessen wird  Du armes guterziges Kind willst immer den Wiederhall deines
guten Herzens finden  und wirst dann am Ende schröklich betrogen Tilg ihn aus
diesen unwürdigen Namen aus deiner Brust in der ihm zu wohnen nicht mehr
vergönnt sein soll Lass deinen Mut nur nicht sinken Besste Liebste die
Freuden der Liebe können Dir einst wieder werden wenn ihn sein ausschweifendes
Leben hinruft in die Arme des frühen Todes  Der Schöpfer gab Dir nicht umsonst
ein Herz voll Liebe seine weisen Absichten werden Dir auch Trost geben All
dein Jammer muss Dir noch an dem Busen eines edleren Gatten vergolten werden 
Dein Herz hält izt die größte Prüfung aus und sein Wert wird durch seine
Leiden erhöht  Nur nicht zaghaft liebe Kleine  Schiksale die wir nicht
ändern können werden durch zu vieles Nachdenken nur noch unerträglicher  Du
zerrüttest deine Gesundheit härmst Dich ab und erweichst doch nicht die
unbarmherzigen Gesezze  Deine Tränen und dein Jammer dringen nicht ins
PriesterOhr das sich für Dich und andere Unglückliche so eigenmächtig
verschloss  Der Heiland selbst würde in der Ehe guterziger richten wenn er
wieder auf dieser Erde in Menschengestalt herumwandelte Dieser gute
Menschentröster im Himmel kann nichts dafür dass seine Geschöpfe seinen Willen
nach ihrem eigenen Kopf drehen Er gab ihnen zum urteilen Vernunft und wenn
sie nun die Stimme derselben aus Eigendünkel überhören so muss ganz gewiss auf
diese Unbiegsamen das schröklichste Strafgericht warten  Alle Unglücklichen von
der Art werden sich einstens versammeln und dann jenen grausamen Priestern
ewigen Fluch zuwerfen  Diese kühnen Starrköpfe sind es die es wagten aus
einem bürgerlichen Vertrag unzertrennliche Bande zu machen  Können die
Priester durch Ansehen und Geld die katholischen Ehen lösen warum denn nicht
ohne dieses schändliche Hilfsmittel  Selbst der Schöpfer urteilt von der
schwachen Menschheit mit Ausnahme warum denn nicht seine Gesalbten bei
übereilten Ehen  Hat der Aermere ein stärkeres Herz die Leiden einer
fehlgeschlagenen Verbindung zu ertragen die von der andern Seite mit Betrug
bloß aus Absichten geknüpft wurde  Es ist zum Erstaunen wenn man dieser
Ungerechtigkeit bei deiner Religion nachdenkt  Wer nicht Glanz oder Vermögen
hat muss lebenslänglich an etwas Widersprechendes gefesselt bleiben und doch
gibt es so viele Unschuldige die unter diesem Joch seufzen  Aber lass uns
abbrechen von einer Sache die mir Abscheu erwekt  Sag mir liebe teuerste
Amalie ob es nun um deine Gesundheit besser steht  Ob Du mir versprechen
willst es durch Nachgrübeln nie mehr so weit kommen zu lassen  Ob Du mich
noch hinlänglich liebst um diese Bitte zu erfüllen  Ob Du izt wohl schon auf
der Reise bist  Und ob Du auch überall das Bild deiner Freundin im Herzen
trägst die Dich mit Millionen Küssen durch die ganze Welt begleitet 
                                                              Deine besste Fanny
 
                                  XCVII Brief
                                    An Fanny
Schon aus Venedig meine Traute erhältst Du diesen Brief  Ja ja aus Venedig
schon  Nicht wahr das heißt zugefahren  Aber mein armer Körper fühlt es
auch tüchtig  O der abscheuliche Postwagen stieß mir fast alle Rippen
entzwei  Demungeachtet soll mich die äußerste Müdigkeit nicht abhalten Dir
meine Reise zu beschreiben  Nun wo blieb ich denn im letzten Brief an Dich
stehen  Ach  Ha  weiß schon Als nun die älteren Nonnen den Tag meiner
Abreise festgesezt sahen so fingen sie an mich mit Skapuliren Amuleten und
mit mehr dergleichen Kinderpossen schwer zu beladen »Ja  sagten diese
einfältigen Närrinnen  Ja auf der Reise da haben die Hexen just am meisten
Gewalt und glauben Sie sicher Madame dass Ihre letzte Krankheit gar nicht
natürlich war selbst der grundgelehrte Pater Guardian hat es bestättigt als
wir ihm Ihre Krankheit beschrieben Gott segne von heute an alle ehrlichen
Mutterkinder  Hier schikt Ihnen der Pater Guardian ein Päkchen hochgeweihtes
Pulver das Sie täglich vor Sonnenuntergang nebst einem heiligen Sprüchelchen
mit Weihwasser gemischt einnehmen müssen«  Ich musste mit Gewalt diesen
Schwachköpfen ein bereitwilliges Ja zunikken bloß um ihrer los zu werden
Endlich stieg ich unter ihren murmelnden Einsegnungen in den sündhaften
Postwagen der  nach ihrer Prophezeihung  einstens mit samt den Passagieren
schnurstraks zur Hölle fahren würde  Es saß ein junger und ein alter Italiener
im Wagen die ich beide für Kaufleute hielt Aber lange wurde meine Neugierde
nicht befriedigt weil ein allgemeines Stillschweigen herrschte ich
beschäftigte mich indessen mit Nachdenken Jemehr ich den jungen schwarzbraunen
Mann betrachtete desto minder konnte ich entdekken zu welchem Stande er
eigentlich gehörte  Sein Wesen war höflich aber dabei geheimnisvoll Sein
Betragen mehr kriechend als edel stolz und seine Reden gar nicht
zusammenhängend Kurz sein Charakter schien mir ein seltsamer Mischmasch zu
sein Übrigens war er nicht ungesellig aber dennoch äußerst verschlossen
niemand konnte erraten wohin seine Reise gienge  Der alte Kaufmann hingegen
gestund uns allen mit der äußersten Offenherzigkeit dass er ein Bürger aus
Verona wäre und dorthin zu reisen gedächte Dieser Mann gewann bald meine
Achtung und so viel ich sah ich auch die seinige  Zuweilen ärgerte sich der
gute Alte freilich ein Bischen wenn der jüngere Reisegefährte mir höflich
begegnete da gab es dann wechselsweis grimmige Augen  Doch schien mir als
wäre der junge Held zu feige um laute Anmerkungen über den Kaufmann zu machen
daher lies er mich auch ruhig mit demselben fortplaudern und um sich schadlos
zu halten schäkkerte er unterdessen mit meinem Kammermädchen Das alte
affektirte Ding fand sich ganz wohl dabei und glaubte ganz sicher dass ihre
abgestandenen Reize mit Beihilfe der KlosterReliquien Mirakel gewirkt hätten
Fast hätte mich beinahe selbst die Kraft des KlosterfrauenKrams in Erstaunen
gesezt bis auf einmal die gesunde Vernunft mir ins Ohr flüsterte Der junge
Ritter heuchelt bloß aus Neugierde dem verrunzelten Gesichte Schmeicheleien vor
So strenge ich nun auch dieser alten unkeuschen Dirne das Vertrauttun mit dem
jungen Menschen verwehrte so konnte ich es doch nicht verhindern dass sie nicht
zusammen beim Aussteigen einen ganz kleinen Seitensprung machten Doch da mir
ihre Hässlichkeit für alle Folgen bürgte so störte ich sie auch nicht weiter in
ihrer mirakulösen Eroberung  Indessen rollte izt unser Wagen unter starken
Erschütterungen weiter schon waren wir über einen guten Teil eines
Tirolerbergs weg  Ein schneidender Wind bewillkommte uns alle und hurtig
wikkelte mich der sorgfältige alte Kaufmann in seinen Pelzrok ein  Meine
Kammerzofe fing izt auch an über Kälte zu winseln und geschwinde versah man
sie mit einer Dekke Doch das Geschöpf gebärdete sich demungeachtet als ob ihre
Haut von Fliesspapier wäre  Ich ärgerte mich nicht wenig über so viel Ziererei
und durfte doch um des Wohlstandes willen meiner Galle nicht Luft machen 
Endlich und endlich kamen wir in der Stadt T an wo jeder Mitreisende aufs
Neue bezahlen musste Das unbarmherzige Stoßen des Wagens hatte alle so
schwindelnd gemacht dass keiner beim Aussteigen ohne Taumel einen Fuß auf die
Erde setzen konnte Es herrschte izt eine allgemeine Zerstreuung unter uns und
der junge Mensch benuzte diesen Zeitpunkt zu seinem Vorteil recht herrlich 
»Mein Freund  rief er dem Kaufmann zu sind Sie doch so gütig und bezahlen
einstweilen meinen Platz auf der Post bis Verona Ich komme im Augenblick wieder
Ein kleines Geschäft nötigt mich geschwinde irgendwohin zu gehen « Der
truglose Mann gab ihm sein Jawort und flugs verschwand unser Ritter durch die
Gasse  Wir beide eilten nun dem Postamt zu und bezahlten unsere Pläzze 
Noch hatte der Postillion nicht geblasen und die nächste Wirtsstube musste uns
indessen vor Kälte schüzzen Ich lies mir izt den süßen Tirolerwein recht gut
schmekken  Selbst das verjährte Blut meines alten Begleiters wurde durch
diesen herrlichen Trank aufgewärmt Wir beide schwazten nun mit geläufigerer
Zunge über verschiedene moralische philosophische Gegenstände und der
gutherzige Alte taumelte vor Entzükken über mein Bischen Unterhaltung Er trieb
seine Zufriedenheit so weit dass er so gar darüber die Forderung an den jungen
Menschen vergaß der während dessen auch wieder zu uns gekommen war  Wir
fuhren nun ab und unterwegens machte mir der Alte einen Lobspruch um den
andern worin der junge Bursche feurig beistimmte  Holla  dachte ich izt
bei mir selbst  der Vogel pfeift mit aus Eigennutz und ist vielleicht gar ein
Betrüger  Doch auf einmal sahen wir unter munteren Gesprächen die Stadt Verona
vor uns liegen  Der Postillion klatschte und der Wagen hielt stille Ein
schmuzziger Wirt dem der italiänische Eigennutz auf der Stirne geschrieben
stund hob mich unter vielen Büklingen aus dem Wagen schnell haschte der gute
Kaufmann nach meiner Hand und führte mich die Treppe hinan Während dieser
kleinen Pause machte sich der junge Ritter aus dem Staube und prellte den guten
Kaufmann um sein ausgelegtes Geld  Es schien diesen alten ehrlichen Mann gar
nicht zu befremden er zükte kaltblütig die Achseln und eilte dann in die Arme
seiner Familie  Nun nahm ich mir vor diesen Rasttag recht nüzlich in dieser
berühmten Stadt zuzubringen Schon schlich ich in Gedanken bei den Altertümern
Veronens umher als plötzlich das laute Geheul meines Mädchens mich in diesem
Traum störte Sie gab vor das Heimweh überfiele sie und tat dabei wie halb
verrükt  Ich fragte sie hin und her was ihr wäre  Lange wollte sie nicht
mit der Sprache heraus als ich aber der Dirne Ernst zeigte  dann fing sie an
die reine Wahrheit zu beichten »Ach  HerzensMadame schluchzte sie ich
glaube der junge Mensch hat mich um mein halbes Geld betrogen«  Ei schrie
ich lebhaft warum hast du dich betrügen lassen »Ja  versezte sie  Sehen Sie
nur diese Brieftasche an  Er gab mir sie zum Unterpfand Da sehen Sie nur ein
Bischen hinein« das Leder war auf einer Seite etwas zerschnitten um den
Betrug glaublicher zu machen »Schauen sie nur es sieht wirklich einem
Freimäurerpatent ähnlich  Aber reißen Sie das Schloss bei Leibe nicht auf ich
darf es bis zu seiner Zurükkunft nicht erbrechen die Freimäurer würden ihn
sonst lebendig rädern lassen wenn sie erführen dass dies Patent in Weiberhände
gefallen ist  Es ist sein einziges Hab und Gut fuhr sie fort  und wer weiß
ob der arme Mensch wirklich so« Plözlich sprang ich izt mit beiden Füßen auf
das Schloss der Brieftasche und die arme Alte fiel darüber fast sinnlos auf die
Erde hin als sie lauter altes Papier herausrollen sah  Nun ging es bei ihr
an ein Schimpfen an ein Fluchen an ein Schreien dass ich ihr aus lauter Angst
eilfertig die Geschenke des Pater Guardians auf die Stirne band  Doch für
diesmal half es nicht Ich glaube wenn ich ihr den frommen Pater Guardian
selbst in eigener hochwürdiger Gestalt aufgebunden hätte es würde bei dieser
wütenden Furie wenig genüzt haben  Seine kräftigsten Benediktionen wären gewiss
an der wilden Kreatur abgeprellt so sehr tobte sie  Ich wusste mir nun nicht
mehr anders zu helfen als ich versprach ihr um sie zu besänftigen den Verlust
ihres Geldes zu ersetzen Plözlich riss dann die eigennüzzige Kreatur mit eigenen
Händen alle Heiligtümer von ihrer Stirne los   Gewis Freundin ich bin
sonst nicht feindselig gegen meine Dienstleute aber dieses Mädchen scheint mir
eine alte Kupplerin zu sein die ehedessen vom Handwerk lebte  Ich kann sie
gar nicht ausstehen und wünschte sie gern wieder nach Deutschland zurück 
Morgen erhältst Du die Fortsezzung meiner Beschreibung  izt unterbricht mich
der Wirt 
 
                                 XCVIII Brief
                                    An Fanny
Hinaus mit dir elender Kuppler  schrie ich dem italienischen Wirt nach  und
schlug die Zimmertüre hinter seinem Rükken zu dass die Fenster zitterten  Was
sich der infame welsche Kerl nicht alles unterstund  Was  mir einer
biederen ehrlichen Deutschen italienisches Laster anzubieten  Dafür hab ich
ihn auch wakker heruntergehudelt den bestochenen Schandbuben  Hu was meine
Alte über diesen Auftritt für große Augen machte  Sie hat gewiss die liebe
goldene Zeit zurückgewünscht wo sie der Unzucht noch um baare Münze Opfer
bringen konnte aber sie durfte sich bei allem dem nicht unterstehen einen Laut
von sich zu geben sonst hätt ich sie wahrhaftig die Treppe hinuntergeworfen 
Es ist übrigens doch sehr traurig dass ein Frauenzimmer nicht allein reisen
darf ohne sich dem Vorurteil auszusetzen Die Menge herumziehender feiler
Dirnen ist daran Schuld  Ein Frauenzimmer muss nur in solchen Fällen nicht
blöde sein sonst spottet das freche Laster der Unschuldigen ins Gesicht und
hält sie für eine Romanenheldin Diesmal kam mir mein Feuer recht gut zu
Statten sonst hätte mich der Wirt und die Alte gewiss heimlich verkuppelt 
Die übrigen Stunden meines Aufenthalts hielt ich mein Zimmer verschlossen und
die Alte durfte mir nicht von der Stelle  Der Morgen meiner Abreise rükte
heran ich eilte dieses Haus zu verlassen ohne Veronens Merkwürdigkeiten
gesehen zu haben  Es ging nun unter uns Zweien ganz einförmig zu denn der
Postwagen war außer uns ganz leer  Unter Denken Grillenmachen und Schlafen
kamen wir endlich in der schwarz gemauerten Stadt Padua an  Das nächste besste
Wirtshaus musste uns bis zur Abfart des Marktschiffes für einen Tag lang zum
Aufenthalt dienen  Von essen und trinken war ich satt Schlaf hatt ich keinen
und Madame Langeweile fing an mich grässlich zu martern Gretchen schrie ich
pak meine Mannskleider aus und zieh meine Amazone an  »Ei Madame was wollen
Sie«  Nicht lange gefragt Jungfer unterbrach ich das neugierige Ding Sie
brachte mir dieselben und in wenig Minuten waren die Kleider am Leibe der
Mantel nach Stuzzerart bis über die Nase geschlagen und so schlenderten wir
beide einem Kaffeehause zu  Alle Gäste lachten bei meinem Eintritt über die
alte Matrone und mich armen jungen Lekker schien man herzlich zu bedauern Da
es aber in Italien eine Menge dergleichen hungeriger Burschen gibt die den
alten Damen ums Geld ihre süßen Gewohnheiten forttreiben helfen so lies man
mich auch in diesem Betracht ruhig Ich setzte mich ganz getrost an ein Tischchen
und stellte meine Beobachtungen über die versammelten Gäste an Bescheidenheit
lässt mir nicht zu zu sagen aus wie vielen Klassen dieselben bestunden und es
würde demjenigen unglaublich scheinen der nicht selbst Augenzeuge davon war 
Jeder von dieser schönen Gesellschaft passte mit begierigen Augen auf seine
Kundleute um den Hunger zu stillen  An diesen Tischen wurde gebuhlt an jenen
moralisirt wieder an andern einander geheimnisvoll ins Ohr gelogen oder laut
die Ehre abgeschnitten Hier wucherte ein alter Geizhals mit den Reizen seiner
Tochter dort verschwendete ein ungeratner Sohn die vom Vater gesammelten
Reichtümer  da hörte man plumpe Grobheiten dort höfliche Lügen  einer
rauchte der andere schnarchte der dritte fluchte der vierte seufzte der
fünfte schwadronirte usw  Es war ein jämmerlicher Durcheinander  Was in
einem so großen Narrenhaus alles gelogen betrogen geheuchelt gekuppelt und
gewindbeutelt wird ist nicht zu beschreiben  Selbst meine gute Alte verlor
fast ihre Sinnen über dem Schwarm von Müssiggängern und Stuzzern die aus
Neugierde um uns herumflatterten  Diese frechen Tagdiebe redeten mich mit
einer Kühnheit an als ob es zwischen uns Brüderschaft gälte  Ho Ho dachte
ich mir und blieb wie ein fester Teutscher auf meinem Stuhle sizzen bis ich
endlich ihre Neugierde mit fremden Sprachen ermüdete die sie nicht verstunden
Nun bekam ich auf einmal Luft meinen Kaffee in Ruhe auszuschlürfen In Italien
ist es Mode den Kaffee auszuschlürfen Aber was schon neun Uhr  Hurtig
Gretchen lass sie uns eilen Und nun trippelten wir dem Gasthause zu  aber
hernach  ins Bett meine Liebe 
    Madame belieben Sie doch aufzustehen sonst versäumen wir das Marktschiff
raunte mir das Mädchen schon sehr frühe ins Ohr Husch flog ich aus dem
Bette trank meinen Tee bezahlte meine Zeche und eilte mit meiner Alten dem
Ufer des Kanals zu Schon war das Schiff über und über mit Leuten angefüllt 
Dienstfertige Nimphen die ihren Fleischhandel hin und her trieben alte
Seelenverkäuferinnen Juden Bonzen Mausfallkrämer Fleischhakker
Murmeltierträger welsche Sbirren und eine große Menge ausländischer
vertriebener Spizbuben eilten izt mit den übrigen der freien Republik Venedig
zu  Ich sah hin und her um ein gutes abgesondertes Pläzchen zu finden 
Endlich erblikte ich ein Seitenstübchen worin sich vermutlich die
Stiftmässigen dieser löblichen Versammlung aufzuhalten schienen Nu nu das ist
eine saubere Gesellschaft  Ei was Dachte ich mir Not hat in dringenden
Fällen kein Gesez  Also kurz und gut und ich befahl dann meinem Mädchen ins
Seitenstübchen zu steigen  »O du heiliger Johann von Nepomuk steh mir bei«
rief sie laut indem sie sich hartnäkkig weigerte  Poz alle tausend und 
wollte ich schon anfangen als ich mich plötzlich fasste und einem Lastträger
herbeirief der mir sie mit Gewalt ins Schiff schleppen musste  Izt riss die
ganze Versammlung über meine Entschlossenheit Augen und Nasen auf  Überall
bot man mir vermutlich aus Neugierde Platz zum sizzen an was konnte ich in
dieser Lage besseres tun als mein Gesicht in Falten ziehen um das freche
Laster abzuschrekken das sich so gerne an reisende Frauenzimmer wagt  Doch
dem finsteren Gesichte ungeachtet wagte es ein landstreicherischer Abbe meine
ernsthafte Stille mit süßen Fragen zu unterbrechen  Ich konnte diesen
Zudringlichen durchaus nicht los werden er plapperte vieles von fremden
Ländern kramte seine Zeugnisse so bereitwillig aus als ob er mir seinen
verdächtigen Kredit mit Gewalt aufzudringen suchen wollte  Ich fing an dieses
Kerlchen mit einigem Beifall zu beglückken und er glühete darüber vor Entzükken
 Schon glaubte der Windbeutel meine Leichtgläubigkeit überredet zu haben als
ich ihm plötzlich mit bitterem Spotte das Gegenteil bewies Nichts destoweniger
bat er mich dringend um den Namen meines Absteigquartiers  Und siehe da der
Graf Sakonello so war sein entlehnter Name war in wenigen Tagen vor meiner
Haustüre von welcher er aber recht höflich abgewiesen wurde  Doch lassen
wir diesen Einfaltspinsel ein Bischen stehen um ans Ufer zurückzukehren  Alles
drängte sich da noch haufenweis unter sumsen lärmen und schreien aus dem
angekommenen Marktschiffe Es herrschte lauter Getümmel und Verwirrung nur der
Herr Abbe und ich blieben ganz ruhig bei dieser komischen Auswanderung im
Schiffe an unserm Orte sizzen bis mir auf einmal die am Ufer stehenden mit
prächtigen Uhrketten behängten und vergoldeten Herrchen in die Augen fielen
welche gierig auf jeden aussteigenden Weiberrok lauerten 
    Was mögen denn dies für Maulaffen sein fragte ich den Abbe der mir dann
ganz geheimnisvoll ins Ohr flüsterte »Es sind lauter Kuppler die auf fremde
Mädchen passen um sie durch künstlichen Betrug in Bordels zu verhandeln Nehmen
Sie sich in Acht Sie sind auch jung und nicht hässlich«  Herr Graf erwiderte
ich jeder kehre vor seiner Tür  und so stieg ich ans Ufer und er er bükte
sich und ging ich hingegen mietete eine Gondel und fuhr darin sanft bis an
die Behausung meiner Anverwandten  Und Nicht zu viel gefragt meine
Freundin Morgen das Weitere 
    Endlich meine Liebe hat das Küssen und Herzen unter uns so ziemlich ein
Ende um auch wieder mit Dir plaudern zu können Die Lage meiner Wohnung ist
ganz nach meinem Geschmak Das Haus liegt in einer einsamen Gegend und wird von
einem Garten geziert dessen Aussicht auf den lebhaften Kanal geht Da sizze ich
dann am Fenster dieses Gartens und manche liebe Stunde durch betrachte ich die
vielen vorbeischwimmenden Gondeln die große Welt samt ihren großen Torheiten
Zu Wasser und zu Lande findet man Verschwendung und Luxus überall beherrscht
der Menschen Eitelkeit Wollust und Schwelgerei  In Deutschland fahren die
Vornehmen in prächtigen Wägen und hier in gezierten Gondeln dorten ziehen
rasche Pferde ihre Herrschaft und hier die ausgelassenen Gondolieri bei uns
schmükk man die Pferde mit Silber und bunten Federbüschen hier die Gondolieri
mit weiten Pumphosen und buntschäkkiger Kleidung  In Deutschland sind die
Pferde die unwissenden Kuppler ihrer Herrschaft und hier sind es die Gondolieri
mit Vorbedacht Hier ist es durchaus nötig dass der Gondolieri die Kupplerei
aus dem Grunde versteht bei uns überlässt es der Kutscher dem Bedienten oder dem
Kammermädchen  In Venedig kann kein Bursche sich auf den Dienst einer Dame
Hoffnung machen wenn er nicht gefällig und à Tempo den Vorhang in einer Gondel
zu ziehen weis in Deutschland hingegen begnügen sich die Damen mit einer
langsamern Bedienung Hier muss der Gondolieri die Schwelgereien seiner
Gebieterin geduldig abwarten und bei uns gebietet der begünstigte Lakai seiner
Dame wenn er sie mit einem vielbedeutenden Blick an ihre heimlichen
Schwachheiten erinnert In Venedig jagen die Damen den Fremdlingen nach in
Deutschland sind sie mit ihren einheimischen Leuten zufrieden  Ländlich
sittlich  dachte ich mir bei der Verschiedenheit dieses Geschmaks  Die
Weiber sind ja in allen Ländern in allen Stükken eigensinnig folglich auch in
der Wahl ihrer Bedienten  Doch sind die hiesigen Damen in ihren
Bequemlichkeiten weit mehr zu beneiden Sie schwimmen ganze Täge in den Armen
ihrer Lieblinge unbemerkt herum da hingegen unsere guten Damen ohne Rüksicht
auf ihre adelichen Schwachheiten so leicht wegen ihren heimlichen
Ausschweifungen unter dem Pöbel verschrieen werden  Was zahlte nicht bei uns
manche Dame für so eine allerliebste Gondel vermittelst welcher sie ihre minder
verborgenen Schlupfwinkel entbehren könnte Selbst der Puz der hiesigen Damen
wird in diesen sanft fortschleichenden Behältnissen weniger verschoben als in
einem engen Gefärte in Deutschland wo der schmachtende Nachbar unwillkürlich
durch das Stoßen des Wagens vom Strichrok bis zum Kopfpuz alles in Unordnung
bringen muss  Auch bedienen sich hier die Damen keiner Schminke mehr weil die
dunkle verschlossene Gondel und der wohl abstechende Anstrich derselben ihre
Wangen ohnehin schon hochrot färbt  Es ist eine allerliebste Erfindung um die
Gondeln  sagte leztin ein flatterhafter Ehemann zu mir dem unter dem
mitleidigen Schuz derselben manche galante Unternehmung geglückt war  und bei
uns schrie eine verbuhlte leichtsinnige hizzige italienische Brunette bei
uns kann kein beleidigter Ehemann seine Equipage mit eifersüchtigen Augen
verfolgen denn bei uns sind die Gondeln alle gleich sie tragen die feurige
Prinzessin mit ihrem Liebling eben so geheimnisvoll als die ausschweifende
Opersängerin mit ihrem ausgemergelten Prinzen Bei Ihnen fuhr sie fort müssen
die armen Damen ihre Kammermädchen Bedienten Weiber oder gar Kupplerinnen um
schweres Geld zu jeder kleinen Lustpartei erkaufen und hier in Venedig versieht
die Gondel den gleichen Dienst weit geringer  Überall herrscht hier Freiheit
und Liebe zur zeitlichen Freude  Selbst die andächtigste Dame schwimmt hier
ohne sich dem mindesten Verdacht auszusetzen mit ihrem Gewissensrat in die
Kirche oder in seine Arme  Belieben Sie einzuhalten Madame  unterbrach
ich sie In Deutschland schleicht das Laster nur kaltblütig unter den Menschen
herum und hier in Italien galoppiert es aus allen Kräften besonders unter der
Maske der Frömmigkeit Bei uns ist man aus übelm Beispiel oder aus Zufall
lasterhaft und bei Ihnen aus natürlicher Anlage und weniger Kultur  Hier
vergisst der Eigennutz täglich Blut und bei uns treibt er es selten zu so einem
Schritt  Bei Ihnen liegt Falschheit und Mordsucht im Herzen und bei uns
kommen sie bloß zuweilen durch üble Erziehung oder Verführung hinein  Ihre
Damen beten viel und buhlen viel  Die unsrigen beten weniger aber buhlen auch
weniger  Das welsche Frauenzimmer ist betrügerisch rachgierig ausgelassen
und wild das teutsche wohltätiger sanfter aber desto mehr koket  Die
deutschen Damen foppen mit ihren kalten Temperamenten die Männer nach
Herzenslust und die Italienerinnen wollen Sieg  oder Mord  Übrigens ist
Modesucht Eigenliebe Grillen und Ziererei unter unserm Geschlecht bei allen
Nazionen zu finden  Wenn es aber unter den Weibern auf Betrügerei und
Verstellung ankömmt so läuft in dieser Kunst doch immer die Italienerin der
Deutschen den Rang ab  Unser Geschlecht ist zwar überall ziemlich verdorben
nur verleitet die angeborene Gutherzigkeit eine Teutsche weniger zu Betrug Das
Madame sind meine unmassgeblichen Gedanken  Und nun leben Sie wohl  sagte
ich zu dem brunetten Frauenzimmer und trollte mich gerades Weges nach Hause 
Bald das Mehrere von
    
                                                                  Deiner Amalie
 
                                  XCIX Brief
                                   An Amalie
                           Meine teuerste Amalie 
Ich durchlas deine Reisebeschreibung mit innigem Vergnügen und freute mich
herzlich über deine muntere Laune die mir wieder für die Herstellung deiner
Gesundheit bürgte  Du bleibst doch immer das alte feurige Mädchen das überall
geschäzt werden muss  Aber weißt Du auch dass Du dabei eine recht lose
Schäkkerin bist die ihre Anmerkungen in den launigsten Wiz einzukleiden weis 
Hätten die Nonnen nur die Oberfläche deiner Grundsäzze gekannt ich wette sie
würden Dich nicht mit ihren gesegneten Gaukeleien beladen haben  O Aberglaube
der du die Menschen so verfinsterst verrükke doch die armen Nonnen nicht
weiter  und du ehrwürdige gesunde Vernunft sei ihren fantastischen Köpfen
gnädig  Lass ihre schwache Leichtgläubigkeit nicht ferner durch
schmarozzerische Mönche anfachen Ist es möglich dass die wahre Religion in
ihrer schönen natürlichen Gestalt durch solche Possen so tief kann
heruntergesezt werden  Ihr bonzischen Mörder der gesunden Vernunft jagt dem
schwachen Volke Furcht und Angst ein bloß um eure Bäuche zu mästen  Gesegnet
sei Kaiser Joseph der in seinem Lande auf einmal diesem Puppenspiel ein Ende
machte  Doch izt vorwärts zu der Geschichte deines jüngeren
Reisegesellschafters Jeder Reisende dachte ich bei dieser Geschichte muss im
Postwagen Augen Ohren Herz und Börse wohl in Acht nehmen wenn er nicht
betrogen sein will denn fast immer sind die Postwägen von dergleichen Rittern
und Ritterinnen angefüllt die darauf Jagd machen  indessen ist es die
Unbequemlichkeit weggerechnet im Postwagen äußerst unterhaltend zu reisen Die
Verschiedenheit der Gesellschaft unterhält den denkenden Kopf und nirgends wird
lebhafter raisonnirt und mehr geschäkkert als in den Postwägen Madame
Neugierde ist da die Beherrscherin aller Herzen  So viel über diesen Punkt 
Aber nur Geduld Leichtsinnige nur Geduld Der Pater Guardian wird sich einst
schon an Dir rächen Mache Dir ja auf die ganze Zeit deines Lebens auf keinen
Kapuzinersegen Rechnung hörst Du  Was  Du hattest die Kühnheit über seine
dikke Unwissenheit zu spotten  Warte nur böses Weibchen der rachsüchtige
Bonze wird Dich bald behexen und nicht entexen so sehr hast Du seine
hochwürdige Dummheit angegriffen Aber nun lass uns auch ein Bischen von dem
italienischen Wirt schwazzen Recht getan  recht getan dass Du ihn aus dem
Zimmer jagtest Ehrengefühl ziert das Weib eben so schön als den Mann 
Glaubs wohl dass deine Alte über diesen Auftritt die Augen verzerrte denn
unser Geschlecht hat zu wenig gelernt die Tugend außer den Mauern ohne
Affektation zu behaupten  Suche Dir die Alte vom Halse zu schaffen sie taugt
für deine Denkungsart eben so wenig als jene saubere Kaffeehausgesellschaft 
Siehst Du nun meine Liebe wie es in der großen Welt drunter und drüber zugeht
 Wenn junge Leute noch unverdorben in solche Versammlungen eintretten wie
leicht können sie dann an solchen Orten durchs üble Beispiel ihre
Unverdorbenheit verlieren  Aber um Gotteswillen meine Liebe hüte Dich in
Venedig dass Dir deine Aufrichtigkeit nicht etwa Verdrießlichkeiten zuziehet 
Lass ja kein Wörtchen wider den Staat fahren sonst bist Du ohne Rettung
verloren  Auch sind die Italiener verschmizte Bursche die einer Deutschen mit
leidenschaftlicher Hizze nachzustellen wissen um sie ins Garn zu lokken  So
unverschämt und zudringlich die Männer in Venedig sich aufführen eben so
tollkühn treiben es die Weiber mit deutschen Jünglingen ihr hizziges Naturel
macht sie zu jedem Laster fähig Gott segne Dich und wache über Dich meine
Amalie 
 
                                    C Brief
                                    An Fanny
Also wie gesagt meine Besste als ich die Gesellschaft der brunetten Dame
verlies ging ich nach Hause legte mich zu Bette und schlief herrlich bis
mich meine Base des andern Morgens aufwekte 
    »Kommen Sie Sie müssen heute mit meinem Mann den Markusplaz besehen« 
sagte sie mir ganz sanft ins Ohr Ich rieb mir noch etliche Mal die Augen und
taumelte dann hin zur Toilette  Nun wollte mich die gute Frau nötigen eine
Maske vor mich zu nehmen aber ich sträubte mich tapfer dagegen  Nicht doch
Frau Base  Warum soll ich das Gesicht das mir Gott gegeben hat verkappen 
Darf ich dasselbe nicht sehen lassen 
    »O ja mein Kind  Aber Sie müssen sich maskieren es ist hier zu Lande
durchaus nötig um den Nachstellungen der Mannsleute zu entgehen«  
    Ei was Mannsleute  die werden mich doch nicht mit Gewalt am hellen Tag
anpakken  Nein so wahr ich eine Teutsche bin Frau Base ich verdekke mein
Gesicht nicht  Und so zog ich meinen Vetter mit mir zur Tür hinaus  Aber
kaum hatten wir ein paar schmale Gässchen durchwandert so streiften schon eine
Menge Masken sehr nahe und unglimpflich an mir vorbei  Ich schob dieses
Betragen auf die Rechnung des engen Raums der Straße bis mein Vetter auf einmal
zu brummen anfing und mich überzeugte dass seine Frau Recht gehabt hätte 
Die hiesigen Masken nehmen sich gegen ein fremdes unmaskiertes Frauenzimmer die
ungezogensten Frechheiten heraus  Eine Fremde muss sich in Mannskleider
stekken wenn sie ungestört über die Straße gehen will  Bei uns sezt diese Art
Verkleidung ein Frauenzimmer in übelen Ruf und hier dient sie zu seiner
Verteidigung  O Vorurteil du widersprechendes Wesen  sagte ich zu mir
selbst  als wir gerade unter den gedekten Seitengängen auf dem Markusplaz
anlangten  Hu  wie mir da der Kopf zu schwindeln anfing als ich die Menge
Masken erblikte die auf Strohsesseln vor den Kaffeebuden saßen und mich dabei
so starr angafften dass es mir ganz heiß in die Wangen stieg Fast alle meine
Sinnen waren über und über beschäftigt  Ich sah izt in den offenen Kaffeebuden
verwegen spielen unverschämt buhlen und jedes lasterhafte Gewerb in voller
Übung treiben Auf allen Seiten unterhielten sich diese beschäftigten
Müßiggänger mit ihren Modelastern Spionen lauerten Spieler zankten
Buhlerinnen schäkkerten emsig mit ihrer feilen Ware  Andächtlerinnen seufzten
über die Unerträglichkeit ihrer Keuschheit alte Weiber brummten an der Seite
ihrer ungetreuen Anbeter junge Damen warfen nach ihrer Gewohnheit ihre Nezze
aus Bonzen liebäugelten Schurken lehnten sich tiefsinnig an die Seitenwand
und dachten auf spizbübische Anschläge Stuzzer strikten Filet fremde junge
Windbeutel trugen ihre Figur zu Markte und Ausländer die kaum dem Galgen
entronnen waren genossen hier der goldenen Freiheit  Alles war in lebhafter
Tätigkeit und jeder schwelgte nach seiner Weise  Mit zerstreuter
Verwunderung schlenderte ich einigemal an dem Arm meines Vetters den Seitengang
hin und her  Der überraschende Lärm hatte meinen Körper in etwas aus seinem
Gleichgewicht gebracht  Ich schmiegte mich nahe an die rechte Seite meines
Führers und lehnte meine rechte Hand rükwärts auf meine Hüfte  Schon glaubte
ich in dieser Stellung unter dem Getümmel unbemerkt durchschlüpfen zu können
schon fing ich an über alle diese Tollhäuser philosophisch nachzudenken als
ich plötzlich meine rükwärts gelehnte Hand feurig gepresst fühlte  Aergerlich
blickte ich hinter mich und sah lauter gleich gekleidete Masken  Es schien
mir in diesem Falle schwer den Täter zu unterscheiden ich zog daher meine Hand
ganz stillschweigend aus dieser Stellung  Um Streitigkeiten zu verhindern
verschwieg ich diese neue Unverschämtheit meinem Vetter indem ich glaubte nun
sicher und ruhig an seiner Seite fortwandeln zu können Aber umsonst kaum hatte
ich einige Schritte vorwärts getan so tändelte schon wieder eine Maske an
meinen Haaren die bis über meine Hüften hinunter hiengen  Endlich zwang mich
die Notwendigkeit mit meinem Vetter in eine Gondel zu steigen um nach Hause zu
fahren  Hier hast Du nun die Geschichte des heutigen Tags von
    
                                                           Deiner bessten Amalie
 
                                   CI Brief
                                    An Fanny
Wenn wir gutchristlichen Katholiken in eine fremde Stadt geraten so eilt sonst
gewöhnlich unser erster Schritt der Kirche zu  Bei mir war es zwar nicht der
erste aber der letzte soll es gewiss sein Ich begab mich in eine Kirche aber
die schändliche Aufführung der italienischen Nazion im Tempel Gottes hat mich
sehr geärgert  Als ich in den Vorhof der Kirche trat drängten sich die alten
Bettelweiber haufenweis auf mich zu und baten zur Liebe des heiligen Antonius
um ein Allmosen Ich gab hin so viel ich konnte ob ich gleichwohl beim Weggehen
einige von diesen nämlichen alten Weibern besoffen in Winkeln liegen sah  Die
Kirche war dicht angefüllt alles murmelte mit verkehrten Augen Gebete daher
Die Damen zerschlugen sich aus Andacht die Brust und die Männer schwizten
heuchlerisch im Gedränge Die ganze Versammlung behauptete den Schein einer
außerordentlichen Frömmigkeit  Schon fing ich an mich über diese eifrigen
Diener des Herrn zu freuen schon beklagte ich die kalten Deutschen die in der
Verehrung des Schöpfers so wenig Feuer im Aeusserlichen zeigen  O dachte ich
welch ein Unterschied  Hier strozzen die Kirchen an Werktägen von Andächtigen
und bei uns kaum an Sonntägen und so würde ich weiter Vergleichungen angestellt
haben wenn mich nicht der verstohlne Seitenblik einer eifrig betenden Nachbarin
darin gestört hätte  Die gute fromme Scheinheilige schien nach etwas begierig
zu schmachten bis sich auf einmal ein frecher Bursche zu ihr hindrängte und in
ihr Gebetbuch ein Liebesbriefchen stekte  Sie nahm dann ihr Buch zu sich
klopfte ans Herz rief einigemal O Dio santo dazu und verlor sich  Als
dieser Auftritt den die übrigen frommen Christen nicht einmal bemerken wollten
sein Ende erreicht hatte wollte ich nach meiner Uhr sehen aber siehe da  man
hatte mir sie gestohlen  Ich sah ganz natürlich links und rechts nach dem
Dieb und erblikte nichts als Grimasse der Frömmigkeit Was blieb mir nun außer
der christlichen Geduld übrig an einem Orte wo jeder Heuchler der Religion Ehre
zu machen schien  Demungeachtet drängte sich mein Blut häufig dem Kopf zu und
es war mir unmöglich mich länger in einem Hause aufzuhalten wo Andächtelei dem
Laster den Schein der Ehrlichkeit borgen muss  Ich drängte mich hin und her
durch alle Lükken durch um in die freie Luft zu kommen Eine alte cara Mama
zupfte mich rükwärts am Arme und schien mir zu folgen  Was mag denn die
wollen  fuhr mir durch den Kopf indem ich sie aufmerksam betrachtete  Sie
brummte ihre Gebeter halb laut fort hielt ihren Rosenkranz fest sties
andächtige Seufzer aus und folgte mir bis an die Treppe  Karissima bella
Signorina  redete sie mich an  Geh zum Henker Alte mit deinen
Schmeicheleien  schrie ich ihr zu als sie mich ganz andächtig bei Seite zog
und mir einen förmlichen Antrag zu einer Lustpartie machte  Schandlose
Heuchlerin  lass mich mit Friede oder auf einmal war sie izt weg und wieder
in der Kirche  So geht es also hier im Tempel Gottes zu  Das ist das fromme
andächtige Volk  sagte ich unwillig zu mir selbst  und besuchte aus Neugierde
mehrere Kirchen nach einander  Alle fand ich eben so voll wie jene  Gott im
Himmel wie viel falsches Scheinopfer bringt man dir  seufzte ich dann laut 
und kehrte zurück nach Hause 
    Ja meine Fanny  die Geschichte in der Kirche hatte mich so sehr erzürnt
dass ich mehrere Tage keinen Schritt aus dem Hause tun wollte  Auf einmal
wurde meine üble Laune dem guten Vetter zur Last und ich musste ihm mit Gewalt
in eine adeliche Gesellschaft folgen
    Aber ums Himmels willen lieber Vetter ich bin ja nicht stiftmässig die
Damen werden Bedenken tragen mich unter sich aufzunehmen  sagte ich ihm
sträubend 
    »Ei was stiftmässig  antwortete mein Vetter hier braucht ein Fremder das
nicht geben sie unserer Noblesse nur ihren ExzellenzTitel und Sie sind gewiss
mit Ihrer Lebensart willkommen« 
    Genug ich lies mich aus Neugierde bereden und besuchte mit ihm eine solche
Versammlung  Als wir in Kassino anlangten so wimmelten schon die Vorzimmer
voll Bedienten Ich streifte mit philosophischem Unwillen an diesem schimmernden
Ungeziefer vorbei das sich kriechend bis zur Erde beugte dann stellte man mich
einigen Damen vor Ich muss gestehen ich fand einen himmelweiten Unterschied
zwischen ihnen und unsern aufgeblasenen stolzen Nasenrümpferinnen in
Deutschland Sie empfiengen mich mit einer vernünftigen Güte und Leutseligkeit
die so willig eher dem Verdienst als einer bloß zufälligen Geburt ihre Arme
öffnen  Sie marterten mich mit keiner steifen Etikette womit man Fremde in
Deutschland zu quälen pflegt Freiheit Munterkeit und gute Laune herrschten
überall in dieser Gesellschaft  Die Damen flüsterten einander keinen
Ahnenstolz in die Ohren und fielen mir nicht mit naseweisen Fragen zur Last
eben so wenig als ich von ihnen geschraubte hochmütige Antworten erhielt 
Keine gaffte mich mit teutscher Grobheit an als ob sie sagen wollte  »Selbst
dein Anzug ist nicht einmal hochadelich « In wenig Minuten achtete ich mich in
dieser Versammlung schon nicht mehr fremde  Man lies mir Freiheit ohne mich
aus Verachtung zu vergessen und man schien mich zu vergessen bloß um mir
Freiheit zu lassen  Niemand zwang mich zum Spiele  Jedem stund es frei sich
mit Kopf und Herz nach seiner Weise zu unterhalten  weder Eifersucht noch
Misgunst trübte die Damen unter einander  Jede hielt ihren Liebling fest 
und störte nicht durch Koketterie die Ruhe einer andernAlle hatten für sich
hinlängliche HerzensBeschäftigungen  Kurz die hiesigen Damen sind selbst bei
ihren raschen Leidenschaften weit erträglicher als die in Deutschland  Liebe
übertäubt alle ihre übrigen Leidenschaften und was Liebe nicht angreift das
beleidigt sie auch nicht  Sie haben überhaupt im Durchschnitt mehr Kultur als
die Männer Mutter Natur war ihre Leiterin Ziererei  Vapeurs  und Grillen
scheinen sie gar nicht zu kennen  In Gesellschaften handeln sie viel freier
als die Deutschen und bei Weitem nicht so geschraubt  Die Hizzigkeit ihres
Temperaments gestehen sie offenherzig und verderben nicht ihr Herz durch
heuchlerische Verstellung  Unsere deutschen Damen hingegen verbergen ihre
HerzensAngelegenheiten und werden dabei doppelte Sünderinnen  Hier rechnen
sichs die Damen zur Schande mehr als Einen zu lieben und bei uns schämen sie
sich dieser einfachen Zahl und tändeln mit allen die ihnen aufstossen aus
Schwachheit aus Überraschung oder aus Zufall Liebe wird bei den Italienern
zum ernstaften Geschäfte bei den Deutschen hingegen zur Galanterie oder
Heuchelei  Wechsel ist hier Verbrechen der den Stolz einer Dame beleidigt 
und bei uns wechselt man mit der Liebe eben so gleichgültig wie mit
Handschuhen  Die hiesigen Damen lernen außer ihrer Muttersprache selten eine
andere und saugen nicht wie bei uns mit der französischen Sprache zugleich
französischen Leichtsinn ein Sie studieren fleißiger ihre Muttersprache als
manche teutsche Dame welche die ihrige kaum buchstabieren kann  Auch Eigennutz
verunstaltet ihre Seele nicht so leicht weil sie weniger als bei uns dem Spiel
sondern mehr der Liebe nachhängen  Verläumdungssucht ist ihnen fast durchaus
fremde denn sie verschäkkern ihre Stunden meistens in der Gesellschaft ihrer
Liebhaber  Selbst Eitelkeit hat sie weit weniger vergiftet weil die
Einförmigkeit ihrer Masken keinen so großen Aufwand erfodert Wären nur die
hiesigen Damen ihren Männern getreuer verschwelgten sie nur weniger ihre
Gesundheit in den Armen der Wollust man könnte diese Engel von Weibern nicht
besser wünschen als man sie hier unter dem adelichen Stande findet  So weit
ging meine heutige Beobachtung Morgen auch etwas weniges von den hiesigen
Männern und nun gute Nacht meine Liebe von
    
                                                                  Deiner Amalie
 
                                   CII Brief
                                    An Fanny
Wort halten ist Pflicht  ruft uns die alte teutsche Redlichkeit zu Also muss
ich wohl heute ihrer Stimme folgen und Dir meine Fanny mein Versprechen
erfüllen So eben komme ich wieder aus einer adelichen Gesellschaft zu Hause
und ich kann Dich versichern dass die hiesigen Edelleute männlichen Geschlechts
fast durchaus über eine Form gemodelt sind  Ich fand in einem die andern alle
Ihr Wesen ist einfach und ihre NazionalMundart ist dem einen wie dem andern
eigen Selbst Liebe die doch bei der italienischen Sprache sehr gewinnt wird
durch ihre Nazionalsprache verunstaltet  Schon einige haben es versucht auf
mein Herz Ausfälle zu wagen aber sie prellten ab  Das Zuhausesizzen versagt
ihnen die nötige Kultur Sie besizzen die hochmütige Grille dass keiner von
ihnen ohne fürstlichen Aufwand reisen dürfe und doch haben die wenigsten davon
Glüksgüter genug um diese Grille zu befriedigen also bleiben sie lieber an
ihrem Kaminfeuer sizzen und gewöhnen sich dabei an eine simple nazionale
Lebensart dass es dem Fremden schwer wird den Edelmann vom Lakaien zu
unterscheiden  Sie lesen wenig studieren ihre Landesgesezze ausgenommen
fast gar nichts und bleiben bis an ihr Ende gutwillige Pagoden zur Bedienung
ihrer aufgeklärteren Damen  Ihre besondere Höflichkeit ihr hübscher Körperbau
und ihre feurige Liebe für unser Geschlecht sind noch die einzigen kleinen
Vorzüge die sie erträglich machen demungeachtet sind sie sehr zur Schwelgerei
geneigt Wenn ein junger Venezianer ohne Liebesfesseln lebt dann lebt er gewiss
bis zum Ekkel ausschweifend  Nun so ist denn doch Ausschweifung immer das
gewöhnliche Extrem eines Gelehrten oder eines Dummkopfs  fuhr mir bei dieser
Anmerkung durch den Sinn Doch weiter  Wiz besizzen sie gar keinen aber
desto mehr Nazionalsprüchelchen Vernunft findet man noch am meisten unter den
Advokaten weil sie ihnen Geld einträgt  Gekken sind sie fast alle denn ihr
Müßiggang macht sie dazu Stolz auf ihre Freiheiten erlauben sie sich in ihren
Masken viele kindische Torheiten Bigottismus und Wollust schlürfen sie ohne
den mindesten Vorwurf aus einem Becher weil sie gewohnt sind ihre Rechnung
alle Monate wenigstens einmal in dem Beichtstuhl abzulegen Der Grundzug ihres
Karakters bleibt so lange gutherzig bis er von einer Leidenschaft auf die Probe
gestellt wird alsdann erst artet er in feurige Rachsucht aus  So bald man
ihren vaterländischen Stolz nicht beleidigt so ist gut mit ihnen auszukommen
Literatur und schöne Wissenschaften verrosten gänzlich unter ihnen aber desto
fleißiger üben sie Rechtsgelahrteit und Handelschaft  Sie machen gutwillig
die Küchenjungen ihrer Weiber aber nie die Sklaven ihrer Vorgesezten  Ein
Venezianer läuft leichter mit dem Gemüskorb auf den Markt als dass er nur um ein
Haar seine Freiheit verlezzen ließe Sie lieben auch die Fremden aber trauen
ihnen nicht gerne  Eine große Menge Advokaten leben da auf Kosten ihrer
Klienten deren Rechtssache sie auf dem Rathause öffentlich verteidigen müssen
Die Landestracht wird von dem Nobili und Advokaten nur an Gerichtstägen
getragen und besteht aus einer Knotenperükke einem langen schwarzen Rokke mit
einer silbernen Kette um den Leib  Der Staat unterhält nur wenig Soldaten
aber destomehr Sbirren Man behauptet dass der Magistrat durch die
Geschiklichkeit dieser Sbirren in kurzer Zeit den Namen und das Gewerb eines
Fremden wissen kann wenn ihm die Neugierde ankömmt  Hm hm  Wie mag denn
das zugehen  fragte ich mich selbst da man doch hier zu Lande keinen Fremden
mit dem Namenaufschreiben tirannisirt  Aber desto aufmerksamer ist unsere
Polizei die den Unschuldigen nicht statt des Schuldigen plagt  flüsterte mir
mein Vetter ins Ohr der mein Selbstgespräch musste gehört haben Liebschaften
Mätressen und alles was ins Reich der Frau Venus gehört steht nicht unter dem
mindesten Zwang  wenn nicht Mordtaten oder Diebstähle damit verknüpft sind
 Wer sich in öffentlichen Häusern beschmuzzen will kann es ohne Hindernis
wagen Doch laufen bei aller dieser Freiheit die hiesigen Männer weit weniger
diesen Oertern zu als bei uns wo Vorurteil FraubasenGeklatsch oder der
bestochene Polizeirichter die Liebschaften von besserer Gattung so unbarmherzig
stören  Jeder unterhält sich hier sein eigenes Liebchen nach dem Maasstab
seiner Einkünfte Die öffentlichen Bedürfnishäuser werden meistens nur von
Fremden oder von den allerlüderlichsten Einheimischen besucht  Ich habe
diesen Saz meinem Vetter nicht glauben wollen aber morgen sagte er müssen Sie
Beinkleider anziehen und ich will Sie davon überzeugen  Lebe wohl
unterdessen meine Besste
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CIII Brief
                                   An Amalie
                               Liebste Besste 
Ländlich sittlich  so sagtest Du leztin selbst und doch weigertest Du Dich
Dich zu maskiren wie kommt denn das  O Du eigensinniges Weibchen Du 
Verhülle in Zukunft dein blühendes Gesichtchen sonst läufst Du Gefahr ferner
beunruhigt zu werden  Es muss übrigens doch für eine Fremde ein sonderbarer
Anblick sein wenn sie das lebhafte Gemische so vieler Masken erblikt  Mir
würde zwar dieses Getümmel nicht behagen Mitleiden und Abscheu würden mich zur
tiefsten Traurigkeit hinreißen  Schröklich ist es meine Freundin zu hören
dass selbst der geheiligte Tempel Gottes vom Laster nicht geschont wird 
Christen sollen das sein  Christen die die Größe und Allmacht ihres Schöpfers
weder fühlen noch kennen  Christen die aus keinem reinen Unterricht gelernt
haben die Gegenwart Gottes zu fürchten  Diese Verworfenen beten zu oft um
mit wahrer Zerknirschung des Herzens mit wahrer Andacht beten zu können  Ihr
kaltes flüchtiges abwesendes Herz wiedmet sich aus Langeweile unter ihrem
mechanischen Gebet bloß sündhaften Nebenbeschäftigungen Sie hüllen ihre Laster
in AndachtsÜbungen ein um desto freier ausschweifen zu können  Bigottismus
ist der Sünden Schuz und ihr gleissnerisches Gebet ist ein grässliches Verbrechen
an der Majestät Gottes  Schein der Frömmigkeit ist bei den Italienern fast
immer der Vorbote des Lasters  Man hält in diesen Ländern vieles auf
äußerliche Gebräuche aber desto weniger auf das innere Gefühl eines denkenden
Christen der mit einem Worte seinen gütigen Schöpfer anzubeten weis  Da
zwingt man die Menschen zum Gottesdienst sie müssen Predigten anhören beichten
und alle Gebräuche mitmachen wenn sie der Bonzen Wut entgehen wollen  Der
freie Willen wird unterjocht und öffnet dann das Herz der Heuchelei und der
Falschheit  Wenn der Diener seinem Herrn nur aus Zwang unterwürfig ist dann
entfernt sich sein Gefühl weit von dem guten Willen der das Lob seiner
Herrschaft verewigen sollte  Die Katholiken werden mit Gewalt zur
ReligionsÜbung geschleppt und ihr widerspenstiges wildes Gefühl artet dann
bei diesem Zwang in Lüge aus die sie bloß zum Schein dem Allmächtigen täglich
vorheucheln  Man verschliesse diesen Afterchristen die Kirche um sie erst den
Wert Gottes fühlen und kennen zu lehren  Man rufe ihnen die donnernde
Allmacht des Ewigen feurig ins Ohr um sie aufmerksamer zu machen auf die
Herrlichkeit Gottes der bloß auf das Herz des Menschen sieht  Mit
gefühlvoller Beredsamkeit sollten es die Seelsorger versuchen ihr angewöhntes
kaltes Gebet in warme innige Empfindung zum Lobe des Allgütigen umzustimmen 
Priester  ihr seid die SeelenHirten der Christen ihr seid die Abgesandten
des Welteilandes  Euch kommt es zu mit Eifer ins menschliche Herz zu
dringen euch ist es Pflicht das Gefühl für den Urheber der Natur darinnen
aufzuwekken und es zu reinigen von falschen Empfindungen Dringt mit Kunst mit
Menschenkenntnis mit Güte und Sanftmut hinein macht es willig zum Dienste
Gottes  Rührt den freien Willen des Menschen und ihr werdet siegen

    Ei da bin ich ja gar zum Prediger geworden und nahm mir doch vor recht
launigt zu schreiben  Lass sehen ob ichs jetzt wieder dazu bringen kann  Ich
für mein Teil meine Liebe will mich eher mit Ruten streichen lassen als in
die Gesellschaft unserer adelichen Damen tretten  Ein fühlendes Geschöpf muss
sich da mit Leib und Seel entsetzen über den stolzen schnippischen Blick womit
sie empfangen wird  wenn es ihr anders noch gelingt in eine solche Versammlung
zu kommen  Es ist gar zu drolligt wenn manchmal der aufgeklärte Kopf einer
Bürgerin dem adelichen Strohkopf mit einer tiefen Verbeugung zunikt  Ist es
möglich  So muss denn das wahre Verdienst des Herzens vor der Dummheit im
Staube liegen bleiben  Natur Nächstenliebe und Menschlichkeit werden von
diesen Weibern erstikt  Wer nicht das Glük hat Ahnen zu zählen muss mit dem
edelsten Herzen mit dem aufgewektesten Geiste im Winkel stehen bleiben und die
adelichen Gänschen bewundern Würden die Weiber sich durch Tugend und Bildung
auszuzeichnen suchen dann möchte es wohl mancher Dame nicht gelingen ihr Herz
mit einer Unadelichen im Gleichgewicht zu halten  Der unerträglichste
Ahnenstolz verrükt das kranke Gehirn so vieler deutschen Damen die sich aus
Mangel an eigenem Verdienste durch dieses Unding allein wichtig machen müssen
Geburt ohne Philosophie ist ein Geschenk das so gerne durch Hochmut bis zur
Unmenschlichkeit ausartet denn wie oft vergessen nicht die Adelichen die Stimme
des Mitleidens gegen ihre Untergebenen  Wenn das Andenken verdienstvoller
Voreltern unter den Söhnen zur Aufmunterung fortgepflanzt werden kann so geht
es doch die Töchter nichts an Ihre ganzen Heldentaten bestehen wie die der
Bürgerin im Heiraten Kindergebähren und Sterben Sind das nicht Törinnen
die mit entlehntem Verdienste prahlen wollen  Herablassung  Herablassung
meine adelichen Damen ruft ihnen der gesunde Menschenverstand zu  Blos
Geistesvorzug Talenten Menschenfreundlichkeit und edles Herz werden sie
wahrhaft in aller Welt Augen adeln alles übrige ist Eigensinn Eitelkeit oder
Hirngespinst  
    Doch lass uns izt auch noch ein Bischen die unterscheidenden Vorzüge der
jungen Kavaliers untersuchen  So simpel gutherzig und albern die Venezianer
auch immer sein mögen so sind sie doch gewiss erträglicher als unsre
spöttischen dummdreisten naseweisen Stuzzerchen die mit boshaftem Herzen in
Gesellschaften ihren geborgten französischen Wiz auskramen  So ein gereister
Zieraffe hat Dreistigkeit genug das ehrwürdige Alter eines biederen Mannes
lächerlich zu machen  Ihre geistlichen Hofmeister die sie meistenteils
begleiten lassen über der Neuheit der großen Welt das Herz ihrer Zöglinge aus
der Acht und genießen mit ihnen die Süßigkeiten der Schwelgerei  Übles
Beispiel unerfahrne Hofmeister und Überfluss verderben auf Reisen so viele
junge Leute Flatterhaftigkeit Laster GalanterieKrankheiten Weichlichkeit
sind fast immer die Früchten ihrer Reisen Nur selten kehrt ein junger Edelmann
aufgeklärt als wahrer Patriot und mutiger Held zurück  Das ganze Verdienst
dieser verwöhnten Muttersöhnchen besteht in der Windbeutelei und französischem
Unsinn  Diese wollüstigen Gekken verstehen die allerliebste Kunst den Damen
Strumpfbänder zu knüpfen wohlriechende Wasser zu versprüzzen und mit
Herzhaftigkeit eine Fliege tot zu schlagen wenn sie es wagt auf eine
hochadeliche Nase zu sizzen  Der Kriegsdienst dem sich unsere Edelleute
wiedmen macht sie gar zu oft brutal und unverschämt  Wie oft wird ihr
stumpfes verdorbnes Gefühl von den bessern Empfindungen eines gemeinen Soldaten
übertroffen  Unschuldige Mädchen verführen den guten Namen ehrlicher Weiber
verschreien sich mit Gassennimphen beschmuzzen Schulden machen Bürger
prügeln ist alsdann die Beschäftigung die sie in der Uniform in voller Übung
treiben  So roh unsre alten Deutschen auch immer waren so hielten sie doch
auf Zucht und Ehre und befolgten als Biedermänner strenge ihre Gesezze die
nach ihren Begriffen gut waren  Aber izt meine Freundin ist alte Redlichkeit
in Staub gesunken  Milchbärte haben ihr Andenken entehrt  O das ist traurig
meine Amalie Doch ich muss schließen Ewig
    
                                                                    Deine Fanny
 
                                   CIV Brief
                                    An Fanny
Denke nur meine Liebe mein Vetter lies mir nicht eher Ruhe bis ich mich
entschloss mit ihm in Mannskleidern öffentliche Lustäuser zu besuchen  er
wollte mir durchaus die Wahrheit seines Sazzes beweisen  und er behauptete ihn
mit Recht denn wir fanden in diesen öffentlichen Lustäusern mehr Ausländer
als Einheimische  Da es eines Abends anfing dunkel zu werden führte er mich
in eines dieser Häuser Eine sehr dunkle Treppe leitete uns in ein Vorzimmer
worinnen ein altes Weib saß die laut betete  Sie lies uns gerade so lange
stehen bis sie noch einige Korallen ihres Rosenkranzes hin und her geschoben
hatte dann schlug sie das Kreuz über die Brust ging ohne ein Wort zu reden
ins Nebenzimmer und eilte bald wieder mit der Antwort zurück »Dass ihre Tochter
bereit wäre uns zu empfangen«  Gerechter Himmel schon wieder eine solche
heuchlerische SatansChristin die ihre lasterhafte Tochter unter frommer Lüge
verkuppelt  So wollte ich eben laut seufzen als wir gerade in das Zimmer der
Buhlerin eintraten  Die Dirne empfing uns mit einer frechen zuversichtlichen
Miene und war schon so in ihrer schändlichen Kunst erfahren dass sie mein
Geschlecht auf den ersten Blick entdekte  »Mit Ihnen junger Herr ist wohl
nicht viel zu unternehmen und du alter Kamerad redete sie uns an du bist der
Freude auch schon abgestorben also muss ich wohl auf andere Mittel denken euch
zu unterhalten « Dann warf sie eiligst ihre schlampigten Kleider vom Leibe
und machte die schändlichsten wollüstigen Stellungen  Das Blut stieg mir wie
Feuer ins Gesicht ich wandte meine Blikke von dieser Schandmezze weg  sie
merkte meine Verlegenheit und spottete laut über die blöde Schamhaftigkeit der
Deutschen  Gott welcher Abscheu durchschauderte meine Seele  Tränen des
Entsetzens rollten über meine Wangen  Die ganze Natur empörte sich in mir 
Ich griff hastig nach meiner Börse und warf dieser elenden Kreatur etwas Geld
hin wonach sie heisshungerig schnappte  Mein Vetter konnte mich kaum mehr
trösten so schröklich hatte mich dieser grässliche Auftritt verstimmt 
Gebeugt schwermütig durchirrten wir einige Straßen als uns plötzlich das
laute Weinen einer weiblichen Stimme aufmerksam machte  Der Schall kam aus
einem Stübchen dessen Fenster nicht hoch von der Erde waren die ganze Wohnung
hatte das Ansehen eines Bordels worinnen das Laster sich durch Armut selbst zu
strafen schien Die Neugierde trieb uns hinein wir fanden den Hauswirt im
heftigsten Streite mit einem jungen Mädchen das verzweiflungsvoll die Hände
rang  Als dieser Kerl uns erblikte stimmte er augenbliklich seinen Ton um
kneipte das betrübte Mädchen in die Wangen wünschte uns kriechend gute
Unterhaltung und verlies das Zimmer  Das arme Geschöpf warf sich dann
jammernd zu unsern Füßen bat um Barmherzigkeit um Schonung  So sehr auch
diese Art Mädchen die Gewohnheit an sich haben ganze Romanen zu erdichten um
ihren Lebenswandel zu entschuldigen so fand ich doch bei dieser eine geheime
Stimme der Wahrheit die mein Herz zum warmen Mitleid rührte  Mein Gott 
fuhr mir in teutscher Sprache über die Zunge  als die Arme mit feurigem
Entzükken laut ausrief Gott sei Dank Sie sind ein Teutscher Sie werden mich
retten Mit kurzen Worten erzählte sie mir nun ihre Geschichte  Sie ist eine
Kaufmannstochter aus A ein Böswicht entführte sie und überlies sie dann in
einem fremden Lande dem Mangel  Sie geriet durch Kuppelei in die Hände dieses
Wirts dessen Eigennutz sie mit ihrem noch ungewöhnten Körper nicht hinlänglich
befriedigte und der sie eben deswegen schon seit einiger Zeit tirannisch
behandelte Sie rang in dieser Gefangenschaft des Lasters schon lange mit der
äußersten Verzweiflung  Ihr Flehen rührte keinen Wollüstling keiner schonte
ihrer Tugend alle genossen die Sträubende mit teuflischer Lust und achteten
nicht der heißen Tränen die auf ihre gewalttätige Hände brannten  Großer
Weltbeherrscher  warum zögerte deine Strafe über diese Schänder der
Menschheit  Warum gefiel es der unendlichen Barmherzigkeit nicht sie
augenbliklich auszurotten  O menschliches Gefühl wo sind deine Rechte  Wo
ist deine Stimme  Kommen Sie lieber Vetter ich kann es nicht mehr aushalten
 Ich küsste die Bedaurungswürdige auf die Stirn  versprach ihr Hilfe  empfahl
ihr Verschwiegenheit  und eilte nach Hause  Dass ich dann noch in der
nämlichen Stunde an ihre Eltern schrieb wirst Du gewiss von meinem Herzen
hoffen dessen Empfindungen Du so genau kennst  Lebe wohl meine Teuerste 
Lebe wohl 
                                                                         Amalie
 
                                   CV Brief
                                    An Fanny
Ich wundere mich sehr meine Teuerste dass Du mich so lange ohne Nachrichten
lässt  Doch keine Vorwürfe  Vielleicht kreuzzen sich unsere Briefe oder Du
hast Geschäften welche Dich abhalten  Freue Dich mit mir besste Fanny jenes
unglückliche Mädchen von dem ich Dir im letzten Briefe sprach ist gerettet 
Sie ruht nun im Schoose ihrer ausgesöhnten Familie  Dir Allgütiger sei dafür
ewiger Dank gesagt dass Du mir Gelegenheit gabest einem meiner Nebenmenschen zu
dienen  O dieses selige Gefühl hält mich izt für alle Leiden meines Lebens
schadlos  Venedig soll mir um dieses Glüks willen nie aus meinem Andenken
schwinden so wenig ich sonst hier Unterhaltung für Kopf und Herz fand  Selbst
im Schauspiel genoss ich keine GeistesNahrung weil es so äußerst schlecht
bestellt ist  Ton und Tanzkunst ausgenommen sind die hiesigen Schauspiele
keinen Heller wert  Elende Harlekinaden Marionettenspielereien
Possenreissereien damit wird der Zuschauer bis zur Langeweile eingeschläfert 
Ich habe keine einzige Komödie gesehen deren Verfasser mit gesundem Kopfe
geschrieben hätte  Goldonis Burlesken werden hier so zotenmässig vorgestellt
dass man es dabei nicht aushalten kann Trauerspiele hat man fast gar keine und
die wenigen schlechten die man hier gibt werden durch frazhafte Episoden bis
zum Ekkel heruntergesezt  Man möchte toll werden wenn man die steife
empfindungslose Opernsängerin wie eine Dratpuppe in einem Trauerspiel agieren
sieht  Sie arbeitet so viel mit ihren Händen deklamiert so widersinnig als
ob Kopf und Herz mit dem kalten Fieber behaftet wären  Eine hiesige
Opernsängerin ist so sehr Maschine dass sie sich bloß hinter der Gardine hören
lassen muss wenn sie nicht will dass fast alle Sinnen des Zuschauers außer dem
Gehör ihre Ankläger werden  Was kümmert mich eine helle Kehle wenn ihre
Besizzerin nicht die Kunst versteht die Töne durch SeelenAffekt in mein Herz
zu gießen  Ein bloses musikalisches Instrument tut mehr Wirkung auf die
Empfindung der Zuhörer weil das Auge dabei keine Foderung machen darf  Ich
höre hier allen Opernsängerinnen mit geschlossenen Augen zu um mir den Ärger
über ihre hölzerne Geschmaklosigkeit zu ersparen  Schade ist es für eine so
feurige Nazion dass ihr die noch nötige Kultur fehlt sie könnte große
Fortschritte in der Schauspielkunst machen wenn sie durch Lektur und gute
Anleitung geführt würde Ich habe diese Bemerkung in ihren Balletten gemacht
die mir noch am bessten gefielen  Die Lebhaftigkeit gibt ihr einen so feurigen
Schwung der Affekten dass ich ihre leidenschaftlichen Pantomimen mit Vergnügen
bewunderte  Übrigens sind die Sitten dieser Leute noch fast verdorbener als
bei uns  Die Mutter einer Schauspielerin wuchert ganz öffentlich mit der
Unschuld ihrer Tochter und bewahrt ihr Kind den Meistbietenden auf  Bei jedem
Teatereingange findet man eine Menge von andern Freudenmädchen und zur Seite
des Schauspielhauses ganze Reihen von Bordellen  Die Türen sind zu ebener
Erde eine jede davon ist numerirt und mit einem Marienbildchen nebst einem
kleinen Wachslichte geziert welches alle Sonnabende von der Nimphe angezündet
wird Diese Kreaturen stehen am Eingang der Türe um die Vorübergehenden zur
Verführung zu lokken und da die Gassen sehr enge sind so schlüpfen viele
Mannspersonen vermutlich aus Furcht zerdrükt zu werden in diese unreinen
Winkel  Wenn aber eine von diesen Nothelferinnen des Lasters ohne Bekehrung
schnell dahinstirbt so wird sie in einem Sak ins Meer geworfen  Jede davon
trägt einen Dolch zur Verteidigung bei sich Man hat mich versichert dass es
Männer gegeben habe die nach Befriedigung ihrer viehischen Begierden ihre
Raserei so weit aus Abscheu getrieben hätten dass sie ihre Gehülfin auf der
Stelle ermordeten  Bisweilen sezt es wegen Bezahlung oder Dieberei
Streitigkeiten ab dass man schon mehrmalen dergleichen Weibsleute oder
Mannsleute tot antraf  Was nun die Einrichtungen ihrer Gesundheits Umstände
betrifft so soll man in Berlin weit bessere getroffen haben  Die hiesige
Polizei mischt sich nicht so scharf in diese einzelnen Umstände und überlässt es
dem verdorbenen Geschmak eines Jeden sich der Gefahr auszusetzen  Gerade ruft
mich mein Vetter zu Tische Nimm also diesen eiligen Kuss von
                                                                  Deiner Amalie
 
                                   CVI Brief
                                   An Amalie
                             Liebes gutes Malchen
Eine kleine Lustreise hielt mich bis izt ab deine lezteren Briefe zu
beantworten Du schreibst es doch nicht auf Rechnung meines Herzens  O ich
habe wohl unterdessen recht oft an Dich gedacht und dein erster Brief
überraschte mich gerade in dieser liebevollen Beschäftigung Ich durchlas ihn
mit innigem Vergnügen nur befürchtete ich dabei zu sehr dass Du Dich durch dein
offenherziges Betragen einigen weibischen Lästermäulern blosgeben möchtest Sie
werden nicht begreifen wollen dass auch ein Frauenzimmer als Philosophin reisen
kann und dass es ihrem kritischen Auge ebenmässig erlaubt ist Stoff zum Denken
zu suchen  Aber richtiger werden dafür die wenigen Vernünftigen urteilen die
kein gallsüchtiges neidisches Herz im Busen tragen  Was kümmert uns übrigens
das Vorurteil einiger abgelebten Matronen die ohnehin bloß zum Ofensizzen und
Gänsehüten geschaffen sind Du lernst dadurch das menschliche Herz kennen und
das ist einem jeden Vernünftigen Pflicht der in der Welt nicht untätig leben
will  Aber noch staune ich meine Amalie über den italienischen Bigottismus
der mit dem Laster verschwistert einer Religion Schande macht die im reinsten
Gewande prangen könnte wenn verdorbene Begriffe sie nicht zur Heuchelei
entstellte Gibt es denn in Venedig keine Priester die solche abscheuliche
Misbräuche zu verhindern wissen  Warum duldet man dergleichen Gebräuche  Ist
das die reine Lehre Christi die das menschliche Herz veredeln sollte  Die
Italiener müssen den Wert der Religion eben so wenig kennen als die
Hässlichkeit des Lasters sonst würden sie ihn nicht zur Ausübung solcher
Misbräuche anwenden Den Priestern käme es zu Religion und Laster im ächten
Lichte den Menschen zu zeigen und dann es ihrem Herzen zu überlassen wenn es
noch boshaft genug sein könnte beides nach erlangter Kenntnis mit einander zu
vermengen Wer sich dann troz diesem den öffentlichen Bedürfnissen Preis geben
wollte der könnte es auf Unkosten seiner eigenen Ruhe wagen  Die
Gewissensstimme wäre denn der verborgene Tirann der so ein Herz bei müßigen
Stunden grausam zerfleischte  Nicht immer unterdrükt Schamlosigkeit den Ekkel
der Natur Es gibt Augenblicke wo das Bildnis einer langen Ewigkeit so eine
Kreatur grässlich martert  Indessen kann ich doch diese Häuser nicht ganz
misbilligen Sie verhüten größere Ausschweifungen und bieten dem verdorbenen
Geschmak der Menschen Befriedigung an  Die Triebe der Natur arten bloß durch
Weichlichkeit und Bosheit zum Laster aus  Der blose Instinkt strebt nur nach
genugsamer Befriedigung aber die Einbildungskraft der Menschen schafft ihn zur
ausschweifenden Wollust um  Man betrachte das Tier es hat nur seine gewisse
Zeiten zur Befriedigung aber der Mensch dieser edlere Teil der Schöpfung ist
in seinen Lüsten unersättlich weil er der Einbildungskraft den freien Zügel
lässt  Die meisten Menschen denken zu wenig um ihre Begierden einschränken zu
können Ihre Sinnen verirren sich so leicht bei jedem neuen Gegenstande wo
hingegen das Tier keinen Unterschied kennt um außer seiner gehörigen Zeit
lüstern zu werden  Gott gab den Menschen Vernunft um ihre Handlungen nach der
Mäßigkeit einzurichten aber die wenigsten hören auf ihre Stimme sondern
folgen vom Beispiel hingerissen den Reizen des Lasters auf Kosten ihrer Ehre
ihrer Gesundheit  O die Menschheit ist ein unglückseliges schwaches Wesen
das so leicht ausglitscht wenn nicht genaue Aufmerksamkeit über sich selbst und
Religion dieselbe leitet  Man darf sich nur einen geringen Fehler nicht
vorwerfen dann eilt man schnell bis zum äußersten Grade des Lasters  Fleissige
Selbstbeobachtung ist der erste und sicherste Weg zur Tugend So bald aber der
Mensch leichtsinnig alles Gefühl in sich erstikt dann wird er gerade so
verstokt so lasterhaft wie jene Wollüstlinge die das arme teutsche Mädchen im
Bordell wider derselben Willen genießen konnten  Gott segne die Gerettete in
den Armen ihrer Familie und Dich lohne er dafür einstens mit unaussprechlicher
Glückseligkeit dein Herz verdient es in der Tat 
    Aber izt weiter zu deinem zweiten Brief  Dass es in Italien außer der
Malerei und Tonkunst mit den übrigen Wissenschaften schlecht bestellt ist wusste
ich schon lange  Die Nazion muss äußerst träge sein dass sie Schauspielkunst
und Lektur so sehr vernachlässigt  Sie ist von jeher in der Aufklärung eine der
letzten gewesen und hat in der Literatur von ihren Geistesfrüchten wenig
aufzuweisen  Wenn ihr Gefühl durch Denken verfeinert würde dann könnte sie
nicht zu dem äußersten Grade des Lasters fähig sein  Roh und gedankenlos folgt
sie bloß der Stimme ihres leidenschaftlichen Bluts und überlegt aus Mangel der
Bildung zu wenig ihre feurigen Handlungen  Lebhaftigkeit führt zur Tugend oder
zum Laster je nachdem sie geleitet wird  Eigennutz ist auch ein Hauptfehler
dieser Nazion um ihrer Befriedigung willen sind sie in Possenreissereien so
erfinderisch  Selbst bei uns belustigen sie einige teutsche Fürsten mit
unsinnigen Frazzen Mancher Hof bezahlt schweres Geld für eine welsche
Opersängerin die in Italien ums Allmosen in Kaffeehäusern ihre schmuzzigen
Liedchen heruntertrillerte  Bald werden die italienischen Landstreicher mit
ihren Murmeltierchen auf deutschen Bühnen ihr Glük machen da es einmal so sehr
Mode ist welsche Insekten zu dulden  Keine auswärtige Nazion lokt die unsrige
zu sich und füttert sie Wir gutherzigen schwachen Deutschen allein bezahlen
ausländischen Unsinn und ungesittete Aufführung  Und warum  Aus Vorurteil
 So lange der Teutsche dem inländischen Talent Schuz und Aufmunterung versagt
eben so lange bleibt er ein alberner Affe der nach der verstimmten Pfeife eines
Fremdlings tanzen muss  O die Großen die Großen könnten vieles anders
einrichten wenn sie wollten  Ist es nicht Schande dass man fremde faule Ware
auf Unkosten der fleissigern aufgeklärtern einheimischen duldet  Einige Höfe
strozzen voll italienischer Komte und Markisse die es durch Speichellekkerei so
weit zu bringen wussten dass man ihre zerlöcherten Adelsbriefe nicht einmal in
Verdacht hat besonders wenn sie das Glük hatten irgend einer empfindsamen
Fürstin zu gefallen Diese Abenteurer machen sich der deutschen Gutherzigkeit
zu Nuzze und wandern häufig aus ihrem Vaterland um den Hunger zu stillen und
die bessten Aemter verdienstvollern Patrioten wegzukapern  Bisweilen mislingt
ihnen dann ihre Rolle und der Herr Komte verwandelt sich in einen Lakaien der
seinem Herrn mit dem Adelsbriefe als ein Betrüger entfloh  Deutschland ist mir
der Aufklärung ungeachtet in vielen Stükken ein Rätsel  So viel von
    
                                                            Deiner bessten Fanny
 
                                  CVII Brief
                                    An Fanny
O Vorsehung wie wunderlich sind doch deine Wege  Unverhofft Freundin bin
ich auf einmal wenigstens in einem Punkt glücklich ruhig an Seel und Leib denn
ich habe meine Freiheit wieder  Der Tod hat meinen ausschweifenden Mann früher
hingerafft als es von seinem Alter zu vermuten war  Er ist dahin Gott gebe
seiner Seele Friede und mir die vorige Gesundheit wieder  Nichts hat er mir
hinterlassen als eine Menge Schulden wofür mein guter Oheim noch bei seiner
Lebzeit bürgte  Dieser zu frühe Hintritt kann vielleicht doch für meinen Oheim
und für mich üble Folgen haben  Gott  Wenn ich dadurch die fernere
Unterstüzzung meines Oheims verlöre  Ich kränkle ohnehin eine Zeit her und
werde wohl nimmermehr meine völlige Gesundheit wieder erhalten  Schon seit
einigen Wochen verlasse ich mein Zimmer nicht  Die große Welt ist mir zur
Last ich sehne mich von ihr hinweg  Das unruhige Getümmel füllt mein leeres
Herz nicht aus  Du kannst nun leicht einsehen dass Schwermut für mich eine
Nahrung ist der ich aus Langeweile nachhängen muss  Mein Mistrauen gegen die
Männer geht izt bis zur Menschenfeindlichkeit ich würde keinem trauen und wenn
er sich in der Gestalt eines Engels zeigte  Dass mich doch meine Vernunft nie
verlassen möge dass sie mir beistehe bei Begebenheiten wie ich leztin eine
erlebte  An einem Morgen meldete mir mein Gretchen dass ein Fremder mich zu
sprechen verlange ich lies ihn so wie ich es in Ansehung der Mannspersonen
immer tat abweisen Er beharrte aber auf seiner Bitte und lies mir melden
dass er Briefe von meinem Oheim zu übergeben hätte  Die lebhafteste Freude
durchströmte mich bei dieser Nachricht ungeduldig wartete ich izt seiner er
kam zog eilig seine Brieftasche heraus und übergab mir den Brief  Hastig
ohne die Schrift zu unterscheiden riss ich das Petschaft auf  und fand
einen buhlerischen Antrag vom römischen Konsul  Versteinert stand ich da
fasste mich aber eilig wieder griff nach einem Terzerol und jagte den Kuppler
aus meinem Zimmer  Dann sah ich Gretchen ihm nachschleichen welches mich
vermuten ließe dass sie mit ihm einverstanden sei  Täglich wird mir diese
Kreatur verhasster  Sie darf ohne meinen Befehl mit keinem Fuß mein Zimmer
betretten demungeachtet wagte es die freche Plaudertasche mich durch kahle
Entschuldigungen zum Zorne zu reizen  Sie trieb es in Lügen so weit dass ich
ihr aus Ärger ein Glas nachwarf  Die Übereilung war hizzig ich gesteh es
selbst aber derjenige welcher weis wozu mich die beleidigte Güte meines
Herzens bringen kann entschuldigt sie leicht  Morgen erst schließe ich diesen
Brief 
Des andern Tags
    Nun so muss ich denn immer Schlangen im Busen nähren  So ist es denn mein
ewiges Geschikke an Nichtswürdige zu geraten Mein undankbares Dienstmädchen
hat mich nun gar bestohlen  Ich fand den Beweis in der Rechnung als ich meine
Börse untersuchte  Die Dirne läugnete anfangs hartnäkkig bis ich sie
überwies alsdann erst flehte sie kniefällig um Schonung  Sie soll von dieser
Stunde an meinen Anblick meiden und so mag sie bis ich selbst abreise bei mir
bleiben Ich werde ohnehin vermutlich in wenig Wochen nach Deutschland
zurückkehren müssen  Dann kann ich Dir liebe Fanny vielleicht mündlich sagen
wie warm mein Herz für Dich schlägt 
    
                                                                         Amalie
 
                                  CVIII Brief
                                    An Fanny
Schon einige Wochen sind vorüber und ich schrieb nicht an Dich  Die Erzählung
meines Abenteuers soll Dich aber für diese kleine Nachlässigkeit recht sehr
entschädigen Du magst dann entscheiden ob ich mich nicht dabei verhielt wie
es mir zustand  Vor einiger Zeit führte mich mein Vetter Abends in sein
gewöhnliches Kaffeehaus  Um bei diesen letzten Karnevalstägen dem Schwarme der
häufigen Masken auszuweichen eilten wir beide einem Seitenstübchen zu Es waren
daselbst nur wenige Masken zugegen die einen davon spielten die andern
plauderten die übrigen schliefen auf den Bänken herum  Ich hatte eine
Kouriersmaske an und setzte mich mit den plumpen Stiefeln so derbe zwischen zwo
schlafende Masken dass sie darüber aufwachten Nun fingen die Masken an sich
die Augen zu reiben träge Töne herauszustammeln und ihre Larve vom Gesicht zu
lüpfen um mich desto bequemer betrachten zu können  Questo è una Donna sagte
die eine Maske nein erwiderte die andere es ist kein Frauenzimmer  Sie
zankten sich wegen meiner aus Neugierde hin und her bis die eine davon
folgendes Gespräch mit mir anfing 
                                   Die Maske
Schöne Maske  hätten Sie nicht Lust unsern Streit durch Ihr eigenes
Bekenntnis zu entscheiden 
                                      Ich
Wenn ich erkannt sein wollte würde ich mich nicht maskiert haben 
                                     Maske
O Ihre Stimme verrät Sie  Sie sind ein Frauenzimmer 
                                      Ich
Aber demungeachtet doch nicht gemacht um ihre Neugierde zu befriedigen 
                                     Maske
Wenn wir Sie aber recht freundlich bitten uns ihr liebes Gesichtchen zu zeigen
würden Sie uns diese Gefälligkeit abschlagen 
                                      Ich
Es ist wider meine Gewohnheit mit meiner Larve zu prahlen um so weniger würde
ich es wagen da mein Gesicht dem Wuchs nicht das Gleichgewicht hält
                                     Maske
Das ist unmöglich  Verzeihen Sie schöne Maske auf so einem zierlichen Körper
muss auch ein hübsches Gesichte ruhen   
                                      Ich
Ihr Schluss leidet Ausnahme denn die Natur hat an mir nicht so verschwenderisch
gehandelt 
                                     Maske
Klagen Sie Ihre Wohltäterin nicht an Mich dünkt sie hat Ihnen Alles gegeben
Schönheit und Gefühl Warum handeln Sie denn so neidisch mit ihren Gaben 
                                      Ich
Weil ich diese Gaben wenn ich sie auch besäße nicht der Gefahr aussetzen will
übel belohnt zu werden
                                     Maske
Sie halten uns also für Betrüger
                                      Ich
Das nicht aber für Leute aus der großen Welt 
Hier wurde mir für diese Wendung so feurig die Hand geküsst dass der laute Schall
davon plötzlich mehrere Masken herbeilokte Aber die vorige Maske lies sich nicht
stören und fragte mich weiter 
                                     Maske
Sie sind also unerbittlich  und wollen uns das Glük Ihrer Bekanntschaft
durchaus nicht gönnen 
                                      Ich
Es ist erst noch die Frage ob es für Sie ein Glük sein würde ich möchte nicht
gerne meine Eigenliebe auf eine so gefährliche Probe setzen denn wer weis in
welche Vorzüge Sie eigentlich Ihr Glük setzen 
                                     Maske
Auf die die wir schon zum voraus an Ihnen bemerken  Wagen Sie es kühn ihr
Gesicht sehen zu lassen wenn es auch nicht ganz unserm Ideal entspräche Ihre
übrigen Verdienste halten uns gewiss schadlos 
                                      Ich
Genug meine Masken der gefasste Entschluss bleibt fest ich demaskiere mich
nicht weil Sie sich doch bloß nach einer glatten Haut sehnen so mögen Sie für
diesmal neugierig schlafen gehen  mir ist um keine Eroberung zu tun
Unser Gespräch fing an hizzig zu werden Alle umstehenden Masken streuten mir
Weihrauch jede drängte sich an mich hin um ihre Neugierde zu befriedigen Nur
die Maske zu meiner Linken hatte bis izt ohne den mindesten Laut an meiner Seite
gesessen  Ein verschwiegener sanfter Händedruck war alles was sie zuweilen
gegen mich wagte  Schon war ich im Begrif mein Gespräch an sie zu wenden als
mich wieder auf einmal die vorige Maske unterbrach 
                                     Maske
Sie sind eine Dame von der bessten Erziehung das fühlen wir Alle und Sie sollen
sehen dass wir Sie zu schäzzen wissen  Nur eine Bitte versagen Sie uns nicht
bei deren Erfüllung Sie mehr gewinnen als verlieren 
                                      Ich
Und worin bestünde denn diese Bitte 
                                     Maske
Einige von uns werden sich die Freiheit nehmen an Sie zu schreiben Versprechen
Sie uns nur unsern Brief an einem dritten Orte abholen zu lassen und dann mögen
Sie selbst entscheiden wer unter uns Ihrer Bekanntschaft würdig ist 
                                      Ich
Nun denn so viel verspreche ich Ihnen aber sehen Sie nur mein Vetter gähnt er
hat Schlaf  Bona sera  sagte ich zu meinem Nachbar zur Linken der bei
meinem letzten Wort tief seufzte und ging dann mit meinem Vetter nach Hause 
Der ganze Vorfall war mir des andern Morgens aus dem Kopfe verschwunden als auf
einmal mein Vetter lachend mit drei Briefen in der Hand bei mir erschien 
»Da lesen Sie einmal Bäschen  Lesen Sie doch Ich habe diese Briefe aus Spaß
am dritten Orte abholen lassen «
Er drang so launigt in mich ich musste sie erbrechen  Zween von diesen Briefen
enthielten lauter unsinnige Schmeicheleien aber geschwind flogen sie dann auch
aus meiner Hand ins Kaminfeuer  Nur der letzte hielt mich seiner sonderlichen
Sprache wegen für die übrigen schadlos  Hier hast Du ihn  ich habe seinen
Inhalt ins Teutsche übersezt 
                            Verehrungswürdige Dame
»Die vielen kriechenden Schmeichler die gestern um Sie herum flatterten
machten mich an Ihrer linken Seite stumm  Sie müssen mein Stillschweigen
bemerkt haben sonst wären Sie die Denkerin nicht die Sie sind  Nur im
Stillen überströmte mein Herz von der Hochachtung die ein Jeder Ihren Vorzügen
schuldig ist  Ein biederer Mann der sich in den Augen einer solchen
Menschenkennerin nicht verdächtig machen will konnte bei dieser Gelegenheit
nichts anders tun als schweigen und fühlen Ich trage ein redliches Herz im
Busen bin Advokat wohne bei meinen Eltern in Kampo Sant Crisostomo Wollen Sie
mir auf diese Versicherung hin das Glük Ihrer Bekanntschaft schenken so
verbinden Sie durch dieses Zutrauen unendlich«
                                                                           Ihren
                                                       ehrfurchtsvollsten Diener
                                                     Geronimo Lustrini Avocato
Ist dieser Brief nicht allerliebst naiv  Lies einmal meine Antwort 
                                   Mein Herr
»Mit Mitleid sah ich gestern auf die Schmeichler herab die durch alltägliche
Kunstgriffe meiner Eitelkeit Schlingen legten um dadurch ihre lüsterne
Neugierde zu befriedigen  Ich kenne die Welt und halte aus Erfahrung mehr auf
Gefühl als auf leere Worte  Hätte ich nun das Glük ein erträglicheres Gesicht
zu besizzen so würde ich keinen Augenblick anstehen ihre Bekanntschaft zu
machen  Aber leider so flüstert mir meine weibliche Eitelkeit ins Ohr dass
ich bei diesen traurigen Umständen in Ihren Augen unendlich verlieren würde 
Die meisten Männer hangen doch am Sinnlichen und blose Seelenvorzüge machen Sie
über kurz oder lang kalt  Um also diesem empfindlichen Streich auszuweichen
muss ich mir die Ehre ihrer Besuche verbitten «
                                                                  Amalie von 
Nicht wahr Fanny das heißt fein gequält  Aber genug ich bleibe bei diesem
Vorwand und eh er nicht die Probe ausgehalten hat soll er mit keinem Fuß mein
Zimmer betretten Lies folgenden Briefwechsel und dann urteile von meiner
Standhaftigkeit
                                    Madame
»Sie rechnen mich also auch unter die Wollüstlinge die der blosen Schönheit
nachjagen  Hab ich dies wohl bei meinem ernstaften Betragen um Sie verdient
 Was kümmert mich Ihr Gesicht wenn ich in Ihrem Umgang Nahrung für meinen Kopf
und mein Herz finde  Ich dünke mich Philosoph genug um es der weiblichen
Eitelkeit nie fühlen zu lassen dass ihr Gesicht von der Natur ist vernachlässigt
worden  Und warum wollen Sie mir demungeachtet ein Vergnügen versagen das
meine Glückseligkeit ausmachen würde  Empfangen Sie mich zu allen Zeiten
maskiert wenn Sie wollen und ich willige ein  wenn Sie aber über diesen
Vorschlag meinen feurigsten Wunsch noch länger nicht befriedigen so bringen Sie
mich auf den Gedanken dass Sie auf Ihre Seelenvorzüge sehr neidisch sind  Sie
haben das Wort Mann misbraucht  Nicht Männer sondern Lekker hängen bloß dem
Körperlichen an und werden kalt wenn eine andere Neuheit sie reizt  Doch ist
ungefähr meine Meinung mit der wärmsten Bitte vereinigt mich nicht länger nach
ihrem liebenswürdigen Umgang ringen zu lassen den Sie einem jeden
Rechtschaffenen gönnen müssen wenn Sie anders nicht als Nonne sterben wollen «
                                                       Ihr ergebenster Verehrer
                                                                    G Lustrini
                                   Mein Herr
»Ich bin sehr weit davon entfernt Sie für einen Wollüstling zu halten sonst
würde ich wahrlich nicht gesäumt haben Ihren Brief mit den übrigen ins Feuer zu
werfen  Ihr Betragen hat das Ansehen eines Denkers der mich verstehen kann
wenn er mich anders verstehen will Nur müssen Sie mich dann auch gründlicher zu
überzeugen suchen dass Ihnen an meinem Gesichte sehr wenig gelegen ist denn dass
Sie aus bloser Gefälligkeit meiner weiblichen Eitelkeit schonten könnte meinen
Stolz doppelt schmerzen  Was sagen Sie  Ich sollte Sie beständig in der
Maske empfangen Bedenken Sie einmal die große Unbequemlichkeit die damit
verknüpft wäre und könnten Sie denn über alles das so unartig sein und mir
durch diese Verkappung das Andenken meiner Hässlichkeit fühlbarer machen  Wer
weis ob Sie selbst Ihre Philosophie schon auf eine so schlüpfrige Probe
stellten  Oder wollen Sie den Triumph genießen sich mit eigenen Augen von
meiner unglücklichen Gestalt zu überzeugen damit Sie mir nach der Hand Ihr
philosophisches Mitleiden zuwerfen könnten  Ist es etwa für ein weibliches
Herz nicht genug mit Aufrichtigkeit gegen sich selbst zu sprechen  Könnten
Sie wohl um Ihres Wunsches willen fodern dass ich Sie gar der Gefahr aussezte
bei meinem ersten Anblick aus dem Zimmer zu fliehen  Ich bin auf meine
Seelenvorzüge nicht neidisch aber außer der Maske weis ich sie in der großen
Welt nirgends hinzustellen wo sie nicht eine barmherzige Figur machen würden
Ohne körperlichen Empfehlungsbrief prellen sie gewiss überall an der menschlichen
Torheit ab die so sinnlich selbst bei manchem Philosophen ihren Wohnsiz hat 
Man hat wenig Beispiele dass Philosophen sich an ein verunstaltetes weibliches
Gesichte nahten um seine Abscheulichkeit zu lieben  Diese Herren lieben
entweder gar nicht oder suchen doch wenigstens ein mittelmässiges Gesicht 
wenn ich es mit meinen Seelenvorzügen nur so weit bringe in der Entfernung von
einem Philosophen geliebt zu werden wäre ich dann nicht eine Törin auf
Unkosten meiner Eitelkeit mehr zu fodern  Was kann ich für das Wort Weib
dessen Loos es ist durchaus gefallen zu wollen  Stekt nun hinter Ihren
Wünschen keine sinnliche Neugierde so werden Sie mit meinem Briefwechsel eben
so zufrieden sein als ich es mit dem Ihrigen bin  Philosophen sollen ja so
leicht ihre Sehnsucht unterjochen können hat man mir gesagt  Übrigens denke
ich nicht als Nonne sondern vielmehr als Philosophin zu sterben «
                                                                 Ihre Ergebenste
                                                                 Amalie von 
                                   Madame 
»Sie sind eine schalkhafte Sophistin die mich ganz aus meiner philosophischen
Ruhe herausschleudert  Wären Sie minder Spötterin so wollte ich Ihnen von
einem Gefühl vorsagen welches Sie überzeugen könnte wie äußerst nötig Ihr
Umgang für meine Glückseligkeit ist  Noch einmal beschwöre ich Sie mir nichts
ferner von Ihrer unglücklichen Gesichtsbildung vorzusagen  Ich ertrage sie
gerne sie mag aussehen wie sie immer will  Lieben könnte ich sie so gar bei
ihren andern bessern Vorzügen wenn ich die Erlaubnis dazu erhielte Mein Herz
ist gewohnt in solchen Fällen willig meinem Kopf zu folgen Seien Sie
versichert Madame Sie sollen mein Mitleiden nicht erbetteln  Bald werde ich
aber wohl das Ihrige anflehen müssen so sehr erhizzen Sie durch Ihren Widerstand
meine feurige Einbildungskraft  Ha mit welcher Zufriedenheit würde ich
vorbereitet zu Ihnen eilen  Ihr Herz Ihr Verstand Ihr Wiz sind Verdienste
die mich weit über die Gestalt Ihres Gesichts erheben  Lassen Sie doch auch
einmal für mich Ihr Gefühl sprechen und sorgen Sie dann nicht um das Übrige 
Ich wäre glücklich genug Sie lebenslänglich bloß mit verbundenen Augen schäzzen
zu dürfen wenn mir dann nur Ihr Mistrauen nicht vergönnte an Ihrer Seite zu
sizzen Sie zu hören  und zu bewundern  Warum verdammen Sie mich eigensinnig
zu einer Entfernung die mir täglich bitterer wird  O gelänge es mir doch Sie
zu überzeugen dass ich nur ihre schöne Seele anbete  Wollen Sie denn
unerbittlich meinen sehnsuchtsvollen Kummer Ihrer grausamen Eitelkeit opfern 
Gott sei mein Zeuge dass ich es nie an der gehörigen Hochachtung werde gegen Sie
ermangeln lassen  Das versichert Sie mit wahrem Gefühl«
                                                                             Ihr
                                            redlicher Freund und wahrer Verehrer
                                                                    G Lustrini
                                   Mein Herr
»Kann man wohl in diesem flatterhaften Jahrhunderte Sophistin genug sein um
nicht betrogen zu werden  Wie konnte ich Sie aus Ihrer Ruhe herausschleudern
da ich nichts von Ihrer Liebe wusste  Nie werde ich über Gefühl spotten nur
ist es mir unbegreiflich dass Sie sich täglich mehr nach meinem hässlichen
Gesichte sehnen  Könnte ich doch mein Gesicht während Ihres Umgangs in ein
Winkelchen hinlegen dann würden wir heute noch einig  Aber so bin ich verzagt
genug zu glauben dass Sie wohl keinen zweiten Besuch mehr bei mir machen
würden wenn Sie mich gesehen hätten  Und überdenken Sie dann den Zustand in
dem Sie mich zurückliessen  Hätte ich nicht Ursache meine unbesonnene
Leichtgläubigkeit zu verwünschen  Nein mein Herr so weit soll meine
Übereilung nicht gehen so sehr Sie sich auch darum mit Feinheit bemühen Sagen
Sie mir doch wie kann ich durch einen Widerstand Ihre Einbildungskraft
erhizzen da es Ihnen doch bloß um meine moralischen Verdienste zu tun ist 
Können Sie diese nicht hinlänglich auch abwesend schäzzen  Ich glaube nicht
dass Herz Vernunft und Wiz Sie an meiner Seite so zufrieden stellen könnten als
es meine weibliche Eitelkeit verlangen würde wenn Sie mir auch gleichwohl zuvor
Ihr Wort gegeben hätten an meiner Seite ganz auf mein Gesicht zu vergessen
Mein Gefühl würde dann von Ihnen Nachsicht fodern und das Ihrige mir Sie gerne
gewähren wenn ja wenn Ihre andern Sinnen sich nicht so mächtig gegen diese
Nachsicht sträubten Wissen Sie nicht dass das Auge sehr stark auf die übrigen
Sinnen wirkt  Es kann freilich beim Philosophen durch die Einbildungskraft
viel nach seinen Wünschen geleitet werden  wenn aber die Einbildungskraft gar
nichts in einem entstellten Gesichte findet woran sie sich halten kann dann
muss sie nebst dem Auge bis zum Ekkel scheitern  Opfern Sie Ihren Kummer der
Klugheit auf ich will den meinigen der Vorsichtigkeit opfern und so werden wir
immer bei aller Entfernung die bessten Freunde bleiben «
                                                                 Amalie von 
                                    Madame
»Kann man wohl ein grillenhafteres Frauenzimmer finden als Sie sind  So bald
Sie mir den Charakter eines ehrlichen Mannes zutrauen so muss die Furcht
betrogen zu werden bei Ihnen auch wegfallen  Ich Tor habe Sie meine Liebe
schon zu viel merken lassen um nicht tirannisirt zu werden  Sie befriedigen
mit Herzenslust ihre unersättliche Eitelkeit an meinem Gram  Alle meine Gründe
werden auf Worte geschraubt und fein abgewiesen  Immer geben Sie die
Hässlichkeit Ihres Gesichtes vor wenn ich Sie gleich immer mit Wärme
versicherte dass mein Herz diesem unerachtet schon so leidenschaftlich an Ihnen
hängt  Laben Sie sich nur ferner an meiner marternden Sehnsucht es liegt in
der weiblichen Natur Unschuldige aus Eigensinn zu kränken  Noch einmal
beteuere ich Ihnen dass wenn Sie auch bis zum Abscheu hässlich wären so würde
mich doch Ehre zurückhalten Sie nur mit einem Schatten zu beleidigen  Ihr
Mistrauen kränkt meine Seele und doch sehnt sie sich noch mitten unter dem
Schmerz nach Ihrem Umgange  Sie zertretten bei Gott ein Herz dessen Wert Sie
nicht einmal kennen  Schäzte ich Ihren Charakter nicht so unendlich hoch bald
würde ich vermuten dass kokettische Kunstgriffe Sie so hart machten  Gott 
was fuhr mir da über die Zunge  Verzeihen Sie es einem Gepeinigten der wie
verloren herumirrt «
                                                                    G Lustrini
Nun hatte ich Zeit einzulenken der junge Herr fing an trozzig zu werden und
da es mir doch in etwas um seine Beruhigung zu tun war so schrieb ich ihm
folgendes Briefchen
                                  Mein Herr 
»Um Ihre Achtung nicht zu verlieren die Sie mir schenkten muss ich wohl ihrem
Troz nachgeben So schwer es mich auch ankömmt mein Gesicht Ihrer Entscheidung
darzustellen  Bringen Sie ja eine starke Porzion Philosophie mit damit ich
nicht Ursache haben möge mein Geschik zu beklagen  Und nun leben Sie wohl
bis ich Ihnen mündlich sagen kann mit welcher Achtung ich bin
                                                                 Ihre Ergebenste
                                                                 Amalie von 
Kaum erhielt er diese wenige Zeilen so eilte er zu mir mit der völligen
Gewisheit die hässlichste Gestalt auf Gottes Erdboden zu finden  Noch sehe ich
ihn an meiner Zimmertür staunen über ein Gesicht das eben nicht schön aber
doch auch nicht hässlich ist 
    »Und Sie konnten mich so auf die Probe stellen  So konnten Sie mich
hintergehen« rief er mir entgegen
    Ich musste laut lachen unterhielt ihn aber dafür mit einer guten Laune die
ihn hinlänglich für meine Schäkkerei zu entschädigen schien  Innigste
Zufriedenheit lächelte auf seinem Gesichte  und doch war er so bescheiden
seinen ersten Besuch abzukürzen  Aber ich meine Fanny ich muss wohl diesen
Brief auch abkürzen sonst wird er zu lange
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                   CIX Brief
                                   An Amalie
Innigen Dank dem Allmächtigen dass er Dir durch deines Mannes Tod wieder die
vorige Freiheit schenkte 
    Richte Dich auf meine Liebe vielleicht ruhest Du bald wieder an dem Busen
eines bessern Gatten  Kümmere Dich nicht zu viel über die Zukunft es schwächt
deine Seelenkräfte 
    Du wirst zwar in der großen Welt nie die sanfte Ruhe finden deren Du
bedarfst  Sie ist für Herzen von unserm Schlage nicht gemacht  Redlichkeit
und Tugend trägt da die Larve der Verstellung deren wir unfähig sind  Dass Du
aber meine Teuerste keiner Mannsperson mehr trauen willst ist eine Lüge die
Dir bloß deine Schwermut in düstern Stunden eingibt  Vielleicht hat Lustrini
izt schon dein Herz in Versuchung geführt  Du hast den guten Jungen doch
äußerst gemartert  Er wird sich schon rächen wenn es ihm gelingt deine
Neigung zu reizen  Handle ja aufrichtig gegen mich über diesen Punkt wenn Du
mir wieder schreibst  Um Dir mit gutem Beispiel vorzugehen sollst Du izt
offenherzig etwas von meinem Karl zu hören bekommen 
    Ja ja Amalie  von meinem Karl von dem ich Dir noch kein Wort schrieb 
Schon seit langer Zeit hielt er die größten Prüfungen der Standhaftigkeit aus 
So sehr mir auch das Andenken betrogener Liebe noch im Kopfe schwirrte so
konnte ich doch dem guten Jungen nicht länger widerstehen Er liebt mich mit
einem Feuer das einstens meine Glückseligkeit ausmachen wird weil es ihm
gelang die Wunden ganz zu heilen die mir ein Treuloser schlug 
    Liebe hat troz der kältesten Vernunft eine so unumschränkte Gewalt über das
menschliche Herz dass es den größten Philosophen nicht immer gelingt ihr zu
entgehen  Mein Karl und ich sizzen oft ganze Stunden beisammen und plaudern
von Dir  Er ist im Umgang ein allerliebster Junge hat Kopf Herz und vieles
Gefühl Möchten doch unsere Glüksumstände eine bessere Wendung nehmen  um Dich
deinem ungewissen Schiksale entreißen zu können  Du wirst doch nicht
vorbeireisen ohne bei uns einzukehren  Aber bringe uns dein Gretchen nicht
mit sie taugt nicht unter uns  Schaffe sie Dir mit Anstand vom Halse sie ist
ein verdorbenes elendes Geschöpf 
    Du magst es bei deiner Ankunft entscheiden ob ich es aufs Neue wagen darf
ein Band zu knüpfen das Karl so leidenschaftlich wünscht  Wenn er nur keine
Stiefmutter hätte  Wenn er nur schon mit mir am Altar stünde  Wenn Ha 
Ich habe der Wenn noch so viele die mir Kummer machen  Schreib mir doch noch
vor deiner Abreise und sei meiner freundschaftlichen Liebe versichert mit der
ich immer sein werde
    
                                                             Deine traute Fanny
 
                                   CX Brief
                                    An Fanny
Ausgelacht schöne Philosophin Ausgelacht  Endlich hat Herr Amor auch wieder
einmal sein Spiel mit Dir Ei Ei  so etwas hätte ich mir doch nie träumen
lassen  Glük zu Fanny  Ich wünsche Dir mit deinem Karl allen Segen des
Himmels aber auch ein Bischen Eifersucht dazu wenn ich bei Dir eintreffe und
deinen Karl mit gewissen Augen betrachte die seine hochgepriesene
Standhaftigkeit in Versuchung führen sollen 
    Was meinst Du wohl darf ich es wagen  Wirst Du Philosophin genug sein um
eine junge Wittwe nicht zu fürchten die bloß den siebenden Tag in der Woche in
ihrer Gewalt hat um in Gesellschaft nicht den Kopf zu hängen die sich über die
geringste Kleinigkeit mit ihrer zügellosen Einbildungskraft ganze Täge langen
Kummer schafft die manchmal alles flieht was menschliche Töne von sich gibt
sich menschenfeindlich in ihr Zimmer verschließt und der Schwermut nachhängt 
Dünkt Dir so ein Weibchen nicht gefährlich  Sei nur ruhig ich habe zu viel
mit mir selbst zu schaffen um Andere stören zu können 
    Lustrini trägt für mich starke Leidenschaft im Busen das merke ich täglich
mehr  Als ich ihm meine Abreise ankündigte änderte sich seine Gesichtsfarbe
der gute Junge dauert mich  Aber kann ich mein Schicksal ändern  Darf ich
darin meinem Oheim widersprechen der es so gut mit mir meint  Der arme Junge
suchte mich auf alle nur mögliche Weise zu bereden in Venedig zu bleiben er
wollte so gar an meinen Oheim selbst schreiben bis ich ihm die Unmöglichkeit
seines Wunsches durch Gründe bewies dann verlies er mein Zimmer in tiefster
Traurigkeit 
    Der gute Junge hat das Unglück eine sehr wankende Gesundheit zu besizzen 
Verschiedene Schiksale und ein fühlbares Herz sind die Ursachen davon  Dass
doch die bessten Menschen auf dieser Welt so sehr leiden müssen  Dass sie
austrinken müssen bis auf den letzten bitteren Tropfen den Becher des Schiksals 
    Morgen meine Teuerste reise ich von hier ab  Ich kehre über Padua
zurück und schikke dann mein Mädchen seitwärts über K nach ihrer Vaterstadt
aus der ich sie zwar nicht mitnahm demungeachtet will ich ihr die Wohltat
erweisen und sie frei dahin zurückliefern dann mag sie zusehen was aus ihr
wird  Behalten kann ich sie nicht mehr 
    Noch eins Ich mache für diesmal meine ganze Reise in Mannskleidern aus
Bequemlichkeit und aus Eigensinn  Bald erhältst Du wieder eine
Reisebeschreibung von deiner bessten
    
                                                                         Amalie
 
                                   CXI Brief
                                    An Fanny
                                  Teuerste 
Wenn mir doch nur der Himmel kein so weiches Herz gegeben hätte denn es ist die
Quelle unendlicher Leiden 
    Lustrini weinte wie ein Kind beim Abschiede  ich weinte ganz natürlich auch
mit  Gott segne den braven Dulder der glücklicher zu sein verdiente als er
ist  Traurig schlich er vom Ufer hinweg als meine Gondel seinen Blikken
entfloh  Ich kann meinem damaligen Zustand noch keinen Namen geben Ohnehin
zur Schwermut geneigt kränkten mich die Leiden des Hinterlassenen bis zur
tiefsten Melankolie  Warum musste ich denn die letzten Tage meines Aufenthalts
noch diese gute Seele kennen lernen  Ohne ihn würde ich Venedig gleichgültig
verlassen haben  und durch ihn wird mir doch das Andenken an diese Stadt
teuer  Bald wird er mir schreiben ich werde ihm mit Vergnügen antworten
Dies ist doch alles was ich in dieser Lage für ihn tun kann 
    Unter solchen finsteren Phantasien langte ich in Padua an Aus Zerstreuung
eilte ich ins Schauspiel und fand es eben so schlecht bestellt als in Venedig
 Da der Wagen erst des andern Morgens spät abfuhr so trieb mich die Langeweile
in die Kirche des heiligen Antonius Das Gebäude ist majestätisch schön groß
aber etwas düster  Das Grabmal des ebengemeldten Heiligen bietet sich dem Auge
dar sobald man eintritt  Meine Kenntnisse in der Baukunst sind zu gering um
dessen Wert beurteilen zu können  Die heilige Stille die in dieser Kirche
herrschte riss mich zur andächtigsten Empfindung hin  Ich würde sie mit einer
tief gefühlten Seelenruhe verlassen haben wenn mich nicht an der Kirchentüre
die Bettelweiber Kupplerinnen und andere lüderliche Ware durch ihre
unverschämte Zudringlichkeit verstimmt hätten Dieses Ungeziefer trieb zuvor
allerhand ausgelassenes Gespötte sobald es mich aber über der Schwelle
erblikte so musste ihm der Namen Gottes zum Mittel dienen um durch Bettelei
meine Ungeduld zu reizen 
    Der italienische Pöbel ist äußerst eigennüzzig ums Geld ist er zu jeder
Niederträchtigkeit fähig  Die Armut mag wohl die stärkste Triebfeder dazu
sein denn mich dünkt es sind in diesem Lande zu wenig gute Anstalten um dem
Hunger vorzubeugen  Unter dergleichen und mehr Gedanken kam ich mit Gretchen
zu dem Postwagen  Keine andere Seele saß darin ich hatte bis Verona Musse
genug meinen Grillen nachzuhängen  Der alte Kaufmann war von meiner Ankunft
unterrichtet und empfing mich sehr artig  Ich bat ihn mich in die
sogenannte Recca zu begleiten Ein großes Tor führte uns an den Ort wo die
Alten ehedessen ihre öffentlichen Tierhezzen hielten Der Anblick dieses großen
runden Plazzes durchschauderte meine Seele  Lebhaft zeigte mir da meine
Einbildungskraft die von Christenblut gefärbte Erde Denn man sagt dass hier
die Christen mit den wilden Tieren kämpfen mussten Mitten darin ist ein
tiefer Brunnen und rings umher sind stufenweise gebaute Mauern worauf die
Zuschauer saßen und deren Gewölber die tiefsten Kerker in sich schließen Ich
wagte es mit einem Blick diese fürchterlichen Gefängnisse zu übersehen  Aber
Entsetzen überfiel mich bei dem Andenken jener Unglücklichen die vorzeiten als
Märtirer da büßen mussten  Von da gingen wir auf die Akademie die bei ihrem
kleinen Umfange doch sehr artige Altertümer enthält Am Ende sah ich dann in
einem Bürgershause ein prächtiges NaturalienKabinet dessen Sammlung ausnehmend
schön und wie mich dünkt so ziemlich vollständig ist  Da es aber anfängt
spät zu werden so muss ich wohl meine Reisebeschreibung für heute beschließen 
                                                              Am folgenden Tage
Diesmal war der Postwagen dicht angefüllt  Einige Kaufleute eine italienische
Dame nebst einem barmherzigen Bruder aus M waren meine Gesellschafter Die
Dame war jung schön und feurig schien aber nicht in den bessten ökonomischen
Umständen zu sein  Sie saß an meiner Seite und schmiegte sich nahe an mich
hin  Die muss eine große Liebhaberin von deutschen Milchbärten sein fiel mir
dabei ein und ich lies sie bei ihrer Täuschung  Einige aus der Gesellschaft
errieten unerachtet meiner Verkleidung bald mein Geschlecht nur die Dame und
der barmherzige Bruder schienen mich für einen Jüngling zu halten  So oft wir
ausstiegen hing mir das Weib am Arme  In jedem Gasthause fing ich an mit
den Aufwärterinnen zu schäkkern um der Verlegenheit zu entgehen in die mich
ihre Zudringlichkeit setzte Aber auf einmal überhäufte mich die eifersüchtige
Italienerin mit Vorwürfen
    Sie sprach Wenn alle Deutschen so grob sind gemeine Dirnen Damen von
Stande vorzuziehen dann wünsche ich mir lieber einen italienischen
Handwerkspurschen an die Seite 
                                      Ich
Madame  Meinen Sie mich 
                                      Dame
Wen sonst als Sie  Sie zeigen sehr wenig Erziehung 
                                      Ich
Madame  Ich bin frei geboren philosophisch erzogen und halte nur dasjenige
für grob wozu keine Zudringlichkeit uns zwingt da ich nicht das Glük habe mit
Ihnen in einiger Verbindung zu stehen so kann ich auch leicht der Ehre
entbehren der Vorgänger eines italienischen Handwerkspurschen zu werden 
                                      Dame
Höflichkeit steht aber einer jeden Nazion gut Sie sollten sich schämen das für
Zudringlichkeit zu halten was vielleicht ein anderer für sein größtes Glük
schäzzen würde 
                                      Ich
Was Andere tun geht mich nichts an auch hat das Glük bei Frauenzimmern gar
verschiedene Farben Übrigens glaube ich gerne dass Madame Verdienste besizzen
die meine blöden Einsichten überwägen  Schieben Sie mein Betragen auf die
Kälte meines Temperaments das den meisten Deutschen angeboren ist   Was den
Deutschen angeboren  schrie ein junger Gek aus vollem Halse aus einer Ekke der
Stube hervor und lies dabei auf die Dame einen feurigen Blick schießen  Da
irren Sie sich sehr mein Herr  Es gibt Teutsche denen es nicht am Feuer
fehlt    Dreißig vierzig fünfzig sechszig Zekini und meiner Margret
einen Unterrok wenn wir des Handels einig werden wollen  So träumte izt ein
schlafender Kaufmann  Ein allgemeines Gelächter unterbrach nun unsern Streit
und die Dame kneipte mich zum Zeichen der Aussöhnung in die Bakke Sie schien
mein Feuer durchaus nicht bezweifeln zu wollen  Die Neigung dieses Weibes
fing an mir zur Last zu werden ich zitterte vor ihrer Rache und hatte doch
nicht den Mut ihr mein Geschlecht zu entdekken ich dachte hin und her wie ich
mich ohne öffentliches Aufsehen zu erregen aus der Schlinge ziehen möchte als
sich auf einmal jener junge Gek der zuvor das teutsche Feuer verteidigt hatte
zu ihr hinschlich und ihr etwas ins Ohr flüsterte Es muss meine Verkleidung
betroffen haben denn sie warf mir einen grimmigen Blick zu und eilte an seinem
Arm schnell in ein Seitenzimmer In wie weit sie da ihren Streit über die Kälte
des deutschen Temperaments entschieden haben kann ich nun nicht mehr erfahren
denn ich nehme Extrapost schikke mein Gretchen seitwärts und eile zu Dir  Du
erhältst diesen Brief noch ehe ich ankomme Lebe indessen wohl meine Teuerste
und liebe
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CXII Brief
                                    An Fanny
                           Teure HerzensFreundin 
So bin ich denn wieder auf einmal deinen liebevollen Armen entrissen  Wie kurz
dauerte dieser entzükkende Traum und wie viel Wonne genoss ich doch in diesen
wenigen Tagen an deinem Busen  Sag deinem Karl alles Schöne von mir O es
ist ein vortrefflicher Junge ganz deines Herzens würdig  Gäbe doch der Himmel
euch beiden bessere Aussichten so wäre auch mein ungewisses Schicksal gehoben 
Wien gefällt mir recht wohl nur wird mein hiesiger Aufenthalt durch
ökonomischen Kummer getrübt  Meine Ahndung ist erfüllt  Lies hier den Brief
meines Oheims 
                                Liebste Nichte
Mein Vaterherz möchte zerspringen wenn ich die Umstände überdenke die mich
außer Stand setzen dich fernerhin zu unterstüzzen Die hinterlassenen Schulden
deines Mannes setzen mich täglich mehr in Verlegenheit Sie dringen auf
Bezahlung und da ich Bürgschaft leistete so kann ich ohne mein Ansehen zu
verlezzen sie zu keiner Geduld mehr verweisen  Du weißt dass die Summe groß
ist und ich werde mich lange einschränken müssen um sie wieder einzubringen 
Fasse dich meine Liebe und suche irgendwo als Gouvernantin unterzukommen 
Hier und da werde ich trachten dir noch kleine Unterstüzzungen zufliessen zu
lassen aber deine Bedürfnisse standsmässig zu bestreiten steht leider nicht
mehr in meiner Gewalt so sehr ich es auch mit meinem gefühlvollen Herzen
wünsche
                                                       Dein besstgeneigter Oheim
                                                                           
Siehst Du meine Freundin wie das Schicksal mich Schlag auf Schlag verfolgt 
O meine Fanny der Kummer presst mich heute zu sehr um Dir mehr sagen zu
können als dass ich mit Schwesterliebe bin
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CXIII Brief
                                    An Fanny
Ich habe Dir mit Vorbedacht schon einige Wochen nicht mehr geschrieben um Dir
doch etwas mehreres von meinem Schicksal berichten zu können  Glaubst Du wohl
dass es mir hier mit einer Gouvernantenstelle gar nicht glückken will  Troz
aller Mühe nebst den bessten Empfehlungen werde ich überall abgewiesen  Der
einen Dame bin ich zu jung der andern zu teutsch der dritten zu lebhaft der
vierten zu belesen usw O was ich mich über diese adelichen Dummköpfe
ärgerte  Ich gehe izt ganz von dem Gedanken ab je wieder solche Dienste zu
suchen wo man so sehr mit Weiberdummheit zu kämpfen hat  Und was meinst Du
wohl was für einen Stand ich izt wählen will und wählen muss aus dringender
Not wählen muss  Erschrekke nicht bei dem Wort Theater habe Mitleiden mit
mir und urteile ohne Vorurteil  Du kennst meine gute Anlage so wie meinen
leidenschaftlichen Hang zu dieser Kunst  Nun kommt gar das Schicksal noch dazu
wie kann ich also in einer solchen Lage anders  Mich Jemanden anzuvertrauen
wäre für mich zu bitter  Ich muss meine Fanny ich muss mir bleibt sonst
nichts übrig als die äußerste Dürftigkeit  Sei versichert dass es meinem
Herzen nicht schaden soll  Es ist freilich ein Platz wo jeder gute Charakter
Gefahr läuft verdorben zu werden  aber bei meinen festen Grundsäzzen darf ich
es kühn wagen Der Anblick so vieler Ausschweifungen wird mich noch mehr zum
Denken leiten und Denken ist der sicherste Weg zur dauerhaften
Rechtschaffenheit Täglich erwarte ich die Erlaubnis meines Oheims zu diesem
Schritte  Er ist ein Mann ohne Vorurteil und so schwer es ihm auch ankömmt
so wird er es doch bei diesen dringenden Umständen zugeben  Auch dein
Gutdünken erwartet
                                                             Deine besste Amalie
 
                                  CXIV Brief
                                   An Amalie
Gott im Himmel  was ist das  Du auf die Bühne  Du aus Not an einen Platz
hingestellt wo jeder Weichling seinen wollüstigen Scherz an Dir kühlen wird 
O das hat mich ganz zu Boden geschlagen  Ich verwünschte im ersten Augenblick
dein und mein Schicksal  Ich war untröstlich weil ich die bitteren Folgen zum
voraus sah die Du wirst dulden müssen  Nicht Vorurteil gegen den Stand aber
gegen die die ihn zum Dekmantel brauchen ist es was mich darwider eifern
macht Gott  was wirst Du da alles ertragen müssen  Neid Verfolgung
Unterdrükkung und alle erdenkliche Mishandlungen werden dein Loos sein Dein
Herz wird zwar nichts dabei verlieren Du kennst die Welt zu viel um Reize an
ihr zu finden Aber bedenke einmal die schröklichen Kabalen die oft unter dem
Publikum herrschen wenn eine Schauspielerin sich nicht jedem Wollüstling Preis
gibt  und dann die schlechten ökonomischen Umstände in denen sich die
meisten Schauspielerinnen durch ihre schlechten Besoldungen bei herumirrenden
Gesellschaften befinden  Sie erhalten ja kaum so viel um sich ernähren zu
können  und wo bleibt denn der Puz den sie bestreiten müssen  Gehört da
nicht ein fester Charakter dazu um sich über das alles wegsetzen zu können  O
Amalie  Amalie  Bedenke es wohl  Könnte ich Dich an meinen Busen
zurückrufen Wäre ich unabhängig wie bald solltest Du bei mir sein  Ist Dir
mit einer kleinen Hilfe gedient so will ich Dir mein Spielgeld schikken 
Großer gütiger Gott warum bin ich izt noch nicht die Gattin meines Karls 
    Wenn es doch nicht anders sein kann so waffne Dich mit Standhaftigkeit sei
munter und betrette die Bühne mit einem edelen Selbstgefühl damit Du Dich
auszeichnest von jenen unverschämten Buhlerinnen die mit frecher Stirne auf
Eroberung ausgehen  Es muss in dem Wesen einer gutgezogenen Schauspielerin ein
gewisses Etwas liegen das den meisten Zuschauern Hochachtung einflößt  Sanfte
Bescheidenheit entwischt dem Auge des Kenners nie Du hast ohnehin zuweilen
einen tiefsinnig leidenden Blick an Dir der den Zuschauer für Dich einnehmen
wird  Lass deine Lebhaftigkeit nicht zu viel hervorblikken sie könnte Dir den
Schein des Lasters geben Und dann wandle hin mit meinem Segen an einen Ort an
den ich nicht ohne Tränen denken darf 
    
                                                                          Fanny
 
                                   CXV Brief
                                    An Fanny
                                Edle Freundin 
So sehr mein Herz blutet meinem Schiksale folgen zu müssen so will ich Dir
dennoch eine sehr komische Unterredung zwischen mir und dem Direktor der
Gesellschaft erzählen unter der ich nun bald werde aufgenommen werden
                                      Ich
Mein Herr ich bin Schauspielerin und wünsche bei Ihnen aufgenommen zu werden
                                    Direktor
Legen Sie ihren Mantel ab und lassen Sie sehen ob Sie keine Kissen in der
Schnurbrust tragen ob Sie gut gewachsen sind ob Sie einen schönen Fuß eine
schöne Hand haben 
Nun drehte er mich rund um und fuhr fort Ihr Wuchs mag gut sein  Aber
schminken müssen Sie sich denn ihre dunkelroten Wangen sind bäurisch 
                                      Ich
Mein Herr Sie scheinen Fleischhakker gewesen zu sein dass Sie mich von oben bis
unten so betrachten als ob Sie mich zur Schlachtbank führen wollten
                                    Direktor
Ja meine schöne Madame  das müssen Sie sich nicht verdrießen lassen Unser
einer muss gar genau auf eine schöne Figur sehen wenn er sein Geld nicht
einbüßen will
                                      Ich
Sie handeln also mit schönen Körpern und treiben die Kunst bloß zur Ausrede 
                                    Direktor
Die Sprache ist mir zu hoch und ich nehme nicht gerne so schnippische Aktrisen
an  Wenn Sie bei mir bleiben wollen so müssen Sie nicht böse werden wenn ich
auch noch mehrere Untersuchungen anstelle 
                                      Ich
Nur keine wider den Wohlstand dann erlaube ich Ihnen jede andere Frage 
                                    Direktor
Sind Sie schon auf einer andern Bühne gewesen  Wo  Wie lange  Und was
haben Sie denn da gespielt 
                                      Ich
Ich stund schon zwei Jahre in St das musste ich sagen um nicht als
Anfängerin gehunzt zu werden und spielte immer erste Rollen 
                                    Direktor
Ja erste Rollen die kann ich Ihnen nicht immer geben  Doch wir wollen sehen
ob Sie dem Publiko gefallen  Was wollen Sie Besoldung 
                                      Ich
Wöchentlich neun Gulden 
                                    Direktor
Sind Sie toll  Ich gebe keinen Heller mehr als sechs Gulden und wenn Madame
Sakko selbst käme
                                      Ich
Darum wollen wir uns nicht streiten nur bitte ich mir mehr Zutrauen aus 
                                    Direktor
Zutrauen  Ja das sollen Sie haben aber können Sie auch lesen 
                                      Ich
Herr 
                                    Direktor
Nur nicht so hizzig Ich habe noch selten eine Aktrise gehabt die lesen konnte
Und hier zu Lande können ohnehin die wenigsten lesen Der Souffleur muss Ihnen
die Rollen eintrichtern
                                      Ich
Ha ha ha 
                                    Direktor
Nu was lachen Sie denn so 
                                      Ich
Über die sauberen Schauspielerinnen die ihr Talent der Barmherzigkeit des
Souffleurs abborgen  Das müssen doch allerliebste Schulfrazzen sein die alles
aus einem andern Hirnkasten mechanisch daher plappern 
                                    Direktor
Und ich kann Sie doch versichern dass meinen Aktrisen allezeit rasend Beifall
zugeklatscht wird
                                      Ich
Ja mein Herr das glaub ich gerne aber der Beifall gilt nur selten der Kunst

                                    Direktor
Genug wenn Sie Lust haben so komme ich morgen mit einem Teaterkenner zu
Ihnen und wir sprechen das weitere 
                                      Ich
Ich will Sie erwarten  Leben Sie wohl 
Warte Dummkopf du sollst es bekommen und den nämlichen Abend machte ich noch
folgenden Aufsaz 
    »Wenn ein SchauspielUnternehmer seiner Bühne mit Ehre und Vorteil
vorstehen will so muss er die Schauspielkunst selbst aus dem Grunde studiert
haben sonst scheitert in der ersten Woche schon seine Ehre nebst dem Kredit 
Streng muss er unter seinen Leuten auf Zucht und gute Sitten halten  sonst
versäumt er den moralischen Endzwek und wird ein privilegierter Bordellwirt 
Gute Wirtschaft muss er nicht mit dem Schweis seiner Untergebenen treiben die
ihm eben darum bloß aus Hunger arbeiten und das gute Publikum um sein Geld
betrügen 
    Parteilichkeit im Rollenausteilen Kabale Feindschaft soll er durch
sanfte vernünftige Leitung zu verhindern suchen sonst stürzt sein ganzes
Gebäude zusammen eh es völlig aufgeführt ist  Wenn ein Unternehmer nicht
selbst Lektur genug hat um gute Stükke und wakkere Schauspieler zu wählen so
gebe ich für seine ganze Unternehmung nicht einen Kreuzer  Leider sind
dermalen nur zu viele Unternehmer die Oberherren einer Zigeunerbande die auf
schmuzzige Abenteuer herumzieht  «
    Fertig ist jetzt mein Aufsaz und morgen soll der Tölpel tüchtig für seine
tolle Frage dadurch beschämt werden  O ich kann den morgenden Tag kaum
erwarten    Holla man pocht Nur herein   
Ah ha  Sind Sie es Herr Direktor  Noch so spät habe ich die Ehre  Ich habe
Sie erst morgen erwartet 
                                    Direktor
Ja morgen habe ich zu viel Geschäfte und ich habe die Ehre Ihnen diesen Abend
noch diesen Herrn aufzuführen Lassen Sie uns hören ob wir des Handels einig
werden können 
                                      Ich
Zweifle gar nicht daran  nur erst eine Bitte  Da hat man mir heute diesen
Aufsaz zugeschikt wollten der Herr Direktor wohl die Gefälligkeit haben und mir
ihn vorlesen
                                    Direktor
Ich Madame  Ich 
                                      Ich
Ja Sie  Wenn Sie so gut sein wollen 
                                    Direktor
Ja sehen Sie ich ich jetzt rieb er sich die Augen ich kann die kleine
Schrift nicht lesen  denn meine Augen sind etwas schwach
                                      Ich
Ei was Augen  Ei was kleine Schrift  Kommen Sie kommen Sie stellen Sie
sich doch gerade als ob Sie nicht lesen könnten 
Dann hielt ich ihm den Aufsaz mit Gewalt vor die Nase und er fing an zu lesen
Wenn  Wenn  Wenn ein  ein ein Unter Unter
nehmer Unternehmer 
Der Fremde lachte izt aus vollem Halse nahm den Auffaz und las ihn selbst vor
 »Eine schöne Moral  merken Sie sichs Herr Direktor und fragen Sie Madame
nicht weiter unüberlegt Sie sehen izt wie viel Talent dieses Frauenzimmer hat
 Handeln Sie würdig gegen sie sie verdient es «
Ach ja  seufzte der gute Jost von Bremen  und beide empfahlen sich  Bald
hörst Du das Weitere von
                                                                  Deiner Amalie
 
                                  CXVI Brief
                                    An Fanny
                                Meine Liebste 
Die Abreise der SchauspielerGesellschaft wurde festgesezt der kleine Zug ging
nach S Ich genoss den Vorzug mit dem Direktor und seiner Favoritin zu fahren
Die Reise endigte sich mit ziemlichen Anstand  Das erste Stük wurde gewählt
und die Hauptrolle darin mir bestimmt  Ich hatte diese Rolle zum voraus schon
studiert um glauben zu machen als ob sie von mir schon anderswo gespielt
worden wäre  Die Favoritin eine kleine dikke Kokette die den Direktor unter
ihren Pantoffel schiebt hat die Direktion dieser Gesellschaft  Sie zeigte
ihre Herrschsucht besonders bei den Proben machte dummdreiste Anmerkungen
hunzte die Schauspieler lies aus Bosheit Szenen wiederholen usw nur mich
ganz allein schonte sie weil ich ihr fühlen lies dass ich ihrer Führung gar
nicht bedürfte  Der Abend war herangerükt das Schauspielhaus angefüllt mir
pochte das Herz meine Rolle nahm ihren Anfang aber kaum hatte ich eine Stelle
geendigt so schallte schon lauter Beifall über und über  Die feierlichste
Aufmerksamkeit herrschte während meines Spiels  Die Rolle harmonierte mir
meinen Leidenschaften sie war tiefsinnig schwärmerisch  Diese
Übereinstimmung der Affekten war es die in mir alle Teaterfurcht übertäubte
Ich genoss jene Wonne die ein heimlich Leidender immer genießt wenn der innere
Gram durch heftigen Ausbruch Luft bekommt
    Kein Mensch kam auf den Einfall in mir eine Anfängerin zu vermuten Das
Publikum vergaß über dem Feuer meiner Deklamazion die Unrichtigkeit des
Teaterspiels  Meine zu Boden gesenkten Augen hielt man für die Folge einer
hervorragenden Schwermut die mir durch Temperament eigen zu sein schien und
die so gut zu der traurigen Rolle passte  Nun ging das Schauspiel zu Ende der
Direktor kneipte mich in die Bakke seine Favoritin rümpfte die Nase die
Schauspielerinnen flüsterten ihren Neid hinter den Kulissen aus  und ich ging
demungeachtet vergnügt auf mein Zimmer  Der Beifall des Publikums schmeichelte
mir zu sehr um ihre Misgunst zu fühlen  Aber wenig Tage hernach musste ich
eine etwas kältere Rolle spielen worinnen meine heftigen Leidenschaften keine
hinlängliche Beschäftigung fanden dann fühlte ich zum erstenmal die Furcht
einer Anfängerin in mir  Doch verlies mich die Gegenwart des Geistes nicht
und niemand wusste was in mir vorgieng  Ob es aber in Ansehung der Oekonomie
in die Folge bei dieser Gesellschaft Dauer haben wird daran zweifle ich sehr 
Weiberregiment und schlechte Anstalten drohen ihr den baldigen Sturz  bis izt
erhielte ich meine richtige Bezahlung aber  aber  Die eitle Favoritin
spielte leztin eine meiner Rollen wurde aber durchs misvergnügte Publikum mit
Auspfeifen zu Hause geschikt  Nun rast sie furienmässig und schreit es für
angezettelte Kabale meiner Anbeter aus ob ich gleichwohl noch keine männliche
Seele auf meinem Zimmer sah  Das Laster ist gar zu sehr geneigt seines
gleichen zu suchen  Unter der ganzen Gesellschaft ist nicht eine Seele mit
der ich Umgang haben möchte  Sie schrien mich meiner einsamen Lebensart wegen
für stolz aus und nekken mich hier und da so viel sie können  Gott gebe mir
Standhaftigkeit es ferner zu ertragen  Sollte während dieser Zeit eine
Veränderung vor sich gehen so sollst Du es erfahren von deiner Freundin
    
                                                                         Amalie
 
                                  CXVII Brief
                                Fanny an Amalie
                                Besste Amalie 
Du hast ihn also wagen müssen den Schritt zum Theater  Du ein Mädchen von
gutem Herkommen musstest Dich dem Urteile eines Dummkopfs Preis geben um eines
Bissen Brodes willen der Dir nebst deiner harten Arbeit noch schröklich
vergällt wird  Gott  wie verschieden sind doch Menschenschiksale  Kann es
eine größere Demütigung geben als aus Not der Dummheit dem Neid der
Bosheit dem Laster der Verfolgung seinen Nakken darbieten zu müssen  Und
dies armes Weibchen ist jetzt dein Loos  Doch wann der Mensch Vernunft
besizt so weis er auch dieses zu ertragen er wird mit Gewalt philosophisch 
O Teuerste  die Vorsicht wacht über Dich lass dich nicht beugen
    Der Beifall den Du bei deinem Debut erhieltst freut mich eben so sehr als
mich der Neid schmerzt der Dich schon im Anfange zu verfolgen beginnt  Dieser
abscheuliche Entehrer der Menschheit wütet beim Theater am ärgsten  Ich glaube
nicht dass bei der Bühne in die Länge ein einziges Herz unverdorben bleiben
kann  Führt nicht der Neid immer eine Reihe anderer Laster mit sich  Gar zu
selten trift man einen Schauspieler dessen Herz nicht voll Vertilgungsgeist
ist besonders sind die Weiber beim Theater äußerst zur Bosheit geneigt Sie
hängen sich gerne an die Wollust des Direktors um andere Schauspielerinnen
desto grässlicher verfolgen zu können  Die schmuzzigste Buhlerin wird nur zu
oft der wahren verdienstvollen Schauspielerin vorgezogen  Es geschehen Dinge
beim Theater die schnurstraks der gesunden Vernunft und der guten Ordnung
zuwider sind 
    Möchtest Du Edle nie mehr erfahren als Du izt schon weißt  Möchtest Du
bald wieder diesem elenden Stande entsagen können  O wie feurig wird deine
Freundin den Himmel um diese Wohltat anflehen  Deine liebende
    
                                                                          Fanny
    N S Mein Karl grüßt Dich herzlich 
 
                                 CXVIII Brief
                                    An Fanny
Gott wolle mich ferner vor dergleichen SchauspielerGesellschaften bewahren 
Ich geriet unter ein wahres Gesindel  Einige davon wagten es sogar unter
einer Ausrede in mein Zimmer zu schleichen von meiner Toilette Silberzeug
wegzukapern Geld und Kleider von mir auszuleihen wofür ich von diesem
Lumpengepak nie wieder einen Ersaz zu hoffen habe Das Elend dieses Volks hat
seinen äußersten Grad erreicht  Meine Ahndungen sind erfüllt Der Direktor hat
Bankrott gemacht  Die Schuldner nahmen ihm sogar seine Garderobe hinweg
Einige von der Gesellschaft können kaum mehr ihren Hunger stillen und doch lässt
sich dieses Volk durch einen teuflischen Leichtsinn beherrschen  Ich würde
unsinnig wenn mich die Schande alle träfe die diesem Gesindel von seinen
Gläubigern zu Teil wird 
    Der Pöbel ist doch ein unverschämtes Wesen wälzt sich im Kote ohne es zu
fühlen  Unser Direktor mit seinem Konkubinchen gedenket wieder nach Wien
zurückzukehren  Auch ich führe das Nemliche im Sinn und will Dir in wenig
Tagen ehe ich diesen Brief schließe das Weitere von meinem gefassten Entschluss
melden 
    Das gute Glük schikte dem Direktor eine Retourkutsche zu und ich entschloss
mich in seiner Gesellschaft zu fahren  Als wir drei kaum im Wagen saßen
machte uns ein lauter Lärm aufmerksam  Wir strekten unsere Köpfe heraus und
sahen einen tollen Auftritt 
    Zween von unsern Schauspielern balgten sich mit einigen Handwerksmännern
gewaltig herum  Ein Schuster hatte dem einen die unbezahlten Stiefel
ausgezogen und ein Schneider dem andern die Weste Nun stunden die lokkern
Hallunken halb entkleidet da und schämten sich nicht vor den Gassenbuben die
sie mit Kot warfen  Um der öffentlichen Schande die uns alle traf ein Ende
zu machen rief ich die Gläubiger vor den Wagen hin und bezahlte die kleine
Summe  dann liefen diese Bursche singend und pfeifend neben unserm Wagen her
bis wir den ersten Gasthof erreichten wo es dem Direktor zukam seine hungerigen
Gäste zu füttern ob er gleichwohl nicht einen blutigen Heller in der Tasche
hatte  Der leichtgläubige Strohkopf verlies sich auf die Börse seiner
Favoritin aber die Mahlzeit war geendigt und sie blieb ihm verschlossen  So
zeigt sich im Notfall das Herz einer Kokette  sagt ich ihm ins Ohr  und
drükte dabei eine kleine Summe in seine Hände  Der Mann fühlte innig meine
Handlung  Sein Dank hätte mich beinahe verraten 
    So gering diese Ausgaben auch waren so fühlte ich sie in meiner Lage doch
 Eine kleine Unterstüzzung die ich von meinem Oheim erhielt hat mich wieder
dafür entschädigt  In wenig Tagen reise ich nach P vielleicht gelingt es
mir auf einem großen Theater besser und ich kann Dir dann in Zukunft
vergnügtere Nachrichten mitteilen
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CXIX Brief
                                    An Fanny
Wie ich nach P kam brauchst Du wohl nicht zu wissen die Reise ist zu klein
und zu unbedeutend was aber da mit mir vorgieng mag jede brave Schauspielerin
zur Warnung lesen damit sie sich vor einem solchen flegelhaften Direktor hüten
möge wie mir einer aufsties  Als ich in seine Wohnung eintrat schnurrte mir
ein Bedienter im Vorzimmer entgegen 
    »Mein Herr ist heute nicht zu sprechen «
    Und warum denn nicht 
    »Weil der Namenstag der Mad K gefeiert wird «
    Ei wer ist denn die Mad K
    »Eines andern dummen Kerls sein Weib  aber izt die Favoritin des Direktors
und eine sehr gute Komödiantin sie spielt alle ersten Liebhaberinnen«
    Dass dich doch  so finde ich denn überall lauter Favoritinnen  Nun da
komme ich wieder schön an  Hier mein Freund etwas weniges für seine
Aufrichtigkeit  aber sag er mir doch war diese Mad K nicht ehmals
Mätresse eines gewissen Kardinals 
    »Ja freilich ist das die nemliche  aber Sie müssen mich nicht verraten sie
hat diesen Kardinal völlig ausgesogen er stekt izt in Schulden bis über die
Ohren  und sie mag ihn nun auch nicht weiter  Dann kam sie hieher schikte
sich fürs Geld in alle Stände niedrig und hoch wie sie kamen Bedienten
Kavaliere Handwerkspursche Fuhrknechte Pfaffen Studenten Juden Alles hatte
freien Zutritt bis sich endlich unser Herr  der sein armes Weib in Hamburg im
Elend sizzen lässt in sie verliebte  Und nun tut sie den ganzen Tag nichts 
als uns arme Teufel plagen dem Herrn Hörner aufsetzen mit dem Grafen K
spazieren fahren von den andern Schauspielerinnen Handküsse mit stolzer Miene
empfangen  und spielt alle Rollen die ihr gefallen «
    Genug für einmal  dachte ich mir und ging nach meinem Gasthof  Des
andern Tags lies mich der Grobian von Direktor erst eine Stunde im Vorzimmer
passen eh es ihm gefiel mir seine plumpe Herrlichkeit zu zeigen die noch
äußerst nach der Werkstätte roch wo er ehedessen im Eisen gearbeitet hatte 
Endlich öffnete sich auf einmal der Tempel des Hochmuts ich sah eine
aufgeblasene hochnasigte vierschrötigte Figur im Sessel sizzen die mich kaum
des Dankes würdigte 
    »Herr ich bin Schauspielerin « fuhr ich zornig heraus weil mir der
Handwerksflegel keinen Stuhl anbot
    »Kann wohl sein dass sie Schauspielerin ist« antwortete der unverschämte
Kerl der sich der einzige geschikte Schauspieler zu sein dünkt  und seine
Rollen doch dabei so affektirt herunterschnarrt wie der ärgste Stuzzer der bei
der Toilette einer eitelen Dame durch diese ModeGewohnheit sein Glük machen
will Alles was dieser Hasenfuß spielt trägt das Gepräge des Hochmuts an
sich in jeder Rolle sieht man diese Leidenschaft hervorblikken  Despoten
stolze Narren spielt er mit vieler Natur ob er gleich den Mut hatte unsern
unsterblichen Schröder in seiner Kunst anzugreifen und ihm aus Neid den Beifall
in Wien streitig machen wollte  Doch nun wieder auf meine Antwort die ich ihm
gab
    »Herr wollen Sie bewiesen haben dass ich Schauspielerin bin so lassen Sie
mich debutiren «
    »So etwas erlaube ich bei meiner Bühne durchaus nicht«
    »So despotisch kann nur ein Monarch sprechen und kein Direktor der vom
Publiko abhängt « In vollem Zorn schlug ich ihm die Türe vor der Nase zu und
ging zu Herrn von H der mir ohne Anstand einen Debut zusagte O dann fing
der Direktor und sein Kebsweib vollends zu rasen an zettelten unter dem
Publikum Kabalen wider mich an so viel sie nur konnten Ich lies dem boshaften
Kerl verschiedene Stükke vorschlagen worinnen gute Rollen waren aber sie
wurden mir unter verschiedenen Ausreden von ihm versagt  Ich musste am Ende in
einer Rolle auftretten die nicht so empfehlend für mich war als ich sie
gewünscht hatte  Demungeachtet entschloss ich mich troz aller Kabale zum Debut
Der Zufall wollte es dass sich gerade zu dieser Zeit die meisten Herrschaften
auf dem Lande befanden und die Zuschauer bestunden meistens aus zügellosen
Offiziers und Schulbuben nur in den vorderen Logen schienen stille Kenner des
Theaters zu sizzen Wie man mein Spiel aufnahm sollst Du hernach hören izt zur
Probe des Stüks zurück die am gleichen Tage meines Debuts gehalten wurde  Als
ich in das Schauspielhaus eintrat saßen die mitspielenden Personen in der
Garderobe und bewillkommten mich mit lautem Gelächter  Eine gewisse Kreatur
Namens R und ihre Konsortin Z spieen ihren giftigen Geifer gerade so
zügellos über mich aus wie es einer ausgeschämten ZuchthausKandidatin eigen
ist die einige Jahre zuvor zum Schubkarrenziehen nach Temeswar mit andern H
verurteilt war  Es erinnern sich einige Leute noch recht gut wie eben diese
saubere R wegen lüderlicher Aufführung P verlassen musste  Es ist zu
wünschen dass sie sich izt in Russland besser aufführt  Wer beim Theater sein
Brod suchen muss hüte sich vor den zwei Schandweibern R und Kr Selbst die
Hölle speit keine schwärzern Kreaturen aus als diese zwei Weiber sind Die
leztere wird zwar für ihr Lasterleben hinlänglich gestraft sie zigeunert als
Taliens Lastträgerin bei kleinen Gesellschaften im Lande herum 
    Doch izt zu meinem Debut  Kaum erblikte man meinen Kopf  noch hatte ich
kein Wort gesprochen so ging es schon an ein Räuspern an ein Sumsen im
Parterre als ob die Kabale Luft hätte mir den Hals umzudrehen noch eh ich zu
spielen anfing  Ich gestehe es offenherzig die Angst stokte meinen Atem
ich spielte nicht so gut wie ich es sonst in der Gewohnheit hatte aber die
Kabale trieb es auch so teuflisch das jedes Menschenfreundes Herz geblutet
haben muss  Kaum klatschten einige mir Beifall zu so trieben die bestochenen
Buben so lange ihren Unfug bis sie den Beifall übertäubt hatten  Möchte sich
jedes fühlende Herz in meine damalige Lage versetzen können und den Jammer
empfinden der meine Seele durchwühlte  Ich war in einer wilden
verzweiflungsvollen Laune  Hätte es die Kabale bis zum öffentlichen Auspfeifen
getrieben mein Ehrengefühl würde mich in der Wut zu einer Mordtat verleitet
haben  Doch zum Glük ließ man mich mit geteiltem Beifall durchschlüpfen
besonders wurde meine Geistesgegenwart in einer Stelle äußerst applaudirt wo
die boshafte Z als mein Kammermädchen mir in der Sterbszene den Stuhl
wegzog um diesen Auftritt durch mein Bodensinken ins Lächerliche zu bringen
aber kaum hatte ich die tödtliche Wunde empfangen so blickte ich rükwärts gab
meinem Körper ein gutes Gleichgewicht und sank so künstlich auf den Boden hin
dass das Bild unendlich viel dabei gewann 
    Ich duldete mehrere dergleichen Streiche unter andern spielte der Herr
Direktor an meiner Seite den Liebhaber mit halb weggewandtem Gesichte usw
Endlich ging das Schauspiel zu Ende und ich eilte mit zerrissenem Herzen nach
Hause
    Ein gewisser Direktor Seipp schreibt mir izt aus Temeswar und begehrt mich
zu seiner Gesellschaft  In wenig Tagen reise ich dahin ab Lebe indessen wohl
meine gütige Freundin und grüße mir deinen Karl tausendmal 
    
                                                                         Amalie
 
                                   CXX Brief
                                    An Fanny
Noch ehe ich P verlies konnte ich mich nicht enthalten folgendes Briefchen
an dortigen Direktor zu schreiben 
                                   Mein Herr
»So unverschämt und pöbelhaft Sie und Ihre Rotte mich auch immer behandelten so
kann ich doch den hiesigen Ort nicht verlassen ohne noch ein Paar Wörtchen mit
Ihnen zu sprechen Glauben Sie sicher Sie hatten es mit keiner Hüttenspielerin
zu tun bei der Sie es wagen durften ihren lächerlichen Hochmut blikken zu
lassen Zu Ihrem Stolz stünde bessere Erziehung recht gut dann würden Sie
vielleicht Ihre lüderlichen Untergebenen in den Schranken der Ehrbarkeit zu
erhalten wissen womit Sie fremden Leuten begegnen sollten Bei den kleinsten
Schauspielergesellschaften findet man kaum ein solches boshaftes mutwilliges
Zigeunergesindel wie das wovon Sie mein Herr das Oberhaupt sind  Gott möge
nie wieder eine gute Seele unter Ihre ausgelassene Bande geraten lassen
Verzweiflung würde sonst bei so einer schandvollen Behandlung das Loos einer
Jeden sein die weniger Selbstgefühl im Busen trägt als ich  Sie Herr
Direktor nähren ein Häufchen Lasterhafte deren gebrandmarkte Herzen einstens
zu ihrer Schande ganz aufgedekt werden müssen  Bühnen wie Sie eine
unterhalten sind die wahre heimliche Pest in einem Staat die unter dem Vorwand
der Sittenverbesserung jede Moral untergraben  Blos um in Zukunft einer andern
ärmern reisenden Schauspielerin den bei andern Teatern gewöhnlichen Debut auch
bei Ihrer Bühne zu eröffnen habe ich an höheren Orten mit Gewalt auf eine Rolle
gedrungen  Teilen Sie mein mir angehöriges Geschenk unter die Armen aus
damit sie den Himmel um Verbesserung Ihres Herzens anflehen mögen  überdies
schenke ich Ihnen noch den Ersaz der Ausgaben die mir die Anschaffung des zu
meiner gespielten Rolle nötigen Puzzes verursachte und die ich über mich zu
nehmen gezwungen ward weil sie mir aus Neid von Ihrer Favoritin versagt wurde
 Ich weis recht gut dass sie sogar Leute anstiftete um mich zum Gespötte des
Publikums zu einer widersinnigen Kleidung zu bereden  Aber sowohl diese
Kabale als so viele andere sinnreiche Streiche prellten an mir ab  Wäre ich
Mann so würde ich für alle die äußerst gallsüchtigen Beleidigungen auf eine
andere Art Genugtuung fodern aber so begnüge ich mich mit der Verachtung die
Sie und Ihre Anhänger verdienen und die Ihnen hiemit in vollem Mase zusichert«
                                                                    Amalie 
    So bald ich dieses Briefchen dem Direktor zugeschikt hatte so reiste ich
ab   
    Wenn Du die Gegenden in Ungarn kennst so wirst Du leicht begreifen können
wie langweilig meine Reise war  Eine sehr schlechte Reisegesellschaft üble
Bewirtungen und die bangste Furcht als ich über die unermesslichen entvölkerten
Haiden fahren musste wurden mir zu Teil  Wir trafen in den Wirtshäusern
meistens Kerls an die alle Räubern ähnlich sahen  Menschen die sich wie das
rohe Vieh in ihrem Schafpelz im Schnee hinlagern und nur bei der Nacht in ihre
Hütten kriechen die alle tief in die Erde gebaut sind Unter heftiger Kälte und
andern Unbequemlichkeiten kam ich endlich in Temeswar an Herr Seipp nebst
seinem Weibchen empfiengen mich sehr gut  Sie ist ein Fräulein von K aus
P und verrät viel Erziehung  er ein vernünftiger einsichtsvoller auf
Ehre haltender Mann ein braver Schauspieler hält streng auf gute Ordnung
versteht das Teaterwesen vollkommen ist selbst Dichter und der Erfinder der
bessten Einrichtung die ich noch jemals bei einem Theater antraf  Einige
lüderliche Schauspieler wollen ihm keine Gerechtigkeit wiederfahren lassen weil
er ihre Sitten sowohl als ihre elenden Fähigkeiten zu verbessern suchte  Ich
kann Dir aber auf Ehre versichern dass er und sie meine völlige Hochachtung
gewonnen haben  Sie ist ein gutes wirtschaftliches Weibchen  liebt ihren
Mann  hat Teatertalent und Kopf Kurz beide sind ein wahres Muster
moralischer Sitten woran sich so viele andere spiegeln könnten sie söhnen mich
wieder ganz mit der Bühne aus  Gespielt habe ich hier noch nicht weil die
Gesellschaft gerade auf dem Punkt steht nach Herrmannstadt abzureisen So bald
wir dorten sind beschreibe ich Dir unsere Reise  Schreib Du auch bald wieder
    
                                                           Deiner bessten Amalie
 
                                  CXXI Brief
                                   An Amalie
Um Gottes willen Freundin  was hast Du seither nicht alles erlebt und wie
weit bist Du izt von mir entfernt  Nicht wahr meine Gute ich habe Dir die
schröklichen Teaterschiksale zum voraus verkündigt  Alle nur möglichen
Niederträchtigkeiten scheinen diesen Leuten von Natur anzukleben sie lassen
ihre Herzen so tief im Morast versinken dass ihnen alle Laster zur kalten
Gewohnheit werden womit sie Tugendhafte tirannisiren wenn diese das Unglück
haben unter sie zu geraten 
    In diesem Stande sind gute Ausnahmen von rechtschaffenen Seelen so äußerst
selten zu finden weil sich bei den vielen Bühnen eine Menge Pöbel
zusammenrottet und den Freiheiten dieses Standes einen ewigen Schandflek
anhängt  So manche SchauspielerGesellschaft gleicht einem Schwarm streifenden
Ungeziefers das sein Gift überall zurücklässt dass man aber die Bosheit und
Schadenfreude so weit treiben könnte wie es das Häufchen Buben und Bübinnen in
P gegen Dich trieb hätte ich doch nie vermutet  Mein Karl sagte »Unter
den Hunden gibt es tausendmal bessere Herzen«
    Von der Erzbuhlerin R habe ich schon öfters abscheuliche Streiche
erzählen gehört Sie ist in der halben Welt als die ärgste Mezze bekannt die
die Obrigkeit wieder aufs Neue ins Zuchthaus stekken sollte  Was wäre denn
aber auch von einem Schustersweibe besseres zu erwarten deren Mann um den
Übermut seines Weibes willen den Leist verlassen musste  Er soll ein braver
komischer Schauspieler gewesen sein Gott gönn ihm izt in jener Welt die Ruhe
die er hier an der Seite seines ehrvergessenen Weibes nicht genoss  Auch sie 
sagt man  spiele die Rollen niederträchtiger Weiber unverschämter Buhlerinnen
komischer Kupplerinnen boshafter zänkischer lasterhafter Kreaturen mit vieler
Natur  nur in edelen Karakteren in den Rollen moralischer guterzogener
Mütter wäre sie unausstehlich  So viel erzählte mir leztin ein
unparteiischer Teaterkenner selbst 
    Gott schenke Dir izt bei Seipp alles Vergnügen das Du verdienst weil er
selbst Talenten besizt wird er gewiss die deinigen nicht verkennen Nur
Dummköpfe unterdrükken aus Neid die Vorzüge an Anderen  Dass dieser brave Mann
unter seiner Gesellschaft so tapfer auf gute Sitten hält freut mich unendlich
 nur der Kummer wegen deiner gefährlichen Reise ängstigt mich noch ein Bischen
bis ich einmal weis dass Du glücklich angekommen bist Man versichert mich
Siebenbürgen wäre ein wahres Räuberland  
    Ich und mein Karl wünschen Dir allen Segen von Gott und uns dabei eine
geschwinde Nachricht von deiner glücklichen Ankunft  Hier diesen Kuss zum
Zeichen meiner unveränderten Liebe 
    
                                                                          Fanny
 
                                  CXXII Brief
                                    An Fanny
Gott sei ewiger Dank gesagt dass auch diese Reise vollendet ist So äußerst
elend habe ich noch keine zu machen gehabt  Die Straßen waren abscheulich
schlecht je tiefer wir unter die Wallachen hineinkamen desto grässlicher wurde
unsere Furcht und alle Arten von Unbequemlichkeiten 
    Die Räuber schonten uns der Himmel sei gepriesen ob es gleich hier zu
Lande sehr gewöhnlich ist ganze Rotten von dreißig bis fünfzigen zu treffen
die alle mit vierfachem Schiessgewehr versehen sind  Da sie sich auch gerne in
Wirtshäusern einnisten so zwang uns die Klugheit uns mit Militärorder zu
versehen um bei Dorfrichtern Herberge zu nehmen und zogen aus dieser Ursache
vor auf Heu zu schlafen selber zu kochen usw Es war eine allerliebste
Wirtschaft  Unsre Mannsleute mussten Geflügel zuschleppen die Wallachinnen
gaben uns Spek und wir Weiber besorgten die Küche  Seipp sorgte ohne
Eigennutz als wahrer Vater für seine Kinder sein armes schwangeres Weibchen
duldete auf dieser Reise sehr vieles mit Standhaftigkeit nur ein einzigesmal
überfiel sie Wehmut die dann der rechtschaffene teilnehmende Gatte mit warmer
Zärtlichkeit zu zerstreuen wusste  O diese zwei Leutchen lieben sich wie die
Engel ein liebenswürdiger dreijähriger Knabe knüpft das Band ihrer Gattenliebe
noch enger  Sie gehören zur protestantischen Religion und sind eifrige
Christen in ihrem Betragen herrscht überall Pünktlichkeit und ihre Aufführung
ist untadelich  Seipp duldet unter seinen Leuten keine von schlechten Sitten
 Die Mitglieder der Gesellschaft sind aber auch so geehrt dass jedem davon der
Eintritt in die angesehensten Familien offen steht
    Schon seit vier Jahren durfte wegen schlechter Aufführung keine
SchauspielerGesellschaft mehr über die hiesigen Gränzen nur unserm braven
Seipp gelang es durch Empfehlungen von etlichen Ministern durchzudringen Alle
lieben und schäzzen ihn Das Publikum stürmt zahlreich ins Schauspielhaus und
verlässt es wieder mit entusiastischem Beifall Wir bekommen Alle richtige
Bezahlung und stehen gut weil es hier äußerst wohlfeil zu leben ist 
    Leztin spielte ich zum erstenmale und wurde recht gut vom hiesigen Publiko
aufgenommen Ich lass es aber auch nicht am Fleiß mangeln und arbeite mit Lust
weil uns keine Stuzzer hinter den Kulissen stören dürfen  Es ist allen jungen
Leuten untersagt weder bei den Vorstellungen selbst noch bei den Proben auf
Abenteuer hinter den Kulissen herumzuschleichen Auch keiner der Mitspielenden
darf es wagen über einen andern nur eine Miene von Anmerkung zu machen  Seipp
weis den Neid in Schranken zu halten  Sein entusiastischer Eifer für die
Richtigkeit der Schauspielkunst macht ihn freilich manchmal ein Bischen hizzig
aber nicht pöbelhaft wie es seine Feinde vorgeben  Ich gedenke mich recht gut
in seine Anführung zu schikken und verehre seine Kenntnisse mit inniger
Zufriedenheit
    Und nun liebe Fanny küsse mir deinen Karl und danke ihm in meinem Namen
für seine Sorgfalt
    
                                                     Deine Dich liebende Amalie
 
                                 CXXIII Brief
                                    An Fanny
Zürne doch nicht liebes Fannchen dass ich Dir einige Monate gar nicht schrieb
Mein Direktor überhäufte mich seither mit einer Menge Rollen  Sein Weibchen
ist nahe an ihrer Niederkunft und mich trift es izt ihre Rollen ganz allein zu
spielen Es bleibt mir außer meinen Berufsgeschäften kaum so viel Zeit übrig
zuweilen ein kleines Briefchen an meinen Oheim zu verfertigen Übrigens lebe
ich recht zufrieden Das Publikum ist mir hold der Direktor behandelt mich gut
was will ich also mehr  Nur ein einzigesmal überraschte mich sein gewöhnlicher
Eifer für die Kunst etwas feuriger als sonst bei einer Probe der gute Mann
kannte mein zu weiches Herz nicht und wurde erst nach der Hand überzeugt dass
seine rasche Zurechtweisung mich im Spielen noch blöder machte  Ich nährte
dadurch heimliches Mistrauen gegen mich selbst und Zagheit bemeisterte sich
meiner während meines Spiels nur seine sanftere Leitungsart rief mich wieder in
das Geleise zurück woraus mich eine gewisse bange Furcht gebracht hatte  Er
sah wohl ein dass es für meinen Kopf und mein Gefühl nur des kleinsten Winkes
bedürfe um mich nach seinem Willen abzurichten  Der Mann besizt
außerordentlich viele Kenntnisse dringt mit seinem Fleiß bis ins Innerste der
Kunst und ich bin stolz darauf Seippens Schülerin zu sein  Es ist
unbegreiflich was er sich mit einigen beinahe unbrauchbaren Mitgliedern unserer
Gesellschaft für Mühe gibt um sie zu belehren er hält ordentliche Schulen
gießt ihnen die Rollen so zu sagen ein studiert den Hang eines Jeden gibt ihm
angemessene Rollen alle unter seiner Gesellschaft stehen an ihren rechten
Pläzzen da erblikt man keine Spur von Parteilichkeit So oft das Schauspiel zu
Ende ist tritt er unter die Schauspieler hinein sagt einem jeden sein und auch
des Publikums Urteil mit biederer Wahrheit ins Gesicht  Leztin kam die Reihe
zuerst an mich  »Madame sagte er Mit Ihnen ist man durchaus zufrieden bis
auf die wenige Schüchternheit die ihre Stimme unterdrükt und sie etwas
unverständlich macht«  »Und Sie Mademoiselle  sagte er zu einer andern
Sie haben in ihrem Kammermädchen durch Ihre unbescheidene Manieren bloß dem
Pöbel gefallen usw«
    Ist so ein Vorsteher nicht zu verehren  Würde die Bühne nicht bald der
Wohnsiz der Rechtschaffenheit sein wenn es mehrere dergleichen gäbe 
    Noch ein Anekdötchen von ihm  Einige Stuzzer welche die Schauspielerinnen
bloß für feile Geschöpfe ansehen zu denen ihre Begierden ein volles Recht
hätten sagten einstens zu ihm
    »Aber Herr Seipp Sie haben ja gar kein einziges recht schönes Frauenzimmer
unter ihrer Gesellschaft«  Worauf er antwortete  »Meine Herren alle meine
Frauenzimmer sind hinlänglich schön um in ihren Rollen jene Täuschung zu
erwekken die dazu erfodert wird  Ich bin der Unternehmer einer gesitteten
SchauspielerGesellschaft und keiner Fleischbanke wo jeder Wollüstling seine
Bedürfnisse hinzutragen Lust hätte  Meine Frauenzimmer sollen bloß zu
Schauspielerinnen und nicht zu Lustnimphen taugen« 
    Von dieser Zeit an wagte kein Weichling mehr die mindeste Anmerkung zu
machen wir leben alle in dem unbescholtensten Rufe  Aber sage mir jetzt auch
meine Liebe was macht denn dein Karl  Werde ich euch zwo teure Seelen auch
bald wieder zu sehen bekommen  O ich hätte wohl noch recht viele Fragen wenn
mich nicht die Pflicht zu meinen Geschäften riefe 
    Lebe wohl Teure Einzige 
    
                                                      Ich bin ewig Deine Amalie
 
                                  CXXIV Brief
                                   An Amalie
                                  Teuerste 
Endlich hat unser Kummer ein Ende und wir wissen dass Du gut versorgt bist
Karl war entzükt über diese Nachricht dass ich es auch bin das weißt Du
ohnehin  Wir beide haben ein Projekt zur SittenVerbesserung der Bühnen
entworfen und teilen es Dir zur gütigen Einsicht mit
    Unser große Kaiser Joseph hat über alle Gegenstände in seinen Ländern gute
moralische Anstalten getroffen und wir hoffen dass er auch noch auf die
Reinigung der Bühnen kommen wird wenn es ein Patriot einmal wagt ihm den wahren
Zustand derselben zu schildern  Bis izt streifen noch immer schwarmweis kleine
Schauspieler nicht doch  KomödiantenGesellschaften dem Bürger zur Last und
den Sitten zur Schande in unsern Ländern herum  führen das abscheulichste
Leben verbreiten Zoten sind der Zufluchtsort so vieler Tagdiebe
Herumstreicher verjagter Friseurs lüderlicher Studenten fauler
Handwerkspursche verloffner Dienstmädchen usw
    Erstens ist ihre Aufführung ärgerlich und verbreitet bestärkt das
Vorurteil über besser gesittete Schauspieler benimmt dem Publikum den Glauben
an jede Moral die auf gesittetern Bühnen vorgetragen wird weil die Menschen
daran gewöhnt werden zu glauben dass dort wie da  der Fuchs bloß den Gänsen
predigt 
    Zweitens führt diese hungerige KomödiantenWare schandlose ärgerliche
sündliche Frazzen auf und verwildert dadurch die Sitten des Pöbels noch mehr
der ohnehin schon zügellos genug ist 
    Drittens kommen sie durch ihre Schwelgerei in Schulden betrügen den Bürger
verführen seine Söhne und Töchter fahren in allen Bierschenken herum nähren im
gemeinen Volk Aberglauben und Vorurteil verleiten es zu Abenteuern
Schazgräbereien Taschenspielereien und dergleichen durch ihre Ausschweifungen
pflanzen sie also auf alle Schauspieler den schmuzzigen Begriff fort den man
ehedessen von den öffentlichen Possenreissern und Marktschreiern hatte  Zur
Schande der Schauspielkunst verderben sie das leichtgläubige Herz des Bürgers
und würden ihrem Landesherrn unter der Muskete gewiss bessere Dienste leisten
    Sobald der Monarch überzeugt ist dass eine gesittete Bühne zur Aufklärung
beiträgt so wird er auch bei großen und kleinen Bühnen jeden Schein auszurotten
suchen der diesem moralischen Endzwek widerspricht   Bei der übersezten
Menge von kleinen fliegenden Gesellschaften sollte notwendiger Weise Musterung
gehalten werden damit es dem fähigern Schauspieler nicht an Versorgung fehlte
die diese Herumstreicher ihm mit einer geringeren Besoldung hier oder da vor dem
Munde wegschnappen Zu viele Gesellschaften in einem Lande richten einander
selbst zu Grunde weil das Publikum sie nicht alle zu nähren vermag  Nur in
den ansehnlichsten Städten jeder Provinz sollte eine gute
Schauspielergesellschaft geduldet werden auf deren sittliche Aufführung die
Obrigkeit ein wachsames Auge haben sollte  und den übrigen kleinen
herumziehenden Gesellschaften sollte bei Strafe das Land verboten werden Die
Direktoren sollten verbunden sein miteinander alle Jahre ihren Ort zu
verwechseln damit jede Provinzstadt um ihr Geld Abwechslungen zu sehen bekäme

    In der Hauptstadt Wien sollte von Professoren oder sonst unparteiischen
Teaterkennern eine Art Prüfungsschule errichtet werden wo jeder brodsuchende
Schauspieler seine Probe ablegen müsste  wo man die Fähigkeiten und Lebensart
der Schauspieler einige Zeit prüfte und sie dann mit einem guten Zeugnisse einem
ProvinzTheater zuschikken könnte dessen Direktor verbunden sein müsste sie
anzunehmen und nach dem Masstab ihrer Talenten zu besolden  Viele hundert
Halunken beiderlei Geschlechts würden diese Prüfung scheuen und weniger ihre
Zuflucht zum Theater nehmen  Ein würdiger Schauspieler hätte dann nicht mehr
Ursache aus Unterdrükkung und Kabale am Bettelstab herumzuirren das Publikum
würde besser bedient die Sitten dieser Leute würden nach und nach reiner der
gute Endzwek der Schaubühne erfüllt und die Herren Direktoren vor so vielen
Bankrotten gesichert die ihnen meistens durch die Kabale dieses herum
schwärmenden Volks zugezogen werden  Nur müssten die Aufseher der
Prüfungsschule nicht aus Schauspielern bestehen sonst liefe sicher
Parteilichkeit mit unter denn der größte Schauspieler trägt immer heimlichen
Neid im Busen und kann in einer solchen Sache nie als Richter dienen
Überhaupt sollten alle Schauspieler strenger als andere Bürger in ihrem
Lebenswandel gehalten werden um das Vorurteil auszurotten der Moral die sie
predigen Ehre zu machen um durch ihr so öffentliches Lasterleben unter dem
Volk nicht so viel unverantwortliches Aergernis zu erregen 
    Was hältst Du von meinem Gedanken  Ich habe ihn nur so obenhin entworfen
 Möchte ihn ein Menschenfreund besser überdenken  ausarbeiten  und dem großen
Kaiser Joseph vorlegen wie glücklich wollte ich mich schäzzen  Die
Einrichtungen deines jezzigen Direktors gefallen mir sehr wohl  Es muss ein
würdiger Mann sein  Der Himmel segne ihn und seine Familie  Schreibe mir
mehr von seiner guten Führung ich höre es äußerst gerne  Karl und ich wollen
Dich dann recht herzlich dafür küssen  wann wir Dich einst wiedersehen  Das
verspricht Dir
    
                                                                    Deine Fanny
 
                                  CXXV Brief
                                    An Fanny
Dass Dich doch  Schon wieder eine Reisebeschreibung  wirst Du deinem Karl ins
Ohr flüstern  Ja meine Liebe und überdies eine recht artige Geschichte die
mir mit einer ganz fremden Dame begegnete über die meinetwegen Spötter lachen
mögen genug  ich bürge für ihre Wahrheit
    An einem Tage musste unsere ganze Gesellschaft in einer elenden Hütte ihr
Mittagsmahl halten  Die Wirtsleute waren äußerst arm und hatten kaum so
viel um den Hunger unserer Pferde zu stillen  Ich will Dir die Unruhe von
etlich dreißig Personen nicht schildern wovon nur wenigen ein hartes Stükchen
Fleisch den andern gar nur troknes Brod zu Teil wurde 
    Ganz niedergeschlagen saßen einige von uns an einem Tische  und staunten
auf die hölzernen Bestekke hin die uns vorgelegt wurden als plötzlich ein Wagen
mit vier Pferden den Hof hereinrasselte und uns die Neugierde aus dem Zimmer
trieb  Zween Bediente hoben ein Wesen aus dem Wagen das seiner Kleidung nach
einer Mannsperson glich Eine Art Kaput Stiefel und Hut war seine Kleidung 
Der Fremdling blieb einige Minuten stehen sah uns alle nach der Reihe an
besonders aber mich und flog mir mit einem Mal feurig an den Hals  Ich
erschrak hielt es für Frechheit und wollte mich loswinden  »Fürchten Sie
nichts meine Besste  hörte ich eine Weiberstimme sagen Ihre Phisiognomie
gefällt mir wollen Sie meine Freundin sein«  Dann zog sie mich in das
Kämmerchen wo die hölzerne Bestekke lagen befahl ihren Bedienten unsern Tisch
mit Silbergeschirr zu bedekken Wein und Essen aus dem Wagen hereinzutragen um
uns auf die freundschaftlichste Weise zu bewirten  Während der Mahlzeit
liebkoste sie mir wie einem Kinde und wiederholte öfters »Haben Sie nicht Lust
nach Siebenbürgen zurückzukehren  Welcher Zufall brachte Sie zu diesem Stande
 Schreiben Sie mir doch hier haben Sie meine Addresse«  Am Ende beschenkte
sie mich noch mit verschiedenen Sachen und stieg dann weinend in den Wagen 
    Sie ist eine gewisse Baronesse von L aus Klausenburg ihr Betragen ist
lebhaft aber mit einer heimlichen Schwermut durchwebt ihr Gesicht trägt die
Spuren der Redlichkeit Nur Schade dass ich die Liebenswürdige so bald verlassen
musste die sich aus wahrer Sympatie meinem Herzen näherte Seiter hat sie mir
schon einmal geschrieben und mit einer Wärme die ganz ihrem edelen Herzen eigen
ist 
    So viel von dieser Geschichte  Nun endlich auch einmal zur Beantwortung
deines leztern Briefes
    Wie vortrefflich meine Teure ist dein Entwurf und wie vielen moralischen
Nuzzen könnte es bei den jezzigen so zügellosen TheaterSitten schaffen wenn er
ausgeführt würde  Es wundert mich sehr dass noch kein Moralist auf diesen
Gedanken geriet dass man die Reinigung der Bühnen so lange anstehen ließ bis
ihre moralischen Sitten schon fast bis in Grund verdorben sind wo Jeder dabei
treiben kann was seinem Laster gelüstet wo man ungeahndete Freiheit genießt
sich in jeder Weichlichkeit herumzuwälzen wo sich die wenigsten Polizeien um
die Aufführung des Schauspielers kümmern wo die meisten Direktoren bloß
Pflanzschulen der schändlichsten Ausschweifungen unterhalten wo Religion Ehre
und Redlichkeit keinen Wohnsiz haben  Und solche Bühnen werden nicht
untersucht es werden ihnen keine Schranken gesezt 
    Kaum ist es begreiflich da doch schon so viele würdige Schriftsteller
darüber jammerten und all ihr Gefühl anstrengten um den Staat aufmerksam darauf
zu machen  Nur einige Fürsten gaben in Rüksicht dessen kluge Gesezze heraus
und ließ sie in öffentlichen Blättern einrükken um sie überall bekannt zu
machen und um Nachahmer zu finden  Möchten diese edelen Absichten von mehreren
genehmiget werden   Möchten Minister und PolizeiRäte von keinem
PrivatInteresse verleitet werden ausschweifende Schauspielerinnen zu schonen
und es nicht ferner verhindern dass die Stimme der bessern Einrichtung so selten
bis zum Ohr des Herrschers dringen kann  So denkt
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CXXVI Brief
                                    An Fanny
                           Liebe HerzensFreundin 
Heute muss ich Dir wieder einmal deinen Willen erfüllen und Dir etwas mehreres
von den guten Einrichtungen unsers wakkern Seipps schreiben  Bedenke nur
einmal diesen Hauptpunkt der durch seine Klugheit unter uns Weibern so herrlich
Statt findet  Seine eigene Frau spielt neben mir erste Rollen und doch setzte
es unter uns noch nicht den geringsten Streit ab 
    Der unparteiische Mann weis für uns beide die Rollen so gut einzuteilen
dass auch selbst die ehrgeizigste Schauspielerin nichts dagegen einzuwenden
wüsste  Madame Seipp spielt unschuldige naive leidende junge Mädchen
allerliebst  Ihr niedlicher kleiner Wuchs ihr natürliches Gefühl ihr Fleiß
ihre durch Lektur erhaltene Kenntnisse machen sie zur guten Schauspielerin 
Hätte sie das Glük eine stärkere Brust zu haben sie würde sich auch in
heftigen affektvollen Rollen vielen Beifall zu versprechen haben  Sie hat bei
andern Bühnen aus Kabale nur unbedeutende kleine Rollen zu spielen bekommen wo
ihr Talent so wie das von mancher ihrer Mitschwestern unerkannt blieb  Aber
seit der Direktion ihres Mannes darf sie es in ihren unschuldigen Rollen kühn
wagen sich jedem Kenner zu zeigen denn seither wurde das vergrabene Talent in
Übung gebracht das fähig ist dem Publikum Freude zu machen  Feurige
Heldinnen rasche Liebhaberinnen und überhaupt Rollen worinnen heftige
Leidenschaft herrscht und wozu starke Brust erfodert wird wurden mir
zugeteilt  Herr Seipp spielt alle Rollen erträglich  aber äußerst gut spielt
er feine IntrikenRollen gefühlvolle Männer und Väter  Gott wie viel der
Mann in seiner Deklamazion Natur behauptet  Was er hineinzudringen weis in die
feinste Kunst um sie durch den herrlichsten Konversazionston zur unleugbaren
Natur zu machen  Wie lebhaft er seine Leidenschaften mit den unbegreiflichsten
Abwechslungen hervorbringt  Wie er seine Organen nach dem Sinn des Autors und
nach seinem Gefühl zu stimmen weis  Wie er die schwersten Erzählungen so
ausdruksvoll von aller Monotonie entfernt dem Zuschauer vormalt  Wie er
Seele Gefühl Feuer Stimme Körper Wendung Übergang in seiner Gewalt hat
um das Publikum in gewissen Rollen bis zum letzten Grad der Wahrheit zu täuschen
 Selbst den schiefen Sinn eines schwülstigen Autors weis er während seines
Spiels zu verbessern  Es ist eine wahre Freude an der Seite dieses braven
Schauspielers zu agieren  Wie oft schmolz sein Gefühl in das meinige über
wenn ich an seiner Seite die Rolle der Tochter spielte und wie oft gab er
meiner arbeitenden Leidenschaft den Nachdruk der sich dann noch mächtiger in
das fühlende Herz des Zuschauers übergoss und doch ist dieser gute Schauspieler
bis izt noch so wenig für seine Verdienste belohnt worden  Er musste immer im
Dunkeln arbeiten ohne dass ihn der Posaunenklang hervorzog  Ei  Ei 
Teaterglück wie rätselhaft bist du 
    Doch nun weg von dem und auch ein Bischen etwas vom hiesigen Orte 
Temeswar ist unstreitig troz des kleinen Umfangs eine der lebhaftesten Städte 
Man ist hier äußerst zum Wohlleben geneigt Das viele Militär die Menge
gutbesoldeter Beamten die wohlfeile Nahrung tragen zu den hiesigen
Lustbarkeiten unendlich vieles bei  Unsere Leute müssen sich ordentlich
verstekken oder wichtige Beschäftigungen vorgeben wenn sie nicht täglich zu
einem Gastmahl wollen gezogen werden Hier herrscht in Rüksicht der Stände nicht
das geringste Vorurteil Man lebt untereinander in der zufriedensten Freiheit
Wenn der lange hagere Mann mit seiner Sense nicht so oft und so grässlich durch
die beständig herrschenden Fieber in den Familien Zerrüttungen anstellte nichts
würde den Freiheitssinn unter diesen Leuten trüben  Bis auf diese Stunde ist
außer der guten Madame Seipp bei unserer Gesellschaft noch Alles gesund Hier
ist es große Mode Chinarinde statt Tabak zu schnupfen und wer überdies nicht im
Stande ist dreißig bis vierzig Doses China in Zeit zwei Tagen zu verschlingen
der bleibe von Temeswar weg  sonst kommt er auf den Kirchhof 
    Gib deinem Karl für mich ein recht warmes Mäulchen und denke öfters an
deine besste
    
                                                                         Amalie
 
                                 CXXVII Brief
                                    An Fanny
Dass doch das Unglück nur immer rechtschaffene Seelen verfolgt  Ich kann Dir den
Jammer nicht hinlänglich beschreiben der sich izt bei unserer Gesellschaft
eingeschlichen hat  Schon seit sechs Wochen liegen alle bis auf mich am kalten
Fieber darnieder  Nur erst seit wenig Tagen macht dieser hässliche Gast izt
auch bei mir seinen täglichen Besuch  Du solltest mit deinem gefühlvollen
Herzen sehen wie die Leute aus Liebe für ihren guten Direktor ihre letzten
Kräften anstrengten und ohne dass er es einem zumutet von selbst aus gutem
Willen mitten im Fieber spielten  Bis izt wechselte das Fieber unter einigen
ab und nicht alle wurden gerade zu der Stunde der Vorstellung davon überfallen
sie konnten daher unter einander mit Spielen abwechseln so dass unser
Schauspielhaus an den bestimmten Tagen nicht verschlossen bleiben durfte  Aber
nun hat das täglich anhaltende Fieber die Kräften eines Jeden so abgemattet dass
sie alle zum Spielen untauglich sind alle Hoffnung ist nun verloren fernerhin
Vorstellungen geben zu können  Der menschenfreundliche Direktor zahlt seinen
Leuten schon seit einiger Zeit große Summen ohne die geringste Einnahme zu
haben  Endlich aber wird dieser brave Mann aus Liebe für seine Familie
gezwungen die Direktion völlig aufzugeben um mit seiner kranken Gattin zu
seiner Swiegermutter nach P zu reisen  Höre seine vortrefflichen Anstalten
in einer Lage wo jeder minder fühlende Direktor gewiss nicht so edel handeln
würde  Er liefert auf seine eigenen Kosten die ganze Gesellschaft bis Wien
gibt jedem noch sechs Wochen Gage obendrein und empfiehlt sie der Vorsehung 
Kann der würdige Mann bei einem solchen starken Verlust mehr tun  O es
schmerzt mich unendlich diese brave Familie verlassen zu müssen 
    In wenig Tagen reisen wir alle zusammen von hier ab Gott wenn nur diese
Reise schon ihr Ende erreicht hätte  Denke Dir einmal ein solches Häufchen
kranker Leute zusammen die alle durchs Reisen noch kränker zu werden befürchten
müssen  Der Allmächtige möge unser Geleitsmann sein  Ei das ist doch
ärgerlich  Schon wieder schaudert der Fieberfrost durch meine Glieder und ich
muss wegen starken Kopfschmerzen aufhören mich mit Dir zu unterhalten  Kümmere
Dich nicht um meinetwillen meine Freundin es wird besser werden  ich habe
seit einigen Tagen schon außerordentlich viel China zu mir genommen
    So bald ich in Wien anlange und mich nicht überhäufte Geschäften daran
hindern erhältst Du wieder Nachricht von meiner Gesundheit  Sollte sie sich
noch mehr verschlimmern so lass ich Dir durch jemand andern schreiben Sei also
ruhig und liebe fernerhin deine arme kranke Freundin
    
                                                                         Amalie
 
                                 CXXVIII Brief
                                    An Fanny
                                Meine Liebste 
Wirklich hat die WienerLuft meine Gesundheit völlig wieder hergestellt Ich
eile um Dir diese gute Nachricht zu melden Als ich hier anlangte nahm ich mir
fest vor Niemanden meinen SchauspielerStand zu entdekken Der Zufall leitete
mich bei meiner Ankunft zu einer alten ObristsWittwe bei der ich auf einen
Monat ein Zimmer zu mieten suchte 
    Diese alte Dame musste sich wegen eingeschränkter Pension mit Vermietung
solcher Zimmer abgeben  war aber ein Weib das gute Erziehung genossen hatte
 Übrigens soll es außer ihrer Gewohnheit gewesen sein je ein junges
Frauenzimmer in ihr Haus zu nehmen wie man mich versichert hat  Sie mag ihre
Gründe gehabt haben die vermutlich darin bestunden damit kein Frauenzimmer
von schlechter Lebensart ihr Haus in übelen Ruf bringen möchte  Ich weis nicht
war es meine offene glückliche Gesichtsbildung oder was sonst genug die Dame
liebte mich beim ersten Anblick und nahm mich ohne das geringste Vorurteil in
ihr Haus  Sie drang in mich um etwas genauer mit meinem Schicksal bekannt zu
werden ich hielt an mich so lang es mir nötig schien bis ich ihr endlich
meinen SchauspielerStand offenherzig eingestand und sie mir versprach ihn vor
Jedermann geheim zu halten  Aber auch nur einige Wochen hielt sie Wort und in
weniger Zeit wurde der Direktor vom hiesigen KärntnertorTheater Herr über ihr
Geheimnis  Ihm war um eine gute Schauspielerin zu tun weil er eben im
Begriffe stand mit einer neuen Gesellschaft seine Bühne zu eröffnen und er
ihrer sehr bedurfte  Die Dame und er wandten alle Schmeicheleien an um mich
zu einem Debut zu bereden Man versprach mir glänzende Besoldung und alle
mögliche Vorzüge  Kurz die zwei Leutchen drangen so lange in mich bis ich
endlich nachgab  Da ich aber den Gang der Wienerischen Kabale kannte so
handelte ich vorsichtig 
    Hier ist es nicht gebräuchlich den Namen der Schauspieler auf den
Anschlagzettel zu setzen  Ich benuzte dies und der Herr Direktor G
durfte weder meinen Namen noch weniger die Ankündigung meines Debuts darauf
bekannt machen Teils wollte ich das Publikum mit meinem Bischen Fleiß
überraschen teils mochte ich mich keinem Vorurteil Preis geben das jeder von
einer unbekannten Schauspielerin zum voraus hegt  Der Tag meines Debuts wurde
festgesezt die Stunde rükte heran schon war der erste Aufzug des Schauspiels
geendigt und einige Mitspielende ausgezischt worden als ich noch in
tausendfacher Angst hinter den Kulissen harrte bis die Reihe zu spielen an
mich käme  Meine Rolle war kurz aber in ihrem innern Wert eben so
empfehlend als mein äusserlicher Anzug  Ich stellte die Gattin eines Helden
vor die aus Leidenschaft für ihren Mann in Mannskleidern bis ins Lager drang
um ihn aus der Gefangenschaft zu retten  Das Feuer womit ich aus der Koulisse
herausstürzen musste verjagte auf einmal alle meine Furcht und ich fühlte mich
in dem Augenblick ganz das was ich vorstellte  Noch war mein erster Dialog
nicht zu Ende als mir Seine Königl Hoheit Prinz Maximilian ein lautes Bravo
zuriefen dem das ganze Publikum folgte ohne dass eine Seele darunter meinen
Namen wusste  Wenn je ein Beifall unparteiisch war so war es gewiss dieser 
Wäre der Direktor ein besserer Wirt so würde es mir bei dieser Gesellschaft
gefallen der Mann hat Kenntnisse und schäzt die Kunst 
    Was mit mir ferner geschieht sollst Du bald hören von deiner Freundin 
    
                                                                         Amalie
 
                                  CXXIX Brief
                                   An Amalie
Es scheint meine Liebe dass das Unglück auch auf mich loszustürmen anfängt 
Kaum erhielt ich die Nachricht von deiner Krankheit so wurde auch mein Karl mit
einem hizzigen Fieber überfallen  Der arme Junge war dem Tode und ich der
Verzweiflung nahe  Jesus Christus  wie ich da mit der äußersten
Trostlosigkeit rang als die Ärzte mir alle Hoffnung seiner Herstellung
absprachen  Hätte ich ihn verloren den Mann meines Herzens ein freudenloses
elendes jammervolles Leben würde dann meiner gewartet haben  Ich wäre in der
häuslichen Glückseligkeit an jedes Andern Seite zur ärmsten Bettlerin geworden 
Denn außer meinem Karl ist für mich unter den Menschen keine Harmonie mehr  ob
uns gleich das Schicksal noch nicht ganz vereinigt hat so sind doch die wenigen
Stunden die wir izt schon mit einander verlebten ein Vorgeschmak des Himmels
der uns einstens bei näherer Verbindung erwartet  O diese Bilder der
seligsten Zukunft wären dann durch seinen Verlust alle auf einmal
zusammengestürzt  Ha  Ich würde es nicht überlebt haben 
    Allgütiger dir sei ewiger inniger Dank gesagt dass du mir ihn wieder
schenktest  O was der gute Junge in seiner Krankheit für EngelsGeduld
zeigte  Wie ich an seinem Krankenbette mit nassen Augen ganze Nächte durch
wachte und alle seine Schmerzen doppelt fühlte  Bei einem solchen Anlass kann
der Wert eines guten Herzens am bessten erkannt werden  Da ist der Zeitpunkt
wo eine Geliebte durch tausend kleine Gefälligkeiten ihre Gefühle an Tag geben
kann  Selbst mein Karl sagte während seiner Krankheit dass die geringste
Wohltat in solchen Fällen dem Kranken HimmelsWonne wäre die er von der
gutherzigen Hand einer Geliebten erhielte  Noch ist er sehr schwach der Gute
aber ganz außer aller Gefahr und grüßt Dich herzlich 
    Seippens Misgeschik das Dir einen so guten Direktor entriss hat uns Alle
sehr gebeugt 
    Gott Wie sehr wünsche ich dass Du des unbeständigen TheaterLebens bald
satt sein und doch einmal mit Ernst auf eine andere Versorgung denken mögest 
Das besste TheaterSchicksal ist doch fast überall mit Galle und Gift untermengt
die der Neid auf eine oder andere Art einmischt  Du wirst vielleicht keinen
Seipp mehr finden und doch meine Amalie und doch ungeachtet der
unerträglichsten Beschwerlichkeiten die dieses Leben mit sich führt nährst Du
noch in deinem Herzen einen leidenschaftlichen Hang dafür  Lass ab meine
Freundin von diesen falschen Freuden des Beifalls die meistens ihr Ende
erreichen so wie der Vorhang fällt  Wäge das Bischen Schmeichelei mit den
vielen Kabalen ab die Dir bei jedem andern Theater drohen und es bleibt Dir
gewiss nichts übrig als ein blutendes Herz das die Bosheit zerfleischte  Die
TheaterSitten sind noch lange nicht das was sie sein sollten  Weh dem der
mit einem fühlenden Herzen das Opfer dieser verdorbenen Sitten wird 
    O meine Freundin wenn Du deine Leidenschaft für die Bühne nach und nach zu
unterdrükken trachtetest wenn Du irgendwo einen Freund suchtest der Dir ein
ruhigeres zufriedeneres Leben anböte der Dich diesem Herumirren entzöge wie
glücklich wärest Du nicht  Du bist zu empfindsam um ferner die Mishandlungen
Ränke und Kabalen zu ertragen  Suche doch meine Liebe deinem Schicksal bald
eine andere Wendung zu geben und Du wirst um vieles beruhigen
    
                                                              Deine besste Fanny
 
                                  CXXX Brief
                                    An Fanny
                               Besstes Mädchen 
Wie sehr bedauerte ich Dich als ich vernahm dass das unbarmherzige Schicksal Dir
gedroht hatte deinen guten Karl zu entreißen  Ich kann mir den Kummer lebhaft
vorstellen den Du dazumal musstest gefühlt haben  Wenn man seine ganze
zeitliche Glückseligkeit auf einen einzigen Gegenstand sezt und das Schicksal uns
denselben zu entziehen drohet ist es nicht als ob wir einen Teil unseres
Selbst verlieren sollten 
    Aber nun muss ich Dich doch auch ein Bischen über einen andern Punkt zanken
 Was hattest Du denn dazumal für eine abscheuliche hypochondrische Laune als
Du mir wegen meiner Leidenschaft fürs Theater eine so derbe Lektion zuschriebst
 Ist denn meine Leidenschaft so unheilbar oder ist sie auf tollen Eigensinn
gegründet dass du so kräftig darüber losziehest  So lange mir das Verhängnis
keine bessere Bestimmung gönnt so lange das Theater meine einzige ökonomische
Aussicht bleibt muss ich ja diese Leidenschaft nähren denn sie spornt doch
immer den Fleiß an der mir außer ihr gewiss mangeln würde  Einem Stand den
man nicht ändern kann muss man doch wenigstens Ehre zu machen suchen  So
reizend und lokkend meine Leidenschaft fürs Theater auch immer ist so beraubt
sie mich doch bei ruhigen Stunden der Überlegung nicht  Ich sehe dann recht
gut ein dass sie mit der Zeit auf Kosten meiner Seelenruhe und Gesundheit in
eitle Torheit ausarten könnte Auch nicht der Beifall des Publikums ist es
der mich in dieser Leidenschaft stärkt  Er muntert mich zwar auf aber ich
sehe ihn nie für eine hinlängliche Belohnung für die Erduldung der grausamen
Streiche des Neides an denen jeder Schauspieler von seinen Nebenarbeitern
ausgesezt ist  Meine innerlichen heftigen Affekte sind es die diesen Hang in
mir nähren weil sie durch schwermütige Rollen Anlass zum Ausbruch bekommen 
Die Ergiessung meiner Melankolie verschafft mir dann jene Erleichterung die
meinem gepressten Herzen so nötig ist worinnen so stürmische Leidenschaften
toben  Kennst Du denn die Lebhaftigkeit meines Temperaments und meiner
Einbildungskraft noch nicht genug  Kannst Du denn nicht begreifen dass ich
entweder auf der Bühne in einer Rolle oder außer dieser an dem Busen eines
Freundes schwärmen muss  War ich denn je eine von jenen trägen Seelen deren
Gefühl sich so willig in die engen Schranken ihrer frostigen Einbildungskraft
einkerkern lässt  Meine Gefühle sind feurig sie haben sich emporschwingen
gelernt sie lassen sich nicht gerne einschränken sie müssen Beschäftigung sie
müssen einen Gegenstand haben woran sie sich halten können  Ehedessen war
Liebe meine Hauptbeschäftigung aber seitdem ich ihre Bitterkeiten kostete ist
es der Hang zum Theater geworden  So bald mir das Schicksal wieder einen andern
Ausweg zeigt will ich ihm ja gerne folgen  So viel meine Freundin
verspreche ich Dir in die Zukunft  aber für izt kann ich einmal nicht anders
ich muss noch eine Zeitlang bei der Bühne bleiben 
    Das hiesige Theater ist nun völlig eingegangen  Eine fremde reisende Dame
bot mir bis F einen Platz in ihrem Wagen an  Ich werde mitreisen und mir
dann bei dieser Gelegenheit einen andern Direktor suchen  Hier in Wien ist
ohnehin keine fernere Aussicht für mich mehr zu hoffen  Beim Nazionalteater
ist alles übersezt und zu einer kleinen Gesellschaft mag ich mich nicht
anwerben lassen 
    In F soll sich dermalen ein guter Direktor aufhalten Ein hiesiger
angesehener Mann gibt mir ein Empfehlungsschreiben an ihn mit 
    Lebe indessen gesund Teuerste und grüße mir Karln recht herzlich 
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CXXXI Brief
                                    An Fanny
Die Dame mit welcher ich hieher reiste ist eine unausstehliche
ProzessKrämerin Sie hat mir den ganzen Weg über nichts als von ihren
Streitigkeiten vorgeplaudert  Ich musste alle nur mögliche Geduld
zusammennehmen um nicht aus dem Wagen zu springen so sehr hat sie mir die
Ohren voll geschrien  Was das Weib noch überdies ihre armen Dienstleute
grillenhaft quälte wie die guten Geschöpfe immerfort von ihr geschimpft und
gehudelt wurden ist wahrlich unverantwortlich 
    Nichts ist unerträglicher als an der Seite einer gewissen Art adelicher
Damen zu sizzen die besonders auf der Reise ihre Untergebenen bis auf den Tod
zu plagen im Gebrauch haben Was man da für ein Schreien für ein Gezänke für
ein Gewinsel anzuhören hat wenn dem Schooshündchen oder der gnädigen
Grillenfängerin etwas zustösst und ihre Sklaven nicht gleich bei der Hand sind
O der belachenswürdigen Verzärtlung dieser Törinnen die so gerne mit der
lieben Natur hadern möchten dass sie ihre bequemen Körper nicht nach einem
andern Modell gebaut hat damit sie nicht die Gebrechen der Menschheit mit den
Bürgerinnen gemein hätten  Gränzenlos ist doch der weibliche Hochmut  Der
Himmel schenke unsern deutschen Damen bald mehrere Philosophie damit sie
aufhören mit den Geburten ihrer undenkenden Köpfen ihre bedaurungswürdigen
Untergebenen zu plagen 
    Als wir in F ankamen empfahl sich die Dame ich ging in einen Gasthof
und dann Tages darauf zu dem hiesigen Direktor der mir sehr einsilbigt
begegnete  So warm ich ihm auch immer empfohlen war so kalt und herzlos
empfing er mich doch  Man hatte mir vieles von seinen Talenten von seinen
guten Umständen gesprochen aber niemand hatte ein Silbchen von seiner
Unleutseligkeit erwähnt  Der kostbare Ton womit er mir während meines Besuchs
nur abgebrochne Reden zufliessen lies stieg mir gewaltig in Kopf ich hatte
große Lust ihn mit einigen Zungenhieben zu geisseln als wir plötzlich
unterbrochen wurden und ich die Zimmertüre suchen musste und zwar ohne ein
Wort von einem Debut gesprochen zu haben Der kleine spiznasigte Mann gab sich
die außerordentliche Mühe mich bis an die Treppe zu begleiten aber überrascht
von dieser direktorischen Gnade verneigte ich mich auch bis zur Erde  Ich
werde wohl keines von seinen Schauspielen zu sehen bekommen denn ein gewisser
Direktor M aus A hat meinen hiesigen Aufenthalt erfahren und mir gute
Anerbietungen gemacht  Ich bin der ferneren Untätigkeit müde deshalben habe
ich einen Kontrakt unterschrieben und meinen Koffer schon an ihn abgesandt weil
A nur ein Paar Meilen von hier liegt und mich Herr M in seinem
Kabriolet selbst abholen wird  Alle Stunden erwarte ich ihn  Ich bin doch
neugierig was es bei dieser Gesellschaft wieder für allerlei Dinge absetzen
wird 
    Der Direktor ist zugleich Autor und seine Gesellschaft soll keine der
schlechtesten sein  Diesen Brief schließe ich erst nach seiner Ankunft um
Dir nachdem ich ihn werde gesprochen haben in etwas seinen Charakter schildern
zu können 
    Gestern ist M gekommen aber der Bursche hätte mir vom Halse bleiben
können  Wäre mein Koffer nicht schon in seinen Händen und befürchtete ich
nicht Verdrießlichkeiten die für mich daraus entstehen könnten wenn ich den
Kontrakt bräche den ich bereits unterschrieben habe so wahr Gott lebt ich
würde nimmermehr unter seine Gesellschaft tretten so unverschämt hat mich der
Bube beim ersten Besuche schon beleidigt  Urteile von seinem Charakter aus
folgendem Gespräche  
                                      M
Sind Sie Madame die Schauspielerin die mit mir den Kontrakt schloss 
                                      Ich
Ja mein Herr ich bins  Und Sie sind vermutlich Herr M 
                                      M
Ja meine schöne Göttin  Und zur Bestätigung hier diesen Kuss Sie gehören
izt ohnehin unter mein Kommando 
                                      Ich
Sachte mein Herr  Mit wem glauben Sie zu sprechen 
                                      M
Hm  Mit einem TheaterFrauenzimmer wovon keine unerbittlich ist 
                                      Ich
Und warum nicht 
                                      M
Weil diese Frauenzimmer an Galanterieen gewöhnt sind und meistens vom Direktor
zuerst welche annehmen  Man weis ja wies bei den Teatern zugeht Sie werden
doch an mir nicht die einzige Ausnahme machen wollen 
                                      Ich
Ja mein Herr das will ich  Und wenn Sie tausendmal schöner gebildet wären
als Sie wirklich sind  Ihre Kühnheit hat meinen ganzen Stolz empört  Sie
müssen ihren Reden nach immer saubere Ware unter ihrer Gesellschaft gehabt
haben die ihrer Zügellosigkeit vielleicht nach Wink zu Befehl stunde  Schämen
Sie sich ein Frauenzimmer von Erziehung so zu behandeln 
                                      M
Ah  pah  pah  Erziehung  Wir sind alle Menschen und die meisten Weiber
affektiren sie gar zu gerne bloß um desto besser geschmeichelt zu werden 
                                      Ich
Herr M Sie werden immer beleidigender  Sie sind der größte Wollüstling
der mir je aufsties Ihre Grundsäzze sind die Sprache des lasterhaften Wizlings
 Ob ich nun Mensch oder nicht Mensch bin darüber bin ich Ihnen keine Antwort
schuldig eben so wenig als ich izt auf Ihre Schmeicheleien gewartet habe 
                                      M
Holla  Mein liebes Täubchen  Gewis irgendwo in Jemanden verliebt  Pfui 
Sie müssen Ihren Ton beim Theater herabstimmen er macht sie gar zu lächerlich 
                                      Ich
Das kümmert mich wenig  Eine Schauspielerin ohne Rechtschaffenheit ist doch
immer ein schändliches Geschöpf  Doch genug hievon  Wenn Sie bloß gekommen
sind dem Laster eine Moral zu predigen  so belieben Sie mein Zimmer zu
verlassen 
                                      M
Nicht so böse mein schönes Weibchen  Nicht so böse  Darf man Sie denn nicht
lieben 
                                      Ich
Herr  Sie haben eine Gattin Sie haben Kinder und doch
                                      M
Ja der Geier mag auch immer mit Einerlei vorlieb nehmen so jung auch mein Weib
ist  Kommen Sie liebes Weibchen Kommen Sie einen Kuss  
                                      Ich
Den Augenblick mir Ruhe gelassen  Oder bei Gott Sie sollen mich kennen lernen
 Und von dieser Minute an sei aller Kontrakt aufgehoben ich reise nicht mit 
Schikken Sie mir meinen Koffer zurück 
                                      M
Ha ha ha  Das werde ich wohl schön bleiben lassen  Der Kontrakt ist izt
einmal unterschrieben  Und was können Sie denn wider mich für Klagen
anbringen wenn es zum Streit kommt  Haben Sie denn Zeugen  Sie werden also
wohl die Gefälligkeit haben mitzureisen 
                                      Ich
Eher mit dem Satan als mit dir tükkischer Bube  Zum letzten Mal verlassen
Sie mein Zimmer 
                                      M
Nicht eher als bis ich weis ob Sie mir Wort halten werden sonst muss ich mich
bei der Obrigkeit melden  Nun wollen Sie reisen oder nicht  
                                      Ich
Ich will nicht  aber ich muss  Doch gewiss nicht an Ihrer Seite erst morgen im
Postwagen
                                      M
Wies beliebt Madame  Ich eile der ganzen Gesellschaft ihre Tugend  nicht
doch  ihren Eigensinn zu preisen  Leben Sie indessen wohl mein kostbares
Weibchen 
Gott  Was muss ein junges Frauenzimmer ohne Gatten an ihrer Seite dulden 
Verführung Spott Grobheiten sind ihr Loos Jeder lasterhafte Bube reibt sich
an ihr  Jetzt wird dieser Elende mein Feind werden  Ich werde unter seiner
Direktion glückliche Tage zu erwarten haben  O unerbittliches Schicksal wie
lange wie lange werden mich noch deine Streiche zermalmen  
                                                                         Amalie
 
                                 CXXXII Brief
                                    An Fanny
                               Liebste Besste 
Dass die Gesellschaft unter der ich mich gegenwärtig befinde unter einer
schlechten Direktion steht wirst Du aus dem Gespräch mit dem Direktor
geschlossen haben  Übrigens ist sie zahlreich aber darbend an guten
Schauspielerinnen  Die Männer zeigen mehr Talent als die Weiber und M
spielt unter ihnen die lokkern BurschenRollen am bessten  Dass mich das
Publikum gut aufnahm kannst Du leicht vermuten  Der Direktor scheut sich
izt mich mit offenem Blikke anzusehen  O Gewissen wie beredt ist deine
Stimme  Sein Weibchen ist mir sehr gut und ihn quält vermutlich die Furcht
an sie verraten zu werden  Er muss sein unbesonnenes Betragen izt besser
überdacht haben In dieser Rüksicht hätte ich also nicht Anlass über seine
Verfolgungen zu klagen Aber sonst will mir die ganze Einrichtung nicht
gefallen  Es ist gar zu ärgerlich wenn so wenig gute Schauspielerinnen bei
einer Gesellschaft sind  Man wird zu sehr mit Arbeit überhäuft und dadurch
entgeht dann einer Schauspielerin die Gelegenheit mit einer andern in die Wette
zu spielen 
    Madame M spielt mit vieler Lebhaftigkeit Kammermädchen listige
Bauermädchen lose Fräuleins u dgl Ihr Wuchs schikt sich ganz vortrefflich
dazu  Sie würde in diesen Rollen mehr als mittelmäßige Schauspielerin werden
wenn ihr Ton ihr Wesen ihr Gang nicht zu sehr ins NiedrigKomische fielen 
Sie lässt die ausgelassne Dirne zu auffallend hervorblikken und trift so selten
zwischen zügelloser Wildheit und naivem Mutwillen die Mittelstrasse 
    Madame K spielt ihre unschuldig leidenden Mädchen auch nicht ganz übel
 Aber gar zu oft nur kalt und flüchtig  Sie arbeitet mehr aus Handwerk als
aus Lust  und karakterisirt unter fünf Rollen kaum eine Ihre Empfindung
stünde ihr ziemlich zu Gebote aber leider wie so viele Schauspielerinnen
besizt sie einen zu leeren Kopf um diese Empfindungen während des Spiels zu
benüzzen  Die Rollen die ihr geraten  geraten ihr mehr aus Zufall und
TheaterFestigkeit
    Madame L g ist die elendeste Schauspielerin unter der Sonne  Ich
begreife nicht wie die Frau die Frechheit haben konnte auf mehreren großen
Teatern zu debutiren Doch Ungeschiklichkeit ist immer am kühnsten weil sie
die Schwierigkeit der Kunst nicht einsieht  Zu Liebhaberinnen wäre ihre Figur
ganz artig aber außer dieser ist sie auf der Bühne ein bloser Kloz Ihr
schwäbischer Dialekt ihre falschen Töne ihre unsinnigen kauderwelschen
verdrehten Worte die ihr der Menge nach entfahren machen sie unausstehlich 

    Madame J hingegen spielt Mütter und Heldinnen mit vieler Würde und
Feuer  Es entgeht ihr selten eine Stelle worin sie nicht Wert zu legen
weis  Ihr Nachdruk hat Gewicht und ist gut angebracht  Kurz sie besizt
Beurteilungskraft Kenntnisse und vielen Fleiß  In mancher Stelle dient sie
mir zum Muster 
    Die Übrigen von der Gesellschaft sind zu unbedeutend um ihrer zu erwähnen
 Es werden hier viele gute Stükke aufgeführt nur Herr M dürfte uns mit
seinen eigenen Wischen verschonen die er bloß aus Eitelkeit zusammenschmiert 
Mit den moralischen Karaktern unserer Schauspielerinnen sollst Du im nächsten
Briefe etwas näher bekannt werden  Für heute tausend Küsse von
    
                                                         Deiner Freundin Amalie
 
                                 CXXXIII Brief
                                   An Amalie
                             Teure gute Seele 
Wie war es Dir möglich mich auch nur einen Augenblick zu verkennen  Wenn ich
Dir die Beschwerlichkeiten des TheaterLebens schilderte so geschah es bloß um
Dich aufmerksamer zu machen aber nicht um Dich zu zanken da Du es bis izt noch
nicht verlassen konntest  Ich sehe recht gut ein dass es Dir annoch unmöglich
ist weil Dich das Schicksal daran kettet  Meine Bitte zielte nur dahin um
Dich aufzumuntern Dich um eine andere Aussicht tätiger zu bemühen  Ich bin
versichert dass deine Leidenschaft nicht unheilbar ist im Falle Dir das
Verhängnis eine annehmungswürdige gönnet Bis dahin tadle ich deinen Hang nicht
 er ist Dir in deiner jezzigen Lage sehr nötig  Wenn Dich aber der Beifall
des Publikums betören könnte wie sehr wärest Du zu beklagen weil eben dieser
Beifall oft so schief so ungerecht und so vielem Wechsel unterworfen ist 
Jedes Publikum hat seine Laune und nur zu oft wird es durch Unwissenheit und
Kabale gestimmt 
    In Deutschland haben wir nur wenig aufgeklärte Publikums die im Stande sind
Schauspielerkunst und Schauspieler selbst zu schäzzen Der besste Schauspieler
ist doch immer der Sklave des Publikums von dessen Willkür er immer abhängt
er mag eine Bühne betretten welche er will  Oft ist ein halb Duzzend
herumschwärmender prahlender Dummköpfe fähig das Vorurteil wider ihn
anzuhezzen  und ein Künstler wird an einigen Orten eben so leicht
ausgepfiffen als dem größten Esel geklatscht wird 
    O meine Freundin möchten sich doch deine heftigen Affekten bald wieder in
den sanften Busen eines Gatten ergießen können  Möchtest Du da wieder deine
innerlich tobenden Leidenschaften himmlisch verschwärmen können  Nein ich
höre nicht auf diesen feurigen Wunsch zum Himmel zu senden bis der Allmächtige
ihn erhört und erfüllt  Ich weis recht gut dass die Nahrung deiner Gefühle
die Du in schwermütigen Rollen geniessest deiner Gesundheit schädlich ist 
Sie unterhält deinen Hang zur Melankolie sie ergözt deine Einbildungskraft
aber sie schwächt deine Seelenstärke  Untersuche Dich selbst und Du wirst
finden dass ich wahr rede  Allzu traurige Menschen sind für Alles was außer
ihrer LieblingsLeidenschaft ist untätig  So viel zu deiner Anleitung über
diesen Punkt 
    Jene Art von Damen wie die eine war mit welcher Du nach F reistest ist
mir nicht fremde  Ich kenne mehrere dergleichen Närrinnen die mit ihrer
bissigen Zunge alles anpakken was ihrem stolzen Hochmut nicht behagt  Auch
der stolze Direktor in F hat nicht so sehr Dich beleidigt als denjenigen
der Dich ihm empfohlen hat  Lass Dich seinen Stolz nicht anfechten es ist
Schwachheit die ihm Jedermann zur Last legt  Übrigens soll dieser Mann die
strengste Obsicht über seine Leute halten  ein Verdienst das dein jezziger
Direktor nicht besizt  So viel ich aus deiner Schilderung sah ist Herr M
ein Weichling der bei seiner wenigen Selbstbeherrschung seine Untergebenen
gewiss nicht in der gehörigen Ordnung erhalten kann  Das Schicksal der Madame
M ist unter den Schauspielerinnen allgemein Die meisten taugen besser fürs
NiedrigKomische als zum ErhabenWizzigen denn die wenigsten Schauspielerinnen
haben Erziehung genug genossen um jenen würdigen Anstand jenes bescheidene
Wesen auf der Bühne zu behaupten das in solchen Rollen selbst die Lebhaftigkeit
erhöht wenn es einer wohlgezogenen Schauspielerin eigen ist  Es ist zum
Erbarmen wenn man die frechen unverschämten Dirnen spielen sieht die ihre
pöbelhafte hässliche Lebensart vor dem Publikum nicht verbergen können
    Auch Madame K hat viele Mitschwestern bei der Bühne welche die
gefühlvollsten Rollen leichtsinnig sinnlos ohne Fleiß unbestimmt eintönig
wies Vaterunser wegplappern  Die natürliche Empfindung allein tut bei einer
Schauspielerin nicht viel Wirkung wenn sie nicht durch hinlängliche Kenntnisse
unterstüzt wird Eine gute Schauspielerin muss die Worte des Schriftstellers
verstehen sie muss bei ihrem Spiel denken und ihre Empfindungen nach dem Sinne
desselben lebhaft auszudrükken wissen  Gar zu wenig Schauspielerinnen
verstehen was sie sprechen Sie gewöhnen sich durch diese Übung an eine Art
selbsterfundenen Schlendrian in ihrer Deklamazion und spielen alle Rollen nach
der nämlichen Form Diese hirnlosen Maschinen stehlen hier oder da von einer
andern guten Schauspielerin einen guten Zug aus ihrem Spiel einen
leidenschaftlichen Übergang eine überraschende Stellung oder so etwas dergl
und täuschen dann damit das gutherzige Publikum troz ihren leeren Köpfen die
gar keine Originalität in sich haben  Sobald aber der Kenner dieses grundlose
Gebäude durchsucht stürzt es vor seinem Blikke zusammen weil es nach keinen
Regeln der Kunst gebaut ist  Das ist leider der Zustand so vieler unserer
nichtdenkenden Schauspielerinnen 
    Zu einer guten tragischen Schauspielerin gehört unumgänglich Kopf Lektur
Erziehung Gefühl heftige Leidenschaften sanfte Organen starke
Einbildungskraft eine weiche empfängliche Seele eine schöne teutsche Sprache
gute Brust Enthusiasmus für Tugend Hang zur Schwermut ein gutes Gedächtnis
Fleis viel Beurteilungskraft sich mit Lebhaftigkeit in die nemliche Lage
hineinzudenken  Sobald nur eine dieser Triebfedern fehlt so ist sie keine
gute Schauspielerin
    Siehst Du meine Freundin so sehr ich an Dir treibe diesen Stand zu
verlassen so sehr schäzze und verehre ich doch die Schauspielerkunst und habe
in etwas ihre Regeln studiert ohne jemals Gebrauch davon gemacht zu haben
    Madame Lg würde auch besser tun wenn sie bei ihrem Strikbeutel sizzen
bliebe als dass sie das Publikum nötigte des Aergers wegen Temperirpulver
einzunehmen  Gerade ihre Dreistigkeit beweist dass sie an Spott und Schande
gewöhnt ist sonst würde sie sich wohl hüten sich der Gefahr auszusetzen
überall ausgepfiffen zu werden Vor einem Jahre widerfuhr ihr dasselbe in
Leipzig  Leider streifen noch eine Menge solcher unfähigen Kunstmörderinnen zu
Taliens Schande bloß aus Nebenabsichten von einer Bühne zur andern  Ihr
glattes Lärvchen ihr Bischen Wuchs dünkt ihnen hinlänglich Verdienst sie
verlassen sich auf die Stimme der Wollust und kümmern sich wenig darum ob auch
Vernunft und Kenntnis Nahrung an ihrem Spiel finden Selbst einige dumme
Direktörs bestärken diese unverschämten Weibspersonen in ihrer hohen Meinung von
sich selbst indem sie würdigern Schauspielerinnen denen es an einem schönen
Gesicht an einer glatten Haut fehlt Rollen entziehen und sie diesen
Stümperinnen zum verhunzen überlassen  Eine Schauspielerin braucht keine
glänzende Schönheit zu sein wenn sie einen regelmäßigen Wuchs hat so kann ihr
Gesicht vermittelst der Schminke für den Vernünftigen Täuschung genug
zuwegebringen Wer mit dem nicht zufrieden ist sucht gewiss bei ihr
PrivatInteresse 
    Madame J hat auch meine ganze Achtung weil sie die deinige hat Ich
kenne ihr Herz es ist keines Neides fähig  Aber nicht wahr Malchen heute
hab ich Dich gewiss für die etlichen Antworten entschädigt die ich Dir leztin
schuldig blieb 
    Mein Karl ist wieder ganz gesund er küsst Dich mit mir 
    
                                                                    Deine Fanny
 
                                 CXXXIV Brief
                                    An Fanny
Tausend Küsse meine Liebe für dein schönes Briefchen es ist gar zu zierlich
geschrieben  Dafür halte ich Dir aber auch heute mein Versprechen und teile
Dir die Bemerkungen über die moralischen Charakter unserer Schauspielerinnen mit
 Ich würde diese Beschreibung gewiss nicht unternehmen wenn mir nicht mein
Gewissen für die Wahrheit bürgte 
    Madame M ist im Grunde genommen ein gutes Weibchen die ihre Pflichten
als Gattin und Mutter genau erfüllt nur fehlt es ihr an guten Grundsäzzen um
aus Überlegung rechtschaffen zu handeln  RollenNeid zeigt sie gar keinen
aber desto mehr andere kleine Bosheiten wodurch sie die übrigen
Schauspielerinnen ihre DirektrisenHerrschaft fühlen lässt Sie besizt vielen
natürlichen Wiz aber ohne Kultur und Erziehung treibt sie ihn gar oft bis zur
Unbescheidenheit Von ihrem Manne wird sie auf die grausamste Weise mishandelt
und behauptet dann dabei eine Tugend die so wenig Weibern eigen ist wenn ihre
Männer im Zorn sind sie kann  schweigen 
    Madame K s ist ein Fleischbrokken der jedem zu Befehl steht Ihre
abscheuliche Sinnlichkeit gränzt an die äußerste Verachtung die ihr von den
Männern zu Teil wird die sie kennen  Ihre Eroberungssucht Eitelkeit
Eigennutz usw fallen beim ersten Anblick dem Beobachter in die Augen Ihr Mann
wird wie ein Bube von ihr behandelt sie drohet ihm mit Schlägen wenn er es
wagt über ihren Lebenswandel nur die geringste Anmerkung zu machen  Da er
einer von jener Gattung zaghafter Schwachköpfe ist so genießt sie bei ihrer
Buhlerei die ungestörteste Freiheit  Ich habe doch in der Welt immer bemerkt
dass die allerdümmsten Weiber allezeit die ausschweifendsten sind  So viel von
diesem Charakter und nun zur Madame L g 
    Diesem Weibe würde man im Umgang ihre Ungeschiklichkeit in der
Schauspielkunst gar nicht anmerken  Sie weis recht artig zu plaudern
empfindet so gar zuweilen aus Büchern aber alles verliert unendlich bei ihrer
schwäbischen Aussprache  Auch Koketterie sizt tief in ihrem Herzen wahre
Liebe ist ihr fremd und bei allem dem ist sie auch die größte Puznärrin im
ganzen Orte  Aus Eitelkeit wirft sie ihr Nezchen aus so lang es angeht aber
mit mehr kostbarer Ziererei und Verstellung als eine ganz pöbelhafte Buhlerin

    Madame J hingegen entschädigt den Beobachter für die übrigen alle sie
ist ein braves soliddenkendes Weib deren Denkungsart untadelhaft und
rechtschaffen ist  Sie teilt ihre Beschäftigung zwischen Religion und
Berufspflicht und lebt in der glücklichsten zufriedensten Ehe  Eine Menge
ausgestandener TheaterSchiksale entzogen ihr jene Glüksgüter die sie ihres
Talents und Fleißes wegen so sehr verdient hätte  Unglück hat das gute Weib
sanft und weise gemacht sie fodert wenig vom Schiksale und genießt das Wenige
mit reinem vorwurfsfreiem Gewissen Wie sehr verdient diese Edle alles
Erdenglück 
    Die übrigen Weibsleute bei unserer Gesellschaft sind meiner Beobachtung ganz
unwürdig  Ich würde Dir auch etwas weniges von den moralischen Karaktern
unserer Schauspieler schreiben aber da ich keinen Umgang mit ihnen pflege so
ist es mir wohl nicht möglich sie genauer zu kennen  Die Stunde ist da die
Post wird abgehen ich muss also schließen meine Fanny 
    Lebe wohl 
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CXXXV Brief
                                    An Fanny
Nun so hat sich denn das Schicksal wider mich verschworen  So muss ich denn so
oft wider meinen Willen von einer Bühne zur andern reisen 
    Wer hätte denn izt diese geschwinde Veränderung wieder vermutet an der die
Schurkerei eines schlechten Kerls Schuld ist  M hat seine Büberei
vollendet und ist vor einigen Tagen mit einigen unserer bessten Schauspieler
entloffen  Die Veranlassung dazu war ein heftiger Streit mit seinem armen
Weibchen und einer lüderlichen Mezze von Figurantin die ihn vermutlich zu
diesem Schritte verleitete  Der schändliche Bösewicht konnte sein Weib und
seine Kinder dem Hunger und dem Elend Preis geben  Er konnte ein Häufchen von
Menschen ins Elend stürzen die sich auf diesen Schritt nicht vorgesehen hatten
 Nun sizt sie da sein armes Weib mit zwei noch unerzogenen armen Würmchen und
wird von den Gläubigern ihres verloffenen Manns beinahe zerrissen  Gott im
Himmel Was ist das für ein Anblick  Wenn nicht einige Menschenfreunde zu Hilfe
eilen so muss dies arme Weib zu Grunde gehen 
    O Armut  wie schröklich sind deine Folgen  Die Gesellschaft ist nun
durch diese schlechte Handlung des Direktors ganz auseinander und unfähig
ferner fortzuspielen  Alle werden sich in wenig Tagein trennen und müssen sich
dann dem Ungefähr überlassen ob es ihnen bald wieder ein Stükchen saures Brod
zuzuwerfen Lust hat 
    Madame J reist nach F wie weh tut es mir diese wakkere Frau
verlassen zu müssen  Was wird izt aus ihr was wird aus mir werden  Zum
Glükke ist meine Börse noch hinlänglich versehen um nach W reisen zu können
wo sich der Direktor N aufhalten soll  Dann mag der Himmel ferner für mich
sorgen  O meine Teuerste  Nun fange ich an die Last eines unbeständigen
TheaterSchiksals ganz zu empfinden  Und dennoch muss ich diese Last noch
tragen dennoch muss ich ein Leben fortführen wobei man aus Nahrungssorge Gram
und Kummer lebendig vermodert 
    Bei meiner Ankunft in W schreibe ich Dir gleich damit Du außer aller
Sorge sein mögest  Wie geht es mit Karls Gesundheit  Schreibe mir doch auch
wieder etwas von ihm 
    Gottes Segen über Dich holdes Mädchen bis zu fernerer Nachricht von deiner
bessten
    
                                                                         Amalie
 
                                 CXXXVI Brief
                                   An Amalie
Ha  meine Freundin  Dein Kummer ist ein Schatten gegen dem meinigen  Mein
Karl  O mein Karl ist gewiss auf ewig für mich verloren  Ein niederträchtiger
Ehrenschänder hat es in seiner Gegenwart gewagt meinen guten Namen anzutasten
 Du kennst seine feurige Liebe für mich  die Hizze seines Temperaments riss
ihn hin und ein unglücklicher Zweikampf machte ihn zum mörderischen Flüchtling
 Gerechter Gott  Wie der arme Gebeugte beim Abschiede mit zitternder Angst an
meinen Lippen hing  Wie dann meine Tränen ihn fast erstikten  Er wollte
nicht weichen von meinem Busen hätte ihn mein Bruder nicht mit Gewalt
weggerissen 
    O Ehre wie barbarisch sind deine Begriffe  Du musst deine Verteidigung im
Blute deines Nächsten suchen  Ist denn ein Verläumder ein Ehrenschänder ein
schlechter Kerl noch so viel wert um das Leben eines ehrlichen Mannes die
Ruhe einer Geliebten seinetwillen aufs Spiel zu setzen  Sollte nicht die
Obrigkeit mit der strengsten Strafe dergleichen Ehrendieben drohen  Warum
züchtigt man böse Mäuler nicht durch öffentliche Schande  Der ruhige
Biedermann hätte dann nicht nötig sich mit solchen Ehrenbanditen zu
beschmuzzen  Und gerade meinem armen unschuldigen Karl musste so ein elender
Bube aufstossen  Er mit seinem edelen gefühlvollen Herzen wurde gezwungen
Blut zu vergießen  musste seine Fanny auf Kosten seines Lebens verteidigen 
O mein geliebter Karl wie elend hast Du uns beide gemacht  Noch lebt der von
ihm Verwundete aber jede Stunde droht ihm Tod  und meinem Karl Verbannung 
Stirbt der Elende dann hin ich verloren  dann ist an Karls Rükkehr nicht mehr
zu denken  Dann ist er für mich dahin der besste Gatte der vor Gott schon
lange der meinige war 
    Ha  Amalie  Die Leiden der Trennung drükken schwer aber die Leiden
einer hofnungslosen Liebe drükken noch schwerer  Du kennst meine Verfassung
kann ich ihm wohl nacheilen  Kann ich eine Familie verlassen deren einzige
Hoffnung ich noch bin  O die Liebe ist allgewaltig  Ja ich kanns ich
wills ich muss ich werde ihm nacheilen  Stirbt der Verwundete dann hält
mich nichts mehr auf  Um meinetwillen ist er flüchtig  Um meinetwillen irrt
er izt in der Welt herum  Mir kommt es zu ihn zu trösten seinen Jammer zu
lindern  Er soll mich wiedersehen es ist mir Pflicht einem Geliebten zu
folgen der ohne mich dahinwelken würde 
    
                                                                          Fanny
    N S Lies beigeschlossnen Brief vom armen Karl 
    Weib meiner Seele  Du einzige Geliebte meines Herzens  Mässige um Gottes
willen deinen Kummer trokne deine Tränen  Erhalte deinem armen Karl eine
Gattin die vor den Augen Gottes mit ihm vermählt ist
    Schröklich ist zwar unser Schicksal dass wir entbehren müssen die Seligkeiten
eines Umgangs der uns beide so himmlisch entzükte   Noch fühle ich die Wärme
deines Busens wenn er an den meinigen gelehnt mir Glückseligkeit zuklopfte 
Sie sind verschwunden diese Stunden der gränzenlosesten Glückseligkeit  O meine
Fanny  Wann wird dein armer Flüchtling Dich wiedersehen  Wann wird er Dich
wieder an dies Herz drükken können 
    Ha  Ich bin ein Elender  Noch rauchen meine Hände vom Blut  Noch höre
ich den todtblassen Gegner zu meinen Füßen röcheln  Weh mir  Ich wurde
unschuldig zum Mörder  Dass doch der unglückselige Verläumder mein Temperament
reizen musste  Dass er Dich Engel so schändlich beleidigen musste  Nur ein
Bösewicht oder ein Nebenbuhler kann die Ehre eines rechtschaffenen Mädchens so
teuflisch verdächtig machen  Du meine Gattin mein Stolz mein Alles Dich
hätte ich sollen so erniedrigen lassen  O bei Gott die blose Erinnerung glüht
mir wieder durch alle Adern
    Sei mir willkommen Verbannung  Sei mir willkommen  Ich dulde dich gerne
um meiner Gattin willen die mir auch ins Elend folgen wird  Willst Du 
Willst Du Edle einem Gatten folgen der ohne Dich nicht weiter an dieses Leben
gefesselt sein will  Ich kenne Dich göttliches Mädchen Liebe ist die einzige
Triebfeder deiner Seele  Du kannst deinen Karl nicht elend machen
    Wenn diese Hoffnung mich Unglücklichen nicht belebte  ich würde mein
Schicksal verfluchen 
    Lass mich bald wissen Teure ob Du mir folgst oder ob ich wieder
zurückkehren darf in deine Arme  Gott wie schröklich ist es wenn lebhafte
Menschen auf solche entscheidende Nachrichten harren  Dein unglücklicher ewig
Dich liebender
    
                                                                     Karl  
 
                                 CXXXVII Brief
                                    An Fanny
                                Arme Freundin 
Entsetzen überfiel mich bei der Nachricht deines Unglücks  Gott  Wenn Dich
nur deine Leidenschaft zu keinem übereilten Schritte verleitet  Wenn Du nur
nicht etwa unbesonnener Weise den Armen deiner Familie entfliehst ohne
wenigstens deinen guten Bruder zum Vertrauten gemacht zu haben  So jung er ist
 so ist er doch Mann und wird Dir und deinem Karl Gutes raten  Hat dieser
Brief das Glük Dich noch anzutreffen o dann beschwöre ich Dich bei meiner
Liebe überlege alles wohl zum voraus  Karl liebt Dich zu feurig um in der
Hizze jener Überlegung fähig zu sein die für euch beide so nötig ist  Ist
denn eine kurze Entfernung nicht leichter zu ertragen als eine Reihe Jahre voll
Dürftigkeit die ein unüberlegter Schritt euch zuziehen könnte  Sei
vernünftig meine Liebe  Überlass Dich keinem Taumel der Dir Reue bringen
könnte  Freundin  Ich muss Dir in diesem Augenblick hart scheinen  Aber ich
bin es nicht so wahr Gott lebt ich bin es nicht 
    Liebt euch ihr Edelen Liebt euch auf immer  Aber baut eure Liebe auf
Aussichten für eure künftige Ruhe  Dein Karl soll auch nur der geringsten
Einkünften gewiss sein  dann folge ihm  Aber beide als Flüchtlinge herumirren
sich jedem Zufall Preis geben die schröklichsten Folgen der Armut ertragen
wolltest Du das  Könntest Du das  Kaum kann ich deine Antwort abwarten so
sehr jammert mich dein Zustand  Reisse mich so geschwind als möglich aus dieser
angstvollen Ungewisheit 
    Von einer sehr beschwerlichen Reise abgemattet kam ich vor einigen Tagen in
W an 
    Direktor N und sein Weibchen sind herzgute Leute aber in sehr misslichen
Umständen  Der gute Mann hat es mit einem äußerst undankbaren Publikum zu
tun das seine Verdienste nicht zu schäzzen weis  Er besizt als
rechtschaffner Mann nicht die einträgliche Gabe in Vorzimmern herumzukriechen
und dem hiesigen Adel den Staub von den Füßen zu lekken  Wenn der Künstler
sich zu so einem Geschäft erniedrigen könnte wo bliebe denn der Wert seiner
Kunst  Die Mätresse aus Kabale und Liebe wurde von mir zur DebutRolle
gewählt  Noch keine Rolle kostete mich so viel Kopfanstrengung um den feinen
feurigen Sinn eines Schillers zu studieren als diese  Aber auch noch keine
Rolle spielte ich mit so vielem Vergnügen  Selbst das Publikum empfing mich
mit weit grösserm Enthusiasmus als sonst in andern Rollen  Im großen Monolog
wo Lady dem Ferdinand ihr Schicksal erzählt gab ich mir alle Mühe die
Situazionen mit gehöriger Abwechslung zu malen  Du kennst das Stük  und
sagtest mir selbst schon dass eben dieser schöne lebhafte Monolog von so vielen
Schauspielerinnen kaltblütig geradebrecht und eintönig sinnlos dahergeraunt
würde  Dieses Vorwurfes glaubte ich mich schuldig gemacht zu haben bis
Direktor N mit der feurigsten Entzükkung eines Künstlers mir aus den
Kulissen lauten Beifall zurief  Immer genug für einen Direktor  die sonst
aus Eigennutz nimmer gewohnt sind ihren Untergebenen Zufriedenheit merken zu
lassen 
    Die Aufmunterung dieses kenntnisvollen Mannes war mir mehr Belohnung als
der Schall eines Publikums dessen Triebfedern oft nicht die richtigsten sind 
Schade dass der brave N in keinen bessern Umständen ist die mir für fernere
Aussichten bürgten nie würde ich diese Gesellschaft verlassen 
    Die Notwendigkeit zwang mich in dieser Rüksicht an den Direktor K nach
St zu schreiben  Von seiner Antwort hängt nun das künftige Schicksal deiner
Freundin ab 
    
                                                                         Amalie
 
                                CXXXVIII Brief
                                   An Amalie
                               Meine Freundin 
Wie doch der gefühlvolle Mensch in seinen leidenschaftlichen Augenblikken so
hofnungslos lärmen kann  Der Gram zeigt ihm in seiner Begeisterung den Abgrund
schon offen noch eh er sich geöffnet hat  Aber auch nur liebende Menschen
sind im Unglück zaghafter als andere weil diese Hauptleidenschaft die
geschwindeste und stärkste Zerrüttung in ihrem Gehirne anrichtet 
    So ging es gerade mir Ich bin eine von jenen Schwachen die sich immer das
Aergste träumen  Wo bleibt doch mein Zutrauen in die Vorsehung  Vergieb mir
gutes Weibchen wenn ich Dich durch meinen leztern Brief zu sehr ängstigte 
Das Unglück kam zu überraschend um mir jene Fassung zu lassen deren ich bedurft
hätte  Doch dir o Menschenbeherrscher seis gedankt dass du mir mit meinem
Karl auch meine Ruhe wieder schenktest 
    Der Verwundete starb nicht die Sache blieb geheim und mein einziger
bester Karl wird in wenig Tagen wieder in meine Arme fliegen  Feurig will ich
ihn dann an mein Herz drükken und aufrufen Ich habe dich wieder  Ich habe
dich wieder 
    Diese wenige Wochen seiner Abwesenheit dünkten mir eine schröklich lange
Ewigkeit zu sein  So sehr bin ich an den Umgang dieses Lieblings gewöhnt dass
es mir eine Unmöglichkeit scheint ihn jemals entbehren zu können  Wie kann es
doch Eheleute geben die einander zur Last werden können  Eine Verbindung die
auf gutes Herz Rechtschaffenheit Vernunft und wahre harmonische Denkungsart
gegründet ist hat ja keine Flitterwochen  Wie können die Reize eines
denkenden Mannes in den Augen eines denkenden Weibes ihre Neuheit verlieren
wenn eben dieser Mann durch tausend häusliche Gefälligkeiten durch sein gutes
Herz durch seine Nachsicht diese Reize alle Augenblicke auszudehnen und zu
erneuern weis  Die Empfindsamkeit eines denkenden Weibchens muss dann aus
Dankbarkeit gegen ihren Gatten auf die nemliche Weise handeln  Ketten sich
denn nicht solche Herzen mit der seligsten Zufriedenheit immer mehr und mehr
zusammen  Selbst das Sinnliche unter zwei denkenden Eheleuten verliert seine
Neuheit nicht weil Denken seinen Gebrauch zu verfeinern weis  Es gab eine
Zeit wo mir eheliche Glückseligkeit unbegreiflich war wo ich bloß nach dem
Beweis so vieler misratenen Ehen urteilte wo mir diese Sprache Romanensprache
dünkte  Aber nun bin ich anders überzeugt und werde von nun an jedem
denkenden Mädchen zurufen Suche dir einen Gatten der mit dir empfindet der
der Wiederhall deines Herzens ist und der dich verstehet 
    Bald meine Amalie hoffe ich mit meinem Karl auch vor der Welt vereinigt zu
werden  Stösst dir dann einstens wieder ein guter Junge auf o so folge doch
meinem Beispiel 
    Ist es möglich  Also auch der gute Direktor N erlebt in dem traurigen
W das Schicksal so vieler Künstler  Pfui der Schande dass Dürftigkeit und
Verfolgung gemeiniglich Belohnung der bessten Talenten ist  Aber der Adel muss
sich selbst zuerst auszeichnender aus der Dummheit herausschwingen wenn er
Verdienste will zu schäzzen wissen 
    Nicht wahr Amalie Du meldest mir doch bald wo Du Dich hinzuwenden
gedenkest und glaubst mich doch immer
    Deine unveränderliche Freundin
    
                                                                          Fanny
 
                                 CXXXIX Brief
                                    An Fanny
Dein lezter Brief hat mich wieder ganz beruhigt und ich kann Dir izt mit
aufgewekterem Kopfe von meinem künftigen Schicksal sprechen  Dann magst Du
dieses Schicksal an der Seite deines Karls durchdenken durchlesen und mir
sagen was Du davon hältst  Gib indessen deinem Karl ein recht warmes
Mäulchen für mich Du liebe Schwärmerin wenn Du ihn wieder an deiner Seite
hast  Und nun höre 
    Mein guter Direktor N steht völlig auf der Neige  Zum Glükke bieten
sich mir gerade zu rechter Zeit Aussichten in St an die zwar mit einigen
Bitterkeiten verbunden sind aber da mir wohl keine andere übrig bleiben so muss
ich sie wohl annehmen  Dass nun diese Aussichten nach meinem Wunsche ausfallen
werden  glaube ich schwerlich denn die Briefe dortigen Direktors K
beweisen mir gerade das Gegenteil 
    Erstlich räsonniert Herr K erzgrob gegen ein Frauenzimmer in seinen
Briefen er scheint mir daher besser zum Stallknecht als zum Direktor zu taugen
 Zweitens dünkt er mir ein eigennüzziger Dummkopf zu sein der so wie viele
andere die Sinnlichkeit des Publikums zu befriedigen sucht 
    »Madame wenn Sie nicht recht gut gewachsen sind so kommen Sie ja nicht zum
Debut«  So lauten die Worte dieses Grobians  der sich schon zum voraus als
Oberaufseher eines LustnimphenChors zeigt  Wäre in meiner Lage guter Rat
nicht so teuer ich würde mich nie zu diesem Niederträchtigen begeben haben 
So viel Mistrauen er auch immer in mein Talent sezt so kümmert mich doch sein
Gewäsche nicht im geringsten und ich wage es kühn auf den blosen Debut nach
St zu reisen  Gefalle ich dem Publikum so bin ich angeworben gefalle ich
ihm nicht so verliert der Direktor die Reisekosten und ich meine weitere
Aussicht 
    So weit gienge nun meine Entschließung die Du nach beiliegendem Brief
selbst billigen wirst der mir von dem guten unglücklichen N geschrieben
wurde   Mein künftiges Glük hängt nun vom Zufall ab willst Du für mich
indessen ein Paar hohle Seufzer zur Göttin Talia schikken damit sie die Laune
des Publikums zu meinem Vorteil stimmt so magst Du es immer tun  Ob deine
Seufzer erhört worden oder nicht sollst Du im nächsten Briefe erfahren  Bei
meiner Ankunft schreibe ich Dir gleich  Übrigens bin ich wie allezeit dein
ergebenes aufrichtiges
    
                                                                        Malchen
                       Beilage zum vorhergehenden Briefe
                                   Madame 
Wie leid tut es mir Ihre TheaterVerdienste nicht fernerhin nach meinem Willen
belohnen zu können  Es schmerzt mich unendlich eine so würdige Schauspielerin
entlassen zu müssen Sie kennen meine Achtung für Ihre Denkungsart und Talente 
Bedauern Sie die elende Verfassung eines Mannes der sich alle nur mögliche Mühe
gab seine Gesellschaft nicht eingehen zu lassen und dem seines Fleißes
ungeachtet jede Hoffnung einer künftigen Aussicht fehlschlug  In verschiedenen
Städten ist mir die Erlaubnis zu spielen nicht erteilt worden  Bin ich nun
nicht zu der Aufhebung meiner Gesellschaft gezwungen da ich es bei der geringen
Unterstüzzung des hiesigen Adels nicht länger mehr an einem Orte aushalten kann
wo man mich mit Gewalt zu stürzen sucht  Die Damen trieben es so weit dass sie
zusammen schwuren meine Bühne mit keinem Fuß mehr zu betretten  Und warum 
Lachen Sie nicht Madame  Es herrscht in kleinen Städten unter den Damen eine
gewöhnliche Seuche die Bürgerinnen um ihres Anzuges willen gar grimmig zu
verfolgen 
    Meine Frau ist die Tochter eines hiesigen Bürgers   Seitdem Sie an meiner
Seite Schauspielerin wurde trägt sie etwas modernere Kleidung als vorhin die
denn freilich mit geringen Kosten ihren Körper besser zieren als der
buntschäkkigte Puz einer solchen kleinstädtischen ModeAeffin  Diese boshaften
Törinnen sind es die einem ehrlichen Manne um einer Bettelei willen den
Untergang zugedacht haben  Hätten Sie wohl je bei adelichen Damen aus
beleidigter Eitelkeit so eine kleine Handlung vermutet   Wahrlich eine
lobenswürdige Kultur herrscht in der Reichsstadt W unter den Weibern  
    Verzeihen Sie Madame wenn ich nicht den Mut hatte Ihnen Ihre Entlassung
mündlich zu melden  Ersparen Sie mir Ihren ferneren Anblick es würde mein
Gefühl zu sehr reizen eine Schauspielerin von Ihrer Gattung entbehren zu müssen
 Reisen Sie glücklich von Leuten gesegnet die Sie gewiss schäzten  Das
wünscht Ihnen meine Gattin nebst mir der ich mit aller Hochachtung immer sein
werde
    
                                                                         Madame
                                                    Ihr ganz ergebenster Diener
                                                                            N
 
                                   CXL Brief
                                    An Fanny
                               Meine Teuerste 
Die Gesellschaft die ich im Postwagen bis hieher hatte war nicht merkwürdig
genug um Dir etwas ausgezeichnetes davon sagen zu können also muss ich wohl
bloß bei St stehen bleiben  Aber wie ich es zum voraus vermutete der
Direktor bewies mir beim ersten Anblick die Leere seines Kopfs und seine
wichtige Miene kürzte meinen Besuch ab  Was mag denn diesen Mann so
aufgeblasen machen  fragte ich in einer Gesellschaft in die ich eben eintrat
 Dann schrien die anwesenden bösen Weiber mir entgegen
    »Seine Börse ist seit einiger Zeit durch die Gutherzigkeit der treuen
Ehehälfte so gespikt worden dass er nun nicht mehr nötig hat als Hanswurst mit
dem hölzernen Degen Possenstreiche zu machen  Ein reicher Kauz schoss ihm
Kapitalien vor verschrieb Leute und gab aus Empfindsamkeit dem ganzen
Teaterwesen bald ein anderes Ansehen  Nun tragen die Schauspieler keine
papiernen Manschetten mehr wie ehedessen  und die Schauspielerinnen dürfen in
keinen wollenen Kleidern mehr ihre Rollen aus Ärger verhunzen  Aber wie
dergleichen Leute es nun machen  fuhren die plauderhaften Frau Basen fort 
wie sie es nun machen sobald sie ein Bischen fliegen können flattern sie dann
wieder andern Eroberungen entgegen  So machte es gerade unsere Direktrise
auch  Ihr flüchtiges unbesonnenes Temperament womit sie sogar durch übles
Beispiel die Verführerin ihrer eigenen Kinder wurde riss sie bald wieder von dem
reichen Kauzen weg  und aus Zufall fiel sie dann in einer starken Erhizzung
ganz ohnmächtig in die Arme eines Tänzers  Sie sollten diesen Gekken nur erst
kennen  Er stinkt vor Hochmut trägt eine Eselsnase womit er zu riechen
vorgibt dass alle Frauenzimmer in ihn verliebt sein müssen Er soll auch dabei
ziemlich brutal sein und unsinnig über alles wizzeln was ihm aufstösst  ob er
gleichwohl der größte Dummkopf von der Welt ist«  Die geschwäzzigen Dingerchen
hatten Lust mir noch mehr ins Ohr zu sagen aber ich musste mich entfernen um
der ganzen Gesellschaft meinen Besuch abzustatten 
    Ganz natürlich wies mich die Etikette zuvorderst an die Türe der ersten
Favoritin des Direktors  Da fand ich dann ein runzlichtes eingefallenes
überschminktes gelbhäutiges Ding das mich mit ziemlich spöttischem
Nasenrümpfen empfing  Die schwarzen buhlerischen Augen bestättigten den
schlechten Ruf den ich in einigen Ländern schon von diesem Geschöpf gehört
hatte 
    Bei meiner Durchreise in D sagte man mir dass sie wegen ihrer Buhlerei
mit dem dortigen Landesfürsten von seiner Gemahlin nebst der ganzen
Schauspielergesellschaft sei fortgejagt worden  und seither darf auch keine
Schauspielergesellschaft mehr an diesem Orte spielen 
    Auf der Universität E soll ein neunzehnjähriger Jüngling in seiner letzten
Stunde ihr Bildnis in Stükke zerrissen haben weil sie ihm hinlängliches Gift
mitgeteilt hatte um ins Elysium hinüber zu segeln  Mehrere solcher
Histörchen hat man mir auf meiner Reise von ihr erzählt  Mein Herz war schon
mit Abscheu angefüllt noch eh ich sie sah  Sie schwazt recht artig von der
Teaterkunst stellt sich aber dabei so albern ziert sich so hochmütig ist so
verschlossen für Gefühl und Ehre dass man sie bei der ersten Unterredung hassen
muss  Ich wette tausend gegen eins in Koketten und buhlerischen Rollen ist
sie Meisterin 
    Von da ging ich zur Madame  ein Weib die von Eigenliebe strozt und
die ziemlich boshafte neidische Launen haben mag  Ihr ganzes Wesen verrät
Mangel an Bildung und Erziehung  So faul und kalt sie auch immer scheint so
hat sie demungeachtet ein ziemlich spizziges Züngelchen ihre
Nebenschauspielerinnen durchzuhecheln 
    Nun führte mich mein Weg zur Mademoiselle  einem erzdummen Gänschen von
der ersten Gattung  Sie affektiert heuchlerisch die Tugendhafte  und soll
doch ihre ganze Garderobe von ihren Anbetern erhalten haben  Wie das zugieng 
das mag ich nicht untersuchen  geht mich auch nichts an 
    Endlich zur Madame  ein Weib die in ihrem Betragen mehr einem
Grenadier ähnelt als einer Dame wofür sie sich ausgibt  Sie hatte einen
französischen Windbeutel geheiratet der sie hernach sizzen lies  Sie hat im
Gebrauch ziemlich von ihren Verdiensten zu schwadronnieren  räsonniert von der
Schauspielkunst wie eine blinde Kuhe  zeigt ihre Garderobe jedem der sie
besucht  ist falsch  verläumderisch pöbelhaft  und affektiert die
Vielwisserin 
    Von den übrigen Frauenzimmern weis ich nichts zu sagen  weil ich keine
weiter besuchte  In einigen Wochen soll ich debutiren bis dorthin bekomme ich
Anlass mehrere Beobachtungen zu machen Unterdessen verbleibe ich deine Dich auf
das zärtlichste liebende Freundin
    
                                                                         Amalie
 
                                  CXLI Brief
                                    An Fanny
Diesmal liebes Mädchen lässt Du mich gar zu lange auf Nachrichten warten  Was
mag wohl die Ursache sein  Ist etwa Dir oder deinem Liebling wieder ein neues
Unglück zugestoßen  Nicht doch  dann hätte ich ja schon Briefe 
Unglückliche Botschaften laufen geschwinder als andere  und diese Grille soll
mich nun nicht in meinen ferneren Beobachtungen stören 
    Jetzt kann ich Dir meine Liebe die TheaterTalenten der ganzen hiesigen
Gesellschaft schildern Ich habe sie schon alle spielen gesehen und Madame
K soll mir zum Anfang dienen 
    Aus direktrisischer Eitelkeit spielt diese Frau alle Rollen die ihr
gefallen sie mögen ihr passen oder nicht  Ihr eigentliches Fach wäre naive
Mädchen und Soubretten  Bliebe sie dabei so könnte ihr kein Kenner seinen
Beifall versagen den er ihr unstreitig in TrauerspielHeldinnen versagen muss 
Sie besizt weder Brust noch Kraft noch Organen zu einer feurigen
TrauerspielHeldin  Selten errät sie den Sinn des Dichters und noch seltener
die Natur einer Situazion  Alle Rollen von dieser Art werden von ihr
durchgeheult durchgeschluchzt und durchgrimassiert  Man möchte bei ihrem
unausstehlichen Geraunz womit sie vom Anfange bis zum Ende die Ohren der
Zuschauer martert davon laufen  Diese Einförmigkeit der Deklamazion beweist
dass sie solche Rollen ohne Kenntnis spielt  Ihr Bischen Gefühl das nur von
Zeit zu Zeit hervorblikt liegt in dem Bau ihrer Nerven und ihr Herz kann
unmöglich Teil daran haben sonst wäre sie nicht aufgelegt in der Zwischenzeit
hinter den Kulissen die ausgelassensten Schäkkereien zu treiben  Eine
entusiastische Schauspielerin die mit gerührtem Herzen spielt  und deren
Seele Anteil an dem Spiel nimmt kann da wo die Leidenschaften in der
feurigsten Gährung sind keiner entgegengesezten Zerstreuungen fähig sein 
sonst ist sie nicht gute Schauspielerin  aber wohl eine bezahlte Komödiantin
die dem Publikum Scheingefühl auftischt  Genug hievon 
    Nun zur Madame E die sich ebenmässig von einer unerhörten Rollenwut
beherrschen lässt da sie doch den wenigsten gewachsen ist  Das muss man ihr
indessen nachsagen sie spielt ihre Koketten mit einer Gewisheit mit einer
Übung mit einer Frechheit mit einer kalten Fühllosigkeit mit einer
verschmizten Bosheit mit einem heuchlerischen Eigennutz mit einer künstlichen
EroberungsSucht mit einem gebrandmarkten Herzen so gut als man es nur von der
Natur eines solchen Karakters fodern kann  Auch einige karakterisirte
KonversazionsRollen geraten ihr Besonders wenn Verstellung Stolz oder Neid
darinnen liegt  Hingegen verhunzt sie in allen gutartigen Rollen jede einzelne
Stelle die Gefühl ausdrükt in Trauerspielen ist sie ganz und gar nicht zum
Ansehen noch zum Anhören  Jede moralische Empfindung der Liebe oder Tugend
wird von ihr so steif so anteillos so unempfunden dahergesagt dass es Jammer
und Schade für die gefühlvollen Arbeiten eines Autors ist wenn sie in ihre
Hände fallen  Ihre Deklamazion in Trauerspielen besteht aus hunderterlei
singenden Mistönen wobei ihr in den Hauptaffekten das moralische Gefühl und
ihre schwache Brust jeden Dienst zur richtigen Vorstellung versagen  Ich sah
sie die Königin im Macbet spielen aber mit solchem zusammengefrornem Herzen
mit solcher Monotonie und mit solcher unverschämten Dreistigkeit habe ich noch
niemalen eine Königin spielen gesehen  Bei dem Auftritt wo die Gewissensbisse
die Königin unruhig umhertreiben wo sie mit der Todesangst kämpfend in das
schon halb angebrannte Zimmer stürzt und zu dem Allmächtigen um Barmherzigkeit
fleht  kam Madame E ganz flegmatisch hereingeschlichen beugte ihre Kniee
sehr gemächlich zur Erde hob ein halb lächelndes Gebet an gerade so eiskalt
so zuversichtlich so hochmütig wie eine unverschämte Kokette die am Rande
des Grabes sich noch in den Himmel hineinzubuhlen sucht  Hab ich Dir nicht
schon einmal gesagt dass der sittliche Wandel bei einer Schauspielerin für den
Kenner auf der Bühne in entgegengesezten Rollen äußerst hervorsticht  Hier
hast Du nun den wahren Beweis an dieser Madame E 
    Jetzt also weiter zur Madame P einem langen hageren Bilde von einem Weibe
 die ihrer Figur nach wohl Mütter und ansehnliche Frauen spielen könnte wenn
ihre träge Seele nicht an der Schlafsucht kränkelte  Sie ist in ihren
gefühlvollen Rollen noch weit weniger als eintönig weil ihr das natürliche
Flegma und die so sehr angewöhnte Faulheit kaum erlaubt für den Zuschauer
vernehmliche Worte über die Zunge zu stoßen  Nicht einmal den doch sonst
gewöhnlichen HandwerksEifer besizt sie ihre Rollen gut zu memoriren  Würden
dann von ihr die Rollen auch noch so unsinnig deklamirt so wäre es doch weit
erträglicher zu hören als jener schleppende Ton womit sie jede Silbe Ellen
lang ausdehnet  Sie versteht weder Pausen noch weniger einen Übergang der
Leidenschaften im hohen Tragischen  Komische Rollen könnten ihr noch besser
gelingen wenn sie nicht eitel und eigensinnig genug wäre sich vollkommen zu
glauben  Es ist mir unbegreiflich wie das Weib so ganz ohne das mindeste
Feuer die interessantesten leidenschaftlichsten Strophen überhüpfen kann 
eben so wenig als ich begreife wie der Direktor der Mademoiselle S nur die
geringste Rollen anvertrauen mag  Ein Mädchen die kein richtiges Wort teutsch
spricht die keine Silbe ohne Anstoß lesen kann  untersteht sich Liebhaberinnen
und Kammermädchen zu spielen  Die ist weis Gott in den Augen eines jeden
unparteiischen Kenners gewiss nur das was das Null bei den Zahlen ist 
Freilich weis sie sich ein Bischen zu puzzen ist jung hat einen vollen Busen
 Genug  wird der Direktor denken um die Stuzzer ins Theater zu lokken 
    Nun kommt die Reihe an Madame Mü die eigentlich nur Tänzerin ist 
welcher aber doch zuweilen die Lust ankömmt dem Publikum auf ein Vierteljahr
lang Ekkel einzujagen  Sie will Soubretten spielen kleidet sich in kurze
Rökke wie eine Kolombine spricht baierisch bis zum Übelwerden und treibt auf
der Bühne so pöbelhafte Streiche wie ein wahres ausgeschämtes AlltagsMensch 
Leztin hätte sie das unwillige Publikum bald in der Rolle der Barbara in dem
Stükke Glük bessert Torheit mit Pfeifen zu Hause geschikt 
    Ferner darf ich auch die andre Tänzerin Madame Ma nicht vergessen sie
ist eine gute Tänzerin  aber eine blutschlechte Schauspielerin Ob sie
gleichwohl die Raserei besizt um Rollen zu buhlen  Ihr männliches Wesen ihre
Bassstimme die mit widrigen durch die Nase laufenden Tönen bis zur
Abscheulichkeit akkompagnirt wird  machen aus ihr in jeder ernstaften Rolle
die lächerrlichste Karrikatur 
    Endlich ist noch da Madame F welche nur spielen muss was die andern
nicht spielen wollen  und folglich keiner Foderung entsprechen kann 
    Hier hast Du nun die leibhafte Schilderung unserer Schauspielerinnen  Da
ich diesen Stand bald zu verlassen gedenke so kann sie an keine Parteilichkeit
gränzen  und ich getraue mir sie vor jedem TheaterKenner zu verteidigen 
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CXLII Brief
                                   An Amalie
Beruhige Dich Teuerste es ist weder Karln noch mir ein Unglück zugestoßen 
ich bin ihm mit meinem Bruder entgegen gefahren dies war die Ursache meines
Stillschweigens  Nun ist er wieder an meiner Seite der edle Jüngling  Denke
Dir die Seligkeiten unserer Wiedervereinigung fühle sie Malchen  denn
beschreiben kann ich sie nicht 
    Doch izt zur Beantwortung deiner Briefe  Ist es möglich meine Liebste
dass man den ehrlichen Direktor N dessen Verdienste bekannt sind dass man
diesem Biedermann in W so begegnen konnte  Dass doch in der Welt so viel
Unheil bloß von den Weibern herrühren muss  Besonders in kleinen Städten
treiben sie jede lasterhafte Torheit um ihre Nebenmenschen zu unterdrükken
Wie gerne hätte ich Dich länger unter der Führung dieses gutgesinnten Direktors
gesehen wenn es das Schicksal gewollt hätte 
    Direktor K ist gewiss der Mann nicht der Dich wird zu schäzzen wissen 
Er hat samt seiner Gesellschaft einen sehr übelen Ruf spielte ehedessen in
österreichischen Landen in hölzernen Buden gab ZotenStükke Hanswurstiaden
und überhaupt niedriges Possenspiel Der größte Beweis seines unmoralischen
Karakters ist die Duldung womit er seinem Weibe alle Zügellosigkeiten erlaubt 
und anderen verschrieenen Schauspielern Brod gibt 
    E samt ihrer lüderlichen Schwester B sind schon wegen ihrer
niederträchtigen Aufführung in einer öffentlichen Monatschrift hinlänglich
geschildert  Es sind Kreaturen an denen jede Besserung verloren ist 
folglich auch nicht der Mühe wert dass wir uns länger mit ihnen aufhalten 
    Dass Madame K bloß für naive Mädchen und SoubrettenRollen gemacht ist
bestättigen mehrere gedruckte TheaterRezensionen folglich ist dein Urteil
unparteiisch und richtig  Glaubs wohl meine teuerste Amalie  Glaubs wohl
 dass Madame E ihre KokettenRollen unverbesserlich spielt  Geübte Laster
können ihre Natur nicht verleugnen 
    Madame P war von jeher auf der Schaubühne eine ErzSchleicherin und noch
nirgends gefiel sie
    Von der S spreche ich gar nichts  weil es mich nicht der Mühe wert
dünkt  die ist unter der Kritik schrieb mir leztin ein Gelehrter aus St
    Madame M spielte doch sonst noch nicht viel Als sie in M war sah man
sie bloß tanzen  Wie kömmts dass sie ihre Unwissenheit erst izt zu Markte
trägt  Ists Brodmangel  oder Eitelkeit 
    Auch Madame M dürfte mit dem Ruhm den sie als gute Tänzerin hat
zufrieden sein und sich nicht zum Gespötte machen  Alle Schuld dieser
Unordnung liegt indessen bloß am Direktor  Wäre er ein Mann der die
Wichtigkeit der Schauspielkunst verstünde so würden es diese Weiber wohl
bleiben lassen ihre Nasen in Dinge zu stekken die außer ihrer Bestimmung sind
 Ich kann die Gelassenheit des Publikums nicht genug bewundern das sich um
sein Geld so gerne äffen lässt  Kaum kann ich den Augenblick deines Debüts
erwarten  Schreibe mir ja gleich so bald sich dein Schicksal entschieden hat

    Eben kommt mein Karl dahergestürmt  Verzeihe Amalie wenn ich aus den
Armen der Freundschaft in die Arme der Liebe eile 
    
                                                                    Deine Fanny
 
                                 CXLIII Brief
                                    An Fanny
Sei munter meine Liebe  Sei munter Mein Debut ist mir gelungen ich habe dem
Publikum gefallen und bin nun förmlich angeworben 
    In wenig Tagen reist die ganze Gesellschaft nach U Indessen soll mich das
doch nicht abhalten Dir auch die TheaterTalenten unserer Mannsleute zu
schildern  Der Direktor spielt selten und tut dabei recht wohl weil ihm der
Hanswurst noch leibhaftig aus den Augen sieht 
    Herr H hingegen spielt alle ersten Rollen aber das Gott erbarm  so
äußerst schlecht als man es nur von einem Tänzer fodern kann der sein Talent
in den Füßen und nicht im Kopfe stekken hat  Die Leute sagen zwar dass die
Direktrise es so haben will dass sie ihm so gar erste LiebhaberRollen
aufdringt  Warum  Vermutlich weil ihr an seiner Seite die ersten
Liebhaberinnen am bessten gelingen  Es kam mir selbst wunderlich vor dass
Tänzer H bei dieser Gesellschaft zum ersten Liebhaber ist erhöht worden 
Aber warum soll ich ihm denn die Freude nicht gönnen sich bewundern zu lassen
jede Rolle zu affektieren zu kastrieren oder gar zu verhunzen  Er verfehlt
freilich den Weg zur lieben Natur spricht kein einziges Wort welches nicht aus
seinem Mund gestottert herausgeplazt oder gepredigt kommt  Aber was tut das
zur Sache  So überspannt affektiert sein Spiel auch immer ist so besizt der
Bursche doch gut gewachsene Knochen mit denen die Frau Direktrise aus Eitelkeit
vor dem Publikum Wind macht  Zuweilen wandelt dem Helden so gar die Lust an
seine Gebärden für Anstand auszuschreien was doch weiter nichts als
TänzerPosituren und Verdrehungen des Körpers sind  Sein eingebogener Rükken
sieht einem krummgewachsenen Baume ähnlich der seiner Seltenheit wegen
Jedermann zur Bewunderung einladet  Wenn doch der geschraubte Gekke in seinem
Wesen nur der Natur den Lauf ließe er würde wahrlich unter den Damen weit mehr
Eroberungen machen worauf er es eigentlich zum Leidwesen seiner ersten
Liebhaberin anträgt 
    Nun kommt Herr P zum Vorschein  ein ganz artiger junger Mann der
ehedessen auch das Glük genoss sich nach Gutdünken und mit Bewilligung der
gutherzigen Frau Direktrise Rollen zu wählen aber nun seitdem Ritter H zum
Vorschein kam mit lauter Nebenrollen vorlieb nehmen muss Sein TheaterTalent
ist nicht uneben Obgleich ein Bischen leichtsinnig im Memoriren besizt er
dennoch die Kunst seine LiebhaberRollen mit einem sanftschleichenden Wesen
vorzustellen Zu AffektRollen ist seine Brust zu schwach 
    Dann haben wir noch einen gewissen H n  auch ein junger Schauspieler
der sehr schmelzende Organen hat  nur fehlt es ihm an gehöriger guter
Anleitung besserer RollenEinsicht mehrerem Feuer und Dreistigkeit sonst
könnte er einstens ein braver Schauspieler werden
    Auch Herr R spielt bisweilen beim hiesigen Theater einige
LiebhaberRollen hat Anstand Teaterspiel aber zu viel singende Töne in
seiner Deklamazion besonders im Tragischen  Wenn er sich daran gewöhnte im
Sprechen die Zähne besser von einander zu tun dann würde seine Aussprache
männlicher ausfallen und in seinen HeldenRollen nicht den süßen tändelnden
Stuzzer verraten  Diesem Schauspieler wünsche ich zu seinen Kenntnissen
mehrere Vollkommenheit der Stimme 
    Endlich zum Hauptschauspieler Herrn N der bei uns alle ersten
VäterRollen spielt aber auch dabei seine Eigenliebe nicht um eine Welt
hingäbe  Ein wahrer Jesuitischer Starrkopf der weit größere Einbildung als
Talente besizt  Wahr ists er memorirt gut  hat Enthusiasmus für die Kunst
erreicht zuweilen durch diese entusiastische Eitelkeit das gehörige Feuer in
gewissen Rollen aber übertreibt es dabei in seinen Gradationen bis zur
äußersten Raserei einer um Beifall bettelnden Eigenliebe  Sein Fleiß könnte
ihn zum guten Schauspieler machen wenn in ihm nicht schon vom JesuitenGift
alle gute Gefühle ekstikt worden wären  Anstand  Erziehung  Weltton fehlen
ihm durchaus Der gute verunglückte Bonze verlässt sich zu sehr auf den Beifall
des Publikums welches hier daran gewöhnt ist ausgezeichnete Stellen zu
beklatschen sie mögen auch noch so übertrieben vorgestellt werden  Möchte
Herr N sich auf bürgerliche Rollen legen  sie würden ihm weit besser
gelingen als erhabene Rollen die mit Würde müssen vorgestellt werden  wozu
sein Körper gar nicht gebaut ist  Das Wort Jesuit mag Dir von seinem
moralischen Charakter einen Begrif geben  Er folgt ihrem Beispiel getreulich 
macht heimliche Intriken übt im Stillen Verfolgungen und Bosheiten aus
unterdrükt die Nebenschauspieler  reißt ihnen mit heuchlerischer Miene den
Bissen Brod aus dem Munde schmiedet Kabalen kriecht wie ein Wurm vor der
Direktrise schmiegt sich bei Grobheiten  und drükt Jeden der seiner Eitelkeit
nicht schmeichelt im Stillen den Dolch ins Herz  hingegen zittert der Feige
wie jeder Bösewicht wenn ihm der ehrliche Mann kühn die Stirne bietet  So
viel hat man mir von ihm erzählt und so viel habe ich auch selbst an ihm
bemerkt 
    Nun endlich zu den BedientenRollen wovon Herr K die ersten bei uns über
sich hat  Ein Schauspieler der keine einzige Rolle ohne Kenntnis spielt 
Nur wünschte ich dass er nicht zuweilen zu stark der komischen Laune des
Publikums folgte und in einigen seiner Rollen nicht zu sehr ins
NiedrigKomische fiele  Auch das Komische hat seine Schranken wenn wir es von
den HanswurstenZeiten entfernen wollen  Die RollenEinsicht dieses
aufgeklärten Schauspielers ersezt ihm hinlänglich den Fehler seiner heisern
Stimme  Er weis durch Nachdruk der Worte und Gestikulazion den Zuschauer für
diesen Naturfehler schadlos zu halten 
    Herr K r spielt die letzten BedientenRollen von deren Unwichtigkeit sich
gar nichts sagen lässt  Diejenigen die bei uns Nebenrollen spielen will ich
gar nicht berühren 
    So bald ich in U anlange erhältst Du nähere Nachricht von
    
                                                                  Deiner Amalie
 
                                  CXLIV Brief
                                    An Fanny
Endlich meine Besste bin in hier in U und danke dem Himmel dass eine Reise
ihr Ende erreicht hat wobei mein Herz so vieles dulden musste  Die saueren
Gesichter die neidischen Blikke die spöttischen Anmerkungen das kalte
herzlose Betragen womit die Schauspieler auf dieser Reise einander begegneten
kränkten mein neidloses Herz unendlich 
    Gott  Das müssen schröklich böse Menschen sein  dachte ich traurig in
einer Ekke des Zimmers indem eine verborgene Träne ahndungsvoll über meine
Wange rollte 
    Seit ich St verlies ist mir ohnehin Schwermut eigen  Ein junger Mann
der viel Übereinstimmendes mit mir zu haben schien stürmte vor meiner Abreise
mit aller Macht einer entusiastischen Empfindsamkeit auf mein Herz los  Die
Kürze seiner Bekanntschaft entzog mir die Gelegenheit ihn näher kennen zu
lernen doch zog er meine Aufmerksamkeit auf sich und wusste auch durch eine
feurige begeisterte Unterredung mein Mitleiden rege zu machen  Mit einem
äußerst warmen Gefühl das mir unverfälscht schien verfluchte er an meiner
Seite die Untreue seiner vorigen Geliebten  Das Feuer womit er ihr in Stükke
zerrissenes Bildnis in ein vorbeifliessendes Wasser warf  die Träne die ihm
das erlittene Unrecht entlokte  schienen mir heilige Beweise seines zur Liebe
geschaffenen Herzens zu sein  Stoff genug für mein leeres Herz um sich in die
Zukunft Hoffnungen zu schaffen die mich vielleicht täuschen werden  So sehr er
mir auch durch seinen fleißigen Briefwechsel das Gegenteil beweist  Lies
innliegende Beilage von ihm und dann urteile 
    Gott  wenn es nur ein brausendes vorübereilendes Feuer wäre  Wenn sein
Gefühl nicht anhielte und ich dann mein Herz an ihn gekettet hätte so fest
gekettet hätte dass es im Wegreissen eine blutige Wunde bekäme so bald er keiner
ächten Liebe fähig wäre  Ich darf diesen Gedanken nicht nähren  Mein Herz
kann die abscheuliche Leere nicht länger ertragen es ist wieder reif zur Liebe
 und doch zittere ich bei dieser Wahl ohne zu wissen warum 
    Er scheint izt seine ganze Glückseligkeit bloß in mich zu setzen  Er
schreibt mir mit einer Entzükkung die jedem Frauenzimmer schmeicheln würde
wenn ihr Herz auch minder gefühlvoll als das meinige wäre  Seine Liebe scheint
uneigennüzzig weil er sie auch entfernt von mir mit vieler Lebhaftigkeit
unterhält  Ob sie aber auch standhaft ist diese Liebe  Ob seine flüchtige
Seele jener Größe fähig ist der ich bedarf  Das mag die Zukunft entscheiden
 Ich muss mich wieder einmal an ein Wesen halten das mein Herz ausfüllt  Wie
lange suchte ich schon ein solches Wesen und fand es nicht  Du bist
glücklicher als ich meine Freundin Du besizzest ein geprüftes Herz das deiner
würdig ist  Deine Stunden schleichen nicht wie die meinigen unter mürrischer
Laune und Langeweile dahin  Dein sanftes Gefühl wird durch keine stuzzerische
Torheiten beunruhigt wie das meinige Mein Stand wird mir täglich mehr zur
Last wegen den vielen Gekken die sich mit der größten Unverschämtheit noch an
jedem Orte an mich hindrängten  O die Elenden kränken durch ihre Sprache der
Weichlichkeit mein Ehrengefühl aufs Äußerste  Oft wenn ich in guter Laune
bin behandle ich sie mit Spott aber auch oft macht mich ihre Zudringlichkeit
tiefsinnig und schwermütig Ich fühle dann die niedrigen Mishandlungen im
Innersten denen mich mein bitteres Schicksal aussezt  Dieses Misvergnügen ist
auch ein Beweggrund dass ich die mir angebotene Bekanntschaft zu unterhalten
suche Vielleicht rettet mich dieser junge Mann aus Liebe oder doch aus
Freundschaft und Menschenfreundlichkeit 
    Geschäfte meine Liebste halten mich heute ab weitläufiger zu sein  ich
muss also mit der alten unveränderlichen Freundschaft schließen mit der ich
immer bin
    
                                                     Deine aufrichtigste Amalie
                                    Beilage
                               Liebes Malchen 
Du bist fort und meine Seele ist Dir nach  Das mag Dir der Anblick dieses
Briefes beweisen der vor Dir in U eintreffen wird  Holdes vortrefliches
Weibchen  Wie ganz hast Du das Bild einer Ungetreuen aus meinem Herzen
vertilgt  Wie unendlich ersezzest Du mir einen Verlust der mich ohne Dich
vielleicht noch lange martern würde  Heute besuchte ich jenes grüne Pläzchen
auf dem bewussten Spaziergange wo sich mein Herz Dir ganz aufschloss Die
Erinnerung riss mich von der seligsten Freude zur tiefsten Schwermut hin  Ich
bin nun so ganz glücklich seitdem Du mir Hoffnung machtest einstens dein
göttliches Herz ganz zu besizzen dass ich mich vor Entzükken selbst nicht mehr
kenn  O wenn mir doch mein Schicksal bald die Freude gönnte Dich gutes Weib
für deine ausgestandene Leiden schadlos zu halten wie äußerst froh wollte ich
dann sein  Meine Lage ist noch etwas unvermögend aber sie wird bald besser
werden um Dich Teuerste von meiner Liebe überzeugen zu können 
    Dass ich Dich ohne sinnliche Absichten liebe das hast Du an dem Morgen
unseres Abschiedes gesehen  Wusste ich mir nicht zu gebieten  Sag hab ich
Dich auch nur mit einer Miene beleidigt  Ehe Du ganz mein bist will ich unser
Band nicht enger knüpfen  Aber hörst Du ganz musst Du mein werden  ganz 
denn das ist der eigentliche Verstand einer gutartigen Liebe 
    Wenn Dir etwas zustösst oder was Dich immer für ein Schicksal treffen mag so
wende Dich an mich ich bin ja dein einziger bester Freund  Wie lange wirst Du
wohl noch ausbleiben Doch nicht über sechs Monate  Schreibe mir ja recht
bald damit ich Dir wieder sagen kann mit welcher inniger Zuneigung und
gränzenloser Liebe ich bin
                                                        Dein Zärtlichster Freund
                                                                           
N S Nicht wahr Fanny der weis ein fühlendes weibliches Herz in Gährung zu
bringen  Kann der wohl diesem Brief nach ein Heuchler sein 
 
                                  CXLV Brief
                                   An Amalie
Ich will heute deinen ersten Brief ganz übergehen weil er mehr das
TheaterWesen als Dich selbst betrifft und mich eben deswegen bloß an den
zweiten halten 
    Kümmere Dich nicht meine Amalie über die Feindseligkeiten die unter eurer
Gesellschaft herrschen  Entferne Dich von diesen Leuten so viel es Dir nur
möglich ist erfülle deine Pflicht und überlass dann das Übrige dem
Allgewaltigen 
    Nun eile ich zu einem Geschäfte das mir vielleicht deinen Unwillen zuziehen
wird wenn ich es mit der äußersten Aufrichtigkeit werde vollendet haben  Wird
sich nicht dein ganzes Herz gegen mich empören  wenn ich deine LieblingsIdee
zu stören wage  wenn ich aus dem mir mitgeteilten Briefe in jenem jungen
Manne Züge entdekke die mir nicht gefallen wollen  Traue deinem Herzen nicht
so leicht wieder es war immer die Quelle deines Unglücks  Begeisterung 
augenblikliche Empfindsamkeit eines Jünglings sind noch lange nicht Festigkeit
in der Liebe 
    Wie kann ein denkender junger Mann den Verlust einer Geliebten beklagen
indem er um eine andere buhlt  Ist er von ihrer Untreue überzeugt besizt er
Ehrenliebe dann muss sie ganz aus seiner Seele verbannt sein  Ist er es nicht
 dann begeht er ein doppeltes Verbrechen  hintergeht die erste und betrügt
die zweite 
    Auch kann er ihr Bildnis eben so wohl aus beleidigter Eitelkeit zerrissen
haben als aus wahrem Schmerz  Diese rasche Handlung beweist unüberlegtes
Feuer  aber deswegen noch nicht ein zur Liebe geschaffnes Herz  Die wahre
Liebe meine Besste zeigt sich mit mehr sanftem Gram der untilgbar in der
kranken Seele umherschleicht  Der junge Mann scheint ein brausender
empfindlicher Kopf zu sein der seine Neigungen wenig auf Überlegung gründet
Ich muss es sagen denn ich bin es der Freundschaft schuldig so schwer es mich
auch ankömmt
    Was soll denn das Du gegen ein Frauenzimmer mit der er noch in keiner so
nahen Verbindung steht Ist das nicht Übereilung  Ist es nicht
Geringschäzzung  Doch weiter zum ersten Absazze seines Briefs 
    »Du bist fort und meine Seele ist Dir nach  Das mag Dir der Anblick dieses
Briefs beweisen der noch vor Dir in U eintreffen wird« 
    Die Eilfertigkeit seines Briefs beweist weiter nichts als eine
hochgespannte Schwärmerei die durch Abwesenheit und Langeweile gereizt wurde 
Wenn ihn auch dein Umgang zu diesem Enthusiasmus hinriss so konnte er in so
kurzer Zeit eben so wenig dein Herz kennen als Du das seinige kanntest  Kann
man ein redliches Herz mit so vieler Unbesonnenheit hinwerfen 
    »Holdes vortrefliches Weibchen  wie ganz hast Du das Bild einer
Ungetreuen aus meinem Herzen vertilgt und wie unendlich ersezzest Du mir einen
Verlust der mich ohne Dich vielleicht noch lange martern würde «
    Fühltest Du denn die Beleidigung dieses Sazzes nicht  Was deine Vorzüge
sollen nur dazu gemacht sein ein Herz auszuflikken das eine andere Undankbare
zerriss  Wie kann dieser Junge solche Gleichnisse anstellen 
    »Heute besuchte ich jenes grüne Pläzchen auf dem bewussten Spaziergange wo
sich mein Herz Dir ganz aufschloss Die Erinnerung riss mich dann wieder von der
seligsten Freude zur tiefsten Schwermut hin« 
    Wie kann ein zärtlicher Liebhaber über eine Liebe freudig entzükt sein die
er selbst noch auf Hoffnungen hinaussezt  Der wahre leidenschaftliche Liebhaber
zittert bei einer solchen Ungewisheit und fühlt nicht eher ruhige Freude als
bis er mit seinem Mädchen vor dem Altare steht 
    »O wenn mir doch mein Schicksal bald die Freude gönnte Dich gutes Weib
für deine ausgestandenen Leiden schadlos zu halten wie äußerst froh wollte ich
dann sein«
    Dazu braucht es die Gunst des Schiksals nicht  Besizt der junge Herr
Kopf Talenten Fleiß und liebt er Dich ohne glänzende Absichten dann wird er
auch das Schicksal zwingen können 
    »Meine Lage ist noch etwas unvermögend aber sie wird bald besser werden um
Dich Teuerste von meiner Liebe überzeugen zu können«
    So spricht der Biedermann nicht  Fühlt er die Unmöglichkeit einer
Verbindung dann reizt er kein gutes Geschöpf zur Leidenschaft Liebe diese
allmächtige Bezwingerin muss ihm Stärke geben durchzudringen und dann schildert
er aufrichtig seine Lage und beratschlagt sich darüber mit seinem Liebchen 
    »Dass ich Dich ohne sinnliche Absicht liebe das hast Du am Morgen unseres
Abschiedes gesehen Wusste ich mir nicht zu gebieten  Sag hab ich Dich auch
nur mit einer Miene beleidigt «
    So etwas ist ja die Schuldigkeit eines jeden ehrliebenden Mannes wenn er es
mit einem wohlgezogenen Frauenzimmer zu tun hat  Folglich kein Verdienst
womit man prahlen soll 
    »Ehe Du ganz mein bist will ich unser Band nicht enger knüpfen  Aber
hörst Du ganz musst Du mein werden das ist der eigentliche Verstand einer
gutartigen Liebe« 
    Und der Liebe besste Sicherheit eheliche Verbindung  Wenn es ihm wirklich
Ernst wäre Dich zu heiraten dann würde er deutlicher sprechen 
    »Wenn Dir etwas zustösst oder was Dich immer für ein Schicksal treffen mag
so wende Dich an mich ich bin ja dein einziger bester Freund« 
    Hier blikt eine Spure gutes Herz hervor wenn es nicht Eitelkeit ist
    Und nun meine Besste wären das meine Gedanken über deine neue
Bekanntschaft  Schlägt dein Herz ohne Eitelkeit ohne Verblendungssucht bloß
für mich dann kannst Du nicht zürnen über die Aufrichtigkeit einer Freundin
die mit ungeheuchelter Wahrheit bloß für dein Wohl besorgt ist 
    
                                                                          Fanny
 
                                  CXLVI Brief
                                    An Fanny
Aber sage mir Mädchen wer sollte auch bei deiner beissenden Rezension gelassen
bleiben können  Ich habe Dich ja bloß zur Ratgeberin und nicht zur Spötterin
aufgefodert  Ich dächte Du wärest dem jungen Mann doch um meinetwegen mehr
Schonung schuldig  Jeden übereilten Ausdruk von ihm schreibst Du auf Rechnung
seines Herzens 
    Klugheit und Vorsicht bei der Wahl eines Gatten fodert die Vernunft aber
zu viel grillenhafter Verdacht ist immer die Folge eines eigensinnigen
Vorurteils Wenn wir von den Menschen gar nichts Gutes hoffen dürfen wer würde
sich wohl wünschen in einer solchen FurienWelt zu leben  Unbesonnen würde ich
erst alsdann handeln wenn ich mich jetzt gleich mit ihm verbände  ohne ihn
gründlicher kennen zu lernen 
    Täglich werden seine Briefe häufiger und feuriger wenn er mir abwesend so
fleißige Rechenschaft von seiner Leidenschaft gibt  so wird er doch bei meiner
Ankunft nicht wanken  Muss ich das nicht für Standhaftigkeit halten da er
freie Wahl hätte es zu unterlassen  Ich habe wirklich Beweise seines guten
Herzens   Die übrigen Fehler die deine Menschenkenntnis in ihm zu entdekken
glaubt will ich jetzt in der Entfernung nicht untersuchen  Zeit genug wenn
ich einstens wieder in seiner Vaterstadt anlange  Alles was ich tun kann
ist mich bei meiner Ankunft keiner zu heftigen Schwärmerei zu überlassen wenn
ich bis dorthin Veränderung in seinen Briefen entdekken sollte 
    Mehr kannst Du von einem Weibchen nicht fodern deren empfindsames Herz Du
kennst  Die wenigen Zweifel die mir leztin noch aufstiegen sind nun durch
seinen fleißigen Briefwechsel fast ganz in mir erloschen Warum soll er mir die
feurigste Leidenschaft und die sehnsuchtsvollste Liebe vorplaudern wenn er
flatterhaft genug wäre in seiner Vaterstadt Befriedigung zu suchen  Warum
soll er gegen eine Abwesende ohne den mindesten Vorteil heucheln  Warum soll
er ein gutes Herz zur Leidenschaft reizen wenn er Bösewicht genug sein könnte 
schönere reichere Frauenzimmer zum Verführen zu finden 
    Geh  geh  Fanny einer solchen teuflischen Heuchelei ist er doch nicht
fähig  Kennt er mich nicht aus meinen Briefen  Weis er nicht dass er es mit
keinem AlltagsGeschöpfe zu tun hat die er aus Eitelkeit oder aus Leichtsinn
äffen kann  Liebe ist bei mir keine Galanterie  Ich bin ein biederes
teutsches Weib habe ihm meine ganze Lage alle meine Fehler und Schwachheiten
zum voraus geschildert wenn er nun troz dem ein wankelmütiger Knabe sein will
dann verzeih ihms Gott  Gesezt auch er wäre eine elende Memme die sich vom
Vorurteil unter die Rute beugen ließe was verlöre ich denn auch an so einem
Geschöpf  Ich glaube mein Selbstgefühl mein Stolz würde mich nach so einer
Überzeugung noch vom Altar zurückreissen  und wenn mein leidenschaftliches Herz
auch darüber in Stükke zerspränge 
    Es ist wahr ich liebe heftig  aber mein Kopf meine Ehrliebe ist doch
fähig meiner Leidenschaft zu gebieten so bald ich Fehler in einem Gegenstand
entdekke die ich als Denkerin verabscheuen muss  So sehr dieser Junge mein
Zutrauen besizt eben so schnell würde er meiner Verachtung teilhaftig werden
wenn ich von seiner Unwürdigkeit überzeugt würde  Aber mein gutes Herz von so
etwas zu überzeugen das wird schwer halten  Falschheit in der Liebe ist mir
unbegreiflich  Eitelkeit und Eigenliebe mischen sich dann auch gerne in die
Liebe und man ist gar zu sehr geneigt sich davon blenden zu lassen und jeden
Widerspruch zum eigenen Vorteil auszulegen 
    Er schwärmt izt außerordentlich in seinen Briefen  spricht von den
Seligkeiten einer glücklichen Ehe usw  Wenn er bei meiner Ankunft so
fortfährt dann bin ich glücklich  Aber mit durchdringender Aufmerksamkeit will
ich ihn beobachten Für mich bleibt er die einzige Hoffnung  und ich zittere bei
dem Gedanken einer Untersuchung  Ich schenkte ihm mein ganzes Zutrauen  er
bewies sich menschenfreundlich  O er ist gewiss unfähig eine gute Seele
unglücklich zu machen  die ihm nichts zu Leide tat 
    Rietest Du mir nicht selbst liebe Freundin mich bald wieder mit einem
Gegenstand zu vereinigen  Die Männer die einen guten moralischen Charakter
verraten sind nicht so häufig zu finden  Also meine Besste keine Vorwürfe
mehr wenn ich für diesmal meinem guten Herzen folge  Deine Dich immer
liebende
    
                                                                         Amalie
 
                                 CXLVII Brief
                                   An Amalie
Dacht ichs doch liebes Malchen  Dacht ichs doch  dass Du mir meine
ungeheuchelte Sprache übeldeuten würdest So bitter behandelst Du deine Fanny 
Du brandmarkest sie gar zur boshaften Spötterin  da ich Dir doch bloß aus
reifer Überlegung meine HerzensMeinung schrieb  Warum soll ich glimpflich
gegen den jungen Mann verfahren wenn er mit aller Macht des Leichtsinns auf
deine Ruhe losstürmt 
    Liebe kann Dich gutes Weibchen zur glücklichsten Gattin aber auch zur
unglücklichsten Märtirerin machen  wenn Du von ihr betrogen wirst  Ich wünsche
deinem fühlenden Herzen eben so sehr Liebe als ich mir Mühe gab Dich gut
wählen zu machen  Hat Dich der Schaden noch nicht klug gemacht  Bist Du noch
immer so gutherzig und leichtgläubig  Kennst Du deine Heftigkeit nicht wenn
Du Dich in eine Leidenschaft hineinwagst  Sei nicht schwach meine Amalie 
Prüfe ehe Du Dich derselben überlässest  Wenn der junge Mann Dir auch alle
Minuten noch wärmere Briefe schriebe so ist das doch kein Beweis seiner
Standhaftigkeit  Deine Briefe schmeicheln seiner Eitelkeit und da ihn niemand
im Schreiben stört so kann er leicht seine augenblikliche Schwärmerei aufs
Papier hinkrizzeln 
    O ich bitte Dich schränke dein Zutrauen ein bis Du ihn näher kennen
lernst  Bedenke was das für dein gutes weiches vortrefliches Herz für ein
Schlag sein würde wenn sein Feuer eben so schnell wieder verlösche als es
aufbrasselte  Der edle Stolz würde freilich deinem Herzen nach und nach
gebieten aber doch gewiss nicht unter geringem Leiden  O wann das Herz einmal
spricht dann kostet es die schröklichste Gewalt es unter die Vernunft zu
beugen  Ich beteuere Dir ein für allemal seine Briefe die Du mir
mitteiltest können mir durchaus nicht gefallen  Er spricht nicht als Mann 
denkt an keine Zukunft macht keine vernünftige Plane zu einer Vereinigung
verteidigt Widersprüche und scheint äußerst zaghaft zu sein  So viel kann
ich Dir bei dem unauslöschlichen Feuer meiner freundschaftlichen Liebe schwören

    Freundin  Freundin  Du verkennst mein Herz oder willst es mit Gewalt
verkennen wann man deine gespannte Einbildungskraft an Klugheit erinnert 
Hast Du mir wegen meiner Leidenschaft nicht auch derbe Dinge gesagt  Und sag
brauste ich je darüber auf  Da ich doch meines Karls Denkungsart schon Jahre
lang geprüft hatte  Gott soll ich so eine edle biedere Seele die durch ihre
Redlichkeit jeden Vorzug verdient hintergehen lassen  Du bist keine
törichte gefühllose Kokette um eine Falschheit leichtsinnig ertragen zu
können die Dir vielleicht ein unbesonnener eitler Gek zubereiten will  Weist
Du nicht dass uns Weibern keine Rache bei dem schändlichen Verfahren eines
solchen Bubens übrig bleibt dass wir im Gegenteil nur Spott und Hohn von einer
Welt zu gewarten haben worinnen so Wenige wahre Liebe verstehen 
    Geh hin und weine dann in einem solchen Falle einer vermeinten Freundin vor
und sie wird Dir mit ihrem kalten unmoralischen lieblosen Herzen unbarmherzige
Vorwürfe über deine Leichtgläubigkeit machen denn das ist die Art der meisten
Weiber die bloß Genuss und Koketterie kennen  Aber ich meine Amalie will
Dich auch im Unglück  wenn es Dich treffen sollte  sanft behandeln  so rasch
auch immer dein lezter Brief war 
    
                                                                          Fanny
 
                                 CXLVIII Brief
                                    An Fanny
Verzeihung Edelste  Verzeihung einer Undankbaren die Dich im letzten Briefe
mit so übereilter Hizze behandeln konnte  Ich mache mir izt selbst die
bittersten Vorwürfe über die tolle Eigenliebe womit ich Dir widersprach  Du
sollst sehen dass ich in der Bekanntschaft mit dem jungen Mann mit aller
Vorsicht handeln will  Indessen muss ich seine Liebe doch zu unterhalten
suchen weil sie mir bei meiner Rükkunft in St Erleichterung meines Schikals
verspricht  Durch dieses Freundes Vermittlung wird mich dann der Direktor mit
mehrerer Schonung behandeln müssen  Es wäre überflüssig Dir die vielen
Schikanen zu schildern womit mich izt der alte Sünder und sein löblicher Anhang
zu unterdrükken sucht  Seit etlichen Monaten wurde mir kaum eine gute Rolle zu
Teil  Die übrige Zeit sizze ich müßig oder muss dann zum Notstok dienen
wenn eine andere Schauspielerin gähling krank wird  Es ist unverantwortlich
wie der Idiot mit mir verfährt  Die gränzenlose Eitelkeit seines Weibes und
seiner Mätresse zwingen den Dummkopf wider seinen eigenen Vorteil zu handeln 
Leztin schikten sogar einige Herrschaften ihre Bedienten in meine Wohnung und
ließ sich um die Ursache erkundigen warum ich so selten auf der Bühne
erschiene  Als sie erfuhren dass es aus Kabale geschähe stellten sie den
Direktor darüber zu Rede der sich aber durch allerlei Lügen meisterhaft aus der
Sache zu ziehen wusste  Mir ist eine Besoldung zur Last die ich im Stande bin
ohne Faullenzen und Müßiggang durch mein Talent zu verdienen 
    In wenig Wochen kehrt die Gesellschaft nach St zurück dann muss sich das
Blatt wenden
    Indessen höre ein allerliebstes Abenteuer das mir hier begegnete  Ein
gewisser Fürst von  besuchte vor einigen Tagen inkognito unsere Bühne sah
mich und bekam die Grille mir ein Billet zuzusenden wovon ich Dir die
Abschrift so wie von meiner Antwort beischliesse damit Du sehen kannst wie
bescheiden ich ihn zurückwies 
    Große Herren haben große Schwachheiten  das ist nun einmal richtig  Bis
izt hat mich mein Gesicht das auf keine blendende Schönheit Anspruch machen
kann noch ziemlich vor solchen Avanturen geschüzt  und ich war dessen
herzlich froh  denn ich hielt es immer für die größte Beleidigung bei den
Männern bloß aufs Sinnliche zu wirken 
    Darinnen ist gewiss meine Denkungsart von derjenigen anderer Weiber sehr
unterschieden und wenn mir auch die Natur alle mögliche Reize zugeteilt hätte
so würde ich sie in der Liebe doch nur als ein glückliches Ungefähr betrachten 
als eine Gabe die beim geringsten Fieber verschwinden kann und alsdann so
vielen Frauenzimmern bloß einen leeren Schädel zurücklässt durch welche
Veränderung ihnen die Eroberungen die bloß auf das Körperliche angesehen waren
eben so geschwind wieder entgehen als sie dieselben gemacht hatten 
    Der denkende Anbeter liebt ein mittelmässiges Gesicht auch schwärmerisch
wenn angenehmer Umgang Geist Herz und Vernunft eines Frauenzimmers seine
Einbildungskraft zu beschäftigen wissen  Die Schönheit verliert durch die
Gewohnheit die mittelmäßige Gestalt hingegen gewinnt durch die Reize des
Geistes die keine Gewohnheit verältert  Ein Philosoph  ein Denker muss noch
mein Mann werden  oder ich heiße nicht
    
                                                                         Amalie
                          Billet des Fürsten von 
                                   Madame 
Ich habe Sie gestern in einem Trauerspiel spielen gesehen  Das Feuer womit
Sie in Affekt gerieten gefiel mir äußerst und brachte mich auf den Gedanken
dass in Ihrer Seele Anlagen zu heftigen Leidenschaften liegen müssen  Um dieses
Vorzuges willen könnte ich leicht Ihre mittelmäßige Bildung einer Schönheit
vorziehen  Ich liebe eigentlich rasche Frauenzimmer und duldete noch nie an
meinem Hofe kaltblütige Schlafmüzzen 
    Zu dem hat man mich auch versichert dass Sie Vernunft und Bildung besässen
welches bei ihrem lebhaften Geiste leicht zu glauben ist  Können Sie sich
entschließen bei mir die Stelle einer Gesellschafterin anzunehmen so soll Ihre
ohnehin misvergnügte Lage bald eine bessere Wendung bekommen 
    Ich bin zwar nicht mehr in den Jahren wo ich Ihnen gefallen kann  aber
meine Bemühung soll Sie ein kummervolles Leben vergessen machen und die werden
Sie doch nicht mit Undank belohnen wollen  Ich erwarte eine Antwort und bin
    
                                                    Ihr geneigter Fürst von 
                                    Antwort
                              Ihr Durchlaucht 
Wenn Ihnen mein gestriges Spiel gefiel so bin ich unendlich für meine Mühe
durch Ihren gnädigen Beifall belohnt  Übrigens bin ich gewiss dass alles Feuer
meiner Leidenschaften nicht für Ihr Durchlaucht taugen wird wenn ich Sie
versichere dass eben diese Leidenschaften unter der Herrschaft meiner Vernunft
stehen und nach meinen Grundsäzzen nie ins Sinnliche ausarten dürfen 
Obgleich Sie meiner mittelmäßigen Bildung die Gnade anbieten sie einer
Schönheit vorzuziehen so würde mir doch mein großmütiger Stolz nie erlauben
Dero geschmakvollen Sinnen Zwang aufzubürden 
    Dass Ihr Durchlaucht rasche Frauenzimmer lieben ist leicht zu vermuten 
Der Überfluss worinnen Sie als Fürst leben kann Ihre Leidenschaften leicht in
den Grad der Wärme bringen worinnen Sie dann gerne den Wiederhall in Andern
erblicken möchten 
    Ob ich nun Vernunft und Bildung besizze darf ich aus Bescheidenheit nicht
selbst entscheiden  Aber so viel liegt unstreitig in meiner Erziehung dass ich
mich nie entschließen könnte die Gesellschafterin eines Fürsten zu werden der
mich bloß zum Zeitvertreib wählte da indessen mein feineres Gefühl sich darüber
empören würde 
    So misvergnügt meine Lage auch immer ist so genieße ich doch einer Ruhe
die mir aller Glanz nicht verschaffen könnte  Auch denke ich zu redlich um
Ihr Durchlaucht in Dero Jahren zu hintergehen und ich bin nicht gesonnen meine
Neigung um Wohltaten hinzugeben wozu mir weder mein Stand noch mein Herz
Erlaubnis gibt 
    Ihr Durchlaucht werden geruhen einem Frauenzimmer diese lebhafte
Aufrichtigkeit nicht übel zu deuten die gewohnt ist gerade so bieder zu
sprechen als sie denkt 
    In dieser Zuversicht habe ich die Ehre mit aller Untertänigkeit zu sein
    
                                                                         Amalie
 
                                  CXLIX Brief
                                    An Fanny
                              Liebste Freundin 
Die unerträglichsten Verdrießlichkeiten die ich eine Zeit her von meinem
starrköpfigen Direktor zu dulden hatte hielten mich so lange ab Dir meine
Ankunft in St zu melden  Ohne mein Bischen Philosophie würde mich der
Verdruss in meiner jezzigen Lage umbringen  Die Verfolgungen des Direktors sind
so stark dass es einige Personen versuchten mir bei dieser Gesellschaft von
Teufeln Ruhe zu schaffen  Aber was kümmert sich der Direktor ums Publikum
dessen allgemeine Nachgiebigkeit er kennt 
    Nun gibt er mir durchaus unbedeutende Nebenrollen welche ich ob sie
gleich außer meinem Fach sind annehme um täglichen Zänkereien auszuweichen 
Doch meiner Nachgiebigkeit ungeachtet die ihn nur noch dreister machte drang
er mir leztin wider alle Billigkeit eine sehr starke Rolle auf die ich wegen
Kürze der bestimmten Zeit nicht einzustudieren vermochte  Und sieh da der
Erzbösewicht benuzt diese gesuchte Schikane und dankt mich unter dem Vorwand
als wäre ich eine nachlässige Schauspielerin plötzlich ab ob ich ihn gleichwohl
sehr dringend bat das Stük nur auf einige Tage zu verschieben
    Zu meinem Glükke waren seine Briefe noch in meinen Händen worinnen er mir
auf ein Jahr Engagement anbot wenn ich dem hiesigen Publikum gefallen sollte 
Was blieb mir also übrig als ihn zu verklagen wenn gleichwohl der hochmütige
Narr darüber fast unsinnig wurde als ihn das Gericht zur Erfüllung seines Worts
anhielt 
    Noch blutet mein Herz wenn ich an die pöbelhaften Grobheiten denke mit
denen ich von diesem ungezogenen Flegel bei diesem Vorfall überhäuft wurde 
Die bitterste Galle die unverschämtesten Lügen geiferte er mir so lange ins
Gesicht bis ihn die Richter endlich schweigen hießen  Er musste sogar
versprechen mir in Zukunft passende Rollen zuzuteilen  Aber so etwas lies
Herr Urian wohl bleiben sonst würde ihm seine hizzige Ehehälfte die Perükke vom
Kopfe gerissen haben so sehr war sie gegen mein Spiel erbittert  Das
ehrgeizige Geschöpf muss sich selbst wenig Talent zutrauen weil sie neben sich
keine andere gute Schauspielerin dulden will  Ist das nicht ein redender
Beweis ihrer Schwäche  Beweist sie durch diesen Neid nicht deutlich genug dass
sie leicht kann übertroffen werden  Je mehr andere Schauspielerinnen mit mir
in die Wette spielen desto lieber ist es mir  Dann bekomme ich erst Anlass
meinen Fleiß anzustrengen und mich zu üben  So denke ich über diesen Punkt 
Das hiesige Publikum könnte leicht dieser Kabale vorbeugen wenn es unter sich
einstimmiger wäre und mit vereinigten Kräften sich an den Eigensinn des
parteiischen Direktors wagte  aber so etwas ist bei der Disharmonie die unter
demselben herrscht nicht zu hoffen  Ich muss also wohl mein Geschik noch
einige Monate gelassen ertragen lernen da ich es doch nicht auf der Stelle
ändern kann 
    Der junge Mann mein Freund bezeugte sich bei diesen Streitigkeiten sehr
menschenfreundlich und lies gegen mich viel gutes Herz blikken  Fast hätte
ich ihm bei diesem Anlass auch Standhaftigkeit in der Liebe zugetrauet  Schon
sprach mein dankbares Gefühl zu seinem Vorteil  als er mich plötzlich durch
sein unbesonnenes Betragen durch sein wildes Wesen im Umgang vom Gegenteil
überzeugte  Er scheint mir izt in der Liebe ganz und gar meinen Forderungen
nicht zu entsprechen  eben so wenig als meinem Ideal das ich mir aus seinen
schwärmerischen Briefen zusammenfantasiert hatte  Hätte ich ihn doch keine
Neigung merken lassen  Zwar erneuert er seine Liebe gegen mich durch öfter
wiederholte Schwüre aber seine flüchtigen Besuche seine leichtsinnigen Launen
machen mich zittern  Und doch bin ich Törin genug diesen Spuren seiner
Flatterhaftigkeit einen gutherzigen Anstrich zu geben  O Weiberherz wie
truglos bist du wenn keine grobe Leidenschaften deine Gestalt verunedelt haben
 Nächstens eine nähere Beschreibung von ihm  Lebe indessen zufrieden in den
Armen deines vortrefflichen Karls 
    
                                                                         Amalie
 
                                   CL Brief
                                   An Amalie
Nu nu liebes HerzensMalchen ich habe Dir ja schon lange verziehen  Ich war
nicht einmal böse auf Dich  Und damit Du siehst dass mir meine gute Laune
recht Ernst ist so will ich Dir heute eine recht freudige Nachricht mitteilen
 In Zeit von neun Monaten gehe ich mit meinem Karl wohin meinst Du wohl 
Zum Altar meine Traute  O freue Dich doch mit mir meine Teuerste freue
Dich mit mir  Nun sollen bei dieser Aussicht deine Schiksale bald ihr Ende
erreichen  und Du geniessest dann an meinem Busen jene ruhige Wonne der
unzertrennlichsten Freundschaft 
    Streite bis dorthin noch mutig deinen Widerwärtigkeiten entgegen bald sind
sie überstanden und ich teile dann mit Dir alles was der Himmel mir an
Glüksgütern schenkte 
    Karls FamilienHindernisse sind izt alle gehoben und der gute Junge taumelt
vor Entzükken über diese glückliche Veränderung  Kaum kann der liebe Schwärmer
den Augenblick erwarten der ihn zum zärtlichsten Gatten einweihen wird 
    Schreibe doch geschwind an Malchen  schrie er mir zu  und ich musste nach
der Feder greifen  Ich sollte Dir zwar heute deine drei Briefe nach der Reihe
beantworten Aber kannst Du das von einer entzükten Braut fodern  Überdies
mag ich Dir die erzschlechte niederträchtige Behandlung deines Direktors nicht
ins Gedächtnis zurückrufen  Also weg von diesen unangenehmen Erinnerung und
hin zu deiner FürstenAnekdote worüber ich und Karl aus vollem Halse lachten 
    Du hast ihm seine Anträge mit dem feinsten Spott erwidert  Ich möchte
sein gnädiges Gesicht beobachtet haben als er dein Billet las  Denn die
großen Herren sind meistens daran gewöhnt mit Geld und Despotismus überall
durchzudringen 
    Bald meine Besste sollen alle diese Erniedrigungen aufhören  Ei dass dich
 Sieh sieh Karl lässt mich vor seinen Küssen nicht weiter schreiben Du musst
also schon für heute zufrieden sein mit deiner bessten liebsten
    
                                                                          Fanny
 
                                   CLI Brief
                                    An Fanny
Die Überraschung als ich dein Glük vernahm hat mir eine dankbare
FreudenTräne entlokt  Warm dankte ich dem Schöpfer für die ewige Verbindung
zwoer so edler Seelen  Aber darf ich es wohl ohne Erröten gestehen dass mich
dein gütiger Antrag nicht so ganz entzükte als es seine Großmut verdient
hätte  Es blieb in meinem Herzen ein gewisses unbefriedigtes Etwas übrig 
Und was meinst du wohl dass es sein möchte  Ists möglich  Du bist Braut
schwärmst in den Armen der Liebe geniessest Seligkeiten um die Dich Engel
beneiden kennst mein Gefühl und errätst es doch nicht  Auch mein Herz
klopft einem Gatten entgegen  Auch ich nährte Hoffnungen auf die ich schon
lange eine idealische Glückseligkeit gründete  Auch ich suchte schon lange
einen biederen deutschen Jüngling  aber umsonst 
    Die Liebe warf mir in meiner GeburtsStunde ihren Fluch zu  Für mich hat
der Himmel Niemand geschaffen der mir mit GattenLiebe die Beschwerlichkeiten
des Lebens tragen hälfe  Selbst die Bekanntschaft mit dem jungen Manne wird
mir fehlschlagen ich ahnde mein Schicksal schon zum voraus  Deine
Prophezeihung trift ein  Lies folgende Karakteristik von ihm die ich bloß für
Dich entwarf 
    Im Grunde ein gutes Herz aber dabei flüchtig eitel und ohne feste
Grundsäzze  Überfluss an Wankelmut der aus Mangel an Überlegung entsteht
und den lokkern Jungen eben so geschwind wieder von der Liebe wegreissen wird
als ihn Lebhaftigkeit des Temperaments daran fesselte 
    Hinlängliche Vernunft Gutes vom Bösen zu unterscheiden doch zu faselnd zu
zerstreut um darüber nachzudenken  Nicht fühllos aber vom übelen Beispiel und
französischer Galanterie schon zu sehr verdorben empfindet er die Liebe nur
augenbliklich und verliert dieses Gefühl eben so leicht wieder wenn ihn neue
Reize oder Eitelkeit zur Ausschweifung einladen  Nur selten überdenkt er eine
Sache handelt meistens aus Ungefähr wie es der Anlass gerade mit sich bringt 
Sein Enthusiasmus in der Liebe ist StrohFeuer brennt schnell brasselt
stinkt und verlöscht 
    Gutherzigkeit treibt er bis zur Verschwendung nur nicht aus Grundsäzzen
mehr aus Schwachheit als aus Überlegung  Oft offenherzig bis zur
Unbesonnenheit und dann wieder zur Unzeit verschlossen bis zur Heuchelei und
Lüge  Roh unbescheiden gegen unser Geschlecht  und in gewissen
leichtsinnigen Augenblikken der ungereimteste Wildfang den ich je kannte  Er
studiert weder sein eigenes Herz noch seine Leidenschaften seine Grundsäzze
sind zusammengeraffte Ware die ein widersprechender Hauch zertrümmern kann 
Über sich selbst denkt er nie nach als wenn ihn Widerwärtigkeiten oder
Langeweile dazu zwingen  Rasch in seinen Entschlüssen aber verzagt wie ein
Kind wenn er Widerstand findet  Das sanfte Gefühl der Liebe kennt er nur aus
Büchern  Sein Herz wäre vielleicht noch einer Besserung fähig wenn wahre
Liebe die Seele zum Denken zur Sanftmut und zur strengsten Untersuchung seiner
Handlungen leitete  Doch dazu glaub ich nicht dass es mit ihm ein Frauenzimmer
bringen wird und wenn sie auch aus dem Elysium käme  Welche Sterbliche wäre
wohl fähig Lügen aus einem Herzen zu tilgen die durch Leichtsinn Gewohnheit
Flatterhaftigkeit schon so tief hinein gegraben wurden 
    Durch die sanfte nachgebende Güte eines Weibes wird er noch zügelloser 
das habe ich schon erfahren  und durch strenge Vorwürfe wird er gar halsstarrig
 und verzagt 
    Das ist ungefähr das Bildnis dieses Jünglings der dem allem ungeachtet doch
so artige Briefe schrieb die mich zu seinem Vorteil einnahmen  Gute Nacht
Liebe  Gute Nacht 
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CLII Brief
                                    An Fanny
Nun da haben wirs ja  Sagt ichs nicht zum voraus der milchbärtige Junge
würde wie eine feige Memme zurückbeben wenn das BürgerVorurteil die Zähne
gegen ihm blökte  Da haben ihm einige alte Weiber unter seinen Verwandten
wegen meiner Bekanntschaft die Rute gezeigt und der furchtsame Knabe verkroch
sich dann zitternd in den Winkel 
    Unsre jezzigen Jünglinge gleichen den alten Biedermännern eben so an
Standhaftigkeit als wie die Mükke dem Elephanten an Stärke
    Die hinfälligen morschen Buben krochen unsern Alten aus ihren
Schweislöchern  Die Natur wollte sich vom Unrat reinigen dann schuf sie
Jünglinge fürs achtzehnte Jahrhundert 
    Weiber die beim Zukkerbrod erzogen wurden beschämen diese ohnmächtige
Auswürflinge durch Redlichkeit Stärke des Geistes und Festigkeit des Karakters
 Geschöpfe die vom Vorurteil unter Schwächlinge gerechnet werden machen
diesen unbärtigen Bastarten das Wort Mann streitig 
    Pfui  dass sich doch die Lüge keinen bessern Stoff wählte als in diesen
Unwürdigen liegt  So weit sank die Redlichkeit dass sich sogar die Unwahrheit
ihrer schämt 
    MännerKraft SeelenStärke Ehrlichkeit sind unter den deutschen Jünglingen
in Staub gesunken  Die Natur verlängert die Tage dieser kraftlosen Insekten
bloß darum damit sie bei guter Laune über ihre erzeugten Misgeburten spotten
kann die sie während einer Verstimmung aus Zorn schuf  Wenn die Alten ihr
Wort hingaben dann wurde es mit Wahrheit versiegelt und mit Redlichkeit
gehalten  Aber wenn unsere jezzigen Milchbuben Treue schwören dann wird sie
schon zur Lüge noch dieweil der modische Süssling im Begriffe ist den schlaffen
Handschlag zu tun 
    Ha  Wäre es doch unter uns Weibern eingeführt dergleichen schmelzende
ZukkerPüppchen mit dem kleinen Finger zu zerquetschen mit welcher HerzensLust
würde ich die erste Ausführerin dieser Rache werden  Bei einer Treulosigkeit
schlägt sich das andere Geschlecht mit den Waffen nur für uns ist keine
Verteidigung übrig  Wir bleiben ewig das Spielwerk jedes mutwilligen Buben
der sichs erlaubt unter teuflischer Heuchelei um unser Herz zu buhlen  Aber
bei meinem Stolz seis geschworen ich will mich in Zukunft an diesem
verräterischen Geschlecht rächen  auf eine Art rächen die nicht alltäglich
sein soll  Mein Herz soll schweigen  meine sanften redlichen Gefühle sollen
schlafen und meine Zunge soll so lange eine täuschende Neigung heucheln bis
ich die Träne irgend eines leidenschaftlichen Anbeters unter schmerzlicher
Verwirrung unter ängstlicher Ungewisheit von seinem unruhigen Auge rollen
sehe  O und dann soll stolze kalte Fühllosigkeit bitteres Gespött über
das männliche Aftergefühl der Lohn seiner Leiden sein 
    Du weist dass ich nicht eitel bin  aber alle weiblichen Kunstgriffe will
ich von nun an aufbieten um die schläfrigen Sinnen der Männer anzureizen und
sie dann so lange mit Falschheit foppen bis sie ihren wenigen moralischen Wert
selbst einsehen lernen  Wenn ich mir je ausgezeichnete körperliche Reize
gewünscht hätte so wäre es gewiss zu dieser Stunde  Doch auch meine wenigen
Reize sollen hinlänglich sein mit Beihilfe meines Wizzes ein Geschlecht bei der
Nase herumzuführen worunter die meisten ihre SchandHerzen den armen
leichtgläubigen Weibern zur Schau tragen  Es soll mir herzlich lieb sein wenn
ich in öffentlichen Gesellschaften die herumfaselnden Jungen an einander hezzen
kann  die so flatterhaft sie auch immer sind doch wenigstens durch mich von
ihrer beleidigten Eitelkeit sollen gequält werden  Der Ruf meines
unterhaltenden Umgangs zog mir immer teils neugieriges teils eitles
MännerVolk zu  Aber kommt nur ihr nasenweise Lekker ihr falschen
Krokodillen ihr sinnlichen Weichlinge ich will euch begegnen wie es euer
Geschlecht verdient  Die wenigen Guten darunter bleiben ohnehin an dem treuen
Busen ihrer Mädchen hangen und für die übrigen herumirrenden Lotterbuben ist
die boshafteste weibliche Intrike noch eine zu barmherzige Strafe 
    Gott so weit treibt mich der Gram meines mishandelten Herzens  So
schröklich empört sich mein hintergangenes Zutrauen das mich beinahe
unversöhnlich macht  Nichterwiederte Redlichkeit wütet grässlich in einem
Herzen darinnen edler Stolz wohnt  Der schüchterne Hase schrieb mir meinen
Abschied worinnen AfterMoral und sehr falsche Grundsäzze herrschen 
vermutlich um dadurch seinen Wankelmut zu entschuldigen  Doch bei mir
entschuldigt ihn Nichts  Die Schwüre der Liebe die ein Mann einem
unbescholtenen Weibe ablegt kann Nichts brechen als boshafter Meineid oder
Tod  Zu einer solchen Standhaftigkeit brauchts weder RomanenTugend noch
überspannte Ideen sondern edler männlicher Stolz Feinheit des Gefühls und
Überlegung ehe man ein fühlendes WeiberHerz zur Liebe reizt 
    Schiksale Verfolgungen schlechte ökonomische Umstände müssen unter zwei
bieder Liebenden wechselseitig getragen werden sonst sieht die Liebe einer
verräterischen Betrügerei ähnlich die sich bei jedem Zufall aus schändlichem
Eigennutz an der Standhaftigkeit rächt  Gerne hätte ich dem Wortbrüchigen diese
derben Wahrheiten mündlich unter die Augen gesagt aber er floh meine Gegenwart
scheute meinen Anblick wich mir aus und schien sich aus bösem Gewissen nicht
verteidigen zu wollen  Dann riss ich in der ersten Hizze sein Bildnis von der
Wand und trat es mit Füßen 
    Eine Zeitlang kämpfte ich noch mit beleidigtem Stolz und gutem Herzen 
Endlich siegte der erstere und gab mir wieder jene ruhige Richtung die immer
den lindernden Trost eines Unschuldigen ausmacht 
    Das wäre nun der Gang einer Geschichte die ich aus meinem Gedächtnisse
verbannen will  Vielleicht habe ich sie mir auch selbst zu verdanken warum
war ich nicht mistrauischer  warum hörte ich nicht genug auf deine Warnungen
 warum lies ich mich durch einige Duzzend Briefe betören die aus Eitelkeit an
mich geschrieben wurden  Merkts euch Freundinnen  so giengs der
gutherzigen
    
                                                                         Amalie
 
                                  CLIII Brief
                                    An Fanny
Meine neue Lebensart tut herrliche Wirkung  Ich werfe in öffentlichen
Gesellschaften mein Nez aus fange lüsterne Fliegen und lasse sie dann wieder
aus wenn ich sie genug gequält habe Die Zahl meiner kriechenden Sklaven
vermehrt sich täglich  Ich sehe sie mit kaltem Gefühl kommen und lasse sie
wieder mit leerem Herzen abziehen  Es ist doch ein elender freudenloser
bettelmässiger Zustand um ein Herz ohne Liebe  Aber es ist auch ein
schaudernder Gedanke um die Furcht betrogen zu werden 
    Also wieder zu meinen Müssiggängern zurück die in galanter Beschäftigung um
mich herumsumsen  Wie sich die eitelen Toren zu mir hindrängen  Wie sie um
meine spöttische Unterhaltung wetteifern  Wie einer den andern zum kritisiren
reizt  Wie jeder mit Emsigkeit um den Vorzug buhlt  Und wie ich troz alle
dem dies FliegenGeschmeiss in einer gewissen Entfernung zu erhalten weis dass
keiner unverschämt wird  Das ist wahrlich kein kleines Studium  Die Klugheit
eines Weibs hat doch gränzenlose Auswege wenn sie Welt und Menschenkenntnis
besizt  Es soll mir gewiss keiner meinen Plan verderben eh ich des Plagens von
selbst müde werde  dann will ich mich in philosophischer Stille der Einsamkeit
zuziehen und lachen oder weinen wie es meine Laune mit sich bringen wird 
Ich habe meine Helden in Klassen eingeteilt und weis jedem nach Verdienst zu
begegnen  Alle tragen ihre SchellenKappen und jeder behauptet seinen eigenen
Ton  Zum Exempel 
    Der Dummkopf schwazt Unsinn der Prahler schwadronirt der Stuzzer spricht
von wichtigen Kleinigkeiten der Waghals poltert der Hagestolze schimpft über
die Ehe der Vielwisser lässt Lügen schneien der Grosssprecher rühmt sich
ungeschehener Dinge der ZierAffe seufzt über die feuchte Witterung der Gek
lässt sich bewundern und erzählt seine Eroberungen der Wollüstling bietet seine
Schatulle an und der verhärtete Bösewicht posaunt die genossenen
Gunstbezeugungen aus usw  Kurz jeder tut das seinige um mir die
Langeweile zu vertreiben oder einem Nebenbuhler Galle zu machen  Das
Ungeziefer vertilgt sich selbst untereinander  Sie nekken foppen schikaniren
sich verdrehen einander die Worte dass es einem wahren Lustspiel ähnlich sieht
 Ich nehme dann oft die Partei von diesem satirisire einen andern beschäme
einen dritten oder nekke einen vierten bis keiner mehr weis wo ihm der Kopf
sizt  Dann stehen sie da die Maulaffen starren sich wechselsweise an und
lachen einander selbst aus  Dazu hab ichs schon öfters gebracht  Eine
meiner Freundinnen ein biederes braves Weib die mein schuldloses Herz kennt
und bei dergleichen Auftritten immer an meiner Seite sizt lacht oft aus vollem
Halse und wünscht ihnen dann beim Weggehen gute Verdauung  Nur einer von
diesen Schmetterlingen macht sich besonders zudringlich  Die Natur macht ihn
zwar durch sichtbare Merkmale kennbar die jedes gutgesinnte Herz vor ihm warnen
können  Wahrlich die Natur lügt nicht an ihm denn seine Seele ist eben so
verdreht eben so disharmonisch wie der schielende Blick seiner Augen Er kann
schleichen heucheln lügen betrügen hofiren spioniren karessiren prahlen
verläumden Ehr abschneiden  alles in ausgelernter Übung Seinen welken
Körper seine kranke Seele trägt er überall an und wird auch überall
abgewiesen  Er besizt die unverschämte Kühnheit alle Frauenzimmer nach einem
Schlag zu beurteilen Die vielen Lustnimphen die er ehedessen besuchte haben
sein Gehirn mit Vorurteil angestekt dass er glaubt unter dem Frauenzimmer
finde keine gute Ausnahme mehr Statt  Er treibt seinen Verdacht so weit dass
er so gar wegen der Aufführung rechtschaffener Personen öffentliche Wettungen
anstellt  Dieses doppelzüngige Ungeheuer hat nun seinen Eigensinn auf mich
festgesezt  Aber nur Geduld du sollst deinen Teil Galle schlukken  Bei
allen seinen Ausschweifungen habe ich die neidigste Eifersucht an ihm bemerkt 
Anlass genug  um ihn tausendfach zu kränken 
    Nun sagt mir noch einmal ihr Menschenkenner dass Eifersucht die Folge der
Zärtlichkeit sei  wenn sie in einem solchen verdorbenen Wollüstling stekken
kann  Bald ein mehreres meine Freundin für heute genug  nicht wahr 
    
                                                                         Amalie
 
                                   CIV Brief
                                   An Amalie
Dass die Weiber doch so sehr geneigt sind auf Extremitäten zu verfallen  Ein
unstreitiger Beweis dass unsere weichen empfänglichen Herzen nur zu leicht in
Schwachheiten ausarten besonders wenn wir nicht daran gewöhnt sind aufmerksam
über uns selbst zu wachen 
    Teure Amalie  Bei Allem was Dir wert ist beschwöre ich Dich gib in
deiner Lage auf dein Herz Acht  Übersiehst Du darinnen nur den geringsten
Flekken dann bist Du für Ehre und Rechtschaffenheit verloren  Ich kenne zwar
deine reine unbefangene Seele deine eingeschränkten Begierden deine Ehrliebe
und bin überzeugt dass Dich bloß Lebhaftigkeit und Hass gegen das andere
Geschlecht zu solchen kleinen Eitelkeiten verleitet worüber Dir beim Nachdenken
selbst ekkeln wird  Ich bin versichert dass bei deiner lachenden Gestalt bei
dem Schein deiner Fröhlichkeit dein gefühlvolles Herz im Stillen an der
tödtlichsten Langeweile kränkelt  Der Ton der großen Welt ist eine armselige
Sache weil weder Redlichkeit noch aufrichtige Herzenssprache seine Unterhaltung
leitet Sich wechselsweise vorlügen einander die lächerlichsten Torheiten zu
Markte tragen helfen sich vieles sagen woran das Herz keinen Teil hat seine
offene vertrauliche Seele in heimliches Mistrauen hüllen zu müssen das Laster
in der ganzen Hässlichkeit unter mancherlei Gestalten ertragen lernen Schurken
und Betrüger nicht anfeinden dürfen  was hältst Du von so einem Zustand 
Kann es für ein empfindsames Herz etwas Unerträglicheres geben  Sind nicht
innerliches Misvergnügen und Abscheu die heimlichen Mörder deiner Zufriedenheit
 Stört nicht das Getümmel deine sanfte Gemütsruhe wenn die Augenblicke der
Überlegung zurückkehren  Warum willst Du Dich auf deine Unkosten an Unwürdigen
rächen die doch immer ungebessert bleiben werden  Ist so ein herzloses
Betragen so eine verstellte Vermummung deinem erhabenen Geiste wohl angemessen
gewesen  Dein Herz muss bittere Unzufriedenheit fühlen wenn Dir diese
glattzüngigen Heuchler mit schamloser Stirne Dinge vorschwazzen die deine
gutartige unverdorbene Seele empören  Wenn sie Dir auch in öffentlichen
Gesellschaften von der Eitelkeit und vom Beispiel angespornt vorschmeicheln
bis Du aus ihren Augen verschwindest treiben sie dann nicht hinter deinem
Rükken mit Vorurteil und übler Meinung ihr teuflisches Gespött und ihre
ehrenschänderische Verleumdung 
    Warum willst Du Dich wegen einem schlechtgesinnten Menschen ganzen Schaaren
seines gleichen aussetzen  Dein Herz wird dadurch nach und nach alles Gefühl
für Wohlwollen und Liebe verlieren  Die Gewohnheit des Welttons wird Dich zur
gefälligen Maschine umschaffen die sich mit abwesendem Herzen mit böser
Neigung mit gallsüchtigen Ideen nach den Wünschen der Mode dreht  Du wirst
Andern eben so wenig Gutes zutrauen als sie Dir zutrauen werden  Nein
Amalie  das ist nicht der Weg dein Herz vom MännerHass zu heilen 
Leichtsinn würde sich dabei einschleichen und Leichtsinn ist schon ein großer
Sprung zur Verderbnis des Herzens und zur Verunedlung der Seele  Rechne die
immerwährenden Verdrießlichkeiten das üble Urteil die schiefen Auslegungen der
Andern und die Bitterkeiten weg die Du hie und da von bösen Mäulern über dein
Betragen wirst hören müssen und was bleibt Dir dann übrig als ein zerrissenes
Herz  Ich kenne deine Empfindlichkeit für deinen guten Namen ich weis dass
die geringste Anmerkung Dich bis in den Tod kränken kann  Und nun urteile von
meinem Kummer über deine kleinen Verirrungen 
    Halte meine Erinnerungen nicht für Verdacht wegen deinem Lebenswandel  Ich
kenne das Innerste deines Herzens weis recht gut dass es bloß Schiksale und
erlittene Mishandlungen sind die Dich zuweilen auf eine kurze Zeit verstimmen
 Dein gutes Gemüt deine fühlende Seele dein feuriger Kopf bedürfen bloß
einer guten Leitung  Die sanfte Vermahnung einer guten Freundin wird dein
gekränktes Herz deine verwirrten Sinnen von den Irrtümern reinigen die Dir am
Ende gefährlich werden könnten  Du bist warm für Tugend und Moral und wirst
nie eines Lasters fähig sein  Aber auch Schwachheiten muss die Denkerin zu
vermeiden suchen  Schwachheiten die ihr den Schein der Rechtschaffenheit
benehmen  Die Lobsprüche Anderer zu erwerben soll nie die Triebfeder unserer
guten Handlungen sein sondern eigene Ruhe und Bestreben nach Glückseligkeit zu
der wir geschaffen sind  Ich kann zwar von deiner Jugend nicht jene
zurückhaltende Ernsthaftigkeit fodern welche zu behaupten dein Feuer nicht
zulässt  nichtsdestoweniger bitte ich Dich handle mit Klugheit bewache dein
Herz verunstalte nicht durch Leichtsinn deine Seele und liebe
    
                                                              Deine besste Fanny
 
                                   CLV Brief
                                    An Fanny
                      Meine teuerste liebste Freundin 
Sei doch ruhig meine fieberische Hizze hat sich gelegt der abscheuliche Nebel
ist vor meinen Augen verschwunden mein Blut strömt wieder gelassener und ich
schäme mich izt meines Leichtsinns  Wie konnten mich doch die Torheiten
Anderer ergözzen die sich unterdessen über meine eigenen belustigten  Wo nahm
ich die Geduld her in Gesellschaften der großen Welt meine Ohren mit Unflat
anfüllen zu lassen da sich indessen mein unverdorbenes Herz darüber entsezte 
Eroberungen von dieser Art sind der Auswurf der Natur weil dadurch gutdenkende
Frauenzimmer so leicht verführt werden  Und ich Verblendete erinnerte mich
nicht eher an diese Wahrheit bis jener schielende Wollüstling mich zur feilen
Buhlerin herabwürdigen wollte 
    Bei einer Gelegenheit wo seine verabscheuungswürdigen Begierden den
höchsten Gipfel erreicht hatten nahm er seine Zuflucht zum elendesten
Hilfsmittel das man jeder Verworfenen anträgt  zum Eigennutz  In einer
unbegreiflichen Geschwindigkeit lag ein Wechsel in meinem Schoose  Nur der
Wohlstand hielt mich noch zurück das Papier in Stükke zu zerreißen und ihm
dieselben ins Angesicht zu werfen  Schon hob ich in dieser Absicht meine Hand
in die Höhe als ich darauf die Unterschrift jenes jungen Mannes erblikte Eine
Andere würde sich vielleicht aus Rache an dieses Geschenk gehalten haben um
denjenigen als Schuldner demütigen zu können der auf eine so niedrige Art bei
mir eine Bekanntschaft endigte die er mit so vielen Beteuerungen der Liebe
angefangen hatte  Aber auch nicht der kleinste Gedanke einer solcher
Entschädigung stieg in meiner Seele auf  Ein ängstliches wehmütiges Gefühl
bemächtigte sich meiner die Tränen rollten häufig auf meinen Busen und
schluchzend stellte ich dann dem Wollüstling den Wechsel wieder zu  Beleidigte
Ehre über diesen schändlichen Antrag erneuertes Andenken an den Unwürdigen das
WonneGefühl mich nicht rächen zu wollen erzeugten in mir ein Gemische der
unbeschreiblichsten Empfindungen  Izt erst fing ich an zu fühlen welchen
Beschimpfungen mich meine leichtsinnige Schäkkerei ausgesezt hatte  Ich
empfand die ganze Demütigung dieser Behandlung sah mich erniedrigt
herabgesezt und empfindlich beleidigt  Mein Herz meine Ehrliebe meine
Vernunft und meine moralische Überlegung wachten plötzlich in mir auf und nun
trat meine sonst gewöhnliche tiefsinnige Laune wieder an ihre vorige Stelle 
Sei mir gesegnet Nachdenken dir allein habe ich meine Rükkehr zu danken und
durch dich werde nun jede meiner Handlungen geleitet welche Bezug auf meine
Ruhe auf die Verbesserung meines Herzens auf meine Glückseligkeit haben kann 
    Bist Du nun mit deiner reuigen Freundin zufrieden liebe Fanny  Würdest Du
mich wohl zanken wenn ich Dir izt die Nachricht von einer neuen Bekanntschaft
mit einem jungen Manne mitteilte  Aber gewiss einer Bekanntschaft die Dir in
Rüksicht meiner keinen Kummer machen darf und die meiner Achtung nicht unwürdig
ist sonst würde ich sie nicht angefangen haben 
    So viel kann ich Dich versichern dass der erste Besuch dieses Jünglings
meine ganze Aufmerksamkeit rege gemacht hat  Sein offenes Wesen ist beim
ersten Anblick äußerst auffallend begleitet mit einem gewissen edelen Stolz der
sich nicht zu den gewöhnlichen Schmeicheleien herabwürdigte womit mich sonst
die meisten jungen Leute überhäuften 
    Noch ist zwar das Mistrauen gegen das männliche Geschlecht zu tief in mein
Herz eingeprägt um die guten hervorragenden Züge des moralischen Karakters
eines Individuums aus demselben in unserm verdorbenen Jahrhunderte nicht für
eine blose Erscheinung zu halten  Vielleicht bald ein mehreres von diesem
jungen Manne  Lebe indessen wohl meine Besste und erinnere Dich recht oft an
    
                                                                   Deine Amalie
 
                                  CLVI Brief
                                   An Amalie
Gewis meine Freundin ich wusste es zum voraus dass Du bald wieder von deinem
Leichtsinn zurückkehren würdest  GalanterieBeschäftigungen leeres Wortspiel
mit deinen faselnden Anbetern gab deinem Herzen nicht jene beruhigende Nahrung
deren es zu seiner Zufriedenheit bedarf  Der Grund der Rechtschaffenheit ist
in deiner Seele schon zu stark befestigt als dass ihn das vorüberrauschende
lokkende Laster erschüttern noch viel weniger zerstören könnte  Deine kleinen
Fehler sind bloß das Werk eines Augenbliks wozu Dich meistens deine angeborene
Lebhaftigkeit verleitet Ein einziges gutes Wort zur rechten Zeit angebracht
ist hinreichend deine weiche fürs moralische Gefühl so empfängliche Seele zu
rühren  Siehst Du liebes trautes Malchen so gut kenne ich Dich 
    Jener schielende Wollüstling hat Dich auf die niederträchtigste Art
angegriffen  kein Wunder dass er von deinem edelen Stolz mit aller Verachtung
abgewiesen wurde  Dass Du Dich bei diesem Anlass an deinem ehemaligen Anbeter
nicht rächtest sieht deinem Herzen ganz ähnlich weil es von Jugend auf zur
Großmut gebildet wurde  Indessen glaube ich doch dass der Wankelmut dieses
jungen Mannes wirklich mehr aus Mangel an festem Charakter als aus Bosheit
herrührte obgleich ein gutes Herz ohne Standhaftigkeit eine bettelhafte Gabe
ist 
    Ich für mein Teil möchte nicht das Weib eines Mannes werden der noch in
KnabenSchuhen stekt  So ein schüchternes Männchen kann ja jede
FraubasenGrille zittern machen  Nach meinem Begriff muss derjenige der auf
das Wort Mann Anspruch machen will Kopf zum Denken Kraft zum Ausführen und
Stärke zur Verteidigung seiner Unternehmungen besizzen vorausgesezt dass der
überlegende Mann nichts unternimmt was er nicht auszuführen im Stande ist 
    Wenn sich das Machtwort Mann nicht durch seine feste Beharrlichkeit
auszeichnete so könnte jeder Swachkopf jeder Taugenichts jedes unnüzze
Bürschchen damit auftretten Aber es sind zwei verschiedene Dinge bloß damit
prahlen und mit der Tat beweisen dass man diesen Namen zu tragen verdient 
Was in der Liebe nicht wider Rechtschaffenheit und Tugend geht soll für den
Mann gar kein Hindernis sein  Lässt er sich durch Vorurteile einnehmen und
wird wortbrüchig so ist er nicht Mann sondern ein Kind dem man die Rute
geben muss wenn es an das Gängelband gewöhnt allein zu gehen wagt eh es die
Kräften dazu besizt und dann fällt und schreit durch die Züchtigung gewarnt
lässt es sich alsdann gutwillig wieder das Gängelband anlegen  Genug von dem
herrlichen Worte Mann das leider durch die meisten die sich dasselbe zueignen
geschändet wird Die wenigen guten Ausnahmen die diesem Worte Ehre machen
müssen uns für die übrigen entschädigen Da ohnehin so ein gebrechliches Männchen
von einem Weibe oder wohl gar von einem feurigen munteren Schulknaben über den
Haufen kann gestoßen werden und ohne alle Schonung aus Strafe meistens in
den Kot sinkt je nun so lassen wir den Feigen liegen bis ihn ein
Riechfläschchen wieder aus seiner Ohnmacht zu Sinnen bringt 
    Übrigens teures Malchen bin ich mit deiner Reue sehr wohl zufrieden 
Aber was soll denn die Schüchternheit womit Du mir deine neue Bekanntschaft
entdekkest  Ist sie vielleicht wohl gar der Beweis dass Du wegen der Gefahr
der Du Dich abermals dadurch aussezzest Vorwürfe zu verdienen glaubst   O
ich werde Dir über den Umgang mit dem andern Geschlechte nie welche machen
besonders wenn Du Dich von den häufigen Schmeichlern zu entfernen suchest Diese
kriechenden giftigen Insekten übertäuben so gerne die Vernunft eines
Frauenzimmers um desto bequemer den Zutritt zu ihrer Leichtgläubigkeit zu
finden  In der Tat meine Freundin edler Stolz in einem Jüngling ist schon
ein Karakterzug welcher Verehrung verdient weil durch ihn das Gefühl der
Rechtschaffenheit in Tätigkeit gebracht wird 
    Oft zeigt sich aber auch unter dieser Larve nur Afterstolz indem sich
mancher Jüngling dadurch aus Eitelkeit als Sonderling auszeichnen will  O der
Charakter der Männer ist in so vielen Stükken unerklärbar  Irre Dich ja nicht
über diesen Punkt wenn Du jenen Jüngling näher zu untersuchen Lust hast  Du
kennst ja meine Besorglichkeit und die Liebe mit der ich ewig bin
    
                                                                    Deine Fanny
 
                                  CLVII Brief
                                    An Fanny
Nicht wahr teures Mädchen Du wirst doch ungefähr wohl merken warum ich Dir
schon einige Wochen nicht schrieb  Wenn man so mit der philosophischen
Untersuchung eines Karakters beschäftigt ist wie ich kann man dann wohl viel
übrige Zeit zum schreiben finden  Du hast es erraten Freundin Ganz gewiss
hatte ich Lust den moralischen Charakter meines neuen Freundes denn so darf ich
ihn izt ohne Bedenken nennen näher kennen zu lernen  Seine öfteren Besuche
die er ununterbrochen fortsezt erleichtern mir meine Einsamkeit unendlich 
Wir philosophiren oft ganze Stunden zusammen täglich verrät sein Charakter mehr
Festigkeit und Wärme für Freundschaft und Tugend  Sein Betragen übertrift ganz
meine Erwartung so wie es vielleicht die deinige übertreffen würde wenn Du ihn
solltest näher kennen lernen  Nein liebe Fanny nicht AfterStolz besizt er
sonst würde er sich an meiner Seite schon längst bis zum Gekken herabgewürdigt
haben der sich aus verstekter Eitelkeit so gerne vom Frauenzimmer bewundern
lässt weil er Verdienste zu besizzen glaubt 
    Er ist gerade das Gegenteil ich kann sein biederes ungeziertes offenes
Betragen nicht genug bewundern das so ungeschminkt ist und nicht an die
geringste Galanterie gränzt woran die meisten unserer jezzigen Jünglinge
kränkeln  Ein eitleres undenkendes Frauenzimmer würde vielleicht in seinem
philosophischen Umgange wenig Zeitvertreib finden selbst meine kleine Eitelkeit
fand bei seinem troknen Betragen nicht ihre Rechnung ich wusste mir seine
Zurükhaltung bei den so oft wiederholten Besuchen nicht recht zu enträtseln 
ganz natürlich hies mich mein Stolz den nämlichen Ton bestimmen und so blieben
wir beide einige Zeit lang in einer gewissen Entfernung die mir für unsere
Freundschaft zu kalt dünkte und die mich ohne zu wissen warum heimlich
ärgerte 
    Endlich würdigte er mich seines Zutrauens ich musste hören dass er ein
Mädchen liebte mehr liebte als sie es nach seiner Erzählung verdient  Er
hätte immer mit dieser Nachricht noch schweigen können sie hat mich so sehr
gegen dies undankbare Geschöpf aufgebracht dass er vielleicht gar meinen
Unwillen bemerkt hat  Ewig Schade für sein Herz dass es in solche Hände
geraten musste 
    Ich möchte doch das nasenweise Ding gerne kennen das mit der
leidenschaftlichen Neigung eines Jünglings wie eine wahre Kokette spielt  Und
doch ist der gute Junge noch so entzükt so begeistert von diesem Mädchen O
wäre er nicht so sehr mein Freund ich würde ihm Unbesonnenheit vorwerfen  Ich
muss mich in dieser Sache über alles das sehr behutsam gegen ihn betragen sonst
könnte er leicht auf den Gedanken geraten ich beneidete einigermaßen sein
Mädchen Er ist zu viel Menschenkenner als dass ich ihm entwischen könnte Ob er
gleichwohl nicht die geringste Eitelkeit besizt so möchte ich mich doch von
dieser Seite nicht gerne bloß geben weil es mir zu sehr um seinen Beifall zu
tun ist  Und würde ich diesen moralischen Beifall nicht verscherzen wenn ich
nicht Herr über den so natürlichen weiblichen Neid sein könnte  O ich will
gewiss alles anwenden um als Freundin seiner ganzen Achtung würdig zu werden 
    Aber sein Mädchen wird doch nicht den tollen Einfall bekommen ihn aus
Eifersucht meinem Umgang zu entreißen  Ohne seinen herrlichen Umgang würden
mir izt die Stunden tötlich lange und er wäre wahrlich gegen sich selbst
strenge genug mir seine Besuche zu entziehen wenn sie auf diesen neidischen
Gedanken geraten sollte und das würde mich sehr kränken 
    Leztin empfand ich über seine Gewissenhaftigkeit in der Liebe Freude und
Ärger zugleich Ärger weil mir seine übertriebene Kälte ein Bischen
unerträglich wurde und Freude weil ich ihn als ein Muster der
Rechtschaffenheit bewundern musste der es in seiner Treue so weit treibt dass er
noch nicht einmal eine von meinen Händen berührt hat  Mich dünkt ein Bischen
wärmer dürfte er denn doch gegen eine Freundin immer sein er kennt ja meine
Denkungsart ich würde ihn nie zu einer Treulosigkeit verleiten Du weist wie
sehr ich so etwas hasse weil es mein Herz ebenfalls zerreißen würde wenn ich
an seines Mädchens Stelle wäre Aber es ist bei allem dem so verdrießlich dass er
meine Hand so nachlässig herunterhängen lässt wenn er mich bisweilen am Arme
führt  In der Tat sein Mädchen ist sehr glücklich  O die Bösartige dass sie
ihn nicht mit offenen Armen empfängt und ihn für seine äußerste Liebe noch mit
Ungewisheit martern kann 
    Gestern übermannte mich der Eifer so sehr dass ich ihn geradezu fragte ob
denn dieser Verlust unersezlich wäre  Ich erschrak sehr über meine unüberlegte
Frage aber sein argloses unbefangenes Herz gab ihr keine üble Deutung  Dass
er sich aber auch so leidenschaftlich um die Liebe eines Mädchens bemüht die
seiner unwürdig zu sein scheint  Gott  wie unglücklich sind Seelen von dieser
Gattung in der Liebe wenn sie der Zufall auf fühllose Geschöpfe stoßen lässt 
    Was mich noch am meisten staunen machte ist seine Beharrlichkeit bei allem
ihrem abscheulichen Betragen indem er mir rund weg ins Gesicht sagte
    »Nein Madame so lange mein Mädchen keine Entscheidung von sich gibt eben
so lange befiehlt mir mein Ehrengefühl an keinen Ersaz zu denken Ich merke
zwar dass sie nicht das Mädchen ist die mein Ideal ausfüllt aber sie zeigte
mir heimliche Leidenschaft sie ist vielleicht zu schüchtern um sich ganz zu
erkennen zu geben und sollte ich Bösewicht genug sein können ihre Hoffnungen zu
täuschen« 
    Mit diesen Grundsäzzen kannte ich noch keinen Mann  Tränen stürzten mir
über die Entdekkung seines feinen Gefühls in die Augen  zum Glükke wandelten
wir gerade auf einem Spaziergang im Dunkeln und er bemerkte meine Rührung nicht
 Mein Herz war beklommen mit Mitleid angefüllt über sein Schicksal  und so
verließen wir uns 
    Was hältst Du von einem solchen Jüngling  Ist sein Mädchen nicht
glücklicher als deine Freundin der das ungünstige Schicksal ein solches edles
Geschöpf zuschikte  Tausend Küsse von
    
                                                                  Deiner Amalie
 
                                 CLVIII Brief
                                   An Amalie
Nun da haben wirs ja schon wieder verliebt und noch obendrein so ernstaft so
verborgen dass Du selbst nicht einmal weist was in deinem Herzen vorgeht
    Noch schleicht die Liebe diese allmächtige Beherrscherin bei Dir unter dem
Dekmantel der Freundschaft umher aber nimm Dich in Acht Freundschaft unter
zwei Gefühlvollen ist ein gefährlicher Schleichhandel der schon so oft in Liebe
übergieng 
    Wenn dein ernsthafter empfindsamer Freund wirklich so ernstaft ist als Du
mir ihn schilderst dann ist er gewiss auch meiner Achtung würdig  Doch wer
bürgt mir in deinem jezzigen Zustande für die Richtigkeit deiner Beurteilung 
Sein liebenswürdiger Charakter ist zu ausgezeichnet als dass er auf ein
Frauenzimmer wie Du bist keinen Eindruk machen sollte  Er mag immer ein
vortrefflicher junger Mann sein  Du bist es ihm schuldig ihm Gerechtigkeit
wiederfahren zu lassen  aber deine heimliche Neigung könnte leicht mehr für
ihn sprechen als deiner Ruhe dienlich wäre 
    O es ist für ein denkendes Frauenzimmer eine zu reizbare Versuchung den
Mann zu entdekken der auch die geringsten seiner Begierden zu unterjochen weis
der sich in der Liebe nicht durch kleine Galanterien zu größeren Vergehungen
verleiten lässt  Und dieser so schöne Zug aus deines Freundes Charakter hätte
er wohl deine unzufriedne Ahndung verdient wenn dein Herz nicht im Stillen
Wünsche nährte deren sich deine Vernunft schämt  Schlüge dein Inneres nicht
jetzt schon für Liebe die Nachricht von seiner Verbindung mit jenem Mädchen
würde Dich gewiss nicht so erschüttert haben  Merkst Du denn noch nicht wo
dein Herzchen mit all diesen Äußerungen hinaus will  Hat dein feuriger
Unwille der merkbare kleine Neid der noch immer mit der schüchternen
Zurükhaltung streitet etwa nichts zu bedeuten das an Liebe gränzt  He
Weibchen  He  Glaube mir in der Freundschaft bedauert man einander nicht
mit solcher stürmischen Heftigkeit Mitleiden in dergleichen Fällen ist der
nächste Schritt zur Liebe 
    Aber um Vergebung besstes Malchen sollte ich deiner Neigung hierinnen nicht
ein Bischen Übereilung zur Last legen  Hast Du denn auch die Folgen
überdacht  Um Gotteswillen bedenke wenn sein Mädchen wirklich heimliche
Leidenschaft für ihn fühlte wie er vermutet und er fühlte dann ohne es
selbst recht zu wissen für Dich und Du für ihn was entstünde wohl hieraus für
ein Kaos  Und wer müsste sonst wohl das Opfer dieser Leidenschaft werden als
Du  Täuscht euch ja nicht länger lieben Kinder mit eurer Freundschaft brich
entweder die Bekanntschaft auf der Stelle ab oder Er mag ihr eine andere
Wendung geben so bald er überzeugt wird dass sein Mädchen eine Undankbare ist

    So viel mich dünkt kettete ihn der Zufall und ein leeres unbeschäftigtes
Herz an sie und ich wollte alles darauf setzen das Mädchen gefällt ihm nicht
mehr seitdem er Dich kennt noch streitet er mit Liebe und Pflicht noch kämpft
er mit unbekannten Empfindungen aber gewiss nährt sein Herz den heimlichen
Wunsch dass ihn sein Mädchen zurückweisen möchte so viel habe ich aus seiner
Äußerung gegen Dich geschlossen  So stumm auch immer sein Mund ist so
übereilt auch seine Handlungen sind so wenig er sich auch an deiner Seite zu
deinem Vorteil zeigt desto mehr sprechen seine häufigen Besuche 
    Werde mir aber ja nicht eitel Malchen wenn ich Dir sage dass ich in das
Herz deines Freundes und in das deinige hineindrang und in dem ersten Spuren
entdekte die deiner Eigenliebe schmeicheln können  Der junge Mann besizt
Kopf Gefühl und Geschmak glaubst Du also nicht dass er in der Liebe etwas ihm
ähnliches suchen wird  Ich kenne zwar sein Mädchen nicht aber ich weis dass
es wenige Mädchen gibt die einen verdienstvollen Denker zu fesseln wissen 
Blos aus Pflicht hängt er noch an ihr  Ein schönes Wort für den ehrlichen
Mann aber welch ein Unterschied zwischen kalter Pflicht  und wirklicher Liebe
 Sei behutsam teure Freundin sei behutsam warne deinen Freund vor
SelbstTäuschung flösse auch ihm Behutsamkeit ein und erinnere Dich an die
Ermahnungen deiner Freundin
    
                                                                          Fanny
 
                                  CLIX Brief
                                    An Fanny
Liebe Fanny mit aller deiner philosophischen Beurteilungskraft hast Du Dich
für diesmal wie mich dünkt doch geirrt  Oder beharrst Du denn ganz
eigensinnig auf deiner Entdekkung  Liebe ist mir doch nicht so unbekannt um
ihr Dasein nicht zu bemerken  Man muss ja nicht gleich lieben kann man denn
nicht mit der süßen Freundschaft zufrieden sein wenn man Kopf genug genug hat
die Wonne derselben ohne Begierden zu genießen  Ich würde mich zu Tode
schämen wenn mein Freund hierinnen mehr Selbstbeherrschung besizzen sollte als
ich 
    Was kann denn ich davor wenn seine Denkungsart sein Betragen sein Herz
mir täglich mehr gefällt mich mehr entzükt  Das sind Verdienste die eine
moralische Zuneigung erzeugen können welche aber von der Liebe bei der sich
doch immer etwas Sinnliches einmischt noch weit entfernt ist 
    Ich gestehe es seine Grundsäzze in der Liebe sind hinreißend werden ein
jedes Mädchen glücklich machen aber sie sind nicht für mich sie sind für
eine andere bestimmt Es kann sein dass sich mein Herz im Stillen
vorübergehenden kühnen Wünschen öffnete was tut man nicht aus Übereilung 
Die Nachricht seiner Verbindung hat mich niedergedonnert es ist wahr doch mehr
in Betracht der unverschämten Koketterie seines Mädchens als der Entdekkung
einer Neuigkeit die mir willkommen sein musste  Oft glaubt der Mensch sein
Ziel erreicht zu haben und greift nach einem Schatten  Dass ich sein
Mädchen beneide leugne ich auch nicht aber beneidet man nicht auch oft Dinge
aus Grille  Ich habe noch mehr getan als ihn bloß bemitleidet  ich habe ihn
sogar angefeuert bei seinem Mädchen auf die Entscheidung seines Schiksals zu
dringen damit er doch einmal ruhig wird der gute Junge der um dieser
Zaudererin willen mit der schröklichsten Ungewisheit ringt  War ich diesen
Rat nicht der Freundschaft schuldig  Du möchtest mich doch gar zu gerne
verliebt sehen 
    Welches feindselige Geschikke ihn zu diesem unwürdigen Mädchen führte weis
ich nicht aber so viel weis ich dass er schon oft sagte sie wäre wirklich
nicht mehr das Mädchen die seinen moralischen Forderungen entspräche  Ob er
nun an mir etwas besseres findet darf ich aus Bescheidenheit nicht bestimmen
wenigstens kämpft er seit einiger Zeit mit der äußersten Schwermut  ohne sich
jemals herauszulassen dass ich ihm mehr als Freundin bin 
    Ich bleibe bei meinem Saz das Mädchen ist und bleibt eine fühllose Kokette
sonst würde sie ihm nicht einen Tag alle möglichen Aufmunterungen der Liebe
anbieten und den folgenden durch Sprödigkeit und Ziererei wieder alle Hoffnungen
zernichten  Empfände ich nicht Mitleiden mit seinem Kampfe ich würde ihm
diese gutherzige Blindheit derb verweisen  Aus Mitleid aus Freundschaft habe
ich ihn zu einer Untersuchung ihrer Gefühle beredet  Ich überlasse die
Entwiklung dem Schiksale und bin mit seinen Fügungen zufrieden  
    Ha  Man pocht  Es ist mein Freund er kommt von seinem Mädchen Ich
weis nicht warum ich so zittere
    Er rief mir freudig entgegen »Mein Schicksal ist entschieden  Ich bin
glücklich« 
    Gott im Himmel  Was ging in diesem Augenblick in mir vor Die Wehmut
übermannte mich sie presste mir bei dieser Nachricht Tränen aus  Ich konnte
an der Zufriedenheit meines Freundes keinen wahren Anteil nehmen sein Glük
dünkte mich der Anfang meines Unglücks O meine Fanny  Deine weissagende
Seele Du hast Recht ich liebe ihn 
    Ha ich möchte vor Schamröte vergehen dass ich Dich dass ich ihn dass ich
mich so lange täuschen konnte  Um deiner Liebe willen halte mein Läugnen nicht
für Verstellung ich wusste selbst nichts von dieser Leidenschaft Gott  was
ist der Mensch für ein schwaches Wesen  Wie wenig kennt er sich selbst bis
ihn die Leidenschaften überraschen 
    Ich kann Dir liebe Fanny diesen Auftritt nicht so lebhaft schildern als
ich ihn fühlte O die grässlichen Worte Mein Schicksal ist entschieden  Ich
bin glücklich  raubten mir alle Fassung  Kaum vermochte ich noch die Frage
herauszustottern »Und wie ist es denn entschieden« 
    Die Freude die ich bei dem Eintritt auf seinem Gesichte las tödtete in mir
alle Hoffnung ihn je zu besizzen  Schon fühlte ich die entwikkelte Liebe und
mein Unglück in all seiner Stärke meinen Verlust in seinem ganzen Gewichte
meine hofnungslose Liebe mit einer Ewigkeit voll Jammer begleitet  Nach
meinen Empfindungen zu urteilen muss dies der einzige Mann in der Schöpfung
sein der mir bis izt mangelte 
    Aber stelle Dir mein heimliches Entzükken vor als er mir in wenigen Minuten
darauf gerade das Gegenteil von dem sagte was mich so gebeugt hatte als er
mit fröhlichem Herzen anfing
    »Sie haben mich unrecht verstanden Ich bin frei das Mädchen liebt mich
nicht hat mich nie geliebt sie hob auf meine dringende Bitte alle Hoffnung zur
Gegenliebe auf aber mit einer Kälte mit einer Kälte die meinen ganzen Stolz
empörte« 
    Dieser rasche Übergang diese glückliche Täuschung wirkte so sehr auf mich
dass ich in lautes Weinen ausbrach  Ich beredete ihn dass es Tränen der
Teilnahme Tränen der Freundschaft wären  aber es waren Tränen der
Liebe  O meine Freundin wenn er meine Leidenschaft nur nicht bemerkt hat 
Wenn er nur auch für mich so viel empfände  Oder wenn er nur nicht so viele
ausgezeichnete moralische Reize besäße 
    Darf ich Den zu lieben erröten  Den der alle Geistesvorzüge besizt 
der die Beleidigung dieser Kreatur mit keinem bitteren Wörtchen ahndete  der
wie ein sanfter Engel ihre Falschheit bemitleidete und seinem Herzen aus edelm
Selbstgefühl Richtung gab  Den der so ganz das Ebenbild meines Ideals ist 
Den auf dessen Herz auf dessen moralischen Charakter auf dessen Talenten eine
jede Denkerin stolz sein würde 
    O Dank dir AlltagsMädchen Dank dir dass du ihn nur der Schaale nach
beurteiltest dass du in ihm den galanten Modegekken vermisstest der deiner
dummen Eitelkeit besser würde geschmeichelt haben dass du seinen innern Wert
aus eigener Verdienstlosigkeit nicht entdektest  Verzeihe meine Freundin wenn
ich hier abbreche Gibt es für meine Empfindungen eine Sprache 
    
                                                                         Amalie
 
                                   CLX Brief
                                   An Amalie
                               Liebes Malchen 
Ich sollte Dich zwar ein Bischen zanken weil Du mir deine Leidenschaft so
eigensinnig wegläugnetest aber es liegt einmal in der Natur der Liebenden dass
sie sich lange genug selbst täuschen und dann  was verzeiht man nicht einer
Freundin deren feurige Einbildungskraft deren fühlende Seele so leicht von der
Liebe kann überrascht werden 
    Alles gut liebes Malchen alles gut dein Freund ist ein herrlicher Junge
Melde mir aber noch mehrere Züge aus seinem Charakter und dann will ich Dir erst
sagen ob Du ihn zum Gatten wählen darfst  Verstelle Dich gegen ihn wenigstens
nur so lange bis Du gewiss bist dass er Dich eben so heftig liebt dass er sein
voriges Mädchen ganz vergessen hat oder ob es bei ihm nur augenbliklicher
Affekt war  Die Liebe ist eine wunderliche Sache je mehr ihr Hindernisse
aufstossen desto eigensinniger wird sie  Ich bin zwar überzeugt dass dein
Freund Denker genug ist um ein Mädchen zu verachten zu vergessen die ihn so
mishandelte 
    Dieser Bedenklichkeiten ungeachtet befiehlt Dir der Wohlstand deine Liebe
nicht eher zu zeigen bis Du dazu aufgefodert wirst  Lasse Dir nur die Zeit
nicht lange werden dein Freund wird bald mit einer Erklärung von selbst
herausrükken Mich dünkt seine Fröhlichkeit über die Entscheidung seines
Schiksals ist nichts weiter als Liebe für Dich  Mit deinen Tränen hättest
Du wohl an Dich halten können es lässt gar nicht schön wenn verliebte
Frauenzimmer weinen  Doch Spaß beiseite sei aufmerksam auf die fernere
Handlungen deines Freundes und statte mir treulichen Bericht davon ab  Ich
würde Dir heute gerne mehr schreiben aber mein Karl will durchaus mit mir
spazieren gehen und ei sieh da nun nimmt er mir gar mein Tintenfass weg 
Ich muss also wohl schließen 
    
                                                                    Deine Fanny
 
                                  CLXI Brief
                                    An Fanny
                           Traute liebe Freundin 
Du kränkst mich doch mit deinen vielen Bedenklichkeiten noch halb zu Tode  Ich
danke Dir immer für deine gütige Sorgfalt aber Du musst dich auch von dem guten
Charakter meines Freundes überzeugen wollen  Zu viel Furcht verbittert das
Leben nach mehreren Prüfungen wird übertriebenes Mistrauen endlich zur
Beleidigung  O und seine Seele ist doch so truglos seine Vernunft so
gebildet sein Herz so rein dass man ihm gut sein muss  Mitunter ist er
freilich ein Bischen Brauskopf eine Folge seiner Lebhaftigkeit die aber die
sanfte Güte seines Herzens gleich wieder entwaffnet Jede seiner Handlungen wird
von dem feinsten Ehrengefühl geleitet er fühlt die Erhabenheit seiner Seele
aber ist demungeachtet weder eitel noch hochmütig selbst in der Liebe die
seine einzige Glückseligkeit auszumachen scheint kann er nicht kriechen 
    »Für jetzt sagte er mir leztin für jetzt bin ich mit Ihrer Freundschaft
zufrieden Können Sie mir einstens mehr schenken dann ist mein Glük ohne
Gränzen  Aber ich werde nichts erbetteln nichts erschleichen nichts
ertrozzen« 
    Wie gefällt Dir dieser neue Zug aus seinem Charakter  Ist er nicht der
Beweis seines gefühlvollen edelen Stolzes  Wie unterscheidet sich der Edle von
den gewöhnlichen Männern die bei der Bekanntschaft eines Frauenzimmers alle
Kunstgriffe anwenden um eine eigennüzzige Eroberung zu erhaschen  Wie
absichtslos wie unbefangen zeigt sich seine Liebe wie weich wie empfänglich
ist seine Seele für jedes Gefühl der Tugend  Und in dies Geschöpf sollte ich
noch Mistrauen setzen  Ich sollte ihn noch länger von mir entfernen  Noch
länger nicht hinsinken an seinen warmen klopfenden Busen 
    Rede mir doch in Zukunft nichts mehr von seinem vorigen Mädchen  Er hat
er musste die Elende ganz vergessen sonst würde mir seine Vernunft verdächtig
geworden sein  Noch nie fand ich ihn in seinen Entschlüssen wankend er ist in
seinen Leidenschaften nicht Weichling er kennt den Wert der wahren Liebe und
weis sie durch Standhaftigkeit zu adeln  Bis Morgen bleibt dieser Brief noch
ungesiegelt hernach das Weitere 
                                                               Des andern Tages
Er ist vorbei der Augenblick der seligsten Vereinigung  Unsere Herzen haben
sich einander ganz aufgeschlossen  Wilhelm B gehört mein und wird es auch
ewig bleiben  Ha der Wonnetrunkenheit die mich berauschte als er den ersten
warmen Kuss auf meine glühenden Lippen drükte  Als er mich mit hinreissender
feuriger Begeisterung seine Gattin nannte  Wie er dabei so feurig mich an sein
lautpochendes Herz drükte und wie er doch mitten im Taumel der Liebe Herr über
seine gereizten Sinnen blieb  Ist das etwa nicht der größte Beweis seiner auf
Hochachtung gegründeten Neigung  Erhebt ihn nicht seine bescheidene
Schüchternheit über tausend andere AlltagsLiebhaber  Wo ich nur hinblikke
entdekke ich in ihm SeelenVollkommenheiten die mich entzükken  Gott  Wie
gränzenlos sind die Glükseligkeiten der ächten Liebe  Und alle diese
Glükseligkeiten warten in Wilhelms Armen auf mich 
                                                            Einige Tage hernach
So sind denn die Freuden dieses Lebens immer mit Bitterkeit gewürzt  Hätte ich
dies wohl vor einigen Stunden vermutet  Mein Gatte denn das ist er izt vor
Gott mein Gatte leidet wegen meiner von seinen Verwandten die schröklichsten
Verfolgungen  Sie hätten ihn gerne von mir gerissen die Habsüchtigen aber es
gelang ihnen nicht er kämpfte wie ein Biedermann bot dem Vorurteile Troz und
ist jetzt viel feuriger viel schwärmerischer wenn es je möglich ist als zuvor
 Hindernisse sind in der Liebe ein mächtiger Sporn aber er wird diese
Hindernisse alle übersteigen Kümmere Dich nicht meine Freundin er ist Mann
tausend noch ärgere Kabalen werden ihn doch nicht von der Seite seines Weibes
reißen  O ich kenne ihn er trägt ein teutsches Herz im Busen und würde aus
Liebe einer Hölle trozzen wenn sie sich gegen ihn auflehnte  Groß ist seine
Seele entschlossen sein Mut und unnachahmlich seine Zärtlichkeit  Künftigen
Posttag die sichere Nachricht von meinem Brauttag wenn nicht der Fluch des
Schiksals auf mir ruht nie nie glücklich werden zu dürfen 
                                                                         Amalie
 
                                  CLXII Brief
                                   An Amalie
Mein Malchen das verzeihe ich Dir in Ewigkeit nicht dass Du mir bis jetzt den
Namen deines Freundes verschwiegst  Wilhelm B wird dein Gatte Der liebe
B der so oft an dem vertrauten Busen meines Karls lag als sie zusammen in
G studierten  Jener B dessen große Seele dessen menschenfreundliche
Handlungen in ganz G bekannt sind  Jener B der sich zum Ärger
Anderer schon so frühe zum Denker emporschwang der allen Ergözlichkeiten der
Jugend entsagte um die Notleidenden unterstüzzen zu können  Mein Karl
beteuert dass er nie einen biederern Freund gehabt habe als ihn  Er
beteuert überall herrsche Feuer Wohlwollen mit reizender Begeisterung
begleitet in seinen Handlungen  O Du glückliches glückliches Weibchen  Karl
taumelt vor Entzükken  Eine herrlichere Überraschung hättest Du uns gewiss
nicht bereiten können ob sie gleich vielleicht wider deinen Willen geschah
denn ich glaube nicht dass Du von der ehemaligen Verbindung dieser zween Freunde
etwas gewusst hast  Das Schicksal entfernte sie von einander der junge B
ging auf Reisen mein Karl hatte das Gleiche im Sinne bis ich ihm dazwischen
kam seinen Plan scheitern machte und ihr Briefwechsel aus Zufall unterbrochen
wurde 
    Aber sage mir doch wie gerietest Du denn an diesen vortrefflichen Jüngling
 Wo lerntet ihr euch kennen  Wie ging denn das zu  Wie kam es  O dass Du
mir nicht auch alles bis auf den kleinsten Umstand schriebst  Um aller Welt
willen verhele ihm meine mistrauischen Anmerkungen  Er müsste mir gram werden
dass ich ihn freilich unbekannter Weise so beleidigen konnte  O Malchen 
Malchen  mein Entzükken über diese Entdekkung ist gränzenlos 
    Schmiege Dich fest an den Edelen und wenn seine Verwandten sich in Furien
verwandelten so lasse ihn doch nicht  An der Seite eines Wilhelm B wird
jedes Weib zur beneidungswürdigen Sterblichen  Und gesezt sie entzögen ihm
alle GlüksGüter so wirst Du bei seinen ausgezeichneten Talenten doch nie
darben dürfen 
    Wenn ich ihn doch nur schon von Person aus kännte Karl und ich können den
Augenblick kaum erwarten wo wir ihn sehen werden  Guter guter Vater im
Himmel so machst du denn meine Amalie auf einmal ganz glücklich  Hast Du ihn
endlich gefunden Freundin den der einer Amalie würdig ist  den der Dir in
Allem so gleicht als ob die Natur bei der Schöpfung nur Einen Gedanken nur
Einen Endzwek zur engsten Harmonie gehabt hätte  den der Dir alle trüben
Schiksale wird vergessen machen  den der Dir mir und meinem Karl Tränen der
innigsten Freude entlokt   Amalie es gibt WonneGefühle die die Zunge
fesseln aber das Herz desto mehr erweitern zur Empfänglichkeit für die Freuden
der Freundschaft das ist jetzt der Zustand deiner entzükten
    
                                                                          Fanny
 
                                 CLXIII Brief
                                    An Fanny
                          Teuerste liebste Fanny 
Ich habe Dir mit Vorbedacht den GeschlechtsNamen meines Wilhelms nicht früher
entdekt um dein Urteil desto unparteiischer zu vernehmen  Von der
Freundschaft zwischen Karl und Wilhelm deren Erneuerung meinem Gatten die
unaussprechlichste Freude machen wird wusste ich nicht das geringste bloß der
glückliche Zufall hat es entdekt  Ich halte mich überhaupt bei der Schilderung
eines Freundes nicht gerne lange bei Nebensachen auf am allerwenigsten bei
körperlichen Reizen an denen nur sinnlose eitle undenkende Frauenzimmer
kleben bleiben  Glüklicher Weise gehört meine Wahl auch in diesem für mich so
unbedeutenden Stükke nicht unter die geschmaklosen wie Du von deinem Karl hören
wirst  In der glücklichen Liebe müssen die körperlichen Reize immer den
moralischen nachstehen sonst wird dieselbe zur niedrigen AlltagsWare  Es
würde meinem Kopf ewig Schande machen wenn ich mich je bei der Wahl eines
Gatten vorausgesezt dass er von der Natur nicht ganz verwahrlost worden ist
bei meinen philosophischen Grundsäzzen so weit hätte verirren können 
    Ja meine Teuerste Wilhelm B ist es der meine zeitliche und ewige
Glückseligkeit ausmacht  Er ist jetzt mein Führer mein Freund mein Gatte mein
Alles in Allem  Wie ich an ihn geriet würde zum erzählen zu weitläufig
werden also nur in Kurzem Er lernte meine Denkungsart so wie ich die seinige
durch die Schilderung einiger Freunde kennen  Aus Ahndungen entstunden
Wünsche und diese Wünsche führten uns durch einen glücklichen Zufall zur
Bekanntschaft der wir beide mit Sehnsucht entgegen sahen 
    Du weist wie ich gerade zu derselbigen Zeit im Begriff war aus mürrischem
Menschenhass zum Leichtsinn überzugehen  als plötzlich Wilhelm kam und mich
zurückrief  So weit wie ich es trieb treibt es der schwache Mensch wenn ihn
das Schicksal verwirrt macht wenn sein gutes Herz von allen Seiten zerrissen und
seine Vernunft beinahe irre geführt wird  Gott Lob sie sind vorüber diese
Zeiten  ich erhielt einen Begleiter auf diesem gefährlichen Pfade wo man so
leicht strauchelt 
    Aber liebe Fanny sei doch kein Kind wie könnte Dir denn Wilhelm gram
werden wenn Du unbekannter Weise für mein Wohl sorgtest  Habe ich deinem
anteilnehmenden Herzen nicht schon bei der ersten Wahl eines Gatten den
unüberlegtesten leichtsinnigsten Streich gespielt  war ich nicht taub gegen
deine Ermahnungen  hörte ich nicht bloß auf meine gutherzige Hizze um mir
unbeschreibliches Elend einzutauschen  Du hattest ganz Recht mich zu warnen
ein junges Frauenzimmer hat nie zu viel Welt nie zu viel Kopf um in der Liebe
vorsichtig genug zu handeln Möchten sich meine Leserinnen mein ausgestandenes
Elend tief in ihr Herz schreiben wenn ein Spieler ein Wollüstling oder sonst
ein niedriger Schurke ihre Leichtgläubigkeit ihre Sinnen durch heuchlerische
Schmeicheleien durch zudringliche Kunstgriffe zu übertäuben sucht 
    Doch endlich meine Besste sind sie zu Ende meine Leiden und die
Verfolgungen die wir wegen unserer Liebe dulden mussten durch die
Standhaftigkeit meines Wilhelms überwunden  Mein SchauspielerStand beleidigte
seine hochnasigte Familie die sich doch der meinigen nicht zu schämen hat 
Aber Wilhem trozte diesen Schimären und hörte bloß auf die Stimme der Vernunft
der Redlichkeit und der Liebe  Seine feurige Einbildungskraft gibt der Liebe
einen Schwung den vielleicht wenig Jünglinge in unserm flatterhaften
Jahrhunderte erreichen werden wenigstens gewiss nicht mit solchen durchdachten
Grundsäzzen mit so vieler Überzeugung einer zukünftigen Glückseligkeit mit dem
warmen Ausguss des bessten Herzens wie meines Wilhelms Liebe ist 
    Gott ist mein Zeuge dass aus diesem braven Jüngling nicht überspannte
RomanenSprache spricht seine Liebe ist auf Überlegung gegründet sie entstand
allmählig er lernte mich durch Umgang kennen fand seine Wünsche in
Wirklichkeit gebracht und SeelenHarmonie vereinigte uns auf ewig  Alle
Nebenabsichten denen der schwachköpfige Jüngling anhängt mussten bei seiner
beispiellosen Liebe weichen  Nicht unbesonnenes jugendliches Feuer benebelte
seine Sinnen sondern tiefe Überzeugung dass ich das Glük seines Lebens
ausmachen würde entschied seine Wahl   Glänzendere Aussichten die Gunst
seiner Familie Verschiedenheit unseres Standes Unterschied der Religion dein
Karl wird Dir vermutlich schon gesagt haben dass er ein Protestant ist und
noch mehr dergleichen tirannische Vorurteile unterjochte er mit einem
philosophischen Mut der mich staunen machte 
    Unnennbar ist meine jezzige Glückseligkeit Entzükken Wonne GattenLiebe
und die süßeste Schadloshaltung für meine ehemalige Schiksale strömen nun mit
unaussprechlicher Freude in mein Herz  Oft lässt mich diese Himmelswonne kaum
zu Atem kommen  Oft muss mein Wilhelm die Tränen der Freude stromweis von
meinen Wangen wegküssen um das süße melankolische Gefühl zu zerstreuen das mich
auf Kosten meiner Gesundheit zur träumenden Schwärmerin macht  In diesem
Zustande würde ich bloß taumeln und nicht wachen 
    Alle meine Wünsche sind jetzt erfüllt Mein gutes Herz hat noch ein besseres
gefunden meine Seele kann sich in ihr Ebenbild ergießen mein Geist findet
durch Wilhelms Vernunft Nahrung meine kleinen Schwachheiten stehen izt unter
der Obsicht eines gütigen liebevollen Gatten meine Grundsäzze werden durch
seine herrliche Philosophie fester und mein Herz findet Anlass sich mehr zu
veredeln um es der Glückseligkeit empfänglich zu machen zu der wir von der ewig
weisen Vorsicht bestimmt sind 
    O du solltest Zeuge unserer gegenseitigen Hochachtung Gefälligkeit und
Sanftmut sein die mit der feurigsten zärtlichsten Leidenschaft verknüpft sind
und unsere Tage zum Elysium schaffen  Unsere Religion ist Liebe für den
Allmächtigen und Liebe für unsere Brüder unsere Lebensart stille von der
großen Welt entfernte Weisheit unsere Unterhaltung gegenseitiges gutes Herz
in heitern Augenblikken mit unschuldigen Schäkkereien gewürzt und der Endzwek
unserer Handlungen willige Ausübung der allgemeinen Pflichten für das Wohl der
Menschheit und für unser eigenes 
    Dies meine Fanny ist nur obenhin das Bild meiner glücklichen Ehe die Du in
ihrer vollen Zufriedenheit selbst erblicken sollst  Ja ja meine Freundin Du
und dein Karl ihr sollt beide Zeugen meiner zeitlichen Glückseligkeit werden 
Mein Gatte gab mir sein Wort  wir besuchen euch auf unserer Reise nach der
Schweiz  und mein Wilhelm hält sein gegebenes Wort gewiss  Gewis hält er es
ich kenne meinen Wilhelm  Also nur Acht gegeben wenn Du einen Wagen rollen
hörst so denke nur es kommt Niemand anders als
    
                                                         Deine glückliche Amalie
 
                    Nachschrift an die Leser und Leserinnen
So viel meine wertesten Freunde und Freundinnen kann ich Sie versichern dass
dieses mein Werkchen eine wahre Geschichte und kein idealischer Roman ist  Ich
werde wohl nicht nötig haben für den Welt und Menschenkenner diese Behauptung
deutlicher zu erklären wenn er den geraden natürlichen Gang meiner Geschichte
eingesehen hat die so weit von den abenteuerlichen Episoden romanenhaften
Windbeuteleien usw entfern ist und bloß bei der lieben Natur bei
wirklichen Auftritten aus dem menschlichen Leben stehen bleibt  Mich dünkt
dass man aus dieser ganz begreiflichen Art Schiksale aus dergleichen
wahrscheinlichen Begebenheiten am bessten Herzen Menschen und Sitten studieren
lernt weil sie auf keine Schimären auf keine Ideale gegründet sind Ob nun
diese meine gute Absicht bei meiner Arbeit von den Denkern und Denkerinnen so
verstanden wird wie ich es wünsche dies wird die Folge weisen 
    Vielleicht hat diese ungezierte an erdichteten Verwiklungen und gehäuften
Intriken so leere Geschichte nicht das Glük dem verwöhnten Geschmak zu gefallen
der leider so gerne bei Hirngeburten und bei lügenhaften Geniestreichen
verweilt  Es sollte mir wahrlich leid tun weil ich mit allem Vorbedacht bei
der pünktlichen Wahrheit der Geschichte stehen blieb und nicht gerne
Erdichtungen einflikken wollte um meine Leser und Leserinnen nicht mit Märchen
aus dem Reiche der Möglichkeit zu täuschen die unsere meisten Romanen ohnehin
genug anfüllen 
    Meine Arbeit musste ein Kind der Natur werden wollen sich nun die
Abgesandten der Vorurteile und dienstfertige Grübler daran wagen dasselbe zu
nekken so wird seine Mutter aus Erfahrung wohl so viel kaltes Blut gesammelt
haben um ihre Nekkereien mit philosophischer Gleichgültigkeit zu ertragen 
oder es zu verteidigen  je nachdem es kommt 
    
                                                                Die Verfasserin