Johann Karl Wezel
Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers
Die Rosenkreuzer waren eine Gesellschaft von welcher man seit dem Jahre 1610
sehr viel sprach ohne dass man jemals die mindeste Spur von ihrem Dasein
entdecken konnte Das lustigste war dass damals alle Paracelsisten Alchimisten
und andere Weisen von dieser Art dazu gehören wollten und jeder von ihnen
schrieb seine eigenen Meinungen den Brüdern des Rosenkreuzes zu Die Lobsprüche
womit die Brüderschaft öffentlich überhäuft wurde brachten einige fromme Leute
auf die nicht ermangelten ihr alles mögliche Böse schuld zu geben und keinem
fiel die Frage ein ob es wirklich Rosenkreuzer gäbe
Unterdessen sagte man sich öffentlich dass jetzt eine sehr merkwürdige
bisher verborgene Gesellschaft zum Vorschein käme die ihren Ursprung Christian
Rosenkreuzen verdankte Man setzte hinzu dass dieser Mann der 1387 geboren
wäre eine Reise ins Gelobte Land zum Heiligen Grabe getan und zu Damasco
Unterredungen mit chaldäischen Weisen gehabt hätte Von diesen sollte er geheime
Wissenschaften besonders die Magie und Kabbala erlernt und sie auf seinen
Reisen in Ägypten und Libyen bis zur Vollkommenheit studiert haben Nach seiner
Zurückkunft in sein Vaterland erzählte man weiter fasste er den edelmütigen
Entschluss die Wissenschaften zu verbessern und stiftete zu diesem Endzweck
eine geheime Gesellschaft die aus einer kleinen Anzahl von Mitgliedern bestand
Er entdeckte seinen Auserwählten die tiefen Geheimnisse die er besaß nachdem
sie ihm vorher einen Eid geschworen hatten dass sie nichts davon bekanntmachen
und sie auf ebendieselbe Art der Nachkommenschaft überliefern wollten
Um dieser Erzählung mehr Gewicht zu geben erschienen zwei Schriften
worin die Geheimnisse der Brüderschaft offenbart wurden eine hat den Titel
»Fama fraternitatis id est detectio fraternitatis laudabilis ordinis
roseaecrucis« die andere »Konfessio fraternitatis« erschien lateinisch und
teutsch
In diesen beiden Werken schreibt man der Gesellschaft außer einer besonderen
Offenbarung die ein jeder Bruder für sich erhalten haben sollte und außer dem
Vorsatze alle Wissenschaften besonders die Arzneikunst und Philosophie zu
reformieren auch vorzüglich den Stein der Weisen zu durch diesen sollten sie
eine Universalarznei die Veredlung der Metalle und Mittel das Leben zu
verlängern gefunden haben zuletzt wird ein goldnes Jahrhundert angekündigt wo
alle Arten der Glückseligkeit auf unserm Planeten herrschen werden
Da diese beiden Schriften viel Aufsehn machten so urteilte ein jeder nach
seinen Vorurteilen über die löbliche Brüderschaft jeder wollte das Rätsel
aufgelöst haben Viele Theologen argwohnten sogleich dass es eine Verschwörung
wider den christlichen Glauben wäre ein Herr Christophorus Nigrinus bewies dass
es Kalvinisten sein müssten aber zum Unglück für alle diese Mutmaßungen der
Rechtglaubigen fand sich eine Stelle in den angeführten Schriften woraus
erhellte dass die Brüder eifrige Luteraner wären nun zweifelte niemand mehr an
ihrer Ortodoxie niemand hielt sie mehr für Feinde des Glaubens und einige
luterische Theologen nahmen öffentlich und eifrig ihre Partie
Der aufgeklärte Teil vermutete dass alles nur eine Erdichtung von Chymikern
wäre wie die chymischen Kenntnisse bewiesen deren sich die Gesellschaft
rühmte sie setzten als einen neuen Beweis hinzu dass der Name Rosenkreuz
chymisches Latein wäre und einen Philosophen bedeutet der Gold machen könnte
denn ros der Tau soll in der alchymistischen Sprache das Gold genennt werden
Viele waren einfältiglich überzeugt dass Gott aus besondrer Gnade sich
einigen Frommen und Auserwählten geoffenbart und sie ausgerüstet hätte die
Wissenschaften zu reformieren und dem menschlichen Geschlecht unbekannte
Geheimnisse zu entdecken
An keinem Orte konnte man diese Gesellschaft noch ein Mitglied davon
entdecken verständige Leute bestärkten sich daher in ihrer Meinung dass es gar
keine solche Brüderschaft gäbe noch jemals gegeben hätte und dass alles was man
von ihr und ihrem Stifter erzählte nur ein Märchen wäre das man erfunden
hätte um sich auf Unkosten der Leichtgläubigen zu belustigen oder um die
Meinung des Publikums von der Lehre des Paracelsus und der Alchymisten zu
erfahren
Das Ende war dass niemand mehr von dieser Brüderschaft sprach seitdem die
Erfinder nicht mehr davon schrieben Man warf einen starken Verdacht auf
Valentin Andreae einen wirttembergischen Theologen dass er vielleicht nicht der
erste Erfinder dieses Possenspiels wäre aber doch die erste Rolle dabei
gespielt hätte
Gegenwärtige Geschichte beweist auf eine unumstössliche Art dass alle diese
Herren in ihren vernünftigen und in ihren einfältigen Mutmaßungen sich betrogen
sie beweist nicht allein dass die Gesellschaft der Rosenkreuzer einmal
existierte weil ich sonst die Geschichte eines Rosenkreuzers nicht erzählen
könnte sondern auch dass die Rosenkreuzer ganz etwas anders waren als man
glaubte
Gelehrte die mit der Naturgeschichte des Menschen sehr bekannt sind werden
bei dem Namen des Mannes dessen Geschichte hier erzählt wird zuerst an das
unglückliche Geschlecht der schneeweißen Menschen mit rosenfarbnen Augen denken
die man in Asien Kakerlaken in Afrika Albinos und im Französischen
Nègresblancs nennt Allein hier geht es ihnen wie oft bei andern Gelegenheiten
Sie vermuten alles nur nicht was sie vermuten sollen Der Name Kakerlak ist
ganz natürlich aus Kak und Lak zusammengesetzt und hat mit den weißen Negern
nicht das geringste gemein wem daran liegt zu wissen was diese beiden Wörter
in der alchymistischen Sprache bedeuten dem rate ich ein Wörterbuch der edlen
Goldmacherkunst nachzuschlagen
Kakerlak war ein Philosoph der den moralischen Stein der Weisen die
Glückseligkeit suchte nach dem Willen der Natur sollte er sie vorzüglich in
sich in seinem Verstande und seinem Herze finden allein der gute Mann wurde
seiner Bestimmung überdrüssig und glaubte daher dass er auf dem unrechten Wege
zur Glückseligkeit wäre Er vermutete dass ein glänzender Stand viel eher dazu
führen müsste und dass die Sinne viel leichter dazu verhälfen als der Geist mit
dem sein Versuch nicht gut abgelaufen war da es aber menschlicherweise nicht
wohl möglich ist sich so oft in einen andern Zustand zu versetzen als man
wünscht und seine Vergnügungen so oft abzuändern als der Überdruss sie uns
langweilig macht so ergriff er das natürlichste Mittel von der Welt und wandte
sich an die Hexen Eine die eben damals aus dem Hexenstaate verbannt war
gewährte ihm seinen Wunsch führte ihn von Vergnügen zu Vergnügen und da er sie
alle genossen hatte verlangte er Doch nein so treuherzig bin ich nicht
dass ich das Ende meines Märchens voraussage wer es erfahren will wende das
Blatt um und lese bis das Buch aus ist
Wzl
Erstes Buch
Hinweg mit euch ihr sogenannten Weisen
Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation
Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Thron
Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter reisen
Mit eurem Maulwurfsblick das Rädchen auszuspähn
Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn
Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen
Wo die Natur mit nie erschöpfter Kraft
Den Dingen Form den Geistern Leiber schafft
Ihr wollt mit schweren Gänseschwingen
Bis über Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit dringen
Und fragt man euch »Was habt ihr dort gesehen«
Dann wisst ihr ebendas zu sagen
Als die der Dummheit Los ganz philosophisch tragen
Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehen
So rief voll Unwillen der große Kakerlak der berühmteste Rosenkreuzer zu der
Zeit da Rosenkreuzer noch berühmt waren er schleuderte alle Weisen in Folio
und Quart die seinen Hofstaat ausmachten in die vier Winkel seiner Stube Sein
Bruch mit der menschlichen Weisheit war so ernstlich gemeint dass er sogar die
Geheimnisse nicht verschonte die ihm den Stein der Weisen hatten verschaffen
sollen er trat seine Spekulationen mit Füßen und schwur nicht länger etwas zu
suchen das sich nicht finden lassen wollte Die Galle war über seine
Philosophie Herr geworden und es ließ sich nichts Besseres tun als dass er
geduldig stillhielt bis die Philosophie wieder Herr über die Galle wurde er
ging in den Garten setzte sich unter einen alten Apfelbaum und rief mit
erhabenen Händen
Ach welche Gottheit nimmt den traurgen Überdruss
Aus diesem Leben weg Man seufzet nach Genuss
Solang man ihn entbehrt man wünscht ihn zu entbehren
Wenn man gekostet hat Die Sättigung
Schwebt über jeder Lust und schießt mit schnellem Schwung
Dem Geier gleich herab das Täubchen zu verzehren
Nur der genießt wer bloß den Sinnen lebt
Vergnügen sucht und nie nach leerer Weisheit strebt
Ein stetes Gastmahl ist für ihn das Leben
Er eilt von Lust zu Lust fühlt nie das Einerlei
Ihr Mächte dieser Lust steht meinen Wünschen bei
Auf Zauberflügeln lasst in eine Welt mich schweben
Wo ins Vergnügen nicht sobald sein Keim sich hebt
Der Überdruss den giftgen Stachel gräbt
Kaum hatte er seine Ausrufung geschlossen so hüpfte ein Vögelchen klein und
schönfarbig wie ein Kolibri im Grase daher hub die kleine rote Brust und rief
mit sanftem gutherzigen Tone »Kakerlak«
Ich bin die Hexe Tausendschön
Und ließ vom hohen Brocken1
Mich durch dein philosophsches Flehn
Zu dir herniederlocken
Mich plagt die Neigung wohlzutun
Zu allen Tagesstunden
Und lässt mein Herz nicht eher ruhen
Als ich den Mann gefunden
Den nie der Überdruss beschwert
Der niemals im Vergnügen
Nach Wechsel gähnt solang es währt
In einem von den Kriegen
Die ewig unsern Staat entzwein
Wo nur Kabalen siegen
Ward ich verdammt dass mir zur Pein
Das Wohltun werden sollte
Du fragst für welch Vergehn man mich
So hart bestrafen wollte
Nein frage lieber wie man sich
So leicht begnügen wollte
Ich hab ein weiches Herz gemacht
Aus Mitleid Lieb und Tränen
Nur wohlzutun war Tag und Nacht
Von Jugend auf mein Sehnen
Aus Tigerblut und Eisen sind
Die Herzen meiner Schwestern
Zum Guten tölpisch wie ein Kind
Und voller Witz zum Lästern
Lässt keine sich Gelegenheit
Zu schaden leicht entgehen
Nun hörten wir vor kurzer Zeit
Den Fürst Omega flehen
Er wurde der Mätressen sehr
Auf einmal überdrüssig
Für ihn war keine Freude mehr
Sein armes Herzchen müßig
Mein Mitleid ward von ihm erweicht
Ich riet ihn zu verjüngen
Doch meine Schwestern sind nicht leicht
Durch Mitleid zu bezwingen
Ihr schadenfroher Rat beschloss
Des Fürsten Qual zu mehren
Durch ihre List kam in sein Schloss
Ein Mädchen warf mit Zähren
Sich auf die Kniee hin und bat
Um Gnade für den Bruder
Er war für eine Freveltat
Verdammt zum schweren Ruder
Sie gossen in des Fürsten Blut
Schnell jugendliche Flammen
Und lodernd schlug der Liebe Glut
Ihm überem grauen Haupt zusammen
Er liebt seitdem das Mädchen ach
Was soll ich dirs erzählen
Mich rührt sein hartes Ungemach
Sein Herzchen brennt die Kräfte fehlen
Durch einen Zaubertrunk gelang
Es mir die Qual zu lindern
Doch meiner Schwestern Bosheit drang
Hindurch die Bosheit zu verhindern
Wie stürmte dann auf mich ihr Grimm
Ich floh voll Angst und Schrecken
Um mich vor ihrem Ungestüm
In diesen Vogel zu verstecken
Sie sprachen drauf das Urteil aus
Das meine Flucht verbittert
»Wir stoßen sie zu unserm Reich hinaus
Sie hat des Schicksals Schluss erschüttert
Das zum Gefährten jeder Lust
Dem Sterblichen den Überdruss bestimmte
Damit in seiner kühnen Brust
Die stolze Meinung nie entglimmte
Er sei der Herrscher seines Glücks
Zu träger Sinnlichkeit geboren
Zum einzgen Liebling des Geschicks
Vor allen andern auserkoren
Drum irre sie die dies Gesetz
Aus schwachem Mitleid störte
In steter Furcht vor Flint und Netz
Sie die ihr weiches Herz betörte
Sie hab ein weiches Herz zur Pein
Sie soll zu den Betrübten eilen
Die nur mit sich den stillen Kummer teilen
Und die mit lautem Schmerz um Hilfe schrein
Soll immer vor Begier zu helfen brennen
Stets helfen wollen und nicht können
Bis sie den Mann den nie der Überdruss beschwert
Gefunden hat den Mann der niemals im Vergnügen
Nach Wechsel gähnt solang es währt
Bis dahin soll auf ihr dies unser Urteil liegen«
Ich komme dann nach diesem Schluss
Mit Trost dir beizustehen
Dich quält der Weisheit Überdruss
Doch hab ich dich ersehen
Mich von der Strafe zu befrein
Dir schenkt von nun an das Vergnügen
Stets Becher über Becher ein
Bist du nach wenig Zügen
Des einen satt so rufe »Kak«
Gleich lad ich dich auf meine Flügel
Und trage dich Freund Kakerlak
Weit über Tal und Hügel
Zu einer neuen Wonne hin
Bis ich erlöset bin
»Du armseliges Vögelchen« antwortete der Schwermütige »Du willst mich auf den
kleinen Schwingen wo eine Milbe eben Platz hätte zur Freude tragen Geh
Mich betrügst du nicht meine Lippen sprechen nie dein elendes »Kak««
Kaum hatte ers gesprochen so schwebte er schon auf dem Rücken des
Vögelchen in den Lüften dort flog es hin mit dem ganzen Philosophen und
schüttelte ihn auf einen samtnen Stuhl im Vorgemache der Königin Ypsilon Die
schnelle Fahrt durch die Luft hatte ihm den Kopf schwindlich gemacht Er schlief
ein
Auf der Ottomane saß die Königin Ypsilon und gähnte am Fenster saß
Prinzessin Frissmichnicht und brummte auf dem Taburett saß Prinz Lamdaminiro
und lachte alle drei aus gutem Grunde Die erste hatte Langeweile die zweite
war böse der dritte spielte mit einem Gaukelmanne
Das Vögelchen in welchem die Hexe Tausendschön wohnte hüpfte auf das
Fensterbrett und pickte ein Stückchen Biskuit auf »Ein schönes Vögelchen« rief
die Königin »Der abscheuliche Mistfinke« sprach die Prinzessin »Das
allerliebste Tierchen« schrie der Prinz und ließ vor Entzücken den Gaukelmann
fallen
»Du hast Langeweile große Königin« fing das Vögelchen an »Ich schaffe dir
Zeitvertreib«
»Du mir« antwortete die Königin »Närrchen wie machtest du das«
Das Vögelchen »Ich schaffte dir einen Gemahl«
Die Königin »Schlecht getroffen Ich hatte einen und ward des Lebens nicht
froh«
Das Vögelchen »Du hattest keinen denn dein Gemahl liebte dich nicht«
Die Königin »Wird mich ein andrer mehr lieben Männer sind langweilig
Kannst du nicht singen«
Das Vögelchen sang
Ohne Liebe sucht vergebens
Auf dem düstern Pfad des Lebens
Der verlassne Wandrer Licht
Zwischen Alpen muss er schmachten
Wo des Eises tiefe Schachten
Nie ein Frühlingslüftchen bricht
Die Königin befahl einen goldnen Käfig herbeizubringen der Prinz holte ihn
und das Vögelchen hüpfte munter durch die enge Türe hinein Beide waren
vergnügt gaben dem sanften Geschöpfe Zuckerkörner und Zwieback und foderten
jede Minute ein Liedchen der Prinz ein lustiges und die Königin ein verliebtes
Je mehr ihm geschmeichelt wurde und je mehr es sang desto erbitterter wurde die
Prinzessin wer ihr nicht schmeichelte war ihr verhasst und sie schwur bei sich
dem Vögelchen den Tod weil es andern Freude machte Man merkt wohl dass ihre
Gesellschaft nicht die beste sein konnte und es ist daher sehr gut dass sie vor
Ärger zum Zimmer hinausging damit wir nicht weiter von ihr sprechen dürfen
Kaum näherte sich die Nacht so schlüpfte das Vögelchen durch die goldnen
Stäbe des Käfigs setzte sich dem schnarchenden Kakerlak auf die Stirn und
pickte ihn mit dem kleinen Schnabel dreimal in die Nase um ihn zu wecken
»Kak kak kak« rief er träumend fuhr in die Höhe und wollte sich die Augen
reiben aber er hatte nicht Zeit dazu denn das erste »Kak« war eben über die
Lippen als er schon dem Vögelchen auf dem Rücken saß dort flog es mit ihm hin
in die schöne Garderobe des Fürsten Omega
»Suche dir zwölf der schönsten Kleider aus« sprach zu ihm das Vögelchen
»dass du jede Stunde des Tages ein andres tragen kannst Morgen abend bist du
König in Butam« Er suchte sie aus Darauf zog die Hexe dem jüngsten Bruder
des Fürsten im Schlafe sehr sanft die Physiognomie vom Kopfe und befestigte sie
sauber auf dem Gesichte des künftigen Königs dieser steckte kaum einen
Augenblick unter der neuen Larve so fing er an gewaltig zu kommandieren zu
lärmen zu fluchen und zu prügeln Die goldne Staatskutsche des Fürsten musste
sogleich mit acht porzellänfarbnen Rossen bespannt werden Stallmeister und
Jägermeister sich zu Pferde setzen die Laufer voranrennen und die Bedienten
nachfahren der Zug ging so schnell dass bei Tagsanbruche die erste Kutsche
schon auf dem Schlosshofe der Königin Ypsilon war und die Sonne stand noch nicht
über dem Horizont als sich schon die Kammerjunker pudern ließ
Kakerlak mit seiner gestohlnen Physiognomie wurde überaus gnädig empfangen
und eroberte das Herz der Königin mit dem ersten Komplimente als er ins Zimmer
trat so geschwind ging es vermutlich nicht zu wenn nicht eine Hexe die Hand im
Spiele hatte Die Königin wurde bei jedem Worte verliebter und fiel schon bei
dem Handkuss ihres Gastes in Ohnmacht nach der Tafel warb er um sie wurde noch
vor Einbruch der Nacht ihr Gemahl und des Morgens darauf zum König in Butam
ausgerufen Jedermann glaubte es wäre der Prinz Alfabeta da es doch eigentlich
nur seine Physiognomie war
Als der neue König am zweiten Morgen auf der Bergere lag und über den Plan
seiner Regierung nachdachte setzte sich ihm das Vögelchen auf die Schulter und
flisterte ihm in die Ohren »Hast du noch Langeweile wie bei deinen großen
Büchern als du den Stein der Weisen suchtest« »Nein« antwortete der König
»aber Sorgen Ich möchte nicht gern bloß ein König sein ich wünschte ein
großer König zu werden und habe die ganze Nacht gesonnen wie ichs werden
soll« Das Vögelchen unterbrach ihn »Geruhen Ihre Majestät sich ins
Nebenzimmer zu begeben und dreimal die letzte Silbe Ihres vorigen Namens
auszusprechen und Sie können ein großer König werden«
Der König stand auf ging ins Nebenzimmer und rief dreimal »Lak« und
plötzlich lag vor seinen Füßen ein grünes Säckchen eine goldne Büchse und ein
roter Nachtstuhl »Was soll mir dieser Plunder« fuhr der König unwillig auf
der seinen neuen Stand schon ein wenig fühlte »Verzeihn Sie in Gnaden«
erwiderte das Vögelchen »mit diesen drei Möbeln sollen Sie ein großer König
werden Sobald Sie eine Anstalt machen wollen die Geld erfodert es sei soviel
es will so greifen Sie in diesen grünen Sack Je tiefer Sie greifen desto
größer wird er je mehr Sie Gold herausnehmen desto mehr wird darin sein
Sobald ein neidischer Nachbar Ihnen den Krieg ankündigt so öffnen Sie Ihre
goldne Büchse Wo Ihre Majestät die goldnen Körner darin hinstreuen werden
Soldaten aus der Erde hervorwachsen Reiter und Fußvolk völlig bewaffnet
montiert und equipiert ohne dass Sie ihnen einen Knopf auf den Rock oder ein
Hufeisen ans Pferd zu kaufen brauchen Aber« setzte das Vögelchen warnend
hinzu »gebrauche beides mit Überlegung trage beides beständig bei dir und lass
keine Hand außer deiner in den Sack greifen oder die Büchse öffnen denn «
»Glaubst du dass ich so schwer begreife« unterbrach sie der König mit
Empfindlichkeit »Fast sollte man glauben dass du der Philosoph gewesen wärst
und nicht ich denn du willst beweisen dass am Mittage Tag ist Ich verstehe
deine Warnung und werd ihr folgen Ich danke dir für beide Geschenke aber hier
diesen roten Nachtstuhl schaff mir augenblicklich aus den Augen es ist ja ganz
wider den guten Geschmack so eine Möbel im Zimmer zu haben«
Das Vögelchen »Hier irren sich Ihre Majestät während Ihrer zweitägigen
Regierung zum ersten Male«
Der König »Unverschämte Wofür wär ich denn König wenn ich mich irrte«
Das Vögelchen »Dies verächtlichste Bedürfnis unter allen menschlichen
Bedürfnissen soll die Grundfeste deines Trons werden Sooft du jemand einen
Dienst anvertrauen willst so lass ihn vor allen Dingen zur Probe auf diesem
Stuhle sitzen bleibt er ohne Schmerzen so ist er ein ehrlicher Mann krümmt
und windet er sich als wenn ihn die Kolik plagte so ist er ein Schurke und du
kannst ihn auf der Stelle hängen lassen Ich verlasse dich und wenn ich zu dir
zurückkomme so ist es ein Zeichen dass du einen Fehler machtest«
Der König wollte seiner Beschützerin danken aber sie war verschwunden eh
er die Lippen öffnete »Gut« sagte er zu sich »mit dem Stuhle musst du die
erste Probe machen«
Er ließ augenblicklich alle seine Räte und Beamte an den Hof berufen und
jeder musste in seiner Gegenwart Probe sitzen Sein Schatzmeister hatte kaum den
Stuhl berührt so schrie er wie ein Besessner sein Justizaufseher sank vor
Schmerzen mit dem Kopf in den Schoss und die Kammerbedienten bekamen
Konvulsionen allen ohne Ausnahme machte der verdammte rote Stuhl eine Kolik
»Soll ich denn die Leute alle hängen lassen« sagte der König betrübt zu
sich »So muss die eine Hälfte meines Reichs zu Scharfrichtern und Seilern
werden damit es der andern nicht an Stricken und Henkern fehlt«
Indem er traurig so klagte saß ihm unbemerkt das Vögelchen auf der linken
Schulter und flisterte ihm ins Ohr »Ihre Majestät haben während Ihrer
dreitägigen Regierung den ersten Fehler gemacht«
»Was« rief der König erzürnt »Du willst mich eines Fehlers beschuldigen
nachdem du mich mit deinem verwünschten roten Stuhle unglücklich machtest Er
hat mir die traurige Überzeugung verschafft dass mich lauter Schurken umgeben
möchten sie es doch sein wenn ichs nur nicht glauben müsste Ich bin ein
unglücklicher König denn ich muss misstrauisch sein Schaff mir den roten Stuhl
aus den Augen damit ich nicht versucht werde ihn noch einmal zu brauchen«
»Nein« sprach das Vögelchen »du sollst ihn brauchen aber mit mehr
Klugheit Sagt ich dir dass du Leute darauf sitzen lassen solltest die schon in
deinem Dienste sind Sagt ich nicht ausdrücklich Lass jeden dem du einen Dienst
anvertrauen willst zur Probe auf diesem Stuhle sitzen Niemand kann dir nur
fünf Jahre dienen ohne wider sein Wissen und Wollen seine Pflicht zu verletzen
der ehrlichste Mann muss oft wider seine Neigung dir schaden um sich nicht von
einem Mächtigern schaden zu lassen er muss die Pflicht seinem Wohlsein
aufopfern wenn er nicht verhasst und unglücklich werden will Drum befreie dich
nur von den wenigen denen der Stuhl die größten Schmerzen verursachte die
übrigen halte für ehrliche Leute und traue jedem so lange bis du ihn ertappst
aber nimm keinen an der nicht ohne Kolik vom roten Stuhle aufsteht«
»Dein Rat ist nicht übel« antwortete der König »Das Misstrauen machte mich
so unglücklich als ich in meinem Leben noch nicht war In Zukunft will ichs
schon besser machen«
»Ich verlasse dich« sprach das Vögelchen »und komme nicht eher zurück als
bis du den zweiten Fehler gemacht hast« und sogleich verschwand es
Der König entfernte alle denen der Stuhl die größten Konvulsionen machte
und fand ohne Schwierigkeit soviel andre die ohne Schmerzen vom Probesitze
aufstanden »Das Vögelchen ist wahrhaftig nicht dumm« sprach er voll Freuden
da die Proben so gut abliefen »Die Menschen sind herzlich gern ehrliche Leute
aber Not Gelegenheit und Interesse erlaubt den meisten nicht es zu bleiben
Wie gut wenn man ein wenig Philosoph ist und schließen gelernt hat«
Er verwandelte seitdem sein Misstraun so sehr in unbeschränktes Vertraun dass
er niemand für keinen ehrlichen Mann hielt wenn man ihm gleich bewies dass ers
nicht war und um sein Vertrauen und seine milden Gesinnungen recht durch die
Tat zu zeigen steckte er seine gnädige Hand in den grünen Sack und beschenkte
jeden der beschenkt sein wollte Die Zahl der Liebhaber wuchs mit jeder Stunde
Sie krochen schmeichelten bettelten rühmten ihre Verdienste ihre Treue
ihren alleruntertänigsten Gehorsam keiner ging mit leerer Hand hinweg
Der König wollte sich eben über seine Milde und seinen unerschöpflichen Sack
freuen als er das Vögelchen auf der Schulter erblickte er erschrak dass er den
grünen Sack aus der Hand fallen ließ »Du Freudenstörerin« rief er »willst du
mir nicht schon wieder einen Fehler aufbürden Komm und tadle mich Hab ich
nicht mit wahrer königlicher Freigebigkeit gehandelt«
Das Vögelchen »Ihre Majestät haben während Ihrer viertägigen Regierung den
zweiten Fehler begangen«
Der König »Sage mir welchen Ich fodre dich auf«
Das Vögelchen »Sieh nur wen du beschenkt hast und dann wird dir dein
erleuchteter Verstand statt meiner antworten Die Elendesten Verächtlichsten
Verdienstlosesten im ganzen Reiche genossen deine Freigebigkeit kriechende
Bettler niederträchtige Schmeichler Das wahre Verdienst fühlt zu sehr seinen
Wert um dir deine Gnade abzuschmeicheln oder abzubetteln du bist sie ihm als
einen Tribut schuldig und es mahnt dich nicht wenn du ihn nicht freiwillig
entrichtest«
Der König »Du magst wohl recht haben aber du machst mirs wahrhaftig ein
wenig zu sauer Regent zu sein Du musst in der Geschichte so unwissend sein wie
ein neugebornes Kind wenn du verlangst dass man alles so genau nehmen soll«
Das Vögelchen »Ich verlasse dich und komme nicht eher wieder als bis du
das erste Lob verdient hast«
»Ich wollte dass du nie wiederkämst« rief ihm der König nach als es
verschwunden war »Man wird eines solchen Hofmeisters überdrüssig der den
ganzen Tag moralisiert und dem man keinen Schritt nach seinem wunderlichen Kopfe
recht machen kann Ich will einen andern Weg einschlagen um groß zu werden
ewig still zu Hause zu sitzen und in der besten Absicht die größten Fehler zu
begehn das führt zu nichts Du sollst mich schon loben müssen wenn ich den
halben Erdboden erobert habe wag es alsdann jemand mir einen einzigen Fehler
vorzuhalten Ich will Krieg anfangen und die eine Hälfte der Erde zur Wüste
machen damit die andre vor mir zittert«
Sogleich ließ der König alle Bauern mit Pflügen aufbieten und alle Felder
seines Reiches umackern er reiste in eigener Person herum und streute aus der
goldnen Büchse den goldnen Samen aus wohin ein Korn fiel da wuchs ein
bewaffneter Krieger hervor Das Schauspiel war ungemein belustigend als ganze
Regimenter mit klingendem Spiele und unter Abfeurung des groben Geschützes
hervorsprangen »Halt richtet euch« »Rechts um schwenkt euch« »Das Gewehr
auf die Schulter Marsch« so brüllten auf allen Seiten die fürchterlichsten
Stimmen durchs ganze Land die halbe Erde hätte schon vor dem bloßen Geschrei
zittern mögen
Mit rotem Federhut und aufgeblasnen Backen
Hebt ein Trompeter hier Trompet und Nacken
Lautschnatternd »Treng Treng Treng« aus einer Furch empor
Dort fahren hoch in die Luft zwei Paukenklöppel hervor
Und schlagen den klanglosen Acker mit ungeduldiger Hitze
Bis dass der schwere Gaul mit der tönenden Pauke sich hebt
Durch aufgeworfnes Erdreich gräbt
Sich hier des Grenadiers getürmte Mütze
Er steigt und steigend streicht er sich den schwarzen Bart
»BlitzHöllenSapperment« flucht einer in der Erde
Und auf den Fluch erscheint ein Kinn sehr schwach behaart
Mit Brausen drängen sich bäumende Pferde
Und blinkende Reuter durch staubende Wolken herauf
Sie fliehn in fest geschlossnen Gliedern
Durch Stoppeln und Graben und Sumpf mit geflügeltem Lauf
Gehorsam ihres Führers Rufe
Stehn alle stampfen und unter jedem Hufe
Erhebt sich ein Zelt Kein Brot noch Fleisch wird zugeführt
Es flucht kein Koch es knarrt kein Bratenwender
Kein Topf wird angesetzt kein Feuer angeschürt
Gefälschten Wein verkauft kein Marketender
Die Krippe füllt sich selbst der Tisch ist stets besetzt
Und jede Zunge stets mit Zyperwein genetzt
Das Schauspiel war so unterhaltend für den König dass er ganze Tage säete und
Essen und Trinken darüber vergaß er hörte nicht eher auf als bis ihm der Raum
fehlte Einer seiner Mandarinen arbeitete indessen an einer Deduktion worin
sonnenklar bewiesen wurde dass vor zwölf Jahrhunderten der Marktflecken
Quinquina zum Königreiche Butam gehört habe und sobald der Beweis fertig war
zog der König mit seinem Heer aus dem Könige der kalten Inseln die
unrechtmässige Besitzung abzunehmen Die Märsche gingen übermäßig schnell da
Menschen und Pferde aus ganz anderm Stoffe gemacht waren als sterbliche
Soldaten so marschierten sie Tag und Nacht in vollem Galopp und liefen gewiss
über den Nordpol hinaus wenn die Offiziere nicht »halt« schrien Der König ritt
jede Viertelstunde ein Pferd tot und konnte doch nicht nachkommen man merkte
wohl dass ihr Laufen nicht mit rechten Dingen zuging Sobald er sie eingeholt
hatte gab er Befehl zur Schlacht der König der kalten Inseln führte wohl seine
Truppen auch ins Feld aber was für eine Armee war das als wenn ein Häufchen
Maikäfer sich gegen einen Schwarm Kraniche wehren wollte der die Sonne
verfinsterte Ihre Pferde sahen klein aus wie Katzen und die Reuter als wenn
sie aus Kartenblättern geschnitten wären einer von den Riesen aus der goldnen
Büchse konnte ein halbes Dutzend davon auf der flachen Hand halten und wenn
eins von den Pferden aus der goldnen Büchse wieherte fiel ein ganzes Glied im
feindlichen Heere zu Boden Der König war in Gedanken schon Herr von den
sämtlichen kalten Inseln und ließ das Zeichen zum Angriffe geben plötzlich
erhub sich ein Nordwind so scharf und schneidend als wenn er mit allem Eise
des Nordpols beschwängert wäre die Riesen froren steif konnten kein Glied
rühren und die Pferde erfroren ihnen unter dem Leibe weil sie in einem warmen
Lande gewachsen waren wo man von dergleichen naseweisen Winden nichts wusste
Die kleinen Zwerge hingegen die ein solches unfreundliches Lüftchen nicht
übelnahmen weil sie in ihrem Lande keinen bessern Wind hatten hieben mit
Löwenstärke in die erfrornen Riesen hinein und brachten sie doch wahrhaftig alle
um wer kein Blut sehen konnte war nichts dabei nütze wenn es nicht gleich
gefroren wäre so ertranken die Zwerge mit ihren Katzenpferden insgesamt
darin Glücklicherweise versteckte sich der Eroberer in einen hohlen Baum als
der Wind so unverschämt zu blasen anfing und errettete sich dadurch vom Frost
und vom Schwerte der Feinde Es war kein Spaß so weit von seiner Heimat ganz
allein in einem hohlen Baume zu stecken wenn es nur wenigstens ein schönes
warmes Land gewesen wäre Aber bei so einer barbarischen Luft konnte er den Kopf
nicht sicher aus dem Loche herauswagen ohne dass ihm nicht die Nase erfror Er
vertröstete sich auf die Nacht wo er aus dem Baume steigen und den Feinden
ungesehn entlaufen wollte solange seine Beine hielten ja gut getroffen In
solchen verkehrten Ländern gibts wohl Nacht er wartete ewig und es kam keine
2 Du guter Kakerlak Wenn du ein halbes Jahr warten willst so wird Nacht genug
kommen hier ists nicht so wie bei dir zu Hause wo man Licht ansteckt wenn
die Sonne zwölf oder sechzehn Stunden geschienen hat
»Wehe mir« seufzte der unglückliche Eroberer im hohlen Baume da die Nacht
nimmermehr kommen wollte »Wie wohl war mir auf meiner Ottomane Wie schmeckte
mir der persische Wein aus dem goldnen Becher und das Vogelnest aus der
silbernen Schüssel so wohl Wie wickelte ich mich so warm ins seidene Bettchen
und drückte mich an meine Gemahlin Ypsilon Ach säss ich noch in meiner
philosophischen Zelle und suchte mit dem Eifer eines echten Rosenkreuzers den
Stein der Weisen Fänd ich ihn auch nicht so wär ich doch in der warmen Stube
Du Tor Was tatest du als du dich mit Hexen einliessest und durch sie ein großer
Mann werden wolltest Ach Kak «
Die erste Silbe seines vorigen Namens war noch nicht völlig über die Lippen
so schwebte er schon auf dem Rücken des Vögelchen in der Luft da es sich bei so
schneller Fahrt und so scharfer Luft nicht gut sprechen lässt so blieb die
übrige Hälfte des Namens im Schlunde zurück Das Vögelchen trug ihn soviel
tausend Meilen weit nach Hause und setzte ihn ohne Schnupfen und Katarrh auf
seine weiche Ottomane er wollte ihm danken und Abbitte tun aber es verschwand
eh er den Mund öffnete
»Ich komm euch gewiss nicht wieder in euer Land ohne Nacht« fing er an als
er sich ein wenig ausgewärmt hatte »und wenn auf den kalten Inseln alles Eis zu
Diamanten würde so mag ich sie nicht erobern Hätte ich doch bei der Eroberung
meine gesunden Gliedmaßen einbüßen können nein besser ists ich bleibe zu
Hause und beschenke aus meinem grünen Sacke jeden der etwas braucht«
Diesem Entschlusse gemäß wollte er künftig seine Größe auf einem andern Wege
suchen und um die Erinnerungen seiner Beschützerin zu nützen nahm er sich vor
nur das Verdienst seine Freigebigkeit empfinden zu lassen Er gab also allen
seinen Räten und Beamten Befehl auf Personen achtzuhaben die durch ihr Talent
oder ihren Fleiß dem Reiche Nutzen oder Ehre schaffen könnten und ohne
Unterstützung keins von beiden zu tun vermöchten sein Befehl wurde treulich
erfüllt und kein Tag verging wo er nicht in den grünen Sack griff und ein gut
angewandtes Geschenk machte
Ein Landmann kam der Vorschuss brauchte weil ihm Überschwemmung und
Hagelwetter Ernte und Winterfutter geraubt hatte ein andrer der sich in einer
Heide anbaun und aus unfruchtbarem Sande fruchtbare Felder machen wollte der
König griff in seinen grünen Sack und gab ihnen
Ein Fabrikant kam der im Lande eine Ware verfertigen wollte die man wegen
ihrer Unentbehrlichkeit dem Fremden abkaufen musste und dem die erste Auslage
fehlte ein Künstler kam der aus Mangel um das Brot zu gewinnen seine Kunst
an schlechte Arbeiten verschwenden und sein großes Talent vernachlässigen musste
der König griff in seinen grünen Sack und gab ihnen
Ein junger Mann dessen Talente viel versprachen wurde dem Könige bekannt
gemacht er musste sich um des Unterhalts willen zu Beschäftigungen herablassen
die weit unter seinen Fähigkeiten waren und ihn an wichtigern Arbeiten
hinderten wodurch er sich und dem Reiche mehr Nutzen und Ehre hätte schaffen
können der König griff in seinen grünen Sack und gab ihm dass er in Zukunft
bloß für die Wissenschaften für sein Talent und die Ehre der Nation leben
konnte
Tat jemand einen Vorschlag zur Verbesserung des Nahrungsstandes zur
Vergrößerung des Handels zur Ausbreitung der guten Erziehung oder der
Wissenschaften zur Aufnahme der Künste er mochte den Nutzen die Verschönerung
oder die Ehre des Reichs betreffen der König griff in seinen grünen Sack und
wenn gleich die Ausführung nicht allemal den gehofften Vorteil verschafte so
gewährten sie doch wenigstens den Nutzen dass man nun wusste von welchen
Unternehmungen man sich nichts zu versprechen hatte
Der König hoffte täglich dass sein Vögelchen wiederkommen und ihn loben
sollte aber es ließ ihn ein ganzes halbes Jahr in der Ungewissheit Endlich kam
es hüpfte ihm flatternd auf die Schulter und rief »Großer König ich lobe
dich Itzt bist du auf dem wahren Wege zur Größe Du unterstützest das wachsende
Verdienst du flickst nicht am Alten du schaffst etwas Neues Aufhelfen ist das
erste Geschäfte des Regenten Durch Unterstützung nützt er mehr als durch
Belohnung Großer König ich lobe dich Bist du bald deines Glücks überdrüssig«
»Überdrüssig« antwortete der König voll Verwunderung »Da ich erst anfange
mein Glück zu genießen Nein meines gegenwärtigen Vergnügens werd ich nicht
überdrüssig und wenn ich Jahrhunderte lebte Hätt ich mir doch nicht
eingebildet dass es so schön wäre König zu sein«
»Möge doch Ihrer Majestät keine Bitterkeit diesen königlichen Geschmack
verderben« sprach das Vögelchen »Wenn Allerhöchstdieselben ihn in einem Jahre
nicht zu verändern geruhen so bin ich von meiner Strafe befreit ich kehre dann
in meiner vorigen Gestalt zum erhabenen Brocken in die Versammlung meiner
Schwestern zurück Heil dem großen Könige der des Vergnügens an guten
Handlungen nicht satt wird Ich verlasse dich und erscheine dir nicht eher
wieder als bis du mich von meiner Strafe befreit hast«
Der König tat täglich mehr Gutes und Großes und ward täglich vergnügter
sein Reich blühte seine Untertanen liebten ihn und alle Zeitungsschreiber in
Butam nannten ihn den großen König Wenn er nicht die Physiognomie des Prinzen
Alfabeta hatte so blieb er bis an sein Ende im ruhigen Genuße seiner Größe
Der Bestohlne wurde zwar gleich den Morgen darauf als er in den Spiegel sah
einen Mangel an sich gewahr und versprach Belohnungen über Belohnungen wenn ihm
jemand seine Physiognomie wieder schaffte oder den Dieb anzeigte der sich so
gottloserweise an ihm vergriffen hatte allein niemand konnte das Verlorne
wiederfinden niemand den Dieb entdecken Noch mehr ergrimmte der Fürst Omega
sein Bruder als er merkte dass ihm sein ganzer Hofstaat gestohlen war nicht
einmal einen Bedienten hatte er übrigbehalten der ihm den Tee auftragen konnte
Beide Brüder urteilten mit vieler Einsicht dass es nicht mit rechten Dingen
zuging Omega starb und sein Bruder musste sich immer noch ohne Physiognomie
behelfen
Ein Page der zu dem gestohlnen Hofstaat gehörte bekam einmal den saueren
Dienst der Prinzessin Frissmichnicht die Schleppe zu tragen sauer war der
Dienst gewiss so wenig Talent außerdem dazu gehören mag eine Schleppe zu
tragen denn sie hatte die Gewohnheit im Gehen beständig zu taumeln wie die
hamburgischen Leichenträger und sich oft so schnell herumzudrehn dass der arme
Schleppenträger sehr fest auf seinen Füßen sein musste wenn er nicht an die Wand
geschleudert sein wollte Alle hatten den Dienst seiner großen Schwierigkeiten
ungeachtet mit vielem Verstand und Klugheit ohne Leibesschaden verrichtet nur
dieser einzige der von etwas melancholischem Temperamente war wollte Gewalt
brauchen wo andre kaum mit Klugheit auskamen Er hatte die Verwegenheit dass er
die Prinzessin mit der Schleppe in allen Ehren gesprochen wie ein Pferd mit
dem Zügel lenkte sooft sie von der geraden Linie abweichen wollte zog er sie
so unsanft von der Abweichung zurück dass es keine Naht am Kleide bei ihm
aushalten konnte Wegen ihrer ungemeinen Lebhaftigkeit bemerkte die Prinzessin
die Bosheit nicht eher als eines Nachmittags da sie von der Tafel ging sie
wollte plötzlich eine von ihren Pirouetten machen krack schleuderte sie der
misantropische Schleppenträger in einem Wirbel herum dass sie gerade wieder auf
den Fleck sah wohin sie vorher gesehen hatte Die Dame war eben nicht in ihrer
Festtagslaune und überhaupt ein wenig griesgramig wie schon ihr Name beweist
sie versetzte also dem Verwegnen rückwärts mit dem spitzen Absatze ihrer
gestickten Schuhe einen Stoß dass er zu Boden stürzte und vor Schrecken nicht
einmal ach und weh schreien konnte sie hatte den empfindlichsten Teil seines
Leibes und seiner Ehre getroffen und er musste also aus einem doppelten Grunde
beleidigt sein Er verließ den Hof und schwur die Beleidigung nicht anders als
mit Blute zu rächen indem er an der Grenze des Reichs überlegte wie er das
machen sollte hörte er von dem Verluste des Prinzen Alfabeta »Was« sagte der
Rachsüchtige »Wäre der Prinz Alfabeta nicht König von Butam Hätte er sich
nicht vor drei viertel Jahren mit der Königin Ypsilon vermählt« Man lachte
ihm ins Gesicht über seine Fragen und hielt ihn für einen Verrückten der dem
Tollhause entlaufen wäre der Page versicherte sie mit vieler Hitze dass er
selbst bei der Vermählung gewesen wäre nun ging erst das Gelächter recht an da
er aber hartnäckig auf seiner Meinung bestand so ließ man ihn gehen und
bedauerte dass ein so hübscher Mensch so frühzeitig um seinen Menschenverstand
gekommen wäre
Dem Pagen schien gleichwohl die Sache verdächtig und er ging daher an den
Hof des Prinzen um sich genauer zu unterrichten hatte er sich jemals
gewundert so tat ers jetzt da er den Prinzen Alfabeta hier erblickte den er
bisher alle Tage als König von Butam gesehen zu haben glaubte Er entdeckte den
Diebstahl um soviel lieber weil es ihm eine Gelegenheit zur Befriedigung seiner
Rachbegierde zu sein schien Der Prinz war von sanftem Gemüt und wollte erst die
Güte versuchen er schickte zwei Gesandte zum Könige von Butam ließ ihn
manierlich grüßen und geziemend um die Auslieferung seiner Physiognomie
ersuchen »Was« fuhr der König von Butam bei der Audienz der Gesandten zornig
auf »Ich hätte des Prinzen Alfabeta Physiognomie entwendet Himmel und Erde
Als wenn wir hierzulande nicht selbst Physiognomien hätten dass wir erst dem
Herrn Prinzen seine stehlen müssten um wie rechtschaffene Menschen auszusehn«
Die Gesandten da sie durch Güte nichts ausrichteten entschuldigten sich
sehr höflich dass sie also dem Befehl ihres Herrn nachleben und den Krieg
ankündigen müssten »Mir dem Könige von Butam mir kündigt der Prinz Alfabeta
den Krieg an« rief der König zog aus der Tasche seine goldne Dose und schlug
darauf »Er komme der Herr Prinz er komme Es wird mir viel Ehre sein ihm und
seinen Soldaten die Kehlen abschneiden zu lassen« Um die Gesandten die er für
nichts Besseres als Betrüger hielt wegen ihrer Dreistigkeit zu bestrafen ließ
er sie bis an die Grenze führen und ihnen bei jedem Dorfe durch welches sie
gingen fünfundzwanzig Rutenhiebe auf das bloße Hintergebäude ihres Leibes
geben beide litten Schmerz und Beschimpfung mit der wahren Standhaftigkeit
eines Weisen und machten bei den Hieben eine Miene als wenn sie Konfekt ässen
Der Prinz erzürnte sich gewaltig über eine so offenbare Verletzung des
Völkerrechts die allein schon einen Krieg wert gewesen wäre und machte
sogleich Anstalt seine Physiognomie mit Feuer und Schwert wiederzuerobern und
dreist durch die Gerechtigkeit seiner Sache zog er mit seinem Heer aus
Der König von Butam besäete indessen alle Äcker seines Reichs aus der
goldnen Büchse die Saat ging gut auf und trug recht brave Riesen Als der Prinz
Alfabeta die unmenschlichen Kerle und die ungeheure Menge Truppen erblickte
sank ihm der Mut und er wurde gewiss vor Schrecken blass wenn er seine
Physiognomie schon wieder hatte Was wollt er gleichwohl tun Er nahm seinen
ganzen Rest von Mut zusammen hielt eine wohlgesetzte Rede an seine Soldaten
denen vor Angst die Zähne klapperten dass sie wegen des Geräusches kein Wort von
der Rede hören konnten und ob sie gleich nichts verstanden hatten so fand er
doch zu seiner Beruhigung dass ihre Tapferkeit und Streitbegierde auf seine
Ermunterung sichtbar zunahm Die Schlacht ging an ach ihr armen Soldaten des
Prinzen Alfabeta wie ging es euch Die Riesen zogen nicht einmal die Säbel
taten nicht einmal einen Schuss sondern fingen die Feinde mit den Zähnen wie
die Katze die Mäuse zerbrachen ihnen das Genick und speisten sie lebendig auf
wie ein Hecht einen Weissfisch verschluckt Der Prinz merkte bei guter Zeit dass
man bei solchen Leuten seines Lebens nicht sicher war machte rechtsum und
entkam den Barbaren die sich kein Gewissen machten ihre Nebenmenschen lebendig
zu verschlingen er kam zwar ziemlich erschrocken und abgemattet aber doch
glücklich mit allen seinen gesunden Gliedmaßen im Schloss an und ließ gern
seine Physiognomie unerobert
Aufgemuntert durch das Glück seiner Waffen verfolgte der König von Butam
seinen Sieg nahm das ganze Land des Prinzen ein und ihn selbst gefangen er
hielt einen Siegseinzug in seiner Residenz und wurde mit allgemeinem Frohlocken
bewillkommt Er war zwar nicht wenig besorgt dass eine so große Armee allen Raum
in seinem Reiche wegnehmen Ackerbau und Viehweide hindern und dadurch Teurung
und endlich gar Hungersnot erzeugen würde allein das Schicksal endigte seine
Sorge in wenigen Wochen Diese Karaiben die ohne Grausamkeit keine Minute
hinbringen konnten rieben sich untereinander selbst auf da ihnen die Feinde
fehlten einer frass den andern und der letzte starb an einer tiefen Wunde die
ihm ein solches Ungeheuer mit seinen scharfen Zähnen in die rechte Brust
versetzt hatte
Zweites Buch
Der König von Butam war zu glücklich um es lange zu bleiben bei so vielen und
großen Freuden dachte er an keinen Überdruss und der Zeitpunkt wo er seine
Beschützerin von der Strafe befreien sollte nahte sehr heran Ihre
heimtückischen Schwestern sahen es mit Unwillen und hielten deswegen einen
Reichstag auf dem Brocken um zu beratschlagen wie sie die Befreiung einer
Schwester hindern sollten die ihnen wegen ihres guten Herzens verhasst war Die
Hexe Schabernack die gefährlichste und schlauste unter allen blies zuerst
Lärm sie war Stattalterin des Weltteils worin das Königreich Butam lag
Sie setzt ihr Horn wie rasend an den Mund
Und in dem ganzen Erdenrund
Erschallt der fürchterlichste Ton
Der Walfisch horcht im Nord mit aufgesperrtem Rachen
Des Südpols Eisgebirge krachen
Der Wolkenraum erbebt vor diesem Schreckenston
Kaum dringt er in der Schwestern Ohren
So fodert jede gleich die Stiefeln Peitsch und Sporen
Und ohne weitres Aufgebot
Sitzt wie auf einem Zug in jedem Teil der Erde
Im Augenblick der Hexen Schar zu Pferde
Der Erdbewohner sieht mit Angst den Himmel rot
Von langgestreiftem Feuer glühen
Der Landmann ruft »Die Hexen ziehen«
Leichtsinnig glaubt der Philosoph ihm nicht
Will klüger sein und nennts ein nördlich Licht
Doch wer durchs Denken sich nicht Schaden tat am Glauben
Der hört wohl in der Luft genau die Rosse schnauben
Zuerst erreicht den tiefbeschneiten Berg
Ein Schwarm von Nordens Zauberinnen
Sibiriens und Grönlands Herrscherinnen
Geführt von einem braunen Zwerg
Den ein genäschig Weib so lehret Grönlands Sage
Von einem Walfisch einst gebar
Von Trane glänzend fliegt wie ein Komet sein Haar
Ein Fischbein schwingt sein Arm und unter seinem Schlage
Schiesst schneller als ein Pfeil der Seehund der ihn trägt
Dass um ihn her wie Staub die Wolken stieben
Ihm folgt in jeder Reihe sieben
Der Zaubertrupp hier zieht nie angeregt
Ein Rentier flügelschnell ein Meerschwein dort den Schlitten
Mit Tran zum Labetrunk gefüllt umgürtet mitten
Ein dicker Schlauch den Pelz der die Matronen ganz
Vom Kopf zu Fuße deckt Erkältung zu verhüten
Den Scheitel ziert ein ungeheurer Kranz
Von Gräten schön gewebt Zwei Chöre wüten
In wildem Tanze nebenher
Die raue Trommel schallt die Muschelschalen schmettern
Als brüllte Löw als brummte Bär
Als zitterte die Luft von zwanzig Donnerwettern
Tönt fürchterlich aus hohler Brust geheult
Das Zauberlied
Zunächst nach ihnen eilt
Das große Heer herbei das unter allen Zonen
Die kupferfarbnen Nationen
Der Neuen Welt beherrscht Pizarros3 Seele ritt
Mit blutendem zerrissnen Beine
Als Postillion voran auf einem Stachelschweine
Für alles was von ihm der Peruaner litt
Verdammt zu dieser Pflicht O welcher wüste Haufen
Welch scheckiges Gemisch ohn Ordnung folgt ihm nach
Die einen tummeln sich auf Schlangen andre laufen
Der eine Kopf ist rund der andre flach
Der dritte spitz und ein Quadrat der vierte
Die eine schwingt die Streitaxt mit Geschrei
Als wenn sie in die Schlacht Huronen führte
Die andre rjetzt die blutge Wang entzwei
Und dreht in engem Kreis die schweissbenetzten Glieder
Hier blökt ein wilder Schwarm aus vollem Halse Lieder
Bis das gepresste Blut die Backen kirschbraun färbt
Dort spritzt in Stern und Mond die sich mit Abscheu wenden
Ein andrer dampfend Blut mit vollgeschöpften Händen
Hier schleicht ein nackter Trupp an Hüft und Brust gekerbt
Mit tiefgesenktem Kopf und fürchterlichem Brummen
Dort tanzen Mütterchen mit rotgemaltem Steiss
Wohin ihr Zug sich lenkt stürzt vom Gebirg das Eis
Zerberstend in das Tal die Winde selbst verstummen
Mit Todesangst verkriecht sich Mensch und Wurm
Des Brockens tiefbeschneiter Gipfel
Bebt unter ihnen kaum so schüttelt schon ein Sturm
Auf dem Gebirg umher der Eichen alte Wipfel
Und meldet sausend schon den dritten Haufen an
Er kam vom warmen Morgenlande
Wo der Chineser Tee aus buntem Porzellan
Mit stillem Ernste schlurft von dem erhitzen Sande
Des weiten Afrikas wo dem geglänzten Mohr
Der Sonne nahe Glut die breite Nase senget
Und wo vor einen Ort man sag ihn sich ins Ohr
Der Hottentottin die Natur ein Schürzchen hänget4
Ein toller Heiliger der durch des Betens Kraft
Den Weibern Fruchtbarkeit den Männern Stärke schaft5
Lief vor dem Trupp als Laufer her und schwenkte
Um den entblößten Leib die Geissel dass sein Blut
Die Wolken wo er ging mit roten Strömen tränkte
Was Schwärmerei was finstre heilge Wut
Ersinnen kann sein eigenes Fleisch zu quälen
Das sieht man hier Ein tolles Weib
Ließ voll Begeisterung sich den Leib
So rein wie einen Apfel schälen
Und trägt an einer Stang ihr eigenes totes Fell
Man folgt mit Toben der flatternden Fahne
Man drängt sich man beißt sich mit gierigem Zahne
Man ritzet und dreht in taumelnden Sprüngen sich schnell
»Platz« schallt es plötzlich durch die Lüfte
Gleich wird der Berg wie Tag von tausend Fackeln hell
Es füllen ihn des Weihrauchs süße Düfte
Und leise tönt der lieblichste Gesang
Da kommt mit feierlichem Gang
Mit Kränzen auf dem Haupt und in den Händen Kerzen
Im schwarzen Totenkleid die ungezählte Schar
Die unter Millionen Schmerzen
In Gallien auf dem Altar
Des rohen Aberglaubens brannte
Die Deutschland zum Schafott als Zauberinnen sandte
Die sich in Spanien zur Zauberei bekannte
Der Folter durch die Flammen zu entgehn
Zum Lohn des Märtyrtods genießen sie die Ehre
Sich über alle zu erhöhn
Sie sind umringt von einem großen Heere
Trabanten in Kalott und Skapulier
Die heilgen Väter sinds durch deren Rachbegier
Der Pater Grandier6 im Scheiterhaufen flammte
Weil er die Wunder frech verdammte
Die doch ein Kloster tat Wie haun
Ins Zaubervolk hinein die schwarzen Pfaffen
Dem langen Zuge Platz zu schaffen
Den alle still in tiefer Ehrfurcht schaun
Die ehrwürdige Schar nimmt mit den Obersten jedes Weltteils ihre Sitze ein das
Volk lagert sich im Schnee die schwarzen Trabanten gebieten Stillschweigen und
die Hexe Schabernack tritt auf um ihren Vortrag an die Versammlung zu tun sie
hustet dreimal und beginnt in Hexametern die der Kanzleistil auf dem Brocken
bei allen öffentlichen Reden erfodert
Schwestern die ihr durch Kunst die Herzen der Menschen regieret
Sie zu Wünschen entflammt sie von Leidenschaften hinweglenkt
Hört mich mit willigem Ohr Gerecht beschlossen wir letzthin
Mit einmütigem Spruch die Verwegne von uns zu stoßen
Die des Schicksals ewges Gesetz aus weichlichem Mitleid
Störte sie büsset in Qual doch bald wird die Strafe sich enden
Wenn ihr der Listigen nicht mit schneller Entschließung zuvorkommt
Soll ein Sterblicher sich im Arm des Vergnügens ergötzen
Und der Ekel ihn nie mit leisem Schritte beschleichen
In das flammende Herz des Verliebten gießen wir plötzlich
Einen löschenden Strom mit gesättigter Liebe verschmähen
Männer die Weiber des Ehrbegierigen Seele den Abgrund
Überfüllen wir oft wir verwandeln die köstlichsten Speisen
In ein ekelndes Gift dem genäschigen Gaume die Reize
Jedes Sinnes in Wollust in Langeweile das Denken
Und nicht selten in Last den Odem des Lebens und Butams
Glücklicher König allein soll nicht dem Gesetze gehorchen
Nein ich dulde das nicht ich will in geborgten Gestalten
Seinem Palaste mich nahn und durch mannigfaltige Listen
Seiner Freude den Tod bereiten
Wofern ihr des Ordens
Ansehen nicht hasset so gebt mir unbeschränkende Vollmacht
Das letzte Wort war noch nicht völlig ausgesprochen so schallte ihr schon ein
vollstimmiges »Ja« in allen Sprachen des Erdbodens entgegen sie begab sich an
ihren Platz und die Versammlung entschied noch einige wichtige Angelegenheiten
Der größte Teil des gemeinen Haufens murrte dass unter den Menschen Ortodoxie
und Ketzerei bald aus der Mode kommen sollten und dass bald keiner dem andern um
seines Glaubens willen einen Ritz in den Finger schneiden würde denn sie sahen
die Veränderungen unsers Jahrhunderts voraus Die Hexen aus gewissen Gegenden
Teutschlands wo es jetzt noch Hexen gibt brüsteten sich bei dieser Gelegenheit
nicht wenig dass bei ihnen die naseweise Freiheit im Denken und Schreiben noch
lange unter die geistliche Konterbande gehören würde und eine portugiesische
Nonne verlas ein lateinisches Lobgedicht auf die Inquisition allein es fand
keinen Beifall weil man schon damals auf dem Brocken vom Geschmack an
geistlichen Inquisitionen zurückgekommen war
Der Tag brach an und die Versammlung trennte sich die Hexe Schabernack
eilte vermöge ihrer Vollmacht zum Palaste des Königs von Butam und fuhr in die
Leibkatze der Prinzessin Frissmichnicht Das Tier kam seiner Gebieterin ganz
anders vor seitdem die Hexe darin steckte es schnurrte nicht mehr verlor
ganz seinen vorigen guten Charakter kratzte und biss wenn man es anrührte und
fing endlich gar an zu reden So etwas hätte selbst einen Philosophen in
Verwirrung bringen können und die Prinzessin ob sie gleich keine Philosophin
war urteilte doch sehr scharfsinnig dass dieser Vorfall nicht ganz nach dem
Laufe der Natur geschähe und schloss daher sehr richtig dass Hexerei dabei
vorgehn müsste
»Große Prinzessin« sprach die Katze »der König liebt dich nicht und du
bist ihm gram Ich will dir helfen ihm einen Possen spielen Sooft du willst
dass ihm etwas Unangenehmes begegnen soll so sage Kak und du wirst deine
Freude an seiner Unruhe sehen«
Von da begab sie sich zum Bruder dem Prinzen und sagte ihm »Erhabner
Prinz du liebst den König und der König ist dir gewogen du wünschest täglich
dass es ihm wohlgehn mag ich will deine Freude vermehren Sooft du einen solchen
Wunsch für den König tust so sage Kak und er soll sogleich erfüllt werden«
Zuletzt ging sie auch zur Königin »Huldreichste Monarchin« fing sie an
»du liebst deinen Gemahl zuweilen und er ist dir mannichmal auch nicht
ungeneigt du hast oft Langeweile bei ihm und er nicht selten bei dir Sooft du
ihm und dir ein Vergnügen wünschest so sage Kak und er muss dirs schaffen«
Die listige Hexe verließ ihre Wohnung und setzte sich auf die Feueresse um
die Wirkung ihrer Bosheit zu sehen Die arme Katze kam am schlimmsten dabei
weg denn zum großen Leidwesen der Prinzessin starb sie auf der Stelle von der
Einquartierung
Die Prinzessin die sichs nicht zweimal sagen ließ wenn sie einen Possen
spielen sollte begab sich sogleich ins Vorgemach des Königs der Prinz eilte
aus gutem Herze eben dahin um geschwind dem Könige etwas Gutes zu wünschen
»Kak« rief die Prinzessin »Kak« rief der Prinz und in der Minute legte jedes
ein Ei sie sahen sich voll Verwundrung an »Kak kak kak« schrie die
Prinzessin »Wird denn das verwünschte Eierlegen bald aufhören Da sind schon
wieder drei Stück« Sie rief voll Zorn »Kak kak kak« und je mehr sie rief
desto mehr legte sie Eier desto mehr verwünschte sie die Eier stampfte
schimpfte auf die Hexe die ihr den Streich spielte und musste von neuem rufen
und von neuem Eier legen Der Prinz der von einem viel sanftern Temperamente
war verrichtete sein Geschäfte mit vieler Gelassenheit sprach sehr gutmütig
»Kak« und sagte mit ebenso gutmütigem Tone wenn er sich umsah
»Schon wieder ein Ei«
Die Prinzessin wurde immer heftiger und warf endlich vor Grimm alle ihre
Eier an die Wand sie rollten unter die Produkte des Prinzen eins stieß an das
andere alle brachen entzwei Und welches Wunder aus jedem Dotter wurde ein
Mensch und jeder dieser Menschen war einer von dem Heere das ehmals die
Vorgemächer bevölkerte da die Großen noch der Etikette frönten und die Fesseln
des Zeremoniells noch nicht zerbrochen hatten wie jetzt Grosstürsteher
Grossschlüsselbewahrer Grosskleiderkammermeister und wie sie weiter hießen und
Alle standen chapeau bas
Frisch gepudert scharf geschultert da
Jeder ging an seinen Posten der Prinz und die Prinzessin in ihre Zimmer und
begriffen nicht was aus dem Wunderwerke werden sollte
Der König wollte auf die Jagd gehen und glaubte noch wie sonst Herr seines
Willens zu sein er gab Befehl der Befehl wurde dem obersten Stallmeister
überbracht und brauchte eine ganze Stunde eh er von diesem durch alle mittlere
Instanzen zu dem Reitknechte hindurchkam der das Pferd vorführen sollte ebenso
viele Zeit brauchte er um sich von dem ersten Oberjägermeister bis zu dem
niedrigsten Jagdburschen durchzuschlagen der mitreiten musste und zwei ganze
Stunden wurden erfodert ehe die Verordnung des ersten Marschalls zu allen
gelangte in welcher Uniform jeder sich einfinden sollte der zur Begleitung
bestimmt war Der König verging beinahe vor Verdruss er sah mit Verwundrung vom
Fenster dass sich eine Menge Pferde versammelten als wenn er in den Krieg
ziehen wollte Die Begleitung wartete im ersten Vorgemache aber niemand konnte
zum König und der König nicht heraus alle Türen waren verschlossen und der
Grosstürbewahrer noch nicht da der den Schlüssel dazu hatte Er kam endlich und
vier Stunden nachdem der Befehl aus dem Munde des Königs gegangen war brach
der Zug auf7
Es ließ sich Fremde vorstellen und der König sprach mit ihnen wie ein
Mensch von Verstande mit einem Menschen von Verstande offen lebhaft ohne
Zwang Als er sie von sich gelassen hatte tat ihm der Grossfremdenvorsteller
einen Vortrag worin er ihm die Erinnerung gab dass Ihre Majestät bei der
Audienz wider die Regel der Etikette verstoßen und mehr gesprochen hätten als
einem Monarchen anständig wäre Der König fragte lachend was einem Monarchen
nach seiner Etikette anständiger wäre zu sprechen »Nichts« antwortete jener
»als zwei Fragen eine über den Weg die andre über die Gesundheit« »Ich will
reden wie ein Mensch der zu reden weiß und bei Leuten mit denen er spricht
Unterricht oder Vergnügen sucht« sagte der König unwillig »Hat denn ein Klotz
mehr Würde als ein Mensch« Durch diese unbedachtsame Rede tat er sich vielen
Schaden bei den Großen des Reichs denn sie waren nicht unzufrieden dass er
redte sondern dass er mit jemand außer ihnen sprach es entstand allgemeines
Murren
Der König wollte eine von seinen vorigen Freigebigkeiten ausüben und griff
nach seinem grünen Sacke wo war er Der Grosssackbewahrer hatte ihn unter seine
Aufsicht genommen Umsonst befahl der König ihn auszuliefern der Verwahrer
desselben behauptete dass allein ihm das Recht zukäme die Auszahlungen aus dem
Sacke zu tun auch dies ließ sich der König gefallen aber sooft er Befehl zu
einer gab so machte der Sackbewahrer so viele Gegenvorstellungen und
Einwendungen wenn er keine Lust dazu hatte dass eigentlich nicht mehr der
König sondern sein Sackbewahrer Gnaden austeilte und dass sie daher nicht der
Verdienstvolle bekam sondern wer vor diesem Herrn am besten kriechen konnte
Nicht besser ging es mit dem roten Nachtstuhl und der goldnen Büchse der
König wollte täglich befahl täglich und niemals wurde sein Wille niemals sein
Befehl erfüllt er war nichts als eine Puppe die den König vorstellte die Ehre
des Monarchen genoss und den Willen der Großen unterzeichnete
Er klagte seiner Gemahlin seine Not wie sehr er in Vormundschaft geraten
wäre und wie wenig er sich davon befreien könnte sie erinnerte sich an den Rat
der Katze und antwortete ihm nichts als »Kak« Sie vermutete dass sich auf
dieses Wort alle Vergnügen der Erde um sie her versammeln würden aber es
geschah nichts Sie wiederholte den Ausruf zum zweiten zum dritten Male Es
geschah nichts Verdriesslich schmähte sie schon bei sich auf die betrügerische
Hexe als sie von ungefähr ihren Gemahl anblickte und in seinem Gesicht eine
ungewöhnliche Munterkeit wahrnahm die immer mehr wuchs je länger sie ihn
ansah und sich endlich so sehr vergrößerte dass er sich des Tanzens nicht
enthalten konnte er fasste sie bei der Hand sang eine Bourrée und sprang mit
ihr herum dass sie beide zuletzt atemlos auf die Ottomane sanken Er machte noch
denselben Tag Anstalt Opern Seiltänzer Virtuosen auf allen Instrumenten
Schauspieler Kastraten Sängerinnen Taschenspieler und tausend andere edle und
unedle Künstler in Dienste zu nehmen und der Sackbewahrer der wohl wusste was
es bedeutet wenn der Monarch sich ganz auf die Seite des Vergnügens lenkt
machte diesmal nicht eine einzige Einwendung Er schrieb mit eigener Hand an
alle Orte um das Vortreffliche in jeder Art des Vergnügens am Hofe des Königs
zu versammeln Opernteater wurden gebaut worauf ein ganzes Regiment
manövrieren konnte Redoutensäle von ungeheurer Größe Amphiteater zu
Tiergefechten alles so groß und prächtig als es die Imagination des
Baumeisters zu ersinnen vermochte Vom Morgen bis zum Abend tat man nichts als
dass man von Vergnügen zu Vergnügen eilte
Kaum öffnete der Tag die Augenlider
So hallte schon der Wald vom Jägerrufe wider
Mit wildem Schreien treibt aus dem Gebüsch ins Feld
Von hohen Wänden weit umstellt
Ein Bauernchor das scheue Wild Dort schreitet
Mit schwankendem Geweih der sichre Hirsch hervor
Und bleibt mit Staunen stehen er reckt den Hals empor
Und ahndet keinen Tod Ihm folgt von ihm geleitet
Ein endenreicher Trupp in langen Reihen nach
Der Büchse Donner schallt der dreiste Führer sinkt
Die bange Schar zum Fliehn vor Schrecken schwach
Sieht bebend wie sein Blut der durstge Rasen trinkt
Der zweite Schuss pfeift durch die Luft und streckt
Den zweiten hin Wie springt der geängstete Haufen
Dem drohenden Tod zu entlaufen
Und findet ihn wo er am wenigsten schreckt
Hier hebt sich über die Schranken zu hüpfen
Ein Mutger empor und stürzt verwundet herab
Ein andrer gräbt darunter wegzuschlüpfen
Sich listig einen Weg und gräbt sich sein Grab
Ihr Toren flieht umsonst was kann euch Schutz gewähren
Der Mensch ist euer Feind aufs Rauben nur bedacht
Den nicht wie den empfindungsvollern Bären
Der Mangel bloß den selbst die Lust zum Mörder macht
Das blutge Schauspiel ist vollbracht
Man übersieht mit Stolz die totenvolle Szene
Mit schallendem Triumphgetöne
Verlässt man sie und eilt bei einem reichen Mahl
Die Heldentaten zu erzählen
Man kehret zum Palast ein andres Kleid zu wählen
Und neugeschmückt erscheint man festlich in dem Saal
Wo auf dem vollen Tisch aus Meere Luft und Garten
Aus Süd und Ost die schönsten Leckerein
In tiefstudierter Ordnung warten
Mit gleichem Reize Gaum und Auge zu erfreun
Hier brüstet sich aus buntem Teig geschaffen
Ein spiegelreicher Pfau den niemand essen mag
Gleich unessbar und gleich bewundert gaffen
Auf einem Berg von Moos mit ausgeholtem Schlag
Der niemals treffen wird zwei Äffchen wild sich an
Ein Entenvölkchen schwimmt auf einem See von Brühe
An steilen Alpen klettern Kühe
Zum Gipfel voller Schnee von Eierweiss hinan
Ein Eber lauscht mit scharfgewetztem Zahn
In einem Eichenwald von Petersil und Mandeln
Kein Essen das die Kunst in fremde Form nicht zwang
Die Kunst mit der Natur in ewgem Zank
Ließ Fisch in Vögel sich verwandeln
Schuf aus des Hasen Fleisch des Löwen furchtbar Bild
Bewundert ist die Pracht der Appetit gestillt
Die ganze Jagd erzählt die Unterhaltung trocken
»Was« ruft der König aus und hält die Uhr
Mit Schrecken in der Hand »beim zweiten Gange nur
Und doch so spät Die Hunde locken
Den Fuchs zum schweren Kampf« Er sagts und springt empor
Die edle Zeit mit Klugheit einzuteilen
Und nicht bei einer Lust zu lange zu verweilen
Wenn eine neue ruft Ihm folgt der ganze Chor
Der satten Esser nach Trompet und Pauken schallen
Die Schranken öffnen sich und unaufhaltsam fallen
Den langgeschwänzten Fuchs die Hunde bellend an
Sie bellen und er beißt sie beißen und er schreit
Er wehrt sich flieht und stirbt sobald er keins mehr kann
Doch Muse tut dirs nicht um deine Verse leid
Verschwende sie an keine Grausamkeit
Die Lust die eines Tiers gequälter Tod gewährt
Ist keines einzgen Verses wert
Schon lange laurt im Opernsaal die Menge
Bricht Bänk und Arm entzwei in drückendem Gedränge
Und wünscht mit Ungeduld den Füchsen schnellen Tod
In Hoffnung länger nicht zu schmachten
Itzt rollt der Pauke Lärm daher und tobend droht
Der Sinfonie Geräusch mit Krieg und blutgen Schlachten
Der Vorhang rauscht und schnell wird alles Ohr
Vom Schauplatz tönt ein stimmenvoller Chor
Mit feierlicher Pracht durch den gewölbten Saal
Und drückt dem Herz mit tiefen Zügen
Erstaunen ein Ein Held gekrönt mit Siegen
Kehrt mit dem Heer zurück er legt den blutgen Stahl
In der Geliebten Schoss und weiht sich Amors Kriegen
Kühn wie ein leichter Gems durch Schweizerklippen hüpft
Springt eine Meisterhand in labyrintschen Gängen
Die Silbersaiten durch gewälzt wie Wellen drängen
Die Töne bald sich rauschend fort bald schlüpft
Der schleichende Gesang hernieder und erlischt
Wie ein verliebter West um eine Tulpe wirbt
Sie sanft berührt und dann mit leisem Seufzer stirbt
Wie von des Frühlings Hauch zum Leben angefrischt
Die Lerche wirbelnd steigt und in den Wolken schlägt
So steigt und sinket durch der Töne Leiter
Ein tönender Sopran in leichten Trillern weiter
Empor als selbst Apollens Lyra trägt
Durch ungetreue Lieb in Raserei versenkt
Tobt die Prinzessin dort dass Schlepp und Kleid sich schwenkt
Zorn brauset im Gesang dass jede Nerve bebt
Wenn die Beleidigte den Dolch zur Brust erhebt
Die Heere ziehen die Schilde klirren
Der Donner rollt am Himmel irren
Die Blitze kreuzend hin im Augenblick
Wird der Palast zum Hain der Hain zur öden Wüste
Die Wildnis eine Flur und durch ein Zauberstück
Ein Tempel aus der Flur Ein schwebendes Gerüste
Mit Wolken reich behängt mit Lampen schön erhellt
Trägt einen Gott herab der seine Majestät
Mit banger Furcht vergisst sich nach den Stricken dreht
Und ängstlich sorgt dass nicht die Wolkenkutsche fällt
Und er den Götterhals auf seiner Reise bricht
Doch langt er glücklich an dann kommt in sein Gesicht
Die Gottheit gleich zurück und furchtbar ists zu sehen
Wie er die Welt mit Blick und Trillern jetzt erschüttert
Dass sie vor ihm wie er vor seiner Reise zittert
Das Opfer flammt die Priester flehn
Parterr nebst Logen sehnt sich nach dem Abendessen
Man lässt den Gott so gut er kann nach Hause gehen
Und findet wohl gespeist die Oper doppelt schön
Wie wären bei dem Plan zwölf Stunden Nacht vergessen
Zu Freuden ungenützt verschliefe man die Nacht
Nein weislich ward schon längst auf sie gedacht
Ist nicht im Tanzsaal schon ein buntes Volk versammelt
Das sein Gesicht mit Wachs und Leinwand deckt
Mit roten Wangen prahlt mit Riesennasen schreckt
Oft durch die schwarze Mask ein schönes Auge steckt
Bald stumm durch Zeichen spricht bald lispelt oder stammelt
Rauscht die Musik nicht schon mit wilder Fröhlichkeit
Wie schwebt die Perserin dort mit beflügeltem Schritte
Leichtfliegend und sanft wie ihr flatterndes Kleid
Wie schielt sie bei jedem gemessenen Tritte
Nach lächelndem Beifall herum
Ein krummgebückter Greis wirft seines Alters Bürde
Gleich einer Feder ab und dreht wie ein Jüngling sich um
Ein Pfarr vergisst auf einmal Ernst und Würde
Und schwenkt sich profan wie ein Weltkind herum
Der eine hat Witz der andre Biskuit zu verschenken
Mit Spott ergötzt sich der eine der andre mit Schwänken
Kein einzger der sich nicht in der falschen Rolle gefällt
Nicht seine wahre mit Freuden vergisst
Das bunte Volk ist ganz das Bild der Welt
Ein jeder scheint was er nicht ist
So ging es Tag für Tag aber je mehr die Vergnügen sich drängten desto
geschwinder wurde der König sie überdrüssig Er gähnte bei der Jagd er gähnte
bei Tische er gähnte bei der Fuchshetze er gähnte bei der Oper er gähnte bei
der Redoute und um das beschwerliche Gähnen nicht zu einer Krankheit werden zu
lassen sann man auf Neuheit
Das Possenspiel trat auf die Bühne
An schönen Arien und Albernheiten reich
In Locken wie ein Schlauch und mit verzerrter Miene
Spielt einem Narren hier ein Närrchen einen Streich
Der Primadonna Spiel ersetzet an Grimassen
Was an Verstand den Worten fehlt
Sie liebt sie wird betrübt und dann vermählt
Und weiß sich im Final vor Freuden nicht zu fassen
Man geht heraus hat viel gehört und nichts gedacht
Hat alles toll genannt und doch gelacht
Sobald die Neuheit dieser Possen vorbei war so fing der König an gewaltiger zu
gähnen als jemals man riet also sein abgenütztes Vergnügen mit etwas recht
Starkem anzufrischen
Mit Gift und Dolch mit Tränen und mit Schrecken
Rauscht unter grausem Pomp das Trauerspiel daher
Das weiche Herz zu Furcht und Mitleid zu erwecken
Von Ehrgeiz angespornt ermordet auf Begehr
Der Gattin ein Vasall den Herrn im sichern Schlafe
Steigt auf den Thron und wird ein grässlicher Tyrann
Würgt wie ein Wolf die waffenlosen Schafe
Minister General Freund Kinder Weib und Mann
Doch bald verfolgt den Bösewicht die Strafe
Die Geister der Erwürgten stehen
Vor ihm im Bett vor ihm beim Freudenmahle
Und die erschrocknen Augen sehen
Geronnen Blut im blinkenden Pokale
Die Hexen kochen das schwarze Gemisch
Der Zaubersuppe die Luft zu vergiften
Die Winde sausen mit wildem Gezisch
Und blasse Tote steigen aus Grüften
Zu prophezein dass schon den Dolch die Rache zückt
Und was geschieht Der Wütrich wird zerstückt
Und seine böse Frau verrückt
»Ach« rief der König »Wollt ihr mich denn mit euren schrecklichen
Lustbarkeiten ums Leben bringen Solche abscheuliche Dinge machen schwere
Träume Dass mir in Zukunft kein Mensch mehr auf dem Theater verrückt wird oder
ich lass ihn gleich ins Tollhaus bringen und den Poeten dazu Können die Leute
nichts Lustiges spielen« Man gehorchte dem Verlangen
Ein komisch Spiel durchgaukelte die Szene
Mit Scherz und Laune Hand in Hand
Mit Selbstgefallen buhlt die abgelebte Schöne
Und findet jeden dumm der sie nicht reizend fand
Der Alte predigt Sittenlehren
Nennts Torheit wenn man liebt und liebt wenns niemand merkt
Der Geizge lässt vom Listgen sich betören
Und den Verschwender will der schlechte Wirt bekehren
Bald gibt durch munteren Witz gestärkt
Dem Hohn die beissende Satire
Das Lächerliche preis zu andrer Zeit
Erweckt das Drollige den Geist zur Heiterkeit
Bald malt ein zärtlich Herz in süßer Trunkenheit
Der Liebe Schmerz der Liebe Seligkeit
Ein andres die Verlegenheit
Wenn man vor Liebe brennt und das Geständnis scheut
Vom Hofmann bis zum Musketiere
Sieht jeder seines Stands Philosophie
Manieren Sitten Sprach in richtiger Kopie
»Das ist mir recht« sprach der König »dabei wollen wir bleiben das Lächeln
macht aufgeräumt das Lachen guten Schlaf und guten Appetit«
Als acht Tage vorbei waren beschwerte er sich dass ihm etwas fehlte
jedermann war schon bereit es herbeizuschaffen sobald er es nennen würde »So
etwas das Augen und Ohren beschäftigt« antwortete er als ihn seine Gemahlin
darum befragte »Der Witz und die Laune sind wohl gute Dinge aber sie werdens
nicht übelnehmen wenn man sie endlich auch überdrüssig wird«
Man brachte ein Ringelrennen ein Feuerwerk einen Wettlauf in Vorschlag
»Recht so« war des Königs Antwort »Das ist gerade meine Sache«
Laut wiehernd stampft der Hengst im Karussell
Mit langgestrecktem Galopp durch die staubende Laufbahn zu jagen
Zum Siege den glänzenden Ritter zu tragen
Dicht wie ein Wald vom Strahl der Morgensonne hell
Geordnet in zwei Reihen blitzen
Der Lanzen aufgepflanzte Spitzen
Begierig wartet schon dem das gezogne Los
Den ersten Lauf bestimmt aufs langverschobne Zeichen
Die Pauke schallt schnell fliegt wie vom Bogen ein leichtes Geschoss
Mit wankendem Federbusch Ritter und Ross
Die Mitte des schwebenden Rings zu erreichen
Ach welch ein neidisches Geschick
Lenkt neben ihm vorbei die schwere Lanze
Ein unglückselig Ross bei allem seinen Glanze
Kehrt ohne Paukenschall der traurge Gaul zurück
Und seufzend senkt die leere Lanze
Der Ritter mit verschämtem Blick
Um soviel mutiger durchrennt der zweite
Die Bahn auf einem Ross durch langen Ruhm bekannt
Mit ausgestrecktem Arm fliegt ihm das Glück zur Seite
Und lenkt ihm hilfreich Lanz und Hand
Wie braust der stolze Wallach da das Eisen
Des abgestochnen Rings am glatten Stahle klirrt
Und im gespitzten Ohr die Siegstrompete schwirrt
Wie hebt der Sieger sich wenn alle rings ihn preisen
Und klatscht den edelen Hals des Pferdes mit Triumph
Bald wurde für die überfüllten Sinne
Des Königs diese Lust gleich jeder andern stumpf
»Wie säte die Natur die Freuden dünne«
So seufzt er oft »Mit geiler Fruchtbarkeit
Gedeihn Verdruss und Langeweile«
Der ganze Hof studiert mit Emsigkeit
Ein Mittel auszuspähn das diesen Trübsinn heile
Indessen wird in größter Eile
Ein Feuerwerk hervorgebracht
Wie seit der Schöpfung keins auf unserm Erdball brannte
In Gnaden schuf dazu der Himmel eine Nacht
So pechschwarz dass kein Mensch sich selbst erkannte
Wald Ufer Tal Gebirge kracht
Von fünfzig donnernden Kanonen
Am Berge steigt ein feuriger Palast
Selbst Feen würden gern darin wohnen
Wie hergezaubert auf Dort wälzt sich eine Last
Von Feuer in die Luft mit prasselndem Getümmel
Raketen speit der flammende Volkan
Zu Tausenden empor sie bilden einen Himmel
So sternenreich dass Venus Wassermann
Und Großer Bär erlischt Es prasselt platzt und kracht
Weg ist der sternenreiche Himmel
Geld Pracht und Lust verdampft und alles finstre Nacht
Der König geriet außer sich vor Entzücken und verlangte nunmehr zu seiner
Glückseligkeit nichts als Feuerwerke an allen Orten wurden Pulvermühlen
angelegt man ging auf nichts aus als Schwefel und Salpeter zu entdecken und
die Feuerwerker wünschten sich doppelt so viele Hände um ihre Arbeit desto
geschwinder fodern zu können Schon bei dem fünften Feuerwerke beschwerte sich
der König über Einförmigkeit in den Erfindungen und das sechste sah er gar
nicht
Da er mit seinem Vergnügen und die Hofleute mit ihrer Erfindsamkeit ganz
erschöpft waren so wandte er sich an seine Akademie und gab ihr den Auftrag
die Erfindung eines neuen Vergnügens zur Preisaufgabe dieses Jahrs zu machen Es
liefen eine Menge Abhandlungen ein Ein Astronom empfahl die Betrachtung des
gestirnten Himmels und die Berechnung der Kometenbahnen ein Antiquar riet die
Entzifferung und Aufsuchung alter Denkmäler an ein Philosoph behauptete dass
ein Mensch gar keinen Kopf haben müsste wenn er Langeweile in einer Welt hätte
wo es Metaphysik gäbe so erteilte jeder seinem Vergnügen den Vorzug und
glaubte dass alle Menschen mit ihm auf einem Wege zur Glückseligkeit gelangen
müssten und nur darum nicht dazu gelangten weil sie einen andern gewählt hätten
»Lauter bekannte Dinge« rief der König voll Zorn als man ihm von den
eingelaufnen Vorschlägen Bericht erstattete »Etwas Neues will ich« Jeder
gestand in Untertänigkeit dass es ihm unmöglich wäre dies Verlangen zu
erfüllen weil »Ach« unterbrach sie der König »beweist mir nur nicht was
ich deutlich genug sehe Es ist kein Wunder dass ihr niemals Zeit übrig habt
wenn ihr alles beweist woran niemand zweifelt Halt ich mir nicht eine
Akademie die mir so vieles Geld kostet und doch kann sie mir nicht einmal das
Leben erträglich machen«
Er warf sich verzweiflungsvoll in seinen Armstuhl und beschloss den Genuss des
Vergnügens damit dass er gar keins glaubte »Wie wohl war mir« sagte er »da
ich noch in meinem stillen einsamen Häuschen den Stein der Weisen und die
Naturkräfte suchte ich fand zwar keins von beiden aber ich war doch durch die
eingebildete Hoffnung glücklich dass ich sie finden würde Wie ist der Weg des
Genusses in diesem Leben so kurz Er führt in einem kleinen Zirkel herum und
mit sechs Schritten ist man wieder an dem Orte wo der Weg anfing Ach wär ich
noch der weise Kak «
Ohne seinen Willen hatte er in seinem Verdrusse den Ton ausgesprochen der
ihn daraus erretten sollte das Vögelchen kam auf diesen Ruf herbei lud ihn auf
seine Flügel und führte ihn weit von Butam hinweg zum Schloss eines deutschen
Edelmanns der nach den damaligen Sitten soviel trinken konnte als zwanzig
Sterbliche in unserm gegenwärtigen entkräfteten Menschenalter
Drittes Buch
Der Herr von Blunderbuss lag im tiefsten Schlafe als sie vor seiner Residenz
anlangten schnarchte und träumte von den Spässen die ihn des Nachts vorher bei
dem Weinglase belustigten Die Hexe setzte indessen ihren Freund Kakerlak in
einem leeren Weinfasse ab das auf dem Hofe stand schläferte ihn ein und sann
auf Mittel ihn zu einem noch ungenossnen Vergnügen geschickt zu machen
Was sie mit ihm im Sinne hat lässt sich ohne das mindeste Nachdenken
erraten Er soll den Wein austrinken den der Herr von Blunderbuss in seinem
Keller liegen hat Die größte Schwierigkeit war nur wie ihm seine Beschützerin
einen so großen Durst beibringen sollte als zu einem solchen Unternehmen
gehörte da er zeitlebens in allen tierischen Bedürfnissen so mäßig gewesen war
wie es sich von einem Philosophen verlangen lässt und da er selbst als König von
Butam diese Mäßigkeit beibehalten hatte denn ob er gleich die köstlichsten
Weine auf die Tafel setzen ließ so liebte er sie doch nur als eine Art von
Pracht ohne jemals davon zu trinken
Das Vögelchen saß vor dem Schlafzimmer des Herrn von Blunderbuss ernstaft
nachdenkend und fand kein besseres Mittel zur Ausführung ihres Plans als dass
sie die Seelen der beiden Leute vertauschte Kakerlaks Seele und Körper sagte
es sich sind beide so mäßig dass sie in diesem Schloss Jahrhunderte wohnen
könnten ohne sich das Vergnügen zunutze zu machen das hier zu haben ist aber
wenn ich dem mäßigen Körper eine durstige Seele zur Aufsicht gebe so muss er
wohl trinken er mag wollen oder nicht
Dies tiefgedachte Urteil beweist dass die Hexe stark in der Logik sein musste
und dass sie einen scharfen Blick in die Ökonomie des menschlichen Wesens getan
hatte So schnell als man denkt hatten die beiden Seelen ihre Wohnhäuser
verwechselt und damit der Blunderbussische Körper nicht etwa Händel anfinge
wenn ihm seine neue Herrschaft nicht anstände so musste er mit ihr im Weinfasse
sein Quartier nehmen das Vögelchen begab sich hinweg sobald die
Zauberoperation geschehen war
Noch nie sah man so deutlich wie schlimm es in einem Hause hergeht wenn
Herr und Diener nicht zusammenpassen als da die Blunderbussische Seele und der
Kakerlakische Körper aus dem Bette aufstehn wollten Sie war von den Dünsten des
gestrigen Rausches noch umnebelt sie merkte wohl dass im Gehirn um ihr her
alles anders war wie sonst aber ans Nachdenken nicht sonderlich gewohnt ließ
sie sich nichts anfechten sondern fing an ihre Maschine in Bewegung zu setzen
Welche Unordnung Wenn sie ein Bein aufheben wollte zog sie am Arme anstatt
den Arm zu bewegen zog sie am Munde es ging ihr wie einem Puppenspieler wenn
er die Faden verfehlt womit er seine agierenden Personen regiert Da sie
schlechterdings nicht mit ihm zurechtkommen konnte ergriff sie die kürzeste
Partie und gab ihm einen Stoß dass er zum Bette herausrollte Der Bediente des
Herrn von Blunderbuss der diese Art aufzustehn bei seinem Herrn gewohnt war
argwohnte nichts Außerordentliches sondern kam auf das Geräusch des Falles sehr
gelassen herbeigeschritten seinem Herrn auf die Beine und in einen Stuhl zu
verhelfen Desto größer war sein Erstaunen da er den gefallnen Körper
aufrichtete und eine ganz andere Nase andere Augen Hände und Füße und sogar
eine kleinere Statur an ihm erblickte als sein Herr bisher hatte er konnte mit
allem seinen Nachsinnen keine natürliche hinreichende Ursache zu einer solchen
Veränderung finden und vermutete daher sehr richtig dass es nicht mit rechten
Dingen zuginge Die Blunderbussische Seele wollte zu trinken fodern aber die
Kakerlakische Zunge die der deutschen Sprache nicht mächtig war brachte nach
vielen Verzerrungen des Gesichts ein kauderwälsches Gemisch hervor das halb aus
Teutsch und halb aus der Sprache von Butam zusammengesetzt war Der Bediente
der keine Silbe verstand fragte voll Verlegenheit einmal über das andere und
je mehr er fragte desto mehr übereilte sich die Seele in ihrem Unwillen desto
mehr grimassierte das Gesicht desto verwirrter sprach die Zunge »Mein Herr muss
besessen sein« sagte der erschrockene Mensch und eilte mit allen Kräften den
Pater herbeizuholen der ihn exorzisieren sollte die arme Seele musste indessen
schmachten und plagte die Maschine ganz jämmerlich die unter ihrem Befehle
stand wie ein schlechter Reuter ein stätiges Pferd ohne sie vom Stuhle bewegen
zu können
Der Pater kam an und war gleichfalls über die Veränderung nicht wenig
erstaunt da er den Tag vorher mit einem ganz andern Herrn von Blunderbuss
gegessen und getrunken hatte um nicht zu übereilt zu verfahren versammelte er
seine Brüderschaft aus dem ganzen Umkreise Ihre Überlegung ging ohne allen
Streit und ohne alle Verschiedenheit der Meinungen vonstatten denn der ganze
Synodus traf gleich die Wahrheit und entschied einmütig dass es nicht mit
rechten Dingen zuginge und dass hier nichts als ein recht starker Exorzismus
helfen könnte Sie fingen ihre Beschwörungen an und je mehr sie dem vermeinten
Teufel zusetzten desto erzürnter tobte die Blunderbussische Seele in ihrer
Wohnung herum Die Beschwörer fuhren unablässig fort und winkten sich mit
freudigem Lächeln zu dass sie nach ihrer Meinung dem bösen Feinde so viel Angst
machten sie beschworen so lange bis sie müde und hungrig wurden und
beschlossen daher sich zu Tische zu setzen und sich zum Kriege wider den Teufel
neue Kräfte zu sammeln
Der vermeinte Besessene wurde wie rasend als man ihn in seinem eigenen
Hause vom Tische ausschloss und einer Diät unterwarf die ihm nicht wohl behagte
die Paters aßen und tranken mit gutem Appetit zur Ehre des Sieges den sie bald
über den Satan zu erlangen hofften
Die Hexe Schabernack die auf jeden Schritt ihrer verwiesenen Schwester
genau achtgab machte indessen Gegenanstalten Sie schloss so Der Körper eines
mäßigen Philosophen und die Seele eines Trunkenbolds sind zwei Dinge aus deren
Zusammensetzung der vollkommenste Mensch entstehen kann der Körper hält die
Seele zurück wenn sie mit ihren Begierden die Grenzen überschreiten will und
die Seele treibt den Körper an wenn er in der Mäßigkeit zu weit geht Ein
solcher Mensch wird sich also beständig im glücklichsten Gleichgewichte
befinden nie zu viel und nie zu wenig begehren und folglich von keinem
Vergnügen so viel kosten dass er Überladung Sättigung und Überdruss befürchten
darf
Sie bewunderte die große Menschenkenntnis die ihre Schwester auf ein so
sinnreiches Mittel gebracht hatte wodurch sie ihre Erlösung unfehlbar bewirken
könnte sie stahl daher die Prinzessin Frissmichnicht und ihren Bruder aus dem
Bette und kam mit ihnen eben an als die Teufelsbeschwörer bei Tische saßen
Augenblicklich verwandelte die tückische Hexe die Prinzessin in ein großes
Deckelglas mit schönen Figuren und sinnreichen Versen geziert
Die Geisterbeschwörer wurden durch den Wein so munter dass sie endlich gar
eine Gesundheit wider den bösen Feind ausbrachten sie suchten das größte
Deckelglas aus das im Hause zu finden war und ihre Wahl musste vor allen das
bezauberte treffen weil es sich selbst durch seine Größe empfahl Es wurde mit
vieler Freude angefüllt und der Oberste in der Gesellschaft setzte es an den
Mund »Au« schrie er wollte das Deckelglas auf den Tisch stellen und konnte
nicht denn die Prinzessin Frissmichnicht biss ihn so heftig in die Lippen dass
sie sich nicht losmachen ließ »Au au au« rief der gebissne Pater
unaufhörlich und rennte in der Stube herum das Deckelglas an den Lippen Um
ihren Mitbruder aus des Teufels Gewalt zu befreien fingen sie mit lauter Stimme
an das Deckelglas zu exorzisieren und um sie desto mehr zu plagen ließ die
Prinzessin nach Sobald es von den Lippen war wurde es auf den Tisch gestellt
von neuem angefüllt exorzisiert aber es blieb dabei Wer es an den Mund
setzte wurde gebissen und schrie »Au«
Da sich dieser böse Geist durchaus nicht zum Gehorsam bringen lassen wollte
so wählte man das kleinste Glas auf dem Schenktische weil ein so enges
Behältnis nur einen kleinen Satan enthalten könnte Schön getroffen Als sie
danach griffen steckte die Hexe Schabernack den Prinzen Lamdaminiro hinein
Kaum war es gefüllt und kaum hatte es der erste den Lippen genähert so sprang
ihm das Glas auf den Rücken der Prinz bildete sich ein auf einem Pferde zu
sitzen gab dem schreienden Pater die Sporen und trabte auf ihm im Zimmer herum
setzte über Stühle und Tische und ruhte nicht eher als bis sein vermeinter Gaul
atemlos und entkräftet zur Erde sank Die übrigen die für eine solche Reuterei
dankten wollten der Ehre entfliehn und stürzten sich mit schrecklichem Getöse
zur Türe hinaus
Hier schwenkt dass Glas und Teller zerbricht
Sich über den Tisch ein flüchtiger Pater
Dort kriecht ein schwerbeleibter Herr Konfrater
Mit Ächzen unterm Tisch dahin ein andrer ficht
Mit Händen und Füßen sich Raum zur Flucht zu verschaffen
Hier dieser schützt sich mit geistlichen Waffen
Dort jener ergreift in der Angst den Braten zum Schild
Man drängt sich man stößt sich man bittet man schilt
Hier betet man »Jesus Maria« dort schreit man »Au wehe«
Der eine beklagt die Schulter der andre die Zehe
Man winselt man weint man blökt man schwitzt
Denn jeder glaubt dass der Satan mit blutigen Sporen ihn rjetzt
Sie entkamen diesem Abenteuer um einem andern zu begegnen Kakerlaks Seele und
der Blunderbussische Körper waren indessen im Weinfasse aufgewacht Sosehr sich
die Seele über das sonderbare enge Wohnhaus verwunderte so verwunderte sie sich
doch noch mehr über die Veränderung zunächst um sich herum Sie bekam von ihrem
neuen Gefährten ganz andere Empfindungen als sonst solange sie in einem
sichtbaren Körper wohnte war aus ihm kein so brennender Durst zu ihr
aufgestiegen wie jetzt alle Triebe die durch die sterbliche Maschine in ihr
erregt wurden waren Triebe der Unmässigkeit alle Gefühle widersprachen ihren
Grundsätzen und Begriffen Wollte sie nicht vom Drange ihrer Empfindungen
überwältigt sein so musste sie sich beizeiten in Autorität setzen und sie hielt
daher dem durstigen Körper eine sehr nachdrückliche Ermahnungsrede »Liebes
Körperchen« sagte sie ihm »du wirst ein wenig zudringlich du willst mich mit
aller Gewalt zwingen wider meine Grundsätze und Einsichten zu handeln und mich
durch tierische Vergnügungen zu entehren Ich sage dir ernstlich dahin bringst
dus nicht bei mir gib dir weiter keine Mühe Ich habe deine Schwachheiten
bisher geduldet wie die Fehler eines Freunds du bist eine Masse von Luft Erde
Feuer und Wasser weiter nichts du bist mir als mein Diener zugegeben als mein
Sklave der mir auf den Wink gehorchen und nicht den Herrn über mich spielen
soll weißt du das wohl Wenn du deine Unverschämtheit zu weit treibst so zieh
ich von dir aus ich habe so lange ohne dich gelebt als ich seit Jahrtausenden
in der Luft herumschwebte und die Zeit erwartete wo ich eine solche
Fleischmasse wie dich beleben sollte ich kann dich wohl entbehren aber was
willst du ohne mich anfangen Verlass ich dich so fällst du zusammen und musst
dich begraben lassen Ich rate dir also wohlmeinend sei mäßig Fodre nicht
mehr als zu deiner Erhaltung nötig ist die Natur bedarf wenig und es ist eine
Übertretung ihres ersten Gesetzes wenn man ihr mehr aufdringt als sie
braucht«
In diesem Tone predigte sie lange und sehr gründlich über das Laster der
Unmässigkeit handelte im ersten Teile von seinen schädlichen Folgen im zweiten
von den Mitteln ihr zu widerstehn und war eben bei der Nutzanwendung als die
fliehenden Paters im Hofe anlangten Da der Strafeifer sie bei ihrer Predigt
sehr übernahm so blieb es nicht bei einem innern Herzensgespräche zwischen
einer Seele und ihrem Körper sondern sie zwang ihn sich die Lektion
vernehmlich und laut selbst zu halten
»Was« riefen die Flüchtlinge voll Schrecken als die Ermahnung aus dem
Spundloche in ihre Ohren schallte »nun predigen uns gar die Weinfässer die
Mäßigkeit Das ist ein rechter Satansstreich Noch ist es gut dass er seine
Kanzel in einem leeren aufgeschlagen hat Brüder lasst uns beizeiten
zuvorkommen eh er auch in die vollen fährt« Der Rat war so gut ausgedacht dass
ihm alle ohne Anstand folgten sie eilten in den Keller exorzisierten und
tranken so lange bis keine Zunge mehr exorzisieren konnte
Das Zimmer war also leer wo die Blunderbussische Seele in ihrem
philosophischen Körper schmachtete und alles so still dass es ohne
Selbstgespräch nicht abgehn konnte die durstige Monade war zwar sonst an
Selbstbetrachtungen nicht gewöhnt aber das Außerordentliche ihres gegenwärtigen
Zustandes nötigte sie wider ihren Willen dazu Jeder Ton jede Farbe jeder
Gegenstand kam ihr anders vor als sonst weil sie durch ein Paar andre Augen sah
und durch ein Paar andre Ohren hörte die bekanntesten Dinge schienen ihr fremd
und es kostete ihr sogar Mühe ihr ehmaliges Leibglas unter den übrigen
wiederzuerkennen der Weingeruch der sie sonst so labte kam ihr widrig und der
Weingeschmack ekelhaft vor Sie härmte sich über die Abnahme ihres Vergnügens
und ward von der Traurigkeit so sehr überwältigt dass dem Körper die Tränen in
die Augen traten vor Verdruss wünschte sie sich von einem Leibe zu trennen der
ihr nur matte Empfindungen zuschickte und ihre liebsten Vergnügungen in
Bitterkeit verwandelte
Während dass sie sich so ängstigte und den Tod um Hilfe flehte kam die Seele
im Weinfasse mit ihrer Predigt über die Mäßigkeit zu Ende und weil sie damit
bei dem unmässigen Körper hinlänglichen Gehorsam bewirkt zu haben vermeinte um
sich ohne Schaden mit ihm unter die Menschen zu wagen so machte sie Anstalt
aus dem Fasse herauszukommen sie gab dem Körper einen Stoß der Körper gab ihn
der Tonne und die Tonne fiel auf die natürlichste Weise von der Welt um rollte
auf den Steinen hin eine steinerne Treppe hinunter die Reifen sprangen ab das
Fass fiel auseinander und die eingesperrte Seele kam nebst ihrem Körper auf die
natürlichste Weise von der Welt aus dem Fasse
Ebenso natürlich ging es zu dass der Körper ohne die Seele weiter darum zu
fragen seinen Weg gerade nach der Stube nahm wo er so oft gezecht hatte Es
geschah aus Instinkt Wenn sich doch das Erstaunen mit Worten beschreiben ließ
das die beiden Seelen überfiel als jede ihren bisherigen treuen Gefährten
erblickte ohne mit ihm in der vorigen Verbindung zu stehen Sie wussten sichs
nicht anders zu erklären als dass es nicht mit rechten Dingen zuginge und um
hinter das Geheimnis zu kommen ließ sie sich in ein Gespräch ein
»Welcher Sappermenter hat mir meinen lieben Körper genommen« fing die
Blunderbussische Seele an »und mich in eine solche verdammte Maschine gesteckt
der Geschmack Geruch und alle andre Sinne fehlen«
»O hättest du ihn noch diesen lieben Körper« antwortete die andere »er
wird mich noch um alle meine Philosophie bringen«
»Welches Hundeleben wenn der Körper nichts taugt« klagte die erste
»Welche Qual wenn der Körper beständig den Herrn spielen will« jammerte
die andere
»Schaff mir einen Dolch oder eine Pistole« rief die durstige Seele »Ich
will die verwünschte Maschine ins Herz stoßen damit ich von ihr loskomme was
soll ich in so einem baufälligen Leimenhaufen sitzen dem weder Essen noch
Trinken schmeckt«
»Hätt ich einen Dolch so würd ich ihn gewiss zu meiner eigenen Errettung
anwenden« unterbrach ihn die philosophische Seele »Ich werde durch eine solche
Wohnung erniedrigt Ach wenn ich mich von den Fesseln der Materie losmachen und
frei von der Sinnlichkeit gereinigt in meinen vorigen Zustand zurückkehren
könnte«
»Gütiger Tod erlöse mich« riefen beide aber aus entgegengesetzten
Bewegungsgründen Ihre Klagen waren so herzbrechend dass sogar die Hexe
Schabernack Tränen darüber vergoss aber man will behaupten dass sie die Tränen
mehr aus Ärger als aus Mitleid vergoss Sie besorgte dass die beiden
verzweiflungsvollen Seelen Ernst machen und sich wirklich entleiben würden
alsdann hätte sie keine Bosheit mehr an ihnen ausüben können wozu sie einen
starken Hang besaß
Eine Hexe kann die Wirkungen der andern nicht aufheben und sie suchte daher
ihre Schwester Tausendschön mit verstelltem Mitleid zu bewegen dass sie Unglück
verhüten und jede Seele wieder an Ort und Stelle zurückbringen sollte Das gute
Herz ließ sich durch die Listige einnehmen und eilte voll Schrecken herbei die
Bezauberung zu endigen sie versetzte die beiden Körper in einen tiefen Schlaf
damit die Operation desto ungehinderter vor sich gehen konnte und unterdessen
brachte sie jede Seele wieder in ihr voriges Wohnhaus
Hexe Schabernack lachte dreimal laut in der Luft als ihre List so gut
gelungen war und spottete der gutherzigen Schwester dass sie sich hatte
betrügen lassen sie konnte vor Begierde die Zeit nicht erwarten wo die
Schlafenden von selbst erwacht wären sondern jagte in des Herrn von Blunderbuss
Nase eine Fliege die ihn so empfindlich kitzelte dass er unaufhörlich im
schönsten Trompetenklange nieste
So stark das Geräusch war und so sehr Blunderbuss es durch sein ungeduldiges
Fluchen über das ewige Niesen noch vermehrte so weckte es doch den
schnarchenden Kakerlak nicht und die Hexe sah sich genötigt stärkere Mittel zu
gebrauchen um seinen tiefen Zauberschlaf zu vertreiben Sie führte eine Wespe
durch die Öffnung einer Fensterscheibe herein die von den Patern in ihrer
übereilten Flucht zerbrochen wurde das summende Tier grub ihm seinen Stachel in
die Schläfe er fuhr auf schlug es tot und schlief wieder ein obgleich das
Blut aus der Wunde quoll Da an diesem philosophischen Körper mit keinem Sinne
etwas auszurichten war so näherte sich die Hexe seinem linken Ohre und rief mit
schmeichelnder Stimme hinein »Grösster aller Philosophen großer Kakerlak steh
auf« Sogleich öffneten sich seine Augenlider er sprang auf und wollte mit
lächelnder zufriedner Miene sich für einen so süßen Titel bedanken aber zu
seiner Verwunderung erblickte er kein menschliches Wesen um sich als den dicken
aufgeschwellten Blunderbuss der viel zu materiell aussah als dass eine solche
Schmeichelei von ihm herrühren konnte er vermutete also dass es nur ein Traum
gewesen wäre
Beide Teile befanden sich noch einmal so wohl da der eine wieder ganz Herr
von Blunderbuss und der andere wieder ganz Herr Kakerlak war Es ist wie schon
jemand gesagt hat mit Leib und Seele wie mit Futter und Oberzeug an einem
Kleide Beides muss nach einem Masse und nach einem Muster zugeschnitten sein
sonst passen sie nicht zusammen Blunderbuss stellte vor allen Dingen eine
Untersuchung im Keller an ob die Bezauberung sich etwa auch auf seinen Wein
erstreckt hätte zählte seine Fässer zweimal dreimal durch und glaubte das
Zählen verlernt zu haben da er seinen Vorrat zweimal so groß fand als vor der
Bezauberung alle Paters die sich über dem Exorzisieren im heiligen Eifer zu
Boden tranken hatte die schadenfrohe Schabernack in Weinfässer verwandelt und
eines jeden Kopf so ähnlich als wenn er lebte in seinen Zapfen en haut relief
geschnitten Blunderbuss geriet außer sich vor Entzücken und ließ sogleich den
Bruder Hieronymus anzapfen um seinen Gast zu bewirten
Es wurde aufgetragen der Wirt fand den Wein überaus köstlich und konnte
sich nicht sättigen Kein Wunder denn die Hexe hatte ihm die Prinzessin
Frissmichnicht ins Glas gespielt die bei jedem Zuge die äußerst reizbaren
Organe des Trinkers mit ihren kleinen Fingern so lieblich streichelte dass er
vor Vergnügen selbst nicht wusste wie ihm geschah Er nötigte seinen Gast bei
jedem Glase einem so guten Beispiele zu folgen allein Kakerlak der ganz
wieder zum Philosophen geworden war seitdem er die königliche Würde verloren
hatte wehrte das Glas weit von sich ab und war schon im Begriffe einen
sinnlichen Menschen zu verlassen durch dessen Gesellschaft er sich zu entehren
glaubte doch die Hexe Schabernack wusste ein unfehlbares Mittel ihn
zurückzuhalten Indem ihm der Herr von Blunderbuss mit gewaltsamen Zunötigungen
ein volles Glas an den Mund hielt spielte sie mit ihrer fertigen
Taschenspielerkunst den Prinzen Lamdaminiro hinein der dem Philosophen leise
zuflisterte »Weisester unter allen Weisen großer Kakerlak trink mich aus
Erhabenster unter allen Sterblichen würdige mich dass ich von dir getrunken
werde Mich bestimmte das Schicksal dem größten Philosophen der Erde Trink mich
aus großer Kakerlak«
Wie geschmeidig gab seine Philosophie nach Er schluckte begierig das Glas
hinunter das dem größten Sterblichen bestimmt war und foderte ein zweites um
die schmeichelnde Auffoderung zum Trinken noch einmal zu hören er hörte sie und
schenkte sich ein um sie wieder zu hören er trank fast noch unersättlicher als
sein Wirt und berauschte sich in Schmeichelei und Wein so sehr dass er Sinn und
Sprache verlor
Die Hexe wusste nach ihrer feinen Menschenkenntnis sehr wohl dass eine solche
Überladung den Überdruss am schnellsten herbeiführen musste und darum hatte sie
ihn so listig zur Unmässigkeit zu bringen gesucht Wie sie wollte so geschah es
Als der Weiseste unter den Weisen von dem Schlaf erwachte worein ihn die
Trunkenheit versetzte fühlte er sich so matt so zerschlagen Seine Philosophie
war so schwach wie sein Kopf der nicht einmal Gedanken genug zusammenbringen
konnte um sich an die Lobsprüche zu erinnern die ihm des Tags vorher aus dem
Weinglase entgegentönten Kraftlos schleppte sich der große Kakerlak in einen
Stuhl seufzte und klagte in lauten Jammertönen über die Erniedrigung seines
denkenden Wesens über die Schande dass sich seine geistige Substanz so von den
Sinnen hintergehn und so mildtätig berauschen ließ »Wie bin ich gesunken« rief
er »Nimmermehr werd ich wieder der weise Kak «
Husch war das Vögelchen da und flog mit ihm davon
Hexe Schabernack war nicht fauler als ihre Schwester Husch gab sie dem
betrunkenen Blunderbuss eine Ohrfeige packte Prinzessin und Prinzen auf und
jagte mit ihnen so geschwind als eine Hexe durch die Lüfte fahren kann den
beiden Abgereisten nach Die Ohrfeige die der Betrunkene zum Abschied empfing
hatte eine eigne Kraft Sie verwandelte ihn in ein großes Passglas woran sein
Wappen und Porträt geschnitten war und seine Ohren die Henkel ausmachten es
wird noch jetzt als ein Familienstück aufbewahrt und hat großen heraldischen
Nutzen
Viertes Buch
Für Hexen ist ein Trab von Deutschland nach Konstantinopel so wenig als für ein
paar Beine die keiner Hexe gehören der Weg aus der Stube in die Schlafkammer
sie hatten kaum dreimal nach der Ausfahrt Atem geschöpft so lag schon Kakerlak
in einem Spargelbeet im Garten des Serails zu Konstantinopel
Der Grosssultan ging eben mit tiefem Nachdenken im mittelsten Gange spazieren
und überlegte bei welcher Gemahlin er die künftige Nacht schlafen wollte da er
ein sehr spekulativer Herr war und zur Auflösung des vorhabenden Problems alle
seine Gedanken versammelt hatte so merkte er nicht einmal dass ihm Hexe
Tausendschön das Kleid vom Leibe den Turban vom Kopfe und die Stiefeln von den
Füßen wegblies und ihm dafür Kakerlaks Kleidung anzauberte Itzt hatte er
glücklich seine Beratschlagung geendigt einen Entschluss gefasst und wollte
seinem Maître des plaisirs die nötigen Befehle erteilen Ach du armer
Grosssultan Wie schlimm wurde dir zumute als du dich in einem andern Kleide
erblicktest In dem Kleide eines Ungläubigen Da du nur in einem einzigen
Artikel den die Hexe aus Schamhaftigkeit ungekränkt ließ ein Muselmann warst
Er sagte sich zwar gleich dass es nicht mit rechten Dingen zuginge allein
die Hexerei war ihm eben zu so höchst ungelegner Zeit geschehen dass er alles
daran wagte um in den Palast zu dringen Es half ihm nichts dem armen
Grosssultan Die Wache ließ ihn zurück und führte ihn gar ins Gefängnis dass er
sich unterstanden hatte in den geheiligten Garten des Serails zu kommen er
beteuerte und schwor bei dem Barte des großen Propheten dass er der Herr des
Palasts wäre Es half ihm nichts dem armen Grosssultan es erkannte ihn niemand
dafür weil ihm des Grosssultans Kleid fehlte Kakerlak dem seine Beschützerin
des Sultans Kleid angezogen hatte kam vom Spargelbeete majestätisch
dahergeschritten und wurde um seines Kleides willen mit der tiefsten Ehrfurcht
eingelassen Er ging auf den Wink seiner Beschützerin die Treppe hinan die hohe
Flügeltüre des Zimmers öffnete sich
Nachlässig warf er sich auf einen Sofa hin
Elastisch nahm in eine tiefe Höhle
Der seidene Sitz ihn auf Mit Augen voller Seele
In Gang und Miene Reiz tritt eine Sängerin
Mit vorteilhafter Kunst in leichten Flor gehüllt
Durch den ein Busen schielt mit Reichtum überfüllt
Wie eine Grazie daher
Mit Absicht und doch stets als durch ein Ungefähr
Lässt ihm Gebärd und Schritt verborgne Reiz entdecken
Um einen Wunsch zum Trotz der Weisheit zu erwecken
Bei dem auch Katos Wangen glühn
Bescheiden genug um anzuziehn
Und frei genug nicht abzuschrecken
Erwartungsvoll dass man sie zwingt zu fliehn
Um dann erhascht nach langem Sträuben
Mit Widerwillen gern gezwungen dazubleiben
Der neue Sultan rieb sich die Stirne seufzte und winkte sie nahm seinen Wink
für einen Befehl an und sang Ihre sultanische Hoheit hatten nur Augen aber
keine Ohren Er konnte seinen Blick an der niedlichen Figur nicht sättigen
Das Vaterland der Schönen war Kaschmir
Von der Natur gewählt zum Sitz der Liebe
Von schweren Wolken niemals trübe
Mit ewgem Grün geschmückt deckt ein Gebirge hier
Aufs wollustreiche Land den langgedehnten Schatten
Dass nicht der Sonne Strahl der Schönheit Blüte sengt
Die Lebensgeister nie in schwüler Glut ermatten
Und träge Düsterheit auf keiner Stirne hängt
Dort atmet stets vom nahen Meergestade
Ein kühlend Lüftchen her belebt des Jünglings Mut
Giesst in des Mädchens feurig Blut
Die milde Zärtlichkeit weht von des Lebens Pfade
Die Sorgen weg und macht
Den feingewebten Sinn den Freuden immer offen
Wo die Natur so freundlich lacht
Da lässt sich mit Gewissheit hoffen
Dass sie nur Grazien nur Götterbilder schafft
Doch hier hat ihre Schöpferkraft
Durch Niedlichkeit sich selber übertroffen
Zwei Arme kugelrund vom feinsten Wachs bossiert
Mit einer Haut so zart wie Eierweiss glasiert
Zwei Augen die so viel was man nicht sagt verlangen
Zwei rote hochgewölbte Wangen
Die jedem Mund befehlen »Küsse mich«
Zwei Lippen Doch was quäl ich mich sie zu beschreiben
So viel ist nun schon klar es fehlte nichts um sich
Mit bloßem Sehen die Zeit vortrefflich zu vertreiben
Auch setzte Herr Kakerlak seine Philosophie ganz beiseite und wurde so sehr
Sultan dass er aufstand um die niedliche Sängerin bei der Hand zu fassen als
eine neue Schönheit hereintrat
Aus China brachte sie ein schlauer Handelsmann
Der tausend nur Prozent an ihr gewann
Ins kaiserliche Lustgehege
Doch bloß als eine Seltenheit
Wie mancher von den reichen Erdensöhnen
Die keine Sultan sind mit porzellänen Schönen
Aus China und Japan und solcher Kostbarkeit
Kamin und Tische schmückt es ist nicht zum Gefallen
Zum Nutzen noch zur Lust nur einzig zum Besehn
Das Wundertier blieb an der Türe stehen
Und ließ nicht einen Blick auf unsern Sultan fallen
Ein lebend Ebenbild der strengsten Sittsamkeit
Die Augen stets gesenkt die Hände Busen Nacken
In seidenen Stoff versteckt und immer auf den Backen
Das sanfte Rot verschämter Schüchternheit
So stand sie leblos da wie Albrecht Dürers8 Damen
Mit klösterlicher Blödigkeit
Der Sultan sah erstaunt die ausgerissnen Augenbramen
Die bleiche Totenfarb im ernsten Angesicht
Er fragte sie und wusste nicht
Wie ihm geschah denn ihrer Antwort Töne
Erschallten durch zwei Reihn pechschwarz gefärbter Zähne
Er drehte sie herum und fand
Ein neues Wunderwerk Ein Schritt entdeckte
Was ihm bisher das lange Kleid versteckte
Ein Füßchen klein wie eine Kinderhand
»Bei Mahomet« begann der Sultan laut zu fluchen
»Hier mag ich nicht nach Wundern weiter suchen
Es könnte mich vielleicht gereun«
»Du bist kein Hausrat in ein Serail geh« und mit diesen Worten wies der
erzürnte Sultan der ehrbaren Chineserin mit den pechschwarzen Zähnen und den
kleinen Füßchen die Türe Er wollte sich eben zur Kaschmirin hinwenden
Schnell flog im wilden Tanz der Wollust und der Freude
Zirkassiens schönstes Mädchen herein
Die vollen Brüste schwollen beide
Durchs weichende Gewand das leicht geschürzt allein
Die Hüften deckt und alles unverhüllet
Dem Auge ließ was unterm Feigenblatt
Die Mutter Eva nicht verbarg Ihr Lied erfüllt
Des Sultans Herz das nie so hoch geschlagen hat
Mit einem süßen Weh den Kopf mit süßem Schwindel
Dergleichen überaus angenehmer Fall kam unserm Herrn Sultan nicht vor solang er
auf der Welt war um soviel weniger darf man es ihm verdenken wenn er ihn etwas
angriff Die Göttin der Wollust schien den schönsten Körper zu ihrer Wohnung
gewählt zu haben um in eigener Person die Standhaftigkeit des armen Kakerlaks
zu bestürmen Das verzweifelte Sultanskleid musste schuld daran sein denn sie
hatte kaum zwei Minuten getanzt und gesungen so griff er schon nach dem
Schnupftuche und zu Anfange der dritten lag er schon in ihren Armen so groß
war seine Not
Nun wird ein schönes Leben angehn lieber Leser da wir beide auf Ehrbarkeit
halten so kann ich unmöglich etwas erzählen das du lieber denkst als liest So
viel kann man aber doch ohne Schamröte sagen dass der Hexe Schabernack bei der
Sache angst wurde Sie verzweifelte selbst dass sie dem Herrn Kakerlak diese
Schüssel jemals verekeln könnte Weiber sollen nie erfinderischer sein als wenn
sie einen Fehler begangen haben ist auch dieser Grundsatz nicht richtig so
handelte doch die Hexe so als wenn ers wäre Sie sah ein dass sie dem Übel
hätte zuvorkommen und statt der Zirkasserin nur die verlegendsten Schönheiten
des Serails zum Sultan führen sollen um also die Befreiung ihrer Schwester des
Fehlers ungeachtet zu hindern steckte sie die Prinzessin Frissmichnicht unter
sein Kopfküssen Kaum näherte er sich dem Vergnügen so erhob der Unhold unter
dem Kopfküssen ein Zetergeschrei als wenn das größte Unglück von der Welt
geschähe der Sultan hörte nicht In der nächsten Nacht gesellte sich die Hexe
selbst dazu und alle drei brüllten so grässlich wie bei Menschengedenken in der
Welt nicht gebrüllt wurde der Sultan hörte nicht
Die Hexe war des Spasses desto überdrüssiger je weniger der Sultan es werden
wollte Zum Glücke hatte sie in ihren jüngeren Jahren einmal gelesen dass man am
leichtesten satt wird wenn man sich überisst und ließ wegen dieser
scharfsinnigen Bemerkung der Natur freie Wirkung und was geschah Der Herr
Sultan überass sich und wurde so satt dass ich es nicht erzählen kann
»Warte« rief Hexe Tausendschön und erzürnte sich zum ersten Male in ihrem
Leben weil sie sich einbildete dass ihm ihre tückische Schwester den Überdruss
beigebracht hätte »Warte Der Sultan soll mich doch dir zum Trotze erlösen
auf dies Vergnügen setzte ich meine ganze Hoffnung ich dachte dass es ihm nun
der Tod unschmackhaft machen sollte und doch hast du mir meine Hoffnung
vereitelt Warte du schadenfrohe Schwester Was die Wollust bei einem
Philosophen nicht vermag wird die Liebe tun«
Sogleich führte sie die reizende Kaschmirin zum Sultan der matt und
verdrießlich auf der Ottomane lag halb schlummerte und halb wachte und von den
genossnen Freuden nicht einmal gern träumte Er blinzte das Mädchen an als sie
vor ihm hintrat wie eine Sache wobei man denkt wenn es nur etwas anders wäre
Gleichwohl sah er nicht weg sie wurde ihm gar im kurzen so interessant dass er
nicht mehr blinzte sondern die Augen so weit aufmachte als es sich
natürlicherweise tun ließ Je weniger sie buhlte je weniger sie ihm ihre Liebe
anbot desto begieriger verlangte er nach ihr die Leidenschaft frass so schnell
um sich in seinem Herze dass er schmachtete Ganz natürlich ging es mit dieser
Geschwindigkeit nicht zu sonst wäre sie unwahrscheinlich die Hexe hatte die
Hand im Spiele
Nun tat unser Herr Sultan den ganzen Tag nichts als girren seufzen und
ächzen er verschrieb mehr Papier zu Sonetten Oden und Liedern als seine
Justizräte zu Akten Sieben Nächte tat er kein Auge zu und erst in der achten
glückte ihm ein halbstündiger Schlummer er sprach in lauter Ausrufungen und
sagte in einer halben Viertelstunde mehr »Ach Oh Ah« als andere Leute in
ihrem ganzen Leben Solche heftige Gemütsbewegungen sind kein Spaß Man kann
daran sterben wenn die Sache lange währt Auch nahm sein Bauch täglich ab und
die innerliche Liebesglut zehrte ihn so gewaltig aus dass er der magerste Sultan
wurde der jemals auf dem ottomanischen Throne saß
Die Hexe Schabernack hoffte zwar dass er es mit seiner Empfindsamkeit nicht
immer so treiben könnte aber es war ihr schon zuwider dass ihre Schwester sich
nur mit der Einbildung durch ihn befreit zu werden vergnügen sollte
Prinzessin Frissmichnicht ihre gewöhnliche Unglücksstifterin erhielt von ihr
eine männliche Stimme die eine gute Quinte tiefer stand als die bisherige ob
sie gleich an sich nicht die sanfteste war und sich dem Brüllen ein wenig
näherte sie musste sich in den einen Winkel des Zimmers stellen ihr Bruder in
den andern versteht sich beide unsichtbar wie es bei Hexengeschichten
gebräuchlich ist Der Sultan lag auf dem Sofa vor Liebe krank die reizende
Kaschmirin stand vor ihm und mit hochklopfendem Herze schmachtender Miene
abgebrochnen Seufzern und tiefgerührtem Schmerze sah er unverwandt in die
schönen blauen Augen die ihn so tödlich verwundet hatten dabei schoss seine
bekümmerte Seele mitten durch die Betrübnis so brennende Liebesstrahlen um sich
herum dass der Göttin seines Herzens die Augen übergingen als wenn sie in die
Sonne sähe
»Anbetenswürdige Schönheit« fing die Prinzessin mit der Mannsstimme in
ihrem Winkel an »Himmlische Tochter der Liebe Lange hat dein Knecht im stillen
nach dir geschmachtet lange den Sternen Tälern und Bergen sein Leid geklagt
Länger kann ich meine Neigung in der Brust nicht verschließen wenn sie nicht
bersten soll Schönster Engel des Paradieses ich liebe dich«
So pathetisch sie dies sprach so sanft und schmelzend hub der Prinz
Lamdaminiro in seinem Winkel an
Schönstes Blümchen auf der Weide
Mein Entzücken meine Freude
Richt auf mich die Äuglein beide
Siehe was ich Armer leide
Eh ich tot von hinnen scheide
Rette Täubchen rette mich
Schönstes Blümchen auf der Weide
Himmelskind ich liebe dich
»Bei dem Barte des großen Propheten« rief der Sultan und sprang wütend auf
»Wer sind die Bösewichter die mir unter der Nase dem geliebten Gegenstande
meines Herzens ihre Liebeserklärungen tun Verschnittene He gleich
stranguliert mir die Schurken«
Es lässt sich übel strangulieren wenn die Leute unsichtbar sind die
Verschnittenen suchten in allen Zimmern die Hälse die von ihnen stranguliert
werden sollten und statteten den untertänigsten Bericht ab dass nirgends etwas
zu finden wäre das man strangulieren könnte und dass Seiner sultanischen
Hoheit mit Respekt zu sagen die Ohren geklungen haben müssten
Kaum waren sie aus dem Zimmer so fing die Prinzessin wieder an »Erhabne
Tochter des Himmels mein Herz ist ein Feuerofen meine Seele ein Volkan lösche
mit deinen paradiesischen Blicken die Flammen die mich verzehren Der brennende
Schlund meines Herzens wirft Seufzer und Klagen aus die Klagen strömen aus
meinem Munde wie eine Lava Holdeste Huri des Paradieses ich liebe dich«
Der Prinz nahm das Wort
Schönstes Schäfchen auf der Aue
Süßes Herzenslämmchen schaue
Wie bewegt von Tränentaue
Ich hier schmachte kümmerlich
Schönstes Schäfchen auf der Aue
Herzenslämmchen liebe mich
Der Sultan kannte sich nicht vor Zorn und ließ augenblicklich Grosswesir und
Mufti holen sie kamen und er befahl im ganzen Serail alle Mannspersonen zu
spiessen die verliebt aussähen Sie gingen beide und sahen allen Mannspersonen
scharf in die Augen brachten aber die Nachricht zurück dass kein einziger im
Serail verliebt aussähe denn es wären lauter Verschnittene Es ließe sich daher
nach reiflicher Überlegung nichts anders mutmaßen als dass es nicht mit rechten
Dingen zuginge oder dass Seiner sultanischen Hoheit mit Respekt zu melden die
Ohren geklungen haben müssten
Sie waren noch nicht aus dem Palaste so gingen die herzbrechenden
Liebesklagen von neuem an wie jedes vorhin allein jammerte so machten sie jetzt
ein Duett zusammen so rührend dass die Fensterscheiben hätten schmelzen mögen
Der Sultan ergriff einen Dolch mit Diamanten besetzt und raste im Zimmer
herum stach in alle Winkel fluchte und tobte so fürchterlich dass die reizende
Kaschmirin die von dem verliebten Winseln nichts hörte ihm mit Tränen zu Fuße
fiel und flehentlich bat er möchte doch ja nicht verrückt werden Lief er nach
dem Prinzen hin um ihn zu ermorden so klatschte die Prinzessin hinter seinem
Rücken mit dem Munde als wenn sie die schöne Kaschmirin küsste wandte er sich
mit dem Dolche nach der Prinzessin so tat der Prinz das nämliche wohin er sich
nur kehrte hörte er hinter sich küssen und mit Entzücken rufen »Ach schönster
Engel des Paradieses wie labt mich dein Kuss Ach du schönstes Lämmchen auf
der Weide wie labt mich dein Kuss«
Der schönen Kaschmirin wurde bei dem Wüten des Sultans bange und sie lief
mit lautem Geschrei zur Türe hinaus mein Herr Sultan mit dem Dolche hinter ihr
drein und hinter dem Herrn Sultan her Prinz und Prinzessin mit lautem
Hohngelächter »Betrogen Herr Sultan« riefen sie mit Händeklatschen
»Betrogen Sie ist ihm untreu Ich entführe sie Lauf ihr nach Herr Sultan Ich
entführe sie doch«
Dergleichen verwünschtes Gewäsch erhitzt die Ohren um soviel mehr die
Leber besonders bei einem Eifersüchtigen der ohnehin alles glaubt schlug
nicht die schöne Kaschmirin zu rechter Zeit die Türe zu so wurde aus der Posse
ein Trauerspiel wobei ein Mensch ums Leben kam denn um sie nicht entführen zu
lassen wollte er sie ermorden und um sie zu ermorden stieß er mit
weitausgeholtem Dolche nach ihr aber das mörderische Eisen fuhr in die Tür und
brach entzwei dass der diamantne Heft in der Hand blieb wer sich gut auf das
Räsonieren versteht kann daraus schließen wie heftig der Stoß sein musste und
wie leicht jemand das Leben einbüßen konnte wenn er nicht die Türe traf
»Ungetreue« rief der Sultan schäumend »Mach auf dass ich dein treuloses
Herz durchbohre« Sie war keine Närrin dass sie ihm gehorchte die Leute die
durchbohren wollen darf man sich nicht zu nahe kommen lassen Poche du Herr
Sultan soviel du willst die schöne Kaschmirin macht dir nicht auf
Es half nichts als dass er in Gelassenheit abzog und seinen Gram im stillen
ausweinte ausseufzte ausfluchte oder was ihm sonst beliebte erschöpft
keuchend atemlos warf er sich auf den Sofa Plötzlich klirrten tausend Säbel in
seinen Ohren als wenn seine ganze Wache im Palast niedergehauen würde das
Zimmer zitterte vor dem Tumult eine Kutsche mit brausenden Hengsten rollte
durch den Hof und eine triumphierende Stimme rief zum Fenster herein
»Betrogen Herr Sultan Betrogen Ich entführe sie Mich liebt sie nicht Ihn
Wünsche wohl zu leben Herr Sultan«
Der Unglückliche erlag unter dem Schmerze »Verdammtes Geschlecht« rief er
mit knirschenden Zähnen »Treulose Brut Ewig will ich dich hassen Ach warum
war ich Sultan und liebte Unsichtbare Beherrscherin meines Schicksals nimm
mir diese verhasste Würde wieder die du zu meinem Unglück mir gabst Führe mich
aus diesem Palast wo überall unter meinen Füßen die Dornen der Eifersucht und
gekränkter Liebe emporwachsen und mache mich wieder zu Kak «
Bei dem ersten Hauche womit er seinen Namen aussprechen wollte schwebte
schon der betrübte Herr Sultan auf dem Rücken des Vögelchens in der Luft
»Ha ha ha« lachte Hexe Schabernack und fuhr übermütig vor ihrer Schwester
vorbei dass der arme Kakerlak auf dem Rücken seiner Gönnerin schwankte so
heftig stießen die beiden Hexen zusammen »Bist du nun befreit Schwesterchen
ha ha ha«
So gutmütig Tausendschön war so hatte sie doch auch eine Galle der bittere
Spott ihrer Gegnerin erregte sie so gewaltig dass die Erzürnte vergaß wen sie
auf dem Rücken trug und der Spötterin ins Gesicht flog um ihr mit dem Schnabel
wenigstens ein Auge auszuhacken wenn sie mit allen beiden nicht fertig werden
könnte Das Auge wurde glücklich geblendet aber Schabernack hielt nicht so
geduldig still sondern griff zornig nach dem Vögelchen um ihm die Kehle
zuzudrücken Kakerlak hielt sich zwar so fest an als möglich Prinz und
Prinzessin nicht weniger aber die Bewegungen der Streitenden wurden so heftig
dass alles Anhalten nichts half und in kurzer Zeit fielen alle drei mit ihrer
ganzen Schwerkraft vom Himmel senkrecht auf den Erdboden herab Der Fall war
ziemlich hoch wie man wohl rechnen kann und ging gewiss nicht ohne Halsbrechen
ab wenn es Sommer oder schlaffes Wetter war aber zum Glücke trug sich die
gefährliche Begebenheit in einem der kältesten Januare zu wo so hoher Schnee
lag als selbst die ältesten Leute nicht wollten gesehen haben Auf diese Weise
kamen die Fallenden mit einem kleinen Nasenbluten durch das in der großen
Kälte wo alles gleich gefror nicht lange anhielt
Unterdessen dass diese drei bis über den Kopf im Schnee begraben lagen wurde
das Gefecht in der Luft mit verdoppelter Wut fortgesetzt Es macht schon Lärm
genug wenn zwei gewöhnliche Weiber sich zanken nun denke man was für einen es
geben muss wenn es gar Hexen sind Schabernack befand sich am schlimmsten dabei
Das Vögelchen hackte ihr Wunden an den Kopf an die Brust ins Gesicht und
griff sie zu um sich zu rächen so flog mein Vögelchen davon hackte auf einen
andern Ort und flog wieder davon Die Verwundete wollte sich vor Ärger
zerreißen weil sie sich für ihre Schmerzen nicht rächen konnte und warf sich
im größten Zorn in einen Brunnen herab um dem Kratzen und Hacken zu entgehn
die Siegerin setzte sich auf einen Baum putzte ihre Federn und kühlte sich ab
Fünftes Buch
Dass Prinz Alfabeta einen unglücklichen Krieg führte um seine Physiognomie
wiederzuerobern und sie doch nicht wiederbekam sondern sogar in die
Gefangenschaft geriet das wissen wir dass er noch immer in der Gefangenschaft
und ohne Physiognomie war als sein Überwinder der König von Butam wieder
Kakerlak wurde und die Reise zum Herrn von Blunderbuss antrat das wissen wir
auch dass er sich aber mit der Königin Ypsilon vermählte und darauf in ihrer
Gesellschaft einen Ritt um die Welt tat das weiß niemand als ich und darum
will ichs jetzt erzählen
Die Verwunderung auf dem Schloss zu Butam war nicht klein als man so
plötzlich den König die Prinzessin Frissmichnicht und den Prinzen Lamdaminiro
vermisste tot waren sie nicht denn ihre Leichname hätten doch dasein müssen
ausgefahren auch nicht denn alle Pferde standen richtig im Stalle und alle
Kutschen richtig im Wagenschuppen Sollten sie ausgegangen sein Ein König
eine Prinzessin und ein Prinz werden wohl so weit zu Fuße gehen Man spekulierte
gewaltig über den Vorfall und nachdem die meisten am Hofe sich durch vieles
Nachdenken Kopfweh gemacht hatten errieten sie wirklich die wahre Ursache Man
sagte allgemein »Das geht nicht mit rechten Dingen zu« Die Königin ließ an
allen Orten suchen wo ein Mensch Platz hatte da war kein König von Butam
keine Prinzessin und kein Prinz Als sie merkte dass sie sich schlechterdings
nicht wollten finden lassen fasste sie sich in Geduld und befahl Hoftrauer
anzusagen
Der Prinz Alfabeta hörte kaum in seiner Gefangenschaft dass der König für
tot erklärt wäre als er schon auf Mittel zu seiner Befreiung dachte die ihm
nunmehr sehr leicht zu bewirken schien weil die Damen gemeiniglich mitleidig
gegen die Mannspersonen sind Wie er hoffte so geschah es er ließ der Regentin
nur melden dass es ihm außer der Gefangenschaft besser gefiele so erhielt er
die Erlaubnis vor ihr zu erscheinen Er wusste seine traurigen Schicksale mit so
rührender Beredsamkeit vorzutragen und vorzüglich den Verlust der Physiognomie
in ein solches Licht zu setzen dass der Dame das Herz brach und die Augen in
Tränen zerflossen
Der Prinz wurde jeden Tag interessanter und da er einsah wie tief er ins
Herz der Königin eingedrungen war wagte er den kühnen Streich um ihre Hand
anzuhalten »Sehr viel Vergnügen aber ein Prinz ohne Physiognomie « Wie
zog sich mein Prinz in eine demütige Ferne zurück als er das hörte Er nahm
sich es zwar sehr zu Herzen und obgleich die Betrübnis seine Seele
daniederdrückte so verließ ihn doch sein Talent zu gefallen nicht ganz Er
besaß die unnachahmliche Kunst den Ton eines ungeschmierten Wagenrads so
natürlich nachzumachen dass alle Menschen die ihn bloß hörten und nicht sahen
auf ihre Seele schworen »Das ist kein Prinz sondern ein Wagenrad« Der Königin
ging es nicht besser er machte sein Kunststück im Nebenzimmer und sie fragte
gleich ob die Leute toll wären dass sie mit Schubkarren und Wagen in den
Zimmern herumführen der Prinz kam zu ihr herein und ob er ihr gleich
beteuerte dass er es wäre so wollte sie ihm doch nicht glauben desto mehr
lachte sie als er sie aus ihrem Irrtum riss und seitdem ließ sie ihn allemal
rufen wenn sie Langeweile hatte und bat ihn »Prinz machen Sie einmal das
Wagenrad«
Diese Gunst munterte ihn auf sein Ansuchen um ihre Hand zu wiederholen sie
fühlte ihre Schwäche und den Eindruck den seine Talente auf ihr Herz gemacht
hatten sie gab also nach und gewährte seine Bitte Sobald er König von Butam
und ihr Gemahl war tat er einen fürchterlichen Eid dass er die ganze Welt
durchreisen und nicht eher in seinem Schloss wieder schlafen wollte als bis er
seine Physiognomie gefunden hätte Seine Gemahlin die erst seit einem Tage mit
ihm vermählt war und ihn daher außerordentlich liebte willigte unter keiner
andern Bedingung in seine Abreise als wenn er sie zur Begleiterin annähme
wollte er nicht umsonst geschworen haben so musste er die Bedingung wohl
eingehn
Da sie die ganze Welt durchreisten so mussten sie notwendig auch einmal an
den Ort kommen wo Kakerlak mit den beiden andern vom Himmel in den Schnee
gefallen war und es ist daher nichts weniger als unwahrscheinlich dass sie
gerade zu der Zeit hinkamen als die drei Gefallnen im Schnee lagen und noch
nicht wieder heraus waren dergleichen wunderbare Zufälle geschehen alle Tage in
der Welt Etwas unwahrscheinlicher ist es dass sie auch an diesem Orte hielten
abstiegen und aßen aber was kann ich dafür Genug es geschah sie waren
hungrig und stiegen also ab
Bei solchen abenteuerlichen Reisen die man in seinem Leben nur einmal tut
schleppt man kein Zelt mit sich der Prinz und der Reitknecht müssen sich einer
sowohl als der andre unter den blauen Himmel hinsetzen und ihr Stückchen Essen
von der Faust verzehren So ging es auch hier Sie setzten sich in den Schnee
und aßen was sie hatten Der ehmalige Prinz Alfabeta jetzt Gemahl der Königin
Ypsilon und dermalen König von Butam hatte sich auf seiner großen Reise das
Beobachten sehr angewöhnt und wurde daher augenblicklich das Loch gewahr das
Kakerlak in den Schnee machte als er vom Himmel hineinfiel Wer die Natur
aufmerksam studiert hat dem wird es nicht schwer sein zu begreifen dass ein
Mensch der aus den Wolken die Beine voran in den Schnee fällt nicht bloß ein
Loch sondern auch in dem Loche bei dem Durchbrechen den Abdruck seines Gesichts
zurücklassen muss tausend Leute können vielleicht vom Himmel in den Schnee
fallen ohne ihr Gesicht darinnen abzudrücken Kakerlaks Fall war aber unter
tausenden der einzige wo es geschah
»Was in aller Welt« fing der Prinz an »Das ist ja meine Physiognomie so
natürlich als ich sie sonst alle Tage im Spiegel erblickte Hier in diesem
Loche muss mein Dieb stecken« Man wird sich wundern wie er das so genau
wissen konnte allein für ihn war es eine Kleinigkeit so etwas zu erraten Er
schloss so Wenn an dem Abdrucke den ein Mensch von seiner Physiognomie im
Schnee macht die Nase unterwärts steht so muss er nicht aus dem Schnee sondern
in den Schnee gefallen sein nun finde ich hier die Nase unterwärts gekehrt
folglich muss der Dieb meiner Physiognomie hineingefallen sein und noch darin
stecken Mit dieser ungemeinen Gabe zu schließen konnte er zuweilen Dinge
ausfindig machen die im Mittelpunkte der Erde verborgen waren
Ohne sich lange zu bedenken machte er Anstalt den Dieb auszugraben und es
glückte ihm auch wiewohl mit vieler Mühe Kaum hatte er den halberfrornen
Kakerlak aus dem Schnee ans Tageslicht gezogen so fiel er über ihn her wie ein
Wütender und wollte sich sein gestohlnes Eigentum mit Gewalttätigkeit
wiederverschaffen Das ganze Gesicht konnte dabei zugrunde gehen wenn nicht Hexe
Tausendschön dazwischenkam Der Prinz hatte den falschen Grundsatz dass er die
Haut und die Physiognomie für einerlei Ding hielt und dass man daher nur die eine
vom Gesicht abzuziehn brauchte um die andre zu bekommen Wegen dieser höchst
irrigen Voraussetzung machte er schon einen merklichen Anfang Kakerlaks Gesicht
zu schälen als ihm das Vögelchen plötzlich mit solcher Heftigkeit in die Ohren
pfiff dass ihm alle Sinne stillstanden das Blut in den Adern gerann und aus
dem Herrn Prinzen der die Leute schälen wollte wurde eine Bildsäule Die
Königin Ypsilon schlang ihre Arme um den kalten Stein und wollte ihn an ihrer
Brust zum Leben erwärmen sie weinte die heißesten Tränen dass die
herabrollenden Tropfen den Schnee schmelzten Aber welch ein Jammer Der Schnee
konnte den steinernen Gemahl nicht tragen und mitten in ihrer Umarmung sank der
Verwandelte hinab Sie wandte sich zu Kakerlak den sie für nichts weniger als
einen Zauberer hielt und bat ihn mit einem Fussfalle aus dem versunknen Steine
wieder einen hübschen Prinzen zu machen allein sie bekam keine Antwort denn
der arme Zauberer wusste selbst nicht ob Tag oder Nacht war
Unterdessen wurde der Aufenthalt in einem kalten Schneehaufen für das
unruhige Temperament der Prinzessin Frissmichnicht beschwerlich sie arbeitete
mit Händen und Füßen und warf den Schnee über sich auf wie ein Maulwurf das
Erdreich Nach langer Arbeit kam sie glücklich heraus und wurde neben sich ihren
Bruder gewahr der vermöge seines ungemein philosophischen Charakters sich in
seinem Loche nicht rührte sondern gelassen wartete bis ihn jemand herausziehen
wollte weil die Prinzessin wohl raten konnte worauf er hoffte so bot sie ihm
die Hände und half ihm an die freie Luft Welch Erstaunen als beide ihre Mutter
erblickten Die Königin geriet außer sich so plötzlich ihre Kinder hier zu
finden flog mit offenen Armen auf sie zu und bat sie sich mit ihr diesem
grausamen Zauberer der ihr den Trost ihres Lebens geraubt hätte zu Füßen zu
werfen Prinzessin Frissmichnicht hatte die löbliche Gewohnheit bei jeder
zweideutigen Rede immer das schlimmste zu verstehen und da das Weinen den Ton
ihrer Mutter undeutlich machte so verstand sie dass sie diesen Zauberer
erdrosseln sollte Im Grunde war wohl Hexe Schabernack an dem bösen
Missverständnisse schuld weil sie aus ihrem Brunnen der Prinzessin in die Ohren
rief »Erdrossele ihn« So etwas ließ sie sich nur einmal sagen und fuhr
deswegen dem vermeinten Zauberer voll Wut nach der Kehle schnell pfiff ihr das
Vögelchen in die Ohren und sie wurde zu Stein indem sie zudrücken wollte
Der Prinz sah mit unbeschreiblicher Kaltblütigkeit zu und gähnte Hexe
Schabernack die den Liebling ihrer Feindin durchaus tot haben wollte hauchte
dem Prinzen etwas von ihrem feurigen Odem ein um ihn ein wenig tätiger zu
machen Das Mittel wirkte unmittelbar auf sein Blut Alles an ihm wurde so
behend so lebhaft dass er kein Glied stillhalten konnte aber da sein
gutmütiges Herz keines Argen fähig war so verwandelte sich die eingeatmete
Lebhaftigkeit in Vergnügen Er tanzte im Schnee herum als wenn er von Sinnen
wäre und wollte sich fast zu Tode lachen Tausendschön schlug ein höhnendes
Gelächter auf dass die Absichten ihrer Widersacherin so fehlschlugen diese
blies unaufhörlich wie ein Blasebalg und je mehr sie blies desto mehr tanzte
und lachte der Prinz Vor Ärger dass er nimmermehr grausam werden wollte gab
sie ihm eine Ohrfeige es ist bekannt dass man bei einer Hexenohrfeige niemals
mit dem Leben davonkommt und wer es etwa nicht weiß kann es hier bewiesen
sehen denn der Prinz wurde augenblicklich zu Stein
Nun war große Not Denn eben erkannte die Königin ihren vorigen Gemahl und
eben erkannte der vorige König von Butam seine vorige Gemahlin Beide hatten
schon die Arme ausgestreckt sich um den Hals zu fallen plötzlich schlug
Schabernack die Königin ins Gesicht dass sie sich im Augenblicke mit
ausgestreckten Händen zu Stein verhärtete und schon holte die erbitterte Hexe
aus um dem armen Kakerlak ein gleiches Schicksal zuzubereiten aber
Tausendschön war geschwinder als sie der Schlag war noch einen Strohhalm breit
von seinem Backen so fuhr sie wie ein Wind mit ihm zu den Wolken hinauf
Hexe Schabernack schrie und stampfte vor Ärger knirschte mit den Zähnen
raufte sich die Haare aus und wusste nicht an wem sie sich zuerst rächen sollte
wie ein ungezognes Mädchen das seinen Zorn an leblosen Dingen auslässt wenn
nichts Lebendiges bei der Hand ist raffte sie Hände voll Schnee auf und
schleuderte sie tobend nach allen vier Winden hin Als sie ihre Galle ein wenig
ausgerast hatte setzte sie den beiden Entflohenen nach die ihren Zorn
erregten aber wie weit waren die schon Sie verdoppelte ihren Schritt und nach
langem Herumschweifen in den Lüften sah sie die Gegenstände ihres Hasses auf
einem Baume ausruhn Wie der Habicht wenn er eine Taube erblickt schoss sie
herab Hexe Tausendschön war nicht so einfältig dass sie die Ankunft ruhig
abwartete nein wie die Zornige herabfuhr fuhr sie mit ihrem Kakerlak hinauf
in eine Schneewolke und jene die sich nicht gleich aufhalten konnte rennte in
den hohlen Baum hinein wo ihre entflohene Schwester gesessen hatte
»O so versinke verwünschter Baum« rief sie voll Zorn »versinke mit mir
bis zum Mittelpunkte der Erde dass ich nimmermehr die Verhasste wieder erblicke
die mir alle meine Anschläge vereitelt« Eine Hexe wünscht nichts das nicht
gleich geschieht Der Baum versank mit ihr und sie bereute ihren übereilten
tollen Wunsch nicht wenig als sie im Mittelpunkte der Erde steckte so eine
ungeheure Last Steine Kot Kies Leimen und Sand auf sich liegen hatte und bis
über die Ohren mit ihrem Baume im Wasser schwamm
Hexe Tausendschön wusste zwar den Aufenthalt ihrer Schwester nicht und hielt
sich daher ganz inkognito in der Schneewolke auf bis der Frühling kam wo es
keine Schneewolken vor Hitze am Himmel mehr aushalten konnten Da auf diese
Weise auch auf der Erde der Schnee wegschmolz so kam die versteinerte Königin
Ypsilon mit ihrer übrigen versteinerten Gesellschaft an einem Orte zum
Vorschein wo vorher keine steinerne Figuren standen Der Ruf dieser sonderbaren
Erscheinung breitete sich aus die Einwohner die Türken waren taten
Wallfahrten hin weil sie sehr richtig schlossen dass vier steinerne Figuren
die niemand an diesen Ort getragen hätte entweder vom Himmel oder aus der Erde
gekommen sein müssten und in beiden Fällen Wunderwerke wären die wohl einen Gang
verdienten Zwei englische Altertumsforscher die sich eben in der dortigen
Gegend aufhielten um griechische Schuhsohlen zu graben liefen gleich so
geschwind als möglich um vier Figuren zu sehen die aus den Zeiten des
Lysimachus waren wie sie schon gewiss wussten ohne sie gesehen zu haben wie
gewiss musste nun vollends die Gewissheit an Ort und Stelle werden Sie überlegten
unterwegs ob sie einen Apoll eine Minerva einen Satyr oder Priap finden
wollten kaum warfen sie einen Blick darauf so waren sie so fest überzeugt als
durch eine Offenbarung dass alle vier Figuren den Lysimachus zum Meister hatten
Der echte griechische Stil Lauter schöne griechische Umrisse Eine herrliche
Gruppe Niemand kann das sein als Niobe wozu sie die Königin Ypsilon machten
Welcher erhabene Ausdruck des Schmerzes und der mütterlichen Betrübnis Prinz
Alfabeta wurde zum Apoll mit dem niefehlenden Bogen weil er zu einer Zeit
versteinerte wo er speiste und also den Bratenknochen wovon er eben
frühstückte noch in der Hand hielt Wie niedlich das Stück Bogen wofür sie den
Knochen ansahen gearbeitet ist Schade dass ihn der Zahn der Zeit so grausam
zernagt hat Schade dass von einem so trefflichen Kunstwerke nur zwei Kinder
übrig sind
Sie reisten mit dem ersten Schiffe nach Hause und machten einen Lärm von der
Entdeckung als wenn der große Prophet in Asien zu sehen wäre Lord Antick ein
großer Liebhaber und Sammler der Altertümer reiste sogleich in eigener Person
dahin um die neuentdeckte Niobe und den niefehlenden9 Apoll in seine Gewalt zu
bekommen wenn er sie auch stehlen sollte »Vortrefflich« rief Hexe
Tausendschön als sie ihn aus dem Schiffe steigen sah »Bald soll mein lieber
Kakerlak ein neues Vergnügen finden dessen er gewiss nicht überdrüssig wird Wen
sollte die Schönheit ermüden Triumph Diesmal wird er mich erlösen«
In der ersten Nacht nachdem Mylord auf dem festen Lande angelangt war zog
ihn Hexe Tausendschön vom Kopf bis zu den Füßen aus und versetzte ihn an den Ort
der Antike die ihn nach Asien lockte schlug ihn dreimal mit ihren Flügeln und
er wurde zu Stein Kakerlak wurde in des Lords Bette gelegt stand des Morgens
als Lord Antick auf zog sich an und setzte sich als Lord Antick in die Kutsche
nicht wenig erfreut dass er einmal aus den hohen schwindligen Luftgegenden
wieder auf festem Grund und Boden war
Der neue Lord saß nicht lange in der Kutsche so pfiff etwas vorbei wie ein
Vogel der geschwind fliegt über eine kleine Weile wieder und kurz darauf zum
dritten Male Er ließ halten um die Ursache einer so sonderbaren Erscheinung zu
erfahren indem er sich umsah erblickte er einen Menschen der mit
ungläublicher Geschwindigkeit lief »Halt« rief der Lord Der Mensch stand
»Warum läufst du so« »Zu meinem Vergnügen« »Wohin« »So weit es festes
Land gibt Ich habe mir angewöhnt alle Jahr einmal quer durch die halbe Welt zu
laufen ich setze in Spanien an und höre in Japan auf Ich bin gut zu Fuße wie
Sie daraus abnehmen können und liebe die Bewegung also tu ich aus bloßer
Liebhaberei jährlich so einen kleinen Spaziergang Wo treffen wir uns« Der
Lord nennte ihm den Ort den ihm Hexe Tausendschön eingab und wo er in drei oder
vier Tagen sein wollte »Gut« antwortete der gewaltige Laufer »so tu ich
indessen einen kleinen Gang zum Kaiser von China und bin zur bestimmten Zeit
wieder da Gott befohlen« Dort flog mein Laufer hin dass er dem Lord in einer
Sekunde schon wie eine Mücke aussah so weit war er
Den Tag darauf als er an einem Gebirge hin fuhr sah er eine Menge starke
Eichbäume den Berg herabgehn »Bin ich denn im Lande der Wunder« rief er und
ließ halten Er hatte wohl Ursache sich zu wundern denn er sah den Menschen
nicht der die Eichbäume trug »Nun begreif ich wohl wie zwölf so starke Eichen
sich bewegen können« sagte er als er den Kopf des Mannes erblickte auf dessen
Schultern sie lagen »Guter Freund He da Du trägst ja einen ganzen Wald Du
willst dir wohl ein recht warmes Stübchen machen dass du so vieles Holz
zusammenschleppst« »Ach nein lieber Herr« antwortete der starke Mann »ich
tue das nur zum Vergnügen Ich vertreibe mir die Zeit damit dass ich Zahnstocher
mache das ist nun einmal meine Liebhaberei und um nicht zu oft zu gehen hol
ich mir immer ein Dutzend Bäume auf einmal damit ich das Kernholz zu meinen
Zahnstochern aussuchen kann« »Willst du mit mir« fragte Kakerlak auf seiner
Beschützerin Eingeben »Das tu ich wohl ich bin ohnehin müßig Ich will mein
Holzbündelchen hier abwerfen es wird mirs wohl niemand wegtragen bis ich
wiederkomme« Er setzte sich hinter die Kutsche
»God damn me« rief der Lord am folgenden Tage des Morgens früh zwischen
neun und zehn Uhr »Postknecht halt Welch neues Wunder ist das Hierzulande
geht ja alles wider die Gesetze der Natur« Auf einem Berge stand eine große
Windmühle deren Flügel sich jetzt rechts und den Augenblick darauf links
bewegten »Das ist kein Wind aus dieser Welt der einen so wunderlichen Gang
hat« sprach er voll Erstaunen und sah sich nach Leuten um die er fragen
könnte woher die Windmüller hierzulande ihren Wind bekämen indem er seine
Augen überall herumwandte wurde er bei dem Fuße des Bergs einen Mann gewahr
der an einem Weidenbaume lehnte und sich ein Nasenloch um das andre zuhielt Er
fuhr vollends zu ihm hin und fragte ihn woher es käme dass sich hierzulande die
Windmühlen so sonderbar drehten »Ha ha« antwortete der Mann »das mach ich«
»Du Wieso« »Sieht Er Da halt ich mir das linke Nasenloch zu und blase mit
dem rechten und die Windflügel gehen so herum drauf halte ich das rechte
Nasenloch zu und blase mit dem linken und die Flügel drehn sich anders um Es
ist sehr leicht wer es kann« »Aber warum das« »Zu meinem Vergnügen der
liebe Gott hat mir gute Tage gegeben und so ist das mein Zeitvertreib« »Komm
mit mir« »Von Herzen gern ich habe ohnehin Langeweile zu Hause« Er setzte
sich neben den starken Mann und Kakerlak freute sich schon das schönste
Raritätenkabinett in England zu besitzen wenn er als Lord Antick dahin käme und
drei so sonderbare Leute mitbrächte als ihm diese drei Tage begegnet waren
Er kam an den bestimmten Ort und fand den starken Fußgänger der schon seit
einigen Stunden aus China wieder zurück war und ungeduldig auf ihn wartete
Kakerlak war zwar kein Liebhaber von steinernen Schönheiten aber weil ihm seine
Beschützerin dies Vergnügen bestimmt hatte so lenkte sie seinen Blick vor allen
auf die Königin Ypsilon als er bei der Antike anlangte Ein Rest von alter
Liebe erwachte in ihm ohne dass er selbst es wusste und die Hexe Tausendschön
nützte diese aufwallende Empfindung so geschickt dass er ein außerordentliches
Verlangen nach dieser antiken Gruppe bekam er konnte nicht bleiben wenn er sie
nicht mit nach England nehmen durfte gleichwohl lief er große Gefahr vom Volke
in Stücken zerrissen zu werden wenn er sie anrührte Er ging mit seinen drei
Wundermenschen zu Rate wie er sie des Nachts heimlich fortbringen sollte
»Nichts leichter als das« riefen sie alle
»Ich laufe gegen Abend ans Meer und bestelle ein Schiff« sprach der
gewaltige Laufer »Es wird drei oder vier Tagreisen weit sein das ist mir ein
Spaziergang«
»Und in der Dämmerung nehm ich die steinernen Männer und Weiber auf die
Schulter und trage sie zum Schiffe« sagte der starke Mann »Es ist zwar ein
wenig weit aber ich geh einen guten Schritt dass ich gegen Mitternacht wieder
da bin und dann hol ich den Herrn mit seiner Kutsche und seinen Leuten nach«
»Herrlich« rief Kakerlak voll Freuden »Aber wenn sie uns nachsetzten und
unser Schiff einholten« »Dafür bin ich gut« antwortete der Windmacher »Lasst
sie nur kommen das Nachsetzen soll ihnen schon vergehen«
Wie es abgeredet war so geschah es Der Laufer lief und bestellte das
Schiff der starke Mann nahm die Königin Ypsilon und den Prinzen Alfabeta auf
die Schultern den versteinerten Lord Antick auf den Kopf Prinzessin
Frissmichnicht und den Prinzen Lamdaminiro unter die Arme und holte bei guter
Zeit den Herrn Kakerlak nebst Kutsch und Leuten nach Alles ging gut wenn nicht
ein schadenfroher Geist ein altes andächtiges Mütterchen an diesen Ort führte
wo sie bei den vermeinten Heiligenbildern die bösen Träume wegbeten wollte
wovon sie alle Nächte geplagt wurde Sie kam eben an als der starke Mann die
Gruppe auflud und verriet den Diebstahl es wurde Lärm im ganzen Lande und der
Bassa gab sogleich Befehl dem Diebe zu Wasser und zu Lande nachzusetzen Es
liefen Schiffe aus dem Hafen und verfolgten mit allen möglichen Kräften das
Kakerlakische aber ihr guten Schiffe wie gings euch Da stand mein Windmacher
am Ufer und blies mit dem rechten Nasenloche des Lords Schiff in die See hinaus
und mit dem linken die türkische Flotte in den Hafen zurück Da beide weit genug
auseinander waren ging er wieder zu seiner Windmühle der starke Mann war schon
auf dem Wege zu seinem Zahnstocherholze und der gewaltige Laufer eine gute
Strecke über die türkische Grenze hinaus
Kakerlaks Liebe zu den Altertümern wuchs unterwegs mit jeder Minute das
Wachstum ging nicht mit rechten Dingen zu Hexe Tausendschön war schuld daran
Sie hatte ihn schon unterrichtet was für eine Rolle er spielen sollte als sie
ihm Lord Anticks Kleider anzog und er fuhr daher bei seiner Ankunft in London
gerade vor die Wohnung dieses Herrn Mylady machte sehr große Augen da sie
einen ganz andern Mann bekam als sie vor einiger Zeit aus ihren Armen reisen
ließ denn ihr wirklicher Herr Gemahl hatte viel Ähnliches mit einem Kürbis und
der falsche glich eher einer welken Rübe so wenig konnte er sich noch immer von
dem langen Aufenthalt in der Schneewolke erholen Ebensosehr waren die beiden
Altertumsforscher erstaunt als sie eine Gruppe die bei ihrer Anwesenheit in
Asien aus vier Figuren bestand jetzt mit einer vermehrt fanden alles schrie
über Wunder
Welch Entzücken als Kakerlak in die Galerie trat wovon er nun Herr war
Mit ernstem Lächeln stand
Der Liebe mächtge Königin
Vor allen oben an und war Beherrscherin
Im Saal wie in der Welt Sie deckt mit keuscher Hand
Da ihr der lose Künstler kein Gewand
Um Hüft und Beine warf was keine Venus gern
Vor einer Galerie voll Männeraugen zeigt
Der sittsam edle Blick hält die Verwegnen fern
Und sagt was jede spricht sosehr sie schweigt
»Ich schreck euch ab damit ihr in mich dringt
Ich widersteh damit ihr mich bezwingt
Ich decke zu damit ihr suchen sollt
Bewunderung wird mir sehr doch Liebe mehr behagen
Erratet das ihr Herren wenn ihr wollt
Ich schäme mich es euch zu sagen«
An ihrer Seite steht mit lockenreichem Haupt
In Jünglingsschönheit der Apoll
An welchen Winckelmann10 von Fanatismus voll
Wie an den einzgen Gott der Künstler glaubt
Der Gladiator hebt mit wilder Siegesmiene
Den nervenstarken Arm und horcht erwartungsvoll
Dass von dem Marmorsitz der blutgen Todesbühne
Des Volks Befehl ertönt die dargebotne Brust
Des hingestreckten Gegners zu durchbohren
So weibisch zart als wär er nicht zum Mann geboren
Schlägt hier ein Gegenstand der wunderbarsten Lust
Ein lächelnder Kinäd die Augen nieder
Beschämt durch den Kontrast der Fechterglieder
In männlicher Gestalt nur halb ein Mann zu sein
Kakerlak wendet sich verachtend von ihm und erblickt
Den edlen Priester den zum Lohn
Für patriotschen Rat zwei giftgefüllte Schlangen
Auf einer Göttin Ruf mit grauser Wut umfangen
Den leidenden Laokoon
Wie krümmt sich der zurückgeworfne Nacken
Der langgestreckten Zunge zu entfliehn
Wie stöhnt mit wild verzerrtem Aug und Backen
Aus aufgerissnem Mund der Schmerz der ihn
In der durchgrabnen Brust ergreift indem sein Blut
Die Ungeheuer ihm mit durstger Wut
Aus den geschwollnen Adern ziehen
Allentalben im ganzen Saale nichts als Schönheit männliche und weibliche
Jeder Reiz unverhüllt Alle Götter und Göttinnen des Olymps alle Reste der
griechischen und römischen Kunst Ein wahrer Tempel der Schönheit Wer ist
glücklicher als Kakerlak dem dieser Tempel gehört
Er ging in die Gemäldegalerie wie entzückte ihn ihr Anblick denn
Ihm fiel beim Eintritt ins Gesichte
Der Keuschheit Monument die rührende Geschichte
Wie ein verwegner Mann in Strauch und Busch sich steckt
Dianens Reize zu belauschen11
Wenn sie nebst einem Chor von Nymphen unbedeckt
Mit sorgenlosem Scherz sich in dem Bade neckt
Und wie der Herr durch unbedachtsam Rauschen
Sich in der Trunkenheit der Neubegier verrät
Wie hier mit keuschem Grimm der Wälder Göttin fleht
Sie bringt sogleich mit einer Hand ihr Bestes
Vor dem profanen Aug in Sicherheit
Da spricht ihr Blick da sieh ein andermal
Was du nicht sehen sollst indem der Wasserstrahl
Aus ihrer Rechten fährt der in so kurzer Zeit
Geweihe schafft dass man das Lauschen schön bereut
Indessen fliehn mit zugewandtem Rücken
Mit scheu zurückgeworfnen Blicken
Die züchtgen Nymphen zitternd fort
Um auf den Schreck und auf das viele Schämen
Ein niederschlagend Pulver einzunehmen
»Ah« ruft Lord Kakerlak und eilt zu einem Gemälde
Gewandlos schlummert dort
Auf einem Rasenbette
Der Liebe Göttin und ihr Sohn
Knüpft tändelnd eine Blumenkette
Ihr um den Arm Vor ihres Vaters Thron
Stand nie die Mutter aller Reize
So schön wie hier Mit nimmersattem Geize
Hängt an Gesicht an Brust an Schoss und Hand
Des Lords entzückter Blick und seufzend reißt
Er sich wie jeder los der vor dem Bilde stand
Und spricht wie jeder sprach mit traurgem Geist
»Ach wenn ein Kuss die Frau beleben könnte
Und sie der Himmel mir alsdann statt meiner gönnte«
In stiller Demut hängt
Die Mutter Gottes ihr zur Seite
Mit mütterlicher Lust sieht die Gebenedeite
Wie sich ihr einzger Sohn am vollen Busen tränkt
Der Zufall paarte hier was man zu paaren scheut
Der Wollust höchsten Reiz den Reiz der Frömmigkeit
Kakerlak ging in ein andres Zimmer
Hier strömt in Schlachten aus ehernen Schlünden
Das Feuer hier regnen Kugeln hier winden
Zerstückt zertreten im blutgen Gewühl
Sich sterbende Rosse sich sterbende Krieger
Mit rasender Mordsucht und ohne Gefühl
Zerfleischen sich Menschen wie grimmige Tiger
Hier lodern in Dampf und Flammen gehüllt
Belagerte Städte dort schwimmt auf den Wellen
Die kriegende Flotte Das Aug erfüllt
Wohin es sieht des Mords und der Verwüstung Bild
Kakerlak hatte noch zuviel friedliebendes philosophisches Blut in den Adern um
hier lange zu verweilen er ging von der Zerstörung
Zur schönen lächelnden Natur
Die in der Felsenkluft und fruchtbeladnen Flur
Im düstern Fichtenwald und lichten Hain entzückt
Wie ruhig lehnst du dort am Baume wie beglückt
Du froher Schweizerhirt und bläst dein Abendlied
Indessen dass durchs Tal die Herde langsam zieht
Und über dir vom Strahl der Abendsonne
Gebüsch und Fels in rotem Feuer glüht
»Ich durste« ruft beim Bauernschmaus
Der Trinker dort und streckt das Glas halbtaumelnd aus
Ein andrer klopft bedächtig an die Tonne
Zu hören ob ihr Klang dem Gaum noch viel verspricht
Am Seitentische dampft dass man das matte Licht
Kaum flimmern sieht des Dorfes Magistrat
Mit ernster Gravität und wohlgenährten Bäuchen
Voll Ehrfurcht nimmt indem er sich den Herren naht
Um mit dem langen Span ins trübe Licht zu reichen
Der Bauer dort das pelzne Mützchen ab
Wie streicht der Musikant die kreischenden Saiten herab
Wie dreht an ihres Korydons Arme
Mit schwankendem Rocke das glühende Mädchen sich um
Selbst weise Mütter entsagen dem Harme
Und tanzen verjüngt die Nahrungssorgen stumm
Wer ist glücklicher als Kakerlak der so viele Schönheiten der Kunst besitzt
Der sich mit ihrem Anblicke laben kann sooft es ihm gefällt
In den ersten Tagen fühlte er sein Glück kaum Er war hingerissen
überrascht überfüllt Mylady wollte immer viel von seiner Reise wissen aber
sie erfuhr nichts denn der Glückliche wusste nicht mehr dass er eine getan
hatte Er war von dem Vergnügen das ihm seine Gönnerin verschafft hatte
berauscht wie ein Trunkener und Hexe Tausendschön sang schon in Gedanken das
Triumphlied ihrer Befreiung denn wie könnte eine edle Seele die Gefühl für die
Schönheit besitzt des Vergnügens an der Kunst jemals überdrüssig werden
Die mitgebrachte antike Gruppe war bei weitem nicht so schön als die
schlechteste im Saale gleichwohl zog sie Kakerlaks Blicke mehr an sich als die
übrigen wenn er alle seine Kyteren nach der Reihe angesehen hatte kam er
allemal zur Königin Ypsilon zurück Mylady war sonst keine Liebhaberin von den
Schönheiten der Kunst aber sie wusste sich selbst es nicht zu erklären warum
sie jetzt einen so gewaltigen Trieb nach dem Antikensaale empfand und wenn sie
alle Apollo Antinous und Faune angesehen hatte kam sie jedesmal zur Figur des
versteinerten Lords Antick zurück Es ließ sich nichts anders vermuten als dass
es Hexerei wäre und das war es wirklich denn unterdessen hatte sich die
schadenfrohe Schabernack durch die vielen Erdlagen durch Kies Steine Ton und
Wasser aus dem Mittelpunkte der Erde wieder heraufgearbeitet und flog überall
herum ihre Feindin aufzujagen Sie spürte ihren Aufenthalt aus und nun ist das
Rätsel auf einmal aufgelöst warum Kakerlak immer zur Königin Ypsilon und Mylady
immer zum Lord Antick geht die verwünschte Hexe schuf den beiden Steinfiguren
so unwiderstehliche Reize dass wirkliche Liebe daraus wurde
Wie bei dergleichen Vorfällen die Weiber immer sinnreicher sind als die
Männer so geriet auch hier Mylady zuerst auf den Einfall die geliebte Figur in
ihr Schlafzimmer zu stellen sie tat ihrem Gemahl den Vorschlag weil ihm als
einem Liebhaber der Antike eine solche Verzierung des Betts sehr angenehm sein
müsste »Ich bin es wohl zufrieden« antwortete der Lord »aber da sich solche
Verzierungen ohne Symmetrie nicht gut ausnehmen so will ich diese weibliche
Figur wobei er auf die Königin Ypsilon wies daneben stellen« So war beiden
geholfen
Was nützten dem armen Kakerlak alle die herrlichen Kunstwerke was alle
Pracht aller Geschmack in seinen Zimmern Er konnte sich an nichts ergötzen
keine Schönheit bewundern noch fühlen denn in seinem Herze wütete eine
Leidenschaft die ihn lebendig aufzehrte weil sie sich nicht befriedigen ließ
Wie oft wollt er alle Antiken hingeben wenn er damit das Talent der Dichtkunst
erkaufen könnte »Wie beneid ich die Leute« rief er »die weder Antiken noch
Gemälde haben aber Verse machen können Ohne Verse ist die Liebe nur halb wenn
das Herz überfliessen will gießt man seine Empfindung in Verse aus jeder
Seufzer jedes Ächzen jeder Atemzug ist noch einmal so viel wert wenn er
versifiziert wird dann muss es Lust sein sich zu verlieben wenn man Verse
macht O ihr glücklichen Leute die ihr keine Antiken habt aber Verse machen
könnt«
So quälte er sich den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend und des Nachts
quälte ihn Hexe Schabernack Sobald er in Myladys Armen und sie in den seinigen
Schutz suchte fing der steinerne Antick an zu fluchen wie ein Bootsknecht und
die Königin Ypsilon weinte dass es ein Jammer war dies unglückliche Konzert
ließ keins von den beiden Verliebten Trost finden
Wer die Saiten zu hoch spannt zersprengt sie da es der tückischen Hexe so
gut gelang das Vergnügen des Geschmacks durch eine beigebrachte Leidenschaft zu
verleiden so glaubte sie ihm das Leben ganz zu verbittern wenn sie die beiden
Figuren am Bette lebendig machte aber das war falsch geschlossen Als Mylady
des Morgens voll Sehnsucht und Bekümmernis nach der geliebten Figur hinsah
öffnete das steinerne Bild plötzlich die Augen es bewegte die Lippen bewegte
die Schultern sah sich verwundert um fing an zu gehen und kaum hatte der
Neubelebte sich in seinem nackten Zustande erblickt so rennte er beschämt in
die Garderobe um sich und andern nicht länger anstößig zu sein Mylady sprang
auf schlug voll Freuden in die Hände warf sich auf die Knie und rief »Gedankt
sei dir unsichtbare Wohltäterin die du ihn belebtest Gedankt dass du mir den
liebsten Wunsch meiner Seele gewährtest Er lebt Wer kann mein Entzücken
aussprechen Er lebt« Im Taumel der Wonne vergaß sie Anständigkeit und
Klugheit und ohne zu bedenken dass sie nur im Nachtkleide war und dass ihr Mann
diese freudigen Aufwallungen sah und hörte eilte sie der angebeteten Figur
nach
Mylord war schon mit der nötigsten Bedeckung zustande und warf eben den
grünen Jagdrock über als Mylady nach langem Suchen in allen Zimmern hereintrat
»Gott« rief sie und bebte vor Schrecken zurück als sie sah dass es ihr voriger
Gemahl war Das ist ja mein Mann dachte sie Wusst ich das so erspart ich mir
meine Liebe Mylord wollte ihr ein Kompliment über ihr unvermutetes Wiedersehen
machen aber sie ließ ihn nicht ausreden sondern lief wie rasend im Hause herum
und schrie »Diebe Diebe« Die Bedienten eilten herbei und ergriffen die
Waffen die sich ihnen zuerst darboten um den vermeinten Dieb zu vertreiben
Mylord widersetzte sich zwar mit allen Kräften allein da er merkte dass seine
Gegner keinen Spaß verstanden so gab er sich mit so plumpen Leuten die
unhöflich dreinschlugen nicht weiter ab sondern ging zur Türe hinaus so weh
es ihm tat dass er sich aus seinem eignen Hause vertreiben lassen musste
Unterdessen hatte Kakerlak kein schlechteres Abenteuer Mit dem Blick
unbeweglich auf den geliebten Marmor geheftet wurde er kaum gewahr dass Mylady
aus dem Bette sprang und einem lebendig gewordenen Steine nachlief denn in dem
Augenblicke da dies geschah öffnete seine marmorne Dame die Augen lächelte zu
ihm hin und breitete die Arme aus er musste sich lange besinnen ob er wachte
oder träumte Kaum war er mit sich einig dass er wirklich wachte so erblickte
die Dame ihren nackten Zustand und fiel vor Entsetzen über eine so
himmelschreiende Unanständigkeit in Ohnmacht Kakerlak wollte in der
Schamhaftigkeit auch nicht zurückbleiben und warf erst seine Decke über sie her
eh er ihr zu Hilfe kam Die Ohnmacht war so hartnäckig dass sie sich durch die
stärksten stinkenden und wohlriechenden Sachen nicht vertreiben ließ ich wundre
mich dass die Dame jemals wieder aufwachte denn ihre Situation war so
schrecklich für eine empfindsame Seele dass unter Hunderten kaum eine in so
einem Falle ohne Sterben davonkäme aber so weit trieb sie es glücklicherweise
nicht sondern gab wirklich schon Zeichen des Lebens von sich als Mylady
zurückkam und ihrem Gemahl berichten wollte wie glücklich sie gewesen wäre
Diebstahl Mord und Blutvergießen im Hause zu verhüten Das Wort starb ihr auf
der Zunge da ihr die ohnmächtige Dame mit ihrer sonderbaren Bekleidung in die
Augen fiel in dem Augenblicke da sie losbrechen wollte erkannte Kakerlak die
Königin Ypsilon Bist du es die ich so feurig liebte dachte er bei sich und
verstummte Wusst ich das so erspart ich mir mein Härmen Seufzen und Klagen
denn wir waren ja lange genug Mann und Frau um uns von Liebesschmerzen zu
heilen Indem öffnete die Ohnmächtige die Lippen um wegen ihrer schlechten
Bekleidung um Vergebung zu bitten aber Kakerlak kam ihr mit Höflichkeit zuvor
und versicherte mit einer tiefen Verbeugung dass es gar nichts zu bedeuten
hätte dass eine Dame von ihrem Stande tun könnte als wenn sie zu Hause wäre
Darauf wandte er sich zu seiner Gemahlin »Das ist« sprach er »die Dame aus
Butam von der Nein jetzt besinn ich mich ich habe Mylady noch nichts davon
gesagt es ist eine Dame vom höchsten Stande aus Butam von gutem Hause Ihre
Gnaden machen sich zuweilen einen kleinen Zeitvertreib und hexen Dieselben tun
alle Dero Reisen durch die Luft und ersparen dadurch ein ansehnliches an ihrem
Nadelgelde Sie kommen freilich allemal in einem beschämenden Zustande an weil
es das Hexenzeremoniell so mit sich bringt aber dagegen werfen Dieselben auch
niemals mit dem Wagen um bleiben in keinem Moraste stecken und brauchen die
Langsamkeit des Postknechts mit keinem großen Trinkgelde zu bestechen Es ist
ungemein bequem«
Die Königin freute sich sehr dass ihr der Lord so gut aus der Verlegenheit
half und hielt das strengste Inkognito sie wickelte die Bettdecke etwas fester
um sich und ließ sich als eine Dame von gutem Hause aus Butam an Mylady Antick
präsentieren Beide küssten sich mit vieler Wärme und waren über eine so
angenehme Bekanntschaft entzückt beide hatten schon lange davon geträumt dass
ihnen ein so großes Vergnügen widerfahren sollte und beide versicherten sich
dass sie Freundinnen bis in den Tod bleiben wollten Der Lord merkte dass sich
die fremde Dame in seiner Gegenwart wegen ihrer Bedeckung Zwang antat und war
daher so galant und begab sich auf sein Zimmer Mylady beurlaubte sich
gleichfalls schickte ihr Kleider und in drei Stunden sah es niemand der
Königin Ypsilon an dass sie so lange ein Stück Marmor gewesen war Hexe
Tausendschön lachte dreimal auf der Feueresse vor Freuden dass die Bosheit ihrer
Schwester so sehr das Gegenteil bewirkte und diese weinte vor Ärger Tränen so
groß als ein Taubenei viel größere als Patroklus Pferde im Homer sie schwor
sich selbst das Verderben wenn sie nicht von nun an dem verhassten Kakerlak jede
Freude in die bitterste Qual verwandelte
Sobald sich alle Personen ohne Schamröte voreinander sehen lassen konnten
führte der Lord die Fremde in seinen Antikensaal seine Gemäldegalerie und sein
Porzellänkabinett die Königin fand alles sehr schön nur die vielen nackten
Leute missfielen ihr »Allen den Leuten ließ ich Kleider malen« sprach sie
»wenn die Bilder mir gehörten und den steinernen Männern und Weibern hielt ich
eine Garderobe sie gehen ja so bloß und armselig einher als wenn sie kein Hemd
anzuziehen hätten Es ist eine Schande für unsre erleuchteten Zeiten dass man
den Malern und Bildhauern keine Kleiderordnung macht eine ehrbare Dame von
guter Erziehung kann heutigestags keine Bildergalerie ohne Ärgernis ansehen« Aus
diesem moralischen Grunde war ihr das Porzellänkabinett das liebste »Da sieht
man doch dass in China noch gute Sitten sind« sagte sie »alle diese
porzellänen Damen sind von Kopf bis zu Fuße bedeckt dass man kaum das Gesicht
erkennt Die Mandarine tragen lange Röcke das heiß ich Anständigkeit so etwas
kann eine Dame von Stande ohne Verletzung ihrer Ehre ansehen« Sie verliebte
sich in dies porzelläne Kabinett voll chinesischer Wohlanständigkeit und
chinesischer Ungereimteiten so sehr dass sie meistens den Morgen darin
zubrachte und jede Büchse hundertmal ansah
Um ihrem Vergnügen nichts fehlen zu lassen tat Kakerlak einige Lustreisen
mit ihr sie besuchten alle merkwürdige Gärten diese herrlichen Nachahmungen
der Natur die Berge Täler Flüsse und Wasserstürze hinsetzen wo die Natur
keine schuf Die Königin war sehr zufrieden damit und fand bloß das auszusetzen
dass man immer auf und nieder steigen müsste und dass die Wege nicht in gerader
Linie gingen Desto missvergnügter wurde Kakerlak bei jeder neuen Schönheit die
ihm entgegenkam dachte er Ach der Glückliche der einen Park hat Ach ich
Unglücklicher dass ich keinen Park habe Wie wenig ist doch das herrlichste
Antikenkabinett gegen einen Park Hexe Schabernack brachte in seinem Herze die
Unzufriedenheit und seinen Wunsch zur Flamme und er war noch nicht durch die
Hälfte des Gartens so schwur er schon dass er lieber nichts als Salz und Brot
essen wollte um einen Park zu haben Sehnsucht Ungeduld und Gram sprachen aus
seiner Miene Mylady konnte kein Wort aus ihm bringen Tag und Nacht quälte ihn
der verdammte Park Seine Gemahlin nahm ihn ernstlich vor als sie einmal des
Abends allein waren und bat ihn mit Flehen ihr seinen Kummer zu entdecken er
wollte lange nicht endlich warf er sich schluchzend an ihre Brust »Mylady«
rief er »schaffen Sie mir einen Park oder ich sterbe« »Aber Mylord hat ja
ein Antikenkabinett eine Gemäldesammlung und einen Porzellänsaal« »Ach was
Antikenkabinett« fuhr er entrüstet auf »was Gemäldesammlung Einen Park will
ich oder ich kann nicht leben Einen Park Oder ich erhänge mich wie ein
rechtschaffner Engländer Betteln will ich lieber als keinen Park haben« Sie
riet ihm seine Sammlungen zu verkaufen und für das Geld einen anzulegen er
gehorchte dem Rate wollte gern um den dritten Teil des Werts losschlagen und
fand viele Käufer die aber desto langsamer kauften je geschwinder er verkaufen
wollte
Schabernack konnte einen Mann den sie hasste nicht so leicht zu seinem
Wunsche gelangen lassen und spielte ihm einen Streich dergleichen noch nicht
unter der Sonne geschah Sie machte in einer Nacht alle Antiken lebendig Prinz
Alfabeta lief augenblicklich wie er sein Leben wieder hatte im ganzen Hause
herum und kommandierte als wenn es sein eigenes wäre weckte Bediente und
Stallknechte mit Prügeln und Ohrfeigen auf ließ des Lords beste Kutsche
anspannen und entführte auf Eingeben der Hexe die Königin Ypsilon aus dem Bette
Das war ein Lärm Das war ein Aufruhr im Hause Die beiden Maschinen der
Unglücksstifterin Prinz Lamdaminiro und Prinzessin Frissmichnicht fingen
gleich nach ihrem Aufleben Zank an so gutmütig der Prinz sonst war so fand er
sich doch unendlich beleidigt dass ein so schlechter Mensch wie ein römischer
Gladiator neben ihm stand und stieß ihn mit dem Ellenbogen voll Unwillen von
sich Dieser Herr war ziemlich handfest und in einer Republik entstanden wo man
von der heutigen Politesse nichts wusste er fasste also ohne alle Zeremonie den
Prinzen bei dem Leibe und schleuderte ihn längs im Saale hin Die Prinzessin
wollte die Beschimpfung ihres Bruders rächen und biss den baumstarken Gladiator
in den Arm dass er zusammenfuhr dies Untier hatte nicht mehr Respekt gegen die
Damen als gegen die Herren und scherzte nicht sehr fein denn er fasste die
Prinzessin und schleuderte sie im Saale hin wie einen Knaul Unterdessen
verursachte der Fall des Prinzen einen neuen Streit Er stürzte wider seinen
Willen auf die schöne Venus und warf sie um dass der Boden schütterte Die
übrigen Götter und Göttinnen erzürnten sich über die Verwegenheit eines
Sterblichen gegen eine Dame von göttlichem Blute hoben die Gefallne in aller
Eile auf und Minerva trat à la Shakespeare mit ihrer Ferse dem Prinzen zwei
Augen und einen Kopf entzwei Die Prinzessin richtete nicht weniger Unglück an
Sie rollte an Apollens Fuß das nahm der Musengott übel spannte den Bogen und
schoss sie so ohne Gewissen ins Herz wie wir Sterbliche eine Fliege totschlagen
wenn sie uns sticht
Was für ein stolzes Volk die Götter des Olymps sind das sah man hier ihre
Majestät schien ihnen schon dadurch enteiligt dass Sterbliche in einem Saale
mit ihnen atmeten und sie beredeten sich deswegen sie zu vertreiben Wer mag
Göttern widerstehn Die Sterblichen mussten weichen und irrten im Hause herum
der eine rettete sich in dieses der andere in jenes Zimmer
Kakerlak hörte zwar nichts von dem Getöse aber wie erschrak er als er den
Tag darauf die Nachricht erhielt dass die Hälfte der Antiken aus dem Saale
gewandert und in alle Zimmer des Hauses zerstreut wäre dass zwei blutig auf der
Erde lägen und dass die göttliche Venus ein Loch im Backen hätte als wenn sie in
einem Scharmützel gewesen wäre Der Lord fand alles dem Berichte gemäß ließ die
Ausgetretnen wieder an ihren Ort schaffen und wusste keine Möglichkeit
auszusinnen wie ein Klumpen unbeseelter Marmor denn das waren sie wieder
sich so weit bewegen konnte Die folgende Nacht geschah das nämliche Hatte
Kakerlak vorher geeilt sein Kabinett zu verkaufen so tat er es jetzt desto
mehr aber hatte vorher jedermann gezaudert es ihm abzukaufen so wollte es
jetzt niemand umsonst da sich das Gerücht ausbreitete dass es mit den Antiken
nicht richtig wäre Wenn man sein schweres Geld daran wandte und sie kaufte so
konnten sie ja in einer Nacht alle entlaufen wer gab denn dem armen Kaufmanne
sein Geld wieder Ein einziger der von der Freigeisterei Profession machte und
darum keine Wunderwerke glaubte hoffte sie um jenes Gerüchts willen desto
wohlfeiler zu bekommen und bat um Erlaubnis sie zu besehn Er besah die
himmlische Venus Venus drehte sich um und wies ihm statt des Gesichts den
Rücken er besah den immer jugendlichen Apoll Apoll kehrte sich um und wies ihm
den Rücken die nämliche Unhöflichkeit begegnete ihm bei allen denen er ins
Gesicht sah Dem Manne verging beinahe die Freigeisterei so übel ward ihm
zumute weil aber seine Gewinnsucht größer war als die Furcht bot er eine
kleine Summe und der Lord schloss den Handel um nur nicht länger mit behexten
Antiken in einem Hause zu wohnen
Die Gemäldegalerie wurde auf ebendieselbe Art verkauft alles zusammen
brachte nicht so viel Geld ein als nötig war einen Gang im Garten anzulegen
gleichwohl war schon ein Riss dazu gemacht ein ganzes Gut dazu bestimmt die
Arbeit angefangen und um nicht mit Schande aufzuhören musste Geld aufgenommen
werden Kakerlak verkaufte und verpfändete alles und war schon in Gedanken Herr
vom schönsten Garten im ganzen Lande
Nach langer Arbeit und langer Hoffnung stand endlich das Wunderwerk der
Gartenkunst fertig da
Zwischen jungen Fichten dreht
Sich der Schlangenpfad dahin
Wo die schönste Charitin
In dem schönsten Haine steht
Wie labt der Duft der frischbelaubten Birken
Wie zittert sanft gleich der verschämten Unschuld
Am weißen Ast das zarte lichte Blatt
Mit jedem Wehn des lauen Lüftchens kommen
Dem süssgelabten Sinn Gerüch entgegen
Von Blumen Kräutern Blüten Jeder steht
Berauscht sich rühmt und sucht den Garten
Der ihn mit solcher Schwelgerei bewirtet
Umsonst Er tut wie edle Seelen Gutes
Erquickt und lässt nicht wissen wer es tat
Welch Leben Welche Stimmen die hier tönen
Kein Zweig wo nicht ein froher Sänger hüpft
Was in der Schöpfung lebt scheint hier versammelt
Den Grazien sein fröhlich Lied zu weihn
Euch Schmuck der Menschheit Euch Wohltäterinnen
Die ihr die Sterblichen aus Barbarei
Und Wildheit zogt dem Leben Anmut schenktet
Die Schönheit selbst mit Zauberkraft belebtet
Euch die ihr unsers Wunsches wert es machtet
Ein Mensch zu sein gebührt der schönste Hain
Der lieblichste Geruch der lieblichste Gesang
Zwischen Tannenbüschen dreht
Aus dem schönsten Birkenhain
Sich der Schlangenpfad dahin
Wo ein dunkelgrüner Wald
Düster auf dem Berge steht
Ihn weihte sich die Spekulation
Sie wandelt hier am Arm des Tiefsinns ernstaft
Im finsteren Schatten tiefgesenkter Äste
Bald leitet sie den Treuen der ihr folgt
Zum lichten Gang wo durch die hohen glatten Stämme
Der Himmel lächelnd blinkt bald führt sie ihn
In Finsternis wo der Erschrockne steht
Und sinnt sich mit Entschlossenheit zu rüsten
Eh er den Schritt ins heilge Dunkel wagt
Wie schweigt der Wald in tiefster Einsamkeit
Als wäre Leben Regsamkeit und Ton
Aus der Natur auf einmal weggenommen
Die Schöpfung ganz in Todesschlaf versenkt
Wie spannst du heilger Ort des Geistes Flügel
Zu hohem Flug Wer hier nicht denkt denkt nie
Zwischen Strauch und Dornen weht
Sich der Schlangenpfad herab
Über Stein und Wurzeln muss
Mühsam sich der matte Fuß
Wie der Denkende durch Zweifel leiten
Bis nach Strampeln Taumeln Gleiten
Vor dem See der Müde steht
So staunt wie hier wenn von dem Ozean
Der Reisende die Küsten übersieht
Die Griechenland mit Marmortempeln schmückte
So hängt der Blick an den erhabenen Trümmern
Im Sonnenglanz umwebt von grünen Sträuchen
Steigt dort vom Hügel auf ein Säulengang
Zu dem hinan Apolls geweihte Priester
Auf breiten Stufen einst voll Andacht schritten
Bald kahl bald mit Gebüsch bekrönt erheben
Am Ufer hin sich Hügel über Hügel
Und bilden uns den Sitz der Musen ab
Trag uns Gondel durch den See
Von dem reizenden Prospekt
Zu dem Ufer wo das Reh
Sich bald sichtbar bald versteckt
Unter hohen Pappeln neckt
Ha welche Kluft empfängt uns am Gestade
Ein langes Tal das durch zwei Reihen Berge
Sich krümmt und drängt ein kleiner Bach rauscht mitten
Von Gras und Blumen halb verdeckt dahin
Und bringt dem See sein Strömchen zum Tribut
Schon braust durch Bäum und Strauch der Wasserfall
Mit näherndem Geräusch der schmale Weg
Schleicht tausendfach gewunden durch die Wildnis
Und oh wer zauberte den grünen Grund
Mit Schafen Hirten Bächen schnell daher
Willkommen uns geliebte Hirtenszene
Von Felsen rings umfasst worein mit Mühe
Der krumme Baum die durstge Wurzel gräbt
Wo Strom auf Strom wie straff gespannte Segel
Vom höchsten Gipfel stürzt von Fels zu Fels
Emporgeschleudert tanzt sich schäumend bricht
Bald wie geballter Schnee durch Stein und Wurzeln
Mit Zischen wälzt und bald wie Perlen rollt
Dann mit vereinter Macht hinab zur Tiefe
Wie in Verzweiflung schießt wo ein gekräuselter Wirbel
Mit hohlem Brausen die fliehende Nymphe verschlingt
So flohen oft des Nereus keusche Töchter
Verfolgt von den Bewohnern des Olymps
Verzweiflungsvoll in des Vaters Arme herab
Das Wasser braust die Herde blökt
Die Hirten flöten Bäum und Felsen horchen
O glücklich wer mit offenen Sinnen hier
Im Schatten liegt und hört und sieht und fühlt
Glücklicher Kakerlak wer kann dein Entzücken beschreiben als du zum ersten
Male den Wassersturz rauschen hörtest den du der Natur zum Trotze an einem Orte
schufst wo sonst kein Wasser war »Glücklicher Kakerlak« rief Hexe
Tausendschön »wie kannst du eines Vergnügens satt werden das dich dem Schöpfer
der Natur gleichsetzt Du riefst Berge Täler Wasserfälle Seen und Wälder aus
dem Nichts pflanztest Schatten wo die Sonne den Kopf verwundete und bahntest
Wege wo die Wildheit keinen Fuß wandeln ließ Glücklicher Kakerlak Du wirst
deine Beschützerin erlösen«
Schabernack hatte durch ihre Kunst die Wunden des Prinzen und der Prinzessin
unschädlich gemacht und stahl sie aus dem Antikenkabinett um sie im Garten zu
ihren Tücken zu gebrauchen Stand der Lord vor einer langgedehnten Wildbahn und
bewunderte mit Entzücken den sanften feinen Rasen der wie ein grüner Teppich
ausgebreitet dalag so musste die Prinzessin mitten auf den Platz als ein alter
verdorrter Baum hintreten Kakerlak entrüstete sich dass eine so hässliche
Missgeburt die schöne Grasebne schändete und befahl dem Gärtner den
abscheulichen Baum augenblicklich zu vertilgen der Gärtner frage immer »Wo
wo« und strengte seine Sehnerven an dass sie beinahe zerrissen und wenn er so
viele Augen hatte wie Argus so sah er nirgends einen Baum Der Lord erzürnte
sich noch mehr führte den Gärtner auf den Platz wo er den Baum sah und waren
sie dort so war der Baum hier gingen sie hieher so war der Baum dort So
wurde der elende Glückliche unaufhörlich gequält Wo er ging und stand ließ die
Hexe Grashalme aus den glatten geschlängelten Gängen hervorwachsen er befahl
dem Gärtner sie auszurotten aber der arme Mann sah jetzt so wenig Grashalme als
vorhin einen Baum Sollte der Wasserfall rauschen so steckte Schabernack den
Prinzen in die Röhre und das Wasser lief so schwach dass mans kaum rauschen
hörte die Röhren wurden gesäubert aufgerissen neue hineingelegt es blieb wie
zuvor
So viele widrige Zufälle verbitterten das Vergnügen schon sehr nun fanden
sich noch dazu täglich mehr Gläubiger ein für deren Geld der Garten angelegt
war mahnten und drohten da sie nicht befriedigt wurden Kakerlak war ohnehin
schon eines Gartens überdrüssig wo unaufhörlich Bäume und Grashalme am
unrechten Orte wuchsen und beschloss ihn seinen Gläubigern preiszugeben Damit
waren aber die unhöflichen Herren nicht zufrieden sondern baten sich auch
Häuser Möbeln und die übrigen sämtlichen Habseligkeiten aus Voll Verzweiflung
flüchtete Mylord und Mylady in ein Dorf entsagte auf immer allem Vergnügen und
vergaß dass seine Beschützerin eine Hexe war die durch ihn befreit sein wollte
Die Gemahlin hatte heimlich ihre Ringe mit sich fortgebracht sie wurden
verkauft und von dem gelösten Gelde beschlossen die beiden Unglücklichen in
stiller Einsamkeit der Welt und ihren Freuden abgestorben ohne übernatürlichen
Beistand zu leben Tausendschön weinte Schabernack lachte
Um ihm sogar diese kleine Ruhe zu verbittern holte die Schadenfrohe seine
Bücher nebst der ganzen Stube herbei wie er sie vor seiner Auswanderung nach
dem Vergnügen verließ er sollte nicht ohne Vergnügen sein um eins überdrüssig
werden zu können Wie wenn man nach vielen vielen Jahren einen Freund
wiederfindet den man schon so lange für tot hielt dass sein Andenken fast
erloschen war so lief jetzt Kakerlak zu seinen Büchern hin »Willkommen
Freunde« rief er entzückt »Willkommen ihr teuren Gefährten meines Lebens eh
ich undankbar euch verließ Ich durstete nach Vergnügen und fand keins ich
irrte von einem täuschenden Schimmer zum andern hielt es für ein Vergnügen und
betrog mich ein leuchtender Dunst war es der aus einem Moraste aufstieg Weg
mit den Puppen Ich bin kein Kind mehr Ihr seid zwar auch nur Puppen aber doch
männliche Puppen ihr seid zwar auch nur Spiele mit Gedanken wie andere mit
Würfeln oder gemalten Blättern spielen aber doch edlere Spiele des Geistes
Willkommen Nie will ich an euch die zweite Undankbarkeit begehn«
Hexe Schabernack was wird das werden Du hast dich vermutlich in deiner
eigenen Schlinge gefangen denn der Mann scheint Wort halten zu wollen
Der Heimtückischen fing an bange zu werden weil nichts in der Welt ihn von
seiner Philosophie abzubringen vermochte Sie spielte ihm mit des Prinzen und
der Prinzessin Hilfe tausend possierliche Streiche sie verwandelte die
Buchstaben vor seinen Augen und füllte seine Bücher mit Irrtümern Zweifeln
Paradoxien Widersprüchen Ungereimteiten närrischen Hypotesen und
wunderlichen Meinungen an nichts konnte ihn in seinem Vergnügen stören »Der
Mensch soll nicht wissen sondern nur vermuten nicht genießen sondern nur
Genuss hoffen und träumen nicht glücklich sein sondern sich glücklich dünken«
das blieb seine Philosophie womit er alle Gaukeleien entschuldigte die sein
Vergnügen stören sollten
Stimmen riefen ihm von allen Seiten zu »Kakerlak so ein weiser Mann bist
du und spielst Spielst mit Büchern und Gedanken« »Das ganze Leben ist ein
Spiel« antwortete Kakerlak »Das Kind spielt mit Puppen oder Trommeln der
Jüngling mit Hunden und Pferden das Mädchen mit der Liebe mit Stoffen und
Bändern die Großen mit Soldaten Sternen Stammbäumen Ordensbändern die
Kleinen mit Titeln Männer und Weiber mit Karten Würfeln und Kegeln der Weise
mit Gedanken und Empfindungen Wenn alles spielt warum sollt ich allein es
nicht tun«
Er wurde krank und kämpfte mit tausend Schmerzen »Unglücklicher Kakerlak«
riefen ihm Prinz und Prinzessin zu »So ein verdienstvoller Mann und musst so
leiden« »Ich leide aber ich bin nicht unglücklich« war Kakerlaks Antwort
»denn noch ist mein Herz nicht zur Fröhlichkeit stumpf«
»So ein weiser Mann« riefen sie zu einer andern Zeit »und freut sich
Freut sich wie gemeine Sterbliche über ein Blümchen einen Baum einen
romantischen Felsen über Wasserstürze Sonnenschein und Regen Wie erniedrigst
du deine erhabene Seele« »Weit gefehlt« sprach Kakerlak lachend »Die Freuden
der Natur sind mein Beruf alles was Menschen ersannen und Vergnügen nannten
ist nur eine Krankenspeise die gesunde Seele will nichts was nicht von den
Händen der Natur kommt«
»Armer Kakerlak Lebst so einsam und still ohne alles Vergnügen«
»Mein Vergnügen ist niemals um sondern in mir andere suchen es ich trag
es beständig mit mir herum«
»Armer Mann Der Hagel hat dir dein kleines Blumenbeet zerschlagen deinen
einzigen Reichtum«
»Auch gut So pflanz ich neue Blumen und gewinne durch meine Arbeit neue
Hoffnungen«
»Armer Weiser Bald wirst du im Grabe liegen und ein Häufchen Knochen und
Staub sein«
»Auch gut So quält mich die elende Maschine mit keinem Bedürfnisse mehr«
Da Schabernack sah dass mit dem hartnäckigen Weisen nichts auszurichten war
machte sie einen Versuch ihn auf einer andern Seite anzugreifen Der Prinz
Alfabeta reiste mit der entführten Königin Ypsilon noch immer in der Welt umher
um die verlorne Physiognomie zu finden die Hexe leitete diese beiden Abenteurer
zu Kakerlaks Wohnung und freute sich über den Krieg den die Physiognomie
veranlassen würde Sie mutmasste richtig denn kaum erblickte der Prinz sein
Eigentum auf einem fremden Gesichte so griff er ebenso derb zu als da er den
unrechtmässigen Besitzer desselben aus dem Schnee zog »Au weh« schrie der Prinz
und fuhr zurück das Vögelchen worein Hexe Tausendschön gebannt war saß auf
ihres Lieblings Gesichte deckte es mit seinen Flügeln und pickte den Herrn
Prinzen als er seine Physiognomie abreißen wollte höchst schmerzlich auf die
Finger »Vor einem Vogel fürcht ich mich nicht« sagte der Prinz und griff zum
zweiten Male zu Das Vögelchen pickte »Au weh« schrie der Prinz Er versuchte
es zum dritten Male zum dritten Male pickte das Vögelchen und zum dritten Male
schrie mein Herr Prinz »Au weh« Nun ließ ers wohl bleiben nach seiner
Physiognomie zu greifen
»Wohl mir Ich bin befreit« fing das Vögelchen an »Dank dir Kakerlak
Dank dem Weisen Ich bin erlöst« Hexe Schabernack fuhr knirschend polternd
und schreiend zur Feueresse hinaus auf den Brocken um die Versammlung ihrer
Schwestern zusammenzurufen und durch Kabale die Erlösung ihrer Feindin zu
hindern Prinz und Prinzessin die bisher in zwei Folianten wohnten fielen tot
aus den Büchern heraus zur Erde weil die Zauberin die sie unsichtbar machte
von ihnen wich und in der Bestürzung vergaß für sie zu sorgen
»Meine Kinder« rief die Königin Ypsilon mit erhabenen Händen aus »So find
ich euch wieder um euren Tod zu beklagen«
»Klage nicht schöne Königin Ypsilon« unterbrach das Vögelchen ihren
Schmerz »Eine böse Zauberin ließ sie sterben eine gute macht sie wieder
lebendig« Sogleich flog es dem Prinzen auf den Kopf und pickte darauf
alsdann auf den Kopf der Prinzessin und pickte darauf und beide standen so
frisch und gesund auf als wenn sie eben erst aus Mutterleibe kämen
Das war ein Jubilieren und ein Küssen zwischen Mutter und Kindern Die
Königin konnte zuletzt keinen Arm mehr rühren so müde waren sie von den vielen
Umarmungen die Prinzessin verrenkte sich ein Bein mit ihren hohen
Freudenspringen und der Prinz Lamdaminiro war der einzige der bei diesem
Auftritte des unvermuteten Wiedersehens mit gesunden Gliedmaßen durchkam das
hatte er seiner unnachahmlichen Gelassenheit zu verdanken die ihm bei dieser
Gelegenheit so große Dienste tat dass er bloß Küsse und Umarmungen annahm ohne
eine Falte im Gesichte vor Freude zu ändern
»Kehrt« sprach das Vögelchen »nach Butam zurück die Physiognomie soll
nachkommen« Der König wollte zwar nicht abziehn aber das Vögelchen nahm einen
gebietrischen Ton an und drohte »Zwei Tage nach deiner Ankunft« setzte es
hinzu »besieh dich im Spiegel und dann danke mirs wenn du wieder besitzest
was du in der ganzen Welt vergebens suchtest« Wollte er ganz Alfabeta sein so
musste er sich wohl zur Abreise bequemen und damit die Reise nicht zu langsam
ging riss Tausendschön aus ihren Flügeln Federn und steckte jedem Pferde eine
zwischen die Ohren Gleich huben sich die schnaubenden Hengste in die Höhe und
flogen mit der Kutsche durch die Luft als wenn das Fliegen zeitlebens ihr
Handwerk gewesen wäre dadurch ersparte sie der königlichen Kammer zu Butam ein
Ansehnliches was auf der Erde unterwegs aufgegangen wäre
Der große und kleine Rat hatte sich indessen auf dem Brocken versammelt und
Hexe Schabernack hielt schon ihre Rede in wohlgesetzten Hexametern als ein paar
Bettelmönche die dermaligen Ratsboten die Ankunft der Hexe Tausendschön
meldeten Man hieß sie warten und befahl ihrer Gegnerin abzutreten nach einer
zweistündigen Überlegung wobei man sich eine Menge Haare ausraufte musste
Klägerin und Beklagte erscheinen und es wurde ihnen folgender Bescheid
bekanntgemacht
Kund und zu wissen sei allen die Ohren haben und hören
Welchergestalten des zaubernden Reichs versammelte Glieder
Nach der Sachen reifer Erwägung in völliger Eintracht
Also beschlossen wie lautet
»Nachdem ein Sterblicher standhaft
Im Vergnügen des Geistes beharrte den Freuden sich weihte
Die geöffneten Sinnen und einer schuldlosen Seele
Die Natur mit ökonomischer Sparsamkeit darbeut
Alle Hoheit für Traum den Stolz für Torheit erkannte
Fest entschlossen in fröhlichen Sprüngen zum Grabe zu tanzen
Als erkennen wir dann dass unsre verurteilte Schwester
Ihr Gefängnis verlass und in unser hohen Versammlung
Wieder mit vorigem Recht und Gestalt von nun an erscheine
Doch mit ernstem Bedeuten des Alfabeta von Butam
Edles Gesicht zu restituieren in integrum oder
Unser Missvergnügen und unsern Zorn zu gewarten«
So gegeben am uns geweihten Tage Walpurgis12
Auf dem schneevollen Gipfel des Brockens
Konclusum in pleno
Beide Vorbeschiedene neigten sich tief Schabernack ging mit verbissenem Ärger
in ihre Stattalterschaft zu ihrem gewöhnlichen Posten ab und Tausendschön
vollstreckte sogleich in schuldigem Gehorsam den Befehl des Senats Als der
König Alfabeta zwei Tage nach seiner Ankunft in den Spiegel sah um seine Frisur
zu mustern warf er plötzlich vor Freuden den Spiegel hin und rief »Ich habe
sie wieder Ich habe sie wieder« und sogleich wurde auf denselben Tag Gala
angesagt
Indem sich Kakerlak von ungefähr umsah erblickte er einen goldnen Käfig an
der Decke seiner Stube er enthielt das Vögelchen aus dem eben jetzt seine
Beschützerin gezogen war und das ihn bisher von Vergnügen zu Vergnügen und durch
so manche Gefahr trug Es blieb sein Gesellschafter und Freund und wenn dem
Herrn Weisen zuweilen eine kleine Schwachheit etwas Stolz Unzufriedenheit oder
Sehnsucht nach einem andern Zustande überfiel so sang es gleich
Mann du willst dich einen Weisen nennen
Und kannst unzufrieden sein
Kannst das Nichts wonach du strebst verkennen
Kannst von Stolz und Leidenschaften brennen
Ach wie ist der weise Mann so klein
Hatte er sich hingegen aufgeführt wie es einem Weisen geziemt dann erschallte
sein Lob durch die goldnen Stäbe
O das ist ein weiser Mann
Sieht das Glück der Welt mit Lächeln an
Findet auf des Lebens rauer Bahn
Überall Ergötzen wo er kann
Unterdrückt des Stolzes falschen Wahn
O das ist ein weiser Mann
ENDE
Fußnoten
1 Der Brocken ist bekanntermassen der höchste Berg auf dem Harze und der
Versammlungsort der Hexen die am Walpurgistage aus der ganzen Welt dort
zusammenkommen um sich über ihre Reichsangelegenheiten zu besprechen
2 Die Leser werden sich erinnern dass in den Ländern des Nordpols das ganze Jahr
nur aus einem Tage und einer Nacht besteht und dass jedes von beiden ein halbes
Jahr dauert
3 Der Eroberer von Peru
4 Der Verfasser folgt hier einem Irrtume der in der Naturgeschichte des
Menschen schon längst verschrien ist allein er hat sich selbst dafür strafen
müssen denn er machte unvermeidlicherweise einen Vers der den Artikel die
Natur zur Zäsur hat
5 Dergleichen es im Orient und besonders in Ägypten viele gibt Man sehe Nordens
»Reise nach Ägypten«
6 Grandier ein Geistlicher der den Nonnen eines Klosters in Frankreich schuld
gab dass sie die Wunder die eigentlich Betrügereien waren mit Hilfe des
Teufels täten und da man eine solche Beschuldigung nicht gern auf sich sitzen
lässt so wurde er zu ewiger Widerlegung verbrannt
7 Diese sonderbare Etikette war noch zu Anfange dieses Jahrhunderts in Spanien
gewöhnlich Le Roi voulant aller à la chasse avait donné lordre à son
portearquebuse pour deux heures Les personnes de sa suite se rendirent au
palais elles croyaient entrer dans lappartement mais celui qui avait droit
den fermer les portes ne parut quà trois heures Il fallut que le roi
attendit comme les autres Les grands jouissaient de privilèges que maintenait
la sévérité de létiquette on tenait parlà le Monarque en quelque sorte
reclus excepté pour eux »Mémoires politiques« T 2 p 28
8 Ein bekannter alter teutscher Maler
9 Der nie mit dem Pfeile sein Ziel verfehlt sein gewöhnliches Beiwort bei den
griechischen Dichtern
10 In seiner »Geschichte der Kunst«
11 Aktäon
12 Das heißt den ersten Mai